Wahrspruchworte

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 

VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS 



RUDOLF STEINER 



WAHRSPRUCHWORTE 



1998 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Dornach/Schweiz 

Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Dorothea Weyrather 

unter Mitarbeit von Julius Zoll 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961, 
herausgegeben von Edwin Frobose und Paul Jenny 

2. - 7. Auflage 1969, 1975, 1978, 1981, 1986, 1991 

8., uberarbeitete Auflage 1998 



Erstveroffentlichungen der verschiedenen Teile: 

«Credo - Der Einzelne und das AI1», Dornach 1944 

«Seelenkalender» in «Kalender 1912/1 3», Berlin 1912 

«Drei Gedichte und Vortrag von Dr. Rudolf Steiner 
gehalten zu Dornach am 29. August 1915», Berlin 1916 
(jetzt: «Drei kosmische Dichtungen fur die Eurythmie») 

«Olaf Asteson (Das Wachen des Erdgeistes)» Berlin 1916 

«Wahrspruchworte», Dornach 1925 

«Wahrspruchworte — Richtspruchworte», 
2., erweiterte Ausgabe, Dornach 1935 

«Welterkenntnis - Selbsterkenntnis», Dornach 1935 

«Das Leben zwischen der Geburt und dem Tode 
als Spiegelung des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt. 
Gebete fur Mutter und Kinder», Dornach 1935 



Bibliographie-Nr. 40 

Alle Rechte bei Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-0401-9 



INHALT 



Geleitwort 9 

Credo - Der Einzelne und das All 13 

Anthroposophischer Seelenkalender 19 

Drei kosmische Dichtungen fur die Eurythmie . . 49 
Planetentanz - Zwolf Stimmungen - Das Lied von der Initiation 

Jahreslauf - Jahresfeste 77 

Wahrspnichworte - Richtspruchworte Ill 

Weisheiten aus alten Kulturepochen 167 

Sinnspriiche 207 

Abwandlungen von Goethe-Worten 225 

Widmungsspruche 237 

Gebete und Spriiche fiir Mutter und Kinder . . . 313 

Spriiche fiir den Unterricht in der Freien Waldorfschule 347 

ANHANG 

Zur Editionsgeschichte der Spruchdichtungen . . . 359 

Zu dieser Ausgabe 377 

Zur Textgestalt des «Seelenkalenders» 381 

Hinweise und Lesarten 393 

Personenregister 413 

Alphabetisches Register der Spriiche 417 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . 453 



VERZEICHNIS 
DER HANDSCHRIFTENWIEDERGABEN 



Die Sonne schaue 96 

Im Seelenaug' sich spiegelt ... 102 

Entwiirfe fur 

Steh' vor des Menschen Lebenspforte . . . nach 110 

Im Seelenaug' sich spiegelt nach 110 

Die Welt im Ich erbauen 120 

Das Bose, das Ubel 124 

Dem Stoff sich verschreiben 157 

Zeichnung der Kabiren 174 

Der Vater schickt 1 80 

Ich halte die Sonne (nur SchlufS) 189 

Man handle nach der eigenen Weisheit ..... 209 

Der Masse, der starren 238 

Der Verfasser dieses Buches 246 

Es drangt sich an den Menschens'mn 266 

Welterkenntnis, Selbsterkenntnis 296 

Es bedarf der Mensch 304 

Wir Menschen der Gegenwart 304 

Es keimen die Pflanzen 320 

Vom Kopf bis zum Fuss 320 

In den Weiten der Lebenswege 356 



Marie Steiner - von Sivers 

14. Marz 1867 - 27. Dezember 1948 



zum Gedachtnis 



Ihre grofie Leistung fiir die Entwicklung der Eurythmie 
und der Rezitationskunst liefi die Spruchdichtungen 
Rudolf Steiners zu einem fortwirkenden 
Lebensstrom werden 



GELEITWORT 



Mit der vorliegenden Neuausgabe der «Wahrspruchworte» 
und der Erstveroffentlichung des Bandes «Mantrische Spriiche 
- Seeleniibungen II» ist die Veroffentlichung der Spruchdich- 
tungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen. 

Blickt man naher auf diese reiche Fiille, so enthiillt sie sich 
mehr und mehr zu einer vielfaltigen und vielfarbigen Ausge- 
staltung des grofien Grundthemas «Selbsterkenntnis - Welter- 
kenntnis», beginnend mit dem «Credo - Der Einzelne und das 
All» aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis hin zu einer 
der allerletzten Spruchdichtungen aus dem Jahre 1925: «Ich 
mochte jeden Menschen aus des Kosmos Geist entzunden ...». 
Und dieses Grundthema ist wiederum kein anderes als auch 
dasjenige der anthroposophischen Geisteswissenschaft selbst. 
Lautet doch der erste der « Anthroposophischen Leitsatze» aus 
dem Jahre 1924: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der 
das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall 
fuhren mochte. » 

Und bedenkt man dann, dafi Rudolf Steiner erst in seinem 
5. Lebensjahrzehnt als Kunstschaf fender tatig wurde, so ent- 
steht die Frage: Was mag einen durch und durch naturwissen- 
schaftlich geschulten Geistesforscher noch im letzten Drittel 
seines Lebens zu solch intensivem kunstlerischen Schaffen ge- 
drangt haben? Er hat ja nicht nur Spruchdichtungen und My- 
steriendramen geschrieben, die neue Bewegungskunst Euryth- 
mie als sichtbare Sprache und sichtbaren Gesang inauguriert, 
sondern auch als bildender Kiinstler gewirkt. Eine gewisse, 
wenn auch nur annahernd zutreffende Antwort auf diese Frage 
kann vielleicht in dem von ihm gern angefuhrten Goethe-Wort 
gesehen werden: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu 
enthullen beginnt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehn- 
sucht nach ihrer wurdigsten Auslegerin, der Kunst.» J Aller- 
dings befahigt die Sehnsucht nach Kunst allein normalerweise 



Iff. Die Nachweise findet man zu Beginn der «Hinweise» S. 393. 



noch keineswegs zu echtem Kiinstlertum. Es scheint jedoch bei 
immer tieferem Eindringen in das lebendige Wesen der Ideen- 
welt als dem «Urquell und Prinzip alles Seins» 2 einen «objekti- 
ven Ubergang» von dera einen Gebiet in das andere zu geben, 
«einen Punkt», in dem sich die beiden so beriihren, dafi Vollen- 
dung in dem einen Vollendung in dem anderen fordert. - So 
namlich charakterisierte Rudolf Steiner in den achtziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts den Weg Goethes von der Kunst zur Wis- 
senschaft. 3 

Dafi er selbst den umgekehrten Weg gegangen ist, ergibt 
sich aus Jahrzehnte spater gemachten Aufierungen. Eine lautet: 

«Es handelt sich durchaus darum, dafi gerade dem wahren 
Geisteswissenschafter durch unmittelbare Anschauung klar 
wird, worinnen das Wesen des Ideellen besteht, so dajR er den 
Ubergang finden kann von dem Ideellen . . . zu dem eigentlich 
Kunstlerischen. » 4 

Und um hier nicht mifSverstanden zu werden, fiigte er noch 
an, dafi natiirlich aus der Geisteswissenschaft, so wie sie in 
Worten mitgeteilt wird, direkt keine Kunst hervorgehen kon- 
ne; das konnte nur zu einem Allegorisieren und Symbolisieren 
fiihren. Aber aus denjenigen geistigen Impulsen, die hinter der 
Geisteswissenschaft stehen, die diese Geisteswissenschaft sel- 
ber als einen Ast aus sich hervortreiben, aus denen gehe dann 
hervor, als ein anderer Ast aus demselben Ursprung, auch ein 
kunstlerisches Schaffen. 

Die tiefste Motivation fur all seine Bestrebungen hat er nir- 
gendwo so klar und bestimmt ausgesprochen wie bei der ersten 
Veranstaltung im noch nicht ganz vollendeten ersten Goethe- 
anum-Bau, bei dem ersten anthroposophischen Hochschulkurs 
im Herbst 1920. Da sprach er davon, wie in alten Menschheits- 
zeiten nicht so wie heute Schulen, Kunstanstalten und Kirchen 
abgesondert voneinander waren, sondern dafi in den kulturtra- 
genden Mysterienstatten ein Wissen gepflegt wurde, das zu- 
gleich kunstlerischen, erkennenden und religiosen Charakters 
war. Dieses einheitliche Wirken zersplitterte jedoch im weite- 
ren Zeitverlauf und fuhrte zu dem heute herrschenden Agno- 
stizismus in Wissenschaft und Religion und zu einer vom Kos- 



mos losgelosten Kunst. Heute f ordere nun die Zeit, durch gei- 
stige Vertiefung wieder zu einer Versohnung und gegenseitigen 
Befruchtung von Wissenschaft, Kunst und Religion zu kom- 
men, und dieser Aufgabe soli der Goetheanum-Bau gewidmet 
sein. Mit eindriicklichen Worten stellte er in seiner Eroff- 
nungsansprache dieses ideale Ziel von der Wiedervereinigung 
von Wissenschaft, Kunst und Religion vor seine tausend Zuho- 

«Drei neue Krafte mochten wir aus geistigen Quellen heraus 
schopferisch zur Offenbarung bringen: eine schauende Kunst 
wiederum, ein Erkennen des Ubersinnlichen zur Wiederge- 
burt der Seele und des Geistes in jener Religion, deren Stim- 
mung sich herausgestalten mufi aus dieser Kunst und Wissen- 
schaft», um aus der Kraft eines solchen «kunstlerischen, er- 
kennenden und religios-innigen und sozialen Wollens her- 
aus» zum Aufbau einer neuen Zivilisation beizutragen. 5 

Als ein wahrhaft «ursprungliches» Geschopf so gearteter 
Geistesforschung wollte er die kiinstlerische Formensprache 
des Goetheanum verstanden wissen, und das, was darin ge- 
sprochen wird, sollte lebendige Kraft genug haben, um weit in 
alle Lebensbereiche hinauszudringen. Ein Haus der Sprache, 
ein Haus des lebendigen Wortes sollte dieses Goetheanum sein. 
Denn das Wort - so Marie Steiner - war fur Rudolf Steiner 
«Ausgangspunkt und Mittelpunkt und Ziel alles Werdens und 
aller Entsiegelung». 6 

Sie selbst war daran von Anfang an entscheidend beteiligt. 
Mit ihrem grofien, immer gleichbleibenden Enthusiasmus bot 
sie Rudolf Steiner die Moglichkeit, die «Fruchtbarkeit der 
Geistanschauung auf dem Gebiete der Wortkunst» erproben 
zu konnen. 7 Aus dieser langen intensiven Zusammenarbeit ent- 
wickelte sie eine der Wort-Erkenntnis Rudolf Steiners entspre- 
chende Rezitiationskunst, und auch die fur die Eurythmie not- 
wendige Sprechweise, von der er einmal sagte: «Es ist ja wirk- 
lich von uns eine gewisse Methode ausgebildet worden, die 
ganz im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung 
liegt» und er fugte hinzu: gerade das «kunstlerisch geformte 
Wort zur Geltung zu bringen, das streben wir an». 8 



Am Ende seiner Lebenszeit auf diese Anfange zuriickschau- 
end erinnert er daran, wie auf seine Anregung hin Marie von 
Sivers «ganz im Anfange der anthroposophischen Bewegung» 
mit der Dichtung «Eleusis» von Hegel «unsere Rezitations- 
kunst inauguriert hat». 9 Es war dies in Berlin am 7. Mai 1906 bei 
der ersten von vielen gemeinsam durchgefuhrten Veranstaltun- 
gen. Rudolf Steiner sprach iiber das Wesen der griechischen 
Mysterien; Marie von Sivers rezitierte die an Holderlin gerich- 
tete Dichtung «Eleusis». 10 Und in seinem Weihnachtsvortrag 
desselben Jahres, am 17. Dezember 1906, hatte sie die erste sei- 
ner eigenen Mysteriendichtungen zu rezitieren: «Die Sonne 
schaue um mitternachtige Stunde ...». 

Im Laufe der Jahre folgten viele solche gemeinsamen Veran- 
staltungen, auch offentliche, so beim ersten anthroposophi- 
schen Hochschulkurs. Rudolf Steiner hielt drei Vortrage iiber 
die Kunst der Rezitation und Deklamation, die Beispiele trug 
Marie Steiner vor. Und er schlofi diese drei Vortrage mit der 
Bemerkung, dafi gerade auch durch das Muster der Deklamati- 
ons-, der Rezitationskunst gezeigt werden sollte, wie hier kon- 
kret der Versuch gemacht wird, die Briicke zu finden zwischen 
Kunst und Wissenschaft. Beispielhaft und auf so zu Herzen 
sprechende schlichte Weise kommt dies ja in seinen eigenen 
Dichtungen zum Ausdruck. 

Und da Marie Steiner so einzigartig mit den Spruchschop- 
fungen Rudolf Steiners verbunden ist, wird ihr im Gedenken 
ihres 50. Todestages diese Neuausgabe der «Wahrspruchwor- 
te» gewidmet. Waren es doch gerade die so ganz auf das innere 
Laut- und Rhythmus-Erleben aufgebauten Wahrspruchworte, 
die ihr Ausgangspunkt und Richtlinie blieben, um in ihrem ei- 
genen kiinstlerischen Sprechen und auch dem ihrer Schuler, 
diese inneren Bildungskrafte der Sprache, die darin verborgene 
Eurythmie, kiinstlerisch gestalten zu konnen. Dariiber hinaus 
hat sie aber auch von Anfang an mit grofier Liebe und Sorgfalt 
die Spriiche gesammelt und bald nach Rudolf Steiners Tod be- 
gonnen, sie allgemein zuganglich zu machen. 

H. W. 



CREDO 

DER EINZELNE UND DAS ALL 



UM 1886 



Credo. 
Der Einzelne und das All. 



Die Ideenwelt ist der Urquell und das Prinzip alles Seins. 
In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe. Das 
Sein, das sie mit ihrem Lichte mcht beleuchtete, ware ein 
totes, wesenloses, das keinen Teil hatte an dem Leben 
des Weltganzen. Nur, was sein Dasein von der Idee 
herleitet, das bedeutet etwas am Schopfungsbaume des 
Universums. Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst 
und mit sich selbst sich geniigende Geist. Das Einzelne 
raufi den Geist in sich haben, sonst fallt es ab, wie ein 
diirres Blatt von jenem Baume, und war umsonst da. 

Der Mensch aber fuhlt und erkennt als Einzelnes sich, 
wenn er zu seinem vollen Bewufksein erwacht. Dabei 
aber hat er die Sehnsucht nach der Idee eingepflanzt. 
Diese Sehnsucht treibt ihn an, die Einzelheit zu iiber- 
winden und den Geist in sich aufleben zu lassen, dem 
Geiste gema£ zu sein. Alles, was selbstisch ist, was ihn 
zu diesem bestimmten, einzelnen Wesen macht, das mufi 
der Mensch in sich aufheben, bei sich abstreifen, denn 
dieses ist es, was das Licht des Geistes verdunkelt. Was 
aus der Sinnlichkeit, aus Trieb, Begierde, Leidenschaft 
hervorgeht, das will nur dieses egoistische Individuum. 
Daher mufi der Mensch dieses selbstische Wollen in sich 
abtoten, er mufi statt dessen, was er als Einzelner will, 
das wollen, was der Geist, die Idee in ihm will. Lasse die 
Einzelheit dahinfahren und f olge der Stimme der Idee in 
Dir, denn sie nur ist das Gottliche! Was man als Einzel- 
ner will, das ist am Umfange des Weltganzen ein wert- 



loser, im Strom der Zeit verschwindender Punkt; was 
man «im Geiste» will, das ist im Zentrum, denn es lebt in 
uns das Zentrallicht des Universums auf; eine solche Tat 
unterliegt nicht der Zeit. Handelt man als Einzelner, 
dann schliefit man sich aus der geschlossenen Kette des 
Weltwirkens aus, man sondert sich ab. Handelt man «im 
Geiste», dann lebt man sich hinein in das allgemeine 
Weltwirken. Ertotung aller Selbstheit, das ist die Grund- 
lage fiir das hohere Leben. Denn wer die Selbstheit ab- 
totet, der lebt ein ewiges Sein. Wir sind in dem Mafie 
unsterblich, in welchem Mafie wir in uns die Selbstheit 
ersterben lassen. Das an uns Sterbliche ist die Selbstheit. 
Dies ist der wahre Sinn des Ausspruches: «wer nicht 
stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt». Das 
heifk, wer nicht die Selbstheit in sich aufhoren lasst wah- 
rend der Zeit seines Lebens, der hat keinen Teil an dem 
allgemeinen Leben, das unsterblich ist, der ist nie da- 
gewesen, hat kein wahrhaftes Sein gehabt. 

Es gibt vier Spharen menschlicher Tatigkeit, in denen 
der Mensch sich voll hingibt an den Geist mit Ertotung 
alles Eigenlebens: die Erkenntnis, die Kunst, die Reli- 
gion und die liebevolle Hingabe an eine Personlichkeit 
im Geiste. Wer nicht wenigstens in einer dieser vier 
Spharen lebt, lebt iiberhaupt nicht. Erkenntnis ist Hin- 
gabe an das Universum in Gedanken, Kunst in der An- 
schauung, Religion im Gemiite, Liebe mit der Summe 
aller Geisteskrafte an etwas, was uns als ein fiir uns 
schatzenswertes Wesen des Weltganzen erscheint. Er- 
kenntnis ist die geistigste, Liebe die schonste Form 
selbstloser Hingabe. Denn Liebe ist ein wahrhaftes 
Himmelslicht in dem Leben der Alltaglichkeit. Fromme, 
wahrhaft geistige Liebe veredelt unser Sein bis in seine 



innerste Faser, sie erhoht alles, was in uns lebt. Diese 
reine fromme Liebe verwandelt das ganze Seelenleben in 
ein anderes, das zum Weltgeiste Verwandtschaft hat. In 
diesem hochsten Sinne lieben, heifit den Hauch des Got- 
teslebens dahin tragen, wo zumeist nur der verabscheu- 
ungswiirdigste Egoismus und die achtungslose Leiden- 
schaft zu finden ist. Man muE etwas wissen von der 
Heiligkeit der Liebe, dann erst kann man von Fromm- 
sein sprechen. 

Hat der Mensch sich durch eine der vier Spharen hin- 
durch, aus der Einzelheit heraus, in das gottliche Leben 
der Idee eingelebt, dann hat er das erreicht, wozu der 
Strebenskeim in seiner Brust liegt: seine Vereinigung mit 
dem Geiste; und dies ist seine wahre Bestimmung. Wer 
aber im Geiste lebt, lebt frei. Denn er hat sich alles 
Untergeordneten entwunden. Nichts bezwingt ihn, als 
wovon er gerne den Zwang erleidet, denn er hat es als das 
Hochste erkannt. 

Lasse die Wahrheit zum Leben werden; verliere Dich 
selbst, um Dich im Weltgeiste wiederzufinden! 



ANTHROPOSOPHISCHER 
SEELENKALENDER 



Vorwort zur zweiten Ausgabe 1918 



Der Jahreslauf hat sein eigenes Leben. Die Menschenseele 
kann dieses Leben mitempfinden. Lafit sie, was von Woche 
zu Woche anders spricht aus dem Leben des Jahres, auf sich 
wirken, dann wird sie sich durch solches Mitleben selber 
erst richtig finden. Sie wird fiihlen, wie ihr dadurch Krafte 
erwachsen, die sie von innen heraus starken. Sie wird be- 
merken, dass solche Krafte in ihr geweckt sein wollen durch 
den Anteil, den sie nehmen kann an dem Sinn des Welten- 
laufes, wie er sich in der Zeitenfolge abspielt. Sie wird da- 
durch erst gewahr werden, welche zarte, aber bedeutungs- 
volle Verbindungsfaden bestehen zwischen sich und der 
Welt, in die sie hineingeboren ist. 

In diesem Kalender ist fur jede Woche ein solcher Spruch 
verzeichnet, der die Seele miterleben lafit, was in dieser 
Woche als Teil des gesamten Jahreslebens sich vollzieht. 
Was dieses Leben in der Seele erklingen lafk, wenn diese 
sich mit ihm vereinigt, soli in dem Spruche ausgedriickt 
sein. An ein gesundes «Sich eins fuhlen» mit dem Gange der 
Natur und an ein daraus erstehendes kraftiges «Sich selbst 
finden» ist gedacht, indem geglaubt wird, ein Mitempfinden 
des Weltenlaufes im Sinne solcher Spruche sei fur die Seele 
etwas, wonach sie Verlangen tragt, wenn sie sich nur selbst 
recht versteht. 



Vorwort zur ersten Ausgabe 1912/13 



Mit der Welt und ihrem Zeitenwandel verbunden fuhlt sich 
der Mensch. In seinem eigenen Wesen empfindet er das 
Abbild des Welten-Urbildes. Doch ist das Abbild nicht 
sinnbildlich-pedantische Nachahmung des Urbildes. Was 
die grofie Welt im Zeitenlaufe offenbart, entspricht einem 
Pendelschlage des Menschenwesens, der nicht im Elemente 
der Zeit ablauft. Es kann vielmehr fuhlen der Mensch sein 
an die Sinne und ihre Wahrnehmungen hingegebenes Wesen 
als entsprechend der licht- und warme-durchwobenen 
Sommernatur. Das Gegriindetsein in sich selber und das 
Leben in der eigenen Gedanken- und Willenswelt kann er 
empfinden als Winterdasein. So wird bei ihm zum Rhyth- 
mus von Aufien- und Innenleben, was in der Natur in der 
Zeiten Wechselfolge als Sommer und Winter sich darstellt. 
Es konnen ihm aber grofie Geheimnisse des Daseins aufge- 
hen, wenn er seinen zeitlosen Wahrnehmungs- und Gedan- 
kenrhythmus in entsprechender Weise zum Zeitenrhyth- 
mus der Natur in Beziehung bringt. So wird das Jahr zum 
Urbilde menschlicher Seelentatigkeit und damit zu einer 
fruchtbaren Quelle echter Selbsterkenntnis. In dem folgen- 
den Seelen-Jahres-Kalender wird der Menschengeist in der- 
jenigen Lage gedacht, in welcher er an den Jahreszeiten- 
Stimmungen von Woche zu Woche das eigene Seelenweben 
im Bilde an den Eindriicken des Jahreslaufes erfiihlen kann. 
Es ist an ein fiihlendes Selbsterkennen gedacht. Dieses fuh- 
lende Selbsterkennen kann an den angegebenen charakteri- 
stischen Wochensatzen den Kreislauf des Seelenlebens als 
zeitlosen an der Zeit erleben. Ausdriicklich sei gesagt, es ist 
damit an eine Moglichkeit eines Selbsterkenntnisweges ge- 
dacht. Nicht «Vorschriften» nach dem Muster theosophi- 
scher Pedanten sollen gegeben werden, sondern vielmehr 



auf das lebendige Weben der Seele, wie es einmal sein kann, 
wird hingewiesen. Alles, was fur Seelen bestimmt ist, nimmt 
eine individuelle Farbung an. Gerade deshalb aber wird 
auch jede Seele ihren Weg im Verhaltnis zu einer individuell 
gezeichneten finden. Es ware ein leichtes, zu sagerr. So, wie 
hier angefiihrt, soil die Seele meditieren, wenn sie ein Stuck 
Selbsterkenntnis pflegen will. Es wird nicht gesagt, weil der 
eigne Weg des Menschen sich Anregung holen soil an einem 
gegebenen, nicht sich pedantisch einem «Erkenntnispfade» 
fugen soil. 



Auf eine Frage wegen der Datumverschiebung von Jahr zu Jahr ist 
folgende Antwort Rudolf Steiners kberliefert: Die Hauptsache sei> 
dass immer mit der ersten Strophe zu O stern begonnen werde. Die 
Verschiebung habe nicht viel zu bedeuten, da er immer drei Stro- 
phen der Wochenspruche in der gleichen Stimmung gehalten habe. 



FRUHLING 



A Oster-Stimmung (1912: 7. - 13. April) 

1 Wenn aus den Weltenweiten 

Die Sonne spricht zum Menschensinn 
Und Freude aus den Seelentiefen 
Dem Licht sich emt im Schauen, 
Dann ziehen aus der Selbstheit Hulle 
Gedanken in die Raumesfernen 
Und binden dumpf 

Des Menschen Wesen an des Geistes Sein. 

B Zweite April-Woche (1912: 14. - 20. April) 

2 Ins Aufire des Sinnesalls 

Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein, 

Es finden Geisteswelten 

Den Menschensprossen wieder, 

Der seinen Keim in ihnen, 

Doch seine Seelenfrucht 

In sich muss finden. 



C Dritte April-Woche 



(1912: 21.-27. April) 



3 Es spricht zum Weltenall, 
Sich selbst vergessend 

Und seines Urstands eingedenk, 
Des Menschen wachsend Ich: 
In dir, befreiend mich 
Aus meiner Eigenheiten Fessel, 
Ergriinde ich mein echtes Wesen. 

D Vierte April-Woche (1912: 28. April - 4. Mai) 

4 Ich fiihle Wesen meines Wesens: 
So spricht Empfindung, 

Die in der sonnerhellten Welt 

Mit Lichtesfluten sich vereint; 

Sie will dem Denken 

Zur Klarheit Warme schenken 

Und Mensch und Welt 

In Einheit fest verbinden. 



E Erste Mai-Woche 



(1912: 5. -11. Mai) 



5 Im Lichte das aus Geistestiefen 
Im Raume fruchtbar webend 
Der Gotter Schaffen offenbart: 
In ihm erscheint der Seele Wesen 
Geweitet zu dem Weltensein 
Und auferstanden 

Aus enger Selbstheit Innenmacht. 

F Zweite Mai-Woche (1912: 12. - 18. Mai) 

6 Es ist erstanden aus der Eigenheit 
Mem Selbst und findet sich 

Als Weltenoffenbarung 

In Zeit- und Raumeskraften; 

Die Welt, sie zeigt mir iiberall 

Als gottlich Urbild 

Des eignen Abbilds Wahrheit. 



G Dritte Mai-Woche 



(1912: 19. -25. Mai) 



7 Mein Selbst, es drohet zu entfliehen, 
Vom Weltenlichte machtig angezogen; 
Nun trete du mein Ahnen 

In deine Rechte kraftig ein, 
Ersetze mir des Denkens Macht, 
Das in der Sinne Schein 
Sich selbst verlieren will. 

H Vierte Mai-Woche (1912: 26. Mai - 1. Juni) 

8 Es wachst der Sinne Macht 

Im Bunde mit der Gotter Schaffen, 

Sie driickt des Denkens Kraft 

Zur Traumes Dumpfheit mir herab. 

Wenn gottlich Wesen 

Sich meiner Seele einen will, 

Muss menschlich Denken 

Im Traumessein sich still bescheiden. 



Fiinfte Mai-Woche 



(1912; 2.-8.Juni) 



Verges send meine Willenseigenheit 
Erfiillet Weltenwarme sommerkiindend 
Mir Geist und Seelenwesen; 
Im Licht mich zu verlieren 
Gebietet mir das Geistesschauen, 
Und kraftvoll kundet Ahnung mir: 
Verliere dich, urn dich zu finden. 

Erste Juni-Woche (1912: 9. -lS.Juni) 

Zu sommerlichen Hohen 

Erhebt der Sonne Ieuchtend Wesen sich, 

Es nimmt mein menschlich Fiihlen 

In seine Raumesweiten mit, 

Erahnend regt im Innern sich 

Empfindung, dumpf mir kiindend, 

Erkennen wirst du einst: 

Dich fiihlte jetzt ein Gotteswesen. 



Zweite Juni-Woche 



(1912: 16.-23.Juni) 



Es 1st in dieser Sonnenstunde 
An dir, die weise Kunde zu erkennen: 
An Weltenschonheit hingegeben, 
In dir dich ftihlend zu durchleben: 
Verlieren kann das Menschen-Ich 
Und finden sich im Welten-Ich. 



Johannes-Stimmung (1912: 24. Juni) 

Der Welten Schonheitsglanz 
Er zwinget mich aus Seelentiefen 
Des Eigenlebens Gotterkrafte 
2um Weltenfluge zu entbinden; 
Mich selber zu verlassen, 
Vertrauend nur mich suche nd 
In Weltenlicht und Weltenwarme. 



N Vierte Juni-Woche 



(1912: 30. Juni - 6. Juli) 



13 Und bin ich in den Sinneshohen, 
So flammt in meinen Seelentiefen 
Aus Geistes Feuerwelten 

Der Gotter Wahrheitswort: 

In Geistesgriinden suche ahnend 

Dich geistverwandt zu finden. 

SOMMER 

O Erste Juli-Woche (1912: 7. -13. Juli) 

14 An Sinnesoffenbarung hingegeben 
Verlor ich Eigenwesens Trieb, 
Gedankentraum, er schien 
Betaubend mir das Selbst zu rauben, 
Doch weekend nahet schon 

Im Sinnenschein mir Weltendenken. 



P Zweite Juli-Woche 



(1912: 14. -20.Juli) 



15 Ich fiihle wie verzaubert 

Im Weltenschein des Geistes Weben, 

Es hat in Sinnesdumpfheit 

Gehiillt mein Eigenwesen, 

Zu schenken mir die Kraft, 

Die ohnmachtig sich selbst zu geben 

Mein Ich in seinen Schranken ist. 

Q Dritte Juli-Woche (1912: 21.-27.Juli) 

16 Zu bergen Geistgeschenk im Innern 
Gebietet strenge mir mein Ahnen, 
Dass reifend Gottesgaben 

In Seelengriinden fruchtend 
Der Selbstheit Friichte bringen. 



R Vierte Juli-Woche 



(1912: 28. Juli-3. August) 



17 Es spricht das Weltenwort, 
Das ich durch Sinnestore 
In Seelengriinde durfte fxihren: 
Erfiille deine Geistestiefen 
Mit meinen Weltenweiten 
Zu finden einstens mich in dir. 



S Fiinfte Juli-Woche (1912: 4. - 10. August) 

18 Kann ich die Seek weiten, 
Dass sie sich selbst verbindet 
Empfangnem Welten-Keimesworte? 
Ich ahne, dass ich Kraft muss finden 
Die Seele wurdig zu gestalten, 
Zum Geisteskleide sich zu bilden. 



St Erste August- Woche 



(1912: 11.-17. August) 



19 Geheimnisvoll das Neu-Empfang'ne 
Mit der Erinn'rung zu umschliefien, 
Sei meines Strebens weitrer Sinn: 
Es soli erstarkend Eigenkrafte 
In meinem Innern wecken 
Und werdend mich mir selber geben. 



T Zweite August- Woche (1912: 18. - 24. August) 

20 So funl' ich erst mein Sein, 
Das fern vom Welten-Dasein 
In sich, sich selbst erloschen 
Und bauend nur auf eignem Grunde 
In sich, sich selbst ertoten miisste. 



Dritte August- Woche 



(1912: 25. - 31. August) 



Ich fiihle fruchtend fremde Macht 
Sich starkend mir rmch selbst verleihn, 
Den Keim empfind ich reifend 
Und Ahnung lichtvoll weben 
Im Innern an der Selbstheit Macht. 



Vierte August- Woche (1912: 1 7. September) 

Das Licht aus Weltenweiten, 

Im Innern lebt es kraftig fort, 

Es wird zum Seelenlichte 

Und leuchtet in die Geistestiefen, 

Um Friichte zu entbinden, 

Die Menschenselbst aus Weltenselbst 

Im Zeitenlaufe reifen lassen. 



