Vom Wesen des wirkenden Wortes

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge und kurse uber 
christlich-religioses wirken 



RUDOLF STEINER 



Vortrage und Kurse iiber 
christlich-religioses Wirken 



Vom Wesen 
des wirkenden Wortes 



Vier Vortrage mit Fragenbeantwortungen, 
gehalten in Stuttgart 
vom 11. bis 14. Juli 1923 

Mit dokumentarischen Erganzungen 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Ulla Trapp und Paul G. Bellmann 



1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1994 



Bibliographie-Nr. 345 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Rudolf Steiner Verlag 
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 

Printed in Germany 

ISBN 3-7274-3450-3 



Z« den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich fest- 
gehalten wurden, da sie von ihra als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zuneh- 
mend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt 
und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben 
zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel 
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren 
konnte, mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein 
Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
gesagt gilt gleichermafien auch fur die Kurs zu einzelen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geistcswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis nchteten 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich n ah ere 
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 

Erster Vortrag, Stuttgart, 11. Juli 1923 

Uber den Fortgang der Arbeit der Christengemeinschaft seit 
ihrer Begriindung. Symptome fiir unterschwellige Wirkungen 
der Geistesstromungen der Gegenwart. Uber ahrimanische 
Krafte, die der Mensch heute durch die aufiere Kultur aufnimmt 
und ihre Unschadlichmachung. Beantwortung von Teilnehmer- 
fragen. Das richtige Darinnenstehen im Kultus. Der Kultus als 
Sprache der iibergeordneten Welten. Tagliches Sich-Beschafti- 
gen mit der Menschenweihehandlung. Das Sich-Durchringen 
zura Priesterbewufttsein. 

Zweiter Vortrag, 12. Juli 1923 

Schwierigkeiten in der Auffassung des Verhaltnisses der Bewe- 
gung fiir religiose Erneuerung zur anthroposophischen Bewe- 
gung. Innere Wahrheit ist notwendig gegenuber der inneren un- 
bewufiten Unwahrhaftigkeit in der heutigen Zeit. Von der Not- 
wendigkeit einer Erkenntnisrichtung, die das Geistige wieder 
innerhalb des Naturwissens geltend macht. Verhaltnis der Men- 
schen zum Kultischen. Beantwortung von Teilnehmerfragen. 

Dritter Vortrag, 13. Juli 1923 

Impulse fiir ein Sichfuhlen in der spirituellen Welt. Das Waken 
des Sprachgenius. Unser Verhaltnis zur Sprache. Das Wort 
«Mensch». Dreistufige Meditation iiber «das Wesen, das ich mit 
dem Wort 'Mensch* bezeichnen will». Erleben der Wahrheit des 
Wortes. Priester und Sprachgenius. 

Vierter Vortrag, 14. Juli 1923 

Das Neue Testament als iibersinnliche Offenbarung. Uber 
Ubersetzungen der Evangelien. Beispiel fiir eine neue Art der 
Ubersetzung: Johannes 17, 1-9. Geistige Entwickelungstat- 
sachen der Mcnschheit: Nach dem Mysterium von Golgatha ist 
die Art, wie das Gottesbewuiksein zu den Menschen kommen 
soilte, eine and ere als friiher. 



ORIGINALHANDSCHRIFTEN 
RUDOLF STEINERS 

Verzeichnis der Originalhandschriften Rudolf Steiners . . 73 

Faksimiles von Originalhandschriften Rudolf Steiners . . 74 

Hinweise 

Textunterlagen 159 

Hinweise zum Text 159 

Namenregister 161 

Rudolf Steiner fiber die Vortragsnachschrihen 163 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 165 



ZU DIESER AUSGABE 



Der vorliegende Band in der Reihe «Vortrage und Kurse iiber christ- 
lich-religioses Wirken» ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil 
umfafit vier Vortrage, die Rudolf Steiner im Juli 1923 fur die Priester 
der zehn Monate vorher begriindeten «Christengemeinschaft» in 
Stuttgart gehalten hat. 

Im zweiten Teil sind Originalhandschriften Rudolf Steiners (leicht 
verkleinert) wiedergegeben. Es handelt sich hierbei um Erganzungen 
dessen, was an Wortlauten fiir kultische Handlungen schon wahrend 
des zweiten und dritten Vortragskurses ubermittelt worden war. Die 
Originale der Handschriften befinden sich im Archiv der Rudolf 
Steiner-Nachlafiverwaltung. 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 11. Juli 1923 

Die herzlichen Worte, die soeben [von Herrn Dr. Rittelmeyer] 
gesprochen worden sind, gehen hervor aus derjenigen schonen 
Kraft, die ja zur Begriindung dieser religiosen Gemeinschaftsbil- 
dung gefiihrt hat, und das Wesentliche, was durch diese religios 
wirkende Gemeinschaft fliefien soli, hangt ja von dem ganzen 
Ernste und von der, ich mochte sagen Vertiefung dieses Ernstes 
ab, wie er urspriinglich in den Absichten derjenigen lag, die den 
Anstofi gegeben haben zu der Begriindung dieser religiosen Ge- 
meinschaftsbewegung. Es mull gesagt werden, dafi auch im we- 
sentlichen alles das, was im Verlaufe dieses Jahres innerhalb dieser 
religiosen Gemeinschaft selber geschehen ist, durchaus im Sinne 
einer Fortsetzung dieses Ernstes geschehen ist, und dafi man wohl 
jetzt schon, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, sagen kann: 
die urspriinglichen Absichten haben sich bewahrt, durchaus 
bewahrt. 

Es trat ja zum Beispiel auch dann diese Bewegung stark hervor, 
wenn der aufiere Eindruck des Rituals - ich meine das im edelsten 
Sinne des Wortes - innerhalb unserer gesamten Geistesbewegung 
wirkte. Es ging ein starker Strom von innerer, wahrhaftig gemeinter 
und auch wahrhaftig wirkender Andacht aus von der Art, wie wir 
vor kurzem eines der altesten Mitglieder unserer anthroposophi- 
schen Bewegung, Hermann Linde, zur Einascherung fuhren 
konnten. Die Eindrucke, welche gerade bei dieser Geiegenheit von 
der Kultushandlung ausgegangen sind, zeigten durchaus, dafi das, 
was beabsichtigt werden soil, wirklich auch auf einem guten Wege 
der Verwirklichung ist; und das kann ja auf den verschiedensten 
Gebieten bis jetzt gesagt werden. 

Ich habe sogar die Empfindung, daE es mit dem objektiven 
Werdegang dieser religiosen Gemeinschaftsbestrebung schneller 
gegangen ist als mit dem, was die innere Befriedigung, die innere 
Harmonisierung in den Seelen der einzelnen Trager dieses reli- 



giosen Gedankens ist. Die Sache geht nun ihren guten Gang. Sie 
selbst werden sich auf der einen Seite von diesem guten Gang 
von der Sache hingerissen fuhlen konnen, auf der anderen Seite 
werden Sie mit manchen inneren seelischen Schwierigkeiten zu 
kampfen haben, und da ware es von ganz besonderer Bedeutung, 
wenn gerade bei dieser Zusammenkunft solche seelischen inneren 
Schwierigkeiten zum Besprechen kommen konnten, wenn also 
gerade heute diese erste Zusammenkunft dazu benutzt werden 
konnte, dafi Sie die Schwierigkeiten geltend machen, die Sie selbst 
haben, so dafi wir dann in den nachsten Tagen versuchen konnen, 
in bezug auf diese inneren Schwierigkeiten eine gewisse Harmo- 
nisierung herbeizufuhren. 

Es ist durchaus begreiflich, dafi diese inneren Schwierigkeiten 
da sind, denn Sie mussen ja, gerade weil Sie Vertreter der wich- 
tigsten spirituellen Bestrebung sind, stets vor Augen haben, dafi 
die Realitaten im geistigen Leben stark wirken. Auch wenn man 
das nicht gewahr wird, Realitaten sind da. Das, was an der Ober- 
flache des Geschehens geschieht, wurzelt, gerade wenn es fur 
das Geistige geschieht, in tiefen Untergriinden, die gut oder bose 
sein konnen. Es darf nie aus den Augen verloren werden, wenn 
man in der Gegenwart auf religiosem Gebiete wirken will, dafi die 
religios orientierten Geistes- oder Ungeistesstromungen gerade 
in der Gegenwart eine aufierordentlch rege Tatigkeit entwickeln. 

Gerade wahrend wir uns hier besprechen, ist zum Beispiel eine 
Versammlung im Gange von Vertretern der romischen Kirche an 
einem bestimmten Ort in Europa, die wahrscheinlich eine aufier- 
ordentlich grofie Wirkung haben wird; wenigstens ist eine aufier- 
ordentlich grofie Wirkung von ihr beabsichtigt. Es ist ja heute so, 
dafi, viel mehr als man da oder dort ahnt, die Herzen der Men- 
schen sich religios verodet fuhlen. Die Herzen der Menschen fiih- 
len sich namentlich deshalb religios verodet, weil allzuwenig zu 
ihnen in der Sprache gesprochen wird, die unmittelbar wirklich 
aus dem Geiste heraus kommt. Und fur ganz breite Schichten der 
Menschheit ist es einfach unmoglich, dafi man sie liber diese Ver- 
odung der Herzen hinausbringt, wenn man sie nicht tatsachlich 



mit einer Sprache erfafk, die nicht irdisch ist, das heifit mit der 
Sprache, die in der Kultushandlung gegeben ist, die eine iibersinn- 
liche Sprache ist. Sie mussen nicht aus den Augen verlieren, wie 
ungeheuer wirksam gerade heute das ist, was von der romisch- 
katholischen Kirche in der Messe gegeben wird, was sie in einem 
heute ja veralteten, doch gerade auf die Seele stark wirkenden 
Kultus hat, und noch mehr durch die Art, wie da gesprochen 
werden kann. 

Man mufi sich immer klar dariiber sein, wieviele Krafte in der 
Menschheit so liegen, da$ sie gerade nach dieser Seite hin in die 
Irre gefuhrt werden konnen. Bedenken Sie, wenn Sie heute fragen, 
welches das so ziemlich verbreitetste Gedichtwerk in Mitteleuropa 
ist, so mussen Sie ein Werk nennen, das in den Kreisen, die man 
heute gewohnlich meint, wenn man vom Fortgang in der Ge- 
schichte spricht, oft gar nicht bekannt ist, nicht einmal dem 
Namen nach, «Dreizehnlinden» von Weber, das rasch viele Auf- 
lagen erlebt hat. Warum ist das so? Aus dem Grunde, weil das 
Werk von romisch-katholischem Geiste durchweht ist. ... [Liicke 
im Text des Stenographen.] 

Diese Tatsachen sind die auiSeren Symptome fur eine starke 
geistige Stromung, die speziell romisch-katholische, die eben nach 
aufien wirkt. Das ist sehr stark im Anzug. Nun vergessen Sie 
nicht, diese Krafte gehen durch die menschliche Seele hindurch, 
gehen auch durch Ihre Seelen hindurch, und manches von dem, 
was Sie vielleicht nur einem subjektiven Bediirfnisse zuschrei- 
ben, riihrt objektiv von den Geistesstromungen in der Gegenwart 
her. Und da ware es von grofier Bedeutung, wenn heute von Ih- 
nen diese subjektiven Bediirfnisse formuliert wiirden, so dafi wir 
sie in den nachsten Tagen in unsere Besprechung einfliefien lassen 
konnen. Sie diirfen nicht vergessen, in einer solchen Bewegung, 
wie es die Ihrige ist, muE es sich darum handeln, daiS Sie mit dem 
real-konkreten Geiste der Gegenwart wirken. Was wissen die 
Leute heute von dem realen Geiste der Gegenwart? Eine der 
wichtigsten Tatsachen fur das inn ere Wirken des Geistigen in der 
Gegenwart kommt dadurch zustande, da$ man in Amerika anfangt 



etwas einzusehen, was in der Anthroposophie schon angedeutet 
worden ist, was aber natiirlich nicht gehort wird. Nun fangt man 
an, mit aufierlichen Mitteln einige Einsicht zu gewinnen. 

Vergleichen Sie die Welt von heute mit der von vor hundert 
Jahren. Sie werden sagen, wenn man die Welt von heute mit der 
von vor hundert Jahren vergleicht, so ist im Ganzen ein Unter- 
schied zwischen heute und der Zeit vor hundert Jahren da; aber 
einer der gewaltigsten Unterschiede, der nicht aufgezahlt wird, das 
ist der, dafi wir heute unsere Atmosphare durchzogen haben von 
lauter Telegraphendrahten, Telephondrahten und so weiter. Nun, 
in Europa scheint das Durchwachsensein mit Drahten noch ein 
Kinderspiel zu sein gegenuber Amerika. Deshalb ist dort eine Spur 
von Einsicht vorhanden, was das fur den Menschen bedeutet. Man 
ahnt dort endlich, da$ der Mensch nicht unbeeinflufit bleibt von 
dem, was in den Telegraphendrahten lebendig durch die Luft 
^ ^wirrt, dafi der Mensch ein richtiger Induktionsapparat wird. 
Bedenken Sie, dafi ein entgegengesetzter Strom in Ihren Nerven 
und wiederum ein gleichgerichteter Strom in Ihrem Blutsystem 
wirkt. Das alles tragt die Menschheit heute in sich, aber davon 
spricht man kaum. Das sind im eminentesten Sinne ahrimanische 
Krafte, die der Mensch heute durch die auftere Kultur aufnimmt, 
die er auch gar nicht ablehnen kann. Man macht sich ja Gedanken 
iiber das Mogliche und Unmoglichste, aber gerade iiber die stark- 
sten Realitaten macht sich die heutige Menschheit am wenigsten 
Gedanken. Man sollte zum Beispiel auch einmal dariiber sprechen, 
inwiefern der Unterschied zwischen Goethe und den heutigen Men- 
schen darin besteht, dafi Goethe noch nicht von Telegraphendrah- 
ten umwickelt war. Sehen Sie, was heute die Verodung der Men- 
schenseele ist, das ist wesentlich mit alldem zusammenhangend. 

Wenn Sie sich nun umsehen, wie die hochsten geistigen reli- 
giosen Bedurfnisse der Menschen befriedigt werden, so miissen 
Sie sich die Frage stellen: Sind in diese Befriedigungen schon die 
Impulse aufgenommen, die damit rechnen, daft der Mensch durch 
sein Seelisch-Geistiges diese Dinge in sich unschadlich machen 
kann? - Das sind sie nicht! Die Befriedigungen der religiosen 



Bediirfnisse gehen in Zeiten zuriick, in denen es dies alles noch 
nicht gab, was ich Ihnen eben geschildert habe. Heute gibt es eine 
Befriedigung der religiosen Bediirfnisse, die nur fiir diejenigen 
Menschen gelten konnte, die nicht in einer solchen Kultur lebten, 
wie wir sie heute haben. Die Anthroposophie will hier so eingreifen, 
dafi ein neuer Impuls entstehen kann, der in der Lage ist, die 
Menschen unabhangig zu machen von dem, wovon sie aufierlich 
nicht unabhangig werden konnen. Das mufi hingenommen wer- 
den, was aufierlich da ist. Aber es mufi auf der anderen Seite der 
Gegenpol dazu [geschaffen werden]. Das bedeutet, dafi Sie ein 
starkes Bewufitsein aufnehmen miissen von der Bedeutung Ihrer 
Bewegung und mehr und mehr von rein geistigen Impulsen aus 
diese Bewegung machen miissen. An die wichtigsten Dinge mufi 
gerade dabei gedacht werden, wenn es sich darum handelt, die 
Frage zu beantworten: Was sollen wir tun? - Die richtige An- 
wendung des Kultus und der Predigt ergeben schon den notigen 
starken Impuls, wenn diese religiose Bewegung auf Anthroposophie 
aufgebaut ist. Aber ein Bewufitsein davon mufi in jedem einzelnen 
von Ihnen vorhanden sein, dafi man heute in der Art in der Welt 
steht, dafi man drinnensteht in diesen Einflussen. Jeder von Ihnen 
sollte moglichst viel dazu beitragen, den Starkmut des Bewufitseins 
nach dieser Richtung hin zu erhohen, zu kraftigen. 

Wir diirfen nicht vergessen, dafi nach und nach in der Mensch- 
heit alles abstrakt und intellektuell geworden ist, und dafi der 
Intellektualismus heute vollkommen in der Abendrote steht. Wir 
diirfen heute die Dinge nicht mehr nur verstehen wollen, sondern 
wir miissen unsere Herzen offnen fiir die Realitaten aus der 
geistigen Welt. Das blofie Verstehen, wie dies oder jenes aufzu- 
fassen ist, ist sehr schon, es ist aber nicht dasjenige, was heute eine 
Bewegung tragen kann. Sehen Sie, eines mufi besonders eingese- 
hen werden: dafi diejenigen Bewegungen, die heute regsam sind 
und mit starkem Willen ausgestattet sich dahin riisten, mit Altem 
die Menschheit zu iibersaen, ungeheuer stark sind und tief wur- 
zeln namentlich im mitteleuropaischen und westlichen Volkstum; 
die rornisch-katholische Kirche ist nur eine Phase davon. Gerade 



die Intellektuellen, weil sie heute bei der Verodung der Herzen 
angekommen sind, laufen heute in Scharen wieder zu den beste- 
henden Kirchen hin, namentlich zur katholischen. 

Sie sind nur erst eine kleine Bewegung und gering an der Zahl. 
Aber wenn Sie das Bewufitsein davon in sich tragen, dafi Sie in der 
Wahrheit wirken, dann werden Sie sich eben sagen: Bei geistigen 
Bewegungen kommt es nicht auf die aufiere Grofte noch auf die 
Zahl an, sondern auf die innere Kraft- Diese wird wirken, wenn 
sie von starkem Bewulksein dessen, was sie ist, getragen wird. Das 
ist es aber, was Sie haben mussen: Starkes Bewufitsein der Wahrheit, 
sich nicht entmutigen las sen, weil die Wahrheit heute am meisten 
gehafit wird. Wenn Sie irgendeinen sektiererischen Irrtum ver- 
breiten wollten, so wiirden Sie es leicht haben, man wiirde dann 
keine Angstlichkeit Ihnen gegeniiber haben. Aber gerade wenn 
Sie die Wahrheit verbreiten wollen, dann spiiren die Menschen 
das, und da werden Sie die starksten Widerstande finden. 

Es handelt sich darum, dafi man heute die zwei grofien Gegen- 
satze durchschaut. Ich mochte nicht bei jeder Gelegenheit den 
Jesuitismus erwahnen, auch nicht in dem gewohnlichen Sinne, 
ich erwahne ihn hier nur als Reprasentant dessen, was die alte 
Geistigkeit iiber die Gegenwart verbreiten will, gegeniiber dem, 
was moderne Kultur in die Gegenwart hereingebracht hat. Diese 
Stromung verspricht sich die Ausrottung der modernen Kultur. 
Sie durfen nicht glauben, daft der Wille bei dieser Bewegung klein 
ist. Sie zweifelt nicht, daft es ihr gelingen wird, eine Menschheit 
ohne die modernen Kulturmittel zu haben, und das tragt diese 
Bewegung. Sie sieht in den modernen Kulturmitteln den Teufel 
und will ihn mit den Mitteln der alten Kultur iiberwinden. Doch 
Ahriman kann nicht ausgerottet werden, aber er kann gelautert, 
gereinigt, geedelt werden. Es mufi mit der modernen Kultur ge- 
rechnet werden. Das wissen auch die Gegner; deshalb haben sie 
eine ganz ausgesprochene Angst gerade vor Ihrer Bewegung, weil 
sie die Wahrheit ist. Von dem Irrtum wiirde man sagen: der wird 
schon wieder aufhoren -, aber gegeniiber der Wahrheit greift der 
Gegner zu grofien und kleinen Mitteln. 



