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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG
MIT DEM KOSMOS
Band I: Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls
16 Vortrage, Dornach 9- April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201
Band II: Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der
gottlichen Sophia
16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920
Bibl.-Nr. 202
Band III: Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten
und der Sternenwelt
18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921
Bibl.-Nr. 203
Band IV: Perspektiven der Menschheitsentwickelung
17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204
Band V: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist
Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit
in seinem Verhaltnis zur Welt
13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921
Bibl.-Nr. 205
Band VI: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist
Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen
Werdegang
11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206
Band VII: Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil:
Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen
Bereich
11 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207
Band VIII: Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil:
Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer
Wirkungen
11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921. Bibl.-Nr. 208
Band IX: Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse
Das Fest der Erscheinung Christi
11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezem-
ber 1921. Bibl.-Nr. 209
DER MENSCH IN SEINEM ZUS AM MEN HANG
MIT DEM KOSMOS
Vierter Band
I
RUDOLF STEINER
Perspektiven
der Menschheitsentwickelung
Der materialistische Erkenntnisimpuls
und die
Aufgabe der Anthroposophie
Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach
zwischen dem 2. April und 5. Juni 1921
1979
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/ SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Herausgabe besorgten auf Grand der friiheren Bearbeitung
durch C. S. Picht (f): Hans Huber, Caroline Wispier und Robert Friedenthal
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1979
Friihere Ausgaben:
Dornach, 2., 3., 15., 16. und 17. April 1921: «Der materialistische Erkennt-
nisimpuls und seine Bedeutung fur die ganze Menschheitsentwickelung»,
Basel 1953
Dornach, 9- April 1921 in «Ansprachen und Vortrage Rudolf Steiners im
Zweiten anthroposophischen Hochschulkurs», Bern 1948
Dornach, 22., 23., 24., 29. und 30. April, 1. Mai 1921: «Die materialistische
Weltanschauung des neunzehnten Jahrhunderts», Basel 1955
Dornach, 2., 3., und 5- Juni 1921: III. bis V. Vortrag in «Perspektiven der
Menschheitsentwickelung», Basel 1958
Dornach, 5. Mai 1921: «Das Ich und die Sonne. Der Mensch innerhalb der
Sternenkonstelladon», Dornach 1934; I. Vortrag in «Perspektiven der
Menschheitsentwickelung», Basel 1958
Dornach, 13, Mai 1921: «Vom Mondenaustritt bis zur Mondenzuriickkunft»,
Dornach 1934; II. Vortrag in«PerspektivenderMenschheitsentwickelung»,
Basel 1958
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe S. 313
Bibliographie-Nr. 204
Einbandzeichen von Rudolf Steiner. Schrift von B. Marzahn
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assia Turgenieff (f ) und Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaiSverwaltung, Dornach /Schweiz
Copyright 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2040-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spiiter Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berticksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
Erster Vortrag, Dornach, 2. April 1921
Der Materialismus bestand im 19. Jahrhundert zu Recht; nur das Fest-
halten an ihm bringt Katastrophen. Die Erkenntnis der materiellen Welt
bleibt, del theoretische Materialismus mufi voriibergehen. Er ist Spiegel
der Entwicklung im 19. Jahrhundert, in dem der physische Leib, ins-
besondere Haupt- und Nervenorganisation, als vollkommenes Abbild des
Seelisch-Geistigen ausgebildet ist und die atherische, traumschaffende
Kraft im Menschen sich abschwacht. Moriz Benedikt - ein Denken,
das ganz dem Physischen eingepragt ist. Stenographic - Heute ist der
Hohepunkt der physischen Strukturvollendung schon iiberschritten.
Zweiter Vortrag, 3. April 1921
Irrtiimer im bloften Denken und Irrtumer, die im Tatsachlichen wurzeln.
Letztere, zum Beispiel der theoretische Materialismus, konnen auch eine
fur die Menschheit forderliche Seite haben. Die Aufbaukrafte des
Hauptes werden durch die Imagination, diejenigen des rhythmischen
Systems durch die Inspiration, diejenigen des Stoffwechselsystems durch
die Intuition erkannt. Charakter der Imagination und Wesen des erin-
nernden Denkens und gegenstandlichen Erkennens. Erkenntnis und
Tod.
Dritter Vortrag, 9. April 1921
Vor Aristoteles wurde der Prozefi des Sprechenlernens noch verstanden;
dadurch instinktives Wissen, dafi im Wort dasselbe Geistig-Seelische
aufklingt, das in der Welt naturschaffend verstummt ist sowie ein Wissen
um die Praexistenz und, weiter zuriick, um die Wiederverkorperung. Der
Weg des Verklingens vom alten Wortverstehen zur abstrakten Geistigkeit
von Logik und Begriff: Logik des Aristoteles - «Nus» des Anaxagoras -
Idee bei Plato - Logoslehre der Gnosis - Logos und Christentum;
Johannes-Evangelium. Im 4. Jahrhundert n.Chr. endgiiltiger Verlust des
Logoswissens. Bewufites Wiedererringen durch Anthroposophie.
Vierter Vortrag, 15. April 1921
Bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. lebte die aus der Weltweisheit geschopfte,
das Atherische instinktiv verstehende Astronomie und Medizin des
Ostens; diese Weisheit flofi auch ins kultische Leben. Das Bild des
Mithraskultes; das Christentum. - Dionysius Areopagita. Weiterdringen
der alten Weisheit bis zu Basilius Valentinus, Jakob Bohme und Pa-
racelsus. Seit Konstantin, bzw. Justinian dringt das agyptisch-romische
«FeststelJungs-Prinzip» in den Umgang mit der Wahrheit und dem Wort;
es schneidet das Verstandnis des Christentums aus der vorchristlichen
Weisheit heraus ab.
FUNFTER VORTRAG, 16. April 1921
Der Umschwung im 4. Jahrhundert n.Chr. Das Wesen des Griechentums
und seine Tragik. Das Abendland drangt die Weisheit der alten Griechen
und den Mithraskult in den Orient zuriick; es bleiben fur das religiose
Leben der nordischen Volker die Tatsachenerzahlung der Ereignisse von
Palastina sowie die Dogmen der Konzilien; notwendig zur Befestigung
des Ich. Die Weisheit des Orients dringt nur als Verstandeskultur im
Arabismus nach Europa. - In ganz wenigen europaischen Seelen iebt das
Geheimnis um Brot und Wein wieder auf, und damit das der alten
Astronomie und Medizin. Seine Realitat, im Gralsmysterium zusammen-
gefafk, schwebt gleichsam iiber dem vermaterialisierten Abendland; es
kann nur gefunden werden aus der inneren Frage des individuellen
Menschen. Titurel. - Die neuerliche Vermaterialisierung dieser Suche in
aufieren Ziigen nach Jerusalem.
Sechster Vortrag, 17. April 1921
Der Orientale lebte in der geistigen Welt und mufite die materielle aus
ihr heraus begreifen. Der Europaer lebt in der materiellen und mufi die
geistige von daher zu begreifen suchen. Der Ubergang im Griechentum.
Das Problem der Gnosis, den Christus im Jesus zu begreifen. Abbrechen
dieses Ringens durch das verstaatlichte romische Christentum. «Ver-
menschlichung» des Christentums in Europa. Heliand-Dichtung. -
Dumpfheit in bezug auf die hohere Weisheit. Gralssuche. - Seit dem 15.
Jahrhundert Gefahr, im Materialismus gefangen zu bleiben. - Der Ruf
nach einem durchchristeten Staat bei Solowjow. - Machte, die heute den
Weg geistiger Aktivierung hindern; Liebe zum Bosen.
Siebenter Vortrag, 22. April 192 1
Friedrich Nietzsches weltanschauliche Entwicklung und Tragik - als
Kampf gegen die Niedergangskrafte und Symptom fur das Mafi der
Geistentfremdung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Das Bild des
Menschen, der Sinn des Erdenlebens und das Wesen des Christentums
konnen selbst von Nietzsche nicht mehr gefalk werden; ihre Verzerrung
im Begriff vom «Ubermenschen», von der «ewigen Wiederkehr des Glei-
chen» und im «Antichrist».
Achter Vortrag, 23. April 1921
Maft, Zahl und Gewicht - als Beispiel fur den Selbst- und Wirklichkeits-
verlust der Menschheit auf dem Weg in die Abstraktion. Bis ins zweite
nacharlantische Zeitalter wurde noch die Zahl in wesenhaften Qua-
litaten erlebt, die vom Asrralleib aus dem Welrganzen aufgenommen
und dem Atherleib eingepragt waren; bis ins dritte das Mafe als die
Kraft, aus der der Atherleib den physischen Leib nach kosmischen
Verhaltnissen bildete; bis ins erste das Gewicht als das Urerlebnis zwi-
schen Ich und Astralleib, das dem Menschen als Gleichgewichtslage
zwischen Erdfesselung und Aufwartsschweben fiihlbar war. - Letzte
Nachklange dieser Qualitaten nur noch in der Kunst.
Neunter Vortrag, 24 . April 1921
Das 19. Jahrhundert als Kulmination von abstrakter Geistigkeit und Ma-
terialismus in der Geschichte seit dem 4. Jahrhundert. Dogma und
Kultus. - Fruher: Leben imLeibe, das gerade dadurch die kosmische Gei-
stigkeit erlebte - heute: Leben im Geiste, das sich der Materie zuwendet
und sich selbst verkennt. Anders bei Leibniz. - Die Kraft des Verstehens
geisteswissenschaftlicher Begriffe, die der moderne Intellekt aus sich her-
aus schaffen kann, als die Moglichkeit zur Verwandlung und Belebung
der erstarrten, innerlich tragen Intelligenz. Die drei Formen der Tragheit:
Neukatholizismus, der die alten Inhalte formelhaft bewahrt, Protestan-
tismus, mit seinen Kompromissen zwischen Tradition und Intellekt und
der aufgeklarte IntellektuaHsmus ohne geistigen Inhalt. Zukiinftige Pola-
risiemng in katholischen Traditionalismus und geistig erwachende In-
tellektualitat.
Zehnter Vortrag, 29. April 1921
Die Notwendigkeit im Leben des Einzelnen, wie der Menschheit, das Ziel
der jeweiligen Entwicklungsstufe zu erreichen. - Ziel des vierten Zeit-
raumes war die Ausbildung der Verstandesseele: der Mensch erwachte aus
dem kosmischen Empfinden heraus zum Weltenverstand, auf der Grund-
lage der Tatigkeit des Atherleibes. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich die
atherische Tatigkeit dem physischen Leib ganz eingepragt, das Denken
wurde menschlich subjektives Schattenbild; dadurch Trennung in nur
noch logisches Denken und sich selbst iiberlassenen triebund in-
stinktgebundenen Willen. Uberwindung der Trennung zum Beispiel im
Jesuitismus. - Notwendigkeit fur das 20. Jahrhundert, vom Ich her Reali-
tat in das schattenhafte Denken zu bringen, so daft es in der chaotisierten
sozialen und wirtschaftlichen Welt verwandelnd leben kann.
Elfter Vortrag, 30. April 1921
Die Bedeutung des Jahres 1840 als Zekpunkt des eigentlichen Auf-
dammerns der Bewufltseinsseele. In den einzeinen Nationen traf die-
ses Aufdarnmern auf verschiedenartige altere Bewuikseinshaltungen auf:
In England auf eine dem archaisch-homerischen Griechentum ver-
wandte, in Frankreich auf ein Erbgut der lateinischen Verstandes-
seelenkultur, in Iralien auf ein Stuck alter Empfindungsseelenkultur, in
Mitteleuropa auf ein Erbstuck aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert,
wahrenddem in Osteuropa der Vorgang mehr verschlafen worden ist.
Oswald Spenglers «Preufientum und Sozialismus».
Zwolfter Vortrag, 1 . Mai 192 1
Die beiden Hauptstromungen im 19- Jahrhundert: das formal-juristische
romische Katholikentum der romanischen Volker mit ihren geistig
ideologischen Kampfen - und das aus der sozialen und industriellen Pra-
xis erwachsende wirtschaftliche Denken der Angelsachsen mit ihren
Machtproblemen. Beide wurzeln letztlich in der persischen Kultur; der
Katholizismus im Ormuzddienst, das Angelsachsische in Ahrimanein-
weihungen. - Joseph de Maistre als wissender und genialer Vertreter des
alten Katholizismus; sein Kampf gegen den seit dem 15. Jahrhundert
aufgekommenen Geist. - Der notwendige Ausgleich und die Erneuerung
durch ein freies Geistesleben. Goethes Wissen darum: seine Reaktion auf
die Auseinandersetzung Cuviers mit Geoffroy Saint-Hilaire.
Dreizehnter Vortrag, 5. Mai 1921
Der Zusammenhang des irdischen Menschen mit den Pianetenkraften.
Das Wissen noch im vierten nachatlantischen Zeitraum um die Zu-
gehdrigkeit der Ich-Entwicklung zur Sonne; die Notwendigkeit heute,
diese Erkenntnis wieder zu erlangen. - Die Polaritat von Sonnen- und
Mondenkraften in der Gestaltung des irdischen Menschen. - Differenzie-
rung der Krafte, abgelesen am Prozeft der Nahrungsaufnahme: Wirken
der irdischen Krafte, des Umkreises, der Monden- und Sonnenkrafte.
Weitere Differenzierung der planetarischen Wirkung im Astralleib: im
«oberen Menschen» wirken aufier der Sonne, Saturn, Jupiter und Mars,
im «unteren Menschen» aufier dem Mond, Merkur und Venus. Konstella-
tion und irdische Geburt.
VlERZEHNTER VORTRAG, 1 3 . Mai 1 92 1
Materialistische Wissenschaft und Geisteswissenschaft als geistig-kos-
mische Ereignisse zwischen Mondenaustritt und Mondenriickkunft. Die
Geistigkeit der Naturwissenschaft konnte ein neues Naturreich zwischen
Mineralischem und Pflanzlichem erzeugen, in Form von schattenhaft
lebendigen Spinnenwesen, die die Erde net2artig umziehen bei ihrer
Wiedervereinigung mit dem Mondendasein; der Mensch ware dadurch
abgeschnitten von Leben und Geistigkeit der Welt. - Die Pflege der
Geisteswissenschaft ermoglicht die Ankunft geistiger Wesen von anderen
Planeten, die seit dem Ende des 19- Jahrhunderts zur Erde streben; ihr
Wirken ist nur moglich iiber ein Denken, das auch Lebendiges und
Beseeltes erfafit. - Der Weg zu dieser Verwandlung: Vereinigung des
klaren Denkens mit kunstlerischer Anschauung in einer Wissenschaft, die
zugleich Kunst wird. Goethes Metamorphosenlehre; sein Hymnus an die
Natur; Nietzsches Bild vom Tal des Todes.
FOnfzehnter Vortrag, 2 . Juni 192 1
Johannes Scotus Erigenas Denken als Ausdruck einer Entwicklungsmeta-
morphose zwischen dem alten schauenden und dem intellektuellen Den-
ken. Die Nachwirkungen der «negativen Theologie» von Dionysios
Areopagita und von Origenes auf die Zeit des Scotus. Die vier Teile des
Buches «De divisione naturae»: Gotteslehre, Hierarchienlehre, Geistlehre
von Natur und Mensch, Eschatologie; noch keine Gedanken zur SoziaJ-
lehre. - Das Denken Erigenas: noch geistige Realitat, schon abstrakte
Begriffe. - Widerspiegelung des Wissens friiherer Kulturepochen in den
ersten drei Teilen des Buches in nicht chronologischer Reihenfolge; der
vierte Teil: das damals gegenwartige Streben des Verstandes, Christen-
tum und Menschheitszukunft zu begreifen. Es fliefit seit dem 15. Jahr-
hundert in die Grundlegung der Naturwissenschaften. - Der Wider-
spruch unseres Zeitalters, das eigentlich in hoherer Vergeistigung lebt,
inhaltlich aber immer materialistischer geworden ist.
Sechzehnter Vortrag, 3 . Juni 192 1
Weltuntergang und Weltaufgang. Erigena zwischen dem alten und
neuen Denken. Das Johannes-Evangelium als Zeugnis dafur, daft der
Christus, der Logos, der Schopfer des Irdischen ist. - Im Altertum herr-
schte das «Vaterprinzip»: der Mensch erlebte sich leiblich und im Blute
als Ebenbild des gottlichen Vaters, reprasentiert im Stammvater der
Generationen; Gott und Geist walteten in den Erden- und Monden-
kraften. Die ersten drei Teile von Erigenas Buch schliefien daran an. - Das
fruhchristliche Wissen um das Wesen der Vaterkrafte und der Christus-
Kraft. Das Johannes-Evangelium. Der Ubergang vom Blutopfer der
vorchristlichen Zek zum Opfer von Brot und Wein. - Der Welt-
untergang, als Untergang der alten, leibgebundenen Geisteskraft hat
sich im 4. Jahrhundert vollzogen. Abgestuft erscheint er im Bewufitsein
immer wieder; Kreuzzugstimmung; Alfred Suefi; Oswald Spengler. Die
Moglichkeit der Erneuerung aus realer Geisterkenntnis.
SlEBZEHNTER VORTRAG, 5.Juni 1921 295
Der Umschwung des 4. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt des sich
wandelnden Leiberlebens; Krankheit und Heilung. Agypten: der Leib als
Teil des Erdganzen, mit dessen vier Elementen er in einem harmonischen
Verhaltnis gehalten werden mufke; seine Gestalt als das Kunstwerk des
von Geburt und Tod unabhangigen Ich. Griechenland: das Leiberleben
als Ausdruck des diesseitig Geistig-Seelischen, das fast identisch mit dem
lebendig plastizierenden Flussigkeitssystem erfahren wurde; die vier
Saftearten im Menschen. Rom: das seelische Sich-Fuhlen im irdischen
Dasein. - Der Spiegel dieser Wandlungen in der Entwicklung der sie-
ben Wissenschaften von lebendiger Oftenbarung zur Abstraktion. Der
Eintritt des Christentums. Julian Apostata. Konstantin. Justinian.
Verdrangung des lebendigen Wissens nach Osten (Gondishapur). Der
Bewufitseinskampf von Avicenna und Averroes aus dem Aristotelismus
das Ich zu begreifen in Gegeniiberstellung mit dem germanischen Weg. -
Die Aufgabe der Anthroposophie.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
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ERSTER VORTRAG
Dornach, 2. April 1921
Die Zeit der materialistischen Entwickelung liegt ja vorzugsweise in
der Mitte und in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts. Heute
mag uns zunachst von dieser materialistischen Entwickelung mehr
die theoretische Seite interessieren. Manches von dem, was ich heute
iiber diese theoretische Seite sagen werde, kann aber auch in un-
gefahr derselben Weise fur die mehr praktische Lebensseite des Ma-
terialismus gesagt werden. Allein, wie gesagt, davonwollenwir heute
absehen, wir wollen mehr sehen auf dasjenige, was durch die ganze
zivilisierte Welt in der Mitte und in der zweiten Halfte des 19- Jahr-
hunderts als die materialistische Weltanschauung aufgetreten ist.
Bei einer solchen Sache handelt es sich eigentlich um ein Zwei-
faches. Es handelt sich erstens darum, dafi wir uns klar sein miissen
dariiber, inwiefern so etwas wie die materialistische Weltanschauung
zu bekampfen ist, dafi wir gewissermafien in uns tragen miissen alle
diejenigen Vorstellungen und Ideen, durch die wir geriistetseinkon-
nen, um die materialistische Weltanschauung als solche abzuweisen.
Allein neben diesem Geriistetsein mit der notigen Vorstellungswelt
haben wir gerade vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus
noch etwas anderesnotig. Wir haben notig, diese materialistische Vor-
stellungsweise zu verstehen, zu verstehen erstens ihrem Inhalte nach,
zweitens aber auch zu verstehen, inwiefern in der Menschheitsent-
wickelung einmal diese extreme materialistische Weltanschauung
auftreten konnte.
Es konnte als ein Widerspruch erscheinen, dafi auf der einen
Seite hier gefordert wird, man musse die materialistische Weltan-
schauung bekampfen konnen, und auf der anderen Seite wiederum,
man musse sie verstehen konnen. Es ist dies fur denjenigen, der auf
dem Boden der Geisteswissenschaft steht, nicht in Wirklichkeit ein
Widerspruch, sondern es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Die
Sache verhalt sich vielmehr so. Im Laufe der Menschheitsentwicke-
lung miissen Momente auftreten, welche zunachst diese Menschheit
in einer gewissen Weise herunterziehen, welche die Menschheit unter
ein gewisses Niveau herunterbringen, damit sie sich dann durch sich
selber wiederum heraufheben konne. Und es wurde fiir die Mensch-
heit keine Hilfe sein, wenn sie durch irgendeinen gottlichen Rat-
schlufi oder dergleichen davor bewahrt werden konnte, nicht die
Niederungen des Daseins durchmachen zu miissen. Es ist fur die
Menschheit, damit sie zum vollen Gebrauche ihrer Freiheitskrafte
komme, durchaus notwendig, auch in die Niederungen sowohl der
Weltauffassung wie des Lebens herunterzusteigen. Und das Gefahr-
liche liegt eigentlich nicht darin, daft zur rechten Zeit - und die war
fiir den theoretischen Materialismus eigentlich die Mitte des 19- Jahr-
hunderts - so etwas auftritt, sondern das Gefahrlkhe besteht darin,
daft wenn im Laufe der normalen Entwickelung so etwas aufgetreten
ist, dann daran festgehalten wird, daft dann dieses fur einen
gewissen Zeitpunkt Notwendige hiniibergetragen wird in kiinftige
Zeiten. Und wenn man sagen kann, dafi der Materialismus in
gewisser Beziehung fur die Menschheit eine Priifung war in der
Mitte des 19. Jahrhunderts, die durchzumachen war, so ist es auf der
anderen Seite auch wiederum richtig, dafi das Festhalten an dem
Materialismus jetzt einen furchtbaren Schaden bringen mull, und
dafi dasjenige, was wir an furchtbaren Weltkatastrophen und
Menschheitskatastrophen durchmachen, eben darauf beruht, dafi
die Menschheit an diesem Materialismus in weiten Kreisen fest-
halten mochte.
Was bedeutet eigentlich der theoretische Materialismus? Er
bedeutet die Anschauung, dafi der Mensch zunachst der Umfang
desjenigen sei, was die materiellen Prozesse seines physischen Leibes
ausmacht. Der theoretische Materialismus studierte die physisch-
sinnlichen Prozesse des physischen Leibes, und wenn auch zunachst
dasjenige, was er in diesem Studium erreicht hat, mehr oder weniger
am Anfange ist, so hat er doch die letzten Konsequenzen in bezug
auf die Weltanschauungen bereits gezogen. Er hat den Menschen
gewissermafien erklart als den Zusammenflufi dieser physischen
Krafte, er hat sein Seelisches erklart als etwas, was nur hervorgerufen
wird durch das Zusammenarbeiten dieser physischen Krafte. Er hat
aber auch eingeleitet die Untersuchung der physischen Natur des
Menschen. Dieses letztere, die weitere Untersuchung der physischen
Natur des Menschen, das ist dasjenige, was bleiben raufi, Was das
19. Jahrhundert als Konsequenz aus dieser physischen Untersuchung
gezogen hat, das ist das, was eine voriibergehende Erscheinung
bleiben mufi in der Menschheitsentwickelung. Aber als solche
voriibergehende Erscheinung wollen wir sie zunachst einmal begrei-
fen.
Was liegt denn eigentlich da vor? Nun, wenn wir zuriickblicken
in die Menschheitsentwickelung und an der Hand desjenigen, was
ich in der «Geheimwissenschaft im Umrift»angegebenhabe, ziemlich
weit zuriickblicken, dann miissen wir sagen: Dieses Menschenwesen
hat die verschiedensten Stadien durchgemacht. - Wir brauchen uns
ja nur zu beschranken auf dasjenige, was das Menschenwesen im
Laufe der Erdenentwickelung selber durchgemacht hat, und wir
werden uns sagen miissen: Dieses Menschenwesen ging im Verlauf
der Erdenentwickelung von einer allerdings im Verhaltnis zu seiner
heutigen Gestaltung primitiven Bildungsform aus, wandelte dann
diese Bildungsform um und kam immer naher und naher derjenigen
Gestalt, die eben der Mensch heute hat. Solange man im groben der
menschlichen Gestaltung bleibt, so latige wird man, wenn man das
geschichtliche Dasein des Menschen verfolgt, die Unterschiede nicht
so aufierordentlich grofi finden. Wer etwa nach den Mitteln, die fur
die auikre Geschichte vorhanden sind, die Gestalt eines alten
Agypters oder selbst eines alten Inders vergleichen will mit der
Gestaltung eines Menschen der heutigen europaischen Zivilisation,
der wird nur verhaltnismaftig kleine Unterschiede finden, wenn er
eben durchaus im groberen der Betrachtung bleibt. In bezug auf
dieses grobere der Betrachtung treten ja die groften Unterschiede
gegeniiber den primitiven Bildungsformen, die der Urmensch
gehabt hat, erst hervor in den Zeiten, die weit hinter den geschicht-
lichen zuriickliegen. Aber wenn wir ins feinere hineingehen, wenn
wir in das hineingehen, was sich allerdings den aufieren Blicken ver-
birgt, dann gilt das nicht mehr, was ich eben gesagt habe, dann mufi
man durchaus sagen: Zwischen dem Organismus eines heutigen
Zivilisationsmenschen und dem Organismus eines alten Agypters
oder selbst eines alten Griechen oder Romers ist ein grower, ein be-
deutsamer Unterschied. Und wenn auch die Umwandlung in viel
feinerer Weise sich vollzogen hat in geschichtlichen Zeiten, so hat sie
sich eben doch in bezug auf alle feinere Gestaltungdesmenschlichen
Organismus vollzogen. Und was sich da vollzogen hat, das hat eine
gewisse Kulmination, einen gewissen Hohepunkt erreicht in der
Mitte des 19. Jahrhunderts. So paradox es klingt, es ist durchaus so,
dafi in bezug auf seine innere Formung, in bezug auf dasjenige, was
der menschliche Organismus iiberhaupt werden kann, der Mensch
um die Mitte des 19 . Jahrhunderts am vollkommensten war, und
daft gerade seit jener Zeit eine Art Dekadenz wiederum eintritt, dafi
der menschliche Organismus in Ruckverwandlung begriffen ist.
Daher war es auch in der Mitte des 19- Jahrhunderts so, dafi nament-
lich diejenigen Organe am vollkommensten ausgebildet waren,
welche als die physischen Organe der Verstandestatigkeit dienen.
Was wir den menschlichen Verstand, den menschlichen Intellekt
nennen, das braucht ja physische Organe. Diese physischen Organe
waren in fruheren Zeiten bei weitem weniger ausgebildet, als sie es
in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren. Es ist durchaus so, dafi das-
jenige, was wir zum Beispiel am Griechen, was wir selbst an solchen
vollendeten Griechen bewundern, wie Plato oder Aristoteles es
waren, darauf beruht, dafi diese Griechen nicht so vollkommene
Denkorgane im rein physischen Sinne hatten, wie die Menschen des
19. Jahrhunderts sie hatten. Je nachdem man den Geschmack dazu
hat, kann man sagen: Gott sei's gedankt, dafi die Menschen der
Griechenzeit nicht so vollkommene Denkorgane hatten wie die
Menschen des 19. Jahrhunderts! - Ist man aber ein Nuchterling des
19- Jahrhunderts selber und will man diese Nuchterlingheit beibe-
halten, dann kann man sagen: Die Griechen waren eben Kinder, die
haben noch nicht jene vollkommenen Denkorgane gehabt, die der
Mensch des 19. Jahrhunderts hat, und man mufi daher mit einer ge-
wissen Nachsicht auf das herunterschauen, was Plato und Aristoteles
zutage gefordert haben. - Gymnasiallehrer tun das oftmals, indem
sie sich ungeheuer erhaben fuhlen in der Kritik iiber Plato und Ari-
stoteies. Aber verstchen wird man das, was ich jetzt eben angedeutet
habe, nur dann vollkommen, wenn man sich bekanntgemacht hat
mit Menschen, die es ja auch gibt, welche bis zu einem gewissen
Grade eine Art Schauvermogen haben, dasjenige, was man, im
besten Sinne des Wortes, eine Art hellseherisches Bewufitsein nen-
nen kann.
