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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Mysterienstatten des Mittelalters
Rosenkreuzertum
und modernes Einweihungsprinzip
Das Osterfest
als ein Stuck Mysteriengeschichte
der Menschheit
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 4. bis 13. Januar und 19. bis 22. April 1924
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe det 4. Auflage besorgte Caroline Wispier
MYSTERIENSTATTEN DES MITTELALTERS:
1. Auflage Dornach 1932
2. Auflage (zusammen mit «Die Weltgeschichte in
anthroposophischer Beleuchtung» und «Das Osterfest
als ein Stuck Mysteriengeschichte der Menschheit»)
Gesamtausgabe Dornach 1962
3. Auflage (Einzelausgabe aus vorangehendem
Sammelband) Dornach 1963
4. Auflage, neu mit den Stenogrammen verglichen
(zusammen mit «Das Osterfest als ein
Stuck Mysteriengeschichte der Menschheit»)
Gesamtausgabe Dornach 1980
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
DAS OSTERFEST ALS EIN STOCK
MYSTERIENGESCHICHTE DER MENSCHHEIT:
Einzelausgaben Dornach 1934; I960; 1974; ferner im
Sammelband «Die Weltgeschichte in anthroposophischer
Beleuchtung» Gesamtausgabe Dornach 1963
Bibliographie-Nr. 233a
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Ober die Zeichnungen im Text siehe Seite 169
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2335-8
Zu den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Sterner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlrekhe Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge -
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufl dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
MYSTERIENSTATTEN DES MITTELALTERS ,
ROSENKREUZERTUM UND MODERNES EINWEIHUNGSPRINZIP
Erster Vortrag, Dornach4. Januar 1924
Die Erforschung der Weltentwickelung im 9./ 10. Jahrhundert noch aus
dem Verstandnis der Hierarchien: Die erste Hierarchie und das saturnische
Dasein; Warme. Die zweite Hierarchie und die Entwickelung zur Sonne;
Licht und Luft. Die dritte Hierarchie und die Entwickelung zum Monde;
Entstehung und Wesen der Farben. Die vierte Hierarchie, der urspriing-
liche Mensch, und die Erde; Entstehung des Lebens, des Festen, des
Seelenerlebens. Die Wesensleere der modernen Weltanschauung.
Zweiter Vortrag, 5. Januar 1924
Eine Mysterienunterweisung im 12. Jahrhundert: Die Verbindung von
dem Verstandnis der Geistesoffenbarung auf hohem Berge und der Er-
leuchtung des Naturverhaltnisses in Tiefen der Erde konnte noch zu
Weisheit und Selbsterkenntnis des Menschen fuhren. Raimundus Lullus
und sein Verhaltnis zum Weltenwort. Beginn der Rosenkreuzerschulung.
Dritter Vortrag, 6. Januar 1924
Der Charakter geistiger Offenbarung im spaten Mittelalter. Rosenkreuze-
rische Bruderschaft der Erkenntnis. Symbolische Offenbarung und ihre
Deutung; ihre zweifelhaft werdende Verbreitung. Beginn einer Erkennt-
nisangstlichkeit. Raimund von Sabunda und Pico de Mirandola. Das
Opfer der Sternenerkenntnis und der Freiheitsimpuls. Gemutsweisheit
einzelner Menschen bis ins 19. Jahrhundert.
Vierter Vortrag, 11. Januar 1924
Die Lehre von Intelligenz und Damon der Planeten; Agrippa von Nettes-
heim. Der urspriingliche Mensch als Sonnenwesen und als Intelligenz des
Erdgestirns. Seine zu tiefe Verbindung mit der Erdenmaterie. Die Ver-
wandlung des Verhaltnisses von Sonne und Erde; der Christus-Impuls.
Faust und der Erdgeist. Die Rosenkreuzerlehre iiber das wahre Verhaltnis
von Ptolemaischem und Kopernikanischem Weltsystem. Selbstentfrem-
dung und Sehnsucht des Menschen der Neuzeit. Beginn des Michael-
zeitalters.
FOnfterVortrag, 12.Januar 1924 68
Zwei Lehren einer geisteswissenschaftlichen Schule, die bis ins 19- Jahr-
hundert reichte: Das Verstehen symbolischer Formeti der Geisteswissen-
schaft durch das Erleben des Knochenbaus und des Knocheninnern. Die
Bildung von Riickenmarks- und Gehirnorganisation; ihr Verhaltnis zu
Sonne und Mond; ihr Abbild in Auge und Geruchsorgan. Das Kopf organ
an der Nasenwurzel: ein «kleiner Mensch». Die Erkenntnis vom Wesen
des Stoffes durch das Kopforgan, vom Wesen der Form durch Erleben des
Knocheninnern. Aristoteles' Lehre iiber das Erfassen von Stoff und Form
bei Mineral, Pflanze, Tier und Mensch.
Sechster Vortrag, 13. Januar 1924 83
Der subjektive Charakter der alten Einweihungen: was von den Gottern
in die Wesensglieder des Menschen gelegt war, wurde heraufgeholt; es
konnte durch den Widerstand, den die Elemente boten, dem Astrallicht
eingeschrieben werden. Das Astrallicht als Evolutionsgedachtnis der
Menschheit. Die Verflikhtigung des modernen Ideenlebens im Warme-
ather. Christian Rosenkreuz und die Verwandlung der materialistischen
Naturwissenschaft. Der aufs Objektive gerichtete Charakter der modernen
Einweihung: lesen zu lernen, was fruhere Epochen dem Astrallichte ein-
geschrieben haben. Vom Wesen Michaels.
DAS OSTERFEST
ALS EIN STLICK MYSTERIENGESCHICHTE DER MENSCHHEIT
Erster Vortrag, Dornach 19- April 1924 103
Der Zusammenhang des christlichen Osterfestes mit heidnischen Myste-
rienkulten. Zeremonie und Struktur des Adonis-Kultes im Herbst: Tod,
Grabesruhe, Auferstehung. Der Kultus als Bild des in den Mysterien ver-
borgenen Initiationsvorganges; dieser als Bild fur reale geistige Welt-
vorgange. Bewulkwerden des Todesgeheimnisses. Das Mysterium von
Golgatha. Was in der alten Initiation von der Seele erlebt wurde, vollzog
sich durch Christus in der ganzen Menschennatur. Was vorher raumliche
Erhebung zum Sonnenwesen war, wurde nach Golgatha zeitlich An-
schauung eines Irdisch-Historischen. Das neue Auferstehungsfest im
Fruhling. Der Wandel der Menschennatur ins Materialistische. Der
Auferstehungsgedanke und die Anthroposophie.
ZweiterVortrag, 20. April 1924 117
Die grofien Feste: Bewufkwerden des Zusammenhanges von Mensch und
Kosmos. Das Verhaltnis friiher Zeiten zu den Vaterkraften des Mondes,
noch friiherer zu den Sohneskraften der Sonne. Irdische Geburt: Monden-
geburt; Wirken der Notwendigkeit. «Zweite Geburt» um das 30, Lebens-
jahr: Sonnengeburt; Moglichkeit derfreien Selbstgestaltung. Der Rikkzug
des Wissens, besonders um die Sonnenkrafte, in die Mysterien. Die fiinf
Stufen der Iniriation bis zum Grab des «Auferstandenen». Der innere Ge-
halt des Osterfestes als menschliches Erlebnis dieser Entwickelungsstufe.-
Der Einzug der Sonnenkrafte in das Irdische, als die Moglichkeit zu dieser
Initiation verlorenging. Das Mysterium von Golgatha.
DritterVortr ag, 21. April 1924 137
Der astronomische Aspekt des Osterfestes und sein Zusammenhang mit
dem Mondengeheimnis. Das Wirken des Mondes. Die vorgeburtliche Bil-
dung des Atherleibes mit Hilfe der Mondenwesen auf Grund ihrer Erfah-
rungen mit den andern Planeten. Das Miterleben dieses Bildevorganges
und besonders des Zusammenwirkens von Mond und Sonne durch die In-
itiation; das menschliche Ostererlebnis. Das Abstraktwerden dieses Erleb-
nisses zu einer Zeitbestimmung zwischen Erde, Mond und Sonne. Die
Konfusion durch das Zusammenlegen von Herbst- und Frtihjahrsmyste-
rien. Herbstmysterien; der Aufstieg des Geistes nach dem Todeserlebnis
wird gefeiert; ihr Zusammenhang mit dem Sonnengeheimnis. Friihjahrs-
mysterien: der Niederstieg des Geistes aus dem Vorirdischen wird erlebt.
VierterVortrag, 22. April 1924 154
Mysterienwesen, Freiheitsentwickelung und Anthroposophie. Der Brand
von Ephesus und der des Goetheanum; inwiefern so bedeutsames Unrecht
Anlafi zu einem Menschheitsfortschritt werden kann. - Die ephesische
Mysterienweisheit. IehOvA. Der vorirdische kosmische Mensch in Klang
und Licht. Der Obergang der Tempelweisheit nach dem Brand in den
Weltenather als kosmische Schrift; ihr Wiederaufleben in Aristoteles und
Alexander und ihre Neugestaltung in menschlicher Gedankenschrift: die
aristotelischen Kategorien. - Anthroposophie und das Auferstehen der
Weltenweisheit, die in der Zwischenzeit verborgen worden ist. Die Ver-
wandlung des Goetheanumimpulses durch den Goetheanumbrand.
Anthroposophische Osterstimmung.
Hinweise 169
Textkorrekturen 173
Namenregister 174
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 175
Mysterienstatten des Mittelalters
Rosenkreuzertum
und modernes Einweihungsprinzip
Sechs Vortrage, gehalten in Dornach
zwischen dem 4. und 13. Januar 1924
ERSTER VORTRAG
Dornach, 4. Januar 1924
Im Anschlufi an dasjenige, was ich Ihnen vorzubringen hatte in dem
Kursverlauf wahrend unserer Weihnachtstagung, mochte ich in
diesen drei Vortragen, die nun an den Abenden werden zu halten
sein, einiges von dem sagen, was die auf die Erforschung des gei-
stigen Lebens hingehende Entwickelung in der neueren Zeit betrifft.
Es wird ja vielfach gerade unter dem Namen der Rosenkreuzerei und
anderer okkulter Bezeichnungen von dieser neueren geisteswissen-
schaftlichen Entwickelung gesprochen, und ich mochte einmal das
Innere dieser Erforschung des geistigen Lebens hier Ihnen schildern.
Dazu wird notwendig sein, dafi wir heute einleitend etwas iiber die
ganze Art der Vorstellungen sagen, die sich etwa um das 9 - , 10. , 11.
nachchristliche Jahrhundert festsetzte und dann allmahlich ver-
schwand eigentlich erst am Ende des 18. Jahrhunderts, sich sogar
noch erhalten hat bei einzelnen Nachzuglern im 19. Jahrhundert.
Also ich mochte heute nicht historisch vorgehen, sondern ich mochte
eine Summe von durch gewisse Personlichkeiten innerlich erlebten
Vorstellungen vor Ihre Seele hinstellen. Man denkt ja gewohnlich
gar nicht, wie anders die ganze Vorstellungswelt vor einer verhaltnis-
mafiig kurzen historischen Zeit war bei denjenigen, die sich zu den
erkennenden Menschen gerechnet haben - wie ganz anders als
heute. Heute spricht man von chemischen Stoffen, siebzig oder
achtzig chemischen Stoffen, und wird sich gar nicht bewulk, dafi
eigentlich wirklich furchtbar wenig damit gesagt ist, wenn man
einen Stoff als Sauerstoff, als Stickstoff und so weiter bezeichnet.
Denn Sauerstoff ist ja nur etwas, was vorhanden ist unter bestimm-
ten Voraussetzungen, unter bestimmten Voraussetzungen von
Warmezustanden, von anderen Zustanden gerade des irdischen
Lebens. Es kann doch unmoglich eigentlich ein vernunftiger Mensch
mk irgend etwas den Begriff der Realitat verbinden, was bei Erho-
hung einer Temperatur um soundso viele Grade nicht mehr in dem-
selben Mafie, in derselben Weise vorhanden ist, wie es gerade eben
unter den Bedingungen vorhanden ist, in denen der Mensch als phy-
sischer Erdenmensch lebt. Und gerade solche Begriffe, solche Vor-
stellungen, die Tendenz, iiber das Relative des Daseins hinauszu-
gehen zu einem wirklichen Dasein, dieses Ziel lag eben dem For-
schungsleben der ersten Zeit des Mittelalters, der mittleren Zeit des
Mittelalters durchaus zugrunde.
Ich setze deshalb einen Ubergang vom 9- ins 10. nachchristliche
Jahrhundert, weil vorher die ganzen Anschauungen der Menschen
noch sehr geistig waren. Es wiirde zum Beispiel einem wirklich
Wissenden des 9- Jahrhunderts gar noch nicht haben beikommen
konnen, in der Annahme von Engeln oder Erzengeln oder Seraphim
irgend etwas zu sehen, was an Realitat nicht gleichgekommen ware -
ich meine nur an Realitat - den physischen Menschen, die man mit
Augen sieht. Bei den Wissenden flnden Sie, dafi durchaus in dieser
Zeit vor dem 10. Jahrhundert von den geistigen Wesenheiten, den
sogenannten Intelligenzen des Kosmos, wie von Wesenheiten ge-
sprochen wird, nun ja, denen man eben begegnet, wenn auch die
Leute gewufit haben, sie sind schon langst aus dem Zeitalter hinaus,
in dem das ein allgemeines Anschauungsgut der Menschen war. Sie
haben aber gewufit, unter besonderen Verhaltnissen ist die Wirkung
da. Man darf zum Beispiel durchaus nicht iibersehen, dafi zahlreiche
Priesternaturen, katholische Priesternaturen, bis ins 9., 10. Jahr-
hundert im Verlauf der Verrichtungen des Mefiopfers sich ganz klar
daruber waren, dafl sie bei dieser oder jener Handlung des Mefi-
opfers die Begegnung von geistigen Wesenheiten, von Intelligenzen
des Kosmos gehabt haben.
Aber mit dem 9-, 10. Jahrhundert verschwand allmahlich aus
dem Bewufitsein der Menschen der unmittelbare Zusammenhang
mit den eigentlichen Intelligenzen des Weltenalls, und immer mehr
und mehr tauchte auf nur das Bewuiksein von den Elementen des
Kosmos, von dem Erdigen, dem Flussigen oder Wafirigen, dem
Luftartigen, dem Warmeartigen, dem Feurigen. So dafi, ebenso wie
man fruher von kosmischen Intelligenzen gesprochen hat, welche
die Planetenbewegungen regeln, die Planeten vorbeifuhren an den
Fixsternen und so weiter, so sprach man nunmehr, ich mochte
sagen, von der unmittelbaren Umgebung des Irdischen. Man sprach
von den Elementen der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers.
Chemische Stoffe im heutigen Sinne beachtete man nicht. Das kam
erst viel sparer, daft man diese beachtete. Aber sehen Sie, Sie wiirden
sich etwas ganz Falsches vorstellen, wenn Sie sich denken wiirden,
dafi die Wissenden selbst noch im 13., I4.jahrhundert, ja sogar in ei-
ner gewissen Weise herein bis ins 1 8 . Jahrhundert , sich unter Warme ,
Luft, Wasser, Erde dasselbe vorgestellt hatten, was sich heute die
Menschen darunter vorstellen. Heute reden die Menschen von der
Warme iiberhaupt nur noch als von einem Zustande, in dem die
Korper sind. Von einem eigentlich Warmeatherischen wird ja nicht
mehr geredet. Aber Luft, Wasser, das ist ja fur die Menschen heute,
man mochte sagen, das Allerabstrakteste geworden, und es ist schon
notwendig, daft man sich vertiefe in die Art, wie diese Vorstellungen
einmal waren. Und so mochte ich Ihnen heute ein Bild geben, wie
etwa die Redeweise bei den Wissenden in der bezeichneten Zeit war.
Ich war genotigt, als ich meine «Geheimwissenschaft» schrieb, die
Entwickelung der Erde doch wenigstens ein wenig mit dengebrauch-
lichen Vorstellungen der Gegenwart in Einklang zu bringen. Im 13. ,
12. Jahrhundert wiirde man sie haben anders machen konnen. Da
wiirde zum Beispiel in einem gewissen Kapitel dieser «Geheim-
wissenschaft» das Folgende zu finden gewesen sein. Da hatte man
zunachst eine Vorstellung hervorzurufen gehabt von den Wesen-
heiten, die man als die Wesenheiten der ersten Hierarchie bezeich-
nen kann: Seraphim, Cherubim, Throne. Man wiirde die Seraphim
charakterisiert haben als Wesenheiten, bei denen es nicht Subjekt
und Objekt gibt, sondern bei denen Subjekt und Objekt zusam-
menfallt, die nicht sagen wiirden: Aufier mir sind Gegenstande
sondern: Die Welt ist, und ich bin die Welt, und die Welt ist Ich -;
die eben nur von sich wissen, und zwar so, daft diese Wesenheiten,
diese Seraphim, von sich wissen durch ein Erlebnis, von dem der
Mensch einen schwachen Nachglanz hat, wenn er, nun, sagen
wir, die Erfahrung macht, die ihn in eine gliihende Begeisterung
versetzt.
Es ist sogar schwer manchmal, dem gegenwartigen Menschen klar
zu machen, was eine gliihende Begeisterung ist, denn noch im Be-
ginne des 19- Jahrhunderts wufite man besser, was gliihende Be-
geisterung ist, als heute. Da kam es schon noch vor, dafi das oder
jenes Gedicht von diesem oder jenem Dichter vorgelesen worden ist,
und die Leute benahmen sich vor Begeisterung so - verzeihen Sie,
aber es war schon so -, dafi der gegenwartige Mensch sagen wiirde:
Die sind ja alle wahnsinnig geworden! - So sind sie in Bewegung
gekommen, so ist Warme in sie eingezogen. Gegenwartig erfriert
man ja, gerade wenn man glaubt, die Leute sollten begeistert sein.
Und dutch dieses Element der Begeisterung, das insbesondere in
Mittel- und Osteuropa recht heimisch war, durch diese seelische Be-
geisterung, indem dieses Element zum Bewufitsein erhoben ist, ein-
heitliches Bewufitseinselement ist, hat man sich das innere Leben der
Seraphim vorzustellen. Und als ein vollig abgeklartes Element im
Bewufttsein, lichtvoll, so dafi der Gedanke unmittelbar Licht wird,
alles beleuchtet, hat man das Bewufitseinselement der Cherubim
vorzustellen. Und als in Gnade tragend, weltentragend, das Element
der Throne.
Nun, das ist solch eine Skizze. Ich konnte dariiber lange noch
fortsprechen. Ich wollte Ihnen nur zunachst sagen, dafi man versucht
hatte in jener Zeit zunachst Seraphim, Cherubim, Throne in ihren
wesenhaften Eigenschaften zu charakterisieren. Dann wiirde man
Tafbi r gesagt haben: Der Chor der Seraphim, Cherubim, Throne wirkt
zusammen, und zwar so wirkt er zusammen, dafl die Throne ein en
Kern begriinden (siehe Zeichnung; Mitte rotlila); die Cherubim
lassen von diesem Kern ausstromen ihr eigenes lichtvolles Wesen
(gelber Ring). Die Seraphim hiillen das Ganze in einen Begeiste-
rungsmantel, der weithin in den Weltenraum strahlt (rote Um-
hiillung).
Aber das sind alles Wesenheiten in dem, was ich zeichne, in der
Mitte die Throne, im Umkreis die Cherubim, in dem, was im Aufter-
sten hier ist, die Seraphim. Das sind Wesenheiten, die ineinander-
schweben, -tun, -denken, -wollen, die ineinanderfiihlen. Das sind
Wesenhaftigkeiten. Und wenn ein Wesen, das die entsprechende
Empfindungsfahigkeit gehabt hatte, nunmehr den Weg durch den
14
* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 169.
Tafel 1
Raum genommen hatte, wo in dieser Weise die Throne einen Kern
begriindet haben, die Cherubim eine Art von Umkreis, die Sera-
phim eine Art von Abschlufi nach aufien, wenn ein solches Wesen in
den Bereich dieses Wirkens der ersten Hierarchie gekommen ware,
so hatte es Warme in verschiedener Differenzierung, an verschie-
denen Stellen Warme gefiihlt, da hohere Warme, dort tiefere
Warme. Alles aber seelisch-geistig, aber so seelisch-geistig, daft das
seelische Erlebnis auch zu gleicher Zeit in unseren Sinnen ein phy-
sisches Erlebnis ist, dafi also, indem das Wesen sich seelisch warm
fiihlt, wirklich das da ist, was Sie fiihlen, wenn Sie in einem ge-
heizten Raume sind. Solch eine Zusammenbauung von Wesenheiten
der ersten Hierarchie ist einmal im Weltenall entstanden, und das
bildete das saturnische Dasein. Die Warme ist blofi der Ausdruck
dafiir, dafi diese Wesenheiten da sind. Die Warme ist nichts, sie ist
blofi der Ausdruck dafiir, daft diese Wesenheiten da sind.
Ich mochte dafiir ein Bild gebrauchen, das hier vielleicht etwas
aufklarend sein kann. Denken Sie sich, Sie haben einen Menschen
gern. Sie empfinden seine Gegenwart als Sie warmend. Denken Sie
sich, es kommt einer, der ein furchtbarer Abstraktling ist und sagt:
Ja, der Mensch interessiert mich eigentlich nicht, den denke ich mir
weg, mich interessiert nur die Warme, die er verbreitet. - Aber er
sagt gar nicht: Mich interessiert nur die Warme, die er verbreitet -,
sondern: Mich interessiert iiberhaupt nur die Warme. - Er redet
natiirlich Unsinn, das verstehen Sie, denn wenn der Mensch weg ist,
der die Warme verbreitet, dann ist die Warme auch nicht mehr da.
Die Warme ist iiberhaupt nur etwas, was da ist, wenn der Mensch da
ist. Sie ist an sich nichts. Der Mensch mufi da sein, wenn die Warme
da ist. So miissen Seraphim, Cherubim, Throne da sein, sonst ist
auch die Warme nicht da. Die Warme ist nur die Offenbarung der
Seraphim, Cherubim, Throne.
Sehen Sie, in jener Zeit, von der ich spreche, gab es ja in der Tat
bis zu den kolorierten Zeichnungen herunter das, was ich Ihnen
eben jetzt beschrieben habe. Man redete so, dafi man, wenn man
von Elementen redete, vom Elemente der Warme, darunter eigent-
lich Cherubim, Seraphim, Throne verstand. Und das ist das satur-
nische Dasein.
Nun ging man weiter, und man sagte sich dann: Nur die Sera-
phim, Cherubim, Throne haben die Macht, so etwas hervorzu-
bringen, so etwas hinzustellen in den Kosmos. Nur diese hochste
Hierarchie hat die Fahigkeit, so etwas hinzustellen in den Kosmos.
Aber indem diese hochste Hierarchie im Ausgangspunkte eines
Weltenwerdens so etwas hingestellt hat, konnte die Entwickelung
weitergehen. Es konnten gewissermafien die Sonne der Seraphim,
Cherubim und Throne die Entwickelung weiterleiten. - Und das
geschah dann auf die Weise, dafi wirklich die von den Seraphim,
Cherubim und Thronen hervorgebrachten Wesenheiten der zweiten
Hierarchie, die Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, dafi diese nun ein-
drangen in diesen Raum, sagen wir, der hier durch Seraphim, Che-
rubim und Throne saturnisch gestaltet worden war, saturnisch warm
gebildet worden war. Da drangen dann die jungeren, natiirlich kos-
misch jungeren Wesenheiten ein. Diese kosmisch jungeren Wesen-
heiten, wie wirkten sie? Wahrend die Cherubim, Seraphim und
Throne fur sich im Elemente der Warme sich offenbarten, so offen-
barten sich die Wesenheiten der zweiten Hierarchie im Elemente des
Lichtes. Hier (auf der Zeichnung, roter Hintergrund) das Saturnische
ist dunkel, liefert Warme. Und innerhalb der dunklen finsteren rcchts
Welt des saturnischen Daseins ersteht dasjenige, was durch die
Sonne der ersten Hierarchie, durch die Exusiai, Dynamis, Kyriotetes,
entstehen kann.
Was da entsteht innerhalb dieses saturnisch Warmen, das ent-
steht dadurch, dafi das Eindringen der zweiten Hierarchie bedeutet
ein innerliches Durchleuchtetwerden. Dieses innerliche Durchleuch-
tetwerden ist verkniipft mit einer Verdichtung der Warme. Es wird
Tafel 1
aus dem blofien Warmeelement Luft. Und wir haben auf der einen
Seite eindringend in der Offenbarung des Lichtes die zweite Hier-
archie. Aber Sie mussen sich jetzt klar vorstellen, in Wirklichkeit
dringen Wesenheiten ein. Fur ein Wesen mit entsprechender Wahr-
nehmungsfahigkeit dringt Licht ein. Licht ist dasjenige, was die
Wege dieser Wesenheiten bezeichnet. Wenn irgendwo Licht hin-
kommt, so entsteht unter gewissen Bedingungen Schatten, Finster-
nis, finsterer Schatten. Durch das Eindringen der zweiten Hierarchie
in Form des Lichtes entstand audi Schatten. Was war dieser Schatten?