W Erste September- Woche (1912: 8.-14. September) 



23 Es dampfet herbstlich sich 
Der Sinne Reizesstreben, 
In Lichtesoffenbarung mischen 
Der Nebel dumpfe Schleier sich, 
Ich selber schau in Raumesweiten 
Des Herbstes Weltenschlaf, 
Der Sommer hat an mich 
Sich selber hingegeben. 



X Zweite September- Woche (1912: 15. - 21. September) 

24 Sich selbst erschaffend stets 

Wird Seelensein sich selbst gewahr; 
Der Weltengeist, er strebet fort 
In Selbsterkenntnis neu belebt 
Und schafft aus Seelenfinsternis 
Des Selbstsinns Willensfrucht. 



Y Dritte September- Woche (1912: 22. - 28. September) 



25 Ich darf nun mir gehoren 

Und leuchtend breiten Innenlicht 
In Raumes- und in Zeitenfinsternis. 
Zum Schlafe drangt natiirlich Wesen, 
Der Seele Tiefen sollen wachen 
Und wachend tragen Sonnengluten 
In kalte Winterfluten. 



Z Michaeli-Stimmung 

26 Natur, dein miitterliches Sein, 

Ich trage es in meinem Willenswesen; 
Und meines Willens Feuermacht, 
Sie stahlet meines Geistes Triebe, 
Dass sie gebaren Selbstgefuhl, 
Zu tragen mich in mir. 



HERBST 



A Erste Oktober-Woche (1912: 6. - 12. Oktober) 

27 In meines Wesens Tiefen dringen 
Erregt ein ahnungsvolles Sehnen, 
Dass ich mich selbstbetrachtend finde 
Als Sommersonnengabe, die als Keim 
In Herbstesstimmung warmend lebt 
Als meiner Seele Kraftetrieb. 



B Zweite Oktober-Woche (1912: 13. - 19. Oktober) 

28 Ich kann im Innern neu belebt 
Erfiihlen eignen Wesens Weiten 
Und krafterfiillt Gedankenstrahlen 
Aus Seelensonnenmacht 
Den Lebensratseln losend spenden, 
Erfiillung manchem Wunsche leihen, 
Dem Hoffnung schon die Schwingen lahmte. 



Dritte Oktober-Woche 



(1912: 20. - 26. Oktober) 



Sich selbst des Denkens Leuchten 

Im Innern kraftvoll zu entfachen, 

Erlebtes sinnvoll deutend 

Aus Weltengeistes Kraftequell, 

1st mir nun Sommererbe 

1st Herbstesruhe und auch Winterhoffnung. 



Vierte Oktober-Woche (1912: 27. Okt. - 2. November) 

Es spriefien mir im Seelensonnenlicht 
Des Denkens reife Friichte, 
In Selbstbewufitseins Sicherheit 
Verwandelt alles Fiihlen sich, 
Empfinden kann ich freudevoll 
Des Herbstes Geisterwachen, 
Der Winter wird in mir 
Den Seelensommer wecken. 



Erste November- Woche 



(1912: 3. - 9. November) 



Das Licht aus Geistestiefen, 

Nach aufien strebt es sonnenhaft, 

Es wird zur Lebenswillenskraft 

Und leuchtet in der Sinne Dumpfheit, 

Um Krafte zu entbinden, 

Die Schaffensmachte aus Seelentrieben 

Im Menschenwerke reifen lassen. 



Zweite November- Woche (1912: 10.-16. November) 

Ich fuhle fruchtend eigne Kraft 
Sich starkend mich der Welt verleihn, 
Mein Eigenwesen fiihl ich kraftend 
Zur Klarheit sich zu wenden 
Im Lebens-Schicksalsweben. 



G Dritte November- Woche 



(1912: 17. - 23. November) 



33 So fiihl' ich erst die Welt, 

Die aufier meiner Seele Miterleben 
An sich nur frostig leeres Leben 
Und ohne Macht sich offenbarend 
In Seelen sich von neuem schaffend 
In sich den Tod nur finden konnte. 



H Vierte November- Woche (1912: 24. - 30. November) 

34 Geheimnisvoll das Alt-Bewahrte 
Mit neu erstandnem Eigensein 
Im Innern sich belebend fiihlen: 
Es soli erweckend Weltenkrafte 
In meines Lebens Aufienwerk ergiefien 
Und werdend mich ins Dasein pragen. 



Erste Dezember-Woche 



(1912: 1.-7. Dezember) 



Kann ich das Sein erkennen, 
Dass es sich wiederfmdet 
Im Seelen-Schaffens-Drange? 
Ich fiihle, dass mir Macht verlieh'n 
Das eigne Selbst dem Weltenselbst 
Als Glied bescheiden einzuleben. 



Zweite Dezember-Woche (1912: 8. - 14. Dezember) 

In meines Wesens Tiefen spricht 
Zur Offenbarung drangend 
Geheimnisvoll das Weltenwort: 
Erfiille deiner Arbeit Ziele 
Mit meinem Geisteslichte 
Zu opfern dich durch mich. 



WINTER 



Dritte Dezember-Woche (1912: 15. - 21. Dezember) 

Zu tragen Geisteslicht in Weltenwinternacht 

Erstrebet selig meines Herzens Trieb, 

Dass leuchtend Seelenkeime 

In Weltengriinden wurzeln 

Und Gotteswort im Sinnesdunkel 

Verklarend alles Sein durchtont. 



Weihe-Nacht-Stimmung 

Ich fiihle wie entzaubert 
Das Geisteskind im Seelenschofi, 
Es hat in Herzenshelligkek 
Gezeugt das heil'ge Weltenwort 
Der Hoffnung Himmelsfrucht, 
Die jubelnd wachst in Weltenfernen 
Aus meines Wesens Gottesgrund. 



N Fiinfte Dezember-Woche 



(1912: 29. Dez. - 4. Januar) 



39 An Geistesoffenbarung hingegeben 
Gewinne ich des Weltenwesens Licht, 
Gedankenkraft, sie wachst 
Sich klarend mir mich selbst zu geben 
Und weekend lost sich mir 
Aus Denkermacht das Selbstgefuhl. 



O Erste Januar- Woche (1913: 5. - 1 1. Januar) 

40 Und bin ich in den Geistestiefen, 
Erfullt in meinen Seelengrunden 
Aus Herzens Liebewelten 
Der Eigenheiten leerer Wahn 
Sich mit des Weltenwortes Feuerkraft. 



P Zweite Januar-Woche 



(1913: 12. - 18.Januar) 



41 Der Seele Schaffensmacht 

Sie strebet aus dem Herzensgrunde 

Im Menschenleben Gotterkrafte 

Zu rechtem Wirken zu entflammen, 

Sich selber zu gestalten 

In Menschenliebe und im Menschenwerke. 



Q Dritte Januar-Woche (1913: 19. - 25. Januar) 

42 Es ist in diesem Winterdunkel 
Die Offenbarung eigner Kraft 
Der Seele starker Trieb, 
In Finsternisse sie zu lenken 
Und ahnend vorzufuhlen 
Durch Herzenswarme Sinnesoffenbarung. 



R Vierte Januar-Woche 



(1913: 26. Januar - 1. Februar) 



43 In winterlichen Tiefen 

Erwarmt des Geistes wahres Sein, 
Es gibt dem Weltenscheine 
Durch Herzenskrafte Daseinsmachte; 
Der Weltenkalte trotzt erstarkend 
Das Seelenfeuer im Menscheninnern. 



S Fiinfte Januar-Woche (1913: 2. - 8. Februar) 

44 Ergreifend neue Sinnesreize 
Erfiillet Seelenklarheit, 
Eingedenk vollzogner Geistgeburt, 
Verwirrend sprossend Weltenwerden 
Mit meines Denkens Schopferwillen. 



Erste Februar-Woche 



(1913: 9. - 15. Februar) 



Es festigt sich Gedankenmacht 
Im Bunde mk der Geistgeburt, 
Sie hellt der Sinne dumpfe Reize 
Zur vollen Klarheit auf . 
Wenn Seelenfiille 

Sich mit dem Weltenwerden einen will, 

Muss Sinnesoffenbarung 

Des Denkens Licht empfangen. 

Zweite Februar-Woche (1913: 16. - 22. Februar) 

Die Welt, sie drohet zu betauben 
Der Seele eingeborne Kraft; 
Nun trete du, Erinnerung, 
Aus Geistestiefen leuchtend auf 
Und starke mir das Schauen, 
Das nur durch Willenskrafte 
Sich selbst erhalten kann. 



Dritte Februar-Woche 



(1913: 23. Februar - 1. Marz) 



Es will erstehen aus dem Weltenschofie, 
Den Sinnenschein erquickend, Werdelust, 
Sie finde meines Denkens Kraft 
Geriistet durch die Gotteskrafte 
Die kraftig mir im Innern leben. 



Vierte Februar-Woche (1913: 2. - 8. Marz) 

Im Lichte das aus Weltenhohen 
Der Seele machtvoll fliefien will 
Erscheine, losend Seelenratsel, 
Des Weltendenkens Sicherheit 
Versammelnd seiner Strahlen Macht 
Im Menschenherzen Liebe weekend. 



W Erste Marz-Woche 



(1913: 9. -15. Marz) 



49 Ich fiihle Kraft des Weltenseins: 
So spricht Gedankenklarheit, 
Gedenkend eignen Geistes Wachsen 
In finstern Weltennachten 
Und neigt dem nahen Weltentage 
Des Innern Hoffnungsstrahlen. 



X Zweite Marz-Woche (1913: 16. - 22. Marz) 

50 Es spricht zum Menschen-Ich, 
Sich machtvoll offenbarend 
Und seines Wesens Krafte losend, 
Des Weltendaseins Werdelust: 
In dich mein Leben tragend 
Aus seinem Zauberbanne 
Erreiche ich mein wahres Ziel. 



Friihling-Erwartung 



Ins Innre des Menschenwesens 
Ergiefit der Sinne Reichtum sich, 
Es findet sich der Weltengeist 
Im Spiegelbild des Menschenauges, 
Das seine Kraft aus ihm 
Sich neu erschaffen muss. 



Vierte Marz-Woche (1913: 30. Marz) 

Wenn aus den Seelentiefen 

Der Geist sich wendet zu dem Weltensein 

Und Schonheit quillt aus Raumesweiten, 

Dann zieht aus Himmelsfernen 

Des Lebens Kraft in Menschenieiber 

Und einet, machtvoll wirkend, 

Des Geistes Wesen mit dem Menschensein. 



DREI KOSMISCHE DICHTUNGEN 
FUR DIE EURYTHMIE 



PLANETENTANZ 

ZWOLF STIMMUNGEN 

ANSPRACHE DORNACH, 29. AUGUST 1915 

DAS LIED VON DER INITIATION 
Eine Satire 



PLANETENTANZ 

Es leuchtet die Sonne - 
Was traget ihr Strahlen 
Zu Bliiten und Steinen 
So machtvoll daher? 

Es webet die Seele - 
Was hebet das Leben 
Aus Glauben zum Schauen 
So sehnend hinauf ? 

O suche, du Seele, 
In Steinen den Strahl, 
In Bliiten das Licht - 
Du findest dich selbst. 



Es blauet der Himmel - 
Was sendet die Tiefe 
Aus Fernen zur Erde 
Geheimnisvoll her? 

Es wirket der Geist - 
Was s chaff et der Starke 
Aus wollendem Sein 
Zur scheinenden Kraft? 

So lenke, o Geist, 
Zur Ferae den Blick, 
Zur Tiefe dich selbst - 
Du findest die Welt. 



Es funkeln die Sterne - 
Was breitet das Glanzen 
Aus Weiten zur Mitte 
Enthiillend daher? 

Es fraget der Mensch - 
Was ratselt im Innern 
Aus banglichem Streben 
Zum Wissen sich hin? 

So lenke, du Mensch, 
Zur Weite dich selbst, 
Zur Mitte das Sein - 
Du findest den Geist. 



Es waltet die Nacht - 
Was dampfet die Wesen 
Im endlosen Raum 
Zu lastendem Nichts? 

Es weset das All - 
Was waltet, sich hiillend 
Im Dunkel der Griinde, 
Verborgen atmend? 

Es ahnet des Geistes 
Erbrennendes Dursten 
In Welten die Wesen, 
In Wesen die Welten. 



ZWOLF STIMMUNGEN 



Erstehe, o Lichtesschein, 
Erfasse das Werdewesen, 
Ergreife das Krafteweben, 
Erstrahle dich Sein-erweckend. 
Am Widerstand gewinne, 
Im Zeitenstrom zerrinne. 
O Lichtesschein, verbleibe! 

WIDDER 



Erhelle dich, Wesensglanz, 

Erfuhle die Werdekraft, 

Verwebe den Lebensfaden 

In wesendes Weltensein, 

In sinniges Offenbaren, 

In leuchtendes Seins-Gewahren. 

O Wesensglanz, erscheine! 

STIER 



Erschliefie dich, Sonnesein, 
Bewege den Ruhetrieb, 
Umschliefie die Strebelust 
Zu machtigem Lebewalten, 
Zu seligem Weltbegreifen, 
Zu fruchtendem Werdereifen. 
O Sonnesein, verharre! 

ZWILLINGE 



Du ruhender Leuchteglanz, 
Erzeuge Lebenswarme, 
Erwarme Seelenleben 
Zu kraftigem Sich-Bewahren, 
Zu geistigem Sich-Durchdringen, 
In ruhigem Lichterbringen. 
Du Leuchteglanz, erstarke! 

KREBS 



Durchstrome mit Sinngewalt 
Gewordenes Weltensein, 
Erfuhlende Wesenschaft 
Zu wollendem Seinentschluss. 
In stromendem Lebensschein, 
In waltender Werdepein, 
Mit Sinngewalt erstehe! 

LOWE 



Die Welten erschaue, Seele! 
Die Seele ergreife Welten, 
Der Geist erfasse Wesen, 
Aus Lebensgewalten wirke, 
Im Willenserleben baue, 
Dem Weltenerbliih'n vertraue. 
O Seele, erkenne die Wesen! 

JUNGFRAU 



Die Welten erhalten Welten, 
In Wesen erlebt sich Wesen, 
Im Sein umschliefit sich Sein. 
Und Wesen erwirket Wesen 
Zu werdendem Tatergiefien, 
In ruhendem Weltgeniefien. 
O Welten, traget Welten! 

WAAGE 



Das Sein, es verzehrt das Wesen, 
Im Wesen doch halt sich Sein. 
Im Wirken entschwindet Werden, 
Im Werden verharret Wirken, 
In strafendem Weltenwalten, 
Im ahndenden Sich-Gestalten 
Das Wesen erhalt die Wesen. 



SKORPION 



Das Werden erreicht die Seinsgewalt, 
Im Seienden erstirbt die Werdemacht. 
Erreichtes beschliefit die Strebelust 
In waltender Lebenswillenskraft. 
Im Sterben erreift das Weltenwalten, 
Gestalten verschwinden in Gestalten. 
Das Seiende fuhle das Seiende! 

SCHUTZE 



Das Kiinftige ruhe auf Vergangenem. 
Vergangenes erfiihle Kiinftiges 
Zu kraftigem Gegenwartsein. 
Im inneren Lebenswiderstand 
Erstarke die Weltenwesenwacht, 
Erbliihe die Lebenswirkensmacht. 
Vergangenes enrage Kiinftiges! 

STEINBOCK 



Begrenztes sich opfere Grenzenlosem. 

Was Grenzen vermisst, es griinde 

In Tiefen sich selber Grenzen; 

Es hebe im Strome sich, 

Als Welle verfliefiend sich haltend, 

Im Werden zum Sein sich gestaltend. 

Begrenze dich, o Grenzenloses. 

WASSERMANN 



Im Verlorenen finde sich Verlust, 
Im Gewinn verliere sich Gewinn, 
Im Begriffenen suche sich das Greifen 
Und erhalte sich im Erhalten. 
Durch Werden zum Sein erhoben, 
Durch Sein zu dem Werden verwoben, 
Der Verlust sei Gewinn fur sich! 



FISCHE 



Ansprache 

zur ersten eurythmischen Darstellung der drei 

Dichtungen 
Planetentanz - Zwolf Stimmungen - Satire 

Dornach, 29. August 1915 



Ich mochte nur vorausbemerken einige Worte dariiber, wie 
man den Zusammenhang in allem sehen moge, was wir 
versuchen, in allem, was hervorgeht aus dem von uns Ver- 
suchten. Es ist ja in unserer Zeit gewiss auf der einen Seite 
eine starke Sehnsucht vorhanden, den Zusammenhang des 
materiellen Lebens mit dem geistigen Leben zu gewinnen; 
auf der anderen Seite aber sind die Moglichkeiten dazu nicht 
so leicht zu finden. Denn, wie ich in anderem Zusammen- 
hange hervorgehoben habe, ist bei den wenigsten Menschen 
Europas heute ein deutliches Gefuhl vorhanden von dem 
Suchen nach dem Wesenhaf ten in den unserer Welt zugrun- 
de liegenden und mit ihr verbundenen anderen Welten. 
Wenn Sie heute Lehren nehmen, die gegeben werden iiber 
Poesie, iiber Kunst, so werden Sie vielfach bemerken, wie 
alles Kunstlerische zuruckfuhrt auf ein Hoheres, wie es aber 
schwierig ist fur den Menschen, den Zusammenhang mit 
diesem Hoheren wirklich heute zu erfuhlen. Und deshalb 
steht zu hoffen, dass gerade das weitere Popularwerden des 
Eurythmischen, wie wir es versuchen, von einer, ich mochte 
sagen, ganz menschlichen Seite her dasjenige fordert, was 
man braucht, um den Zusammenhang des Menschen mit 
den geistigen Welten zu finden. Wie oft werden Sie von 
dieser oder jener sich theosophisch nennenden Richtung 
gehort haben, dass ein Wesentliches fur das Seelenleben 
darauf beruht, eins zu werden mit dem grofien Allwesen, 
das die Raume erfullt und die Zeiten durchwallt. Aber mit 



so grofiem Enthusiasmus und mit so starker Inbrunst auch 
manchmal dieses Verlangen nach dem Sich-eins-Fuhlen mit 
dem All, wie man sagt, theosophisch betont wird, so wenig 
ist man geneigt, die Wirklichkeit davon zu ergreifen. Viele 
betonen heute die Form, wie in der Mitte des Mittelalters, 
etwa durch Meister Eckart, durch Johannes Tauler, das 
«Entwerden», wie man sagte, angestrebt worden ist, das 
Sich-eins-Fiihlen mit dem gottlich durchstromten All. Wir 
sind aber heute in einer Zeitperiode, wo dies im Konkreten, 
im Wirklichen, angestrebt werden muss, wo wirklich etwas 
getan werden muss zur Bekraftigung der grofien Wahrheit, 
dass der Mensch in seinem Tun und in seinem Sein zusam- 
menklingen kann mit dem Tun und mit dem Sein der Welt. 
Und so etwas ist versucht eben in dem, was jetzt unsere 
Freunde kennenlernen werden durch die Damen, die es zu- 
nachst betreiben, in dem zweiten Kapitel unserer Euryth- 
mie. Ich will nur ganz kurz auf einiges aufmerksam machen, 
das aus dem Heutigen erschlossen werden kann. 

In der zweiten Vorfuhrung [«Zwolf Stimmungen»] ha- 
ben Sie gesehen, wie gewissermafien nachgebildet ist ein 
Bewegt-Ruhiges, das im Universum ist: die Zwolfheit, die 
im Universum als der Tierkreis vorhanden ist; die Sieben- 
heit, die im Universum als Planetenfolge vorhanden ist. Sie 
haben auch gesehen, wie das Ruhende der Tierkreisbilder 
im Verhaltnis zum Bewegten des planetarischen Seins Ihnen 
aus der Darbietung der Figuren hervorgetreten ist. Solche 
Dinge sind natiirlich nur moglich, wenn in dem Ganzen 
dieser Geist des Sich-eins-Ftihlens mit dem Universum 
vorhanden ist. Und so ist denn einmal versucht, etwas zu 
machen, bei dem ein ganz inniger Einklang ist zwischen 
dem gesprochenen Worte, und nicht nur dem gesprochenen 
Worte, sondern den sich offenbarenden Empfindungen und 
jeder einzelnen Bewegung. Man wird nach und nach ver- 



stehen, dass man im Ganzen dieser Darstellung nur als eine 
Hilfe das gesprochene Wort haben wird. Man wird nach 
und nach verstehen, dass, wenn die Bewegung in ihrer Fiille 
gemacht wird, man dasjenige, was gesagt wird, ebenso wird 
aus der Bewegung ablesen konnen, wie man, wenn man 
die Buchstaben vor sich hat, den Sinn ablesen kann. Man 
braucht nichts anderes, als Lesen gelernt zu haben, dann 
wird man nach und nach, wenn eben das ganze System 
entwickelt ist, auch dasjenige lesen konnen, was dargeboten 
wird. Aber man wird nicht nur lesen konnen buchstaben- 
gemafi, lautgemaft, sondern auch sinngemafi. 

Dazu ist allerdings notwendig, dass man einen Begriff hat 
von dem sinngemafien inneren Erleben. Der Mensch muss 
ja selbstverstandlich als Erdenmensch, da er mit den Wesen, 
die in den Abgrund gesto£en sind, eben im Abgrund der 
Erde herumirrt, in der Regel wahrend seines Erdenseins 
auch irren mit seinen Gedanken und Empfindungen. Aber 
er kann sich emporschwingen aus diesem irrenden Denken 
und Empfinden zu dem, was regelmafiig aus der ruhigen 
Bewegung ihm dann festes Denken und Empfinden ist. 
Denn, sehen Sie, der Kosmos, wie er uns zunachst als unser 
Sonnensystem vorliegt, der ist ja nur ein Spezialfall. «Im 
Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und 
ein Gottliches war das Wort.» Und im Kosmos sehen wir 
gleichsam erstarrt das Wort, das Wort in seiner Ruhe und 
das Wort in seiner Bewegung. Aber man muss es eben fuh- 
len im Kosmos. Ich mochte nicht, dass man verwechsle, was 
hier vorgebracht wird, mit mancherlei verworrenem Mysti- 
zismus der Gegenwart. Nicht um Nachahmung der Metho- 
den etwa derjenigen modernen Astrologen, die in ihren 
Methoden jeden Materialismus xiberbieten und die zur 
materialistischen Unwissenheit nur den unwissenden Aber- 
glauben hinzufugen, handelt es sich hier, sondern um das 



Eingehen auf die gesetzmafiigen Zusammenhange einer gei- 
stigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen ebenso hat 
wie im Kosmos. Wahre Geisteswissenschaft sucht nicht aus 
Sternen-Konstellationen Menschengesetze, sondern aus 
dem Geistigen sowohl Menschengesetze wie Naturgesetze. 
Obgleich diese Geisteswissenschaft mit den unsinnigen 
mystischen Bestrebungen der modernen Zeit immer wieder 
zusammengeworfen wird, hat sie doch damit gar nichts zu 
tun. Hier, wo in gewissen Aufterungen des Menschen Ana- 
logien mit kosmischen Verhaltnissen als Grundlage einer 
Ausdrucksweise angewendet werden, muss besonders 
betont werden, dass Geisteswissenschaft nichts mit dem 
Dilettantismus moderner Astrologen und deren plumpen 
Offenbarungen zu tun haben will. 

Und so wurde denn einmal versucht, eine solche Auf- 
einanderfolge des Fiihlens, Empfindens und Sprechens zu 
machen, die so, wie sie dargeboten wird, gleichsam einen 
anderen Fall, einen Fall inneren Seelenerfiihlens gibt gegen- 
iiber dem, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres 
Sonnensy stems. Der Bau nach zwolf Strophen, die je sie- 
benzeilig sind, entspricht, ich mochte sagen, dem auEeren 
Gerippe. Aber Sie werden, wenn Sie gerade dieses zwolf- 
siebengliedrig versuchte Gedicht nehmen, sehen, dass in 
alien Einzelheiten festgehalten ist dasjenige, was sich da 
offenbaren will. Sie werden, wenn Sie die Stimmung neh- 
men - ich will als Beispiel es erwahnen - im Krebs, wo, 
nachdem der Aufstieg vollzogen ist, wiederum der Abstieg 
erfolgt, wo man gewissermafien das Geftihl hat, dass die 
Sonne fur einen Augenblick ruhig steht - um nur dies 
Bild zu gebrauchen, es konnten viele Bilder gebraucht wer- 
den -, da werden Sie etwas durchfuhlen aus der Art und 
Weise, wie die Worte in der betreffenden, wenn wir sagen 
wollen «Krebs-Strophe» gerade liegen. 



Und vergleichen Sie dies meinetwillen mit der Strophe 
des Skorpions. Es ist in jeder Strophe genau die Stimmung, 
die dem betreffenden Planeten am Himmel entspricht.* 
Aber nicht nur das ist versucht, sondern, wenn immer Sie 
gewisse Strophen nehmen, werden Sie noch anderes emp- 
finden konnen. Ich will eine Zeile aus jeder Strophe heraus- 
greifen, die Zeile des Mars: 

[m Widder: Erstrahle dich Sein-erweckend. 

[m Stier: In wesendes Weltensein. 

[m Krebs: Zu kraftigem Sich-Bewahren. 

[m Lowen: Zu wollendem Seinentschluss. 

[n der Jungfrau: Aus Lebensgewalten wirke. 

[n der Waage: Und Wesen erwirket Wesen. 

m Skorpion: Im Werden verharret Wirken. 

[m Schiitzen: In waltender Lebenswillenskraft. 

[m Steinbock: Im innern Lebenswiderstand. 

[m Wassermann: Es hebe im Strome sich. 

[n den Fischen: Und erhalte sich im Erhalten. 

Trotzdem in jedem einzelnen festgehalten ist die allgemeine 
Stimmung der Strophe, werden Sie aus jeder dieser Zeilen 
da, in der Aufeinanderfolge der sieben Zeilen, dem Mars 
immer entsprechend, die Mars-Stimmung heraushdren aus 
der Zeile. So dass eigentlich das Ideal ist, dass, wenn jemand 
aufgeweckt werden konnte aus dem Schlaf und es wiirde 
ihm eine Zeile vorgelesen: «Im Werden verharret Wirken », 
- er sagen miisste: «Nun ja, Mars im Skorpion! » Bei der 
anderen Zeile: «Jupiter in der Waage » und so weiter. Sie 
sehen, das ist das Gegenteil jeder subjektiven Willkiir. Es ist 
wirklich das Einssein mit den Gesetzen des Universums 
ernst genommen. Es ist nicht blofi deklamiert: Man soli eins 



Die sieben Zeilen jeder Strophe gehoren zu den Planeten in dieser 
Reihenfolge: Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Mond. 



sein mit dem All! Sondern es ist dies Einssein. Es ist ver- 
sucht wenigstens, dieses Einssein im Konkreten durchzu- 
fiihren. Sie werden auch bemerkt haben, dass zum Beispiel 
die Geste in gewissem Falle gehalten wird, werden bemerkt 
haben, wie bei dem Herumgehen der Sonne die Waage- 
Stimmung auch in der Geste schon festgehalten war, ohne 
dass das gesucht war, sondern nur dadurch, dass der betref- 
fende Buchstabe eben da ist. Sie haben gesehen bei der 
Waage-Stimmung iiberall das Gleichmafi der Waage! Es hat 
sich von selbst gemacht, dass die Waage-Haltung gerade da 
festgehalten worden ist. Die Dinge ergeben sich ganz von 
selbst dann, wenn sie richtig gemacht sind. 

Was ist eigentlich mit so etwas versucht? Wahrhaftig, es 
ist etwas ganz anderes als eine Spielerei! Es ist versucht, 
dasjenige festzuhalten in wirklichem inneren Ergreifen, was 
kosmisch ausgefuhrt worden ist, indem unser Sonnensy- 
stem geschaffen worden ist. Man versucht da wirklich sich 
hineinzuleben, in Stimmung, im Tun und in allem sich hin- 
einzuleben, und - man mochte sagen: Das, was Sie da sich 
haben abspielen sehen, das gibt einem die Moglichkeit, eine 
Beweglichkeit und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu 
erschaffen von dem, was man so nennen kann: 

Das Wort walk durch die Welt, 

Und die Weltenbildung halt das Wort fest. 

In der ersten Darbietung [«Planetentanz»] wird ebenso 
versucht, nur in einer etwas anderen Weise wiederum, 
ein[en] Weltenzusammenhang [darzustellen]. Da werden 
Sie gesehen haben, dass genau festgehalten wurde in den 
Bewegungen die Tatsache, dass man es zu tun hat mit Stro- 
phen zu je vier Zeilen, und dass auf einem aufieren Kreise 
die Sonne ihre zwolf Bewegungen machte. Es sind ja auch 
zwolf Strophen. Nur ist da auf dem aufieren Kreis die Sonne 
als den Tierkreis durchlaufend dargestellt worden. 



Diejenigen beiden Damen, die im mittleren Kreise stan- 
den, driickten das Planetarische, und die Dame, die ganz im 
Zentrum stand, driickte das Lunarische, den Mond, aus. So 
hatten Sie hier: Sonne, Planeten und Mond. Und so war 
auch der innere Zusammenhang der Zeilen und auch das 
Verhaltnis immer der letzten Zeile zur ersten Zeile: die erste 
Zeile ist immer das Sonnenhafte, die letzte immer das 
Mondhafte. Gerade so, wie das Sonnenlicht vom Monde 
zuriickgestrahlt ist, so wird immer die letzte Zeile ein Riick- 
strahlen sein. 

Und so wurde eben einmal versucht aus dem Geheim- 
nisse des Universums heraus die Form, die dann sowohl 
gesprochen werden kann, wie auch in Bewegungen euryth- 
misch ausgedriickt werden kann. Wenn also einmal die Zeit 
kommen wird, wo man diese Dinge wird lesen lernen, wird 
man, wenn man so etwas vorgefuhrt gesehen hat, wissen, 
eindeutig wissen, was ein solches ganzes Bewegungssystem 
zum Ausdrucke bringt. 

Man kann ja selbstverstandlich der Anschauung sein, 
dass man so etwas nicht zu machen braucht, aber, nicht 
wahr, man kann ja verschiedene Ansichten haben. Man 
kann ja auch die Ansicht haben, dass der Mensch stumm 
sein konnte und nicht zu reden brauchte. Und wenn alle 
Menschen stumm waren auf der Welt und nur ein Paar 
wiirde zu reden beginnen, so wurden die iibrigen das Reden 
als hochst iiberfliissig betrachten. Also, das sind ganz rela- 
tive Anschauungen, nicht wahr. Man braucht sich nur auf 
das Relative dieser Anschauungen einzulassen, dann wird 
man schon merken, dass der wahre Fortschritt in der Ent- 
wickelung der Menschheit nur erreicht werden kann, wenn 
man sich darauf einlasst, alle die Moglichkeiten wirklich 
herauszuholen, die in der menschlichen Natur sind. 

