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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Ursprungsimpulse
der Geisteswissenschaft
Christliche Esoterik
im Lichte neuer Geist-Erkenntnis
Zusammenfassende Horer-Aufzeichnungen von zwanzig Vortragen,
gehalten zwischen dem 29. Januar 1906 und 12. Juni 1907
in Berlin
1989
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck, der Vortrage vom
17. Dezember 1906, 25. Marz und 1. April 1907 Ernst Weidrnann
Die Durchsicht der 2. Auflage besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1974
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989
Einzelausgaben und Veroffentlichungen
in Zeitschriften siehe S. 329
Bibliographie-Nr. 96
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Ebner Ulm
ISBN 3-7274-0961-4
7.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861 - 1925) geschriebenen und
veroffentHchten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir
die Mitglieder der Tbeosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa-
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte H6-
rernachschriften angef ertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga-
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Vorbemerkung des Herausgebers
Die in diesem Band enthaltenen Vortrage Rudolf Steiners stammen
aus der friihen Zeit seiner Vortragstatigkeit, in der noch nicht von
Berufsstenographen mitgeschrieben wurde. Es handelt sich um in-
haltliche Zusammenfassungen von Teilnehmern, teilweise nicht voll-
standig, die urspriinglich auch nicht fur den Druck vorgesehen wa-
ren. Da es sich nicht um wortliche Wiedergaben handelt, sind die
Gedankengange nicht immer eindeutig zu erfassen. Auf Grund der
in den Vortragen enthaltenen bedeutenden geisteswissenschaftlichen
Aspekte und als Teil des Gesamtwerkes werden sie hier innerhalb
der «Rudolf Steiner Gesamtausgabe» zuganglich gemacht.
INHALT
Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
Berlin, 29.Januar 1906
Empfindungen und Gedanken als Realitaten im menschlichen Zu-
sammenleben. Der rosenkreuzerische Ursprung okkulter Bruder-
schaften und ihr EinfluG auf die auBere Kultur. Seelische Epi-
demien als drohende Folge des Materialismus. Der Irrtum des
Spiritismus und die Aufgabe wahrer Geisteswissenschaft.
Erdinneres und Vulkanausbriiche
Berlin, 16. April 1906
Die neun Schichten des Erdinneren. Beteiligung der tieferen Erd-
schichten bei Vulkanausbriichen und Erdbeben. Zusammenhange
zwischen menschlichen Emotionen und Naturkatastrophen. Mit-
wirkung der Toten an der Umgestaltung der Erde. Plinius der
Altere und die materialistische Naturwissenschaft.
Vergangene und kiinftige Geist-Erkenntnis
Berlin, 7. Mai 1906
Die verborgene Welt der griechischen Mysterien. Hegels Hymnus
«Eleusis». Der Tiefpunkt des Materialismus im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts. Die Sendung von H. P. Blavatsky.
Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis
Berlin, 14. Mai 1906
Nachahmung, das gestaltende Prinzip in den ersten sieben Lebens-
jahren. Veranlagung des Schonheitssinnes und der Phantasiekraft.
Autoritat, das bestimmende Element im zweiten Jahrsiebent. Ge-
dachtnis und Gewohnheiten. Aus den Goldenen Worten des
Pythagoras. Erwachen des Sinnes fur das Individuelie und Aus-
bildung der Urteilskraft in der dritten Lebensepoche. Wahre
Lebenspraxis durch eine spirituelle Weltsicht.
Die geistige Erkenntnis als hochstes Befreiungswesen
Erster Vortrag, Berlin, 1. Oktober 1906
Der Anteil des Menschen an den hbheren Welten
Veredlung der Empfindungen durch spirituelle Seeleninhalte. Der
epidemischen Hysterie mittelalterlicher Asketen entsprechen die
Suggestionen der materialistischen Wissenschaft. Der Ursprung
unserer Gefiihle und Gedanken in der astralen und geistigen Welt.
Erst die Einsicht in den Zusammenhang der physischen Welt mit
hoheren Welten befreit den Menschen vom Zwang. Die symbo-
lische Schrift der Naturerscheinungen. Unzulanglichkeit von
Sozialexperimenten aus materialistischer Weltsicht. Einflusse von
Metallen auf den Menschen.
Zweiter Vortrag, Berlin, 8. Oktober 1906
Die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung
Selbstbescheidung und Helferwillen. Rousseau und Bohme als
Beispiele einer okkulten Berufung. Die verschliisselten Schriften
des Johannes Trithemius. Verbreitung spirituellen Wissens, ein
Erfordernis der Zeit. Das gewohnliche Gedankenleben und die
schopferische Gedankenwelt hinter den physischen Erschei-
nungen. Nicht Prinzipien und Institutionen, sondern der Mensch
bestimmt die Zukunft.
Karma und Einzelheiten der karmischen GesetzmaBigkeit
Berlin, 15. Oktober 1906
Bleibende Eigenschaften, Temperament und Gedachtnis sind im
Atherleib veranlagt, Emotionen und vorubergehende Eindriicke
im Astralleib. Die Entstehung des Gewissens. Umwandlung des
Vorstellungslebens zur Charakteranlage, der Charaktereigen-
schaften zur physischen Konstitution im nachsten Erdenleben.
Liebe zur Umgebung fiihrt in einer folgenden Inkarnation zu
langem Jungbleiben. Weisheit, eine Frucht vorangegangener
Leiden. Die Ursache der pessimistischen Grundstimmung bei
Schopenhauer. Kein Widerspruch zwischen dem Karmagesetz
und der christlichen Erlosungslehre.
Die Beziehung der menschlichen Sinne zur AuBenwelt
Berlin, 19. Oktober 1906
Die Entstehung des Menschen im Verfolg der planetarischen
Evolution. Das Gehor war schon bei Anbruch der Saturnent-
wickelung veranlagt. Herausbildung und Differenzierung der ein-
zelnen Sinne. Der physische Sehvorgang ist der Farbenwahr-
nehmung des Hellsehers verwandt. Die astrale Wesenhaftigkeit
des Schattens.
Der Erkenntnispfad und seine Stufen
Erster Vortrag, Berlin, 20. Oktober 1906
Der rosenkreu^erische Geistesweg
Hauptmerkmale der ostlichen, der christlich-gnostischen und der
rosenkreuzerischen Schulung. Die Beziehung des Rosenkreuzer-
schiilers zum Lehrer. «Wahrheit und Wissenschaft» und «Die
Philosophie der Freiheit» als Schulungsbiicher. Die sieben Stufen
des Rosenkreuzerpfades. Die Bedeutung geisteswissenschaftlicher
Mitteilungen fur das nachtodBche Leben.
Zweiter Vortrag, Berlin, 21. Oktober 1906
Imaginative Erkenntnis und kilnstlerische Imagination
Die Symbolsprache der Naturreiche. Die Gruppenseelen der Tiere
und Pflanzen. Der Mensch und das Mineralreich. Geistiges Leben
wird einen neuen Kunststil schafFen.
Ernahrungsfragen und Heilmethoden
Berlin, 22. Oktober 1906, vormittags
Der universelle Charakter der Geisteswissenschaft. Gifte als Heil-
mittel. Paracelsus und Hahnemann. Entsprechungen zwischen
VerdauungsprozeB und Denkfahigkeit. Wirkung von KarTee und
Tee. Regulierung der Ernahrung. Askese. Laboratorien auf
geisteswissenschaftlicher Grundlage.
Die Technik des Karma
Berlin, 22. Oktober 1906, abends
Tod und Schlaf. Das Erinnerungstableau. Die Erlebnisse der Seele
im Kamaloka und Devachan. Der Abstieg zur neuen Inkarnation.
Gegenbilder unserer Empfindungen, Gedanken und Handlungen
in den hdheren Welten. Die Schicksalsgotter.
Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes
Berlin, 17. December 1906
Das Erleben der Weihe-Nacht in den alten Mysterien. Der Christos
als Trager der geistigen Wiedergeburt. Die Legende vom Para-
diesesbaum. Das Rosenkreuz, ein Symbol fur den Sieg des Ewigen
iiber das Zeitliche. Die sieben Weihnachtszeichen.
Das Vaterunser, Eine esoterische Betrachtung
Erster Vortrag, Berlin, 28.Januar 1907
Gebet und Meditation. Wege zur Vereinigung der Seek mit dem
Geistig-Gottlichen. Die obere Dreiheit und die vier niederen
Glieder der menschlichen Wesenheit und ihr Zusammenhang mit
den sieben Bitten des Vaterunsers.
Zweiter Vortrag, Berlin, 18. Februar 1907
Bewegung und Wandlung, ein Wesensprinzip der geistigen Welt.
Die Weltseele ergieBt die anfangs einheitiiche Astralsubstanz in
die menschlichen Leiber. Die Schule der turanischen Adepten und
ihre Nachfolge in den groBen Urreligionen. Die Wirkung des
Vaterunsers geht von den darin beschlossenen Gedanken aus. Das
Ich-BewuBtsein bleibt der Menschheit am Ziel ihrer Entwickelung
erhalten.
Der Lebenslauf des Menschen im Zusammenhang mit der plane-
tarischen Evolution
Berlin, 4. Mar% 1907
Friihere und kunftige Stadien der Erdenevolution. Die Funktion
der Milz. Die Mistel, ein Uberbleibsel der Mondenentwickelung.
Esoterische Hintergriinde der alten Planetennamen und der Be-
zeichnung der Wochentage. Die siebenfache Gliederung des
menschlichen Lebenslaufes. Die Mythe vom Riesen Ymir.
Die weltgeschichtliche Bedeutung des am Kreuze flieBenden
Blutes
Berlin, 25. Mar^ 1907
Die drei Aspekte der Gottheit im esoterischen Christentum. Die
Schule von Athen. Das Blutsprinzip in der vorchristlichen Ein-
weihung und seine Ablosung durch Christus. Die Individualisie-
rung der Menschheit, Voraussetzung fur den Bruderbund der
Zukunft.
Die Reinigung des Blutes von der Ich-Sucht durch das Myste-
rium von Golgatha
Berlin, 1. April 1907
Der groBe Einschlag in die geistige Erdatmosphare durch das
Christus-Ereignis. Die Beseelung des Menschen durch den Odem
Gottes. Luft und Blutwarme ermoglichen Sprache und Atmung.
Die Vielheit der alten Volksgottheiten und Christus als einheitlicher
Geist der Menschheit. Die Mysterien des Geistes, des Sohnes und
des Vaters.
Der Zugang zum Christentum durch die Geisteswissenschaft
Das Gleichnis vom ungerechten Haushalter in theologischer Aus-
legung und seine wahre Bedeutung als Bild der Ablosung des Ge-
setzes durch den Christus-Impuls. Die Menschheitsentwicklung
im Bilde des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Phantome,
Spektren, Damonen und ihre Uberwindung durch die Umwand-
lung der Hullennatur. Die fiinf klugen und die fiinf torichten
Jungfrauen, ein Gleichnis fur die Fortentwicklung oder das
Zuriickbleiben der menschlichen Wesensglieder. Die Symbol-
sprache der Apokalypse. Das Lamm und sein Widersacher. Die
Zahl 666.
