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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS
RUDOLF STEINER
WAHRSPRUCHWORTE
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Dornach/Schweiz
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Dorothea Weyrather
unter Mitarbeit von Julius Zoll
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961,
herausgegeben von Edwin Frobose und Paul Jenny
2. - 7. Auflage 1969, 1975, 1978, 1981, 1986, 1991
8., uberarbeitete Auflage 1998
Erstveroffentlichungen der verschiedenen Teile:
«Credo - Der Einzelne und das AI1», Dornach 1944
«Seelenkalender» in «Kalender 1912/1 3», Berlin 1912
«Drei Gedichte und Vortrag von Dr. Rudolf Steiner
gehalten zu Dornach am 29. August 1915», Berlin 1916
(jetzt: «Drei kosmische Dichtungen fur die Eurythmie»)
«Olaf Asteson (Das Wachen des Erdgeistes)» Berlin 1916
«Wahrspruchworte», Dornach 1925
«Wahrspruchworte — Richtspruchworte»,
2., erweiterte Ausgabe, Dornach 1935
«Welterkenntnis - Selbsterkenntnis», Dornach 1935
«Das Leben zwischen der Geburt und dem Tode
als Spiegelung des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt.
Gebete fur Mutter und Kinder», Dornach 1935
Bibliographie-Nr. 40
Alle Rechte bei Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-0401-9
INHALT
Geleitwort 9
Credo - Der Einzelne und das All 13
Anthroposophischer Seelenkalender 19
Drei kosmische Dichtungen fur die Eurythmie . . 49
Planetentanz - Zwolf Stimmungen - Das Lied von der Initiation
Jahreslauf - Jahresfeste 77
Wahrspnichworte - Richtspruchworte Ill
Weisheiten aus alten Kulturepochen 167
Sinnspriiche 207
Abwandlungen von Goethe-Worten 225
Widmungsspruche 237
Gebete und Spriiche fiir Mutter und Kinder . . . 313
Spriiche fiir den Unterricht in der Freien Waldorfschule 347
ANHANG
Zur Editionsgeschichte der Spruchdichtungen . . . 359
Zu dieser Ausgabe 377
Zur Textgestalt des «Seelenkalenders» 381
Hinweise und Lesarten 393
Personenregister 413
Alphabetisches Register der Spriiche 417
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . 453
VERZEICHNIS
DER HANDSCHRIFTENWIEDERGABEN
Die Sonne schaue 96
Im Seelenaug' sich spiegelt ... 102
Entwiirfe fur
Steh' vor des Menschen Lebenspforte . . . nach 110
Im Seelenaug' sich spiegelt nach 110
Die Welt im Ich erbauen 120
Das Bose, das Ubel 124
Dem Stoff sich verschreiben 157
Zeichnung der Kabiren 174
Der Vater schickt 1 80
Ich halte die Sonne (nur SchlufS) 189
Man handle nach der eigenen Weisheit ..... 209
Der Masse, der starren 238
Der Verfasser dieses Buches 246
Es drangt sich an den Menschens'mn 266
Welterkenntnis, Selbsterkenntnis 296
Es bedarf der Mensch 304
Wir Menschen der Gegenwart 304
Es keimen die Pflanzen 320
Vom Kopf bis zum Fuss 320
In den Weiten der Lebenswege 356
Marie Steiner - von Sivers
14. Marz 1867 - 27. Dezember 1948
zum Gedachtnis
Ihre grofie Leistung fiir die Entwicklung der Eurythmie
und der Rezitationskunst liefi die Spruchdichtungen
Rudolf Steiners zu einem fortwirkenden
Lebensstrom werden
GELEITWORT
Mit der vorliegenden Neuausgabe der «Wahrspruchworte»
und der Erstveroffentlichung des Bandes «Mantrische Spriiche
- Seeleniibungen II» ist die Veroffentlichung der Spruchdich-
tungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen.
Blickt man naher auf diese reiche Fiille, so enthiillt sie sich
mehr und mehr zu einer vielfaltigen und vielfarbigen Ausge-
staltung des grofien Grundthemas «Selbsterkenntnis - Welter-
kenntnis», beginnend mit dem «Credo - Der Einzelne und das
All» aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis hin zu einer
der allerletzten Spruchdichtungen aus dem Jahre 1925: «Ich
mochte jeden Menschen aus des Kosmos Geist entzunden ...».
Und dieses Grundthema ist wiederum kein anderes als auch
dasjenige der anthroposophischen Geisteswissenschaft selbst.
Lautet doch der erste der « Anthroposophischen Leitsatze» aus
dem Jahre 1924: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der
das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall
fuhren mochte. »
Und bedenkt man dann, dafi Rudolf Steiner erst in seinem
5. Lebensjahrzehnt als Kunstschaf fender tatig wurde, so ent-
steht die Frage: Was mag einen durch und durch naturwissen-
schaftlich geschulten Geistesforscher noch im letzten Drittel
seines Lebens zu solch intensivem kunstlerischen Schaffen ge-
drangt haben? Er hat ja nicht nur Spruchdichtungen und My-
steriendramen geschrieben, die neue Bewegungskunst Euryth-
mie als sichtbare Sprache und sichtbaren Gesang inauguriert,
sondern auch als bildender Kiinstler gewirkt. Eine gewisse,
wenn auch nur annahernd zutreffende Antwort auf diese Frage
kann vielleicht in dem von ihm gern angefuhrten Goethe-Wort
gesehen werden: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu
enthullen beginnt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehn-
sucht nach ihrer wurdigsten Auslegerin, der Kunst.» J Aller-
dings befahigt die Sehnsucht nach Kunst allein normalerweise
Iff. Die Nachweise findet man zu Beginn der «Hinweise» S. 393.
noch keineswegs zu echtem Kiinstlertum. Es scheint jedoch bei
immer tieferem Eindringen in das lebendige Wesen der Ideen-
welt als dem «Urquell und Prinzip alles Seins» 2 einen «objekti-
ven Ubergang» von dera einen Gebiet in das andere zu geben,
«einen Punkt», in dem sich die beiden so beriihren, dafi Vollen-
dung in dem einen Vollendung in dem anderen fordert. - So
namlich charakterisierte Rudolf Steiner in den achtziger Jahren
des 19. Jahrhunderts den Weg Goethes von der Kunst zur Wis-
senschaft. 3
Dafi er selbst den umgekehrten Weg gegangen ist, ergibt
sich aus Jahrzehnte spater gemachten Aufierungen. Eine lautet:
«Es handelt sich durchaus darum, dafi gerade dem wahren
Geisteswissenschafter durch unmittelbare Anschauung klar
wird, worinnen das Wesen des Ideellen besteht, so dajR er den
Ubergang finden kann von dem Ideellen . . . zu dem eigentlich
Kunstlerischen. » 4
Und um hier nicht mifSverstanden zu werden, fiigte er noch
an, dafi natiirlich aus der Geisteswissenschaft, so wie sie in
Worten mitgeteilt wird, direkt keine Kunst hervorgehen kon-
ne; das konnte nur zu einem Allegorisieren und Symbolisieren
fiihren. Aber aus denjenigen geistigen Impulsen, die hinter der
Geisteswissenschaft stehen, die diese Geisteswissenschaft sel-
ber als einen Ast aus sich hervortreiben, aus denen gehe dann
hervor, als ein anderer Ast aus demselben Ursprung, auch ein
kunstlerisches Schaffen.
Die tiefste Motivation fur all seine Bestrebungen hat er nir-
gendwo so klar und bestimmt ausgesprochen wie bei der ersten
Veranstaltung im noch nicht ganz vollendeten ersten Goethe-
anum-Bau, bei dem ersten anthroposophischen Hochschulkurs
im Herbst 1920. Da sprach er davon, wie in alten Menschheits-
zeiten nicht so wie heute Schulen, Kunstanstalten und Kirchen
abgesondert voneinander waren, sondern dafi in den kulturtra-
genden Mysterienstatten ein Wissen gepflegt wurde, das zu-
gleich kunstlerischen, erkennenden und religiosen Charakters
war. Dieses einheitliche Wirken zersplitterte jedoch im weite-
ren Zeitverlauf und fuhrte zu dem heute herrschenden Agno-
stizismus in Wissenschaft und Religion und zu einer vom Kos-
mos losgelosten Kunst. Heute f ordere nun die Zeit, durch gei-
stige Vertiefung wieder zu einer Versohnung und gegenseitigen
Befruchtung von Wissenschaft, Kunst und Religion zu kom-
men, und dieser Aufgabe soli der Goetheanum-Bau gewidmet
sein. Mit eindriicklichen Worten stellte er in seiner Eroff-
nungsansprache dieses ideale Ziel von der Wiedervereinigung
von Wissenschaft, Kunst und Religion vor seine tausend Zuho-
«Drei neue Krafte mochten wir aus geistigen Quellen heraus
schopferisch zur Offenbarung bringen: eine schauende Kunst
wiederum, ein Erkennen des Ubersinnlichen zur Wiederge-
burt der Seele und des Geistes in jener Religion, deren Stim-
mung sich herausgestalten mufi aus dieser Kunst und Wissen-
schaft», um aus der Kraft eines solchen «kunstlerischen, er-
kennenden und religios-innigen und sozialen Wollens her-
aus» zum Aufbau einer neuen Zivilisation beizutragen. 5
Als ein wahrhaft «ursprungliches» Geschopf so gearteter
Geistesforschung wollte er die kiinstlerische Formensprache
des Goetheanum verstanden wissen, und das, was darin ge-
sprochen wird, sollte lebendige Kraft genug haben, um weit in
alle Lebensbereiche hinauszudringen. Ein Haus der Sprache,
ein Haus des lebendigen Wortes sollte dieses Goetheanum sein.
Denn das Wort - so Marie Steiner - war fur Rudolf Steiner
«Ausgangspunkt und Mittelpunkt und Ziel alles Werdens und
aller Entsiegelung». 6
Sie selbst war daran von Anfang an entscheidend beteiligt.
Mit ihrem grofien, immer gleichbleibenden Enthusiasmus bot
sie Rudolf Steiner die Moglichkeit, die «Fruchtbarkeit der
Geistanschauung auf dem Gebiete der Wortkunst» erproben
zu konnen. 7 Aus dieser langen intensiven Zusammenarbeit ent-
wickelte sie eine der Wort-Erkenntnis Rudolf Steiners entspre-
chende Rezitiationskunst, und auch die fur die Eurythmie not-
wendige Sprechweise, von der er einmal sagte: «Es ist ja wirk-
lich von uns eine gewisse Methode ausgebildet worden, die
ganz im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung
liegt» und er fugte hinzu: gerade das «kunstlerisch geformte
Wort zur Geltung zu bringen, das streben wir an». 8
Am Ende seiner Lebenszeit auf diese Anfange zuriickschau-
end erinnert er daran, wie auf seine Anregung hin Marie von
Sivers «ganz im Anfange der anthroposophischen Bewegung»
mit der Dichtung «Eleusis» von Hegel «unsere Rezitations-
kunst inauguriert hat». 9 Es war dies in Berlin am 7. Mai 1906 bei
der ersten von vielen gemeinsam durchgefuhrten Veranstaltun-
gen. Rudolf Steiner sprach iiber das Wesen der griechischen
Mysterien; Marie von Sivers rezitierte die an Holderlin gerich-
tete Dichtung «Eleusis». 10 Und in seinem Weihnachtsvortrag
desselben Jahres, am 17. Dezember 1906, hatte sie die erste sei-
ner eigenen Mysteriendichtungen zu rezitieren: «Die Sonne
schaue um mitternachtige Stunde ...».
Im Laufe der Jahre folgten viele solche gemeinsamen Veran-
staltungen, auch offentliche, so beim ersten anthroposophi-
schen Hochschulkurs. Rudolf Steiner hielt drei Vortrage iiber
die Kunst der Rezitation und Deklamation, die Beispiele trug
Marie Steiner vor. Und er schlofi diese drei Vortrage mit der
Bemerkung, dafi gerade auch durch das Muster der Deklamati-
ons-, der Rezitationskunst gezeigt werden sollte, wie hier kon-
kret der Versuch gemacht wird, die Briicke zu finden zwischen
Kunst und Wissenschaft. Beispielhaft und auf so zu Herzen
sprechende schlichte Weise kommt dies ja in seinen eigenen
Dichtungen zum Ausdruck.
Und da Marie Steiner so einzigartig mit den Spruchschop-
fungen Rudolf Steiners verbunden ist, wird ihr im Gedenken
ihres 50. Todestages diese Neuausgabe der «Wahrspruchwor-
te» gewidmet. Waren es doch gerade die so ganz auf das innere
Laut- und Rhythmus-Erleben aufgebauten Wahrspruchworte,
die ihr Ausgangspunkt und Richtlinie blieben, um in ihrem ei-
genen kiinstlerischen Sprechen und auch dem ihrer Schuler,
diese inneren Bildungskrafte der Sprache, die darin verborgene
Eurythmie, kiinstlerisch gestalten zu konnen. Dariiber hinaus
hat sie aber auch von Anfang an mit grofier Liebe und Sorgfalt
die Spriiche gesammelt und bald nach Rudolf Steiners Tod be-
gonnen, sie allgemein zuganglich zu machen.
H. W.
CREDO
DER EINZELNE UND DAS ALL
UM 1886
Credo.
Der Einzelne und das All.
Die Ideenwelt ist der Urquell und das Prinzip alles Seins.
In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe. Das
Sein, das sie mit ihrem Lichte mcht beleuchtete, ware ein
totes, wesenloses, das keinen Teil hatte an dem Leben
des Weltganzen. Nur, was sein Dasein von der Idee
herleitet, das bedeutet etwas am Schopfungsbaume des
Universums. Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst
und mit sich selbst sich geniigende Geist. Das Einzelne
raufi den Geist in sich haben, sonst fallt es ab, wie ein
diirres Blatt von jenem Baume, und war umsonst da.
Der Mensch aber fuhlt und erkennt als Einzelnes sich,
wenn er zu seinem vollen Bewufksein erwacht. Dabei
aber hat er die Sehnsucht nach der Idee eingepflanzt.
Diese Sehnsucht treibt ihn an, die Einzelheit zu iiber-
winden und den Geist in sich aufleben zu lassen, dem
Geiste gema£ zu sein. Alles, was selbstisch ist, was ihn
zu diesem bestimmten, einzelnen Wesen macht, das mufi
der Mensch in sich aufheben, bei sich abstreifen, denn
dieses ist es, was das Licht des Geistes verdunkelt. Was
aus der Sinnlichkeit, aus Trieb, Begierde, Leidenschaft
hervorgeht, das will nur dieses egoistische Individuum.
Daher mufi der Mensch dieses selbstische Wollen in sich
abtoten, er mufi statt dessen, was er als Einzelner will,
das wollen, was der Geist, die Idee in ihm will. Lasse die
Einzelheit dahinfahren und f olge der Stimme der Idee in
Dir, denn sie nur ist das Gottliche! Was man als Einzel-
ner will, das ist am Umfange des Weltganzen ein wert-
loser, im Strom der Zeit verschwindender Punkt; was
man «im Geiste» will, das ist im Zentrum, denn es lebt in
uns das Zentrallicht des Universums auf; eine solche Tat
unterliegt nicht der Zeit. Handelt man als Einzelner,
dann schliefit man sich aus der geschlossenen Kette des
Weltwirkens aus, man sondert sich ab. Handelt man «im
Geiste», dann lebt man sich hinein in das allgemeine
Weltwirken. Ertotung aller Selbstheit, das ist die Grund-
lage fiir das hohere Leben. Denn wer die Selbstheit ab-
totet, der lebt ein ewiges Sein. Wir sind in dem Mafie
unsterblich, in welchem Mafie wir in uns die Selbstheit
ersterben lassen. Das an uns Sterbliche ist die Selbstheit.
Dies ist der wahre Sinn des Ausspruches: «wer nicht
stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt». Das
heifk, wer nicht die Selbstheit in sich aufhoren lasst wah-
rend der Zeit seines Lebens, der hat keinen Teil an dem
allgemeinen Leben, das unsterblich ist, der ist nie da-
gewesen, hat kein wahrhaftes Sein gehabt.
Es gibt vier Spharen menschlicher Tatigkeit, in denen
der Mensch sich voll hingibt an den Geist mit Ertotung
alles Eigenlebens: die Erkenntnis, die Kunst, die Reli-
gion und die liebevolle Hingabe an eine Personlichkeit
im Geiste. Wer nicht wenigstens in einer dieser vier
Spharen lebt, lebt iiberhaupt nicht. Erkenntnis ist Hin-
gabe an das Universum in Gedanken, Kunst in der An-
schauung, Religion im Gemiite, Liebe mit der Summe
aller Geisteskrafte an etwas, was uns als ein fiir uns
schatzenswertes Wesen des Weltganzen erscheint. Er-
kenntnis ist die geistigste, Liebe die schonste Form
selbstloser Hingabe. Denn Liebe ist ein wahrhaftes
Himmelslicht in dem Leben der Alltaglichkeit. Fromme,
wahrhaft geistige Liebe veredelt unser Sein bis in seine
innerste Faser, sie erhoht alles, was in uns lebt. Diese
reine fromme Liebe verwandelt das ganze Seelenleben in
ein anderes, das zum Weltgeiste Verwandtschaft hat. In
diesem hochsten Sinne lieben, heifit den Hauch des Got-
teslebens dahin tragen, wo zumeist nur der verabscheu-
ungswiirdigste Egoismus und die achtungslose Leiden-
schaft zu finden ist. Man muE etwas wissen von der
Heiligkeit der Liebe, dann erst kann man von Fromm-
sein sprechen.
Hat der Mensch sich durch eine der vier Spharen hin-
durch, aus der Einzelheit heraus, in das gottliche Leben
der Idee eingelebt, dann hat er das erreicht, wozu der
Strebenskeim in seiner Brust liegt: seine Vereinigung mit
dem Geiste; und dies ist seine wahre Bestimmung. Wer
aber im Geiste lebt, lebt frei. Denn er hat sich alles
Untergeordneten entwunden. Nichts bezwingt ihn, als
wovon er gerne den Zwang erleidet, denn er hat es als das
Hochste erkannt.
Lasse die Wahrheit zum Leben werden; verliere Dich
selbst, um Dich im Weltgeiste wiederzufinden!
ANTHROPOSOPHISCHER
SEELENKALENDER
Vorwort zur zweiten Ausgabe 1918
Der Jahreslauf hat sein eigenes Leben. Die Menschenseele
kann dieses Leben mitempfinden. Lafit sie, was von Woche
zu Woche anders spricht aus dem Leben des Jahres, auf sich
wirken, dann wird sie sich durch solches Mitleben selber
erst richtig finden. Sie wird fiihlen, wie ihr dadurch Krafte
erwachsen, die sie von innen heraus starken. Sie wird be-
merken, dass solche Krafte in ihr geweckt sein wollen durch
den Anteil, den sie nehmen kann an dem Sinn des Welten-
laufes, wie er sich in der Zeitenfolge abspielt. Sie wird da-
durch erst gewahr werden, welche zarte, aber bedeutungs-
volle Verbindungsfaden bestehen zwischen sich und der
Welt, in die sie hineingeboren ist.
In diesem Kalender ist fur jede Woche ein solcher Spruch
verzeichnet, der die Seele miterleben lafit, was in dieser
Woche als Teil des gesamten Jahreslebens sich vollzieht.
Was dieses Leben in der Seele erklingen lafk, wenn diese
sich mit ihm vereinigt, soli in dem Spruche ausgedriickt
sein. An ein gesundes «Sich eins fuhlen» mit dem Gange der
Natur und an ein daraus erstehendes kraftiges «Sich selbst
finden» ist gedacht, indem geglaubt wird, ein Mitempfinden
des Weltenlaufes im Sinne solcher Spruche sei fur die Seele
etwas, wonach sie Verlangen tragt, wenn sie sich nur selbst
recht versteht.
Vorwort zur ersten Ausgabe 1912/13
Mit der Welt und ihrem Zeitenwandel verbunden fuhlt sich
der Mensch. In seinem eigenen Wesen empfindet er das
Abbild des Welten-Urbildes. Doch ist das Abbild nicht
sinnbildlich-pedantische Nachahmung des Urbildes. Was
die grofie Welt im Zeitenlaufe offenbart, entspricht einem
Pendelschlage des Menschenwesens, der nicht im Elemente
der Zeit ablauft. Es kann vielmehr fuhlen der Mensch sein
an die Sinne und ihre Wahrnehmungen hingegebenes Wesen
als entsprechend der licht- und warme-durchwobenen
Sommernatur. Das Gegriindetsein in sich selber und das
Leben in der eigenen Gedanken- und Willenswelt kann er
empfinden als Winterdasein. So wird bei ihm zum Rhyth-
mus von Aufien- und Innenleben, was in der Natur in der
Zeiten Wechselfolge als Sommer und Winter sich darstellt.
Es konnen ihm aber grofie Geheimnisse des Daseins aufge-
hen, wenn er seinen zeitlosen Wahrnehmungs- und Gedan-
kenrhythmus in entsprechender Weise zum Zeitenrhyth-
mus der Natur in Beziehung bringt. So wird das Jahr zum
Urbilde menschlicher Seelentatigkeit und damit zu einer
fruchtbaren Quelle echter Selbsterkenntnis. In dem folgen-
den Seelen-Jahres-Kalender wird der Menschengeist in der-
jenigen Lage gedacht, in welcher er an den Jahreszeiten-
Stimmungen von Woche zu Woche das eigene Seelenweben
im Bilde an den Eindriicken des Jahreslaufes erfiihlen kann.
Es ist an ein fiihlendes Selbsterkennen gedacht. Dieses fuh-
lende Selbsterkennen kann an den angegebenen charakteri-
stischen Wochensatzen den Kreislauf des Seelenlebens als
zeitlosen an der Zeit erleben. Ausdriicklich sei gesagt, es ist
damit an eine Moglichkeit eines Selbsterkenntnisweges ge-
dacht. Nicht «Vorschriften» nach dem Muster theosophi-
scher Pedanten sollen gegeben werden, sondern vielmehr
auf das lebendige Weben der Seele, wie es einmal sein kann,
wird hingewiesen. Alles, was fur Seelen bestimmt ist, nimmt
eine individuelle Farbung an. Gerade deshalb aber wird
auch jede Seele ihren Weg im Verhaltnis zu einer individuell
gezeichneten finden. Es ware ein leichtes, zu sagerr. So, wie
hier angefiihrt, soil die Seele meditieren, wenn sie ein Stuck
Selbsterkenntnis pflegen will. Es wird nicht gesagt, weil der
eigne Weg des Menschen sich Anregung holen soil an einem
gegebenen, nicht sich pedantisch einem «Erkenntnispfade»
fugen soil.
Auf eine Frage wegen der Datumverschiebung von Jahr zu Jahr ist
folgende Antwort Rudolf Steiners kberliefert: Die Hauptsache sei>
dass immer mit der ersten Strophe zu O stern begonnen werde. Die
Verschiebung habe nicht viel zu bedeuten, da er immer drei Stro-
phen der Wochenspruche in der gleichen Stimmung gehalten habe.
FRUHLING
A Oster-Stimmung (1912: 7. - 13. April)
1 Wenn aus den Weltenweiten
Die Sonne spricht zum Menschensinn
Und Freude aus den Seelentiefen
Dem Licht sich emt im Schauen,
Dann ziehen aus der Selbstheit Hulle
Gedanken in die Raumesfernen
Und binden dumpf
Des Menschen Wesen an des Geistes Sein.
B Zweite April-Woche (1912: 14. - 20. April)
2 Ins Aufire des Sinnesalls
Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein,
Es finden Geisteswelten
Den Menschensprossen wieder,
Der seinen Keim in ihnen,
Doch seine Seelenfrucht
In sich muss finden.
C Dritte April-Woche
(1912: 21.-27. April)
3 Es spricht zum Weltenall,
Sich selbst vergessend
Und seines Urstands eingedenk,
Des Menschen wachsend Ich:
In dir, befreiend mich
Aus meiner Eigenheiten Fessel,
Ergriinde ich mein echtes Wesen.
D Vierte April-Woche (1912: 28. April - 4. Mai)
4 Ich fiihle Wesen meines Wesens:
So spricht Empfindung,
Die in der sonnerhellten Welt
Mit Lichtesfluten sich vereint;
Sie will dem Denken
Zur Klarheit Warme schenken
Und Mensch und Welt
In Einheit fest verbinden.
E Erste Mai-Woche
(1912: 5. -11. Mai)
5 Im Lichte das aus Geistestiefen
Im Raume fruchtbar webend
Der Gotter Schaffen offenbart:
In ihm erscheint der Seele Wesen
Geweitet zu dem Weltensein
Und auferstanden
Aus enger Selbstheit Innenmacht.
F Zweite Mai-Woche (1912: 12. - 18. Mai)
6 Es ist erstanden aus der Eigenheit
Mem Selbst und findet sich
Als Weltenoffenbarung
In Zeit- und Raumeskraften;
Die Welt, sie zeigt mir iiberall
Als gottlich Urbild
Des eignen Abbilds Wahrheit.
G Dritte Mai-Woche
(1912: 19. -25. Mai)
7 Mein Selbst, es drohet zu entfliehen,
Vom Weltenlichte machtig angezogen;
Nun trete du mein Ahnen
In deine Rechte kraftig ein,
Ersetze mir des Denkens Macht,
Das in der Sinne Schein
Sich selbst verlieren will.
H Vierte Mai-Woche (1912: 26. Mai - 1. Juni)
8 Es wachst der Sinne Macht
Im Bunde mit der Gotter Schaffen,
Sie driickt des Denkens Kraft
Zur Traumes Dumpfheit mir herab.
Wenn gottlich Wesen
Sich meiner Seele einen will,
Muss menschlich Denken
Im Traumessein sich still bescheiden.
Fiinfte Mai-Woche
(1912; 2.-8.Juni)
Verges send meine Willenseigenheit
Erfiillet Weltenwarme sommerkiindend
Mir Geist und Seelenwesen;
Im Licht mich zu verlieren
Gebietet mir das Geistesschauen,
Und kraftvoll kundet Ahnung mir:
Verliere dich, urn dich zu finden.
Erste Juni-Woche (1912: 9. -lS.Juni)
Zu sommerlichen Hohen
Erhebt der Sonne Ieuchtend Wesen sich,
Es nimmt mein menschlich Fiihlen
In seine Raumesweiten mit,
Erahnend regt im Innern sich
Empfindung, dumpf mir kiindend,
Erkennen wirst du einst:
Dich fiihlte jetzt ein Gotteswesen.
Zweite Juni-Woche
(1912: 16.-23.Juni)
Es 1st in dieser Sonnenstunde
An dir, die weise Kunde zu erkennen:
An Weltenschonheit hingegeben,
In dir dich ftihlend zu durchleben:
Verlieren kann das Menschen-Ich
Und finden sich im Welten-Ich.
Johannes-Stimmung (1912: 24. Juni)
Der Welten Schonheitsglanz
Er zwinget mich aus Seelentiefen
Des Eigenlebens Gotterkrafte
2um Weltenfluge zu entbinden;
Mich selber zu verlassen,
Vertrauend nur mich suche nd
In Weltenlicht und Weltenwarme.
N Vierte Juni-Woche
(1912: 30. Juni - 6. Juli)
13 Und bin ich in den Sinneshohen,
So flammt in meinen Seelentiefen
Aus Geistes Feuerwelten
Der Gotter Wahrheitswort:
In Geistesgriinden suche ahnend
Dich geistverwandt zu finden.
SOMMER
O Erste Juli-Woche (1912: 7. -13. Juli)
14 An Sinnesoffenbarung hingegeben
Verlor ich Eigenwesens Trieb,
Gedankentraum, er schien
Betaubend mir das Selbst zu rauben,
Doch weekend nahet schon
Im Sinnenschein mir Weltendenken.
P Zweite Juli-Woche
(1912: 14. -20.Juli)
15 Ich fiihle wie verzaubert
Im Weltenschein des Geistes Weben,
Es hat in Sinnesdumpfheit
Gehiillt mein Eigenwesen,
Zu schenken mir die Kraft,
Die ohnmachtig sich selbst zu geben
Mein Ich in seinen Schranken ist.
Q Dritte Juli-Woche (1912: 21.-27.Juli)
16 Zu bergen Geistgeschenk im Innern
Gebietet strenge mir mein Ahnen,
Dass reifend Gottesgaben
In Seelengriinden fruchtend
Der Selbstheit Friichte bringen.
R Vierte Juli-Woche
(1912: 28. Juli-3. August)
17 Es spricht das Weltenwort,
Das ich durch Sinnestore
In Seelengriinde durfte fxihren:
Erfiille deine Geistestiefen
Mit meinen Weltenweiten
Zu finden einstens mich in dir.
S Fiinfte Juli-Woche (1912: 4. - 10. August)
18 Kann ich die Seek weiten,
Dass sie sich selbst verbindet
Empfangnem Welten-Keimesworte?
Ich ahne, dass ich Kraft muss finden
Die Seele wurdig zu gestalten,
Zum Geisteskleide sich zu bilden.
St Erste August- Woche
(1912: 11.-17. August)
19 Geheimnisvoll das Neu-Empfang'ne
Mit der Erinn'rung zu umschliefien,
Sei meines Strebens weitrer Sinn:
Es soli erstarkend Eigenkrafte
In meinem Innern wecken
Und werdend mich mir selber geben.
T Zweite August- Woche (1912: 18. - 24. August)
20 So funl' ich erst mein Sein,
Das fern vom Welten-Dasein
In sich, sich selbst erloschen
Und bauend nur auf eignem Grunde
In sich, sich selbst ertoten miisste.