Sie werden ja, wenn die Damen einmal in der Lage sein 



werden, das auch zu lehren, was jetzt das zweite Kapitel der 
Eurythmie ist, zu dem, was da makrokosmisch Ihnen vor 
Augen tritt und ja auch noch dahin ausgebaut werden muss, 
sehen, dass jene Auftakte, die wir zuerst gemacht haben, 
selbstverstandlich musikalische Begleitung werden haben 
mussen; heute war es nur ein stummer Auftakt. Sie werden 
dann spater sehen, dass zu dem Makrokosmischen auch ein 
Mikrokosmisches kommt, und dass Vorfuhrungen kommen 
werden, in denen sich zum Ausdruck bringen wird irgend 
etwas genau so regelmafiig wie im menschlkhen Sprechen 
selber. Sie werden spater Kompositionen der Eurythmie 
sehen, wo Sie bemerken werden, dass genau an der einen 
richtigen Stelle ein Lippenlaut, an der anderen richtigen 
Stelle ein Zahnlaut entsteht, und dass wirklich das ge- 
schieht, was im Menschen beim Reden in anderer Art ent- 
steht, so dass der Mensch sich selber kennenlernt in diesem, 
was sich in der Eurythmie vollzieht. Sie werden heute auch 
schon bemerkt haben, dass die Damen nach und nach wer- 
den lehren konnen, dass Verschiedenes in den Worten, Ver- 
schiedenes in den Bedeutungen und im Sinn in verschiede- 
ner Weise zur Darstellung kommt. Sie werden heute be- 
merkt haben, dass ein konkretes Wort in einer ganz anderen 
Weise getanzt worden ist als ein abstraktes Wort, dass ein 
Zeitwort, das eine Tatigkeit andeutete, in einer anderen 
Weise getanzt wurde als ein Zeitwort, das einen leidenden 
Zustand andeutete, als ein Zeitwort, das eine Dauer andeu- 
tete und so weiter. Auch diesen Zusammenhang - ich moch- 
te sagen - des Gehirns mit dem Sprachorganismus werden 
Sie dargestellt finden im Eurythmischen. 

Ich hoffe, dass man die folgende «Satire» nicht missver- 
stehen werde. Die in ihr zum Ausdruck kommende Stim- 
mung darf dort nicht fehlen, wo ernste geisteswissenschaft- 
liche Weltauffassung der Lebensfuhrung zugrunde liegen 



will. Es ist wahrlich kein «Spielen» mit ernsten Dingen, 
wenn der Humor sich ergehen mochte iiber den Ernst, der 
in manchen Kreisen, die sich «mystisch» diinken, mit jener 
Spielerei getrieben wird, welche die karikierte Maske der 
«geistigen Tiefe» annimmt und in Gebarden sich auslebt, 
die in physischer Wiirde und mit tragisch verlangerten Ant- 
litzen doch fur den Lebenskundigen nur buries ke Purzel- 
baume eines geistigen Lebens schlagen. Uber das Lacherli- 
che muss lachen konnen, wer dem Ernst gegemiber richtig 
ernst sein will, wenn das Lacherliche sich als ernsthaft dra- 
piert. Wer bei Humoristischem keinen Humor finden kann, 
der kann auch im wahren Sinne dem Ernsten gegeniiber 
nicht ernst sein. Gerade da, wo nach der Erkenntnis des 
Geistes gestrebt wird, muss auch gelacht werden konnen 
iiber die Auswuchse mancher «Geistsucher». Sonst machen 
diese das Ernste bei den andern gar zu lacherlich, bei jenen 
andern, die lachen, weil ihre Lachmuskeln jederzeit in Be- 
wegung geraten, wenn sie etwas nicht verstehen - oder sie 
machen diejenigen wutend, die in Wut geraten, wenn sie auf 
etwas stolen, das sie «noch nie gesehen oder gehort haben». 



DAS LIED VON DER INITIATION 
Eine Satire 

Die Augen leuchten ihm helle, 

Im Kopfe stolpert sein Denken, 

Vom Gliick des Sinnens ganz berauscht. 

Im Sturme folgt es der Erinnerimg 

Des wunderbaren Traumes, 

Der Bliite des Erkenntnisbaumes, 

In mystisch schwiiler Nacht erlebt. 

WIDDER 



Schon spukt im wirren Hirne, 
Possierlich griiblerisch vertraumt, 
Vom Herzen aus mit Wohlgefuhl begleitet 
Im Traumgaloppe geisterwarts, 
Gewichtig Schauen, kiihn erspahend, 
Wie aus dem Kosmos, deutlich krahend, 
Ein Geisterchor sich offenbart. 



STIER 



Entrissen fiihlt das helle Ich 
Dem Denken sich, das physisch nur 
Und drum vom hohen Geistestrieb 
Mit einem Seelentritte machtig 
Vom Pfade edlen Strebens 
Und kosmisch hohen Lebens 
Wird kuhnhch weggeschmissen. 

ZWILLINGE 



Ganz aus dem Leibe fiihlt sich schon, 
Durch Geistesboten recht gefuhrt, 
Durch Geistesliebe wohl gepflegt, 
Von weiser Torheit stark gestofien, 
Der Seele dunkles Schauen 
In den weiten Geistesauen 
Ganz kosmisch geistgenahrt. 

KREBS 



Was wirkt so machtig wundersam 

Gedankenlos und geistestrachtig, 

Von Weltenliebe prachtig triefend, 

In kiihnem Herzen ihm so ahnungsvoll? 

Er ist zum Lowengrade 

Auf dem steilen Wissenspfade 

Ja klarlich nun schon vorgedrungen. 

LOWE 



Nun muss er auch empfangen 
Aus Weltgedanken wurdevoll, 
Aus Weltenliebe gnadereich, 
Mit zuckendem Geistesblitz, 
Aus hierarchischer Region 
Die hohe Seelen-Initiation, 
Ganz ungeteilt und tief. 

JUNGFRAU 



Er lebt nun schon in Harmonie 
Mit aller Weltenklarheit. 
Empfinden kann in seinem Herzen er 
Die Schwungkraft aller Wahrheit. 
In sich fuhlt er die Weltenwaage, 
Auf der des Daseins Ratselfrage 
Von Geistern abgewogen steht. 

WAAGE 



Da zwickt und zwackt es ihn . . . 
-Des Geistes Priifung, findet er, 
Scheint mir dies Prickeln in dem Leibe - 
«Der Stich, der trifft ihn sicher!» 
So grinst verstandig jetzt ein Ungelehrter, 
Ein ganzlich mystisch Unverkehrter - 
Dem Mysterium ganz frech entgegen. 

SKORPION 



Er aber hat in Weltennacht erkannt, 

Wie doch Homer und Sokrates, Goethe auch, 

In seines Iches Wesensgriinden 

Die scharfsten Seelenpfeile schossen, - 

Und ihre unverfalschte Menschenwesenheit 

Verkorpert wie mit Selbstverstandlichkeit 

In ihm zu neuer Daseinsgrofie sich. 

SCHUTZE 



«Erfiihlst du denn Homers Genie 

In deinem Denken stark sich regen?» 

«0, regt es sich, ich liebt es nicht», 

So sprach mit spitzer Rede 

Der Eingeweihte, «das ware Maja-Streben. 

Homer will in meinem gegenwart'gen Leben 

All sein Genie im Mystenschlafe pflegen!» 

STEINBOCK 



«Dir fehlt, o mystisch umgeformter Sokrates, 
Vom klugsten Griechen jede Spur. 
Dazu bist du so eitel, wie er weise war.» 
«Erdriicke Lasterrede!», sagt der Myste, 
«Nichts zu wissen, liebte ich als dieser Mann . . . 
Und da ich jetzo gar nichts weifi und kann, 
Erfuhl ich dieses Leben ganz sokratisch-mystisch.» 

WASSERMANN 



«Und welcher Sonnenstrahl von Goethe, 

Als Bote fuhrt er deine Seele 

Zurn Reifen holier Wissenstriebe?» 

Der Seher greift zum scharfsten Redepfeile. 

«Er schuf», so sagt er, «Goethe viel zu helle. 

Drum traum ich Goethes hohe Kunst, und wahle 

Des Schlafes Tiefen mir zum Arbeitsfeld.» 



FISCHE 



JAHRESLAUF 
JAHRESFESTE 



Es wechseln in des Jahres Lauf 

Des Sommers Wachstumskraft 

Und Winters Erdenruh'. 

Und in des Menschen Lebensbahn 

Auch wechselt Wachens Kraft 

Mit Schlafens Friedewalten; 

Doch lebt im Schlaf und Wachen 

Die geisterfullte Seele fort. 

So auch lebt die Erdenseele geistig 

Im Sommers- und im Winters-Wandel. 



undatierbar 



WINTERWILLE 

O Welten-Bilder, 
Ihr schwebet heran 
Aus Raumesweiten. 
Ihr strebet nach mir, 
Ihr dringet ein 
In meines Hauptes 
Denkende Krafte. 

SOMMERWILLE 

Ihr meines Hauptes 

Bildende Seelenkrafte, 

Ihr erfullet mein Eigensein, 

Ihr dringet aus meinem Wesen 

In die Weltenweiten 

Und einigt mich selbst 

Mit Weltenschaffensmachten. 



V. Dornach 25. November 1923 



Jahreszeitenerleben in alien Mysterien 

Hochsommer 
Empfange das Licht 

Herbstwende 
Schau um dich 

Tiefwinter 
Hiite dich vor dem Bosen 

Friihlingswende 
Erkenne dich selbst 



V. Dornacb, 8. April 1923 



FRUHLING 

Der Sonnenstrahl, 
Der lichterfunkelnde, 
Er schwebt heran. 

Die Bliitenbraut, 
Die farberregende, 
Sie griifit ihn froh. 

Vertrauensvoll 
Der Erdentochter 
Erzahlt der Strahl, 

Wie Sonnenkrafte, 

Die geistentsprossenen, 

Im Gotterheim 

Dem Weltentone lauschen; 

Die Bliitenbraut, 
Die farberglitzernde, 
Sie horet sinnend 
Des Lichtes Feuerton. 



Fiir die Eurythmie 1921 



Ostern 



In Menschenseelen will ich lenken 
Das Geistgefiihl, dass willig es 
Das Osterwort in Herzen wecke; 

Mit Menschengeistern will ich denken 
Die Seelenwarme, dass kraftig sie 
Den Auferstand'nen fiihlen konnen; 

Es leuchtet hell dem Todesscheine 
Des Geisteswissens Erdenflamme; 
Das Selbst wird Welten-Aug und Ohr. 



Ostern 1915 



Ostern 



Steh' vor des Menschen Lebenspforte: 
Schau* an ihrer Stirne Weltenworte. 

Leb 1 in des Menschen Seeleninnern: 
Fuhl 1 in seinem Kreise Weltbeginnen. 

Denk' an des Menschen Erdenende: 
Find' bei ihm die Geisteswende. 



V. Dornach, 20. April 1924 



Der Ostergedanke der ephesischen Mysterien 

als Zusammenfassung alles dessen, was man je gewusst hat iiber 
des Menschen wahre Wiirde im ganzen Kosmos 

Weltentsprossenes Wesen, du in Lichtgestalt, 
Von der Sonne erkraftet in der Mondgewalt, 

Dich beschenket des Mars erschaffendes Klingen 
Und Merkurs gliedbewegende Schwingen, 

Dich erleuchtet Jup iters erstrahlende Weisheit 
Und der Venus liebetragende Schonheit - 

Dass Saturns weltenalte Geist-Innigkeit 

Dich dem Raumessein und Zeitenwerden weihe! 



V. Dornacb, 22. April 1924 



Pfingst-Gedanke 



Wesen reiht sich an Wesen in Raumesweiten, 

Wesen folgt auf Wesen in Zeitenlaufen. 

Verbleibst du in Raumesweiten, im Zeitenlauf e, 

So bist du, o Mensch, im Reiche der Verganglichkeiten. 

Uber sie aber erhebt deine Seele sich gewaltiglich, 

Wenn sie ahnend oder wissend schaut das 

Unvergangliche, 

Jenseits der Raumesweiten, jenseits der Zeitenlauf e. 

V. Hamburg, 15. Mai 1910 

Wesen reiht sich an Wesen in den Raumesweiten, - 

Wesen folgt auf Wesen in den Zeitenlaufen - 

Willst du dringen aus der Verganglichkeit Reich 

In das Gebiet des Ewigen, 

So schliefie den Bund mit der Erkenntnis, 

Denn nur so findest du das Ewige 

In dir, das Ewige aufier dir - 

Jenseits aller Raumesweiten - 

Jenseits aller Zeitenlaufe - ! 



V. Hamburg, 24. Mai 1910 



Pfingstspruch 



Wo Sinneswissen endet, 
Da stehet erst die Pforte, 
Die Lebenswirklichkeiten 
Dem Seelensein eroffnet; 
Den Schliissel schafft die Seele, 
Wenn sie in sich erstarket 
Im Kampf, den Weltenmachte 
Auf ihrem eignen Grunde 
Mit Menschenkraften fiihren; 
Wenn sie durch sich vertreibet 
Den Schlaf, der Wissenskrafte 
An ihren Sinnesgrenzen 
Mit Geistes-Nacht umhiillet. 



V. Wien, 6. Mai 1915 



DIE WELTENSEELENGEISTER 

Im Lichte wir schalten, 
Im Schauen wir walten, 
Im Sinnen wir weben. 

Aus Herzen wir heben 
Das Geistesringen 
Durch Seelenschwingen. 

Dem Menschen wir singen 
Vom Gottererleben 
Im Weltengestalten. 



Fur die Eurythmie 
Pfingsten 1921 



Hochsommer 
Uriel- Imagination 



Mysterien der Hdhen 

Schaue unser Web en, 
Das leuchtende Erregen, 
Das warmende Leben. 

Mysterien der Tiefen 

Lebe irdisch Erhaltendes 
Und atmend Gestaltetes 
Als wesenhaft Waltendes. 

Mysterien der Mitte oder des menschlicben Innern 

Fiihle dein Menschengebeine 
Mit himmlischem Scheine 
Im waltenden Weltenvereine. 

Wie eine kosmische Behauptung dieser Mysterien in das 
Game hineinklingend, wie mit Orgel- und Posaunentonen 

Es werden Stoffe verdichtet, 
Es werden Fehler gerichtet, 
Es werden Herzen gesichtet. 



V. Dornach 12. Oktober 1923 



HERBST 
Der Erdenleib und die Warmeseele 

Der Erdenleib, 

Der Geistersehnende, 

Er lebt im Welken. 

Die Samengeister, 
Die Stoffgedrangten, 
Erkraften sich. 

Und Warmefruchte 
Aus Raumesweiten 
Durchkraften Erdensein. 

Und Erdensinne, 
Die Tiefenseher, 
Sie schauen Kiinft'ges 
Im Formenschaffen. 

Die Raumesgeister, 
Die ewig-atmenden, 
Sie blicken ruhevoll 
Ins Erdenweben. 



Fur die Eurythmie 1922 



Michaeli 



Ringende Geisteskrafte 

Streben in Stoff. 

Sie finden nicht den Stoff, 

Sie finden sich selber. 

Sie schweben iiber Naturlichem, 

Sie leben in sich selber 

Michael-Kraft-atmend. 



undatierhar 



Michael-Imagination 

Sonnenmachtige, ihr die leuchtenden 
Krafte, die ihr Welten begnadet, 
Wallende wellende Hiille wird euer Licht 
Hiille Michaels, des Menschentragenden. 

So erscheint er, der Christusbote, 

Kiinden mit ernstem Willen 

Wird er die neue die helle Zeit 

Als die Zeit des Geistesmenschen- Wakens. 

Ihr, der Geist-Erkenntnis Schiller 
Nehmt in eure Herzen seinen Willen - 
Seht sein Weisen zu Christus 
Der da strebet in euerer Seelen Wohnung. 



Entwurf 



Michael- Imagination 



Sonnenmachten Entsprossene, 
Leuchtende, Welten begnadende 
Geistesmachte, zu Michaels Strahlenkleid 
Seid ihr vorbestimmt vom Gotterdenken. 

Er, der Christusbote, weist in euch 
Menschentragenden, hen" gen Welten- Willen; 
Ihr, die hellen Atherwelten-Wesen, 
Tragt das Christuswort zum Menschen. 

So erscheint der Christuskiinder 
Den erharrenden, durstenden Seelen; 
Ihnen strahlet euer Leuchte-Wort 
In des Geistesmenschen Weltenzeit. 

Ihr, der Geist-Erkenntnis Schiiler, 
Nehmet Michaels weises Winken, 
Nehmt des Welten- Willens Liebe-Wort 
In der Seelen Hohenziele wirksam auf. 



V. Dornach, 28. September 1924 



Michaels Schwert 
Meteorisches Eisen 

O Mensch, 

Du bildest es zu deinem Dienste, 

Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach 

In vielen deiner Werke. 

Es wird dir Heil jedoch erst sein, 

Wenn dir sich offenbart 

Seines Geistes Hochgewalt. 



V. Dornach, 5. Oktober 1923 



Wintersonnenwende 



Erde verdecket die Sonne, 
Sehende Krafte erzwmgen 
Von Elementen der Erde 
Freies Erblicken. 



Notizbuch 
Weihnachten 1922 



Tito W 
3 W M^-H 



^(X e^f^, fe®^ 

facltafat^ Sow*; 



Winter sonnenwende 

Die Sonne schaue 

Um mitternachtige Stunde 

Mit Steinen baue 

Im leblosen Grande 

So finde im Niedergang 
Und in des Todes Nacht 
Der Schopfung neuen Anfang 
Des Morgens junge Macht 

Die Hohen lass offenbaren 
Der Gotter ewiges Wort 
Die Tiefen sollen bewahren 
Den friedevollen Hort 

Im Dunkel lebend 
Ers chaff e eine Sonne 
Im Stoffe webend 
Erkenne Geistes Wonne. - 



V. Berlin, 17. Dezember 1906 



Weihnacht 



In des Menschen Seelengriinden 
Lebt die Geistes-Sonne siegessicher; 
Des Gemiites rechte Krafte, 
Sie vermogen sie zu ahnen 
In des Innern Winterleben, 
Und des Herzens Hoffnungstrieb: 
Er erschaut den Sonnen-Geistes-Sieg 
In dem Weihnacht-Segenslichte, 
Als dem Sinnbild hochsten Lebens 
In des Winters tiefer Nacht. 

Christabend 1913 Dr. Rudolf Steiner 



Handschrift fiir Sophie Stinde nach 
V. Berlin, 23. Dezember 1913 



Ave, Stern des Meeres, 

Gottlich junge Mutter 

Und ewige Jungfrau, 

Du gliickliche Pforte des Himmels. 

Nehmend jenes «Ave» 

Als eine Gabe Gabriels 

Wurdest du uns die Grundlage zum Frieden, 
Indem du umwendetest 
Den Namen Eva ! 

Ubertragung von Worten aus den 
ersten christlichen Jahrhunderten 
V. Berlin, 22. Dezember 1910 

Ave Maris Stella 
Dei mater alma 
Atque semper virgo 
Felix coeli porta. 
Sumens illud Ave 
Gabrielis ore 
Funda nos in pace 
Mutans nomen Evae! 



Weihnacbt 



Ubertragungen von Lukas 2.14 

Offenbarung durch die Hohen dem Gotte, 
Ruhe und Stille durch die Erdenraume, 
Seligkeit in den Menschen. 

V. Berlin, 22. Dezember 1908 



Gottliche Offenbarung in geistigen Hohen, 
Friede, Friede immer mehr und mehr 
Allen Menschenseelen auf Erden, 
Die eines guten Willens sind. 



V. Dornach, 26. Dezember 1914 



Offenbarung von gottlichen Kraften in den Hohen - 
Und Friede den Erdenmenschen, 
Die eines guten Willens sind. 

V. Dornach, 26. Dezember 1915 



Es offenbaret sich das Gottliche 

In den Hohen der Weltenweiten, 

Und Friede wird erspriefien auf der Erde 

Den Menschen, die eines guten Willens sind. 



V. Dornach, 24. Dezember 1922 



DtA tfouCe/pt &ur y Y> XUic 

2i Miy*ifulifyJ!&, f^«We£. 



Weihnacht 



Im Seelenaug 1 sich spiegelt 
Der Welten Hoffnungslicht, 
Dem Geist ergebne Weisheit 
Im Menschenherzen spricht: 
Des Vaters ew'ge Liebe 
Den Sohn der Erde sendet, 
Der gnadevoll dem Menschenpfade 
Die Himmelshelle spendet. 



V. Dornacb, 26. Dezember 1914 



Zur Weihenacht 1919 



Des irdischen Menschheits-Werdens 

Sonnen-Aufgang: 

Das ist das Hochgeheimnis 

Auf dem Golgatha-Berg; 

Im Weihenacht- Licht 

Erstrahlt die Morgendammerung. 

In dieser Dammrung 

Mildem Licht 

Verehr' die Seele: 

Des eignen Wesens 

Geistverwandte 

Daseinsmacht und Quelle. 

Rudolf Steiner 



Fiir Helene Rochling 



Zur Weihenacht 1920 



Es schlaft der Erde Seele 
In Sommers heifier Zeit; 
Da strahlet helle 
Der Sonne Spiegel 
Im aufiern Raum. 

Es wacht der Erde Seele 
In Winters kalter Zeit; 
Da leuchtet geistig 
Die wahre Sonne 
Im innern Sein. 

Sommers-Freude-Tag 
1st Erdenschlaf; 
Winters-Weihe-Nacht 
1st Erden-Tag. 



Fur Helene Rochling 



Isis-Sophia, 

Des Gottes Weisheit, 

Sie hat Lucifer getotet 

Und auf der Weltenkrafte Schwingen 

In Raumesweiten fortgetragen. 

Christus-Wollen 

In Menschen wirkend, 

Es wird Lucifer entreiiSen 

Und auf des Geisteswissens Booten 

In Menschenseelen auferwecken 

Isis-Sophia, 

Des Gottes Weisheit. 



Weihnacht 1920 Rudolf Steiner 



Fur Marie Steiner 



Sterne sprachen einst zu Menschen, 
Ihr Verstummen ist Weltenschicksal; 
Des Verstummens Wahrnehmung 
Kami Leid sein des Erdenmenschen; 

In der stummen Stille aber reift 

Was Menschen sprechen zu Sternen; 

Ihres Sprechens Wahrnehmung 

Kann Kraft werden des Geistesmenschen. 

25. Dezember 1922 Rudolf Steiner 



U r- Weih enach t 

In der Zeiten Wende 

Trat das Welten-Geistes-Licht 

In den irdischen Wesensstroni; 

Nacht-Dunkel 

Hatte ausgewaltet; 

Taghelles Licht 

Erstrahlte in Menschenseelen; 

Licht, 

Das erwarmet 

Die armen Hirtenherzen; 

Licht, 

Das erleuchtet 

Die weisen Konigshaupter - 



Gottliches Licht, 
Christus-Sonne, 
Erwarme 
Unsere Herzen; 
Erleuchte 
Unsere Haupter; 

Dass gut werde, 
Was wir 

Aus Herzen griinden, 
Was wir 
Aus Hauptern 
Zielvoll fuhren wollen. 

V. Dornach, 25. Dezember 1923 



WAHRSPRUCHWORTE 
RICHTSPRUCHWORTE 



Aus Vortragen und Niederschriften 
in zeitlicher Reihenfolge 



Es leuchten gleich Sternen 

Am Himmel des ewigen Seins 

Die gottgesandten Geister. 

Gelingen mog' es alien Menschenseelen 

Im Reich des Erdenwerdens 

Zu schauen ihrer Flammen Licht. 



V. Heidelberg, 21. Januar 1909 



Gottes schiitzender segnender Strahl 
Erfiille meine wachsende Seele 
Dass sie ergreifen kann 
Starkende Krafte alliiberall 
Geloben will sie sich 
Der Liebe Macht in sich 
Lebensvoll zu erwecken 
Und sehen so Gottes Kraft 
Auf ihrem Lebenspfade 
Und wirken in Gottes Sinn 
Mit allem was sie hat. 



V. Wien, 31. Mdrz 1910 



Schiitzender, segnender Gottesstrahl 

O erfiille mir die wachsende Seele, 

Dass sie erleben kann 

Starkende Gotteskrafte alliiberall, 

Lasse sie erleben stets 

Was die Liebe in ihr erwecken kann 

In den Menschen und alien Wesen, 

Lasse sie erkennen immer 

Gotteskraft im Weltenall 

Auf ihren Lebenspfaden. 

ca. 1910 



Es drangt sich an den Menschensinn 

Aus Weltentiefen ratselvoll 

Des Stoffes reiche Fiille, 

Es stromt in Seelengriinde 

Aus Weltenhohen inhaltvoll 

Des Geistes klarend Wort. 

Sie treffen sich im Menscheninnern 

Zu weisheitvoller Wirklichkeit. 



V. Berlin, 20. Oktober 1910 



Es sprechen zu dem Menschensinn 
Die Dinge in den Raumesweiten, 
Sie wandeln sich im Zeitenlauf. 
Erkennend lebt die Menschenseele 
Durch Raumesweiten unbegrenzt 
Und unversehrt durch Zeitenlauf. 
Sie findet in dem Geistgebiet 
Des eignen Wesens tiefsten Grund. 



V. Berlin, 8. Dezember 1910 



Es leuchtet dem Menschenauge 
Die Sonne aus Weltenhohen 
Es glanzen dem Menschensinne 
Die Wesen aus Raumesweiten 
Es diirstet das Menschenherz 
Zu Einen sich dem Geiste. 



Entwurf, Notizbuch 



Es sprechen zu den Sinnen 

Die Dinge in den Raumesweiten, 

Sie wandeln sich im Zeitenlaufe. 

Es lebt die Menschenseele 

Begrenzt durch Raumesweiten nicht 

Und nicht durch Zeitenlauf 

Im Reich der Ewigkeiten. 



Notizblatt Winter 1910/11 



Es sprechen zu den Menschensinnen 
Die Dinge in den Raumesweiten. 
Es kiindet sich der Seelenkraft 
Der Wandel in dem Zeitenlauf. 
Sich selbst zum Geistessein erweckend, 
Befreit des Menschen Innenwesen 
Sich von des Leibes Schranken 
Und schaut in Geisteswirklichkeiten 
Des eignen Daseins tiefes Waken 
Im Reich der Ewigkeiten. 



Notizblatt Winter 1910/11 



15. Marz 1911 
fur die liebe Marie von Sivers 

Die Welt im Ich erbauen 
Das Ich in Welten schauen 
1st Seelenatem 

Erleben des All 

In Selbst-Erfuhlung 

1st Weisheitpuls 

Und Wege des Geistes 
Im eignen Ziel beschreiben 
1st Wahrheitsprache 

Und Seelenatem dringe 
In Weisheitpuls, erlosend 
Aus Menschengriinden 
Die Wahrheitsprache 
In Lebens-Jahres-Rhythmen. 



Rudolf Steiner 



Es sprechen zu dem Menschensinn 
Die Dinge in den Raumesweiten, 
Sie wandeln sich im Zeitenlauf . 
Erkennend dringt die Menschenseele 
Unbegrenzt von Raumesweiten 
Und unbeirrt von Zeitensein 
In das Reich des Geistes ein. 



V. Berlin^ 14. November 1912 



Es lernet im Leben 
Die Seele zu denken; 
Sie denkt dann die Wesen, 
Die bilden das Sinnessein. 
Doch fiihlet sie richtig 
Sich selber erkraftet, 
So lernt sie sich sicher 
Nicht denkend nur kennen. 
Gedacht auch weifi sie 
Im Weltall sich dann 
Yon Gottern gedacht! 

Berlin, 13. Januar 1914 



124 



Das Bose, das Ubel 

Sie bleiben Ratsel 

So lang die Sinne nur allein 

Ein Bild der Welt 

Zu formen sich erfangen - 

Das Ratsel loset sich 

Sobald der Geist 

Des Bosen und der Ubel Quell 

In des Daseins verborgnen Tiefen sucht. 

Notizbuch, Januar 1914 

Der lost der Seele Ratsel nicht, 
Der verweilt im blofien Sinneslicht; 
Wer das Leben will verstehen, 
Muss nach Geisteshohen streben! 



V. Berlin, 15. Januar 1914 



Siegen wird die Kraft, 

die vom Zeit-Geschick 

vorbestimmt dem Volk, 

das in Geistes-Hut 

zu der Menschheit Heil 

in Europas Herz 

Licht dem Kampf entringt. 

Fur Helmuth v. Moltke 
27. August 1914 



Abneigung gegen Verantwortung: 

Was habt ihr Truggedanken, Blendgesichter 

Zu tun mit Hohem, das ich s oil; 

Die Geister wollen's doch von mir 

So schaff r ich der eignen Seele Feindschaft 

Mich zwingend zu kraft'gem Denken 

Mir aus dem zagenden Herzen, 

Das stark mir dient, will ich es nur. 



Fur Helmuth v. Moltke 
Oktober 1914 



Der deutsche Geist hat nicht vollendet, 
Was er im Weltenwerden schaffen soil. 
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll, 
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; - 
In seines Wesens Tiefen fiihlt er machtig 
Verborgnes, das noch reifend wirken muss. - 
Wie darf in Feindesmacht verstandnislos 
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben, 
Solang das Leben sich ihm offenbart, 
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend halt? 



V. Berlin, 14. Januar 1915 



Im Wollen kommender Erdentage 
Erstehen, stark zum schaffenden Leben, 
Die Krafte, die hingetragen 
Durchs Tor des Todes und Erdenleidens 
Im Geiste sicher leuchten und warmen. 

In kiinft'gen Erdentagen, wenn friedevoll 
Des Geistes Wirken durch das Erdental 
Die Offenbarung seiner Willenskraft 
Durch Menschenseelen heilsam tragen wird, 
Dann wird in Menschen-Herzen als Daseinskraft 
Der edle Wille leben, der die Opfertat 
Am Todestor in Volkestreue vollbringt. 



Notizbuch, Januar 1915 



Der im Schmerz sich Erhaltende 
schaut die siegende Erkenntnis. 

Der im Gliick sich Erhaltende 

schaut die untergehende 

ein Fundament bildende Welt. 

Wer sich im Gliick verliert und 

plotzlich erwachen wiirde, schaute 

wie alle Lebenskrafte des Gliickes untergehen - 

er kann das Untergehende dann nicht halten. 

Wer im Leid erwachte, schaut das Bestehen - 
er kann das Untergehende halten. 



Notizbuch, Januar 1915 



Es sprechen zu den Menschensinnen 
Die Dinge in den Raumesweiten; 
Sie wandeln sich im Zeitenlauf. 
Sich selbst erweckend 
Erwacht die Menschenseele 
Von Raumesweiten unbegrenzt 
Und unbeirrt vom Zeitenlauf 
Im Werdestrom 
Der Ewigkeit. - 



V. Number g, 12. Mdrz 1915 



Es sprechen zu den Menschensinnen 
Die Dinge in den Raumesweiten; 
Sie wirken auf die Menschenseelen 
Sich wandelnd in dem Zeitenlauf. 
Sich selbst erlebend 
Ergreift die Seele, 
Von Raumesweiten unbegrenzt, 
Vom Zeitenlaufe unbeschrankt, 
Des Geistes Wesensreich 
In seiner ewigen Eigenart. 



V. Basel, 9. April 1915 



Lass uns nur recht, o Weltengeist, 

durchdrungen sein 

von geist-ergreifender Gesinnung, 

damit wir nicht verfehlen, 

das, was sein kann zum Heil der Erde 

und zu der Erde Fortschritt, 

Luzifer und Ahriman 

im rechten Sinne abzutrotzen! 



V. Elberfeld, 13. Juni 1915 



Wenn der Mensch, warm in Liebe, 
Sich der Welt als Seele gibt, 
Wenn der Mensch, licht im Sinnen, 
Von der Welt den Geist erwirbt, 
Wird in Geist-erhellter Seele, 
Wird in Seele-getragenem Geist, 
Der Geistesmensch im Leibesmenschen 
Sich wahrhaft offenbaren. 