Die drei Aspekte des Personlichen
Die Verwirklichung des kiinstlerischen Elementes auf dem
Munchner KongreB. Echte Moral erwachst nicht aus Geboten,
sondern aus Erkenntnis. Egoismus und Tod, zwei Seiten desselben
Vorganges in der Evolution. Die Abspiegelung der Personlichkeit
in der Aura. Ziel der Entwicklung ist nicht die Abschwachung des
Personlichen zum Unpersonlichen, sondern seine Steigerung zum
Uberpersonlichen.
Berlin, 27. April 1907
298
Berlin, 12.Juni 1907
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Hinweise
Zu dieser Ausgabe
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343
Hinweise zum Text
Namenregister
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
URSPRUNGSIMPULSE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Berlin, 29.Januar 1906
Es zeigt sich immer wieder, wie schwer es unseren Zeitgenossen ist,
theosophisches Leben zu verstehen. Deshalb seien einige Gedanken
im allgemeinen dariiber ausgesprochen. Theosophie ist etwas, von
dem sich jeder, der sich zu ihr hingezogen fiihlt, die Vorstellung
macht, daB sie in bezug auf das geistige Leben seine tiefste Sehnsucht
befriedigen miisse. Wollen wir uns aber die theosophische Grund-
idee, wie sie in der Gegenwart richtig ist, vor die Seele halten, unser
ganzes BewuBtsein erfullen mit dem Gedanken, daB das Geistige
etwas Wirkliches ist, dann miissen wir es endlich dazu bringen, daB
wir die Wiirde der Person unseres Nachsten anerkennen. Das Per-
sonliche lassen wir gelten, denn wir wiirden es uns als Mensch, der
eine empfindende Seele im Leibe hat, nicht gestatten, das auBere Per-
sonliche unseres Mitmenschen in absichtlicher Weise zu verletzen,
wir wiirden es uns nicht gestatten, ihn anzugreifen in seiner person-
lichen Freiheit. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht,
daB wir diese Toleranz ausdehnen auf das Allerinnerste des Menschen,
weil wir noch lange nicht - hochstens theoretisch, aber noch nicht
praktisch - wissen, daB Empfindung und Gedanke, das Geistige iiber-
haupt, ein Wirkliches ist. Das ist Ihnen alien doch klar. Und auch das
ist heute schon alien Menschen klar, daB es etwas hochst Wirkliches,
hochst Reales ist, wenn ich jemandem mit meiner Hand einen Schlag
versetze. Aber nicht so leicht glauben die Menschen, daB es etwas
Wirkliches ist, wenn ich jemandem einen schlechten Gedanken zu-
sende. Das miissen wir uns bewuBt machen, daB der schlechte Ge-
danke, mit dem ich meinem Mitmenschen entgegentrete, der Ge-
danke der Antipathie, des Hasses, fur seine Seele ebenso ist wie ein
Schlag fur das Gesicht des Menschen. Und eine abtragliche Empfin-
dung, eine Empfindung des Hasses und der Unliebe, mit der ich dem
Mitmenschen gegeniiberstehe, sie sind wirklich wie die gewohnliche
auBere Verletzung, die man einem Menschen zufiigt. Erst wenn man
sich dessen bewuBt ist, wird man Theosoph.
Durchdringen wir uns ganz mit diesem BewuBtsein, sind wir uns
klar daniber, daB der Geist in uns selbst eine Wirklichkeit ist, dann
haben wir den theosophischen Gedanken erfaBt, und dann folgt fur
uns etwas, was die eigentliche Konsequenz, die wichtige Folge einer
solchen geistigen Auffassung ist. Zunachst werden sich die Menschen
einer gebildeten Gesellschaft nicht schlagen, sie werden sich nicht au-
Berliche Verletzungen zufiigen. Aber mit welchen Gedanken, mit wel-
chen Meinungen die Menschen unserer gebildeten Gesellschaft neben-
einander sitzen, davon brauche ich Ihnen nicht zu erzahlen. Sie wissen
es. Die Theosophische Gesellschaft hat die Aufgabe, Sympathie und
Unverletzlichkeit der Person zum BewuBtsein zu bringen. Wenn in
unserer Zeit, wo es den Leuten vorzugsweise darauf ankommt, Mei-
nungen, Ansichten zu haben, sieben Mitmenschen zusammensitzen,
dann haben sie dreizehn Meinungen, und infolge der dreizehn Mei-
nungen wollen sie sich am liebsten in dreizehn Parteien spalten. Das ist
die Folge der Meinungsverschiedenheit, und an die Stelle dieser Mei-
nungsverschiedenheit hat die theosophische Bewegung im tiefsten
Inneren die Bruderschaftsidee zu setzen. Wir begreifen die Theo-
sophie, diese Bruderschaftsidee, erst dann vollstandig, wenn wir im-
stande sind, zusammenzusitzen in einer Bruderschaft bei der groBt-
moglichen Verschiedenheit der weiteren Gedanken. Wir wollen nicht
bloB die Person unseres Nachsten achten und schatzen und ihr so
gegenubertreten, daB wir sie in ihrer vollsten Menschenwiirde aner-
kennen, sondern wir wollen ins tiefste Innere der Seele hinein unseren
Mitbruder als Seele anerkennen. Dann miissen wir aber mit ihm zu-
sammensitzen und zusammenbleiben, auch wenn die groBte Verschie-
denheit der Meinungen vorhanden ist. Niemand darf wegen Mei-
nungsverschiedenheit aus der theosophischen Gemeinschaft, aus der
theosophischen Bruderschaft austreten. Das gerade ist der Vorzug
der Theosophen, daB sie bniderlich zusammenbleiben, auch wenn sie
nicht einer Meinung sind. Ehe wir uns nicht bniderlich zusammen-
finden, sind wir nicht in der Lage, einen theosophischen Grund-
gedanken durchzufiihren. Dadurch wird es uns erst moglich, herauf-
zuholen aus den Seelen die tiefsten Geheimnisse, die in ihnen senium-
mern, die tiefsten Fahigkeiten, die wie schlafend auf dem Grunde
unserer Seele leben, wenn wir uns klar dariiber sind, daB wir zusam-
men wif ken konnen mit unseren Mitmenschen, auch dann, wenn wir
noch so grundverschiedene Meinungen haben.
Nicht umsonst ist, wie ich ofter gesagt habe, im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft begriindet worden.
Die Art und Weise, wie sie das Geistige sucht, unterscheidet sich doch
wesentlich von anderen Bestrebungen, die ebenfalls anstreben, Be-
weise fiir die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen. Es ist eine
groBe Verschiedenheit in dem Suchen nach dem Ewigen, wie es in
der Theosophischen Gesellschaft gefunden wird, und dem Suchen
nach dem Ewigen in anderen auf den Geist gerichteten Stromungen.
In Wahrheit ist die theosophische Bewegung nichts anderes als die
populare Ausgestaltung der die Welt im geheimen umspannenden
okkulten Bruderschaften der verflossenen Jahrtausende. Ich habe
schon erwahnt, daB die hervorragendste, die groBte Bruderschaft
Europas im 14. Jahrhundert begriindet worden ist als die Rosen-
kreuzer-Bruderschaft. Diese Rosenkreuzer-Bruderschaft ist eigentlich
die Quelle, die Ausgangsstatte fur alle sonstigen Bruderschaften, wel-
che die Kultur Europas erhalten hat. In diesen Bruderschaften wurde
streng geheim die okkulte Weisheit gepflegt. Wenn ich Ihnen charak-
terisieren soil, was die in diesen verschiedenen Bruderschaften ver-
einigten Menschen erlangen wollten, so miiBte ich Ihnen sagen: jene
hohen und erhabenen Weisheitslehren und jene Weisheitsarbeit, wel-
che in diesen okkulten Bruderschaften, von denen die Rosenkreuzer-
Bruderschaft die hervorragendste war, gepflegt wurden. Die Lehren
und Arbeiten, die da gepflegt wurden, brachten den Menschen dahin,
daB er sich seines ewigen Wesenskernes bewuBt wurde. Sie brachten
den Menschen dahin, daB er den Zusammenhang fand mit der hohe-
ren Welt, mit den Welten, die uber uns liegen, und hinblickte zu der
Fiihrung unserer alteren Briider, zu der Fiihrung derjenigen, die
unter uns leben und die eine Stufe erlangt haben, die Sie alle zu einer
spateren Zeit erlangen werden. Wir nennen jene die alteren Briider
aus dem Grunde, weil sie, vorauseilend der allgemeinen Entwicke-
lung, diesen hohen Standpunkt fruher erlangt haben : also die GewiB-
heit des ewigen Wesenskernes, die Erweckung desselben, so daB der
Mensch das Ewige erschauen kann wie der gewohnliche Mensch die
Sinnenwelt. Um dies zu erreichen, muB er den alteren Briidern, die
iiberall unter uns leben, nacheifern. Diese alteren Briider oder Meister,
die groBen Fiihrer der Menschheit, sind selbst immer die obersten
Leiter und obersten Vorsteher der okkulten erhabenen Weisheit ge-
wesen, durch die der Mensch seines ewigen Wesens kernes bewuBt
wird. Diejenigen, welche sich in eine solche okkulte Bruderschaft
aufnehmen lassen wollten, wurden bis in die Mitte des verflossenen
19. Jahrhunderts strengen Prufungen und Proben unterworfen. Nur
derjenige konnte in einer solchen Bruderschaft Aufnahme finden, von
dem man sich klar war, daB er durch seinen Charakter eine Garantie
abgab, daB die hohe Weisheitslehre niemals zu niedrigen Zwecken
miBbraucht werden kann. Ferner muBte er durch seine Intelligenz die
Gewahr leisten, daB er das, was ihm in den okkulten Bruderschaften
gegeben wurde, in der richtigen Weise und im richtigen Sinne ver-
stand. Nur wenn jemand diese Bedingungen erfiillte, wenn er eine
vollstandige Garantie abgab, daB er in der Lage und in der notwendi-
gen Stimmung war, um die hochsten Lehren des Lebens entgegen-
zunehmen, konnte er in eine solche Bruderschaft aufgenommen wer-
den.
So wenig die Menschen es auch glauben wollen: Alles wirklich
GroBe, was geschehen ist bis zur Franzosischen Revolution und bis
ins 19. Jahrhundert hinein, ist von diesen okkulten Bruderschaften
ausgegangen. Die Menschen wuBten gar nicht, wie sie von den Stro-
men, die von den okkulten Bruderschaften ausgingen, beeinfluBt
wurden. Soil ich Ihnen eine Szene schildern, wie diese Bruderschaf-
ten auf okkulte Weise in der Welt wirkten? Nehmen wir folgende
Szene. Ein hochbegabter, wichtiger Mann bekommt etwas unvermit-
telt den Besuch eines scheinbar unbekannten Menschen. Dieser un-
bekannte Mensch weiB es dahin zu bringen, daB sich zwischen ihm
und jener wichtigen Persbnlichkeit, vielleicht einem Staatsmann, ein
Gesprach entspinnt. Alles das auf die naturlichste Weise und ganz
«zufallig», wobei zufallig unter Anfiihrungszeichen zu setzen ist. Das
Gesprach enthalt nicht bloB eine beliebige Sache, denn im Laufe des
Gespraches werden Dinge gesagt, die sich ganz unvermerkt einleben
in das Gemiit, in den Intellekt des Betreffenden, der besucht wird.
