Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis. Band I

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND 
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Soziale Ideen 
Soziale Wirklichkeit 
Soziale Praxis 

Frage- und Studienabende des Bundes 
fiir Dreigliederung des sozialen Organismus 
in Stuttgart zwischen dem 25. Mai 1919 
und 15. September 1920 



1999 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten 
Alexander Luscher und Ulla Trapp 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999 



Bibliographie-Nr. 337a 

Zeichnungen im Text nach den Skizzen in den Stenogrammen 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwakung, Dornach/Schweiz 
© 1999 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-3371 -X 



7.u den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Kiinstlerisches Werk (siehe die Auswahl am Schlufi des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei 
gehaltenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe 
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenografierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigiert hat, mu!5 gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein 
Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorbemerkungen des Herausgebers 13 

I 

FRAGEABENDE DES BUNDES 
FUR DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 

Erster Frageabend, Stuttgart, 25. Mai 1919 21 

Fragen zur Dreigliederung des sozialen Organismus I 

Resolution zur Berufung von Rudolf Steiner in die wurttembergi- 
sche Regierung. Die Regierung als Liquidierungs-Ministerium: die 
Aufgaben, die sie behalten konnte und die Aufgaben, die sie abge- 
ben mulke. Die Notwendigkeit einer Harmonisierung der Konsu- 
menten- und Produzenteninteressen. Die Uberwindung des Gegen- 
satzes zwischen geistiger und physischer Arbeit durch Einfiihrung 
einer Betriebsrateschaft. Drei Arten von Rateschaften: Betriebsrate, 
Verkehrsrate und Wirtschaftsrate; ihre Aufgaben. Die Frage des 
Mehrwertes. In der Wirtschaft geht es um das Zusammenfassen der 
verschiedenen Einzelerfahrungen. Gewalt mufi durch personliches 
Vertrauen von Mensch zu Mensch ersetzt werden. Was die Drei- 
gliederungsbewegung anstrebt: die Schaffung eines lebensfahigen 
sozialen Organismus. Betriebsrate bilden sich von selbst, wenn das 
Wirtschaftsleben auf eigene Fiifte gestellt wird. Was ein Sozialisie- 
ren im alten Sinne bewirkt. Die Dreigliederung lafit sich ohne 
Storung der Aufienbeziehungen verwirklichen. Verstandnis fur die 
Dreigliederung bei den Arbeitern, nicht aber bei ihren Fiihrern. Die 
«Kernpunkte» sind praktisch, nicht theoretisch gemeint. 

Zweiter Frageabend, Stuttgart, 30. Mai 1919 .... 61 

Fra?en zur Dreigliederung: des sozialen Organismus II 

Die grofte soziale Aufgabe, die der Menschheit nach der Welt- 
kriegskatastrophe gestellt ist. Die Aufspaltung der Menschen in 
zwei Gruppen: die cine vertritt eine aite Praxis ohne Ziel, die 
andere verfolgt ein neues Ziel ohne Praxis. Die Unterbilanz des 
Industrieproduktion im Gegensatz zur Uberbilanz der Bodenpro- 
duktion. Konservative und progressive Gesinnung als Folge dieses 



Gegensatzes. Losung dieses Gegensatzes durch die Verwirklichung 
der Dreigliederung. Die Regelung des Pressewesens in einer drei- 
gegliederten Gesellschaft. Die eingeschrankte Berechtigung des de- 
mokratischen Parlamentarismus. Das Zusammenwirken zwischen 
den obersten Organen der drei Lebensgebiete. Einzelfragen im 
Zusammenhang mit der Verwirklichung der Dreigliederung. Das 
Gesetz der Urzelle des Wirtschaftslebens. Durch die Dreigliede- 
rung wird die Vermischung von wirtschaftlichen, rechtlichen und 
geistigen Interessen aufhoren. Was man sich von einer Verwirk- 
lichung der Dreigliederung erhoffen kann. Die Befreiung der 
Arbeitskraft von ihrem Warencharakter als die hauptsachliche 
Forderung des Proletariats. Notig ist nicht nur die Befreiung der 
physischen, sondern auch der geistigen Arbeit. Neuaufbau des 
Geisteslebens durch die Griindung eines Kulturrates. 



II 

STUDIENABENDE DES BUNDES 
FUR DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 

Erster Studienabend, Stuttgart, 30. Juli 1919 .... 103 

Zur Geschichte der sozialen Bewegung 

Die sozialen Utopisten und ihre Hoffnung auf Losung der Sozialen 
Frage durch Einsicht des Einzelnen. Im Gegensatz dazu die Uber- 
zeugung von Karl Marx, dafi einzig das Proletariat als Klasse fur 
eine Anderung der Gesellschaft eintreten wird. Gewaltiger Um- 
schwung in der sozialistischen Anschauung in den Achtziger Jah- 
ren: moralische Gesichtspunkte werden durch die Idee von sozialen 
Entwicklungsnotwendigkeiten ersetzt. Vom «Gothaer Programm» 
zum «Erfurter Programme Der Glaube an die zwangslaufige Ent- 
wicklung zum Kommunismus. Die Spaltung der sozialistischen 
Bewegung in eine gewerkschaftliche und in eine parlamentarische 
Richtung. Uberleben der alten Parteianschauungen trotz der revo- 
lutionaren Umwalzung der Gesellschaft durch die Weltkriegskata- 
strophe. Soziale Dreigliederung als eine geschichtliche Notwendig- 
keit. Der Bund fur Dreigliederung ist keine Partei. Die «Kernpunk- 
te» sind nicht utopistisch: Jeder Satz kann in unmittelbare Wirk- 
lichkeit umgesetzt werden. Das Fehlen von wirklichkeitsgemafien 
Begriffen in der Wissenschaft. Die unsinnige Polemik von Profes- 
sor Heck gegen «drei Parlamente». Der fehlende geschichtliche 
Bezug heutiger volkswirtschaftlicher Begriffe. Der Zusammenhang 
zwischen dem modernen Kapitalismus und der Kirche. Defini- 
tionen von Kapital und Arbeit als Beispiele fur abstrakte Begriffs- 
bildungen. 



Zweiter Studienabend, Stuttgart, 3. Marz 1920 . . . 138 

Wie soil die Dreigliederungsarbeit fortgefiihrt werden? 

Riickblick auf die bisherigen Bemiihungen und ihr Fehlschlagen. 
Wie es weitergehen soil: praktische Verwirklichung der Dreigliede- 
rungsidee durch Schaffung von wirtschaftlichen Musterinstitutio- 
nen. Warum eine solche Kursanderung notig ist. Die Notwendig- 
keit einer assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens. Was Asso- 
ziationen sind. Stufen der neueren wirtschaftlichen Entwickhmg. 
Die Folgen des Geldkapitalismus: Boden und Produktionsmittel 
werden auf die gleiche Stufe wie Konsumgiiter gestellt. Die schad- 
lichen Auswirkungen von Trustbildungen. Die Schaffung eines 
realen wirtschaftlichen Beziehungsnetzes durch die Assoziationen. 
Idee der Dreigliederung als das Gegenbild aller sozialen Utopien. 
Was den Boden vom industriellen Produktionsmittel und von der 
Ware unterscheidet. Die Begriffe im Sozialen miissen beweglich 
sein. Es kann keine Anthroposophie ohne Dreigliederung geben. 
Wie eine Hungersnot vermieden werden kann. Die Bedingungen 
fur eine neue aufienpolitisch Wirksamkeit Mitteleuropas. Uber die 
Mitarbeit in anderen Parteien und die Beteiligung an Wahlen. 

Dritter Studienabend, Stuttgart, 9. Juni 1920 .... 169 
Die Propagierung der Dreigliederungsidee 

Der bisherige Versuch, die Dreigliederungsidee zu propagieren. 
Das Unverstandnis der Leute, weil sie sich nur an alten Parteischa- 
blonen orientieren. Die Wirkung der Zeitschrift «Dreigliederung 
des sozialen Organismus» ist verpufft. Die Soziale Frage ist nicht 
eine Frage der Umgestaltung einzelner Institutionen, sondern eine 
Menschheitsfrage. Die Griinde fur das Scheitern der Dreigliede- 
rungsbewegung von 1919. Die Dreigliederung ist so zu propagie- 
ren, dafi sie in moglichst viele Kopfe hineingeht. Die Notwendig- 
keit eines Ersatzes des alten Geisteslebens durch ein neues Geistes- 
leben. Warum der «Kommende Tag» nur ein Surrogat sein kann. 
Wirklich reformieren kann man nur auf der Grundlage eines vom 
Staate befreiten Wirtschafts- und Geisteslebens. Zum Verhaltnis 
von Dreigliederung und Syndikalismus. Welche Uberlegungen hin- 
ter der Griindung des «Kommenden Tages» stecken. Wie die Frei- 
geldlehre von Silvio Gesell zu beurteilen ist. Mit Moralinsaure 

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ivuininL jijLjLCLj.1 liiviiL vv cnci ? ounuci ii nui ixiJiL w xnuLt^xxrvcxx. 

Vierter Studienabend, Stuttgart, 16. juni 1920 . . . 195 

Die Bodenfrage vom Standpunkt der Dreigliederung 

Die mit der Bodenfrage verkniipften sozialen Mifistande. Die Vor- 
schlage der Bodenreformer. Die heutigen Parteipro gramme sind 



illusionar. Was die Menschen aus ihrem tiefsten Innern heraus 
wollen. Erkenntnisse, Gesetze, Vertrage als die drei Wesenselemen- 
te der sozialen Struktur. Die Bodenreformer rechnen noch mit dem 
alten Einheitsstaat. Der Unterschied zwischen Grund und Boden 
und den industriellen Produktionsmitteln. Warum der Boden nicht 
einfach mit Geld abgegolten werden darf. Die Behandlung des 
Bodens im dreigliedrigen sozialen Organismus. Das assoziative 
Zusammenwirken zwischen grofien und kleinen Landwirtschafts- 
betrieben. Die Regelung des Verkehrswesens aus der Sicht der 
Dreigliederung. Die Schaffung von praktischen Verhaltnissen als 
Ziel der Dreigliederung. Inwiefern jeder Mensch das Recht auf ein 
Snick Boden hat. Das Problem der Wohnungsnot kann nur aus 
dem Gesamtzusammenhang gelost werden. 

Funfter Studienabend, Stuttgart, 23. Juni 1920 . . . 230 

Uber Aufienpolitik im Lichte der Geisteswissenschaft 
und Dreigliederung 

Die Abstraktheit des Liberalismus in Mitteleuropa. Herausragende 
liberale Politiker in Osterreich-Ungarn. Zwei politisch gegensatz- 
Hche Richtungen in der Habsburgermonarchie. Liberalismus als 
niedergehende, Panslawismus als aufgehende Richtung. Die eng- 
lische Politik als eine Politik der grofien geschichtlichen Gesichts- 
punkte. Der Wirtschaftskampf zwischen dem mitteleuropaischen 
und anglo-amerikanischen Raum. Die Bedeutung des sogenannten 
Testamentes Peters des GrolSen fur die Politik des Ostens. Der 
Gegensatz zwischen dem Westen und dem Osten. Das Volker- 
gemisch in Osterreich-Ungarn erfordert geradezu die Verwirk- 
lichung der Dreigliederung. Politik mufi als eine Realitat studiert 
werden. Die fehlende Fahigkeit der Menschen zur Unterscheidung 
zwischen Wirklichkeitssatzen und journalistischer Phrase. 

Sechster Studienabend, Stuttgart, 28. Juli 1920 . . . 243 

Historische Gesichtspunkte zur auswartigen Politik 

Die Aufgliederung der Menschheit in drei Kulturgebiete: den We- 
sten, die Mitte und den Osten. In Mitteleuropa: nur abstrakte 
Theorien als Leitlinie fur den sozialen Aufbau. Das Buch von 
Professor Varga uber die Raterepublik in Ungarn. Die Schilderung 
der getroffenen revolutionaren Mafinahmen durch Varga und sein 
uberraschend unmarxistisches Gestandnis. Im Westen: wirtschaft- 
liche und politische Expansion als selbstverstandliches Lebensprin- 
zip. Das Fehlen eines solchen Bewufitseins in Mitteleuropa. Cecil 
Rhodes als Instrument der missionarischen Weltwirtschaftspolkik 
Englands. Im Osten: diskussionslose Ubernahme von Ideen aus 



dem Westen. Warum die Dreigliederungsidee vor allem in Mittel- 
europa verwirklicht werden miilke. Urspriinglich war sie als Ge- 
genprogramm zu den Vierzehn Punkten von Wilson gedacht. Un- 
ter welchen Bedingungen die Unterbilanz der Industrie gegemiber 
der Landwirtschaft ausgeglichen werden kann. Was die Dreigliede- 
rungsidee will: nicht die Dreiteilung des Menschen, sondern die 
Gliederung des sozialen Organismus in drei Lebensorganisationen. 
Der Mensch stent in alien drei Teilen des sozialen Organismus 
drinnen; die drei Systeme durchdringen sich gegenseitig. 



Si eb enter Studienabend, Stuttgart, 15. September 1920 269 

Die heutigen wirtschaftlichen Krisenverhaltnisse 

Der heutige Glaube, dafi Wirtschaftsereignisse wie Naturerschei- 
nungen ablaufen. Das Beispiel der Krise von 1907: gezielte Finanz- 
manipulationen der Morgan-Gruppe als Ursache. «Das Kapital» 
von Karl Marx - ein Studierstubenprodukt. Uber die Aussagekraft 
statistischer Gesetze. Die Emanzipation des Geldmarktes vom 
Warenmarkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das heutige volks- 
wirtschaftliche Denken ist einseitig produktionsorientiert. Der ge- 
gensatzliche Zusammenhang von Produktion und Konsumtion mit 
der menschlichen Moral. Was mit dem «Kommenden Tag» erreicht 
werden soil. Die Assoziationen als Instrumente fur den menschli- 
chen Gestaltungswillen in der Wirtschaft. Warum das Verrichten 
von unndtiger Arbeit fur die Volkswirtschaft nicht gleichgultig ist. 
Eine diktatorische Regelung des Konsums verstofk gegen die 
menschliche Freihert. Die Notwendigkeit einer Befeuerung des 
Willens. Parallellitat zwischen dem Abstraktwerden des Wirt- 
schaftslebens und dem Abstraktwerden des Geisteslebens. Es ist 
das Geistesleben, das das Wirtschaftsleben bestimmt. Das Entste- 
hen einer lebensvollen Einheit durch das Zusammenwirken der drei 
Lebensgebiete aus der Selbstandigkeit heraus. 

Notizbucheintragungen 294 

Hinweise 

Textgrundlagen . 309 

Hinweise zum Text 310 

Literaturauswahl 416 



Personenregister 



im Band 337b 



VORBEMERKUNG DER HERAUSGEBER 



Das riicksichtslose, couragierte Verfol- 
gen der Wahrheit: Das sollte eigentlich 
als eine Devise, als ein Motto vor die 
Studien dieser Abende geschrieben 
werden. 

(Vortrag Stuttgart, 30. Juli 1919) 

Es war ja eines der herausragenden Kennzeichen fur das Wirken Rudolf 
Steiners, dafi es ihm nicht um das Seelenheil von einzelnen Menschen ging, 
sondern dafi er immer die Menschheit als Gesamtes im Auge hatte. Das eigene 
Tun in Verbindung mit den allgemeinen Zeiterfordernissen zu bringen - das 
war ihm ein grofies Anliegen. So erstaunt es nicht weiter, wenn sich Rudolf 
Steiner durch die grofie Gesellschaftskrise nach dem Ende des Ersten Weltkrie- 
ges veranlalk fiihlte, fur eine grundlegende gesellschaftliche Erneuerung zu 
wirken. In der Einleitung zu seinem Buch «In Ausfiihrung zur Dreigliederung 
des sozialen Organismus», das im Oktober 1 920 erschien, schrieb er (in GA 24): 

«Anfang Mdrz 1919 ist mein <Aufruf an das deutsche Volk und an die 
Kulturwelt> erschienen. Er wollte in Kiirze zum Ausdruck bringen, was 
nottut, um dem niedergehenden Leben, das in der Weltkatastropbe seine 
Krankheitserscheinungen enthullt hatte, gesundende Krdfte zuzuftihren. 
Zahlreiche Persdnlichkeiten Deutschlands, Osterreichs und eine Anzahl 
Scbweizer haben unter diesen Aufruf ihre Unterschrift gesetzt und damit 
bezeugt, dafi sie die in ihm angesprochenen Auflerungen fiir etwas hielten, 
das auf die Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nachsten Zu- 
kunft hinweist. Eine weitere Ausfiihrung habe ich dann diesen Anregungen 
in meinem Buche <Die Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnot- 
wendigkeiten der Gegenwart und Zukunfp gegeben. Um fiir sie in nach- 
haltiger Weise einzutreten und das Angeregte im praktischen Leben zur 
Durchfiihrung zu bringen, ist dann in Stuttgart [...] der < Bund fiir Drei- 
gliederung des sozialen Organismus> begrundet warden. » 

Der Bund fiir Dreigliederung wurde am 22. April 1919 in Stuttgart begrun- 
det - zwei Tage nach der Ankunft Rudolf Steiners in Stuttgart. Seine Anwe- 
senheit wirkte wie ein ziindender Funke fiir das, was sich in den nachsten 
Tagen und Wochen zu einer Massenbewegung entwickeln sollte: die Bewe- 



gung fur die Dreigliederung des sozialen Organismus. Im Mai 1919 hatte diese 
Bewegung einen ersten Hohepunkt erreicht, indem sich vor allem die Arbei- 
terschaft im Umkreis von Stuttgart fur die Dreigliederungsidee begeistern liefi. 
Auslosend fur diese Begeisterung war Steiners Vortrag vom 25. April 1919 vor 
den Arbeitern der Daimler- Werke: «Was und wie soil sozialisiert werden? » (in 
GA 330). Fur viele Menschen von damals bedeutete Sozialisierung auch die 
Einrichtung von Betriebsraten in den einzelnen Unternehmungen. Dieser 
Gedanke wurde vom Bund fur Dreigliederung aufgenommen, indem versucht 
wurde, die Arbeiter fur die Einfuhrung einer autonomen, assoziativ gestalteten 
Betriebsrateschaft im Sinne der Dreigliederung zu gewinnen. Zu diesem 
Zweck wurden Diskussionsabende mit Rudolf Steiner und mit den Arbeiter- 
ausschiissen der grofien Betriebe Stuttgarts veranstaltet; die beiden ersten 
Diskussionsabende fanden am 22. Mai und am 28. Mai 1919 statt (in GA 331). 

Im damaligen Deutschland herrschte eine ausgepragte Spaltung zwischen 
der Arbeiterschaft und dem Biirgertum. Um nun der Gefahr der sozialen 
Einseitigkeit zu begegnen und um auch Menschen aus biirgerlichen Kreisen 
fiir die Dreigliederungsidee zu gewinnen, wurden zwei Frageabende fur ein 
biirgerliches Publikum durchgefiihrt, fiir die sich Rudolf Steiner ebenfalls zur 
Verfugung stellte: am 25. Mai fiir einen engeren Kreis und am 30. Mai 1919 fiir 
eine breitere Zuhorerschaft. Am folgenden Tag, am 31. Mai 1919, hielt Rudolf 
Steiner dann den wichtigen Vortrag «Der Impuls zum dreigliederigen Orga- 
nismus - kein blofier Idealismus, sondern praktische Forderung des Augen- 
blicks» (in GA 330), der auf ein biirgerliches Publikum ausgerichtet war und 
sozusagen das Gegenstiick zum «proletarischen» Daimler- Vortrag darstellte. 
Und nicht nur das: um der einseitigen Betonung des Wirtschaftlichen entge- 
genzuwirken, wurde am 29. Mai 1919 vom Bund fiir Dreigliederung die erste 
Versammlung zur Begriindung eines freien, nicht-staatlichen Kulturrates ein- 
berufen (in GA 330a). 

Erreichte die Dreigliederungs-Bewegung in diesen letzten Maitagen ihren 
Hohepunkt, zeigte sich bereits ab Mitte Juni 1919 deutlich, daf$ ein sofortiger 
Durchbruch - wegen der zunehmenden Gegnerschaft aus alien politischen 
Lagern - nicht zu erzielen war. Auch wenn die aufieren Aktivitaten vorerst 
weitergefuhrt wurden, drangte sich doch eine innere Neuorientierung auf. Es 
entstand das Bediirfnis nach einer Vertiefung der Dreigliederungsidee. Am 17. 
Juli 1919, zu Beginn des siebenten Diskussionsabends mit den Arbeiteraus- 
schiissen (in GA 331), teilte der Leiter der Versammlung mit, dafi beabskhtigt 
sei, «Studienabende einzu-fiihren, an denen Erlciuterungen zur Idee der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus gegeben werden sollen und an denen 
insbesondere das Buck <Die Kernpunkte der Sozialen Frage> grundlich bespro- 
chen werden soll.» 



Der erste solche Studienabend, der vom Bund fur Dreigliederung veran- 
staltet wurde, fand am 30. Juli 1919, an seinem Sitz in der Champignystrafie 
17 (heute Heinrich-Baumann-Strafie) statt. Damit war eine Institution begriin- 
det worden, die iiber die nachsten zwei Jahre Bestand haben sollte. Am ersten 
Studienabend war Rudolf Steiner personlich anwesend. Mit seinem einleiten- 
den Vortrag zur Geschichte der sozialen Bewegung wollte er fur die Anwesen- 
den einen inneren Orientierungspunkt setzen. Aus dem Verstandnis der gro- 
fien sozialen Zusammenhange sollte die Kraft gewonnen werden fur die 
Weiterarbeit. Rudolf Steiner (in diesem Band): 

«Das aber miissen wir uns sagen, dafi wir ernstlich arbeiten miissen, sonst 
werden wir nicht uberfiihren unser Wollen in die Tat. Und darauf kommt 
es an, dafi wir unser Wollen in die Tat uberfiihren. [...] Denn nichts anderes 
kann vom Wollen zur Tat fiihren, ah das riicksichtslose, couragierte Verfol- 
gen der Wahrbeit. Das sollte eigentlich als eine Devise, als ein Motto vor die 
Studien dieses Abends geschrieben werden. » 

Was bedeutete nun diese Forderung - das Suchen nach dem Wahrheitskern 
einer Sache - konkret fur die geplante Studienarbeit? Fur Rudolf Steiner 
konnte das nur heifien: von einer bestimmten Sache einen wirklichen Begriff 
entwickeln, einen «Begriff mit Tatsachenlogik». Was er meinte, erlauterte 
Rudolf Steiner am Beispiel des Kapitalbegriffes. Kapital etwa als «aufgespei- 
cherte Arbeit» zu definieren, war fur ihn kein Wirklichkeitsbegriff; zu einem 
solchen konnte nur die Aussage fiihren: «Kapital verleiht die Macht, jederzeit 
neu entstehende Arbeit in seinen Dienst zu stellen». Und das erhoffte sich 
Rudolf Steiner von diesen Studienabenden, dafi die Teilnehmer die in den 
«Kernpunkten» veranlagte lebendige Begrifflichkeit herausarbeiten wiirden. 
Rudolf Steiner in seinem Vortrag vom 30. Juli 1919: «Und wer dann dazu 
beitragen kann, [...] zu verstehen, was die Denkweise, die Grundlage dieses 
Buches ist, der wird sehr Gutes beitragen zu diesen Studienabenden. » 

In der Folge fanden nun regelmafiig solche Studienabende statt. Im Rund- 
brief Nr. 14 des Dreigliederungsbundes vom 11. August 1919 heifit es im 
Hinblick auf den Erfolg dieser Abendveranstaltungen: «Die Studienabende 
nehmen einen regen, recht gunstigen Verlauf, und es kommen mehr Teilneh- 
mer, als wir erwartet haben. Das Interesse, in die Einzelheiten des Buches 
einzudringen, ist wohl deshalb grofi, weil die Mitarbeiter inzwischen gesehen 
haben, wie ungunstig es ist, wenn sie bei vorkommenden Frage nicht genaue- 
stens Auskunft geben kdnnen.» Der Zustrom der Interessenten hielt an, so dafi 
man sich schliefilich gezwungen sah, die Studienabende ab 15. Oktober 1919 
in einen grofieren Saal zu verlegen. In einern Rundbrief des Bundes schrieb 



Geschaftsfuhrer Hans Kiihn: «Nachdem die vor einigen Wocben begonnenen 
Studienabende iiber <Die Kernpunkte der Sozialen Frage> einen immer grofie- 
ren Umfang anzunehmen scheinen, haben wir dieselben in den grojien Saal der 
Landhausstrafie 70 verlegt.» 

Die ersten Abende waren dem allgemeinen Studium der «Kernpunkte» 
gewidmet. Fast gleichzeitig mit der Verlegung des Versammlungslokals wurde 
unter den Teilnehmern der Wunsch laut, die Abende einem ausgewahlten 
Problem zu widmen. So wurde jeweils ein einfiihrendes Referat gehalten, an 
das sich eine Diskussion anschlofi. Damit erhielt das Gesprach einen grofieren 
Raum. Diese neue Form wurde ab dem 11. Studienabend, das heifit ab 22. 
Oktober 1919, eingefiihrt. Im Rundbrief Nr. 26 vom 5. November 1919 wurde 
dariiber berichtet: «Auf Anregung der Teilnehmer wird jetzt regelmajlig von 
verschiedenen Persdnlichkeiten ein Referat iiber irgendein Thema ubernom- 
men und dariiber nachher diskutiert. Solche Themen sind zum Beispiel <Kapi- 
talkreislauf>, <Rente>, <Zins>, <Warenzirkulation>, <Preisbildung> und derglei- 
chen oder allgemeine Wirtschaftsthemen wie zum Beispiel <Die Entstehung von 
Wirtschaftskrisen und die Moglichkeit von deren Vermeidung im dreigliedri- 
gen sozialen Organismus>, woriiber kiirzlich einer unserer auf wirtschaftlichem 
Gebiet gut unterrichteten Freunde referierte.» 

Wurden diese Studienabende zunachst im Namen des - gesamtdeutschen - 
Bundes fur Dreigliederung veranstaltet, ubernahm im April 1920 die erst zu 
diesem Zeitpunkt gegriindete Dreigliederungs-Ortsgruppe Stuttgart die Ver- 
antwortung fur diese Abende, die weiterhin regelmafiig an der Landhausstrafie 
70 stattfanden. Nach wie vor wurde ein kurzer Vortrag iiber ein bestimmtes 
Gebiet der Dreigliederung gehalten, worauf die Gelegenheit zu freier Ausspra- 
che geboten wurde. Emil Leinhas als Vertreter der Stuttgarter Ortsgruppe 
schrieb an die Mitglieder: «Die schweren Zeitereignisse bestdtigen immer mehr 
die Notwendigkeit einer volligen Neugestaltung unseres sozialen Lebens durch 
die Dreigliederung. In einer solchen Zeit mussen wir es als unsere schwere, aber 
auch grojle und schdne Aufgabe betrachten, die Menschen mit dem rettenden 
Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus vertraut zu machen.» 
Und er scblojl mit dem Appell: «Wir hoffen, dafi auch Sie sich an dieser Arbeit 
recht rege beteiligen werden.» 

Aber die Situation innerhalb der Dreigliederungsbewegung hatte sich ent- 
schieden verandert. Es war nun endgiiltig klar, dafi sich die Dreigliederung auf 
gesamtgesellschaftlichen Gebiet vorlaufig nicht durchsetzen liefi. Deshalb 
waren seit Oktober 1919 Bestrebungen im Gange, wirtschaftliche Muster- 
unternehmungen zu begriinden, die durch ihre ganz neue Geschaftspraxis 
beispielgebend wirken sollten. Und diese Bemuhungen hatten zunachst Erfolg: 
am 13. Marz 1920 war in Stuttgart die Aktiengesellschaft «Der Kommende 



Tag» gegriindet worden. Die Dreigliederungsbewegung war damit vor die 
Aufgabe gestellt, wenigstens fiir dieses Unternehmen ein moglichst giinstiges 
Umfeld zu schaffen. Und das bedeutete: Uberzeugungsarbeit leisten, die 
Dreigliederungsidee in moglichst viele Kopfe bringen. Und fiir die Schaffung 
eines solchen Ideenfundamentes sollten die regelmafiigen Studienabende einen 
wichtigen Beitrag leisten. 

Natiirlich konnte Rudolf Steiner nicht an all diesen Studienabenden teil- 
nehmen. Aber immer, wenn er sich in Stuttgart aufhielt, besuchte er diese 
Abende und beteiligte sich an den Diskussionen. In der Zeitspanne von 1919 
bis 1 920 waren es insgesamt sieben Studienabende, an denen er teilnahm oder 
wo er sogar selber den Hauptvortrag hielt. Die Themen waren sehr weitge- 
spannt: Sie reichten von der historischen Analyse des politischen Tagesgesche- 
hens bis zu Fragen der langfristigen Strategic in der Uberzeugungsarbeit. Alle 
die Aufierungen von Rudolf Steiner sind im vorliegenden Band (GA 337a) 
wiedergegeben. Auch im Jahre 1921 wurden die Studienabende durch die 
Stuttgarter Ortgruppe zunachst weitergefuhrt, aber wegen anderen wichtigen 
Veranstaltungen oder aus anderen Griinden mufiten sie oft ausfallen. In einem 
Inserat vom 7. Juni 1921 zum Beispiel gab die «Ortsgruppe Stuttgart des 
Bundes fiir Dreigliederung des sozialen Organismus» bekannt: «Die Studien- 
abende fallen bis auf weiteres wegen den Bauarbeiten in der Landhausstrajie 
70 aus.» So kam es nach 1920 nie mehr zu einer Teilnahme Rudolf Steiners an 
einem Studienabend. 