Bei Menschen, die ein solches hellseherisches Bewufksein heme
haben, kann das Vorhandensein dieses hellseherischen Bewulkseins
- diejenigen, die etwa in diesem Auditorium ein solches hellsehe-
risches Bewulksein haben sollten, mogen mir die Erzahlung dieser
Wahrheit verzeihen - gerade auf der mangelhaften Ausbildung der
mangelhaften Verstandesorgane beruhen. Es ist durchaus eine ganz
gewohnliche Erscheinung, dafi wir innerhalb unserer heutigen Welt
Menschen treffen konnen mit einem gewissen hellseherischen Be-
wulksein, die eigentlich von dem, was man heute den wissenschaft-
lichen Verstand nennt, aufierordentlich wenig haben. Und so wahr
dieses ist, so wahr ist aber auch das andere, dafi nun solche hellsehe-
rischen Menschen dazu kommen konnen, gewisse Dinge, die sie
selber durch ihre Erkenntnis hervorbringen, aufzuzeichnen oder zu
erzahlen, und dafi in diesen Erzahlungen, in diesen Aufzeichnungen
Gedanken leben, die viel gescheiter sind als die Gedanken derjenigen
Menschen, die, ohne Hellseherisches zu entwickeln, mit den aller-
besten Verstandeswerkzeugen arbeiten. Es kann vorkommen, dafi
vom Gesichtspunkte der heutigen Wissenschaft aus dumme - ver-
zeihen Sie den Ausdruck -, dumme hellseherische Personen Gedan-
ken produzieren, durch die sie zwar nicht gescheiter werden, aber die
gescheiter sind als Gedanken der autoritativsten Wissenschafter von
heute. Diese Tatsache ist schon durchaus vorhanden. Und worauf
beruht sie? Sie beruht darauf, dafi solche hellseherische Personen gar
nicht notig haben, irgend etwas von Denkorganen anzustrengen, um
zu diesen Gedanken zu kommen. Sie schaffen aus der geistigen Welt
heraus die betreffenden Bilder, und da drinnen sind schon die Ge-
danken, sie sind schon fertig, wahrend die anderen Menschen, die
nicht hellsehend sind und nur denken konnen, zur Ausbildung ihrer
Gedanken ihre Denkorgane ausbilden miissen. Schematisch gezeich-
net, ware das so. Nehmen wir an, solche hellseherischen Personen
bringen in allerlei Bildern irgend etwas aus der geistigen Welt heraus;
das hier (siehe Zeichnung, rot) sei so etwas, was durch solche Personen
aus der geistigen Welt herauskommt. Aber da drinnen sind Gedan-
ken, es ist ein Gedankennetz drinnen. Das denken die betreffenden
Personen nicht, sondern sie schauen es, sie bringen es mit aus der
geistigen Welt heraus; sie haben nicht notig, Denkorgane anzustren-
gen.
Schauen wir einen anderen an, der nicht hellseherisch begabt ist,
sondern der denken kann, von dem Roten da ist nichts vorhanden
bei ihm, das bringt er nicht heraus; er bringt auch aus der geistigen
Welt dieses Gedankengerippe (siehe Zeichnung links) nicht heraus;
aber er strengt seine Denkorgane an und bringt dann durch seine
Denkorgane dieses Gedankengerippe zur Welt (siehe Zeichnung
rechts).
Man kann, wenn man heute die Menschen betrachtet, die
Abstufungen zwischen diesen zwei Extremen iiberall bemerken. Fur
denjenigen, der sein Anschauungsvermogen nicht geschult hat, ist
es allerdings aufierordentlich schwer, zu unterscheiden, ob der
andere wirklich gescheit ist in dem Sinne, dafi er durch seine Ver-
standesorgane denkt, oder ob er gar nicht durch seine Verstandes-
organe denkt, vielmehr irgendwie etwas herschafft in sein Bewuftt-
sein, und daft nur das, was bildhaft ist, was imaginativ ist, sich bei
ihm entwickelt, aber so schwach, daft es vonihmselbernichtbemerkt
wird. Und so sind alle moglichen Menschen heute vorhanden, die
sehr gescheite Gedanken hervorbringen, aber deshalb gar nicht
gescheit zu sein brauchen, wahrend andere sehr gescheite Gedanken
denken, aber in gar keiner besonderen Weise mit irgendeiner geisti-
gen Welt in Beziehung stehen. Das Einschulen auf diese Unterschei-
dung, das gehort zu den bedeutsamen psychologischen Aufgaben in
unserer Zeit und es liefert die Grundlage zu wichtiger Menschen-
kenntnis in der Gegenwart. Wenn Sie das zur Erklarung nehmen, so
wird es Ihnen nicht mehr so unverstandlich sein, daft sich der em-
pirischen iibersinnlichen Betrachtung eben ergibt, daft in der Mitte
des 19- Jahrhunderts der menschliche Organismus bei dem Gros der
Menschen eben die vollkommensten Denkorgane hatte. Es wurde
niemals so ausschlieftlich viel gedacht wie urn die Mitte des 1 9. Jahr-
hunderts, und so wenig gescheit wie um diese Zeit.
Gehen Sie nur zunick - das tun nur die Menschen heute nicht -
in die zwanziger Jahre oder vor die zwanziger Jahre des 19. Jahrhun-
derts und lesen Sie durch, was damals wissenschaftlich produziert
war, so werden Sie sehen: das hat noch einen ganz anderen Ton, da
lebt eben noch durchaus nicht jenes ganz abstrakte, auf die mensch-
lichen physischen Denkorgane angewiesene Denken wie spater, ganz
zu schweigen von solchen Dingen, wie sie etwa ein Herder oder
Goethe und ic^z/Z^hervorgebracht haben. Daleben noch groftartige
Anschauungen darinnen. Daft man das nicht glaubt, und daft die
Kommentare heute so sprechen, als ob das nicht der Fall ware,
darauf kommt es ja nicht an. Denn diejenigen, die diese Kommen-
tare schreiben und die Goethe und Schiller und Herder zu verstehen
glauben, die verstehen sie eben nicht, die sehen das Wichtigste bei
ihnen nicht.
Das ist eine wichtige Tatsache, daft um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts der menschliche Organismus in bezug auf seine physische
Gestaltung gewissermafien bei einer Kulmination, bei einem Hohe-
punkt angekommen war und daft er seitdem wiederum zurikkgeht,
und zwar - in einer gewissen Weise fur das verstandige Erfassen der
Welt - rasch zuriickgeht.
Mit dieser Tatsache hangt aber zusammen die Ausbildung des
Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn was ist denn
eigentlich dieser menschliche Organismus? - Dieser menschliche
Organismus ist ja ein getreues Abbild des Geistig-Seelischen des
Menschen. Man braucht sich gar nicht zu verwundern, dafi dieser
menschliche Organismus in seinem Bau manchem, der eben nicht
auf das Geistig-Seelische einzugehen vermag, schon wie die Erkla-
rung des ganzen Menschen erscheint. Insbesondere, wenn man die
Hauptesorganisation und im Haupte wiederum die Nervenorgani-
sation berucksichtigt, tritt das ja stark hervor.
Ich habe neulich in Stuttgart innerhalb meiner Vortrage ein Er-
lebnis erwahnt, das wirklich geeignet ist, Licht zu werfen auf diese
Sache. Ich sagte: Es war so am Beginne des 20. Jahrhunderts in einer
Versammlung des Berliner Giordano-Bruno- Vereins, da sprach zu-
nachst ein Mensch - was ich einen handfesten Materialisten nenne -,
ein sehr kundiger Materialist war es, der den Gehirnbau ebensogut
kannte, wie man heute den Gehirnbau, wenn man gewissenhaft
studiert hat, wirklich kennt; und er war einer von denjenigen Men-
schen, welche in der Analyse des Gehirnbaues eigentlich schon die
ganze Seelenkunde sehen, welche sagen: Man mufi nur erkennen,
wie das Gehirn arbeitet, dann hat man die Seek, dann beschreibt
man die Seele. - Nun war es interessant; er make auf die Tafel diese
verschiedenen Hirnpartien auf, also die Verbindungsstrange und so
weiter, und lieferte da eben jenes wunderbare Bild, das man ja be-
kommt, wenn man diesen menschlichen Gehirnbau verfolgt. Und er
glaubte eben durchaus mit der Schilderung dieses Gehirnbaues et-
was gegeben zu haben, was Seelenkunde ist. Nachdem er seine Aus-
einandersetzungen gemacht hatte, erhob sich ein handfester Philo-
soph, ein Herbartianer. Dieser Herbartianer sagte: Gegen die An-
sichten, die der Mann entwickelt hat, dafi man schon die Seelen-
kunde besitzt, wenn man den Gehirnbau erklart, gegen diese An-
sichten mufi ich mich naturlich entschieden wenden; aber gegen die
Zeichnung, die er gemacht hat, brauche ich mich gar nicht zu
wenden, diese Zeichnung stimmt ganz gut auch mit meiner Her-
bartschen Ansicht iiberein, dafi die Vorstellungen sich miteinander
vergesellschaften, dafi von einer Vorstellung zu der anderen gewisse
Verbindungsstrange rein seelischer Art gehen. Und er fugte hinzu,
er konne als Herbartianer ganz gut dieselbe Zeichnung machen, nur
wiirden bei ihm die einzelnen Kreise und so weiter nicht Gehirnpar-
tien bedeuten, sondern Vorstellungskomplexe. Aber die Zeichnung
wiirde ganz dieselbe bleiben!
Sehr interessant, sehen Sie! Wenn es darauf ankommt, die Sache
in die Wirkhchkeit hineinzustelien, da sind die Leute ganz entge-
gengesetzter Ansicht; wenn sie Zeichnungen machen von derselben
Sache, so miissen sie eigentlich dieselben Zeichnungen machen, und
der eine ist ganz und gar Herbartscher Philosoph, der andere ist
handfester materialistischer Physiologe.
Worauf beruht das? Das beruht darauf, dafi es in der Tat so ist:
Wir haben das geistig-seelische Wesen des Menschen, das tragen wh-
in uns. Und dieses geistig-seelische Wesen, das ist der Schopfer der
ganzen Form unseres Organismus. Und wir brauchen uns nicht zu
verwundern dariiber, dafi da, wo der Organismus seine vollkom-
menste Partie hat, im Nervensystem des Gehirns, dafi da das
Abbild, das die geistig-seelische Wesenheit heraussetzt, voll-
kommen ahnlich sieht diesem geistig-seelischen Wesen. Es ist in der
Tat so, dafi da, wo der Mensch am meisten, wenn ich so sagen
mochte, Mensch ist, in seinem Nervenbau, dafi er da ein getreues
Abbild ist des Geistig-Seelischen, so daiS derjenige, der zufrieden ist
mit dem Abbild, der vor alien Dingen ein Sinnliches vor sich haben
will und zufrieden ist mit dem Abbild, in der Tat dasselbe, was man
zunachst mit Bezug auf den Menschen im Geistig-Seelischen sieht,
auch in dem Abbild sieht. Und da er kein Verlangen hat nach dem
Geistig-Seelischen, da er gewissermafien nur das Abbild will, so halt
er sich an den Bau des Gehirns. Und weil dieser Bau des Gehirnes
ebenso besonders vollendet sich darstellte dem Betrachter um die
Mitte des 19. Jahrhunderts, so lag es wiederum, wenn man die
damalige Veranlagung der Menschheit nimmt, ungeheuer nahe,.den
theoretischen Materialismus auszubilden.
Denn was liegt eigentlich beim Menschen vor? Wenn man den
Menschen als solchen betrachtet - ich will ihn hier schematisch
zeichnen - und dann den Gehirnbau nimmt, dann ist das so, dafi
zunachst der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, wie wir wissen:
der Gliedmaflenmensch, der rhythmische Mensch und der Nerven-
Sinnesmensch. Wenn wir den Nerven-Sinnesmenschen ansehen, so
haben wir den vollkommensten Teil des Menschen vor uns,
sozusagen den am meisten menschlichen Teil. In diesem am meisten
menschlichen Teil spiegelt sich die auflere Welt (siehe Zeichnung,
rot). Ich will dieses Spiegeln dadurch bezeichnen, dafi ich zum
Beispiel die Wahrnehmungen durch das Auge bezeichne. Ich konn-
te auch die Wahrnehmungen durch das Ohr zeichnen und so weiter.
Die aufiere Welt also spiegelt sich in dem Menschen, so dafi wir
vorliegen haben den Bau des Menschen und die Spiegelung der
aufieren Welt in diesem Menschen. Solange wir den Menschen so
betrachten, konnen wir eigentlich gar nicht anders, selbst wenn wir
uber die manchmal recht groben Vorstellungen des Materialismus
hinausgehen, als den Menschen materialistisch zu deuten. Denn wir
haben auf der einen Seite den Bau des Menschen. Wir konnen
diesen Bau verfolgen in all seinen feineren Gewebestrukturen und
Nerven- /y
Sinner
bekommen, je mehr wir gegen die Kopf organisation heraufgehen,
ein getreues Abbild des Geistig-Seelischen. Und wir konnen dann
weiterverfolgen dasjenige, was sich von der Auflenwelt in dem
Menschen spiegelt. Das ist aber bloltes Bild. Wir haben die Realitat
des Menschen, die wir in ihre feineren Strukturen hinein verfolgen
konnen, und wir haben das Bild der Welt.
Halten wir das recht gut fest: wir haben des Menschen Realitat
in seinem Organausbau und wir haben dasjenige, was sich drinnen
im Menschen spiegelt. Das ist eigentlich alles, was zunachst der aufie-
ren sinnlichen Beobachtung vorliegt. Bei dieser aufieren sinnlichen
Beobachtung liegt also im Grunde das Folgende vor: Diese ganze
Struktur des Menschen zerfallt, wenn der Mensch stirbt, zerfallt als
Leichnam. Aufierdem liegen ihr die Bilder der aulteren Welt vor.
Wenn Sie den Spiegel zerbrechen, kann sich nichts mehr spiegeln;
die Bilder sind also auch vergangen, wenn der Mensch durch den
Tod geht. Ist es also nicht naturlich, dafi da der aufieren sinnlich-
physischen Beobachtung nichts anderes vorliegt als das, was ich eben
angefuhrt habe, dafi da gesagt werden mufi: Mit dem Tode zerfallt
die physische Struktur des Menschen? - Die spiegelte friiher die
Aufienwelt. Was der Mensch in der Seele tragt, ist Spiegelbild; das
vergeht aber. Diese Tatsache stellte einfach der Materialismus des
19. Jahrhunderts hin. Er mulke sie hinstellen, weil er schliefilich von
anderem nichts wulke. Nun wird die Sache schon anders, wenn man
ein wenig eingeht auf das menschliche geistige und seelische Leben
selber. Da aber betreten wir schon ein Gebiet, wohin die phy-
sisch-sinnliche Beobachtung nicht dringen kann.
Nehmen wir eine naheliegende Tatsachenreihe der Seele heraus,
die einfache Tatsachenreihe, die damit gegeben ist, dafi wir der
Aufienwelt beobachtend gegeniiberstehen. Wir beobachten die
Dinge, wir nehmen sie wahr, haben sie dann vorstellungsgemafi in
uns. Aber wir haben auch ein Gedachtnis, ein Erinnerungsvermo-
gen. Was wir an der Aufienwelt erleben, das konnen wir wiederum
heraufheben in Bildern aus den Tiefen unseres Wesens. Wir wissen,
welche Bedeutung diese Erinnerung fur den Menschen hat. Bleiben
wir zunachst bei dieser Tatsachenreihe stehen. Nehmen Sie diese
zwei inneren Erlebnisse: Sie schauen durch die Augen die Auften-
welt an oder horen sie mit Ihren Ohren, nehmen sie sonst mit Ihren
Sinnen wahr. Da sind Sie in einer gegenwartigen seelischen Betati-
gung. Das geht iiber in Ihr vorstellungsgemafies Leben. Das was Sie
heute erlebt haben, Sie konnen es in ein paar Tagen aus den Unter-
griinden Ihrer Seele in Bildern wiederum heraufheben. Es geht ja in
irgendeiner Weise etwas in Sie hinein, Sie holen es wiederum aus
sich heraus. Es ist unschwer zu erkennen, dafi dasjenige, was da in
die Seele hineingeht, von der Aufienwelt herriihren mufi. Ich will
mich jetzt gar nicht weiter einlassen auf etwas anderes als auf den
reinen Tatbestand, der ja offen zutage liegt, dafi das, was so erinnert
wird, von der Auftenwelt kommen mufi. Denn wenn Sie irgend-
einen roten Gegenstand gesehen haben, so erinnern Sie sich wie-
derum an den roten Gegenstand, und was in Ihnen vorgegangen ist,
ist nur das Bild des roten Gegenstandes, das wiederum in Ihnen
heraufkommt. Also es ist etwas, was die Aufienwelt in Sie hineinge-
pragt hat, tiefer hineingepragt hat, als wenn Sie sich nur unmittelbar
vorstellend in der Aulknwelt betatigen. Aber stellen Sie sich jetzt
vor: Sie gehen an irgend etwas heran, beobachten es, sind also in
einer gegenwartigen Seelenbetatigung gegeniiber dem Beob-
achteten. Sie verlassen es; nach einigen Tagen haben Sie Veran-
lassung, die Bilder des Beobachteten wieder aus dem Untergrund
Ihres Wesens heraufzuheben, da sind sie wieder da; sie sind blasser,
gewifi, aber sie sind da, sie sind bei dem Menschen da. Aber was war
in der Zwischenzeit?
Nun bitte ich Sie, halten Sie das fest, was ich Ihnen gesagt habe,
und vergleichen Sie dieses eigentumliche Spiel von gegenwartigen
Wahrnehmungsvorstellungen und Erinnerungsvorstellungen mit
dem, was Sie gut kennen als das Bild des Traumes. Sie werden un-
schwer bemerken konnen, wie mit dem Erinnerungsvermogen das
Traumen zusammenhangt. Die Traumvorstellungen brauchen janur
nicht sehr konfus zu sein, dann werden Sie sehen, wie sie an die Er-
innerungsvorstellungen ankniipfen, wie also eine Verwandtschaft
besteht zwischen dem Traumen und demjenigen, was da aus den le-
bendigen Vorstellungen in die Erinnerung iibergeht.
Aber jetzt betrachten Sie etwas anderes. Der Mensch mufi orga-
nisch vollkommen gesund sein, wenn er sozusagen das Traumen
richtig vertragen will. Zum Traumen gehort, dafi man sich organisch
vollig in der Hand hat, daft der Moment immer wiederum eintreten
kann, wo man weifi: Das ist ein Traum gewesen. - Es mufi irgend et-
was nicht in Ordnung sein, wenn jemand nicht zu dem Moment
kommen konnte, wo er vollkommen durchschauen wiirde: etwas ist
ein Traum gewesen. Man hat ja Menschen kennengelernt, die haben
getraumt, dafi sie gekopft worden sind. Nun denken Sie, wenn diese
Menschen hinterher nicht unterscheiden konnen dieses getraumte
Kopfen von dem wirklichen Kopfen und glauben wiirden, dafi sie
nun wirklich gekopft sind und wiirden doch weiterleben miissen,
bedenken Sie doch nur einmal, wie wenig solche Menschen, ohne
konfus zu werden, die Tatsachen durch das Unterscheiden zusam-
menbringen konnten. Sie miifiten fortwahrend erleben: Ich komme
eben vom Kopfen. - Und wenn sie voraussetzen mufiten, dafi sie das
glauben mufiten, dann kann man ja ungefahr ermessen, welche
Worte sich da ihren Iippen entringen wiirden. Also, es handelt sich
darum, dafi der Mensch immerzu die Moglichkeit hat, sich so in der
Hand zu haben, dafi er Traume von dem In-der-Wirklichkeit-Drin-
nenstecken mit seinem Vorstellen unterscheiden kann. Aber es gibt
doch auch Menschen, die konnen das nicht. Es gibt Menschen, die
erleben allerlei Halluzinatorisch.es, Visionares und dergleichen und
halten es fur Wirklichkeiten. Die konnen es nicht unterscheiden, die
haben sich nicht so stark in der Hand. Was bedeutet das? Das
bedeutet, dafi bei diesen Leuten das, was im Traume lebt, einen
Einflufi auf ihre Organisation hat, dafi ihre Organisation angepafit
ist der Traumvorstellung. Sie haben kgendwo etwas nicht voll-
standig ausgebildet in ihrem Nervensystem, was vollstandig aus-
gebildet sein sollte; daher ist der Traum in ihnen tatig, er wirkt in
ihnen.
Wenn also irgend jemand seine Traumvorstellungen nicht von
den erlebten Wirklichkeiten unterscheiden kann, so bedeutet das,
dafi die Traumkraft in ihm organisierend wirkt. Sobald der Traum
unseres ganzen Gehirnes machtig wiirde, wiirden wir iiberhaupt die
ganze Welt als Traum anschauen. Wer solch eine Tatsache in ihrem
vollen Werte betrachten kann, der wird nach und nach zu Dingen
kommen, zu dcnen sich allerdings unsere gewohnliche Wissenschaft
heute nicht aufschwingen will, weil sie nicht den Mut dazu hat; er
wird dazu kommen, einzusehen, daft in dem, was im Traumleben
kraftet, dasselbe liegt, was in uns Organisationskraft ist, was Wachs-
tums-, Belebekraft ist. Nur dadurch, daft gewissermafien unser
Organismus so in sich konsolidiert ist, daft er so feste Strukturen hat,
daft er widersteht dem gewohnlichen Traum, nur dadurch hat die
Kraft der gewohnlichen Traume nicht die Macht, seine Struktur
auseinanderzureiften, und der Mensch kann unterscheiden das
Traumerlebnis vom Wirklichkeitserlebnis.
Aber wenn das Kind klein ist und heranwachst, wenn es also im-
mer grower und grofter wird, da ist eine Kraft in ihm. Das ist dieselbe
Kraft, die im Traume ist, nur daft man sie beim Traume an-
sieht. Und wenn man sie nicht ansieht, sondern wenn sie im Leibe
wirkt, diese Kraft, die sonst im Traume ist, dann wachst man durch
sie. Und man braucht nicht einmal so weit zu gehen, auf das Wach-
sen hinzuschauen. Auch wenn Sie taglich zum Beispiel essen und
das Gegessene in sich verdauen, es in dem ganzen Organismus ver-
breiten, so ist es durch die Kraft, die im Traume lebt. Wenn daher
irgend etwas im Organismus nicht rich tig ist, dann hangt das auch
mit unrichtigem Traumen zusammen. Es ist dieselbe Kraft, die in
dem Traumleben aufterlich angeschaut wirkt, und die da in einem
wirkt selbst bis in die Verdauungskrafte hinein.
So konnen wir sagen: Wir werden gewahr, wenn wir nur das
Leben des Menschen richtig anschauen, die wirksame Traumeskraft
in seinem Organismus. Und indem ich das schildere, diese wirksame
Traumeskraft, betrete ich eigentlich in dieser Schilderung dieselben
Wege, die ich betreten muft, wenn ich den menschlichen Atherleib
beschreibe.
Denken Sie sich, irgend jemand konnte durchschauen alles das-
jenige, was im Menschen wachst vom Kinde auf, was im Menschen
die Verdauung bewirkt, was im Menschen wirkt, um den ganzen
Organismus in seiner Tatigkeit zu erhalten; denken Sie sich, ich
konnte dieses ganze Kraftsystem nehmen, herausnehmen aus dem
Menschen und es vor den Menschen hinstellen, dann hatte ich den
Atherleib vor den Menschen hingestellt. Dieser Atherleib, dieser
Leib also, der sich nur in Unregelmafiigkeiten in dem Traume offen-
bart, war in sich viel mehr ausgebildet vor dem Zeitpunkte im 19.
Jahrhundert, den ich angefuhrt habe. Er wurde immer schwacher
und schwacher in seiner Struktur. Dafiir wurde der physische Leib
immer starker und starker in seiner Struktur. Der Atherleib kann in
Bildern vorstellen, er kann traumhafte Imaginationen haben, aber er
kann nicht denken. Und sobald in irgendeinem Menschen der Ge-
genwart dieser Atherleib besonders stark tatig zu sein beginnt, dann
wird er das, was ich vorhin sagte, er wird etwas hellseherisch; aber er
kann dann weniger denken, denn zum Denken braucht er gerade
den physischen Leib.
Daher ist es nicht zu verwundern, dafi die Menschen, wenn sie
im 19. Jahrhundert das Gefuhl hatten, sie konnten besonders gut
denken, eigentlich zum Materialismus hingetrieben wurden. Was
ihnen zu diesem Denken am meisten half, das ist dieser physische
Leib, mit anderen Worten ausgedrikkt. Aber mit diesem Denken
gerade, mit diesem physischen Denken hangt die besondere Art
des Gedachtnisses zusammen, die im 19. Jahrhundert entwickelt
worden ist, es ist ein Gedachtnis, das womoglich wenig bildhaft ist,
womoglich in Abstraktionen verlauft.
Interessant ist solch eine Erscheinung. Ich habe offers den Krimi-
nalanthropologen Moriz Benedikt angefuhrt; ich mochte auch heute
ein interessantes Erlebnis, das er selber erzahlt in seinen «Lebenserin-
nerungen», anfuhren. Er hatte eine Rede zu halten auf einer Natur-
forscherversammlung, und nun erzahlt er, daft er sich auf diese
Rede, indem er Tag und Nacht nicht geschlafen hat, zweiundzwan-
zig Nachte lang vorbereitet hat. Zweiundzwanzig Nachte hat er die
Rede vorbereitet, und am letzten Tag, bevor er die Rede gehalten
hat, ist ein Journalist bei ihm erschienen, der sollte diese Rede verof-
fentlichen. Er diktierte sie ihm. Er hatte die Rede nicht niederge-
schrieben, erzahlt er, er hatte sie nur dem Gedachtnis eingepragt. Er
diktierte sie dem Journalisten; also im Kammerchen diktierte er sie
dem Journalisten und dann hielt er bei der Naturforscherversamm-
lung diese Rede. Was der Journalist nach dem Diktat abgedruckt hat,
stimmte nun bis aufs Wort genau mit dem uberein, was Benedikt
dann der Naturforscherversammlung vorgetragen hat. - Ich mufi
sagen, ich bewundere so etwas aufierordentlich! Denn man be-
wundert immer dasjenige, was zu leisten man selbst niemals im-
stande ware. Das also ist eine sehr interessante Erscheinung. Der
Mann hat zweiundzwanzig Nachte lang daran gearbeitet, Wort fur
Wort einzuverleiben seiner Organisation, was er vorbereitet hat, so
dafi er niemals hatte irgendeinen Satz anders sagen konnen in der
Wortfolge, als wie er safi in seinem Organismus, so fest safi er da.