Nun sagten Sie, von Dornach ist manches ausgegangen, was 
mit Ihrer Bewegung zusammenhangt. Aber, in durchaus nicht ir- 
gendwie auch nur im geringsten schlimm gemeinten Sinne mochte 
ich es sagen: Auch das Schicksal des Goetheanums ist nicht ohne 
Zusammenhang damit, dafi Ihre Bewegung von ihm ausging. An 
der Stelle, wo Ihre Handlung angeregt wurde, ist der ziindende 
Funke gelegt worden. Man mufi nicht glauben, dafi [von den 
Gegnern] mit geringen Mitteln gearbeitet wird. Trotzdem miissen 
wir uns klar dariiber sein, dafi ein [Ihre Bewegung] fordernder 
Impuls eigentlich nicht im Aufieren liegen kann, und auch ein ihn 
totendes Element kann nicht im Aufieren liegen. Einzig und allein 
darauf mufi es ankommen, dafi die Bewegung ihre Impulse im 
Innern der Seelen haben mufi. Dann konnen die aufieren Dinge 
vielleicht einmal tragisch verlaufen, aber sie werden dann kein 
Hindernis dafur sein, dafi die Impulse, die vertieft erst gefafit 
worden sind, sich wirklich ausleben werden, wie sie es tun miis- 
sen. Es war ein guter Impuls, der den Anstofi gegeben hat zu 
dieser religiosen Bewegung; er wird sich ausleben und Frucht 
tragen, wenn er in dem gleichen guten Sinne weitergetragen wird. 
Und so werde ich an die einzelnen Impulse ankniipfen, wenn von 
Ihrer Mitte ausgehend vorgebracht wird, was Sie gern besprochen 
haben mochten. 

Von den Teilnehmern werden folgende Fragen vorgebracht: 

1. Wie verhalt sich unser Kultus zu dem Kultischen, was in der Zukunft 
kommen wird? Wie wirken wir in der rechten Weise mit der anthropo- 
sophischen Bewegung zusammen? Wie konnen wir das Rechte tun zur 
moralischen Unterstiitzung der Gesamtbewegung? 

2. Ich bitte um Aufklarung iiber die Weltvorgange, in denen besonders das 
Ruhreebiet stent. 

3. Es gelingt mir nicht, ein objektives Gleichmafi in die Kulthandlung zu 
bringen. Es ist verschieden, wie ich sie ausiibe. Ich habe manchmal starke 
Zweifel, ob ich eine Kulthandlung vollzogen habe. Man kann die Men- 
schenweiliehandlung lesen so, da£ man eigentlich korperlich mit dem 
Nervensystem beteiligt ist, aber es ist dann nichts Aufbauendes. 



Rudolf Steiner: Es ware schon notwendig, daft gerade zu dieser 
letzten wichtigen Frage Sie oder jemand anderes sich genauer 
aussprechen wiirde. Sie haben zum Beispiel den Satz ausgespro- 
chen, es sei Ihnen nicht immer klar, ob Sie eine Kulthandlung 
wirklich vollzogen haben. Das ist eine berechtigte Frage. Aber 
man mufi auf diese Dinge schon genauer eingehen. Es wird nicht 
gut sein, wenn Sie das Nervensystem in diese Sache hineinbrin- 
gen. Denn naturlich muE die Kulthandlung auf einem solchen 
Niveau liegen, daft alles, was von ihr ausgeht, nicht auf dem Ni- 
veau des Nervensystems ist, von dem sich ja schon viel zu viel 
geltend macht. Das Nervensystem raufi naturlich starker beein- 
flufit werden, aber nicht in solcher Weise. . . . [Vom Stenographen 
gekennzeichnete Liicke.] Sie miissen in Ihrem subjektiven Erleben 
dem objektiven Erleben nachkommen, das durch den Kultus flieftt. 

Es darf keine Unklarheit dariiber herrschen, daft von einem 
Verhaltnis des Kultus zu etwas anderem nicht gesprochen werden 
sollte. Der Kultus, der sich ergibt, wenn man die geistige Welt 
fragt, ist der Kultus, der bei Ihnen lebt. Es ist nicht so, daft das 
irgendeine aufterliche besondere Form ist, sondern es ist der 
Kultus, der schon seine Zukunft finden wird, aber durch das Le- 
ben. Das richtige Darinnenstehen im Kultus hangt innig mit dem 
Priesterbewufttsein zusammen. Das Priesterbewufttsein kann 
nur dadurch entstehen, daft innerlich aufterste Ehrlichkeit vorhan- 
den ist. Deshalb ware es gut, wenn das, was subjektiv in den 
Seelen lebt, was die einzelnen Personlichkeiten erleben, indem sie 
den Kultus ausiiben, bei dieser Gelegenheit herauskame. Dann 
erst, wenn Sie Ihre subjektiven Bediirfnisse zum Ausdruck brin- 
gen, werden wir fruchtreich sprechen konnen. . . . [Vom Stenogra- 
phen gekennzeichnete Liicke.] 

Worauf es ankommt, ist, daft der Kultus die Sprache der iiber- 
geordneten Welten sein soil. Die Menschensprache ist von vor- 
neherein eine irdische Sprache, weil sie zu ihrem Ausdrucks- 
mittel die geformte Luft hat. Es ist naturlich toricht, vorauszuset- 
zen, daft abgeschiedene Geister in irgendeiner Menschensprache 
reden konnten. Die Medien in Deutschland lassen die Geister 



deutsch reden, in England englisch, in Frankreich franzosisch, 
als ob die Menschen nach dem Tode Deutsche, Englander oder 
Franzosen waren. Der Geist redet nicht mehr in Menschenspra- 
che und kann auch nicht die Luft erfiillen. Was die Sprache 
durchstromen kann als Geist, liegt ganz in der Art, wie gespro- 
chen wird. In dem Augenblick, wo man das Gefuhl hat, man 
spricht mit Ehrerbietung, kann man durch die Sprache etwas 
Geistiges mitteilen. Was aber heifit das: Ehrerbietung? Ehrer- 
bietung ist etwas, was unsere Philosophen ganz verlernt haben. 
Sie reden, als ob sie die Dinge, die sie besprechen, greifen und 
beriihren wiirden. Wer iiber geistige Dinge sprechen will, mufi 
sich bewufit sein, dafi das Denken wie ein atherisches Tasten ist 
und daft man die Gedanken ehrerbietig formen mulS, so wie man 
ja auch in der physischen Welt das, was mit Ehrfurcht beruhrt 
werden soil, nur an der Oberflache beriihren wiirde. Dieses innere 
Gefuhl der Ehrerbietung beim Reden ist naturlich der Anfang. 
Dadurch bekommt das Reden nicht nur Inhalt, sondern Physio- 
gnomic, es wird bewufit; dann erfullt man sich nach und nach mit 
dem Sprachgenius. Dadurch fangt man an, das Reden selber als 
ein lebendiges Geistiges zu haben. Das raufi beim Kult im hoch- 
sten Mafie vorhanden sein. Dann steht man richtig drinnen in der 
Handlung, so daft man weifi: Du sprichst nicht dein Subjektives 
aus, sondern du bist ein Werkzeug der geistigen Welt. 

Darauf beruht das starke Verstandnis, das dem Kultus ent- 
gegengebracht werden kann. Dazu tragt das Wie des Sprechens 
sehr wesentlich bei. Das Wie aber kommt mit dem Bewufitsein, 
dafi man Werkzeug ist fur die geistige Welt. Jede einzelne Kult- 
handlung ist die Fortsetzung desjenigen, was aus dem Worte fliefit. 
In der Kulthandlung setzt sich das fort, indem das Wort Gebarde 
wird. Dann ringt sich das Bewufitsein durch: Du selbst magst 
denken wie du willst iiber die Sache, [darauf kommt es nicht an,] 
aber es kommt darauf an, dafi du sagst, was die Gotter wollen. 
Dann kommt man durch das Bewulksein dazu, den Impuls der 
W eihehandlung in alles einzelne hineinwirken zu lasscn, was man 
den ganzen Tag hindurch tut. 



Welches ist dieser Impuls? Der Impuls, der von der Menschen- 
weihehandlung ausgeht, liegt im wesentlichen darin, dafi auf der 
einen Seite da ist die Opferung. In der Opferung bringen wir das 
Irdische dar der geistigen Welt; wir legen es nieder an den Stufen 
der geistigen Welt. Bei der Kommunion empfangen wir es wieder, 
aber jetzt aus der geistigen Welt heraus. Aus dem Irdischen haben 
wir es hingegeben. Was ist dazwischen vorgegangen? Die Trans- 
substantiation; es ist vorgegangen eine Wechselwirkung mit der 
geistigen Welt. Das gibt ein Bewufksein, das eigentlich jedesmal in 
der Menschenweihehandlung empfinden lafk das Darinnenstehen 
in der geistigen Welt. Erhoht wird das dadurch, dafi das Evan- 
gelium vorausgeht. Wenn das Evangeliumlesen die entsprechende 
Vorbereitung ist, und wenn dann empfunden wird dieses Durch- 
stofien zur geistigen Welt zwischen Opferung und Kommunion, 
dann tragt man die richtige Empfindung weg von der Men- 
schenweihehandlung. 

Da liegt natiirlich der Anlafi dazu, sich wenigstens implicite 
jeden Tag mit der Weihehandlung zu befassen. Dem katholischen 
Priester ist vorgeschrieben, jeden Tag die Messe zu lesen; dadurch 
empfangt er eine starke Kraft. Dies mufi nicht unbedingt immer 
ausgefuhrt werden, aber sich jeden Tag mit der Messe implicite 
beschaftigen, das ist notwendig. Durch dieses Gefuhl kommt man 
in Zusammenhang mit der geistigen Welt. Das ist von ungeheurer 
Wichtigkeit. 

Es fallt ja noch etwas anderes jeweils zwischen zwei Tage 
hinein fur den Priester: er schlaft zwischen zwei Tagen. Nun, was 
bedeutet das Schlafen? Die heutige Wissenschaft hat ja die Eigen- 
tiimlichkeit, die wichtigsten Dinge des Lebens [so zu sehen, dafi 
sie] aufierlich stimmen, aber innerlich nicht. Was sie iiber den 
Schlaf sagt, ist Illusion. Im Schlafe ist das Geistig-Seelische des 
Menschen, sind das Ich und der Astralleib vom physischen und 
Atherleib getrennt. Zwischen Einschlafen und Aufwachen arbei- 
ten physischer und Atherleib auf der Stufe des Pflanzlichen. Was 
von dem Menschen iiber dem Pflanzlichen ist, ist im Schlafe ja 
heraus; also der Mensch sinkt als physische Wesenheit auf die 



Pflanzenstufe herab. Das bedeutet, dafi sich da Prozesse abspielen, 
die von niedererer Art sind als die normalen Prozesse im voll- 
bewufiten menschlichen Leben. Da «kocht» es, da wirken Warme 
und Kalte, da wirken untergeordnete Naturkrafte, die beim Wa- 
chen nicht in der gleichen Weise wirken. Wir haben nur dann das 
richtige Gefuhl beim Aufwachen - das mufi natiirlich ins Geistige 
hinaufgenommen werden, sonst kann es gefahrlich werden -, 
wenn wir uns sagen: Unser Ich und unser Astralleib waren in der 
gottlichen Welt, unseren Korper haben wir den niederen Welten 
iiberlassen gehabt; wir nehmen den Korper von den Welten zu- 
riick, die unterhalb der eigentlichen Menschenwelt liegen. Das 
diirfen wir nie vergessen; von einem ahrimanischen Niveau neh- 
men wir unseren Korper zuriick, er ist voll von ahrimanischen 
Bildungen, die wir im Wachen wieder ausrotten mussen. Die 
ersten Stunden des Wachens mussen so verlaufen, dafi wir imstande 
sind, das auszurotten, was sich namentlich an Salzen liber Nacht 
in unserem Korper abgelagert hat. Wenn wir das nicht tun kon- 
nen, so werden wir im Physischen voller Rheumatismus, Gicht 
und so weiter, auf seelischem Gebiete voller Liisternheitsgedan- 
ken. Das kommt von dem, was der Mensch auf diesem Niveau 
wahrend des Schlafes durchgemacht hat. 

Weil der Mensch jeden Tag [wahrend des Schlafes] herunter- 
riickt unter das menschliche Niveau, mufi der Priester iiber dieses 
Niveau zu einem hoheren Niveau hinaufriicken. Das geschieht, 
wenn der Priester die Kulthandlung ausiibt. Man braucht nicht, 
wie in der katholischen Kirche, taglich die Messe auszuuben, aber 
man mufi leben in der Menschenweihehandlung. Das wirkt eben- 
so stark wie die taglich gelesene Messe. Dann wird es objektiv 
stark. Das sind die Dinge, die wir in der Realitat betrachten 
mussen. Es ist eine wesentliche Sache, dafi die Menschen jede 
Nacht schlafen. Die Menschenweihehandlung ist so wichtig wie 
das Schlafen. Wenn Sie sich jeden Tag in it der Weihehandiung 
beschaftigen, so heben Sie sich dadurch heraus aus dem unteren 
Niveau des Schlaflebens. Der evangelische Sinn weifi von diesen 
Dingen nichts; er will nicht den Priester herausheben, lalk ihn 



drinnenstehen im nachtlichen Schlafleben. Aber dieses Herauf- 
heben des Menschen aus dem nachtlichen Schlafleben, dieses be- 
wulke Entgegenarbeiten dem Heruntergehen des Menschen in das 
untermenschliche Bewufitsein, das macht gerade den Priester- 
beruf aus. 

Wo ist das Niveau, in dem wir sind als Menschen? Das 
menschliche Niveau liegt zwischen dem Pflanzlichen und Tieri- 
schen, wie auch zwischen Luft und Wasser. Im Schlafe sinken wir 
ins Pflanzliche hinunter, am Tage steigen wir ins Tierische herauf. 
Der Mensch ist zunachst mineralisch, pflanzlich, tierisch, aber 
noch nicht eigentlich Mensch. Das Menschliche wird erst in der 
Zukunft ausgebildet. Wenn wir die Messe durchmeditieren, gehen 
wir nicht ins Tierische, sondern wir gehen ins Gottliche hinauf, 
das sonst nur unbewufit in uns wirken kann. Wiirden wir nur das 
in uns herumtragen, was heutiges Tagesbewufksein ist - ja, sehen 
Sie, dann wiirden wir nicht so ausschauen, wie wir jetzt ausschau- 
en: wir wiirden unsere Leiber nur bis zum Diaphragma, bis zum 
Zwerchfell ausgebildet haben, die Manner wiirden Stierkopfe 
haben, und Sie - die Frauen - wiirden einen Lowenkopf haben. 
Durch das, was wir in unserem heutigen Tagesbewufitsein haben, 
sind wir noch nicht imstande, einen physischen Menschenkopf zu 
haben - den bildet uns die Gottheit. Daher wird ja auch beim 
Embryo der Kopf in hohem Grade ausgebildet. Wahrend des 
gewohnlichen Wachens konnen wir nicht ganz unsere Menschen- 
form umfassen, aber Sie lernen die Menschenform, wie sie eine 
gottliche ist, wirklich erfiihlen auf der Erde. - Sie bekommen erst 
das Recht, sich mit menschlicher Physiognomie hineingestellt zu 
fiihlen in die Welten, wenn Sie in der Messe sich herauserheben 
aus der Tierheit. Dann entstieren, dann entlowen Sie sich. Das 
gibt eine menschlich-gottliche Physiognomie. 

Das macht die katholische Kirche so stark, daft sie sich an das 
heranmacht, wo das Gottliche im Menschen spricht. Wenn man 
anfangt, der praktisch Ausiibende des Kultus zu werden, dann 
mufi man die Sache unendlich viel ernster fassen konnen als im 
gewohnlichen Sinne; bis zum aufiersten Ernst mufi man sie fassen 



und sich sagen: Wir tragen gar nicht den Menschenkopf, wenn 
wir als gewohnliche Menschen herumgehen, denn da [in den 
Menschenkopf] wirken die Gotter hinein. 

Daher ist «Menschenweihehandlung» kein schlechter Ausdruck, 
sondern ein guter, ein sehr guter. So wie Ihr Haupt hineingestellt 
ist in die Welt, ist es nicht durch Sie geworden, sondern von Gott 
geschaffen. Weihen heifit, das, was fest ist, flussig machen, das, 
was der Mensch hat, eintauchen in das Geistige. So dafi wir sagen 
konnen: Ich erwerbe mir das Recht, im Gottlichen zu leben, 
durch die Menschenweihehandlung und die Meditation und lasse 
die Mitglieder der Gemeinde zunachst nur teilnehmen an Men- 
schenweihehandlung und Meditation. Das widerspricht nicht 
dem Sozialen und auch nicht dem evangelischen Bewufitsein, son- 
dern es ist erst ein rechtes Hineinstellen in die Wirklichkeit. Erst 
dadurch widerspricht man diesen, daE man sich abwendet von 
den Dingen der gewohnlichen Welt; aber dadurch, dafi man sich 
ihnen bewufit gegemiberstellt, uberwindet man sie. Das ist immer 
mehr anzustreben, dafi man sich hindurchringt, die Dinge zu 
verstehen, denn der Ansatz zum Priesterbewufksein kann nicht 
von heute auf morgen gegeben werden, dazu muE man sich erst 
durchringen. 

Es wird nach einer Sprachiibung gefragt. 

Rudolf Steiner: Die katholische Kirche sieht auf die Sprache sehr, 
sie laftt Ubungen machen. Der Jesuit mufi sogar rezitieren und 
skandieren lernen, er mufi lernen, wie man einen Vordersatz und 
einen Nachsatz gestalten mufi, wie man im ersten Satz vorbereiten 
mufi, wenn man im zweiten iiberzeugen will, und das endet dabei, 
dafi man das, was man im gewohnlichen Sinne Eloquenz nennt, 
nicht vernachlassigen darf. Das geht darauf hinaus, dafi die Spra- 
che etwas Objektives wird. Die Sprache bei den meisten Menschen 
ist nur ein Ausleben der rein physischen Organe, des Kehlkopfes 
und der Schleimhaute. Die Sprache, die den Kultus ausiiben soli, 
mufi frei sein von diesem Individuellen, sie mufi hinaufkommen 
bis zu der Macht, die Luft vibrieren zu lassen, ohne dafi der 



Schleim sich da hineinmischt. Das ist etwas, was man in der 
heutigen Zeit nicht so ohne weiteres kann, sondern das man iiben 
mufi. Die Berliner Universitat hatte einmal einen Professor fur 
Eloquenz, Curtius war es; aber so wenig lag das im Zeitbewufit- 
sein, dafi er nie diesen Lehrauftrag erfullte, sondern griechische 
Kunstgeschichte vorgetragen hat. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 12. Juli 1923 



Meine lieben Freunde! Vielleicht wird sich gerade manche Frage 
vertiefen, wenn wir zuerst jetzt ankniipfen an einiges von dem, 
was gestern vorgebracht worden ist. Es war ja zunachst von Dr. 
Rittelmeyer schon darauf aufmerksam gemacht worden, daft doch 
noch gewisse Schwierigkeiten bestehen in der Auffassung des 
Verhaltnisses dieser christlich-religiosen Bewegung zur Anthro- 
posophie. Diese Schwierigkeiten sind ja solche, die man eigentlich 
nicht gerade, ich mochte sagen, durch eine Definition versuchen 
soli zu bewaltigen, sondern die sich eigentlich nur bewaltigen 
lassen durch die Praxis, und dann auch durch ein gewisses Studium 
der Seelenverhaltnisse der gegenwartigen Menschheit. Die Seelen- 
verhaltnisse der gegenwartigen Menschheit haben sich ja wirklich 
erst herausgebildet im Verlaufe der letzten drei bis vier Jahr- 
hunderte, und es wird noch viel zu wenig Riicksicht darauf 
genommen, wie schwierig diese Seelenverhaltnisse eigentlich sind. 
Und so mussen Sie sich schon klar dariiber sein, daft heute mit 
aller Energie und aus dem besten Willen heraus eine religiose 
Bewegung begonnen werden konnte, auch kraftvoll wirken konnte, 
und dennoch gegeniiber anderen Zeitstromungen nach und nach 
die Herzen der Menschen verlieren wiirde, wenn nicht zu gleicher 
Zeit die Bediirfnisse der Menschheit befriedigt wiirden, die fur 
altere, aber verhaltnismafiig gar nicht so alte religiose Stromungen 
gar nicht vorhanden waren. 

Man darf sich ja nicht der Illusion hingeben, daft es in der 
Wirklichkeit jemals moglich sein werde, eine religiose Bewegung 
abgesondert von dem ganzen iibrigen Kulturleben zu fuhren, 
namentlich nicht abgesondert von dem, was sich wissenschaft- 
liches Kulturleben nennt. Sie mussen sich klar dariiber sein, daft 
heute eine mit hochster Autoritat ausgeriistete atheistische Wis- 
senschaft da ist. Nun werden Sie vielleicht sagen konnen: Ja, diese 
atheistische Wissenschaft ist als Wissenschaft da, aber neben dem, 



da$ der erne oder andere Mensch die zeitgenossische Wissenschaft 
treibt, kann er ja doch noch erfiillt sein von einer zwar nicht 
zeitgemafien, aber doch noch vorhandenen inneren Frommigkeit; 
so dafi es heute Leute geben konnte, die sich ganz hineinfiigen in 
den gegenwartigen atheistischen Wissenschaftsbetrieb und die 
sagen: das ist eben ein anderes Feld, aber wenn ich nicht auf 
diesem Felde tatig bin, finde ich mich hinein in ein religioses 
Leben. 