Dritte August- Woche
(1912: 25. - 31. August)
Ich fiihle fruchtend fremde Macht
Sich starkend mir rmch selbst verleihn,
Den Keim empfind ich reifend
Und Ahnung lichtvoll weben
Im Innern an der Selbstheit Macht.
Vierte August- Woche (1912: 1 7. September)
Das Licht aus Weltenweiten,
Im Innern lebt es kraftig fort,
Es wird zum Seelenlichte
Und leuchtet in die Geistestiefen,
Um Friichte zu entbinden,
Die Menschenselbst aus Weltenselbst
Im Zeitenlaufe reifen lassen.
W Erste September- Woche (1912: 8.-14. September)
23 Es dampfet herbstlich sich
Der Sinne Reizesstreben,
In Lichtesoffenbarung mischen
Der Nebel dumpfe Schleier sich,
Ich selber schau in Raumesweiten
Des Herbstes Weltenschlaf,
Der Sommer hat an mich
Sich selber hingegeben.
X Zweite September- Woche (1912: 15. - 21. September)
24 Sich selbst erschaffend stets
Wird Seelensein sich selbst gewahr;
Der Weltengeist, er strebet fort
In Selbsterkenntnis neu belebt
Und schafft aus Seelenfinsternis
Des Selbstsinns Willensfrucht.
Y Dritte September- Woche (1912: 22. - 28. September)
25 Ich darf nun mir gehoren
Und leuchtend breiten Innenlicht
In Raumes- und in Zeitenfinsternis.
Zum Schlafe drangt natiirlich Wesen,
Der Seele Tiefen sollen wachen
Und wachend tragen Sonnengluten
In kalte Winterfluten.
Z Michaeli-Stimmung
26 Natur, dein miitterliches Sein,
Ich trage es in meinem Willenswesen;
Und meines Willens Feuermacht,
Sie stahlet meines Geistes Triebe,
Dass sie gebaren Selbstgefuhl,
Zu tragen mich in mir.
HERBST
A Erste Oktober-Woche (1912: 6. - 12. Oktober)
27 In meines Wesens Tiefen dringen
Erregt ein ahnungsvolles Sehnen,
Dass ich mich selbstbetrachtend finde
Als Sommersonnengabe, die als Keim
In Herbstesstimmung warmend lebt
Als meiner Seele Kraftetrieb.
B Zweite Oktober-Woche (1912: 13. - 19. Oktober)
28 Ich kann im Innern neu belebt
Erfiihlen eignen Wesens Weiten
Und krafterfiillt Gedankenstrahlen
Aus Seelensonnenmacht
Den Lebensratseln losend spenden,
Erfiillung manchem Wunsche leihen,
Dem Hoffnung schon die Schwingen lahmte.
Dritte Oktober-Woche
(1912: 20. - 26. Oktober)
Sich selbst des Denkens Leuchten
Im Innern kraftvoll zu entfachen,
Erlebtes sinnvoll deutend
Aus Weltengeistes Kraftequell,
1st mir nun Sommererbe
1st Herbstesruhe und auch Winterhoffnung.
Vierte Oktober-Woche (1912: 27. Okt. - 2. November)
Es spriefien mir im Seelensonnenlicht
Des Denkens reife Friichte,
In Selbstbewufitseins Sicherheit
Verwandelt alles Fiihlen sich,
Empfinden kann ich freudevoll
Des Herbstes Geisterwachen,
Der Winter wird in mir
Den Seelensommer wecken.
Erste November- Woche
(1912: 3. - 9. November)
Das Licht aus Geistestiefen,
Nach aufien strebt es sonnenhaft,
Es wird zur Lebenswillenskraft
Und leuchtet in der Sinne Dumpfheit,
Um Krafte zu entbinden,
Die Schaffensmachte aus Seelentrieben
Im Menschenwerke reifen lassen.
Zweite November- Woche (1912: 10.-16. November)
Ich fuhle fruchtend eigne Kraft
Sich starkend mich der Welt verleihn,
Mein Eigenwesen fiihl ich kraftend
Zur Klarheit sich zu wenden
Im Lebens-Schicksalsweben.
G Dritte November- Woche
(1912: 17. - 23. November)
33 So fiihl' ich erst die Welt,
Die aufier meiner Seele Miterleben
An sich nur frostig leeres Leben
Und ohne Macht sich offenbarend
In Seelen sich von neuem schaffend
In sich den Tod nur finden konnte.
H Vierte November- Woche (1912: 24. - 30. November)
34 Geheimnisvoll das Alt-Bewahrte
Mit neu erstandnem Eigensein
Im Innern sich belebend fiihlen:
Es soli erweckend Weltenkrafte
In meines Lebens Aufienwerk ergiefien
Und werdend mich ins Dasein pragen.
Erste Dezember-Woche
(1912: 1.-7. Dezember)
Kann ich das Sein erkennen,
Dass es sich wiederfmdet
Im Seelen-Schaffens-Drange?
Ich fiihle, dass mir Macht verlieh'n
Das eigne Selbst dem Weltenselbst
Als Glied bescheiden einzuleben.
Zweite Dezember-Woche (1912: 8. - 14. Dezember)
In meines Wesens Tiefen spricht
Zur Offenbarung drangend
Geheimnisvoll das Weltenwort:
Erfiille deiner Arbeit Ziele
Mit meinem Geisteslichte
Zu opfern dich durch mich.
WINTER
Dritte Dezember-Woche (1912: 15. - 21. Dezember)
Zu tragen Geisteslicht in Weltenwinternacht
Erstrebet selig meines Herzens Trieb,
Dass leuchtend Seelenkeime
In Weltengriinden wurzeln
Und Gotteswort im Sinnesdunkel
Verklarend alles Sein durchtont.
Weihe-Nacht-Stimmung
Ich fiihle wie entzaubert
Das Geisteskind im Seelenschofi,
Es hat in Herzenshelligkek
Gezeugt das heil'ge Weltenwort
Der Hoffnung Himmelsfrucht,
Die jubelnd wachst in Weltenfernen
Aus meines Wesens Gottesgrund.
N Fiinfte Dezember-Woche
(1912: 29. Dez. - 4. Januar)
39 An Geistesoffenbarung hingegeben
Gewinne ich des Weltenwesens Licht,
Gedankenkraft, sie wachst
Sich klarend mir mich selbst zu geben
Und weekend lost sich mir
Aus Denkermacht das Selbstgefuhl.
O Erste Januar- Woche (1913: 5. - 1 1. Januar)
40 Und bin ich in den Geistestiefen,
Erfullt in meinen Seelengrunden
Aus Herzens Liebewelten
Der Eigenheiten leerer Wahn
Sich mit des Weltenwortes Feuerkraft.
P Zweite Januar-Woche
(1913: 12. - 18.Januar)
41 Der Seele Schaffensmacht
Sie strebet aus dem Herzensgrunde
Im Menschenleben Gotterkrafte
Zu rechtem Wirken zu entflammen,
Sich selber zu gestalten
In Menschenliebe und im Menschenwerke.
Q Dritte Januar-Woche (1913: 19. - 25. Januar)
42 Es ist in diesem Winterdunkel
Die Offenbarung eigner Kraft
Der Seele starker Trieb,
In Finsternisse sie zu lenken
Und ahnend vorzufuhlen
Durch Herzenswarme Sinnesoffenbarung.
R Vierte Januar-Woche
(1913: 26. Januar - 1. Februar)
43 In winterlichen Tiefen
Erwarmt des Geistes wahres Sein,
Es gibt dem Weltenscheine
Durch Herzenskrafte Daseinsmachte;
Der Weltenkalte trotzt erstarkend
Das Seelenfeuer im Menscheninnern.
S Fiinfte Januar-Woche (1913: 2. - 8. Februar)
44 Ergreifend neue Sinnesreize
Erfiillet Seelenklarheit,
Eingedenk vollzogner Geistgeburt,
Verwirrend sprossend Weltenwerden
Mit meines Denkens Schopferwillen.
Erste Februar-Woche
(1913: 9. - 15. Februar)
Es festigt sich Gedankenmacht
Im Bunde mk der Geistgeburt,
Sie hellt der Sinne dumpfe Reize
Zur vollen Klarheit auf .
Wenn Seelenfiille
Sich mit dem Weltenwerden einen will,
Muss Sinnesoffenbarung
Des Denkens Licht empfangen.
Zweite Februar-Woche (1913: 16. - 22. Februar)
Die Welt, sie drohet zu betauben
Der Seele eingeborne Kraft;
Nun trete du, Erinnerung,
Aus Geistestiefen leuchtend auf
Und starke mir das Schauen,
Das nur durch Willenskrafte
Sich selbst erhalten kann.
Dritte Februar-Woche
(1913: 23. Februar - 1. Marz)
Es will erstehen aus dem Weltenschofie,
Den Sinnenschein erquickend, Werdelust,
Sie finde meines Denkens Kraft
Geriistet durch die Gotteskrafte
Die kraftig mir im Innern leben.
Vierte Februar-Woche (1913: 2. - 8. Marz)
Im Lichte das aus Weltenhohen
Der Seele machtvoll fliefien will
Erscheine, losend Seelenratsel,
Des Weltendenkens Sicherheit
Versammelnd seiner Strahlen Macht
Im Menschenherzen Liebe weekend.
W Erste Marz-Woche
(1913: 9. -15. Marz)
49 Ich fiihle Kraft des Weltenseins:
So spricht Gedankenklarheit,
Gedenkend eignen Geistes Wachsen
In finstern Weltennachten
Und neigt dem nahen Weltentage
Des Innern Hoffnungsstrahlen.
X Zweite Marz-Woche (1913: 16. - 22. Marz)
50 Es spricht zum Menschen-Ich,
Sich machtvoll offenbarend
Und seines Wesens Krafte losend,
Des Weltendaseins Werdelust:
In dich mein Leben tragend
Aus seinem Zauberbanne
Erreiche ich mein wahres Ziel.
Friihling-Erwartung
Ins Innre des Menschenwesens
Ergiefit der Sinne Reichtum sich,
Es findet sich der Weltengeist
Im Spiegelbild des Menschenauges,
Das seine Kraft aus ihm
Sich neu erschaffen muss.
Vierte Marz-Woche (1913: 30. Marz)
Wenn aus den Seelentiefen
Der Geist sich wendet zu dem Weltensein
Und Schonheit quillt aus Raumesweiten,
Dann zieht aus Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in Menschenieiber
Und einet, machtvoll wirkend,
Des Geistes Wesen mit dem Menschensein.
DREI KOSMISCHE DICHTUNGEN
FUR DIE EURYTHMIE
PLANETENTANZ
ZWOLF STIMMUNGEN
ANSPRACHE DORNACH, 29. AUGUST 1915
DAS LIED VON DER INITIATION
Eine Satire
PLANETENTANZ
Es leuchtet die Sonne -
Was traget ihr Strahlen
Zu Bliiten und Steinen
So machtvoll daher?
Es webet die Seele -
Was hebet das Leben
Aus Glauben zum Schauen
So sehnend hinauf ?
O suche, du Seele,
In Steinen den Strahl,
In Bliiten das Licht -
Du findest dich selbst.
Es blauet der Himmel -
Was sendet die Tiefe
Aus Fernen zur Erde
Geheimnisvoll her?
Es wirket der Geist -
Was s chaff et der Starke
Aus wollendem Sein
Zur scheinenden Kraft?
So lenke, o Geist,
Zur Ferae den Blick,
Zur Tiefe dich selbst -
Du findest die Welt.
Es funkeln die Sterne -
Was breitet das Glanzen
Aus Weiten zur Mitte
Enthiillend daher?
Es fraget der Mensch -
Was ratselt im Innern
Aus banglichem Streben
Zum Wissen sich hin?
So lenke, du Mensch,
Zur Weite dich selbst,
Zur Mitte das Sein -
Du findest den Geist.
Es waltet die Nacht -
Was dampfet die Wesen
Im endlosen Raum
Zu lastendem Nichts?
Es weset das All -
Was waltet, sich hiillend
Im Dunkel der Griinde,
Verborgen atmend?
Es ahnet des Geistes
Erbrennendes Dursten
In Welten die Wesen,
In Wesen die Welten.
ZWOLF STIMMUNGEN
Erstehe, o Lichtesschein,
Erfasse das Werdewesen,
Ergreife das Krafteweben,
Erstrahle dich Sein-erweckend.
Am Widerstand gewinne,
Im Zeitenstrom zerrinne.
O Lichtesschein, verbleibe!
WIDDER
Erhelle dich, Wesensglanz,
Erfuhle die Werdekraft,
Verwebe den Lebensfaden
In wesendes Weltensein,
In sinniges Offenbaren,
In leuchtendes Seins-Gewahren.
O Wesensglanz, erscheine!
STIER
Erschliefie dich, Sonnesein,
Bewege den Ruhetrieb,
Umschliefie die Strebelust
Zu machtigem Lebewalten,
Zu seligem Weltbegreifen,
Zu fruchtendem Werdereifen.
O Sonnesein, verharre!
ZWILLINGE
Du ruhender Leuchteglanz,
Erzeuge Lebenswarme,
Erwarme Seelenleben
Zu kraftigem Sich-Bewahren,
Zu geistigem Sich-Durchdringen,
In ruhigem Lichterbringen.
Du Leuchteglanz, erstarke!
KREBS
Durchstrome mit Sinngewalt
Gewordenes Weltensein,
Erfuhlende Wesenschaft
Zu wollendem Seinentschluss.
In stromendem Lebensschein,
In waltender Werdepein,
Mit Sinngewalt erstehe!
LOWE
Die Welten erschaue, Seele!
Die Seele ergreife Welten,
Der Geist erfasse Wesen,
Aus Lebensgewalten wirke,
Im Willenserleben baue,
Dem Weltenerbliih'n vertraue.
O Seele, erkenne die Wesen!
JUNGFRAU
Die Welten erhalten Welten,
In Wesen erlebt sich Wesen,
Im Sein umschliefit sich Sein.
Und Wesen erwirket Wesen
Zu werdendem Tatergiefien,
In ruhendem Weltgeniefien.
O Welten, traget Welten!
WAAGE
Das Sein, es verzehrt das Wesen,
Im Wesen doch halt sich Sein.
Im Wirken entschwindet Werden,
Im Werden verharret Wirken,
In strafendem Weltenwalten,
Im ahndenden Sich-Gestalten
Das Wesen erhalt die Wesen.
SKORPION
Das Werden erreicht die Seinsgewalt,
Im Seienden erstirbt die Werdemacht.
Erreichtes beschliefit die Strebelust
In waltender Lebenswillenskraft.
Im Sterben erreift das Weltenwalten,
Gestalten verschwinden in Gestalten.
Das Seiende fuhle das Seiende!
SCHUTZE
Das Kiinftige ruhe auf Vergangenem.
Vergangenes erfiihle Kiinftiges
Zu kraftigem Gegenwartsein.
Im inneren Lebenswiderstand
Erstarke die Weltenwesenwacht,
Erbliihe die Lebenswirkensmacht.
Vergangenes enrage Kiinftiges!
STEINBOCK
Begrenztes sich opfere Grenzenlosem.
Was Grenzen vermisst, es griinde
In Tiefen sich selber Grenzen;
Es hebe im Strome sich,
Als Welle verfliefiend sich haltend,
Im Werden zum Sein sich gestaltend.
Begrenze dich, o Grenzenloses.
WASSERMANN
Im Verlorenen finde sich Verlust,
Im Gewinn verliere sich Gewinn,
Im Begriffenen suche sich das Greifen
Und erhalte sich im Erhalten.
Durch Werden zum Sein erhoben,
Durch Sein zu dem Werden verwoben,
Der Verlust sei Gewinn fur sich!
FISCHE
Ansprache
zur ersten eurythmischen Darstellung der drei
Dichtungen
Planetentanz - Zwolf Stimmungen - Satire
Dornach, 29. August 1915
Ich mochte nur vorausbemerken einige Worte dariiber, wie
man den Zusammenhang in allem sehen moge, was wir
versuchen, in allem, was hervorgeht aus dem von uns Ver-
suchten. Es ist ja in unserer Zeit gewiss auf der einen Seite
eine starke Sehnsucht vorhanden, den Zusammenhang des
materiellen Lebens mit dem geistigen Leben zu gewinnen;
auf der anderen Seite aber sind die Moglichkeiten dazu nicht
so leicht zu finden. Denn, wie ich in anderem Zusammen-
hange hervorgehoben habe, ist bei den wenigsten Menschen
Europas heute ein deutliches Gefuhl vorhanden von dem
Suchen nach dem Wesenhaf ten in den unserer Welt zugrun-
de liegenden und mit ihr verbundenen anderen Welten.
Wenn Sie heute Lehren nehmen, die gegeben werden iiber
Poesie, iiber Kunst, so werden Sie vielfach bemerken, wie
alles Kunstlerische zuruckfuhrt auf ein Hoheres, wie es aber
schwierig ist fur den Menschen, den Zusammenhang mit
diesem Hoheren wirklich heute zu erfuhlen. Und deshalb
steht zu hoffen, dass gerade das weitere Popularwerden des
Eurythmischen, wie wir es versuchen, von einer, ich mochte
sagen, ganz menschlichen Seite her dasjenige fordert, was
man braucht, um den Zusammenhang des Menschen mit
den geistigen Welten zu finden. Wie oft werden Sie von
dieser oder jener sich theosophisch nennenden Richtung
gehort haben, dass ein Wesentliches fur das Seelenleben
darauf beruht, eins zu werden mit dem grofien Allwesen,
das die Raume erfullt und die Zeiten durchwallt. Aber mit
so grofiem Enthusiasmus und mit so starker Inbrunst auch
manchmal dieses Verlangen nach dem Sich-eins-Fuhlen mit
dem All, wie man sagt, theosophisch betont wird, so wenig
ist man geneigt, die Wirklichkeit davon zu ergreifen. Viele
betonen heute die Form, wie in der Mitte des Mittelalters,
etwa durch Meister Eckart, durch Johannes Tauler, das
«Entwerden», wie man sagte, angestrebt worden ist, das
Sich-eins-Fiihlen mit dem gottlich durchstromten All. Wir
sind aber heute in einer Zeitperiode, wo dies im Konkreten,
im Wirklichen, angestrebt werden muss, wo wirklich etwas
getan werden muss zur Bekraftigung der grofien Wahrheit,
dass der Mensch in seinem Tun und in seinem Sein zusam-
menklingen kann mit dem Tun und mit dem Sein der Welt.
Und so etwas ist versucht eben in dem, was jetzt unsere
Freunde kennenlernen werden durch die Damen, die es zu-
nachst betreiben, in dem zweiten Kapitel unserer Euryth-
mie. Ich will nur ganz kurz auf einiges aufmerksam machen,
das aus dem Heutigen erschlossen werden kann.
In der zweiten Vorfuhrung [«Zwolf Stimmungen»] ha-
ben Sie gesehen, wie gewissermafien nachgebildet ist ein
Bewegt-Ruhiges, das im Universum ist: die Zwolfheit, die
im Universum als der Tierkreis vorhanden ist; die Sieben-
heit, die im Universum als Planetenfolge vorhanden ist. Sie
haben auch gesehen, wie das Ruhende der Tierkreisbilder
im Verhaltnis zum Bewegten des planetarischen Seins Ihnen
aus der Darbietung der Figuren hervorgetreten ist. Solche
Dinge sind natiirlich nur moglich, wenn in dem Ganzen
dieser Geist des Sich-eins-Ftihlens mit dem Universum
vorhanden ist. Und so ist denn einmal versucht, etwas zu
machen, bei dem ein ganz inniger Einklang ist zwischen
dem gesprochenen Worte, und nicht nur dem gesprochenen
Worte, sondern den sich offenbarenden Empfindungen und
jeder einzelnen Bewegung. Man wird nach und nach ver-
stehen, dass man im Ganzen dieser Darstellung nur als eine
Hilfe das gesprochene Wort haben wird. Man wird nach
und nach verstehen, dass, wenn die Bewegung in ihrer Fiille
gemacht wird, man dasjenige, was gesagt wird, ebenso wird
aus der Bewegung ablesen konnen, wie man, wenn man
die Buchstaben vor sich hat, den Sinn ablesen kann. Man
braucht nichts anderes, als Lesen gelernt zu haben, dann
wird man nach und nach, wenn eben das ganze System
entwickelt ist, auch dasjenige lesen konnen, was dargeboten
wird. Aber man wird nicht nur lesen konnen buchstaben-
gemafi, lautgemaft, sondern auch sinngemafi.
Dazu ist allerdings notwendig, dass man einen Begriff hat
von dem sinngemafien inneren Erleben. Der Mensch muss
ja selbstverstandlich als Erdenmensch, da er mit den Wesen,
die in den Abgrund gesto£en sind, eben im Abgrund der
Erde herumirrt, in der Regel wahrend seines Erdenseins
auch irren mit seinen Gedanken und Empfindungen. Aber
er kann sich emporschwingen aus diesem irrenden Denken
und Empfinden zu dem, was regelmafiig aus der ruhigen
Bewegung ihm dann festes Denken und Empfinden ist.
Denn, sehen Sie, der Kosmos, wie er uns zunachst als unser
Sonnensystem vorliegt, der ist ja nur ein Spezialfall. «Im
Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und
ein Gottliches war das Wort.» Und im Kosmos sehen wir
gleichsam erstarrt das Wort, das Wort in seiner Ruhe und
das Wort in seiner Bewegung. Aber man muss es eben fuh-
len im Kosmos. Ich mochte nicht, dass man verwechsle, was
hier vorgebracht wird, mit mancherlei verworrenem Mysti-
zismus der Gegenwart. Nicht um Nachahmung der Metho-
den etwa derjenigen modernen Astrologen, die in ihren
Methoden jeden Materialismus xiberbieten und die zur
materialistischen Unwissenheit nur den unwissenden Aber-
glauben hinzufugen, handelt es sich hier, sondern um das
Eingehen auf die gesetzmafiigen Zusammenhange einer gei-
stigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen ebenso hat
wie im Kosmos. Wahre Geisteswissenschaft sucht nicht aus
Sternen-Konstellationen Menschengesetze, sondern aus
dem Geistigen sowohl Menschengesetze wie Naturgesetze.
Obgleich diese Geisteswissenschaft mit den unsinnigen
mystischen Bestrebungen der modernen Zeit immer wieder
zusammengeworfen wird, hat sie doch damit gar nichts zu
tun. Hier, wo in gewissen Aufterungen des Menschen Ana-
logien mit kosmischen Verhaltnissen als Grundlage einer
Ausdrucksweise angewendet werden, muss besonders
betont werden, dass Geisteswissenschaft nichts mit dem
Dilettantismus moderner Astrologen und deren plumpen
Offenbarungen zu tun haben will.
Und so wurde denn einmal versucht, eine solche Auf-
einanderfolge des Fiihlens, Empfindens und Sprechens zu
machen, die so, wie sie dargeboten wird, gleichsam einen
anderen Fall, einen Fall inneren Seelenerfiihlens gibt gegen-
iiber dem, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres
Sonnensy stems. Der Bau nach zwolf Strophen, die je sie-
benzeilig sind, entspricht, ich mochte sagen, dem auEeren
Gerippe. Aber Sie werden, wenn Sie gerade dieses zwolf-
siebengliedrig versuchte Gedicht nehmen, sehen, dass in
alien Einzelheiten festgehalten ist dasjenige, was sich da
offenbaren will. Sie werden, wenn Sie die Stimmung neh-
men - ich will als Beispiel es erwahnen - im Krebs, wo,
nachdem der Aufstieg vollzogen ist, wiederum der Abstieg
erfolgt, wo man gewissermafien das Geftihl hat, dass die
Sonne fur einen Augenblick ruhig steht - um nur dies
Bild zu gebrauchen, es konnten viele Bilder gebraucht wer-
den -, da werden Sie etwas durchfuhlen aus der Art und
Weise, wie die Worte in der betreffenden, wenn wir sagen
wollen «Krebs-Strophe» gerade liegen.
Und vergleichen Sie dies meinetwillen mit der Strophe
des Skorpions. Es ist in jeder Strophe genau die Stimmung,
die dem betreffenden Planeten am Himmel entspricht.*
Aber nicht nur das ist versucht, sondern, wenn immer Sie
gewisse Strophen nehmen, werden Sie noch anderes emp-
finden konnen. Ich will eine Zeile aus jeder Strophe heraus-
greifen, die Zeile des Mars:
[m Widder: Erstrahle dich Sein-erweckend.
[m Stier: In wesendes Weltensein.
[m Krebs: Zu kraftigem Sich-Bewahren.
[m Lowen: Zu wollendem Seinentschluss.
[n der Jungfrau: Aus Lebensgewalten wirke.
[n der Waage: Und Wesen erwirket Wesen.
m Skorpion: Im Werden verharret Wirken.
[m Schiitzen: In waltender Lebenswillenskraft.
[m Steinbock: Im innern Lebenswiderstand.
[m Wassermann: Es hebe im Strome sich.
[n den Fischen: Und erhalte sich im Erhalten.
Trotzdem in jedem einzelnen festgehalten ist die allgemeine
Stimmung der Strophe, werden Sie aus jeder dieser Zeilen
da, in der Aufeinanderfolge der sieben Zeilen, dem Mars
immer entsprechend, die Mars-Stimmung heraushdren aus
der Zeile. So dass eigentlich das Ideal ist, dass, wenn jemand
aufgeweckt werden konnte aus dem Schlaf und es wiirde
ihm eine Zeile vorgelesen: «Im Werden verharret Wirken »,
- er sagen miisste: «Nun ja, Mars im Skorpion! » Bei der
anderen Zeile: «Jupiter in der Waage » und so weiter. Sie
sehen, das ist das Gegenteil jeder subjektiven Willkiir. Es ist
wirklich das Einssein mit den Gesetzen des Universums
ernst genommen. Es ist nicht blofi deklamiert: Man soli eins
Die sieben Zeilen jeder Strophe gehoren zu den Planeten in dieser
Reihenfolge: Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Mond.
sein mit dem All! Sondern es ist dies Einssein. Es ist ver-
sucht wenigstens, dieses Einssein im Konkreten durchzu-
fiihren. Sie werden auch bemerkt haben, dass zum Beispiel
die Geste in gewissem Falle gehalten wird, werden bemerkt
haben, wie bei dem Herumgehen der Sonne die Waage-
Stimmung auch in der Geste schon festgehalten war, ohne
dass das gesucht war, sondern nur dadurch, dass der betref-
fende Buchstabe eben da ist. Sie haben gesehen bei der
Waage-Stimmung iiberall das Gleichmafi der Waage! Es hat
sich von selbst gemacht, dass die Waage-Haltung gerade da
festgehalten worden ist. Die Dinge ergeben sich ganz von
selbst dann, wenn sie richtig gemacht sind.
Was ist eigentlich mit so etwas versucht? Wahrhaftig, es
ist etwas ganz anderes als eine Spielerei! Es ist versucht,
dasjenige festzuhalten in wirklichem inneren Ergreifen, was
kosmisch ausgefuhrt worden ist, indem unser Sonnensy-
stem geschaffen worden ist. Man versucht da wirklich sich
hineinzuleben, in Stimmung, im Tun und in allem sich hin-
einzuleben, und - man mochte sagen: Das, was Sie da sich
haben abspielen sehen, das gibt einem die Moglichkeit, eine
Beweglichkeit und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu
erschaffen von dem, was man so nennen kann:
Das Wort walk durch die Welt,
Und die Weltenbildung halt das Wort fest.
In der ersten Darbietung [«Planetentanz»] wird ebenso
versucht, nur in einer etwas anderen Weise wiederum,
ein[en] Weltenzusammenhang [darzustellen]. Da werden
Sie gesehen haben, dass genau festgehalten wurde in den
Bewegungen die Tatsache, dass man es zu tun hat mit Stro-
phen zu je vier Zeilen, und dass auf einem aufieren Kreise
die Sonne ihre zwolf Bewegungen machte. Es sind ja auch
zwolf Strophen. Nur ist da auf dem aufieren Kreis die Sonne
als den Tierkreis durchlaufend dargestellt worden.
Diejenigen beiden Damen, die im mittleren Kreise stan-
den, driickten das Planetarische, und die Dame, die ganz im
Zentrum stand, driickte das Lunarische, den Mond, aus. So
hatten Sie hier: Sonne, Planeten und Mond. Und so war
auch der innere Zusammenhang der Zeilen und auch das
Verhaltnis immer der letzten Zeile zur ersten Zeile: die erste
Zeile ist immer das Sonnenhafte, die letzte immer das
Mondhafte. Gerade so, wie das Sonnenlicht vom Monde
zuriickgestrahlt ist, so wird immer die letzte Zeile ein Riick-
strahlen sein.
Und so wurde eben einmal versucht aus dem Geheim-
nisse des Universums heraus die Form, die dann sowohl
gesprochen werden kann, wie auch in Bewegungen euryth-
misch ausgedriickt werden kann. Wenn also einmal die Zeit
kommen wird, wo man diese Dinge wird lesen lernen, wird
man, wenn man so etwas vorgefuhrt gesehen hat, wissen,
eindeutig wissen, was ein solches ganzes Bewegungssystem
zum Ausdrucke bringt.
