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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE
Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der
menschlichen Geschichte
15 Vortrage, Dornach, vora 29. Juli bis 3. September 1916
Bibliographie-Nr. 170
Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vortrage, Dornach, vom 16. September bis 30. Oktober 1916
Bibliographie-Nr. 171
Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an
Goethes Leben
10 Vortrage, Dornach, vom 4. bis 27. November 1916
Bibliographie-Nr. 172
Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil
13 Vortrage, Dornach, vom 4. bis 31. Dezember, und in Basel am 21.
Dezember 1916
Bibliographie-Nr. 173
Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil
12 Vortrage, Dornach, vom 1. bis 30. Januar 1917
Bibliographie-Nr. 174
Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West
12 Vortrage, Miinchen, zwischen dem 13. September 1914 und 4. Mai
1918
Bibliographie-Nr. 174a
Band VII Die geistigen Hintergriinde des Ersten Weltkrieges
16 Vortrage, Stuttgart, zwischen dem 30. September 1914 und 21. Marz
1921.
Bibliographie-Nr. 174b
RUDOLF STEINER
Die geistigen Hintergriinde
des Ersten Weltkrieges
Kosmische und menschliche Geschichte
Siebenter Band
Sechzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
zwischen dem 30. September 1914 und dem 26. April 1918
und am 21. Marz 1921
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Helmut von Wartburg und Robert Friedenthal
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1974
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 383
Bibliographie-Nr. 174b
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-1742-0
Zu. den Veroffentlichungen
aus dem Vortragstverk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufierte sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Stuttgart, 30. September 1914 13
Die Gegenwart als Zeit der Priifung. Die Verbindung von Deutschland und
Osterreich und die unnatiirliche Verbindung von Frankreich und England mit
Rufiland. VerstiLndnis fiir die heutigen Volkerschicksale durch den Volkssee-
lenzyklus. Das Ringen der Seelenkrafte in den Mysteriendramen als Bild fiir
das Ringen der Volker. Sinnlosigkeit der Kriegsschuldfrage. Herman Grimm
iiber die Deutschen. Die Seele des ermordeten Erzherzogs. Umwandlung der
Angstkrafte in Mut und Begeisterung. Hilfe durch die Gefallenen fiir die
Kampfenden. Entwicklung der Liebefahigkeit durch Geisteswissenschaft. Der
Krieg als Lehrmeister der Spiritualitat. Zitat eines ins Feld Ziehenden. Hilfe
durch den Spruch «Geister eurer Seelen ... ». Friedenswille der Deutschen.
Ausspruch von Jagows. Zu Objektivitat gegeniiber dem Volksgeist verhilft
uns der Spruch «Du, meines Erdenraumes Geist!». Hoffnung fur die Zukunft.
Zweiter Vortrag, 1 3 . Februar 1915 30
Wahrheiten iiber die Auseinandersetzungen der Volker nicht allgemein giiltig,
dem Menschenverstand nicht fafibar. Die verschiedene Mission der Farbigen
und der Weiflen. Zukiinftige grofie Kampfe zwischen weifier und farbiger
Rasse. Die Eigenheit der germanischen Volker. Baldur und Christus. Die
slawische Kultur als Vorlaufer der sechsten Kulturepoche. Der Briefwechsel
Renan / Straufi. In Mitteleuropa die Moglichkeit, iiber das Nationale hinaus-
zukommen. In England Theosophie neben dem aufieren Geistesleben, in
Deutschland Anthroposophie im Zusammenhang mit dem iibrigen Geistesle-
ben. Worte von 1870 iiber die Tendenz Rufilands zum Vordringen nach We-
sten. Bedeutung der heutigen Gedanken und Empfindungen fur die Zukunft.
Dritter Vortrag, 14. Februar 1915 55
Die Verbindung des Menschen mit dem eigenen Volksgeist wahrend des Wa-
chens, mit alien anderen Volksgeistern im Schlafe. Die Uberwindung nationa-
ler Einseitigkeiten durch Geisteswissenschaft. Das Biindnis zwischen Frank-
reich und Rufiland als aufiere Maja, und der Gegensatz zwischen westlichen
und dstlichen Seelen im Geiste. Die Bedeutung dieses Gegensatzes fiir die
Arbeit des Michael fiir die Vorbereitung der Erscheinung des Christus in
Athergestalt. Die Aufgabe Mitteleuropas. Das Wirken des Christus in den
unbewufiten Seelenkraften. Konstantin, die Jungfrau von Orleans, Olaf Aste-
son und die 13 heiligen Nachte. Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis; ein
Beispiel dafur bei Ernst Mach. Der Unterschied von Bauch- und Kopfhellse-
hen. Erlebnisse der Seelen nach dem Tode. Theo Faifi und die Wirksamkeit
seines Atherleibes im Goetheanumbau. Die Forderung der Menschheitsziele
durch die Atherleiber der im Kriege Gefallenen.
Vierter Vortrag, 22. November 1915 79
Bedeutung der vielen Kriegstode. Sophie Stinde. Die Erinnerungsbilder der
Verstorbenen in unserem Astralleib und Ich, und das Aufleuchten dieser
Bilder wahrend des Schlafens. Das Leben in der geistigen Welt nach dem
Tode. Das Hereinwirken der Hierarchien in das Dasein der Verstorbenen. Die
Bedeutung unseres Totengedenkens fiir die Verstorbenen, vergleichbar unse-
rem Erleben hoher Kunstwerke.
Funfter Vortrag, 23 . November 1915 94
Seelenerlebnisse nach dem Tode. Die Wahrnehmung des Verlassenwerdens
von allem Irdischen. Das Lebenspanorama. Das Hinblicken auf das Todeser-
lebnis wahrend der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Der Eintritt in das
Kamaloka. Das Erleben der eigenen Taten in ihrer Wirkung auf andere, und
die Bildung des Karmas. Das Wesen des Traumlebens. Die Beziehung unseres
Schlafbewufitseins zum Leben im Kamaloka. Die Wirkung der Atherleiber
der zu friih Gestorbenen.
Sechster Vortrag, 24. November 1915 113
Ein Bild fur das Wirken der kosmischen Krafte im Leben der Pflanze. Die
Bewahrung der Sonnenkraft im Samen wahrend des Winters. Die Erlangung
der rechten Stimmung fur die geisteswissenschaftliche Forschung. Die Ratsel-
haftigkeit des Todes. Das Wirken Friihverstorbener in der geistigen Welt
vergleichbar dem Wirken der Idealisten in der physischen Welt. Notwendig-
keit der Demut gegeniiber der Grofie der Weltratsel. Eine Entdeckung des
Moritz Benedikt uber die physiologische Veranlagung zum Verbrechertum.
Die Moglichkeit der Verwandlung solcher Anlagen durch die geisteswissen-
schaftliche Arbeit. Die Bedeutung dieser Moglichkeit fur die Entwicklung
zum Jupiter-Dasein.
Siebenter Vortrag, 12. Marz 1916 138
Die Verleumdung der Anthroposophie durch Annie Besant. Wesensziige des
russischen Volkes. Verwendung dieser Eigenschaften zu machtpolitischen
Zwecken. Notwendigkeit der Aufnahme mitteleuropaischer Impulse durch
das russische Volk. Der Gegensatz zwischen dem deutschen und dem englischen
Wesen. Das Hervorgehen des mitteleuropaischen Okkultismus aus dem
Geistesstreben des deutschen Volkstums. Die Ziele der angelsachsischen
Okkultisten. Die verborgenen Hintergriinde der Entwicklung von H. P.
Blavatsky. Umtriebe des franzosischen Okkultismus im Zusammenhang mit
dem Ausbruch des Weltkriegs.
Achter Vortrag, 15. Marz 1916 160
Der Zusammenhang des Gedankenlebens mit dem Atherleib. Unsere Gedanken
als Arbeitsmaterial fiir die Wesenheiten der dritten Hierarchic Das Verwan-
deln dieser Gedanken in Athergewebe nach dem Tode. Das Innere wird Au-
fieres, das Aufiere wird Inneres. Das Arbeiten der hoheren Hierarchien im
Vorbereiten unserer kommenden Inkarnation. Ein Bild von Meister Bertram
als Beweis fur das geistige Wissen friiherer Zeiten. Die Schadlichkeit unklarer
pazifistischer Bestrebungen. Das Verkennen von Karl Christian Planck als
Zeichen fur den Ungeist unserer Zeit. Der Materialismus Ernst Haeckels und
die geistige Weltauffassung seines Lehrers Ernst von Baer. Treibereien der
Freimaurerorden und des Panslawismus. Die Bedeutung geistgemafier Ge-
danken fur die Menschheitsentwicklung. Ein fur die materialistische Gesinnung
charakteristischer Ausspruch von Lamettrie.
Neunter Vortrag, 1 1 . Mai 1 91 7 183
Anthroposophie als Bedurfnis der gegenwartigen Menschheit. Die Erziehung
zu selbstandiger Urteilskraft durch Geisteswissenschaft. Das Mifiverstehen
dieser Tatsache. Nicht wirklichkeitsgemafies Denken als Charakteristikum
unserer Gegenwart. Eine Argumentation des Mathematikers Leo Konigsberger
als Beispiel. Der Mangel an sachlicher Auseinandersetzung mit der Anthro-
posophie, und das Hiniiberspielen dieser Auseinandersetzung ins Personliche.
Einige Beispiele fiir die Bekampfung und die Ausniitzung der Anthroposophie
aus personlichen Motiven: Erich Bamler, Max Seiling, Max Heindl. Zwei
notwendig gewordene Mafinahmen.
Zehnter Vortrag, 13. Mai 1917 210
Der Materialismus als notwendige Phase der Menschheitsentwicklung. Die
Schwierigkeit, in unserer Zeit zu geistigen Erkenntnissen zu kommen. Beispiele
dafiir in Ausspriichen von Ernest Renan, Richard Wahle und Maurice Barres.
Das Gesetz vom Jiingerwerden der Menschheit. Das Stehenbleiben heutiger
Menschen auf dem Standpunkt des Siebenundzwanzigjahrigen. W. Wilson als
Beispiel dafur. Die Notwendigkeit der Uberwindung dieses Standpunktes
durch spirituelle Impulse. Die Verbundenheit mit den Wesen hoherer Hier-
archien als naturliche Fahigkeit fruherer Epochen. Ein Wortlaut dazu bei
Plato. Ein Buch von Kjellen als Beispiel fur wirklichkeitsfremdes Denken. Ein
anthroposophischer Zukunftsimpuls: Die Zeitschrift «Das Reich» von A. von
Bernus. Seine Verkennung durch einzelne Mitglieder. Die beiden Mafinahmen.
Elfter Vortrag, 15. Mai 1917 233
Zahlenmafiige Ubereinstimmung in den Rhythmen des Makrokosmos, des
menschlichen Lebens und des Atems. Wahrnehmung des "Weltgeistes als to-
nende Lichtgestalt in der indischen, als Licht und Dunkelheit in der persischen,
als inneres Seelenerlebnis in der agyptischen Kulturepoche. In der griechischen
Epoche: Empfindung fur das Zusammengehoren von Leib und Seele. Ein
Ausspruch des Aristoteles tiber das Leben der Seele nach dem Tode, vermittelt
durch Franz Brentano. Das Erzwingen der Einweihung durch die romischen
Casaren und die Auswirkung dieses Geschehens in der Geschichte: Caligula,
Nero und Commodus. Die Neigung unserer Zeit zu abstrakten Idealen, und
die Notwendigkeit, zu wirklichkeitsgemafien Vorstellungen zu kommen. Ein
Beispiel; Die Ideen von Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit als Abstrak-
tionen, und ihre Konkretisierung durch Geisteswissenschaft. Die Abschaffung
des Geistes durch das Konzil von Konstantinopel und ihre Auswirkung in der
heutigen materialistischen Wissenschaft. Die Feindschaft ehemaliger Schuler
gegen die Anthroposophie. Annie Besant, Edouard Schure.
Zwolfter Vortrag, 23. Februar 1918 259
Vorstellen, Fiihlen und Wollen als Wach-, Traum- und Schlafzustand. F. Th.
Vischers Abhandlung uber die «Traumphantasie». Der Ursprung unserer
Gefuhls- und Willensimpulse in dem Reich der Toten. Bedingungen fur den
Verkehr mit den Seelen Verstorbener. Die Bedeutung der Momente des Ein-
schlafens und des Aufwachens fur diesen Verkehr. Unsere Traume von Toten.
Die Mitwirkung der Toten im geschichtlichen Werden. Die Wirklichkeits-
fremdheit der gewohnlichen Geschichtsbetrachtung. Eine Stelle aus der An-
trittsrede Friedrich Schillers als Beispiel. Der Unterschied unserer Beziehung
zu den Seelen jung verstorbener und zu im Alter verstorbener Menschen. Die
Notwendigkeit tiefgreifenden Uradenkens. Die Abkehr Gustave Herves vom
Kosmopolitismus als Beispiel oberflachlichen Umdenkens. Die Ansicht der
Orientalen iiber Mitteleuropa, der Amerikaner iiber das ganze mitteleuro-
paische Leben. Besinnung auf die Aufgabe der Geisteswissenschaft.
Dreizehnter Vortrag, 24. Februar 1918 283
Die Hindeutung auf die sozialen Probleme unserer Zeit in friiheren Vortra-
gen. Die Spiritualitat der modernen naturwissenschaftlichen Begriffe und ihre
rein materialistische Anwendung. Der Sturz der ahrimanischen Geister im
Jahre 1879. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit 1841 und seine Auswir-
kungen bis 1917. Die Notwendigkeit der Einbeziehung kosmischer Wirkens-
krafte in die Naturbetrachtung. Die schnellere Entwicklung des Kopfes und
die langsamere des iibrigen Organismus. Die Bedeutung dieser Tatsache fur
die Padagogik. Die sozialdemokratische Weltanschauung als Ausdruck rein
maschinellen Denkens. Die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie von
Theodor Ziehen und ihre konsequente Ubertragung in das soziale Leben
durch Lenin und Trotzkij. Biicher iiber Jesus als Psychopathen und das Buch
von Alexander Moszkowski iiber Sokrates als Idiot. Friiher Hinweis auf die
Wirklichkeitsfremdheit der Schulweisheit von Woodrow Wilson. Bestatigung
der Geisteswissenschaft durch das Leben.
VlERZEHNTER VORTRAG, 23. April 1918 310
Die Bedeutung der halbbewuflten und unbewufiten Erlebnisse fur das Traum-
leben und fur das Leben nach dem Tode. Das Leben in Imaginationen, In-
spirationen und Intuitionen wahrend des Daseins zwischen Tod und neuer
Geburt. Der Nachahmungstrieb der Kleinkinder als Nachwirkung des vor-
geburtlichen Lebens. Das Leugnen der Praexistenz durch die Kirche und
durch die heutige Philosophic Die Verdammung des Origenes. Die Gedanken
iiber Geistiges als Seelen-Nahrung fur das Leben nach dem Tode. Das ausge-
zeichnete Buch von Oscar Hertwig zur Widerlegung der darwinschen Zufalls-
theorie. Eduard von Hartmanns geistiger Kampf gegen den Darwinismus. Das
Ungeniigende von O. Hertwigs Buch iiber das soziale Leben. Luziferische
und ahrimanische Impulse in unserem Geistesleben: Das Titel- und Ordens-
wesen und die Begabtenpriifungen. Eine Buch-Kritik Fritz Mauthners als
Beispiel fur den mangelnden Wirklichkeitssinn unserer Zeit. Die Erziehung
zum selbstandigen Urteilen durch die Geisteswissenschaft.
Funfzehnter Vortrag, 26. April 1918 332
Die Schwierigkeit, sinnenfallige Wirklichkeiten als Schopfungen des Geistes
zu verstehen. Ein konkretes Beispiel dafur: Das Mitmachen der leiblichen
Entwicklung durch das Seelisch-Geistige bis in die Fiinfziger Jahre wahrend
der alt-indischen Epoche, und das immer friihere Aufhoren dieses Mitmachens
in den folgenden Epochen. Die heutige Situation: Nur bis zum Ende der
Zwanziger Jahre gibt die natiirliche Entwicklung Impulse fur das geistige
Leben. Die Notwendigkeit, durch eigene Anstrengung geistige Erkenntnisse
aus der absteigenden Entwicklung des Leiblichen zu gewinnen. Die Erzie-
hung zum «erwartungsvollen Leben». Das Versaumen der Pflege eines geisti-
gen Lebens im Alter, und das Zerstauben des Geistes als Folge davon. Bildhaf-
ter Unterricht, eine Forderung vinserer Zeit. Ein Beispiel dafiir: das lebendige
Erfassen des Unterschieds zwischen Tier und Mensch. Goethe als Fiihrer zu
einem lebendigen Anschauen der Natur. Die Bedeutung solcher Geistes-
schulung fur die Weiterentwicklung der Seelen nach dem Tode und fiir das
Hereinwirken der Verstorbenen in das Erdenleben. Eine Frage des Theologen
Loisy zur gegenwartigen Weltlage.
Sechzehnter Vortrag, 2 1 . Marz 1 92 1 354
Behandlung der Kriegs-Schuldfrage notwendig (Meinung von Aufienminister
Simons). Die Entente halt diese Frage fiir entschieden. Eine Bemerkung dazu
von Lloyd George. Zwei Leitsatze fuhrender Persdnlichkeiten der angesach-
sischen Politik: 1 . Die Zukunft mufi zur Weltherrschaft der angelsachsischen
Rasse fiihren. 2. Die Unmoglichkeit des Marxismus mufi in Rufiland auspro-
biert werden. Die Balkan-Politik Englands unter diesen Gesichtspunkten.
Unpraktischer Sinn der «Praktiker». Die unmoglichen politischen und wirt-
schaftlichen Verhaltnisse in Osterreich vor dem Weltkrieg. Die unbemerkte
Tendenz der Zeitprobleme zu einer Losung durch die Dreigliederungs-Idee.
Die Verhaltnisse in Berlin vor dem Ausbruch des Weltkriegs. Die einsame
Entscheidung General von Moltkes unter dem Zwang dieser Verhaltnisse. Die
1919 geplante Veroffentlichung von Moltkes «Erinnerungen», und die Ver-
hinderung derselben durch einen deutschen General. Von den Versuchen,
durch die Idee der Dreigliederung einen Ausweg aus den katastrophalen Ver-
haltnissen zu finden, und von der Schwierigkeit, dafiir Verstandnis zu finden.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 383
Hinweise zum Text 384
Namenregister 398
Rudof Steiner liber die Vortragsnachschriften 401
Ubersicht xiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 403
Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege be-
troffenen Landern Worte gesprochen, die der im Felde
Stehenden sowie der durch die Pforte des Todes Ge-
gangenen gedachten. Sie lauteten:
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer,
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen-
wart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen.
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und fur diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte
des Todes gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen.
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und der Geist, den wir suchen durch unsere erstrebte Erkenntnis, der
Geist, der dem Erdenleben Sinn, Bedeutung, Inhalt gibt, der Geist,
der aus gottlichen Sonnenhohen durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
Bei anderen Gelegenheiten lauteten die Worte folgender-
mafien:
Wir wenden uns wiederum zuerst an die schiitzenden Geister der durch
so schwere Verhaltnisse draufien im Felde Stehenden:
Die Ihr wachet iiber Erdenseelen,
Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr iiber Menschenseelen schiitzend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt:
Horet unsere Bitte, schauet unsere Liebe,
Die mit Euren helfenden Kraftestrahlen sich
Einen mochten, Geist ergeben, Liebe sendend.
Und zu den schiitzenden Geistern derjenigen, die infolge dieser Ereig-
nisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:
Die Ihr wachet iiber Spharenseelen,
Die Ihr webet an den Spharenseelen,
Geister, die Ihr iiber Seelenmenschen schiitzend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt:
Horet unsere Bitte, schauet unsere Liebe,
Die mit Euren helfenden Kraftestromen sich
Einen mochten, Geist erahnend, Liebe strahlend.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistwis-
senschaft, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit
und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, er
sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 30. September 1914"*
Was wir im Grande genommen ja schon lange voraussehen konnten,
schnell ist es durch allerlei Ereignisse, die sich in der letzten Zeit ab-
gespielt haben, iiber die Welt hereingebrochen. Zeugen ernster Ereig-
nisse sind wir dadurch geworden, deren tiefe Bedeutung in vollem
Umfange erst eine spatere Zeit wird wirklich ermessen konnen. Und
vieles, ich mochte sagen, auch nur von Aufierlichkeiten desjenigen, was
diesen ernsten Ereignissen zugrunde liegt, entzieht sich heute durchaus
der Betrachtung. Fiir uns aber, meine lieben Freunde, sei vor alien
Dingen ein Wort bedeutsam in dieser ernsten Zeit, das ich etwa in fol-
gender Weise aussprechen will: Wir haben durch Jahre hindurch ver-
sucht, in uns die geistige Erkenntnis zu vertiefen, wir haben versucht,
das Wissen, Fiihlen und Empf inden von den geistigen Welten zu unserer
Sache zu machen, und auch alles dasjenige, was mit diesem Wissen, Fiih-
len und Empfinden zusammenhangt. Jetzt aber stehen wir tatsachlich
davor, in einem gewissen Sinne eine Priifung ablegen zu mussen, ob wir
imstande sind, auch unter dem Eindruck all des Schweren, das jetzt ge-
schieht, festzuhalten an den grofien Idealen, die uns vorgezeichnet sind
durch das Wissen und Fiihlen der geistigen Welt. Da, wo in unseren
Zweigen Freunde zusammensitzen, die zum grofiten Teil ein gemein-
sames Fiihlen vereint, da ist es ja gewifi leichter, festzuhalten an dem,
was Geisteswissenschaft der Menschheit bringen soli, aber wir mussen
immer und iiberall die grofien Ideale, die schon in unserem ersten
Grundsatz ausgesprochen sind, nicht aus dem Auge lassen. Wir sind ja
nicht eine Gesellschaft, die ihre Ausbreitung innerhalb homogener Vol-
kermassen hat, wir suchen vielmehr den versohnenden Geist iiber die
ganze Erde hin zu verbreiten. Damit hangt es zusammen, dafi wir
einer gewissen Priifung unterzogen werden, denn wahrhaftig schwie-
* Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht ais
durchwegs zuverlassig betrachtet werden. Manches deutet auf eine liickenhafte,
wenn nicht sogar fehlerhafte Uberlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei
auf die Hinweise am Schlufi des Bandes verwiesen.
rig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn fur Objektivitat
gegeniiber dem Hochsten, namlich gegeniiber der Gerechtigkeit, voll
zu entwickeln.
Gerade aus den Griinden, die aus meinen heutigen Worten hervor-
gehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner,
hat es vor allem das deutsche Volk gegenwartig leichter als andere,
objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht blofi
den unmittelbaren Empfindungen zu iiberlassen, sondern als ernste An-
throposophen miissen wir versuchen, mit Verstandnis in die Sprache
einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne fuhren
mufi.
Nicht weil ich es als etwas Personliches vorbringen will, sondern
weil die Sache fiir mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwah-
nen: Der erste Band meines Buches «Die Ratsel der Philosophie» ist
vielleicht in den Handen mancher von Euch. Der zweite Band war in
der zweiten Halfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zei-
len schlofi er ab. Die Stelle war gerade fiir mich das Merkwurdige,
Symptomatische. Ich hatte die beiden franzosischen Philosophen Bou-
troux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so
objektiv als moglich zu tun. Dann hatte ich den Obergang zu machen
zu Pre ujl, einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem
ich die franzosische Philosophic der Gegenwart dargestellt hatte, iiber-
zugehen zu dem, was diesseks des Rheins, was in Deutschland an Ge-
danken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein
brach der Krieg aus. Oft mufite ich mir die leeren Felder des dreizehn-
ten Bogens anschauen.
Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins.
Sie sind Ihnen ja hinlanglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man
von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehassigsten Be-
schuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf . Man mochte sagen,
es war betriibend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete
Vertreter des franzosischen Geisteslebens wiihlten Hafi und Leiden-
schaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Personliche
als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche iiber
die Entwickelungsgeschichte der Philosophic die franzosische Philo-
sophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemuhte, ihr voll ge-
recht zu werden, da konnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung er-
fiillen, wenn sie erleben mufi, wahrend sie mit aller Kraft versucht, mit
der grofitmoglichen Objektivitat sich hineinzuleben in die Philosophic
des Westens, dafi diese dann ungeachtet aller Tatsachen uber die «barba-
rische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war urn so bitterer, als einer
der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice
Maeterlinck war.
Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und
das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt,
fufit ganz auf Novalis, ist ganz geschopft aus Novalis, und Maurice
Maeterlinck ware nichts ohne Novalis. Alle seine spateren Werke ent-
sprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschopften Fundament.
Das wirft auch em Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Ge-
rechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genugend, die
Stimmen zu horen, die da und dort unter dem Eindruck der Leiden-
schaft gesprochen werden, sondern notig ist, dafi wir uns die Tatsachen
vergegenwartigen. Lafit man diese sprechen, so fiihrt es zur Objektivi-
tat. Und solche Objektivitat ist nicht einerlei mit einem Gleichgultig-
sein gegeniiber diesen Beziehungen.
Grofies geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine kiinftige
Zeit wird notig haben, fur das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne
dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse
vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drangt sich
zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefiigte
Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen.