Die Luft. Und tatsachlich, bis ins 15., 16. Jahrhundert hat man
gewufk, was die Luft ist. Heute weifi man nur, die Luft besteht aus
Sauerstoff, Stickstoff und so weiter, womk nkht viel anderes gesagt
ist, als wenn einer meinetwillen von einer Uhr weifi, sie besteht aus
Glas und Silber, womit iiber die Uhr gar nichts gesagt ist. Es ist iiber
die Luft gar nichts gesagt als kosmische Erscheinung, wenn man
sagt, sie besteht aus Sauerstoff und Stickstoff, aber es ist viel iiber die
Luft gesagt, wenn man weifi: Aus dem Kosmos heraus ist die Luft
der Schatten des Lichtes. - So dafi man also jetzt tatsachlich mit dem
Eindringen der zweiten Hierarchie in das saturnisch Warme das Ein-
Tafd 1 dringen des Lichtes hat (weifie Strahlen) und den Schatten des
Lichtes, die Luft (griine Schlangenlinien). Und wo das entsteht, ist
Sonne. So hatte man eigentlich miissen im 13., 12. Jahrhundert
sprechen.
Nun gehen wir weiter. Die weitere Entwickelung wird nun wie-
derum durch die Sonne der zweiten Hierarchie, durch Archai,
Archangeloi, Angeloi, geleitet. Diese Wesenheiten bringen ein
Neues in das leuchtende Element, das zunachst durch die zweke
Hierarchie, eingezogen ist, das seinen Schatten, die luftige Finster-
nis nach sich gezogen hat - nicht die gleichgiiltige neutrale Finster-
nis, die saturnische, die einfach Abwesenheit des Lichtes war,
sondern die, welche den Gegensatz des Lichtes herausgearbeitet hat.
Zu dieser Entwickelung hinzu bringt die dritte Hierarchie, Archai,
Archangeloi, Angeloi, durch ihre eigene Wesenheit ein Element
hinein, das ahnlich ist unserem Begehren, unseren Trieben, etwas zu
erlangen, nach etwas sich zu sehnen.
Dadurch kam folgendes, dadurch kam zustande, dafi, sagen wir,
ein Archai- oder Angeloiwesen hier hereinkam (siehe Zeichnung
S. 17, Punkt auf dem Lichtstrahl rechts) und auftraf auf ein Element
des Lichtes, ich mochte sagen, auf einen Ort des Lichtes. In diesem
Ort des Lichtes empfing es durch die Empfanglichkeit fur dieses
Licht den Drang, das Begehren fur die Finsternis. Es trug das Ange-
loiwesen das Licht in die Finsternis herein, oder ein Angeloiwesen
trug die Finsternis in das Licht herein. Diese Wesenheiten werden
die Vermittler, die Boten zwischen Licht und Finsternis. Und die
Folge davon war, dafi dann dasjenige, was friiher nur im Lichte
erglanzte und seinen Schatten, die dunkle luftige Finsternis, nach
sich gezogen hat, daft das anfing in alien Farben zu schillern, dafi
Licht in Finsternis, Finsternis in Licht erschien. Die dritte Hierarchie
ist es, die die Farbe hervorgezaubert hat aus Licht und Finsternis.
Sehen Sie, hier haben Sie auch sozusagen etwas historisch Doku-
mentarisches vor Ihre Seele hinzustellen. In der Aristote/es-Ztit hat
man noch gewufit, wenn man, ich mochte sagen, innerhalb des
Mysteriums sich gefragt hat, woher die Farben kommen, daft damit
die Wesenheiten der dritten Hierarchie zu tun haben. Daher sprach
es Aristoteles in seiner Farbenharmonie aus, dafi die Farbe ein Zu-
sammenwirken des Lichtes und der Finsternis bedeutet. Aber dieses
geistige Element, daft man hinter der Warme die Wesenheiten der
ersten Hierarchie, hinter dem Lichte und seinem Schatten, der
Finsternis, die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, hinter dem
farbigen Aufglitzern in einem Weltenzusammenhange die Wesen-
heiten der dritten Hierarchie zu sehen hat, das ging verloren. Und es
blieb nichts anderes iibrig als die ungluckselige Newtonsche Farben-
lehre, iiber die bis ins 18. Jahrhundert herein die Eingeweihten
gelachelt haben, und die dann das Glaubensbekenntnis derjenigen
wurde, die eben physikalische Fachleute sind.
Man muft eben wirklich von der geistigen Welt gar nichts mehr
wissen, wenn man im Sinne dieser Newtonschen Farbenlehre spre-
chen kann. Und wenn man noch innerlich aufgestachelt ist von der
geistigen Welt, wie es bei Goethe der Fall war, da straubt man sich
dagegen. Man stellt, wie er es getan hat, das Richtige hin und
schimpft furchtbar. Denn Goethe hat nie so geschimpft als bei der
Gelegenheit, wo er iiber Newton zu schimpfen hatte; er schimpfte
furchtbar iiber das unsinnige Zeug. Solche Dinge kann man ja heute
nicht begreifen, aus dem einfachen Grunde, well heute jemand
vor den Physikern ein Narr ist, der nicht die Newtonsche Farben-
lehre anerkennt. Aber die Dinge liegen doch nicht so, daft etwa in
der Goethe-Zeit Goethe ganz allein dagestanden hatte. Unter
denen, die nach aufien diese Dinge aussprachen, stand er allein da,
aber die Wissenden, auch noch am Ende des 18. Jahrhunderts, sie
wuftten eben durchaus auch, wie innerhalb des Geistigen die Farbe
erquillt.
Aber sehen Sie, die Luft ist der Schatten des Lichtes. Und
geradeso, wie, wenn das Licht ersteht, unter gewissen Bedingungen
der finstere Schatten da ist, so ersteht, wenn Farbe da ist und diese
Farbe als Realitat wirkt - und das konnte sie, solange sie eindrang in
das luftige Element -, so entsteht, wenn die Farbe hinspruht im
luftigen Elemente, wirkt im luftigen Elemente, also etwas ist, nicht
bloft ein Abglanz ist, nicht blofi die Reflexfarbe ist, sondern eine
Realitat, die hinspruht im luftigen Elemente: dann entsteht, wie
durch Druck Gegendruck entsteht unter gewissen Bedingungen, aus
dem realen Farbigen das ftussige, das walkige Element. Wie der
Schatten des Lichtes Luft ist, kosmisch gedacht, so ist das Wasser der
Abglanz, die Schopfung des Farbigen im Kosmos.
Sie werden sagen: Das verstehe ich nicht. - Aber versuchen Sie
nur einmal, tatsachlich das Farbige zu fassen in seinem realen Sinne.
Tafel 2
Rot - nun ja, glauben Sie, daft das Rot wirklich in seiner Wesenheit
nur die neutrale Flache ist, als die man es gewohnlich anschaut? Das
Rot ist doch etwas, was eine Attacke auf einen macht. Ich habe es
oftmals erwahnt. Man mochte davonlaufen vor dem Rot, es stofit
einen zuriick. Das Blauviolett, man mochte ihm nachlaufen, es lauft
immer vor einem davon, es wird immer tiefer und defer. In den
Farben lebt ja alles. Die Farben sind eine Welt, und das seelische
Element fuhlt sich in der Farbenwelt tatsachlich so, daft es gar nicht
auskommen kann ohne Bewegung, wenn es den Farben mit dem
seelischen Erleben folgt.
Sehen Sie, der Mensch glotzt heute den Regenbogen an. Wenn
man nur mit einiger Imagination nach dem Regenbogen hinschaut,
da sieht man Elementarwesen, die am Regenbogen sehr tatig sind.
Diese Elementarwesen zeigen sehr merkwiirdige Erscheinungen.
Hier (bei Rot und Gelb) sieht man fortwahrend aus dem Regen-
bogen herauskommen gewisse Elementarwesen. Die bewegen sich
dann so heruber. In dem Augenblicke, wo sie ankommen an dem
unteren Ende des Griins, werden sie angezogen. Man sieht sie hier
verschwinden (bei Gain und Blau). Auf der anderen Seite kommen
sie wieder heraus. Der ganze Regenbogen zeigt fur den, der ihn mit
Imagination anschaut, ein Herausstrdmen des Geistigen, ein Ver-
schwinden des Geistigen. Er zeigt tatsachlich etwas wie eine geistige
Walze, wunderbar. Und zu gleicher Zeit bemerkt man an diesen
geistigen Wesenheiten, daft, indem sie da herauskommen, sie mit
einer groften Furcht herauskommen, indem sie da hineingehen,
gehen sie mit einem ganz unbesieglichen Mut hinein. Wenn man
nach dem Rotgelb hinschaut, da stromt Furcht aus, wenn man nach
dem Blauviolett hinschaut, bekommt man das Gefiihl: Da lebt ja
alles wie Mut, wie Courage.
Nun stellen Sie sich vor, daft nicht blofi der Regenbogen da ist,
sondern wenn ich jetzt hier einen Schnitt zeichne (siehe Zeichnung, Tafel 2
oben) und der Regenbogen so steht (um 90° gedreht), so kommen
die Wesenheiten da heraus, da verschwinden sie; hier Angst, hier
Mut (siehe Zeichnung S. 22). Der Mut verschwindet wiederum. So
ware jetzt das Auge gerichtet, hier ist der Regenbogen, hier ist jetzt
das Rot, Gelb und so weiter. Da bekommt der Regenbogen eine
Dicke. Und da werden Sie sich schon vorstellen konnen, daft
walkiges Element daraus entsteht. Und in diesem walkigen Element
leben nun geistigc Wesenheiten, die wkklich auch eine Art von
Abbild sind der Wesenheiten der dritten Hierarchic
Man kann schon sagen: Kommt man an die Wissenden des 11.,
12., 13. Jahrhunderts heran, so mufi man solche Dinge verstehen.
Sie konnen nicht einmal die Spateren mehr verstehen, Sie konnen
nicht den Albertus Magnus verstehen, wenn Sie ihn lesen mit dem,
was heute der Mensch weift. Sie mussen ihn lesen mit einer Art von
Wissen, dafS solches Geistiges fur ihn noch eine Realitat war; dann
verstehen Sie erst, wie er die Worte gebraucht, wie er sich ausdruckt.
Und auf diese Weise treten auf wie ein Abglanz der Hierarchien
Luft, Wasser. Indem die Hierarchien selber eindringen, dringt die
zweite Hierarchie ein in Form des Lichtes, die dritte Hierarchie ein in
Form des Farbigen. Damit aber, daft dieses sich bildet, ist das Mon-
dendasein erreicht.
Und nun kommt die vierte Hierarchie. Ich erzahle jetzt so, wie
man im 12., 13. Jahrhundert gedacht hat. Nun kommt die vierte
Hierarchie. Wir sprechen gar nicht von ihr, aber im 12., 13. Jahr-
hundert hat man noch von dieser vierten Hierarchie sehr wohl ge-
sprochen. Was ist diese vierte Hierarchie? Das ist der Mensch. Der
Mensch selber ist die vierte Hierarchie. Aber beileibe nicht das hat
man verstanden unter dieser vierten Hierarchie, was jetzt als zwei-
beiniges, alterndes, so hochst sonderbares Wesen herumgeht in der
Welt, denn dem eigentlich Wissenden ist dazumal gerade der
gegenwartige Mensch als ein sonderbares Wesen vorgekommen. Sie
haben gesprochen von dem urspriinglichen Menschen vor dem
Sundenfall, der noch durchaus in einer solchen Form vorhanden
war, dafi er ebenso Macht tiber die Erde hatte, wie Angeloi, Archan-
geloi, Archai Macht uber das Mondendasein, wie die zweite Hier-
archie Macht uber das Sonnendasein, die erste Hierarchie Macht
uber das Saturndasein hatte. Man sprach von dem Menschen in
seinem urspriinglichen irdischen Dasein und konnte da von dem
Menschen als der vierten Hierarchie sprechen. Und mit dieser vierten
Hierarchie kam, allerdings als eine Gabe der oberen Hierarchien,
aber wie etwas, was die oberen Hierarchien erst wie ein Besitztum
gehabt haben, das sie gehiitet haben, das sie nicht selber brauchten:
es kam das Leben. Und in die farbenschillernde Welt, die ich Ihnen
also in Andeutungen geschildert habe, kam das Leben hinein.
Sie werden sagen: Haben denn die Dinge nicht fruher gelebt? -
Meine lieben Freunde, wie das ist, konnen Sie am Menschen selber
lernen. Ihr Ich und Ihr astralischer Leib haben nicht das Leben und
wesen eben doch. Das Geistige, das Seelische braucht nicht das
Leben. Erst bei Ihrem Atherleib fangt das Leben an, und es ist das
etwas aufierlich Hullenhaftes. Und so kommt auch das Leben erst
nach dem Mondendasein mit dem Erdendasein in den Bereich der-
jenigen Evolution hinein, der eben unsere Erde angehort. Die
farbenschillernde Welt wurde durchlebt. Nicht nur, dafi jetzt An-
geloi, Archangeloi und so weiter Sehnsucht empfingen, Finsternis
in Licht, Licht in Finsternis hineinzutragen und dadurch imPlaneten
das Farbenspiel hervorzurufen, sondern es trat dieses auf, innerlich
zu erleben dieses Farbenspiel, es innerlich zu machen. Zu erleben,
wenn Finsternis innerlich das Licht dominiert, Schwachheit zu
fuhlen, Lassigkeit zu fuhlen; dagegen wenn Licht die Finsternis
dominiert, Aktivitat zu fuhlen. Denn was ist es, wenn Sie laufen?
Wenn Sie laufen, ist es eben so, dafi Licht in Ihnen die Finsternis
dominiert; wenn Sie sitzen und faul sind, dominiert die Finsternis
das Licht. Es ist seelisches Farbenwirken, seelisches Farbenschillern.
Von Leben durchsetztes, durchstromtes Farbenschillern trat auf,
indem die vierte Hierarchie, der Mensch, kam. Und in diesem
Augenblicke des kosmischen Werdens fingen die Krafte, die da
regsam wurden im Farbenschillern, an, Konturen zu bilden. Das
Leben, das die Farben innerlich abrundete, abeckte, abkantete, rief
das feste Kristallinische hervor. Und wir sind im Erdendasein
drinnen.
Solche Dinge, wie ich sie Ihnen jetzt dargestellt habe, die waren
eigentlich die Ausgangswahrheiten jener mittelalterlichen Alchi-
misten, Okkultisten, Rosenkreuzer und so weiter, die, ohne dafi
heute die Geschichte viel von ihnen berichtet, namentlich gebliiht
haben vom 9., 10. bis ins 14., 15. Jahrhundert herein und die noch
die letzten Nachzugler gehabt haben, die man aber immer dann als
Sonderlinge angesehen hat, bis ins 18. Jahrhundert, ja bis in den
Beginn des 19- Jahrhunderts herein. Nur sind dann diese Dinge
vollig zugedeckt worden. Nur hat es die moderne Weltanschauung
dann dazu gebracht, folgendes zu vollfuhren. Denken Sie sich, hier
Tafel 2 habe ich einen Menschen. Ich hore auf, mich fur diesen Menschen
links zu interessieren und nehme ihm nur die Kleider ab und hange die
Kleider an einen Kleiderstock, der oben einen kopfformigen Knopf
hat, und fur den Menschen interessiere ich mich nicht weiter. Ich
stelle mir weiter vor: Das ist der Mensch (siehe Zeichnung S. 25);
was geht mich das an, dafi in diesen Kleidern so etwas drinnen-
stecken kann? Das ist der Mensch (der Kleiderstander)! - Ja, sehen
Sie, so kam es mit den Naturelementen. Es interessiert einen nicht
weiter, dafi hinter der Warme oder dem Feuer die erste Hierarchie,
hinter dem Licht und der Luft die zweite Hierarchie, hinter dem
sogenannten chemischen Ather, Farbather und so weiter und dem
Wasser die dritte Hierarchie, hinter dem Lebenselemente und der
Erde die vierte Hierarchie oder der Mensch ist. Blofi den Kleider-
rechen her und darauf die Gewander gehangt! Nun, das ist der erste
Akt. Der zweke Akt, der beginnt aber dann auf Kantisch! Da be-
ginnt der Kantianismus, da fangt man an, indem man nun den
Kleiderstock hat - die Kleider hangen darauf -, nun zu philoso-
phieren, was das Ding an sich dieser Kleider sein konnte. Und man
kommt darauf, dafi man eigentlich dieses Ding an sich der Kleider
nicht erkennen kann. Sehr scharfsinnig! Naturlich, wenn man den
Menschen zuerst weggenommen hat und dann den Kleiderstock mit
den Kleidern hat, so kann man iiber die Kleider philosophieren,
und dann kommt man darauf, daft man hiibsche Spekulationen
macht. Es ist ja eben der Kleiderstock da, nicht wahr, und da hangen
die Gewander daran, und da philosophiert man, entweder auf Kan-
tisch: Das Ding an sich erkennt man nicht - oder auf Helmholtzisch,
und da denkt man sich: Diese Kleider, die konnen doch nicht For-
men haben; nun ja, da sind eben lauter kleine wirbelnde Staub-
kornchen, Atome drinnen, die schlagen da an, und da werden die
Kleider in ihrer Form erhalten.
Tafel 2
Ja, so hat sich das Denken dann spater entwickelt. Das aber ist
abstrakt, schattenhaft. Aber in diesem Denken, in diesem Speku-
lieren leben wir ja heute; aus dem pragen wir uns heute unsere ge-
samte naturwissenschaftliche Anschauung. Und wenn wir nicht zu-
geben, dafi wir atomistisch denken, so tun wir es erst recht. Derm
das wird man noch lange nicht zugeben, daft es nicht notwendig ist,
den Wirbeltanz der Atome da hineinzutraumen, sondern wieder
den Menschen in die Kleider hineinzutun. Das aber mufi eben ver-
suchen die Wiederaufrichtung der Geisteswissenschaft.
Ich wollte Ihnen heute in einer Anzahl von Bildern geben, wie
dazumal noch gedacht worden ist und was schon eigentlich zu lesen
ist in alteren Schriften, was aber verglommen ist. Aber weil es ver-
glommen ist, kommen solche interessanten Tatsachen zutage: Da
hat ein nordischer Chemiker von heute eine Stelle des Basilius
Valentinus wieder abgedruckt und die Sache im heutigen Sinne
chemisch genommen. Und da konnte er natiirlich nichts anderes
sagen - weil das so aussieht, wenn man es heute chemisch denkt, als
wenn man im Laboratorium stiinde, Retorten und andere Instru-
mente hatte und heutige Experimente ausfuhrte -, da konnte er
nichts anderes sagen, als dafi das ein Unsinn sei, was da bei Basilius
Valentinus steht. Was aber bei Basilius Valentinus steht, ist ein
Stuck Embryologie, eben in Bildform ausgedrikkt. Ein Stuck Em-
bryo logie ist das. Wenn man einfach die heutige Denkweise an-
wendet, so bekommt man scheinbar einen blofien Laboratoriums-
versuch, der aber dann ein Unsinn ist. Denn im Laboratorium -
wenn man nicht gerade der Wagner ist, der aber immerhin noch
mehr auf dem Standpunkt der fruheren Jahrhunderte steht - kann
man eben nicht ein Stuck Embryologie ausfuhren.
Diese Dinge miissen heute wieder eingesehen werden. Und im
Zusammenhange mit den grofien Wahrheiten, die ich aussprechen
durfte in den Tagen der Weihnachtstagung, mochte ich eben auch
einiges noch sagen uber die Schicksale des inneren Geisteslebens in
den letzten Jahrhunderten der Weltentwickelung.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 5. Januar 1924
Gestern begann ich zu Ihnen von den geisteswissenschaftlichen
Bestrebungen vom 9-, 10. nachchristlichen Jahrhundert zu spre-
chen, bis in die Zeit hinein, solange es im Ernste noch solche gei-
steswissenschaftlichen Bestrebungen gegeben hat: was eigentlich
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts
dauerte, und ich versuchte gestern, einiges von dem Inhalte solcher
Bestrebungen zu Ihnen zu sprechen. Heute mochte ich nun mehr
das Historische beruhren. Es handelt sich namlich darum, dafi ja
durch das alte eigentliche Mysterienwesen in den Mysterienstatten in
der Art, wie ich das wahrend der Weihnachtstagung in den Abend -
vortragen dargelegt habe, wirklich eine Begegnung der Menschen,
der Initiierten und der zu Initiierenden, mit den Gottern stattfinden
konnte, dafi gewissermafien in den Initiationsstatten die Moglichkeit
vorhanden war, wenn ich den pedantischen Ausdruck gebrauchen
darf, offizielle Orte zu finden, die eigens ihrer Lokalitat nach dazu
eingerichtet waren, eine solche Begegnung herbeizufuhren.
Diese Einrichtungen, die zugrunde liegen als die eigentlichen
Impulsgeber alien alten Zivilisationen, sind nach und nach hinge-
schwunden, und man kann sagen: In der alten Form fanden sie sich
eigentlich nicht mehr seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Da
und dort waren noch Nachzugler vorhanden, aber in dieser strengen
alten Form fanden sie sich nicht mehr. Dagegen hat ja die Initiation
im Grunde genommen niemals aufgehort; die Formen, in denen die
zu Initiierenden ihren Weg fanden, die anderten sich. Und ich habe
ja auch schon darauf hingewiesen, wie im Mittelalter die Sache so
war, dafi einzelne anspruchslose, in aller Bescheidenheit lebende
Menschen da oder dort vorhanden waren, die nicht gerade offizielle
Schulerkreise an bestimmten Orten urn sich sammelten, sondern die
so, wie es das Menschheits- und Volkskarma ergab, da oder dort ihre
Schiiler hatten. Ich habe ja einen solchen Fall bei der Besprechung
des Johannes Tauler'm meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen
Geisteslebens» charakterisiert. Uber diesen brauche ich nicht zu
sprechen. Dagegen mochte ich einen anderen Fall gerade heute be-
sprechen als einen, ich mochte sagen, charakteristisch-typischen Fall,
einen Fall, der von einem grofien Einflusse war, der vom 12., 13.
Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert vieles bewirkt hat, was an
spirituellen Stromungen bis ins 15. Jahrhundert vorhanden war. Ich
mochte diesen Fall skizzenhaft charakterisieren.
Die Zeit, in der er stattgefunden hat, ist urn das Jahr 1200
herum. Es gab in jener Zeit wirklich eine grolkre Anzahl von Men-
schen, jungen Menschen, die in sich den Drang nach hoherem
Wissen verspiirten, nach einer Verbindung mit der geistigen Welt,
man kann schon sagen, nach einer Begegnung mit den Gottern.
Und es war ja eben durchaus nach der Lage der Zeitverhaltnisse so,
daft es oftmals fast wie zufallig aussah, wenn solch ein strebender
Mensch seinen Lehrer fand, was ja damals nicht durch Bucher ge-
schehen konnte, sondern was damals nur ganz personlich geschehen
konnte. Es war natiirlich tiefe Schicksalsfugung darin und sah nur
aulterlich wie ein Zufall aus. Von einem solchen Schuler mochte ich
sprechen.
Er fand durch einen solchen scheinbaren Zufall in einem Orte des
mittleren Europa einen Lehrer. Er traf mit einem alteren Menschen
zusammen, demgegenuber er alsbald das Gefuhl entwickelte, der
konne ihn weiterleiten in dem Streben, das den tiefsten Drang
seiner Seele bildete. Und ich mochte Ihnen zunachst sozusagen ein
Gesprach skizzieren. Natiirlich hat nicht nur ein solches Gesprach
zwischen dem Lehrer und dem Schuler stattgefunden, aber ich fasse
verschiedene Gesprache in eines zusammen.
Der Schuler sprach zu dem Lehrer, er strebe darnach, in die gei-
stige Welt hinein Blicke tun zu konnen, aber es sei ihm so, als ob in
der Tat die Menschennatur, so wie sie nun einmal in jener Zeit sei -
im 12. Jahrhundert ist es ungefahr, wovon ich spreche -, als ob die
Menschennatur nicht vordringen konne zu den geistigen Welten.
Man musse doch, sagte der Schuler, in der Natur etwas sehen, was
Werk, Schopfung der gottlich-geistigen Wesenheiten sei. Man
musse aus dem, wie die Naturdinge seien in ihrem tieferen Sinne,
wie die Naturvorgange verlaufen, erkennen konnen, wie hinter die-
sen Naturdingen und Naturschopfungen das Wirken von gottlich-
geistigen Wesenheiten stehe. Aber es sei so, als ob die Menschen-
natur in der Gegenwart nicht durchkonne. Und schon hatte es sich
in dem Schuler, in dem jungen Menschen - ich meine, jungen Men-
schen von funfundzwanzig oder achtundzwanzig Jahren - stark ge-
formt zu Gefiihlen: Das gegenwartige Menschentum, der physische
Leib in seiner besonderen Verbindung mit der Seele, konne nicht
vordringen, habe in sich selber Hindernisse.