V. Berlin, 10. Dez ember 1915 

Wenn der Mensch warm in Liebe 
Sich der Welt 
Als Seele gibt 

Wenn der Mensch licht im Sinnen 

Von der Welt 

Den Geist erwirbt 

Wird aus Geistdurchhellter Seele 

Wird in Seel'getragnem Geiste 

Der Mensch im Menschen wirklich. - 



Entwurf 



Waltender weiser Willensgeist 
Webend in Geistesweiten alliiberall 
Wirkend durch Geisteswesenheiten 
Wirkest sicher du 
In meinen Seelenwesenstiefen auch 
So binde liebewirkend stark 
Mein Innres an Deine lichte Kraft. 
Dich findend, find ich mich. 



in ein Buck 
ca. 1917 



Die Weltgedanken zu erfassen, 
Entreifit dem Leib die Seele 
Und lost in ihr den Geist. 
Den Seelenwillen am Weltgedanken 
Entziinden, und im Wollen 
Zur Welt zuriickzuwenden, 
Was sie dem Denken geben mag: 
Befreit in Liebesschopferkraft 
Den Menschen durch die Welten, 
Die Welten durch den Menschen. 

24. Dezember 1917 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Helene Rdchling 



Suchet das wirklich praktische materielle Leben, 
Aber suchet es so, class es euch nicht betaubt 

iiber den Geist, der in ihm wirksam ist. 
Suchet den Geist, 

Aber suchet ihn nicht in ubersinnlicher Wollust, 

aus ubersinnlichem Egoismus, 

Sondern suchet ihn, 

Weil ihr ihn selbstlos im praktischen Leben, 

in der materiellen Welt anwenden wollt. 

Wendet an den alten Grundsatz: 

« Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals 

ohne Geist» in der Art, dass ihr sagt: 
Wir wollen alles Materielle im Lichte des Geistes tun, 
Und wir wollen das Licht des Geistes so suchen, 
Dafi es uns Warme entwickele fur unser praktisches Tun. 



Der Geist, der von uns in die Materie gefuhrt wird, 
Die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu 

ihrer Offenbarung, 
Durch die sie den Geist aus sich selber heraustreibt; 
Die Materie, die von uns den Geist offenbart erhalt, 
Der Geist, der von uns an die Materie 

herangetrieben wird, 
Die bilden dasjenige lebendige Sein, 
Welches die Menschheit zum wirklichen Fortschritt 

bringen kann, 

Zu demjenigen Fortschritt, der von den Besten 
in den tiefsten Untergriinden der 
Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann. 



V. Stuttgart, 24. September 1919 



In Urzek Tagen trat 
Vor den Geist des Himmels 
Der Geist des Erdenseins. 
Er bat: 

Verleihe mir die Sprache 
Durch die zu reden weifi 
Das Weltenherz zum Menschenherzen. 
Da schenkte der Himmelsgeist dem Erdengeist: 
Die Kunst. 



Entwurf 



In Urzeit Tagen 

Trat zum Geist des Himmels 

Der Geist des Erdenseins. 

Bittend sprach er: 

Ich weifi zu reden 

Mit dem Menschengeist; 

Doch urn jene Sprache auch 

Flehe ich, 

Durch die zu reden weifi 
Das Welten h e r z zum Menschen h e r z e n . 
Da schenkte der guVge Himmelsgeist 
Dem bittenden Erdengeist: 
Die Kunst. 

Goetheanum, zum 7. Dezember 1919 



Fiir Florizel v. Renter 
ins Stammbuch 



Ecce homo 



In dem Herzen 
Webet Fiihlen, 

In dem Haupte 
Leuchtet Denken, 

In den Gliedern 
Kraftet Wollen. 



fur die Eurythmie 
Weihnacbten 1919 



Webendes Leuchten, 
Kraftendes Weben, 
Leuchtendes Kraften: 
Das ist - der Mensch. 



Im Farbenschein des Athermeeres 
Gebiert des Lichtes webend Wesen 
Der Menschenseele Geistgewebe; 
Und geistbefruchtet reifend strebt 
In Farbendunkels Raumes-Tiefe 
Hinaus die Lichtes-durst'ge Seele. 
Bediirftig ist Natur des Geistes, 
Der aus dem Seelensein ihr kraftet; 
Bediirftig auch die Menschenseele 
Der Kraft des Lichts im Weltenather. 



Notizbuch, 1919 



Die Welt ist ohne den Geist 

Fur den Menschen wie ein Buch, 

Abgefasst in einer Sprache, 

Die er nicht lesen kann, 

Doch von dem er weilS 

Dass sein Inhalt lebenbestimmend ist. 

Und Geisteswissenschaft will erstreben 

Die Kunst des Lesens; 

Sie halt sich fur notwendig, 

Weil sie glauben mufi, 

Dass sie von dem Leben 

Selbst gefordert wird, 

In das die Menschheit 

Durch die Entwickelungskrafte 

Der Gegenwart 

Eingetreten ist. 



Notizblatt, ca. 1920 



Eine Briicke ist der Mensch 

Zwischen dem Vergangnen 

Und dem Sein der Zukunft; 

Gegenwart ist Augenblick; 

Augenblick als Briicke. 

Seele gewordner Geist 

In der Stoffeshiille 

Das ist aus der Vergangenheit; 

Geist werdende Seele 

In Keimesschalen 

Das ist auf dem Zukunftwege. 

Fasse Kiinftiges 

Durch Vergangnes 

Hoff ' auf Werdendes 

Durch Gewordenes. 

So ergreif das Sein 

Im Werden; 

So ergreif, was wird 

Im Seienden. 

Weihnacht, 24. Dezember 1920 
Rudolf Steiner 



Es steigt hinauf zu des Lebens Hohen 

Der Mensch durch Kindheit und Jugend 

Er steigt hinab bis ans Erdenziel. 

Ein jeglich Lebensalter kiindet den Geist: 

Erst schafft der Geist des Korpers Kraft 

Dann wieder lost aus des Leibes Macht 

Das Ubersinnliche sich bereichert los 

Zu einen sich mit dem, woraus es geworden. 



Notizbuch, ca. 1921 



Im Denken Klarheit, 
Im Fiihlen Innigkeit, 
Im Wollen Besonnenheit: 
Erstreb' ich diese, 
So kann ich hoffen, 
Dass ich zurecht 
Mich finden werde 
Auf Lebenspfaden 
Vor Menschenherzen 
Im Pflichtenkreise. 

Denn Klarheit 

Entstammt dem Seelenlichte, 

Und Innigkeit 

Erhalt die Geisteswarme, 

Besonnenheit 

Verstarkt die Lebenskraft. 

Und alles dies 

Erstrebt in Gottvertrauen, 

Lenket auf Menschenwegen 

Zu guten, sicheren Lebensschritten. 



in ein Buch, Mdrz 1921 



Sprechend lebt der Mensch 
Den Geist, der aus Seelentiefen 
Sich holt die Krafte, 
Um aus Weltgedanken, 
Wie aus dem Gotteslicht, 
Zu bilden Menschenfarben. 
Im Deklamieren lebt 
Des Lichtes Weltenkraft 
Im Rezitieren pulst 
Der Seele Farbenmacht. 



Zum 15. Marz 1922 

fur Marie Steiner Rudolf Steiner 



Willst du dich selbst erkennen, 

So suche in den Weltenweiten dich selbst; 

Willst du die Welt erkennen, 

So dringe in deine eigenen Tiefen. 

Deine eigenen Tiefen werden dir 

Wie in einem Weltgedachtnis 

Die Geheimnisse des Kosmos erschliefien. 



V. Wien, 5. Juni 1922 



WACHSEIN 

In den Weltengeisteskreisen 
Steht des Menschen Raumgestalt. 
In den Weltenseelenreichen 
Webt des Menschen Lebenskraft. 

SCHLAFEN 

In dem Seelenfreiheitkreise 
Ruht des Menschen Triebgewalt. 
In dem Geistes-Sonnenreiche 
Schafft des Menschen Denkermacht. 



Ende Dezember 1922 
Notizbuch 



Wenn der alte Mensch sagte: 
«Erkenne dich selbst» - und er 
dann sich als Welt charakterisierte, 
so deutete er an, dass sein 
Wesen nicht auf der Erde ist - 

Wenn der Grieche sich als Welt 

im «Erkenne dich selbst» charakterisierte, 

so deutete er an, dass sein 

Wesen verleugnet werde. 

Aber der moderne Mensch 
verleugnet sich, wenn er sich nicht 
als Geist erkennt. 



Fur V. 2. Febrnar 1923 
Notizbuch 



In gegenwartiger Erdenzeit 

Braucht der Mensch erneut 

Geistigen Inhalt fiir die Worte seiner Rede; 

Denn von der Sprache behalten Seele und Geist 

Fur die Zeit des schlafenden Weilens aufier dem Leibe 

Das vom Wort, was auf Geistiges weist. 

Denn es miissen schlafende Menschen 

Bis zur Verstandigung mit den Archangeloi kommen. 

Die aber nehmen nur Geist-Inhalt, 

Nicht Materien-Inhalt der Worte auf. 

Fehlt dem Menschen diese Verstandigung, 

Nimmt er Schaden an seinem ganzen Wesen. 



Aus einem Brief an Marie Steiner 

15. Marz 1923 



Ein Geheimnis der Natur 



Schaue die Pflanze! 
Sie ist der von der Erde 
Gefesselte Schmetterling. 

Schaue den Schmetterling! 
Er ist die vom Kosmos 
Befreite Pflanze. 



V. Dornach, 26. Oktober 1923 



Lockrufe der Tiere 
der Hohe, der Mitte und der Erdentiefe 

So spricht der Adler: 

Lerne mein Wesen erkennen! 

Ich gebe dir die Kraft, 

Im eignen Haupte 

Ein Weltenall zu schaffen. 

Westen 

So spricht der Lowe: 

Lerne mein Wesen erkennen! 
Ich gebe dir die Kraft, 
Im Schein des Luftkreises 
Das Weltenall zu verkorpern. 

Mitte 

So spricht die Kuh: 

Lerne mein Wesen erkennen! 
Ich gebe dir die Kraft, 
Waage, Messlatte und Zahl 
Dem Weltenall zu entreifien. 

Osten 



Ich muss lernen: 



O Kuh, deine Kraft 

aus der Sprache, die die Sterne 

in mir offenbaren. 

O Lowe, deine Kraft 

aus der Sprache, die in Jahr und Tag 

der Umkreis in mir wirket. 

O Adler, deine Kraft aus 

der Sprache, die das Erdentsprossene 

in mir erschafft. 



V. Dornach, 20. Oktober 1923 



Die Elementarwesen 
ah Vermittler zwischen der Erde und dem Geistkosmos 

Worte der Mahnung 
Gnomen: 

Du traumst dich selbst 
Und meidest das Erwachen. 

Undinen: 

Du denkst die Engelwerke 
Und weifit es nicht. 

Sylphen: 

Dir leuchtet die Schopfermacht, 
Du ahnst es nicht; 
Du fiihlest ihre Kraft 
Und lebst sie nicht. 

Feuerwesen: 

Dir kraftet Gotterwille 
Du empfangst ihn nicht; 
Du willst mit seiner Kraft 
Und stofiest ihn von dir. 



Charakteristik ihres eigenen Wesens 
Gnomen: 

Ich halte die Wurzelwesenskraft, 
Sie schaffet mir den Formenleib. 

Undinen: 

Ich bewege die Wasserwachstumskraft, 
Sie bildet mir den Lebensstoff. 

Sylphen: 

Ich schlurfe die luft'ge Lebekraft, 
Sie fiillet mich nut Seinsgewalt. 

Feuerwesen: 

Ich daue die Feuerstrebekraft, 

Sie erlost mich in Seelengeistigkeit. 

Moralischer Eindruck der also geborten Weltenworte 

Gnomenchor: Erstrebe zu wachen! 

Undinen: Denke im Geiste! 

Sylphen: Lebe schaffend atmendes Dasein! 

Feuerwesen: Empfange liebend Gotterwillenskraft! 



V. Dornacky 4. November 1923 



Es gibt eine Natur, aber der Mensch 
kann an diese Natur nur heran, 
indem er sich von ihr vernichten lasst. 

Es gibt eine Menschenseele, aber die Natur 
kann an diese Menschenseele nur heran, 
indem sie zum Scheingebilde wird. 

V. Dornach, 19. Januar 1924 



Finsternis, Licht, Liebe 

Dem Stoff sich verschreiben, 
Heifit Seelen zerreiben. 

Im Geiste sich finden, 
Heifk Menschen verbinden. 

Im Menschen sich schauen, 
Heifit Welten erbauen. 



V. Stuttgart, 11. April 1924 



gffj 



Der Wolkendurchleuchter: 

Er durchleuchte, 

Er durchsonne, 

Er durchgliihe, 

Er durchwarme 

Auch mich. 

Fur die Eurythmie 1913 
und Dornach, 3. Juli 1924 



Strebe nach Frieden 
Lebe in Frieden, 
Liebe den Frieden. 

Fiir die Eurythmie 1914 
und Dornach, 9. Juli 1924 



WELT UND MENSCH 
Friedenstanz 

Es keimen der Seele Wunsche, 
Es wachsen des Willens Taten, 
Es reifen des Lebens Friichte. 

Ich fiihle mein Schicksal, 
Mein Schicksal findet mich. 
Ich fiihle meinen Stern, 
Mein Stern findet mich. 
Ich fiihle meine Ziele, 
Meine Ziele finden mich. 

Meine Seele und die Welt sind Eines nur. 

Das Leben, es wird heller um mich, 
Das Leben, es wird schwerer fur mich, 
Das Leben, es wird reicher in mir. 



Fur die Eurythmie 1914 
und Dornach, 10. Juli 1924 



Ich suche im Innern 

Der schaffenden Krafte Wirken, 

Der schaffenden Machte Leben. 

Es sagt mir 

Der Erde Schweremacht 
Durch meiner Fiifie Wort, 

Es sagt mir 

Der Liifte Formgewalt 
Durch meiner Hande Singen, 

Es sagt mir 

Des Himmels Lichteskraft 
Durch meines Hauptes Sinnen, 

Wie die Welt im Menschen 
Spricht, singt, sinnt. 



Fiir die Eurythmie 
ll.Juli 1924 



Du Widersinnszauber des Lebens, 
Du schemes t in der Nacht, 
Und hehren Schicksalswebens 
Gottgewollte ew'ge Macht 
Durchlochert die Gegenkraft - 
Dass seelenqualend sich verbreitet, 
Was Damonisch Unheil schafft 
Und nach Schlangenart an mich gleitet. 

Entwurf 



Du Widersinnszauber des Lebens 
Du scheinest in der Nacht; 
Und hehren Liebe - Schicksalswebens 
Weltenfeurig hohe Macht 
Durchlochert mir die Gegenkraft; 
Dass seelenqualend sich verbreitet 
Was Damonisch Unheil schafft, 
Und Schlangen-Geister hergeleitet. - 



Notizblatt 
November 1924 



Schau der Ruhesterne 

Weltenwirkende 

Ewigkeitsgewalten 

Notizbuch, 1924 



Ich mochte jeden Menschen 
Aus des Kosmos' Geist entziinden, 
Dass er Hamme werde 
Und feurig seines Wesens 
Wesen entfalte. - 

Die andern, sie mochten 

Aus des Kosmos 1 Wasser nehmen, 

Was die Flammen verloscht 

Und wass'rig alles Wesen 

Im Innern lahmt. - 

O Freude, wenn die Menschenflamme 

Lodert auch da, wo sie ruht! 
O Bitternis, wenn das Menschending 

Gebunden wird da, wo es regsam sein mochte. 



Notizblatt 1925 



WEISHEITEN AUS 
ALTEN KULTUREPOCHEN 



Freie Gestaltungen und Ubertragungen 



Indischer Welsh eitsspruch 



Yasmdjjdtam jagat sarvam yasminneva praliyate 
Yenedam dhdryate cbaiva tasmai gndndtmane namah. 

Urselbst, von dem wir ausgegangen sind, 

Urselbst, welches in alien Dingen lebt, 

Zu dir, du hoheres Selbst, kehren wir zuriick. 

V. 13. April 1906 

Urselbst, 

Von dem alles ausgegangen, 
Urselbst, 

Zu dem alles zuruckkehrt, 

Urselbst, 

Das in mir lebt - 

Zu dir strebe ich hin. 

V. 27. Januar 1907 

Von dem die ganze Welt stammt, 
zu dem sie wieder zuruckkehrt, 
durch den sie sicher gestutzt ist, 
Ihm dem Selbst, welches weiss, 
sei alle Ehre. - 

V. 30. Dezember 1923 



Worte der dgyptischen Mysterien 

Ich ging bis zur Grenze des Todes 
Ich betrat Proserpinas Schwelle 

Und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, 
Kehrte ich wiederum zuriick. 

Um Mitternacht sah ich die Sonne 
mit hellweifiem Lichte strahlen. 

Vor die untern und obern Gotter trat ich hin, 
von Angesicht zu Angesicht, und betete 
sie aus nachster Nahe an. 

nach Apulejus, 
fiir V. 22. Juni 1909 



Wer beschreitet des Todes Pforte 

Lost sich selbst in Elementen auf 

Schaut in finstrer Mitternacht Sonnenlicht 

Und steht vor den obern und untern Gottern. 



nach Apulejus, 
Notizblatt 



Empfindung in der dgyptischen Kulturperiode 

O dunkel ist der Erde Antlitz 
Wenn die Sonne blendend dunkelt 
Doch hell wird mir mein Tagefeld 
Wenn die Seele es beleuchtet 
Durch Sternenweisheit. 



V. Dornach, 8. Januar 



Mysterienunterricht im griechischen Altertum 



Pflanzengeheimnis 

Ich schaue in die Blumen; ihre Verwandtschaft 
mit dem Mondensein offenbaren sie; sie sind 
erdbezwungen nun, denn sie sind Wassergeborene. 

Metallgeheimnis 

Ich denke iiber die Metalle; ihre Verwandtschaft 
mit den Planeten offenbaren sie; sie sind 
erdbezwungen, denn sie sind Luftgeborene. 

Menschengeheimnis 

Ich erlebe die Geheimnisse des Tierkreises in 

der Mannigfaltigkeit der Menschen; 

die Verwandtschaft dieser Mannigfaltigkeit 

der Menschen mit den Fixsternen 

steht vor meiner Seele; denn die Menschen leben 

mit dieser Mannigfaltigkeit erdbezwungen, 

sie sind Warmegeborene. 



V. Dornach, 15. Dezember 1923 



Aus den Mysterien von Ephesus 



Mensch, rede, und du 
offenbarest durch dich 
Das Weltenwerden. 

Das Weltenwerden 
offenbart sich durch dich, 
o Mensch, wenn du redest. 



V. Dornacb, 2. Dezember 1923 



Zeichnung der Kabiren 

Die Widmung ist auf S. 280 wiedergegeben. 



Aus den Kabirenmysterien 
auf Samotbrake 

Empfindung des Schillers an der Pforte: 

Ich trete ein in dasjenige, 
Was mir umschliefit einen gewaltigen Geist, 
Was mir umschliefit die grofien Gotter, 
Jene grofien Gotter, welche auf der Erde 
Durch die Opferhandlungen der Menschen 
Die Geheimnisse des Weltenalls enthullen. 

Innerliches Erleben des Schillers, vermittelt durch den 
zelebrierenden Initiator am Opferaltar: 

So wollen dich die Kabiren, 
Die grofien Gotter: 
Merkurius in den Gliedmafien, 
Sonne im Herzen, 
Mars in der Sprache. 

Das Geheimnis der samothrakischen Welt, 
dem Schiiler das Bewusstsein zu vermitteln: 

Natur ist Geist, 
Geist ist Natur. 



V. Domach, 21. Dezember 1923 



Fur das «Heilige Drama von Eleusis» 
von Edouard Schure 

Prolog, Hermes an die Zuschauer: 

Erahnend Gottes Werdekraft in seiner Seele, 
Erhebe denkend seinen Sinn der Mensch 
Zu Demeter, der grofien Erdenmutter. 
Sie hat durch zwei der Gottergaben 
Sein Wesen wohl gestellt ins Weltenall: 
Sie lafit der Erde Friichte ihn gewinnen, 
Dafi er des Tierreichs Uberwinder werde, 
Sie strahlt Erkenntnis-Weihemacht 
In seiner Seele tiefste Schachten, 
Dafi er der Ewigkeiten Gotteskeime 
In seiner Seele Kraften fiihlt. 



Wie ihrer Gab en Friichte reifen, 

Des achtet in den Worten, in den Dingen 

Die Ihr noch horen und schauen sollt. 



Epilog, Hermes an die Zuschauer: 



Ihr Sucher nach des Lebens Heimlichkeiten, 
An Euch ist nun, Bewufitsein zu erringen, 
Wie Ihr den Finsternissen Euch entreifit. 
Erkennt des Daseins Wirkensmachte, 
Des Herzens und Geistes Wunderkrafte 
Im Lebensspiegel, der vor Euren Augen stand. 
Gedenkt des Seherwortes alter Zeit: 

Entstehung in dem Zeitenlauf 
Ist Sterben fur die Ewigkeiten. 
Aus Gotterhohen fiel der Mensch 
In Erdenirrtum und Erdenwahn, 
Doch kann Erinnerung des Ursprungs 
Ihm schenken aller Wahrheit Wesen, 
Zum Gottessohn ihn formen 
Im Erdenleib, im Zeitensein. 



Pfingsten 1907 



Aus den Mysterien von Hy hernia 
Worte der beiden Bildsdulen 

Ich bin das Bild der Welt. 
Sieh, wie das Sein mir fehlt. 
Ich lebe in deiner Erkenntnis, 
Ich werde in dir nun Bekenntnis. 

Ich bin die Erkenntnis 

Aber was ich bin, ist kein Sein. 

Ich bin das Bild der Welt. 
Sieh, wie Wahrheit mir fehlt. 
Willst du mit mir zu leben wagen, 
So werd' ich dir zum Behagen. 

Ich bin die Phantasie 

Aber was ich bin, hat keine Wahrheit. 

'Worte der Mahnung des Initiators, 
weisend auf das Christusbild: 

Nimm das Wort und die Kraft dieses Wesens 
In dein Herz auf. 

Und von ihm empfange, 

Was dir die beiden Gestalten geben wollten: 

Wissenschaft und Kunst. 



V. Dornach, 7. Dezember 1923 



Aus den Mysterien von Hybernia 
Wandlungen des Bewusstseins 

Zustand der Seelen-Erstarrung, in der 
der Schiiler sich vom Weltenall aufgesogen fiiblt: 

In den Weiten sollst du lernen 
Wie im Blau der Atherfernen 
Erst das Weltensein entschwindet 
Und in dir sich wiederfindet. 

Zustand, wo er sich vom Weltenall 
aufgenommen fublt: 

In den Tiefen sollst du losen 
Aus dem heifi-erfiebernden Bosen, 
Wie die Wahrheit sich entziindet 
Und durch dich im Sein sich ergriindet. 

Die Vorstellung des Vorirdischen und das Erie ben 
des Nachirdiscben: 

Lerne geistig Wintersein schauen - 

Und dir wird der Anblick des Vorirdischen. 

Lerne geistig Sommersein traumen — 

Und dir wird das Erleben des Nachirdischen. 



V. Dornach, 8. Dezember 1923 



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VOR DEM MYSTERIUM VON GOLGATHA 



Der Vater schickt dich auf die Erde; 

er gibt dir die Kraft 

seines Sonnensohnes (Chr.) 

und dadurch waltet in dir der Geist, 

der dir das Licht der Welt offenbart. 



NACH DEM MYSTERIUM VON GOLGATHA 



Der Vater schickt dich auf die Erde; 

er hat seinen Sonnensohn 

auf die Erde gesandt - 

Bekenne dich zu ihm: in dir 

wird dadurch die «Heilung» durch 

den Geist vollzogen. 



Notizbucb, Mai 1923 



NASEENER-HYMNUS 



Darum schicke mich aus, mein Vater - 

Ich will hinabsteigen mit den Siegeln 

Ich will durch alle Weltenzeitlagen (Aonen) dringen 

Ich will alle Geheimnisse enthullen 

Ich will die Formen der Gottheiten enthullen 

Und die Mysterien des heiligen Weges 

Gnosis genannt, will ich iibergeben. - 



Entwurf 



Spruch der Gnostiker 

Jesus sprach: 

Sieh hin, o Vater, 

Wie dies Wesen auf der Erde, 

Aller Ubel Ziel und Opfer, 

Fern von deinem Hauche irrt. 

Sieh, das bits' re Chaos flieht es, 

Ratios, wie's hindurch soli finden. 

Darum sende mich, o Vater! 

Siegeltragend steig ich abwarts, 

Der Aonen Zahl durchschreit ich, 

Jede heilge Kunde deut ich, 

Zeige dann der Gotter Bildnis. 

Und so schenk ich euch 

Des heiHgen Weges 

Tief verborgne Kunde: 

« Gnosis » heifit sie nun fur euch. 



V. Dornach, 26. Dezember 1914 



Der Sonnengesang des Franz von Assist 
13. Jahrhundert 

Hochster, allmachtiger und giitiger Herr! 

Dein sei Preis, Herrlichkeit, Ehre und jeglicher Segen. 

Dir allein gebiihren sie; 

Kein Mensch ist wert, dich zu nennen. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, und alle Geschopfe, 
Vor allem unser edler Bruder, die Sonne, 
Die den Tag bewirkt und uns leuchtet mit ihrem Lichte. 
Sie ist schon und strahlend in ihrem grofien Glanze; 
Von Dir, o Herr, ist sie das Sinnbild. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

Um unserer Schwester willen, des Mondes, 

Und auch um aller Sterne willen; 

Die er am Himmel gestaltet hat 

Und erscheinen lasst in Schonheit und Helle. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 
Um unsrer Bruder willen, 

Um des Windes, der Luft und der Wolken willen, 
Um der heitern und aller Zeiten willen, 
Durch die er alle Geschopfe erhalten will. 



Gepriesen sei Gott, der Herr, 

Um unsrer Schwester willen, des Wassers, 

Das so mitzlich ist und demiitig 

Und auch kostlich und keusch. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 
Um unsres Bruders willen, des Feuers, 
Durch das er uns die Nacht erhellt, 
Und das so schon und frohlich 
Und so stark und machtig ist. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

Um unsrer Mutter willen, der Erde; 

Durch die wir Nahrung und Kraft erhalten 

Und vielerlei Frucht auch 

Und aller Blumen und Krauter Farbenfiille. 



V. Kristiania (Oslo), 6. Juni 1912 



Mysterienlehren der mittelalterlichen Rosenkreuzer 

Tragische Grundstimmung der rosenkreuzerischen 

Naturforscher: 

O Wille, Wille ist in mir - 

Wie leite ich ihn hinaus zu den Bahnen, 

Die zu den kosmischen Intelligenzen fiihren? 

Was in der Rosenkreuzerzeit dem Schiiler immer wieder 

eingeschdrft wurde: 

O Mensch, du bist ja nicht das, was du bist. 
Der Christus musste kommen, 
Um dir deine Aufgabe abzunehmen, 
Um fur dich deine Aufgabe zu verrichten. 

Licht stromt aufwarts - 
Schwere lastet ab warts. 

Schau den Knochenmann - 
Und du schaust den Tod. 
Schau ins Innere der Knochen 
Und du schaust den Erwecker. 

- den Erwecker des Menschen im Geiste, das Wesen, das den 
Menschen in Zusammenbang bringt mit der Gotterwelt. 



V. Dezember/Januar 1923/24 



Umdichtungen eines spdtmittelalterlichen Spruches 



O Sonn' ein Konig der Lebenswelt 
Luna dein Gebiet bestellt 
Venus Kraft dich frisch erhalt 
Die Martem sich als Mann erwahlt 
Merkur kopuliert euch fix 
Ohne Jovis Macht ist alles nichts 
Doch Saturn als alter Geist 
Durch viele Farben sich erweist. 



- Lebenszentrum 

- Lebensperipherie 

- Lebensinhalt 

- Lebenskraft 

- Lebenstrager 

- Lebensanreger 

- Lebenserheller 



Notizbuch, ca. 1921 



O Sonne, du gibst Kraft der Pflanze 
O Planeten, ihr gebet Gestalt der Pflanze 
Merkur verbindet Kraft und Gestalt 
Venus gibt die Samenkraft 
Mars gibt das Leben der Samenkraft 
Jupiter leiht dazu die Weisheit 
Und Saturn gibt durch die Metalle 
Die Farben, die nach Jahresfrist reifen. 



undatierbar 



Ich halte die Sonne in mir 

Er fiihret als Konig mich in die Welt" 

Ich halte den Mond in mir 
Sie meine Gestalt erhalt* 

Ich halte Merkur in mir 

Er Sonne und Mond zusammenhalt 

Ich halte Venus in mir 

Ohne ihre Liebe ist alles nichts 

Sie mit Mars sich vereinet 

Der mein Wesen im Worte spricht 

Dass Jupiter alles erleuchte 
Mit weisem Licht 

Und Saturn der reife 

In mir erstrahlet meines Wesens Farben 



''Sonne mdnnlich Mond weihlich 



Das sind die Sieben der Welt Ti 
Ich bin die Sieben % 
Ich bin die Welt, cf der Erde weit 
Ich bin die Sonne 



ML 



o 

7?. 



o o 



<hi Mat { 



Notizblatt, ca. 1923/24 



Und Chr. mit Kreuz und Rosen steht neben dir als Geist 
Ich empfange / Die Welt / In den Sieben. 



Das Ich ist Mittelpunkt alles Seins 
Im Ich treffen sich aller Wesen Wirkungen 
Es bewegt im Ich sich aller Vorzeiten Sein 
Es ruhet aller Zukunft Werden im Ich 
Saturnus Wille festet des Iches Innenheit 
Sonnenleben bewegt des Innern Wandelbild 
Mondenseele gestaltet des Lebens Wogen 
Mars hartet des Willens Macht 
Merkur taucht ins Meer des Seins 
Jupiter bringt Zahl, MaE, Gewicht 
Dann mag Venus die Liebe verleihn. 



Notizblatt, undatierbar 



DAS TRAUMLIED VOM OLAF ASTESON 



Altnorwegische Dichtung 

Einweihungserlebnisse des Olaf Asteson 
in den 13 heiligen Ndcbten 

I. 

So hore meinen Sang! 

Ich will dir singen 

Von einem flinken Jiingling: 

o 

Es was das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

II. 

Er ging zur Run' am Weihnachtsabend. 
Ein starker Schlaf umfing ihn bald, 
Und nicht konnt' er erwachen, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Das Volk zur Kirche ging. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 



Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend, 
Er hat geschlafen gar lange! 
Erwachen konnt' er nicht, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Der Vogel spreitet die Fliigel! 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Nicht konnte erwachen Olaf, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Die Sonne iiber den Bergen glanzte. 
Dann sattelt' er sein flinkes Pferd, 
Und eilig ritt er zu der Kirche. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 



Schon stand der Priester 
Am Altar lesend die Messe, 
Als an dem Kirchentore 
Sich Olaf setzte, zu kiinden 
Von vieler Traume Inhalt, 
Die in dem langen Schlafe 
Die Seele ihm erfiillten. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Und junge und auch alte Leute, 
Sie lauschten achtsam der Worte, 
Die Olaf sprach von seinen Traumen. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 



III. 