Wie einstmals, in der vollen Bliite der griechisch-lateinischen Kul-
tur, die Romer die Punischen Kriege gegen Karthago auskampfen
mufiten, wie damals die denkwiirdige Schlacht bei Myla entschied
iiber das Geschick der Romer, die ihre aufbluhende griechisch-ro-
mische Kultur zu erhalten hatten gegeniiber einem Uberfluten unter-
gehender Krafte von seiten des zwar aufierlich noch starken Reiches
der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwartigen
Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das
an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand da-
mals zwischen den Romern und den Karthagern eine merkwiirdige
Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegen-
iiber Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die
Romer auf die ungewohnliche Idee, Enterbriicken herzustellen, die von
Schiff zu Schiff fiihrten und gewissermafien die Seeschlacht in eine
Landschlacht umwandelten, so dafi die Romer auf dem ihnen vertrau-
ten Boden einen grofien Sieg errangen. Wie nun damals etwas Uner-
hortes fiir jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Men-
schen denken konnen, in Liittich abgespielt, was eine gewisse Bezie-
hung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem kiinftige Zei-
ten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwahne diese
Dinge nur, weil ich aufmerksam machen mochte auf das Bedeutsame
der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen.
Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen
im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es mochte
einem das Herz zerreifien, wenn man bedenkt, was sich gegeniiber-
steht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusa-
gen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen stent, auf etwas
anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtig-
keit ist, gedacht zu werden.
Ich darf iiber diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil
ich gewissermafien durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren
bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, dafi es so viel bei-
getragen habe zu dem Volkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich,
dafi ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich
hatte keine Gelegenheit, die eigentiimlichen Gefiihle des Zusammen-
hangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Aufter-
dem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Osterreich selbst den
Deutschenhafi kennenlernte, wo Deutsch-O'sterreich noch stand unter
dem Eindruck der Siege Preufiens, wo auch die Deutschen in Oster-
reich die Reichsdeutschen hafiten. Eine Voreingenommenheit fiir
Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimat-
losigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt
mich, objektiv zu sprechen, voll Bewufitsein, dafi gerade da die anthro-
posophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann.
Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Des-
halb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zu-
letzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg,
der zusammenhangt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unaus-
loschlich ist fiir alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen wor-
den. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des
Krieges. Dieser Sieg lafk sich in folgender Weise charakterisieren:
War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir
reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt.
Ober dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres iiber
das Verhaltnis dieses Volkes zu der Volkerentwickelung erfahren
will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen
im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologies
Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Tri-
folium, das gegenwartig dort an der Spitze gegen deutsches Geistes-
tum stent: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe
erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Faden, die von
Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis
zu seinem letzten Blatt.
Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklarung dieser
Faden zwischen Deutschlands und Osterreichs Leitung und dem Zaris-
mus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein grofier Sieg . . . [Das Fol-
gende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, dafi das Geschehen,
welches sich damals zwischen der europaischen Mitte, den Westmach-
ten und Rufiland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung auf-
rufe. Vgl. auch die Fufinote auf Seite 13.]
Darin liegen bedeutsame Ziige der Weltgeschichte. Man braucht
sich nicht die Augen zu verschliefien fiir die Unnatur des Bundes zwi-
schen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man
auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit stent. Versuchen wir
nur, das weiter zu iiben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Gei-
steswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns auf-
gedrungen ist, gelernt haben.
Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indi-
scher Gelehrter, der iiber die Art, wie Frau Besant nach Toleranz
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schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen,
dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe:
Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! - Es zeugt von wenig Den-
ken, wenn man nicht einsieht, dafi es eine Absurditat ist, zu ver-
langen, dafi der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich
zu wehren.
Ich habe es die letzten Wochen oft horen mussen, dafi gesagt wurde:
Wenn Osterreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hatte, so ware
das «tolerant» gewesen. - Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem
die Hand abgehauen werden soil: Sei tolerant! - Wir haben mancher-
lei Moglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum
abspielt, Objektivitat zu gewinnen; aber dazu mussen wir richtig den-
ken konnen. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie.
Es gibt jenen Zyklus liber die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in
ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen konnten, dann
ware alle unsere damalige Beschaftigung mit diesem Zyklus ein theo-
retisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut iiber-
gegangen, wenn wir sie durchzufuhlen wissen, wo es sich darum han-
delt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt notig ist. Im vorletzten
Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, dafi sich die verschie-
denen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde
der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das
Zusammenspiel der drei Seelenkrafte. Der Inhalt der Rede, die Worte,
die jede der drei Personlichkeiten dort spricht, mussen genau so ge-
sprochen sein, wie sie sind, da jede der Personlichkeiten eines der drei
Seelenglieder des Menschen darstellt.
Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hinge-
wiesen darauf, wie sich, wenn wir die Volker Italiens, Spaniens neh-
men, fur unsere Zeit Nachklange des dritten nachatlantischen Zeit-
alters zeigen: der Volkscharakter ist ausgepragt als Empfindungsseele.
Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewufitseins-
seele, und in Europas Mitte ist es das Ich.
Wissen wir nicht, dafi es Kampfe in der eigenen Seele geben kann,
dafi die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen konnen?
Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Priifung der
Seele». Wir konnen ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit
abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns
wirken lassen. Und wir miissen versuchen, dieses Bild so in unserer
Seele zur Klarheit zu bringen, dafi wir wissen, wie wir in Europas
Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den
Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grund-
lagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schick-
sal die Welt erfullt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem,
was jetzt vorgeht, erklarlich werden, wenn wir alles das in Betracht
ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann
erst werden wir die notige Objektivitat erlangen.
Es ist in alien Kriegen vorgekommen, dafi der eine dem anderen
die Schuld gibt. Fur uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht,
so zu denken; fur uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich
will ich es klarmachen.
Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben
vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Ware es da gescheit, wenn der
Greis dem Kinde grollen wiirde und sagte: Du Kind in deiner jugend-
lichen Kraft, du bist schuld, dafi ich die Gebrechen des Alters trage! -
Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vor-
geworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir miissen uns klar-
machen: Das, was geschieht, ist im Karma der Volker begriindet. Auch
im Leben der Volker gibt es Jugend und Alter; und wie im mensch-
lichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, dafi
das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch toricht, im Leben
der Volker soichen Vorwurf zu erheben.
Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir
miissen hinblicken auf das Tatsachliche, auf das Objektive. Die tie-
feren Grundlagen der gegenwartigen Ereignisse entziehen sich heute
noch der Besprechung - abgesehen davon, dafi eine solche heute bei
manchem boses Blut machen wiirde -, aber in einer anderen Weise kann
ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt.
Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Euro-
pas Ich. - Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich mochte einen
Mann anruf en, der nicht Theosoph war - er lebte im deutschen Geiste
urn zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte.
Ich weifi, dafi dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist.
Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in
seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solida-
ritat der sittlichen Oberzeugungen aller Menschen ist heute die uns
alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach
einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ern-
sten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung
der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fiihlen, dafi der
ethischen Weltanschauung gegenuber kein nationaler Unterschied
walte. Wir alle wiirden fur unser Vaterland uns opfern; den Augen-
blick aber herbeizusehnen oder herbeizufuhren, wo dies durch den
Krieg geschehen konne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dafi
Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Luge. <Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen> durchdringt uns.»
Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische
Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Moglichkeit her-
beifiihren, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere
Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalitat anerkennen sich
als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu diirfen, sie als ein Ungltick
erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistig-
keiten anzupassen suchen. Mit angstlichem Bestreben suchen sie hier
ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustel-
len, deren Anerkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deut-
schen selber fordern!»
Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie
von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie
der Menschengeist in seinen besten, hochsten Personlichkeiten voll tief-
ster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will,
aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit angstlichem
Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen.
Dann noch eine merkwiirdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie
sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen Deutschland,
den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren An-
erkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deutschen selber
fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als
eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht be-
merken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt?
Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms mochte ich Ihnen
vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfiillung findet in
dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten,
allesamt als Einheit gefafit, erfiillt ein allverstandliches Feingefuhl,
das selbst die rohesten Volker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu
tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geisti-
gen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde
menschliche Geschopfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Da-
mit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den
ersten Grundsatz unserer Gesellschaft.
Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den
Ruf, den der deutsche Geist ertonen liefi in den Stimmen der Besten
seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach
Spiritualitat. Eine Beleuchtung erfahrt dadurch auch die Tatsache,
dafi der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bishe-
rigen Lebenssitten anpafit den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige
Kultur, wohl aber seine Nationalist hingebend.
Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet,
uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschlie-
fien vor dem, was wirklich beachtet werden mufi.
Auch fur den Okkultisten gab es Uberraschungen in der letzten
Zeit; und ich darf sagen, wahrend meines Kursus in Norrkoping konnte
oder mufite ich ein Wort sprechen, das auf solcher Oberraschung be-
ruht hat. Es ist wahr: Dafi diese Ereignisse eintreten mu&ten, konnte
man seit Jahren voraussehen, auch dafi sie schicksalsgemafi in diesem
Jahre kommen mufiten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als
dafi wir uns zum Munchner Zyklus versammeln wiirden, und dann,
wenn wir auseinandergehen wiirden - so konnte man erwarten -, dann
wiirden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegeniiberstehen. Da kam
das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die
Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane,
wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Ober-
raschung, als ich vergleichen konnte die Individualist, die durch die-
ses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges
ist da geschehen: Diese Personlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft ge-
worden. Ich erwahne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die
Dinge auf dem physischen Plan Symbolum fur Geistiges sind, und wie,
genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklart
werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von
Ihnen wissen von meinem friiheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreck-
liche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht nie-
dersenken auf den physischen Plan, weil astralische Krafte auf dem
physischen Plan versammelt waren, Furchtkrafte, die ihm hindernd
entgegenwirkten. - Es war am 20. Juli, als ich wufite, dafi die Furcht-
krafte nun Krafte des Mutes, der Kuhnheit wurden. Eine unbeschreib-
lich grofiartige Tatsache: Die Krafte der Furcht wurden zu Kraften
des Mutes. Da war es nicht mehr unerklarlich, was auf dem physischen
Plan als ein so einzigartiges Phanomen sich abspielte: jener Enthusias-
mus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir be-
kannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war.
Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in
einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft fried-
liebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich iiber sie ergofi.
Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betriibnis horte, welche
ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Ta-
gen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele,
als ich gewahr wurde, welche Bluten deutscher Seelen hingeopfert wer-
den mufiten auf dem Feld. Ich mufite dem Schmerze nachhangen, und
der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In
Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange
Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Bliite der Fiihrer
der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann?
Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach
dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu
kampfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die
Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein
Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen mufi das, was Geisteswis-
senschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmoglich
erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann.
Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu ge-
ben, sie kann auch da noch Trost gewahren. Ich weifi, es wird Seelen
geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schopfen werden aus solcher
Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse.
Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, dafi Geistes-
wesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen
Welt ist es vorgeschrieben, dafi bis zu einem gewissen Zeitpunkt anna-
hernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre
1950 oder 1970 sei es fiir die Menschheit der Erde bestimmt, ein ge-
wisses Mafi von Liebefahigkeit zur Bekampfung des Egoismus zu er-
reichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefahigkeit
erzeugen. Sie tut es ahnlich, wie das Holz im Ofen Warme erzeugt. Sie
kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Stro-
mung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die grofien Lehren der
Anthroposophie. Aber wenn nicht gentigend ware das Entgegenkom-
men der menschlichen Seelen gegenuber dem Worte, wenn die Dinge
zu langsam vor sich gehen wiirden, so dafi bis zu dem Zeitpunkt, der
vorgeschrieben ist, die Liebefahigkeit und Aufopferung nicht genii-
gend entfaltet ware, dann mufi ein anderer Lehrmeister eintreten.
In Dornach ist es symbolisch vorgefuhrt worden. Eigentlich war
die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts
geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, dafi der ganze Bau
bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend
iiberragenden Anhohe von Osten und Sudosten als Wahrzeichen des
Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Sau-
len mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soil auch die
Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelost werden.
Ich konnte mich iiberzeugen, dafi die rechte Akustik gefunden ist. Der
Klang, wie er von einem gewissen Punkte her gepruft wurde, ergab,
dafi die Akustik die richtige fiir den Bau sei. Aber in diese Akustik hin-
ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben
horen, sondern zuerst horten sie den Widerhall des Kanonendonners
vom Siiden des Elsafi, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt
zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in
den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentiimliche Symbolik!
Eine Symbolik, die vielleicht doch angefuhrt werden darf . Ein anderer
Lehrmeister ist manchmal notig!
War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem
Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer
Woche vollzogen! Welche Summe von Bekampfung des Egoismus!
Welche Summe von Aufopferungsfahigkeit, von Menschenliebe ist da
entstanden!
Als ich kiirzlich von Wien zuriickfuhr, spielte mir Karma eine Zei-
tung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem dsterreichi-
schen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie wahrend
der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von alien Seiten Liebes-
dienste erwiesen werden, und am Schlufi kommt ein Passus - der Krie-
ger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten -,
da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut
und mit all dem, was wir haben, fur die gerechte Sache einzustehn;
aber auch die, die zu Hause bleiben, konnen wirken. - Dann kommen
die grofien Worte, er sagt: « Wen Gott erhort, der bete - wer nicht beten
kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskrafte zu dem in-
briinstigen Wunsche nach dem Siege . . .», und er tragt so das Seine bei! -
Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So
lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit
gepflegt haben. Mag das nachste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines
wird das Ereignis zeitigen: Spiritualitat in der menschlichen Seele, die
solche sonst noch lange nicht gefunden haben wiirde.
Grofi sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit grofien
Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch iibereinanderlegen.
So wie der Kampf der Romer gegen die Punier, wie die Kriege der Vol-
kerwanderung wichtig und eingreifend waren fur die werdende Kul-
tur der Volker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen
Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines
in Euer Empfinden hineinleben konnen: da& diejenigen, die heute im
Felde, in der Schlacht ihr Blut vergiefien, dieses Blut als Opfer brin-
gen fiir etwas, was geschehen raufi. Geschehen mufi es zum Heile der
Menschheit. Und wenn wir auf die grofien Opfer schauen, auf die
Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen,
so doch innerlich mit grofier Befriedigung erfiillen: dafi heiliges Blut
fliefit, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben,
werden die wichtigsten Mitglieder werden fiir zukunftige Zeiten. Vie-
les wird uns verstandlich werden, wenn wir uns entschlieflen konnen,
in dem fliefienden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir un-
sere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist
Fruchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfiillen kann sich gerade in
den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener
einfache Soldat gesagt hat.
Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Oberzeu-
gung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustonen; und das
ist notig, wenn die Formel, die wir unseren Ausfiihrungen voransetz-
ten, wirken soil. Unter den Kampfern gibt es schon solche, die in dem
rechten Glauben dienen.
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Meine lieben Freunde! Dafi wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken
gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegeniiberstellen, damit wir die
Priifung bestehen konnen, dafi wir gerechten Auges die Ereignisse, die
Verhaltnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vor-
trages. Spiritualitat wird schon kommen auch durch jenen grofien
Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist
zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in
der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken
jetzt richtig in der Zeit der Priifung in Euren Seelen sein, dann wird
jener Raum, der jetzt erfullt ist von durcheinanderflutenden Leiden-
schaften, erfullt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen,
echten Gefiihlen. Solche Gefiihle werden dauernd weiterleben.
Ich flehe in mancher Nacht, dafi es viele Anthroposophen geben
moge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden;
und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die
Moglichkeit haben, unseren Platz auszufiillen in echtem Liebesdienst.
Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktatig in die Welt brin-
gen diirfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder
dort stehen, dafl dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir
gerade ausersehen sind.
Nur mit Tranen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen
Osterreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mit-
anhorte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthropo-
sophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt,
und ihn seine Pflicht erfiillen lafit da, wo das Schicksal ihn hingestellt
hat. Und dieselben Gefiihle und Gedanken traten mir aus dem Brief
eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusam-
menkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen
war. Solche Gedanken und Gefiihle sind es, die heute in den Seelen
leben miissen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfiillen suchen,
unsere Urteilskraft waken lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe
verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfiillen: Wenn
einstmals Europas Volker nicht mehr sich in den Schlachten gegeniiber-
stehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt
hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die starksten sein, sie
werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fiihlen, wird zum
Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefiihl, dafi ein Sieg un-
ausbleiblich ist: der Sieg des Geistes.
Merkwiirdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in
diesem Friihling gesprochen. Er sagte iiber unser Verhaltnis zu Rut-
land, dafi Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit
Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu ach-
ten. Und iiber England wurde im Juli gesagt, dafi die Entspannung
Fortschritte mache, dafi die Verhandlungen mit England noch nicht
abgeschlossen seien, dafi sie aber in diesem Sinne weitergefuhrt wiirden.
So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese
diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwartigen, wie
menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht.
Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg
nicht gewollt! - Oh, man mochte - verstehen Sie mich recht! -, urn es
grotesk auszudriicken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die ge-
biihrende Beachtung fanden, um ihnen den Nachdruck geben zu kon-
nen, der ihnen gebiihrt.
Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht
so ist, dafi man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als
unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was
morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie
sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes diir-
f en wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten
Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit
dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsaus-
bruch mufite ich in einer Zeitung Satze lesen, wie den folgenden:
Trotz Liebknechts Riige halte ich dafur, dafi man im politischen Leben
die Wahrheit nicht zu sagen braucht, aufier wenn es herauskommen
wiirde oder einem selber schaden wiirde. - Der Ausspruch ist gepragt
aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt waren ohne
diesen Krieg, und den zu iiberwinden Aufgabe unserer Bewegung ist,
die - im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches -
als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahr-
heit.*
Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedurfen,
wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn dar-
um handelt es sich, dafi wir zu jener Objektivitat hindurchdringen, die
nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird
man auch heute schon erkennen konnen, was eine spatere Zeit erken-
nen wird: dafi dieser Krieg eine Verschworung ist gegen deutsches
Geistesleben.
Zu solcher Objektivitat kann uns verhelfen der Spruch, der an den
Volksgeist sich wendet:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthiille Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Dafi strebend sie f inden kann
Im Chor der Friedensspharen
Dich, tonend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
Viel kann fur unsere Seelen und fur das Finden des rechten Weges her-
vorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem
Spruche uns werden kann. Dann aber weifi ich, dafi etwas geschehen
wird, dafi ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soil, da sein
wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was
Anthroposophie in die Welt bringt, dafi Hoffnungen entgegengekom-
men werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen mochte mit
den Worten:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktatige Liebe
wollen wir iiben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages.
Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Ver-
haltnisse, um solche Objektivitat zu erlangen, wie sie heute notwen-
dig ist, und die so schwer zu erlangen ist fur viele. Vielleicht konnen
hier auch diejenigen unserer auswartigen Freunde klarend wirken, die
diese Worte horen.
Wenn wir zu solcher Objektivitat durchdringen und zu solcher Be-
reitschaft werktatiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine
Kraft erstehen, die nutzbar sein kann fiir diejenigen Geister, die ihr
Wirken hineinsenden in die Geschicke der Volker und die auch in
diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und fiihrend der Menschheit
zur Seite stehen.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 13. Februar 1915
Immer wieder und wiederum mufi betont werden, dafi der wesent-
lichste Punkt unseres geisteswissenschaftlichen Strebens derjenige ist,
der uns zeigt, wie blofies Wissen, blofie in Ideen und Vorstellungen
lebende Erkenntnisse immer mehr und mehr vergangenen Zeiten an-
gehoren miissen, und wie wir eine Erkenntnis zu suchen haben, eine
Summe von Ideen und Vorstellungen, von Empfindungen und "Willens-
impulsen, die uns wirkliches Leben werden, die uns im eminentesten
Sinne des Wortes lebendig werden. Es ist notwendig, dafi wir zuweilen
unser Nachsinnen, unsere Meditation hinlenken gerade auf diesen Kar-
dinalpunkt unseres Strebens. Denn voll wird das Licht, das von die-
sem Punkte aus strahlen kann, nur dann unsere Seelen erleuchten kon-
nen, wenn wir immer wieder und wiederum in treulichem Nachsinnen
auf ihn zuriickkommen. Es mufi ja gerade fiir uns, die wir mit Seele
und Herz uns bekennen wollen zu einem geisteswissenschaftlichen Stre-
ben, in dieser unserer ernsten Zeit Herzensbediirfnis sein, dasjenige,
was uns durch Erkenntnisse werden kann, in das wirkliche Leben
iiberzufiihren, in das unmittelbare Leben der Seele. Wir miissen etwas
dazu tun, dafi alles dasjenige, was theoretische Einsicht nur, was blofi
wissenschaftliches Streben ist, allmahlich wirklich ubergefiihrt werde
in Erlebnisse, dafi es bereichert werde aus der Geisteswelt heraus durch
das, wodurch es Erlebnis werden kann. Sonst gehen wir einer Zeit
der geistigen Ausdorrung entgegen; denn Theorien, blofi wissenschaft-
liche Uberzeugungen, sind dazu geeignet, die Menschenseele und das
ganze menschliche Leben iiberhaupt auszudorren. Aber tief, tief ein-
gewurzelt ist in unserer Zeit der Glaube, dafi man im Leben zurecht-
kommen miisse mit einer nach dem Muster von wissenschaftlicher Er-
kenntnis geordneten Oberzeugung.
Die grofien Ereignisse, die sich in unserer Zeit abspielen, sie sollten
insbesondere Aufforderungen sein an die zur Geisteswissenschaft ge-
neigten Seelen, einmal wirklich uber die Verschiedenheit von Leben
und blofiem Wissen ins klare zu kommen, von Leben und blofier, nach
wissenschaftlichem Muster gebildeter Uberzeugung. Wir mussen da
schon einmal ein wenig versuchen, zu einer Art von Selbsterkenntnis,
von rein menschlicher Selbsterkenntnis zu kommen; wir mussen das
versuchen, mussen mit uns zu Rate gehen, wie sehr der Damon der
theoretischen Uberzeugung gegenwartig in den menschlichen Herzen
lebt. Wir mussen das seelische Auge klar darauf hin richten, wie sich
einwurzeln will dieser Damon der theoretischen Uberzeugung. Und
das, was uns Anthroposophie sein soil, werden wir nicht zu unserem
innersten Erlebnis machen, wenn wir das nicht versuchen, wenn wir
nicht das Auge hinlenken auf Tatsachen, die auch den Anthroposo-
phen sozusagen in seinem eigenen Seelenleben uberraschen konnen, die
darauf hinweisen, wie feme man, wenn man sich so dem modernen
Seelenleben hingibt, dem unmittelbaren Erlebnis des Geistigen steht,
und wie nahe man dem Suchen nach einer theoretischen Uberzeu-
gung steht. Ganz unbefangen mufi man solchen Tatsachen ins Auge
schauen.
Ich konnte - und was ich jetzt anfiihre, soil nur als Beispiel ange-
fiihrt werden -, seitdem die ernsten Ereignisse iiber Europa und die
Welt hereingebrochen sind, an den Verschiedensten Orten des deut-
schen Sprachgebietes iiber Erlebnisse sprechen, die mit unserer ernsten
Zeit im Zusammenhang stehen. Ich habe es ja auch hier in Stuttgart
tun diirfen. Da und dort wurde von mir iiber solche Erlebnisse ge-
sprochen. Was war eine der Folgen davon, dal5 solche Erlebnisse be-
sprochen worden sind? Eine der Folgen war die, dafi Angehorige an-
derer Reiche gekommen sind mit der Anforderung, dasjenige, was
innerhalb unseres Sprachgebietes gesprochen worden ist, auch zu ihnen
zu bringen. Of tmals war das gefordert unter der gutgemeinten Voraus-
setzung, dafi die Wahrheit fur alle Menschen selbstverstandlich die
gleiche sei, und dafi solch ein Hintragen desjenigen, was an einem Orte
gesprochen wird, zum anderen Orte ohne weiteres zur Aufklarung der
Wahrheit in unserer schwierigen Zeit dienen konne. Es ist ja innerhalb
unserer Geistesstromung Mode geworden, alles, was gesprochen wird,
auch dasjenige, was gesprochen wird aus dem unmittelbaren Impuls
nicht nur der Zeit, sondern auch des Ortes und der Menschen heraus,
zu denen es gesprochen wird, aufzuschreiben und nun den Glauben
zu haben, dafi das jedem in der gleichen Weise dienen miisse, weil man
die theoretische Voraussetzung macht, die Wahrheit konne nur auf
eine einzige Weise formuliert werden. Nun, meine lieben Freunde,
es wiirde sich jener Unfug, der darin besteht, dafi man in genauer
Weise das gesprochene Wort nachschreibt und glaubt, dafi es noch
immer den Inhalt habe, wenn es nun als nachgeschriebenes Wort da
oder dort vorgelesen werde oder wiedergesprochen werde, es wiirde
sich dieser Unfug ins Ungeheuerliche auswachsen, wenn man das glau-
ben konnte, was eben angedeutet worden ist.
Wenn diejenigen Dinge, welche die Menschen Europas und der
Welt gegenwartig auszumachen haben, ausgemacht werden konnten
durch Worte, dann brauchten nicht jene ungeheuren Strdme von Blut
zu f liefien, die aus den ewigen Notwendigkeiten der Erdenentwicke-
lung heute fliefien miissen. Wenn ohne weiteres die MogHchkeit be-
stiinde, dafi die Seelen sich aus den nationalen Aspirationen heraus ver-
stehen wiirden, dann brauchten sie sich nicht mit Kanonen gegenein-
ander zu stellen. Wir miissen uns mit demjenigen, was als der Charak-
ter des Erlebnisses angegeben worden ist, wir miissen uns mit geistes-
wissenschaftlicher Erkenntnis gerade da bewahren, wo es darauf an-
kommt, dem grofien Ernst entgegenzusehen. Fur alltagliche Seelenbe-
diirfnisse spielerisch okkulte Wahrheiten zu gebrauchen, das kann nicht
die Aufgabe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens sein. Solange
wir nicht in der Lage sind, es zu dem Verstandnis zu bringen, dafi in
den Weltenerscheinungen, die uns auf dem physischen Plan entgegen-
treten, wirklich spirituelle Machte tatig sind, und dafi wir Geistes-
wissenschaft brauchen, um Wert und innere Wahrheit dieser spirituel-
len Machte abzuschatzen und zu durchschauen, solange wir das nicht
vermogen, haben wir noch nicht das richtige Verhaltnis zu unserer
Geisteswissenschaft.
