Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE 



Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der 
menschlichen Geschichte 

15 Vortrage, Dornach, vora 29. Juli bis 3. September 1916 

Bibliographie-Nr. 170 

Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und 
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts 

16 Vortrage, Dornach, vom 16. September bis 30. Oktober 1916 

Bibliographie-Nr. 171 

Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an 
Goethes Leben 

10 Vortrage, Dornach, vom 4. bis 27. November 1916 

Bibliographie-Nr. 172 

Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil 

13 Vortrage, Dornach, vom 4. bis 31. Dezember, und in Basel am 21. 
Dezember 1916 

Bibliographie-Nr. 173 

Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil 
12 Vortrage, Dornach, vom 1. bis 30. Januar 1917 

Bibliographie-Nr. 174 

Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West 

12 Vortrage, Miinchen, zwischen dem 13. September 1914 und 4. Mai 
1918 

Bibliographie-Nr. 174a 

Band VII Die geistigen Hintergriinde des Ersten Weltkrieges 

16 Vortrage, Stuttgart, zwischen dem 30. September 1914 und 21. Marz 
1921. 

Bibliographie-Nr. 174b 



RUDOLF STEINER 



Die geistigen Hintergriinde 
des Ersten Weltkrieges 

Kosmische und menschliche Geschichte 
Siebenter Band 

Sechzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart 
zwischen dem 30. September 1914 und dem 26. April 1918 
und am 21. Marz 1921 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgten 
Helmut von Wartburg und Robert Friedenthal 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1974 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 383 



Bibliographie-Nr. 174b 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-1742-0 



Zu. den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragstverk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der 
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.* 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufierte sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Stuttgart, 30. September 1914 13 

Die Gegenwart als Zeit der Priifung. Die Verbindung von Deutschland und 
Osterreich und die unnatiirliche Verbindung von Frankreich und England mit 
Rufiland. VerstiLndnis fiir die heutigen Volkerschicksale durch den Volkssee- 
lenzyklus. Das Ringen der Seelenkrafte in den Mysteriendramen als Bild fiir 
das Ringen der Volker. Sinnlosigkeit der Kriegsschuldfrage. Herman Grimm 
iiber die Deutschen. Die Seele des ermordeten Erzherzogs. Umwandlung der 
Angstkrafte in Mut und Begeisterung. Hilfe durch die Gefallenen fiir die 
Kampfenden. Entwicklung der Liebefahigkeit durch Geisteswissenschaft. Der 
Krieg als Lehrmeister der Spiritualitat. Zitat eines ins Feld Ziehenden. Hilfe 
durch den Spruch «Geister eurer Seelen ... ». Friedenswille der Deutschen. 
Ausspruch von Jagows. Zu Objektivitat gegeniiber dem Volksgeist verhilft 
uns der Spruch «Du, meines Erdenraumes Geist!». Hoffnung fur die Zukunft. 

Zweiter Vortrag, 1 3 . Februar 1915 30 

Wahrheiten iiber die Auseinandersetzungen der Volker nicht allgemein giiltig, 
dem Menschenverstand nicht fafibar. Die verschiedene Mission der Farbigen 
und der Weiflen. Zukiinftige grofie Kampfe zwischen weifier und farbiger 
Rasse. Die Eigenheit der germanischen Volker. Baldur und Christus. Die 
slawische Kultur als Vorlaufer der sechsten Kulturepoche. Der Briefwechsel 
Renan / Straufi. In Mitteleuropa die Moglichkeit, iiber das Nationale hinaus- 
zukommen. In England Theosophie neben dem aufieren Geistesleben, in 
Deutschland Anthroposophie im Zusammenhang mit dem iibrigen Geistesle- 
ben. Worte von 1870 iiber die Tendenz Rufilands zum Vordringen nach We- 
sten. Bedeutung der heutigen Gedanken und Empfindungen fur die Zukunft. 

Dritter Vortrag, 14. Februar 1915 55 

Die Verbindung des Menschen mit dem eigenen Volksgeist wahrend des Wa- 
chens, mit alien anderen Volksgeistern im Schlafe. Die Uberwindung nationa- 
ler Einseitigkeiten durch Geisteswissenschaft. Das Biindnis zwischen Frank- 
reich und Rufiland als aufiere Maja, und der Gegensatz zwischen westlichen 
und dstlichen Seelen im Geiste. Die Bedeutung dieses Gegensatzes fiir die 
Arbeit des Michael fiir die Vorbereitung der Erscheinung des Christus in 
Athergestalt. Die Aufgabe Mitteleuropas. Das Wirken des Christus in den 
unbewufiten Seelenkraften. Konstantin, die Jungfrau von Orleans, Olaf Aste- 
son und die 13 heiligen Nachte. Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis; ein 
Beispiel dafur bei Ernst Mach. Der Unterschied von Bauch- und Kopfhellse- 
hen. Erlebnisse der Seelen nach dem Tode. Theo Faifi und die Wirksamkeit 
seines Atherleibes im Goetheanumbau. Die Forderung der Menschheitsziele 
durch die Atherleiber der im Kriege Gefallenen. 

Vierter Vortrag, 22. November 1915 79 

Bedeutung der vielen Kriegstode. Sophie Stinde. Die Erinnerungsbilder der 
Verstorbenen in unserem Astralleib und Ich, und das Aufleuchten dieser 
Bilder wahrend des Schlafens. Das Leben in der geistigen Welt nach dem 



Tode. Das Hereinwirken der Hierarchien in das Dasein der Verstorbenen. Die 
Bedeutung unseres Totengedenkens fiir die Verstorbenen, vergleichbar unse- 
rem Erleben hoher Kunstwerke. 

Funfter Vortrag, 23 . November 1915 94 

Seelenerlebnisse nach dem Tode. Die Wahrnehmung des Verlassenwerdens 
von allem Irdischen. Das Lebenspanorama. Das Hinblicken auf das Todeser- 
lebnis wahrend der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Der Eintritt in das 
Kamaloka. Das Erleben der eigenen Taten in ihrer Wirkung auf andere, und 
die Bildung des Karmas. Das Wesen des Traumlebens. Die Beziehung unseres 
Schlafbewufitseins zum Leben im Kamaloka. Die Wirkung der Atherleiber 
der zu friih Gestorbenen. 

Sechster Vortrag, 24. November 1915 113 

Ein Bild fur das Wirken der kosmischen Krafte im Leben der Pflanze. Die 
Bewahrung der Sonnenkraft im Samen wahrend des Winters. Die Erlangung 
der rechten Stimmung fur die geisteswissenschaftliche Forschung. Die Ratsel- 
haftigkeit des Todes. Das Wirken Friihverstorbener in der geistigen Welt 
vergleichbar dem Wirken der Idealisten in der physischen Welt. Notwendig- 
keit der Demut gegeniiber der Grofie der Weltratsel. Eine Entdeckung des 
Moritz Benedikt uber die physiologische Veranlagung zum Verbrechertum. 
Die Moglichkeit der Verwandlung solcher Anlagen durch die geisteswissen- 
schaftliche Arbeit. Die Bedeutung dieser Moglichkeit fur die Entwicklung 
zum Jupiter-Dasein. 

Siebenter Vortrag, 12. Marz 1916 138 

Die Verleumdung der Anthroposophie durch Annie Besant. Wesensziige des 
russischen Volkes. Verwendung dieser Eigenschaften zu machtpolitischen 
Zwecken. Notwendigkeit der Aufnahme mitteleuropaischer Impulse durch 
das russische Volk. Der Gegensatz zwischen dem deutschen und dem englischen 
Wesen. Das Hervorgehen des mitteleuropaischen Okkultismus aus dem 
Geistesstreben des deutschen Volkstums. Die Ziele der angelsachsischen 
Okkultisten. Die verborgenen Hintergriinde der Entwicklung von H. P. 
Blavatsky. Umtriebe des franzosischen Okkultismus im Zusammenhang mit 
dem Ausbruch des Weltkriegs. 

Achter Vortrag, 15. Marz 1916 160 

Der Zusammenhang des Gedankenlebens mit dem Atherleib. Unsere Gedanken 
als Arbeitsmaterial fiir die Wesenheiten der dritten Hierarchic Das Verwan- 
deln dieser Gedanken in Athergewebe nach dem Tode. Das Innere wird Au- 
fieres, das Aufiere wird Inneres. Das Arbeiten der hoheren Hierarchien im 
Vorbereiten unserer kommenden Inkarnation. Ein Bild von Meister Bertram 
als Beweis fur das geistige Wissen friiherer Zeiten. Die Schadlichkeit unklarer 
pazifistischer Bestrebungen. Das Verkennen von Karl Christian Planck als 
Zeichen fur den Ungeist unserer Zeit. Der Materialismus Ernst Haeckels und 
die geistige Weltauffassung seines Lehrers Ernst von Baer. Treibereien der 
Freimaurerorden und des Panslawismus. Die Bedeutung geistgemafier Ge- 
danken fur die Menschheitsentwicklung. Ein fur die materialistische Gesinnung 
charakteristischer Ausspruch von Lamettrie. 



Neunter Vortrag, 1 1 . Mai 1 91 7 183 

Anthroposophie als Bedurfnis der gegenwartigen Menschheit. Die Erziehung 
zu selbstandiger Urteilskraft durch Geisteswissenschaft. Das Mifiverstehen 
dieser Tatsache. Nicht wirklichkeitsgemafies Denken als Charakteristikum 
unserer Gegenwart. Eine Argumentation des Mathematikers Leo Konigsberger 
als Beispiel. Der Mangel an sachlicher Auseinandersetzung mit der Anthro- 
posophie, und das Hiniiberspielen dieser Auseinandersetzung ins Personliche. 
Einige Beispiele fiir die Bekampfung und die Ausniitzung der Anthroposophie 
aus personlichen Motiven: Erich Bamler, Max Seiling, Max Heindl. Zwei 
notwendig gewordene Mafinahmen. 

Zehnter Vortrag, 13. Mai 1917 210 

Der Materialismus als notwendige Phase der Menschheitsentwicklung. Die 
Schwierigkeit, in unserer Zeit zu geistigen Erkenntnissen zu kommen. Beispiele 
dafiir in Ausspriichen von Ernest Renan, Richard Wahle und Maurice Barres. 
Das Gesetz vom Jiingerwerden der Menschheit. Das Stehenbleiben heutiger 
Menschen auf dem Standpunkt des Siebenundzwanzigjahrigen. W. Wilson als 
Beispiel dafur. Die Notwendigkeit der Uberwindung dieses Standpunktes 
durch spirituelle Impulse. Die Verbundenheit mit den Wesen hoherer Hier- 
archien als naturliche Fahigkeit fruherer Epochen. Ein Wortlaut dazu bei 
Plato. Ein Buch von Kjellen als Beispiel fur wirklichkeitsfremdes Denken. Ein 
anthroposophischer Zukunftsimpuls: Die Zeitschrift «Das Reich» von A. von 
Bernus. Seine Verkennung durch einzelne Mitglieder. Die beiden Mafinahmen. 

Elfter Vortrag, 15. Mai 1917 233 

Zahlenmafiige Ubereinstimmung in den Rhythmen des Makrokosmos, des 
menschlichen Lebens und des Atems. Wahrnehmung des "Weltgeistes als to- 
nende Lichtgestalt in der indischen, als Licht und Dunkelheit in der persischen, 
als inneres Seelenerlebnis in der agyptischen Kulturepoche. In der griechischen 
Epoche: Empfindung fur das Zusammengehoren von Leib und Seele. Ein 
Ausspruch des Aristoteles tiber das Leben der Seele nach dem Tode, vermittelt 
durch Franz Brentano. Das Erzwingen der Einweihung durch die romischen 
Casaren und die Auswirkung dieses Geschehens in der Geschichte: Caligula, 
Nero und Commodus. Die Neigung unserer Zeit zu abstrakten Idealen, und 
die Notwendigkeit, zu wirklichkeitsgemafien Vorstellungen zu kommen. Ein 
Beispiel; Die Ideen von Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit als Abstrak- 
tionen, und ihre Konkretisierung durch Geisteswissenschaft. Die Abschaffung 
des Geistes durch das Konzil von Konstantinopel und ihre Auswirkung in der 
heutigen materialistischen Wissenschaft. Die Feindschaft ehemaliger Schuler 
gegen die Anthroposophie. Annie Besant, Edouard Schure. 

Zwolfter Vortrag, 23. Februar 1918 259 

Vorstellen, Fiihlen und Wollen als Wach-, Traum- und Schlafzustand. F. Th. 
Vischers Abhandlung uber die «Traumphantasie». Der Ursprung unserer 
Gefuhls- und Willensimpulse in dem Reich der Toten. Bedingungen fur den 
Verkehr mit den Seelen Verstorbener. Die Bedeutung der Momente des Ein- 
schlafens und des Aufwachens fur diesen Verkehr. Unsere Traume von Toten. 
Die Mitwirkung der Toten im geschichtlichen Werden. Die Wirklichkeits- 
fremdheit der gewohnlichen Geschichtsbetrachtung. Eine Stelle aus der An- 



trittsrede Friedrich Schillers als Beispiel. Der Unterschied unserer Beziehung 
zu den Seelen jung verstorbener und zu im Alter verstorbener Menschen. Die 
Notwendigkeit tiefgreifenden Uradenkens. Die Abkehr Gustave Herves vom 
Kosmopolitismus als Beispiel oberflachlichen Umdenkens. Die Ansicht der 
Orientalen iiber Mitteleuropa, der Amerikaner iiber das ganze mitteleuro- 
paische Leben. Besinnung auf die Aufgabe der Geisteswissenschaft. 

Dreizehnter Vortrag, 24. Februar 1918 283 

Die Hindeutung auf die sozialen Probleme unserer Zeit in friiheren Vortra- 
gen. Die Spiritualitat der modernen naturwissenschaftlichen Begriffe und ihre 
rein materialistische Anwendung. Der Sturz der ahrimanischen Geister im 
Jahre 1879. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit 1841 und seine Auswir- 
kungen bis 1917. Die Notwendigkeit der Einbeziehung kosmischer Wirkens- 
krafte in die Naturbetrachtung. Die schnellere Entwicklung des Kopfes und 
die langsamere des iibrigen Organismus. Die Bedeutung dieser Tatsache fur 
die Padagogik. Die sozialdemokratische Weltanschauung als Ausdruck rein 
maschinellen Denkens. Die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie von 
Theodor Ziehen und ihre konsequente Ubertragung in das soziale Leben 
durch Lenin und Trotzkij. Biicher iiber Jesus als Psychopathen und das Buch 
von Alexander Moszkowski iiber Sokrates als Idiot. Friiher Hinweis auf die 
Wirklichkeitsfremdheit der Schulweisheit von Woodrow Wilson. Bestatigung 
der Geisteswissenschaft durch das Leben. 

VlERZEHNTER VORTRAG, 23. April 1918 310 

Die Bedeutung der halbbewuflten und unbewufiten Erlebnisse fur das Traum- 
leben und fur das Leben nach dem Tode. Das Leben in Imaginationen, In- 
spirationen und Intuitionen wahrend des Daseins zwischen Tod und neuer 
Geburt. Der Nachahmungstrieb der Kleinkinder als Nachwirkung des vor- 
geburtlichen Lebens. Das Leugnen der Praexistenz durch die Kirche und 
durch die heutige Philosophic Die Verdammung des Origenes. Die Gedanken 
iiber Geistiges als Seelen-Nahrung fur das Leben nach dem Tode. Das ausge- 
zeichnete Buch von Oscar Hertwig zur Widerlegung der darwinschen Zufalls- 
theorie. Eduard von Hartmanns geistiger Kampf gegen den Darwinismus. Das 
Ungeniigende von O. Hertwigs Buch iiber das soziale Leben. Luziferische 
und ahrimanische Impulse in unserem Geistesleben: Das Titel- und Ordens- 
wesen und die Begabtenpriifungen. Eine Buch-Kritik Fritz Mauthners als 
Beispiel fur den mangelnden Wirklichkeitssinn unserer Zeit. Die Erziehung 
zum selbstandigen Urteilen durch die Geisteswissenschaft. 

Funfzehnter Vortrag, 26. April 1918 332 

Die Schwierigkeit, sinnenfallige Wirklichkeiten als Schopfungen des Geistes 
zu verstehen. Ein konkretes Beispiel dafur: Das Mitmachen der leiblichen 
Entwicklung durch das Seelisch-Geistige bis in die Fiinfziger Jahre wahrend 
der alt-indischen Epoche, und das immer friihere Aufhoren dieses Mitmachens 
in den folgenden Epochen. Die heutige Situation: Nur bis zum Ende der 
Zwanziger Jahre gibt die natiirliche Entwicklung Impulse fur das geistige 
Leben. Die Notwendigkeit, durch eigene Anstrengung geistige Erkenntnisse 
aus der absteigenden Entwicklung des Leiblichen zu gewinnen. Die Erzie- 
hung zum «erwartungsvollen Leben». Das Versaumen der Pflege eines geisti- 



gen Lebens im Alter, und das Zerstauben des Geistes als Folge davon. Bildhaf- 
ter Unterricht, eine Forderung vinserer Zeit. Ein Beispiel dafiir: das lebendige 
Erfassen des Unterschieds zwischen Tier und Mensch. Goethe als Fiihrer zu 
einem lebendigen Anschauen der Natur. Die Bedeutung solcher Geistes- 
schulung fur die Weiterentwicklung der Seelen nach dem Tode und fiir das 
Hereinwirken der Verstorbenen in das Erdenleben. Eine Frage des Theologen 
Loisy zur gegenwartigen Weltlage. 

Sechzehnter Vortrag, 2 1 . Marz 1 92 1 354 

Behandlung der Kriegs-Schuldfrage notwendig (Meinung von Aufienminister 
Simons). Die Entente halt diese Frage fiir entschieden. Eine Bemerkung dazu 
von Lloyd George. Zwei Leitsatze fuhrender Persdnlichkeiten der angesach- 
sischen Politik: 1 . Die Zukunft mufi zur Weltherrschaft der angelsachsischen 
Rasse fiihren. 2. Die Unmoglichkeit des Marxismus mufi in Rufiland auspro- 
biert werden. Die Balkan-Politik Englands unter diesen Gesichtspunkten. 
Unpraktischer Sinn der «Praktiker». Die unmoglichen politischen und wirt- 
schaftlichen Verhaltnisse in Osterreich vor dem Weltkrieg. Die unbemerkte 
Tendenz der Zeitprobleme zu einer Losung durch die Dreigliederungs-Idee. 
Die Verhaltnisse in Berlin vor dem Ausbruch des Weltkriegs. Die einsame 
Entscheidung General von Moltkes unter dem Zwang dieser Verhaltnisse. Die 
1919 geplante Veroffentlichung von Moltkes «Erinnerungen», und die Ver- 
hinderung derselben durch einen deutschen General. Von den Versuchen, 
durch die Idee der Dreigliederung einen Ausweg aus den katastrophalen Ver- 
haltnissen zu finden, und von der Schwierigkeit, dafiir Verstandnis zu finden. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 383 

Hinweise zum Text 384 

Namenregister 398 

Rudof Steiner liber die Vortragsnachschriften 401 

Ubersicht xiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 403 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner 
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen 
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege be- 
troffenen Landern Worte gesprochen, die der im Felde 
Stehenden sowie der durch die Pforte des Todes Ge- 
gangenen gedachten. Sie lauteten: 

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen- 
wart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen. 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsere Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht! 

Und fur diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte 
des Todes gegangen sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen. 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsere Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht! 

Und der Geist, den wir suchen durch unsere erstrebte Erkenntnis, der 
Geist, der dem Erdenleben Sinn, Bedeutung, Inhalt gibt, der Geist, 
der aus gottlichen Sonnenhohen durch das Mysterium von Golgatha 
gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten. 



Bei anderen Gelegenheiten lauteten die Worte folgender- 
mafien: 



Wir wenden uns wiederum zuerst an die schiitzenden Geister der durch 
so schwere Verhaltnisse draufien im Felde Stehenden: 

Die Ihr wachet iiber Erdenseelen, 

Die Ihr webet an den Erdenseelen, 

Geister, die Ihr iiber Menschenseelen schiitzend 

Aus der Weltenweisheit liebend wirkt: 

Horet unsere Bitte, schauet unsere Liebe, 

Die mit Euren helfenden Kraftestrahlen sich 

Einen mochten, Geist ergeben, Liebe sendend. 

Und zu den schiitzenden Geistern derjenigen, die infolge dieser Ereig- 
nisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind: 

Die Ihr wachet iiber Spharenseelen, 
Die Ihr webet an den Spharenseelen, 
Geister, die Ihr iiber Seelenmenschen schiitzend 
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt: 
Horet unsere Bitte, schauet unsere Liebe, 
Die mit Euren helfenden Kraftestromen sich 
Einen mochten, Geist erahnend, Liebe strahlend. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistwis- 
senschaft, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit 
und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, er 
sei mit Euch und Euren schweren Pflichten. 



ERSTER VORTRAG 
Stuttgart, 30. September 1914"* 



Was wir im Grande genommen ja schon lange voraussehen konnten, 
schnell ist es durch allerlei Ereignisse, die sich in der letzten Zeit ab- 
gespielt haben, iiber die Welt hereingebrochen. Zeugen ernster Ereig- 
nisse sind wir dadurch geworden, deren tiefe Bedeutung in vollem 
Umfange erst eine spatere Zeit wird wirklich ermessen konnen. Und 
vieles, ich mochte sagen, auch nur von Aufierlichkeiten desjenigen, was 
diesen ernsten Ereignissen zugrunde liegt, entzieht sich heute durchaus 
der Betrachtung. Fiir uns aber, meine lieben Freunde, sei vor alien 
Dingen ein Wort bedeutsam in dieser ernsten Zeit, das ich etwa in fol- 
gender Weise aussprechen will: Wir haben durch Jahre hindurch ver- 
sucht, in uns die geistige Erkenntnis zu vertiefen, wir haben versucht, 
das Wissen, Fiihlen und Empf inden von den geistigen Welten zu unserer 
Sache zu machen, und auch alles dasjenige, was mit diesem Wissen, Fiih- 
len und Empfinden zusammenhangt. Jetzt aber stehen wir tatsachlich 
davor, in einem gewissen Sinne eine Priifung ablegen zu mussen, ob wir 
imstande sind, auch unter dem Eindruck all des Schweren, das jetzt ge- 
schieht, festzuhalten an den grofien Idealen, die uns vorgezeichnet sind 
durch das Wissen und Fiihlen der geistigen Welt. Da, wo in unseren 
Zweigen Freunde zusammensitzen, die zum grofiten Teil ein gemein- 
sames Fiihlen vereint, da ist es ja gewifi leichter, festzuhalten an dem, 
was Geisteswissenschaft der Menschheit bringen soli, aber wir mussen 
immer und iiberall die grofien Ideale, die schon in unserem ersten 
Grundsatz ausgesprochen sind, nicht aus dem Auge lassen. Wir sind ja 
nicht eine Gesellschaft, die ihre Ausbreitung innerhalb homogener Vol- 
kermassen hat, wir suchen vielmehr den versohnenden Geist iiber die 
ganze Erde hin zu verbreiten. Damit hangt es zusammen, dafi wir 
einer gewissen Priifung unterzogen werden, denn wahrhaftig schwie- 

* Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht ais 
durchwegs zuverlassig betrachtet werden. Manches deutet auf eine liickenhafte, 
wenn nicht sogar fehlerhafte Uberlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei 
auf die Hinweise am Schlufi des Bandes verwiesen. 



rig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn fur Objektivitat 
gegeniiber dem Hochsten, namlich gegeniiber der Gerechtigkeit, voll 
zu entwickeln. 

Gerade aus den Griinden, die aus meinen heutigen Worten hervor- 
gehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner, 
hat es vor allem das deutsche Volk gegenwartig leichter als andere, 
objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht blofi 
den unmittelbaren Empfindungen zu iiberlassen, sondern als ernste An- 
throposophen miissen wir versuchen, mit Verstandnis in die Sprache 
einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne fuhren 
mufi. 

Nicht weil ich es als etwas Personliches vorbringen will, sondern 
weil die Sache fiir mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwah- 
nen: Der erste Band meines Buches «Die Ratsel der Philosophie» ist 
vielleicht in den Handen mancher von Euch. Der zweite Band war in 
der zweiten Halfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zei- 
len schlofi er ab. Die Stelle war gerade fiir mich das Merkwurdige, 
Symptomatische. Ich hatte die beiden franzosischen Philosophen Bou- 
troux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so 
objektiv als moglich zu tun. Dann hatte ich den Obergang zu machen 
zu Pre ujl, einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem 
ich die franzosische Philosophic der Gegenwart dargestellt hatte, iiber- 
zugehen zu dem, was diesseks des Rheins, was in Deutschland an Ge- 
danken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein 
brach der Krieg aus. Oft mufite ich mir die leeren Felder des dreizehn- 
ten Bogens anschauen. 

Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins. 
Sie sind Ihnen ja hinlanglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man 
von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehassigsten Be- 
schuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf . Man mochte sagen, 
es war betriibend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete 
Vertreter des franzosischen Geisteslebens wiihlten Hafi und Leiden- 
schaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Personliche 
als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche iiber 
die Entwickelungsgeschichte der Philosophic die franzosische Philo- 



sophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemuhte, ihr voll ge- 
recht zu werden, da konnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung er- 
fiillen, wenn sie erleben mufi, wahrend sie mit aller Kraft versucht, mit 
der grofitmoglichen Objektivitat sich hineinzuleben in die Philosophic 
des Westens, dafi diese dann ungeachtet aller Tatsachen uber die «barba- 
rische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war urn so bitterer, als einer 
der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice 
Maeterlinck war. 

Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und 
das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt, 
fufit ganz auf Novalis, ist ganz geschopft aus Novalis, und Maurice 
Maeterlinck ware nichts ohne Novalis. Alle seine spateren Werke ent- 
sprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschopften Fundament. 
Das wirft auch em Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Ge- 
rechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genugend, die 
Stimmen zu horen, die da und dort unter dem Eindruck der Leiden- 
schaft gesprochen werden, sondern notig ist, dafi wir uns die Tatsachen 
vergegenwartigen. Lafit man diese sprechen, so fiihrt es zur Objektivi- 
tat. Und solche Objektivitat ist nicht einerlei mit einem Gleichgultig- 
sein gegeniiber diesen Beziehungen. 

Grofies geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine kiinftige 
Zeit wird notig haben, fur das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne 
dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse 
vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drangt sich 
zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefiigte 
Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen. 

