Mysterienstätten des Mittelalters

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUS GABE 

VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 
der  anthroposophischen  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 


Mysterienstatten  des  Mittelalters 

Rosenkreuzertum 
und  modernes  Einweihungsprinzip 


Das  Osterfest 

als  ein  Stuck  Mysteriengeschichte 
der  Menschheit 


Zehn  Vortrage,  gehalten  in  Dornach 
vom  4.  bis  13.  Januar  und  19.  bis  22.  April  1924 


1991 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 


Die  Herausgabe  det  4.  Auflage  besorgte  Caroline  Wispier 


MYSTERIENSTATTEN  DES  MITTELALTERS: 

1.  Auflage  Dornach  1932 

2.  Auflage  (zusammen  mit  «Die  Weltgeschichte  in 
anthroposophischer  Beleuchtung»  und  «Das  Osterfest 
als  ein  Stuck  Mysteriengeschichte  der  Menschheit») 
Gesamtausgabe  Dornach  1962 

3.  Auflage  (Einzelausgabe  aus  vorangehendem 
Sammelband)  Dornach  1963 

4.  Auflage,  neu  mit  den  Stenogrammen  verglichen 
(zusammen  mit  «Das  Osterfest  als  ein 
Stuck  Mysteriengeschichte  der  Menschheit») 
Gesamtausgabe  Dornach  1980 

5.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1991 

DAS  OSTERFEST  ALS  EIN  STOCK 
MYSTERIENGESCHICHTE  DER  MENSCHHEIT: 

Einzelausgaben  Dornach  1934;  I960;  1974;  ferner  im 
Sammelband  «Die  Weltgeschichte  in  anthroposophischer 
Beleuchtung»  Gesamtausgabe  Dornach  1963 


Bibliographie-Nr.  233a 

Einbandgestaltung  von  Assja  Turgenieff 
Ober  die  Zeichnungen  im  Text  siehe  Seite  169 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlaflverwaltung,  Dornach /Schweiz 
©  1980  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-2335-8 


Zu  den  Veroffentlichungen 
am  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Sterner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlrekhe  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fiir 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Er  selbst  wollte  ursprunglich,  daft  seine  durchwegs  frei 
gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wurden,  da  sie 
als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner- von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  kor- 
rigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen 
sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge  - 
nommen  werden  mussen,  daft  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur 
als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offent- 
lichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie 
«Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist 
am  Schlufl  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  glei- 
chermafien  auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


MYSTERIENSTATTEN  DES  MITTELALTERS , 
ROSENKREUZERTUM  UND  MODERNES  EINWEIHUNGSPRINZIP 


Erster  Vortrag,  Dornach4.  Januar  1924   

Die  Erforschung  der  Weltentwickelung  im  9./ 10.  Jahrhundert  noch  aus 
dem  Verstandnis  der  Hierarchien:  Die  erste  Hierarchie  und  das  saturnische 
Dasein;  Warme.  Die  zweite  Hierarchie  und  die  Entwickelung  zur  Sonne; 
Licht  und  Luft.  Die  dritte  Hierarchie  und  die  Entwickelung  zum  Monde; 
Entstehung  und  Wesen  der  Farben.  Die  vierte  Hierarchie,  der  urspriing- 
liche  Mensch,  und  die  Erde;  Entstehung  des  Lebens,  des  Festen,  des 
Seelenerlebens.  Die  Wesensleere  der  modernen  Weltanschauung. 

Zweiter  Vortrag,  5.  Januar  1924   

Eine  Mysterienunterweisung  im  12.  Jahrhundert:  Die  Verbindung  von 
dem  Verstandnis  der  Geistesoffenbarung  auf  hohem  Berge  und  der  Er- 
leuchtung  des  Naturverhaltnisses  in  Tiefen  der  Erde  konnte  noch  zu 
Weisheit  und  Selbsterkenntnis  des  Menschen  fuhren.  Raimundus  Lullus 
und  sein  Verhaltnis  zum  Weltenwort.  Beginn  der  Rosenkreuzerschulung. 

Dritter  Vortrag,  6.  Januar  1924   

Der  Charakter  geistiger  Offenbarung  im  spaten  Mittelalter.  Rosenkreuze- 
rische  Bruderschaft  der  Erkenntnis.  Symbolische  Offenbarung  und  ihre 
Deutung;  ihre  zweifelhaft  werdende  Verbreitung.  Beginn  einer  Erkennt- 
nisangstlichkeit.  Raimund  von  Sabunda  und  Pico  de  Mirandola.  Das 
Opfer  der  Sternenerkenntnis  und  der  Freiheitsimpuls.  Gemutsweisheit 
einzelner  Menschen  bis  ins  19.  Jahrhundert. 

Vierter  Vortrag,  11.  Januar  1924  

Die  Lehre  von  Intelligenz  und  Damon  der  Planeten;  Agrippa  von  Nettes- 
heim.  Der  urspriingliche  Mensch  als  Sonnenwesen  und  als  Intelligenz  des 
Erdgestirns.  Seine  zu  tiefe  Verbindung  mit  der  Erdenmaterie.  Die  Ver- 
wandlung  des  Verhaltnisses  von  Sonne  und  Erde;  der  Christus-Impuls. 
Faust  und  der  Erdgeist.  Die  Rosenkreuzerlehre  iiber  das  wahre  Verhaltnis 
von  Ptolemaischem  und  Kopernikanischem  Weltsystem.  Selbstentfrem- 
dung  und  Sehnsucht  des  Menschen  der  Neuzeit.  Beginn  des  Michael- 
zeitalters. 


FOnfterVortrag,  12.Januar  1924    68 

Zwei  Lehren  einer  geisteswissenschaftlichen  Schule,  die  bis  ins  19-  Jahr- 
hundert  reichte:  Das  Verstehen  symbolischer  Formeti  der  Geisteswissen- 
schaft  durch  das  Erleben  des  Knochenbaus  und  des  Knocheninnern.  Die 
Bildung  von  Riickenmarks-  und  Gehirnorganisation;  ihr  Verhaltnis  zu 
Sonne  und  Mond;  ihr  Abbild  in  Auge  und  Geruchsorgan.  Das  Kopf organ 
an  der  Nasenwurzel:  ein  «kleiner  Mensch».  Die  Erkenntnis  vom  Wesen 
des  Stoffes  durch  das  Kopforgan,  vom  Wesen  der  Form  durch  Erleben  des 
Knocheninnern.  Aristoteles'  Lehre  iiber  das  Erfassen  von  Stoff  und  Form 
bei  Mineral,  Pflanze,  Tier  und  Mensch. 


Sechster  Vortrag,  13.  Januar  1924    83 

Der  subjektive  Charakter  der  alten  Einweihungen:  was  von  den  Gottern 
in  die  Wesensglieder  des  Menschen  gelegt  war,  wurde  heraufgeholt;  es 
konnte  durch  den  Widerstand,  den  die  Elemente  boten,  dem  Astrallicht 
eingeschrieben  werden.  Das  Astrallicht  als  Evolutionsgedachtnis  der 
Menschheit.  Die  Verflikhtigung  des  modernen  Ideenlebens  im  Warme- 
ather.  Christian  Rosenkreuz  und  die  Verwandlung  der  materialistischen 
Naturwissenschaft.  Der  aufs  Objektive  gerichtete  Charakter  der  modernen 
Einweihung:  lesen  zu  lernen,  was  fruhere  Epochen  dem  Astrallichte  ein- 
geschrieben haben.  Vom  Wesen  Michaels. 


DAS  OSTERFEST 
ALS  EIN  STLICK  MYSTERIENGESCHICHTE  DER  MENSCHHEIT 

Erster  Vortrag,  Dornach  19- April  1924    103 

Der  Zusammenhang  des  christlichen  Osterfestes  mit  heidnischen  Myste- 
rienkulten.  Zeremonie  und  Struktur  des  Adonis-Kultes  im  Herbst:  Tod, 
Grabesruhe,  Auferstehung.  Der  Kultus  als  Bild  des  in  den  Mysterien  ver- 
borgenen  Initiationsvorganges;  dieser  als  Bild  fur  reale  geistige  Welt- 
vorgange.  Bewulkwerden  des  Todesgeheimnisses.  Das  Mysterium  von 
Golgatha.  Was  in  der  alten  Initiation  von  der  Seele  erlebt  wurde,  vollzog 
sich  durch  Christus  in  der  ganzen  Menschennatur.  Was  vorher  raumliche 
Erhebung  zum  Sonnenwesen  war,  wurde  nach  Golgatha  zeitlich  An- 
schauung  eines  Irdisch-Historischen.  Das  neue  Auferstehungsfest  im 
Fruhling.  Der  Wandel  der  Menschennatur  ins  Materialistische.  Der 
Auferstehungsgedanke  und  die  Anthroposophie. 


ZweiterVortrag,  20.  April  1924   117 

Die  grofien  Feste:  Bewufkwerden  des  Zusammenhanges  von  Mensch  und 
Kosmos.  Das  Verhaltnis  friiher  Zeiten  zu  den  Vaterkraften  des  Mondes, 
noch  friiherer  zu  den  Sohneskraften  der  Sonne.  Irdische  Geburt:  Monden- 
geburt;  Wirken  der  Notwendigkeit.  «Zweite  Geburt»  um  das  30,  Lebens- 
jahr:  Sonnengeburt;  Moglichkeit  derfreien  Selbstgestaltung.  Der  Rikkzug 
des  Wissens,  besonders  um  die  Sonnenkrafte,  in  die  Mysterien.  Die  fiinf 
Stufen  der  Iniriation  bis  zum  Grab  des  «Auferstandenen».  Der  innere  Ge- 
halt  des  Osterfestes  als  menschliches  Erlebnis  dieser  Entwickelungsstufe.- 
Der  Einzug  der  Sonnenkrafte  in  das  Irdische,  als  die  Moglichkeit  zu  dieser 
Initiation  verlorenging.  Das  Mysterium  von  Golgatha. 

DritterVortr ag,  21.  April  1924    137 

Der  astronomische  Aspekt  des  Osterfestes  und  sein  Zusammenhang  mit 
dem  Mondengeheimnis.  Das  Wirken  des  Mondes.  Die  vorgeburtliche  Bil- 
dung  des  Atherleibes  mit  Hilfe  der  Mondenwesen  auf  Grund  ihrer  Erfah- 
rungen  mit  den  andern  Planeten.  Das  Miterleben  dieses  Bildevorganges 
und  besonders  des  Zusammenwirkens  von  Mond  und  Sonne  durch  die  In- 
itiation; das  menschliche  Ostererlebnis.  Das  Abstraktwerden  dieses  Erleb- 
nisses  zu  einer  Zeitbestimmung  zwischen  Erde,  Mond  und  Sonne.  Die 
Konfusion  durch  das  Zusammenlegen  von  Herbst-  und  Frtihjahrsmyste- 
rien.  Herbstmysterien;  der  Aufstieg  des  Geistes  nach  dem  Todeserlebnis 
wird  gefeiert;  ihr  Zusammenhang  mit  dem  Sonnengeheimnis.  Friihjahrs- 
mysterien:  der  Niederstieg  des  Geistes  aus  dem  Vorirdischen  wird  erlebt. 

VierterVortrag,  22.  April  1924    154 

Mysterienwesen,  Freiheitsentwickelung  und  Anthroposophie.  Der  Brand 
von  Ephesus  und  der  des  Goetheanum;  inwiefern  so  bedeutsames  Unrecht 
Anlafi  zu  einem  Menschheitsfortschritt  werden  kann.  -  Die  ephesische 
Mysterienweisheit.  IehOvA.  Der  vorirdische  kosmische  Mensch  in  Klang 
und  Licht.  Der  Obergang  der  Tempelweisheit  nach  dem  Brand  in  den 
Weltenather  als  kosmische  Schrift;  ihr  Wiederaufleben  in  Aristoteles  und 
Alexander  und  ihre  Neugestaltung  in  menschlicher  Gedankenschrift:  die 
aristotelischen  Kategorien.  -  Anthroposophie  und  das  Auferstehen  der 
Weltenweisheit,  die  in  der  Zwischenzeit  verborgen  worden  ist.  Die  Ver- 
wandlung  des  Goetheanumimpulses  durch  den  Goetheanumbrand. 
Anthroposophische  Osterstimmung. 


Hinweise   169 

Textkorrekturen   173 

Namenregister   174 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   175 


Mysterienstatten  des  Mittelalters 

Rosenkreuzertum 
und  modernes  Einweihungsprinzip 

Sechs  Vortrage,  gehalten  in  Dornach 
zwischen  dem  4.  und  13.  Januar  1924 


ERSTER  VORTRAG 
Dornach,  4.  Januar  1924 


Im  Anschlufi  an  dasjenige,  was  ich  Ihnen  vorzubringen  hatte  in  dem 
Kursverlauf  wahrend  unserer  Weihnachtstagung,  mochte  ich  in 
diesen  drei  Vortragen,  die  nun  an  den  Abenden  werden  zu  halten 
sein,  einiges  von  dem  sagen,  was  die  auf  die  Erforschung  des  gei- 
stigen  Lebens  hingehende  Entwickelung  in  der  neueren  Zeit  betrifft. 
Es  wird  ja  vielfach  gerade  unter  dem  Namen  der  Rosenkreuzerei  und 
anderer  okkulter  Bezeichnungen  von  dieser  neueren  geisteswissen- 
schaftlichen  Entwickelung  gesprochen,  und  ich  mochte  einmal  das 
Innere  dieser  Erforschung  des  geistigen  Lebens  hier  Ihnen  schildern. 
Dazu  wird  notwendig  sein,  dafi  wir  heute  einleitend  etwas  iiber  die 
ganze  Art  der  Vorstellungen  sagen,  die  sich  etwa  um  das  9  - ,  10. ,  11. 
nachchristliche  Jahrhundert  festsetzte  und  dann  allmahlich  ver- 
schwand  eigentlich  erst  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  sich  sogar 
noch  erhalten  hat  bei  einzelnen  Nachzuglern  im  19.  Jahrhundert. 
Also  ich  mochte  heute  nicht  historisch  vorgehen,  sondern  ich  mochte 
eine  Summe  von  durch  gewisse  Personlichkeiten  innerlich  erlebten 
Vorstellungen  vor  Ihre  Seele  hinstellen.  Man  denkt  ja  gewohnlich 
gar  nicht,  wie  anders  die  ganze  Vorstellungswelt  vor  einer  verhaltnis- 
mafiig  kurzen  historischen  Zeit  war  bei  denjenigen,  die  sich  zu  den 
erkennenden  Menschen  gerechnet  haben  -  wie  ganz  anders  als 
heute.  Heute  spricht  man  von  chemischen  Stoffen,  siebzig  oder 
achtzig  chemischen  Stoffen,  und  wird  sich  gar  nicht  bewulk,  dafi 
eigentlich  wirklich  furchtbar  wenig  damit  gesagt  ist,  wenn  man 
einen  Stoff  als  Sauerstoff,  als  Stickstoff  und  so  weiter  bezeichnet. 
Denn  Sauerstoff  ist  ja  nur  etwas,  was  vorhanden  ist  unter  bestimm- 
ten  Voraussetzungen,  unter  bestimmten  Voraussetzungen  von 
Warmezustanden,  von  anderen  Zustanden  gerade  des  irdischen 
Lebens.  Es  kann  doch  unmoglich  eigentlich  ein  vernunftiger  Mensch 
mk  irgend  etwas  den  Begriff  der  Realitat  verbinden,  was  bei  Erho- 
hung  einer  Temperatur  um  soundso  viele  Grade  nicht  mehr  in  dem- 
selben  Mafie,  in  derselben  Weise  vorhanden  ist,  wie  es  gerade  eben 


unter  den  Bedingungen  vorhanden  ist,  in  denen  der  Mensch  als  phy- 
sischer  Erdenmensch  lebt.  Und  gerade  solche  Begriffe,  solche  Vor- 
stellungen,  die  Tendenz,  iiber  das  Relative  des  Daseins  hinauszu- 
gehen  zu  einem  wirklichen  Dasein,  dieses  Ziel  lag  eben  dem  For- 
schungsleben  der  ersten  Zeit  des  Mittelalters,  der  mittleren  Zeit  des 
Mittelalters  durchaus  zugrunde. 

Ich  setze  deshalb  einen  Ubergang  vom  9-  ins  10.  nachchristliche 
Jahrhundert,  weil  vorher  die  ganzen  Anschauungen  der  Menschen 
noch  sehr  geistig  waren.  Es  wiirde  zum  Beispiel  einem  wirklich 
Wissenden  des  9-  Jahrhunderts  gar  noch  nicht  haben  beikommen 
konnen,  in  der  Annahme  von  Engeln  oder  Erzengeln  oder  Seraphim 
irgend  etwas  zu  sehen,  was  an  Realitat  nicht  gleichgekommen  ware  - 
ich  meine  nur  an  Realitat  -  den  physischen  Menschen,  die  man  mit 
Augen  sieht.  Bei  den  Wissenden  flnden  Sie,  dafi  durchaus  in  dieser 
Zeit  vor  dem  10.  Jahrhundert  von  den  geistigen  Wesenheiten,  den 
sogenannten  Intelligenzen  des  Kosmos,  wie  von  Wesenheiten  ge- 
sprochen  wird,  nun  ja,  denen  man  eben  begegnet,  wenn  auch  die 
Leute  gewufit  haben,  sie  sind  schon  langst  aus  dem  Zeitalter  hinaus, 
in  dem  das  ein  allgemeines  Anschauungsgut  der  Menschen  war.  Sie 
haben  aber  gewufit,  unter  besonderen  Verhaltnissen  ist  die  Wirkung 
da.  Man  darf  zum  Beispiel  durchaus  nicht  iibersehen,  dafi  zahlreiche 
Priesternaturen,  katholische  Priesternaturen,  bis  ins  9.,  10.  Jahr- 
hundert im  Verlauf  der  Verrichtungen  des  Mefiopfers  sich  ganz  klar 
daruber  waren,  dafl  sie  bei  dieser  oder  jener  Handlung  des  Mefi- 
opfers  die  Begegnung  von  geistigen  Wesenheiten,  von  Intelligenzen 
des  Kosmos  gehabt  haben. 

Aber  mit  dem  9-,  10.  Jahrhundert  verschwand  allmahlich  aus 
dem  Bewufitsein  der  Menschen  der  unmittelbare  Zusammenhang 
mit  den  eigentlichen  Intelligenzen  des  Weltenalls,  und  immer  mehr 
und  mehr  tauchte  auf  nur  das  Bewuiksein  von  den  Elementen  des 
Kosmos,  von  dem  Erdigen,  dem  Flussigen  oder  Wafirigen,  dem 
Luftartigen,  dem  Warmeartigen,  dem  Feurigen.  So  dafi,  ebenso  wie 
man  fruher  von  kosmischen  Intelligenzen  gesprochen  hat,  welche 
die  Planetenbewegungen  regeln,  die  Planeten  vorbeifuhren  an  den 
Fixsternen  und  so  weiter,  so  sprach  man  nunmehr,  ich  mochte 


sagen,  von  der  unmittelbaren  Umgebung  des  Irdischen.  Man  sprach 
von  den  Elementen  der  Erde,  des  Wassers,  der  Luft,  des  Feuers. 
Chemische  Stoffe  im  heutigen  Sinne  beachtete  man  nicht.  Das  kam 
erst  viel  sparer,  daft  man  diese  beachtete.  Aber  sehen  Sie,  Sie  wiirden 
sich  etwas  ganz  Falsches  vorstellen,  wenn  Sie  sich  denken  wiirden, 
dafi  die  Wissenden  selbst  noch  im  13.,  I4.jahrhundert,  ja  sogar  in  ei- 
ner  gewissen  Weise  herein  bis  ins  1 8 .  Jahrhundert ,  sich  unter  Warme , 
Luft,  Wasser,  Erde  dasselbe  vorgestellt  hatten,  was  sich  heute  die 
Menschen  darunter  vorstellen.  Heute  reden  die  Menschen  von  der 
Warme  iiberhaupt  nur  noch  als  von  einem  Zustande,  in  dem  die 
Korper  sind.  Von  einem  eigentlich  Warmeatherischen  wird  ja  nicht 
mehr  geredet.  Aber  Luft,  Wasser,  das  ist  ja  fur  die  Menschen  heute, 
man  mochte  sagen,  das  Allerabstrakteste  geworden,  und  es  ist  schon 
notwendig,  daft  man  sich  vertiefe  in  die  Art,  wie  diese  Vorstellungen 
einmal  waren.  Und  so  mochte  ich  Ihnen  heute  ein  Bild  geben,  wie 
etwa  die  Redeweise  bei  den  Wissenden  in  der  bezeichneten  Zeit  war. 

Ich  war  genotigt,  als  ich  meine  «Geheimwissenschaft»  schrieb,  die 
Entwickelung  der  Erde  doch  wenigstens  ein  wenig  mit  dengebrauch- 
lichen  Vorstellungen  der  Gegenwart  in  Einklang  zu  bringen.  Im  13. , 
12.  Jahrhundert  wiirde  man  sie  haben  anders  machen  konnen.  Da 
wiirde  zum  Beispiel  in  einem  gewissen  Kapitel  dieser  «Geheim- 
wissenschaft»  das  Folgende  zu  finden  gewesen  sein.  Da  hatte  man 
zunachst  eine  Vorstellung  hervorzurufen  gehabt  von  den  Wesen- 
heiten,  die  man  als  die  Wesenheiten  der  ersten  Hierarchie  bezeich- 
nen  kann:  Seraphim,  Cherubim,  Throne.  Man  wiirde  die  Seraphim 
charakterisiert  haben  als  Wesenheiten,  bei  denen  es  nicht  Subjekt 
und  Objekt  gibt,  sondern  bei  denen  Subjekt  und  Objekt  zusam- 
menfallt,  die  nicht  sagen  wiirden:  Aufier  mir  sind  Gegenstande 
sondern:  Die  Welt  ist,  und  ich  bin  die  Welt,  und  die  Welt  ist  Ich  -; 
die  eben  nur  von  sich  wissen,  und  zwar  so,  daft  diese  Wesenheiten, 
diese  Seraphim,  von  sich  wissen  durch  ein  Erlebnis,  von  dem  der 
Mensch  einen  schwachen  Nachglanz  hat,  wenn  er,  nun,  sagen 
wir,  die  Erfahrung  macht,  die  ihn  in  eine  gliihende  Begeisterung 
versetzt. 

Es  ist  sogar  schwer  manchmal,  dem  gegenwartigen  Menschen  klar 


zu  machen,  was  eine  gliihende  Begeisterung  ist,  denn  noch  im  Be- 
ginne  des  19-  Jahrhunderts  wufite  man  besser,  was  gliihende  Be- 
geisterung ist,  als  heute.  Da  kam  es  schon  noch  vor,  dafi  das  oder 
jenes  Gedicht  von  diesem  oder  jenem  Dichter  vorgelesen  worden  ist, 
und  die  Leute  benahmen  sich  vor  Begeisterung  so  -  verzeihen  Sie, 
aber  es  war  schon  so  -,  dafi  der  gegenwartige  Mensch  sagen  wiirde: 
Die  sind  ja  alle  wahnsinnig  geworden!  -  So  sind  sie  in  Bewegung 
gekommen,  so  ist  Warme  in  sie  eingezogen.  Gegenwartig  erfriert 
man  ja,  gerade  wenn  man  glaubt,  die  Leute  sollten  begeistert  sein. 

Und  dutch  dieses  Element  der  Begeisterung,  das  insbesondere  in 
Mittel-  und  Osteuropa  recht  heimisch  war,  durch  diese  seelische  Be- 
geisterung, indem  dieses  Element  zum  Bewufitsein  erhoben  ist,  ein- 
heitliches  Bewufitseinselement  ist,  hat  man  sich  das  innere  Leben  der 
Seraphim  vorzustellen.  Und  als  ein  vollig  abgeklartes  Element  im 
Bewufttsein,  lichtvoll,  so  dafi  der  Gedanke  unmittelbar  Licht  wird, 
alles  beleuchtet,  hat  man  das  Bewufitseinselement  der  Cherubim 
vorzustellen.  Und  als  in  Gnade  tragend,  weltentragend,  das  Element 
der  Throne. 

Nun,  das  ist  solch  eine  Skizze.  Ich  konnte  dariiber  lange  noch 
fortsprechen.  Ich  wollte  Ihnen  nur  zunachst  sagen,  dafi  man  versucht 
hatte  in  jener  Zeit  zunachst  Seraphim,  Cherubim,  Throne  in  ihren 
wesenhaften  Eigenschaften  zu  charakterisieren.  Dann  wiirde  man 
Tafbi  r  gesagt  haben:  Der  Chor  der  Seraphim,  Cherubim,  Throne  wirkt 
zusammen,  und  zwar  so  wirkt  er  zusammen,  dafl  die  Throne  ein  en 
Kern  begriinden  (siehe  Zeichnung;  Mitte  rotlila);  die  Cherubim 
lassen  von  diesem  Kern  ausstromen  ihr  eigenes  lichtvolles  Wesen 
(gelber  Ring).  Die  Seraphim  hiillen  das  Ganze  in  einen  Begeiste- 
rungsmantel,  der  weithin  in  den  Weltenraum  strahlt  (rote  Um- 
hiillung). 

Aber  das  sind  alles  Wesenheiten  in  dem,  was  ich  zeichne,  in  der 
Mitte  die  Throne,  im  Umkreis  die  Cherubim,  in  dem,  was  im  Aufter- 
sten  hier  ist,  die  Seraphim.  Das  sind  Wesenheiten,  die  ineinander- 
schweben,  -tun,  -denken,  -wollen,  die  ineinanderfiihlen.  Das  sind 
Wesenhaftigkeiten.  Und  wenn  ein  Wesen,  das  die  entsprechende 
Empfindungsfahigkeit  gehabt  hatte,  nunmehr  den  Weg  durch  den 


14 


*  Zu  den  Tafelzeichnungen  siehe  S.  169. 


Tafel  1 


Raum  genommen  hatte,  wo  in  dieser  Weise  die  Throne  einen  Kern 
begriindet  haben,  die  Cherubim  eine  Art  von  Umkreis,  die  Sera- 
phim eine  Art  von  Abschlufi  nach  aufien,  wenn  ein  solches  Wesen  in 
den  Bereich  dieses  Wirkens  der  ersten  Hierarchie  gekommen  ware, 
so  hatte  es  Warme  in  verschiedener  Differenzierung,  an  verschie- 
denen  Stellen  Warme  gefiihlt,  da  hohere  Warme,  dort  tiefere 
Warme.  Alles  aber  seelisch-geistig,  aber  so  seelisch-geistig,  daft  das 
seelische  Erlebnis  auch  zu  gleicher  Zeit  in  unseren  Sinnen  ein  phy- 
sisches  Erlebnis  ist,  dafi  also,  indem  das  Wesen  sich  seelisch  warm 
fiihlt,  wirklich  das  da  ist,  was  Sie  fiihlen,  wenn  Sie  in  einem  ge- 
heizten  Raume  sind.  Solch  eine  Zusammenbauung  von  Wesenheiten 
der  ersten  Hierarchie  ist  einmal  im  Weltenall  entstanden,  und  das 
bildete  das  saturnische  Dasein.  Die  Warme  ist  blofi  der  Ausdruck 
dafiir,  dafi  diese  Wesenheiten  da  sind.  Die  Warme  ist  nichts,  sie  ist 
blofi  der  Ausdruck  dafiir,  daft  diese  Wesenheiten  da  sind. 

Ich  mochte  dafiir  ein  Bild  gebrauchen,  das  hier  vielleicht  etwas 
aufklarend  sein  kann.  Denken  Sie  sich,  Sie  haben  einen  Menschen 


gern.  Sie  empfinden  seine  Gegenwart  als  Sie  warmend.  Denken  Sie 
sich,  es  kommt  einer,  der  ein  furchtbarer  Abstraktling  ist  und  sagt: 
Ja,  der  Mensch  interessiert  mich  eigentlich  nicht,  den  denke  ich  mir 
weg,  mich  interessiert  nur  die  Warme,  die  er  verbreitet.  -  Aber  er 
sagt  gar  nicht:  Mich  interessiert  nur  die  Warme,  die  er  verbreitet  -, 
sondern:  Mich  interessiert  iiberhaupt  nur  die  Warme.  -  Er  redet 
natiirlich  Unsinn,  das  verstehen  Sie,  denn  wenn  der  Mensch  weg  ist, 
der  die  Warme  verbreitet,  dann  ist  die  Warme  auch  nicht  mehr  da. 
Die  Warme  ist  iiberhaupt  nur  etwas,  was  da  ist,  wenn  der  Mensch  da 
ist.  Sie  ist  an  sich  nichts.  Der  Mensch  mufi  da  sein,  wenn  die  Warme 
da  ist.  So  miissen  Seraphim,  Cherubim,  Throne  da  sein,  sonst  ist 
auch  die  Warme  nicht  da.  Die  Warme  ist  nur  die  Offenbarung  der 
Seraphim,  Cherubim,  Throne. 

Sehen  Sie,  in  jener  Zeit,  von  der  ich  spreche,  gab  es  ja  in  der  Tat 
bis  zu  den  kolorierten  Zeichnungen  herunter  das,  was  ich  Ihnen 
eben  jetzt  beschrieben  habe.  Man  redete  so,  dafi  man,  wenn  man 
von  Elementen  redete,  vom  Elemente  der  Warme,  darunter  eigent- 
lich Cherubim,  Seraphim,  Throne  verstand.  Und  das  ist  das  satur- 
nische  Dasein. 

Nun  ging  man  weiter,  und  man  sagte  sich  dann:  Nur  die  Sera- 
phim, Cherubim,  Throne  haben  die  Macht,  so  etwas  hervorzu- 
bringen,  so  etwas  hinzustellen  in  den  Kosmos.  Nur  diese  hochste 
Hierarchie  hat  die  Fahigkeit,  so  etwas  hinzustellen  in  den  Kosmos. 
Aber  indem  diese  hochste  Hierarchie  im  Ausgangspunkte  eines 
Weltenwerdens  so  etwas  hingestellt  hat,  konnte  die  Entwickelung 
weitergehen.  Es  konnten  gewissermafien  die  Sonne  der  Seraphim, 
Cherubim  und  Throne  die  Entwickelung  weiterleiten.  -  Und  das 
geschah  dann  auf  die  Weise,  dafi  wirklich  die  von  den  Seraphim, 
Cherubim  und  Thronen  hervorgebrachten  Wesenheiten  der  zweiten 
Hierarchie,  die  Kyriotetes,  Dynamis,  Exusiai,  dafi  diese  nun  ein- 
drangen  in  diesen  Raum,  sagen  wir,  der  hier  durch  Seraphim,  Che- 
rubim und  Throne  saturnisch  gestaltet  worden  war,  saturnisch  warm 
gebildet  worden  war.  Da  drangen  dann  die  jungeren,  natiirlich  kos- 
misch  jungeren  Wesenheiten  ein.  Diese  kosmisch  jungeren  Wesen- 
heiten, wie  wirkten  sie?  Wahrend  die  Cherubim,  Seraphim  und 


Throne  fur  sich  im  Elemente  der  Warme  sich  offenbarten,  so  offen- 
barten  sich  die  Wesenheiten  der  zweiten  Hierarchie  im  Elemente  des 
Lichtes.  Hier  (auf  der  Zeichnung,  roter  Hintergrund)  das  Saturnische 
ist  dunkel,  liefert  Warme.  Und  innerhalb  der  dunklen  finsteren  rcchts 
Welt  des  saturnischen  Daseins  ersteht  dasjenige,  was  durch  die 
Sonne  der  ersten  Hierarchie,  durch  die  Exusiai,  Dynamis,  Kyriotetes, 
entstehen  kann. 