Das mufi uns klar sein: Wenn wir auf rein anthroposophischem
Boden stehen, wenn wir die hohen Wahrheiten entwickeln fur unsere
Seele, welche des Menschen hochstes Wesen beriihren, dann stehen wir
auf einem Boden, der jenseits ist aller Nationalitat, ja jenseits aller
Rassenunterschiede sogar. Stehen wir recht auf dem Boden desjenigen,
was wir iiber des Menschen Wesen aus der spirituellen Erkenntnis ge-
winnen konnen, dann gelten dieselben Wahrheiten iiber den ganzen
Erdkreis hin, ja innerhalb gewisser Horizonte fur andere Planeten un-
seres Pianetensystems: sobald wir auf diesem Boden stehen, sobald fur
uns in Betracht kommen die hochsten, das menschliche Wesen betref-
fende Gedanken. Anders ist es, wenn Dinge in Betracht kommen, aus
denen etwas anderes spricht und sprechen raufi als dieses allerhochste
Wesen des Menschen: Wenn Volker einander gegenuberstehen, haben
wir es nicht zu tun mit demjenigen, was in des Menschen Wesen hin-
ausreicht iiber alle die Differenzierungen der Menschheit. Wenn Vol-
ker einander gegenuberstehen, so stehen nicht blofi Menschen, son-
dern spirituelle Welten einander gegeniiber, stehen sich solche Wesen-
heiten in spirituellen Welten gegeniiber, die durch die Menschen sich
betatigen, die in den Menschen leben. Und zu glauben, dafi dasjenige,
was fiir Menschen gelten mufi, auch gelten mufi fiir jene komplizierte
Damonen- und Geisterwelt, welche durch die Menschen wirkt, wenn
Volker miteinander kampfen, zu glauben, dafi man durch einfache
menschliche Logik etwas ausmachen konnte iiber dasjenige, was die
Damonen gegeneinander treibt, das heifit doch, noch nicht den Glau-
ben an eine konkrete spirituelle Welt gefunden zu haben.
Was meine ich damit? — Nicht wahr, wenn wir jetzt hinaussehen
auf dasjenige, was draufien in der aufieren Welt geschieht, so finden
wir — ich will jetzt ganz absehen von den eigentlichen schmerzlichen
Kriegsereignissen -, dafi Menschen verschiedener Nationalitiiten ein-
ander gegenuberstehen. Wir finden, dafi die eine Nationalist die an-
dere mit ihrem Hafi manchmal in der furchtbarsten Weise iiberflutet.
Dann versuchen jetzt die Menschen zurechtzukommen damit, das
heifit, sich zu fragen, wer nun mehr Recht hat zu hassen, dieses Volk
oder jenes Volk, oder welches man mehr hassen soil als em anderes.
Man denkt wohl auch nach, welches Volk die besondere Schuld habe
an diesem Krieg. Man denkt ungefahr iiber diese Angelegenheiten so
nach, wie man mit Recht nachdenkt bei einer Gerichtsverhandlung,
wo man die verschiedenen Umstande abwagt. Was tut man aber im
Grunde genommen, wenn man das tut, was eben charakterisiert wor-
den ist und was das jetzige Schrifttum beherrscht, was tut man dann?
Man stellt damit in Abrede alles spirituelle Leben, wenn man es auch
nicht zugeben wollte, denn man bekennt sich zu dem Dogma, dafi jene
Damonen zum Beispiel, die von Osten heriibergetragen haben die Zwie-
tracht in das europaische Leben, nach dem Muster des Verstandes, sa-
gen wir, des Verstehens zu beurteilen sind, das der Mensch hat. Denn
man glaubt nicht, dafi es einen anderen Verstand, eine andere Urteils-
kraft gibt als diejenige, die der Mensch hat. All dasjenige, was ge-
genuber solchen die Evolution aufwiihlenden Ereignissen vom blofi
menschlichen Standpunkt aus beurteilt wird, ist eine Verleugnung des
geisteswissenschaftlichen Lebens. Nur dann bekennen wir uns zum
wirklichen geisteswissenschaftlichen Leben, wenn wir uns klar sind,
dafi sich in den physischen Ereignissen geistige Ursachen ausleben, Ur-
sachen, die auch eine andere Urteilskraft notwendig machen als die
des physischen Planes. Wenn sich Menschen mit verschiedenen Ansich-
ten bekampfen auf dem physischen Plan, dann kann man vielleicht
nach menschlichem Urteil entscheiden. Das kann man aber nicht, wenn
sich Volker bekampfen, weil durch das Volksleben sich unsichtbare
Machte zum Ausdruck bringen. Im Menschen bringen sich allerdings
auch unsichtbare Machte zum Ausdruck, aber so, dafi sie sich hinein-
fiigen in das menschliche Urteil. Das tun sie im Volkerleben aber nicht.
Da handelt es sich eben darum, dafi wir uns bewahren in der Aner-
kenntnis des konkreten spirituellen Lebens und einsehen, dafi noch
ganz andere Impulse in der Menschenseele sprechen als diejenigen,
die man bewaltigen kann mit dem Erdenverstand, wenn solch grofie
Ereignisse sich abspielen.
Wenn man heute dieses oder jenes liest, was da gesagt wird und was
reichlich nachgesprochen wird auch von denjenigen, die einen Impuls
von der Geisteswissenschaft haben empfangen wollen, dann findet
man, dafi vieles davon so geschrieben oder gesprochen ist, als wenn die
Weltentwickelung erst am 20. Juli 1914 ungefahr begonnen hatte.
Selbst da, wo man die Ursachen der gegenwartigen Verwicklungen
sucht, redet man so, als ob sie im vorigen Jahr begonnen hatten. Geistes-
wissenschaft wird neben vielem anderen auch das als praktisches Er-
gebnis zeitigen mussen, dafi man etwas wird lernen wollen, dafi man
nicht aus dem, was unmittelbar der Tag gibt, sondern aus den grofie-
ren Zusammenhangen heraus sich ein Urteil wird bilden wollen. Das
wird das Elementarste sein; das Weitere wird erst daraus bestehen, dafi
man das Urteil priifen mufi an dem, was Geisteswissenschaft zu geben
in der Lage ist. Machen wir uns einmal an einem Beispiel klar, wie diese
Geisteswissenschaft fruchtbar werden mufi, wenn es sich darum han-
delt, unser Verstandnis gegeniiberzustellen dem Erleben, und das Er-
leben dann zu unserem eigenen zu machen.
Wir haben es ja immer wiederum betont, dafi die Weltentwicke-
lung, die Erdenentwickelung, fur die nachatlantische Zeit in deut-
lich voneinander verschiedenen Kulturperioden verlauft. Wir haben
diese Kulturperioden aufgezahlt: die alte indische Kulturperiode, die
persische, die agyptisch-chaldaische, die griechisch-lateinische, dann
diejenige, welche unsere eigene ist in der Gegenwart; dann haben wir
darauf aufmerksam gemacht, dafi eine sechste, eine siebente Epoche
die unsrige wird ablosen miissen. Wir haben uns aber nicht damit be-
gniigt, schematisch die Aufeinanderfolge dieser Kulturperioden einfach
darzustellen, sondern wir haben versucht zu charakterisieren, welches
das Eigentiimliche der einzelnen Kulturperioden ist. Und wir haben da-
durch versucht, ein Verstandnis fiir unsere eigene Zeit zu gewinnen,
fiir die Obergangsimpulse, die in unserer Zeit leben, in unserer fiinften
nachatlantischen Zeitepoche. Und wir haben uns auch klargemacht,
dafi keineswegs mit solchen Charakterisierungen irgend etwas Sche-
matisches gemeint sein kann, zum Beispiel dafi man nicht sagen kann,
iiber die ganze Erde ziehe sich hin das Eigentiimliche dieser Kultur-
epoche. An gewissen Orten tritt es auf, andere Erdenorte, andere Ter-
ritorien bleiben zuruck. Nicht absolut brauchen sie zuruckzubleiben,
aber sie bleiben mit alten Kraften zuruck, um diese alten Krafte spater
mit der fortschreitenden Evolution in einer anderen Kulturepoche
entsprechend in Zusammenhang zu bringen. Man braucht nicht einmal
an Wertigkeiten zu denken, sondern nur an Charaktereigentiimlich-
keiten. Wie sollte denn den Menschen nicht auffallen die tiefe Ver-
schiedenheit, wenn es sich um Geisteskultur handelt, sagen wir der
europaischen und der asiatischen Volker. Wie sollte denn nicht auf-
fallen die Differenzierung, die gebunden ist an die aufiere Hautfar-
bung! Wenn wir das europaisch-amerikanische Wesen und das asia-
tische Wesen anschauen — sehen wir zunachst ganz ab von Wertig-
keiten -, dann miissen wir den Unterschied ins Auge fassen, daft die
asiatischen Volker zuriickbehalten haben gewisse Kulturimpulse ver-
gangener Erdenepochen, wahrend die europaisch-amerikanischen Vol-
ker hinweggeschritten sind iiber diese Kulturimpulse. Nur wenn man
in einem nicht ganz gesunden Seelenleben befangen ist, kann einem
dasjenige besonders imponieren, was als orientalische Mystik die orien-
talische Menschheit aus alten Zeiten bewahrt hat, wo die Menschen
es notwendig hatten, mit niederen Seherkraften zu leben. Solch un-
gesundes Geistesleben hat vielfach Europa allerdings ergriffen; man
hat geglaubt, den Weg in die geistigen Welten durch asiatisches Jogi-
tum und ahnliches lernen zu miissen. Diese Tendenz beweist aber
nichts anderes als ein ungesundes Seelenleben. Das gesunde Seelen-
leben mufi sich aufbauen auf die Oberfuhrung der Erlebnisse der ftinf-
ten nachatlantischen Kulturepoche in spirituelles Leben, in geisti-
ges Erkennen, und nicht auf das Herauftragen von irgend etwas in
der Menschheit, was ja ganz interessant ist, sozusagen naturwissen-
schaftlich zu erkennen, was aber nicht fur die europaische Mensch-
heit erneuert werden darf, ohne daft sie zuriickfallen wiirde in Zei-
ten, die ihr nicht angemessen sind. Aber andere Zeiten werden kommen
iiber die Erdenentwickelung, folgende Zeiten. In diesen folgenden Zei-
ten, da werden veraltete Krafte mit vorgeschrittenen Kraften wieder-
um sich verbinden miissen. Daher miissen sie an irgendeiner Stelle
bleiben, urn da zu sein, urn sich verbinden zu konnen mit den vorge-
schrittenen Kraften. Eine sechste wird auf die fiinfte Kulturepoche
folgen. Abstraktes Denken, dieses schreckliche abstrakte Denken, das
eine Tochter ist der rein theoretisch-wissenschaftlichen Oberzeugung,
kann gar nicht umhin, das sechste Zeitalter hoher zu schatzen als das
fiinfte, weil das sechste eben spatere Entwickelung ist. Wir sollten uns
aber klar sein, daft es Zeiten des Auf gangs und Zeiten des Niedergangs
gibt; richtig klar sollten wir uns sein dariiber, daft das sechste Zeitalter,
welches folgt auf das fiinfte in der nachatlantischen Zeit, dem Nieder-
gang notwendig angehoren mufi, und daft dasjenige, was sich in der fiinf-
ten nachatlantischen Zeitepoche herausentwickelt, der Keim sein mufi
fur die der siebenten Kulturepoche erst wiederum folgende Erdenzeit.
So lebendig mufi man die Dinge betrachten, nicht abstrakt-theoretisch,
so dafi man das sechste Zeitalter als ein vollkommeneres auf das fiinfte
als unvollkommeneres folgen lafit.
In der atlantischen Zeit war die vierte Epoche diejenige, in der die
Keime lagen zu unserer Gegenwart. In unserer Zeit ist es die fiinfte
Kulturepoche, in der die Keime liegen zu dem, was auf die nachatlan-
tische Zeit folgen mufi. Und was ist das Charakteristische, das sich
insbesondere in dieser fiinften Kulturepoche herausentwickeln mufi?
Das ist das Charakteristische, was vorzugsweise durch das Mysterium
von Golgatha angefacht worden ist: dafi die spirituellen Impulse hin-
untergefiihrt worden sind bis ins unmittelbar Physisch-Menschliche,
dafi gewissermafien das Fleisch von dem Geiste ergriffen werden mufi.
Es ist noch nicht geschehen. Es wird erst geschehen sein, wenn die Gei-
steswissenschaft einmal einen grofieren irdischen Boden hat und viel
mehr Menschen sie im unmittelbaren Leben zum Ausdruck bringen,
wenn der Geist in jeder Handbewegung, in jeder Fingerbewegung,
mochte man sagen, wenn er in den alleralltaglichsten Handlungen zum
Ausdruck kommt. Aber dieses Hinuntertragen der spirituellen Impulse
war es, um dessentwillen der Christus in einem menschlichen Leibe
Fleisch geworden ist. Und dieses Hinuntertragen, dieses Durchimprag-
nieren des Fleisches mit dem Geiste, das ist das Charakteristische der Mis-
sion, die Mission iiberhaupt der weifien Menschheit. Die Menschen ha-
ben ihre weifie Hautfarbe aus dem Grunde, weil der Geist in der Haut
dann wirkt, wenn er auf den physischen Plan heruntersteigen will. Dafi
dasjenige, was aufierer physischer Leib ist, Gehause wird fur den Geist,
das ist die Aufgabe unserer fiinften Kulturepoche, die vorbereitet wor-
den ist durch die anderen vier Kulturepochen. Und unsere Aufgabe
mufi es sein, mit denjenigen Kulturimpulsen uns bekanntzumachen,
welche die Tendenz zeigen, den Geist einzufuhren ins Fleisch, den
Geist einzufuhren in die Alltaglichkeit. Wenn wir dies ganz erkennen,
dann werden wir uns auch klar sein dariiber, dafi da, wo der Geist noch
als Geist wirken soil, wo er in gewisser Weise zuriickbleiben soli in
seiner Entwickelung - weil er in unserer Zeit die Aufgabe hat, ins
Fleisch hinunterzusteigen -, dafi da, wo er zuriickbleibt, wo er einen
damonischen Charakter annimmt, das Fleisch nicht vollstandig durch-
dringt, dafi da weifie Hautfarbung nicht auftritt, weil atavistische
Krafte da sind, die den Geist nicht vollstandig mit dem Fleisch in Ein-
klang kommen lassen.
In der sechsten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wird die
Aufgabe die sein, den Geist vor alien Dingen als etwas sozusagen mehr
in der Umgebung Schwebendes zu erkennen als unmittelbar in sich, den
Geist mehr in der elementaren Welt anzuerkennen, weil diese sechste
Kulturepoche die Aufgabe hat, die Erkenntnis des Geistes in der phy-
sischen Umgebung vorzubereiten. Das kann nicht so ohne weiteres
erreicht werden, wenn nicht alte atavistische Krafte aufgespart wer-
den, die den Geist in seinem rein elementarischen Leben anerkennen.
Aber ohne die heftigsten Kampfe gehen diese Dinge in der "Welt nicht
ab. Die weifle Menschheit ist noch auf dem Weg, immer tiefer und
tiefer den Geist in das eigene Wesen aufzunehmen. Die gelbe Mensch-
heit ist auf dem Wege, zu konservieren jene Zeitalter, in denen der
Geist feme gehalten wird vom Leibe, in denen der Geist gesucht wird
aufierhalb der menschlich-physischen Organisation, blofi dort. Das aber
mufi dazu fiihren, dafi der Obergang von der fiinften Kulturepoche in
die sechste Kulturepoche sich nicht anders abspielen kann denn als ein
hef tiger Kampf der weifien Menschheit mit der farbigen Menschheit
auf den mannigfaltigsten Gebieten. Und was diesen Kampf en voran-
geht, die sich abspielen werden zwischen der weifien und der farbigen
Menschheit, das wird die Weltgeschichte beschaftigen bis zu der Aus-
tragung der grofien Kampfe zwischen der weifien und der farbigen
Menschheit. Die zukiinftigen Ereignisse spiegeln sich vielfach in vor-
hergehenden Ereignissen. Wir stehen namlich, wenn wir dasjenige, was
wir durch die verschiedensten Betrachtungen uns angeeignet haben,
im geisteswissenschaftlichen Sinn ansehen, vor etwas Kolossalem, das
wir in der Zukunft als notwendig sich abspielend erschauen konnen.
Da haben wir auf der einen Seite einen Teil der Menschheit mit
der Mission, den Geist in das physische Leben so hereinzufiihren, dafi
der Geist alles einzelne im physischen Leben durchdringe. Und auf der
anderen Seite haben wir einen Teil der Menschheit mit der Notwendig-
keit, gewissermafien die absteigende Entwickelung nun zu iiberneh-
men. Das kann nicht anders geschehen, als wenn dasjenige, was wirk-
lich sich bekennt zur Durchdringung des Leiblichen mit dem Geistigen,
Kulturimpulse hervorbringt, lebendige Impulse hervorbringt, die fur
die Erde bleibend sind, die von der Erde nicht wieder verschwinden
konnen. Denn was dann nachkommt als sechste, als siebente Kultur-
epoche, das mufi geistig von den Schopfungen der fiinften leben, das
mufi die Schopfungen der fiinften Kulturepoche in sich aufnehmen.
Die fiinfte Kulturepoche hat die Aufgabe, das aufiere idealistische Le-
ben zum spirituellen Leben zu vertiefen. Das aber, was so als spiri-
tuelles Leben vom Idealismus erobert wird, das mufi spater angenom-
men werden, das mufi weiterleben. Denn im Osten wird man nicht
die Krafte haben, ein eigenes Geistesleben produktiv hervorzubringen,
sondern nur dasjenige, was hervorgebracht ist, in sich aufzunehmen.
So mufi sich die Geschichte abspielen, dafi von der gegenwartigen, die
eigentlichen Kulturimpulse in sich tragenden Menschheit eine spiri-
tuelle Kultur geschaffen wird, welche die eigentliche geschichtliche
Nachfolge der fiinften Kultur ist, und dafi diese Kultur verarbeitet
wird von dem, was nachfolgt.
Versuche man einmal, sich ganz objektiv, ohne Voreingenommen-
heit den Unterschied zwischen diesen beiden Menschheitsstromungen
klarzumachen. Man versuche sich einmal klarzumachen, wie seit dem
Eintritt desjenigen Teiles der Menschheit, den man germanische Vol-
ker nennt, gerungen worden ist um ein Durchdringen des aufieren Phy-
sischen mit dem Geistigen, und wie die Tiefen des Christentums ange-
nommen worden sind. Vom aufieren Physischen ist man ausgegangen,
von demjenigen, was gleichsam im Physischen den Keim enthielt zu
einem Physisch-Geistigen. Man blicke zuriick auf das Sommeropfer,
auf das Sonnwendopfer des Gottes Baldur. Sein eigentlicher tieferer
Sinn ist ja friih verlorengegangen, aber was ist der eigentliche tiefere
Sinn? Er kann nur durchschaut werden, wenn man die Blicke hinlenkt
darauf, wie mit der heraufziehenden Friihlingssonne, im Lichte und in
der Warme, geistige Machte heraufsteigen, wie der Gott Lenz herauf-
zieht, und wie mit dem Anziinden des Johannisfeuers der Mensch hin-
neigt zu der Verbindung mit den in den Naturkraften herrschenden
Lenzeskraften, wie er sich Feuer anziindet zum Zeichen dafiir, dafi er
sein Verstandnis verbindet mit dem Tode des Gottes Lenz zur Som-
mersonnenwende. Das ist die Baldursage: Der Gott Lenz verbrennt
im Sonnwendfeuer, weil man das Fruchtende, das Keimende in der
Natur, in der aufieren physischen Natur empfand, weil man den Gott
Lenz liebte und ihm folgte in seinen Tod hinein. Darum aber, weil
man gleichsam in der aufieren physischen Welt das Vorbild hatte von
dem Christus, der nicht stirbt in der Sommerwende, aber der geboren
wird in der Winterwende - merken Sie diesen Gegensatz des Leiblichen
zu dem Geistigen — , weil man das Vorbild hatte an dem Sommerson-
nenwende-Gott fur den Wintersonnenwende-Gott, weil man das um-
gekehrte Leibliche fur das Geistige hatte, deshalb durchdrang man
sich mit dem Verwandten und doch Entgegengesetzten. 1st der Gott
Baldur der Gott Lenz, der in der Sommersonnenwende dahinstirbt, so
ist der Christengott derjenige, der in der Wintersonnenwende geboren
wird. Das eine und das andere durchdringen sich wie Leibliches, das
sich im aufieren Leiblich-Physischen abspielt, sich durchdringt mit Gei-
stigem, das verhiillt ist durch die leibliche Finsternis, durch die Winter-
finsternis. Der Wintergeist durchdringt den Sommerleib. Und wie
durchdringen sich diese Dinge? Im unmittelbar personlichen Ringen
der Kulturimpulse. Was ist denn die Geschichte Mitteleuropas als ein
fortwahrendes Ringen um das Aufgehen des gottlichen Funkens in der
personlichen Seele, um das Aufgehen des Geistigen im Physischen?
Man kann von allem anderen absehen, aber die Wahrheit mufi man
durchschauen, erkennen das Charakteristische dieses mitteleuropai-
schen Wesens.
Und man nehme den anderen Teil der Menschheit. Wie feme er im
Grunde genommen von diesem personlichen Impuls des Sich-Empor-
ringens des Geistigen im Physischen steht! Man mochte sagen: «Na-
turhistorisch» ist es im hochsten Grade interessant, zu beobachten, wie
das Chinesentum seine Tao-, seine Konfuzius-Religion bewahrt hat,
wie sich uberhaupt die asiatischen Religionen die altesten Formen be-
wahrt haben, die abstraktesten Formen, diese Formen, bei denen sich
der theoretische Verstand so wohl fiihlt, die aber Starrheit sind gegen-
iiber dem personlichen Erleben, die das personliche Erleben eben nicht
zum Ringen kommen lassen, weil dieses personliche Erleben aufbe-
wahrt werden soil bis zu der Zeit, wo der Menschheitskultur das Er-
rungene so einverleibt wird, dafi es aufgenommen werden kann. In der
fiinften Kulturepoche mufi ein Geistiges aus eigener Kraft errungen
werden; in der sechsten Kulturperiode werden die Menschen kommen
und das Erarbeitete, das Errungene annehmen als ihre Anschauung, als
ihr Erlebnis, aber als etwas, was sie nicht selbst errungen haben. Sie
werden aufbewahrt in den Kraften, die nicht ringen, sondern das Gei-
stige als etwas Aufierliches, Selbstverstandliches entgegennehmen. Und
das Vorspiel fur jenes viel weitere Ringen ist dasjenige, das sich all-
mahlich entwickeln mufi als das Ringen zwischen germanischer und
slawischer Welt. Man bedenke doch nur, dafi die slawische Welt in ge-
wissem Sinne ein Vorposten ist fur dasjenige, was sechste Kulturepoche
ist, ja dafi in ihr der eigentliche Keim der sechsten Kulturepoche liegt.
Man bedenke das nur recht in wahrem, echtem, geisteswissenschaft-
lichem Sinne. Dann wird man sich klar dariiber sein, dafi in diesem
slawischen Element etwas Empf angendes liegen muft, etwas, was nichts
mit diesem Ringen zu tun hat, was das eigene Ringen geradezu abweist.
Man kann es mit Handen greifen. Wahrend in Mitteleuropa die Seelen
gekampft haben, mit ihrem Inneren gekampft haben, um im person-
lichen Erringen eine Gott-Erfassung zu bekommen, konserviert das
slawische Element die Religion, die Gott-Erfassung, den Kultus, der
eben einmal da ist; es konserviert, es macht den Geist nicht innerlich
lebendig, sondern lafit den Geist wie eine Wolke iiber sich hinziehen
und lebt in dieser Wolke, bleibt dem Geist gegeniiber mit der Person-
lichkeit fremd.
Nicht hat Mitteleuropa stehenbleiben konnen bei irgendeiner alten
Form des aufieren Christentums, weil es ringen mufite. Stehengeblie-
ben ist der Osten, und starr, abstrakt geworden sind selbst seine Kult-
formen, weil er sich vorbereiten soil zum aufierlichen Aufnehmen, zum
Annehmen desjenigen, was der Westen im personlichen Erringen er-
wirbt, weil er nicht dazu bereitet ist, dieser Osten, im personlichen Er-
ringen die Dinge zu bekommen. Und wie will man nach dem Muster
rein theoretischen Verstandes ein gegenseitiges Sich-Verstehen herbei-
fiihren, wenn ganz verschiedene geistige Impulse vorliegen? Wie will
man irgend etwas ausmachen iiber einen irgendwie gearteten Schieds-
spruch zwischen zwei voneinander verschiedenen Geistesstromungen,
die sich so verhalten, wie sich eben Differenziertes verhalten mufi?