So etwas ist nur moglich, wenn man die ganze Rede absolut aus
dem allmahlich sich formenden Wortlaut dem physischen Organis-
mus einpragen kann. Es ist schon richtig so, dafi man das, was man
da ausdenkt, so fest dem physischen Organismus einpragt, wie die
Naturkraft das Knochensystem fest aufbaut. Dann ruht diese ganze
Rede wie ein Gerippe im physischen Organismus. Es ist ja das Ge-
dachtnis gewohnlich an den Atherleib gebannt, aber hier hat sich
der Atherleib ganz im physischen Organismus abgedruckt. Der ganze
physische Organismus hat etwas in sich, wie er seine Knochen in sich
hat, was als ein Gerippe dieser Rede dasteht. Dann kann man auch
so etwas machen, wie es der Professor Benedikt gemacht hat. Und so
etwas ist eben nur moglich, wenn dieser physische Organismus in
seiner Nervenstruktur so ausgebildet ist, dafi er in seine Plastik das-
jenige hineinnimmt, ohne Widerstand hineinnimmt, was in ihn
hineingebracht wird, nach und nach allerdings, zweiundzwanzig
Tage beziehungsweise zweiundzwanzig Nachte hindurch mufite es
hineingearbeitet werden.
Man braucht sich da nicht zu verwundern, dafi jemand, der so
auf seinen physischen Leib baut, das Gefuhl bekommt, dieser phy-
sische Leib ist das einzig Arbeitende im Menschen drinnen. - Und es
war schon das Leben des Menschen allmahlich so geworden, dafi es
sich ganz und gar in den physischen Leib hineinarbeitete, und er
daher auch zu dem Glauben kam: der physische Leib ist dies in der
menschlichen Organisation. Ich glaube nicht, dafi ein anderes Zeit-
alter als dasjenige, welches auf den physischen Leib diesen grolkn
Wert legt, hatte zu einer so grotesken Erfindung - verzeihen Sie
diesen Ausdruck - kommen konnen, wie es die Stenographic ist.
Denn man hat ja, als man keine Stenographic gehabt hat, nicht
solchen Wert darauf gelegt, das Wort und die Wortfolge so unbe-
dingt festzuhalten und so festzupragen die Worte, wie sie im Steno-
gramm festgehalten werden wollen. So festpragen kann sie ja nur
der Abdruck im physischen Leib. Also nur die besondere Vorliebe
fur das Abpragen im physischen Leibe bewirkt auch die andere Vor-
liebe, dieses abgepragte Wort zu erhalten, ja nicht irgend etwas zu
erhalten, was um ein Niveau hoher erhoben ist. Da hatte die Steno-
graphic namlich nichts zu suchen, wenn man diejenigen Formen
festhalten wollte, die sich im atherischen Leibe auspragen. Es gehorte
schon die materialistische Tendenz dazu, um etwas so Groteskes
zu erfinden, wie es die Stenographic ist.
Nun, das sollte nur erlauternd hinzugefugt werden zu dem, was
ich zu dem Problem beitragen mochte: das Verstehen des Auftretens
des Materialismus im 19. Jahrhundert. Die Menschheit war bei einer
gewissen Verfassung angelangt, die hinneigte zu dem Einpragen des
Geistig-Seelischen in den physischen Organismus. Sie mussen das,
was ich gesagt habe, als eine Interpretation nehmen, nicht als eine
Kritik der Stenographic Ich will nicht, dafi die Stenographic heute
gleich abgeschafft wird. Das ist niemals die Tendenz, die solchen
Charakteristiken zugrunde liegt. Denn man mufi sich ganz Mar sein:
Damit, dafi man etwas versteht, will man es ja auch nicht durchaus
gleich abschaffen! Es gibt vieles in der Welt, was notwendig ist zum
Leben, was aber auch nicht zu allem dienen kann - ich will das
Thema nicht weiter ausfuhren - und was man doch auch in seiner
Notwendigkeit begreifen mufi. Aber wir leben, das raufi ich immer
wieder betonen, in einem Zeitalter, in dem es durchaus notwendig
ist, etwas mehr in die Tiefe sowohl der Naturentwickelung wie der
Kulturentwickelung einzudringen, sich sagen zu konnen: Woher
kommt die eine oder die andere Erscheinung? - Denn mit dem
blofien keiferischen Aburteilen und Abkritisieren ist es nicht getan;
man raufi alle Dinge der Welt wirklich verstehen.
Was ich also heme ausgefuhrt habe, mochte ich dahin zusam-
menfassen, daft uns die Entwickelung der Menschheit zeigt, dafi
gewissermafien die Strukturvollendung des physischen Leibes in der
Mitte des 19. Jahrhunderts einen Hohepunkt erreichte, dafi jetzt
schon wieder die Dekadenz eintritt, und dafi mit diesem Vervoll-
kommnen des physischen Leibes der Aufschwung der theoretischen
materialistischen Weltanschauung zusammenhangt. Ich werde ja
iiber diese Dinge in den nachsten Tagen von dem einen oder an-
deren Gesichtspunkt aus das eine oder das andere noch zu sagen
haben. Heute mochte ich gerade dieses vor Sie hingestellt haben,
was ich eben zusammengefafit habe.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 3. April 1921
Ich bemerke zuvor ausdriicklich, dafi dieser heutige Vortrag nicht in
die Reihe der Kursusveranstaltungen gehort, sondern in einer gewis-
sen Beziehung sich anschliefien soil an das, was ich gestern Abend
ausgefiihrt habe. Es hat sich gestern darum gehandelt, hinzublicken
auf jene besondere Entwickelungsgestaltung des geschichtlichen
Menschheitswerdens, die in die Mitte und noch in die zweite Half-
te des 19. Jahrhunderts fallt, auf den Entwickelungsimpuls des
Materialismus. Ich habe gesagt, dafi unser Augenmerk gerichtet sein
soli bei diesen Betrachtungen nicht so sehr auf den Materialismus im
allgemeinen, der ja wieder andere Gesichtspunkte erfordert, als viel-
mehr im besonderen auf den theoretischen Materialismus, auf den
Materialismus als Weltanschauung. Und ich habe darauf aufmerksam
gemacht, dafi es ja notwendig ist, in einer hinreichenden Kritik
diesem Materialismus gegeniiberzutreten, dafi aber auf der anderen
Seite dieser Materialismus eine notwendige Entwickelungsphase der
Menschheitsgeschichte war, dafi wir nicht etwa blofi davon sprechen
durfen, dafi dieser Materialismus abzuweisen sei, dafi er eine
menschliche Verirrung sei, sondern dafi dieser Materialismus verstan-
den sein will. Die beiden Dinge schliefien sich namlich durchaus
nicht aus. Und es ist gerade bei einer solchen Betrachtung wichtig,
das Gebiet jener Vorstellungen, die sich auf Wahrheit und Irrtum
beziehen, weiter auszudehnen, als das gewohnlich geschieht. Man
spricht ja gewohnlich dariiber, dafi man sich im logischen Gedanken-
leben irren kann, oder dafi man die Wahrheit findet. Aber man
spricht nicht davon, daft unter Umstanden auch der auf die aufiere
Welt fallende Blick in der aufteren Wirklichkeit Irrtiimer vorfinden
kann. Und so schwer es fiir das heutige Vorstellen auch noch sein
wird, im Naturgeschehen Irrtiimer anzuerkennen - was aber auch
durch die Geisteswissenschaft geschehen will -, so liegt es doch dem
heutigen Menschen schon nahe, in dem, was heraufkommt im Laufe
des geschichtlichen Werdens, was gewissermafien im gemeinsamen,
im sozialen Leben der Menschheit sich auswirkt, reale Irrtiimer anzu-
erkennen, Irrtiimer, die nicht blofi logisch korrigiert sein wollen,
sondern die aus ihren Entstehungsbedingungen heraus begriffen
sein wollen.
Im Denken hat man ja den Irrtum einzig und allein abzuweisen.
Man hat aus dem Irrtum herauszukommen und durch die Uberwin-
dung des Irrtums zur Wahrheit zu gelangen. Wenn es sich aber um
Irrtiimer handelt, die im Tatsachlichen wurzeln, dann mufi man im-
mer sagen, daft diese Irrtiimer auch ihre positive Seite haben, dafi sie
in einer gewissen Weise durchaus fur die Menschheitsentwickelung
ihren Wert haben. Und so darf auch nicht blofi in einseitig phili-
stroser Weise der theoretische Materialismus des 19. Jahrhunderts
verdammt werden, sondern er mull in seiner Bedeutung fur die
ganze Menschheitsentwickelung begriffen werden. Er bestand ja
darin - und was von ihm geblieben ist, besteht noch heute darin -,
dafi man sich einer gewissenhaften genauen Erforschung der aufieren
materiellen Tatsachen hingibt, dafi man sich in einer gewissen Weise
an diese Tatsachenwelt verliert, und dafi man dann, ausgehend von
dieser Untersuchung der Tatsachenwelt, an die man sich stark ge-
wohnt, eine Lebensauffassung findet, dahin zielend, dafi es nur
diese Tatsachenwelt als Wirklichkeit gebe, dafi alles das, was geistig,
seelisch ist, im Grunde genommen nur ein Produkt ist, das sich er-
gibt aus diesem materiellen Geschehen. - Auch diese Lebensauffas-
sung war in einem gewissen Zeitalter notwendig, und das Gefahrliche
bestiinde nur, wenn sie starr festgehalten wiirde und die weitereEnt-
wickelung der Menschheit in einer Zeit beeinflussen wiirde, in der
schon andere Inhalte in das menschliche Bewulksein einziehen
miissen.
Heute wollen wir einmal untersuchen, worauf denn dieser Ent-
wickelungsimpuls des theoretischen Materialismus eigentlich be-
ruht. Dazu kommen wir, wenn wir von einem gewissen Gesichts-
punkte aus heute noch einmal uns vor die Seele riicken die «Drei-
gliederung des menschlichen Organismus». Ich habe bei den ver-
schiedensten Gelegenheiten diese «Dreigliederung des menschlichen
Organismus» charakterisiert. Ich habe gesagt: Wir haben zu unter-
scheiden innerhalb der menschlichen Gesamtorganisation dasjenige,
was man nennen kann zunachst fur den physischen Menschen die
Sinnes-Nervenorganisation; sie ist vorzugsweise im menschlichen
Haupte konzentriert, erstreckt skh aber in einer gewissen Art auch
iiber den ganzen menschlichen Organismus, durchdringt auch die
anderen Glieder dieses Organismus. Wir haben dann als zweites
Glied die rhythmische Organisation des Menschen, deren Haupt-
sachlichstes uns entgegentritt in dem Atmungsrhythmus und in der
Blutzirkulation. Und wir haben als drittes die Stoffwechselorganisa-
tion des Menschen im weiteren Sinne, wozu ja auch das gesamte
Gliedmaftensystem des Menschen gehort. Das Gliedmafiensystem
des Menschen ist Bewegungssystem, und alle Bewegung des Men-
schen ist im Grunde genommen nur ein Ausdruck seines Stoffwech-
sels. Wenn man einmal des Naheren wird untersuchen konnen, was
eigentlich im Stoffwechsel vor sich geht, wenn der Mensch in Bewe-
gung ist, dann wird man diesen innigen Zusammenhang zwischen
dem menschlichen Gliedmafiensystem und dem Stoffwechselsystem
erkennen.
Wenn wir diese drei Systeme des Menschen uns vorhalten, dann
haben wir zunachst den tiefgreifenden Unterschied gegeben, welcher
zwischen diesen drei Systemen besteht. Ich habe schon gestern dar-
auf aufmerksam gemacht, wie zwei Menschen von ganz verschiedener
Weltauffassung durch dieselben Zeichnungen sich klarmachen woll-
ten, was sich auf die menschliche Hauptorganisation, aber auch auf
das menschliche Vorstellen bezieht. Ich habe darauf hingewiesen,
wie es mir einmal passiert ist bei einem Vortrag anwesend zu sein,
der gehalten wurde von einem extremen Materialisten. Er wollte das
Seelenleben beschreiben, beschrieb aber eigentlich das menschliche
Gehirn, beschrieb die einzelnen Partien dieses Gehirnes, ihre Ver-
bindungsfasern und so weiter. Er bekam dadurch ein Bild heraus;
dieses Bild, das er auf die Tafel zeichnete, das war bei ihm nur der
Ausdruck desjenigen, was materiell physisch im menschlichen
Gehirn vorgeht, es war aber zu gleicher Zeit der Ausdruck fur ihn
des seelischen Erlebens, vorzugsweise des Vorstellungserlebens. Ein
anderer, der Herbartischer Philosoph war, sprach von Vorstellungen,
von Assoziationen der Vorstellungen, von der Wirkung also einer
Vorstellung auf die andere und so weiter, und er sagte, er konne
dasselbe Bild gebrauchen. - Es liegt da, ich mdchte sagen, ganz em-
pirisch etwas vor , was auflerordentlich interessant ist. Es liegt das vor,
daft jemand, dem das Seelenleben fur die Beobachtung, wenigstens
in seinen Vorstellungen - das mufi man ja beim Herbartianismus
immer hinzusetzen -, etwas Reales ist, dafi der durch dasselbe Bild
sich klarmacht, wie dieses Seelenleben wirkt, wie der andere, der
eigentlich nur die Geschehnisse im Gehirn darstellen will, das
Seelenleben beschreibt.
Nun, was liegt denn einer solchen Sache eigentlich zugrunde?
Das liegt zugrunde, dafi ja in der Tat das menschliche Gehirn in
seiner plastischen Gestaltung ein aufserordentlich getreues Abbild ist
desjenigen, was wir als Vorstellungsleben kennen. In der Plastik des
menschlichen Gehirnes driickt sich wirklich das Vorstellungsleben in
einer, man mochte fast sagen adaquaten Weise aus. Um aber diesen
Gedanken wirklich zu Ende denken zu konnen, ist noch etwas
notwendig. Dazu ist notwendig, dafi man dasjenige, was man als die
Vorstellungsverkettungen in der gewohnlichen Psychologie lernt,
zum Beispiel auch in der Herbartischen Psychologie, was man lernt
als die Vorstellungsverkettungen im Urteil, im Schliefien durch
Logik und so weiter, dafi man das nicht bei Gedanken belafit,
sondern dafi man es wenigstens in der Phantasie - wenn man auch
nicht aufsteigen kann zu hellseherischen Imaginationen -, es wenig-
stens dann in der Phantasie ins Bild auslaufen lafit; also dasjenige,
was das Gewebe der Logik ist, was das Gewebe ist, das uns die
Psychologie iiber das Vorstellungsleben gibt, die Seelenkunde, daft
man das ins Bild auslaufen lafit. Wenn man in der Tat dazu gelangt,
ich mochte sagen, Logik und Psychologie malerisch-plastisch ins Bild
hinuberzugestalten, dann kommt die menschliche Gestaltung des
Gehirnes heraus, dann haben wir ein Bild hingezeichnet, dessen
Verwirklichung das menschliche Gehirn ist.
Worauf beruht das eigentlich? Das beruht darauf, dafi in der Tat
das menschliche Gehirn, uberhaupt das ganze Nerven-Sinnes-
system, ein Abdruck eines Imaginativen ist. Und vollstandig verste-
hen lernt man den Wunderbau des menschlichen Gehirnes erst,
wenn man imaginativ forschen kann. Dann hat man dieses mensch-
liche Gehirn gegeben als realisierte menschliche Imagination. Das
imaginative Erkennen lehrt, das auflere Gehirn, das Gehirn, das wir
durch die Physiologie und durch die Anatomie kennenlernen, als
realisierte Imagination kennenzulernen. Das ist bedeutsam.
Eine andere Tatsache daneben ist aber nicht minder bedeutsam.
Halten wir auf der einen Seite fest: Das menschliche Gehirn ist reale
menschliche Imagination. Wir werden ja schon geboren, wenn auch
nicht mit dem fertigen Gehirn, so doch mit den Wachstumstenden-
zen des Gehirnes; es will sich dahin entwickeln, realisierte imagi-
native Welt zu sein, es will Abdruck werden einer imaginativen
Welt. Das ist sozusagen das Fertige an unserem Gehirn, dafi es ein
Abdruck ist einer imaginativen Welt. In diesen Abdruck der imagi-
nativen Welt bauen wir hinein, was Vorstellungserleben nun ist in
der Zeit, die wir durchlaufen zwischen der Geburt und dem Tode.
Wir haben in dieser Zeit Vorstellungserlebnisse; wir stellen vor, wir
verwandeln die Wahrnehmungen in Vorstellungen, wir urteilen, wir
schliefien und so weiter. Das bauen wir in unser Gehirn hinein. Was
ist dieses fur eine Tatigkeit?
Solange wir im unmittelbaren Wahrnehmen leben, solange wir
in der Wechselwirkung stehen mit der Aufienwelt, solange wir un-
sere Augen offnen den Farben und im Zusammensein mit den
Farben leben, solange wir unsere Hororgane offnen den Tonen und
im Zusammensein in diesen Tonen leben, so lange lebt die Aufien-
welt, indem sie durch die Sinne wie durch Golfe eindringt in
unseren Organismus, in uns weiter. Wir umfassen mit unserem in-
neren Leben in uns diese Aufienwelt. In dem Augenblicke aber, auf
den ich schon gestern aufmerksam machte, wo wir aufhoren mit
diesem unmittelbaren Erleben der Aufienwelt, in dem Augenblicke,
wo wir das Auge abwenden von der Farbenwelt, das Ohr unaufmerk-
sam werden lassen in bezug auf das Tonen der Aufienwelt, oder in
dem Augenblicke, wo wir diese Sinne anderem zuwenden, tritt
dasjenige, was Konkretheit hat - unsere Wechselwirkung mit
der Aufienwelt im Wahrnehmen -, in die Tiefen unserer Seelen
hinunter und kann in der Erinnerung wiederum im Bilde her-
vorgeholt werden. Wir konnen sagen: Wahrend unseres Lebens
zwischen Geburt und Tod gliedert sich vorstellungsgemaft unser
Wechselverkehr mit der Auflenwelt in zwei Teile, in das unmittel-
bare Erleben der Auflenwelt in Wahrnehmungen und umgestalteten
Vorstellungen. Da sind wir sozusagen an die Gegenwart ganz hinge -
geben, da hort unsere innere Tatigkeit in der Gegenwart auf. Dann
aber setzt sich fort diese gegenwartige Tatigkeit. Sie entzieht sich
zum grofien Teile zunachst unserem Bewufksein; sie tritt in das Un-
bewufite hinunter, kann aber wiederum heraufgeholt werden in die
Erinnerungsvorstellung. Wie ist sie da in uns vorhanden?
Da ist ein Punkt, wo nur das unmittelbare Anschauen, daserrun-
gen werden kann in der Imagination, Aufschlufi zu geben vermag.
Der Mensch, der ehrlich in seinem Wissenschaftsstreben seinen Weg
verfolgt, mufi sich unbedingt sagen: in dem Augenblick, wo das
Ratsel der Erinnerung an ihn herantritt, kommt er mit seinem For-
schen keinen Schritt mehr weiter. Indem sich dasjenige, was in un-
mittelbarer Gegenwart erlebt wird, hinunterschiebt in das Unterbe-
wufksein, entriickt es sich dem gewohnlichen Bewufitsein; man kann
es da nicht weiter verfolgen. Wenn nun entsprechend gearbeitet
wird in der Menschenseele durch diejenigen seelisch-geistigen
Ubungen, von denen oftmals gesprochen worden ist in diesen Be-
trachtungen, dann kommt man dazu, nicht mehr zu verlieren den
Anblick der Fortsetzungen unseres unmittelbaren Wahrnehmungs-
und Vorstellungserlebens, das dann in die erinnerungsmoglichen
Vorstellungen ubergeht. Ich habe ja des ofteren auseinandergesetzt,
wie eine erste Folge, ein erstes Ergebnis des Aufsteigens zu imagina-
tiven Vorstellungen das ist, dafi man wie in einem machtigen
Lebenstableau vor sich hat, vor der Seele hat die Erlebnisse seit der
Geburt. Wahrend sonst nur der Strom des Erlebens im Unbewufiten
hinfliefit und die einzelnen Vorstellungen, die in der Erinnerung
kommen, aus diesem unbewulken oder unterbewulken Strom her-
auftauchen durch eine halb traumerische Tatigkeit, wird fur den-
jenigen, der das imaginative Vorstellen entwickelt hat, die Moglich-
keit geboten, wie in einem Bilde zu iiberschauen den Strom der
Erlebnisse. Man mochte sagen, die Zeit, die da verflossen ist seit
unserer Geburt, nimmt sich dann aus wie der Raum selber. Man
sieht im Zusammenhange der Bildform dasjenige, was sonst im
Unterbewulksein ist. Wenn man in dieser Weise in unmittelbares
Schauen herauf erhebt dasjenige, was sonst ins Unterbewufitsein
entschliipft, dann kann man beobachten diese Fortsetzung der
gegenwartigen unmittelbaren Wahrnehmungs- und Denkerlebnisse
bis zu den erinnerungsmoglichen Vorstellungen; man kann ver-
folgen, was im menschlichen Wesen vor sich geht, sagen wir, mit
irgendeinem Erlebnis, das man in der Vorstellung hat, von dem
Zeitpunkte, wo man es zunachst fur das Vorstellen verloren hat, bis
zu dem Zeitpunkte, wo man sich wiederum daran erinnert. Da
geschieht ja fortwahrend, vom Erleben bis zum Erinnern, etwas in
diesem menschlichen Organismus; fur das imaginative Vorstellen
wird das anschaubar; es wird in Imaginationen anschaubar, aber es
enthullt sich nun in einer ganz besonderen Weise.
Die Gedanken, die da ins Unterbewulke gewissermafien sich ver-
loren haben, die regen in diesem Unterbewufitsein nicht eine Tatig-
keit an, welche mit unseremLebensimpuls, mitunserem Wachstums-
impuls zusammenhangt, sondern sie regen eine Tatigkeit in uns an,
welche zusammenhangt mit unserem Sterbeimpuls. Das ist das be-
deutungsvolle Ergebnis, das sich auf dem Wege, den ich heute nur
andeuten konnte, dem imaginativen Erkennen ergibt, dafi der
Mensch seine Erinnerungstatigkeit, die zur Erneuerung von Ge-
danken, von Vorstellungserlebnissen, von Wahrnehmungserleb-
nissen fiihrt, nicht kniipft an dasjenige, was uns ins Leben ruft, was
uns ins physische Leben ruft, was uns im physischen Leben die Ver-
dauung befordert, so dafi wir die unbrauchbar gewordenen Stoffe
durch brauchbare ersetzen und so weiter. Nicht mit diesem auf-
steigenden Lebenssystem des Menschen hangt das zusammen,
was wir als Erinnerungskraft hinunterschicken in die menschliche
Wesenheit, sondern mit dem hangt es zusammen, was wir in uns
tragen auch schon seit unserer Geburt, mit dem wir ebenso ge-
boren werden wie mit dem, wodurch wir leben und wachsen, es
hangt mit dem zusammen, was uns dann, zusammengedrangt in
einem einzigen Momcnte, fur den ganzen Organismus erscheint
im Sterben.
Das Sterben erscheint nur solange als eih grofies Ratsel, solange
es nicht gesehen wird in dem fortgehenden Leben zwischen Geburt
und Tod. Wir sterben nicht nur - wenn ich mich paradox ausdriicken
darf -, wenn wir sterben, wir sterben im Grunde genommen in
jedem Momente unseres physischen Lebens. Und indem ausgebildet
wird in unserem Organismus jene Tatigkeit, welche zur Erinnerung
fuhrt als das erinnerungsmaflige Denken - und jedes Erkennen im
gewohnlichen physischen Leben ist ja im Grunde genommen an die
Erinnerung geheftet insofern ausgebildet wird dieses Erkennen,
insofern sterben wir fortwahrend. Es ist ein leises Sterben, ausgehend
von unserer Hauptesorganisation, fortwahrend in uns. Indem wir
gerade diese Tatigkeit ausfuhren, die sich fortsetzt in der Erin-
nerung, beginnen wir den Akt des Sterbens fortwahrend. Nur wird
diesem Akt des Sterbens entgegengearbeitet durch dasjenige, was in
uns Wachstumskrafte in den anderen Gliedern des menschlichen
Organismus sind, die iiberwaltigen die Sterbekrafte. Und so halten
wir das Leben durch. Kame es auf unsere Hauptesorganisation, auf
die Nerven-Sinnesorganisation an, so ware eigentlich jeder Augen-
blick im Leben fur uns ein Todesaugenblick. Wir besiegen als Men-
schen fortwahrend den Tod, der von unserem Haupte nach unserer
iibrigen Organisation gewissermafien hinstromt. Unsere ubrige Or-
ganisation wirkt diesem Tode entgegen. Und erst wenn unsere ubrige
Organisation erlahmt, erlahmt durch das Alter oder erlahmt durch
irgendeine andere Schadigung, so dafi diese andere Organisation
nicht den todbringenden Kraften des menschlichen Hauptes ent-
gegenwirken kann, erst dann tritt fur den ganzen Organismus der
Tod ein.
Ja, wir arbeiten eigentlich im heutigen Denken, in dem Denken
der heutigen Zivilisation, mit Begriffen, die wie erratische Blocke
nebeneinanderliegen, ohne dafi wir den Zusammenhang in richtiger
Weise erkennen. Licht mufi hineinkommen in dieses Chaos von er-
ratischen Blocken unserer Begriffs- und Vorstellungswelt. Wir haben
auf der einen Seite das menschliche Erkennen, das so eng an die Er-
innerungsfahigkeit gebunden ist. Wir schauen dieses menschliche
Erkennen an und ahnen nicht seine Verwandtschaft mit der Vorstel-
lung, die wir vom Tode haben. Und weil wir diese Verwandtschaft
nicht ahnen, deshalb bleibt uns das, was sich sonst im Leben ent-
ratseln konnte, so ratselvoll. Wir konnen nicht dasjenige, was sich
im Alltag erleben lafit, mit den grolten aufierordentlichen Augen-
blicken des Erlebens verbinden. Die mangelnde geistige Uberschau
iiber das, was als Brocken herumliegt in unserer Vorstellungswelt,
die bewirkt, dafi das Leben nach und nach trotz dergrofienErrungen-
schaften des 19. Jahrhunderts so undurchschaubar geworden ist.
Wenden wir jetzt den Blick auf das zweite System, auf das zweite
Glied der menschlichen Organisation; da haben wir die rhythmische
Organisation. Diese rhythmische Organisation ist ja auch in der
menschlichen Hauptesorganisation vorhanden. Das Innere des
menschlichen Hauptes atmet mit dem Atmungsorganismus mit.
Das ist schon eine aufierliche physiologische Tatsache. Aber die At-
mung des menschlichen Hauptes ist gewissermafien mehr nach in-
nen liegend, sie verbirgt sich vor der Nerven-Sinnesorganisation. Sie
ist verdeckt durch dasjenige, was fur die Hauptesorganisation die
Hauptsache ist. Aber das menschliche Haupt hat durchaus auch
seine verborgene rhythmische Tatigkeit. Diese verborgene rhyth-
mische Tatigkeit tritt aber vorziiglich zutage eben in der mensch-
lichen Brustorganisation, in den Verrichtungen des menschlichen
Organismus, die ihren Mittelpunkt im Atmungsorgan und im
Herzen haben. Wenn wir allerdings diese Organisation, wie sie sich
uns aulSerlich darbietet, anschauen, so konnen wir nicht in der
gleichen Weise wie bei der Hauptesorganisation in ihr erblicken wie
ein plastisches Bild dasjenige, was aJs seelisches Gegenstuck dazu
vorhanden ist, namlich das Gefuhlsleben. Unser Gefuhlsleben
erscheint uns ja schon, wenn wir das seelische Erleben betrachten, als
etwas mehr oder weniger ineinander Verschwimmendes. Wir haben
von unseren Vorstellungen scharfe Konturen. Wir haben auch von
den Assoziationen der Vorstellungen wiederum deutliche Begriffe.