Wie einstmals, in der vollen Bliite der griechisch-lateinischen Kul- 
tur, die Romer die Punischen Kriege gegen Karthago auskampfen 
mufiten, wie damals die denkwiirdige Schlacht bei Myla entschied 
iiber das Geschick der Romer, die ihre aufbluhende griechisch-ro- 
mische Kultur zu erhalten hatten gegeniiber einem Uberfluten unter- 
gehender Krafte von seiten des zwar aufierlich noch starken Reiches 
der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwartigen 
Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das 
an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand da- 



mals zwischen den Romern und den Karthagern eine merkwiirdige 
Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegen- 
iiber Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die 
Romer auf die ungewohnliche Idee, Enterbriicken herzustellen, die von 
Schiff zu Schiff fiihrten und gewissermafien die Seeschlacht in eine 
Landschlacht umwandelten, so dafi die Romer auf dem ihnen vertrau- 
ten Boden einen grofien Sieg errangen. Wie nun damals etwas Uner- 
hortes fiir jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Men- 
schen denken konnen, in Liittich abgespielt, was eine gewisse Bezie- 
hung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem kiinftige Zei- 
ten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwahne diese 
Dinge nur, weil ich aufmerksam machen mochte auf das Bedeutsame 
der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen. 

Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen 
im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es mochte 
einem das Herz zerreifien, wenn man bedenkt, was sich gegeniiber- 
steht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusa- 
gen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen stent, auf etwas 
anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtig- 
keit ist, gedacht zu werden. 

Ich darf iiber diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil 
ich gewissermafien durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren 
bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, dafi es so viel bei- 
getragen habe zu dem Volkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich, 
dafi ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich 
hatte keine Gelegenheit, die eigentiimlichen Gefiihle des Zusammen- 
hangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Aufter- 
dem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Osterreich selbst den 
Deutschenhafi kennenlernte, wo Deutsch-O'sterreich noch stand unter 
dem Eindruck der Siege Preufiens, wo auch die Deutschen in Oster- 
reich die Reichsdeutschen hafiten. Eine Voreingenommenheit fiir 
Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimat- 
losigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt 
mich, objektiv zu sprechen, voll Bewufitsein, dafi gerade da die anthro- 
posophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann. 



Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Des- 
halb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zu- 
letzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg, 
der zusammenhangt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unaus- 
loschlich ist fiir alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen wor- 
den. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des 
Krieges. Dieser Sieg lafk sich in folgender Weise charakterisieren: 
War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir 
reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt. 
Ober dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres iiber 
das Verhaltnis dieses Volkes zu der Volkerentwickelung erfahren 
will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen 
im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologies 
Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Tri- 
folium, das gegenwartig dort an der Spitze gegen deutsches Geistes- 
tum stent: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe 
erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Faden, die von 
Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis 
zu seinem letzten Blatt. 

Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklarung dieser 
Faden zwischen Deutschlands und Osterreichs Leitung und dem Zaris- 
mus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein grofier Sieg . . . [Das Fol- 
gende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, dafi das Geschehen, 
welches sich damals zwischen der europaischen Mitte, den Westmach- 
ten und Rufiland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung auf- 
rufe. Vgl. auch die Fufinote auf Seite 13.] 

Darin liegen bedeutsame Ziige der Weltgeschichte. Man braucht 
sich nicht die Augen zu verschliefien fiir die Unnatur des Bundes zwi- 
schen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man 
auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit stent. Versuchen wir 
nur, das weiter zu iiben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Gei- 
steswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns auf- 
gedrungen ist, gelernt haben. 

Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indi- 
scher Gelehrter, der iiber die Art, wie Frau Besant nach Toleranz 







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schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen, 
dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe: 
Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! - Es zeugt von wenig Den- 
ken, wenn man nicht einsieht, dafi es eine Absurditat ist, zu ver- 
langen, dafi der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich 
zu wehren. 

Ich habe es die letzten Wochen oft horen mussen, dafi gesagt wurde: 
Wenn Osterreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hatte, so ware 
das «tolerant» gewesen. - Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem 
die Hand abgehauen werden soil: Sei tolerant! - Wir haben mancher- 
lei Moglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum 
abspielt, Objektivitat zu gewinnen; aber dazu mussen wir richtig den- 
ken konnen. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie. 
Es gibt jenen Zyklus liber die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in 
ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen konnten, dann 
ware alle unsere damalige Beschaftigung mit diesem Zyklus ein theo- 
retisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut iiber- 
gegangen, wenn wir sie durchzufuhlen wissen, wo es sich darum han- 
delt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt notig ist. Im vorletzten 
Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, dafi sich die verschie- 
denen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde 
der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das 
Zusammenspiel der drei Seelenkrafte. Der Inhalt der Rede, die Worte, 
die jede der drei Personlichkeiten dort spricht, mussen genau so ge- 
sprochen sein, wie sie sind, da jede der Personlichkeiten eines der drei 
Seelenglieder des Menschen darstellt. 

Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hinge- 
wiesen darauf, wie sich, wenn wir die Volker Italiens, Spaniens neh- 
men, fur unsere Zeit Nachklange des dritten nachatlantischen Zeit- 
alters zeigen: der Volkscharakter ist ausgepragt als Empfindungsseele. 
Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewufitseins- 
seele, und in Europas Mitte ist es das Ich. 

Wissen wir nicht, dafi es Kampfe in der eigenen Seele geben kann, 
dafi die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen konnen? 
Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Priifung der 



Seele». Wir konnen ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit 
abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns 
wirken lassen. Und wir miissen versuchen, dieses Bild so in unserer 
Seele zur Klarheit zu bringen, dafi wir wissen, wie wir in Europas 
Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den 
Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grund- 
lagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schick- 
sal die Welt erfullt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem, 
was jetzt vorgeht, erklarlich werden, wenn wir alles das in Betracht 
ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann 
erst werden wir die notige Objektivitat erlangen. 

Es ist in alien Kriegen vorgekommen, dafi der eine dem anderen 
die Schuld gibt. Fur uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht, 
so zu denken; fur uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich 
will ich es klarmachen. 

Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben 
vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Ware es da gescheit, wenn der 
Greis dem Kinde grollen wiirde und sagte: Du Kind in deiner jugend- 
lichen Kraft, du bist schuld, dafi ich die Gebrechen des Alters trage! - 
Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vor- 
geworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir miissen uns klar- 
machen: Das, was geschieht, ist im Karma der Volker begriindet. Auch 
im Leben der Volker gibt es Jugend und Alter; und wie im mensch- 
lichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, dafi 
das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch toricht, im Leben 
der Volker soichen Vorwurf zu erheben. 

Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir 
miissen hinblicken auf das Tatsachliche, auf das Objektive. Die tie- 
feren Grundlagen der gegenwartigen Ereignisse entziehen sich heute 
noch der Besprechung - abgesehen davon, dafi eine solche heute bei 
manchem boses Blut machen wiirde -, aber in einer anderen Weise kann 
ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt. 

Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Euro- 
pas Ich. - Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich mochte einen 
Mann anruf en, der nicht Theosoph war - er lebte im deutschen Geiste 



urn zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte. 
Ich weifi, dafi dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist. 
Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in 
seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solida- 
ritat der sittlichen Oberzeugungen aller Menschen ist heute die uns 
alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach 
einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ern- 
sten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung 
der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fiihlen, dafi der 
ethischen Weltanschauung gegenuber kein nationaler Unterschied 
walte. Wir alle wiirden fur unser Vaterland uns opfern; den Augen- 
blick aber herbeizusehnen oder herbeizufuhren, wo dies durch den 
Krieg geschehen konne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dafi 
Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Luge. <Friede 
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen> durchdringt uns.» 

Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische 
Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Moglichkeit her- 
beifiihren, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere 
Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalitat anerkennen sich 
als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe 
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu diirfen, sie als ein Ungltick 
erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistig- 
keiten anzupassen suchen. Mit angstlichem Bestreben suchen sie hier 
ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen 
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustel- 
len, deren Anerkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deut- 
schen selber fordern!» 

Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie 
von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie 
der Menschengeist in seinen besten, hochsten Personlichkeiten voll tief- 
ster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will, 
aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit angstlichem 
Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen. 

Dann noch eine merkwiirdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie 
sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen Deutschland, 



den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren An- 
erkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deutschen selber 
fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als 
eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht be- 
merken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt? 

Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms mochte ich Ihnen 
vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfiillung findet in 
dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten, 
allesamt als Einheit gefafit, erfiillt ein allverstandliches Feingefuhl, 
das selbst die rohesten Volker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu 
tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geisti- 
gen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde 
menschliche Geschopfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Da- 
mit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den 
ersten Grundsatz unserer Gesellschaft. 

Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den 
Ruf, den der deutsche Geist ertonen liefi in den Stimmen der Besten 
seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach 
Spiritualitat. Eine Beleuchtung erfahrt dadurch auch die Tatsache, 
dafi der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bishe- 
rigen Lebenssitten anpafit den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige 
Kultur, wohl aber seine Nationalist hingebend. 

Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet, 
uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschlie- 
fien vor dem, was wirklich beachtet werden mufi. 

Auch fur den Okkultisten gab es Uberraschungen in der letzten 
Zeit; und ich darf sagen, wahrend meines Kursus in Norrkoping konnte 
oder mufite ich ein Wort sprechen, das auf solcher Oberraschung be- 
ruht hat. Es ist wahr: Dafi diese Ereignisse eintreten mu&ten, konnte 
man seit Jahren voraussehen, auch dafi sie schicksalsgemafi in diesem 
Jahre kommen mufiten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als 
dafi wir uns zum Munchner Zyklus versammeln wiirden, und dann, 
wenn wir auseinandergehen wiirden - so konnte man erwarten -, dann 
wiirden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegeniiberstehen. Da kam 
das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die 



Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane, 
wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Ober- 
raschung, als ich vergleichen konnte die Individualist, die durch die- 
ses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges 
ist da geschehen: Diese Personlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft ge- 
worden. Ich erwahne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die 
Dinge auf dem physischen Plan Symbolum fur Geistiges sind, und wie, 
genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklart 
werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von 
Ihnen wissen von meinem friiheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreck- 
liche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht nie- 
dersenken auf den physischen Plan, weil astralische Krafte auf dem 
physischen Plan versammelt waren, Furchtkrafte, die ihm hindernd 
entgegenwirkten. - Es war am 20. Juli, als ich wufite, dafi die Furcht- 
krafte nun Krafte des Mutes, der Kuhnheit wurden. Eine unbeschreib- 
lich grofiartige Tatsache: Die Krafte der Furcht wurden zu Kraften 
des Mutes. Da war es nicht mehr unerklarlich, was auf dem physischen 
Plan als ein so einzigartiges Phanomen sich abspielte: jener Enthusias- 
mus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir be- 
kannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war. 

Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in 
einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft fried- 
liebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich iiber sie ergofi. 

Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betriibnis horte, welche 
ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Ta- 
gen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele, 
als ich gewahr wurde, welche Bluten deutscher Seelen hingeopfert wer- 
den mufiten auf dem Feld. Ich mufite dem Schmerze nachhangen, und 
der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In 
Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange 
Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Bliite der Fiihrer 
der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann? 

Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach 
dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu 
kampfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die 



Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein 
Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen mufi das, was Geisteswis- 
senschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmoglich 
erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann. 
Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu ge- 
ben, sie kann auch da noch Trost gewahren. Ich weifi, es wird Seelen 
geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schopfen werden aus solcher 
Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse. 

Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, dafi Geistes- 
wesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen 
Welt ist es vorgeschrieben, dafi bis zu einem gewissen Zeitpunkt anna- 
hernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre 
1950 oder 1970 sei es fiir die Menschheit der Erde bestimmt, ein ge- 
wisses Mafi von Liebefahigkeit zur Bekampfung des Egoismus zu er- 
reichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefahigkeit 
erzeugen. Sie tut es ahnlich, wie das Holz im Ofen Warme erzeugt. Sie 
kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Stro- 
mung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die grofien Lehren der 
Anthroposophie. Aber wenn nicht gentigend ware das Entgegenkom- 
men der menschlichen Seelen gegenuber dem Worte, wenn die Dinge 
zu langsam vor sich gehen wiirden, so dafi bis zu dem Zeitpunkt, der 
vorgeschrieben ist, die Liebefahigkeit und Aufopferung nicht genii- 
gend entfaltet ware, dann mufi ein anderer Lehrmeister eintreten. 

In Dornach ist es symbolisch vorgefuhrt worden. Eigentlich war 
die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts 
geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, dafi der ganze Bau 
bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend 
iiberragenden Anhohe von Osten und Sudosten als Wahrzeichen des 
Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Sau- 
len mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soil auch die 
Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelost werden. 
Ich konnte mich iiberzeugen, dafi die rechte Akustik gefunden ist. Der 
Klang, wie er von einem gewissen Punkte her gepruft wurde, ergab, 
dafi die Akustik die richtige fiir den Bau sei. Aber in diese Akustik hin- 
ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben 



horen, sondern zuerst horten sie den Widerhall des Kanonendonners 
vom Siiden des Elsafi, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt 
zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in 
den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentiimliche Symbolik! 
Eine Symbolik, die vielleicht doch angefuhrt werden darf . Ein anderer 
Lehrmeister ist manchmal notig! 

War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem 
Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer 
Woche vollzogen! Welche Summe von Bekampfung des Egoismus! 
Welche Summe von Aufopferungsfahigkeit, von Menschenliebe ist da 
entstanden! 

Als ich kiirzlich von Wien zuriickfuhr, spielte mir Karma eine Zei- 
tung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem dsterreichi- 
schen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie wahrend 
der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von alien Seiten Liebes- 
dienste erwiesen werden, und am Schlufi kommt ein Passus - der Krie- 
ger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten -, 
da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut 
und mit all dem, was wir haben, fur die gerechte Sache einzustehn; 
aber auch die, die zu Hause bleiben, konnen wirken. - Dann kommen 
die grofien Worte, er sagt: « Wen Gott erhort, der bete - wer nicht beten 
kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskrafte zu dem in- 
briinstigen Wunsche nach dem Siege . . .», und er tragt so das Seine bei! - 
Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So 
lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit 
gepflegt haben. Mag das nachste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines 
wird das Ereignis zeitigen: Spiritualitat in der menschlichen Seele, die 
solche sonst noch lange nicht gefunden haben wiirde. 

Grofi sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit grofien 
Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch iibereinanderlegen. 
So wie der Kampf der Romer gegen die Punier, wie die Kriege der Vol- 
kerwanderung wichtig und eingreifend waren fur die werdende Kul- 
tur der Volker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen 
Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines 
in Euer Empfinden hineinleben konnen: da& diejenigen, die heute im 



Felde, in der Schlacht ihr Blut vergiefien, dieses Blut als Opfer brin- 
gen fiir etwas, was geschehen raufi. Geschehen mufi es zum Heile der 
Menschheit. Und wenn wir auf die grofien Opfer schauen, auf die 
Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen, 
so doch innerlich mit grofier Befriedigung erfiillen: dafi heiliges Blut 
fliefit, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben, 
werden die wichtigsten Mitglieder werden fiir zukunftige Zeiten. Vie- 
les wird uns verstandlich werden, wenn wir uns entschlieflen konnen, 
in dem fliefienden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir un- 
sere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist 
Fruchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfiillen kann sich gerade in 
den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener 
einfache Soldat gesagt hat. 

Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Oberzeu- 
gung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustonen; und das 
ist notig, wenn die Formel, die wir unseren Ausfiihrungen voransetz- 
ten, wirken soil. Unter den Kampfern gibt es schon solche, die in dem 
rechten Glauben dienen. 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Meine lieben Freunde! Dafi wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken 
gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegeniiberstellen, damit wir die 
Priifung bestehen konnen, dafi wir gerechten Auges die Ereignisse, die 
Verhaltnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vor- 
trages. Spiritualitat wird schon kommen auch durch jenen grofien 
Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist 
zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in 
der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken 
jetzt richtig in der Zeit der Priifung in Euren Seelen sein, dann wird 



jener Raum, der jetzt erfullt ist von durcheinanderflutenden Leiden- 
schaften, erfullt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen, 
echten Gefiihlen. Solche Gefiihle werden dauernd weiterleben. 

Ich flehe in mancher Nacht, dafi es viele Anthroposophen geben 
moge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden; 
und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die 
Moglichkeit haben, unseren Platz auszufiillen in echtem Liebesdienst. 
Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktatig in die Welt brin- 
gen diirfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder 
dort stehen, dafl dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir 
gerade ausersehen sind. 

Nur mit Tranen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen 
Osterreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mit- 
anhorte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthropo- 
sophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt, 
und ihn seine Pflicht erfiillen lafit da, wo das Schicksal ihn hingestellt 
hat. Und dieselben Gefiihle und Gedanken traten mir aus dem Brief 
eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusam- 
menkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen 
war. Solche Gedanken und Gefiihle sind es, die heute in den Seelen 
leben miissen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfiillen suchen, 
unsere Urteilskraft waken lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe 
verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfiillen: Wenn 
einstmals Europas Volker nicht mehr sich in den Schlachten gegeniiber- 
stehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt 
hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die starksten sein, sie 
werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fiihlen, wird zum 
Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefiihl, dafi ein Sieg un- 
ausbleiblich ist: der Sieg des Geistes. 

Merkwiirdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in 
diesem Friihling gesprochen. Er sagte iiber unser Verhaltnis zu Rut- 
land, dafi Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit 
Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu ach- 
ten. Und iiber England wurde im Juli gesagt, dafi die Entspannung 
Fortschritte mache, dafi die Verhandlungen mit England noch nicht 



abgeschlossen seien, dafi sie aber in diesem Sinne weitergefuhrt wiirden. 
So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese 
diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwartigen, wie 
menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht. 
Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg 
nicht gewollt! - Oh, man mochte - verstehen Sie mich recht! -, urn es 
grotesk auszudriicken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die ge- 
biihrende Beachtung fanden, um ihnen den Nachdruck geben zu kon- 
nen, der ihnen gebiihrt. 

Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht 
so ist, dafi man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als 
unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was 
morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie 
sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes diir- 
f en wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten 
Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit 
dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsaus- 
bruch mufite ich in einer Zeitung Satze lesen, wie den folgenden: 
Trotz Liebknechts Riige halte ich dafur, dafi man im politischen Leben 
die Wahrheit nicht zu sagen braucht, aufier wenn es herauskommen 
wiirde oder einem selber schaden wiirde. - Der Ausspruch ist gepragt 
aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt waren ohne 
diesen Krieg, und den zu iiberwinden Aufgabe unserer Bewegung ist, 
die - im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches - 
als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahr- 
heit.* 

Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedurfen, 
wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn dar- 
um handelt es sich, dafi wir zu jener Objektivitat hindurchdringen, die 
nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird 
man auch heute schon erkennen konnen, was eine spatere Zeit erken- 
nen wird: dafi dieser Krieg eine Verschworung ist gegen deutsches 
Geistesleben. 

Zu solcher Objektivitat kann uns verhelfen der Spruch, der an den 
Volksgeist sich wendet: 



Du, meines Erdenraumes Geist! 
Enthiille Deines Alters Licht 
Der Christ-begabten Seele, 
Dafi strebend sie f inden kann 
Im Chor der Friedensspharen 
Dich, tonend von Lob und Macht 
Des Christ-ergebenen Menschensinns! 

Viel kann fur unsere Seelen und fur das Finden des rechten Weges her- 
vorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem 
Spruche uns werden kann. Dann aber weifi ich, dafi etwas geschehen 
wird, dafi ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soil, da sein 
wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was 
Anthroposophie in die Welt bringt, dafi Hoffnungen entgegengekom- 
men werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen mochte mit 
den Worten: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geist-bewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 

Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktatige Liebe 
wollen wir iiben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages. 
Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Ver- 
haltnisse, um solche Objektivitat zu erlangen, wie sie heute notwen- 
dig ist, und die so schwer zu erlangen ist fur viele. Vielleicht konnen 
hier auch diejenigen unserer auswartigen Freunde klarend wirken, die 
diese Worte horen. 

Wenn wir zu solcher Objektivitat durchdringen und zu solcher Be- 
reitschaft werktatiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine 
Kraft erstehen, die nutzbar sein kann fiir diejenigen Geister, die ihr 



Wirken hineinsenden in die Geschicke der Volker und die auch in 
diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und fiihrend der Menschheit 
zur Seite stehen. 



ZWEITER VORTRAG 
Stuttgart, 13. Februar 1915 



Immer wieder und wiederum mufi betont werden, dafi der wesent- 
lichste Punkt unseres geisteswissenschaftlichen Strebens derjenige ist, 
der uns zeigt, wie blofies Wissen, blofie in Ideen und Vorstellungen 
lebende Erkenntnisse immer mehr und mehr vergangenen Zeiten an- 
gehoren miissen, und wie wir eine Erkenntnis zu suchen haben, eine 
Summe von Ideen und Vorstellungen, von Empfindungen und "Willens- 
impulsen, die uns wirkliches Leben werden, die uns im eminentesten 
Sinne des Wortes lebendig werden. Es ist notwendig, dafi wir zuweilen 
unser Nachsinnen, unsere Meditation hinlenken gerade auf diesen Kar- 
dinalpunkt unseres Strebens. Denn voll wird das Licht, das von die- 
sem Punkte aus strahlen kann, nur dann unsere Seelen erleuchten kon- 
nen, wenn wir immer wieder und wiederum in treulichem Nachsinnen 
auf ihn zuriickkommen. Es mufi ja gerade fiir uns, die wir mit Seele 
und Herz uns bekennen wollen zu einem geisteswissenschaftlichen Stre- 
ben, in dieser unserer ernsten Zeit Herzensbediirfnis sein, dasjenige, 
was uns durch Erkenntnisse werden kann, in das wirkliche Leben 
iiberzufiihren, in das unmittelbare Leben der Seele. Wir miissen etwas 
dazu tun, dafi alles dasjenige, was theoretische Einsicht nur, was blofi 
wissenschaftliches Streben ist, allmahlich wirklich ubergefiihrt werde 
in Erlebnisse, dafi es bereichert werde aus der Geisteswelt heraus durch 
das, wodurch es Erlebnis werden kann. Sonst gehen wir einer Zeit 
der geistigen Ausdorrung entgegen; denn Theorien, blofi wissenschaft- 
liche Uberzeugungen, sind dazu geeignet, die Menschenseele und das 
ganze menschliche Leben iiberhaupt auszudorren. Aber tief, tief ein- 
gewurzelt ist in unserer Zeit der Glaube, dafi man im Leben zurecht- 
kommen miisse mit einer nach dem Muster von wissenschaftlicher Er- 
kenntnis geordneten Oberzeugung. 

Die grofien Ereignisse, die sich in unserer Zeit abspielen, sie sollten 
insbesondere Aufforderungen sein an die zur Geisteswissenschaft ge- 
neigten Seelen, einmal wirklich uber die Verschiedenheit von Leben 
und blofiem Wissen ins klare zu kommen, von Leben und blofier, nach 



wissenschaftlichem Muster gebildeter Uberzeugung. Wir mussen da 
schon einmal ein wenig versuchen, zu einer Art von Selbsterkenntnis, 
von rein menschlicher Selbsterkenntnis zu kommen; wir mussen das 
versuchen, mussen mit uns zu Rate gehen, wie sehr der Damon der 
theoretischen Uberzeugung gegenwartig in den menschlichen Herzen 
lebt. Wir mussen das seelische Auge klar darauf hin richten, wie sich 
einwurzeln will dieser Damon der theoretischen Uberzeugung. Und 
das, was uns Anthroposophie sein soil, werden wir nicht zu unserem 
innersten Erlebnis machen, wenn wir das nicht versuchen, wenn wir 
nicht das Auge hinlenken auf Tatsachen, die auch den Anthroposo- 
phen sozusagen in seinem eigenen Seelenleben uberraschen konnen, die 
darauf hinweisen, wie feme man, wenn man sich so dem modernen 
Seelenleben hingibt, dem unmittelbaren Erlebnis des Geistigen steht, 
und wie nahe man dem Suchen nach einer theoretischen Uberzeu- 
gung steht. Ganz unbefangen mufi man solchen Tatsachen ins Auge 
schauen. 

Ich konnte - und was ich jetzt anfiihre, soil nur als Beispiel ange- 
fiihrt werden -, seitdem die ernsten Ereignisse iiber Europa und die 
Welt hereingebrochen sind, an den Verschiedensten Orten des deut- 
schen Sprachgebietes iiber Erlebnisse sprechen, die mit unserer ernsten 
Zeit im Zusammenhang stehen. Ich habe es ja auch hier in Stuttgart 
tun diirfen. Da und dort wurde von mir iiber solche Erlebnisse ge- 
sprochen. Was war eine der Folgen davon, dal5 solche Erlebnisse be- 
sprochen worden sind? Eine der Folgen war die, dafi Angehorige an- 
derer Reiche gekommen sind mit der Anforderung, dasjenige, was 
innerhalb unseres Sprachgebietes gesprochen worden ist, auch zu ihnen 
zu bringen. Of tmals war das gefordert unter der gutgemeinten Voraus- 
setzung, dafi die Wahrheit fur alle Menschen selbstverstandlich die 
gleiche sei, und dafi solch ein Hintragen desjenigen, was an einem Orte 
gesprochen wird, zum anderen Orte ohne weiteres zur Aufklarung der 
Wahrheit in unserer schwierigen Zeit dienen konne. Es ist ja innerhalb 
unserer Geistesstromung Mode geworden, alles, was gesprochen wird, 
auch dasjenige, was gesprochen wird aus dem unmittelbaren Impuls 
nicht nur der Zeit, sondern auch des Ortes und der Menschen heraus, 
zu denen es gesprochen wird, aufzuschreiben und nun den Glauben 



zu haben, dafi das jedem in der gleichen Weise dienen miisse, weil man 
die theoretische Voraussetzung macht, die Wahrheit konne nur auf 
eine einzige Weise formuliert werden. Nun, meine lieben Freunde, 
es wiirde sich jener Unfug, der darin besteht, dafi man in genauer 
Weise das gesprochene Wort nachschreibt und glaubt, dafi es noch 
immer den Inhalt habe, wenn es nun als nachgeschriebenes Wort da 
oder dort vorgelesen werde oder wiedergesprochen werde, es wiirde 
sich dieser Unfug ins Ungeheuerliche auswachsen, wenn man das glau- 
ben konnte, was eben angedeutet worden ist. 