Man kann ja selbstverstandlich der Anschauung sein,
dass man so etwas nicht zu machen braucht, aber, nicht
wahr, man kann ja verschiedene Ansichten haben. Man
kann ja auch die Ansicht haben, dass der Mensch stumm
sein konnte und nicht zu reden brauchte. Und wenn alle
Menschen stumm waren auf der Welt und nur ein Paar
wiirde zu reden beginnen, so wurden die iibrigen das Reden
als hochst iiberfliissig betrachten. Also, das sind ganz rela-
tive Anschauungen, nicht wahr. Man braucht sich nur auf
das Relative dieser Anschauungen einzulassen, dann wird
man schon merken, dass der wahre Fortschritt in der Ent-
wickelung der Menschheit nur erreicht werden kann, wenn
man sich darauf einlasst, alle die Moglichkeiten wirklich
herauszuholen, die in der menschlichen Natur sind.
Sie werden ja, wenn die Damen einmal in der Lage sein
werden, das auch zu lehren, was jetzt das zweite Kapitel der
Eurythmie ist, zu dem, was da makrokosmisch Ihnen vor
Augen tritt und ja auch noch dahin ausgebaut werden muss,
sehen, dass jene Auftakte, die wir zuerst gemacht haben,
selbstverstandlich musikalische Begleitung werden haben
mussen; heute war es nur ein stummer Auftakt. Sie werden
dann spater sehen, dass zu dem Makrokosmischen auch ein
Mikrokosmisches kommt, und dass Vorfuhrungen kommen
werden, in denen sich zum Ausdruck bringen wird irgend
etwas genau so regelmafiig wie im menschlkhen Sprechen
selber. Sie werden spater Kompositionen der Eurythmie
sehen, wo Sie bemerken werden, dass genau an der einen
richtigen Stelle ein Lippenlaut, an der anderen richtigen
Stelle ein Zahnlaut entsteht, und dass wirklich das ge-
schieht, was im Menschen beim Reden in anderer Art ent-
steht, so dass der Mensch sich selber kennenlernt in diesem,
was sich in der Eurythmie vollzieht. Sie werden heute auch
schon bemerkt haben, dass die Damen nach und nach wer-
den lehren konnen, dass Verschiedenes in den Worten, Ver-
schiedenes in den Bedeutungen und im Sinn in verschiede-
ner Weise zur Darstellung kommt. Sie werden heute be-
merkt haben, dass ein konkretes Wort in einer ganz anderen
Weise getanzt worden ist als ein abstraktes Wort, dass ein
Zeitwort, das eine Tatigkeit andeutete, in einer anderen
Weise getanzt wurde als ein Zeitwort, das einen leidenden
Zustand andeutete, als ein Zeitwort, das eine Dauer andeu-
tete und so weiter. Auch diesen Zusammenhang - ich moch-
te sagen - des Gehirns mit dem Sprachorganismus werden
Sie dargestellt finden im Eurythmischen.
Ich hoffe, dass man die folgende «Satire» nicht missver-
stehen werde. Die in ihr zum Ausdruck kommende Stim-
mung darf dort nicht fehlen, wo ernste geisteswissenschaft-
liche Weltauffassung der Lebensfuhrung zugrunde liegen
will. Es ist wahrlich kein «Spielen» mit ernsten Dingen,
wenn der Humor sich ergehen mochte iiber den Ernst, der
in manchen Kreisen, die sich «mystisch» diinken, mit jener
Spielerei getrieben wird, welche die karikierte Maske der
«geistigen Tiefe» annimmt und in Gebarden sich auslebt,
die in physischer Wiirde und mit tragisch verlangerten Ant-
litzen doch fur den Lebenskundigen nur buries ke Purzel-
baume eines geistigen Lebens schlagen. Uber das Lacherli-
che muss lachen konnen, wer dem Ernst gegemiber richtig
ernst sein will, wenn das Lacherliche sich als ernsthaft dra-
piert. Wer bei Humoristischem keinen Humor finden kann,
der kann auch im wahren Sinne dem Ernsten gegeniiber
nicht ernst sein. Gerade da, wo nach der Erkenntnis des
Geistes gestrebt wird, muss auch gelacht werden konnen
iiber die Auswuchse mancher «Geistsucher». Sonst machen
diese das Ernste bei den andern gar zu lacherlich, bei jenen
andern, die lachen, weil ihre Lachmuskeln jederzeit in Be-
wegung geraten, wenn sie etwas nicht verstehen - oder sie
machen diejenigen wutend, die in Wut geraten, wenn sie auf
etwas stolen, das sie «noch nie gesehen oder gehort haben».
DAS LIED VON DER INITIATION
Eine Satire
Die Augen leuchten ihm helle,
Im Kopfe stolpert sein Denken,
Vom Gliick des Sinnens ganz berauscht.
Im Sturme folgt es der Erinnerimg
Des wunderbaren Traumes,
Der Bliite des Erkenntnisbaumes,
In mystisch schwiiler Nacht erlebt.
WIDDER
Schon spukt im wirren Hirne,
Possierlich griiblerisch vertraumt,
Vom Herzen aus mit Wohlgefuhl begleitet
Im Traumgaloppe geisterwarts,
Gewichtig Schauen, kiihn erspahend,
Wie aus dem Kosmos, deutlich krahend,
Ein Geisterchor sich offenbart.
STIER
Entrissen fiihlt das helle Ich
Dem Denken sich, das physisch nur
Und drum vom hohen Geistestrieb
Mit einem Seelentritte machtig
Vom Pfade edlen Strebens
Und kosmisch hohen Lebens
Wird kuhnhch weggeschmissen.
ZWILLINGE
Ganz aus dem Leibe fiihlt sich schon,
Durch Geistesboten recht gefuhrt,
Durch Geistesliebe wohl gepflegt,
Von weiser Torheit stark gestofien,
Der Seele dunkles Schauen
In den weiten Geistesauen
Ganz kosmisch geistgenahrt.
KREBS
Was wirkt so machtig wundersam
Gedankenlos und geistestrachtig,
Von Weltenliebe prachtig triefend,
In kiihnem Herzen ihm so ahnungsvoll?
Er ist zum Lowengrade
Auf dem steilen Wissenspfade
Ja klarlich nun schon vorgedrungen.
LOWE
Nun muss er auch empfangen
Aus Weltgedanken wurdevoll,
Aus Weltenliebe gnadereich,
Mit zuckendem Geistesblitz,
Aus hierarchischer Region
Die hohe Seelen-Initiation,
Ganz ungeteilt und tief.
JUNGFRAU
Er lebt nun schon in Harmonie
Mit aller Weltenklarheit.
Empfinden kann in seinem Herzen er
Die Schwungkraft aller Wahrheit.
In sich fuhlt er die Weltenwaage,
Auf der des Daseins Ratselfrage
Von Geistern abgewogen steht.
WAAGE
Da zwickt und zwackt es ihn . . .
-Des Geistes Priifung, findet er,
Scheint mir dies Prickeln in dem Leibe -
«Der Stich, der trifft ihn sicher!»
So grinst verstandig jetzt ein Ungelehrter,
Ein ganzlich mystisch Unverkehrter -
Dem Mysterium ganz frech entgegen.
SKORPION
Er aber hat in Weltennacht erkannt,
Wie doch Homer und Sokrates, Goethe auch,
In seines Iches Wesensgriinden
Die scharfsten Seelenpfeile schossen, -
Und ihre unverfalschte Menschenwesenheit
Verkorpert wie mit Selbstverstandlichkeit
In ihm zu neuer Daseinsgrofie sich.
SCHUTZE
«Erfiihlst du denn Homers Genie
In deinem Denken stark sich regen?»
«0, regt es sich, ich liebt es nicht»,
So sprach mit spitzer Rede
Der Eingeweihte, «das ware Maja-Streben.
Homer will in meinem gegenwart'gen Leben
All sein Genie im Mystenschlafe pflegen!»
STEINBOCK
«Dir fehlt, o mystisch umgeformter Sokrates,
Vom klugsten Griechen jede Spur.
Dazu bist du so eitel, wie er weise war.»
«Erdriicke Lasterrede!», sagt der Myste,
«Nichts zu wissen, liebte ich als dieser Mann . . .
Und da ich jetzo gar nichts weifi und kann,
Erfuhl ich dieses Leben ganz sokratisch-mystisch.»
WASSERMANN
«Und welcher Sonnenstrahl von Goethe,
Als Bote fuhrt er deine Seele
Zurn Reifen holier Wissenstriebe?»
Der Seher greift zum scharfsten Redepfeile.
«Er schuf», so sagt er, «Goethe viel zu helle.
Drum traum ich Goethes hohe Kunst, und wahle
Des Schlafes Tiefen mir zum Arbeitsfeld.»
FISCHE
JAHRESLAUF
JAHRESFESTE
Es wechseln in des Jahres Lauf
Des Sommers Wachstumskraft
Und Winters Erdenruh'.
Und in des Menschen Lebensbahn
Auch wechselt Wachens Kraft
Mit Schlafens Friedewalten;
Doch lebt im Schlaf und Wachen
Die geisterfullte Seele fort.
So auch lebt die Erdenseele geistig
Im Sommers- und im Winters-Wandel.
undatierbar
WINTERWILLE
O Welten-Bilder,
Ihr schwebet heran
Aus Raumesweiten.
Ihr strebet nach mir,
Ihr dringet ein
In meines Hauptes
Denkende Krafte.
SOMMERWILLE
Ihr meines Hauptes
Bildende Seelenkrafte,
Ihr erfullet mein Eigensein,
Ihr dringet aus meinem Wesen
In die Weltenweiten
Und einigt mich selbst
Mit Weltenschaffensmachten.
V. Dornach 25. November 1923
Jahreszeitenerleben in alien Mysterien
Hochsommer
Empfange das Licht
Herbstwende
Schau um dich
Tiefwinter
Hiite dich vor dem Bosen
Friihlingswende
Erkenne dich selbst
V. Dornacb, 8. April 1923
FRUHLING
Der Sonnenstrahl,
Der lichterfunkelnde,
Er schwebt heran.
Die Bliitenbraut,
Die farberregende,
Sie griifit ihn froh.
Vertrauensvoll
Der Erdentochter
Erzahlt der Strahl,
Wie Sonnenkrafte,
Die geistentsprossenen,
Im Gotterheim
Dem Weltentone lauschen;
Die Bliitenbraut,
Die farberglitzernde,
Sie horet sinnend
Des Lichtes Feuerton.
Fiir die Eurythmie 1921
Ostern
In Menschenseelen will ich lenken
Das Geistgefiihl, dass willig es
Das Osterwort in Herzen wecke;
Mit Menschengeistern will ich denken
Die Seelenwarme, dass kraftig sie
Den Auferstand'nen fiihlen konnen;
Es leuchtet hell dem Todesscheine
Des Geisteswissens Erdenflamme;
Das Selbst wird Welten-Aug und Ohr.
Ostern 1915
Ostern
Steh' vor des Menschen Lebenspforte:
Schau* an ihrer Stirne Weltenworte.
Leb 1 in des Menschen Seeleninnern:
Fuhl 1 in seinem Kreise Weltbeginnen.
Denk' an des Menschen Erdenende:
Find' bei ihm die Geisteswende.
V. Dornach, 20. April 1924
Der Ostergedanke der ephesischen Mysterien
als Zusammenfassung alles dessen, was man je gewusst hat iiber
des Menschen wahre Wiirde im ganzen Kosmos
Weltentsprossenes Wesen, du in Lichtgestalt,
Von der Sonne erkraftet in der Mondgewalt,
Dich beschenket des Mars erschaffendes Klingen
Und Merkurs gliedbewegende Schwingen,
Dich erleuchtet Jup iters erstrahlende Weisheit
Und der Venus liebetragende Schonheit -
Dass Saturns weltenalte Geist-Innigkeit
Dich dem Raumessein und Zeitenwerden weihe!
V. Dornacb, 22. April 1924
Pfingst-Gedanke
Wesen reiht sich an Wesen in Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in Zeitenlaufen.
Verbleibst du in Raumesweiten, im Zeitenlauf e,
So bist du, o Mensch, im Reiche der Verganglichkeiten.
Uber sie aber erhebt deine Seele sich gewaltiglich,
Wenn sie ahnend oder wissend schaut das
Unvergangliche,
Jenseits der Raumesweiten, jenseits der Zeitenlauf e.
V. Hamburg, 15. Mai 1910
Wesen reiht sich an Wesen in den Raumesweiten, -
Wesen folgt auf Wesen in den Zeitenlaufen -
Willst du dringen aus der Verganglichkeit Reich
In das Gebiet des Ewigen,
So schliefie den Bund mit der Erkenntnis,
Denn nur so findest du das Ewige
In dir, das Ewige aufier dir -
Jenseits aller Raumesweiten -
Jenseits aller Zeitenlaufe - !
V. Hamburg, 24. Mai 1910
Pfingstspruch
Wo Sinneswissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten
Dem Seelensein eroffnet;
Den Schliissel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarket
Im Kampf, den Weltenmachte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkraften fiihren;
Wenn sie durch sich vertreibet
Den Schlaf, der Wissenskrafte
An ihren Sinnesgrenzen
Mit Geistes-Nacht umhiillet.
V. Wien, 6. Mai 1915
DIE WELTENSEELENGEISTER
Im Lichte wir schalten,
Im Schauen wir walten,
Im Sinnen wir weben.
Aus Herzen wir heben
Das Geistesringen
Durch Seelenschwingen.
Dem Menschen wir singen
Vom Gottererleben
Im Weltengestalten.
Fur die Eurythmie
Pfingsten 1921
Hochsommer
Uriel- Imagination
Mysterien der Hdhen
Schaue unser Web en,
Das leuchtende Erregen,
Das warmende Leben.
Mysterien der Tiefen
Lebe irdisch Erhaltendes
Und atmend Gestaltetes
Als wesenhaft Waltendes.
Mysterien der Mitte oder des menschlicben Innern
Fiihle dein Menschengebeine
Mit himmlischem Scheine
Im waltenden Weltenvereine.
Wie eine kosmische Behauptung dieser Mysterien in das
Game hineinklingend, wie mit Orgel- und Posaunentonen
Es werden Stoffe verdichtet,
Es werden Fehler gerichtet,
Es werden Herzen gesichtet.
V. Dornach 12. Oktober 1923
HERBST
Der Erdenleib und die Warmeseele
Der Erdenleib,
Der Geistersehnende,
Er lebt im Welken.
Die Samengeister,
Die Stoffgedrangten,
Erkraften sich.
Und Warmefruchte
Aus Raumesweiten
Durchkraften Erdensein.
Und Erdensinne,
Die Tiefenseher,
Sie schauen Kiinft'ges
Im Formenschaffen.
Die Raumesgeister,
Die ewig-atmenden,
Sie blicken ruhevoll
Ins Erdenweben.
Fur die Eurythmie 1922
Michaeli
Ringende Geisteskrafte
Streben in Stoff.
Sie finden nicht den Stoff,
Sie finden sich selber.
Sie schweben iiber Naturlichem,
Sie leben in sich selber
Michael-Kraft-atmend.
undatierhar
Michael-Imagination
Sonnenmachtige, ihr die leuchtenden
Krafte, die ihr Welten begnadet,
Wallende wellende Hiille wird euer Licht
Hiille Michaels, des Menschentragenden.
So erscheint er, der Christusbote,
Kiinden mit ernstem Willen
Wird er die neue die helle Zeit
Als die Zeit des Geistesmenschen- Wakens.
Ihr, der Geist-Erkenntnis Schiller
Nehmt in eure Herzen seinen Willen -
Seht sein Weisen zu Christus
Der da strebet in euerer Seelen Wohnung.
Entwurf
Michael- Imagination
Sonnenmachten Entsprossene,
Leuchtende, Welten begnadende
Geistesmachte, zu Michaels Strahlenkleid
Seid ihr vorbestimmt vom Gotterdenken.
Er, der Christusbote, weist in euch
Menschentragenden, hen" gen Welten- Willen;
Ihr, die hellen Atherwelten-Wesen,
Tragt das Christuswort zum Menschen.
So erscheint der Christuskiinder
Den erharrenden, durstenden Seelen;
Ihnen strahlet euer Leuchte-Wort
In des Geistesmenschen Weltenzeit.
Ihr, der Geist-Erkenntnis Schiiler,
Nehmet Michaels weises Winken,
Nehmt des Welten- Willens Liebe-Wort
In der Seelen Hohenziele wirksam auf.
V. Dornach, 28. September 1924
Michaels Schwert
Meteorisches Eisen
O Mensch,
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich offenbart
Seines Geistes Hochgewalt.
V. Dornach, 5. Oktober 1923
Wintersonnenwende
Erde verdecket die Sonne,
Sehende Krafte erzwmgen
Von Elementen der Erde
Freies Erblicken.
Notizbuch
Weihnachten 1922
Tito W
3 W M^-H
^(X e^f^, fe®^
facltafat^ Sow*;
Winter sonnenwende
Die Sonne schaue
Um mitternachtige Stunde
Mit Steinen baue
Im leblosen Grande
So finde im Niedergang
Und in des Todes Nacht
Der Schopfung neuen Anfang
Des Morgens junge Macht
Die Hohen lass offenbaren
Der Gotter ewiges Wort
Die Tiefen sollen bewahren
Den friedevollen Hort
Im Dunkel lebend
Ers chaff e eine Sonne
Im Stoffe webend
Erkenne Geistes Wonne. -
V. Berlin, 17. Dezember 1906
Weihnacht
In des Menschen Seelengriinden
Lebt die Geistes-Sonne siegessicher;
Des Gemiites rechte Krafte,
Sie vermogen sie zu ahnen
In des Innern Winterleben,
Und des Herzens Hoffnungstrieb:
Er erschaut den Sonnen-Geistes-Sieg
In dem Weihnacht-Segenslichte,
Als dem Sinnbild hochsten Lebens
In des Winters tiefer Nacht.
Christabend 1913 Dr. Rudolf Steiner
Handschrift fiir Sophie Stinde nach
V. Berlin, 23. Dezember 1913
Ave, Stern des Meeres,
Gottlich junge Mutter
Und ewige Jungfrau,
Du gliickliche Pforte des Himmels.
Nehmend jenes «Ave»
Als eine Gabe Gabriels
Wurdest du uns die Grundlage zum Frieden,
Indem du umwendetest
Den Namen Eva !
Ubertragung von Worten aus den
ersten christlichen Jahrhunderten
V. Berlin, 22. Dezember 1910
Ave Maris Stella
Dei mater alma
Atque semper virgo
Felix coeli porta.
Sumens illud Ave
Gabrielis ore
Funda nos in pace
Mutans nomen Evae!
Weihnacbt
Ubertragungen von Lukas 2.14
Offenbarung durch die Hohen dem Gotte,
Ruhe und Stille durch die Erdenraume,
Seligkeit in den Menschen.
V. Berlin, 22. Dezember 1908
Gottliche Offenbarung in geistigen Hohen,
Friede, Friede immer mehr und mehr
Allen Menschenseelen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
V. Dornach, 26. Dezember 1914
Offenbarung von gottlichen Kraften in den Hohen -
Und Friede den Erdenmenschen,
Die eines guten Willens sind.
V. Dornach, 26. Dezember 1915
Es offenbaret sich das Gottliche
In den Hohen der Weltenweiten,
Und Friede wird erspriefien auf der Erde
Den Menschen, die eines guten Willens sind.
V. Dornach, 24. Dezember 1922
DtA tfouCe/pt &ur y Y> XUic
2i Miy*ifulifyJ!&, f^«We£.
Weihnacht
Im Seelenaug 1 sich spiegelt
Der Welten Hoffnungslicht,
Dem Geist ergebne Weisheit
Im Menschenherzen spricht:
Des Vaters ew'ge Liebe
Den Sohn der Erde sendet,
Der gnadevoll dem Menschenpfade
Die Himmelshelle spendet.
V. Dornacb, 26. Dezember 1914
Zur Weihenacht 1919
Des irdischen Menschheits-Werdens
Sonnen-Aufgang:
Das ist das Hochgeheimnis
Auf dem Golgatha-Berg;
Im Weihenacht- Licht
Erstrahlt die Morgendammerung.
In dieser Dammrung
Mildem Licht
Verehr' die Seele:
Des eignen Wesens
Geistverwandte
Daseinsmacht und Quelle.
Rudolf Steiner
Fiir Helene Rochling
Zur Weihenacht 1920
Es schlaft der Erde Seele
In Sommers heifier Zeit;
Da strahlet helle
Der Sonne Spiegel
Im aufiern Raum.
Es wacht der Erde Seele
In Winters kalter Zeit;
Da leuchtet geistig
Die wahre Sonne
Im innern Sein.
Sommers-Freude-Tag
1st Erdenschlaf;
Winters-Weihe-Nacht
1st Erden-Tag.
Fur Helene Rochling
Isis-Sophia,
Des Gottes Weisheit,
Sie hat Lucifer getotet
Und auf der Weltenkrafte Schwingen
In Raumesweiten fortgetragen.
Christus-Wollen
In Menschen wirkend,
Es wird Lucifer entreiiSen
Und auf des Geisteswissens Booten
In Menschenseelen auferwecken
Isis-Sophia,
Des Gottes Weisheit.
Weihnacht 1920 Rudolf Steiner
Fur Marie Steiner
Sterne sprachen einst zu Menschen,
Ihr Verstummen ist Weltenschicksal;
Des Verstummens Wahrnehmung
Kami Leid sein des Erdenmenschen;
In der stummen Stille aber reift
Was Menschen sprechen zu Sternen;
Ihres Sprechens Wahrnehmung
Kann Kraft werden des Geistesmenschen.
25. Dezember 1922 Rudolf Steiner
U r- Weih enach t
In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstroni;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen;
Licht,
Das erwarmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Konigshaupter -
Gottliches Licht,
Christus-Sonne,
Erwarme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Haupter;
Dass gut werde,
Was wir
Aus Herzen griinden,
Was wir
Aus Hauptern
Zielvoll fuhren wollen.
V. Dornach, 25. Dezember 1923
WAHRSPRUCHWORTE
RICHTSPRUCHWORTE
Aus Vortragen und Niederschriften
in zeitlicher Reihenfolge
Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mog' es alien Menschenseelen
Im Reich des Erdenwerdens
Zu schauen ihrer Flammen Licht.
V. Heidelberg, 21. Januar 1909
Gottes schiitzender segnender Strahl
Erfiille meine wachsende Seele
Dass sie ergreifen kann
Starkende Krafte alliiberall
Geloben will sie sich
Der Liebe Macht in sich
Lebensvoll zu erwecken
Und sehen so Gottes Kraft
Auf ihrem Lebenspfade
Und wirken in Gottes Sinn
Mit allem was sie hat.
V. Wien, 31. Mdrz 1910
Schiitzender, segnender Gottesstrahl
O erfiille mir die wachsende Seele,
Dass sie erleben kann
Starkende Gotteskrafte alliiberall,
Lasse sie erleben stets
Was die Liebe in ihr erwecken kann
In den Menschen und alien Wesen,
Lasse sie erkennen immer
Gotteskraft im Weltenall
Auf ihren Lebenspfaden.
ca. 1910
Es drangt sich an den Menschensinn
Aus Weltentiefen ratselvoll
Des Stoffes reiche Fiille,
Es stromt in Seelengriinde
Aus Weltenhohen inhaltvoll
Des Geistes klarend Wort.
Sie treffen sich im Menscheninnern
Zu weisheitvoller Wirklichkeit.
V. Berlin, 20. Oktober 1910
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlauf.
Erkennend lebt die Menschenseele
Durch Raumesweiten unbegrenzt
Und unversehrt durch Zeitenlauf.
Sie findet in dem Geistgebiet
Des eignen Wesens tiefsten Grund.
V. Berlin, 8. Dezember 1910
Es leuchtet dem Menschenauge
Die Sonne aus Weltenhohen
Es glanzen dem Menschensinne
Die Wesen aus Raumesweiten
Es diirstet das Menschenherz
Zu Einen sich dem Geiste.
Entwurf, Notizbuch
Es sprechen zu den Sinnen
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe.
Es lebt die Menschenseele
Begrenzt durch Raumesweiten nicht
Und nicht durch Zeitenlauf
Im Reich der Ewigkeiten.
Notizblatt Winter 1910/11
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten.
Es kiindet sich der Seelenkraft
Der Wandel in dem Zeitenlauf.
Sich selbst zum Geistessein erweckend,
Befreit des Menschen Innenwesen
Sich von des Leibes Schranken
Und schaut in Geisteswirklichkeiten
Des eignen Daseins tiefes Waken
Im Reich der Ewigkeiten.
Notizblatt Winter 1910/11
15. Marz 1911
fur die liebe Marie von Sivers
Die Welt im Ich erbauen
Das Ich in Welten schauen
1st Seelenatem
Erleben des All
In Selbst-Erfuhlung
1st Weisheitpuls
Und Wege des Geistes
Im eignen Ziel beschreiben
1st Wahrheitsprache
Und Seelenatem dringe
In Weisheitpuls, erlosend
Aus Menschengriinden
Die Wahrheitsprache
In Lebens-Jahres-Rhythmen.
Rudolf Steiner
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlauf .
Erkennend dringt die Menschenseele
Unbegrenzt von Raumesweiten
Und unbeirrt von Zeitensein
In das Reich des Geistes ein.
V. Berlin^ 14. November 1912
Es lernet im Leben
Die Seele zu denken;
Sie denkt dann die Wesen,
Die bilden das Sinnessein.
Doch fiihlet sie richtig
Sich selber erkraftet,
So lernt sie sich sicher
Nicht denkend nur kennen.
Gedacht auch weifi sie
Im Weltall sich dann
Yon Gottern gedacht!
Berlin, 13. Januar 1914
124
Das Bose, das Ubel
Sie bleiben Ratsel
So lang die Sinne nur allein
Ein Bild der Welt
Zu formen sich erfangen -
Das Ratsel loset sich
Sobald der Geist
Des Bosen und der Ubel Quell
In des Daseins verborgnen Tiefen sucht.
Notizbuch, Januar 1914
Der lost der Seele Ratsel nicht,
Der verweilt im blofien Sinneslicht;
Wer das Leben will verstehen,
Muss nach Geisteshohen streben!
V. Berlin, 15. Januar 1914
Siegen wird die Kraft,
die vom Zeit-Geschick
vorbestimmt dem Volk,
das in Geistes-Hut
zu der Menschheit Heil
in Europas Herz
Licht dem Kampf entringt.
Fur Helmuth v. Moltke
27. August 1914
Abneigung gegen Verantwortung:
Was habt ihr Truggedanken, Blendgesichter
Zu tun mit Hohem, das ich s oil;
Die Geister wollen's doch von mir
So schaff r ich der eignen Seele Feindschaft
Mich zwingend zu kraft'gem Denken
Mir aus dem zagenden Herzen,
Das stark mir dient, will ich es nur.
Fur Helmuth v. Moltke
Oktober 1914
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenwerden schaffen soil.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; -
In seines Wesens Tiefen fiihlt er machtig
Verborgnes, das noch reifend wirken muss. -
Wie darf in Feindesmacht verstandnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
Solang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend halt?
V. Berlin, 14. Januar 1915
Im Wollen kommender Erdentage
Erstehen, stark zum schaffenden Leben,
Die Krafte, die hingetragen
Durchs Tor des Todes und Erdenleidens
Im Geiste sicher leuchten und warmen.
In kiinft'gen Erdentagen, wenn friedevoll
Des Geistes Wirken durch das Erdental
Die Offenbarung seiner Willenskraft
Durch Menschenseelen heilsam tragen wird,
Dann wird in Menschen-Herzen als Daseinskraft
Der edle Wille leben, der die Opfertat
Am Todestor in Volkestreue vollbringt.
Notizbuch, Januar 1915
Der im Schmerz sich Erhaltende
schaut die siegende Erkenntnis.
Der im Gliick sich Erhaltende
schaut die untergehende
ein Fundament bildende Welt.
Wer sich im Gliick verliert und
plotzlich erwachen wiirde, schaute
wie alle Lebenskrafte des Gliickes untergehen -
er kann das Untergehende dann nicht halten.
Wer im Leid erwachte, schaut das Bestehen -
er kann das Untergehende halten.
Notizbuch, Januar 1915
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten;
Sie wandeln sich im Zeitenlauf.
Sich selbst erweckend
Erwacht die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Im Werdestrom
Der Ewigkeit. -
V. Number g, 12. Mdrz 1915
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten;
Sie wirken auf die Menschenseelen
Sich wandelnd in dem Zeitenlauf.
Sich selbst erlebend
Ergreift die Seele,
Von Raumesweiten unbegrenzt,
Vom Zeitenlaufe unbeschrankt,
Des Geistes Wesensreich
In seiner ewigen Eigenart.
V. Basel, 9. April 1915
Lass uns nur recht, o Weltengeist,
durchdrungen sein
von geist-ergreifender Gesinnung,
damit wir nicht verfehlen,
das, was sein kann zum Heil der Erde
und zu der Erde Fortschritt,
Luzifer und Ahriman
im rechten Sinne abzutrotzen!
V. Elberfeld, 13. Juni 1915
Wenn der Mensch, warm in Liebe,
Sich der Welt als Seele gibt,
Wenn der Mensch, licht im Sinnen,
Von der Welt den Geist erwirbt,
Wird in Geist-erhellter Seele,
Wird in Seele-getragenem Geist,
Der Geistesmensch im Leibesmenschen
Sich wahrhaft offenbaren.
V. Berlin, 10. Dez ember 1915
Wenn der Mensch warm in Liebe
Sich der Welt
Als Seele gibt
Wenn der Mensch licht im Sinnen
Von der Welt
Den Geist erwirbt
Wird aus Geistdurchhellter Seele
Wird in Seel'getragnem Geiste
Der Mensch im Menschen wirklich. -
Entwurf
Waltender weiser Willensgeist
Webend in Geistesweiten alliiberall
Wirkend durch Geisteswesenheiten
Wirkest sicher du
In meinen Seelenwesenstiefen auch
So binde liebewirkend stark
Mein Innres an Deine lichte Kraft.