Wie lange diese von der Stuttgarter Ortsgruppe noch fortgefiihrt wurden, 
ist nicht bekannt. Es ist sehr gut moglich, daft nach der Beendigung dieser 
Umbauarbeiten die Studienabende in der bisherigen Form nicht wieder aufge- 
nommen wurden, war doch nach den verschiedenen erfolglosen Bermihungen 
- zum Beispiel dem Fehlschlag der Oberschlesischen Aktion Anfang 1921 — 
die Bereitschaft der Menschen immer starker abgeklungen, sich weiter fiir die 
Dreigliederungsidee einzusetzen. 

Hatte Rudolf Steiner am ersten Studienabend vom 30. Juli 1919 noch 
gehofft, dafi sich durch diese Studienarbeit «Gedanken, die Tatenkeime in sich 
tragen» fruchtbar in die Welt hineinstellen liefien, so aufierte er am 10. 
September 1921, in der Versammlung der Betriebsrate des Kommenden Tages, 
weniger hoffnungsfroh. Der Weg «zur sachgemafien Behandlung der Fragen» 
war fur ihn noch zu wenig gefunden worden, und er bemerkte am 10. 
September 1921 in einer Versammlung den Betriebsraten des Kommenden 
Tages (in GA 337d): 

«Bei den frtiheren Studienabenden zum Beispiel hatte man Tagesfragen 
behandeln sollen anhand der <Kernpunkte> und nicht iiber die <Kernpunkte> 



selbst diskutieren sollen. Es ware heute notwendig, diese Studienabende in 
der richtigen Weise weiterzuftihren.» 

Wie ist diese Aufierung von Rudolf Steiner zu verstehen? Er hatte ja darauf 
hingewiesen, dafi die sozialen Ideen nicht nur richtig, sondern auch wirklich- 
keitsgemafi sein miifken. Um solche Ideen zu verwirklichen, brauche es aber 
- so in dieser Versammlung vom 10. September 1921 - das Vertrauen von 
Mensch zu Mensch: «Nur mit Vertrauen konnen wir weiterkommen. » Offen- 
bar sah Rudolf Steiner im Behandeln der Tagesfragen die Moglichkeit, den 
Blick fur das Wirklichkeitsgemafie, Sachgemafie zu scharfen und damit auch 
die Grundlage fur das Entstehen von sozial tragenden Vertrauensverhaltnissen 
zu schaffen. Ein couragiertes Verfolgen der Wahrheit kann ja letzten Endes 
nur beides beinhalten. 



I 



FRAGEABENDE 
DES BUNDES FUR DREIGLIEDERUNG 
DES SOZIALEN ORGANISMUS 



ERSTER FRAGEABEND 



Stuttgart, 25. Mai 1919 

Fragen zur Dreigliederung des sozialen Organismus I 

Emil Molt: Ich habe die Ehre, Sie heute Abend zu begriifien und Ihnen zu 
danken fiir den zahlreichen Besuch, der uns zeigt, dafi unsere Einladung auf 
den richtigen Boden gefallen ist. Der «Bund fiir Dreigliederung des sozia- 
len Organismus» hat es fiir richtig gehalten, eine Anzahl von Personlich- 
keiten auf den heutigen Abend hierher einzuladen, um alle die Fragen, die 
der einzelne von Ihnen auf dem Herzen hat - Fragen, die sich zum Beispiel 
ergeben haben aus den Vortragen - vorzubringen, damit diese Fragen 
durch Herrn Dr. Steiner selbst geklart werden konnen. Wir sind der Mei- 
nung, dafi die Vortrage, die seit vier bis sechs Wochen hier in Stuttgart 
gehalten werden, nicht nur gehalten werden, um etwas Interessantes an die 
Horer heranzubringen, sondern vor alien Dingen, um in den Horern etwas 
reifen zu lassen, das zu Taten werden kann. Wir sind auch der Meinung, 
dafi, um eine solche Bewegung ins Leben zu rufen, es nicht geniigt, 
wenn nur einige wenige Menschen als Triebfeder da sind, sondern daft wir 
Mitarbeiter brauchen aus alien Schichten der Bevolkerung. 

Nun bitte ich Sie, das Wort zu ergreifen, und ich bitte Herrn Dr. Stei- 
ner, alle Fragen, die sich ergeben, zur Beantwortung zu bringen. 

Herr Dr. Schmucker: Ich bemerke zunachst, dafi ich als reine Privat- 
person frage. In der Resolution, die bei den verschiedenen Vortragen gefafit 
worden ist, wird die Regierung aufgefordert, Herrn Dr. Steiner zu berufen, 
so schnell als moglich die von ihm propagierte Dreigliederung des sozialen 
Organismus durchzufiihren. Nun muE ich ehrlich gestehen, daft ich noch 
nicht Zeit genug gehabt habe, mich in sein Buch zu vertiefen und alle 
Vortrage zu verfolgen. Ich bitte also um Entschuldigung, wenn ich durch 
meine Frage verrate, daft ich nicht well?, ob Herr Dr. Steiner vielleicht 
schon Stellung genommen hat zu der Sache, die mir am Herzen liegt. 

Meine Frage: Nehmen wir an, die Regierung stellt sich eines Tages auf 
den Standpunkt, wir wollen mit Herrn Dr. Steiner zusammenarbeiten; 
nehmen wir an, Herr Dr. Steiner kommt in irgendein Ministerium, zum 
Beispiel ins Arbeitsministerium, er wird in eine Stube gesetzt, die reichlich 



mit Regierungspapieren und Kommentaren ausgestattet ist, er findet also 
namentlich alle die Gesetzbiicher vor, die sich mit der Losung der sozialen 
Frage beschaftigen, zum Beispiel das Arbeiterschutzgesetz, das Gesetz iiber 
die Angestelltenversicherung und so weiter, vor allem aber die vielen Ge- 
setze, die nach der grofien Umwalzung von der neuen Regierung zutage 
gefordert worden sind, und die doch alle in eine Richtung gehen, namlich 
in die Richtung, moglichst viel von den sozialen Wiinschen der Arbeiter- 
und Angestelltenschaft zu befriedigen. Wie stellt sich nun Herr Dr. Steiner 
diese Arbeit vor - die Uberfiihrung der bisherigen Regierungsweise in die 
zukiinftige? Was soil geschehen mit den jetzigen Volksvertretungen, mit 
den Landesversammlungen, mit der Nationalversammlung? 

Rudolf Steiner: Sie haben die Frage angeschnitten von einer ge- 
wissen Seite her, von der Regierungsseite her. Daher kann ich sie 
auch nur von dieser Seite her beantworten. Und da stellt sich dann 
die Antwort zunachst so dar, dafi man selbstverstandlich bei der 
ersten Regierungshandlung noch absehen mufke von sehr vielem, 
das erst geschehen konnte in der Folge dieser ersten Regierungs- 
handlung. 

Als erste Regierungshandlung wiirde ich mir etwas zu denken 
haben - nicht wahr, wir reden ja natiirlich hier ganz of fen -, was 
selbstverstandlich mit der Frage wenig zu tun hat, was ich machen 
wurde, wenn ich, meinetwillen, ins Arbeitsministerium gesetzt 
wurde, dadrinnen Gesetzbiicher und dergleichen vorfande und nun 
dort weiterzuarbeiten hatte. Ich bemerke da nur zum voraus for- 
mell, dafi ich mit der Abfassung der Resolution, von der Sie spre- 
chen, nicht das Geringste zu tun gehabt habe. Ich wurde diese 
Interpretation der Resolution nicht annehmen konnen, sondern 
nur meinen Standpunkt charakterisieren konnen zu dieser Frage. 

Zum Beispiel wiirde ich zunachst feststellen miissen, dafi ich 
uberhaupt in ein Arbeitsministerium durchaus nicht hineingehore, 
dafi ich da nichts zu tun hatte, aus dem einfachen Grunde, weil es 
ein Arbeitsministerium innerhalb der einheitlichen staatlichen Ge- 
meinschaft in der nachsten Zukunft schon nicht mehr geben kann. 
Daher habe ich neulich einmal davon gesprochen in einem Vortrag, 
dafi die erste Regierungshandlung darin bestehen mufke, die Initia- 



tive zu verschiedenen Dingen zu ergreifen, urn damit zunachst 
einmal eine Grundlage fur [das weitere Vorgehen] zu schaffen. 

Erstens mufi man verstehen, dafi eine heutige Regierung gewisser- 
mafien die Fortsetzung desjenigen ist, was sich als Regierung aus frii- 
heren Zustanden ergeben hat. In der gradlinigen Fortsetzung der 
fruheren Zustande liegt aber lediglich ein Teil dieser Regierung, und 
zwar derjenige, der etwa umfassen wiirde das Justizministerium, das 
Ministerium des Innern - fiir innere Sicherheit - und das Ministe- 
rium fiir Hygiene. Diese Dinge wiirden in der Fortsetzung desjeni- 
gen liegen, was aus fruheren Regierungsmaximen sich ergeben hat. 
Fiir alles ubrige miifite eine solche Regierung die Initiative ergreifen, 
ein Liquidierungs-Ministerium zu werden, das heilk ein Ministe- 
rium, das nach links und nach rechts blofi die Initiative ergreift, um 
den Boden zu schaffen fiir ein freies Geistesleben, das auf seiner 
eigenen Verwaltung und Verfassung beruhen wiirde und das sich aus 
sich selbst heraus zu organisieren haben wiirde, wenn der Ubergang 
iiberwunden ist von den jetzigen zu den folgenden Zustanden. Da 
wiirde diese Verwaltung auch eine entsprechende Vertretung haben, 
die dann natiirlich nicht so gestaltet sein konnte wie die heutigen 
Volksvertretungen, sondern die herauswachsen miifite aus den be- 
sonderen Verhaltnissen des geistigen Lebens. Das wiirde sich bilden 
miissen rein aus der Selbstverwaltung des geistigen Lebens heraus; es 
kommt dabei besonderes das Unterrichts- und das Kultuswesen in 
Betracht - das mufite nach der einen Seite hin abgegeben werden an 
die Selbstverwaltung des geistigen Lebens. 

Nach der anderen Seite mufite wiederum ein Liquidierungs- 
Ministerium an das autonome Wirtschaftsleben alles das abgeben, 
was zum Beispiel Verkehr und Handel ist; auch das Arbeitsmini- 
sterium miifke seine Verwaltung finden in Organisationen, die sich 
aus dem Wirtschaftsleben herausbilden wiirden. Das waren natiir- 
lich sehr radikale Dinge, aber von dieser Seite aus konnen das nur 
radikale Dinge sein. Erst dann wiirde ein Boden geschaffen sein fiir 
irgendeine Behandlung von konkreten Fragen. 

Mit dem, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, wird ja nichts 
geandert mit Bezug auf das, was von unten herauf gebaut ist. Es ist 



nur der Weg angegeben, auf dem aus dem bereits Bestehenden 
heraus Neues geschaffen werden kann. Dann erst, wenn jene 
Organisationen aus dem Wirtschaftsleben heraus geschaffen waren, 
welche das fortsetzen wiirden, was in den von Ihnen angefiihrten 
Gesetzbuchern steht, dann erst konnte [weiteres] in Angriff ge- 
nommen werden. Das wiirde erst ein Schritt sein, der nachher 
kommen konnte. Ich denke mir nicht ein Programm, sondern eine 
Aufeinanderfolge von Schritten, die alle reale Taten, reale Vorgange 
sind. Alles, was ich in meinen Buchern und Vortragen meine, sind 
nicht Angaben, wie man es machen soli, sondern wie die Verhalt- 
nisse geschaffen werden sollen, damit die Menschen in die mogli- 
chen Zusammenhange hineinkommen, um die Dinge zu schaffen. 
Wirtschaftliche Gesetze konnen nur aus dem Wirtschaftsleben 
selbst herauswachsen, und nur dann, wenn in dem Wirtschafts- 
leben alle diejenigen Korporationen in ihren Impulsen zum Aus- 
druck kommen, die aus den einzelnen konkreten Verhaltnissen des 
Wirtschaftslebens heraus etwas beitragen konnen zur Gestaltung 
dieses Wirtschaftslebens selbst. 

Also von seiten der Regierung wiirde ich eben das als ersten 
Schritt betrachten: zu verstehen, dafi es sich um eine Liquidie- 
rungs-Regierung handeln mufi. 

Ich bin gerne bereit, auf weitere spezielle Dinge, die sich daran 
anknupfen, einzugehen. 

Herr Dr. Schmucker: Angenommen, man wiirde zur Regelung des wirt- 
schaftlichen Lebens eine Art von Selbstverwaltung bekommen. Konnten zu 
dieser Selbstverwaltung die Betriebsrate, die jetzt nach dem Reichsgesetzes- 
entwurf eingefiihrt werden sollen fur die einzelnen Betriebe, als Mittel 
dienen, wenn - was jedenfalls die Absicht ist - die Betriebsrate nach oben 
ausgebaut wiirden, etwa durch eine Zusammenfassung der wiirttembergi- 
schen Betriebsrate in einen Landesarbeiterrat oder Landesbetriebsrat und 
als hochste Spitze zu einem Reichsbetriebsrat oder Reichswirtschaftsrat? 
Der Gesetzentwurf braucht den Ausdruck «Betriebsrat» fur eine Vertre- 
tung, die eine reine Arbeitervertretung wiirde, in der Unternehmer nicht 
darin sein wiirden. Wie der Betriebsrat mit dem Unternehmer zusammen- 
arbeitet, so konnten auch in der hoheren Landesinstanz Unternehmer und 



Arbeitnehmer zusammensitzen, und dann wiirden in einem Reichswirt- 
schaftsrat auch nicht blofi Arbeitnehmer, sondern auch Unternehmer ver- 
treten sein, so dafi auch hier wieder eine paritatische Vertretung vorhanden 
ware. Konnte Herr Dr. Steiner den Gedanken gangbar finden, dafi mit 
einer solchen Organisation ein Teil der Wiinsche des Wirtschaftslebens er- 
fullt wiirde und dafi diesen wirtschaftlichen Selbstverwaltungs-Korporatio- 
nen alle weiteren Aufgaben zugewiesen wiirden, die nach Meinung von 
Herrn Dr. Steiner von Wirtschaftskorporationen als Selbstverwaltungs- 
Korporationen zu besorgen waren? 

Rudolf Steiner: Ich bitte, die paar Einleitungsatze, die ich sagen 
werde, nicht als Abstraktionen aufzufassen, sondern als Zusam- 
menfassung von Erfahrungen. Diese konnen eben nur in solchen 
Satzen zusammengefafit werden. 

So wie sich die Struktur des Wirtschaftslebens entwickelt hat, so 
leidet dieses Wirtschaftsleben daran, dafi eine Harrnonisierung der 
Interessen innerhalb der bestehenden Struktur gar nicht moglich 
ist. Ich will nur einiges davon andeuten. Unter der Entwicklung 
unseres Wirtschaftslebens wird zum Beispiel der Arbeiter gar nicht 
interessiert an der Produktion - ich sehe ab von der wirklich to- 
richten Interessiertheit etwa durch Gewinnbeteiligung, die ich fur 
unpraktisch halte. Der Arbeiter ist am Wirtschaftsleben, so wie die 
Dinge heute liegen, lediglich interessiert als Konsument, wahrend 
der Kapitalist wiederum im Grunde genommen am Wirtschafts- 
leben nur interessiert ist als Produzent, und auch nur wiederum als 
Produzent vom Standpunkt des Ertrages - das ist sein Standpunkt, 
wirtschaftlich gesehen, es kann nicht anders sein. So haben wir 
heute gar keine Moglichkeit, eine wirkliche Harrnonisierung der 
Konsumenten- und Produzenteninteressen irgendwie zu organisie- 
ren; sie ist nicht drinnen in unserer wirtschaftlichen Struktur. 

Was wir erreichen miissen, ist, da$ wir tatsachlich diejenigen 
Menschen, die an der Gestaltung der Wirtschaftsstruktur beteiligt 
sind, gleichermafien interessieren far Konsum und Produktion, so 
dafi bei niemandem, der gestaltend eingreift - nicht nur durch 
Urteil, sondern durch Tatigkeit ein einseitiges Produktions- oder 
Konsuminteresse blofi vorhanden ist, sondern dafi durch die Orga- 



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nisation selbst gleichermafien Interesse vorhanden ist fur beides. 
Das ist nur dann zu erreichen, wenn wir in die Lage kommen, aus 
dem Wirtschaftsleben heraus selbst, und zwar aus alien Formen des 
Wirtschaftslebens heraus, die Menschen allmahlich zunachst zur 
Bildung von kleinen Korporationen kommen zu lassen, die sich 
natiirlich dann weiter zusammensetzen. Korporationen miissen es 
sein, aus dem Grunde, weil Vertrauen festgesetzt werden mu!5. Das 
ist nur dann moglich, wenn grofiere Korporationen einheitlich aus 
kleineren allmahlich aufgebaut werden, also nur dann, wenn wir 
aus alien verschiedenen Formen des Wirtschaftslebens heraus die 
Personlichkeiten mit ihren Urteilen und auch mit ihrem auf der 
wirtschaftlichen Grundlage bedingten Einflufi haben, die allseitig 
durch die Eignung fur die Leitung des Wirtschaftslebens als solche 
sozial wirken. Wenn wir also sozialisieren wollen, so konnen wir 
das Wirtschaftsleben nicht sozialisieren durch Einrichtungen, son- 
dern nur dadurch, dafi wir die Menschen in der geschilderten Weise 
interessieren konnen an den Einrichtungen und sie fortwahrend 
teilnehmen an diesen. 

Daher betrachte ich es heute als das Allernotwendigste, dafi wir 
uberhaupt nicht Gesetze schaffen, durch welche Betriebsrate ein- 
gesetzt werden, sondern dafi wir die Moglichkeit haben, aus alien 
Formen des Wirtschaftslebens heraus Betriebsrate zu schaffen - so 
dafi sie zunachst da sind - und aus diesen Betriebsraten hervor- 
gehen zu lassen eine Betriebsrateschaft, die erst einen wahren Sinn 
dann hat, wenn sie die Vermittlung bildet zwischen den einzelnen 
Produktionszweigen. Eine Betriebsrateschaft, die blofi fur einzelne 
Zweige da ist, hat nicht viel Bedeutung, sondern erst, wenn haupt- 
sachlich zwischen den Produktionszweigen, die in Wechselwir- 
kung stehen, die Tatigkeit der Betriebsrate sich entfalten wird, 
dann haben sie einen Sinn. 

Ich sagte deshalb: Der einzelne Betriebsrat hat eigentlich mehr 
oder weniger im Betrieb nur einen Sinn, wenn er eine informato- 
rische Bedeutung hat. Das, was aus dieser Betrieb srate-Idee ge- 
macht werden raufi im Wirtschaftsleben, das kann eigentlich nur 
die Betriebsrateschaft als ganzes machen, denn es kann in der Zu- 

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kunft nur ein Segen fiir die einzelnen Betriebe resultieren, wenn die 
Betriebsrate hervorgehen aus der Struktur des ganzen Wirtschafts- 
lebens. So denke ich mir, dafi tatsachlich in der Betriebsrateschaft 
als ganzes das Schwergewicht liegt, also in dem, was zwischen den 
Betriebsraten der einzelnen Fabriken verhandelt wird, und nicht in 
dem, was nur in den einzelnen Fabriken geschieht. 

Dann aber kann ich mir nur einen Segen von dieser Einrichtung 
versprechen, wenn diese Betriebsrate - die natiirlich auf Grundlage 
der bestehenden Verhaltnisse eingerichtet werden miissen, die nicht 
aus blauen Wolkenkuckucksheim-Hoffnungen hervorgehen diir- 
fen, die aus dem, was heute existiert, hervorgehen miissen wenn 
sie zum Beispiel gewahlt sind aus alien Arten der irgendwie am 
Betrieb Beteiligten. Ich will nicht von «Unternehmer» und «Ar- 
beitnehmer» sprechen, aber von Menschen aus dem Kreis all der- 
jenigen, die nun wirklich mit geistiger oder physischer Arbeit an 
dem Betriebe beteiligt sind. Also all das, was am Betrieb teilnimmt, 
wiirde die Grundlage bilden, um solche Rate aus sich heraus zu 
gestalten. Dadurch wiirden selbstverstandlich, wenn man aus den 
wirtschaftlichen Verhaltnissen die Sache so angreifen wiirde, die 
einsichtigen bisherigen Arbeitgeber in ihrer Eigenschaft als geistige 
Leiter drinnen sein, und wir wiirden eine Betriebsrateschaft haben, 
die zunachst wenigstens nicht von alien [Bereichen] gewahlte Ver- 
treter hatte - das wiirde erst nach einiger Zeit der Fall sein -, die 
aber die Interessen der verschiedensten Leute, die am Wirtschafts- 
leben beteiligt sind, vertreten konnte. Ich konnte mir aber aller- 
dings nur denken, dafi eine solche Betriebsrateschaft ihr Haupt- 
augenmerk trotzdem auf die Produktionsbedingungen richten 
wiirde, so dafi ich mir eigentlich nicht denken kann, dafi eine blofie 
Betriebsrateschaft schon etwas Bedeutungsvolles ware. Ich kann 
mir nur denken, dafi aufier der Betriebsrateschaft - wobei ich den 
Einwand nicht iibersehe, da$ man sagen wird: Wo soil nach gear- 
beitet werden, wenn das alles gernacht werden soil in der Praxis? - 
ich kann mir nur denken, dafi die Betriebsrate erganzt werden 
durch Verkehrsrate und durch Wirtschaftsrate, weil die Betriebsra- 
teschaft vorzugsweise mit der Produktion zu tun haben wird, aber 

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die Wirtschaftsrateschaft mit der Konsumtion im weitesten Sinne. 
Zum Beispiel wiirde die Konsumtion auch zu umfassen haben all 
dasjenige, was wir vom Ausland konsumieren, was man einfuhrt; 
alles Eingefiihrte wiirde der Wirtschaftsrateschaft unterstehen. Ich 
will nicht behaupten, dafi [damit] heute schon alles musterhaft 
ware, aber es sind dies die drei wichtigsten [Arten von] Betriebs- 
raten, die zunachst dasein miissen: Betriebsrateschaft, Verkehrs- 
rateschaft, Wirtschaftsrateschaft. Dazu wiirde nur ein Fliigel der 
Regierung die Initiative zu ergreifen haben, [sie wiirde aber] keine 
Gesetze zu schaffen haben, sondern [miifite] nur zusehen, diese 
Betriebsrate auf die Beine zu stellen. Diese miifiten dann anfangen, 
sich ihre Verfassung zu geben, also das zu schaffen, was aus dem 
unabhangigen Wirtschaftsleben herausfliefit, was sie darin erfahren 
haben. Die Konstitution der drei Rateschaften wiirde ganz aus den 
Verhaltnissen selbst heraus sich ergeben. Das ist dasjenige, was ich 
als ersten Schritt betrachten wiirde: die Schaffung der Betriebsrate 
aus den Verhaltnissen heraus. Erst dann wiirden sich diese ihre 
Verfassung, ihre Konstitution zu geben haben. Das wiirde ich in 
der Praxis nennen die Losgliederung des Wirtschaftslebens auf 
einem Gebiet. Also solange die Meinung besteht, dafi man von 
einer zentralen Regierung aus Gesetze iiber Betriebsrate gibt, 
betrachte ich das als etwas, was nichts zu tun hat mit dem, was 
geschehen soli. Erst den ersten Schritt machen - das ist es, was 
die Zeit von uns fordert. 

Herr Dr. Schmucker: Nach meiner Auffassung setzt diese Arbeit, die die 
Beteiligten selbst vollziehen sollten, um Organisationen zu bilden und 
selbst zu verwalten, eine geistig hochentwickelte Arbeiter- und Angestell- 
tenschaft voraus. Die Erfahrungen aber, die wir mit den Betriebsbeleg- 
schaften wahrend des Krieges und mit der Arbeiterschaft in den letzten 
Monaten gemacht haben, lassen mich davor zuriickschrecken anzunehmen, 
daf? die Arbeiterschaft in ihrer Mehrzahl - mit ihrer iiberwiegenden Mehr- 
zahl, das miifite ja wohl sein - dieser grofien Aufgabe gewachsen ist. Wenn 
man solche Erfahrungen macht wie diejenigen, die wir in letzter Zeit ge- 
macht haben, daft die Arbeiterschaft eines Betriebes kommt und unter 
Gewaltandrohung vom Arbeitgeber verlangt: Du hast jetzt soundso viel 

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Profit gemacht. Dir geht es jetzt zwar schlecht, aber der Staat nimmt dir, 
wenn du nicht teilst, einen grofien Teil dessen, was du verdient hast. Wir 
verlangen jetzt Teuerungszulage! - Dieser ganze Prozefi ist ja alien be- 
kannt, dieses fortgesetzte Steigern der Lohne, der Lebensmittelpreise und 
so weiter, das eine verteuert das andere. Diese Erfahrungen lassen Zweifel 
daran entstehen, ob Arbeiter und Angestellte auf dieser hohen Entwick- 
lungsstufe stehen, urn die Aufgabe, die von ihnen hier verlangt wird, zu 
erfullen. 

Rudolf Steiner: Wenn wir von dem Grundsatz ausgehen, dafi wir 
mit Bezug auf irgendeine Sache immer das Beste machen wollen, 
das wir uns nur ausdenken konnen oder das wir uns in irgendeiner 
idealen Weise ausmalen, dann werden wir niemals in der Praxis das 
ausfiihren, was wirklich durchgefiihrt werden muli. Ich gebe Ihnen 
dann natiirlich zu, dafi ein grofies Stuck von dem, was Sie jetzt 
gesagt haben, absolut richtig ist. Aber ich bitte Sie, einmal das fol- 
gende zu bedenken: Ich habe in den letzten Wochen oder Monaten 
die Gelegenheit gehabt, auch mit sehr vielen Arbeitern zu sprechen, 
und ich habe gefunden, dafi der Arbeiter, wenn man wirklich in 
seiner Sprache mit ihm spricht, immer wieder dann kommt mit 
Dingen, die nun wirklich eine reale Grundlage haben. Ich habe 
gefunden, dafi er dann sich innerlich als zuganglich erweist und 
einsieht, dafi dasjenige, was gemacht werden soli, ja doch nur ein 
solches sein kann, welches das Wirtschaftsleben nicht abgrabt oder 
es nicht absterben lafit, sondern aufbaut. Es ist aufierordentlich 
leicht, dem Arbeiter begreiflich zu machen, was zu geschehen hat, 
wenn man auf dasjenige eingeht, was er selbst erfahren hat. Und 
von da ausgehend wird er leicht gewisse Zusammenhange im Wirt- 
schaftsleben begreifen. Es ist natiirlich dabei noch immer sehr vie- 
les, was er nicht begreifen kann, aus dem einfachen Grunde, weil 
die Verhaltnisse ihn niemals haben hineinschauen lassen in gewisse 
Zusammenhange, in die man eben nicht hineinschauen kann, wenn 
man von moreens bis abends an der Maschine stent. Das weifi ich 
schon auch. 

Nun aber kommt selbstverstandlich etwas dazu, dafi sogar un- 
sere erfahrenste Prinzipalschaft sich nicht sehr griindlich einlafk 



auf die wirklichen Bedingungen des Wirtschaftslebens. Ich mochte 
Ihnen Rathenau nicht als [auf das Gesamte hin orientierten] Wirt- 
schaftler anfiihren, sondern geradezu als Prinzipal, denn seine 
Schriften verraten eigentlich auf jeder Seite, dafi er wirklich vom 
Standpunkt des Prinzipals, des industriellen Unternehmers aus 
spricht. Nun, nicht wahr, im Grunde genommen sind von diesem 
Gesichtspunkt aus gegen diese Ausfuhrungen keine absoluten 
Einwande zu machen, weil im Grunde genommen alle die Sachen 
richtig sind. Ich mochte nur eines anfiihren: Rathenau rechnet aus, 
wie es eigentlich mit dem Sinn vom Mehrwert ist. Nun kann man 
naturlich heute sehr leicht ja beweisen, dafi dasjenige, was man vor 
einiger Zeit hatte ausrechnen konnen als Mehrwert, dafi das langst 
uberholt ist. Nun, Rathenau macht auch im einzelnen diese Rech- 
nung sehr schon, kommt zu dem ganz richtigen Resultat, dafi 
eigentlich im Grunde genommen der ganze Mehrwert nicht in An- 
spruch genommen werden kann. Denn bekommt der Arbeiter ihn, 
so miifite er es zuriickgeben, denn die Einrichtungen machen es 
notwendig, da£ er als Rucklage verwendet wird. Diese Rechnung 
ist naturlich einfach richtig. Es handelt sich darum, ob nun dem 
Resultat dieser Rechnung zu entkommen ist, ob man wirtschaftlich 
eine Moglichkeit findet, dem Resultat dieser Rechnung zu ent- 
kommen. Da handelt es sich darum, daft man dem, was Rathenau 
ausrechnet, auf keine andere Weise entkommt, als wenn man das 
realisiert, was ich in meinem Buch als Antwort gegeben habe: Daft 
in dem Augenblick, wo irgendeine zusammengehdrige Summe von 
Produktionsmitteln fertig ist, sie nicht mehr [weiter] verkaufbar ist, 
also keinen Kaufwert mehr hat. Dann fallt die ganze Rechnung 
zusammen, denn die Rathenau-Rechnung ist nur moglich zu 
machen, wenn eben die Produktionsmittel jederzeit wiederum ver- 
kauft werden konnen fur einen ganz bestimmten Wert. So fehlt fur 
die eigentliche Konklusion die richtige Voraussetzung, fur die die 
Prinzipalschaft heute noch nicht zu haben ist. Sie miiftte erst ver- 
stehen, dafi wir nicht weiterkommen, weil wir in einer Sackgasse 
sind, wenn wir nicht grofie Umanderungen herbeifiihren. Und man 
wurde also gleich sehen, wenn man sich auf einen gemeinsamen 



Boden zusammenfande, aber auf einem Boden, wo man bloft das 
Interesse hat, das Wirtschaftsleben weiterzufiihren und nicht dem 
Interesse der einzelnen zu dienen; man wiirde sehen, dafi die Prin- 
zipale etwas wissen, daft sie aber einseitiges Wissen haben, das 
erganzt werden kann durch die anderen. 