Wenn diejenigen Dinge, welche die Menschen Europas und der 
Welt gegenwartig auszumachen haben, ausgemacht werden konnten 
durch Worte, dann brauchten nicht jene ungeheuren Strdme von Blut 
zu f liefien, die aus den ewigen Notwendigkeiten der Erdenentwicke- 
lung heute fliefien miissen. Wenn ohne weiteres die MogHchkeit be- 
stiinde, dafi die Seelen sich aus den nationalen Aspirationen heraus ver- 
stehen wiirden, dann brauchten sie sich nicht mit Kanonen gegenein- 
ander zu stellen. Wir miissen uns mit demjenigen, was als der Charak- 
ter des Erlebnisses angegeben worden ist, wir miissen uns mit geistes- 
wissenschaftlicher Erkenntnis gerade da bewahren, wo es darauf an- 
kommt, dem grofien Ernst entgegenzusehen. Fur alltagliche Seelenbe- 
diirfnisse spielerisch okkulte Wahrheiten zu gebrauchen, das kann nicht 
die Aufgabe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens sein. Solange 
wir nicht in der Lage sind, es zu dem Verstandnis zu bringen, dafi in 
den Weltenerscheinungen, die uns auf dem physischen Plan entgegen- 
treten, wirklich spirituelle Machte tatig sind, und dafi wir Geistes- 
wissenschaft brauchen, um Wert und innere Wahrheit dieser spirituel- 
len Machte abzuschatzen und zu durchschauen, solange wir das nicht 
vermogen, haben wir noch nicht das richtige Verhaltnis zu unserer 
Geisteswissenschaft. 

Das mufi uns klar sein: Wenn wir auf rein anthroposophischem 
Boden stehen, wenn wir die hohen Wahrheiten entwickeln fur unsere 
Seele, welche des Menschen hochstes Wesen beriihren, dann stehen wir 
auf einem Boden, der jenseits ist aller Nationalitat, ja jenseits aller 
Rassenunterschiede sogar. Stehen wir recht auf dem Boden desjenigen, 
was wir iiber des Menschen Wesen aus der spirituellen Erkenntnis ge- 



winnen konnen, dann gelten dieselben Wahrheiten iiber den ganzen 
Erdkreis hin, ja innerhalb gewisser Horizonte fur andere Planeten un- 
seres Pianetensystems: sobald wir auf diesem Boden stehen, sobald fur 
uns in Betracht kommen die hochsten, das menschliche Wesen betref- 
fende Gedanken. Anders ist es, wenn Dinge in Betracht kommen, aus 
denen etwas anderes spricht und sprechen raufi als dieses allerhochste 
Wesen des Menschen: Wenn Volker einander gegenuberstehen, haben 
wir es nicht zu tun mit demjenigen, was in des Menschen Wesen hin- 
ausreicht iiber alle die Differenzierungen der Menschheit. Wenn Vol- 
ker einander gegenuberstehen, so stehen nicht blofi Menschen, son- 
dern spirituelle Welten einander gegeniiber, stehen sich solche Wesen- 
heiten in spirituellen Welten gegeniiber, die durch die Menschen sich 
betatigen, die in den Menschen leben. Und zu glauben, dafi dasjenige, 
was fiir Menschen gelten mufi, auch gelten mufi fiir jene komplizierte 
Damonen- und Geisterwelt, welche durch die Menschen wirkt, wenn 
Volker miteinander kampfen, zu glauben, dafi man durch einfache 
menschliche Logik etwas ausmachen konnte iiber dasjenige, was die 
Damonen gegeneinander treibt, das heifit doch, noch nicht den Glau- 
ben an eine konkrete spirituelle Welt gefunden zu haben. 

Was meine ich damit? — Nicht wahr, wenn wir jetzt hinaussehen 
auf dasjenige, was draufien in der aufieren Welt geschieht, so finden 
wir — ich will jetzt ganz absehen von den eigentlichen schmerzlichen 
Kriegsereignissen -, dafi Menschen verschiedener Nationalitiiten ein- 
ander gegenuberstehen. Wir finden, dafi die eine Nationalist die an- 
dere mit ihrem Hafi manchmal in der furchtbarsten Weise iiberflutet. 
Dann versuchen jetzt die Menschen zurechtzukommen damit, das 
heifit, sich zu fragen, wer nun mehr Recht hat zu hassen, dieses Volk 
oder jenes Volk, oder welches man mehr hassen soil als em anderes. 
Man denkt wohl auch nach, welches Volk die besondere Schuld habe 
an diesem Krieg. Man denkt ungefahr iiber diese Angelegenheiten so 
nach, wie man mit Recht nachdenkt bei einer Gerichtsverhandlung, 
wo man die verschiedenen Umstande abwagt. Was tut man aber im 
Grunde genommen, wenn man das tut, was eben charakterisiert wor- 
den ist und was das jetzige Schrifttum beherrscht, was tut man dann? 
Man stellt damit in Abrede alles spirituelle Leben, wenn man es auch 



nicht zugeben wollte, denn man bekennt sich zu dem Dogma, dafi jene 
Damonen zum Beispiel, die von Osten heriibergetragen haben die Zwie- 
tracht in das europaische Leben, nach dem Muster des Verstandes, sa- 
gen wir, des Verstehens zu beurteilen sind, das der Mensch hat. Denn 
man glaubt nicht, dafi es einen anderen Verstand, eine andere Urteils- 
kraft gibt als diejenige, die der Mensch hat. All dasjenige, was ge- 
genuber solchen die Evolution aufwiihlenden Ereignissen vom blofi 
menschlichen Standpunkt aus beurteilt wird, ist eine Verleugnung des 
geisteswissenschaftlichen Lebens. Nur dann bekennen wir uns zum 
wirklichen geisteswissenschaftlichen Leben, wenn wir uns klar sind, 
dafi sich in den physischen Ereignissen geistige Ursachen ausleben, Ur- 
sachen, die auch eine andere Urteilskraft notwendig machen als die 
des physischen Planes. Wenn sich Menschen mit verschiedenen Ansich- 
ten bekampfen auf dem physischen Plan, dann kann man vielleicht 
nach menschlichem Urteil entscheiden. Das kann man aber nicht, wenn 
sich Volker bekampfen, weil durch das Volksleben sich unsichtbare 
Machte zum Ausdruck bringen. Im Menschen bringen sich allerdings 
auch unsichtbare Machte zum Ausdruck, aber so, dafi sie sich hinein- 
fiigen in das menschliche Urteil. Das tun sie im Volkerleben aber nicht. 
Da handelt es sich eben darum, dafi wir uns bewahren in der Aner- 
kenntnis des konkreten spirituellen Lebens und einsehen, dafi noch 
ganz andere Impulse in der Menschenseele sprechen als diejenigen, 
die man bewaltigen kann mit dem Erdenverstand, wenn solch grofie 
Ereignisse sich abspielen. 

Wenn man heute dieses oder jenes liest, was da gesagt wird und was 
reichlich nachgesprochen wird auch von denjenigen, die einen Impuls 
von der Geisteswissenschaft haben empfangen wollen, dann findet 
man, dafi vieles davon so geschrieben oder gesprochen ist, als wenn die 
Weltentwickelung erst am 20. Juli 1914 ungefahr begonnen hatte. 
Selbst da, wo man die Ursachen der gegenwartigen Verwicklungen 
sucht, redet man so, als ob sie im vorigen Jahr begonnen hatten. Geistes- 
wissenschaft wird neben vielem anderen auch das als praktisches Er- 
gebnis zeitigen mussen, dafi man etwas wird lernen wollen, dafi man 
nicht aus dem, was unmittelbar der Tag gibt, sondern aus den grofie- 
ren Zusammenhangen heraus sich ein Urteil wird bilden wollen. Das 



wird das Elementarste sein; das Weitere wird erst daraus bestehen, dafi 
man das Urteil priifen mufi an dem, was Geisteswissenschaft zu geben 
in der Lage ist. Machen wir uns einmal an einem Beispiel klar, wie diese 
Geisteswissenschaft fruchtbar werden mufi, wenn es sich darum han- 
delt, unser Verstandnis gegeniiberzustellen dem Erleben, und das Er- 
leben dann zu unserem eigenen zu machen. 

Wir haben es ja immer wiederum betont, dafi die Weltentwicke- 
lung, die Erdenentwickelung, fur die nachatlantische Zeit in deut- 
lich voneinander verschiedenen Kulturperioden verlauft. Wir haben 
diese Kulturperioden aufgezahlt: die alte indische Kulturperiode, die 
persische, die agyptisch-chaldaische, die griechisch-lateinische, dann 
diejenige, welche unsere eigene ist in der Gegenwart; dann haben wir 
darauf aufmerksam gemacht, dafi eine sechste, eine siebente Epoche 
die unsrige wird ablosen miissen. Wir haben uns aber nicht damit be- 
gniigt, schematisch die Aufeinanderfolge dieser Kulturperioden einfach 
darzustellen, sondern wir haben versucht zu charakterisieren, welches 
das Eigentiimliche der einzelnen Kulturperioden ist. Und wir haben da- 
durch versucht, ein Verstandnis fiir unsere eigene Zeit zu gewinnen, 
fiir die Obergangsimpulse, die in unserer Zeit leben, in unserer fiinften 
nachatlantischen Zeitepoche. Und wir haben uns auch klargemacht, 
dafi keineswegs mit solchen Charakterisierungen irgend etwas Sche- 
matisches gemeint sein kann, zum Beispiel dafi man nicht sagen kann, 
iiber die ganze Erde ziehe sich hin das Eigentiimliche dieser Kultur- 
epoche. An gewissen Orten tritt es auf, andere Erdenorte, andere Ter- 
ritorien bleiben zuruck. Nicht absolut brauchen sie zuruckzubleiben, 
aber sie bleiben mit alten Kraften zuruck, um diese alten Krafte spater 
mit der fortschreitenden Evolution in einer anderen Kulturepoche 
entsprechend in Zusammenhang zu bringen. Man braucht nicht einmal 
an Wertigkeiten zu denken, sondern nur an Charaktereigentiimlich- 
keiten. Wie sollte denn den Menschen nicht auffallen die tiefe Ver- 
schiedenheit, wenn es sich um Geisteskultur handelt, sagen wir der 
europaischen und der asiatischen Volker. Wie sollte denn nicht auf- 
fallen die Differenzierung, die gebunden ist an die aufiere Hautfar- 
bung! Wenn wir das europaisch-amerikanische Wesen und das asia- 
tische Wesen anschauen — sehen wir zunachst ganz ab von Wertig- 



keiten -, dann miissen wir den Unterschied ins Auge fassen, daft die 
asiatischen Volker zuriickbehalten haben gewisse Kulturimpulse ver- 
gangener Erdenepochen, wahrend die europaisch-amerikanischen Vol- 
ker hinweggeschritten sind iiber diese Kulturimpulse. Nur wenn man 
in einem nicht ganz gesunden Seelenleben befangen ist, kann einem 
dasjenige besonders imponieren, was als orientalische Mystik die orien- 
talische Menschheit aus alten Zeiten bewahrt hat, wo die Menschen 
es notwendig hatten, mit niederen Seherkraften zu leben. Solch un- 
gesundes Geistesleben hat vielfach Europa allerdings ergriffen; man 
hat geglaubt, den Weg in die geistigen Welten durch asiatisches Jogi- 
tum und ahnliches lernen zu miissen. Diese Tendenz beweist aber 
nichts anderes als ein ungesundes Seelenleben. Das gesunde Seelen- 
leben mufi sich aufbauen auf die Oberfuhrung der Erlebnisse der ftinf- 
ten nachatlantischen Kulturepoche in spirituelles Leben, in geisti- 
ges Erkennen, und nicht auf das Herauftragen von irgend etwas in 
der Menschheit, was ja ganz interessant ist, sozusagen naturwissen- 
schaftlich zu erkennen, was aber nicht fur die europaische Mensch- 
heit erneuert werden darf, ohne daft sie zuriickfallen wiirde in Zei- 
ten, die ihr nicht angemessen sind. Aber andere Zeiten werden kommen 
iiber die Erdenentwickelung, folgende Zeiten. In diesen folgenden Zei- 
ten, da werden veraltete Krafte mit vorgeschrittenen Kraften wieder- 
um sich verbinden miissen. Daher miissen sie an irgendeiner Stelle 
bleiben, urn da zu sein, urn sich verbinden zu konnen mit den vorge- 
schrittenen Kraften. Eine sechste wird auf die fiinfte Kulturepoche 
folgen. Abstraktes Denken, dieses schreckliche abstrakte Denken, das 
eine Tochter ist der rein theoretisch-wissenschaftlichen Oberzeugung, 
kann gar nicht umhin, das sechste Zeitalter hoher zu schatzen als das 
fiinfte, weil das sechste eben spatere Entwickelung ist. Wir sollten uns 
aber klar sein, daft es Zeiten des Auf gangs und Zeiten des Niedergangs 
gibt; richtig klar sollten wir uns sein dariiber, daft das sechste Zeitalter, 
welches folgt auf das fiinfte in der nachatlantischen Zeit, dem Nieder- 
gang notwendig angehoren mufi, und daft dasjenige, was sich in der fiinf- 
ten nachatlantischen Zeitepoche herausentwickelt, der Keim sein mufi 
fur die der siebenten Kulturepoche erst wiederum folgende Erdenzeit. 
So lebendig mufi man die Dinge betrachten, nicht abstrakt-theoretisch, 



so dafi man das sechste Zeitalter als ein vollkommeneres auf das fiinfte 
als unvollkommeneres folgen lafit. 

In der atlantischen Zeit war die vierte Epoche diejenige, in der die 
Keime lagen zu unserer Gegenwart. In unserer Zeit ist es die fiinfte 
Kulturepoche, in der die Keime liegen zu dem, was auf die nachatlan- 
tische Zeit folgen mufi. Und was ist das Charakteristische, das sich 
insbesondere in dieser fiinften Kulturepoche herausentwickeln mufi? 
Das ist das Charakteristische, was vorzugsweise durch das Mysterium 
von Golgatha angefacht worden ist: dafi die spirituellen Impulse hin- 
untergefiihrt worden sind bis ins unmittelbar Physisch-Menschliche, 
dafi gewissermafien das Fleisch von dem Geiste ergriffen werden mufi. 
Es ist noch nicht geschehen. Es wird erst geschehen sein, wenn die Gei- 
steswissenschaft einmal einen grofieren irdischen Boden hat und viel 
mehr Menschen sie im unmittelbaren Leben zum Ausdruck bringen, 
wenn der Geist in jeder Handbewegung, in jeder Fingerbewegung, 
mochte man sagen, wenn er in den alleralltaglichsten Handlungen zum 
Ausdruck kommt. Aber dieses Hinuntertragen der spirituellen Impulse 
war es, um dessentwillen der Christus in einem menschlichen Leibe 
Fleisch geworden ist. Und dieses Hinuntertragen, dieses Durchimprag- 
nieren des Fleisches mit dem Geiste, das ist das Charakteristische der Mis- 
sion, die Mission iiberhaupt der weifien Menschheit. Die Menschen ha- 
ben ihre weifie Hautfarbe aus dem Grunde, weil der Geist in der Haut 
dann wirkt, wenn er auf den physischen Plan heruntersteigen will. Dafi 
dasjenige, was aufierer physischer Leib ist, Gehause wird fur den Geist, 
das ist die Aufgabe unserer fiinften Kulturepoche, die vorbereitet wor- 
den ist durch die anderen vier Kulturepochen. Und unsere Aufgabe 
mufi es sein, mit denjenigen Kulturimpulsen uns bekanntzumachen, 
welche die Tendenz zeigen, den Geist einzufuhren ins Fleisch, den 
Geist einzufuhren in die Alltaglichkeit. Wenn wir dies ganz erkennen, 
dann werden wir uns auch klar sein dariiber, dafi da, wo der Geist noch 
als Geist wirken soil, wo er in gewisser Weise zuriickbleiben soli in 
seiner Entwickelung - weil er in unserer Zeit die Aufgabe hat, ins 
Fleisch hinunterzusteigen -, dafi da, wo er zuriickbleibt, wo er einen 
damonischen Charakter annimmt, das Fleisch nicht vollstandig durch- 
dringt, dafi da weifie Hautfarbung nicht auftritt, weil atavistische 



Krafte da sind, die den Geist nicht vollstandig mit dem Fleisch in Ein- 
klang kommen lassen. 

In der sechsten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wird die 
Aufgabe die sein, den Geist vor alien Dingen als etwas sozusagen mehr 
in der Umgebung Schwebendes zu erkennen als unmittelbar in sich, den 
Geist mehr in der elementaren Welt anzuerkennen, weil diese sechste 
Kulturepoche die Aufgabe hat, die Erkenntnis des Geistes in der phy- 
sischen Umgebung vorzubereiten. Das kann nicht so ohne weiteres 
erreicht werden, wenn nicht alte atavistische Krafte aufgespart wer- 
den, die den Geist in seinem rein elementarischen Leben anerkennen. 
Aber ohne die heftigsten Kampfe gehen diese Dinge in der "Welt nicht 
ab. Die weifle Menschheit ist noch auf dem Weg, immer tiefer und 
tiefer den Geist in das eigene Wesen aufzunehmen. Die gelbe Mensch- 
heit ist auf dem Wege, zu konservieren jene Zeitalter, in denen der 
Geist feme gehalten wird vom Leibe, in denen der Geist gesucht wird 
aufierhalb der menschlich-physischen Organisation, blofi dort. Das aber 
mufi dazu fiihren, dafi der Obergang von der fiinften Kulturepoche in 
die sechste Kulturepoche sich nicht anders abspielen kann denn als ein 
hef tiger Kampf der weifien Menschheit mit der farbigen Menschheit 
auf den mannigfaltigsten Gebieten. Und was diesen Kampf en voran- 
geht, die sich abspielen werden zwischen der weifien und der farbigen 
Menschheit, das wird die Weltgeschichte beschaftigen bis zu der Aus- 
tragung der grofien Kampfe zwischen der weifien und der farbigen 
Menschheit. Die zukiinftigen Ereignisse spiegeln sich vielfach in vor- 
hergehenden Ereignissen. Wir stehen namlich, wenn wir dasjenige, was 
wir durch die verschiedensten Betrachtungen uns angeeignet haben, 
im geisteswissenschaftlichen Sinn ansehen, vor etwas Kolossalem, das 
wir in der Zukunft als notwendig sich abspielend erschauen konnen. 

Da haben wir auf der einen Seite einen Teil der Menschheit mit 
der Mission, den Geist in das physische Leben so hereinzufiihren, dafi 
der Geist alles einzelne im physischen Leben durchdringe. Und auf der 
anderen Seite haben wir einen Teil der Menschheit mit der Notwendig- 
keit, gewissermafien die absteigende Entwickelung nun zu iiberneh- 
men. Das kann nicht anders geschehen, als wenn dasjenige, was wirk- 
lich sich bekennt zur Durchdringung des Leiblichen mit dem Geistigen, 



Kulturimpulse hervorbringt, lebendige Impulse hervorbringt, die fur 
die Erde bleibend sind, die von der Erde nicht wieder verschwinden 
konnen. Denn was dann nachkommt als sechste, als siebente Kultur- 
epoche, das mufi geistig von den Schopfungen der fiinften leben, das 
mufi die Schopfungen der fiinften Kulturepoche in sich aufnehmen. 
Die fiinfte Kulturepoche hat die Aufgabe, das aufiere idealistische Le- 
ben zum spirituellen Leben zu vertiefen. Das aber, was so als spiri- 
tuelles Leben vom Idealismus erobert wird, das mufi spater angenom- 
men werden, das mufi weiterleben. Denn im Osten wird man nicht 
die Krafte haben, ein eigenes Geistesleben produktiv hervorzubringen, 
sondern nur dasjenige, was hervorgebracht ist, in sich aufzunehmen. 
So mufi sich die Geschichte abspielen, dafi von der gegenwartigen, die 
eigentlichen Kulturimpulse in sich tragenden Menschheit eine spiri- 
tuelle Kultur geschaffen wird, welche die eigentliche geschichtliche 
Nachfolge der fiinften Kultur ist, und dafi diese Kultur verarbeitet 
wird von dem, was nachfolgt. 

Versuche man einmal, sich ganz objektiv, ohne Voreingenommen- 
heit den Unterschied zwischen diesen beiden Menschheitsstromungen 
klarzumachen. Man versuche sich einmal klarzumachen, wie seit dem 
Eintritt desjenigen Teiles der Menschheit, den man germanische Vol- 
ker nennt, gerungen worden ist um ein Durchdringen des aufieren Phy- 
sischen mit dem Geistigen, und wie die Tiefen des Christentums ange- 
nommen worden sind. Vom aufieren Physischen ist man ausgegangen, 
von demjenigen, was gleichsam im Physischen den Keim enthielt zu 
einem Physisch-Geistigen. Man blicke zuriick auf das Sommeropfer, 
auf das Sonnwendopfer des Gottes Baldur. Sein eigentlicher tieferer 
Sinn ist ja friih verlorengegangen, aber was ist der eigentliche tiefere 
Sinn? Er kann nur durchschaut werden, wenn man die Blicke hinlenkt 
darauf, wie mit der heraufziehenden Friihlingssonne, im Lichte und in 
der Warme, geistige Machte heraufsteigen, wie der Gott Lenz herauf- 
zieht, und wie mit dem Anziinden des Johannisfeuers der Mensch hin- 
neigt zu der Verbindung mit den in den Naturkraften herrschenden 
Lenzeskraften, wie er sich Feuer anziindet zum Zeichen dafiir, dafi er 
sein Verstandnis verbindet mit dem Tode des Gottes Lenz zur Som- 
mersonnenwende. Das ist die Baldursage: Der Gott Lenz verbrennt 



im Sonnwendfeuer, weil man das Fruchtende, das Keimende in der 
Natur, in der aufieren physischen Natur empfand, weil man den Gott 
Lenz liebte und ihm folgte in seinen Tod hinein. Darum aber, weil 
man gleichsam in der aufieren physischen Welt das Vorbild hatte von 
dem Christus, der nicht stirbt in der Sommerwende, aber der geboren 
wird in der Winterwende - merken Sie diesen Gegensatz des Leiblichen 
zu dem Geistigen — , weil man das Vorbild hatte an dem Sommerson- 
nenwende-Gott fur den Wintersonnenwende-Gott, weil man das um- 
gekehrte Leibliche fur das Geistige hatte, deshalb durchdrang man 
sich mit dem Verwandten und doch Entgegengesetzten. 1st der Gott 
Baldur der Gott Lenz, der in der Sommersonnenwende dahinstirbt, so 
ist der Christengott derjenige, der in der Wintersonnenwende geboren 
wird. Das eine und das andere durchdringen sich wie Leibliches, das 
sich im aufieren Leiblich-Physischen abspielt, sich durchdringt mit Gei- 
stigem, das verhiillt ist durch die leibliche Finsternis, durch die Winter- 
finsternis. Der Wintergeist durchdringt den Sommerleib. Und wie 
durchdringen sich diese Dinge? Im unmittelbar personlichen Ringen 
der Kulturimpulse. Was ist denn die Geschichte Mitteleuropas als ein 
fortwahrendes Ringen um das Aufgehen des gottlichen Funkens in der 
personlichen Seele, um das Aufgehen des Geistigen im Physischen? 
Man kann von allem anderen absehen, aber die Wahrheit mufi man 
durchschauen, erkennen das Charakteristische dieses mitteleuropai- 
schen Wesens. 

Und man nehme den anderen Teil der Menschheit. Wie feme er im 
Grunde genommen von diesem personlichen Impuls des Sich-Empor- 
ringens des Geistigen im Physischen steht! Man mochte sagen: «Na- 
turhistorisch» ist es im hochsten Grade interessant, zu beobachten, wie 
das Chinesentum seine Tao-, seine Konfuzius-Religion bewahrt hat, 
wie sich uberhaupt die asiatischen Religionen die altesten Formen be- 
wahrt haben, die abstraktesten Formen, diese Formen, bei denen sich 
der theoretische Verstand so wohl fiihlt, die aber Starrheit sind gegen- 
iiber dem personlichen Erleben, die das personliche Erleben eben nicht 
zum Ringen kommen lassen, weil dieses personliche Erleben aufbe- 
wahrt werden soil bis zu der Zeit, wo der Menschheitskultur das Er- 
rungene so einverleibt wird, dafi es aufgenommen werden kann. In der 



fiinften Kulturepoche mufi ein Geistiges aus eigener Kraft errungen 
werden; in der sechsten Kulturperiode werden die Menschen kommen 
und das Erarbeitete, das Errungene annehmen als ihre Anschauung, als 
ihr Erlebnis, aber als etwas, was sie nicht selbst errungen haben. Sie 
werden aufbewahrt in den Kraften, die nicht ringen, sondern das Gei- 
stige als etwas Aufierliches, Selbstverstandliches entgegennehmen. Und 
das Vorspiel fur jenes viel weitere Ringen ist dasjenige, das sich all- 
mahlich entwickeln mufi als das Ringen zwischen germanischer und 
slawischer Welt. Man bedenke doch nur, dafi die slawische Welt in ge- 
wissem Sinne ein Vorposten ist fur dasjenige, was sechste Kulturepoche 
ist, ja dafi in ihr der eigentliche Keim der sechsten Kulturepoche liegt. 
Man bedenke das nur recht in wahrem, echtem, geisteswissenschaft- 
lichem Sinne. Dann wird man sich klar dariiber sein, dafi in diesem 
slawischen Element etwas Empf angendes liegen muft, etwas, was nichts 
mit diesem Ringen zu tun hat, was das eigene Ringen geradezu abweist. 
Man kann es mit Handen greifen. Wahrend in Mitteleuropa die Seelen 
gekampft haben, mit ihrem Inneren gekampft haben, um im person- 
lichen Erringen eine Gott-Erfassung zu bekommen, konserviert das 
slawische Element die Religion, die Gott-Erfassung, den Kultus, der 
eben einmal da ist; es konserviert, es macht den Geist nicht innerlich 
lebendig, sondern lafit den Geist wie eine Wolke iiber sich hinziehen 
und lebt in dieser Wolke, bleibt dem Geist gegeniiber mit der Person- 
lichkeit fremd. 

Nicht hat Mitteleuropa stehenbleiben konnen bei irgendeiner alten 
Form des aufieren Christentums, weil es ringen mufite. Stehengeblie- 
ben ist der Osten, und starr, abstrakt geworden sind selbst seine Kult- 
formen, weil er sich vorbereiten soil zum aufierlichen Aufnehmen, zum 
Annehmen desjenigen, was der Westen im personlichen Erringen er- 
wirbt, weil er nicht dazu bereitet ist, dieser Osten, im personlichen Er- 
ringen die Dinge zu bekommen. Und wie will man nach dem Muster 
rein theoretischen Verstandes ein gegenseitiges Sich-Verstehen herbei- 
fiihren, wenn ganz verschiedene geistige Impulse vorliegen? Wie will 
man irgend etwas ausmachen iiber einen irgendwie gearteten Schieds- 
spruch zwischen zwei voneinander verschiedenen Geistesstromungen, 
die sich so verhalten, wie sich eben Differenziertes verhalten mufi? 



