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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge und kurse uber
christlich-religioses wirken
RUDOLF STEINER
Vortrage und Kurse iiber
christlich-religioses Wirken
Vom Wesen
des wirkenden Wortes
Vier Vortrage mit Fragenbeantwortungen,
gehalten in Stuttgart
vom 11. bis 14. Juli 1923
Mit dokumentarischen Erganzungen
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ulla Trapp und Paul G. Bellmann
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1994
Bibliographie-Nr. 345
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3450-3
Z« den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich fest-
gehalten wurden, da sie von ihra als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zuneh-
mend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt
und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben
zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren
konnte, mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein
Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
gesagt gilt gleichermafien auch fur die Kurs zu einzelen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geistcswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis nchteten
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich n ah ere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe
Erster Vortrag, Stuttgart, 11. Juli 1923
Uber den Fortgang der Arbeit der Christengemeinschaft seit
ihrer Begriindung. Symptome fiir unterschwellige Wirkungen
der Geistesstromungen der Gegenwart. Uber ahrimanische
Krafte, die der Mensch heute durch die aufiere Kultur aufnimmt
und ihre Unschadlichmachung. Beantwortung von Teilnehmer-
fragen. Das richtige Darinnenstehen im Kultus. Der Kultus als
Sprache der iibergeordneten Welten. Tagliches Sich-Beschafti-
gen mit der Menschenweihehandlung. Das Sich-Durchringen
zura Priesterbewufttsein.
Zweiter Vortrag, 12. Juli 1923
Schwierigkeiten in der Auffassung des Verhaltnisses der Bewe-
gung fiir religiose Erneuerung zur anthroposophischen Bewe-
gung. Innere Wahrheit ist notwendig gegenuber der inneren un-
bewufiten Unwahrhaftigkeit in der heutigen Zeit. Von der Not-
wendigkeit einer Erkenntnisrichtung, die das Geistige wieder
innerhalb des Naturwissens geltend macht. Verhaltnis der Men-
schen zum Kultischen. Beantwortung von Teilnehmerfragen.
Dritter Vortrag, 13. Juli 1923
Impulse fiir ein Sichfuhlen in der spirituellen Welt. Das Waken
des Sprachgenius. Unser Verhaltnis zur Sprache. Das Wort
«Mensch». Dreistufige Meditation iiber «das Wesen, das ich mit
dem Wort 'Mensch* bezeichnen will». Erleben der Wahrheit des
Wortes. Priester und Sprachgenius.
Vierter Vortrag, 14. Juli 1923
Das Neue Testament als iibersinnliche Offenbarung. Uber
Ubersetzungen der Evangelien. Beispiel fiir eine neue Art der
Ubersetzung: Johannes 17, 1-9. Geistige Entwickelungstat-
sachen der Mcnschheit: Nach dem Mysterium von Golgatha ist
die Art, wie das Gottesbewuiksein zu den Menschen kommen
soilte, eine and ere als friiher.
ORIGINALHANDSCHRIFTEN
RUDOLF STEINERS
Verzeichnis der Originalhandschriften Rudolf Steiners . . 73
Faksimiles von Originalhandschriften Rudolf Steiners . . 74
Hinweise
Textunterlagen 159
Hinweise zum Text 159
Namenregister 161
Rudolf Steiner fiber die Vortragsnachschrihen 163
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 165
ZU DIESER AUSGABE
Der vorliegende Band in der Reihe «Vortrage und Kurse iiber christ-
lich-religioses Wirken» ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil
umfafit vier Vortrage, die Rudolf Steiner im Juli 1923 fur die Priester
der zehn Monate vorher begriindeten «Christengemeinschaft» in
Stuttgart gehalten hat.
Im zweiten Teil sind Originalhandschriften Rudolf Steiners (leicht
verkleinert) wiedergegeben. Es handelt sich hierbei um Erganzungen
dessen, was an Wortlauten fiir kultische Handlungen schon wahrend
des zweiten und dritten Vortragskurses ubermittelt worden war. Die
Originale der Handschriften befinden sich im Archiv der Rudolf
Steiner-Nachlafiverwaltung.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 11. Juli 1923
Die herzlichen Worte, die soeben [von Herrn Dr. Rittelmeyer]
gesprochen worden sind, gehen hervor aus derjenigen schonen
Kraft, die ja zur Begriindung dieser religiosen Gemeinschaftsbil-
dung gefiihrt hat, und das Wesentliche, was durch diese religios
wirkende Gemeinschaft fliefien soli, hangt ja von dem ganzen
Ernste und von der, ich mochte sagen Vertiefung dieses Ernstes
ab, wie er urspriinglich in den Absichten derjenigen lag, die den
Anstofi gegeben haben zu der Begriindung dieser religiosen Ge-
meinschaftsbewegung. Es mull gesagt werden, dafi auch im we-
sentlichen alles das, was im Verlaufe dieses Jahres innerhalb dieser
religiosen Gemeinschaft selber geschehen ist, durchaus im Sinne
einer Fortsetzung dieses Ernstes geschehen ist, und dafi man wohl
jetzt schon, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, sagen kann:
die urspriinglichen Absichten haben sich bewahrt, durchaus
bewahrt.
Es trat ja zum Beispiel auch dann diese Bewegung stark hervor,
wenn der aufiere Eindruck des Rituals - ich meine das im edelsten
Sinne des Wortes - innerhalb unserer gesamten Geistesbewegung
wirkte. Es ging ein starker Strom von innerer, wahrhaftig gemeinter
und auch wahrhaftig wirkender Andacht aus von der Art, wie wir
vor kurzem eines der altesten Mitglieder unserer anthroposophi-
schen Bewegung, Hermann Linde, zur Einascherung fuhren
konnten. Die Eindrucke, welche gerade bei dieser Geiegenheit von
der Kultushandlung ausgegangen sind, zeigten durchaus, dafi das,
was beabsichtigt werden soil, wirklich auch auf einem guten Wege
der Verwirklichung ist; und das kann ja auf den verschiedensten
Gebieten bis jetzt gesagt werden.
Ich habe sogar die Empfindung, daE es mit dem objektiven
Werdegang dieser religiosen Gemeinschaftsbestrebung schneller
gegangen ist als mit dem, was die innere Befriedigung, die innere
Harmonisierung in den Seelen der einzelnen Trager dieses reli-
giosen Gedankens ist. Die Sache geht nun ihren guten Gang. Sie
selbst werden sich auf der einen Seite von diesem guten Gang
von der Sache hingerissen fuhlen konnen, auf der anderen Seite
werden Sie mit manchen inneren seelischen Schwierigkeiten zu
kampfen haben, und da ware es von ganz besonderer Bedeutung,
wenn gerade bei dieser Zusammenkunft solche seelischen inneren
Schwierigkeiten zum Besprechen kommen konnten, wenn also
gerade heute diese erste Zusammenkunft dazu benutzt werden
konnte, dafi Sie die Schwierigkeiten geltend machen, die Sie selbst
haben, so dafi wir dann in den nachsten Tagen versuchen konnen,
in bezug auf diese inneren Schwierigkeiten eine gewisse Harmo-
nisierung herbeizufuhren.
Es ist durchaus begreiflich, dafi diese inneren Schwierigkeiten
da sind, denn Sie mussen ja, gerade weil Sie Vertreter der wich-
tigsten spirituellen Bestrebung sind, stets vor Augen haben, dafi
die Realitaten im geistigen Leben stark wirken. Auch wenn man
das nicht gewahr wird, Realitaten sind da. Das, was an der Ober-
flache des Geschehens geschieht, wurzelt, gerade wenn es fur
das Geistige geschieht, in tiefen Untergriinden, die gut oder bose
sein konnen. Es darf nie aus den Augen verloren werden, wenn
man in der Gegenwart auf religiosem Gebiete wirken will, dafi die
religios orientierten Geistes- oder Ungeistesstromungen gerade
in der Gegenwart eine aufierordentlch rege Tatigkeit entwickeln.
Gerade wahrend wir uns hier besprechen, ist zum Beispiel eine
Versammlung im Gange von Vertretern der romischen Kirche an
einem bestimmten Ort in Europa, die wahrscheinlich eine aufier-
ordentlich grofie Wirkung haben wird; wenigstens ist eine aufier-
ordentlich grofie Wirkung von ihr beabsichtigt. Es ist ja heute so,
dafi, viel mehr als man da oder dort ahnt, die Herzen der Men-
schen sich religios verodet fuhlen. Die Herzen der Menschen fiih-
len sich namentlich deshalb religios verodet, weil allzuwenig zu
ihnen in der Sprache gesprochen wird, die unmittelbar wirklich
aus dem Geiste heraus kommt. Und fur ganz breite Schichten der
Menschheit ist es einfach unmoglich, dafi man sie liber diese Ver-
odung der Herzen hinausbringt, wenn man sie nicht tatsachlich
mit einer Sprache erfafk, die nicht irdisch ist, das heifit mit der
Sprache, die in der Kultushandlung gegeben ist, die eine iibersinn-
liche Sprache ist. Sie mussen nicht aus den Augen verlieren, wie
ungeheuer wirksam gerade heute das ist, was von der romisch-
katholischen Kirche in der Messe gegeben wird, was sie in einem
heute ja veralteten, doch gerade auf die Seele stark wirkenden
Kultus hat, und noch mehr durch die Art, wie da gesprochen
werden kann.
Man mufi sich immer klar dariiber sein, wieviele Krafte in der
Menschheit so liegen, da$ sie gerade nach dieser Seite hin in die
Irre gefuhrt werden konnen. Bedenken Sie, wenn Sie heute fragen,
welches das so ziemlich verbreitetste Gedichtwerk in Mitteleuropa
ist, so mussen Sie ein Werk nennen, das in den Kreisen, die man
heute gewohnlich meint, wenn man vom Fortgang in der Ge-
schichte spricht, oft gar nicht bekannt ist, nicht einmal dem
Namen nach, «Dreizehnlinden» von Weber, das rasch viele Auf-
lagen erlebt hat. Warum ist das so? Aus dem Grunde, weil das
Werk von romisch-katholischem Geiste durchweht ist. ... [Liicke
im Text des Stenographen.]
Diese Tatsachen sind die auiSeren Symptome fur eine starke
geistige Stromung, die speziell romisch-katholische, die eben nach
aufien wirkt. Das ist sehr stark im Anzug. Nun vergessen Sie
nicht, diese Krafte gehen durch die menschliche Seele hindurch,
gehen auch durch Ihre Seelen hindurch, und manches von dem,
was Sie vielleicht nur einem subjektiven Bediirfnisse zuschrei-
ben, riihrt objektiv von den Geistesstromungen in der Gegenwart
her. Und da ware es von grofier Bedeutung, wenn heute von Ih-
nen diese subjektiven Bediirfnisse formuliert wiirden, so dafi wir
sie in den nachsten Tagen in unsere Besprechung einfliefien lassen
konnen. Sie diirfen nicht vergessen, in einer solchen Bewegung,
wie es die Ihrige ist, muE es sich darum handeln, daiS Sie mit dem
real-konkreten Geiste der Gegenwart wirken. Was wissen die
Leute heute von dem realen Geiste der Gegenwart? Eine der
wichtigsten Tatsachen fur das inn ere Wirken des Geistigen in der
Gegenwart kommt dadurch zustande, da$ man in Amerika anfangt
etwas einzusehen, was in der Anthroposophie schon angedeutet
worden ist, was aber natiirlich nicht gehort wird. Nun fangt man
an, mit aufierlichen Mitteln einige Einsicht zu gewinnen.
Vergleichen Sie die Welt von heute mit der von vor hundert
Jahren. Sie werden sagen, wenn man die Welt von heute mit der
von vor hundert Jahren vergleicht, so ist im Ganzen ein Unter-
schied zwischen heute und der Zeit vor hundert Jahren da; aber
einer der gewaltigsten Unterschiede, der nicht aufgezahlt wird, das
ist der, dafi wir heute unsere Atmosphare durchzogen haben von
lauter Telegraphendrahten, Telephondrahten und so weiter. Nun,
in Europa scheint das Durchwachsensein mit Drahten noch ein
Kinderspiel zu sein gegenuber Amerika. Deshalb ist dort eine Spur
von Einsicht vorhanden, was das fur den Menschen bedeutet. Man
ahnt dort endlich, da$ der Mensch nicht unbeeinflufit bleibt von
dem, was in den Telegraphendrahten lebendig durch die Luft
^ ^wirrt, dafi der Mensch ein richtiger Induktionsapparat wird.
Bedenken Sie, dafi ein entgegengesetzter Strom in Ihren Nerven
und wiederum ein gleichgerichteter Strom in Ihrem Blutsystem
wirkt. Das alles tragt die Menschheit heute in sich, aber davon
spricht man kaum. Das sind im eminentesten Sinne ahrimanische
Krafte, die der Mensch heute durch die auftere Kultur aufnimmt,
die er auch gar nicht ablehnen kann. Man macht sich ja Gedanken
iiber das Mogliche und Unmoglichste, aber gerade iiber die stark-
sten Realitaten macht sich die heutige Menschheit am wenigsten
Gedanken. Man sollte zum Beispiel auch einmal dariiber sprechen,
inwiefern der Unterschied zwischen Goethe und den heutigen Men-
schen darin besteht, dafi Goethe noch nicht von Telegraphendrah-
ten umwickelt war. Sehen Sie, was heute die Verodung der Men-
schenseele ist, das ist wesentlich mit alldem zusammenhangend.
Wenn Sie sich nun umsehen, wie die hochsten geistigen reli-
giosen Bedurfnisse der Menschen befriedigt werden, so miissen
Sie sich die Frage stellen: Sind in diese Befriedigungen schon die
Impulse aufgenommen, die damit rechnen, daft der Mensch durch
sein Seelisch-Geistiges diese Dinge in sich unschadlich machen
kann? - Das sind sie nicht! Die Befriedigungen der religiosen
Bediirfnisse gehen in Zeiten zuriick, in denen es dies alles noch
nicht gab, was ich Ihnen eben geschildert habe. Heute gibt es eine
Befriedigung der religiosen Bediirfnisse, die nur fiir diejenigen
Menschen gelten konnte, die nicht in einer solchen Kultur lebten,
wie wir sie heute haben. Die Anthroposophie will hier so eingreifen,
dafi ein neuer Impuls entstehen kann, der in der Lage ist, die
Menschen unabhangig zu machen von dem, wovon sie aufierlich
nicht unabhangig werden konnen. Das mufi hingenommen wer-
den, was aufierlich da ist. Aber es mufi auf der anderen Seite der
Gegenpol dazu [geschaffen werden]. Das bedeutet, dafi Sie ein
starkes Bewufitsein aufnehmen miissen von der Bedeutung Ihrer
Bewegung und mehr und mehr von rein geistigen Impulsen aus
diese Bewegung machen miissen. An die wichtigsten Dinge mufi
gerade dabei gedacht werden, wenn es sich darum handelt, die
Frage zu beantworten: Was sollen wir tun? - Die richtige An-
wendung des Kultus und der Predigt ergeben schon den notigen
starken Impuls, wenn diese religiose Bewegung auf Anthroposophie
aufgebaut ist. Aber ein Bewufitsein davon mufi in jedem einzelnen
von Ihnen vorhanden sein, dafi man heute in der Art in der Welt
steht, dafi man drinnensteht in diesen Einflussen. Jeder von Ihnen
sollte moglichst viel dazu beitragen, den Starkmut des Bewufitseins
nach dieser Richtung hin zu erhohen, zu kraftigen.
Wir diirfen nicht vergessen, dafi nach und nach in der Mensch-
heit alles abstrakt und intellektuell geworden ist, und dafi der
Intellektualismus heute vollkommen in der Abendrote steht. Wir
diirfen heute die Dinge nicht mehr nur verstehen wollen, sondern
wir miissen unsere Herzen offnen fiir die Realitaten aus der
geistigen Welt. Das blofie Verstehen, wie dies oder jenes aufzu-
fassen ist, ist sehr schon, es ist aber nicht dasjenige, was heute eine
Bewegung tragen kann. Sehen Sie, eines mufi besonders eingese-
hen werden: dafi diejenigen Bewegungen, die heute regsam sind
und mit starkem Willen ausgestattet sich dahin riisten, mit Altem
die Menschheit zu iibersaen, ungeheuer stark sind und tief wur-
zeln namentlich im mitteleuropaischen und westlichen Volkstum;
die rornisch-katholische Kirche ist nur eine Phase davon. Gerade
die Intellektuellen, weil sie heute bei der Verodung der Herzen
angekommen sind, laufen heute in Scharen wieder zu den beste-
henden Kirchen hin, namentlich zur katholischen.
Sie sind nur erst eine kleine Bewegung und gering an der Zahl.
Aber wenn Sie das Bewufitsein davon in sich tragen, dafi Sie in der
Wahrheit wirken, dann werden Sie sich eben sagen: Bei geistigen
Bewegungen kommt es nicht auf die aufiere Grofte noch auf die
Zahl an, sondern auf die innere Kraft- Diese wird wirken, wenn
sie von starkem Bewulksein dessen, was sie ist, getragen wird. Das
ist es aber, was Sie haben mussen: Starkes Bewufitsein der Wahrheit,
sich nicht entmutigen las sen, weil die Wahrheit heute am meisten
gehafit wird. Wenn Sie irgendeinen sektiererischen Irrtum ver-
breiten wollten, so wiirden Sie es leicht haben, man wiirde dann
keine Angstlichkeit Ihnen gegeniiber haben. Aber gerade wenn
Sie die Wahrheit verbreiten wollen, dann spiiren die Menschen
das, und da werden Sie die starksten Widerstande finden.
Es handelt sich darum, dafi man heute die zwei grofien Gegen-
satze durchschaut. Ich mochte nicht bei jeder Gelegenheit den
Jesuitismus erwahnen, auch nicht in dem gewohnlichen Sinne,
ich erwahne ihn hier nur als Reprasentant dessen, was die alte
Geistigkeit iiber die Gegenwart verbreiten will, gegeniiber dem,
was moderne Kultur in die Gegenwart hereingebracht hat. Diese
Stromung verspricht sich die Ausrottung der modernen Kultur.
Sie durfen nicht glauben, daft der Wille bei dieser Bewegung klein
ist. Sie zweifelt nicht, daft es ihr gelingen wird, eine Menschheit
ohne die modernen Kulturmittel zu haben, und das tragt diese
Bewegung. Sie sieht in den modernen Kulturmitteln den Teufel
und will ihn mit den Mitteln der alten Kultur iiberwinden. Doch
Ahriman kann nicht ausgerottet werden, aber er kann gelautert,
gereinigt, geedelt werden. Es mufi mit der modernen Kultur ge-
rechnet werden. Das wissen auch die Gegner; deshalb haben sie
eine ganz ausgesprochene Angst gerade vor Ihrer Bewegung, weil
sie die Wahrheit ist. Von dem Irrtum wiirde man sagen: der wird
schon wieder aufhoren -, aber gegeniiber der Wahrheit greift der
Gegner zu grofien und kleinen Mitteln.
Nun sagten Sie, von Dornach ist manches ausgegangen, was
mit Ihrer Bewegung zusammenhangt. Aber, in durchaus nicht ir-
gendwie auch nur im geringsten schlimm gemeinten Sinne mochte
ich es sagen: Auch das Schicksal des Goetheanums ist nicht ohne
Zusammenhang damit, dafi Ihre Bewegung von ihm ausging. An
der Stelle, wo Ihre Handlung angeregt wurde, ist der ziindende
Funke gelegt worden. Man mufi nicht glauben, dafi [von den
Gegnern] mit geringen Mitteln gearbeitet wird. Trotzdem miissen
wir uns klar dariiber sein, dafi ein [Ihre Bewegung] fordernder
Impuls eigentlich nicht im Aufieren liegen kann, und auch ein ihn
totendes Element kann nicht im Aufieren liegen. Einzig und allein
darauf mufi es ankommen, dafi die Bewegung ihre Impulse im
Innern der Seelen haben mufi. Dann konnen die aufieren Dinge
vielleicht einmal tragisch verlaufen, aber sie werden dann kein
Hindernis dafur sein, dafi die Impulse, die vertieft erst gefafit
worden sind, sich wirklich ausleben werden, wie sie es tun miis-
sen. Es war ein guter Impuls, der den Anstofi gegeben hat zu
dieser religiosen Bewegung; er wird sich ausleben und Frucht
tragen, wenn er in dem gleichen guten Sinne weitergetragen wird.