Da sagte ihm zunachst der Lehrer, um ihn auf die Probe zu stellen:
Nun ja, du hast doch deine Augen, du hast doch deine Ohren; sieh
mit deinen Augen hin auf die Naturdinge, hore mit deinen Ohren
dasjenige, was geschieht, und du wirst durch Farbe und Ton, in
denen sich ja Geistiges offenbart, du wirst durch sie hindurch das
Geistige sich offenbaren fuhlen mussen. - Da sagte der Schuler: Ja,
wenn ich meine Augen gebrauche, wenn ich hinausschaue in die
Welt, die farbig ist, da ist es mir, als wenn mein Auge die Farbe
aufhielte, als wenn die Farbe an meinen Augen erstarrte. Und wenn
ich hinhorche mit meinen Ohren auf die Tone, ist es, als wenn die
Tone in meinen Ohren verknocherten und wie wenn die erstarrten
Farben und die verknocherten Tone durch meine Sinne den Geist
der Natur nicht hindurchliefien. - Da sagte der Lehrer: Sieh aber
doch, es gibt doch auch eine Offenbarung; es gibt die Offenbarung
des religiosen Lebens. Da wird dir erzahlt, fwie Gotter die Welt
gestaltet haben, wie in die Zeitentwickelung der Christus einge-
treten ist, Mensch geworden ist. Es gibt also aufier der Natur noch
die Offenbarung. Was dir die Natur nicht geben kann, kann dir
denn das nicht die Offenbarung geben? - Da sagte der Schuler: Die
Offenbarung spricht ja sehr stark zu meinem Herzen, aber eigentlich
kann ich sie nicht fassen, eigentlich ist es mir unmoglich, dasjenige,
was drauften in der Natur ist, in Verbindung zu bringen mit dem,
was mir die Offenbarung sagt. Und so, indem ich die Natur nicht
verstehe, indem die Natur mir nichts offenbart, verstehe ich auch
die religiose Offenbarung nicht.
Da sagte der Lehrer: Nun gut, so wie du jetzt in der Welt drinnen-
stehst, so wirst du allerdings - wenn du so sprechen mufit, wenn es
dir so urns Herz und urn die Seele ist, da!5 du so sprechen mufit -
weder Natur noch Offenbarung verstehen konnen. Denn du lebst
eben in einem Menschenleibe, der von der Sunde befallen ist - so
war ja die Redensart dazumal -, und dieser von der Siinde befallene
Menschenleib, der pafit eigentlich nicht zu der irdischenUmgebung,
in der du lebst. Die irdische Umgebung gibt dir nicht die Bedin-
gungen dazu, so deine Sinne zu gebrauchen und dein Gemiit zu
gebrauchen, da$ du Natur und Offenbarung als Erleuchtung, die
von den Gottern kommt, ansehen konntest. Ich werde, wenn du
willst, dich aus der Natur deiner irdischen Umgebung, die einfach
nicht angepafit ist an dein Wesen, hinwegfuhren und werde dir Ge-
legenheit geben, Offenbarung und Natur besser zu verstehen.
Und es wurde verabredet, wann der Lehrer den Schuler fiihren
sollte. Und er fuhrte ihn zunachst eines Tages einen hohen Berg
hinauf, einen sehr hohen Berg, einen Berg hinauf, von dem aus man
die gewohnliche Erdoberflache mit ihren Baumen, Fluren und so
weiter nicht mehr sehen konnte; sondern als der Schuler mit seinem
Lehrer oben stand, konnte man nur noch - wie Sie das ja wohl auch
aus dem Gebirge kennen - unten etwas wie ein Nebelmeer sehen,
welches die gewohnliche Erde bedeckte, und oben war man, wenig-
stens andeutungsweise, wie symptomatisch entriickt dem irdischen
Treiben. Man sah nur hinschauend den Weltenraum mit seinen
Wolkengebilden und unten etwas wie ein Meer, wie ein wogendes
Meer, das eben aus Wolken bestand; Morgennebel, Morgenstim-
mung. Der Lehrer sprach Verschiedenes. Er sprach von Welten-
weiten, von kosmischen Fernen, sprach davon, wie die Weite, in die
der Blick herausgerichtet ist, in der Nachtzeit die Sterne aus sich
herausleuchten lafit, sprach Verschiedenes, wodurch das Gemiit des
Schiilers ganz hingegeben ward an die Eigentumlichkeit des Natur-
daseins, gewissermafien erdentriickt ward.
Und so lange dauerte die Vorbereitung, bis in der Tat etwas von
jener Seelenstimmung da war bei dem Schuler, die man damit ver-
gleichen konnte, dafi dem Schuler erschien - nicht fur einen Augen-
blick, sondern fur langere Zeit - alles das, was er jemals wahrend
seines irdischen Lebens in dieser Inkarnation auf Erden erlebt hatte,
wie wenn er es getraumt hatte. Und so wenig mannigfaltig eigent-
lich dasjenige war, was er da iiberblickte - das wallende wogende
Nebelmeer, Wolkenmeer, wenige in der Nahe befindiiche Gipfel,
die Weltenweiten, hochstens da und dort eben mit Wolkenbil-
dungen auch besetzt, aber kaum, nur am Ende so arm an Inhalt
gegeniiber der Mannigfaltigkeit dessen, was er unten auf dem Erd-
boden immer hatte erleben konnen, dies alles war, so war ihm das
doch wie der Inhalt seines tagwachen Bewuikseins. Und alles, was er
jemals auf der Erde erlebt hatte, war ihm, wie wenn er es so in der
Nacherinnerung eines Traumes hatte. Er kam sich wie erwacht vor.
Und wahrend er also immer mehr und mehr erwachte in dieser
Situation, trat ihm aus einer Felsenspalte, die er vorher nicht be-
merkt hatte, ein junger Knabe von etwa zehn, elf Jahren entgegen,
der auf ihn einen merkwurdigen Eindruck machte; denn alsbald
erkannte er in diesem Knaben sich selber in seinem zehnten, elften
Jahre. Was ihm da erschienen war, es war der Geist seiner Jugend. -
Und Sie erraten wohl, meine lieben Freunde, dafi in dieser Szene
eine der Anregungen war, die mich veranlalk haben, in dem einen
Mysteriendrama die Gestalt von Johannes' Jugend einzufuhren. Das
Motiv nur liegt da; Sie miissen nicht an Photographie denken. Die
Mysterien sind auch kein okkulter Schlusselroman.
Und er stand gegeniiber dem Geiste seiner Knabenzeit, sich
selber. Und er war auch da, mit seinen funfundzwanzig bis acht-
undzwanzig Jahren war er da, neben dem Geiste seiner Jugend. Und
ein Gesprach konnte stattfinden, das der Lehrer fuhrte, das aber
eigentlich stattfand zwischen dem Schuler und seinem eigenen
jiingeren Selbst. Solch ein Gesprach verlauft - Sie konnen das aus
dem Mysteriendrama, aus dem Stil, der dort beobachtet ist, ja er-
sehen -, solch ein Gesprach verlauft in einer recht eigenartigen
Weise. Denn wenn man, was ja immer sein kann, dem Geiste seiner
Jugend entgegentritt, dann gibt man etwas vom reifen Verstande
den kindlichen Vorstellungen, die der Geist der Jugend hat, und der
Geist der Jugend gibt etwas von seiner Frische, von seiner
Kindlichkeit demjenigen, was man in alteren Jahren ist. Und gerade
dadurch, dafi solch ein Austausch stattfindet, wird ein solches
Gesprach ganz besonders fruchtbar. Und dieses Gesprach, das
fuhrte dazu, daft der Schiiler lernte, die Offenbarung, die religiose
Offenbarung zu verstehen.
Das Gesprach wurde vorzugsweise gefuhrt iiber die Genesis, iiber
den Anfang des Alten Testaments, und wurde gefuhrt iiber die
Menschwerdung Christi. Unter der Leitung des Lehrers und unter
der besonderen Art der Fruchtbarkeit, die in diesem Gesprache
waltete, endete eben dieses Gesprach fur den Schiiler damit, daft
er sagte: Jetzt verstehe ich, welcher Geist in der Offenbarung waltet.
Nur dann, wenn man in die Lage kommt, fern von dem Irdischen,
wie in Atherhohen versetzt zu sein, urn die Atherhohen ideell zu
ergreifen mit der in die spatere Lebenszeit heraufragenden Kind-
heitskraft, nur dann versteht man recht die Offenbarung. Und jetzt
verstehe ich, daft die Gotter den Menschen die Offenbarung ge-
geben haben, weil die Menschen in der Lage, in der sie auf der Erde
sind, durch die Werke der Natur hindurch nicht die Werke der
Gotter erforschen konnen. Und so gaben sie ihnen die Offenbarung,
die ja naturlich gar nicht zu verstehen ist gerade im reifen Lebens-
alter, die aber verstanden werden kann, wenn real lebendig wird
Kindheit im reifen Lebensalter. Also eigentlich ist es etwas Ab-
normes, die Offenbarung zu verstehen. - Das machte einen gewal-
tigen Eindruck auf den Schiiler. Der Eindruck blieb. Er blieb ihm
unvergeftlich. Der Geist der Jugend verschwand wiederum. Die erste
Phase der Unterweisung war das.
Es sollte eine zweite folgen. Die zweke, die verlief in der folgen-
den Art. Wiederum fuhrte der Lehrer den Schiiler einen Weg. Jetzt
fuhrte er ihn nicht einen Berg hinauf, sondern jetzt fuhrte er ihn an
einen Berg, zu dem der Lehrer den Eingang durch ein Hohle wuftte,
in tiefe innere Bergeskliifte, weit hinunter bis in Bergwerksschachte,
so daft der Schiiler mit dem Lehrer in der Erdentiefe war, jetzt nicht
in Atherhohen hoch oben iiber der Oberflache der Erde, sondern in
Erdentiefen, wie versenkt gegeniiber der Oberflache der Erde.
Wiederum wurde es dem Bewufitsein des Schiilers so, als ob ihm
nachging alles dasjenige, was er auf der Erde jemals erlebt hatte, wie
Traume. Denn er lebte unten in einer Umgebung, in der jetzt sein
Bewufitsein besonders erwachte. Verwandt wurde er mit den Erden-
tiefen. Sehen Sie, es spielte sich da etwas ab, was dann zugrunde lag
solchen Sagen wie etwa die von dem Leben des Kaisers Barbarossa im
Kyffhauser oder des Kaisers Karl des Grofien im Untersberg bei
Salzburg. So etwas spielte sich, wenn auch fur kurze Zeit, wirklich
ab, solch ein Leben in den Erdentiefen, fern von dem irdischen
Leben des Menschen. Und wiederum konnte der Lehrer durch be-
sondere Redefiihrung dieses Verbundensein mit den Erdentiefen ins
Bewufltsein des Schiilers hineinbringen. Aus einer Wand kam jetzt
dem Schuler ein Greis entgegen, der ihm allerdings weniger bekannt
war als der Geist seiner eigenen Jugend, den er aber fuhlte als den,
der er sein wird nach Jahrzehnten. Er fuhlte sich selber im zukiinf-
tigen Greisenalter. Und nun entspann sich ein ahnliches Gesprach
zwischen dem Schiiler und seinem eigenen alteren Selbst, seinem
greisenhaften Selbst, wiederum unter der Fiihrung des Lehrers.
Und nun kam aber aus diesem Gesprach etwas ganz anderes
hervor als aus dem ersten Gesprache, denn jetzt fing an, in dem
Schiiler ein Bewulksein aufzusteigen von seiner eigenen physischen
Organisation. Er fuhlte wie sein Blut in sich kreisen, jedes einzelne
Blutteilchen, so war es ihm, fuhlte er in sich kreisen, er begleitete
die Blutaderchen, die Nervenstrange, und die einzelnen Organe des
menschlichen Organismus fuhlte er in ihrer sinnvollen Bedeutung
fur den gesamten Organismus. Und er fuhlte in sich dasjenige
hereinwirken, was draufien im Kosmos 1st und verwandt mit dem
Menschen ist. Er fuhlte in sich hereinwirken das Bluhende in den
Pflanzen, das Wurzelhafte in den Pflanzen, das Mineralische in dem
Erdboden in seinen Wirkungen im menschlichen Organismus. Er
fuhlte da in den Erdentiefen die Krafte der Erde selber, in Organisa-
tion gebracht, in seinem eigenen Wesen zirkulierend, schaffen, sich
umwandeln, Substanzen vernichten und gestalten. Er fuhlte das
Schaffen und Weben und Wesen der Erde in sich selber. Und das
Ergebnis dieses Gespraches war, dafi der Schiiler, nachdem der alte
Mann, der er selbst war, verschwunden war, sagen konnte: Jetzt hat
wirklich die Erde, in der ich inkarniert bin, durch ihre Wesenhaf-
tigkeit zu mir gesprochen, jet2t habe ich einen Moment gehabt,
durch den ich hindurchgesehen habe durch die Naturdinge und
Naturprozesse auf dasjenige, was Werk der Gotter hinter diesen
Erdendingen und hinter diesen Erdenprozessen ist.
Der Lehrer fiihrte den Schiiler wieder heraus, und ehe er ihn fur
diesmal verabschiedete, sagte er ihm: Sieh einmal, so wenig passen
der heutige Mensch und die heutige Erde zusammen, daft du die
Offenbarung der Religion empfangen mufit von dem Geiste deiner
eigenen Jugend hoch auf dem Berge iiber der Erde und daft du die
Offenbarung der Natur empfangen mulk tief unter der Erde , in den
Kliiften der Erde unter ihrer Oberflache. Und wenn es dir gelingt,
mit dem Lichte, das deine Seele vom Berge geholt hat, zu beleuchten
dasjenige, was deine Seele empfunden hat in der Erde Hohlen-
kliiften, dann wirst du zur Weisheit gelangen.
Sehen Sie, in dieser Form wurde dazumal - um das Jahr 1200 war
es, wovon ich spreche - die Vertiefung, die Weisheitserfiillung der
menschlichen Seele bewirkt. Dieser Schiiler war dadurch ja tatsach-
lich in die Einwemung, in die Initiation hineingestellt, und er wufite
nun, welche Kraft er anwenden musse in der Seele, um regsam zu
machen das Licht der Hdhen und das Gefuhl der Tief en. Und einige
weitere Anleitungen gab ihm der Lehrer, die im wesentlichen
darinnen bestanden, daft er dem Schiiler sagte: Selbsterkennen be-
steht eigentlich immer darin, daft man im eigenen Menscheninnern
dasjenige auf der einen Seite wahrnimmt, was hoch iiber demErden-
menschen liegt, und dasjenige, was tief unter dem Erdenmenschen
Hegt. Die miissen sich im Menscheninnern begegnen. Dann findet
der Mensch in seinem eigenen Innern die Kraft des schaffenden
Gottes.
Von solchen Einweihungen, wie die ist, die ich Ihnen hier als
eine charakteristisch-typische erzahlt habe, ging das Bestreben aus,
das man dann mittelalterliche Mystik nennen kann in der spateren
Zeit, das hintendierte nach Selbsterkenntnis, aber um im eigenen
Selbst den Weg zum Gottlichen zu finden. Es ist nur diese Mystik
dann in der spateren Zeit abstrakt geworden. Jene konkrete Ver-
bindung mit der Aufienwelt, wie sie gegeben war fur diese Schiiler
in dem Entriicktsein in Atherhohen und in Erdentiefen, die wurde
nicht mehr gesucht. Daher wurde auch die innere Erschutterung, die
ganze Intensitat des innerea Erlebnisses nicht mehr erreicht. Aber
gesucht wurde dennoch unter solchen Anregungen, unter solchen
Impulsen im Innern. Im Innern wurde der Gott, das gottliche Schaf-
fen gesucht. Und im Grunde genommen ist alles das, was gesucht
worden ist von dem Meister Eckhart, von Johannes Tauler und den
spateren Mystikern, die ich dargestellt habe in meinem Buche «Die
Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens», impulsiert
von solchen wirklichen mittelalterlichen Einweihungen. Aber die-
jenigen, die nun wahrhaftig im Sinne solcher mittelalterlichen Ein-
weihungen gewirkt haben, die wurden vielfach verkannt. Und man
gerat eigentlich nur sehr schwer an dasjenige heran, was diese
Schiiler der mittelalterlichen Eingeweihten in Wirklichkeit waren.
Man kann ja wirklich ziemlich weit kommen in der Verfolgung
der Wege in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, welche solche
Dinge wirklich ganz energisch befolgen, wie sie in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» stehen, die
finden schon den Weg in die geistigen Welten hinein. Alles, was in
der Vergangenheit physisch real war, ist ja natiirlich heute nur durch
die geistige Welt zu finden, also auch solche Szenen, wie ich sie
eben geschildert habe, denn es gibt ja keine physischen Dokumente,
die iiber solche Szenen berichten wurden. Aber es gibt eben solche
Gebiete, die schwer zuganglich sind auch fur ein schon weit vor-
geschrittenes geistiges Vermogen. Man mufi wirklich, um diese
Gebiete zu erforschen, dahin gekommen sein, mit den Wesenheiten
der geistigen Welt in selbstverstandlicher Weise Umgang zu haben
wie mit Menschen. Dann ergibt sich aber auch der Zusammenhang
zwischen diesen Eingeweihten, von denen ich Ihnen eben erzahlt
habe, und ihren Schulern, zum Beispiel einem solchen Schiiler, der
durch das, was historisch vermittelt ist, ja recht fragwurdig erscheint,
Raimundus Lullus, der vomjahre 1234 bis 1315 lebte.
Was Sie von Raimundus Lullus durch historische Dokumente
kennenlernen konnen, ist ja herzlich wenig. Aber was man von ihm
kennenlernen kann, wenn man - verzeihen Sie, daft ich den
paradoxen Ausdruck gebrauche, aber Sie werden nach dem, was ich
in den letzten Tagen und seit vierzehn Tagen hier dargestellt habe,
den Ausdruck doch nicht mehr als paradox empfinden -, wenn man
sozusagen ein personliches Verhaltnis gewinnt zu Raimundus Lullus,
dann stellt er sich doch noch als etwas anderes dar, als das ist, was
die historischen Dokumente aus ihm machen. Da stellt er sich in der
folgenden Weise dar. Er ist im eminentesten Sinne eine Personlich-
keit, die unter Anregung gerade desjenigen Eingeweihten, von dem
ich hier als dem Schiller des anderen gesprochen habe, dazu kam,
mit aller Kraft wiederum so etwas in seiner Zeit erneuern zu wollen,
wie es im Altertum die Mysterien des Wortes, des Logos waren. Er
wollte die Mysterien des Logos wieder erneuern. Und er wollte sie wie-
der erneuern durch die Selbsterkenntnis, von der ich Ihnen ja gesagt
habe, daft sie in einer so machtigen Weise angeregt worden ist im 12 . ,
im 13. Jahrhundert. Und von diesem Gesichtspunkte aus ist die soge-
nannte «Ars magna» des Raimundus Lullus zu beurteilen. Er sagte
sich: Wenn der Mensch spricht, so ist im Sprechen eigentlich auch ein
Mikrokosmos gegeben. Dasjenige, was der Mensch spricht, ist eigent-
lich der ganze Mensch, konzentriert auf die Sprachorgane. Aber das
Geheimnis jedes Wortes liegt im ganzen Menschen, und wiederum,
weil es im ganzen Menschen liegt, liegt es eigentlich in der Welt.
Und so kam er darauf , daft man eigentlich das Geheimnis der
Sprache erst im Menschen suchen musse, indem man tief unter-
taucht von den bloften Sprachorganen zu der Gesamtorganisation
des Menschen, und dann im Kosmos, indem man wiederum die
Gesamtorganisation des Menschen aus dem Kosmos heraus begreift.
Zum Beispiel, sagen wir, jemand wolle den Laut A in seiner wirk-
lichen Bedeutung begreifen. Da handelt es sich darum, daft der
Mensch darauf kommt, daft der Laut A, der im geformten Aushauch
zum Vorschein kommt, auf einer gewissen inneren Attitude des
Atherleibes beruht, auf einer Attitude des Atherleibes, die Sie heute
kennenlernen konnen. Durch die Eurythmie sehen wir, auf welcher
Attitude des Atherleibes der Laut A beruht, denn diese Attitude
wird auf den physischen Leib iibertragen und gilt dann als die
eurythmische Geste fur den A-Laut.
Ganz klar wurde das dem Raimundus Lullus nicht, sondern alles
blieb bei ihm Ahnung. Aber seine Ahnung kam so weit, daft er nun
die innere Attitude, die innere Geste des Menschen gewissermafien
hinausverfolgte in den Kosmos, zum Beispiel daft er sagte: Richtest
du die Blickrichtung nach dem Lowen, nach dem Sternbilde des
Lowen, und richtest du die Blickrichtung nach der Waage, dann gibt
dir der Zusammenhang der beiden Blickrichtungen das A. Richtest
du den Blick nach dem Saturn, so halt der Saturn deine Blickrich-
tung auf. Und wenn der Saturn zum Beispiel vor dem Widder steht,
so muftt du mit dem Saturn dich um den Widder herumdrehen. Das
gibt dir aus dem Kosmos heraus die Empfindung des O.
Und aus solchen Ahnungen heraus fand Raimundus Lullus
gewisse Figuren, an deren Ecken und Seken er die Buchstaben
schrieb. Und nun war er sich klar dariiber: Wenn man aus seinen
Empfindungen heraus Linien zieht in den Figuren, durch Diago-
nalen oder dergleichen meinetwegen in einem Funfeck a b c d e
irgendwie verbindet - das ist nur schematisch -, dann muft man
darin Lautverbindungen sehen, und diese Lautverbindungen spre-
chen gewisse Geheimnisse des Weltenalls, des Kosmos aus.
Tafcl 3
Tafel4
2
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Also Raimundus Lullus suchte eine Art Renaissance der Geheim-
nisse des Logos, wie sie ublich waren in den alten Mysterien. Diese
Sache wird ja entstellt dargestellt in den historischen Dokumenten.
Aber wenn man eben nach und nach sozusagen in ein personliches
Verhaltnis zu Raimundus Lullus kommt, so kommt man darauf, dafi
Raimundus Lullus versuchte, dutch solche Bestrebungen das
Weltenwort wiederum zu entratseln. Und in diesen Bestrebungen
lebten eigentlich die Schuler der mittelaltetlichen Eingeweihten
noch einige Jahrhunderte fort. Es war ein ganz intensives Bemuhen,
erst in den Menschen unterzutauchen und dann dutch das Untet-
tauchen in den Menschen hinauszukommen iiber den Menschen in
die Geheimnisse des Kosmos hinein.
In dieser Weise versuchten diese - man darf sie Weise nennen -,
diese Weisen, zu verbinden die Offenbarung mit der Natur. Und sie
glaubten, auf diese Weise - und vieles von ihrem Glauben war ja tief
begrundet -, sie glaubten, auf diese Weise hinter die Offenbarung
des Religiosen und hintet die Offenbatung der Natur zu kommen.
Denn sie waren sich klar daruber, dafi eben der Mensch, so wie er
nun einmal in ihrer Zeit auf det Etde lebte, eigentlich bestimmt
war, die vierte Hierarchie zu werden, dafi er aber einen Fall getan
habe, durch den er unter sein eigentliches Wesen heruntergekom-
men ist und tiefer drinnen steckt in dem physischen Dasein, als er
eigentlich sollte, dafi er aber dennoch wiederum fur dieses tiefe
Drinnenstecken nicht die Kraft hat, sein Geistig-Seelisches ent-
sprechend spirituell auszubilden. Und aus solchen Bestrebungen
heraus entstand ja dann das Rosenkreuzer-Bestreben.