Was  da  entsteht  innerhalb  dieses  saturnisch  Warmen,  das  ent- 
steht  dadurch,  dafi  das  Eindringen  der  zweiten  Hierarchie  bedeutet 
ein  innerliches  Durchleuchtetwerden.  Dieses  innerliche  Durchleuch- 
tetwerden  ist  verkniipft  mit  einer  Verdichtung  der  Warme.  Es  wird 


Tafel  1 


aus  dem  blofien  Warmeelement  Luft.  Und  wir  haben  auf  der  einen 
Seite  eindringend  in  der  Offenbarung  des  Lichtes  die  zweite  Hier- 
archie. Aber  Sie  mussen  sich  jetzt  klar  vorstellen,  in  Wirklichkeit 
dringen  Wesenheiten  ein.  Fur  ein  Wesen  mit  entsprechender  Wahr- 
nehmungsfahigkeit  dringt  Licht  ein.  Licht  ist  dasjenige,  was  die 
Wege  dieser  Wesenheiten  bezeichnet.  Wenn  irgendwo  Licht  hin- 
kommt,  so  entsteht  unter  gewissen  Bedingungen  Schatten,  Finster- 


nis,  finsterer  Schatten.  Durch  das  Eindringen  der  zweiten  Hierarchie 
in  Form  des  Lichtes  entstand  audi  Schatten.  Was  war  dieser  Schatten? 
Die  Luft.  Und  tatsachlich,  bis  ins  15.,  16.  Jahrhundert  hat  man 
gewufk,  was  die  Luft  ist.  Heute  weifi  man  nur,  die  Luft  besteht  aus 
Sauerstoff,  Stickstoff  und  so  weiter,  womk  nkht  viel  anderes  gesagt 
ist,  als  wenn  einer  meinetwillen  von  einer  Uhr  weifi,  sie  besteht  aus 
Glas  und  Silber,  womit  iiber  die  Uhr  gar  nichts  gesagt  ist.  Es  ist  iiber 
die  Luft  gar  nichts  gesagt  als  kosmische  Erscheinung,  wenn  man 
sagt,  sie  besteht  aus  Sauerstoff  und  Stickstoff,  aber  es  ist  viel  iiber  die 
Luft  gesagt,  wenn  man  weifi:  Aus  dem  Kosmos  heraus  ist  die  Luft 
der  Schatten  des  Lichtes.  -  So  dafi  man  also  jetzt  tatsachlich  mit  dem 
Eindringen  der  zweiten  Hierarchie  in  das  saturnisch  Warme  das  Ein- 
Tafd  1  dringen  des  Lichtes  hat  (weifie  Strahlen)  und  den  Schatten  des 
Lichtes,  die  Luft  (griine  Schlangenlinien).  Und  wo  das  entsteht,  ist 
Sonne.  So  hatte  man  eigentlich  miissen  im  13.,  12.  Jahrhundert 
sprechen. 

Nun  gehen  wir  weiter.  Die  weitere  Entwickelung  wird  nun  wie- 
derum  durch  die  Sonne  der  zweiten  Hierarchie,  durch  Archai, 
Archangeloi,  Angeloi,  geleitet.  Diese  Wesenheiten  bringen  ein 
Neues  in  das  leuchtende  Element,  das  zunachst  durch  die  zweke 
Hierarchie,  eingezogen  ist,  das  seinen  Schatten,  die  luftige  Finster- 
nis  nach  sich  gezogen  hat  -  nicht  die  gleichgiiltige  neutrale  Finster- 
nis,  die  saturnische,  die  einfach  Abwesenheit  des  Lichtes  war, 
sondern  die,  welche  den  Gegensatz  des  Lichtes  herausgearbeitet  hat. 
Zu  dieser  Entwickelung  hinzu  bringt  die  dritte  Hierarchie,  Archai, 
Archangeloi,  Angeloi,  durch  ihre  eigene  Wesenheit  ein  Element 
hinein,  das  ahnlich  ist  unserem  Begehren,  unseren  Trieben,  etwas  zu 
erlangen,  nach  etwas  sich  zu  sehnen. 

Dadurch  kam  folgendes,  dadurch  kam  zustande,  dafi,  sagen  wir, 
ein  Archai-  oder  Angeloiwesen  hier  hereinkam  (siehe  Zeichnung 
S.  17,  Punkt  auf  dem  Lichtstrahl  rechts)  und  auftraf  auf  ein  Element 
des  Lichtes,  ich  mochte  sagen,  auf  einen  Ort  des  Lichtes.  In  diesem 
Ort  des  Lichtes  empfing  es  durch  die  Empfanglichkeit  fur  dieses 
Licht  den  Drang,  das  Begehren  fur  die  Finsternis.  Es  trug  das  Ange- 
loiwesen das  Licht  in  die  Finsternis  herein,  oder  ein  Angeloiwesen 


trug  die  Finsternis  in  das  Licht  herein.  Diese  Wesenheiten  werden 
die  Vermittler,  die  Boten  zwischen  Licht  und  Finsternis.  Und  die 
Folge  davon  war,  dafi  dann  dasjenige,  was  friiher  nur  im  Lichte 
erglanzte  und  seinen  Schatten,  die  dunkle  luftige  Finsternis,  nach 
sich  gezogen  hat,  daft  das  anfing  in  alien  Farben  zu  schillern,  dafi 
Licht  in  Finsternis,  Finsternis  in  Licht  erschien.  Die  dritte  Hierarchie 
ist  es,  die  die  Farbe  hervorgezaubert  hat  aus  Licht  und  Finsternis. 

Sehen  Sie,  hier  haben  Sie  auch  sozusagen  etwas  historisch  Doku- 
mentarisches  vor  Ihre  Seele  hinzustellen.  In  der  Aristote/es-Ztit  hat 
man  noch  gewufit,  wenn  man,  ich  mochte  sagen,  innerhalb  des 
Mysteriums  sich  gefragt  hat,  woher  die  Farben  kommen,  daft  damit 
die  Wesenheiten  der  dritten  Hierarchie  zu  tun  haben.  Daher  sprach 
es  Aristoteles  in  seiner  Farbenharmonie  aus,  dafi  die  Farbe  ein  Zu- 
sammenwirken  des  Lichtes  und  der  Finsternis  bedeutet.  Aber  dieses 
geistige  Element,  daft  man  hinter  der  Warme  die  Wesenheiten  der 
ersten  Hierarchie,  hinter  dem  Lichte  und  seinem  Schatten,  der 
Finsternis,  die  Wesenheiten  der  zweiten  Hierarchie,  hinter  dem 
farbigen  Aufglitzern  in  einem  Weltenzusammenhange  die  Wesen- 
heiten der  dritten  Hierarchie  zu  sehen  hat,  das  ging  verloren.  Und  es 
blieb  nichts  anderes  iibrig  als  die  ungluckselige  Newtonsche  Farben- 
lehre,  iiber  die  bis  ins  18.  Jahrhundert  herein  die  Eingeweihten 
gelachelt  haben,  und  die  dann  das  Glaubensbekenntnis  derjenigen 
wurde,  die  eben  physikalische  Fachleute  sind. 

Man  muft  eben  wirklich  von  der  geistigen  Welt  gar  nichts  mehr 
wissen,  wenn  man  im  Sinne  dieser  Newtonschen  Farbenlehre  spre- 
chen  kann.  Und  wenn  man  noch  innerlich  aufgestachelt  ist  von  der 
geistigen  Welt,  wie  es  bei  Goethe  der  Fall  war,  da  straubt  man  sich 
dagegen.  Man  stellt,  wie  er  es  getan  hat,  das  Richtige  hin  und 
schimpft  furchtbar.  Denn  Goethe  hat  nie  so  geschimpft  als  bei  der 
Gelegenheit,  wo  er  iiber  Newton  zu  schimpfen  hatte;  er  schimpfte 
furchtbar  iiber  das  unsinnige  Zeug.  Solche  Dinge  kann  man  ja  heute 
nicht  begreifen,  aus  dem  einfachen  Grunde,  well  heute  jemand 
vor  den  Physikern  ein  Narr  ist,  der  nicht  die  Newtonsche  Farben- 
lehre anerkennt.  Aber  die  Dinge  liegen  doch  nicht  so,  daft  etwa  in 
der  Goethe-Zeit  Goethe  ganz  allein  dagestanden  hatte.  Unter 


denen,  die  nach  aufien  diese  Dinge  aussprachen,  stand  er  allein  da, 
aber  die  Wissenden,  auch  noch  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  sie 
wuftten  eben  durchaus  auch,  wie  innerhalb  des  Geistigen  die  Farbe 
erquillt. 

Aber  sehen  Sie,  die  Luft  ist  der  Schatten  des  Lichtes.  Und 
geradeso,  wie,  wenn  das  Licht  ersteht,  unter  gewissen  Bedingungen 
der  finstere  Schatten  da  ist,  so  ersteht,  wenn  Farbe  da  ist  und  diese 
Farbe  als  Realitat  wirkt  -  und  das  konnte  sie,  solange  sie  eindrang  in 
das  luftige  Element  -,  so  entsteht,  wenn  die  Farbe  hinspruht  im 
luftigen  Elemente,  wirkt  im  luftigen  Elemente,  also  etwas  ist,  nicht 
bloft  ein  Abglanz  ist,  nicht  blofi  die  Reflexfarbe  ist,  sondern  eine 
Realitat,  die  hinspruht  im  luftigen  Elemente:  dann  entsteht,  wie 
durch  Druck  Gegendruck  entsteht  unter  gewissen  Bedingungen,  aus 
dem  realen  Farbigen  das  ftussige,  das  walkige  Element.  Wie  der 
Schatten  des  Lichtes  Luft  ist,  kosmisch  gedacht,  so  ist  das  Wasser  der 
Abglanz,  die  Schopfung  des  Farbigen  im  Kosmos. 

Sie  werden  sagen:  Das  verstehe  ich  nicht.  -  Aber  versuchen  Sie 
nur  einmal,  tatsachlich  das  Farbige  zu  fassen  in  seinem  realen  Sinne. 


Tafel  2 


Rot  -  nun  ja,  glauben  Sie,  daft  das  Rot  wirklich  in  seiner  Wesenheit 
nur  die  neutrale  Flache  ist,  als  die  man  es  gewohnlich  anschaut?  Das 
Rot  ist  doch  etwas,  was  eine  Attacke  auf  einen  macht.  Ich  habe  es 
oftmals  erwahnt.  Man  mochte  davonlaufen  vor  dem  Rot,  es  stofit 
einen  zuriick.  Das  Blauviolett,  man  mochte  ihm  nachlaufen,  es  lauft 
immer  vor  einem  davon,  es  wird  immer  tiefer  und  defer.  In  den 
Farben  lebt  ja  alles.  Die  Farben  sind  eine  Welt,  und  das  seelische 
Element  fuhlt  sich  in  der  Farbenwelt  tatsachlich  so,  daft  es  gar  nicht 
auskommen  kann  ohne  Bewegung,  wenn  es  den  Farben  mit  dem 
seelischen  Erleben  folgt. 

Sehen  Sie,  der  Mensch  glotzt  heute  den  Regenbogen  an.  Wenn 
man  nur  mit  einiger  Imagination  nach  dem  Regenbogen  hinschaut, 
da  sieht  man  Elementarwesen,  die  am  Regenbogen  sehr  tatig  sind. 
Diese  Elementarwesen  zeigen  sehr  merkwiirdige  Erscheinungen. 
Hier  (bei  Rot  und  Gelb)  sieht  man  fortwahrend  aus  dem  Regen- 
bogen herauskommen  gewisse  Elementarwesen.  Die  bewegen  sich 
dann  so  heruber.  In  dem  Augenblicke,  wo  sie  ankommen  an  dem 
unteren  Ende  des  Griins,  werden  sie  angezogen.  Man  sieht  sie  hier 
verschwinden  (bei  Gain  und  Blau).  Auf  der  anderen  Seite  kommen 
sie  wieder  heraus.  Der  ganze  Regenbogen  zeigt  fur  den,  der  ihn  mit 
Imagination  anschaut,  ein  Herausstrdmen  des  Geistigen,  ein  Ver- 
schwinden des  Geistigen.  Er  zeigt  tatsachlich  etwas  wie  eine  geistige 
Walze,  wunderbar.  Und  zu  gleicher  Zeit  bemerkt  man  an  diesen 
geistigen  Wesenheiten,  daft,  indem  sie  da  herauskommen,  sie  mit 
einer  groften  Furcht  herauskommen,  indem  sie  da  hineingehen, 
gehen  sie  mit  einem  ganz  unbesieglichen  Mut  hinein.  Wenn  man 
nach  dem  Rotgelb  hinschaut,  da  stromt  Furcht  aus,  wenn  man  nach 
dem  Blauviolett  hinschaut,  bekommt  man  das  Gefiihl:  Da  lebt  ja 
alles  wie  Mut,  wie  Courage. 

Nun  stellen  Sie  sich  vor,  daft  nicht  blofi  der  Regenbogen  da  ist, 
sondern  wenn  ich  jetzt  hier  einen  Schnitt  zeichne  (siehe  Zeichnung,  Tafel  2 
oben)  und  der  Regenbogen  so  steht  (um  90°  gedreht),  so  kommen 
die  Wesenheiten  da  heraus,  da  verschwinden  sie;  hier  Angst,  hier 
Mut  (siehe  Zeichnung  S.  22).  Der  Mut  verschwindet  wiederum.  So 
ware  jetzt  das  Auge  gerichtet,  hier  ist  der  Regenbogen,  hier  ist  jetzt 


das  Rot,  Gelb  und  so  weiter.  Da  bekommt  der  Regenbogen  eine 
Dicke.  Und  da  werden  Sie  sich  schon  vorstellen  konnen,  daft 
walkiges  Element  daraus  entsteht.  Und  in  diesem  walkigen  Element 
leben  nun  geistigc  Wesenheiten,  die  wkklich  auch  eine  Art  von 
Abbild  sind  der  Wesenheiten  der  dritten  Hierarchic 

Man  kann  schon  sagen:  Kommt  man  an  die  Wissenden  des  11., 
12.,  13.  Jahrhunderts  heran,  so  mufi  man  solche  Dinge  verstehen. 
Sie  konnen  nicht  einmal  die  Spateren  mehr  verstehen,  Sie  konnen 
nicht  den  Albertus  Magnus  verstehen,  wenn  Sie  ihn  lesen  mit  dem, 
was  heute  der  Mensch  weift.  Sie  mussen  ihn  lesen  mit  einer  Art  von 
Wissen,  dafS  solches  Geistiges  fur  ihn  noch  eine  Realitat  war;  dann 
verstehen  Sie  erst,  wie  er  die  Worte  gebraucht,  wie  er  sich  ausdruckt. 

Und  auf  diese  Weise  treten  auf  wie  ein  Abglanz  der  Hierarchien 
Luft,  Wasser.  Indem  die  Hierarchien  selber  eindringen,  dringt  die 
zweite  Hierarchie  ein  in  Form  des  Lichtes,  die  dritte  Hierarchie  ein  in 
Form  des  Farbigen.  Damit  aber,  daft  dieses  sich  bildet,  ist  das  Mon- 
dendasein  erreicht. 


Und  nun  kommt  die  vierte  Hierarchie.  Ich  erzahle  jetzt  so,  wie 
man  im  12.,  13.  Jahrhundert  gedacht  hat.  Nun  kommt  die  vierte 
Hierarchie.  Wir  sprechen  gar  nicht  von  ihr,  aber  im  12.,  13.  Jahr- 
hundert hat  man  noch  von  dieser  vierten  Hierarchie  sehr  wohl  ge- 
sprochen.  Was  ist  diese  vierte  Hierarchie?  Das  ist  der  Mensch.  Der 
Mensch  selber  ist  die  vierte  Hierarchie.  Aber  beileibe  nicht  das  hat 
man  verstanden  unter  dieser  vierten  Hierarchie,  was  jetzt  als  zwei- 
beiniges,  alterndes,  so  hochst  sonderbares  Wesen  herumgeht  in  der 
Welt,  denn  dem  eigentlich  Wissenden  ist  dazumal  gerade  der 
gegenwartige  Mensch  als  ein  sonderbares  Wesen  vorgekommen.  Sie 
haben  gesprochen  von  dem  urspriinglichen  Menschen  vor  dem 
Sundenfall,  der  noch  durchaus  in  einer  solchen  Form  vorhanden 
war,  dafi  er  ebenso  Macht  tiber  die  Erde  hatte,  wie  Angeloi,  Archan- 
geloi,  Archai  Macht  uber  das  Mondendasein,  wie  die  zweite  Hier- 
archie Macht  uber  das  Sonnendasein,  die  erste  Hierarchie  Macht 
uber  das  Saturndasein  hatte.  Man  sprach  von  dem  Menschen  in 
seinem  urspriinglichen  irdischen  Dasein  und  konnte  da  von  dem 
Menschen  als  der  vierten  Hierarchie  sprechen.  Und  mit  dieser  vierten 
Hierarchie  kam,  allerdings  als  eine  Gabe  der  oberen  Hierarchien, 
aber  wie  etwas,  was  die  oberen  Hierarchien  erst  wie  ein  Besitztum 
gehabt  haben,  das  sie  gehiitet  haben,  das  sie  nicht  selber  brauchten: 
es  kam  das  Leben.  Und  in  die  farbenschillernde  Welt,  die  ich  Ihnen 
also  in  Andeutungen  geschildert  habe,  kam  das  Leben  hinein. 

Sie  werden  sagen:  Haben  denn  die  Dinge  nicht  fruher  gelebt?  - 
Meine  lieben  Freunde,  wie  das  ist,  konnen  Sie  am  Menschen  selber 
lernen.  Ihr  Ich  und  Ihr  astralischer  Leib  haben  nicht  das  Leben  und 
wesen  eben  doch.  Das  Geistige,  das  Seelische  braucht  nicht  das 
Leben.  Erst  bei  Ihrem  Atherleib  fangt  das  Leben  an,  und  es  ist  das 
etwas  aufierlich  Hullenhaftes.  Und  so  kommt  auch  das  Leben  erst 
nach  dem  Mondendasein  mit  dem  Erdendasein  in  den  Bereich  der- 
jenigen  Evolution  hinein,  der  eben  unsere  Erde  angehort.  Die 
farbenschillernde  Welt  wurde  durchlebt.  Nicht  nur,  dafi  jetzt  An- 
geloi, Archangeloi  und  so  weiter  Sehnsucht  empfingen,  Finsternis 
in  Licht,  Licht  in  Finsternis  hineinzutragen  und  dadurch  imPlaneten 
das  Farbenspiel  hervorzurufen,  sondern  es  trat  dieses  auf,  innerlich 


zu  erleben  dieses  Farbenspiel,  es  innerlich  zu  machen.  Zu  erleben, 
wenn  Finsternis  innerlich  das  Licht  dominiert,  Schwachheit  zu 
fuhlen,  Lassigkeit  zu  fuhlen;  dagegen  wenn  Licht  die  Finsternis 
dominiert,  Aktivitat  zu  fuhlen.  Denn  was  ist  es,  wenn  Sie  laufen? 
Wenn  Sie  laufen,  ist  es  eben  so,  dafi  Licht  in  Ihnen  die  Finsternis 
dominiert;  wenn  Sie  sitzen  und  faul  sind,  dominiert  die  Finsternis 
das  Licht.  Es  ist  seelisches  Farbenwirken,  seelisches  Farbenschillern. 
Von  Leben  durchsetztes,  durchstromtes  Farbenschillern  trat  auf, 
indem  die  vierte  Hierarchie,  der  Mensch,  kam.  Und  in  diesem 
Augenblicke  des  kosmischen  Werdens  fingen  die  Krafte,  die  da 
regsam  wurden  im  Farbenschillern,  an,  Konturen  zu  bilden.  Das 
Leben,  das  die  Farben  innerlich  abrundete,  abeckte,  abkantete,  rief 
das  feste  Kristallinische  hervor.  Und  wir  sind  im  Erdendasein 
drinnen. 

Solche  Dinge,  wie  ich  sie  Ihnen  jetzt  dargestellt  habe,  die  waren 
eigentlich  die  Ausgangswahrheiten  jener  mittelalterlichen  Alchi- 
misten,  Okkultisten,  Rosenkreuzer  und  so  weiter,  die,  ohne  dafi 
heute  die  Geschichte  viel  von  ihnen  berichtet,  namentlich  gebliiht 
haben  vom  9.,  10.  bis  ins  14.,  15.  Jahrhundert  herein  und  die  noch 
die  letzten  Nachzugler  gehabt  haben,  die  man  aber  immer  dann  als 
Sonderlinge  angesehen  hat,  bis  ins  18.  Jahrhundert,  ja  bis  in  den 
Beginn  des  19-  Jahrhunderts  herein.  Nur  sind  dann  diese  Dinge 
vollig  zugedeckt  worden.  Nur  hat  es  die  moderne  Weltanschauung 
dann  dazu  gebracht,  folgendes  zu  vollfuhren.  Denken  Sie  sich,  hier 
Tafel  2  habe  ich  einen  Menschen.  Ich  hore  auf,  mich  fur  diesen  Menschen 
links  zu  interessieren  und  nehme  ihm  nur  die  Kleider  ab  und  hange  die 
Kleider  an  einen  Kleiderstock,  der  oben  einen  kopfformigen  Knopf 
hat,  und  fur  den  Menschen  interessiere  ich  mich  nicht  weiter.  Ich 
stelle  mir  weiter  vor:  Das  ist  der  Mensch  (siehe  Zeichnung  S.  25); 
was  geht  mich  das  an,  dafi  in  diesen  Kleidern  so  etwas  drinnen- 
stecken  kann?  Das  ist  der  Mensch  (der  Kleiderstander)!  -  Ja,  sehen 
Sie,  so  kam  es  mit  den  Naturelementen.  Es  interessiert  einen  nicht 
weiter,  dafi  hinter  der  Warme  oder  dem  Feuer  die  erste  Hierarchie, 
hinter  dem  Licht  und  der  Luft  die  zweite  Hierarchie,  hinter  dem 
sogenannten  chemischen  Ather,  Farbather  und  so  weiter  und  dem 


Wasser  die  dritte  Hierarchie,  hinter  dem  Lebenselemente  und  der 
Erde  die  vierte  Hierarchie  oder  der  Mensch  ist.  Blofi  den  Kleider- 
rechen  her  und  darauf  die  Gewander  gehangt!  Nun,  das  ist  der  erste 
Akt.  Der  zweke  Akt,  der  beginnt  aber  dann  auf  Kantisch!  Da  be- 
ginnt  der  Kantianismus,  da  fangt  man  an,  indem  man  nun  den 
Kleiderstock  hat  -  die  Kleider  hangen  darauf  -,  nun  zu  philoso- 
phieren,  was  das  Ding  an  sich  dieser  Kleider  sein  konnte.  Und  man 
kommt  darauf,  dafi  man  eigentlich  dieses  Ding  an  sich  der  Kleider 
nicht  erkennen  kann.  Sehr  scharfsinnig!  Naturlich,  wenn  man  den 
Menschen  zuerst  weggenommen  hat  und  dann  den  Kleiderstock  mit 
den  Kleidern  hat,  so  kann  man  iiber  die  Kleider  philosophieren, 
und  dann  kommt  man  darauf,  daft  man  hiibsche  Spekulationen 
macht.  Es  ist  ja  eben  der  Kleiderstock  da,  nicht  wahr,  und  da  hangen 
die  Gewander  daran,  und  da  philosophiert  man,  entweder  auf  Kan- 
tisch: Das  Ding  an  sich  erkennt  man  nicht  -  oder  auf  Helmholtzisch, 
und  da  denkt  man  sich:  Diese  Kleider,  die  konnen  doch  nicht  For- 
men  haben;  nun  ja,  da  sind  eben  lauter  kleine  wirbelnde  Staub- 
kornchen,  Atome  drinnen,  die  schlagen  da  an,  und  da  werden  die 
Kleider  in  ihrer  Form  erhalten. 


Tafel  2 


Ja,  so  hat  sich  das  Denken  dann  spater  entwickelt.  Das  aber  ist 
abstrakt,  schattenhaft.  Aber  in  diesem  Denken,  in  diesem  Speku- 


lieren  leben  wir  ja  heute;  aus  dem  pragen  wir  uns  heute  unsere  ge- 
samte  naturwissenschaftliche  Anschauung.  Und  wenn  wir  nicht  zu- 
geben,  dafi  wir  atomistisch  denken,  so  tun  wir  es  erst  recht.  Derm 
das  wird  man  noch  lange  nicht  zugeben,  daft  es  nicht  notwendig  ist, 
den  Wirbeltanz  der  Atome  da  hineinzutraumen,  sondern  wieder 
den  Menschen  in  die  Kleider  hineinzutun.  Das  aber  mufi  eben  ver- 
suchen  die  Wiederaufrichtung  der  Geisteswissenschaft. 

Ich  wollte  Ihnen  heute  in  einer  Anzahl  von  Bildern  geben,  wie 
dazumal  noch  gedacht  worden  ist  und  was  schon  eigentlich  zu  lesen 
ist  in  alteren  Schriften,  was  aber  verglommen  ist.  Aber  weil  es  ver- 
glommen  ist,  kommen  solche  interessanten  Tatsachen  zutage:  Da 
hat  ein  nordischer  Chemiker  von  heute  eine  Stelle  des  Basilius 
Valentinus  wieder  abgedruckt  und  die  Sache  im  heutigen  Sinne 
chemisch  genommen.  Und  da  konnte  er  natiirlich  nichts  anderes 
sagen  -  weil  das  so  aussieht,  wenn  man  es  heute  chemisch  denkt,  als 
wenn  man  im  Laboratorium  stiinde,  Retorten  und  andere  Instru- 
mente  hatte  und  heutige  Experimente  ausfuhrte  -,  da  konnte  er 
nichts  anderes  sagen,  als  dafi  das  ein  Unsinn  sei,  was  da  bei  Basilius 
Valentinus  steht.  Was  aber  bei  Basilius  Valentinus  steht,  ist  ein 
Stuck  Embryologie,  eben  in  Bildform  ausgedrikkt.  Ein  Stuck  Em- 
bryo logie  ist  das.  Wenn  man  einfach  die  heutige  Denkweise  an- 
wendet,  so  bekommt  man  scheinbar  einen  blofien  Laboratoriums- 
versuch,  der  aber  dann  ein  Unsinn  ist.  Denn  im  Laboratorium  - 
wenn  man  nicht  gerade  der  Wagner  ist,  der  aber  immerhin  noch 
mehr  auf  dem  Standpunkt  der  fruheren  Jahrhunderte  steht  -  kann 
man  eben  nicht  ein  Stuck  Embryologie  ausfuhren. 

Diese  Dinge  miissen  heute  wieder  eingesehen  werden.  Und  im 
Zusammenhange  mit  den  grofien  Wahrheiten,  die  ich  aussprechen 
durfte  in  den  Tagen  der  Weihnachtstagung,  mochte  ich  eben  auch 
einiges  noch  sagen  uber  die  Schicksale  des  inneren  Geisteslebens  in 
den  letzten  Jahrhunderten  der  Weltentwickelung. 


ZWEITER  VORTRAG 
Dornach,  5.  Januar  1924 


Gestern  begann  ich  zu  Ihnen  von  den  geisteswissenschaftlichen 
Bestrebungen  vom  9-,  10.  nachchristlichen  Jahrhundert  zu  spre- 
chen,  bis  in  die  Zeit  hinein,  solange  es  im  Ernste  noch  solche  gei- 
steswissenschaftlichen Bestrebungen  gegeben  hat:  was  eigentlich 
bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  Anfang  des  19.  Jahrhunderts 
dauerte,  und  ich  versuchte  gestern,  einiges  von  dem  Inhalte  solcher 
Bestrebungen  zu  Ihnen  zu  sprechen.  Heute  mochte  ich  nun  mehr 
das  Historische  beruhren.  Es  handelt  sich  namlich  darum,  dafi  ja 
durch  das  alte  eigentliche  Mysterienwesen  in  den  Mysterienstatten  in 
der  Art,  wie  ich  das  wahrend  der  Weihnachtstagung  in  den  Abend - 
vortragen  dargelegt  habe,  wirklich  eine  Begegnung  der  Menschen, 
der  Initiierten  und  der  zu  Initiierenden,  mit  den  Gottern  stattfinden 
konnte,  dafi  gewissermafien  in  den  Initiationsstatten  die  Moglichkeit 
vorhanden  war,  wenn  ich  den  pedantischen  Ausdruck  gebrauchen 
darf,  offizielle  Orte  zu  finden,  die  eigens  ihrer  Lokalitat  nach  dazu 
eingerichtet  waren,  eine  solche  Begegnung  herbeizufuhren. 

Diese  Einrichtungen,  die  zugrunde  liegen  als  die  eigentlichen 
Impulsgeber  alien  alten  Zivilisationen,  sind  nach  und  nach  hinge- 
schwunden,  und  man  kann  sagen:  In  der  alten  Form  fanden  sie  sich 
eigentlich  nicht  mehr  seit  dem  4.  nachchristlichen  Jahrhundert.  Da 
und  dort  waren  noch  Nachzugler  vorhanden,  aber  in  dieser  strengen 
alten  Form  fanden  sie  sich  nicht  mehr.  Dagegen  hat  ja  die  Initiation 
im  Grunde  genommen  niemals  aufgehort;  die  Formen,  in  denen  die 
zu  Initiierenden  ihren  Weg  fanden,  die  anderten  sich.  Und  ich  habe 
ja  auch  schon  darauf  hingewiesen,  wie  im  Mittelalter  die  Sache  so 
war,  dafi  einzelne  anspruchslose,  in  aller  Bescheidenheit  lebende 
Menschen  da  oder  dort  vorhanden  waren,  die  nicht  gerade  offizielle 
Schulerkreise  an  bestimmten  Orten  urn  sich  sammelten,  sondern  die 
so,  wie  es  das  Menschheits-  und  Volkskarma  ergab,  da  oder  dort  ihre 
Schiiler  hatten.  Ich  habe  ja  einen  solchen  Fall  bei  der  Besprechung 
des  Johannes  Tauler'm  meiner  «Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen 


Geisteslebens»  charakterisiert.  Uber  diesen  brauche  ich  nicht  zu 
sprechen.  Dagegen  mochte  ich  einen  anderen  Fall  gerade  heute  be- 
sprechen  als  einen,  ich  mochte  sagen,  charakteristisch-typischen  Fall, 
einen  Fall,  der  von  einem  grofien  Einflusse  war,  der  vom  12.,  13. 
Jahrhundert  an  bis  ins  15.  Jahrhundert  vieles  bewirkt  hat,  was  an 
spirituellen  Stromungen  bis  ins  15.  Jahrhundert  vorhanden  war.  Ich 
mochte  diesen  Fall  skizzenhaft  charakterisieren. 

Die  Zeit,  in  der  er  stattgefunden  hat,  ist  urn  das  Jahr  1200 
herum.  Es  gab  in  jener  Zeit  wirklich  eine  grolkre  Anzahl  von  Men- 
schen,  jungen  Menschen,  die  in  sich  den  Drang  nach  hoherem 
Wissen  verspiirten,  nach  einer  Verbindung  mit  der  geistigen  Welt, 
man  kann  schon  sagen,  nach  einer  Begegnung  mit  den  Gottern. 
Und  es  war  ja  eben  durchaus  nach  der  Lage  der  Zeitverhaltnisse  so, 
daft  es  oftmals  fast  wie  zufallig  aussah,  wenn  solch  ein  strebender 
Mensch  seinen  Lehrer  fand,  was  ja  damals  nicht  durch  Bucher  ge- 
schehen  konnte,  sondern  was  damals  nur  ganz  personlich  geschehen 
konnte.  Es  war  natiirlich  tiefe  Schicksalsfugung  darin  und  sah  nur 
aulterlich  wie  ein  Zufall  aus.  Von  einem  solchen  Schuler  mochte  ich 
sprechen. 

Er  fand  durch  einen  solchen  scheinbaren  Zufall  in  einem  Orte  des 
mittleren  Europa  einen  Lehrer.  Er  traf  mit  einem  alteren  Menschen 
zusammen,  demgegenuber  er  alsbald  das  Gefuhl  entwickelte,  der 
konne  ihn  weiterleiten  in  dem  Streben,  das  den  tiefsten  Drang 
seiner  Seele  bildete.  Und  ich  mochte  Ihnen  zunachst  sozusagen  ein 
Gesprach  skizzieren.  Natiirlich  hat  nicht  nur  ein  solches  Gesprach 
zwischen  dem  Lehrer  und  dem  Schuler  stattgefunden,  aber  ich  fasse 
verschiedene  Gesprache  in  eines  zusammen. 

Der  Schuler  sprach  zu  dem  Lehrer,  er  strebe  darnach,  in  die  gei- 
stige  Welt  hinein  Blicke  tun  zu  konnen,  aber  es  sei  ihm  so,  als  ob  in 
der  Tat  die  Menschennatur,  so  wie  sie  nun  einmal  in  jener  Zeit  sei  - 
im  12.  Jahrhundert  ist  es  ungefahr,  wovon  ich  spreche  -,  als  ob  die 
Menschennatur  nicht  vordringen  konne  zu  den  geistigen  Welten. 
Man  musse  doch,  sagte  der  Schuler,  in  der  Natur  etwas  sehen,  was 
Werk,  Schopfung  der  gottlich-geistigen  Wesenheiten  sei.  Man 
musse  aus  dem,  wie  die  Naturdinge  seien  in  ihrem  tieferen  Sinne, 


wie  die  Naturvorgange  verlaufen,  erkennen  konnen,  wie  hinter  die- 
sen  Naturdingen  und  Naturschopfungen  das  Wirken  von  gottlich- 
geistigen  Wesenheiten  stehe.  Aber  es  sei  so,  als  ob  die  Menschen- 
natur  in  der  Gegenwart  nicht  durchkonne.  Und  schon  hatte  es  sich 
in  dem  Schuler,  in  dem  jungen  Menschen  -  ich  meine,  jungen  Men- 
schen  von  funfundzwanzig  oder  achtundzwanzig  Jahren  -  stark  ge- 
formt  zu  Gefiihlen:  Das  gegenwartige  Menschentum,  der  physische 
Leib  in  seiner  besonderen  Verbindung  mit  der  Seele,  konne  nicht 
vordringen,  habe  in  sich  selber  Hindernisse. 