Und so werde ich an die einzelnen Impulse ankniipfen, wenn von
Ihrer Mitte ausgehend vorgebracht wird, was Sie gern besprochen
haben mochten.
Von den Teilnehmern werden folgende Fragen vorgebracht:
1. Wie verhalt sich unser Kultus zu dem Kultischen, was in der Zukunft
kommen wird? Wie wirken wir in der rechten Weise mit der anthropo-
sophischen Bewegung zusammen? Wie konnen wir das Rechte tun zur
moralischen Unterstiitzung der Gesamtbewegung?
2. Ich bitte um Aufklarung iiber die Weltvorgange, in denen besonders das
Ruhreebiet stent.
3. Es gelingt mir nicht, ein objektives Gleichmafi in die Kulthandlung zu
bringen. Es ist verschieden, wie ich sie ausiibe. Ich habe manchmal starke
Zweifel, ob ich eine Kulthandlung vollzogen habe. Man kann die Men-
schenweiliehandlung lesen so, da£ man eigentlich korperlich mit dem
Nervensystem beteiligt ist, aber es ist dann nichts Aufbauendes.
Rudolf Steiner: Es ware schon notwendig, daft gerade zu dieser
letzten wichtigen Frage Sie oder jemand anderes sich genauer
aussprechen wiirde. Sie haben zum Beispiel den Satz ausgespro-
chen, es sei Ihnen nicht immer klar, ob Sie eine Kulthandlung
wirklich vollzogen haben. Das ist eine berechtigte Frage. Aber
man mufi auf diese Dinge schon genauer eingehen. Es wird nicht
gut sein, wenn Sie das Nervensystem in diese Sache hineinbrin-
gen. Denn naturlich muE die Kulthandlung auf einem solchen
Niveau liegen, daft alles, was von ihr ausgeht, nicht auf dem Ni-
veau des Nervensystems ist, von dem sich ja schon viel zu viel
geltend macht. Das Nervensystem raufi naturlich starker beein-
flufit werden, aber nicht in solcher Weise. . . . [Vom Stenographen
gekennzeichnete Liicke.] Sie miissen in Ihrem subjektiven Erleben
dem objektiven Erleben nachkommen, das durch den Kultus flieftt.
Es darf keine Unklarheit dariiber herrschen, daft von einem
Verhaltnis des Kultus zu etwas anderem nicht gesprochen werden
sollte. Der Kultus, der sich ergibt, wenn man die geistige Welt
fragt, ist der Kultus, der bei Ihnen lebt. Es ist nicht so, daft das
irgendeine aufterliche besondere Form ist, sondern es ist der
Kultus, der schon seine Zukunft finden wird, aber durch das Le-
ben. Das richtige Darinnenstehen im Kultus hangt innig mit dem
Priesterbewufttsein zusammen. Das Priesterbewufttsein kann
nur dadurch entstehen, daft innerlich aufterste Ehrlichkeit vorhan-
den ist. Deshalb ware es gut, wenn das, was subjektiv in den
Seelen lebt, was die einzelnen Personlichkeiten erleben, indem sie
den Kultus ausiiben, bei dieser Gelegenheit herauskame. Dann
erst, wenn Sie Ihre subjektiven Bediirfnisse zum Ausdruck brin-
gen, werden wir fruchtreich sprechen konnen. . . . [Vom Stenogra-
phen gekennzeichnete Liicke.]
Worauf es ankommt, ist, daft der Kultus die Sprache der iiber-
geordneten Welten sein soil. Die Menschensprache ist von vor-
neherein eine irdische Sprache, weil sie zu ihrem Ausdrucks-
mittel die geformte Luft hat. Es ist naturlich toricht, vorauszuset-
zen, daft abgeschiedene Geister in irgendeiner Menschensprache
reden konnten. Die Medien in Deutschland lassen die Geister
deutsch reden, in England englisch, in Frankreich franzosisch,
als ob die Menschen nach dem Tode Deutsche, Englander oder
Franzosen waren. Der Geist redet nicht mehr in Menschenspra-
che und kann auch nicht die Luft erfiillen. Was die Sprache
durchstromen kann als Geist, liegt ganz in der Art, wie gespro-
chen wird. In dem Augenblick, wo man das Gefuhl hat, man
spricht mit Ehrerbietung, kann man durch die Sprache etwas
Geistiges mitteilen. Was aber heifit das: Ehrerbietung? Ehrer-
bietung ist etwas, was unsere Philosophen ganz verlernt haben.
Sie reden, als ob sie die Dinge, die sie besprechen, greifen und
beriihren wiirden. Wer iiber geistige Dinge sprechen will, mufi
sich bewufit sein, dafi das Denken wie ein atherisches Tasten ist
und daft man die Gedanken ehrerbietig formen mulS, so wie man
ja auch in der physischen Welt das, was mit Ehrfurcht beruhrt
werden soil, nur an der Oberflache beriihren wiirde. Dieses innere
Gefuhl der Ehrerbietung beim Reden ist naturlich der Anfang.
Dadurch bekommt das Reden nicht nur Inhalt, sondern Physio-
gnomic, es wird bewufit; dann erfullt man sich nach und nach mit
dem Sprachgenius. Dadurch fangt man an, das Reden selber als
ein lebendiges Geistiges zu haben. Das raufi beim Kult im hoch-
sten Mafie vorhanden sein. Dann steht man richtig drinnen in der
Handlung, so daft man weifi: Du sprichst nicht dein Subjektives
aus, sondern du bist ein Werkzeug der geistigen Welt.
Darauf beruht das starke Verstandnis, das dem Kultus ent-
gegengebracht werden kann. Dazu tragt das Wie des Sprechens
sehr wesentlich bei. Das Wie aber kommt mit dem Bewufitsein,
dafi man Werkzeug ist fur die geistige Welt. Jede einzelne Kult-
handlung ist die Fortsetzung desjenigen, was aus dem Worte fliefit.
In der Kulthandlung setzt sich das fort, indem das Wort Gebarde
wird. Dann ringt sich das Bewufitsein durch: Du selbst magst
denken wie du willst iiber die Sache, [darauf kommt es nicht an,]
aber es kommt darauf an, dafi du sagst, was die Gotter wollen.
Dann kommt man durch das Bewulksein dazu, den Impuls der
W eihehandlung in alles einzelne hineinwirken zu lasscn, was man
den ganzen Tag hindurch tut.
Welches ist dieser Impuls? Der Impuls, der von der Menschen-
weihehandlung ausgeht, liegt im wesentlichen darin, dafi auf der
einen Seite da ist die Opferung. In der Opferung bringen wir das
Irdische dar der geistigen Welt; wir legen es nieder an den Stufen
der geistigen Welt. Bei der Kommunion empfangen wir es wieder,
aber jetzt aus der geistigen Welt heraus. Aus dem Irdischen haben
wir es hingegeben. Was ist dazwischen vorgegangen? Die Trans-
substantiation; es ist vorgegangen eine Wechselwirkung mit der
geistigen Welt. Das gibt ein Bewufksein, das eigentlich jedesmal in
der Menschenweihehandlung empfinden lafk das Darinnenstehen
in der geistigen Welt. Erhoht wird das dadurch, dafi das Evan-
gelium vorausgeht. Wenn das Evangeliumlesen die entsprechende
Vorbereitung ist, und wenn dann empfunden wird dieses Durch-
stofien zur geistigen Welt zwischen Opferung und Kommunion,
dann tragt man die richtige Empfindung weg von der Men-
schenweihehandlung.
Da liegt natiirlich der Anlafi dazu, sich wenigstens implicite
jeden Tag mit der Weihehandlung zu befassen. Dem katholischen
Priester ist vorgeschrieben, jeden Tag die Messe zu lesen; dadurch
empfangt er eine starke Kraft. Dies mufi nicht unbedingt immer
ausgefuhrt werden, aber sich jeden Tag mit der Messe implicite
beschaftigen, das ist notwendig. Durch dieses Gefuhl kommt man
in Zusammenhang mit der geistigen Welt. Das ist von ungeheurer
Wichtigkeit.
Es fallt ja noch etwas anderes jeweils zwischen zwei Tage
hinein fur den Priester: er schlaft zwischen zwei Tagen. Nun, was
bedeutet das Schlafen? Die heutige Wissenschaft hat ja die Eigen-
tiimlichkeit, die wichtigsten Dinge des Lebens [so zu sehen, dafi
sie] aufierlich stimmen, aber innerlich nicht. Was sie iiber den
Schlaf sagt, ist Illusion. Im Schlafe ist das Geistig-Seelische des
Menschen, sind das Ich und der Astralleib vom physischen und
Atherleib getrennt. Zwischen Einschlafen und Aufwachen arbei-
ten physischer und Atherleib auf der Stufe des Pflanzlichen. Was
von dem Menschen iiber dem Pflanzlichen ist, ist im Schlafe ja
heraus; also der Mensch sinkt als physische Wesenheit auf die
Pflanzenstufe herab. Das bedeutet, dafi sich da Prozesse abspielen,
die von niedererer Art sind als die normalen Prozesse im voll-
bewufiten menschlichen Leben. Da «kocht» es, da wirken Warme
und Kalte, da wirken untergeordnete Naturkrafte, die beim Wa-
chen nicht in der gleichen Weise wirken. Wir haben nur dann das
richtige Gefuhl beim Aufwachen - das mufi natiirlich ins Geistige
hinaufgenommen werden, sonst kann es gefahrlich werden -,
wenn wir uns sagen: Unser Ich und unser Astralleib waren in der
gottlichen Welt, unseren Korper haben wir den niederen Welten
iiberlassen gehabt; wir nehmen den Korper von den Welten zu-
riick, die unterhalb der eigentlichen Menschenwelt liegen. Das
diirfen wir nie vergessen; von einem ahrimanischen Niveau neh-
men wir unseren Korper zuriick, er ist voll von ahrimanischen
Bildungen, die wir im Wachen wieder ausrotten mussen. Die
ersten Stunden des Wachens mussen so verlaufen, dafi wir imstande
sind, das auszurotten, was sich namentlich an Salzen liber Nacht
in unserem Korper abgelagert hat. Wenn wir das nicht tun kon-
nen, so werden wir im Physischen voller Rheumatismus, Gicht
und so weiter, auf seelischem Gebiete voller Liisternheitsgedan-
ken. Das kommt von dem, was der Mensch auf diesem Niveau
wahrend des Schlafes durchgemacht hat.
Weil der Mensch jeden Tag [wahrend des Schlafes] herunter-
riickt unter das menschliche Niveau, mufi der Priester iiber dieses
Niveau zu einem hoheren Niveau hinaufriicken. Das geschieht,
wenn der Priester die Kulthandlung ausiibt. Man braucht nicht,
wie in der katholischen Kirche, taglich die Messe auszuuben, aber
man mufi leben in der Menschenweihehandlung. Das wirkt eben-
so stark wie die taglich gelesene Messe. Dann wird es objektiv
stark. Das sind die Dinge, die wir in der Realitat betrachten
mussen. Es ist eine wesentliche Sache, dafi die Menschen jede
Nacht schlafen. Die Menschenweihehandlung ist so wichtig wie
das Schlafen. Wenn Sie sich jeden Tag in it der Weihehandiung
beschaftigen, so heben Sie sich dadurch heraus aus dem unteren
Niveau des Schlaflebens. Der evangelische Sinn weifi von diesen
Dingen nichts; er will nicht den Priester herausheben, lalk ihn
drinnenstehen im nachtlichen Schlafleben. Aber dieses Herauf-
heben des Menschen aus dem nachtlichen Schlafleben, dieses be-
wulke Entgegenarbeiten dem Heruntergehen des Menschen in das
untermenschliche Bewufitsein, das macht gerade den Priester-
beruf aus.
Wo ist das Niveau, in dem wir sind als Menschen? Das
menschliche Niveau liegt zwischen dem Pflanzlichen und Tieri-
schen, wie auch zwischen Luft und Wasser. Im Schlafe sinken wir
ins Pflanzliche hinunter, am Tage steigen wir ins Tierische herauf.
Der Mensch ist zunachst mineralisch, pflanzlich, tierisch, aber
noch nicht eigentlich Mensch. Das Menschliche wird erst in der
Zukunft ausgebildet. Wenn wir die Messe durchmeditieren, gehen
wir nicht ins Tierische, sondern wir gehen ins Gottliche hinauf,
das sonst nur unbewufit in uns wirken kann. Wiirden wir nur das
in uns herumtragen, was heutiges Tagesbewufksein ist - ja, sehen
Sie, dann wiirden wir nicht so ausschauen, wie wir jetzt ausschau-
en: wir wiirden unsere Leiber nur bis zum Diaphragma, bis zum
Zwerchfell ausgebildet haben, die Manner wiirden Stierkopfe
haben, und Sie - die Frauen - wiirden einen Lowenkopf haben.
Durch das, was wir in unserem heutigen Tagesbewufitsein haben,
sind wir noch nicht imstande, einen physischen Menschenkopf zu
haben - den bildet uns die Gottheit. Daher wird ja auch beim
Embryo der Kopf in hohem Grade ausgebildet. Wahrend des
gewohnlichen Wachens konnen wir nicht ganz unsere Menschen-
form umfassen, aber Sie lernen die Menschenform, wie sie eine
gottliche ist, wirklich erfiihlen auf der Erde. - Sie bekommen erst
das Recht, sich mit menschlicher Physiognomie hineingestellt zu
fiihlen in die Welten, wenn Sie in der Messe sich herauserheben
aus der Tierheit. Dann entstieren, dann entlowen Sie sich. Das
gibt eine menschlich-gottliche Physiognomie.
Das macht die katholische Kirche so stark, daft sie sich an das
heranmacht, wo das Gottliche im Menschen spricht. Wenn man
anfangt, der praktisch Ausiibende des Kultus zu werden, dann
mufi man die Sache unendlich viel ernster fassen konnen als im
gewohnlichen Sinne; bis zum aufiersten Ernst mufi man sie fassen
und sich sagen: Wir tragen gar nicht den Menschenkopf, wenn
wir als gewohnliche Menschen herumgehen, denn da [in den
Menschenkopf] wirken die Gotter hinein.
Daher ist «Menschenweihehandlung» kein schlechter Ausdruck,
sondern ein guter, ein sehr guter. So wie Ihr Haupt hineingestellt
ist in die Welt, ist es nicht durch Sie geworden, sondern von Gott
geschaffen. Weihen heifit, das, was fest ist, flussig machen, das,
was der Mensch hat, eintauchen in das Geistige. So dafi wir sagen
konnen: Ich erwerbe mir das Recht, im Gottlichen zu leben,
durch die Menschenweihehandlung und die Meditation und lasse
die Mitglieder der Gemeinde zunachst nur teilnehmen an Men-
schenweihehandlung und Meditation. Das widerspricht nicht
dem Sozialen und auch nicht dem evangelischen Bewufitsein, son-
dern es ist erst ein rechtes Hineinstellen in die Wirklichkeit. Erst
dadurch widerspricht man diesen, daE man sich abwendet von
den Dingen der gewohnlichen Welt; aber dadurch, dafi man sich
ihnen bewufit gegemiberstellt, uberwindet man sie. Das ist immer
mehr anzustreben, dafi man sich hindurchringt, die Dinge zu
verstehen, denn der Ansatz zum Priesterbewufksein kann nicht
von heute auf morgen gegeben werden, dazu muE man sich erst
durchringen.
Es wird nach einer Sprachiibung gefragt.
Rudolf Steiner: Die katholische Kirche sieht auf die Sprache sehr,
sie laftt Ubungen machen. Der Jesuit mufi sogar rezitieren und
skandieren lernen, er mufi lernen, wie man einen Vordersatz und
einen Nachsatz gestalten mufi, wie man im ersten Satz vorbereiten
mufi, wenn man im zweiten iiberzeugen will, und das endet dabei,
dafi man das, was man im gewohnlichen Sinne Eloquenz nennt,
nicht vernachlassigen darf. Das geht darauf hinaus, dafi die Spra-
che etwas Objektives wird. Die Sprache bei den meisten Menschen
ist nur ein Ausleben der rein physischen Organe, des Kehlkopfes
und der Schleimhaute. Die Sprache, die den Kultus ausiiben soli,
mufi frei sein von diesem Individuellen, sie mufi hinaufkommen
bis zu der Macht, die Luft vibrieren zu lassen, ohne dafi der
Schleim sich da hineinmischt. Das ist etwas, was man in der
heutigen Zeit nicht so ohne weiteres kann, sondern das man iiben
mufi. Die Berliner Universitat hatte einmal einen Professor fur
Eloquenz, Curtius war es; aber so wenig lag das im Zeitbewufit-
sein, dafi er nie diesen Lehrauftrag erfullte, sondern griechische
Kunstgeschichte vorgetragen hat.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 12. Juli 1923
Meine lieben Freunde! Vielleicht wird sich gerade manche Frage
vertiefen, wenn wir zuerst jetzt ankniipfen an einiges von dem,
was gestern vorgebracht worden ist. Es war ja zunachst von Dr.
Rittelmeyer schon darauf aufmerksam gemacht worden, daft doch
noch gewisse Schwierigkeiten bestehen in der Auffassung des
Verhaltnisses dieser christlich-religiosen Bewegung zur Anthro-
posophie. Diese Schwierigkeiten sind ja solche, die man eigentlich
nicht gerade, ich mochte sagen, durch eine Definition versuchen
soli zu bewaltigen, sondern die sich eigentlich nur bewaltigen
lassen durch die Praxis, und dann auch durch ein gewisses Studium
der Seelenverhaltnisse der gegenwartigen Menschheit. Die Seelen-
verhaltnisse der gegenwartigen Menschheit haben sich ja wirklich
erst herausgebildet im Verlaufe der letzten drei bis vier Jahr-
hunderte, und es wird noch viel zu wenig Riicksicht darauf
genommen, wie schwierig diese Seelenverhaltnisse eigentlich sind.
Und so mussen Sie sich schon klar dariiber sein, daft heute mit
aller Energie und aus dem besten Willen heraus eine religiose
Bewegung begonnen werden konnte, auch kraftvoll wirken konnte,
und dennoch gegeniiber anderen Zeitstromungen nach und nach
die Herzen der Menschen verlieren wiirde, wenn nicht zu gleicher
Zeit die Bediirfnisse der Menschheit befriedigt wiirden, die fur
altere, aber verhaltnismafiig gar nicht so alte religiose Stromungen
gar nicht vorhanden waren.
Man darf sich ja nicht der Illusion hingeben, daft es in der
Wirklichkeit jemals moglich sein werde, eine religiose Bewegung
abgesondert von dem ganzen iibrigen Kulturleben zu fuhren,
namentlich nicht abgesondert von dem, was sich wissenschaft-
liches Kulturleben nennt. Sie mussen sich klar dariiber sein, daft
heute eine mit hochster Autoritat ausgeriistete atheistische Wis-
senschaft da ist. Nun werden Sie vielleicht sagen konnen: Ja, diese
atheistische Wissenschaft ist als Wissenschaft da, aber neben dem,
da$ der erne oder andere Mensch die zeitgenossische Wissenschaft
treibt, kann er ja doch noch erfiillt sein von einer zwar nicht
zeitgemafien, aber doch noch vorhandenen inneren Frommigkeit;
so dafi es heute Leute geben konnte, die sich ganz hineinfiigen in
den gegenwartigen atheistischen Wissenschaftsbetrieb und die
sagen: das ist eben ein anderes Feld, aber wenn ich nicht auf
diesem Felde tatig bin, finde ich mich hinein in ein religioses
Leben.