Ich glaube sagen zu konnen mit Bezug auf all das, was der einzelne 
Mensch geistig an schonen Idealen hervorbringen kann: «Oaner is a 
Mensch, zwoa san Leit 1 , san's mehra, san's Viecher.» - Sobald wir 
aber auf dasjenige Denken kommen, das in der sozialen Einrichtung 
sich verwirklichen soil, gilt der umgekehrte Grundsatz: «Ein einzel- 
ner ist nichts, mehrere sind ein bisserl was, und viele sind die, die es 
dann machen konnen. » — Weil, wenn zwolf zusammensitzen aus den 
verschiedensten parteipolitischen Richtungen mit dem guten Willen, 
ihre einzelnen Erfahrungen als Teilerfahrungen zusammenzufassen, 
so haben wir nicht blofi eine Summe von zwolf verschiedenen Mei- 
nungen, sondern indem diese Meinungen wirklich in Aktion treten, 
entsteht eine Potenzierung dieser zwolf Impulse. Also eine ganz 
ungeheure Summe von wirtschaftlichen Erfahrungen bildet sich ein- 
fach dadurch, dafi wir die Menschenmeinungen sozialisieren in die- 
ser Weise. Das ist dasjenige, worauf es ankommt. Also, das raufi ich 
sagen, ich glaube, dafi das, was Sie sagen, richtig ist, solange Sie es in 
der Form zu tun haben mit einer Arbeiterschaft, die einfach von 
ihrem Standpunkt als Konsument fordert. Denn dadurch, dafi sie 
Forderungen hat, wird sich naturlich uberhaupt nichts ergeben, das 
zu irgendeiner moglichen Sozialisierung fiihren kann. So kommen 
Sie nur zum Abbau des Wirtschaftslebens. Wir miissen uns nicht 
vorstellen, dafi wir dann ubermorgen ideale Zustande bekommen, 
sondern einen Zustand, der lebensmoglich ist, wenn wir die Dinge so 
machen. Gerade bei diesem Punkte miifite man denken: Was ist 
lebensmoglich? -, und nicht: Sind die Leute gescheit genug? Neh- 
men wir die Leute, wie sie sind und machen wir das Beste, was daraus 
zu machen ist, und spintisieren wir nicht dariiber, ob die Leute hoch- 
entwickelt sind, denn schliefilich, etwas mufi ja immer geschehen. 
Einfach nichts tun konnen wir nicht; von irgendeiner Seite mufi 
etwas geschehen. 



Ich sehe nicht ein, wenn wir aus dem Wirtschaftsleben heraus 
die Menschen nehmen, warum die gerade weniger hochentwickelt 
sein sollen als zum Beispiel die Regierungsleute und die Abgeord- 
neten des ehemaligen deutschen Reichstages in all den Jahren, in 
denen das eben geschehen ist, was sich dann furchtbar ausgewirkt 
hat. Da ist ja auch nur das Mogliche geschehen. Es handelt sich 
darum, daft wir mit der Mehrzahl von Menschen, die da sind, das 
Mogliche tun. Ich bilde mir nicht ein, daft ein Idealzustand geschaf- 
fen werden konnte, aber ein lebensmoglicher Organismus. 

Herr Dr. Riebensam: Ich spreche die Frage der Betriebsrate an. Was gibt 
uns noch die Moglichkeit, mit den Arbeitern zu sprechen? Die Sache stei- 
gert sich jetzt so, daft ein Blitzableiter gefunden werden muft. Ich will die 
Sache auf einen praktischen Punkt bringen und fragen: Warum wollen Sie 
einen Kraftwagen auf die Strafte setzen ohne Steuer? Eine solche Maschine 
ist meiner Ansicht nach unsere Arbeiterschaft. Ich habe mit vielen daruber 
gesprochen und dahin meine Ansicht geaufiert, daft ich es fur unmoglich 
halte, mit einer grofien Arbeiterschaft auf diese Weise zu irgendeiner Zu- 
sammenarbeit zu kommen. Denn jeder Vorstand eines Arbeiterschaftsaus- 
schusses wird im Augenblick, wo er sich zum Vertreter einer bestimmten 
Meinung macht, von den Arbeitern gesteinigt. Sie setzen auf seiten der Ar- 
beiterschaft einen guten Willen voraus. Ich habe alles versucht, zunachst 
nicht ohne Erfolg, denn ich habe das Vertrauen der Arbeiterschaft, seitdem 
ich mit ihr sprechen kann und seit sie mich horen konnen. Aber die Leute, 
die nicht kommen, sind in der Mehrzahl. Ich kann vielleicht mit zweitau- 
send sprechen, die anderen haben nicht den guten Willen. Aus Erfahrung 
weifi ich, daft die grofte Menge imstande ist, die zunachst Uberzeugten wie- 
derum zu verwirren. Die Klugsten aus den Arbeiterausschiissen, mit denen 
ich privat gesprochen habe und die positive Ansichten aufierten, sind heute 
wieder auf dem Standpunkt, daft ich mir sage: Ist denn die ganze Arbeit, die 
ich seit sechs Monaten geleistet habe, umsonst gewesen? Ich habe der Regie- 
rung gewisse Vorschlage gegeben in der Absicht, daft das ungefahr in dem 
Sinn geschieht, dafi die Arbeiter befriedigt sind. Sollten diese als Verord- 
nung von der Regierung kommen, ist die ganze Arbeit umsonst; aber ohne 
jedes Steuer Betriebsrate zu griinden, halte ich fur nutzlos, da kommen 
die tollsten Sachen heraus. Da Sie selbst sagen, wir miissen irgendwann be- 
ginnen, miifite man es so beginnen, dafi es durchfuhrbar ware. 



Rudolf Steiner: Alles das, was Sie gesagt haben, lauft ja eigent- 
lich darauf hinaus, dafi es im Grande genommen gegenwartig nicht 
moglich ist, daft die Leitung der Betriebe mit der Arbeiterschaft fer- 
tig wird. Das ist natiirlich nicht ohne Voraussetzung so gekommen, 
das ist natiirlich erst nach und nach so geworden. Ich glaube, daft Sie 
die Lage verkennen, wenn Sie zuviel darauf geben, auf den guten 
Willen der Arbeiterschaft zu rechnen. Denn den guten Willen, den 
wird die Arbeiterschaft von Ihnen fordern, aus dem Grunde, weil sie 
durch die Agitation - bis zu einem gewissen Grade mit Recht - ge- 
lernt hat, daft daraus doch nichts wird. Die Arbeiter werden sagen: 
Diesen guten Willen konnen wir haben, der Unternehmer wird ihn 
doch nicht haben. - Dieses Mifitrauen ist heute schon zu groft. Daher 
gibt es nach dieser Seite kein anderes Mittel, als soviel Vertrauen zu 
gewinnen, wie es geht. In dem Augenblick, wo auch nur fur zweitau- 
send Arbeiter - oder meinetwillen fur achttausend Arbeiter - jemand 
da ist, der nun wirklich etwas zu sagen weift von sozialen Zielen, die 
der Arbeiter einsehen kann, wo nicht nur mit dem guten Willen 
gerechnet wird, sondern mit der Einsicht, dann ist die Sache doch 
anders. Gewifi, wenn Sie mit zweitausend Arbeitern sprechen, kon- 
nen diese von der anderen Seite wiederum verwirrt werden, aber die 
Sache wird sich doch so herausstellen: Wenn Sie wirklich zu dem 
Arbeiter uber das sprechen, was er versteht, so sprechen Sie nicht 
blofi mit zweitausend, die verwirrt sind durch Leute, mit denen sie 
zuletzt gesprochen haben, sondern diese werden auf die anderen 
wiederum zuriickwirken. 

Wenn wir uns aber fragen, ist denn dieser Weg iiberhaupt schon 
betreten worden, so mufi man sagen, er ist im Grunde genommen 
nicht betreten worden. Und es wird auch alles getan, um diesen 
Weg immer und immer wieder zu verleiden. Natiirlich, wenn der 
Arbeiter heute sieht, daft ihm von oben herab durch Gesetze die 
Betriebsrate dekretiert werden, so ist das ein Stuck absoluten 
Hinwegfegens des Vertrauens. Also lassen Sie heute in wirklich 
horbarer Weise von den zentralen Stellen aus etwas kommen, was 
Hand und Fuft hat, so daft der Arbeiter einsieht, das hat Hand und 
Fuft, dann arbeitet er auch selbstverstandlich mit, wirklich mit. 



Aber so etwas geschieht ja nicht. Und aus diesem Grunde ist ja 
eigentlich die Bewegung fur die Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus da, weil einmal etwas geschaffen werden soil, das nun wirk- 
lich ein vorstellbares Ziel ausmacht. Dem Arbeiter kommen Sie 
nicht bei, wenn Sie nur von konkreten Einrichtungen sprechen, 
denn er ist so und so hinausgedrangt worden in einen blofien Kon- 
sumentenstandpunkt. Dies wird dem Arbeiter von niemandem er- 
klart. Alles, was gemacht wird, bewegt sich genau in der entgegen- 
gesetzten Richtung. Lassen Sie heute die Einrichtungen von sich 
aus entstehen. Wenn diese Betriebsrateschaft wirklich konstituiert 
werden soli, lassen Sie sie einfach kommen, vielleicht auch nur in 
der Form von Vorschlagen - es konnen ja hierbei auch viele Vor- 
schlage vorgebracht werden -; es kann nicht nur eine einzige Art 
von Gesetzesvorlage kommen. Das ist natiirlich das beste Mittel, 
um die ganze Arbeiterschaft gegen die Betriebsrate zu haben. Heu- 
te gibt es keine Moglichkeit mehr, auf diesem Weg irgendwie vor- 
wartszukommen. Heute gelingt es nur, wenn wir etwas anderes 
wollen, als Gewalt gegen Gewalt zu setzen, namlich Personlich- 
keiten Personlichkeiten gegeniiberzustellen, personliches Vertrauen 
zu erwerben. Das ist das, was dem Arbeiter moglich ist. Derjenige, 
der versteht, zu dem Arbeiter in seiner Sprache so zu reden, dafi 
dieser merkt, es kommt nichts dabei heraus, wenn er nur immer die 
Lohnskala in die Hohe treibt, und er auch sieht, daft ein Wille dazu 
da ist, endlich nach dieser [neuen] Richtung hin sich zu bewegen, 
dann geht er mit und arbeitet auch. Er arbeitet nicht mit, wenn man 
ihm blofi Gesetzesvorschlage macht, sondern er will sehen, dafi die 
Personlichkeiten in der Regierung tatsachlich den Willen haben, 
sich in einer gewissen Richtung zu bewegen. 

Das ist das, was der jetzigen Regierung auch zum Vorwurf ge- 
macht wird; man hat zwar die Ahnung, dafi sie etwas tun will; das 
aber, was geschieht, bewegt sich alles in denselben Geleisen fort 
wie friiher. Es ist nirgendwo etwas Neues drin. Auf der anderen 
Seite handelt es sich wirklich bei dem, wo Menschen dabei sind, 
nicht darum, einen Kraftwagen irgendwie in Bewegung zu setzen 
und ihm kein Steuer zu geben. Der mufi wirklich sein Steuer haben, 

T A 



wenn er bewegungsfahig sein will. Wir konnen gar nicht anders als 
uns sagen: Entweder versuchen wir vorwartszukommen und gehen 
so weit, als es geht, oder wir gehen eben dem Chaos entgegen. Auf 
andere Weise lalk es sich nicht machen. 

Herr Dr. Riebensam: Ich unterschreibe das alles. Ich gehe auf diese Idee 
ein, dafi dem Arbeiter zunachst dieses Ziel gezeigt, aber nicht fortgefahren 
werden soil in den alten Geleisen. Ich halte es fur moglich, dai$ Sie heute 
erleben werden, dafi die Arbeiter in einer Fabrik sehr viel zusammen- 
schmeifien. Es ware aber vielleicht doch moglich, einen Weg zu finden fiir 
ein fruchtbares Mitwirken der Arbeiter. Wir sind bereit, die Arbeiter zu 
beachten, aber sie miissen auch auf unsere Gesichtspunkt Riicksicht neh- 
men, wenn nicht ganz der Glaube an eine Verstandigungsmoglichkeit 
schwinden soil. Man mufi irgendwie Wege finden. [Aber das ist nicht so 
einfach.] Wenn die Arbeiterschaft daherkommt, um Betriebsrate zu griin- 
den, und wir ihnen sagen, kommt, wir wollen uns zusammensetzen und das 
Richtige machen, dann ist das im Grunde genommen eine abstrakte Scha- 
blone; sie kommen unserem Rat gar nicht entgegen. Neulich war ich an 
einer Arbeiterversammlung, da haben die Arbeiter zu viel gefordert. Sie 
haben gesagt, man solle nicht mit kleinlichem Denken die Sache anfassen; 
es hatte keinen Zweck mehr, irgendwelche Regelungen zu treffen; sie woll- 
ten in Zukunft ganz allein bestimmen. Diese Erkenntnis mufi fiir mich die 
Grundlage meines kiinftigen Tuns sein. Allerdings konnte ich mir womog- 
lich einen Betriebsrat denken, der alle acht Tage zusammenkommt und mit 
dem ich alles durchspreche, bevor Spannungen eintreten. Aber wir sollen 
auch das den Arbeitern sagen: Wir konnen nicht einfach allein einen 
Betriebsrat machen. 

Rudolf Steiner: Seben Sie, in diesen Dingen kommt es darauf an, 
daft man nicht unsystematische Erfahrungen nimmt, sondern syste- 
matische. Wir haben doch, weil eine andere Moglichkeit uns nicht 
eeboten wurde. eine eanze Reihe von Arbeiterversammluneen. fast 

Tag fiir Tag, gehabt, und bei diesen Arbeiterversammlungen hat 
sich eine Sacbe immer wieder ergeben. Man konnte es sebr genau 
merken, da£ aus der Arbeiterschaft selbst heraus wie ein Extrem 
sich ergeben hat: ja, wenn wir blo£ allein sind, wie solien wir denn 
iiberhaupt in der Zukunft fertig werden? Wir brauchen selbstver- 



standlich diejenigen, die leiten konnen; wir brauchen den geistigen 
Arbeiter. - Diese Sache, die ergibt sich nicht dadurch, dafi man 
diktiert, sondern nur dadurch, dafi man wirklich mit den Leuten 
arbeitet. Deshalb hielt ich die Tatsache [fur wichtig] - Molt wird es 
mir bestatigen konnen -, dafi ich ganz von Anfang an, als er mit 
anderen Freunden kam, um diese Sache in Wirksamkeit umzu- 
setzen, ihm sagte: Das erste Erfordernis ist, dafi zunachst einmal 
das ehrliche Vertrauen erworben wird, aber nicht in der Weise wie 
bisher ublich mit: Ich bin Prinzipal, du bist Arbeiter sondern 
von Mensch zu Mensch, so dafi wirklich der Arbeiter nach und 
nach in concreto eingeweiht wird in die Leitung des ganzen Betrie- 
bes und auch eine Ahnung davon bekommt, wann der Betrieb 
aufhort, wirtschaftlich moglich zu sein. Das ist etwas, was [uner- 
lalSlich ist], und ich stelle offen die Frage: Wo ist es denn so gesche- 
hen? Wo wird es so gemacht? - Es wird heute sehr viel gemacht in 
der Regierung, indem sich einzelne Kommissionen zusammenset- 
zen und nachdenken uber die beste Art, das oder jenes zu machen. 
In diesem Fall - verzeihen Sie das harte Wort - wird das Pferd 
beim Schwanz aufgezaumt. Es ist unmoglich, damit vorwartszu- 
kommen. Heute ist notig, ein lebendiges Verbindungsglied zu 
schaffen zwischen denjenigen, die etwas [mit den Handen arbei- 
ten], und denjenigen, die es verstehen konnen. Viel notwendiger als 
Ministeriumssitzungen abzuhalten, ist es, dafi einzelne Manner ins 
Volk gehen und von Mensch zu Mensch reden. Das ist der Boden, 
auf dem man zunachst beginnen mufi. Man darf es sich nicht ver- 
driefien lassen, wenn der Erfolg sich nicht aufs erste Mai einstellt; 
er wird sich ganz gewifi einstellen das vierte oder fiinfte Mai. Also, 
nicht wahr, ware nur zunachst irgendein Anfang gemacht worden 
in dem, was heute das eigentlich Praktische ist, wiirde man sehen 
konnen, [dafi etwas entsteht]; aber es ist kein Anfang da, man 
straubt sich dagegen. 

Emil Molt: Der Anfang ist gemacht. Darf ich diejenigen Herren, die sich 
dafiir interessieren, darauf aufmerksam machen, daft wir diese Art der 
Betriebsrate schon seit Wochen eingefiihrt haben. Wenn ich mir auch 
durchaus bewufit bin, daft die Sache noch stiimperhaft ist, so hat sich doch 



gezeigt, dafi wir - wahrend wir hier dariiber verhandeln, wie das Vertrauen 
zu gewinnen ware - das Vertrauen bereits gewonnen haben. Das ist we- 
sentlich, weil wir darauf ausgegangen sind, weniger Zigaretten als Men- 
schen zu machen. Wir haben den Betrieb dazu benutzt, Menschen zu 
machen. Zigaretten zu machen, ist nur Mittel zum Zweck. Wir sind darauf 
ausgegangen, wirklich mit den Menschen in Beriihrung zu kommen, und 
dies wahrend der Arbeitszeit durchzufuhren. Man mufi sich diese Zeit eben 
nehmen. Es kommt darauf an, die Dinge von unten herauf zu verwirk- 
lichen. Wenn die Dinge anderorts jetzt so liegen - es ist eben viel versaumt 
worden in den letzten sechs bis acht Wochen. Hatte man die Sache schon 
friiher angefangen, ware jetzt vieles vermieden. 

Jetzt liegt die Sache so: Die Menschen, die im Betrieb sind, wollen nicht 
nur arbeiten, sie wollen auch wissen. Wir miissen uns dariiber im klaren 
sein: Je mehr man diesem Drang nachgibt und sich nicht scheut, als Steu- 
ermann diesen Kraftstrom in die richtigen Kanale zu leiten, desto mehr lafit 
sich diese Kraft auch wieder ausniitzen. Daher sollte man nicht zuriick- 
scheuen, jedem Fabrikanten zu sagen, seinen Betrieb wie ein offenes Buch 
hinzulegen, denn damit beginnt das Vertrauen praktisch zu werden. Solan- 
ge wir nur davon reden, was wir tun sollen, solange werden wir das Ver- 
trauen der Leute nicht gewinnen. Wir miissen Einblick gewahren und ih- 
nen zeigen: Wir haben heute nichts mehr zu verschleiern. Friiher hatte der 
Fabrikant mehr zu verbergen. Jetzt kann der Arbeiter hochstens sehen, dafi 
nichts verdient wird. Nur wenn er selber darauf kommt, glaubt er es - dem 
Fabrikanten glaubt er es doch nicht. Wenn die Leute Lohnforderungen 
stellen, haben sie nur den Drang nach Wissen, sie wollen Einblick gewin- 
nen. Man mufi aber selber der Steuermann sein und Einblick in die Fabri- 
kation geben, dann wird man sehen, dafi die Leute sich mit anderen Fragen 
als mit Lohnfragen beschaftigen werden. Ich bitte Sie hinzuzunehmen, dafi 
wir [von der Waldorf-Astoria] nicht als Theoretiker sprechen; wir haben 
Erfahrung, wir haben Beweise dafiir. Wenn auch bisher nicht alle Ideale 
verwirklicht sind, so sind wir doch auf dem Wege dazu. Und die Schwie- 
rigkeiten, die andere Betriebe jetzt haben - die werden wir nie bekommen. 

Gestern sprach ich vor einer groften Arbeiterschaft eines anderen Be- 
triebes. Ich habe gesehen, mit welcher Begeisterung die Leute meinen Be- 
richt aufgenommen haben, sobald die Dinge von einem umfassenden Ge- 
sichtspunkt beleuchtet werden. Ich habe heute von meiner Arbeiterschaft 
gehort, dafi sich die Nachricht von dieser Zusammenkunft wie ein Lauf- 
feuer nnter der Arbeiterschaft verbreitet. Die Leute sehen selbst, wenn es 



iiberall so ware, hatte man ganz andere Verhaltnisse. Wir haben seit Tagen 
fortgesetzt Besuch von den Arbeiterausschussen aller grofien Werke und 
diese sagen: Ja, wenn es das bei uns gabe! Es liegt ein grofies Versaumnis 
von seiten des Biirgertums vor; reden Sie wirklich mit unseren Kollegen, 
Sie werden iiberall auf Scheuklappen, auf Borniertheit treffen. 

Herr Dr. Schmucker: Den Gesetzesentwurf der Regierung hatte ich mir 
wohl schauderhaft vorgestellt, aber doch nicht so schauderhaft; es ist eine 
rechte Mifigeburt. Wenn man die Sache studiert, so sieht man, dafi die 
Gesetzesmacher in Berlin die Verhaltnisse nicht kennen; sie wissen gar 
nicht, worum es sich handelt. Jetzt wollen sie die Angestellten- und Arbei- 
terausschiisse abschaffen und dafiir Betriebsrate von 40 bis 80 Kopfen 
einsetzen, die arbeitsunfahig sind. 

Herr Geyer: Es gibt keinen der Anwesenden, der nicht von den Vorschla- 
gen von Dr. Steiner sympathisch beriihrt wird. Aber ich mufi offen geste- 
hen, ich beschaftige mich jeden Tag mit der Frage, warum wir immer, wenn 
ich glaube, iiber den Berg zu sein, vor neuen Problemen stehen. Wir sind 
mitten in einer geistigen Revolution darin. Es beschaftigen sich die Men- 
schen immer mehr mit der geistigen Seite der gesellschaftlichen Struktur, 
als es bisher der Fall war, wo das Interesse des Einzelnen im allgemeinen 
doch nur auf eine wirtschaftliche Revolution gerichtet war. Aber ich mufi 
sagen, diese geistige Revolution bewegt sich meines Erachtens nicht in die 
ideale Richtung. Der Arbeiter und viele Angestellte sind sich keineswegs 
bewufit, worum es heute geht. Ihr Konsuminteresse halt sie in ihren Uber- 
legungen so fest gefangen, dafi sie nicht dazu kommen, auch andere Men- 
schen, die nicht mit der Hand arbeiten, neben sich gelten zu lassen. Es ist 
richtig, wenn Herr Dr. Steiner sagt, von oben treibt man keine soziale 
Politik. Wir miissen aber dazu kommen, da& der Mensch zum Menschen in 
eine nahere Beziehung tritt. Aber wir sind leider schon so einseitig in der 
Kultur und im staatlichen Organismus und im Weltorganismus drin, dafi 
eine Zuruckfuhrung auf die Urkultur, auf den Urzustand notig ist - nicht 
in geistiger Hinsicht, aber in bezug auf das Verhaltnis von Mensch zu 
Mensch. Es ist kein Steuer mehr da, das iiber den Menschen steht. Alle 
Menschen sollten miteinander in Beziehung treten, kleine Kreise, eine Art 
Kristalle, bilden, die sich zu grofieren Einheiten zusammenschliefien. Die- 
ses Kristallbilden sollte dann immer mehr werden, bis wir am Gipfel an- 
gekommen sind, wo die Liquidation des Staatsorganismus zu ihrem Ende 



gekommen ist. Ich glaube, so denkt sich Herr Dr. Steiner wohl den Vor- 
gang, bis die Dreigliederung da ist. Dazu wird aber geraume Zeit vergehen, 
[und es wird sich ein Problem ergeben]: Es werden Rate gebildet, aber diese 
Rate werden sehr oft wechseln, wie jetzt schon die Leute bereits haufig ihre 
Posten wechseln, so dafi es zu einem Chaos kommen wird. Es wird nicht 
nur Reibereien zwischen den kleinen Organisationen geben, sondern auch 
Kollisionen innerhalb des Liquidierungs minister iums. Das kann dazu fuh- 
ren, dafi der ganze Turm, der von unten gebaut werden soil, zusammen- 
stiirzt. Ich glaube, dafi unsere allgemeine Volksbildung als Voraussetzung 
[fiir dieses Reformwerk] es noch nicht ermoglicht, dafi man sich das Ent- 
stehen echten Vertrauens zwischen den Menschen erhoffen konnte. Ich 
meine, eine allgemeine Volksaufklarung miifite vorher einsetzen, allerdings 
gebe ich gerne zu, dafi auch dieser allgemeinen Volksaufklarung sich Hin- 
dernisse von oben und unten entgegenstellen werden. Derjenige, der sich 
aufklaren lassen soil, der Arbeiter, der betrachtet nicht nur den Arbeitgeber 
als Feind, sondern jeden, der geistig hohersteht, weil er fiirchtet, dafi er ihn 
zu etwas iiberzeugen soil, was mit seinen Interessen im Widerspruch steht. 
Diese Erfahrung macht man vielfach. Ich glaube nicht, dafi, wenn auch 
Molt in seinem Betrieb mit den Betriebsraten gute Erfahrung gemacht hat, 
es auch immer so bleiben wird. Der Mensch ist Mensch, und seit ich den 
Menschen kenne in seiner zehntausendjahrigen Entwicklung, mufi ich 
sagen: Der Mensch ist nicht ein blofies Erdengebilde, sondern ein Wesen, 
das einmal zu dem Punkt der Kultur kommt, wo man wirklich sagen kann, 
jetzt ist der Mensch kulturell so gebildet, dafi sein Erdendasein ein gliick- 
liches sein wird. Um das herbeizufuhren, muftte allerdings ein Mensch 
kommen, der iiber ubermenschliche geistige Krafte verfiigt, um die Seelen 
der Menschen gefangenzunehmen. 

Rudolf Steiner: Ich mochte sagen, das alles konnte eigentlich ja 
verwendet werden, um eine Anschauung iiber den Wert des Men- 
schen vorzubringen. Aber fiir denjenigen, der praktisch daran 
denkt, was in der chaotischen Zeit zu machen ist, kann es sich ia 
wirklich nicht darum handeln, ob der Mensch geniigend kulturell 
gebildet ist oder gebildet werden kann, sondern nur darum, dasje- 
nige aus den Menschen zu machen, was eben aus ihnen zu machen 
ist. Und vor alien Dingen, wenn wir vom sozialen Organismus 
sprechen, sollten wir die Anschauung von vornherem aufgeben, als 



1 Ci 



ob wir das Gluck irgendwie begriinden wollten mit dem sozialen 
Organisnros oder den Menschen das Gluck bringen wollten durch 
soziale Einrichtungen. Es handelt sich also bei sozialen Umgestal- 
tungen durchaus nicht darum, gliickliche Menschen zu schaffen, 
sondern darum, die Lebensbedingungen des sozialen Organismus 
kennenzulernen, das heifit einen lebensfahigen sozialen Organis- 
mus zu schaffen. Dafi wir mit der Volksbildung, wie sie heute ist, 
nicht vorwartskommen konnen, das hat ja eben fur die Impulse der 
Dreigliederung dahin gefuhrt, fur die Volksbildung die totale 
Emanzipation von den anderen Gliedern zu verlangen. 