«Ich ging zur Ruh' am Weihnachtsabend. 
Ein starker Schlaf umfing mich bald; 
Und nicht konnt' ich erwachen, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Das Volk zur Kirche ging. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Erhoben ward ich in Wolkenhohe 
Und in den Meeresgrund geworfen, 
Und wer mir folgen will, 
Ihn kann nicht Heiterkeit befallen. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Erhoben ward ich in Wolkenhohe 
Gestofien dann in triibe Sumpfe, 
Erschauend der Holle Schrecken 
Und auch des Himmels Licht. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 



Und fahren musst' ich in Erdentiefen, 
Wo furchtbar rauschen Gotterstrome. 
Zu schauen nicht vermocht' ich sie, 
Doch horen konnte ich das Rauschen. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Es wiehert' nicht mein schwarzes Pferd, 
Und meine Hunde bellten nicht, 
Es sang auch nicht der Morgenvogel, 
Es war ein einzig Wunder iiberall. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Befahren musst' ich im Geisterland 
Der Dornenheide weites Feld, 
Zerrissen ward mir mein Scharlachmantel 
Und auch die Nagel meiner Fiifie. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege, 



Ich kam an die Gjallarbrucke. 
In hochsten Windeshohen hanget diese, 
Mit rotem Gold ist sie beschlagen 
Und Nagel mit scharfen Spitzen hat sie. 

Der Mond schien hell 

Und wekhin dehnten sich die Wege. 

Es schlug mich die Geisterschlange, 
Es biss mich der Geisterhund, 
Der Stier, er stand in Weges Mitte. 
Das sind der Briicke drei Geschopfe. 
Sie sind von furchtbar boser Art. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Gar bissig ist der Hund, 
Und stechen will die Schlange, 
Der Stier, er draut gewaltig! 
Sie lassen keinen liber die Briicke, 
Der Wahrheit nicht will ehren! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 



Ich bin gewandelt iiber die Briicke, 
Die schmal ist und schwindelerregend. 
In Siimpfe musst' ich waten ... 
Sie liegen nun hinter mir! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

In Siimpfen musst 1 ich waten, 
Sie schienen bodenlos dem Fufi. 
Als ich die Briicke iiberschritt, 
Da fiihlt' ich im Munde Erde 
Wie Tote, die in Grabern liegen. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

An Wasser kam ich dann, 
In welchen, wie blaue Flammen, 
Die Eismassen hell erglanzten . . . 
Und Gott, er lenkte meinen Sinn, 
Dass ich die Gegend mied. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 



Zum Winterpfad lenkt' ich die Schritte. 
Zur Rechten konnt' ich ihn sehn: 
Ich schaute wie in das Paradies, 
Das weithin leuchtend strahlte. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Und Gottes hohe Mutter, 
Ich sah sie dort im Glanze! 
Nach B rooks valin zu fahren, 
So hiefi sie mich, kiindend, 
Dass Seelen dort gerichtet werden! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege.» 



IV. 



«In andern Welten weilte ich 
Durch vieler Nachte Langen; 
Und Gott nur kann es wissen, 
Wieviel der Seelennot ich sail - 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Ich konnte schauen einen jungen Mann, 
Er hatte einen Knaben hingemordet: 
Nun musste er ihn ewig tragen 
Auf seinen eignen Armen! 
Er stand im Schlamme so tief 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Einen alten Mann auch sah ich, 
Er trug einen Mantel wie von Blei; 
So ward gestraft er, dass er 
Im Geize auf der Erde lebte, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 



Und Manner tauchten auf, 
Die feurige Stoffe trugen; 
Unredlichkeit lastet 
Auf ihren armen Seelen 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Auch Kinder konnt' ich schauen, 
Die Kohlengluten unter ihren Fiifien hatten; 
Den Eltern taten sie im Leben Boses, 
Das traf gar schwer ihre Geister 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Und jenem Hause zu nahen, 

Es ward mir auferlegt, 

Wo Hexen Arbeit leisten sollten 

Im Blute, das sie im Leben erziirnt, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 



Von Norden her, in wilden Scharen, 
Da kamen geritten bose Geister, 
Vom Hollenfursten geleitet, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Was aus dem Norden kam, 
Das schien vor allem bose: 
Voran ritt er, der Hollenfurst, 
Auf seinem schwarzen Rosse 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 

Doch aus dem Siiden kamen 
In hehrer Ruhe andre Scharen. 
Es ritt voran Sankt Michael 
An Jesu Christi Seite 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehn. 



Die Seelen, die siindenbeladen, 
Sie mussten angstvoll zittern! 
Die Tranen rannen in Stromen 
Als boser Taten Folgen 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgeriehte unterstehn. 

In Hoheit stand da Michael 
Und wog die Menschenseelen 
Auf seiner Siindenwaage, 
Und richtend stand dabei 
Der Weltenrichter Jesus Christ 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgeriehte unterstehn. » 



V. 



«Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Schuhe gibt; 
Er braucht nicht mit blofien Fiifien 
Zu wandeln im Dornenfeld. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 

Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Brot gereicht! 
Ihn konnen nicht verletzen 
Die Hunde in jener Welt. 



Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 



Wie selig ist, wer im Erdenleben 

Den Armen Korn gereicht! 

Ihm kann nicht drohen 

Das scharfe Horn des Stieres, 

Wenn er die Gjallarbriicke iiberschreiten muss. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 

Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Kleider reicht! 
Ihn konnen nicht erfrieren 
Die Eisesmassen in Brooksvalin. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. » 



VI. 



Und junge und auch alte Leute, 
Sie lauschten achtsam der Worte, 
Die Olaf sprach von seinen Traumen. 
Du schliefest ja gar lange ... 
Erwache nun, o Olaf Asteson! 



iibertragen 



SINNSPRUCHE 



Aus Vortragen und Niederschriften 
in zeitlicher Reihenfolge 



Notizblatt 



Sprich nie von Grenzen der menschlichen Erkenntnis, 
Sondern nur von den Grenzen der Deinen. - 

in ein Buck, ca. 1906 



Im Ewigen lernt leben, 
Wer sein Verhaltnis zur Zeit 
Zu losen versteht. - 



Notizbuch, Winter 1907 



Hiille nur und Kleid 
Schau in Mann und Weib 
Eines hohern Wesenhaften. 
Trugvoll sind die Eigenschaften 
In des Stoffes Scheingebilden 
Wahr allein in geistigen Gefilden. 

Notizbuch, Frukjahr 1908 

Was hinter dir die Zeit bedeckt, 
Betracht es starkgemut - 
Was vor dir in Zukunft liegt, 
Erwart es gleichmutvoll. - 



Notizbuch, 1910 



Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum, 
Ratsel an Ratsel lauft in der Zeit; 
Losung bringt der Geist nur, 
Der sich ergreift 

Jenseits von Raumesgrenzen und 
Jenseits vom Zeitenlauf. 

V. Wien, 19. Mdrz 1910 

Der kleinste Erdenmensch, 

Ein Sohn der Ewigkeit 

Er wird in Zukunft stets 

Sich bliihend finden 

Als Zeuge der Vergangenheit. 

Notizbuch, 1910 

Der kleinste Erdenmensch, 
Ein Sohn der Ewigkeit, 
Besiegt in immer neuem Leben 
Den alten Tod! 



V. Berlin, 27. Oktober 1910 



Es gibt sich selbst zuriick 
Die Seele, die schlafumfangen 
In Geistesweiten flieht, 
Wenn Sinnesenge sie erdriickt. 

V. 24. November 1910 

Erkenne dich selbst. 

Erkenne die Welt an deinem Innern. 

Erkenne dich im Strome der Welt. 

1909/10 

Willst du in das weite Meer 
Der Weltenratsel dich wagen 
Der Kahn der dich fiihrt 
Die eigne Seele nur kann es sein. 



Notizbuch, 1911 



In weiten Weltenfernen 

Erkennend Menschenwesen, 

In Seelentiefen 

Erlebend Weltenkrafte, 

So erlangt der Mensch 

Rechtes Weltenwissen 

Durch wahre Selbsterkenntnis. 

V. Berlin, 19. Oktober 1911 

Lebend offenbart der Geist 

Stets nur seine Kraft, 

Sterbend aber zeigt der Geist, 

Wie er durch alien Tod hindurch 

Sich stets zu hoherem Leben nur bewahrt. 

V. Berlin, 26. Oktober 1911 

Lebend offenbart sich des Geistes Kraft 
Sterbend doch bewahrt sich des Geistes Wesen. 



Entwurf 



Im grenzenlosen Aufien 
Finde dich als Menschenwesen, 
Im engsten Innenleben 
Fiihle Welten unbegrenzt, 
So wird es sich enthiillen, 
Dass der Weltenratsel Losung 
Der Mensch nur selber ist. 

Notizbuch, 1911 

Es lassen die Elemente 

Gestaltend sich vom Geist durchdringen. 

Empfangen mussten sie 

Des Geistes letzten Kraftetrieb, 

Das Menschenwesen einzukleiden 

In Geistgestalt und Seelenleben. 



V. Berlin, 18. Januar 1912 



Alles was da lebt im Weltenall 

Es lebt nur, indem es zu neuem Leben 

Den Keim in sich erschafft. 

Und die Seele, sie ergibt 

dem Altern sich nur und dem Tode, 
Um unsterblich zu stets neuem Leben 

heranzureifen. 

V. Berlin, 5. Dezember 1912 

Es liegt in jeglichem Leben 

Des Lebens neuer Keim 

Und die Seele stirbt dem alten ab 

Um unsterblich dem neuen zuzureifen - 



Entwurf 



daft diese Ergebnisse der Geistesforschung dringen 

durch schwere Seelenhindernisse 
durch wirre Geistesfinsternisse 
zur ernsten Klarheit 
zur lichten Wahrheit. 

V. Berlin, 16. Mdrz 1913 



Gf. strebt durch 

durch manches Seelen-Hindernis 
durch bange Geistesfinsternis 
zur ernsten Klarheit 
zur lichten Wahrheit. 



Entwurf 



Er fand der eignen Wissensschmerzen 

Erhebende Heilung, 

Indem er eigne Kraft vereinte 

Der ganzen Menschheit Wesen. 

Dornach, 15. August 1915 
Motto auf ein von Hilde Pollak 
gemaltes Programm zur Auffuhrung 
der Himmelfahrt-Szene aus Faust II 



Es reifit der Zusammenhang mit dem Geiste, 
Wenn er nicht durch die Schonheit erhalten wird. 
Die Schonheit verbindet das «Ich» mit dem Leibe. - 



1918 



Im freien geisterfassenden Denken 
Den Willen finden, und in dem Wollen 
Des Menschen wahres Wesen, das kraftig 
Vom Weltensein geschenkte Eigenheit 
Verwirklicht, das lost die Freiheit 
Im Leben des echten Seelenseins. 

Notizblatt, ca. 1918 

Die Welt ist voller Ratsel 
Es loset diese Ratsel 

Allein der Mensch in seinem ganzen Leben 
Drum schaue des Menschen Wesen 
Du blickst in die Antwort der Welt. 



Notizbuch, 1918 



Der Menschenseele Ratsel 
Enthiillt dem Geistes-Auge 
Der Blick ins Welten-All; 
Des Welten-AUs Geheimnisse, 
Sie lost der Seelenblick 
Ins Menschen-Innre auf. 



Mdrz 1918 



Es suche der Mensch den Geist, 
der sich im Worte offenbart, 
Denn der Geist ist bei Gott. 
Und der Geist ist ein Gott. 



V. Dornach, 2. November 1919 



Der Geist erstirbt im Wissen 
Im Schauen wird er neu belebt 
Im Schauen ersteht die Liebe. 

Notizbuch, 1921 



Mensch, du bist das zusammengezogene 

Bild der Welt. 
Welt, du bist das in Weiten ergossene 
Wesen des Menschen. - 



V. Dornacb, 8. Oktober 1921 



Anthroposophie mochte gegeniiber der 
Seelenwissenschaft ohne Seele dem Menschen die 
«Menschenwissenschaft mit Seele» geben, in der aus 
wahrer Erkenntnis das Sternenziel vor dem innern 
Auge leuchtet, ohne dessen Licht alles Wissen doch 
nur ein Traumen von der Seele bleibt. 

Notizbuch, April 1923 



Erkennen ist im Geiste erwachen 
Solches Erkennen ist im Geiste leben. 

Solches Erkennen rechtfertigt das 
urspriinglichste Gefiihl der 
menschlichen Seele - die Freiheit. 

Solches Erkennen ist eine Leuchte, 
die zunickfiihrt zur 
Naivitat der Frommigkeit; 
der Gottinnigkeit. 



Fur V. 29. September 1923 
Notizbuch 



Willst du dich selber erkennen 
Blicke in der Welt nach alien Seiten 
Willst du die Welt erkennen 
Schau in alle deine eigenen Tiefen. 

V. Dornach, 9. November 1923 



Wenn in sich selbst die Seele 

Im Geist sich wiederfindet 

Vollzieht sie jenes Wunder 

Das so wahr des Weltenwunders Kind 

Wie der Mensch selbst des Menschen Sohn ist. 



Notizblatt, undatierbar 



Im Such en erkenne dich 
Und wesend wirst du dir 
Entzieht das Suchen sich dir 
Du hast dich zwar im Sein 
Doch Sein entreifiet dir 
Des eignen Wesens Wahrheit. 

Notizbuch, 1924 

Willst du das eigne Wesen erkennen, 
Sieh dich in der Welt nach alien Seiten um. 
Willst du die Welt wahrhaft durchschauen, 
Blick in die Tiefen der eignen Seele. 

30. Mdrz 1924 

Willst Du Dein Selbst erkennen, 
Schaue hinaus in die Weltenweiten. 
Willst Du die Weltenweiten durchschauen, 
Blicke hinein in das eigene Selbst. 



V. Breslau, 8. Juni 1924 



Man soil nicht auf das Erkenntnisdrama zugunsten 
einer Erkenntnisgrammatik verzichten wollen; auch 
die Furcht darf davon mcht abhalten, dass man in 
den Abgrund des Individuellen fallt, denn man steigt 
aus diesem Abgrund im Verein mit vielen Geistern 
auf und erlebt sich mit ihnen in Verwandtschaft; 
dadurch wird man aus der geistigen Welt g e b o r e n : 
aber man hat den Tod aufgenommen, wird selbst 
Vernichter des Gewordenen, lebt dieses spiritualisiert 
dar und ist anwesend in seiner Vernichtung. 



Notizblatt, undatierbar 



ABWANDLUNGEN 
VON GOETHE-WORTEN 



Keine Macht und keine Zeit lasst untergehen, 

was in der Zeit errungen wird 

und reif wird als Friichte fur die Ewigkeit. 

V. Berlin, 2. Dezember 1909 



Die Geisterwelt bleibt dir nur verschlossen, 
Erkennst du in dir selber nicht 
Den Geist, der in der Seele leuchtet 
Und tragend Licht dir werden soil 
In Weltentiefen, auf Weltenhohen! 



Fur V. Berlin, 1$. Dezember 1910 

Notizblatt 



Wer will was Lebendiges erkennen und begreifen, 
Suche in Wesensgriinden das Geisteslicht zu finden; 
Da hat er die Teile in seiner Hand, 
Und nimmer wird er dann verkennen 
Der Dinge Wahrheit im geistigen Band. 

V. Berlin, 16. November 1911 



Geheimnisvoll am lichten Tag der Gegenwart, 
Lasst Geschichte sich des Schleiers nicht berauben. 
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, 
Das zwingst du ihr nicht ab, nicht aus Pergamenten 
Und nicht aus den Zeichen, die da eingeschrieben sind 
In Erz, in Ton und in Stein. 



V. Berlin, 14. Dezember 1911 



Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 

Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet, 

Und der in dieser Uberwindung 

Sich selber erst in Wahrheit findet, 

So wie die ganze Menschheit sich in Christus 

In Wahrheit selber finden kann. 



V. Berlin, 25. Januar 1912 



War nicht das Dasein sonneerfiillt 
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn 
Lag nicht im All des Geistes Wesen verhiillt 
Was hatte Menschen geistig Leben verliehn. 

Notizblatt, November 1912 

Ware die Welt nicht sonnebegabt, 
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn? 
Ware das Dasein nicht Gott-Enthullung, 
Wie kamen Menschen zur Gotterfiillung? 

Fiir V. Berlin, 21. November 1912 

Notizblatt 



Ware die Welt nicht sonnebegabt 
Wie konnten Augen den Wesen erbliihn 
Ware das Dasein nicht Geistes-Enthullung 
Wie kamen Menschen zur Geistes-Erfiillung. 



Fiir V. Wien, 20. Januar 1913 

Notizbucb 



Es mag sich Feindliches ereignen 

Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter 

Und wenn sie auch den Geist verleugnen 

So griible du nicht weiter 

Und gib ihnen darin doch nur recht 

Es stent mit ihrem Geiste eben schlecht. 



Fur V. Berlin, 12. Dezember 1912 

Notizbuch 



Wahrheits-Weisheits-Sphdre 

Die ihr im Haupt erstrahlt aus lichtem Kreise 
Erfasst es jetzt nach reiner Geister Weise 
Erdampfet seines Hirnes wirren Wahn 
Entwirrt den Zweifel brennend bangen Strebens 
Sein Innres lenket von verkehrter Bahn. 
Vier sind der Ziele taglichen Erlebens 
Nun ohne Kleinmut fiihret ihn heran. 
Erst strebt zum Antlitz lichterfiillet hin, 
Dann haltet fest des Geistes Krafteringen 
Erstarkt ist bald der flugellahme Sinn, 
Kann er befreit den Tag vollbringen. 
Erfiillt der Geister wahrste Pflicht 
Tragt ihn hin durch's heil'ge Licht. 



Moral-Spbdre 



Die ihr dies Haupt durchstrahlt mit Tatenstarke 
Erweist euch bald in rechtem Weltenwerke 
Ertotet kiihn des Widersinns Bedrangnis 
Veredelt der Begierdegluten finstre Wucht 
Entfiihrt sein Wesen geist'gem Verhangnis. 
Vier sind die Wege menschlicher Sucht 
Entreisset die der kranklichen Umfangnis 
Besiegt des Sinnenfeuers Stohnen 
Erleuchtet, was in Lust erstirbt 
Beseelt wird euch entgegentonen 
Was Kraft fur Ewigkeiten wirbt. 
Versucht des Weltenwirkens Streben 
Erwecket ihn zu gnadevollem Leben. 



V. Dornach, 6. August 1916 



Es ist ein grofi' Erleben 
Sich zu dem Geist der Zeiten zu erheben 
Zu horen was der wahre Weise spricht 
Nur immer strebend dringen wir zum Licht. 

Zum 28. August 1916 

Auf eine farbige Skizze 
von Hilde Pollak 



Es ist ein grofi' Erleben 

Sich zu dem Geist der Zeiten zu erheben 

Zu horen wie so mancher echte Weise spricht: 

Nur immer strebend dringen wir zum Licht. 

26. Oktober 1916 Dr. Rudolf Steiner 



In das Gdstebuch der Familie Rietmann 



Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, 
Als dass sich Gott-Natur ihm offenbare, 
Wie sie im Geiste lasst den Stoff zerrinnen, 
Und wie im Stoff der Geist sich selbst erfahre. 

V. Berlin, 15. Mdrz 1917 



Es ist ein grofi 1 Entsetzen 
Sich in dergleichen Seelen zu versetzen. 
Wie gierig sie den Stoff betasten 
Und an dem Geist voriiberhasten. 

V. Berlin, 17. Mdrz 1917 



Es ist ein grofi 1 Entsetzen 

Sich in solche Seelen zu versetzen 

Zu sehen wie angstlich sie im Stoffe bleiben 

Und sorglich alien Geist vermeiden. 



Entwurf 



WIDMUNGSSPRUCHE 



It /n. MIS. 



Der Masse, der starren, toten, Leben und 
Geist einzubilden, ist des Kiins tiers Ziel; 
dem Geist, dem fliichtigen, beweglichen, 
Gestalt und Festigkeit zu geben des Forschers 
Und wenn der Arbeit Gipfel sie erreichen, [Streben. 
dann miissen im Einen sie beide sich begegnen. 

28. Juli 1888 Rudolf Steiner 



Dem Bildhauer Hans Brandstetter 

ins Stammbuch 



An Frau lima Wilborn-Seiler! 

Was in diesem Buchlein steht: ich habe es nicht nur 
geschrieben, ich habe es gelebt, wenn meines 
Innern Machte im verzehrenden Kampfe einander 
begegneten; mit Wort en sucht ich des ringenden 
Geistes Bahnen nachzuzeichnen; so nehme Die es 
freundlich hin, in deren Rede Zauber sich so herrlich 
des Geistes Schone enthiillt, und der es in 
tiefinnigster Verehrung iiberreicht 

Wien, 9. April 1889 Rudolf Steiner 

Widmung in 

«Grundlinien einer Erkenntnistheorie ...» 



Der Mensch sieht nur das klar in der Aufienwelt, 
was er mit dem Lichte seines Inneren bestrahlen kann. 

Dem Maler Curt Liebich zur freundlichen Erinnerung! 
Weimar, 13. Juni 1891 R. Steiner 



Auf eine Pbotographie 



Die Geschichte ist in Wahrheit die Entwicklung 
des Menschengeschlechtes zur Freiheit. Erst fiihlt 
sich der Geist abhangig von Gott, arbeitet sich zur 
Freiheit heraus und erkennt sich selbst. 

An Gottesglauben Stelle 

Glaub ich an den freien Menschen. 

Dr. Rudolf Steiner 

Notizbuch, 1892 



Ein guter Mensch tut, was er soil 
Ein freier soil, was er will. 

18. Februar 1894 Rudolf Steiner 



Fur Prof. Leitzmann, Jena 
Eintragung ins Gdstebuch 



Ewiges Werden im Denken 
Jeder Schritt zugleich Vertiefung 
Uberwindung der Oberflache 
Eindringen in die Tiefe. 

In «Die Philosophie der Freiheit» 

1894 



Blind sind fur des Weibes Schwachen 

eines Liebenden Augen. 
So der Spruch! Mir wollt er nie recht taugen; 
Sehend schemt mir nur ein liebend' Organ, 
Weil nur dies des Weibes Tugend erkennen kann. 

Weimar, den 15. Juli 1895 Dr. Rudolf Steiner 



Fiir Emmy Eunike 
ins Stammbuch 



Die Seele des Menschen ist eine Bliite der Welt, 
bestimmt, in sich den gottlichen Geist zu reifen. 

Dr. Rudolf Steiner 

Auf einer Photographie 
ca. 1896 



Das schdnste Geschenk, das ein Scheidender 
mitnehmen kann, ist die Erinnerung an froh 
verlebte Stunden in einem lieben Freundesheim. 

Weimar, 21. Juni 1897 Rudolf Steiner 



FUr Karl Otto Francke 
ins Hausalbum 



Dafi aus Arbeit wachsen Wurzeln starker Willenskraft, 
Hat er uns gewiesen auf den Pfad der Wissenschaft. 



Fiir Wilhelm Liebknecht, Berlin, auf der 
Kranzschleife der Arbeiter-Bildungsschule 

10. August 1900 



Dem Feuer ist das Leben verwandt - 
Wohltatiger Wirkungen Keime 

bergen beide die Fiille; 
An den Menschen stellen beide 

ungleiches Verlangen. 
Dass im Leben Gluck uns werde 

ohne bitteren Schmerz, 
Kann verlangen nur, wer torichten Sinnes 
Das Feuer will, 

ohne den Brennstoff zu opfern. 



Fiir Martha Eunike in ein Album 
20. Dezember 1900 



Den «Sinn des Lebens» suchen, heifit sich in das 
Labyrinth der Seele begeben; es hilft nichts, sich 
aus diesem Labyrinth wieder ins Freie der 
gemeinen Wirklichkeit zuriickzufinden; denn ist 
man wieder zuriick, hat man auch wieder den 
«Sinn des Lebens» verloren. 

Fiir Maria Stona ins Fremdenbuch 
Schloss Strzebowitz, 22. August 1901 



Die menschliche Geistesentwicklung ist ein 
fortlaufender Fluss, darin sich in aufeinander- 
folgenden Bildern die ewige Wahrheit spiegelt. 
Ein solches Bild, das Christentum, ist auf den 
folgenden Blattern festzuhalten versucht. 



Fur Geni Eunike 
in «Das Christentum als mystische Tatsache» 

6. November 1902 



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S)ti3 Sfjriftcutniu 

ui y ft i f 4> c S ha t f n d) c. 



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Merlin 
1908..' * ' ■' 



Der Verfasser dieses Buches war bermiht 
die Natur des Geistes zu erforschen 

Wie der Naturforscher 

den Geist der Natur erforschen will. 

Frl. Johanna Miicke zu Weihnachten 1 902 
Dr. Rudolf Steiner 

In «Das Christentum ah mystische Tatsache» 



Suche nach dem Licht des Weges! 
Doch suchst du vergebens, so du 
nicht selbst Licht wirst. 

R. St. 



Fiir Marie v. Sivers 
in « Licht auf den Weg» 
ca. 1904 



Des Menschen Werk ist, in sich die Kraft zu bilden, 
die fur das All wirkt, und dabei das ihm zugemessene 
Teil zu erkennen. 

Seiner lieben Mitarbeiterin Mathilde Scholl 
Amsterdam, 22. Juni 1904 Dr. Rudolf Steiner 

In «Theosophie» 

Die geistigen Ziele, in denen sich 
die Menschen finden, sind das 
edelste Band der Freundschaft. 

In Herzlichkeit dem Ehepaar Kunstler 
Dr. Rudolf Steiner 

Fur Eugen und Maud Kunstler 
in «Tbeosopbie», 1904 



Die Liebe zum Ubersinnlichen wandelt 

das Erz der Wissenschaft in das Gold der Weisheit. 

Dem Kampfer der Theosophie in den Kreisen 

der Studierenden, Herrn stud. phil. Ludwig Kleeberg 

10. Januar 1905 Dr. Rudolf Steiner 



In «Theosophie» 



Frau C. Wandrey 

Wer das gegenwartige Gute zum 

Quell der Freude 

Und das vergangene Ubel zur 

Lehre fiir das Leben 

zu gestalten vermag 

Der kommt auf den Weg zur Weisheit. 

Berlin, 22. Mai 1905 Dr. Rudolf Steiner 

Fiir Camilla Wandrey 
auf eine Photograpbie 



Freuden nehme man als gottliche Gaben der Gegenwart, 
Schmerzen aber als Lehren fiir die Zukunft. 

14. Juni 1905 Dr. Rudolf Steiner 



Fiir Astrid v. Bethusy~Huc 
auf eine Photograpbie 



Der Mensch ist ein werdender Gott 
Der Gott ist ein erfiillter Mensch. 



Frau v. Moltke herzlichst 

30. Juni 1905 Dr. Rudolf Steiner 

Fur Eliza v. Moltke 
auf eine Photographie 



Das Leben priift uns oft durch Leiden 
Es fiihrt uns oft in Irrtum durch Freuden 
Drum lasse man auch die Freuden 

zur Priifung des Herzens 
Die Leiden aber zu Wegen nach 

der Wahrheit werden. 

Frl. Liidemann zur freundlichen Erinnerung 
Koln, 1. Dezember 1905 Dr. Rudolf Steiner 

Fur Bertha Liidemann 
auf eine Photographie 



Die Freuden konnen wir in der Gegenwart 
Die Leiden aber erst in der Zukunft schatzen. 
Die ersteren sind Geschenke des guten Gesetzes 
Die letztern aber sind die Lehrer der Weisheit. 

Stuttgart, im Januar 1906 

Herrn Jaeck in Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner 

Fur Wilhelm Jaeck 
auf eine Photographie 



Die Freuden erkennen wir als Gnadengaben 

in der Gegenwart, 

Die Leiden enthiillen aber ihren Wert erst, 

wenn sie vergangen. 

Die ersten bringen das Gluck, 

Die zweiten erzeugen die Weisheit. 

Basel, 12. Januar 1906 

In Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner 



Fiir Familie Geering-Christ 
in das Gastebuch 



Frau Eugenie v. Bredow 

Freuden sind Geschenke des Schicksals, 
die Ihren Wert in der Gegenwart erweisen. 
Leiden dagegen sind Quellen der Erkenntnis, 
deren Bedeutung sich in der Zukunft zeigt. 

Berlin, 2. Februar 1906 
Herzlichst Dr. Rudolf Steiner 

Auf eine Pbotograpbie 

Im Kosmos ist ein Ratsel verborgen? 
Doch ist der Mensch selbst die Losung. 

14. Februar 1906 

Herzlichst Dr. Rudolf Steiner 

Fur Mathilde Scholl 
ins Neue Testament 

Das Leben ist eine Schule 

Wohl dem, welcher die Priifimg besteht! 

14. Marz 1906 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Flossy v. Sonklar 
in das Album eines Kindes 



Ruhiges Verweilen an den 
Schonheiten des Lebens 
Gibt der Seele Kraft des 
Fiihlens 

Klares Denken an die 
Wahrheiten des Daseins 
Bringt dem Geiste Licht des 
Wollens. 

Frau Maude Kunstler, am 4. April 1906 
in Herzlichkeit Dr. Rudolf Steiner 

Ins Neue Testament 

Erkenntnis und gute Taten 
in der Gegenwart 
werden die Baumeister 
der Hellseher-Organe 
in der Zukunft. 



Fur Mathilde Scholl 
auf eine Photographie 
ca. 1906 



Des Menschen Erkenntnis 
Offenbart den Geist der Erde 
Des Menschen Taten 
Verkorpern dieses Geistes Sinn. 

Berlin, 8. Mai 1906 

Zur Erinnerung Dr. Rudolf Steiner 

Fur Franz Gerner 
auf eine Photographie 



Der Erdengeister voller Sinn 

Kommt zur Offenbarung 

In des Menschen freier Tat 

Und die freie Tat 

Kann nur Wirkung sein 

Der selbstlos errungenen Weisheit. 

Frau E. v. Bredow zur Erinnerung 
8. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner 



Auf eine Photographie 



In der Seele des Menschen wird der 
Sinn der Welt gefunden 
Wenn der suchende Geist sich wahrhaft 
selbst entdeckt. 

Frau L. v. Moltke zur Erinnerung 
15. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner 

Auf eine Photographie 



Wer stets zum Geiste strebt 

Der darf unverzagt hoffen 

Dass er zur rechten Zeit 

Nicht ohne des Geistes Fiihrung ist. 

Frau Graf in Bethusy-Huc zur Erinnerung 
15. Mai 1906 Dr. Rudolf Steiner 



Auf eine Photographie 



Den Sinn der Welt verwirklicht die von 
Weisheit erleuchtete und von Liebe durchwarmte 
Tat des Menschen. 

Bayreuth, August 1906 Dr. Rudolf Steiner 

Die Lehrer aber werden leuchten wie 
des Himmels Glanz und wie die 
Sterne immer und ewiglich. 

Bayreuth, August 1906 M. v. Sivers 

Fur Ludwig Kleeberg 
in ein Gedenkbuch 



Das Verborgene des Mysteriums 
Wird Offenbares durch des Menschen 
Schaffendes Wissen und wissendes Wollen. 

3. Dezeraber 1906 



Fur Mathilde Scholl 



Der Sinn der Welt 

Offenbart sich in des Menschen Seele. 



28. Juni 1907 

Herzlichst Dr. Rudolf Steiner 

Fur Ludwig Kleeherg 
in «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer 

gegen seine Zeit» 



Suchst du dich selbst, 

So suche draufien in der Welt; 

Suchst du die Welt, 

So suche in dir selbst. 

6. August 1907 Dr. Rudolf Steiner 



Es wechselt die Zeit das Antlitz der Dinge 
Doch bleibt ewig der Wesenskern. 
Es wechselt das Leben der Menschen Taten 
Doch bleibt ewig der Seelenkern. 

Dr. Rudolf Steiner 

Fur Familie Rietmann 
1908 

Die Ratsel des Lebens losen sich 

in der Warme des nach Gedankenlicht 

strebenden Herzens. 

Seinen lieben Rietmanns, Stuttgart den 
16. August 1908 Dr. Rudolf Steiner 

Die Richtung nach dem Hochsten der Aufienwelt 
Gibt der Mensch sich im Tiefsten seiner Innenwelt. 