Dich findend, find ich mich.
in ein Buck
ca. 1917
Die Weltgedanken zu erfassen,
Entreifit dem Leib die Seele
Und lost in ihr den Geist.
Den Seelenwillen am Weltgedanken
Entziinden, und im Wollen
Zur Welt zuriickzuwenden,
Was sie dem Denken geben mag:
Befreit in Liebesschopferkraft
Den Menschen durch die Welten,
Die Welten durch den Menschen.
24. Dezember 1917 Dr. Rudolf Steiner
Fur Helene Rdchling
Suchet das wirklich praktische materielle Leben,
Aber suchet es so, class es euch nicht betaubt
iiber den Geist, der in ihm wirksam ist.
Suchet den Geist,
Aber suchet ihn nicht in ubersinnlicher Wollust,
aus ubersinnlichem Egoismus,
Sondern suchet ihn,
Weil ihr ihn selbstlos im praktischen Leben,
in der materiellen Welt anwenden wollt.
Wendet an den alten Grundsatz:
« Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals
ohne Geist» in der Art, dass ihr sagt:
Wir wollen alles Materielle im Lichte des Geistes tun,
Und wir wollen das Licht des Geistes so suchen,
Dafi es uns Warme entwickele fur unser praktisches Tun.
Der Geist, der von uns in die Materie gefuhrt wird,
Die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu
ihrer Offenbarung,
Durch die sie den Geist aus sich selber heraustreibt;
Die Materie, die von uns den Geist offenbart erhalt,
Der Geist, der von uns an die Materie
herangetrieben wird,
Die bilden dasjenige lebendige Sein,
Welches die Menschheit zum wirklichen Fortschritt
bringen kann,
Zu demjenigen Fortschritt, der von den Besten
in den tiefsten Untergriinden der
Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann.
V. Stuttgart, 24. September 1919
In Urzek Tagen trat
Vor den Geist des Himmels
Der Geist des Erdenseins.
Er bat:
Verleihe mir die Sprache
Durch die zu reden weifi
Das Weltenherz zum Menschenherzen.
Da schenkte der Himmelsgeist dem Erdengeist:
Die Kunst.
Entwurf
In Urzeit Tagen
Trat zum Geist des Himmels
Der Geist des Erdenseins.
Bittend sprach er:
Ich weifi zu reden
Mit dem Menschengeist;
Doch urn jene Sprache auch
Flehe ich,
Durch die zu reden weifi
Das Welten h e r z zum Menschen h e r z e n .
Da schenkte der guVge Himmelsgeist
Dem bittenden Erdengeist:
Die Kunst.
Goetheanum, zum 7. Dezember 1919
Fiir Florizel v. Renter
ins Stammbuch
Ecce homo
In dem Herzen
Webet Fiihlen,
In dem Haupte
Leuchtet Denken,
In den Gliedern
Kraftet Wollen.
fur die Eurythmie
Weihnacbten 1919
Webendes Leuchten,
Kraftendes Weben,
Leuchtendes Kraften:
Das ist - der Mensch.
Im Farbenschein des Athermeeres
Gebiert des Lichtes webend Wesen
Der Menschenseele Geistgewebe;
Und geistbefruchtet reifend strebt
In Farbendunkels Raumes-Tiefe
Hinaus die Lichtes-durst'ge Seele.
Bediirftig ist Natur des Geistes,
Der aus dem Seelensein ihr kraftet;
Bediirftig auch die Menschenseele
Der Kraft des Lichts im Weltenather.
Notizbuch, 1919
Die Welt ist ohne den Geist
Fur den Menschen wie ein Buch,
Abgefasst in einer Sprache,
Die er nicht lesen kann,
Doch von dem er weilS
Dass sein Inhalt lebenbestimmend ist.
Und Geisteswissenschaft will erstreben
Die Kunst des Lesens;
Sie halt sich fur notwendig,
Weil sie glauben mufi,
Dass sie von dem Leben
Selbst gefordert wird,
In das die Menschheit
Durch die Entwickelungskrafte
Der Gegenwart
Eingetreten ist.
Notizblatt, ca. 1920
Eine Briicke ist der Mensch
Zwischen dem Vergangnen
Und dem Sein der Zukunft;
Gegenwart ist Augenblick;
Augenblick als Briicke.
Seele gewordner Geist
In der Stoffeshiille
Das ist aus der Vergangenheit;
Geist werdende Seele
In Keimesschalen
Das ist auf dem Zukunftwege.
Fasse Kiinftiges
Durch Vergangnes
Hoff ' auf Werdendes
Durch Gewordenes.
So ergreif das Sein
Im Werden;
So ergreif, was wird
Im Seienden.
Weihnacht, 24. Dezember 1920
Rudolf Steiner
Es steigt hinauf zu des Lebens Hohen
Der Mensch durch Kindheit und Jugend
Er steigt hinab bis ans Erdenziel.
Ein jeglich Lebensalter kiindet den Geist:
Erst schafft der Geist des Korpers Kraft
Dann wieder lost aus des Leibes Macht
Das Ubersinnliche sich bereichert los
Zu einen sich mit dem, woraus es geworden.
Notizbuch, ca. 1921
Im Denken Klarheit,
Im Fiihlen Innigkeit,
Im Wollen Besonnenheit:
Erstreb' ich diese,
So kann ich hoffen,
Dass ich zurecht
Mich finden werde
Auf Lebenspfaden
Vor Menschenherzen
Im Pflichtenkreise.
Denn Klarheit
Entstammt dem Seelenlichte,
Und Innigkeit
Erhalt die Geisteswarme,
Besonnenheit
Verstarkt die Lebenskraft.
Und alles dies
Erstrebt in Gottvertrauen,
Lenket auf Menschenwegen
Zu guten, sicheren Lebensschritten.
in ein Buch, Mdrz 1921
Sprechend lebt der Mensch
Den Geist, der aus Seelentiefen
Sich holt die Krafte,
Um aus Weltgedanken,
Wie aus dem Gotteslicht,
Zu bilden Menschenfarben.
Im Deklamieren lebt
Des Lichtes Weltenkraft
Im Rezitieren pulst
Der Seele Farbenmacht.
Zum 15. Marz 1922
fur Marie Steiner Rudolf Steiner
Willst du dich selbst erkennen,
So suche in den Weltenweiten dich selbst;
Willst du die Welt erkennen,
So dringe in deine eigenen Tiefen.
Deine eigenen Tiefen werden dir
Wie in einem Weltgedachtnis
Die Geheimnisse des Kosmos erschliefien.
V. Wien, 5. Juni 1922
WACHSEIN
In den Weltengeisteskreisen
Steht des Menschen Raumgestalt.
In den Weltenseelenreichen
Webt des Menschen Lebenskraft.
SCHLAFEN
In dem Seelenfreiheitkreise
Ruht des Menschen Triebgewalt.
In dem Geistes-Sonnenreiche
Schafft des Menschen Denkermacht.
Ende Dezember 1922
Notizbuch
Wenn der alte Mensch sagte:
«Erkenne dich selbst» - und er
dann sich als Welt charakterisierte,
so deutete er an, dass sein
Wesen nicht auf der Erde ist -
Wenn der Grieche sich als Welt
im «Erkenne dich selbst» charakterisierte,
so deutete er an, dass sein
Wesen verleugnet werde.
Aber der moderne Mensch
verleugnet sich, wenn er sich nicht
als Geist erkennt.
Fur V. 2. Febrnar 1923
Notizbuch
In gegenwartiger Erdenzeit
Braucht der Mensch erneut
Geistigen Inhalt fiir die Worte seiner Rede;
Denn von der Sprache behalten Seele und Geist
Fur die Zeit des schlafenden Weilens aufier dem Leibe
Das vom Wort, was auf Geistiges weist.
Denn es miissen schlafende Menschen
Bis zur Verstandigung mit den Archangeloi kommen.
Die aber nehmen nur Geist-Inhalt,
Nicht Materien-Inhalt der Worte auf.
Fehlt dem Menschen diese Verstandigung,
Nimmt er Schaden an seinem ganzen Wesen.
Aus einem Brief an Marie Steiner
15. Marz 1923
Ein Geheimnis der Natur
Schaue die Pflanze!
Sie ist der von der Erde
Gefesselte Schmetterling.
Schaue den Schmetterling!
Er ist die vom Kosmos
Befreite Pflanze.
V. Dornach, 26. Oktober 1923
Lockrufe der Tiere
der Hohe, der Mitte und der Erdentiefe
So spricht der Adler:
Lerne mein Wesen erkennen!
Ich gebe dir die Kraft,
Im eignen Haupte
Ein Weltenall zu schaffen.
Westen
So spricht der Lowe:
Lerne mein Wesen erkennen!
Ich gebe dir die Kraft,
Im Schein des Luftkreises
Das Weltenall zu verkorpern.
Mitte
So spricht die Kuh:
Lerne mein Wesen erkennen!
Ich gebe dir die Kraft,
Waage, Messlatte und Zahl
Dem Weltenall zu entreifien.
Osten
Ich muss lernen:
O Kuh, deine Kraft
aus der Sprache, die die Sterne
in mir offenbaren.
O Lowe, deine Kraft
aus der Sprache, die in Jahr und Tag
der Umkreis in mir wirket.
O Adler, deine Kraft aus
der Sprache, die das Erdentsprossene
in mir erschafft.
V. Dornach, 20. Oktober 1923
Die Elementarwesen
ah Vermittler zwischen der Erde und dem Geistkosmos
Worte der Mahnung
Gnomen:
Du traumst dich selbst
Und meidest das Erwachen.
Undinen:
Du denkst die Engelwerke
Und weifit es nicht.
Sylphen:
Dir leuchtet die Schopfermacht,
Du ahnst es nicht;
Du fiihlest ihre Kraft
Und lebst sie nicht.
Feuerwesen:
Dir kraftet Gotterwille
Du empfangst ihn nicht;
Du willst mit seiner Kraft
Und stofiest ihn von dir.
Charakteristik ihres eigenen Wesens
Gnomen:
Ich halte die Wurzelwesenskraft,
Sie schaffet mir den Formenleib.
Undinen:
Ich bewege die Wasserwachstumskraft,
Sie bildet mir den Lebensstoff.
Sylphen:
Ich schlurfe die luft'ge Lebekraft,
Sie fiillet mich nut Seinsgewalt.
Feuerwesen:
Ich daue die Feuerstrebekraft,
Sie erlost mich in Seelengeistigkeit.
Moralischer Eindruck der also geborten Weltenworte
Gnomenchor: Erstrebe zu wachen!
Undinen: Denke im Geiste!
Sylphen: Lebe schaffend atmendes Dasein!
Feuerwesen: Empfange liebend Gotterwillenskraft!
V. Dornacky 4. November 1923
Es gibt eine Natur, aber der Mensch
kann an diese Natur nur heran,
indem er sich von ihr vernichten lasst.
Es gibt eine Menschenseele, aber die Natur
kann an diese Menschenseele nur heran,
indem sie zum Scheingebilde wird.
V. Dornach, 19. Januar 1924
Finsternis, Licht, Liebe
Dem Stoff sich verschreiben,
Heifit Seelen zerreiben.
Im Geiste sich finden,
Heifk Menschen verbinden.
Im Menschen sich schauen,
Heifit Welten erbauen.
V. Stuttgart, 11. April 1924
gffj
Der Wolkendurchleuchter:
Er durchleuchte,
Er durchsonne,
Er durchgliihe,
Er durchwarme
Auch mich.
Fur die Eurythmie 1913
und Dornach, 3. Juli 1924
Strebe nach Frieden
Lebe in Frieden,
Liebe den Frieden.
Fiir die Eurythmie 1914
und Dornach, 9. Juli 1924
WELT UND MENSCH
Friedenstanz
Es keimen der Seele Wunsche,
Es wachsen des Willens Taten,
Es reifen des Lebens Friichte.
Ich fiihle mein Schicksal,
Mein Schicksal findet mich.
Ich fiihle meinen Stern,
Mein Stern findet mich.
Ich fiihle meine Ziele,
Meine Ziele finden mich.
Meine Seele und die Welt sind Eines nur.
Das Leben, es wird heller um mich,
Das Leben, es wird schwerer fur mich,
Das Leben, es wird reicher in mir.
Fur die Eurythmie 1914
und Dornach, 10. Juli 1924
Ich suche im Innern
Der schaffenden Krafte Wirken,
Der schaffenden Machte Leben.
Es sagt mir
Der Erde Schweremacht
Durch meiner Fiifie Wort,
Es sagt mir
Der Liifte Formgewalt
Durch meiner Hande Singen,
Es sagt mir
Des Himmels Lichteskraft
Durch meines Hauptes Sinnen,
Wie die Welt im Menschen
Spricht, singt, sinnt.
Fiir die Eurythmie
ll.Juli 1924
Du Widersinnszauber des Lebens,
Du schemes t in der Nacht,
Und hehren Schicksalswebens
Gottgewollte ew'ge Macht
Durchlochert die Gegenkraft -
Dass seelenqualend sich verbreitet,
Was Damonisch Unheil schafft
Und nach Schlangenart an mich gleitet.
Entwurf
Du Widersinnszauber des Lebens
Du scheinest in der Nacht;
Und hehren Liebe - Schicksalswebens
Weltenfeurig hohe Macht
Durchlochert mir die Gegenkraft;
Dass seelenqualend sich verbreitet
Was Damonisch Unheil schafft,
Und Schlangen-Geister hergeleitet. -
Notizblatt
November 1924
Schau der Ruhesterne
Weltenwirkende
Ewigkeitsgewalten
Notizbuch, 1924
Ich mochte jeden Menschen
Aus des Kosmos' Geist entziinden,
Dass er Hamme werde
Und feurig seines Wesens
Wesen entfalte. -
Die andern, sie mochten
Aus des Kosmos 1 Wasser nehmen,
Was die Flammen verloscht
Und wass'rig alles Wesen
Im Innern lahmt. -
O Freude, wenn die Menschenflamme
Lodert auch da, wo sie ruht!
O Bitternis, wenn das Menschending
Gebunden wird da, wo es regsam sein mochte.
Notizblatt 1925
WEISHEITEN AUS
ALTEN KULTUREPOCHEN
Freie Gestaltungen und Ubertragungen
Indischer Welsh eitsspruch
Yasmdjjdtam jagat sarvam yasminneva praliyate
Yenedam dhdryate cbaiva tasmai gndndtmane namah.
Urselbst, von dem wir ausgegangen sind,
Urselbst, welches in alien Dingen lebt,
Zu dir, du hoheres Selbst, kehren wir zuriick.
V. 13. April 1906
Urselbst,
Von dem alles ausgegangen,
Urselbst,
Zu dem alles zuruckkehrt,
Urselbst,
Das in mir lebt -
Zu dir strebe ich hin.
V. 27. Januar 1907
Von dem die ganze Welt stammt,
zu dem sie wieder zuruckkehrt,
durch den sie sicher gestutzt ist,
Ihm dem Selbst, welches weiss,
sei alle Ehre. -
V. 30. Dezember 1923
Worte der dgyptischen Mysterien
Ich ging bis zur Grenze des Todes
Ich betrat Proserpinas Schwelle
Und nachdem ich durch alle Elemente gefahren,
Kehrte ich wiederum zuriick.
Um Mitternacht sah ich die Sonne
mit hellweifiem Lichte strahlen.
Vor die untern und obern Gotter trat ich hin,
von Angesicht zu Angesicht, und betete
sie aus nachster Nahe an.
nach Apulejus,
fiir V. 22. Juni 1909
Wer beschreitet des Todes Pforte
Lost sich selbst in Elementen auf
Schaut in finstrer Mitternacht Sonnenlicht
Und steht vor den obern und untern Gottern.
nach Apulejus,
Notizblatt
Empfindung in der dgyptischen Kulturperiode
O dunkel ist der Erde Antlitz
Wenn die Sonne blendend dunkelt
Doch hell wird mir mein Tagefeld
Wenn die Seele es beleuchtet
Durch Sternenweisheit.
V. Dornach, 8. Januar
Mysterienunterricht im griechischen Altertum
Pflanzengeheimnis
Ich schaue in die Blumen; ihre Verwandtschaft
mit dem Mondensein offenbaren sie; sie sind
erdbezwungen nun, denn sie sind Wassergeborene.
Metallgeheimnis
Ich denke iiber die Metalle; ihre Verwandtschaft
mit den Planeten offenbaren sie; sie sind
erdbezwungen, denn sie sind Luftgeborene.
Menschengeheimnis
Ich erlebe die Geheimnisse des Tierkreises in
der Mannigfaltigkeit der Menschen;
die Verwandtschaft dieser Mannigfaltigkeit
der Menschen mit den Fixsternen
steht vor meiner Seele; denn die Menschen leben
mit dieser Mannigfaltigkeit erdbezwungen,
sie sind Warmegeborene.
V. Dornach, 15. Dezember 1923
Aus den Mysterien von Ephesus
Mensch, rede, und du
offenbarest durch dich
Das Weltenwerden.
Das Weltenwerden
offenbart sich durch dich,
o Mensch, wenn du redest.
V. Dornacb, 2. Dezember 1923
Zeichnung der Kabiren
Die Widmung ist auf S. 280 wiedergegeben.
Aus den Kabirenmysterien
auf Samotbrake
Empfindung des Schillers an der Pforte:
Ich trete ein in dasjenige,
Was mir umschliefit einen gewaltigen Geist,
Was mir umschliefit die grofien Gotter,
Jene grofien Gotter, welche auf der Erde
Durch die Opferhandlungen der Menschen
Die Geheimnisse des Weltenalls enthullen.
Innerliches Erleben des Schillers, vermittelt durch den
zelebrierenden Initiator am Opferaltar:
So wollen dich die Kabiren,
Die grofien Gotter:
Merkurius in den Gliedmafien,
Sonne im Herzen,
Mars in der Sprache.
Das Geheimnis der samothrakischen Welt,
dem Schiiler das Bewusstsein zu vermitteln:
Natur ist Geist,
Geist ist Natur.
V. Domach, 21. Dezember 1923
Fur das «Heilige Drama von Eleusis»
von Edouard Schure
Prolog, Hermes an die Zuschauer:
Erahnend Gottes Werdekraft in seiner Seele,
Erhebe denkend seinen Sinn der Mensch
Zu Demeter, der grofien Erdenmutter.
Sie hat durch zwei der Gottergaben
Sein Wesen wohl gestellt ins Weltenall:
Sie lafit der Erde Friichte ihn gewinnen,
Dafi er des Tierreichs Uberwinder werde,
Sie strahlt Erkenntnis-Weihemacht
In seiner Seele tiefste Schachten,
Dafi er der Ewigkeiten Gotteskeime
In seiner Seele Kraften fiihlt.
Wie ihrer Gab en Friichte reifen,
Des achtet in den Worten, in den Dingen
Die Ihr noch horen und schauen sollt.
Epilog, Hermes an die Zuschauer:
Ihr Sucher nach des Lebens Heimlichkeiten,
An Euch ist nun, Bewufitsein zu erringen,
Wie Ihr den Finsternissen Euch entreifit.
Erkennt des Daseins Wirkensmachte,
Des Herzens und Geistes Wunderkrafte
Im Lebensspiegel, der vor Euren Augen stand.
Gedenkt des Seherwortes alter Zeit:
Entstehung in dem Zeitenlauf
Ist Sterben fur die Ewigkeiten.
Aus Gotterhohen fiel der Mensch
In Erdenirrtum und Erdenwahn,
Doch kann Erinnerung des Ursprungs
Ihm schenken aller Wahrheit Wesen,
Zum Gottessohn ihn formen
Im Erdenleib, im Zeitensein.
Pfingsten 1907
Aus den Mysterien von Hy hernia
Worte der beiden Bildsdulen
Ich bin das Bild der Welt.
Sieh, wie das Sein mir fehlt.
Ich lebe in deiner Erkenntnis,
Ich werde in dir nun Bekenntnis.
Ich bin die Erkenntnis
Aber was ich bin, ist kein Sein.
Ich bin das Bild der Welt.
Sieh, wie Wahrheit mir fehlt.
Willst du mit mir zu leben wagen,
So werd' ich dir zum Behagen.
Ich bin die Phantasie
Aber was ich bin, hat keine Wahrheit.
'Worte der Mahnung des Initiators,
weisend auf das Christusbild:
Nimm das Wort und die Kraft dieses Wesens
In dein Herz auf.
Und von ihm empfange,
Was dir die beiden Gestalten geben wollten:
Wissenschaft und Kunst.
V. Dornach, 7. Dezember 1923
Aus den Mysterien von Hybernia
Wandlungen des Bewusstseins
Zustand der Seelen-Erstarrung, in der
der Schiiler sich vom Weltenall aufgesogen fiiblt:
In den Weiten sollst du lernen
Wie im Blau der Atherfernen
Erst das Weltensein entschwindet
Und in dir sich wiederfindet.
Zustand, wo er sich vom Weltenall
aufgenommen fublt:
In den Tiefen sollst du losen
Aus dem heifi-erfiebernden Bosen,
Wie die Wahrheit sich entziindet
Und durch dich im Sein sich ergriindet.
Die Vorstellung des Vorirdischen und das Erie ben
des Nachirdiscben:
Lerne geistig Wintersein schauen -
Und dir wird der Anblick des Vorirdischen.
Lerne geistig Sommersein traumen —
Und dir wird das Erleben des Nachirdischen.
V. Dornach, 8. Dezember 1923
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VOR DEM MYSTERIUM VON GOLGATHA
Der Vater schickt dich auf die Erde;
er gibt dir die Kraft
seines Sonnensohnes (Chr.)
und dadurch waltet in dir der Geist,
der dir das Licht der Welt offenbart.
NACH DEM MYSTERIUM VON GOLGATHA
Der Vater schickt dich auf die Erde;
er hat seinen Sonnensohn
auf die Erde gesandt -
Bekenne dich zu ihm: in dir
wird dadurch die «Heilung» durch
den Geist vollzogen.
Notizbucb, Mai 1923
NASEENER-HYMNUS
Darum schicke mich aus, mein Vater -
Ich will hinabsteigen mit den Siegeln
Ich will durch alle Weltenzeitlagen (Aonen) dringen
Ich will alle Geheimnisse enthullen
Ich will die Formen der Gottheiten enthullen
Und die Mysterien des heiligen Weges
Gnosis genannt, will ich iibergeben. -
Entwurf
Spruch der Gnostiker
Jesus sprach:
Sieh hin, o Vater,
Wie dies Wesen auf der Erde,
Aller Ubel Ziel und Opfer,
Fern von deinem Hauche irrt.
Sieh, das bits' re Chaos flieht es,
Ratios, wie's hindurch soli finden.
Darum sende mich, o Vater!
Siegeltragend steig ich abwarts,
Der Aonen Zahl durchschreit ich,
Jede heilge Kunde deut ich,
Zeige dann der Gotter Bildnis.
Und so schenk ich euch
Des heiHgen Weges
Tief verborgne Kunde:
« Gnosis » heifit sie nun fur euch.
V. Dornach, 26. Dezember 1914
Der Sonnengesang des Franz von Assist
13. Jahrhundert
Hochster, allmachtiger und giitiger Herr!
Dein sei Preis, Herrlichkeit, Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein gebiihren sie;
Kein Mensch ist wert, dich zu nennen.
Gepriesen sei Gott, der Herr, und alle Geschopfe,
Vor allem unser edler Bruder, die Sonne,
Die den Tag bewirkt und uns leuchtet mit ihrem Lichte.
Sie ist schon und strahlend in ihrem grofien Glanze;
Von Dir, o Herr, ist sie das Sinnbild.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
Um unserer Schwester willen, des Mondes,
Und auch um aller Sterne willen;
Die er am Himmel gestaltet hat
Und erscheinen lasst in Schonheit und Helle.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
Um unsrer Bruder willen,
Um des Windes, der Luft und der Wolken willen,
Um der heitern und aller Zeiten willen,
Durch die er alle Geschopfe erhalten will.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
Um unsrer Schwester willen, des Wassers,
Das so mitzlich ist und demiitig
Und auch kostlich und keusch.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
Um unsres Bruders willen, des Feuers,
Durch das er uns die Nacht erhellt,
Und das so schon und frohlich
Und so stark und machtig ist.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
Um unsrer Mutter willen, der Erde;
Durch die wir Nahrung und Kraft erhalten
Und vielerlei Frucht auch
Und aller Blumen und Krauter Farbenfiille.
V. Kristiania (Oslo), 6. Juni 1912
Mysterienlehren der mittelalterlichen Rosenkreuzer
Tragische Grundstimmung der rosenkreuzerischen
Naturforscher:
O Wille, Wille ist in mir -
Wie leite ich ihn hinaus zu den Bahnen,
Die zu den kosmischen Intelligenzen fiihren?
Was in der Rosenkreuzerzeit dem Schiiler immer wieder
eingeschdrft wurde:
O Mensch, du bist ja nicht das, was du bist.
Der Christus musste kommen,
Um dir deine Aufgabe abzunehmen,
Um fur dich deine Aufgabe zu verrichten.
Licht stromt aufwarts -
Schwere lastet ab warts.
Schau den Knochenmann -
Und du schaust den Tod.
Schau ins Innere der Knochen
Und du schaust den Erwecker.
- den Erwecker des Menschen im Geiste, das Wesen, das den
Menschen in Zusammenbang bringt mit der Gotterwelt.
V. Dezember/Januar 1923/24
Umdichtungen eines spdtmittelalterlichen Spruches
O Sonn' ein Konig der Lebenswelt
Luna dein Gebiet bestellt
Venus Kraft dich frisch erhalt
Die Martem sich als Mann erwahlt
Merkur kopuliert euch fix
Ohne Jovis Macht ist alles nichts
Doch Saturn als alter Geist
Durch viele Farben sich erweist.
- Lebenszentrum
- Lebensperipherie
- Lebensinhalt
- Lebenskraft
- Lebenstrager
- Lebensanreger
- Lebenserheller
Notizbuch, ca. 1921
O Sonne, du gibst Kraft der Pflanze
O Planeten, ihr gebet Gestalt der Pflanze
Merkur verbindet Kraft und Gestalt
Venus gibt die Samenkraft
Mars gibt das Leben der Samenkraft
Jupiter leiht dazu die Weisheit
Und Saturn gibt durch die Metalle
Die Farben, die nach Jahresfrist reifen.
undatierbar
Ich halte die Sonne in mir
Er fiihret als Konig mich in die Welt"
Ich halte den Mond in mir
Sie meine Gestalt erhalt*
Ich halte Merkur in mir
Er Sonne und Mond zusammenhalt
Ich halte Venus in mir
Ohne ihre Liebe ist alles nichts
Sie mit Mars sich vereinet
Der mein Wesen im Worte spricht
Dass Jupiter alles erleuchte
Mit weisem Licht
Und Saturn der reife
In mir erstrahlet meines Wesens Farben
''Sonne mdnnlich Mond weihlich
Das sind die Sieben der Welt Ti
Ich bin die Sieben %
Ich bin die Welt, cf der Erde weit
Ich bin die Sonne
ML
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7?.
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<hi Mat {
Notizblatt, ca. 1923/24
Und Chr. mit Kreuz und Rosen steht neben dir als Geist
Ich empfange / Die Welt / In den Sieben.
Das Ich ist Mittelpunkt alles Seins
Im Ich treffen sich aller Wesen Wirkungen
Es bewegt im Ich sich aller Vorzeiten Sein
Es ruhet aller Zukunft Werden im Ich
Saturnus Wille festet des Iches Innenheit
Sonnenleben bewegt des Innern Wandelbild
Mondenseele gestaltet des Lebens Wogen
Mars hartet des Willens Macht
Merkur taucht ins Meer des Seins
Jupiter bringt Zahl, MaE, Gewicht
Dann mag Venus die Liebe verleihn.
Notizblatt, undatierbar
DAS TRAUMLIED VOM OLAF ASTESON
Altnorwegische Dichtung
Einweihungserlebnisse des Olaf Asteson
in den 13 heiligen Ndcbten
I.
So hore meinen Sang!
Ich will dir singen
Von einem flinken Jiingling:
o
Es was das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
II.
Er ging zur Run' am Weihnachtsabend.
Ein starker Schlaf umfing ihn bald,
Und nicht konnt' er erwachen,
Bevor am dreizehnten Tag
Das Volk zur Kirche ging.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend,
Er hat geschlafen gar lange!
Erwachen konnt' er nicht,
Bevor am dreizehnten Tag
Der Vogel spreitet die Fliigel!
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Nicht konnte erwachen Olaf,
Bevor am dreizehnten Tag
Die Sonne iiber den Bergen glanzte.
Dann sattelt' er sein flinkes Pferd,
Und eilig ritt er zu der Kirche.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Schon stand der Priester
Am Altar lesend die Messe,
Als an dem Kirchentore
Sich Olaf setzte, zu kiinden
Von vieler Traume Inhalt,
Die in dem langen Schlafe
Die Seele ihm erfiillten.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Und junge und auch alte Leute,
Sie lauschten achtsam der Worte,
Die Olaf sprach von seinen Traumen.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
III.
«Ich ging zur Ruh' am Weihnachtsabend.
Ein starker Schlaf umfing mich bald;
Und nicht konnt' ich erwachen,
Bevor am dreizehnten Tag
Das Volk zur Kirche ging.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Erhoben ward ich in Wolkenhohe
Und in den Meeresgrund geworfen,
Und wer mir folgen will,
Ihn kann nicht Heiterkeit befallen.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Erhoben ward ich in Wolkenhohe
Gestofien dann in triibe Sumpfe,
Erschauend der Holle Schrecken
Und auch des Himmels Licht.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Und fahren musst' ich in Erdentiefen,
Wo furchtbar rauschen Gotterstrome.