Sehen Sie, diese seit Jahrhunderten angestrebte, auch innere 
Trennung des Wissenschaftlichen und des Religiosen, diese 
Trennung kann eben eine noch so starke rein religiose Bewegung 
gar nicht irgendwie bewaltigen. Denn eine religiose Bewegung 
mufi, ebenso wie eine wissenschaftliche Bewegung, vor alien 
Dingen innerlich wahr sein. Nun konnte es vielleicht sogar trivial 
erscheinen, wenn wir jetzt, nachdem wir so vieles miteinander 
besprochen haben, was der religiosen Bewegung Inhalt gibt, wieder 
zuruckkommen auf das Elementare: die Bewegung mufi wahr 
sein. Aber wir durfen nicht unterschatzen, wie stark heutzutage 
die Unwahrheit, die innere, die unbewufite Unwahrheit zivilisa- 
torischer Impulse geworden ist. Und dasjenige, was die ersten 
Initiatoren dieser religiosen Bewegung damals gefuhlt haben, als 
sie die Anregung gegeben haben zu dieser religiosen Bewegung, 
das war im wesentlichen diese innere unbewufite Unwahrhaftig- 
keit der heutigen Zeit. Und gerade in diesem Augenblick er- 
scheint es mir dringend notwendig, dafi wir uns mit dieser inneren 
Unwahrhaftigkeit beschaftigen. 

Sehen Sie, aus einer kulturhistorischen Unbequemlichkeit heraus 
hat sich allmahlich die Ansicht gebildet, man miisse Wissenschaft 
Wissenschaft sein lassen, darum habe der Theologe sich nicht zu 
bekummern. Der Theologe habe sich sein eigenes Wahrheitsprinzip 
herauszubilden, nach dem er das Ethische und den religiosen 
Inhalt getrennt von aller Wissenschaftlichkeit behandelt und ge- 
wissermafien von dem Ewigen, dem Religiosen her auf die 
Menschheit losgehe, wahrend er sich nicht darum kiimmert, was 
die Wissenschaft treibt. Nun ist gerade dieses Sichverselbstan- 



digen des religiosen Lebens gegeniiber dem iibrigen Kulturleben 
durchsetzt von defer innerer Unwahrhaftigkeit. Denn derjenige, 
der Wissenschaft treibt, so wie sie heute getrieben wird, darf, 
wenn er ehrlich und wahr ist, eben nur Atheist sein, weil die Art 
und Weise des Denkens xiber die Welt, wie sie heute von Physik, 
Chemie und so welter getrieben wird, gar keine Mdglichkeit gibt, 
aufzusteigen zu irgendwelchen ethischen Idealen. Es gibt nur eine 
Wahrheit fiir eine solche Wissenschaft wie die heutige, namlich 
diese: Die Welt ist innerlich iiberall kausal bedingt. Die Welt- 
kausalitat ist aber neutral gegeniiber den ethischen und religiosen 
Idealen, ganz neutral. Da miissen wir die Wahrheit suchen, und 
da gibt es doch nichts anderes, als stehen zu bleiben bei dem 
Ausspruch des Astronomen: Ich habe das ganze Weltall durch- 
forscht und nirgends einen Gott gefunden; ich brauche daher 
diese Hypothese nicht. - Etwas anderes gibt es fiir die Wissenschaft 
nicht, wenn man ehrlich ist. 

Davon hangt es ab, dafi aufgrund einer solchen wissenschaft- 
lichen Denkweise die Frage «Lassen wir dann die Moral, das 
Ethische zunachst ganz fallen?» so beantwortet wird: «Taten wir 
das, so wiirden die Menschen in das Chaos hineintreiben; daher 
ist es notwendig, die Menschen von aufien zu zahmen durch 
Staatsgesetze oder dergleichen». - Wir hatten dann eben gezahmte 
Menschen, wobei das Prinzip des Zahmens fiir die Menschen 
nichts anderes ware als eine Art hohere Zahmung, wie man es bei 
den Tieren anwendet. Die Religion hatte [fiir eine solche Denk- 
weise] nur dann eine Berechtigung, wenn man sie betrachtete 
lediglich als ein Mittel, das bewirkt, die Menschen zu einem 
gezahmteren gegenseitigen Verhalten zu bringen. Religion ware 
nur ein Mittel zum Zweck; das allein lafk die naturwissenschaft- 
liche Denkungsweise der Gegenwart zu. Und ein gut Teil von 
dem, was die Menschheit so heruntergebracht hat, liegt eben 
darin, da£ man nicht einen redlichen Abscheu vor einer solchen 
Denkungsweise hat, die nur die Halfte, namlich die naturwissen- 
schaftliche Denkweise hinnimmt, im iibrigen aber eine Theorie 
erfindet, wie man die Menschheit zahnit. Wenn man nur auf 



diese Weise von religiosen und ethischen Impulsen spricht, dann 
mufi man sich eben auch klar sein, dafi man dann nur von Zah- 
mungsregeln sprechen kann. Man fahrt durchaus in der tiefen 
Unwahrhaftigkeit fort, wenn man sich diese Dinge nicht gesteht. 
Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht aufhalten, was 
die atheistische Naturwissenschaft macht. Denken Sie, wie stark 
heute Bestrebungen auftauchen, menschliche Einrichtungen so zu 
treffen, dafi sie weitreichend auf ein blofi physisch gedachtes 
Vererbungsprinzip aufbauen, zum Beispiel die Gesetze fur die 
Eheschliefiung zu schaffen, wo nicht die inneren Herzensver- 
haltnisse entscheiden, sondern zum Beispiel der Mediziner. Diese 
Dinge lassen sich naturlich wegreden, aber in der Realitat lafit 
sich das nicht aufhalten. 

Fur den, der heute auf dem Boden einer religiosen Erneuerung 
stehen will, ist es daher notwendig, sich klar dariiber zu sein, dafi 
er zugleich einig sein mufi mit einer Erkenntnisrichtung, welche 
den Geist wiederum in das Naturwissen hineintragt, die den Geist 
geltend macht innerhalb des Naturwissens, so dafi bis in die 
Physik hinunter der Geist geltend gemacht wird. Das ist ja richtig 
angestrebt worden, indem die religiose Bewegung auf Anthro- 
posophie baut. Aber dieses Bauen auf die Anthroposophie mufi 
ein ganz innerliches, wahrhaftiges sein. Deshalb ist es notig, dafi 
man sich das Verhaltnis zwischen der religiosen Erneuerung und 
der Anthroposophie auch in der richtigen Weise vorstellt. 

Nicht wahr, die Anthroposophie will und kann nicht anders, 
als eine Erkenntnis bewegung sein. Sie mufi, so sehr dadurch auch 
das Verhaltnis zu ihren Anhangern leidet, in alien Einzelheiten 
vollbewulk so arbeiten, dafi sie eine Erkenntnisbewegung ist. Die 
religiose Erneuerung ist eben eine religiose Bewegung mit dem 
entsprechenden religiosen Kultus. Und wenn beide Bewegungen 
aus ihren eigenen Impulsen arbeiten, so kann ja nichts anderes 
zustandekommen als eine gegenseitige Befruchtung. Es kann im 
Grunde genommen niemals eine Stoning auftreten. Man mufi 
allerdings, auch wenn man sich klar ist, daft ja im grofien und 
ganzen eine Stoning nicht auftreten kann, die Zeitverhaltnisse 



griindlich beriicksichtigen. Die anthroposophische Bewegung hat 
naoirlich heute deshalb einen schwierigen Stand, weil sehr viele 
Menschen, die lechzen nach einer Vergeistigung der Weltan- 
schauung, auch erkenntnismafiig eigentlich doch auf eine leichtere 
und bequemere Weise zu ihren Erkenntnissen kommen mochten, 
als Anthroposophie sie ihnen geben kann. Man mochte nicht gern 
jene intensive innere Mitarbeit haben, welche in der Anthropo- 
sophie notwendig ist, und dadurch treten zuweilen wirklich recht 
absurde Anschauungen und Gedanken auf. Es ist ja so - Sie 
brauchen sich nur an den gestrigen Vortrag zu erinnern dafi 
fur den, der heute wirklich ehrlich sich hineinstellen will in die 
Anthroposophie, ein so griindliches Umdenken notwendig ist, 
dafi dadurch die Anthroposophen sich ganz radikal unterscheiden 
von den Menschen, die keine Ahnung haben, dafi ein solches 
Umdenken und Umempfinden moglich ist. 

Was aber gibt Gemeinschaft? Menschliche Gemeinsamkeit des 
Denkens und Empfindens! Man kann sich kaum denken, dafi 
die Leute, wenn der anthroposophische Impuls in ihnen ehrlich 
arbeitet, sich nicht in einer solchen Gemeinsamkeit fuhlen, wie 
sie iiberhaupt noch nicht da war in der Welt. Denn so griindlich 
brauchte man noch nie umzudenken, selbst nicht in den alten 
Mysterien; da war noch vieles ahnlicher dem popularen Denken. 
Es ist ein so starkes Band da, dafi alles Rufen und Schreien nach 
Gemeinsamkeit, das namentlich unter den Jiingeren vielfach auf- 
tritt, im Grunde genommen schon einen Zug von Absurditat hat. 
Aber vergessen Sie nicht, dafi wir nicht in einem Atelier sind und 
uns aus Plastilin Menschen formen konnen, sondern dafi die 
Menschen da sind mit all ihren Absurditaten, die man absolut 
beriicksichtigen mufi, iiber die man nicht hinaus kann, wenn man 
real wirken will. Es handelt sich darum, dafi man wirklich diese 
Dinge tief ernst und wahr nimmt. Aber an sie denkt man heute 
auf den verschiedensten Gebieten nicht. Vielleicht verstehen Sie 
mich besser, wenn ich ein populares Beispiel nehme. 

Wir haben in der Waldorf schule jetzt zwolf Klassen, sie hat 
also eine Schiilerschaft bis zum 18., 19. Jahr hinauf. Sie mochten 



ja alle auch Padagogen sein. Nun, die allererste Anforderung an 
Erziehung und Unterricht ist ja diese, dafi der zu Erziehende, 
wenn er noch ein Kind, ein Knabe oder ein junges Madchen ist, 
nicht mitdiskutiert iiber die Erziehungs- und Unterrichts grund- 
satze, dafi diese das Mysterium der Unterrichtenden und Erzie- 
henden bleiben. So wie die Dinge aber heute betrieben werden, 
geht alles an die Kinder der Waldorfschule heran; die erzahlen 
einem unter Umstanden, wie sie erzogen werden, die padagogi- 
schen Grundsatze und so weiter und wissen manchmal besser als 
die Lehrer selbst, was Waldorfschulpadagogik ist. Ja, wenn die 
Dinge so sind, dann kann man nicht vorwartskommen. 

Aber andererseits ist es heute nicht moglich, auf eine aufierliche 
Weise Dinge zu sekretieren; das geht auch wieder nicht. Wir 
haben zum Beispiel neulich in einer Delegiertenversammlung 
blofi iiber den Modus gesprochen, wie man Geld bekommen 
will fur den Neuaufbau [des Goetheanums]. Darauf erschien ein 
gehassiger Artikel in einem Genfer Journal, wo man in wiister 
Weise angegriffen wird, dafi man den armen Schweizern eine 
Million Franken aus der Tasche ziehen will. Ein aufierliches Se- 
kretieren der Dinge geht also nicht. Aber es mufi dazu kommen, 
dafi man innerlich auf die Menschen bauen kann, dafi also auch 
dann, wenn nicht Grundsatze des Geheimhaltens gegeben werden, 
unter den mafigebenden Persdnlichkeiten sich ein Takt heraus- 
bildet, iiber eine Sache nur in einer bestimmten Weise zu reden 
und nicht zum Beispiel einem funfzehnjahrigen Menschen die 
padagogischen Grundsatze der Waldorfschule zu erzahlen wie 
einem Dreifiigjahrigen. Das muE sich nach und nach herausbilden. 
Es ist wirklich so, dafi alle moglichen absurden Nebenimpulse 
auftreten, weil die Dinge nicht tief und stark genug ernst genommen 
werden. 

So tritt der Impuls auf, gemeinschaftsbildend zu sein innerhalb 
der anthroposophischen Bewegung. Erkenntnisbewegung ist die 
anthroposophische Bewegung. Auf Gemeinsamkeit des Wollens, 
Fiihlens und Denkens ist sie gegriindet. So dafi man eigentlich 
denken konnte, die religiose Bewegung wiirde einfach das, was 



auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung da ist, aufneh- 
men und nun in der Art, die ja nun einmal fur die religiose 
Bewegung gegeben ist, dies wiederum aus den ureigensten Impulsen 
weiterbilden. 

Als es noch keine religiose Bewegung gegeben hat, haben 
Menschen, die in der anthroposophischen Bewegung standen, 
noch einen Ersatz gesucht dafur in allerlei esoterischen Kreisen, 
die aber so aufgebaut waren, dafi sie im wesentlichen Erkennt- 
niskreise waren, und das, was da kultusahnlich war, diente auch 
nur der Erkenntnis. Daher konnte auch aus diesen Kreisen nichts 
herubergenommen werden in die religiose Erneuerungsbewegung. 
Und wenn man die Dinge, die dort in den Zeiten, in denen das 
noch ging, als kultahnliche Dinge da waren, nicht durchdrungen 
hatte mit dem Erkenntnisimpuls, so waren sie aufierlich aufgefalk 
worden, und das durften sie ihrer Eigenart nach nicht sein. 

Dagegen ist die Sache bei der religiosen Bewegung so, da£ im 
Kult selbst schon ein unmittelbarer Inhalt liegt, und zwar in jeder 
Kulthandlung, so dafi auch derjenige, der zum Beispiel es ablehnt, 
vom Kult aus nach einer Erkenntnis zu streben, doch in der 
Teilnahme am Kult ein entsprechendes Leben hat, weil der Kult, 
wie er in dieser religiosen Bewegung wirken soil, unmittelbar die 
Sprache der geistigen Welt ist, heruntergetragen in irdische Form, 
so dafi die Teilnahme am Kultus etwas ganz Positives ist. 

Betrachten wir den Mittelpunkt des Kultus von diesem Stand- 
punkt aus. Wenn man die Menschenweihehandlung ansieht, so 
haben wir zunachst als den vorberekenden Teil das Evangelien- 
lesen. Nun, da liegt ja naturlich noch eine Schwierigkeit, weil 
wir wirklich notig haben, die Evangelien doch noch besser zu 
bekommen, als sie heute da sind. Es handelt sich schon darum, 
dafi das Evangelienwort eben anders aufgenommen wird als ir- 
gendein anderes Wort, das im Verlaufe der menschlichen Zivili- 
sationsentwickelung erflossen ist und von Menschen kommt. Das 
Evangelienwort, wenn es fur wahr genommen wird, enthalt in 
sich wirklich das, was man so bezeiclinen kann, dal? man sagt: 
Der, der das Evangelienwort vorliest, spricht, der ist ein Sprach- 



rohr fur etwas, was aus den geistigen Welten in die physische 
Welt hereinkommt, so dafi der vorbereitende Teil, das Evan- 
gelienlesen, immerhin einen Kontakt der ganzen Gemeinde mit 
der geistigen Welt hervorruft. 

Dann kommt die eigentliche Opferhandlung, die drei Teile hat: 
Opferung, Transsubstantiation, Kommunion. Nun kann man eben 
keine richtige Auffassung von dieser Trinitat haben, wenn man 
sich nicht klar ist, dafi in diesem Momente, wo die Transsub- 
stantiation sich vollzieht, tatsachlich fur diejenigen, die auch nur 
anwesend teilnehmen, Naturordnung und ethische Ordnung in 
eines zusammenfliefien, so dafi also da eine ganz andere Welt- 
ordnung jedesmal vor die Gemeinde hingestellt wird, jedesmal der 
Mensch hinaufversetzt wird in das Gottliche, und das Geistige 
sich hinuntersenkt in das Menschliche. Wenn man dies real nimmt, 
so mufi man sagen, da geht etwas vor, was ganz unabhangig ist 
von dem, was der Mensch erkennt daran. Es genugt fur das, was 
dabei vorgeht, das blofie Fuhlen. Fur die Erkenntnis kann niemals 
das blofie Fuhlen geniigen. Fur das, was in der Wandlung vorgeht, 
genugt das blofie Fuhlen, so dafi also tatsachlich es ein Arbeiten, 
ein Tatigsein mit der Gemeinde zusammen ist, was sich da voll- 
zieht, wenn der Priester vor der Gemeinde die Menschenweihe- 
handlung ausiibt. Das ist etwas, was durchaus fur sich genommen 
werden muE, und daher sollte Sie niemals die Frage irgendwie in 
Disharmonie versetzen: Kann irgendein Rituales, das heute ge- 
funden wird aus der geistigen Welt - und alle unsere Ritualien 
sind gefunden in der geistigen Welt, sind gewissermafien fur heute 
von Gott verordnet -, kann das einmal geandert werden oder 
aufhoren? - Sehen Sie, diese Ritualien irgendwie so zu beurteilen, 
dafi man sagt: Ja, es soli sich einmal ein anderer Zustand ent- 
wickeln, wo die Menschen ein unsichtbares Ritual haben diese 
Fragen sind nicht berechtigt. 

Das Verhaltnis mufi so gedacht werden: Die Menschen werden 
ja immer den Weg von der Zeremonie zur Predigt suchen; in die 
Predigt kann nur das befruchtend einfliefien, was aus der An- 
throposophie, aus der Geist-Erkenntnis kommt. Nun wird es so 



sein in der Zukunft, dafi derjenige, der in hochstem Mafie ein 
Erkenner auf geistigem Gebiete ist, es niemals ablehnen wird, 
Gemeinschaft zu halten mit denjenigen, die zunachst zum Kultus 
kommen. Er hat auch gar kein anderes Verhaltnis zum Kultus als 
der, ich mochte sagen naive Mensch. Also es kann gar nicht die 
Frage entstehen: Treiben wir einen Kultus fur die jetzige Zeit und 
mufi das einmal durch einen anderen ersetzt werden? - Indem der 
Kultus begriindet ist, ist er begriindet und wird sich fortsetzen; 
er ist anderen Gesetzen unterworfen als solchen, die man gel- 
tend macht, wenn man fragt: Soil einmal ein unsichtbarer Kultus 
kommen? Der Kultus ist unterworfen den grofien kosmischen 
Weltimpulsen, die alles, was in der Welt entsteht, mitandern. Aber 
die Anderungen in der Zukunft werden ganz andere Anderungen 
sein als die in der Vergangenheit. 

Nehmen Sie die Messe der romisch-katholischen Kirche heute. 
Sie haben da gegeben einen synthetischen Zusammenflufi aller 
entsprechenden Kulte des Altertums, vertieft im christlichen Sinne. 
Das ist gerade das Wunderbare, daft in der katholischen Kirche 
alles alte Mysterienwesen zusammengeflossen ist. Aber es kamen 
bestimmte Zeiten in der christlichen Entwickelung - diese Zeiten 
begannen eigentlich schon im 3., 4. Jahrhundert -, in denen kein 
Verstandnis mehr da war fur das, was im Mefiopfer waltete, und 
so wurde es zunachst ein leeres Formelwesen; es pflanzte sich 
traditionell, ich mochte sagen aus Pietat fort. Dann aber, ziemlich 
bald, bekamen die Leute den Mut zum Nichtverstehen und fingen 
an, allerlei zu verbessern. So haben wir heute in dem katholischen 
Mefiopfer etwas, was nach und nach einfach auch durch das Ab- 
sterben der Sprache im Grunde etwas ganz Unverstandliches ge- 
worden ist. Es wird zelebriert in der alten Sprache, ohne dafi es 
zum Verstandnis gebracht werden konnte. Und daher ist dieses 
kathoiische Meftopfer etwas wie ein Leichnam, zwar von etwas 
ungeheuer Grofiem und Gewaltigem, aber eben ein Leichnam, der 
aber doch als Leichnam noch eine ungeheuer starke Kraft hat. Im 
Ganzen ist ja das Merkwiirdige innerhalb der katholischen Kir- 
che, daft die Priesterschaft philosophise!! aufterordentlich gebildet 



ist, theologisch aber aufierordentlich ungebildet. Die katholische 
Theologie hat gar keine Lebendigkeit, so dafi eigentlich bis zu 
den hochsten Spitzen hin auch die katholische Theologie etwas 
aufierordentlich Ungebildetes ist. Seit dem Mittelalter hat sie gar 
keine weitere Entwickelung mehr genommen. Das alles macht 
eben, dafi im Grunde die religiosen Bediirfnisse der Menschheit 
gar nicht mehr mit der Lehre, mit der Predigt befriedigt werden 
konnen, sondern lediglich mit dem Kultus, weil dieser doch die 
ungeheure Kraft der Gemeinschaftsbildung fur sich hat. Da ist das 
gegeben, was Ihnen gegenuber dieser neuen Kulthandlung ein 
Ewigkeitsgefuhl geben kann, so dafi keine Disharmonie auf Ihren 
Seelen zu lasten braucht. 