Mifi verstehen Sie den Vergleich nicht: Wie will man ausmachen, ich
mochte sagen, nach Elefantenart dasjenige, was Lowenbrauch ist? Die
Ereignisse aber bilden sich heraus aus den ewigen Notwendigkeiten und
laufen so ab, wie die ewigen Notwendigkeiten flielSen. Strauben muflte
sich der Osten gegen dasjenige, was fur ihn notwendig war und immer
notwendiger wird: die Verbindung mit dem Westen und seiner Kultur.
Denn im Grunde genommen konnte ihm vor seiner Reifung gar nicht
das rechte Verstandnis gegeben sein. Und ein auflerer Ausdruck ist der
Konflikt zwischen dem, was man das Germanentum, und dem, was
man das Slawentum nennt, dasjenige, was sich im Grunde genommen
erst vorbereitet und als eine lange Beunruhigung iiber dem europaischen
Leben schweben wird: die Auseinandersetzung zwischen Germani-
schem und Slawischem. Man mochte sagen, wie sich ein Kind dagegen
straubt, die Errungenschaften der Alten zu lernen, so straubt sich der
Osten gegen die Errungenschaften des Westens, straubt sich dagegen,
straubt sich so weit, dafi er ihn hafit, selbst wenn er sich gezwungen
fuhlt, zuweilen seine Errungenschaften anzunehmen. Mit dem Lichte
der Wahrheit in diese Dinge hineinzuleuchten erfordert eben etwas
anderes als das, was man heute liebt; obwohl man dieses andere zu-
weilen verspiirt, aber man ist abgeneigt, die Augen auf diese Dinge
hin zu richten und sie wirklich aus ihren innersten Impulsen heraus
zu verstehen, Denn wird man nur ein wenig von diesen innersten Im-
pulsen beruhrt, dann hort bald vieles von dem Geschwatz auf, mufi
auf horen, was vollbracht wird und was blofi der Konfusion entspringt,
der Konfusion, die in der au&eren Maja befangen bleiben will.
Was wird man unter der sechsten Kulturepoche zu verstehen haben?
Man wird darunter eine Kulturepoche zu verstehen haben, innerhalb
welcher ein grofier Teil der ostlichen Menschen ihr Menschentum dem-
jenigen zum Opfer gebracht haben wird, was in der Volkskultur errun-
gen worden ist, indem gleichsam wie ein Weibliches das Dstliche sich
wird haben befruchten lassen von dem mannlichen Westlichen. Das-
jenige, was leben wird in den Seelen der sechsten Kulturepoche, wird
dasselbe sein, was von den Seelen der funften Kulturepoche errungen
worden ist. Das bedingt, dafi von Osten her das Unreife und noch
nicht Gereifte sich walzt, sich wehrt gegen dasjenige, was ja doch ge-
schehen mufi. Genau ebenso, wie das Griechisch-Romische sich einmal
zu wehren hatte gegen das Germanische, so mufi sich das Slawische
gegen das Germanische wehren; aber genau ebenso wie beim Uber-
gang vom Griechisch-Romischen zum Germanischen in der aufstei-
genden Entwickelung, so bei dem Ubergang vom Germanischen ins
Slawische in der absteigenden. Indem die eigentliche Mission der fiinf-
ten Kulturepoche von dem germanischen Element ubernommen wor-
den ist, war dieses germanische Element dasjenige, welches fur diese
funfte Kulturepoche das eigentliche Verstandnis des Christentums im
inneren Erringen in die Erdenevolution einzufugen hatte und noch
haben wird. Und es ware das grofite Ungliick geschehen, wenn auf die
Dauer das germanische Element besiegt worden ware von dem romi-
schen, denn dann hatte nicht geschehen konnen, was durch die funfte
Kulturepoche geschehen ist: Dieses germanische Element hatte eben
das personliche Erringen darzuleben. Und es ware das grofite Ungliick,
wenn jemals das slawische Element das germanische besiegen wiirde.
Merken Sie den Unterschied. Der trostloseste abstrakteste Schematis-
mus ware es, wenn man das als ein Ungliick bezeichnen wiirde beim
Ubergang von der fiinften zur sechsten Kulturepoche, was man als ein
Ungliick bezeichnen miifite beim Obergang von der vierten zur fiinf-
ten Kulturepoche. Der Sieg der Romer wiirde bedeutet haben: das Un-
moglichmachen der Mission der fiinften Kulturepoche; der Sieg des
slawischen Elementes wiirde ebenso diese Unmoglichkeit bedeuten fur
die sechste Kulturepoche. Denn nur im passiven Annehmen desjenigen,
was die funfte Kulturepoche hervorbringt, kann der Sinn der sechsten
bestehen.
Man mufi fiihlen, was ganz unabhangig von Ambitionen, von na-
tionalen Aspirationen aus diesen Erkenntnissen heraus f olgt, wenn diese
Erkenntnisse Leben werden. Man mufi aber auch sich klar sein dar-
iiber, wie schwer das Verstandnis wird fur die Menschen, wenn die
Wahrheit ihren Leidenschaften widerspricht, wenn eben die Wahrheit
ihren Aspirationen widerspricht. Wenn man durch menschlichen Ver-
stand heute etwa von Mitteleuropa aus einen Westeuropaer oder einen
Englander iiberzeugen will, so tut man etwas, dessen Erfolglosigkeit
man einsehen sollte, wirklich einsehen sollte, sofern es sich um natio-
nale Gegensatze handelt. Auf rein geisteswissenschaftlichem Boden
verstehen wir uns als Menschen. Aber wenn man diesen Boden verlafit
und auf die Volkerkampfe eingeht, sollte man sich klar sein, welche
Schwierigkeiten dem gegenseitigen Verstandnis gegeniiberstehen. Es
wird nur einen Weg geben, damit man zum Beispiel im franzosischen
Westen Europas Verstandnis gewinnen wird fur das, was man eigent-
lich tut. Es ist der Weg, der einmal aus der Erkenntnis entspringen
wird, welche Unnatur es eigentlich ist, dafi man jetzt im franzosischen
Westen am Gangelband des europaischen Ostens sich vorwartstreiben
lafit. Erst die Erkenntnis dessen, was man selbst getan hat, wird einiges
Verstandnis iiber die Sache bringen, aber nicht das Wort, das von an-
deren kommt, das von denen kommt, die auf einem anderen nationalen
Boden stehen. Gefuhlt, geahnt werden ja solche Dinge zuweilen, aber
wieder vergessen. Denn die charakteristischsten Dinge, die sich abspie-
Ien, die werden in der Regel vergessen. Wenn es doch gelungen ware,
dafi man in den letzten vierzig Jahren immer wieder und wiederum
jenen bedeutungsvollen Briefwechsel gedruckt hatte, der sich einmal
abgespielt hat zwischen Ernest Renan, dem Franzosen, und David
Friedrich Strang , dem wiirttembergischen Deutschen! Es ware niitz-
lich gewesen, wenn man die mafigebenden Briefe, die gewechselt wor-
den sind, nun, sagen wir, alle vier Wochen einmal den Menschen wie-
derum ins Gedachtnis gerufen hatte: man wurde dann einiges geahnt
haben von dem, was da kommen mufite. Man braucht ja nur auf das
eine in einem Brief Renans hinzuweisen, wo die Sehnsucht ausgespro-
chen wird, mit Mitteleuropa zusammenzuwirken fur die westeuropai-
sche Kultur: das war ein Impuls, der aus den Ewigkeitskraften her-
ausflofi. Aber dann sagt Renan sogleich: Das widerspricht aber mei-
nem Patriotismus. Denn wenn den Franzosen Elsafi-Lothringen abge-
nommen wird, so kann ich als Franzose nur dafiir sein, dafi die west-
liche Kultur gegen den Osten geschiitzt werde. Alles Spatere liegt
schon in einem solchen Ausspruch im Keim; das ist der Keim dessen,
was spater geschehen wird. Es zeigt eben, dafi auch ein aufgeklarter,
erleuchteter Geist im Grunde genommen offen gestand: Ja, einsehen
kann ich, wo der Weg liegt, der durch die ewigen Notwendigkeiten
vorgezeichnet ist, aber mitmachen will ich ihn nicht, weil ich mehr
Franzose als Mensch sein will. - Ich sage, man hat gefiihlt, geahnt, wie
die Dinge liegen im Sinne der ewigen Notwendigkeit; aber man mufi
durch Geisteswissenschaft allmahlich lernen, den Ahnungen, den Ge-
fiihlen mit seinem Urteil nachzufolgen. Man mufl lernen, wirklich mit
dem Urteil dahin zu kommen, wo die wirklichen Tatsachen sind. Und
die wirklichen Tatsachen tiberschaut man nicht, ohne die geistige Welt
zu durchschauen. Man kann es nicht, wenn man nicht zu dem seine
Zuflucht nimmt, was aus der geistigen Welt den Tatsachen ihre Evo-
lutionsimpulse gibt.
Wir sehen, wie fur uns das fruchtbar werden kann, was aus der
Geisteswissenschaft heraus kommt, wie wir das Leben beleuchten kon-
nen in seinen ernstesten Ereignissen, wenn wir das mit unserem Gemiit
vereinigen, was aus der wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkennt-
nis zum Beispiel iiber die nachatlantischen Kulturepochen folgt. Da
gewinnen wir einen objektiven Mafistab, da gewinnen wir die Mog-
lichkeit, iiber personliche Aspirationen, auch auf dem heiklen Boden
des nationalen Erlebens, hinauszukommen. Und das ist das Eigentiim-
liche des mitteleuropaischen Erlebens, dafi dieses mitteleuropaische
Erleben dem Menschen wirklich die Moglichkeit gibt, hinauszukom-
men liber das, was blofi national ist. Man versuche nur einmal sich klar-
zumachen, wie in den auf einanderfolgenden Kulturepochen geradeMit-
teleuropa - in jenem Ringen der menschlichen Seele in Mitteleuropa -
im Personlichen das Personliche zugleich iiberwindet, da, wo es nicht
auf den Boden von Leidenschaften und unmittelbar triebartigen Im-
pulsen sich stellt.
Was Schonheit ist, haben gewifi auch andere Volker empfunden: so
innig nachgedacht iiber die Schonheit und die Steliung der Schonheit
im menschlichen Erleben, wie Schiller in seinen « Xsthetischen Brief en»
dariiber nachdachte, hat man nur in Mitteleuropa. Kampfe ausgefoch-
ten haben gewifi auch andere Volker und werden es tun: so eingegrif-
fen in einen Kampf, dafi er die tiefsten philosophischen Impulse auf-
gerufen hat, um den Kampf mit diesen Impulsen zu durchseelen, wie
das Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation* getan hat, das hat
man nur in Mitteleuropa getan. Religiose Kampfe hat man auch an-
derswo ausgefochten: so verbunden mit alien Zweigen menschlichen
Erlebens, wie das der Fall war bei den religiosen Kampfen in Mittel-
europa, waren sie nirgends in der Welt.
Und nehmen Sie unsere anthroposophische Bewegung selbst, neh-
men Sie sie so, wie wir sie unter uns entwickelt haben, wie wir in ihr -
wenigstens eine Anzahl von uns - gerungen, gekampft und auch ge-
litten haben in den letzten Jahren. Wir waren eine Zeitlang verbun-
den mit der theosophischen Bewegung englischer Farbung. Was war
denn der tiefe Impuls, der diese Verbindung mit jener theosophischen
Bewegung nicht weiter zuliefi? Werden wir uns iiber das klar, meine
lieben Freunde, was war der tiefe Impuls? Schauen Sie sich die Bewe-
gung doch an. Was konnte dort zu jener Absurditat von dem Krishna-
murti und dergleichen Torheiten fuhren? Das hat dazu gefuhrt, daft
dort die Uberzeugung von dem spirituellen Leben wie ein aufieres
Element angekoppelt ist an die iibrige Kultur. Das sind zwei Dinge:
da ist die aufiere Lebensauffassung und die philosophische Lebensauf-
fassung Englands, und dann angekoppelt daran, ohne daft die beiden
viel miteinander zu tun haben, eine spirituelle Oberzeugung. Man hat
gar nicht einmal das Bedurfnis, die beiden miteinander zu durchdrin-
gen. Hier verspuren wir, daft wir zu einer spirituellen Oberzeugung
nur kommen konnen, wenn sie uns sozusagen wie der Kopf aus dem
Leibe herauswachst, herauswachst aus alledem, was getrieben wurde
durch Johannes Tauler, Meister Eckhart, Angelus Silesius in der Mystik
der mittelalterlichen Zeit, was durch deutsche Philosophic, durch deut-
sche Dichtung hindurchgegangen ist an spirituellem Vorbereiten, wenn
daraus notwendig herauswachst wie ein neues organisches Glied das-
jenige, was wir wollen und wollen mussen. Wir konnen nicht das spi-
rituelle Leben ankoppeln an das ubrige, wir brauchen Lebensorganis-
mus, nicht Lebensmechanismus. Man kann, ohne in Hochmut zu ver-
fallen, solche Dinge sich klarmachen, denn man braucht Klarheit dar-
iiber, wie das Spirituelle drinnenstehen mufi im Leben, und wie man
durch das Spirituelle das ubrige Leben erfassen, ergreifen kann. Wir
mussen als Bekenner der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung
Seelen werden konnen, welche so wollen, wie es im Sinne der eben
gegebenen Charakteristik im mitteleuropaischen Geistesleben sein mufi.
Gewifi, auch da handelt es sich um ein Ringen; wirklich, darum han-
delt es sich, dafi man sagen mochte: Das Wahre mufi erst dadurch er-
rungen werden, dafi die Irrtiimer an beide Wegesrander gedrangt wer-
den. - Wie manchmal ist es schwer zu erkennen, dafi man die Irrtiimer
an beide Wegesrander drangen mufi! Man konnte da im Erleben der
letzten Jahrzehnte tragische Erfahrungen machen.
Ich mochte Ihnen anschaulich etwas hinstellen. Es hat ja insbeson-
dere jetzt eine gewisse Bedeutung, so etwas hinzustellen, wie die natur-
gemafie Verbindung der beiden mitteleuropaischen Lander zu unserer
Zeit heraufgekommen ist. - In Osterreich lebte in der zweiten Halfte
des 19. Jahrhunderts einer der deutschesten Poeten, Robert Hamerling.
Deutsch war er auch dadurch, dafi er wirklich die ganze Welt in der
eigenen Seele wieder zu gebaren suchte. Bis auf Kain leitet er zuriick
die irrende Menschenseele in seinem «Ahasver in Rom», und in der
Gegenuberstellung des Ahasver mit Nero versuchte er tiefe Ratsel der
Menschenseele zu losen. Das griechische Kulturleben versuchte er aus
der deutschen Seele wiederzugebaren in seiner «Aspasia». Jene Vertie-
fung, welche zu einer gewissen Zeit gesucht worden ist im religiosen
Leben, suchte er in seinem Wiedertaufer-Epos «Der Konig von Sion»
fiir sich als Lebensratsel zu losen. Dasjenige, was an fortbewegenden
Impulsen in der Franzosischen Revolution war, versuchte er sich klar-
zumachen in seinem Drama «Danton und Robespierre». Und endlich,
die in die Zukunft hineingehenden, das Geistige Uberdammenden Im-
pulse versuchte er klarzulegen in seinem «Homunculus». Aber ich
konnte vieles anfuhren, um zu zeigen, wie Robert Hamerling so rich-
tig ein mitteleuropaischer, ein deutscher Geist war. Dieser Robert Ha-
merling hat einen grofien Teil seines Lebens im Bette zugebracht; die
drei letzten Jahrzehnte war er fast immer krank. Die grofiten Werke
schrieb er unter Schmerzen im Bett. Aber niemand merkt es diesen
Werken an, dafi ein Schwerkranker sie geschrieben hat. Alles ist ge-
sund; man kann sonst dariiber urteilen, wie man will, aber alles ist
gesund. Gewifi, die Werke haben eine grofiere Anzahl von Auflagen
erlebt; aber in den achtziger Jahren - ich konnte sagen, da trat mir
geradezu wie symbolisch anschaulich vor Augen, was ein solcher Geist
fiir einen Teil der Menschheit Mitteleuropas hatte werden konnen,
wenn seine Impulse in die Seelen eingeflossen waren. Als man einmal
gerade iiber solche Dinge, wie sie durch Robert Hamerling eintraten
in die Geistesentwickelung, in einer Gesellschaft sprach, da kam ein
Mensch herein, der gewohnt war, gerne hauptsachlich sich selbst zu
horen und nicht viel zu achten auf das, was die anderen sagen - es gibt
ja solche Menschen, die sich gerne selbst horen. Wie mit einem Bom-
benschlag erklarte er: das Grofite, was in die Menschheit eintrete, das
sei «Raskolnikow» von Dostojewskijl Gewifi, man braucht nicht die
eigenartige Grofie des Raskolnikow von Dostojewskij zu verkennen,
aber das Hangen am Materiellen, an der Seele, die im Materiellen steckt
und das Geistige aufien lafit, das kontrastiert gewaltig gegen die Durch-
dringung von Geistigem und Materiellem, die Hamerling suchte. Es
mag gewifi interessanter und sensationeller sein, die Seele anzuschauen,
die nicht aus dem Materiellen heraus will und die Dostojewskij so
grandios schildert, aber fur den mitteleuropaischen Menschen bedeutet
das Erkennen der Durchdringung des Geistigen und des Leiblichen ein
Erkennen seiner ganzen "Wesenheit und seiner ganzen Aufgabe. Auch
da mufi gerungen werden.
Zu dem aufieren Kampf wird der innere kommen, jener innere
Kampf gegen die widerstrebenden Machte, die sich aufbaumen, das
Spirituelle anzuerkennen. Erleben wir doch jetzt schon die sonder-
barsten Tatsachen: Von einer Seite her sind wir ermahnt worden,
doch nicht gar zu sehr darauf zu achten, wie sich jetzt die geistigen
Potenzen in Europa gegeniiberstiinden; denn wenn das rein Deutsche
siegte - von deutscher Seite sind wir ermahnt worden! -, so wiirde man
dann ja auch wiederum ein Aufleben befurchten miissen solcher Ideen,
wie sie ein Hegel, Fichte, Schelling, Goethe hervorgebracht haben: ein
metaphysisches Traumen wiirde man befurchten miissen. - Es ist eine
eigentiimliche Furcht, von der da gesprochen wird; aber diese Furcht
konnte immer grofier werden, und diejenigen, die diese Furcht haben,
die werden das Spirituelle allerdings nicht annehmen konnen. In Wahr-
heit aber mufi eingesehen werden, dafi der Idealismus Mitteleuropas,
so wie das Kind zum Manne, sich entwickeln mufi zum Spiritualismus;
denn dieser Idealismus Mitteleuropas ist das Kind des Spiritualismus,
das Kind, das zum Spiritualismus werden soil. Als Fichte sprach, sprach
er noch blofi vom Idealismus, aber von einem solchen Idealismus, der
zum Spiritualismus hinstrebt. Dieser Impuls des Spiritualismus darf
nicht aus der Erdenevolution verschwinden.
Mit diesen einfachen Worten kann man vieles vom Smne der Zeit
zum Ausdruck bringen. Geahnt, gefiihlt haben ja einzelne Menschen
solche Dinge. Aber diese Ahnungen gehen voriiber, ohne in ihrer Tiefe
genommen zu werden, ohne daft das Schwergewicht darin gesehen
wird. Man versaumt, Nebensachliches an Hauptsachliches anzukniip-
fen. Und darum handelt es sich, daft man die groften Linien nicht aus
den Augen verliert, daft man wirklich sieht, was in den Stromungen,
die uber die Erdenentwickelung hingehen, das Wesentliche ist. Und
zum Wesentlichsten kommen wir, wenn wir uns belehren lassen durch
dasjenige, was diese Erdenentwickelung uns im spirituellen Lichte
zeigt. In dem besonderen Fall, wenn wir wirklich ernst nehmen die
Lehre von den auf einanderfolgenden nachatlantischen Kulturepochen -
immer wieder und wiederum mufi es gesagt werden — , sollten die Men-
schen uber jenen engen Standpunkt hinauskommen, welcher die Haupt-
sache nicht sehen kann.
Lassen Sie mich ein Beispiel anfuhren. Unter uns ist es notwendig,
auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Nehmen wir an, es wiirde
jemand heute das Folgende sagen, und versuchen wir dann, uns Ge-
danken dariiber zu machen, daft jemand heute das sagen wiirde: Was
mich betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, daft ein Kon-
flikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, daft
derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Turkei, oder
durch den Nationalitatenstreit in Dsterreich, vielleicht durch beide,
entziinden, und daft Ruftland in demselben die Fiihrerschaft auf der
einen Seite iibernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf
die Eventualitat vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und
Flamme gegen Deutschland. Die deutsche Presse laftt schon jetzt ihren
Warnungsruf erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Ruftland sich
sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es
jetzt in Petersburg zweckm'aftig gefunden, die orientalische Frage wie-
der einmal aufzunehmen.
Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pomposen als wahren
Ausdruck, «ein franzosischer See» werden sollte, so hat Ruftland die
noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meer einen «russi-
schen See» und aus dem Marmarameer einen «russischen Teich» zu ma-
chen. Dafi Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein di-
rekter Vasallenstaat Rufilands werden miisse, ist ein f eststehender Ziel-
punkt der russischen Politik, die ihren Unterstiitzungshebel in der ge-
meinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau
wurde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum
geschlossen werden. -
Nehmen wir an, einer wiirde so sprechen. Man konnte dann sagen:
Nun ja, dann ist er eben jetzt belehrt worden durch das, was geschehen
ist -, und es konnten doch diejenigen recht haben, die emphatisch pre-
digen, der Krieg sei nur von Mitteleuropa gewollt worden und habe
sich nicht vom Osten aus mit Notwendigkeit vorbereitet. - Aber das
ist geschrieben 1870! Und uberhaupt ist nicht ein Jahr vergangen, wo
nicht solches hatte geschrieben werden konnen. Wie toricht ist es zu
glauben, dafi man nicht bei den werdenden Kraften, die durch lange
Zeiten gespielt haben, die Ursache zu suchen habe zu dem, was heute
sich abspielt! Diese Worte sind 1870 geschrieben, wahrend des fran-
zosischen Krieges. Zu glauben, dafi die Dinge nicht hatten kommen
miissen, und zu glauben, dafi nicht alle Impulse gegeben waren vom
Osten her, das ist, im gelindesten gesagt, unhistorisch, ein Verkennen
all desjenigen, was wirklich wirksame Krafte sind. Das darf eben nicht
sein und mufi durch Geisteswissenschaf t verhindert werden, dafi immer
wieder und wiederum die Menschen, auch die Journalisten, so urteilen,
als ob vor funf oder sechs Monaten erst die Anfange derjenigen Ereig-
nisse sich gebildet hatten, die sich jetzt abspielen! Wenn die Menschen
durch Geisteswissenschaft dahin geschult werden, zu wissen, dafi das
Grofie sich im Kleinen vorbereitet, und dafi nur aus dem Grofien her-
aus das Kleine beurteilt werden kann, dann wird fur das gewohnliche
Leben auch etwas aus der Geisteswissenschaft errungen werden kon-
nen, dann wird in diesem gewohnlichen Leben vorbereitet werden das-
jenige, was uns die Geisteswissenschaft zum Erleben macht.
Ich habe sprechen wollen, ja, ich konnte sagen, ich habe zu Ihnen
sprechen miissen in diesem heutigen einleitenden Vortrag wiederum von
einem gewissen Gesichtspunkte, der herausgef ordert ist durch die Erleb-
nisse der Zeit, ich habe von dem sprechen miissen, was uns Geisteswis-
senschaft fiir die Beurteilung der Welt und unsere Stellung zur Welt
werden soli. Ich habe davon sprechen miissen. Im Grunde genommen
miissen wir uns immer wieder und wiederum diese Mahnung zuteil wer-
den lassen: ernst, tiefernst dasjenige zu nehmen, wasGeisteswissenschaft
uns geben will, und nicht sozusagen zwei Leben leben zu wollen: das-
jenige Leben, wo wir einmal uns die Dinge der Welt im geisteswissen-
schaftlichen Sinne erklaren, und dasjenige Leben, wo wir wiederum in
der Alltaglichkeit aufgehen und es so machen wie andere Leute auch.