Zu schauen nicht vermocht' ich sie,
Doch horen konnte ich das Rauschen.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Es wiehert' nicht mein schwarzes Pferd,
Und meine Hunde bellten nicht,
Es sang auch nicht der Morgenvogel,
Es war ein einzig Wunder iiberall.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Befahren musst' ich im Geisterland
Der Dornenheide weites Feld,
Zerrissen ward mir mein Scharlachmantel
Und auch die Nagel meiner Fiifie.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege,
Ich kam an die Gjallarbrucke.
In hochsten Windeshohen hanget diese,
Mit rotem Gold ist sie beschlagen
Und Nagel mit scharfen Spitzen hat sie.
Der Mond schien hell
Und wekhin dehnten sich die Wege.
Es schlug mich die Geisterschlange,
Es biss mich der Geisterhund,
Der Stier, er stand in Weges Mitte.
Das sind der Briicke drei Geschopfe.
Sie sind von furchtbar boser Art.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Gar bissig ist der Hund,
Und stechen will die Schlange,
Der Stier, er draut gewaltig!
Sie lassen keinen liber die Briicke,
Der Wahrheit nicht will ehren!
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Ich bin gewandelt iiber die Briicke,
Die schmal ist und schwindelerregend.
In Siimpfe musst' ich waten ...
Sie liegen nun hinter mir!
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
In Siimpfen musst 1 ich waten,
Sie schienen bodenlos dem Fufi.
Als ich die Briicke iiberschritt,
Da fiihlt' ich im Munde Erde
Wie Tote, die in Grabern liegen.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
An Wasser kam ich dann,
In welchen, wie blaue Flammen,
Die Eismassen hell erglanzten . . .
Und Gott, er lenkte meinen Sinn,
Dass ich die Gegend mied.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Zum Winterpfad lenkt' ich die Schritte.
Zur Rechten konnt' ich ihn sehn:
Ich schaute wie in das Paradies,
Das weithin leuchtend strahlte.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Und Gottes hohe Mutter,
Ich sah sie dort im Glanze!
Nach B rooks valin zu fahren,
So hiefi sie mich, kiindend,
Dass Seelen dort gerichtet werden!
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.»
IV.
«In andern Welten weilte ich
Durch vieler Nachte Langen;
Und Gott nur kann es wissen,
Wieviel der Seelennot ich sail -
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Ich konnte schauen einen jungen Mann,
Er hatte einen Knaben hingemordet:
Nun musste er ihn ewig tragen
Auf seinen eignen Armen!
Er stand im Schlamme so tief
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Einen alten Mann auch sah ich,
Er trug einen Mantel wie von Blei;
So ward gestraft er, dass er
Im Geize auf der Erde lebte,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Und Manner tauchten auf,
Die feurige Stoffe trugen;
Unredlichkeit lastet
Auf ihren armen Seelen
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Auch Kinder konnt' ich schauen,
Die Kohlengluten unter ihren Fiifien hatten;
Den Eltern taten sie im Leben Boses,
Das traf gar schwer ihre Geister
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Und jenem Hause zu nahen,
Es ward mir auferlegt,
Wo Hexen Arbeit leisten sollten
Im Blute, das sie im Leben erziirnt,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Von Norden her, in wilden Scharen,
Da kamen geritten bose Geister,
Vom Hollenfursten geleitet,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Was aus dem Norden kam,
Das schien vor allem bose:
Voran ritt er, der Hollenfurst,
Auf seinem schwarzen Rosse
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Doch aus dem Siiden kamen
In hehrer Ruhe andre Scharen.
Es ritt voran Sankt Michael
An Jesu Christi Seite
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehn.
Die Seelen, die siindenbeladen,
Sie mussten angstvoll zittern!
Die Tranen rannen in Stromen
Als boser Taten Folgen
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgeriehte unterstehn.
In Hoheit stand da Michael
Und wog die Menschenseelen
Auf seiner Siindenwaage,
Und richtend stand dabei
Der Weltenrichter Jesus Christ
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgeriehte unterstehn. »
V.
«Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Schuhe gibt;
Er braucht nicht mit blofien Fiifien
Zu wandeln im Dornenfeld.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Brot gereicht!
Ihn konnen nicht verletzen
Die Hunde in jener Welt.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Korn gereicht!
Ihm kann nicht drohen
Das scharfe Horn des Stieres,
Wenn er die Gjallarbriicke iiberschreiten muss.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Kleider reicht!
Ihn konnen nicht erfrieren
Die Eisesmassen in Brooksvalin.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand. »
VI.
Und junge und auch alte Leute,
Sie lauschten achtsam der Worte,
Die Olaf sprach von seinen Traumen.
Du schliefest ja gar lange ...
Erwache nun, o Olaf Asteson!
iibertragen
SINNSPRUCHE
Aus Vortragen und Niederschriften
in zeitlicher Reihenfolge
Notizblatt
Sprich nie von Grenzen der menschlichen Erkenntnis,
Sondern nur von den Grenzen der Deinen. -
in ein Buck, ca. 1906
Im Ewigen lernt leben,
Wer sein Verhaltnis zur Zeit
Zu losen versteht. -
Notizbuch, Winter 1907
Hiille nur und Kleid
Schau in Mann und Weib
Eines hohern Wesenhaften.
Trugvoll sind die Eigenschaften
In des Stoffes Scheingebilden
Wahr allein in geistigen Gefilden.
Notizbuch, Frukjahr 1908
Was hinter dir die Zeit bedeckt,
Betracht es starkgemut -
Was vor dir in Zukunft liegt,
Erwart es gleichmutvoll. -
Notizbuch, 1910
Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum,
Ratsel an Ratsel lauft in der Zeit;
Losung bringt der Geist nur,
Der sich ergreift
Jenseits von Raumesgrenzen und
Jenseits vom Zeitenlauf.
V. Wien, 19. Mdrz 1910
Der kleinste Erdenmensch,
Ein Sohn der Ewigkeit
Er wird in Zukunft stets
Sich bliihend finden
Als Zeuge der Vergangenheit.
Notizbuch, 1910
Der kleinste Erdenmensch,
Ein Sohn der Ewigkeit,
Besiegt in immer neuem Leben
Den alten Tod!
V. Berlin, 27. Oktober 1910
Es gibt sich selbst zuriick
Die Seele, die schlafumfangen
In Geistesweiten flieht,
Wenn Sinnesenge sie erdriickt.
V. 24. November 1910
Erkenne dich selbst.
Erkenne die Welt an deinem Innern.
Erkenne dich im Strome der Welt.
1909/10
Willst du in das weite Meer
Der Weltenratsel dich wagen
Der Kahn der dich fiihrt
Die eigne Seele nur kann es sein.
Notizbuch, 1911
In weiten Weltenfernen
Erkennend Menschenwesen,
In Seelentiefen
Erlebend Weltenkrafte,
So erlangt der Mensch
Rechtes Weltenwissen
Durch wahre Selbsterkenntnis.
V. Berlin, 19. Oktober 1911
Lebend offenbart der Geist
Stets nur seine Kraft,
Sterbend aber zeigt der Geist,
Wie er durch alien Tod hindurch
Sich stets zu hoherem Leben nur bewahrt.
V. Berlin, 26. Oktober 1911
Lebend offenbart sich des Geistes Kraft
Sterbend doch bewahrt sich des Geistes Wesen.
Entwurf
Im grenzenlosen Aufien
Finde dich als Menschenwesen,
Im engsten Innenleben
Fiihle Welten unbegrenzt,
So wird es sich enthiillen,
Dass der Weltenratsel Losung
Der Mensch nur selber ist.
Notizbuch, 1911
Es lassen die Elemente
Gestaltend sich vom Geist durchdringen.
Empfangen mussten sie
Des Geistes letzten Kraftetrieb,
Das Menschenwesen einzukleiden
In Geistgestalt und Seelenleben.
V. Berlin, 18. Januar 1912
Alles was da lebt im Weltenall
Es lebt nur, indem es zu neuem Leben
Den Keim in sich erschafft.
Und die Seele, sie ergibt
dem Altern sich nur und dem Tode,
Um unsterblich zu stets neuem Leben
heranzureifen.
V. Berlin, 5. Dezember 1912
Es liegt in jeglichem Leben
Des Lebens neuer Keim
Und die Seele stirbt dem alten ab
Um unsterblich dem neuen zuzureifen -
Entwurf
daft diese Ergebnisse der Geistesforschung dringen
durch schwere Seelenhindernisse
durch wirre Geistesfinsternisse
zur ernsten Klarheit
zur lichten Wahrheit.
V. Berlin, 16. Mdrz 1913
Gf. strebt durch
durch manches Seelen-Hindernis
durch bange Geistesfinsternis
zur ernsten Klarheit
zur lichten Wahrheit.
Entwurf
Er fand der eignen Wissensschmerzen
Erhebende Heilung,
Indem er eigne Kraft vereinte
Der ganzen Menschheit Wesen.
Dornach, 15. August 1915
Motto auf ein von Hilde Pollak
gemaltes Programm zur Auffuhrung
der Himmelfahrt-Szene aus Faust II
Es reifit der Zusammenhang mit dem Geiste,
Wenn er nicht durch die Schonheit erhalten wird.
Die Schonheit verbindet das «Ich» mit dem Leibe. -
1918
Im freien geisterfassenden Denken
Den Willen finden, und in dem Wollen
Des Menschen wahres Wesen, das kraftig
Vom Weltensein geschenkte Eigenheit
Verwirklicht, das lost die Freiheit
Im Leben des echten Seelenseins.
Notizblatt, ca. 1918
Die Welt ist voller Ratsel
Es loset diese Ratsel
Allein der Mensch in seinem ganzen Leben
Drum schaue des Menschen Wesen
Du blickst in die Antwort der Welt.
Notizbuch, 1918
Der Menschenseele Ratsel
Enthiillt dem Geistes-Auge
Der Blick ins Welten-All;
Des Welten-AUs Geheimnisse,
Sie lost der Seelenblick
Ins Menschen-Innre auf.
Mdrz 1918
Es suche der Mensch den Geist,
der sich im Worte offenbart,
Denn der Geist ist bei Gott.
Und der Geist ist ein Gott.
V. Dornach, 2. November 1919
Der Geist erstirbt im Wissen
Im Schauen wird er neu belebt
Im Schauen ersteht die Liebe.
Notizbuch, 1921
Mensch, du bist das zusammengezogene
Bild der Welt.
Welt, du bist das in Weiten ergossene
Wesen des Menschen. -
V. Dornacb, 8. Oktober 1921
Anthroposophie mochte gegeniiber der
Seelenwissenschaft ohne Seele dem Menschen die
«Menschenwissenschaft mit Seele» geben, in der aus
wahrer Erkenntnis das Sternenziel vor dem innern
Auge leuchtet, ohne dessen Licht alles Wissen doch
nur ein Traumen von der Seele bleibt.
Notizbuch, April 1923
Erkennen ist im Geiste erwachen
Solches Erkennen ist im Geiste leben.
Solches Erkennen rechtfertigt das
urspriinglichste Gefiihl der
menschlichen Seele - die Freiheit.
Solches Erkennen ist eine Leuchte,
die zunickfiihrt zur
Naivitat der Frommigkeit;
der Gottinnigkeit.
Fur V. 29. September 1923
Notizbuch
Willst du dich selber erkennen
Blicke in der Welt nach alien Seiten
Willst du die Welt erkennen
Schau in alle deine eigenen Tiefen.
V. Dornach, 9. November 1923
Wenn in sich selbst die Seele
Im Geist sich wiederfindet
Vollzieht sie jenes Wunder
Das so wahr des Weltenwunders Kind
Wie der Mensch selbst des Menschen Sohn ist.
Notizblatt, undatierbar
Im Such en erkenne dich
Und wesend wirst du dir
Entzieht das Suchen sich dir
Du hast dich zwar im Sein
Doch Sein entreifiet dir
Des eignen Wesens Wahrheit.
Notizbuch, 1924
Willst du das eigne Wesen erkennen,
Sieh dich in der Welt nach alien Seiten um.
Willst du die Welt wahrhaft durchschauen,
Blick in die Tiefen der eignen Seele.
30. Mdrz 1924
Willst Du Dein Selbst erkennen,
Schaue hinaus in die Weltenweiten.
Willst Du die Weltenweiten durchschauen,
Blicke hinein in das eigene Selbst.
V. Breslau, 8. Juni 1924
Man soil nicht auf das Erkenntnisdrama zugunsten
einer Erkenntnisgrammatik verzichten wollen; auch
die Furcht darf davon mcht abhalten, dass man in
den Abgrund des Individuellen fallt, denn man steigt
aus diesem Abgrund im Verein mit vielen Geistern
auf und erlebt sich mit ihnen in Verwandtschaft;
dadurch wird man aus der geistigen Welt g e b o r e n :
aber man hat den Tod aufgenommen, wird selbst
Vernichter des Gewordenen, lebt dieses spiritualisiert
dar und ist anwesend in seiner Vernichtung.
Notizblatt, undatierbar
ABWANDLUNGEN
VON GOETHE-WORTEN
Keine Macht und keine Zeit lasst untergehen,
was in der Zeit errungen wird
und reif wird als Friichte fur die Ewigkeit.
V. Berlin, 2. Dezember 1909
Die Geisterwelt bleibt dir nur verschlossen,
Erkennst du in dir selber nicht
Den Geist, der in der Seele leuchtet
Und tragend Licht dir werden soil
In Weltentiefen, auf Weltenhohen!
Fur V. Berlin, 1$. Dezember 1910
Notizblatt
Wer will was Lebendiges erkennen und begreifen,
Suche in Wesensgriinden das Geisteslicht zu finden;
Da hat er die Teile in seiner Hand,
Und nimmer wird er dann verkennen
Der Dinge Wahrheit im geistigen Band.
V. Berlin, 16. November 1911
Geheimnisvoll am lichten Tag der Gegenwart,
Lasst Geschichte sich des Schleiers nicht berauben.
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab, nicht aus Pergamenten
Und nicht aus den Zeichen, die da eingeschrieben sind
In Erz, in Ton und in Stein.
V. Berlin, 14. Dezember 1911
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet,
Und der in dieser Uberwindung
Sich selber erst in Wahrheit findet,
So wie die ganze Menschheit sich in Christus
In Wahrheit selber finden kann.
V. Berlin, 25. Januar 1912
War nicht das Dasein sonneerfiillt
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn
Lag nicht im All des Geistes Wesen verhiillt
Was hatte Menschen geistig Leben verliehn.
Notizblatt, November 1912
Ware die Welt nicht sonnebegabt,
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn?
Ware das Dasein nicht Gott-Enthullung,
Wie kamen Menschen zur Gotterfiillung?
Fiir V. Berlin, 21. November 1912
Notizblatt
Ware die Welt nicht sonnebegabt
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn
Ware das Dasein nicht Geistes-Enthullung
Wie kamen Menschen zur Geistes-Erfiillung.
Fiir V. Wien, 20. Januar 1913
Notizbucb
Es mag sich Feindliches ereignen
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter
Und wenn sie auch den Geist verleugnen
So griible du nicht weiter
Und gib ihnen darin doch nur recht
Es stent mit ihrem Geiste eben schlecht.
Fur V. Berlin, 12. Dezember 1912
Notizbuch
Wahrheits-Weisheits-Sphdre
Die ihr im Haupt erstrahlt aus lichtem Kreise
Erfasst es jetzt nach reiner Geister Weise
Erdampfet seines Hirnes wirren Wahn
Entwirrt den Zweifel brennend bangen Strebens
Sein Innres lenket von verkehrter Bahn.
Vier sind der Ziele taglichen Erlebens
Nun ohne Kleinmut fiihret ihn heran.
Erst strebt zum Antlitz lichterfiillet hin,
Dann haltet fest des Geistes Krafteringen
Erstarkt ist bald der flugellahme Sinn,
Kann er befreit den Tag vollbringen.
Erfiillt der Geister wahrste Pflicht
Tragt ihn hin durch's heil'ge Licht.
Moral-Spbdre
Die ihr dies Haupt durchstrahlt mit Tatenstarke
Erweist euch bald in rechtem Weltenwerke
Ertotet kiihn des Widersinns Bedrangnis
Veredelt der Begierdegluten finstre Wucht
Entfiihrt sein Wesen geist'gem Verhangnis.
Vier sind die Wege menschlicher Sucht
Entreisset die der kranklichen Umfangnis
Besiegt des Sinnenfeuers Stohnen
Erleuchtet, was in Lust erstirbt
Beseelt wird euch entgegentonen
Was Kraft fur Ewigkeiten wirbt.
Versucht des Weltenwirkens Streben
Erwecket ihn zu gnadevollem Leben.
V. Dornach, 6. August 1916
Es ist ein grofi' Erleben
Sich zu dem Geist der Zeiten zu erheben
Zu horen was der wahre Weise spricht
Nur immer strebend dringen wir zum Licht.
Zum 28. August 1916
Auf eine farbige Skizze
von Hilde Pollak
Es ist ein grofi' Erleben
Sich zu dem Geist der Zeiten zu erheben
Zu horen wie so mancher echte Weise spricht:
Nur immer strebend dringen wir zum Licht.
26. Oktober 1916 Dr. Rudolf Steiner
In das Gdstebuch der Familie Rietmann
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als dass sich Gott-Natur ihm offenbare,
Wie sie im Geiste lasst den Stoff zerrinnen,
Und wie im Stoff der Geist sich selbst erfahre.
V. Berlin, 15. Mdrz 1917
Es ist ein grofi 1 Entsetzen
Sich in dergleichen Seelen zu versetzen.
Wie gierig sie den Stoff betasten
Und an dem Geist voriiberhasten.
V. Berlin, 17. Mdrz 1917
Es ist ein grofi 1 Entsetzen
Sich in solche Seelen zu versetzen
Zu sehen wie angstlich sie im Stoffe bleiben
Und sorglich alien Geist vermeiden.
Entwurf
WIDMUNGSSPRUCHE
It /n. MIS.
Der Masse, der starren, toten, Leben und
Geist einzubilden, ist des Kiins tiers Ziel;
dem Geist, dem fliichtigen, beweglichen,
Gestalt und Festigkeit zu geben des Forschers
Und wenn der Arbeit Gipfel sie erreichen, [Streben.
dann miissen im Einen sie beide sich begegnen.
28. Juli 1888 Rudolf Steiner
Dem Bildhauer Hans Brandstetter
ins Stammbuch
An Frau lima Wilborn-Seiler!
Was in diesem Buchlein steht: ich habe es nicht nur
geschrieben, ich habe es gelebt, wenn meines
Innern Machte im verzehrenden Kampfe einander
begegneten; mit Wort en sucht ich des ringenden
Geistes Bahnen nachzuzeichnen; so nehme Die es
freundlich hin, in deren Rede Zauber sich so herrlich
des Geistes Schone enthiillt, und der es in
tiefinnigster Verehrung iiberreicht
Wien, 9. April 1889 Rudolf Steiner
Widmung in
«Grundlinien einer Erkenntnistheorie ...»
Der Mensch sieht nur das klar in der Aufienwelt,
was er mit dem Lichte seines Inneren bestrahlen kann.
Dem Maler Curt Liebich zur freundlichen Erinnerung!
Weimar, 13. Juni 1891 R. Steiner
Auf eine Pbotographie
Die Geschichte ist in Wahrheit die Entwicklung
des Menschengeschlechtes zur Freiheit. Erst fiihlt
sich der Geist abhangig von Gott, arbeitet sich zur
Freiheit heraus und erkennt sich selbst.
An Gottesglauben Stelle
Glaub ich an den freien Menschen.
Dr. Rudolf Steiner
Notizbuch, 1892
Ein guter Mensch tut, was er soil
Ein freier soil, was er will.
18. Februar 1894 Rudolf Steiner
Fur Prof. Leitzmann, Jena
Eintragung ins Gdstebuch
Ewiges Werden im Denken
Jeder Schritt zugleich Vertiefung
Uberwindung der Oberflache
Eindringen in die Tiefe.
In «Die Philosophie der Freiheit»
1894
Blind sind fur des Weibes Schwachen
eines Liebenden Augen.
So der Spruch! Mir wollt er nie recht taugen;
Sehend schemt mir nur ein liebend' Organ,
Weil nur dies des Weibes Tugend erkennen kann.
Weimar, den 15. Juli 1895 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Emmy Eunike
ins Stammbuch
Die Seele des Menschen ist eine Bliite der Welt,
bestimmt, in sich den gottlichen Geist zu reifen.
Dr. Rudolf Steiner
Auf einer Photographie
ca. 1896
Das schdnste Geschenk, das ein Scheidender
mitnehmen kann, ist die Erinnerung an froh
verlebte Stunden in einem lieben Freundesheim.
Weimar, 21. Juni 1897 Rudolf Steiner
FUr Karl Otto Francke
ins Hausalbum
Dafi aus Arbeit wachsen Wurzeln starker Willenskraft,
Hat er uns gewiesen auf den Pfad der Wissenschaft.
Fiir Wilhelm Liebknecht, Berlin, auf der
Kranzschleife der Arbeiter-Bildungsschule
10. August 1900
Dem Feuer ist das Leben verwandt -
Wohltatiger Wirkungen Keime
bergen beide die Fiille;
An den Menschen stellen beide
ungleiches Verlangen.
Dass im Leben Gluck uns werde
ohne bitteren Schmerz,
Kann verlangen nur, wer torichten Sinnes
Das Feuer will,
ohne den Brennstoff zu opfern.
Fiir Martha Eunike in ein Album
20. Dezember 1900
Den «Sinn des Lebens» suchen, heifit sich in das
Labyrinth der Seele begeben; es hilft nichts, sich
aus diesem Labyrinth wieder ins Freie der
gemeinen Wirklichkeit zuriickzufinden; denn ist
man wieder zuriick, hat man auch wieder den
«Sinn des Lebens» verloren.
Fiir Maria Stona ins Fremdenbuch
Schloss Strzebowitz, 22. August 1901
Die menschliche Geistesentwicklung ist ein
fortlaufender Fluss, darin sich in aufeinander-
folgenden Bildern die ewige Wahrheit spiegelt.
Ein solches Bild, das Christentum, ist auf den
folgenden Blattern festzuhalten versucht.
Fur Geni Eunike
in «Das Christentum als mystische Tatsache»
6. November 1902
* ' -to* Jin ti4^(4j w f*^ dw'Uftfcs "
S)ti3 Sfjriftcutniu
ui y ft i f 4> c S ha t f n d) c.
Mm
Merlin
1908..' * ' ■'
Der Verfasser dieses Buches war bermiht
die Natur des Geistes zu erforschen
Wie der Naturforscher
den Geist der Natur erforschen will.
Frl. Johanna Miicke zu Weihnachten 1 902
Dr. Rudolf Steiner
In «Das Christentum ah mystische Tatsache»
Suche nach dem Licht des Weges!
Doch suchst du vergebens, so du
nicht selbst Licht wirst.
R. St.
Fiir Marie v. Sivers
in « Licht auf den Weg»
ca. 1904
Des Menschen Werk ist, in sich die Kraft zu bilden,
die fur das All wirkt, und dabei das ihm zugemessene
Teil zu erkennen.
Seiner lieben Mitarbeiterin Mathilde Scholl
Amsterdam, 22. Juni 1904 Dr. Rudolf Steiner
In «Theosophie»
Die geistigen Ziele, in denen sich
die Menschen finden, sind das
edelste Band der Freundschaft.
In Herzlichkeit dem Ehepaar Kunstler
Dr. Rudolf Steiner
Fur Eugen und Maud Kunstler
in «Tbeosopbie», 1904
Die Liebe zum Ubersinnlichen wandelt
das Erz der Wissenschaft in das Gold der Weisheit.
Dem Kampfer der Theosophie in den Kreisen
der Studierenden, Herrn stud. phil. Ludwig Kleeberg
10. Januar 1905 Dr. Rudolf Steiner
In «Theosophie»
Frau C. Wandrey
Wer das gegenwartige Gute zum
Quell der Freude
Und das vergangene Ubel zur
Lehre fiir das Leben
zu gestalten vermag
Der kommt auf den Weg zur Weisheit.
Berlin, 22. Mai 1905 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Camilla Wandrey
auf eine Photograpbie
Freuden nehme man als gottliche Gaben der Gegenwart,
Schmerzen aber als Lehren fiir die Zukunft.
14. Juni 1905 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Astrid v. Bethusy~Huc
auf eine Photograpbie
Der Mensch ist ein werdender Gott
Der Gott ist ein erfiillter Mensch.
Frau v. Moltke herzlichst
30. Juni 1905 Dr. Rudolf Steiner
Fur Eliza v. Moltke
auf eine Photographie
Das Leben priift uns oft durch Leiden
Es fiihrt uns oft in Irrtum durch Freuden
Drum lasse man auch die Freuden
zur Priifung des Herzens
Die Leiden aber zu Wegen nach
der Wahrheit werden.
Frl. Liidemann zur freundlichen Erinnerung
Koln, 1. Dezember 1905 Dr. Rudolf Steiner
Fur Bertha Liidemann
auf eine Photographie
Die Freuden konnen wir in der Gegenwart
Die Leiden aber erst in der Zukunft schatzen.
Die ersteren sind Geschenke des guten Gesetzes
Die letztern aber sind die Lehrer der Weisheit.
Stuttgart, im Januar 1906
Herrn Jaeck in Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner
Fur Wilhelm Jaeck
auf eine Photographie
Die Freuden erkennen wir als Gnadengaben
in der Gegenwart,
Die Leiden enthiillen aber ihren Wert erst,
wenn sie vergangen.
Die ersten bringen das Gluck,
Die zweiten erzeugen die Weisheit.
Basel, 12. Januar 1906
In Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner
Fiir Familie Geering-Christ
in das Gastebuch
Frau Eugenie v. Bredow
Freuden sind Geschenke des Schicksals,
die Ihren Wert in der Gegenwart erweisen.
Leiden dagegen sind Quellen der Erkenntnis,
deren Bedeutung sich in der Zukunft zeigt.
Berlin, 2. Februar 1906
Herzlichst Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Pbotograpbie
Im Kosmos ist ein Ratsel verborgen?
Doch ist der Mensch selbst die Losung.
14. Februar 1906
Herzlichst Dr. Rudolf Steiner
Fur Mathilde Scholl
ins Neue Testament
Das Leben ist eine Schule
Wohl dem, welcher die Priifimg besteht!
14. Marz 1906 Dr. Rudolf Steiner
Fur Flossy v. Sonklar
in das Album eines Kindes
Ruhiges Verweilen an den
Schonheiten des Lebens
Gibt der Seele Kraft des
Fiihlens
Klares Denken an die
Wahrheiten des Daseins
Bringt dem Geiste Licht des
Wollens.
Frau Maude Kunstler, am 4. April 1906
in Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner
Ins Neue Testament
Erkenntnis und gute Taten
in der Gegenwart
werden die Baumeister
der Hellseher-Organe
in der Zukunft.
Fur Mathilde Scholl
auf eine Photographie
ca. 1906
Des Menschen Erkenntnis
Offenbart den Geist der Erde
Des Menschen Taten
Verkorpern dieses Geistes Sinn.
Berlin, 8. Mai 1906
Zur Erinnerung Dr. Rudolf Steiner
Fur Franz Gerner
auf eine Photographie
Der Erdengeister voller Sinn
Kommt zur Offenbarung
In des Menschen freier Tat
Und die freie Tat
Kann nur Wirkung sein
Der selbstlos errungenen Weisheit.
Frau E. v. Bredow zur Erinnerung
8. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
In der Seele des Menschen wird der
Sinn der Welt gefunden
Wenn der suchende Geist sich wahrhaft
selbst entdeckt.
Frau L. v. Moltke zur Erinnerung
15. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
Wer stets zum Geiste strebt
Der darf unverzagt hoffen
Dass er zur rechten Zeit
Nicht ohne des Geistes Fiihrung ist.
Frau Graf in Bethusy-Huc zur Erinnerung
15. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
Den Sinn der Welt verwirklicht die von
Weisheit erleuchtete und von Liebe durchwarmte
Tat des Menschen.
Bayreuth, August 1906 Dr. Rudolf Steiner
Die Lehrer aber werden leuchten wie
des Himmels Glanz und wie die
Sterne immer und ewiglich.
Bayreuth, August 1906 M. v. Sivers
Fur Ludwig Kleeberg
in ein Gedenkbuch
Das Verborgene des Mysteriums
Wird Offenbares durch des Menschen
Schaffendes Wissen und wissendes Wollen.
3. Dezeraber 1906
Fur Mathilde Scholl
Der Sinn der Welt
Offenbart sich in des Menschen Seele.
28. Juni 1907
Herzlichst Dr. Rudolf Steiner
Fur Ludwig Kleeherg
in «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer
gegen seine Zeit»
Suchst du dich selbst,
So suche draufien in der Welt;
Suchst du die Welt,
So suche in dir selbst.
6. August 1907 Dr. Rudolf Steiner
Es wechselt die Zeit das Antlitz der Dinge
Doch bleibt ewig der Wesenskern.
Es wechselt das Leben der Menschen Taten
Doch bleibt ewig der Seelenkern.
Dr. Rudolf Steiner
Fur Familie Rietmann
1908
Die Ratsel des Lebens losen sich
in der Warme des nach Gedankenlicht
strebenden Herzens.
Seinen lieben Rietmanns, Stuttgart den
16. August 1908 Dr. Rudolf Steiner
Die Richtung nach dem Hochsten der Aufienwelt
Gibt der Mensch sich im Tiefsten seiner Innenwelt.