Da  sagte  ihm  zunachst  der  Lehrer,  um  ihn  auf  die  Probe  zu  stellen: 
Nun  ja,  du  hast  doch  deine  Augen,  du  hast  doch  deine  Ohren;  sieh 
mit  deinen  Augen  hin  auf  die  Naturdinge,  hore  mit  deinen  Ohren 
dasjenige,  was  geschieht,  und  du  wirst  durch  Farbe  und  Ton,  in 
denen  sich  ja  Geistiges  offenbart,  du  wirst  durch  sie  hindurch  das 
Geistige  sich  offenbaren  fuhlen  mussen.  -  Da  sagte  der  Schuler:  Ja, 
wenn  ich  meine  Augen  gebrauche,  wenn  ich  hinausschaue  in  die 
Welt,  die  farbig  ist,  da  ist  es  mir,  als  wenn  mein  Auge  die  Farbe 
aufhielte,  als  wenn  die  Farbe  an  meinen  Augen  erstarrte.  Und  wenn 
ich  hinhorche  mit  meinen  Ohren  auf  die  Tone,  ist  es,  als  wenn  die 
Tone  in  meinen  Ohren  verknocherten  und  wie  wenn  die  erstarrten 
Farben  und  die  verknocherten  Tone  durch  meine  Sinne  den  Geist 
der  Natur  nicht  hindurchliefien.  -  Da  sagte  der  Lehrer:  Sieh  aber 
doch,  es  gibt  doch  auch  eine  Offenbarung;  es  gibt  die  Offenbarung 
des  religiosen  Lebens.  Da  wird  dir  erzahlt,  fwie  Gotter  die  Welt 
gestaltet  haben,  wie  in  die  Zeitentwickelung  der  Christus  einge- 
treten  ist,  Mensch  geworden  ist.  Es  gibt  also  aufier  der  Natur  noch 
die  Offenbarung.  Was  dir  die  Natur  nicht  geben  kann,  kann  dir 
denn  das  nicht  die  Offenbarung  geben?  -  Da  sagte  der  Schuler:  Die 
Offenbarung  spricht  ja  sehr  stark  zu  meinem  Herzen,  aber  eigentlich 
kann  ich  sie  nicht  fassen,  eigentlich  ist  es  mir  unmoglich,  dasjenige, 
was  drauften  in  der  Natur  ist,  in  Verbindung  zu  bringen  mit  dem, 
was  mir  die  Offenbarung  sagt.  Und  so,  indem  ich  die  Natur  nicht 
verstehe,  indem  die  Natur  mir  nichts  offenbart,  verstehe  ich  auch 
die  religiose  Offenbarung  nicht. 

Da  sagte  der  Lehrer:  Nun  gut,  so  wie  du  jetzt  in  der  Welt  drinnen- 


stehst,  so  wirst  du  allerdings  -  wenn  du  so  sprechen  mufit,  wenn  es 
dir  so  urns  Herz  und  urn  die  Seele  ist,  da!5  du  so  sprechen  mufit  - 
weder  Natur  noch  Offenbarung  verstehen  konnen.  Denn  du  lebst 
eben  in  einem  Menschenleibe,  der  von  der  Sunde  befallen  ist  -  so 
war  ja  die  Redensart  dazumal  -,  und  dieser  von  der  Siinde  befallene 
Menschenleib,  der  pafit  eigentlich  nicht  zu  der  irdischenUmgebung, 
in  der  du  lebst.  Die  irdische  Umgebung  gibt  dir  nicht  die  Bedin- 
gungen  dazu,  so  deine  Sinne  zu  gebrauchen  und  dein  Gemiit  zu 
gebrauchen,  da$  du  Natur  und  Offenbarung  als  Erleuchtung,  die 
von  den  Gottern  kommt,  ansehen  konntest.  Ich  werde,  wenn  du 
willst,  dich  aus  der  Natur  deiner  irdischen  Umgebung,  die  einfach 
nicht  angepafit  ist  an  dein  Wesen,  hinwegfuhren  und  werde  dir  Ge- 
legenheit  geben,  Offenbarung  und  Natur  besser  zu  verstehen. 

Und  es  wurde  verabredet,  wann  der  Lehrer  den  Schuler  fiihren 
sollte.  Und  er  fuhrte  ihn  zunachst  eines  Tages  einen  hohen  Berg 
hinauf,  einen  sehr  hohen  Berg,  einen  Berg  hinauf,  von  dem  aus  man 
die  gewohnliche  Erdoberflache  mit  ihren  Baumen,  Fluren  und  so 
weiter  nicht  mehr  sehen  konnte;  sondern  als  der  Schuler  mit  seinem 
Lehrer  oben  stand,  konnte  man  nur  noch  -  wie  Sie  das  ja  wohl  auch 
aus  dem  Gebirge  kennen  -  unten  etwas  wie  ein  Nebelmeer  sehen, 
welches  die  gewohnliche  Erde  bedeckte,  und  oben  war  man,  wenig- 
stens  andeutungsweise,  wie  symptomatisch  entriickt  dem  irdischen 
Treiben.  Man  sah  nur  hinschauend  den  Weltenraum  mit  seinen 
Wolkengebilden  und  unten  etwas  wie  ein  Meer,  wie  ein  wogendes 
Meer,  das  eben  aus  Wolken  bestand;  Morgennebel,  Morgenstim- 
mung.  Der  Lehrer  sprach  Verschiedenes.  Er  sprach  von  Welten- 
weiten,  von  kosmischen  Fernen,  sprach  davon,  wie  die  Weite,  in  die 
der  Blick  herausgerichtet  ist,  in  der  Nachtzeit  die  Sterne  aus  sich 
herausleuchten  lafit,  sprach  Verschiedenes,  wodurch  das  Gemiit  des 
Schiilers  ganz  hingegeben  ward  an  die  Eigentumlichkeit  des  Natur- 
daseins,  gewissermafien  erdentriickt  ward. 

Und  so  lange  dauerte  die  Vorbereitung,  bis  in  der  Tat  etwas  von 
jener  Seelenstimmung  da  war  bei  dem  Schuler,  die  man  damit  ver- 
gleichen  konnte,  dafi  dem  Schuler  erschien  -  nicht  fur  einen  Augen- 
blick,  sondern  fur  langere  Zeit  -  alles  das,  was  er  jemals  wahrend 


seines  irdischen  Lebens  in  dieser  Inkarnation  auf  Erden  erlebt  hatte, 
wie  wenn  er  es  getraumt  hatte.  Und  so  wenig  mannigfaltig  eigent- 
lich  dasjenige  war,  was  er  da  iiberblickte  -  das  wallende  wogende 
Nebelmeer,  Wolkenmeer,  wenige  in  der  Nahe  befindiiche  Gipfel, 
die  Weltenweiten,  hochstens  da  und  dort  eben  mit  Wolkenbil- 
dungen  auch  besetzt,  aber  kaum,  nur  am  Ende  so  arm  an  Inhalt 
gegeniiber  der  Mannigfaltigkeit  dessen,  was  er  unten  auf  dem  Erd- 
boden  immer  hatte  erleben  konnen,  dies  alles  war,  so  war  ihm  das 
doch  wie  der  Inhalt  seines  tagwachen  Bewuikseins.  Und  alles,  was  er 
jemals  auf  der  Erde  erlebt  hatte,  war  ihm,  wie  wenn  er  es  so  in  der 
Nacherinnerung  eines  Traumes  hatte.  Er  kam  sich  wie  erwacht  vor. 
Und  wahrend  er  also  immer  mehr  und  mehr  erwachte  in  dieser 
Situation,  trat  ihm  aus  einer  Felsenspalte,  die  er  vorher  nicht  be- 
merkt  hatte,  ein  junger  Knabe  von  etwa  zehn,  elf  Jahren  entgegen, 
der  auf  ihn  einen  merkwurdigen  Eindruck  machte;  denn  alsbald 
erkannte  er  in  diesem  Knaben  sich  selber  in  seinem  zehnten,  elften 
Jahre.  Was  ihm  da  erschienen  war,  es  war  der  Geist  seiner  Jugend.  - 
Und  Sie  erraten  wohl,  meine  lieben  Freunde,  dafi  in  dieser  Szene 
eine  der  Anregungen  war,  die  mich  veranlalk  haben,  in  dem  einen 
Mysteriendrama  die  Gestalt  von  Johannes'  Jugend  einzufuhren.  Das 
Motiv  nur  liegt  da;  Sie  miissen  nicht  an  Photographie  denken.  Die 
Mysterien  sind  auch  kein  okkulter  Schlusselroman. 

Und  er  stand  gegeniiber  dem  Geiste  seiner  Knabenzeit,  sich 
selber.  Und  er  war  auch  da,  mit  seinen  funfundzwanzig  bis  acht- 
undzwanzig  Jahren  war  er  da,  neben  dem  Geiste  seiner  Jugend.  Und 
ein  Gesprach  konnte  stattfinden,  das  der  Lehrer  fuhrte,  das  aber 
eigentlich  stattfand  zwischen  dem  Schuler  und  seinem  eigenen 
jiingeren  Selbst.  Solch  ein  Gesprach  verlauft  -  Sie  konnen  das  aus 
dem  Mysteriendrama,  aus  dem  Stil,  der  dort  beobachtet  ist,  ja  er- 
sehen  -,  solch  ein  Gesprach  verlauft  in  einer  recht  eigenartigen 
Weise.  Denn  wenn  man,  was  ja  immer  sein  kann,  dem  Geiste  seiner 
Jugend  entgegentritt,  dann  gibt  man  etwas  vom  reifen  Verstande 
den  kindlichen  Vorstellungen,  die  der  Geist  der  Jugend  hat,  und  der 
Geist  der  Jugend  gibt  etwas  von  seiner  Frische,  von  seiner 
Kindlichkeit  demjenigen,  was  man  in  alteren  Jahren  ist.  Und  gerade 


dadurch,  dafi  solch  ein  Austausch  stattfindet,  wird  ein  solches 
Gesprach  ganz  besonders  fruchtbar.  Und  dieses  Gesprach,  das 
fuhrte  dazu,  daft  der  Schiiler  lernte,  die  Offenbarung,  die  religiose 
Offenbarung  zu  verstehen. 

Das  Gesprach  wurde  vorzugsweise  gefuhrt  iiber  die  Genesis,  iiber 
den  Anfang  des  Alten  Testaments,  und  wurde  gefuhrt  iiber  die 
Menschwerdung  Christi.  Unter  der  Leitung  des  Lehrers  und  unter 
der  besonderen  Art  der  Fruchtbarkeit,  die  in  diesem  Gesprache 
waltete,  endete  eben  dieses  Gesprach  fur  den  Schiiler  damit,  daft 
er  sagte:  Jetzt  verstehe  ich,  welcher  Geist  in  der  Offenbarung  waltet. 
Nur  dann,  wenn  man  in  die  Lage  kommt,  fern  von  dem  Irdischen, 
wie  in  Atherhohen  versetzt  zu  sein,  urn  die  Atherhohen  ideell  zu 
ergreifen  mit  der  in  die  spatere  Lebenszeit  heraufragenden  Kind- 
heitskraft,  nur  dann  versteht  man  recht  die  Offenbarung.  Und  jetzt 
verstehe  ich,  daft  die  Gotter  den  Menschen  die  Offenbarung  ge- 
geben  haben,  weil  die  Menschen  in  der  Lage,  in  der  sie  auf  der  Erde 
sind,  durch  die  Werke  der  Natur  hindurch  nicht  die  Werke  der 
Gotter  erforschen  konnen.  Und  so  gaben  sie  ihnen  die  Offenbarung, 
die  ja  naturlich  gar  nicht  zu  verstehen  ist  gerade  im  reifen  Lebens- 
alter,  die  aber  verstanden  werden  kann,  wenn  real  lebendig  wird 
Kindheit  im  reifen  Lebensalter.  Also  eigentlich  ist  es  etwas  Ab- 
normes,  die  Offenbarung  zu  verstehen.  -  Das  machte  einen  gewal- 
tigen  Eindruck  auf  den  Schiiler.  Der  Eindruck  blieb.  Er  blieb  ihm 
unvergeftlich.  Der  Geist  der  Jugend  verschwand  wiederum.  Die  erste 
Phase  der  Unterweisung  war  das. 

Es  sollte  eine  zweite  folgen.  Die  zweke,  die  verlief  in  der  folgen- 
den  Art.  Wiederum  fuhrte  der  Lehrer  den  Schiiler  einen  Weg.  Jetzt 
fuhrte  er  ihn  nicht  einen  Berg  hinauf,  sondern  jetzt  fuhrte  er  ihn  an 
einen  Berg,  zu  dem  der  Lehrer  den  Eingang  durch  ein  Hohle  wuftte, 
in  tiefe  innere  Bergeskliifte,  weit  hinunter  bis  in  Bergwerksschachte, 
so  daft  der  Schiiler  mit  dem  Lehrer  in  der  Erdentiefe  war,  jetzt  nicht 
in  Atherhohen  hoch  oben  iiber  der  Oberflache  der  Erde,  sondern  in 
Erdentiefen,  wie  versenkt  gegeniiber  der  Oberflache  der  Erde. 

Wiederum  wurde  es  dem  Bewufitsein  des  Schiilers  so,  als  ob  ihm 
nachging  alles  dasjenige,  was  er  auf  der  Erde  jemals  erlebt  hatte,  wie 


Traume.  Denn  er  lebte  unten  in  einer  Umgebung,  in  der  jetzt  sein 
Bewufitsein  besonders  erwachte.  Verwandt  wurde  er  mit  den  Erden- 
tiefen.  Sehen  Sie,  es  spielte  sich  da  etwas  ab,  was  dann  zugrunde  lag 
solchen  Sagen  wie  etwa  die  von  dem  Leben  des  Kaisers  Barbarossa  im 
Kyffhauser  oder  des  Kaisers  Karl  des  Grofien  im  Untersberg  bei 
Salzburg.  So  etwas  spielte  sich,  wenn  auch  fur  kurze  Zeit,  wirklich 
ab,  solch  ein  Leben  in  den  Erdentiefen,  fern  von  dem  irdischen 
Leben  des  Menschen.  Und  wiederum  konnte  der  Lehrer  durch  be- 
sondere  Redefiihrung  dieses  Verbundensein  mit  den  Erdentiefen  ins 
Bewufltsein  des  Schiilers  hineinbringen.  Aus  einer  Wand  kam  jetzt 
dem  Schuler  ein  Greis  entgegen,  der  ihm  allerdings  weniger  bekannt 
war  als  der  Geist  seiner  eigenen  Jugend,  den  er  aber  fuhlte  als  den, 
der  er  sein  wird  nach  Jahrzehnten.  Er  fuhlte  sich  selber  im  zukiinf- 
tigen  Greisenalter.  Und  nun  entspann  sich  ein  ahnliches  Gesprach 
zwischen  dem  Schiiler  und  seinem  eigenen  alteren  Selbst,  seinem 
greisenhaften  Selbst,  wiederum  unter  der  Fiihrung  des  Lehrers. 

Und  nun  kam  aber  aus  diesem  Gesprach  etwas  ganz  anderes 
hervor  als  aus  dem  ersten  Gesprache,  denn  jetzt  fing  an,  in  dem 
Schiiler  ein  Bewulksein  aufzusteigen  von  seiner  eigenen  physischen 
Organisation.  Er  fuhlte  wie  sein  Blut  in  sich  kreisen,  jedes  einzelne 
Blutteilchen,  so  war  es  ihm,  fuhlte  er  in  sich  kreisen,  er  begleitete 
die  Blutaderchen,  die  Nervenstrange,  und  die  einzelnen  Organe  des 
menschlichen  Organismus  fuhlte  er  in  ihrer  sinnvollen  Bedeutung 
fur  den  gesamten  Organismus.  Und  er  fuhlte  in  sich  dasjenige 
hereinwirken,  was  draufien  im  Kosmos  1st  und  verwandt  mit  dem 
Menschen  ist.  Er  fuhlte  in  sich  hereinwirken  das  Bluhende  in  den 
Pflanzen,  das  Wurzelhafte  in  den  Pflanzen,  das  Mineralische  in  dem 
Erdboden  in  seinen  Wirkungen  im  menschlichen  Organismus.  Er 
fuhlte  da  in  den  Erdentiefen  die  Krafte  der  Erde  selber,  in  Organisa- 
tion gebracht,  in  seinem  eigenen  Wesen  zirkulierend,  schaffen,  sich 
umwandeln,  Substanzen  vernichten  und  gestalten.  Er  fuhlte  das 
Schaffen  und  Weben  und  Wesen  der  Erde  in  sich  selber.  Und  das 
Ergebnis  dieses  Gespraches  war,  dafi  der  Schiiler,  nachdem  der  alte 
Mann,  der  er  selbst  war,  verschwunden  war,  sagen  konnte:  Jetzt  hat 
wirklich  die  Erde,  in  der  ich  inkarniert  bin,  durch  ihre  Wesenhaf- 


tigkeit  zu  mir  gesprochen,  jet2t  habe  ich  einen  Moment  gehabt, 
durch  den  ich  hindurchgesehen  habe  durch  die  Naturdinge  und 
Naturprozesse  auf  dasjenige,  was  Werk  der  Gotter  hinter  diesen 
Erdendingen  und  hinter  diesen  Erdenprozessen  ist. 

Der  Lehrer  fiihrte  den  Schiiler  wieder  heraus,  und  ehe  er  ihn  fur 
diesmal  verabschiedete,  sagte  er  ihm:  Sieh  einmal,  so  wenig  passen 
der  heutige  Mensch  und  die  heutige  Erde  zusammen,  daft  du  die 
Offenbarung  der  Religion  empfangen  mufit  von  dem  Geiste  deiner 
eigenen  Jugend  hoch  auf  dem  Berge  iiber  der  Erde  und  daft  du  die 
Offenbarung  der  Natur  empfangen  mulk  tief  unter  der  Erde ,  in  den 
Kliiften  der  Erde  unter  ihrer  Oberflache.  Und  wenn  es  dir  gelingt, 
mit  dem  Lichte,  das  deine  Seele  vom  Berge  geholt  hat,  zu  beleuchten 
dasjenige,  was  deine  Seele  empfunden  hat  in  der  Erde  Hohlen- 
kliiften,  dann  wirst  du  zur  Weisheit  gelangen. 

Sehen  Sie,  in  dieser  Form  wurde  dazumal  -  um  das  Jahr  1200  war 
es,  wovon  ich  spreche  -  die  Vertiefung,  die  Weisheitserfiillung  der 
menschlichen  Seele  bewirkt.  Dieser  Schiiler  war  dadurch  ja  tatsach- 
lich  in  die  Einwemung,  in  die  Initiation  hineingestellt,  und  er  wufite 
nun,  welche  Kraft  er  anwenden  musse  in  der  Seele,  um  regsam  zu 
machen  das  Licht  der  Hdhen  und  das  Gefuhl  der  Tief  en.  Und  einige 
weitere  Anleitungen  gab  ihm  der  Lehrer,  die  im  wesentlichen 
darinnen  bestanden,  daft  er  dem  Schiiler  sagte:  Selbsterkennen  be- 
steht  eigentlich  immer  darin,  daft  man  im  eigenen  Menscheninnern 
dasjenige  auf  der  einen  Seite  wahrnimmt,  was  hoch  iiber  demErden- 
menschen  liegt,  und  dasjenige,  was  tief  unter  dem  Erdenmenschen 
Hegt.  Die  miissen  sich  im  Menscheninnern  begegnen.  Dann  findet 
der  Mensch  in  seinem  eigenen  Innern  die  Kraft  des  schaffenden 
Gottes. 

Von  solchen  Einweihungen,  wie  die  ist,  die  ich  Ihnen  hier  als 
eine  charakteristisch-typische  erzahlt  habe,  ging  das  Bestreben  aus, 
das  man  dann  mittelalterliche  Mystik  nennen  kann  in  der  spateren 
Zeit,  das  hintendierte  nach  Selbsterkenntnis,  aber  um  im  eigenen 
Selbst  den  Weg  zum  Gottlichen  zu  finden.  Es  ist  nur  diese  Mystik 
dann  in  der  spateren  Zeit  abstrakt  geworden.  Jene  konkrete  Ver- 
bindung  mit  der  Aufienwelt,  wie  sie  gegeben  war  fur  diese  Schiiler 


in  dem  Entriicktsein  in  Atherhohen  und  in  Erdentiefen,  die  wurde 
nicht  mehr  gesucht.  Daher  wurde  auch  die  innere  Erschutterung,  die 
ganze  Intensitat  des  innerea  Erlebnisses  nicht  mehr  erreicht.  Aber 
gesucht  wurde  dennoch  unter  solchen  Anregungen,  unter  solchen 
Impulsen  im  Innern.  Im  Innern  wurde  der  Gott,  das  gottliche  Schaf- 
fen  gesucht.  Und  im  Grunde  genommen  ist  alles  das,  was  gesucht 
worden  ist  von  dem  Meister  Eckhart,  von  Johannes  Tauler  und  den 
spateren  Mystikern,  die  ich  dargestellt  habe  in  meinem  Buche  «Die 
Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens»,  impulsiert 
von  solchen  wirklichen  mittelalterlichen  Einweihungen.  Aber  die- 
jenigen,  die  nun  wahrhaftig  im  Sinne  solcher  mittelalterlichen  Ein- 
weihungen gewirkt  haben,  die  wurden  vielfach  verkannt.  Und  man 
gerat  eigentlich  nur  sehr  schwer  an  dasjenige  heran,  was  diese 
Schiiler  der  mittelalterlichen  Eingeweihten  in  Wirklichkeit  waren. 

Man  kann  ja  wirklich  ziemlich  weit  kommen  in  der  Verfolgung 
der  Wege  in  die  geistige  Welt  hinein.  Und  diejenigen,  welche  solche 
Dinge  wirklich  ganz  energisch  befolgen,  wie  sie  in  meinem  Buche 
«Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  stehen,  die 
finden  schon  den  Weg  in  die  geistigen  Welten  hinein.  Alles,  was  in 
der  Vergangenheit  physisch  real  war,  ist  ja  natiirlich  heute  nur  durch 
die  geistige  Welt  zu  finden,  also  auch  solche  Szenen,  wie  ich  sie 
eben  geschildert  habe,  denn  es  gibt  ja  keine  physischen  Dokumente, 
die  iiber  solche  Szenen  berichten  wurden.  Aber  es  gibt  eben  solche 
Gebiete,  die  schwer  zuganglich  sind  auch  fur  ein  schon  weit  vor- 
geschrittenes  geistiges  Vermogen.  Man  mufi  wirklich,  um  diese 
Gebiete  zu  erforschen,  dahin  gekommen  sein,  mit  den  Wesenheiten 
der  geistigen  Welt  in  selbstverstandlicher  Weise  Umgang  zu  haben 
wie  mit  Menschen.  Dann  ergibt  sich  aber  auch  der  Zusammenhang 
zwischen  diesen  Eingeweihten,  von  denen  ich  Ihnen  eben  erzahlt 
habe,  und  ihren  Schulern,  zum  Beispiel  einem  solchen  Schiiler,  der 
durch  das,  was  historisch  vermittelt  ist,  ja  recht  fragwurdig  erscheint, 
Raimundus  Lullus,  der  vomjahre  1234  bis  1315  lebte. 

Was  Sie  von  Raimundus  Lullus  durch  historische  Dokumente 
kennenlernen  konnen,  ist  ja  herzlich  wenig.  Aber  was  man  von  ihm 
kennenlernen  kann,  wenn  man  -  verzeihen  Sie,  daft  ich  den 


paradoxen  Ausdruck  gebrauche,  aber  Sie  werden  nach  dem,  was  ich 
in  den  letzten  Tagen  und  seit  vierzehn  Tagen  hier  dargestellt  habe, 
den  Ausdruck  doch  nicht  mehr  als  paradox  empfinden  -,  wenn  man 
sozusagen  ein  personliches  Verhaltnis  gewinnt  zu  Raimundus  Lullus, 
dann  stellt  er  sich  doch  noch  als  etwas  anderes  dar,  als  das  ist,  was 
die  historischen  Dokumente  aus  ihm  machen.  Da  stellt  er  sich  in  der 
folgenden  Weise  dar.  Er  ist  im  eminentesten  Sinne  eine  Personlich- 
keit,  die  unter  Anregung  gerade  desjenigen  Eingeweihten,  von  dem 
ich  hier  als  dem  Schiller  des  anderen  gesprochen  habe,  dazu  kam, 
mit  aller  Kraft  wiederum  so  etwas  in  seiner  Zeit  erneuern  zu  wollen, 
wie  es  im  Altertum  die  Mysterien  des  Wortes,  des  Logos  waren.  Er 
wollte  die  Mysterien  des  Logos  wieder  erneuern.  Und  er  wollte  sie  wie- 
der  erneuern  durch  die  Selbsterkenntnis,  von  der  ich  Ihnen  ja  gesagt 
habe,  daft  sie  in  einer  so  machtigen  Weise  angeregt  worden  ist  im  12 . , 
im  13.  Jahrhundert.  Und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  ist  die  soge- 
nannte  «Ars  magna»  des  Raimundus  Lullus  zu  beurteilen.  Er  sagte 
sich:  Wenn  der  Mensch  spricht,  so  ist  im  Sprechen  eigentlich  auch  ein 
Mikrokosmos  gegeben.  Dasjenige,  was  der  Mensch  spricht,  ist  eigent- 
lich der  ganze  Mensch,  konzentriert  auf  die  Sprachorgane.  Aber  das 
Geheimnis  jedes  Wortes  liegt  im  ganzen  Menschen,  und  wiederum, 
weil  es  im  ganzen  Menschen  liegt,  liegt  es  eigentlich  in  der  Welt. 

Und  so  kam  er  darauf ,  daft  man  eigentlich  das  Geheimnis  der 
Sprache  erst  im  Menschen  suchen  musse,  indem  man  tief  unter- 
taucht  von  den  bloften  Sprachorganen  zu  der  Gesamtorganisation 
des  Menschen,  und  dann  im  Kosmos,  indem  man  wiederum  die 
Gesamtorganisation  des  Menschen  aus  dem  Kosmos  heraus  begreift. 
Zum  Beispiel,  sagen  wir,  jemand  wolle  den  Laut  A  in  seiner  wirk- 
lichen  Bedeutung  begreifen.  Da  handelt  es  sich  darum,  daft  der 
Mensch  darauf  kommt,  daft  der  Laut  A,  der  im  geformten  Aushauch 
zum  Vorschein  kommt,  auf  einer  gewissen  inneren  Attitude  des 
Atherleibes  beruht,  auf  einer  Attitude  des  Atherleibes,  die  Sie  heute 
kennenlernen  konnen.  Durch  die  Eurythmie  sehen  wir,  auf  welcher 
Attitude  des  Atherleibes  der  Laut  A  beruht,  denn  diese  Attitude 
wird  auf  den  physischen  Leib  iibertragen  und  gilt  dann  als  die 
eurythmische  Geste  fur  den  A-Laut. 


Ganz  klar  wurde  das  dem  Raimundus  Lullus  nicht,  sondern  alles 
blieb  bei  ihm  Ahnung.  Aber  seine  Ahnung  kam  so  weit,  daft  er  nun 
die  innere  Attitude,  die  innere  Geste  des  Menschen  gewissermafien 
hinausverfolgte  in  den  Kosmos,  zum  Beispiel  daft  er  sagte:  Richtest 
du  die  Blickrichtung  nach  dem  Lowen,  nach  dem  Sternbilde  des 
Lowen,  und  richtest  du  die  Blickrichtung  nach  der  Waage,  dann  gibt 
dir  der  Zusammenhang  der  beiden  Blickrichtungen  das  A.  Richtest 
du  den  Blick  nach  dem  Saturn,  so  halt  der  Saturn  deine  Blickrich- 
tung auf.  Und  wenn  der  Saturn  zum  Beispiel  vor  dem  Widder  steht, 
so  muftt  du  mit  dem  Saturn  dich  um  den  Widder  herumdrehen.  Das 
gibt  dir  aus  dem  Kosmos  heraus  die  Empfindung  des  O. 


Und  aus  solchen  Ahnungen  heraus  fand  Raimundus  Lullus 
gewisse  Figuren,  an  deren  Ecken  und  Seken  er  die  Buchstaben 
schrieb.  Und  nun  war  er  sich  klar  dariiber:  Wenn  man  aus  seinen 
Empfindungen  heraus  Linien  zieht  in  den  Figuren,  durch  Diago- 
nalen  oder  dergleichen  meinetwegen  in  einem  Funfeck  a  b  c  d  e 
irgendwie  verbindet  -  das  ist  nur  schematisch  -,  dann  muft  man 
darin  Lautverbindungen  sehen,  und  diese  Lautverbindungen  spre- 
chen  gewisse  Geheimnisse  des  Weltenalls,  des  Kosmos  aus. 


Tafcl  3 


Tafel4 


2 


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Also  Raimundus  Lullus  suchte  eine  Art  Renaissance  der  Geheim- 
nisse  des  Logos,  wie  sie  ublich  waren  in  den  alten  Mysterien.  Diese 
Sache  wird  ja  entstellt  dargestellt  in  den  historischen  Dokumenten. 
Aber  wenn  man  eben  nach  und  nach  sozusagen  in  ein  personliches 
Verhaltnis  zu  Raimundus  Lullus  kommt,  so  kommt  man  darauf,  dafi 
Raimundus  Lullus  versuchte,  dutch  solche  Bestrebungen  das 
Weltenwort  wiederum  zu  entratseln.  Und  in  diesen  Bestrebungen 
lebten  eigentlich  die  Schuler  der  mittelaltetlichen  Eingeweihten 
noch  einige  Jahrhunderte  fort.  Es  war  ein  ganz  intensives  Bemuhen, 
erst  in  den  Menschen  unterzutauchen  und  dann  dutch  das  Untet- 
tauchen  in  den  Menschen  hinauszukommen  iiber  den  Menschen  in 
die  Geheimnisse  des  Kosmos  hinein. 

In  dieser  Weise  versuchten  diese  -  man  darf  sie  Weise  nennen  -, 
diese  Weisen,  zu  verbinden  die  Offenbarung  mit  der  Natur.  Und  sie 
glaubten,  auf  diese  Weise  -  und  vieles  von  ihrem  Glauben  war  ja  tief 
begrundet  -,  sie  glaubten,  auf  diese  Weise  hinter  die  Offenbarung 
des  Religiosen  und  hintet  die  Offenbatung  der  Natur  zu  kommen. 
Denn  sie  waren  sich  klar  daruber,  dafi  eben  der  Mensch,  so  wie  er 
nun  einmal  in  ihrer  Zeit  auf  det  Etde  lebte,  eigentlich  bestimmt 
war,  die  vierte  Hierarchie  zu  werden,  dafi  er  aber  einen  Fall  getan 
habe,  durch  den  er  unter  sein  eigentliches  Wesen  heruntergekom- 
men  ist  und  tiefer  drinnen  steckt  in  dem  physischen  Dasein,  als  er 
eigentlich  sollte,  dafi  er  aber  dennoch  wiederum  fur  dieses  tiefe 
Drinnenstecken  nicht  die  Kraft  hat,  sein  Geistig-Seelisches  ent- 


sprechend  spirituell  auszubilden.  Und  aus  solchen  Bestrebungen 
heraus  entstand  ja  dann  das  Rosenkreuzer-Bestreben. 