Von einer solchen Unterredung, die vielleicht nur dtd Stunden
dauert, geht dann eine vollige Umwandlung des Betreffenden vor
sich. So sind - Sie mogen es glauben oder nicht - manche groBe,
bedeutsam auf die Welt wirkende Ideen in die Gemiiter hineinver-
pflanzt worden. So sind in Voltaire die groBen Ideen angeregt wor-
den, ohne daB er vielleicht eine Ahnung davon hatte, wem er gegen-
iiberstand als einer scheinbar hochst unbedeutenden Erscheinung, die
ihm aber Wichtiges zu sagen hatte. So wurden in Rousseau einige so
empfangene Grundgedanken niedergelegt; auch in Lessing.
Diese Art und Weise von Wirkungen, die von okkulten Bruder-
schaften ausgingen, verloschen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer
mehr und mehr. Das 19. Jahrhundert war notwendigerweise das Jahr-
hundert des Materialismus. Die okkulten Bruderschaften hatten sich
zuriickgezogen. Die groBen Meister der Weisheit und des Zusammen-
klanges der Empfindungen zogen sich, wie man das mit einem tech-
nischen Ausdruck bezeichnet, nach dem Orient zuriick. Sie horten
auf, auf das Abendland zu wirken. Nun geschah im Abendlande et-
was ganz besonders Wichtiges. Halten wir uns das vor, um uns iiber
die Bedeutung der theosophischen Weltbewegung klar zu werden.
Es war im Jahre 1841, da erkannten die, welche Mitglieder der
verborgensten Gesellschaft waren, daB in Europa Wichtiges vor sich
gehen sollte. Es war notwendig, um die Sturmflut des Materialismus
einzudammen, daB man einen Strom von geistigem Leben in die
Menschheit hineinleitete. Damals war es, als zunachst unter den Ok-
kultisten selbst eine gewisse Meinungsverschiedenheit sich geltend
machte. Die einen sagten: Die Menschheit ist noch nicht reif, geistige
Tatsachen und Erfahrungen jetzt schon zu empfangen, wir wollen
das System des Schweigens einhalten. - Das waren die konservativen
Okkultisten. Dieses System hat viel fur sich, denn die Verbreitung
okkulter Wahrheiten hat groBe Gefahren. Die anderen sagten: Die
Gefahr des Materialismus ist zu groB, es muB etwas dagegen getan
werden -, so daB wenigstens die elementarsten Dinge der Menschheit
mitgeteilt werden. Aber - in welcher Form? Die Menschheit hatte
vollstandig verlernt, den Geist in der wahren Gestalt zu erfassen, ver-
lernt, wirklich sich hinaufzuheben zu den hoheren Welten, vollstan-
dig verlernt den Begriff davon, so daB es eine solche Welt uberhaupt
nicht mehr fiir sie gibt. Wie soil man einer solchen Menschheit, die
nur einen Sinn fur das Materielle hat, beibringen, daB es etwas
Geistiges gibt? Warum war es so notwendig, der Menschheit ein Be-
wuBtsein von der geistigen Welt beizubringen?
Da beriihren wir eines der wichtigen Geheimnisse, die in unserer
Gegenwart schlummern. Ich habe schon hier und da darauf hin-
gewiesen, warum es eigentlich eine theosophische Bewegung gibt,
wozu sie notwendig ist. Wer hineinschauen kann in die geistige Welt,
der weiB, daB alles, was auBerlich materiell existiert, seinen geistigen
Ursprung hat, aus dem Geistigen stammt. Es gibt nichts Stoffliches,
das nicht aus dem Geistigen stammte. So kommt denn auch das, was
die Menschen auBerlich als Gesundheit und Krankheit haben, von
ihrer Gesinnung, von ihren Gedanken. Es ist durchaus wahr das
Sprichwort: Was du heute denkst, das bist du morgen. - Sie mussen
sich klar sein, daB, wenn ein Zeitalter schlechte, verdorbene Gedan-
ken hat, die nachste Generation und das nachste Zeitalter dies phy-
sisch zu buBen hat. Es ist die Wahrheit des Spruches : Es werden die
Sunden der Vater im so und so vielten Gliede sich rachen. Nicht
ungestraft haben die Menschen des 19. Jahrhunderts angefangen, so
derb materiell zu denken, so wegzuwenden ihren Verstand von jeg-
lichem Geistigen. Was dazumal die Menschen gedacht haben, das wird
sich erfullen. Und wir sind nicht so weit davon entfernt, daB merk-
wurdige Krankheiten und Epidemien in unserer Menschheit auftre-
ten werden! Was wir Nervositat nennen, wird spatestens in einem
halben Jahrhundert schlimme Formen annehmen. So wie es einst Pest
und Cholera und im Mittelalter Aussatz gegeben hat, so wird es
Epidemien des Seelenlebens geben, Erkrankungen des Nervensystems
in epidemischer Form. Das sind die wirklichen Folgen des Umstandes,
daB es den Menschen an dem geistigen Lebenskern fehlt. Wo ein
BewuBtsein von diesem Lebenskern als Mittelpunkt vorhanden ist,
da wird der Mensch gesund unter dem EinfluB einer gesunden, einer
wahren, weisen Weltanschauung. Aber der Materialismus leugnet die
Seek, leugnet den Geist, hohlt den Menschen aus, weist ihn hin auf
seine Peripherie, auf seinen Umkreis. Gesundheit gibt es nur, wenn
des Menschen tiefinnerster Wesenskern geistig und wahr ist. Die
wirkliche Krankheit, die auf die Aushohlung des Inneren folgt, das
ist die geistige Epidemie, vor der wir stehen.
Um den Menschen nun ein BewuBtsein von ihrem geistigen We-
senskern zu geben, haben wir eine Theosophische Gesellschaft. Zur
Gesundung der Menschheit ist sie vor alien Dingen berufen, und
nicht dazu, daB der eine oder der andere dieses oder jenes weiB. Ob
Sie wissen, daB es Reinkarnation und Karma gibt - ich meine, ob Sie
das bloB wissen - darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daB
diese Gedanken ganz und gar zum Blut der Seele, zum geistigen
Wesenskern werden, denn sie sind gesund. Ob wir sie beweisen oder
nicht beweisen, ob wir eine Wissenschaft begriinden konnen, welche
strikt in mathematischer Weise Reinkarnation und Karma darlegt,
darauf kommt es nicht an. Es gibt nur einen Beweis fur die geistes-
wissenschaftlichen Lehren, und das ist das Leben. Die geisteswissen-
schaftlichen Lehren werden sich als wahr erweisen, wenn ein gesundes
Leben unter ihrem EinfluB entstehen wird. Dies wird der wahre Be-
weis fur die theosophischen Lehren sein. Wer einen Beweis fur die
Theosophie haben will, muB das Theosophische erleben; dann er-
weist es sich als wahr. Jeder Schritt und jeder Tag muB uns nach
und nach den Beweis fur die geisteswissenschaftlichen Lehren brin-
gen.
Aus diesem Grunde entstand also eine Theosophische Gesellschaft.
Aber wie soli man einer materialistischen Menschheit des 19. Jahr-
hunderts beibringen, daB es einen Geist gibt? Da entstand zunachst
die spiritistische Bewegung. Sie entstand gerade deshalb, weil man
nicht glaubte, der Menschheit beibringen zu konnen, daB es etwas
Geistiges gibt; man muBte den Geist zeigen, mit Augen sehen. In
Stuttgart fragte einer, warum die Theosophie nicht dazu kommen
konne, Haeckel handgreiflich den Beweis zu liefern, daB es Geist
gibt. Sie sehen, handgreiflich soil man zeigen, was Geist ist! Das ver-
suchte man zunachst durch den Spiritismus. Jahrzehntelang wurde
es versucht, bis in die sechziger, siebziger Jahre hinein. Nun ergab
sich aber doch eine sehr fatale Tatsache. Diese Tatsache wollen wir
uns einmal vor die Seele fiihren. Sie konnen daran ersehen, welches
der Unterschied ist zwischen der theosophischen Art, sich in die hohe-
ren Welten zu erheben, und einer jeden anderen. Wir sprechen hier
nicht einen Augenblick iiber Wahrheit oder Unwahrheit der Erschei-
nungen des Spiritismus. Es ist klar, daB es Erscheinungen gibt, welche
Wesenheiten aus anderen Welten in unsere Welt hineinrufen, so daB
auch fur diejenigen, welche nur Sinnliches zugeben, ein tatsachlicher
Beweis geschaffen werden kann. Uber die Torheit sind wir hinaus,
daB jemand sagt, es sei viel Schwindel im Spiritismus. Es gibt ja auch
falsches Geld, es gibt aber auch richtiges Geld.
Uber die Wahrheitsfrage wollen wir uns aber nicht weiter unter-
halten. Was hat aber ein Mensch, der an einer spiritistischen Seance
teilnahm, erfahren? Wir nehmen an - alles andere ist ausgeschlossen -,
daB wir es mit wahren Offenbarungen zu tun haben. Wenn man ihm
die Erscheinung eines Verstorbenen vorgefuhrt hat, so hat er einen
klaren Beweis von der Unsterblichkeit der Menschenseele erlangt. Er
hat einen materiellen Beweis gehabt, er konnte sich iiberzeugen, daB
die Toten noch da sind in irgendeiner Welt und daB sie sogar hin-
eingerufen werden konnen in unsere Welt. Aber daran zeigt es sich
eben, daB es auf das Wissen nicht ankommt, daB das Wissen die
Hauptsache nicht ausmacht. Nehmen wir einmal an, Sie alle wiirden
auf diese Weise uberzeugt, daB wir einen Verstorbenen durch eine
spiritistische Seance hineinbringen in diese Gesellschaft. Sie wiiBten
dann, daB die menschliche Seele unsterblich ist. Nun ist aber die
Frage diese: Hat ein solches Wissen eine wirkliche Bedeutung im
hoheren Sinne fur das wahre hohere menschliche Leben? Das hat man
zunachst geglaubt. Man hat geglaubt, man bringe die Leute eine
Stufe hoher, wenn sie wissen, daB es eine Unsterblichkeit gibt. Aber
hier ist der Punkt, wo die geisteswissenschaftliche Weltauffassung
ganz bestimmt abweicht von einer solchen, die nur einen klaren,
sichtbaren Beweis fiir die Unsterblichkeit liefert.
