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rudolf steiner gesamtaus gabe
vortrAge
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GE SELL SCH AFT
RUDOLF STEINER
Der menschliche
und der kosmische Gedanke
Vier Vortrage, gehalten in Berlin
vom 20. bis 23. Januar 1914
wahrend der zweiten Generalversammlung
der Anthroposophischen Gesellschaft
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Caroline Wispier
1. Auflage (Zyklus 33) Berlin 1915
2. Auflage (Zyklus 33, Zweitdruck) Berlin 1931
3. Auflage (erste Buchausgabe) Dornach 1949
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1961
5. Auflage, mit den Textunterlagen neu verglichen,
Gesamtausgabe Dornach 1980
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990
Bibliographie-Nr. 151
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
auf Grund der Vorlagen in den Vortragsnachschriften
ausgefiihrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1510-X
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge -
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ErsterVortrag, Berlin, 20. Januar 1914 9
Dcr Aufstieg vom starren zum bewegten Gedanken als Aufstieg vom
Reich der Geister der Form zum Reich der Geister der Bewegung
2 we iter Vort rag, 21. Januar 1914 26
Die Moglichkeit der Betrachtung der Welt von zwolf verschiedenen
Standpunkten aus durch zwolf gleichberechtigte Weltanschauungen
DritterVortrag, 22. Januar 1914 47
Die Beziehungen der sieben Weltanschauungsstimmungen (Planeten)
zu den zwolf Weltanschauungsnuancen (Tierkreis). Der dreifache
Seelenton der Weltanschauungen (Sonne, Mond und Erde). Die Son-
derstellung des Anthropomorphismus (Erde)
VierterVortrag, 23- Januar 1914 67
Das Darinnenstehen des Menschen im geistigen Kosmos vom Stand-
punkte einer spirituellen Astrologie. Der Mensch als Gedanke der Hier-
archien
Hinweise:
Zu dieser Ausgabe 85
Hinweise zum Text 85
Namenregister 88
Verzeichnis wesentlicher Textkorrekturen 89
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 91
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 93
ERSTER VORTRAG
Berlin, 20. Januar 1914
In diesen vier Vortragen, die ich im Verlaufe unserer Generalver-
sammlung vor Ihnen werde zu halten haben, mochte ich sprechen
iiber den Zusammenhang des Menschen mit dem Weltall von einern
gewissen Gesichtspunkte aus. Und diesen Gesichtspunkt mochte ich
mk folgenden Worten andeuten.
Der Mensch erlebt in sich das, was wir den Gedanken nennen
konnen, und in dem Gedanken kann sich der Mensch als etwas un-
mittelbar Tatiges, als etwas, was seine Tatigkeit iiberschauen kann,
erfuhlen. Wenn wir irgendein aufieres Ding betrachten, zum Bei-
spiel eine Rose oder einen Stein, und wir stellen dieses aufiere Ding
vor, so kann jemand mit Recht sagen: Du kannst niemals eigentlich
wissen, wieviel du in dem Steine oder in der Rose, indem du sie
vorstellst, von dem Ding, von der Pflanze, eigentlich hast. Du
siehst die Rose, ihre aufiere Rote, ihre Form, wie sie in einzelne
Blumenblatter abgeteilt ist, du siehst den Stein mk seiner Farbe,
mit seinen verschiedenen Ecken, aber du mufit dir immer sagen: Da
kann noch etwas drinnenstecken, was dir nicht nach aufien hin er-
scheint. Du weifit nicht, wieviel du in deiner Vorstellung von dem
Steine, von der Rose eigentlich hast.
Wenn aber jemand einen Gedanken hat, dann ist er es selber,
der diesen Gedanken macht. Man mochte sagen, in jeder Faser
dieses seines Gedankens ist er drinnen. Daher ist er fur den ganzen
Gedanken ein Teilnehmer seiner Tatigkeit. Er weifi: Was in dem
Gedanken ist, das habe ich so in den Gedanken hineingedacht, und
was ich nicht in den Gedanken hineingedacht habe, das kann auch
nicht in ihm drinnen sein. Ich uberschaue den Gedanken. Keiner
kann behaupten, wenn ich einen Gedanken vorstelle, da konnte in
dem Gedanken noch soundso viel anderes drinnen sein wie in der
Rose und in dem Stein; denn ich habe ja selber den Gedanken er-
zeugt, bin in ihm gegenwartig, weifi also, was drinnen ist.
Wirklich, der Gedanke ist unser Ureigenstes. Finden wir die Be-
ziehung des Gedankens zum Kosmos, zum Weltall, dann finden wir
die Beziehung unseres Ureigensten zum Kosmos, zum Weltall. Das
kann uns versprechen, dafi es wirklich ein fruchtbarer Geskhtspunkt
ist, einmal die Beziehung des Menschen zum Weltall vom Gedan-
ken aus zu betrachten. Wir werden also diese Betrachtung anstel-
len, und sie wird uns in bedeutsame Hohen anthroposophischer
Betrachtung fuhren. Aber wir werden heute einen Unterbau auf-
zurichten haben, der vielleicht manchem von Ihnen etwas abstrakt
vorkommen mag. Aber in den nachsten Tagen werden wir sehen,
daft wir diesen Unterbau brauchen und dafi wir ohne ihn uns nur mit
einer gewissen Oberflachlichkeit den hohen Zielen nahern konnen,
die wir in diesen vier Vortragen anstreben. Das also, was eben gesagt
worden ist, verspricht uns, dafi der Mensch, wenn er sich an das halt,
was er im Gedanken hat, eine intime Beziehung seines Wesens zum
Weltall, zum Kosmos, finden kann.
Nur hat die Sache eine Schwierigkeit, wenn wir uns auf diesen
Geskhtspunkt begeben wollen, eine grofie Schwierigkeit. Ich meine
nicht fur unsere Betrachtung, aber fur den objektiven Tatbestand
hat es eine grofie Schwierigkeit. Und diese Schwierigkeit besteht
darin, dafi es zwar wahr ist, dafi man in jeder Faser des Gedankens
drinnen lebt und daher den Gedanken, wenn man ihn hat, von alien
Vorstellungen am intimsten kennen mufi; aber, ja aber - die mei-
sten Menschen haben keine Gedanken! Und dies wird gewohnlich
nicht mit aller Griindlichkeit durchdacht, dafi die meisten Menschen
keine Gedanken haben. Aus dem Grunde wird es nicht mit aller
Griindlichkeit durchdacht, weil man dazu - eben Gedanken
brauchte! Auf eines mufi zunachst aufmerksam gemacht werden.
Was im weitesten Umkreise unseres Lebens die Menschen verhin-
dert, Gedanken zu haben, das ist, dafi die Menschen fur den ge-
wohnlichen Gebrauch des Lebens gar nicht immer das Bediirfnis
haben, wirklich bis zum Gedanken vorzudringen, sondern dafi sie
statt des Gedankens sich mit dem Worte begniigen. Das meiste von
dem, was man im gewohnlkhen Leben Denken nennt, verlauft
namlich in Worten. Man denkt in Worten. Viel mehr, als man
glaubt, denkt man in Worten. Und viele Menschen sind, wenn sie
nach einer Erklarung von dem oder jenem verlangen, damit zufrie-
den, dafi man ihnen irgendein Wort sagt, das einen fur sie bekann-
ten Klang hat, das sie an dieses oder jenes erinnert; und dann halten
sie das, was sie bei einem solchen Wort empfinden, fur eine Er-
klarung und glauben, sie hatten dann den Gedanken.
Ja, das, was ich eben gesagt habe, das hat in der Entwickelung
des menschlichen Geisteslebens zu einer bestimmten Zeit dazu ge-
fuhrt, eine Ansicht heraufzubringen, welche heute noch viele Men-
schen, die sich Denker nennen, teilen. In der Neuauflage meiner
«Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert»
habe ich versucht, dieses Buch ganz griindlich umzugestalten, in-
dem ich eine Entwickelungsgeschichte des abendlandischen Gedan-
kens vorausgeschickt habe, angefangen vom 6. vorchristlichen Jahr-
hundert bis herauf ins 19. Jahrhundert, und indem ich dann am
Schlusse zu dem, was gegeben war, als das Buch zuerst erschien, hin-
zufugte eine Darstellung des, sagen wir, gedanklichen Geisteslebens
bis in unsere Tage herein. Auch der Inhalt, der schon da war, ist
vielfach umgestaltet worden. Da habe ich denn zu zeigen gehabt,
wie der Gedanke in einem bestimmten Zeitalter eigentlich erst
entsteht. Er entsteht wirklich erst, man konnte sagen, um das 6.
oder 8. vorchristliche Jahrhundert. Vorher erlebten die mensch-
lichen Seelen gar nicht das, was man im rechten Sinne des Wortes
Gedanken nennen kann. Was erlebten die menschlichen Seelen vor-
her? Sie erlebten vorher Bilder. Und alles Erleben der Aufienwelt
geschah in Bildern. Von gewissen Gesichtspunkten aus habe ich das
oftmals gesagt. Dieses Bilder-Erleben ist die letzte Phase des alten
hellseherischen Erlebens. Dann geht fur die menschliche Seele das
Bild in den Gedanken iiber.
Was ich in diesem Buche beabsichtigte, ist, dieses Ergebnis der
Geisteswissenschaft einmal rein durch Verfolgung der philoso-
phischen Entwickelung zu zeigen. Ganz nur auf dem Boden der
philosophischen Wissenschaft bleibend, wird gezeigt, dafi der Ge-
danke einmal im alten Griechenland geboren worden ist, dafi er ent-
steht dadurch, dafi er herausspringt fur das menschliche Seelen-
erleben aus dem alten sinnbildlichen Erleben der Aufienwelt. Dann
versuchte ich zu zeigen, wie dieser Gedanke weitergeht in Sokrates,
in Plato, Aristoteles, wie er bestimmte Formen annimmt, wie er sich
weiter heraufentwickelt und dann im Mittelalter zu dem fiihrt, was
ich jetzt erwahnen will.
Zu dem Zweifel fiihrt die Entwickelung des Gedankens, ob es
dasjenige uberhaupt geben konne in der Welt, was man allgemeine
Gedanken, allgemeine Begriffe nennt, zu dem sogenannten Nomi-
nalismus, zu der philosophischen Anschauung, dafi die allgemeinen
Begriffe nur Namen sein konnen, also uberhaupt nur Worte. Es gab
also fur diesen allgemeinen Gedanken sogar die philosophische An-
schauung, und viele haben sie noch heme, dafi diese allgemeinen
Gedanken uberhaupt nur Worte sein konnen.
Nehmen wir einmal, um uns das zu verdeutlichen, was eben ge-
sagt worden ist, einen leicht uberschaubaren und zwar allgemeinen
Begriff; nehmen wir den Begriff «Dreieck» als allgemeinen Begriff.
Derjenige nun, der da mit seinem Standpunkte des Nominalismus
kommt, der nicht hinwegkommen kann von dem, was als Nomina-
lismus sich in dieser Beziehung ausgebildet hat in der Zeit des 1 1 .
bis 13. Jahrhunderts, der sagt etwa folgendes: Zeichne mir ein Drei-
eck hin! - Gut, ich werde ihm ein Dreieck hinzeichnen, zum Bei-
spiel ein solches:
A
/ \
Schon, sagt er, das ist ein besonderes, spezielles Dreieck mit drei
spitzen Winkeln, das gibt es. Aber ich werde dir ein anderes hin-
zeichnen. - Und er zeichnet ein Dreieck hin, das einen rechten Win-
kel hat, und ein solches, das einen sogenannten stumpfen Winkel
hat.
V
/
\
;
'/ ''a
V*/////'///W / "/w | ' / """
So, jetzt nennen wir das erste ein spitzwinkliges Dreieck, das
zweite ein rechtwinkliges und das dritte ein stumpfwinkliges. Da
sagt der Betreffende: Das glaube ich dir, es gibt ein spitzwinkliges,
ein rechtwinkliges und ein stumpfwinkliges Dreieck. Aber das alles
ist ja nicht das Dreieck. Das allgemeine Dreieck mufi alles enthalten,
was ein Dreieck enthalten kann. Unter den allgemeinen Gedanken
des Dreiecks mufi das erste, das zweite und das dritte Dreieck
fallen. Es kann aber doch nicht ein Dreieck, das spitzwinklig ist, zu-
gleich rechtwinklig und stumpfwinklig sein. Ein Dreieck, das spitz-
winklig ist, ist ein spezielles, ist nicht ein allgemeines Dreieck; eben-
so ist ein rechtwinkliges und ein stumpfwinkliges Dreieck ein spe-
zielles. Ein allgemeines Dreieck kann es aber nicht geben. Also ist
das allgemeine Dreieck ein Wort, das die speziellen Dreiecke zu-
sammenfafit. Aber den allgemeinen Begriff des Dreiecks gibt es
nicht. Das ist ein Wort, das die Einzelheiten zusammenfafit.
Das geht natiirlich weiter. Nehmen wir an, es spricht jemand das
Wort Lowe aus. Nun sagt der, welcher auf dem Standpunkt des
Nominalismus steht: Im Berliner Tiergarten ist ein Lowe, im Hanno-
verschen Tiergarten ist auch ein Lowe, im Miinchner Tiergarten ist
auch einer. Die einzelnen Lowen gibt es; aber einen allgemeinen
Lowen, der etwas zu tun haben sollte mit dem Berliner, Hanno-
verschen und Miinchner Lowen, den gibt es nicht. Das ist ein blofies
Wort, das die einzelnen Lowen zusammenfafit. Es gibt nur einzelne
Dinge, und es gibt aufier den einzelnen Dingen, so sagt der Nomi-
nalist, nichts als Worte, welche die einzelnen Dinge zusammen-
fassen.
Diese Anschauung, wie gesagt, ist heraufgekommen; sie ver-
treten heute noch scharfsinnige Logiker. Und wer sich die Sache, die
jetzt eben auseinandergesetzt worden ist, ein wenig iiberlegt, wird
sich auch im Grunde genommen gestehen mussen: Es liegt da doch
etwas Besonderes vor; ich kann nicht so ohne weiteres darauf kom-
men, ob es nun wirklich diesen «L6wen im allgemeinen» und das
«Dreieck im allgemeinen» gibt, denn ich sehe es ja nicht recht.
Wenn nun wirklich jemand kame, der sagen wiirde: Sieh einmal,
lieber Freund, ich kann dir nicht zubilligen, dafi du mir den Miinch-
ner , den Hannoverschen oder den Berliner Lowen zeigst. Wenn du
behauptest, es gabe den Lowen «im allgemeinen», so mufit du mich
irgendwo hinfuhren, wo es den «L6wen im allgemeinen» gibt. Wenn
du mir aber den Munchner, den Hannoverschen und den Berliner
Lowen zeigst, so hast du mir nicht bewiesen, dafi es den «L6wen im
allgemeinen» gibt. - Wenn jemand kame, der diese Anschauung hat,
und man sollte ihm den «L6wen im allgemeinen» zeigen, so wiirde
man zunachst etwas in Verlegenheit geraten. Es ist nicht so leicht,
die Frage zu beantworten, wo man den Betreffenden hinfuhren soil,
dem man den «L6wen im allgemeinen» zeigen soil.
Nun, wir wollen jetzt nicht zu dem gehen, was uns die Geistes-
wissenschaft gibt; das wird schon noch kommen. Wir wollen einmal
beim Denken bleiben, wollen bei dem bleiben, was durch das Den-
ken erreicht werden kann, und wir werden uns sagen mussen: Wenn
wir auf diesem Boden bleiben wollen, so geht es eben nicht recht,
daft wir irgendeinen Zweifler zum «L6wen im allgemeinen» hin-
fuhren. Das geht wirklich nicht. Hier liegt eine der Schwierigkeiten
vor, die man einfach zugeben mufi. Denn will man auf dem Gebiete
des gewohnlichen Denkens diese Schwierigkeit nicht zugeben, dann
lafit man sich eben nicht auf die Schwierigkeit des menschlichen
Denkens iiberhaupt ein.
Bleiben wir beim Dreieck; denn schliefilich ist es fur die allge-
meine Sache gleichgultig, ob wir uns die Sache am Dreieck, am
Lowen oder an etwas anderem klarmachen. Zunachst erscheint es
aussichtslos, dafi wir ein allgemeines Dreieck hinzeichnen, das alle
Eigenschaften, alle Dreiecke enthalt. Und weil es aussichtslos nicht
nur erscheint, sondern fur das gewohnliche menschliche Denken
auch ist, deshalb steht hier alle aufiere Philosophic an einer Grenz-
scheide, und ihre Aufgabe ware es, sich einmal wirklich zu gestehen,
dafi sie als aufiere Philosophic an einer Grenzscheide steht. Aber
diese Grenzscheide ist eben nur diejenige der aufieren Philosophic
Uber diese Grenzscheide gibt es doch eine Moglichkeit, hiniiber-
zukommen, und mit dieser Moglichkeit wollen wir uns jetzt einmal
bekanntmachen.
Denken wir uns, wir zeichnen das Dreieck nicht einfach so hin,
dafi wir sagen: Jetzt habe ich dir ein Dreieck hingezeichnet, und da
ist es. - Da wird immer der Einwand gemacht werden konnen: Das
ist eben ein spitzwinkliges Dreieck, das ist kein allgemeines Dreieck.
Man kann das Dreieck namlich auch anders hinzeichnen. Eigentlich
kann man es nicht; aber wir werden gleich sehen, wie sich dieses
Konnen und Nichtkonnen zueinander verhalten. Nehmen wir an,
dieses Dreieck, das wir hier haben, zeichnen wir so hin und erlauben
jeder einzelnen Seite, dafi sie sich nach jeder Richtung, wie sie will,
bewegt. Und zwar erlauben wir ihr, dafi sie sich mit verschiedenen
Schnelligkeiten bewege (an der Tafel zeichnend gesprochen):
Diese Seite bewegt sich so, dafi sie im nachsten Augenblick diese
Lage einnimmt, diese so, dafi sie im nachsten Augenblick diese La-
ge einnimmt. Diese bewegt sich viel langsamer, diese bewegt sich
schneller und so weiter. Jetzt kehrt sich die Richtung um.
Kurz, wir begeben uns in die unbequeme Vorstellung hinein,
dafi wir sagen: Ich will nicht nur ein Dreieck hinzeichnen und es so
dann stehen lassen, sondern ich stelle an dein Vorstellen gewisse
Anforderungen. Du mufit dir denken, daft die Seiten des Dreiecks
fortwahrend in Bewegung sind. Wenn sie in Bewegung sind, dann
kann ein rechtwinkliges oder ein stumpfwinkliges Dreieck oder jedes
andere gleichzeitig aus der Form der Bewegungen hervorgehen.
Zweierlei kann man machen und auch verlangen auf diesem Ge-
biete. Das erste, was man verlangen kann, ist, dafi man es hubsch be-
quem hat. Wenn jemand einem ein Dreieck aufzeichnet, dann ist es
fertig, und man weifi, wie es aussieht; jetzt kann man hubsch ruhen
in seinen Gedanken, denn man hat, was man will. Man kann aber
auch das andere machen: das Dreieck glekhsam als einen Ausgangs-
punkt betrachten und jeder Seite erlauben, daft sie sich mit verschie-
denen Geschwindigkeiten und nach verschiedenen Richtungen
dreht. In diesem Falle hat man es aber nicht so bequem, sondern
man mufi in seinen Gedanken Bewegungen ausfuhren. Aber dafur
hat man auch wirklich den allgemeinen Gedanken Dreieck darinnen;
er ist ja nur nicht zu erreichen, wenn man bei einem Dreieck
abschliefien will. Der allgemeine Gedanke Dreieck ist da, wenn
man den Gedanken in fortwahrender Bewegung hat, wenn er versatil
ist.
Weil die Philosophen das, was ich eben jetzt ausgesprochen habe,
den Gedanken in Bewegung zu bringen, nicht gemacht haben, des-
halb stehen sie notwendigerweise an einer Grenzscheide und be-
griinden den Nominalismus. Jetzt wollen wir uns das, was ich eben
jetzt ausgesprochen habe, in eine uns bekannte Sprache iibersetzen,
in eine uns langst bekannte Sprache.
Gefordert wird von uns, wenn wir von dem speziellen Gedanken
zu dem allgemeinen Gedanken aufsteigen sollen, dafi wir den spe-
ziellen Gedanken in Bewegung bringen, so dafi der bewegte Gedan-
ke der allgemeine Gedanke ist, der von einer Form in die andere hin-
einschlupft. Form sage ich; richtig gedacht ist: Das ganze bewegt
sich, und jedes einzelne, was da herauskommt durch die Bewegung,
ist eine in sich abgeschlossene Form. Friiher habe ich nur Einzel-
formen hingezeichnet, ein spitzwinkliges, ein rechtwinkliges und ein
stumpfwinkliges Dreieck. Jetzt zeichne ich etwas auf - ich zeichne
es eigentlich nicht auf, das sagte ich schon, aber vorstellen kann man
sich das -, was die Vorstellung hervorrufen soil, dafi der allgemeine
Gedanke in Bewegung ist und die einzelne Form durch sein Stille-
stehen erzeugt - «die Form erzeugt», sage ich.
Da sehen wir, die Philosophen des Nominalismus, die notwendig
an einer Grenzscheide stehen, bewegen sich in einem gewissen
Reiche, in dem Reiche der Geister der Form. Innerhalb des Reiches
der Geister der Form, das um uns herum ist, herrschen die Formen;
und weil die Formen herrschen, sind in diesem Reiche einzelne,
streng in sich abgeschlossene Einzeldinge. Daraus ersehen Sie, dafi
die Philosophen, die ich meine, niemals den Entschlufi gefafit haben,
aus dem Reiche der Formen herauszugehen, und daher in den all-
gemeinen Gedanken nichts anderes haben konnen als Worte, richtig
blofie Worte. Wiirden sie herausgehen aus dem Reiche der speziellen
Dinge, das heifit der Formen, so wiirden sie in ein Vorstellen hinein-
kommen, das in fortwahrender Bewegung ist, das heifit, sie wiirden
in ihrem Denken eine Vergegenwartigung des Reiches der Geister
der Bewegung haben, der nachsthoheren Hierarchic Dazu lassen
sich aber die meisten Philosophen nicht herbei. Und als sich einmal
einer in der letzten Zeit des abendlandischen Denkens herbeige-
lassen hat, so recht in diesem Sinne zu denken, da wurde er wenig
verstanden, obwohl viel von ihm gesprochen und gefaselt wird. Man
schlage auf , was Goethe in seiner «Metamorphose der Pflanzen» ge-
schrieben hat, was er die «Urpflanze» nannte; man schlage dann das
auf, was er das «Urtier» nannte, und man wird finden, dafi man mit
diesen Begriffen «Urpflanze», «Urtier» nur zurechtkommt, wenn
man sie beweglich denkt. Wenn man diese Beweglichkeit aufnimmt,
von der Goethe selber spricht, dann hat man nicht einen abgeschlos-
senen, in seinen Formen begrenzten Begriff, sondern man hat das,
was in seinen Formen lebt, was durchkriecht in der ganzen Entwicke-
lung des Tierreiches oder des Pflanzenreiches, was sich in diesem
Durchkriechen ebenso verandert, wie das Dreieck sich in ein spitzwink-
liges oder ein stumpfwinkliges verandert, und was bald «Wolf» und
«L6we», bald «Kafer» sein kann, je nachdem die Beweglichkeit so ein-
gerichtet ist, dafi die Eigenschaften sich abandern in dem Durchge-
hen durch die Einzelheiten. Goethe brachte die starren Begriffe der
Formen in Bewegung. Das war seine grolte, zentrale Tat. Das war das
Bedeutsame, was er in die Naturbetrachtung seiner Zeit eingefuhrt hat.
Sie sehen hier an einem Beispiele, wie das, was wir Geisteswissen-
schaft nennen, tatsachlich dazu geeignet ist, die Menschen aus dem
herauszufuhren, woran sie notwendig heute haften miissen, selbst
wenn sie Philosophen sind. Denn ohne Begriffe, die durch die Gei-
steswissenschaft gewonnen werden, ist es gar nicht moglich, wenn
man ehrlich ist, etwas anderes zuzugeben, als dafi die allgemeinen
Gedanken blofie Worte seien. Das ist der Grund, warum ich sagte:
Die meisten Menschen haben nur keine Gedanken. Und wenn man
ihnen von Gedanken spricht, so lehnen sie das ab.
Wann spricht man zu den Menschen von Gedanken? Wenn man
zum Beispiel sagt, die Tiere und Pflanzen hatten Gruppenseelen.