An  einer  Lehrstatte  der  Rosenkreuzer,  der  ersten  urspriinglichen 
Rosenkreuzer,  war  es,  daft  einmal  gerade  die  Szenen,  die  ich  Ihnen 
heute  schilderte,  die  Szene  hoch  oben  auf  dem  Berge  zwischen  dem 
Lehrer  und  dem  Schiiler  und  unten  tief  in  den  Erdenkliiften,  daft 
diese  Szenen  wie  in  einer  Art  zeitlicher  Fata  Morgana  auftauchten, 
man  mochte  sagen,  wie  als  Gespenst  wiederkamen,  sich  spiegelten 
als  Vision  innerhalb  einer  Rosenkreuzer-Lehrstatte.  Und  daraus  er- 
kannte  man,  daft  der  Mensch  durch  innerliches  Streben  zweierlei 
erreichen  miisse,  um  zur  wirklichen  Selbsterkenntnis  zu  kommen, 
um  wiederum  seine  Anpassung  an  die  Erde  zu  finden,  um  dahin  zu 
gelangen,  wirklich  ein  Angehoriger  der  vierten  Hierarchie  zu  wer- 
den.  Denn  aus  alledem,  was  nun  innerhalb  der  Rosenkreuzer- Schu- 
le  moglich  war,  erkannte  man,  was  mit  dem  Schiiler,  als  er  den  Geist 
seiner  eigenen  Jugend  leibhaftig  vor  sich  gesehen  hat,  vorgegangen 
war.  Mit  dem  war  vorgegangen  eine  Loslosung  des  astralischen 
Leibes,  die  starker  ist,  als  sie  sonst  irgendwie  im  menschlichen  Leben 
ist.  Und  in  dieser  Loslosung  des  astralischen  Leibes  hat  er  den  Sinn 
der  Offenbarung  erkannt.  Und  wiederum  wurde  in  dieser  Rosen- 
kreuzer-Schule  klar,  was  vorgegangen  war  mit  dem  Schiiler  in  den 
Tiefen  der  Erde.  Da  war  der  astralische  Leib  ganz  in  das  Innere  zu- 
riickgezogen.  Da  war  er  vollig  zusammengezogen,  so  daft  der  Schiiler 
die  Geheimnisse  des  eigenen  Menscheninnern  wahrnahm.  Und  jetzt 
wurden  innerhalb  der  Rosenkreuzerei  Exerzitien,  Ubungen  ge- 
funden,  die  verhaltnismaftig  einfach  waren,  die  in  symbolischen 
Figuren  bestanden,  denen  man  das  Gemiit  hingab,  iiber  die  man 
meditierte.  Und  durch  die  Kraft,  die  in  den  menschlichen  Seelen- 
besitz  kam  durch  die  Hingabe  an  solche  Figuren,  erreichte  man,  daft 
man  auf  der  einen  Seite  den  astralischen  Leib  losloste  und  wurde  wie 
der  Schiiler  auf  Bergeshohe,  in  Atherhohen,  daft  man  auf  der  andern 
Seite,  indem  sich  der  astralische  Leib  zusammenkrampfte,  zusam- 
menzog,  wurde  wie  der  Schiiler  in  Erdenkliiften.  Und  dann  konnte 
man,  indem  man  nicht  die  auftere  Umgebung  hatte,  sondern  eine 
starke  innere  Ubung  machte,  in  das  menschliche  Innere  kommen. 


Sehen  Sie,  ich  schildere  Ihnen  damit  etwas,  was  ich  nur  ganz  leise 
angedeutet  habe  in  dem  neuen  Vorwort  zu  der  letzten  Auflage 
meiner  «Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens».  Da 
habe  ich  ja  gesagt,  dal$  dasjenige,  was  aufgetreten  ist  bei  Meister 
Eckhart,  Johannes  Tauler,  bei  Nikolaus  Cusanus,  dem  Kardinal,  bei 
Valentin  Weigel  und  den  anderen,  das  Spatprodukt  war  eines  kolos- 
salen  urspriinglichen  Menschheitsstrebens,  das  vorangegangen  ist. 
Und  dieses  urspriingliche  Menschheitsstreben,  das  dem  Streben  des 
Meister  Eckhart,  dem  Streben  des  Johannes  Tauler  vorangegangen 
ist,  dieses  konkrete  Streben  im  Geiste,  dieses  Suchen  nach  Selbst- 
erkenntnis  beim  Menschen  im  Zusammenhange  mit  Offenbarung 
und  Naturerleuchtung,  dieses  wollte  ich  Ihnen  heute  schildern  als 
eine  der  Stromungen,  die  da  liefen  im  sogenannten  finsteren  Mittel- 
alter,  wo  es  aber  wirklich  in  der  Finsternis,  die  der  moderne  Mensch 
heute  hineinphantasiert,  recht  erleuchtete  Geister  gab,  so  erleuchtete 
Geister,  dafi  die  heute  erleuchtetsten  Geister  das  Licht  dieser  Er- 
leuchteten  eben  nicht  verstehen  und  daher  finster  bleiben.  Aber  das 
ist  ja  uberhaupt  vielfach  das  Charakteristikum  der  heutigen  Zeit, 
dafi  man  das  Licht  finster  und  die  Finsternis  hell  findet. 

Aber  ein  merkwiirdiger,  gewaltiger  Eindruck  bleibt  zuriick,  wenn 
man  in  die  Hintergriinde  desjenigen  schaut,  was  in  der  Literatur  wie 
in  einem  Abglanze  dieser  Zeit  gelebt  hat.  Einiges  von  dem  wollte  ich 
Ihnen  heute  schildern;  einiges  von  dem,  was  dann  das  Bild  erganzen, 
zu  einem  Ganzen  abrunden  wird,  werde  ich  Ihnen  morgen  schildern. 


DRITTER  VORTRAG 
Dornach,  6.  Januar  1924 


Ich  sprach  Ihnen  gestern  von  der  besonderen  Form,  die  die  Mitteilung 
geisteswissenschaftlicher  Ergebnisse  in  dem  Mittelalter  angenommen 
hat.  Und  diese  Form,  sie  war  im  Grunde  genommen  ein  Letztes,  das 
sich  abspielte,  bevor  fur  die  menschliche  Geistesentwickelung  ein 
Tor  geschlossen  worden  ist,  das  ja  durch  Jahrhunderte  geoffnet  war: 
das  Tor  eines  gewissen,  durch  natiirliche  Begabung  kommenden 
Eintrittes  in  die  geistige  Welt.  Dieses  Tor  ist  ja  geschlossen  worden 
zu  der  Zeit,  in  der  die  Menschen  gewissermafien  mit  ihren  unwill- 
kurlichen  Fahigkeiten  herausgestellt  werden  sollten  aus  dem  Be- 
reiche  des  sie  beherrschenden  gottlich-geistigen  Willens  und  in 
ihrem  Innersten,  in  dem  eigenen  Willen  finden  sollten  die  Moglich- 
keit,  Freiheit  in  der  Seele  zu  entwickeln,  bewufite  Freiheit.  Alle  Ent- 
wickelungsbewegungen  geschehen  aber  langsam  und  allmahlich, 
nach  und  nach.  Und  so  ist  es  denn  auch  gekommen,  daft  dasjenige, 
was  zwar  nicht  mehr  in  der  Form  der  alten  Mysterien,  aber  in  der 
Form  des  Hinauffuhrens  in  Atherhohen,  des  Hinunterfuhrens  in 
Erdenkliifte  unmittelbar  im  Zusammenhange  mit  dem  mensch- 
lichen  Erleben  der  Natur,  wenn  auch  nicht  auf  der  Erdoberflache 
selber,  erreicht  werden  konnte,  nun  in  der  Folgezeit  in  einer  mehr 
unbewufiten  Form  an  die  Menschen  herangetreten  ist.  Denken  Sie 
sich  nur  einmal,  wie  es  jenen  Personlichkeiten  gegangen  ist,  die  nach 
Erkenntnis  gestrebt  haben,  um  das  Jahr  1200  und  in  dem  folgenden 
13.  Jahrhundert,  die  ja  naturlich  Nachricht  gehabt  haben  davon, 
dafi  Schiiler  noch  solche  Lehrer  wie  den,  von  dem  ich  gestern  ge- 
sprochen  habe,  vor  kurzer  Zeit  hatten  finden  konnen,  denken  Sie 
nur,  wie  es  denen  ergangen  ist,  die  diese  Nachricht  gehabt  haben 
und  die  nunmehr  eigentlich  darauf  angewiesen  waren,  Erkenntnis 
nur  mehr  durch  das  menschliche  Denken  zu  finden. 

Wir  sehen  ja  dann  in  der  Folgezeit  des  Mittelalters  mehr  in  grofie- 
rem  Kreise  dieses  menschliche  Denken  in  einer  wirklich  imponie- 
renden  Weise  ausgebildet.  Wir  sehen  dieses  menschliche  Denken 


Wege  nehmen,  die  aus  innerstem  Eifer,  aus  einer  wirklichen  Hin- 
gabe  der  ganzen  Seek  der  Menschen  gegangen  worden  sind.  Das 
waren  so  mehr  die  Wege  der  grofteren  Kreise  von  erkenntnissuchen- 
den  Menschen.  Aber  das  eigentlich  Geisteswissenschaftliche  setzte 
sich  doch  auch  fort.  Und  wir  kommen  dann,  indem  wir  wenige  Jahr- 
hunderte  weitergehen,  in  die  Zeit  hinein,  in  der  das  eigentliche 
Rosenkreuzertum  begriindet  worden  ist.  Aber  dieses  Rosenkreuzer- 
tum  hangt  eben  mit  einer  Umanderung  in  der  ganzen  geistigen 
Welt  in  bezug  auf  den  Menschen  zusammen.  Und  ich  werde  Ihnen 
diese  Umanderung  wiederum  am  besten  schildern,  wenn  ich  auch 
hier  Ihnen  ein  Bild  gebe. 

Mysterien  im  alten  Sinne  des  Wortes  waren  nicht  mehr  moglich 
seit  jenem  Zeitpunkte,  von  dem  ich  Ihnen  gesprochen  habe;  aber 
Menschen,  die  nach  Erkenntnis  lechzten  im  Sinne  dieser  alten  My- 
sterien und  die  schwere  Seelenkampfe  erlebten,  wenn  sie  horten  von 
der  Fiihrung  auf  den  Berg,  von  der  Fiihrung  in  Erdenkllifte,  diese 
Menschen,  sie  entwickelten  in  ihren  Seelen  alle  moglichen  inneren 
Methoden,  Anstrengungen,  um  die  Seele  aufzurufen,  nun  dennoch 
den  Weg  zu  finden.  Und  derjenige,  der  solche  Sachen  sehen  kann, 
sieht  hinein,  wie  gesagt,  nicht  in  Mysterienstatten,  aber  in  von  einer 
Atmosphare  von  Frommigkeit  durchwarmte  Versammlungsstatte 
von  Erkenntnis  suchenden  Menschen.  Und  eigentlich  ist  dasjenige, 
was  dann  spater  sowohl  die  gute  Rosenkreuzerei  war  wie  auch  die 
entartete,  die  scharlatanhafte,  ausgegangen  von  solchen  Menschen, 
die  im  Zusammensein,  in  anspruchslosem  Zusammensein  versuch- 
ten,  ihre  Seelen  so  zu  arten,  daft  nun  wirklich  geistige  Erkennt- 
nisse  noch  hatten  zustande  kommen  konnen.  Und  bei  einer  solchen 
Versammlung,  die  wirklich  in  recht  anspruchsloser  Umgebung,  in 
dem  einfachen  Wohnraum  eines  schlolkrtigen  Hauses  stattgefunden 
hat,  in  einer  solchen  Versammlung  von  wenigen  Menschen  begab  es 
sich  einmal,  dafi  diese  Menschen  durch  gemeinsame  Exerzitien,  die 
halb  denkerisch-meditativ,  halb  gebetartig  waren,  in  Gemeinsam- 
keit  eine  Art  mystischer  Stimmung  entwickelten,  jene  mystische 
Stimmung,  die  dann  viel  gepflegt  worden  ist  von  den  sogenannten 
«Brudern  des  gemeinsamen  Lebens»,  gepflegt  worden  ist  spater  von 


den  Anhangern  des  Comenius  und  vielen  anderen  Bruderschaften, 
die  sich  aber  ganz  besonders  intensiv  einmal  in  einem  solchen  klei- 
neren  Kreise  ausgepragt  hat.  Und  wahrend  mit  einer  wirklichen 
Hingabe  des  gewohnlichen  Bewufitseins,  mit  einer  Hingabe  des 
ganzen  Intellektes  in  intensiv  mystischer  Stimmung  diese  wenigen 
Menschen  beisammen  waren,  geschah  es,  dafi  zu  ihnen  ein  Wesen 
trat,  aber  jetzt  ein  Wesen,  das  nicht  Fleisch  und  Blut  hatte  wie  jener 
Lehrer,  dem  der  Schiller  begegnete  zu  der  Fuhrung  nach  dem  Berge, 
nach  den  Erdenkluften,  sondern  ein  Wesen,  das  eigentlich  nur  im 
atherischen  Leibe  in  dieser  kleinen  Gemeinschaft  erscheinen  konnte. 
Und  dieses  Wesen  enthiillte  sich  als  dasselbe,  das  jenen  Schuler  um 
das  Jahr  1200  gefuhrt  hatte.  Aber  es  war  im  post  mortem -Zustande. 
Es  war  aus  der  geistigen  Welt  zu  diesen  Menschen  herniedergestie- 
gen,  die  es  angezogen  hatten  dutch  ihre  fromm-mystisch,  meditativ- 
denkerische  Stimmung. 

Damit  ja  kein  Mifiverstandnis  entsteht,  betone  ich  ausdnicklich: 
Irgendwelche  medialen  Krafte  waren  dabei  nicht  im  Spiele,  denn 
gerade  jene  kleine  Gemeinschaft,  die  da  versammelt  war,  hatte  aus 
gewissen  Voraussetzungen,  die  altehrwurdiger  Tradition  angehorten, 
jede  Verwendung  medialer  Krafte,  auch  jeden  Anklang  an  mediale 
Krafte  als  etwas  tief  Sundhaftes  betrachtet.  Gerade  in  jenen  Gesell- 
schaften,  von  denen  ich  da  spreche,  wurde  Mediumschaft  und  alles, 
was  damit  verwandt  war,  nicht  nur  als  etwas  Schadliches  angesehen, 
sondern  als  etwas  tief,  tief  Sundhaftes,  aus  dem  Grunde  siindhaft, 
weil  ja  gewulk  wurde  von  jenen  Menschen,  dafi  Mediumschaft  zu- 
sammenhangt  mit  einer  besonderen  Konstitution  auch  des  phy- 
sischen  Leibes,  daft  dem  Medium  der  physische  Leib  seine  Krafte, 
seine  geistigen  Krafte  gibt.  Der  physische  Leib  wurde  aber  von  jenen 
Menschen  als  der  Siinde  verfallen  betrachtet,  und  man  hatte  unter 
alien  Umstanden  Kundgebungen  mit  Hilfe  von  medialen  Kraften 
als  ahrimanische  oder  luziferische  Krafte  angesehen.  Diese  Dinge 
wurden  in  jener  Zeit  eben  noch  genau  gewufit,  und  so  war  nichts 
irgendwie  Mediumhaftes  verwendet  worden.  Dagegen  war  es  rein 
die  mystisch-meditative  Stimmung;  und  jene  Verstarkung  der  my- 
stisch-meditativen  Stimmung,  die  durch  die  Gemeinsamkeit  der 


Seelen  erzeugt  wird,  die  war  es,  welche  hereinzauberte  durch  die 
eigene  Willkiir  jenen  entkorperten  Menschen,  jenes  rein  geistige, 
aber  menschliche  Wesen  in  diesen  Kreis. 

Und  dieses  Wesen  sagte  in  einer  sehr  feierlichen  Art:  Ihr  seid  ja 
gerade  auf  mein  Erscheinen  nicht  vorbereitet,  aber  ich  bin  unter 
euch,  entkorpert,  ohne  physischen  Leib,  weil  die  Zeit  gekommen  ist, 
in  der  Eingeweihte  der  alten  Art  eine  kurze  Periode  des  Erdendaseins 
im  physischen  Leibe  nicht  erscheinen  konnen.  Diese  Zeit  wird 
wieder  kommen,  wenn  die  Michael-Periode  anbrechen  wird.  Ich  bin 
zu  euch  gekommen,  um  euch  zu  offenbaren,  dafi  das  Menschen- 
innere  unverwandelt  geblieben  ist,  dafi  das  Menscheninnere,  wenn 
es  sich  in  der  richtigen  Weise  verhalt,  den  Weg  zum  gottlich-gei- 
stigen  Dasein  finden  kann.  Aber  es  wird  eine  Zeitlang  der  mensch- 
liche Verstand  so  beschaffen  sein,  dafi  er  unter driickt  werden  muft, 
damit  Geistiges  zur  Menschenseele  wird  sprechen  konnen.  Darum 
bleibet  in  eurer  mystisch-frommen  Stimmung.  Ich  konnte  euch, 
indem  ihr  von  mir  das  gemeinsame  Bild,  die  gemeinsame  Imagina- 
tion empfanget,  auf  dasjenige,  was  sich  mit  euch  vollziehen  wird, 
nur  hinweisen,  aber  ihr  werdet  die  Fortsetzung  desjenigen,  was  ihr 
erlebt  habt,  weiter  erfahren. 

Und  siehe  da,  drei  aus  dem  Kreise,  der  da  versammelt  war,  waren 
wirklich  dazu  ausersehen,  nunmehr  eine  besondere  Verbindung  mit 
der  geistigen  Welt  herzustellen,  wiederum  niemals  durch  irgend- 
welche  medialen  Krafte,  sondern  durch  Fortfiihrung  jener  mystisch- 
meditativ-frommen  Stimmung.  Und  bei  diesen  dreien,  die  dann 
besonders  behutet  wurden  von  den  andern  dieses  Kreises,  wirklich 
innig  gepflegt  wurden,  bei  diesen  dreien  stellte  sich  heraus,  dafi  sie 
von  Zek  zu  Zeit  eine  Art  Geistesabwesenheit  erlebten.  Sie  wurden  in 
bezug  auf  ihre  aufierliche  Korperlichkeit  wunderschon,  erlangten 
etwas  wie  ein  glanzendes  Antlitz,  sonnenleuchtende  Augen,  und 
wahrend  dieser  Zeit  schrieben  sie  symbolische  Offenbarungen, 
die  sie  aus  der  geistigen  Welt  heraus  erhielten,  auf.  Diese  symbo- 
lischen  Offenbarungen  waren  die  ersten  Bilder,  in  denen  den  Rosen- 
kreuzern  geoffenbart  worden  ist,  was  sie  wissen  sollten  iiber  die 
geistige  Welt.  In  diesen  symbolischen  Offenbarungen  war  ent- 


halten  eine  Art  Philosophic  eine  Art  Theologie,  eine  Art  Medizin. 

Und  dieses  Merkwiirdige  stellte  sich  heraus:  Die  anderen  -  es 
scheint  mir,  als  ob  die  anderen  viere  gewesen  waren,  so  dafl  das 
Ganze  eine  Gemeinschaft  von  sieben  gewesen  war  -,  die  anderen, 
sie  konnten  durch  dasjenige,  was  sie  erlebt  hatten  an  den  sonnen- 
glanzenden  Augen,  an  dem  strahlenden  Antlitz  ihrer  drei  Briider,  in 
der  gewdhnlichen  Sprache  dasjenige  wiedergeben,  was  in  den  Sym- 
bolen  lag.  Die  zum  Herausholen  dieser  Symbole  aus  der  geistigen 
Welt  bestimmten  Briider,  sie  konnten  nur  diese  Symbole  hinschrei- 
ben,  und  sie  konnten  nur  sagen,  als  sie  wiederum  in  ihren  gewohn- 
lichen Bewufltseinszustand  zuruckkehrten:  Wir  sind  gewandelt 
unter  Sternen  und  Sternengeistern  und  haben  da  die  alten  Lehrer 
des  Geheimwissens  gefunden.  -  Sie  konnten  selbst  nicht  in  gewohn- 
liche  Menschensprache  diese  symbolischen  Bilder  umsetzen,  die  sie 
aufzeichneten.  Die  anderen  konnten  es  und  taten  es.  Und  vieles  von 
dem,  was  dann  iibergegangen  ist  zum  Teil  in  die  philosophisch- 
theologische  -  aber  nicht  mehr  in  die  kirchlich-theologische,  son- 
dern  in  die  profan-theologische  -  und  in  die  medizinische  Literatur, 
ist  ursprixnglich  diesem  eben  gekennzeichneten  Quell  entsprossen. 
Und  in  kleineren  Kreisen,  die  durch  die  ersten  Rosenkreuzer  or- 
ganisiert  worden  sind,  ist  dann  dasjenige  verbreitet  worden,  was  an 
solchen  Symbolen  aus  der  geistigen  Welt  erhalten  worden  ist. 

Und  immer  wieder  und  wiederum  kamen  Moglichkeiten,  in 
kleinsten  Kreisen  solches  zu  erleben  zwischen  dem  13.  und  15.  Jahr- 
hundert.  Es  ist  viel  aus  der  geistigen  Welt  auf  eine  solche  oder  ahn- 
liche  Art  zwischen  dem  13.  und  15.  Jahrhundert  den  Menschen  ge- 
offenbart  worden.  Nicht  immer  waren  diejenigen,  die  dann  das  in 
Bildern  Geoffenbarte  ubersetzen  sollten,  in  der  Lage,  es  wirklich 
treu  wiederzugeben.  Daher  hat  manches,  was  Sie  ja  heute  noch  aus 
der  Philosophic  dieser  Zeit  uberliefert  finden  konnen,  einen  in  sich 
nicht  ganz  klaren  Charakter,  und  man  mufi  dann  das,  was  es  eigent- 
lich  bedeutet,  selbst  wiederum  aus  der  Welt  des  Geistes  heraus 
suchen.  Aber  immerhin  war  die  Moglichkeit  vorhanden  bei  den- 
jenigen,  die  urn  diese  Art  der  Offenbarung  von  seiten  der  geistigen 
Welt  wufken,  anzuknupfen  an  solche  Offenbarungen. 


Aber  Sie  miissen  sich  ja  denken,  wie  sonderbar  allmahlich  die 
Stimmung  der  Menschen  werden  mufite,  die  diese  hochsten  Er- 
kenntnisse  -  denn  als  solche  wurde  dasjenige,  was  ihnen  gegeben 
wurde,  anerkannt  -,  die  solche  hochsten  Erkenntnisse  von  einer 
Seite  her  bekommen  mufiten,  die  ihnen  eigentlich  allmahlich  un- 
heimlich  wurde,  weil  sie  ja  nicht  hineinschauten  in  die  Welt,  aus  der 
ihnen  diese  Geheimnisse  kamen,  weil  das  gewohnliche  Bewufitsein 
nicht  hineinreichte.  Daher  war  es  auch  so  naheliegend,  daft  solche 
Dinge  sehr  leicht  zum  Scharlatanhaften,  ja  zum  Schwindelhaften 
fiihren  konnten.  Und  in  keiner  Zeit  der  menschlichen  Entwickelung 
ist  eigentlich  Scharlatanhaftes  und  Hochstes  in  der  Offenbarung  so 
nahe  beieinander  gewesen  wie  in  dieser  Zeit.  Und  schwierig  ist  fur 
diese  Zeit,  das  Echte  von  dem  Falschen  zu  unterscheiden,  daher 
auch  von  vielen  die  ganze  Rosenkreuzerei  als  eine  Scharlatanerie  an- 
gesehen  wird.  Man  kann  es  begreifen,  dafi  es  so  geschieht,  denn  die 
wahren  Rosenkreuzer  sind  unter  den  Scharlatanen  aufierordentlich 
schwer  zu  finden,  und  die  ganze  Sache  wird  dadurch  besonders  frag- 
wiirdig,  dafi  man  eben  immer  die  Voraussetzung  machen  mufite,  die 
geistige  Offenbarung  stamme  aus  Quellen  heraus,  die  zunachst  ihrer 
eigentlichen  Beschaffenheit  nach  eben  verborgen  blieben. 

Und  es  war  so,  daft  diejenigen,  die  allmahlich  sozusagen  ge- 
sammelt  wurden  von  den  ersten  Rosenkreuzern  zu  einer  grofieren 
Briiderschaft,  immer  eigentlich  als  Unbekannte  in  der  Weise  auf- 
traten,  daft  sie  in  der  Welt  da  und  dort  erschienen,  zumeist  in  der 
damaligen  Zeit  im  Arztberuf,  Kranke  heilten,  und  bei  dieser  Ge- 
legenheit,  indem  sie  den  Arztberuf  ausiibten,  zu  gleicher  Zeit  Er- 
kenntnisse verbreiteten.  Es  war  schon  so,  daft  vieles,  vieles  an  Er- 
kenntnissen  damals  verbreitet  worden  ist,  von  dem  man  sagen  muft: 
Es  hat  die  Verbreitung  einen  etwas  peinlichen  Charakter,  weil  ja  die 
Menschen,  die  diese  Verbreitung  betrieben,  gar  nicht  sagen  konn- 
ten, wie  der  Zusammenhang  mit  der  geistigen  Welt  ist,  in  dem  sie 
standen. 

Aber  es  bildete  sich  ein  anderes  aus  innerhalb  dieses  Betriebes 
geistiger  Forschung,  geistiger  Erkenntnis.  Es  ist  ja  etwas  ungeheuer 
Schones,  wenn  man  so  sieht:  Da  sind  drei  Bruder  und  vier  andere, 


drei  Briider,  die  eigentlich  in  dem,  was  sie  der  Welt  bieten  konnen, 
nur  ein  Zweckvolies  erreichen  konnen,  wenn  die  andern  viere  mit 
ihnen  zusammenarbeiten.  Sie  sind  unbedingt  aufeinander  ange- 
wiesen.  Die  dreie  bekommen  ihre  Offenbarungen  aus  der  geistigen 
Welt,  die  viere  konnen  es  in  die  gewohnliche  Menschensprache 
iibersetzen.  Das,  was  die  dreie  geben,  waren  ganz  unverstandliche 
Bilder,  wenn  die  vier  anderen  sie  nicht  iibersetzen  konnten.  Und 
wiederum,  die  vier  anderen  wiirden  gar  nichts  haben  zum  Uber- 
setzen,  wenn  die  dreie  nicht  ihre  Offenbarungen  in  Bildform  aus  der 
geistigen  Welt  empfingen. 

Dadurch  bildete  sich  innerhalb  solcher  Gemeinschaften  das- 
jenige  aus,  was  gerade  in  diesen  Jahrhunderten  in  gewissen  Kreisen 
als  etwas  angesehen  wurde,  das  ein  Hdchstmenschliches  ist:  innerliche 
seelische  Bruderschaft,  Bruderschaft  in  der  Erkenntnis,  Bruderschaft 
im  geistigen  Leben.  Solche  kleinen  Kreise  lernten  gerade  durch  ihr 
Streben  den  realen  Wert  der  Bruderschaft  kennen.  Und  sie  emp- 
fanden  ailmahlich  immer  mehr  und  mehr,  dafi  die  Entwickelung  der 
Menschheit  zu  der  Freiheit  hin  so  ist,  dafi  das  Band  zwischen  den 
Menschen  und  den  Gottern  ganz  zerreiften  wiirde,  wenn  es  nicht 
aufrechterhalten  wiirde  durch  solche  Bruderschaft,  wo  wirklich  einer 
auf  den  andern  angewiesen  ist. 

Was  man  da  zu  schildern  hat,  ist  etwas  seelisch  au£erordentlich 
Schones.  Und  iiber  manchem,  was  damals  geschrieben  worden  ist, 
liegt  ein  Zauber,  der  erst  verstandlich  wird,  wenn  man  weifi,  dafi 
diese  Atmosphare  von  Menschenbruderschaft,  die  in  dieser  Zeit 
durch  das  geistige  Leben  vieler  Kreise  Europas  ging,  in  dieses  Schrift- 
tum  herrlich  hineingeleuchtet  hat.  Aber  das  Ganze  war  eben  -  und 
immer  mehr  und  mehr  zeigte  sich  das  -  bei  denjenigen,  die  so  nach 
Erkenntnis  strebten,  in  eine  Stimmung  getaucht,  die  die  Leute  angst- 
lich  machte.  Weil  man  nicht  an  die  Quellen  der  geistigen  Offen- 
barung  herankam,  so  konnte  man  zuletzt  gar  nicht  mehr  wissen,  ob 
diese  Offenbarungen  guter  Art  oder  boser  Art  sind.  Und  eine  gewisse 
Angstlichkeit  vor  gewissen  Einfliissen  machte  sich  neben  allem  Guten 
in  diesen  Stromungen  in  dieser  Zeit  ganz  besonders  geltend.  Die- 
se Angstlichkeit  ging  dann  ja  auf  grofie  Kreise  des  Volkes  iiber, 


die  Furcht  hatten,  starke  Furcht  hatten  vor  aller  Erkenntnis. 

Man  kann  diese  Stimmung  besonders  gut  studieren  bei  zwei 
Menschen.  Der  eine  ist  der  im  15.  Jahrhundert  lebende,  etwa  1430 
geborene  Raimund  von  Sabunda.  Raimund  von  Sabunda  ist  ein 
merkwiirdiger  Mensch.  Wenn  man  sich  in  dasjenige,  was  er  gedacht 
hat,  was  er  hinterlassen  hat,  vertieft,  so  hat  man  das  Gefuhl:  Es  ist 
fast  dieselbe  Offenbarung,  die  jener  Berg-  und  Erdenkliiftelehrer 
seinem  Schiiler  um  das  Jahr  1200  ubermacht  hat,  in  vollem  Bewufit- 
sein  ubermacht  hat.  -  Und  doch  wiederum,  das  Ganze  ist  in  unbe- 
stimmtere  und  unpersonlichere  Redensarten  getaucht  -  philoso- 
phischer,  theologischer,  medizinischer  Art  -  bei  Raimund  von  Sa- 
bunda im  15.  Jahrhundert.  Das  aber  riihrt  davon  her,  daft  Raimund 
von  Sabunda  eben  auch  seine  Offenbarungen  empfangen  hatte  auf 
dem  Umweg  durch  die  wahre  Rosenkreuzerei,  also  auf  jenem  Wege, 
der  dadurch  eroffnet  war,  dafi  der  grofie  Eingeweihte  vom  12.  Jahr- 
hundert, dessen  Wirkungen  ich  Ihnen  geschildert  habe,  weiter 
inspirierend  wirkte  fur  all  das,  was  ich  heute  gekennzeichnet  habe, 
aus  der  geistigen  Welt  her.  Denn  im  Grunde  genommen  ging  von 
ihm  und  denjenigen,  die  mit  ihm  in  der  geistigen  Welt  waren,  all 
jene  Offenbarung  aus,  die  dann  durch  die  Rosenkreuzerei  so  zog, 
wie  ich  es  fur  die  Rosenkreuzerei  ofters  beschrieben  habe.  Die  Stim- 
mung gab  er.  Aber  Angstlichkeit  bemachtigte  sich  doch  nun  solcher 
Geister.  Raimund  von  Sabunda  war  ein  mutiger,  ein  kiihner  Geist, 
einer  von  jenen  Menschen,  die  Ideen  zu  wiirdigen  vermogen,  die  in 
Ideen  zu  leben  verstehen.  Daher  merkt  man  bei  ihm  zwar  etwas  von 
dem  Unbestimmten,  das  davon  herriihrt,  daft  ja  die  Offenbarungen 
eben  aus  der  geistigen  Welt  heraus  sind,  aber  man  merkt  nichts  bei 
ihm  von  irgendeiner  Angstlichkeit,  von  einer  Erkenntnis -Angstlich- 
keit. Um  so  mehr  tritt  einem  dasjenige,  was  aus  jener  Geistesstro- 
mung  in  dieser  Art  hervorging,  besonders  charakteristisch  entgegen 
bei  einem  anderen  Geist,  bei  Pico  de  Mirandola  im  15.  Jahrhundert. 

Der  fruhverstorbene  Pico  de  Mirandola  ist  ein  sehr  merkwiirdiger 
Geist.  Vertieft  man  sich  in  dasjenige,  was  er  erdacht  und  ersonnen 
hat,  so  sieht  man  in  seinem  Denken,  in  seinem  Sinnen  uberall  die- 
selbe Inspiration  wirksam,  die  ich  eben  charakterisiert  habe:  die 


Fortsetzung  der  Weisheit  jenes  alten  Eingeweihten  auf  dem  Umwege 
durch  die  Rosenkreuzerstromung.  Aber  man  sieht  wie  eine  Art 
Zurikkweichen  bei  Pico  de  Mirandola,  ein  Zuriickweichen  vor  dicser 
Erkenntnis.  Er  versichert  zum  Beispiel:  Alles,  was  auf  Erden  ge- 
schieht,  daft  auf  Erden  Steine  entstehen,  daft  auf  Erden  Pflanzen 
leben,  wachsen,  Frikhte  tragen,  daft  auf  Erden  Tiere  leben,  das  alles 
riihrt  nicht  von  den  Kraften  der  Erde  her.  -  Wenn  jemand  glauben 
wiirde,  da  sei  die  Erde,  und  die  Krafte  der  Erde  bewirken  dasjenige,  Tafel  5 
was  auf  der  Erde  ist,  so  habe  er  eine  falsche  Anschauung.  Die  rich- 
tige  Anschauung  nach  Pico  de  Mirandola  ist,  daft  es  die  Sterne  sind, 
und  dasjenige,  was  auf  der  Erde  geschieht,  alles  abhangt  von  den 
Sternen.  Das  Kleinste,  was  auf  Erden  geschieht,  ist  nach  Pico  de 
Mirandola  abhangig  von  den  Sternen.  Man  muft  zum  Himmel 
hinaufschauen,  wenn  man  begreifen  will,  was  auf  der  Erde  geschieht. 
Und  es  ist  schon  im  Sinne  von  Pico  de  Mirandola  geredet,  wenn  man 
sagt:  Du  gibst  mir  die  Hand,  mein  Menschenbruder,  aber  es  ist  nicht 
nur  dein  Gefuhl  die  Ursache  davon,  daft  du  die  Hand  gibst,  sondern 
es  ist  der  Stern,  der  uber  dir  steht,  der  dir  den  Impuls  gibt,  mir  die 
Hand  zu  geben.  -  Zuletzt  ist  alles  bewirkt  von  demjenigen,  was  im 
Himmlischen,  im  Kosmischen  begriindet  ist,  und  der  Abglanz 
davon  allein  geschieht  auf  Erden. 