Sehen Sie, diese seit Jahrhunderten angestrebte, auch innere
Trennung des Wissenschaftlichen und des Religiosen, diese
Trennung kann eben eine noch so starke rein religiose Bewegung
gar nicht irgendwie bewaltigen. Denn eine religiose Bewegung
mufi, ebenso wie eine wissenschaftliche Bewegung, vor alien
Dingen innerlich wahr sein. Nun konnte es vielleicht sogar trivial
erscheinen, wenn wir jetzt, nachdem wir so vieles miteinander
besprochen haben, was der religiosen Bewegung Inhalt gibt, wieder
zuruckkommen auf das Elementare: die Bewegung mufi wahr
sein. Aber wir durfen nicht unterschatzen, wie stark heutzutage
die Unwahrheit, die innere, die unbewufite Unwahrheit zivilisa-
torischer Impulse geworden ist. Und dasjenige, was die ersten
Initiatoren dieser religiosen Bewegung damals gefuhlt haben, als
sie die Anregung gegeben haben zu dieser religiosen Bewegung,
das war im wesentlichen diese innere unbewufite Unwahrhaftig-
keit der heutigen Zeit. Und gerade in diesem Augenblick er-
scheint es mir dringend notwendig, dafi wir uns mit dieser inneren
Unwahrhaftigkeit beschaftigen.
Sehen Sie, aus einer kulturhistorischen Unbequemlichkeit heraus
hat sich allmahlich die Ansicht gebildet, man miisse Wissenschaft
Wissenschaft sein lassen, darum habe der Theologe sich nicht zu
bekummern. Der Theologe habe sich sein eigenes Wahrheitsprinzip
herauszubilden, nach dem er das Ethische und den religiosen
Inhalt getrennt von aller Wissenschaftlichkeit behandelt und ge-
wissermafien von dem Ewigen, dem Religiosen her auf die
Menschheit losgehe, wahrend er sich nicht darum kiimmert, was
die Wissenschaft treibt. Nun ist gerade dieses Sichverselbstan-
digen des religiosen Lebens gegeniiber dem iibrigen Kulturleben
durchsetzt von defer innerer Unwahrhaftigkeit. Denn derjenige,
der Wissenschaft treibt, so wie sie heute getrieben wird, darf,
wenn er ehrlich und wahr ist, eben nur Atheist sein, weil die Art
und Weise des Denkens xiber die Welt, wie sie heute von Physik,
Chemie und so welter getrieben wird, gar keine Mdglichkeit gibt,
aufzusteigen zu irgendwelchen ethischen Idealen. Es gibt nur eine
Wahrheit fiir eine solche Wissenschaft wie die heutige, namlich
diese: Die Welt ist innerlich iiberall kausal bedingt. Die Welt-
kausalitat ist aber neutral gegeniiber den ethischen und religiosen
Idealen, ganz neutral. Da miissen wir die Wahrheit suchen, und
da gibt es doch nichts anderes, als stehen zu bleiben bei dem
Ausspruch des Astronomen: Ich habe das ganze Weltall durch-
forscht und nirgends einen Gott gefunden; ich brauche daher
diese Hypothese nicht. - Etwas anderes gibt es fiir die Wissenschaft
nicht, wenn man ehrlich ist.
Davon hangt es ab, dafi aufgrund einer solchen wissenschaft-
lichen Denkweise die Frage «Lassen wir dann die Moral, das
Ethische zunachst ganz fallen?» so beantwortet wird: «Taten wir
das, so wiirden die Menschen in das Chaos hineintreiben; daher
ist es notwendig, die Menschen von aufien zu zahmen durch
Staatsgesetze oder dergleichen». - Wir hatten dann eben gezahmte
Menschen, wobei das Prinzip des Zahmens fiir die Menschen
nichts anderes ware als eine Art hohere Zahmung, wie man es bei
den Tieren anwendet. Die Religion hatte [fiir eine solche Denk-
weise] nur dann eine Berechtigung, wenn man sie betrachtete
lediglich als ein Mittel, das bewirkt, die Menschen zu einem
gezahmteren gegenseitigen Verhalten zu bringen. Religion ware
nur ein Mittel zum Zweck; das allein lafk die naturwissenschaft-
liche Denkungsweise der Gegenwart zu. Und ein gut Teil von
dem, was die Menschheit so heruntergebracht hat, liegt eben
darin, da£ man nicht einen redlichen Abscheu vor einer solchen
Denkungsweise hat, die nur die Halfte, namlich die naturwissen-
schaftliche Denkweise hinnimmt, im iibrigen aber eine Theorie
erfindet, wie man die Menschheit zahnit. Wenn man nur auf
diese Weise von religiosen und ethischen Impulsen spricht, dann
mufi man sich eben auch klar sein, dafi man dann nur von Zah-
mungsregeln sprechen kann. Man fahrt durchaus in der tiefen
Unwahrhaftigkeit fort, wenn man sich diese Dinge nicht gesteht.
Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht aufhalten, was
die atheistische Naturwissenschaft macht. Denken Sie, wie stark
heute Bestrebungen auftauchen, menschliche Einrichtungen so zu
treffen, dafi sie weitreichend auf ein blofi physisch gedachtes
Vererbungsprinzip aufbauen, zum Beispiel die Gesetze fur die
Eheschliefiung zu schaffen, wo nicht die inneren Herzensver-
haltnisse entscheiden, sondern zum Beispiel der Mediziner. Diese
Dinge lassen sich naturlich wegreden, aber in der Realitat lafit
sich das nicht aufhalten.
Fur den, der heute auf dem Boden einer religiosen Erneuerung
stehen will, ist es daher notwendig, sich klar dariiber zu sein, dafi
er zugleich einig sein mufi mit einer Erkenntnisrichtung, welche
den Geist wiederum in das Naturwissen hineintragt, die den Geist
geltend macht innerhalb des Naturwissens, so dafi bis in die
Physik hinunter der Geist geltend gemacht wird. Das ist ja richtig
angestrebt worden, indem die religiose Bewegung auf Anthro-
posophie baut. Aber dieses Bauen auf die Anthroposophie mufi
ein ganz innerliches, wahrhaftiges sein. Deshalb ist es notig, dafi
man sich das Verhaltnis zwischen der religiosen Erneuerung und
der Anthroposophie auch in der richtigen Weise vorstellt.
Nicht wahr, die Anthroposophie will und kann nicht anders,
als eine Erkenntnis bewegung sein. Sie mufi, so sehr dadurch auch
das Verhaltnis zu ihren Anhangern leidet, in alien Einzelheiten
vollbewulk so arbeiten, dafi sie eine Erkenntnisbewegung ist. Die
religiose Erneuerung ist eben eine religiose Bewegung mit dem
entsprechenden religiosen Kultus. Und wenn beide Bewegungen
aus ihren eigenen Impulsen arbeiten, so kann ja nichts anderes
zustandekommen als eine gegenseitige Befruchtung. Es kann im
Grunde genommen niemals eine Stoning auftreten. Man mufi
allerdings, auch wenn man sich klar ist, daft ja im grofien und
ganzen eine Stoning nicht auftreten kann, die Zeitverhaltnisse
griindlich beriicksichtigen. Die anthroposophische Bewegung hat
naoirlich heute deshalb einen schwierigen Stand, weil sehr viele
Menschen, die lechzen nach einer Vergeistigung der Weltan-
schauung, auch erkenntnismafiig eigentlich doch auf eine leichtere
und bequemere Weise zu ihren Erkenntnissen kommen mochten,
als Anthroposophie sie ihnen geben kann. Man mochte nicht gern
jene intensive innere Mitarbeit haben, welche in der Anthropo-
sophie notwendig ist, und dadurch treten zuweilen wirklich recht
absurde Anschauungen und Gedanken auf. Es ist ja so - Sie
brauchen sich nur an den gestrigen Vortrag zu erinnern dafi
fur den, der heute wirklich ehrlich sich hineinstellen will in die
Anthroposophie, ein so griindliches Umdenken notwendig ist,
dafi dadurch die Anthroposophen sich ganz radikal unterscheiden
von den Menschen, die keine Ahnung haben, dafi ein solches
Umdenken und Umempfinden moglich ist.
Was aber gibt Gemeinschaft? Menschliche Gemeinsamkeit des
Denkens und Empfindens! Man kann sich kaum denken, dafi
die Leute, wenn der anthroposophische Impuls in ihnen ehrlich
arbeitet, sich nicht in einer solchen Gemeinsamkeit fuhlen, wie
sie iiberhaupt noch nicht da war in der Welt. Denn so griindlich
brauchte man noch nie umzudenken, selbst nicht in den alten
Mysterien; da war noch vieles ahnlicher dem popularen Denken.
Es ist ein so starkes Band da, dafi alles Rufen und Schreien nach
Gemeinsamkeit, das namentlich unter den Jiingeren vielfach auf-
tritt, im Grunde genommen schon einen Zug von Absurditat hat.
Aber vergessen Sie nicht, dafi wir nicht in einem Atelier sind und
uns aus Plastilin Menschen formen konnen, sondern dafi die
Menschen da sind mit all ihren Absurditaten, die man absolut
beriicksichtigen mufi, iiber die man nicht hinaus kann, wenn man
real wirken will. Es handelt sich darum, dafi man wirklich diese
Dinge tief ernst und wahr nimmt. Aber an sie denkt man heute
auf den verschiedensten Gebieten nicht. Vielleicht verstehen Sie
mich besser, wenn ich ein populares Beispiel nehme.
Wir haben in der Waldorf schule jetzt zwolf Klassen, sie hat
also eine Schiilerschaft bis zum 18., 19. Jahr hinauf. Sie mochten
ja alle auch Padagogen sein. Nun, die allererste Anforderung an
Erziehung und Unterricht ist ja diese, dafi der zu Erziehende,
wenn er noch ein Kind, ein Knabe oder ein junges Madchen ist,
nicht mitdiskutiert iiber die Erziehungs- und Unterrichts grund-
satze, dafi diese das Mysterium der Unterrichtenden und Erzie-
henden bleiben. So wie die Dinge aber heute betrieben werden,
geht alles an die Kinder der Waldorfschule heran; die erzahlen
einem unter Umstanden, wie sie erzogen werden, die padagogi-
schen Grundsatze und so weiter und wissen manchmal besser als
die Lehrer selbst, was Waldorfschulpadagogik ist. Ja, wenn die
Dinge so sind, dann kann man nicht vorwartskommen.
Aber andererseits ist es heute nicht moglich, auf eine aufierliche
Weise Dinge zu sekretieren; das geht auch wieder nicht. Wir
haben zum Beispiel neulich in einer Delegiertenversammlung
blofi iiber den Modus gesprochen, wie man Geld bekommen
will fur den Neuaufbau [des Goetheanums]. Darauf erschien ein
gehassiger Artikel in einem Genfer Journal, wo man in wiister
Weise angegriffen wird, dafi man den armen Schweizern eine
Million Franken aus der Tasche ziehen will. Ein aufierliches Se-
kretieren der Dinge geht also nicht. Aber es mufi dazu kommen,
dafi man innerlich auf die Menschen bauen kann, dafi also auch
dann, wenn nicht Grundsatze des Geheimhaltens gegeben werden,
unter den mafigebenden Persdnlichkeiten sich ein Takt heraus-
bildet, iiber eine Sache nur in einer bestimmten Weise zu reden
und nicht zum Beispiel einem funfzehnjahrigen Menschen die
padagogischen Grundsatze der Waldorfschule zu erzahlen wie
einem Dreifiigjahrigen. Das muE sich nach und nach herausbilden.
Es ist wirklich so, dafi alle moglichen absurden Nebenimpulse
auftreten, weil die Dinge nicht tief und stark genug ernst genommen
werden.
So tritt der Impuls auf, gemeinschaftsbildend zu sein innerhalb
der anthroposophischen Bewegung. Erkenntnisbewegung ist die
anthroposophische Bewegung. Auf Gemeinsamkeit des Wollens,
Fiihlens und Denkens ist sie gegriindet. So dafi man eigentlich
denken konnte, die religiose Bewegung wiirde einfach das, was
auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung da ist, aufneh-
men und nun in der Art, die ja nun einmal fur die religiose
Bewegung gegeben ist, dies wiederum aus den ureigensten Impulsen
weiterbilden.
Als es noch keine religiose Bewegung gegeben hat, haben
Menschen, die in der anthroposophischen Bewegung standen,
noch einen Ersatz gesucht dafur in allerlei esoterischen Kreisen,
die aber so aufgebaut waren, dafi sie im wesentlichen Erkennt-
niskreise waren, und das, was da kultusahnlich war, diente auch
nur der Erkenntnis. Daher konnte auch aus diesen Kreisen nichts
herubergenommen werden in die religiose Erneuerungsbewegung.
Und wenn man die Dinge, die dort in den Zeiten, in denen das
noch ging, als kultahnliche Dinge da waren, nicht durchdrungen
hatte mit dem Erkenntnisimpuls, so waren sie aufierlich aufgefalk
worden, und das durften sie ihrer Eigenart nach nicht sein.
Dagegen ist die Sache bei der religiosen Bewegung so, da£ im
Kult selbst schon ein unmittelbarer Inhalt liegt, und zwar in jeder
Kulthandlung, so dafi auch derjenige, der zum Beispiel es ablehnt,
vom Kult aus nach einer Erkenntnis zu streben, doch in der
Teilnahme am Kult ein entsprechendes Leben hat, weil der Kult,
wie er in dieser religiosen Bewegung wirken soil, unmittelbar die
Sprache der geistigen Welt ist, heruntergetragen in irdische Form,
so dafi die Teilnahme am Kultus etwas ganz Positives ist.
Betrachten wir den Mittelpunkt des Kultus von diesem Stand-
punkt aus. Wenn man die Menschenweihehandlung ansieht, so
haben wir zunachst als den vorberekenden Teil das Evangelien-
lesen. Nun, da liegt ja naturlich noch eine Schwierigkeit, weil
wir wirklich notig haben, die Evangelien doch noch besser zu
bekommen, als sie heute da sind. Es handelt sich schon darum,
dafi das Evangelienwort eben anders aufgenommen wird als ir-
gendein anderes Wort, das im Verlaufe der menschlichen Zivili-
sationsentwickelung erflossen ist und von Menschen kommt. Das
Evangelienwort, wenn es fur wahr genommen wird, enthalt in
sich wirklich das, was man so bezeiclinen kann, dal? man sagt:
Der, der das Evangelienwort vorliest, spricht, der ist ein Sprach-
rohr fur etwas, was aus den geistigen Welten in die physische
Welt hereinkommt, so dafi der vorbereitende Teil, das Evan-
gelienlesen, immerhin einen Kontakt der ganzen Gemeinde mit
der geistigen Welt hervorruft.
Dann kommt die eigentliche Opferhandlung, die drei Teile hat:
Opferung, Transsubstantiation, Kommunion. Nun kann man eben
keine richtige Auffassung von dieser Trinitat haben, wenn man
sich nicht klar ist, dafi in diesem Momente, wo die Transsub-
stantiation sich vollzieht, tatsachlich fur diejenigen, die auch nur
anwesend teilnehmen, Naturordnung und ethische Ordnung in
eines zusammenfliefien, so dafi also da eine ganz andere Welt-
ordnung jedesmal vor die Gemeinde hingestellt wird, jedesmal der
Mensch hinaufversetzt wird in das Gottliche, und das Geistige
sich hinuntersenkt in das Menschliche. Wenn man dies real nimmt,
so mufi man sagen, da geht etwas vor, was ganz unabhangig ist
von dem, was der Mensch erkennt daran. Es genugt fur das, was
dabei vorgeht, das blofie Fuhlen. Fur die Erkenntnis kann niemals
das blofie Fuhlen geniigen. Fur das, was in der Wandlung vorgeht,
genugt das blofie Fuhlen, so dafi also tatsachlich es ein Arbeiten,
ein Tatigsein mit der Gemeinde zusammen ist, was sich da voll-
zieht, wenn der Priester vor der Gemeinde die Menschenweihe-
handlung ausiibt. Das ist etwas, was durchaus fur sich genommen
werden muE, und daher sollte Sie niemals die Frage irgendwie in
Disharmonie versetzen: Kann irgendein Rituales, das heute ge-
funden wird aus der geistigen Welt - und alle unsere Ritualien
sind gefunden in der geistigen Welt, sind gewissermafien fur heute
von Gott verordnet -, kann das einmal geandert werden oder
aufhoren? - Sehen Sie, diese Ritualien irgendwie so zu beurteilen,
dafi man sagt: Ja, es soli sich einmal ein anderer Zustand ent-
wickeln, wo die Menschen ein unsichtbares Ritual haben diese
Fragen sind nicht berechtigt.
Das Verhaltnis mufi so gedacht werden: Die Menschen werden
ja immer den Weg von der Zeremonie zur Predigt suchen; in die
Predigt kann nur das befruchtend einfliefien, was aus der An-
throposophie, aus der Geist-Erkenntnis kommt. Nun wird es so
sein in der Zukunft, dafi derjenige, der in hochstem Mafie ein
Erkenner auf geistigem Gebiete ist, es niemals ablehnen wird,
Gemeinschaft zu halten mit denjenigen, die zunachst zum Kultus
kommen. Er hat auch gar kein anderes Verhaltnis zum Kultus als
der, ich mochte sagen naive Mensch. Also es kann gar nicht die
Frage entstehen: Treiben wir einen Kultus fur die jetzige Zeit und
mufi das einmal durch einen anderen ersetzt werden? - Indem der
Kultus begriindet ist, ist er begriindet und wird sich fortsetzen;
er ist anderen Gesetzen unterworfen als solchen, die man gel-
tend macht, wenn man fragt: Soil einmal ein unsichtbarer Kultus
kommen? Der Kultus ist unterworfen den grofien kosmischen
Weltimpulsen, die alles, was in der Welt entsteht, mitandern. Aber
die Anderungen in der Zukunft werden ganz andere Anderungen
sein als die in der Vergangenheit.
Nehmen Sie die Messe der romisch-katholischen Kirche heute.
Sie haben da gegeben einen synthetischen Zusammenflufi aller
entsprechenden Kulte des Altertums, vertieft im christlichen Sinne.
Das ist gerade das Wunderbare, daft in der katholischen Kirche
alles alte Mysterienwesen zusammengeflossen ist. Aber es kamen
bestimmte Zeiten in der christlichen Entwickelung - diese Zeiten
begannen eigentlich schon im 3., 4. Jahrhundert -, in denen kein
Verstandnis mehr da war fur das, was im Mefiopfer waltete, und
so wurde es zunachst ein leeres Formelwesen; es pflanzte sich
traditionell, ich mochte sagen aus Pietat fort. Dann aber, ziemlich
bald, bekamen die Leute den Mut zum Nichtverstehen und fingen
an, allerlei zu verbessern. So haben wir heute in dem katholischen
Mefiopfer etwas, was nach und nach einfach auch durch das Ab-
sterben der Sprache im Grunde etwas ganz Unverstandliches ge-
worden ist. Es wird zelebriert in der alten Sprache, ohne dafi es
zum Verstandnis gebracht werden konnte. Und daher ist dieses
kathoiische Meftopfer etwas wie ein Leichnam, zwar von etwas
ungeheuer Grofiem und Gewaltigem, aber eben ein Leichnam, der
aber doch als Leichnam noch eine ungeheuer starke Kraft hat. Im
Ganzen ist ja das Merkwiirdige innerhalb der katholischen Kir-
che, daft die Priesterschaft philosophise!! aufterordentlich gebildet
ist, theologisch aber aufierordentlich ungebildet. Die katholische
Theologie hat gar keine Lebendigkeit, so dafi eigentlich bis zu
den hochsten Spitzen hin auch die katholische Theologie etwas
aufierordentlich Ungebildetes ist. Seit dem Mittelalter hat sie gar
keine weitere Entwickelung mehr genommen. Das alles macht
eben, dafi im Grunde die religiosen Bediirfnisse der Menschheit
gar nicht mehr mit der Lehre, mit der Predigt befriedigt werden
konnen, sondern lediglich mit dem Kultus, weil dieser doch die
ungeheure Kraft der Gemeinschaftsbildung fur sich hat. Da ist das
gegeben, was Ihnen gegenuber dieser neuen Kulthandlung ein
Ewigkeitsgefuhl geben kann, so dafi keine Disharmonie auf Ihren
Seelen zu lasten braucht.