An einer Lehrstatte der Rosenkreuzer, der ersten urspriinglichen
Rosenkreuzer, war es, daft einmal gerade die Szenen, die ich Ihnen
heute schilderte, die Szene hoch oben auf dem Berge zwischen dem
Lehrer und dem Schiiler und unten tief in den Erdenkliiften, daft
diese Szenen wie in einer Art zeitlicher Fata Morgana auftauchten,
man mochte sagen, wie als Gespenst wiederkamen, sich spiegelten
als Vision innerhalb einer Rosenkreuzer-Lehrstatte. Und daraus er-
kannte man, daft der Mensch durch innerliches Streben zweierlei
erreichen miisse, um zur wirklichen Selbsterkenntnis zu kommen,
um wiederum seine Anpassung an die Erde zu finden, um dahin zu
gelangen, wirklich ein Angehoriger der vierten Hierarchie zu wer-
den. Denn aus alledem, was nun innerhalb der Rosenkreuzer- Schu-
le moglich war, erkannte man, was mit dem Schiiler, als er den Geist
seiner eigenen Jugend leibhaftig vor sich gesehen hat, vorgegangen
war. Mit dem war vorgegangen eine Loslosung des astralischen
Leibes, die starker ist, als sie sonst irgendwie im menschlichen Leben
ist. Und in dieser Loslosung des astralischen Leibes hat er den Sinn
der Offenbarung erkannt. Und wiederum wurde in dieser Rosen-
kreuzer-Schule klar, was vorgegangen war mit dem Schiiler in den
Tiefen der Erde. Da war der astralische Leib ganz in das Innere zu-
riickgezogen. Da war er vollig zusammengezogen, so daft der Schiiler
die Geheimnisse des eigenen Menscheninnern wahrnahm. Und jetzt
wurden innerhalb der Rosenkreuzerei Exerzitien, Ubungen ge-
funden, die verhaltnismaftig einfach waren, die in symbolischen
Figuren bestanden, denen man das Gemiit hingab, iiber die man
meditierte. Und durch die Kraft, die in den menschlichen Seelen-
besitz kam durch die Hingabe an solche Figuren, erreichte man, daft
man auf der einen Seite den astralischen Leib losloste und wurde wie
der Schiiler auf Bergeshohe, in Atherhohen, daft man auf der andern
Seite, indem sich der astralische Leib zusammenkrampfte, zusam-
menzog, wurde wie der Schiiler in Erdenkliiften. Und dann konnte
man, indem man nicht die auftere Umgebung hatte, sondern eine
starke innere Ubung machte, in das menschliche Innere kommen.
Sehen Sie, ich schildere Ihnen damit etwas, was ich nur ganz leise
angedeutet habe in dem neuen Vorwort zu der letzten Auflage
meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Da
habe ich ja gesagt, dal$ dasjenige, was aufgetreten ist bei Meister
Eckhart, Johannes Tauler, bei Nikolaus Cusanus, dem Kardinal, bei
Valentin Weigel und den anderen, das Spatprodukt war eines kolos-
salen urspriinglichen Menschheitsstrebens, das vorangegangen ist.
Und dieses urspriingliche Menschheitsstreben, das dem Streben des
Meister Eckhart, dem Streben des Johannes Tauler vorangegangen
ist, dieses konkrete Streben im Geiste, dieses Suchen nach Selbst-
erkenntnis beim Menschen im Zusammenhange mit Offenbarung
und Naturerleuchtung, dieses wollte ich Ihnen heute schildern als
eine der Stromungen, die da liefen im sogenannten finsteren Mittel-
alter, wo es aber wirklich in der Finsternis, die der moderne Mensch
heute hineinphantasiert, recht erleuchtete Geister gab, so erleuchtete
Geister, dafi die heute erleuchtetsten Geister das Licht dieser Er-
leuchteten eben nicht verstehen und daher finster bleiben. Aber das
ist ja uberhaupt vielfach das Charakteristikum der heutigen Zeit,
dafi man das Licht finster und die Finsternis hell findet.
Aber ein merkwiirdiger, gewaltiger Eindruck bleibt zuriick, wenn
man in die Hintergriinde desjenigen schaut, was in der Literatur wie
in einem Abglanze dieser Zeit gelebt hat. Einiges von dem wollte ich
Ihnen heute schildern; einiges von dem, was dann das Bild erganzen,
zu einem Ganzen abrunden wird, werde ich Ihnen morgen schildern.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 6. Januar 1924
Ich sprach Ihnen gestern von der besonderen Form, die die Mitteilung
geisteswissenschaftlicher Ergebnisse in dem Mittelalter angenommen
hat. Und diese Form, sie war im Grunde genommen ein Letztes, das
sich abspielte, bevor fur die menschliche Geistesentwickelung ein
Tor geschlossen worden ist, das ja durch Jahrhunderte geoffnet war:
das Tor eines gewissen, durch natiirliche Begabung kommenden
Eintrittes in die geistige Welt. Dieses Tor ist ja geschlossen worden
zu der Zeit, in der die Menschen gewissermafien mit ihren unwill-
kurlichen Fahigkeiten herausgestellt werden sollten aus dem Be-
reiche des sie beherrschenden gottlich-geistigen Willens und in
ihrem Innersten, in dem eigenen Willen finden sollten die Moglich-
keit, Freiheit in der Seele zu entwickeln, bewufite Freiheit. Alle Ent-
wickelungsbewegungen geschehen aber langsam und allmahlich,
nach und nach. Und so ist es denn auch gekommen, daft dasjenige,
was zwar nicht mehr in der Form der alten Mysterien, aber in der
Form des Hinauffuhrens in Atherhohen, des Hinunterfuhrens in
Erdenkliifte unmittelbar im Zusammenhange mit dem mensch-
lichen Erleben der Natur, wenn auch nicht auf der Erdoberflache
selber, erreicht werden konnte, nun in der Folgezeit in einer mehr
unbewufiten Form an die Menschen herangetreten ist. Denken Sie
sich nur einmal, wie es jenen Personlichkeiten gegangen ist, die nach
Erkenntnis gestrebt haben, um das Jahr 1200 und in dem folgenden
13. Jahrhundert, die ja naturlich Nachricht gehabt haben davon,
dafi Schiiler noch solche Lehrer wie den, von dem ich gestern ge-
sprochen habe, vor kurzer Zeit hatten finden konnen, denken Sie
nur, wie es denen ergangen ist, die diese Nachricht gehabt haben
und die nunmehr eigentlich darauf angewiesen waren, Erkenntnis
nur mehr durch das menschliche Denken zu finden.
Wir sehen ja dann in der Folgezeit des Mittelalters mehr in grofie-
rem Kreise dieses menschliche Denken in einer wirklich imponie-
renden Weise ausgebildet. Wir sehen dieses menschliche Denken
Wege nehmen, die aus innerstem Eifer, aus einer wirklichen Hin-
gabe der ganzen Seek der Menschen gegangen worden sind. Das
waren so mehr die Wege der grofteren Kreise von erkenntnissuchen-
den Menschen. Aber das eigentlich Geisteswissenschaftliche setzte
sich doch auch fort. Und wir kommen dann, indem wir wenige Jahr-
hunderte weitergehen, in die Zeit hinein, in der das eigentliche
Rosenkreuzertum begriindet worden ist. Aber dieses Rosenkreuzer-
tum hangt eben mit einer Umanderung in der ganzen geistigen
Welt in bezug auf den Menschen zusammen. Und ich werde Ihnen
diese Umanderung wiederum am besten schildern, wenn ich auch
hier Ihnen ein Bild gebe.
Mysterien im alten Sinne des Wortes waren nicht mehr moglich
seit jenem Zeitpunkte, von dem ich Ihnen gesprochen habe; aber
Menschen, die nach Erkenntnis lechzten im Sinne dieser alten My-
sterien und die schwere Seelenkampfe erlebten, wenn sie horten von
der Fiihrung auf den Berg, von der Fiihrung in Erdenkllifte, diese
Menschen, sie entwickelten in ihren Seelen alle moglichen inneren
Methoden, Anstrengungen, um die Seele aufzurufen, nun dennoch
den Weg zu finden. Und derjenige, der solche Sachen sehen kann,
sieht hinein, wie gesagt, nicht in Mysterienstatten, aber in von einer
Atmosphare von Frommigkeit durchwarmte Versammlungsstatte
von Erkenntnis suchenden Menschen. Und eigentlich ist dasjenige,
was dann spater sowohl die gute Rosenkreuzerei war wie auch die
entartete, die scharlatanhafte, ausgegangen von solchen Menschen,
die im Zusammensein, in anspruchslosem Zusammensein versuch-
ten, ihre Seelen so zu arten, daft nun wirklich geistige Erkennt-
nisse noch hatten zustande kommen konnen. Und bei einer solchen
Versammlung, die wirklich in recht anspruchsloser Umgebung, in
dem einfachen Wohnraum eines schlolkrtigen Hauses stattgefunden
hat, in einer solchen Versammlung von wenigen Menschen begab es
sich einmal, dafi diese Menschen durch gemeinsame Exerzitien, die
halb denkerisch-meditativ, halb gebetartig waren, in Gemeinsam-
keit eine Art mystischer Stimmung entwickelten, jene mystische
Stimmung, die dann viel gepflegt worden ist von den sogenannten
«Brudern des gemeinsamen Lebens», gepflegt worden ist spater von
den Anhangern des Comenius und vielen anderen Bruderschaften,
die sich aber ganz besonders intensiv einmal in einem solchen klei-
neren Kreise ausgepragt hat. Und wahrend mit einer wirklichen
Hingabe des gewohnlichen Bewufitseins, mit einer Hingabe des
ganzen Intellektes in intensiv mystischer Stimmung diese wenigen
Menschen beisammen waren, geschah es, dafi zu ihnen ein Wesen
trat, aber jetzt ein Wesen, das nicht Fleisch und Blut hatte wie jener
Lehrer, dem der Schiller begegnete zu der Fuhrung nach dem Berge,
nach den Erdenkluften, sondern ein Wesen, das eigentlich nur im
atherischen Leibe in dieser kleinen Gemeinschaft erscheinen konnte.
Und dieses Wesen enthiillte sich als dasselbe, das jenen Schuler um
das Jahr 1200 gefuhrt hatte. Aber es war im post mortem -Zustande.
Es war aus der geistigen Welt zu diesen Menschen herniedergestie-
gen, die es angezogen hatten dutch ihre fromm-mystisch, meditativ-
denkerische Stimmung.
Damit ja kein Mifiverstandnis entsteht, betone ich ausdnicklich:
Irgendwelche medialen Krafte waren dabei nicht im Spiele, denn
gerade jene kleine Gemeinschaft, die da versammelt war, hatte aus
gewissen Voraussetzungen, die altehrwurdiger Tradition angehorten,
jede Verwendung medialer Krafte, auch jeden Anklang an mediale
Krafte als etwas tief Sundhaftes betrachtet. Gerade in jenen Gesell-
schaften, von denen ich da spreche, wurde Mediumschaft und alles,
was damit verwandt war, nicht nur als etwas Schadliches angesehen,
sondern als etwas tief, tief Sundhaftes, aus dem Grunde siindhaft,
weil ja gewulk wurde von jenen Menschen, dafi Mediumschaft zu-
sammenhangt mit einer besonderen Konstitution auch des phy-
sischen Leibes, daft dem Medium der physische Leib seine Krafte,
seine geistigen Krafte gibt. Der physische Leib wurde aber von jenen
Menschen als der Siinde verfallen betrachtet, und man hatte unter
alien Umstanden Kundgebungen mit Hilfe von medialen Kraften
als ahrimanische oder luziferische Krafte angesehen. Diese Dinge
wurden in jener Zeit eben noch genau gewufit, und so war nichts
irgendwie Mediumhaftes verwendet worden. Dagegen war es rein
die mystisch-meditative Stimmung; und jene Verstarkung der my-
stisch-meditativen Stimmung, die durch die Gemeinsamkeit der
Seelen erzeugt wird, die war es, welche hereinzauberte durch die
eigene Willkiir jenen entkorperten Menschen, jenes rein geistige,
aber menschliche Wesen in diesen Kreis.
Und dieses Wesen sagte in einer sehr feierlichen Art: Ihr seid ja
gerade auf mein Erscheinen nicht vorbereitet, aber ich bin unter
euch, entkorpert, ohne physischen Leib, weil die Zeit gekommen ist,
in der Eingeweihte der alten Art eine kurze Periode des Erdendaseins
im physischen Leibe nicht erscheinen konnen. Diese Zeit wird
wieder kommen, wenn die Michael-Periode anbrechen wird. Ich bin
zu euch gekommen, um euch zu offenbaren, dafi das Menschen-
innere unverwandelt geblieben ist, dafi das Menscheninnere, wenn
es sich in der richtigen Weise verhalt, den Weg zum gottlich-gei-
stigen Dasein finden kann. Aber es wird eine Zeitlang der mensch-
liche Verstand so beschaffen sein, dafi er unter driickt werden muft,
damit Geistiges zur Menschenseele wird sprechen konnen. Darum
bleibet in eurer mystisch-frommen Stimmung. Ich konnte euch,
indem ihr von mir das gemeinsame Bild, die gemeinsame Imagina-
tion empfanget, auf dasjenige, was sich mit euch vollziehen wird,
nur hinweisen, aber ihr werdet die Fortsetzung desjenigen, was ihr
erlebt habt, weiter erfahren.
Und siehe da, drei aus dem Kreise, der da versammelt war, waren
wirklich dazu ausersehen, nunmehr eine besondere Verbindung mit
der geistigen Welt herzustellen, wiederum niemals durch irgend-
welche medialen Krafte, sondern durch Fortfiihrung jener mystisch-
meditativ-frommen Stimmung. Und bei diesen dreien, die dann
besonders behutet wurden von den andern dieses Kreises, wirklich
innig gepflegt wurden, bei diesen dreien stellte sich heraus, dafi sie
von Zek zu Zeit eine Art Geistesabwesenheit erlebten. Sie wurden in
bezug auf ihre aufierliche Korperlichkeit wunderschon, erlangten
etwas wie ein glanzendes Antlitz, sonnenleuchtende Augen, und
wahrend dieser Zeit schrieben sie symbolische Offenbarungen,
die sie aus der geistigen Welt heraus erhielten, auf. Diese symbo-
lischen Offenbarungen waren die ersten Bilder, in denen den Rosen-
kreuzern geoffenbart worden ist, was sie wissen sollten iiber die
geistige Welt. In diesen symbolischen Offenbarungen war ent-
halten eine Art Philosophic eine Art Theologie, eine Art Medizin.
Und dieses Merkwiirdige stellte sich heraus: Die anderen - es
scheint mir, als ob die anderen viere gewesen waren, so dafl das
Ganze eine Gemeinschaft von sieben gewesen war -, die anderen,
sie konnten durch dasjenige, was sie erlebt hatten an den sonnen-
glanzenden Augen, an dem strahlenden Antlitz ihrer drei Briider, in
der gewdhnlichen Sprache dasjenige wiedergeben, was in den Sym-
bolen lag. Die zum Herausholen dieser Symbole aus der geistigen
Welt bestimmten Briider, sie konnten nur diese Symbole hinschrei-
ben, und sie konnten nur sagen, als sie wiederum in ihren gewohn-
lichen Bewufltseinszustand zuruckkehrten: Wir sind gewandelt
unter Sternen und Sternengeistern und haben da die alten Lehrer
des Geheimwissens gefunden. - Sie konnten selbst nicht in gewohn-
liche Menschensprache diese symbolischen Bilder umsetzen, die sie
aufzeichneten. Die anderen konnten es und taten es. Und vieles von
dem, was dann iibergegangen ist zum Teil in die philosophisch-
theologische - aber nicht mehr in die kirchlich-theologische, son-
dern in die profan-theologische - und in die medizinische Literatur,
ist ursprixnglich diesem eben gekennzeichneten Quell entsprossen.
Und in kleineren Kreisen, die durch die ersten Rosenkreuzer or-
ganisiert worden sind, ist dann dasjenige verbreitet worden, was an
solchen Symbolen aus der geistigen Welt erhalten worden ist.
Und immer wieder und wiederum kamen Moglichkeiten, in
kleinsten Kreisen solches zu erleben zwischen dem 13. und 15. Jahr-
hundert. Es ist viel aus der geistigen Welt auf eine solche oder ahn-
liche Art zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert den Menschen ge-
offenbart worden. Nicht immer waren diejenigen, die dann das in
Bildern Geoffenbarte ubersetzen sollten, in der Lage, es wirklich
treu wiederzugeben. Daher hat manches, was Sie ja heute noch aus
der Philosophic dieser Zeit uberliefert finden konnen, einen in sich
nicht ganz klaren Charakter, und man mufi dann das, was es eigent-
lich bedeutet, selbst wiederum aus der Welt des Geistes heraus
suchen. Aber immerhin war die Moglichkeit vorhanden bei den-
jenigen, die urn diese Art der Offenbarung von seiten der geistigen
Welt wufken, anzuknupfen an solche Offenbarungen.
Aber Sie miissen sich ja denken, wie sonderbar allmahlich die
Stimmung der Menschen werden mufite, die diese hochsten Er-
kenntnisse - denn als solche wurde dasjenige, was ihnen gegeben
wurde, anerkannt -, die solche hochsten Erkenntnisse von einer
Seite her bekommen mufiten, die ihnen eigentlich allmahlich un-
heimlich wurde, weil sie ja nicht hineinschauten in die Welt, aus der
ihnen diese Geheimnisse kamen, weil das gewohnliche Bewufitsein
nicht hineinreichte. Daher war es auch so naheliegend, daft solche
Dinge sehr leicht zum Scharlatanhaften, ja zum Schwindelhaften
fiihren konnten. Und in keiner Zeit der menschlichen Entwickelung
ist eigentlich Scharlatanhaftes und Hochstes in der Offenbarung so
nahe beieinander gewesen wie in dieser Zeit. Und schwierig ist fur
diese Zeit, das Echte von dem Falschen zu unterscheiden, daher
auch von vielen die ganze Rosenkreuzerei als eine Scharlatanerie an-
gesehen wird. Man kann es begreifen, dafi es so geschieht, denn die
wahren Rosenkreuzer sind unter den Scharlatanen aufierordentlich
schwer zu finden, und die ganze Sache wird dadurch besonders frag-
wiirdig, dafi man eben immer die Voraussetzung machen mufite, die
geistige Offenbarung stamme aus Quellen heraus, die zunachst ihrer
eigentlichen Beschaffenheit nach eben verborgen blieben.
Und es war so, daft diejenigen, die allmahlich sozusagen ge-
sammelt wurden von den ersten Rosenkreuzern zu einer grofieren
Briiderschaft, immer eigentlich als Unbekannte in der Weise auf-
traten, daft sie in der Welt da und dort erschienen, zumeist in der
damaligen Zeit im Arztberuf, Kranke heilten, und bei dieser Ge-
legenheit, indem sie den Arztberuf ausiibten, zu gleicher Zeit Er-
kenntnisse verbreiteten. Es war schon so, daft vieles, vieles an Er-
kenntnissen damals verbreitet worden ist, von dem man sagen muft:
Es hat die Verbreitung einen etwas peinlichen Charakter, weil ja die
Menschen, die diese Verbreitung betrieben, gar nicht sagen konn-
ten, wie der Zusammenhang mit der geistigen Welt ist, in dem sie
standen.
Aber es bildete sich ein anderes aus innerhalb dieses Betriebes
geistiger Forschung, geistiger Erkenntnis. Es ist ja etwas ungeheuer
Schones, wenn man so sieht: Da sind drei Bruder und vier andere,
drei Briider, die eigentlich in dem, was sie der Welt bieten konnen,
nur ein Zweckvolies erreichen konnen, wenn die andern viere mit
ihnen zusammenarbeiten. Sie sind unbedingt aufeinander ange-
wiesen. Die dreie bekommen ihre Offenbarungen aus der geistigen
Welt, die viere konnen es in die gewohnliche Menschensprache
iibersetzen. Das, was die dreie geben, waren ganz unverstandliche
Bilder, wenn die vier anderen sie nicht iibersetzen konnten. Und
wiederum, die vier anderen wiirden gar nichts haben zum Uber-
setzen, wenn die dreie nicht ihre Offenbarungen in Bildform aus der
geistigen Welt empfingen.
Dadurch bildete sich innerhalb solcher Gemeinschaften das-
jenige aus, was gerade in diesen Jahrhunderten in gewissen Kreisen
als etwas angesehen wurde, das ein Hdchstmenschliches ist: innerliche
seelische Bruderschaft, Bruderschaft in der Erkenntnis, Bruderschaft
im geistigen Leben. Solche kleinen Kreise lernten gerade durch ihr
Streben den realen Wert der Bruderschaft kennen. Und sie emp-
fanden ailmahlich immer mehr und mehr, dafi die Entwickelung der
Menschheit zu der Freiheit hin so ist, dafi das Band zwischen den
Menschen und den Gottern ganz zerreiften wiirde, wenn es nicht
aufrechterhalten wiirde durch solche Bruderschaft, wo wirklich einer
auf den andern angewiesen ist.
Was man da zu schildern hat, ist etwas seelisch au£erordentlich
Schones. Und iiber manchem, was damals geschrieben worden ist,
liegt ein Zauber, der erst verstandlich wird, wenn man weifi, dafi
diese Atmosphare von Menschenbruderschaft, die in dieser Zeit
durch das geistige Leben vieler Kreise Europas ging, in dieses Schrift-
tum herrlich hineingeleuchtet hat. Aber das Ganze war eben - und
immer mehr und mehr zeigte sich das - bei denjenigen, die so nach
Erkenntnis strebten, in eine Stimmung getaucht, die die Leute angst-
lich machte. Weil man nicht an die Quellen der geistigen Offen-
barung herankam, so konnte man zuletzt gar nicht mehr wissen, ob
diese Offenbarungen guter Art oder boser Art sind. Und eine gewisse
Angstlichkeit vor gewissen Einfliissen machte sich neben allem Guten
in diesen Stromungen in dieser Zeit ganz besonders geltend. Die-
se Angstlichkeit ging dann ja auf grofie Kreise des Volkes iiber,
die Furcht hatten, starke Furcht hatten vor aller Erkenntnis.
Man kann diese Stimmung besonders gut studieren bei zwei
Menschen. Der eine ist der im 15. Jahrhundert lebende, etwa 1430
geborene Raimund von Sabunda. Raimund von Sabunda ist ein
merkwiirdiger Mensch. Wenn man sich in dasjenige, was er gedacht
hat, was er hinterlassen hat, vertieft, so hat man das Gefuhl: Es ist
fast dieselbe Offenbarung, die jener Berg- und Erdenkliiftelehrer
seinem Schiiler um das Jahr 1200 ubermacht hat, in vollem Bewufit-
sein ubermacht hat. - Und doch wiederum, das Ganze ist in unbe-
stimmtere und unpersonlichere Redensarten getaucht - philoso-
phischer, theologischer, medizinischer Art - bei Raimund von Sa-
bunda im 15. Jahrhundert. Das aber riihrt davon her, daft Raimund
von Sabunda eben auch seine Offenbarungen empfangen hatte auf
dem Umweg durch die wahre Rosenkreuzerei, also auf jenem Wege,
der dadurch eroffnet war, dafi der grofie Eingeweihte vom 12. Jahr-
hundert, dessen Wirkungen ich Ihnen geschildert habe, weiter
inspirierend wirkte fur all das, was ich heute gekennzeichnet habe,
aus der geistigen Welt her. Denn im Grunde genommen ging von
ihm und denjenigen, die mit ihm in der geistigen Welt waren, all
jene Offenbarung aus, die dann durch die Rosenkreuzerei so zog,
wie ich es fur die Rosenkreuzerei ofters beschrieben habe. Die Stim-
mung gab er. Aber Angstlichkeit bemachtigte sich doch nun solcher
Geister. Raimund von Sabunda war ein mutiger, ein kiihner Geist,
einer von jenen Menschen, die Ideen zu wiirdigen vermogen, die in
Ideen zu leben verstehen. Daher merkt man bei ihm zwar etwas von
dem Unbestimmten, das davon herriihrt, daft ja die Offenbarungen
eben aus der geistigen Welt heraus sind, aber man merkt nichts bei
ihm von irgendeiner Angstlichkeit, von einer Erkenntnis -Angstlich-
keit. Um so mehr tritt einem dasjenige, was aus jener Geistesstro-
mung in dieser Art hervorging, besonders charakteristisch entgegen
bei einem anderen Geist, bei Pico de Mirandola im 15. Jahrhundert.
Der fruhverstorbene Pico de Mirandola ist ein sehr merkwiirdiger
Geist. Vertieft man sich in dasjenige, was er erdacht und ersonnen
hat, so sieht man in seinem Denken, in seinem Sinnen uberall die-
selbe Inspiration wirksam, die ich eben charakterisiert habe: die
Fortsetzung der Weisheit jenes alten Eingeweihten auf dem Umwege
durch die Rosenkreuzerstromung. Aber man sieht wie eine Art
Zurikkweichen bei Pico de Mirandola, ein Zuriickweichen vor dicser
Erkenntnis. Er versichert zum Beispiel: Alles, was auf Erden ge-
schieht, daft auf Erden Steine entstehen, daft auf Erden Pflanzen
leben, wachsen, Frikhte tragen, daft auf Erden Tiere leben, das alles
riihrt nicht von den Kraften der Erde her. - Wenn jemand glauben
wiirde, da sei die Erde, und die Krafte der Erde bewirken dasjenige, Tafel 5
was auf der Erde ist, so habe er eine falsche Anschauung. Die rich-
tige Anschauung nach Pico de Mirandola ist, daft es die Sterne sind,
und dasjenige, was auf der Erde geschieht, alles abhangt von den
Sternen. Das Kleinste, was auf Erden geschieht, ist nach Pico de
Mirandola abhangig von den Sternen. Man muft zum Himmel
hinaufschauen, wenn man begreifen will, was auf der Erde geschieht.