Nun, wer die Menschen wirklich kennen will, darf nicht von 
Zehntausenden oder Tausenden von Jahren sprechen, sondern von 
dem, was wirklich uberschaubar ist. Wer sich die Entwicklung der 
Volksbildung in den letzten Jahrhunderten vergegenwartigt - drei 
bis vier Jahrhunderte braucht man namlich blofi zu nehmen, wenn 
man eindringen will in das, was die heutigen Schaden sind -, der 
kann sich sagen: Durch die immer weiter getriebene Verstaat- 
lichung des gesamten Bildungswesens haben wir es zu jener Volks- 
Unbildung gebracht, die wir heute haben. Wir haben es dahin ge- 
bracht, dafi wir nach und nach von seiten unserer leitenden Kreise 
eine Bildung geschaffen haben, die zu lauter verkehrten Begriffen 
fiihrt. Denken Sie doch, dafi die leitenden Kreise den Arbeiter in 
das blofie Wirtschaftsleben getrieben haben. Denn, was Sie ihm an 
Brocken abwerfen von Volksbildung, das versteht er nicht. Ich war 
Lehrer an der Arbeiterbildungsschule und weifi, was der Arbeiter 
verstehen kann und was unrichtig gemacht wird. Ich weifi, dafi er 
nur etwas verstehen kann, was nun nicht genommen ist aus der 
biirgerlichen Bildung, sondern aus der allgemeinen Menschenwe- 
senheit heraus. Sie haben gesagt, der Arbeiter betrachte jeden als 
Feind, der geistig hoher steht. Selbstverstandlich betrachtet er jeden 
als Feind, der blofi ein Geistesleben vertritt, das durch die soziale 
Struktur einer geringzahligen Kaste und Klasse [bedingt] ist. Das 
verspiirt er in seinem Instinkt sehr gut. Sobald er sich demjenigen 
geistigen Leben gegenubersieht, das aus dem ganzen Menschen 
heraus geschopft wird, ist gar keine Rede davon, dafi er ein Feind 

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des geistig Hoherstehenden ware; davon kann nicht die Rede sein; 
im Gegenteil, er merkt sehr wohl, das ist sein bester Freund. Wir 
miissen die Moglichkeit finden, durch die Emanzipation des Gei- 
steslebens zu einer wirklich sozialen Volksbildung zu kommen. Da 
mu£ man sich nicht scheuen vor einem gewissen Radikalismus. 
Man mufi eine Ahnung davon haben, wie Begriffe, Vorstellungen, 
wie das ganze Wesen desjenigen, was heute unsere Bildung ist, 
trivial gesagt, auf den Menschen abgefarbt hat. Es ist viel diskutiert 
worden iiber das Gymnasial wesen. Dieses Gymnasialwesen, was ist 
es denn? Wir haben es eingerichtet, indem wir eine Art Paradoxic 
in Szene gesetzt haben. Das, was geistiges Leben ist, ist ja ein gan- 
zes. Die Griechen haben aus allem geistiges Leben aufgenommen, 
weil es zu gleicher Zeit das geistige Leben war, das auf die Verhalt- 
nisse gepafit hat. Wir lehren nichts in der Schule von dem, was drin 
in der Welt ist, sondern was fur die Griechen in der Welt war, das 
ist unserer Kultur eingebildet. Aus dieser Paradoxic verlangen wir 
nun: Wir wollen Volksaufklarung den Menschen bieten. Wir kon- 
nen ihnen das nur bieten, wenn wir heute ganzlich auf diesem 
Gebiete auf uns selbst zuriickgehen, wenn wir als Menschen dem 
Menschen nahertreten. Es soli nicht zu einem spekulativen Ur- 
zustand zuriickgekehrt werden; es kommt da nur in Betracht, was 
die Zeit fordert. Heute ist notwendig, da$ wir wirklich von solchen 
Dingen lernen. Wenn ich meinen Schulern - ich kann sagen, es war 
eine sehr grofie Schiilerzahl - dasjenige beigebracht habe, was ich 
nicht haben konnte aus irgendeinem Zweig des Gymnasialwissens 
oder der Gymnasialbildung, sondern was neu aufgebaut werden 
mufite, da lernten sie eifrig mit. Natiirlich, weil sie ja auch aufneh- 
men das Urteil der Gebildeten, das [eigentlich aus dem Gymna- 
sialwissen stammt], da wufiten sie genau, dafi das eine Kulturluge 
ist; davon wollen sie natiirlich nichts lernen. 

Wir kommen nicht zur Moglichkeit, tatsachlich vorwartszuge- 
hen, wenn wir nicht imstande sind, den radikalen ersten Entschlu£ 
zu fassen, diese Dreigliederung durchzufiihren, das heifk das Gei- 
stesleben und das Wirtschaftsleben wirklich zu entrei£en dem 
Staatsleben. Ich bin iiberzeugt, dafi heute sehr viele Leute sagen, 



diese Dreigliederung wiirden sie nicht verstehen. Sie sagen das 
wohl deshalb, weil sie ihnen zu radikal ist, weil sie keinen Mut 
haben dazu, nun wirklich im einzelnen die Sache zu studieren und 
durchzufiihren. Nicht wahr, darum handelt es sich wirklich, dafi 
wir es nicht zu tun haben mit Ubermenschen, sondern mit den 
Menschen, wie sie wirklich sind, und das zu machen, was man eben 
mit ihnen machen kann. Dann kann man sehr viel machen, wenn 
man nicht ausgehen will von diesem oder jenem Vorurteil. Man 
miifite wirklich einmal das Unterrichtswesen auf die eigene Basis 
stellen und es von denjenigen blofi verwalten lassen, die darinste- 
hen. Aber die Leute konnen sich kaum etwas darunter vorstellen, 
wahrend es doch eigentlich eine Sache ist, die, wenn man sie sich 
vorstellen will, bereits gegeben ist. 

Also, das Schulwesen raufi zunachst ganz getrennt vom Staats- 
wesen gedacht werden. Es ist ganz ausgeschlossen, dafi wir weiter- 
kommen, wenn wir uns nicht zu diesem radikalen Denken auf- 
schwingen, die Schule, ja das ganze Bildungswesen herauszubrin- 
gen aus dem Staat. 

Herr Dr. Riebensam: Ich will auf den realen Boden zuriickkehren, zu 
dem, was wir beabsichtigen. Ich mochte ganz personlich sprechen und 
Herrn Molt erwidern, dafi ich seine Auffassung - obwohl er es erlebt hat 
in seiner Fabrik - fur etwas unwirklich hake. Sie fu£t auf Erfahrungen in 
einem kleinen Kreis. Schon vor zwanzig Jahren habe ich in einer kleinen 
Fabrik Grundsatze durchgefuhrt, an die damals noch kein Mensch dachte. 
Ich habe of fen gezeigt, was ich machte im Betrieb. Wir haben das Taylor- 
System gehabt, was gut scheint. Ich habe dann dasselbe in einer wesentlich 
grofieren Fabrik versucht - die Leute gingen mit mir. Ich habe die Sache 
dann hier versucht - es fehlte das Vertrauen. Aufgrund dieser Verhaltnisse 
habe ich meine Bedenken ausgesprochen, daran mufi ich festhalten. Kehren 
wir zuriick zu dem, was wir wollen. Es wurde gefragt: Wie sollen wir 
beginnen? Ich will einmal annehmen: wir rufen die Arbeiterschaft zusam- 
men, mit dem Ziel, Betriebsrate zu griinden. Wie machen wir das? Es ist 
moglich, dafi Sie, Herr Dr. Steiner, mir sagen, wir konnten der Arbeiter- 
schaft sogar die Selbstverwaltung geben. Davon bin ich noch nicht iiber- 
zeugt, daiS dies geht. Ich bitte um ein konkretes Beispiel fur eine Betriebs- 
ratsbildung in einer grofien Fabrik. 

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Rudolf Steiner: Ich mochte vorausschicken, daft alles, was heute 
im einzelnen innerhalb eines Betriebes gemacht werden kann, ja 
wirklich nur die Vorbereitung sein kann zu dem, was die Betriebs- 
rateschaft bedeutet. Ich mochte nur, weil Herr Dr. Riebensam von 
dieser Sache ausgegangen ist, eben sagen: Gewift, Erfahrungen, die 
in solch einem kleinen Kreis gemacht werden, wie sie Herr Molt 
dargestellt hat, sollten nicht zu fruh als ein Sieg gefeiert werden. 
Aber tauschen wir uns nicht: Das, was zunachst durch diese Erfah- 
rungen bewiesen werden kann, ist, daft man in einem gewissen 
Kreis Vertrauen begriinden kann. Und das ist ja das, was Herr 
Molt zunachst vorzugsweise gemeint hat. Ein Sieg kann es nicht 
sein, weil iiberhaupt, wenn an eine systematische Sozialisierung 
gedacht wird, nicht in einem einzelnen Betriebe ein Sieg errungen 
werden kann. Der Sieg eines einzelnen Betriebes, selbst wenn er 
darin bestehen wiirde, das Niveau der Lebenshaltung seiner Arbei- 
terschaft zu erhohen -, wenn einseitig ein einzelner Betrieb das 
erreichen wiirde, konnte es nur auf Kosten der Allgemeinheit 
geschehen. 

Sozialisierung ist iiberhaupt nicht von einzelnen Betrieben aus 
in Angriff zu nehmen. Denn ich will Sie auf eines aufmerksam 
machen: Dinge, die unter gewissen Voraussetzungen zu etwas 
Heilsamem fuhren konnen, werden unter entgegengesetzten Vor- 
aussetzungen vielleicht zum groftten Schaden gereichen konnen. 
Ich kann mir von der Anwendung des Taylor-Systems in unserer 
gegenwartigen Wirtschaftsordnung iiberhaupt nichts anderes ver- 
sprechen, als daft durch die immer gesteigerte Anwendung dieses 
Systems zuletzt eine solche Erhohung der Industrieproduktion 
stattfindet, daft diese Erhohung es uns in jeder Weise unmoglich 
macht, zu einer irgendwie notwendigen oder auch nur moglichen 
Gestaltung der Preislage fur diejenigen Giiter im Leben zu kom- 
men, welche nicht der Industrie entstammen, sondern zum Beispiel 
[der Landwirtschaft]. 

Herr Dr. Riebensam: Ich wollte nicht ausfiihrlich vom Taylor-System 
sprechen. 



Rudolf Steiner: Ich meinte nur, dafi dieses Taylor-System unter 
Umstanden, wenn es unter anderen Voraussetzungen angewendet 
wiirde, zu etwas Positivem fuhren konnte; unter unserem jetzigen 
System aber wiirde es alle Schaden des Systems nur erhohen. 

Zu der konkreten Frage: Wie machen wir es in bezug auf die 
Betriebsrate? - Verges sen wir nicht, dafi wir nur das machen 
wollen, was als eine Forderung auftritt. Wir mussen die Forde- 
rungen beobachten und die wesentlichen von den unwesent- 
lichen unterscheiden. Das Ratesystem ist heute tatsachlich eine 
gegebene Wirklichkeit, das heilk, vielleicht ist es im Keim erst 
vorhanden, aber wer die sozialen Krafte, die in unserem sozialen 
Organismus wirksam sind, richtig beobachtet, versteht dies. So 
ist es mit dem Rate-Gedanken auch in diesem speziellen Fall: 
Betriebsrate, Verkehrsrate und Wirtschaftsrate werden sich von 
selbst geltend machen. Nun haben wir zunachst damit nur eine 
Vorempfindung der Arbeiterschaft. Es handelt sich nun wirklich 
darum, daft die soziale Konstituierung der Betriebsrateschaft 
entstehen soli, dafi dafur nicht allgemeine Grundsatze aufgestellt 
werden konnen. Tatsachlich handelt es sich darum, dafi wir uns 
endlich gewohnen, Initiativen moglich zu machen, und solche 
Initiativen werden Sie in dem Augenblick haben, wo sie ent- 
fesselt werden. Sie brauchen iiberhaupt nichts anderes zu tun, als 
den Betriebsrategedanken popular zu machen - und darauf 
kommt heute sehr viel an. Dann wird sicher in den verschieden- 
sten konkreten Betrieben in der unterschiedlichsten Weise die 
Frage beantwortet werden mussen: Wie machen wir das? - Es 
kann in einem Betriebe so, in anderen anders gemacht werden, je 
nach den Zielen und Menschen. Wir mussen zu der Moglichkeit 
kommen, dafi aus den Betrieben heraus eine Betriebsrateschaft 
konstituiert wird, daft sich von den Betrieben absondert eine 
Betriebsrateschaft, die zwischen den Betrieben wirkt. Da beginnt 
eigentlich erst die Arbeit der Rateschaft. Die Frage, wie machen 
wir das, die mufken Sie im einzelnen Fall dann losen. Wir 
mussen nur den Gedanken im allgemeinen verstehen und im 
einzelnen Falle ausfiihren. 



Der ganze Tenor, den wir hier heute gehort haben, wir haben 
die Erfahrung gemacht, wir gewinnen kein Vertrauen -: das ist 
etwas, von dem ich glaube, dafi man in jedem einzelnen Fall, wenn 
man ihn untersuchen wiirde, dazu kame zu sehen, dafi die Sache 
doch noch anders angepackt werden miifite. Zuerst miifite man sich 
wirklich einlassen auf die voile Notwendigkeit, das Wirtschafts- 
leben auf seine eigenen Fiifie zu stellen. Bedenken Sie doch nur, 
wenn man das tut, dann ist doch blofi Ware und Warenerzeugung 
drin; man hat es dann ja gar nicht mehr mit dem Lohn zu tun. 
Gewifi, das kann nicht von heute auf morgen eingerichtet werden. 
Aber das versteht der Arbeiter, wenn Sie ihm sagen: Man kann das 
Lohnsystem nicht von heute auf morgen abschaffen. - Aber wenn 
die Tendenz dazu da ist, das Lohnsystem abzuschaffen, dem Arbei- 
ter wirklich seine Arbeitskraft in den Rechtsstaat hineinzuverlegen, 
so dafi dort uber sie entschieden wird - denn sie gehort nicht in das 
Wirtschaftsleben hinein -, dann steht blofi ein Vertrag iiber Ver- 
teilung zwischen Leitung und Arbeiter da. Das ist eine konkrete 
Sache, das mufi zunachst wirklich real werden, es mufi hineingetra- 
gen werden in jeden einzelnen Betrieb; dann kommt man mit den 
Leuten vorwarts. Dazu ist aber leider nicht der Wille vorhanden. 
Es ist zum Beispiel kein Verstandnis [bei den Unternehmern] dafiir 
vorhanden, dafi das Lohnsystem abgelost werden kann. Man be- 
trachtet das als eine conditio sine qua non des Wirtschaftslebens. 

Herr Dr. Riebensam: Ich sage, die Arbeiter haben wohl Betriebsrate [im 
Kopf, aber sie rechnen] nicht mit dem [grundsatzlichen] Ziel. [Dieses 
mufite man ihnen aufzeigen]. Sie tun das hier, indem Sie Vortrage halten. 

Rudolf Steiner: Nicht bei den Fiihrern [der Arbeiter], die denken 
in den alten Bahnen, die denken biirgerlich. 

Herr Dr. Riebensam: Gewifi mussen wir all diese Dinge der Arbeiter- 
schaft sagen, aber zuvor mufi ich mir selbst klar dariiber sein, ich raufi diese 
Gedanken nachdenken. Dann kann ich auch versuchen, mit den Arbeitern 
zu sprechen und sie zu beeinflussen. Aber da rndchte ich Sie fragen, ob 
Ihnen auch die Betriebsrate in den andern Fabriken bekannt sind? 



Rudolf Steiner: Ich kenne nur das System Molt, das ist aufgrund 
dieser Idee [iiber die Betriebsrateschaft eingefuhrt]. 



Emil Molt: Wir haben eines schdnen Tages, weil wir sahen, dafi ein Be- 
diirfnis vorliegt, die Leute einberufen, haben Ziel und Zweck erortert und 
dann gesagt: Es konnen in den Betriebsrat die Tiichtigsten hineinkommen, 
aber sie miissen wissen, dafi sie erst noch zu lernen haben. Diejenigen, die 
hereinkommen, miissen lernen vom ersten Tage an, aber unter Leitung. Sie 
miissen das lernen, was notwendig ist zur Fiihrung eines Betriebes. Es 
kommt das Vertrauen, die Leute sehen dann, dafi es nicht so leicht ist, einen 
Betrieb zu leiten, wie auch die Leute heute einsehen, dafi es nicht so leicht 
ist, eine Regierung zu machen. Die Leute begreifen dann, dafi der Direktor 
der erste Betriebsrat seines Geschaftes ist, weil er der einzige ist, der den 
Betrieb von unten herauf kennt. Dann arbeitet man mit den Leuten funda- 
mental Fragen durch, damit sie spiiren, so sind die Imponderabilien. 

Herr Dr. Riebensam: Wie viele Leute haben Sie in ihrem Betrieb? 

Emil Molt: Siebenhundert. 

Herr Dr. Riebensam: Mit wem soli ich mich zusammensetzen? 
Emil Molt: Die kommen von selbst. 

Dr. Carl Unger: Ich konnte einige, wenn auch nur spezifische Erfahrun- 
gen beitragen, weil es sich bei meinem Betrieb um Metallarbeiter handelt, 
die haben eine etwas andere Mentalitat als die andern Arbeiter. Meine Er- 
fahrungen gehen dahin, dafi wir ein Programm aufgesetzt haben, das an 
und fur sich kein Programm ist, sondern es geht blofi darum, die Grund- 
ziige fiir eine Betriebsrateschaft zu erarbeiten, ehe die Regierung kommt, 
weil sonst nichts draus wird. Sie haben gesagt, Sie halten es fiir wesentlich, 
dafi der Betriebsrat Verbindung nach aufien sucht, sich in Verbindung setzt 
mit andern Betriebsraten. Die Voraussetzung war der damals erschienene 
Aufruf, der in unserem Betrieb zirkulierte. Bei all den moglichen Fragen, 
die jetzt hier erortert wurden, wurde stets nach dem Gesichtspunkt der 
Dreigliederung gesucht. [In unserem Betrieb waren wir aber gezwungen], 
es nach der alten Weise zu machen - das gehort aber eigentlich nicht hier 
herein. [Die ganze Sache mit den Betriebsraten] mufi vom Rechtsstand- 



punkt aus gemacht werden. [Und es ist eigentlich auch gut, wenn] die 
Leute nach der Dreigliederung fragen, denn auf diese Weise werden sie 
instruiert, und geben ihr Wissen in ihrem Kreis weiter, denn die Dreiglie- 
derungs-Idee ist etwas, was von Mann zu Mann wirken mufi. 

Dr. Fritz Elsas: Herr Dr. Schmucker hat zunachst die Frage an Herrn 
Dr. Steiner gerichtet, was er tun wiirde, wenn er nunmehr gemafi der Re- 
solution der Arbeiter in die Regierung berufen worden ware. Ich mochte 
rein personlich, nicht politisch sprechen, denn vom politischen Standpunkt 
aus hake ich dieses Verlangen nicht fur glucklich, und zwar deshalb nicht, 
weil es nichts anderes bedeuten wtirde, als das Verlangen an die Regierung 
zu richten, sich selbst abzusetzen. Denn eine solche Regierung wird, ohne 
sich selbst zu desavouieren, den Vertreter der neuzeitlichen Gedanken 
nicht berufen, ohne abzudanken. Da das nicht zu verantworten ware und 
da eine solch bedeutende Bewegung nicht entstehen sollte mit etwas, was 
[von vornherein] keinen Erfolg hat, so habe ich diese Bedenken nie ver- 
hehlt und bedaure, dafi eine solche Resolution iiberhaupt beschlossen 
wurde. Allerdings sollte uns das nicht davon abhalten, aus diesem nicht- 
richtigen Verlangen das herauszuschalen, was zweckmafiig ist. Soviel ich 
weifi, sitzt Dr. Schmucker im Arbeitsministerium. Wir haben wahrend dem 
Krieg und nachher Minister bekommen, die friiher nicht da waren; das sind 
Zeichen, daft der alte Beamtenstaat, der alte Lakaienstaat nicht Meister 
geworden ist dieser ungeheuren, seit 60 Jahren aufkommenden Wirtschaft, 
die andere Formen suchen mufi, ob wir wollen oder nicht, weil diese For- 
men jetzt tatsachlich ein Fiasko erlitten haben. Die Staaten haben selbst 
gezeigt, dafi es unmoglich ist, wenn sie sich in der Weise zu Wirtschafts- 
staaten aufbauen. Das ist der Sinn dieser Katastrophe. 

Nun sind alle Herren mit vollem Recht, besonders Herr Dr, Riebensam, 
davon ausgegangen, dafi wir in einer ungeheuer schweren Situation sind, 
bei der das ganze Gebaude zugrundegehen kann. Wir sind in einem Uber- 
gangsstadium und miissen zunachst auf dem Gebiet bleiben, welches Ak- 
tualitat hat und das sofort in Angriff genommen werden mufi. Das sind 
nicht geistiee Fraeen, sondern wirtschaftliche. Herr Molt hat das Vertrauen 
seiner Arbeiter erworben; die sind aber nicht von der Struktur der Metall- 
arbeitcr. Diese sind tatsachlich - wie wir horen - schon auf dem Stand- 
punkt des Nihilismus angelangt, der die scharfsten Gefahren fur Wiirttem- 
berg herbeifiihrt. Eine dieser Gefahren liegt darin, Herr Dr. Riebensam, 
dafi Sie die Sache zu scharf vom rem mdustriellen Standpunkt ansehen, weil 



Sie vergessen, dafi das Land Wiirttemberg doch nicht blofi die 8 000 [Daim- 
ler-] und die 5 000 Bosch-Arbeiter hat, sondern auch Bauern. Und wenn 
die kommen, dann haben wir den Biirgerkrieg. Was dann geschehen soli, 
das weifi ich nicht. 

Die Frage stellt sich: Wenn die Arbeiter unbegriindet MajRloses verlan- 
gen, nicht allein die Arbeiter, sondern auch das Beamtentum, wenn sie sich 
auf den blofien Konsumentengesichtspunkt stellen, [was geschieht dann]? 
Wir nriifiten den Versuch machen und den Arbeitern nun sagen im Sinne 
der Dreigliederung: Ihr Metallarbeiter - und zwar samtlicher Betriebe -, 
geht jetzt einmal zusammen, bildet eine Produktionsgenossenschaft - das 
ist etwas ganz Neues -, Sie bringen alle Sacheinlagen Ihres Betriebes mit, 
Ihre Arbeitskraft, und es entsteht eine neue Organisation. Ich will nicht 
sagen, dafi das notig ist, aber ich kann mir denken, dafi der Arbeiter dafiir 
zu gewinnen ist, fur die Abschaffung des Lohnes als Aquivalent der Arbeit 
einzutreten, ohne dafi man eine letztgiiltige Entscheidung zu treffen 
braucht, denn ein einzelner Staat kann den Lohn fast nicht abschaffen. 
Wenn nun diese Betriebe, die in Wiirttemberg von Bedeutung sind, einen 
solche Produktionsgenossenschaft zusammenstellten und dadurch die Ar- 
beiter beruhigt wiirden, hatten wir Zeit gewonnen fur die Durchftihrung 
der Ideen Dr. Steiners. Dieser Zusammenschlufi ware ein organisierter 
Zusammenschlufi, der in irgendwelchen Rechtsformen sich aufiert. Das 
konnte bei Ihnen, Herr Dr. Riebensam, anders organisiert sein als in Klein- 
betrieben. 

Und nun die andere Frage: Kann ein kleiner Staat, ein mittlerer Staat wie 
Wiirttemberg, das einem abgeschlossenen Wirtschaftsgebiet [mit eigenem 
Geld angehort], iiberhaupt eine derartige Gliederung fur sich bilden? Wird 
das Ausland derartigen Genossenschaften Rohstoffe liefern? Die Gefahr 
liegt darin, dafi die auslandischen Staaten, die viel groiKere und starkere 
«Kapital-Staaten» sind als Deutschland im Augenblick, zum Entschlufi 
kommen werden, mit einem derartigen Gebilde nicht in Wirtschaftsbezie- 
hungen zu treten. Wir konnen uns aber selbst nicht ernahren. Also die 
Frage mufi gepriift werden: Wo beginnen wir mit diesen Organisationen? 

Rudolf Steiner: Nicht wahr, es wiirde vielleicht zu weit fiihren, 
wenn ich auf Einzelheiten der vorherigen Zusammenfassungen 
eingehen wollte, ich will lieber auf die Fragen eingehen. 

Als eine besondere Verwirklichung desjenigen, was mit der 
Dreigliederung gemeint ist, wiirde das noch nicht gelten konnen, 

AQ 



wenn meinetwillen alle Metallarbeiter Wiirttembergs in der Weise 
behandelt wiirden, wie Sie gesagt haben, obwohl es sich formal 
durchaus durchfuhren liefie. Aber ich mufi, wenn ich von der Drei- 
gliederung spreche, ausdriicklich betonen, dafi ich eine einseitige 
Abgliederung des Wirtschaftslebens vom Staatsleben unter Verblei- 
ben des geistigen Lebens beim Staatsleben fur das Gegenteil des 
Erstrebten ansehe, weil ich eine Zweigliederung fur ebenso schad- 
lich wie eine Dreigliederung fur notwendig halte. Wenn durch 
solche Dinge ein einzelner Wirtschaftszweig abgegliedert wiirde, 
wiirde ich das durchaus nicht als im Sinne der Dreigliederung an- 
sehen. Es konnte sich allerdings formell in einem sozialen Organis- 
mus, der nach der Dreigliederung hinarbeitet, so etwas auch voll- 
ziehen. Nun, nicht wahr, es wiirde ja auch eine grundsatzliche 
Probe aufs Exempel abgeben, wenn man solche Dinge ins Auge 
fassen konnte. 

Als Einzelheit mochte ich nur bemerken, dafi die Abschaffung 
des Lohnes, konsequent durchdacht, durchaus nicht zu der An- 
schauung fuhrt, dafi ein einzelner Staat den Lohn nicht abschaffen 
kann, weil das Verhaltnis der Wirtschaft in einem solchen Staate, 
der den Lohn abschafft, zur gesamten wirtschaftenden Aufienwelt 
sich gar nicht zu andern braucht. Ob im Innern der Arbeiter im 
Sinne des wirtschaftlichen Liberalismus zu seinem Einkommen 
kommt oder ob er in einer anderen Form dazu kommt, zum Bei- 
spiel aus dem Ertragnis dessen, was er hervorbringt, fur das er 
bereits Kompagnon ist mit dem Leiter, das andert nichts an den 
sonstigen Wirtschaftsbeziehungen nach aufien hin. Es ist also nicht 
richtig, da£ ein einzelner Staat den Lohn nicht abschaffen kann. 
Ebensowenig aber ist die Ansicht aufrechtzuerhalten, dafi ein 
Kleinstaat oder ein Grofistaat fur sich diese Sache nicht durchfuh- 
ren kann. Im Gegenteil, in einem Klein- oder Grofistaat konnen Sie 
gewifi nicht sozialisieren in dem Sinne, wie die alten Sozialisten 
gedacht haben. Ich glaube iiberhaupt, daft Sozialisieren im Sinne 
der alten Sozialisten zu nichts anderem fiihren kann als zur abso- 
hiten Abschniirung und Einscliniirang ernes c-inzelr.cn Wirtschafts- 
gebietes. Zieht man die auftersten Konsequenzen aus der alten 



Sozialisierung, so ist eigentlich im Grunde genommen ein einzelnes 
Wirtschaftsgebiet nichts anderes als das, was von einem einzelnen 
Hauptbuch beherrscht wird. Damit konnen Sie niemals zu einer 
positiven Handelsbilanz kommen, sondern nur zu einer allmah- 
lichen, volligen Entwertung des Geldes. Dann konnen Sie das Geld 
abschaffen. Dann hort die Moglichkeit einer aufieren Verbindung 
iiberhaupt auf. 

Also alle diese Dinge sind die Grundlage dafur gewesen, an diese 
Dreigliederung zu denken, weil sie die einzige Moglichkeit gibt, 
dafi jedes einzelne Gebiet, das Wirtschafts-, das Rechts- und das 
Geistesgebiet, die Sache durchfuhren kann. Die Beziehungen nach 
aufien hin werden sich in keiner anderen Weise andern, als dafi es 
nicht mehr moglich sein wird, dafi zum Beispiel die politischen 
Mafinahmen die Wirtschaft storen. Es wird das Wirtschaftsgebiet 
nach aufien wirtschaften, und es werden nicht mehr die Dinge 
auftreten konnen, die zum Beispiel im Bagdadbahn-Problem alle 
drei Interessen in einen Knauel zusammengedrangt haben, so dafi 
zum Schlufi das Bagdadbahn-Problem zu einer der wichtigsten 
Kriegsursachen geworden ist. Da sehen Sie diese drei Dinge zusam- 
mengeschmirt. 

Ich mache noch einmal darauf aufmerksam, dafi die Dreiglie- 
derung aufienpolitisch gedacht ist, also gedacht worden ist, um 
die Moglichkeit zu bieten, uber die politischen Grenzen hinaus 
nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten das Wirtschaftsleben 
zu betreiben, so daE ihm niemals das politische Leben ins 
Gehege kommen kann. Das heifit, es wurden auf den Gebieten, 
die die Dreigliederung nicht durchfuhren, die Schaden da sein, 
aber es lage zunachst fur das [abgegliederte] Wirtschaftsleben 
kein eigentlicher Grund vor, dafi das Ausland sich nicht auf 
[wirtschaftliche Beziehungen] einliefie, wenn sonst das Wirt- 
schaftliche sich rentiert fur das Ausland. Davon wird es ja nur 
abhangen, selbst wenn ein Wirtschaftsgebiet nicht unabhangig 
ist, wenn es ganz vom Politischen impulsiert ist; denn alle diese 
Dinge, die das Ausland beriihren, werden nicht beriihrt von der 
Dreigliederung. 



Heute besteht die grofte Sorge: Nehmen wir einen konkreten 
Fall an. Nehmen wir an, Bayern wiirde seine Sozialisierung jetzt 
durchfiihren, dann wiirden mit einer solchen burokratisch-zentra- 
listisch gedachten Sozialisierung eine ganze Menge von freien Ver- 
bindungen von inlandischen Betrieben mit der auslandischen Indu- 
strie alle unmoglich gemacht, untergraben. Dagegen wird durch die 
Dreigliederung die Arbeitskraft herausgenommen aus dem Wirt- 
schaftsgebiet, was also dem Arbeiter die Mdglichkeit gibt, als freier 
Kompagnon dem Arbeitsleiter gegeniiberzutreten. Dadurch aber 
kommt der Arbeiter dazu, wirklich den Anteil haben zu konnen, 
der sich innerhalb des Wirtschaftsgebietes ergibt, wenn man nicht 
mehr alles durcheinanderbringt. Man hat heute eigentlich nicht 
mehr objektive Preise, sondern man hat da drin das Lohnverhaltnis 
im Wirtschaftsleben. Nehmen Sie dieses heraus, so haben Sie auf 
der einen Seite die Beunruhigung durch die Arbeiter herausgenom- 
men. Und nehmen Sie jetzt [auf der anderen Seite] heraus das 
Kapitalverhaltnis, dadurch, daft Sie den geistigen Organismus da 
haben, der immer zu sorgen hat fur die Fahigkeiten derjenigen, die 
da sein sollen, um die Betriebe zu leiten. So haben Sie die zwei 
hauptsachlichen Steine des Anstoftes aus dem Wirtschaftskorper 
herausgenommen, und Sie haben doch nicht etwas tangiert, was 
sich im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland abspielt. Daher ist 
kein Grund vorhanden, daft das Ausland sich ablehnend verhalt, 
denn es verliert nichts, es kann das Wirtschaftsleben betreiben 
genau wie fruher. 