Es behaupten nun Anthroposophen, dafi gewisse Vorgeschrit-
tene den Kultus entbehren konnten. Diese Frage wiirde eigentlich
gar nicht entstehen konnen, wenn man sich richtig einstellte. Ich
weifi gar nicht, aus welchen Untergriinden heraus sie eigentlich
entstehen konnte. Denn, tritt heute der Fall eines Begrabnisses
ein, dann ist doch eben die religiose Gemeinschaft fur das Kultische
aufgerufen. Und so ist sie aufgerufen durch die Menschenweihe-
handlung fur das Ganze des Menschen und nicht etwa blofi in der
Absicht, das sei ein Temporares, das musse einmal durch etwas
anderes abgelost werden. Das ist ein Ewiges, soweit auf der Erde
von etwas Ewigem gesprochen werden kann. Also dieser Zwie-
spalt, der bei vielen von Ihnen entstanden zu sein scheint, dafi die
Anthroposophie den Kultus gewissermafien als etwas weniger
Bedeutungs voiles hinstellt oder dafi etwas anderes in der Zukunft
an die Stelle der gegenwartigen Bewegung treten musse, dieser
Zwiespalt kann nur auf einem Gefuhlsmiftverstandnis beruhen.
Sobald Sie sich klar machen, dafi naturgemafi der, der Anthropo-
sophie sucht, sich einfach mehr auf die Erkenntnisseite verlegt
und dafi man es ihm iiberlassen mufi, inwiefern er den Kultus
sucht, und andererseits, dafi Leute, die zum Kultus kommen,
auch nach der Erkenntnnisseite hinstreben werden, weil der In-
tellekt heute so stark ist, dafi sie also von diesem Kultus aus sich
der Anthroposophie nahern werden -, sobald Sie sich das klar-
machen, mussen Sie sich sagen, dafi das in gewissem Sinne mir
eine Art Arbeitsteilung ist. Auf diesem Felde sollte eigentlich ein
innerer Zwiespalt gar nicht entstehen.
Nun mochte ich aber doch nach diesen Bemerkungen Sie
bitten, das eine oder andere noch zu aufiern, da ich weift, dafi
noch vieles auf dem Grunde Ihrer Seelen ist.
Es wird eine [- vom Stenographen nicht mitgeschriebene -] Frage gestellt
liber den im Dornacher Vortrag vom 31. Dezember 1922 besprochenen
Spruch:
Es nahet mir im Erdenwirken
In Stoffes Abbild mir gegeben
Der Sterne Himmelswesen
Ich seh' im Wollen sie sich liebend wandeln.
Es dringen in mich im Wasserleben
In Stoffes Kraftgewalt mich bildend
Der Sterne Himmelstaten
Ich seh' im Fiihlen sie sich weise wandeln.
Rudolf Steiner: Dasjenige, was ich damals gesprochen habe, ist
eine Art kosmischer Kommunion. Wenn diese meditativ ausge-
fuhrt wird, so wird sie unter Umstanden, wie die Dinge heute
liegen der Zeit nach, dem Menschen eine gewisse Befriedigung
geben konnen. Er wird auf diese Weise eine Art Kommunion
empfangen konnen. Aber das schliefit doch nicht aus, dafi selbst
derjenige, der auf diese Art eine Kommunion fur seine Erkenntnis
empfangt, wenn er sonst in seiner ganzen Seelenverfassung heute
dazu neigt, die Kommunion auch auf andere Weise empfangen
kann. Man sollte nicht die Unterschiede betonen, denn beide
Dinge widersprechen einander ja nicht. Empfinden Sie darin einen
starkeren Widerspruch als gegeniiber dem, was ja auch in der
alten, noch richtig aufgefalken katholischen Kirche war? Da hatten
Sie die Priesterkommunion und hatten natiirlich die Laienkom-
munion - wobei ich nicht sagen will, dafi alle Anthroposophen
Priester sein sollen. Sie hatten die, die die Kommunion geben und
nehmen konntcn, und Sie hatten die, die die Kommunion nehmen
konnten, aber nicht geben konnten. Wenn Sie diesen Unterschied
auffassen, werden Sie sich sagen miissen: Derjenige, der die Kom-
munion geben kann, der kann ja unmoglich, ohne daft er nun fur
sich in dem inneren Erlebnis noch etwas dazu hat, die Kom-
munion ebenso nehmen wie der Laie. Er mufi noch etwas dazu
haben. Daher mufite der Priester, der auch kommunizierte, noch
etwas dazu haben, eine inner e Kommunion, und die hatte er ja
auch. Nun, dazumal handelte es sich darum, streng festzuhalten
an dem Unterschied zwischen Priestertum und Laientum. Es gab
nur diese zwei Klassen. Aber iiber diese Zeiten ist die Entwickelung
hinweggeschritten, diese Zeit ist nicht mehr da.
Heute mufi gewissermafien vieles von dem, was in alteren Zei-
ten nur dem Priester zuganglich war, auch dem Laien zuganglich
gemacht werden. Unsere ganze moderne Theologie, die ganze
Literatur ist ja auch jedem zuganglich. Dasselbe kann auch fur
unseren Fall geltend gemacht werden. Sie konnen heute die Theo-
logie als Laie studieren. Wenn sich eine Erkenntnisbewegung gel-
tend macht wie die anthroposophische, so ist selbstverstandlich,
dafi die Teilnehmer an einer solchen mit Dingen bekannt gemacht
werden, die naturlich ehedem in erster Linie fur den zelebrie-
renden Priester gewesen waren. Aber heute ist das eben anders:
Wir konnen nicht Grenzen machen. Wenn wir heute noch das alte
Prinzip hatten, so wiirde es so sein, dafi eine religiose Bewegung
da ware und innerhalb der religiosen Bewegung die Priesterschaft;
die wiirde dann die Anthroposophie fur sich haben, miifite dann
aber alles tun auf dem Felde der profanen Technik, was die Zeit-
entwickelung fordert ... [vom Stenographen gekennzeichnete
Textlucke]. Wenn Sie das beriicksichtigen, so werden Sie verste-
hen, dafi diese Kommunion, die der Priester hat, auch entwickelt
wird von demjenigen, welcher der anthroposophischen Bewegung
angehort. Aber es liegt kein Grund vor zu sagen: Auf der einen
Seite haben wir eine priesterliche, auf der anderen Seite haben wir
eine kosmische Kommunion. Beides hat ja ein und denselben Boden,
nur eine andere Form. Beides ist etwas, was ganz selbstandig neben
dem anderen steht. Also wenn Sie die Sache ganz griindlich
durchempfinden, dann werden Sie keine Schwierigkeiten haben.
Ein Teilnehmer: In dem Bericht uber die Delegiertenversammlung vom
Februar 1923 wird gesagt, daf$ das Kultische hereingenommen ist von dem
vorgeburtlichen Leben. In einem Kurs, den wir in Dornach horten, ist
geschildert, wie unser Kultus ein Aufstieg des Menschen ist in das Leben
nach dem Tode.
Rudolf Steiner: Das ist etwas, das in der Art angesehen werden
mufi wie alle Dinge, die etwas mit der geistigen Welt zu schaffen
haben; da mufi man die Begriffe ganz genau fassen lernen. [Urn
die Begriffe genau zu fassen,] wurde schon in der Scholastik
Dialektik getrieben. Aber soweit sind wir noch nicht, weder auf
dem Gebiete der Anthroposophie, noch auf dem der religiosen
Bewegung. Sehen Sie, die Art, wie in dem Menschen der Kultus
wirkt, wie er real wirkt, also den Menschen in der Seele so
ergreift, daft er den Weg durch die Pforte des Todes hindurch-
findet durch den Christus, diese Wirkung ist die eine Seite [des
Kultus]. Und die andere Seite ist die, wodurch das geschieht,
daft der Mensch in dem Kultus das hat, was wie eine kosmische
Erinnerung an das vorgeburtliche Leben ist. Nehmen wir zur
Erlauterung ein Beispiel aus dem gewohnlichen Leben. Wodurch
hat auf einen Menschen heute eine Begegnung groften Eindruck
gemacht? Weil ihm entgegentritt eine von ihm in der Jugend
schon verehrte Personlichkeit. Doch nun kommt noch etwas an-
deres hinzu. Es ist etwas anderes, wenn ich das schildere, was im
Gemiit dieses Menschen erkeimt ist fur die Zukunft; hierdurch
ist er vielleicht ein ganz anderer geworden, findet sich vielleicht in
die Lebensverhaltnisse ganz anders hinein als in der Jugend. Wenn
man an dem Kult teilnimmt, so wird man fur sein Zukunftsleben
ergriffen. Das kommt daher, daft dieser aus dem vorgeburtlichen
Leben stammt. Das wirkt so stark auf den Menschen.
Ein Teilnehmer: Erreicht man durch das Meditieren der Messe mehr, als
wenn man die Messe zelebriert? Dann wiirde es soweit kommen, daft wir
das Lesen der Messe nicht mehr brauchen.
Rudolf Steiner: Logisch ist das nicht ganz unrichtig, aber in facto
ist es nicht so. Wenn einer die Messe liest, und wenn er sie dann
meditativ erlebt und hat dabei eine Wirkung fur sich, so ist diese
Wirkung, weil sie auf starker innerer Aktivitat beruht, eigentlich
starker. Aber diese innere Aktivitat kann man nicht immer auf-
wenden. Wenn man die Messe acht Tage lang nicht gelesen hat, so
erlahmt die Kraft. Es ist schon richtig; wenn einer das kann, dann
gut, aber wenn er sozusagen nicht ganz besondere innere Vorbe-
dingungen hat, dann erlahmen diese Krafte. Es trifft das nicht zu,
dafi die innerlich meditierte Messe so stark wirkt wie die gelesene
Messe, und es darf nicht etwa ein Ideal werden fur den Priester,
die Messe nicht zu lesen. Denn dann konnte er ja sagen: Ich sehe
davon ab, mit meiner Gemeinde zu wirken, ich will allein vor-
warts kommen. - Dann konnte er sich ein solches Ideal vorstellen,
[die Messe nicht zu lesen, sondern zu meditieren,] aber die Kraft,
die der Priester haben soli, wenn er die Messe lesen will, die soli
er nicht dadurch abschwachen, dafi er sich ein solches Ideal
vorstellt.
Ein Teilnehmer: Wie bringt man die Menschen an die Menschenweihehand-
lung heran? Sind wir verwiesen an die Menschen, die gefiihlsmafiig aus
riickstandigen religiosen Gefuhlen herankommen, fur die der Weg des
Erkennens verschlossen ist? Wie sollen wir an die Arbeiter herankommen,
wenn wir nicht uber den Denkweg gehen?
Rudolf Steiner: Aber Sie haben ja nicht nur den Kultus, sondern
in weitestem Sinne die Predigt, Vortrage, auch Predigt im termi-
nologischen Sinne. Es ist gar nicht zu sehen, was da fur eine
Schwierigkeit auftreten sollte. Die heutigen jiingeren intellektuel-
len Leute, die aus dem Nichts heraus arbeiten, wollen gar nicht
ein abgesondertes Intellektuelles, sondern streben stark nach dem
Kultus hin. Und das, was da eintreten konnte, was auf aufierem
Gebiete zu einer Synthese fuhren mufke zwischen religioser Be-
wegung und Anthroposophie, das will ich nachher charakterisie-
ren. Auf der einen Seite wird heute der Intellekt gar nicht ange-
regt ohne den Kultus. Der Kultus ruft erst wieder den Intellekt in
den Menschen herein. Die Menschen horen heute auf, denken zu
konnen, wenn man den Kultus nicht hat. Das Aufhoren des
Denkens ist eine Zeitgefahr. Auf der anderen Seite sehe ich nicht,
worin die Begrenzung liegen soil von dem, was Sie in Kult und
Predigt an die Menschen herantragen. Eine Begrenzung kann nur
da sein, wo Sie sich selbst kiinstlich eine solche setzen. Sie wollen
keine Anthroposophie lehren, sagen Sie. Aber das konnen Sie gar
nicht halten, denn das miissen sie ja tun! Naturlich mufi man
die Anthroposophie den Leuten nicht an den Kopf werfen. Die
Schwierigkeit tritt gerade dann auf, wenn Sie sagen: Anthropo-
sophie wollen wir ganz gewifi nicht lehren.
Ein Teilnehmer: Ich wiirde zum Beispiel nicht vom Atherleib sprechen.
Rudolf Steiner: Das hangt von der Erkenntnis der Gemeinde ab.
Ich konnte mir gut eine Gemeinde vorstellen, die ganz ehrlich
dem Kult gegemibersteht und doch das Erkenntnisbediirfnis
haben kann. Ich sehe nicht ein, warum Sie da nicht iiber den
Atherleib sprechen sollten.
Ein Teilnehmer: Wir haben lauter Menschen, die ein Erkenntnisbediirfnis
haben; sie finden sich zur Anthroposophie durch den Kultus. Wir haben die
Leute nicht, die nicht die Anthroposophie, sondern den Kult allein wollen.
Konnen wir eine Moglichkeit finden, die Menschen zu befriedigen, die nicht
zur Anthroposophie wollen?
Rudolf Steiner: Die Frage ist nun die: Wie wiirden Sie jemanden
charakterisieren, der heute von Ihnen gefuhrt werden sollte,,der
aber so gefuhrt werden soil, dafi ganz abgesehen wird von der
Anthroposophie? Wie miifite der beschaffen sein? Die Sache ist
die: Wenn man die Menschen richtig anfafk, wenn man an die
richtige Menschlichkeit herangeht, dann wollen die Menschen die
Anthroposophie, wie zu alien Zeiten das Entsprechende von der
Menschenseele gesucht worden ist. Die Anthroposophie nicht zu
wollen- das ist tiur he' vprhild^t^n Menschen d^i" Pall Vnr vi^rzia
Jahren konnten Sie auf dem Lande noch elementarisch gesunde
Menschen kenneniernen, die sagten Ihnen die hdchste Weisheit.
[Die folgenden Satze sind vom Stenographen nur luckenhaft fest-
gehalten.] Unter ihren Kissen hatten sie irgend etwas verborgen -
Jakob Bohme zum Beispiel -, das finden Sie heute nicht mehr.
1Q
Die in den Grofistadten verbildeten Leute konnen an so etwas
nicht mehr heran. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dafi die
einen anderen Weg brauchen konnen als den anthroposophischen.
Nur mussen Sie nicht von dem ausgehen, was von der Anthro-
posophie im Buche steht, sondern von dem, was Sie an dem
Buche erlebt haben. Es ist zum Beispiel der Begriff des Atherleibes
ungemein leicht dem naiven Menschen beizubringen. In gewissen
Gegenden nennen die Leute das, was morgens in den Augen ist,
«Nachtschlaf»; da sind Sie schon im Atherleib drinnen, denn in
der Tat ist da Atherleibswirksamkeit drinnen. Man hat iiberall
Anknupfungspunkte. Wenn Sie die beriicksichtigen und beriick-
sichtigen, dafi wir unsere Biicher geschrieben haben fur Leute von
heute, die durch diese vertrackte Schulbildung hindurchgegangen
sind, so haben Sie solche Anknupfungspunkte. Sie befriedigen die
Menschen mehr, wenn Sie vom Worte loskommen und aus dem
Erleben selbst geben.
Ein Teilnehmer: Kann man den Unterscheid zwischen kosmischer Kommu-
nion und Kultus nicht so formulieren, dafi dieser ein Sakramentaler ist?
Rudolf Steiner: Das ist etwas, was man deshalb schwer sagen
kann, weil das Erleben bei der wirklichen kosmischen Kommu-
nion schon ein Sakramentales ist. Das ganze anthroposophische
Denken ist eigentlich etwas Sakramentales, wie ich das schon
ausgesprochen habe in meiner Erkenntnistheorie der Goetheschen
Weltanschauung. Das Denken ist eine Kommunion des Men-
schen. Die Erkenntnis, wenn sie wirkliche Erkenntnis ist, wird
zum Sakrament. Es kommt mehr darauf an, dafi wir die Dinge
zusammenzubringen versuchen, als sie zu unterscheiden, denn
in der Wirklichkeit bringen sie sich ja zusammen.
Es wird eine Frage gestellt nach dem genauen Wortlaut eines Satzes aus
Rudolf Steiners Dornacher Vortrag vom 30. Dezember 1922 [vom Steno-
grapher! nur mit Stichworten festgebalteri],
Rudolf Steiner: «Anthroposophie braucht keine religiose Erneue-
rung» -, so haben Sie den Satz ganz richtig formuliert. Was wiirde
es fur die Anthroposophie bedeuten, die ja in sich selbst begriin-
det sein mu!5, wenn sie die religiose Erneuerung brauchte! Umge-
kehrt: die religiose Erneuerung braucht die Anthroposophie! -
Dafi da in dem Vortrag gesagt wurde, die Anthroposophen
brauchten keinen Kultus, das ist ja an die Anthroposophen ge-
richtet, nicht an die religiose Erneuerungsbewegung. Solche Din-
ge mufiten gesagt werden, weil zahlreiche Menschen glaubten, sie
miifiten sich aus Prinzip orientieren, ob sie sich fur eine Teilnah-
me an der religiosen Bewegung entscheiden sollen. Da waren
Mitglieder der anthroposophischen Bewegung, die viel alter wa-
ren als Dr. Rittelmeyer; wenn diese nun fragten, ob sie teilnehmen
sollen an dem Kult, so mufite man ihnen sagen: Das mulk ihr nun
doch endlich selbst wissen; ihr mufitet Dr. Rittelmeyer beraten
konnen! - Man darf aber nicht sagen, man konne zur Anthro-
posophie nur kommen durch die religiose Bewegung, das ware
sehr falsch. Mein damaliger Vortrag war an die Anthroposophen
gerichtet. Also es ist doch selbstverstandlich, dafi die Anthropo-
sophen, wie sie in der letzten Zeit geworden sind, Ratgeber beim
Kultus sein konnten. Das andere wiederum ist Gift fur die An-
throposophie: wenn man sagt, man konne nicht zu anthroposo-
phischem Verstandnis [des Christus] kommen, wenn man nicht
durch den Kult dazu kommt. Es ist notig, daft man das dazunimmt,
dafi diese Rede an die Anthroposophen gerichtet war. Das Mifi-
verstandnis bestand darin, dafi beide Seiten Auffassungsfehler
gemacht haben in der Handhabung. Es waren in der religiosen
Bewegung viele, die nicht wufiten, wie sie sich verhalten sollten.
Marie Steiner: Es war bei manchen Anthroposophen Schlagwort, «Dr. Steiner
wiinscht es, dafi die religiose Bewegung an die Stelle der Anthroposophie
trete»; das sei Dr. Steiners Meinung. Ahnlich war es beim Anfang der
Dreieliederunesbeweeune, wo es auch hiefi, diese solle an die Stelle der
Anthroposophie treten. Es waren schon Anzeichen vorhanden, dafi man
glaubte, die Anthroposophie miisse abbauen. Es warden Zyklen beim Verlag
abbestellt und dergleichen.