Aber wir haben nicht in derselben Weise scharfe Konturen der
Einzelheiten unseres Gefiihlslebens. Das regt sich und lebt sich in-
einander. Und man wird niemals einen Herbartianer flnden, der
dasjenige, was er als Abbild fur das Gefuhlsleben schafft, in einer
ahnlichen Zeichnung wird charakterisieren wollen, wie etwa der
Anatom oder der Physiologe das Lungensystem oder das Herz-
Blutsystem aufzeichnet. Da findet man schon, dafi zwischen dem-
jenigen, was innerlich seelisch ist, und demjenigen, was aufierlich
ist, ein soldier Bezug nicht da ist. Daher kann man skh aber auch
nicht diesen Zusammenhang des seelischen Gefuhlslebens mit dem
rhythmischen System durch die Erkenntnis der Imagination vor die
Seek fuhren. Dazu ist notwendig dasjenige, was ich in meinen
Schriften charakterisiert habe als die Erkenntnis der Inspiration.
Dieser besonderen Erkenntnisart der Inspiration ergibt sich, dafi das
Gefuhlsleben des Menschen einen unmittelbaren Bezug zu dem
rhythmischen System hat, daft ebenso wie das Nerven-Sinnessystem
dem Vorstellungsleben zugeeignet ist, das rhythmische System dem
Gefuhlsleben des Menschen zugeeignet ist. Aber - gewissermafien
vergleichsweise gesprochen - der Wachsabdruck des Gefuhlslebens
ist das rhythmische System nicht so, wie das Gehirnsystem der
Wachsabdruck des Vorstellungslebens ist. Daher konnen wir nicht
sagen, in unserem rhythmischen System sei ein imaginatives Abbild
gegeben des Gefuhlslebens. Dagegen mussen wir sagen, dasjenige,
was sich in uns als rhythmisches System ausbildet, was in uns als
rhythmisches System lebt, das ist - nun ganz abgesehen von jeder
menschlichen Erkenntnis - durch Weltinspiration entstanden. Es ist
inspiriert in uns. Die Tatigkeit, die in der Atmung, die in der Blut-
zirkulation ausgeiibt wird, ist ja nicht nur etwas, was in uns lebt in-
nerhalb unserer Haut, sie ist ein Weltgeschehen, wie das Blitzen und
Donnern ein Weltgeschehen ist. Wir hangen ja auch durch unser
rhythmisches System zusammen mit der Aufienwelt. Die Luft, die
jetzt in mir ist, sie war vorher draufien; die Luft, die jetzt in mir ist,
sie wird nachher draufien sein. Es ist ein Wahn, zu glauben, dafi der
Mensch nur innerhalb seiner Haut lebt. Er lebt als ein Glied der-
jenigen Welt, die um ihn ist. Und aus dieser Welt herein inspiriert
ist die Gestalt seines rhythmischen Systems, das in engster Bezie-
hung zu seinen Bewegungen steht.
Wenn wir nun zuriickblicken darauf, kdnnen wir sagen: Im
menschlichen Haupte haben wir zugrunde liegend zuerst die Ver-
wirklichung einer imaginativen Welt, dann, ich mochte sagen, unter
dem, was skh da als eine imaginative Welt realisiert, die Welt des
rhythmischen Systems, also eine inspirierte Welt. Von unserem
rhythmischen System konnen wir nur sagen: Da drinnen ist realisiert
eine inspirierte Welt.
Und wie ist es mit unserem Stoffwechsel-Gliedmaflensystem? -
Der Stoffwechsel gehort mit dem Gliedmaltensystem zusammen,
wie ich schon vorhin angedeutet habe. Was sich uns im Stoffwechsel
des Menschen darbietet, steht im unmittelbaren Zusammenhang
mit der menschlichen Willenstatigkeit. Aber dieser Zusammenhang
enthullt sich weder der imaginativen Erkenntnis noch der inspirier-
ten Erkenntnis. Er enthullt sich erst der intuitiven Erkenntnis, dem,
was ich in meinen Schriften die «intuitive Erkenntnis» genannt habe;
daher riihrt die Schwierigkeit, dasjenige, was aufierlich-materiell im
Stoffwechsel erscheint, als Realisierung einer Weltintuition an-
zusehen. Aber dieser Stoffwechsel ist ja auch vorhanden im rhythmi-
schen System. Der Stoffwechsel des rhythmischen Systems verbirgt
sich unter dem Lebensrhythmus, wie sich unter der Nerven-Sinnes-
tatigkeit im menschlichen Haupte verbirgt der Lebensrhythmus.
Beim menschlichen Haupte haben wir eine realisierte imagina-
tive Welt, darunter verborgen eine realisierte inspirierte Welt mit
Bezug auf den Rhythmus im Haupte. Darunter aber ist auch im
Kopfe der Stoffwechsel, also das realisierte Intuitive, so dafi wir zu-
nachst unser Haupt begreifen, wenn wir in ihm sehen den Zusam-
menflufi des realisierten Imaginativen, des realisierten Inspirierten
und des realisierten Intuitiven. Im menschlichen rhythmischen
System fallt das Imaginative weg, da ist nur die Realisierung des In-
spirierten und Intuitiven. Und im Stoffwechselsystem fallt auch
die Inspiration weg, da haben wir es nur mit der Realisierung einer
Weltintuition zu tun.
So tragen wir in uns in diesem dreigegliederten menschlichen
Organismus zuerst die Hauptesorganisation, ein Abbild desjenigen,
was wir anstreben in der Erkenntnis, in der Imagination, Inspiration,
Intuition. Wollen wir das menschliche Haupt verstehen, miifiten wir
uns eigentlich sagen: wenn wir nur die auflere gegenstandliche Er-
kenntnis haben, die ja nicht einmal Imagination ist, die nicht bis
zum Intuitiven aufrikkt, ist mit dieser Erkenntnis, die nur eine
gegenstandliche, an der aufieren Sinneswelt gewonnene ist, halt-
zumachen vor dem menschlichen Haupte. Denn das menschliche
Haupt beginnt erst sich in seiner inneren Wesenheit der imagina-
tiven Erkenntnis zu erschliefien, und hinter dem, was sich da er-
schlielk, liegt dann ein Tieferes, das sich der Inspiration erschliefit,
und hinter diesem wiederum dasjenige, was sich dem intuitiven
Erkennen erschliefit. Das rhythmische System ist auch fur die Imagi-
nation noch nicht zuganglich, das erschliefit sich erst im inspirierten
Erkennen. Und dasjenige, was unter ihm verborgen ist, ist das In-
tuitive. Und den Stoffwechsel sollten wir durchaus unbegreiflich
finden mnerhalb des menschlichen Organismus. Der richtige Stand -
punkt gegeniiber dem menschlichen Stoffwechsel, er kann kein
anderer als der folgende sein. Wir konnen nur sagen: Draufien
beobachten wir den Stoffwechsel der Welt; wir versuchen, ihn mit
den Gesetzen des gegenstandlichen Erkennens zu durchdringen,
erlangen dabei eine Naturerkenntnis des aufier lichen Stoffwechsels.
In demselben Momente, wo dieser aufierliche Stoffwechsel sich urn-
wandelt, metamorphosiert in unseren inneren Stoffwechsel, wird er
etwas ganz anderes, und er wird etwas, in dem dasjenige lebt, was
sich erst der Intuition ergibt.
Man mulke deshalb sagen: In der Welt, die uns zunachst sinn-
lich vorliegt, gehort zum Unbegreiflichsten des Unbegreiflichen das-
jenige, was die Stoffe innerhalb der menschlichen Haut machen, die
wir draufien durch Physik, Chemie und so weiter kennenlernen. -
Man miifite sich sagen: Zum hochsten geistigen Erfassen mufi man
aufriicken, wenn man erkennen will, was mit den Stoffen, die wir
draufien so gut anschauen nach ihrer Aufienseite, was mit denen
eigentlich im menschlichen Organismus vor sich geht.
So sehen wir, dafi im Aufbau unseres Organismus dreierlei zu-
nachst tatig ist. In diesem Aufbau des Organismus ist zuerst tatig
dasjenige, was der intuitiven Erkenntnis sich erschliefit, es baut aus
dem Stoffe der Welt zuerst den Organismus auf. Es ist in diesem
Organismus aufierdem tatig dasjenige, was sich der inspirierten Er-
kenntnis erschliefit; es gliedert ein dem Stoffwechselorganismus das
rhythmische System. In diesem menschlichen Organismus ist weiter
tatig dasjenige, was sich der imaginativen Erkenntnis erschliefit; es
gliedert ein das Nervensystem. Dann, wenn dieser Organismus sich
in die auflerliche physische Welt durch die Geburt hineinstellt, dann
entwickelt sich dasjenige, was ja gewissermafien durch ihn fertig ist,
weiter, indem der Mensch zwischen Geburt und Toddiegegenstand-
liche Erkenntnis entwickelt. Aber wir haben gesehen von dieser
gegenstandlichen Erkenntnis, dafi sie gebunden ist an die Erinne-
rungstatigkeit, dafi sie nun nicht einem Aufbau angehort, sondern
einem Abbau angehort, Wir haben gesehen, wie diese Erkenntnis
ein langsames Sterben, vom Haupte ausgehend, ist, so dafi wir
sagen konnen: Durch dasjenige, was begriffen werden konnte in
Intuition, Inspiration, Imagination, ist der menschliche Organis-
mus aufgebaut worden, das lebt auf eine dem heutigen Erkennen
unzugangliche Weise in diesem menschlichen Organismus. Das-
jenige aber, was er als unsere gegenstandlichen Erkenntnisse in ihn
hineinbaut zwischen Geburt und Tod, das baut ihn ab, das zerstort
ihn. Und in die Zerstorung hinein denken wir eigentlich, stellen wir
vor, wenn wir das Vorstellungs-, das Denkleben entwickeln.
Man kann, wenn man durchschaut, worin das Erkennen, das mit
der Erinnerungsfahigkeit so innig zusammenhangt, eigentlich be-
steht, gar nicht Materialist sein. Denn wollte man Materialist sein, so
mufke man sich vorstellen,dafi der Mensch durch seine Wachstums-
krafte aufgebaut wird, daft die Krafte tatig sind, welche die Stoffe
aufnehmen, sie weiterbefordern zu den verschiedenen Organen, um
die Verdauung im weiteren Sinne im Organismus zu vollziehen;
man mulke sich diese Fahigkeit, die im Wachstum, in der Verdau-
ung und so weiter im Aufbau liegt, fortgesetzt denken, und irgend-
wo miifite sie dann ausmiinden in das Vorstellen, in das Denken, das
zum gegenstandlichen Erkennen kommt. Das ist aber nicht der Fall.
Der menschliche Organismus wird aufgebaut durch etwas, was der
Intuition, der Inspiration, der Imagination zuganglich ist. Er ist
dann aufgebaut, wenn er diese Krafte in sich verarbeitet hat. Dann
beginnt aber die Rikkentwickelung, dann beginnt das Zerf alien.
Und dasjenige, wodurch das Zerfallen beginnt, das ist das gewohn-
liche Erkennen zwischen Geburt und Tod.
Wir bauen im gewohnlichen Erkennen nicht in die aufbauenden
Krafte hinein, sondern wir schaffen dabei zuerst, indem wir den
Aufbau zerstoren, die Grundlagen eines fortwahrenden Todesele-
mentes im Menschen. Und in dieses fortdauernde Todeselement
setzen wir unsere Erkenntnis hinein. Wir wiihlen nicht im Materiel-
len, indem wir vorstellen, nein, wir zerstoren das Materielle, wir
iibergeben das Materielle den Todeskraften. Und in den Tod hinein
denken wir, in das Vernichten des Lebens hinein denken wir. Ver-
wandt ist das Denken, verwandt ist das gewohnliche Erkennen nicht
dem sprieltenden, sprossenden Leben, verwandt ist es dem Tode.
Und wenn wir auf dieses menschliche Erkennen schauen, so find en
wir nicht in den naturlichen Gestaltungen bis zum menschlichen
Gehirn hinauf ein Analogon, wir finden allein ein Analogon in dem
Leibe, der nach dem Tode zerfallt. Denn dasjenige, was der zer-
fallende Leib, ich mochte sagen, intensiv darstellt, was der zerfal-
lende Leib in einer gewissen Grofie darstellt, das mufi fortwahrend
vor sich gehen in uns, wenn wir im gewohnlichen Sinne gegenstand-
lich erkennen.
Man schaue auf den Tod hin, wenn man das Erkennen begreifen
will. Man schaue nicht in materialistischer Weise auf das Leben hin,
sondern man schaue auf das hin, was die Negation, die Aufhebung
des Lebens ist. Dann kommt man zu einem Begreifen des Denkens.
Dann allerdings gewinnt dasjenige, was wir den Tod nennen, eine
ganz andere Bedeutung, es gewinnt schon aus dem Leben heraus
eine andere Bedeutung.
Man kann auch an aufieren Erscheinungen so etwas schon ermes-
sen. Ich sagte Ihnen gestern: Die Kulmination der materialistischen
Weltanschauung lag in der Mitte des 19- Jahrhunderts oder im letz-
ten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sie sah auf den Tod hin als auf et-
was, was unbedingt abgewiesen werden muf], und sie kam sich in
gewisser Weise vornehm vor in diesem Hinschauen auf den Tod, der
das Leben schlieflt, das Leben, das man allein eigentlich betrachten
wollte und das man aber selber als abgeschlossen betrachten wollte
mit dem Tode. - Man sieht vielfach etwas verachtlich zuriick auf das
«kindliche Volksbewulksein». Aber nehmen Sie ein Wort dieses
«kindlichen» Volksbewufitseins. Nehmen Sie das Wort «verwesen» fur
dasjenige, was nach dem Tode geschieht: «ver-wesen», die Vorsilbe
«ver» ist immer ein Hinbewegen zu demjenigen, was das Wort aus-
driickt; «verbrudern» heiik, sich nach der Richtung des Bruderwer-
dens bewegen, «versammeln» heilk, sich nach der Richtung des Sam*
melns bewegen. «Verwesen» bedeutet im Volksmund nicht auflosen,
nicht aufhoren, sondern in das Wesen hinein sich bewegen. Solche,
mit dem geistigen Erfassen der Welt wahrend eines instinktiven
Erkennens zusammenhangende Wortbildungen wurden sehr selten.
Im 19- Jahrhundert materialisierte man, lebte man nicht mehr in
dem, was die geistmaftige Durchdringung des Wortes war. Und man
konnte viele solche Beispiele anfuhren, welche zeigen wurden, dafl
sich einfach schon in der Sprache der Menschen der Materialismus in
seiner Kulmination dargelebt hat.
So konnen wir verstehen, wie, nachdem der Mensch aufgebaut
war, wie ich gestern sagte, bis zu einer Kulmination dutch Krafte,
die sich in der Inspiration, Intuition und Imagination erschliefien, er
dann zu einer hochsten Kulmination im 19. Jahrhundert kam, und
wie dann wieder eine Dekadenz folgte. Wir konnen begreifen, dafi
gewissermafien der Mensch sich entfernte von der Kraft, sich inner-
lich zu erfassen, indem er am starksten die Krafte ausbildete, die
dem Tode als Erkenntniskrafte am verwandtesten sind, die Abstrak-
tionskrafte . Und hier ist es, wo dann von der heutigen Betrachtung
ausgehend, man fortschreiten kann zu dem, was in der ganzen
Menschheksentwickelung der eigentliche wesentliche Impuls ist des-
jenigen, was man den materiahstischen Erkenntnisimpuls innerhalb
der Menschheitsgeschichte nennen kann.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 9. April 1921
Ich mochte am heutigen Abend nicht in direkter Weise die Betrach-
tungen, die sonst an Sonnabenden und Sonntagen hier gepflegt
werden, fortsetzen. Sondern ich mochte - damit die Freunde unserer
Sache, die hierher gekommen sind, moglichst viel von dem mitneh-
men konnen, was gerade in einem weiteren oder engeren Zusam-
menhange mit den Betrachtungen steht, die hier wahrend dieser
Woche angestellt worden sind - einige allerdings intimere Betrach-
tungen noch anstellen, die sich aber anschlieften sollen an die
Fragen, die auch schon in dieser Woche angeschlagen worden sind.
Ich habe selbst mit Hinblick auf die Befruchtung des Sprachwis-
senschaftlichen durch die anthroposophische Geisteswissenschaft
darauf hingewiesen, wie eine urspriingliche Empfindungsweise
gegenuber der Sprache verlorengegangen ist, und wie anstelle dieser
Empfindungsweise mehr ein abstraktes Hingeordnetsein auf die
Dinge der Umwelt getreten ist. Ich habe darauf hingewiesen, dafi es
eine bedeutsame Entwickelungskraft in dermenschlichen Geschichte
darstellt, daft durch Aristoteles, also im 4. Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung, das auftaucht, was dann die Logik genannt worden
ist. Denn das bewufite Hineinleben in das Logische, das vorher in
der menschlichen Seelenverfassung mehr unbewufit und instinktiv
gewaltet hat, bedeutet eben ein Hingeordnetsein nach der Welt im
abstrakten Sinne.
Ich sagte, dafi in alteren Zeiten ein innerer, konkreterer Vorgang
noch gefuhlt worden ist, der sich vergleichen lalk mit dem, was wir
studieren konnen im Geschlechtsreifwerden des Menschen. Was auf-
tritt im Kinde, wenn es sprechen lernt, ist eben eine Metamorphose,
eine mehr nach innen sich ausbildende Metamorphose des Prozesses,
der sich beim Geschlechtsreifwerden spater im Menschen dann ent-
faltet. Und was in diesem Prozefi des Sprechenlernens im Inneren
des Menschen verlauft, das hatte fur die altere Menschheit dann
Nachwirkungen fur das ganze menschliche Leben: Der Mensch
fuhlte sich so, als ob in ihm durch das Wort etwas zum Ausdrucke
kame, was auch in den Dingen draufien lebt, was die Dinge aber
nicht aussprechen, weil sie gewissermafien verstummt sind. Im Er-
klingen des Wortes im Inneren wurde etwas gefuhlt, was Vorgangen
im Aufieren entspricht. Was da erlebt wurde, war ein viel Inhalts-
volleres, ein dem menschlichen Leben viel Naherliegendes als das-
jenige, was heute innerlich erfahren wird in dem Erfassen der Welt
durch abstrakte Begriffe. Aber was da der Mensch erlebte durch das
Wort, es war, ich mochte sagen, organischer, es war instinktiver, es
war mehr dem Animalisch-Seelischen zugeneigt, als das ist, was sich
durch das begrifflich abstrakte Erfassen der Dinge erfahren lafit.
Man wurde dem geistigen Leben nahergeriickt durch dieses abstrakte
Erfassen. Aber zugleich wurde eben der Mensch zur Abstraktion
gebracht. So daft in dem Augenblicke, dem weltgeschichtlichen
Augenblicke, in welchem der Mensch gleichsam heraufgehoben
wurde, um allmahlich den Geist zu erfahren, er zu gleicher Zeit -
man kann sich ja in diesen Dingen nur mehr oder weniger bildhaft
ausdriicken, da die Sprache noch nicht eigentliche Worte dafur ge-
pragt hat - gewissermafien in seinem Geist-Erleben eine Verdiin-
nung erfuhr, eben eine Verdunnung in die Abstraktion hinein.
Dieser Prozefi vollzog sich, wie Sie ja begreifen werden, nicht bei
alien Volkern in der gleichen Weise. Bei den Volkern, die gewisser-
mafien die zunachst hervorragendsten Trager der Zivilisation waren,
vollzog er sich fruher, andere blieben zuriick. Und ich konnte ja
sagen, darl die in Mitteleuropa sitzenden Volker etwa im 11. Jahr-
hunderte noch auf einem Standpunkte standen, der gegenuber der
griechischen Zivilisationsentwickelung als voraristotelisch bezeichnet
werden mull. In Mitteleuropa uberschritt man den Punkt, den die
Griechen durch Aristoteles iiberschritten, eben erst viel spater. Die
Griechen nahmen durch den Aristotelismus vieles von dem voraus,
was fur die mitteleuropaischen Volker und diejenigen, die in der
Zivilisation zu ihnen gehoren, eigentlich erst mit dem ersten Drittel
des 15. Jahrhunderts eintrat.
Nun hangt zweierlei mit diesem Fortschreiten des Menschen in
bezug auf das Verstehen des Sprachlichen und das Verstehen des
Abstrakten zusammen. Auf das eine habe ich ja schon hingedeutet:
Indem mit dem Aristotelismus - der aber nur das Symptom war fur
eine allgemeine Erfassung der Sache in der griechischenZivilisation -
des Menschen Seelenieben heraufgehoben wurde in die Abstraktion,
wurde es fremd jenem unmittelbaren Erleben des Wortes, der
Sprache. Und damit schlofi sich gewissermalten das Tor nach der-
jenigen menschlichen Lebensentfaltung, die gegen die Geburt zu
liegt. Der Mensch fand sich nicht mehr in seinem gewohnlichen
Erleben zuriick bis zu dem Punkte, wo er am Sprechenlernen hatte
sehen konnen, wie Geistig-Seelisches in ihm waltet, ein ebenso
Geistig-Seelisches wie draufien in der Welt. Dadurch aber wurde er
auch abgelenkt, weiter zuriickzuschauen. Und die nachsten Etappen
hatten ja ergeben, was man nennen konnte: Verbindung des Geistes
mit der physisch-leiblichen Materie iiberhaupt. Sie hatten ergeben
das Durchschauen der Praexistenz, die Erkenntnis davon, dafi das
Geistig-Seelische des Menschen in iibersinnlichen Welten ein Dasein
fiihrt, bevor es sich verbindet mit dem korperlichen Wesen, das in-
nerhalb der physischen Materie gegeben ist. Diese Erkenntnis war
allerdings in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in
der ausgesprochenen bewufiten Form, wie wir sie uns heute wieder
erringen wollen durch Geisteswissenschaft, sondern in einer instink-
tiven Weise vorhanden; und die Reste davon sind ja in dem, was uns
als orientalische Kultur entgegentritt, geblieben, fur welche das
Hinschauen auf die praexistierende Menschenseele eine Selbstver-
standlichkeit ist.
Und ist der Mensch dann noch in der Lage weiterzugehen, so
wird auch das, was noch schwieriger zu durchschauen ist als die Pra-
existenz, namlich die wiederholten Erdenleben, eine wirkliche Er-
kenntnis, eine wirkliche Anschauung. Diese Anschauung, sie war
da, allerdings in instinktiver Weise, in alteren Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung. Sie hat sich dann erhalten in einer mehr poeti-
schen, phantasievollen Form in den Zivilisationen des Orients, als
diese aber schon in die Dekadenz gekommen waren, wenn auch in
eine sehr bedeutsame, schone Dekadenz.
So finden wir, wenn wir - ohne die Vorurteile der heutigen An-
thropologie - zuriickblicken auf altere Zeiten der Menschheitsent-
wickelung, eine zwar instinktive, aber in die Dinge eindringende
Anschauungsweise. Indem der Mensch gewissermaften den Sprach-
werdeprozefi noch verstand, verstand er etwas von dem seelischen
Waken auch in der aufleren Natur, und indem er verstand die Ein-
korperung des Geistig- Seelischen in das Physisch-Leibliche, verstand
er etwas von dem die Welt durchwellenden und durchwallenden
Geist.
So weit die historische griechische Erkenntnis zuruckgeht, sind
nurmehr die sparlichen Reste dieser alten Geist-Erkenntnis tradi-
tionell in der griechischen Zivilisation enthalten. Man ftndet, wenn
man hinter Aristoteles, hinter Plato zuruckgeht zu den ionischen
Philosophen etwa bis in die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts der
griechischen Gedankenentwickelung, man findet etwa bei Anaxa-
goras eine Philosophic, die aus den heutigen Voraussetzungen
heraus nicht verstanden werden kann. Es soli ten sich eigentlich aus
einer gewissen gesunden Erkenntnis heraus die Philosophen des
Abendlandes sagen: Um den Anaxagoras zu verstehen, dazu fehlen
eigentlich der abendlandischen Philosophie die Voraussetzungen;
denn was Anaxagoras - in einer dekadenten Form bereits - als seinen
Nus anerkennt, das geht in jene Zeiten zuruck, von denen ich eben
gesprochen habe, in denen noch empfunden, erkennend empfun-
den worden ist, wie die Welt vom Geistigen durchwellt und durch-
wallt ist, und wie aus dem Geistigen heraus das Geist- Seelische des
Menschen herabsteigt, um sich mk dem Physisch-Leiblichen zu ver-
binden. Dies war in alteren Zeiten eine instinktiv anschauliche
Erkenntnis. Sie hat sich dann abgeschwacht zu der Erkenntnis, die
eben durch das instinktive Durchschauen des Sprachvorganges ge-
geben war, was dann auch zur Zeit des Aristotelismus verlorenge-
gangen ist gerade fur die fortgeschrittensten Zivilisationen.
Als man noch hineinschaute in diesen Sprachwerdeprozefi, da
fuhlte man, wie ich schon sagte, im Erklingen des Wortes etwas, was
ein Ausdruck war fur ein objektives Geschehen draulkn in der
Natur. Und damit komme ich auf einen wesentlichen Unterschied:
Was die in diesem Sinne alte «Sprachkenner» zu Nennenden als
die Weltenseele auffafiten, wurde vorziiglich raumerfullend ge-
dacht, und der Mensch fuhlte sich aus diesem raumerfullenden
Geistig-Seelischen herausgestaltet. Aber das war etwas anderes als
dasjenige, worauf man kommt, wenn man weiter riickwarts geht von
dem Nus des Anaxagoras. Da kommt man zu etwas, was in die Pra-
existenz der Menschenseele hineinfuhrt, was nicht blofi damit zu tun
hat, daft die Menschenseele in der Gegenwart drinnen mit dem
Weltengeist und der Weltenseele webt und west, sondern wir rlnden
hier, daft diese Menschenseele mit dem Weltengeist und der Wel-
tenseele in der Zek lebt.
Man mufi diese Dinge durch ein inneres Verstandnis kennen,
wenn man einen ganz bedeutsamen Vorgang in der westasiatisch-
europaischen Zivilisationsentwickelung historisch wirklich verstehen
will. Man hat heute eigentlich keine zutreffende Vorstellung von der
Geistesverfassung jener Menschheit, welche gelebt hat in der Zeit,
als das Christentum begrundet worden ist. Gewifi, wenn man die
allgemeine menschliche Seelenverfassung von heute in ihrer beson-
deren Konfiguration ins Auge faftt, mufi man sich im Verhaltnis zu
der stolzen Bildung von heute die grofie Mehrheit der Menschen
Westasiens und Europas als ungebildet vorstellen. Aber aus dieser
grofien Masse der Ungebildeten ragten dazumal einzelne Menschen
hervor. Ich mochte sagen, die Nachfolger der alten Eingeweihten
oder Initiierten ragten hervor mit einem bedeutsamen Wissen, mit
einem Wissen, das allerdings nicht in derselben Weise in der Seele
lebte wie unser von abstrakten Begriffen iiberall durchzogenes und
deshalb zum vollen Bewufitsein gekommenes Wissen. Es war noch
etwas Instinktives selbst in dem hochsten Wissen der damaligen
Zeit. Aber es war zugleich in diesem instinktiven Wissen etwas Ein-
dringliches gegeben, etwas, was doch in die Tiefen der Dinge ging.