Diese Neuordnung [durch die Betriebsrateschaft] ist gerade 
unter dem Gesichtspunkt des Wirtschaftslebens gedacht. Wenn an 
Deutschland gedacht wird, werden eine ganze Unsumme von 
feinen Faden, die mit dem Ausland bestehen, sich mit einem Schlag 
organisieren, aus alien Betrieben. Man kann tatsachlich nichts an- 
deres tun, als eine Umschichtung vornehmen im sozialen Leben, 
die es moglich macht, daft in der Zukunft tatsachlich Ware durch 
Ware sich reguliert, so daft ein genauer Index dasein wird, um den 
sich die Waren gruppieren in ihrem Wert. Dadurch wird die Mog- 
lichkeit geschaffen, daft das, was der einzelne produziert, den Wert 



hat, welchen alle die Produkte haben miissen, die er braucht zu 
seiner Lebensgestaltung. Bei unserem arbeitsteiligen Organismus 
mufi alle Sozialisierung ja darauf hinauslaufen, dafi das, was der 
einzelne Mensch produziert im Verlauf des Jahres, gleichkommt 
dem, was er braucht fur seine Lebenserhaltung. Werfen wir heraus 
das Lohn-, das Kapitalverhaltnis, dann kriegen wir das reine Wa- 
renverhaltnis. Das ist allerdings etwas, was ganz durchzudenken 
man sich entschliefien mull. In dem Augenblick wird man finden, 
dafi das ganz leicht ist. 

Dr. Fritz Elsas: Ich bin nicht dagegen, dafi der geistige Organismus sich 
selbst verwaltet; ich sage nur, das wird langer dauern und ist nicht 
dringend. 

Rudolf Steiner: Es ist deshalb dringend, weil wir die Notwendig- 
keit haben, eine Grundlage zu schaffen gerade fur die Erziehung 
von geistigen Arbeitern, die wir mit unserem jetzigen staatlichen 
Geistesleben nicht hervorbringen. Das ist ja heute das Schreckliche, 
dafi unser staatlich gestempeltes Geistesleben dem wirklich prakti- 
schen Leben ganz fern steht. Selbst an den Hochschulen werden 
die Leute so ausgebildet - sie werden nicht praktisch, sondern nur 
theoretisch ausgebildet -, dafi sie nicht im Leben drinstehen. Nicht 
wahr, ich denke mir zum Beispiel dieses Schulwesen in der Zukunft 
so, dafi der Praktiker, der in der Fabrik, im Betrieb steht, sich 
besonders eignen wird als Lehrer, und eventuell, so denke ich, 
diese [Lehrer] fortwahrend im Wechsel [zwischen Schule und 
Betrieb]. 

Herr Dr. Stadler: Ich bin durch einen Zufall heute hierhergekommen, 
und ich mochte mir erlauben, als Gast meine Meinung zum Ausdruck zu 
bringen. Das, was Sie hier tun, wird zur Zeit in vielen Teilen Deutschlands 
an alien Ecken und Enden in ahnlicher Weise auch gemacht. Was ich in 
Berlin zur Zeit erlebe, ist ein unerhortes geistiges Ringen des deutschen 
Volkes mit den Problemen der Revolution. In Berlin sind massenhaft Zir- 
kel, Organisationen, Vereinigungen, lose Gruppierungen, die alle in ahn- 
licher Weise wie Sie heute Abend zusammentreten und uber diese Sache 
sprechen. Wir erleben namlich in Deutschland nicht nur den politischen 

CI 



und wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern die geistige Aufldsung des 
ganzen alten Systems. Und bei diesem Zusammenbruch ist das deutsche 
Volk schon wieder so weit, dafi es seinen selbstandigen Weg zu gehen 
versucht. Die Praktiker machen den Theoretikern. Schwierigkeiten und 
durchkreuzen mit ihren praktischen Fragen deren Ziele. Sie haben auch 
recht, denn sie leben in der Praxis. Die Schwierigkeit besteht uberhaupt 
darin, dafi in ganz Deutschland Fernziele aufgestellt werden, zu deren Ver- 
wirklichung ein bis zwei Generationen Arbeit notig waren, wahrend wir 
mitten im tatsachlichen Zusammenbruch stehen. Wenn ich im Gegensatz 
zu Rudolf Steiner und anderen feststelle, dafi Herr Dr. Steiner einen Ge- 
danken eigentlich ausgedacht hat, dem ein grofier Teil der Anwesenden 
gefiihlsmajSig zustimmen kann, mit dem sich aber die reinen Praktiker nicht 
begnugen konnen - ich sage Praktiker, weil der eine Regierungsrat [Herr 
Dr. Schmucker], der andere ein Spitzenunternehmer [Herr Dr. Rieben- 
sam] ist -, denn die miissen sich fragen: Wie ist der Weg morgen, denn 
damit kommen wir nicht weiter? Die Losung wird nicht [so einfach] gefun- 
den werden konnen; sie ist so aulSerordentlich kompliziert, daft man mit 
einem Gedankensystem im Irrealen verbleibt und es fur die Losung realer 
Fragen nicht mehr pafit. Alle diese Aktionsprogramme stolen immer 
wieder auf den oder jenen Widerstand bei Industriellen, Politikern und 
Juristen. Das Gliickliche in Deutschland ist, dafi uberhaupt gedacht und 
gesucht wird im Gegensatz zu Rufiland, wo wahrend der ganzen Revolu- 
tions zeit eigentlich nicht gedacht worden ist. So ist Rufiland tatsachlich im 
Untergang - staatlich und wirtschaftlich. Ich vermute, dafi es uns in 
Deutschland trotz der vielen geistigen Bemiihungen auch so gehen wird, 
weil der Gang der Dinge es uns unmoglich macht, rechtzeitig zur politi- 
schen Synthese zu kommen. Es gibt eben Theoretiker, die an irgendeinem 
System festhalten, wahrend es Praktiker gibt, die bremsen; es kann also nur 
mit Gewalt geschehen, weil zwischen den zwei Extremen die deutsche 
Politik sich nur noch treiben und alles geschehen lalk. Unsere Parteipo- 
litiker haben vom Geistigen keine Ahnung. Ich habe die Ehre, fuhrende 
Staatsmanner personlich zu kennen. Ich gehe mit dem traurigen Glauben 
davon, daft sie nichts vom dem Geiste der Zeit in sich haben, nichts vom 
Glauben an die Zukunft in sich tragen und nur iiberlegen, wie sie von heute 
auf morgen gerade noch sich am Ruder halten. 

Sie mulken sich aber iiberlegen, ob es nicht Moglichkeiten gibt, das, was 
Sie hier versuchen, moglichst schnell in Verbindung mit ahnlichen Bestre- 
bungen zu setzen, die in ganz Deutschland getatigt werden, darnit Sie sich 



nicht isoliert vorkommen. Es ware richtig, wenn Sie sich dessen bewuiRt 
waren, dafi Deutschland nicht der kleine Kreis ist, der hier augenblicklich 
versammelt ist. Wenn es nicht gelingt, eine Phalanx zu bilden, ist dieser 
Versuch, weil er nur ein lokaler sein kann, zum MifSerfolg verurteilt. Sie 
konnen nicht in Wiirttemberg etwas gestalten, die Dreigliederung vorneh- 
men, wenn ganz Deutschland zum Teufel geht. Sie konnen nicht Betriebs- 
rate einfuhren, wenn die gesamte Politik nicht mitkommt. Entweder Sie 
schliefien sich zu einer geistigen Erneuerungsbewegung zusammen und 
verzichten, auf die Realpolitik des Tages einzugehen - Sie haben dann in 
Kauf zu nehmen Untergang, Chaos -, oder Sie wollen nicht nur eine Er- 
neuerung anstreben, sondern zugleich auch praktisch, realpolitisch fur heu- 
te, morgen wirken, dann rmissen Sie mit all den gleichgerichteten Kraften 
des deutschen Volkes eine Phalanx bilden und Zugestandnisse an die Rea- 
litaten des Lebens machen. Das heifit, Sie miissen [zum Beispiel] beginnen, 
ein ganz konkretes Betriebsratesystem auszuarbeiten, konkrete auftenpo- 
litische Vorschlage zu machen. Entschuldigen Sie, wenn ich als Auftenste- 
hender kritisiere, aber ich meine es gut mit Ihnen und mit dem deutschen 
Volk, an dessen Erhaltung mir gelegen ist. 

Herr Jaeger: Ich mochte mich kurz fassen. Ich habe in der Diskussion 
den Eindruck gewonnen, dafi ziemlich allgemein die Tendenz nach der 
Frage hingeht: Wie beschreiten wir zunachst praktisch den Weg, der zu 
dem Ziel fuhrt, wie es uns Herr Dr. Steiner vor Augen fiihrt? Diese Frage 
beschaftigt uns alle. Wenn nun schon die Schaffung der Betriebsrate, wie 
sie Herr Dr. Steiner fordert, so viel Schwierigkeit macht, so miissen wir 
nicht vergessen, dafi damit erst ein ganz kleiner Anfang gemacht ist. Wir 
brauchen, um das Wirtschaftsleben zu gestalten, nicht nur Betriebsrate fun- 
die Fabriken, sondern ein ganzes Ratesystem iiberhaupt. Aber wenn wir 
heute davon sprechen, so miissen wir doch nun dariiber klar sein, dafi noch 
gar kein Ratesystem existiert, denn was bei uns bis jetzt von den Raten 
praktiziert wurde, ist ja eben noch gar kein System; es ist Systemlosigkeit. 
Wir miifiten zunachst einzelne Fragen besprechen und uns jetzt schon 
bemuhen, einen Anfang zu machen und mit diesen Raten beginnen. 

Und nun eine konkrete Frage: Es ist sehr viel von dem Vertreter der 
Daimler- Werke iiber den dortigen Betriebsrat und iiber das Verhaltnis zu 
den Arbeitern gesprochen worden. Herr Dr. Riebensam hat die Frage ge- 
stellt, wie er vorgehen solle, um mit den Arbeitern bei Daimler richtig in 
Fiihlung zu kommen und das Vertrauen dieser Arbeiterschaft zu gewinnen. 



Ich meine, wenn man zu einem groiRen Ziel kommen will, man erst im 
kleinen schauen mufi, indem man wie Herr Molt einen praktischen Schritt 
tut. [So mochte ich fragen]: 1st es denn nicht moglich, wenn Herr Dr. 
Steiner gemeinsam mit den Herren, die diese Anregung wiinschen, sich 
selbst praktisch bei der Arbeiterschaft der Daimler-Werke betatigen wiirde, 
um durch dieses erreichte Ziel andere anzuregen? Wir brauchen nicht nur 
das Vertrauen der Arbeiter, sondern auch das Entgegenkommen der In- 
dustriellen, der Betriebsleiter, die [solchen Dingen zunachst] ablehnend 
gegenuberstehen. 

Rudolf Steiner: Auf diese Frage kann nur geantwortet werden, 
wenn nun wirklich dieser praktische Versuch gemacht werden 
konnte - er konnte gewifi gemacht werden -, aber ich mochte 
meinen, man rmilke ja erst drinnen sein in den Daimler- Werken. 

Ein Diskussionsredner: Wenn man drinnen ist, fehlt es eben am Vertrauen, 
das ist die Schwierigkeit. Leitende Personlichkeiten haben es schwer, Ver- 
trauen zu gewinnen. Die, die von der Arbeiterschaft gewahlt sind, werden ja, 
wenn sie mit der Direktion sich verstandigen, wieder bekampft. Es handelt 
sich darum, den Arbeitern zu erklaren: Durch diese Dreigliederung konnen 
wir zu praktischen Zielen kommen; wir wollen nur Verbindungsglied sein, 
um euch zusammenzubringen, um euch den Weg zu zeigen. 

Rudolf Steiner: Das lafit sich nur so ausfuhren, dafi man zum 
Beispiel die Arbeiterschaft gewinnen wiirde fur das Verstandnis 
eines gemeinsamen Zieles, das sich ausfuhren lafit aufierhalb der 
Mauern des betroffenen Betriebes. Wiirde man weitergehen wollen 
- und dadurch wurde es erst einen Zweck haben; es mu£te ja 
moglich sein, zu diesem Ziel die Arbeiter hinzufuhren -, miiike 
man versuchen, auch irgendwie selber etwas zu realisieren. Das 
wiirde lediglich dahinfiihren, dafi einen die Betriebsleitung der 
Daimler-Werke herauswerfen wiirde. Mir wurde gesagt, es sei doch 
hochst eieentiimlich, dafi ich das Vertrauen der Arbeiterschaft be- 
komme, und ich wiirde es eigentlich ganz anders machen, als es 
sonst gemacht wird. Dieses Anders-Machen beruht darauf, dafi ich 
im Grunde genommen den Arbeitern nichts verspreche, sondern 



ihnen nur die Vorgange erklare und dergleichen. Das ist der grofie 
Unterschied: Tatsachlich, ich verspreche nichts - ich kann ja das bis 
zu dem Grade auch mit den Arbeitern der Daimler- Werke wirklich 
so machen, wie ich es jetzt tue -, versprechen kann ich nichts, weil 
ich bestimmt weifi, dafi ich mit Versprechungen von der Betriebs- 
leitung hinausgeworfen werde. Wir diirfen nicht vergessen, heute 
handelt es sich nicht um irgendwelche nebelhaften Abstraktionen 
wie «ganz Deutschland» oder «das, was zusammenfallt», sondern 
es handelt sich darum, dafi tatsachlich der einzelne Punkt zum 
Verstandnis gebracht wird, dafi von dem einzelnen Punkt aus ge- 
arbeitet wird. Wiirde nur einmal in einem einzelnen Punkte ein 
wahres Verstandnis fur die in den wirklich realen Verhaltnissen 
liegenden Forderungen und ihre Befriedigung erweckt, so wiirde 
nicht immer wiederum das Vorurteil aufkommen: Das ist etwas 
allgemein Idealistisches, das hat mit Praxis nichts zu tun. - Wiirde 
man sich die Miihe nehmen, den eigentlich praktischen Impetus 
dieses nicht Gedanken-, sondern Lebensprinzips zu studieren, 
dann wiirden wir weiterkommen. Das, was uns heute schadet, ist, 
dafi man dieses sogenannte System, das kein System ist, sondern 
wirklich etwas anderes, was im realen Leben fufk, an alien Ecken 
und Enden blofi als Gedankensystem nimmt. Ich kann nichts an- 
deres tun, als was in realen Verhaltnissen begriindet ist. Darin ware 
aber heute schon begriindet der richtige Impetus, die gesamte Ar- 
beiterschaft der Daimler- Werke zu gewinnen. Der nachste Schritt 
miifite aber der sein, zu etwas zu kommen in Gemeinschaft mit der 
Betriebsleitung. Die wiirde einen aber hinausschiefien. Und das 
macht es unmoglich fur den, der aufierhalb steht, etwas zu realisie- 
ren. Es kommt darauf an, dafi wir daran arbeiten, diese Dinge zum 
wirklichen Verstandnis zu bringen. Dann wird es weitergehen. Ich 
glaube aber nicht, dafi wir mit blofien Abstraktionen weiterkom- 
men. Das ist auch eine Abstraktion, wenn man sagt, es solle der 
praktische Versuch gemacht werden, solange gar kein Boden da ist 
dafiir. 

Herr Jaeger: Ich mufi darauf beharren, dafi, wenn das Verstandnis der 
Arbeiter gewonnen ist, die Direktion die Personlichkeit nicht hinausschie- 



fien wiirde, sondern wenn die Personlichkeit das Vertrauen gewonnen hat, 
dann wiirden diese Vorschlage von beiden Teilen aufgenommen werden. Es 
handelt sich hier nicht um Versprechungen, sondern nur darum, dafi der 
Betriebsrat zuerst eine Einigung unter der Leitung und eine Verstandigung 
zwischen der Leitung und der Arbeiterschaft erzielt. 

Rudolf Steiner: Die ganze Sache ist aussichtslos, wenn nicht Ver- 
standnis vorhanden ist fur die wirkliche Dreigliederung. Dieses 
Verstandnis finden Sie heute in der Regel bei der Arbeiterschaft, 
aus dem Grande, weil diese Menschen nicht hangen an irgend 
etwas, was heruberreicht aus alten Verhaltnissen, sondern nichts 
anderes besitzen als sich selber und ihre Arbeitskraft. Allerdings 
fehlt dieses Verstandnis bei den anderen [Menschen] heute noch, 
die werden vielleicht doch erst dadurch, dafi sie unter die Rader 
kommen, gezwungen werden, von dem abzulassen, was nur im 
Hangen an den alten Verhaltnissen besteht. Sie finden heute tat- 
sachlich bei der Arbeiterschaft ein weitgehendes Verstandnis fur 
die Dreigliederung, wenn auch die Fiihrer der Arbeiterschaft 
durchaus nicht im Sinne eines fortschrittlichen Denkens denken 
konnen, sondern im Grunde genommen viel burgerlicher denken 
als das Burgertum. 

Wenn die Leute sagen, ja, diese Dinge kann man nicht verstehen, 
sie sind zu abwegig, dann riihrt das davon her, dafi die Leute ver- 
lernt haben, aus dem Leben heraus eine Sache zu verstehen. Bei 
diesen Dingen, die aufs Leben gehen, da mussen die Menschen mit 
Erfahrungen des Lebens antworten. Heute antworten sie nur mit 
dem, was sie aus Parteiurteilen und -begriffen heraus haben. Wenn 
aber jemand nichts davon hat, sondern nur das, was aus der ganzen 
Breite des Lebens heraus ist, dann sagt man: das ist unpraktisch, 
das antwortet nicht auf einzelne Fragen, man hatte gerne einzelne 
konkrete Fragen beantwortet. Meine «Kernpunkte» sind nicht 
geschrieben worden, um [die soziale Frage] ins Theoretische oder 
Philosopliische zu ! en ken, sondern um irgendwo anzufangen, 
Wenn man anfangt, wird man sehen, dafi es weitergeht. 

Herr Dr. Riebensam: Ich denke nicht, dafS Herr Dr. Steiner von mir hin- 
ausgeworfen wiirde - naafigebend bin ich, aber die kaufmannische Leitung 

£7 



hat auch etwas zu sagen wahrscheinlich wiirde aber der jetzige Arbeiter- 
ausschuft Herrn Dr. Steiner hinauswerfen. Es erscheint so, als hatte ich mit 
meinen realen Bedenken die Ideen Herrn Dr. Steiners durchkreuzen wol- 
len. Das war nicht das Ziel und die Absicht meiner Erklarung. Ich wollte 
nur die ganze Sache hier erortern. Meine Ansicht ist die, daft wir heute 
irgendeinen Weg brauchen, um den Kampf mit der Arbeiterschaft mog- 
lichst zu vermeiden. Nun ist es eine Tatsache, daft Herr Dr. Steiner heute 
bei einer groften Zahl von Arbeitern Vertrauen errungen hat. Und das 
diirfte in Stuttgart genug sein, um weitere Schritte einzuleiten. Damit 
konnte auch der Weg gegeben sein, der vielleicht ohne Kampf eine Weile 
weiterfuhrt. Die Arbeiterschaft ist bereit mitzugehen, sogar mit den Be- 
triebsleitern. Es ware sehr verfehlt, einen soichen Weg nicht zu verfolgen. 
Das ist meine personliche Ansicht. 

Herr Reitz: Wie laftt sich das machen? 

Emil Molt: Um das zu beantworten, dafiir sind wir zusammengekommen. 
Nachdem Herr Dr. Riebensam ein bedeutsames Wort ausgesprochen hat, 
nachdem der Weg klar vorgezeichnet ist, wie sich zwei Klassen zusammen- 
finden zu einem Menschentum, nachdem diese klaren Wege hier vor- 
gezeichnet sind, liegt es nun an jedem einzelnen, den Weg auch wirklich zu 
beschreiten. Der Tod bei all diesen Sachen ist immer der, daft viel mehr 
geredet als getan wird. Herr Dr. Stadler hat recht, wenn man nur zusam- 
menkommt und redet, ohne zur Tat zu schreiten, dann eilt die Zeit so, daft 
die Ereignisse liber uns hinweggehen. Wir sind alle der Meinung, daft in 
drei bis vier Wochen der grofte Zusammenbruch kommt, wo wir mit der 
Tat bereitstehen mtissen, um das Neue zu verwirklichen. Dazu brauchen 
wir ja jeden einzelnen Menschen, so daft die Gedanken auch in dem tag- 
lichen Leben stiindlich und minutlich in die Tat umgesetzt werden konnen. 
Deshalb bitten wir Sie sehr darum, im Interesse des Volkes, der Mensch- 
heit, nicht nur zu fragen, wie denkt Herr Dr. Steiner dariiber, sondern daft 
jeder einzelne sich ganz klar dariiber ist, daft in ihm selber der Weg vor- 
gezeichnet liegt und er ihn bloft beschreiten muft. An diesem Nichtbe- 
schreiten ging das alte Deutschland zugrunde und wird das gegenwartige 
Deutschland zugrundegehen. Ich glaube, wenn wir heute nach Hause 
gehen, sollten wir es tun mit dem festen Entschluft, iiberzugehen von den 
bloften Erwagungen zu dem Handeln, auch wenn es nicht vollkommen sein 
kann - ein unvollkommenes Handeln ist noch besser als ein ganz gescheites 
Denken, mit dem wir nur wieder an der Oberflache bleiben und nicht die 



Dinge in der Wirklichkeit umgestalten, denn um die Umgestaltung der 
Dinge handelt es sich heute. 

Vielleicht besteht noch das Bediirfnis, sich zu der kulturellen Seite der 
Probleme zu aufiern. Dazu mochten wir bald Gelegenheit schaffen; viel- 
leicht konnten einzelne Gebiete getrennt oder gemeinschaftlich bearbeitet 
werden. Dariiber hatte ich gerne Ihre Meiming gehort, damit wir mit einem 
Ergebnis heimgehen konnen. 

Herr Dr. Weiss: Ich bin sehr dafiir, dafi eine Aussprache in diesem Sinne 
fortgesetzt wiirde. Ich fande es aber besser, wenn die einzelnen Gebiete 
nicht getrennt bearbeitet wiirden; es ist fur uns, die wir weder Unterneh- 
mer noch Handwerker sind, wichtig, dafi wir in alle Fragen hineingehen. Es 
sollte die Moglichkeit geschaffen werden, dafi alle Fragen zusammen be- 
arbeitet werden, auch auf die Gefahr hin, daft sich die Reihen lichten. Wir 
sollten nicht nur sprechen, sondern auch versuchen, durch die Presse zu 
wirken. So sollten wir einen ganz lose gefugten Presseausschufi haben, der 
in den verschiedenen Parteiorganen, nicht um die Polemik anzuheizen, 
Stellung nimmt. Es mufite auch ein besonderes Organ des Bundes fur 
Dreigliederung bereit sein, die Manuskripte zu uberpriifen, ehe man sie an 
die betreffende Redaktion schickt, damit nicht das spatere Vorgehen er- 
schwert wird. Es soil natiirlich der Bund fur Dreigliederung nicht die freie 
Meinungsaufierung einschranken, aber wir miissen so etwas schaffen; jeder 
soil seine Beziehungen zur Presse dazu beniitzen, in den betreffenden 
Fragen Stellung zu nehmen, aber die Artikel sollten vorher eingeschickt 
werden, damit wir konzentrisch vorgehen konnen. 

Emit Molt: Gerade das wird von uns angestrebt; wir miifiten eigentlich 
jeden Tag Stellung nehmen. 

Ein Diskussionsredner: Wir sind heute hierher zu einer Aussprache ge- 
kommen. Es ware wunschenswert, wenn eine Anzahl von Industriellen als 
Vertreter der Besitzer, von Betriebsleitern und von Angestellten als Vertre- 

ter der Angestelltenausschiisse zusammenkamen, urn sich iiber diese Sache 
auszusprechen. 

Emil Molt: Dies sollte meines Erachterts wirklich versucht werden; es 
ware der erste Schritt zur Vorbereitung einer funktionierenden Betriebs- 
rateschaft. 



Herr Dr. Riebensam: Ich denke, der Weg miiike ein etwas anderer sein; 
Ihre Betriebsrate sollten unsere Arbeiterausschiisse einladen. 

Emil Molt: Man kann beides machen; die Arbeiter mufiten sehen, dafi die 
Initiative von den Fabrikanten ausgeht. 

Herr Dr. Riebensam: Sie miiflte von den Arbeiterausschussen ausgehen, 
nicht von den Fabrikanten. 

Emil Molt: Die Fabrikanten wiirden aber sonst nicht kommen; aber am 
besten besprechen wir das nachher. 

Ein Diskussionsredner: Konnte man nicht sozusagen gewisse Richtlinien 
herausgeben, damit die Fabrikanten Anhaltspunkte haben? So konnten 
dann die Geschaftsleitungen in den groiSen Betrieben die Sache verarbeiten 
und mit den Arbeiterausschussen besprechen. Dies wiirde vielleicht einen 
Weg abgeben, um die ganze Sache abzukiirzen. 

Auf die Frage, ob man am nachsten Donnerstag wieder zusammentreffen 
wolle, wird bescblossen, sich an diesem Tag um 7 Uhr abends wieder zu 
versammeln. 



ZWEITER FRAGEABEND 



Stuttgart, 30. Mai 1919 

Fragen zur Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus II 

Wilhelm von Blume: Sehr verehrte Anwesende, im Namen des Bundes fur 
Dreigliederung des sozialen Organismus heifie ich Sie auch heute wieder 
willkommen. Wir haben fur heute angesetzt einen Abend, an dem Fragen 
beantwortet werden sollen, die aus der Mitte der Versammlung heraus ge- 
stellt worden sind oder etwa noch gestellt werden, und ich bitte zunachst 
Herrn Dr. Steiner, das Wort zu nehmen zu einigen einleitenden Bemer- 
kungen. 

Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende, der heutige Abend soil 
ja vor alien Dingen gewidmet sein der Beantwortung der Fragen, 
welche aus dem verehrten Zuhorerkreis hervorgegangen sind in 
Ankmipfung an den Impuls, der mit der Idee der sozialen Dreiglie- 
derung gegeben worden ist. Morgen werde ich dann einen der 
Haupteinwande zu behandeln haben in einem hier zu haltenden 
Vortrag, den Einwand, daft es sich bei dem Impuls des dreiglied- 
rigen sozialen Organismus nur handle um irgendeine ausgekliigelte 
Idee, um irgendeine Ideologic oder Utopie, und ich werde morgen 
zu beweisen versuchen, dafi es sich wirklich um die praktischste 
Angelegenheit in unserer Gegenwart handelt. Heute gestatten Sie 
mir nur, dafi ich mit ein paar Worten die Fragenbeantwortung, die 
den Inhalt der heutigen Tagesordnung ausmacht, einleite. 

Es ist im Grunde genommen, meine sehr verehrten Anwesen- 
den, noch wenig bemerkt worden, dafi mit dem Impuls zum drei- 
gliedrigen sozialen Organismus hingewiesen werden soil auf die 
allerbedeutsamste Aufgabe, welche aus den Entwicklungsverhait- 
nissen heraus in der neueren Zeit dieser Menschheit gestellt worden 
ist. Es ist wahrhaftig nicht heraus aus einem ubertriebenen Pessi- 
mismus, wenn man seine Anschauung heute dahin ausspricht, dafi 
noch allzuwenig - wahrhaftig allzuwenig - der grofie Ernst der 



Zeit, der gro$e Ernst der Zeitforderungen in den weitesten Kreisen 
eingesehen wird. Wir stehen eben wirklich vor einer Aufgabe, 
welche schier riesengrofi ist. Denn die ganze Entwicklung der 
neueren Menschheit spitzte sich so zu, da£ sich diese Aufgabe ein- 
mal stellte, und sie ist der Menschheit gestellt worden aus den 
bedeutungsvollen Ereignissen dieser Weltkriegskatastrophe heraus. 
Begriffen aber ist die ganz aufierordentliche Bedeutung dieser 
Aufgabe heute in weitesten Kreisen keineswegs, und man mochte 
glauben, dafi es selbst wiederum eine Aufgabe ist, den Ernst dieser 
Aufgabe den Menschen der Gegenwart vollstandig zum Bewufk- 
sein zu bringen. Die Aufgabe tritt ja zunachst hervor in den Er- 
scheinungen, in den Tatsachen der Zeit. Zu diesen Erscheinungen, 
zu diesen Tatsachen der Zeit nehmen die Menschen aus den ver- 
schiedensten Klassen, aus den verschiedensten Gesellschaftskreisen 
und auch aus den verschiedensten Parteien heraus ihre Stellung. 
Aus alle dem, was sich aus solchen Stellungnahmen heraus bis 
heute ergeben hat, tritt einem eigentlich ein Zweifaches entgegen, 
und dieses Zweifache mochte ich in diesen paar einleitenden Wor- 
ten charakterisieren; auf alles Nahere will ich dann morgen weiter 
eingehen. Ich mochte dies einleitungsweise charakterisieren, weil 
ja, wie es auch wiinschenswert ist, bei der heutigen Fragestellung 
mehr einzelne, konkrete, praktische Fragen zur Besprechung kom- 
men sollen. Aber es ist heute fur den Menschen einmal notwendig, 
auf das Grofie, Umfassende der Aufgabe immer wieder und wie- 
derum hinzuschauen, schon darum, damit die Verantwortlichkeit 
gegeniiber den groften Zeitfragen in den Menschen aufgeriittelt 
werde. 