Es behaupten nun Anthroposophen, dafi gewisse Vorgeschrit- 
tene den Kultus entbehren konnten. Diese Frage wiirde eigentlich 
gar nicht entstehen konnen, wenn man sich richtig einstellte. Ich 
weifi gar nicht, aus welchen Untergriinden heraus sie eigentlich 
entstehen konnte. Denn, tritt heute der Fall eines Begrabnisses 
ein, dann ist doch eben die religiose Gemeinschaft fur das Kultische 
aufgerufen. Und so ist sie aufgerufen durch die Menschenweihe- 
handlung fur das Ganze des Menschen und nicht etwa blofi in der 
Absicht, das sei ein Temporares, das musse einmal durch etwas 
anderes abgelost werden. Das ist ein Ewiges, soweit auf der Erde 
von etwas Ewigem gesprochen werden kann. Also dieser Zwie- 
spalt, der bei vielen von Ihnen entstanden zu sein scheint, dafi die 
Anthroposophie den Kultus gewissermafien als etwas weniger 
Bedeutungs voiles hinstellt oder dafi etwas anderes in der Zukunft 
an die Stelle der gegenwartigen Bewegung treten musse, dieser 
Zwiespalt kann nur auf einem Gefuhlsmiftverstandnis beruhen. 
Sobald Sie sich klar machen, dafi naturgemafi der, der Anthropo- 
sophie sucht, sich einfach mehr auf die Erkenntnisseite verlegt 
und dafi man es ihm iiberlassen mufi, inwiefern er den Kultus 
sucht, und andererseits, dafi Leute, die zum Kultus kommen, 
auch nach der Erkenntnnisseite hinstreben werden, weil der In- 
tellekt heute so stark ist, dafi sie also von diesem Kultus aus sich 
der Anthroposophie nahern werden -, sobald Sie sich das klar- 



machen, mussen Sie sich sagen, dafi das in gewissem Sinne mir 
eine Art Arbeitsteilung ist. Auf diesem Felde sollte eigentlich ein 
innerer Zwiespalt gar nicht entstehen. 

Nun mochte ich aber doch nach diesen Bemerkungen Sie 
bitten, das eine oder andere noch zu aufiern, da ich weift, dafi 
noch vieles auf dem Grunde Ihrer Seelen ist. 

Es wird eine [- vom Stenographen nicht mitgeschriebene -] Frage gestellt 
liber den im Dornacher Vortrag vom 31. Dezember 1922 besprochenen 
Spruch: 

Es nahet mir im Erdenwirken 

In Stoffes Abbild mir gegeben 

Der Sterne Himmelswesen 

Ich seh' im Wollen sie sich liebend wandeln. 

Es dringen in mich im Wasserleben 

In Stoffes Kraftgewalt mich bildend 

Der Sterne Himmelstaten 

Ich seh' im Fiihlen sie sich weise wandeln. 

Rudolf Steiner: Dasjenige, was ich damals gesprochen habe, ist 
eine Art kosmischer Kommunion. Wenn diese meditativ ausge- 
fuhrt wird, so wird sie unter Umstanden, wie die Dinge heute 
liegen der Zeit nach, dem Menschen eine gewisse Befriedigung 
geben konnen. Er wird auf diese Weise eine Art Kommunion 
empfangen konnen. Aber das schliefit doch nicht aus, dafi selbst 
derjenige, der auf diese Art eine Kommunion fur seine Erkenntnis 
empfangt, wenn er sonst in seiner ganzen Seelenverfassung heute 
dazu neigt, die Kommunion auch auf andere Weise empfangen 
kann. Man sollte nicht die Unterschiede betonen, denn beide 
Dinge widersprechen einander ja nicht. Empfinden Sie darin einen 
starkeren Widerspruch als gegeniiber dem, was ja auch in der 
alten, noch richtig aufgefalken katholischen Kirche war? Da hatten 
Sie die Priesterkommunion und hatten natiirlich die Laienkom- 
munion - wobei ich nicht sagen will, dafi alle Anthroposophen 
Priester sein sollen. Sie hatten die, die die Kommunion geben und 
nehmen konntcn, und Sie hatten die, die die Kommunion nehmen 
konnten, aber nicht geben konnten. Wenn Sie diesen Unterschied 



auffassen, werden Sie sich sagen miissen: Derjenige, der die Kom- 
munion geben kann, der kann ja unmoglich, ohne daft er nun fur 
sich in dem inneren Erlebnis noch etwas dazu hat, die Kom- 
munion ebenso nehmen wie der Laie. Er mufi noch etwas dazu 
haben. Daher mufite der Priester, der auch kommunizierte, noch 
etwas dazu haben, eine inner e Kommunion, und die hatte er ja 
auch. Nun, dazumal handelte es sich darum, streng festzuhalten 
an dem Unterschied zwischen Priestertum und Laientum. Es gab 
nur diese zwei Klassen. Aber iiber diese Zeiten ist die Entwickelung 
hinweggeschritten, diese Zeit ist nicht mehr da. 

Heute mufi gewissermafien vieles von dem, was in alteren Zei- 
ten nur dem Priester zuganglich war, auch dem Laien zuganglich 
gemacht werden. Unsere ganze moderne Theologie, die ganze 
Literatur ist ja auch jedem zuganglich. Dasselbe kann auch fur 
unseren Fall geltend gemacht werden. Sie konnen heute die Theo- 
logie als Laie studieren. Wenn sich eine Erkenntnisbewegung gel- 
tend macht wie die anthroposophische, so ist selbstverstandlich, 
dafi die Teilnehmer an einer solchen mit Dingen bekannt gemacht 
werden, die naturlich ehedem in erster Linie fur den zelebrie- 
renden Priester gewesen waren. Aber heute ist das eben anders: 
Wir konnen nicht Grenzen machen. Wenn wir heute noch das alte 
Prinzip hatten, so wiirde es so sein, dafi eine religiose Bewegung 
da ware und innerhalb der religiosen Bewegung die Priesterschaft; 
die wiirde dann die Anthroposophie fur sich haben, miifite dann 
aber alles tun auf dem Felde der profanen Technik, was die Zeit- 
entwickelung fordert ... [vom Stenographen gekennzeichnete 
Textlucke]. Wenn Sie das beriicksichtigen, so werden Sie verste- 
hen, dafi diese Kommunion, die der Priester hat, auch entwickelt 
wird von demjenigen, welcher der anthroposophischen Bewegung 
angehort. Aber es liegt kein Grund vor zu sagen: Auf der einen 
Seite haben wir eine priesterliche, auf der anderen Seite haben wir 
eine kosmische Kommunion. Beides hat ja ein und denselben Boden, 
nur eine andere Form. Beides ist etwas, was ganz selbstandig neben 
dem anderen steht. Also wenn Sie die Sache ganz griindlich 
durchempfinden, dann werden Sie keine Schwierigkeiten haben. 



Ein Teilnehmer: In dem Bericht uber die Delegiertenversammlung vom 
Februar 1923 wird gesagt, daf$ das Kultische hereingenommen ist von dem 
vorgeburtlichen Leben. In einem Kurs, den wir in Dornach horten, ist 
geschildert, wie unser Kultus ein Aufstieg des Menschen ist in das Leben 
nach dem Tode. 

Rudolf Steiner: Das ist etwas, das in der Art angesehen werden 
mufi wie alle Dinge, die etwas mit der geistigen Welt zu schaffen 
haben; da mufi man die Begriffe ganz genau fassen lernen. [Urn 
die Begriffe genau zu fassen,] wurde schon in der Scholastik 
Dialektik getrieben. Aber soweit sind wir noch nicht, weder auf 
dem Gebiete der Anthroposophie, noch auf dem der religiosen 
Bewegung. Sehen Sie, die Art, wie in dem Menschen der Kultus 
wirkt, wie er real wirkt, also den Menschen in der Seele so 
ergreift, daft er den Weg durch die Pforte des Todes hindurch- 
findet durch den Christus, diese Wirkung ist die eine Seite [des 
Kultus]. Und die andere Seite ist die, wodurch das geschieht, 
daft der Mensch in dem Kultus das hat, was wie eine kosmische 
Erinnerung an das vorgeburtliche Leben ist. Nehmen wir zur 
Erlauterung ein Beispiel aus dem gewohnlichen Leben. Wodurch 
hat auf einen Menschen heute eine Begegnung groften Eindruck 
gemacht? Weil ihm entgegentritt eine von ihm in der Jugend 
schon verehrte Personlichkeit. Doch nun kommt noch etwas an- 
deres hinzu. Es ist etwas anderes, wenn ich das schildere, was im 
Gemiit dieses Menschen erkeimt ist fur die Zukunft; hierdurch 
ist er vielleicht ein ganz anderer geworden, findet sich vielleicht in 
die Lebensverhaltnisse ganz anders hinein als in der Jugend. Wenn 
man an dem Kult teilnimmt, so wird man fur sein Zukunftsleben 
ergriffen. Das kommt daher, daft dieser aus dem vorgeburtlichen 
Leben stammt. Das wirkt so stark auf den Menschen. 

Ein Teilnehmer: Erreicht man durch das Meditieren der Messe mehr, als 
wenn man die Messe zelebriert? Dann wiirde es soweit kommen, daft wir 

das Lesen der Messe nicht mehr brauchen. 

Rudolf Steiner: Logisch ist das nicht ganz unrichtig, aber in facto 
ist es nicht so. Wenn einer die Messe liest, und wenn er sie dann 



meditativ erlebt und hat dabei eine Wirkung fur sich, so ist diese 
Wirkung, weil sie auf starker innerer Aktivitat beruht, eigentlich 
starker. Aber diese innere Aktivitat kann man nicht immer auf- 
wenden. Wenn man die Messe acht Tage lang nicht gelesen hat, so 
erlahmt die Kraft. Es ist schon richtig; wenn einer das kann, dann 
gut, aber wenn er sozusagen nicht ganz besondere innere Vorbe- 
dingungen hat, dann erlahmen diese Krafte. Es trifft das nicht zu, 
dafi die innerlich meditierte Messe so stark wirkt wie die gelesene 
Messe, und es darf nicht etwa ein Ideal werden fur den Priester, 
die Messe nicht zu lesen. Denn dann konnte er ja sagen: Ich sehe 
davon ab, mit meiner Gemeinde zu wirken, ich will allein vor- 
warts kommen. - Dann konnte er sich ein solches Ideal vorstellen, 
[die Messe nicht zu lesen, sondern zu meditieren,] aber die Kraft, 
die der Priester haben soli, wenn er die Messe lesen will, die soli 
er nicht dadurch abschwachen, dafi er sich ein solches Ideal 
vorstellt. 

Ein Teilnehmer: Wie bringt man die Menschen an die Menschenweihehand- 
lung heran? Sind wir verwiesen an die Menschen, die gefiihlsmafiig aus 
riickstandigen religiosen Gefuhlen herankommen, fur die der Weg des 
Erkennens verschlossen ist? Wie sollen wir an die Arbeiter herankommen, 
wenn wir nicht uber den Denkweg gehen? 

Rudolf Steiner: Aber Sie haben ja nicht nur den Kultus, sondern 
in weitestem Sinne die Predigt, Vortrage, auch Predigt im termi- 
nologischen Sinne. Es ist gar nicht zu sehen, was da fur eine 
Schwierigkeit auftreten sollte. Die heutigen jiingeren intellektuel- 
len Leute, die aus dem Nichts heraus arbeiten, wollen gar nicht 
ein abgesondertes Intellektuelles, sondern streben stark nach dem 
Kultus hin. Und das, was da eintreten konnte, was auf aufierem 
Gebiete zu einer Synthese fuhren mufke zwischen religioser Be- 
wegung und Anthroposophie, das will ich nachher charakterisie- 
ren. Auf der einen Seite wird heute der Intellekt gar nicht ange- 
regt ohne den Kultus. Der Kultus ruft erst wieder den Intellekt in 
den Menschen herein. Die Menschen horen heute auf, denken zu 
konnen, wenn man den Kultus nicht hat. Das Aufhoren des 
Denkens ist eine Zeitgefahr. Auf der anderen Seite sehe ich nicht, 



worin die Begrenzung liegen soil von dem, was Sie in Kult und 
Predigt an die Menschen herantragen. Eine Begrenzung kann nur 
da sein, wo Sie sich selbst kiinstlich eine solche setzen. Sie wollen 
keine Anthroposophie lehren, sagen Sie. Aber das konnen Sie gar 
nicht halten, denn das miissen sie ja tun! Naturlich mufi man 
die Anthroposophie den Leuten nicht an den Kopf werfen. Die 
Schwierigkeit tritt gerade dann auf, wenn Sie sagen: Anthropo- 
sophie wollen wir ganz gewifi nicht lehren. 

Ein Teilnehmer: Ich wiirde zum Beispiel nicht vom Atherleib sprechen. 

Rudolf Steiner: Das hangt von der Erkenntnis der Gemeinde ab. 
Ich konnte mir gut eine Gemeinde vorstellen, die ganz ehrlich 
dem Kult gegemibersteht und doch das Erkenntnisbediirfnis 
haben kann. Ich sehe nicht ein, warum Sie da nicht iiber den 
Atherleib sprechen sollten. 

Ein Teilnehmer: Wir haben lauter Menschen, die ein Erkenntnisbediirfnis 
haben; sie finden sich zur Anthroposophie durch den Kultus. Wir haben die 
Leute nicht, die nicht die Anthroposophie, sondern den Kult allein wollen. 
Konnen wir eine Moglichkeit finden, die Menschen zu befriedigen, die nicht 
zur Anthroposophie wollen? 

Rudolf Steiner: Die Frage ist nun die: Wie wiirden Sie jemanden 
charakterisieren, der heute von Ihnen gefuhrt werden sollte,,der 
aber so gefuhrt werden soil, dafi ganz abgesehen wird von der 
Anthroposophie? Wie miifite der beschaffen sein? Die Sache ist 
die: Wenn man die Menschen richtig anfafk, wenn man an die 
richtige Menschlichkeit herangeht, dann wollen die Menschen die 
Anthroposophie, wie zu alien Zeiten das Entsprechende von der 
Menschenseele gesucht worden ist. Die Anthroposophie nicht zu 
wollen- das ist tiur he' vprhild^t^n Menschen d^i" Pall Vnr vi^rzia 
Jahren konnten Sie auf dem Lande noch elementarisch gesunde 
Menschen kenneniernen, die sagten Ihnen die hdchste Weisheit. 
[Die folgenden Satze sind vom Stenographen nur luckenhaft fest- 
gehalten.] Unter ihren Kissen hatten sie irgend etwas verborgen - 
Jakob Bohme zum Beispiel -, das finden Sie heute nicht mehr. 

1Q 



Die in den Grofistadten verbildeten Leute konnen an so etwas 
nicht mehr heran. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dafi die 
einen anderen Weg brauchen konnen als den anthroposophischen. 
Nur mussen Sie nicht von dem ausgehen, was von der Anthro- 
posophie im Buche steht, sondern von dem, was Sie an dem 
Buche erlebt haben. Es ist zum Beispiel der Begriff des Atherleibes 
ungemein leicht dem naiven Menschen beizubringen. In gewissen 
Gegenden nennen die Leute das, was morgens in den Augen ist, 
«Nachtschlaf»; da sind Sie schon im Atherleib drinnen, denn in 
der Tat ist da Atherleibswirksamkeit drinnen. Man hat iiberall 
Anknupfungspunkte. Wenn Sie die beriicksichtigen und beriick- 
sichtigen, dafi wir unsere Biicher geschrieben haben fur Leute von 
heute, die durch diese vertrackte Schulbildung hindurchgegangen 
sind, so haben Sie solche Anknupfungspunkte. Sie befriedigen die 
Menschen mehr, wenn Sie vom Worte loskommen und aus dem 
Erleben selbst geben. 

Ein Teilnehmer: Kann man den Unterscheid zwischen kosmischer Kommu- 
nion und Kultus nicht so formulieren, dafi dieser ein Sakramentaler ist? 

Rudolf Steiner: Das ist etwas, was man deshalb schwer sagen 
kann, weil das Erleben bei der wirklichen kosmischen Kommu- 
nion schon ein Sakramentales ist. Das ganze anthroposophische 
Denken ist eigentlich etwas Sakramentales, wie ich das schon 
ausgesprochen habe in meiner Erkenntnistheorie der Goetheschen 
Weltanschauung. Das Denken ist eine Kommunion des Men- 
schen. Die Erkenntnis, wenn sie wirkliche Erkenntnis ist, wird 
zum Sakrament. Es kommt mehr darauf an, dafi wir die Dinge 
zusammenzubringen versuchen, als sie zu unterscheiden, denn 
in der Wirklichkeit bringen sie sich ja zusammen. 

Es wird eine Frage gestellt nach dem genauen Wortlaut eines Satzes aus 
Rudolf Steiners Dornacher Vortrag vom 30. Dezember 1922 [vom Steno- 
grapher! nur mit Stichworten festgebalteri], 

Rudolf Steiner: «Anthroposophie braucht keine religiose Erneue- 
rung» -, so haben Sie den Satz ganz richtig formuliert. Was wiirde 



es fur die Anthroposophie bedeuten, die ja in sich selbst begriin- 
det sein mu!5, wenn sie die religiose Erneuerung brauchte! Umge- 
kehrt: die religiose Erneuerung braucht die Anthroposophie! - 
Dafi da in dem Vortrag gesagt wurde, die Anthroposophen 
brauchten keinen Kultus, das ist ja an die Anthroposophen ge- 
richtet, nicht an die religiose Erneuerungsbewegung. Solche Din- 
ge mufiten gesagt werden, weil zahlreiche Menschen glaubten, sie 
miifiten sich aus Prinzip orientieren, ob sie sich fur eine Teilnah- 
me an der religiosen Bewegung entscheiden sollen. Da waren 
Mitglieder der anthroposophischen Bewegung, die viel alter wa- 
ren als Dr. Rittelmeyer; wenn diese nun fragten, ob sie teilnehmen 
sollen an dem Kult, so mufite man ihnen sagen: Das mulk ihr nun 
doch endlich selbst wissen; ihr mufitet Dr. Rittelmeyer beraten 
konnen! - Man darf aber nicht sagen, man konne zur Anthro- 
posophie nur kommen durch die religiose Bewegung, das ware 
sehr falsch. Mein damaliger Vortrag war an die Anthroposophen 
gerichtet. Also es ist doch selbstverstandlich, dafi die Anthropo- 
sophen, wie sie in der letzten Zeit geworden sind, Ratgeber beim 
Kultus sein konnten. Das andere wiederum ist Gift fur die An- 
throposophie: wenn man sagt, man konne nicht zu anthroposo- 
phischem Verstandnis [des Christus] kommen, wenn man nicht 
durch den Kult dazu kommt. Es ist notig, daft man das dazunimmt, 
dafi diese Rede an die Anthroposophen gerichtet war. Das Mifi- 
verstandnis bestand darin, dafi beide Seiten Auffassungsfehler 
gemacht haben in der Handhabung. Es waren in der religiosen 
Bewegung viele, die nicht wufiten, wie sie sich verhalten sollten. 

Marie Steiner: Es war bei manchen Anthroposophen Schlagwort, «Dr. Steiner 
wiinscht es, dafi die religiose Bewegung an die Stelle der Anthroposophie 
trete»; das sei Dr. Steiners Meinung. Ahnlich war es beim Anfang der 
Dreieliederunesbeweeune, wo es auch hiefi, diese solle an die Stelle der 

Anthroposophie treten. Es waren schon Anzeichen vorhanden, dafi man 
glaubte, die Anthroposophie miisse abbauen. Es warden Zyklen beim Verlag 
abbestellt und dergleichen. 

Rudolf Steiner: Das sind Dinge, die in der aufieren Praxis liegen, 
die nicht zu inneren Schwierigkeiten fiihren. 