Als  bestimmte  Uberzeugung  spricht  das  Pico  de  Mirandola  aus, 
und  zugleich  sagt  er:  Aber  die  Menschen  sind  verpflichtet,  nicht  auf 
diese  Sternenursachen  zu  sehen,  sondern  allein  die  nachste  Ursache 
auf  Erden  zu  berikksichtigen.  -  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus 
bekampft  Pico  de  Mirandola  -  das  ist  aufterordentlich  charakte- 
ristisch  -  die  ihm  uberkommene  Astrologie.  Er  weift,  daft  die  alte, 
wirkliche,  echte  Astrologie  in  den  Schicksalen  der  Menschen  sich 
ausspricht.  Das  weift  er,  das  halt  er  fur  eine  Wahrheit.  Allein  er  sagt, 
man  solle  nicht  Astrologie  treiben,  man  solle  nur  die  nachsten  Ur- 
sachen  suchen. 

Merken  Sie,  was  da  eigentlich  vorliegt?  Da  liegt  zum  erstenmal  in 
einer  ganz  eigentiimlichen  Art  die  Idee  von  den  Grenzen  der  Er- 
kenntnis vor,  aber,  ich  mochte  sagen,  in  der  Form,  in  der  sie  ganz 
menschlich  ist.  Wenn  Sie  spater  bei  Kant,  bei  Du  Bois-Reymond 


nachschauen,  da  wird  Ihnen  gesagt:  Der  Mensch  kann  nicht  die 
Grenzen  der  Erkenntnis  iiberschreiten,  es  beruhe  auf  einer  inneren 
Notwendigkeit.  -  Das  ist  bei  Pico  de  Mirandola  im  15Jahrhundert 
nicht  der  Fall,  sondern  der  sagt:  Ja,  dasjenige,  was  hier  auf  der  Erde 
ist,  ist  von  kosmischen  Ursachen  bewirkt,  aber  der  Mensch  soli  ver- 
zichten,  diese  kosmischen  Ursachen  zu  erkennen.  Der  Mensch  soil 
sich  auf  die  Erde  beschranken,  -  Und  so  tritt  uns  im  15.  Jahrhundert 
der  freiwillige  Verzicht  auf  die  hochste  Erkenntnis  bei  einer  so  cha- 
rakteristischen  Personlichkeit  wie  Pico  de  Mirandola  entgegen.  Das 
ist  eine  kulturhistorische  Geistestatsache  von  der  denkbar  weittra- 
gendsten  Bedeutung.  Dazumal  vollzog  es  sich  eben,  dafi  Menschen 
sich  gesagt  haben:  Wir  wollen  verzichten  auf  Erkenntnis.  -  Und  in 
der  Tat,  dasjenige,  was  sich  in  solch  einer  Personlichkeit,  wie  Pico  de 
Mirandola  ist,  autelich  abspielt,  das  hat  wieder  sein  Gegenbild 
im  Spirituellen. 

Wiederum  war  es  in  einer  jener  anspruchslosen  Versammlungs- 
wohnungen  der  Rosenkreuzer,  wo  bei  einer  Kultushandlung,  die 
eigens  zu  diesem  Zwecke  angestellt  worden  ist,  in  allerfeierlichster 
Form  im  15.  Jahrhunderte,  in  der  zweiten  Halfte  des  15.  Jahrhun- 
derts,  das  Opfer  dargebracht  worden  ist  der  Sternenerkenntnis.  Und 
man  mochte  sagen:  Dasjenige,  was  sich  bei  jener  einmal  vollzoge- 
nen,  in  besonderer  Feierlichkeit  vollzogenen  Kultushandlung  zu- 
getragen  hat,  das  ist  dieses.  Menschen  standen  vor  einer  Art  von 
Altar  und  sagten:  Wir  wollen  uns  jetzt  verantwortlich  fuhlen  nicht 
allein  fur  uns  oder  unsere  Gemeinschaft  oder  unser  Volk  oder  die 
Menschheit  der  Gegenwart,  wir  wollen  uns  verantwortlich  fuhlen  fur 
alle  Menschen,  die  jemals  auf  Erden  gelebt  haben.  Wir  wollen  uns 
als  Angehorige  der  ganzen  Menschheit  fuhlen.  Und  wir  fuhlen,  daft 
die  Menschheit  etwas  durchgemacht  hat,  was  ein  Verlassen  des 
Ranges  der  vierten  Hierarchie  ist,  ein  zu  tiefes  Hinuntersteigen  in 
die  Materie  -  so  wurde  der  Siindenfall  aufgefafk.  Deshalb,  damit  die 
Menschheit  wiederum  zurikkkommen  kann  zu  ihrem  Range  der 
vierten  Hierarchie  und  im  freien  Willen  dasjenige  finden  konne,  was 
friiher  Gotter  fur  sie  und  mit  ihr  versucht  haben,  sei  geopfert  die 
hohere  Erkenntnis  fur  eine  gewisse  Zeit.  -  Und  gewisse  Wesenheiten 


der  geistigen  Welt,  die  nicht  menschlicher  Art  sind,  nicht  in  mensch- 
licher  Inkarnation  zur  Erde  herabkommen,  haben  das  Opfer  ent- 
gegengenommen,  um  gewisse  Ziele  in  der  geistigen  Welt  zu  er- 
reichen,  von  denen  hier  zu  sprechen  zu  weit  fuhren  wiirde,  was  ein 
anderes  Mai  geschehen  soil.  Den  Menschen  aber  wurde  dafur  der 
Impuls  zur  Freiheit  aus  der  geistigen  Welt  moglich. 

Ich  fiihre  diese  Kultusszene  aus  dem  Grunde  an,  weil  ich  durch 
sie  Ihnen  sagen  mochte,  dafi  eigentlich  alles,  was  im  aufieren  phy- 
sisch-sinnlichen  Leben  geschieht,  geistige  Gegenbilder  hat,  die  wir 
nur  suchen  miissen  da,  wo  sie  sind.  Denn  zuweilen  bedeutet  irgend- 
eine  einzelne  Kultushandlung,  die  von,  ich  will  jetzt  in  diesem 
Zusammenhange  nicht  sagen  Wissenden,  sondern  die  von  solchen 
Personlichkeiten  vollzogen  wird,  die  mit  der  geistigen  Welt  im  Zu- 
sammenhang  stehen,  bisweilen  bedeutet  sie  etwas,  wovon  die  Im- 
pulse fur  eine  ganze  Kultur  oder  Zivilisationsstromung  ausstrahlen. 
Derjenige,  der  wissen  will  das  Grundkolorit  einer  Zeitepoche,  der 
mufi  den  entsprechenden  geistigen  Ausstrahlungspunkt  fur  die 
Krafte  suchen,  die  diese  Zeitperiode  durchstromten. 

Das  Folgende  dann,  was  an  Geistigem,  an  wirklich  Geistig-Spiri- 
tuellem  produziert  wurde,  war  ein  Nachklang  eines  solchen  Schaf- 
fens  aus  unbekannten  geistigen  Welten  heraus.  Und  man  hat  bis  ins 
19.  Jahrhundert  herein  neben  dem,  was  sich  an  auflerem  Materia- 
lismus  entwickelte,  immer  einzelne  Geister  kennenlernen  konnen, 
die  unter  der  Nachwirkung  jenes  Verzichtes  auf  die  hohere  Erkennt- 
nis  gelebt  haben. 

Einen  Menschentypus,  der  vom  15.  Jahrhundert  durch  das  16., 
17.,  18.  lebte,  den  mochte  ich  Ihnen  wenigstens  mit  ein  paar 
Strichen  charakterisieren.  Einen  Menschentypus,  den  man  irgend- 
wo  auf  dem  Dorfe  draufien  fand  als  Sammler  von  Krautern  fiir 
Apotheken,  als  irgendwie  anders  in  einem  anspruchslosen  Berufe 
drinnen.  Irgend  solch  eine  Personlichkeit  miissen  wir  uns  vorstellen. 
Man  trifft  sie,  wenn  man  selber  Interesse  hat  an  besonderen  Gestal- 
tungen  des  Menschenwesens  in  dieser  oder  jener  Individuality,  man 
trifft  sie,  diese  Personlichkeit.  Zunachst  ist  sie  aufierordentlich  zu- 
geknopft,  redet  wenig  oder  lenkt  die  Aufmerksamkeit  von  dem, 


was  man  in  ihr  suchen  mochte,  dadurch  ab,  dafi  sie  unbedeutende, 
absichtlich  ganz  triviale  Redensarten  fiihrt,  durch  die  sie  den  Glau- 
ben  erwecken  will,  es  sei  nicht  der  Miihe  wert,  sich  mit  ihr  zu  unter- 
halten.  Wenn  man  aber  versteht,  nicht  immer  auf  den  Inhalt  der 
Worte  zu  sehen,  die  ein  Mensch  sagt,  sondern  auf  den  Klang  seiner 
Worte,  auf  die  Art  und  Weise,  wie  sie  von  ihm  kommen,  dann  horte 
man  einem  solchen  Menschen  dennoch  weiter  zu.  Und  wenn  er 
dann  aus  irgendeinem  karmischen  Zusammenhang  heraus  den  Ein- 
druck  bekam,  er  solle  reden,  dann  fing  er  an,  vorsichtig  zu  sprechen, 
und  man  entdeckte,  dafi  man  eine  Art  von  Weisen  in  ihm  hatte. 
Aber  dasjenige,  was  er  sagte,  war  nun  nicht  Sternenweisheit.  Das, 
was  er  sagte,  war  auch  nicht  irdische  Weisheit.  Es  war  uberhaupt 
nicht  viel  von  dem  in  ihm  enthalten,  was  man  jetzt  Geisteswissen- 
schaft  nennt,  aber  es  waren  warme  Herzensworte,  Moralanweisun- 
gen  weittragender  Art,  die  aber  unsentimental  vorgebracht  wurden, 
sprichwortliche  Redensarten. 

Man  konnte  horen  so  etwas  wie:  Gehen  wir  zu  jenem  Baume. 
Meine  Seele  kann  in  die  Nadeln  hineinkriechen,  in  die  Tannen- 
zapfen  hineinkriechen,  denn  meine  Seele  ist  uberall.  Wenn  sie  in 
die  Tannenzapfen  und  in  die  Nadeln  hineinkriecht,  dann  schaut  sie 
durch  die  Tannenzapfen  und  Nadeln  hinaus  in  die  Weltentiefen 
und  Weltenfernen,  und  dann  wird  man  eins  mit  der  ganzen  Welt. 
Und  das  ist  wahre  Frommigkeit,  wenn  man  so  eins  wird  mit  der 
ganzen  Welt.  Wo  ist  Gott?  In  jedem  Tannenzapfen  ist  Gott.  Und 
wer  nicht  Gott  in  jedem  Tannenzapfen  anerkennt,  wer  Gott  irgend- 
wo  anders  sucht  als  in  jedem  Tannenzapfen,  der  erkennt  den  wirk- 
lichen  Gott  nicht.  -  Ich  will  nur  charakterisieren,  wie  etwa  solche 
Menschen  sprachen,  die  man  auf  diese  Weise  fand,  wie  ich  es  ge- 
schildert  habe.  So  sprachen  solche  Menschen.  Sie  sagten  etwa  auch: 
Ja,  und  dann,  wenn  man  in  die  Tannenzapfen  und  in  die  Nadeln  hin- 
einkriecht, dann  findet  man,  wie  der  Gott  sich  freut  iiber  die  Men- 
schen in  der  Welt.  Wenn  man  aber  in  das  eigene  Herz  ganz  tief  hin- 
untersteigt,  in  die  Abgriinde  der  Innerlichkeit  der  Menschennatur  tief 
hinuntersteigt,  dann  findet  man  auch  den  Gott,  aber  dann  lernt  man 
ihn  erkennen,  wie  er  traurig  wird  uber  die  Sunden  der  Menschen. 


In  solcher  Art  sprachen  diese  anspruchslosen  Weisen.  Eine  grofie 
Zahl  dieser  anspruchslosen  Weisen  hatte  gewisse  -  ich  mochte  in  der 
heutigen  Sprache  sagen  -  Ausgaben  der  alten  Rosenkreuzerfiguren. 
Sie  zeigten  sie  ebensolchen  Menschen,  die  ihnen  so  entgegentraten, 
dafi  sie  sich  aussprachen.  Aber  gerade,  wenn  iiber  diese  Figuren,  die 
in  anspruchslosen,  recht  schlechten  Drucken  unter  diesen  Leuten 
lebten,  gesprochen  wurde,  da  entwickelten  sich  die  Gesprache  auf 
eine  merkwiirdige  Art.  Manche  Menschen  waren  dann,  trotzdem  sie 
Interesse  fafiten  an  dem  anspruchslosen  Weisen,  von  einer  gewissen 
Neugierde  befallen,  was  diese  merkwiirdigen  Rosenkreuzerbilder 
eigentlich  bedeuteten,  fragten,  und  man  bekam  dann  von  diesen  als 
Sonderlinge  angesehenen  einzelnen  Weisen  keine  rechte,  genaue 
Antwort,  sondern  nur  den  Hinweis:  Wenn  man  sich  so  recht  ver- 
tieft,  dann  kann  man  wie  durch  ein  Fenster  durch  diese  Figuren 
in  die  geistige  Welt  hineinschauen.  -  Sie  beschrieben  mehr,  was 
sie  an  ihnen  gefuhlsmarlig  erleben  konnten,  als  dafi  sie  irgend- 
welche  Deutungen  oder  Interpretationen  der  Figuren  gaben.  Und 
manchmal  konnte  man,  wenn  man  solche  Aussprikhe  des  Fuhlens 
der  Personen  bei  diesen  Figuren  schildern  gehort  hatte,  nicht  recht 
zurechtkommen  mit  Gedanken,  denn  es  waren  keine  Gedanken, 
die  sie  gaben.  Aber  es  hatte  eine  ungeheuer  bedeutende  Nachwir- 
kung.  Man  ging  nicht  nur  mit  einer  warmen  Seele  davon,  sondern 
man  ging  davon  mit  der  Empfindung:  Du  hast  eine  Erkenntnis 
bekommen,  die  in  dir  lebt,  die  du  gar  nicht  in  Begriffe  bringen 
kannst. 

Und  das  war  einer  der  Wege  neben  den  andern,  die  ich  Ihnen 
geschildert  habe,  wie  auf  gefuhlsmafiige  Weise  in  diesem  Zeitalter 
vom  14.,  15.  Jahrhundert  bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhunderts 
Menschlichkeit,  Gottlichkeit  in  weiten  Kreisen  verkiindet  und  ver- 
breitet  worden  ist.  Man  kann  nicht  ganz  sagen,  wortlos,  man  kann 
aber  sagen,  ideenlos,  jedoch  deshalb  nicht  inhaltlos.  Es  ist  in  diesem 
Zeitalter  viel  durch  Gedankenstummheit  zwischen  den  Menschen 
verhandelt  worden.  Und  niemand  bekommt  eigentlich  einen 
rechten  Begriff  von  dem  Charakter  dieses  Zeitalters,  der  nicht  weifi, 
wieviel  in  diesem  Zeitalter  durch  Gedankenstummheit,  indem  die 


Menschen  ihre  Seelen  gewechselt  haben,  nicht  blofi  ihre  Worte, 
bewirkt  worden  ist. 

Damit  wollte  ich  Ihnen  noch  einen  der  Ziige  jenes  Ubergangs- 
zeitalters,  in  dem  die  Freiheit  unter  den  Menschen  gediehen  ist, 
schildern.  Ich  werde  ja  in  der  nachsten  Zeit  auf  die  verschiedenste 
Art  mehreres  aus  diesem  Gebiete  heraus  zu  schildern  haben.  Hier 
wollte  ich  nur  eben  ankniipfen  noch,  erganzend  einiges  auch,  an- 
kniipfen  an  dasjenige,  was  wahrend  der  Tagung  geschehen  ist,  und 
erganzend  einiges  Weitere  sagen. 


VIERTER  VORTRAG 
Dornach,  11.  Januar  1924 


Es  obliegt  mir,  noch  einiges  Erganzendes  hinzuzufugen  zu  den  Aus- 
einandersetzungen,  die  ich  in  den  letzten  Zeiten  hier  gemacht  habe. 
Ich  habe  versucht  darzustellen,  wie  der  Gang  der  geistigen  Erkennt- 
nis  durch  die  Jahrhunderte  war  und  welche  Gestalt  er  dann  gerade  in 
den  neuesten  Zeiten  angenommen  hat,  und  ich  konnte  darstellen, 
wie  etwa  vom  15.  Jahrhundert  ab  bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhun- 
derts,  ja  bis  zum  Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  der  Verlauf  der  war, 
daft  dasjenige,  was  fruher  in  einer  konkreten,  wenn  auch  instink- 
tiven  Erkenntnis  da  war,  sich  eigentlich  in  dieser  Zeit  mehr  ausgelebt 
hat  in  einem  gefuhlsmafiigen  Hingegebensein  an  das  Geistige  der 
Welt  iiberhaupt. 

Wir  sehen  ja,  wie  die  realen  Erkenntnisse  der  Menschen  in  bezug 
auf  die  Natur,  in  bezug  auf  das  Wirken  der  geistigen  Welt  in  der 
Natur  im  11.,  12.,  13.  Jahrhundert  durchaus  noch  da  sind.  Wir 
konnen  es  selbst  bei  einer  solchen  Personlichkeit  wie  Agrippa  von 
Nettesheim,  den  ich  ja  dargestellt  habe  in  meinem  Buche  iiber  die 
Mystik,  sehen,  wie  er  durchaus  noch  eine  Erkenntnis  davon  hat,  daft 
zum  Beispiel  in  den  Planeten  unseres  Planetensystems  in  ganz  be- 
stimmter  Weise  geartete  geistige  Wesenheiten  vorhanden  sind. 
Agrippa  von  Nettesheim  fuhrt  in  seinen  Schriften  fur  jeden  ein- 
zelnen  Planeten  dasjenige  an,  was  er  die  Intelligenz  des  Planeten 
nennt,  und  dann  dasjenige,  was  er  den  Damon  des  Planeten  nennt. 
Das  weist  hin  auf  Traditionen,  die  aus  alten  Zeiten  damals  noch 
durchaus  vorhanden  waren,  die  aber  eben  auch  in  dieser  Zeit  nicht 
blofie  Traditionen  waren.  Das  Hinaufschauen  zu  einem  Planeten  in 
dem  Sinne,  wie  es  die  spatere  Astronomie  getan  hat  und  noch  heute 
tut,  das  ware  einem  solchen  Geiste  wie  Agrippa  von  Nettesheim 
noch  ganz  und  gar  unmoglich  gewesen.  Der  auftere  Planet,  uber- 
haupt der  auflere  Stern  war  nur  etwas  wie  eine  Ankiindigung  fur 
geistige  Wesenheiten,  auf  die  der  Seelenblick  fiel,  wenn  man  in  der 
Richtung  des  Sternes  sah.  Und  er  wufite,  dafi  die  Wesenheiten,  die 


mit  den  einzelnen  Gestirnen  verbunden  sind,  solche  sind,  welche 
das  innere  Dasein  des  Planeten  regeln,  aber  audi  die  Bewegungen 
des  Planeten  im  Weltenall  regeln,  welche  die  ganze  Tatigkeit  eines 
Gestirnes  regeln  und  so  weiter.  Und  solche  Wesenheiten  fafite  er 
zusammen  unter  dem  Namen  Intelligenz  des  Gestirnes. 

Aber  er  wufite  auch,  wie  aus  dem  Gestirn  heraus  und  in  dasselbe 
hineinwirken  hemmende,  man  mochte  sagen,  die  guten  Taten  des 
Gestirnes  untergrabende  Wesenheiten.  Die  fafite  er  zusammen 
unter  dem  Namen  des  Damons  des  Gestirnes.  Solch  eine  Erkenntnis 
war  aber  durchaus  in  der  damaligen  Zek  damk  verbunden,  da£  auch 
die  Erde  als  ein  solcher  Weltenkorper  aufgefafk  worden  ist,  der  seine 
Intelligenz  und  der  seinen  Damon  hat.  Aber  gerade  das  Wesent- 
liche,  das  mit  dieser  Auffassung  von  der  Gestirn-Intelligenz  und  von 
der  Gestirn-Damonologie  verbunden  war,  ging  ja  ganz  und  gar  ver- 
loren,  denn  es  driickte  sich  dieses  Wesentliche  gerade  in  dem  Fol- 
genden  aus. 

Die  Erde  betrachtete  man  naturlich  auch  als  in  ihrer  inneren 
Tatigkeit,  in  ihrer  Bewegung  im  Kosmos  geregelt  durch  eine  Summe 
von  Intelligenzen,  die  man  zusammenfassen  konnte  unter  der  Intel- 
ligenz des  Erdengestirns.  Aber  was  war  fur  diese  Personlichkeiten 
noch  die  Intelligenz  des  Erdengestirns?  Es  ist  heute  ja  aufierordent- 
lich  schwer,  iiberhaupt  von  diesen  Dingen  noch  zu  reden,  weil  die 
Vorstellungen  der  Menschen  so  weit  weggegangen  sind  von  dem, 
was  in  der  damaligen  Zeit  wie  etwas  Selbstverstandliches  gait  fur  die 
einsichtigen  Menschen.  Die  Intelligenz  des  Erdengestirns  war  der 
Mensch  als  solcher.  Man  sah  den  Menschen  an  als  dasjenige  Wesen, 
welches  von  der  Weltengeistigkeit  die  Aufgabe  erhalten  hat,  nicht 
etwa  blofi,  wie  der  heutige  Mensch  meint,  auf  der  Erde  herumzu- 
gehen  oder  mit  der  Eisenbahn  herumzufahren,  Waren  einzukaufen 
und  zu  verkaufen,  Bucher  zu  schreiben  und  dergleichen,  sondern 
man  falke  den  Menschen  so  auf,  dafi  er  von  der  Weltengeistigkeit 
die  Aufgabe  erhalten  hat,  in  alles  das,  was  sich  bezieht  auf  die  Stel- 
lung  der  Erde  im  Kosmos,  regelnd,  ordnend,  gesetzma&ig  einzu- 
greifen.  Den  Menschen  fafite  man  so  auf,  dafi  man  sagte:  Er  gibt  der 
Erde  durch  dasjenige,  was  er  ist,  durch  die  Krafte,  die  er  innerhalb 


seines  Wesens  birgt,  den  Impuls  zu  ihrer  Bewegung  um  die  Sonne, 
zu  ihrer  Bewegung  weiter  im  Weltenraume. 

Man  hatte  damals  noch  ein  Gefuhl  dafiir,  dafl  das  dem  Menschen 
einstmals  zugeteilt  war,  dafl  der  Mensch  wirklich  zu  dem  Herrn  der 
Erde  von  der  Weltengeistigkeit  gemacht  war,  dafi  er  aber  dieser  Auf- 
gabe  sich  nicht  gewachsen  gezeigt  hat  im  Verlaufe  seiner  Entwicke- 
lung,  daft  er  von  seiner  Hohe  heruntergestiirzt  sei.  Man  trifft  heute 
nur  noch  sehr  selten  die  Nachklange  dieser  Ansicht  da,  wo  von  Er- 
kenntnis  die  Rede  ist.  Alles,  was  in  religioser  Auffassung  von  dem 
Sundenfall  gedacht  wird,  geht  ja  schliefilich  auch  auf  diese  Vorstel- 
lung  zuriick.  Das  handelt  ja  davon,  daft  der  Mensch  ursprunglich 
eine  ganz  andere  Stellung  auf  der  Erde  und  im  Weltenall  hatte,  als 
er  sie  heute  einnimmt,  daft  er  von  seiner  Hohe  herabgestiirzt  sei. 
Aber  auiter  dieser  religiosen  Auffassung,  da,  wo  man  glaubt,  Er- 
kenntnisse,  die  methodisch  erworben  werden,  zu  haben,  da  gibt  es 
heute  eigentlich  nur  noch  Nachklange  an  jene  alte,  aus  instinktivem 
Hellsehen  hervorgegangene  Erkenntnis  von  der  einstigen  Aufgabe 
des  Menschen  und  von  seinem  Herunterstiirzen  in  seine  heutige 
Eingeschlossenheit  in  so  enge  Grenzen. 

Es  kommt  zum  Beispiel  heute  noch  vor,  dafi  man  diese  oder  jene 
Personlichkeit  einmal  zum  Sprechen  bekommt,  sagen  wir  -  ich 
erzahle  Tatsachen  -,  man  kommt  in  ein  Gesprach  mit  dieser  oder 
jener  Personlichkeit,  die  tiefer  nachgedacht,  nachgesonnen  hat, 
auch  sich  tiefere  Erkenntnisse  erworben  hat  iiber  das  oder  jenes  auf 
geistigem  Felde;  man  kommt  ins  Gesprach,  ob  denn  der  Mensch 
heute,  so  wie  er  auf  der  Erde  steht,  eigentlich  ein  in  sich  geschlos- 
senes,  sein  Wesen  in  sich  tragendes  Geschopf  sei.  Und  da  sagen 
einem  dann  solche  Personlichkeiten:  Das  kann  er  nicht  sein.  Der 
Mensch  musse  eigentlich  -  sonst  konne  er  nicht  das  Streben  in  sich 
haben,  das  er  nun  einmal  hat,  sonst  konne  er  in  seinen  hochsten 
Exemplaren  nicht  den  grolkn  Idealismus  entfalten,  den  er  oftmals 
entfaltet-,  der  Mensch  musse  eigentlich  seiner  Natur  nach  ein  umfas- 
sendes  Wesen  sein,  das  aber  irgendwie  eine  kosmische  Siinde  auf  sich 
geladen  hat,  durch  die  er  beschrankt  worden  ist  in  das  heutige  irdische 
Dasein  herein,  so  dafi  er  heute  eigentlich  wie  in  einem  Kafig  sitzt. 


Gewifi,  diese  Anschauung  trifft  man  noch  da  oder  dort  als  Nach- 
ziigler  jener  alten  Anschauung.  Aber  im  ganzen  und  grofien,  wo  ist 
es  denn,  daft  sich  diejenigen,  die  sich  heute  fur  Wissenschafter  hal- 
ten,  iiberhaupt  im  Ernste  mit  diesen  umfassenden  Fragen  beschaf- 
tigen,  die  aber  doch  schliefilich  das  einzige  sind,  was  den  Menschen 
wirklich  zu  einem  menschenwurdigen  Dasein  bringen  kann? 

Und  so  war  es  schon  so,  dafi  der  Mensch  einst  als  der  Trager  der 
Intelligenz  der  Erde  angesehen  wurde.  Aber  auch  der  Erde  schrieb 
eine  solche  Personlichkeit  wie  Agrippa  von  Nettesheim  einen  Da- 
mon zu.  Nun,  dieser  Damon  des  Irdischen,  er  ist  eigentlich,  wenn 
wir  in  das  12.,  13.  Jahrhundert  noch  zuruckgehen,  ein  Wesen,  das 
so,  wie  es  geworden  ist,  auf  der  Erde  hat  nur  werden  konnen,  weil 
es  eben  in  den  Menschen  die  Werkzeuge  gefunden  hat  zu  seinem 
Wirken. 

Wenn  man  dies  verstehen  will,  mull  man  sich  eigentlich  mit  der 
Art  und  Weise  bekanntmachen,  wie  in  jener  Zeit  uber  das  Verhalt- 
nis  der  Erde  zur  Sonne  beziehungsweise  des  irdischen  Menschen  zur 
Sonne  gedacht  wurde.  Und  wenn  ich  Ihnen  die  Anschauung  liber 
dieses  Verhaltnis  charakterisieren  soli,  so  mull  ich  im  Grunde  wie- 
derum  in  Imaginationen  reden,  denn  diese  Dinge  lassen  sich  nicht 
in  abstrakte  Begriffe  bannen.  Das  eigentlicheZeitalter  der  abstrakten 
Begriffe  hat  ja  erst  spater  begonnen,  und  die  abstrakten  Begriffe 
sind  weit  davon  entfernt,  die  Wirklichkeit  zu  umspannen,  und  so 
mufi  schon  in  Imaginationen  dargestellt  werden. 

Die  Sonne,  sie  ist  eigentlich  -  nachdem  sie  sich  in  der  Art,  wie  ich 
das  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  dargestellt  habe,  von  der  Erde 
getrennt  hat  oder  die  Erde  von  sich  abgetrennt  hat  -,  sie  ist  eigent- 
lich doch,  da  der  Mensch  seit  dem  Saturndasein  mit  dem  gesamten 
Planetensystem  einschlieftlich  der  Sonne  verbunden  war,  die  Ur- 
sprungsstatte  des  Menschen.  Der  Mensch  hat  nicht  seine  Heimat  auf 
der  Erde,  sondern  der  Mensch  hat  einen  vorubergehenden  Auf- 
enthalt  auf  der  Erde.  Er  ist  in  Wirklichkeit  nach  jener  alten  Anschau- 
ung ein  Sonnenwesen.  Er  ist  in  seinem  ganzen  Sein  mit  der  Sonne 
verbunden.  Da  er  dieses  ist,  sollte  er  eigentlich  als  Sonnenwesen 
anders  auf  der  Erde  dastehen,  als  wie  er  ist.  Er  sollte  so  auf  der  Erde 


dastehen,  daft  die  Erde  ihrem  Drange  geniigen  konnte,  aus  dem 
mineralischen  und  dem  pflanzlichen  Reiche  heraus  den  Samen  des 
Menschen  in  atherischer  Form  hervorzubringen,  und  der  Sonnen- 
strahl  sollte  dann  diesen  von  der  Erde  hervorgebrachten  Samen  be- 
fruchten.  Und  daraus  sollte  die  atherische  Menschengestalt  erschei- 
nen,  die  erst  durch  dasjenige,  was  sie  als  eigenes,  von  sich  selbst  aus 
begriindetes  Verhaltnis  zu  den  physischen  Erdenstoffen  macht,  die 
physische  Erdenstofflichkeit  annehmen  sollte.  Also  es  war  etwa  von 
den  Zeitgenossen  des  Agrippa  von  Nettesheim  -  Agrippa  hatte 
leider  schon  etwas  von  Triibung  in  seiner  Erkenntnis  -,  aber  von 
seinen  besseren  Zeitgenossen  war  eigentlich  gedacht  worden,  daft 
der  Mensch  nicht  so,  wie  es  nun  einmal  ist  auf  der  Erde,  irdisch  ge- 
boren  werden  sollte,  sondern  daft  der  Mensch  in  seinem  atherischen 
Leibe  durch  das  Zusammenwirken  von  Sonne  und  Erde  zustande 
kommen  sollte  und  sich  seine  irdische  Gestalt,  wandelnd  als  athe- 
rische Wesenheit  auf  der  Erde,  erst  geben  sollte.  Gewissermaften  in 
pflanzlicher  Reinheit  sollten  erwachsen  auf  der  Erde  die  Menschen- 
samen,  atherisch  da  und  dort  auftretend  als  dunkel  funkelnde 
Erdenfruchte,  dann  uberglanzt  werden  von  dem  Lkhte  der  Sonne  in 
bestimmter  Jahreszeit,  und  durch  jenes  Uberglanzen  atherisch  Ge- 
stalt annehmend  in  menschlicher  Art.  Denn  nicht  aus  dem  Leibe  der 
Mutter,  sondern  aus  der  Erde  und  dem,  was  auf  ihr  ist,  sollte  der 
Mensch  selber  heranziehen  dasjenige,  was  er  an  physischer  Substanz 
aus  dem  Erdenbereiche  sich  einverleiben  sollte.  So  dachte  man,  ware 
es  eigentlich  im  Sinne  der  Weltengeistigkeit  gewesen,  daft  der 
Mensch  die  Erde  betritt. 