Fur 2. Juli 1909 Dr. Rudolf Steiner 



Auf eine Photographie 



Entwicklung des Menschen ist: 
Entziinden im Seelenfeuer der Liebe 
Die leuchtende Weisheit des Geistes. 

Basel, 25. September 1909 

Fur Astrid v. Bethusy-Huc 
auf eine Photographie 

Der Schliissel zur Geisteswelt 

Liegt im Geisteswerkzeug des Menschen. 

Den lieben Kinkels 

16. November 1909 Dr. Rudolf Steiner 

Fiir Alice und Wilhelm Kinkel 
auf eine Photographie 

Das Denken ist der Dolmetsch, welcher 
die Gebarden der Erfahrung in die 
Sprache der Vernunft iibersetzt. 

Den lieben Rietmanns herzlichst 

am 21. November 1909 Dr. Rudolf Steiner 



Ins Gdstebuch 



Die Erkenntnis ist das Licht 
Und die Liebe dessen Warme. 

Fiir Eliza v. Moltke 
auf eine Photographie 
26. November 1909 



Uberwindet der Mensch sein enges Sein 

Erst durch Welterleben in sich selbst, erkennend; 

Dann darf er empfinden 

«Erkenne dich selbst» 

Es heifit ihm dann 

Werde in dir selbst 

Werkzeug, das die Welt dir offenbart. 

Frl. Mieta Waller, der Darstellerin des 
Johannes Thomasius herzlichst Rudolf Steiner 
Datum 5. September 1910 



In «Die Pforte der Einweihung» 



Im Menschenherzen schlagen 

Der Erde hochste Krafte 

Im Menscheninnern leben 

Des Seelenreiches Machte 

Dem Menschenstreben winken 

Des Geisterlandes Ziele 

Das Menschen Ich jedoch 

1st selber Geist in Geistesweiten. 

Und was im Menschen 

Sich selber Ich benennt 

1st Bild nur seiner selbst. 

So sagt man gut zu streben 
Als Mensch sich oft und oft 
So sagt man kraftvoll sich 
An Tagen der Lebenswenden. 



Fur Ella Sharp, 1911 



Es sprechen zu den Menschensinnen 
Die Dinge in den Raumesweiten 
Sie wandeln sich im Zeitenlauf 
Erkennend lebt die Menschenseele 
Von Raumesweiten unbegrenzt 
Und unbeirrt vom Zeitenlauf 
Im Reich der Geistes-Ewigkeit. 

26. Febmar 1911 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Familie Rietmann 
ins Gdstebuch 



Es drangen sich an die Menschensinne 
Die Dinge in den Raumesweiten 
Sie wandeln sich im Zeitenlauf 
Es webt die Menschenseele 
Unbegrenzt von Raumesweiten 
Und unbeirrt vom Zeitenlauf 
Ihr Kleid der Ewigkeiten. 

12. Juni 1911 in Herzlichkeit 
Dr. Rudolf Steiner 

In «Das Christentum ah mystische Tatsache» 



Im Kopfe Glaubenskraft 

Im Herzen Liebensmacht 

Im vollen Menschen starkes Hoffen 

Halt und tragt das Leben. 

13. Januar 1912 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Familie Rietmann 
ins Gastebuch 



Zum 6. Marz 1912 

Der Seele Erdenpilgerzug 

Er fiihrt auf steile Bergesgipfel 

Da sprechen des Lebens spitze Steine 

Es sind ihre Worte andres nicht 

Als Rats el nur und Fragen 

Die Sehnsucht gewaltig wecken: 

Nur wenn in Seelen-Bergeshiitten 

Wo Geistesstimmung ruhig waltet 

Den Ratseln Losung winkt 

Und Rune Sehnsuchtkraften: 

Dann reifen Geistesfriichte 

Zu Keimen fiir Ewigkeiten. 

In Deinen Lebenspilgerzug 
Das Geistesauge lenkend, 
Erscheinen diese Worte mir 
Als Deines Wesens Zeichen. 

Dr. Rudolf Steiner 



Fiir GUnther Wagner 
zum 70. Geburtstag 



Sich erkennend nicht verlieren 
Und schauend sich bewahren 
Sich empfindend nicht verblenden 
Und sich erfuhlend selbst erleuchten 
Dies lost der Seele und der Welten Ratsel. 

Mannheim, 10. Marz 1912 

Fur Helene Rochling 



Zum 2. Juli 1912 

Im Weltenkampf und in Zeitenproben 
Bewahren im tiefsten Seelenkerne 
Empfindungskraft fur Geistgewalten: 
Solch' Streben im Menschenherzen 
Erhalt dem Selbst das Lebenssteuer. 

Dr. Rudolf Steiner 



Fur Eugenie v. Bredow 
in «Tbeosophie» 



^t*VsU. .j£lC££^ 

jDcr^ ^im^m 

H iiter der Schwelle 

S^elcnvj.igiiP^e in scenischen Bildern 



von 



Rudolf Stelner /u^^w^*^ 




PHi«««pHsch-Tfe«<»si)phtscher Yerfag, Berlin Motzstrasse 17. 



Es drangt sich an die Menschensinne 

Aus Weltenweiten ratselvoll 

Des Stoffes reiche Fiille 

Es stromt auch in die Seelengriinde 

Aus Weltentiefen inhaltvoll 

Des Geistes klarend Licht 

Sie finden sich im Menschen-Innern 

Zu weisheitvoller Wirklichkeit. 

Seinem lieben Moriz Zitter 

zur Erinnerung an die Septembertage 1912 

freundlichst herzlichst Rudolf Steiner 



In «Der Huter der Schwelle» 



Es leben die Pflanzen 
In Sonnenlichtes Kraft 
Es wirken die Menschenleiber 
In Seelenlichtes Macht 
Und was der Pflanze 
Der Sonne Himmelslicht 
Das ist dem Menschenleibe 
Das Geistes Seelenlicht. 

19. Dezember 1912 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Familie Rietmann 
ins G 'dstebuch 



Es hort der Mensch das Schopfungswort 
Wenn er reinen Herzens horcht 
Wie Weltengeister durch die Seele 
Sich musikalisch sinnvoll offenbaren. 

Koln, 29. Dezember 1912 Dr. Rudolf Steiner 

Fiir Willy Conrad 
auf eine Photographie 



Ihn mit guten Gedanken 
Durchs Leben geleiten will ich: 
Dass ich es ihm gesagt, 
Moge er ofter gedenken. 

Dem Patensohnlein, 15. April 1913 

Fiir Wilfried v. Henning 
auf eine Photographie 



Hohe Weltenratsel erblickt, 

Wer im Menschenherzen erschaut, 

Wie Gottesdenken Geistesziele schafft. 

Alfred Meebold 

in den Miinchner Augusttagen 1913 
Dr. Rudolf Steiner 

Auf eine Photographie 



Unsterblichkeit - 

Ungeborenheit; 

erst wer beides versteht, 

versteht die Ewigkeit. 

Dr. Rudolf Steiner 



In ein Buch, 1914 



Als treue Gefahrtin 

Steht dem Fluge der Geisteswissenschaft 
Stets bei der wahren Philosophie 
Echte besonnene Art. 

So nehme dies Buch entgegen 
die treue Mitwirkerin Johanna Mixcke 
von dem Verfasser Dr. Rudolf Steiner 
Berlin, 21. Juli 1914 

In «Die Rdtsel der Philosophie » 



Die Krafte sind leere Hiilsen nur, 
Entbehren sie den Geistgehalt; 
Doch sind sie Schopferwirksamkeiten, 
Wenn sie den Geist umkleiden. 

Stuttgart, 1. Oktober 1914 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Alice Kinkel 
auf eine Photographie 



Im Stoffe suchet der Weltenkenner 
Des Geistes ewiges Schopferwalten. 
Im Sturm und in des Krieges Wtiten 
Enthiillt sich seiner Geistesschau 
Der Welten weises Gotterziel. 



Fur Helene Rochling 
5. November 1914 



Sich selbst empfangen vom Weltensein, 
Die Welt erleben als Selbstes-Sein, 
Das ist der Weg zum SeherzieL 

23. April 1915 



Fur Felix Knoll 
auf eine Photographie 



Der eigenen Seele Geheimnisse 
Ergriinde in dem Antlitz, 
Das die Welt dir zuwendet. 
Der Welten Innenseite 
Ergriinde in dem Antlitz, 
Das sie deiner Seele pragt. 

25. Juni 1915 Dr. Rudolf Steiner 

Fiir Astrid v. Bethusy-Huc 
auf eine Photographie 



Wenn Ruhe der Seele Wogen glattet 
Und Geduld im Geiste sich breitet 
Zieht der Gotter Wort 
Durch des Menschen Innres 
Und webt den Frieden 
Der Ewigkeiten 
In alles Leben 
Des Zeitenlaufs. 

Fiir Helmuth v. Moltke 
auf eine Photographie 
11. Dezember 1915 



Wirkliche Selbsterkenntnis wird dem Menschen nur zuteil, 
Wenn er liebevolles Interesse entwickelt fur andere; 
Wirkliche Welterkenntnis erlangt der Mensch nur, 
Wenn er das eigene Wesen zu verstehen sucht. 

Fur Bertha Ellram 
in «Vom Mensch enr'dtsel» 
20. April 1916 



Gemeinsam erlebte Wahrheit 

1st Lebenskraft im Menschheitstreben. 

Frl. Johanna Miicke der treuen Mitarbeiterin 
herzlichst Dr. Rudolf Steiner Marie Steiner 

In «Vom Mensch enratsel» 
Juli 1916 



In Gemeinsamkeit erlebte Wahrheit 
Wird Weltenkraft im Menschenstreben. 

Frau Helene Rochling treufreundschaftlich liberreicht 
am 20. Juli 1916 Dr. Rudolf Steiner Marie Steiner 



In «Vom Mensch enratsel» 



Was lebend erdacht 
Verstand wahrhaft 
Der Seele Kraft 
Die wirklich erwacht. 

21. September 1916 

Auf eine farbige Skizze 
von Hilde Pollak 



Des Geistes Schattenwurf im Raume ist das Schone; 
Der Schatten wird zum Lebewesen durch des 

Kiinstlers Bildegeist. 

Im treuen Gedenken an den lieben Schopfer dieser Skizze R. St. 



Unter eine Skizze von Jacques de Jaager 

November 1916 



Rdtsel 



Im Ersten suche der allumfassenden Welt Grund und Ziel. 

Das Zweite erstrebest du, um dich als Mensch zu wissen; 
Dem Ganzen sinne nach, und dir wird begreiflich: 

Wie iiber sich zum Ersten sich hebet der Mensch. 

(Ein Doppelwort; jedes Wort nur aus einer Silbe bestehend.) 
3. Juni 1917 

Fiir Mathilde Scholl 

Conrad Ferdinand Meyer 

Weil er den lebensvoll 

Ergriffnen Stoff 

In reins tes Formensein 

Zu wandeln wusst', 

Ergab sich seiner Form 

Des Geistes Sein 

In voller Lebenskraft. 

9. Juli 1917 R. St. 

Zur Erinnerung an schone Stunden 
in herzlicher Freundschaft 
Marie Steiner 



Fiir Helene Rochling 
in «Gedichte» von C. F. Meyer 



Man sucht nach 

der Weltenratsel Losung; 

der Mensch ist selbst die Losung; 

darum, wer sich selbst als Mensch 

In Wahrheit recht erkennt: 

erkennt der Welt Geheimnis. 

1. August 1917 Dr. Rudolf Steiner 

Fiir Erna Bdgel 
auf eine Photographie 

Warum strebt, dunkler Sehnsucht 
Folgend, nach Selbst-Erkenntnis 
Des Menschen Seele? 
Weil nicht im Ideen-Schein 
Und nicht in Begriff-Gewebe 
Der Welten Wesen fassbar. 
Es liegt im Menschen-Selbst; 
Enthiillt sich dieses, 

So enthiillt sich der Welten Werdewesen. 

1. August 1917 Dr. Rudolf Steiner 



Fiir Helene Rdchling 
auf eine Photographie 



Im Weltenall 

Webet des Menschen Wesenheit 

Im Menschenkern 

Waltet der Welten Spiegelbild 

Das Ich verbindet beide 

Und schaffet so 

Des Daseins wahren Sinn. 

GruiS an Frau Hahn von R. St. 

Fiir Marie Hahn 
Herbst 1917 



Der Sonne Licht kraftigt der Erde Schopfung 

Der Wahrheit Sonnenlicht kraftigt das Menschenherz. 

Fiir Hedda Hummel 
in «Von Seelenratseln» 
1917 



Im Sinnensein verbirgt 
Des Geistes Wille sich 
Und so erscheint es «Stoff». 
In Menschen-Willenskraft 
Verbirgt die Seelenwesenheit 
Sich vor dem eignen «Ich». 
Im schauenden Wollen 
Im wollenden Schauen 
Da findet die Seele 
Sich selber, da finden 
Die «Toten» sich 
Mit den «Lebenden». 

4. Januar 1918 Dr. Rudolf Steiner 



Fur Eliza v. Moltke 
in «Von Seelenrat$eln» 



Am Werdetag treten an 

Die Werdewesen uralter Zeit 

Gedanken der Liebe tragen sie 

Von Herz zu Herz 

Und sie mo gen die Gedanken 

Festigen zu tragender Erinnerung 

an das Werdefest. 

28. Januar 1918 fur Helene Rochling 

Zum Geburtstag auf die 
Zeichnung der Kabiren 



Sich in der Welt 
Schauend ergriinden, 
Die Welt in sich 
Lebendig finden: 
1st Daseins-Tragekraft. 



26. Marz 1918 Rudolf Steiner 



Es fragen die Menschen 

Nach des Weltratsels Losung 

Und versaumen darob 

Zu schauen, wie das Leben 

In seinem Folge-Rhythmus 

Dieses Ratsels 

Wahre Losung ist. 

26. Marz 1918 Rudolf Steiner 

Fiir Hans Hasso v. Veltheim 
auf eine Photographie 



Nach der Welten Ratsel 
Mufi fragen der Mensch; 
Aber es loset sich nicht 
In dem Worte oder Begriff. - 
Des Menschen Seele schaue: 
Sie ist selbst die Losung. 

5. April 1918 Dr. Rudolf Steiner 



Auf eine Photographie 
fiir einen Freund 
von Franz Gerner 



Der Welten Ratsel 

Man loset es nicht mit Wort und Idee allein 
Den Menschen schauend 

Ergreifet man die Losung im erkennenden Leben. 

10. April 1918 Rudolf Steiner 

Fur Johanna Miicke 
in «Von Seelenratseln» 



Das Ratsel der Welt will man losen? 
Doch man loset es nur, 

Wenn man schauend den Menschen erkennt 
Den er ist selbst die Losung des Ratsels der Welt. 

10. April 1918 Rudolf Steiner 



Fur Helene Rochling 
in «Von $eelenrat$eln» 



Fercher von Steinwand 

Im Chor der Urtraume zu ergreifen 
Ideen, die zur Offenbarung werden 
Des Kraftewesens, das im Urgetriebe 
Dem Weltensein die Seele ist: 
Das wollte dieser Dichter; 
Und schon ist, ihm zu folgen 
Durch Urtraume hindurch 
in das Reich der Urtriebe. 

1918 

Im Weltgeheimnis schaut sich der Mensch, 
Im Menschengeheimnis offenbart sich die Welt, 



Fur Ludwig und Berta v. Polzer-Hoditz 
ins Gdstebuch, Juni 1918 



Warum strebt des Menschen 

Suchende Seele 

Nach Erkenntnis 

Der hoheren Welten? 

Weil jeder seeleentsprossene Blick 

In die Sinneswelt 

Zur sehnsuchtvollen Frage wird 

Nach dem Geistessein. 

Fur Johanna Miicke 
in «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten? » 

7. Juli 1918 



Im freien Menschenwesen 

Fasst das Weltall sich zusammen 

Drum fasse dich mit freiem Sinne 

Und du findest die Welt in dir 

Trage dich in die Welt 

Und durch dich wird der Geist der Welt! 

E. M. am 15. Oktober 1918 
zur Erinnerung R. St. 



Fiir Edith Maryon 
in «Die Philosophie der Freiheit» 



Herzlich griiften die im Leibe 
Herzlich im Geiste sendet 
der Treugenosse aus dem Seelenland 
Den Liebesgrufi: 

Es findet im Geist der Mensch 

Den Weg zum Licht der Seele 

Im Licht der Seele 

Das Wort des Gottes, 

Das Stiitze ist in Freud und Leid. 

Zum 19. Oktober 1918 
Durch R. St. 



Fur Pauline v. Kalckreuth 
in «Die Philosophic der Freiheit» 
zum Geburttag 



Du willst «Gott» denken: 

So spricht Goethes Seele; 

Du stiirzest mit diesem Wollen 

Dich in Widerspruch und Zweifel. 

Du sollst «gottlich» denken; 

Und «Gott» wirket in Dir: 

So ahnte Goethe als Losung 

Des Gottesratsels 

Und so muss zur Losung 

Denken Geisteswissenschaft. 

E. M. zum 30. November 1918 
Dieses Buches Verfasser 



Fur Edith Maryon 
in « Goethes Weltanschauung» 



Wenn in hellen Geisteskreisen 
Die Seele lasst waken 
Des Denkens reine Kraft, 
Ergreifet sie der Freiheit Wissen. 

Wenn im voll erfassten Leben 
Der frei bewusste Mensch 
Sein Wollen zum Sein gestaltet, 
So west der Freiheit Wirklichkeit. 

7. Dezember herzlichst Dr. Rudolf Steiner 
In Liebe Marie Steiner 

Fiir Helene Rdchling 
in «Die Philosophie der Freiheit» 
7. Dezember 1918 



Erkennt der Mensch sich selbst: 
Wird ihm das Selbst zur Welt; 
Erkennt der Mensch die Welt: 
Wird ihm die Welt zum Selbst. 

Dornach 24. Dezember 1918 



Fiir Elisabeth Vreede 
zum «Seelenkalender» 



Es ist ein tief Verborgenes, 
Ein durch alle Ewigkeit Gehendes, 
Aber von dem dir Bewussten 
Durch einen Abgrund getrennt. 

Berlin 1918 Rudolf Steiner 

Fur Pauline v. Kalckreuth 



Suche im eignen Wesen: 
Und du findest die Welt; 
Suche im Weltenwalten 
Und du findest dich selbst; 
Merke den Pendelschlag 
Zwischen Selbst und Welt: 
Und dir offenbaret sich 
Menschen-Welten- Wesen; 
Welten-Menschen- Wesen. 

Herzlichst gerichtet an den lieben Freund 
Hans Reinhart 

27. Februar 1919 Rudolf Steiner 



In deiner Seele Innerem suche: 
Du findest die Ratsel der Welt; 
Und dann vertrau' dem Leben 
Und lass' von ihm dich belehren: 
Du 1 e b s t dann der Weltenratsel 
Losung. 

1. April 1919 Rudolf Steiner 

Fur Familie Rietmann 
ins Gastebuch 



Suche im Umkreis der Welt 
Und du findest dich als Mensch, 
Suche im eignen menschlichen Innern 
Und du findest die Welt. 



Fur Anna Samweber 
19. Juni 1919 



Suche im Innern das Lichtvolle, 
Und du findest die Welt; 
Suche im Aufiern das Sinnvolle, 
Und du findest dich selbst. 

Stuttgart, 1. September 1919 
Rudolf Steiner 

Fur Hans Kiihn 
in «Die Kernpunkte der sozialen Frage» 

28. Januar 1920 

Fur Helene Rochling: 

Die Jahre fliefien in den Zeitenstrom, 
Dem Menschen lassen sie Erinnerung; 
Und im Erinnern webt der Seele 
Sich Sein mit Lebenssinn zusammen. 
Erleb 1 den Sinn; vertrau dem Sein: 
Und Weltenwesen wird deinen 
Daseinskern mit sich vereinen. 



Zum Gehurtstag 



Wenn du auf den Geist des Weltenseins 

Dein Augenmerk zu lenken dich bemiihst 

So wirst du dich selber finden 

Als freier Mensch im Schicksalsfelde. 

Wenn du dich abwendest von ihm 

Und nur auf des Tages Scheinwesen 

Den Sinn gerichtet halten wirst 

So wirst du dich verlieren 

Als Menschenbild im Schicksalsspiele. 

Fiir Mieta Waller zum Geburtstag 
18. Februar 1920 



Der Mensch findet, erkennend die Welt, sich selbst, 
Und erkennend sich selbst, offenbart sich ihm die Welt. 

Fur Wilhelm Nedella 
25. Februar 1920 



Dornach (Canton Solothurn) 
27. Februar 1920 

Der weifien Rasse neues Morgenrot 
Wird im Erdgebiet sich offenbaren 
Erst wenn dieser Rasse Wissende 
Erfiihlen der Seele Band mit dem Geist; 
Und in ihnen wirken wird 
Empfindung von der Schande, 
Die Seelen schwarzt, wenn sie 
Das Menschenwesen durch Materien-Sinn 
Begreifen wollen. 

Fiir Richard Teschner 
zh seiner Bilderserie 
«Drei Kulturrassen» 

Der weifien Rasse neues Morgenrot 

Wird im Erdgebiet sich offenbaren 

Erst wenn dieser Rasse beste Menschen 

Den Materien-Sinn empfinden 

Als beschamend, weil er erloscht 

Das Bewusstsein vom wahren Menschenwesen. 



Entwurf 



Erkenne dich selbst 

Und du findest die Geheimnisse der Welt; 
Beschaue die Welt 

Und du findest die Geheimnisse des Selbst. 

18. Juli 1920, Dornach 



Fur Ludwig Noll zum Gehurtstag 



Der Mensch findet 

Des Ewigen Grund, 

Wenn er, mit vollem Vertrauen, 

In seines Wesens Tiefen ahnet 

Des Gottes Werk. - 

17. August 1920 Rudolf Steiner 

Fur Carola Nedella 
auf eine Pbotographie 



Willst du die Welt erkennen: 
Blicke zuerst ins eigne Herz; 
Willst du dich selbst erkennen: 
Blicke richtig ins WeltenalL - 

17. August 1920 Rudolf Steiner 



Fur Wilhelm Nedella 
auf eine Photographic 



l/tm, oil*, fr**** &*% oi&un* 

J>4>***\t mC*. ui-uvL-fCt*. ttori^-eA- 

Ji't. pUC*** U*. **** 
*2) te A, ui*~~i tf*-W &Jt£(*~te*»~*v**> 
ZUy.U. eu*.*4 ft*** "~ J~eM**L~-jrZ»,0£tA~ 
Sit. ^* XJU4*~u>JX^~. St^tycult 

J* 



Welterkenntnis, Selbsterkenntnis : 

Von der Einen hin zur Andern 

Pendelt fragend Seelensehnsucht. 

Scheint ihr oft zu winken trostlich 

Losung ihrer Daseinsratsel: 

Schon die nachste Pendelschwingung, 

Sie gebiert ihr aus der Losung 

Nur ein neues Lebensratsel. 

Doch wenn statt im Welterkennen 

Nach den Daseinsuntergriinden, 

Und auch statt im Selbstergriinden 

Nach des Menschen ew'gen Wesen: 

Sie in Weltenweiten Selbstheit 

Sucht, und in dem Selbst das Weltall; 

Sie erreicht des Wissens Ziele 

Zwar nicht; doch ihr werden Wege 

In das L e b e n der Erkenntnis 

Sich erschliefien; seelentragend 

geisterhebend, weltenweisend. 

Dornach, Oktober 1920: Goetheanum 
Dr. Rudolf Steiner 



Fur die Berner Freistudenten 
ins «Goldene Buch» 



Heilsam ist nur, wenn 
Im Spiegel der Menschenseele 
Sich bildet die ganze Gemeinschaft 
Und in der Gemeinschaft 
Lebet der Einzelseele Kraft. 

5. November 1920 Rudolf Steiner 

Fur Edith Maryon 
in «In Ausfiihrung der Dreigliederung ...» 



Den wirkenden Geist 

An die Stelle des gedachten setzen 

Heifit in dieser Zeit 

Die soziale Grundforderung empfinden. 

Fur Edith Maryon 
in «Die soziale Grundforderung unserer Zeit» 

1921 



In der Kunst erlost der Mensch 

Den in der Welt gebundenen Geist. 

In der musikalischen Kunst erlost der Mensch 

Den in ihm selbst gebundenen Geist. 

Zur freundlichen Erinnerung und fur die 
musikalische Probe dankend, 30. August 1921 

Fiir Franz Langer 
Thomastik-Quartett Wien 



Erinnerung und Liebe 

Sie stellen den Menschen 

In das Erdeleben 

Sie fiihren ihn 

Wieder zum Geist zuriick, 

Wenn Erinnerung im Bilddenken 

Und Liebe in Seelenhingabe 

Sich dem Sinnessein entreifien. 

Zum 28. Januar 1922 

Rudolf Steiner Marie Steiner 



Fiir Helene Rochling 



Des Innern Wesen erkenne 

In den Welten-Geistes-Griinden; 

Und der Welten Innenkraft, 

Es kann sie dir verkiinden 

Das Forschen in eigner Seelenmacht. 

So such' im Aufieren das Innere 

Und in dem Eigenen die Welt. 

Zur Erinnerung an die Tage 
des Februaranfanges 1922 

Fur Carl und Johanna v. Keyserlingk 

ins Gdstebuch 



Fur Edith Maiyon zura 26. Dezember 1922 

Als der Mensch erf and wie die Welt 

In Atome endlos zerstiebt, 

Verband sich sein Erkennen 

Mit dem Tode der Natur; 

Er soli nun streben in dem Geiste 

Zu finden, was Zerstiebtes iiberwindet, 

Und er wird sein Erkennen 

Richten nach dem Werden der Welt. 



Rudolf Steiner 



Es traget im Keime 
Der Mensch die Weltenzukunft 
Wenn er seiner Taten Sinn 
In Gedankenkraft wandelt 
Und durch des Gedanken Auge 
Die Geistessonnenkraft schaut. 

Dornach, 28. Januar 1923 

Segenswiinsche fur's neue Lebensjahr 

Marie Steiner 

Fiir Helene Rdchling 

Edith Maryon zum 9. Februar 1923: 

Des Menschen Krafte sind zweifach geartet; 
Es geht ein Strom von Kraften nach Innen: 
Er gibt Gestalt und innres Wurzelsein; 
Es geht ein Strom von Kraften nach Aufien: 
Er gibt das Wohlsein und Lebenslichterhellung; 
Drum denke sich als leichten Lichtmenschen 
Wen die Bildekrafte des schweren 

Kdrpermenschen plagen. 



Rudolf Steiner 



Zum Geburtstag 



Selbsterkenntnis 

wurzelt in Welterkenntnis 
Welterkenntnis spriefit aus 

Selbsterkenntnis. 

Rudolf Steiner 



Fur Ludwig v. Polzer-Hoditz 
ctuf eine Photographie, April 1923 



Es bedarf der Mensch der innern Treue, 

Der Treue zu der Fiihrung der geistigen Wesen. 

Er kann auf dieser Treue auferbauen 

Sein ewiges Sein und Wesen 

Und das Sinnensein dadurch mit ewigem Licht 

durchstromen und durchkraften. 

Der lieben Familie Rietmann 
12. April 1923 Rudolf Steiner 



In das Gdstebuch 



Suchest du die Welt 

So erforsche das eigne Herz 

Willst du die eigne Seek kennen, 

So suche in der Welt nach alien Seiten. 

1. Mai 1923 

Fiir Hermine Kitha, Prag 

Im Leben gibt es Augenblicke, 

In denen sich fiir Menschen Vieles 

Zur wichtigen Entscheidung bringt; 

Sind gluckesvoll diese Augenblicke, 

Dann wird der Lebenswert 

Nur umso grofier sein, 

Wenn sie der Mensch nicht blofi geniefien, 

Sondern im stillen Denken 

Zur wirksamen Selbsterkenntnis 

Kraftvoll gestalten will. 

3. Juni 1923 

Goetheanum Rudolf Steiner 



Fiir Ilona Bogel 



& 4Umj elm Mr »w 




Willst du die Welt erkennen: 
Blick ins eigne Innre; 
Willst du dich selbst durchschauen: 
Schau in die Welt. 

Stuttgart, 16. Oktober 
Rudolf Steiner 

Handschriftenprobe fur das 
Preufiische Staatsarchiv 

1923 



Wir Menschen der Gegenwart 

Brauchen das rechte Gehor 

Fur des Geistes Morgenruf, 

Den Morgenruf des Michael. 

Geist-Erkenntnis will 

Der Seele erschliefien 

Dies wahre Morgenruf-Horen. 



Der lieben Familie Rietmann 

21. Oktober 1923 

Rudolf Steiner M. Steiner 



Du soil' st es wagen 

Kiihn mit dem Adler 

Nach Weltenratseln zu fragen; 

Doch auch nicht verzagen 

Wenn in Erwartung der Antwort 

Du Lammsgeduld musst ertragen. 

15. Dezember 1923 Rudolf Steiner 

Auf einem Entwurf zu einem Schmuckstiick 

fur Andreas v. Grunelius 



Willst du die Welt erkennen 
Such' in des eignen Herz ens Tiefen; 
Willst du das eigne Wesen schauen 
Wandle durch der Welten Ratsel! 

Januar 1924 Rudolf Steiner 



Fiir eine Anthroposophin in Amerika 
auf eine Photographie 



Es deuten die Herzen das Karma 

Wenn die Herzen lernen 

Lesen das Wort 

Das in Menschenleben 

Gestaltet 

Wenn die Herzen reden 
Lernen das Wort 
Das im Menschenwesen 
Gestaltet. 

An meine Mysa 

27. Februar 1924 Rudolf Steiner 



Fur Ita Wegman 
auf eine Photographie 



An Marie: 

Geburtstagsspruch zum 14. Marz 1924 

Wer in rechtem Sinne zahlen kann 
Seines Lebens hingeschwund'ne Jahre, 
Dem verkiindet sich der Geistesschritte 
Gottes-Zahl, durch die er irdisch wandelt 
Zu dem Lichtesziel, das Seelen vorgesetzt 
In dem Daseinsbuche, in dem gezeichnet 
Alles Menschenwerden seit den Ewigkeiten. 

Rudolf St. 



Fiir Marie Steiner 



In Liebe zum Hause in Koberwitz 

Zu guter Anthroposophen Edelsitz 

Kamen wir von Neuem 

Suchend die Herzen, die treuen 

Zu pflegen den Tatengeist 

Der in diesem Hause beste Wege weist. 

Die Liebe, die wir fanden, 

Wird bilden schonste Banden. 

In allerherzlichstem Dank 
Rudolf Steiner Marie Steiner 



Zum Abschied nach der Pfingsttagung, 17. Juni 1924 
fur Carl und Johanna v. Keyserlingk ins Gastebuch 



King Arthur's Castle Hotel 
Tintagel, Cornwall 



Mein lieber Herr Steffen, 

Von vielsagenden Burgestriimmern kommen wir, 

Hier safien einst die alten Damonenbesieger 

Verstarkend des Fiihrers Kraft durch die Sternen-Zwolf . 