Ein Teilnehmer weist darauf hin, dafi Rudolf Steiner an einer Stelle des 
Vortrages vom 30. Dezember 1922 gesagt habe, dafi es viele Menschen gabe, 
die erkenntnismafiig eingestellt sind und andere Menschen mit dumpfem re- 
ligiosem Trieb [Wortlaut vom Stenographen nur stichwortartig festgebalteti]. 

Rudolf Steiner: Ja, das ist nicht zu leugnen, es gibt Menschen mit 
durchaus denkerischem Erkenntnistrieb, andererseits gibt es sol- 
che Menschen mit einem dumpfen religiosen Trieb. Wenn ich also 
gesagt habe, die Anthroposophie konne nichts machen gegeniiber 
den Menschen mit dumpfem religiosem Trieb, sondern nur die 
religiose Bewegung, so ist das richtig. Aber das heifit nicht, dafi 
die religiose Bewegung besonders und allein auf diese Art Men- 
schen angewiesen ist, sondern das heifk, die Anthroposophie 
kann mit diesen Menschen nichts machen. An diese Menschen 
komrat man nur mit dem Kult heran, nicht mit der Anthropo- 
sophie. Die Menschen mit dumpfem religiosem Trieb sind zu 
ergreifen durch den Kult und werden vielleicht in einem neuen 
Leben sehr denkerische Menschen. 

Ein Teilnehmer: Die Leute sagen, die Anthroposophen haben die Universi- 
tat, ihr habt die Kinderschule. Mit solchen Dingen haben wir es zu tun. 

Rudolf Steiner: Ich habe in diesen Tagen ein grofies Plakat aus 
Osterreich bekommen, darauf stand lauter dummes Zeug, wie der 
Betreffende in die geistige Welt kommt, was er den Menschen 
offenbaren wird und so weiter; aber dann stand auf der zweiten 
Seite: Mein Geistsystem umfafit auch alle die Dinge, die einseitig 
als Anthroposophie, Theosophie und so weiter aufgetreten sind. - 
Nach solchen Dingen kann man die inneren Schwierigkeiten 
nicht beurteilen. Solche Menschen mufi man nicht tragisch neh- 
men. Da kann man sich doch nicht aufregen. 

Ein Teilnehmer: Dafi solche Ausspruche nicht getan werden, dafiir miifiten 
doch die Zweigleiter eintreten. 

Rudolf Steiner: Das sind aufierliche Dinge. Die Zweigleiter haben 
gar nichts mit dem zu tun, was die Mitglieder aufierhalb des 
Zweiges tun. 

A 1 



Ein Teilnebmer: Es wurde direkt gesagt, die zwei Wege widersprechen sich. 
Das macht den Leuten Angst und sie bleiben weg. 

Rudolf Steiner: Das sind keine inneren Schwierigkeiten, das ist die 
aufiere Handhabung, die Lebenspraxis. Dafi solche Dinge vor- 
kommen, ist nicht zu verhindern. Man kann nicht etwas, was mit 
tiefem Ernst verbunden ist, trivial charakterisieren; da mufi man 
scharf formulieren, mit ernsten Worten, und die werden leicht 
falsch ausgelegt. Was der eine oder andere Zweigleiter sagt, ist 
ganz unwesentlich. Sonst mtilken wir es ja als eine Aufgabe 
betrachten, lauter Zweigleiter zu haben, die unfehlbar sind. Ihre 
geistigen Mittel liegen darin, die Leute aufzuklaren. 

Emit Bock: In gewisser Weise war bei uns im Anfang eine Unklarheit. Wir 
suchten unser Arbeitsfeld woanders als auf anthroposophischem Gebiet. 
Wir haben vielleicht das, was aus oppositionellen Griinden heraus gespro- 
chen wurde, als Anlafi benutzt, uns etwas zu sehr herauszuhalten aus der 
anthroposophischen Arbeit. Manche von uns hatten ja auch keine Zeit mehr 
dazu. Dadurch ist es ja dann dazu gekommen, dafi, als diese Schwierigkeiten 
bei den Anthroposophen eintraten, wir nicht als Anthroposophen mitspre- 
chen konnten. Wir hatten uns selbst durch den Lauf der Dinge etwas 
herausgestellt aus den anthroposophischen Reihen. Nun bitten wir Sie, 
helfen Sie uns, den richtigen Weg in die anthroposophische Arbeit wieder 
zu finden, denn wir haben das starke Bedurfnis, nicht aus den anthroposo- 
phischen Reihen durch unsere Arbeit herauszufallen und sehen ein, dafi wir 
damals deshalb uns die Moglichkeit entzogen haben, zur Klarung richtig 
beizutragen, dafi man in uns nicht die Anthroposophen, sondern die religiosen 
Erneuerer sah. Wir mochten nicht schlechte Vertreter der Anthroposophie 
sein. 

Rudolf Steiner: Diese Gefahr war ja anfangs vorhanden. Die Sache 
ist abhangig davon, dafi das richtige Urteil herrscht. Es ist durch 
vieles moglich, dafi das Urteil sich rektifiziert. Dr. Rittelmeyer ist 
ja im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sehr aktiv 

tatig bei anthroposophischen Aktionen, seit Monaten schon. Er 
wird sehr stark in Anspruch genommen. Aber es ist schon so, da£ 
die Kraft eines jeden stark in Anspruch genommen wird. Ich 
werde nie wieder bei einer soichen Gelegenheit, wo die sozialen 
Verhaltnisse durch den Kult geheiligt werden sollen, etwas vor- 



nehmen, ohne dafi der Vertreter der religiosen Bewegung mit- 
wirkt. Bei Begrabnissen spreche ich nicht mehr allein, ohne einen 
Priester. Der Kult mulS verrichtet werden [durch den Priester]. So 
mufi ein richtiges Urteil allmahlich sich herausbilden. Beim Dis- 
kutieren mifiverstehen sich die Menschen, aber die Tatsachen 
sprechen selbst. 

Wichtig ist, da£ die religiose Bewegung nicht die Anthroposo- 
phie verleugnet. Sie irren, wenn Sie glauben, dafi Sie dadurch 
weiterkommen. Besser ist, klar und sicher auf dem Boden der 
Anthroposophie zu stehen. Man soli alles offen aufklaren. Sie 
diirfen nicht bei den Leuten die Meinung aufkommen lassen, Sie 
hatten mit Anthroposophie nichts zu tun. Die Waldorfschule hat 
mit der Anthroposophie alles zu tun. Irgendein Dozent hat gesagt, 
die Waldorfschule sei schon ganz schon, wenn sie nur ihre 
grundlegenden Ansichten fallen liefie. Das ist es, worauf ich den 
Ton lege: Wenn Anthroposophie die Grundlage der Waldorfschule 
ist, dann machen wir keine anthroposophische Sektenerziehung, 
sondern wir gehen durch Anthroposophie auf eine allgemeine 
Menschenerziehung aus. 

Wir haben die Aufgabe, nicht die Mifiverstandnisse aufzukla- 
ren, sondern einfach die Wahrheit zu sagen. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 13. Juli 1923 



Meine lieben Freunde! Es scheint, daft fur ein solches Streben wie 
das Ihrige es sich vor alien Dingen darum handelt, einen mog- 
lichst sicheren Impuls zu erwerben fiir ein Sichfuhlen in der 
spirituellen Welt; und gerade iiber das Erringen eines solchen 
Impulses, aber von dem Gesichtspunkte Ihrer Bewegung aus, 
habe ich mir vorgenommen, heute noch einiges vor Ihnen zu 
sprechen. Sehen Sie, es handelt sich wirklich darum, dafi man an 
einem konkreten Punkte ansetzt, um einen spirituellen Impuls zu 
bekommen, wenn man ein auf einem bestimmten Horizont tatiger 
Mensch sein will, und das wollen Sie ja alle sein. Da handelt es 
sich darum, einen gerade fiir diese besondere Betatigung geeig- 
neten Impuls zu bekommen. Als ein solcher erscheint mir, aus 
meinen Beobachtungen aus der geistigen Welt heraus, fiir Sie das 
folgende dienen zu sollen. 

Es kann zunachst angekniipft werden an das Walten des 
Sprachgeistes, an das Walten des Sprachgenius. Wir mussen uns 
da nur einmal recht klarmachen, meine lieben Freunde, wie 
weit der Mensch in der Regel davon entfernt ist, mit einem 
wirklichen geistigen innerlichen Sichbetatigen die Sprache zu 
fassen. Wir nehmen die Sprache auf, aber wir nehmen sie im 
Grunde auf ohne ihre Heiligkeit. Wir nehmen gerade die Spra- 
che so auf, dafi wir, indem wir sie anwenden im gewohnlichen 
Leben, sie eigentlich profanieren. Wir lassen uns als Menschen 
der Gegenwart zumeist gar nicht darauf ein, die Sprache, indem 
wir sie handhaben, auch in der entsprechenden Weise zu vereh- 
ren. Wir sprechen im Grunde genommen siindig, und erst das 
Bewufksein davon, daft wir siindhaft sprechen, kann uns einen 
Impuls geben, gerade durch unsere Stellung, ich mochte sagen, 
durch unser Verhaltnis zur Sprache, einen spirituellen Impuls 
zu erhalten. Beispiele, die das erharten, konnen sich ja von alien 
Seiten ergeben. 



Wieviele Menschen haben iiberhaupt irgendeine Anleitung im 
heutigen Leben erhalten, mit jedem Laute der Sprache mitzu- 
fuhlen? Das bedingt natiirlich, dafi eine grofie Anzahl von Lauten 
heute konventionell und unmenschlich, das heiik ohne Verstandnis, 
mindestens aufiermenschlich gesprochen werden. Wer fiihlt, wenn 
er das Wort «erharten» ausspricht, beim Aussprechen dieses Wortes 
mit, dafi sein Germit von etwas durchzuckt wird, das mineralisch 
hart und zu gleicher Zeit das Gemiit etwas kiihl macht? Wer fiihlt, 
wenn er das Wort «Wort» ausspricht, dafi das viel zu tun hat mit 
dem Erlebnis des Vergangenseins, des vergangenen Geisteswebens, 
das in der Gegenwart gewissermafien ertotet, kristallisiert, als 
Vergangenheit vorliegt und so weiter? Wir haben iiberhaupt nicht 
mehr ein Erlebnis bei den wichtigsten Worten. Ich mochte wis- 
sen, wieviele Menschen heute ein Erlebnis haben bei dem Worte 
«denken», wieviele Menschen heute ein Erlebnis haben bei dem 
Worte «fuhlen», dem Worte «wollen». Aber das sage ich Ihnen 
zunachst nur als Hinweis auf dasjenige, was ich Ihnen heute 
eigentlich anvertrauen mochte. 

Sie konnen natiirlich sich selber in den verschiedensten Sprach- 
ausdriicken benennen. Sie konnen zu sich «Ich» sagen, wie man es 
im gewohnlichen Leben tut, oder Sie konnen anfangen, etwas zu 
theoretisieren uber sich, Sie sagen sich dann, Sie seien ein «Mensch». 
Da versetzen Sie sich in das Sprachwesen und bestimmen vom 
Sprachwesen aus Ihr eigenes Wesen. Aber der Mensch hat eben 
heute das Gefiihl, wenn er so etwas getan hat, dann habe er ein 
Wort, das fur ihn eine Bezeichnung ist, auf sich angewendet. 
Wenn der Mensch von heute sich sagt, er sei ein «Mensch», so 
denkt er unter alien Umstanden, er habe sich in einer fur ihn 
verstandlichen Weise mit einem Worte und dadurch, meint er, mit 
einer Idee bezeichnet. 

Nun ist es gut, wenn man von vornherein von der Empfindung 
ausgeht: Im wahren Sinne des Wortes versteht man die Sprache 
so wenig, dafi eine solche Bezeichnung, die man als Mensch auf 
sich selbst anwendet, eigentlich etwas ist, zu dessen Verstandnis 
man sich erst hinaufringen muft, zu dessen Verstandnis man erst 



kommen mufi. Man sollte eigentlich liberall von der Empfindung 
ausgehen, dafi, wenn ich glaube, mich mit irgendeinem Worte, 
auch der mir gelaufigen Muttersprache zu bezeichnen, das ein 
unendlicher Hochmut von mir ist. Wenn wir uns mit dieser 
Empfindung durchdringen, dafi wir den Glauben, wir konnten 
eine Sprache, sei es auch die Muttersprache, wirklich so weit aus 
dem Geiste heraus handhaben, dafi wir uns mit Recht als Menschen 
und uns selbst mit dem Worte «Mensch» bezeichnen konnen, 
wenn wir diesen Glauben als einen furchtbaren Hochmut von uns 
ansehen, so haben wir die erste vorbereitende Empfindung, um 
einen gewissen spirituellen Impuls, wie ich ihn heute meine, in 
uns anzuregen. Man mufi vielmehr sich sagen konnen: Ich bin als 
Mensch in die Erde hineingestellt durch irgendwelche mir unbe- 
kannte gottliche Zusammenhange, und dies veranlalk mich, mich 
als «Mensch» zu bezeichnen, aber die Griinde fur dieses Bezeich- 
nen liegen weit iiber meinem Horizont. Das ist Gotterwille, der 
da waltet, der mich aus unbewufken tiefen Untergriinden veranlaftt, 
mich als «Mensch» zu bezeichnen. Ich habe als Mensch, als diese 
auf der Erde stehende Menschenindividualitat, ja uberhaupt nicht 
das Recht, eine Bezeichnung auf mich selbst zu pragen. Dann 
mufi der nachste Schritt der sein, dafi man sich sagt: Bevor ich 
uberhaupt fahig sein werde, den ganzen Vorgang zu verstehen, 
der da existiert, indem ich zu mir «Ich» sage, mufi ich drei 
Entwickelungsstufen durchmachen. Bis zu dem Urteil, das ich 
so ausdriicken darf: Ich habe ein Recht, mich «Mensch» zu nen- 
nen -, werde ich also drei Entwickelungsstufen vorher durch- 
machen miissen, ich werde mich durchringen mussen durch drei 
Priifungen. Wenn ich in fur mich geniigender Weiser diese drei 
Priifungen bestanden habe, darf ich hoffen, zu mir mit Recht 
sagen zu diirfen: Du bist ein Mensch. 

Das sollten wir eigentlich jedem Sprachworte gegenuber 
empfinden: eine uns aufierordentlich adelnde Bescheidenheit des 
Ausgangspunktes fur die Entwickelung der spirituellen Impulse. 
Sagen mii&ten wir uns: So wie wir als Menschen auf der Erde 
heute stehen in unserer fiinften nachatlantischen Periode, rniifiten 



wir, wenn wir ehrliche Menschen waren, damit beginnen zu 
schweigen, nichts zu benennen und dann beginnen, die drei 
Stufen zu iiberwinden, die uns das Recht geben werden, die Dinge 
von uns aus zu benennen. Dadurch erst werden wir ein Gefiihl 
dafiir bekommen, welch aufierordentlich bedeutungsvolles kos- 
misches Erlebnis es war, das in der Schrift angedeutet wird damit, 
da$ in der Anwesenheit Gottes dem Adam gestattet war, Tiere 
und Dinge zu benennen, wozu ihm eben nur die Gottesnahe das 
Recht geben konnte. Wir werden durch solche Erlebnisse, die 
aber konkrete eigene Erlebnisse sein miissen, auch die notige 
Tiefe bekommen fur das Schriftwort, so dafi dieses dann durch die 
innere Kraft, die wir ihm geben konnen, die notige Nuancierung 
und Kolorierung bekommt, damit aus dem Wort jene Stufe 
heraustont, der gegeniiber wir nicht blofi sagen konnen: Wir 
haben das Recht nicht, die Dinge zu benennen -, sondern sagen 
konnen: Durch Gott ist uns [das Recht gegeben], die Dinge von 
uns aus zu benennen. 

Diese Dinge miissen einmal auf dem Grunde unserer Seele 
gelebt haben, um in rechter priesterlicher Art der Welt gegen- 
iibertreten zu konnen. Die aufierliche Gebarde macht nicht den 
Priester. Den Priester macht das, was aus dem tiefsten Innern 
dringt. Wenn wir das Wort «Mensch» als solches auf uns selbst 
anwenden wollen, miissen wir erst dazu kommen, durch die drei 
Stufen durchzugehen: 

- das Wesen, das ich mit dem Worte «Mensch» bezeichnen 
will, hat Tiefen, die ich erst ergriinden mufi; 

- das Wesen, das ich mit dem Worte «Mensch» bezeichnen 
will, hat Hohen, die ich erst erklimmen mulS; 

- das Wesen, das ich bezeichnen will mit dem Worte «Mensch», 
hat Weiten, die ich erst uberschauen mufi. 

In diesen drei Satzen liegt etwas Bedeutungsvolles: das Men- 
schenwesen. Und wenn Sie sich diese Satze zu Meditationssatzen 
vertiefen, so werden diese Satze Sie weit fiihren konnen. 

Wahrhaftig, es ist so: Indem der Mensch in dieses Erdendasein 
hineinversetzt wird, wird er aus geistigen Hohen hineingestellt. 



Und einzig und allein der Umstand, daft unser Erdendasein fiir 
unsere gesamte Menschenentwickelung eine Aufgabe hat, recht- 
fertigt kosmisch, dafi wir einen Teil unseres Totallebens als Er- 
denbiirger zubringen. Die Erde gestaltet uns, wahrend wir auf der 
Erde wandeln zwischen Geburt und Tod, zu Erdenmenschen, 
und alles, was da von der Erde aus gestaltet wird, wird aus Tiefen 
gestaltet, die an allem, was die einzelnen Formen des geringsten 
Organes an uns sind, mittatig sind. Es ist da vorzustellen: Die 
Erde ist ein Wesen im Weltenraum, das unendliche Geheimnisse 
in sich birgt und das gestaltend wirkt. Wie Ihr Auge, Ihr Ohr 
gestaltet ist, wie jedes einzelne, wie das geringste Glied an Ihrem 
Korper gestaltet und geformt ist, dafur liegen die schopferischen 
Krafte innerhalb der Erde. Und wenn es uns gelingt, dasjenige, 
was die Erde als Ausdruck ihres Innenwesens an ihrem aufieren 
Antlitz zeigt, denkend, empfindend und wollend wie eine Ent- 
hiillung der inneren Geheimnisse der Erde allmahlich zu erfassen, 
so kommen wir meditierend nach und nach zur Beantwortung des 
Satzes: Wie ergriinde ich die Tiefen des Menschenwesens? 

Wenn es uns gelingt, uns zu versetzen in die unseren Korper 
in der mannigfaltigsten Weise kristallisierende Erde, die dann die 
Kristallisierung wieder auflost, zerstaubt zu Pulver, wenn es uns 
gelingt, in diesem Sichgestalten, Pulverisieren und Wiedergestal- 
ten zu sehen, was im Laufe der Zeiten die empfindenden Menschen 
immer in so etwas gepragt haben wie zum Beispiel in Brahma, 
Vishnu, Shiva, - wenn es uns gelingt, diesen ganzen Prozefi zu 
empfinden als dasjenige, was fiir uns eine Art Bett der Gottheit 
ist, in das wir hineingebettet sind, so dafi das Betten innerhalb 
dieses Brahma-Vishnu-Shiva-Prozesses fiir uns etwas ist wie ein 
kosmischer Schlaf wahrend unseres Erdendaseins, wenn wir das 
Kristallisieren und Auflosen der Erde als etwas empfinden, was 
uns durchweht mit kosmischem Schlafesdrang, wenn wir sagen 
konnen: das menschliche Wesen ist so tief, so tief gemacht im 
Erdendasein, da$ es in der Tiefe das Bewulksein nicht aushalt, 
sondern mit der ganzen gestaltenden Erde als physischer Leib in 
kosttiischen Schlaf verfallt, - dann sind wir daran, allmahlich eine 



Empfindung zu bekommen von dem, was es heifit: mit den Tiefen 
der Erde als Mensch verbunden zu sein. Und wenn wir uns 
zuletzt sagen konnen: Die Erde gestaltet uns nach ihren Tiefen, 
sie durchdringt uns aus ihren Tiefen heraus mit Erdenschlaf, weil 
aus den Tiefen des Erdenschlafes die Urgottlichkeit vollwachend 
wirkt, dann empfinden wir etwas von dieser Erdentiefe des Men- 
schen. Wenn wir uns so etwa sagen konnen: Je harter uns die 
Erde erscheint, demantenhart, je harter in einzelnen ihrer Teile, 
desto wahrer, gewaltiger spricht aus der demantenen Harte, die 
wie der Schlafzustand des Geistigen ist, die lichtvolle Geistigkeit 
des in der Erde fur uns wachend wirkenden Gottlichen. 