Und  dasjenige,  was  spater  gekommen  ist,  ist  dadurchgekommen, 
daft  der  Mensch  einen  zu  tiefen  Drang,  eine  zu  intensive  Begierde  in 
sich  hat  erwachen  lassen  zu  dem  Irdisch-Stofflichen.  Dadurch  ist  er 
verlustig  geworden  seines  Zusammenhanges  mit  Sonne  und  Kos- 
mos,  und  er  konnte  auf  der  Erde  nur  in  Form  der  Vererbungsstro- 
mung  sein  Dasein  finden.  Dadurch  aber  hat  gewissermaften  der 
Damon  der  Erde  seine  Arbeit  begonnen,  denn  mit  Menschen,  die 
sonnengeboren  waren,  hatte  sich  der  Damon  des  Irdischen  nicht 
beschaftigen  konnen.  Dann  aber,  wenn  der  Mensch  also  die  Erde 


betreten  hatte,  dann  ware  er  wirklich  die  vierte  Hierarchic  Da 
wlirde  stets,  wenn  uber  den  Menschen  geredet  wiirde,  so  geredet 
werden  miissen,  dafi  man  sagte:  Erste  Hierarchie  -  Seraphim,  Che- 
rubim, Throne;  dann  zweite  Hierarchie  -  Exusiai,  Dynamis,  Kyrio- 
tetes;  dritte  Hierarchie  -  Angeloi,  Archangeloi,  Archai;  vierte  Hier- 
archie -  der  Mensch,  in  drei  Abstufungen  des  Menschlichen,  aber 
eben  eine  vierte  Hierarchie.  Dadurch  aber,  dafi  der  Mensch  nach 
dem  Physischen  hin  seinen  starken  Drang  geltend  gemacht  hat, 
dadurch  wurde  er  nicht  das  Wesen  auf  der  untersten  Sprosse  der 
Hierarchien,  sondern  das  Wesen  an  der  Spitze,  auf  der  hochsten 
Sprosse  der  irdischen  Naturreiche:  Mineralreich,  Pflanzenreich,  Tier- 
reich,  Menschenreich.  So  hat  man  die  Stellung  des  Menschen  damals 
angesehen. 

Dadurch  aber,  dafi  der  Mensch  seine  Aufgabe  auf  der  Erde  nicht 
gefunden  hat,  dadurch  hat  die  Erde  auch  nicht  ihre  wurdige  Stel- 
lung im  Kosmos.  Denn  es  ist  ja  eigentlich  dadurch,  dafi  der  Mensch 
gef alien  ist,  der  eigentliche  Regent  der  Erde  nicht  da.  Was  ist  nun 
gekommen?  Der  eigentliche  Regent  der  Erde  fehlt,  und  notwendig 
wurde,  dafi  die  Erde  in  ihrer  Stellung  im  Kosmos  nicht  von  sich  aus 
regiert  wurde,  sondern  regiert  wurde  von  der  Sonne  aus,  so  dafi  der 
Sonne  die  Aufgaben  zugefallen  sind,  die  eigentlich  auf  Erden  ver- 
richtet  werden  sollen.  Also  es  sah  der  mittelalterliche  Mensch  zur 
Sonne  hinauf  und  sagte:  In  der  Sonne  sind  gewisse  Intelligenzen.  Sie 
bestimmen  die  Bewegung  der  Erde  im  Kosmos,  sie  regeln,  was  auf 
der  Erde  selber  geschieht.  Der  Mensch  sollte  es  tun.  Die 
Sonnenkrafte  sollten  auf  der  Erde  durch  den  Menschen  fur  das  Da- 
sein  der  Erde  wirken.  -  Dadurch  entstand  jene  bedeutsame  Vorstel- 
lung  des  mittelalterlichen  Menschen,  die  eingeschlossen  ist  in  die 
Worte:  Die  Sonne,  der  unrechtmafiige  Furst  dieser  Welt. 

Und  jetzt  bedenken  Sie,  meine  lieben  Freunde,  wie  unendlich  ver- 
tieft  fur  diesen  mittelalterlichen  Menschen  gerade  durch  solche  Vor- 
stellungen  der  Christus-Impuls  wurde.  Der  Christus  wurde  zu  dem 
Geiste,  der  auf  der  Sonne  seine  weitere  Aufgabe  nicht  finden  wollte, 
der  nicht  bleiben  wollte  unter  denjenigen,  die  von  aufien  her  un- 
rechtmafiig  die  Erde  dirigieren.  Er  wollte  seinen  Weg  von  der  Sonne 


zur  Erde  finden,  einziehen  in  Menschengeschick  und  Erdengeschick, 
wandeln  durch  die  Erdenereignisse  und  durch  die  Erdenentwicke- 
lung  in  Menschengeschick  und  Erdengeschick.  Damit  war  fur  den 
mittelalterlichen  Menschen  der  Christus  die  einzige  Wesenheit,  die 
im  Kosmos  die  Aufgabe  des  Menschen  auf  Erden  gerettet  hat.  Und 
nun  haben  Sie  den  Zusammenhang.  Denn  nun  konnen  Sie  wissen, 
warum  in  der  Rosenkreuzerzeit  dem  Schiiler  immer  wieder 
eingescharft  wurde:  O  Mensch,  du  bist  ja  nicht  das,  was  du  bist.  Der 
Christus  mufite  kommen,  um  dir  deine  Aufgabe  abzunehmen,  um 
fur  dich  deine  Aufgabe  zu  verrichten. 

Im  Goetheschen  «Faust»  ist  so  manches  auf  eine  Art,  die  Goethe 
selber  nicht  verstanden  hat,  herubergekommen  aus  tief  mittelalter- 
lichen Vorstellungen.  Erinnern  Sie  sich  an  Fausts  Beschworung  des 
Erdgeistes.  Hat  man  diese  mittelalterlichen  Vorstellungen  in  sich, 
dann  empfindet  man  recht  tief,  wie  dieser  Erdgeist,  den  Faust  be- 
schwort,  davon  redet,  dafi  er  im  Tatensturm  auf  und  ab  walk,  Ge- 
burt  und  Grab,  ein  ewiges  Weben,  ein  gluhend  Leben,  dafi  er 
schafft  am  sausenden  Webstuhl  der  Zeit  und  wirkt  der  Gottheit 
lebendiges  Kleid.  Denn  wen  beschwort  Faust  eigentlich?  Goethe  hat 
es  ganz  sicher,  als  er  den  «Faust»  schrieb,  nicht  in  voller  Tiefe  ge- 
wufit.  Aber  gehen  wir  vom  Goetheschen  Faust  zum  mittelalterlichen 
Faust  zunkk,  belauschen  wir  diesen  mittelalterlichen  Faust,  in  dem 
rosenkreuzerische  Weisheit  lebte,  dann  lehrt  uns  dieses  Lauschen, 
wie  dieser  mittelalterliche  Faust  auch  eine  Beschworung  vollfiihren 
wollte.  Aber  wen  wollte  er  im  Erdgeist  beschworen?  Er  sprach  gar 
nicht  vom  Erdgeist,  er  sprach  vom  Menschen.  Das  war  der  Drang  des 
mittelalterlichen  Menschen,  Mensch  zu  sein,  denn  er  empfand  es 
tief,  dafi  er  als  Erdenmensch  eben  nicht  Mensch  ist.  Wie  kann  man 
die  Menschheit  wieder  erringen?  Die  Art  und  Weise,  wie  Faust  hin- 
weggestofien  wird  von  dem  Erdgeist,  das  ist  die  Nachbildung,  wie 
der  Mensch  in  seiner  irdischen  Gestalt  von  seiner  eigenen  Wesenheit 
zuriickgestofien  wird.  Und  deshalb,  weil  das  so  aufgefafit  wurde, 
tragen  manche  im  Mittelalter  vorkommende  -  ja,  wie  soil  man  es 
nennen  -  Bekehrungsgeschichten  zum  Christentum  einen  aufier- 
ordentlich  tiefen  Charakter,  den  Charakter,  dafi  gewisse  Menschen 


nach  der  verlorenen  Menschlichkeit  strebten,  aber  verzweifeln 
mufiten,  mit  Recht  verzweifeln  mufiten,  innerhalb  des  irdisch-phy- 
sischen  Lebens  diese  echte  Menschlichkeit  in  sich  erleben  zu  konnen, 
und  dann  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  einsahen:  Also  mufi 
menschliches  Streben  zum  Menschtum  aufgegeben  werden,  und  der 
irdische  Mensch  mufi  es  dem  Christus  iiberlassen,  die  Aufgabe  der 
Erde  zu  vollziehen. 

In  der  Zeit,  in  der  also  noch,  ich  mochte  sagen,  in  einer  uber- 
personlich-personlichen  Art  vom  Menschen  sowohl  das  Verhaltnis  zur 
Menschheit  selber  wie  das  Verhaltnis  zum  Christus  aufgefafit  wurde, 
in  dieser  Zeit  war  Geist-Erkenntnis,  Geistesschau  eben  noch  real.  Da 
war  sie  noch  Erlebnisinhalt.  Das  horte  mit  dem  1 5 .  Jahrhundert  fast 
ganz  auf .  Und  da  vollzog  sich  denn  jener  Umschwung,  iiber  den  sich 
eigentlich  niemand  mehr  aufklarte. 

Aber  fur  den,  der  solche  Dinge  weifi,  gibt  es  im  15.,  im  16.  Jahr- 
hundert, ja  auch  noch  spater,  eine  einsame,  der  Welt  kaum  bekannt 
gewordene  Rosenkreuzerschule,  wo  immer  wieder  und  wiederum 
wenige  Zoglinge  erzogen  wurden  und  wo  vor  alien  Dingen  darauf 
gesehen  wurde,  dafi  eines  als  eine  heilige  Tradition  bewahrt  worden 
ist.  Diese  heilige  Tradition  war  die  folgende.  Ich  will  Ihnen  das 
Ganze  in  Form  einer  Erzahlung  geben. 

Sagen  wir,  wiederum  kam  ein  neuer  Zogling  zur  Vorbereitung  in 
diese  einsame  Statte.  Da  wurde  ihm  zunachst  in  der  wirklichen  Ge- 
stalt,  wie  das  von  alten  Zeiten  iiberliefert  war,  das  sogenannte  Ptole- 
maische  Weltensystem  beigebracht,  nicht  so  trivial,  wie  es  heute  als 
etwas  Uberwundenes  vor  die  Leute  hingestellt  wird,  sondern  anders. 
Es  wurde  ihm  gezeigt,  wie  die  Erde  die  Krafte  tatsachlich  in  sich 
tragt,  ihren  Gang  durch  die  Welt  von  sich  aus  zu  bestimmen.  So 
dafi  in  der  richtigen  Weise  das  Weltensystem  vorgestellt,  es  eben  im 
alten  Ptolemaischen  Sinne  gezeichnet  werden  mufi:  die  Erde  fur  den 
Menschen  im  Mittelpunkt  des  Weltenalls,  die  anderen  Gestirne  in 
einer  entsprechenden  Umkreisung  durch  die  Erde  dirigiert.  Dann 
wurde  dem  Schuler  gesagt:  Wenn  man  dasjenige,  was  der  Erde  beste 
Krafte  sind,  wirklich  studiert,  so  kommt  man  zu  keinem  anderen 
Weltensystem  als  diesem.  Aber  so  ist  es  eben  nicht.  Es  ist  nicht  so 


durch  die  Schuld  des  Menschen.  Durch  die  Schuld  des  Menschen  ist 
die  Erde  unberechtigterweise  in  den  Sonnenbereich  iibergegangen, 
und  die  Sonne  ist  der  Regent  der  irdischen  Betatigungen  geworden. 
Und  so  kann  man  einem  Weltensystem,  das  von  den  Gottern  den 
Menschen  gegeben  werden  sollte  im  Sinne  des  alten  Ptolemaischen 
Weltensystems  mit  der  Erde  im  Mittelpunkte,  ein  solches  entgegen- 
stellen,  das  die  Sonne  im  Mittelpunkte  hat,  die  Erde  sich  drehend 
um  die  Sonne,  das  Kopernikanische  Weltensystem. 

Und  es  wurde  dem  Schuler  anvertraut,  dafi  hier  ein  Weltenirrtum 
vorliegt,  ein  durch  menschliche  Schuld  bewirkter  Weltenirrtum. 
Und  dann  wurde  zusammengefafit  fur  diesen  Schuler  dasjenige,  was 
er  sich  tief  in  die  Seele  und  tief  ins  Herz  schreiben  sollte:  Da  haben 
nun  die  Menschen  das  alte  Weltensystem  uberwunden  und  ein  anderes 
an  die  Stelle  gesetzt  und  wissen  nicht  einmal,  dafi  dieses  andere,  das 
sie  fur  richtig  ansehen,  das  Ergebnis  der  eigenen  Menschenschuld  ist. 
Was  nur  der  Ausdruck,  was  nur  die  Offenbarung  der  Menschen- 
schuld ist,  sieht  man  einfach  als  das  Richtige  gegeniiber  dem  Fal- 
schen  an.  -  Was  ist  geschehen  in  der  neueren  Zeit?,  so  sagten 
dann  die  Lehrer  diesem  Schuler.  Die  Wissenschaft  ist  gestiirzt 
worden  durch  die  Schuld  des  Menschen.  Die  Wissenschaft  ist  eine 
Wissenschaft  des  Damonischen  geworden.  -  Bis  dann  am  Ende  des 
18.  Jahrhunderts  auch  solche  Dinge  unmoglich  geworden  sind,  hat 
es  immer  wenigstens  einzelne  Schuler  gegeben,  welche  mit  dieser 
Gemutserkenntnis,  mit  dieser  Gemutsanschauung  aus  einer  ein- 
samen  Rosenkreuzer-Schulstatte  ihre  geistige  Nahrung  bezogen 
haben.  Es  ist  zum  Beispiel  noch  so  gewesen,  daft  der  grofie  Leibniz, 
der  Philosoph,  aus  seinen  Gedankenerwagungen  heraus  den  Antrieb 
in  sich  erhalten  hat,  irgendwo  zu  finden  diejenige  Lehrstatte,  in  der 
man  in  der  richtigen  Weise  formulieren  kann,  wie  es  sich  eigentlich 
verhalt  mit  dem  Kopernikanischen  und  Ptolemaischen  Weltsystem. 
Er  hat  sie  nicht  finden  konnen. 

Solche  Dinge  mufi  man  kennen,  um  die  richtige  Nuance  heraus- 
zubekommen  fur  den  Umschwung,  der  in  den  letzten  Jahrhun- 
derten  in  bezug  auf  des  Menschen  Anschauung  iiber  sich  selbst  und 
iiber  das  Weltenall  stattgefunden  hat.  Und  mit  dem  Hinuntersinken 


dieses  lebendigen  Zusammenhanges  des  Menschen  mit  sich  selbst, 
mit  diesem  Entfremden  des  Menschen  von  sich  selbst,  kam  dann 
das  Anklammern  des  Menschen  an  den  aufieren  Verstand,  der  heute 
alles  beherrscht.  Denn  dieser  aufiere  Verstand,  ist  er  denn  mensch- 
liches  Erlebnis?  Er  ist  nicht  menschliches  Erlebnis.  Denn  ware  er 
menschliches  Erlebnis,  so  konnte  er  nicht  in  so  aufierlicher  Weise 
innerhalb  der  Menschheit  leben,  in  der  er  lebt.  Der  Verstand  ist  ja 
im  Grunde  genommen  gar  nicht  verbunden  mit  dem  einzelnen  Per- 
sonlichen,  mit  dem  einzelnen  individuellen  Menschen,  der  Verstand 
ist  ja  fast  etwas  Konventionelles.  Er  sprudelt  nicht  hervor  aus 
innerem  menschlichem  Erlebnis.  Er  tritt  eigentlich  als  etwas  Aufier- 
liches  an  den  Menschen  heran. 

Und  wie  er  etwas  Aulkrliches  geworden  ist,  man  empfindet  es, 
wenn  man  vergleicht,  wie  etwa  Aristoteles  selber  seine  Logik,  die  ja 
nach  Kants  Ausdruck  seit  Aristoteles  nicht  fortgeschritten  ist,  seinen 
Schulern  beigebracht  hat,  und  wie  dann  etwa  im  17.  nachchrist- 
lichen  Jahrhundert  Logik  gelehrt  word  en  ist.  Es  war  in  der  Aristo- 
teles-Zeit  Logik  etwas  recht  Menschliches  noch.  Denn  indem  der 
Mensch  darauf  hingewiesen  wurde,  logisch  zu  denken,  hatte  er  ja 
damals  noch  eine  Empfindung,  die  Empfindung,  als  ob  er,  wenn  ich 
mich  eben  wiederum  imaginativ  ausdriicken  darf ,  seinen  Kopf ,  sein 
Haupt  in  kaltes  Wasser  stecken  wiirde  und  dadurch  sich  selber  fur 
einen  Moment  entfremdet  wiirde,  oder  auch  eine  andere  Empfin- 
dung, diejenige  Empfindung,  die  Alexander  dem  Aristoteles  ent- 
gegengehalten  hat,  als  er  ihm  die  Logik  beibringen  wollte:  Du 
druckst  mir  ja  alle  Kopfknochen  zusammen  -  wie  etwas  Aufierliches. 
Im  17.  Jahrhundert  empfand  man  diese  Aufierlichkeit  als  etwas 
Selbstverstandliches.  Man  lernte,  wie  man  aus  dem  Obersatz,  aus 
dem  Untersatz  den  SchlulSsatz  finden  miisse.  Man  lernte  dasjenige, 
was  Sie  noch  im  Goetheschen  «Faust»  ironisch  behandelt  finden:  Das 
erst'  war  so,  das  zweite  so,  und  drum  das  dritt'  und  vierte  so,  und 
wenn  das  erst'  und  zweit'  nicht  war',  das  dritt'  und  viert'  war' 
nimmermehr.  Und  so  wird  der  Geist  Euch  wohl  dressiert,  in  spa- 
nische  Stiefeln  eingeschniirt.  -  Ob  man  nun,  wie  Alexander  es  emp- 
funden  hat,  den  Kopf  in  seinen  Knochen  zusammengedruckt  emp- 


findet,  oder  ob  man  in  spanische  Stiefel  eingeschniirt  wird  durch  das 
erst'  und  zweit'  und  dritt'  und  viert',  es  ist  ja  schon  dieses  ein  Bild 
fur  dasselbe,  was  der  Mensch  empfindet. 

Diese  Aufterlichkeit  des  abstrakten  Denkens,  sie  empfand  man  in 
der  Zeit  nicht  mehr,  als  man  Logik  bewuftt  lernte  in  den  Schulen. 
Heme  hat  das  mehr  oder  weniger  aufgehort.  Es  wird  auch  Logik 
nicht  mehr  bewuftt  gelernt  auf  den  Schulen.  Nun,  das  ist  ja  un- 
gefahr  so,  als  wenn  es  irgendwo  eine  Zeit  gegeben  hatte,  wo  die 
Leute  mit  Enthusiasmus  nach  Hunderten  und  Hunderten  sich  die 
gleiche  Uniform  nach  der  Vorschrift  angezogen  hatten,  und  nachher 
eine  Zeit  gefolgt  ware,  in  der  sie,  ohne  erst  daruber  nachzudenken, 
das  freiwillig  getan  haben.  Aber  in  dieser  Zeit,  in  der  die  Logik  des 
Abstrakten  immer  mehr  und  mehr  uberhandnahm,  in  dieser  Zeit 
konnte  die  alte  geistige  Erkenntnis  ja  nicht  mehr  fortschreiten.  Da- 
her  sehen  wir  sie  aufterlich  werden  und  jene  Gestalt  annehmen,  die 
in  solchen  Erscheinungen  auftritt  wie  zum  Beispiel  in  den  Schriften 
des  Eliphas  Levi  oder  in  den  Veroffentlichungen  von  Saint- Martin. 
Man  hat  schon  in  diesen  Veroffentlichungen  die  letzten  Auslaufer 
alter  Geist-Erkenntnis  und  Geistesschau. 

Aber  was  ist  in  einer  solchen  Schrift  enthalten  wie  etwa  in  Eliphas 
Levis  «Dogma  und  Ritual  der  hohen  Magie»?  Da  sind  zum  Beispiel 
zunachst  zu  finden  allerlei  Zeichen,  Triangel,  Pentagramme  und  so 
weiter,  da  finden  Sie  wieder  heraufgeholt  aus  alten  Zeiten  gewisse 
Worte  aus  fruher  herrschenden  Sprachen,  namentlich  aus  der  hebrai- 
schen,  und  da  finden  Sie  dasjenige,  was  fruher  Leben  war,  aber 
auch  Erkenntnis,  was  in  die  Tat  des  Menschen  iibergehen  konnte, 
aber  auch  in  die  Ideen  des  Menschen  iibergehen  konnte,  das  finden 
Sie  ideenlos  auf  der  einen  Seite  und  in  aufierliche  Zauberei  auf  der 
anderen  Seite  ausgeartet;  Spekulationen  iiber  die  symbolische  Be- 
deutung  dieses  oder  jenes  Zeichens,  denen  gegenuber  der  moderne 
Mensch,  wenn  er  ehrlich  sein  will,  sich  gestehen  miiftte,  daft  gar 
nichts  Besonderes  darinnen  enthalten  ist,  schauderhafte  Verrich- 
tungen,  ankniipfend  an  allerlei  Riten,  deren  geistiger  Zusammen- 
hang  denjenigen,  die  von  solchen  Riten  sprechen  und  sie  auch  oft- 
mals  iibten,  nicht  im  entferntesten  klar  war.  Uberall  wiesen  solche 


Biicher  hin  auf  dasjenige,  was  einmal  verstanden  wurde  in  alten 
Zeiten,  innerlich  erkenntnismafiig  erlebt  wurde,  aber  in  der  Zeit,  wo 
zum  Beispiel  Eliphas  Levi  seine  Biicher  schrieb,  eben  nicht  mehr 
verstanden  wurde.  Und  iiber  Saint-Martin  habe  ich  mich  ja  in  der 
Wochenschrift  «Goetheanum»  selber  einmal  ausgesprochen.  Und  so 
sehen  wir  denn,  man  mochte  sagen,  mit  vollem  Unverstandnis  das- 
jenige behandelt,  was  einmal  in  das  seelisch-geistige  Menschenleben 
einverwoben  war,  was  aber  in  diesem  seelisch-geistigen  Menschen- 
wesen  nicht  erhalten  werden  konnte. 

Echt  und  wahr  ist  vom  15.  bis  ins  18.,  19.  Jahrhundert  herein 
dasjenige,  was  als  ein  allgemeiner  Drang  nach  dem  Gottlichen  sich 
dem  Gemiite  ergeben  hat.  Da  ist  Schones,  Wunderschones  und 
Herrliches  zu  finden.  Und  da  ist  iiber  manchem,  was  heute  viel  zu 
wenig  beachtet  wird,  ein  wirklicher  Zauberhauch  des  Spirituellen. 
Aber  neben  alledem  geht  eine  sich  verknochernde  Saat  auf  des  Un- 
verstandes  alter  spiritueller  Wahrheiten,  und  einher  geht  damit  das 
Unvermogen,  in  einer  der  Zeit  entsprechenden  Weise  an  das  Gei- 
stige  heranzukommen.  Man  kann  Menschen  kennenlernen  aus  dem 

18.  Jahrhundert,  die  geradezu  von  einer  Zerstorung  alles  Mensch- 
lichen  sprechen  und  von  einem  Heraufkommen  eines  furchtbaren 
Materialismus.  Manchmal  ist  es  einem  so,  als  ob  dasjenige,  was  diese 
Menschen  des  18.  Jahrhunderts  sagen,  auch  auf  unsere  Zeit  passen 
wiirde.  Dennoch  pafit  es  nicht,  pafit  auf  die  letzten  zwei  Drittel  des 

19.  Jahrhunderts  nicht.  Denn  in  diesem  19.  Jahrhundert  ist  das,  was 
man  noch  mit  einem  gewissen,  ich  mochte  sagen,  Abscheu  vor 
seinem  damonischen  Charakter  im  18.  Jahrhundert  angesehen  hat, 
etwas  Selbstverstandliches  geworden.  Man  hatte  nicht  die  Kraft,  sich 
zu  sagen:  Kopernikus  -  sehr  schon,  aber  eine  Anschauung,  die  nur 
dadurch  hat  kommen  konnen,  dafi  der  Mensch  eben  nicht  das 
geworden  ist  auf  der  Erde,  was  er  auf  der  Erde  hatte  werden  sollen, 
dafi  die  Erde  regentenlos  dastand  und  das  Erdenregiment  an  den 
widerrechtlichen  Fiirsten  der  Welt  -  das  Wort  kommt  im 
Mittelalter  immer  wieder  vor  -  iibergegangen  ist,  weshalb  der 
Christus  die  Sonne  verlassen  hat  und  sich  mit  dem  Erdengeschick 
vereinigt  hat. 


Und  es  ist  ja  in  der  Tat  erst  wiederum  am  Ende  des  19.  Jahr- 
hunderts  moglich  geworden,  in  diese  Dinge  mit  urspriinglicher 
menschlicher  Klarheit  hineinzusehen.  Es  ist  erst  wiederum  moglich 
geworden  in  der  Michael-Zeit.  Von  dem  Anbruche  und  dem  Cha- 
rakter  dieser  Michael-Zeit  haben  wir  ja  wiederholt  gesprochen.  Aber 
es  gibt  Aufgaben,  welche  verbunden  sind  mit  dieser  Michael-Zeit 
und  auf  die  nun  auch  jetzt  hier  hingedeutet  werden  kann,  nachdem 
dasjenige,  was  iiber  die  Entwickelung  der  Geistesschau  in  den  ver- 
schiedenen  Jahrhunderten  in  der  Weihnachtszeit  und  nachher  hier 
gesprochen  worden  ist,  vorangegangen  ist. 


FUNFTER  VORTRAG 
Dornach,  12.  Januar  1924 


Wir  haben  ja  gesehen,  wie  allmahlich  in  eine  Abenddammerung 
hinein  das  alte,  von  der  Menschheit  durch  instinktives  Hellsehen 
erlangte  Wissen  sich  entwickelt  hat.  Es  ist  aulterordentlich  schwierig 
in  der  neueren  Zeit,  namentlich  nach  dem  18.  Jahrhundert,  noch 
Spur  en  jenes  alten  Wissens  irgendwie  zu  finden,  denn  es  war  ja 
wirklich  so,  wie  ich  Ihnen  gesagt  habe:  Dasjenige,  was  sich  erhalten 
hat  oder  eigentlich  was  neu  heraufgekommen  ist,  das  ist  auflere 
Naturbeobachtung  und  Logik,  abstrakte  Gedankenfolge.  -  Weder 
mit  aufierer  Naturbeobachtung,  Sinnesbeobachtung,  noch  mit  der 
blolten  abstrakten  logischen  Gedankenfolge  kann  man  die  Briicke 
hiniiberschlagen  vom  Menschen  zu  der  wahren  Wirklichkeit.  Aber 
in  einem  gewissen  Sinne  traditionell  hat  sich  doch  bis  in  die  neue- 
sten  Zeiten  herein,  man  kann  sagen,  bis  um  die  Mitte  des  19.  Jahr- 
hunderts  manches  von  dem  alten  Wissen  erhalten.  Und  damit  wir 
jetzt  in  den  Betrachtungen,  die  wichtig  sein  werden  und  die  uns 
bevorstehen,  in  der  richtigen  Weise  uns  mit  unserer  Seek  werden 
verhalten  konnen,  mochte  ich  doch  heute  noch  einiges  sprechen  von 
gewissen  Vorstellungen,  die  sogar  noch  in  der  ersten  Halfte  des  19- 
Jahrhunderts  wie  Uberreste  von  altem  Wissen  vorhanden  waren. 

Ich  erzahle  Ihnen  diese  Dinge  heute  aus  dem  Grunde,  damit  Sie 
sehen,  wie  in  einer  noch  gar  nicht  so  weit  zuriickliegenden  Zeit  die 
Denkungsart  der  Menschen  doch  ganz  anders  war,  als  sie  heute  ist. 
Aber  wie  gesagt,  es  ist  eigentlich  schwierig,  auf  diese  Dinge  zu  kom- 
men,  denn  es  ist  schon  so,  wie  ich  Ihnen  gesagt  habe:  Einzelne  ein- 
sam  lebende  Menschen,  hochstens  mit  einem  kleinen  Schiilerkreise, 
haben  sich  da  oder  dort  erhalten  und  haben  wirklich  ganz  im  Ge- 
heimen  manches  von  dem  alten  Wissen  fortgesetzt,  ohne  daft  sie 
selbst  die  ganz  tiefen  Grunde  davon  verstanden  haben.  Man  mufi  ja 
auch  fur  altere  Zeiten  so  etwas  voraussetzen,  denn  es  ist  ganz  gewifi, 
dalS  sowohl  diejenige  Personlichkeit,  die  Ihnen  bekannt  ist  unter 
dem  Namen  des  Faust,  wie  auch  die  andere,  die  Ihnen  bekannt  ist 


unter  dem  Namen  des  Paracelsus,  dafi  diese  beiden  Personlichkeiten 
auf  ihren  Wanderungen  an  solche  einsamen,  man  mochte  sagen, 
seelische  Hohlenbewohner  gestoflen  sind  und  von  ihnen  manches 
erfahren  haben,  was  sie  dann  durch  eine  innere  Fahigkeit,  die  auch 
gerade  bei  diesen  Personlichkeiten  mehr  instinktiv  war,  weiter  aus- 
gebildet  haben. 

Dasjenige  aber,  was  ich  Ihnen  jetzt  erzahlen  will,  das  war  noch  in 
den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  vorhanden,  wiederum 
in  einer  solch  einsamen  -  man  konnte  es  Schule  nennen,  wenn  man 
es  wollte  -,  in  einer  solch  einsamen  Schule  Mitteleuropas.  Da  gab  es 
in  einem  ganz  kleinen  Kreise  eine  sehr  eindringliche  Lehre  von  dem 
Menschen.  Es  ist  seit  langem  auf  einem  geistigen  Wege  mir  bewufit 
geworden,  dafi  es  in  einem  gewissen  Orte  Mitteleuropas  eine  solche 
kleine  wissende  Gemeinschaft  gegeben  hat.  Wie  gesagt,  auf  gei- 
stigem  Wege  ist  es  mir  bekannt  geworden.  Ich  konnte  ja  dazumal 
nicht  in  der  physischen  Welt  Beobachtungen  anstellen,  da  ich  ja 
damals  nicht  in  der  physischen  Welt  war,  aber  auf  geistigem  Wege 
ist  mir  dies  bewufit  geworden,  daft  es  eine  solche  kleine  Gemein- 
schaft gegeben  hat.  Ich  wiirde  aber  nicht  sprechen  iiber  dasjenige, 
was  innerhalb  dieser  kleinen  Gemeinschaft  gelehrt  worden  ist,  wenn 
sich  mir  nun  nicht  nachtraglich  durch  die  eigene  Forschung  der  Gei- 
steswissenschaft  gerade  Wesentlichstes  von  dem,  was  da  geborgen 
war,  wiederum  enthiillt  hatte,  wenn  ich  nicht  sozusagen  selber  die 
Dinge  wieder  gefunden  hatte.  Denn  gerade  durch  solches  Wieder- 
finden  bekommt  man  ja  erst  die  richtige  Stellung  zu  demjenigen, 
was  sich  aus  alten  Zeiten  wirklich  wie  eine  iiberwaltigend  grofie 
Weishek  erhalten  hat.  Und  von  der  kleinen  Gemeinschaft,  von  der 
ich  sprechen  mochte,  zieht  sich  eigentlich  dann  nach  vorne  in  der 
Geschichte  durch  das  ganze  Mittelalter  hindurch  bis  in  das  Altertum 
hinein,  bis  in  die  Zeiten,  die  ich  Ihnen  geschildert  habe  wahrend  der 
Weihnachtstage,  bis  in  die  Zeiten  des  Aristoteles  hinein  eine  Tra- 
dition, eine  Tradition,  die  aber  allerdings  nicht  direkt  iiber  Grie- 
chenland  gekommen  ist,  sondern  iiber  Asien  herein  durch  dasjenige, 
was  von  Makedonien  aus  durch  Alexander  nach  Asien  gebracht 
worden  ist. 


Da  findet  man  gerade  innerhalb  dieser  kleinen  Gemeinschaft, 
wie  eine  eindringliche  Lehre  vom  Menschen  in  bezug  auf  zwei 
menschliche  Fahigkeiten  mit  einer  groften  Genauigkeit  noch  vor- 
handen  ist.  So  kann  man  vernehmen,  wie  da  ein  wirklich  meisterhaft 
durchgebildeter,  man  kann  schon  sagen,  Geheimwissenschafter 
seine  Schiiler  darin  unterrichtet,  daft  man  mit  den  alten  Symbolen, 
mit  jenen  Symbolen,  die  aus  uralten  Mysterien  erhalten  sind,  die 
da  bestehen  aus  gewissen  geometrischen  Formen,  sagen  wir  zum 
Tafd  6  Beispiel  solch  einer  Form  (siehe  Zeichnung  Seite  71,  links)  -  an  den 
Enden  flnden  sich  dann  gewohnlich  irgendwelche  hebraischen 
Worte  -,  daft  man  mit  diesen  Symbolen  so  unmittelbar  nichts  an- 
fangen  konne.  Und  die  Schiiler  dieses  Meisters  wuftten  durch  ihre 
Unterweisung,  wie  eigentlich  dasjenige,  was  zum  Beispiel  Eliphas 
Levi  gibt,  bio  ft  eine  Art  Herumreden  ist  um  die  Sache.  Denn  das 
konnten  diese  Schiiler  noch  lernen,  daft  man  auf  die  eigentliche 
Bedeutung  solcher  Symbole  nur  dann  kommt,  wenn  man  sie  im 
Wesen  der  eigenen  menschlichen  Organisation  wiederfindet. 