Ein Zweifaches, sagte ich, kann man bemerken, wenn man die 
Stellungnahmen der verschiedensten Kreise heute zu dieser gro£en 
Aufgabe in Betracht zieht. Man kann sagen: Die eine Art der 
Menschen, die Stellung nimmt, sie hat vor alien Dingen ein Inter- 
esse daran, in einer gewissen Weise dasjenige wieder herzustellen 
in irgendeiner Form - in einer Form, in der man es annehmbar 
findet was durch die bedeutsame Weltkriegskatastrophe zerstort 
worden ist. Und die andere Art von Menschen, von ganz anderer 



Seite herkommend, sie hat vor alien Dingen ein Interesse, alles 
anders zu machen, als es vor der Weltkriegskatastrophe war - zum 
Teil dem Ziele nachgehend, dafi solch Furchtbares iiber die 
Menschheit nicht mehr hereinbrechen konne, zum Teil auch aus 
der Empfindung und Uberzeugung heraus, dafi auf Grundlage der 
alten Wirtschafts-, Staats- und Geistesordnung eben nicht weiter- 
zukommen ist, da£ ein Neubau ganz ernstlich in Angriff genom- 
men werden mul Wenn wir die eine Art von Menschen - gegen- 
iiber den ja ganz neuen Forderungen - mehr die konservativen 
Menschen nennen wollen, so wird unser Blick gelenkt auf alle die- 
jenigen Kreise, welche mehr oder weniger den alten sozialen Welt- 
anschauungen angehoren, die irgendwie verquickt sind mit dem- 
jenigen, was die alten Weltanschauungen vor alien Dingen auch an 
wirtschaftlichen Ordnungen der Menschheit gebracht haben. Auf 
der anderen Seite sehen wir die vorwartssturmenden Parteien, wel- 
che namentlich sich zusammensetzen aus dem Proletariat heraus, 
und da sehen wir dasjenige, was in einer ganz anderen Weise Stel- 
lung nimmt zu der grofien Aufgabe und was in einer solchen Art 
Stellung nimmt, daft die eine Art von Menschen die andere nicht 
mehr versteht. Sucht man nach den Griinden dieses Nichtverste- 
hens - ich will sie heute nur skizzenhaft anfiihren -, sucht man 
nach den Griinden dieses Nichtverstehens, dann wird man finden, 
daft auf der einen Seite die Vertreter des Alten, die in irgendeiner 
Weise mit diesem Alten weiter zusammenhangen mochten, im 
Laufe der neueren Geschichte verloren haben ein eigentliches Kul- 
turziel und behalten haben eine alte Kulturpraxis, in der sie fort- 
gearbeitet haben. Diese Leute, sehr verehrte Anwesende, die haben 
eine Praxis, aber diese Praxis ist nicht mehr durchdrungen von 
zielvollen Impulsen. Diese Praxis, sie driickt sich immer darin aus, 
dafi, wenn man diese Menschen fragt: Wie wollt Ihr eigentlich jetzt, 
wo die grofien Aufgaben kommen, vorwartsdringen? -, sie irgend- 
wie dock mit dem antworten, was nur erne Fortsetzung des Alten 
bedeutet; sie antworten aber auch nicht mit irgendeinem grofien 
Ziele; sie antworten im Grunde genommen nur mit dem, was sich 
ihnen aus der Routine der bisherigen Praxis ergeben hat. Sie haben 



eine Praxis ohne ein Ziel. Auf der anderen Seite steht das Prole- 
tariat. Das hat ein Ziel, ein Ziel, das man ja in der verschiedensten 
Weise zum Ausdruck bringen kann, aber es ist ein Ziel. Aber dieses 
Proletariat hat keine Praxis; diesem Proletariat fehlt alle praktische 
Mdglichkeit, dasjenige, was es als seine Ziele irgendwie definiert, in 
die Wirklichkeit umzusetzen. So steht auf der einen Seite alther- 
gebrachte Praxis ohne Ziel, auf der anderen Seite ein neues Ziel 
ohne Praxis. Das Proletariat ist ferngehalten worden von der Pra- 
xis, nur hingerufen worden zur Maschine, nur eingespannt worden 
in die Fabrik und in den Kapitalismus. Daraus ist ihm sein Ziel 
erwachsen, indem es, ich mochte sagen anstiirmt gegen das, was es 
erfahren hat, aber es ist niemals verbunden mit der Leitung, mit der 
Fiihrung der Wirtschaftsformen selber. Es fordert heute neue Le- 
bensformen; es weifi aber nichts von einer Praxis. Woher kommt 
diese Kluft? 

Diese Kluft kommt eben davon, da£ wir vor das grofite Problem 
der neueren Zeit gestellt sind, und dieses grofite Problem der neue- 
ren Zeit, es ist aufgegangen eben in dem Zeitalter, das den Indu- 
strialismus zu seiner hochsten Blute gebracht hat. Es liegt dieses 
Problem zunachst auf wirtschaftlichem Gebiete verborgen, es 
streckt aber nach den anderen Lebensformen seine verschiedenen 
Zweige aus. Dieses Problem ist so bedeutsam, dafi selbst ein so 
scharfer Kopf wie zum Beispiel Walter Rathenau hochstens ein 
wenig daran getippt hat, aber nicht zu irgendeiner klaren Anschau- 
ung iiber dieses einschneidende Problem der Gegenwart kommt, 
uber dieses Problem, an dem wir alle kranken, iiber dieses Problem, 
das gebieterisch seine Losung fordert. Wenigstens ins Auge fassen 
mochte vorurteilsfrei und lebensvoll der Impuls fur die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus dieses Problem. Und wenn ich es 
mit ein paar Worten andeuten soil, gewissermafien als Einleitung 
zu dem morgigen Vortrage, der es in seinen speziellen Formen 
behandeln soil, dann mu£ ich sagen: Dieses Problem, es mufite 
heraufziehen langsam in der Menschheit, mulke sich gewisser- 
mafien bis zu seiner hochsten Entfaltung erheben in der Zeit des 
sich immer mehr ausbreitenden Industrialismus und der modernen 



Technik und steht heute fragend und drohend vor uns. Es besteht 
darinnen, dafi aller Industrialismus in der Volkswirtschaft mit 
einem Passivum arbeitet - das ist so und nicht anders. Die Volks- 
wirtschaft mufi darauf eingestellt sein, das man weifi: Aller Indu- 
strialismus, insofern er sich durch seine Produktionsmittel immer 
weiter und weiter entwickelt, arbeitet gegeniiber dem, was Volks- 
wirtschaft der Menschheit ist, mit Unterbilanz. Insofern der Indu- 
strialismus mit Unterbilanz arbeitet, mufi in der menschlichen 
Volkswirtschaft das Fehlende von anderer Seite ersetzt werden. 
Das ist das grofie Problem der Gegenwart, daE aller Industrialis- 
mus mit Unterbilanz arbeitet und daft die Frage nicht von mir oder 
anderen gestellt werden kann, ob diese Unterbilanz gedeckt wird, 
sondern das Leben ist fortwahrend dazu aufgefordert, die Unterbi- 
lanz des Industrialismus zu decken. Woher wird sie denn gedeckt? 
Allein vom Boden wird sie gedeckt, meine sehr verehrten Anwe- 
senden, allein durch dasjenige, was der Boden hervorbringt. In der 
neueren Volkswirtschaft stehen wir fortwahrend in diesem Wech- 
selprozefi [zwischen Industrie und Bodenproduktion] drinnen - 
der durch sekundare Vorgange iiberdeckt wird indem die Unter- 
bilanz der Industrie durch die Uberbilanz der Bodenproduktion im 
weitesten Sinne gedeckt werden raufi. Alles dasjenige, was als 
Lohnfrage, was als Kapitalfrage, was als Preisfrage innerhalb des 
modernen Lebens drinnen ist, das ist lediglich herriihrend davon, 
dafi hinuberwandern mufi von der Bodenproduktion der Uber- 
schufi in die Unterbilanz der Industrie. 

Das aber, sehr verehrte Anwesende, ist mit etwas anderem ver- 
knupft. Es ist damit verkmipft, da£ auf der einen Seite alles das- 
jenige, was im Menschen mit dem Boden zusammenhangt, hinneigt 
zu einem gewissen Konservativismus. Diese Sache lafit sich streng 
beweisen, doch ich will sie heute nur einleitungsweise andeuten. 
Ware nur der Boden mit seinen Produkten vorhanden, so wiirden 
wir mehr oder wemgcr in bezug auf die Kultur in Urzustanden der 
Menschheit verbleiben miissen. Der Fortschritt der Menschheit 
riihrt her davon, daft das Industrielle mit seiner weitgehenden 
Arbeitsteilung diesen Fortschritt begiinstigt. Damit aber wird das 



Industrielle zu gleicher Zeit auf den verschiedensten Gebieten zum 
Trager des Fortschritts, zuerst des Liberalismus, dann des Sozialis- 
mus. Es ubertragt sich also dasjenige, was ausgesprochen ist in dem 
bedeutsamen, ich mochte sagen buchmafiigen Gegensatz zwischen 
Boden und industriellen Produktionsmitteln, auf menschliche 
Gesinnung. Und indem menschliche Gesinnungen miteinander 
streiten im Leben, ist dieser Streit innig zusammenhangend mit 
demjenigen, was darunter ist: die gegensatzlichen wirtschaftlichen 
Interessen des Bodens und der industriellen Produktionsmittel. 
Aber noch auf eine andere Weise hat in der neueren Zeit sich dieses 
ganze Problem zugespitzt. Nicht nur, daft in den Parlamenten 
Liberales und Sozialistisches dem Konservativen gegemibersitzt - 
herriihrend einfach aus den Aktiven und Passiven der gesamten 
Weltwirtschaft -, nicht nur, dafi sich in der neueren Zeit hineinge- 
schlichen hat das konservative und progressistische Element in die 
Volksvertretungen der Menschheit, sondern es haben sich hinein- 
geschlichen die wirtschaftlichen Interessen, indem auf der einen 
Seite alles dasjenige, was mit dem Boden zusammenhangt, fiir das 
Stehenbleibende wirkt, auf der andern Seite alles dasjenige, was mit 
der Industrie zusammenhangt, fiir das Forts chreitende wirkt. Und 
so ist man dazu gekommen, dafi auf der einen Seite des Menschen 
Geistesfortschritt, auf der andern Seite des Menschen wirtschaft- 
liche Interessen chaotisch zusammengewurfelt sind in der neueren 
Zeit in unserer Einheitsstaatsordnung. 

Das ist das grofie Problem, das heute vor den Menschen steht, 
riesengrofi mochte ich sagen. An diesem Problem doktern herum die 
links- und die rechtsstehenden Leute. Weil es so riesengrofi ist, des- 
halb ist auch die Verstandigung so schwer. Die Menschen auf der 
einen Seite wollen sich heute nur an das Allernachste halten und nur 
das praktisch nennen, wahrend die Zeit uns die Aufgabe stellt, den 
grofien buchmafiigen Gegensatz zwischen Bodenprodukten und In- 
dustrieprodukten, von denen beiden die Menschheit sich nahrt, klei- 
det und andere Bediirfnisse befriedigt, in der neueren Menschheits- 
entwicklung zu irgendeiner Losung zu bringen. Alles dasjenige, was 
aufgetreten ist, das ist zuletzt, ich mochte sagen fast zahlenmafiig 

s r 



zuriickzufiihren auf das angeftihrte buchmafiige Ergebnis. Aber man 
braucht wirklich guten Willen, sich auf die Grundkraft des wirklich 
praktischen Lebens einzulassen, wenn man die Aufgabe auch nur 
sehen will. Wir sind heute auf dem Boden, dafi wir diese Aufgabe 
sehen miissen, dafi wieder auseinandergetrieben werden mufi in der 
rechten Weise dasjenige, was chaotisch durcheinanderwirbelt. Diese 
Aufgabe will sich der Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organis- 
mus stellen, der in der richtigen Weise einen gesunden sozialen Or- 
ganismus auf seine gesunden drei Beine stellen will, auf das Geistige, 
das Rechtliche und das Wirtschaftliche. Einfach aus dem, was in die- 
ser Entwicklung der neueren Zeit drinnenliegt, ist dieses Problem 
entstanden. Und mogen die Menschen meinetwillen die nachsten 
Resultate, zu denen der Impuls fur den dreigliedrigen sozialen Orga- 
nismus gekommen ist, noch anfechtbar finden, man kommt, ohne 
nach diesen drei Lebensgebieten so zu fragen, dafi fur ihre sachge- 
mafie Organisierung in der Zukunft eine Form gesucht wird, man 
kommt dem grofken Problem, das uns gestellt ist, nicht naher; man 
kommt dem nicht naher, was allein herausfuhren kann aus dem 
drohenden Chaos und der drohenden Wirrnis. 

Das wollte ich nur einleitungs weise sagen aus dem einfachen 
Grunde, weil auf der einen Seite gesehen werden soil, wie der 
Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus wirklich an das 
Hochste ankniipft, was der Menschheit als eine grofie geschicht- 
liche Entwicklungsaufgabe gestellt ist, und weil auf der anderen 
Seite die Beantwortung der Frage wird zeigen konnen, wie viel man 
heute schon aus einer wirklichen Lebensbeobachtung heraus iiber 
dasjenige sagen kann, was sich im einzelnen praktisch aus den 
heute gestellten Fragen ergeben kann. 

Ich werde nun zuerst in die Beantwortung von Fragen eintreten, 
die mir iibergeben worden sind. 

Wilhelm von Blume: Wir treten also nunmehr an die Beantwortung der 
zunachst schriftlich gestellten Fragen heran. 

Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende, ich werde versuchen, 
die Fragen, die mir schriftlich iibergeben worden sind, in einer 



nicht allzu langen Form zu beantworten, aus dem einfachen Grun- 
de, well ich glaube, dafi vielleicht nachher auch noch zahlreiche 
Fragen aus der verehrten Zuhorerschaft miindlich oder schriftlich 
gestellt werden diirften. 

Das erste Fragebiindel, das mir vorliegt, tragt die Uberschrift 
«Zur Dreigliederung». Die erste Frage: 

In welcher Weise werden Einzelpersonen, Assoziationen und Betriebe den 
drei verschiedenen Organisationen unterstellt? Einzelne Grenzfalle sind 
beispielsweise der Zeitungsverleger, Anstalten der offentlichen Gesund- 
heitspflege, Theater und Kinounternehmungen. 

Nun, sehr verehrte Anwesende, ich will herausheben aus dieser 
ersten Frage vor alien Dingen das Zeitungsgewerbe. Denn gerade 
an so etwas wie dem Zeitungsgewerbe wird man ersehen konnen, 
wie auf der einen Seite tatsachlich die Dreigliederung des sozialen 
Organismus zu einer vollstandigen Umgestaltung der gegenwar- 
tigen Verhaltnisse fuhren kann, aber in organischer Weise, und wie 
auf der anderen Seite sich daraus ergeben kann, dafi die Einheit des 
Lebens gar nicht gestort wird. Im Grunde genommen wird es sich 
dabei auch zeigen konnen, dafi dasjenige, was die Menschen iiber 
das Unverstandliche des dreigeteilten sozialen Organismus sagen, 
eigentlich darauf beruht, dafi man sich eben aus den alten Denkge- 
wohnheiten heraus in der Gegenwart noch nicht einlassen will auf 
das, was eben notwendig ist. Aber man wird sich entschliefien 
miissen, zu diesem Notwendigen sich zu bequemen. 

Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, im Zeitungsgewerbe 
fliefien im Grunde genommen alle drei Betatigungsweisen des 
menschlichen Lebens zusammen. Im Zeitungsgewerbe haben wir 
auf der einen Seite den Verleger, denjenigen, der dafiir zu sorgen 
hat, dafi die Zeitung gedruckt wird, dafi sie in der entsprechenden 
Weise vertrieben wird und so weiter - das ist eine rein wirtschaft- 
liche Aufgabe. Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, welche 
die Zeitung schreiben. Ich glaube, dafi heute doch schon viele 
Menschen aus unseren merkwiirdigen Verhaltnissen heraus sich zu 
der Ansicht bequemen, dafi die Zeitungen anders geschrieben wer- 



den sollten, als sie vielfach geschrieben werden. Denn, sehen Sie, 
irgend etwas der Menschheit Heilsames kann ja bei dem Zeitungs- 
schreiben nur herauskommen, wenn dasjenige, was geschrieben 
wird, lediglich hervorgeht aus den Interessen und Bedurfnissen 
des geistigen Lebens der Menschheit und aus den Bediirfnissen, 
die sich dadurch ergeben, dafi das geistige Leben auch die ver- 
schiedenen anderen Lebenszweige anschaut. Der Zeitungsschrei- 
ber und alles dasjenige, was zum Redaktionstab gehort, gehort 
dem geistigen Leben an. Und da man es beiderseits, sowohl im 
wirtschaftlichen Teile des Zeitungsgewerbes wie im geistigen Teile 
des Zeitungsgewerbes, zu tun hat mit Menschen, die ihrerseits 
wieder als Menschen in Beziehungen stehen, nicht etwa blofi zu 
ihren Abonnenten, sondern auch zu der ganzen breiten Offent- 
lichkeit, so hat man es dabei zu tun mit Verhaltnissen, die von 
Mensch zu Mensch spielen, das heifit mit Rechts verhaltnissen. 
Dasjenige, um was es sich handelt, sehr verehrte Anwesende, das 
ist, dafi gerade bei einem solchen Gewerbe wie dem Zeitungs- 
gewerbe in der Zukunft nicht ineinanderspielt zum Unheile der 
Menschheit das eine in das andere, das Wirtschaftliche, das Recht- 
liche und das Geistige, Kulturelle, sonst kommen wir am Ende in 
der Kulmination des Unheils zu solchen Dingen, wie wir sie zum 
Beispiel in der Gegenwart erfahren. Neulich ist eine merkwurdige 
Annonce durch den sogenannten Blatterwald gegangen. Da wird 
aufgefordert, dafi sich insbesondere die Welt der Grofiindustriel- 
len und die Welt der Kapitalisten zusammentun zu einer neuen 
Zeitung. Es wird also geworben fiir eine neue Zeitung insbesonde- 
re bei Kapitalisten und Grofiindustriellen. Die Aufgabe dieser Zei- 
tung soli sein, mit alien geistigen Mitteln zu kampfen gegen die 
Sozialisierung der Produktionsmittel. Also, sehr verehrte Anwe- 
sende, das Interesse von Kapitalisten und Grofiindustriellen soli 
alles dasjenige versklaven, was eigentlich aus dem Urteil, das aus 
dem Impulse der geistigen Welt kommt, die Menschheit aufklaren 
sollte. Diejenigen, die etwas Erfahrung haben im Leben, werden 
wissen, wie gerade im Zeitungsgewerbe diese Dinge in der neue- 
ren Zeit immer ineinander gegangen sind und sich unter den Ver- 



haltnissen der Gegenwart in einer ganz besonders grotesken Weise 
ausgebildet haben. 

In der Zukunft mufi angestrebt werden, dafi der Zeitungsver- 
leger, der Drucker, ein blofier Wirtschafter ist und der Verwaltung 
des wirtschaftlichen Teils des sozialen Organismus untersteht. Er 
wird mit alle dem, was er an Interessen entwickeln kann innerhalb 
seines Zeitungsgewerbes, drinnenstehen in dem wirtschaftlichen 
Organismus. Nicht wird in dem wirtschaftlichen Organismus drin- 
nenstehen der Redaktionsstab, sondern der Redaktionsstab wird 
ganz und gar der Selbstverwaltung des geistigen Lebens - mit den 
anderen Zweigen des geistigen Lebens - unterliegen. Der Redak- 
tionsstab wird eine Einheit bilden mit alle dem, was Unterrichts-, 
Kunstwesen oder dergleichen ist, was sonstige Zweige des geistigen 
Lebens sind. Wie ein bestimmter Zeitungsverleger zu einem 
bestimmten Redakteur wird kommen konnen, hangt von dem 
Vertrag ab, welcher abgeschlossen werden kann zwischen dem 
Zeitungsverleger und dem Redakteur, wobei der Redakteur, weil 
er der Selbstverwaltung des geistigen Organismus zugehort, mit 
Bezug auf sein ganzes materielles Leben unabhangig ist von der 
Zeitungsverlegerschaft. Der Redakteur wird blofi ein Interesse 
daran haben, uberhaupt seinen Beruf ausiiben zu konnen. Ginge er 
diesem Interesse nicht nach, seinen Beruf auszuiiben, so wiirde er 
ja brotlos sein. Aber in dem Augenblicke, wo es ihm gelingt, einen 
Vertrag abzuschliefien mit irgendeiner Administration, wird er 
nicht die Entschadigung fur diesen Beruf aus den Interessen dieser 
Administration heraus erhalten, sondern aus den Interessen des 
sich selbstverwaltenden Geisteslebens. Wenn irgendwelche Dinge 
vorliegen, durch die der eine oder andere Teil der Zeitung das 
Recht verletzt, wird diese Rechtsverletzung den Gesetzen des 
Rechtsstaates unterstehen. Fur einen solchen Produktionszweig 
wird also in der Zukunft anzustreben sein, dafi in ihn hineinspielen 
die drei grofien Verwaltungs zweige des geistigen, rechtlichen und 
wirtschaftlichen Lebens. In den mannigfachsten Produktionszwei- 
gen werden zusammenfliefien diejenigen Interessen, die von den 
verschiedensten Richtungen her verwaltet werden. Und das wird 

—rr\ 



sich ergeben in dem Zusammenwirken der Menschen, daft diese 
Interessen - die sich sonst, wenn sie konfundiert werden, wenn sie 
zusammengeschmolzen werden in einen Knauel, nur gegenseitig 
storen -, dafi sich diese Interessen gerade gegenseitig moralisieren, 
ethisieren, stiitzen werden. Derjenige, der wirklich praktischen 
Sinn hat, der wird sich sagen: Es unterliegt gar keinem Zweifel, daft 
wirklich praktisch eine solche Gliederung eines einzelnen Gewer- 
bes vorgenommen werden kann. Und durch diese Gliederung des 
ganzen sozialen Organismus, die in die einzelnen Verhaltnisse hin- 
eingreift, haben wir dann die Gesundung des gesamten sozialen 
Lebens, Nur ist es den Menschen heute noch ungewohnt, gerade 
dasjenige zu denken, was zu einer solchen Gesundung fuhrt. Es ist 
ihnen auch aus dem Grunde ungewohnt, weil sie von manchem 
lassen miissen, was sie aus gewissen alten Lebensgepflogenheiten 
heraus fur fast unerlafilich halten. Fur unerlafilich betrachtet man 
heute, dafi derjenige, der das wirtschaftliche Risiko fur eine 
Zeitung ubernimmt, auch denjenigen, der an der Zeitung im 
Redaktionsstabe angestellt ist, zu seinem Schreiber macht. Das 
wird er in der Zukunft nicht tun konnen. Daraus wird eine groft- 
artige Unabhangigkeit des Schreibenden gegeniiber den wirtschaft- 
lichen Interessen des Zeitungsverlegers im Zeitungsgewerbe entste- 
hen, und gerade in dies em Zweige wird eine Gesundung eintreten, 
die wir wahrhaftig brauchen und von der wir zugeben miissen, daft 
wir sie brauchen, wenn wir auf die Lebensbedingungen des gesun- 
den sozialen Organismus eingehen wollen. 
Als zweite Frage ist mir vorgelegt: 

Wird die Gemeindeverwakung mit ihren die Dreigliederung durchbrechen- 
den Betrieben auf dem Gebiete der drei Organisationen — also beispiels- 
weise Schulen, Gaswerken, Gerichtsbarkeit - aufrechterhalten? 

Nun, sehr verehrte Anwesende, nicht darum handelt es sich, dafi 
heute, in der Ubergangszeit - in der wir ja noch nicht emmal dnn- 
nen sind, sondern die wir erst anstreben schon iiber die Grofie 
der einzelnen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsgebiete gesprochen 
wird, von der icli im letzten Vortrage hier gesprochen habe. In 



bezug auf die aufiere Struktur des sozialen Lebens braucht sich bei 
einer wirklichen Sozialisierung des gesamten menschlichen Lebens 
gar nicht besonders viel zu andern. Dasjenige aber, was ich gerade 
ausgefiihrt habe fur ein einzelnes Gewerbe, das wird ebensogut von 
irgendeinem Staate, einem Reiche wie von einer einzelnen Gemein- 
deverwaltung durchgefuhrt werden konnen. Schulen, Gaswerke, 
Gerichtsbarkeit, sie werden ihre verschiedenen Seiten haben zum 
Teil nach der Rechtsseite, zum Teil nach der Wirtschaftsseite hin - 
bei den Schulen auch nach der geistigen Seite hin und es wird 
hereinspielen in den einzelnen Betrieb, sei er geistig oder mehr 
oder weniger blofi materiell, wirtschaftlich, dasjenige, was von den 
drei Organisationen und ihren Verwaltungen ausgeht. 
Die dritte Frage: 

Wer entscheidet iiber die jeweilige Zugehorigkeit zu einem der drei Orga- 
nismen? 

Diese Frage, sehr verehrte Anwesende, geht eigentlich - verzeihen 
Sie das harte Wort - aus einem gewissen Vorurteile hervor, dafi 
alles von einer Obrigkeit ausgehen mui In demjenigen, was als 
gesunder sozialer Organismus fur die Zukunft angestrebt wird, 
ergibt sich namlich die Zugehorigkeit aus der Sache heraus. Wir 
haben gerade bei der Besprechung des Zeitungsgewerbes gesehen, 
wie sich aus der Sache heraus diese Zugehorigkeit ergibt. Aus die- 
ser Zugehorigkeit heraus wird sich eine viel umfassendere Antwort 
geben, als man heute denkt. Und eine solche Frage wie diese - man 
wird sie erkennen als eine solche, die eigentlich aus der obrigkeits- 
gehorsamlichen Stimmung der Gegenwart heraus fliefit, und nicht 
aus einem wirklich sachlichen Untergrunde. 
Die vierte Frage: 

1st neben oder iiber den Sondervertretungen der drei Glieder noch ein - 
etwa aus deren obersten Leitung bestehendes oder ein zu wahlendes - 
Parlament (fur die Einzelstaaten? fur das Reich?) gedacht? 

Nun, verehrte Anwesende, da mufi zunachst festgehalten werden, 
dafi selbstverstandlich - das habe ich ja auch in meinem Buche iiber 



die Soziale Frage ausgefiihrt - dasjenige, was Verwaltung oder Ver- 
tretung in den einzelnen der drei Glieder des sozialen Organismus 
ist, dafi das mit den anderen in irgendeiner Weise zusammengeho- 
ren mufi und dafi ein gegenseitiger Austausch stattfinden mufi 
durch die Menschen. Aber man denkt auch in dieser Beziehung 
vielfach heute schon viel zu schablonenmafiig. So zum Beispiel ist 
- das stent nicht in dieser Frage - in einem langen Schriftstuck, das 
mir in diesen Tagen iibersandt worden ist, ausgefiihrt worden, dafi 
die Dreigliederung eigentlich notwendig mache drei verschiedene 
Parlamente: ein Kulturparlament, ein Staatsparlament und ein 
Wirtschaftsparlament. Nun, ich habe allerdings die Meinung, dafi, 
wenn in solch schablonenhafter Weise drei Parlamente mit drei 
Ministerien nebeneinander safien, dann nur die eine Folge entste- 
hen konnte, dafi sich alle drei gegenseitig sabotieren. Das ist gerade 
dasjenige, was sich ergibt aus einer wirklichen Erkenntnis der tat- 
sachlichen Verhaltnisse, dafi der Parlamentarismus - und nur ein 
demokratischer Parlamentarismus ist ein wirklicher Parlamentaris- 
mus dafi dieser Parlamentarismus nur beruhen kann auf dem- 
jenigen, was zwischen Mensch und Mensch dadurch festgesetzt 
werden kann, dafi der Mensch einfach ein erwachsener, miindiger 
Mensch ist. Jeder mufi teilnehmen konnen an dem demokratischen 
parlamentarischen Leben, der ein erwachsener, miindiger Mensch 
ist. Denn auf dem, was ein normaler, gesunder, erwachsener, miin- 
diger Mensch ist, auf dem, was er wissen, was er denken, was er 
fiihlen und was er wollen kann, auf dem kann alles dasjenige beru- 
hen, was im Rechtsleben zum Austrag kommt. Aber in dieses 
Rechtsleben hat sich hineingemischt das Wirtschaftsleben, was also 
nicht blo$ beruht auf den Empfindungen und Gedanken des er- 
wachsenen, miindigen Menschen, sondern was beruht erstens auf 
wirtschaftlicher Erfahrung, die man sich nur im einzelnen konkre- 
ten Gebiete erwerben kann, zweitens auf den tatsachlichen Grund- 
lagen, ich mochtc sagen auf dem Kredit im umfassendsten Sinne - 
ich meine nicht Geldkredit, sondern Kredit im umfassendsten Sin- 
ne, der dadurch in einer Menschengruppe erzeugt wird, da£ diese 
Menschengruppe in einem bestimmten Produktionszweige drin- 

71 



nensteht. Weil sich da im Wirtschaftsleben alles entwickeln muJS 
aus tatsachlicher Erfahrung und tatsachlicher Verwaltungsgrund- 
lage des konkreten einzelnen Zweiges, kann dasjenige, was im 
Wirtschaftsleben an Organisation vorhanden ist, auch nur auf einer 
solchen Grundlage erwachsen, das heilk, es kann im Wirtschafts- 
leben nur eine sachgemafie Verwaltung aus der wirtschaftlichen 
Erfahrung und aus den wirtschaftlichen Tatsachen, Grundlagen 
heraus sich entwickeln. Da wird es keine parlamentarische Vertre- 
tung an der Spitze geben, sondern es wird eine Struktur geben von 
Assoziationen, Koalitionen, Genossenschaften aus den Berufsstan- 
den, aus der Zusammengliederung von Produktion und Konsum- 
tion und so weiter, die sich organisieren, die sich verwalten kon- 
nen. Und diese Struktur wird auch zu einer gewissen Spitze treiben 
- ich mochte sagen zu einem Zentralrat treiben. Das kann aber 
nicht dieselbe Struktur sein, welche zum Ausdruck kommt in dem, 
was als Rechtsboden selbstandig abgegliedert werden mufi. Dafiir 
wird naturlich gerade dasjenige, was wieder hereinwirken soil in 
das Wirtschaftsleben als Recht, das wird gerade dadurch richtig als 
Recht hereinwirken, dafi es nun reinlich, ohne verunreinigt zu sein 
durch die wirtschaftlichen Interessen, auf dem Rechtsboden aus der 
Gemeinschaft aller miindig gewordenen Menschen entstehen kann. 
Und ebensowenig wie in der schablonenhaften, parlamentarischen 
Weise das Wirtschaftsleben verwaltet werden kann, ebensowenig 
kann auf diese Weise verwaltet werden das Geistesleben, das wie- 
derum aus seinen besonderen Verhaltnissen heraus eine auf seine 
eigenen Gesetze sich griindende Organisation entwickeln mufi, die 
ganz anders sein wird als diejenige des Wirtschaftslebens. Dasjeni- 
ge, was da im Geistesleben als die oberste Spitze sich ergibt, das 
wird gemeinsam mit alle dem, was in der Mitte steht, auf dem 
Rechtsboden, was parlamentarisch und ministeriell verwaltet, und 
mit dem, was als eine Art Zentralrat im Wirtschaftsleben sich er- 
gibt, die gemeinsamen Angelegenheiten ordnen konnen. Ich weifi, 
es sind sehr viele Menschen, die sich so etwas nicht vorstellen 
konnen; aber in der Praxis wird es einfacher sein, vor alien Dingen 
fruchtbarer sein als all dasjenige, was heute an dessen Stelle steht. 