Rudolf Steiner: Das sind Dinge, die in der aufieren Praxis liegen,
die nicht zu inneren Schwierigkeiten fiihren.
Ein Teilnehmer weist darauf hin, dafi Rudolf Steiner an einer Stelle des
Vortrages vom 30. Dezember 1922 gesagt habe, dafi es viele Menschen gabe,
die erkenntnismafiig eingestellt sind und andere Menschen mit dumpfem re-
ligiosem Trieb [Wortlaut vom Stenographen nur stichwortartig festgebalteti].
Rudolf Steiner: Ja, das ist nicht zu leugnen, es gibt Menschen mit
durchaus denkerischem Erkenntnistrieb, andererseits gibt es sol-
che Menschen mit einem dumpfen religiosen Trieb. Wenn ich also
gesagt habe, die Anthroposophie konne nichts machen gegeniiber
den Menschen mit dumpfem religiosem Trieb, sondern nur die
religiose Bewegung, so ist das richtig. Aber das heifit nicht, dafi
die religiose Bewegung besonders und allein auf diese Art Men-
schen angewiesen ist, sondern das heifk, die Anthroposophie
kann mit diesen Menschen nichts machen. An diese Menschen
komrat man nur mit dem Kult heran, nicht mit der Anthropo-
sophie. Die Menschen mit dumpfem religiosem Trieb sind zu
ergreifen durch den Kult und werden vielleicht in einem neuen
Leben sehr denkerische Menschen.
Ein Teilnehmer: Die Leute sagen, die Anthroposophen haben die Universi-
tat, ihr habt die Kinderschule. Mit solchen Dingen haben wir es zu tun.
Rudolf Steiner: Ich habe in diesen Tagen ein grofies Plakat aus
Osterreich bekommen, darauf stand lauter dummes Zeug, wie der
Betreffende in die geistige Welt kommt, was er den Menschen
offenbaren wird und so weiter; aber dann stand auf der zweiten
Seite: Mein Geistsystem umfafit auch alle die Dinge, die einseitig
als Anthroposophie, Theosophie und so weiter aufgetreten sind. -
Nach solchen Dingen kann man die inneren Schwierigkeiten
nicht beurteilen. Solche Menschen mufi man nicht tragisch neh-
men. Da kann man sich doch nicht aufregen.
Ein Teilnehmer: Dafi solche Ausspruche nicht getan werden, dafiir miifiten
doch die Zweigleiter eintreten.
Rudolf Steiner: Das sind aufierliche Dinge. Die Zweigleiter haben
gar nichts mit dem zu tun, was die Mitglieder aufierhalb des
Zweiges tun.
A 1
Ein Teilnebmer: Es wurde direkt gesagt, die zwei Wege widersprechen sich.
Das macht den Leuten Angst und sie bleiben weg.
Rudolf Steiner: Das sind keine inneren Schwierigkeiten, das ist die
aufiere Handhabung, die Lebenspraxis. Dafi solche Dinge vor-
kommen, ist nicht zu verhindern. Man kann nicht etwas, was mit
tiefem Ernst verbunden ist, trivial charakterisieren; da mufi man
scharf formulieren, mit ernsten Worten, und die werden leicht
falsch ausgelegt. Was der eine oder andere Zweigleiter sagt, ist
ganz unwesentlich. Sonst mtilken wir es ja als eine Aufgabe
betrachten, lauter Zweigleiter zu haben, die unfehlbar sind. Ihre
geistigen Mittel liegen darin, die Leute aufzuklaren.
Emit Bock: In gewisser Weise war bei uns im Anfang eine Unklarheit. Wir
suchten unser Arbeitsfeld woanders als auf anthroposophischem Gebiet.
Wir haben vielleicht das, was aus oppositionellen Griinden heraus gespro-
chen wurde, als Anlafi benutzt, uns etwas zu sehr herauszuhalten aus der
anthroposophischen Arbeit. Manche von uns hatten ja auch keine Zeit mehr
dazu. Dadurch ist es ja dann dazu gekommen, dafi, als diese Schwierigkeiten
bei den Anthroposophen eintraten, wir nicht als Anthroposophen mitspre-
chen konnten. Wir hatten uns selbst durch den Lauf der Dinge etwas
herausgestellt aus den anthroposophischen Reihen. Nun bitten wir Sie,
helfen Sie uns, den richtigen Weg in die anthroposophische Arbeit wieder
zu finden, denn wir haben das starke Bedurfnis, nicht aus den anthroposo-
phischen Reihen durch unsere Arbeit herauszufallen und sehen ein, dafi wir
damals deshalb uns die Moglichkeit entzogen haben, zur Klarung richtig
beizutragen, dafi man in uns nicht die Anthroposophen, sondern die religiosen
Erneuerer sah. Wir mochten nicht schlechte Vertreter der Anthroposophie
sein.
Rudolf Steiner: Diese Gefahr war ja anfangs vorhanden. Die Sache
ist abhangig davon, dafi das richtige Urteil herrscht. Es ist durch
vieles moglich, dafi das Urteil sich rektifiziert. Dr. Rittelmeyer ist
ja im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sehr aktiv
tatig bei anthroposophischen Aktionen, seit Monaten schon. Er
wird sehr stark in Anspruch genommen. Aber es ist schon so, da£
die Kraft eines jeden stark in Anspruch genommen wird. Ich
werde nie wieder bei einer soichen Gelegenheit, wo die sozialen
Verhaltnisse durch den Kult geheiligt werden sollen, etwas vor-
nehmen, ohne dafi der Vertreter der religiosen Bewegung mit-
wirkt. Bei Begrabnissen spreche ich nicht mehr allein, ohne einen
Priester. Der Kult mulS verrichtet werden [durch den Priester]. So
mufi ein richtiges Urteil allmahlich sich herausbilden. Beim Dis-
kutieren mifiverstehen sich die Menschen, aber die Tatsachen
sprechen selbst.
Wichtig ist, da£ die religiose Bewegung nicht die Anthroposo-
phie verleugnet. Sie irren, wenn Sie glauben, dafi Sie dadurch
weiterkommen. Besser ist, klar und sicher auf dem Boden der
Anthroposophie zu stehen. Man soli alles offen aufklaren. Sie
diirfen nicht bei den Leuten die Meinung aufkommen lassen, Sie
hatten mit Anthroposophie nichts zu tun. Die Waldorfschule hat
mit der Anthroposophie alles zu tun. Irgendein Dozent hat gesagt,
die Waldorfschule sei schon ganz schon, wenn sie nur ihre
grundlegenden Ansichten fallen liefie. Das ist es, worauf ich den
Ton lege: Wenn Anthroposophie die Grundlage der Waldorfschule
ist, dann machen wir keine anthroposophische Sektenerziehung,
sondern wir gehen durch Anthroposophie auf eine allgemeine
Menschenerziehung aus.
Wir haben die Aufgabe, nicht die Mifiverstandnisse aufzukla-
ren, sondern einfach die Wahrheit zu sagen.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Juli 1923
Meine lieben Freunde! Es scheint, daft fur ein solches Streben wie
das Ihrige es sich vor alien Dingen darum handelt, einen mog-
lichst sicheren Impuls zu erwerben fiir ein Sichfuhlen in der
spirituellen Welt; und gerade iiber das Erringen eines solchen
Impulses, aber von dem Gesichtspunkte Ihrer Bewegung aus,
habe ich mir vorgenommen, heute noch einiges vor Ihnen zu
sprechen. Sehen Sie, es handelt sich wirklich darum, dafi man an
einem konkreten Punkte ansetzt, um einen spirituellen Impuls zu
bekommen, wenn man ein auf einem bestimmten Horizont tatiger
Mensch sein will, und das wollen Sie ja alle sein. Da handelt es
sich darum, einen gerade fiir diese besondere Betatigung geeig-
neten Impuls zu bekommen. Als ein solcher erscheint mir, aus
meinen Beobachtungen aus der geistigen Welt heraus, fiir Sie das
folgende dienen zu sollen.
Es kann zunachst angekniipft werden an das Walten des
Sprachgeistes, an das Walten des Sprachgenius. Wir mussen uns
da nur einmal recht klarmachen, meine lieben Freunde, wie
weit der Mensch in der Regel davon entfernt ist, mit einem
wirklichen geistigen innerlichen Sichbetatigen die Sprache zu
fassen. Wir nehmen die Sprache auf, aber wir nehmen sie im
Grunde auf ohne ihre Heiligkeit. Wir nehmen gerade die Spra-
che so auf, dafi wir, indem wir sie anwenden im gewohnlichen
Leben, sie eigentlich profanieren. Wir lassen uns als Menschen
der Gegenwart zumeist gar nicht darauf ein, die Sprache, indem
wir sie handhaben, auch in der entsprechenden Weise zu vereh-
ren. Wir sprechen im Grunde genommen siindig, und erst das
Bewufksein davon, daft wir siindhaft sprechen, kann uns einen
Impuls geben, gerade durch unsere Stellung, ich mochte sagen,
durch unser Verhaltnis zur Sprache, einen spirituellen Impuls
zu erhalten. Beispiele, die das erharten, konnen sich ja von alien
Seiten ergeben.
Wieviele Menschen haben iiberhaupt irgendeine Anleitung im
heutigen Leben erhalten, mit jedem Laute der Sprache mitzu-
fuhlen? Das bedingt natiirlich, dafi eine grofie Anzahl von Lauten
heute konventionell und unmenschlich, das heiik ohne Verstandnis,
mindestens aufiermenschlich gesprochen werden. Wer fiihlt, wenn
er das Wort «erharten» ausspricht, beim Aussprechen dieses Wortes
mit, dafi sein Germit von etwas durchzuckt wird, das mineralisch
hart und zu gleicher Zeit das Gemiit etwas kiihl macht? Wer fiihlt,
wenn er das Wort «Wort» ausspricht, dafi das viel zu tun hat mit
dem Erlebnis des Vergangenseins, des vergangenen Geisteswebens,
das in der Gegenwart gewissermafien ertotet, kristallisiert, als
Vergangenheit vorliegt und so weiter? Wir haben iiberhaupt nicht
mehr ein Erlebnis bei den wichtigsten Worten. Ich mochte wis-
sen, wieviele Menschen heute ein Erlebnis haben bei dem Worte
«denken», wieviele Menschen heute ein Erlebnis haben bei dem
Worte «fuhlen», dem Worte «wollen». Aber das sage ich Ihnen
zunachst nur als Hinweis auf dasjenige, was ich Ihnen heute
eigentlich anvertrauen mochte.
Sie konnen natiirlich sich selber in den verschiedensten Sprach-
ausdriicken benennen. Sie konnen zu sich «Ich» sagen, wie man es
im gewohnlichen Leben tut, oder Sie konnen anfangen, etwas zu
theoretisieren uber sich, Sie sagen sich dann, Sie seien ein «Mensch».
Da versetzen Sie sich in das Sprachwesen und bestimmen vom
Sprachwesen aus Ihr eigenes Wesen. Aber der Mensch hat eben
heute das Gefiihl, wenn er so etwas getan hat, dann habe er ein
Wort, das fur ihn eine Bezeichnung ist, auf sich angewendet.
Wenn der Mensch von heute sich sagt, er sei ein «Mensch», so
denkt er unter alien Umstanden, er habe sich in einer fur ihn
verstandlichen Weise mit einem Worte und dadurch, meint er, mit
einer Idee bezeichnet.
Nun ist es gut, wenn man von vornherein von der Empfindung
ausgeht: Im wahren Sinne des Wortes versteht man die Sprache
so wenig, dafi eine solche Bezeichnung, die man als Mensch auf
sich selbst anwendet, eigentlich etwas ist, zu dessen Verstandnis
man sich erst hinaufringen muft, zu dessen Verstandnis man erst
kommen mufi. Man sollte eigentlich liberall von der Empfindung
ausgehen, dafi, wenn ich glaube, mich mit irgendeinem Worte,
auch der mir gelaufigen Muttersprache zu bezeichnen, das ein
unendlicher Hochmut von mir ist. Wenn wir uns mit dieser
Empfindung durchdringen, dafi wir den Glauben, wir konnten
eine Sprache, sei es auch die Muttersprache, wirklich so weit aus
dem Geiste heraus handhaben, dafi wir uns mit Recht als Menschen
und uns selbst mit dem Worte «Mensch» bezeichnen konnen,
wenn wir diesen Glauben als einen furchtbaren Hochmut von uns
ansehen, so haben wir die erste vorbereitende Empfindung, um
einen gewissen spirituellen Impuls, wie ich ihn heute meine, in
uns anzuregen. Man mufi vielmehr sich sagen konnen: Ich bin als
Mensch in die Erde hineingestellt durch irgendwelche mir unbe-
kannte gottliche Zusammenhange, und dies veranlalk mich, mich
als «Mensch» zu bezeichnen, aber die Griinde fur dieses Bezeich-
nen liegen weit iiber meinem Horizont. Das ist Gotterwille, der
da waltet, der mich aus unbewufken tiefen Untergriinden veranlaftt,
mich als «Mensch» zu bezeichnen. Ich habe als Mensch, als diese
auf der Erde stehende Menschenindividualitat, ja uberhaupt nicht
das Recht, eine Bezeichnung auf mich selbst zu pragen. Dann
mufi der nachste Schritt der sein, dafi man sich sagt: Bevor ich
uberhaupt fahig sein werde, den ganzen Vorgang zu verstehen,
der da existiert, indem ich zu mir «Ich» sage, mufi ich drei
Entwickelungsstufen durchmachen. Bis zu dem Urteil, das ich
so ausdriicken darf: Ich habe ein Recht, mich «Mensch» zu nen-
nen -, werde ich also drei Entwickelungsstufen vorher durch-
machen miissen, ich werde mich durchringen mussen durch drei
Priifungen. Wenn ich in fur mich geniigender Weiser diese drei
Priifungen bestanden habe, darf ich hoffen, zu mir mit Recht
sagen zu diirfen: Du bist ein Mensch.
Das sollten wir eigentlich jedem Sprachworte gegenuber
empfinden: eine uns aufierordentlich adelnde Bescheidenheit des
Ausgangspunktes fur die Entwickelung der spirituellen Impulse.
Sagen mii&ten wir uns: So wie wir als Menschen auf der Erde
heute stehen in unserer fiinften nachatlantischen Periode, rniifiten
wir, wenn wir ehrliche Menschen waren, damit beginnen zu
schweigen, nichts zu benennen und dann beginnen, die drei
Stufen zu iiberwinden, die uns das Recht geben werden, die Dinge
von uns aus zu benennen. Dadurch erst werden wir ein Gefiihl
dafiir bekommen, welch aufierordentlich bedeutungsvolles kos-
misches Erlebnis es war, das in der Schrift angedeutet wird damit,
da$ in der Anwesenheit Gottes dem Adam gestattet war, Tiere
und Dinge zu benennen, wozu ihm eben nur die Gottesnahe das
Recht geben konnte. Wir werden durch solche Erlebnisse, die
aber konkrete eigene Erlebnisse sein miissen, auch die notige
Tiefe bekommen fur das Schriftwort, so dafi dieses dann durch die
innere Kraft, die wir ihm geben konnen, die notige Nuancierung
und Kolorierung bekommt, damit aus dem Wort jene Stufe
heraustont, der gegeniiber wir nicht blofi sagen konnen: Wir
haben das Recht nicht, die Dinge zu benennen -, sondern sagen
konnen: Durch Gott ist uns [das Recht gegeben], die Dinge von
uns aus zu benennen.
Diese Dinge miissen einmal auf dem Grunde unserer Seele
gelebt haben, um in rechter priesterlicher Art der Welt gegen-
iibertreten zu konnen. Die aufierliche Gebarde macht nicht den
Priester. Den Priester macht das, was aus dem tiefsten Innern
dringt. Wenn wir das Wort «Mensch» als solches auf uns selbst
anwenden wollen, miissen wir erst dazu kommen, durch die drei
Stufen durchzugehen:
- das Wesen, das ich mit dem Worte «Mensch» bezeichnen
will, hat Tiefen, die ich erst ergriinden mufi;
- das Wesen, das ich mit dem Worte «Mensch» bezeichnen
will, hat Hohen, die ich erst erklimmen mulS;
- das Wesen, das ich bezeichnen will mit dem Worte «Mensch»,
hat Weiten, die ich erst uberschauen mufi.
In diesen drei Satzen liegt etwas Bedeutungsvolles: das Men-
schenwesen. Und wenn Sie sich diese Satze zu Meditationssatzen
vertiefen, so werden diese Satze Sie weit fiihren konnen.
Wahrhaftig, es ist so: Indem der Mensch in dieses Erdendasein
hineinversetzt wird, wird er aus geistigen Hohen hineingestellt.
Und einzig und allein der Umstand, daft unser Erdendasein fiir
unsere gesamte Menschenentwickelung eine Aufgabe hat, recht-
fertigt kosmisch, dafi wir einen Teil unseres Totallebens als Er-
denbiirger zubringen. Die Erde gestaltet uns, wahrend wir auf der
Erde wandeln zwischen Geburt und Tod, zu Erdenmenschen,
und alles, was da von der Erde aus gestaltet wird, wird aus Tiefen
gestaltet, die an allem, was die einzelnen Formen des geringsten
Organes an uns sind, mittatig sind. Es ist da vorzustellen: Die
Erde ist ein Wesen im Weltenraum, das unendliche Geheimnisse
in sich birgt und das gestaltend wirkt. Wie Ihr Auge, Ihr Ohr
gestaltet ist, wie jedes einzelne, wie das geringste Glied an Ihrem
Korper gestaltet und geformt ist, dafur liegen die schopferischen
Krafte innerhalb der Erde. Und wenn es uns gelingt, dasjenige,
was die Erde als Ausdruck ihres Innenwesens an ihrem aufieren
Antlitz zeigt, denkend, empfindend und wollend wie eine Ent-
hiillung der inneren Geheimnisse der Erde allmahlich zu erfassen,
so kommen wir meditierend nach und nach zur Beantwortung des
Satzes: Wie ergriinde ich die Tiefen des Menschenwesens?
Wenn es uns gelingt, uns zu versetzen in die unseren Korper
in der mannigfaltigsten Weise kristallisierende Erde, die dann die
Kristallisierung wieder auflost, zerstaubt zu Pulver, wenn es uns
gelingt, in diesem Sichgestalten, Pulverisieren und Wiedergestal-
ten zu sehen, was im Laufe der Zeiten die empfindenden Menschen
immer in so etwas gepragt haben wie zum Beispiel in Brahma,
Vishnu, Shiva, - wenn es uns gelingt, diesen ganzen Prozefi zu
empfinden als dasjenige, was fiir uns eine Art Bett der Gottheit
ist, in das wir hineingebettet sind, so dafi das Betten innerhalb
dieses Brahma-Vishnu-Shiva-Prozesses fiir uns etwas ist wie ein
kosmischer Schlaf wahrend unseres Erdendaseins, wenn wir das
Kristallisieren und Auflosen der Erde als etwas empfinden, was
uns durchweht mit kosmischem Schlafesdrang, wenn wir sagen
konnen: das menschliche Wesen ist so tief, so tief gemacht im
Erdendasein, da$ es in der Tiefe das Bewulksein nicht aushalt,
sondern mit der ganzen gestaltenden Erde als physischer Leib in
kosttiischen Schlaf verfallt, - dann sind wir daran, allmahlich eine
Empfindung zu bekommen von dem, was es heifit: mit den Tiefen
der Erde als Mensch verbunden zu sein. Und wenn wir uns
zuletzt sagen konnen: Die Erde gestaltet uns nach ihren Tiefen,
sie durchdringt uns aus ihren Tiefen heraus mit Erdenschlaf, weil
aus den Tiefen des Erdenschlafes die Urgottlichkeit vollwachend
wirkt, dann empfinden wir etwas von dieser Erdentiefe des Men-
schen. Wenn wir uns so etwa sagen konnen: Je harter uns die
Erde erscheint, demantenhart, je harter in einzelnen ihrer Teile,
desto wahrer, gewaltiger spricht aus der demantenen Harte, die
wie der Schlafzustand des Geistigen ist, die lichtvolle Geistigkeit
des in der Erde fur uns wachend wirkenden Gottlichen.