Und es ist schon im Sinne von Pico de Mirandola geredet, wenn man
sagt: Du gibst mir die Hand, mein Menschenbruder, aber es ist nicht
nur dein Gefuhl die Ursache davon, daft du die Hand gibst, sondern
es ist der Stern, der uber dir steht, der dir den Impuls gibt, mir die
Hand zu geben. - Zuletzt ist alles bewirkt von demjenigen, was im
Himmlischen, im Kosmischen begriindet ist, und der Abglanz
davon allein geschieht auf Erden.
Als bestimmte Uberzeugung spricht das Pico de Mirandola aus,
und zugleich sagt er: Aber die Menschen sind verpflichtet, nicht auf
diese Sternenursachen zu sehen, sondern allein die nachste Ursache
auf Erden zu berikksichtigen. - Von diesem Gesichtspunkte aus
bekampft Pico de Mirandola - das ist aufterordentlich charakte-
ristisch - die ihm uberkommene Astrologie. Er weift, daft die alte,
wirkliche, echte Astrologie in den Schicksalen der Menschen sich
ausspricht. Das weift er, das halt er fur eine Wahrheit. Allein er sagt,
man solle nicht Astrologie treiben, man solle nur die nachsten Ur-
sachen suchen.
Merken Sie, was da eigentlich vorliegt? Da liegt zum erstenmal in
einer ganz eigentiimlichen Art die Idee von den Grenzen der Er-
kenntnis vor, aber, ich mochte sagen, in der Form, in der sie ganz
menschlich ist. Wenn Sie spater bei Kant, bei Du Bois-Reymond
nachschauen, da wird Ihnen gesagt: Der Mensch kann nicht die
Grenzen der Erkenntnis iiberschreiten, es beruhe auf einer inneren
Notwendigkeit. - Das ist bei Pico de Mirandola im 15Jahrhundert
nicht der Fall, sondern der sagt: Ja, dasjenige, was hier auf der Erde
ist, ist von kosmischen Ursachen bewirkt, aber der Mensch soli ver-
zichten, diese kosmischen Ursachen zu erkennen. Der Mensch soil
sich auf die Erde beschranken, - Und so tritt uns im 15. Jahrhundert
der freiwillige Verzicht auf die hochste Erkenntnis bei einer so cha-
rakteristischen Personlichkeit wie Pico de Mirandola entgegen. Das
ist eine kulturhistorische Geistestatsache von der denkbar weittra-
gendsten Bedeutung. Dazumal vollzog es sich eben, dafi Menschen
sich gesagt haben: Wir wollen verzichten auf Erkenntnis. - Und in
der Tat, dasjenige, was sich in solch einer Personlichkeit, wie Pico de
Mirandola ist, autelich abspielt, das hat wieder sein Gegenbild
im Spirituellen.
Wiederum war es in einer jener anspruchslosen Versammlungs-
wohnungen der Rosenkreuzer, wo bei einer Kultushandlung, die
eigens zu diesem Zwecke angestellt worden ist, in allerfeierlichster
Form im 15. Jahrhunderte, in der zweiten Halfte des 15. Jahrhun-
derts, das Opfer dargebracht worden ist der Sternenerkenntnis. Und
man mochte sagen: Dasjenige, was sich bei jener einmal vollzoge-
nen, in besonderer Feierlichkeit vollzogenen Kultushandlung zu-
getragen hat, das ist dieses. Menschen standen vor einer Art von
Altar und sagten: Wir wollen uns jetzt verantwortlich fuhlen nicht
allein fur uns oder unsere Gemeinschaft oder unser Volk oder die
Menschheit der Gegenwart, wir wollen uns verantwortlich fuhlen fur
alle Menschen, die jemals auf Erden gelebt haben. Wir wollen uns
als Angehorige der ganzen Menschheit fuhlen. Und wir fuhlen, daft
die Menschheit etwas durchgemacht hat, was ein Verlassen des
Ranges der vierten Hierarchie ist, ein zu tiefes Hinuntersteigen in
die Materie - so wurde der Siindenfall aufgefafk. Deshalb, damit die
Menschheit wiederum zurikkkommen kann zu ihrem Range der
vierten Hierarchie und im freien Willen dasjenige finden konne, was
friiher Gotter fur sie und mit ihr versucht haben, sei geopfert die
hohere Erkenntnis fur eine gewisse Zeit. - Und gewisse Wesenheiten
der geistigen Welt, die nicht menschlicher Art sind, nicht in mensch-
licher Inkarnation zur Erde herabkommen, haben das Opfer ent-
gegengenommen, um gewisse Ziele in der geistigen Welt zu er-
reichen, von denen hier zu sprechen zu weit fuhren wiirde, was ein
anderes Mai geschehen soil. Den Menschen aber wurde dafur der
Impuls zur Freiheit aus der geistigen Welt moglich.
Ich fiihre diese Kultusszene aus dem Grunde an, weil ich durch
sie Ihnen sagen mochte, dafi eigentlich alles, was im aufieren phy-
sisch-sinnlichen Leben geschieht, geistige Gegenbilder hat, die wir
nur suchen miissen da, wo sie sind. Denn zuweilen bedeutet irgend-
eine einzelne Kultushandlung, die von, ich will jetzt in diesem
Zusammenhange nicht sagen Wissenden, sondern die von solchen
Personlichkeiten vollzogen wird, die mit der geistigen Welt im Zu-
sammenhang stehen, bisweilen bedeutet sie etwas, wovon die Im-
pulse fur eine ganze Kultur oder Zivilisationsstromung ausstrahlen.
Derjenige, der wissen will das Grundkolorit einer Zeitepoche, der
mufi den entsprechenden geistigen Ausstrahlungspunkt fur die
Krafte suchen, die diese Zeitperiode durchstromten.
Das Folgende dann, was an Geistigem, an wirklich Geistig-Spiri-
tuellem produziert wurde, war ein Nachklang eines solchen Schaf-
fens aus unbekannten geistigen Welten heraus. Und man hat bis ins
19. Jahrhundert herein neben dem, was sich an auflerem Materia-
lismus entwickelte, immer einzelne Geister kennenlernen konnen,
die unter der Nachwirkung jenes Verzichtes auf die hohere Erkennt-
nis gelebt haben.
Einen Menschentypus, der vom 15. Jahrhundert durch das 16.,
17., 18. lebte, den mochte ich Ihnen wenigstens mit ein paar
Strichen charakterisieren. Einen Menschentypus, den man irgend-
wo auf dem Dorfe draufien fand als Sammler von Krautern fiir
Apotheken, als irgendwie anders in einem anspruchslosen Berufe
drinnen. Irgend solch eine Personlichkeit miissen wir uns vorstellen.
Man trifft sie, wenn man selber Interesse hat an besonderen Gestal-
tungen des Menschenwesens in dieser oder jener Individuality, man
trifft sie, diese Personlichkeit. Zunachst ist sie aufierordentlich zu-
geknopft, redet wenig oder lenkt die Aufmerksamkeit von dem,
was man in ihr suchen mochte, dadurch ab, dafi sie unbedeutende,
absichtlich ganz triviale Redensarten fiihrt, durch die sie den Glau-
ben erwecken will, es sei nicht der Miihe wert, sich mit ihr zu unter-
halten. Wenn man aber versteht, nicht immer auf den Inhalt der
Worte zu sehen, die ein Mensch sagt, sondern auf den Klang seiner
Worte, auf die Art und Weise, wie sie von ihm kommen, dann horte
man einem solchen Menschen dennoch weiter zu. Und wenn er
dann aus irgendeinem karmischen Zusammenhang heraus den Ein-
druck bekam, er solle reden, dann fing er an, vorsichtig zu sprechen,
und man entdeckte, dafi man eine Art von Weisen in ihm hatte.
Aber dasjenige, was er sagte, war nun nicht Sternenweisheit. Das,
was er sagte, war auch nicht irdische Weisheit. Es war uberhaupt
nicht viel von dem in ihm enthalten, was man jetzt Geisteswissen-
schaft nennt, aber es waren warme Herzensworte, Moralanweisun-
gen weittragender Art, die aber unsentimental vorgebracht wurden,
sprichwortliche Redensarten.
Man konnte horen so etwas wie: Gehen wir zu jenem Baume.
Meine Seele kann in die Nadeln hineinkriechen, in die Tannen-
zapfen hineinkriechen, denn meine Seele ist uberall. Wenn sie in
die Tannenzapfen und in die Nadeln hineinkriecht, dann schaut sie
durch die Tannenzapfen und Nadeln hinaus in die Weltentiefen
und Weltenfernen, und dann wird man eins mit der ganzen Welt.
Und das ist wahre Frommigkeit, wenn man so eins wird mit der
ganzen Welt. Wo ist Gott? In jedem Tannenzapfen ist Gott. Und
wer nicht Gott in jedem Tannenzapfen anerkennt, wer Gott irgend-
wo anders sucht als in jedem Tannenzapfen, der erkennt den wirk-
lichen Gott nicht. - Ich will nur charakterisieren, wie etwa solche
Menschen sprachen, die man auf diese Weise fand, wie ich es ge-
schildert habe. So sprachen solche Menschen. Sie sagten etwa auch:
Ja, und dann, wenn man in die Tannenzapfen und in die Nadeln hin-
einkriecht, dann findet man, wie der Gott sich freut iiber die Men-
schen in der Welt. Wenn man aber in das eigene Herz ganz tief hin-
untersteigt, in die Abgriinde der Innerlichkeit der Menschennatur tief
hinuntersteigt, dann findet man auch den Gott, aber dann lernt man
ihn erkennen, wie er traurig wird uber die Sunden der Menschen.
In solcher Art sprachen diese anspruchslosen Weisen. Eine grofie
Zahl dieser anspruchslosen Weisen hatte gewisse - ich mochte in der
heutigen Sprache sagen - Ausgaben der alten Rosenkreuzerfiguren.
Sie zeigten sie ebensolchen Menschen, die ihnen so entgegentraten,
dafi sie sich aussprachen. Aber gerade, wenn iiber diese Figuren, die
in anspruchslosen, recht schlechten Drucken unter diesen Leuten
lebten, gesprochen wurde, da entwickelten sich die Gesprache auf
eine merkwiirdige Art. Manche Menschen waren dann, trotzdem sie
Interesse fafiten an dem anspruchslosen Weisen, von einer gewissen
Neugierde befallen, was diese merkwiirdigen Rosenkreuzerbilder
eigentlich bedeuteten, fragten, und man bekam dann von diesen als
Sonderlinge angesehenen einzelnen Weisen keine rechte, genaue
Antwort, sondern nur den Hinweis: Wenn man sich so recht ver-
tieft, dann kann man wie durch ein Fenster durch diese Figuren
in die geistige Welt hineinschauen. - Sie beschrieben mehr, was
sie an ihnen gefuhlsmarlig erleben konnten, als dafi sie irgend-
welche Deutungen oder Interpretationen der Figuren gaben. Und
manchmal konnte man, wenn man solche Aussprikhe des Fuhlens
der Personen bei diesen Figuren schildern gehort hatte, nicht recht
zurechtkommen mit Gedanken, denn es waren keine Gedanken,
die sie gaben. Aber es hatte eine ungeheuer bedeutende Nachwir-
kung. Man ging nicht nur mit einer warmen Seele davon, sondern
man ging davon mit der Empfindung: Du hast eine Erkenntnis
bekommen, die in dir lebt, die du gar nicht in Begriffe bringen
kannst.
Und das war einer der Wege neben den andern, die ich Ihnen
geschildert habe, wie auf gefuhlsmafiige Weise in diesem Zeitalter
vom 14., 15. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
Menschlichkeit, Gottlichkeit in weiten Kreisen verkiindet und ver-
breitet worden ist. Man kann nicht ganz sagen, wortlos, man kann
aber sagen, ideenlos, jedoch deshalb nicht inhaltlos. Es ist in diesem
Zeitalter viel durch Gedankenstummheit zwischen den Menschen
verhandelt worden. Und niemand bekommt eigentlich einen
rechten Begriff von dem Charakter dieses Zeitalters, der nicht weifi,
wieviel in diesem Zeitalter durch Gedankenstummheit, indem die
Menschen ihre Seelen gewechselt haben, nicht blofi ihre Worte,
bewirkt worden ist.
Damit wollte ich Ihnen noch einen der Ziige jenes Ubergangs-
zeitalters, in dem die Freiheit unter den Menschen gediehen ist,
schildern. Ich werde ja in der nachsten Zeit auf die verschiedenste
Art mehreres aus diesem Gebiete heraus zu schildern haben. Hier
wollte ich nur eben ankniipfen noch, erganzend einiges auch, an-
kniipfen an dasjenige, was wahrend der Tagung geschehen ist, und
erganzend einiges Weitere sagen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 11. Januar 1924
Es obliegt mir, noch einiges Erganzendes hinzuzufugen zu den Aus-
einandersetzungen, die ich in den letzten Zeiten hier gemacht habe.
Ich habe versucht darzustellen, wie der Gang der geistigen Erkennt-
nis durch die Jahrhunderte war und welche Gestalt er dann gerade in
den neuesten Zeiten angenommen hat, und ich konnte darstellen,
wie etwa vom 15. Jahrhundert ab bis zum Ende des 18. Jahrhun-
derts, ja bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, der Verlauf der war,
daft dasjenige, was fruher in einer konkreten, wenn auch instink-
tiven Erkenntnis da war, sich eigentlich in dieser Zeit mehr ausgelebt
hat in einem gefuhlsmafiigen Hingegebensein an das Geistige der
Welt iiberhaupt.
Wir sehen ja, wie die realen Erkenntnisse der Menschen in bezug
auf die Natur, in bezug auf das Wirken der geistigen Welt in der
Natur im 11., 12., 13. Jahrhundert durchaus noch da sind. Wir
konnen es selbst bei einer solchen Personlichkeit wie Agrippa von
Nettesheim, den ich ja dargestellt habe in meinem Buche iiber die
Mystik, sehen, wie er durchaus noch eine Erkenntnis davon hat, daft
zum Beispiel in den Planeten unseres Planetensystems in ganz be-
stimmter Weise geartete geistige Wesenheiten vorhanden sind.
Agrippa von Nettesheim fuhrt in seinen Schriften fur jeden ein-
zelnen Planeten dasjenige an, was er die Intelligenz des Planeten
nennt, und dann dasjenige, was er den Damon des Planeten nennt.
Das weist hin auf Traditionen, die aus alten Zeiten damals noch
durchaus vorhanden waren, die aber eben auch in dieser Zeit nicht
blofie Traditionen waren. Das Hinaufschauen zu einem Planeten in
dem Sinne, wie es die spatere Astronomie getan hat und noch heute
tut, das ware einem solchen Geiste wie Agrippa von Nettesheim
noch ganz und gar unmoglich gewesen. Der auftere Planet, uber-
haupt der auflere Stern war nur etwas wie eine Ankiindigung fur
geistige Wesenheiten, auf die der Seelenblick fiel, wenn man in der
Richtung des Sternes sah. Und er wufite, dafi die Wesenheiten, die
mit den einzelnen Gestirnen verbunden sind, solche sind, welche
das innere Dasein des Planeten regeln, aber audi die Bewegungen
des Planeten im Weltenall regeln, welche die ganze Tatigkeit eines
Gestirnes regeln und so weiter. Und solche Wesenheiten fafite er
zusammen unter dem Namen Intelligenz des Gestirnes.
Aber er wufite auch, wie aus dem Gestirn heraus und in dasselbe
hineinwirken hemmende, man mochte sagen, die guten Taten des
Gestirnes untergrabende Wesenheiten. Die fafite er zusammen
unter dem Namen des Damons des Gestirnes. Solch eine Erkenntnis
war aber durchaus in der damaligen Zek damk verbunden, da£ auch
die Erde als ein solcher Weltenkorper aufgefafk worden ist, der seine
Intelligenz und der seinen Damon hat. Aber gerade das Wesent-
liche, das mit dieser Auffassung von der Gestirn-Intelligenz und von
der Gestirn-Damonologie verbunden war, ging ja ganz und gar ver-
loren, denn es driickte sich dieses Wesentliche gerade in dem Fol-
genden aus.
Die Erde betrachtete man naturlich auch als in ihrer inneren
Tatigkeit, in ihrer Bewegung im Kosmos geregelt durch eine Summe
von Intelligenzen, die man zusammenfassen konnte unter der Intel-
ligenz des Erdengestirns. Aber was war fur diese Personlichkeiten
noch die Intelligenz des Erdengestirns? Es ist heute ja aufierordent-
lich schwer, iiberhaupt von diesen Dingen noch zu reden, weil die
Vorstellungen der Menschen so weit weggegangen sind von dem,
was in der damaligen Zeit wie etwas Selbstverstandliches gait fur die
einsichtigen Menschen. Die Intelligenz des Erdengestirns war der
Mensch als solcher. Man sah den Menschen an als dasjenige Wesen,
welches von der Weltengeistigkeit die Aufgabe erhalten hat, nicht
etwa blofi, wie der heutige Mensch meint, auf der Erde herumzu-
gehen oder mit der Eisenbahn herumzufahren, Waren einzukaufen
und zu verkaufen, Bucher zu schreiben und dergleichen, sondern
man falke den Menschen so auf, dafi er von der Weltengeistigkeit
die Aufgabe erhalten hat, in alles das, was sich bezieht auf die Stel-
lung der Erde im Kosmos, regelnd, ordnend, gesetzma&ig einzu-
greifen. Den Menschen fafite man so auf, dafi man sagte: Er gibt der
Erde durch dasjenige, was er ist, durch die Krafte, die er innerhalb
seines Wesens birgt, den Impuls zu ihrer Bewegung um die Sonne,
zu ihrer Bewegung weiter im Weltenraume.
Man hatte damals noch ein Gefuhl dafiir, dafl das dem Menschen
einstmals zugeteilt war, dafl der Mensch wirklich zu dem Herrn der
Erde von der Weltengeistigkeit gemacht war, dafi er aber dieser Auf-
gabe sich nicht gewachsen gezeigt hat im Verlaufe seiner Entwicke-
lung, daft er von seiner Hohe heruntergestiirzt sei. Man trifft heute
nur noch sehr selten die Nachklange dieser Ansicht da, wo von Er-
kenntnis die Rede ist. Alles, was in religioser Auffassung von dem
Sundenfall gedacht wird, geht ja schliefilich auch auf diese Vorstel-
lung zuriick. Das handelt ja davon, daft der Mensch ursprunglich
eine ganz andere Stellung auf der Erde und im Weltenall hatte, als
er sie heute einnimmt, daft er von seiner Hohe herabgestiirzt sei.
Aber auiter dieser religiosen Auffassung, da, wo man glaubt, Er-
kenntnisse, die methodisch erworben werden, zu haben, da gibt es
heute eigentlich nur noch Nachklange an jene alte, aus instinktivem
Hellsehen hervorgegangene Erkenntnis von der einstigen Aufgabe
des Menschen und von seinem Herunterstiirzen in seine heutige
Eingeschlossenheit in so enge Grenzen.
Es kommt zum Beispiel heute noch vor, dafi man diese oder jene
Personlichkeit einmal zum Sprechen bekommt, sagen wir - ich
erzahle Tatsachen -, man kommt in ein Gesprach mit dieser oder
jener Personlichkeit, die tiefer nachgedacht, nachgesonnen hat,
auch sich tiefere Erkenntnisse erworben hat iiber das oder jenes auf
geistigem Felde; man kommt ins Gesprach, ob denn der Mensch
heute, so wie er auf der Erde steht, eigentlich ein in sich geschlos-
senes, sein Wesen in sich tragendes Geschopf sei. Und da sagen
einem dann solche Personlichkeiten: Das kann er nicht sein. Der
Mensch musse eigentlich - sonst konne er nicht das Streben in sich
haben, das er nun einmal hat, sonst konne er in seinen hochsten
Exemplaren nicht den grolkn Idealismus entfalten, den er oftmals
entfaltet-, der Mensch musse eigentlich seiner Natur nach ein umfas-
sendes Wesen sein, das aber irgendwie eine kosmische Siinde auf sich
geladen hat, durch die er beschrankt worden ist in das heutige irdische
Dasein herein, so dafi er heute eigentlich wie in einem Kafig sitzt.
Gewifi, diese Anschauung trifft man noch da oder dort als Nach-
ziigler jener alten Anschauung. Aber im ganzen und grofien, wo ist
es denn, daft sich diejenigen, die sich heute fur Wissenschafter hal-
ten, iiberhaupt im Ernste mit diesen umfassenden Fragen beschaf-
tigen, die aber doch schliefilich das einzige sind, was den Menschen
wirklich zu einem menschenwurdigen Dasein bringen kann?
Und so war es schon so, dafi der Mensch einst als der Trager der
Intelligenz der Erde angesehen wurde. Aber auch der Erde schrieb
eine solche Personlichkeit wie Agrippa von Nettesheim einen Da-
mon zu. Nun, dieser Damon des Irdischen, er ist eigentlich, wenn
wir in das 12., 13. Jahrhundert noch zuruckgehen, ein Wesen, das
so, wie es geworden ist, auf der Erde hat nur werden konnen, weil
es eben in den Menschen die Werkzeuge gefunden hat zu seinem
Wirken.
Wenn man dies verstehen will, mull man sich eigentlich mit der
Art und Weise bekanntmachen, wie in jener Zeit uber das Verhalt-
nis der Erde zur Sonne beziehungsweise des irdischen Menschen zur
Sonne gedacht wurde. Und wenn ich Ihnen die Anschauung liber
dieses Verhaltnis charakterisieren soli, so mull ich im Grunde wie-
derum in Imaginationen reden, denn diese Dinge lassen sich nicht
in abstrakte Begriffe bannen. Das eigentlicheZeitalter der abstrakten
Begriffe hat ja erst spater begonnen, und die abstrakten Begriffe
sind weit davon entfernt, die Wirklichkeit zu umspannen, und so
mufi schon in Imaginationen dargestellt werden.
Die Sonne, sie ist eigentlich - nachdem sie sich in der Art, wie ich
das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe, von der Erde
getrennt hat oder die Erde von sich abgetrennt hat -, sie ist eigent-
lich doch, da der Mensch seit dem Saturndasein mit dem gesamten
Planetensystem einschlieftlich der Sonne verbunden war, die Ur-
sprungsstatte des Menschen. Der Mensch hat nicht seine Heimat auf
der Erde, sondern der Mensch hat einen vorubergehenden Auf-
enthalt auf der Erde. Er ist in Wirklichkeit nach jener alten Anschau-
ung ein Sonnenwesen. Er ist in seinem ganzen Sein mit der Sonne
verbunden. Da er dieses ist, sollte er eigentlich als Sonnenwesen
anders auf der Erde dastehen, als wie er ist. Er sollte so auf der Erde
dastehen, daft die Erde ihrem Drange geniigen konnte, aus dem
mineralischen und dem pflanzlichen Reiche heraus den Samen des
Menschen in atherischer Form hervorzubringen, und der Sonnen-
strahl sollte dann diesen von der Erde hervorgebrachten Samen be-
fruchten. Und daraus sollte die atherische Menschengestalt erschei-
nen, die erst durch dasjenige, was sie als eigenes, von sich selbst aus
begriindetes Verhaltnis zu den physischen Erdenstoffen macht, die
physische Erdenstofflichkeit annehmen sollte. Also es war etwa von
den Zeitgenossen des Agrippa von Nettesheim - Agrippa hatte
leider schon etwas von Triibung in seiner Erkenntnis -, aber von
seinen besseren Zeitgenossen war eigentlich gedacht worden, daft
der Mensch nicht so, wie es nun einmal ist auf der Erde, irdisch ge-
boren werden sollte, sondern daft der Mensch in seinem atherischen
Leibe durch das Zusammenwirken von Sonne und Erde zustande
kommen sollte und sich seine irdische Gestalt, wandelnd als athe-
rische Wesenheit auf der Erde, erst geben sollte. Gewissermaften in
pflanzlicher Reinheit sollten erwachsen auf der Erde die Menschen-
samen, atherisch da und dort auftretend als dunkel funkelnde
Erdenfruchte, dann uberglanzt werden von dem Lkhte der Sonne in
bestimmter Jahreszeit, und durch jenes Uberglanzen atherisch Ge-
stalt annehmend in menschlicher Art. Denn nicht aus dem Leibe der
Mutter, sondern aus der Erde und dem, was auf ihr ist, sollte der
Mensch selber heranziehen dasjenige, was er an physischer Substanz
aus dem Erdenbereiche sich einverleiben sollte. So dachte man, ware
es eigentlich im Sinne der Weltengeistigkeit gewesen, daft der
Mensch die Erde betritt.