Aber weniger durch Worte als durch die Art, wie ieh die Dinge ausein-
andergesetzt habe hier indiesem engerenKreise,mochte ich in Ihnendas
Gefiihl und die Empfindung hervorrufen, dafi diese Worte wirklich
nicht sein wollen etwas anderes als ewige Wahrheiten in dem Sinne, dafi
ewige Wahrheiten auch die individuellsten sind, Zu Ihnen, meine lie-
ben Freunde, mit Ihren Gefuhlen hier in Siiddeutschland, sind diese
Worte gesprochen, mit jener Gefiihlsnuance, die diesen Worten hier
zukommen mufi. Und wenn es genugte, dafi diese Worte nun einfach
nachgeschrieben werden und iiberall vorgelesen werden vor Leuten mit
anderen Lebenszusammenhangen, dann konnte es ja auch geniigen,
wenn ich blofi meine Worte aufschriebe und nicht herumreiste. Dafi
die Worte aus Gefiihls- und Empfmdungszusammenhangen heraus ge-
sprochen werden miissen, weil iiberall da, wo sich Menschen zusam-
menfinden, eine gemeinsame menschliche Aura ist, aus der heraus ge-
sprochen werden mufi, das miissen wir endlich im spirituellen Leben
einsehen. Darauf kommt es an, dafi wir die Dinge ins Leben iiberfiih-
ren, nicht dafi man die Phrase mache, man miisse die Dinge ins Leben
uberfuhren, sondern dafi man sie wirklich ins Leben uberfuhrt. Und
dazu gehort, dafi man sie wirklich individuell nimmt. Die Dinge ge-
schehen ja individuell, weil sie individuell geschehen miissen. Und es
ist ein abstrakter Glaube, wenn man annimmt, dafi zum Beispiel das-
jenige, was ich iibermorgen im offentlichen Vortrage sagen werde in
jenem Hause, das vis-a-vis liegt dem Hause, an dem sich die Gedenkta-
fel fiir Hegel befindet, dafi das, was im lebendigen unmittelbar Indivi-
duellen drinnen steht, dafi das abstrakt fiir alle Empfindungsnuancen,
gleichsam zur Bekehrung der ganzen Welt gesprochen sein soil. Man
muft auch einsehen, daft das, was der eine begreifen kann, der andere
nicht begreifen kann. Und miissen schon die anthroposophischen Vor-
trage einen gewissen individuellen Charakter da und dort tragen, so
ist das dann in einem noch erhohteren Mafie der Fall, wenn man so
ernsten Dingen gegeniibersteht, wie wir es jetzt tun. Nur dann aber,
wenn man es mit der Wahrheit ernst nimmt, und wenn man nicht
glaubt, daft dasjenige, was lebt, mit Worten erf aft t werden kann, die
leblos und regungslos sind und deshalb uberall hingetragen werden
konnen, nur dann wird man gerade das allgemein Giiltige verstehen,
das im Allerindividuellsten ist. Ich mochte, daft Sie auch einmal iiber
diese Seite des Lebens nachdenken. Es wird ein Weg dazu sein, daft
dasjenige, was ich in meiner Art aus der geistigen Welt zu holen habe,
in Ihren eigenen Seelen sich auf Ihre Art belebe, daft es nicht blofi eine
Wiederholung desjenigen ist, was in mir auf meine Art auftreten muft.
Denn wie sich das Sonnenlicht in jedem Steinchen anders spiegelt und
doch immer dasselbe Sonnenlicht ist, weil es im Leben drinnensteht,
so muft Geisteswissenschaft etwas werden, das in jedem einzelnen an-
ders lebt und doch immer und immer dasselbe ist. In dem Englander,
Franzosen, Russen, Deutschen kann nicht auf eine Art, wenn es sich
urn die nationalen Dinge handelt, Geisteswissenschaft leben, und durch
dasjenige, wodurch sich die Empfindung des einen am fruchtbarsten
belebt, kann der andere nicht bekehrt werden. Solche Bekehrungssucht
entsteht aus dem theoretischen Hang unserer Zeit. Was die aufiere rein
materielle Wissenschaft tun kann, daft sie alles iiber einen Leisten
schlagt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, weil es ein Le-
bendiges ist, und weil ich zu Ihnen so sprechen muft, wie es von mir
nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es
sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus
meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es
kann. Und dienen mochte ich dem geisteswissenschaftlichen Impuls,
der denjenigen, welcher in die geistige Welt etwas hinaufschauen kann,
anweist, sich auszuschalten und auszusprechen, was in den Tiefen der
Seelen derjenigen liegt, die ihm zuhoren. In gewissem Sinne darf ge-
sagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung,
es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhorer. Denken Sie auch
uber dieses nach! Wir miissen die Geisteswissenschaft nehmen als etwas,
was lebt, und nicht als ein Abstraktes gewufit wird. Das abstrakt Ge-
wufite spricht zu unserem Hochmut, spricht zu unserem Eigensinn, der
sich so gern in Oberredungskunst auslebt. Was spirituell ist, will ein-
fach mitgeteilt sein. Und es wollte mitgeteilt sein, was ich mitzuteilen
habe, und wenn hier kein einziger safie, der mir auch nur ein Sterbens-
wortchen glaubte. Wenn wir hingehen zu dem anderen mit der Mei-
nung, ihn durchaus iiberreden zu wollen, mit der Meinung, dafi er un-
sere Meinung annehmen soil, so erleben wir schon nicht richtig spiri-
tuell. Und dieses Erleben, dieses Erfassen im unmittelbaren Erleben
der geistigen Welt, das wird die Aura hervorbringen, die die Mensch-
heit in der Zukunft haben mufi.
Immer wieder und wieder mufi es gesagt werden: Was wir jetzt
unter Stromen von Blut erleben, es wird fur die Menschheit nur das
bedeuten, was es bedeuten soli, wenn sich wirklich etwas ganz Neues
auch in der Kultur, in der Menschheit zeigt. Dieses Neue aber wird
aufspriefien, wenn Menschen da sind, aus deren Seelen spirituelle Ge-
danken aufsteigen; diese Gedanken sind Machte. Und in die Atmo-
sphare, die erzeugt wird, wenn die Dammerung des Krieges vergangen
und die Friedenssonne wieder leuchten wird, miissen die Gedanken
einfliefien, die in den geistigen Horizont hinein sich ergiefien. Dann
werden diejenigen, deren Seelen hinunterschauen, diejenigen, die friih-
zeitig ihre Leiber verlassen mufiten auf den Schlachtfeldern, die wer-
den wissen, wofiir sie eigentlich gef alien sind auf den Schlachtfeldern.
Und der Anthroposoph mufi sich sagen, er durchlebt diese Zeit nur im
richtigen Sinne, wenn er diesen Charakter des geisteswissenschaftlichen
Strebens eben lebendig aufnimmt. Wenn gewisse Seelen im Bewufitsein
des Geistes ihren Sinn ins Geisterreich schicken, dann wird wirklich
aufsteigen aus unserem Blutes-Horizont ein Lichtes-Horizont fur die
zukiinftige Entwickelung der Menschheit.
Davon wollen wir dann, ein spezielles Thema besprechend, morgen
weiter fortfahren. Fiir heute aber wollen wir die Gedanken vor unsere
Seele riicken, die Gedanken, die uns zusammenbringen mit den ernsten
Ereignissen der Zeit:
Aus dem Mut der Kampf er,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Februar 1915
Ich kann mir leicht vorstellen, dafi jemand aus den Betrachtungen,
die gestern hier angestellt worden sind, die Schlufif olgerung zieht, daft
diejenigen Personlichkeiten, welche den Menschengruppen, den Vol-
kern angehoren, die erst in der sechsten Kulturperiode ihre besondere
Mission empfangen sollen, weil sie - wie der gestrige Ausdruck lau-
tete — der Zeit angehoren, in der die Entwickelung bereits in absteigen-
der Linie erfolge, geringer bewertet seien als diejenigen, die Angeho-
rige sind von Menschengruppen der aufsteigenden Entwickelung. Ich
sage, ich kann mir leicht vorstellen, dafi jemand diese Schlufifolge-
rung zieht. Mit anderen Worten: Ich kann mir leicht vorstellen, dafi
gerade aus all dem, was gestern gesagt worden ist im Anschlufi an
andere Bemerkungen, jemand erst recht ein Werturteil fallt unter dem
Eindruck von allerlei Emotionen und Gefiihlen. Und so kann es sich
erfullen, worauf ich ja aufmerksam machte, dafi dasjenige, was insbe-
sondere in bezug auf diese Dinge an einem Orte gesprochen wird, an
anderen Orten mifiverstanden werden mufi. Nicht etwa deshalb, weil
es gef arbt ist nach den Bediirfnissen eines Ortes oder bestimmter Men-
schen, sondern weil es nicht aufgefafit wird mit der notigen Objek-
tivitat, sondern mit Leidenschaft und allerlei nationalen Aspirationen.
Es konnte dann jemand sagen: Also hast du ja doch nur Worte ge-
braucht, um gewissermafien der mitteleuropaischen Kultur zu schmei-
cheln, und wir fuhlen uns, die wir der osteuropaischen Kultur ange-
horen, tief beleidigt von dem, was da gesagt worden ist. - Ja, wenn ein
solches Urteil gefallt wird, so beweist es nur, dafi dasjenige dann ein-
tritt, was ich gestern gerade versuchte so darzustellen, dafi es eben vom
geisteswissenschaftlichen Empfinden abgelost werden mufi, so abge-
lost werden mufi, dafi sich rein theoretisches, rein abstraktes Denken
umwandelt in unmittelbares Erleben, dafi uns dasjenige, was sonst
blofi unserem Wissen angehort hat, empfindungsgemafi und erlebens-
gemafi nahetritt.
Wer so urteilen wurde, wie eben angedeutet, der wurde nur theo-
retisch abstrakt urteilen. Denn wie wiirde das konkrete, das ins Erleben
ubertretende Urteil in einem solchen Falle lauten? So wiirde es lauten,
dafi wir eben - wenn das, was auseinandergesetzt wurde, wahr ist -
einer Zeit entgegengehen, wo diejenigen, die da folgen wollen dem
Fortschritt der Kulturmission, nicht mehr aufgehen diirfen in dem
blofi nationalen Erleben. Die fiinfte Kulturepoche war gerade durch
ihre Eigentumlichkeit dazu geeignet, dafi die ihr angehorigen Person-
lichkeiten in einer gewissen Weise aufgingen in dem nationalen Emp-
f inden und sich wiederum personlich aus ihm hinausrangen. Die sechste
und siebente Kulturepoche werden so sein, dafi diejenigen, die blofi
national sein wollen, zurtickbleiben hinter den Aufgaben der Mensch-
heit. Aber dies ist ja der Grund, warum wir geisteswissenschaftliche
Weltanschauung treiben: dafi die Menschheit sich herausringe aus dem
blofi nationalen Empfinden, aus demjenigen Empfinden, das nicht all-
gemein menschliches Empfinden ist. Also, was geschlossen werden mufi
aus dem gestern Gesagten, es ist etwas ganz, ganz anderes. Es ist: dafi
die mitteleuropaischen Nationalkulturen diejenigen sind, die als Na-
tionalkulturen Impulse in sich haben, welche zusammenf alien mit der
grofien Sendung der nachatlantischen Kultur, dafi aber dann Kulturen
kommen, die ein Herauswachsen der Menschen aus den nationalen Im-
pulsen notwendig machen, und dafi es nicht geht, wenn diejenigen, die
heute die Vorziigler sind - man sagt ja «Nachzugler», warum sollte
man nicht sagen «Vorziigler» - der spateren Kulturen, ganz in ihrem
nationalen Erleben, und zwar mit Prononcierung, aufgehen, wie es von
der Bevolkerung Osteuropas geschieht. Mit anderen Worten: Da sie in
diesem nationalen Empfinden noch nicht ihre Sendung empfangen
haben, sind sie darauf angewiesen, das, was als Geisteswissenschaft
erzeugt wird, in sich aufzunehmen, um iiber das Nationale hinauszu-
wachsen. Lebendiges Verstehen ist auch da notwendig.
Allerdings, man wird schwerlich in unserer heutigen Zeit, in der
sich die Leidenschaften und Vorurteile so gegeniiberstehen, dasjenige
f inden konnen, was notwendig ist, damit die Menschen auf den Boden
der ja wahrhaftig Objektivitat erstrebenden Geisteswissenschaft sich
voll stellen konnen, sich voll stellen konnen auf den Boden des rein
Menschlichen. Geisteswissenschaft, wir treiben sie, damit gerade etwas
sich ausbreite iiber die ganze Erde, was iiber alle Differenzierungen
hinausgeht, und deshalb sollten diejenigen, die sich der Geisteswissen-
schaf t zuwenden aus alien Nationen heraus, objektives Verstandnis ge-
winnen konnen fur so etwas, wie es ja auseinandergesetzt worden ist
in jenem Vortragszyklus, der den Titel tragt «Die Mission einzelner
Volksseelen», der iiberall, wo es Anthroposophen gibt, studiert werden
sollte. Seine Bedeutung hat er ja auch gerade dadurch, dafi er Jahre
vor diesem Krieg gehalten worden ist, so dafi ihm niemand vorwerfen
kann, er sei aus der Stimmung dieses Krieges heraus erzeugt worden.
Nicht darauf kommt es eben an, dafi, was da oder dort gesprochen
wird, nicht allgemeingiiltige Wahrheiten enthielte, sondern darauf
kommt es an, dafi man einsehen mufi, wie man diese Wahrheiten nicht
iiberall vertragt. Als ich vor Monaten hier gesprochen habe, da habe
ich darauf aufmerksam gemacht, dafi wir in Mitteleuropa es gewisser-
mafien leicht haben, objektiv zu sein, leichter als die anderen. Warum
wir es leichter haben, das geht gerade aus jenem Vortragszyklus auch
hervor. Alles, was die tieferen Lehren unserer ernsten Ereignisse sind,
weist uns darauf hin, dafi aus den verschiedensten Untergriinden un-
serer gegenwartigen Weltenkultur etwas sich herausentwickeln mufi,
das zusammenfallt mit unserem geisteswissenschaftlichen Streben. In
gewisser Beziehung kann man sagen: Diese ernsten Ereignisse sind
etwas wie eine machtige Hindeutung auf die Notwendigkeit geisteswis-
senschaftlichen Erlebens in der Welt. Sie beweisen, dafi dieses geistes-
wissenschaftliche Erleben kommen mu£. Daher kann selbstverstand-
lich das doch nur etwas Sekundares fiir uns sein, was zu den unmittel-
baren Empfindungen eines Ortes gehort; unsere eigentliche Aufgabe
ist, dasjenige in unser seelisches Erleben uberzufiihren, was jetzt schon
iiberall verstanden werden kann ohne innere Anstofiigkeit, trotzdem
auf so vielen Gebieten eben Vorurteile iiber Vorurteile vorhanden sind.
Dasjenige, was Anschauungen sind aus der Geisteswissenschaft her-
aus iiber das allgemein Menschliche im Menschen, das bereitet uns ja
auch vor, objektiv all das ubersehen zu konnen, in das wir durch die
Erdenentwickelung, die Weltenentwickelung hineinversetzt sind. Denn
dieses, wohinein wir versetzt sind, ist gewissermafien der Boden, aus
dem wir herauswachsen, und dasjenige, wodurch wir herauswachsen
sollen, sind die Impulse, die wir durch die Geisteswissenschaft auf-
nehmen. Im Grunde genommen sind wir ja doch nur mit der einen
Halfte unseres Wesens in all den Differenzierungen drinnen, die liber
die Erde hin verbreitet sind, mit unserem physischen Leibe und unserem
Atherleibe, die wir gewissermafien der Erde auch zuriicklassen, wenn
wir in den anderen Bewufitseinszustand eintreten, den wir als Schlaf
bezeichnen konnen. Mit dem Ich und dem Astralleib aber gehen wir
dann heraus aus unserem physischen Leib und Atherleib und sind dann
mit unserem Ich und Astralleib in der Welt, die der Mensch sonst be-
tritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der Welt, wo alle
irdischen Differenzierungen aufhoren, in der Welt, in welche uns die
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft eben einfiihren sollen. Wer In-
itiationserkenntnisse zu seinen eigenen Erkenntnissen machen kann, der
ist durch diese Initiationserkenntnisse wahrhaftig schon geschiitzt da-
vor, in einseitiger Weise irgendeinem der Volksgeister einen besonderen
Vorzug zu geben. Denn, wie kommen wir denn mit dem besonderen
Volksgeist in Beriihrung, dem wir angehoren?
Wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen
Welt weilen mit unserem Ich und Astralleib, da sind wir mit unserem
Volksgeist, mit dem Volksgeist, der unserer Nationalitat gewisser-
mafien vorsteht, nicht in Beriihrung, sondern wir sind nur in Beriih-
rung mit diesem Volksgeist wahrend unseres wachen Tageslebens, vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unter den Kraften, in die wir unter-
tauchen, wenn wir in den physischen Leib und den Atherleib unter-
tauchen, sind auch die Krafte, in die hineinarbeitet der Volksgeist des
Volkes, dem wir angehoren. Wir betreten sozusagen das Feld dieses
Volksgeistes, indem wir aufwachen; wir verlassen es wieder, wenn wir
einschlafen. Derjenige aber, welcher Initiationserkenntnisse sich er-
wirbt, der mufi ja gerade wahrend dieser Erwerbung in der Welt wei-
len, in der sein Volksgeist gerade nicht ist, denn er mufi eintreten in
die Welt, in der wir leben zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und
da stellt sich denn etwas Besonderes heraus. Nehmen wir an, ein
Mensch gehort also einem ganz bestimmten Volke an. Jeder gehort
ja einem solchen an, indem er sich zu einer bestimmten Nationalitat
rechnen mufi. Wenn der Mensch nun mit dem Einschlafen die Sphare
seines Volksgeistes verlalk, dann stent er eben mit diesem Volksgeist
nicht mehr in Beriihrung, bis er wieder aufwacht. Da hinein begibt
sich auch derjenige, der sich Initiationserkenntnisse erwirbt, und er
kommt zusammen wahrend der Zeit vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen mit den anderen Geistern der Volker, die sonst auf der Erde
leben, nur nicht mit seinem eigenen Volksgeist. Also man durchlebt eiri
Zusammensein mit den anderen Volksgeistern in der Zeit zwischen
Einschlafen und Aufwachen, und mit seinem Volksgeiste in der Zeit
zwischen Aufwachen und Einschlafen. Nur ist das Zusammenleben
mit den anderen Volksgeistern nicht so, daft man mit jedem einzelnen
lebt, sondern man lebt mit ihrer Verbindung, gleichsam mit ihrer Ge-
nossenschaft, mit dem, was sie im Verhaltnis zueinander vollbringen,
mit der Gesamtheit der iibrigen Volksgeister.
Also denken Sie sich, das menschliche Leben wechselt ab - so sagt
uns die Initiationserkenntnis - zwischen einem Erleben mit dem Volks-
geiste im Wachzustand und einem Erleben mit der Gesamtheit der an-
deren Volksgeister im Schlafzustand. Nur gibt es ein Mittel gleich-
sam, wodurch wir ein abnormes Zusammenleben haben mit den ande-
ren Volksgeistern, wodurch wir nicht mit ihrer Gesamtheit zusammen-
kommen im Schlafe, sondern mit einem besonderen Volksgeiste zusam-
menkommen. Das ist, wenn wir ein Volk besonders leidenschaftlich
hassen. Das ist das Abnorme: Wir konnen dem nicht entgehen, wenn
wir ein Volk besonders hassen, dafi wir wahrend des Schlafes m die
Sphare seines Volksgeistes kommen. Und derjenige, der sich Initia-
tionserkenntnisse erwirbt, der wiirde, wenn er ein Volk aus rein per-
sonlichen nationalen Griinden besonders hafSt, in die Sphare seines
Volksgeistes sich begeben, gerade wenn er in das Feld der Initiation ein-
tritt, und es wiirde sich fur ihn sehr bald die Unmoglichkeit ergeben,
da drinnen ordentlich zu weilen. Trivial ausgedriickt, konnte ich sagen:
Wer aus nationalen personlichen Leidenschaften heraus ein anderes
Volk besonders hafit, ist dazu verurteilt, mit dessen Volksgeist zu schla-
fen. Das ist trivial ausgesprochen, aber ganz wortlich zu nehmen.
Die Tatsachen der geistigen Welt, die sorgen schon dafur, dafi das
ganze Menschengeschlecht eine Einheit ist, und dafi ein Sich-Her-
aussondern nicht moglich ist. Aber wenn wir solche Tatsachen ins Auge
fassen, dann konnen wir daraus so manches lernen. Wir sprechen ja
davon, dafi die Welt, in der wir aufierlich mit unseren Sinnen und mit
unserem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist, leben, eine grofie
Tauschung, eine Maja ist; aber auch diese Wahrheit, dafi die Welt eine
Maja ist, wir nehmen sie allzu abstrakt, wir nehmen sie blofi theore-
tisch. Ich mochte sagen, wir lassen uns noch herbei, diese Wahrheit ver-
standesmafiig zu fassen. Sielebensvoll zu erfassen, dem widerstrebt nicht
nur unser Verstand, sondern oftmals sogar unser Wilie. Denn dasje-
nige, was hinter der Welt der Tauschung ist, es sieht so aus, dafi wir
nicht wollen, dafi es so ausschaue. Wir scheuen uns davor, wir furchten
uns davor, weil uns die Wahrheit unbequem ist. Zu wissen, dafi die
ganze Menschheit im konkreten Sinne eine Einheit ist, das ist ja nicht
bequem, denn es gestattet nicht, dafi man in einseitiger Weise Gefuhle
und Enthusiasmen so betrachtet, wie sie heute vielfach betrachtet wer-
den, sondern es belehrt uns dariiber, was das in der Welt der Wirklich-
keit bedeutet. Das aber ist unbequem. Der Wille scheut oftmals noch
mehr vor der Wahrheit zuriick als die Einsicht, als der Verstand. Dar-
um braucht man sich nicht zu wundern, wenn in unserer Zeit die Wahr-
heiten der Geisteswissenschaft noch vielfach als Narretei gelten, denn
die Narretei der Zeit fiirchtet sich vor der Weisheit der Welt. Hinter
die Erscheinungen zu blicken, das gibt aber erst die Moglichkeit, zu
verstehen, was eigentlich geschieht. Ich habe gestern bereits darauf
hingewiesen und will nun in einem speziellen Falle es noch ausfiihren.
Wenn wir den Menschen verfolgen, wie er durch die Pforte des
Todes in die geistige Welt hineingeht, in der er die Zeit zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchlebt, um sich vorzubereiten fiir ein
neues Erdenleben, dann miissen wir uns klar werden, inwiefern er in
seinem Leben zwischen Tod und neuer Geburt beeinflufit wird von
seinem letzten Erdenleben, inwiefern er gleichsam mitbringt durch die
Pforte des Todes in das geistige Leben hinein die Nachklange, das
Nachtonen des letzten Erdenlebens. Wir wissen ja, dafi der Mensch,
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, hindurchtragt durch diese
Pforte des Todes zunachst, nachdem er seinen physischen Leib den
Erdenelementen iibergeben hat, seinen Atherleib, den Astralleib und
das Ich. Wir wissen auch, dafi dieser Atherleib sich bald, sehr bald
trennt von Ich und Astralleib, mit Ausnahme eines Extraktes, der da-
von zuriickbleibt, und dafi der Atherleib sich mit dem allgemeinen
Wirken des Kosmos atherisch verbindet. Das alles haben wir ja ofters
ins Auge gefafit. Nun aber ist es so, dafi der Mensch nach dem Tode
durch seine Erkenntnisse, seine nach dem Tod ihm bleibenden Erkennt-
nisse dennoch zuriickschaut auf die Schicksale des Atherleibes, und dafi
diese Schicksale fiir ihn etwas bedeuten. Es bedeutet fur den Menschen
nach dem Tode etwas, wenn er anschaut die Schicksale seines Ather-
leibes, die so verlaufen, dafi dieser Verlauf eine Art Resultat des Er-
denlebens ist. Und dieses Resultat, dieses Ergebnis des Erdenlebens
stellt sich verschieden heraus fiir die verschiedensten Verhaltnisse der
Erde, unter anderem auch fiir das verschiedene Erleben im Nationalen
darinnen. Ganz anders stellen sich die Erdenreste, die fiir den Men-
schen eine Bedeutung haben nach dem Tode, sagen wir, bei einer Seele,
die aus einem franzosischen Korper herausgeht und iibergeht in die
geistige Welt, und ganz anders bei einer solchen Seele, die heute aus
einem russischen Leibe in die geistige Welt iibergeht. Seelen, die aus
einem franzosischen Leibe heute herausgehen, gehoren einer Kultur
an, die gewissermafien reif und iiberreif geworden ist, die vieles die-
sen Atherleib erleben lafit auf der Erde. Das Eigentiimliche der fran-
zosischen Volkskultur - nicht die Kultur des einzelnen - besteht darin,
dafi der Atherleib selber durcharbeitet wird, durchtrankt wird mit
Kraften und Kraftwirkungen, und in einer sehr scharf gepragten Weise
daher durch die Pforte des Todes tritt, und dann drinnen ist in der
geistigen Welt. Solche Atherleiber losen sich lange nicht auf, sie blei-
ben lange als Spektren vorhanden. In seiner Vorstellung hat der An-
gehorige des franzosischen Volkstums, insofern er ihm angehort, eine
ganz bestimmte Meinung von sich, von dem, was er gilt in der Welt.
Das ist aber nichts anderes als die Spiegelung von den fest arbeitenden
Kraften im Atherleibe. Der Atherleib ist plastisch fest gebildet und
tritt so iiber in die geistige Welt.
Ganz anders ist das bei einem Atherleib eines russischen Menschen.
Der hat nicht eine so feste Pragung, der ist gewissermafien elastischer,
er lost sich in der geistigen Welt leichter auf; daher sind die Seelen
durch ihn weniger gefesselt. Wahrend durch das Hinschauen auf den
aus einer Hochkultur hervorgehenden Atherleib des Franzosen die
franzdsische Seele langer sozusagen verbunden ist mit dem Atherleibe,
ist die Seele des russischen Menschen nur kurz verbunden mit dem
Atherleibe. Es bedeutet das, was der Atherleib durchmacht nach dem
Tode, weniger fur diese Seele des Ostens. Das aber hat eine sehr be-
stimmte, tiefgehende, bedeutsame Wirkung fur das, was gewisserma-
fien hinter den Kulissen unseres Daseins in der Gegenwart geschieht.
Die Schicksale der russischen Seele sind ja ganz andere als die Schick-
sale der franzosischen Seele in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt.