Fur 2. Juli 1909 Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
Entwicklung des Menschen ist:
Entziinden im Seelenfeuer der Liebe
Die leuchtende Weisheit des Geistes.
Basel, 25. September 1909
Fur Astrid v. Bethusy-Huc
auf eine Photographie
Der Schliissel zur Geisteswelt
Liegt im Geisteswerkzeug des Menschen.
Den lieben Kinkels
16. November 1909 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Alice und Wilhelm Kinkel
auf eine Photographie
Das Denken ist der Dolmetsch, welcher
die Gebarden der Erfahrung in die
Sprache der Vernunft iibersetzt.
Den lieben Rietmanns herzlichst
am 21. November 1909 Dr. Rudolf Steiner
Ins Gdstebuch
Die Erkenntnis ist das Licht
Und die Liebe dessen Warme.
Fiir Eliza v. Moltke
auf eine Photographie
26. November 1909
Uberwindet der Mensch sein enges Sein
Erst durch Welterleben in sich selbst, erkennend;
Dann darf er empfinden
«Erkenne dich selbst»
Es heifit ihm dann
Werde in dir selbst
Werkzeug, das die Welt dir offenbart.
Frl. Mieta Waller, der Darstellerin des
Johannes Thomasius herzlichst Rudolf Steiner
Datum 5. September 1910
In «Die Pforte der Einweihung»
Im Menschenherzen schlagen
Der Erde hochste Krafte
Im Menscheninnern leben
Des Seelenreiches Machte
Dem Menschenstreben winken
Des Geisterlandes Ziele
Das Menschen Ich jedoch
1st selber Geist in Geistesweiten.
Und was im Menschen
Sich selber Ich benennt
1st Bild nur seiner selbst.
So sagt man gut zu streben
Als Mensch sich oft und oft
So sagt man kraftvoll sich
An Tagen der Lebenswenden.
Fur Ella Sharp, 1911
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten
Sie wandeln sich im Zeitenlauf
Erkennend lebt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Im Reich der Geistes-Ewigkeit.
26. Febmar 1911 Dr. Rudolf Steiner
Fur Familie Rietmann
ins Gdstebuch
Es drangen sich an die Menschensinne
Die Dinge in den Raumesweiten
Sie wandeln sich im Zeitenlauf
Es webt die Menschenseele
Unbegrenzt von Raumesweiten
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Ihr Kleid der Ewigkeiten.
12. Juni 1911 in Herzlichkeit
Dr. Rudolf Steiner
In «Das Christentum ah mystische Tatsache»
Im Kopfe Glaubenskraft
Im Herzen Liebensmacht
Im vollen Menschen starkes Hoffen
Halt und tragt das Leben.
13. Januar 1912 Dr. Rudolf Steiner
Fur Familie Rietmann
ins Gastebuch
Zum 6. Marz 1912
Der Seele Erdenpilgerzug
Er fiihrt auf steile Bergesgipfel
Da sprechen des Lebens spitze Steine
Es sind ihre Worte andres nicht
Als Rats el nur und Fragen
Die Sehnsucht gewaltig wecken:
Nur wenn in Seelen-Bergeshiitten
Wo Geistesstimmung ruhig waltet
Den Ratseln Losung winkt
Und Rune Sehnsuchtkraften:
Dann reifen Geistesfriichte
Zu Keimen fiir Ewigkeiten.
In Deinen Lebenspilgerzug
Das Geistesauge lenkend,
Erscheinen diese Worte mir
Als Deines Wesens Zeichen.
Dr. Rudolf Steiner
Fiir GUnther Wagner
zum 70. Geburtstag
Sich erkennend nicht verlieren
Und schauend sich bewahren
Sich empfindend nicht verblenden
Und sich erfuhlend selbst erleuchten
Dies lost der Seele und der Welten Ratsel.
Mannheim, 10. Marz 1912
Fur Helene Rochling
Zum 2. Juli 1912
Im Weltenkampf und in Zeitenproben
Bewahren im tiefsten Seelenkerne
Empfindungskraft fur Geistgewalten:
Solch' Streben im Menschenherzen
Erhalt dem Selbst das Lebenssteuer.
Dr. Rudolf Steiner
Fur Eugenie v. Bredow
in «Tbeosophie»
^t*VsU. .j£lC££^
jDcr^ ^im^m
H iiter der Schwelle
S^elcnvj.igiiP^e in scenischen Bildern
von
Rudolf Stelner /u^^w^*^
PHi«««pHsch-Tfe«<»si)phtscher Yerfag, Berlin Motzstrasse 17.
Es drangt sich an die Menschensinne
Aus Weltenweiten ratselvoll
Des Stoffes reiche Fiille
Es stromt auch in die Seelengriinde
Aus Weltentiefen inhaltvoll
Des Geistes klarend Licht
Sie finden sich im Menschen-Innern
Zu weisheitvoller Wirklichkeit.
Seinem lieben Moriz Zitter
zur Erinnerung an die Septembertage 1912
freundlichst herzlichst Rudolf Steiner
In «Der Huter der Schwelle»
Es leben die Pflanzen
In Sonnenlichtes Kraft
Es wirken die Menschenleiber
In Seelenlichtes Macht
Und was der Pflanze
Der Sonne Himmelslicht
Das ist dem Menschenleibe
Das Geistes Seelenlicht.
19. Dezember 1912 Dr. Rudolf Steiner
Fur Familie Rietmann
ins G 'dstebuch
Es hort der Mensch das Schopfungswort
Wenn er reinen Herzens horcht
Wie Weltengeister durch die Seele
Sich musikalisch sinnvoll offenbaren.
Koln, 29. Dezember 1912 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Willy Conrad
auf eine Photographie
Ihn mit guten Gedanken
Durchs Leben geleiten will ich:
Dass ich es ihm gesagt,
Moge er ofter gedenken.
Dem Patensohnlein, 15. April 1913
Fiir Wilfried v. Henning
auf eine Photographie
Hohe Weltenratsel erblickt,
Wer im Menschenherzen erschaut,
Wie Gottesdenken Geistesziele schafft.
Alfred Meebold
in den Miinchner Augusttagen 1913
Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
Unsterblichkeit -
Ungeborenheit;
erst wer beides versteht,
versteht die Ewigkeit.
Dr. Rudolf Steiner
In ein Buch, 1914
Als treue Gefahrtin
Steht dem Fluge der Geisteswissenschaft
Stets bei der wahren Philosophie
Echte besonnene Art.
So nehme dies Buch entgegen
die treue Mitwirkerin Johanna Mixcke
von dem Verfasser Dr. Rudolf Steiner
Berlin, 21. Juli 1914
In «Die Rdtsel der Philosophie »
Die Krafte sind leere Hiilsen nur,
Entbehren sie den Geistgehalt;
Doch sind sie Schopferwirksamkeiten,
Wenn sie den Geist umkleiden.
Stuttgart, 1. Oktober 1914 Dr. Rudolf Steiner
Fur Alice Kinkel
auf eine Photographie
Im Stoffe suchet der Weltenkenner
Des Geistes ewiges Schopferwalten.
Im Sturm und in des Krieges Wtiten
Enthiillt sich seiner Geistesschau
Der Welten weises Gotterziel.
Fur Helene Rochling
5. November 1914
Sich selbst empfangen vom Weltensein,
Die Welt erleben als Selbstes-Sein,
Das ist der Weg zum SeherzieL
23. April 1915
Fur Felix Knoll
auf eine Photographie
Der eigenen Seele Geheimnisse
Ergriinde in dem Antlitz,
Das die Welt dir zuwendet.
Der Welten Innenseite
Ergriinde in dem Antlitz,
Das sie deiner Seele pragt.
25. Juni 1915 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Astrid v. Bethusy-Huc
auf eine Photographie
Wenn Ruhe der Seele Wogen glattet
Und Geduld im Geiste sich breitet
Zieht der Gotter Wort
Durch des Menschen Innres
Und webt den Frieden
Der Ewigkeiten
In alles Leben
Des Zeitenlaufs.
Fiir Helmuth v. Moltke
auf eine Photographie
11. Dezember 1915
Wirkliche Selbsterkenntnis wird dem Menschen nur zuteil,
Wenn er liebevolles Interesse entwickelt fur andere;
Wirkliche Welterkenntnis erlangt der Mensch nur,
Wenn er das eigene Wesen zu verstehen sucht.
Fur Bertha Ellram
in «Vom Mensch enr'dtsel»
20. April 1916
Gemeinsam erlebte Wahrheit
1st Lebenskraft im Menschheitstreben.
Frl. Johanna Miicke der treuen Mitarbeiterin
herzlichst Dr. Rudolf Steiner Marie Steiner
In «Vom Mensch enratsel»
Juli 1916
In Gemeinsamkeit erlebte Wahrheit
Wird Weltenkraft im Menschenstreben.
Frau Helene Rochling treufreundschaftlich liberreicht
am 20. Juli 1916 Dr. Rudolf Steiner Marie Steiner
In «Vom Mensch enratsel»
Was lebend erdacht
Verstand wahrhaft
Der Seele Kraft
Die wirklich erwacht.
21. September 1916
Auf eine farbige Skizze
von Hilde Pollak
Des Geistes Schattenwurf im Raume ist das Schone;
Der Schatten wird zum Lebewesen durch des
Kiinstlers Bildegeist.
Im treuen Gedenken an den lieben Schopfer dieser Skizze R. St.
Unter eine Skizze von Jacques de Jaager
November 1916
Rdtsel
Im Ersten suche der allumfassenden Welt Grund und Ziel.
Das Zweite erstrebest du, um dich als Mensch zu wissen;
Dem Ganzen sinne nach, und dir wird begreiflich:
Wie iiber sich zum Ersten sich hebet der Mensch.
(Ein Doppelwort; jedes Wort nur aus einer Silbe bestehend.)
3. Juni 1917
Fiir Mathilde Scholl
Conrad Ferdinand Meyer
Weil er den lebensvoll
Ergriffnen Stoff
In reins tes Formensein
Zu wandeln wusst',
Ergab sich seiner Form
Des Geistes Sein
In voller Lebenskraft.
9. Juli 1917 R. St.
Zur Erinnerung an schone Stunden
in herzlicher Freundschaft
Marie Steiner
Fiir Helene Rochling
in «Gedichte» von C. F. Meyer
Man sucht nach
der Weltenratsel Losung;
der Mensch ist selbst die Losung;
darum, wer sich selbst als Mensch
In Wahrheit recht erkennt:
erkennt der Welt Geheimnis.
1. August 1917 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Erna Bdgel
auf eine Photographie
Warum strebt, dunkler Sehnsucht
Folgend, nach Selbst-Erkenntnis
Des Menschen Seele?
Weil nicht im Ideen-Schein
Und nicht in Begriff-Gewebe
Der Welten Wesen fassbar.
Es liegt im Menschen-Selbst;
Enthiillt sich dieses,
So enthiillt sich der Welten Werdewesen.
1. August 1917 Dr. Rudolf Steiner
Fiir Helene Rdchling
auf eine Photographie
Im Weltenall
Webet des Menschen Wesenheit
Im Menschenkern
Waltet der Welten Spiegelbild
Das Ich verbindet beide
Und schaffet so
Des Daseins wahren Sinn.
GruiS an Frau Hahn von R. St.
Fiir Marie Hahn
Herbst 1917
Der Sonne Licht kraftigt der Erde Schopfung
Der Wahrheit Sonnenlicht kraftigt das Menschenherz.
Fiir Hedda Hummel
in «Von Seelenratseln»
1917
Im Sinnensein verbirgt
Des Geistes Wille sich
Und so erscheint es «Stoff».
In Menschen-Willenskraft
Verbirgt die Seelenwesenheit
Sich vor dem eignen «Ich».
Im schauenden Wollen
Im wollenden Schauen
Da findet die Seele
Sich selber, da finden
Die «Toten» sich
Mit den «Lebenden».
4. Januar 1918 Dr. Rudolf Steiner
Fur Eliza v. Moltke
in «Von Seelenrat$eln»
Am Werdetag treten an
Die Werdewesen uralter Zeit
Gedanken der Liebe tragen sie
Von Herz zu Herz
Und sie mo gen die Gedanken
Festigen zu tragender Erinnerung
an das Werdefest.
28. Januar 1918 fur Helene Rochling
Zum Geburtstag auf die
Zeichnung der Kabiren
Sich in der Welt
Schauend ergriinden,
Die Welt in sich
Lebendig finden:
1st Daseins-Tragekraft.
26. Marz 1918 Rudolf Steiner
Es fragen die Menschen
Nach des Weltratsels Losung
Und versaumen darob
Zu schauen, wie das Leben
In seinem Folge-Rhythmus
Dieses Ratsels
Wahre Losung ist.
26. Marz 1918 Rudolf Steiner
Fiir Hans Hasso v. Veltheim
auf eine Photographie
Nach der Welten Ratsel
Mufi fragen der Mensch;
Aber es loset sich nicht
In dem Worte oder Begriff. -
Des Menschen Seele schaue:
Sie ist selbst die Losung.
5. April 1918 Dr. Rudolf Steiner
Auf eine Photographie
fiir einen Freund
von Franz Gerner
Der Welten Ratsel
Man loset es nicht mit Wort und Idee allein
Den Menschen schauend
Ergreifet man die Losung im erkennenden Leben.
10. April 1918 Rudolf Steiner
Fur Johanna Miicke
in «Von Seelenratseln»
Das Ratsel der Welt will man losen?
Doch man loset es nur,
Wenn man schauend den Menschen erkennt
Den er ist selbst die Losung des Ratsels der Welt.
10. April 1918 Rudolf Steiner
Fur Helene Rochling
in «Von $eelenrat$eln»
Fercher von Steinwand
Im Chor der Urtraume zu ergreifen
Ideen, die zur Offenbarung werden
Des Kraftewesens, das im Urgetriebe
Dem Weltensein die Seele ist:
Das wollte dieser Dichter;
Und schon ist, ihm zu folgen
Durch Urtraume hindurch
in das Reich der Urtriebe.
1918
Im Weltgeheimnis schaut sich der Mensch,
Im Menschengeheimnis offenbart sich die Welt,
Fur Ludwig und Berta v. Polzer-Hoditz
ins Gdstebuch, Juni 1918
Warum strebt des Menschen
Suchende Seele
Nach Erkenntnis
Der hoheren Welten?
Weil jeder seeleentsprossene Blick
In die Sinneswelt
Zur sehnsuchtvollen Frage wird
Nach dem Geistessein.
Fur Johanna Miicke
in «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten? »
7. Juli 1918
Im freien Menschenwesen
Fasst das Weltall sich zusammen
Drum fasse dich mit freiem Sinne
Und du findest die Welt in dir
Trage dich in die Welt
Und durch dich wird der Geist der Welt!
E. M. am 15. Oktober 1918
zur Erinnerung R. St.
Fiir Edith Maryon
in «Die Philosophie der Freiheit»
Herzlich griiften die im Leibe
Herzlich im Geiste sendet
der Treugenosse aus dem Seelenland
Den Liebesgrufi:
Es findet im Geist der Mensch
Den Weg zum Licht der Seele
Im Licht der Seele
Das Wort des Gottes,
Das Stiitze ist in Freud und Leid.
Zum 19. Oktober 1918
Durch R. St.
Fur Pauline v. Kalckreuth
in «Die Philosophic der Freiheit»
zum Geburttag
Du willst «Gott» denken:
So spricht Goethes Seele;
Du stiirzest mit diesem Wollen
Dich in Widerspruch und Zweifel.
Du sollst «gottlich» denken;
Und «Gott» wirket in Dir:
So ahnte Goethe als Losung
Des Gottesratsels
Und so muss zur Losung
Denken Geisteswissenschaft.
E. M. zum 30. November 1918
Dieses Buches Verfasser
Fur Edith Maryon
in « Goethes Weltanschauung»
Wenn in hellen Geisteskreisen
Die Seele lasst waken
Des Denkens reine Kraft,
Ergreifet sie der Freiheit Wissen.
Wenn im voll erfassten Leben
Der frei bewusste Mensch
Sein Wollen zum Sein gestaltet,
So west der Freiheit Wirklichkeit.
7. Dezember herzlichst Dr. Rudolf Steiner
In Liebe Marie Steiner
Fiir Helene Rdchling
in «Die Philosophie der Freiheit»
7. Dezember 1918
Erkennt der Mensch sich selbst:
Wird ihm das Selbst zur Welt;
Erkennt der Mensch die Welt:
Wird ihm die Welt zum Selbst.
Dornach 24. Dezember 1918
Fiir Elisabeth Vreede
zum «Seelenkalender»
Es ist ein tief Verborgenes,
Ein durch alle Ewigkeit Gehendes,
Aber von dem dir Bewussten
Durch einen Abgrund getrennt.
Berlin 1918 Rudolf Steiner
Fur Pauline v. Kalckreuth
Suche im eignen Wesen:
Und du findest die Welt;
Suche im Weltenwalten
Und du findest dich selbst;
Merke den Pendelschlag
Zwischen Selbst und Welt:
Und dir offenbaret sich
Menschen-Welten- Wesen;
Welten-Menschen- Wesen.
Herzlichst gerichtet an den lieben Freund
Hans Reinhart
27. Februar 1919 Rudolf Steiner
In deiner Seele Innerem suche:
Du findest die Ratsel der Welt;
Und dann vertrau' dem Leben
Und lass' von ihm dich belehren:
Du 1 e b s t dann der Weltenratsel
Losung.
1. April 1919 Rudolf Steiner
Fur Familie Rietmann
ins Gastebuch
Suche im Umkreis der Welt
Und du findest dich als Mensch,
Suche im eignen menschlichen Innern
Und du findest die Welt.
Fur Anna Samweber
19. Juni 1919
Suche im Innern das Lichtvolle,
Und du findest die Welt;
Suche im Aufiern das Sinnvolle,
Und du findest dich selbst.
Stuttgart, 1. September 1919
Rudolf Steiner
Fur Hans Kiihn
in «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
28. Januar 1920
Fur Helene Rochling:
Die Jahre fliefien in den Zeitenstrom,
Dem Menschen lassen sie Erinnerung;
Und im Erinnern webt der Seele
Sich Sein mit Lebenssinn zusammen.
Erleb 1 den Sinn; vertrau dem Sein:
Und Weltenwesen wird deinen
Daseinskern mit sich vereinen.
Zum Gehurtstag
Wenn du auf den Geist des Weltenseins
Dein Augenmerk zu lenken dich bemiihst
So wirst du dich selber finden
Als freier Mensch im Schicksalsfelde.
Wenn du dich abwendest von ihm
Und nur auf des Tages Scheinwesen
Den Sinn gerichtet halten wirst
So wirst du dich verlieren
Als Menschenbild im Schicksalsspiele.
Fiir Mieta Waller zum Geburtstag
18. Februar 1920
Der Mensch findet, erkennend die Welt, sich selbst,
Und erkennend sich selbst, offenbart sich ihm die Welt.
Fur Wilhelm Nedella
25. Februar 1920
Dornach (Canton Solothurn)
27. Februar 1920
Der weifien Rasse neues Morgenrot
Wird im Erdgebiet sich offenbaren
Erst wenn dieser Rasse Wissende
Erfiihlen der Seele Band mit dem Geist;
Und in ihnen wirken wird
Empfindung von der Schande,
Die Seelen schwarzt, wenn sie
Das Menschenwesen durch Materien-Sinn
Begreifen wollen.
Fiir Richard Teschner
zh seiner Bilderserie
«Drei Kulturrassen»
Der weifien Rasse neues Morgenrot
Wird im Erdgebiet sich offenbaren
Erst wenn dieser Rasse beste Menschen
Den Materien-Sinn empfinden
Als beschamend, weil er erloscht
Das Bewusstsein vom wahren Menschenwesen.
Entwurf
Erkenne dich selbst
Und du findest die Geheimnisse der Welt;
Beschaue die Welt
Und du findest die Geheimnisse des Selbst.
18. Juli 1920, Dornach
Fur Ludwig Noll zum Gehurtstag
Der Mensch findet
Des Ewigen Grund,
Wenn er, mit vollem Vertrauen,
In seines Wesens Tiefen ahnet
Des Gottes Werk. -
17. August 1920 Rudolf Steiner
Fur Carola Nedella
auf eine Pbotographie
Willst du die Welt erkennen:
Blicke zuerst ins eigne Herz;
Willst du dich selbst erkennen:
Blicke richtig ins WeltenalL -
17. August 1920 Rudolf Steiner
Fur Wilhelm Nedella
auf eine Photographic
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Welterkenntnis, Selbsterkenntnis :
Von der Einen hin zur Andern
Pendelt fragend Seelensehnsucht.
Scheint ihr oft zu winken trostlich
Losung ihrer Daseinsratsel:
Schon die nachste Pendelschwingung,
Sie gebiert ihr aus der Losung
Nur ein neues Lebensratsel.
Doch wenn statt im Welterkennen
Nach den Daseinsuntergriinden,
Und auch statt im Selbstergriinden
Nach des Menschen ew'gen Wesen:
Sie in Weltenweiten Selbstheit
Sucht, und in dem Selbst das Weltall;
Sie erreicht des Wissens Ziele
Zwar nicht; doch ihr werden Wege
In das L e b e n der Erkenntnis
Sich erschliefien; seelentragend
geisterhebend, weltenweisend.
Dornach, Oktober 1920: Goetheanum
Dr. Rudolf Steiner
Fur die Berner Freistudenten
ins «Goldene Buch»
Heilsam ist nur, wenn
Im Spiegel der Menschenseele
Sich bildet die ganze Gemeinschaft
Und in der Gemeinschaft
Lebet der Einzelseele Kraft.
5. November 1920 Rudolf Steiner
Fur Edith Maryon
in «In Ausfiihrung der Dreigliederung ...»
Den wirkenden Geist
An die Stelle des gedachten setzen
Heifit in dieser Zeit
Die soziale Grundforderung empfinden.
Fur Edith Maryon
in «Die soziale Grundforderung unserer Zeit»
1921
In der Kunst erlost der Mensch
Den in der Welt gebundenen Geist.
In der musikalischen Kunst erlost der Mensch
Den in ihm selbst gebundenen Geist.
Zur freundlichen Erinnerung und fur die
musikalische Probe dankend, 30. August 1921
Fiir Franz Langer
Thomastik-Quartett Wien
Erinnerung und Liebe
Sie stellen den Menschen
In das Erdeleben
Sie fiihren ihn
Wieder zum Geist zuriick,
Wenn Erinnerung im Bilddenken
Und Liebe in Seelenhingabe
Sich dem Sinnessein entreifien.
Zum 28. Januar 1922
Rudolf Steiner Marie Steiner
Fiir Helene Rochling
Des Innern Wesen erkenne
In den Welten-Geistes-Griinden;
Und der Welten Innenkraft,
Es kann sie dir verkiinden
Das Forschen in eigner Seelenmacht.
So such' im Aufieren das Innere
Und in dem Eigenen die Welt.
Zur Erinnerung an die Tage
des Februaranfanges 1922
Fur Carl und Johanna v. Keyserlingk
ins Gdstebuch
Fur Edith Maiyon zura 26. Dezember 1922
Als der Mensch erf and wie die Welt
In Atome endlos zerstiebt,
Verband sich sein Erkennen
Mit dem Tode der Natur;
Er soli nun streben in dem Geiste
Zu finden, was Zerstiebtes iiberwindet,
Und er wird sein Erkennen
Richten nach dem Werden der Welt.
Rudolf Steiner
Es traget im Keime
Der Mensch die Weltenzukunft
Wenn er seiner Taten Sinn
In Gedankenkraft wandelt
Und durch des Gedanken Auge
Die Geistessonnenkraft schaut.
Dornach, 28. Januar 1923
Segenswiinsche fur's neue Lebensjahr
Marie Steiner
Fiir Helene Rdchling
Edith Maryon zum 9. Februar 1923:
Des Menschen Krafte sind zweifach geartet;
Es geht ein Strom von Kraften nach Innen:
Er gibt Gestalt und innres Wurzelsein;
Es geht ein Strom von Kraften nach Aufien:
Er gibt das Wohlsein und Lebenslichterhellung;
Drum denke sich als leichten Lichtmenschen
Wen die Bildekrafte des schweren
Kdrpermenschen plagen.
Rudolf Steiner
Zum Geburtstag
Selbsterkenntnis
wurzelt in Welterkenntnis
Welterkenntnis spriefit aus
Selbsterkenntnis.
Rudolf Steiner
Fur Ludwig v. Polzer-Hoditz
ctuf eine Photographie, April 1923
Es bedarf der Mensch der innern Treue,
Der Treue zu der Fiihrung der geistigen Wesen.
Er kann auf dieser Treue auferbauen
Sein ewiges Sein und Wesen
Und das Sinnensein dadurch mit ewigem Licht
durchstromen und durchkraften.
Der lieben Familie Rietmann
12. April 1923 Rudolf Steiner
In das Gdstebuch
Suchest du die Welt
So erforsche das eigne Herz
Willst du die eigne Seek kennen,
So suche in der Welt nach alien Seiten.
1. Mai 1923
Fiir Hermine Kitha, Prag
Im Leben gibt es Augenblicke,
In denen sich fiir Menschen Vieles
Zur wichtigen Entscheidung bringt;
Sind gluckesvoll diese Augenblicke,
Dann wird der Lebenswert
Nur umso grofier sein,
Wenn sie der Mensch nicht blofi geniefien,
Sondern im stillen Denken
Zur wirksamen Selbsterkenntnis
Kraftvoll gestalten will.
3. Juni 1923
Goetheanum Rudolf Steiner
Fiir Ilona Bogel
& 4Umj elm Mr »w
Willst du die Welt erkennen:
Blick ins eigne Innre;
Willst du dich selbst durchschauen:
Schau in die Welt.
Stuttgart, 16. Oktober
Rudolf Steiner
Handschriftenprobe fur das
Preufiische Staatsarchiv
1923
Wir Menschen der Gegenwart
Brauchen das rechte Gehor
Fur des Geistes Morgenruf,
Den Morgenruf des Michael.
Geist-Erkenntnis will
Der Seele erschliefien
Dies wahre Morgenruf-Horen.
Der lieben Familie Rietmann
21. Oktober 1923
Rudolf Steiner M. Steiner
Du soil' st es wagen
Kiihn mit dem Adler
Nach Weltenratseln zu fragen;
Doch auch nicht verzagen
Wenn in Erwartung der Antwort
Du Lammsgeduld musst ertragen.
15. Dezember 1923 Rudolf Steiner
Auf einem Entwurf zu einem Schmuckstiick
fur Andreas v. Grunelius
Willst du die Welt erkennen
Such' in des eignen Herz ens Tiefen;
Willst du das eigne Wesen schauen
Wandle durch der Welten Ratsel!
Januar 1924 Rudolf Steiner
Fiir eine Anthroposophin in Amerika
auf eine Photographie
Es deuten die Herzen das Karma
Wenn die Herzen lernen
Lesen das Wort
Das in Menschenleben
Gestaltet
Wenn die Herzen reden
Lernen das Wort
Das im Menschenwesen
Gestaltet.
An meine Mysa
27. Februar 1924 Rudolf Steiner
Fur Ita Wegman
auf eine Photographie
An Marie:
Geburtstagsspruch zum 14. Marz 1924
Wer in rechtem Sinne zahlen kann
Seines Lebens hingeschwund'ne Jahre,
Dem verkiindet sich der Geistesschritte
Gottes-Zahl, durch die er irdisch wandelt
Zu dem Lichtesziel, das Seelen vorgesetzt
In dem Daseinsbuche, in dem gezeichnet
Alles Menschenwerden seit den Ewigkeiten.
Rudolf St.
Fiir Marie Steiner
In Liebe zum Hause in Koberwitz
Zu guter Anthroposophen Edelsitz
Kamen wir von Neuem
Suchend die Herzen, die treuen
Zu pflegen den Tatengeist
Der in diesem Hause beste Wege weist.
Die Liebe, die wir fanden,
Wird bilden schonste Banden.
In allerherzlichstem Dank
Rudolf Steiner Marie Steiner
Zum Abschied nach der Pfingsttagung, 17. Juni 1924
fur Carl und Johanna v. Keyserlingk ins Gastebuch
King Arthur's Castle Hotel
Tintagel, Cornwall
Mein lieber Herr Steffen,
Von vielsagenden Burgestriimmern kommen wir,
Hier safien einst die alten Damonenbesieger
Verstarkend des Fiihrers Kraft durch die Sternen-Zwolf .
Die Burgen sind in Trummern,
Die Astralmoral ist verstummt;
Doch Geisteskraft wuchtet urn den Berg,
Und Seelenbildemacht stiirmt vom Meer. -
Zaubrisch wechselnd sind Licht- und Liifteringen,
Die kraftig zu der Seele dringen
Auch heute nach dreitausend Jahren:
Und aus der Elemente Erinnerungsbildern
Senden wir Ihnen in treuer Gesinnung
Und Herzlichkeit liebevolle Griifie
Rudolf Steiner
17. August 1924
Fiir Johanna Miicke
Zum 29. Oktober 1924
Sechzig Jahre - Weltenwanderung
Die Dich lieben, blicken
Auf Miihen und Sorgen zuriick,
Die Dir reichlich beschieden waren. -
Doch sie schauen auch freude-bewegt
Wie Du aus der Weltenwanderung
Einen wahren, echten, tatgetragnen
Menschen zu bilden vermochtest. -
Und ein reichlich Teil
Deiner Weltenwanderung
Gemeinsam mit unsrer
Zu verlaufen, war ihr Schicksal.