Ob man sagt allgemeine Gedanken oder Gruppenseelen - wir wer-
den im Laufe der Vortrage sehen, was fur eine Beziehung zwischen
den beiden ist -, das kommt fur das Denken auf dasselbe heraus.
Aber die Gruppenseele ist auch nicht anders zu begreifen als da-
durch, daft man sie in Bewegung denkt, in fortwahrender aufierlicher
und innerlicher Bewegung; sonst kommt man nicht zur Gruppen-
seele. Aber das lehnen die Menschen ab. Daher lehnen sie auch die
Gruppenseele ab, lehnen also den allgemeinen Gedanken ab.
Zum Kennenlernen der offenbaren Welt braucht man aber keine
Gedanken; da braucht man nur die Erinnerung an das, was man ge-
sehen hat im Reiche der Form. Und das ist das, was die meisten Men-
schen iiberhaupt nur wissen: was sie gesehen haben im Reiche der
Form. Da bleiben dann die allgemeinen Gedanken blofie Worte.
Daher konnte ich sagen: Die meisten Menschen haben keine Gedan-
ken. Denn die allgemeinen Gedanken bleiben fur die meisten Men-
schen nur Worte. Und wenn es unter den mancherlei Geistern der
hoheren Hierarchien nicht auch den Genius der Sprache geben
wiirde, der die allgemeinen Worte fur die allgemeinen Begriffe bil-
det, die Menschen selber wiirden das nicht tun. Also richtig aus der
Sprache heraus bekommen die Menschen zunachst ihre allgemeinen
Gedanken, und sie haben auch nicht viel anderes als die in der Spra-
che aufbewahrten allgemeinen Gedanken.
Daraus ersehen wir aber, dafi es doch etwas Eigenes sein mufi mit
dem Denken von wirklichen Gedanken. Dafi es etwas ganz Eigen-
tiimliches damit sein mufi, das konnen wir uns daraus verstandlich
machen, dafi wir sehen, wie schwer es eigentlich den Menschen wird,
auf dem Felde des Gedankens zur Klarheit zu kommen. So im
aufieren trivialen Leben wird man vielleicht oftmals behaupten,
wenn man ein bifichen renommieren will, das Denken sei leicht.
Aber es ist nicht leicht. Denn es erfordert das wirkliche Denken im-
mer ein ganz enges, in gewisser Beziehung unbewufites Beriihrtsein
von einem Hauch aus dem Reiche der Geister der Bewegung. Wiirde
das Denken so ganz leicht sein, so wiirden nicht so kolossale Schnit-
zer auf dem Gebiete des Denkens gemacht werden, und man plagte
sich nicht so lange mit allerlei Problemen und Irrmmern herum. So
plagt man sich jetzt seit mehr als einem Jahrhundert mit einem Ge-
danken, den ich schon ofter angefuhrt habe und den Kant ausge-
sprochen hat.
Kant wollte den sogenannten ontologischen Gottesbeweis aus der
Welt schaffen. Dieser ontologische Gottesbeweis stammt auch aus
der Zeit des Nominalismus, wo man sagte, dafi es fur die allge-
meinen Begriffe nur Worte gabe und dafi nicht etwas Allgemeines
existiere, das den einzelnen Gedanken entsprechen wiirde wie die
einzelnen Gedanken den Vorstellungen. Diesen ontologischen Got-
tesbeweis will ich als ein Beispiel anfuhren, wie gedacht wird.
Er sagt ungefahr: Wenn man einen Gott annehme, so musse er
das allervollkommenste Wesen sein. Wenn er das allervollkommen-
ste Wesen ist, dann diirfe ihm nicht das Sein fehlen, die Existenz;
denn sonst gabe es ja ein noch vollkommeneres Wesen, das diejeni-
gen Eigenschaften hatte, die man denkt, und das aufierdem exi-
stieren wiirde. Also mufi man das vollkommenste Wesen so denken,
dafi es existiere. Man kann also den Gott gar nicht anders denken als
existierend, wenn man ihn als allervollkommenstes Wesen denkt.
Das heifit, man kann aus dem Begriffe selbst ableiten, dafi es nach
dem ontologischen Gottesbeweis den Gott geben mufi.
Kant wollte diesen Beweis widerlegen, indem er zu zeigen ver-
suchte, dafi man aus einem Begriffe heraus uberhaupt nicht die Exi-
stenz eines Dinges beweisen kann. Er hat dazu das beriihmte Wort
gepragt, das ich auch schon ofter angedeutet habe: Hundert wirk-
liche Taler seien nicht mehr und nicht weniger als hundert mogliche
Taler. Das heiftt, wenn ein Taler dreihundert Pfennige hat, so miisse
man hundert wirkhche Taler zu je dreihundert Pfennigen rechnen,
und ebenso miisse man hundert mogliche Taler zu je dreihundert
Pfennigen rechnen. Es enthalten also hundert mogliche Taler eben-
so viel wie hundert wirkliche Taler; das heifit, es ist kein Unterschied,
ob ich hundert wirkliche oder hundert mogliche Taler denke. Daher
darf man nicht aus dem blofien Gedanken des allervollkommensten
Wesens die Existenz herausschalen, weil der blofie Gedanke eines
moglichen Gottes dieselben Eigenschaften hatte wie der Gedanke
eines wirklichen Gottes.
Das erscheint sehr verniinftig. Und seit einem Jahrhundert pla-
gen sich die Menschen herum, wie es mit den hundert moglichen
und den hundert wirklichen Talern ist. Nehmen wir aber einen
naheliegenden Gesichtspunkt, namlich den des praktischen Lebens.
Kann man von diesem Gesichtspunkte aus sagen, dafi hundert wirk-
liche Taler nicht mehr enthalten als hundert mogliche? Man kann
sagen, dafi hundert wirkliche Taler just um hundert Taler mehr ent-
halten als hundert mogliche Taler! Es ist doch ganz klar: Hundert
mogliche Taler auf der einen Seite gedacht und hundert wirkliche
auf der anderen Seite, das ist ein Unterschied! Es sind auf der an-
deren Seite gerade hundert Taler mehr. Und auf die hundert wirk-
lichen Taler scheint es doch gerade in den meisten Fallen des Lebens
anzukommen.
Aber die Sache hat doch auch einen tieferen Aspekt. Man kann
namlich die Frage stellen: Worauf kommt es denn an bei dem
Unterschied von hundert moglichen und hundert wirklichen Talern?
Ich denke, es wird jeder zugeben: Fur den, der die hundert Taler
haben kann, ist zweifellos ein grofier Unterschied zwischen hundert
moglichen und hundert wirklichen Talern vorhanden. Denn denken
Sie sich, Sie brauchen hundert Taler, und jemand stellt Ihnen die
Wahl, ob er Ihnen hundert mogliche oder hundert wirkliche Taler
geben soli. Wenn Sie sie haben konnen, scheint es doch auf den
Unterschied anzukommen. Aber nehmen Sie an, Sie waren in dem
Fall, dafi Sie die hundert Taler wirklich nicht haben konnten; dann
konnte es sein, dafi es fur Sie hdchst gleichgiiltig ist, ob Ihnen je-
mand hundert mogliche oder hundert wirkliche Taler nicht gibt.
Wenn man sie nicht haben kann, dann enthalten tatsachlich hun-
dert wirkliche und hundert mogliche Taler ganz gleich viel.
Das hat doch eine Bedeutung. Die Bedeutung hat es namlich,
dafi so, wie Kant uber den Gott gesprochen hat, nur in einer Zeit
gesprochen werden konnte, als man durch menschliche Seelenerfah-
rung den Gott nicht mehr haben konnte. Als er nicht erreichbar war
als eine Wirklichkeit, da war der BegrifT des moglichen Gottes oder
des wirklichen Gottes gerade so einerlei, wie es einerlei ist, ob man
hundert wirkliche Taler oder hundert mogliche Taler nicht haben
kann. Wenn es fur die Seele keinen Weg gibt zu dem wirklichen
Gott, dann fiihrt ganz gewifi auch keine Gedankenentwickelung
dazu, die im Stile Kants gehalten ist.
Da sehen Sie, dafi die Sache doch auch eine tiefere Seite hat. Ich
fuhre es aber nur an, weil ich dadurch klarmachen wollte, dafi, wenn
die Frage nach dem Denken kommt, man schon etwas tiefer schur-
fen mufi. Denn Denkfehler schleichen sich durch die erleuchtetsten
Geister fort, und man sieht lange nicht ein, worin eigentlich das
Briichige eines solchen Gedankens besteht, wie zum Beispiel des
kantischen Gedankens von den hundert moglichen und den hundert
wirklichen Talern. Es kommt beim Gedanken auch immer darauf
an, dafi man die Situation beriicksichtigt, in welcher der Gedanke
gefafit wird.
Aus der Natur des allgemeinen Gedankens zuerst und dann aus
dem Dasein eines solchen Denkfehlers wie des kantischen im beson-
deren versuchte ich Ihnen zu zeigen, dafi die Wege des Denkens
dennoch nicht so ganz ohne Vertiefung in die Dinge betrachtet
werden konnen. Ich will noch von einer dritten Seite aus mich der
Sache nahern.
Nehmen wir einmal an, hier ware ein Berg oder ein Hiigel (siehe
Zeichnung auf Seite 22, rechts) und hier sei ein schroffer Abhang
(Zeichnung, links). An diesem schroffen Abhange entspringe eine
Quelle; die Quelle stiirzt senkrecht wie ein richtiger Wasserfall den
Abhang hinunter. Unter den ganz gleichen Verhaltnissen wie da sei
auf der andern Seite auch eine Quelle. Die will ganz dasselbe wie die
erstere; aber sie tut es nicht. Sie kann namlich nicht als Wasserfall
hinunterstiirzen, sondern rinnt ganz hiibsch in Form eines Baches
oder Flusses hinunter. - Hat das Wasser andere Krafte bei der zwei-
ten Quelle als bei der ersten? Ganz offenbar nicht. Denn die zweite
Quelle wiirde ganz dasselbe tun wie die erste, wenn der Berg sie
nicht hinderte und nicht seine Krafte hinaufschicken wiirde. Sind
die Krafte, die der Berg hinaufschickt, die Haltekrafte, nicht vor-
handen, so wird sie wie die erste Quelle hinunterstiirzen. Es kom-
men also zwei Krafte in Betracht: die Haltekraft des Berges und die
Schwerkraft der Erde, vermoge der die eine Quelle hinunterstiirzt.
Die ist aber bei der anderen Quelle genau ebenso vorhanden, denn
man kann sagen: Sie ist da, ich sehe, wie sie die Quelle herunter-
zieht. Wenn nun jemand ein Skeptiker ware, so konnte er dies bei
der zweiten Quelle leugnen und sagen: Da sieht man zunachst
nichts, wahrend bei der ersten Quelle jedes Wasserstaubchen her-
untergezogen wird. Man mufi also bei der zweiten Quelle in jedem
Punkte hinzufugen die Kraft, welche der Schwerkraft entgegen-
wirkt, die Haltekraft des Berges.
Nehmen wir nun an, es kame jemand und sagte: Was du mir da
von der Schwerkraft erzahlst, glaube ich nicht recht, und das, was
du mir von deiner Haltekraft sagst, glaube ich dir auch nicht. Ist der
Berg dort die Ursache, daft die Quelle jenen Weg nimmt? Ich glaube
es nicht. - Nun konnte man diesen fragen: Was glaubst du denn
dann? - Er konnte antworten: Ich glaube, da unten ist etwas von
dem Wasser; gleich daruber ist ebenso etwas von dem Wasser , dar-
uber wieder und so weiter. Ich glaube, daft das Wasser, welches
unten ist, von dem Wasser daruber hinuntergestofien wird, und
dieses obere Wasser wird von dem iiber ihm hinuntergestofien. Jede
dariiberliegende Wasserpartie stofit immer die vordere hinunter. -
Das ist ein betrachtlicher Unterschied. Der erste Mensch behauptet:
Die Schwerkraft zieht die Wassermassen herunter. Der zweite da-
gegen sagt: Das sind Wasserpartien, die schieben immer die unter
ihnen liegenden hinunter, und dadurch geht dann das dariiber-
liegende Wasser hinterher.
Nicht wahr, es ware ein Mensch recht albern, der von einer sol-
chen Schieberei sprechen wiirde. Aber nehmen wir an, es handle
sich nicht um einen Bach oder einen Strom, sondern um die Ge-
schichte der Menschheit, und es wiirde ein solcher zuletzt Charakte-
risierter sagen: Das einzige, was ich dir glaube, ist dies: Jetzt leben
wir im 20. Jahrhundert, da haben sich gewisse Ereignisse abgespielt;
die sind bewirkt von solchen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts;
diese letzteren sind wieder verursacht von denen im zweiten Drittel
des 19- Jahrhunderts und diese wieder von denen aus dem ersten
Drittel. - Das nennt man pragmatische Geschichtsauffassung, wo
man in dem Sinne von Ursachen und Wirkungen spricht, daft man
immer aus den betreffenden vorhergehenden Ereignissen die folgen-
den erklart. So wie jemand die Schwerkraft leugnen und sagen kann,
da schiebe bei den Wasserpartien immer jemand nach, so ist es auch,
wenn jemand pragmatische Geschichte treibt und den Zustand im
19. Jahrhundert als eine Folge der Franzosischen Revolution erklart.
Wir freilich sagen: Nein, es sind noch andere Krafte da aufier denen,
die da hinten schieben, die iiberhaupt gar nicht einmal im richtigen
Sinne vorhanden sind. Denn geradesowenig wie jene Krafte beim
Bergstrome dahinten schieben, sowenig schieben die dahinterste-
henden Ereignisse in der Geschichte der Menschheit; sondern es
kommen immer neue Einfliisse aus der geistigen Welt, wie bei der
Quelle die Schwerkraft immerfort wirkt; und mit anderen Kraften
kreuzen sie sich, wie sich die Schwerkraft bei dem Strom kreuzt mit
der Haltekraft des Berges. Ware nur die eine Kraft vorhanden, dann
wiirdest du sehen, daft die Geschichte ganz anders verlauft. Aber du
siehst nicht die einzelnen Krafte darin. Du siehst nicht das, was phy-
sische Weltentwickelung ist, was beschrieben wurde als Folge der
Saturn-, Sonnen-, Mond- und Erdenentwickelung; und du siehst
nicht das, was fortwahrend mit den Menschenseelen vorgeht, welche
die geistige Welt durchleben und wieder herunterkommen, was aus
den geistigen Welten immer wieder in diese Entwickelung herein-
kommt. Das leugnest du einfach.
Aber wir haben eine solche Geschichtsauffassung, die sich aus-
nimmt, wie wenn jemand mit solchen eben charakterisierten An-
schauungen kommen wiirde, und sie ist nicht so besonders selten.
Sie wurde sogar im 19. Jahrhundert als ungeheuer geistreich auf-
gefafit. Was wiirden wir aber dazu sagen konnen von dem eben
gewonnenen Gesichtspunkte aus? Wenn jemand von dem Berg-
strome dasselbe behauptete wie von der Geschichte, so wiirde er
einen absoluten Unsinn behaupten. Was liegt denn aber da vor, daft
er denselben Unsinn behauptet in bezug auf die Geschichte? - Die
Geschichte ist so kompliziert, daft man nicht merkt, daft sie als prag-
matische Geschichte fast iiberall so vorgetragen wird; man merkt es
nur nicht.
Wir sehen daraus, daft allerdings die Geisteswissenschaft, welche
fur die Auffassung des Lebens gesunde Prinzipien zu gewinnen hat,
auf den mannigfaltigen Gebieten des Lebens etwas zu tun hat; daft
tatsachlich eine gewisse Notwendigkeit besteht, das Denken erst zu
lernen, sich erst bekanntzumachen mit den inneren Gesetzen und
Impulsen des Denkens. Sonst kann einem namlich allerlei Groteskes
passieren. So zum Beispiel holpert, stolpert, humpelt einer gerade
an dem Problem Denken und Sprache heute daher. Das ist der be-
riihmte Sprachkritiker Fritz Mauthner, der jetzt auch ein grofies
philosophisches Worterbuch geschrieben hat. Die dicke Mauthner-
sche «Kritik der Sprache» hat jetzt schon die zweite Auflage erlebt;
es ist also ein beruhmtes Buch fur unsere Zeitgenossen geworden.
Viel Geistreiches ist in diesem Buche enthalten, aber auch schreck-
liche Dinge. So zum Beispiel kann man darin den kuriosen Denk-
fehler finden - und man stolpert fast nach jeder tunften Zeile iiber
einen solchen Denkfehler -, dafi der gute Mauthner die Niitzlichkeit
der Logik anzweifelt. Denn fiir ihn ist Denken iiberhaupt nur Spre-
chen, und dann hat es keinen Sinn, Logik zu treiben, dann treibt
man nur Grammatik. Aber aufierdem sagt er: Da es also eine Logik
mit Recht gar nicht geben kann, so sind also die Logiker alle Toren
gewesen. Schon. Und dann sagt er: Im gewdhnlichen Leben ent-
stehen ja aus Schliissen Urteile und aus Urteilen erst Vorstellungen.
So machen es die Menschen. Wozu braucht man dann erst eine
Logik, wenn die Menschen es so machen, dafi sie aus Schliissen Ur-
teile, aus Urteilen Vorstellungen entstehen lassen? Wozu brauchen
wir da eine Logik? - Es ist das ebenso geistreich, als wenn jemand
sagte: Wozu braucht man eine Botanik? Im vorigen Jahr und vor
zwei Jahren sind noch immer die Pflanzen gewachsen! - Aber solche
Logik findet man bei dem, der die Logik verpont. Es ist ja begreif-
lich, dafi er sie verpont. Man findet noch viel merkwurdigere Dinge
in diesem sonderbaren Buche, das mit Bezug auf das Verhaltnis zwi-
schen Denken und Sprechen nicht zur Klarhek, sondern zur Kon-
fusion kommt.
Ich sagte, dafi wir einen Unterbau brauchen fur die Dinge, die
uns allerdings zu den Hohen geistiger Betrachtung fuhren sollen.
Ein Unterbau, wie er heute ausgefuhrt worden ist, mag manchem et-
was abstrakt erscheinen; aber wir werden ihn brauchen. Und ich
denke, ich versuche die Sache doch so leicht zu machen, dafi durch-
sichtig sein kann, worauf es ankommt. Besonders mochte ich Wert
darauf legen, dafi man schon durch solche einfachen Betrachtungen
einen Begriff davon bekommen kann, wo die Grenze liegt zwischen
dem Reiche der Geister der Form und dem Reiche der Geister der
Bewegung. Dafi man aber einen solchen Begriff bekommt, hangt in-
nig damit zusammen, ob man iiberhaupt allgemeine Gedanken zu-
geben darf oder ob man nur Vorstellungen oder Begriffe von ein-
zelnen Dingen zugeben darf. Ich sage ausdrikklich: zugeben darf.
Auf diese Voraussetzungen, zu denen ich, weil sie etwas abstrakt
sind, nkhts weiter hinzufuge, wollen wir morgen weiter aufbauen.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 21. Januar 1914
Im Grunde genommen macht die Beschaftigung mit der Geistes-
wissenschaft ein nebenhergehendes, fortwahrendes praktisches Le-
ben in den geistigen Verrichtungen notwendig. Es ist eigentlich un-
moglich, iiber die mancherlei Dinge, die gestern besprochen worden
sind, zur volligen Klarheit zu kommen, wenn man nicht versucht,
durch eine Art lebendigen Erfassens der Verrichtungen des geistigen
Lebens, namentlich des denkerischen Lebens auch, mit den Dingen
zurechtzukommen. Denn warum ist es im Geistesleben so, dafi zum
Beispiel Unklarheit herrscht iiber die Beziehungen der allgemeinen
Begriffe, des Dreiecks im allgemeinen, zu den besonderen Vorstel-
lungen der einzelnen Dreiecke bei Leuten, die sich gerade
berufsmafiig denkerisch mit den Dingen beschaftigen? Woher kom-
men denn solche ganze Jahrhunderte beschaftigenden Dinge, wie
das gestern angefuhrte Beispiel mit den hundert moglichen und den
hundert wirklichen kantischen Talern? Woher kommt es denn, dafi
man die einfachsten Uberlegungen nicht anstellt, die notwendig
waren, um einzusehen, dafi es so etwas wie eine pragmatische Ge-
schichtsschreibung, wonach immer das Folgende aus dem Vorher-
gehenden sich herleitet, nicht geben kann? Woher kommt es, dafi
eine solche Uberlegung nicht angestellt wird, die einen stutzig ma-
chen wiirde in bezug auf das, was in den weitesten Kreisen als eine
eben unmogliche Art der Auffassung menschlicher Geschichte sich
verbreket hat? Woher kommen alle diese Dinge?
Sie kommen davon her, dafi man sich wirklich auch dort, wo es
sein sollte, viel zuwenig Miine gibt, in einer prazisen Art die Ver-
richtungen des geistigen Lebens handhaben zu lernen. In unserer
Zeit will ja jeder wenigstens das Folgende berechtigterweise bean-
spruchen konnen, er will sagen konnen: Denken, nun selbstverstand-
lich, das kann man doch. Also fangt man an zu denken. Da gibt
es Weltanschauungen in der Welt. Viele, viele Philosophen haben
existiert. Man merkt, der eine hat dies, der andere jenes gesagt.
Nun, dafi das audi so halbwegs gescheite Leute waren, die auf vieles
hatten aufmerksam werden konnen, was man selber als Widerspruch
bei ihnen findet, daruber reflektiert man nicht, dariiber denkt man
nicht weiter nach. Aber man tut sich um so mehr darauf zugute, dafi
man doch «denken» kann. Also man kann nachdenken, was die Leute
da gedacht haben, und ist iiberzeugt davon, dafi man schon selber
das Rechte finden werde. Denn man darf heute nicht auf Autoritat
etwas geben! Das widerspricht der Wiirde der Menschennatur. Man
mufi selber denken. Auf dem Gebiete des Denkens halt man das
durchaus so.
Ich weifi nicht, ob die Leute skh uberlegt haben, dafi sie es auf
alien anderen Gebieten des Lebens nicht so halten. So fuhlt sich zum
Beispiel keiner dem Autoritatsglauben oder der Autoritatssucht hin-
gegeben, wenn er sich seinen Rock beim Schneider oder seine Schuhe
beim Schuhmacher machen lafit. Er sagt nicht: Das ist unter der
Wiirde des Menschen, dafi man sich die Dinge von Menschen machen
lafit, von denen man wissen kann, dafi sie die entsprechenden Dinge
handhaben konnen. Ja, man gibt vielleicht sogar zu, dafi man diese
Dinge lernen miisse. Bezuglich des Denkens gibt man das im prak-
tischen Leben nicht zu, dafi man Weltanschauungen auch haben
miisse von dorther, wo man Denken und noch manches andere ge-
lernt hat. Das wird man heute wirklich nur in den wenigsten Fallen
zugeben.
Das ist eines, was unser Leben in den weitesten Kreisen beherrscht,
was geradezu dazu beitragt, dafi der menschliche Gedanke in unserer
Zeit kein sehr verbreitetes Produkt ist. Ich denke, man konnte das ja
auch begreiflich finden. Denn nehmen wir an, es wurden einmal alle
Menschen sagen: Stiefel machen lernen, das ist eine langst nicht mehr
menschenwiirdige Sache; wir machen einmal alle Stiefel - so weifi ich
nicht, ob dabei lauter gute Stiefel herauskommen wurden. Aber
jedenfalls gehen in bezug auf das Pragen richtiger Gedanken in der
Weltanschauung die Menschen in der Gegenwart meistens von dieser
Ansicht aus. Das ist das eine, was dazu beitragt, dafi der Satz, den ich
gestern gesprochen habe, schon seine tiefere Bedeutung hat: dafi der
Gedanke zwar dasjenige ist, in dem der Mensch sozusagen vollig
drinnen ist und den er daher in seinem Innensein iiberschauen kann,
daft aber der Gedanke nicht so verbreitet ist, als man denken mochte.
Dazu kommt allerdings in unserer Zeit noch eine ganz besondere
Pretention, die allmahlich darauf hinauslaufen konnte, jede Klarheit
iiber den Gedanken iiberhaupt zu triiben. Auch damit muft man
sich beschaftigen. Man mufi wenigstens einmal den Blick darauf
wenden.