Hier eine Art Vergleich: Ich habe ja schon ofter erzahlt von alien
moglichen hoheren Welten, ich habe geschildert, wie es ausschaut in
der Astralwelt und wie im Devachan, und Sie wissen, daB der Mensch
nach dem Tode zunachst in die Astralwelt und dann in die Devachan-
welt einzutreten hat. Nehmen wir nun an, es konnten hier viele sitzen,
die sagen: Was uns der erzahlt, das konnen wir nicht glauben, das ist
uns zu unwahrscheinlich! - Diejenigen, welche das nicht glauben,
weggehen und nicht wiederkommen, wiirden eigentlich ganz allein
ihre Meinung zu beweisen haben. Diejenigen aber, die, trotzdem sie
das nicht glauben, wiederkommen, bei denen macht es nichts. Bei
denen, die wiederkommen, wiirde ich sagen: Glaubt mir gar nichts,
ihr braucht nichts zu glauben, es kommt nicht darauf an! Ihr konnt
es sogar fur Schwindel halten, oder glauben, daB ich euch etwas er-
zahle, was aus einem moglichst phantastischen Reiche stammt - hort
es aber an und nehmt es auf ! - Das ist es, worauf es ankommt. Denken
Sie sich, ich wiirde Ihnen die Karte von Kleinasien aufzeichnen. Da
konnte einer kommen und erklaren: Was der da aufzeichnet an Fliis-
sen und Gebirgen, das ist Unsinn. - Da wiirde ich ihm sagen: Ich
mache mir gar nichts daraus, daB du mir nichts glaubst. Nimm es
aber auf, schaue es dir an und behalte es im Gedachtnis. Wenn du
dann nach Kleinasien kommst, dann wirst du finden, daB es richtig
ist, und du wirst dich dann auskennen. - Das ,ist die Hauptsache -
audi beim Astronomen -, mit der Landkarte in der Hand in die
hoheren Gebiete zu gehen; das ist das Wesentliche, worauf es an-
kommt. So verhalt es sich auch mit dem Wissen von einer hoheren
Welt: Wir konnen nur dann in diese hohere Welt hineinkommen,
wenn wir etwas von der Natur dieser hoheren Welt in uns aufnehmen.
Wenn hier das Astrale geschildert wird, dann miissen Sie etwas auf-
nehmen von der Art und Weise jener schwingenden und bewegten
Welt des Astralen, und wenn von Devachan die Rede ist, so miissen
Sie etwas aufnehmen von der Eigenart dieser, der unsrigen so ent-
gegengesetzten Welt. Wenn Sie sich nur verbinden mit diesen Ge-
danken und sich hinaufleben in diese hoheren Gebiete, dann werden
Sie ein Gefiihl bekommen von dem Zustande des BewuBtseins, den
wir haben, wenn die astrale Welt um uns herum ist, von dem Zu-
stande des BewuBtseins, wenn die devachanische Welt um uns herum
ist. Wenn Sie nachleben die Zustande, welche der Seher hat, wenn er
sich in diese Welten erhebt, dann haben Sie noch etwas anderes, als
wenn Sie einen handgreif lichen Beweis davon haben, daB Sie irgend
etwas erleben konnen. Das ist der Unterschied zwischen der geistes-
wissenschaftlichen Methode und alien anderen Arten, sich GewiBheit
vom Geistigen zu verschafFen.
Durch die Theosophie versuchen wir uns rrinaufzuheben in die
hoheren Welten, uns fahig zu machen, das Geistige unmittelbar zu
empfinden, so daB wir in der physischen Welt schon einen Hauch der
hoheren Welten empfinden. Die spiritistische Anschauung, die ich
vorhin geschildert habe, sucht die geistige Welt herunterzutragen in
die physische, sie vor uns hinzustellen, wie wenn sie materiell ware.
Der Theosoph sucht die menschliche Welt hinaufzuheben in die gei-
stige Sphare. Der Spiritist sagt: Sollen mir die Geister bewiesen wer-
den, so miissen sie zu mir herunterkommen. Sie miissen mich sozu-
sagen kitzeln, dann werden sie mir wahrnehmbar fur den Tastsinn. -
Der Theosoph geht zu ihnen hinauf, er sucht sich ihnen zu nahern;
er sucht sich in der Seele so zu bilden, daB er das Geistige verstehen
kann.
Sie konnen sich einen Begriff davon machen, wenn Sie einen ein-
fachen Vergleich nehmen. Schon bei einigen hoheren geistigen
Wesenheiten, die im Fleische inkarniert sind, ist es unter den jetzigen
Umstanden schwer, sich zu ihnen hinaufzuheben. Versetzen Sie sich
einmal in die Lage, wenn der Christus Jesus heute in der Gegenwart
erschiene 1 Was glauben Sie, wie viele es gabe, welche ihn gelten lieBen?
Ich will gar nicht sagen, daB manche nach der Polizei laufen wiir-
den, wenn einer auftrate mit der Pretention, mit der einstmals der
Christus Jesus aufgetreten ist. Es hangt aber davon ab, ob die Men-
schen reif dafiir sind, das, was neben ihnen lebt, zu sehen.
Noch ein anderer Vergleich: Eine Sangerin war zum Abendessen
eingeladen, sie kam aber etwas zu spat. Ihr Stuhl war leer geblieben
zwischen zwei Herren. Der eine war der ihr befreundete Felix Mendels-
sohn, der andere ein Herr, den sie nicht kannte. Mit Mendelssohn
unterhielt sie sich sehr gut, der Herr zu ihrer Linken war sehr artig zu
ihr, erwies ihr allerlei Hoflichkeiten, die ihr aber zuwider waren. Des-
halb fragte sie Mendelssohn: Wer ist denn der dumme Kerl, der neben
mir sitzt ? - Das ist der beriihmte Philosoph Hegel, antwortete Mendels-
sohn. - Ware sie eingeladen worden, um Hegel zu sehen, so hatte sie
sich sicher anders verhalten. So aber, da sie ahnungslos neben ihm
saB, meinte sie, er ware ein dummer Kerl.
Glauben Sie mir, es ist auch durchaus moglich, daB Ihnen eine
Meisterpersonlichkeit in den Weg tritt und Sie dieselbe fur einen
dummen Kerl halten. Diese hoheren Individualitaten, wenn sie im
Fleische inkarniert sind, kann der Mensch nur erkennen, wenn er sich
dazu fahig gemacht hat. Wenn der Christus Jesus heute zu uns her-
unterstiege und wiirde sich nicht so zeigen, wie die Leute ihn sich
vorstellen, so wiirden sie ihn nicht erkennen. Das ist es, was Theoso-
phie will, sie will den Menschen entwickeln, umwandeln, ihn fahig
machen, die hoheren Welten zu erkennen. Und da ist fur unser heutiges
KulturbewuBtsein eine Schwierigkeit vorhanden. Es kommt darauf
an, daB das, was in der hoheren Welt lebt, nicht zu uns heruntersteigen
soli, sondern daB wir zu ihm hinaufsteigen. Wir sollen uns fahig machen,
zu den hoheren Welten hinaufzusteigen. Das gibt uns allein die Fahig-
keit, wenn wir hier mit dem Tode abgehen, in einer wiirdigen Weise die
hoheren Welten zu erreichen. Derjenige kann sich wirklich in Klein-
asien auskennen, der die Karte hat, die Karte, die aus dem Leben heraus
gebildet ist. Wer hier die Dinge schon kennengelernt hat, die seiner
dort warten, der tritt in eine bekannte Welt ein, der weiB, was es da
gibt.
Das bloBe Wissen, daB es eine solche Welt gibt, macht aber gar
nicht so viel aus. Hier stehen wir am Rande eines groBen Geheim-
nisses und einer anderen Tatsache von groBer Wichtigkeit, und aus
dieser Tatsache heraus haben die europaischen und die amerikanischen
Okkultisten in den siebziger Jahren beschlossen, von der spiritistischen
Taktik abzugehen und die theosophische Bewegung in die Wege zu
leiten. Die groBe Okkultistenkonferenz, die damals in Wien abgehalten
wurde, hat den wichtigen AnstoB zur Anderung der Taktik gegeben.
Um die spiritistische Bewegung einzuleiten, war es notwendig, daB
man bestimmte Prozeduren machte. Diese Prozeduren, die in den
gebildeten Landern gemacht wurden, waren von amerikanischen
Okkultisten oder Logen ausgegangen. In diesen Logen beschloB man
den spiritistischen Weg. Er bestand darin, daB man bestimmten Zir-
keln die Moglichkeit bot, durch eine Art Galvanisation bestimmter
Toter, handgreifliche Beweise fur die Unsterblichkeit zu geben.
Das heiBt, es wurden auf dem astralen Plan zunachst die astralen
Leichname bestimmter Toter hineingeschickt in die spiritistischen
Zirkel, in die physische Welt. Sie sollten die Unsterblichkeit beweisen.
Man kann nun fragen: Kommt es den Okkultisten der Erde zu,
die Toten erscheinen zu lassen? - GewiB, fiir den, welcher okkult
arbeitet, gibt es die Grenze zwischen tot und lebendig nicht. Er
kann die Verstorbenen aufsuchen in der astralen Welt und im Deva-
chan. Wenn er will, so kann er auch wirklich - was ich ja erzahlt
habe - in spiritistischen Zirkeln den Beweis fur die Unsterblichkeit
fuhren. Diese Tatsache bitte ich zu merken und zu beachten. Wer
nicht bewandert ist in diesen Dingen, fiir den konnte es nicht ganz
verstandlich sein. Fiir die Okkultisten war es aber anders. Es zeigte
sich, daB diese Art, sich von der Unsterblichkeit zu iiberzeugen,
nicht nur wertlos, sondern in gewisser Beziehung auBerordentlich
schadlich war. Diese Art, ohne daB der Mensch besser wurde, einen
handgreiflichen Beweis fiir die Unsterblichkeit in der Sinneswelt zu
erhalten, war nicht allein wertlos, sondern sogar recht schadlich, und
zwar aus folgenden Gninden.
Denken Sie sich, daB die Menschen, die auf diese Art den Beweis
von der Unsterblichkeit erlangt haben, abkommen von der Sehnsucht,
in die geistige Welt hinaufzuleben; sie waren Materialisten auch in
bezug auf die geistige Welt geworden. Ihrem Wissen nach waren sie
Spiritualisten, ihren Denkgewohnheiten nach waren sie nichts weiter
als Materialisten. Sie glaubten an eine geistige Welt, meinten aber,
daB sie mit sinnlichen Mitteln gesehen werden solle und nicht mit
geistigen. So erwies es sich, daB die, welche mit solchen materialisti-
schen Denkgewohnheiten nach Kamaloka kamen, noch ungewohnter
waren, die Dinge driiben zu erkennen als die Materialisten. Die
Materialisten glauben gewohnlich in einer Traumwelt zu sein ; das ist
das Gewohnliche, wenn man heruberkommt. Der Materialist glaubt
zu traumen, und er glaubt jeden Moment, er miisse aufwachen. In
Kamaloka sieht sich der Mensch: er traumt, er schlaft, er will auf-
wachen.