So nimm' denn hin
Des Herzens innig'sten Festesgrufi;
Er ist aus der Liebe zu Dir,
Die in Jahrzehnten erhartet,
Geformt, und dringt zu Dir
In Seelemwarme, die an
Schatzung Deines Wesens
Sich stets neu erbildet.
Zum Gehurtstag
Guter Gedanken Licht
Erhelle Euch den Weg
Gedanken, die durch Michaels Kraft
Die Menschen in ihrem Wesen
Dem Gottlich-Geistigen erhalten
Das ihnen der Welten Tore erschlossen.
Fur Wilhelm Lewerenz und Maria Brouwer
zur Trauung, 25. November 1924
GEBETE UND SPRUCHE
FUR
MUTTER UND KINDER
Fur werdende Mutter
Von den Hohen wirkendes Geistgestirn
In dem Umkreis schaffende Sonnenmacht
Aus den Tiefen strebende Gottgewalt
Schenken dem Menschenkeime
Segnend, heilend, belebend
Des Leibes Tempelbau.
Aus frei waltendem Geisteslicht
In Liebe spendender Seelenkraft
Durch Treue geheiligten Opferwillen
Schafft der Mensch dem Menschenkinde
Des Leibes Nahrung
Der Seele Werden
Die Erdenzukunft dem Gottergeschopf.
Welten opfern
Geister segnen
Ich-Wille wirket
Heil dem Geist-gesegneten
Wort-belebten
Gott-geborenen
Menschensohn.
undatierbar
Fiir die Mutter
Vor der Geburt
Und des Kindes Seele,
Sie sei mir gegeben
Nach Eurem Willen
Aus den geistigen Welten.
Nach der Geburt
Und des Kindes Seele,
Sie sei von mir geleitet
Nach Eurem Willen
In die geistigen Welten.
undatierbar
Zu sprechen von der Mutter fur das Kind
In Dich strome Licht, das Dich ergreifen kann.
Ich begleite seine Strahlen mit meiner Liebe Warme,
Ich denke mit meines Denkens besten Frohgedanken
An Deines Herzens Regungen.
Sie sollen Dich starken,
Sie sollen Dich tragen,
Sie sollen Dich klaren -
Ich mochte sammeln in Deinen Lebensschritten
Meine Frohgedanken,
Dass sie sich verbinden Deinem Lebenswillen
Und er in Starke sich finde in aller Welt
Immer mehr durch sich selbst.
undatierbar
Kinder gebete
Fur jkngere Kinder
Morgens
Sell ich die Sonne
Denk ich Gottes Geist
Ruhr ich die Hand
Lebt in mir Gottes Seele
Mach ich einen Schritt
Wandelt in mir Gottes Wille.
Und wenn einen Menschen ich sehe,
Lebt Gottes Seele in ihm.
Und so lebt sie auch
In Tier und Planze und Stein.
Nimmer Furcht kann mich erreichen
Wenn ich denke Gottes Geist
Wenn ich lebe Gottes Seele
Wenn ich wandle in Gottes Willen.
1908/09
Abends
Vom Kopf bis zum Fufi
Bin ich Gottes Bild
Vom Herzen bis in die Hande
Fiihl ich Gottes Hauch
Sprech ich mit dem Mund
Folg ich Gottes Willen
Wenn ich Gott erblick
Uberall, in Mutter, Vater,
In alien lieben Menschen
In Tier und Blume
In Baum und Stein,
Gibt Furcht mir nichts
Nur Liebe zu allem
Was um mich ist.
S*<uyu HlHf" ~ ****
Tit** t***^
mo
lib* r
TISCHGEBET
Es keimen die Pflanzen in der Erdennacht
Es sprossen die Krauter durch der Luft Gewalt
Es reifen die Friichte durch der Sonne Macht
So keimet die Seele in des Herzens Schrein
So sprosset des Geistes Macht im Licht der Welt
So reifet des Menschen Kraft in Gottes Schein.
1908/09
Der Sonne Licht durchflutet
Des Raumes Weiten,
Der Vogel Singen durchhallet
Der Luft Gefilde,
Der Pflanzen Segen entkeimet
Dem Erdenwesen,
Und Menschenseelen erheben
In Dankgefiihlen
Sich zu den Geistern der Welt.
Es tragen Lichtgewalten
Mich in des Geistes Haus.
Um mich leben viele Wesen
Um mich sind viele Dinge
In alien will ich sehen
Wie Gott der Welt
Zu mir und alien Menschen
Sprechen will.
In meinem Herzen auch
Spricht Gott der Welt
Und spricht am besten
Wenn ich lieben kann
Alle Menschen und alle Wesen.
Gebet fur Hannchen Hagemann
10. Mai 1912
ABENDGLOCKENGEBET
Das Schone bewundern
Das Wahre behuten
Das Edle verehren
Das Gute beschliefien:
Es fuhret den Menschen
Im Leben zu Zielen
Im Handeln zum Rechten
Im Fuhlen zum Frieden
Im Denken zum Lichte;
Und lehrt ihn vertrauen
Auf gottliches Walten
In allem, was ist
Im Weltenall
Im Seelengrund.
Fiir den 7-jdhrigen Pierre Grosheintz
1913
Es freuet sich das Menschenauge
Am Schein der leuchtenden Sonne
So freue sich die Seele auch
Am Gottesgeiste, der in allem lebt
Als die unsichtbare Sonne,
Die jedem Wesen liebend leuchtet.
Mit herzlichem Gedenken
Paul Helmuth zum 2. Mai 1914
Dr. Rudolf Steiner
Fur Paul Helmuth v. Bethusy-Huc
zum 11. Geburtstag auf eine Photograpbie
Wie die Blut' und Frucht,
Vom Sonnengeist gereift,
Sich dem Pflanzenstamm entringt;
So entsteigt der Wahrheit Lichtesbliite
Dem Seelenstamm des Menschen,
Vom Gottlich-Guten wohlgepflegt.
Drum strebt nach Wahrheit
Ein jeder gute Mensch,
Gleichwie zum Lichte
Die Pflanze streben muss;
Will sie vor dem Bluhen nicht verdorren.
Fiir den 11-jdhrigen Jan Lagutt
Herbst 1914
21. November 1916
Dies, mein lieber Hansi
schreibe dir in deine Seele:
Dass ich mit frohem Blick
Den Strahl der Sonne schau',
Der vom runden Dach
Auf geistgeweihtem Bau
Mir in das Auge fallt:
Die mich in seinem Umkreis lieben
Bei meiner Lebensjahre erster Sieben
BegriiKen sie es liebevoll.
Dass ich mit fleifiigem Sinn
Viel Rechtes lernen mag,
Und, wahrem Geisteswort zu folgen,
Der Seele Kraft mich trag'
In gutem Menschenleben:
Die mich in meinem Umkreis lieben,
Zu meiner Lebensjahre zweiter Sieben
Erwiinschen sie es liebevoll.
Rudolf Steiner
Fur Jean (Hansi) Grosheintz
zum 7. Geburtstag
Morgengebet
Sonne, du leuchtest iiber meinem Haupte,
Sterne, ihr scheinet iiber Feld und Stadt,
Tiere, ihr reget und beweget euch auf der Erdenmutter,
Pflanzen, ihr lebet durch die Erd- und Sonnenkraft,
Steine, ihr festigt Tier und Pflanze
Und mich, den Menschen,
Dem des Gottes Macht
Lebt in Kopf und Herz,
Der mit Gottes Kraft
Durchwandelt die Welt.
Fiir die Kinder der Familie Heisler
2. Juni 1919
Abendgebet
Mein Herz dankt,
Dass mein Auge sehen darf,
Dass mein Ohr horen darf,
Dass ich wachend fuhlen darf
In Mutter und Vater,
In alien lieben Menschen,
In Sternen und Wolken:
Gottes Licht,
Gottes Liebe,
Gottes Sein,
Die mich schlafend
Leuchtend
Liebend
Gnadespendend schiitzen.
Fur die Kinder der Familie Heisler
2. Juni 1919
Zum 21. November 1919
In meinen Gedanken lebe der Vorsatz:
Dass Tiichtigkeit des Mannes in mir
Zur rechten Lebensarbeit erwachs.
Des Lernens und Strebens dazu
Will ich nicht erlahmen.
In meinem Wollen lebe das Gefiihl:
Dass vieles im Dasein zu leisten
Des Menschen wahres Erden-Ziel;
Und alles Daseins Bliiten-Kraft
Aus Fleifies-Wurzeln wachsen muss.
Wenn ich erwachsen einstens bin,
Dann werd ich sehen, wie wahr
Solch Denken und Fiihlen
Im Jugendalter ist;
Und wie es stark durch's Leben tragt.
Rudolf Steiner
Mit herzlichem Geburtstagsgrufi
an Hansi Grosheintz
Zum 10. Geburtstag
Der Sonne Licht
Es hellt den Tag
Nach finstrer Nacht:
Der Seek Kraft
Sie ist erwacht
Aus Schlafes Ruh':
Du meine Seele
Sei dankbar dem Licht
Es leuchtet in ihm
Des Gottes Macht;
Du meine Seele
Sei tiichtig zur Tat.
David:
Die Sonne sendet
Zur Erde Licht
Der Gottes-Geist
Er strahlet hell
Im Sonnenlicht
Die Pflanzen trinken
Das Sonnenlicht
So wachsen sie
Auf Feld und Berg
Als Gottes Werk.
Und auch der Mensch
Er tragt in Herz
Und Seele Gott
Und seine Hande
Bewegen sich
Durch Gottesgeist
Ich liebe ihn
Den Gottesgeist
In Herz und Handen
In Sonn' und Mond.
Die Sonne sendet
Zur Erde ihr Licht,
Der Gottesgeist
Er strahlet hell
Im Sonnenlicht.
Die Pflanzen trinken
Das Sonnenlicht,
So wachsen sie
Auf Feld und Wiese
Und sind des Gottesgeistes
Geliebte Kinder.
Und Menschen tragen
Im Herzen und in der Seele
Den Gottesgeist,
In ihren Handen
Da wirket der Gottesgeist.
Ich liebe den Gottesgeist
Weil er in mir lebet.
Die Sonne gibt
Den Pflanzen Licht,
Weil die Sonne
Die Pflanzen liebt.
So gibt Seelenlicht
Ein Mensch andern Menschen,
Wenn er sie liebt.
Ich schau in die Sternenwelt -
Ich verstehe der Sterne Glanz,
Wenn ich in ihm schauen kann
Gottes weisheitvolles Weltenlenken.
Ich schau' in's eigne Herz -
Ich verstehe des Herzens Schlag,
Wenn ich in ihm spiiren kann
Gottes gutevolles Menschenlenken.
Ich verstehe nichts vom Sternenglanz
Und auch nichts vom Herzensschlag
Wenn ich Gott nicht schau' und spiire.
Und Gott hat meine Seele
Gefiihrt in dieses Leben;
Er wird sie fuhren zu immer neuen Leben:
So sagt, wer richtig denken kann.
Und jedes Jahr, das man weiter lebt
Spricht mehr von Gott und Seelenewigkeit.
Fur den 9-jdbrigen Herbert Kleinhans
9. August 1920
Taufspruch
Deines Denkens Licht,
Es beginnet zu Ieuchten
Auf deinem Lebensweg.
Ich will es sinnend lenken
In deinen Geistesstrom.
Deines Fiihlens Warme,
Sie beginnt zu stromen
Auf deinem Lebensgrunde.
Ich will sie sinnend lenken
In deinem Seelenweben.
Deines Willens Kraft,
Sie beginnt zu wirken
In deinen Lebensgliedern.
Ich will sie sinnend lenken
In dein ganzes Menschenwesen.
Fiir Jiirgen Dietrich Goyert
2. August 1920
Brenda:
Vom Kopf bis zum Fufi
Bin ich Gottes Kind;
Und Gott liebe ich
In alien Dingen:
In Stein und Pflanze,
In Tier und Mensch;
In Sternen und Wolken,
In Sonne und Mond.
In meinem Herzen
Lebt auch Gott,
Ich will ihm folgen
In allem meinem Tun.
Fur Brenda Binnie
1921
Vom Kopf zum Fufi
Durch Herz und Hand
Bin ich Gottes Kind
In Sonne und im Monde
In Stern und Stein
Fiihl ich Gottes Kraft
In Vater und in Mutter
In alien lieben Menschen
Lebt mir Gottes Wille.
So will auch ich
Als Gottes Kind
Durch Gottes Kraft
Nach Gottes Willen
Leben und sprechen
Und was ich soli
Gott getreu auch tun.
Vom Kopf bis zum Fufi
Bin ich Gottes Kind
Im Herzen und der Seele
Bin ich Gottes Kind
In Wolke und Wind
Empfind ich Gottes Kraft
In Stein, Tier und Pflanze
Schau ich Gottes Wesen
Und in Vater, Mutter
Und in alien lieben Menschen
Fiihl ich Gottes Giite.
Fiir den etwa 8-jdhrigen Gordon Grey
1922
Oben stehet die Sonne
Sie schenkt mir liebes Licht
Im Lichte gibt mir Gott
Die edle Kraft des Lebens
Und des Gottes Kraft
Sie strahlet iiberall
In jedem Stein
In alien Pflanzen
In Tieren und Menschen.
Und wenn auch
In meinem Herzen
Die Liebe wohnen kann
Dann ziehet Gottes Kraft
Auch in mich selbst hinein.
Die hohe Gotteskraft
Die Christus den Menschen
Auf Erden hat geschenkt.
Fur 9-jdhrigen Sandroe Stoughton
Ilkley, 12. August 1923
Das Licht macht sichtbar
Stein, Pflanze, Tier und Mensch,
Die Seele macht lebendig
Kopf, Herz, Hand und Fufi.
Es freut sich das Licht,
Wenn Steine glanzen,
Pflanzen bliihen, Tiere laufen
Und Menschen Arbeit leisten.
So soli die Seele sich freuen,
Wenn das Herz sich warmend weitet,
Gedanken lichtvoll spriessen
Bewusster Wille wirkt.
November 1923
Es keimen die Pflanzen
Im Erdengrund,
Es zieht die Sonne
Aus Finsternis
Sie in das Licht:
So keimet das Gute
Im Menschenherzen
Es zieht die Seele
Aus Geistesgriinden
Die Strebenskraft.
November 1923
Es keimen die Pflanzen im Erdengrund
Es stromen die Regen aus Himmelshohen
Es keimt die Liebe im Menschenherzen
Es stromt die Weisheit in Menschengeister.
undatierhar
Kindergebet
Wie die Sonne am Himmel
Taglich das Licht der Erde sendet,
So soil meine Seele taglich
Sich zu rechtem Tun ermahnen;
Dass ich werde ein ganzer Mensch:
Leib, Seele und Geist
Fiir Zeit und Ewigkeit.
5. April 1924
Viele Sterne am Himmel
Sprechen von Geistes Schonheit;
Die Sonne im Weltenraum
Spricht von Geistes Macht;
Der Mond im Nachtedunkel
Spricht von Geistes Wegen.
Rudolf Steiner
Goetheanum, 4. Dezember 1924
Fiir die 7-jdhrige Sarah Spock-Jordy
Inge:
Wer lasst die Pflanzen bliihen?
Das ist Gottes Weishek.
Wer lasst die Menschen leben?
Das ist Gottes Liebe.
Wer lasst die Sonne kreisen?
Das ist Gottes Macht.
Wer lasst die Wolken ziehn?
Das ist Gottes Wille.
Und so lebe mir
In meines Herzens Tiefen:
Gottes Weisheit
Gottes Liebe
Gottes Macht
Gottes Wille
Dass ich werde
denkend
liebend
kraftig
gut.
Fur die 10-jdhrige Ingeborg Goyert
1924
In meinem Herzen wohnt gottliche Seelenkraft,
In meinem Haupte wohnt gottliches Geisteslicht,
In meinen Handen wohnt gottliche Willensmacht.
Dies alles darf ich nie vergessen.
undatierbar
Mit meinen Augen
Beschaue ich die Welt
Des Gottes schone Welt
Und danken muss mein Herz
Dass es leben darf
In dieser Gotteswelt
Dass ich erwachen darf
In des Tages Helligkeit
Und des Nachts ich ruhen darf
In Gottes Seligkeit.
undatierbar
SPRUCHE
FUR DEN UNTERRICHT IN DER
FREIEN WALDORFSCHULE
Die Jugend erziehen,
Heifk im Heute das Morgen,
Heifit im Stoffe den Geist,
Hetfk im Erdeleben
Das Geistessein pflegen. 1920
Meine Gedanken fliegen zur Schule hin
Dort wird mein Korper gebildet
Zur rechten Tatigkeit
Dort wird meine Seele erzogen
Zur rechten Lebenskraft
Dort wird mein Geist erweckt
Zum rechten Menschenwesen.
Juli 1920
Morgenspruch fur die vier unteren Klassen
Der Sonne liebes Licht,
Es hellet mir den Tag;
Der Seele Geistesmacht,
Sie gibt den Gliedern Kraft;
Im Sonnen-Lichtes-Glanz
Verehre ich, o Gott
Die Menschenkraft, die Du
In meine Seele mir
So giitig hast gepflanzt,
Dass ich kann arbeitsam
Und lernbegierig sein.
Von dir stammt Licht und Kraft,
Zu dir strom' Lieb' und Dank.
September 1919
Morgenspruch fiir die oberen Klassen
Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fuhlend leben,
In der der Mensch beseelt,
Dem Geiste Wohnung gibt;
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn'- und Seelenlicht
Im Weltenraum, da draufien
In Seelentiefen, drinnen. -
Zu dir o Gottesgeist
Will ich bittend mich wenden,
Dafi Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse. -
September 1919
Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen,
Es strahlet die Geistessonne den Menschenseelen,
Die Erdenwesen, sie hungern nach Sonnenhelle,
Die Menschenseelen, sie diirsten nach Geistessonne,
Und Sonnenhelle, sie nahret die Erdenwesen,
Und Geistessonne, sie tranket die Menschenseelen.
Entwurf eines ersten Spruches
fur den altsprach lichen Unterricht,
unvollendet, Juni 1922
Wer der Sprache Sinn versteht,
Dem enthiillt die Welt
Im Bilde sich;
Wer der Sprache Seele hort,
Dem erschliefit die Welt
Als Wesen sich;
Wer der Sprache Geist erlebt,
Den beschenkt die Welt
Mit Weisheitskraft;
Wer die Sprache lieben kann,
Dem verleiht sie selbst
Die eigne Macht.
So will ich Herz und Sinn
Nach Geist und Seele
Des Wortes wenden;
Und in der Liebe
Zu ihm mich selber
Erst ganz empfinden.
Einleitungsspruch fur den Unterricbt in Griechiscb und Latein
an der Freien Waldorfscbule, November 1922
Es keimen die Wurzeln in der Erde Nacht
Es sprossen die Blatter durch der Luft Gewalt
Es reifen die Friichte durch der Sonne Macht
So keimet die Seele in des Herzens Schrein
So sprosset des Menschen Geist im Licht der Welt
So reifet des Menschen Kraft in Gottes Schein
Und Wurzel und Blatt und der Friichtesegen
Sie halten des Menschen Erdenleben
Und Seele und Geist und Kraftbewegen
Sie mogen sich dankend zu Gott erheben.
Amen. -
Fiir die Lehrer des freien christlichen
Religionsunterrichts
Weihnachten 1922
Im hellen Sonnenlichte,
Das Kraft der Erde bringt;
Im griinen Pflanzenwesen,
Das aus den Tiefen dringt,
Und auch in Weltenweiten,
Die Sternen Wohnung geben,
Und in dem Menschenauge,
Wo Sinneskrafte weben:
Da arm' ich Gotteswalten,
Das mir im Geist erscheinet,
Mit dem in Seelengriinden
Mein ganzes Sein sich einet;
Dass so selbst Geist ich werde
Als Mensch im Stoff der Erde.
Zum Beginn der Stunden
des freien ReligionsHnterrichtes
an der Waldorf schule, 1923
2k IdlXts* chr ^UuAuJ^Y
ty* tuHyvn Jv+C£t*Q ticuu^fi'
Fur die Schiiler der 12. Klasse zu ihrem Abschluss
In den Weiten der Lebenswege
Soli sich spiegeln,
Was im lieben Jugendhause
Wie das Siegel
Echten Menschenwesens
In das Herz
Sich gepragt.
In der Tiefe der Erinnerung
Soil sich stark erweisen,
Was die Seele durfte finden
In Herzenskreisen -
Durch die Geistesfuhrerschaft,
In den Kraften
Lieber Lebensschulung.
April 1924
ANHANG
Zur Editionsgeschichte der Spruchdichtungen
Zu dieser Ausgabe
Zur Textgestalt des «Seelenkalenders»
Hinweise und Lesarten
Personenregister
Alphabetisches Register der Spriiche
ZUR EDITIONSGESCHICHTE
DER SPRUCHDICHTUNGEN
Rudolf Steiner selber hat von seinen Dichtungen einzig die
«Vier Mysteriendramen» (1910-1913) und die 52 Wochen-
spriiche des «Seelenkalenders» (1912) veroffentlicht; ferner als
Manuskriptdruck nur fiir Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft die Gedichte «Planetentanz - Zwolf Stimmungen
- Das Lied von der Initiation* (1916), sowie seine Ubertragung
des norwegischen Traumliedes «01af Asteson» (1916). Die
dariiber hinaus hinterlassene Fulle von Gedichten und Sprii-
chen konnte jedoch bisher noch nie gesamthaft veroffentlicht
werden, da sie bis in die jiingste Zeit hinein nicht wirklich voll-
standig iiberschau- und verfiigbar gewesen war. Der Grund
hierfur liegt in dem Umstand, dafi sie in den allerverschieden-
sten Zusammenhangen entstanden ist:
1) Sehr viele Spriiche sind in Vortragen gegeben worden, in
offentlichen Vortragen, in Vortragen fiir die Mitglieder der
Anthroposophischen Gesellschaft und fiir esoterische Ar-
beitskreise. Oft hat Rudolf Steiner den Grund- oder Zielge-
danken eines Vortrages kunstlerisch gestaltet und dadurch
seinen Zuhorern noch einen anderen Zugang zu dem
Quellort des Gedankens eroffnet.
2) Spriiche mit mantrischem Charakter gehoren zum Funda-
ment des Lebens in der Anthroposophischen Bewegung,
und wurden als solche den verschiedensten Arbeitszusam-
menhangen gegeben.
3) Eine eigene Gattung bilden jene Spriiche, die in Ansprachen
eingebettet sind, die Rudolf Steiner bei Bestattungen von
anthroposophischen Freunden gehalten hat.
4) Viele einzelne Menschen erbaten und erhielten Meditatio-
nen fur ihre innere Entwicklung als personliche Schuler
Rudolf Steiners. Die erhaltenen Handschriften haben sie ein
Leben lang gehutet.
5) Eine editorisch besonders schwierige Klasse sind die vielen
personlichen Widmungen, etwa in Biicher, in Stamm- und
Gastebiicher, aucb auf Portrait-Photographien von Rudolf
Steiner, wie dies noch in der ersten Halfte des 20. Jahrhun-
derts gang und gabe war. Die meisten Widmungen sind
wohl spontan auf Bitten hin entstanden, aber gelegentlich
hat Rudolf Steiner auch einen besonders schonen Spruch
auf ein Blatt geschrieben und von sich aus jemandem ge-
schenkt, etwa zu Weihnachten oder zu einem Gedenktag.
Diese Originale gingen in alle Welt und sind erst im Laufe
der Jahrzehnte an Marie Steiner und in das Rudolf Steiner-
Archiv zuriickgekommen.
6) Ferner gibt es eine ganze Reihe von Spriichen, die sich
Rudolf Steiner in seine uber 600 Notizbiicher geschrieben
hat, ohne sie mitzuteilen. Diese Notizbiicher enthalten aber
auch viele der bekannt gewordenen Spriiche, meist als zu
Ende durchgearbeitete Entwiirfe.
7) Gedichtet im engeren Sinne hat Rudolf Steiner vor allem fiir
die Eurythmie und hat so die geistgetragene Lyrik, etwa
eines Novalis, zu einem neuen Hohepunkt gefiihrt. Hierher
gehort aber auch schon der «Seelenkalender», der zeitlich
etwas vor der Entstehung der Eurythmie liegt. - Dichtun-
gen dieser Art gibt es nur einige wenige, und dies meint
Marie Steiner, wenn sie in ihrem Vorwort (s. unten) sagt:
«Das Wenige, was wir von ihm besitzen, ...».
Die Arbeit, die notig war, um diese weit verstreuten Dichtun-
gen - sowohl geographisch als auch im Werk selber, etwa
in sechstausend Vortrags-Nachschriften - zusammenzutragen,
war betrachtlich und wurde zu einem guten Teil bereits von
Marie Steiner selber geleistet. Heute, siebzig Jahre nach Rudolf
Steiners Tod, kann es nun als sicher gelten, dafi diese Fiille wei-
testgehend bekannt und erfafit ist, mit der Einschrankung, dafi
im Laufe der Jahrzehnte manches verlorengegangen ist, insbe-
sondere durch die Zerstorungen im Weltkrieg, oder dafi Ver-
einzeltes doch auch noch auftauchen wird. - Den ProzeiS des
Zusammentragens kann man an den verschiedenen Editionen
verfolgen. Die friihe Phase spiegelt sich in den Vorworten
Marie Steiners fur die von ihr 1925 und 1935 herausgegebenen
Spruchsammlungen.
Die erste kleine Sammlung «Wahrspruchworte» gab sie
noch im Todesjahr Rudolf Steiners zu Weihnachten 1925 her-
aus. Dazu schrieb sie dieses Vorwort:
«Rudolf Steiner hat nur bei ganz besonderen Anlassen gedich-
tet. Die Forderungen der Umwelt an ihn und sein Wille, ihr zu
dienen, haben ihm nicht Zeit dazu gelassen. Das Wenige, was
wir von ihm besitzen, zeigt uns, wie er auch auf diesem Gebiete
Grofies geleistet hatte, wenn er sich ihm hatte widmen diirfen.
Zukunfttragendes freilich, deshalb in der Gegenwart wenig
Verstandenes. Ein seltsamer Umstand wird uns dies begreiflich
erscheinen lassen. Wo gabe es heute einen Dichter, dem in ei-
nem Band lyrischer Gedichte nicht ein einziges Mai das Wort-
lein Ich entschlupfte? Diese staunenswerte Tatsache lag vor
uns, als wir die Sammlung beendet hatten. Eines der Gedichte
aber spricht das aus, was ihm das Ich gewesen ist: die Zusam-
menfassung des Weltenbewulkseins, sein Urgrund und als sein
letztes Ziel die Durchchristung. Geistgemafi und schicksaldeu-
tend liegt es verborgen in den Lauten selbst, welche die Initia-
len darstellen des Gottessohnes: Jesus Christus — ICH. Den
Namen seines Gottes hat Rudolf Steiner nie unniitz gefuhrt.
Sein eigenes menschliches Ich war ihm nur Werkzeug. Es war
ihm deshalb ganz naturlich, sich nicht innerhalb der Grenzen
des personlichen Ich zu bewegen. Er hat von sich selbst nur
gesprochen, wenn zwingende Griinde dafur vorlagen.
Die Welt im Ich erbauen,
Das Ich in Welten schauen . . .
das war ihm Lebensinhalt und Seelenatem, und das ist, was als
Leitgedanke dieses Buchlein durchzieht, in dem aufier in die-
sem einen Fall kein Mai das Wort Ich vorkommt, in dem aber
die Steine zusammengetragen sind, die es aufbauen.
Er schenkte einige Gedichte der Eurythmie, unserer jungen
Bewegungskunst. Es lag ihm daran, an einigen Beispielen zu
zeigen, wie die Dichtung eingehen mufi auf die Zusammenhan-
ge einer geistigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen
ebenso hat wie im Kosmos, - und wie Form und Inhalt sich
streng decken miissen, entsprechend den Analogien, welche
die Wesensaufierungen des Menschen mit kosmischen Verhalt-
nissen haben. Eine Kunst, die sich von diesen Zusammenhan-
gen abschniirt, mu£ absterben. Sie wird leben, wenn sie das
Wesenhafte sucht, das unserer Welt und den mit ihr verbun-
denen anderen Welten zugrunde liegt.
So gab er uns die eurythmische Kunst, die von einer ganz
menschlichen Seite her dasjenige fordert, was man braucht, um
den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt zu
finden. Und um die Lernenden ganz konkret einzufuhren in
den Geist des Sich-eins-Fuhlens mit dem Universum, schuf er
die Gedichte, in denen er versuchte, dasjenige festzuhalten in
innerem seelischen Ergreifen, was kosmisch sich offenbart hat,
als unser Sonnensystera geschaffen worden ist.
Diese Gedichte sind: <Zw6lf Stimmungen> und <Planeten-
tanz>.