Nehmen wir einmal folgendes an: Es hatte in Gorlitz einen
Schuhmacher namens Jakob Bohme gegeben. Und jener Schuh-
macher namens Jakob Bohme hatte das Schuhmacherhandwerk ge-
lernt, hatte gut gelernt, wie man Sohlen zuschneidet, wie man den
Schuh iiber den Leisten formt, wie man Nagel in Sohlen und Leder
hineintreibt und so weiter. Das hatte er alles aus dem Fundament
heraus klar gewufit und gekonnt. Nun ware dieser Schuhmacher
namens Jakob Bohme hergegangen und hatte gesagt: Jetzt will ich
einmal sehen, wie die Welt konstruiert ist. Nun, ich nehme einmal
an, der Welt liegt zugrunde ein grower Leisten. Uber diesen Leisten
sei einmal das Weltenleder dariibergezogen worden. Dann waren die
Weltennagel genommen worden, und man hatte die Weltensohle
durch Weltennagel in Verbindung gebracht mit dem Weltenleder-
iiberzug. Dann hatte man die Weltenschuhwichse genommen und
den ganzen Weltenschuh gewichst. So kann ich mir erklaren, daft es
am Morgen hell wird. Da glanzt eben die Schuhwichse der Welt.
Und wenn diese Schuhwichse der Welt am Abend ubertuncht ist von
allem moglichen, so glanzt sie dann nicht mehr. Daher stelle ich mir
vor, daft irgend jemand in der Nacht zu tun hat, um den Welten-
stiefel neu zu wichsen. Und so entsteht der Unterschied zwischen
Tag und Nacht.
Nehmen wir an, Jakob Bohme hatte dies gesagt. Ja, sie lachen,
weil Jakob Bohme dies allerdings nicht gesagt hat, sondern er hat fur
die Gorlitzer Burgerschaft anstandige Schuhe gemacht, hat dazu
seine Schuhmacherkunst benutzt. Er hat aber auch seine grandiosen
Gedanken entfaltet, durch die er eine Weltanschauung aufbauen
wollte. Da hat er zu anderem gegriffen. Er hat sich gesagt: Da wiir-
den meine Gedanken des Schuhmachens nicht ausreichen; denn will
ich Weltgedanken haben, so darf ich nicht Gedanken, durch die ich
Schuhe mache fur die Leute, auf das Weltgebaude anwenden. Und
er ist zu seinen erhabenen Gedanken iiber die Welt gekommen. Also
jenen Jakob Bohme, den ich zuerst in der Hypothese konstruiert
habe, hat es in Gorlitz nicht gegeben, sondern jenen anderen, der
gewufit hat, wie man es macht.
Aber jene hypothetischen Jakob Bdhmes, die so sind wie jener,
iiber den Sie gelacht haben, die existieren heute uberall. Da flnden
wir zum Beispiel Physiker, Chemiker. Sie haben die Gesetze gelernt,
nach denen man Stoffe in der Welt verbindet und trennt. Da gibt es
Zoologen, die haben gelernt, wie man Tiere untersucht und be-
schreibt. Da gibt es Mediziner, die haben gelernt, wie man den phy-
sischen Menschenleib und das, was sie die Seele nennen, zu behan-
deln hat. Was tun diese? Sie sagen: Wenn man eine Weltanschau-
ung sich suchen will, so nimmt man die Gesetze, die man in der
Chemie, in der Physik oder in der Physiologie gelernt hat - andere
darf es nicht geben -, und daraus konstruiert man sich eine Welt-
anschauung. Genauso machen es diese Menschen, wie es der eben
hypothetisch konstruierte Schuhmacher gemacht hatte, wenn er den
Weltenstiefel konstruiert hatte. Nur merkt man heute nicht, dafi
methodisch die Weltanschauungen genau ebenso zustande kommen
wie jener hypothetische Weltenstiefel. Es sieht allerdings etwas gro-
tesk aus, wenn man sich den Unterschied von Tag und Nacht durch
Abnutzen des Schuhleders und durch Wichsen in der Nacht vor-
stellt. Aber vor einer wahren Logik ist es im Prinzip genau dasselbe,
als wenn man mit den Gesetzen der Chemie, der Physik, der Biologie
und Physiologie ein Weltgebaude zustande bringen will. Ganz ge-
nau dasselbe Prinzip! Es ist die ungeheure Uberhebung des Phy-
sikers, des Chemikers, des Physiologen, des Biologen, die nichts
anderes sein wollen als Physiker, Chemiker, Physiologen, Biologen
und dennoch iiber die ganze Welt ein Urteil haben wollen.
Es handelt sich eben uberall darum, dafi man den Dingen auf den
Grund geht und dafi man es auch nicht vermeidet, durch Zuriick-
fiihrung desjenigen, was nicht so durchsichtig ist, auf seine wahre
Formel, ein wenig hineinzuleuchten in die Dinge. Wenn man also
methodisch-logisch das alles ins Auge fafit, dann braucht man sich
nicht zu verwundern, daft bei so vielen Weltanschauungsversuchen
der Gegenwart eben nichts anderes herauskommt als der «Weken-
stiefel». Und das ist so etwas, was hinweisen kann auf die Beschafti-
gung mit der Geisteswissenschaft und auf die Beschaftigung mit
praktischen Denkverrichtungen, was einen geneigt machen kann,
sich damit zu beschaftigen, wie man denken mufi, damit man durch-
schauen kann, wo Unzulanglichkeiten in der Welt vorhanden sind.
Ein anderes mochte ich anfuhren, um zu zeigen, wo die Wurzel
unzahliger Mifiverstandnisse gegenuber den Weltauffassungen liegt.
Macht man denn nicht, wenn man sich mit Weltanschauungen be-
schaftigt, immer wieder und wieder die Erfahrung: da glaubt der
eine dieses, der andere jenes; der eine verteidigt mit manchmal
guten Grunden - denn gute Griinde kann man fur alles finden - das
eine, der andere mit ebenso guten Grunden das andere; und der eine
widerlegt das eine ebenso gut, wie der andere mit guten Grunden
widerlegt? Anhangerschaften entstehen ja in der Welt zunachst nicht
dadurch, daft der eine oder der andere auf gerechtem Wege iiber-
zeugt wird von dem, was da oder dort gelehrt wird. Nehmen Sie nur
einmal die Wege, die die Schiiler grofier Manner wandeln mussen,
um zu dem oder jenem groften Manne hinzukommen, dann werden
Sie sehen, daft darin fur uns zwar etwas Gewichtiges in bezug auf das
Karma liegt, aber hinsichtlich der Anschauungen, die heute in der
aufteren Welt existieren, muft man sagen: Ob der eine nun ein Berg-
sonianer oder ein Haeckelianer oder dies oder jenes wird, das ist - wie
gesagt, Karma erkennt ja die heutige auftere Weltanschauung nicht
an -, das ist schlieftlich wirklich von anderen Dingen abhangig als
davon, daft man durchaus nur auf dem Wege der tiefsten Uberzeu-
gung dem anhangt, zu dem man gerade gefiihrt worden ist. Ge-
kampft wird hiniiber und heriiber. Und ich habe gestern gesagt: Es
gab einmal Nominalisten, solche Menschen, welche behaupteten,
die allgemeinen Begriffe hatten iiberhaupt keine Realitat, waren
blofte Namen. Sie haben Gegner gehabt, diese Nominalisten. Man
nannte in der damaligen Zeit - das Wort hatte damals eine andere
Bedeutung als heute - die Gegner der Nominalisten Realisten. Diese
behaupteten: Die allgemeinen Begriffe sind nicht blofi Worte, son-
dern sie beziehen sich auf eine ganz bestimmte Reaiitat.
Im Mittelalter wurde ja die Frage «Realismus oder Nominalismus»
ganz besonders fur die Theologie eine brennende auf einem Gebiete,
das heute die Denker nur noch wenig beschaftigt. Denn in der Zeit,
als die Frage «Nominalismus oder Realismus» auftauchte, im 11. bis
13 . Jahrhundert, da war etwas, was zu dem wichtigsten menschlichen
Bekenntnisse gehorte, die Frage nach den drei «gottlichen Personen»,
Vater, Sohn und Heiliger Geist, die ein gottliches Wesen bilden, die
aber doch drei wahre Personen sein sollten. Und die Nominalisten
behaupteten: Diese drei gottlichen Personen existieren nur im ein-
zelnen, «Vater» fur sich, «Sohn» fur sich, «Geist» fur sich; und wenn
man von einem gemeinsamen Gotte spricht, der diese drei umfafit,
so ist das nur ein Name fur die drei. - So schaffte der Nominalismus
die Einheit in der Trinitat hinweg, und die Nominalisten erklarten
gegeniiber den Realisten die Einheit nicht nur fur logisch absurd,
sondern sie hielten sogar fur ketzerisch, was die Realisten behaup-
teten, daft die drei Personen nicht blofi eine gedachte, sondern eine
reale Einheit bilden sollten.
Nominalismus und Realismus waren also Gegensatze. Und wahr-
haftig, wer sich in die Literatur vertieft, die aus dem Nominalismus
und Realismus hervorgegangen ist in den gekennzeichneten Jahr-
hunderten, der bekommt einen tiefen Einblick in das, was mensch-
licher Scharfsinn aufbringen kann, denn sowohl fur den Nomina-
lismus wie fur den Realismus sind die scharfsinnigsten Griinde auf-
gebracht worden. Es war ja damals schwieriger, ein solches Denken
sich anzueignen, weil es damals noch keine Buchdruckerkunst gab
und man durchaus nicht so leicht dazu kam, sich an solchen Streitig-
keken zu beteiligen, wie es zum Beispiel die zwischen Nominalisten
und Realisten waren; so daft der, welcher sich an solchen Streken be-
teiligte, im Sinne der damaligen Zeit viel besser vorbereitet sein
mufite, als heute Menschen vorbereitet sind, die sich an den Streiten
beteiligen. Eine Unsumme von Scharfsinn ist aufgeboten worden,
um den Realismus zu verteidigen, eine andere Unsumme von Scharf-
sinn ist aufgeboten worden, um den Nominalismus zu verteidigen.
Woher kommt so etwas? Es ist doch betriiblich, dafi es so etwas gibt.
Wenn man tiefer nachdenkt, mufi man sagen, dafi es betriiblich ist,
dafi es so etwas gibt. Denn man kann sich, wenn man tiefer nach-
denkt, doch sagen: Was niitzt es dir denn, dafi du gescheit bist? Du
kannst gescheit sein und den Nominalismus verteidigen, und du
kannst ebenso gescheit sein und den Nominalismus widerlegen. Man
kann irre werden an der ganzen menschlichen Gescheitheit! Es ist
betriiblich, auch nur einmal hinzuhorchen auf das, was mit solchen
Charakteristiken gemeint ist.
Nun wollen wir einmal dem eben Gesagten etwas gegeniiber-
stellen, was vielleicht gar nicht einmal so scharfsinnig ist wie vieles,
was fur den Nominalismus oder fur den Realismus aufgebracht wor-
den ist, was aber vielleicht gegenuber dem vielen einen Vorzug hat:
dafi es geradenwegs auf das Ziel losgeht, das heifit, dafi es die Rich-
tung findet, in der man zu denken hat.
Nehmen Sie einmal an, Sie versetzten sich in die Art, wie man
allgemeine Begriffe bildet, wie man also eine Menge von Einzel-
heiten zusammenfafit. Auf zweifache Weise kann man - zunachst an
einem Beispiele - Einzelheiten zusammenfassen. Man kann da so,
wie das der Mensch in seinem Leben tut, dutch die Welt schlendern
und eine Reihe gewisser Tiere sehen, welche seidig oder wollig, ver-
schieden gefarbt sind, Schnauzhaare haben und die zu gewissen
Zeiten eine eigentiimliche, an das menschliche Waschen erinnernde
Tatigkeit verrichten, die Mause fressen und so weiter. Man kann
solche Wesen, die man so beobachtet hat, Katzen nennen. Dann hat
man einen allgemeinen Begriff, Katze, gebildet. Alle diese Wesen,
die man so gesehen hat, haben etwas zu tun mit dem, was man die
Katzen nennt.
Aber nehmen wir an, man machte das Folgende. Man habe ein
reiches Leben durchgemacht, und zwar ein solches Leben, das einen
zusammengebracht hat mit recht vielen Katzenbesitzern oder -be-
sitzerinnen, und dabei habe man gefunden, dafi eine grofie Anzahl
von Katzenbesitzern ihre Katze «Mufti» genannt haben. Da man das
in sehr vielen Fallen gefunden hat, so fafit man alle die Wesen, die
man mit dem Namen Mufti belegt gefunden hat, zusammen unter
dem Namen «die Mufti». Aufierlich angesehen, haben wir den all-
gemeinen BegrifF Katze und den allgemeinen BegrifF Mufti. Das-
selbe Faktum liegt vor, der allgemeine BegrifF; und zahlreiche Ein-
zelwesen gehoren beide Male unter den allgemeinen BegrifF. Den-
noch wird niemand behaupten, dafi der allgemeine BegrifF Mufti
eine gleiche Bedeutung habe mit dem allgemeinen BegrifFe Katze.
Hier haben Sie in der Reatitat den Unterschied wirklich gegeben. Das
heifit, bei dem, was man veriibt hat, indem man den allgemeinen
BegrifF Mufti gebildet hat, der nur eine Zusammenfassung von Na-
men ist, die als Eigennamen gelten mussen, dabei hat man sich nach
dem Nominalismus gerichtet und mit Recht; und indem man den
allgemeinen BegrifF Katze gebildet hat, hat man sich nach dem Rea-
lismus gerichtet und mit Recht. Fur den einen Fall ist der Nomina-
lismus richtig, fur den anderen der Realismus. Beide sind richtig.
Man mufi nur diese Dinge in ihren richtigen Gebieten anwenden.
Und wenn die beiden richtig sind, dann ist es nicht zu verwundern,
wenn man gute Griinde fur das eine oder das andere aufbringen
kann. Ich habe nur ein etwas groteskes Beispiel mit dem Namen
Mufti gebraucht. Aber ich konnte ein viel bedeutsameres BeispieJ
Ihnen anfuhren und will dieses Beispiel gerade einmal vor Ihnen ins
Auge fassen.
Es gibt ein ganzes Gebiet im Umkreis unserer aufieren Erfahrung,
fur welches der Nominalismus, das heifit die Vorstellung, dafi das
Zusammenfassende nur ein Name ist, seine voile Berechtigung hat.
Es gibt «eins», es gibt «zwei», es gibt «drei», «vier», «funf» und so wei-
ter. Aber unmoglich kann jemand, der die Sachlage uberschaut, in
dem Ausdruck «Zahl» etwas finden, was wirklich eine Existenz hat.
Die Zahl hat keine Existenz. «Eins», «zwei», «drei», «funf», «sechs»
und so weiter, das hat Existenz. Das aber, was ich gestern gesagt
habe, dafi man, um den allgemeinen BegrifF zu finden, das Ent-
sprechende in Bewegung ubergehen lassen soil, kann man bei dem
BegrifFe Zahl nicht machen. Denn die Eins geht nie in die Zwei
iiber; man mufi immer eins dazugeben. Auch nicht im Gedanken
geht die Eins in die Zwei iiber, die Zwei in die Drei auch nicht. Es exi-
stieren nur emzelne Zahlen, nicht die Zahl im allgemeinen. Fur das,
was in den Zahlen vorhanden ist, ist der Nominalismus absolut rich-
tig; fur das, was so vorhanden ist wie das einzelne Tier gegeniiber
seiner Gattung, ist der Realismus absolut richtig. Denn unmoglich
kann ein Hirsch und wieder ein Hirsch und wieder ein Hirsch exi-
stieren, ohne dafi die Gattung Hirsch existiert. «2wei» kann fur sich
existieren, «eins», «sieben» und so weiter kann fur sich existieren. In-
sofern aber das Wirkliche in der Zahl auftritt, ist das, was Zahl ist,
ein Einzelnes, und der Ausdruck Zahl hat keine irgendwie geartete
Existenz. Ein Unterschied ist eben zwischen den aufieren Dingen
und ihrer Beziehung zu den allgemeinen Begriffen, und das eine
mufi im Stile des Nominalismus, das andere im Stile des Realismus
behandelt werden.
Auf diese Weise kommen wir, indem wir den Gedanken einfach
die richtige Richtung geben, zu etwas ganz anderem. Jetzt beginnen
wir zu verstehen, warum so viele Weltanschauungsstreitigkeiten in
der Welt existieren. Die Menschen sind im allgemeinen nicht ge-
neigt, wenn sie eines begriffen haben, auch noch das andere zu be-
greifen. Wenn einer einmal auf einem Gebiete begriffen hat: All-
gemeine Begriffe haben keine Existenz -, so verallgemeinert er das,
was er erkannt hat, auf die ganze Welt und ihre Einrichtung. Dieser
Satz: Allgemeine Begriffe haben keine Existenz - ist nicht falsch;
denn er ist fur das Gebiet, das der Betreffende angeschaut hat, rich-
tig. Falsch ist nur die Verallgemeinerung. Es ist so wesentlich, wenn
man uberhaupt iiber das Denken sich eine Vorstellung machen will,
dafi man sich dariiber klar wird, dafi die Wahrheit eines Gedankens
auf seinem Gebiete noch nichts aussagt iiber die allgemeine Giiltig-
keit eines Gedankens. Ein Gedanke kann durchaus auf seinem Ge-
biete richtig sein; aber nichts wird dadurch ausgemacht iiber die all-
gemeine Giiltigkeit des Gedankens. Beweist man mir daher dieses
oder jenes, und beweist man es mir noch so richtig, unmoglich kann
es sein, dieses also Bewiesene auf ein Gebiet anzuwenden, auf das es
nicht hingehort. Es ist daher notwendig, dafi sich der, welcher sich
ernsthaft mit den Wegen beschaftigen will, die zu einer Weltan-
schauung fuhren, vor alien Dingen damit bekannt macht, dafi Ein-
seitigkeit der grofite Feind aller Weltanschauungen ist und dafi es vor
alien Dingen notig ist, die Einseitigkeit zu meiden. Einseitigkeit
miissen wir meiden. Das ist das, worauf ich insbesondere heute hin-
deuten will, wie wir notig haben, Einseitigkeiten zu meiden.
Fassen wir zunachst heute das, was in den nachsten Vortragen im
einzelnen seine Erklarung finden soli, so ins Auge, dafi wir uns zu-
nachst einen Uberblick dariiber verschaffen.
Es kann Menschen geben, welche einmal so veranlagt sind, daft es
ihnen unmoglich ist, den Weg zum Geiste zu finden. Es wird schwer
werden, solchen Menschen das Geistige jemals zu beweisen. Sie blei-
ben bei dem stehen, wovon sie etwas wissen, wovon etwas zu wissen
sie veranlagt sind. Sie bleiben, sagen wir, bei dem stehen, was den
grobklotzigsten Eindruck auf sie macht, beim Materiellen. Ein
solcher Mensch ist ein Materialist, und seine Weltanschauung ist Ma-
terialismus. Man hat nicht notig, das, was von den Materialisten zur
Verteidigung, zum Beweise des Materialismus aufgebracht worden
ist, immer toricht zu finden, denn es ist ungeheuer viel Scharfsin-
niges auf diesem Gebiete geschrieben worden. Was geschrieben
worden ist, das gilt zunachst fur das materielle Gebiet des Lebens,
gilt fur die Welt des Materiellen und ihre Gesetze.
Andere Menschen kann es geben, die sind durch eine gewisse In-
nerlichkeit von vornherein dazu veranlagt, in allem Materiellen nur
die Offenbarung des Geistigen zu sehen. Sie wissen naturlich so gut
wie die Materialisten, daft aufterlich Materielles vorhanden ist; aber
sie sagen: Das Materielle ist nur die Offenbarung, die Manifestation
des zugrunde liegenden Geistigen. Solche Menschen interessieren
sich vielleicht gar nicht besonders fur die materielle Welt und ihre
Gesetze. Sie gehen vielleicht, indem sie in sich alles bewegen, was
ihnen Vorstellungen vom Geistigen geben kann, mit dem Bewuftt-
sein durch die Welt: Das Wahre, das Hohe, das, womit man sich
beschaftigen soli, was wirklich Realkat hat, ist doch nur der Geist;
die Materie ist doch nur Tauschung, ist nur eine aufiere Phantasma-
gorie. Es ware das ein extremer Standpunkt, aber es kann ihn geben,
und er kann bis zu einer volligen Leugnung des materiellen Lebens
fuhren. Wir wurden von solchen Menschen sagen miissen: Sie er-
kennen voll an, was aller dings das Realste ist, den Geist; aber sie sind
einseitig, sie leugnen die Bedeutung des Materiellen und seiner Ge-
setze. Viel Scharfsinn wird sich aufbringen lassen, um die Weltan-
schauung solcher Menschen zu vertreten. Nennen wir die Weltan-
schauung solcher Menschen Spiritualismus. Kann man sagen, daft
die Spiritualisten recht haben? Fur den Geist werden ihre Behaup-
tungen aufterordentlich Richtiges zutage fordern konnen, doch iiber
das Materielle und seine Gesetze werden sie vielleicht wenig Bedeut-
sames zutage fordern konnen. Kann man sagen, daft die Materia-
listen mit ihren Behauptungen recht haben? Ja, iiber die Materie
und ihre Gesetze werden sie vielleicht aufierordentlich Nutzliches
und Wertvolles zutage fordern konnen; wenn sie aber iiber den Geist
sprechen, dann werden sie vielleicht nur Torheiten herausbringen.
Wir miissen also sagen: Fur ihre Gebiete haben die Bekenner dieser
Weltanschauungen recht.
Es kann Menschen geben, die sagen: Ja, ob es nun in der Welt der
Wahrheit nur Materie oder nur Geist gibt, dariiber kann ich nichts
Besonderes wissen; darauf kann sich das menschliche Erkenntnis-
vermogen iiberhaupt nicht beziehen. Klar ist nur das eine, dafi eine
Welt um uns ist, die sich ausbreitet. Ob ihr das zugrunde liegt, was
die Chemiker, die Physiker, wenn sie Materialisten werden, die
Atome der Materie nennen, das weifi kh nicht. Ich erkenne aber die
Welt an, die um mich herum ausgebreitet ist; die sehe ich, iiber die
kann ich denken. Ob ihr noch ein Geist zugrunde liegt oder nicht,
dariiber etwas anzunehmen, habe ich keine besondere Veranlassung.
Ich hake mich an das, was um mich herum ausgebreitet ist. - Solche
Menschen kann man mit etwas anderer Wortbedeutung, als ich das
Wort vorher brauchte, Realisten nennen und ihre Weltanschauung
Realismus. Genau ebenso, wie man unendlichen Scharfsinn aufbrin-
gen kann fur den Materialismus wie fur den Spiritualismus und wie
man daneben auch sehr Scharfsinniges iiber den Spiritualismus und
die grofiten Torheiten iiber das Materielle sagen kann, wie man
sehr scharfsinnig iiber die Materie und sehr toricht iiber das Spiri-
tuelle sprechen kann, so kann man die scharfsinnigsten Griinde
fur den Realismus aufbringen, der weder Spiritualismus noch Mate-
rialismus ist, sondern das, was ich eben jetzt charakterisiert habe.
Es kann aber noch andere Menschen geben, die etwa folgendes
sagen. Um uns herum ist die Materie und die Welt der materiellen
Erscheinungen. Aber die Welt der materiellen Erscheinungen ist
eigentlich in sich sinnleer. Sie hat keinen rechten Sinn, wenn nicht
in ihr jene Tendenz liegt, die sich eben bewegt nach vorwarts, wenn
nicht aus dieser Welt, die da um uns herum ausgebreitet ist, das
geboren werden kann, wonach die Menschenseele sich richten kann
als nicht in der Welt enthalten, die um uns herum ausgebreitet ist.
Es raufi nach der Anschauung solcher Menschen das Ideelle und das
Ideale im Weltprozesse drinnen sein. Solche Menschen geben den
realen Weltprozessen ihr Recht. Sie sind nicht Realisten, trotzdem
sie dem realen Leben recht geben, sondern sie sind der Anschauung,
das reale Leben mufi durchtrankt werden von dem Ideellen, nur
dann bekommt es einen Sinn. - In einem Anfluge von solcher Stim-
mung hat Fichte einmal gesagt: Alle Welt, die sich um uns herum
ausbreitet, ist das versinnlichte Material fur die Pflichterfullung. -
Die Vertreter solcher Weltanschauung, die alles nur Mittel sein lafit
fur Ideen, die den Weltprozefi durchdringen, kann man Idealisten
nennen und ihre Weltanschauung Idealismus. Schones und Grofies
und Herrliches ist fur diesen Idealismus vorgebracht worden. Und
auf dem Gebiete, das ich eben charakterisiert habe, wo es darauf an-
kommt, zu zeigen, wie die Welt zweck- und sinnlos ware, wenn die
Ideen nur menschliche Phantasiegebilde waren und nicht im Welt-
prozesse drinnen wirklich begrundet waren, auf diesem Gebiete hat
der Idealismus seine voile Bedeutung. Aber mit diesem Idealismus
kann man zum Beispiel die aufiere Wirklichkeit, die aufiere Realitat
des Realisten nicht erklaren. Daher hat man zu unterscheiden von
den anderen eine Weltanschauung, die Idealismus genannt werden
kann.