Die Burgen sind in Trummern, 

Die Astralmoral ist verstummt; 

Doch Geisteskraft wuchtet urn den Berg, 

Und Seelenbildemacht stiirmt vom Meer. - 

Zaubrisch wechselnd sind Licht- und Liifteringen, 

Die kraftig zu der Seele dringen 

Auch heute nach dreitausend Jahren: 

Und aus der Elemente Erinnerungsbildern 

Senden wir Ihnen in treuer Gesinnung 

Und Herzlichkeit liebevolle Griifie 

Rudolf Steiner 



17. August 1924 



Fiir Johanna Miicke 
Zum 29. Oktober 1924 

Sechzig Jahre - Weltenwanderung 

Die Dich lieben, blicken 

Auf Miihen und Sorgen zuriick, 

Die Dir reichlich beschieden waren. - 

Doch sie schauen auch freude-bewegt 

Wie Du aus der Weltenwanderung 

Einen wahren, echten, tatgetragnen 

Menschen zu bilden vermochtest. - 

Und ein reichlich Teil 

Deiner Weltenwanderung 

Gemeinsam mit unsrer 

Zu verlaufen, war ihr Schicksal. 

So nimm' denn hin 

Des Herzens innig'sten Festesgrufi; 

Er ist aus der Liebe zu Dir, 

Die in Jahrzehnten erhartet, 

Geformt, und dringt zu Dir 

In Seelemwarme, die an 

Schatzung Deines Wesens 

Sich stets neu erbildet. 



Zum Gehurtstag 



Guter Gedanken Licht 

Erhelle Euch den Weg 

Gedanken, die durch Michaels Kraft 

Die Menschen in ihrem Wesen 

Dem Gottlich-Geistigen erhalten 

Das ihnen der Welten Tore erschlossen. 



Fur Wilhelm Lewerenz und Maria Brouwer 
zur Trauung, 25. November 1924 



GEBETE UND SPRUCHE 

FUR 

MUTTER UND KINDER 



Fur werdende Mutter 

Von den Hohen wirkendes Geistgestirn 
In dem Umkreis schaffende Sonnenmacht 
Aus den Tiefen strebende Gottgewalt 
Schenken dem Menschenkeime 
Segnend, heilend, belebend 
Des Leibes Tempelbau. 

Aus frei waltendem Geisteslicht 
In Liebe spendender Seelenkraft 
Durch Treue geheiligten Opferwillen 
Schafft der Mensch dem Menschenkinde 
Des Leibes Nahrung 
Der Seele Werden 

Die Erdenzukunft dem Gottergeschopf. 

Welten opfern 

Geister segnen 

Ich-Wille wirket 

Heil dem Geist-gesegneten 

Wort-belebten 

Gott-geborenen 

Menschensohn. 



undatierbar 



Fiir die Mutter 



Vor der Geburt 

Und des Kindes Seele, 
Sie sei mir gegeben 
Nach Eurem Willen 
Aus den geistigen Welten. 

Nach der Geburt 

Und des Kindes Seele, 
Sie sei von mir geleitet 
Nach Eurem Willen 
In die geistigen Welten. 

undatierbar 



Zu sprechen von der Mutter fur das Kind 



In Dich strome Licht, das Dich ergreifen kann. 
Ich begleite seine Strahlen mit meiner Liebe Warme, 
Ich denke mit meines Denkens besten Frohgedanken 
An Deines Herzens Regungen. 
Sie sollen Dich starken, 
Sie sollen Dich tragen, 
Sie sollen Dich klaren - 

Ich mochte sammeln in Deinen Lebensschritten 
Meine Frohgedanken, 

Dass sie sich verbinden Deinem Lebenswillen 
Und er in Starke sich finde in aller Welt 
Immer mehr durch sich selbst. 



undatierbar 



Kinder gebete 
Fur jkngere Kinder 

Morgens 

Sell ich die Sonne 

Denk ich Gottes Geist 

Ruhr ich die Hand 

Lebt in mir Gottes Seele 

Mach ich einen Schritt 

Wandelt in mir Gottes Wille. 

Und wenn einen Menschen ich sehe, 

Lebt Gottes Seele in ihm. 

Und so lebt sie auch 

In Tier und Planze und Stein. 

Nimmer Furcht kann mich erreichen 

Wenn ich denke Gottes Geist 

Wenn ich lebe Gottes Seele 

Wenn ich wandle in Gottes Willen. 



1908/09 



Abends 



Vom Kopf bis zum Fufi 
Bin ich Gottes Bild 
Vom Herzen bis in die Hande 
Fiihl ich Gottes Hauch 
Sprech ich mit dem Mund 
Folg ich Gottes Willen 
Wenn ich Gott erblick 
Uberall, in Mutter, Vater, 
In alien lieben Menschen 
In Tier und Blume 
In Baum und Stein, 
Gibt Furcht mir nichts 
Nur Liebe zu allem 
Was um mich ist. 



S*<uyu HlHf" ~ **** 



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TISCHGEBET 



Es keimen die Pflanzen in der Erdennacht 

Es sprossen die Krauter durch der Luft Gewalt 

Es reifen die Friichte durch der Sonne Macht 

So keimet die Seele in des Herzens Schrein 

So sprosset des Geistes Macht im Licht der Welt 

So reifet des Menschen Kraft in Gottes Schein. 



1908/09 



Der Sonne Licht durchflutet 

Des Raumes Weiten, 

Der Vogel Singen durchhallet 

Der Luft Gefilde, 

Der Pflanzen Segen entkeimet 

Dem Erdenwesen, 

Und Menschenseelen erheben 

In Dankgefiihlen 

Sich zu den Geistern der Welt. 



Es tragen Lichtgewalten 
Mich in des Geistes Haus. 



Um mich leben viele Wesen 

Um mich sind viele Dinge 

In alien will ich sehen 

Wie Gott der Welt 

Zu mir und alien Menschen 

Sprechen will. 

In meinem Herzen auch 

Spricht Gott der Welt 

Und spricht am besten 

Wenn ich lieben kann 

Alle Menschen und alle Wesen. 



Gebet fur Hannchen Hagemann 

10. Mai 1912 



ABENDGLOCKENGEBET 



Das Schone bewundern 
Das Wahre behuten 
Das Edle verehren 
Das Gute beschliefien: 
Es fuhret den Menschen 
Im Leben zu Zielen 
Im Handeln zum Rechten 
Im Fuhlen zum Frieden 
Im Denken zum Lichte; 
Und lehrt ihn vertrauen 
Auf gottliches Walten 
In allem, was ist 
Im Weltenall 
Im Seelengrund. 

Fiir den 7-jdhrigen Pierre Grosheintz 

1913 



Es freuet sich das Menschenauge 

Am Schein der leuchtenden Sonne 

So freue sich die Seele auch 

Am Gottesgeiste, der in allem lebt 

Als die unsichtbare Sonne, 

Die jedem Wesen liebend leuchtet. 

Mit herzlichem Gedenken 
Paul Helmuth zum 2. Mai 1914 
Dr. Rudolf Steiner 



Fur Paul Helmuth v. Bethusy-Huc 
zum 11. Geburtstag auf eine Photograpbie 



Wie die Blut' und Frucht, 

Vom Sonnengeist gereift, 

Sich dem Pflanzenstamm entringt; 

So entsteigt der Wahrheit Lichtesbliite 

Dem Seelenstamm des Menschen, 

Vom Gottlich-Guten wohlgepflegt. 

Drum strebt nach Wahrheit 

Ein jeder gute Mensch, 

Gleichwie zum Lichte 

Die Pflanze streben muss; 

Will sie vor dem Bluhen nicht verdorren. 



Fiir den 11-jdhrigen Jan Lagutt 

Herbst 1914 



21. November 1916 
Dies, mein lieber Hansi 
schreibe dir in deine Seele: 

Dass ich mit frohem Blick 

Den Strahl der Sonne schau', 

Der vom runden Dach 

Auf geistgeweihtem Bau 

Mir in das Auge fallt: 

Die mich in seinem Umkreis lieben 

Bei meiner Lebensjahre erster Sieben 

BegriiKen sie es liebevoll. 

Dass ich mit fleifiigem Sinn 

Viel Rechtes lernen mag, 

Und, wahrem Geisteswort zu folgen, 

Der Seele Kraft mich trag' 

In gutem Menschenleben: 

Die mich in meinem Umkreis lieben, 

Zu meiner Lebensjahre zweiter Sieben 

Erwiinschen sie es liebevoll. 

Rudolf Steiner 



Fur Jean (Hansi) Grosheintz 
zum 7. Geburtstag 



Morgengebet 



Sonne, du leuchtest iiber meinem Haupte, 

Sterne, ihr scheinet iiber Feld und Stadt, 

Tiere, ihr reget und beweget euch auf der Erdenmutter, 

Pflanzen, ihr lebet durch die Erd- und Sonnenkraft, 

Steine, ihr festigt Tier und Pflanze 

Und mich, den Menschen, 

Dem des Gottes Macht 

Lebt in Kopf und Herz, 

Der mit Gottes Kraft 

Durchwandelt die Welt. 



Fiir die Kinder der Familie Heisler 

2. Juni 1919 



Abendgebet 



Mein Herz dankt, 

Dass mein Auge sehen darf, 

Dass mein Ohr horen darf, 

Dass ich wachend fuhlen darf 

In Mutter und Vater, 

In alien lieben Menschen, 

In Sternen und Wolken: 

Gottes Licht, 

Gottes Liebe, 

Gottes Sein, 

Die mich schlafend 

Leuchtend 

Liebend 

Gnadespendend schiitzen. 



Fur die Kinder der Familie Heisler 

2. Juni 1919 



Zum 21. November 1919 

In meinen Gedanken lebe der Vorsatz: 
Dass Tiichtigkeit des Mannes in mir 
Zur rechten Lebensarbeit erwachs. 
Des Lernens und Strebens dazu 
Will ich nicht erlahmen. 

In meinem Wollen lebe das Gefiihl: 
Dass vieles im Dasein zu leisten 
Des Menschen wahres Erden-Ziel; 
Und alles Daseins Bliiten-Kraft 
Aus Fleifies-Wurzeln wachsen muss. 

Wenn ich erwachsen einstens bin, 
Dann werd ich sehen, wie wahr 
Solch Denken und Fiihlen 
Im Jugendalter ist; 

Und wie es stark durch's Leben tragt. 

Rudolf Steiner 

Mit herzlichem Geburtstagsgrufi 
an Hansi Grosheintz 



Zum 10. Geburtstag 



Der Sonne Licht 
Es hellt den Tag 
Nach finstrer Nacht: 
Der Seek Kraft 
Sie ist erwacht 
Aus Schlafes Ruh': 
Du meine Seele 
Sei dankbar dem Licht 
Es leuchtet in ihm 
Des Gottes Macht; 
Du meine Seele 
Sei tiichtig zur Tat. 



David: 

Die Sonne sendet 
Zur Erde Licht 
Der Gottes-Geist 
Er strahlet hell 
Im Sonnenlicht 
Die Pflanzen trinken 
Das Sonnenlicht 
So wachsen sie 
Auf Feld und Berg 
Als Gottes Werk. 

Und auch der Mensch 
Er tragt in Herz 
Und Seele Gott 
Und seine Hande 
Bewegen sich 
Durch Gottesgeist 
Ich liebe ihn 
Den Gottesgeist 
In Herz und Handen 
In Sonn' und Mond. 



Die Sonne sendet 
Zur Erde ihr Licht, 
Der Gottesgeist 
Er strahlet hell 
Im Sonnenlicht. 

Die Pflanzen trinken 

Das Sonnenlicht, 

So wachsen sie 

Auf Feld und Wiese 

Und sind des Gottesgeistes 

Geliebte Kinder. 

Und Menschen tragen 

Im Herzen und in der Seele 

Den Gottesgeist, 

In ihren Handen 

Da wirket der Gottesgeist. 

Ich liebe den Gottesgeist 

Weil er in mir lebet. 



Die Sonne gibt 

Den Pflanzen Licht, 

Weil die Sonne 

Die Pflanzen liebt. 

So gibt Seelenlicht 

Ein Mensch andern Menschen, 

Wenn er sie liebt. 



Ich schau in die Sternenwelt - 

Ich verstehe der Sterne Glanz, 

Wenn ich in ihm schauen kann 

Gottes weisheitvolles Weltenlenken. 

Ich schau' in's eigne Herz - 

Ich verstehe des Herzens Schlag, 

Wenn ich in ihm spiiren kann 

Gottes gutevolles Menschenlenken. 

Ich verstehe nichts vom Sternenglanz 

Und auch nichts vom Herzensschlag 

Wenn ich Gott nicht schau' und spiire. 

Und Gott hat meine Seele 

Gefiihrt in dieses Leben; 

Er wird sie fuhren zu immer neuen Leben: 

So sagt, wer richtig denken kann. 

Und jedes Jahr, das man weiter lebt 

Spricht mehr von Gott und Seelenewigkeit. 



Fur den 9-jdbrigen Herbert Kleinhans 

9. August 1920 



Taufspruch 



Deines Denkens Licht, 
Es beginnet zu Ieuchten 
Auf deinem Lebensweg. 
Ich will es sinnend lenken 
In deinen Geistesstrom. 

Deines Fiihlens Warme, 
Sie beginnt zu stromen 
Auf deinem Lebensgrunde. 
Ich will sie sinnend lenken 
In deinem Seelenweben. 

Deines Willens Kraft, 

Sie beginnt zu wirken 

In deinen Lebensgliedern. 

Ich will sie sinnend lenken 

In dein ganzes Menschenwesen. 

Fiir Jiirgen Dietrich Goyert 
2. August 1920 



Brenda: 

Vom Kopf bis zum Fufi 
Bin ich Gottes Kind; 
Und Gott liebe ich 
In alien Dingen: 
In Stein und Pflanze, 
In Tier und Mensch; 
In Sternen und Wolken, 
In Sonne und Mond. 
In meinem Herzen 
Lebt auch Gott, 
Ich will ihm folgen 
In allem meinem Tun. 

Fur Brenda Binnie 
1921 



Vom Kopf zum Fufi 
Durch Herz und Hand 
Bin ich Gottes Kind 
In Sonne und im Monde 
In Stern und Stein 
Fiihl ich Gottes Kraft 
In Vater und in Mutter 
In alien lieben Menschen 
Lebt mir Gottes Wille. 
So will auch ich 
Als Gottes Kind 
Durch Gottes Kraft 
Nach Gottes Willen 
Leben und sprechen 
Und was ich soli 
Gott getreu auch tun. 



Vom Kopf bis zum Fufi 
Bin ich Gottes Kind 
Im Herzen und der Seele 
Bin ich Gottes Kind 
In Wolke und Wind 
Empfind ich Gottes Kraft 
In Stein, Tier und Pflanze 
Schau ich Gottes Wesen 
Und in Vater, Mutter 
Und in alien lieben Menschen 
Fiihl ich Gottes Giite. 



Fiir den etwa 8-jdhrigen Gordon Grey 

1922 



Oben stehet die Sonne 

Sie schenkt mir liebes Licht 

Im Lichte gibt mir Gott 

Die edle Kraft des Lebens 

Und des Gottes Kraft 

Sie strahlet iiberall 

In jedem Stein 

In alien Pflanzen 

In Tieren und Menschen. 

Und wenn auch 
In meinem Herzen 
Die Liebe wohnen kann 
Dann ziehet Gottes Kraft 
Auch in mich selbst hinein. 
Die hohe Gotteskraft 
Die Christus den Menschen 
Auf Erden hat geschenkt. 



Fur 9-jdhrigen Sandroe Stoughton 
Ilkley, 12. August 1923 



Das Licht macht sichtbar 
Stein, Pflanze, Tier und Mensch, 
Die Seele macht lebendig 
Kopf, Herz, Hand und Fufi. 

Es freut sich das Licht, 
Wenn Steine glanzen, 
Pflanzen bliihen, Tiere laufen 
Und Menschen Arbeit leisten. 

So soli die Seele sich freuen, 
Wenn das Herz sich warmend weitet, 
Gedanken lichtvoll spriessen 
Bewusster Wille wirkt. 



November 1923 



Es keimen die Pflanzen 
Im Erdengrund, 
Es zieht die Sonne 
Aus Finsternis 
Sie in das Licht: 
So keimet das Gute 
Im Menschenherzen 
Es zieht die Seele 
Aus Geistesgriinden 
Die Strebenskraft. 



November 1923 



Es keimen die Pflanzen im Erdengrund 
Es stromen die Regen aus Himmelshohen 
Es keimt die Liebe im Menschenherzen 
Es stromt die Weisheit in Menschengeister. 



undatierhar 



Kindergebet 

Wie die Sonne am Himmel 
Taglich das Licht der Erde sendet, 
So soil meine Seele taglich 
Sich zu rechtem Tun ermahnen; 
Dass ich werde ein ganzer Mensch: 
Leib, Seele und Geist 
Fiir Zeit und Ewigkeit. 

5. April 1924 

Viele Sterne am Himmel 
Sprechen von Geistes Schonheit; 
Die Sonne im Weltenraum 
Spricht von Geistes Macht; 
Der Mond im Nachtedunkel 
Spricht von Geistes Wegen. 

Rudolf Steiner 

Goetheanum, 4. Dezember 1924 



Fiir die 7-jdhrige Sarah Spock-Jordy 



Inge: 

Wer lasst die Pflanzen bliihen? 

Das ist Gottes Weishek. 

Wer lasst die Menschen leben? 

Das ist Gottes Liebe. 

Wer lasst die Sonne kreisen? 

Das ist Gottes Macht. 

Wer lasst die Wolken ziehn? 

Das ist Gottes Wille. 

Und so lebe mir 

In meines Herzens Tiefen: 

Gottes Weisheit 

Gottes Liebe 

Gottes Macht 

Gottes Wille 

Dass ich werde 

denkend 

liebend 

kraftig 

gut. 



Fur die 10-jdhrige Ingeborg Goyert 

1924 



In meinem Herzen wohnt gottliche Seelenkraft, 
In meinem Haupte wohnt gottliches Geisteslicht, 
In meinen Handen wohnt gottliche Willensmacht. 
Dies alles darf ich nie vergessen. 

undatierbar 



Mit meinen Augen 

Beschaue ich die Welt 

Des Gottes schone Welt 

Und danken muss mein Herz 

Dass es leben darf 

In dieser Gotteswelt 

Dass ich erwachen darf 

In des Tages Helligkeit 

Und des Nachts ich ruhen darf 

In Gottes Seligkeit. 



undatierbar 



SPRUCHE 
FUR DEN UNTERRICHT IN DER 
FREIEN WALDORFSCHULE 



Die Jugend erziehen, 

Heifk im Heute das Morgen, 

Heifit im Stoffe den Geist, 

Hetfk im Erdeleben 

Das Geistessein pflegen. 1920 



Meine Gedanken fliegen zur Schule hin 

Dort wird mein Korper gebildet 

Zur rechten Tatigkeit 

Dort wird meine Seele erzogen 

Zur rechten Lebenskraft 

Dort wird mein Geist erweckt 

Zum rechten Menschenwesen. 



Juli 1920 



Morgenspruch fur die vier unteren Klassen 



Der Sonne liebes Licht, 
Es hellet mir den Tag; 
Der Seele Geistesmacht, 
Sie gibt den Gliedern Kraft; 

Im Sonnen-Lichtes-Glanz 

Verehre ich, o Gott 

Die Menschenkraft, die Du 

In meine Seele mir 

So giitig hast gepflanzt, 

Dass ich kann arbeitsam 

Und lernbegierig sein. 

Von dir stammt Licht und Kraft, 
Zu dir strom' Lieb' und Dank. 



September 1919 



Morgenspruch fiir die oberen Klassen 

Ich schaue in die Welt, 
In der die Sonne leuchtet, 
In der die Sterne funkeln; 
In der die Steine lagern, 
Die Pflanzen lebend wachsen, 
Die Tiere fuhlend leben, 
In der der Mensch beseelt, 
Dem Geiste Wohnung gibt; 
Ich schaue in die Seele, 
Die mir im Innern lebet. 

Der Gottesgeist, er webt 
Im Sonn'- und Seelenlicht 
Im Weltenraum, da draufien 
In Seelentiefen, drinnen. - 

Zu dir o Gottesgeist 
Will ich bittend mich wenden, 
Dafi Kraft und Segen mir 
Zum Lernen und zur Arbeit 
In meinem Innern wachse. - 



September 1919 



Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen, 
Es strahlet die Geistessonne den Menschenseelen, 
Die Erdenwesen, sie hungern nach Sonnenhelle, 
Die Menschenseelen, sie diirsten nach Geistessonne, 
Und Sonnenhelle, sie nahret die Erdenwesen, 
Und Geistessonne, sie tranket die Menschenseelen. 



Entwurf eines ersten Spruches 
fur den altsprach lichen Unterricht, 
unvollendet, Juni 1922 



Wer der Sprache Sinn versteht, 
Dem enthiillt die Welt 
Im Bilde sich; 

Wer der Sprache Seele hort, 
Dem erschliefit die Welt 
Als Wesen sich; 

Wer der Sprache Geist erlebt, 
Den beschenkt die Welt 
Mit Weisheitskraft; 

Wer die Sprache lieben kann, 
Dem verleiht sie selbst 
Die eigne Macht. 

So will ich Herz und Sinn 
Nach Geist und Seele 
Des Wortes wenden; 

Und in der Liebe 
Zu ihm mich selber 
Erst ganz empfinden. 



Einleitungsspruch fur den Unterricbt in Griechiscb und Latein 
an der Freien Waldorfscbule, November 1922 



Es keimen die Wurzeln in der Erde Nacht 
Es sprossen die Blatter durch der Luft Gewalt 
Es reifen die Friichte durch der Sonne Macht 

So keimet die Seele in des Herzens Schrein 

So sprosset des Menschen Geist im Licht der Welt 

So reifet des Menschen Kraft in Gottes Schein 

Und Wurzel und Blatt und der Friichtesegen 
Sie halten des Menschen Erdenleben 
Und Seele und Geist und Kraftbewegen 
Sie mogen sich dankend zu Gott erheben. 

Amen. - 



Fiir die Lehrer des freien christlichen 
Religionsunterrichts 
Weihnachten 1922 



Im hellen Sonnenlichte, 
Das Kraft der Erde bringt; 
Im griinen Pflanzenwesen, 
Das aus den Tiefen dringt, 
Und auch in Weltenweiten, 
Die Sternen Wohnung geben, 
Und in dem Menschenauge, 
Wo Sinneskrafte weben: 
Da arm' ich Gotteswalten, 
Das mir im Geist erscheinet, 
Mit dem in Seelengriinden 
Mein ganzes Sein sich einet; 
Dass so selbst Geist ich werde 
Als Mensch im Stoff der Erde. 



Zum Beginn der Stunden 
des freien ReligionsHnterrichtes 
an der Waldorf schule, 1923 



2k IdlXts* chr ^UuAuJ^Y 

ty* tuHyvn Jv+C£t*Q ticuu^fi' 



Fur die Schiiler der 12. Klasse zu ihrem Abschluss 

In den Weiten der Lebenswege 

Soli sich spiegeln, 

Was im lieben Jugendhause 

Wie das Siegel 

Echten Menschenwesens 

In das Herz 

Sich gepragt. 

In der Tiefe der Erinnerung 

Soil sich stark erweisen, 

Was die Seele durfte finden 

In Herzenskreisen - 

Durch die Geistesfuhrerschaft, 

In den Kraften 

Lieber Lebensschulung. 



April 1924 



ANHANG 



Zur Editionsgeschichte der Spruchdichtungen 
Zu dieser Ausgabe 
Zur Textgestalt des «Seelenkalenders» 
Hinweise und Lesarten 
Personenregister 
Alphabetisches Register der Spriiche 



ZUR EDITIONSGESCHICHTE 
DER SPRUCHDICHTUNGEN 



Rudolf Steiner selber hat von seinen Dichtungen einzig die 
«Vier Mysteriendramen» (1910-1913) und die 52 Wochen- 
spriiche des «Seelenkalenders» (1912) veroffentlicht; ferner als 
Manuskriptdruck nur fiir Mitglieder der Anthroposophischen 
Gesellschaft die Gedichte «Planetentanz - Zwolf Stimmungen 
- Das Lied von der Initiation* (1916), sowie seine Ubertragung 
des norwegischen Traumliedes «01af Asteson» (1916). Die 
dariiber hinaus hinterlassene Fulle von Gedichten und Sprii- 
chen konnte jedoch bisher noch nie gesamthaft veroffentlicht 
werden, da sie bis in die jiingste Zeit hinein nicht wirklich voll- 
standig iiberschau- und verfiigbar gewesen war. Der Grund 
hierfur liegt in dem Umstand, dafi sie in den allerverschieden- 
sten Zusammenhangen entstanden ist: 

1) Sehr viele Spriiche sind in Vortragen gegeben worden, in 
offentlichen Vortragen, in Vortragen fiir die Mitglieder der 
Anthroposophischen Gesellschaft und fiir esoterische Ar- 
beitskreise. Oft hat Rudolf Steiner den Grund- oder Zielge- 
danken eines Vortrages kunstlerisch gestaltet und dadurch 
seinen Zuhorern noch einen anderen Zugang zu dem 
Quellort des Gedankens eroffnet. 

2) Spriiche mit mantrischem Charakter gehoren zum Funda- 
ment des Lebens in der Anthroposophischen Bewegung, 
und wurden als solche den verschiedensten Arbeitszusam- 
menhangen gegeben. 

3) Eine eigene Gattung bilden jene Spriiche, die in Ansprachen 
eingebettet sind, die Rudolf Steiner bei Bestattungen von 
anthroposophischen Freunden gehalten hat. 



4) Viele einzelne Menschen erbaten und erhielten Meditatio- 
nen fur ihre innere Entwicklung als personliche Schuler 
Rudolf Steiners. Die erhaltenen Handschriften haben sie ein 
Leben lang gehutet. 

5) Eine editorisch besonders schwierige Klasse sind die vielen 
personlichen Widmungen, etwa in Biicher, in Stamm- und 
Gastebiicher, aucb auf Portrait-Photographien von Rudolf 
Steiner, wie dies noch in der ersten Halfte des 20. Jahrhun- 
derts gang und gabe war. Die meisten Widmungen sind 
wohl spontan auf Bitten hin entstanden, aber gelegentlich 
hat Rudolf Steiner auch einen besonders schonen Spruch 
auf ein Blatt geschrieben und von sich aus jemandem ge- 
schenkt, etwa zu Weihnachten oder zu einem Gedenktag. 
Diese Originale gingen in alle Welt und sind erst im Laufe 
der Jahrzehnte an Marie Steiner und in das Rudolf Steiner- 
Archiv zuriickgekommen. 

6) Ferner gibt es eine ganze Reihe von Spriichen, die sich 
Rudolf Steiner in seine uber 600 Notizbiicher geschrieben 
hat, ohne sie mitzuteilen. Diese Notizbiicher enthalten aber 
auch viele der bekannt gewordenen Spriiche, meist als zu 
Ende durchgearbeitete Entwiirfe. 

7) Gedichtet im engeren Sinne hat Rudolf Steiner vor allem fiir 
die Eurythmie und hat so die geistgetragene Lyrik, etwa 
eines Novalis, zu einem neuen Hohepunkt gefiihrt. Hierher 
gehort aber auch schon der «Seelenkalender», der zeitlich 
etwas vor der Entstehung der Eurythmie liegt. - Dichtun- 
gen dieser Art gibt es nur einige wenige, und dies meint 
Marie Steiner, wenn sie in ihrem Vorwort (s. unten) sagt: 
«Das Wenige, was wir von ihm besitzen, ...». 

Die Arbeit, die notig war, um diese weit verstreuten Dichtun- 
gen - sowohl geographisch als auch im Werk selber, etwa 
in sechstausend Vortrags-Nachschriften - zusammenzutragen, 
war betrachtlich und wurde zu einem guten Teil bereits von 



Marie Steiner selber geleistet. Heute, siebzig Jahre nach Rudolf 
Steiners Tod, kann es nun als sicher gelten, dafi diese Fiille wei- 
testgehend bekannt und erfafit ist, mit der Einschrankung, dafi 
im Laufe der Jahrzehnte manches verlorengegangen ist, insbe- 
sondere durch die Zerstorungen im Weltkrieg, oder dafi Ver- 
einzeltes doch auch noch auftauchen wird. - Den ProzeiS des 
Zusammentragens kann man an den verschiedenen Editionen 
verfolgen. Die friihe Phase spiegelt sich in den Vorworten 
Marie Steiners fur die von ihr 1925 und 1935 herausgegebenen 
Spruchsammlungen. 

Die erste kleine Sammlung «Wahrspruchworte» gab sie 
noch im Todesjahr Rudolf Steiners zu Weihnachten 1925 her- 
aus. Dazu schrieb sie dieses Vorwort: 

«Rudolf Steiner hat nur bei ganz besonderen Anlassen gedich- 
tet. Die Forderungen der Umwelt an ihn und sein Wille, ihr zu 
dienen, haben ihm nicht Zeit dazu gelassen. Das Wenige, was 
wir von ihm besitzen, zeigt uns, wie er auch auf diesem Gebiete 
Grofies geleistet hatte, wenn er sich ihm hatte widmen diirfen. 
Zukunfttragendes freilich, deshalb in der Gegenwart wenig 
Verstandenes. Ein seltsamer Umstand wird uns dies begreiflich 
erscheinen lassen. Wo gabe es heute einen Dichter, dem in ei- 
nem Band lyrischer Gedichte nicht ein einziges Mai das Wort- 
lein Ich entschlupfte? Diese staunenswerte Tatsache lag vor 
uns, als wir die Sammlung beendet hatten. Eines der Gedichte 
aber spricht das aus, was ihm das Ich gewesen ist: die Zusam- 
menfassung des Weltenbewulkseins, sein Urgrund und als sein 
letztes Ziel die Durchchristung. Geistgemafi und schicksaldeu- 
tend liegt es verborgen in den Lauten selbst, welche die Initia- 
len darstellen des Gottessohnes: Jesus Christus — ICH. Den 
Namen seines Gottes hat Rudolf Steiner nie unniitz gefuhrt. 
Sein eigenes menschliches Ich war ihm nur Werkzeug. Es war 
ihm deshalb ganz naturlich, sich nicht innerhalb der Grenzen 



des personlichen Ich zu bewegen. Er hat von sich selbst nur 
gesprochen, wenn zwingende Griinde dafur vorlagen. 
Die Welt im Ich erbauen, 
Das Ich in Welten schauen . . . 
das war ihm Lebensinhalt und Seelenatem, und das ist, was als 
Leitgedanke dieses Buchlein durchzieht, in dem aufier in die- 
sem einen Fall kein Mai das Wort Ich vorkommt, in dem aber 
die Steine zusammengetragen sind, die es aufbauen. 

Er schenkte einige Gedichte der Eurythmie, unserer jungen 
Bewegungskunst. Es lag ihm daran, an einigen Beispielen zu 
zeigen, wie die Dichtung eingehen mufi auf die Zusammenhan- 
ge einer geistigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen 
ebenso hat wie im Kosmos, - und wie Form und Inhalt sich 
streng decken miissen, entsprechend den Analogien, welche 
die Wesensaufierungen des Menschen mit kosmischen Verhalt- 
nissen haben. Eine Kunst, die sich von diesen Zusammenhan- 
gen abschniirt, mu£ absterben. Sie wird leben, wenn sie das 
Wesenhafte sucht, das unserer Welt und den mit ihr verbun- 
denen anderen Welten zugrunde liegt. 

So gab er uns die eurythmische Kunst, die von einer ganz 
menschlichen Seite her dasjenige fordert, was man braucht, um 
den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt zu 
finden. Und um die Lernenden ganz konkret einzufuhren in 
den Geist des Sich-eins-Fuhlens mit dem Universum, schuf er 
die Gedichte, in denen er versuchte, dasjenige festzuhalten in 
innerem seelischen Ergreifen, was kosmisch sich offenbart hat, 
als unser Sonnensystera geschaffen worden ist. 