Mifi verstehen Sie den Vergleich nicht: Wie will man ausmachen, ich 
mochte sagen, nach Elefantenart dasjenige, was Lowenbrauch ist? Die 
Ereignisse aber bilden sich heraus aus den ewigen Notwendigkeiten und 
laufen so ab, wie die ewigen Notwendigkeiten flielSen. Strauben muflte 
sich der Osten gegen dasjenige, was fur ihn notwendig war und immer 
notwendiger wird: die Verbindung mit dem Westen und seiner Kultur. 
Denn im Grunde genommen konnte ihm vor seiner Reifung gar nicht 
das rechte Verstandnis gegeben sein. Und ein auflerer Ausdruck ist der 
Konflikt zwischen dem, was man das Germanentum, und dem, was 
man das Slawentum nennt, dasjenige, was sich im Grunde genommen 
erst vorbereitet und als eine lange Beunruhigung iiber dem europaischen 
Leben schweben wird: die Auseinandersetzung zwischen Germani- 
schem und Slawischem. Man mochte sagen, wie sich ein Kind dagegen 
straubt, die Errungenschaften der Alten zu lernen, so straubt sich der 
Osten gegen die Errungenschaften des Westens, straubt sich dagegen, 
straubt sich so weit, dafi er ihn hafit, selbst wenn er sich gezwungen 
fuhlt, zuweilen seine Errungenschaften anzunehmen. Mit dem Lichte 
der Wahrheit in diese Dinge hineinzuleuchten erfordert eben etwas 
anderes als das, was man heute liebt; obwohl man dieses andere zu- 
weilen verspiirt, aber man ist abgeneigt, die Augen auf diese Dinge 
hin zu richten und sie wirklich aus ihren innersten Impulsen heraus 
zu verstehen, Denn wird man nur ein wenig von diesen innersten Im- 
pulsen beruhrt, dann hort bald vieles von dem Geschwatz auf, mufi 
auf horen, was vollbracht wird und was blofi der Konfusion entspringt, 
der Konfusion, die in der au&eren Maja befangen bleiben will. 

Was wird man unter der sechsten Kulturepoche zu verstehen haben? 
Man wird darunter eine Kulturepoche zu verstehen haben, innerhalb 
welcher ein grofier Teil der ostlichen Menschen ihr Menschentum dem- 
jenigen zum Opfer gebracht haben wird, was in der Volkskultur errun- 
gen worden ist, indem gleichsam wie ein Weibliches das Dstliche sich 
wird haben befruchten lassen von dem mannlichen Westlichen. Das- 
jenige, was leben wird in den Seelen der sechsten Kulturepoche, wird 
dasselbe sein, was von den Seelen der funften Kulturepoche errungen 
worden ist. Das bedingt, dafi von Osten her das Unreife und noch 
nicht Gereifte sich walzt, sich wehrt gegen dasjenige, was ja doch ge- 



schehen mufi. Genau ebenso, wie das Griechisch-Romische sich einmal 
zu wehren hatte gegen das Germanische, so mufi sich das Slawische 
gegen das Germanische wehren; aber genau ebenso wie beim Uber- 
gang vom Griechisch-Romischen zum Germanischen in der aufstei- 
genden Entwickelung, so bei dem Ubergang vom Germanischen ins 
Slawische in der absteigenden. Indem die eigentliche Mission der fiinf- 
ten Kulturepoche von dem germanischen Element ubernommen wor- 
den ist, war dieses germanische Element dasjenige, welches fur diese 
funfte Kulturepoche das eigentliche Verstandnis des Christentums im 
inneren Erringen in die Erdenevolution einzufugen hatte und noch 
haben wird. Und es ware das grofite Ungliick geschehen, wenn auf die 
Dauer das germanische Element besiegt worden ware von dem romi- 
schen, denn dann hatte nicht geschehen konnen, was durch die funfte 
Kulturepoche geschehen ist: Dieses germanische Element hatte eben 
das personliche Erringen darzuleben. Und es ware das grofite Ungliick, 
wenn jemals das slawische Element das germanische besiegen wiirde. 
Merken Sie den Unterschied. Der trostloseste abstrakteste Schematis- 
mus ware es, wenn man das als ein Ungliick bezeichnen wiirde beim 
Ubergang von der fiinften zur sechsten Kulturepoche, was man als ein 
Ungliick bezeichnen miifite beim Obergang von der vierten zur fiinf- 
ten Kulturepoche. Der Sieg der Romer wiirde bedeutet haben: das Un- 
moglichmachen der Mission der fiinften Kulturepoche; der Sieg des 
slawischen Elementes wiirde ebenso diese Unmoglichkeit bedeuten fur 
die sechste Kulturepoche. Denn nur im passiven Annehmen desjenigen, 
was die funfte Kulturepoche hervorbringt, kann der Sinn der sechsten 
bestehen. 

Man mufi fiihlen, was ganz unabhangig von Ambitionen, von na- 
tionalen Aspirationen aus diesen Erkenntnissen heraus f olgt, wenn diese 
Erkenntnisse Leben werden. Man mufi aber auch sich klar sein dar- 
iiber, wie schwer das Verstandnis wird fur die Menschen, wenn die 
Wahrheit ihren Leidenschaften widerspricht, wenn eben die Wahrheit 
ihren Aspirationen widerspricht. Wenn man durch menschlichen Ver- 
stand heute etwa von Mitteleuropa aus einen Westeuropaer oder einen 
Englander iiberzeugen will, so tut man etwas, dessen Erfolglosigkeit 
man einsehen sollte, wirklich einsehen sollte, sofern es sich um natio- 



nale Gegensatze handelt. Auf rein geisteswissenschaftlichem Boden 
verstehen wir uns als Menschen. Aber wenn man diesen Boden verlafit 
und auf die Volkerkampfe eingeht, sollte man sich klar sein, welche 
Schwierigkeiten dem gegenseitigen Verstandnis gegeniiberstehen. Es 
wird nur einen Weg geben, damit man zum Beispiel im franzosischen 
Westen Europas Verstandnis gewinnen wird fur das, was man eigent- 
lich tut. Es ist der Weg, der einmal aus der Erkenntnis entspringen 
wird, welche Unnatur es eigentlich ist, dafi man jetzt im franzosischen 
Westen am Gangelband des europaischen Ostens sich vorwartstreiben 
lafit. Erst die Erkenntnis dessen, was man selbst getan hat, wird einiges 
Verstandnis iiber die Sache bringen, aber nicht das Wort, das von an- 
deren kommt, das von denen kommt, die auf einem anderen nationalen 
Boden stehen. Gefuhlt, geahnt werden ja solche Dinge zuweilen, aber 
wieder vergessen. Denn die charakteristischsten Dinge, die sich abspie- 
Ien, die werden in der Regel vergessen. Wenn es doch gelungen ware, 
dafi man in den letzten vierzig Jahren immer wieder und wiederum 
jenen bedeutungsvollen Briefwechsel gedruckt hatte, der sich einmal 
abgespielt hat zwischen Ernest Renan, dem Franzosen, und David 
Friedrich Strang , dem wiirttembergischen Deutschen! Es ware niitz- 
lich gewesen, wenn man die mafigebenden Briefe, die gewechselt wor- 
den sind, nun, sagen wir, alle vier Wochen einmal den Menschen wie- 
derum ins Gedachtnis gerufen hatte: man wurde dann einiges geahnt 
haben von dem, was da kommen mufite. Man braucht ja nur auf das 
eine in einem Brief Renans hinzuweisen, wo die Sehnsucht ausgespro- 
chen wird, mit Mitteleuropa zusammenzuwirken fur die westeuropai- 
sche Kultur: das war ein Impuls, der aus den Ewigkeitskraften her- 
ausflofi. Aber dann sagt Renan sogleich: Das widerspricht aber mei- 
nem Patriotismus. Denn wenn den Franzosen Elsafi-Lothringen abge- 
nommen wird, so kann ich als Franzose nur dafiir sein, dafi die west- 
liche Kultur gegen den Osten geschiitzt werde. Alles Spatere liegt 
schon in einem solchen Ausspruch im Keim; das ist der Keim dessen, 
was spater geschehen wird. Es zeigt eben, dafi auch ein aufgeklarter, 
erleuchteter Geist im Grunde genommen offen gestand: Ja, einsehen 
kann ich, wo der Weg liegt, der durch die ewigen Notwendigkeiten 
vorgezeichnet ist, aber mitmachen will ich ihn nicht, weil ich mehr 



Franzose als Mensch sein will. - Ich sage, man hat gefiihlt, geahnt, wie 
die Dinge liegen im Sinne der ewigen Notwendigkeit; aber man mufi 
durch Geisteswissenschaft allmahlich lernen, den Ahnungen, den Ge- 
fiihlen mit seinem Urteil nachzufolgen. Man mufl lernen, wirklich mit 
dem Urteil dahin zu kommen, wo die wirklichen Tatsachen sind. Und 
die wirklichen Tatsachen tiberschaut man nicht, ohne die geistige Welt 
zu durchschauen. Man kann es nicht, wenn man nicht zu dem seine 
Zuflucht nimmt, was aus der geistigen Welt den Tatsachen ihre Evo- 
lutionsimpulse gibt. 

Wir sehen, wie fur uns das fruchtbar werden kann, was aus der 
Geisteswissenschaft heraus kommt, wie wir das Leben beleuchten kon- 
nen in seinen ernstesten Ereignissen, wenn wir das mit unserem Gemiit 
vereinigen, was aus der wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkennt- 
nis zum Beispiel iiber die nachatlantischen Kulturepochen folgt. Da 
gewinnen wir einen objektiven Mafistab, da gewinnen wir die Mog- 
lichkeit, iiber personliche Aspirationen, auch auf dem heiklen Boden 
des nationalen Erlebens, hinauszukommen. Und das ist das Eigentiim- 
liche des mitteleuropaischen Erlebens, dafi dieses mitteleuropaische 
Erleben dem Menschen wirklich die Moglichkeit gibt, hinauszukom- 
men liber das, was blofi national ist. Man versuche nur einmal sich klar- 
zumachen, wie in den auf einanderfolgenden Kulturepochen geradeMit- 
teleuropa - in jenem Ringen der menschlichen Seele in Mitteleuropa - 
im Personlichen das Personliche zugleich iiberwindet, da, wo es nicht 
auf den Boden von Leidenschaften und unmittelbar triebartigen Im- 
pulsen sich stellt. 

Was Schonheit ist, haben gewifi auch andere Volker empfunden: so 
innig nachgedacht iiber die Schonheit und die Steliung der Schonheit 
im menschlichen Erleben, wie Schiller in seinen « Xsthetischen Brief en» 
dariiber nachdachte, hat man nur in Mitteleuropa. Kampfe ausgefoch- 
ten haben gewifi auch andere Volker und werden es tun: so eingegrif- 
fen in einen Kampf, dafi er die tiefsten philosophischen Impulse auf- 
gerufen hat, um den Kampf mit diesen Impulsen zu durchseelen, wie 
das Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation* getan hat, das hat 
man nur in Mitteleuropa getan. Religiose Kampfe hat man auch an- 
derswo ausgefochten: so verbunden mit alien Zweigen menschlichen 



Erlebens, wie das der Fall war bei den religiosen Kampfen in Mittel- 
europa, waren sie nirgends in der Welt. 

Und nehmen Sie unsere anthroposophische Bewegung selbst, neh- 
men Sie sie so, wie wir sie unter uns entwickelt haben, wie wir in ihr - 
wenigstens eine Anzahl von uns - gerungen, gekampft und auch ge- 
litten haben in den letzten Jahren. Wir waren eine Zeitlang verbun- 
den mit der theosophischen Bewegung englischer Farbung. Was war 
denn der tiefe Impuls, der diese Verbindung mit jener theosophischen 
Bewegung nicht weiter zuliefi? Werden wir uns iiber das klar, meine 
lieben Freunde, was war der tiefe Impuls? Schauen Sie sich die Bewe- 
gung doch an. Was konnte dort zu jener Absurditat von dem Krishna- 
murti und dergleichen Torheiten fuhren? Das hat dazu gefuhrt, daft 
dort die Uberzeugung von dem spirituellen Leben wie ein aufieres 
Element angekoppelt ist an die iibrige Kultur. Das sind zwei Dinge: 
da ist die aufiere Lebensauffassung und die philosophische Lebensauf- 
fassung Englands, und dann angekoppelt daran, ohne daft die beiden 
viel miteinander zu tun haben, eine spirituelle Oberzeugung. Man hat 
gar nicht einmal das Bedurfnis, die beiden miteinander zu durchdrin- 
gen. Hier verspuren wir, daft wir zu einer spirituellen Oberzeugung 
nur kommen konnen, wenn sie uns sozusagen wie der Kopf aus dem 
Leibe herauswachst, herauswachst aus alledem, was getrieben wurde 
durch Johannes Tauler, Meister Eckhart, Angelus Silesius in der Mystik 
der mittelalterlichen Zeit, was durch deutsche Philosophic, durch deut- 
sche Dichtung hindurchgegangen ist an spirituellem Vorbereiten, wenn 
daraus notwendig herauswachst wie ein neues organisches Glied das- 
jenige, was wir wollen und wollen mussen. Wir konnen nicht das spi- 
rituelle Leben ankoppeln an das ubrige, wir brauchen Lebensorganis- 
mus, nicht Lebensmechanismus. Man kann, ohne in Hochmut zu ver- 
fallen, solche Dinge sich klarmachen, denn man braucht Klarheit dar- 
iiber, wie das Spirituelle drinnenstehen mufi im Leben, und wie man 
durch das Spirituelle das ubrige Leben erfassen, ergreifen kann. Wir 
mussen als Bekenner der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung 
Seelen werden konnen, welche so wollen, wie es im Sinne der eben 
gegebenen Charakteristik im mitteleuropaischen Geistesleben sein mufi. 
Gewifi, auch da handelt es sich um ein Ringen; wirklich, darum han- 



delt es sich, dafi man sagen mochte: Das Wahre mufi erst dadurch er- 
rungen werden, dafi die Irrtiimer an beide Wegesrander gedrangt wer- 
den. - Wie manchmal ist es schwer zu erkennen, dafi man die Irrtiimer 
an beide Wegesrander drangen mufi! Man konnte da im Erleben der 
letzten Jahrzehnte tragische Erfahrungen machen. 

Ich mochte Ihnen anschaulich etwas hinstellen. Es hat ja insbeson- 
dere jetzt eine gewisse Bedeutung, so etwas hinzustellen, wie die natur- 
gemafie Verbindung der beiden mitteleuropaischen Lander zu unserer 
Zeit heraufgekommen ist. - In Osterreich lebte in der zweiten Halfte 
des 19. Jahrhunderts einer der deutschesten Poeten, Robert Hamerling. 
Deutsch war er auch dadurch, dafi er wirklich die ganze Welt in der 
eigenen Seele wieder zu gebaren suchte. Bis auf Kain leitet er zuriick 
die irrende Menschenseele in seinem «Ahasver in Rom», und in der 
Gegenuberstellung des Ahasver mit Nero versuchte er tiefe Ratsel der 
Menschenseele zu losen. Das griechische Kulturleben versuchte er aus 
der deutschen Seele wiederzugebaren in seiner «Aspasia». Jene Vertie- 
fung, welche zu einer gewissen Zeit gesucht worden ist im religiosen 
Leben, suchte er in seinem Wiedertaufer-Epos «Der Konig von Sion» 
fiir sich als Lebensratsel zu losen. Dasjenige, was an fortbewegenden 
Impulsen in der Franzosischen Revolution war, versuchte er sich klar- 
zumachen in seinem Drama «Danton und Robespierre». Und endlich, 
die in die Zukunft hineingehenden, das Geistige Uberdammenden Im- 
pulse versuchte er klarzulegen in seinem «Homunculus». Aber ich 
konnte vieles anfuhren, um zu zeigen, wie Robert Hamerling so rich- 
tig ein mitteleuropaischer, ein deutscher Geist war. Dieser Robert Ha- 
merling hat einen grofien Teil seines Lebens im Bette zugebracht; die 
drei letzten Jahrzehnte war er fast immer krank. Die grofiten Werke 
schrieb er unter Schmerzen im Bett. Aber niemand merkt es diesen 
Werken an, dafi ein Schwerkranker sie geschrieben hat. Alles ist ge- 
sund; man kann sonst dariiber urteilen, wie man will, aber alles ist 
gesund. Gewifi, die Werke haben eine grofiere Anzahl von Auflagen 
erlebt; aber in den achtziger Jahren - ich konnte sagen, da trat mir 
geradezu wie symbolisch anschaulich vor Augen, was ein solcher Geist 
fiir einen Teil der Menschheit Mitteleuropas hatte werden konnen, 
wenn seine Impulse in die Seelen eingeflossen waren. Als man einmal 



gerade iiber solche Dinge, wie sie durch Robert Hamerling eintraten 
in die Geistesentwickelung, in einer Gesellschaft sprach, da kam ein 
Mensch herein, der gewohnt war, gerne hauptsachlich sich selbst zu 
horen und nicht viel zu achten auf das, was die anderen sagen - es gibt 
ja solche Menschen, die sich gerne selbst horen. Wie mit einem Bom- 
benschlag erklarte er: das Grofite, was in die Menschheit eintrete, das 
sei «Raskolnikow» von Dostojewskijl Gewifi, man braucht nicht die 
eigenartige Grofie des Raskolnikow von Dostojewskij zu verkennen, 
aber das Hangen am Materiellen, an der Seele, die im Materiellen steckt 
und das Geistige aufien lafit, das kontrastiert gewaltig gegen die Durch- 
dringung von Geistigem und Materiellem, die Hamerling suchte. Es 
mag gewifi interessanter und sensationeller sein, die Seele anzuschauen, 
die nicht aus dem Materiellen heraus will und die Dostojewskij so 
grandios schildert, aber fur den mitteleuropaischen Menschen bedeutet 
das Erkennen der Durchdringung des Geistigen und des Leiblichen ein 
Erkennen seiner ganzen "Wesenheit und seiner ganzen Aufgabe. Auch 
da mufi gerungen werden. 

Zu dem aufieren Kampf wird der innere kommen, jener innere 
Kampf gegen die widerstrebenden Machte, die sich aufbaumen, das 
Spirituelle anzuerkennen. Erleben wir doch jetzt schon die sonder- 
barsten Tatsachen: Von einer Seite her sind wir ermahnt worden, 
doch nicht gar zu sehr darauf zu achten, wie sich jetzt die geistigen 
Potenzen in Europa gegeniiberstiinden; denn wenn das rein Deutsche 
siegte - von deutscher Seite sind wir ermahnt worden! -, so wiirde man 
dann ja auch wiederum ein Aufleben befurchten miissen solcher Ideen, 
wie sie ein Hegel, Fichte, Schelling, Goethe hervorgebracht haben: ein 
metaphysisches Traumen wiirde man befurchten miissen. - Es ist eine 
eigentiimliche Furcht, von der da gesprochen wird; aber diese Furcht 
konnte immer grofier werden, und diejenigen, die diese Furcht haben, 
die werden das Spirituelle allerdings nicht annehmen konnen. In Wahr- 
heit aber mufi eingesehen werden, dafi der Idealismus Mitteleuropas, 
so wie das Kind zum Manne, sich entwickeln mufi zum Spiritualismus; 
denn dieser Idealismus Mitteleuropas ist das Kind des Spiritualismus, 
das Kind, das zum Spiritualismus werden soil. Als Fichte sprach, sprach 
er noch blofi vom Idealismus, aber von einem solchen Idealismus, der 



zum Spiritualismus hinstrebt. Dieser Impuls des Spiritualismus darf 
nicht aus der Erdenevolution verschwinden. 

Mit diesen einfachen Worten kann man vieles vom Smne der Zeit 
zum Ausdruck bringen. Geahnt, gefiihlt haben ja einzelne Menschen 
solche Dinge. Aber diese Ahnungen gehen voriiber, ohne in ihrer Tiefe 
genommen zu werden, ohne daft das Schwergewicht darin gesehen 
wird. Man versaumt, Nebensachliches an Hauptsachliches anzukniip- 
fen. Und darum handelt es sich, daft man die groften Linien nicht aus 
den Augen verliert, daft man wirklich sieht, was in den Stromungen, 
die uber die Erdenentwickelung hingehen, das Wesentliche ist. Und 
zum Wesentlichsten kommen wir, wenn wir uns belehren lassen durch 
dasjenige, was diese Erdenentwickelung uns im spirituellen Lichte 
zeigt. In dem besonderen Fall, wenn wir wirklich ernst nehmen die 
Lehre von den auf einanderfolgenden nachatlantischen Kulturepochen - 
immer wieder und wiederum mufi es gesagt werden — , sollten die Men- 
schen uber jenen engen Standpunkt hinauskommen, welcher die Haupt- 
sache nicht sehen kann. 

Lassen Sie mich ein Beispiel anfuhren. Unter uns ist es notwendig, 
auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Nehmen wir an, es wiirde 
jemand heute das Folgende sagen, und versuchen wir dann, uns Ge- 
danken dariiber zu machen, daft jemand heute das sagen wiirde: Was 
mich betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, daft ein Kon- 
flikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, daft 
derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Turkei, oder 
durch den Nationalitatenstreit in Dsterreich, vielleicht durch beide, 
entziinden, und daft Ruftland in demselben die Fiihrerschaft auf der 
einen Seite iibernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf 
die Eventualitat vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und 
Flamme gegen Deutschland. Die deutsche Presse laftt schon jetzt ihren 
Warnungsruf erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Ruftland sich 
sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es 
jetzt in Petersburg zweckm'aftig gefunden, die orientalische Frage wie- 
der einmal aufzunehmen. 

Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pomposen als wahren 
Ausdruck, «ein franzosischer See» werden sollte, so hat Ruftland die 



noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meer einen «russi- 
schen See» und aus dem Marmarameer einen «russischen Teich» zu ma- 
chen. Dafi Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein di- 
rekter Vasallenstaat Rufilands werden miisse, ist ein f eststehender Ziel- 
punkt der russischen Politik, die ihren Unterstiitzungshebel in der ge- 
meinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau 
wurde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum 
geschlossen werden. - 

Nehmen wir an, einer wiirde so sprechen. Man konnte dann sagen: 
Nun ja, dann ist er eben jetzt belehrt worden durch das, was geschehen 
ist -, und es konnten doch diejenigen recht haben, die emphatisch pre- 
digen, der Krieg sei nur von Mitteleuropa gewollt worden und habe 
sich nicht vom Osten aus mit Notwendigkeit vorbereitet. - Aber das 
ist geschrieben 1870! Und uberhaupt ist nicht ein Jahr vergangen, wo 
nicht solches hatte geschrieben werden konnen. Wie toricht ist es zu 
glauben, dafi man nicht bei den werdenden Kraften, die durch lange 
Zeiten gespielt haben, die Ursache zu suchen habe zu dem, was heute 
sich abspielt! Diese Worte sind 1870 geschrieben, wahrend des fran- 
zosischen Krieges. Zu glauben, dafi die Dinge nicht hatten kommen 
miissen, und zu glauben, dafi nicht alle Impulse gegeben waren vom 
Osten her, das ist, im gelindesten gesagt, unhistorisch, ein Verkennen 
all desjenigen, was wirklich wirksame Krafte sind. Das darf eben nicht 
sein und mufi durch Geisteswissenschaf t verhindert werden, dafi immer 
wieder und wiederum die Menschen, auch die Journalisten, so urteilen, 
als ob vor funf oder sechs Monaten erst die Anfange derjenigen Ereig- 
nisse sich gebildet hatten, die sich jetzt abspielen! Wenn die Menschen 
durch Geisteswissenschaft dahin geschult werden, zu wissen, dafi das 
Grofie sich im Kleinen vorbereitet, und dafi nur aus dem Grofien her- 
aus das Kleine beurteilt werden kann, dann wird fur das gewohnliche 
Leben auch etwas aus der Geisteswissenschaft errungen werden kon- 
nen, dann wird in diesem gewohnlichen Leben vorbereitet werden das- 
jenige, was uns die Geisteswissenschaft zum Erleben macht. 