Es ist merkwurdig, welche kuriose Angst viele Vertreter der ge-
genwartigen traditionellen Glaubensbekenntnisse davor haben, daft
irgend jemand dahinterkommen konnte, daft ein solches eindring-
liches Wissen in der damaligen Zeit bestanden hatte, ein Wissen,
das zu f einen Begriffen kam, wenn diese, wie gesagt, auch mehr in
instinktiven Bildern angeschaut und in Sprachformen ausgedriickt
wurden, fur deren Erfassung heute wenig Empflnden vorhanden ist.
Von dem, was Gnosis genannt wird, soil unsere Anthroposophie
keine Erneuerung sein; aber unsere Anthroposophie ist der Weg, in
das Wesen dieser Gnosis hineinzublicken. Und wie unsere Anthro-
posophie, trotzdem sie in bezug auf ihre Quellen nichts gemein hat
mit den alten indischen Philosophien, wie sie trotzdem in das
Eindringliche, Grolkrtige, aus den Dingen Herausfliefiende der
Vedanta- oder Sankhya- oder der Jogaphilosophie eindringen kann,
weil sie in bewufiter Weise die Regionen der Welt wieder erreicht,
die dazumal instinktiv erreicht worden sind, geradeso kann sie auch
eindringen, unsere Anthroposophie, in das Wesen der Gnosis. Jene
Gnosis ist ja dutch gewisse Sekten der ersten christlichen
Jahrhunderte ausgetilgt worden, so dafi historisch sehr wenig Gnosti-
sches vorhanden ist, und die Gnosis der neueren Menschheit eigent-
lich nur durch die Schriften derjenigen bekanntgeworden ist, die sie
widerlegen wollten, und die daher Zitate aus den schriftlichen Auf-
zeichnungen in ihren Gegenschriften haben, wahrend die urspriing-
lichen Schriften selbst verlorengegangen sind; so ist die Gnosis
eigentlich nur auf die Nachwelt gekommen durch die Schriften der
Gegner, die natiirlich nur zitiert haben, was sie entsprechend ihrer
Klugheit zu zitieren angemessen fanden.
Nun, studieren Sie einmal die Zitierkunste unserer Gegner,
dann werden Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie sehr man
in das Wesen einer solchen Sache eindringen kann, wenn man an-
gewiesen ist auf die Schriften der Gegner! Die Erkenntnis der Gnosis
ist vielfach angewiesen gewesen - aufierlich historisch ist sie heute
noch fast darauf angewiesen - auf die Schriften der Gegner der
Gnosis. Stellen Sie sich nur einmal vor: es konnte doch ganz ge-
wifi im Sinne, sagen wir, so eines Herrn von Gleich sein, dafi die
samtlichen anthroposophischen Schriften verbrannt wurden -
es ware ihm ja sicher am liebsten! - und dafi man Anthroposophie
nur aus seinen eigenen Kundgebungen eben auf die Nachwelt
kommen lassen wiirde. Man mufi sich die Dinge nur immer durch
etwas versinnlichen, was auf sie wirklich aufmerksam machen
kann.
Aber wenn man aus diesen Griinden nicht hineinschauen kann in
das, was dazumal schon war, so wird man mit alien wissenschaftlich
noch so gut gemeintenUntersuchungen fehlgehen, die sichauf etwas
Wichtigstes gerade im Verstandnis des Christentums beziehen. Das-
jenige, worin noch fast alles zu leisten ist, weil alles Geleistete durch-
aus nicht zu dem fuhrt, was ein ehrlicher Erkenntnistrieb als wirk-
liche Erkenntnis bezeichnen konnte, das ist der Logosbegriff, der
uns im Johannes-Evangelium gleich bei seinem Eingang auftaucht.
Diesen Logosbegriff kann man nicht verstehen, wenn man nicht in-
nerlich versteht die geistig-seelische Entwickelung der Menschen vor-
geschrittenster Zivilisation jener Zeit, namentlich wenn man nicht
versteht die geistig-seelische Entwickelung, wie sie ihren Weg durch
das Griechentum genommen hat, das ja ausgestrahlt hat nach Asien
himiber, und das seine Schatten wirft in das, was uns im Johannes-
Evangelium entgegentritt. Diesem Logosbegriff darf man sich nicht
etwa blofi durch irgendeine lexikale oder aufierlich philologische
Methode nahern. Diesem Logosbegriff kann man sich nur nahern,
wenn man innerlich studiert die seelisch-geistige Entwickelung, die
hier in Betracht kommt, etwa vom 4. Jahrhundert der vorchristlichen
Zeit bis zum 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Was da inner-
lich in der fortgeschrittensten Menschheit und ihren reprasentativen
Weisheitsvertretern geschehen ist, daruber ist eigentlich noch keine
Geschichte in befriedigender Weise geschrieben. Denn das hangt
zusammen mit dem Untergange des Verstandnisses fur das Spre-
chenlernen. Das andere, das Verstandnis fur die Praexistenz, hat
sich ja traditionell forterhalten bis zu Origenes; aber dem innerlichen
Durchschauen ist es viel friiher verlorengegangen als das Verstandnis
des Sprachprozesses, des Erklingens des Wortes im menschlichen In-
neren.
Wenn wir die seelisch-geistige Verfassung der vorderasiatischen
und europaischen Bevolkerung in ihren reprasentativen Weisheits-
vertretern ins Auge fassen, so finden wir eben, dafi da ein Urn-
schwung eintritt. Was als einheitlicher Prozefi da war in der An-
schauung, das Erklingen des Wortes, und im Worte des Wesens
der Welt, das wird differenziert in ein Hinschauen auf die abstrak-
ten Begriffe und Ideen und in ein Fiihlen, ein dumpfes Fuhlen des-
jenigen, was mehr in das Unterbewulksein hinuntergedriickt wird:
des Wortes als solchem. Und was ergab sich dadurch? Dadurch ergab
sich fur das menschliche Seelenleben eine ganz bestimmte Tatsache:
undifferenziert empfand der altere Mensch Wortinhalt und Ideen-
Begriffsinhalt des Bewurkseins. Nun sonderte sich der Begriffsinhalt
ab. Aber er behielt in den ersten Zeiten noch etwas von dem, was
man einst im Undifferenzierten von Wort, Begriff, Vorstellung
gehabt hatte. Man sprach von «Begriffen» und man sprach von der
«Idee», aber man kann es, ich mochte sagen, mit Handen greifen
noch bei Plato, dafi man die Idee noch voll inhaltlich, geistig fuhlte.
Indem man von der Idee sprach, war in ihr noch etwas enthalten von
dem, was man fruher bei dem undifferenzierten Wortbegriff inner-
lich erschaute. Man naherte sich also schon der Idee, die als blofter
Begriff erfalk wird, aber es hing dieser Erfassung noch etwas an von
dem, was im alten Worterklingen verstanden worden ist. Und in-
dem dieser Fortgang sich bildete, wurde dem Menschen der Inhalt
der Welt, den er geistig erfafite, zu dem, was dann im Logosbegriff
sich ausdruckte. Den Logosbegriff hat man nur, wenn man weifi, in
ihm liegt dieses Hingehen zur Idee, aber ohne ein Anhaften vom
alten Wortbegriff im Erfassen dieser Idee. Und indem man von dem
Logos als dem Weltschopferischen sprach, war man sich nicht mehr
deutlich, aber undeutlich bewufit, dafi dieses weltschdpferische
Geistige etwas in seinem Inhalt hat, was eben in alteren Zeiten
dutch die Wortanschauung erfafit worden ist.
Diese ganz besondere Nuance des seelischen Erlebensder Aufien-
welt im Logos mufS man ins Auge fassen. Da hat eine ganz besondere
Nuance seelischer Anschauung, die Logosanschauung, gelebt. Ari-
stoteles hat dann sich herausgearbeitet, sich naher zur Abstraktion
hingearbeitet und die subjektive Logik daraus gewonnen. Bei Plato
aber ist die Idee das weltschopferische Prinzip, und bei Plato ist sie
noch von konkreter Geistigkeit durchzogen, weil sie noch die Reste
des alten Wortbegriffes in sich hat, weil sie im Grunde genom-
men der Logos, wenn auch in Abschattierung ist.
Und so kann man sich vorstellen: Was mit dem Christus in den
Menschen Jesus eingezogen ist, das sollte als das weltschopferische
Prinzip aus den Anschauungen der damaligen Zeit heraus bezeich-
net werden. Man hatte dafur eine Vorstellung, die Vorstellung, die
eben im Logosbegriff erhalten war. Der Logosbegriff war da. Durch
den Logosbegriff wollte man begreifen, was mit der Geschichte des
Christus Jesus der Welt gegeben war. Der Begriff, der sich aus alten
Zeiten herausgebildet und eine ganz besondere Form angenommen
hatte, der wurde dazu verwendet, den Ausgangspunkt des Christen-
tums auszudrikken, so dafi man also damals hochste Weisheit ver-
wendete, um dieses Mysterium zu durchschauen. Man mufi sich
ganz in die Zeit hineinversetzen konnen, aber nicht im Sinne einer
aufierlichen Anschauung, sondern im innerlichen Erfassen dessen,
wie die Menschen dazumal die Welt anschauten.
Es ist ein grofier Sprung von Plato zu Aristoteles. Aber auf der
anderen Seite ist der ganze Duktus des Johannes-Evangeliums so
gefalk, daft man sieht: er ist zustande gekommen dadurch, dafi
zugrunde lag eine lebendige Erfassung des weltschopferischen Prin-
zips und zu gleicher Zeit bei dem, der es zum Niederschreiben des
Johannes-Evangeliums gebracht hat, ein Bekanntsein mit dem ent-
schwundenen Logosbegriff. Alles Ubersetzen des Johannes-Evange-
liums ist eine Unmoglichkeit, wenn man nicht eingehen kann auf die-
se Entstehung des Logosbegriffs. Dieser Logosbegriff hat wirklich bei
den reprasentativen Weisheitsvertretern der am meisten fortgeschrit-
tenen zivilisierten Welt in voller Frische gelebt zwischen dem 4. vor-
christlichen Jahrhundert und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert.
Als das Staatschristentum entstand, dem dann die spatere katho-
lische Kirche nachgebildet worden ist, da war das Zeitalter erreicht,
wo auch, ich mochte sagen, die letzte Nuance vom alten Wort, vom
alten Wortbegriff verlorengegangen ist aus der Vorstellung der Idee.
Aristoteles hat im Grunde genommen nichts anderes getan, als die
subjektive Logik herausgelost aus dem Logos und die Theorie dieser
subjektiven Logik ausgebildet. Die herrschende Geistes- und Seelen-
verfassung der Menschheit hat aber damals noch wenig berikksich-
tigt, was Aristoteles so als die subjektive Logik begriindet hat. Im
Gegenteil, es ist vergessen worden und erst wiederum auf dem
Umwege der Araber in die spatere Zeit hineingekommen. Es hat
gelebt; aber so, wie es aufier diesem Umweg durch direkte Tradition
gelebt hat, hat man noch genau empfunden, dafi man es da zu tun
hat auf der einen Seite mit der subjektiven Logik, auf der anderen
Seite aber mit der Anschauung eines weltschopferischen Prinzipes
im Logos, in welchem noch etwas war von dem, was man erfafit hatte
in der alten Vorstellung vom Worteerklingen im Inneren des
Menschen als dem Gegenbild des Wortverstummens, aber des im
Verstummen die Natur schaffenden Logos.
Dann, im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit ging diese
Nuance verloren aus dem Logosbegriff. Sie ist nicht mehr aufzu-
finden, sie verschwindet. Sie erhalt sich hochstens in einigen ein-
samen Denkern, mystischen Forschern. Aus dem allgemeinen
Bewuiksein auch der reprasentativen Kirchenvater und Kirchen-
lehrer verschwindet sie. Und was dann noch immer als eine sehr um-
fassende, ideell durchgeistigte Weltanschauung auftritt etwa bei
Scotus Erigena, darin ist nicht mehr der alte Logosbegriff, wenn
auch das Wort gebraucht wird. Es ist der alte Logosbegriff vbllig
filtriert zum abstrakten Ideenbegriff. Und das weltschopferische
Prinzip wird jetzt aufgefaik nicht durch den alten Logosbegriff,
sondern durch den sublimierten oder filtrierten Ideenbegriff. Das ist
es, was in der Schrift des Scotus von der Einteilung der Natur dann
aufgetreten ist, was aber schon vollstandig im Grunde aus dem
Bewufitsein verschwunden ist: dieses Nicht-mehr-Haben des Logos-
begriffs, diese Umwandlung des Logosbegriffs in den Ideenbegriff.
Man hatte in der europaischen Menschheit, von der ich ja gesagt
habe, dafi sie sich fur eine spatere Zeit eine altere Entwickelung
bewahrt hat, notig, sogar hinter die Zeit zuriickzugehen, in der der
Logosbegriff in seiner vollen Frische gewirkt hatte. Aber man ging
zuriick in einer abstrakten Form. Und man machte dieses Zuriick-
gehen in einer abstrakten Form sogar dogmatisch. Auf dem achten
okumenischen Konzil zu Konstantinopel 869 ist festgestellt worden,
dafi die Welt und der Mensch nicht zu denken smd als gegliedert in
Leib, Seele und Geist, sondern blofi in Leib und Seele, und dafi die
Seele eben einige geistige Eigenschaften habe.
Dem, was da dogmatisch festgesetzt worden ist, geht jener Ent-
wickelungsprozefi parallel, von dem ich eben jetzt gesprochen habe.
Fur den, der die Entwickelung der abendlandischen Zivilisation stu-
diert von den ersten christlichen Jahrhunderten herauf, wo so vieles
noch gnostisch durchdrungen war, bis ins 4., 5. Jahrhundert der
nachchristlichen Zeit herein, ist es eine aufierordentlich interessante
Tatsache, dieses Abklingen des Logosbegriffs zu erfahren. Und als
dann spater die Evangelien iibersetzt wurden, da war selbstverstand-
lich in diese Ubersetzung nichts hineinzubringen von einer Empfin-
dung fur den Logosbegriff, wie er in den acht Jahrhunderten, in
deren Mitte das Ereignis von Golgatha liegt, innerhalb der vorchrist-
lichen Menschheit gewaltet hat. Man mufi diese Eigentumlichkeit
jenes Zekalters, aus dem das Christentum sich herausgebildet hat,
auch durch solche Intimitaten studieren. Man mochte heute durch-
aus mit leichtgeschiirzten Begriffen, mit den Begriffen, die man sich
leicht aneignet, die schwierigsten Probleme losen. Allein solche
geschichtlichen Probleme, wie das von dem ich Ihnen eben gespro-
chen habe, lassen sich nur losen, wenn man die Vorbereitung zur
Losung im Aneignen von ganz bestimmten Nuancen des mensch-
lichen Seelenlebens sucht, wenn man von der ehrlichen Vorausset-
zung ausgehen will, daft wir einfach in der gegenwartigen Zeit in der
allgemeinen Kultur jene Nuance nicht im Seelenerleben haben, die
zum Logosbegriff, wie er im Johannes-Evangelium gemeint ist,
hingeht. Daher diirfen wir nicht mit dem Wortschatz, mit dem
Begriffsschatz der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen
wollen. Wenn wir mit diesem Begriffsschatze der Gegenwart das
Johannes-Evangelium verstehen wollen, dann diktiert uns von vorne-
herein die Oberflachlichkeit. Es ist etwas, was durchaus mit wachem
Seelenauge durchschaut werden mufi, was auch historisch auf sol-
chen Gebieten zu leisten ist, denn mit Bezug auf die Historie dieser
Gebiete steht es eigentlich recht bose in der Gegenwart. Ich habe erst
in diesen Tagen wiederum eine aufierordentlich bedeutsame Tatsa-
che vor meine Seele treten lassen miissen in bezug auf dieses Kapitel.
Es kam mir vor Augen der Brief, den einer der geschatztesten
Theologen geschrieben hat - der Brief war nicht an mich geschrie-
ben. Dieser geschatzte Theologe der Gegenwart sprach sich aus iiber
Anthroposophen, Irvingianer und ahnliches Geziicht. Er verwechselt
alles. Namentlich aber tritt in seiner Auseinandersetzung ein Punkt
in merkwiirdiger Art hervor: Ich habe - so sagte er von sich selbst -
fur soiche Art von Anschauung, die auf das Ubersinnliche geht, wie
es die Anthroposophie tun will, kein Organ; ich mufi mich be-
schranken auf alles dasjenige, was die menschliche Erfahrung gibt.
Ein Theologe, dessen Handwerk es ist, fort und fort von dem
Ubersinnlichen zu reden, der beruhmt geworden ist dadurch, dafi er
historisch iiber das Leben des Ubersinnlichen in der Menschheits-
entwickelung dicke Bucher geschrieben hat, die eine Autoritat sind
fur unzahlige Menschen der Gegenwart, auf die es ankommt, ein
Theologe der Gegenwart gesteht, dafi er fur das Ubersinnliche kein
Organ hat, sondern sich an die «mensch\khe Erfahrung» halten will!
Er redet aber iiber das Ubersinnliche und sagt nicht: Ich will mich an
die menschliche sinnliche Erfahrung halten, deshalb negiere ich alle
Theologie -, nein, er wird in unserer Zeit ein beruhmter Theologe!
Haben wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, notig, mit
wachsamem Auge auf alles das hinzublicken, was eigentlich heute,
man mochte sagen, in gewisser Beziehung dekretierend ist in unserer
Jugend, was aber zu gleicher Zeit sich erweist als eine innere Unmog-
lichkeit.
Es ist notwendig, dafi mit starker Kraft erfafit werde, wie man zu
aufrkhtiger und ehrlicher Erkenntnis vorzuschreiten hat. Man kann
es vielleicht gerade an solchen Problemen sehen, wie das Logospro-
blem eines ist, und es sollte eigentlich derjenige, der sieht, was An-
throposophie iiber ein solches Problem geltend machen mufi, daran
sehen, dafi es sich diese Anthroposophie nicht gerade leicht macht,
dafi sie ernst und ehrlich forschen will, und dafi sie nur dadurch in
Konflikt kommt mit allerlei zeitgenossischen Stromungen, weil man
heute geradezu entweder Hafi oder Furcht hat vor solcheiner Griind-
lichkeit, die aber angestrebt werden mufi, und die wir brauchen,
brauchen auf alien Gebieten des wissenschaftlichen Lebens. Ich
frage Sie: Weifi denn iiberhaupt die Welt der Gegnerschaft, die so
leichtgeschiirzte Urteile iiber Anthroposophie abgibt, weifi sie denn
iiberhaupt, womit sich Anthroposophie beschaftigt? Weifi sie, dafi
diese Anthroposophie ringt mit solchen Problemen, wie es das Logos-
problem ist, das ja nur eine Einzelheit ist, wenn auch eine wichtige
Einzelheit? Es ware schon Pflicht derjenigen, die heute im wissen-
schaftlichen Leben tonangebend sind, sich erst einmal anzuschauen,
woriiber sie so von auflen her urteilen. Allerdings, das ist es ja, dafi
man das aufiere Leben heute bequem mitmachen kann - und fur
viele Menschen gilt das doch -, wenn man sich nicht in die Unbe-
quemlichkeit einlafit, in ernster Weise zu forschen. Allein man
merkt bei einem solchen Lieben der Bequemlichkeit nicht, wie starke
Niedergangskrafte in unserer gegenwartigen Zivilisation sind. Das
«nach uns die Sintflut» beherrscht sehr stark gerade die gegenwartige
landlaufige wissenschaftliche Welt.
Das ist es, was ich heute habe veranschaulichen wollen an einem
wichtigen Probleme sprachlich-geschichtlicher Forschung. Es ist ja
meine Hoffnung, dafl, wenn gerade die verehrten Kommilitonen
immer mehr und mehr sehen werden, wie gewissenhaft versucht
wird, gerade diejenigen Probleme ins Auge zu fassen, die so links
liegen gelassen werden von der landlaufigen Forschung, dafi dann
immer mehr und mehr gerade auch in der Jugend ein Sinn dafur
aufgeht, dafi solche Wege begangen werden mussen. Ich hege diese
Hoffnung, und ich weifi auch: Wenn geniigend gearbeitet werden
wird in der Richtung hin nach der Entwickelung des Enthusiasmus
und des Bekenntnisses gegemiber der Wahrheit, dann mufi das-
jenige, was wir brauchen, damit wir wieder Aufgangskrafte bekom-
men in der menschlichen Zivilisation, doch erreicht werden. Viel-
leicht konnen fur eine gewisse Zeit manche Machte der Finsternis
niederdrucken, was angestrebt wird von hier aus. Auf die Dauer
werden sie es nicht konnen, wenn die Wirklichkeit dem Wollen ent-
spricht, wenn wirklich etwas Lichtes enthalten ist in dem, was An-
throposophie will. Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auf-
finden kann, und welche den Machten der Finsternis doch nicht auf-
findbar sind. Mochten wir uns doch vereinigen, alt und jung, jung
und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen fur das Auffinden
solcher Wahrheitswege!
VIERTER VORTRAG
Dornach, 15. April 1921
Eine Betrachtung, die kh begonnen habe, bevor unser Kursus in
Szene gesetzt worden ist, wird erst vollig verstandlich werden, wenn
wir noch weiter zurikkgehen in der Betrachtung der Entwickelung
der Menschheit der neueren Geschichte, denn.wir haben ja im
wesentlichen nur zunachst einige Andeutungen gegeben iiber die
Menschheitsentwickelung im 19. Jahrhundert. Nun wollen wir
heute einmal die geistige Entwickelung der Menschheit um einiges
weiter zuruck verfolgen und zwar zuriickweisend auf einen aufler-
ordentlich wichtigen Einschnitt in der abendlandischen Zivilisations-
entwickelung, auf jenen Wendepunkt, der da liegt im 4. nachchrist-
lichen Jahrhundert. In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert
taucht ja auf als eine Gestalt, deren Andenken gewissermafien noch
klar geblieben ist fur die abendlandische Zivilisation, Aurelius Au-
gustus. In ihm sehen wir eigentlich eine Personlichkeit, welche in
der intensivsten Weise zu kampfen hat auf der einen Seite mit dem-
jenigen, was herubergekommen ist aus alten Zeiten, was in den
ersten Jahrhunderten des Christentums aus einer gewissen alten
Weisheit heraus das Christentum zu begriinden versuchte, und
einem anderen Elemente, demjenigen, das dann zunachst fur die
abendlandische Zivilisation gesiegt hat, das diese altere Weise ab-
lehnte und sich darauf beschrankte, das Christentum mehr in einer
aufierlich materiellen Weise aufzufassen, es nicht zu durchdringen
mit Ideen alter Weisheit, sondern einfach es seinem tatsachlichen
Griindungsverlaufe nach zu erzahlen und es dann, so gut es damals
schon ging, intellektuell zu begreifen.
Diese Kampfe zwischen diesen zwei Richtungen, ich mochte
sagen, zwischen der Richtung eines weisheitsvollen Christentums
und eines mehr oder weniger nach einem materialistischen Auffassen
hin erscheinenden Christentums, diese Kampfe mufiten die Seelen
gerade des 4. und des beginnenden 5 . Jahrhunderts am intensivsten
durchmachen. Und in Augustinus ist eben eine solche Personlichkeit
dem Andenken der Menschheit erhalten geblieben, welche solche
Kampfe durchgemacht hat. Wir miissen uns nur heute dariiber
vollig klarsein, dafi iiber dasjenige, was eigentlich vor diesem 4.nach-
christlichen Jahrhundert lebte, die historischen Dokumente fast
vollig irrtiimliche Vorstellungen hervorrufen. So klar dies eben liegt
seit dem 5. Jahrhundert, so unklar sind eigentlich alle gewdhnlichen
Vorstellungen iiber diejenigenjahrhunderte, die vorangehen. Wenn
wir aber zunachst ins Auge fassen, was eigentlich die meisten wissen
konnten aus dieser Zeit vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, so
werden wir auf zwei Gebiete verwiesen, auf ein Gebiet, das mehrein
Gebiet, sagen wir, des Erkennens ist, ein mehr in den Schulen
gepflegtes Gebiet, und ein anderes Gebiet, das mehr ein solches des
Kultus ist, der Verehrung, des religiosen Elementes. In diese zwei
Gebiete ragt allerdings noch etwas sehr Altes aus der Mensch-
heitszivilisation herein; aber in einer gewissermafien christ-
lichen Umfarbung war dieses Alte nach den beiden Richtungen hin,
nach der Weisheitsseite und nach der Kultusseite eben in den ersten
vier christlichen Jahrhunderten mehr oder weniger noch vorhanden.
Sehen wir nach der Weisheitsseite hin, so finden wir eine Lehre
bewahrt aus fruheren Zeiten, die allerdings schon in einem gewissen
Sinne ersetzt worden war durch dasjenige, was wir heute das helio-
zentrische Weltsystem nennen - ich habe dariiber in fruheren Vor-
tragen auch hier gesprochen -, aber das doch noch vorhanden war
aus alteren astronomischen Lehren heraus und das man nennen
konnte eine Art Astronomie, jetzt nicht vom Standpunkt physischer
kosmologischer Betrachtung aus. Man ist in sehr alten Zeiten auf
diese - nennen wir sie atherische im Gegensatz zu unserer physi-
schen - Astronomie auf folgende Art gekommen. Man hatte in alten
Zeiten durchaus noch ein Bewufitsein davon, dafi der Mensch mit
seinem Wesen nicht nur der Erde angehort, sondern dafi er auch an-
gehort zunachst der kosmischen Nachbarschaft der Erde, dem Pla-
netensystem, und eine alte Weishek hatte ziemlich konkrete Vor-
stellungen iiber diese atherische Astronomie. Es wurde etwa das
Folgende gelehrt. Wenn man dasjenige ins Auge fafit, was mehr die
Organisation des oberen Menschen ausmacht - ich bediene mich
jetzt derjenigen Ausdriicke, die uns heute gelaufig sein sollten -, in-
sofern man seinen Atherleib betrachtet, so steht der Mensch im
Wechselverhaltnis mit Saturn, Jupiter und Mars, so dafi also hinge -
sehen worden ist auf gewisse Wechselwirkungen zwischen dem
oberen Teil des menschlichen Atherleibes und Saturn, Jupiter und
Mars. Dann sagte man sich, derjenige Teil des Menschen, der mehr
astralischer Natur ist, der steht wiederum in einer Art von Wechsel-
wirkung mit Venus, mit Merkur und mit dem Mond. Und die-
jenigen Krafte, welche den Menschen dann heremfuhren in sein ir-
disches Dasein, welche machen, dafi sich diesem Atherleib ein
physischer Leib eingliedert, das sind die Krafte der Erde. Diejenigen
Krafte aber, welche machen, daf] der Mensch nicht aufgeht im ir-
dischen Leben, dafl der Mensch gewissermafien eine Art Ausblick hat
vom irdischen Leben hinaus, das sind die Krafte der Sonne.
Und so sagte man sich: Der Mensch kommt aus unbekannten
geistigen Welten, die er durchgemacht hat im praexistenten Leben,
und er tritt ein nicht etwa blofi ins irdische Leben, sondern er tritt
ein aus aufierplanetarischen Welten in das planetarische Leben. Das
planetarische Leben nimmt ihn so, wie ich es beschrieben habe, nach
Sonne, Mond, Erde, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn auf. In
dem Umlaufe des Saturn sah man etwa die Sphare, in die der
Mensch eintritt seinem atherischen Leibe nach aus dem aufierpla-
netarischen Leben in das planetarische Leben. Und man brachte
durchaus dasjenige, was atherisch ist am Menschen, mit diesem
planetarischen Leben in Beziehung. Nur insofern der Atherleib sich
dann auslebt im physischen Leib, brachte man diesen physischen
Leib mit der Erde in Beziehung. Insofern der Mensch aber durch sein
Ich sich wiederum heraushebt aus atherischem und astralischem
Leib, brachte man das mit der Sonne in Beziehung.