So miissen wir uns durch Meditation, durch ein immer mehr
gefuhlsmafiiges Vertiefen in die Erdenuntergriinde versetzen und
uns sagen:
O Mensch, bevor du dich benennen kannst, bevor du deine
Tiefen ergriinden kannst, mufit du immer mehr dich vertiefen in
die Erdenuntergunde. - Wenn wir die Pflanze aus der Erde sprie-
fien sehen, miissen wir uns aneignen ein hoheres Pietatsgefuhl,
ein Ehrfurchtsgefuhl, das uns in jedem einzelnen Stuck Pflanze
etwas in uns selbst erschauen lafit, etwas wie ein Offenbaren von
demjenigen, was unten in der Erde eigentlich vor sich geht. Wir
miissen wirklich beginnen uns klarzumachen, was besteht an
Wechselwirkungen zwischen Erdentiefen und Himmelsweiten.
Sehen Sie die bliihende Rose herausspriefien aus der Erde, sehen
Sie die zu einer gewissen Kleinheit sich zusammenballende
Rosenknospe, so erganzen Sie sich diese gegen den Erdengrund,
gegen den Mittelpunkt der Erde hin als eine machtige Lichtrose,
die durchdrungen ist von gottlichen Gedankengebarden, die wa-
chen miissen, damit die schlafende Rose sich in der Knospe nach
oben entfaltet. Fur jede schlafende Rosenknospe empfinden Sie
in den Untergriinden der Erde die wachende, schaffende, lebende
Lichtrose. Und so mit alien Pflanzen. Schauen Sie sich die griinen-
de Pflanzendecke der Erde an und empfinden Sie fur das, was aus
der Erde grim heraussprielk, nach den Tiefen der Erde zu dieses
ganze Lichtvolle als mit einem tiefen Violett durchdrungen, das in
die Welt hinausdringt, sie belebend durchwebend. Dann haben
Sie etwas, was Ihnen sagt: Ich darf mich erst Mensch nennen,
wenn ich die Erdentiefen ergriindet habe.
So mufi man das Gefiihl bekommen, dafi man erst wiirdig
werden mufi durch solches meditierendes Ergriinden, durch
Uberwinden dieser ersten Stufe, das Wort «Mensch» fiir den
Menschen zu gebrauchen. Wenn man das, was der profane Mensch
wie eine Selbstverstandlichkeit nimmt, als hoch im Niveau uber
einem schwebend ansieht und bedenkt, dafi man das erst erringen
mu£, dafi man dieses Niveau erst erklimmen mufi, indem man
dreifach bescheidener wird als der gewohnliche Mensch, dreifach
sich erniedrigt unter das, was der gewohnliche Mensch glaubt zu
sein, dann fangt man erst an, den Priesterberuf nach und nach in
sich zu erfiihlen.
Und wenn man in solcher Weise nach und nach sich selbst
angeleitet hat, die erste Stufe zu uberwinden, so geht man an die
zweite Stufe heran, die uns hinaufschauen lafit in die unendlichen
Weltenweiten, und sagt sich fiir die heutige Zeit: O, wie triviaj ist
diese Welt geworden, da die Menschheit nur triviale Vorstellun-
gen fiir die Weltenweiten entwickelt hat. Ja, wahrhaftig, weiser als
der weiseste Gelehrte war Stifters Grofimutter, die, gefragt nach
dem, was die Abendrote sei, antwortete, das seien die Kleider der
Gottesmutter, die zum Himmel herausgehangt wiirden, um geliiftet
zu werden. - Diese bildhafte naive Vorstellung ist gegeniiber einer
wissenschaftlichen Erkenntnis viel weiser, viel weiser als die ge-
lehrteste Astronomic
Das mufi man aufnehmen konnen: In den Weltenweiten wirklich
glanzende Sterne sehen, die im Grunde doch die Augen der
gottlich-geistigen Wesenheiten sind, die ihre Blicke zu uns Er-
denkindern herunterwenden, weil sie ihre geistigen Hande unse-
ren Geisthanden gereicht haben, weil wir unsere Geisthande ihren
Geisthanden gereicht haben, da wir bei ihnen waren, bevor wir
heruntergestiegen sind in das irdische Dasein. Nach schauen uns
die Gotter aus den Weltenweiten, aus den Weltenhohen, um zu
erforschen, wie wir das erfiillen, was sie veranlagt haben, wahrend
wir unsere Geisthande ihren Geisthanden reichten. Wenn wir
dazu kommen, moglichst viele Vorstellungen von den Hohen zu
entwickeln und mehr und mehr die Empfindung bekommen, wie
das Menschenwesen aus den Hohen stammt, die es im irdischen
Bewuiksein erst wieder erklimmen muE, dann werden wir wie-
derum eine Stufe fahiger, ein Recht zu bekommen, als Menschen
«Mensch» zu uns zu sagen.
Es mull erst getaucht werden das Wort Mensch in die Erden-
tiefen, wie ich angedeutet habe, um durch dasjenige, was es im
Eintauchen bekommen hat, in unserem Gemiit etwas zu werden,
von dem wir sagen konnen: wir verstehen es. Und es mufi dann
das Wort «Mensch» erst mit den aufsteigenden Wassern in die
Hohen gesendet werden und in uns die Empfindung kommen,
dafi wir es mit dem herabfallenden Regen wiederbekommen,
wenn das Wort «Mensch» an sich tragen soil, was es moglich
macht, dafi wir es in unserem Gemiit verstehen lernen. Wir miis-
sen wirklich beginnen uns klarzumachen alles, was an Wechsel-
wirkungen zwischen Erdentiefen und Himmelsweiten ist. Wir
miissen lebendig folgen konnen den Dunsttropfen, die aufsteigen
von den Waldern und Bergen. Wir miissen nicht den Glauben
haben, dafi diese Dunsttropfen aufsteigen in eine Region, die
gleich einer Region der Erde ist. Wir miissen jene Bescheidenheit
entwickeln, die denjenigen Menschen fur einen Tropf ansieht, der
einen Drachen aufsteigen lafit mit einem Thermometer oder Ba-
rometer, um Messungen anzustellen. Man taucht ja das Ganze nur
in irdische Vorstellungen. Wir miissen dahin kommen zu sagen:
Wie toricht ist es, zu glauben, dafi der Blitz aus Reibung der
Wolken entsteht, die aus Wasser sein sollen, da doch jedes Kind
weifi, dafi man sorgfaltig alle Feuchtigkeit an einem Glasstabe mit
trockenen Tiichern entfernt, wenn Elektrizitat entstehen soli. -
Naturlich kommen nur Torheiten heraus, wenn der Mensch das,
was er auf der Erde erlebt, auch in Himmelshohen erleben will,
aus denen er aber herabgestiegen ist und mit denen er sich
verwandt fiihlen mufi, wenn er in wiirdiger Weise sich «Mensch»
nennen will. Wir miissen uns klar sein, wenn die Dunstwasser aus
den Bergen und Waldern aufsteigen, dafi sie in Regionen gehen,
wo das Wasser etwas anderes ist als hier auf der Erde, in Regio-
nen, wo das Wasser selbst vergeistigt wird, wo es entwassert wird
und durch geistige Vorgange hindurchgeht, so dafi es erst wieder
materialisiert werden mufi, bis es als Regen aus geistigen Regio-
nen herunterkommt. Wir mussen wissen, wenn wir in solche
Regionen hinaufsteigen, dafi sie verwandt sind mit denjenigen
Regionen, aus denen wir kommen, wenn wir aus dem vorirdischen
Dasein in das irdische hinabsteigen. Wir mussen wissen, dafi der
Blitz etwas ist, was in geistigen Regionen waltet und webt, und
dafi die Vorstellung der Alten, wo der Blitz der Pfeil der Gotter
war, weiser ist als alle Vorstellungen, welche wir uns machen.
Wir mussen in aller Stille solche Meditationsvorstellungen auf
dem Grunde unseres Gemiites entwickeln konnen, damit wir der
vollkommen entgeistigten Weltkultur Fiihrer sein konnen auf
dem Wege zum Geistigen. Wenn wir uns wenden zu der harten
Erde, wenn wir empfinden die demantharte Erde, dann mussen
wir uns auch wenden zum weichen, verflieftenden Wasser, das
sich zusammenzieht in den Tiefen bis zu der engsten stofflichen
Kleinheit, das in den H6hen weit werden und zerstauben mufi,
das in seinem Zusammenziehen auf der Erde zum Regen wird.
Wir mussen alle Geheimnisse dem Wasser ablauschen, alles, was
mit dem Walten des Wassers verwandt ist, in unserem Gemut
zusammenziehen. Wir mussen meditieren dariiber, wir mussen
uns fragen: Wie kommt die Sonnenwarme aus den Weltenweiten
wahrend des Sommers an die Erde heran, urn Pflanzen und
Friichte zur Reife zu bringen? Wie senkt sich dann die Sonnen-
warme in die Erde so, dafi der Bauer seinen Samen der Erden-
warme im Winter anvertraut? Diese Warme ist es, die, wenn der
Winter zu Ende geht, wieder in die Weiten des Seins geht. Diese
Warme ist es, die in alien Gebieten des Seins, in alien kosmischen
Verrichtungen eine Kommunion ist, ein gegenseitiges Verhaltnis
zwischen Weltenhohen und Erdentiefen. Wir Menschen ent-
stammen beiden. Wir mussen die Erdentiefen ergriinden, ehe wir
in die Weltenweiten kommen.
Indem wir mehr und mehr uns in solche Meditationen ver-
senken, kommen wir gefuhls- und gemiitsmafiig hinein in die
zweite Stufe, die uns das Recht gibt, das Wort «Mensch» auf uns
anzuwenden. Wir mussen uns ein Bewuiksein dafiir erringen,
dafi alle Sprache nur provisorisch sein kann, bis wir durch die
dritte Stufe jene Vereinigung mit dem Sprachgenius erlangen, der
eigentlich sonst im Unbewulken in uns spricht, wahrend wir,
wenn wir uns zum Werkzeug des Gotteswortes machen wollen,
eben zuerst ein Recht haben mussen, das Wort «Mensch» auf uns
selbst anzuwenden.
Als drittes mussen wir versuchen, die Weltenweiten zu er-
schauen. Die aber erschauen wir, wenn fur uns Gemiitsrealitat
wird die aufgehende und untergehende Sonne, die herauf- und
herunterziehenden Sterne, wenn wir verstehen lernen den grofien
Zug des Sonnenwagens, der durch die Welt geht, wenn wir im-
stande sind, uns wirklich zu sagen, wie Ost etwas anderes ist als
West, Siidost etwas anderes als Nordwest und so weiter. Die
erschauen wir, wenn wir imstande sind, zu uns zu sagen: Du
Mensch, du gehst vielleicht jetzt fiinf Schritte; damit veranderst
du deinen Ort auf der Erdoberflache. Daft du das kannst, und die
Tiere mit dir, das kommt daher, dafi die Krafte, die von Ost nach
West ziehend allseitig in den Weiten und in der Horizontalen
wirken, audi dich durchdringen, wahrend dich von unten herauf
die Erdentiefen gestalten, die Himmelshohen dich von oben be-
leuchten und beleben, so daft du ein auf der Erdoberflache
wandelndes Wesen sein kannst. Die Weltenweiten, die du emp-
finden sollst, kannst du empfinden, wenn du dir hinschauend auf
eine entfernte Landschaft vergegenwartigst, wie die Luft mehr
und mehr ein Reales wird. In deiner unmittelbaren Nahe ist die
Luft durchsichtig fur dich, du siehst sie nicht; wenn du einen Berg
anschaust, so konntest du die Luft mit malen, weil sie sich wie
tauig iiber die Flache legt; schaust du die Luft in der Feme, so
siehst du sie als Himmelsblaue. Durchdringst du empfindend das
Luftwesen mit deinem Gefuhl, indem dir klar wird, dafi mit dieser
Empfindung verbunden sind deine Willensaktionen, so erklimmst
du die dritte Stufe in der Meditation, die dich zu dem Recht fiihrt,
dich als Mensch «Mensch» zu nennen.
Vertiefst du dich auf dieser Stufe in das Geheimnis des Atems,
so beginnst du zu verstehen, was Luft und Weltenweiten sind,
was in Hohen und Tiefen und in der Horizontalen wirkt, so
erkennst du: Was in deinem Atem in dich hineinzieht, das ist das,
was aus den Weltenweiten dich belebt; das ist das, was du in
deinem Atem spuren mu£t. Und weiterhin mufit du in deinem
Atem spuren, dafi in dem tiefen Durchdringen deines ganzen
Menschenwesens in deinem Atem Kraftimpulse deines Willens
liegen. Dann beginnst du zu verstehen: Das, was dir die Erdentie-
fen geben an Zusammenhalt der Materie in deinem ganzen Leibe,
das verarbeitest du unter Anwendung desjenigen, was dir als
Anlage des Denkens die Weltenweiten geben. So wirken zusam-
men in deinem Gesamtmenschen:
Erdentiefen in deinem Physischen
Weltenweiten in deinem Astralischen
Himmelshohen in deinem Atherischen.
So kannst du fuhlen den ganzen Kosmos in seinen Dimen-
sionen in dir selbst. So kannst du fuhlen, wenn du hinneigst dein
Fuhlen zu der demantenen Erde, wie du das schlafende Wesen
bist. So kannst du fuhlen, wenn du hinauflenkst deinen Blick in
die Himmelshohen, wie sie dich dem Schlaf der Erde entreifien,
wie du ein traumendes Wesen bist. Aber du kannst auch fuhlen,
wie du ein wachendes Wesen bist in den Weltenweiten. So lernst
du allmahlich den kosmischen Menschen in deinem irdischen
Menschen erkennen.
So lernst du erkennen, wie du als Mensch eigentlich aus dem
ganzen Kosmos durch die Gottheit geformt bist, durch die Gottheit
in die Erde gestellt bist. So lernst du fuhlen dein dreifaches Hin-
eingestelltsein in den Kosmos. So lernst du fuhlen den Vatergott aus
den Erdentiefen wirken, dessen lebendige Tatigkeit vorzugsweise
in der Vergangenheit gesucht werden mufi, von dem geblieben ist
der feste Boden, auf dem wir stehen, die fest gebildeten Gestaltungen,
die sich formen in der Welt, von dem geblieben ist alles das, was
uns in festen Bildungen erscheint. Wir horen, indem wir uns
meditierend in die Erdentiefen mit unserem Gemut versenken, die
Sprache des Vatergottes aus den Erdentiefen zu uns herauftonen.
Wir horen aus den Himmelshohen den gegenwartigen Gott zu uns
sprechen, nur ist hier die Sprache tiefer und komplizierter als die
Menschensprache. Dieser Gott hat aus den Himmelshohen auf die
Erde herabsteigen und durch das Mysterium von Golgatha hin-
durchgehen rmissen, um die Himmelssprache in unser Wort dringen
zu lassen. Wir werden die wirkliche Kommunion des Irdischen mit
dem Himmlischen sich darstellen sehen in dem aufsteigenden
Wasserdunst, in dem wieder herabfallenden Regen, in der herab-
kommenden und wieder hinausziehenden Weltenwarme. Wenn wir
das in uns wirken lassen, so wird es sich so durchgeistigen, dafi wir
erfuhlen den daseienden Christus in dem, was wir als heutige
Menschen unter dem Einflufi der Himmelshohen in uns empfin-
den. Wenn wir eingehen auf das, was aus den Weltenweiten im
Atem uns durchzieht, wenn wir demutig unser Gefuhl darauf lenken,
was in jedem Augenblick geschieht, wenn wir den Stoff, beherrscht
von den Kraften der Erdentiefen, unter der Anleitung des Christus
Jesus durch die Himmelshohen gestalten und formen fiihlen, so
werden wir das Wirken des Heiligen Geistes als Vollendung der
Dreifaltigkeit richtig erfuhlen und durchdringen und werden uns
dann sagen konnen als Ergebnis unserer Meditation:
Der Vatergott hat mir die Starke verliehen, die in meinem
Stoffe liegt, der dicht gewordener Geist ist.
Der Sohnesgott ist immer das vom Himmel gekommene
Leben in mir, das wirkt und webt wie das Wasserdasein im
Kosmos, das ein Symbolum, ein Bild dafur ist. Ich ftihle den
Christus-Gott in allem meinem Webenden und Lebenden,
in dem, was mich vom kleinen Kinde zum erwachsenen
Menschen macht, was taglich in mir wachsen und wieder
zugrundegehen mufi, damit ich als Erdenmensch ein wer-
dendes Wesen sein kann.
Ich fiihle den Geistgott als denjenigen, der hiniibertragt in
die Zukunft, was aus der Vergangenheit durch den Christus
Jesus in uns geworden ist.
Sehen Sie, wenn wir so meditierend den Inhalt geboren haben
fiir ein Wort, das herumflattert, das wir vorher nur provisorisch
gebraucht haben, dann haben wir das Recht erworben, uns als
Menschen «Mensch» zu nennen. Und wir sollten beginnen mit
einer Anbetung des Sprachgenius, denn das ist die wahre Anbe-
tung, was in solcher Meditation gewonnen ist. Wir sollten beginnen,
uns nicht nur durch aufiere Menschengestalt als Menschen zu
erweisen, sondern zu zeigen den von Gott gestalteten, von Gott
gedachten und von Gott erfullten Menschen in unserer Sprache.
Wenn wir durch eine solche Meditation uns zunachst fiir das
eine Wort «Mensch» vorbereiten, so entsteht schon der Drang,
uns dreistufig fiir manches andere Wort vorzubereiten und die
menschliche Sprache auf der Erde in der richtigen Weise zu
handhaben. Dann lehrt uns der Sprachgenius, wie wir lebendige
Werkzeuge fiir das Gotteswort werden konnen, wenn wir dieses
Gotteswort der Gemeinde gegeniiber beleben sollen. Denn das
Gotteswort ist immer da, und was wir tun, ist eine augenblick-
liche Belebung des immer in den spirituellen Welten waltenden
Gotteswortes. Im Urbeginne war das Wort und es war schon im
Urbeginne ein gottliches. Wenn wir aber nicht in der Lage sind,
die Heiligkeit des Wortes «Mensch» fiir den Menschen zu emp-
finden, so sind wir nicht in der rechten Weise mit der Wiirde
ausgestattet, die uns auch in der rechten Weise den Anfang des
Johannes-Evangeliums sagen lafit. Der Priester ist heute noch
nicht soweit, in solcher Weise das Wort zu sagen.
Unsere Zeit ist so, dafi von dem Priester, wenn er weiterdringen
soil in seinem Beruf, vor alien Dingen solche Dinge erfordert
werden. Denn was ist geblieben von den alten, aus den heiligen
Hohen der Erde mitgeteilten Worten? Was ist geblieben von den
Worten «Deus», «Christus», «Geist»? - Irdische Klange sind es,
die in Dognien verhartet sind. Die Wahrheit der Worte mufi in
uns erweckt werden, die Wahrheiten dieser Worte miissen in uns
leben. Wir diirfen nichts versaumen, was es uns moglich macht,
dafi die alten, verharteten und deshalb dogmatischen Worte in uns
wiederum lebendig werden. Wir diirfen nicht mehr in der Art das
Gotteswort drehen und bewegen, wie das in jenen alten Zeiten
geschehen ist, in denen die katholische Kirche aus den Mysterien
die Messe entnommen hat.