Diese Gedichte sind: <Zw6lf Stimmungen> und <Planeten- 
tanz>. 

In ihrem strenggliedrigen Aufbau folgen die <Zw6lf Stim- 
raungen> genau demjenigen, was inhaltlich darin gegeben ist: 
ein Bewegt-Ruhiges, - die Zwolfheit, die im Universum als der 
Tierkreis gegeben ist, - die Siebenheit, die im Universum als 



Planetenfolge vorhanden ist. Wir haben zwolf Strophen zu je 
sieben Zeilen, ein genaues Abbild des in unserem Universum 
Vorhandenen. Dies ist gleichsam das aufiere Gerippe; es ist 
aber in alien Einzelheiten festgehalten, was sich da offenbaren 
will, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres Sonnen- 
systems: Es ist festgehalten im Auf- und Abstieg der einzelnen 
Strophe, im Auf- und Abstieg der ganzen Dichtung; in der all- 
gemeinen Stimmung der Strophe, die dem betreffenden Him- 
melskorper entspricht, hervorgerufen durch die Art und Wei- 
se, wie die Worte in der betreffenden Strophe gerade liegen, - 
aber auch in dem Hineinspielen einer jeden einzelnen Zeile, die 
dem Wandelplaneten entspricht. So dafi man fuhlen kann: hier 
fahrt die energische Bewegung des Mars hinein, hier die maje- 
statische des Jupiter, dort haben wir das Gereift-Abflutende 
des Saturn, endlich das Gefestigt-Riickstrahlende des Mondes, 
das in der ersten Sonnenzeile unmittelbare Erstrahlung ist, um 
dann iiberzugehen in das Sanft-Erwarmende der Venus und in 
das Webend-Wirkende des Merkur. Und dieses siebenfache 
innere Seelenerfuhlen, von der Sonne herab durch Venus, Mer- 
kur, Mars, Jupiter, Saturn bis zum Monde wird hineingewoben 
in den Stimmungsgehalt der Strophe des betreffenden Tier- 
kreiszeichens, durch das die Sonne durchgeht. Es ist wirklich 
das Eins-sein mit den Gesetzen des Universums, das Gegenteil 
der subjektiven Willkiir. 

Etwas ahnliches haben wir in dem Aufbau des <Planeten- 
tanz>. Es wird versucht, in wiederum zwolf Strophen einen 
andern Weltenzusammenhang zu geben. Wir haben hier die 
Sonne, die Planeten und den Mond. In den vierzeiligen Stro- 
phen ist die erste Zeile immer das Sonnenhafte, die letzte das 
Mondenhafte. In vier Teilen von je drei Strophen steigt die 
Kurve des kosmischen Geschehens aufwarts zu ihrem Zenith, 
um dann wiederum abzufluten. Damit in Einklang ist das Tun 
und Sein der Menschenseele, die in den Zusammenhangen der 



geistigen Welt steht. Ruf, Sehnsucht, Erfiillung in viermaliger 
Wiederkehr. Die Form ist herausgeholt aus dem Geheimnis 
des Universums. 

So lehrte uns Rudolf Steiner im Kosmos fuhlen und lehrte 
uns eingehen auf die gesetzmafiigen Zusammenhange einer gei- 
stigen Welt, die sich durch den Menschen offenbaren will. Er 
sagte zu den Eurythmie-Ausiibenden: <Das, was Sie da sich ab- 
spielen sehen, gibt einem die Moglichkeit, eine Beweglichkeit 
und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu erschaffen von 
dem, was man so nennen kann: 'Das Wort walk durch 
die Welt und die Weltenbildung halt das Wort fest/> 

Das lehrte uns Rudolf Steiner und gab uns damit die Er- 
kenntnis dessen, was Dichtung in Wahrheit ist. 

Fur die Eurythmie schuf er noch: Weltenseelengeister, Ecce 
Homo, Fruhling, Herbst. Uberall erleben wir das Hinein- 
gestelltsein des Menschen in die geistigen Zusammenhange, er- 
leben in den Lautverbindungen, ihrem Erglitzern, Erstrahlen 
und Ineinanderspielen die schopferischen Krafte des Kosmos 
selbst. Den inneren Rhythmus der Laute, der in der Dichtung 
der Zukunft einst die Stelle des der Verstandeskultur entspros- 
senen Reimes einnehmen wird, hat Rudolf Steiner vorbildlich 
enthullt in seinen Mysteriendramen; die Lautgestaltung als 
hohes Kunstprinzip unsern Seelen erschlossen. Das Gesetz der 
Bewegung in den Lautelementen, das sie der Sphare des rein 
Musikalischen oder Bildhaft-Plastischen entreilk und dadurch 
der dichterischen Sprache, die mit den Elementen aller Kiinste 
arbeitet, ihr eigenes, selbstandiges Reich erschliefit, hat er uns 
aus der Sphare der Geistdynamik heruntergeholt. Versuchen 
wir auf uns das wirken zu lassen, was einem Gedicht wie <Wel- 
tenseelengeister> lautlich zugrunde liegt: das dreifache i der er- 
sten Zeile, das sich in deren Ausklang zum a offnet, die Wie- 
derholung des a in der zweiten Zeile, und in der dritten seine 
Aufhellung im ausklingenden e, das wieder durch ein dreifa- 



ches i eingeleitet wird - urn in der zweiten Strophe in der 
Endassonanz wiederholt zu werden und dann einem dreimalig 
assonierenden i zu weichen, das in den zwei letzten Zeilen der 
dritten Strophe uber das e zum a zuriickkehrt. Nur derjenige, 
der kiinstlerisch lautgestaltend zu fuhlen vermag, wird ermes- 
sen, welch eindringliche Kraft, welche Bewegung und schopfe- 
rische Offenbarung in dieser Behandlung des <z, e und i liegen, 
in diesem aus drei kurzen Dreizeilern bestehenden Gedicht, 
dem das amphibrachische Versmafi die Zielsicherheit und den 
hebenden Schwung verleiht. Wahrlich, verdichteter Geist. 

Als ein Beispiel dieses so tief lebendigen kunstlerischen Ver- 
mogens, geistiges Wirken und Weben durch die Lautverbin- 
dung fiir uns wesenhaft zu machen, sind dieser Sammlung auch 
einige lyrische Stellen aus den Mysterienspielen zugefugt. Aber 
erst in der Wiedergabe durch das im freien Atem gestaltete 
kiinstlerische Wort kann man voll empfinden, welch klingende 
Gefiihlslosung, welch schwingendes Licht und welche plasti- 
sche Kraft in dieser Sprache liegen. 

Die Mehrzahl der in dieser Sammlung enthaltenen Gedichte 
entstanden freilich spontan bei Jahresfesten oder sind die 
spruchartige Zusammenfassung eines in der Offentlichkeit ge- 
haltenen Vortrags, ohne Anspruch auf kiinstlerische Gestal- 
tung. Unendlich viel hat Rudolf Steiner dafur getan, daft in der 
Menschheit wieder wach wiirde das Verstandnis fiir das Hin- 
eingestelltsein der Jahresfeste in das kosmische Geschehen. 
Eine Fulle tiefgriindiger, lichtdurchstrahlter Zusammenhange 
gofi er aus iiber das Weihnachtsfest. Und so sind denn eine 
Anzahl der schonsten Spriiche, die wir von ihm haben, Weih- 
nachtsspriiche. Es gehort zu den einschlagenden innern Ereig- 
nissen unseres Lebens die Stunde, da er zu Weihnachten seinen 
ersten gedichteten Wahrspruch gab: <Die Sonne schaue um 
mitternachtige Stunde ...> und die Kraft gefunden werden 
mufke, diese Fulle des Erlebens, diese Wucht des wie in Qua- 



dern gemeifielten Wortes in den tonenden Laut umzuformen: 
ein Wendepunkt fur das Seelen-Innere. - Drauften aber hatte 
das Leben im Dienste der Geisteswissenschaft seinen steten 
und doch reichlich bewegten fortschreitenden Gang genom- 
men. Bevor dies geschehen konnte, hatte Rudolf Steiner in 
einer Einleitung zu den Vortragen iiber das <Christentum als 
mystische Tatsache> iiber die orphischen Mysterien gespro- 
chen - so einfiihlend, weekend, dafi die Schatten der Vergan- 
genheit sich innerhalb des friiheren Dunkels aufhellten und 
Lichtspuren wurden. In diesen Weihnachtsworten, die gleich- 
sam in Granit gehauen waren, wie zur Pyramide sich formten, 
in deren dunklen Tiefen von oben her Osiris' Glanz und Isis' 
Schimmer fiel, konnte man etwas erleben wie den Hammer- 
schlag verborgener Willenskrafte, wie die wogende Bildekraft 
des kosmischen Athermeeres. Durch sie sprachen Vergangen- 
heit und Zukunft, Werden und Vergehen, der Tod im Stoff, das 
Lebenswort. Aus den Klammern der niederziehenden Machte 
strebte die Seele empor zum neuen Licht, zu Christus. Das 
materielle Weltenall konnte sich in Geist verwandeln vor dem 
innern Blick, der Mensch vermochte das iiberirdische Chri- 
stuswesen wieder empftndend wahrzunehmen. 

Dafi mit vollem Bewufitsein wieder aufgenommen wiirde, 
was in den alten Mysterien einst in unsere traumenden Seelen 
gesenkt worden ist, das war das Ziel der Arbeit Rudolf Steiners 
an uns. 

Jedes Jahr von neuem - Weihnachten, das Fest der Winter- 
sonnenwende anzuschauen als eine Aufforderung, tiefer in das 
hineinzublicken, was die Menschheit zu ihrer Entwickelung 
braucht, das lehrte uns Rudolf Steiner. Und das ist in jenen an- 
deren Weihnachtsspruchen enthalten, die aus Gedenkheften 
haben abgeschrieben werden konnen, die ja nicht fur die Of- 
fentlichkeit gedacht waren, aber die wir gliicklich sind weiter- 
geben zu konnen; denn sie bilden eine Briicke zum geistigen 



Erleben fiir den, der sie auf sich wirken lassen will. Ihren 
reinsten Ausklang haben sie gefunden in den wunderbar durch- 
sichtigen Rhythmen, die Rudolf Steiner zu Weihnachten 1923 
einer tausendkopfigen Zuhorerschaft gab: <In der Zeiten 
Wende trat das Welten-Geistes-Licht in den irdischen Wesens- 
strom ...>. Es war sein letzter Weihnachtswahrspruch. Sein 
heifier Wunsch fiir uns ist es: <dafi gut werde, was wir aus Her- 
zen grtinden, was wir aus Hauptern zielvoll fuhren wollen.> 

Wenn ich mich entschlossen habe, den zur menschlichen 
Verstandeskraft klar sprechenden Wahrspriichen auch solche 
hinzuzufugen, die vielleicht nicht gleich begriffen werden kon- 
nen, so ist es, weil ich der Uberzeugung bin, dafi unsere Zeit 
die Krafte braucht, die auf dies em Wege der imaginativen An- 
schauung zunachst vielleicht am ehesten in sie einfliefien kon- 
nen. Was als Keimkraft in der konzentrierten Bildhaftigkeit 
eines solchen Wahrspruches liegt, kann den Zusammenhang 
von menschlichem Tun und Sein mit dem Tun und Sein der 
Welt wesenhaft erfuhlen lassen. Dies ist aber, was unsere Zeit 
so dringend braucht, um die in ihr wuhlenden Niedergangs- 
Krafte zu iiberwinden. Und diesem Ziele diente das Leben, 
Wirken und Sterben Rudolf Steiners. 

Dornach, Dezember 1925 Marie Steiner» 

*7 
*"l 

Zehn Jahre spater, 1935, unternahm sie es, die inzwischen zu- 
sammengetragenen Spruchdichtungen in einer zweiten Aus- 
gabe zu veroff entlichen. Den Verschiedenartigkeiten der Texte 
entsprechend brachte sie vier getrennte Titel heraus: «Wahr- 
spruchworte - Richtspruchworte» als Neuausgabe der «Wahr~ 
spruchworte», ferner «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis» mit 
kurzen Sinnspriichen und Widmungen, die «Gebete fiir Mutter 
und Kinder» und «Rudolf Steiner und unsere Toten» mit 
Ansprachen und Spriichen bei Bestattungen. 



Fur die stark erweiterte Sammlung «Wahrspruchworte - 
Richtspruchworte» schrieb sie dieses Vorwort: 

«Zehn Jahre sind seit dem Hinscheiden Rudolf Steiners ver- 
flossen. Als er von uns gegangen war, war es uns ein Herzens- 
bediirfnis, all die Spriiche und Widmungen, die damals zugang- 
lich waren, zu sammeln, um sie neben den fur die Eurythmie 
geschaffenen Gedichten in einem Erinnerungsbande, wie einer 
Schatzkammer des Geistes, zu vereinigen. 

Schon lange wird auf eine zweite Auflage der langst vergrif- 
fenen <Wahrspruchworte> gewartet. Es sind inzwischen aus 
Reisemappen, Vortragsnachschriften, hinterlassenen Notizbii- 
chern eine stattliche Anzahl solcher Spriiche neu gesammelt 
worden. Andere wurden abgeschrieben aus geschenkten Wer- 
ken, Gastebuchern, von Photographien und so weiter. Wenn 
sie auch manchmal nur rhythmische oder gar einfache Zufalls- 
Prosa sind, so lalk ihr Weisheitsgehalt es doch berechtigt er- 
scheinen, sie der neuen Auflage emzufugen. Auch kleine An- 
derungen in den Fassungen gleichgearteter Spriiche regen das 
Denken an und durften deshalb mehrmals berucksichtigt wer- 
den. Auf eine chronologische Reihenfolge ist in diesem Bande 
verzichtet worden. So wie sie hier in scheinbar bunter Reihen- 
folge gebracht werden, sollen diese Spriiche das geistige Leben 
spiegeln in seiner reichen Mannigfaltigkeit. Das Vorwort der 
ersten Auflage enthalt einen Hinweis auf das iiberraschend 
Unpersonliche in Rudolf Steiners Art, sich zu geben, dem Feh- 
len des Wortchens <ich> im personlichen Sinne in den Dichtun- 
gen dieses Verkiinders eines unpersonlichen Ich. Auch in der 
neuen Sammlung finden wir es nur selten und nur in Stellver- 
tretung des Menschheits-Ich als solchem. Mit einer einzigen 
Ausnahme, die um so erschutternder wirkt: sie wurde in einem 
der letztgebrauchten Notizbiicher gefunden und war nieman- 
dem bekannt: ein aus dem Tiefsten der Seele aufsteigendes 



heifies Gebet fur die Menschheit; ein Ausdruck des nunmehr 
durch Brachlegung der physischen Krafte an der gewohnten 
umfangreichsten Tatigkeit verhinderten Geistes: <Ich mochte 
jeden Menschen aus des Kosmos Geist entziinden ...> 

Diesem heifien Sehnen nach einer Erweckung der Mensch- 
heit durch die Kraft der Feuertauf e folgen hier Worte, die noch 
im letzten Lebensjahre gesprochen wurden, zwar bei der Kre- 
mation einer Verstorbenen, aber sie wirken zugleich wie ein 
uns hinterlassener letzter Grufi des Scheidenden aus ferner 
Geisteshohe, wie ein personliches Trost- und Mahnwort an 
uns von Rudolf Steiner selber: 

Ich war mit euch vereint, 
Bleibet in mir vereint . . . 

Als das den Flammen zum Raub gefallene erste Goethea- 
num im Jahre 1920 eroffnet wurde, durfte ich im Auftrage 
Rudolf Steiners mit einigen wenigen, von ihm gemachten 
Abanderungen die Worte des Hilarius aus <Der Huter der 
Schwelle> sprechen. Zur Erinnerung an jene Feier seien diese 
Worte an den Anfang der neuen Auflage gebracht. Ihnen seien 
angeschlossen die von Rudolf Steiner selbst zur Weihnachts- 
Tagung 1923/24 gesprochenen Worte der geistigen Grund- 
steinlegung des zweiten Goetheanum. 

Dornach, September 1935 Marie Steiner» 

Der kleinen Sammlung von Sinnspriichen und Widmungen 
unter dem Titel «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis» stellte sie 
folgendes Vorwort voran: 

«Von Rudolf Steiner gepragte Gedanken sind wie Fenster im 
geistigen Himmelsraum. Sie sind wie Buchstaben einer Ster- 
nenschrift. Was tut es, wenn in diesen Satzpragungen der we- 
sentliche Gedanke, der uns die Geistwelt erhellt, des oftern 



wiederkehrt! Audi die Sterne wiederholen stets von neuem 
ihre Bahnen, um in ewig wechselnde Kraftebeziehungen zu 
treten, und so 1st ihre Sprache immer neu lebendig und ihre 
Wirkungsweise mannigfaltig. So mogen auch hier nebeneinan- 
der gestellt sein Leit- und Zielsatze, deren Wahrheitslicht aus 
jener Sternen- und Sonnenweisheit heruntergeholt ist, die im- 
mer neue Erkenntniskrafte in uns wecken kann. Sie sind - wie 
anspruchslos sie auch scheinen mogen, kondensierter Weis- 
heitsinhalt eines an Erkenntnissen uberreichen Lebens. Sie 
geben auch eine Antwort auf die oft gestellte Frage, was mit 
Goetheanismus eigentlich gemeint sei, in jenen Spriichen, die 
sich eng an Ausspriiche Goethes anschlieiSen, aber seine Ge- 
danken ins Konkret-Geistige hinaus erweitern. 

Solche Satze waren meistens eine Zusammenfassung ge- 
sprochener offentlicher Vortrage, die an schon errungene Kul- 
turgiiter der Menschheit ankniipften, um ihr die neuen Ziele 
und Wege zu weisen, die allein uns vor dem Versinken in das 
Chaos zu retten vermocht hatten. Vor 33 Jahren hat Rudolf 
Steiner diese seine Lebensaufgabe als kulturelle Tat in das 
Leben der Offentlichkeit hineingestellt. Sie hat ihm mafilose 
Anfeindung und Verleumdung eingebracht, die auch jetzt 
nicht ruhen. Der 33jahrigen Wiederkehr jenes Tages sei dieses 
schlichte Biichlein gewidmet. Schlichtheit und Grdfie waren 
Rudolf Steiners Wesensziige. - Weil er mehr wufite und selbst- 
loser war als sonst die Menschen sind, wurde er verehrend 
geliebt, aber auch gliihend gehafit von Dunkelmannern und 
Irregefiihrten. Die Antwort auf dieses Ratsel gibt uns Goethe, 
dessen Faust dem Wagnerschen intellektuellen Hochmut mit 
den Worten begegnet: 

Ja, was man so Erkennen heifk! 

Wer darf das Kind beim Namen nennen? 

Die Wenigen, die was davon erkannt, 

Die toricht g'nug ihr voiles Herz nicht wahrten, 



Dem Pobel ihr Gefiihl, Ihr Schauen offenbarten, 

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt. 
Diese Torheit ist der Entschlufi zum Opfer, iibergrofie Liebe 
zur Menschheit und Hingabe an die Gottheit und ihre Ziele. 

Dornach, Oktober 1935 Marie Steiner» 

Ein Jahrzehnt spater, gegen Ende ihres Lebens, entschlofi sie 
sich, auch esoterische Inhalte - mit Ubungen und mantrischen 
Spriichen - zu veroffentlichen. So erschienen 1947 und 1948 
zwei kleine Bandchen «Aus den Inhalten der Esoterischen 
Schule», Heft 1 und 2; ein drittes Heft, an dessen Gestaltung sie 
noch kurz vor ihrem Tode arbeitete, erschien im Jahre 1951. 

Nach dem Tode Marie Steiners brachte 1951 die von ihr 
eingesetzte Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung «Wahrspruch- 
worte - Richtspruchworte» zunachst in einer Neuauflage im 
wesentlichen unverandert heraus. Um die Komposition dieser 
Ausgabe nicht zu storen, wurden die neu aufgefundenen Dich- 
tungen 1953 in einem zweiten Band herausgegeben unter dem 
Titel «Wahrspruchworte - Richtspruchworte, zweite Folge». 
Ferner erschien ebenfalls 1953 eine erweiterte Neuauflage von 
«Welterkenntnis - Selbsterkenntnis». 

Als dann an die Erstellung der «Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe» gegangen werden konnte, wurden zwei Bande fiir 
die Spruchdichtungen vorgesehen: Bibliographie-Nr. 40 fiir 
«Wahrspruchworte» und Nr. 41 fiir «Ubertragungen aus dem 
Alten und Neuen Testament - Mantrische Spriiche». 

Der erste Band erschien 1961, herausgegeben von Edwin 
Frobose und Paul Jenny. Er vereinigte die bisher erschienen 
Spruchsammlungen in einem Band, vermehrt um inzwischen 
aufgefundene, bisher unbekannte Sp ruche. - Dieser Band er- 
fuhr von 1969 bis 1991 sechs weitere Auflagen mit den jeweils 
moglichen Erweiterungen. 



Bei der urspriinglichen Planung der Gesamtausgabe war das 
schwierige Kapitel der esoterischen Inhalte zunachst zuriick- 
gestellt worden. Erst in den achtziger Jahren wurde dies in 
Angriff genommen und es entstand neu der Plan fur die Reihe 
«Ver6ffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der 
esoterischen Lehrtatigkeit», GA 264-270. Daher wurden die 
fur Bibliographie-Nr. 41 vorgesehenen Texte und Sp niche 
in diese Reihe, den Band GA 268, integriert, der in Kiirze als 
weiterer Sammelband unter dem Titel «Mantrische Spriiche - 
Seeleniibungen II» erscheinen wird. Dabei war es unumgang- 
lich, einige Spriiche, die man friiher in den «Wahrspruch- 
worten» fand, um der inneren Stimmigkeit willen in den neuen 
Band zu verlegen. 

Mit der vorliegenden Neuausgabe und dem Erscheinen des 
Bandes «Mantrische Spriiche» wird die Veroffentlichung der 
Spruchdichtungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen 
sein. Zusammengefalk findet man sie innerhalb der Gesamt- 
ausgabe in folgenden Banden: 

1) GA 40, «Wahrspruchworte» enthalt: 

a) alle von Rudolf Steiner selber veroffentlichten Dich- 
tungen; 

b) alle in offentlichen Vortragen gegebenen Spriiche; 

c) alle in allgemeinen Mitglieder- Vortragen gegebenen 
Spriiche; 

d) in Notizbiichern gefundene Spriiche allgemeinen 
Charakters; 

e) Einzelpersonen gegebene Widmungsspruche, 
in Biichern, auf Photographien, etc. 

2) GA 267, «Seeleniibungen mit Wort- und Sinnbild-Medita- 
tionen» enthalt alle esoterischen Ubungen fiir Morgens und 
Abends, die Einzelpersonen gegeben wurden. Die meisten 
davon enthalten mantrische Spriiche. 



3) GA 268, «Mantrische Spriiche - Seeleniibungen II» enthalt: 

a) alle mantrischen Spriiche und Meditations-Satze ohne 
Zeit-Bindung fiir Einzelpersonen; 

b) mantrische Spriiche und Meditations-Satze aus Notiz- 
biichern; 

c) mantrische Spriiche fiir anthroposophische Arbeits- 
Zusammenhange. 

4) GA 261, «Unsere Toten» enthalt Ansprachen, Gedenkwor- 
te und Meditationsspriiche fiir Bestattungs- und Gedenk- 
feiern fiir Verstorbene. 

Ferner enthalten einige Bande der Reihe «Ver6ffentlichungen 
zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehr- 
tatigkeit» (GA 264-270) Spriiche, die aus dem gegebenen Zu- 
sammenhang nicht sinnvoll herausgelost werden konnen und 
daher nicht in einen der Sammelbande auf genommen wurden. 



ZU DIESER AUSGABE 



Wie aus der Beschreibung «2ur Editions geschichte der 
Spruchdichtungen» hervorgeht, war es, um die Gesamtverof- 
fentlichung der Spruchdichtungen zum Abschlufi bringen zu 
konnen, unumganglich, die Neuauflage des Sammelbandes 
«Wahrspruchworte» neu zu gestalten. Denn fur die Heraus- 
gabe des schon seit langem vorgesehenen Bandes «Mantrische 
Spriiche» mufiten dieser Band und die fallig gewordene Neu- 
auflage der «Wahrspruchworte» in Ubereinstimmung gebracht 
werden. 

Dafiir wurden alle im Rudolf Steiner-Archiv vorliegenden 
Unterlagen erneut griindlich durchgegangen. Die meisten 
Spriiche befinden sich im Archiv als Originale von Rudolf Stei- 
ners Hand, oder als Photokopien von solchen, oder in Nach- 
schriften von Vortragen, oder als Wandtafel-Aufzeichnungen, 
die bei den Vortragen gemacht wurden. In den letzten zwanzig 
Jahren sind noch immer eine ganze Reihe von Originalen neu 
ins Archiv gekommen, teils von bisher unbekannten Spriichen, 
teils von Spriichen, die bisher nur als Abschriften vorlagen. 
Von den Spriichen, die auch jetzt nur in Abschriften erhalten 
sind, werden nur solche veroffentlicht, die aufgrund ihrer 
Uberlieferung als voll authentisch gelten konnen. 

Fur den vorliegenden Band wurden alle Spriiche wieder mit 
den verschiedenen Unterlagen verglichen. Dazu gehoren auch 
die Notizbiicher, in denen sich oft Entwiirfe finden zu Sprii- 
chen, die bei Vortragen oder anderweitig gegeben wurden. Die- 
se Entwiirfe zeigen, wie Rudolf Steiner an seinen Spruchdich- 
tungen gearbeitet hat. Siehe die faksimilierten Beispiele nach 
S. 109. Die verschiedenen Lesarten sind nachgewiesen, sofern 
es sich nicht nur um ganz unwesentliche Differenzen handelt. 



2,ur Gestaltung des Bandes 

Wie man aus dem Inhaltsverzeichnis entnehmen kann, ist 
versucht worden, die Spriiche so zu gruppieren, dafi seinem 
Charakter nach Ahnliches beisammen stent. Innerhalb der 
Gruppen wurden die Spriiche nach der Chronologie ihrer Ent- 
stehungszeit angeordnet; nur die Gruppe der Jahresfeste und 
diejenige rnit Mysterienwahrheiten aus alten Kulturen folgen 
einer anderen Chronologie. 

Bei der Mehrzahl der Spriiche ist die Entstehungszeit wohl- 
bekannt. Bei einer Anzahl anderer Spriiche weifi man mit un- 
terschiedlicher Genauigkeit die ungefahre Entstehungszeit, die 
dann als «ca.» angegeben ist. Spriiche, bei denen dies nicht 
moglich ist, sind als «undatierbar» bezeichnet und wurden ge- 
legentlich trotzdem nach ihrer vermuteten Entstehungszeit in 
die Chronologie eingeordnet. 

Zur Textgestaltung 

Die Wortlaute Rudolf Steiners sind in normaler Schrift wieder- 
gegeben, auch alle seine Zusatze wie Uberschrift, Widmungs- 
text, Datum, Unterschrift. Auch in normaler Schrift erscheinen 
Marie Steiners Hinzufugungen auf den verwendeten Vorlagen 
(nicht aber ihre Uberschriften fur den Druck). Sofern die Her- 
kunft nicht offensichtlich ist, ist sie in den Hinweisen oder im 
Register nachgewiesen. 

Im Original unterstrichene Worte sind in den Sprtichen ge- 
sperrt, sonst kursiv wiedergegeben. 

Alle Zusatze der verschiedenen Herausgeber seit Marie 
Steiner sind kursiv gedruckt, also vor allem Uberschriften, und 
jetzt auch neu Entstehungszeit des Sp ruches und eventuell 
Name des Empf angers. Solche Uberschriften und auch Zwi- 
schentitel beruhen immer auf Worten, die Rudolf Steiner im 
Zusammenhang mit dem Spruch gesprochen, manchmal auch 
im Notizbuch geschrieben hat. 



Zur Orthographie 

Die Anpassung des gedruckten Textes an die heute iibliche 
Schreibweise bringt kaum Veranderungen gegeniiber dem Ori- 
ginal; sie beschrankt sich hauptsachlich auf Fremdworte wie 
«Centrum» und auf wenige deutsche Worte wie «es giebt» 
(von «geben»). 

Zur Interpunktion 

Bei Spriichen hat Rudolf Steiner fast keine Satzzeichen ver- 
wendet, und die Zeichen, die er verwendet, sind oft keine 
Satzzeichen im konventionellen Sinne, sodafi eine gewisse Un- 
sicherheit fiir ihre Wiedergabe im Druck besteht. Bis jetzt un- 
veroffentliche Spriiche sind ohne von den Herausgebern hin- 
zugefiigte Satzzeichen wiedergegeben. Bei Spriichen, die schon 
eine lange Druck-Tradition haben, ist diese berucksichtigt. 

Hinweise und Lesarten 

Wie bei den anderen Banden der Gesamtausgabe sind jetzt 
auch fiir die «Wahrspruchworte» Hinweise erstellt worden, 
die Niitzliches zum Hintergrund vieler Spriiche zu geben sich 
bemuhen. Darin integriert ist auch die Angabe von Textvari- 
anten. 

Alphabetisches Register der Spruchanfdnge und 

Uberschriften 

Dies dient nicht nur zum Auffinden der Spriiche, es zeigt auch 
die verwendeten Vorlagen und deren Art an: ob es sich um eine 
Vortragsnachschrift, um ein Notizbuch oder Notizblatt in der 
Handschrift Rudolf Steiners, oder um eine Abschrift handelt. 
Aufierdem sind Entstehungszeit und -Ort, sowie Name eines 
eventuellen Empfangers angegeben, soweit sie bekannt sind. 



Personenregister 

Seit 1925 war es ublich, die Namen noch lebender Personen im 
Zusammenhang mit den Spriichen nicht in Erscheinung treten 
zu lassen. Der vorliegende Band soli auch ein Beitrag zur Ge- 
schichte der anthroposophischen Bewegung sein, und daher 
wurden die Namen der Empf anger — soweit sie bekannt sind - 
unverschlxisselt angegeben. 



ZUR TEXTGESTALTUNG DES 
«SEELENKALENDERS» 



Zur Geschichte der beniitzten Textvorlagen 

Im Friihjahr 1911, nach dem Philosophen-Kongrefi in Bolo- 
gna, entstand in Portorose an der Adria zwischen Imma von 
Eckardtstein, die sich mit der malerischen Darstellung der 
Tierkreis-Zeichen beschaftigte, und Rudolf Steiner der Plan, 
einen Kalender fur das Jahr 1912 zu schaffen. Er gab ihr An- 
regungen fur die Gestaltung der Bilder und schrieb selber das 
Kalendarium mit den Namens- und Gedenktagen. Naheres 
dazu findet man in dem Heft 37/38 der «Beitrage zur Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe». - Diese Arbeit zog sich durch das 
ganze Jahr hin. Wahrscheinlich im Winter und in Munchen 
schrieb Rudolf Steiner einen Zusatz zu dem «Kalender», wo- 
durch dieser noch eine ganz neue Dimension bekam: den «See~ 
lenkalender», der mit dieser Uberschrift als Anhang auf den 
letzten 20 von insgesamt 178 Seiten des «Kalenders» gedruckt 
wurde. Der Druck erfolgte im Friihjahr 1912 bei Carl Kuhn in 
Munchen, der alle Drucksachen fur den Miinchner Zweig be- 
sorgte und auch fur den Philosophisch-Anthroposophischen 
Verlag arbeitete, so sind z. B. die Mysteriendramen dort ge- 
druckt worden. Imma von Eckardtstein hielt sich damals in 
Munchen 
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