Bei dem, der sich umstandlich eine Uberzeugung von der geistigen
Welt verschaffit hat, und der nun bemerkt, daB die geistige Welt doch
ganz anders aussieht, ist es nicht bloB so, daB er sich in einer Traum-
welt befindet, sondern der Unterschied zwischen dem, was er geglaubt
hat, daB die geistige Welt sei, und dem, wie sie ihm jetzt erscheint,
wirkt auf ihn wie ein Bleigewicht. Bedenken Sie, daB die Menschen,
wenn sie heruberkommen nach Kamaloka, ohnehin schon genug aus-
zustehen haben, besonders wenn sie nicht die Befriedigung ihrer Liiste
haben, wie zum Beispiel Feinschmecker, denen diese Befriedigung nur
moglich ist, wenn sie ihre Zunge oder ihre Sinne haben, und die haben
sie ja nicht mehr; dann ist es ahnlich, wie wenn sie einen brennenden
Durst hatten, oder wie wenn sie in einem kochenden Ofen waren. Das
ist ein etwas anderes Gefuhl als das Gefiihl des brennenden Durstes,
aber doch so ahnlich. Wenn Sie das alles bedenken, was der Mensch
driiben zu erleben hat und was durchgemacht werden muB, so kann
man es in die Worte zusammenfassen : Er muB sich angewohnen,
ohne Korper leben zu konnen. - Das ist fur den, der stark am
Sinnlichen hangt, schwer. Fur den, der sich aus dem Sinnlichen
herausgerissen hat, ist es gar nicht so schwierig. Wer nichts getan
hat, um seine Seele emporzubringen, nichts getan hat, um seine Seele
hoher zu entwickeln, der empfindet diesen Unterschied zwischen dem,
was geistig ist, und dem, was sinnlich ist, wie einen Gewichtsunter-
schied, wie ein Bleigewicht, das an ihm hangt. Es ist wirklich wie ein
Gewichtsunterschied. Das Geistige bedingt eine ganz andere Art und
Weise von Wahrnehmung als das Sinnliche, und nun erwartet der
Betreffende, daB das Geistige wieder materiell und konkret sein soil;
und dort in der geistigen Welt findet er, daB das Astrale ganz anders-
geartet ist. Dann kommt ihm der Unterschied wie ein Gewicht vor,
das ihn wieder hineinzieht in die physische Welt. Und das ist das
schlimmste.
Aus diesen Gninden sind die Meister der Weisheit abgekommen
von jener Art und Weise, wie in den funfziger, sechziger Jahren und
Anfang der siebziger Jahre die hohere Welt zur GewiBheit erhoben
werden sollte. Die bisherige Art wurde aufgegeben und man entschied
sich fiir den theosophischen Entwickelungsweg als Zugang zur
geistigen Welt. Im wesentlichen fiihrt er zuriick auf zwei Grund-
tatsachen. Die eine ist diese, daB es im eminentesten Sinne notwendig
ist, einen geistigen Kern [andere Nachschrift: geistiges Zentrum] zu
bilden, um die Menschheit vor dem Hereinbrechen geistiger Epide-
mien zu bewahren. Die andere ist die, ihr die Moglichkeit zu geben,
sich in eine htihere Welt hineinzuleben, sich hinaufzuentwickeln,
und nicht die hohere Welt zu sich herunterziehen zu wollen. Nicht
die hohere Welt soil zu uns heruntergezerrt werden, sondern wir
sollen in die hohere Welt hinaufgehoben werden. Dies im richtigen
Sinne erfaBt, gibt eine Idee, eine Empfindung von der eigentlichen
Aufgabe der theosophischen Bewegung. In diesem Sinne stellt uns die
theosophische Bewegung die Aufgabe, daB wir uns immer hoher ent-
wickeln sollen, um in die geistige Welt hineinzuwachsen. Dann, glaube
ich, wird uns von selbst die Bruderschaftsidee im eminentesten Sinne
zuflieBen. Wir werden dann nicht mehr auseinanderstreben. Nur so
lange gehen die Menschen auseinander, als sie materialistisch auf diesem
physischen Plane ganz allein sein wollen. In Wahrheit sind wir nur ge-
trennt, so lange wir auf dem physischen Plane sind. Sobald wir uns
hinaufleben in die hohere Welt, merken wir schon die geistige Bruder-
schaft; die geistige Einheit kommt uns zum BewuBtsein.
Ich habe diese geistige Bruderschaft ofter, wenigstens in Verstan-
desideen, vor Sie hinzustellen versucht. Sie druckt sich so schon aus
in den Worten: Das bist du. - Stellen wir sie uns einmal vor die Seele.
Ich habe schon einmal gesagt: Wenn Sie meine Hand abhacken,
sie ist in kurzer Zeit nicht mehr meine Hand. Sie kann nur meine
Hand sein, wenn sie an meinem Organismus ist, sonst ist sie keine
Hand mehr, sie verdorrt. Eine solche Hand sind Sie als Mensch auch
am Erdenorganismus. Denken Sie sich einige Meilen von der Erde er-
hoben: Sie kdnnen da nicht als physischer Mensch leben, Sie horen
auf als Mensch zu leben. Sie sind bloB ein Glied unserer Erde, wie
meine Hand ein Glied meines Korpers ist. Die Illusion, daB Sie selb-
standige Wesen sind, entsteht nur dadurch, daB Sie herumspazieren
auf der Erde, wahrend die Hand angewachsen ist. Das tut aber nichts.
Goethe meinte etwas ganz Wirkliches, wenn er vom Erdgeist spricht.
Er meint, daB die Erde eine Seele hat, deren Glieder wir sind. Er
spricht von etwas Wirklichem, wenn er den Erdgeist sprechen laBt:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her !
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gluhend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
So ist schon der physische Mensch ein Glied des Erdenorganismus
und Teil eines Ganzen. Und nun bedenken Sie es geistig und see-
lisch: da ist es genau so. Wie oft habe ich betont, daB die Mensch-
heit nicht leben konnte, wenn sie sich nicht auf Grund der anderen
Reiche weiter entwickelt hatte. Ebenso kann der hoher entwickelte
Mensch nicht sein ohne den niedriger entwickelten. Ein Geistiges
kann nicht sein ohne diejenigen, die zuriickgeblieben sind, wie ein
Mensch nicht sein kann, ohne daB Tiere zuriickgeblieben sind, wie
ein Tier nicht ohne Pflanze, eine Pflanze nicht ohne Mineral sein kann.
Am schonsten ist dies ausgedriickt im Johannes-Evangelium nach der
FuBwaschung : Ich konnte nicht sein ohne euch ... - Die Jiinger sind
eine Notwendigkeit fur Jesus, sie sind sein Mutterboden. Das ist eine
groBe Wahrheit. Wenn Sie in eine Gerichtsstube hineinsehen - ein
Richter sitzt am Richtertisch und fiihlt sich erhaben uber den An-
geklagten. Der Richter konnte aber auch nachdenken und sich sagen,
daB er vielleicht in einem fruheren Leben mit ihm zusammen war
und seine Pflicht ihm gegeniiber versaumt hat, weshalb der Ange-
klagte so geworden ist. Wenn sein Karma untersucht wiirde, so wiirde
sich vielleicht ergeben, daB der Richter eigentlich derjenige sein
sollte, der auf der Anklagebank sitzt. Die ganze Menschheit ist ja ein
Organismus. ReiBen Sie eine einzelne Seele heraus, so kann sie nicht
bestehen, sie verdorrt. Ein einheitliches Band schlingt sich um uns
alle. Das wird uns klar werden, wenn wir versuchen, uns in diese
hohere Welt hineinzuleben, uns wirklich zu erheben und in uns den
geistigen Wesenskern zu erleben. Wenn in uns ein geistiger Wesens-
kern lebt, wird er uns zur Bruderschaft fiihren. Sie ist schon da auf
den hoheren Planen. Auf der Erde ist davon nur ein Abbild; ein Bild
dessen, was auf den hoheren Planen vorhanden ist, ist die Bruder-
schaft auf unserer Erde. Wir verleugnen das, was schon in ans ist,
wenn wir auf der Erde nicht die Bruderschaft unter uns pflegen.
Das ist die tiefere Bedeutung der Bruderschaftsidee. Daher miissen
wir immer mehr und mehr versuchen, die theosophischen Gedanken
so zu verwirklichen, da6 wir bis in die tiefste Seele hinein unseren
Mitmenschen verstehen, daB wir bei der groBten Verschiedenheit der
Meinungen bruderlich miteinander weilen. Das ist die richtige Zu-
sammengehorigkeit, die richtige Bruderschaft, wenn wir nicht ver-
langen, daB der andere sich mit uns deshalb vertragen soil, weil er
dieselbe Meinung hat, sondern wenn wir jedem Menschen das Recht
zugestehen, seine eigene Meinung zu haben. Dann wird in dem Zu-
sammenwirken der Gipfel der Weisheit errungen werden. Das ist eine
tiefere Auffassung unseres ersten theosophischen Grundsatzes. Fas-
sen wir unsere Idee der Bruderschaft so, daB wir uns sagen: Wir
gehoren unter alien Umstanden zusammen, und wenn jemandes Mei-
nungen auch noch so verschieden von den unseren sind - Meinungs-
verschiedenheiten konnen nie ein Grund sein, uns zu trennen. Erst
dann verstehen wir uns ganz, wenn wir uns ganz gelten lassen. Frei-
Hch sind wir noch weit von dieser Auffassung der theosophischen
Bruderschaft entfernt, und nicht friiher kann sie wirken, bis in diesem
Sinne, in diesem Stile der theosophische Gedanke Wurzel gefaBt hat.
ERDINNERES UND VULKANAUSBRtlCHE
Berlin, Ostermontag, 16. April 1906
Entsprechend unserer Ankiindigung soil der heutige Vortrag an ein
erschiitterndes Ereignis ankniipfen, das sich in diesen Tagen zugetra-
gen hat: an den Ausbruch des Vesuv. Selbstverstandlich kann es
sich nicht darum handeln, speziell iiber die Einzelheiten dieses Natur-
ereignisses zu sprechen, sondern es wird unsere Aufgabe sein, ein
geisteswissenschaftliches Verstandnis fiir derartige Naturerscheinun-
gen im allgemeinen zu wecken. Ich mochte also einige Bausteine
zusammentragen, um ein solches Verstandnis zu ermoglichen. Dabei
will ich im voraus bemerken, daB es auch unter Okkultisten zu den
schwierigsten Aufgaben gerechnet wird, iiber den geheimnisvollen
Bau und die Zusammensetzung unseres Erdenplaneten zu sprechen.
Es ist eine bekannte Tatsache - und wer nur ein wenig iiber okkulte
Zusammenhange im Bilde ist, wird auch schon davon gehort haben -,
daB es leichter ist, etwas von der astralen und der mentalen Welt,
von Kamaloka und Devachan zu erleben und in das gewohnliche
TagesbewuBtsein hereinzubringen, als in die Geheimnisse unseres
eigenen Erdenplaneten einzudringen. In der Tat gehoren diese Ge-
heimnisse zu den sogenannten inneren Geheimnissen, die einem ho-
heren, dem zweiten Grad der Initiation vorbehalten sind. Vom Inne-
ren der Erde wurde offentlich iiberhaupt noch nicht gesprochen, ja,
bisher nicht einmal innerhalb der theosophischen Bewegung. Daher
mochte ich von vornherein betonen, daB dieser heutige Vortrag ab-
solut nicht fiir Neulinge auf theosophischem Felde berechnet ist.
Nicht etwa wegen irgendwelcher Schwierigkeiten fiir ein rein be-
grifTliches Verstandnis - denn sein Inhalt wird vielleicht leichter zu
begreifen sein als manches andere -, sondern deshalb, weil jemand,
der nicht geniigend iiber die geisteswissenschaftlichen Forschungs-
methoden orientiert ist, sogleich wieder fragen wird : Woher weiBt du
denn das alles ? - Ich werde nur eine ungefahre Skizze der Tatbestande
geben und zugleich auf die Wege hinweisen, die zur Erforschung
dieser Zusammenhange fiihren. GewiB wird es Horer geben, die nicht
gewohnt sind, AuBergewohnliches zu erfahren und denen deshalb die
heutigen Mitteilungen phantastisch erscheinen konnten. Doch bitte ich
zu bedenken, daB man niemals alles begreifen kann. Es handelt sich
hier nun einmal um Dinge, die zu den vorgeschrittensten Partien des
Okkultismus gehoren.