Ma re t-iaffjmu 5
ld<?alismui "Reah'5tm/i
SpiYifualf'smvs
Wir haben jetzt schon vier nebeneinander berechtigte Weltan-
schauungen, von deneti jede ihre Bedeutung hat fur ihr besonderes
Gebiet. Zwischen dem Materialismus und dem Idealismus ist ein
gewisser Ubergang. Der ganz grobe Materialismus - man kann ihn ja
besonders in unserer Zeit, obwohl er heute schon im Abfluten ist,
gut beobachten - wird darin bestehen, dafi man bis zum Extrem aus-
bildet das Kantische Diktum - Kant selber hat es nicht getan! -, dafi
in den einzelnen Wissenschaften nur so viel wirkliche Wissenschaft
ist, als darin Mathematik ist. Das heifit, man kann vom Materialisten
zum Rechenknecht des Universums werden, indem man nichts an-
deres gelten lafit als die Welt, angefullt mit materiellen Atomen. Sie
stofien sich, wirbeln durcheinander, und man rechnet dann aus, wie
die Atome durcheinanderwirbeln. Da bekommt man sehr schone
Resultate heraus, was bezeugen mag, dafi diese Weltanschauung ihre
voile Berechtigung hat. So bekommt man zum Beispiel die Schwin-
gungszahlen fur Blau, fur Rot und so weiter; man bekommt die
ganze Welt wie eine Art von mechanischem Apparat und kann die-
sen fein berechnen. Man kann aber etwas irre werden an dieser
Sache. Man kann sich zum Beispiel sagen: Ja, aber wenn man eine
noch so komplizierte Maschine hat, so kann doch aus dieser Maschine
niemals, selbst wenn sie noch so kompliziert sich bewegt, hervor-
gehen, wie man etwa Blau, Rot und so weiter empfindet. Wenn also
das Gehirn nur eine komplizierte Maschine ist, so kann doch aus dem
Gehirn nicht das hervorgehen, was man als Seelenerlebnisse hat.
Aber man kann dann sagen, wie einstmals Du Bois-Reymond gesagt
hat: Man wird, wenn man die Welt nur mathematisch erklaren will,
zwar die einfachste Empfindung nicht erklaren konnen; will man
aber bei der mathematischen Erklarung nicht stehenbleiben, so wird
man unwissenschaftlich. - Der grobe Materialist wiirde sagen: Nein,
ich rechne auch nicht; denn das setzt schon einen Aberglauben vor-
aus, den Aberglauben, dafi ich annehme, dafi die Dinge nach Mafi
und Zahl geordnet sind. Und wer nun iiber diesen groben Materia-
lismus sich erhebt, wird ein mathematischer Kopf und lafit nur das
als wirklich gelten, was eben in Rechenformeln gebracht werden
kann. Das ergibt eine Weltanschauung, die eigentlich nichts gelten
lafit als die mathematische Formel. Man kann sie Mathematizismus
nennen.
Es kann sich aber einer nun iiberlegen und dann, nachdem er
Mathematizist gewesen ist, sich sagen: Das kann kein Aberglaube
sein, dafi die blaue Farbe soundso viele Schwingungen hat. Mathe-
matisch ist nun einmal doch die Welt angeordnet. Warum sollten,
wenn mathematische Ideen in der Welt verwirklicht sind, nicht auch
andere Ideen in der Welt verwirklicht sein? Ein solcher nimmt an:
Es leben doch Ideen in der Welt. Aber er lafit nur diejenigen Ideen
gelten, die er findet, nicht solche Ideen, die er von innen heraus etwa
durch irgendeine Intuition oder Inspiration erfassen wiirde, sondern
nur die, welche er von den aufterlich sinnlich-realen Dingen abliest.
Ein solcher Mensch wird Rationalist, und seine Weltanschauung ist
Rationalismus. - Lafit man zu den Ideen, die man findet, auch noch
diejenigen gelten, die man aus dem Moralischen, aus dem Intellek-
tuellen heraus gewinnt, dann ist man schon Idealist. So geht ein Weg
von dem grobklotzigen Materialismus uber den Mathematismus und
Rationalismus zum Idealismus.
AVoterfalismur
Ala rh em ati z.i sm u $
'Rational is mus
5pir*toqlismuj
Der Idealismus kann aber nun gesteigert werden. In unserer Zeit
finden sich einige Menschen, welche den Idealismus zu steigern ver-
suchen. Sie finden ja Ideen in der Welt. Wenn man Ideen findet,
dann mufi auch solche Wesensart in der Welt vorhanden sein, in der
Ideen leben konnten. In irgendeinem aufteren Dinge konnten doch
nicht so ohne weiteres Ideen leben. Ideen konnen auch nicht gleich-
sam in der Luft hangen. Es hat zwar im 19. Jahrhundert den Glauben
gegeben, daft Ideen die Geschichte beherrschen. Es war dies aber nur
eine Unklarheit; denn Ideen als solche haben keine Kraft zum Wir-
ken. Daher kann man von Ideen in der Geschichte nicht sprechen.
Wer da einsieht, daft Ideen, wenn sie iiberhaupt da sein sollen, an
ein Wesen gebunden sind, das Ideen eben haben kann, der wird
nicht mehr blofier Idealist sein, sondern er schreitet vor zu der An-
nahme, daft die Ideen an Wesen gebunden sind. Er wird Psychist,
und seine Weltanschauung ist Psychismus. Der Psychist, der wieder
ungeheuer viel Scharfsinn fur seine Weltanschauung aufbringen
kann, kommt zu dieser Weltanschauung auch nur durch eine Ein-
seitigkeit, die er eventuell bemerken kann.
Ich mufi hier gleich einfugen: Fur alle die Weltanschauungen, die
ich uber den horizontalen Strich schreiben werde, gibt es Anhanger,
und diese Anhanger sind zumeist Starrkopfe, die diese oder jene
Weltanschauung durch irgendwelche Grundbedingungen, die sie in
sich haben, nehmen und dabei stehenbleiben. Alles, was unter die-
sem Strich liegt (siehe Skizze Seite 42), hat Bekenner, die leichter
zuganglich sind der Erkenntnis, daft die einzelnen Weltanschau-
ungen immer nur von einem bestimmten Gesichtspunkte aus die
Dinge ansehen, und die daher leichter dazu kommen, von der einen
in die andere Weltanschauung uberzugehen.
Wenn jemand Psychist ist und geneigt, weil er Erkenntnismensch
ist, die Welt kontemplativ zu betrachten, so kommt er dazu, sich zu
sagen, er mufi in der Welt Psychisches voraussetzen. In dem Augen-
blicke aber, wo er nicht nur Erkenntnismensch ist, sondern wo er in
ebensolcher Weise eine Sympathie fur das Aktive, fur das Tatige, fur
das Willensartige in der Menschennatur hat, da sagt er sich: Es ge-
ntigt nicht, daft Wesen da sind, die nur Ideen haben konnen; diese
Wesen mussen auch etwas Aktives haben, miissen auch handeln kon-
nen. Das ist aber nicht zu denken, ohne daft diese Wesen indivi-
duelle Wesen sind. Das heifit, ein solcher steigt auf von der An-
nahme der Beseeltheit der Welt zu der Annahme des Geistes oder
der Geister in der Welt. Es ist sich noch nicht klar, ob er einen oder
mehrere Geistwesen annehmen soil, aber er steigt auf vom Psychis-
mus zum Pneumatismus, zur Geistlehre.
Ist einer in Wirklichkeit Pneumatist geworden, so kann es durch-
aus vorkommen, daft er das einsieht, was kh heute iiber die Zahl ge-
sagt habe, dafi es in bezug auf die Zahlen in der Tat etwas Bedenk-
liches hat, von einer Einheit zu sprechen. Dann kommt er dazu, sich
zu sagen: Dann wird es also eine Verworrenheit sein, von einem ein-
heitlichen Geist, von einem einheitlichen Pneuma zu reden. Und er
kommt dann allmahlich dazu, von den Geistern der verschiedenen
Hierarchien sich eine Vorstellung bilden zu konnen. Er wird dann im
echten Sinne Spiritualist, so daft also auf dieser Seite ein unmittel-
barer Ubergang vom Pneumatismus zum Spiritualismus ist.
Alles, was ich auf die Tafel geschrieben habe, sind Weltanschau-
ungen, die fur ihre Gebiete ihre Berechtigung haben. Denn es gibt
Gebiete, fur die der Psychismus erklarend wirkt, es gibt Gebiete, fur
die der Pneumatismus erklarend wirkt. Will man allerdings so griind-
lich mit der Welterklarung zu Rate gehen, wie wir es versucht
haben, dann mufi man zum Spiritualismus kommen, zu der An-
nahme der Geister der Hierarchien. Dann kann man nicht beim
Pneumatismus stehenbleiben; denn beim Pneumatismus stehen-
bleiben wurde in diesem Falle das Folgende heifien. Wenn wir Spiri-
tualisten sind, kann es uns begegnen, dafi die Menschen sagen:
Warum da so viele Geister? Warum da die Zahl anwenden? Es gibt
einen einheitlichen Allgeist! - Wer sich tiefer auf die Sache einlafit,
der weir!, dafi es mit diesem Einwande ebenso ist, wie wenn jemand
sagt: Da sagst du mir, dort waren zweihundert Mucken. Ich sehe aber
keine zweihundert Mucken, ich sehe nur einen einzigen Miicken-
schwarm. - Genau so wurde sich der Anhanger des Pneumatismus,
des Pantheismus und so weiter gegeniiber dem Spiritualisten ver-
halten. Der Spiritualist sieht die Welt erfullt mit den Geistern der
Hierarchien; der Pantheist sieht nur den einen Schwarm, sieht nur
den einheitlichen Allgeist. Aber das beruht nur auf einer Ungenauig-
keit des Anschauens.
/Vfafcn'qh'smus
Mafhematfzismvs
Rational ijnius
"3dcali$»nuj ^.ecHismv/s
>''
Psy chismus
Pncumat/smus
5pi rifuaffcrm/s
Nun gibt es noch eine andere Moglichkeit: die, daft jemand nicht
auf den Wegen, die wir zu gehen versucht haben, zu dem Wirken
geistiger Wesenheiten kommt, daft er aber doch zu der Annahme
gewisser geistiger Grundwesen der Welt kommt. Ein solcher Mensch
war zum Beispiel Leibniz, der beriihmte deutsche Philosoph. Leibniz
war hinaus uber das Vorurteil, daft irgend etwas blofi materiell in der
Welt existieren konne. Er fand das Reale, suchte das Reale. Das Ge-
nauere habe ich in meinem Buche «Die Ratsel der Philosophie» dar-
gestellt. Er war der Anschauung, daft es ein Wesen gibt, das in sich
die Existenz erbilden kann, wie zum Beispiel die Menschenseele.
Aber er machte sich nicht weitere Begriffe dariiber. Er sagte sich nur,
daft es ein solches Wesen gibt, das in sich die Existenz erbilden kann,
das Vorstellungen aus sich heraustreibt. Das ist fur Leibniz eine
Monade. Und er sagte sich: Es mufi viele Monaden geben und Mona-
den von der verschiedensten Klarheit. Wenn ich hier eine Glocke
habe, so sind dort viele Monaden drinnen - wie in einem Miicken-
schwarm -, aber Monaden, die nicht einmal bis zum Schlafbewuftt-
sein kommen, Monaden, die fast unbewufit sind, die aber doch dun-
kelste Vorstellungen in sich entwickeln. Es gibt Monaden, die
traumen, es gibt Monaden, die wache Vorstellungen in sich ent-
wickeln, kurz, Monaden der verschiedensten Grade. - Ein solcher.
Mensch kommt nicht dazu, sich das Konkrete der einzelnen geistigen
Wesenheiten so vorzustellen wie der Spiritualist; aber er reflektiert in
der Welt auf das Geistige, das er nur unbestimmt sein laftt. Er nennt
es Monade, das heilk, er kummert sich nur um den Vorstellungs-
charakter, als wenn man sagen wiirde: Ja, Geist, Geister sind in der
Welt; aber ich beschreibe sie nur so, daft ich sage, sie sind verschie-
denartig vorstellende Wesen. Eine abstrakte Eigenschaft nehme ich
aus ihnen heraus. Da bilde ich mir diese einseitige Weltanschauung
aus, fur die vor allem so viel vorgebracht werden kann, als der geist-
volle Leibniz fur sie vorgebracht hat. So bilde ich den Monadismus
aus. - Der Monadismus ist ein abstrakter Spiritualismus.
Es kann aber Menschen geben, die sich nicht bis zur Monade er-
heben, die nicht zugeben konnen, daft dasjenige, was existiert,
Wesen sind von verschiedenem Grade des Vorstellungsvermogens,
die aber auch nicht etwa damit zufrieden sind, daft sie nur zugeben,
was sich in der aufteren Realitat ausbreitet, sondern sie lassen das, was
sich in der aufteren Realitat ausbreitet, iiberall von Kraft en be-
herrscht sein. Wenn zum Beispiel ein Stein zur Erde fallt, so sagen
sie: Da ist die Schwerkraft. Wenn ein Magnet Eisenspane anzieht,
so sagen sie: Da ist die magnetische Kraft. Sie begniigen sich nicht
blofi damit zu sagen: Da ist der Magnet - sondern sie sagen: Der
Magnet setzt voraus, daft iibersinnlich, unsichtbar die magnetische
Kraft vorhanden ist, die sich iiberall ausbreitet. Man kann eine
solche Weltanschauung bilden, die iiberall die Krafte zu dem
sucht, was in der Welt vorgeht, und kann sie Dynamismus
nennen.
Dann kann man auch sagen: Nein, an Krafte zu glauben, das ist
Aberglaube! Ein Beispiel dafiir, wie einer ausfuhrlicher darstellt, wie
an Krafte zu glauben Aberglaube ist, haben Sie in Fritz Mauthners
«Kritik der Sprache». In diesem Falle bleibt man bei dem stehen, was
sich real um uns herum ausbreitet. Wir kommen also auf diesem
Wege vom Spiritualismus iiber den Monadismus und Dynamismus
wiederum zum Realismus.
Nun kann man aber auch noch etwas anderes machen. Man kann
sagen: Gewifi, ich halte mich an die Welt, die mich ringsherum um-
gibt. Aber ich behaupte nicht, daft ich ein Recht habe zu sagen, diese
Mqfcri'alismus
MathematixijfniO
"Rat/on affsmus
Realisms S
P$y chismus
py namismus
Pne^rnat'»smu5
SpiriTuatisnrw*
Welt sei die wirkliche. Ich weifi nur von ihr zu sagen, daft sie mir er-
scheint. Und zu mehr habe ich uberhaupt nicht Recht, als zu sagen:
Diese Welt erscheint mir. Ich habe kein Recht, von ihr mehr zu
sagen. - Das 1st also ein Unterschied. Man kann von dieser Welt, die
sich um uns herum ausbreitet, sagen, sie ist die reale Welt. Aber
man kann auch sagen: Von einer anderen Welt kann ich nicht reden;
aber ich bin mir klar, daft es die Welt ist, die mir erscheint. Ich rede
nicht davon, dafi diese Welt von Farben und Tonen, die doch nur
dadurch entsteht, dafi sich in meinem Auge gewisse Prozesse ab-
spielen, die sich mir als Farben zeigen, dafi sich in meinem Ohr Pro-
zesse abspielen, die sich mir als Tone zeigen und so weiter, dafi diese
Welt die wahre ist. Sie ist die Welt der Phanomene. - Phanomena-
lismus ist die Weltanschauung, um die es sich hier handeln wiirde.
Man kann aber weiter gehen und kann sagen: Die Welt der Pha-
nomene haben wir zwar um uns herum. Aber alles, was wir in diesen
Phanomenen zu haben glauben so, daft wir es selber hinzugegeben
haben, daiS wir es selber hinzugedacht haben - das haben wir eben
hinzugedacht zu den Phanomenen. Berechtigt ist aber nur das, was
uns die Sinne sagen. - Merken Sie wohl, ein solcher Mensch, der
dieses sagt, ist nicht ein Anhanger des Phanomenalismus, sondern er
schalt von dem Phanomen das los, wovon er glaubt, dafi es nur aus
dem Verstande und aus der Vernunft kommt, und er lafit gelten, als
irgendwie von der Realitat angekiindigt, was die Sinne als Eindriicke
geben. Diese Weltanschauung kann man Sensualismus nennen.
AlqtcWa(iSir\U5
A^qfhcmqtizismos 5ensuah'*mv/s
Ttationcilismu* Phenomenalism's
1 6 c a I i s m u s . . d„, „ ,„< ««><»>< Realismus
?sychi5mu$ Dyncunismus
pnoumati*mu* M ona & i J mus
Spin'Tuatbmus
Greift man dazu, zu sagen: Mogt ihr nachdenken dariiber, dafi
das die Sinne sagen, und mogt ihr noch so scharfsinnige Griinde
dafur anfiihren - man kann scharfsinnige Griinde dafur anfiihren -,
ich stelle mich auf den Standpunkt, es gibt nur das, was so aussieht
wie das, was die Sinne sagen; das lasse ich als Materielles gelten - wie
etwa der Atomist, der da sagt: Ich nehme an, es existieren nur
Atome, und wenn sie noch so klein sind, sie haben die Eigenschaf-
ten, die man in der physischen Welt kennt -, dann ist man wieder
Materialist. Wir sind also auf dem anderen Wege wieder beim Mate-
rialisms angekommen.
Was ich Ihnen hier als Weltanschauungen aufgeschrieben und
charakterisiert habe, das gibt es, das kann verteidigt werden. Und es
ist moglich, fur jede einzelne der Weltanschauungen die scharf-
sinnigsten Griinde vorzubringen, es ist moglich, sich auf den Stand-
punkt jeder dieser Weltanschauungen zu stellen und mk scharf-
sinnigen Griinden die anderen Weltanschauungen zu widerlegen.
Man kann zwischen diesen Weltanschauungen noch andere aus-
denken; die sind aber nur gradweise von den angefuhrten verschie-
den und lassen sich auf die Haupttypen zuruckfuhren. Will man das
Gewebe der Welt kennenlernen, dann mufi man wissen, dafi man es
durch diese zwolf Eingangstore kennenlernt. Es gibt nicht eine Welt-
anschauung, die sich verteidigen lafit, die berechtigt ist, sondern es
gibt zwolf Weltanschauungen. Und man mufi zugeben: Gerade so
viele gute Griinde wie fur die eine Weltanschauung, so viele gute
Griinde lassen sich fur jede andere der zwolf Weltanschauungen vor-
bringen. Die Welt laik sich nicht von dem einseitigen Standpunkte
einer Weltanschauung, eines Gedankens aus betrachten, sondern die
Welt enthiillt sich nur dem, der weifi, daft man um sie herumgehen
mufi. Genau ebenso, wie die Sonne, auch wenn wir die kopernikani-
sche Weltanschauung zugrunde legen, durch die Tierkreiszeichen
geht, um von zwolf verschiedenen Punkten aus die Erde zu beleuch-
ten, ebenso mufi man nicht auf einen Standpunkt - auf den Stand-
punkt des Idealismus, des Sensualismus, des Phanomenalismus oder
irgendeiner Weltanschauung, die einen solchen Namen tragen
kann - sich stellen, sondern man mufi in der Lage sein, um die Welt
herumgehen zu konnen und sich einleben zu konnen in die zwolf
verschiedenen Standpunkte, von denen aus man die Welt betrach-
ten kann. Denkerisch sind alle zwolf verschiedenen Standpunkte
voll berechtigt. Nicht eine Weltanschauung gibt es fur den Denker,
der in die Natur des Denkens eindringen kann, sondern zwolf
gleichberechtigte, insofern gleichberechtigte, als sich gleich gute
Griinde vom Denken aus fur jede vorbringen lassen. Zwolf solche
gleichberechtigte Weltanschauungen gibt es. Von diesem dadurch
gewonnenen Gesichtspunkte aus wollen wir morgen weiter reden,
damit wir uns von der denkerischen Betrachtung des Menschen zu
der Betrachtung des Kosmischen hinaufschwingen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 22. Januar 1914
Ich habe gestern diejenigen Weltanschauungsnuancen darzustellen
versucht, welche dem Menschen moglich sind, so moglich, dafi fur
jede dieser Weltanschauungsnuancen gewisse vollgiiltige Beweise der
Richtigkeit, der Wahrheit fiir ein gewisses Gebiet erbracht werden
konnen. Fiir den, der nicht darauf aus ist, alles, was er auf einem be-
stimmten engbegrenzten Gebiete zu beobachten, zu iiberdenken in
der Lage war, zu einem Begriffssystem zusammenzuschmieden und
dann die Beweise dafur zu suchen, sondern fur den, der darauf aus
ist, wirklich in die Wahrheit der Welt einzudringen, ist es wichtig
zu wissen, dafi diese Allseitigkeit notwendig ist, die sich darin aus-
spricht, dafi dem menschlichen Geist wirklich zwolf typische Welt-
anschauungsnuancen - auf die Ubergange dazwischen kommt es
jetzt nicht an - moglich sind. Will man wirklich zur Wahrheit kom-
men, dann mufi man den Versuch machen, sich die Bedeutung
dieser Weltanschauungsnuancen einmal klarzumachen, mufi den
Versuch machen, zu erkennen, auf welchen Gebieten des Daseins
die eine oder die andere dieser Weltanschauungsnuancen den bes-
seren Schlussel bildet. Wenn wir uns noch einmal diese zwolf Welt-
anschauungsnuancen vor Augen fiihren, wie das gestern geschehen
ist, so ist es also der Materialismus, der Sensualismus, der Phano-
menalismus, der Realismus, der Dynamismus, der Monadismus, der
Spiritualismus, der Pneumatismus, der Psychismus, der Idealismus,
der Rationalismus und der Mathematizismus.
Es ist nun in der wirklichen Welt des menschlichen Forschungs-
strebens nach der Wahrheit leider so, dafi bei den einzelnen Gei-
stern, bei den einzelnen Persdnlichkeiten immer die Hinneigung zu
der einen oder der anderen dieser Weltanschauungsnuancen iiber-
wiegt und dafi dadurch die Einseitigkeiten in den verschiedenen
Weltanschauungen der verschiedenen Epochen auf die Menschen
wieder wirken. Was ich so als die zwolf Hauptweltanschauungen hin-
gestellt habe, das mufi man kennen als etwas, was man wirklich so
iiberschaut, dafi man gleichsam immer die eine Weltanschauung
neben die andere so kreisformig hinstellt und sie als ruhend betrach-
tet. Sie sind moglich; man mufi sie kennen. Sie verhalten sich wirk-
lich so, dafi sie ein geistiges Abbild des uns ja wohlbekannten Tier-
kreises sind. Wie den Tierkreis scheinbar die Sonne durchlauft und
wie andere Planeten scheinbar den Tierkreis durchlaufen, so ist es der
menschlichen Seele moglich, einen Geisteskreis zu durchlaufen, wel-
cher zwolf Weltanschauungsbilder enthalt. Ja, man kann sogar die
Eigentumlichkeiten dieser Weltanschauungsbilder in Zusammen-
hang bringen mit den einzelnen Zeichen des Tierkreises. Und zwar
ist dieses In-Beziehung-Bringen gar nichts Willkurliches, sondern es
besteht wirklich ein ahnliches Verhaltnis zwischen den einzelnen
Tierkreisbildern und der Erde wie zwischen diesen zwolf Weltan-
schauungen und der menschlichen Seele. Das ist folgendermafien ge-
meint.