-7 A 



Das zweite Fragebiindel tragt die Uberschrift «Zum Wirt- 
schaftsleben». Erstens: 

Was geschieht mit dem vorhandenen Vermogensbesitz der Begiiterten, 
insbesondere dem landwirtschaftlichen und dem stadtischen Grundbesitz? 

Die Frage ist klar ausgefiihrt in meinem Buche iiber die Soziale 
Frage. Dasjenige, was uns in die einzelnen Krisen des Wirtschafts- 
lebens und nun in die grofie Krise hineingefuhrt hat - denn eine 
solche ist die gegenwartige Weltkatastrophe das ist jene Gestalt 
des modernen Wirtschaftslebens, die ich herauszustellen versuchte 
in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». In diesem 
Buche wird beantwortet, wie in der Zukunft auf der einen Seite das 
Produktionsmittel, das in Boden besteht, und auf der anderen Seite 
das industrielle Produktionsmittel [anders angesehen werden miis- 
sen]. Die industriellen Produktionsmittel diirfen nur solange Kapi- 
tal saugen aus dem Wirtschaftskorper, bis sie fertig sind; wenn sie 
fertig sind, dann ist auch ihr Saugen des Kapitals aus dem Wirt- 
schaftskorper fertig. Mit anderen Worten: Kosten konnen indu- 
strielle Produktionsmittel nur solange etwas, als an ihnen gearbeitet 
wird bis zu ihrer Fertigstellung; dann miissen sie libergehen in den 
Zirkulationsproze£ fur Produktionsmittel; dann miissen sie durch- 
aus dasjenige sein, was Allgemeinbesitz ist. Der Boden aber, der 
nicht fabriziert wird, sondern schon da ist, der kann iiberhaupt 
niemals etwas kosten, 

Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, wenn man gesund denkt, 
ergibt sich das in einer gewissen Weise heute schon, aber eben nur 
in den einzelnen Fallen, wo man gesund wirtschaftlich denkt. Wir 
haben als Hochschule fur Geisteswissenschaft in Dornach einen 
Bau aufgefiihrt, der noch nicht fertig ist, der durch die Weltkriegs- 
katastrophe in seiner Fertigstellung beeintrachtigt worden ist. Wir 
haben inn selbstverstandlich aus den gegenwartigen Wirtschafts- 
verhaltnissen heraus gebaut, aber bei diesern Bau kann die Frage 
aufgeworfen werden: Wenn wir nun alle einmal tot sein werden, 
wenn wir alie nicht mehr dabei sein werden, wenn der Bau fertig 
sein wird, wem wird dann dieser Bau gehoren, wer wird inn einem 



andern verkaufen konnen? - Diese Frage beantwortet sich fiir un- 
seren Bau ganz von selber. Er wird niemandem gehoren; er gehdrt 
selbstverstandlich der Allgemeinheit. Denn er ist aus der gesunden 
Grundlage heraus gebaut, dafi er einmal [in der Zukunft] als Ge- 
meingut der ganzen Menschheit wird iibergehen konnen auf den, 
der ihn wiederum verwalten kann. Man mufi nur einmal praktisch 
auf eine solche Sache gekommen sein. Man kann in der gegenwar- 
tigen Wirtschaftsform nur annahernd dazu kommen, aber man 
wird sehen, dafi dasjenige, was in meinem Buche «Die Kernpunkte 
der Sozialen Frage» dariiber stent, dafi jedes Kaufverhaltnis aufhort 
bei einem Produktionsmittel, wenn es fertiggestellt ist, und dafi 
eben in anderen Formen dieses dann nicht mehr kaufliche Produk- 
tionsmittel in die Verwaltung der Gesellschaft iibergeht. Und man 
wird sehen, dafi darinnen etwas im eminentesten Sinne Praktisches 
liegt. 

Die zweite Frage: 

Wie ist der Kleinhandwerker und das Kleingewerbe zu organisieren? 

Es ist nicht anders zu organisieren als das Grofigewerbe und das 
Grofihandwerk, aus dem einfachen Grunde, weil sich aus den 
Gesetzen des Wirtschaftslebens selbst heraus ergeben wird - aus 
den Gesetzen, die ich neulich im Vortrag ausgefuhrt habe daft ein 
zu grofies Gewerbe oder zu ein grofier Betrieb diejenigen schadigt, 
verhungern lafit, die aufier ihm stehen, und dafi ein zu kleines 
Gewerbe, ein zu kleiner Betrieb diejenigen schadigt, die in ihm 
stehen. Es wird sich die Grofte aus den zukiinftigen wirtschaft- 
lichen Verhaltnissen von selbst anstreben lassen. 
Die dritte Frage: 

Soil der Handel, insbesondere der Grofihandel fiir Import und Export, 
aufhoren? 

Das ware naturlich ein volliges Unding, wenn er aufhoren wurde. 
Wer wirklich mit einem praktischen Sinn sich durchdenkt dasjeni- 
ge, was in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» 
ausgefuhrt ist, der wird sehen, dafi die tatsachlichen Verhaltnisse an 



den Grenzen des Wirtschafts-, des Rechts-, des Geistesgebietes 
keineswegs andere werden. Nicht einmal die Initiative der einzel- 
nen wird dadurch eine andere, die ja notwendig ist selbstverstand- 
lich nach aufien hin. Dasjenige, was geandert wird, sind nur die 
sozialen Verhaltnisse im Innern. Geandert werden xiberhaupt nur 
Dinge, die gar nichts zu tun haben mit demjenigen, was an den 
Grenzen vorgeht, aufier dafs an diesen Grenzen dasjenige, was bis- 
her in so storender Weise wirkte und in den furchtbaren Kriegs- 
explosionen sich auslebte, sich gegenseitig harmonisieren wird. 
Dadurch, dafi die wirtschaftlichen Verhaltnisse an den Grenzen 
ausgleichend wirken auf die internationalen Rechtsverhaltnisse und 
auf die internationalen Geistesverhaltnisse - zum Beispiel auch an 
den Sprachgrenzen -, dadurch wird gerade der dreigegliederte so- 
ziale Organismus in internationaler Beziehung, wie ich in meinem 
Buche ausgefiihrt habe, seine grofie Bedeutung haben. Da wird nur 
nicht mehr bei Import und Export in bunter Weise sich durchein- 
andermischen konnen dasjenige, was auf der einen Seite aus dem 
Wirtschaftlichen und auf der anderen Seite aus dem Rechtlichen 
oder aus dem Geistigen, zu dem auch das Nationale gehort, sich 
entwickelt. Das Unding «nationale Wirtschaft», das wird allerdings 
aufhoren, aus dem einfachen Grunde, weil tiber die Grenzen hin 
fur Export und Import lediglich wirtschaftliche Verhaltnisse mafi- 
gebend sein werden und weil nicht mehr die Moglichkeit bestehen 
wird, dafi solche Weltkonflikte hervorgerufen werden durch das 
Ineinanderknaueln von wirtschaftlichen und politischen Interessen. 
In einer solchen Durcheinanderknauelung von politischen, kultu- 
rellen, wirtschaftlichen Fragen, wie sie zum Beispiel bei der Sand- 
schak-Frage oder der Dardanellen-Frage im Siidosten des euro- 
paischen Kontinents oder beim Bagdadbahn-Problem aufgetaucht 
ist, liegt ein grofier Teil von dem, was dann zu der gegenwartigen 
Weltkriegskatastrophe gefuhrt hat. 
Die vierte Frage: 

Tritt fiir den «Lohn» Naturalwirtschaft an die Stelle des Geldverkehrs? 



Dafi der Begriff des Lohnes in der Zukunft keine rechte Bedeutung 



mehr hat, indem eine Art Verges ellschaftung eintreten wird zwi- 
schen dem Handarbeiter und dem geistigen Arbeiter - das habe ich 
in meinem Buche ausgefiihrt, auch in Vortragen vielfach schon 
angedeutet. Also von einer Riickkehr zur blofien Naturalwirtschaft 
kann natiirlich nicht die Rede sein. Aber das Geld wird - auch 
wenn der fuhrende Handelsstaat England an der Goldwahrung 
festhalt - zunachst wenigstens im Inlands verkehr eine andere Be- 
deutung erhalten. Es wird dasjenige, was heute dem Gelde anhaftet 
- dafi es Ware ist -, das wird wegf alien. Dasjenige, was im Geld- 
wesen vorliegen wird, wird nur eine Art wandelnde Buchhaltung 
sein iiber den Warenaustausch der dem Wirtschaftsgebiet ange- 
horenden Menschen. Eine Art aufgeschriebener Guthaben wird 
man haben in dem, was man als Geldunterlage hat. Und ein Ab- 
streichen dieser Guthaben wird stattfinden, wenn man irgend etwas 
erlangt, was man zu seinem Bedarf braucht. Eine Art Buchfuhrung, 
wandelnder Buchfuhrung wird das Geldwesen sein. Das Geld, das 
heute Ware ist und dessen Gegenwert, das Gold, ja nur eine 
Scheinware ist, das wird in Zukunft nicht mehr Ware sein. 
Die funfte Frage: 

Ist Arbeitszwang in Aussicht genommen? 

Nun, sehr verehrte Anwesende, wer in den Geist meines Buches 
«Die Kernpunkte der Sozialen Frage» eindringt, der wird sehen, 
daft dasjenige, was nun wirklich jedem einigermaften menschlich 
denkenden Menschen - das sage ich hier ganz unverbliimt - als das 
Scheufilichste erscheinen mufi, ein burokratisch angeordneter 
Arbeitszwang, dafi der in der Zukunft [in einem dreigegliederten 
sozialen Organismus] wegf all en kann. Natiirlich ist ja jeder aus den 
sozialen Verhaltnissen heraus gezwungen zu arbeiten, und man hat 
nur die Wahl, entweder zu verhungern oder zu arbeiten. Einen 
anderen Arbeitszwang als den, der sich auf diese Weise aus den 
Verhaltnissen ergibt, kann es nicht geben [in einer sozialen Ord- 
nung], in der doch die Freiheit des menschlichen Wesens eine 
Grundbedingung ist. 



Die sechste Frage: 
1st Abschaffung jedes Erbrechtes geplant? 

Das Erbrecht, insofern Teile desselben bleiben, wird ja hochstens 
darauf beruhen konnen, dafi in einer Ubergangszeit irgendwie 
gerechnet werden mufi mit Pietatsverhaltnissen und dergleichen. 
Aber von einem Erbrecht [im Sinne des bisherigen Erbrechts] wird 
in der Zukunft nicht mehr gesprochen werden konnen aus dem 
einfachen Grunde, weil auf der einen Seite es das nicht mehr geben 
kann, da£ irgend etwas, was eigentlich nicht verkauft werden kann, 
was nicht kauflich ist, fur einen noch einen Wert hat. Auf der 
anderen Seite wird man das Erbrecht nicht mehr brauchen, weil 
unter den Einrichtungen des gesunden sozialen Organismus die 
Menschen diejenigen, die zu ihnen gehoren, in einer ganz andern 
Weise werden fur ihre Zukunft abfinden konnen, als es heute unter 
dem rein materiellen Erbrecht geschieht - ich habe das in meinem 
Buche ausgesprochen. 

Das dritte Fragebundel ist iiberschrieben: «Zur praktischen 
Durchfiihrbarkeit». - Die erste Frage: 

Wird nicht durch die Zufalligkeit personlicher Begabung (oft nicht sach- 
lichen Gehalts, sondern individueller Fahigkeit wie Gewandtheit, Redner- 
gabe und dergleichen) eine Oberschicht geschaffen, bei welcher die Gefahr 
des Mifibrauches der anvertrauten Macht sowie der Korruption besteht und 
welcher gegeniiber Neid und Mifigunst der Unterschicht bestehen bleibt? 

Nun, sehr verehrte Anwesende, derjenige wird niemals zu irgend- 
einer fruchtbaren Gestaltung des sozialen Organismus irgend etwas 
beitragen konnen, der diese Gestaltung nicht haben will, wenn sie 
nicht dem absolut idealen Zustand entspricht. Der grofite Feind 
aller sozialen Impulse ist der, wenn man durch diese sozialen Im- 
pulse gewissermafien das Gluck der Menschheit begriinden will. 
Ich mochte da einen Vergleich gebrauchen. Sehen Sie, sehr verehrte 
Anwesende, nehmen wir den menschlichen Organismus, nehmen 
wir an, er sei ein sogenannter gesunder Organismus. Den spurt 
man ja gar nicht, und gerade dadurch, daft man in seinem Organis- 



mus nichts spurt, ist er ein gesunder Organismus. Freude, Harmo- 
nie, innere Kultur der Seele mufi sich auf der Grundlage eines sol- 
chen gesunden Organismus erst ergeben. Sie konnen dem Arzte 
nicht zumuten, daft er Ihnen aufter Gesundheit auch Seelenfreude 
oder innere Seelenkultur gibt, sondern sie konnen ihm nur zumu- 
ten, daft er Ihren Organismus gesund macht. Auf der Grundlage 
eines gesunden Organismus mufi sich dann dasjenige, was innere 
Seelenkultur ist, erst ergeben. Ist aber der Organismus krank, dann 
nimmt die Seele teil an der Krankheit, dann ist ihr inneres Leben 
von dieser Krankheit abhangig. So ist es auch im sozialen Organis- 
mus. Der kranke soziale Organismus macht die Menschen un- 
gliicklich; der gesunde soziale Organismus kann aber die Menschen 
noch nicht gliicklich machen, sondern es ist erst der Boden geschaf- 
fen fur das Gliick der Menschen, das dann entstehen kann, wenn 
der soziale Organismus gesund ist. Daher ist der Impuls fur den 
dreigliedrigen sozialen Organismus der, die Lebensbedingungen 
eines gesunden sozialen Organismus zu suchen. Selbstverstandlich 
konnen auch da Korruptionen oder dergleichen entstehen - das 
kann nicht in Abrede gestellt werden -, allein solche Korruptionen 
werden durch Gegenschlage wiederum verbessert werden konnen, 
und die groftte Aussicht, sie zu verbessern, wenn sie auftreten, liegt 
eben in der Gesundheit des sozialen Organismus selber. Ich bin 
ganz fest davon iiberzeugt: Wenn der soziale Organismus gesund 
ist, dann werden die Professionsschwatzer mit ihrer Rednergabe 
einfach die Menschen vertreiben, sie werden nicht viel Zuspruch 
haben. Gegenwartig ist aus unseren sozialen Verhaltnissen heraus 
das ja noch nicht der Fall. Insbesondere da, wo das geistige Leben 
gedeihen soil, da tritt manchmal das ein, daft bei irgendeinem auf 
einem Lehrstuhl sitzenden Professionsschwatzer die Zuhorer zwar 
Reiftaus nehmen, aber ihre Kollegiengelder miissen sie bezahlen 
und unter Umstanden konnen sie auch ihre Examina ablegen. Und 
die Professionsschwatzerei mit ihrer Korruption hat auf das auftere 
wirkliche Leben, auf die Lebensbedingungen des sozialen Organis- 
mus eigentlich keine besondere Wirkung. Derlei Dinge werden 
natiirlich wegfallen in der Zukunft, wenn der Mensch angewiesen 

on 



ist, im geistigen Leben darauf zu bauen, dafi er sich das Vertrauen 
seiner Mitmenschen erwerben mull und daft zum Beispiel nur auf 
diesem Vertrauen seiner Mitmenschen dasjenige beruht, was er 
leisten kann. 

Die zweite Frage, und das ist die letzte Frage, die mir in diesem 
Fragebiindel gestellt worden ist: 

Welche Anhaltspunkte bestehen dafiir, dafi der Kommunismus, welcher 
nicht die Gleichberechtigung des Proletariats mit der Bourgeoisie, sondern 
die Herrschaft des Proletariats anstrebt und der Ansicht ist, dafi die Bour- 
geoisie auf ihre derzeitige Stellung nicht freiwillig verzichtet, auf sein 
Machtprogramm zugunsten der Dreigliederung verzichtet und in einem 
Entgegenkommen der Besitzenden nicht nur eine Abschlagszahlung 
erblickt? 

Diese Frage ist nicht so ohne weiteres aus der Gestaltung des drei- 
gliedrigen Organismus heraus zu beantworten, sondern da mu!5 
gesagt werden, dafi die Kluft, welche aufgerichtet worden ist zwi- 
schen dem Proletariat einerseits und dem Nichtproletariat anderer- 
seits, im wesentlichen aus der Schuld der fiihrenden Kreise, also des 
Nichtproletariats, heraus entstanden ist und dafi die nachste Aufga- 
be dieser fiihrenden Kreise darin bestehen wiirde, die Forderungen 
des Proletariats wirklich zu verstehen, wirklich auf sie eingehen zu 
konnen; denn das Proletariat wird brauchen vor alien Dingen das- 
jenige, was die Kraft der geistigen Arbeiter ist. Nicht in irgendwel- 
chen unmoglichen Anspruchen von der einen oder andern Seite her 
sollte man eine Gefahr erblicken, sondern allein in dem mangeln- 
den guten Willen, iiber den Abgrund hiniiber irgendwelche Briicke 
zu schlagen. 

Es liegen nun noch ein paar andere schriftliche Fragen vor, zum 
Beispiel die Frage: 

Im dreigliedrigen sozialen Organismus wird die menschliche Arbeitskraft 
den Cbarakter der Ware verlieren. Einen Lohn in seitherigem Sinne wird es 
nicht rnehr geben. Den Arbeitern eines Betriebes wird ein vertraglich zu 
vereinbarender Teil des Gesamtcrtrages des betreffenden Betriebes zukom- 
men, em anderer Teil wird den Angestellten und dem Betriebsleiter geho- 



ren. Auf welche Weise wird nun dafiir gesorgt sein, dafi dem Arbeiter eine 
Art Existenzminimum gesichert bleibt, zura Beispiel bei geringer Ertrag- 
fahigkeit eines einzelnen Betriebes? 

Diese Frage ist in meinem Buch behandelt, und ich habe hier nur 
zu bemerken, dafi die Frage im eminentesten Sinne dann, wenn 
wirklich die drei Glieder des gesunden sozialen Organismus be- 
stehen, eine Wirtschaftsfrage ist und dafi durch die Sozialisierung 
des Wirtschaftslebens eine grofie praktische Frage fur diejenigen 
Verwaltungen entstehen wird, welche innerhalb des Wirtschafts- 
korpers tatig sein werden. Im wesentlichen, mochte ich sagen, re- 
duziert sich diese Frage auf das folgende: Dasjenige, was man heute 
ein Existenzminimum nennt, das ist noch immer auf das Lohn- 
verhaltnis hin gedacht. Diese Art des Denkens, die wird beim selb- 
standigen Wirtschaftsleben nicht in derselben Weise stattfinden 
konnen. Da wird die Frage reinlich aus dem Wirtschaftsleben her- 
aus gestellt werden rmissen. Diese Frage wird sich dann so stellen, 
dafi der Mensch, indem er irgendeine Leistung vollbringt, indem er 
irgend etwas hervorbringt, fiir diese Leistung so viel an anderen 
Menschheitsleistungen durch Austausch wird zu bekommen ha- 
ben, als er notig hat, um seine Bedurfnisse und die Bedurfnisse 
derjenigen, die zu ihm gehoren, zu befriedigen, bis er ein neues, 
gleichartiges Produkt hervorgebracht hat. Dabei mufi nur in An- 
rechnung kommen all das, was der Mensch fiir seine Familie an 
Arbeit und dergleichen zu leisten hat. Dann wird man eine gewisse, 
ich mochte sagen Urzelle des Wirtschaftslebens finden. Und dasje- 
nige, was diese Urzelle des Wirtschaftslebens zu dem machen wird, 
was eben den Menschen seine Bedurfnisse wird befriedigen lassen, 
bis er ein gleichartiges, neues Produkt hervorbringt, das gilt fiir alle 
Zweige des geistigen und materiellen Lebens. Das wird so zu ord- 
nen sein, dafi die Assoziationen, die Koalitionen, die Genossen- 
schaften von der Art, wie ich sie vorhin dargestellt habe, zu sorgen 
haben werden, dafi diese Urzelle des Wirtschaftslebens bestehen 
kann. Das heifit, dafi ein jegliches Produkt im Vergleich mit ande- 
ren Produkten denjenigen Wert hat, der gleichkommt den anderen 



Produkten, die man braucht zu Befriedigung der Bediirfnisse bis 
zur Herstellung eines neuen, gleichartigen Produkts. Dafi diese 
Urzelle des Wirtschaftslebens heute noch nicht besteht, das beruht 
eben darauf, daft im Angebot und Nachfrage des heutigen Marktes 
zusammenfliefien Arbeit, Ware und Recht und dafi diese drei 
Gebiete in der Zukunft getrennt werden mussen im dreigeteilten, 
gesunden sozialen Organismus. 

Dann ist noch folgende Frage gestellt worden: 

Wie denkt sich Herr Dr. Steiner die verbesserte Zukunft des Standes der 
Privatlehrer und -lehrerinnen sowie ahnlicher Berufsarten, deren zum Le- 
ben notwendige Einnahmen jetzt von der Anzahl der von ihnen personlich 
geJeisteten Arbeitsstunden abhangig ist? Wie wird es moglich werden, in 
Zukunft auch deren Arbeitskraft des Charakters der Ware zu entkleiden? 

Nun, das macht sich ganz von selbst, denn jeder, der als Lehrer im 
geistigen Leben tatig ist, der wird, wenn er nicht mehr eingespannt 
ist in die Staatsmaschine, eigentlich mehr oder weniger gestellt sein 
in Freiheit, aber dann in gesunder Weise, wie jede geistige Kultur- 
tatigkeit im dreigegliederten Organismus. Das ist dasjenige, was 
etwa iiber eine solche Frage zu sagen ist. Einfach werden solche 
Personen, wie sie hier gemeint sind, gleichgestellt sein denjenigen, 
die heute Monopole haben, dadurch, dafi sie auf dem Gebiete des 
Geistigen verquickt sind in ihrer Stellung mit den rein staatlichen 
Verhaltnissen. 

Ich glaube, ich werde nun eine Unterbrechung in der Beantwor- 
tung der schriftlich gestellten Fragen eintreten lassen, damit nicht 
etwa noch Fragen, die aus dem verehrten Zuhorerkreise herauskom- 
men sollten, beeintrachtigt werden. Die Fragen, die ich zuerst beant- 
wortet habe, die lagen mir schon seit langerer Zeit vor, und ich wollte 
sie heute zunachst beantworten, weil ich glaube, dafi sie wirklich fur 
einen gro$eren Kreis bed cuts am sein konnten. Sollte heute die Be 
antwortung der Fragen nicht zu Ende gefiihrt werden konnen, so 
kann das ja bei anderer Gelegenheit geschehen. Ich glaube also, es 
wird gut sein, wenn wir die Fragen, die sich aus dem Zuhorerkreise 
ergeben konnten, jetzt vielleicht an uns herankommen lassen. 



Wilbelm von Blume: Ich bitte also die verehrten Anwesenden, wenn etwa 
Ihnen noch Fragen auf dem Herzen liegen, sich jetzt zu aufiern und sie 
soweit irgend moglich schriftlich hier heraufzugeben. Es soil aber auch 
unbenommen sein, mundlich Fragen zu stellen, nur wurden wir dann 
bitten, hierherzukommen und die Frage von hier zu stellen, damit wir Sie 
alle vernehmen konnen. 

Vielleicht darf ich inzwischen die eine Frage, die vorhin angeregt 
worden ist, noch mit einem Worte beantworten, die ich dem von Herrn Dr. 
Steiner Gesagten hinzufugen mochte, weil mir selbst namlich diese Frage 
gelegentlich aufgestiegen ist und ich deswegen wohl begriff, dafi sie gestellt 
wurde. Es ist das die Frage nach der Stellung der Gemeinden in dem zukiinf- 
tigen dreigegliederten Organismus. Vielleicht mochte der Fragesteller noch 
Genaueres daniber wissen, wie denn eigentlich bei der Dreigliederung des 
sozialen Organismus in Zukunft die Lage der Gemeinden sein wird. Es ist 
da gefragt worden: Was wird denn eigentlich mit den Schulen der Gemein- 
den, was wird mit den Gaswerken und so weiter? Dahinter steckt die Frage: 
Ja, was wird denn aus der Gemeinde in Zukunft, wenn namlich, wie es ja 
wohl zweifellos ist, das Gaswerk als eine Veranstaltung des Wirtschafts- 
lebens hineingefugt werden mufi in die Gesamtorganisation des Wirtschafts- 
lebens, also nicht mehr als eine besondere Gemeindeanstalt gelten kann? 
Etwas anderes ist von dem Herrn Fragesteller nicht erwahnt worden, was 
aber zum mindesten ebenso wichtig ist, das ist die Frage der Beschaffung 
von Wohnungen. Wer wird denn in Zukunft zu sorgen haben fur die Her- 
stellung von Wohnungen? Die Herstellung von Wohnungen ist, um es ein- 
mal so auszudriicken, ein wirtschaftlicher Vorgang, da es sich um «Produk- 
tion» handelt. Und dafi die Uberlassung von Wohnungen zum Gebrauch 
ebenfalls als ein wirtschaftlicher Vorgang anzusehen ist, dariiber kann wohl 
kein Zweifel sein. Diese Angelegenheit wird dann in Zukunft erledigt wer- 
den miissen durch die Sonderorganisation des Wirtschaftslebens. Man konn- 
te also meinen, die Gemeinde, die verliert ja dann die Aufgaben alle oder 
wenigstens ziemlich alle, die sie bis heute gehabt hat - und was wird denn 
eigentlich aus der Gemeinde? Und dennoch: die Gemeinde bleibt, und die 
Gemeinde wird auch in Zukunft noch eine aufierordentlich wichtige Rolle 
spielen, genauso wie der Staat ja bleibt und auch in Zukunft noch Aufgaben 
zu erledigen hat. Dafi die Uberfuhrung des Gaswerks aus der reinen Ge- 
meindeverwaltung in eine besondere Wirtschaftsverwaltung doch auch ihre 
sehr, sehr guten Seiten hat, ich glaube, das wird jeder sofort empfinden, 
wenn er sich sagt, da!5 der Preis des Gases, der heute von der Gemeinde 

QA 



gefordert wird, nicht etwa festgesetzt wird mit Riicksicht darauf, dafi mog- 
lichst viele Menschen dieses Gas zu dem Preise haben konnen, der den 
Kosten der Produktion entspricht, sondern dafi das Gaswerk eine erwerben- 
de Gemeindeanstalt ist und dafi [durch den Uberschufi] die Gemeindefinan- 
zen bestritten werden. Genauso ist es mit den Elektrizitatswerken, der Stra- 
fienbahn und so weiter. Das heifk also, dafi diese Anstalten, die eigentlich 
ganz bestimmte wirtschaftliche Zwecke verfolgen sollen, auch finanziellen 
Zwecken der Gemeinde dienen miissen, und zwar haufig genug so, da6 der 
eigentliche Zweck der Versorgung der Gemeindeangehorigen mit diesen 
iiberaus wichtigen Giitern aufs allerstarkste beeintrachtigt wird. Also ein 
Vorteil ist es schon, wenn die Gemeinde in Zukunft nicht mehr solche 
Anstalten fur ihre finanziellen Zwecke benutzen kann, sondern wenn diese 
nur noch zu rein wirtschaftlichen Zwecken verwendet werden. Aber die 
Gemeinde bleibt die dem Staat untergeordnete Organisation des gesamten 
Rechts- und Verwaltungswesens, das heifk insbesondere des Polizeiwesens 
und der sogenannten Wohlfahrtspflege - der Wohlfahrtspflege, soweit sie 
sich bezieht auf die Erhaltung der Kraft der einzelnen Menschen. Das wird 
die Aufgabe der Gemeinde sein, und da hat sie ihre allerwichtigste Aufgabe, 
wie heute schon. Es ist die Gemeinde eigentlich nur dazu gekommen zu 
wirtschaften, weil kein anderer sich dieser Aufgabe in richtiger Weise an- 
nahm, und es ist ein GKick, glaube ich, fur ein richtiges Gemeindeleben, 
wenn in der Zukunft das rein Wirtschaftliche nicht mehr von der Gemeinde 
besorgt wird. Es ist ein Gliick, wenn in Zukunft die Gemeindeverwaltung 
nicht mehr so organisiert ist, dafi die egoistischen Interessen die Herrschaft 
haben, sondern wenn sie so organisiert wird, dafi in der Tat dort jeder 
einzelne zu seinem Rechte kommen kann. 