Nun wissen wir ja aus den verschiedensten Betrachtungen, dafi wir
entgegengehen im 20. Jahrhundert dem atherischen Wirken des Chri-
stus-Geistes. Hingewiesen ist darauf schon im exoterischen Sinne an
der entsprechenden Stelle des Mysteriendramas «Die Pforte der Ein-
weihung» von der Wiedererscheinung des Christus als atherische Kor-
perlichkeit. Und hingewiesen ist darauf auch schon in verschiedenen
Betrachtungen, dafi dieses Erscheinen des Christus fur diejenigen Men-
schen, die fahig sein werden, ihn zu schauen, vorbereitet wird seit
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, indem der wirkende Zeitgeist
seit dieser Zeit ein anderer ist als friiher. Durch Jahrhunderte vorher
war Gabriel der wirkende Zeitgeist; seit dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts ist Michael der wirkende Zeitgeist. Michael ist es, der
gewissermafien die Erscheinung des Christus als atherische Wesenheit
vorzubereiten hat. Das alles mufi aber vorbereitet werden, das alles
mufi gewissermafien in der Entwickelung gefordert werden, und es
wird gefordert. In der Art wird es gefordert, dafi Michael fur die Er-
scheinung des Christus gewissermafien den Kampf fiihrt, dafi er die
Seelen in dem Erleben zwischen Tod und neuer Geburt vorbereitet auf
dasjenige, was in der Erdenaura zu geschehen hat. Nun wiirden scharf
gepragte Atherleiber, die in der elementarischen Welt um uns herum
sind, immer storend sein in der Zeit, die herankommen mufi, wo rein
gesehen werden soli diese Athergestalt, die der Christus annehmen mufi.
Naher stehen einer reinen Auffassung dieser Athergestalt diejenigen
Seelen, die nach dem Tode durch ihre atherischen Leiber weniger be-
riihrt sind. Daher stellt sich folgendes heraus.
Wir sehen, wie ein Teil der Arbeit des Michael dahingeht, beizu-
tragen zur Auflosung der westeuropaischen hochkultivierten Ather-
leiber, die eine feste Gestalt haben, und wir sehen, wie sich Michael
bedient in diesem Kampfe der osteuropaischen Seelen. Und so sehen
wir Michael, gefolgt von den Scharen der osteuropaischen Seelen,
kampfend gegen die westeuropaischen Atherleiber und die Eindriicke,
welche die Seelen nach dem Tode haben. So gibt es einen lebendigen
Kampf hinter den Kulissen des heutigen Daseins. Dieser Kampf ist
vorhanden, dieser Kampf in der geistigen Welt. Dieser Kampf im
Himmel gleichsam, er spielt sich ab zwischen Ruftland und Frankreich
in der geistigen Welt, ein lebendiger Kampf zwischen Osten und We-
sten. Und dieser Kampf ist die Wahrheit, und dasjenige, was sich in
der physischen Welt abspielt, das ist die auftere Maja, das ist die Ent-
stellung der Wahrheit. Und man bekommt auch da, wie so oft, wenn
man die geistigen Tatsachen betrachtet, auf diesem Gebiet den erschut-
ternden Eindruck, daft oftmals dasjenige, was hier im Felde der Tau-
schung sich vollzieht, das gerade Gegenteil von dem ist, was in der
geistigen Welt als Wahrheit sich vollzieht.
Denken Sie sich das ungeheuer Erschutternde fur denjenigen, der
Initiationserkenntnis erwirbt, daft ein Biindnis besteht zwischen Vol-
kern, die sich in der geistigen Welt aufs heifieste bekampfen! Solche
Dinge diirfen natiirlich nicht verallgemeinert werden, nicht etwa darf
die Schlufifolgerung gezogen werden, daft in der geistigen Welt alles
entgegengesetzt ist der physischen Welt. Jeder einzelne Fall muft unter-
sucht werden. Aber fiir diesen Fall bekommen wir auch diesen erschiit-
ternden Eindruck, diesen unsere Erkenntnis, man mochte sagen, zu-
nachst zermalmenden Eindruck. So sieht es eben vielfach anders aus
hinter den Kulissen des Daseins, als es in der aufteren Welt aussieht.
Aber begreiflich werden uns die Dinge in ihrem wahren Zusammen-
hang nur, wenn wir hinter die Kulissen des Daseins mit dem Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft leuchten konnen. Dann aber werden
sich auch in unsere ganze Auff assung hineinpragen diejenigen Gefuhle,
welche gleichsam in die Wahrheit untertauchen lassen unsere Herzen
gegeniiber den Vorurteilen, in denen wir befangen sein miissen, wenn
wir uns den Stromungen der aufteren physischen Welt hingeben. Wirk-
lich ist Mitteieuropa heute hineingeschoben zwischen zwei kampfende
Machte und mufi gewissermafien sie auseinanderhalten. Daraus ergibt
sich aber der Zusammenhang zwischen demjenigen, was ich gestern als
das Ringen der mitteleuropaischen Kultur bezeichnet habe, gegeniiber
dem, was links und rechts, wie umklammernd, diese mitteleuropaische
Kultur bedrangt. Das ist das Karma der mitteleuropaischen Kultur:
ihre Entwickelung sich abspielen zu sehen zwischen dem, was sich be-
kampfen mufi durch eine erdengeschichtliche Notwendigkeit. Die rech-
ten Gefuhle fiir den tragischen Konflikt der Verhaltnisse, insofern sie
jetzt Mitteieuropa betreffen, gehen ja erst aus einer solchen Betrach-
tung hervor. Dann erst, wenn wir eine solche Betrachtung zugrunde
legen, merken wir, dafi im Grunde genommen Nichtbeteiligung an den
Handeln, die eigentlich auszufechten sind, das wirklich Charakteristi-
sche fiir Mitteieuropa ist, unschuldiges Verhalten zu diesen Handeln
und in das Karma mit hinein verwickelt sein. - Und wir haben nun
auch gesehen, wie der genaue Zusammenklang dessen ist, was da in der
Evolution enthalten ist: wir haben gesehen, wie beteiligt ist der Osten
und Westen Europas an dem kommenden Christus-Ereignis. Wenn wir
das Ringen der mitteleuropaischen Kultur mit ihrer Vereinigung, wie ich
es gestern charakterisiert habe, von Geistigem und Leiblichem ins Auge
fassen, dann haben wir auch die besondere Ausgestaltung des Christus-
Impulses, der ja der Trager dieser Vereinigung des Geistigen und Leib-
lichen ist. Mitten also in Europa das Phanomen, das Christentum iiber-
zufiihren in die Erdenereignisse. Hier, sich abspielend auf dem physi-
schen Plan, etwas von ungeheurer Bedeutung, und rechts und links et-
was, was erst erkampft wird auf den hbheren Planen. Physischer Plan
und geistiger Plan schlieften sich zusammen, wenn wir sie so betrachten.
Das ist die Erganzung zu dem gestern Auseinandergesetzten. Und
so ist es im Grunde genommen mit aller Evolution, soweit sie sich unter
dem Einflufi des Christus-Impulses nach und nach entwickelt hat.
Denn was jetzt im 20. Jahrhundert geschieht, hat sich ja nach und nach
entwickelt. Der Christus-Impuls ist eingezogen durch das Mysterium
von Golgatha in die irdische Menschheitsentwickelung, und er hat dar-
innen gewirkt. Aber wenn er nur hatte so wirken konnen, der Christus-
Impuls, wie ihn die Menschen verstanden haben, hatte er wenig wir-
ken konnen bisher. Wir fangen ja erst an mit dem Verstandnis, wir
fangen erst an, durch Geisteswissenschaft etwas zu begreifen von dem,
was das Mysterium von Golgatha ist. Der Christus-Impuls hat ge-
wirkt. Aber wahrhaftig wirkte er am wenigsten in dem, was das Ge-
zank und Geschrei der Theologen war. Schlimm ware es gewesen,
wenn nur so viel von dem Christus-Impuls hatte hereinkommen kon-
nen in die Erdenentwickelung, wie die Menschen begriffen haben in
den verschiedenen Epochen mit ihrem Verstande. Aber ich habe darauf
hingewiesen, wie der Christus-Impuls durch die Jahrhunderte in un-
bewufite Seelenkrafte gewirkt hat. Ich habe Ihnen geschildert, wie am
28. Oktober 312 Konstantin gegeniiberstand dem Maxentius, und wie
da eine Schlacht geschlagen wurde, durch die das Schicksal von Eu-
ropa entschieden worden ist. Nicht durch die Kunst der Feldherren
wurde diese Schlacht geschlagen, sondern durch dasjenige, was sich im
Unterbewulksein der Menschen zugetragen hat. Maxentius befragte
die sibyllinischen Biicher. Die verfuhrten ihn, statt seine Heere in Rom
in Sicherheit zu lassen, sie aus den Toren Roms zu fiihren, den Heeren
Konstantins entgegen. Konstantin aber hatte den Traum: das Mono-
gramm Christi seinem Heere vorantragen zu lassen. Man folgte also
nicht den Gescheitheiten der Feldherren, sondern man folgte Traumen,
das heifit den Impulsen des Unterbewufitseins. Von dem, was daraus
entstand, hat Europa seine Gestaltung bekommen. Nicht von dem lei-
tete sich her die wirkliche Gestaltung des Christus-Impulses, woriiber
die Theologen zankten, sondern von dem, was der lebendige Christus
auf den Feldern war, wo er wirken kann. Nicht die menschlichen Be-
griffe vom Christus - auf die kommt es nicht an -, sondern der leben-
dige Christus, der durch die Impulse wirkt, die die seinigen sind. Wenn
ihn die Menschen nicht verstanden, ging er in das hinein, wo man nicht
zu verstehen braucht, wo man in Traumen aufnimmt, was in die Wil-
lenssphare iibergehen soli.
Und wiederum einmal war es in Europa, dafi der Christus-Impuls
hereingedrungen ist und Europa eine bestimmte Gestaltung gegeben
hat: im 15. Jahrhundert, als durch das einfache Landmadchen, die
Jungfrau von Orleans, Europa eine ganz andere Gestaltung bekommen
hat. Hatte dazumal England uber Frankreich gesiegt - was die Jung-
frau von Orleans verhindert hat -, so ware aller spatere geschichtliche
Verlauf ein anderer geworden. Aber wahrhaftig, das Hirtenmadchen
von Orleans hat nicht menschliche Weisheit gehabt, sondern in ihr hat
gewirkt der Christus-Impuls durch seinen michaelischen Vorlaufer,
aufierlich zugunsten Frankreichs, in Wirklichkeit zugunsten Englands;
denn England hatte sonst nicht die Entwickelung durchmachen kon-
nen, die es durchgemacht hat. Aber es wirkte mit ungeheurer Deutlich-
keit fur denjenigen, der die Welt geistig durchschauen will, der Chri-
stus-Impuls dazumal in dasjenige hinein, was geschehen sollte.
Ich habe ofters darauf aufmerksam gemacht, wie jene alten Legen-
den, jene alten Sagen und Mythen Wahrheiten enthalten, die darauf
hinweisen, dafi in den dreizehn Nachten zwischen Weihnachten und
dem Fest der Erscheinung, dem Dreikonigsfest, dafi in diesen Nachten
der tiefsten Winterfinsternis die Zeit ist, in der die Erdenkrafte dem
Hellsehertum ganz besonders giinstig sind. Da, wo sozusagen die phy-
sischen Krafte sich am meisten zuriickziehen in Untatigkeit, da wir-
ken die geistigen Krafte ganz besonders. Diese dreizehn Nachte, von
Weihnacht bis zum 6. Januar - so erzahlt uns eine alte norwegische Le-
gende -, schlief Olaf Asteson. Und in diesem Schlafe hat er all dasje-
nige in Imaginationen durchgemacht, was wir nun anthroposophisch
erkennen als Kamaloka, als Seelenwelt, als Geisteswelt. Das ist eine
Wahrheit. Und gar mancher, der, ich mochte sagen, am Tor steht der
Initiation, er kann dieser Initiation die letzte Vollendung geben, wenn
er es zu einem ganz besonderen konzentrierten inneren Erleben in die-
ser Zeit bringt, in die hinein deshalb mit Recht versetzt ist die Geburt
des Christus, des geistigen Sonnenlichtes. Man konnte sagen: Wenn
jemand eine unbewufke Initiation erleben soil, wann wiirde er sie am
besten erleben? - Dann wiirde er sie am besten erleben, wenn er zube-
reitet wird in diesen Nachten, wenn er in einem Schlafzustand ist, einer
Art weltentriicktem Zustand, bis zum 6. Januar. Konnten wir nicht
voraussetzen, dafi auch das ganz gewifi nicht gelehrte oder geisteswis-
senschaftlich geschulte, aber innerlich spiritualisierte Hirtenmadchen,
die Jungfrau von Orleans, am besten initiiert hatte werden konnen,
wenn sie diese Nachte in einer Art Schlafzustand durchgemacht hatte,
einem Zustand, wo sie nicht durch die Sinne und den Verstand begrif-
fen hatte die aufiere Welt? Das hat sie! Man ist in der Zeit, bevor die
physische Geburt eintritt, ganz gewifi nicht dazu veranlagt, durch die
aufieren Sinne die umliegende Welt wahrzunehmen, denn diese Sinne
wachen ja erst auf bei der Geburt im physischen Dasein. Man ist auch
nicht geeignet vor der Geburt, durch den Verstand nachzudenken, aber
der geistige Teil ist dann in Beriihrung mit der kosmischen geistigen
Umwelt.
Nun, die dreizehn Tage vor dem 6. Januar hat die Jungfrau von
Orleans im Leibe der Mutter zugebracht, denn am 6. Januar ist sie ge-
boren. Dies ist eine Tatsache, die tief bedeutsam liber Weltenzusam-
menhange spricht. Der die Evolution fuhrende Weltengeist brauchte
in der Jungfrau von Orleans eine Menschenseele, die gerade die drei-
zehn letzten Tage der Schwangerschaft im Leibe der Mutter zubrachte
bis zum 6. Januar und dann geboren worden ist. Da sehen wir tief hin-
ein in jene Zusammenhange, die hinter den Kulissen des Daseins sind.
Da sehen wir, wie die Welt gefiihrt wird in geistiger Beziehung. Da
wurde eine Seele geboren, die gewissermafien durch den Weltengeist
selbst initiiert worden ist bis zu ihrer Geburt hin. Es handelt sich daher
darum, dafi wir uns eine Empfindung erwerben dafiir, wie gewisser-
mafien vor uns der Teppich des aufieren Majadaseins ausgebreitet ist:
wenn wir ihn an verschiedenen Stellen zerreifien, so blicken wir in die
Geheimnisse des Daseins erst hinein. Und das mufi Gefiihl und Emp-
findung werden fur das Umgestaltende der Geisteswissenschaft fur
die Kultur der Menschheit. Das mufi Empfindung werden, dafi man,
um hineinzuschauen in die Geheimnisse der Welt, eben radikal wird
brechen miissen mit der blofien Beobachtung der aufieren Maja, die ja
selbstverstandlich eintreten mufite seit dem Glanze und dem Ruhm
des naturwissenschaftlichen Forschens. Aber dieser Glanz und Ruhm
mufi fiir die Zukunft abgelost werden von der Geisteswissenschaft.
Dasjenige, was die Menschheit zum wirklichen Einleben der Geistes-
wissenschaft in die Seelen braucht, wird aber vor alien Dingen sein
ein wirklich guter Wille fiir die Verbindung der eigenen Seele mit den
geistigen Welten. Das aber mufi alles ausgehen von einer gewissen
Selbsterkenntnis. Doch Selbsterkenntnis ist gar nicht so leicht, und es
gehort zu den grofiten Tauschungen, denen man sich im gewohnlichen
Leben hingeben kann, wenn man denkt, dafi Selbsterkenntnis, die der
Anfang aller wahren Erkenntnis sein mufi, leicht ist.
Selbst in bezug auf das Alleraufierlichste ist sie nicht einmal be-
sonders leicht. Ich habe hier ein Buch; es ist mir zufallig - was man
so zufallig nennt -, karmisch in diesen Tagen wieder in die Hande ge-
kommen: das Buch eines Philosophen der Gegenwart, der Philosophie-
professor an der Universitat in Wien war: « Analyse der Empfindun-
gen.» Derjenige, der das Buch geschrieben hat, macht Selbstgestand-
nisse, die sehr interessant sind. Auf Seite 3 sagt er: Als junger Mensch
erblickte ich einmal in einer Spiegelniederlage, als ich iiber die Strafie
ging, mein Gesicht im Profil, aber ich erkannte es nicht als mein eige-
nes Gesicht. Ich dachte: Was fiir ein widerwartiges, unsympathisches
Gesicht! - Also Sie sehen, selbst bis zu diesem Grade ist Selbsterkennt-
nis der rein aufieren Gestalt nicht einmal gar so sehr verbreitet. Der
gute Mann gesteht ganz of fen: es kommt ihm entgegen ein hochst un-
sympathisches Gesicht, das einen abstofienden Charakter hat, und dann
entdeckt er, dafi es sein eigenes ist. So wenig hat er sich gekannt seiner
aufieren Gestalt nach. Sie sehen, nicht einmal aufiere Selbsterkenntnis
kann man leicht erwerben. Universitatsprofessor kann man dabei sein,
ungehindert; das bezeugt dieses Beispiel. Ernst Macb, so heifit der Pro-
fessor, macht aber noch ein ahnliches Gestandnis. Er ist ganz aufrich-
tig. Er sagt: Ich kam einmal recht ermudet von einer Reise zuriick und
bestieg einen Omnibus. Zu gleicher Zeit stieg ein anderer in den Omni-
bus ein. Ich dachte: Was fiir ein herabgekommener Schulmeister steigt
denn da ein! - Und siehe da, ich war es selbst. - Er hatte sich im Spie-
gel gesehen. - Der gute Mann wufite, wie ein herabgekommener Schul-
meister aussieht, da sah er einen einsteigen, aber er konnte sich nicht
damit identifizieren, er wufite nicht, daft er so aussah. Er fiigt seiner
Erzahlung hinzu: Also kannte ich den Standeshabitus besser als meinen
eigenen!
Noch viel schwieriger als das Wissen iiber die aufiere Gestalt ist
das Wissen iiber die Seele, das Wissen desjenigen, was wir eigentlich
in unserem seelischen Wesen sind. Aber ohne dieses geht es nicht ab,
wenn man wirklich auf dem Felde der Initiation etwas vorwartskom-
men will. Die Tauschung iiber sich selbst, sie gehort zu den verbreitet-
sten Eigentiimlichkeiten des Menschen, und was in den Tiefen der
Menschenseele sich abspielt, man weifi es in der Regel nicht. Man denkt
sehr leicht: Ja, ich kenne mich, ich weifi, was ich will! - Man macht
sich gewisse Vorstellungen iiber sich selbst; nur sind diese meistens
nicht dazu angetan, wirklich auszudriicken, was wir in Wahrheit sind.
Da unten in der Seele sieht es oftmals ganz anders aus, als es in der
Region aussieht, wo wir uns die Vorstellungen iiber uns selbst machen.
Einige Beispiele seien angefiihrt, die sich nicht nur ereignen konnen,
sondern die oft sich ereignen im menschlichen Zusammenleben: Zwei
Menschen leben miteinander. Der eine hat gegen den anderen etwas,
so dafi es ihm eigentlich gefallt, den anderen manchmal zu qualen, zu
peinigen, manchmal intensiver, manchmal weniger. Dasjenige, was die
Ursache dieses Qualens sein mag, kann ein urspriinglicher Trieb der
Grausamkeit sein. Ein Mensch kann namlich scheinbar ganz harmlos
in der Welt herumgehen und doch eigentlich ein ganz grausamer Kum-
pan sein, der es als ein Bediirfnis empfindet, einen Nebenmenschen zu
qualen. Spricht man nun mit diesem Menschen, so wird er es einem
nicht verzeihen, wenn man ihn fur einen grausamen Kumpan, fur einen
ekelhaften Kerl halt, der sich nur befriedigt fiihlt, wenn er seinen Ne-
benmenschen qualen kann, sondern er wird sagen: Ach, ich habe die-
sen Menschen so unendlich lieb, so furchtbar lieb, aber er macht halt
das und das und jenes, und gerade weil ich ihn so lieb habe, kann ich es
gar nicht ausstehen, dafi er das tut! - Das ist im Oberbewufitsein des
Menschen, im Unterbewufitsem aber ist die Grausamkeit. Und die
Vorstellungen des Oberbewufitseins sind nur da, um zu verhiillen, um
uns vor uns selbst zu entschuldigen. Die Art, wie wir uns Vorstellun-
gen im Oberbewufitsein machen, ist nur da, um uns richtig vor uns
selbst zu entschuldigen. So habe ich einen Herrn gekannt, der bei jeder
Gelegenheit betonte, dafi er eine gewisse geistige Richtung nur ein-
schliige aus reiner Selbstlosigkeit, dafi sie ihm gar nicht besonders sym-
pathisch sei, diese Richtung, aber aus Pflichtgefuhl und Selbstlosig-
keit miisse er diese Richtung einschlagen. Ich sagte ihm: Was Sie fur
eine Ansicht haben iiber die Dinge, die Sie tun, und warum Sie sie tun,
darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, warum Sie es
wirklich tun. Und Sie tun es, weil es Ihnen Wollust macht, gerade dies
zu tun, weil es Ihrer Eitelkeit ganz besonders schmeichelt, dies zu tun. -
Es ist unangenehm, sich zu gestehen: Ich bin eigentlich recht eitel, des-
halb tue ich dies oder jenes. - Deshalb lieben wir unsere Maja, die
macht das anders. Die Maja, die wir in unserem Bewufitsein tragen
iiber uns selbst, ist oft noch unahnlicher der Wirklichkeit als die Maja,
die wir iiber die Geisteswissenschaft haben. Liebe ist ganz gewifi eine
wunderbare Sache, mit Recht auch, vor der menschlichen Meinung;
sie wird aber haufig mit Unrecht im Munde gefiihrt, die Liebe! Als
wir noch mit der anderen Theosophischen Gesellschaft verbunden wa-
ren, da horten wir immer wiederum, wie es darauf ankomme, dafi die
Menschen sich ja, ja recht lieben! Oftmals war diese Liebe nur der
Schleier, der iiber die dogmatischen Zankereien hinubergelegt war.
Denn Liebe kann oftmals die Maske sein fur den allerstarksten Egois-
mus. Wenn man sich besonders wollustig etwas darauf zugute tut, dieses
oder jenes zu tun, falscht man oft das, was man tut und was einem ei-
gentlich Wollust bereitet, in Liebe um; und man entschuldigt sich wie-
derum vor dem, was man eigentlich niemals gestehen wiirde, was in
den Tiefen des Unterbewufitseins bleibt. Ja, wenn wir hinuntersteigen
in dieses menschliche Wesen, dann tauchen wir wirklich bald in einen
Abgrund hinunter. Wirklich erkennen kann der Mensch sich eigent-
lich nur dadurch, daft er sich hineinlebt in die Geheimnisse des geisti-
gen Daseins, dafi er sich bekanntmacht mit dem, was die grofien Ge-
setze dieses geistigen Daseins sind. Denn das menschliche Wesen ist
kompliziert, und der grofite Irrtum ist es, wenn man glaubt, dieses
menschliche Wesen sei irgendwie einfach. Ich mochte sagen: Alle Wel-
tengeheimnisse sind zusammengenommen, um das menschliche Wesen
zusammenzubringen. Aber nur recht verstanden miissen die Dinge
werden.
Das Spielen mit der Selbsterkenntnis hort sehr bald auf, wenn
man etwas erkennt von den geistigen Geheimnissen des Menschenda-
seins. Nehmen wir einmal an, ein Mensch beginnt durch irgend etwas,
durch Schulung oder durch irgend etwas anderes, mit einem gewissen
Hellsehen, und er bringt es sogar dahin, dafi ihm ganz wunderbare Ge-
bilde erscheinen, die er fixieren kann, so dafi die Menschen kommen
und ganz entziickt sind iiber den bedeutungsvollen Zusammenhang
dieses Menschen rait der geistigen Welt. Der ist auch zweifellos vor-
handen, der Zusammenhang, aber man mufi diesen geistigen Zusam-
menhang nur in seiner Wahrheit durchschauen, man mufi durchschauen,
was er wirklich sein kann. Sehen Sie, demjenigen, was wir als physi-
schen Leib haben, liegt als sein Bildner der Atherleib zugrande, dann
der Astralleib, dann dasjenige, was wir den Ich-Trager nennen. Das
arbeitet alles am physischen Leibe, und jedes Hohere arbeitet wieder-
um an dem Niedrigeren. Wenn Sie den Atherleib nehmen und unmittel-
bar hellsichtig erforschen, so ist er ein wunderbares Gebilde ineinander
flutender und schimmernder Farben. Was sind denn diese Farben, die
im Atherleib fluten? Ja, das sind die Krafte, die am physischen Leibe
bauen, die Krafte, die nicht nur ihm Organe aufbauen, sondern auch
wirken in dem, was wahrend des Lebens von den Organen des physi-
schen Leibes vollzogen wird. Aber die menschlichen Organe sind von
verschiedener Bedeutung. Nehmen wir zwei solcher Organe wie die
Eingeweide und das Gehirn. Die aufiere Anatomie untersucht die Ge-
webe und alles, was in Betracht kommt, als gleichwertig. Das sind die
Dinge aber nicht, sie sind ganz verschieden. Wenn wir das menschliche
Gehirn anschauen, ist es als physisches Organ etwas Vollkommenes; das
kommt davon her, dafi im Gehirn jene Farbenfluten verarbeitet sind.