Zunachst konnen wir ja nicht davon sprechen, daft ein
leichtverstandliches Verhaltnis bestiinde zum Beispiel zwischen dem
Tierkreisbilde Widder und der Erde. Aber wenn die Sonne, der
Saturn oder der Merkur so stehen, dafi man sie von der Erde aus im
Zeichen des Widders sieht, so wirken sie anders, als wenn sie so ste-
hen, dafi man sie im Zeichen des Lowen sieht. Es ist also die Wirkung,
die aus dem Kosmos zum Beispiel von den einzelnen Planeten zu uns
kommt, verschieden, je nachdem die einzelnen Planeten das eine
oder das andere Tierkreisbild bedecken. Bei der menschlichen Seele
ist es uns sogar leichter, den Einflufi dieser zwolf «Geistes-Tierkreis-
bilder» anzuerkennen. Es gibt Seelen, die gewissermafien ganz dahin
tendieren, allein Einflufi auf die {Configuration ihres Innenlebens,
auf ihre wissenschaftliche, philosophische oder sonstige Geistesrich-
tung dahin zu bekommen, dafi sie sich gleichsam vom Idealismus be-
scheinen lassen in der Seele. Andere lassen sich in der Seele von dem
Materialismus bescheinen, andere vom Sensualismus. Man ist nicht
Sensualist, Materialist, Spiritualist oder Pneumatiker, weil die eine
oder die andere Anschauung richtig ist und man die Richugkeit der
einen oder der anderen Anschauung einsehen kann, sondern man ist
Pneumatiker, Spiritualist, Materialist oder Sensualist, weil man in
seiner Seele so veranlagt ist, dafi man von dem betreffenden Geistes-
Tierkreisbilde geistig-seelisch beschienen wird. So haben wir in diesen
zwolf Geistes-Tierkreisbildern etwas, was uns tief hineinfuhren kann
in die Art, wie menschliche Weltanschauungen entstehen, und was
uns tief hineinfuhren kann in die Griinde, warum die Menschen auf
der einen Seite sich streiten uber Weltanschauungen, auf der anderen
Seite aber sich nicht streiten sollten, sondern viel lieber einsehen soil-
ten, wodurch es kommt, dafi die Menschen verschiedene Weltan-
schauungsnuancen haben. Wenn es fur gewisse Epochen dennoch
notwendig ist, die eine oder die andere Weltanschauungsrichtung
streng zurikkzuweisen, so werden wir den Grund von diesem im
morgigen Vortrage noch anzugeben haben. Was ich bis jetzt gesagt
habe, bezieht sich also auf die Ausformung des menschlichen
Gedankens durch den geistigen Kosmos der gleichsam in unserem
geistigen Umkreise ruhenden zwolf Geistes-Tierkreisbilder.
Aber es gibt noch etwas anderes, was die menschlichen Weltan-
schauungen bestimmt. Dies andere werden Sie am besten dadurch
einsehen, dafi ich Ihnen zunachst das Folgende zeige.
Man kann in seiner Seele so gestimmt sein, gleichgultig jetzt
sogar, von welchem dieser zwolf Geistes-Tierkreisbilder man in der
Seele beschienen ist, dafi man diese Stimmung der Seele, die sich in
der ganzen Konfiguration der Weltanschauung dieser Seele zum
Ausdruck bringt, bezeichnen kann als Gnosis. Man kann ein Gno-
stiker sein. Man ist ein Gnostiker, wenn man daraufhin gestimmt ist,
durch gewisse in der Seele selbst liegende Erkenntniskrafte, nicht
durch die Sinne oder dergleichen, die Dinge der Welt kennenzu-
lernen. Man kann ein Gnostiker sein und zum Beispiel eine gewisse
Neigung haben, sich bescheinen zu lassen von dem Geistes-Tier-
kreisbilde, das wir hier als Spirkualismus bezeichnet haben. Dann
wird man in seiner Gnostik tief hineinleuchten konnen in die Zu-
sammenhange der geistigen Welten.
Man kann aber auch zum Beispiel ein Gnostiker des Idealismus
sein; dann wird man eine besondere Veranlagung haben, die Ideale
der Menschheit und die Ideen der Welt klar zu sehen. Der Unter-
schied ist ja vorhanden zwischen dem einen und dem anderen Men-
schen auch in bezug auf den Idealismus, den die beiden Menschen
haben konnen. So ist der eine ein idealistischer Schwarmer, der im-
mer davon redet, dafi er Idealist ist, der nur immer das Wort Ideal,
Ideal, Ideal im Munde fuhrt, aber nicht viele Ideale kennt, der nicht
die Fahigkeit hat, in scharfen Konturen und mit innerlichem Schauen
wirklich die Ideale vor seine Seele zu rufen. Ein solcher unterscheidet
sich dann von dem anderen, der nicht nur von Idealen redet, sondern
die Ideale in seiner Seele so zu zeichnen weifi wie ein scharf hinge-
maltes Bild. Der letztere, der den Idealismus ganz konkret innerlich
ergreift, so intensiv ergreift, wie man mit der Hand aufiere Dinge er-
greift, der ist auf dem Gebiete des Idealismus ein Gnostiker. Man
konnte auch so sagen: Er ist iiberhaupt ein Gnostiker, aber er lafit
sich insbesondere von dem Geistes-Tierkreisbilde des Idealismus
bescheinen.
Es gibt Menschen, welche sich besonders stark bescheinen lassen
von dem Weltanschauungsbilde des Realismus, die aber so durch die
Welt gehen, dafi sie durch die ganze Art, wie sie die Welt ernpfln-
den, wie sie der Welt gegeniibertreten, den andern Menschen viel,
viel sagen konnen von dieser Welt. Sie sind weder Idealisten noch
SpirituaHsten; sie sind ganz gewohnliche Realisten. Sie sind im-
stande, wirklich fein zu empfinden, was in der aufieren Realitat um
sie herum ist, sie sind fein empfanglich fur die Eigentumlichkeiten
der Dinge. Sie sind Gnostiker, richtige Gnostiker; nur sind sie Gno-
stiker des Realismus. Solche Gnostiker des Realismus gibt es, und
manchmal sind SpirituaHsten oder Idealisten gar nicht Gnostiker des
Realismus. Wir konnen sogar finden, dafi Leute, die sich gute Theo-
sophen nennen, durch eine Bildergalerie durchgehen und gar nichts
zu sagen haben iiber die Bilder, wahrend andere, die gar nicht Theo-
sophen sind, die aber Gnostiker des Realismus sind, unendlich Be-
deutungsvolles dadurch zu sagen wissen, dafl sie mit ihrer ganzen
Personlichkeit in Beriihrung sind mit der ganzen Realitat der Dinge.
Oder wie viele Theosophen gehen hinaus in die Natur und wissen gar
nicht das ganz Erhabene und Grofte der Natur mit der ganzen Seele
aufzufassen: sie sind nicht Gnostiker des Realismus. Es gibt Gno-
stiker des Realismus.
Es gibt audi Gnostiker des Materialismus. Das sind allerdings
sonderbare Gnostiker. Aber ganz in dem Sinne, wie man Gnostiker
des Realismus ist, kann man Gnostiker des Materialismus sein; aber
es sind das Menschen, die nur Sinn und Gefuhl und Empfinden
haben fur alles Stoffliche, die das Stoffliche durch die unmittel-
bare Beriihrung kennenzulernen suchen, wie der Hund, der die
Stoffe beriecht und dadurch intim kennenlernt und der eigent-
lich in bezug auf die materiellen Dinge ein ausgezeichneter Gno-
stiker ist.
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Spiritual ismus
Man kann Gnostiker sein fur alle zwolf Weltanschauungsbilder.
Das heifit, wenn wir die Gnosis richtig hineinstellen wollen, miissen
wir es so machen, daft wir einen Kreis zeichnen und daft uns der
ganze Kreis bedeutet: Die Gnosis kann herumwandeln durch alle
zwolf Weltanschauungsbilder. Wie ein Planet die zwolf Tierkreis-
bilder durchwandelt, so kann die Gnosis alle zwolf Weltanschau-
ungsbilder durchwandeln.
Allerdings wird die Gnosis die grolken Dienste fiir das Heil der
Seelen dann leisten, wenn die gnostische Stimmung angewendet
wird fiir den Spiritualismus. Man konnte sagen: Die Gnosis ist im
Spiritualismus so recht zu Hause. Sie ist da in «ihrem» Hause. Sie ist
aufier ihrem Hause in den anderen Weltanschauungsbildern. Logisch
hat man nicht die Berechtigung zu sagen, es konnte keine materia-
listische Gnostik geben. Die Pedanten der Begriffe und Ideen wer-
den mit solchen Dingen leichter fertig als die gesunden Logiker, die
es etwas komphzierter haben. Man konnte zum Beispiel sagen: Ich
will nichts anderes Gnosis nennen, als was in den Geist eindringt.
Das ist eine willkurliche Begriffsbestimmung, ist ebenso willkiirlich,
wie wenn jemand sagen wiirde: Veilchen habe ich bis jetzt nur in
Osterreich gesehen, also nenne ich Veilchen nur das, was in Oster-
reich wachst und die Veilchenfarbe hat, anderes nicht. Logisch ist es
ebenso unmoglich zu sagen, Gnosis gebe es nur im Weltanschau-
ungsbilde des Spiritualismus; denn Gnosis ist ein «Planet», der die
Geistes-Sternbilder durchlauft.
Es gibt eine andere Weltanschauungsstimmung. «Stimmung» sage
ich hierbei, wahrend ich sonst von «Nuancen» und «Bildern» spre-
che. Und man hat in den neueren Zeiten gemeint, in einer leichteren
Art - doch ist auch hier «das Leichte schwer»! - diese zweite Welt-
anschauungsstimmung kennenzulernen, weil diese im Geistes- Stern -
bilde des Idealismus gerade von Hegel vertreten worden ist. Aber
diejenige Art, die Welt zu betrachten, diese besondere Weltanschau-
ungsstimmung, die Hegel gehabt hat, braucht nicht, wie bei ihm,
blofi im Geistes- Sternbilde des Idealismus zu stehen, sondern sie
kann wieder durch alle Sternbilder durchgehen. Es ist die Weltan-
schauungsstimmung des Logismus. Diese Weltanschauungsstim-
mung des Logismus besteht vorzugsweise darin, dafl sich die Seele in
die Lage versetzen kann, wirkliche Gedanken, Begriffe und Ideen in
sich gegenwartig sein zu lassen, diese Gedanken und Ideen so in sich
gegenwartig zu haben, dafi eine solche Seele von einem Begriffe oder
einem Gedanken zu dem anderen so kommt, wie man, wenn man
einen menschlichen Organismus ansieht, von dem Auge zur Nase
und zum Mund kommt und alles dieses als zusammengehorig be-
trachtet, wie es bei Hegel ist, wo alle Begriffe, die er fassen kann, sich
zu einem grofien Begriffsorganismus zusammenordnen. Das ist ein
logischer Begriffsorganismus. Hegel war einfach imstande, alles, was
in der Welt als Gedanke gefunden werden kann, aufzusuchen und
aufzunehmen, Gedanken an Gedanken zu reihen und daraus einen
Organismus zu machen: Logismus! Man kann den Logismus aus-
bilden so wie Hegel, im Sternbilde des Idealismus, kann ihn ausbil-
den so wie Fichte, im Sternbilde des Psychismus, und man kann ihn
in anderen Geistes- Sternbildern ausbilden. Wiederum ist der Lo-
gismus etwas, was wie ein Planet durch die Tierkreisbilder durch-
geht, was kreisformig durch die zwolf Geistes-Tierkreisbilder geht.
Eine dritte Stimmung der Seele, die Weltanschauungen macht,
konnen wir zum Beispiel bei Schopenhauer studieren. Wahrend
Hegels Seele, wenn er hinschaut auf die Welt, so gestimmt ist, daft
zunachst in dieser Hegel-Seele alles, was in der Welt Begriff ist, als
der Logismus sich ergibt, fafit Schopenhauer durch die besondere
Stimmung seiner Seele alles das in der Seele auf, was willensartig ist.
Fur ihn sind die Naturkrafte Wille, die Harte des Steines ist Wille,
alles, was Realitat ist, ist Wille. Das kommt aus der besonderen Stim-
mung seiner Seele. Nun kann man eine solche Weltanschauung des
Willens, solche Weltanschauungsstimmung des Willens wiederum
wie einen Planeten betrachten, der durch alle zwolf Geistes-Tier-
kreisbilder geht. Ich will diese Weltanschauungsstimmung Volunta-
rismus nennen. Es ist die dritte Weltanschauungsstimmung. Scho-
penhauer war Voluntarist, und er war in seiner Seele vorzugsweise so
konstituiert, dafi er sich aussetzte dem Geistes- Sternbilde des Psy-
chismus. So entstand die eigentumliche Schopenhauersche Willens-
metaphysik: Voluntarismus im Geistes- Sternbilde des Psychismus.
Nehmen Sie einmal an, es wiirde jemand Voluntarist sein und
besonders hinneigen zu dem Geistes- Sternbilde des Monadismus.
Dann wiirde er nicht wie Schopenhauer so eine Einheitsseele, die
eigentlich Wille ist, der Welt zugrunde legen, sondern er wiirde viele
Monaden, die aber Willenswesen sind, der Welt zugrunde legen.
Diese Welt des monadologischen Voluntarismus hat in schonster,
scharfsinnigster und, ich mochte sagen, innigster Weise der oster-
reichische Dichterphilosoph Hamerling ausgebildet. Wodurch ist die
eigentumliche Lehre, die Sie in der «Atomistik des Willens» von
Hamerling haben, zustande gekommen? Dadurch, dafi seine Seele
voluntaristisch gestimmt war und er sich vorzugsweise ausgesetzt hat
dem Geistes-Sternbilde des Monadismus. Wenn wir Zeit hatten,
konnten wir fur jede Seelenstimmung in jedem Sternbilde Beispiele
anfuhren. Sie finden sich in der Welt.
Eine besondere Seelenstimmung ist diese, welche nun gar nicht
geneigt ist, viel nachzudenken oder nachzusinnen, ob nun hinter
den Erscheinungen dieses oder jenes noch ist, wie es zum Beispiel die
gnostische Stimmung tut oder wie es die logische oder die volunta-
ristische Stimmung tut, sondern die einfach sagt: Ich will das, was
mir in der Welt entgegentritt, was sich mir zeigt, was sich mir aufier-
lich offenbart, meiner Weltanschauung eingliedern. Das kann man
wieder auf alien Gebieten, das heifit durch alle Geistes-Sternbilder
durch. Man kann es als Materialist machen, dafi man nur das nimmt,
was einem aufierlich entgegentritt; man kann es auch als Spiritualist
machen. Man bemuht sich nicht, einen besonderen Zusammenhang
hinter den Erscheinungen zu suchen, sondern man lafit die Dinge an
sich herankommen und wartet, was sich einem darbietet. Solche
Seelenstimmung kann man Empirismus nennen. Empirismus heifk
eine Seelenstimmung, welche die Erfahrung, wie sie sich darbietet,
einfach hinnimmt. Durch alle zwolf Geistes-Sternbilder hindurch
kann man Empirist sein, Erfahrungsweltanschauungs-Mensch. Em-
pirismus ist die vierte Seelenstimmung, die durch alle zwolf Geistes-
Sternbilder durchgehen kann.
Ebenso kann man fur die Weltanschauung eine solche Seelen-
stimmung entwickeln, welche sich nicht zufrieden gibt mit demjeni-
gen, was die Erfahrung, die einem so entgegentritt, was das Erleben,
dem man ausgesetzt ist, ergibt, wie das beim Empirismus der Fall ist;
sondern man kann sich sagen, das heifit, man kann als eine innere
Notwendigkeit durchfuhlen die Seelenstimmung: Der Mensch ist in
die Welt hereingestellt; in seiner eigenen Seele erlebt er etwas iiber
die Welt, was er auflerlich nicht erleben kann. Da erst enthullt die
Welt ihre Geheimnisse. Man mag um sich herumschauen - man
sieht nicht das, was die Welt an Geheimnissen enthalt. - Solche
Seelenstimmung kann oftmals sagen: Was hilft mir die Gnosis, die
sich mit aller Miine emporringt zu allerlei Schauungen? Die Dinge
der aufieren Welt, iiber die man Schauungen hat, konnen einem
doch nicht das Innere der Welt offenbaren. Was hilft mir der Lo-
gismus zu einer Weltanschauung? In dem Logismus driickt sich das
Wesen der Welt nicht aus. Was hilft Spekulation iiber den Willen?
Das bringt nur davon ab, in die Tiefen der eigenen Seele zu schauen.
Und in diese Tiefen blickt man nicht, wenn die Seele will, sondern
gerade dann, wenn sie hingebend, willenlos ist. - Also auch der
Voluntarismus ist nicht die Seelenstimmung, die die Seele hier
braucht, auch nicht der Empirismus, das blofie Hinschauen oder
Hinhorchen auf das, was die Erfahrung, das Erleben gibt; sondern
das innerliche Suchen, wenn die Seele ruhig geworden ist, wie der
Gott in der Seele aufleuchtet. Sie merken, diese Seelenstimmung
kann genannt werden die Mystik.
Mystiker kann man wieder durch alle zwolf Geistes-Sternbilder
hindurch sein. Es wird gewifi nicht sonderlich giinstig sein, wenn
man Mystiker des Materialismus ist, das heiik, wenn man nicht das
Geistige, das Spirituelle, sondern das Materielle innerlich erlebt.
Denn Mystiker des Materialismus ist eigentlich der, welcher sich ein
besonders femes Empflnden zum Beispiel fur die Art des Befindens
angeeignet hat, in das man kommt, wenn man den einen oder den
anderen Stoff geniefit. Es ist etwas anderes, wenn man, ich will
sagen, den Saft der einen Pflanze geniefit oder den einer anderen
Pflanze und nun wartet, was dadurch im Organismus bewirkt wird.
Man wachst also in seinem Erleben mit der Materie zusammen, wird
Mystiker der Materie. Es kann sogar sein, dafi das eine Aufgabe fur
das Leben werden kann, eine Aufgabe so fur das Leben, dafi man ver-
folgt, auf welche Art der eine oder der andere Stoff, der von dieser
oder jener Pflanze kommt, besonders auf den Organismus wirkt;
denn der eine wirkt besonders auf dieses, der andere besonders auf
jenes Organ. Und so Mystiker des Materialismus sein ist eine
Vorbedingung fur die Untersuchung der einzelnen Stoffe hin-
sichtlich ihrer Heilkraft. Man merkt, was die Stoffe tun im
Organismus. - Man kann Mystiker der Stoffwelt sein, man kann
Mystiker des Idealismus sein. Ein gewohnlicher Idealist oder ein
gnostischer Idealist ist nicht Mystiker des Idealismus. Mystiker des
Idealismus ist der, welcher vor alien Dingen in der eigenen Seele die
MogHchkeit hat, aus im Innern verborgenen Quellen heraufzuholen
die Ideale der Menschheit, sie als inneres Gottliches zu empfmden
und als solches sich vor die Seele zu stellen. Ein Mystiker des
Idealismus ist zum Beispiel der Meister Eckhart.
Nun kann die Seele so gestimmt sein, dafi sie nicht das gewahr
werden kann, was in ihrem Innern aufsteigt und was sich wie die
eigentlkhe innere Losung der Weltenratsel ausnimmt, sondern eine
Seele kann so gestimmt sein, dafi sie sich sagt: Ja, in der Welt ist
irgend etwas hinter alien Dingen, wie hinter meiner eigenen Wesen-
heit, soweit ich diese Wesenheit wahrnehme. Aber ich kann kein
Mystiker sein. Der Mystiker glaubt, das fliefit herein in seine Seele.
Ich fuhle es nicht in meine Seele hereinfliefien; ich fuhle nur, dafi es
da sein mufi, draufien. - Man setzt in dieser Seelenstimmung voraus,
dafi aufier unserer Seele und aufier dem, was unsere Seele erfahren
kann, das Wesen der Dinge steckt; aber man setzt nicht voraus, dafi
dieses Wesen der Dinge in die Seele selber hereinkommen kann, wie
der Mystiker es voraussetzt. Wenn man voraussetzt, dafi hinter allem
noch etwas ist, das man nicht erreichen kann in der Wahrnehmung,
dann ist man - das ist vielleicht das beste Wort dafur - Transzen-
dentalist. Man nimmt an, dafi das Wesen der Dinge transzendent ist,
dafi es nicht in die Seele hereinkommt, wie es der Mystiker annimmt.
Also: Transzendentalismus. Die Stimmung des Transzendentalisten
ist so, dafi er das Gefuhl hat: Wenn ich die Dinge wahrnehme, so
kommt das Wesen der Dinge an mich heran; nur die Wahrnehmung
selber ist nicht dieses Wesen. Das Wesen steckt dahinter, aber es
kommt an den Menschen heran.
Es kann nun der Mensch mit seinen Wahrnehmungen, mit alle-
dem, was seine Erkenntniskrafte sind, gleichsam noch mehr das
Wesen der Dinge abschieben, als es der Transzendentalist tut. Man
kann sagen: Fur die menschliche aufiere Erkenntniskraft ist das We-
sen der Dinge iiberhaupt nicht erreichbar. Der Transzendentalist
sagt: Wenn du mit deinem Auge Rot und Blau siehst, so ist das, was
du als Rot und Blau siehst, nicht das Wesen der Dinge; aber dahinter
steckt es. Du mufit deine Augen anwenden, dann dringst du bis an
das Wesen der Dinge heran. Dahinter ist es. - Diese Seelenstim-
mung aber, die ich jetzt meine, will nicht im Transzendentalismus
leben, sondern sie sagt: Man mag noch so sehr Rot oder Blau oder
diesen oder jenen Ton erleben, das alles driickt nicht das Wesen der
Dinge aus. Das ist erst dahinter verborgen. Da, wo ich wahrnehme,
stofit gar nicht das Wesen der Dinge an. - Wer so spricht, der spricht
ahnlich der Art, wie wir gewohnlich sprechen, die wir durchaus auf
dem Standpunkte stehen: In dem aufieren Sinnenschein, in der Ma-
ja, driickt sich nicht das Wesen der Dinge aus. Wir waren Transzen-
dentahsten, wenn wir sagten: Um uns herum breitet sich die Welt
aus, und diese Welt kiindet iiberall an das Wesen. Das sind wir
nicht, wenn wir sagen: Diese Welt ist Maja, und man mufi auf eine
andere Weise als durch das aufiere Wahrnehmen der Sinne und die
gewohnlichen Erkenntnismittel das Innere der Dinge suchen, Okkul-
tismus ist das, die Seelenstimmung des Okkultismus.
Man kann wiederum durch alle Geistes-Tierkreiszeichen hindurch
Okkultist sein. Man kann durchaus Okkultist auch sogar des Mate-
rialismus sein. Ja, die vernunftigen Naturforscher der Gegenwart
sind alle Okkultisten des Materialismus, denn sie reden von Atomen.
Wenn sie aber nicht unverniinftig sind, wird es ihnen gar nicht ein-
fallen, zu behaupten, dafi man mit irgendeiner Methode an das
Atom herankommen kann. Das Atom bleibt im Okkulten. Sie
lieben es nur nicht, Okkultisten genannt zu werden, aber sie sind es
im vollsten Sinne des Wortes.
Andere Weltanschauungsstimmungen als diese sieben, die ich
hier aufgezeichnet habe, kann es im wesentlichen nicht geben, nur
Ubergange von einer zur andern. So miissen wir also unterscheiden
nicht nur zwolf verschiedene Weltanschauungsnuancen, die uns wie
ruhend entgegentreten, sondern in jeder dieser Weltanschauungs-
nuancen ist eine ganz besondere Stimmung der Menschenseele mog-
lich. Daraus ersehen Sie, wie ungeheuer mannigfaltig die Weltan-
schauungen der menschlichen Personlichkeiten sein konnen. Man
kann jede dieser sieben Weltanschauungsstimmungen besonders
ausbilden, aber jede dieser Weltanschauungsstimmungen wieder
einseitig in der einen oder anderen Nuance. Was ich hier aufgezeich-
net habe, das ist tatsachlich auf dem Gebiete des Geistigen das Kor-
relat desjenigen, was aufierlich in der Welt das Verhaltnis zwischen
den Tierkreisbildern und den Planeten ist, wie wir es eben in der
Geisteswissenschaft als die sieben bekannten Planeten oftmals an-
gefuhrt haben, und man hat so ein Bild, gleichsam ein aufieres Bild,
das wir nicht geschaffen haben, sondern das im Kosmos drinnen-
steht, fur die Beziehungen unserer sieben Weltanschauungsstim-
mungen zu unseren zwolf Weltanschauungsnuancen. Und richtig
wird man dieses Bild empfinden, wenn man es in der folgenden
Weise empfmdet.
Man beginne beim Idealismus, bezeichne diesen als das Geistes-
Tierkreisbild des Widder, bezeichne in gleicher Weise den Rationa-
lismus als Stier, den Mathematizismus als Zwillinge, den Materialis-
mus als Krebs, den Sensualismus als Lowe, den Phanomenalismus als
Jungfrau, den Realismus als Waage, den Dynamismus als Skorpion,
den Monadismus als Schutze, den Spiritualismus als Steinbock, den
Pneumatismus als Wassermann, den Psychismus als Fische. Die Be-
ziehungen, die zwischen den einzelnen Tierkreisbildern in bezug auf
das auflere Raumlich-Materielle bestehen, sind tatsachlich auf dem
Gebiete des Geistes zwischen diesen Weltanschauungen vorhanden.