Und  so  war  es  namentlich  ein  Symbolum,  welches  in  dieser  Ge- 
meinschaft eine  grofte  Rolle  spielte.  Sie  bekommen  dieses  Symbo- 
lum, wenn  Sie  diesen  Salomonischen  Schliissel  -  so  wird  er  gewohn- 
lich vorgefiihrt  -  auseinanderziehen,  wenn  Sie  ihn  so  gestalten,  ver- 
schieben,  daft  das  hinunterkommt  und  das  hinaufgeschoben  wird 
(Zeichnung,  Seite  71  rechts).  Gerade  dieses  Symbolum,  das  spielte 
innerhalb  jener  kleinen  Gemeinschaft,  wie  gesagt,  auch  noch  im  19. 
Jahrhundert  eine  bedeutsame  Rolle.  Und  jener  Meister  lieft  dann  die 
Angehorigen  seines  kleinen  Schulerkreises  eine  bestimmte  Attitude 
ihres  Leibes  annehmen.  Er  lieft  sie  die  Attitude  des  Leibes  anneh- 
men,  durch  die  gewissermafien  der  Leib  selber  hinschrieb  dieses 
Symbolum.  Er  lieft  sie  sich  so  stellen,  daft  sie  die  Beine  etwas  aus- 
einanderspreizten  und  die  Arme  nach  oben  in  dieser  Weise  ein- 
stellten.  Dadurch  kamen,  wenn  man  die  Arme  nach  unten  ver- 
langerte  und  die  Beine  nach  oben  verlangerte,  eben  diese  vier  Linien 
(starker  Strich)  am  menschlichen  Organismus  selber  zum  Vorschein. 
Diese  Linie  verbindet  dann  die  Fiifte,  diese  verbindet  die  Hande 
oben.  Die  anderen  beiden  kamen  zum  Bewufttsein  als  wirklich  vor- 


Tafel6 


5cWere  la$tet 


handene  Kraftlinien,  indem  dem  Schiiler  klar  wurde:  Es  gehen  Strd- 
mungen  wie  elektromagnetische  Stromungen  dann  von  der  linken 
Fingerspitze  zur  rechten  Fingerspitze  und  wiederum  von  dem 
linken  Fufi  zu  dem  rechten  Fuft.  So  dafi  tatsachlich  der  menschliche 
Organismus  selber  diese  ineinander  verschlungenen  Triangeln  in 
den  Raum  hineinschrieb.  Und  dann  handelte  es  sich  darum,  dafi 
der  Schiiler  empflnden  lernte,  was  da  liegt  in  den  Worten:  Licht 
stromt  aufwarts,  Schwere  lastet  abwarts.  Dann  mulken  die  Schiiler 
dieses  in  tiefer  Meditation  erleben,  in  der  Attitiide,  die  ich  eben 
beschrieben  habe.  Dadurch  kamen  sie  allmahlich  dahin,  dafi  ihnen 
der  Lehrer  sagen  konnte:  Jetzt  werdet  ihr  etwas  erleben,  was 
tatsachlich  in  alten  Mysterien  immer  wieder  und  wiederum  geiibt 
worden  ist.  -  Und  sie  erlebten  wirklich  dies,  dafi  sie  in  ihren  Arm- 
und  Beinknochen  das  Mark  erlebten,  das  Knochenmark  erlebten, 
das  Innere  des  Knochens  erlebten. 

Sehen  Sie,  diese  Dinge  konnen  nachempfunden  werden  da- 
durch, daft  ein  Zusammenhang  hergestellt  wird  zwischen  etwas,  das 


ich  Ihnen  gestern  gesagt  habe,  und  dem,  was  ich  Ihnen  jetzt  sage. 
Ich  sagte  Ihnen  in  einem  gewissen  Zusammenhange,  daft  der 
Mensch,  wenn  er  wirklich  nur  so  sich  verhalt,  wie  das  im  Laufe  der 
Zeit  iiblich  geworden  ist,  wenn  er  sich  bloft  abstrakt  denkend  ver- 
halt, daft  das  dann  aufierlich  bleibt,  daft  er  gewissermafien  sich  ver- 
aufierlicht.  Gerade  das  Gegenteil  tritt  ein,  wenn  auf  diese  Art  ein 
Bewufitsein  von  dem  Knocheninnern  auftritt. 

Nun  gibt  es  aber  noch  etwas  anderes,  wodurch  Sie  zum  Verstand- 
nis  dieser  Sache  gefiihrt  werden  konnen.  Sehen  Sie,  so  paradox  es 
Ihnen  klingen  wird,  so  muft  ich  doch  sagen,  daft  ein  solches  Buch  wie 
meine  «Philosophie  der  Freiheit»  nicht  durch  die  blofte  Logik  be- 
griffen  werden  kann,  sondern  durch  den  ganzen  Menschen  verstan- 
den  werden  muft.  Und  in  der  Tat,  was  in  meiner  «Philosophie  der 
Freiheit»  iiber  das  Denken  gesagt  wird,  wird  man  nicht  verstehen, 
wenn  man  nicht  weifi,  daft  der  Mensch  eigentlich  das  Denken  erlebt 
durch  die  innerliche  Erkenntnis,  durch  das  innerliche  Erfuhlen 
seines  Knochenbaues.  Man  denkt  eben  nicht  mit  dem  Gehirn,  man 
denkt  in  Wirklichkeit  mit  seinem  Knochenbau,  wenn  man  in 
scharfen  Denklinien  denkt.  Wenn  das  Denken  konkret  wird,  wie  es 
in  der  «Philosophie  der  Freiheit»  der  Fall  ist,  dann  geht  es  eben  in 
den  ganzen  Menschen  iiber. 

Aber  die  Schuler  dieses  Meisters  gingen  eben  noch  iiber  das  hin- 
aus,  und  sie  lernten  erfuhlen  das  Innere  der  Knochen.  Und  damit 
hatten  sie  ein  letztes  Beispiel  erlebt  von  demjenigen,  was  in  alten 
Mysterienschulen  vielfach  iiblich  war:  Symbole  dadurch  zu  erleben, 
daft  der  eigene  Organismus  zu  diesen  Symbolen  gemacht  wurde, 
denn  nur  so  kann  man  Symbole  wirklich  erleben.  Das  Deuten  der 
Symbole  ist  eigentlich  etwas  Unsinniges.  Alles  Spintisieren  iiber 
Symbole  ist  etwas  Unsinniges.  Das  richtige  Verhalten  zu  Symbolen 
ist  das,  daft  man  sie  macht  und  erlebt,  so  wie  man  schlieftlich  auch 
Fabeln,  Legenden,  Marchen  nicht  blofi  im  Abstrakten  aufnehmen 
soli,  sondern  sich  damit  identifizieren  soil.  Es  gibt  immer  etwas  im 
Menschen,  wodurch  man  in  alle  Gestalten  des  Marchens  hinein- 
gehen  kann,  eins  werden  kann  mit  dem  Marchen.  Und  so  ist  es  mit 
diesen  wirklichen,  aus  geistiger  Erkenntnis  stammenden  Symbolen 


der  alten  Zeit.  Und  ich  haben  Ihnen  solche  Worte  hier  in  deutscher 
Sprache  hergeschrieben  (siehe  Seite  71). 

Es  ist  natiirlich  fur  die  neuere  Zeit  mehr  oder  weniger  nur  ein 
Unfug,  wenn  die  nicht  mehr  voll  verstandenen  hebraischen  Worte 
dafiir  hingeschrieben  werden,  denn  dadurch  wird  der  Mensch  eigent- 
lich  innerlich  nicht  belebt,  er  erlebt  nicht  die  Symbole,  sondern  er 
wird  verrenkt.  Es  ist  etwas,  wie  wenn  ihm  seine  Knochen  gebrochen 
wiirden.  Und  das  geschieht  einem  eigentlich  auch,  geistig  natiirlich, 
wenn  man  mit  Ernst  solche  Schriften  wie  die  des  Eliphas  Levi  liest. 

Nun  lernten  also  diese  Schiiler  das  Innere  des  Knochens  erleben. 
Aber  wenn  man  das  Innere  des  Knochens  anfangt  zu  erleben,  dann 
ist  man  nicht  mehr  im  Menschen.  Geradesowenig  wie,  wenn  Sie 
Ihren  Zeigeflnger  vierzig  Zentimeter  vor  Ihre  Nase  halten  und  da 
einen  Gegenstand  haben,  so  wenig  wie  dieser  Gegenstand  in  Ihnen 
ist,  so  wenig  ist  in  Ihnen  dasjenige,  was  Sie  dann  innerhalb  Ihrer 
Knochen  erleben.  Sie  gehen  nach  innen,  aber  aus  sich  heraus.  Sie 
gehen  wirklich  aus  sich  heraus.  Und  dieses  Aus-sich-Herausgehen, 
Zu-den-G6ttern-Gehen,  In-die-geistige-Welt-Hineingehen,  das  ist 
dasjenige,  was  nun  die  Schiiler  dieser  einsamen  kleinen  Schule  damit 
begreifen  lernten.  Denn  sie  lernten  damit  die  Linien  kennen,  welche 
von  der  Gotterseite  her  in  die  Welt  hineingezeichnet  waren,  um  die 
Welt  zu  konstituieren.  Sie  fanden  nach  der  einen  Seite,  durch  den 
Menschen  hindurch,  den  Weg  zu  den  Gottern. 

Und  dann  falke  der  Lehrer  dasjenige,  was  da  die  Schiiler  erlebten, 
in  einen  paradoxen  Satz  zusammen,  in  einen  Satz,  der  natiirlich 
heute  vielen  Menschen  lacherlich  erscheinen  wird,  aber  der,  Sie 
werden  es  aus  dem  Angedeuteten  erkennen,  eine  tiefe  Wahrheit 
enthalt: 

Schau  den  Knochenmann  Tafel  7 

Und  du  schaust  den  Tod 
Schau  in's  Innere  der  Knochen 
Und  du  schaust  den  Erwecker 

-  den  Erwecker  des  Menschen  im  Geiste,  das  Wesen,  das  den  Men- 
schen in  Zusammenhang  bringt  mit  der  Gotterwelt. 


Nun  konnte  ja  in  jener  Zeit  auf  diesem  Wege  nicht  gerade  aulter- 
ordentlich  viel  erreicht  werden,  aber  einiges  doch.  Und  einige  von 
den  Lehren  iiber  die  Evolution  der  Erde  durch  verschiedene  Meta- 
morphosen  hindurch  gingen  da  doch  den  Schiilern  auf.  Sie  lernten 
gerade  dadurch,  dafi  sie  sich  in  dieses  Geist-Sein  des  Menschen  ver- 
setzen  konnten,  weit  zuriickschauen  in  atlantische  Zeiten  und  noch 
weiter  zuriick.  Und  in  der  Tat,  mancherlei,  was  dazumal  nicht 
eigentlich  geschrieben  oder  gedruckt  wurde,  aber  was  sich  die  Leute 
erzahlten  von  der  Entwickelung  der  Erde,  stammte  aus  solchen  Ein- 
sichten  her,  die  auf  diese  Weise  zustande  kamen.  Das  war  eine  der 
Lehren,  die  in  dieser  Schule  gegeben  wurden. 

Eine  andere  ist  ebenso  interessant.  Eine  andere  wurde  gegeben, 
indem  die  Hohersteliung  des  Menschen  gegenuber  den  Tieren  prak- 
tisch  zur  Einsicht  gebracht  wurde.  Man  mochte  sagen:  Dasjenige, 
was  man  heute  vielfach  zu  allerlei  Diensten,  die  heute  sogar  sehr 
geschatzt  werden,  verwendet,  das  war  noch  bis  ins  19.  Jahrhundert 
herein  gerade  solchen  Menschen  bekannt,  die  auf  guten  alten  Ein- 
sichtstraditionen  fuBten.  -  Die  Menschen  sind  ja  heute  stolz  darauf, 
daft  sie  Polizeihunde  haben,  die  die  Spuren  von  allerlei  Unrechtem 
im  Menschenleben  verfolgen  konnen.  Man  hat  diese  praktische  An- 
wendung  in  alteren  Zeiten  nicht  gehabt.  Aber  die  Fahigkeit  zum 
Beispiel  der  Hunde  nach  dieser  Richtung  hin  hat  man  noch  besser 
gekannt  als  heute,  und  man  hatte  eine  Einsicht  darein,  dafi  eben  um 
den  Menschen  herum  auch  feinere  Substantiality  liegt,  als  diejenige 
ist,  welche  gesehen  oder  von  Menschen  gerochen  und  dergleichen 
wird,  und  man  verstand,  dafi  etwas  wie  ein  feines  Fluidum  auch  der 
Welt  angehort.  Man  erkannte  es  als  eine  besondere  Differenzierung 
von  Warmestromungen,  verbunden  mit  allerlei  Stromungen,  die 
man  als  elektromagnetische  Stromungen  ansah,  und  man  brachte 
den  Geruch  des  Hundes  zusammen  mit  diesen  warme-elektroma- 
gnetischen  Stromungen,  und  man  machte  die  Schiiler  gerade  jener 
kleinen  Schule,  von  der  ich  Ihnen  erzahle,  auf  solche  Dinge  auch 
bei  anderen  Tieren  aufmerksam.  Man  machte  sie  aufmerksam,  wie 
dieser  Sinn  fiir  ein  die  Welt  durchflutendes  feines  Fluidum  weit  im 
Tierreiche  vorhanden  ist.  Und  dann  wies  man  darauf  hin,  wie  das- 


jenige,  was  beim  Tiere  sich  herunterentwickelt,  ins  Grob-Materielle 
sich  entwickelt,  beim  Menschen  sich  hinauf  ins  Seelische  entwickelt. 

Schen  Sie,  eines  ist  ja  von  ungeheuerstem  Interesse,  was  in  dieser 
kleinen  Schule  gelehrt  wurde.  Es  wurde  gelehrt  durch  aufiere  anato- 
mische  Tatsachen,  aber  es  war  etwas  tief  Spirituelles  damit  gemeint. 
Es  wurde  dem  Schiiler  gesagt:  Sieh  einmal,  der  Mensch  ist  ein  Mikro- 
kosmos.  Er  imitiert  in  seiner  Organisation  dasjenige,  was  im  Welten- 
gebaude  vorgeht.  -  Der  Mensch  wurde  durchaus  nicht  nur  etwa  in 
bezug  auf  die  Stoffe,  die  er  in  sich  tragt,  sondern  auch  in  bezug  auf 
die  Vorgange,  die  in  ihm  sich  abwickeln,  als  ein  Mikrokosmos,  als 
eine  kleine  Welt  angesehen.  Ja,  es  wurde  manches,  was  in  ihm 
plastisch  vorhanden  ist,  auf  Vorgange  in  der  aufieren  Welt  zuriick- 
.gefuhrt.  Und  so  wurde  eine  hohe  Aufmerksamkeit  darauf  verwen- 
det,  wie  der  Mond  durchgeht  durch  das  erste  Viertel,  Vollmond 


wird,  letztes  Viertel,  Neumond,  wie  der  Mond  in  dieser  Art  acht- 
undzwanzig  bis  dreifiig  Phasen  durchmacht.  Dieses  Durchgehen  des 
Mondes  durch  seine  Phasen,  das  schaute  man  im  Kosmos.  Man 
schaute  dabei  den  Mond  in  Bewegung  in  seiner  Bahn.  Man  schaute, 
wie  er  seine  Wirbel  in  seiner  Bewegung  herumzeichnete,  seine 


achtundzwanzig  bis  dreifiig  Wirbel,  und  dann  verstand  man,  wie 
der  Mensch  in  seinem  Riickgrat  diese  achtundzwanzig  bis  drei&g 
Wirbel  hat,  und  man  verstand,  wie  mit  jenen  Mondbewegungen 


Tafel  6 


Tafel  6 


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fy  "«"'//////,,, 

4, 

und  ihren  Kraften  dasjenige  zusammenhangt,  was  sich  im  Menschen 
embryonal  als  Wirbelsaule  ausbildet.  Die  Nachbildung  der  Monden- 
monatsbewegung  sah  man  in  der  Gestaltung  der  menschlichen 
Wirbelsaule.  Und  man  sah,  wenn  man  die  menschliche  Wirbelsaule 
mit  ihren  Nerven  hat  (siehe  Zeichnung,  oben),  achtundzwanzig  bis 
dreifiig  Nerven,  die  in  den  ganzen  Organismus  gehen,  man  sah  in 
diesen  achtundzwanzig  bis  dreifiig  Nerven  die  Abbildungen  von 
Stromungen,  die  der  Mond  immer  auf  den  verschiedenen  Stufen 
seiner  Bahnen  auf  die  Erde  herunterschickt.  Man  sah  formlich  in  den 
Knochenfortsetzungen  der  Wirbel  das  Eingreifen  der  Mondenstro- 
mungen.  Kurz,  man  sah  in  demjenigen,  was  da  der  Mensch  in  sich 
tragt  in  seinen  Riickenmarksnerven  mit  dem  Ruckenmark  zusam- 
men,  man  sah  etwas,  was  einen  an  den  Kosmos  band,  was  einen  mit 
dem  Kosmos  in  einen  lebendigen  Zusammenhang  bringt.  Und 
dieses  Ganze,  das  ich  Ihnen  jetzt  andeutete,  das  brachte  man  dem 
Schiiler  bei. 


Tafel  6 


///////''t'ltno, 


Und  dann  machte  man  ihn  auf  etwas  anderes  aufmerksam.  Dann 
sagte  man  ihm:  Und  siehe  einmal,  wenn  du  den  Sehnerv  ansiehst, 


wie  er  in  das  Auge  iibergeht  vom  Gehirn  aus,  so  zerfasert  er  sich 
beim  Ubergang  in  das  Auge  in  sehr  feine  Fasern.  Wie  viele  solche 
Fasern  sind  es?  Solcher  Fasern,  die  vom  Sehnerv  in  das  Innere  des 
Auges  gehen,  sind  wiederum  ebensoviel  wie  Nerven,  die  vom  Riik- 
kenmark  ausgehen,  achtundzwanzig  bis  dreifiig.  So  daft  also  eine 
kleine  Rikkenmarksorganisation  vom  Gehirn  aus  durch  den  Sehnerv 
ins  Auge  hineingeht  (siehe  Zeichnung,  S.  76  unten).  Das  ist  so,  dafi  Tafel  6 
der  Mensch  -  so  sagte  der  Lehrer  zu  den  Schulern  -  von  den  Gottern, 
die  in  uralter  Zeit  sein  Dasein  geformt  haben,  diese  Dreifiiggliedrig- 
keit  des  Rikkenmark-Nervensystems  erhalten  hat.  Aber  er  selber  hat 
in  seinem  die  Sinneswelt  anschauenden  Auge  ein  Abbild  dessen 
geschaffen;  da  vorne  im  Kopforganismus  ein  Abbild  dessen  ge- 
schaffen,  was  die  Gotter  aus  ihm  gemacht  haben. 

Und  dann  machte  man  den  Schiiler  darauf  aufmerksam:  So  steht 
die  Rikkenmarksorganisation  mit  dem  Monde  in  Beziehung.  Aber 
hinwiederum,  durch  dieses  besondere  Verhaltnis  des  Mondes  zur 
Sonne  hat  das  Jahr  zwolf  Monate,  und  vom  Gehirn  des  Menschen 
gehen  zwolf  Nerven  nach  den  verschiedenen  Teilen  des  Organismus, 
die  zwolf  hauptsachlichsten  Gehirnnerven.  In  dieser  Beziehung  ist 
der  Mensch  durch  seine  Hauptesorganisation  ein  Mikrokosmos  in 
bezug  auf  dasjenige,  was  das  Verhaltnis  der  Sonne  zum  Monde  ist. 
In  der  Gestaltung  des  Menschen  drikkt  sich  eine  Imitation  desje- 
nigen  aus,  was  Vorgange  draufien  im  Kosmos  sind. 

Und  wiederum  machte  man  den  Schiiler  aufmerksam  darauf,  dafi 
er  nun  in  seinem  Haupte  im  Sehnerv,  also  durch  die  Dreifiiggliedrig- 
keit  des  Sehnervs  ins  Auge  hinein  die  Mondenorganisation  vom 
Riickgrat  nachahmt.  Vom  Gehirn  aus  gehen  zwolf  Nerven.  Aber 
wiederum,  wenn  man  vom  Gehirn  besonders  jene  Partie  untersucht, 
die  den  Riechnerv  in  die  Nase  hineinsendet,  dann  stellt  sich  die 
Tatsache  heraus,  dafi  da  in  dem  kleinen  Teil  vom  Gehirn  das  ganze 
grofie  Gehirn  nachgeahmt  wird.  So  wie  im  Auge  das  Riickenmark- 
Nervensystem  nachgeahmt  wird,  so  wird  im  Geruchsorgan  das  ganze 
Gehirn  wiederum  nachgeahmt,  indem  der  Riechnerv  in  zwolf 
Teilen,  in  zwolf  Strangen  zur  Nase  hingeht.  So  dafi  also  der  Mensch, 
wenn  Ruckenmark  und  Kopf  hier  liegen  (siehe  Zeichnung  S.  78),  Tafel  i 


Tafel  7 


/ 
/ 

einen  richtigen  kleinen  Menschen  da  vorne  liegen  hat.  Und  dann 
machte  man  den  Schuler  darauf  aufmerksam:  Dieser  kleine  Mensch 
ist  aber  anatomisch  nur  angedeutet.  Die  Dinge  verwachsen;  nur  eine 
minuziose  anatomische  Untersuchung  kann  das  lehren.  Die  Dinge 
verwachsen,  doch  sie  sind  so.  Aber  daftir  bilden  sie  sich  ganz  beson- 
ders  im  astralischen  Leibe  aus.  Und  weil  sie  sonst  nur  angedeutet 
sind,  kann  der  Mensch  sie  im  gewohnlichen  Leben  nicht  handhaben. 
Aber  er  kann  sie  handhaben  lernen.  -  Und  ebenso,  wie  der  Schuler 
darauf  hingewiesen  wurde,  das  Innere  seiner  Knochen  zu  erleben, 
ebenso  wurde  er  hingewiesen  darauf,  diese  besondere  Partie  leben- 
dig  zu  erleben. 

Sie  sehen,  etwas  anderes  tritt  da  ein,  etwas,  was  nun  wirklich  dem 
ganzen  abendlandischen  Anschauen  ahnlicher  ist  als  dasjenige,  was 
man  oftmals  aus  dem  Morgenlande  herubernimmt.  Auch  das  Mor- 
genland  hat  ja  dieses  Konzentrieren  auf  die  Nasenwurzel,  dieses 
Konzentrieren  auf  den  Punkt  zwischen  den  Augenbrauen.  Damit 
wird  der  Ort  angegeben.  Aber  in  Wahrheit  ist  es  dieses  Konzen- 
trieren auf  jenen  kleinen  Menschen,  der  da  drinnen  liegt  und  der 
astralisch  erfalk  wird.  Und  wird  er  astralisch  erfafit,  wird  tatsachlich 
eine  Meditation  so  gestaltet,  daft  man  etwas  erfaflt  in  jener  Gegend, 
die  damit  bezeichnet  worden  ist,  so  ist  es,  wie  wenn  man  in  jener 
Gegend  einen  kleinen  Menschen  innerlich  wie  embryonal  ausbilden 
wollte.  Diese  Anleitung  hat  der  Schuler  bekommen  in  jener  kleinen 


Schule,  tatsachlich  cine  Art  embryonale  Ausbildung  eines  kleinen 
Menschen  in  einem  stark  konzentrierten  Gedanken. 

Dadurch  bekamen  die  Schiiler,  die  dazu  die  Fahigkeit  hatten,  die 
zweiblattrige  Lotusblume  ausgebildet.  Dann  wurde  ihnen  gesagt: 
Das  Tier  bildet  die  Dinge  hinunter  zu  demjenigen,  was  ein  warme- 
elektromagnetisches  Fluidum  ist.  Der  Mensch  bildet  dasjenige,  was 
hier  sitzt  und  was  im  groben  nur  als  Geruchssinn  erscheint,  aber  in 
das  heriiberspielt  die  Fahigkeit,  die  Tatigkeit  des  Auges,  der  Mensch 
bildet  es  aus  ins  Astralische  hinein.  Dadurch  aber  bekommt  er  die 
Fahigkeit,  nicht  blofi  jenes  Fluidum  zu  verfolgen,  sondern  eine  fort- 
wahrende  Wechselwirkung  hervorzurufen  mit  dem  Astrallichte  und 
wahrzunehmen  mit  der  zweiblattrigen  Lotusblume,  was  der  Mensch 
fortwahrend  sein  ganzes  Leben  hindurch  ins  Astrallicht  hinein- 
schreibt.  Der  Hund  riecht  nur  dasjenige,  was  geblieben  ist,  was  da 
ist.  Der  Mensch  verfahrt  anders,  indem  er  mit  seiner  zweiblattrigen 
Lotusblume  sich  bewegt;  auch  dann,  wenn  er  mit  ihr  nicht  wahr- 
nehmen  kann,  schreibt  er  fortwahrend  alles  dasjenige,  was  in  seinen 
Gedanken  ist,  in  das  Astrallicht  hinein.  Das  Schauen  befahigt  ihn 
dann  nur,  das,  was  er  hineinschreibt,  eben  zu  verfolgen,  wahrzu- 
nehmen und  auch  anderes  damit  wahrzunehmen,  namentlich  den 
wahren  Unterschied  von  Gut  und  Bose. 

Auf  diese  Art  waren  tatsachlich  da  noch  Nachklange  vorhanden 
an  uralte  Weisheitsschatze,  die  in  Rudimenten  auch  praktisch  noch 
gelehrt  wurden.  Und  das  zeigt  uns,  was  eigentlich  alles  verloren- 
gegangen  ist  unter  dem  Einflufl  der  materialistischen  Stromungen, 
die  in  der  starksten  Weise  um  die  Mitte  des  19-  Jahrhunderts  dann 
eingesetzt  haben.  Denn  solche  Dinge,  wie  ich  sie  Ihnen  angedeutet 
habe,  sind  eben  durchaus,  wenigstens  bis  zu  einem  gewissen  Grade, 
in  gewissen,  allerdings  sehr  einsamen  und  einsiedlerisch  lebenden 
Kreisen  empfunden  und  gewufit  worden.  Und  auf  den  mannigfal- 
tigsten  Gebieten  ergaben  sich  Erkenntnisse  aus  solchen  Untergrun- 
den  heraus,  die  ja  spater  gar  nicht  mehr  beachtet  wurden,  nach 
denen  heute  wiederum  viele  Menschen  sich  sehnen.  Aber  wegen  der 
groben  Methoden,  die  heute  herrschen,  sind  ja  diese  Erkenntnisse 
zunachst  fur  das  aufiere  Wissen  nicht  wiederum  erlangbar. 


Nun  kniipfte  sich  eine  ganz  bestimmte  Lehre  an  dasjenige,  was  in 
dieser  Weise  in  jenem  kleinen  Kreise  von  dem  Lehrer  an  die  Schiller 
herangebracht  wurde.  Dem  Schiiler  wurde  klargemacht:  Wenn  er 
dieses  Organ  gebraucht,  das  ein  ins  Astrallicht  hinaufgehobenes 
Geruchsorgan  ist,  dann  lernt  er  die  wahre  Stofflichkeit  aller  Dinge 
erkennen,  die  wahre  Materie.  Und  wenn  er  erkennen  lernt  das 
Innere  seines  Knochensystems  und  dadurch  in  Echtheit  die  wirkliche 
Weltgeometrie,  die  Art  und  Weise,  wie  von  den  Gottern  in  die  Welt 
die  Krafte  hineingezeichnet  werden,  dann  lernt  er  erkennen,  was  als 
Form  in  den  Dingen  wirkt. 

Willst  du  also  einen  Quarz  kennenlernen  seinem  Stoffe  nach  -  so 
sagte  man  dem  Schiiler  -,  dann  beschaue  ihn  mit  der  zweiblattrigen 
Lotusblume.  Willst  du  kennenlernen,  wie  seine  Kristallform  ist,  wie 
der  Stoff  geformt  ist,  dann  murk  du  diese  Form  aus  dem  Kosmos 
heraus  begreifen  mit  demjenigen,  was  du  begreifen  kannst,  wenn  du 
in  das  Innere  deines  Knochensystems  lebendig  hineinkommst.  - 
Oder  es  wurde  dem  Schiiler  klargemacht:  Wenn  du  dein  Kopforgan 
gebrauchst,  dann  lernst  du  erkennen,  wie  die  substantielle  Beschaf- 
fenheit  einer  Pflanze  ist.  Wenn  du  erleben  lernst  das  Innere  deines 
Knochensystemes,  dann  lernst  du  erkennen,  wie  eine  gewisse  Pflan- 
ze wachst,  warum  sie  diese  oder  jene  Blatterform  hat,  diese  oder  jene 
Blatteranordnung,  warum  sie  die  Bliiten  in  dieser  oder  jener  Weise 
entfaltet. 

Also  alles,  was  Form  ist,  sollte  auf  die  eine  Art,  alles,  was  Stoff 
ist,  sollte  auf  die  andere  Art  erfafit  werden.  Und  es  ist  nun  wirklich 
interessant,  dafi,  wenn  man  bis  zu  Aristoteles  zuriickkommt,  man 
flndet ,  dafi  bei  ihm  unterschieden  wird  -  aber  das  wurde  ja  in  spa- 
terer  Zeit  nur  rein  abstrakt  gelehrt  -  in  bezug  auf  alles,  was  es  gibt, 
die  Form  und  die  Materie.  Aber  das  wurde  eben  in  der  Stromung, 
die  von  Griechenland  nach  Europa  kam,  in  einer  ganz  abstrakten 
Weise  gelehrt,  so  dafi  man  eigentlich  verzweifelt  an  der  Abstrakt- 
heit,  mit  der  diese  Dinge  in  den  Biichern  dargestellt  werden  schon 
das  ganze  Mittelalter  hindurch,  und  in  der  Neuzeit  erst,  da  ist  es 
nicht  mehr  blofi  zum  Verzweifeln,  da  ist  es  schon  um  die  Wande 
hinaufzukriechen,  wie  man  die  Dinge  dargestellt  flndet.  Aber  gent 


man  zu  Aristoteles  zuriick,  so  findet  man,  daft  bei  ihm  die  Formen 
wirklich  zuriickfuhren  auf  dieses  Erleben  -  nur  ist  das  wiederum 
nach  Asien  heriibergetragen  worden  -  und  diese  wirklich  innere  Ein- 
sicht  in  die  Dinge,  die  mit  dem  Kopforgan  sieht  dasjenige,  was  er 
die  Materie  in  den  Dingen  nennt. 

Aber  nun  weist  uns  die  innere  Erkenntnis  desjenigen,  was  da  in 
Griechenland  gelehrt  worden  ist  als  Philosophic,  es  weist  uns  die 
Akasha-Chronik-maflige  Erkenntnis  auf  etwas  hin,  was  ich  ja  natiir- 
lich  nur  ganz  aufierlich  andeuten  konnte  in  meinen  «Ratseln  der 
Philosophies  wo  ich  zeigte,  wie  Aristoteles  durchaus  der  Ansicht  ist: 
Beim  Menschen  fliefien  Form  und  Materie  ineinander,  Materie  ist 
Form,  Form  ist  Materie.  -  Sie  konnen  das  bei  meiner  Darstellung  des 
Aristoteles  in  den  «Ratseln  der  Philosophie»  finden. 

Aber  Aristoteles  hat  das  noch  ganz  anders  gelehrt.  Aristoteles  hat 
gelehrt:  Wenn  man  an  Mineralien  herantritt,  dann  erlebt  man 
zunachst  die  Form  durch  das  Erleben  des  Inneren  derUnterschenkel- 
knochen,  und  man  erlebt  die  Materie  eben  mit  dem  Kopforgan.  Die 
beiden  sind  weit  voneinander.  Der  Mensch  halt  sie  auseinander, 
Form  und  Materie,  beim  Mineralreiche  die  Kristallisation.  Wenn  der 
Mensch  aber  die  Pflanze  auffafit,  so  erlebt  er  die  Form  durch  das  Er- 
leben des  Inneren  seiner  Oberschenkel,  die  Materie  wiederum  durch 
das  Kopforgan,  durch  die  zweiblattrige  Lotusblume.  Es  kommt 
schon  naher.  Und  erlebt  der  Mensch  das  Tier,  so  erlebt  er  die  Form 
durch  das  Erleben  des  Inneren  der  Unterarmknochen,  wiederum  die 
Materie  durch  das  Kopforgan  -  sehr  nahe  beieinander.  Und  erlebt 
der  Mensch  den  Menschen  selber,  dann  erlebt  er  die  Form  durch  das 
Innere  des  Oberarms,  der  auf  dem  Umwege  durch  die  Sprachbil- 
dung  mit  dem  Gehirn  selbst  zusammenhangt.  Ich  habe  ofter  gerade 
in  Einleitungen  der  Eurythmie  davon  gesprochen.  Da  schliefit  sich  zu- 
sammen  die  zweiblattrige  Lotusblume  mit  dem,  was  von  dem  Inne- 
ren des  Oberarmes  nach  dem  Gehirn  geht.  Und  der  Mensch  erlebt 
namentlich  in  der  Sprache  den  anderen  Menschen  nicht  mehr  nach 
Form  und  Inhalt  getrennt,  sondern  als  einen  nach  Form  und  Inhalt. 