In den alten Mysterien war der Priester noch viel bescheidener
als der heutige Priester, wenn er so ist, wie ich es eben beschrie-
ben habe. Der alte Priester sagte sich, er konne iiberhaupt nicht
Mensch sein, so wie er ist. Daher wurden, bevor er sprechen durfte,
alle diejenigen Dinge ausgefuhrt, von denen noch ein letzter Rest
in der Raucherung enthalten ist. Durch die Raucherung, die zu
Recht hineingekommen ist in unsere Menschenweihehandlung,
wird angezeigt, dafi in den alten Mysterien der Priester sich durch
aufiere Mittel in einen anderen Bewufitseinszustand versetzte,
wodurch er sich aufier seinem Leibe fuhlte und von dem Sprach-
genius besessen wurde, der ihn zu dem hoheren Genius fiihrte, so
dafi der alte Priester aufier seinem Leibe das Gotteswesen erlebte.
Kein Priester meinte, dafi er von innen die Zunge bewegen konne,
wenn er die Gottesworte sprach; er wufite, dafi er erst aus sich
herausgegangen sein mufke und die Zunge von aufien bewegt
werden mulke. Das konnen wir heute nicht mehr und wir sollen
es auch nicht mehr, aber wir sollen uns durch innere spirituelle
Mittel, mit innerlichem Fiihlen und Wollen hinaufarbeiten zu dem
Begreifen des Vorganges, wenn wir uns «Mensch» nennen.
Und bedenken Sie, meine lieben Freunde, was die Menschen-
weihehandlung unter Ihrer Handhabung wird, wenn Sie von heute
an etwas von dem, was heute hier gesprochen worden ist, in Ihre
Priestermeditation aufnehmen. Die Dinge konnen ja nur nach und
nach in uns aufgenommen werden. Die Menschheit hat sich ja
weit vom Gottlichen entfernt und mufi sich erst wieder zuriick-
finden. Wir haben die Menschenweihehandlung in die christlich-
religiose Erneuerungsbewegung hereingenommen zunachst wie der
religiose Kiinstler. Heute sind wir dazu gekommen, dasjenige, was
nur wie eine religiose Kunst zunachst aufgenommen werden mufite,
so aufzunehmen, dafi wir in die Lage kommen, aus ihm einen
wirklich lebendigen Organismus zu machen, so dafi die Men-
schenweihehandlung ein Lebendiges wird und innerhalb der
Christengemeinde immerfort so neu belebt wird bei jedem Voll-
zuge durch jeden einzelnen, wie der physische Leib bei jeder
Nahrungsaufnahme bei jedem einzelnen neu belebt wird.
Das, meine lieben Freunde, miissen Sie in Ihr Gemiit aufneh-
men, dafi die Menschenweihehandlung ein Lebendiges werden
mufi. Dann haben Sie ein Recht, sich selbst so in das Erdenwerden
hineinzustellen, dafi Sie mit dieser Menschenweihehandlung rich-
tig im Erdenwerden drinnenstehen. Dann diirfen Sie sich sagen,
was wahr ist: Wiirde diese Menschenweihehandlung auf der Erde
nicht ausgefuhrt, so wiirde die Erde verkummern und ohne
Nahrung bleiben. Das ware geradeso, wie wenn keine Pflanzen
wachsen wurden. Die Pflanzen wachsen im Physischen, die Men-
schenweihehandlung mu£ im Geistigen wachsen. Ware sie nicht
da, so ware das auf einer hoheren Stufe dasselbe, was auf der
physischen Erde ware, wenn keine Pflanzen wachsen wurden. Aber
man hat erst das Recht, dies zu sagen, wenn es einem gelingt, die
Menschenweihehandlung zu einem fortdauernden, lebendigen
Wesen zu machen dadurch, dafi man dieses selbstgepragte Wort
errungen hat, wie man das Wort «Mensch» im richtigen Wirken
und Wesen und Weben innerhalb des Erdendaseins durch eine
dreistufige innere Seelenentwickelung errungen hat.
Dann, meine lieben Freunde, wenn Sie so fuhlen konnen,
haben Sie auch etwas von dem erfuhlt, was ein richtiges Sich-
hineinstellen gerade in unsere Gegenwart ist. Nachdem Sie das
Bediirfnis hatten, nach einer gewissen Zeit sich wiederum zu
versammeln, mufke ich Ihnen dies sagen, denn es gehort zur
ganzen Entwickelung der christlichen Gemeinschaft. Und so
haben Sie wieder ein Lebendiges in sich aufgenommen, das be-
lebend auf Sie selbst wirken kann. Ich mochte, das das Heutige
recht innig aufgenommen werde.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Juli 1923
Ja, meine lieben Freunde, ich mochte zur Erganzung des Gesta-
gen nur noch etwas sagen, was ich eigentlich schon gestern habe
vorbringen wollen, aber die Zeit war zu kurz. Es handelt sich
darum, gerade bei dieser Gelegenheit einmal hinzuweisen auf
das Verhaltnis, das wir allmahlich zur Bibel gewinnen miissen.
Die Bibel, namentlich das Neue Testament, ist ja ein Dokument,
das wir wieder lernen miissen als eine Art iibersinnlicher Offen-
barung aufzufassen, nicht im dogmatischen Sinne, sondern indem
man sich zu der Erkenntnis durchringt, dafi die religiosen Doku-
mente, wenn sie aus der Zeit bis etwa in das vierte nachchrist-
liche Jahrhundert hinein stammen, nicht allein menschlichen Ur-
sprungs sind, sondern durchaus hineinergossen wurden in ein
Menschheitsbewufitsein, das von sich aus noch nicht hatte die
betreffenden Erkenntnisse haben konnen. Ich mochte sagen, Sie
brauchen die Sache nur bis zu diesem Punkte zu nehmen, dafi
die Menschheit eben ausgeht von einer Art atavistischen, in-
stinktiven Bewulkseins, in das Bilder der mannigfaltigsten Art
iiber die hochsten geistigen Dinge und Vorgange hineinfallen
konnten; aber das, was diese Bilder tragt, ist nicht etwas, was
aus dem menschlichen Bewufitsein selbst konzipiert, gestaltet sein
konnte.
Und so ist es gekommen, dafi gerade in der Zeit, als der In-
tellektualismus mafigebend wurde, die religiosen Dokumente in
vieler Beziehung ja mifiverstanden worden sind. Es wurde an sie
herangegangen mit dem intellektualistischen Denken, und es war
im Grunde genommen ganz naturlich, dafi bei allem guten Willen
da zunachst Mifiverstandnisse eintreten mulken. So ist es ge-
kommen, dafi die gegenwartig vorliegenden Texte, wenn sie in
den heute ublichen Landessprachen geschrieben sind, ja nicht die
ursprunglichen Dokumente wiedergeben, weil die Landesspra-
chen aus einer Intellektualitat heraus gearbeitet haben, die dem
ganzen urspriinglichen Elemente, das in den religiosen Dokumen-
ten enthalten war, etwas Fremdes ist.
Wenn zuriickgegangen wird auf die Grundsprache der religio-
sen Dokumente, insbesondere auf das Neue Testament, so liegt
auch das vor, dafi diese Grundsprache mit der heutigen Seelen-
verfassung nicht mehr in der rechten Weise empfunden wird. Und
so ist wirklich eine Art Unwahrhaftigkeitselement in die Auffas-
sung der religiosen Urkunden, auch des Neuen Testamentes,
hineingekommen. Man darf gar nicht hoffen, daf$ ein Fortsetzen
von Ubersetzungen in dem Sinne, wie sie bisher gepflogen wor-
den sind, zu etwas Besserem fuhren kann, sondern es mufi sich
darum handeln, erst die Vorbedingungen zu finden, um in einer
Art Wiederauferweckung der alten Geistigkeit den Sinn der reli-
giosen Dokumente wirklich zu erfassen. Das konnen wir, das
kann im Grunde jeder, der sich die notige Miihe gibt, die heute
erforschbaren geisteswissenschaftlichen Tatsachen, sagen wir zu-
nachst auf das Neue Testament anzuwenden.
Davon mochte ich nur eine kleine Probe geben, und zwar von
einer der wichtigsten Stellen des Neuen Testamentes. Ich mochte
vorher nur betonen, daft ja die Darstellungen des Neuen Testa-
mentes sich beziehen auf eine historische Tatsache, dafi die Dar-
stellungen des Neuen Testamentes sich nur verstehen lassen, wenn
man sich dariiber klar ist, dafi die Tatsache des Mysteriums von
Golgatha sich ganz hineinstellte in die iibrige geschichtliche
Entwickelung der Menschheit, aber als eine solche Tatsache, die
herausfallt aus den iibrigen Gesetzen der Menschheit. Das Myste-
rium von Golgatha ist eine ganz singulare Tatsache, die nicht aus
den historischen Untergriinden heraus zu verstehen gesucht werden
soil, sondern die an sich und fur sich begriffen werden soli. Dann,
wenn man diese, ich mochte sagen uberhistorische Tatsache, diese
kosmische Tatsache nun in Zusammenhang bringt mit demjeni-
gen, was man geisteswissenschaftlich iiber die Entwickelung der
Menschheit kennenlernen kann, dann beginnt man eigentlich erst
den tiefen Sinn der Worte, der Satzpragung des Neuen Testamentes
zu erfassen. Wenn man das nicht tut, kommt ein zu starker Ton
des Trivialen in das Neue Testament hinein. Wir brauchen uns
nur an mancherlei zu erinnern, was aus dem Bestreben hervorge-
gangen ist, die Bibel moglichst so aufzufassen, dafi man iiberhaupt
zu ihrer Erfassung keiner Vorbereitung bedarf und sagt, man fasse
sie einfaltig, primitiv auf . Man braucht sich nur dieser Tatsache zu
erinnern, um zu ermessen, wie stark die Abneigung war, das Neue
Testament in seiner vollen Tiefe zu erkennen.
Bedenken Sie, meine lieben Freunde, daft das Mysterium von
Golgatha, im richtigen Sinne genommen, als ein fur die Erde be-
stimmter Gnadenakt aus hoheren geistigen Welten sich vollzo-
gen hat in einer bestimmten Zeit, in der ein gewisser Teil der
Menschheit iibergegangen ist von einem vorher entwickelten Be-
wufitseinszustand in einen nachherigen. Die Zeit des Mysteriums
von Golgatha fallt ganz damit zusammen, dafi die Menschheit als
sich fortentwickelnde Wesenschaft aufsteigt zu dem Erleben der
inneren Ich-Tatsache. Das Ich kommt allmahlich in der Menschheit
herauf in der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha fallt. Nicht
diirfen wir einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Tat-
sachen suchen, sei es einen kausalen oder einen sonstigen Zusam-
menhang. Wir konnen nur einen solchen Zusammenhang sehen,
wie es etwa derjenige ist, wenn irgend jemand sieht, wie etwas
sich abspielt, und dazu etwas aus vollig freiem Willen tut. Das
Mysterium von Golgatha kommt als eine Tatsache kosmischer
Freiheit zu dem hinzu, was sich innerhalb der Menschheitsent-
wickelung so ergeben hat, dafi das Ichbewufitsein auftaucht. Nun,
Sie kennen ja die iibrigen wichtigen Tatsachen, die mit diesem
Heraufkommen des Ichbewufitseins verkniipft sind. Aber nun
kommt etwas Besonderes hinzu. Es ist notwendig zu wissen, dafi
diesem Sicheingliedern des Ichbewufitseins in die sich entwickeln-
de Menschheit vorangegangen ist ein Zustand, wo der Mensch bei
jeder Gelegenheit seines Erlebens im Bewufitsein heraufgeschaut
hat zu den Gottern, oder, wo Monotheismus war, zu demjenigen
Gott, der uns dann geblieben ist in der Vorstellung des Vatergot-
tes. Solange wir in der Vorstellung des Vatergottes stehen, ist diese
Vorstellung damit zu erfullen, dafi wir sagen: Wenn der Mensch
auf der Erde sich als Ich-Wesenheit bewufit ist, so fiih.lt er das,
was in seinem Ich liegt, als das Hereinwirken des Vatergottes in
seine Seele. Der Vatergott traufelt gewissermafien einen Tropfen
seines eigenen Wesens, der aber im Zusammenhang bleibt mit
dem ganzen Meere der Geistigkeit des Vatergottes, in die Wesen-
heit des einzelnen Menschen, und der einzelne Mensch kann sich
dann sagen: Es lebt in mir der Vatergott, es lebt die ganze Fiille
des Vatergottes in mir. Aber es lebt die ganze Menschheit in dem
Durchdrungensein mit der Wesenheit des Vatergottes. Dies als ein
Gegenwartiges zu erleben, das heifit, sich zu sagen: Ich bin!, das
ist: Der Vatergott ist in mir. - Dies als Gegenwartiges zu erleben,
wurde der Menschheit allmahlich unmoglich. Sie mufite zu einem
eigenen Ich kommen, das aus dem eigenen Bewufitsein heraus der
Form nach produktiv ist. Und dieses Produktive des eigenen Ichs
war im Zusammenhange mit der ganzen kosmisch-geistigen Welt
nur moglich, wenn sich der einzelne Mensch mit dem Christus
identifizierte, also mit dem Sohnesgott.
Was kann man also sagen uber das Verhaltnis der Christus-
begnadeten Menschheit zu der noch nicht mit Christus begna-
deten Menschheit? Wenn die noch nicht mit dem Christus begna-
dete Menschheit zuriicksah auf das Bewufitsein, also auf die
eigene Wesenheit der Seele, konnte sie dann sagen: Ich bin als
einzelner mit dem Ich begabt? - Nein, die Seele konnte sich nur
sagen: In mir lebt der Vatergott, und dafi er in mir lebt, das
bewirkt, daft ich zu mir Ich sagen kann. - Der einzelne war noch
nicht vollkommen individualisiert, der einzelne war ein Kind des
Vatergottes, aber so, dafi das Kind gewissermafien noch durch
eine Art Nabelschnur zusammenhing mit dem Vater. Das aber,
was die Seele haben konnte, wenn sie sich dieses ihres gottlichen
Inhaltes bewufit wurde, konnte sie nachher nicht mehr haben.
Und die Christus-begnadete Menschheit bekam das so, daft jeder
aus seinem einzelnen Seelenwesen heraus in sein Ich diese Sub-
stanz aufnehmen konnte.
So brachte der Christus den Menschen auf Erden dasselbe, was
der Menschheit auf Erden der Vatergott gegeben hat, aber er
brachte es auf eine neue Weise, so da$ jeder es nun mit seinem aus
sich selbst herausquellenden Ich verbinden konnte. Und so konn-
te der Christus der Menschheit sagen: Ich bringe euch, was ihr
gewohnt seid, aus dem Logos zu erkennen, aber ich bringe es
euch auf eine neue Weise. Ich bringe es euch so, dafi der Vatergott
mir das iibergeben hat, was er euch vorher direkt gegeben hat,
aber fur einen anderen Bewufitseinszustand. Als sein Gesandter
bringe ich euch den Schatz des Vaters, fur jedes einzelne Be-
wufitsein von euch, fur jede einzelne Individuality von euch. Ich
will euch nicht mehr nur zu Menschen machen, die gewissermafien
em Glied im ganzen Kosmos sind, ich will vermoge der Vollmacht,
die mir der Vatergott gegeben hat, jeden einzelnen von euch,
wenn er kommen will, zu einem gotterfullten Menschen machen.
Diejenigen, die so der Vatergott mir iibergibt als einzelne, die
erfiille ich mit dem Gottes-Bewufitsein.
Dafi also die Art, wie das Gottes-Bewufksein zu den Menschen
kommen sollte, eine andere ist als sie fruher war, das ist das We-
sentliche des Mysteriums von Golgatha. Daher ist es auch so, dafi
die Worte des Evangeliums durch das Mysterium von Golgatha
einen ganz anderen Sinn bekommen. Es ist zum Beispiel durchaus
moglich, von dem Inhalt des Vaterunsers einzelne Teile in friiheren
Entwickelungsstadien der Menschheit nachzuweisen. Aber auf den
Inhalt kommt es in diesem Fall nicht an, sondern darauf, dafi in
anderer, in neuer Weise der mit dem Ichbewufksein erfullten Seele
das Vaterunser mit denselben Worten, mit denselben Satzen ge-
geben wird. Dieses Hineindringen in die geistigen Krafte der Ge-
schichte wird uns wiederum moglich, wenn wir selbst geistig for-
schen konnen. Das ist es, was uns zuriickbringt zu dem urspriing-
lichen Sinn der Evangelien. Dieser urspriingliche Sinn mufi heute
herauskommen. Die Menschheit darf nicht weiter mit mifiverstan-
denen, das heifit mit nicht hoch genug genommenen Evangelien-
[iibersetzungen] abgespeist werden. Man mufi sich schon iiber-
winden, die Sadie so auf zuf assen, daft man sich emmal f ragt: Karm
man, wenn man ganz ehrlich ist in seiner Seele, heute noch einen
Sinn empfinden bei den Worten in Johannes 17, Vers 1 bis 9?
Nun, meine lieben Freunde, dariiber kann allerlei gesagt und
nachgesagt werden, wenn man iiber die Tatsache hinweggehen
will, daft damit nicht wirklich in deutlicher Weise ein Sinn getrof-
fen wird. Auf kiinstliche Art [des Kommentierens] laftt sich mit
dieser Rede kein Sinn verbinden. Eigentlich nur durch den Glauben
laftt sich damit ein Sinn verbinden. Denn auf etwas Reales stoftt
man nicht, wenn man diese Satze [in einer der iiblichen Uber-
setzungen] vor sich hat. Dagegen wenn man den Versuch macht,
mit Empfindung des [urspninglichen] Textes ganz wortlich den
Text in deutscher Sprache wiederzugeben, so kommt ein tieferer
Sinn hinein, und man darf nicht, man kann gar nicht sagen, wenn
man ehrlich ist mit sich selbst, es ware dadurch der einfaltige Sinn
dieser Rede, der fur jedes gewdhnliche menschliche Gemiit ver-
standlich sei, kiinstlich kommentiert worden. Man kommt nam-
lich darauf, daft dieser vertieftere Sinn wirklich der urspriingliche
ist, und von dieser Tatsache mulS man ausgehen.
Es mag ja dem heutigen Menschen lieber sein, daft man einen
solchen Sinn im Evangelium nicht zu suchen habe. Aber man
kommt nicht uber die Tatsache hinweg, daft dieser tiefere Sinn
eben doch darinnen ist und wir ihn eben herausholen mussen. Wir
konnen nicht anders. Es ware eine subjektive Phantasie, wenn wir
sagen wollten: Interpretiert nichts in das Evangelium hinein, wir
wollen bei seinem einfaltigen Inhalt bleiben. - Das ist eben das
Interpretieren. Wenn wir einfach zu dem Sinn zuriickgehen, der
in ganz michterner Weise da ist, so kann ich nicht anders, als ihn
etwa in der folgenden Weise wiedergeben:
Nachdem Jesus dieses geredet hatte, erhob er seine Augen
zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen,
offenbare es Deinem Sohne, auf daft Dein Sohn es von Dir
offenbare, wie Du ihrn Macht liber alles Fleisch gegeben
hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das dauernde
Leben gebe. Das aber ist das dauernde Leben, daft sie Dich
als den einzig wahren Gott erkennen und Jesus Christus als
den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden geoffenbaret, um
zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu tun auferlegt
hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Offenbarung,
die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich habe
[Dich] zur Erscheinung gebracht fur die Menschen, welche
Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und
Du gabst sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfiillt
geblieben.