Ich werde also in die Notwendigkeit versetzt sein, vom okkulten
Standpunkte aus iiber das Innere unserer Erde zu sprechen. Ober
dieses Innere unserer Erde gibt bekanntlich die physische Wissen-
schaft nur sehr geringe Auskunft. Sie hat im Laufe der letzten Jahr-
zehnte, fast alle funf Jahre einmal, immer wieder neue Theorien iiber
die Entstehung von Vulkanen, iiber das Zustandekommen von Erd-
beben und iiber die vulkanische Tatigkeit iiberhaupt aufgestellt. Was
heute gesagt werden soli, wiirde diese physische Wissenschaft mit
einer leichten Handbewegung als etwas abtun, was iiberhaupt nicht
zur Wissenschaft gehort. Ich mochte Ihnen aber einleitungsweise nur
einmal charakterisieren, wie sich fiir den Okkultisten dieser Einwand
der physischen Wissenschaft ausnehmen wiirde.
Die auBere Wissenschaft setzt sich zur Aufgabe, diese verheeren-
den ErgieBungen einer inneren Erdsubstanz auf die Oberflache
heraus, diese furchtbaren Erschiitterungen, die ab und zu Tausende
und aber Tausende von Menschenleben vernichten, rein mechanisch
zu begreifen. Entweder stellt man sich ein glutfliissiges Erdinneres
vor, etwa nach Art eines uberhitzten Ofens, oder der Ursprung vul-
kanischer Erscheinungen wird in Oberflachen Herde vermuten,
die nicht tief in das Erdinnere hinabreichen. Dies letztere wird
namentlich in neueren Theorien vertreten. Alles das, was die auBere
Wissenschaft dariiber zu sagen hat, konnen Sie in popularen natur-
wissenschaftlichen Vortragen horen, oder einer verbreiteten, mehr
oder weniger guten Literatur entnehmen. Was nun etwa vom Stand-
punkt der Geophysik gegen eine Betrachtungsweise, wie sie hier an-
gewandt werden soli, geltend gemacht werden konnte, lafit sich mit
einem ganz alltaglichen Vorkommnis vergleichen. Nehmen wir ein-
mal an, jemand habe einer Personlichkeit, die ihm eine Freude bereiten
wollte, eine Zimmereinrichtung zu verdanken. Ein dritter konnte nun
beschreiben, mit welcher Liebe und Sorgfalt die betreffende Person-
lichkeit die ein2elnen Mobelstiicke ausgewahlt hat, wie diese Auswahl
auf bestimmte Ideen zuriickging und so weiter. Ein anderer Betrach-
ter konnte jedoch einwenden: Warum sollen hier Ideen maBgeblich
sein? Die Mobel sind doch beim Tischler angefertigt worden, also
auf ihn zuruckzufiihren. - Beide haben recht, sowohl der eine Be-
trachter, der beschreibt, wie die Mobel vom Tischler angefertigt wur-
den, wie der andere, der weiB, was in der Seele des Schenkers vor-
ging, welcher dem Tischler den Auftrag zur Herstellung der Mobel
gegeben hat. So hat die Naturforschung in ihrer Art durchaus recht,
nur sollte sie sich dazu aufschwingen, zuzugeben, daB zwei ganz ver-
schiedene Gesichtspunkte moglich sind. Es handelt sich hier gewiB
nicht urn Ablehnung der naturwissenschaftlichen Tischlerei-Erkennt-
nis, sondern darum, die Ideen, nach denen alles gebildet und bewirkt
worden ist, also das Geistige, anschaulich zu machen.
Nun mochte ich ohne weitere Umschweife von dem Inneren der
Erde sprechen. Das kann naturlich nur schematisch geschehen. Sie
konnen sich wohl denken, daB dieses Erdinnere von verschiedenen
Stellen der Erdobernache aus betrachtet, jeweils ein wenig anders
aussehen wird. Es ist also nur eine schematische Darstellung mog-
lich. Fur den Geistesforscher ist ein Planet durchaus nicht jenes tote
Produkt, als das ihn die Naturwissenschaft hinstellt. Er ist belebt und
von Seele und Geist durchdrungen, so wie der menschUche Leib nicht
allein dasjenige ist, was die Anatomie uns liefert. Wie dieser Menschen-
leib durchseelt und durchgeistigt ist, so ist auch der ganze Erden-
korper durchseelt und durchgeistigt. Und wie das Blut nicht nur das-
jenige ist, was der Chemiker an diesem Blute feststellen kann, so sind
gewisse Substanzen und Materialschichten in unserer Erde keines-
wegs bloB das, was der Metallurg, der Kristallograph, der Chemiker
an ihnen feststellen kann. Ebensowenig wie die Nerven bloB das-
jenige sind, was man anatomisch erkennen kann, sondern wie das,
was anatomisch festzustellen ist, eine ganz besondere Bedeutung als
Ausdruck eines SeeUschen besitzt, so entspricht auch allem, was
unsere Erde zusammensetzt, etwas Seelisch-Geistiges.
Im iibrigen kann die physikalische Forschung nur bis zu einer sehr
geringen Tiefe in das Erdinnere vordringen. Wie wenig bedeuten die
paar tausend Meter, in die man hinunterdringen kann. Die Natur-
forschung kann nur die allerauBerste Schale des Erdkorpers behan-
deln. Der hellseherischen Forschung sind dagegen nicht bestimmte
Grenzen gesetzt, wenn sie unseren Erdkorper durchforscht. Tatsach-
lich ist es ihr moglich, in den Erdenplaneten bis zu seinem Mittel-
punkt einzudringen. Auch fur die hellseherische Forschung besteht
die Erde aus Schichten, und es stellt sich heraus, daB diese Schichten
stufenweise wahrnehmbar werden.
Diejenigen, welche die Vortrage iiber das Johannes-Evangelium ge-
hort haben, werden sich erinnern, daB es sieben Stufen der christlichen
Einweihung gibt. Diese bestehen erstens in der FuBwaschung, zwei-
tens in der GeiBelung, drittens der Dornenkronung, viertens der
Kreuztragung, fiinftens im mystischen Tod, sechstens in der Grab-
legung, siebentens in der Auferstehurig. In der Tat tritt fur jede dieser
Einweihungsstufen in bezug auf die Erforschung der Erde etwas
besonders Merkwiirdiges zutage, namlich fur jede dieser Einweihungs-
stufen erweist sich eine jeweils urn einen Grad tiefer liegende Schicht
unserer Erde als durchsichtig, so daB derjenige, welcher die erste Stufe
der Einweihung erreicht hat, zunachst die erste Schicht der Erde durch-
schauen kann. Wer die zweite Stufe erreicht hat, durchschaut eine
zweite Schicht, die ganz anders aussieht. Derjenige, der die Dornen-
kronung erlebt hat, sieht eine dritte Schicht. Dann kommt die Stufe
der Kreuztragung, welche die vierte Schicht sichtbar macht. Die
fiinfte Stufe, der mystische Tod, erschlieBt eine weitere Schicht. Dann
kommt die sechste Stufe, die Stufe der Grablegung. Die siebente
Schicht entspricht der Auferstehung, so daB Sie sieben aufeinander-
folgende Schichten haben. Dann liegen jenseits dieser sieben Schichten
fur diejenigen Stufen, auf die sich der Mensch erhebt, wenn er diese
sieben Stufen der Einweihung absolviert hat, noch zwei weitere
Schichten des Erdenplaneten, eine achte und eine neunte Schicht des
Erdeninneren, so daB wir unser Erdinneres aus neun ubereinander-
liegenden Schichten aufgebaut haben. Ich habe diese Schichten im
wesentlichen gleich breit gezeichnet (siehe Zeichnung) ; sie sind es in
Wirklichkeit nicht, sondern sie sind verschieden breit. Aber die Breite
der Schichten wird uns heute weniger interessieren konnen.
„>"''' ,„„„„„, ""ft.
Wir wollen versuchen, diese neun aufeinanderfolgenden Schichten
ein wenig zu beschreiben. Die oberste Schicht ist diejenige, in welcher
alles dasjenige enthalten ist, was die Naturwissenschaft einzig und
allein kennt, alles, was an festem Gestein oder Material zu festem
Gestein vorhanden ist. Alles Mineralische ist in dieser obersten
Schicht enthalten, alles, was als Materie die feste Erdrinde bildet.
Dann kommt die zweite Schicht. Diese unterscheidet sich auBer-
lich von der dariiberliegenden im wesentlichen dadurch, da6 sie in
einem verhaltnismaBig weichen, fliissigen Zustand ist. Alles, was sie
enthalt, ist derart, daB man sie im Okkultismus die Schicht der
fliissigen oder weichen Erde nennt. Die auBere Schicht heiBt feste
oder mineralische Erde. Alles das, was diese zweite Schicht der Erde
enthalt, sind Dinge, von denen die gewohnliche Physik keine Ahnung
haben kann, denn es ist zunachst nicht moglich, auf der Oberflache
unserer Erde Zustande herbeizufuhren, in denen das, was innerhalb
dieser Schicht als Substanz vorhanden ist, iiberhaupt enthalten sein
konnte. Das kann gar nicht an der Oberflache der Erde enthalten
sein, denn es bedarf jenes ungeheuren Druckes, der von der obersten
Schicht ausgeiibt wird, urn das in der zweiten Schicht Enthaltene
zusammenzuhalten. Wiirden Sie die obere Schicht hinwegnehmen, so
wiirde das, was darunterliegt, in einer unglaublichen Geschwindig-
keit in den ganzen Weltenraum zerstieben. Das ist die zweite Schicht.
Die dritte Schicht nennt man den Erdendampf. Es ist eine Schicht,
die noch schwerer zu charakterisieren ist als die zweite. Sie konnen
sich dampffdrmiges Wasser vorstellen. AuBer seinem dampfformigen
Zustand ist es noch durch und durch belebt. Wir haben also eine
Schicht, die im wesentlichen belebt ist, wahrend die beiden anderen
Schichten der Erde, also die erste und zweite Schicht, als solche nicht
eigentliches Leben haben. Nur hat die zweite Schicht eine ungeheure
Ausdehnungsmoglichkeit, eine Zersplitterungstendenz. Die dritte
Schicht besitzt dagegen ein in jedem Punkte vorhandenes Leben.