Und dasjenige, was spater gekommen ist, ist dadurchgekommen,
daft der Mensch einen zu tiefen Drang, eine zu intensive Begierde in
sich hat erwachen lassen zu dem Irdisch-Stofflichen. Dadurch ist er
verlustig geworden seines Zusammenhanges mit Sonne und Kos-
mos, und er konnte auf der Erde nur in Form der Vererbungsstro-
mung sein Dasein finden. Dadurch aber hat gewissermaften der
Damon der Erde seine Arbeit begonnen, denn mit Menschen, die
sonnengeboren waren, hatte sich der Damon des Irdischen nicht
beschaftigen konnen. Dann aber, wenn der Mensch also die Erde
betreten hatte, dann ware er wirklich die vierte Hierarchic Da
wlirde stets, wenn uber den Menschen geredet wiirde, so geredet
werden miissen, dafi man sagte: Erste Hierarchie - Seraphim, Che-
rubim, Throne; dann zweite Hierarchie - Exusiai, Dynamis, Kyrio-
tetes; dritte Hierarchie - Angeloi, Archangeloi, Archai; vierte Hier-
archie - der Mensch, in drei Abstufungen des Menschlichen, aber
eben eine vierte Hierarchie. Dadurch aber, dafi der Mensch nach
dem Physischen hin seinen starken Drang geltend gemacht hat,
dadurch wurde er nicht das Wesen auf der untersten Sprosse der
Hierarchien, sondern das Wesen an der Spitze, auf der hochsten
Sprosse der irdischen Naturreiche: Mineralreich, Pflanzenreich, Tier-
reich, Menschenreich. So hat man die Stellung des Menschen damals
angesehen.
Dadurch aber, dafi der Mensch seine Aufgabe auf der Erde nicht
gefunden hat, dadurch hat die Erde auch nicht ihre wurdige Stel-
lung im Kosmos. Denn es ist ja eigentlich dadurch, dafi der Mensch
gef alien ist, der eigentliche Regent der Erde nicht da. Was ist nun
gekommen? Der eigentliche Regent der Erde fehlt, und notwendig
wurde, dafi die Erde in ihrer Stellung im Kosmos nicht von sich aus
regiert wurde, sondern regiert wurde von der Sonne aus, so dafi der
Sonne die Aufgaben zugefallen sind, die eigentlich auf Erden ver-
richtet werden sollen. Also es sah der mittelalterliche Mensch zur
Sonne hinauf und sagte: In der Sonne sind gewisse Intelligenzen. Sie
bestimmen die Bewegung der Erde im Kosmos, sie regeln, was auf
der Erde selber geschieht. Der Mensch sollte es tun. Die
Sonnenkrafte sollten auf der Erde durch den Menschen fur das Da-
sein der Erde wirken. - Dadurch entstand jene bedeutsame Vorstel-
lung des mittelalterlichen Menschen, die eingeschlossen ist in die
Worte: Die Sonne, der unrechtmafiige Furst dieser Welt.
Und jetzt bedenken Sie, meine lieben Freunde, wie unendlich ver-
tieft fur diesen mittelalterlichen Menschen gerade durch solche Vor-
stellungen der Christus-Impuls wurde. Der Christus wurde zu dem
Geiste, der auf der Sonne seine weitere Aufgabe nicht finden wollte,
der nicht bleiben wollte unter denjenigen, die von aufien her un-
rechtmafiig die Erde dirigieren. Er wollte seinen Weg von der Sonne
zur Erde finden, einziehen in Menschengeschick und Erdengeschick,
wandeln durch die Erdenereignisse und durch die Erdenentwicke-
lung in Menschengeschick und Erdengeschick. Damit war fur den
mittelalterlichen Menschen der Christus die einzige Wesenheit, die
im Kosmos die Aufgabe des Menschen auf Erden gerettet hat. Und
nun haben Sie den Zusammenhang. Denn nun konnen Sie wissen,
warum in der Rosenkreuzerzeit dem Schiiler immer wieder
eingescharft wurde: O Mensch, du bist ja nicht das, was du bist. Der
Christus mufite kommen, um dir deine Aufgabe abzunehmen, um
fur dich deine Aufgabe zu verrichten.
Im Goetheschen «Faust» ist so manches auf eine Art, die Goethe
selber nicht verstanden hat, herubergekommen aus tief mittelalter-
lichen Vorstellungen. Erinnern Sie sich an Fausts Beschworung des
Erdgeistes. Hat man diese mittelalterlichen Vorstellungen in sich,
dann empfindet man recht tief, wie dieser Erdgeist, den Faust be-
schwort, davon redet, dafi er im Tatensturm auf und ab walk, Ge-
burt und Grab, ein ewiges Weben, ein gluhend Leben, dafi er
schafft am sausenden Webstuhl der Zeit und wirkt der Gottheit
lebendiges Kleid. Denn wen beschwort Faust eigentlich? Goethe hat
es ganz sicher, als er den «Faust» schrieb, nicht in voller Tiefe ge-
wufit. Aber gehen wir vom Goetheschen Faust zum mittelalterlichen
Faust zunkk, belauschen wir diesen mittelalterlichen Faust, in dem
rosenkreuzerische Weisheit lebte, dann lehrt uns dieses Lauschen,
wie dieser mittelalterliche Faust auch eine Beschworung vollfiihren
wollte. Aber wen wollte er im Erdgeist beschworen? Er sprach gar
nicht vom Erdgeist, er sprach vom Menschen. Das war der Drang des
mittelalterlichen Menschen, Mensch zu sein, denn er empfand es
tief, dafi er als Erdenmensch eben nicht Mensch ist. Wie kann man
die Menschheit wieder erringen? Die Art und Weise, wie Faust hin-
weggestofien wird von dem Erdgeist, das ist die Nachbildung, wie
der Mensch in seiner irdischen Gestalt von seiner eigenen Wesenheit
zuriickgestofien wird. Und deshalb, weil das so aufgefafit wurde,
tragen manche im Mittelalter vorkommende - ja, wie soil man es
nennen - Bekehrungsgeschichten zum Christentum einen aufier-
ordentlich tiefen Charakter, den Charakter, dafi gewisse Menschen
nach der verlorenen Menschlichkeit strebten, aber verzweifeln
mufiten, mit Recht verzweifeln mufiten, innerhalb des irdisch-phy-
sischen Lebens diese echte Menschlichkeit in sich erleben zu konnen,
und dann von diesem Gesichtspunkte aus einsahen: Also mufi
menschliches Streben zum Menschtum aufgegeben werden, und der
irdische Mensch mufi es dem Christus iiberlassen, die Aufgabe der
Erde zu vollziehen.
In der Zeit, in der also noch, ich mochte sagen, in einer uber-
personlich-personlichen Art vom Menschen sowohl das Verhaltnis zur
Menschheit selber wie das Verhaltnis zum Christus aufgefafit wurde,
in dieser Zeit war Geist-Erkenntnis, Geistesschau eben noch real. Da
war sie noch Erlebnisinhalt. Das horte mit dem 1 5 . Jahrhundert fast
ganz auf . Und da vollzog sich denn jener Umschwung, iiber den sich
eigentlich niemand mehr aufklarte.
Aber fur den, der solche Dinge weifi, gibt es im 15., im 16. Jahr-
hundert, ja auch noch spater, eine einsame, der Welt kaum bekannt
gewordene Rosenkreuzerschule, wo immer wieder und wiederum
wenige Zoglinge erzogen wurden und wo vor alien Dingen darauf
gesehen wurde, dafi eines als eine heilige Tradition bewahrt worden
ist. Diese heilige Tradition war die folgende. Ich will Ihnen das
Ganze in Form einer Erzahlung geben.
Sagen wir, wiederum kam ein neuer Zogling zur Vorbereitung in
diese einsame Statte. Da wurde ihm zunachst in der wirklichen Ge-
stalt, wie das von alten Zeiten iiberliefert war, das sogenannte Ptole-
maische Weltensystem beigebracht, nicht so trivial, wie es heute als
etwas Uberwundenes vor die Leute hingestellt wird, sondern anders.
Es wurde ihm gezeigt, wie die Erde die Krafte tatsachlich in sich
tragt, ihren Gang durch die Welt von sich aus zu bestimmen. So
dafi in der richtigen Weise das Weltensystem vorgestellt, es eben im
alten Ptolemaischen Sinne gezeichnet werden mufi: die Erde fur den
Menschen im Mittelpunkt des Weltenalls, die anderen Gestirne in
einer entsprechenden Umkreisung durch die Erde dirigiert. Dann
wurde dem Schuler gesagt: Wenn man dasjenige, was der Erde beste
Krafte sind, wirklich studiert, so kommt man zu keinem anderen
Weltensystem als diesem. Aber so ist es eben nicht. Es ist nicht so
durch die Schuld des Menschen. Durch die Schuld des Menschen ist
die Erde unberechtigterweise in den Sonnenbereich iibergegangen,
und die Sonne ist der Regent der irdischen Betatigungen geworden.
Und so kann man einem Weltensystem, das von den Gottern den
Menschen gegeben werden sollte im Sinne des alten Ptolemaischen
Weltensystems mit der Erde im Mittelpunkte, ein solches entgegen-
stellen, das die Sonne im Mittelpunkte hat, die Erde sich drehend
um die Sonne, das Kopernikanische Weltensystem.
Und es wurde dem Schuler anvertraut, dafi hier ein Weltenirrtum
vorliegt, ein durch menschliche Schuld bewirkter Weltenirrtum.
Und dann wurde zusammengefafit fur diesen Schuler dasjenige, was
er sich tief in die Seele und tief ins Herz schreiben sollte: Da haben
nun die Menschen das alte Weltensystem uberwunden und ein anderes
an die Stelle gesetzt und wissen nicht einmal, dafi dieses andere, das
sie fur richtig ansehen, das Ergebnis der eigenen Menschenschuld ist.
Was nur der Ausdruck, was nur die Offenbarung der Menschen-
schuld ist, sieht man einfach als das Richtige gegeniiber dem Fal-
schen an. - Was ist geschehen in der neueren Zeit?, so sagten
dann die Lehrer diesem Schuler. Die Wissenschaft ist gestiirzt
worden durch die Schuld des Menschen. Die Wissenschaft ist eine
Wissenschaft des Damonischen geworden. - Bis dann am Ende des
18. Jahrhunderts auch solche Dinge unmoglich geworden sind, hat
es immer wenigstens einzelne Schuler gegeben, welche mit dieser
Gemutserkenntnis, mit dieser Gemutsanschauung aus einer ein-
samen Rosenkreuzer-Schulstatte ihre geistige Nahrung bezogen
haben. Es ist zum Beispiel noch so gewesen, daft der grofie Leibniz,
der Philosoph, aus seinen Gedankenerwagungen heraus den Antrieb
in sich erhalten hat, irgendwo zu finden diejenige Lehrstatte, in der
man in der richtigen Weise formulieren kann, wie es sich eigentlich
verhalt mit dem Kopernikanischen und Ptolemaischen Weltsystem.
Er hat sie nicht finden konnen.
Solche Dinge mufi man kennen, um die richtige Nuance heraus-
zubekommen fur den Umschwung, der in den letzten Jahrhun-
derten in bezug auf des Menschen Anschauung iiber sich selbst und
iiber das Weltenall stattgefunden hat. Und mit dem Hinuntersinken
dieses lebendigen Zusammenhanges des Menschen mit sich selbst,
mit diesem Entfremden des Menschen von sich selbst, kam dann
das Anklammern des Menschen an den aufieren Verstand, der heute
alles beherrscht. Denn dieser aufiere Verstand, ist er denn mensch-
liches Erlebnis? Er ist nicht menschliches Erlebnis. Denn ware er
menschliches Erlebnis, so konnte er nicht in so aufierlicher Weise
innerhalb der Menschheit leben, in der er lebt. Der Verstand ist ja
im Grunde genommen gar nicht verbunden mit dem einzelnen Per-
sonlichen, mit dem einzelnen individuellen Menschen, der Verstand
ist ja fast etwas Konventionelles. Er sprudelt nicht hervor aus
innerem menschlichem Erlebnis. Er tritt eigentlich als etwas Aufier-
liches an den Menschen heran.
Und wie er etwas Aulkrliches geworden ist, man empfindet es,
wenn man vergleicht, wie etwa Aristoteles selber seine Logik, die ja
nach Kants Ausdruck seit Aristoteles nicht fortgeschritten ist, seinen
Schulern beigebracht hat, und wie dann etwa im 17. nachchrist-
lichen Jahrhundert Logik gelehrt word en ist. Es war in der Aristo-
teles-Zeit Logik etwas recht Menschliches noch. Denn indem der
Mensch darauf hingewiesen wurde, logisch zu denken, hatte er ja
damals noch eine Empfindung, die Empfindung, als ob er, wenn ich
mich eben wiederum imaginativ ausdriicken darf , seinen Kopf , sein
Haupt in kaltes Wasser stecken wiirde und dadurch sich selber fur
einen Moment entfremdet wiirde, oder auch eine andere Empfin-
dung, diejenige Empfindung, die Alexander dem Aristoteles ent-
gegengehalten hat, als er ihm die Logik beibringen wollte: Du
druckst mir ja alle Kopfknochen zusammen - wie etwas Aufierliches.
Im 17. Jahrhundert empfand man diese Aufierlichkeit als etwas
Selbstverstandliches. Man lernte, wie man aus dem Obersatz, aus
dem Untersatz den SchlulSsatz finden miisse. Man lernte dasjenige,
was Sie noch im Goetheschen «Faust» ironisch behandelt finden: Das
erst' war so, das zweite so, und drum das dritt' und vierte so, und
wenn das erst' und zweit' nicht war', das dritt' und viert' war'
nimmermehr. Und so wird der Geist Euch wohl dressiert, in spa-
nische Stiefeln eingeschniirt. - Ob man nun, wie Alexander es emp-
funden hat, den Kopf in seinen Knochen zusammengedruckt emp-
findet, oder ob man in spanische Stiefel eingeschniirt wird durch das
erst' und zweit' und dritt' und viert', es ist ja schon dieses ein Bild
fur dasselbe, was der Mensch empfindet.
Diese Aufterlichkeit des abstrakten Denkens, sie empfand man in
der Zeit nicht mehr, als man Logik bewuftt lernte in den Schulen.
Heme hat das mehr oder weniger aufgehort. Es wird auch Logik
nicht mehr bewuftt gelernt auf den Schulen. Nun, das ist ja un-
gefahr so, als wenn es irgendwo eine Zeit gegeben hatte, wo die
Leute mit Enthusiasmus nach Hunderten und Hunderten sich die
gleiche Uniform nach der Vorschrift angezogen hatten, und nachher
eine Zeit gefolgt ware, in der sie, ohne erst daruber nachzudenken,
das freiwillig getan haben. Aber in dieser Zeit, in der die Logik des
Abstrakten immer mehr und mehr uberhandnahm, in dieser Zeit
konnte die alte geistige Erkenntnis ja nicht mehr fortschreiten. Da-
her sehen wir sie aufterlich werden und jene Gestalt annehmen, die
in solchen Erscheinungen auftritt wie zum Beispiel in den Schriften
des Eliphas Levi oder in den Veroffentlichungen von Saint- Martin.
Man hat schon in diesen Veroffentlichungen die letzten Auslaufer
alter Geist-Erkenntnis und Geistesschau.
Aber was ist in einer solchen Schrift enthalten wie etwa in Eliphas
Levis «Dogma und Ritual der hohen Magie»? Da sind zum Beispiel
zunachst zu finden allerlei Zeichen, Triangel, Pentagramme und so
weiter, da finden Sie wieder heraufgeholt aus alten Zeiten gewisse
Worte aus fruher herrschenden Sprachen, namentlich aus der hebrai-
schen, und da finden Sie dasjenige, was fruher Leben war, aber
auch Erkenntnis, was in die Tat des Menschen iibergehen konnte,
aber auch in die Ideen des Menschen iibergehen konnte, das finden
Sie ideenlos auf der einen Seite und in aufierliche Zauberei auf der
anderen Seite ausgeartet; Spekulationen iiber die symbolische Be-
deutung dieses oder jenes Zeichens, denen gegenuber der moderne
Mensch, wenn er ehrlich sein will, sich gestehen miiftte, daft gar
nichts Besonderes darinnen enthalten ist, schauderhafte Verrich-
tungen, ankniipfend an allerlei Riten, deren geistiger Zusammen-
hang denjenigen, die von solchen Riten sprechen und sie auch oft-
mals iibten, nicht im entferntesten klar war. Uberall wiesen solche
Biicher hin auf dasjenige, was einmal verstanden wurde in alten
Zeiten, innerlich erkenntnismafiig erlebt wurde, aber in der Zeit, wo
zum Beispiel Eliphas Levi seine Biicher schrieb, eben nicht mehr
verstanden wurde. Und iiber Saint-Martin habe ich mich ja in der
Wochenschrift «Goetheanum» selber einmal ausgesprochen. Und so
sehen wir denn, man mochte sagen, mit vollem Unverstandnis das-
jenige behandelt, was einmal in das seelisch-geistige Menschenleben
einverwoben war, was aber in diesem seelisch-geistigen Menschen-
wesen nicht erhalten werden konnte.
Echt und wahr ist vom 15. bis ins 18., 19. Jahrhundert herein
dasjenige, was als ein allgemeiner Drang nach dem Gottlichen sich
dem Gemiite ergeben hat. Da ist Schones, Wunderschones und
Herrliches zu finden. Und da ist iiber manchem, was heute viel zu
wenig beachtet wird, ein wirklicher Zauberhauch des Spirituellen.
Aber neben alledem geht eine sich verknochernde Saat auf des Un-
verstandes alter spiritueller Wahrheiten, und einher geht damit das
Unvermogen, in einer der Zeit entsprechenden Weise an das Gei-
stige heranzukommen. Man kann Menschen kennenlernen aus dem
18. Jahrhundert, die geradezu von einer Zerstorung alles Mensch-
lichen sprechen und von einem Heraufkommen eines furchtbaren
Materialismus. Manchmal ist es einem so, als ob dasjenige, was diese
Menschen des 18. Jahrhunderts sagen, auch auf unsere Zeit passen
wiirde. Dennoch pafit es nicht, pafit auf die letzten zwei Drittel des
19. Jahrhunderts nicht. Denn in diesem 19. Jahrhundert ist das, was
man noch mit einem gewissen, ich mochte sagen, Abscheu vor
seinem damonischen Charakter im 18. Jahrhundert angesehen hat,
etwas Selbstverstandliches geworden. Man hatte nicht die Kraft, sich
zu sagen: Kopernikus - sehr schon, aber eine Anschauung, die nur
dadurch hat kommen konnen, dafi der Mensch eben nicht das
geworden ist auf der Erde, was er auf der Erde hatte werden sollen,
dafi die Erde regentenlos dastand und das Erdenregiment an den
widerrechtlichen Fiirsten der Welt - das Wort kommt im
Mittelalter immer wieder vor - iibergegangen ist, weshalb der
Christus die Sonne verlassen hat und sich mit dem Erdengeschick
vereinigt hat.
Und es ist ja in der Tat erst wiederum am Ende des 19. Jahr-
hunderts moglich geworden, in diese Dinge mit urspriinglicher
menschlicher Klarheit hineinzusehen. Es ist erst wiederum moglich
geworden in der Michael-Zeit. Von dem Anbruche und dem Cha-
rakter dieser Michael-Zeit haben wir ja wiederholt gesprochen. Aber
es gibt Aufgaben, welche verbunden sind mit dieser Michael-Zeit
und auf die nun auch jetzt hier hingedeutet werden kann, nachdem
dasjenige, was iiber die Entwickelung der Geistesschau in den ver-
schiedenen Jahrhunderten in der Weihnachtszeit und nachher hier
gesprochen worden ist, vorangegangen ist.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 12. Januar 1924
Wir haben ja gesehen, wie allmahlich in eine Abenddammerung
hinein das alte, von der Menschheit durch instinktives Hellsehen
erlangte Wissen sich entwickelt hat. Es ist aulterordentlich schwierig
in der neueren Zeit, namentlich nach dem 18. Jahrhundert, noch
Spur en jenes alten Wissens irgendwie zu finden, denn es war ja
wirklich so, wie ich Ihnen gesagt habe: Dasjenige, was sich erhalten
hat oder eigentlich was neu heraufgekommen ist, das ist auflere
Naturbeobachtung und Logik, abstrakte Gedankenfolge. - Weder
mit aufierer Naturbeobachtung, Sinnesbeobachtung, noch mit der
blolten abstrakten logischen Gedankenfolge kann man die Briicke
hiniiberschlagen vom Menschen zu der wahren Wirklichkeit. Aber
in einem gewissen Sinne traditionell hat sich doch bis in die neue-
sten Zeiten herein, man kann sagen, bis um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts manches von dem alten Wissen erhalten. Und damit wir
jetzt in den Betrachtungen, die wichtig sein werden und die uns
bevorstehen, in der richtigen Weise uns mit unserer Seek werden
verhalten konnen, mochte ich doch heute noch einiges sprechen von
gewissen Vorstellungen, die sogar noch in der ersten Halfte des 19-
Jahrhunderts wie Uberreste von altem Wissen vorhanden waren.
Ich erzahle Ihnen diese Dinge heute aus dem Grunde, damit Sie
sehen, wie in einer noch gar nicht so weit zuriickliegenden Zeit die
Denkungsart der Menschen doch ganz anders war, als sie heute ist.
Aber wie gesagt, es ist eigentlich schwierig, auf diese Dinge zu kom-
men, denn es ist schon so, wie ich Ihnen gesagt habe: Einzelne ein-
sam lebende Menschen, hochstens mit einem kleinen Schiilerkreise,
haben sich da oder dort erhalten und haben wirklich ganz im Ge-
heimen manches von dem alten Wissen fortgesetzt, ohne daft sie
selbst die ganz tiefen Grunde davon verstanden haben. Man mufi ja
auch fur altere Zeiten so etwas voraussetzen, denn es ist ganz gewifi,
dalS sowohl diejenige Personlichkeit, die Ihnen bekannt ist unter
dem Namen des Faust, wie auch die andere, die Ihnen bekannt ist
unter dem Namen des Paracelsus, dafi diese beiden Personlichkeiten
auf ihren Wanderungen an solche einsamen, man mochte sagen,
seelische Hohlenbewohner gestoflen sind und von ihnen manches
erfahren haben, was sie dann durch eine innere Fahigkeit, die auch
gerade bei diesen Personlichkeiten mehr instinktiv war, weiter aus-
gebildet haben.
Dasjenige aber, was ich Ihnen jetzt erzahlen will, das war noch in
den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorhanden, wiederum
in einer solch einsamen - man konnte es Schule nennen, wenn man
es wollte -, in einer solch einsamen Schule Mitteleuropas. Da gab es
in einem ganz kleinen Kreise eine sehr eindringliche Lehre von dem
Menschen. Es ist seit langem auf einem geistigen Wege mir bewufit
geworden, dafi es in einem gewissen Orte Mitteleuropas eine solche
kleine wissende Gemeinschaft gegeben hat. Wie gesagt, auf gei-
stigem Wege ist es mir bekannt geworden. Ich konnte ja dazumal
nicht in der physischen Welt Beobachtungen anstellen, da ich ja
damals nicht in der physischen Welt war, aber auf geistigem Wege
ist mir dies bewufit geworden, daft es eine solche kleine Gemein-
schaft gegeben hat. Ich wiirde aber nicht sprechen iiber dasjenige,
was innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gelehrt worden ist, wenn
sich mir nun nicht nachtraglich durch die eigene Forschung der Gei-
steswissenschaft gerade Wesentlichstes von dem, was da geborgen
war, wiederum enthiillt hatte, wenn ich nicht sozusagen selber die
Dinge wieder gefunden hatte. Denn gerade durch solches Wieder-
finden bekommt man ja erst die richtige Stellung zu demjenigen,
was sich aus alten Zeiten wirklich wie eine iiberwaltigend grofie
Weishek erhalten hat. Und von der kleinen Gemeinschaft, von der
ich sprechen mochte, zieht sich eigentlich dann nach vorne in der
Geschichte durch das ganze Mittelalter hindurch bis in das Altertum
hinein, bis in die Zeiten, die ich Ihnen geschildert habe wahrend der
Weihnachtstage, bis in die Zeiten des Aristoteles hinein eine Tra-
dition, eine Tradition, die aber allerdings nicht direkt iiber Grie-
chenland gekommen ist, sondern iiber Asien herein durch dasjenige,
was von Makedonien aus durch Alexander nach Asien gebracht
worden ist.
Da findet man gerade innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft,
wie eine eindringliche Lehre vom Menschen in bezug auf zwei
menschliche Fahigkeiten mit einer groften Genauigkeit noch vor-
handen ist. So kann man vernehmen, wie da ein wirklich meisterhaft
durchgebildeter, man kann schon sagen, Geheimwissenschafter
seine Schiiler darin unterrichtet, daft man mit den alten Symbolen,
mit jenen Symbolen, die aus uralten Mysterien erhalten sind, die
da bestehen aus gewissen geometrischen Formen, sagen wir zum
Tafd 6 Beispiel solch einer Form (siehe Zeichnung Seite 71, links) - an den
Enden flnden sich dann gewohnlich irgendwelche hebraischen
Worte -, daft man mit diesen Symbolen so unmittelbar nichts an-
fangen konne. Und die Schiiler dieses Meisters wuftten durch ihre
Unterweisung, wie eigentlich dasjenige, was zum Beispiel Eliphas
Levi gibt, bio ft eine Art Herumreden ist um die Sache. Denn das
konnten diese Schiiler noch lernen, daft man auf die eigentliche
Bedeutung solcher Symbole nur dann kommt, wenn man sie im
Wesen der eigenen menschlichen Organisation wiederfindet.