Ich habe sprechen wollen, ja, ich konnte sagen, ich habe zu Ihnen 
sprechen miissen in diesem heutigen einleitenden Vortrag wiederum von 
einem gewissen Gesichtspunkte, der herausgef ordert ist durch die Erleb- 



nisse der Zeit, ich habe von dem sprechen miissen, was uns Geisteswis- 
senschaft fiir die Beurteilung der Welt und unsere Stellung zur Welt 
werden soli. Ich habe davon sprechen miissen. Im Grunde genommen 
miissen wir uns immer wieder und wiederum diese Mahnung zuteil wer- 
den lassen: ernst, tiefernst dasjenige zu nehmen, wasGeisteswissenschaft 
uns geben will, und nicht sozusagen zwei Leben leben zu wollen: das- 
jenige Leben, wo wir einmal uns die Dinge der Welt im geisteswissen- 
schaftlichen Sinne erklaren, und dasjenige Leben, wo wir wiederum in 
der Alltaglichkeit aufgehen und es so machen wie andere Leute auch. 
Aber weniger durch Worte als durch die Art, wie ieh die Dinge ausein- 
andergesetzt habe hier indiesem engerenKreise,mochte ich in Ihnendas 
Gefiihl und die Empfindung hervorrufen, dafi diese Worte wirklich 
nicht sein wollen etwas anderes als ewige Wahrheiten in dem Sinne, dafi 
ewige Wahrheiten auch die individuellsten sind, Zu Ihnen, meine lie- 
ben Freunde, mit Ihren Gefuhlen hier in Siiddeutschland, sind diese 
Worte gesprochen, mit jener Gefiihlsnuance, die diesen Worten hier 
zukommen mufi. Und wenn es genugte, dafi diese Worte nun einfach 
nachgeschrieben werden und iiberall vorgelesen werden vor Leuten mit 
anderen Lebenszusammenhangen, dann konnte es ja auch geniigen, 
wenn ich blofi meine Worte aufschriebe und nicht herumreiste. Dafi 
die Worte aus Gefiihls- und Empfmdungszusammenhangen heraus ge- 
sprochen werden miissen, weil iiberall da, wo sich Menschen zusam- 
menfinden, eine gemeinsame menschliche Aura ist, aus der heraus ge- 
sprochen werden mufi, das miissen wir endlich im spirituellen Leben 
einsehen. Darauf kommt es an, dafi wir die Dinge ins Leben iiberfiih- 
ren, nicht dafi man die Phrase mache, man miisse die Dinge ins Leben 
uberfuhren, sondern dafi man sie wirklich ins Leben uberfuhrt. Und 
dazu gehort, dafi man sie wirklich individuell nimmt. Die Dinge ge- 
schehen ja individuell, weil sie individuell geschehen miissen. Und es 
ist ein abstrakter Glaube, wenn man annimmt, dafi zum Beispiel das- 
jenige, was ich iibermorgen im offentlichen Vortrage sagen werde in 
jenem Hause, das vis-a-vis liegt dem Hause, an dem sich die Gedenkta- 
fel fiir Hegel befindet, dafi das, was im lebendigen unmittelbar Indivi- 
duellen drinnen steht, dafi das abstrakt fiir alle Empfindungsnuancen, 
gleichsam zur Bekehrung der ganzen Welt gesprochen sein soil. Man 



muft auch einsehen, daft das, was der eine begreifen kann, der andere 
nicht begreifen kann. Und miissen schon die anthroposophischen Vor- 
trage einen gewissen individuellen Charakter da und dort tragen, so 
ist das dann in einem noch erhohteren Mafie der Fall, wenn man so 
ernsten Dingen gegeniibersteht, wie wir es jetzt tun. Nur dann aber, 
wenn man es mit der Wahrheit ernst nimmt, und wenn man nicht 
glaubt, daft dasjenige, was lebt, mit Worten erf aft t werden kann, die 
leblos und regungslos sind und deshalb uberall hingetragen werden 
konnen, nur dann wird man gerade das allgemein Giiltige verstehen, 
das im Allerindividuellsten ist. Ich mochte, daft Sie auch einmal iiber 
diese Seite des Lebens nachdenken. Es wird ein Weg dazu sein, daft 
dasjenige, was ich in meiner Art aus der geistigen Welt zu holen habe, 
in Ihren eigenen Seelen sich auf Ihre Art belebe, daft es nicht blofi eine 
Wiederholung desjenigen ist, was in mir auf meine Art auftreten muft. 
Denn wie sich das Sonnenlicht in jedem Steinchen anders spiegelt und 
doch immer dasselbe Sonnenlicht ist, weil es im Leben drinnensteht, 
so muft Geisteswissenschaft etwas werden, das in jedem einzelnen an- 
ders lebt und doch immer und immer dasselbe ist. In dem Englander, 
Franzosen, Russen, Deutschen kann nicht auf eine Art, wenn es sich 
urn die nationalen Dinge handelt, Geisteswissenschaft leben, und durch 
dasjenige, wodurch sich die Empfindung des einen am fruchtbarsten 
belebt, kann der andere nicht bekehrt werden. Solche Bekehrungssucht 
entsteht aus dem theoretischen Hang unserer Zeit. Was die aufiere rein 
materielle Wissenschaft tun kann, daft sie alles iiber einen Leisten 
schlagt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, weil es ein Le- 
bendiges ist, und weil ich zu Ihnen so sprechen muft, wie es von mir 
nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es 
sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus 
meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es 
kann. Und dienen mochte ich dem geisteswissenschaftlichen Impuls, 
der denjenigen, welcher in die geistige Welt etwas hinaufschauen kann, 
anweist, sich auszuschalten und auszusprechen, was in den Tiefen der 
Seelen derjenigen liegt, die ihm zuhoren. In gewissem Sinne darf ge- 
sagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung, 
es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhorer. Denken Sie auch 



uber dieses nach! Wir miissen die Geisteswissenschaft nehmen als etwas, 
was lebt, und nicht als ein Abstraktes gewufit wird. Das abstrakt Ge- 
wufite spricht zu unserem Hochmut, spricht zu unserem Eigensinn, der 
sich so gern in Oberredungskunst auslebt. Was spirituell ist, will ein- 
fach mitgeteilt sein. Und es wollte mitgeteilt sein, was ich mitzuteilen 
habe, und wenn hier kein einziger safie, der mir auch nur ein Sterbens- 
wortchen glaubte. Wenn wir hingehen zu dem anderen mit der Mei- 
nung, ihn durchaus iiberreden zu wollen, mit der Meinung, dafi er un- 
sere Meinung annehmen soil, so erleben wir schon nicht richtig spiri- 
tuell. Und dieses Erleben, dieses Erfassen im unmittelbaren Erleben 
der geistigen Welt, das wird die Aura hervorbringen, die die Mensch- 
heit in der Zukunft haben mufi. 

Immer wieder und wieder mufi es gesagt werden: Was wir jetzt 
unter Stromen von Blut erleben, es wird fur die Menschheit nur das 
bedeuten, was es bedeuten soli, wenn sich wirklich etwas ganz Neues 
auch in der Kultur, in der Menschheit zeigt. Dieses Neue aber wird 
aufspriefien, wenn Menschen da sind, aus deren Seelen spirituelle Ge- 
danken aufsteigen; diese Gedanken sind Machte. Und in die Atmo- 
sphare, die erzeugt wird, wenn die Dammerung des Krieges vergangen 
und die Friedenssonne wieder leuchten wird, miissen die Gedanken 
einfliefien, die in den geistigen Horizont hinein sich ergiefien. Dann 
werden diejenigen, deren Seelen hinunterschauen, diejenigen, die friih- 
zeitig ihre Leiber verlassen mufiten auf den Schlachtfeldern, die wer- 
den wissen, wofiir sie eigentlich gef alien sind auf den Schlachtfeldern. 
Und der Anthroposoph mufi sich sagen, er durchlebt diese Zeit nur im 
richtigen Sinne, wenn er diesen Charakter des geisteswissenschaftlichen 
Strebens eben lebendig aufnimmt. Wenn gewisse Seelen im Bewufitsein 
des Geistes ihren Sinn ins Geisterreich schicken, dann wird wirklich 
aufsteigen aus unserem Blutes-Horizont ein Lichtes-Horizont fur die 
zukiinftige Entwickelung der Menschheit. 

Davon wollen wir dann, ein spezielles Thema besprechend, morgen 
weiter fortfahren. Fiir heute aber wollen wir die Gedanken vor unsere 
Seele riicken, die Gedanken, die uns zusammenbringen mit den ernsten 
Ereignissen der Zeit: 



Aus dem Mut der Kampf er, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geist-bewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



DRITTER VORTRAG 
Stuttgart, 14. Februar 1915 



Ich kann mir leicht vorstellen, dafi jemand aus den Betrachtungen, 
die gestern hier angestellt worden sind, die Schlufif olgerung zieht, daft 
diejenigen Personlichkeiten, welche den Menschengruppen, den Vol- 
kern angehoren, die erst in der sechsten Kulturperiode ihre besondere 
Mission empfangen sollen, weil sie - wie der gestrige Ausdruck lau- 
tete — der Zeit angehoren, in der die Entwickelung bereits in absteigen- 
der Linie erfolge, geringer bewertet seien als diejenigen, die Angeho- 
rige sind von Menschengruppen der aufsteigenden Entwickelung. Ich 
sage, ich kann mir leicht vorstellen, dafi jemand diese Schlufifolge- 
rung zieht. Mit anderen Worten: Ich kann mir leicht vorstellen, dafi 
gerade aus all dem, was gestern gesagt worden ist im Anschlufi an 
andere Bemerkungen, jemand erst recht ein Werturteil fallt unter dem 
Eindruck von allerlei Emotionen und Gefiihlen. Und so kann es sich 
erfullen, worauf ich ja aufmerksam machte, dafi dasjenige, was insbe- 
sondere in bezug auf diese Dinge an einem Orte gesprochen wird, an 
anderen Orten mifiverstanden werden mufi. Nicht etwa deshalb, weil 
es gef arbt ist nach den Bediirfnissen eines Ortes oder bestimmter Men- 
schen, sondern weil es nicht aufgefafit wird mit der notigen Objek- 
tivitat, sondern mit Leidenschaft und allerlei nationalen Aspirationen. 
Es konnte dann jemand sagen: Also hast du ja doch nur Worte ge- 
braucht, um gewissermafien der mitteleuropaischen Kultur zu schmei- 
cheln, und wir fuhlen uns, die wir der osteuropaischen Kultur ange- 
horen, tief beleidigt von dem, was da gesagt worden ist. - Ja, wenn ein 
solches Urteil gefallt wird, so beweist es nur, dafi dasjenige dann ein- 
tritt, was ich gestern gerade versuchte so darzustellen, dafi es eben vom 
geisteswissenschaftlichen Empfinden abgelost werden mufi, so abge- 
lost werden mufi, dafi sich rein theoretisches, rein abstraktes Denken 
umwandelt in unmittelbares Erleben, dafi uns dasjenige, was sonst 
blofi unserem Wissen angehort hat, empfindungsgemafi und erlebens- 
gemafi nahetritt. 

Wer so urteilen wurde, wie eben angedeutet, der wurde nur theo- 



retisch abstrakt urteilen. Denn wie wiirde das konkrete, das ins Erleben 
ubertretende Urteil in einem solchen Falle lauten? So wiirde es lauten, 
dafi wir eben - wenn das, was auseinandergesetzt wurde, wahr ist - 
einer Zeit entgegengehen, wo diejenigen, die da folgen wollen dem 
Fortschritt der Kulturmission, nicht mehr aufgehen diirfen in dem 
blofi nationalen Erleben. Die fiinfte Kulturepoche war gerade durch 
ihre Eigentumlichkeit dazu geeignet, dafi die ihr angehorigen Person- 
lichkeiten in einer gewissen Weise aufgingen in dem nationalen Emp- 
f inden und sich wiederum personlich aus ihm hinausrangen. Die sechste 
und siebente Kulturepoche werden so sein, dafi diejenigen, die blofi 
national sein wollen, zurtickbleiben hinter den Aufgaben der Mensch- 
heit. Aber dies ist ja der Grund, warum wir geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung treiben: dafi die Menschheit sich herausringe aus dem 
blofi nationalen Empfinden, aus demjenigen Empfinden, das nicht all- 
gemein menschliches Empfinden ist. Also, was geschlossen werden mufi 
aus dem gestern Gesagten, es ist etwas ganz, ganz anderes. Es ist: dafi 
die mitteleuropaischen Nationalkulturen diejenigen sind, die als Na- 
tionalkulturen Impulse in sich haben, welche zusammenf alien mit der 
grofien Sendung der nachatlantischen Kultur, dafi aber dann Kulturen 
kommen, die ein Herauswachsen der Menschen aus den nationalen Im- 
pulsen notwendig machen, und dafi es nicht geht, wenn diejenigen, die 
heute die Vorziigler sind - man sagt ja «Nachzugler», warum sollte 
man nicht sagen «Vorziigler» - der spateren Kulturen, ganz in ihrem 
nationalen Erleben, und zwar mit Prononcierung, aufgehen, wie es von 
der Bevolkerung Osteuropas geschieht. Mit anderen Worten: Da sie in 
diesem nationalen Empfinden noch nicht ihre Sendung empfangen 
haben, sind sie darauf angewiesen, das, was als Geisteswissenschaft 
erzeugt wird, in sich aufzunehmen, um iiber das Nationale hinauszu- 
wachsen. Lebendiges Verstehen ist auch da notwendig. 

Allerdings, man wird schwerlich in unserer heutigen Zeit, in der 
sich die Leidenschaften und Vorurteile so gegeniiberstehen, dasjenige 
f inden konnen, was notwendig ist, damit die Menschen auf den Boden 
der ja wahrhaftig Objektivitat erstrebenden Geisteswissenschaft sich 
voll stellen konnen, sich voll stellen konnen auf den Boden des rein 
Menschlichen. Geisteswissenschaft, wir treiben sie, damit gerade etwas 



sich ausbreite iiber die ganze Erde, was iiber alle Differenzierungen 
hinausgeht, und deshalb sollten diejenigen, die sich der Geisteswissen- 
schaf t zuwenden aus alien Nationen heraus, objektives Verstandnis ge- 
winnen konnen fur so etwas, wie es ja auseinandergesetzt worden ist 
in jenem Vortragszyklus, der den Titel tragt «Die Mission einzelner 
Volksseelen», der iiberall, wo es Anthroposophen gibt, studiert werden 
sollte. Seine Bedeutung hat er ja auch gerade dadurch, dafi er Jahre 
vor diesem Krieg gehalten worden ist, so dafi ihm niemand vorwerfen 
kann, er sei aus der Stimmung dieses Krieges heraus erzeugt worden. 
Nicht darauf kommt es eben an, dafi, was da oder dort gesprochen 
wird, nicht allgemeingiiltige Wahrheiten enthielte, sondern darauf 
kommt es an, dafi man einsehen mufi, wie man diese Wahrheiten nicht 
iiberall vertragt. Als ich vor Monaten hier gesprochen habe, da habe 
ich darauf aufmerksam gemacht, dafi wir in Mitteleuropa es gewisser- 
mafien leicht haben, objektiv zu sein, leichter als die anderen. Warum 
wir es leichter haben, das geht gerade aus jenem Vortragszyklus auch 
hervor. Alles, was die tieferen Lehren unserer ernsten Ereignisse sind, 
weist uns darauf hin, dafi aus den verschiedensten Untergriinden un- 
serer gegenwartigen Weltenkultur etwas sich herausentwickeln mufi, 
das zusammenfallt mit unserem geisteswissenschaftlichen Streben. In 
gewisser Beziehung kann man sagen: Diese ernsten Ereignisse sind 
etwas wie eine machtige Hindeutung auf die Notwendigkeit geisteswis- 
senschaftlichen Erlebens in der Welt. Sie beweisen, dafi dieses geistes- 
wissenschaftliche Erleben kommen mu£. Daher kann selbstverstand- 
lich das doch nur etwas Sekundares fiir uns sein, was zu den unmittel- 
baren Empfindungen eines Ortes gehort; unsere eigentliche Aufgabe 
ist, dasjenige in unser seelisches Erleben uberzufiihren, was jetzt schon 
iiberall verstanden werden kann ohne innere Anstofiigkeit, trotzdem 
auf so vielen Gebieten eben Vorurteile iiber Vorurteile vorhanden sind. 

Dasjenige, was Anschauungen sind aus der Geisteswissenschaft her- 
aus iiber das allgemein Menschliche im Menschen, das bereitet uns ja 
auch vor, objektiv all das ubersehen zu konnen, in das wir durch die 
Erdenentwickelung, die Weltenentwickelung hineinversetzt sind. Denn 
dieses, wohinein wir versetzt sind, ist gewissermafien der Boden, aus 
dem wir herauswachsen, und dasjenige, wodurch wir herauswachsen 



sollen, sind die Impulse, die wir durch die Geisteswissenschaft auf- 
nehmen. Im Grunde genommen sind wir ja doch nur mit der einen 
Halfte unseres Wesens in all den Differenzierungen drinnen, die liber 
die Erde hin verbreitet sind, mit unserem physischen Leibe und unserem 
Atherleibe, die wir gewissermafien der Erde auch zuriicklassen, wenn 
wir in den anderen Bewufitseinszustand eintreten, den wir als Schlaf 
bezeichnen konnen. Mit dem Ich und dem Astralleib aber gehen wir 
dann heraus aus unserem physischen Leib und Atherleib und sind dann 
mit unserem Ich und Astralleib in der Welt, die der Mensch sonst be- 
tritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der Welt, wo alle 
irdischen Differenzierungen aufhoren, in der Welt, in welche uns die 
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft eben einfiihren sollen. Wer In- 
itiationserkenntnisse zu seinen eigenen Erkenntnissen machen kann, der 
ist durch diese Initiationserkenntnisse wahrhaftig schon geschiitzt da- 
vor, in einseitiger Weise irgendeinem der Volksgeister einen besonderen 
Vorzug zu geben. Denn, wie kommen wir denn mit dem besonderen 
Volksgeist in Beriihrung, dem wir angehoren? 

Wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen 
Welt weilen mit unserem Ich und Astralleib, da sind wir mit unserem 
Volksgeist, mit dem Volksgeist, der unserer Nationalitat gewisser- 
mafien vorsteht, nicht in Beriihrung, sondern wir sind nur in Beriih- 
rung mit diesem Volksgeist wahrend unseres wachen Tageslebens, vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unter den Kraften, in die wir unter- 
tauchen, wenn wir in den physischen Leib und den Atherleib unter- 
tauchen, sind auch die Krafte, in die hineinarbeitet der Volksgeist des 
Volkes, dem wir angehoren. Wir betreten sozusagen das Feld dieses 
Volksgeistes, indem wir aufwachen; wir verlassen es wieder, wenn wir 
einschlafen. Derjenige aber, welcher Initiationserkenntnisse sich er- 
wirbt, der mufi ja gerade wahrend dieser Erwerbung in der Welt wei- 
len, in der sein Volksgeist gerade nicht ist, denn er mufi eintreten in 
die Welt, in der wir leben zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und 
da stellt sich denn etwas Besonderes heraus. Nehmen wir an, ein 
Mensch gehort also einem ganz bestimmten Volke an. Jeder gehort 
ja einem solchen an, indem er sich zu einer bestimmten Nationalitat 
rechnen mufi. Wenn der Mensch nun mit dem Einschlafen die Sphare 



seines Volksgeistes verlalk, dann stent er eben mit diesem Volksgeist 
nicht mehr in Beriihrung, bis er wieder aufwacht. Da hinein begibt 
sich auch derjenige, der sich Initiationserkenntnisse erwirbt, und er 
kommt zusammen wahrend der Zeit vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen mit den anderen Geistern der Volker, die sonst auf der Erde 
leben, nur nicht mit seinem eigenen Volksgeist. Also man durchlebt eiri 
Zusammensein mit den anderen Volksgeistern in der Zeit zwischen 
Einschlafen und Aufwachen, und mit seinem Volksgeiste in der Zeit 
zwischen Aufwachen und Einschlafen. Nur ist das Zusammenleben 
mit den anderen Volksgeistern nicht so, daft man mit jedem einzelnen 
lebt, sondern man lebt mit ihrer Verbindung, gleichsam mit ihrer Ge- 
nossenschaft, mit dem, was sie im Verhaltnis zueinander vollbringen, 
mit der Gesamtheit der iibrigen Volksgeister. 

Also denken Sie sich, das menschliche Leben wechselt ab - so sagt 
uns die Initiationserkenntnis - zwischen einem Erleben mit dem Volks- 
geiste im Wachzustand und einem Erleben mit der Gesamtheit der an- 
deren Volksgeister im Schlafzustand. Nur gibt es ein Mittel gleich- 
sam, wodurch wir ein abnormes Zusammenleben haben mit den ande- 
ren Volksgeistern, wodurch wir nicht mit ihrer Gesamtheit zusammen- 
kommen im Schlafe, sondern mit einem besonderen Volksgeiste zusam- 
menkommen. Das ist, wenn wir ein Volk besonders leidenschaftlich 
hassen. Das ist das Abnorme: Wir konnen dem nicht entgehen, wenn 
wir ein Volk besonders hassen, dafi wir wahrend des Schlafes m die 
Sphare seines Volksgeistes kommen. Und derjenige, der sich Initia- 
tionserkenntnisse erwirbt, der wiirde, wenn er ein Volk aus rein per- 
sonlichen nationalen Griinden besonders hafSt, in die Sphare seines 
Volksgeistes sich begeben, gerade wenn er in das Feld der Initiation ein- 
tritt, und es wiirde sich fur ihn sehr bald die Unmoglichkeit ergeben, 
da drinnen ordentlich zu weilen. Trivial ausgedriickt, konnte ich sagen: 
Wer aus nationalen personlichen Leidenschaften heraus ein anderes 
Volk besonders hafit, ist dazu verurteilt, mit dessen Volksgeist zu schla- 
fen. Das ist trivial ausgesprochen, aber ganz wortlich zu nehmen. 

Die Tatsachen der geistigen Welt, die sorgen schon dafur, dafi das 
ganze Menschengeschlecht eine Einheit ist, und dafi ein Sich-Her- 
aussondern nicht moglich ist. Aber wenn wir solche Tatsachen ins Auge 



fassen, dann konnen wir daraus so manches lernen. Wir sprechen ja 
davon, dafi die Welt, in der wir aufierlich mit unseren Sinnen und mit 
unserem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist, leben, eine grofie 
Tauschung, eine Maja ist; aber auch diese Wahrheit, dafi die Welt eine 
Maja ist, wir nehmen sie allzu abstrakt, wir nehmen sie blofi theore- 
tisch. Ich mochte sagen, wir lassen uns noch herbei, diese Wahrheit ver- 
standesmafiig zu fassen. Sielebensvoll zu erfassen, dem widerstrebt nicht 
nur unser Verstand, sondern oftmals sogar unser Wilie. Denn dasje- 
nige, was hinter der Welt der Tauschung ist, es sieht so aus, dafi wir 
nicht wollen, dafi es so ausschaue. Wir scheuen uns davor, wir furchten 
uns davor, weil uns die Wahrheit unbequem ist. Zu wissen, dafi die 
ganze Menschheit im konkreten Sinne eine Einheit ist, das ist ja nicht 
bequem, denn es gestattet nicht, dafi man in einseitiger Weise Gefuhle 
und Enthusiasmen so betrachtet, wie sie heute vielfach betrachtet wer- 
den, sondern es belehrt uns dariiber, was das in der Welt der Wirklich- 
keit bedeutet. Das aber ist unbequem. Der Wille scheut oftmals noch 
mehr vor der Wahrheit zuriick als die Einsicht, als der Verstand. Dar- 
um braucht man sich nicht zu wundern, wenn in unserer Zeit die Wahr- 
heiten der Geisteswissenschaft noch vielfach als Narretei gelten, denn 
die Narretei der Zeit fiirchtet sich vor der Weisheit der Welt. Hinter 
die Erscheinungen zu blicken, das gibt aber erst die Moglichkeit, zu 
verstehen, was eigentlich geschieht. Ich habe gestern bereits darauf 
hingewiesen und will nun in einem speziellen Falle es noch ausfiihren. 

Wenn wir den Menschen verfolgen, wie er durch die Pforte des 
Todes in die geistige Welt hineingeht, in der er die Zeit zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt durchlebt, um sich vorzubereiten fiir ein 
neues Erdenleben, dann miissen wir uns klar werden, inwiefern er in 
seinem Leben zwischen Tod und neuer Geburt beeinflufit wird von 
seinem letzten Erdenleben, inwiefern er gleichsam mitbringt durch die 
Pforte des Todes in das geistige Leben hinein die Nachklange, das 
Nachtonen des letzten Erdenlebens. Wir wissen ja, dafi der Mensch, 
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, hindurchtragt durch diese 
Pforte des Todes zunachst, nachdem er seinen physischen Leib den 
Erdenelementen iibergeben hat, seinen Atherleib, den Astralleib und 
das Ich. Wir wissen auch, dafi dieser Atherleib sich bald, sehr bald 



trennt von Ich und Astralleib, mit Ausnahme eines Extraktes, der da- 
von zuriickbleibt, und dafi der Atherleib sich mit dem allgemeinen 
Wirken des Kosmos atherisch verbindet. Das alles haben wir ja ofters 
ins Auge gefafit. Nun aber ist es so, dafi der Mensch nach dem Tode 
durch seine Erkenntnisse, seine nach dem Tod ihm bleibenden Erkennt- 
nisse dennoch zuriickschaut auf die Schicksale des Atherleibes, und dafi 
diese Schicksale fiir ihn etwas bedeuten. Es bedeutet fur den Menschen 
nach dem Tode etwas, wenn er anschaut die Schicksale seines Ather- 
leibes, die so verlaufen, dafi dieser Verlauf eine Art Resultat des Er- 
denlebens ist. Und dieses Resultat, dieses Ergebnis des Erdenlebens 
stellt sich verschieden heraus fiir die verschiedensten Verhaltnisse der 
Erde, unter anderem auch fiir das verschiedene Erleben im Nationalen 
darinnen. Ganz anders stellen sich die Erdenreste, die fiir den Men- 
schen eine Bedeutung haben nach dem Tode, sagen wir, bei einer Seele, 
die aus einem franzosischen Korper herausgeht und iibergeht in die 
geistige Welt, und ganz anders bei einer solchen Seele, die heute aus 
einem russischen Leibe in die geistige Welt iibergeht. Seelen, die aus 
einem franzosischen Leibe heute herausgehen, gehoren einer Kultur 
an, die gewissermafien reif und iiberreif geworden ist, die vieles die- 
sen Atherleib erleben lafit auf der Erde. Das Eigentiimliche der fran- 
zosischen Volkskultur - nicht die Kultur des einzelnen - besteht darin, 
dafi der Atherleib selber durcharbeitet wird, durchtrankt wird mit 
Kraften und Kraftwirkungen, und in einer sehr scharf gepragten Weise 
daher durch die Pforte des Todes tritt, und dann drinnen ist in der 
geistigen Welt. Solche Atherleiber losen sich lange nicht auf, sie blei- 
ben lange als Spektren vorhanden. In seiner Vorstellung hat der An- 
gehorige des franzosischen Volkstums, insofern er ihm angehort, eine 
ganz bestimmte Meinung von sich, von dem, was er gilt in der Welt. 
Das ist aber nichts anderes als die Spiegelung von den fest arbeitenden 
Kraften im Atherleibe. Der Atherleib ist plastisch fest gebildet und 
tritt so iiber in die geistige Welt. 

Ganz anders ist das bei einem Atherleib eines russischen Menschen. 
Der hat nicht eine so feste Pragung, der ist gewissermafien elastischer, 
er lost sich in der geistigen Welt leichter auf; daher sind die Seelen 
durch ihn weniger gefesselt. Wahrend durch das Hinschauen auf den 



aus einer Hochkultur hervorgehenden Atherleib des Franzosen die 
franzdsische Seele langer sozusagen verbunden ist mit dem Atherleibe, 
ist die Seele des russischen Menschen nur kurz verbunden mit dem 
Atherleibe. Es bedeutet das, was der Atherleib durchmacht nach dem 
Tode, weniger fur diese Seele des Ostens. Das aber hat eine sehr be- 
stimmte, tiefgehende, bedeutsame Wirkung fur das, was gewisserma- 
fien hinter den Kulissen unseres Daseins in der Gegenwart geschieht. 
Die Schicksale der russischen Seele sind ja ganz andere als die Schick- 
sale der franzosischen Seele in der Zeit zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. 