Wenn wir den Atherleib des menschlichen Gehirns anschauen, dann
sehen wir ihn in verhaltnismafiig blasser Farbe, denn die Farben sind
dazu verwendet worden, den Bau des Gehirns hervorzubringen. Wenn
wir die Eingeweide anschauen, so finden wir die flutenden Farben
hellschimmernd wunderbar ineinanderfluten, denn die Eingeweide sind
wirklich grobere Organe, da mufi noch nicht so viel von Geistigem
verwendet werden, da bleiben die Krafte noch zuriick im Atherleibe,
da wird ein kleinerer Teil nur zum Ausbau verwendet. Daher ist der
Atherleib des Gehirns blafi, der Atherleib der Gedarme aber von wun-
derbaren, flutenden Farben, schon.
Denken Sie nun, es kommt jemand, wie ich es geschildert habe, zum
Hellsehen. Da kann zweierlei eintreten: Es kann ein Hellsehen eintre-
ten dadurch, dafi der Atherleib des Gehirns gelockert wird, aber es
kann auch eintreten ein Hellsehen dadurch, dafi der Atherleib der Ein-
geweide gelockert wird. Beim Hellsehen wird nun der Mensch oft-
mals sein eigenes Innere gewahr. Derjenige, der den Atherleib des Ge-
hirns herausbekommt, wird zunachst eine ziemlich blasse Welt vor sich
haben; aber der, welcher den Atherleib seiner Eingeweide herausbe-
kommt, kann wunderbar f lutende Farben in die Atherwelt hinausspie-
geln. Um namlich das Blasse des Gehirnatherleibes mit den flutenden
Farben des Kosmos in Beriihrung zu bringen, ist es notig, dafi wir die
flutenden Farben von der ganzen Sphare des Kosmos erst heranziehen.
Um die flutenden Farben des Atherleibes der Gedarme zu entwickeln,
konnen wir sie aus uns herausstrahlen, und so kann ein ganz wunder-
bares Gebilde geschaut werden auf dem Wege des Hellsehens. Gewifi,
es ist ein echtes hellsichtiges Gebilde, aber wenn man es untersucht, was
ist es? Es ist nichts anderes als der eigene Verdauungsprozeft, es ist das-
jenige, was der Atherleib wahrend des Verdauungsprozesses des Men-
schen tut; das projiziert sich in den Atherraum hinaus. Das ist anato-
misch betrachtet hochst interessant, aber man mufi sich klar sein dar-
iiber, dafi man erst, wenn man herandringt an die Geheimnisse der gei-
stigen Welt, wirklich eine Ahnung bekommt von dem, was eigentlich
vorliegt in der geistigen Welt. Man bekommt ja erst dann eine Ahnung,
daft aus einem wunderbar flutenden Farbenmeer des Atherleibes auch
dasjenige heraus entspringt, was im Atherleib vorgehen mufi, damit
die Gedarme in der richtigen Weise funktionieren. Wenn man das
dann hellsichtig schaut, so ist es gewifi ein hellsichtiger Vorgang; aber
es ist nichts, was mit himmlischen Geheimnissen zusammenhangt, es ist
nichts, was die grofien kosmischen Tatsachen der Welt uns irgendwie
nahebringt, sondern es ist etwas, was uns unser gewohnlichstes niederes
Selbst nahebringt.
Und gerade dann, wenn wir hellsichtig zur Selbsterkenntnis auf-
ste'i^en, dann finden wir, dafi das erste, was wir an wunderbaren Ge-
bilden erleben, unser Niedrigstes hinausspiegelt. Und erst dann, wenn
wir durch grofiere Anstrengung diejenigen Teile des Atherleibes losbe-
kommen, die als geringere zuriickgeblieben sind in uns selbst, weil die
Mehrzahl zu Herz und Gehirn verwendet worden ist, dann erst ge-
langen wir dazu, dasjenige, was in uns ist, hinauszustrahlen und einen
Eindruck zu machen durch die starker angewandten Krafte auf den
aufieren Ather. Und dann kommt es zu folgendem: Wenn wir den
Atherleib der physischen Organe hinausprojizieren, stofien wir das
hinaus in den Raum. Wenn wir hoheres Hellsehen entwickeln, da ar-
beiten wir auch hinaus, aber wir arbeiten hinaus dasjenige von uns, was
wir uns aufbauen zwischen Geburt und Tod, auf dafi es vorbereite das-
jenige, was zwischen Tod und neuer Geburt sich in uns entwickelt. Das
schreiben wir hinein in den Raum, da bilden wir eine Wirkung hinaus
in die atherische Welt. Und da gehen wir entgegen demjenigen, was
durch diese Wirkungen gebildet wird, den kosmischen Wirkungen, den
kosmischen Tatsachen.
Gerade darauf wird durch uns unausgesetzt hingearbeitet. Die
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hbheren Welten?» will das
im eminentesten Sinne zum Ausdruck bringen, dafi die rechten Wege
gefunden werden, um eben nicht die niedere Wesenheit des Menschen
durch ein beriickendes Hellsehen zu finden, sondern um die Geheim-
nisse der Welt zu ergriinden. Immer wieder wird darauf aufmerksam
gemacht, dafi dieses Hellsehen schwierig ist, dafi es blafi auftritt, dafi
man sich erst durch grofie Anstrengungen derjenigen Krafte, die die
Krafte sind des Menschen zwischen Geburt und Tod, zu dem wahren
Hellsehen hin entwickelt, dafi einem dann die Weltengeheimnisse sich
entratseln konnen. Wo diese Krafte liegen, kann man sich vorstellen,
wenn man sich einlafit auf dasjenige, was im Wiener Zyklus 1914 ge-
sagt ist. Da ist von den Kraften gesprochen, die der Mensch zwischen
Tod und neuer Geburt entwickelt, von den Kraften, fur die es nur
moglich ist, stammelnd Worte zu gebrauchen, weil die Worte ja fur die
physische Welt gepragt sind, und man nur durch Wortzusammenset-
zungen das herausbringt, was in der geistigen Welt ganz anders ist als
in der physisch-sinnlichen Welt. Aber die Menschen finden es beque-
mer, in der geistigen Welt sich auch nichts anderes vorzustellen als eine
Art Fortsetzung der physischen Welt, nur etwas diinner, etwas fluch-
tiger. Die Menschen fanden es bequem, in der geistigen Welt die Ge-
stalten auch herumgehen zu sehen wie in der physischen Welt; aber sie
finden es unbequera, dafi man sich eine neue Art des Auffassens ange-
wohnen mufi, wenn man in die geistige Welt eintreten will. All das soli
Ihnen beweisen, dafi nicht nur das menschliche Verstehen, sondern vor
alien Dingen der menschliche Wille sich straubt gegen dasjenige, was
Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit in die Welt bringen mufi.
Wir konnen wirklich sagen: Nicht blofi deshalb, weil die Menschen
heute noch in weiten Kreisen Geisteswissenschaft nicht verstehen, wei-
sen sie sie zuriick, sondern weil sie sie nicht wollen, weil es ihnen im
Grunde genommen schrecklich ist, dafi die Welt so ist, wie Geistes-
wissenschaft sie darstellen will und mufi.
Ein besonders wichtiger Begriff ist derjenige, den man von Weisheit
und von Bewufitheit haben mufi, wenn man das Erleben zwischen Tod
und neuer Geburt verstehen will. Im Grunde genommen kann man gar
nicht sagen, der Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist,
habe kein Bewufitsein und sein Bewufitsein musse erst erwachen. Das
ist nicht einmal richtig, sondern richtig ist, dafi er ein zu starkes Be-
wufitsein hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, dafi er
von Bewufitsein ganz umflutet ist, dafi er sich nicht auskennt, dafi er
ganz betaubt ist von dem geistigen Sonnenlicht des Bewufitseins und
erst anfangen mufi sich zu orientieren, wie ich es ja des naheren ausge-
fiihrt habe in dem eben erwahnten Zyklus. Hier auf der Erde miissen
wir uns Weisheit notdiirftig erwerben; dniben aber sind wir von Weis-
heit allseitig umflossen, da miissen wir sie dampfen, dafi wir sie an-
schauen konnen. Die Teile, die wir herabgedampft haben bis zur mensch-
lichen Schwache, die sind es, die wir anschauen konnen. So miissen wir
uns erst hineinfinden in das Herabdampfen unseres Bewufitseins, bis wir
uns zurechtfinden konnen. Dies ist etwas, was einem ganz besonders
bemerkenswert vor Augen tritt, wenn man die Erscheinungen wirk-
lich betrachtet. Sehen Sie, man versucht dann allmahlich die Worte so
zu pragen, dafi sie ordentlich ausdriicken diese Erscheinungen. Vor nicht
langer Zeit ist ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft in Zurich gestor-
ben. Das Karma hat es dahin gebracht, dafi, obwohl ich das Mitglied
noch habe sehen wollen im physischen Leben, ich zu spat gekommen
bin und es nicht mehr sah. Dann aber hatten wir in Zurich nach einigen
Tagen die Kremation. Ich war veranlafit, bei dieser Kremation zu
sprechen, und ich versuchte in Worte zu fassen dasjenige, was sich mir
innerlich darstellte als das Wesen dieses unseres lieben Mitglieds. Ich
versuchte mit einigen Worten festzuhalten dieses Wesen. Dann wurde
die Kremation vollzogen. Und zu bemerken war nun, dafi das erste
orientierende Auftauchen aus dem iiberflutenden Bewufitsein heraus
in dem Moment eintrat, als der Korper iiberging in die Verbrennung,
als scheinbar die Flamme, in Wirklichkeit die Warme diesen Korper
ergriff. In diesem Moment stand vor der Seele der Hingestorbenen die
Szene, die wir vorher gehabt hatten. Vorher hatte sie, wahrend der Be-
stattungsrede, nicht daran teilgenommen, aber hinterher, als die Ver-
brennung anfing, da blickte sie zurikk. Und wie man im physischen
Leben den Raum vor sich hat, so sieht der Tote die Dinge in der Zeit.
Was vergangen ist, ist neben dem Toten. Er sieht die Szenen vor sich
stehen. Die Zeit wird wirklich zura Raume. Das Vergangene ist nicht
vergangen, es bleibt da, es wird angeschaut. Dann ging die Tote wieder
hinab in ein allgemeines Betaubtsein, und es dauert dann langere Zeit,
bis das Orientieren stattfindet. Aber es bereiten sich solche Momente
vor, man mochte sagen, lichte Augenblicke, die dann weiter verarbeitet
werden. Dann kommt wieder ein Untertauchen in die allgemeine Uber-
flutung des Bewufitseins, bis spater ein vollstandiges Orientieren ein-
tritt.
Und so mufi man sagen, dafi es ein wichtiger Begriff ist, der die
Weisheit, die Bewufitheit in anderer Weise denkt nach dem Tode als
vor dem Tode. Es ist nicht so, dafi uns ein Grad von Bewufitheit erst
erwachsen miisse nach dem Tode, sondern es mufi das unermefiliche
Bewufitsein bis zu einem gewissen Grade herabgedampft werden. Das
miissen wir beachten. Und dann mussen wir ernst machen, richtig ernst
machen mit der Erkenntnis, dafi fur die Wahrheit die Dinge oftmals
gerade umgekehrt liegen gegeniiber dem, was sich aufierlich darstellt.
Ich habe das ja schon ofter veranschaulicht an einem Beispiel. Ein
Mensch geht am Rande eines Baches, er fallt hinein in den Bach und
ertrinkt. Wir gehen ihm nach und finden ihn ertrunken, und an der
Stelle, wo er in den Bach hineingefallen ist, finden wir einen Stein.
Wir konnen dann mit vollem Recht den Schlufi ziehen, der Mensch
sei iiber den Stein in den Bach hineingefallen und dadurch ertrunken.
Wenn wir nichts weiter tun, kommen wir zu keiner anderen Anschau-
ung. Hier kann aber mit Bezug auf die physischen Tatsachen die Tat-
sachenlogik falsch sein. Bei der Sektion kommen wir vielleicht dar-
auf, dafi den Menschen der Schlag getroffen hat, und dafi er infolge-
dessen ins Wasser gef alien ist, daft also Ursache und Wirkung sich um-
kehren. Wir meinten, der Mensch ist tot, weil er ins Wasser fiel; in
Wirklichkeit ist er ins Wasser gef alien, weil er tot war. Da war in be-
zug auf die aufteren Tatsachen die Logik falsch. So konnen wir oft gar
nicht zurechtkommen mit der Logik fiir die auftere Maja.
Nehmen wir den Fall, den wir im Herbst zu unserem Schmerz in
Dornach erlebt haben. Das Sohnlein eines Mitgliedes gerade des hie-
sigen Zweiges, der in Dornach ansassig geworden ist, das siebenjahrige
Sohnchen wurde eines Abends vermifit. Und nachdem man sich klar
geworden war, daft das Kind unter einem umgefallenen Mobelwagen
liegen konnte, mufite mitten in der Nacht der Wagen gehoben werden,
und der kleine Theo Faifi wurde unter diesem Wagen hervorgezogen,
tot. Was war geschehen? Dort in der Gegend fahrt sonst kein Mobel-
wagen, fahrt iiberhaupt kein Wagen. Es ist der aufierste Ausnahmefall,
daft da ein Wagen fahrt. Es ist lange vorher und nachher keiner ge-
fahren. Und der kleine Theo hat sonst immer, was er zu holen hatte,
eine Viertelstunde friiher geholt. An jenem Abend war er veranlaftt
worden, eine Viertelstunde zu warten. Er hatte auch, wahrend er an der
linken Seite des Wagens gegangen ist, an der rechten Seite gehen kon-
nen, aber man hatte ihn veranlaftt, zu einem anderen Ausgang hinauszu-
gehen als sonst. Alles hat sich so zusammengezogen, dafi es auf die Se-
kunde hin sich so abgespielt hat, daft der Knabe gerade just unter diesen
Wagen kam. Untersucht man den Fall geistig in seinem karmischen Zu-
sammenhang, dann hat sich die Seele des Knaben diesen Wagen bestellt,
um den Tod zu finden in diesem Zeitpunkt; da war das alles so einge-
richtet, da ist das physische Ereignis eine Folge dergeistigenZusammen-
hange. Dann begreift man die Dinge in einer ganz anderen Weise, dann
versteht man allerdings auch den Zusammenhang zwischen dem, was
geschehen ist, und dem weiteren Verlauf nach dem Tode. Der kleine
Theo hatte ja einen Atherleib, den er im normalen Leben noch siebzig,
achtzig Jahre und noch langer hatte haben konnen. Das alles geht ja
nicht verloren, das bleibt da. Ein Atherleib von einem siebenjahrig ge-
storbenen Kinde hat noch die Krafte in sich, die verwendet worden
waren im Leben, die sind in der geistigen Welt vorhanden. Und das ist
auch denjenigen, die mit der Atheraura unseres Baues zu tun haben, sehr
wohl bemerklich; denn da ist der Atherleib des kleinen Knaben seit
dem Tode drinnen, da sind die Krafte, die starken geistigen Krafte die-
ses klugen, lieben, gutgearteten Knaben. Das sind Hilfs- und Helfer-
krafte desjenigen, was mit der Aura des Dornacher Baues zusammen-
hangt.
So hangen geistige und physische Wirkungen zusammen. Die Zeiten
sind nicht vergangen, wo man hinblicken mufite auf die geistigen Wel-
ten bei dem, was in der physischen Welt geschieht; die Zeiten sind noch
immer da. Einiges beginnen wir zu begreifen durch unsere Geisteswis-
senschaft. Vieles aber ist darin, wozu wir Hilfskrafte brauchen von
denen, die mit unverbrauchten Atherkraften fortgehen aus dem phy-
sischen Leben. Denken Sie an die Tausende und Tausende, die drau-
fien auf den grofien Feldern der ernsten Zeitereignisse heute durch die
Pforte des Todes gehen, durchwegs Menschen mit unverbrauchten
Atherleibern. Das alles sind geistige Krafte, die noch lange hatten wirk-
sam sein konnen, wenn die betreffenden Menschen in der physischen
Welt geblieben waren. Fur die Physik erkennt man heute schon an, dafi
keine Kraft verlorengeht. Im eminentesten Sinne ist dieses Gesetz von
der Erhaltung der Kraft aber in der geistigen Welt vorhanden. Die
Krafte, die ein Atherleib hat, um ein Leben zwischen Geburt und Tod
bis zum achtzigsten, neunzigsten Jahre zu versorgen, die gehen nicht
verloren, wenn jemand friih durch die Pforte des Todes geht. Die
Krafte sind da. Neben dem, was durch das Ich und den Astralleib in
die geistige Welt eingeht und fur die Individuality einen Wert hat,
hat der Atherleib einen allgemeinen Wert fur dasjenige, was ubergeht
in die allgemeine Aura der Menschen-Erdenentwickelung. So konnen
wir hinauf schauen zu den frischen, vollkraftigen, unverbrauchten
Atherleibern, die hinunterwirken aus den geistigen Welten in die kom-
menden Zeiten.
So wie wir heute vielfach sehen, dafi Tote mitkampfen mit den
Lebenden, so sehen wir auf der anderen Seite das atherische Feld, die
elementarische Welt durchsetzt mit Kraften, mit starken Menschen-
kraften, welche erworben werden in hoher Zuversicht in dem Glauben
an ideelle Menschheitsziele, welche zuriickgelassen werden von Men-
schen, die mit diesem Glauben durch die Pforte des Todes gegangen
sind. Diejenigen, welche spater leben werden, die werden aber hinauf-
schauen miissen zu diesen unverbrauchten Xtherkraften, die fortwir-
kend sein werden. Diese Atherkr afte Friihverstorbener, sie werden ganz
sicher verlangen, dafi sie nicht umsonst den Obergang gefunden haben
in die geistige Welt und von dort aus herunterschauen. Sie werden ver-
langen, dafi sie wirklich ihren Teil beitragen konnen zur Neugestal-
tung der geistigen Erdenwelt, welche von der Menschheit verlangt
wird. Wie Mahner sind sie da, diese Atherleiber, Mahner, die da sagen:
Wir sind in die geistige Welt gegangen, damit euch von bier aus Kraf te,
die in eure Herzen und Seelen gehen konnen, zufliefien konnen, mit
denen ihr noch starker arbeiten konnet fur den im geisteswissenschaft-
lichen Sinne gehaltenen Fortschritt der Erdenentwickelung. - Zusam-
menwirken des Leiblichen mit dem Geistigen, wir miissen es verstehen,
nicht nebulos, verschwommen, sondern als konkrete geistige Verbin-
dung zwischen den Menschen, die hier auf Erden im physischen Leibe
leben und den Seelen, die hinauf gegangen sind in die geistige Welt.
Eine Gemeinsamkeit wird da sein, wenn wir die Tatsachen verste-
hen und uns richtig erfullen mit dem, was die Geisteswissenschaft ge-
ben kann. Ja wahrhaftig, die Einsicht in den Zusammenhang zwischen
Geistigem und Physischem, sie kann uns in der richtigen Weise stellen
auch zu dem grofien Ernste unserer Zeit, und uns ganz fuhlen lassen,
wie dasjenige, was geschieht, nur allein wird gerechtfertigt werden
konnen von uns vor der Zukunft, wenn es genommen wird zum An-
lasse eines grolSen, bedeutsamen Menschheitsringens und Menschheits-
arbeitens auch auf dem physischen Plan. Erfullen mufi sich dasjenige,
was wir schon gestern betonten, aus dem richtigen Verstandnis zwi-
schen geistiger und physischer Welt, erfullen mufi sich dasjenige, was
in den Worten liegt:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 22. November 1915
Es sind ja durch die grofien Ereignisse der Zeit schon viele derjenigen
Seelen, die ihr Streben dem unsrigen verbunden haben, durch die Pf orte
des Todes gegangen. Wie ich bereits im Verlaufe dieser kriegerischen
Zeiten hier von diesem Orte Ihnen andeuten durfte: gerade durch das-
jenige, was mit diesen Seelen erlebt worden ist, hat es sich bestatigen
konnen, dafi die Seelen, die aus dem Kampfe heraus durch die Pforte
des Todes gegangen sind, weiterhin mitleben dasjenige, was die grofie
Zeit von ihnen fordert. Sie leben verbunden mit dem Geiste ihres Vol-
kes, sie kampfen weiter mit den geistigen Waffen. Gerade das aber,
meine lieben Freunde, obliegt uns insbesondere diesen Seelen gegen-
iiber: unsere liebenden Gedanken, unsere innigsten, uns in Liebe mit
ihnen verbindenden Impulse zu vereinigen. Es wird, wenn der Sturm
der Ereignisse vorbei ist — in den ja insbesondere diese Seelen, auch wenn
sie schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, hineinverflochten
sind, allerdings im besten Sinne oder wenn die Zeit uberhaupt ge-
eignet ist, die Moglichkeit kommen, gerade mit jenen Gedanken und
Vorstellungen, die uns beseelen miissen fur diese teuren Toten, deren
Totenfest zu begehen.
Auch sonst hat gerade in dieser sturmbewegten Zeit die Macht des
Todes ihre Mahnungen ausgebreitet innerhalb unserer Reihen. Gerade
am heutigen Tage haben wir den Elementen der Erde iibergeben die
irdische Hiille unserer lieben Freundin Sophie Stinde. Zahlreiche See-
len auch aus dieser Stadt werden sich ja im tiefsten Sinne mit dieser,
einer der treuesten Mitarbeiterinnen innerhalb unserer Reihen, tief ver-
bunden fuhlen. Es wird, wenn ich in den nachsten Tagen in Munchen
in der Lage sein werde zu sprechen, zu meinen Pf lichten gehoren — aber
zu den Pflichten, die in tiefster Liebe geleistet werden auch noch in-
nerhalb unserer Geistesstromung der teuren Sophie Stinde zu gedenken.
In vieler Beziehung, meine lieben Freunde, sind wir so an dasjenige
gemahnt worden, was ja, all die anderen Lebensratsel wie zusammen-
fassend, in der Mitte vieler Ratselfragen des Daseins steht: an den Tod.
An den Tod, der oftmals so schmerzvoll, immer aber so ratselhaft ge-
rade fiir diejenigen, die fiir Lebensratsel Empfindung haben, sich hin-
einstellt in das irdische Dasein, und der innerhalb des irdischen Da-
seins selber etwas ist, was seine Aufklarung niemals durch dieses irdi-
sche Dasein selber finden kann. Es ist gewifi im tiefsten Sinne begriin-
det, wenn die beiden Gedanken zusammengebracht werden, welche
einmal gebracht wurden in dem Thema auch eines der offentlichen
Vortrage «Das Geheimnis des Todes und die Ratsel des Lebens». Denn
eine Betrachtung, welche sich iiber den Tod ergeht, bezieht sich nicht,
wie so manche gerade im materialistischen Lager glauben, nur auf
etwas, was dem Erdenleben feme steht, was den Erdenmenschen ei-
gentlich nichts angeht. Sondern auch eine Weltanschauungsbetrach-
tung iiber den Tod bringt aus den Tiefen des Daseins solche Erkennt-
nisse heraus, welche, gerade vom Todesgeheimnis aus, das Leben auch
hier auf der Erde zu einem starken, zu einem sinnvollen machen. Und
deshalb mufi man sich auch nicht vom Gesichtspunkte der Weltan-
schauung aus abhalten lassen, gerade zur Erklarung, zur Aufhellung
des Lebens an das Ratsel, an das Geheimnis des Todes heranzugehen.
Und so sei denn in dieser Zeit, wo der Tod auf der einen Seite uns
gerade im letzten Jahr so viel auch in unseren Reihen nahegestanden
hat, und wo er aufierdem so hundertfaltig uns entgegentritt durch die
geschichtlichen Ereignisse, in denen wir stehen, das Geheimnis des To-
des in die Betrachtungen dieser Tage in mancherlei Weltanschauungs-
fragen hineinverwoben. Wir konnen, indem wir an das Geheimnis des
Todes herantreten, den Tod da betrachten, wo er sich sozusagen noch
voll in das unmittelbare Leben hineinstellt. Der Tote selber nimmt
ja Abschied von diesem Sinnenleben, er betritt eine neue Sphare. Aber
er bleibt vorhanden in dem Schmerze derer, die er verlassen hat; er
bleibt vorhanden in den Gedanken, die in jenen leben, bei denen durch
den Toten Gedanken, Empfindungen, Gefuhle angeregt werden durf-
ten, solange der Tote unter den Lebenden weilte. Und es war nicht nur
eine scheme, aus den tiefsten menschlichen Bedurfnissen hervorgehende
Sitte, alliiberall, wo das menschliche Herz nicht kalt und diirr ist, auch
im allgemeinen fiir die Toten Feste anzusetzen, Totenfeste. Auch in
unsere Zeit ragen sie herein, die Totenfeste, im Allerseelentag der Ka-
tholiken, in dem Totenfeste der evangelischen Konfession, und man-
ches andere Totenfest ragt mehr oder weniger individuell auch in un-
sere Zeit herein. Wer sollte nicht das Gefiihl haben, dafi in dem Herein-
ragen dieser Totenfeste selbst eine materialistische Zeit ihren Tribut ab-
tragt an das spirituelle Leben? Selbst wenn der Materialismus die See-
len schon so angefressen hat, dafi sie es nur unbewufit tun: auch ma-
terialistische Seelen werden davor zuriickschrecken, anders als mit
vertiefter Seele, mit vertieftem Herzen an dasjenige heranzutreten, was
sich mit den iiblichen Totenfesten verbindet. Die Toten bleiben in dem,
was die noch Lebenden fur sie fuhlen, empfinden und denken konnen,
im Leben herinnen. Und so konnen wir auch, wenn wir den Tod im
allerengsten Sinne betrachten, diese Betrachtung des Todes noch mitten
im Leben beginnen.