So miissen wir uns durch Meditation, durch ein immer mehr 
gefuhlsmafiiges Vertiefen in die Erdenuntergriinde versetzen und 
uns sagen: 

O Mensch, bevor du dich benennen kannst, bevor du deine 
Tiefen ergriinden kannst, mufit du immer mehr dich vertiefen in 
die Erdenuntergunde. - Wenn wir die Pflanze aus der Erde sprie- 
fien sehen, miissen wir uns aneignen ein hoheres Pietatsgefuhl, 
ein Ehrfurchtsgefuhl, das uns in jedem einzelnen Stuck Pflanze 
etwas in uns selbst erschauen lafit, etwas wie ein Offenbaren von 
demjenigen, was unten in der Erde eigentlich vor sich geht. Wir 
miissen wirklich beginnen uns klarzumachen, was besteht an 
Wechselwirkungen zwischen Erdentiefen und Himmelsweiten. 
Sehen Sie die bliihende Rose herausspriefien aus der Erde, sehen 
Sie die zu einer gewissen Kleinheit sich zusammenballende 
Rosenknospe, so erganzen Sie sich diese gegen den Erdengrund, 
gegen den Mittelpunkt der Erde hin als eine machtige Lichtrose, 
die durchdrungen ist von gottlichen Gedankengebarden, die wa- 
chen miissen, damit die schlafende Rose sich in der Knospe nach 
oben entfaltet. Fur jede schlafende Rosenknospe empfinden Sie 
in den Untergriinden der Erde die wachende, schaffende, lebende 
Lichtrose. Und so mit alien Pflanzen. Schauen Sie sich die griinen- 
de Pflanzendecke der Erde an und empfinden Sie fur das, was aus 
der Erde grim heraussprielk, nach den Tiefen der Erde zu dieses 
ganze Lichtvolle als mit einem tiefen Violett durchdrungen, das in 



die Welt hinausdringt, sie belebend durchwebend. Dann haben 
Sie etwas, was Ihnen sagt: Ich darf mich erst Mensch nennen, 
wenn ich die Erdentiefen ergriindet habe. 

So mufi man das Gefiihl bekommen, dafi man erst wiirdig 
werden mufi durch solches meditierendes Ergriinden, durch 
Uberwinden dieser ersten Stufe, das Wort «Mensch» fiir den 
Menschen zu gebrauchen. Wenn man das, was der profane Mensch 
wie eine Selbstverstandlichkeit nimmt, als hoch im Niveau uber 
einem schwebend ansieht und bedenkt, dafi man das erst erringen 
mu£, dafi man dieses Niveau erst erklimmen mufi, indem man 
dreifach bescheidener wird als der gewohnliche Mensch, dreifach 
sich erniedrigt unter das, was der gewohnliche Mensch glaubt zu 
sein, dann fangt man erst an, den Priesterberuf nach und nach in 
sich zu erfiihlen. 

Und wenn man in solcher Weise nach und nach sich selbst 
angeleitet hat, die erste Stufe zu uberwinden, so geht man an die 
zweite Stufe heran, die uns hinaufschauen lafit in die unendlichen 
Weltenweiten, und sagt sich fiir die heutige Zeit: O, wie triviaj ist 
diese Welt geworden, da die Menschheit nur triviale Vorstellun- 
gen fiir die Weltenweiten entwickelt hat. Ja, wahrhaftig, weiser als 
der weiseste Gelehrte war Stifters Grofimutter, die, gefragt nach 
dem, was die Abendrote sei, antwortete, das seien die Kleider der 
Gottesmutter, die zum Himmel herausgehangt wiirden, um geliiftet 
zu werden. - Diese bildhafte naive Vorstellung ist gegeniiber einer 
wissenschaftlichen Erkenntnis viel weiser, viel weiser als die ge- 
lehrteste Astronomic 

Das mufi man aufnehmen konnen: In den Weltenweiten wirklich 
glanzende Sterne sehen, die im Grunde doch die Augen der 
gottlich-geistigen Wesenheiten sind, die ihre Blicke zu uns Er- 
denkindern herunterwenden, weil sie ihre geistigen Hande unse- 
ren Geisthanden gereicht haben, weil wir unsere Geisthande ihren 
Geisthanden gereicht haben, da wir bei ihnen waren, bevor wir 
heruntergestiegen sind in das irdische Dasein. Nach schauen uns 
die Gotter aus den Weltenweiten, aus den Weltenhohen, um zu 
erforschen, wie wir das erfiillen, was sie veranlagt haben, wahrend 



wir unsere Geisthande ihren Geisthanden reichten. Wenn wir 
dazu kommen, moglichst viele Vorstellungen von den Hohen zu 
entwickeln und mehr und mehr die Empfindung bekommen, wie 
das Menschenwesen aus den Hohen stammt, die es im irdischen 
Bewuiksein erst wieder erklimmen muE, dann werden wir wie- 
derum eine Stufe fahiger, ein Recht zu bekommen, als Menschen 
«Mensch» zu uns zu sagen. 

Es mull erst getaucht werden das Wort Mensch in die Erden- 
tiefen, wie ich angedeutet habe, um durch dasjenige, was es im 
Eintauchen bekommen hat, in unserem Gemiit etwas zu werden, 
von dem wir sagen konnen: wir verstehen es. Und es mufi dann 
das Wort «Mensch» erst mit den aufsteigenden Wassern in die 
Hohen gesendet werden und in uns die Empfindung kommen, 
dafi wir es mit dem herabfallenden Regen wiederbekommen, 
wenn das Wort «Mensch» an sich tragen soil, was es moglich 
macht, dafi wir es in unserem Gemiit verstehen lernen. Wir miis- 
sen wirklich beginnen uns klarzumachen alles, was an Wechsel- 
wirkungen zwischen Erdentiefen und Himmelsweiten ist. Wir 
miissen lebendig folgen konnen den Dunsttropfen, die aufsteigen 
von den Waldern und Bergen. Wir miissen nicht den Glauben 
haben, dafi diese Dunsttropfen aufsteigen in eine Region, die 
gleich einer Region der Erde ist. Wir miissen jene Bescheidenheit 
entwickeln, die denjenigen Menschen fur einen Tropf ansieht, der 
einen Drachen aufsteigen lafit mit einem Thermometer oder Ba- 
rometer, um Messungen anzustellen. Man taucht ja das Ganze nur 
in irdische Vorstellungen. Wir miissen dahin kommen zu sagen: 
Wie toricht ist es, zu glauben, dafi der Blitz aus Reibung der 
Wolken entsteht, die aus Wasser sein sollen, da doch jedes Kind 
weifi, dafi man sorgfaltig alle Feuchtigkeit an einem Glasstabe mit 
trockenen Tiichern entfernt, wenn Elektrizitat entstehen soli. - 
Naturlich kommen nur Torheiten heraus, wenn der Mensch das, 
was er auf der Erde erlebt, auch in Himmelshohen erleben will, 
aus denen er aber herabgestiegen ist und mit denen er sich 
verwandt fiihlen mufi, wenn er in wiirdiger Weise sich «Mensch» 
nennen will. Wir miissen uns klar sein, wenn die Dunstwasser aus 



den Bergen und Waldern aufsteigen, dafi sie in Regionen gehen, 
wo das Wasser etwas anderes ist als hier auf der Erde, in Regio- 
nen, wo das Wasser selbst vergeistigt wird, wo es entwassert wird 
und durch geistige Vorgange hindurchgeht, so dafi es erst wieder 
materialisiert werden mufi, bis es als Regen aus geistigen Regio- 
nen herunterkommt. Wir mussen wissen, wenn wir in solche 
Regionen hinaufsteigen, dafi sie verwandt sind mit denjenigen 
Regionen, aus denen wir kommen, wenn wir aus dem vorirdischen 
Dasein in das irdische hinabsteigen. Wir mussen wissen, dafi der 
Blitz etwas ist, was in geistigen Regionen waltet und webt, und 
dafi die Vorstellung der Alten, wo der Blitz der Pfeil der Gotter 
war, weiser ist als alle Vorstellungen, welche wir uns machen. 

Wir mussen in aller Stille solche Meditationsvorstellungen auf 
dem Grunde unseres Gemiites entwickeln konnen, damit wir der 
vollkommen entgeistigten Weltkultur Fiihrer sein konnen auf 
dem Wege zum Geistigen. Wenn wir uns wenden zu der harten 
Erde, wenn wir empfinden die demantharte Erde, dann mussen 
wir uns auch wenden zum weichen, verflieftenden Wasser, das 
sich zusammenzieht in den Tiefen bis zu der engsten stofflichen 
Kleinheit, das in den H6hen weit werden und zerstauben mufi, 
das in seinem Zusammenziehen auf der Erde zum Regen wird. 
Wir mussen alle Geheimnisse dem Wasser ablauschen, alles, was 
mit dem Walten des Wassers verwandt ist, in unserem Gemut 
zusammenziehen. Wir mussen meditieren dariiber, wir mussen 
uns fragen: Wie kommt die Sonnenwarme aus den Weltenweiten 
wahrend des Sommers an die Erde heran, urn Pflanzen und 
Friichte zur Reife zu bringen? Wie senkt sich dann die Sonnen- 
warme in die Erde so, dafi der Bauer seinen Samen der Erden- 
warme im Winter anvertraut? Diese Warme ist es, die, wenn der 
Winter zu Ende geht, wieder in die Weiten des Seins geht. Diese 
Warme ist es, die in alien Gebieten des Seins, in alien kosmischen 
Verrichtungen eine Kommunion ist, ein gegenseitiges Verhaltnis 
zwischen Weltenhohen und Erdentiefen. Wir Menschen ent- 
stammen beiden. Wir mussen die Erdentiefen ergriinden, ehe wir 
in die Weltenweiten kommen. 



Indem wir mehr und mehr uns in solche Meditationen ver- 
senken, kommen wir gefuhls- und gemiitsmafiig hinein in die 
zweite Stufe, die uns das Recht gibt, das Wort «Mensch» auf uns 
anzuwenden. Wir mussen uns ein Bewuiksein dafiir erringen, 
dafi alle Sprache nur provisorisch sein kann, bis wir durch die 
dritte Stufe jene Vereinigung mit dem Sprachgenius erlangen, der 
eigentlich sonst im Unbewulken in uns spricht, wahrend wir, 
wenn wir uns zum Werkzeug des Gotteswortes machen wollen, 
eben zuerst ein Recht haben mussen, das Wort «Mensch» auf uns 
selbst anzuwenden. 

Als drittes mussen wir versuchen, die Weltenweiten zu er- 
schauen. Die aber erschauen wir, wenn fur uns Gemiitsrealitat 
wird die aufgehende und untergehende Sonne, die herauf- und 
herunterziehenden Sterne, wenn wir verstehen lernen den grofien 
Zug des Sonnenwagens, der durch die Welt geht, wenn wir im- 
stande sind, uns wirklich zu sagen, wie Ost etwas anderes ist als 
West, Siidost etwas anderes als Nordwest und so weiter. Die 
erschauen wir, wenn wir imstande sind, zu uns zu sagen: Du 
Mensch, du gehst vielleicht jetzt fiinf Schritte; damit veranderst 
du deinen Ort auf der Erdoberflache. Daft du das kannst, und die 
Tiere mit dir, das kommt daher, dafi die Krafte, die von Ost nach 
West ziehend allseitig in den Weiten und in der Horizontalen 
wirken, audi dich durchdringen, wahrend dich von unten herauf 
die Erdentiefen gestalten, die Himmelshohen dich von oben be- 
leuchten und beleben, so daft du ein auf der Erdoberflache 
wandelndes Wesen sein kannst. Die Weltenweiten, die du emp- 
finden sollst, kannst du empfinden, wenn du dir hinschauend auf 
eine entfernte Landschaft vergegenwartigst, wie die Luft mehr 
und mehr ein Reales wird. In deiner unmittelbaren Nahe ist die 
Luft durchsichtig fur dich, du siehst sie nicht; wenn du einen Berg 
anschaust, so konntest du die Luft mit malen, weil sie sich wie 
tauig iiber die Flache legt; schaust du die Luft in der Feme, so 
siehst du sie als Himmelsblaue. Durchdringst du empfindend das 
Luftwesen mit deinem Gefuhl, indem dir klar wird, dafi mit dieser 
Empfindung verbunden sind deine Willensaktionen, so erklimmst 



du die dritte Stufe in der Meditation, die dich zu dem Recht fiihrt, 
dich als Mensch «Mensch» zu nennen. 

Vertiefst du dich auf dieser Stufe in das Geheimnis des Atems, 
so beginnst du zu verstehen, was Luft und Weltenweiten sind, 
was in Hohen und Tiefen und in der Horizontalen wirkt, so 
erkennst du: Was in deinem Atem in dich hineinzieht, das ist das, 
was aus den Weltenweiten dich belebt; das ist das, was du in 
deinem Atem spuren mu£t. Und weiterhin mufit du in deinem 
Atem spuren, dafi in dem tiefen Durchdringen deines ganzen 
Menschenwesens in deinem Atem Kraftimpulse deines Willens 
liegen. Dann beginnst du zu verstehen: Das, was dir die Erdentie- 
fen geben an Zusammenhalt der Materie in deinem ganzen Leibe, 
das verarbeitest du unter Anwendung desjenigen, was dir als 
Anlage des Denkens die Weltenweiten geben. So wirken zusam- 
men in deinem Gesamtmenschen: 

Erdentiefen in deinem Physischen 
Weltenweiten in deinem Astralischen 
Himmelshohen in deinem Atherischen. 

So kannst du fuhlen den ganzen Kosmos in seinen Dimen- 
sionen in dir selbst. So kannst du fuhlen, wenn du hinneigst dein 
Fuhlen zu der demantenen Erde, wie du das schlafende Wesen 
bist. So kannst du fuhlen, wenn du hinauflenkst deinen Blick in 
die Himmelshohen, wie sie dich dem Schlaf der Erde entreifien, 
wie du ein traumendes Wesen bist. Aber du kannst auch fuhlen, 
wie du ein wachendes Wesen bist in den Weltenweiten. So lernst 
du allmahlich den kosmischen Menschen in deinem irdischen 
Menschen erkennen. 

So lernst du erkennen, wie du als Mensch eigentlich aus dem 
ganzen Kosmos durch die Gottheit geformt bist, durch die Gottheit 
in die Erde gestellt bist. So lernst du fuhlen dein dreifaches Hin- 
eingestelltsein in den Kosmos. So lernst du fuhlen den Vatergott aus 
den Erdentiefen wirken, dessen lebendige Tatigkeit vorzugsweise 
in der Vergangenheit gesucht werden mufi, von dem geblieben ist 
der feste Boden, auf dem wir stehen, die fest gebildeten Gestaltungen, 



die sich formen in der Welt, von dem geblieben ist alles das, was 
uns in festen Bildungen erscheint. Wir horen, indem wir uns 
meditierend in die Erdentiefen mit unserem Gemut versenken, die 
Sprache des Vatergottes aus den Erdentiefen zu uns herauftonen. 
Wir horen aus den Himmelshohen den gegenwartigen Gott zu uns 
sprechen, nur ist hier die Sprache tiefer und komplizierter als die 
Menschensprache. Dieser Gott hat aus den Himmelshohen auf die 
Erde herabsteigen und durch das Mysterium von Golgatha hin- 
durchgehen rmissen, um die Himmelssprache in unser Wort dringen 
zu lassen. Wir werden die wirkliche Kommunion des Irdischen mit 
dem Himmlischen sich darstellen sehen in dem aufsteigenden 
Wasserdunst, in dem wieder herabfallenden Regen, in der herab- 
kommenden und wieder hinausziehenden Weltenwarme. Wenn wir 
das in uns wirken lassen, so wird es sich so durchgeistigen, dafi wir 
erfuhlen den daseienden Christus in dem, was wir als heutige 
Menschen unter dem Einflufi der Himmelshohen in uns empfin- 
den. Wenn wir eingehen auf das, was aus den Weltenweiten im 
Atem uns durchzieht, wenn wir demutig unser Gefuhl darauf lenken, 
was in jedem Augenblick geschieht, wenn wir den Stoff, beherrscht 
von den Kraften der Erdentiefen, unter der Anleitung des Christus 
Jesus durch die Himmelshohen gestalten und formen fiihlen, so 
werden wir das Wirken des Heiligen Geistes als Vollendung der 
Dreifaltigkeit richtig erfuhlen und durchdringen und werden uns 
dann sagen konnen als Ergebnis unserer Meditation: 

Der Vatergott hat mir die Starke verliehen, die in meinem 
Stoffe liegt, der dicht gewordener Geist ist. 

Der Sohnesgott ist immer das vom Himmel gekommene 
Leben in mir, das wirkt und webt wie das Wasserdasein im 
Kosmos, das ein Symbolum, ein Bild dafur ist. Ich ftihle den 
Christus-Gott in allem meinem Webenden und Lebenden, 
in dem, was mich vom kleinen Kinde zum erwachsenen 
Menschen macht, was taglich in mir wachsen und wieder 
zugrundegehen mufi, damit ich als Erdenmensch ein wer- 
dendes Wesen sein kann. 



Ich fiihle den Geistgott als denjenigen, der hiniibertragt in 
die Zukunft, was aus der Vergangenheit durch den Christus 
Jesus in uns geworden ist. 

Sehen Sie, wenn wir so meditierend den Inhalt geboren haben 
fiir ein Wort, das herumflattert, das wir vorher nur provisorisch 
gebraucht haben, dann haben wir das Recht erworben, uns als 
Menschen «Mensch» zu nennen. Und wir sollten beginnen mit 
einer Anbetung des Sprachgenius, denn das ist die wahre Anbe- 
tung, was in solcher Meditation gewonnen ist. Wir sollten beginnen, 
uns nicht nur durch aufiere Menschengestalt als Menschen zu 
erweisen, sondern zu zeigen den von Gott gestalteten, von Gott 
gedachten und von Gott erfullten Menschen in unserer Sprache. 

Wenn wir durch eine solche Meditation uns zunachst fiir das 
eine Wort «Mensch» vorbereiten, so entsteht schon der Drang, 
uns dreistufig fiir manches andere Wort vorzubereiten und die 
menschliche Sprache auf der Erde in der richtigen Weise zu 
handhaben. Dann lehrt uns der Sprachgenius, wie wir lebendige 
Werkzeuge fiir das Gotteswort werden konnen, wenn wir dieses 
Gotteswort der Gemeinde gegeniiber beleben sollen. Denn das 
Gotteswort ist immer da, und was wir tun, ist eine augenblick- 
liche Belebung des immer in den spirituellen Welten waltenden 
Gotteswortes. Im Urbeginne war das Wort und es war schon im 
Urbeginne ein gottliches. Wenn wir aber nicht in der Lage sind, 
die Heiligkeit des Wortes «Mensch» fiir den Menschen zu emp- 
finden, so sind wir nicht in der rechten Weise mit der Wiirde 
ausgestattet, die uns auch in der rechten Weise den Anfang des 
Johannes-Evangeliums sagen lafit. Der Priester ist heute noch 
nicht soweit, in solcher Weise das Wort zu sagen. 

Unsere Zeit ist so, dafi von dem Priester, wenn er weiterdringen 
soil in seinem Beruf, vor alien Dingen solche Dinge erfordert 
werden. Denn was ist geblieben von den alten, aus den heiligen 
Hohen der Erde mitgeteilten Worten? Was ist geblieben von den 
Worten «Deus», «Christus», «Geist»? - Irdische Klange sind es, 
die in Dognien verhartet sind. Die Wahrheit der Worte mufi in 



uns erweckt werden, die Wahrheiten dieser Worte miissen in uns 
leben. Wir diirfen nichts versaumen, was es uns moglich macht, 
dafi die alten, verharteten und deshalb dogmatischen Worte in uns 
wiederum lebendig werden. Wir diirfen nicht mehr in der Art das 
Gotteswort drehen und bewegen, wie das in jenen alten Zeiten 
geschehen ist, in denen die katholische Kirche aus den Mysterien 
die Messe entnommen hat. 