In ihrem strenggliedrigen Aufbau folgen die <Zw6lf Stim-
raungen> genau demjenigen, was inhaltlich darin gegeben ist:
ein Bewegt-Ruhiges, - die Zwolfheit, die im Universum als der
Tierkreis gegeben ist, - die Siebenheit, die im Universum als
Planetenfolge vorhanden ist. Wir haben zwolf Strophen zu je
sieben Zeilen, ein genaues Abbild des in unserem Universum
Vorhandenen. Dies ist gleichsam das aufiere Gerippe; es ist
aber in alien Einzelheiten festgehalten, was sich da offenbaren
will, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres Sonnen-
systems: Es ist festgehalten im Auf- und Abstieg der einzelnen
Strophe, im Auf- und Abstieg der ganzen Dichtung; in der all-
gemeinen Stimmung der Strophe, die dem betreffenden Him-
melskorper entspricht, hervorgerufen durch die Art und Wei-
se, wie die Worte in der betreffenden Strophe gerade liegen, -
aber auch in dem Hineinspielen einer jeden einzelnen Zeile, die
dem Wandelplaneten entspricht. So dafi man fuhlen kann: hier
fahrt die energische Bewegung des Mars hinein, hier die maje-
statische des Jupiter, dort haben wir das Gereift-Abflutende
des Saturn, endlich das Gefestigt-Riickstrahlende des Mondes,
das in der ersten Sonnenzeile unmittelbare Erstrahlung ist, um
dann iiberzugehen in das Sanft-Erwarmende der Venus und in
das Webend-Wirkende des Merkur. Und dieses siebenfache
innere Seelenerfuhlen, von der Sonne herab durch Venus, Mer-
kur, Mars, Jupiter, Saturn bis zum Monde wird hineingewoben
in den Stimmungsgehalt der Strophe des betreffenden Tier-
kreiszeichens, durch das die Sonne durchgeht. Es ist wirklich
das Eins-sein mit den Gesetzen des Universums, das Gegenteil
der subjektiven Willkiir.
Etwas ahnliches haben wir in dem Aufbau des <Planeten-
tanz>. Es wird versucht, in wiederum zwolf Strophen einen
andern Weltenzusammenhang zu geben. Wir haben hier die
Sonne, die Planeten und den Mond. In den vierzeiligen Stro-
phen ist die erste Zeile immer das Sonnenhafte, die letzte das
Mondenhafte. In vier Teilen von je drei Strophen steigt die
Kurve des kosmischen Geschehens aufwarts zu ihrem Zenith,
um dann wiederum abzufluten. Damit in Einklang ist das Tun
und Sein der Menschenseele, die in den Zusammenhangen der
geistigen Welt steht. Ruf, Sehnsucht, Erfiillung in viermaliger
Wiederkehr. Die Form ist herausgeholt aus dem Geheimnis
des Universums.
So lehrte uns Rudolf Steiner im Kosmos fuhlen und lehrte
uns eingehen auf die gesetzmafiigen Zusammenhange einer gei-
stigen Welt, die sich durch den Menschen offenbaren will. Er
sagte zu den Eurythmie-Ausiibenden: <Das, was Sie da sich ab-
spielen sehen, gibt einem die Moglichkeit, eine Beweglichkeit
und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu erschaffen von
dem, was man so nennen kann: 'Das Wort walk durch
die Welt und die Weltenbildung halt das Wort fest/>
Das lehrte uns Rudolf Steiner und gab uns damit die Er-
kenntnis dessen, was Dichtung in Wahrheit ist.
Fur die Eurythmie schuf er noch: Weltenseelengeister, Ecce
Homo, Fruhling, Herbst. Uberall erleben wir das Hinein-
gestelltsein des Menschen in die geistigen Zusammenhange, er-
leben in den Lautverbindungen, ihrem Erglitzern, Erstrahlen
und Ineinanderspielen die schopferischen Krafte des Kosmos
selbst. Den inneren Rhythmus der Laute, der in der Dichtung
der Zukunft einst die Stelle des der Verstandeskultur entspros-
senen Reimes einnehmen wird, hat Rudolf Steiner vorbildlich
enthullt in seinen Mysteriendramen; die Lautgestaltung als
hohes Kunstprinzip unsern Seelen erschlossen. Das Gesetz der
Bewegung in den Lautelementen, das sie der Sphare des rein
Musikalischen oder Bildhaft-Plastischen entreilk und dadurch
der dichterischen Sprache, die mit den Elementen aller Kiinste
arbeitet, ihr eigenes, selbstandiges Reich erschliefit, hat er uns
aus der Sphare der Geistdynamik heruntergeholt. Versuchen
wir auf uns das wirken zu lassen, was einem Gedicht wie <Wel-
tenseelengeister> lautlich zugrunde liegt: das dreifache i der er-
sten Zeile, das sich in deren Ausklang zum a offnet, die Wie-
derholung des a in der zweiten Zeile, und in der dritten seine
Aufhellung im ausklingenden e, das wieder durch ein dreifa-
ches i eingeleitet wird - urn in der zweiten Strophe in der
Endassonanz wiederholt zu werden und dann einem dreimalig
assonierenden i zu weichen, das in den zwei letzten Zeilen der
dritten Strophe uber das e zum a zuriickkehrt. Nur derjenige,
der kiinstlerisch lautgestaltend zu fuhlen vermag, wird ermes-
sen, welch eindringliche Kraft, welche Bewegung und schopfe-
rische Offenbarung in dieser Behandlung des <z, e und i liegen,
in diesem aus drei kurzen Dreizeilern bestehenden Gedicht,
dem das amphibrachische Versmafi die Zielsicherheit und den
hebenden Schwung verleiht. Wahrlich, verdichteter Geist.
Als ein Beispiel dieses so tief lebendigen kunstlerischen Ver-
mogens, geistiges Wirken und Weben durch die Lautverbin-
dung fiir uns wesenhaft zu machen, sind dieser Sammlung auch
einige lyrische Stellen aus den Mysterienspielen zugefugt. Aber
erst in der Wiedergabe durch das im freien Atem gestaltete
kiinstlerische Wort kann man voll empfinden, welch klingende
Gefiihlslosung, welch schwingendes Licht und welche plasti-
sche Kraft in dieser Sprache liegen.
Die Mehrzahl der in dieser Sammlung enthaltenen Gedichte
entstanden freilich spontan bei Jahresfesten oder sind die
spruchartige Zusammenfassung eines in der Offentlichkeit ge-
haltenen Vortrags, ohne Anspruch auf kiinstlerische Gestal-
tung. Unendlich viel hat Rudolf Steiner dafur getan, daft in der
Menschheit wieder wach wiirde das Verstandnis fiir das Hin-
eingestelltsein der Jahresfeste in das kosmische Geschehen.
Eine Fulle tiefgriindiger, lichtdurchstrahlter Zusammenhange
gofi er aus iiber das Weihnachtsfest. Und so sind denn eine
Anzahl der schonsten Spriiche, die wir von ihm haben, Weih-
nachtsspriiche. Es gehort zu den einschlagenden innern Ereig-
nissen unseres Lebens die Stunde, da er zu Weihnachten seinen
ersten gedichteten Wahrspruch gab: <Die Sonne schaue um
mitternachtige Stunde ...> und die Kraft gefunden werden
mufke, diese Fulle des Erlebens, diese Wucht des wie in Qua-
dern gemeifielten Wortes in den tonenden Laut umzuformen:
ein Wendepunkt fur das Seelen-Innere. - Drauften aber hatte
das Leben im Dienste der Geisteswissenschaft seinen steten
und doch reichlich bewegten fortschreitenden Gang genom-
men. Bevor dies geschehen konnte, hatte Rudolf Steiner in
einer Einleitung zu den Vortragen iiber das <Christentum als
mystische Tatsache> iiber die orphischen Mysterien gespro-
chen - so einfiihlend, weekend, dafi die Schatten der Vergan-
genheit sich innerhalb des friiheren Dunkels aufhellten und
Lichtspuren wurden. In diesen Weihnachtsworten, die gleich-
sam in Granit gehauen waren, wie zur Pyramide sich formten,
in deren dunklen Tiefen von oben her Osiris' Glanz und Isis'
Schimmer fiel, konnte man etwas erleben wie den Hammer-
schlag verborgener Willenskrafte, wie die wogende Bildekraft
des kosmischen Athermeeres. Durch sie sprachen Vergangen-
heit und Zukunft, Werden und Vergehen, der Tod im Stoff, das
Lebenswort. Aus den Klammern der niederziehenden Machte
strebte die Seele empor zum neuen Licht, zu Christus. Das
materielle Weltenall konnte sich in Geist verwandeln vor dem
innern Blick, der Mensch vermochte das iiberirdische Chri-
stuswesen wieder empftndend wahrzunehmen.
Dafi mit vollem Bewufitsein wieder aufgenommen wiirde,
was in den alten Mysterien einst in unsere traumenden Seelen
gesenkt worden ist, das war das Ziel der Arbeit Rudolf Steiners
an uns.
Jedes Jahr von neuem - Weihnachten, das Fest der Winter-
sonnenwende anzuschauen als eine Aufforderung, tiefer in das
hineinzublicken, was die Menschheit zu ihrer Entwickelung
braucht, das lehrte uns Rudolf Steiner. Und das ist in jenen an-
deren Weihnachtsspruchen enthalten, die aus Gedenkheften
haben abgeschrieben werden konnen, die ja nicht fur die Of-
fentlichkeit gedacht waren, aber die wir gliicklich sind weiter-
geben zu konnen; denn sie bilden eine Briicke zum geistigen
Erleben fiir den, der sie auf sich wirken lassen will. Ihren
reinsten Ausklang haben sie gefunden in den wunderbar durch-
sichtigen Rhythmen, die Rudolf Steiner zu Weihnachten 1923
einer tausendkopfigen Zuhorerschaft gab: <In der Zeiten
Wende trat das Welten-Geistes-Licht in den irdischen Wesens-
strom ...>. Es war sein letzter Weihnachtswahrspruch. Sein
heifier Wunsch fiir uns ist es: <dafi gut werde, was wir aus Her-
zen grtinden, was wir aus Hauptern zielvoll fuhren wollen.>
Wenn ich mich entschlossen habe, den zur menschlichen
Verstandeskraft klar sprechenden Wahrspriichen auch solche
hinzuzufugen, die vielleicht nicht gleich begriffen werden kon-
nen, so ist es, weil ich der Uberzeugung bin, dafi unsere Zeit
die Krafte braucht, die auf dies em Wege der imaginativen An-
schauung zunachst vielleicht am ehesten in sie einfliefien kon-
nen. Was als Keimkraft in der konzentrierten Bildhaftigkeit
eines solchen Wahrspruches liegt, kann den Zusammenhang
von menschlichem Tun und Sein mit dem Tun und Sein der
Welt wesenhaft erfuhlen lassen. Dies ist aber, was unsere Zeit
so dringend braucht, um die in ihr wuhlenden Niedergangs-
Krafte zu iiberwinden. Und diesem Ziele diente das Leben,
Wirken und Sterben Rudolf Steiners.
Dornach, Dezember 1925 Marie Steiner»
*7
*"l
Zehn Jahre spater, 1935, unternahm sie es, die inzwischen zu-
sammengetragenen Spruchdichtungen in einer zweiten Aus-
gabe zu veroff entlichen. Den Verschiedenartigkeiten der Texte
entsprechend brachte sie vier getrennte Titel heraus: «Wahr-
spruchworte - Richtspruchworte» als Neuausgabe der «Wahr~
spruchworte», ferner «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis» mit
kurzen Sinnspriichen und Widmungen, die «Gebete fiir Mutter
und Kinder» und «Rudolf Steiner und unsere Toten» mit
Ansprachen und Spriichen bei Bestattungen.
Fur die stark erweiterte Sammlung «Wahrspruchworte -
Richtspruchworte» schrieb sie dieses Vorwort:
«Zehn Jahre sind seit dem Hinscheiden Rudolf Steiners ver-
flossen. Als er von uns gegangen war, war es uns ein Herzens-
bediirfnis, all die Spriiche und Widmungen, die damals zugang-
lich waren, zu sammeln, um sie neben den fur die Eurythmie
geschaffenen Gedichten in einem Erinnerungsbande, wie einer
Schatzkammer des Geistes, zu vereinigen.
Schon lange wird auf eine zweite Auflage der langst vergrif-
fenen <Wahrspruchworte> gewartet. Es sind inzwischen aus
Reisemappen, Vortragsnachschriften, hinterlassenen Notizbii-
chern eine stattliche Anzahl solcher Spriiche neu gesammelt
worden. Andere wurden abgeschrieben aus geschenkten Wer-
ken, Gastebuchern, von Photographien und so weiter. Wenn
sie auch manchmal nur rhythmische oder gar einfache Zufalls-
Prosa sind, so lalk ihr Weisheitsgehalt es doch berechtigt er-
scheinen, sie der neuen Auflage emzufugen. Auch kleine An-
derungen in den Fassungen gleichgearteter Spriiche regen das
Denken an und durften deshalb mehrmals berucksichtigt wer-
den. Auf eine chronologische Reihenfolge ist in diesem Bande
verzichtet worden. So wie sie hier in scheinbar bunter Reihen-
folge gebracht werden, sollen diese Spriiche das geistige Leben
spiegeln in seiner reichen Mannigfaltigkeit. Das Vorwort der
ersten Auflage enthalt einen Hinweis auf das iiberraschend
Unpersonliche in Rudolf Steiners Art, sich zu geben, dem Feh-
len des Wortchens <ich> im personlichen Sinne in den Dichtun-
gen dieses Verkiinders eines unpersonlichen Ich. Auch in der
neuen Sammlung finden wir es nur selten und nur in Stellver-
tretung des Menschheits-Ich als solchem. Mit einer einzigen
Ausnahme, die um so erschutternder wirkt: sie wurde in einem
der letztgebrauchten Notizbiicher gefunden und war nieman-
dem bekannt: ein aus dem Tiefsten der Seele aufsteigendes
heifies Gebet fur die Menschheit; ein Ausdruck des nunmehr
durch Brachlegung der physischen Krafte an der gewohnten
umfangreichsten Tatigkeit verhinderten Geistes: <Ich mochte
jeden Menschen aus des Kosmos Geist entziinden ...>
Diesem heifien Sehnen nach einer Erweckung der Mensch-
heit durch die Kraft der Feuertauf e folgen hier Worte, die noch
im letzten Lebensjahre gesprochen wurden, zwar bei der Kre-
mation einer Verstorbenen, aber sie wirken zugleich wie ein
uns hinterlassener letzter Grufi des Scheidenden aus ferner
Geisteshohe, wie ein personliches Trost- und Mahnwort an
uns von Rudolf Steiner selber:
Ich war mit euch vereint,
Bleibet in mir vereint . . .
Als das den Flammen zum Raub gefallene erste Goethea-
num im Jahre 1920 eroffnet wurde, durfte ich im Auftrage
Rudolf Steiners mit einigen wenigen, von ihm gemachten
Abanderungen die Worte des Hilarius aus <Der Huter der
Schwelle> sprechen. Zur Erinnerung an jene Feier seien diese
Worte an den Anfang der neuen Auflage gebracht. Ihnen seien
angeschlossen die von Rudolf Steiner selbst zur Weihnachts-
Tagung 1923/24 gesprochenen Worte der geistigen Grund-
steinlegung des zweiten Goetheanum.
Dornach, September 1935 Marie Steiner»
Der kleinen Sammlung von Sinnspriichen und Widmungen
unter dem Titel «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis» stellte sie
folgendes Vorwort voran:
«Von Rudolf Steiner gepragte Gedanken sind wie Fenster im
geistigen Himmelsraum. Sie sind wie Buchstaben einer Ster-
nenschrift. Was tut es, wenn in diesen Satzpragungen der we-
sentliche Gedanke, der uns die Geistwelt erhellt, des oftern
wiederkehrt! Audi die Sterne wiederholen stets von neuem
ihre Bahnen, um in ewig wechselnde Kraftebeziehungen zu
treten, und so 1st ihre Sprache immer neu lebendig und ihre
Wirkungsweise mannigfaltig. So mogen auch hier nebeneinan-
der gestellt sein Leit- und Zielsatze, deren Wahrheitslicht aus
jener Sternen- und Sonnenweisheit heruntergeholt ist, die im-
mer neue Erkenntniskrafte in uns wecken kann. Sie sind - wie
anspruchslos sie auch scheinen mogen, kondensierter Weis-
heitsinhalt eines an Erkenntnissen uberreichen Lebens. Sie
geben auch eine Antwort auf die oft gestellte Frage, was mit
Goetheanismus eigentlich gemeint sei, in jenen Spriichen, die
sich eng an Ausspriiche Goethes anschlieiSen, aber seine Ge-
danken ins Konkret-Geistige hinaus erweitern.
Solche Satze waren meistens eine Zusammenfassung ge-
sprochener offentlicher Vortrage, die an schon errungene Kul-
turgiiter der Menschheit ankniipften, um ihr die neuen Ziele
und Wege zu weisen, die allein uns vor dem Versinken in das
Chaos zu retten vermocht hatten. Vor 33 Jahren hat Rudolf
Steiner diese seine Lebensaufgabe als kulturelle Tat in das
Leben der Offentlichkeit hineingestellt. Sie hat ihm mafilose
Anfeindung und Verleumdung eingebracht, die auch jetzt
nicht ruhen. Der 33jahrigen Wiederkehr jenes Tages sei dieses
schlichte Biichlein gewidmet. Schlichtheit und Grdfie waren
Rudolf Steiners Wesensziige. - Weil er mehr wufite und selbst-
loser war als sonst die Menschen sind, wurde er verehrend
geliebt, aber auch gliihend gehafit von Dunkelmannern und
Irregefiihrten. Die Antwort auf dieses Ratsel gibt uns Goethe,
dessen Faust dem Wagnerschen intellektuellen Hochmut mit
den Worten begegnet:
Ja, was man so Erkennen heifk!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die Wenigen, die was davon erkannt,
Die toricht g'nug ihr voiles Herz nicht wahrten,
Dem Pobel ihr Gefiihl, Ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Diese Torheit ist der Entschlufi zum Opfer, iibergrofie Liebe
zur Menschheit und Hingabe an die Gottheit und ihre Ziele.
Dornach, Oktober 1935 Marie Steiner»
Ein Jahrzehnt spater, gegen Ende ihres Lebens, entschlofi sie
sich, auch esoterische Inhalte - mit Ubungen und mantrischen
Spriichen - zu veroffentlichen. So erschienen 1947 und 1948
zwei kleine Bandchen «Aus den Inhalten der Esoterischen
Schule», Heft 1 und 2; ein drittes Heft, an dessen Gestaltung sie
noch kurz vor ihrem Tode arbeitete, erschien im Jahre 1951.
Nach dem Tode Marie Steiners brachte 1951 die von ihr
eingesetzte Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung «Wahrspruch-
worte - Richtspruchworte» zunachst in einer Neuauflage im
wesentlichen unverandert heraus. Um die Komposition dieser
Ausgabe nicht zu storen, wurden die neu aufgefundenen Dich-
tungen 1953 in einem zweiten Band herausgegeben unter dem
Titel «Wahrspruchworte - Richtspruchworte, zweite Folge».
Ferner erschien ebenfalls 1953 eine erweiterte Neuauflage von
«Welterkenntnis - Selbsterkenntnis».
Als dann an die Erstellung der «Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe» gegangen werden konnte, wurden zwei Bande fiir
die Spruchdichtungen vorgesehen: Bibliographie-Nr. 40 fiir
«Wahrspruchworte» und Nr. 41 fiir «Ubertragungen aus dem
Alten und Neuen Testament - Mantrische Spriiche».
Der erste Band erschien 1961, herausgegeben von Edwin
Frobose und Paul Jenny. Er vereinigte die bisher erschienen
Spruchsammlungen in einem Band, vermehrt um inzwischen
aufgefundene, bisher unbekannte Sp ruche. - Dieser Band er-
fuhr von 1969 bis 1991 sechs weitere Auflagen mit den jeweils
moglichen Erweiterungen.
Bei der urspriinglichen Planung der Gesamtausgabe war das
schwierige Kapitel der esoterischen Inhalte zunachst zuriick-
gestellt worden. Erst in den achtziger Jahren wurde dies in
Angriff genommen und es entstand neu der Plan fur die Reihe
«Ver6ffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der
esoterischen Lehrtatigkeit», GA 264-270. Daher wurden die
fur Bibliographie-Nr. 41 vorgesehenen Texte und Sp niche
in diese Reihe, den Band GA 268, integriert, der in Kiirze als
weiterer Sammelband unter dem Titel «Mantrische Spriiche -
Seeleniibungen II» erscheinen wird. Dabei war es unumgang-
lich, einige Spriiche, die man friiher in den «Wahrspruch-
worten» fand, um der inneren Stimmigkeit willen in den neuen
Band zu verlegen.
Mit der vorliegenden Neuausgabe und dem Erscheinen des
Bandes «Mantrische Spriiche» wird die Veroffentlichung der
Spruchdichtungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen
sein. Zusammengefalk findet man sie innerhalb der Gesamt-
ausgabe in folgenden Banden:
1) GA 40, «Wahrspruchworte» enthalt:
a) alle von Rudolf Steiner selber veroffentlichten Dich-
tungen;
b) alle in offentlichen Vortragen gegebenen Spriiche;
c) alle in allgemeinen Mitglieder- Vortragen gegebenen
Spriiche;
d) in Notizbiichern gefundene Spriiche allgemeinen
Charakters;
e) Einzelpersonen gegebene Widmungsspruche,
in Biichern, auf Photographien, etc.
2) GA 267, «Seeleniibungen mit Wort- und Sinnbild-Medita-
tionen» enthalt alle esoterischen Ubungen fiir Morgens und
Abends, die Einzelpersonen gegeben wurden. Die meisten
davon enthalten mantrische Spriiche.
3) GA 268, «Mantrische Spriiche - Seeleniibungen II» enthalt:
a) alle mantrischen Spriiche und Meditations-Satze ohne
Zeit-Bindung fiir Einzelpersonen;
b) mantrische Spriiche und Meditations-Satze aus Notiz-
biichern;
c) mantrische Spriiche fiir anthroposophische Arbeits-
Zusammenhange.
4) GA 261, «Unsere Toten» enthalt Ansprachen, Gedenkwor-
te und Meditationsspriiche fiir Bestattungs- und Gedenk-
feiern fiir Verstorbene.
Ferner enthalten einige Bande der Reihe «Ver6ffentlichungen
zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehr-
tatigkeit» (GA 264-270) Spriiche, die aus dem gegebenen Zu-
sammenhang nicht sinnvoll herausgelost werden konnen und
daher nicht in einen der Sammelbande auf genommen wurden.
ZU DIESER AUSGABE
Wie aus der Beschreibung «2ur Editions geschichte der
Spruchdichtungen» hervorgeht, war es, um die Gesamtverof-
fentlichung der Spruchdichtungen zum Abschlufi bringen zu
konnen, unumganglich, die Neuauflage des Sammelbandes
«Wahrspruchworte» neu zu gestalten. Denn fur die Heraus-
gabe des schon seit langem vorgesehenen Bandes «Mantrische
Spriiche» mufiten dieser Band und die fallig gewordene Neu-
auflage der «Wahrspruchworte» in Ubereinstimmung gebracht
werden.
Dafiir wurden alle im Rudolf Steiner-Archiv vorliegenden
Unterlagen erneut griindlich durchgegangen. Die meisten
Spriiche befinden sich im Archiv als Originale von Rudolf Stei-
ners Hand, oder als Photokopien von solchen, oder in Nach-
schriften von Vortragen, oder als Wandtafel-Aufzeichnungen,
die bei den Vortragen gemacht wurden. In den letzten zwanzig
Jahren sind noch immer eine ganze Reihe von Originalen neu
ins Archiv gekommen, teils von bisher unbekannten Spriichen,
teils von Spriichen, die bisher nur als Abschriften vorlagen.
Von den Spriichen, die auch jetzt nur in Abschriften erhalten
sind, werden nur solche veroffentlicht, die aufgrund ihrer
Uberlieferung als voll authentisch gelten konnen.
Fur den vorliegenden Band wurden alle Spriiche wieder mit
den verschiedenen Unterlagen verglichen. Dazu gehoren auch
die Notizbiicher, in denen sich oft Entwiirfe finden zu Sprii-
chen, die bei Vortragen oder anderweitig gegeben wurden. Die-
se Entwiirfe zeigen, wie Rudolf Steiner an seinen Spruchdich-
tungen gearbeitet hat. Siehe die faksimilierten Beispiele nach
S. 109. Die verschiedenen Lesarten sind nachgewiesen, sofern
es sich nicht nur um ganz unwesentliche Differenzen handelt.
2,ur Gestaltung des Bandes
Wie man aus dem Inhaltsverzeichnis entnehmen kann, ist
versucht worden, die Spriiche so zu gruppieren, dafi seinem
Charakter nach Ahnliches beisammen stent. Innerhalb der
Gruppen wurden die Spriiche nach der Chronologie ihrer Ent-
stehungszeit angeordnet; nur die Gruppe der Jahresfeste und
diejenige rnit Mysterienwahrheiten aus alten Kulturen folgen
einer anderen Chronologie.
Bei der Mehrzahl der Spriiche ist die Entstehungszeit wohl-
bekannt. Bei einer Anzahl anderer Spriiche weifi man mit un-
terschiedlicher Genauigkeit die ungefahre Entstehungszeit, die
dann als «ca.» angegeben ist. Spriiche, bei denen dies nicht
moglich ist, sind als «undatierbar» bezeichnet und wurden ge-
legentlich trotzdem nach ihrer vermuteten Entstehungszeit in
die Chronologie eingeordnet.
Zur Textgestaltung
Die Wortlaute Rudolf Steiners sind in normaler Schrift wieder-
gegeben, auch alle seine Zusatze wie Uberschrift, Widmungs-
text, Datum, Unterschrift. Auch in normaler Schrift erscheinen
Marie Steiners Hinzufugungen auf den verwendeten Vorlagen
(nicht aber ihre Uberschriften fur den Druck). Sofern die Her-
kunft nicht offensichtlich ist, ist sie in den Hinweisen oder im
Register nachgewiesen.
Im Original unterstrichene Worte sind in den Sprtichen ge-
sperrt, sonst kursiv wiedergegeben.
Alle Zusatze der verschiedenen Herausgeber seit Marie
Steiner sind kursiv gedruckt, also vor allem Uberschriften, und
jetzt auch neu Entstehungszeit des Sp ruches und eventuell
Name des Empf angers. Solche Uberschriften und auch Zwi-
schentitel beruhen immer auf Worten, die Rudolf Steiner im
Zusammenhang mit dem Spruch gesprochen, manchmal auch
im Notizbuch geschrieben hat.
Zur Orthographie
Die Anpassung des gedruckten Textes an die heute iibliche
Schreibweise bringt kaum Veranderungen gegeniiber dem Ori-
ginal; sie beschrankt sich hauptsachlich auf Fremdworte wie
«Centrum» und auf wenige deutsche Worte wie «es giebt»
(von «geben»).
Zur Interpunktion
Bei Spriichen hat Rudolf Steiner fast keine Satzzeichen ver-
wendet, und die Zeichen, die er verwendet, sind oft keine
Satzzeichen im konventionellen Sinne, sodafi eine gewisse Un-
sicherheit fiir ihre Wiedergabe im Druck besteht. Bis jetzt un-
veroffentliche Spriiche sind ohne von den Herausgebern hin-
zugefiigte Satzzeichen wiedergegeben. Bei Spriichen, die schon
eine lange Druck-Tradition haben, ist diese berucksichtigt.
Hinweise und Lesarten
Wie bei den anderen Banden der Gesamtausgabe sind jetzt
auch fiir die «Wahrspruchworte» Hinweise erstellt worden,
die Niitzliches zum Hintergrund vieler Spriiche zu geben sich
bemuhen. Darin integriert ist auch die Angabe von Textvari-
anten.
Alphabetisches Register der Spruchanfdnge und
Uberschriften
Dies dient nicht nur zum Auffinden der Spriiche, es zeigt auch
die verwendeten Vorlagen und deren Art an: ob es sich um eine
Vortragsnachschrift, um ein Notizbuch oder Notizblatt in der
Handschrift Rudolf Steiners, oder um eine Abschrift handelt.
Aufierdem sind Entstehungszeit und -Ort, sowie Name eines
eventuellen Empfangers angegeben, soweit sie bekannt sind.
Personenregister
Seit 1925 war es ublich, die Namen noch lebender Personen im
Zusammenhang mit den Spriichen nicht in Erscheinung treten
zu lassen. Der vorliegende Band soli auch ein Beitrag zur Ge-
schichte der anthroposophischen Bewegung sein, und daher
wurden die Namen der Empf anger — soweit sie bekannt sind -
unverschlxisselt angegeben.
ZUR TEXTGESTALTUNG DES
«SEELENKALENDERS»
Zur Geschichte der beniitzten Textvorlagen
Im Friihjahr 1911, nach dem Philosophen-Kongrefi in Bolo-
gna, entstand in Portorose an der Adria zwischen Imma von
Eckardtstein, die sich mit der malerischen Darstellung der
Tierkreis-Zeichen beschaftigte, und Rudolf Steiner der Plan,
einen Kalender fur das Jahr 1912 zu schaffen. Er gab ihr An-
regungen fur die Gestaltung der Bilder und schrieb selber das
Kalendarium mit den Namens- und Gedenktagen. Naheres
dazu findet man in dem Heft 37/38 der «Beitrage zur Rudolf
Steiner Gesamtausgabe». - Diese Arbeit zog sich durch das
ganze Jahr hin. Wahrscheinlich im Winter und in Munchen
schrieb Rudolf Steiner einen Zusatz zu dem «Kalender», wo-
durch dieser noch eine ganz neue Dimension bekam: den «See~
lenkalender», der mit dieser Uberschrift als Anhang auf den
letzten 20 von insgesamt 178 Seiten des «Kalenders» gedruckt
wurde. Der Druck erfolgte im Friihjahr 1912 bei Carl Kuhn in
Munchen, der alle Drucksachen fur den Miinchner Zweig be-
sorgte und auch fur den Philosophisch-Anthroposophischen
Verlag arbeitete, so sind z. B. die Mysteriendramen dort ge-
druckt worden. Imma von Eckardtstein hielt sich damals in
Munchen
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