Was auf der anderen Seite das geistige Leben betrifft, so wird auch das 
gegeniiber der Gemeinde gelten miissen, was allgemein fur die Loslosung 
dieses geistigen Lebens vom Einflusse des Staates gilt. Es ist klar, da& heute 
die Gemeinden auf diesem Gebiete sehr vieles Gute geschaffen haben, aber 
die Nachteile des Hineinregierens von wirtschaftlichen Interessen - insbe- 
sondere in das Kulturgebiet, die sich immer wieder zeigen -, diese Nachteile 
sind auf dem Gebiete des Gemeindelebens deutHch genug zu spiiren. Aber 
trotzdem bleibt fur die Gemeinde noch das ganz grofie Gebiet, das sie auch 
schon friiher gehabt hat, ehe sie solche Gemeindeanstaiten in eigene Regie 
nahm. Also die Befurchtung, dafi die Gemeinde vollstandig iiberflussig 
wiirde, ist geradeso ungerechtfertigt, wie die andere Befiirchtung, dal3 der 
Staat eigentlich erledigt ware durch diese Dreigliederung. So ist es nicht. 



Weitere Fragen sind aus der Versammlung bis jetzt nicht gestellt wor- 
den. Herr Dr. Steiner wird in der Beantwortung der schriftlich gestellten 
Fragen fortfahren. 

Rudolf Steiner: Es liegt weiter die Frage vor: 

Die Steinersche Wirtschaftsordnung wird sich in grofien Ziigen einer be- 
stimmten Regierungspolitik zu unterwerfen haben, etwa der des Nationa- 
litatenprinzips, der militaristischen oder pazifistischen Weltordnung. Wird 
nach diesen fuhrenden Prinzipien die Belastung der Wirtschaft (abgesehen 
von der gegenwartigen durch Kriegsschulden und Kriegsentschadigungen) 
eine andere sein? Wird nicht zum Beispiel eine im alten Denkvorgang 
nationalistische Politik die Wirtschaft wieder vor allem anderen belasten 
und die allgemeine Wohlfahrt untergraben? 

Nun, sehr verehrte Anwesende, die Frage, sie ist entstanden aus 
einer noch nicht volligen Durchdringung desjenigen, was eigentlich 
das Wesen des dreigliedrigen sozialen Organismus ist. Sehen Sie, 
die Schaden des Einheitsstaates, sie entstehen ja dadurch, dafi sich, 
sagen wir in das Rechtsleben, also im weitesten Umfange in die 
Politik hineinmischen wirtschaftliche Interessen, dafi zum Beispiel 
die Landwirte einen Bund bilden und als «Bund der Landwirte» 
sich im Staatsparlament geltend machen und dort aus ihren Inter- 
essen heraus Einflufi auf das Rechtsleben nehmen. Oder auf der 
anderen Seite [konnen Schaden entstehen, wenn] sich eine Korpo- 
ration, die rein geistige Interessen verfolgt - sagen wir zum Beispiel 
das katholisch organisierte «Zentrum» - wiederum in das Staats- 
parlament hineinsetzt und dort die Rechtsinteressen, ich mochte 
sagen zu umgestalteten geistigen Interessen macht. Nun werden Sie 
sagen: Gut, in Zukunft bestehen getrennt voneinander die drei 
Glieder: geistiger Organismus, der sich vollstandig selbstverwaltet 
aus den geistigen Grundsatzen heraus; rechtlicher Organismus, der 
die Fortsetzung des gegenwartigen staatlichen Organismus bilden 
wird, aber eben nicht in sich das geistige Leben und das wirtschaft- 
liche Leben haben wird, sondern nur das Rechts- und politische 
Leben; wirtschaftlicher Organismus, der Kreislauf des Wirtschafts- 



lebens. Aber, werden Sie sagen, die drei Gebiete haben doch gewis- 
se Dinge, gewisse Interessen miteinander gemein, und sie hangen ja 
durch den Menschen selbst zusammen; der einzelne Mensch steht 
in irgendwelchen Betrieben drinnen, in die die drei selbstandigen 
Verwaltungsgebiete hineinspielen. Sie werden fragen: Ja, konnte 
denn nicht auch in der Zukunft fur das Parlament des Rechtsbo- 
dens irgendein Klub oder dergleichen sich geltend machen, der die 
Wirtschaftsinteressen hereintragt auf den Rechtsboden und im 
Staatsparlament geradeso seine Interessen geltend macht, wie zum 
Beispiel beim Einheitsstaat der Bund der Landwirte aus Wirt- 
schaftsinteressen Rechte machen will oder wie das Zentrum aus 
religiosen, aus konfessionellen Interessen, also vom Geistesleben 
aus, Rechte machen will durch Koalitionen mit anderen Parteien? 

Nun, sehr verehrte Anwesende, das Wesen des dreigliedrigen 
sozialen Organismus, das heute noch so wenig eingesehen wird, 
das besteht darin, daft man auf dem Gebiete des Wirtschaftsbodens 
nur wirtschaftliche Mafinahmen wird treffen konnen, keine 
Rechtsmafinahmen und keine Mafinahmen, die mit der Entwick- 
lung der menschlichen Fahigkeiten etwas zu tun haben, die im 
Geistesleben zu verwalten sind; auf dem Boden des Rechtslebens 
wird man iiberhaupt nur Rechtsfragen zu entwickeln haben. 
Nehmen wir also an, es wiirde sich ein Klub mit wirtschaftlichen 
Interessen finden in dem Parlament des Rechtsbodens, in dem 
Staatsparlament, so wiirde er niemals Mafinahmen treffen konnen, 
die irgendwie auf das Wirtschaftsleben einen Einflufi haben, da in 
diesem Parlament iiberhaupt nur Rechtsfragen zur Verhandlung 
kommen, die sich auf die Gleichheit aller Menschen beziehen. Sie 
konnen also auch nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus gedacht 
sein. Wirtschaftsleben kommt iiberhaupt nicht in Frage im Rechts- 
parlament. Es ist jedem unmoglich, auch wenn er mit noch so viel 
wirtschaftlichen Interessen hineinkommt ins Rechtsparlament, dort 
drinnen die wirtschaftlichen Interessen zur Geltung zu bringen, 
weil auf dem Boden des Rechtslebens nichts geschehen kann, was 
wirtschaftlichen Charakter hat - das kann nur auf dem Boden des 
Wirtschaftslebens geschehen. Das ist gerade der Sinn, dafi nicht 



irgendwie die Menschen in Stande gegliedert werden, sondern dafi 
- von den Menschen abgesondert - der soziale Organismus selbst 
gegliedert wird. Also dasjenige, was jetzt Einheitsstaat ist, zerfallt 
in drei Gebiete, und man wird auf jedem der drei Gebiete die 
Interessen des andern Gebietes gar nicht geltend machen konnen, 
weil die Geltendmachung keine Wirkung haben kann auf diesem 
Gebiete. Diese Konsequenz ist es gerade, in der das in der Zukunft 
Heilsame fur den sozialen Organismus liegen wird; sie ist auch der 
Grand, warum dieser dreigeteilte soziale Organismus eine soziale 
Notwendigkeit ist. 

Ich glaube, die Mehrzahl derjenigen, die sich heute schon be- 
kannt gemacht haben mit dem Impuls des dreigeteilten Organis- 
mus, betrachten das, was mit ihm gemeint ist, noch viel zu sehr als 
etwas Ausgeklugeltes, als etwas aufierhalb der Praxis Stehendes> als 
etwas, wo wieder einmal einer nachgedacht hat und dabei ihm ein- 
gefallen ist: Mit dem Einheitsorganismus ist es schlecht gegangen, 
na, machen wir ihn zu dreien. - Darum handelt es sich nicht, son- 
dern das Erkennen des wirklichen Lebens, der wirklichen Lebens- 
notwendigkeiten, das ist es, was als Konsequenz den dreigeteilten 
sozialen Organismus ergibt. Man hort heute so sehr haufig die 
Leute sagen: Ja, was der eigentlich will, verstehen wir nicht. - Man 
versteht nicht, was eigentlich gewollt ist. Heute sagen so viele Leu- 
te einem solchen Impuls gegemiber: Das verstehen wir nicht. - 
Woher riihrt das? Sehen Sie, das riihrt wieder von etwas her, was 
durch den dreigegliederten Organismus anders und eben besser 
werden soil. Heute fehlt bei den Menschen, wenn sie etwas beur- 
teilen sollen, vor alien Dingen der Zusammenhang mit dem Leben. 
Wenn man heute aus einer Theorie heraus spricht, aus irgend etwas 
heraus spricht, was sich mit ein paar allgemeinen Grundsatzen [er- 
klaren lafit], die schliefilich fur jeden normalen Menschen begreif- 
lich sind, wenn er miindig geworden ist, [dann verstehen das die 
Leute]. Wenn man aber heute von so etwas spricht, was sich nicht 
auf diese Art begreifen lafit, sondern wozu der wahre Zusammen- 
hang mit dem Leben notwendig ist, wo man appellieren mufi an die 
Lebenserfahrung - da kommen die Leute und sagen, das verstehen 

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sie nicht. Woher riihrt das eigentlich? Das riihrt her vom Einheits- 
staat, den wir seit vier Jahrhunderten haben; durch diesen Einheits- 
staat sind die Menschen in ein Leben hineingeworfen worden, wo 
sie in einem besonderen Lebensgebiete drinnenstehen und in die- 
sem sich eine gewisse Routine erworben haben. Diese Routine, die 
nennen sie ihre Praxis. Das wissen sie, was sie durch diese Routine 
haben. Im iibrigen werden sie vom Staate erzogen von der unter- 
sten Schulstufe auf . Da spielt nicht das in die Erziehung hinein, was 
in der Zukunft in die Erziehung hineinspielen wird, das wirkliche 
Leben, sondern da spielen in die Erziehung hinein Verordnungen, 
Gesetze und so weiter. In das menschliche Denken fliefit schon 
[von der untersten Schulstufe] ein das Abstrakte der Verordnung, 
des Gesetzes, so dafi die Menschen heute nur die Routine irgend- 
eines einzelnen Zweiges haben, die sie ganz mechanisch hand- 
haben. Wer mit ihnen dariiber nicht einverstanden ist aus einer 
breiteren Lebenserfahrung, den nennen sie einen Trottel oder einen 
unpraktischen Menschen. Und daneben haben sie einen Kopf voll 
Abstraktionen, weil sie nur erzogen worden sind aus Verordnun- 
gen, Gesetzen, Lehrzielen und so weiter heraus, die nicht aus dem 
Leben, sondern blofi aus irgendwelcher abstrakten Denkweise 
heraus entnommen sind, die einzig und allein Berechtigung hat auf 
dem Rechtsboden, aber auf keinem anderen Lebensboden. Auf 
dem Rechtsboden hat sie Berechtigung aus dem Grunde, weil auf 
dem Rechtsboden Berechtigung hat, was jeder normale, miindig 
gewordene Mensch einfach dadurch, dafi er miindig ist, aus sich 
herausspinnen und als Menschenrecht gegeniiber alien anderen 
Menschen in Anspruch nehmen kann. Aus dem aber kann nicht 
herausgesponnen werden, was in die Verwaltung des Wirtschafts- 
lebens, was in die Entwicklung des Geisteslebens einfliefien mufi. 
Daher, weil wir entbehrt haben die Freiheit des Geisteslebens, das 
Auf-sich-selbst-Gestelltsein des Geisteslebens, haben wir heute 
jene sonderbare Erscheinung, da£ die Menschen nur dasjenige 
begreifen konnen, was sie sich schon seit langem gedacht haben. 

Ich habe neulich in einer Nachbarstadt iiber dieselben Fragen 
gesprochen, iiber die ich jetzt auch hier spreche. Nachher hat sich 



zur Diskussion jemand gemeldet, welcher etwas vorgebracht hat, 
aus dem man ersehen konnte, dafi er einfach von meinen Ausfiih- 
rungen nur dasjenige aufgenommen und sogar gehort hat, woran er 
schon seit Jahrzehnten gewohnt war, sogar bis auf die Satzbildung. 
Was aber nicht in seinem Hirnkastchen schon drinnen war seit 
Jahrzehnten, das hat der Mensch nicht einmal gehort, das ging so 
fremd an ihm vorbei, dafi er es nicht einmal gehort hat, dafi er es 
in der Diskussion uberhaupt abgeleugnet hat. Das kommt daher, 
weil so etwas wie der Impuls zum dreigegliederten sozialen Orga- 
nismus appellieren mufi nicht an das, was uns anerzogen ist durch 
abstrakte Verordnungen, Gesetze, Lehrziele, Lehrgange und so 
weiter, sondern appellieren mufi an das, was der Mensch aus dem 
Leben selber heraus versteht. Deshalb hat sich heute eine solche 
Kluft aufgerichtet, wenn man nicht aus utopistischem und ideolo- 
gischem Denken heraus redet, sondern eben gerade aus dem Leben 
heraus redet. Je praktischer man heute redet, desto unpraktischer 
nennen einen die Menschen, weil die Menschen eine wirkliche 
Lebenspraxis nicht haben, sondern lediglich Lebensroutine und 
Abstraktionen im Kopfe haben. Das ist es auch, was zu der Furcht 
fuhrt, dafi es in der Zukunft im dreigegliederten sozialen Organis- 
mus irgendwie zu einer Tyrannei von der einen oder andern Seite 
kommen konne. Die kann ja gar nicht kommen, weil eine solche 
Tyrannei, wie ich ausgefuhrt habe, sich gar nicht einmal geltend 
machen kann. Man wiirde, wenn man noch so viel Gesetze gabe in 
dem Rechtsparlament, damit gar nichts treffen im Wirtschaftsleben, 
weil selbst das, was fur die Interessen des Wirtschaftslebens gefahr- 
lich ware, auf das Wirtschaftsleben nicht wirken konnte, da es sich 
selbstandig verwaltet. 
Eine weitere Frage: 

Wie werden andererseits die Anforderungen der Sozialpolitik, zum Beispiel 
Unterstiitzung der Kriegsinvaliden, Waisen, Schwachen und so weiter ge- 
regelt? Insbesondere in welchem Mafistabe? Wie werden die Ergebnisse der 
Wirtschaft verwendet? Kann nicht durch eine entsprechende Konstellation 
der Regierung die Sozialpolitik von Dr. Steiner illusorisch gemacht wer- 
den? Wenn auch die Hauptauswiichse des Kapitalismus, die Rentenwirt- 



schaft, beseitigt waren, kann nicht die Verteihmg der Lasten nach wie vor 
eine einseitige sein? 

Der letzte Teil der Frage ist ja schon mit dem beantwortet, was ich 
eben gesagt habe. Dafi aber ein wirklich auf sich selbst gestelltes 
Wirtschaftsleben erst recht sorgen kann fiir Witwen und Waisen 
und so weiter, das habe ich in meinem Buche «Die Kernpunkte der 
Sozialen Frage» des breiteren ausgefiihrt. Ich habe es sogar vorhin 
schon angedeutet, dafi eingerechnet werden mufi in die wirtschaft- 
liche Urzelle dasjenige, was ein jeder als Quote beizusteuern hat zu 
dem, was Witwen und Waisen, iiberhaupt sonstige nicht arbeitsfa- 
hige Menschen - wie in meinem Buche ausgefiihrt ist, auch fiir die 
Kinder, fiir die ich das Erziehungsrecht in Anspruch nehme -, zu 
bekommen haben. Der Mafistab dafiir wird sich ergeben einfach 
aus der Lebenshaltung der iibrigen Personen. Da man mit der wirt- 
schaftlichen Urzelle einen Mafistab hat fiir die Lebenshaltung einer 
Person nach dem bestehenden wirtschaftlichen Gesamtwohlstande, 
so ist damit zu gleicher Zeit auch die Moglichkeit gegeben, einen 
Mafistab zu schaffen fiir das Leben derjenigen, die wirklich nicht 
arbeiten konnen. 
Die nachste Frage: 

Konnten also die Gefahren der sogenannten Bourgeois-Regierung nicht 
nach wie vor bestehen bleiben? Werden diese nicht noch bestarkt, dafi je 
nach Zusammensetzung der fiihrenden politischen Richtung die Verteilung 
der Amter so vor sich gehen kann, dafi trotz aller guten Worte die Fiihrung 
und die Besetzung der Fabriken, Genossenschaften und so weiter auf dem 
sogenannten «Vetterles»-Weg geschieht? Wer verbiirgt bei einer riickstan- 
digen regierenden Gesellschaft, das heifit im Parlament, die Entfernung des 
Unfahigen, Faulen aus einer leitenden oder selbstandigen Stellung? Kann 
nicht eine Cliquenwirtschaft die Vorziige des Steinerschen Systems in 
kurzem vernichten? 

Im Grunde genomraen geht auch die Beantwortung dieser Frage 
aus demjenigen hervor, was ich schon gesagt habe. Denn, sehr 
verehrte Anwesende, es handelt sich wirklich nicht darum, irgend- 
einen Idealzustand auszudenken, in dem es nun gar nicht mehr 



vorkommen kann, dafi der eine oder andere etwas ausfrtfk, sondern 
es handelt sich darum, den irgendeiner konkreten menschlichen 
Gesellschaft angepalken bestmoglichen Zustand herauszufinden. 
Dasjenige, was etwa hier der «Vetterles»-Weg und dergleichen ge- 
nannt wird, das wiirde, wenn Sie nur die Dinge ganz wirklich 
iiberdenken - aber praktisch, der Wirklichkeit gemafi uberden- 
ken ganz unmoglich. Denn, denken Sie nur daran, dafi in diesem 
dreigliedrigen sozialen Organismus die Zirkulation der Produk- 
tionsmittel in weitestem Umfange stattfindet, dafi ferner die Zu- 
sammenarbeit der Handarbeiter mit den Geistesarbeitern auf einem 
vollig freien Vertrag iiber die Leistungen beruht, dafi also bei 
irgendeiner Vetternwirtschaft die ganze Arbeiterschaft, die geistige 
und physische Arbeiterschaft eines Betriebes einverstanden sein 
miifite mit dieser Vetternwirtschaft. Da sind also viel grofiere Ga- 
rantien geschaffen als irgendwo anders. Wenn man iiberdenkt, was 
zum Beispiel bei einem tyrannisch zum Staatswesen gewordenen 
grofien wirtschaftlichen Genossenschaftswesen alles an Korrupti- 
on, an Spitzeltum entstehen kann, dann mochte ich wissen, wie sich 
das vergleichen lafit mit demjenigen, was im dreigegliederten Orga- 
nismus durch einen Fehler der Menschennatur im einzelnen gewifi 
da und dort entstehen kann, sich selbstverstandlich aber bald 
wieder korrigieren wird. Die grofite Gewahr, dafi Schaden, die nun 
einmal in der menschlichen Natur liegen, nicht zu stark um sich 
greifen, die wird gerade durch jene Lebendigkeit geboten, welche 
im dreigegliederten sozialen Organismus stattfindet, weil ja die drei 
Glieder des sozialen Organismus selber sich wiederum kontrollie- 
ren. Ein Einheitsorganismus, wenn er noch dazu auf das blofi 
materielle Wirtschaftsleben gebaut ist, der tragt gerade die Gefah- 
ren in sich, die mit dieser Frage charakterisiert sind; und weil man 
diese Gefahren voraussehen kann, ist - wiederum aus einer prakti- 
schen Notwendigkeit heraus - die Frage entstanden: Wie entfernt 
man aus einem Einheitswirtschaftskorper die Moglichkeit, dalS die- 
se Schaden entstehen? Dadurch, dafi man das Rechtsleben heraus- 
nimmt, also die Korrektur schafft fur dasjenige, was als Unrecht 
entstehen kann. Wodurch entfernt man die Schaden des wirtschaft- 



lichen Produktionswesens auf geistigem Gebiete? Dadurch, dafi 
das geistige Gebiet sich selbst verwaltet; es mufS auf dem Vertrauen 
zu den Mitmenschen beruhen, und der Untiichtige mufi sich vom 
geistigen Leben verabschieden und Handarbeiter oder dergleichen 
werden. Das alles ergibt sich gerade aus der Dreigliederung des 
sozialen Organismus, weil diese Dreigliederung zu gleicher Zeit die 
Moglichkeit der Korrektur fur Schaden gibt, die auf dem einen 
oder anderen Gebiete entstehen. 
Hier ist noch eine Frage gestellt: 

Wie denken Sie sich die Selbstverwaltung des geistigen Gebiets und von 
welchen Organisationen wird sie getragen werden? 

Nun, sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, im einzelnen diese kom- 
plizierte Selbstverwaltung des geistigen Gebietes Ihnen jetzt zu 
charakterisieren, das wurde lange, lange Zeit in Anspruch nehmen. 
Ich kann nur andeuten, dafi es sich darum handeln wird, dafi inner- 
halb der Selbstverwaltung des geistigen Gebietes als Verwaltende 
nur stehen werden diejenigen Menschen, die auch in diesem geisti- 
gen Gebiete selbst tatig sind. Zum Beispiel auf dem Gebiete des 
Schulwesens wird also nichts anderes in die Selbstverwaltung 
einfliefien als dasjenige, was der Padagoge iiber den Padagogen 
sachgemafi als Einflufi ausiiben mufi. Auch die Auswahl der Per- 
sonlichkeiten fiir bestimmte Stellen wird nicht auf Examen, Ver- 
ordnungen und dergleichen, sondern auf die wirklich padagogische 
Erkenntnis der Fahigkeiten und so weiter gebaut sein, so da£ es 
von nichts anderem abhangen wird, an welcher Stelle ich im geisti- 
gen Organismus stehe, als - sagen wir auf dem speziellen Gebiet 
der Schule - von padagogischen Gesichtspunkten allein, also von 
inneren Gesichtspunkten. Niemals wird irgendeine andere Korper- 
schaft, die Wirtschafts- oder Staatskorperschaft, nach ihren Bediirf- 
nissen die Schulen einrichten konnen. Die Schulen werden lediglich 
eingerichtet nach den menschlichen Bediirfnissen bis zum 15. Jahre 
und vom 15. Jahre ab nach den Bediirfnissen des sozialen Organis- 
mus, nach den Bediirfnissen des Lebens dieses sozialen Organis- 
mus. Dazu gehort aber, dafi in der Tat dasjenige, was Verwaltung 



ist, genau von denselben Gesichtspunkten abhangt wie in den 
Unterrichtsanstalten der Unterricht selber. Es darf nicht in der 
Zukunft der Mensch von einem Staate an eine Stelle gestellt werden 
und dann auch den Verordnungen des Staates zu folgen haben, 
sondern alles dasjenige, was im geistigen Leben sich betatigt, ist nur 
in eine Verwaltung gestellt, die aus dem Gesichtspunkte dieses 
geistigen Lebens selbst heraus entstanden ist. 
Dann liegt die Frage vor: 

Ist vom Bund fiir Dreigliederung bereits die Griindung eines Kulturrates 
fiir das geistige Gebiet in Aussicht genommen? Wenn nicht, dann sollte 
von der Versammlung die Initiative dazu ergriffen werden. 

Nun, sehr verehrte Anwesende, es niitzt heute nichts, wenn man 
nicht auf dem Gebiete der grofkn Aufgaben, die uns die Gegenwart 
auferlegt, ganz unbedingt offen und ehrlich redet. Das Wirtschafts- 
leben hat Formen angenommen, durch die das Proletariat zu einer 
energischen Vertretung seiner wirtschaftlichen Interessen gebracht 
worden ist. Es ist ja durch die mannigfachsten Umstande durchaus 
bekannt, dafi heute das Proletariat sehr krankt an dem Umstande, 
daft es mehr oder weniger ein theoretisches Ziel, aber keine Praxis 
hat. Dennoch, was da lebt im Proletariat, das ist ein bestimmtes 
Wollen, das ist auch das Ergebnis einer ganz bestimmten politischen 
Schulung, die durch Jahrzehnte hindurchgegangen ist. Aus diesem 
Wollen wird sich heute so etwas formen lassen wie zum Beispiel ein 
Betriebsrat oder eine Betriebsrateschaft aus geistigen und physischen 
Arbeitern zusammen. Das wird nicht leicht sein, namentlich da es, 
wenn es nicht schnell geschieht, zu spat werden konnte. 

Aber, ich mochte sagen, es ist heute eine mit immer noch weni- 
ger furchtbaren Hindernissen kampfende Arbeit als die Schaffung 
eines Kulturrats, denn da tritt einem das mannigfachste [an Hin- 
dernissen] entgegen. Zum Beispiel gibt es heute Parteifuhrer, die 
glauben, sozialistisch, ganz sozialistisch zu denken, gar nicht mehr 
im Sinne der alten Geisteskultur der bevorzugten Klassen zu den- 
ken, und dennoch haben sie nichts anderes als diese Geisteskultur 
ubernommen. Es lebt in ihren Kopfen nichts anderes als die letzte 



Konsequenz dieser Geisteskultur. Diese Geisteskultur der leiten- 
den, fiihrenden Kreise, sie kann dadurch charakterisiert werden, 
dafi sie innerhalb der letzten vier Jahrhunderte immer mehr und 
mehr eingemiindet ist in ein solches Verhaltnis vom geistigen Le- 
ben zum Wirtschaftsleben, dafi das geistige Leben eigentlich nur- 
mehr eine Folge des Wirtschaftslebens, eine Art Uberbau iiber das 
Wirtschaftsleben ist. Aus dieser Erfahrung der letzten drei bis vier 
Jahrhunderte hat sich nun das Proletariat respektive die proletari- 
sche Theorie die Anschauung gebildet, dafi das Geistesleben iiber- 
haupt nur etwas sein darf, was aus dem Wirtschaftsleben hervor- 
geht. In dem Augenblick, wo man das praktisch machen wiirde, 
da£ das Geistesleben nur aus dem Wirtschaftsleben hervorgehen 
diirfe, in dem Augenblicke legt man den Grundstein zu einer v6l- 
ligen Vernichtung des Geisteslebens, zu einer volligen Vernichtung 
der Kultur. Das Biirgertum kann heute nicht verlangen, da£ das 
Proletariat auf einem andern Standpunkte steht, als alles Heil vom 
Wirtschaftsleben zu erwarten - aus dem Grunde, weil das Biirger- 
tum selbst alles zu dem Standpunkte gebracht hat, daft schliefilich 
alles Geistige irgendwie vom Wirtschaftlichen abhangig ist. 

Der Gang der Entwicklung war ein solcher, dafi zunachst die- 
jenigen Schaden durch die geschichtliche Entwicklung iiberwunden 
wurden, die sich fur den Menschen innerhalb der menschlichen 
Gesellschaft ergeben haben aus der aristokratischen Ordnung 
heraus. Aus dieser aristokratischen Ordnung heraus haben sich 
ergeben Rechtsschaden; das Biirgertum kampfte um Rechte gegen- 
iiber demjenigen, was friiher aristokratische Ordnung war. Dann 
hat sich in der geschichtlichen Entwicklung als weiteres ergeben 
der Gegensatz zwischen Biirgertum und Proletariat, das heifit zwi- 
schen Besitzenden und Besitzlosen. Der grofie Kampf zwischen 
Biirgertum und Proletariat geht dahin, die Arbeitskraft nicht mehr 
eine Ware sein zu lassen. So wie die Dinge heute liegen, handelt es 
sich darum, dafi das Proletariat energisch verlangt - und das ist 
nicht ailein eine proletarische Forderung, sondern eine geschicht- 
liche -, da£ in der Zukunft die physische Arbeitskraft nicht mehr 
Ware sein diirfe. Das Biirgertum hat den Liberalismus verlangt, 



weil es die alten aristokratischen Vorrechte nicht mehr wollte, weil 
es das Recht nicht mehr zu einer Eroberungs- und Kaufsache 
machen wollte. Das Proletariat verlangt die Emanzipation der 
Arbeitskraft vom Warencharakter. Wollen wir nicht etwas iibrig- 
lassen, was ganz Mittel- und Osteuropa in den Zustand der Barba- 
rei bringen wiirde, so miissen wir heute noch ein weiteres einsehen. 
Wiirde sich heute nicht die Forderung aus dem Proletariat heraus 
ergeben, mit den geistigen Arbeitern verstandnisvoll zusammenzu- 
arbeiten, d
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