In den alten Mysterien war der Priester noch viel bescheidener 
als der heutige Priester, wenn er so ist, wie ich es eben beschrie- 
ben habe. Der alte Priester sagte sich, er konne iiberhaupt nicht 
Mensch sein, so wie er ist. Daher wurden, bevor er sprechen durfte, 
alle diejenigen Dinge ausgefuhrt, von denen noch ein letzter Rest 
in der Raucherung enthalten ist. Durch die Raucherung, die zu 
Recht hineingekommen ist in unsere Menschenweihehandlung, 
wird angezeigt, dafi in den alten Mysterien der Priester sich durch 
aufiere Mittel in einen anderen Bewufitseinszustand versetzte, 
wodurch er sich aufier seinem Leibe fuhlte und von dem Sprach- 
genius besessen wurde, der ihn zu dem hoheren Genius fiihrte, so 
dafi der alte Priester aufier seinem Leibe das Gotteswesen erlebte. 
Kein Priester meinte, dafi er von innen die Zunge bewegen konne, 
wenn er die Gottesworte sprach; er wufite, dafi er erst aus sich 
herausgegangen sein mufke und die Zunge von aufien bewegt 
werden mulke. Das konnen wir heute nicht mehr und wir sollen 
es auch nicht mehr, aber wir sollen uns durch innere spirituelle 
Mittel, mit innerlichem Fiihlen und Wollen hinaufarbeiten zu dem 
Begreifen des Vorganges, wenn wir uns «Mensch» nennen. 

Und bedenken Sie, meine lieben Freunde, was die Menschen- 
weihehandlung unter Ihrer Handhabung wird, wenn Sie von heute 
an etwas von dem, was heute hier gesprochen worden ist, in Ihre 
Priestermeditation aufnehmen. Die Dinge konnen ja nur nach und 
nach in uns aufgenommen werden. Die Menschheit hat sich ja 
weit vom Gottlichen entfernt und mufi sich erst wieder zuriick- 
finden. Wir haben die Menschenweihehandlung in die christlich- 
religiose Erneuerungsbewegung hereingenommen zunachst wie der 
religiose Kiinstler. Heute sind wir dazu gekommen, dasjenige, was 



nur wie eine religiose Kunst zunachst aufgenommen werden mufite, 
so aufzunehmen, dafi wir in die Lage kommen, aus ihm einen 
wirklich lebendigen Organismus zu machen, so dafi die Men- 
schenweihehandlung ein Lebendiges wird und innerhalb der 
Christengemeinde immerfort so neu belebt wird bei jedem Voll- 
zuge durch jeden einzelnen, wie der physische Leib bei jeder 
Nahrungsaufnahme bei jedem einzelnen neu belebt wird. 

Das, meine lieben Freunde, miissen Sie in Ihr Gemiit aufneh- 
men, dafi die Menschenweihehandlung ein Lebendiges werden 
mufi. Dann haben Sie ein Recht, sich selbst so in das Erdenwerden 
hineinzustellen, dafi Sie mit dieser Menschenweihehandlung rich- 
tig im Erdenwerden drinnenstehen. Dann diirfen Sie sich sagen, 
was wahr ist: Wiirde diese Menschenweihehandlung auf der Erde 
nicht ausgefuhrt, so wiirde die Erde verkummern und ohne 
Nahrung bleiben. Das ware geradeso, wie wenn keine Pflanzen 
wachsen wurden. Die Pflanzen wachsen im Physischen, die Men- 
schenweihehandlung mu£ im Geistigen wachsen. Ware sie nicht 
da, so ware das auf einer hoheren Stufe dasselbe, was auf der 
physischen Erde ware, wenn keine Pflanzen wachsen wurden. Aber 
man hat erst das Recht, dies zu sagen, wenn es einem gelingt, die 
Menschenweihehandlung zu einem fortdauernden, lebendigen 
Wesen zu machen dadurch, dafi man dieses selbstgepragte Wort 
errungen hat, wie man das Wort «Mensch» im richtigen Wirken 
und Wesen und Weben innerhalb des Erdendaseins durch eine 
dreistufige innere Seelenentwickelung errungen hat. 

Dann, meine lieben Freunde, wenn Sie so fuhlen konnen, 
haben Sie auch etwas von dem erfuhlt, was ein richtiges Sich- 
hineinstellen gerade in unsere Gegenwart ist. Nachdem Sie das 
Bediirfnis hatten, nach einer gewissen Zeit sich wiederum zu 
versammeln, mufke ich Ihnen dies sagen, denn es gehort zur 
ganzen Entwickelung der christlichen Gemeinschaft. Und so 
haben Sie wieder ein Lebendiges in sich aufgenommen, das be- 
lebend auf Sie selbst wirken kann. Ich mochte, das das Heutige 
recht innig aufgenommen werde. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 14. Juli 1923 



Ja, meine lieben Freunde, ich mochte zur Erganzung des Gesta- 
gen nur noch etwas sagen, was ich eigentlich schon gestern habe 
vorbringen wollen, aber die Zeit war zu kurz. Es handelt sich 
darum, gerade bei dieser Gelegenheit einmal hinzuweisen auf 
das Verhaltnis, das wir allmahlich zur Bibel gewinnen miissen. 
Die Bibel, namentlich das Neue Testament, ist ja ein Dokument, 
das wir wieder lernen miissen als eine Art iibersinnlicher Offen- 
barung aufzufassen, nicht im dogmatischen Sinne, sondern indem 
man sich zu der Erkenntnis durchringt, dafi die religiosen Doku- 
mente, wenn sie aus der Zeit bis etwa in das vierte nachchrist- 
liche Jahrhundert hinein stammen, nicht allein menschlichen Ur- 
sprungs sind, sondern durchaus hineinergossen wurden in ein 
Menschheitsbewufitsein, das von sich aus noch nicht hatte die 
betreffenden Erkenntnisse haben konnen. Ich mochte sagen, Sie 
brauchen die Sache nur bis zu diesem Punkte zu nehmen, dafi 
die Menschheit eben ausgeht von einer Art atavistischen, in- 
stinktiven Bewulkseins, in das Bilder der mannigfaltigsten Art 
iiber die hochsten geistigen Dinge und Vorgange hineinfallen 
konnten; aber das, was diese Bilder tragt, ist nicht etwas, was 
aus dem menschlichen Bewufitsein selbst konzipiert, gestaltet sein 
konnte. 

Und so ist es gekommen, dafi gerade in der Zeit, als der In- 
tellektualismus mafigebend wurde, die religiosen Dokumente in 
vieler Beziehung ja mifiverstanden worden sind. Es wurde an sie 
herangegangen mit dem intellektualistischen Denken, und es war 
im Grunde genommen ganz naturlich, dafi bei allem guten Willen 
da zunachst Mifiverstandnisse eintreten mulken. So ist es ge- 
kommen, dafi die gegenwartig vorliegenden Texte, wenn sie in 
den heute ublichen Landessprachen geschrieben sind, ja nicht die 
ursprunglichen Dokumente wiedergeben, weil die Landesspra- 
chen aus einer Intellektualitat heraus gearbeitet haben, die dem 



ganzen urspriinglichen Elemente, das in den religiosen Dokumen- 
ten enthalten war, etwas Fremdes ist. 

Wenn zuriickgegangen wird auf die Grundsprache der religio- 
sen Dokumente, insbesondere auf das Neue Testament, so liegt 
auch das vor, dafi diese Grundsprache mit der heutigen Seelen- 
verfassung nicht mehr in der rechten Weise empfunden wird. Und 
so ist wirklich eine Art Unwahrhaftigkeitselement in die Auffas- 
sung der religiosen Urkunden, auch des Neuen Testamentes, 
hineingekommen. Man darf gar nicht hoffen, daf$ ein Fortsetzen 
von Ubersetzungen in dem Sinne, wie sie bisher gepflogen wor- 
den sind, zu etwas Besserem fuhren kann, sondern es mufi sich 
darum handeln, erst die Vorbedingungen zu finden, um in einer 
Art Wiederauferweckung der alten Geistigkeit den Sinn der reli- 
giosen Dokumente wirklich zu erfassen. Das konnen wir, das 
kann im Grunde jeder, der sich die notige Miihe gibt, die heute 
erforschbaren geisteswissenschaftlichen Tatsachen, sagen wir zu- 
nachst auf das Neue Testament anzuwenden. 

Davon mochte ich nur eine kleine Probe geben, und zwar von 
einer der wichtigsten Stellen des Neuen Testamentes. Ich mochte 
vorher nur betonen, daft ja die Darstellungen des Neuen Testa- 
mentes sich beziehen auf eine historische Tatsache, dafi die Dar- 
stellungen des Neuen Testamentes sich nur verstehen lassen, wenn 
man sich dariiber klar ist, dafi die Tatsache des Mysteriums von 
Golgatha sich ganz hineinstellte in die iibrige geschichtliche 
Entwickelung der Menschheit, aber als eine solche Tatsache, die 
herausfallt aus den iibrigen Gesetzen der Menschheit. Das Myste- 
rium von Golgatha ist eine ganz singulare Tatsache, die nicht aus 
den historischen Untergriinden heraus zu verstehen gesucht werden 
soil, sondern die an sich und fur sich begriffen werden soli. Dann, 
wenn man diese, ich mochte sagen uberhistorische Tatsache, diese 
kosmische Tatsache nun in Zusammenhang bringt mit demjeni- 
gen, was man geisteswissenschaftlich iiber die Entwickelung der 
Menschheit kennenlernen kann, dann beginnt man eigentlich erst 
den tiefen Sinn der Worte, der Satzpragung des Neuen Testamentes 
zu erfassen. Wenn man das nicht tut, kommt ein zu starker Ton 



des Trivialen in das Neue Testament hinein. Wir brauchen uns 
nur an mancherlei zu erinnern, was aus dem Bestreben hervorge- 
gangen ist, die Bibel moglichst so aufzufassen, dafi man iiberhaupt 
zu ihrer Erfassung keiner Vorbereitung bedarf und sagt, man fasse 
sie einfaltig, primitiv auf . Man braucht sich nur dieser Tatsache zu 
erinnern, um zu ermessen, wie stark die Abneigung war, das Neue 
Testament in seiner vollen Tiefe zu erkennen. 

Bedenken Sie, meine lieben Freunde, daft das Mysterium von 
Golgatha, im richtigen Sinne genommen, als ein fur die Erde be- 
stimmter Gnadenakt aus hoheren geistigen Welten sich vollzo- 
gen hat in einer bestimmten Zeit, in der ein gewisser Teil der 
Menschheit iibergegangen ist von einem vorher entwickelten Be- 
wufitseinszustand in einen nachherigen. Die Zeit des Mysteriums 
von Golgatha fallt ganz damit zusammen, dafi die Menschheit als 
sich fortentwickelnde Wesenschaft aufsteigt zu dem Erleben der 
inneren Ich-Tatsache. Das Ich kommt allmahlich in der Menschheit 
herauf in der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha fallt. Nicht 
diirfen wir einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Tat- 
sachen suchen, sei es einen kausalen oder einen sonstigen Zusam- 
menhang. Wir konnen nur einen solchen Zusammenhang sehen, 
wie es etwa derjenige ist, wenn irgend jemand sieht, wie etwas 
sich abspielt, und dazu etwas aus vollig freiem Willen tut. Das 
Mysterium von Golgatha kommt als eine Tatsache kosmischer 
Freiheit zu dem hinzu, was sich innerhalb der Menschheitsent- 
wickelung so ergeben hat, dafi das Ichbewufitsein auftaucht. Nun, 
Sie kennen ja die iibrigen wichtigen Tatsachen, die mit diesem 
Heraufkommen des Ichbewufitseins verkniipft sind. Aber nun 
kommt etwas Besonderes hinzu. Es ist notwendig zu wissen, dafi 
diesem Sicheingliedern des Ichbewufitseins in die sich entwickeln- 
de Menschheit vorangegangen ist ein Zustand, wo der Mensch bei 
jeder Gelegenheit seines Erlebens im Bewufitsein heraufgeschaut 
hat zu den Gottern, oder, wo Monotheismus war, zu demjenigen 
Gott, der uns dann geblieben ist in der Vorstellung des Vatergot- 
tes. Solange wir in der Vorstellung des Vatergottes stehen, ist diese 
Vorstellung damit zu erfullen, dafi wir sagen: Wenn der Mensch 



auf der Erde sich als Ich-Wesenheit bewufit ist, so fiih.lt er das, 
was in seinem Ich liegt, als das Hereinwirken des Vatergottes in 
seine Seele. Der Vatergott traufelt gewissermafien einen Tropfen 
seines eigenen Wesens, der aber im Zusammenhang bleibt mit 
dem ganzen Meere der Geistigkeit des Vatergottes, in die Wesen- 
heit des einzelnen Menschen, und der einzelne Mensch kann sich 
dann sagen: Es lebt in mir der Vatergott, es lebt die ganze Fiille 
des Vatergottes in mir. Aber es lebt die ganze Menschheit in dem 
Durchdrungensein mit der Wesenheit des Vatergottes. Dies als ein 
Gegenwartiges zu erleben, das heifit, sich zu sagen: Ich bin!, das 
ist: Der Vatergott ist in mir. - Dies als Gegenwartiges zu erleben, 
wurde der Menschheit allmahlich unmoglich. Sie mufite zu einem 
eigenen Ich kommen, das aus dem eigenen Bewufitsein heraus der 
Form nach produktiv ist. Und dieses Produktive des eigenen Ichs 
war im Zusammenhange mit der ganzen kosmisch-geistigen Welt 
nur moglich, wenn sich der einzelne Mensch mit dem Christus 
identifizierte, also mit dem Sohnesgott. 

Was kann man also sagen uber das Verhaltnis der Christus- 
begnadeten Menschheit zu der noch nicht mit Christus begna- 
deten Menschheit? Wenn die noch nicht mit dem Christus begna- 
dete Menschheit zuriicksah auf das Bewufitsein, also auf die 
eigene Wesenheit der Seele, konnte sie dann sagen: Ich bin als 
einzelner mit dem Ich begabt? - Nein, die Seele konnte sich nur 
sagen: In mir lebt der Vatergott, und dafi er in mir lebt, das 
bewirkt, daft ich zu mir Ich sagen kann. - Der einzelne war noch 
nicht vollkommen individualisiert, der einzelne war ein Kind des 
Vatergottes, aber so, dafi das Kind gewissermafien noch durch 
eine Art Nabelschnur zusammenhing mit dem Vater. Das aber, 
was die Seele haben konnte, wenn sie sich dieses ihres gottlichen 
Inhaltes bewufit wurde, konnte sie nachher nicht mehr haben. 
Und die Christus-begnadete Menschheit bekam das so, daft jeder 
aus seinem einzelnen Seelenwesen heraus in sein Ich diese Sub- 
stanz aufnehmen konnte. 

So brachte der Christus den Menschen auf Erden dasselbe, was 
der Menschheit auf Erden der Vatergott gegeben hat, aber er 



brachte es auf eine neue Weise, so da$ jeder es nun mit seinem aus 
sich selbst herausquellenden Ich verbinden konnte. Und so konn- 
te der Christus der Menschheit sagen: Ich bringe euch, was ihr 
gewohnt seid, aus dem Logos zu erkennen, aber ich bringe es 
euch auf eine neue Weise. Ich bringe es euch so, dafi der Vatergott 
mir das iibergeben hat, was er euch vorher direkt gegeben hat, 
aber fur einen anderen Bewufitseinszustand. Als sein Gesandter 
bringe ich euch den Schatz des Vaters, fur jedes einzelne Be- 
wufitsein von euch, fur jede einzelne Individuality von euch. Ich 
will euch nicht mehr nur zu Menschen machen, die gewissermafien 
em Glied im ganzen Kosmos sind, ich will vermoge der Vollmacht, 
die mir der Vatergott gegeben hat, jeden einzelnen von euch, 
wenn er kommen will, zu einem gotterfullten Menschen machen. 
Diejenigen, die so der Vatergott mir iibergibt als einzelne, die 
erfiille ich mit dem Gottes-Bewufitsein. 

Dafi also die Art, wie das Gottes-Bewufksein zu den Menschen 
kommen sollte, eine andere ist als sie fruher war, das ist das We- 
sentliche des Mysteriums von Golgatha. Daher ist es auch so, dafi 
die Worte des Evangeliums durch das Mysterium von Golgatha 
einen ganz anderen Sinn bekommen. Es ist zum Beispiel durchaus 
moglich, von dem Inhalt des Vaterunsers einzelne Teile in friiheren 
Entwickelungsstadien der Menschheit nachzuweisen. Aber auf den 
Inhalt kommt es in diesem Fall nicht an, sondern darauf, dafi in 
anderer, in neuer Weise der mit dem Ichbewufksein erfullten Seele 
das Vaterunser mit denselben Worten, mit denselben Satzen ge- 
geben wird. Dieses Hineindringen in die geistigen Krafte der Ge- 
schichte wird uns wiederum moglich, wenn wir selbst geistig for- 
schen konnen. Das ist es, was uns zuriickbringt zu dem urspriing- 
lichen Sinn der Evangelien. Dieser urspriingliche Sinn mufi heute 
herauskommen. Die Menschheit darf nicht weiter mit mifiverstan- 
denen, das heifit mit nicht hoch genug genommenen Evangelien- 
[iibersetzungen] abgespeist werden. Man mufi sich schon iiber- 
winden, die Sadie so auf zuf assen, daft man sich emmal f ragt: Karm 
man, wenn man ganz ehrlich ist in seiner Seele, heute noch einen 
Sinn empfinden bei den Worten in Johannes 17, Vers 1 bis 9? 



Nun, meine lieben Freunde, dariiber kann allerlei gesagt und 
nachgesagt werden, wenn man iiber die Tatsache hinweggehen 
will, daft damit nicht wirklich in deutlicher Weise ein Sinn getrof- 
fen wird. Auf kiinstliche Art [des Kommentierens] laftt sich mit 
dieser Rede kein Sinn verbinden. Eigentlich nur durch den Glauben 
laftt sich damit ein Sinn verbinden. Denn auf etwas Reales stoftt 
man nicht, wenn man diese Satze [in einer der iiblichen Uber- 
setzungen] vor sich hat. Dagegen wenn man den Versuch macht, 
mit Empfindung des [urspninglichen] Textes ganz wortlich den 
Text in deutscher Sprache wiederzugeben, so kommt ein tieferer 
Sinn hinein, und man darf nicht, man kann gar nicht sagen, wenn 
man ehrlich ist mit sich selbst, es ware dadurch der einfaltige Sinn 
dieser Rede, der fur jedes gewdhnliche menschliche Gemiit ver- 
standlich sei, kiinstlich kommentiert worden. Man kommt nam- 
lich darauf, daft dieser vertieftere Sinn wirklich der urspriingliche 
ist, und von dieser Tatsache mulS man ausgehen. 

Es mag ja dem heutigen Menschen lieber sein, daft man einen 
solchen Sinn im Evangelium nicht zu suchen habe. Aber man 
kommt nicht uber die Tatsache hinweg, daft dieser tiefere Sinn 
eben doch darinnen ist und wir ihn eben herausholen mussen. Wir 
konnen nicht anders. Es ware eine subjektive Phantasie, wenn wir 
sagen wollten: Interpretiert nichts in das Evangelium hinein, wir 
wollen bei seinem einfaltigen Inhalt bleiben. - Das ist eben das 
Interpretieren. Wenn wir einfach zu dem Sinn zuriickgehen, der 
in ganz michterner Weise da ist, so kann ich nicht anders, als ihn 
etwa in der folgenden Weise wiedergeben: 

Nachdem Jesus dieses geredet hatte, erhob er seine Augen 
zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen, 
offenbare es Deinem Sohne, auf daft Dein Sohn es von Dir 

offenbare, wie Du ihrn Macht liber alles Fleisch gegeben 
hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das dauernde 
Leben gebe. Das aber ist das dauernde Leben, daft sie Dich 

als den einzig wahren Gott erkennen und Jesus Christus als 
den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden geoffenbaret, um 



zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu tun auferlegt 
hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Offenbarung, 
die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich habe 
[Dich] zur Erscheinung gebracht fur die Menschen, welche 
Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und 
Du gabst sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfiillt 
geblieben. 