Die vierte Schicht ist nun so beschaffen, daB alle diejenigen Dinge,
die in den drei iibergeordneten Schichten vorhanden sind und immer-
hin mehr oder weniger etwas von unseren gewohnlichen StofFen ha-
ben, keine Stoff lichkeit mehr aufweisen, wie sie auf der Erde ange-
troffen werden kann. In dieser Schicht sind also die Substanzen so, daB
sie fur keinen auBeren Sinn wahrnehmbar werden. Sie sind in einem
astralischen Zustand. Alles, was in den drei obersten Schichten der
Erde existiert und doch noch in einer gewissen Weise mit dem auf der
Erdoberflache Befindlichen verwandt ist, das ist hier im astralischen
Zustande vorhanden. Wir konnen in dem Sinne, wie es in der Bibel
heiBt, sagen: «Der Geist Gottes schwebte iiber den Wassern.» Nen-
nen wir diese Schicht die Wassererde, wie sie auch im Okkultismus
bezeichnet wird. Diese Wassererde ist zu gleicher Zeit der Ursprung,
der Urquell alles auf der Erde befindlichen StofTlichen, alles auBer-
lichen Stofflichen, gleichgiiltig ob dieses im Mineral, in der Pflanze,
im Tier oder im Menschen enthalten ist. Dieses Stoffliche, das jedes
irdische Wesen in sich tragt, ist, bis ins Astralische vernuchtigt, in
dieser Wassererde vorhanden. Sie miissen sich vorstellen, daB von
alien unseren physischen Kraften auch astralische Urkrafte vorhanden
sind, daB diese astralischen Urkrafte sich ins Physische verdichten
und daB diese Urkrafte in der vierten Schicht, in der Wassererde,
enthalten sind.
Die fiinfte Schicht nennt man die Fruchterde. So heiBt sie aus ganz
besonderem Grunde. Die Naturforscher oder iiberhaupt die Menschen
fragen danach: Wie ist das Leben entstanden? - Nicht nur bei popu-
laren Vortragen, sondern auch in naturwissenscbaftlichen Schriften
wird das immer wieder diskutiert. Doch nur diejenigen, welche auf
dem Gebiete der Geistesforschung blutige Dilettanten sind, stellen
diese Frage. Fiir die Geistesforschung kann sich die Frage, wie das
Lebendige entstanden ist, gar nicht stellen, sondern lediglich die Frage :
Wie ist das Tote entstanden? - Ich habe Ihnen das schon einmal an
einem Vergleich begreif lich zu machen versucht. Schauen Sie sich die
Steinkohle an: sie ist jetzt nichts weiter als Stein, und dennoch, wenn
Sie Jahrmillionen in unserer Erdentwickelung zuriickverfolgen konn-
ten, dann wiirden Sie feststellen, wie das, was da in der Steinkohle
ist, von riesigen Farnwaldern herstammt, die verkohlt sind. Was ist
also die Steinkohle? Aus ganzen Waldern ist sie entstanden; ganz
und gar lebendig war die heute tote Steinkohle.
Konnten Sie sich den Meeresboden anschauen, so wiirden Sie man-
cherlei Kalkgebilde finden. Wenn Sie Meerestiere beobachten wiir-
den, so konnten Sie sehen, daB diese Tiere fortwahrend Kalk ab-
sondern. Diese Kalkschale ist das, was als festes Material bleibt. Sie
haben hier wiederum das Tote als Produkt des Lebendigen. Hatten
Sie die ubersinnlichen Wahrnehmungsorgane entwickelt, um entspre-
chend weit in der Erdentwickelung zuriickzugehen, so wiirden Sie
finden, daB alles Tote vom Lebendigen kommt, daB auch der Berg-
kristall und der Diamant, iiberhaupt alles Tote, vom Lebendigen her-
stammt. In der auBeren Natur ist das Versteinern ein ahnlicher Pro-
zeB wie die Entstehung des Knochensystems in uns. Sie wissen, es
gibt auch Fische, die noch kein Knochensystem haben. Beim Men-
schen finden Sie in fruheren Zustanden auch noch keine Knochen,
nur Knorpel. Alles Knochensystem ist eine Art von beginnendem
Leblosen im Menschen. Es ist derselbe ProzeB der Verdichtung.
So haben Sie sich auch den lebendigen Erdenkorper vorzustellen.
Der ganze Erdenkorper ist ein lebendiger Organismus. Die richtige
Frage ist also : Wie ist das Tote, das Leblose, entstanden? - Es ist eine
der unsinnigsten Fragen: Wie ist das Lebendige aus dem Toten ent-
standen? - weil das Lebendige zuerst war und das Tote sich als Ver-
steinerung, als Verhartung abgesondert hat. So gab es einst auf un-
serem ganzen Erdkorper Leben, und das Leben, das damals vorhanden
gewesen ist, als es noch kein Totes gab, war ursprunglich lebendige
Materie. Das ist noch enthalten in dieser Fruchterde. Sie lebt nicht
nur so, wie die fruheren Dinge, ein Leben, das dem jetzigen Leben
ahnlich ist. Hier in der Fruchterde ist urspriinglichstes Leben vor-
handen, wie es auch auf der Erdoberflache vorhanden war, als es dort
noch nichts Lebloses gab. So haben wir uns also die funfte Schicht,
die Fruchterde, vorzustellen.
Die sechste Schicht ist die Feuererde. Ebenso wie die Fruchterde
alles Leben enthalt, so enthalt die Feuererde alles Triebartige. Alles
dasjenige enthalt sie in seinen ursprunglichen Quellen, was tierisches
Leben ist, Leben, das Lust und Leid haben kann. Es mag Ihnen
sonderbar vorkommen, aber wahr ist es, daB diese Feuererde emp-
findet, sobald sie ausgedehnt wird. Das kann beobachtet werden. Es
ist eine richtig empfindende Schicht der Erde. Alles was auf der Erde
vorhanden ist und die ganze Erde erfullt hat, ist in bestimmten
Schichten vorhanden. Ebenso wie das Tote aus dem Lebendigen
stammt, so stammt alles bloB Lebendige aus dem Seelischen. Nicht
stammt das BloB-Lebendige aus dem Korperlichen. Das Empfinden,
das Seelische, ist das erste, und aus diesem entsteht das Korper-
liche. Alles, was materiell ist, geht auf Seelisches zuriick.
Die siebente Schicht wird der Erdspiegel, auch Erdrefraktor oder
-refiektor genannt, und zwar aus einem ganz besonderen Grund. Nun
kommt etwas, was sich vielleicht am allerschwersten vorstellen laBt.
Wer nicht bekannt ist mit dem, was man die sogenannten sieben
unaussprechlichen Geheimnisse des Okkultismus nennt, dem wird es
grotesk erscheinen, was diese siebente Schicht des Erdinneren enthalt.
Sie birgt in sich alle Naturkrafte, ins Geistige umgesetzt. Ich mochte
mich so verstandlich machen : Denken Sie sich Magnetismus, Elektri-
zitat, Warme, Licht oder irgendeine Naturkraft, aber diese ins Geistige
ubertragen. Ein Magnet zieht beispielsweise Eisen an. Das ist eine
unorganische Wirkung. Denken Sie sich diese ins Geistige umgesetzt
so, als ob der Magnet aus einer inneren Seelensympathie das Eisen
anziehen wiirde, und denken Sie sich die elektrische Leitung ins
Geistig-Moralische umgewandelt so, als ob unsere Naturkrafte nicht
mechanische, gleichgiiltige Krafte waren, sondern moralische Wir-
kungen hatten. Die Krafte der Erwarmung, der AbstoBung, der An-
ziehung stellen Sie sich als seelisch-moralisch vor, denken Sie sich
dieselben so, als ob sie den Menschen eine Wohltat erweisen woll-
ten und dabei eine seelische Empfindung hatten. So stellen Sie sich
die ganze Natur zunachst moralisch vor.
Aber nun denken Sie sich die ganze Natur unmoralisch. Also alles,
was Sie als moralisch in der Menschennatur vorstellen konnen, den-
ken Sie sich ins Gegenteil verkehrt. Dann haben Sie dasjenige, was
in diesem Erdspiegel erscheint. Also, es gibt dort zum Beispiel nichts
von dem, was man hier auf der Erde als das Gute bezeichnet, sondern
im Gegenteil, alle diejenigen Wirkungen sind dort am starksten, die
das Gegenteil dessen sind, was die Menschen als gut bezeichnen.
Solche Eigenschaften haben die materiellen Bestandteile dieser Schicht
unserer Erde. Sie hatte davon ursprunglich noch viel mehr, aber sie
werden im Laufe der Entwickelung der Moral immer besser, so daB
die moralische Entwickelung unserer Erde eine vollige Umsetzung
der Krafte in diesem Erdspiegel vom Unmoralischen ins Moralische
bedeutet. Der moralische ProzeB in der menschlichen Gesellschaft
hat nicht nur Bedeutung fur diese Gesellschaft selbst, sondern auch
fur den ganzen Planeten. Sie kommt dadurch zum Ausdruck, daB sich
die Krafte dieser Schicht in moralische Naturkrafte verwandeln.
Wenn unser Menschengeschlecht so weit sein wird, daB es die hochste
Moral erzeugt haben wird, dann wird alles Antimoralische in diesem
Erdspiegel iiberwunden und in Moralisches verwandelt sein. Das ist
der Sinn dieser siebenten Schicht.
Den achten Teil des Erdinneren bezeichnet man mit verschiedenen
Namen. In der Pythagoreischen Schule des Altertums trug diese achte
Stufe den Namen Zahlenerzeuger. In der Rosenkreuzerschule wird sie
der Zersplitterer genannt. Diese achte Schicht, die sich nun wieder
aus einer Anzahl Kraften zusammensetzt, hat eine hochst merkwiirdige
Eigenschaft, die sich nur auf eine eigenartige Art herausfinden
laBt. Wenn der Geistesschiiler einen Grad erreicht hat, wie er in der
christlichen Einweihung erst nach der Auferstehung erlangt wird,
dann muB er, um iiberhaupt eine Vorstellung von dem zu bekom-
men, was hier vorgeht, folgendes tun. Er muB zum Beispiel eine
Blume nehmen und diese sich geistig genau vorstellen, dann sich auf
diesen Ort im Erdeninneren konzentrieren, und zwar so, als ob er
durch die Blume hindurch in diesen Ort hineinsehen wiirde. Dann
zeigt sich durch die Blume hindurch alles verhundertfacht und ver-
tausendfacht. Deshalb der Name Zersplitterer. Wenn Sie etwas Form-
loses nehmen, etwa ein Stuck Holz, so ist das nicht der Fall. Wenn
Sie dagegen eine Pflanze, ein Tier oder auch einen Menschen neh-
men, so erscheinen sie Ihnen dann in unzahligen Exemplaren. In ahn-
licher Weise erscheint Ihnen auf diese Weise aber auch ein Kunst-
werk vervielfaltigt. Also nicht ein bloBes Stuck ungeformter Materie,
aber ein Kunstwerk, gleichgiiltig welcher Art es auch ist, wenn es nur
materiell ist: das erscheint in unzahligen Exemplaren vervielfaltigt.
Das ist eine Eigenheit dieser Schicht; deshalb wird sie eben Zersplit-
terer oder in der Pythagoreischen Schule Zahlenerzeuger genannt,
letzteres deshalb, weil sie in vielfacher Zahl zeigt, was auf der Erde
in einem einzigen Exemplar vorhanden ist.
Dann kommt die neunte Schicht, welche unmittelbar den Erd-
mittelpunkt umgibt. Das ist fur den heutigen Menschen, selbst fur
den schon vorgeschrittenen Geistesschuler, auBerordentlich schwer zu
durchschauen. Man kann nur sagen, daB man gewahr werden kann,
wie bestimmte Teile des Erdinneren eine gewisse Beziehung zu ein-
zelnen Organen des menschlichen und tierischen Leibes haben. Vor
allem finden Sie da Krafte, die an den Umkreis verlegt sind. Das
sind Krafte, deren Wirkensweise schwer zu beschreiben ist. Sie stehen
in einem lebendigen Zusammenhang mit dem menschlichen Gehirn
und weiter nach innen mit menschlichen Hirnfunktionen. Noch wei-
ter nach innen liegen in dieser Sphare solche Krafte, die einen Zu-
sammenhang mit den menschlichen und tierischen Fortpfianzungs-
kraften besitzen.