Nun wissen wir ja aus den verschiedensten Betrachtungen, dafi wir 
entgegengehen im 20. Jahrhundert dem atherischen Wirken des Chri- 
stus-Geistes. Hingewiesen ist darauf schon im exoterischen Sinne an 
der entsprechenden Stelle des Mysteriendramas «Die Pforte der Ein- 
weihung» von der Wiedererscheinung des Christus als atherische Kor- 
perlichkeit. Und hingewiesen ist darauf auch schon in verschiedenen 
Betrachtungen, dafi dieses Erscheinen des Christus fur diejenigen Men- 
schen, die fahig sein werden, ihn zu schauen, vorbereitet wird seit 
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, indem der wirkende Zeitgeist 
seit dieser Zeit ein anderer ist als friiher. Durch Jahrhunderte vorher 
war Gabriel der wirkende Zeitgeist; seit dem letzten Drittel des 19. 
Jahrhunderts ist Michael der wirkende Zeitgeist. Michael ist es, der 
gewissermafien die Erscheinung des Christus als atherische Wesenheit 
vorzubereiten hat. Das alles mufi aber vorbereitet werden, das alles 
mufi gewissermafien in der Entwickelung gefordert werden, und es 
wird gefordert. In der Art wird es gefordert, dafi Michael fur die Er- 
scheinung des Christus gewissermafien den Kampf fiihrt, dafi er die 
Seelen in dem Erleben zwischen Tod und neuer Geburt vorbereitet auf 
dasjenige, was in der Erdenaura zu geschehen hat. Nun wiirden scharf 
gepragte Atherleiber, die in der elementarischen Welt um uns herum 
sind, immer storend sein in der Zeit, die herankommen mufi, wo rein 
gesehen werden soli diese Athergestalt, die der Christus annehmen mufi. 
Naher stehen einer reinen Auffassung dieser Athergestalt diejenigen 
Seelen, die nach dem Tode durch ihre atherischen Leiber weniger be- 
riihrt sind. Daher stellt sich folgendes heraus. 



Wir sehen, wie ein Teil der Arbeit des Michael dahingeht, beizu- 
tragen zur Auflosung der westeuropaischen hochkultivierten Ather- 
leiber, die eine feste Gestalt haben, und wir sehen, wie sich Michael 
bedient in diesem Kampfe der osteuropaischen Seelen. Und so sehen 
wir Michael, gefolgt von den Scharen der osteuropaischen Seelen, 
kampfend gegen die westeuropaischen Atherleiber und die Eindriicke, 
welche die Seelen nach dem Tode haben. So gibt es einen lebendigen 
Kampf hinter den Kulissen des heutigen Daseins. Dieser Kampf ist 
vorhanden, dieser Kampf in der geistigen Welt. Dieser Kampf im 
Himmel gleichsam, er spielt sich ab zwischen Ruftland und Frankreich 
in der geistigen Welt, ein lebendiger Kampf zwischen Osten und We- 
sten. Und dieser Kampf ist die Wahrheit, und dasjenige, was sich in 
der physischen Welt abspielt, das ist die auftere Maja, das ist die Ent- 
stellung der Wahrheit. Und man bekommt auch da, wie so oft, wenn 
man die geistigen Tatsachen betrachtet, auf diesem Gebiet den erschut- 
ternden Eindruck, daft oftmals dasjenige, was hier im Felde der Tau- 
schung sich vollzieht, das gerade Gegenteil von dem ist, was in der 
geistigen Welt als Wahrheit sich vollzieht. 

Denken Sie sich das ungeheuer Erschutternde fur denjenigen, der 
Initiationserkenntnis erwirbt, daft ein Biindnis besteht zwischen Vol- 
kern, die sich in der geistigen Welt aufs heifieste bekampfen! Solche 
Dinge diirfen natiirlich nicht verallgemeinert werden, nicht etwa darf 
die Schlufifolgerung gezogen werden, daft in der geistigen Welt alles 
entgegengesetzt ist der physischen Welt. Jeder einzelne Fall muft unter- 
sucht werden. Aber fiir diesen Fall bekommen wir auch diesen erschiit- 
ternden Eindruck, diesen unsere Erkenntnis, man mochte sagen, zu- 
nachst zermalmenden Eindruck. So sieht es eben vielfach anders aus 
hinter den Kulissen des Daseins, als es in der aufteren Welt aussieht. 
Aber begreiflich werden uns die Dinge in ihrem wahren Zusammen- 
hang nur, wenn wir hinter die Kulissen des Daseins mit dem Gesichts- 
punkte der Geisteswissenschaft leuchten konnen. Dann aber werden 
sich auch in unsere ganze Auff assung hineinpragen diejenigen Gefuhle, 
welche gleichsam in die Wahrheit untertauchen lassen unsere Herzen 
gegeniiber den Vorurteilen, in denen wir befangen sein miissen, wenn 
wir uns den Stromungen der aufteren physischen Welt hingeben. Wirk- 



lich ist Mitteieuropa heute hineingeschoben zwischen zwei kampfende 
Machte und mufi gewissermafien sie auseinanderhalten. Daraus ergibt 
sich aber der Zusammenhang zwischen demjenigen, was ich gestern als 
das Ringen der mitteleuropaischen Kultur bezeichnet habe, gegeniiber 
dem, was links und rechts, wie umklammernd, diese mitteleuropaische 
Kultur bedrangt. Das ist das Karma der mitteleuropaischen Kultur: 
ihre Entwickelung sich abspielen zu sehen zwischen dem, was sich be- 
kampfen mufi durch eine erdengeschichtliche Notwendigkeit. Die rech- 
ten Gefuhle fiir den tragischen Konflikt der Verhaltnisse, insofern sie 
jetzt Mitteieuropa betreffen, gehen ja erst aus einer solchen Betrach- 
tung hervor. Dann erst, wenn wir eine solche Betrachtung zugrunde 
legen, merken wir, dafi im Grunde genommen Nichtbeteiligung an den 
Handeln, die eigentlich auszufechten sind, das wirklich Charakteristi- 
sche fiir Mitteieuropa ist, unschuldiges Verhalten zu diesen Handeln 
und in das Karma mit hinein verwickelt sein. - Und wir haben nun 
auch gesehen, wie der genaue Zusammenklang dessen ist, was da in der 
Evolution enthalten ist: wir haben gesehen, wie beteiligt ist der Osten 
und Westen Europas an dem kommenden Christus-Ereignis. Wenn wir 
das Ringen der mitteleuropaischen Kultur mit ihrer Vereinigung, wie ich 
es gestern charakterisiert habe, von Geistigem und Leiblichem ins Auge 
fassen, dann haben wir auch die besondere Ausgestaltung des Christus- 
Impulses, der ja der Trager dieser Vereinigung des Geistigen und Leib- 
lichen ist. Mitten also in Europa das Phanomen, das Christentum iiber- 
zufiihren in die Erdenereignisse. Hier, sich abspielend auf dem physi- 
schen Plan, etwas von ungeheurer Bedeutung, und rechts und links et- 
was, was erst erkampft wird auf den hbheren Planen. Physischer Plan 
und geistiger Plan schlieften sich zusammen, wenn wir sie so betrachten. 

Das ist die Erganzung zu dem gestern Auseinandergesetzten. Und 
so ist es im Grunde genommen mit aller Evolution, soweit sie sich unter 
dem Einflufi des Christus-Impulses nach und nach entwickelt hat. 
Denn was jetzt im 20. Jahrhundert geschieht, hat sich ja nach und nach 
entwickelt. Der Christus-Impuls ist eingezogen durch das Mysterium 
von Golgatha in die irdische Menschheitsentwickelung, und er hat dar- 
innen gewirkt. Aber wenn er nur hatte so wirken konnen, der Christus- 
Impuls, wie ihn die Menschen verstanden haben, hatte er wenig wir- 



ken konnen bisher. Wir fangen ja erst an mit dem Verstandnis, wir 
fangen erst an, durch Geisteswissenschaft etwas zu begreifen von dem, 
was das Mysterium von Golgatha ist. Der Christus-Impuls hat ge- 
wirkt. Aber wahrhaftig wirkte er am wenigsten in dem, was das Ge- 
zank und Geschrei der Theologen war. Schlimm ware es gewesen, 
wenn nur so viel von dem Christus-Impuls hatte hereinkommen kon- 
nen in die Erdenentwickelung, wie die Menschen begriffen haben in 
den verschiedenen Epochen mit ihrem Verstande. Aber ich habe darauf 
hingewiesen, wie der Christus-Impuls durch die Jahrhunderte in un- 
bewufite Seelenkrafte gewirkt hat. Ich habe Ihnen geschildert, wie am 
28. Oktober 312 Konstantin gegeniiberstand dem Maxentius, und wie 
da eine Schlacht geschlagen wurde, durch die das Schicksal von Eu- 
ropa entschieden worden ist. Nicht durch die Kunst der Feldherren 
wurde diese Schlacht geschlagen, sondern durch dasjenige, was sich im 
Unterbewulksein der Menschen zugetragen hat. Maxentius befragte 
die sibyllinischen Biicher. Die verfuhrten ihn, statt seine Heere in Rom 
in Sicherheit zu lassen, sie aus den Toren Roms zu fiihren, den Heeren 
Konstantins entgegen. Konstantin aber hatte den Traum: das Mono- 
gramm Christi seinem Heere vorantragen zu lassen. Man folgte also 
nicht den Gescheitheiten der Feldherren, sondern man folgte Traumen, 
das heifit den Impulsen des Unterbewufitseins. Von dem, was daraus 
entstand, hat Europa seine Gestaltung bekommen. Nicht von dem lei- 
tete sich her die wirkliche Gestaltung des Christus-Impulses, woriiber 
die Theologen zankten, sondern von dem, was der lebendige Christus 
auf den Feldern war, wo er wirken kann. Nicht die menschlichen Be- 
griffe vom Christus - auf die kommt es nicht an -, sondern der leben- 
dige Christus, der durch die Impulse wirkt, die die seinigen sind. Wenn 
ihn die Menschen nicht verstanden, ging er in das hinein, wo man nicht 
zu verstehen braucht, wo man in Traumen aufnimmt, was in die Wil- 
lenssphare iibergehen soli. 

Und wiederum einmal war es in Europa, dafi der Christus-Impuls 
hereingedrungen ist und Europa eine bestimmte Gestaltung gegeben 
hat: im 15. Jahrhundert, als durch das einfache Landmadchen, die 
Jungfrau von Orleans, Europa eine ganz andere Gestaltung bekommen 
hat. Hatte dazumal England uber Frankreich gesiegt - was die Jung- 



frau von Orleans verhindert hat -, so ware aller spatere geschichtliche 
Verlauf ein anderer geworden. Aber wahrhaftig, das Hirtenmadchen 
von Orleans hat nicht menschliche Weisheit gehabt, sondern in ihr hat 
gewirkt der Christus-Impuls durch seinen michaelischen Vorlaufer, 
aufierlich zugunsten Frankreichs, in Wirklichkeit zugunsten Englands; 
denn England hatte sonst nicht die Entwickelung durchmachen kon- 
nen, die es durchgemacht hat. Aber es wirkte mit ungeheurer Deutlich- 
keit fur denjenigen, der die Welt geistig durchschauen will, der Chri- 
stus-Impuls dazumal in dasjenige hinein, was geschehen sollte. 

Ich habe ofters darauf aufmerksam gemacht, wie jene alten Legen- 
den, jene alten Sagen und Mythen Wahrheiten enthalten, die darauf 
hinweisen, dafi in den dreizehn Nachten zwischen Weihnachten und 
dem Fest der Erscheinung, dem Dreikonigsfest, dafi in diesen Nachten 
der tiefsten Winterfinsternis die Zeit ist, in der die Erdenkrafte dem 
Hellsehertum ganz besonders giinstig sind. Da, wo sozusagen die phy- 
sischen Krafte sich am meisten zuriickziehen in Untatigkeit, da wir- 
ken die geistigen Krafte ganz besonders. Diese dreizehn Nachte, von 
Weihnacht bis zum 6. Januar - so erzahlt uns eine alte norwegische Le- 
gende -, schlief Olaf Asteson. Und in diesem Schlafe hat er all dasje- 
nige in Imaginationen durchgemacht, was wir nun anthroposophisch 
erkennen als Kamaloka, als Seelenwelt, als Geisteswelt. Das ist eine 
Wahrheit. Und gar mancher, der, ich mochte sagen, am Tor steht der 
Initiation, er kann dieser Initiation die letzte Vollendung geben, wenn 
er es zu einem ganz besonderen konzentrierten inneren Erleben in die- 
ser Zeit bringt, in die hinein deshalb mit Recht versetzt ist die Geburt 
des Christus, des geistigen Sonnenlichtes. Man konnte sagen: Wenn 
jemand eine unbewufke Initiation erleben soil, wann wiirde er sie am 
besten erleben? - Dann wiirde er sie am besten erleben, wenn er zube- 
reitet wird in diesen Nachten, wenn er in einem Schlafzustand ist, einer 
Art weltentriicktem Zustand, bis zum 6. Januar. Konnten wir nicht 
voraussetzen, dafi auch das ganz gewifi nicht gelehrte oder geisteswis- 
senschaftlich geschulte, aber innerlich spiritualisierte Hirtenmadchen, 
die Jungfrau von Orleans, am besten initiiert hatte werden konnen, 
wenn sie diese Nachte in einer Art Schlafzustand durchgemacht hatte, 
einem Zustand, wo sie nicht durch die Sinne und den Verstand begrif- 



fen hatte die aufiere Welt? Das hat sie! Man ist in der Zeit, bevor die 
physische Geburt eintritt, ganz gewifi nicht dazu veranlagt, durch die 
aufieren Sinne die umliegende Welt wahrzunehmen, denn diese Sinne 
wachen ja erst auf bei der Geburt im physischen Dasein. Man ist auch 
nicht geeignet vor der Geburt, durch den Verstand nachzudenken, aber 
der geistige Teil ist dann in Beriihrung mit der kosmischen geistigen 
Umwelt. 

Nun, die dreizehn Tage vor dem 6. Januar hat die Jungfrau von 
Orleans im Leibe der Mutter zugebracht, denn am 6. Januar ist sie ge- 
boren. Dies ist eine Tatsache, die tief bedeutsam liber Weltenzusam- 
menhange spricht. Der die Evolution fuhrende Weltengeist brauchte 
in der Jungfrau von Orleans eine Menschenseele, die gerade die drei- 
zehn letzten Tage der Schwangerschaft im Leibe der Mutter zubrachte 
bis zum 6. Januar und dann geboren worden ist. Da sehen wir tief hin- 
ein in jene Zusammenhange, die hinter den Kulissen des Daseins sind. 
Da sehen wir, wie die Welt gefiihrt wird in geistiger Beziehung. Da 
wurde eine Seele geboren, die gewissermafien durch den Weltengeist 
selbst initiiert worden ist bis zu ihrer Geburt hin. Es handelt sich daher 
darum, dafi wir uns eine Empfindung erwerben dafiir, wie gewisser- 
mafien vor uns der Teppich des aufieren Majadaseins ausgebreitet ist: 
wenn wir ihn an verschiedenen Stellen zerreifien, so blicken wir in die 
Geheimnisse des Daseins erst hinein. Und das mufi Gefiihl und Emp- 
findung werden fur das Umgestaltende der Geisteswissenschaft fur 
die Kultur der Menschheit. Das mufi Empfindung werden, dafi man, 
um hineinzuschauen in die Geheimnisse der Welt, eben radikal wird 
brechen miissen mit der blofien Beobachtung der aufieren Maja, die ja 
selbstverstandlich eintreten mufite seit dem Glanze und dem Ruhm 
des naturwissenschaftlichen Forschens. Aber dieser Glanz und Ruhm 
mufi fiir die Zukunft abgelost werden von der Geisteswissenschaft. 
Dasjenige, was die Menschheit zum wirklichen Einleben der Geistes- 
wissenschaft in die Seelen braucht, wird aber vor alien Dingen sein 
ein wirklich guter Wille fiir die Verbindung der eigenen Seele mit den 
geistigen Welten. Das aber mufi alles ausgehen von einer gewissen 
Selbsterkenntnis. Doch Selbsterkenntnis ist gar nicht so leicht, und es 
gehort zu den grofiten Tauschungen, denen man sich im gewohnlichen 



Leben hingeben kann, wenn man denkt, dafi Selbsterkenntnis, die der 
Anfang aller wahren Erkenntnis sein mufi, leicht ist. 

Selbst in bezug auf das Alleraufierlichste ist sie nicht einmal be- 
sonders leicht. Ich habe hier ein Buch; es ist mir zufallig - was man 
so zufallig nennt -, karmisch in diesen Tagen wieder in die Hande ge- 
kommen: das Buch eines Philosophen der Gegenwart, der Philosophie- 
professor an der Universitat in Wien war: « Analyse der Empfindun- 
gen.» Derjenige, der das Buch geschrieben hat, macht Selbstgestand- 
nisse, die sehr interessant sind. Auf Seite 3 sagt er: Als junger Mensch 
erblickte ich einmal in einer Spiegelniederlage, als ich iiber die Strafie 
ging, mein Gesicht im Profil, aber ich erkannte es nicht als mein eige- 
nes Gesicht. Ich dachte: Was fiir ein widerwartiges, unsympathisches 
Gesicht! - Also Sie sehen, selbst bis zu diesem Grade ist Selbsterkennt- 
nis der rein aufieren Gestalt nicht einmal gar so sehr verbreitet. Der 
gute Mann gesteht ganz of fen: es kommt ihm entgegen ein hochst un- 
sympathisches Gesicht, das einen abstofienden Charakter hat, und dann 
entdeckt er, dafi es sein eigenes ist. So wenig hat er sich gekannt seiner 
aufieren Gestalt nach. Sie sehen, nicht einmal aufiere Selbsterkenntnis 
kann man leicht erwerben. Universitatsprofessor kann man dabei sein, 
ungehindert; das bezeugt dieses Beispiel. Ernst Macb, so heifit der Pro- 
fessor, macht aber noch ein ahnliches Gestandnis. Er ist ganz aufrich- 
tig. Er sagt: Ich kam einmal recht ermudet von einer Reise zuriick und 
bestieg einen Omnibus. Zu gleicher Zeit stieg ein anderer in den Omni- 
bus ein. Ich dachte: Was fiir ein herabgekommener Schulmeister steigt 
denn da ein! - Und siehe da, ich war es selbst. - Er hatte sich im Spie- 
gel gesehen. - Der gute Mann wufite, wie ein herabgekommener Schul- 
meister aussieht, da sah er einen einsteigen, aber er konnte sich nicht 
damit identifizieren, er wufite nicht, daft er so aussah. Er fiigt seiner 
Erzahlung hinzu: Also kannte ich den Standeshabitus besser als meinen 
eigenen! 

Noch viel schwieriger als das Wissen iiber die aufiere Gestalt ist 
das Wissen iiber die Seele, das Wissen desjenigen, was wir eigentlich 
in unserem seelischen Wesen sind. Aber ohne dieses geht es nicht ab, 
wenn man wirklich auf dem Felde der Initiation etwas vorwartskom- 
men will. Die Tauschung iiber sich selbst, sie gehort zu den verbreitet- 



sten Eigentiimlichkeiten des Menschen, und was in den Tiefen der 
Menschenseele sich abspielt, man weifi es in der Regel nicht. Man denkt 
sehr leicht: Ja, ich kenne mich, ich weifi, was ich will! - Man macht 
sich gewisse Vorstellungen iiber sich selbst; nur sind diese meistens 
nicht dazu angetan, wirklich auszudriicken, was wir in Wahrheit sind. 
Da unten in der Seele sieht es oftmals ganz anders aus, als es in der 
Region aussieht, wo wir uns die Vorstellungen iiber uns selbst machen. 
Einige Beispiele seien angefiihrt, die sich nicht nur ereignen konnen, 
sondern die oft sich ereignen im menschlichen Zusammenleben: Zwei 
Menschen leben miteinander. Der eine hat gegen den anderen etwas, 
so dafi es ihm eigentlich gefallt, den anderen manchmal zu qualen, zu 
peinigen, manchmal intensiver, manchmal weniger. Dasjenige, was die 
Ursache dieses Qualens sein mag, kann ein urspriinglicher Trieb der 
Grausamkeit sein. Ein Mensch kann namlich scheinbar ganz harmlos 
in der Welt herumgehen und doch eigentlich ein ganz grausamer Kum- 
pan sein, der es als ein Bediirfnis empfindet, einen Nebenmenschen zu 
qualen. Spricht man nun mit diesem Menschen, so wird er es einem 
nicht verzeihen, wenn man ihn fur einen grausamen Kumpan, fur einen 
ekelhaften Kerl halt, der sich nur befriedigt fiihlt, wenn er seinen Ne- 
benmenschen qualen kann, sondern er wird sagen: Ach, ich habe die- 
sen Menschen so unendlich lieb, so furchtbar lieb, aber er macht halt 
das und das und jenes, und gerade weil ich ihn so lieb habe, kann ich es 
gar nicht ausstehen, dafi er das tut! - Das ist im Oberbewufitsein des 
Menschen, im Unterbewufitsem aber ist die Grausamkeit. Und die 
Vorstellungen des Oberbewufitseins sind nur da, um zu verhiillen, um 
uns vor uns selbst zu entschuldigen. Die Art, wie wir uns Vorstellun- 
gen im Oberbewufitsein machen, ist nur da, um uns richtig vor uns 
selbst zu entschuldigen. So habe ich einen Herrn gekannt, der bei jeder 
Gelegenheit betonte, dafi er eine gewisse geistige Richtung nur ein- 
schliige aus reiner Selbstlosigkeit, dafi sie ihm gar nicht besonders sym- 
pathisch sei, diese Richtung, aber aus Pflichtgefuhl und Selbstlosig- 
keit miisse er diese Richtung einschlagen. Ich sagte ihm: Was Sie fur 
eine Ansicht haben iiber die Dinge, die Sie tun, und warum Sie sie tun, 
darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, warum Sie es 
wirklich tun. Und Sie tun es, weil es Ihnen Wollust macht, gerade dies 



zu tun, weil es Ihrer Eitelkeit ganz besonders schmeichelt, dies zu tun. - 
Es ist unangenehm, sich zu gestehen: Ich bin eigentlich recht eitel, des- 
halb tue ich dies oder jenes. - Deshalb lieben wir unsere Maja, die 
macht das anders. Die Maja, die wir in unserem Bewufitsein tragen 
iiber uns selbst, ist oft noch unahnlicher der Wirklichkeit als die Maja, 
die wir iiber die Geisteswissenschaft haben. Liebe ist ganz gewifi eine 
wunderbare Sache, mit Recht auch, vor der menschlichen Meinung; 
sie wird aber haufig mit Unrecht im Munde gefiihrt, die Liebe! Als 
wir noch mit der anderen Theosophischen Gesellschaft verbunden wa- 
ren, da horten wir immer wiederum, wie es darauf ankomme, dafi die 
Menschen sich ja, ja recht lieben! Oftmals war diese Liebe nur der 
Schleier, der iiber die dogmatischen Zankereien hinubergelegt war. 
Denn Liebe kann oftmals die Maske sein fur den allerstarksten Egois- 
mus. Wenn man sich besonders wollustig etwas darauf zugute tut, dieses 
oder jenes zu tun, falscht man oft das, was man tut und was einem ei- 
gentlich Wollust bereitet, in Liebe um; und man entschuldigt sich wie- 
derum vor dem, was man eigentlich niemals gestehen wiirde, was in 
den Tiefen des Unterbewufitseins bleibt. Ja, wenn wir hinuntersteigen 
in dieses menschliche Wesen, dann tauchen wir wirklich bald in einen 
Abgrund hinunter. Wirklich erkennen kann der Mensch sich eigent- 
lich nur dadurch, daft er sich hineinlebt in die Geheimnisse des geisti- 
gen Daseins, dafi er sich bekanntmacht mit dem, was die grofien Ge- 
setze dieses geistigen Daseins sind. Denn das menschliche Wesen ist 
kompliziert, und der grofite Irrtum ist es, wenn man glaubt, dieses 
menschliche Wesen sei irgendwie einfach. Ich mochte sagen: Alle Wel- 
tengeheimnisse sind zusammengenommen, um das menschliche Wesen 
zusammenzubringen. Aber nur recht verstanden miissen die Dinge 
werden. 

Das Spielen mit der Selbsterkenntnis hort sehr bald auf, wenn 
man etwas erkennt von den geistigen Geheimnissen des Menschenda- 
seins. Nehmen wir einmal an, ein Mensch beginnt durch irgend etwas, 
durch Schulung oder durch irgend etwas anderes, mit einem gewissen 
Hellsehen, und er bringt es sogar dahin, dafi ihm ganz wunderbare Ge- 
bilde erscheinen, die er fixieren kann, so dafi die Menschen kommen 
und ganz entziickt sind iiber den bedeutungsvollen Zusammenhang 



dieses Menschen rait der geistigen Welt. Der ist auch zweifellos vor- 
handen, der Zusammenhang, aber man mufi diesen geistigen Zusam- 
menhang nur in seiner Wahrheit durchschauen, man mufi durchschauen, 
was er wirklich sein kann. Sehen Sie, demjenigen, was wir als physi- 
schen Leib haben, liegt als sein Bildner der Atherleib zugrande, dann 
der Astralleib, dann dasjenige, was wir den Ich-Trager nennen. Das 
arbeitet alles am physischen Leibe, und jedes Hohere arbeitet wieder- 
um an dem Niedrigeren. Wenn Sie den Atherleib nehmen und unmittel- 
bar hellsichtig erforschen, so ist er ein wunderbares Gebilde ineinander 
flutender und schimmernder Farben. Was sind denn diese Farben, die 
im Atherleib fluten? Ja, das sind die Krafte, die am physischen Leibe 
bauen, die Krafte, die nicht nur ihm Organe aufbauen, sondern auch 
wirken in dem, was wahrend des Lebens von den Organen des physi- 
schen Leibes vollzogen wird. Aber die menschlichen Organe sind von 
verschiedener Bedeutung. Nehmen wir zwei solcher Organe wie die 
Eingeweide und das Gehirn. Die aufiere Anatomie untersucht die Ge- 
webe und alles, was in Betracht kommt, als gleichwertig. Das sind die 
Dinge aber nicht, sie sind ganz verschieden. Wenn wir das menschliche 
Gehirn anschauen, ist es als physisches Organ etwas Vollkommenes; das 
kommt davon her, dafi im Gehirn jene Farbenfluten verarbeitet sind. 
Wenn wir den Atherleib des menschlichen Gehirns anschauen, dann 
sehen wir ihn in verhaltnismafiig blasser Farbe, denn die Farben sind 
dazu verwendet worden, den Bau des Gehirns hervorzubringen. Wenn 
wir die Eingeweide anschauen, so finden wir die flutenden Farben 
hellschimmernd wunderbar ineinanderfluten, denn die Eingeweide sind 
wirklich grobere Organe, da mufi noch nicht so viel von Geistigem 
verwendet werden, da bleiben die Krafte noch zuriick im Atherleibe, 
da wird ein kleinerer Teil nur zum Ausbau verwendet. Daher ist der 
Atherleib des Gehirns blafi, der Atherleib der Gedarme aber von wun- 
derbaren, flutenden Farben, schon. 