Und so war es namentlich ein Symbolum, welches in dieser Ge-
meinschaft eine grofte Rolle spielte. Sie bekommen dieses Symbo-
lum, wenn Sie diesen Salomonischen Schliissel - so wird er gewohn-
lich vorgefiihrt - auseinanderziehen, wenn Sie ihn so gestalten, ver-
schieben, daft das hinunterkommt und das hinaufgeschoben wird
(Zeichnung, Seite 71 rechts). Gerade dieses Symbolum, das spielte
innerhalb jener kleinen Gemeinschaft, wie gesagt, auch noch im 19.
Jahrhundert eine bedeutsame Rolle. Und jener Meister lieft dann die
Angehorigen seines kleinen Schulerkreises eine bestimmte Attitude
ihres Leibes annehmen. Er lieft sie die Attitude des Leibes anneh-
men, durch die gewissermafien der Leib selber hinschrieb dieses
Symbolum. Er lieft sie sich so stellen, daft sie die Beine etwas aus-
einanderspreizten und die Arme nach oben in dieser Weise ein-
stellten. Dadurch kamen, wenn man die Arme nach unten ver-
langerte und die Beine nach oben verlangerte, eben diese vier Linien
(starker Strich) am menschlichen Organismus selber zum Vorschein.
Diese Linie verbindet dann die Fiifte, diese verbindet die Hande
oben. Die anderen beiden kamen zum Bewufttsein als wirklich vor-
Tafel6
5cWere la$tet
handene Kraftlinien, indem dem Schiiler klar wurde: Es gehen Strd-
mungen wie elektromagnetische Stromungen dann von der linken
Fingerspitze zur rechten Fingerspitze und wiederum von dem
linken Fufi zu dem rechten Fuft. So dafi tatsachlich der menschliche
Organismus selber diese ineinander verschlungenen Triangeln in
den Raum hineinschrieb. Und dann handelte es sich darum, dafi
der Schiiler empflnden lernte, was da liegt in den Worten: Licht
stromt aufwarts, Schwere lastet abwarts. Dann mulken die Schiiler
dieses in tiefer Meditation erleben, in der Attitiide, die ich eben
beschrieben habe. Dadurch kamen sie allmahlich dahin, dafi ihnen
der Lehrer sagen konnte: Jetzt werdet ihr etwas erleben, was
tatsachlich in alten Mysterien immer wieder und wiederum geiibt
worden ist. - Und sie erlebten wirklich dies, dafi sie in ihren Arm-
und Beinknochen das Mark erlebten, das Knochenmark erlebten,
das Innere des Knochens erlebten.
Sehen Sie, diese Dinge konnen nachempfunden werden da-
durch, daft ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen etwas, das
ich Ihnen gestern gesagt habe, und dem, was ich Ihnen jetzt sage.
Ich sagte Ihnen in einem gewissen Zusammenhange, daft der
Mensch, wenn er wirklich nur so sich verhalt, wie das im Laufe der
Zeit iiblich geworden ist, wenn er sich bloft abstrakt denkend ver-
halt, daft das dann aufierlich bleibt, daft er gewissermafien sich ver-
aufierlicht. Gerade das Gegenteil tritt ein, wenn auf diese Art ein
Bewufitsein von dem Knocheninnern auftritt.
Nun gibt es aber noch etwas anderes, wodurch Sie zum Verstand-
nis dieser Sache gefiihrt werden konnen. Sehen Sie, so paradox es
Ihnen klingen wird, so muft ich doch sagen, daft ein solches Buch wie
meine «Philosophie der Freiheit» nicht durch die blofte Logik be-
griffen werden kann, sondern durch den ganzen Menschen verstan-
den werden muft. Und in der Tat, was in meiner «Philosophie der
Freiheit» iiber das Denken gesagt wird, wird man nicht verstehen,
wenn man nicht weifi, daft der Mensch eigentlich das Denken erlebt
durch die innerliche Erkenntnis, durch das innerliche Erfuhlen
seines Knochenbaues. Man denkt eben nicht mit dem Gehirn, man
denkt in Wirklichkeit mit seinem Knochenbau, wenn man in
scharfen Denklinien denkt. Wenn das Denken konkret wird, wie es
in der «Philosophie der Freiheit» der Fall ist, dann geht es eben in
den ganzen Menschen iiber.
Aber die Schuler dieses Meisters gingen eben noch iiber das hin-
aus, und sie lernten erfuhlen das Innere der Knochen. Und damit
hatten sie ein letztes Beispiel erlebt von demjenigen, was in alten
Mysterienschulen vielfach iiblich war: Symbole dadurch zu erleben,
daft der eigene Organismus zu diesen Symbolen gemacht wurde,
denn nur so kann man Symbole wirklich erleben. Das Deuten der
Symbole ist eigentlich etwas Unsinniges. Alles Spintisieren iiber
Symbole ist etwas Unsinniges. Das richtige Verhalten zu Symbolen
ist das, daft man sie macht und erlebt, so wie man schlieftlich auch
Fabeln, Legenden, Marchen nicht blofi im Abstrakten aufnehmen
soli, sondern sich damit identifizieren soil. Es gibt immer etwas im
Menschen, wodurch man in alle Gestalten des Marchens hinein-
gehen kann, eins werden kann mit dem Marchen. Und so ist es mit
diesen wirklichen, aus geistiger Erkenntnis stammenden Symbolen
der alten Zeit. Und ich haben Ihnen solche Worte hier in deutscher
Sprache hergeschrieben (siehe Seite 71).
Es ist natiirlich fur die neuere Zeit mehr oder weniger nur ein
Unfug, wenn die nicht mehr voll verstandenen hebraischen Worte
dafiir hingeschrieben werden, denn dadurch wird der Mensch eigent-
lich innerlich nicht belebt, er erlebt nicht die Symbole, sondern er
wird verrenkt. Es ist etwas, wie wenn ihm seine Knochen gebrochen
wiirden. Und das geschieht einem eigentlich auch, geistig natiirlich,
wenn man mit Ernst solche Schriften wie die des Eliphas Levi liest.
Nun lernten also diese Schiiler das Innere des Knochens erleben.
Aber wenn man das Innere des Knochens anfangt zu erleben, dann
ist man nicht mehr im Menschen. Geradesowenig wie, wenn Sie
Ihren Zeigeflnger vierzig Zentimeter vor Ihre Nase halten und da
einen Gegenstand haben, so wenig wie dieser Gegenstand in Ihnen
ist, so wenig ist in Ihnen dasjenige, was Sie dann innerhalb Ihrer
Knochen erleben. Sie gehen nach innen, aber aus sich heraus. Sie
gehen wirklich aus sich heraus. Und dieses Aus-sich-Herausgehen,
Zu-den-G6ttern-Gehen, In-die-geistige-Welt-Hineingehen, das ist
dasjenige, was nun die Schiiler dieser einsamen kleinen Schule damit
begreifen lernten. Denn sie lernten damit die Linien kennen, welche
von der Gotterseite her in die Welt hineingezeichnet waren, um die
Welt zu konstituieren. Sie fanden nach der einen Seite, durch den
Menschen hindurch, den Weg zu den Gottern.
Und dann falke der Lehrer dasjenige, was da die Schiiler erlebten,
in einen paradoxen Satz zusammen, in einen Satz, der natiirlich
heute vielen Menschen lacherlich erscheinen wird, aber der, Sie
werden es aus dem Angedeuteten erkennen, eine tiefe Wahrheit
enthalt:
Schau den Knochenmann Tafel 7
Und du schaust den Tod
Schau in's Innere der Knochen
Und du schaust den Erwecker
- den Erwecker des Menschen im Geiste, das Wesen, das den Men-
schen in Zusammenhang bringt mit der Gotterwelt.
Nun konnte ja in jener Zeit auf diesem Wege nicht gerade aulter-
ordentlich viel erreicht werden, aber einiges doch. Und einige von
den Lehren iiber die Evolution der Erde durch verschiedene Meta-
morphosen hindurch gingen da doch den Schiilern auf. Sie lernten
gerade dadurch, dafi sie sich in dieses Geist-Sein des Menschen ver-
setzen konnten, weit zuriickschauen in atlantische Zeiten und noch
weiter zuriick. Und in der Tat, mancherlei, was dazumal nicht
eigentlich geschrieben oder gedruckt wurde, aber was sich die Leute
erzahlten von der Entwickelung der Erde, stammte aus solchen Ein-
sichten her, die auf diese Weise zustande kamen. Das war eine der
Lehren, die in dieser Schule gegeben wurden.
Eine andere ist ebenso interessant. Eine andere wurde gegeben,
indem die Hohersteliung des Menschen gegenuber den Tieren prak-
tisch zur Einsicht gebracht wurde. Man mochte sagen: Dasjenige,
was man heute vielfach zu allerlei Diensten, die heute sogar sehr
geschatzt werden, verwendet, das war noch bis ins 19. Jahrhundert
herein gerade solchen Menschen bekannt, die auf guten alten Ein-
sichtstraditionen fuBten. - Die Menschen sind ja heute stolz darauf,
daft sie Polizeihunde haben, die die Spuren von allerlei Unrechtem
im Menschenleben verfolgen konnen. Man hat diese praktische An-
wendung in alteren Zeiten nicht gehabt. Aber die Fahigkeit zum
Beispiel der Hunde nach dieser Richtung hin hat man noch besser
gekannt als heute, und man hatte eine Einsicht darein, dafi eben um
den Menschen herum auch feinere Substantiality liegt, als diejenige
ist, welche gesehen oder von Menschen gerochen und dergleichen
wird, und man verstand, dafi etwas wie ein feines Fluidum auch der
Welt angehort. Man erkannte es als eine besondere Differenzierung
von Warmestromungen, verbunden mit allerlei Stromungen, die
man als elektromagnetische Stromungen ansah, und man brachte
den Geruch des Hundes zusammen mit diesen warme-elektroma-
gnetischen Stromungen, und man machte die Schiiler gerade jener
kleinen Schule, von der ich Ihnen erzahle, auf solche Dinge auch
bei anderen Tieren aufmerksam. Man machte sie aufmerksam, wie
dieser Sinn fiir ein die Welt durchflutendes feines Fluidum weit im
Tierreiche vorhanden ist. Und dann wies man darauf hin, wie das-
jenige, was beim Tiere sich herunterentwickelt, ins Grob-Materielle
sich entwickelt, beim Menschen sich hinauf ins Seelische entwickelt.
Schen Sie, eines ist ja von ungeheuerstem Interesse, was in dieser
kleinen Schule gelehrt wurde. Es wurde gelehrt durch aufiere anato-
mische Tatsachen, aber es war etwas tief Spirituelles damit gemeint.
Es wurde dem Schiiler gesagt: Sieh einmal, der Mensch ist ein Mikro-
kosmos. Er imitiert in seiner Organisation dasjenige, was im Welten-
gebaude vorgeht. - Der Mensch wurde durchaus nicht nur etwa in
bezug auf die Stoffe, die er in sich tragt, sondern auch in bezug auf
die Vorgange, die in ihm sich abwickeln, als ein Mikrokosmos, als
eine kleine Welt angesehen. Ja, es wurde manches, was in ihm
plastisch vorhanden ist, auf Vorgange in der aufieren Welt zuriick-
.gefuhrt. Und so wurde eine hohe Aufmerksamkeit darauf verwen-
det, wie der Mond durchgeht durch das erste Viertel, Vollmond
wird, letztes Viertel, Neumond, wie der Mond in dieser Art acht-
undzwanzig bis dreifiig Phasen durchmacht. Dieses Durchgehen des
Mondes durch seine Phasen, das schaute man im Kosmos. Man
schaute dabei den Mond in Bewegung in seiner Bahn. Man schaute,
wie er seine Wirbel in seiner Bewegung herumzeichnete, seine
achtundzwanzig bis dreifiig Wirbel, und dann verstand man, wie
der Mensch in seinem Riickgrat diese achtundzwanzig bis drei&g
Wirbel hat, und man verstand, wie mit jenen Mondbewegungen
Tafel 6
Tafel 6
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4,
und ihren Kraften dasjenige zusammenhangt, was sich im Menschen
embryonal als Wirbelsaule ausbildet. Die Nachbildung der Monden-
monatsbewegung sah man in der Gestaltung der menschlichen
Wirbelsaule. Und man sah, wenn man die menschliche Wirbelsaule
mit ihren Nerven hat (siehe Zeichnung, oben), achtundzwanzig bis
dreifiig Nerven, die in den ganzen Organismus gehen, man sah in
diesen achtundzwanzig bis dreifiig Nerven die Abbildungen von
Stromungen, die der Mond immer auf den verschiedenen Stufen
seiner Bahnen auf die Erde herunterschickt. Man sah formlich in den
Knochenfortsetzungen der Wirbel das Eingreifen der Mondenstro-
mungen. Kurz, man sah in demjenigen, was da der Mensch in sich
tragt in seinen Riickenmarksnerven mit dem Ruckenmark zusam-
men, man sah etwas, was einen an den Kosmos band, was einen mit
dem Kosmos in einen lebendigen Zusammenhang bringt. Und
dieses Ganze, das ich Ihnen jetzt andeutete, das brachte man dem
Schiiler bei.
Tafel 6
///////''t'ltno,
Und dann machte man ihn auf etwas anderes aufmerksam. Dann
sagte man ihm: Und siehe einmal, wenn du den Sehnerv ansiehst,
wie er in das Auge iibergeht vom Gehirn aus, so zerfasert er sich
beim Ubergang in das Auge in sehr feine Fasern. Wie viele solche
Fasern sind es? Solcher Fasern, die vom Sehnerv in das Innere des
Auges gehen, sind wiederum ebensoviel wie Nerven, die vom Riik-
kenmark ausgehen, achtundzwanzig bis dreifiig. So daft also eine
kleine Rikkenmarksorganisation vom Gehirn aus durch den Sehnerv
ins Auge hineingeht (siehe Zeichnung, S. 76 unten). Das ist so, dafi Tafel 6
der Mensch - so sagte der Lehrer zu den Schulern - von den Gottern,
die in uralter Zeit sein Dasein geformt haben, diese Dreifiiggliedrig-
keit des Rikkenmark-Nervensystems erhalten hat. Aber er selber hat
in seinem die Sinneswelt anschauenden Auge ein Abbild dessen
geschaffen; da vorne im Kopforganismus ein Abbild dessen ge-
schaffen, was die Gotter aus ihm gemacht haben.
Und dann machte man den Schiiler darauf aufmerksam: So steht
die Rikkenmarksorganisation mit dem Monde in Beziehung. Aber
hinwiederum, durch dieses besondere Verhaltnis des Mondes zur
Sonne hat das Jahr zwolf Monate, und vom Gehirn des Menschen
gehen zwolf Nerven nach den verschiedenen Teilen des Organismus,
die zwolf hauptsachlichsten Gehirnnerven. In dieser Beziehung ist
der Mensch durch seine Hauptesorganisation ein Mikrokosmos in
bezug auf dasjenige, was das Verhaltnis der Sonne zum Monde ist.
In der Gestaltung des Menschen drikkt sich eine Imitation desje-
nigen aus, was Vorgange draufien im Kosmos sind.
Und wiederum machte man den Schiiler aufmerksam darauf, dafi
er nun in seinem Haupte im Sehnerv, also durch die Dreifiiggliedrig-
keit des Sehnervs ins Auge hinein die Mondenorganisation vom
Riickgrat nachahmt. Vom Gehirn aus gehen zwolf Nerven. Aber
wiederum, wenn man vom Gehirn besonders jene Partie untersucht,
die den Riechnerv in die Nase hineinsendet, dann stellt sich die
Tatsache heraus, dafi da in dem kleinen Teil vom Gehirn das ganze
grofie Gehirn nachgeahmt wird. So wie im Auge das Riickenmark-
Nervensystem nachgeahmt wird, so wird im Geruchsorgan das ganze
Gehirn wiederum nachgeahmt, indem der Riechnerv in zwolf
Teilen, in zwolf Strangen zur Nase hingeht. So dafi also der Mensch,
wenn Ruckenmark und Kopf hier liegen (siehe Zeichnung S. 78), Tafel i
Tafel 7
/
/
einen richtigen kleinen Menschen da vorne liegen hat. Und dann
machte man den Schuler darauf aufmerksam: Dieser kleine Mensch
ist aber anatomisch nur angedeutet. Die Dinge verwachsen; nur eine
minuziose anatomische Untersuchung kann das lehren. Die Dinge
verwachsen, doch sie sind so. Aber daftir bilden sie sich ganz beson-
ders im astralischen Leibe aus. Und weil sie sonst nur angedeutet
sind, kann der Mensch sie im gewohnlichen Leben nicht handhaben.
Aber er kann sie handhaben lernen. - Und ebenso, wie der Schuler
darauf hingewiesen wurde, das Innere seiner Knochen zu erleben,
ebenso wurde er hingewiesen darauf, diese besondere Partie leben-
dig zu erleben.
Sie sehen, etwas anderes tritt da ein, etwas, was nun wirklich dem
ganzen abendlandischen Anschauen ahnlicher ist als dasjenige, was
man oftmals aus dem Morgenlande herubernimmt. Auch das Mor-
genland hat ja dieses Konzentrieren auf die Nasenwurzel, dieses
Konzentrieren auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Damit
wird der Ort angegeben. Aber in Wahrheit ist es dieses Konzen-
trieren auf jenen kleinen Menschen, der da drinnen liegt und der
astralisch erfalk wird. Und wird er astralisch erfafit, wird tatsachlich
eine Meditation so gestaltet, daft man etwas erfaflt in jener Gegend,
die damit bezeichnet worden ist, so ist es, wie wenn man in jener
Gegend einen kleinen Menschen innerlich wie embryonal ausbilden
wollte. Diese Anleitung hat der Schuler bekommen in jener kleinen
Schule, tatsachlich cine Art embryonale Ausbildung eines kleinen
Menschen in einem stark konzentrierten Gedanken.
Dadurch bekamen die Schiiler, die dazu die Fahigkeit hatten, die
zweiblattrige Lotusblume ausgebildet. Dann wurde ihnen gesagt:
Das Tier bildet die Dinge hinunter zu demjenigen, was ein warme-
elektromagnetisches Fluidum ist. Der Mensch bildet dasjenige, was
hier sitzt und was im groben nur als Geruchssinn erscheint, aber in
das heriiberspielt die Fahigkeit, die Tatigkeit des Auges, der Mensch
bildet es aus ins Astralische hinein. Dadurch aber bekommt er die
Fahigkeit, nicht blofi jenes Fluidum zu verfolgen, sondern eine fort-
wahrende Wechselwirkung hervorzurufen mit dem Astrallichte und
wahrzunehmen mit der zweiblattrigen Lotusblume, was der Mensch
fortwahrend sein ganzes Leben hindurch ins Astrallicht hinein-
schreibt. Der Hund riecht nur dasjenige, was geblieben ist, was da
ist. Der Mensch verfahrt anders, indem er mit seiner zweiblattrigen
Lotusblume sich bewegt; auch dann, wenn er mit ihr nicht wahr-
nehmen kann, schreibt er fortwahrend alles dasjenige, was in seinen
Gedanken ist, in das Astrallicht hinein. Das Schauen befahigt ihn
dann nur, das, was er hineinschreibt, eben zu verfolgen, wahrzu-
nehmen und auch anderes damit wahrzunehmen, namentlich den
wahren Unterschied von Gut und Bose.
Auf diese Art waren tatsachlich da noch Nachklange vorhanden
an uralte Weisheitsschatze, die in Rudimenten auch praktisch noch
gelehrt wurden. Und das zeigt uns, was eigentlich alles verloren-
gegangen ist unter dem Einflufl der materialistischen Stromungen,
die in der starksten Weise um die Mitte des 19- Jahrhunderts dann
eingesetzt haben. Denn solche Dinge, wie ich sie Ihnen angedeutet
habe, sind eben durchaus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade,
in gewissen, allerdings sehr einsamen und einsiedlerisch lebenden
Kreisen empfunden und gewufit worden. Und auf den mannigfal-
tigsten Gebieten ergaben sich Erkenntnisse aus solchen Untergrun-
den heraus, die ja spater gar nicht mehr beachtet wurden, nach
denen heute wiederum viele Menschen sich sehnen. Aber wegen der
groben Methoden, die heute herrschen, sind ja diese Erkenntnisse
zunachst fur das aufiere Wissen nicht wiederum erlangbar.
Nun kniipfte sich eine ganz bestimmte Lehre an dasjenige, was in
dieser Weise in jenem kleinen Kreise von dem Lehrer an die Schiller
herangebracht wurde. Dem Schiiler wurde klargemacht: Wenn er
dieses Organ gebraucht, das ein ins Astrallicht hinaufgehobenes
Geruchsorgan ist, dann lernt er die wahre Stofflichkeit aller Dinge
erkennen, die wahre Materie. Und wenn er erkennen lernt das
Innere seines Knochensystems und dadurch in Echtheit die wirkliche
Weltgeometrie, die Art und Weise, wie von den Gottern in die Welt
die Krafte hineingezeichnet werden, dann lernt er erkennen, was als
Form in den Dingen wirkt.
Willst du also einen Quarz kennenlernen seinem Stoffe nach - so
sagte man dem Schiiler -, dann beschaue ihn mit der zweiblattrigen
Lotusblume. Willst du kennenlernen, wie seine Kristallform ist, wie
der Stoff geformt ist, dann murk du diese Form aus dem Kosmos
heraus begreifen mit demjenigen, was du begreifen kannst, wenn du
in das Innere deines Knochensystems lebendig hineinkommst. -
Oder es wurde dem Schiiler klargemacht: Wenn du dein Kopforgan
gebrauchst, dann lernst du erkennen, wie die substantielle Beschaf-
fenheit einer Pflanze ist. Wenn du erleben lernst das Innere deines
Knochensystemes, dann lernst du erkennen, wie eine gewisse Pflan-
ze wachst, warum sie diese oder jene Blatterform hat, diese oder jene
Blatteranordnung, warum sie die Bliiten in dieser oder jener Weise
entfaltet.
Also alles, was Form ist, sollte auf die eine Art, alles, was Stoff
ist, sollte auf die andere Art erfafit werden. Und es ist nun wirklich
interessant, dafi, wenn man bis zu Aristoteles zuriickkommt, man
flndet , dafi bei ihm unterschieden wird - aber das wurde ja in spa-
terer Zeit nur rein abstrakt gelehrt - in bezug auf alles, was es gibt,
die Form und die Materie. Aber das wurde eben in der Stromung,
die von Griechenland nach Europa kam, in einer ganz abstrakten
Weise gelehrt, so dafi man eigentlich verzweifelt an der Abstrakt-
heit, mit der diese Dinge in den Biichern dargestellt werden schon
das ganze Mittelalter hindurch, und in der Neuzeit erst, da ist es
nicht mehr blofi zum Verzweifeln, da ist es schon um die Wande
hinaufzukriechen, wie man die Dinge dargestellt flndet. Aber gent
man zu Aristoteles zuriick, so findet man, daft bei ihm die Formen
wirklich zuriickfuhren auf dieses Erleben - nur ist das wiederum
nach Asien heriibergetragen worden - und diese wirklich innere Ein-
sicht in die Dinge, die mit dem Kopforgan sieht dasjenige, was er
die Materie in den Dingen nennt.
Aber nun weist uns die innere Erkenntnis desjenigen, was da in
Griechenland gelehrt worden ist als Philosophic, es weist uns die
Akasha-Chronik-maflige Erkenntnis auf etwas hin, was ich ja natiir-
lich nur ganz aufierlich andeuten konnte in meinen «Ratseln der
Philosophies wo ich zeigte, wie Aristoteles durchaus der Ansicht ist:
Beim Menschen fliefien Form und Materie ineinander, Materie ist
Form, Form ist Materie. - Sie konnen das bei meiner Darstellung des
Aristoteles in den «Ratseln der Philosophie» finden.