So hatte man eine Art atherischer Astronomic Diese atherische
Astronomie hat durchaus auch noch die Moglichkeit gehabt, nicht so
blofi auf die physischen Geschicke des Menschen hinzuschauen wie
die physische Astronomie; sondern, da man des Menschen Ather-
leib, der wiederum mit dem Geistigen des Menschen in einem in-
timeren Zusammenhange steht, im Wechselverhaltnis erblickte mit
denselben Kraften des Planetensystems, so hatte man die Moglich-
keit, weil ja im Menschen sich aus dem Planetensystem heraus
auf dem Umwege durch den atherischen Leib die Schicksalskrafte
ausleben konnen, von der menschlichen Konstitution zu reden
und in diese menschliche Konstitution die Schicksalsmachte einzube-
ziehen.
Es war also in dieser Lehre alter Schule, welche fortgepflanzt
wurde, nachdem man schon das heliozentrische System als eine
Art esoterisch-physischer Wissenschaft ausgebildet hatte, es war in
dieser atherischen Astronomie eine letzte Weisheitslehre aus alten
instinktiven Weisheitsforschungen hervorgegangen, und diese hatte
sich als Tradition erhalten. Man redete nicht anders von den Ein-
fliissen des Himmels, als dafi man sich sagte: Ja, diese Einfliisse des
Himmels sind vorhanden; sie tragen aber nicht blofi die Natur-
angelegenheiten, sie tragen auch die menschlichen Schicksalskrafte. -
Und so war durchaus dazumal eine Verbindung zwischen dem,
was man nennen konnte die Naturlehre, die Kosmologie, und dem,
was dann spater iibergegangen ist in alles das, was die Leute nun als
Astrologisches auffassen, was aber in alten Zeiten einen viel ex-
akteren und auf unmittelbarer Beobachtung ruhenden Charakter
hatte.
Wenn der Mensch dann gewissermafien auf seinem Weg zur
neuen Geburt die Planetensphare - so dachte man sich das - betre-
ten hat und von ihr seinem atherischen Leib nach aufgenommen
worden ist, so betritt er fernerhin die Erde. Er wird von der Erde auf-
genommen. Aber auch da dachte man noch nicht blofi etwa an die
feste Erde, sondern auch da dachte man eigentlich an die Erde in
ihren Elementen. Man sagte sich: Der Mensch wird aufierdem, dal5
er von der Planetensphare aufgenommen wird - wodurch er aber ein
iiberirdisches Wesen sein wiirde, wodurch er dasjenige sein wiirde,
was er eigentlich nur als Seele ist als Kind aufgenommen von den
Elementen der Erde, von Feuer oder Warme, von Luft, von Wasser
und von der eigentlichen Erde. - Das war erst die eigentliche Erde.
Und dadurch, dachte man sich, wird sein Atherleib von diesem
aufieren Elemente so tingiert, so durchtrankt, dafi nun in diesem
Atherleib die Temperamente entstehen. So dachte man sich diese
Tempcramente an den Atherleib und damit an die Vitalorganisation
des Menschen eng gebunden. Man sah also in demjenigen, was
eigentlich physisch im Menschen ist, oder wenigstens was durch den
physischen Leib sich offenbart, durchaus etwas Geistiges mit in
dieser alten Lehre. Und ich mochte sagen, der menschlichste Teil
dieser Lehre war dann dasjenige, was zum Beispiel noch deutlich zu
sehen ist in der Medizin der damaligen Zeit. Die Arzneimittel, die
Heillehre, das war durchaus hervorgegangen aus dieser Anschauung
von dem Verhaltnis des atherischen Leibes des Menschen zu dem
Planetensystem und aufterdem zu dem Eindringen gewissermaften
des atherischen Menschen in die hoheren Spharen, in Luft, Wasser,
Warme, Erde, wodurch sich also in seine Organisation hineinfanden
die physischen Abdriicke seiner atherisch-seelischen Temperamente:
schwarze Galle, weifie Galle, die anderen Safte, Phlegma, Blut und
so weiter. Diese Anschauungsweise also, daft in den Saften des
Menschen erkannt werden kann das Wesen der menschlichen Kon-
stitution, das war etwas, was in dieser Lehre gang und gabe war.
Man studierte dazumal nicht etwa die einzelnen Organe, die sich
zeichnen liefien, sondern man studierte in der Medizin die Safte -
zusammenmischung, die Saftedurchdringung, und man sah in
einem Organ eben ein Ergebnis einer besonderen Saftedurchdrin-
gung. Man sah in dem gesunden Menschen eine bestimmte Art, wie
sich die Safte durchdringen, man sah in dem kranken Menschen eine
abnorme Durchdringung der Safte, so dafi man sagen kann: Die
Medizin, welche sich aus dieser Lehre ergab, war durchaus begriindet
auf der Anschauung des wafoigen menschlichen Organismus, des
fliissigen menschlichen Organismus. Was wir heute die Erkenntnis
des menschlichen Organismus nennen, das ist ja begriindet auf dem
festen menschlichen Organismus, auf dem erdigen menschlichen
Organismus. In bezug auf die Anschauung vom Menschen ist der
Gang der, daft man von einem alteren Durchschauen des fliissigen
Menschen iibergegangen ist zu einem neueren Durchschauen des
festen Menschen mit den scharfen Konturen der Organe.
Dieser Gang der medizinischen Lehre geht parallel dem Uber-
gang der alten atherischen Astronomie zu der modernen physischen
Astronomie. Der atherischen Astronomie entspricht noch imwesent-
lichen die Medizin des Hippokrates, aber audi noch bis in das 4.
nachchristliche Jahrhundert hinein sind die Leistungen dieser medi-
zinischen Anschauung vorhanden, welche sich auf die Saftemischung
des Menschen bezieht, und zwar in einer exakten Weise, nicht wie
spater in der Tradition. Und indem verdunkelt worden ist diese alte
Lehre seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, und dann heraufge-
kommen ist mit dem 15. Jahrhundert die physische Astronomie an
die Stelle der alten atherischen Astronomie, ist auch die Pathologie,
ist die ganze medizinische Anschauung begriindet worden auf der
Lehre von dem Festen im Menschen, von dem durch scharfe Kon-
turen im menschlichen Organismus zu Begrenzenden und Auszu-
druckenden. Das ist im wesentlichen die Seite der Entwickelung der
Menschheit in dem anorganischen Zeitalter.
Wir konnen nun aber auch den Blick werfen auf dasjenige, was
von jenen Zeiten zuruckgeblieben ist an Kulthandlungen, an reli-
giosen Zeremonien. Die religiosen Zeremonien wurden mehr der
groflen Masse gegeben; dasjenige, was ich jetzt auseinandergesetzt
habe, wurde mehr eben als ein Weisheitsgut der Schule betrachtet.
Diejenigen kultischen Verrichtungen, welche sich von Asien heruber
nach Europa erstreckt haben und welche durchaus entsprechen als
Kultusbestrebungen dieser Anschauung, die ich Ihnen jetzt ent-
wickelt habe, die sind der Mithrasdienst, jener Mithrasdienst, den
wir ja durchaus noch in den ersten christlichen Jahrhunderten
finden, sich heriibererstreckend vom Osten nach dem Westen, den
wir verfolgen konnen den Donaulandern entlang bis zu den Rhein-
gegenden, bis nach Frankreich hinein. Dieser Mithrasdienst, den Sie
ja seinen aufterlichen Formen nach kennen, lafit sich etwa kurz durch
eine Formel dadurch charakterisieren, daft mit dem irdischen und
kosmischen Zusammenhange imaginativ bildhaft der Besieger des
Mithrasstieres dargestellt worden ist: der Mensch auf dem Stiere rei-
tend und die Stierkrafte besiegend. Man hat heute sehr leicht die
Vorstellung, daft sich solche Bilder, die ja alle Kultbilder sind -
religiose Versinnbildlichungen, wenn wir so sagen diirfen, die aus
den alten Weisheitslehren organisch hervorgegangen sind -, daft sich
solche Kultbilder einfach abstrakt-symbolisch aus den alten Weis-
heitslehren ergeben hatten. Aber es ist eine ganz und gar falsche
Vorstellung, wenn man glauben wiirde, es hatte alte Weisheitslehrer
gegeben und die hatten sich hingesetzt und hatten gesagt: Jetzt
wollen wir ein Symbol ausdenken; fur uns ist die Weisheitslehre, fur
das dumme Volk mussen wir Symbole ausdenken i die dann zu ihren
Kultushandlungen fiihren konnen und dergleichen. - Solche
Voraussetzungen waren grundfalsch. Eine solche Voraussetzung
haben ungefahr die modernen Freimaurer, und die modernen Frei-
maurer denken ahnlich auch iiber das Wesen ihrer Symbolik. Aber
es ist das nicht die Anschauung der alten Weisheitslehrer gewesen.
Die Anschauung der alten Weisheitslehrer, mochte ich Ihnen jetzt
gerade an den Beziehungen des Mithrasdienstes zu derjenigen An-
schauung, die ich eben entwickelt habe, darlegen. Diejenigen
Menschen, die noch eine lebendige Anschauung hatten von diesem
Aufgenommenwerden des Menschen durch die planetarische Welt
hinsichtlich seines Atherleibes, von dem Aufgenommenwerden des
Menschen dann in die irdischeElementensphare, Warme oderFeuer,
Luft, Wasser, Erde, und von dem Herausbilden von schwarzer
Galle, weifier Galle, Phlegma, Blut aus der Einwirkung dieser Ele-
mente auf die menschliche Atherwesenheit, diejenigen, die davon
eine Ahnung hatten, die konnten sich auch noch eine bedeutsame
Frage vorlegen, eine grundbedeutsame Frage. Sie legten sich eine
Frage vor, auf die man kommen kann, wenn man wirklich eine ima-
ginative Anschauung hat. Die Antwort auf diese Frage, sie war dazu-
mal eine instinktive imaginative Anschauung, aber man kann sie
heute wiederholen mit vollem Bewulksein. Wenn man sich eine
imaginative Anschauung, von diesem Hereingehen des Menschen
aus der geistigen Welt durch die Planetensphare in die irdische
Feuer-, Luft-, Wasser-, Erdensphare, wenn man sich eine solche
Vorstellung bildet, da kommt man namlich dazu, sich zu sagen:
Ja, wenn da etwas hereingeht aus der auflerplanetarischen Sphare in
die planetarische und in die Erdensphare und aufgenommen wird
von der Erdensphare, da wird ja gar kein wirklicher Mensch daraus;
ich meine, wenn man sich die Vorstellung bildet von dem, was da
eigentlich wird, wenn man dasjenige, was man in rein imaginativer
Vorstellung erblicken kann aufierhalb der Planetensphare, was da
hereingeht und aufgenommen wird von der Planetensphare, was
dann ergriffen wird von dem, was von der Erdensphare ausgeht,
wenn man das als imaginative Anschauung hat, so wird ja kein
Mensch daraus. Man kommt nicht zu der Vorstellung des Menschen.
Man kommt zu der Vorstellung, die sich am deutlichstenwiedergibt,
wenn man nicht einen Menschen sich vorstellt, sondern einen Stier
sich vorstellt, ein Rind sich vorstellt. - Es sagten sich die alten Weis-
heitslehrer: Wenn es nur das gabe, was da als eine auflerplanetarische
Wesenheit herunterzieht in diese planetarische Werdesphare, so
lebten auf Erden keine Menschen. Man kommt allerdings, sagten
sie sich, wenn man das zunachst betrachtet, dazu, sich diese Vor-
stellung zu bilden von dem Hereinziehen einer Wesenheit aus der
aufierplanetarischen in die planetarische und Erdensphare; aber
wenn man nun herausgestalten will ganz plastisch eine imaginative
Anschauung aus dem, was man in diesen Vorstellungen hat, da wird
es kein Mensch, da wird es ein blofier Stier. Und wenn man nichts
anderes begreift im Menschen als dieses, begreift man im Menschen
auch nur das Stierhafte. - Diese Vorstellungen habendie alten Weis-
heitslehrer sich gebildet, diese Vorstellung war da. Nun sagten sie
sich: Also mufi der Mensch gegen dieses Stierhafte mit noch einem
Hoheren ankampfen. Er mufi dasjenige, was diese Weisheit als
Anschauung gibt, uberwinden. Er ist als Mensch mehr ein Wesen,
das blofi aus der aufierplanetarischen Sphare kommt, in die planeta-
rische Sphare hineinkommt und von den irdischen Elementen er-
griffen wird; er hat etwas in sich, was mehr ist.
Ich mochte sagen, bis zu diesem Begriff kamen diese Weisheits-
lehrer, und deshalb bildeten sie dann den Stier aus, setzten den
Mithras darauf, den kampfenden Menschen, der den Stier iiberwin-
det und der sich sagt: Ich mufi einen weit hoheren Ursprung haben
als denjenigen, den ein solches Wesen hat, welches im Sinne jener
alten Weisheitslehre vorgestellt wurde. - Und nun sagten sich diese
Lehrer: Diese alte Weisheitslehre enthalt allerdings eine Hindeu-
tung auf das, worauf es hier ankommt. Diese alte Weisheitslehre
blkkt auf in die Planetensphare zu Saturn, Jupiter, Mars, Merkur,
Venus, Mond und so weiter; aber sie sagt auch: Indem der Mensch
sich der Erde nahert, wird er fortwahrend von der Sonne herausge-
hoben, daft er nicht aufgehe in dem Irdischen, daft er nicht blofi
bleibe dasjenige, was aus der Mischung von schwarzer und weifter
Galle, Phlegma und Blut und aus dem Atherleib hervorgeht, wenn
er von der Planetensphare aufgenommen wird, und wenn der astra-
lische Leib von der anderen Planetensphare aufgenommen wird
durch Merkur, Venus, Mond. Was den Menschen heraushebt, es
wohnt in der Sonne. Daher sagten sich diese Lehrer: Machen wir den
Menschen aufmerksam auf die in ihm wohnenden Sonnenkrafte, so
ist er der Mithras, der den Stier besiegt!
Das war dann das Kultusbild. Es sollte nicht bloft ein ausgedach-
tes Symbolum sein, sondern es sollte tatsachlich das Faktum, das
kosmologische Faktum geben. Die religiose Zeremonie war mehr als
ein bloftes aufteres Zeichen; sie war etwas, wasgewissermaftenheraus-
geschnitten war aus dem Wesen der Welt selber.
Dieses Kultartige, das war etwas, was seit sehr alten Zeiten da
war, was aus Asien nach Europa heriibergebracht worden war. Es
war, kh mochte sagen, das Christentum von der einen Seite ange-
sehen, von der aufteren, von der astronomischen Seite angesehen,
denn Mithras war die Sonnenkraft im Menschen. Mithras war der
Mensch, der sich auflehnte gegen das bloft Planetarische und Irdi-
sche. Und nun entstand ein gewisses Bestreben, dessen Auslaufer wir
iiberall wahrnehmen konnen, wenn wir auf die ersten christlichen
Jahrhunderte zuriickgehen. Es entstand das Bestreben, die histori-
sche Tatsache, das Mysterium von Golgatha zusammenzunehmen
mit dem Mithrasdienst. Zahlreich waren in der damaligen Zeit,
insbesondere innerhalb der romischen Legionschaft, die Menschen,
die dasjenige, was sie in Asien, was sie uberhaupt im Oriente er-
fahren konnten, heriibertrugen in die Donaulander bis weit herein
nach Mitteleuropa, ja sogar nach Westeuropa. In dem, was sie da als
Mithrasdienst heriibertrugen, lebten Empfindungen, die, ohne das
Mysterium von Golgatha zu reflektieren, durchaus christliche An-
schauungen, christliche Empfmdungen in sich hatten. Der Mithras-
dienst wurde als ein konkreter Dienst betrachtet, der sich bezog
auf die Sonnenkrafte im Menschen. Nur wurde noch nicht gesehen
in diesem Mithrasdienst, dafi mit dem Mysterium von Golgatha
diese Sonnenkraft selber heruntergestiegen war als die geistige
Wesenheit und sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth vereinigt
hatte.
Und nun gab es - und je weiter wir in den Untersuchungen nach
Osten gehen, desto klarer wird es - bis in das 4. nachchristliche Jahr-
hundert herein Weisheksschulen im Osten, welche nach und nach
Berichte bekamen, Nachrichten bekamen, Kenntnis bekamen von
dem Mysterium von Golgatha, von dem Christus. Sie bemuhten sich
nun, ein Diktum iiber die Welt hin zu verbreiten, und es war eine
Zeitlang durchaus das Bestreben, in den Mithraskultus hineinzu-
giefien dasjenige, was der ubersinnlichen Anschauung entspricht:
Der wahre Mithras, das ist der Christus, und Mithras ist sein Vor-
laufer; man mufi hineingiefien in diejenigen Krafte im Menschen,
welche den Stier besiegen, die Christus-Kraft. Aus dem Mithras-
dienst einen Christus-Dienst zu machen, das ist etwas, was in den
ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis ins 4. hinein intensiv
lebte. Und ich mochte sagen, der Verbreitung des Mithrasdienstes
folgte die Stromung, welche nun diesen Mithrasdienst verchristli-
chen wollte. Eine Synthese wurde angestrebt zwischen demChristen-
tum und dem Mithrasdienst. Ein altes bedeutsames Bild vom Wesen
des Menschen, der auf dem Stier reitende und den Stier besiegende
Mithras, sollte in Zusammenhang gebracht werden mit der Christus-
Wesenheit. Man mochte sagen: Ein ganz glorioses Bestreben bestand
in dieser Richtung, und es war in einer gewissen Weise dieses Bestre-
ben stark.
Wer nun die Verbreitung des ostlichen Christentums, die Ver-
breitung des Arianismus beobachtet, kann an der Verbreitung des
Arianismus wahrnehmen, wie ein Mithraselement in diesem Aria-
nismus drinnen ist, obwohl es schon sehr geschwacht ist. Und jede
Ubersetzung der Ulfilas-Bibel in die neueren Sprachen bleibtunvoll-
kommen, wenn man nicht weifi, dafi in die Termini des Ulfllas, des
Wulfila, noch Mithraselemente hineinspielten. Aber wer beachtet
denn heute im linguistischen, im sprachlichen Elemente noch diese
tieferen Zusammenhange. In Griechenland gab es bis ins 4. Jahr-
hundert hinein Philosophen, welche daran arbeiteten, die alte
atherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu brin-
gen, und daraus entstand jene wahre Gnosis, welche durch das
spatere Christentum griindlich ausgerottet worden ist, so daft nur
einige Fragmente von den literarischen Proben dieser Gnosis iibrig-
geblieben sind. Was wissen denn die heutigen Menschen, das sagte
ich schon neulich, eigentlich iiber die Gnosis, von der sie in ihrer
Torheit sagen, daft unsere Anthroposophie eine Aufwarmung dieser
Gnosis sei. Selbst wenn sie es ware, so konnten es diese Menschen gar
nicht wissen, denn sie kennen von der Gnosis eben nur das, was in
den abendlandischen christiichen kritischen Schriften iiber die
Gnosis stent. Die Zitate kennen sie, welche die Bekampfer der
Gnosis von ihr hinterlassen haben. Von der Gnosis ist ja kaum mehr
vorhanden als nur dasjenige, was sich etwa durch folgenden Ver-
gleich ausdriicken laftt: Denken Sie einmal, es gelange dem Herrn
von Gleich, alles auszurotten, was von der anthroposophischen Lite-
ratur da ist, und es bliebe nichts anderes als seine Zitate, und dann
wiirde man spater einmal konstruieren wollen diese Anthroposophie
nach diesen Zitaten, dann wiirde man im Abendlande ungefahr das
Verfahren haben, das man hat mit der Gnosis. Wenn also die Leute
sagen, die neuere Anthroposophie ahme die Gnosis nach, so konnen
sie, selbst wenn sie es tate, es ja nicht wissen, denn sie kennen die
Gnosis nicht, sie kennen sie ja nur von den Gegnern!
Also in Athen namentlich war bis ins 4. Jahrhundert herein, ja
noch langer, eine Weisheitsschule, welche sich bemuhte, die alte
atherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu bringen.
Die letzten Reste dieser Anschauung von dem Hereinkommen des
Menschen aus hoheren Welten durch die Planetensphare in die
Erdensphare, sie durchglanzen noch die Schriften des Origenes,
glanzen noch durch selbst durch die Schriften der griechischen Kir-
chenvater. Man kann iiberall sehen, wie das da durchglanzt; und es
glanzte namentlich durch die Schriften des wahren Dionysius des
Areopagiten. Dieser Dionysius der Areopagite hinterliefi ja eine
Lehre, die eine reine Synthesis war zwischen der atherischen Astro-
nomic und demjenigen, was im Christentum lebte: dafi sich die
gewissermafien in der Sonne astronomisch oder kosmisch lokalisier-
ten Krafte in dem Christus durch den Menschen Jesus von Nazareth
in die Erdensphare hineinbegeben haben, und dafi damit eine
gewisse Beziehung, die vorher nicht vorhanden war, zur Erde ent-
standen ist in bezug auf alle hoheren Hierarchien, die Hierarchien
der Engel, die Hierarchien der Weistiimer, die Hierarchien der
Throne, die Hierarchien der Seraphime und so weiter. Eine Durch-
dringung dieser Hierarchienlehre mit atherischer Astronomie, das
war es, was beim ursprunglichen Dionysius dem Areopagiten vor-
handen war.
Im 6. Jahrhundert hat man dann versucht, die Spuren zu ver-
wischen auch der alteren Lehren des Dionysius des Areopagiten, und
man hat sie so umgestaltet, dafi man darin eigentlich nur noch eine
abstrakte Geisteslehre hatte. So wie heute die Lehre des Dionysius
des Areopagiten vorliegt, ist sie ja eine Geisteslehre die nicht mehr
viel mit atherischer Astronomie zu tun hat. Und so nennt man ihn
dann den Pseudo-Dionysius. Auf diese Weise hat man der Weis-
heitslehre einen Untergang bereitet, auf der einen Seite, indem man
den Dionysius verballhornt hat, und auf der anderen Seite da-
durch, dafi man jene noch in Athen ganz lebhaft lebendige Lehre,
welche die atherische Astronomie mit dem Christentum vereinigen
wollte, ausgerottet hat, und dafi man in bezug auf das Kulthafte
dann den Mithrasdienst ausgerottet hat.
Und dann haben ein ubriges getan solche Personlichkeiten wie
Konstantin, dessen Taten in spaterer Zeit verstarkt wurden dadurch,
dafi ja der Kaiser Justinian die Athenische Philosophenschule
schliefien liefi, so dafi die letzten Menschen, welche sich damit be-
fafit haben, die alte atherische Astronomie mit dem Christentum in
Einklang zu bringen, auswandern mufiten und in Persien eine Statte
fanden, wo sie wenigstens ihr Leben fortfristen konnten. Justinian
hat ja aus demselben Programm heraus, aus dem er die Athenische
Philosophieschule schlofi, auch den Origenes fur einen Ketzer er-
klaren lassen, und er hat die romische Konsulswiirde aus dem-
selben Grunde abgeschafft, die ja eigentlich nur noch ein Schatten-
dasein fuhrte, in der man aber doch, selbst als sie nur noch ein Schat-
tendasein fuhrte, eine Art Widerstandskraft suchte gegeniiber der
romanischen Staatsidee, die in der reinen Juristerei aufging. Das alte
Menschliche, das man noch mit der Konsulswiirde verband, liefi
man verschwinden in dem staatlichen Imperialismus des Romanen-
tums.
So sehen wir im 4. Jahrhunderte abglimmen, was als Kuitus-
dienst mit dem Menschen naher hatte zusammenbringen konnen
das Christen turn, wir sehen abglimmen dasjenige, was als alte Weis-
heitslehre in einer atherischen Astronomie sich vereinigen wollte mit
der Erkenntnis von der Bedeutung des Mysteriums von Golgatha.
Und wir sehen im Westen an dessen Stelle treten dasjenige, was nun
schon die Keime des spateren Materialismus in sich trug, der ja erst
sich theoretisieren konnte im 15. Jahrhundert, als der funfte nach-
atlantische Zeitraum begann, der aber vorbereitet wurde im wesent-
lichen durch die Vermaterialisierung desjenigen, was noch spirituell
aus dem Oriente herubergekommen war.
Diesen Gang der europaischen Zivilisation miissen wir durchaus
ins Auge fassen. Es wird uns sonst niemals ganz durchsichtigwerden,
welches eigentlich die Grundlagen der europaischen Zivilisation sind.
Und es wird uns sonst niemals ganz klar werden, wie es eigentlich
hat moglich sein konnen, dafi immer wieder und wiederum die Men-
schen, wenn sie nach dem Orient gezogen sind, starke spirituelle
Anregungen aus diesem Orient haben mitnehmen konnen. Vor
alien Dingen war ja durch das ganze erste Mittelalter hindurch ein
lebendiger Handelsverkehr von dem Orient an der Donau herauf,
gerade jene Wege entlang, die der alte Mithrasdienst, der naturlich
im ersten Mittelalter bereits verklungen war, genommen hatte. Die
Leute,* die da als Handelsleute nach dem Orient und vom Orient her
zogen, haben immer wieder das im Orient gefunden, was dem
Christentum vorangegangen war, was aber durchaus schon nach dem
Christentum hintendierte. Und wir sehen es ja auch, als die Kreuz-
fahrer nach dem Oriente zogen, wie sie aus den Resten, die sie noch
haben erkennen konnen im Orient, Anregungen empfangen haben,
wie sie altes Weisheitsgut nach Europa gebracht haben. Ich sagte:
Mit diesem alten Weisheitsgut war die alte Saftemedizin verkniipft.
- Immer wieder brachten die Menschen, die nach dem Orient
zogen, auch noch diejenigen, die als Kreuzfahrer oder mit den
Kreuzziigen nach dem Orient zogen und die wiederum nach Europa
zuriickkamen, immerzu brachten sie auch noch Reste dieser alten
Medizin nach Europa. Diese Reste einer alten Medizin wurden
iiberall durch Tradition dann in Europa fortgepflanzt. Einzelne
Menschen, die dann zu gleicher Zeit mit ihrer eigenen geistigen Ent-
wickelung ihrer Zeit vorangegangen waren, machten dann merkwiir-
dige Entwickelungen durch, wie die Personlichkeit, die unter dem
Namen des Basilius Valentinus weiterlief.
Was war denn das fur eine Personlichkeit? Es war eine Person-
lichkeit, welche unter den Leuten, mit denen sie ihre Jugend ver-
lebt hatte, die Tradition der alten Saftemedizin, zuweilen ganz un-
verstandig, iibernommen hatte, in dieser oder jener Andeutung. Bis
vor ganz kurzer Zeit - heute ist das schon weniger der Fall - waren in
den alten Bauernregeln noch Uberreste dieser aus dem Orient durch
die Wanderziige heriibergetragenen medizinischen Tradition vor-
handen, die eigentlich im Bauerntum sich ablagerten, die dann
gehort wurden von denjenigen, die im Bauerntum aufwuchsen; sie
waren, in der Regel diejenigen, die dann Priester wurden. Nament-
lich diejenigen, die Monche wurden, wuchsen aus dem Bauerntum
heraus. Sie hatten da dies oder jenes gehort, was aber eben verball-
horntes, dekadent gewordenes altes Weisheitsgut war. Sie machten
aber eine selbstandigere Entwickelung durch. Was man als Entwicke-
lung durchmachte durch die christliche Theologie, war ja bis zum
15., 16. Jahrhundert noch etwas viel Freieres als es spater geworden
war. Da brachten diese Priester und Monche allmahlich aus ihrer
eigenen Geistigkeit heraus eine gewisse Ordnung in die Dinge hin-
ein. Sie dachten nach uber das, was sie gehort hatten; aus dem
eigenen Genie heraus verbanden sie die Dinge, und so entstanden
dann die Schriften, die sich erhaken haben als die Schriften des
Basilius Valentinus. Ja, es bildete sich durch so etwas sogar durchaus
noch eine Schule, in der audi Paracelsus und selbst Jakob Bohme
lernten. Auch diese nahmen noch das, ich mochte sagen, in der
Volksgruppenseele lebende alte medizinische Weisheitsgut auf.