Denken Sie nun, es kommt jemand, wie ich es geschildert habe, zum 
Hellsehen. Da kann zweierlei eintreten: Es kann ein Hellsehen eintre- 
ten dadurch, dafi der Atherleib des Gehirns gelockert wird, aber es 
kann auch eintreten ein Hellsehen dadurch, dafi der Atherleib der Ein- 
geweide gelockert wird. Beim Hellsehen wird nun der Mensch oft- 



mals sein eigenes Innere gewahr. Derjenige, der den Atherleib des Ge- 
hirns herausbekommt, wird zunachst eine ziemlich blasse Welt vor sich 
haben; aber der, welcher den Atherleib seiner Eingeweide herausbe- 
kommt, kann wunderbar f lutende Farben in die Atherwelt hinausspie- 
geln. Um namlich das Blasse des Gehirnatherleibes mit den flutenden 
Farben des Kosmos in Beriihrung zu bringen, ist es notig, dafi wir die 
flutenden Farben von der ganzen Sphare des Kosmos erst heranziehen. 
Um die flutenden Farben des Atherleibes der Gedarme zu entwickeln, 
konnen wir sie aus uns herausstrahlen, und so kann ein ganz wunder- 
bares Gebilde geschaut werden auf dem Wege des Hellsehens. Gewifi, 
es ist ein echtes hellsichtiges Gebilde, aber wenn man es untersucht, was 
ist es? Es ist nichts anderes als der eigene Verdauungsprozeft, es ist das- 
jenige, was der Atherleib wahrend des Verdauungsprozesses des Men- 
schen tut; das projiziert sich in den Atherraum hinaus. Das ist anato- 
misch betrachtet hochst interessant, aber man mufi sich klar sein dar- 
iiber, dafi man erst, wenn man herandringt an die Geheimnisse der gei- 
stigen Welt, wirklich eine Ahnung bekommt von dem, was eigentlich 
vorliegt in der geistigen Welt. Man bekommt ja erst dann eine Ahnung, 
daft aus einem wunderbar flutenden Farbenmeer des Atherleibes auch 
dasjenige heraus entspringt, was im Atherleib vorgehen mufi, damit 
die Gedarme in der richtigen Weise funktionieren. Wenn man das 
dann hellsichtig schaut, so ist es gewifi ein hellsichtiger Vorgang; aber 
es ist nichts, was mit himmlischen Geheimnissen zusammenhangt, es ist 
nichts, was die grofien kosmischen Tatsachen der Welt uns irgendwie 
nahebringt, sondern es ist etwas, was uns unser gewohnlichstes niederes 
Selbst nahebringt. 

Und gerade dann, wenn wir hellsichtig zur Selbsterkenntnis auf- 
ste'i^en, dann finden wir, dafi das erste, was wir an wunderbaren Ge- 
bilden erleben, unser Niedrigstes hinausspiegelt. Und erst dann, wenn 
wir durch grofiere Anstrengung diejenigen Teile des Atherleibes losbe- 
kommen, die als geringere zuriickgeblieben sind in uns selbst, weil die 
Mehrzahl zu Herz und Gehirn verwendet worden ist, dann erst ge- 
langen wir dazu, dasjenige, was in uns ist, hinauszustrahlen und einen 
Eindruck zu machen durch die starker angewandten Krafte auf den 
aufieren Ather. Und dann kommt es zu folgendem: Wenn wir den 



Atherleib der physischen Organe hinausprojizieren, stofien wir das 
hinaus in den Raum. Wenn wir hoheres Hellsehen entwickeln, da ar- 
beiten wir auch hinaus, aber wir arbeiten hinaus dasjenige von uns, was 
wir uns aufbauen zwischen Geburt und Tod, auf dafi es vorbereite das- 
jenige, was zwischen Tod und neuer Geburt sich in uns entwickelt. Das 
schreiben wir hinein in den Raum, da bilden wir eine Wirkung hinaus 
in die atherische Welt. Und da gehen wir entgegen demjenigen, was 
durch diese Wirkungen gebildet wird, den kosmischen Wirkungen, den 
kosmischen Tatsachen. 

Gerade darauf wird durch uns unausgesetzt hingearbeitet. Die 
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hbheren Welten?» will das 
im eminentesten Sinne zum Ausdruck bringen, dafi die rechten Wege 
gefunden werden, um eben nicht die niedere Wesenheit des Menschen 
durch ein beriickendes Hellsehen zu finden, sondern um die Geheim- 
nisse der Welt zu ergriinden. Immer wieder wird darauf aufmerksam 
gemacht, dafi dieses Hellsehen schwierig ist, dafi es blafi auftritt, dafi 
man sich erst durch grofie Anstrengungen derjenigen Krafte, die die 
Krafte sind des Menschen zwischen Geburt und Tod, zu dem wahren 
Hellsehen hin entwickelt, dafi einem dann die Weltengeheimnisse sich 
entratseln konnen. Wo diese Krafte liegen, kann man sich vorstellen, 
wenn man sich einlafit auf dasjenige, was im Wiener Zyklus 1914 ge- 
sagt ist. Da ist von den Kraften gesprochen, die der Mensch zwischen 
Tod und neuer Geburt entwickelt, von den Kraften, fur die es nur 
moglich ist, stammelnd Worte zu gebrauchen, weil die Worte ja fur die 
physische Welt gepragt sind, und man nur durch Wortzusammenset- 
zungen das herausbringt, was in der geistigen Welt ganz anders ist als 
in der physisch-sinnlichen Welt. Aber die Menschen finden es beque- 
mer, in der geistigen Welt sich auch nichts anderes vorzustellen als eine 
Art Fortsetzung der physischen Welt, nur etwas diinner, etwas fluch- 
tiger. Die Menschen fanden es bequem, in der geistigen Welt die Ge- 
stalten auch herumgehen zu sehen wie in der physischen Welt; aber sie 
finden es unbequera, dafi man sich eine neue Art des Auffassens ange- 
wohnen mufi, wenn man in die geistige Welt eintreten will. All das soli 
Ihnen beweisen, dafi nicht nur das menschliche Verstehen, sondern vor 
alien Dingen der menschliche Wille sich straubt gegen dasjenige, was 



Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit in die Welt bringen mufi. 
Wir konnen wirklich sagen: Nicht blofi deshalb, weil die Menschen 
heute noch in weiten Kreisen Geisteswissenschaft nicht verstehen, wei- 
sen sie sie zuriick, sondern weil sie sie nicht wollen, weil es ihnen im 
Grunde genommen schrecklich ist, dafi die Welt so ist, wie Geistes- 
wissenschaft sie darstellen will und mufi. 

Ein besonders wichtiger Begriff ist derjenige, den man von Weisheit 
und von Bewufitheit haben mufi, wenn man das Erleben zwischen Tod 
und neuer Geburt verstehen will. Im Grunde genommen kann man gar 
nicht sagen, der Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, 
habe kein Bewufitsein und sein Bewufitsein musse erst erwachen. Das 
ist nicht einmal richtig, sondern richtig ist, dafi er ein zu starkes Be- 
wufitsein hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, dafi er 
von Bewufitsein ganz umflutet ist, dafi er sich nicht auskennt, dafi er 
ganz betaubt ist von dem geistigen Sonnenlicht des Bewufitseins und 
erst anfangen mufi sich zu orientieren, wie ich es ja des naheren ausge- 
fiihrt habe in dem eben erwahnten Zyklus. Hier auf der Erde miissen 
wir uns Weisheit notdiirftig erwerben; dniben aber sind wir von Weis- 
heit allseitig umflossen, da miissen wir sie dampfen, dafi wir sie an- 
schauen konnen. Die Teile, die wir herabgedampft haben bis zur mensch- 
lichen Schwache, die sind es, die wir anschauen konnen. So miissen wir 
uns erst hineinfinden in das Herabdampfen unseres Bewufitseins, bis wir 
uns zurechtfinden konnen. Dies ist etwas, was einem ganz besonders 
bemerkenswert vor Augen tritt, wenn man die Erscheinungen wirk- 
lich betrachtet. Sehen Sie, man versucht dann allmahlich die Worte so 
zu pragen, dafi sie ordentlich ausdriicken diese Erscheinungen. Vor nicht 
langer Zeit ist ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft in Zurich gestor- 
ben. Das Karma hat es dahin gebracht, dafi, obwohl ich das Mitglied 
noch habe sehen wollen im physischen Leben, ich zu spat gekommen 
bin und es nicht mehr sah. Dann aber hatten wir in Zurich nach einigen 
Tagen die Kremation. Ich war veranlafit, bei dieser Kremation zu 
sprechen, und ich versuchte in Worte zu fassen dasjenige, was sich mir 
innerlich darstellte als das Wesen dieses unseres lieben Mitglieds. Ich 
versuchte mit einigen Worten festzuhalten dieses Wesen. Dann wurde 
die Kremation vollzogen. Und zu bemerken war nun, dafi das erste 



orientierende Auftauchen aus dem iiberflutenden Bewufitsein heraus 
in dem Moment eintrat, als der Korper iiberging in die Verbrennung, 
als scheinbar die Flamme, in Wirklichkeit die Warme diesen Korper 
ergriff. In diesem Moment stand vor der Seele der Hingestorbenen die 
Szene, die wir vorher gehabt hatten. Vorher hatte sie, wahrend der Be- 
stattungsrede, nicht daran teilgenommen, aber hinterher, als die Ver- 
brennung anfing, da blickte sie zurikk. Und wie man im physischen 
Leben den Raum vor sich hat, so sieht der Tote die Dinge in der Zeit. 
Was vergangen ist, ist neben dem Toten. Er sieht die Szenen vor sich 
stehen. Die Zeit wird wirklich zura Raume. Das Vergangene ist nicht 
vergangen, es bleibt da, es wird angeschaut. Dann ging die Tote wieder 
hinab in ein allgemeines Betaubtsein, und es dauert dann langere Zeit, 
bis das Orientieren stattfindet. Aber es bereiten sich solche Momente 
vor, man mochte sagen, lichte Augenblicke, die dann weiter verarbeitet 
werden. Dann kommt wieder ein Untertauchen in die allgemeine Uber- 
flutung des Bewufitseins, bis spater ein vollstandiges Orientieren ein- 
tritt. 

Und so mufi man sagen, dafi es ein wichtiger Begriff ist, der die 
Weisheit, die Bewufitheit in anderer Weise denkt nach dem Tode als 
vor dem Tode. Es ist nicht so, dafi uns ein Grad von Bewufitheit erst 
erwachsen miisse nach dem Tode, sondern es mufi das unermefiliche 
Bewufitsein bis zu einem gewissen Grade herabgedampft werden. Das 
miissen wir beachten. Und dann mussen wir ernst machen, richtig ernst 
machen mit der Erkenntnis, dafi fur die Wahrheit die Dinge oftmals 
gerade umgekehrt liegen gegeniiber dem, was sich aufierlich darstellt. 
Ich habe das ja schon ofter veranschaulicht an einem Beispiel. Ein 
Mensch geht am Rande eines Baches, er fallt hinein in den Bach und 
ertrinkt. Wir gehen ihm nach und finden ihn ertrunken, und an der 
Stelle, wo er in den Bach hineingefallen ist, finden wir einen Stein. 
Wir konnen dann mit vollem Recht den Schlufi ziehen, der Mensch 
sei iiber den Stein in den Bach hineingefallen und dadurch ertrunken. 
Wenn wir nichts weiter tun, kommen wir zu keiner anderen Anschau- 
ung. Hier kann aber mit Bezug auf die physischen Tatsachen die Tat- 
sachenlogik falsch sein. Bei der Sektion kommen wir vielleicht dar- 
auf, dafi den Menschen der Schlag getroffen hat, und dafi er infolge- 



dessen ins Wasser gef alien ist, daft also Ursache und Wirkung sich um- 
kehren. Wir meinten, der Mensch ist tot, weil er ins Wasser fiel; in 
Wirklichkeit ist er ins Wasser gef alien, weil er tot war. Da war in be- 
zug auf die aufteren Tatsachen die Logik falsch. So konnen wir oft gar 
nicht zurechtkommen mit der Logik fiir die auftere Maja. 

Nehmen wir den Fall, den wir im Herbst zu unserem Schmerz in 
Dornach erlebt haben. Das Sohnlein eines Mitgliedes gerade des hie- 
sigen Zweiges, der in Dornach ansassig geworden ist, das siebenjahrige 
Sohnchen wurde eines Abends vermifit. Und nachdem man sich klar 
geworden war, daft das Kind unter einem umgefallenen Mobelwagen 
liegen konnte, mufite mitten in der Nacht der Wagen gehoben werden, 
und der kleine Theo Faifi wurde unter diesem Wagen hervorgezogen, 
tot. Was war geschehen? Dort in der Gegend fahrt sonst kein Mobel- 
wagen, fahrt iiberhaupt kein Wagen. Es ist der aufierste Ausnahmefall, 
daft da ein Wagen fahrt. Es ist lange vorher und nachher keiner ge- 
fahren. Und der kleine Theo hat sonst immer, was er zu holen hatte, 
eine Viertelstunde friiher geholt. An jenem Abend war er veranlaftt 
worden, eine Viertelstunde zu warten. Er hatte auch, wahrend er an der 
linken Seite des Wagens gegangen ist, an der rechten Seite gehen kon- 
nen, aber man hatte ihn veranlaftt, zu einem anderen Ausgang hinauszu- 
gehen als sonst. Alles hat sich so zusammengezogen, dafi es auf die Se- 
kunde hin sich so abgespielt hat, daft der Knabe gerade just unter diesen 
Wagen kam. Untersucht man den Fall geistig in seinem karmischen Zu- 
sammenhang, dann hat sich die Seele des Knaben diesen Wagen bestellt, 
um den Tod zu finden in diesem Zeitpunkt; da war das alles so einge- 
richtet, da ist das physische Ereignis eine Folge dergeistigenZusammen- 
hange. Dann begreift man die Dinge in einer ganz anderen Weise, dann 
versteht man allerdings auch den Zusammenhang zwischen dem, was 
geschehen ist, und dem weiteren Verlauf nach dem Tode. Der kleine 
Theo hatte ja einen Atherleib, den er im normalen Leben noch siebzig, 
achtzig Jahre und noch langer hatte haben konnen. Das alles geht ja 
nicht verloren, das bleibt da. Ein Atherleib von einem siebenjahrig ge- 
storbenen Kinde hat noch die Krafte in sich, die verwendet worden 
waren im Leben, die sind in der geistigen Welt vorhanden. Und das ist 
auch denjenigen, die mit der Atheraura unseres Baues zu tun haben, sehr 



wohl bemerklich; denn da ist der Atherleib des kleinen Knaben seit 
dem Tode drinnen, da sind die Krafte, die starken geistigen Krafte die- 
ses klugen, lieben, gutgearteten Knaben. Das sind Hilfs- und Helfer- 
krafte desjenigen, was mit der Aura des Dornacher Baues zusammen- 
hangt. 

So hangen geistige und physische Wirkungen zusammen. Die Zeiten 
sind nicht vergangen, wo man hinblicken mufite auf die geistigen Wel- 
ten bei dem, was in der physischen Welt geschieht; die Zeiten sind noch 
immer da. Einiges beginnen wir zu begreifen durch unsere Geisteswis- 
senschaft. Vieles aber ist darin, wozu wir Hilfskrafte brauchen von 
denen, die mit unverbrauchten Atherkraften fortgehen aus dem phy- 
sischen Leben. Denken Sie an die Tausende und Tausende, die drau- 
fien auf den grofien Feldern der ernsten Zeitereignisse heute durch die 
Pforte des Todes gehen, durchwegs Menschen mit unverbrauchten 
Atherleibern. Das alles sind geistige Krafte, die noch lange hatten wirk- 
sam sein konnen, wenn die betreffenden Menschen in der physischen 
Welt geblieben waren. Fur die Physik erkennt man heute schon an, dafi 
keine Kraft verlorengeht. Im eminentesten Sinne ist dieses Gesetz von 
der Erhaltung der Kraft aber in der geistigen Welt vorhanden. Die 
Krafte, die ein Atherleib hat, um ein Leben zwischen Geburt und Tod 
bis zum achtzigsten, neunzigsten Jahre zu versorgen, die gehen nicht 
verloren, wenn jemand friih durch die Pforte des Todes geht. Die 
Krafte sind da. Neben dem, was durch das Ich und den Astralleib in 
die geistige Welt eingeht und fur die Individuality einen Wert hat, 
hat der Atherleib einen allgemeinen Wert fur dasjenige, was ubergeht 
in die allgemeine Aura der Menschen-Erdenentwickelung. So konnen 
wir hinauf schauen zu den frischen, vollkraftigen, unverbrauchten 
Atherleibern, die hinunterwirken aus den geistigen Welten in die kom- 
menden Zeiten. 

So wie wir heute vielfach sehen, dafi Tote mitkampfen mit den 
Lebenden, so sehen wir auf der anderen Seite das atherische Feld, die 
elementarische Welt durchsetzt mit Kraften, mit starken Menschen- 
kraften, welche erworben werden in hoher Zuversicht in dem Glauben 
an ideelle Menschheitsziele, welche zuriickgelassen werden von Men- 
schen, die mit diesem Glauben durch die Pforte des Todes gegangen 



sind. Diejenigen, welche spater leben werden, die werden aber hinauf- 
schauen miissen zu diesen unverbrauchten Xtherkraften, die fortwir- 
kend sein werden. Diese Atherkr afte Friihverstorbener, sie werden ganz 
sicher verlangen, dafi sie nicht umsonst den Obergang gefunden haben 
in die geistige Welt und von dort aus herunterschauen. Sie werden ver- 
langen, dafi sie wirklich ihren Teil beitragen konnen zur Neugestal- 
tung der geistigen Erdenwelt, welche von der Menschheit verlangt 
wird. Wie Mahner sind sie da, diese Atherleiber, Mahner, die da sagen: 
Wir sind in die geistige Welt gegangen, damit euch von bier aus Kraf te, 
die in eure Herzen und Seelen gehen konnen, zufliefien konnen, mit 
denen ihr noch starker arbeiten konnet fur den im geisteswissenschaft- 
lichen Sinne gehaltenen Fortschritt der Erdenentwickelung. - Zusam- 
menwirken des Leiblichen mit dem Geistigen, wir miissen es verstehen, 
nicht nebulos, verschwommen, sondern als konkrete geistige Verbin- 
dung zwischen den Menschen, die hier auf Erden im physischen Leibe 
leben und den Seelen, die hinauf gegangen sind in die geistige Welt. 
Eine Gemeinsamkeit wird da sein, wenn wir die Tatsachen verste- 
hen und uns richtig erfullen mit dem, was die Geisteswissenschaft ge- 
ben kann. Ja wahrhaftig, die Einsicht in den Zusammenhang zwischen 
Geistigem und Physischem, sie kann uns in der richtigen Weise stellen 
auch zu dem grofien Ernste unserer Zeit, und uns ganz fuhlen lassen, 
wie dasjenige, was geschieht, nur allein wird gerechtfertigt werden 
konnen von uns vor der Zukunft, wenn es genommen wird zum An- 
lasse eines grolSen, bedeutsamen Menschheitsringens und Menschheits- 
arbeitens auch auf dem physischen Plan. Erfullen mufi sich dasjenige, 
was wir schon gestern betonten, aus dem richtigen Verstandnis zwi- 
schen geistiger und physischer Welt, erfullen mufi sich dasjenige, was 
in den Worten liegt: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geist-bewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



VIERTER VORTRAG 
Stuttgart, 22. November 1915 



Es sind ja durch die grofien Ereignisse der Zeit schon viele derjenigen 
Seelen, die ihr Streben dem unsrigen verbunden haben, durch die Pf orte 
des Todes gegangen. Wie ich bereits im Verlaufe dieser kriegerischen 
Zeiten hier von diesem Orte Ihnen andeuten durfte: gerade durch das- 
jenige, was mit diesen Seelen erlebt worden ist, hat es sich bestatigen 
konnen, dafi die Seelen, die aus dem Kampfe heraus durch die Pforte 
des Todes gegangen sind, weiterhin mitleben dasjenige, was die grofie 
Zeit von ihnen fordert. Sie leben verbunden mit dem Geiste ihres Vol- 
kes, sie kampfen weiter mit den geistigen Waffen. Gerade das aber, 
meine lieben Freunde, obliegt uns insbesondere diesen Seelen gegen- 
iiber: unsere liebenden Gedanken, unsere innigsten, uns in Liebe mit 
ihnen verbindenden Impulse zu vereinigen. Es wird, wenn der Sturm 
der Ereignisse vorbei ist — in den ja insbesondere diese Seelen, auch wenn 
sie schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, hineinverflochten 
sind, allerdings im besten Sinne oder wenn die Zeit uberhaupt ge- 
eignet ist, die Moglichkeit kommen, gerade mit jenen Gedanken und 
Vorstellungen, die uns beseelen miissen fur diese teuren Toten, deren 
Totenfest zu begehen. 

Auch sonst hat gerade in dieser sturmbewegten Zeit die Macht des 
Todes ihre Mahnungen ausgebreitet innerhalb unserer Reihen. Gerade 
am heutigen Tage haben wir den Elementen der Erde iibergeben die 
irdische Hiille unserer lieben Freundin Sophie Stinde. Zahlreiche See- 
len auch aus dieser Stadt werden sich ja im tiefsten Sinne mit dieser, 
einer der treuesten Mitarbeiterinnen innerhalb unserer Reihen, tief ver- 
bunden fuhlen. Es wird, wenn ich in den nachsten Tagen in Munchen 
in der Lage sein werde zu sprechen, zu meinen Pf lichten gehoren — aber 
zu den Pflichten, die in tiefster Liebe geleistet werden auch noch in- 
nerhalb unserer Geistesstromung der teuren Sophie Stinde zu gedenken. 

In vieler Beziehung, meine lieben Freunde, sind wir so an dasjenige 
gemahnt worden, was ja, all die anderen Lebensratsel wie zusammen- 
fassend, in der Mitte vieler Ratselfragen des Daseins steht: an den Tod. 



An den Tod, der oftmals so schmerzvoll, immer aber so ratselhaft ge- 
rade fiir diejenigen, die fiir Lebensratsel Empfindung haben, sich hin- 
einstellt in das irdische Dasein, und der innerhalb des irdischen Da- 
seins selber etwas ist, was seine Aufklarung niemals durch dieses irdi- 
sche Dasein selber finden kann. Es ist gewifi im tiefsten Sinne begriin- 
det, wenn die beiden Gedanken zusammengebracht werden, welche 
einmal gebracht wurden in dem Thema auch eines der offentlichen 
Vortrage «Das Geheimnis des Todes und die Ratsel des Lebens». Denn 
eine Betrachtung, welche sich iiber den Tod ergeht, bezieht sich nicht, 
wie so manche gerade im materialistischen Lager glauben, nur auf 
etwas, was dem Erdenleben feme steht, was den Erdenmenschen ei- 
gentlich nichts angeht. Sondern auch eine Weltanschauungsbetrach- 
tung iiber den Tod bringt aus den Tiefen des Daseins solche Erkennt- 
nisse heraus, welche, gerade vom Todesgeheimnis aus, das Leben auch 
hier auf der Erde zu einem starken, zu einem sinnvollen machen. Und 
deshalb mufi man sich auch nicht vom Gesichtspunkte der Weltan- 
schauung aus abhalten lassen, gerade zur Erklarung, zur Aufhellung 
des Lebens an das Ratsel, an das Geheimnis des Todes heranzugehen. 

Und so sei denn in dieser Zeit, wo der Tod auf der einen Seite uns 
gerade im letzten Jahr so viel auch in unseren Reihen nahegestanden 
hat, und wo er aufierdem so hundertfaltig uns entgegentritt durch die 
geschichtlichen Ereignisse, in denen wir stehen, das Geheimnis des To- 
des in die Betrachtungen dieser Tage in mancherlei Weltanschauungs- 
fragen hineinverwoben. Wir konnen, indem wir an das Geheimnis des 
Todes herantreten, den Tod da betrachten, wo er sich sozusagen noch 
voll in das unmittelbare Leben hineinstellt. Der Tote selber nimmt 
ja Abschied von diesem Sinnenleben, er betritt eine neue Sphare. Aber 
er bleibt vorhanden in dem Schmerze derer, die er verlassen hat; er 
bleibt vorhanden in den Gedanken, die in jenen leben, bei denen durch 
den Toten Gedanken, Empfindungen, Gefuhle angeregt werden durf- 
ten, solange der Tote unter den Lebenden weilte. Und es war nicht nur 
eine scheme, aus den tiefsten menschlichen Bedurfnissen hervorgehende 
Sitte, alliiberall, wo das menschliche Herz nicht kalt und diirr ist, auch 
im allgemeinen fiir die Toten Feste anzusetzen, Totenfeste. Auch in 
unsere Zeit ragen sie herein, die Totenfeste, im Allerseelentag der Ka- 



tholiken, in dem Totenfeste der evangelischen Konfession, und man- 
ches andere Totenfest ragt mehr oder weniger individuell auch in un- 
sere Zeit herein. Wer sollte nicht das Gefiihl haben, dafi in dem Herein- 
ragen dieser Totenfeste selbst eine materialistische Zeit ihren Tribut ab- 
tragt an das spirituelle Leben? Selbst wenn der Materialismus die See- 
len schon so angefressen hat, dafi sie es nur unbewufit tun: auch ma- 
terialistische Seelen werden davor zuriickschrecken, anders als mit 
vertiefter Seele, mit vertieftem Herzen an dasjenige heranzutreten, was 
sich mit den iiblichen Totenfesten verbindet. Die Toten bleiben in dem, 
was die noch Lebenden fur sie fuhlen, empfinden und denken konnen, 
im Leben herinnen. Und so konnen wir auch, wenn wir den Tod im 
allerengsten Sinne betrachten, diese Betrachtung des Todes noch mitten 
im Leben beginnen. 