Wir wissen ja aus den allgemeinen Betrachtungen, die durch viele
Jahre hindurch gepflogen worden sind, dafi wir niemals sagen diirfen:
Hier stent die physisch-sinnliche Welt, und abgesondert von ihr steht
die geistige Welt. - Die physisch-sinnliche Welt reicht in die geistige
Welt hinauf , und die geistige Welt reicht in die physisch-sinnliche Welt
herunter. Und wenn auch die aufieren Sinne des Menschen die physisch-
sinnliche Welt nur im Sinnensein sehen, so ist doch, wie die Luft im
groben Sinne sich unmittelbar ausbreitet, der Geist alliiberall ausge-
breitet und durchwellt und durchwogt alles das, was der Mensch im
physischen Leben mit normalen Sinnen eben nur sinnlich sieht. Und
diejenigen, die durch die Pforte des Todes hindurchgegangen sind, die
in der geistigen Welt sind, ragen herein in unsere sinnliche Welt mit
ihren Impulsen und Kraften. So dafi wir sagen konnen: Wenn auch
hinter der Schwelle des normalen Bewufitseins das Band liegt, das die
im physischen Leibe Lebenden mit den im Geiste lebenden Toten ver-
bindet, so ist dieses Band doch ein reales. Und demjenigen, der in Gei-
steswissenschaft sich vertieft, mufi so manches Ratsel aufgehen, das
notwendig gelost werden mufi, um das Leben zu verstehen da, wo es
verstanden werden mufi nicht vom theoretischen, sondern vom Le-
bensstandpunkt aus selber, von dem Lebensstandpunkt aus, den nicht
nur das Denken, den die Seele in ihrem ganzen Inhalt und in ihrem
ganzen Umfange einnimmt.
Versuchen wir uns das, was wir uns ja aus dem gewohnlichen Le-
ben klarmachen konnen in bezug auf den Tod, einmal vorzustellen.
Der Tote geht von uns fort. Was sich aufierlich andert, ist, dafi unsere
Augen ihn nicht mehr sehen, dafi wir unseren Handedruck nicht mehr
mit ihm tauschen konnen, unsere Worte gehen nicht mehr von uns zu
ihm, von ihm zu uns. Das, was von seinen Gefuhlsstromen als Warme in
unser Herz sich ergossen hat, stromt nicht mehr in der sinnlichen Welt
zu uns. Er hat uns wahrend der Zeit, in der wir mit ihm zusammen-
leben konnten, mit Hilfe seines sinnlichen Leibes, desjenigen, womit er
sich umkleidet hat in der physischen Welt, das Bild immer von neuem
vorgezaubert, das wir von ihm haben konnten. Die eingetretene Ver-
anderung besteht darin, dafi wir nun, wenn die Seele, der wir nahe-
gestanden haben, durch die Pforte des Todes von uns gegangen ist,
nicht mehr die Hilfe haben fiir unsere Verbindung mit dieser Seele, die
dadurch bewirkt wird, dafi das Bild dieses Menschen mit Hilfe der
sinnlichen Impulse, die von ihm ausgehen, in uns erzeugt wird mit
alledem, was es wachruft an Empfindungen, Gefuhlen, Willensimpul-
sen, an Liebefahigkeit, an Sympathie und Antipathic Was von die-
sem Zeitpunkte an, wo die Seele von uns durch die Pforte des Todes
hinweggeschritten ist, in uns weiterlebt, ist das Bild, das nun in uns
selber sein mufi, das uns innerlich durchdringt. Wenn wir dieses Bild
aus der Imagination, als welche es ja fortlebt in unserem Atherleibe,
insbesondere aber im Astralleibe und im Ich - was uns allerdings im
normalen Bewufitsein unbewufk bleibt -, wenn wir dieses zum Be-
wufitsein des physischen Daseins erheben wollen, so miissen wir es von
innen heraus erstehen lassen. Das, was wir bewahrt haben in uns von
unserem Verhaltnis zu dem Toten, miissen wir aus dem innersten See-
lengrund, das heifit aus dem Ich und Astralleib ergiefien in die Teile
unseres Menschenwesens, die uns das Bewulksein und die Vorstellung
erzeugen: in den Atherleib und physischen Leib.
Als die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch bei
uns war, erzeugte sie noch das Bild; das Bild strahlte uns von aufien
an, wir brauchten mit dem, was unsere Seele zu geben hat, nur dem
Bild entgegenzukommen. Wenn der Tote von uns gegangen ist, dann
sind wir darauf angewiesen, selber dasjenige, was wir von ihm bewahrt
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haben, in unsere aufiere Menschenhiille hineinzugiefien, damit der Be-
griff, die Vorstellung, das Bild von ihm vor unsere Seele treten kann.
Uns unterstiitzt dann nicht mehr - wie bei der Erinnerung an den Be-
kannten, der noch im Leben auf der Erde weilt - der Gedanke, dafi wir
diese Erinnerung nicht als einziges haben, dafi wir ihn auch noch
aufierlich erblicken konnen. Das ist fur uns eben der gewaltige Ein-
schnitt, dafi wir uns von nun an, solange wir nicht selber durch die
Pforte des Todes gegangen sind, auf die Erinnerung angewiesen sehen.
Diese Erinnerung an unbewufite Krafte in uns kann ja nimmer-
mehr ausgeloscht werden in unseren tiefen Seelengliedern, im Ich und
Astralleib. Und wenn wir des Nachts in den Schlaf hineingehen, wenn
aus unserem gewohnlichen Tagesbewufitsein die Eindriicke der phy-
sischen Aufienwelt versinken, wenn versinken alle die Gedanken, die
wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben konnen, dann leuchten
auf in dem, was wir in unserem Ich und Astralleibe aus unserem Leibe
heraustragen, die Imaginationen, die lichten Bilder derjenigen Person-
lichkeiten, mit denen wir verbunden waren und die von uns hinweg-
gegangen sind durch die Pforte des Todes. In dem Teile unseres We-
sens, der in uns lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da leben
die Toten mit uns, wie die Lebendigen der Erde mit uns leben vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unser waches Tagesbewufitsein ver-
danken wir eben dem Umstand, dafi wir mit unserem physischen Leibe,
der uns mit dem Atherleibe zusammen das Tagesbewufitsein vermittelt,
durch vier Stadien unserer Erdenentwickelung gegangen sind. Und
es entzieht sich uns das nachtliche Bewufitsein aus dem Grunde, weil
unser Ich ja erst wahrend der Erdenentwickelung in uns eingezogen
ist und der Astralleib erst wahrend der Mondenentwickelung. Was
wir erleben konnen, wenn wir unsere Toten erheben in das Ich und den
Astralleib, das werden wir erst in spateren Epochen unserer Erdenent-
wickelung so erleben wie jetzt das Leben der Lebendigen der Erde, das
heifit im normalen, wachen Tagesbewufitsein. Das Ich ist das jiingste
Glied, das mufi sich erst durchringen zu einem Bewufitsein, welches
so Wachbewufitsein sein kann wie das jetzige Tagesbewufitsein, das
dadurch errungen, verursacht wird, dafi unser Ich und Astralleib ver-
bunden sind mit dem physischen und Atherleib. Der physische Leib ist
durch vier Stadien der Erdenentwickelung gegangen, der Atherleib ist
durch drei Stadien gegangen, der Astralleib aber nur durch zwei Sta-
dien, und das Ich ist erst durch ein Stadium gegangen.
So ruhen diejenigen, die Geister geworden sind, die unverkorperte
Seelen geworden sind, in dem Elemente, das wir selbst durchleben
wahrend unseres Schlafes. Aber in unser Tagesbewufitsein herein kon-
nen wir sie nurmehr aus unseren Erinnerungen zur Vorstellung bringen.
Es ist ja eine andere Kraft, die da bewirkt, daft ein geistiger Impuls in
uns lebt, und eine andere Kraft, die bewirkt, daft ein solcher geistiger
Impuls in uns zum Bewufitsein kommt. Die Eindrucke auf unsere
Sinne entstehen dadurch, daft sie von aufien auch in den physischen
Leib und den Atherleib einfliefien konnen. Fur dasjenige aber, was
im Ich und Astralleibe nur sein kann, hat unsere jetzige normale Ent-
wickelung noch nicht geniigend Kraft, es so in den Atherleib und phy-
sischen Leib hinein zu drangen und zu pressen, daft es fur uns Vorstel-
lung wird. Dennoch ist eine Verbindung tief geistiger Art vorhanden.
Denn gerade in den zartesten Gliedern unserer Wesenheit sind wir un-
zertrennlich verbunden mit den sogenannten Toten. Fur diese Ver-
bindung bildet der aufiere Tod keinen Einschnitt, kaum eine Umwand-
lung. In diesen zarten Gliedern, in dem Ich und Astralleibe, da leben
die Toten so wie die Lebendigen, da leben diejenigen, die aus unseren
Reihen heraus Geisteswesen geworden sind.
Blicken wir ihnen nach mit den Mitteln der Erkenntnis, die wir
haben gewinnen konnen im Laufe des Lebens. Es ist ja hier ofter betont
worden, wie ganz andersartig das Verhaltnis eines Wesens iiberhaupt,
also auch eines Menschenwesens, ist zu seiner Umgebung, wenn dieses
Wesen nicht wie wir in der physischen Welt einen physischen Leib
oder einen Atherleib hat, Wenn derjenige, der durch die Pforte der
Initiation gegangen ist, fur seine Erkenntnis den physischen und den
Atherleib verlafit, dann lebt er in seiner geistigen Umgebung; so lebt
er darin, wie auch der Tote darinnen lebt. Und ich habe es ofter be-
tonen miissen, wie ganz andersartig das Verhaltnis zu der geistigen
Welt ist, welcher der Wahrnehmende dann selbst angehort, wenn er
ein entkorpertes Menschenwesen ist oder ein Wesen der Hierarchien
oder ein Wesen der elementaren Welt. Wir haben betonen miissen, daft
wir selbst die Worte anders wahlen miissen, die andeuten sollen, wie
dann das Verhaltnis 1st des geistigen Wesens zu seiner Umgebung ge-
geniiber dem Verhaltnis eines im physischen Leibe verkorperten We-
sens zu seiner Umgebung.
Hier in der physischen Welt machen die Dinge und Wesenheiten
der Aufienwelt auf uns einen Eindruck. Wir stehen da, die Wesenheiten
stehen aufier uns. Das, was sie ausstrahlen, zieht durch unsere Sinne in
unsere Seele hinein. Und wir sagen, indem wir ein Bewufitsein davon
haben: Wir stehen hier eingeschlossen in die Grenzen des Leibes. Die
anderen Wesen stellen wir vor; wir nehmen sie wahr. — Wenn wir in
die geistige Welt hineinkommen, miissen wir schon das Wort anders
wahlen: Als geistiges Wesen werden wir wahrgenommen von den an-
deren geistigen Wesen. Tiere nehmen wir wahr, insofern sie sinnliche
Verkorperungen sind, Pflanzen nehmen wir wahr, die Menschen neh-
men wir wahr. Indem wir nun selbst in die geistige Welt hineingehen,
werden wir wahrgenommen von den Wesen der Angeloi, der Archan-
geloi, der Archai und so weiter. Und wahrend wir hier sagen: Wir
sehen die Pflanzen, die Tiere, die Menschen -, haben wir zu sagen,
wenn wir in die geistige Welt eintreten: Wir erleben in uns etwas, und
dieses Erleben bedeutet, die Geistesaugen eines anderen Wesens ruhen
auf uns. Wir werden wahrgenommen. - Dieses Wahrgenommenwerden,
dieses Wissen, dafi auf uns geschaut wird, das unterscheidet unser Le-
ben in der geistigen Welt von dem Leben in der physischen Welt.
Die Worte schon miissen, wenn man im eigentlichen Sinne spricht,
umgewandelt werden, denn es ist alles ganz anders in der geistigen
Welt. Und um es figurlich und doch wiederum mehr als figiirlich aus-
zudriicken: Wenn ein Wesen aus der geistigen Welt in die sinnliche
Verkorperung kommt, dann mufi es sich darauf gefafit machen, dafi
es allmahlich lernen mufi - auch das Kind mufi das ja lernen -, durch
die physischen Sinne nach aufien zu schauen, eine Welt von aufien zu
empfangen, ein Ich zu werden, das die Welt von aufSen empfangt.
Wenn ein Wesen durch die Pforte des Todes oder auf eine andere Art
in die geistige Welt aus der sinnlichen Welt eintritt, mufi es sich daran
gewohnen, sich zu sagen: Du bist ein Ich, aber ein Ich, das nicht iso-
liert in der Welt lebt, das innerlich immer wiederum etwas erlebt, so wie
es etwa die Erinnerungsvorstellungen erlebt hat, die aus dem Unter-
grunde der Seele herauftauchen. Aber jetzt weifit du: Was da auf-
taucht, sind die in dich hineingetretenen Vorstellungen, Gedanken,
Empfindungen der anderen Wesen, die mit dir in der geistigen Welt
zusammenleben. - So wie von aufien in uns hereintreten die Eindriicke,
die wir von der Sinnenwelt, von den Sinneswesen bekommen, so treten
in unserem Inneren die Vorstellungen und Empfindungen von Wesen
auf , die in der geistigen Welt sind. Aber wir wissen, diese Vorstellungen
und Empfindungen, die in uns auftreten aus dem dann fur uns wesent-
lichen Inneren, die ruhren her von geistigen Wesen, die mit uns sind.
Da sind wir in der geistigen Welt, da tritt in uns eine Vorstellung auf,
die Vorstellung eines Wesens, das wir lieben miissen, eines Wesens,
das uns die Anregung gibt, dies oder jenes in der geistigen Welt zu voll-
bringen. Woher riihrt diese Vorstellung, wie kommt es, dafi sie in uns
auftritt, wie hier die Erinnerungen? Das riihrt davon her: Ein anderes
Wesen, ein Wesen der geistigen Welt hat sich uns genahert. Wir schauen
es nicht von aufien an, wir wissen, dafi es da ist, weil es das, was in ihm
lebt, in uns hineinsendet. Wir werden vorgestellt, wir werden wahrge-
nommen, so miifiten wir sprechen gegeniiber dem, was in der geistigen
Welt lebt. Dadurch wird das Erleben in der geistigen Welt nicht etwa
abstrakter, nebelhafter, damit wird es nur um so lebendiger. Es wird
so lebendig, was wir in der geistigen Welt erleben, wie nur lebendig
sein kann das, was wir in der physischen Welt in unserer unmittelbaren
Umgebung gegenwartig haben. So miissen wir uns bekanntmachen mit
dem ganz andersartigen Zusammenleben mit den Wesen, die in der
geistigen Welt sind.
Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkte aus nach jenen,
die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie treten ein in die
Welt, von der sie sagen miissen: Ich lerne immer mehr kennen, wie ich
wahrgenommen werde, wie in mich ihre Vorstellungen, Empfindungen
und Gefiihle hineinsenden die entkorperten Menschen, die Elementar-
wesen, die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der Archangeloi.
Alle diese Wesen leben in mir. — Und wir blicken hinauf zu einem
solchen Toten, und wir ahnen: So wie uns ein Mensch hier in der Sin-
nenwelt entgegentritt und wir durch seine Haut das Blut erahnen, wir
in seinen Ziigen die Arbeit seiner Nerven erahnen, so erahnen wir,
indem wir den geistigen, den entkorperten Menschen schauen, wie
durch das, was von uns erlebt wird an ihm, die Gedanken, die Emp-
findungen der Angeloi, der Archangeloi, der Archai wirken.
Hier in der physischen Welt tritt uns der physische Mensch ent-
gegen. Er hat durch seine Seele und seine Entwickelung das tierische,
pflanzliche und mineralische Sein geadelt. Aber dieses tierische, pflanz-
liche und mineralische Sein, es tritt uns in ihm dennoch entgegen. Wenn
uns ein Mensch hier im physischen Dasein entgegentritt: tief verborgen
in seinem Inneren und leuchtend durch die Leibeshiille ist sein Seelisch-
Geistiges. Doch das, was von seinen Impulsen in unser Auge hinein-
strahlt, das, was in der Sinnenwelt auf uns wirkt, ist durchsetzt mit
der bis zum Menschentum veredelten tierischen Natur; es tritt uns im
Menschen die Tierheit geadelt entgegen, aber doch die Tierheit. Auch
die Pflanzenwelt und das Mineralische, sie treten uns entgegen im Men-
schen. Wir wissen: Die Reiche der Natur leben im Menschen auf einer
hoheren Stufe. Und wiirde das Mineralreich nicht im Menschen leben,
so wiirde uns niemals an der Stelle, wo uns der Mensch entgegentritt
im Physischen, wirklich ein Mensch entgegentreten konnen, denn nur
durch das, was er an Mineralischem in sich schliefit, kann er ja einen
Eindruck in uns hervorrufen. Stehen wir als Geist einem geistigen We-
sen gegeniiber, so blicken wir - wie wir hier bei dem physischen Men-
schen die Tierheit sehen - bei dem geistigen Menschen in der geistigen
Welt auf dasjenige, was in ihn, in diesen geistigen Menschen hinein-
stromen lassen an Empfindungen, an Gedanken, seelenhaft die Ange-
loi. Es ist herunterorganisiert bis zum Menschenleibe, was die Angeloi
erleben. So wie hinauforganisiert ist die Tierheit in dem Menschen,
so ist herunterorganisiert in der geistigen Welt dasjenige, was die An-
geloi durchzuckt im Seelenleben des Menschen. Und wie hinauforga-
nisiert ist das Pflanzenreich im Menschen, so ist herunterorganisiert
in der geistigen Gestalt des Menschen dasjenige, was die Archangeloi
in ihn hineinstromen lassen. Und ebenso wie das Mineralreich im sinn-
lichen Menschen in uns aufglanzt und dadurch der sinnliche Mensch
in uns wahrnehmbar wird, so ist dasjenige, was uns als geistiger Mensch
in der geistigen Welt entgegentritt, dadurch eine in sich geschlossene
Imagination, dafi die Archai das, was sie an formgebender Kraft, an
bildender, gestaltender Kraft haben, hineingiefien in den Menschen.
So wie die drei Naturreiche hier den physischen Menschen durchsetzen,
so durchsetzen die Angeloi, Archangeloi und Archai den Geist des
Menschen in der geistigen Welt.
Wenn dann der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist,
so ist er ja — mit Ausnahme der allerersten Zeit - durch lange Zeiten
verbunden mit seinem Astralleib und mit seinem Ich. Aber so, wie er
da nun ist der Mensch in der geistigen Welt und von der Erde sich be-
wahrt das Ich und den Astralleib, so konnen in ihn zunachst herein-
wirken, so dafi sie ihn eigentlich wahrnehmbar machen, die Geister
der Form und diejenigen Geister, die wir kennenlernen als die Ange-
horigen der Hierarchie der Archai. So wie das eigentliche Mineral reich
den Menschen hier sichtbar und fiihlbar macht, so macht das Reich der
Archai und Geister der Form den Menschen zum festgeschlossenen We-
sen in der geistigen Welt. Und so wie das Pflanzliche schon nicht mehr
geschaut wird, sondern wie es hier in der physischen Welt im Menschen
nur erahnt wird, so wird erahnt in der festgeschlossenen Gestalt des
Menschen in der geistigen Welt dasjenige, was die Hierarchien in ihn
einstromen lassen. So wie das Tier im Menschen uns hier nicht mehr
tierisch entgegentritt, und nur die Geisteswissenschaft darauf aufmerk-
sam macht, inwiefern die Tierheit einen Anteil hat am Menschen, so
erkennt man in der geistigen Welt zunachst auch nicht den etwas ver-
borgen bleibenden Anteil der Angeloi, der noch stark ist, solange der
Mensch den Atherleib nicht abgelegt hat. Der verborgene Anteil der
Angeloi bleibt, aber er kommt weniger zum Ausdruck, wenn man die
Geistgestalt des Menschen in der geistigen Welt sieht. So begegnet uns
in der Tat der Tote, wenn wir nach einiger Zeit zu ihm in Beziehung
treten, so dafi wir sagen konnen: Er ist es; aber das, was ihm die fest-
geschlossene Wesenheit gibt, das ist die Art und Weise, wie in ihn hin-
einwirken die Geister der Form. Und was noch stark erahnt werden
kann an ihm, das sind die Geister der Personlichkeit. - So gleichsam
von oben, von den Hierarchien her organisiert, tritt uns dann der Tote
entgegen, wie uns hier das Physische, durchorganisiert von der mine-
ralischen Welt, entgegentritt.
Wenn wir nun von einer Menschenseele verlassen worden sind, da-
durch dafl sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann bewah-
ren wir hier im Rahmen unseres physischen Bewufitseins das Erinne-
rungsbild. Alles das, was uns teuer ist an dem Toten, bewahren wir in
uns. Das ist eine andere Erinnerung, als die Erinnerungen sind, die
wir sonst im aufieren Leben haben. Denken Sie nur, wie unsere ande-
ren Erinnerungen sind. Was sind sie denn? Sie sind Gedanken iiber
etwas, was nicht mehr da ist, denn dadurch sind sie gerade Erinnerun-
gen. Dasjenige, an das wir uns erinnern, das ist nicht da, es geschieht
nicht in dem Augenblicke, in dem wir uns erinnern. Der Inhalt un-
serer Erinnerungsvorstellungen ist nicht da, wirkt jetzt nicht. Wenn
wir uns desjenigen erinnern, was das Wesen einer Seele ist, die uns
verbunden war und die durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann
haben wir den Gedanken an diesen Toten; aber er selbst, der Tote, ist
da, ist in unmittelbarer Gegenwart da, ist ein reales Wesen der gei-
stigen Welt. Da haben wir nicht blofi eine Erinnerungsvorstellung, da
haben wir eine Vorstellung in der Seele, die zwar auch eine Erinne-
rungsvorstellung ist, der aber ein reales geistiges Wesen entspricht. In
uns lebt die Vorstellung, und draufien in der geistigen Welt lebt der
Tote. Das Wesen ist da, und die Vorstellung ist da. In uns also, wenn
wir verehrend dem Toten nachblicken, wenn wir in treuem Gedenken
dasjenige in uns gegenwartig machen, was der Tote uns war, in un-
serem Wachbewufitsein tritt die Imagination, tritt das Bild des Toten
auf. Da ist es. Was heifit das? Das heifit: es ist da in einem lebendig
tatigen Prozefi in unserem physischen und Atherleibe.
In unserem physischen und in unserem Atherleibe stellen wir fur
das andere Leben, das nicht gewidmet ist der Erinnerung an teure
Tote, das vor, kombinieren in unseren Gedanken dasjenige, was in
der physischen Welt ist. Rufen wir das Bild, das Gedanken- oder
Empfindungsbild oder das Gefuhlsbild des Toten in uns hervor, dann
lebt fur dieses Bild in unmittelbarer Gegenwart ein Wesen, durch das
blicken, ihre Vorstellungen in ihm verbindend, Engel und Erzengel.
Bedenken Sie, wenn wir die Gedanken, die Empfindungen auf Hebe
Tote hinrichten, da ist mehr, viel mehr vorhanden, als im gewohn-
lichen normalen Zusammenleben vorhanden ist an Beziehungen zwi-
schen der geistigen und der sinnlichen "Welt. Da ist etwas vorhanden,
was auch, ich mochte sagen, nicht vorhanden sem konnte. Und eine
Frage richtet sich auf vor dem Geistesforscher: Was bedeutet nun fur
die Toten die Tatsache, dafi wir leben in der "Welt, die sie verlassen
haben, in dem Reiche, dessen Hiille sie abgelegt haben, was bedeutet
fur diese Toten, die da leben, der Umstand, dafi wir in unserem Wach-
bewufksein, das heifit im physischen und Atherleibe das, was uns mit
ihnen verbindet, hervorrufen? Fur den Geistesforscher entsteht diese
Frage, eine Frage, die scheinbar recht intimer Natur ist, die aber, wenn
der Geistesforscher sie lost, ich glaube, viele Lichter wirft auf die Ge-
heimnisse des Lebens.
Denn wir konnen diese Frage noch anders, von dem Gesichtspunkte
des unmittelbaren Lebens aus stellen, des Lebens, das allerdings nicht
immer vorhanden ist, das aber die Menschen dennoch suchen auf die
Art, wie ich es vorhin angedeutet habe. Stellen wir die Frage so: Was
bedeutet es denn eigentlich fur die gesamte Realitat, wenn an einem
Totengedenktage, am Allerseelentage oder einem anderen Totenfest-
tage, die Seelen der Menschen, die hier auf Erden in ihren Leibeshullen
leben, nach den Grabern gehen oder in Gedanken sich mit ihren Toten
vereinigen? Was bedeutet es, wenn wir uns selber unsere Erinnerungs-
tage oder Erinnerungsstunden an die Toten machen? Wenn wir ihnen
in unserem Sinne vorlesen? Wenn wir etwas tun, um uns mit ihnen zu
vereinigen und besonders das lebendig zu machen, was uns mit ihnen
dauernd verbindet? Mit anderen Worten jetzt: Was bedeutet es, wenn
wir uns im Wachbewufitsein das wach rufen, was uns mit den Toten
verbindet? - So kann auch diese Frage vor das Bewufitsein des Geistes-
forschers hintreten.
Da mufi er es ausdrucken durch etwas anderes, was sich ihm nun
aus derGeistesforschungheraus ergibt.Man kann gerade die wichtigsten
Tatsachen der geistigen Welt im Grunde nur bildlich ausdrucken. Man
mufi nach Vergleichen suchen, wenn man die Dinge der geistigen Welt
ausdrucken will. Denn fur das gewohnliche Leben sind ja unsere Worte
gepragt, fur die physische Welt, und so unmittelbar mit den Worten
der physischen Welt konnen wir nicht spr
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