So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast, 
aus Dir ist. Denn die Gedankenkrafte, die Du mir gegeben 
hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen 
verbunden und durchschaut, dafi ich von Dir komme und 
eingesehen, dafi Du mich ihnen gegeben hast. Fur sie als 
einzelne Menschen, nicht fur die Menschen im Allgemeinen, 
bitte ich bei Dir, nur fur die Menschen, die Du mir gegeben 
hast, weil sie durch Dich sind. - 

Nun liegt in der ganzen Darstellung dasjenige, was ich Ihnen 
vorher gesagt habe, und es ist nichts anderes, meine lieben Freunde, 
als dafi die geistigen Entwickelungstatsachen der Menschheit in 
den Evangelien wiedergegeben sind. Man kann die Evangelien 
eben gerade in ihrer Richtigkeit finden, wenn man auf die geisti- 
gen Tatsachen darin gekommen ist. Und damit entsteht eben das 
Bewufitsein, das, ich mochte sagen, das richtige Licht zu werfen 
vermag auf die Worte. Nicht wahr, es ist ganz gewifi von mir 
nicht die Sucht, eine eitle Kritik zu iiben, wenn ich sage, es ist 
nicht moglich, das Wort zu sagen: «Vater, die Stunde ist hie, 
dafi Du Deinen Sohn verklarest, auf dafi Dich Dein Sohn auch 
verklare.» - Wenn man ehrlich ist, mufi man sagen: Damit ist 
eigentlich gar nichts gesagt, wenigstens nicht von der Art, dafi 
man einen mit dem menschlichen Herzen ergreifbaren Sinn dar- 
innen haben konnte. Dagegen kommt selbstverstandlich ein rich- 
tiger Sinn heraus, wenn man nach dem griechischen Texte sagt: 
«Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es Deinem Sohne ...» 
- also die Bitte an den Vater, er solle dem Sohne offenbaren. Die 
8ocja ist keine Verklarung, die 8o^a ist ein Offenbaren, ein 



Bekanntgeben, ein Zur-Erkenntnis-Bringen, und so ist es hier 
gemeint: «... auf daft Dein Sohn es von Dir offenbare.» Die 
Vermittlung des Vater-Inhaltes durch die Kraft des Sohnes kommt 
da in den Worten unmittelbar zum Ausdruck in naiver Anschau- 
ung. Vorher hatten die Menschen auf die geschilderte Art die 
Substanz des Vatergottes in sich. Nun hat der Vatergott den Sohn 
dazu gebracht, daft der Sohn den Inhalt an die Menschheit ver- 
mittelt. Das steht wirklich da und es ist gar nicht zu leugnen, daft 
es da steht: «... wie Du ihm Macht liber alles Fleisch gegeben 
hast ...» - der Ausdruck «Fleisch» ist schwer zu iibersetzen, da 
er falsch verstanden wird durch die gewohnliche Sprache. Eigentlich 
miiftte man sagen: «... wie Du ihm Macht iiber alle Menschen- 
leiber gegeben hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das 
dauernde Leben verleihe.» - Wenn man bedenkt, daft ja die 
Tatsache vorliegt, daft friiher die menschlichen Leiber so waren, 
daft sie von der urspriinglichen Bewufttheit erfaftt wurden, die 
noch gotterfullt war und damit das dauernde Leben bekamen, so 
sieht man ein, daft, weil jetzt nicht mehr das Bewufitsein von der 
Kraft erfullt ist, die Leiber in die Seele nichts zuriickreflektieren 
konnen, was dauerndes Leben verleiht. Darum ist der Christus 
der Menschheit gesandt worden. «Das aber ist das dauernde 
Leben, daft sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen und 
Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden 
geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu 
tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Of- 
fenbarung, die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich 
habe [Dich] zur Erscheinung gebracht fur die Menschen, welche 
Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und Du gabst 
sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfullt geblieben.» 

Christus Jesus hat bewirkt, daft das Wort nicht erstorben ist in 
den Menschen, daft der vaterliche Substanzinhalt den Menschen 
geblieben ist. Wenn das Mysterium von Golgatha nicht gewesen 
ware, so hatten die Menschen ihren Inhalt vergessen. Der Vater 
ware vergessen worden, wenn der Sohn nicht die Gegenwart des 
Vaters aufrechterhalten hatte. «So haben sie erkannt, wie alles, 



was Du mir gegeben hast, aus Dir ist. Denn die Gedankenkrafte, 
die Du mir gegeben hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben 
sich mit ihnen verbunden und durchschaut, daft ich von Dir 
komrae und eingesehen, daft Du mich ihnen gegeben hast. Fur sie 
als einzelne Menschen, nicht fur die Menschen im Allgemeinen, 
bitte ich bei Dir, nur fur die Menschen, die Du mir gegeben hast, 
weil sie durch Dich sind.» - Ich setze hierher «fur die Menschen 
im Allgemeinen» statt «fur die Welt». - Das wird nicht mehr 
verstanden. Es ist eben auf dieses geistige Verbundensein hinge- 
wiesen, was damals gangbare Vorstellung war: Fur sie als einzelne 
Menschen, nicht nur fur die Menschen im allgemeinen. 

Wahrhaftig, das Neue Testament wird dadurch, daft man sei- 
nen Inhalt ergreift, nicht weniger schon, groft und erhaben. Das 
gehort auch zum richtigen Sichhineinstellen in die Gegenwart, in 
das geistige Leben der Gegenwart, in eine religiose Bewegung 
der Gegenwart, daft man einfach wieder zuriickgeht zu der Wirk- 
lichkeit im Evangelium. Wie oft ist die Forderung aufgetaucht, 
man miiftte wieder zu dem urspriinglichen Christentum zuriick- 
kehren. Das scheiterte eben daran, daft man nicht erreichen konnte 
darauf auszugehen, den Logos in seiner Urbedeutung zu ergreifen 
und sich wieder und wieder mit der menschlichen Bequemlichkeit 
trostete, daft man die Evangelien eben mehr in dem einfaltigen 
Inhalte hinnehmen miisse. Aber der einfache Inhalt wiirde ja nicht 
mehr verwischt werden, wenn man einfach auf das eingeht, was 
dasteht. Wir diirfen nicht vergessen, meine lieben Freunde, daft 
die Worte ja im Laufe der Zeit ihre Gefuhlswerte wesentlich 
andern. Es ist nicht moglich, einfach lexikographisch ein Wort aus 
einer alten Sprache heriiberzunehmen. Schon wenn man jetzt in 
der Gegenwart etwas einfach lexikographisch iibersetzt, bekommt 
man ganz andere Inhalte heraus. Das ist noch mehr der Fall, wenn 
man Dinge der Vergangenheit iibersetzt. Es kommt ja nicht dar- 
auf an, den Gefiihlswert, der in der Gegenwart bei einem Worte 
da ist, unmittelbar an das anzulehnen, was im Wortlaute des alten 
Wortes liegt, sondern die Aufgabe ist die, zuriickzugehen zu dem 
Gefuhlsinhalte des alten Wortlautes. Da konnen wir uberall im 



Neuen Testament die Tatsache finden, dafi die Evangelien ge- 
sprochen sind zu einer Zeit, als die Offenbarung desjenigen, was 
vom geistigen Kosmos aus Gnade fiir die Menschheit geschehen 
ist, aus dem noch nicht voll entwickelten Ichbewufksein in das 
vollentwickelte Bewufitsein der Ichheit ubergegangen ist. Alle 
ubrigen Tatsachen miissen nach dieser Grundtatsache beurteilt 
werden. Man darf nicht bei Vorurteilen stehenbleiben und sagen, 
die Jiinger, die als einfache Menschen aus den niedersten Stan- 
den hervorgegangen sind, konnten einen solchen Sinn nicht erfas- 
sen. - Wenn der Sinn der Evangelien einfach aufzufassen ist, 
so miissen wir andererseits die wunderbare Tatsache enthullen: 
Wie sind diese einfachen Menschen dazu gekommen, den Evan- 
gelien diesen tiefen Sinn zu geben? - Das ist viel geistiger, als 
wenn man sagt, diese einfachen, aus dem Volke hervorgegange- 
nen Menschen hatten einen solchen Sinn gar nicht erfassen 
konnen. Eine solche Auffassung beruht auf einem anderen Vor- 
urteil. 

Ich weifi nicht, ob Sie es erlebt haben - vielleicht die Alteren 
unter Ihnen. Wenn Sie vor vierzig Jahren mit einem liebenden 
Herzen unter das Landvolk gegangen sind, dann konnte man die 
folgende Erfahrung machen. Man ging als Gebildeter hinaus, als 
ungeheuer gescheit sich Fiihlender, und sprach mit den Leuten 
iiber das, was man gelernt hatte. Da konnten sie nicht mit. Aber 
ging man mit ihnen mit, so entdeckte man unter diesen einfachen 
Leuten eine ungeheuer tiefe Weisheit, die das iiberstrahlte, was 
man selbst mitgebracht hatte. Die Weisheit der naiven Leute ist 
namlich eine tiefere als die der Gebildeten. Die Theorie von der 
Einfaltigkeit des primitiven Menschen ist eben eine Theorie der 
intellektualistisch Gebildeten. Was zum Beispiel Jakob Bohme ge- 
meint hat mit manchen seiner Satze, das konnte man vor vierzig 
Jahren noch eher von manchem Krautersammler lernen als heute 
im Universitatskolleg. Das ist nicht zu leugnen. Und wie treu 
manchmal alte Texte wiedergegeben werden, davon wird Ihnen 
Herr Professor Beckh ein Lied singen konnen in bezug auf 
Sanskrit und andere orientaiische Texte. Man wird nicht zu weit 



gehen, wenn man sagt: Was in der indischen Philosophic enthal- 
ten ist, das ist nicht wiederzuerkennen in den Ubersetzungen, die 
zum Beispiel Deufien gemacht hat, weil man, wenn man auf den 
urspriinglichen menschlichen Inhalt der Sache gehen will, das, 
was in Deufiens Ubersetzungen steht, einfach wie blofie Wort- 
zusammensetzungen, wie blofie Worthiilsen empfindet, in die 
man iiberhaupt keinen Sinn mehr hineinbringt. Diese Dinge sind 
ungeheuer ernst und hangen mit tiefernsten Fragen unserer Zeit 
zusammen. Deshalb wollte ich wirklich nicht versaumen, unsere 
Zusammenkunft noch mit dieser Betrachtung zu beschliefien, weil 
ich glaube, dafi sie Sie hinweisen kann auf etwas, was gerade im 
gegenwartigen Augenblicke notwendig ist. 

Ich hoffe, dafi sich das erfullen kann, wovon ich gestern sprach, 
dafi fur die religiose Bewegung die Menschenweihehandlung die 
tiefste und fortdauernde Tatsache sein wird, dafi sie nicht blofi 
bildhaft ist, sondern ein Lebendiges werden mufi, das sich fort- 
entwickelt, wie das Leben sich fortentwickelt, und das fahig 
bleibt, immer neu und reicher zu werden. Und ich hoffe, dafi wir 
zusammenarbeiten konnen an dieser lebendigen Fortentwickelung 
desjenigen, was wir ja so hoffnungsvoll begonnen haben. 

Werner Klein spricht im Schlufiwort den Wunsch aus, dafi der gute Wille 
zur Arbeit so stark bleiben wird, dafi man libers Jahr sich wieder versam- 
meln kann und den Rat Dr. Steiners erbitten darf. 

Rudolf Steiner: Wir wollen es hoffen und in unseren Herzen so 
halten. 



RUDOLF STEINER 
ORIGINALHANDSCHRIFTEN 



VERZEICHNIS DER ORIGINALHANDSCHRIFTEN 

RUDOLF STEINERS 

(mit Archivnummern) 



Es nahet mir im Erdenwirken (31. Dezember 1922) 

NB 21 GA 219 

(besprochen am 12. Juli 1923. Faksimile in der 6. Auflage 
(1994) des Bandes «Das Verhaltnis der Sternenwelt zum 
Menschen und des Menschen zur Sternenwelt», GA 219) 

Joh. 17, 1-9: Nachdem Jesus dieses geredet hatte 
(besprochen am 14. Juli 1923) 

NZ 3479 74- 75 

Episteln: 

Adventzeit (gegeben Oktober 1923) 

NZ 3547-3549 76- 81 

Weihnachten (gegeben Dezember 1922) 

NZ 3585-3588 82- 89 

Epiphanie (gegeben Januar 1924) 
NZ 3550-3551 90- 93 

Passionswochen, Charwoche, Ostertage (gegeben Februar 1923) 
NZ 3571-3577 94-107 

Himmelfahrt und Pfingsten (gegeben September 1923) 
NZ 3559-3561 108-115 

Johanni (gegeben 12. Junil924) 

NZ 3552-3554 116-121 

Michaeli (gegeben September 1923 

NZ 3559-3561 122-127 

Kinderbegrabnis (gegeben Marz 1923) 

NZ 3578-3584 128-141 

Totenweihehandlung (gegeben Marz 1923) 

NZ 3523-3524 142-145 



Trauung (gegeben Friihjahr 1922 an Pastor Wilhelm Ruhtenberg) 

NZ 4964-4969 146-157 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 3 45 Seite: 7 5 



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Episteln fiir Weihnachten 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:34S Seite:88 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:89 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 345 Seite: 9 4 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:103 



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Episteln fur Christi Himmelfahrt und Pfingsten 
(Die Zusatze in anderer Handschrift sind von Emil Bock) 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:113 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:115 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:118 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:120 



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Copyright Rudolf Sietner Nachlass-Verwaitung Buch:345 Seite:128 



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Copyright Rudolf Steiner Nachfass-Verwaltung Buch: 345 Seite: 1 3 2 




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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:345 Seite:150 



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Copyright Rudolf Steiner Nachiass-Verwaltung Buch:34S Seite:152 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 34 5 Seite: 156 



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HINWEISE 



Textunterlagen 

Die Vortrage wurden von Karl Lehofer mitstenographiert. Dem Druck der 
Vortrage liegt die von ihm erstellte Klartextiibertragung zugrunde. Uber die 
Zuverlassigkeit seiner Nachschriften siehe «Notwendige Bemerkungen zur 
Qualitat der Nachschriften» in Band I der Reihe « Vortrage und Kurse uber 
christlich-religioses Wirken», GA 342, Seiten 239-241. 



Hinweise zum Text 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Obersicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

11 Worte ... [von Herrn Dr. Rittelmeyer]: Friedrich Rittelmeyer (1872-1938), 
erster Erzoberlenker der Christengemeinschaft. 

wie wir vor kurzem eines der dltesten Mitglieder unserer anthroposophischen 
Bewegung, Hermann Linde, zur Eindscherung fiihren konnten: Siehe die An- 
sprache Rudolf Steiners bei der Kremation von Hermann Linde in Basel, am 29. 
Juni 1923, enthalten im Band «Unsere Toten», GA 261. Hermann Linde (1863- 
1923) war Kunstmaler, seit 1906 Mitglied der Theosophischen bezw. 
Anthroposophischen Gesellschaft. Er war mit tatig bei der kunstlerischen Ge- 
staltung der Miinchner Auffuhrungen von Rudolf Steiners Mysteriendramen, 
war Mitbegrunder und 2. Vorsitzender des Johannesbau-Vereins und wirkte 
aktiv bei der malerischen Ausgestaltung des ersten Goetheanums mit. 

13 «Dreizehnlinden»: Epos von Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894), Paderborn 
1878, war seinerzeit in uber 200 Auflagen verbreitet. 

17 ist der zundende Funke gelegt worden: Der Brand des ersten Goetheanums in 
der Silvesternacht 1922/1923 wurde zuerst im sogenannten «Weifien Saal» 
bemerkt, in welchem im September 1922 die Zusammenkiinfte der Begriinder 
der Christengemeinschaft stattgefunden hatten. 

24 Ernst Curtius (1814-1896), Altertumsforscher; seine in Berlin als Professor 
eloquentiae gehaltenen Festreden erschienen unter dem Titel «Altertum und 
Gegenwart», 3 Bande, Berlin 1875-1889. 

27 Kusspruch des Astronomen: Der franzosische Astronom und Mathematiker Pierre 
Simon de Laplace (1749-1827), von Napoleon gefragt, warum denn in seinen 
Schriften niemals die Rede von Gott sei 5 gab die Antwort: «Sire, je n'ai jamais 
eu besoin de cet hypothese.» (Aus: «Die Dogmatiker der Naturwissenschaft 
oder Materie contra Geist» von Hermann Klingebeil, Berlin 1906 ). 

29 den gestrigen Vorlrag: Vortrag fur Mitglieder der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft, Stuttgart, 11. Juli 1923, enthalten in «Die menschliche Seele in ihrem 



1 W 



Zusammenhang mit gottlich-geistigen Individualitaten. Die Verinnerlichung der 
Jahresfeste», GA 224. 

37 Bericht uber die Delegiertenversammlung vom Februar 1923: In dem in Dorn- 
ach am 3. Marz 1923 gegebenen Bericht liber die Delegiertenversammlung vom 
27. Februar 1923, enthalten im Band «Anthroposophische Gemeinschaftsbil- 
dung», GA 257. Siehe auch «Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der 
Anthroposophischen Gesellschaft», GA 259. 

40 wie ich das schon ausgesprochen babe ..: Das Denken ist eine Kommunion des 
Menschen.: «Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre 
Kommunion des Menschen. » Rudolf Steiner 1887 in der Einleitung zum 2. 
Band der Kurschnerschen Ausgabe von «Goethes Naturwissenschaftlichen 
Schriften», in GA 1, Seite 126. 

41 Mein damaliger Vortrag: Der Dornacher Vortrag vom 30. Dezember 1922, 
enthalten im Band «Das Verhaltnis der Sternenwelt zum Menschen und des 
Menschen zur Sternenwelt. Die geistige Kommunion der Menschheit», GA 219. 

wenn man sagt, man konne nicht zu anthroposophischem Verstandnis [des 
ChristusJ kommen: In der vom Stenographen iiberlieferten Fassung ist dieser 
Satz nicht ganz verstandiich, er wurde deshalb erganzt durch die Worte «des 
Christus». Diese Erganzung stiitzt sich auf einen Brief von Professor Hans 
Wohlbold an Rudolf Steiner vom 2. Dezember 1922, in welchem er schreibt, 
dafi ein Miinchner Priester der Christengemeinschaft erklart habe, «dafi man 
sich durch Fernbleiben von der Gemeinde daran schuldig mache, dafi Christus 
nicht im Atherleibe erscheinen konne und dafi denen, die nur Anthroposophen 
seien, der Weg zum Christus iiberhaupt verschlossen bliebe*. 

51 Stifters Grofimutter: Ursula Stifter, geb. Kary (1756-1836). Adalbert Stifter hat 
ihr in der Gestalt der Grofimutter in seiner Erzahlung «Das Heidedorf » (Studien, 
Band 1, 1844) ein Denkmal gesetzt. Vgl. auch Rudolf Steiners Dornacher Vortrag 
vom 8. Juni 1923 in «Das Kiinstlerische in seiner Weltmission», GA 276. 

69 Hermann Beckh, 1875-1937, Indologe und Sanksritforscher, war Professor fur 
alte Sprachen, speziell des Himalaya-Gebietes und hatte viele Ubersetzungen 
aus alten Schriften gemacht. 

70 in den Ubersetzungen, die zum Beispiel Deuften gemacht bat: Paul Deufien 
(1845-1919), seit 1879 Philosophieprofessor in Kiel, iibersetzte vor allem aus 
den Veden. 



NAMENREGISTER 

(* = ohne Namensnennung) 

Die Kursteilnehmer sind kursiv gesetzt 



Beckh, Hermann 69f. 
Bock, Emit 43 
Bohme, Jakob 39, 69 

Curtius, Ernst 24 

Deufien, Paul 70 

Goethe, Johann Wolfgang von 14 

Klein, Johannes Werner 70 

Laplace, Pierre Simon Marquis de 27 
Linde, Herrmann 11 

Rittelmeyer, Friedrich 11, 25, 41, 43 

Stifter, Ursula 51 

Weber, Friedrich Wilhelm 13 



Steiner, Rudolf 
Werke: 

Einleitung zum 2. Band der Kvirsch- 
nerschen Ausgabe von Goethes 
Naturwissenschaftlichen Schriften 
1887 (GA lb) 40 

Vortrdge: 

30. und 31. Dezember 1922 in «Das 
Verhaltnis der Sternenwelt zum 
Menschen und des Menschen zur 
Sternenwelt. Die geistige Koramu- 
nion der Menschheit» (GA 219) 
41 

3. Marz 1923 in «Anthroposophische 
Gemeinschaftsbildung» (GA 257) 
37 

11. Juli 1923 in «Die menschliche 
Seele in ihrem Zusammenhang 
mit gottlich-geistigen Individuali- 
ties (GA 224) 29 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 



Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver- 
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi- 
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei 
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - 
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir 
ware es am liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miind- 
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den 
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, 
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung 
«Nur fur Mitglieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr 
als einem Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke 
in das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen 
will, der mu& das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. 
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt- 
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in 
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der 
Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - 
wurde. 

Neben diese Forderang, die «Anthroposophie» aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Weit der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, 
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der 
Mitgliedschaft h era us als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich 
offenbarte. 



Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu 
horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in 
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an 
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, 
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt. 
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir 
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell- 
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mit- 
gliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich 
da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von 
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit- 
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann 
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen 
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die- 
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen 
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller- 
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als 
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei- 
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie 
dargestellt wird, und dessen, was als « anthroposophische Geschichte» 
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.