Wir wissen ja aus den allgemeinen Betrachtungen, die durch viele 
Jahre hindurch gepflogen worden sind, dafi wir niemals sagen diirfen: 
Hier stent die physisch-sinnliche Welt, und abgesondert von ihr steht 
die geistige Welt. - Die physisch-sinnliche Welt reicht in die geistige 
Welt hinauf , und die geistige Welt reicht in die physisch-sinnliche Welt 
herunter. Und wenn auch die aufieren Sinne des Menschen die physisch- 
sinnliche Welt nur im Sinnensein sehen, so ist doch, wie die Luft im 
groben Sinne sich unmittelbar ausbreitet, der Geist alliiberall ausge- 
breitet und durchwellt und durchwogt alles das, was der Mensch im 
physischen Leben mit normalen Sinnen eben nur sinnlich sieht. Und 
diejenigen, die durch die Pforte des Todes hindurchgegangen sind, die 
in der geistigen Welt sind, ragen herein in unsere sinnliche Welt mit 
ihren Impulsen und Kraften. So dafi wir sagen konnen: Wenn auch 
hinter der Schwelle des normalen Bewufitseins das Band liegt, das die 
im physischen Leibe Lebenden mit den im Geiste lebenden Toten ver- 
bindet, so ist dieses Band doch ein reales. Und demjenigen, der in Gei- 
steswissenschaft sich vertieft, mufi so manches Ratsel aufgehen, das 
notwendig gelost werden mufi, um das Leben zu verstehen da, wo es 
verstanden werden mufi nicht vom theoretischen, sondern vom Le- 
bensstandpunkt aus selber, von dem Lebensstandpunkt aus, den nicht 
nur das Denken, den die Seele in ihrem ganzen Inhalt und in ihrem 
ganzen Umfange einnimmt. 



Versuchen wir uns das, was wir uns ja aus dem gewohnlichen Le- 
ben klarmachen konnen in bezug auf den Tod, einmal vorzustellen. 
Der Tote geht von uns fort. Was sich aufierlich andert, ist, dafi unsere 
Augen ihn nicht mehr sehen, dafi wir unseren Handedruck nicht mehr 
mit ihm tauschen konnen, unsere Worte gehen nicht mehr von uns zu 
ihm, von ihm zu uns. Das, was von seinen Gefuhlsstromen als Warme in 
unser Herz sich ergossen hat, stromt nicht mehr in der sinnlichen Welt 
zu uns. Er hat uns wahrend der Zeit, in der wir mit ihm zusammen- 
leben konnten, mit Hilfe seines sinnlichen Leibes, desjenigen, womit er 
sich umkleidet hat in der physischen Welt, das Bild immer von neuem 
vorgezaubert, das wir von ihm haben konnten. Die eingetretene Ver- 
anderung besteht darin, dafi wir nun, wenn die Seele, der wir nahe- 
gestanden haben, durch die Pforte des Todes von uns gegangen ist, 
nicht mehr die Hilfe haben fiir unsere Verbindung mit dieser Seele, die 
dadurch bewirkt wird, dafi das Bild dieses Menschen mit Hilfe der 
sinnlichen Impulse, die von ihm ausgehen, in uns erzeugt wird mit 
alledem, was es wachruft an Empfindungen, Gefuhlen, Willensimpul- 
sen, an Liebefahigkeit, an Sympathie und Antipathic Was von die- 
sem Zeitpunkte an, wo die Seele von uns durch die Pforte des Todes 
hinweggeschritten ist, in uns weiterlebt, ist das Bild, das nun in uns 
selber sein mufi, das uns innerlich durchdringt. Wenn wir dieses Bild 
aus der Imagination, als welche es ja fortlebt in unserem Atherleibe, 
insbesondere aber im Astralleibe und im Ich - was uns allerdings im 
normalen Bewufitsein unbewufk bleibt -, wenn wir dieses zum Be- 
wufitsein des physischen Daseins erheben wollen, so miissen wir es von 
innen heraus erstehen lassen. Das, was wir bewahrt haben in uns von 
unserem Verhaltnis zu dem Toten, miissen wir aus dem innersten See- 
lengrund, das heifit aus dem Ich und Astralleib ergiefien in die Teile 
unseres Menschenwesens, die uns das Bewulksein und die Vorstellung 
erzeugen: in den Atherleib und physischen Leib. 

Als die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch bei 
uns war, erzeugte sie noch das Bild; das Bild strahlte uns von aufien 
an, wir brauchten mit dem, was unsere Seele zu geben hat, nur dem 
Bild entgegenzukommen. Wenn der Tote von uns gegangen ist, dann 
sind wir darauf angewiesen, selber dasjenige, was wir von ihm bewahrt 



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haben, in unsere aufiere Menschenhiille hineinzugiefien, damit der Be- 
griff, die Vorstellung, das Bild von ihm vor unsere Seele treten kann. 
Uns unterstiitzt dann nicht mehr - wie bei der Erinnerung an den Be- 
kannten, der noch im Leben auf der Erde weilt - der Gedanke, dafi wir 
diese Erinnerung nicht als einziges haben, dafi wir ihn auch noch 
aufierlich erblicken konnen. Das ist fur uns eben der gewaltige Ein- 
schnitt, dafi wir uns von nun an, solange wir nicht selber durch die 
Pforte des Todes gegangen sind, auf die Erinnerung angewiesen sehen. 

Diese Erinnerung an unbewufite Krafte in uns kann ja nimmer- 
mehr ausgeloscht werden in unseren tiefen Seelengliedern, im Ich und 
Astralleib. Und wenn wir des Nachts in den Schlaf hineingehen, wenn 
aus unserem gewohnlichen Tagesbewufitsein die Eindriicke der phy- 
sischen Aufienwelt versinken, wenn versinken alle die Gedanken, die 
wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben konnen, dann leuchten 
auf in dem, was wir in unserem Ich und Astralleibe aus unserem Leibe 
heraustragen, die Imaginationen, die lichten Bilder derjenigen Person- 
lichkeiten, mit denen wir verbunden waren und die von uns hinweg- 
gegangen sind durch die Pforte des Todes. In dem Teile unseres We- 
sens, der in uns lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da leben 
die Toten mit uns, wie die Lebendigen der Erde mit uns leben vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unser waches Tagesbewufitsein ver- 
danken wir eben dem Umstand, dafi wir mit unserem physischen Leibe, 
der uns mit dem Atherleibe zusammen das Tagesbewufitsein vermittelt, 
durch vier Stadien unserer Erdenentwickelung gegangen sind. Und 
es entzieht sich uns das nachtliche Bewufitsein aus dem Grunde, weil 
unser Ich ja erst wahrend der Erdenentwickelung in uns eingezogen 
ist und der Astralleib erst wahrend der Mondenentwickelung. Was 
wir erleben konnen, wenn wir unsere Toten erheben in das Ich und den 
Astralleib, das werden wir erst in spateren Epochen unserer Erdenent- 
wickelung so erleben wie jetzt das Leben der Lebendigen der Erde, das 
heifit im normalen, wachen Tagesbewufitsein. Das Ich ist das jiingste 
Glied, das mufi sich erst durchringen zu einem Bewufitsein, welches 
so Wachbewufitsein sein kann wie das jetzige Tagesbewufitsein, das 
dadurch errungen, verursacht wird, dafi unser Ich und Astralleib ver- 
bunden sind mit dem physischen und Atherleib. Der physische Leib ist 



durch vier Stadien der Erdenentwickelung gegangen, der Atherleib ist 
durch drei Stadien gegangen, der Astralleib aber nur durch zwei Sta- 
dien, und das Ich ist erst durch ein Stadium gegangen. 

So ruhen diejenigen, die Geister geworden sind, die unverkorperte 
Seelen geworden sind, in dem Elemente, das wir selbst durchleben 
wahrend unseres Schlafes. Aber in unser Tagesbewufitsein herein kon- 
nen wir sie nurmehr aus unseren Erinnerungen zur Vorstellung bringen. 
Es ist ja eine andere Kraft, die da bewirkt, daft ein geistiger Impuls in 
uns lebt, und eine andere Kraft, die bewirkt, daft ein solcher geistiger 
Impuls in uns zum Bewufitsein kommt. Die Eindrucke auf unsere 
Sinne entstehen dadurch, daft sie von aufien auch in den physischen 
Leib und den Atherleib einfliefien konnen. Fur dasjenige aber, was 
im Ich und Astralleibe nur sein kann, hat unsere jetzige normale Ent- 
wickelung noch nicht geniigend Kraft, es so in den Atherleib und phy- 
sischen Leib hinein zu drangen und zu pressen, daft es fur uns Vorstel- 
lung wird. Dennoch ist eine Verbindung tief geistiger Art vorhanden. 
Denn gerade in den zartesten Gliedern unserer Wesenheit sind wir un- 
zertrennlich verbunden mit den sogenannten Toten. Fur diese Ver- 
bindung bildet der aufiere Tod keinen Einschnitt, kaum eine Umwand- 
lung. In diesen zarten Gliedern, in dem Ich und Astralleibe, da leben 
die Toten so wie die Lebendigen, da leben diejenigen, die aus unseren 
Reihen heraus Geisteswesen geworden sind. 

Blicken wir ihnen nach mit den Mitteln der Erkenntnis, die wir 
haben gewinnen konnen im Laufe des Lebens. Es ist ja hier ofter betont 
worden, wie ganz andersartig das Verhaltnis eines Wesens iiberhaupt, 
also auch eines Menschenwesens, ist zu seiner Umgebung, wenn dieses 
Wesen nicht wie wir in der physischen Welt einen physischen Leib 
oder einen Atherleib hat, Wenn derjenige, der durch die Pforte der 
Initiation gegangen ist, fur seine Erkenntnis den physischen und den 
Atherleib verlafit, dann lebt er in seiner geistigen Umgebung; so lebt 
er darin, wie auch der Tote darinnen lebt. Und ich habe es ofter be- 
tonen miissen, wie ganz andersartig das Verhaltnis zu der geistigen 
Welt ist, welcher der Wahrnehmende dann selbst angehort, wenn er 
ein entkorpertes Menschenwesen ist oder ein Wesen der Hierarchien 
oder ein Wesen der elementaren Welt. Wir haben betonen miissen, daft 



wir selbst die Worte anders wahlen miissen, die andeuten sollen, wie 
dann das Verhaltnis 1st des geistigen Wesens zu seiner Umgebung ge- 
geniiber dem Verhaltnis eines im physischen Leibe verkorperten We- 
sens zu seiner Umgebung. 

Hier in der physischen Welt machen die Dinge und Wesenheiten 
der Aufienwelt auf uns einen Eindruck. Wir stehen da, die Wesenheiten 
stehen aufier uns. Das, was sie ausstrahlen, zieht durch unsere Sinne in 
unsere Seele hinein. Und wir sagen, indem wir ein Bewufitsein davon 
haben: Wir stehen hier eingeschlossen in die Grenzen des Leibes. Die 
anderen Wesen stellen wir vor; wir nehmen sie wahr. — Wenn wir in 
die geistige Welt hineinkommen, miissen wir schon das Wort anders 
wahlen: Als geistiges Wesen werden wir wahrgenommen von den an- 
deren geistigen Wesen. Tiere nehmen wir wahr, insofern sie sinnliche 
Verkorperungen sind, Pflanzen nehmen wir wahr, die Menschen neh- 
men wir wahr. Indem wir nun selbst in die geistige Welt hineingehen, 
werden wir wahrgenommen von den Wesen der Angeloi, der Archan- 
geloi, der Archai und so weiter. Und wahrend wir hier sagen: Wir 
sehen die Pflanzen, die Tiere, die Menschen -, haben wir zu sagen, 
wenn wir in die geistige Welt eintreten: Wir erleben in uns etwas, und 
dieses Erleben bedeutet, die Geistesaugen eines anderen Wesens ruhen 
auf uns. Wir werden wahrgenommen. - Dieses Wahrgenommenwerden, 
dieses Wissen, dafi auf uns geschaut wird, das unterscheidet unser Le- 
ben in der geistigen Welt von dem Leben in der physischen Welt. 

Die Worte schon miissen, wenn man im eigentlichen Sinne spricht, 
umgewandelt werden, denn es ist alles ganz anders in der geistigen 
Welt. Und um es figurlich und doch wiederum mehr als figiirlich aus- 
zudriicken: Wenn ein Wesen aus der geistigen Welt in die sinnliche 
Verkorperung kommt, dann mufi es sich darauf gefafit machen, dafi 
es allmahlich lernen mufi - auch das Kind mufi das ja lernen -, durch 
die physischen Sinne nach aufien zu schauen, eine Welt von aufien zu 
empfangen, ein Ich zu werden, das die Welt von aufSen empfangt. 
Wenn ein Wesen durch die Pforte des Todes oder auf eine andere Art 
in die geistige Welt aus der sinnlichen Welt eintritt, mufi es sich daran 
gewohnen, sich zu sagen: Du bist ein Ich, aber ein Ich, das nicht iso- 
liert in der Welt lebt, das innerlich immer wiederum etwas erlebt, so wie 



es etwa die Erinnerungsvorstellungen erlebt hat, die aus dem Unter- 
grunde der Seele herauftauchen. Aber jetzt weifit du: Was da auf- 
taucht, sind die in dich hineingetretenen Vorstellungen, Gedanken, 
Empfindungen der anderen Wesen, die mit dir in der geistigen Welt 
zusammenleben. - So wie von aufien in uns hereintreten die Eindriicke, 
die wir von der Sinnenwelt, von den Sinneswesen bekommen, so treten 
in unserem Inneren die Vorstellungen und Empfindungen von Wesen 
auf , die in der geistigen Welt sind. Aber wir wissen, diese Vorstellungen 
und Empfindungen, die in uns auftreten aus dem dann fur uns wesent- 
lichen Inneren, die ruhren her von geistigen Wesen, die mit uns sind. 
Da sind wir in der geistigen Welt, da tritt in uns eine Vorstellung auf, 
die Vorstellung eines Wesens, das wir lieben miissen, eines Wesens, 
das uns die Anregung gibt, dies oder jenes in der geistigen Welt zu voll- 
bringen. Woher riihrt diese Vorstellung, wie kommt es, dafi sie in uns 
auftritt, wie hier die Erinnerungen? Das riihrt davon her: Ein anderes 
Wesen, ein Wesen der geistigen Welt hat sich uns genahert. Wir schauen 
es nicht von aufien an, wir wissen, dafi es da ist, weil es das, was in ihm 
lebt, in uns hineinsendet. Wir werden vorgestellt, wir werden wahrge- 
nommen, so miifiten wir sprechen gegeniiber dem, was in der geistigen 
Welt lebt. Dadurch wird das Erleben in der geistigen Welt nicht etwa 
abstrakter, nebelhafter, damit wird es nur um so lebendiger. Es wird 
so lebendig, was wir in der geistigen Welt erleben, wie nur lebendig 
sein kann das, was wir in der physischen Welt in unserer unmittelbaren 
Umgebung gegenwartig haben. So miissen wir uns bekanntmachen mit 
dem ganz andersartigen Zusammenleben mit den Wesen, die in der 
geistigen Welt sind. 

Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkte aus nach jenen, 
die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie treten ein in die 
Welt, von der sie sagen miissen: Ich lerne immer mehr kennen, wie ich 
wahrgenommen werde, wie in mich ihre Vorstellungen, Empfindungen 
und Gefiihle hineinsenden die entkorperten Menschen, die Elementar- 
wesen, die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der Archangeloi. 
Alle diese Wesen leben in mir. — Und wir blicken hinauf zu einem 
solchen Toten, und wir ahnen: So wie uns ein Mensch hier in der Sin- 
nenwelt entgegentritt und wir durch seine Haut das Blut erahnen, wir 



in seinen Ziigen die Arbeit seiner Nerven erahnen, so erahnen wir, 
indem wir den geistigen, den entkorperten Menschen schauen, wie 
durch das, was von uns erlebt wird an ihm, die Gedanken, die Emp- 
findungen der Angeloi, der Archangeloi, der Archai wirken. 

Hier in der physischen Welt tritt uns der physische Mensch ent- 
gegen. Er hat durch seine Seele und seine Entwickelung das tierische, 
pflanzliche und mineralische Sein geadelt. Aber dieses tierische, pflanz- 
liche und mineralische Sein, es tritt uns in ihm dennoch entgegen. Wenn 
uns ein Mensch hier im physischen Dasein entgegentritt: tief verborgen 
in seinem Inneren und leuchtend durch die Leibeshiille ist sein Seelisch- 
Geistiges. Doch das, was von seinen Impulsen in unser Auge hinein- 
strahlt, das, was in der Sinnenwelt auf uns wirkt, ist durchsetzt mit 
der bis zum Menschentum veredelten tierischen Natur; es tritt uns im 
Menschen die Tierheit geadelt entgegen, aber doch die Tierheit. Auch 
die Pflanzenwelt und das Mineralische, sie treten uns entgegen im Men- 
schen. Wir wissen: Die Reiche der Natur leben im Menschen auf einer 
hoheren Stufe. Und wiirde das Mineralreich nicht im Menschen leben, 
so wiirde uns niemals an der Stelle, wo uns der Mensch entgegentritt 
im Physischen, wirklich ein Mensch entgegentreten konnen, denn nur 
durch das, was er an Mineralischem in sich schliefit, kann er ja einen 
Eindruck in uns hervorrufen. Stehen wir als Geist einem geistigen We- 
sen gegeniiber, so blicken wir - wie wir hier bei dem physischen Men- 
schen die Tierheit sehen - bei dem geistigen Menschen in der geistigen 
Welt auf dasjenige, was in ihn, in diesen geistigen Menschen hinein- 
stromen lassen an Empfindungen, an Gedanken, seelenhaft die Ange- 
loi. Es ist herunterorganisiert bis zum Menschenleibe, was die Angeloi 
erleben. So wie hinauforganisiert ist die Tierheit in dem Menschen, 
so ist herunterorganisiert in der geistigen Welt dasjenige, was die An- 
geloi durchzuckt im Seelenleben des Menschen. Und wie hinauforga- 
nisiert ist das Pflanzenreich im Menschen, so ist herunterorganisiert 
in der geistigen Gestalt des Menschen dasjenige, was die Archangeloi 
in ihn hineinstromen lassen. Und ebenso wie das Mineralreich im sinn- 
lichen Menschen in uns aufglanzt und dadurch der sinnliche Mensch 
in uns wahrnehmbar wird, so ist dasjenige, was uns als geistiger Mensch 
in der geistigen Welt entgegentritt, dadurch eine in sich geschlossene 



Imagination, dafi die Archai das, was sie an formgebender Kraft, an 
bildender, gestaltender Kraft haben, hineingiefien in den Menschen. 
So wie die drei Naturreiche hier den physischen Menschen durchsetzen, 
so durchsetzen die Angeloi, Archangeloi und Archai den Geist des 
Menschen in der geistigen Welt. 

Wenn dann der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, 
so ist er ja — mit Ausnahme der allerersten Zeit - durch lange Zeiten 
verbunden mit seinem Astralleib und mit seinem Ich. Aber so, wie er 
da nun ist der Mensch in der geistigen Welt und von der Erde sich be- 
wahrt das Ich und den Astralleib, so konnen in ihn zunachst herein- 
wirken, so dafi sie ihn eigentlich wahrnehmbar machen, die Geister 
der Form und diejenigen Geister, die wir kennenlernen als die Ange- 
horigen der Hierarchie der Archai. So wie das eigentliche Mineral reich 
den Menschen hier sichtbar und fiihlbar macht, so macht das Reich der 
Archai und Geister der Form den Menschen zum festgeschlossenen We- 
sen in der geistigen Welt. Und so wie das Pflanzliche schon nicht mehr 
geschaut wird, sondern wie es hier in der physischen Welt im Menschen 
nur erahnt wird, so wird erahnt in der festgeschlossenen Gestalt des 
Menschen in der geistigen Welt dasjenige, was die Hierarchien in ihn 
einstromen lassen. So wie das Tier im Menschen uns hier nicht mehr 
tierisch entgegentritt, und nur die Geisteswissenschaft darauf aufmerk- 
sam macht, inwiefern die Tierheit einen Anteil hat am Menschen, so 
erkennt man in der geistigen Welt zunachst auch nicht den etwas ver- 
borgen bleibenden Anteil der Angeloi, der noch stark ist, solange der 
Mensch den Atherleib nicht abgelegt hat. Der verborgene Anteil der 
Angeloi bleibt, aber er kommt weniger zum Ausdruck, wenn man die 
Geistgestalt des Menschen in der geistigen Welt sieht. So begegnet uns 
in der Tat der Tote, wenn wir nach einiger Zeit zu ihm in Beziehung 
treten, so dafi wir sagen konnen: Er ist es; aber das, was ihm die fest- 
geschlossene Wesenheit gibt, das ist die Art und Weise, wie in ihn hin- 
einwirken die Geister der Form. Und was noch stark erahnt werden 
kann an ihm, das sind die Geister der Personlichkeit. - So gleichsam 
von oben, von den Hierarchien her organisiert, tritt uns dann der Tote 
entgegen, wie uns hier das Physische, durchorganisiert von der mine- 
ralischen Welt, entgegentritt. 



Wenn wir nun von einer Menschenseele verlassen worden sind, da- 
durch dafl sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann bewah- 
ren wir hier im Rahmen unseres physischen Bewufitseins das Erinne- 
rungsbild. Alles das, was uns teuer ist an dem Toten, bewahren wir in 
uns. Das ist eine andere Erinnerung, als die Erinnerungen sind, die 
wir sonst im aufieren Leben haben. Denken Sie nur, wie unsere ande- 
ren Erinnerungen sind. Was sind sie denn? Sie sind Gedanken iiber 
etwas, was nicht mehr da ist, denn dadurch sind sie gerade Erinnerun- 
gen. Dasjenige, an das wir uns erinnern, das ist nicht da, es geschieht 
nicht in dem Augenblicke, in dem wir uns erinnern. Der Inhalt un- 
serer Erinnerungsvorstellungen ist nicht da, wirkt jetzt nicht. Wenn 
wir uns desjenigen erinnern, was das Wesen einer Seele ist, die uns 
verbunden war und die durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann 
haben wir den Gedanken an diesen Toten; aber er selbst, der Tote, ist 
da, ist in unmittelbarer Gegenwart da, ist ein reales Wesen der gei- 
stigen Welt. Da haben wir nicht blofi eine Erinnerungsvorstellung, da 
haben wir eine Vorstellung in der Seele, die zwar auch eine Erinne- 
rungsvorstellung ist, der aber ein reales geistiges Wesen entspricht. In 
uns lebt die Vorstellung, und draufien in der geistigen Welt lebt der 
Tote. Das Wesen ist da, und die Vorstellung ist da. In uns also, wenn 
wir verehrend dem Toten nachblicken, wenn wir in treuem Gedenken 
dasjenige in uns gegenwartig machen, was der Tote uns war, in un- 
serem Wachbewufitsein tritt die Imagination, tritt das Bild des Toten 
auf. Da ist es. Was heifit das? Das heifit: es ist da in einem lebendig 
tatigen Prozefi in unserem physischen und Atherleibe. 

In unserem physischen und in unserem Atherleibe stellen wir fur 
das andere Leben, das nicht gewidmet ist der Erinnerung an teure 
Tote, das vor, kombinieren in unseren Gedanken dasjenige, was in 
der physischen Welt ist. Rufen wir das Bild, das Gedanken- oder 
Empfindungsbild oder das Gefuhlsbild des Toten in uns hervor, dann 
lebt fur dieses Bild in unmittelbarer Gegenwart ein Wesen, durch das 
blicken, ihre Vorstellungen in ihm verbindend, Engel und Erzengel. 
Bedenken Sie, wenn wir die Gedanken, die Empfindungen auf Hebe 
Tote hinrichten, da ist mehr, viel mehr vorhanden, als im gewohn- 
lichen normalen Zusammenleben vorhanden ist an Beziehungen zwi- 



schen der geistigen und der sinnlichen "Welt. Da ist etwas vorhanden, 
was auch, ich mochte sagen, nicht vorhanden sem konnte. Und eine 
Frage richtet sich auf vor dem Geistesforscher: Was bedeutet nun fur 
die Toten die Tatsache, dafi wir leben in der "Welt, die sie verlassen 
haben, in dem Reiche, dessen Hiille sie abgelegt haben, was bedeutet 
fur diese Toten, die da leben, der Umstand, dafi wir in unserem Wach- 
bewufksein, das heifit im physischen und Atherleibe das, was uns mit 
ihnen verbindet, hervorrufen? Fur den Geistesforscher entsteht diese 
Frage, eine Frage, die scheinbar recht intimer Natur ist, die aber, wenn 
der Geistesforscher sie lost, ich glaube, viele Lichter wirft auf die Ge- 
heimnisse des Lebens. 

Denn wir konnen diese Frage noch anders, von dem Gesichtspunkte 
des unmittelbaren Lebens aus stellen, des Lebens, das allerdings nicht 
immer vorhanden ist, das aber die Menschen dennoch suchen auf die 
Art, wie ich es vorhin angedeutet habe. Stellen wir die Frage so: Was 
bedeutet es denn eigentlich fur die gesamte Realitat, wenn an einem 
Totengedenktage, am Allerseelentage oder einem anderen Totenfest- 
tage, die Seelen der Menschen, die hier auf Erden in ihren Leibeshullen 
leben, nach den Grabern gehen oder in Gedanken sich mit ihren Toten 
vereinigen? Was bedeutet es, wenn wir uns selber unsere Erinnerungs- 
tage oder Erinnerungsstunden an die Toten machen? Wenn wir ihnen 
in unserem Sinne vorlesen? Wenn wir etwas tun, um uns mit ihnen zu 
vereinigen und besonders das lebendig zu machen, was uns mit ihnen 
dauernd verbindet? Mit anderen Worten jetzt: Was bedeutet es, wenn 
wir uns im Wachbewufitsein das wach rufen, was uns mit den Toten 
verbindet? - So kann auch diese Frage vor das Bewufitsein des Geistes- 
forschers hintreten. 

Da mufi er es ausdrucken durch etwas anderes, was sich ihm nun 
aus derGeistesforschungheraus ergibt.Man kann gerade die wichtigsten 
Tatsachen der geistigen Welt im Grunde nur bildlich ausdrucken. Man 
mufi nach Vergleichen suchen, wenn man die Dinge der geistigen Welt 
ausdrucken will. Denn fur das gewohnliche Leben sind ja unsere Worte 
gepragt, fur die physische Welt, und so unmittelbar mit den Worten 
der physischen Welt konnen wir nicht spr
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