Und was die einzelnen von uns bezeichneten Planeten bei ihrem
Kreisen langs des Tierkreises fur Verhaltnisse eingehen, das ent-
spricht den Verhaltmssen, welche die sieben Weltanschauungsstim-
mungen eingehen, aber so, dafi wir empfinden konnen die Gnosis als
Saturn, den Logismus als Jupiter, den Voluntarismus als Mars, den
Empirismus als Sonne, die Mystik als Venus, den Transzendenta-
lismus als Merkur und den Okkultismus als Mond.
Bis auf die aufieren Bilder - aber das ist nicht die Hauptsache; die
Hauptsache ist tatsachlich, dafi die tiefinnersten Beziehungen dieser
Parallelisierung entsprechen -, aber selbst bis auf die aufieren Bilder
Matenalismus
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werden Sie, wo etwas so zu konstatieren ist, etwas Ahnliches finden.
Der Mond bleibt okkult, unsichtbar, wenn er Neumond ist; er mufi
erst das Licht von der Sonne herangefuhrt bekommen, geradeso wie
die okkulten Dinge okkult bleiben, bis sich das Seelenvermogen
durch die Meditation, Konzentration und so weiter erhebt und die
okkulten Dinge beleuchtet. Der Mensch, der durch die Welt geht
und sich nur auf die Sonne verlafit, der nur aufnimmt, was die Sonne
bescheint, ist Empirist. Wer auch noch etwas nachdenkt iiber das,
was die Sonne bescheint, und auch noch die Gedanken behalt, wenn
die Sonne untergegangen ist, der ist nicht mehr Empirist, weil er sich
nicht mehr auf die Sonne verlafit. «Sonne» ist das Symbolum des Em-
pirismus. - Fur alle diese Dinge konnte ich das weiter ausfuhren,
aber wir haben ja nur vier Stunden zu diesem wichtigen Thema, und
es wird Ihnen vorlaufig iiberlassen bleiben miissen, genauere Bezie-
hungen durch Ihre Gedanken oder Ihr sonstiges Forschen zu erkun-
den. Sie sind nicht einmal schwierig zu finden, wenn man einmal das
Schema angegeben hat.
Nun kommt es wohl in der Welt allzuoft vor, daft die Menschen
wenig nach Allseitigkek streben. Man miifite ja wirklich, wenn man
es mit der Wahrheit ernst nimmt, sich die zwolf Weltanschauungs-
nuancen in der Seele reprasentieren konnen, und man miiike in sich
etwas von diesem erlebt haben: Wie erlebt es sich als Gnostiker? Wie
erlebt es sich als Logiker, wie als Voluntarist, wie als Empirist, wie als
Mystiker, wie als Transzendentalist? Und wie erlebt es sich als Okkul-
tist? Probeweise mufi ja das im Grunde genommen jeder durch-
machen, der wirklich in die Geheimnisse der Welt im Sinne der gei-
stigen Forschung eindringen will. Und wenn audi nicht das, was in
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» steht, gerade
auf diese Ausfuhrungen hin zugeschnitten ist, so ist doch alles darin,
nur von anderen Gesichtspunkten aus, geschildert, was uns in die
einzelnen Stimmungen fuhren kann, die hier mit der gnostischen
Stimmung, mit der Jupiterstimmung und so weiter bezeichnet sind.
Es kommt in der Welt oft vor, daft der Mensch so einseitig ist, dafi
er sich nur einem Sternbilde aussetzt oder nur einer Stimmung. Ge-
rade grofie Menschen auf dem Gebiete der Weltanschauungen haben
diese Einseitigkeit allzu oft. So ist zum Beispiel Hamerling ausge-
sprochen ein voluntaristischer Monadist oder ein monadologischer
Voluntarist, Schopenhauer ein ausgesprochener voluntaristischer
Psychiker. Gerade die grofkn Menschen haben sozusagen ihre Seele
so eingestellt, dafi ihre planetarische Weltanschauungsstimmung in
einem ganz bestimmten geistigen Sternbilde steht. Die anderen
Menschen finden sich viel leichter ab mit den verschiedenen Stand-
punkten, wie man es so nennt. Aber es kann auch vorkommen, daft
Menschen von verschiedenen Seiten her gleichsam angeregt werden
fur ihre Weltanschauung, fur das, was sie als Weltanschauung auf-
stellen. So zum Beispiel kann es vorkommen, dafi jemand ein guter
Logist ist, aber seine logistische Stimmung steht im Geistes- Stern-
bilde des Sensualismus. Er kann zugleich ein guter Empiriker sein,
aber seine empiristische Stimmung steht im Sternbilde des Mathe-
matizismus. Das kann vorkommen. Wenn dieses so ist, dann stellt
man ein ganz bestimmtes Weltanschauungsbild auf. Wir haben
gerade in der Gegenwart dieses Weltanschauungsbild, das dadurch
zustande gekommen ist, dafi jemand seine Sonne - jetzt geistig ge-
sprochen - in den Zwillingen und seinen Jupiter im Lowen hat; das
ist Wundt. Und man wird alles einzelne begreifen, was in der philo-
sophischen Literatur bei Wundt auftritt, wenn man hinter das Ge-
heimnis seiner besonderen Seelenkonfiguration gekommen ist.
Besonders giinstig liegt es, wenn ein Mensch die verschiedenen
Seelenstimmungen - Okkultismus, Transzendentalismus, Mystik,
Empirismus, Voluntarismus, Logismus, Gnosis - wirklich so ubungs-
weise erlebt hat, dafi er sie sich vergegenwartigen kann, sie gleichsam
in ihrer Wirkung auf einmal empfinden kann und dann alle diese
Stimmungen - wie auf einmal - in das eine Sternbild des Phanome-
nalismus stellt, in die Jungfrau. Da tritt wirklich fur seine Erschei-
nungen wie in Phanomenen vor ihm mit einer ganz besonderen
Grandiositat das auf, was ihm in einer gunstigen Weise die Welt ent-
hiillen kann. Wenn man in derselben Weise hintereinander die ein-
zelnen Weltanschauungsstimmungen stellt in bezug auf ein anderes
Sternbild, so ist das nicht so gut zunachst. Daher hat man in vielen
alten Mysterienschulen gerade diese Stimmung, die ich jetzt dadurch
bezeichnet habe, dafi gleichsam alle Seelenplaneten in dem Geistes-
Sternbilde der Jungfrau stehen, fur die Schiiler herbeigefuhrt, weil
diese dadurch am leichtesten eingedrungen sind in die Welt. Sie
haben die Phanomene aufgefafit, aber gnostisch, logisch und so
weiter aufgefafit; sie waren in der Lage, hinter die Phanomene zu
kommen. Sie haben die Welt nicht grobklotzig empfunden. Das
wurde nur dann sein, wenn die Seelenstimmung des Voluntarismus
auf den Skorpion eingestellt ist. Kurz, durch die Konstellation, die
gegeben ist durch die Seelen-Weltanschauungsstimmungen, die das
planetarische Element sind, und durch die Weltanschauungsnuan-
cen, die das Element des Geistes-Tierkreises sind, wird das hervor-
gerufen, was der Mensch als seine Weltanschauung durch die Welt
tragt in irgendeiner Inkarnation.
Es kommt allerdings noch eines dazu. Das ist, dafi diese Welt-
anschauungen - es sind ihrer schon sehr viele Nuancen, wenn Sie sich
alle Kombinationen suchen - noch dadurch modifiziert werden, dafi
sie alle einen ganz bestimmten Ton erhalten konnen. Aber auf
diesem Gebiete des Tones haben wir nur dreierlei zu unterscheiden.
Alie Weltanschauungen, alle Kombinationen, die auf diese Weise
entstehen, konnen wieder in dreifacher Weise auftreten. Sie konnen
erstens sein theistisch, so dafi ich das, was in der Seele als Ton auf-
tritt, zu benennen habe mit Theismus. Sie konnen so sein, dafi wir
im Gegensatz zum Theismus den betreffenden Seelenton zu nennen
haben Intuitismus. Theismus entsteht, wenn der Mensch sich an alles
Aufiere halt, um seinen Gott zu fmden, wenn er seinen Gott im
Aufieren sucht. Der althebraische Monotheismus war vorzugsweise
eine theistische Weltanschauung. Intuitismus entsteht, wenn der
Mensch seine Weltanschauung vorzugsweise durch das sucht, was in-
tuitiv in seinem Inneren aufleuchtet. Es gibt zu diesen beiden noch
einen dritten Ton; das ist der Naturalismus.
Theismus
Jnfuitismus
Naturalismus
Diese drei Seelentone haben auch ein Abbild in der aufieren Welt
des Kosmos, und zwar verhalten sie sich nun in der menschlichen
Seele genauso wie Sonne, Mond und Erde, so dafi der Theismus der
Sonne entspricht - jetzt Sonne als Fixstern, nicht als Planet aufge-
fafit -, dafi der Intuitismus dem Mond entspricht und der Natura-
lismus der Erde. Derjenige - iibersetzen Sie sich das einzelne, was
hier als Sonne, Mond und Erde bezeichnet ist, ins Geistige -, welcher
iiber die Erscheinungen der Welt hinausgeht und sagt: Wenn ich
hinausschaue, so offenbart sich mir in alledem der Gott, der die Welt
erfullt, - der Erdenmensch, der sich aufrichtet, wenn er in die Son-
nenstrahlen kommt, ist der Theist. Der Mensch, der nicht iiber die
Naturvorgange hinausgeht, sondern bei den einzelnen Erschei-
nungen stehenbleibt, so wie der, welcher nie seinen Blick zur Sonne
hinaufrichtet, sondern nur auf das sieht, was ihm die Sonne hervor-
bringt auf der Erde, der ist Naturalist. Der, welcher das Beste, was er
in der Seele haben kann, aufsucht dadurch, dafi er es in seinen Intui-
tionen aufgehen lafit, der ist wie der den Mond besingende und vom
silbernen, milden Mondenglanz in seiner Seele angeregte intui-
tistische Dichter und lafit sich mit ihm vergleichen. Wie man mit der
Phantasie das Mondenlicht in Zusammenhang bringen kann, so mufi
man okkult den Intuitisten, wie er hier gemeint ist, mit dem Monde
in Beziehung bringen.
Endlich gibt es noch ein Viertes; das ist aller dings nur in einem
einzigen Element vorhanden. Wenn der Mensch sich gewissermafien
in bezug auf alle Weltanschauung ganz nur an das halt, was er an
oder um oder in sich selbst erfahren kann:. das ist Anthropomorphis-
mus.
Anthropomorph ismus
Er entspricht der Erde, wenn man diese als solche betrachtet, ab-
gesehen davon, ob sie von der Sonne, vom Mond oder anderem um-
geben ist. Wie wir die Erde fur sich allein betrachten konnen, so kon-
nen wir audi in bezug auf Weltanschauungen auf nichts Riicksicht
nehmen als auf das, was wir als Menschen in uns finden konnen.
Dann wird der in der Welt so verbreitete Anthropomorphismus ent-
stehen.
Geht man hinaus iiber das, was der Mensch ist, so wie man zur
Erklarung der Erscheinung der Erde hinausgehen mufi zu Sonne und
Mond - was die gegenwartige Wissenschaft nicht tut -, so kommt
man dazu, dreierlei als nebeneinander berechtigt anerkennen zu
miissen: Theismus, Intuitismus und Naturalismus. Denn nicht, dafi
man auf einem dieser Tone besteht, sondern dafi man sie zusammen-
klingen lafit, entspricht dem, was die Wahrheit ist. Und wie unsere
engere Korperlichkeit mit Sonne, Mond und Erde wieder hineinge-
stellt ist in die sieben Planeten, so ist hineingestellt Anthropomor-
phismus als die trivialste Weltanschauung in das, was zusammen-
klingen kann aus Theismus, Intuitismus und Naturalismus, und die-
ses zusammen wieder in das, was zusammenklingen kann aus den
sieben Seelenstimmungen. Und diese sieben Seelenstimmungen
nuancieren sich nach den zwolf Zeichen des Tierkreises.
Sie sehen schon, dem Namen nach, und zwar nur dem Namen
nach, ist nicht eine Weltanschauung wahr, sondern es sind 12 + 7 =
19 + 3 = 22 + 1 = 23 Weltanschauungen berechtigt. Dreiundzwanzig
berechtigte Namen fur Weltanschauungen haben wir. Aber alles
andere kann noch dadurch entstehen, daft die entsprechenden Pla-
neten in den zwolf Geistes-Tierkreisbildern herumlaufen.
Und nun versuchen Sie, aus dem, was jetzt auseinandergesetzt
worden ist, sich ein Empfinden anzueignen fur die Aufgabe, welche
die Geisteswissenschaft fur das Friedenstiften innerhalb der verschie-
denen Weltanschauungen hat, fur das Friedenstiften aus der Er-
kenntnis heraus, daft die Weltanschauungen miteinander, in ihrem
gegenseitigen Aufeinanderwirken, in gewisser Beziehung erklarlich
sind, daft sie aber alle nicht ins Innere der Wahrheit fuhren konnen,
wenn sie einseitig bleiben, sondern daft man gleichsam den Wahr-
heitswert der verschiedenen Weltanschauungen innerlich in sich er-
fahren muft, um wirklich - wir durfen so sagen - mit der Wahrheit
zurechtzukommen. So wie Sie sich denkeh konnen den physischen
Kosmos: den Tierkreis, das Planetensystem, Sonne, Mond und Erde
zusammen, die Erde fur sich, so konnen Sie sich ein geistiges Welten-
all denken: Anthropomorphismus; Theismus, Intuitismus, Natura-
lismus; Gnosis, Logismus, Voluntarismus, Empirismus, Mystik,
Transzendentalismus, Okkultismus; und das alles verlaufend in den
zwolf Geistes-Tierkreisbildern. Das ist vorhanden; nur ist es geistig
vorhanden. So wahr als der physische Kosmos physisch vorhanden
ist, so wahr ist das geistig vorhanden.
In diejenige Hirnhalfte, die der Anatom flndet, von der man ja
sagen kann, daft sie die halbkugelformige ist, in sie wirken herein
vorzugsweise diejenigen Wirkungen des Geisteskosmos, die von den
oberen Nuancen ausgehen. Dagegen gibt es einen unsichtbaren Teil
des Gehirns, der nur, wenn man den Atherleib betrachtet, sicht-
bar ist; der ist vorzugsweise von dem unteren Teil des Geisteskos-
mos beeinfluflt (siehe Zeichnung.) Aber wie ist diese Beeinflus-
sung? Sagen wir, bei jemandem ist es so, dafi er mit seinem Logis-
mus eingestellt ist in den Sensualismus, dafi er eingestellt ist mit sei-
nem Empirismus in den Mathematizismus. Dann gibt das, was auf
diese Weise zustande kommt, Krafte, die in sein Gehirn herein -
wirken, und jener obere Teil seines Gehirns ist dann besonders
regsam und iibertont die anderen. Unzahlige Nuancen von
Gehirntatigkeiten kommen dadurch zustande, dafi das Gehirn
gleichsam im geistigen Kosmos schwimmt und die Krafte auf diese
Weise ins Gehirn hereinwirken, wie wir das jetzt haben darstellen
konnen. So mannigfaltig sind wirklich die menschlichen Gehirne, als
sie mannigfaltig sein konnen nach den Kombinationen, die sich aus
diesem geistigen Kosmos ergeben. Was in jenem unteren Teile des
geistigen Kosmos ist, das wirkt gar nicht einmal auf das physische
Gehirn, sondern auf das Athergehirn.
Wenn man von alledem spricht, dann ist wohl der beste Ein-
druck, den man davon erhalten kann, der, dafi man sagt: Es eroffnet
einem das die Empfindung fur das Unendliche der WeJt, fur das
qualitativ Grofiartige der Welt, fur die Moglichkeit, dafi man als
Mensch in unendlicher Mannigfaltigkeit in dieser Welt existieren
umichtbanN- Teil
kann. Wahrhaftig, wenn wir nur dieses betrachten konnen, dann
konnen wir uns schon sagen: Es fehlt wahrlich nicht an Moglich-
keiten, dafi wir verschieden sein konnen in unseren verschiedenen In-
karnationen, die wir auf der Erde durchzumachen haben. Und iiber-
zeugt kann man audi sein, dafi der, welcher die Welt so betrachtet,
gerade durch eine solche Weltbetrachtung dazu kommt, dafi er sagen
mufi: Ach, wie reich, wie grandios ist die Welt! Welches Gltick, an
ihr immer weiter, immer mehr, immer mannigfaltiger teilzuneh-
men, an ihrem Sein, ihren Wirkungen, ihrem Streben!
VIERTER VORTRAG
Berlin, 23. Januar 1914
Wir haben uns befafit mit den moglichen Weltanschauungsnuancen,
Weltanschauungsstimmungen und so weiter, die in der mensch-
lichen Seele Platz greifen konnen, und ich mochte, da ich ja wirkiich
nur einzelne Gesichtspunkte aus dem weiten Gebiete dieses Themas
herausheben kann, einen dieser Gesichtspunkte durch ein beson-
deres Beispiel herausheben.
Nehmen wir an, daft ein Mensch so in der Welt sich darlebt, dafi
er in seinen Anlagen enthalten hat die besonderen Krafte, die ihn
bestimmen, die Weltanschauungsnuance des Idealismus auf sich
wirken zu lassen. Ich will also sagen: Er macht die Weltanschauungs-
nuance des Idealismus in sich wirksam. Er macht sie, nehmen wir an,
dadurch zu einem herrschenden Faktor in seinem Innenleben, dafi
gleichsam auf den Idealismus hinweist und von seinen Kraften ge-
speist wird diejenige Weltanschauungsstimmung in seiner Seele, die
ich gestern als die der Mystik, als Venusstimmung, bezeichnet habe.
Daher wiirde man sagen, wenn man die Symbole der Astrologie ge-
brauchen wollte, die geistige Konstellation eines solchen Menschen
in seinen geistigen Anlagen sei die, dafi Venus im Widder steht.
Ich bemerke ausdrucklich, damit kein Mifiverstandnis entsteht,
dafi diese Konstellationen zwar viel bedeutungsvoller noch im Leben
des Menschen bestehen als die Konstellationen des aufieren Horos-
kopes, dafi sie aber nicht etwa zusammenfallen mit der «Nativitat»,
dem aufieren Horoskop. Denn es ist so, dafi der verstarkte Einflufi,
der dadurch auf eine Menschenseele ausgeiibt wird, dafi Mystik im
Zekhen des Idealismus steht, dafi dieser Einflufi auf denjenigen
giinstigen Zeitpunkt wartet, in dem er die Seele ergreifen kann,
damit sie das, was durch das Stehen der Mystik im Zeichen des Idea-
lismus herauskommen kann, am starksten herausholt. Das braucht
nicht so zu sein, dafi diese Einflusse, die sich dadurch geltend ma-
chen, dafi Mystik im Zeichen des Idealismus steht, gerade bei der
Geburt sich geltend machen; sie konnen sich vor der Geburt geltend
machen, audi nachher. Kurz, es wird der Zeitpunkt abgewartet, der
nach der inneren organischen Konflguration des Menschen diese An-
lagen am besten in den menschlichen Organismus hineinorganisie-
ren kann.
Also die gewohnliche astrologische Nativitat kommt hier nicht in
Betracht. Aber man kann sagen, eine gewisse Seele habe so die Ver-
anlagung, daft, geistig genommen, Venus im Widder stent, die
Mystik im Zeichen des Idealismus. Nun bleiben die Krafte, die auf
solche Weise entstehen, nicht das ganze Leben hindurch bestehen.
Sie andern sich, das heifit, der Mensch kommt unter andere Ein-
flusse, unter andere Geistes-Tierkreiszeichen und audi unter andere
Seelenstimmungen. Nehmen wir an, ein Mensch andere sich so, dafi
er dann im Verlaufe seines Lebens in die Seelenstimmung des Empi-
rismus hineinkommt, dafi gleichsam die Mystik vorgeschritten 1st
zum Empirismus, und der Empirismus stehe im Zeichen des Ratio-
nalismus.
Sie sehen, wie ich es gestern aufgezeichnet habe, reiht sich, von
innen nach aufien gegangen, im symbolischen Bilde der Empirismus
an die Mystik an wie die Sonne an die Venus. Die Seele ist in bezug
auf die Stimmung zum Empirismus vorgeschritten und hat sich zu-
gleich in das Zeichen des Rationalismus gestellt. Im Leben der Seele
driickt sich das so aus, dafi eine solche Seele in ihrer Weltanschauung
sich andert. Was sie hervorgebracht hat, vielleicht gerade wenn sie
eine besonders kraftvolle Personlichkeit war in der Zeit, in welcher
bei ihr die Mystik im Zeichen des Idealismus gestanden hat, das wird
sie andern, in eine andere Weltanschauungsnuance iibergehen
lassen. Sie wird anderes behaupten und sagen, wenn auf diese Weise
die Weltanschauungsstimmung der Mystik in Empirismus iiberge-
gangen ist und dieser sich in das Zeichen des Rationalismus gestellt
hat. Aus dem aber, was ich hier eben auseinandergesetzt habe, kon-
nen Sie zugleich entnehmen, dafi die Mensch enseelen einen Zug
haben konnen, Zeichen und Stimmung ihrer Weltanschauung zu
andern. - Fiir «diese» Seele ist gewissermafien schon die Tendenz der
Anderung angegeben. Nehmen wir an, sie will diese Tendenz im
Leben weiterfuhren. Sie will vorrucken vom Empirismus zur nachsten
Seelenstimmung, zum Voluntarismus. Und wiirde sie auch in den
Tierkreiszeichen so vorriicken, so wiirde sie in den Mathematizismus
hineinkommen. Sie wiirde dann iibergehen zu einer Weltanschau-
ung, welche in diesem symbolischen Bilde in einem Winkel von 60
Grad abweicht von der ersten Linie, wo die Mystik im Zeichen des
Idealismus gestanden hat. Und es wiirde eine solche Seele dann im
Verlaufe derselben Inkarnation zum Ausdruck bringen ein vom
Willen durchdrungenes, auf dem Willen basierendes mathema-
tisches Weltgebaude. Das wiirde sie zum Ausdruck bringen.
/Materi'atismuj
&/ / / /V>% 0\ % '*< ''. -Phanoinenaliimuf
■imos "" „ '" ^onadifmus
Pnifumati
S pi ritual i\ nws
Da zeigt sich aber eines - und ich bitte, das zu beachten -, es
zeigt sich, dafi zwei solche Konstellationen, die in der Seele vor-
handen sind im Verlaufe der Zeit, sich dann storen, ungiinstig be-
einflussen, wenn sie so stehen, dafi sie einen Winkel von 60 Grad
bilden. In der physischen Astrologie ist das eine giinstige Konstel-
lation, in der geistigen Astrologie ist diese sogenannte Sextilstellung
ungiinstig. Das kommt dadurch zum Ausdruck, dafi diese letzte
Stellung - Voluntarismus im Mathematizismus - ein scharfes Hin-
dernis in der Seele findet, so dafi sie sich nicht ausbilden kann, weil
sie gar keine Angriffspunkte findet, da der Betreffende gar keine An-
lagen zeigt fur das, was Mathematik ist. Darin driickt sich das Un-
gunstige der Sextilstellung aus, dafi gar keine mathematischen Anla-
gen vorhanden sind. Es kann sich also diese Stellung nicht bilden:
Voluntarismus im Zeichen des Mathematizismus. Die Folge davon ist
nun, dafi auch nicht der Versuch gemacht wird, dafi die Seelenstim-
mung in dieser Weise vorriickt. Sondern weil die betreffende Seele
jetzt nicht diesen Weg machen kann zum Voluntarismus im Mathe-
matizismus, so legt sie sich von der Stellung, die sie jetzt hat - Empi-
rismus im Rationalismus -, um (siehe Zeichnung) und sucht den
Rc»rtonofi>niuj '' &
c \ •
% .tmpirismus
Ausweg - stellt sich in Opposition zu der Richtung, die sie noch ein-
halten kann. Es wurde also eine solche Seele nicht so vorriicken zum
Voluntarismus, wie es in der Zeichnung durch die punktierte Linie
angedeutet ist, sondern sie wiirde sich mit dem Voluntarismus in
Opposition zu ihrem Empirismus im Rationalismus stellen.