Aber Aristoteles hat das noch ganz anders gelehrt. Aristoteles hat
gelehrt: Wenn man an Mineralien herantritt, dann erlebt man
zunachst die Form durch das Erleben des Inneren derUnterschenkel-
knochen, und man erlebt die Materie eben mit dem Kopforgan. Die
beiden sind weit voneinander. Der Mensch halt sie auseinander,
Form und Materie, beim Mineralreiche die Kristallisation. Wenn der
Mensch aber die Pflanze auffafit, so erlebt er die Form durch das Er-
leben des Inneren seiner Oberschenkel, die Materie wiederum durch
das Kopforgan, durch die zweiblattrige Lotusblume. Es kommt
schon naher. Und erlebt der Mensch das Tier, so erlebt er die Form
durch das Erleben des Inneren der Unterarmknochen, wiederum die
Materie durch das Kopforgan - sehr nahe beieinander. Und erlebt
der Mensch den Menschen selber, dann erlebt er die Form durch das
Innere des Oberarms, der auf dem Umwege durch die Sprachbil-
dung mit dem Gehirn selbst zusammenhangt. Ich habe ofter gerade
in Einleitungen der Eurythmie davon gesprochen. Da schliefit sich zu-
sammen die zweiblattrige Lotusblume mit dem, was von dem Inne-
ren des Oberarmes nach dem Gehirn geht. Und der Mensch erlebt
namentlich in der Sprache den anderen Menschen nicht mehr nach
Form und Inhalt getrennt, sondern als einen nach Form und Inhalt.
Sehen Sie, in dieser Konkretheit gab es diese Lehre noch zu Ari-
stoteles' Zeiten. Und eine Spur davon, wie gesagt, war bis ins 19.
Jahrhundert vorhanden. Da ist wirklich ein Abgrund. In den vier-
ziger Jahren des 19. Jahrhunderts gingen im Grunde genommen
diese Dinge wirklich verloren. Es ist der Abgrund da bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts, wo durch die Michael-Zeit die Dinge wieder
gefunden werden konnten. Da aber, indem die Menschen iiber
diesen Abgrund schrkten, schritten sie eben eigentlich iiber eine
Schwelle. Und an dieser Schwelle steht ein Huter. Und die Mensch-
heit konnte ihn zunachst nicht gleichzeitig beobachten, indem sie
zwischen demjahre 1842 und 1879 an ihm vorbeigegangen ist. Aber
sie mufi zu ihrem Heil nunmehr zuruckschauen und den Huter be-
achten. Denn das Nichtbeachten und das Weiterhineinleben in die
folgenden Jahrhunderte, ohne ihn zu beachten, wiirde eben zum
alleraufiersten Unheile der Menschheit fiihren.
Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 13. Januar 1924
Die Michael-Periode, in welche die Welt ja schon seit dem letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts eingetreten ist und in welche die Men-
schen mit ihrem Bewufitsein immer mehr und mehr werden ein-
treten mussen, unterscheidet sich von fruheren Michael-Perioden
ganz betrachtlkh. Es ist ja in der Entwickelung der Menschheit auf
Erden so, daft in dieses Menschenleben von Zeit zu Zeit die ein-
zelnen von den sieben groften Archangeloi-Geistern eingreifen, so
daft nach bestimmten Perioden sich eine solche Weltenlenkung wie
die durch Gabriel, Uriel, Raphael, Michael und so weiter wiederholt.
Aber unsere Zeitperiode ist doch eine wesentlich andere als die
fruhere Michael-Periode. Es beruht dies darauf, daft der Mensch seit
dem ersten Drittel des 1 5 . Jahrhunderts in einem ganz anderen Ver-
haltnisse zur geistigen Welt steht, als er jemals fruher gestanden hat.
Und dieses Stehen zur geistigen Welt bedingt auch ein besonderes
Verhaltnis zu dem das Menschengeschick lenkenden Geist, den man
eben mit dem alten Namen Michael bezeichnen kann.
Dasjenige, was ich auch jetzt wieder als das Rosenkreuzertum
bezeichnet habe, hat ja, wie ich bemerklich gemacht habe, nach den
verschiedensten Seiten hin zur Scharlatanerie getrieben, und das
meiste von dem, was auf die Menschheit gekommen ist als Rosen-
kreuzerei, ist ja eigentlich Scharlatanerie. Aber wie ich in fruheren
Auseinandersetzungen dargelegt habe, es hat eine solche Indivi-
dualist gegeben, die man mit dem Namen Christian Rosenkreutz
bezeichnen kann und die in gewisser Weise tonangebend ist fur die
Art und Weise, wie beim Heraufkommen der neueren Menschheits-
phase ein erleuchteter Geist, ein erkennender Geist in ein Verhaltnis
zur geistigen Welt sich setzen kann.
Man mochte sagen, Christian Rosenkreutz war es beschieden, die
verschiedensten, denkbar hochsten Fragen, Ratselfragen an das Da-
sein zu stellen, zu stellen gegeniiber fruheren Erfahrungen der Men-
schen in einer ganz neuen Weise. Denn wahrend das Rosenkreuzer-
turn heraufkam und mit dem, was man spater faustisches Streben
nannte, mit faustischem Streben nach der geistigen Welt hin den
Menschensinn lenkte, kam ja auf der anderen Seite die abstrakte
und naturalistische Wissenschaft herauf. Und anders standen die -
allerdings durchaus selbstverstandlich anerkennenswerten - Trager
dieser neueren Geistesrichtung, ein Galilei, ein Giordano Bruno, ein
Kopernikus, ein Kepler, zur Welt als diejenigen, die nicht blofi eine
formell -abstrakte, sondern eine wahre Erkenntnis der Dinge be-
wahren wollten. Denn die letzteren merkten an ihrem ganzen
Menschensein, wie die Zeit und damit das Verhaltnis der Gotter
zur Menschheit anders geworden war.
Man kann sagen, bis ins 12., 13. Jahrhundert herein noch rudi-
mentar, aber bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert herein ganz
deutlich konnte der Mensch reale Erkenntnisse iiber die geistige
Welt aus sich heraus schopfen. Der Mensch konnte, indem er die-
jenigen Ubungen durchmachte, die die Ubungen der alten Myste-
rien waren, aus sich heraus die Geheimnisse des Daseins schopfen.
Und es war wirklich fiir diese altere Menschheit so, dafi die Einge-
weihten das, was sie der Menschheit zu sagen hatten, aus den Tiefen
ihrer Seele an die Oberflache ihres Denkens, ihrer Ideenwelt zogen.
Sie hatten das Bewufitsein, dafi sie ihre Erkenntnisse aus dem Inne-
ren der Menschenseele heraus schopften.
Die Ubungen, die durchgemacht wurden, gingen ja darauf hin,
das Menschengemut im starksten MalSe zu erschiittern, dem
Menschengemiite Erfahrungen beizubringen, die man im gewohn-
lichen Leben nicht macht. Dadurch wurden gewissermafien die Ge-
heimnisse der Gotterwelt aus dem menschlichen Inneren heraus-
geholt. Aber der Mensch kann nicht die Geheimnisse, die er aus sich
herausholt, indem er sie aus sich herausholt, auch schauen. Und
auch wahrend des alten instinktiven Hellsehens hat man ja die Ge-
heimnisse der Welt geschaut, geschaut in Imagination, schauend
gehort in Inspiration, man hat sich mit ihnen verbunden in Intui-
tion - aber das alles ist nicht moglich, wenn der Mensch gewisser-
mafien blofi allein dasteht. Es ist das ebensowenig moglich, wie ich
ein Dreieck zeichnen kann, wenn ich keine Tafel habe. Das Dreieck,
das ich auf die Tafel zeichne, das versinnlicht mir dasjenige, was ich
rein geistig in mir habe. Also das ganze Dreieck, alle Gesetze des
Dreiecks sind in mir, aber ich zeichne das Dreieck auf die Tafel;
dadurch bringe ich mir dasjenige, was eigentlich in mir ist, nahe.
Nun, das ist eine aufiere Zeichnerei. Wenn es sich darum handelt,
reale Erkenntnisse nach Art der alten Mysterien aus dem Menschen
heraus zu schaffen, dann miissen diese Erkenntnisse in gewissem
Sinne irgendwo hingeschrieben werden. Sie miissen namlich ein-
getragen werden, damit sie geschaut werden konnen, in das von
alters her so genannte Astrallicht, in die feine Substantiality des
Akasha. Da mufi alles hineingeschrieben werden. Aber man mull
diese Fahigkeit entwickeln konnen, in das Astrallicht hineinzu-
schreiben.
Und diese Fahigkeit hing im Laufe der Menschheitsentwickelung
von verschiedenerlei ab. Ich will zunachst von ganz alten Zeiten ab-
sehen. Von der ersten nachatlantischen Epoche, der urindischen,
will ich absehen, da war die Sache etwas anders. Aber ich will mit
der urpersischen Epoche beginnen, in dem Sinne, wie ich sie in
meinem «Umrift einer Geheimwissenschaft» beschrieben habe. Da
gab es instinktives Hellsehen, da gab es Erkenntnisse iiber die gott-
lich-geistige Welt, und sie konnten dadurch ins Astrallicht hinein-
geschrieben werden, so daft der Mensch sie auch schauen konnte,
dadurch daft die Erde, die feste Erde, einen Widerstand gab. Das
Schreiben geschieht naturlich mit den Geistorganen, aber die Geist-
organe brauchen einen Widerstand. Nicht auf die Erde wird selbst-
verstandlich dasjenige geschrieben, was in dieser Weise geschaut
wird, in das astralische Licht wird es geschrieben, aber die Erde
bildet einen entsprechenden Widerstand. Und dadurch, daft der
Widerstand der Erde in der urpersischen Epoche von den Erkennen-
den gefiihlt werden konnte, dadurch waren in ihnen die Erkennt-
nisse, die sie aus ihrem Innern schopften, auch zu Schauungen
geworden.
In der nachsten Epoche, in der agyptisch-chaldaischen Epoche,
konnte alles, was an Erkenntnissen von den Eingeweihten aus der
Seele heraus geschopft wurde, durch das fliissige Element in das
Astrallicht eingeschrieben werden. Sie miissen sich das jetzt nur
richtig vorstellen. Der Eingeweihte der urpersischen Epoche schaute
auf die feste Erde hin, und iiberall, wo Pflanzen waren, wo Steine
waren, spiegelte ihm das Astrallicht seine eigene Anschauung zu-
riick. Der Eingeweihte der agyptisch-chaldaischen Epoche schaute
ins Meer, in den Flufi, er schaute auch in den herabstromenden
Regen, in den aufsteigenden Nebel. Er sah, wenn er in den Flufj,
wenn er in das Meer sah, die dauernden Geheimnisse. Diejenigen
Geheimnisse, die sich auf Vergangliches beziehen, auf das Schaffen
der Gotter im Verganglichen, die schaute er in dem herabstromen-
den Regen, in dem aufsteigenden Nebel. Sie miissen nur durch-
aus sich bekannt machen mit der Vorstellung, dars jene prosaisch
niichterne Art, wie wir heute Regen und Nebel wahrnehmen,
nicht die der Alten war. Den Alten sagten Regen und Nebel viel;
sie enthullten ihnen die Geheimnisse der Gotter.
Und in der griechisch-lateinischen Periode, da waren die Schau-
ungen wie eine Fata Morgana in der Luft. Der Grieche sah auch
seinen Zeus, seine Gotter im Astrallichte, aber er hatte das Gefuhl,
dafi das Astrallicht ihm die Gotter spiegelte unter den entsprechen-
den Umstanden. Daher versetzte er seine Gotter an Orte, an denen
eben die Luft in entsprechender Weise einen Widerstand fur die
Einschreibungen in das Astrallicht bieten konnte. Und so blieb es
bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert.
Es waren durchaus sogar unter den ersten Kirchenvatern, nament-
lich den griechischen Vatern, viele - das kann sogar noch aus ihren
Schriften nachgewiesen werden -, welche diese Fata Morgana der ei-
genen Schauungen durch den Widerstand der Luft im Astrallichte
schauten, welche also eine klare Erkenntnis davon hatten, dars aus
dem Menschen heraus durch die Natur sich das gottliche Wort, der
Logos, offenbarte. Dann nur wurde das immer schwacher und
schwacher. Und Nachklange waren noch vorhanden bei einigen
besonders begnadeten Menschen bis ins 12. , 13. Jahrhundert herein.
Als aber die abstrakte Erkenntnis kam, als die Zeit kam, in der die
Menschen nur angewiesen waren auf die logische Gedankenfolge
und dasjenige, was sich aus der Sinnesbeobachtung ergibt, da boten
nkht Erde und nicht Wasser und nicht Luft einen Widerstand fur
das Astrallicht, sondern einzig und allein das Element des Warme-
athers.
Sehen Sie, das wissen natiirlich diejenigen nicht, die ganz in
abstrakten Gedanken aufgehen, daft diese abstrakten Gedanken
doch auch eingeschrieben werden ins Astrallicht. Sie werden es,
Aber indem sie eingeschrieben werden, bietet fur sie einzig und
allein das Element des Warmeathers das Widerstehende.
Nun ist folgendes der Fall. Erinnern wir uns, daft in der urper-
sischen Epoche die Menschen die feste Erde als Widerlage hatten,
um die Eintragungen ins Astrallicht zu sehen. Dasjenige, was in
solcher Weise im Astrallichte enthalten ist, daft die feste Erde die
Widerlage bietet, das strahlt weiter (siehe Zeichnung; hell). Aber
spbare
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es strahlt nur bis zur Mondensphare. Weiter geht es nicht. Von
da aus strahlt es wieder zuruck, so daft es sozusagen bei der Erde
bleibt. Man sieht die Geheimnisse sich spiegeln durch die Erde. Sie
bleiben, weil die Mondensphare driickt. Gehen wir nach der agyp-
tisch-chaldaischen Periode: Das Wasser (blau) auf der Erde spiegelt;
dasjenige, was da gespiegelt wird, geht bis zur Saturnsphare. Die
driickt; dadurch ist die Moglichkeit vorhanden, dafi der Mensch mit
seinen Schauungen auf der Erde zusammen bleibt.
Gehen wir in die griechisch-lateinische Periode, also noch bis ins
12. , 13. Jahrhundert, so waren die Schauungen im Astrallicht durch
die Luft eingetragen. Das geht eigentlich bis zum Ende der Welten-
sphare, dann kehrt es um. Es ist am fluchtigsten, es ist am undichte-
sten, aber es ist doch noch so, daft der Mensch vereinigt bleibt mit
seinen Schauungen. Die Eingeweihten aller dieser Zeiten konnten
jederzeit sich sagen: Dasjenige, was wir als Schauung gehabt haben
durch Erde, Wasser, Luft, das ist da, das gibt es. - Als aber jetzt die
neueste Zeit kam, da war nur das Element des Warmeathers noch das
Widerstehende. Aber das Element des Warmeathers tragt alles das,
was in es eingeschrieben wird, in die Weltenweiten hinaus, aus dem
Raume hinaus in die geistigen Welten hinein. Es ist nicht mehr da.
Und es ist schon so: Wenn Sie den allerpedantischsten Professor
heute sehen, der Ideen hat - Ideen muft er allerdings haben, das
miiftte ja immer erst untersucht werden im einzelnen Falle, weil er
sie sehr selten hat -, aber wenn er Ideen hat, sind sie durch den
Warmeather im Astrallicht eingetragen. Aber der Warmeather ist
etwas Fluchtiges, Verfliefiendes. Alles geht gleich durcheinander.
Die Dinge gehen hinaus in die Weltenweiten.
Solch eine Personlichkeit wie Christian Rosenkreutz wuftte
um die Tatsache, daft die Eingeweihten der alten Zeiten mit ihren
Schauungen zusammengelebt haben, daft sie sich dasjenige, was sie
geschaut hatten, dadurch bekraftigt haben, daft sie wufiten: Es ist
da, es reflektiert sich irgendwo am Himmel, sei es in der Monden-,
sei es in der Planetensphare, sei es am Weltenall-Ende. Es reflektiert
sich. - Nun reflektierte sich nichts. Nichts reflektierte sich fiir das
unmittelbare wache Anschauen. Die Leute konnten jetzt Ideen
finden iiber die Natur, das Kopernikanische Weltensystem konnte
entstehen, alle Ideen konnten gefunden werden: sie verspriihen im
Warmeather in die Weltenweiten hinaus.
Da kam es denn, daft Christian Rosenkreutz auf die Eingebung
eines hbheren Geistes den Weg fand, doch nun die Riickstrahlung
wahrzunehmen, trotzdem es sich handelte um Riickstrahlung durch
den Warmeather. Das geschah dadurch, dafi andere dumpfe, unter-
bewufite, schlafahnliche Zustande des Bewufkseins zu Hilfe ge-
nommen wurden, Zustande, in denen der Mensch auch normaler-
weise aufier seinem Leibe ist. Da konnte man wahrnehmen, dafi
zwar nicht im Raume, aber doch in der Welt, in der geistigen Welt
das eingeschrieben ist, was mk den modernen abstrakten Ideen iiber
die Dinge erkundet wird. Und so stellte sich fur die Rosenkreuzerei
das Merkwiirdige heraus, dafi wie in einem Ubergangsstadium diese
Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was iiber die Natur
in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich
auf, verarbeiteten es so, wie nur ein Mensch es verarbeiten kann. Sie
hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft
machten, bis zur Weisheit getrieben. Dann bewahrten sie es in ihrer
Seele und versuchten, in einer moglichsten Reinheit nach intimen
Meditationen hiniiberzuschlafen. Und dann geschah es, dafi ihnen
die geistig-gottlichen Welten - nicht das Weltenende, aber die
geistig-gottlichen Welten - zuriickbrachten dasjenige, was in ab-
strakten Ideen erfafit wurde, in einer geistig konkreten Sprache.
In Rosenkreuzerschulen wurde schon das Kopernikanische
Weltensystem gelehrt; aber in besonderen Bewufitseinszustanden
kamen die Ideen desselben so zuriick, wie ich es in diesen Tagen hier
erklart habe. So dafi in der Tat gerade von den Rosenkreuzern ein-
gesehen wurde, dafi dasjenige, was man zunachst in der modernen
Erkenntnis erhalt, erst gewissermafien den Gottern entgegengetra-
gen werden mufi, damit sie es in ihre Spache umsetzen und es den
Menschen wiedergeben.
Dafi das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Denn es
ist so, meine lieben Freunde: Studieren Sie heute, indem Sie von
dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip beruhrt
worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, stu-
dieren Sie ihn, und lassen Sie sich durchdringen von dem, was Er-
kenntnismethoden sind nach «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?»: Was Sie in Haeckeh «Anthropogenie» iiber die
menschlichen Vorfahren in einer Sie vielleicht abstofienden Weise
lernen, lernen Sie es in dieser abstoftenden Weise, lernen Sie alles
dasjenige dariiber, was man durch aufiere Naturwissenschaft lernen
kann, und tragen Sie das dann den Gottern entgegen, und Sie be-
kommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft»
iiber die Evolution erzahlt ist. Das ist, sehen Sie, der Zusammen-
hang zwischen dem schwachen, matten Wissen, das der Mensch mit
seinem physischen Leibe hier erwerben kann, und dem, was ihm mit
der gehorigen Gesinnung, mit der gehorigen Vorbereitung durch
dieses Gelernte die Gotter geben konnen. Aber der Mensch mufi
ihnen dasjenige, was er auf der Erde lernen kann, entgegenbringen,
denn die Zeken sind eben andere geworden.
Noch ein anderes ist ja eingetreten. Heute kann ein Mensch so
viel er will streben: so aus sich heraus schopfen, wie es die alten Ein-
geweihten getan haben, kann er nicht mehr. Es gibt die Seele nicht
in derselben Weise noch etwas her, wie sie es hergegeben hat dem
alten Eingeweihten. Das wird alles unrein, das wird alles von In-
stinkten durchdrungen, wie es bei den spiritistischen Medien zutage
tritt, wie es auch sonst in krankhaften, pathologischen Zustanden
zutage tritt. Dasjenige, was nur aus dem Innern kommt, das wird
alles unrein, denn die Zeit fur dieses Aus-dem-Innern- Schopfen ist
voriiber. Sie war schon voriiber mit dem 12., 13. Jahrhundert, denn
es ist so, dalS man das, was geschehen ist, annahernd in folgender
Art ausdrucken kann.
Die Eingeweihten der urpersischen Epoche haben ja vieles in das
Astrallicht mit Hilfe des Widerstandes der Erde hineingeschrieben.
So war denn, als der erste Eingeweihte der urpersischen Epoche auf-
trat, eigentlich das ganze fur die Menschen bestimmte Astrallicht
wie eine unbeschriebene Tafel. Wie gesagt, ich werde spater noch
sprechen von der urindischen Epoche, aber ich will heute nur bis
zu der urpersischen zuruckkehren. Es war die ganze Natur, alle Ele-
mente, Festes, Flussiges, Luftformiges, Warmeartiges eine unbe-
schriebene Tafel. Nun schrieben die Eingeweihten der urpersischen
Epoche so viel auf diese Tafel, als man schreiben kann durch den
Widerstand der Erde. Da waren zunachst die von den Gottern an die
Menschen kommen sollenden Geheimnisse in das Astrallicht hinein-
geschrieben. Die Tafel war bis zu einem gewissen Mafie beschrieben,
zu einem anderen Mafie noch leer. Es konnten die Eingeweihten der
agyptisch-chaldaischen Epoche kommen und konnten auf ihre Art
weiterschreiben, indem sie ihre Schauungen durch den Widerstand
des Wassers erlangten. Ein anderer Teil der Tafel wurde beschrieben.
Es kamen die griechischen Eingeweihten. Sie beschrieben den
dritten Teil der Tafel. Nun ist die Naturtafel vollgeschrieben. Sie
war mit dem 13., 14. Jahrhundert ganz vollgeschrieben. Man fing
an, in den Warmeather hineinzuschreiben. Der aber verspriiht. Man
schrieb eine Zeitlang in den Warmeather hinein, bis ins 19. Jahr-
hundert herein. Man ahnte gar nkht, dafi das auch im Astrallichte
steht. Aber jetzt ist die Zeit, wo die Menschen einsehen mussen:
Nicht aus sich heraus im alten Sinne konnen sie die Geheimnisse der
Welt flnden, sondern dadurch, dafi sie ihr Gemiit so vorbereiten,
dafi sie nun das, was schon ganz vollgeschrieben ist auf der Tafel,
nun lesen konnen. Dazu mufi man sich heute vorbereiten, dazu
mufi man sich heute reif machen, daft man nicht aus sich heraus
schopft wie die alten Eingeweihten, sondern dafi man im Astral-
lichte lesen kann, was darinnen steht. Dann wirkt inspirierend
gerade dasjenige, was man aus dem Warmeather heraus bekommt.
Und dann wirkt das, was man aus dem Warmeather bekommt,
dadurch, dafi einem die Gotter entgegenkommen und einem in der
Realitat entgegentragen, was man sich hier auf der Erde erarbeitet
hat, dann wirkt es wiederum zuriick auf dasjenige, was auf der ge-
schriebenen Tafel steht durch Luft, Wasser, Erde.
Und so ist tatsachlich heute die Naturwissenschaft die Grundlage
fur das Schauen. Lernt man erst durch Naturwissenschaft die Eigen-
tumlichkeiten von Luft, Wasser, Erde kennen und erlangt man die
inneren Fahigkeiten, dann stromt heraus, indem man schaut in das
Luftige, in das Wafirige, indem man schaut in das Erdige, es stromt
heraus das Astrallicht. Aber es stromt nicht heraus wie ein unbe-
stimmter Nebel, es stromt so heraus, dafi man die Geheimnisse des
Weltendaseins und des Menschenlebens drinnen lesen kann. Was
lesen wir denn?
Wir lesen heute als Menschheit dasjenige, was wir selber hinein-
geschrieben haben. Denn was heifit denn das: die alten Griechen,
die alten agyptisch-chaldaischen, die alten persischen Menschen
haben es eingeschrieben? Das heifit ja: Wir selber haben es hinein-
geschrieben in unseren fruheren Erdenleben.
Sehen Sie, geradeso wie unser Gedachtnis, unser inneres Ge-
dachtnis fur die gewohnlichen Dinge, die wir im Erdenleben er-
fahren, uns bewahrend ist, so ist es das astralische Licht mit dern,
was wir hineingeschrieben haben, was um uns herum sich ausbreitet,
was eine beschriebene Tafel darstellt mit Bezug auf die Geheim-
nisse, die wir selber hineingeschrieben haben. Das ist zugleich das-
jenige, was wir lesen miissen, wenn wir wiederum auf die Geheim-
nisse kommen wollen. Es ist eine Art von Evolutionsgedachtnis, das
da auftreten muli in der Menschheit. Und es mulS allmahlich ein
Bewulksein davon entstehen, daft ein solches Evolutionsgedachtnis
da ist, dafi eigentlich heute die Menschheit in bezug auf ihre
fruheren Kulturepochen im Astrallichte so lesen mufi, wie wir im
spateren Alter in unserer Jugend lesen durch unser gewohnliches
Gedachtnis. Weil dies zum Bewulksein der Menschen kommen soil,
habe ich gerade die Vortrage, die ich wahrend der Weihnachtszeit
hier gehalten habe, so gehalten, dafi Sie daran sehen konnten: Es
handelt sich wirklkh darum, Geheimnisse, die wir heute brauchen,
aus dem Astrallichte heraus zu holen. - Es ist also die alte Einwei-
hung wesentlich auf das Subjektive
…[truncated]