So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast,
aus Dir ist. Denn die Gedankenkrafte, die Du mir gegeben
hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen
verbunden und durchschaut, dafi ich von Dir komme und
eingesehen, dafi Du mich ihnen gegeben hast. Fur sie als
einzelne Menschen, nicht fur die Menschen im Allgemeinen,
bitte ich bei Dir, nur fur die Menschen, die Du mir gegeben
hast, weil sie durch Dich sind. -
Nun liegt in der ganzen Darstellung dasjenige, was ich Ihnen
vorher gesagt habe, und es ist nichts anderes, meine lieben Freunde,
als dafi die geistigen Entwickelungstatsachen der Menschheit in
den Evangelien wiedergegeben sind. Man kann die Evangelien
eben gerade in ihrer Richtigkeit finden, wenn man auf die geisti-
gen Tatsachen darin gekommen ist. Und damit entsteht eben das
Bewufitsein, das, ich mochte sagen, das richtige Licht zu werfen
vermag auf die Worte. Nicht wahr, es ist ganz gewifi von mir
nicht die Sucht, eine eitle Kritik zu iiben, wenn ich sage, es ist
nicht moglich, das Wort zu sagen: «Vater, die Stunde ist hie,
dafi Du Deinen Sohn verklarest, auf dafi Dich Dein Sohn auch
verklare.» - Wenn man ehrlich ist, mufi man sagen: Damit ist
eigentlich gar nichts gesagt, wenigstens nicht von der Art, dafi
man einen mit dem menschlichen Herzen ergreifbaren Sinn dar-
innen haben konnte. Dagegen kommt selbstverstandlich ein rich-
tiger Sinn heraus, wenn man nach dem griechischen Texte sagt:
«Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es Deinem Sohne ...»
- also die Bitte an den Vater, er solle dem Sohne offenbaren. Die
8ocja ist keine Verklarung, die 8o^a ist ein Offenbaren, ein
Bekanntgeben, ein Zur-Erkenntnis-Bringen, und so ist es hier
gemeint: «... auf daft Dein Sohn es von Dir offenbare.» Die
Vermittlung des Vater-Inhaltes durch die Kraft des Sohnes kommt
da in den Worten unmittelbar zum Ausdruck in naiver Anschau-
ung. Vorher hatten die Menschen auf die geschilderte Art die
Substanz des Vatergottes in sich. Nun hat der Vatergott den Sohn
dazu gebracht, daft der Sohn den Inhalt an die Menschheit ver-
mittelt. Das steht wirklich da und es ist gar nicht zu leugnen, daft
es da steht: «... wie Du ihm Macht liber alles Fleisch gegeben
hast ...» - der Ausdruck «Fleisch» ist schwer zu iibersetzen, da
er falsch verstanden wird durch die gewohnliche Sprache. Eigentlich
miiftte man sagen: «... wie Du ihm Macht iiber alle Menschen-
leiber gegeben hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das
dauernde Leben verleihe.» - Wenn man bedenkt, daft ja die
Tatsache vorliegt, daft friiher die menschlichen Leiber so waren,
daft sie von der urspriinglichen Bewufttheit erfaftt wurden, die
noch gotterfullt war und damit das dauernde Leben bekamen, so
sieht man ein, daft, weil jetzt nicht mehr das Bewufitsein von der
Kraft erfullt ist, die Leiber in die Seele nichts zuriickreflektieren
konnen, was dauerndes Leben verleiht. Darum ist der Christus
der Menschheit gesandt worden. «Das aber ist das dauernde
Leben, daft sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen und
Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden
geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu
tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Of-
fenbarung, die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich
habe [Dich] zur Erscheinung gebracht fur die Menschen, welche
Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und Du gabst
sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfullt geblieben.»
Christus Jesus hat bewirkt, daft das Wort nicht erstorben ist in
den Menschen, daft der vaterliche Substanzinhalt den Menschen
geblieben ist. Wenn das Mysterium von Golgatha nicht gewesen
ware, so hatten die Menschen ihren Inhalt vergessen. Der Vater
ware vergessen worden, wenn der Sohn nicht die Gegenwart des
Vaters aufrechterhalten hatte. «So haben sie erkannt, wie alles,
was Du mir gegeben hast, aus Dir ist. Denn die Gedankenkrafte,
die Du mir gegeben hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben
sich mit ihnen verbunden und durchschaut, daft ich von Dir
komrae und eingesehen, daft Du mich ihnen gegeben hast. Fur sie
als einzelne Menschen, nicht fur die Menschen im Allgemeinen,
bitte ich bei Dir, nur fur die Menschen, die Du mir gegeben hast,
weil sie durch Dich sind.» - Ich setze hierher «fur die Menschen
im Allgemeinen» statt «fur die Welt». - Das wird nicht mehr
verstanden. Es ist eben auf dieses geistige Verbundensein hinge-
wiesen, was damals gangbare Vorstellung war: Fur sie als einzelne
Menschen, nicht nur fur die Menschen im allgemeinen.
Wahrhaftig, das Neue Testament wird dadurch, daft man sei-
nen Inhalt ergreift, nicht weniger schon, groft und erhaben. Das
gehort auch zum richtigen Sichhineinstellen in die Gegenwart, in
das geistige Leben der Gegenwart, in eine religiose Bewegung
der Gegenwart, daft man einfach wieder zuriickgeht zu der Wirk-
lichkeit im Evangelium. Wie oft ist die Forderung aufgetaucht,
man miiftte wieder zu dem urspriinglichen Christentum zuriick-
kehren. Das scheiterte eben daran, daft man nicht erreichen konnte
darauf auszugehen, den Logos in seiner Urbedeutung zu ergreifen
und sich wieder und wieder mit der menschlichen Bequemlichkeit
trostete, daft man die Evangelien eben mehr in dem einfaltigen
Inhalte hinnehmen miisse. Aber der einfache Inhalt wiirde ja nicht
mehr verwischt werden, wenn man einfach auf das eingeht, was
dasteht. Wir diirfen nicht vergessen, meine lieben Freunde, daft
die Worte ja im Laufe der Zeit ihre Gefuhlswerte wesentlich
andern. Es ist nicht moglich, einfach lexikographisch ein Wort aus
einer alten Sprache heriiberzunehmen. Schon wenn man jetzt in
der Gegenwart etwas einfach lexikographisch iibersetzt, bekommt
man ganz andere Inhalte heraus. Das ist noch mehr der Fall, wenn
man Dinge der Vergangenheit iibersetzt. Es kommt ja nicht dar-
auf an, den Gefiihlswert, der in der Gegenwart bei einem Worte
da ist, unmittelbar an das anzulehnen, was im Wortlaute des alten
Wortes liegt, sondern die Aufgabe ist die, zuriickzugehen zu dem
Gefuhlsinhalte des alten Wortlautes. Da konnen wir uberall im
Neuen Testament die Tatsache finden, dafi die Evangelien ge-
sprochen sind zu einer Zeit, als die Offenbarung desjenigen, was
vom geistigen Kosmos aus Gnade fiir die Menschheit geschehen
ist, aus dem noch nicht voll entwickelten Ichbewufksein in das
vollentwickelte Bewufitsein der Ichheit ubergegangen ist. Alle
ubrigen Tatsachen miissen nach dieser Grundtatsache beurteilt
werden. Man darf nicht bei Vorurteilen stehenbleiben und sagen,
die Jiinger, die als einfache Menschen aus den niedersten Stan-
den hervorgegangen sind, konnten einen solchen Sinn nicht erfas-
sen. - Wenn der Sinn der Evangelien einfach aufzufassen ist,
so miissen wir andererseits die wunderbare Tatsache enthullen:
Wie sind diese einfachen Menschen dazu gekommen, den Evan-
gelien diesen tiefen Sinn zu geben? - Das ist viel geistiger, als
wenn man sagt, diese einfachen, aus dem Volke hervorgegange-
nen Menschen hatten einen solchen Sinn gar nicht erfassen
konnen. Eine solche Auffassung beruht auf einem anderen Vor-
urteil.
Ich weifi nicht, ob Sie es erlebt haben - vielleicht die Alteren
unter Ihnen. Wenn Sie vor vierzig Jahren mit einem liebenden
Herzen unter das Landvolk gegangen sind, dann konnte man die
folgende Erfahrung machen. Man ging als Gebildeter hinaus, als
ungeheuer gescheit sich Fiihlender, und sprach mit den Leuten
iiber das, was man gelernt hatte. Da konnten sie nicht mit. Aber
ging man mit ihnen mit, so entdeckte man unter diesen einfachen
Leuten eine ungeheuer tiefe Weisheit, die das iiberstrahlte, was
man selbst mitgebracht hatte. Die Weisheit der naiven Leute ist
namlich eine tiefere als die der Gebildeten. Die Theorie von der
Einfaltigkeit des primitiven Menschen ist eben eine Theorie der
intellektualistisch Gebildeten. Was zum Beispiel Jakob Bohme ge-
meint hat mit manchen seiner Satze, das konnte man vor vierzig
Jahren noch eher von manchem Krautersammler lernen als heute
im Universitatskolleg. Das ist nicht zu leugnen. Und wie treu
manchmal alte Texte wiedergegeben werden, davon wird Ihnen
Herr Professor Beckh ein Lied singen konnen in bezug auf
Sanskrit und andere orientaiische Texte. Man wird nicht zu weit
gehen, wenn man sagt: Was in der indischen Philosophic enthal-
ten ist, das ist nicht wiederzuerkennen in den Ubersetzungen, die
zum Beispiel Deufien gemacht hat, weil man, wenn man auf den
urspriinglichen menschlichen Inhalt der Sache gehen will, das,
was in Deufiens Ubersetzungen steht, einfach wie blofie Wort-
zusammensetzungen, wie blofie Worthiilsen empfindet, in die
man iiberhaupt keinen Sinn mehr hineinbringt. Diese Dinge sind
ungeheuer ernst und hangen mit tiefernsten Fragen unserer Zeit
zusammen. Deshalb wollte ich wirklich nicht versaumen, unsere
Zusammenkunft noch mit dieser Betrachtung zu beschliefien, weil
ich glaube, dafi sie Sie hinweisen kann auf etwas, was gerade im
gegenwartigen Augenblicke notwendig ist.
Ich hoffe, dafi sich das erfullen kann, wovon ich gestern sprach,
dafi fur die religiose Bewegung die Menschenweihehandlung die
tiefste und fortdauernde Tatsache sein wird, dafi sie nicht blofi
bildhaft ist, sondern ein Lebendiges werden mufi, das sich fort-
entwickelt, wie das Leben sich fortentwickelt, und das fahig
bleibt, immer neu und reicher zu werden. Und ich hoffe, dafi wir
zusammenarbeiten konnen an dieser lebendigen Fortentwickelung
desjenigen, was wir ja so hoffnungsvoll begonnen haben.
Werner Klein spricht im Schlufiwort den Wunsch aus, dafi der gute Wille
zur Arbeit so stark bleiben wird, dafi man libers Jahr sich wieder versam-
meln kann und den Rat Dr. Steiners erbitten darf.
Rudolf Steiner: Wir wollen es hoffen und in unseren Herzen so
halten.
RUDOLF STEINER
ORIGINALHANDSCHRIFTEN
VERZEICHNIS DER ORIGINALHANDSCHRIFTEN
RUDOLF STEINERS
(mit Archivnummern)
Es nahet mir im Erdenwirken (31. Dezember 1922)
NB 21 GA 219
(besprochen am 12. Juli 1923. Faksimile in der 6. Auflage
(1994) des Bandes «Das Verhaltnis der Sternenwelt zum
Menschen und des Menschen zur Sternenwelt», GA 219)
Joh. 17, 1-9: Nachdem Jesus dieses geredet hatte
(besprochen am 14. Juli 1923)
NZ 3479 74- 75
Episteln:
Adventzeit (gegeben Oktober 1923)
NZ 3547-3549 76- 81
Weihnachten (gegeben Dezember 1922)
NZ 3585-3588 82- 89
Epiphanie (gegeben Januar 1924)
NZ 3550-3551 90- 93
Passionswochen, Charwoche, Ostertage (gegeben Februar 1923)
NZ 3571-3577 94-107
Himmelfahrt und Pfingsten (gegeben September 1923)
NZ 3559-3561 108-115
Johanni (gegeben 12. Junil924)
NZ 3552-3554 116-121
Michaeli (gegeben September 1923
NZ 3559-3561 122-127
Kinderbegrabnis (gegeben Marz 1923)
NZ 3578-3584 128-141
Totenweihehandlung (gegeben Marz 1923)
NZ 3523-3524 142-145
Trauung (gegeben Friihjahr 1922 an Pastor Wilhelm Ruhtenberg)
NZ 4964-4969 146-157
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Episteln fiir Weihnachten
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Episteln fur Christi Himmelfahrt und Pfingsten
(Die Zusatze in anderer Handschrift sind von Emil Bock)
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Kinderbegrabnis
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Totenweihehandlung
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HINWEISE
Textunterlagen
Die Vortrage wurden von Karl Lehofer mitstenographiert. Dem Druck der
Vortrage liegt die von ihm erstellte Klartextiibertragung zugrunde. Uber die
Zuverlassigkeit seiner Nachschriften siehe «Notwendige Bemerkungen zur
Qualitat der Nachschriften» in Band I der Reihe « Vortrage und Kurse uber
christlich-religioses Wirken», GA 342, Seiten 239-241.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Obersicht am Schlufi des Bandes.
zu Seite
11 Worte ... [von Herrn Dr. Rittelmeyer]: Friedrich Rittelmeyer (1872-1938),
erster Erzoberlenker der Christengemeinschaft.
wie wir vor kurzem eines der dltesten Mitglieder unserer anthroposophischen
Bewegung, Hermann Linde, zur Eindscherung fiihren konnten: Siehe die An-
sprache Rudolf Steiners bei der Kremation von Hermann Linde in Basel, am 29.
Juni 1923, enthalten im Band «Unsere Toten», GA 261. Hermann Linde (1863-
1923) war Kunstmaler, seit 1906 Mitglied der Theosophischen bezw.
Anthroposophischen Gesellschaft. Er war mit tatig bei der kunstlerischen Ge-
staltung der Miinchner Auffuhrungen von Rudolf Steiners Mysteriendramen,
war Mitbegrunder und 2. Vorsitzender des Johannesbau-Vereins und wirkte
aktiv bei der malerischen Ausgestaltung des ersten Goetheanums mit.
13 «Dreizehnlinden»: Epos von Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894), Paderborn
1878, war seinerzeit in uber 200 Auflagen verbreitet.
17 ist der zundende Funke gelegt worden: Der Brand des ersten Goetheanums in
der Silvesternacht 1922/1923 wurde zuerst im sogenannten «Weifien Saal»
bemerkt, in welchem im September 1922 die Zusammenkiinfte der Begriinder
der Christengemeinschaft stattgefunden hatten.
24 Ernst Curtius (1814-1896), Altertumsforscher; seine in Berlin als Professor
eloquentiae gehaltenen Festreden erschienen unter dem Titel «Altertum und
Gegenwart», 3 Bande, Berlin 1875-1889.
27 Kusspruch des Astronomen: Der franzosische Astronom und Mathematiker Pierre
Simon de Laplace (1749-1827), von Napoleon gefragt, warum denn in seinen
Schriften niemals die Rede von Gott sei 5 gab die Antwort: «Sire, je n'ai jamais
eu besoin de cet hypothese.» (Aus: «Die Dogmatiker der Naturwissenschaft
oder Materie contra Geist» von Hermann Klingebeil, Berlin 1906 ).
29 den gestrigen Vorlrag: Vortrag fur Mitglieder der Anthroposophischen Ge-
sellschaft, Stuttgart, 11. Juli 1923, enthalten in «Die menschliche Seele in ihrem
1 W
Zusammenhang mit gottlich-geistigen Individualitaten. Die Verinnerlichung der
Jahresfeste», GA 224.
37 Bericht uber die Delegiertenversammlung vom Februar 1923: In dem in Dorn-
ach am 3. Marz 1923 gegebenen Bericht liber die Delegiertenversammlung vom
27. Februar 1923, enthalten im Band «Anthroposophische Gemeinschaftsbil-
dung», GA 257. Siehe auch «Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der
Anthroposophischen Gesellschaft», GA 259.
40 wie ich das schon ausgesprochen babe ..: Das Denken ist eine Kommunion des
Menschen.: «Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre
Kommunion des Menschen. » Rudolf Steiner 1887 in der Einleitung zum 2.
Band der Kurschnerschen Ausgabe von «Goethes Naturwissenschaftlichen
Schriften», in GA 1, Seite 126.
41 Mein damaliger Vortrag: Der Dornacher Vortrag vom 30. Dezember 1922,
enthalten im Band «Das Verhaltnis der Sternenwelt zum Menschen und des
Menschen zur Sternenwelt. Die geistige Kommunion der Menschheit», GA 219.
wenn man sagt, man konne nicht zu anthroposophischem Verstandnis [des
ChristusJ kommen: In der vom Stenographen iiberlieferten Fassung ist dieser
Satz nicht ganz verstandiich, er wurde deshalb erganzt durch die Worte «des
Christus». Diese Erganzung stiitzt sich auf einen Brief von Professor Hans
Wohlbold an Rudolf Steiner vom 2. Dezember 1922, in welchem er schreibt,
dafi ein Miinchner Priester der Christengemeinschaft erklart habe, «dafi man
sich durch Fernbleiben von der Gemeinde daran schuldig mache, dafi Christus
nicht im Atherleibe erscheinen konne und dafi denen, die nur Anthroposophen
seien, der Weg zum Christus iiberhaupt verschlossen bliebe*.
51 Stifters Grofimutter: Ursula Stifter, geb. Kary (1756-1836). Adalbert Stifter hat
ihr in der Gestalt der Grofimutter in seiner Erzahlung «Das Heidedorf » (Studien,
Band 1, 1844) ein Denkmal gesetzt. Vgl. auch Rudolf Steiners Dornacher Vortrag
vom 8. Juni 1923 in «Das Kiinstlerische in seiner Weltmission», GA 276.
69 Hermann Beckh, 1875-1937, Indologe und Sanksritforscher, war Professor fur
alte Sprachen, speziell des Himalaya-Gebietes und hatte viele Ubersetzungen
aus alten Schriften gemacht.
70 in den Ubersetzungen, die zum Beispiel Deuften gemacht bat: Paul Deufien
(1845-1919), seit 1879 Philosophieprofessor in Kiel, iibersetzte vor allem aus
den Veden.
NAMENREGISTER
(* = ohne Namensnennung)
Die Kursteilnehmer sind kursiv gesetzt
Beckh, Hermann 69f.
Bock, Emit 43
Bohme, Jakob 39, 69
Curtius, Ernst 24
Deufien, Paul 70
Goethe, Johann Wolfgang von 14
Klein, Johannes Werner 70
Laplace, Pierre Simon Marquis de 27
Linde, Herrmann 11
Rittelmeyer, Friedrich 11, 25, 41, 43
Stifter, Ursula 51
Weber, Friedrich Wilhelm 13
Steiner, Rudolf
Werke:
Einleitung zum 2. Band der Kvirsch-
nerschen Ausgabe von Goethes
Naturwissenschaftlichen Schriften
1887 (GA lb) 40
Vortrdge:
30. und 31. Dezember 1922 in «Das
Verhaltnis der Sternenwelt zum
Menschen und des Menschen zur
Sternenwelt. Die geistige Koramu-
nion der Menschheit» (GA 219)
41
3. Marz 1923 in «Anthroposophische
Gemeinschaftsbildung» (GA 257)
37
11. Juli 1923 in «Die menschliche
Seele in ihrem Zusammenhang
mit gottlich-geistigen Individuali-
ties (GA 224) 29
UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver-
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi-
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die -
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir
ware es am liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miind-
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt,
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung
«Nur fur Mitglieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr
als einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke
in das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen
will, der mu& das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun.
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt-
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der
Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art -
wurde.
Neben diese Forderang, die «Anthroposophie» aufzubauen und da-
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Weit der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat,
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der
Mitgliedschaft h era us als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich
offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu
horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften,
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt.
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell-
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mit-
gliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich
da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit-
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die-
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller-
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei-
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie
dargestellt wird, und dessen, was als « anthroposophische Geschichte»
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.