Das wurde auftreten im Zeichen des Dynamismus. Es wiirde der
Voluntarismus in Opposition zum Rationalismus im Zeichen des
Dynamismus stehen. Und im Verlaufe ihres Lebens wurde eine
solche Seele als die ihr mogliche Konstellation die haben, dafi sie eine
Weltanschauung vertritt, die sich stiitzt auf ein besonderes Ein-
dringen von Kraften, von Dynamismus in die Welt, durchdrungen
von Willen; Wille - der von Kraft durchsetzte Wille. In der spiri-
tuellen Astrologie ist es wieder anders als in der physischen Astro-
logie; in der physischen hat die Opposition eine ganz andere Bedeu-
tung als in der spirituellen. Hier wird die Opposition dadurch her-
vorgebracht, dafi die Seele nicht weiter kann auf einem Wege, der
ungiinstig ist; sie schlagt um in die Oppositionsstellung.
Ich habe Ihnen hier aufgezeichnet, was die Seele von Nietzsche
im Verlaufe ihres Lebens durchgemacht hat. Versuchen Sie zu ver-
stehen den Weg in seinen ersten Werken, so wird er erklarlich durch
die Stellung der Mystik im Zeichen des Idealismus. Aus dieser Zeit
stammen «Die Geburt der Trag6die» und die «Unzeitgemafien Be-
trachtungen» in ihren vier Stiicken: «David Straufi, der Bekenner
und der Schriftsteller», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie fur
das Leben», «Schopenhauer als Erzieher», «Richard Wagner in Bay-
reuth». Das ist Mystik im Zeichen des Idealismus. Dann dringt die
Seele vor. Es kommt eine zweite Epoche. In diese fallt die Entstehung
von «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenr6te», «Die froh-
liche Wissenschaft». Hier steht Empirismus im Zeichen des Rationa-
lismus. In der dritten Periode, hervorgegangen aus der Oppositions-
stellung, sind die Schriften, die sich begriinden auf den Willen zur
Macht, auf den Willen, durchdrungen von Kraft, von Macht: <<Jen-
seits von Gut und B6se», «Zur Genealogie der Moral», «Der Fall
Wagner», «G6tzendammerung», «Der Antichrist», «Also sprach
Zarathustra».
So sehen Sie, wie eine innere Gesetzmafligkeit besteht zwischen
dem geistigen Kosmos und der Art, wie der Mensch in diesem gei-
stigen Kosmos drinnensteht. Man kann sagen, wenn man sich der
Symbole der Astrologie bedient, die aber jetzt etwas anderes be-
deuten: Bei Nietzsche war es so, dafi sich zu einer gewissen Zeit sei-
nes Lebens Venus im Widder zeigte, dafi er aber, als diese Konstel-
lation fur seine Seele iiberging zur Sonne im Zeichen des Stieres,
nicht weiterkommen konnte, dafi er nicht mit dem Mars in das Zei-
chen der Zwillinge kommen konnte, sondern in die Oppositions-
stellung ging, also mit dem Mars in das Zeichen des Skorpions ging.
Seine letzte philosophische Phase ist dadurch charakterisiert, dafi er
mit dem Mars im Zeichen des Skorpions stand. Diese Konstallation
halt man aber nur aus - namlich die, wenn man in die unteren Stel-
lungen eindringt, unterhalb der Linie Idealismus-Realismus (siehe
das Schema auf Seite 69) -, wenn man in eine geistige Weltanschau-
ungsstimmung eintaucht, Okkultismus oder dergleichen; sonst
miissen diese Konstellationen in ungiinstiger Weise auf den Men-
schen selber zuriickwirken. Daher das tragische Geschick Nietzsches.
Die oberen Konstellationen halt man aus, wenn man sich in ent-
sprechender Weise dutch aufiere Verhaltnisse in die Welt hinein-
zustellen vermag. Was unter der Linie liegt, die vom Idealismus zum
Realismus geht, das halt man nur aus, wenn man untertaucht in die
Geisteswissenschaft, was Nietzsche nicht hat tun konnen. Mit dem
«sich aufien hineinstellen in die Welt» meine ich alles, was zum Bei-
spiel durch Erziehung, durch aufiere Lebensverhaltnisse zu erreichen
ist; sie kommen in Betracht fur alles, was oberhalb der Idealismus-
Realismus-Linie liegt. Meditatives Leben, ein Leben in Studium und
Verstandnis fur die Geisteswissenschaft kommt in Betracht fur alles,
was unterhalb der Linie Idealismus-Realismus liegt.
Um die Tragweite dessen einzusehen, was hier in diesen
Vortragen skizziert worden ist, mufi man folgende Sache kennen.
Man mufi sich klarmachen, was eigentlich im menschlichen Erleben
der Gedanke ist, wie sich der Gedanke in das menschliche Erleben
hineinstellt.
Der grobe Materialist unserer Zeit findet es seinen Intentionen
gemafi, davon zu sprechen, dafi das Gehirn den Gedanken bildet,
respektive, dafi das Zentralnervensystem den Gedanken bildet. Fur
den, der die Dinge durchschaut, ist das geradeso wahr, wie es wahr
ware, zu meinen, wenn man in einen Spiegel hineinschaut, der Spie-
gel habe das Gesicht gemacht, das man sieht. Aber er macht gar
nicht das Gesicht, das man sieht, sondern das Gesicht ist aufierhalb
des Spiegels. Der Spiegel reflektiert nur das Gesicht, wirft es zuriick.
Ich habe das sogar schon in offentlichen Vortragen wiederholt aus-
einandergesetzt. In ganz ahnlicher Weise verhalt es sich mit dem,
was der Mensch an Gedanken erlebt. Wir wollen jetzt von anderen
Seeleninhalten absehen. Das Gedankenerlebnis, das in der Seele
regsam, real ist, indem der Mensch den Gedanken erlebt, entsteht
sowenig durch das Gehirn, wie durch den Spiegel das Bild des Ge-
sichtes produziert wird. Das Gehirn wirkt in der Tat nur als Reflek-
tionsapparat, damk es die Seelentatigkek zuriickwirft und diese sich
selber sichtbar wird. Mit dem, was der Mensch als Gedanken wahr-
nimmt, hat wirklich das Gehirn so wenig zu tun, wie der Spiegel mit
Ihrem Gesicht zu tun hat, wenn Sie Ihr Gesicht im Spiegel sehen.
Aber etwas anderes ist vorhanden. Der Mensch nimmt, indem er
denkt, eigentlich nur die letzte Phase seiner denkerischen Tatigkeit,
seines denkerischen Erlebens wahr. Um das klarzumachen, mochte
ich wiederum den Spiegelvergleich nehmen. Denken Sie sich ein-
mal, Sie wiirden sich hinstellen und Ihr Gesicht in einem Spiegel
sehen wollen. Wenn Sie keinen Spiegel da haben, konnen Sie Ihr
Gesicht nicht sehen. Sie konnen noch so lange hinstarren, Ihr Gesicht
sehen Sie nicht. Wollen Sie es sehen, so mussen Sie irgend etwas, was
an Materie daliegt, so bearbeiten, dafi es ein Spiegel wird. Das heifit,
Sie mussen es erst zubereiten, damit es das Spiegelbild hervorbringen
kann. Wenn Sie das getan haben und dann hineinschauen, sehen Sie
Ihr Gesicht. - Dasselbe mufi die Seele machen mit dem Gehirn, was
ein Mensch mit dem Spiegel machen wiirde. Es geht der eigentlichen
denkerischen Tatigkeit der Wahrnehmung des Gedankens eine
solche Tatigkeit voraus, die, wenn Sie zum Beispiel den Gedanken
«L6we» wahrnehmen wollen, erst tief drinnen die Teile des Gehirns
so in Bewegung versetzt, dafi diese Spiegel werden fur die Wahr-
nehmung des Gedankens «L6we». Und der, welcher das Gehirn erst
zum Spiegel macht, das sind Sie selber. Was Sie als Gedanken zu-
letzt wahrnehmen, das sind Spiegelbilder; was Sie erst praparieren
mussen, damit das betreffende Spiegelbild erscheint, das ist irgend-
eine Partie des Gehirnes. Sie sind es selbst mit Ihrer Seelentatigkek,
der das Gehirn in diejenige Struktur und in die Fahigkeit bringt,
um das, was Sie denken, als Gedanke spiegeln zu konnen. Wollen
Sie auf die Tatigkeit zuruckgehen, die dem Denken zugrunde liegt,
so ist es die Tatigkeit, die von der Seele aus ins Gehirn eingreift und
sich im Gehirn betatigt. Und wenn Sie eine gewisse Tatigkeit von der
Seele aus im Gehirn verrichten, dann wird eine sokhe Spiegelung im
Gehirn bewirkt, daft Sie den Gedanken «L6we» wahrnehmen. - Sie
sehen, ein Geistig-Seelisches mufi erst da sein. Das mufi am Gehirn
arbeiten. Dann wird das Gehirn durch diese geistig-seelische Tatig-
keit zum Spiegelapparat, um den Gedanken zuriickzuspiegeln. Das
ist der wirkliche Vorgang, der sich fur so viele Leute der Gegenwart
so konfundiert, daft sie ihn iiberhaupt nicht fassen konnen.
Wer im okkulten Wahrnehmen ein wenig vordringt, kann die
beiden Phasen seelischer Tatigkeit auseinanderhalten. Er kann ver-
folgen, wie er zuerst, wenn er irgend etwas denken will, notwendig
hat, nicht bloft den Gedanken zu fassen, sondern ihn vorzubereiten;
das heifit, er hat sein Gehirn zu praparieren. Hat er es prapariert
soweit, daft es spiegelt, dann hat er den Gedanken. Man hat immer,
wenn man okkult forschen will, so daft man die Dinge vorstellen
kann, zuerst die Aufgabe, nicht gleich vorzustellen, sondern erst die
Tatigkeit auszuuben, die das Vorstellen vorbereitet. Das ist es, was
so aufierordentlich wichtig zu beriicksichtigen ist. Diese Dinge
miissen wir deshalb ins Auge fassen, weil wir jetzt erst, wenn wir sie
ins Auge fassen, die wirkliche Wirksamkeit des menschlichen Ge-
dankens vor uns haben. Jetzt wissen wir erst, wie die menschliche
Denkertatigkeit arbeitet. Zuerst ergreift diese Denkertatigkeit das
Gehirn, respektive das Zentralnervensystem irgendwo, iibt eine
Tatigkeit aus, bewegt, sagen wir, meinetwillen, die atomistischen
Teile in irgendeiner Weise, bringt sie in irgendwelche Bewegungen.
Dadurch wer den sie zum Spiegelapparat, und der Gedanke wird
reflektiert und der Seele als solcher Gedanke bewuftt. Wir haben also
zwei Phasen zu unterscheiden: erst vom Geistig-Seelischen aus die
Gehirnarbeit; dann kommt die Wahrnehmung zustande, nachdem
fur diese Wahrnehmung durch die Seele die vorbereitende Gehirn-
arbeit getan ist. Beim gewohnlichen Menschen bleibt die Gehirn-
arbeit ganz im Unterbewuftten; er nimmt nur die Spiegelung wahr.
Beim okkult forschenden Menschen ist wirklich das vorhanden, dafi
man zunachst die Vorbereitung erleben mufi. Man mufi erleben, wie
man die Seelentatigkeit hineingiefien mufi und das Gehirn erst zu-
bereiten mufi, damit es sich herbeilafit, einem den Gedanken vor-
zustellen.
Was ich jetzt auseinandergesetzt habe, geschieht beim Menschen
fortwahrend zwischen Aufwachen und Einschlafen. Immer arbeitet
die denkerische Tatigkeit am Gehirn und macht so fur den ganzen
Wachzustand das Gehirn zum Spiegelapparat fur die Gedanken.
Aber es geniigt nicht, dafi in uns nur das durch Gedankentatigkeit
bearbeitet wird, was wir so selbst bearbeiten. Denn das ist, man
mochte sagen, eine engbegrenzte Tatigkeit, die da durch das Geistig-
Seelische ausgeiibt wird. Wenn wir des Morgens aufwachen, den Tag
uber wachen, abends wieder einschlafen, so besteht die geistig-
seelische Tatigkeit, die zum Denken gehort, darin, dafi diese Tatig-
keit den ganzen Tag uber am Gehirn arbeitet und dafi dadurch das
Gehirn zum Spiegelapparat wird. Aber das Gehirn mufi zunachst da
sein; dann kann die geistig-seelische Tatigkeit eingraben ihre kleinen
Eingrabungen, man mochte sagen, ihre Notizen und Gravierungen
ins Gehirn eintragen. Das Gehirn mufi also in seiner Hauptform,
in seiner Hauptmasse da sein. Aber das geniigt nicht fur unser
Menschenleben.
Unser Gehirn konnte nicht von der alltaglichen Lebensarbeit be-
arbeitet werden, wenn nicht unser ganzer Organismus so zubereitet
ware, dafi er eine Grundlage ware fur die Alltagsarbeit. Und diese
Arbeit, die dem Menschen seinen Organismus zubereitet, geschieht
aus dem Kosmos heraus. So wie wir alltaglich vom Aufwachen bis
zum Einschlafen an der - trivial gesagt - Durchgravierung des Ge-
hirns arbeiten, was es zum Spiegelungsapparat fur die alltaglichen
Gedanken macht, so mufi, wo wir nicht selber gravieren, das heifit,
uns Form geben konnen, vom Kosmos herein uns Form gegeben
werden. So wie unsere kleinen Gedanken arbeiten im Gehirn und
ihre kleinen Eingravierungen machen, so mufi unser ganzer Orga-
nismus vom Kosmos herein nach demselben Muster gedanklicher
Tatigkeit aufgebaut werden. Und er wird das, weil dasselbe, was in
uns an den kleinen Eingravierungen arbeitet, im Kosmos vorhanden
ist, diesen Kosmos als Gedankentatigkeit durchwellend und durch-
webend. Was uns zum Beispiel zuletzt erscheint an Ideen, was wir
haben als Idealismus, das ist als die den Idealismus bewirkende
Tatigkeit im geistigen Kosmos vorhanden und kann auf einen Men-
schen so wirken, dafi sie seinen ganzen Organismus so zubereitet,
dafi er eben zum Idealismus hinneigt. Ebenso werden die anderen
Nuancen in den Stimmungen und Zeichen aus dem geistigen Kos-
mos in den Menschen hereingearbeitet.
Der Mensch ist nach den Gedanken des Kosmos aufgebaut. Der
Kosmos ist der grofie Denker, der bis zum letzten Hngernagel so
unsere Form in uns eingraviert, wie unsere kleine Gedankenarbeit
die kleinen Eingravierungen ins Gehirn wahrend des Alltages macht.
Wie unser Gehirn - das heifit nur in bezug auf die kleinen Partien,
wo Eingravierungen geschehen konnen - unter dem Einflusse der
Gedankenarbeit steht, so steht unser ganzer Mensch unter dem Ein-
flufi der kosmischen Gedankenarbeit.
Was heiik das? - Fur das, was ich hier als ein Beispiel an Nietzsche
vorgefuhrt habe, heifit es: Unter dem Einflufi des Kosmos war Nietz-
sche durch seine fruhere Inkarnation in seinem Karma so vorbereitet,
dafi in einem bestimmten Zeitpunkte vermoge seiner friiheren Inkar-
nation die Krafte des Idealismus und der Mystik - die zusammen-
wirkten, weil Mystik im Zeichen des Idealismus stand - auf seine
ganze Korperkonstitution so wirkten, dafi er zunachst fahig war,
mystischer Idealist zu werden. Dann anderte sich die Konstellation
in der angedeuteten Weise.
Wir werden aus dem Kosmos heraus gedacht. Der Kosmos denkt
uns. Und wie wir in unserer kleinen Alltagsgedankenarbeit kleine
Eingravierungen in unser Gehirn machen und dann die Vorstel-
lungen Lowe, Hund, Tisch, Rose, Buch, auf, ab, links, rechts uns
zum Bewufitsein kommen als die Spiegelungen dessen, was wir vor-
her im Gehirn praparieren - das heifit, wie wir durch die Bearbeitung
des Gehirns zuletzt wahrnehmen Lowe, Hund, Tisch, Rose, Buch,
auf, ab, schreiben, lesen so wirken die Wesen der Weltenhierar-
chien in der Weise, daft sie die grofie denkerische Tatigkeit ver-
richten, die Bedeutsameres in der Welt eingraviert als wir mit unserer
alltaglichen Denkertatigkeit. So kommt es denn zustande, dafl nicht
nur die kleinen winzigen Eingravierungen entstehen, die dann als
unsere Gedanken sich einzeln spiegeln, sondern dafi wir selbst es
sind in unserem ganzen Wesen, was wieder den Wesen der hoheren
Hierarchien als ihre Gedanken erscheint. Wie unsere kleinen Gehirn-
prozesse unsere kleinen Gedanken spiegeln, so spiegeln wir, indem
in die Welt eingraviert wird, die Gedanken des Kosmos. Indem die
Hierarchien des Kosmos denken, denken sie zum Beispiel uns Men-
schen. Wie von unseren kleinen Gehirnpartikelchen unsere kleinen
Gedanken kommen, so kommen von dem, was die Hierarchien
machen und wozu wir selber gehoren, ihre Gedanken. Wie die Teile
in unserem Gehirn fur uns die Spiegelungsapparate sind, die wir erst
fur unsere Gedanken bearbeiten, so sind wir, wir kleine Wesen, das-
jenige, was sich fur ihre Gedanken die Hierarchien des Kosmos zu-
bereken. Also in einer gewissen Beziehung konnen wir sagen: Wir
konnen uns dem Kosmos gegeniiber so fuhlen, wie sich eine kleine
Partie unseres Gehirns gegeniiber uns selber fuhlen konnte. Sowenig
wir aber geistig-seelisch das sind, was unser Gehirn ist, so wenig sind
natiirlich die Wesenheiten der geistigen Hierarchien «wir». Daher
sind wir selbstandig gegeniiber den Wesenheiten der hoheren Hier-
archien. Und wir konnen sagen: In gewisser Weise dienen wir ihnen,
damit sie durch uns denken konnen; wir sind aber zugleich
selbstandige Wesenheiten, die ihr Eigensein in sich haben, wie sogar
in gewisser Weise die Partikel unseres Gehirns ihr Eigenleben haben.
So finden wir den Zusammenhang zwischen dem menschlichen
und dem kosmischen Gedanken. Der menschliche Gedanke ist der
Regent des Gehirns; der kosmische Gedanke ist ein solcher Regent,
dafi zu dem, was er auszufuhren hat, wir selber mit unserem ganzen
Wesen gehoren. Nur miissen wir, weil er vermoge unseres Karma
nicht immer alle seine Gedanken in gleicher Art auf uns wenden
kann, nach seiner Logik aufgebaut werden. So haben wir Menschen
eine Logik, nach der wir denken, und so haben audi die geistigen
Hierarchien des Kosmos ihre Logik. Und ihre Logik besteht in dem,
was wir als Schema aufgezeichnet haben (Seite 69). Wie wir zum
Beispiel, wenn wir denken, «der Lowe ist ein Saugetier», zwei Begriffe
zusammenbringen zu einem Urteil, so denken die geistigen Hierar-
chien des Kosmos zwei Dinge zusammen, Mystik und Idealismus:
Mystik erscheine im Idealismus. Denken Sie sich dieses zunachst als
vorbereitende Tatigkeit des Kosmos: Mystik erscheine im Idealis-
mus - so erklingt das schopferische «fiat», das schopferische Wort.
Die vorbereitende Tat besteht fur die Wesen der geistigen Hierar-
chien darin, daft ein Mensch ergriffen wird, dessen Karma es ent-
spricht, dafi sich in ihm die Anlage ausbildet, ein mystischer Idealist
zu werden. Zuriickgestrahlt in die Hierarchien des Kosmos ist das,
was wir fur uns einen Gedanken nennen wiirden, fur sie der Aus-
druck eines Menschen, der mystischer Idealist ist, der ihr Gedanke
ist, nachdem sie sich das kosmische Urteil vorbereitet haben: Mystik
erscheine im Idealismus!
Wir haben gewissermafien das Innere des kosmischen Wortes auf-
gezeichnet, des kosmischen Denkens. Was wir in einem Schema auf-
gezeichnet haben als kosmische Logik, das stellt uns dar, wie gedacht
wird von den geistigen Hierarchien des Kosmos, zum Beispiel: Empi-
rismus erscheine im Zeichen des Rationalismus! - und so weiter. Ver-
suchen wir uns einmal zu vergegenwartigen, was auf diese Weise im
Kosmos gedacht werden kann. Es kann gedacht werden: Es erscheine
Mystik im Zeichen des Idealismus! Sie wandle sich! Es werde Empi-
rismus im Zeichen des Rationalismus! - Widerstand! Was weiter
kommen wiirde, wiirde ein falsches kosmisches Urteil sein. Der Ge-
danke wird umgelenkt - wir haben ein korrigiertes «falsches Den-
kern, wie wir einen Gedanken verifizieren. Es mufi erscheinen der
dritte Standpunkt: Voluntarismus im Zeichen des Dynamismus. -
Das Ergebnis dieser durch die Zeiten in den kosmischen Welten
gesprochenen drei Urteile erscheint in dem Menschen «Nietzsche».
Und er strahlt zuriick als der Gedanke des Kosmos.
So spricht die Summe der geistigen Hierarchien im Kosmos. Und
unsere menschliche Gedankentatigkeit ist ein Abbild, ein kleines
Abbild davon. Welten verhalten sich zum Geiste oder zu den Gei-
stern des Kosmos, wie sich unser Gehirn zu unserer Seele verhalt. So
konnen wir hineinblicken in das, was wir allerdings nur mit einer
gewissen Ehrfurcht, mit einer heiligen Scheu anschauen sollten.
Denn wir stehen gewissermafien mit einer solchen Sache vor den
Geheimnissen der Menschenindividualitaten. Wir lernen begreifen,
daft - wenn ich mkh bildlich ausdriicken darf - die Augen der Wesen
der hoheren Hierarchien hinschweifen iiber die einzelnen Menschen-
individualitaten und daft ihnen die Individualitaten das sind, was
uns die individuellen Buchstaben eines Buches sind, in dem wir
lesen. Das ist das, was wir nur mit einer heiligen Scheu anschauen
diirfen. Wir belauschen die Gedankentatigkeit des Kosmos.
Es mufi in unserer Zeit der Schleier eines solchen Geheimnisses bis
zu einem gewissen Grade geluftet werden. Denn die Gesetze, die
hier als die Gesetze der Gedanken des Kosmos aufgezeigt worden
sind, sie sind tatig im Menschen. Und ihre Erkenntnis kann in uns
bewirken, daft wir das Leben verstehen und daft wir, verstehend
dieses Leben, uns selbst verstehen lernen, so verstehen lernen, daft
wir wissen, auch wenn wir in einer gewissen Weise durch das oder
jenes einseitig ins Leben hineingestellt werden miissen: Wir gehoren
einem grofien Ganzen an, denn wir sind Glieder in der Denkerlogik
des Kosmos. Und zu durchschauen diese Verhaltnisse, dazu leitet
uns dann die Geisteswissenschaft an, die uns damit eine Anweisung
gibt, um ebensosehr unsere Einseitigkeit bezuglich unserer Anlagen
zu verstehen, als uns durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft
allseitiger zu machen. Dann werden wir die Stimmung finden, die
gerade in unserer Zeit notwendig ist.
In unserer Zeit, wo bei vielen der tonangebenden Geister auch
nicht eine Spur vorhanden ist von einer Einsicht in die Verhaltnisse,
die hier beruhrt worden sind, erleben wir es, daft die Menschen den-
noch unter diesen Verhaltnissen stehen, aber nicht zu leben wissen
unter diesen Verhaltnissen. Dadurch aber bewirken sie etwas, was
einen Ausgleich notwendig macht. Nehmen Sie einmal das Beispiel
von Wundt, das ich Ihnen gestern vorgetragen habe. Seine Einseitig-
keit wird durch eine ganz bestimmte Konstellation bewirkt. Nehmen
wir an, daft Wundt sich jemals zum Verstandnis der Geisteswissen-
schaft durchringen konnte; dann wiirde er seine Einseitigkeit so
fassen, daft er sich sagen wiirde: Nun, dadurch, daft ich mit dem Em-
pirismus dastehe und so weiter, dadurch bin ich imstande, auf ge-
wissen Gebieten Gutes zu arbeiten. Ich bleibe auf diesen Gebieten
und erganze das iibrige durch die Geisteswissenschaft. - Zu einem
solchen Urteil wiirde er kommen. Er will aber von der Geisteswissen-
schaft nichts wissen. Was tut er deshalb? Wahrend er Gutes leisten
konnte, produktiv in der Konstellation, die gerade seine eigene ist,
macht Wundt das, was er vermoge dieser Konstellation leisten kann,
zur Gesamtphilosophie, wahrend er sonst wahrscheinlich noch
Grofieres, weit Grofieres, ja, dann erst Nutzliches leisten konnte,
wenn er das Philosophieren sein Hefie und iiber Seelenerscheinungen
experimentieren wiirde - was er versteht - und die Natur der mathe-
matischen Urteile untersuchen wiirde - was er auch versteht an-
statt es zu allerlei Philosophic zusammenzubrauen; denn dann
wiirde er im richtigen Geleise sein.