Man kann das ja bei Jakob Bohme, wo dieses elementar gilt, auch bei
Paracelsus und anderen bemerken, auch wenn man die Schriften nur
so aufierlich nimmt. Aber wenn man so etwas nimmt bei Jakob
Bohme, wie seine Schrift «De signatura rerum», da wird man in der
Art der Darstellung flnden, dafi das, was ich gesagt habe, da mit
Handen zu greifen ist. Es ist das solch ein altes Volksgut, das aber im
Grunde genommen in sich verballhorntes Weisheitsgut enthielt.
Solch ein altes Volksgut war durchaus noch nicht so abstrakt, wie
unsere heutige Wissenschaft es ist, sondern es war da etwas von dem
Erfuhlen des Objektiven in den Worten. Man fiihlte in den Worten.
So wie man heute in den Begriffen erkennen will, so fiihlte man in
den Worten. Man wuflte, dafi der Mensch die Worte aus dem ob-
jektiven Wesen der Welt selber hervorgeholt hat. Das kann man
merken, wenn sich Jakob Bohme so viel Miihe gibt, zu fiihlen, was
eigentlich steckt in der Silbe «Sul», und was wiederum steckt in der
Silbe «fur»: Sulfur. Sehen Sie sich an, wie zum Beispiel in «De
signatura rerum» Jakob Bohme ringt, ich mochte sagen, um etwas
herauszusaugen aus einem inneren Wort, einen inneren Wortex-
trakt, aus dem Worte Sulfur etwas herauszusaugen, um auf eine
Wesenheit zu kommen. Es ist da durchaus das Gefiihl vorhanden,
daft, wenn man den Extrakt der Worte erlebt, man auf etwas Reales
kommt. Es hat sich in alteren Zeiten, so fiihlte man, in die Worte
dasjenige hineingesetzt, was aufgenommen hat die menschliche
Seele, als sie hereingezogen ist aus aufierweltlichen Spharen durch
die Planetensphare ins irdische Dasein. Was sie da aber aus ihrem
noch Naherstehen der Saftemischung in die Worte hineingelegt hat,
wenn das Kind sprechen lernte, das war noch etwas Objektives, es
war noch etwas in der Sprache, was wie ein Gotterunterricht war,
nicht blofi ein menschlicher Unterricht. Und man sieht bei Jakob
Bohme dieses scheme Bestreben, das etwa sich so aussprechen lafit,
wie wenn er gef iihlt hatte: Ich mochte in der Sprache etwas sehen,
wo noch hinter den Erscheinungen lebendige Gotter in die mensch-
liche Organisation hereinwirken, um in den Menschen die Sprache
zu form en und mit der Sprache zugleich ein gewisses Weisheitsgut. -
Da sehen wir, wie durchaus audi noch in spatere Zeiten sich fortsetzt
das alte Weisheitsgut, aber schon aufgenommen vom modernen
Denken, das allerdings kaum angedeutet ist bei solchen elemen-
taren Geistern wie Jakob Bohme oder Paracelsus. Und in das pragt
sich jetzt hinein dasjenige, was rein intellektualistisch-theoretisch
ist, was aus dem physischen Denken des Menschen heraus bloft das
Physische ergreift. Wir sehen, wie auf der einen Seite entsteht die
rein physische Astronomie, wie auf der anderen Seite entsteht die
rein auf die festbegrenzten Organe des Menschen gerichtete Physio-
logic und Pathologie, kurz, die ganze medizinische Abschattung.
Und so steht allmahlich der Mensch da mit einer Welt um sich, die
er nur physisch begreift, in der er naturlich als kosmisches Wesen
nicht darinnen sein kann. Er begreift an sich nur noch dasjenige,
was er durch die Erde geworden ist, denn durch die Erde ist er dieses
festbegrenzte physische organische Wesen geworden. Er kann
keinen Einklang mehr finden zwischen dem, was ihm vom Kosmos
durch die Erkenntnis gegeben wird, durch die physische Astronomie
gegeben wird, und demjenigen, was in seiner Gestalt lebt, was aller-
dings auf etwas anderes weist; aber er wendet den Blick ab von dem,
wie diese menschliche Gestalt auf etwas anderes weist. Er verliert
schlieftlich ganz das Bewufttsem, daft sein Aufrichtebestreben und
die besondere Art und Weise, wie er aus seinem Organismus heraus
die Sprache hat, nicht entstehen konnen in dem Mithrasstier,
sondern erst in dem Mithras. Er will mit alledem sich nicht mehr
beschaftigen, denn er segelt dann hinein in den Materialismus. Er
muft hineinsegeln in den Materialismus, denn das religiose Bewuftt-
sein selber hat ja von dem Christentum nur aufgenommen die
auftere materielle Erscheinung und diese auftere materielle Erschei-
nung dogmatisiert, indem man nicht versucht hat, aus irgendeiner
Weisheit heraus zu erkennen, wie sich das Mysterium von Golgatha
zugetragen hat, sondern indem man versuchte, durch Beschliisse
festzustellen, was die Wahrheit ist.
So sehen wir den Ubergang von der orientalischen alten Gedan-
kenstellung aus der Welterkenntnis heraus zu der besonderen
romisch-europaischen Art der Feststellung. Wie wurde im Orient
«festgestellt», und wie mufite aus orientalischem instinktivem An-
schauen heraus auch etwas iiber das Mysterium von Golgatha «fest-
gestellt» werden? - Indem man nahm die Erkenntnis, die sich aus
der Welt heraus ergeben hatte, indem man hinaufschaute in Ster-
nenwelten, da ergab sich aus der Erkenntnis heraus, wenn sie auch
eine instinktive, elementare war, oder sollte sich wenigstens ergeben,
auch das, was das Mysterium von Golgatha war. Das war der Weg,
der im Orient genommen wurde. Dieser Weg wurde vom 5. Jahr-
hundert an nicht mehr empfunden. Friihere Konzilien schon hat-
ten, indem sie an die Stelle des Asiatischen mehr das Agyptische ge-
setzt hatten, darauf hingewiesen, daft man ja nicht auf diese Art
ausmachen solle, wie es mit dem Mysterium von Golgatha eigentlich
beschaffen ist, sondern daft man durch die Mehrheit der Vater, die
auf den Konzilien versammelt sind, entscheiden lassen solle. Es wur-
de das juristische Prinzip an die Stelle des orientalischen Erkennt-
nisprinzips gestellt, es wurde die Dogmatik in das Juristische her-
iibergebracht. Man hatte nicht mehr das Gefiihl, dafi aus dem
Weltengewissen heraus iiber die Wahrheit zu entscheiden ist. Man
eignete sich das Gefuhl an, dafi man auf juristische Art durch Konzil-
beschlusse sagen konne, ob die gottliche und die menschliche Natur
in Chrisms Jesus zwei Naturen oder eine Natur sei und dergleichen.
Wir sehen in das innerste Gefiige der abendlandischen Zivilisation
das Agyptisch-Romanisch-Juristische einziehen, dasjenige, was
heute noch so tief in den Menschen sitzt, die nicht die Neigung
haben, entscheiden zu lassen iiber ihr Verhaltnis zur Wahrheit diese
Wahrheit, sondern die aus ihren Affekten heraus entscheiden wollen
und daher keinen anderen Mafistab fur das Festsetzen haben als die
Majoritat in irgendeiner Form.
Davon wollen wir dann morgen noch weiter sprechen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 16. April 1921
Ich habe gestern hingewiesen auf den bedeutsamen Ubergangs-
punkt, der in der abendlandischen Zivilisationsentwickelung liegt
im 4, nachchristlichen Jahrhundert, und ich habe darauf hingewie-
sen , wie aus der europaischen Zivilisation damals verschwindet auf
der einen Seite die griechische Weisheit, jene Weisheit, durch die
man versuchte, die Tiefen des Christentums eben weisheitsvoll zum
Ausdrucke zu bringen. Der aufSere Zeitpunkt des Verschwindens
liegt ja etwas spater. Er liegt da, wo der Kaiser Justinian die Schriften
des Origenes fur ketzerisch erklarte, die romische Konsulwiirde ab-
schaffte und die griechische Philosophenschule von Athen schlofi, so
dafi die Trager griechischer Weisheit nach dem Oriente entfliehen
mulken und gewissermafien sich zuriickzogen vor dem, was euro-
paische Zivilisation war. Was sich vom Orient aus vorgeschoben
hatte bis nach Griechenland hinein, was dann in Griechenland seine
besondere Form angenommen hatte, das war die eine Seite.
Die andere Seite aber war diese, daft der Mithrasdienst in einem
bedeutsamen aulteren Kultus andeuten sollte, wie der Mensch sich
herausheben sollte durch sein Geistig-Seelisches aus alledem, was zu
begreifen war durch den Zusammenflufs der Wesen in der Planeten-
sphare mit den irdischen Machten, wie dieser Mensch sich als Voll-
mensch fuhlen konnte. Das sollte eben angedeutet sein im Mithras-
kultus. Und dieser Mithraskultus, der dahin tendierte, dem Men-
schen sich selber zu zeigen, er verschwand ebenfalls, nachdem er sich
ausgebreitet hatte die Donaulander herauf bis nach Mittel- und
Westeuropa. Und was in Europa an die Stelle dieser beiden Stro-
mungen, einer kultischen und einer Weisheitsstromung trat, das war
zunachst etwas, was eine den aulteren Tatsachen nach verlaufende
Erzahlung der Ereignisse von Palastina war. Und so kann man sagen:
Weder konnte zunachst in Europa den Einzug halten ein Kultus,
welcher in dem Christus Jesus den Uberwinder alles desjenigen ge-
sehen hatte, was der Mensch in der Weltenentwickelung unter sich
zu bringen hatte, noch konnte in dieses Europa einziehen dasjenige,
was die eigentlichen Geheimnisse des Christentums weisheitsvoll
ergreifen wollte, und es breitete sich aus die aufierliche Erzahlung
der Vorgange in Palastina. Was aber begfifflich festgestellt werden
sollte an diesen Ereignissen von Palastina, das wurde eingetaucht in
ein juristisches Denken, in dem an die Stelle der Erforschung der
Weltengeheimnisse die Feststellung der Dogmen durch die Mehr-
heitsbeschlusse der Konzilien und so weiter trat.
Nun zeigt gerade diese Tatsache, dafi ein bedeutungsvoller, ein
gewaltiger Umschwung in der abendlandischen Zivilisationsent-
wickelung und damit in der Entwickelung der ganzen Menschheit
sich in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert vollzogen hat. Alles
dasjenige, was vom Orient ausgehend den Osten der europaischen
Zivilisation ergriffen hatte, das wurde sozusagen nach dem Orient
wieder zuruckgeschoben. Dasjenige allein konnte sichabendlandisch
halten neben der Erfassung der aufieren sinnlichen Tatsachenwelt,
was in der romanischen Welt aufgekommen war als ein Anlauf zum
abstrakten Denken.
Wie lebendig sind doch die Vorstellungen iiber die griechischen
Gotter bei den Griechen gewesen, und wie abstrakt begrifflich sind
die Vorstellungen, die sich die Romer von ihren Gottern gemacht
haben. Im Grunde genommen war in der spateren Zeit dasjenige,
was die Griechen an Ideen hatten iiber die ubersinnliche Welt,schon
ein Unlebendiges, obwohl es in sich sehr lebendig war, aber verhalt-
nismafiig ein Unlebendiges gegeniiber den lebendigen Vorstellun-
gen der ubersinnlichen Welten, die darstellten ein Darinnenleben in
diesen ubersinnlichen Welten, wie sie in der alteren persischen Zi-
vilisationsform vorhanden waren oder in der alteren indischen Zivi-
lisationsform. Da lebte man in den ubersinnlichen Welten, wenn
auch durch ein instinktives menschliches Erkennen, da lebte man
aber doch mit diesen ubersinnlichen Welten so, wie in der Gegen-
wart eine spatere Menschheit mit der sinnlichen Welt lebt. Fur den
alten Orientalen war die geistige Welt durchaus etwas Erschlossenes.
Fur den alten Orient war die geistige Welt etwas, was fur den Men-
schen so da war in bezug auf ihre Wesenheiten, wie fur den spateren
Menschen, nun, sagen wir, die anderen Menschen sind, die als seine
Nebenmenschen neben ihm da sind, und der Grieche hatte aus
dieser lebendigen iibersinnlichen Welt heraus sein Begriffssystem
gebildet. Die griechischen Ideen waren bis auf Aristoteles herunter
im 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit nicht solche abstrakte
Ideen, die an der aufieren sinnlichen Beobachtung gewonnen und
dann hinaufabstrahiert waren, diese griechischen Ideen waren noch
herausgeboren aus der lebendigen iibersinnlichen Welt, aus einer
uralten Anschauung. Diese lebendigen griechischen Ideen durch-
seelten, durchwarmten noch den Menschen, gaben ihm noch den
notigen Enthusiasmus zu seiner Art des sozialen Lebens, insofern er
an diesen Ideen teilnehmen konnte. Gewifi, man darf niemals
vergessen, daft ein grofier Teil des griechischen Volkes nicht teilneh-
men durfte; es war das die weitausgebreitete Sklavenwelt. Aber die-
jenigen Menschen, welche die Trager der griechischen Kultur waren,
die waren eben durchaus in einer Ideenwelt, die im Grunde genom-
men ein Herunterstrahlen ubersinnlich-geistiger Machte in die Welt
des Irdischen war.
Demgegemiber nahm sich allerdings die romische Welt, die nur
dutch das Meer abgeschieden war von der griechischen Welt, ganz
abstrakt aus. Die Rdmer bezeichneten ihre Gotter, man mdchte
sagen, in derselben nikhternen, trockenen Weise, wie unsere Natur-
forscher ihre Naturgesetze bezeichnen. Und wenn sich schon darin
der bedeutsame Umschwung ausdrikkt, auf den ich hier hinzuwei-
sen habe, so tritt er uns noch ganz besonders entgegen, wenn wir
nun recht aufmerksam hinschauen auf eine seelische Tatsache, die
sich nur halb in der Weltentwickelung ausgelebt hat, die nicht voll-
standig zur Entwickelung gekommen ist. Betrachten Sie einmal das
Schicksal des alten griechischen Volkes. Dieses Schicksal des alten
griechischen Volkes hat eine gewisse Tragik in sich. Dieses griechi-
sche Volk, nach seiner grofien Bliite siecht es dahin; es verschwindet
im Grunde genommen doch aus der Weltgeschichte. Denn was in
seinem Territorium dann als ein Schatten hingetreten ist, ist ja nicht
eine wirkliche Nachkommenschaft. In schwerer weltgeschichtlkher
Krankheit siecht das griechische Volk dahin und bringt aus seinen
alten Ideen etwas heraus, das, ich mochte sagen, die Morgenrote
aller spateren Kultur ist, bringt den Stoizismus, den Epikuraismus
aus sich hervor, in denen sich als in bestimmten Lebensanschau-
ungen schon vorausverkiindet, was dann in der abendlandischen
Zivilisation auf viel abstraktere Art gewonnen wird. Aber man sieht
es auch dem Stoizismus, dem Epikuraismus an, man sieht es selbst
der spateren griechischen Mystik an, dafi sie ausdrucken ein Hin-
siechen des alten Griechentums.
Warum mufite denn in der Weltenentwickelung dieses Griechen-
tum krank werden und dann im Grunde genommen absterben? -
Man mochte sagen, in diesem Krankwerden und Absterben des
alten Griechenvolkes liegt ein bedeutsames weltgeschichtliches
Mysterium. Ja, dieses Griechenvolk sah noch mit dem, was es als
einen Nachklang der alten orientalischen Weltanschauung heruber-
bekommen hatte, den seelisch-geistigen Menschen in seinem vollen
Lichte. Und in den alteren Zeiten der griechischen Kultur sah sich
doch jeder Mensch an als ein seelisch-geistiges Wesen, das aus gei-
stigen Welten durch die Geburt oder durch die Empfangnis herun-
tergestiegen ist, das seine Heimat hat in ubersinnlicher Sphare, das
berufen ist zu ubersinnlichen Spharen. Aber es fuhlte zu gleicher
Zeit, dieses Griechenland, selbst noch in seiner Bliitezeit - ich habe
das oftmals erwahnt - seinen weltgeschichtlichen Niedergang. Es
fuhlte, daft der Mensch nicht Mensch werden kann auf der Erde
durch dieses Hinaufschauen, durch dieses alleinige Hinaufschauen
in ubersinnliche Welten. Es fuhlte sozusagen sich umschlungen und
durchdrungen von den irdischen Machten. Daher jener uralte
griechische Spruch: Besser ein Bettler zu sein in der sinnlichen Welt,
als ein Konig im Reiche der Schatten. - Der Grieche hatte in seinen
alten Zeiten noch alien Glanz der ubersinnlichen Welt geschaut;
aber er hat zu gleicher Zeit dadurch, daft er in diesem Griechenland
ganz Mensch wurde, gefuhlt, wie er ihn nicht erhalten kann, diesen
Glanz der geistigen Welten, wie er ihm verlorenging, und wie sein
Seelisches verstrickt wurde in die irdischen Dinge, und er furchtete
sich gewissermaften vor dem Sterben deshalb, weil die Seele durch
das Leben zwischen Geburt und Tod entfremdet werden kann ihrer
ubersinnlichen Heimat. Man mufi das Griechentum durchaus nach
diesem Gefiihle schildern.
Solche Menschen wie Nietzsche, sie haben im Grunde genom-
men richtig gefuhlt. Nietzsche hat richtig gefuhlt, wenn er das Zeit-
alter der griechischen Entwickelung, das dem sokratischen, dem
platonischen vorangegangen ist, das tragische Zeitalter griechischer
Entwickelung genannt hat. Denn schon bei den Denkern Thales,
namentlich aber bei Anaxagoras, Heraklit sehen wir hinabdammern
eine groflartige Weltanschauung, iiber die die heutige Geschichte so
gar nichts mehr vermeldet. Wir sehen die Furcht, entfremdet zu
werden der ubersinnlichen Welt und verbunden zu werden mit
dem, was einem einzig und allein bleibt beim Durchgang dutch das
Leben zwischen Geburt und Tod, verbunden zu werden mit der
Welt des Hades, mit der Schattenwelt, die im Grunde genommen
dem Menschen zuteil wird. Aber der Grieche hatte doch etwas geret-
tet, gerettet dasjenige, was in seiner schonsten Bliite erscheint in der
platonischen Idee. Ich mochte sagen, mit dem absterbenden Siech-
tum tritt diese platonische Ideenwelt, der letzte glanzvolle Rest des
alten Orients auf , der selber dann bestimmt ist zu sterben im Aristo-
telismus, aber es tauchen eben doch auf diese griechischen Ideen.
Und fortwahrend empfand der Grieche, wie das Ich des Menschen
im menschlichen Leben eigentlich etwas Verlorengehendes ist. Das
war im Grunde genommen Grundempfindung der Griechen.
Nehmen Sie die Schilderung, die ich iiber die Ich-Entwickelung in
meinen «Ratseln der Philosophie» gegeben habe, wie da das Ich mit
dem Denken verbunden war, mit der aufieren Wahrnehmung. Da
aber mit dem Denken das ganze Ich-Erleben zusammenhangt, so
fiihlte der Mensch auch das Ich noch weniger in seiner eigenen Leib-
lichkeit drinnen, als er es verbunden fiihlte mit alledem, was
draufien in der Welt lebt, mit dem Bliihen der Blumen, mit dem
Blitzen und Donnern draufien im Weltenraum, mit den hinstiir-
menden Wolken, mit den Baumen, mit dem aufsteigenden Nebel
und dem herabfallenden Regen. Mit alledem verkniipft fuhlte der
Grieche sein Ich. Er fuhlte sozusagen mit den Kraften des Ichs,
gleichsam ohne das Gehause dieses Ichs; er fuhlte vielmehr: Wenn
ich hinauswende den Blick auf die Blumenwelt, da haftet mein Ich,
da blunt es mit den Blumen. - Das fiihlte er. Und man kann eben
schon sagen, diese griechische Kultur konnte sich nicht fortsetzen.
Wie aber ware sie geworden, wenn sie sich fortgesetzt hatte? Es lag
gar nicht in ihr die Moglichkeit, sich in gerader Linie fortzusetzen.
Was ware aus ihr geworden? - Der Mensch hatte nach und nach sich
gefuhlt als ein Erdenwesen, das untermenschlich ist, und das, was
das eigentlich Geistig-Seelische im Menschen ist, das hatte man ge-
fuhlt wie etwas, was eigentlich in den Wolken und in den Blumen,
in den Bergen, in Regen und Sonnenschein wohnt und das da
kommt, einen zu besuchen. Gefuhlt hatte man nach und nach,
wenn die griechische Kultur in gerader Linie sich weiterentwickelt
hatte, daft man ja, wenn man des Abends einschlaft, das Heran-
nahen seines eigenen Ichs in seinem Glanze erfuhlen kann, daft es
einen da besonders besucht. Aber gefuhlt hatte man auch, daft,
wenn man wiederum des Morgens aufwacht und sich einlafit auf die
Welt der niederen Sinne, daft man dann eigentlich nur als Erden-
mensch das aufterliche Gehause ist. Eine gewisse Fremdheit gegen-
uber dem Ich ware eingetreten bei einer geradlinigen Fortentwicke-
lung desjenigen, was man gefiihlsmafiig merken kann als den
eigentlichen Grundton, als das eigentliche Grundtemperament der
griechischen Natur.
Das war notwendig, daft gewissermaften das den Menschen ent-
fliehende Ich, das hinaus in Natur und Kosmos entfliehende Ich,
daft das gefestigt wurde in der menschlichen Innenwesenheit als
einer organischen, auf der Erde wandelnden Wesenheit. Dazu
bedurfte es eines kraftigen Impulses. Das war jadieEigentumlichkeit
des Orientalismus, daft er zwar scharf auf das Ich hingewiesen hat,
gerade dadurch hingewiesen hat, daft er die wiederholten Erden-
leben in bezug auf die menschliche Lebensauffassung lehrte, daft
aber zu gleicher Zeit in ihm die Tendenz lag, dieses Ich dem
Menschen zu entfremden, dieses Ich dem Menschen zu nehmen.
Deshalb hatte das Abendland, das sich eben nicht bis zur griechi-
schen Hohe emporschwingen konnte, auch nicht die Kraft, die
griechische Weishek entgegenzunehmen in ihrer vollen Gestalt, es
liefi sie sozusagen zuriickfluten nach dem Orient. Es hatte auch nicht
die Kraft, den Mithraskultus zu iibernehmen, es liefi auch ihn zu-
riickfluten nach dem Orient. Es hatte nur die Kraft, aus der vollen
Robustheit des Menschen heraus, aus der irdischen Menschennatur
heraus sich erzahlen zu lassen die rein tatsachlichen Vorgange von
Palastina und sie bekraftigen zu lassen durch die konzilienmafiig
festgesetzte Dogmatik. Gewissermafien zunachst in einen Person-
lichkeits-Materialismus wurde der europaische Mensch hineinge-
stellt.
Das zeigt sich dann am intensivsten in dem Umschwung im 4.
nachchristlichen Jahrhundert. Da schwindet allmahlich alles nach
Asien zuriick, was ein tieferes Erfassen des Christentums gebracht
hatte, was einen Kultus hatte bringen konnen, welcher den Christus
als den Triumphierenden hatte ansehen konnen, nicht blofi als den-
jenigen, der unter den schweren Lasten des Kreuzes hinuntersinkt
und dessen Triumphieren man nur ahnen kann hinter dem Kruzi-
fixus. Es handelte sich fur das Abendland bei diesem Zumckfluten-
lassen der Weisheit und des alten Zeremonialdienstes um die Befe-
stigung zunachst des Ichs. Aus der robusten Kraft der nordischen
Barbarenvolker ging hervor dasjenige, was die Kraft dieser Befesti-
gung des Ichs im irdischen Organ des Menschen sein sollte. Und
wahrend sich das vollzog in den Gegenden der Donaulander, in
denen, die etwas siidwarts davon waren, im Siiden Europas, im
Westen Europas, verpflanzte sich nun vom Orient heriiber in
anderen Gestalten, als was fruher orientalische Weisheit war, der
Arabismus. Der Arabismus pflanzte sich nach Spanien hinein fort,
und man sah den Siidwesten Europas iiberflutet von einer phanta-
stischen Verstandeskultur, die es in der aufieren kunstlerischen Welt
nur bis zu der Arabeske brachte, die es nicht bis zu einem Durch-
dringen des Organischen mit dem Geistig-Seelischen brachte. So
war Europa erfullt auf der einen Seite von der Erzahlung des rein
Tatsachlichen in bezug auf die Kultushandlungen, so war es auf der
anderen Seite erfullt mit einer abstrakt phantastischen Wahrheit,
Weisheit, mit demjenigen, was dann filtriert die reine Verstandes-
kultur bildete und was iiber Spanien nach Europa hereinkam.
Innerhalb dieser Welt, in welcher also nur die rein auf das
Aufterliche beziiglichen Erzahlungen von den Ereignissen in Pala-
stina lebten, in welcher nur das lebte, was an phantastischer Verstan-
desweisheit durch den Arabismus gekommen war, in dieser Welt
tauchten auch einzelne Menschen auf - einzelne gibt es ja immer
wieder und wiederum innerhalb des Gros der Menschheit denen
etwas aufging von dem, wie eigentlich die Sache war. Es stieg in
ihrer Seele auf, daft es ja ein groftes christliches Geheimnis gibt, fur
das die hochste Weisheit nicht hoch genug ist, um es in seiner
ganzen Bedeutung zu durchdringen, fur das das intensivste Fuhlen
nkht stark genug ist, um dafur einen Zeremonialdienst auszubilden,
dafi eben von dem Kreuz von Golgatha etwas ausging, was mit
hochster Weisheit und kuhnstem Gefiihle erfafit werden musse. Das
ging in einzelnen Menschen auf. Und ihnen stieg so etwas auf, wie
die bedeutsame Imagination: In dem Brote des Abendmahles war
etwas vorhanden wie eine Synthesis, wie eine Zusammenfassung der
Kraft des aufieren Kosmos, der mit alledem, was aus dem Kosmos an
Kraftestromung herunterkommt auf die Erde, diese Erde durch -
dringt, aus dieser Erde hervorzaubert die Vegetation; dann wird das-
jenige, was da aus dem Kosmos der Erde anvertraut wird, was dann
aus der Erde hervorquillt, zusammengefafk synthetisch im Brote
und konstituiert den menschlichen Leib.
Und etwas anderes noch ging durch alle Nebel, mochte ich
sagen, die sich hiniibergezogen haben iiber die alten Traditionen,
etwas anderes ging auf diese europaischen Weisen iiber, etwas, was ja
allerdings im Orient seinen Ursprung genommen hat, was aber eben
durch die Nebel durchdrang und von einzelnen verstanden wurde.