Sehen  Sie,  in  dieser  Konkretheit  gab  es  diese  Lehre  noch  zu  Ari- 
stoteles' Zeiten.  Und  eine  Spur  davon,  wie  gesagt,  war  bis  ins  19. 


Jahrhundert  vorhanden.  Da  ist  wirklich  ein  Abgrund.  In  den  vier- 
ziger  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  gingen  im  Grunde  genommen 
diese  Dinge  wirklich  verloren.  Es  ist  der  Abgrund  da  bis  zum  Ende 
des  19.  Jahrhunderts,  wo  durch  die  Michael-Zeit  die  Dinge  wieder 
gefunden  werden  konnten.  Da  aber,  indem  die  Menschen  iiber 
diesen  Abgrund  schrkten,  schritten  sie  eben  eigentlich  iiber  eine 
Schwelle.  Und  an  dieser  Schwelle  steht  ein  Huter.  Und  die  Mensch- 
heit  konnte  ihn  zunachst  nicht  gleichzeitig  beobachten,  indem  sie 
zwischen  demjahre  1842  und  1879  an  ihm  vorbeigegangen  ist.  Aber 
sie  mufi  zu  ihrem  Heil  nunmehr  zuruckschauen  und  den  Huter  be- 
achten.  Denn  das  Nichtbeachten  und  das  Weiterhineinleben  in  die 
folgenden  Jahrhunderte,  ohne  ihn  zu  beachten,  wiirde  eben  zum 
alleraufiersten  Unheile  der  Menschheit  fiihren. 
Davon  wollen  wir  dann  morgen  weiter  reden. 


SECHSTER  VORTRAG 
Dornach,  13.  Januar  1924 


Die  Michael-Periode,  in  welche  die  Welt  ja  schon  seit  dem  letzten 
Drittel  des  19.  Jahrhunderts  eingetreten  ist  und  in  welche  die  Men- 
schen  mit  ihrem  Bewufitsein  immer  mehr  und  mehr  werden  ein- 
treten  mussen,  unterscheidet  sich  von  fruheren  Michael-Perioden 
ganz  betrachtlkh.  Es  ist  ja  in  der  Entwickelung  der  Menschheit  auf 
Erden  so,  daft  in  dieses  Menschenleben  von  Zeit  zu  Zeit  die  ein- 
zelnen  von  den  sieben  groften  Archangeloi-Geistern  eingreifen,  so 
daft  nach  bestimmten  Perioden  sich  eine  solche  Weltenlenkung  wie 
die  durch  Gabriel,  Uriel,  Raphael,  Michael  und  so  weiter  wiederholt. 
Aber  unsere  Zeitperiode  ist  doch  eine  wesentlich  andere  als  die 
fruhere  Michael-Periode.  Es  beruht  dies  darauf,  daft  der  Mensch  seit 
dem  ersten  Drittel  des  1 5 .  Jahrhunderts  in  einem  ganz  anderen  Ver- 
haltnisse  zur  geistigen  Welt  steht,  als  er  jemals  fruher  gestanden  hat. 
Und  dieses  Stehen  zur  geistigen  Welt  bedingt  auch  ein  besonderes 
Verhaltnis  zu  dem  das  Menschengeschick  lenkenden  Geist,  den  man 
eben  mit  dem  alten  Namen  Michael  bezeichnen  kann. 

Dasjenige,  was  ich  auch  jetzt  wieder  als  das  Rosenkreuzertum 
bezeichnet  habe,  hat  ja,  wie  ich  bemerklich  gemacht  habe,  nach  den 
verschiedensten  Seiten  hin  zur  Scharlatanerie  getrieben,  und  das 
meiste  von  dem,  was  auf  die  Menschheit  gekommen  ist  als  Rosen- 
kreuzerei,  ist  ja  eigentlich  Scharlatanerie.  Aber  wie  ich  in  fruheren 
Auseinandersetzungen  dargelegt  habe,  es  hat  eine  solche  Indivi- 
dualist gegeben,  die  man  mit  dem  Namen  Christian  Rosenkreutz 
bezeichnen  kann  und  die  in  gewisser  Weise  tonangebend  ist  fur  die 
Art  und  Weise,  wie  beim  Heraufkommen  der  neueren  Menschheits- 
phase  ein  erleuchteter  Geist,  ein  erkennender  Geist  in  ein  Verhaltnis 
zur  geistigen  Welt  sich  setzen  kann. 

Man  mochte  sagen,  Christian  Rosenkreutz  war  es  beschieden,  die 
verschiedensten,  denkbar  hochsten  Fragen,  Ratselfragen  an  das  Da- 
sein  zu  stellen,  zu  stellen  gegeniiber  fruheren  Erfahrungen  der  Men- 
schen  in  einer  ganz  neuen  Weise.  Denn  wahrend  das  Rosenkreuzer- 


turn  heraufkam  und  mit  dem,  was  man  spater  faustisches  Streben 
nannte,  mit  faustischem  Streben  nach  der  geistigen  Welt  hin  den 
Menschensinn  lenkte,  kam  ja  auf  der  anderen  Seite  die  abstrakte 
und  naturalistische  Wissenschaft  herauf.  Und  anders  standen  die  - 
allerdings  durchaus  selbstverstandlich  anerkennenswerten  -  Trager 
dieser  neueren  Geistesrichtung,  ein  Galilei,  ein  Giordano  Bruno,  ein 
Kopernikus,  ein  Kepler,  zur  Welt  als  diejenigen,  die  nicht  blofi  eine 
formell -abstrakte,  sondern  eine  wahre  Erkenntnis  der  Dinge  be- 
wahren  wollten.  Denn  die  letzteren  merkten  an  ihrem  ganzen 
Menschensein,  wie  die  Zeit  und  damit  das  Verhaltnis  der  Gotter 
zur  Menschheit  anders  geworden  war. 

Man  kann  sagen,  bis  ins  12.,  13.  Jahrhundert  herein  noch  rudi- 
mentar,  aber  bis  ins  4.  nachchristliche  Jahrhundert  herein  ganz 
deutlich  konnte  der  Mensch  reale  Erkenntnisse  iiber  die  geistige 
Welt  aus  sich  heraus  schopfen.  Der  Mensch  konnte,  indem  er  die- 
jenigen Ubungen  durchmachte,  die  die  Ubungen  der  alten  Myste- 
rien  waren,  aus  sich  heraus  die  Geheimnisse  des  Daseins  schopfen. 
Und  es  war  wirklich  fiir  diese  altere  Menschheit  so,  dafi  die  Einge- 
weihten  das,  was  sie  der  Menschheit  zu  sagen  hatten,  aus  den  Tiefen 
ihrer  Seele  an  die  Oberflache  ihres  Denkens,  ihrer  Ideenwelt  zogen. 
Sie  hatten  das  Bewufitsein,  dafi  sie  ihre  Erkenntnisse  aus  dem  Inne- 
ren  der  Menschenseele  heraus  schopften. 

Die  Ubungen,  die  durchgemacht  wurden,  gingen  ja  darauf  hin, 
das  Menschengemut  im  starksten  MalSe  zu  erschiittern,  dem 
Menschengemiite  Erfahrungen  beizubringen,  die  man  im  gewohn- 
lichen  Leben  nicht  macht.  Dadurch  wurden  gewissermafien  die  Ge- 
heimnisse der  Gotterwelt  aus  dem  menschlichen  Inneren  heraus- 
geholt.  Aber  der  Mensch  kann  nicht  die  Geheimnisse,  die  er  aus  sich 
herausholt,  indem  er  sie  aus  sich  herausholt,  auch  schauen.  Und 
auch  wahrend  des  alten  instinktiven  Hellsehens  hat  man  ja  die  Ge- 
heimnisse der  Welt  geschaut,  geschaut  in  Imagination,  schauend 
gehort  in  Inspiration,  man  hat  sich  mit  ihnen  verbunden  in  Intui- 
tion -  aber  das  alles  ist  nicht  moglich,  wenn  der  Mensch  gewisser- 
mafien  blofi  allein  dasteht.  Es  ist  das  ebensowenig  moglich,  wie  ich 
ein  Dreieck  zeichnen  kann,  wenn  ich  keine  Tafel  habe.  Das  Dreieck, 


das  ich  auf  die  Tafel  zeichne,  das  versinnlicht  mir  dasjenige,  was  ich 
rein  geistig  in  mir  habe.  Also  das  ganze  Dreieck,  alle  Gesetze  des 
Dreiecks  sind  in  mir,  aber  ich  zeichne  das  Dreieck  auf  die  Tafel; 
dadurch  bringe  ich  mir  dasjenige,  was  eigentlich  in  mir  ist,  nahe. 
Nun,  das  ist  eine  aufiere  Zeichnerei.  Wenn  es  sich  darum  handelt, 
reale  Erkenntnisse  nach  Art  der  alten  Mysterien  aus  dem  Menschen 
heraus  zu  schaffen,  dann  miissen  diese  Erkenntnisse  in  gewissem 
Sinne  irgendwo  hingeschrieben  werden.  Sie  miissen  namlich  ein- 
getragen  werden,  damit  sie  geschaut  werden  konnen,  in  das  von 
alters  her  so  genannte  Astrallicht,  in  die  feine  Substantiality  des 
Akasha.  Da  mufi  alles  hineingeschrieben  werden.  Aber  man  mull 
diese  Fahigkeit  entwickeln  konnen,  in  das  Astrallicht  hineinzu- 
schreiben. 

Und  diese  Fahigkeit  hing  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung 
von  verschiedenerlei  ab.  Ich  will  zunachst  von  ganz  alten  Zeiten  ab- 
sehen.  Von  der  ersten  nachatlantischen  Epoche,  der  urindischen, 
will  ich  absehen,  da  war  die  Sache  etwas  anders.  Aber  ich  will  mit 
der  urpersischen  Epoche  beginnen,  in  dem  Sinne,  wie  ich  sie  in 
meinem  «Umrift  einer  Geheimwissenschaft»  beschrieben  habe.  Da 
gab  es  instinktives  Hellsehen,  da  gab  es  Erkenntnisse  iiber  die  gott- 
lich-geistige  Welt,  und  sie  konnten  dadurch  ins  Astrallicht  hinein- 
geschrieben werden,  so  daft  der  Mensch  sie  auch  schauen  konnte, 
dadurch  daft  die  Erde,  die  feste  Erde,  einen  Widerstand  gab.  Das 
Schreiben  geschieht  naturlich  mit  den  Geistorganen,  aber  die  Geist- 
organe  brauchen  einen  Widerstand.  Nicht  auf  die  Erde  wird  selbst- 
verstandlich  dasjenige  geschrieben,  was  in  dieser  Weise  geschaut 
wird,  in  das  astralische  Licht  wird  es  geschrieben,  aber  die  Erde 
bildet  einen  entsprechenden  Widerstand.  Und  dadurch,  daft  der 
Widerstand  der  Erde  in  der  urpersischen  Epoche  von  den  Erkennen- 
den  gefiihlt  werden  konnte,  dadurch  waren  in  ihnen  die  Erkennt- 
nisse, die  sie  aus  ihrem  Innern  schopften,  auch  zu  Schauungen 
geworden. 

In  der  nachsten  Epoche,  in  der  agyptisch-chaldaischen  Epoche, 
konnte  alles,  was  an  Erkenntnissen  von  den  Eingeweihten  aus  der 
Seele  heraus  geschopft  wurde,  durch  das  fliissige  Element  in  das 


Astrallicht  eingeschrieben  werden.  Sie  miissen  sich  das  jetzt  nur 
richtig  vorstellen.  Der  Eingeweihte  der  urpersischen  Epoche  schaute 
auf  die  feste  Erde  hin,  und  iiberall,  wo  Pflanzen  waren,  wo  Steine 
waren,  spiegelte  ihm  das  Astrallicht  seine  eigene  Anschauung  zu- 
riick.  Der  Eingeweihte  der  agyptisch-chaldaischen  Epoche  schaute 
ins  Meer,  in  den  Flufi,  er  schaute  auch  in  den  herabstromenden 
Regen,  in  den  aufsteigenden  Nebel.  Er  sah,  wenn  er  in  den  Flufj, 
wenn  er  in  das  Meer  sah,  die  dauernden  Geheimnisse.  Diejenigen 
Geheimnisse,  die  sich  auf  Vergangliches  beziehen,  auf  das  Schaffen 
der  Gotter  im  Verganglichen,  die  schaute  er  in  dem  herabstromen- 
den Regen,  in  dem  aufsteigenden  Nebel.  Sie  miissen  nur  durch- 
aus  sich  bekannt  machen  mit  der  Vorstellung,  dars  jene  prosaisch 
niichterne  Art,  wie  wir  heute  Regen  und  Nebel  wahrnehmen, 
nicht  die  der  Alten  war.  Den  Alten  sagten  Regen  und  Nebel  viel; 
sie  enthullten  ihnen  die  Geheimnisse  der  Gotter. 

Und  in  der  griechisch-lateinischen  Periode,  da  waren  die  Schau- 
ungen  wie  eine  Fata  Morgana  in  der  Luft.  Der  Grieche  sah  auch 
seinen  Zeus,  seine  Gotter  im  Astrallichte,  aber  er  hatte  das  Gefuhl, 
dafi  das  Astrallicht  ihm  die  Gotter  spiegelte  unter  den  entsprechen- 
den  Umstanden.  Daher  versetzte  er  seine  Gotter  an  Orte,  an  denen 
eben  die  Luft  in  entsprechender  Weise  einen  Widerstand  fur  die 
Einschreibungen  in  das  Astrallicht  bieten  konnte.  Und  so  blieb  es 
bis  ins  4.  nachchristliche  Jahrhundert. 

Es  waren  durchaus  sogar  unter  den  ersten  Kirchenvatern,  nament- 
lich  den  griechischen  Vatern,  viele  -  das  kann  sogar  noch  aus  ihren 
Schriften  nachgewiesen  werden  -,  welche  diese  Fata  Morgana  der  ei- 
genen  Schauungen  durch  den  Widerstand  der  Luft  im  Astrallichte 
schauten,  welche  also  eine  klare  Erkenntnis  davon  hatten,  dars  aus 
dem  Menschen  heraus  durch  die  Natur  sich  das  gottliche  Wort,  der 
Logos,  offenbarte.  Dann  nur  wurde  das  immer  schwacher  und 
schwacher.  Und  Nachklange  waren  noch  vorhanden  bei  einigen 
besonders  begnadeten  Menschen  bis  ins  12. ,  13.  Jahrhundert  herein. 
Als  aber  die  abstrakte  Erkenntnis  kam,  als  die  Zeit  kam,  in  der  die 
Menschen  nur  angewiesen  waren  auf  die  logische  Gedankenfolge 
und  dasjenige,  was  sich  aus  der  Sinnesbeobachtung  ergibt,  da  boten 


nkht  Erde  und  nicht  Wasser  und  nicht  Luft  einen  Widerstand  fur 
das  Astrallicht,  sondern  einzig  und  allein  das  Element  des  Warme- 
athers. 

Sehen  Sie,  das  wissen  natiirlich  diejenigen  nicht,  die  ganz  in 
abstrakten  Gedanken  aufgehen,  daft  diese  abstrakten  Gedanken 
doch  auch  eingeschrieben  werden  ins  Astrallicht.  Sie  werden  es, 
Aber  indem  sie  eingeschrieben  werden,  bietet  fur  sie  einzig  und 
allein  das  Element  des  Warmeathers  das  Widerstehende. 

Nun  ist  folgendes  der  Fall.  Erinnern  wir  uns,  daft  in  der  urper- 
sischen  Epoche  die  Menschen  die  feste  Erde  als  Widerlage  hatten, 
um  die  Eintragungen  ins  Astrallicht  zu  sehen.  Dasjenige,  was  in 
solcher  Weise  im  Astrallichte  enthalten  ist,  daft  die  feste  Erde  die 
Widerlage  bietet,  das  strahlt  weiter  (siehe  Zeichnung;  hell).  Aber 


spbare 

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es  strahlt  nur  bis  zur  Mondensphare.  Weiter  geht  es  nicht.  Von 
da  aus  strahlt  es  wieder  zuruck,  so  daft  es  sozusagen  bei  der  Erde 
bleibt.  Man  sieht  die  Geheimnisse  sich  spiegeln  durch  die  Erde.  Sie 
bleiben,  weil  die  Mondensphare  driickt.  Gehen  wir  nach  der  agyp- 
tisch-chaldaischen  Periode:  Das  Wasser  (blau)  auf  der  Erde  spiegelt; 


dasjenige,  was  da  gespiegelt  wird,  geht  bis  zur  Saturnsphare.  Die 
driickt;  dadurch  ist  die  Moglichkeit  vorhanden,  dafi  der  Mensch  mit 
seinen  Schauungen  auf  der  Erde  zusammen  bleibt. 

Gehen  wir  in  die  griechisch-lateinische  Periode,  also  noch  bis  ins 
12. ,  13.  Jahrhundert,  so  waren  die  Schauungen  im  Astrallicht  durch 
die  Luft  eingetragen.  Das  geht  eigentlich  bis  zum  Ende  der  Welten- 
sphare,  dann  kehrt  es  um.  Es  ist  am  fluchtigsten,  es  ist  am  undichte- 
sten,  aber  es  ist  doch  noch  so,  daft  der  Mensch  vereinigt  bleibt  mit 
seinen  Schauungen.  Die  Eingeweihten  aller  dieser  Zeiten  konnten 
jederzeit  sich  sagen:  Dasjenige,  was  wir  als  Schauung  gehabt  haben 
durch  Erde,  Wasser,  Luft,  das  ist  da,  das  gibt  es.  -  Als  aber  jetzt  die 
neueste  Zeit  kam,  da  war  nur  das  Element  des  Warmeathers  noch  das 
Widerstehende.  Aber  das  Element  des  Warmeathers  tragt  alles  das, 
was  in  es  eingeschrieben  wird,  in  die  Weltenweiten  hinaus,  aus  dem 
Raume  hinaus  in  die  geistigen  Welten  hinein.  Es  ist  nicht  mehr  da. 

Und  es  ist  schon  so:  Wenn  Sie  den  allerpedantischsten  Professor 
heute  sehen,  der  Ideen  hat  -  Ideen  muft  er  allerdings  haben,  das 
miiftte  ja  immer  erst  untersucht  werden  im  einzelnen  Falle,  weil  er 
sie  sehr  selten  hat  -,  aber  wenn  er  Ideen  hat,  sind  sie  durch  den 
Warmeather  im  Astrallicht  eingetragen.  Aber  der  Warmeather  ist 
etwas  Fluchtiges,  Verfliefiendes.  Alles  geht  gleich  durcheinander. 
Die  Dinge  gehen  hinaus  in  die  Weltenweiten. 

Solch  eine  Personlichkeit  wie  Christian  Rosenkreutz  wuftte 
um  die  Tatsache,  daft  die  Eingeweihten  der  alten  Zeiten  mit  ihren 
Schauungen  zusammengelebt  haben,  daft  sie  sich  dasjenige,  was  sie 
geschaut  hatten,  dadurch  bekraftigt  haben,  daft  sie  wufiten:  Es  ist 
da,  es  reflektiert  sich  irgendwo  am  Himmel,  sei  es  in  der  Monden-, 
sei  es  in  der  Planetensphare,  sei  es  am  Weltenall-Ende.  Es  reflektiert 
sich.  -  Nun  reflektierte  sich  nichts.  Nichts  reflektierte  sich  fiir  das 
unmittelbare  wache  Anschauen.  Die  Leute  konnten  jetzt  Ideen 
finden  iiber  die  Natur,  das  Kopernikanische  Weltensystem  konnte 
entstehen,  alle  Ideen  konnten  gefunden  werden:  sie  verspriihen  im 
Warmeather  in  die  Weltenweiten  hinaus. 

Da  kam  es  denn,  daft  Christian  Rosenkreutz  auf  die  Eingebung 
eines  hbheren  Geistes  den  Weg  fand,  doch  nun  die  Riickstrahlung 


wahrzunehmen,  trotzdem  es  sich  handelte  um  Riickstrahlung  durch 
den  Warmeather.  Das  geschah  dadurch,  dafi  andere  dumpfe,  unter- 
bewufite,  schlafahnliche  Zustande  des  Bewufkseins  zu  Hilfe  ge- 
nommen  wurden,  Zustande,  in  denen  der  Mensch  auch  normaler- 
weise  aufier  seinem  Leibe  ist.  Da  konnte  man  wahrnehmen,  dafi 
zwar  nicht  im  Raume,  aber  doch  in  der  Welt,  in  der  geistigen  Welt 
das  eingeschrieben  ist,  was  mk  den  modernen  abstrakten  Ideen  iiber 
die  Dinge  erkundet  wird.  Und  so  stellte  sich  fur  die  Rosenkreuzerei 
das  Merkwiirdige  heraus,  dafi  wie  in  einem  Ubergangsstadium  diese 
Rosenkreuzer  sich  bekannt  machten  mit  allem,  was  iiber  die  Natur 
in  der  Zeitepoche  erforscht  werden  konnte.  Das  nahmen  sie  in  sich 
auf,  verarbeiteten  es  so,  wie  nur  ein  Mensch  es  verarbeiten  kann.  Sie 
hatten  wirklich  dasjenige,  was  die  anderen  nur  zur  Wissenschaft 
machten,  bis  zur  Weisheit  getrieben.  Dann  bewahrten  sie  es  in  ihrer 
Seele  und  versuchten,  in  einer  moglichsten  Reinheit  nach  intimen 
Meditationen  hiniiberzuschlafen.  Und  dann  geschah  es,  dafi  ihnen 
die  geistig-gottlichen  Welten  -  nicht  das  Weltenende,  aber  die 
geistig-gottlichen  Welten  -  zuriickbrachten  dasjenige,  was  in  ab- 
strakten Ideen  erfafit  wurde,  in  einer  geistig  konkreten  Sprache. 

In  Rosenkreuzerschulen  wurde  schon  das  Kopernikanische 
Weltensystem  gelehrt;  aber  in  besonderen  Bewufitseinszustanden 
kamen  die  Ideen  desselben  so  zuriick,  wie  ich  es  in  diesen  Tagen  hier 
erklart  habe.  So  dafi  in  der  Tat  gerade  von  den  Rosenkreuzern  ein- 
gesehen  wurde,  dafi  dasjenige,  was  man  zunachst  in  der  modernen 
Erkenntnis  erhalt,  erst  gewissermafien  den  Gottern  entgegengetra- 
gen  werden  mufi,  damit  sie  es  in  ihre  Spache  umsetzen  und  es  den 
Menschen  wiedergeben. 

Dafi  das  sein  kann,  ist  ja  bis  in  die  Gegenwart  geblieben.  Denn  es 
ist  so,  meine  lieben  Freunde:  Studieren  Sie  heute,  indem  Sie  von 
dem  hier  gemeinten  rosenkreuzerischen  Initiationsprinzip  beruhrt 
worden  sind,  den  Haeckelismus  mit  all  seinem  Materialismus,  stu- 
dieren Sie  ihn,  und  lassen  Sie  sich  durchdringen  von  dem,  was  Er- 
kenntnismethoden  sind  nach  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?»:  Was  Sie  in  Haeckeh  «Anthropogenie»  iiber  die 
menschlichen  Vorfahren  in  einer  Sie  vielleicht  abstofienden  Weise 


lernen,  lernen  Sie  es  in  dieser  abstoftenden  Weise,  lernen  Sie  alles 
dasjenige  dariiber,  was  man  durch  aufiere  Naturwissenschaft  lernen 
kann,  und  tragen  Sie  das  dann  den  Gottern  entgegen,  und  Sie  be- 
kommen  dasjenige,  was  in  meinem  Buche  «Geheimwissenschaft» 
iiber  die  Evolution  erzahlt  ist.  Das  ist,  sehen  Sie,  der  Zusammen- 
hang  zwischen  dem  schwachen,  matten  Wissen,  das  der  Mensch  mit 
seinem  physischen  Leibe  hier  erwerben  kann,  und  dem,  was  ihm  mit 
der  gehorigen  Gesinnung,  mit  der  gehorigen  Vorbereitung  durch 
dieses  Gelernte  die  Gotter  geben  konnen.  Aber  der  Mensch  mufi 
ihnen  dasjenige,  was  er  auf  der  Erde  lernen  kann,  entgegenbringen, 
denn  die  Zeken  sind  eben  andere  geworden. 

Noch  ein  anderes  ist  ja  eingetreten.  Heute  kann  ein  Mensch  so 
viel  er  will  streben:  so  aus  sich  heraus  schopfen,  wie  es  die  alten  Ein- 
geweihten  getan  haben,  kann  er  nicht  mehr.  Es  gibt  die  Seele  nicht 
in  derselben  Weise  noch  etwas  her,  wie  sie  es  hergegeben  hat  dem 
alten  Eingeweihten.  Das  wird  alles  unrein,  das  wird  alles  von  In- 
stinkten  durchdrungen,  wie  es  bei  den  spiritistischen  Medien  zutage 
tritt,  wie  es  auch  sonst  in  krankhaften,  pathologischen  Zustanden 
zutage  tritt.  Dasjenige,  was  nur  aus  dem  Innern  kommt,  das  wird 
alles  unrein,  denn  die  Zeit  fur  dieses  Aus-dem-Innern- Schopfen  ist 
voriiber.  Sie  war  schon  voriiber  mit  dem  12.,  13.  Jahrhundert,  denn 
es  ist  so,  dalS  man  das,  was  geschehen  ist,  annahernd  in  folgender 
Art  ausdrucken  kann. 

Die  Eingeweihten  der  urpersischen  Epoche  haben  ja  vieles  in  das 
Astrallicht  mit  Hilfe  des  Widerstandes  der  Erde  hineingeschrieben. 
So  war  denn,  als  der  erste  Eingeweihte  der  urpersischen  Epoche  auf- 
trat,  eigentlich  das  ganze  fur  die  Menschen  bestimmte  Astrallicht 
wie  eine  unbeschriebene  Tafel.  Wie  gesagt,  ich  werde  spater  noch 
sprechen  von  der  urindischen  Epoche,  aber  ich  will  heute  nur  bis 
zu  der  urpersischen  zuruckkehren.  Es  war  die  ganze  Natur,  alle  Ele- 
mente,  Festes,  Flussiges,  Luftformiges,  Warmeartiges  eine  unbe- 
schriebene Tafel.  Nun  schrieben  die  Eingeweihten  der  urpersischen 
Epoche  so  viel  auf  diese  Tafel,  als  man  schreiben  kann  durch  den 
Widerstand  der  Erde.  Da  waren  zunachst  die  von  den  Gottern  an  die 
Menschen  kommen  sollenden  Geheimnisse  in  das  Astrallicht  hinein- 


geschrieben.  Die  Tafel  war  bis  zu  einem  gewissen  Mafie  beschrieben, 
zu  einem  anderen  Mafie  noch  leer.  Es  konnten  die  Eingeweihten  der 
agyptisch-chaldaischen  Epoche  kommen  und  konnten  auf  ihre  Art 
weiterschreiben,  indem  sie  ihre  Schauungen  durch  den  Widerstand 
des  Wassers  erlangten.  Ein  anderer  Teil  der  Tafel  wurde  beschrieben. 

Es  kamen  die  griechischen  Eingeweihten.  Sie  beschrieben  den 
dritten  Teil  der  Tafel.  Nun  ist  die  Naturtafel  vollgeschrieben.  Sie 
war  mit  dem  13.,  14.  Jahrhundert  ganz  vollgeschrieben.  Man  fing 
an,  in  den  Warmeather  hineinzuschreiben.  Der  aber  verspriiht.  Man 
schrieb  eine  Zeitlang  in  den  Warmeather  hinein,  bis  ins  19.  Jahr- 
hundert herein.  Man  ahnte  gar  nkht,  dafi  das  auch  im  Astrallichte 
steht.  Aber  jetzt  ist  die  Zeit,  wo  die  Menschen  einsehen  mussen: 
Nicht  aus  sich  heraus  im  alten  Sinne  konnen  sie  die  Geheimnisse  der 
Welt  flnden,  sondern  dadurch,  dafi  sie  ihr  Gemiit  so  vorbereiten, 
dafi  sie  nun  das,  was  schon  ganz  vollgeschrieben  ist  auf  der  Tafel, 
nun  lesen  konnen.  Dazu  mufi  man  sich  heute  vorbereiten,  dazu 
mufi  man  sich  heute  reif  machen,  daft  man  nicht  aus  sich  heraus 
schopft  wie  die  alten  Eingeweihten,  sondern  dafi  man  im  Astral- 
lichte lesen  kann,  was  darinnen  steht.  Dann  wirkt  inspirierend 
gerade  dasjenige,  was  man  aus  dem  Warmeather  heraus  bekommt. 
Und  dann  wirkt  das,  was  man  aus  dem  Warmeather  bekommt, 
dadurch,  dafi  einem  die  Gotter  entgegenkommen  und  einem  in  der 
Realitat  entgegentragen,  was  man  sich  hier  auf  der  Erde  erarbeitet 
hat,  dann  wirkt  es  wiederum  zuriick  auf  dasjenige,  was  auf  der  ge- 
schriebenen  Tafel  steht  durch  Luft,  Wasser,  Erde. 

Und  so  ist  tatsachlich  heute  die  Naturwissenschaft  die  Grundlage 
fur  das  Schauen.  Lernt  man  erst  durch  Naturwissenschaft  die  Eigen- 
tumlichkeiten  von  Luft,  Wasser,  Erde  kennen  und  erlangt  man  die 
inneren  Fahigkeiten,  dann  stromt  heraus,  indem  man  schaut  in  das 
Luftige,  in  das  Wafirige,  indem  man  schaut  in  das  Erdige,  es  stromt 
heraus  das  Astrallicht.  Aber  es  stromt  nicht  heraus  wie  ein  unbe- 
stimmter  Nebel,  es  stromt  so  heraus,  dafi  man  die  Geheimnisse  des 
Weltendaseins  und  des  Menschenlebens  drinnen  lesen  kann.  Was 
lesen  wir  denn? 

Wir  lesen  heute  als  Menschheit  dasjenige,  was  wir  selber  hinein- 


geschrieben  haben.  Denn  was  heifit  denn  das:  die  alten  Griechen, 
die  alten  agyptisch-chaldaischen,  die  alten  persischen  Menschen 
haben  es  eingeschrieben?  Das  heifit  ja:  Wir  selber  haben  es  hinein- 
geschrieben  in  unseren  fruheren  Erdenleben. 

Sehen  Sie,  geradeso  wie  unser  Gedachtnis,  unser  inneres  Ge- 
dachtnis fur  die  gewohnlichen  Dinge,  die  wir  im  Erdenleben  er- 
fahren,  uns  bewahrend  ist,  so  ist  es  das  astralische  Licht  mit  dern, 
was  wir  hineingeschrieben  haben,  was  um  uns  herum  sich  ausbreitet, 
was  eine  beschriebene  Tafel  darstellt  mit  Bezug  auf  die  Geheim- 
nisse,  die  wir  selber  hineingeschrieben  haben.  Das  ist  zugleich  das- 
jenige,  was  wir  lesen  miissen,  wenn  wir  wiederum  auf  die  Geheim- 
nisse  kommen  wollen.  Es  ist  eine  Art  von  Evolutionsgedachtnis,  das 
da  auftreten  muli  in  der  Menschheit.  Und  es  mulS  allmahlich  ein 
Bewulksein  davon  entstehen,  daft  ein  solches  Evolutionsgedachtnis 
da  ist,  dafi  eigentlich  heute  die  Menschheit  in  bezug  auf  ihre 
fruheren  Kulturepochen  im  Astrallichte  so  lesen  mufi,  wie  wir  im 
spateren  Alter  in  unserer  Jugend  lesen  durch  unser  gewohnliches 
Gedachtnis.  Weil  dies  zum  Bewulksein  der  Menschen  kommen  soil, 
habe  ich  gerade  die  Vortrage,  die  ich  wahrend  der  Weihnachtszeit 
hier  gehalten  habe,  so  gehalten,  dafi  Sie  daran  sehen  konnten:  Es 
handelt  sich  wirklkh  darum,  Geheimnisse,  die  wir  heute  brauchen, 
aus  dem  Astrallichte  heraus  zu  holen.  -  Es  ist  also  die  alte  Einwei- 
hung  wesentlich  auf  das  Subjektive  
…[truncated]