Das aber mufi von vielen gesagt werden. Daher raufi die Geistes-
wissenschaft, geradeso wie sie die Gesinnung hervorrufen mufi, zu
erkennen, wie Friede zwischen den Weltanschauungen bestehen
soli, auf der anderen Seite scharf hinweisen auf die Uberschreitung
desjenigen, was notwendig ist durch Einhalten der Konstellation
durch die Personlichkeiten der Gegenwart, die dadurch grofien Scha-
den anrichten, dafi sie die Welt suggestiv beeinflussen mit Urteilen,
die gefallt sind, ohne dafi auf ihre Konstellation dabei Rucksicht
genommen worden ist. Scharf zuriickgewiesen werden mussen die
Einseitigkeiten, die sich als Ganzes geltend machen wollen. Die
Welt lafit sich nicht erklaren durch einen Menschen, der Anlagen hat
fur das eine oder das andere. Und wenn er sie dadurch erklaren will
und eine Philosophic begrunden will, dann bewirkt diese Philo-
sophic Ungiinstiges, und es erwachst der Geisteswissenschaft die
Aufgabe, die hochmiitigen Pratentionen dieser Einseitigkeit zuriick-
zuweisen, die sich als ein Ganzes in der Welt aufspielt. Je weniger in
unserer Zeit Sinn und Gesinnung fur die Geisteswissenschaft vor-
handen ist, desto starker mufi die charakterisierte Einseitigkeit her-
vortreten.
Wir sehen daher, dafi gerade die Erkenntnis vom Wesen des
menschlichen und kosmischen Gedankens uns dahin fiihren kann,
recht die Bedeutung und die Aufgabe der Geisteswissenschaft in
unserer Zeit einzusehen und das in ihr einzusehen, was sie in das
rechte Verhaltnis bringen kann zu anderen sogenannten Geistes-
stromungen, namentlich philosophischen Stromungen, in unserer
Zeit. Wiinschenswert ware es, dafi gerade Erkenntnisse der Art, wie
wir sie in diesen Vortragen an uns heranzubringen versuchten, sich
recht tief in die Herzen und Seelen unserer Freunde einschrieben,
damit der Gang der anthroposophischen Geistesstromung durch die
Welt ein solcher werde, dafi eine ganz bestimmte, echte Richtung
eingeschlagen werde. Man wird dann immer mehr und mehr er-
kennen, wenn man solches beriicksichtigt, wie der Mensch durch
das, was als kosmische Gedanken in ihm lebt, geformt wird.
Tiefer noch erscheint uns, als er sonst erscheinen konnte, gerade
durch eine solche Darlegung ein Gedanke wie der Fichtes, der da
sagt: Was fur eine Philosophic einer hat, das hangt davon ab, was er
fur ein Mensch ist. Ja, wahrhaftig, was einer fur eine Philosophic hat,
das hangt davon ab, was er fur ein Mensch ist! Dafi Fichte in der
ersten Zeit seiner damaligen Inkarnation, in der er als Fichte lebte,
als den Grundnerv seiner Weltanschauung aussprechen konnte:
«Unsere Welt ist das versinnlichte Material unserer Pflicht», das zeigt
ebenso wie das obige Wort, das er spater ausgesprochen hat, wie
seine Seele ihre Konstellation im geistigen Kosmos verandert hat, das
heifit, wie reich diese Seele gestaltet war, so dafi die geistigen Hier-
archien sie umformen konnten, um durch sie verschiedenes zu
denken fur sich. Ahnliches konnte zum Beispiel fur Nietzsche gesagt
werden.
Mancherlei Aspekte der Weltbetrachtung treten auf, gerade
wenn man solches, wie es in diesen vier Vortragen charakterisiert
worden ist, sich vor die Seele halt. Das Beste, was wir dabei gewinnen
konnen, ist allerdings, dafi wir durch solche Dinge immer tiefer und
tiefer in das geistige Gefuge der Welt hineinschauen, auch fuhlend
und empflndend hineinschauen. Wenn nur eines durch einen sol-
chen Vortragszyklus erreicht werden konnte, dafi moglichst viele
Ihrer Seelen sich sagten: Ja, man mufi, wenn man in die geistige
Welt, das heifit in die Welt der Wahrheit und nicht in die Welt des
Irrtums, eintauchen will, sich wirklich einmal auf den Weg begeben!
Denn vieles, vieles mufi auf diesem Wege beriicksichtigt werden, um
zu den Quellen der Wahrheit zu kommen. Und wenn es mir anfangs
auch so scheinen konnte, als ob da oder dort ein Widerspruch auf-
tauchte, dafi ich da oder dort dieses oder jenes nicht verstehen
konnte, so will ich mir doch sagen, dafi ja doch die Welt nicht dazu
da ist, um fur jede Lage des menschlichen Verstehens begreiflich zu
sein, und dafi ich lieber ein Sucher werden will als ein Mensch, der
sich immer nur so zur Welt stellt, dafi er darnach fragt: Was kann ich
begreifen? Was kann ich nicht begreifen? - Wird man ein Sucher,
begibt man sich ernsthaft auf den Weg des Suchens, so lernt man
erkennen, daft man von den verschiedensten Seiten die Impulse zu-
sammentragen mufi, um einiges Verstandnis fur die Welt zu ge-
winnen. Dann verlernt man ganz und gar jene Art, die sich so zur
Welt stellen will wie: Verstehe ich das? Verstehe ich das nicht? -
sondern man sucht und sucht und sucht weiter. Die schlimmsten
Feinde der Wahrheit sind die abgeschlossenen und nach Abschlufj
trachtenden Weltanschauungen, die ein paar Gedanken hinzim-
mern wollen und glauben, ein Weltgebaude mit ein paar Gedanken
aufbauen zu diirfen.
Die Welt ist ein Unendliches, qualitativ und quantitativ. Und ein
Segen wird es sein, wenn sich einzelne Seelen finden, die klar sehen
wollen gerade in bezug auf das, was in unserer Zeit so furchtbar auf-
tritt an sich uberhebender Einseitigkeit, die ein Ganzes sein will. Ich
mochte sagen, mit blutendem Herzen spreche ich es aus: Das grofite
Hindernis fur eine Erkenntnis der Tatsache, wie eine vorbereitende
Arbeit der denkerischen Tatigkeit im Gehirn geiibt wird, wie das
Gehirn dadurch zum Spiegel gemacht wird und das Seelenleben
zuruckstrahlt - eine Tatsache, deren Erkenntnis unendliches Lkht
auf viele andere physiologische Erkenntnisse werfen konnte -, das
grofite Hindernis fur die Erkenntnis dieser Tatsache ist die wahn-
sinnig gewordene Physiologie der Gegenwart, welche da von zweierlei
Nerven spricht, von den motorischen und den sensitiven Nerven. Ich
habe auch diese Sache schon in manchen Vortragen beriihrt. Um
diese iiberall in der Physiologie herumspukende Lehre hervorzu-
bringen, mulke tatsachlich die Physiologie vorher alien Verstand
verlieren. Dennoch ist das heute eine iiber die ganze Erde hin aner-
kannte Lehre, die sich jeder wahren Erkenntnis von der Natur des
Gedankens und der Natur der Seele hindernd in den Weg legt.
Niemals wird der menschliche Gedanke erkannt werden konnen,
wenn die Physiologie ein solches Hindernis der Erkenntnis des Ge-
dankens bildet. Wir haben es aber so weit gebracht, dafi eine haltlose
Physiologie heute jedes Lehrbuch der Psychologie, der Seelenkunde,
eroffnet und von sich abhangig macht. Damit versperrt man sich zu-
gleich den Weg zur Erkenntnis des kosmischen Gedankens.
Was der Gedanke im Kosmos ist, das lernt man erst erkennen,
wenn man erfuhlt, was der Gedanke im Menschen ist, wenn man sich
in der Wahrheit dieses Gedankens fuhlt, der als Gedanke mit dem
Gehirn nichts anderes zu tun hat, als daft er selber der Herr dieses
Gehirnes ist. Aber wenn man also den Gedanken in seiner Wesen-
heit in sich selber als menschlichen Gedanken erkannt hat, dann
fuhlt man sich schon mit diesem Gedanken im Kosmischen dar-
innen, und unsere Erkenntnis von der wahren Natur des mensch-
lichen Gedankens weitet sich aus auch zur Erkenntnis der wahren
Natur des kosmischen Gedankens. Wenn wir richtig erkennen
lernen, wie wir denken, dann lernen wir auch erkennen, wie wir von
den Machten des Kosmos gedacht werden. Ja, wir gewinnen sogar die
Moglichkeit, einen Blick in die Logik der Hierarchien hinein zu tun.
Die einzelnen Bestandteile der Urteile der Hierarchien, die Begriffe
der Hierarchien, ich habe sie Ihnen hingeschrieben. In den zwolf
Geistes-Tierkreiszeichen, in den sieben Weltanschauungsstim-
mungen und so weiter liegen die Begriffe der Hierarchien. Und das,
was die Menschen sind, sind Urteile des Kosmos, die aus diesen Be-
griffen hervorgehen. So fuhlen wir uns in der Logik des Kosmos, das
heifit, real gefafit, in der Logik der Hierarchien des Kosmos darinnen,
fuhlen uns als Seelen in kosmischen Gedanken gebettet, wie wir den
kleinen Gedanken, den wir denken, in unserem Seelenleben ge-
bettet fuhlen.
Meditieren Sie einmal iiber die Idee: «Ich denke meine Gedan-
ken. - Und ich bin ein Gedanke, der von den Hierarchien des Kos-
mos gedacht wird. Mein Ewiges besteht darin, dafi das Denken der
Hierarchien ein Ewiges ist. Und wenn ich einmal von einer Kategorie
der Hierarchien ausgedacht bin, dann werde ich iibergeben - wie der
Gedanke des Menschen vom Lehrer an den Schuler iibergeben wird -
von einer Kategorie an die andere, damit diese mich in meinem
ewigen, wahren Wesen weiter denke. So fiihle ich mich drinnen in
der Gedankenwelt des Kosmos.»
Damit ist dieser kurze Zyklus von Vortragen abgeschlossen.
HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Die vier Vortrage «Der menschliche und der kosmische Gedanke» wur den gehalten
im Rahmen der zweiten Generalversammlung der seit 1912 bestehenden Anthropo-
sophischen Gesellschaft, die von Sonntag, den 18. bis Freitag, den 23. Januar 1914
dauerte. Die Protokolle der an diesen Tagen gehaltenen Diskussionen, Ansprachen
und Beitrage sind abgedruckt in den «Mitteilungen fur Mitglieder der Anthroposo-
phischen Gesellschaft (Theosophischen Gesellschaft)*, herausgegeben von Mathilde
Scholl, Koln, April bis Juni 1914.
Textgrundlagen: Die Vortrage wurden offiziell mitstenographiert von Walther
Vegelahn, dessen Ubertragung in Klartext den Veroffentlichungen bisher zugrunde
lag. Nach der 4. Auflage 1961 ist dem Archiv eine zweite Nachschrift der Vortrage
zuganglich geworden, die von Clara Michels stammt. Sie wurde fur die Ausgabe
1980 vergleichend hinzugezogen. Die Originalstenogramme sind weder von Vege-
lahn noch von Michels erhalten. Wie auch aus anderen Mitschriften von Clara
Michels hervorgeht, sind ihre Texte zwar kiirzer als die Vegelahns, lassen Wieder-
holungen und Umschreibungen oft weg, sind aber meist klar und prazise in bezug
auf den Sinn. Manche Worte und Wendungen ihrer Mitschrift dieser Vortrage wer-
den bestatigt durch noch andere Notizen von einer dritten Hand.
Der Tit el des Bandes stammt von Rudolf Steiner.
Zu den einzelnen Auflagen: Die beiden ersten Auflagen wurden von Marie
Steiner besorgt; der Bearbeiter der dritten ist namentlich nicht bekannt; die vierte
besorgten Robert Friedenthal und Karl Boegner. Der funften Auflage von 1980 und
der sechsten (1990) liegt grundsatzlich der bisherige, ausfuhrliche Text Vegelahns
zugrunde, der jedoch deutlich Ziige einer stilistisch geglatteten Bearbeitung zeigt;
wesentliche Anderungen oder Erganzungen durch den Vergleich mit dem Text von
Michels werden am Schlufi der Hinweise aufgefuhrt.
Die Tafelzeichnungen sind nicht erhalten geblieben. Die Zeichnungen im Text
sind auf Grund der Vorlagen in den Vortragsnachschriften von Leonore Uhlig aus-
gefuhrt worden.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der
Bibliographie-Nummer angefuhrt. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes.
zu Seite
11 «Welt- und Lebensanschauungen ...»: «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten
Jahrhundert*, 2 Bande, Berlin 1900/ 1901. Erschien 1914 umgcarbeitet als «Die Ratsel der
Philosophic in ihrer Gcschichte als Umrifi dargestellt* (1914), GA 18.
17 Goethe: 1. «Die Metamorphose der Pflanzen», in Goethe: «Naturwissenschaftliche Schrif-
ten», herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner in Kiirschners «Deutsche
National-Litteratur», 5 Bde. (1884-97), Nachdruck Dornach 1975, GAla-e, Bd. 1,
GA la, S. 17ff. - 2. Goethes Aussagen iiber die Urpflanze sind sehr zerstreut, z.T. in
diversen Briefen (vergleiche daher die angegebenen Stellen in der unten genannten «Ein-
leitung» von Rudolf Steiner). - 3. Uber das Urtier schreibt Goethe in «Zur Morphologie:
Der Inhalt bevorwortet» und in «Vortrage iiber vergleichende Anatomie: Uber einen auf-
zustellenden Typus», im oben genannten 1. Bd., S. 15f. bzw. 33 iff. - Zu alien drei The-
men siehe Rudolf Steiners «Einleitung», ebenda, S. XVII ff. (Vergleiche weiter auch u. a.
Rudolf Steiners Aufsatze «Goethe als Vater einer neuen Asthetik» und «Goethes Natur-
anschauung gemafi den neuesten Veroffentlichungen des Goethe- Archivs», in: «Metho-
dische Grundlagen der Anthroposophie. Gesammelte Aufsatze 1884-1901», GA 30,
S.23ff. bzw. 69 ff.)-
19 ff. Qntologischer Gottesbetveis: Dieser wurde aufgestellt von Anselm von Canterbury
(1033/34-1109). Siehe dessen Werk «Proslogion».
Kant wollte ■ . . aus der Welt schaffen: Siehe Kant: «Kritik der reinen Vernunft» (1781),
Elementarlehre 2.Teil, 2.Abt., 2.Buch, 3. Hauptstiick, 4.Abschnitt.
24 Fritz Maut hner: «Beitrage zu einer Kritik der Sprache», 3 Bande, Stuttgart und Berlin
1901/02. Siehe besonders Band 3: Zur Grammatik und Logik. - «W6rterbuch der Philo-
sophic Neue Beitrage zu einer Kritik der Sprache», 2 Bande, Miinchen und Leipzig 1910.
37 hat Fichte einmal gesagt: Wortlich: «Unsere Welt ist das versinnlichte Materiale unserer
Pflicht», in: «Uber den Grund unseres Glaubens an eine gottliche Weltregierung» (1798)
und in: «Appelation an das Publikum uber die ihm beigemessenen atheistischen Aufie-
rungen» (1799), beides in: «Johann Gottlieb Fichtes samtliche Werke», hg. von J. H.
Fichte, 8 Bande, Berlin 1845-46, Bd. 5, S. 185, bzw. S. 211.
38 das Kantische Diktum: Siehe Kant: «Metaphysische Anfangsgriinde der Naturwissen-
schaft» (1786), Vorrede.
wie einstmals Du Bois-Reymond gesagt hat: Der Satz bildet den Extrakt einer Grund-
iiberzeugung Du Bois-Reymonds, wie er z. B. in der zweiten Halftc seines Vortrages «Uber
die Grenzen des Naturerkennens», Leipzig 1872, zum Ausdruck kommt.
42 Leibniz ... Monade: Siehe Gottfried Wilhelm Leibniz: «Monadologie», 1720.
in meinem Buche: «Die Ratsel der Philosophic in ihrer Geschichre als Umrifi dargestellt»
(1914), GA 18.
43 tKritik der Sprocket: Siehe Hinweis zu S. 24.
46 wie die Sonne, auch wenn wir die kopernikanische Weltanschauung zugrunde legen: «auch»
ist erganzt auf Grund eines Korrekturvorschlages. In der Tat ist es das Hauptanliegen der
kopernikanischen Anschauung, den Stillstand der Sonne und die Bewegung der Erde in
der Jahresbewegung zu betonen. Doch kann auch von ihrem Standpunkt aus die Bewe-
gung der Sonne durch den Tierkreis verstanden werden, nur wird der echte Kopernikaner
kaum versaumen, dabei von einer scheinbaren Bewegung zu sprechen. (G. A. Balaster)
54 «Atomistik des WiUens»: Siehe Robert Hamerling: «Die Atomistik des Willens. Beitrage
zur Kritik der modernen Erkenntnis», 2 Bande, Hamburg 1891.
71 Nietzsche: «Die Geburt der Trag6die», 1872. - «Unzeitgemafie Betrachtungen»: 1. Stuck:
«David Straufi, der Bekenner und der Schriftsteller*, 1873; 2. Stuck: «Vom Nutzen und
Nachteil der Historie fur das Leben», 1874; 3. Stiick: «Schopenhauer als Erzieher», 1875;
4. Stiick: «Richard Wagner in Bayreuth*, 1876.
«Menschliches, Allzumenschliches*, 1878. -«Morgenr6te», 1881. - «Die frohliche Wissen-
schaft», 1882.
«Jenseits von Gut und B6se», 1885/86. - «Zur Genealogie der Moral», 1887. - «Der Fall
Wagner», 1888. - «Gotzendammerung», 1888. - «Der Antichrist*, 1888. - «Also sprach
Zarathustra», 1883/84.
Vergleiche auch Rudolf Steiners Schrift: «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer gegen seine
Zeit»(1895), GA 5.
81 Fichte . . . sagt: Wortlich: «Was fur eine Philosophic man wahle, hangt sonach davon ab,
was man fur ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat,
den man ablegen oder annehmen konnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch
die Seele des Menschen, der es hat.», in: «Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre*
(1797), 5- Abschnitt, in: <<Johann Gottlieb Fichtes samtliche Werke», hg. vonj. H. Fichte,
8 Bande, Berlin 1845-46, Bd. 1, S.434.
Fichte . . . aussprechen konnte: Siehe Hinweis zu S. 37.
82 Motoriscbe und sensitive Nerven: Vergleiche hierzu u. a. Rudolf Steiners Schrift «Von
Seelenratseln* (1917), GA 21, Kap. 4 «Skizzenhafte Erweiterungen. . .», 6. Die physischen
und die geistigen Abhangigkeiten der Menschen -Wesenheit. - Weiter die Vortrage vom
23. Marz 1920 in: «Geisteswissenschaft und Medizin* (20 Vortrage, Dornach 1920), GA
312, und vom 21. April 1920 in: «Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst
durch Geisteswissenschaft» (14 Vortrage, Basel 1920), GA 301.
NAMENREGISTER
Aristoteles (384-322 v. Chr.) 12
Bohme, Jakob (1575-1624) 28 f.
Du Bois-Reymond, Emil (1815-1896) 38
Eckhart, Meister (1260-1327) 56
Fichte, Johann Gottlieb (1762-1814) 37,
53, 81
Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832)
17 f.
Hamerling, Robert (1830-1889) 54, 60
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770-
1831) 52 f
Kant, Immanuel (1724-1804) 19 ff, 38
Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646-1716)
42 f.
Mauthner, Fritz (1849-1923) 24 f.,43
Nietzsche, Friedrich (1844-1900) 71 , 76,
78, 81
Plato (427-347 v. Chr.) 12
Schopenhauer, Arthur (1788-1860) 53,
60
Sokrates (469-399 v. Chr.) 12
Steiner, Rudolf Die Ratsel der Philoso-
phic GA 18 11, 42
Wundt, Wilhelm (1832-1920) 61, 79 f.
VERZEICHNIS WESENTLICHER TEXTKORREKTUREN
ab der 5. Auflage 1980 gegeniiber der 4. Auflage 1961
Seite Zeile jetziger Wortlaut:
friiherer Wortlaut:
9 8 iiberschauen
14 19/20 durch das Denken
15 29/32 Diese Seite bewegt sich so ...
Richtung urn. (Zeichnung neu)
17 27/28 abgeschlossenen
33/34 Eigenschaften
19 12-13 und man plagte ... herum.
22 (Zeichnung neu; Text entsprechend)
24 4 siehst nicht das
8-10 was aus den geistigen Welten ...
hereinkommt
31 16 fur logisch absurd
34 8 Einzelnes
35 12 Materiellen
12/14 Ein solcher Mensch ... Matetialismus
36 26/27 mit etwas anderer Wortbedeutung,
als ich das Wort vorher brauchte
37 13 durchtrankt
42 15 Klarheit
43 3 er kiiramert sich nur um den
55 5 allerlei Schauungen
30/31 Aufgabe
56 23/24 voraussetzt, dafi ... in der
Wahrnehmung
61 16 gunstigen Weise die Welt
31 die Welt
63 3/4 Beste, was er in der Seele haben
kann, dadurch dafi er es in seinen
Intuitionen
35 trivialste
69 5 abweicht
ausiiben
bis zum Denken hin
(fehlte)
abgezogenen
Beweglichkeiten
(fehlte)
siehst nur das
(fehlte)
hinweg
Eigenschaft
Materialismus
(fehlte)
aus den eben gemachten Ausein-
andersetzungen heraus
durchtendiert
Fahigkeit
er kommentiert es nur mit dem
einer Art von Schauung
Aufwachen
(fehlte)
merkwiirdigen Weise den Welt-
anschauungsinhalt
den Willen
Beste aufsucht, damit er es nach
seinen Intuitionen
nachste
ableitet
Seite
Zeile
jetziger Wortlaut:
friiherer Wortlaut:
77
77
urt 1 ■r^lct'PCnricCPflc/'nlTt'
111 VjClbtCaWlwCIlM^IltfLIT.
m die geisiige wcit
10/
anes, was z.d. uuicn mzienung,
durch aufiere Lebensverhaltnisse zu
erreichen ist;
z.d. em riineinsteuen uurcn nr-
ziehung, durch aufiere Lebens-
verhaltnisse
73
25
ein Spiegel wird
Ihr Gesicht spiegelt
27
Tatigkeit
Gedankenarbeit
75
25
Hauptmasse
Hauptsache
76
3/4
an Ideen, was wir haben als
im Zeichen des
78
4
Idealismus* Mvstik erscheine im
Idealismus,
Idealismus und wir sapen dann -
Mystik erscheint im Idealismus.
J
i\U0111Uj a aTaVOLIXV V* JLOV*1aV*1a1V* 1111 J.vxV^Ct
lismus - so erklingt
TCn-sm-n-s ■""i-ann prlrl inert
25126
- wir haben ein korrigiertes
«falsches Denken*,
(fehlte)
33/34
Das Ergebnis dieser durch die
7fMfpn in dfn kosmisrhen ^JCpltfn
gesprochenen drei Urteile erscheint
in dem Menschen
Dieses, durch die Zeiten in den
rw.vyoiiiAijv.Aiw jli w v>ilv>ii cv-juiuviiv-ii
durch die drei Urteile, gibt den
Menschen
80
10
iiber Seelenerscheinungen
iiber Seelen
83
16
Wesenheit in sich
Wesenheit, wenn man sich
21
wie
was
UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb-
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei-
tens eine grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck
gedacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spa-
ter Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies
Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht
worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir
korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn
miindlich gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben
ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so
kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so
hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht
zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie sek mehr als einem Jahre ja fallen
gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen,
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat-
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen
der Anthroposophie vor das Bewufksein der gegenwartigen Zeit
verfolgen will, der mul? das an Hand der allgemein veroffentlichten
Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander,
was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben,
was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum
Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in un-
vollkommener Art - wurde.
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und
dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was
aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehn-
sucht sich offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien
und den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt
zu horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man
wollte in Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarun-
gen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen,
die ich fiir die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif-
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was
nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware.
Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen
der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke
liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthropo-
sophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die
Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Ein-
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mit-
gliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil uber den Inhalt eines solcben Privatdruckes wird ja
allerdings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt,
was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fiir die
allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Er-
kenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der
Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposo-
phische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich
findet.