Das war das andere Mysterium, das sich an das Mysterium des Brotes
anreihte, das Mysterium von der heiligen Schale, in welcher Joseph
von Arimathia aufgesammelt hat das heruntertraufelnde Blut des
Christus Jesus, das war die andere Seite des Weltengeheimnisses.
Wie im Brote zusammengenommen ist alles dasjenige, was der Ex-
trakt des Kosmos ist, so ist im Blute zusammengenommen alles das-
jenige, was der Extrakt der menschlichen Natur und Wesenheit ist,
in Brot und Blut, wofur ja der Wein nur das aufiere Symbolum sein
sollte, in Brot und Blut driickte sich das aus fur diese europaischen
Weisen, die wirklich wie aus geheimnisvollen Mysterienorten sich
herausentwickelt hatten, weit hinausragend uber das Gros der euro-
paischen Bevolkerung, das nur die Tatsachen von Palastina horen
konnte und das, wenn es zur Gelehrsamkeit heranwuchs, nur sich
allmahlich hineinfand in die abstrakte Phantastik des Arabismus.
Bei diesen Menschen, die sich ebenso auszeichneten durch etwas,
was wie eine reifste, iiberreife Frucht orientalischer Weisheit war und
zugleich eine reifste Frucht europaischen Empfindens und Fiihlens,
bei ihnen entwickelte sich dasjenige, was sie nannten das Geheimnis
des Grals. Aber, so sagten sie sich, auf der Erde ist nicht zu finden,
was das Geheimnis des Grales ist.
Die Menschen sind gewohnt worden, einen Verstand zu ent-
wickeln, wie er ja seine hochste Blute trieb im Arabismus. Die Men-
schen sind gewohnt, nicht hinzuschauen auf den Sinn der aufieren
Tatsachen, sondern lediglich sich diese aufieren Tatsachen ihrer
sinnenfalligen Wirklichkeit nach erzahlen zu lassen. Durchdringen
mulS man zu demjenigen, was in dem Geheimnis des Brotes ist, das
ja in derselben Schale gebrochen worden sein soil durch den Christus
Jesus, in der dann das Blut durch Joseph von Arimathia aufgefangen
worden ist, welche Schale dann entriickt worden ist nach Europa,
aber, wie die Sage sagt, so von Engeln uber der Erdoberflache, hoch
oben uber der Erdoberflache gehalten wurde, bis Titurel kam, der
diesem Gral, dieser heiligen Schale, dieser das Mysterium des Brotes
und Blutes umfassenden Schale den Tempel auf dem Montsalvatsch
schuf. In heiliger spiritueller Tempelstatte wollten schauen die-
jenigen, die auf diese Weise europaische Mysterienweise geworden
waren, durch die Nebel der Abstraktion hindurch und durch die
Nebel der reinen Tatsachenerzahlungen hindurch das Geheimnis
vom Gral, das Geheimnis vom Kosmos, das verschwunden war mit
der atherischen Astronomie, das Geheimnis vom Blute, das ver-
schwunden war mit der alten medizinischen Anschauung. Wie die
alte medizinische Anschauung ubergegangen ist in abstraktes Den-
ken, so ist ubergegangen die alte atherische Astronomie in abstraktes
Denken. Das hatte sich in der hochsten Blute zu einer bestimmten
Zeit gerade durch die Araber in Spanien abgelagert. In diesem Spa-
nien war es, wo man aufierlich unter den Menschen nicht finden
konnte das Geheimnis des Grales. Da war nur abstrakte Verstandes-
weisheit. Bei den Christen war nur auftere Tatsachenerzahlung, bei
den Arabern, bei den Mauren phantastische Verstandesentwicke-
lung. Und in Hohen nur iiber dieser Erde schwebte der Heilige Gral,
und nur von denjenigen, denen von gottlichen Machten dazu die
Fahigkeiten gegeben wurden, konnte betreten werden dieser spiri-
tuelle Tempel, dieser Heilige Gral, dieser die Geheimnisse des
Brotes und Blutes umschlieftende Tempel. Es ist kein Zufall, daft er
gefunden werden sollte in Spanien, wo wirklich meilenweit aus
dem, was die irdische Tatsachlichkeit bot, herausgeschritten werden
mulke, wo durchbrochen werden mufiten dornige Hecken, um vor-
zudringen zu dem spirituellen Tempel, welcher den Heiligen Gral
umschlofi.
Aus solchen gefuhlsma&gen Voraussetzungenherausentwickelte
sich die Anschauung des Heiligen Grals. Die unsichtbare Kirche, die
ubersinnlkhe Kirche, die doch aber auf Erden zu finden ist, das war
es, was sich mit dem Mysterium des Grals umhullte. Es war ein un-
mittelbar Daseiendes, das aber derjenige nicht findet, der sein In-
neres teilnahmslos der Welt gegenubersteHt. In alten Zeiten, da sind
die Mysterienpriester aus den Mysterien hinausgegangen in die
Welt, haben Umschau gehalten unter den Menschen, haben aus
dem Anblicke der menschlichen Aura sich gesagt: Das ist einer, den
wir hereinnehmen mussen in die Mysterien; das ist ein anderer, den
wir hereinnehmen mussen in die Mysterien. - Man brauchte nicht zu
fragen, man wurde erwahlt. Es brauchte nicht im Inneren des
Menschen selber die Aktivitat zu entspringen, man wurde erwahlt,
man wurde hineingeholt in die heiligen Mysterienstatten. Diese Zeit
war um das 11. , 12. und das 9. , 10. Jahrhundert schon vorbei. Befe-
stigt mufite im Menschen durch die Christus-Kraft, die eingezogen
war in die europaische Zivilisation, dasjenige sein, was ihn drangte
zu fragen: Was sind die Geheimnisse des Daseins? - Und keiner
konnte sich dem Grale nahern, der teilnahmslos schlafrig mit seinem
Inneren die Aufienwelt durchwanderte und durchschritt. Allein der-
jenige, so sagte man, konne eindringen in die Wunder, das heifit in
die Geheimnisse des Heiligen Grals, der in seiner Seek den Antrieb
empfand, zu fragen nach den Geheimnissen des Daseins, des kosmi-
schen Daseins und des innermenschlichen Daseins. Und seither ist es
im Grunde genommen so geblieben. Nur nachdem um die Mitte
des Mittelalters herum die Menschen ernst hingewiesen worden
waren auf dieses Fragestellen, auf dieses Fragensollen, trat zunachst
sek dem Beginne des 14. Jahrhunderts, das heifit im ersten Drittel
des 14. Jahrhunderts, der grofie Riickschlag ein. Immer weniger und
weniger blieben von denen, die da fragten nach den Wundern des
Heiligen Grals, immer inaktiver und inaktiver wurden die Seelen.
Sie sahen nunmehr hin nach den aufieren Gestaltungen der mensch-
lichen Wesenheit auf Erden und nach dem, was sich anschauen lafit
und was sich zahlen und wagen und messen und errechnen lafit im
Kosmos. Aber geblieben ist auch diese schon im fruhen Mittelalter
in die europaische Zivilisation hereintretende heilige Aufforderung:
zu fragen nach den Geheimnissen des Kosmos ebensowohl wie nach
den inneren Geheimnissen des Menschen, das heifit nach den
Mysterien des Blutes. Die Menschen haben ja in den verschiedensten
Phasen durchgemacht dasjenige, was notwendigerweise der Materia-
lismus mit all seinen Kraften iiber die europaische Zivilisation brin-
gen mulke. Es waren schon eindrmgliche Worte, wenn sie auch viel-
fach verklungen sind. Man mufi nur bedenken, wie grofi die Mog-
lichkeit war, daft bedeutsame Worte erklingen konnten innerhalb
der europaischen Zivilisation. Dasjenige, was fur ein bestimmtes
Zekalter geschaffen war, das Erzahlen der aufieren Tatsache von
Palastina, das Durchdringen dieser aufieren Tatsache mit dem Ara-
bismus, was dann die Scholastik des Mittelalters besorgt hat als mit-
telalterliche christliche Philosophic, das war fur ein gewisses Zek-
alter grofi. Aber so, wie es sich herausentwickelt hat aus einer Zeit
grofierer Weisheit und grofierem Zeremoniellen, die nur zuriickge-
schoben wurden in den Orient, so hat es das, was sich da heraus-
gebildet hat, auch nicht verstanden: hinzuhorchen auf die iiber-
sinnlichen Mysterien des Christentums, auf die Mysterien des Hei-
ligen Grals. Und all die wirklich eindringlichen Stimmen, die ertont
haben im Friihlingsalter - es waren ihrer nicht wenige sie sind
ebenso zum Verstummen gebracht worden durch den immer mehr
und mehr in die Dogmatik hinein versinkenden Katholizismus
Roms, wie die Gnosis - wie ich ja auch gestern wiederum angedeutet
habe - mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden ist.
Man darf nicht negativ urteilen liber das Zeitalter vom 4. nach-
christlichen Jahrhundert bis ins 12., 13. Jahrhundert herein, weil
von den zahlreichen, ich mochte sagen, mit heiliger Sufle und Uber-
reifheit durch die europaische Zivilisation, die im ubrigen barbarisch
war, hindurchklingenden Stimmen nur die etwas ungelenke eines
Menschen zurikkgeblieben ist, der nicht schreiben konnte, die des
Wolfram von Eschenbach. Er ist noch grofi genug; ihn hat das-
jenige ubriggelassen, was als Dogmatik sich in Europa festgesetzt hat
und was im Grunde genommen dasjenige ausgerottet hat, was an
machtigen Stimmen, aber eben unter Kampf und Bitterkeit den Ruf
nach dem Heiligen Gral ertonen liefi. Und diejenigen, die ertonen
liefien den Ruf nach dem Heiligen Gral, sie wollten ihn schon als in
der dumpfen Seele heraufdammernde Freiheit ertonen lassen. Sie
wollten dem Menschen nicht seine Freiheit nehmen, sie wollten ihm
nichts aufdrangen, er sollte ein Fragender sein. Er sollte aus den
Tiefen seines Seelenwesens heraus nach den Wundern des Grals fra-
gen. Was da an geistigem Leben untergegangen ist, war wahrhaftig
noch groiter als sein Gegenspiel, wenn dieses auch nicht einer ge-
wissen Grofie entbehrt. Und als dann dasjenige, was als einen geisti-
gen Weg bezeichnet hatten die Diener des Heiligen Grals, abgelost
wurde von dem physischen Weg nach dem physischen Jerusalem im
Orient driiben, abgelost wurde der Kreuzweg nach dem Gral durch
die Kreuzzuge nach dem physischen Jerusalem, und als dann Gott-
fried von Bouillon im Gegensatz zu Rom ein auflerliches Reich in
Jerusalem aufrichten wollte, aus seinem Empfinden heraus seinen
Ruf «Los von Rom» ertonen liefi, da war dieser allerdings weniger
suggestiv als derjenige des Peter von Amiens, der wie eine gewaltige
Suggestion wirkte, um dasjenige, was die Diener des Heiligen Grals
spirituell gemeint hatten, in das Materialistische zu ubersetzen.
Das war auch einer der Wege, die durch den Materialismus ge-
gangen worden sind, der Weg nach dem physischen Jerusalem statt
nach dem spirituellen Jerusalem, das in Titurels Tempel bergen
sollte dasjenige, was von dem Mysterium von Golgatha in dem Heili-
gen Gral iibriggeblieben war. Titurel, so sagte man, habe ihn aus
den Wolken, wo ihn die Engel schwebendgehaltenhaben -wahrend
Arabismus und rein aufiere Tatsachenerzahlungen herrschten Ti-
turel habe ihn heruntergebracht, den Heiligen Gral, auf die Erden-
sphare. Aber das materialistische Zeitalter fing nicht an, nach ihm
zu fragen. Einsame Menschen, vereinzelte Menschen, Menschen in
der «Dumpfheit», nicht gerade in der Weisheit, wie der Parzival,
waren es, welche Wege antraten zu dem Heiligen Gral, aber sie
verstanden es im Grunde genommen auch nicht richtig, die entspre-
chende Frage zu stellen. Und voran ging schon dem geistigen Mate-
rialismusweg, der dann in dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts
begann, der andere Materialismusweg, der im Grunde genommen
schon in der Wendung nach dem Osten hinuber war, nach dem
physischen Jerusalem. UnddieseTragik erlebtedie moderne Mensch-
heit, die eben durch diese Tragik hindurchgehen mufite und mufi,
um sich in dieser Tragik innerlich zu ergreifen und so recht zu
Fragenden zu werden. Diese Tragik mufite und mufi die moderne
Menschheit erleben, daft das Licht, das ihr einstmals aus dem Osten
gekommen war, nicht erkannt wurde als spirituelles Licht, dafi das
spirituelle Licht zuriickgeschoben worden ist und dafur gesucht wor-
den ist das physische Land, die physische Materialitat des Orients.
Den physischen Orient fing man an im Mittelalter zu suchen, nach-
dem man im Ausgang des Altertums den spirituellen Orient zuruck-
gestellt hatte.
Das ist die europaische Situation, und in dieser europaischen Si-
tuation ist auch unsere heutige noch. Denn noch sind wir, wenn wir
den wahren innersten Ruf der Menschheit verstehen, Sucher nach
dem Heiligen Gral und mufiten es sein, Sucher nach dem Heiligen
Gral. Noch miissen die Bestrebungen der Menschheit, wie sie, ange-
fangen in den Kreuzziigen, hervortreten, die Umwandlung, die
Metamorphose ins Spirituelle erfahren. Noch miissen wir wiederum
kommen zu einem solchen Erfassen der kosmischen Welten, dafi wir
den Ursprung des Christus in diesen kosmischen Welten suchen
konnen. Solange diese kosmischen Welten nur mit der aufieren
physischen Astronomie erfafit werden, konnen sie selbstverstandlich
nicht als die Heimat des Christus aufgefaik werden, denn aus dem,
was heute der Astronom lehrt als das Geheimnis des Himmels, fur
dessen Beschreibung er nur die Geometrie, die Mathematik, die
Mechanik hat, fur dessen Anschauung er nur das Teleskop hat, aus
diesem Himmel kann der Christus nicht herabgestiegen sein auf die
Erde, um sich in dem Menschen Jesus von Nazareth zu verkorpern.
Denn diese Verkorperung, sie kann auch nicht verstanden werden,
wenn man lediglich den Menschen kennenlernt, so wie man ihn, um
ihn zu erforschen, aus dem lebendigen Leben heraus in die Klinik
bringt, wo man den Leichnam seziert, um sich dann von der Leiche
Vorstellungen uber den lebendigen Menschen zu machen. Die Alten
hatten eine lebendige Astronomie, sie hatten eine lebendige
Medizin. Suchen miissen wir wiederum nach einer lebendigen
Astronomie, nach einer lebendigen Medizin. So wie uns eine leben-
dige Astronomie zeigen wird einen Himmel, einen Kosmos, der
wirklich von jener Geistigkeit durchdrungen ist, aus der der Christus
heruntersteigen kann, so wird uns die verlebendigte Medizin den
Menschen wiederum so vorfuhren, daiS wir ihn ergreifen mit
unserem Wissen, mit unserem Erkennen bis in sein Geheimnis des
Blutes hinein, bis in diejenige organische innere Sphare, wo sich die
Krafte des atherischen, des astralischen Leibes, des Ichs umwandein
in das physische Blut. In dem Augenblicke, wo wir das Geheimnis
des Blutes ergriffen haben von einer wirklich medizinischen Erkennt-
nis und wo wir begriffen haben die Weltensphare, die kosmische
Sphare durch eine durchgeistigte Astronomie, werden wir verstehen,
wie aus diesen kosmischen Spharen der Christus heruntersteigen
konnte auf die Erde und wie er flnden konnte auf der Erde den
Menschenleib, der mit seinem Blute ihn aufnehmen konnte. Es ist
das Geheimnis des Grals, das im Ernste auf diese Weise gesucht
werden mufi: uns mit dem ganzen Menschen, mit Kopf und Herz
auf diesen Weg nach dem spirituellen Jerusalem zu machen. Das ist
die Aufgabe der modernen Menschheit.
Es ist merkwurdig, wie dasjenige, was geschehen soli, objektiv
durch die Sphare des Daseins webt. Und wenn es nicht in richtiger
Weise Empflndung wird, so wird es aufterlich empfunden, wird es
aufierlich vermaterialisiert. Wie die Christen zuerst nach Jerusalem
gezogen sind, so Ziehen jetzt Ansammlungen des judischen Volkes
nach Jerusalem, damit wiederum eine Phase des Materialismus zum
Ausdruck bringend, zeigend, wie dasjenige, was geistig verstanden
werden sollte von der modernen Menschheit in alien ihren Teilen,
nun doch materialistisch verstanden wird. Aber es mufi die Zeit
kommen, in der in der richtigen Weise wiederum das Geheimnis des
Grals empfunden werden kann. Sie wissen, ich habe es erwahnt in
meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», ich habe es gewissermafien
in den Text verwebt, der dasjenige ausspricht, was auf diesem Wege
der Geisteswissenschaft gesucht werden soil, und ich habe dadurch
hingedeutet auf dasjenige, was wir uns erobern miissen als eine Art
Bild und Imagination fur das, was aber in ernster Geistesanstrengung
und mit tiefem menschlichem Fiihlen gesucht werden soli eben als
der Weg zum Gral.
Wir wollen morgen wiederum hier dariiber weiter reden.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 17. April 1921
In diesen Tagen habe ich mich bemiiht, zu zeigen, wie die abend-
landische Zivilisation entstanden ist, wie ein bedeutsamer, ein ge-
waltiger Einschnitt in der Menschheitsentwickelung uberhaupt zu
verzeichnen ist im 4. nachchristlichen Jahrhundert, und es ist not-
wendig gewesen, darauf hinzuweisen, wie das Griechentum allmah-
lich gewissermaften zu dieser Abenddammerung hin sich entwickelt
hat, wie dann aus ganz anderen Impulsen heraus die Mittel- und
Westeuropaische Zivilisation entstanden ist, und wie die Auffassung
des Christentums sich unter diesen Einflussen herausgebildet hat.
Versuchen wir zunachst von einem gewissen anderen Gesichtspunkte
aus noch einmal auf die entsprechenden Tatsachen hinzuweisen. Das
Christentum entsteht im westlichen Orient aus dem Mysterium von
Golgatha heraus. Die orientalische Kultur war in ihrer besonderen
Eigenart schon durchaus im Sinken. Die alte Urweisheit war in ihren
letzten Phasen vorhanden in dem, was sich herausbildete gegen Vor-
derasien, Griechenland zu als Gnosis. Diese Gnosis war immerhin
noch eine solche Weisheit, welche in der verschiedensten Art zusam-
menfafke, was dem Menschen vorlag an Welt- und Naturerschei-
nungen . Sie hatte aber doch schon im Verhaltnis zu dem unmittel-
baren anschaulich-instinktiven Einblicke in die geistige Welt, der
eigentlkh der orientalischen Entwickelung zugrunde lag, sie hatte
demgegeniiber einen schon mehr, man konntesagenintellektuellen,
verstandesma&gen Charakter. Es war das geistige Leben, das im
alten Orient alles menschliche Anschauen durchdrang, nicht mehr
vorhanden. Und eigentlkh aus den letzten Resten der alten Urweis-
heit heraus suchte man jene philosophisch-menschliche Anschauung
zusammenzusetzen, die man als Weisheitsgut anwendete, um das
Mysterium von Golgatha zu verstehen. Es wurde gekleidet das-
jenige, was im Mysterium von Golgatha lag, in die Weisheit, die sich.
ins Griechentum heruber vom Orient gerettet hatte.
Nunfassen wir einmal diese Weisheit ganz im geisteswissenschaft-
lichen Sinne auf. Wenn wir den Menschen betrachten wollen, so wie
er sich dieser Weisheit einstmals hingegeben hat, so finden wir, dafi
im alten Orient das Wesentliche doch war, daft der Mensch mit dem,
was in ihm sein astralischer Leib wirkte, mit dem, was erdurchseinen
astralischen Leib in seiner Seele erleben konnte, die Welt ansah,
auch wenn sich Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemutsseele
herausgebildet hatten. Es war der astralische Leib, welcher in diese
seelischen Glieder des Menschen hineinwirkte und welcher den Men-
schen befahigte, den Blick eigentlich abzuwenden von den irdischen
Erscheinungen, dasjenige noch klar zu durchschauen, was im Gei-
stig-Ubersinnlichen aus demKosmos hereindringt. Der Mensch hatte
noch nicht eine Ich-Anschauung der Welt. Sein Ich sprach nur
dumpf . Sein Ich war fur den Menschen noch nicht eine eigentliche
Frage. Der Mensch lebte im Astralischen und in diesem Astralischen
lebte er noch in einem gewissen Einklang mit den ihn umgebenden
Welterscheinungen. Gewissermafien war fur ihn die eigentlich ratsel-
hafte Welt diejenige, die er mit seinen Augen erblickte, diejenige,
die sich abspielte als Menschenwelt um ihn herum. Dagegen war fur
ihn die verstandliche Welt die ubersinnliche Gotterwelt, die Welt,
in welcher die geistigen Wesenheiten ihr Dasein hatten. Der Mensch
blickte hiniiber zu diesen geistigen Wesenheiten, zu ihren Hand-
lungen, zu ihren Geschicken. Das war ja das Wesentliche in der
Anschauung des alten Orients, dafi der Blick hingerichtet war auf
diese geistigen Welten. Aus den geistigen Welten heraus wollte man
die sinnliche Welt verstehen.
Wir stehen heute als innerhalb unserer Zivilisation befmdlich
auf dem gegenteiligen Standpunkte. Uns ist die sinnlich-physische
Welt gegeben, und von ihr aus wollen wir die geistige Welt irgend-
wie begreifen, wenn wir das iiberhaupt wollen, wenn wir es nicht ab-
lehnen, wenn wir nicht im bloften Materialismus stecken bleiben.
Die materielle Welt betrachten wir als das Gegebene. Der alte Orien-
tale betrachtete die geistige Welt als das Gegebene. Aus der materiel-
len Welt wollen wir etwas herausbekommen, um die Wunderbarkeit
der Erscheinungen, die Zweckmafiigkeit des Baues der Organismen
und so weiter zu verstehen, und aus dieser physisch-sinnlichen Um-
welt wollen wir uns die ubersinnliche beweisen. Der alte Orientale
wollte die physisch-sinnliche Umwelt aus der ihm gegebenen iiber-
physischen, iibersinnlichen Welt verstehen. Aus ihr heraus wollte er
das Licht empfangen, er empfing es auch, und ohne es war ihm die
physisch-sinnliche Welt iiberhaupt Finsternis und Bangigkeit. Und
so empfand er auch dasjenige, was er als sein innerstes Wesen noch
ganz vom astralischen Leibe durchstrahlt empfand, als aus den gei-
stigen Welten hervorgegangen. Er sagte sich nicht: Ich bin herauser-
wachsen aus dem irdischen Leben -, er sagte sich: Ich bin heraus-
erwachsen aus dem gottlich-geistigen Wesen, ich bin herunterge-
stiegen aus gottlich-geistigen Welten und das Beste, was ich in mir
trage, ist die Erinnerung an diese gottlich-geistigen Welten. -
Noch Plato, der Philosoph, spricht davon, wie der Mensch Erkennt-
nisse hat, Erinnerungen aus seinem praexistenten Leben, aus dem
Leben, das er gefuhrt hat, bevor er heruntergestiegen ist in die
physisch-sinnliche Welt. Der Mensch betrachtete sein Ich durchaus
als einen Strahl, der hervorkam aus dem Lichte der iibersinnlichen
Welt. Fur ihn war ratselhaft die sinnliche Welt, nicht die uber-
sinnliche Welt.
In Griechenland hatte dann diese Anschauung ihre Auslaufer
gefunden. Der Grieche fuhlte sich schon in seinem Leibe, aber er
fuhlte noch nicht in seinem Leibe irgendwie etwas, was diesen Leib
besonders erklaren konnte. Er hatte noch die Uberlieferungen des
alten Orients. Er schaute sich in gewissem Sinne an als etwas, was
heruntergestiegen war aus den geistigen Welten, aber was in gewis-
sem Sinne das Bewufitsein von diesen geistigen Welten schon
verloren hatte. Es ist tatsachlich die letzte Phase des orientalischen
Weisheitslebens, die in Griechenland auftrat. Und aus dieser Welt-
empfindung heraus sollte das Mysterium von Golgatha verstanden
werden. Es legte ja dieses Mysterium dem Menschen das grofte Pro-
blem vor, dieses ungeheure Lebensproblem: Wie hat das uberwelt-
liche, das ubersinnliche Wesen, das kosmische Wesen, der Christus,
seinen Platz finden konnen im menschlichen Leibe? - Die Durch-
dringung des Jesus mit dem Christus, das war das grofie Problem,
und wir sehen es aufleuchten iiberall in den gnostischen Bestrebun-
gen. Aber der Mensch hatte ja von sich aus kein solches Verstandnis
des Zusammenhanges zwischen dem Ubersinnlichen seines eigenen
Wesens und dem Sinnlich-Physischen dieses Eigenwesens, und weil
er an sich die Erkenntnis des Zusammenhanges des Geistig-
Seelischen und des Leiblich-Physischen nicht hatte, wurde gerade
fur dasjenige, was unter dem Einflufi der griechischen Anschauung
stand, das Mysterium von Golgatha ein unauflosliches Problem,
aber ein Problem, mit dem das Griechentum rang, dem es seine
besten Weisheitskrafte widmete. Die Geschichte iiberliefert viel
zu wenig von dem, was da eigentlich stattfand an geistigen Kamp-
fen.
Ich habe aufmerksam darauf gemacht, daft ja die gnostische Li-
teratur ausgerottet worden ist. Wiirde sie noch da sein, diese gnosti-
sche Literatur, so wiirde man in ihr sehen dieses tragische Ringen um
das Verstehen des Zusammenlebens des ubersinnlichen Christus mit
dem sinnlichen Jesus, man wiirde dieses so aufierordentlich tiefe Pro-
blem in seiner Entwickelung sehen. Aber dieses Ringen ist ausge-
loscht worden. Diesem Ringen wurde ein Ende gemacht durch das
niichterne, abstrakte Wesen, das vom Romanismus ausging, das nur
durch, ich mochte sagen, Aufpeitschung der Emotionen dazu
kommt, Innerlichkeit hineinzutragen in die Abstraktionen. Die
Gnosis wurde iiberschuttet, und Dogmatik und Konzilsbeschliisse
wurden an die Stelle gesetzt. Durchtrankt wurden die tiefen An-
schauungen des Orients, die nichts vomjuristischen hatten, mit einer
Form, die das Christentum annahm in der mehr westlichen Welt,
der damals westlichen Welt, der romischen Welt.
Aus diesem Romertum ging das Christentum hervor, indem es
sozusagen durchjuristet wurde, indem iiberall juristische Begriffe
einzogen, indem die romischen Staatsbegriffe iiber das Christentum
sich ausbreiteten. Das Christentum nahm die Form des romischen
Staatskorpers an, und wir sehen hervorgehen aus demjenigen, was
einstmals die Weltenhauptstadt Rom war, die christliche Haupt-
stadt Rom. Wir sehen, wie dieses christliche Rom annimmt vom
alten Rom die besonderen Anschauungen, wie man Menschen
regieren raufi, wie man iiber Menschen seine Herrschaft ausdehnen
mufi. Wir sehen, wie sich ausbreitet eine Art kirchlicher Imperialis-
mus, indem hineingegossen wird dasjenige, was das Christentum ist,
in die romische Staatsform. Was in spirituelle Erkenntnisformen
gegossen war, ging ein in juristisch-menschliche Staatsform. Das
erste Mai wurde in einer gewissen Weise zusammengesc
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