Auf diese Weise haben wir den Aufbau unserer Erde, wie er sich
der hellseherischen Beobachtung darstellt und wie er in alien okkulten
Schulen, seit es iiberhaupt solche Schulen gibt, gelehrt worden ist.
Was Sie hier aufgezeichnet finden, ist ein Mysterium, das in alien
okkulten Schulen wirklich gelehrt wird.
Nun bestehen aber die mannigfaltigsten Verbindungen zwischen
den einzelnen Schichten, genau wie im menschlichen Leibe die ein-
zelnen Organe durch das Blut und die Nerven auf das mannigfaltigste
verbunden sind. Von der Mitte gehen Verbindungen in die verschie-
densten Richtungen aus. Namentlich gehen zwei deutlich aufeinander
senkrecht stehende Krafterichtungen genau durch den Mittelpunkt
der Erde. Es sind nicht Strange, sondern Kraftrichtungen. Dann
sind noch mannigfaltige andere Richtungen zu bemerken. Wichtig
fur die Betrachtung sind folgende Tatsachen. Wenn wir die oberste
Schicht durchforschen, finden wir sie durchbrochen von einem Hohl-
raum innerhalb dieser auBersten Schicht. Dieser Hohlraum steht durch
eine Art von Kanal mit der funften Schicht in Verbindung, die man
die Fruchterde nennt.
Wenn es sich nun um eine solche Naturkatastrophe wie einen
Vulkanausbruch handelt, so sind die tieferen Erdschichten, die ich hier
aufgezeichnet habe, beteiligt. Das gilt sowohl fur Vulkanausbriiche
wie fur Erderschiitterungen. Das Material der obersten Schichten wird
durch die Krafte, die von der Fruchterde nach dem erwahnten Hohl-
raum hin ausgehen, in Bewegung gesetzt. Wir haben es mit Wirkun-
gen zu tun, die ihren wesentlichen Ursprung in der funften Schicht
unseres Erdinneren haben. Beteiligt ist aber noch das, was wir die
Feuererde nennen, indem diese in Unruhe gerat. Sie ist ja eigentlich
in fortwahrender Unruhe, wird aber besonders unruhig in den Zeiten,
in denen so abnorme Erscheinungen wie Erdbeben oder Vulkan-
ausbriiche stattfinden. Nun steht diese Fruchterde - sie ist dasjenige,
aus dem alles Leben hervorgegangen ist - im Zusammenhang mit
allem Lebendigen. Die Feuererde aber steht im Zusammenhang mit
dem, was empfindet, mit dem, was Lust und Leid erfahrt, mit dem
niederen Seelischen, seinen Leidenschaften und Trieben.
Auf das ganze groBe Gebiet kann ich nur ein paar Lichtblicke er-
offnen, einiges, das den Zusammenhang dessen, was auf der Erde vor-
geht, mit den Unruhen der Feuer- und Fruchterde zu erhellen vermag.
Als der heutige Mensch auf unserer Erde zum erstenmal mit einem
hoheren Seelischen befruchtet wurde und anfing, Mensch zu sein,
da waren noch machtige Triebe unter dem EinfluB der Frucht- und
Feuererde am Werk. Das alles stiirmte und wiitete in ganz anderer
Weise, als das heute der Fall sein kann. Die Menschen der lemu-
rischen Rasse waren in einer machtigen Tatigkeit. Dieser ganze
lemurische Kontinent, der sich in der Gegend zwischen dem heutigen
Australien, Asien und Sudafrika ausbreitete, ist durch vulkanisch-
eruptive Katastrophen, durch ein starkes Wuten des Frucht- und
Feuerelementes der Erde, untergegangen. Das hing mit dem zu-
sammen, was sich in den dazumal noch ganz und gar in Trieben und
Instinkten lebenden Menschen abspielte. Es war damals noch ein
intimer Zusammenhang zwischen den Trieben, Begierden und Leiden-
schaften und den Kraften der vulkanischen Tatigkeit. Das Ende des
lemurischen ^Continents wurde durch den grandiosen Egoismus der
letzten lemurischen Rassen herbeigefuhrt, die eine schwarze Magie
ausiibten, von welcher wir heute keine Vorstellungen mehr haben
konnen.
Ebenso hangt der Untergang der Atlantis, das was als die Sintflut
beschrieben ist, mit der Moral der atlantischen Volker zusammen.
Von alledem sind aber nur noch Spuren vorhanden. Trotzdem
konnen wir bis zu einem gewissen Grade einen richtigen Zusammen-
hang zwischen dem Leben der Menschen und solchen Erscheinungen
in der Natur nachweisen. Allerdings muB man bei dem Nachweis
solcher Zusammenhange hochst vorsichtig sein, denn natiirlich kon-
nen sich hier leicht Phantasien einschleichen. Es darf also nur auf
okkult erforschten Tatsachen gefuBt werden. Die Okkultisten ver-
suchen festzustellen, was bei dem Ausbruch des Vesuv im Jahre 79
nach Christus, bei dem Erdbeben in Kalabrien, bei dem Erdbeben
zur Zeit Christi oder bei dem Erdbeben in Lissabon im Jahre 1755
vorlag. Bei diesen Naturkatastrophen ist eine groBe Anzahl von Men-
schen zugrunde gegangen. Die Menschen, die dabei urns Leben ge-
kommen sind, brauchen das in ihrem fruheren Leben nicht ver-
schuldet zu haben. Es gehort aber zum Karma der betreffenden
Menschen, daB sie diesen Untergang erleiden. Das ist das eine, wes-
halb man das Karma der Untergegangenen untersucht. Das andere
ist das Folgende: In den theosophischen Handbiichern finden Sie
haufig Kamaloka und Devachan in einer Weise beschrieben, daG es
lediglich wie eine Folge, wie eine Auswirkung des vorangegangenen
Erdenlebens er scheint. Tatsachlich aber wirken die Toten noch in die-
ses Erdenleben herein. Bei Veranderungen auf der Er de, bei Kultur-
und Naturerscheinungen spielen die toten Menschen eine Rolle. Den-
ken Sie sich einmal, Sie waren in den ersten Jahren des Christentums
und nun wieder in dieser jetzigen Zeit geboren worden. Da haben
sich in Europa die Fauna und die Flora in gewaltiger Weise geandert.
Viele Tiere und Pflanzenarten sind ausgestorben und durch andere
ersetzt. Das alles wird im Sinne der Geistesforschung nicht durch
Ubernaturliches erklart, sondern es wirken die Krafte, welche der
Mensch hat, wenn er nicht im Korper ist, bei den Naturkraften tat-
sachlich mit, so dafi die Menschen mit den in Devachan oder Kama-
loka befindlichen Kraften in ihr kunftiges Leben hineinwirken. Wenn
Sie in jetziger Zeit andere Tiere antreffen als vor Jahrtausenden,
so sind sie also durch die Mitwirkung der Menschen entstanden. So
sind in gewisser Weise die Menschen an dem, was wir Naturkraft
nennen, beteiligt. Die Toten arbeiten an der Umgestaltung der Natur
fortwahrend mit, so daB wir in den Naturerscheinungen vielfach
den Ausdruck fur dasjenige zu sehen haben, was die toten Menschen
in diese Welt hineinarbeiten.
So einfach liegt die Sache bei den Vulkanausbriichen und den Erd-
beben nicht. Dennoch haben sie etwas mit den noch nicht wieder-
verkorperten Menschen zu tun. Sie stehen in ganz deutlicher Bezie-
hung zu den Seelen, die verkorpert, inkarniert werden sollen in der
Zeit, in der solche Erdbeben stattfinden. Als Okkultist hat man also
zweierlei Aufgaben zu losen, erstens die Frage, was mit den Menschen
geschieht, die bei den Erdbeben umkommen, und zweitens die Frage,
was das fur Menschen sind, die in der Zeit des Erdbebens geboren
werden, um herabzukommen in diese sichtbare Erde. Beide Unter-
suchungen geben ein Bild von dem Zusammenhang zwischen den
Kataklysmen und dem, was wir als moralisch und intellektuell inner-
halb der Menschheit zu beobachten haben. Es stellt sich heraus, daB
die Menschen, welche bei einem solchen erschvitternden Ereignis
zugrunde gehen, abgesehen von alien ihren iibrigen karmischen Ver-
anlagungen, durch Tatsachen karmischer Art mit Seelen an dem Ort,
wo ein Erdbeben stattfindet, zusammengefiihrt werden. Alle Seelen,
die durch solche Erschiitterungen zugrunde gehen, finden dadurch
die Moglichkeit, einen letzten Punkt zu iiberwinden, der ihnen in
ihrem Karma noch im Wege liegt, urn von einem Materialisten zu
einem Idealisten zu werden und zur Erkenntnis des Geistigen zu
kommen.
Diejenigen, die unter solchen Umstanden geboren werden, sind
dagegen merkwiirdigerweise Seelen, bei denen eine bestimmte Anzie-
hungskraft zu Trieben, Instinkten und Leidenschaften besteht und die
zu richtigen Materialisten geboren werden. Diejenigen, die unter dem
EinfluB eines solchen Ereignisses geboren werden, entwickeln sich zu
Materialisten, und zwar zumeist zu praktischen, zu solchen, die es
im Leben in bezug auf ihre Moral sind. Es hangt die Naturkraft mit
dem zusammen, was die Menschen als ihre Kraft in Devachan ent-
wickeln, und die Krafte, welche als Reaktion von Feuer- und Frucht-
erde bei solchen Katastrophen auftreten, haben einen inneren Bezug
auf solche Seelen, die bestimmt sind, im nachsten Leben eine prak-
tisch-materialistische Gesinnung zu haben. Es sind also die unter den
Auspizien von Vulkanausbruchen geborenen Seelen die eigentlich ma-
terialistischen, die unglaubigen Menschen, diejenigen, die nichts von
einem geistigen Leben wissen wollen.
Das sind die zwei Tatsachen, die man wirklich konstatieren kann,
so da!3 Sie also leicht daraus entnehmen konnen, wie der Fortschritt
in der Entwickelung der Erde in dieser Richtung sein wird : Je mehr
der wirkliche Materialismus zuriickgedrangt wird, desto weniger wer-
den tatsachlich solche Katastrophen in unserer Erde auftreten. Es be-
steht namlich diese Anziehung zwischen dem Materiahsmus und dem,
was in der Feuer- und Fruchterde vorhanden ist, so daB unsere Erde
ruhiger und harmonischer werden wird in demselben MaBe, wie die
Menschheit vom Materialismus frei wird.
Nun besteht aber eine merkwurdige Entwickelung in bezug auf
den Materialismus in den letzten Jahrhunderten. Sie wissen, daB ich
immer wieder betont habe, daB das Mittelalter spiritueller war als
unser Zeitalter. Die Mehrzahl der Menschen hat, wenigstens in-
nerhalb Europas, spiritueller empfunden. Die neuere Zeit mit dem her-
aufkommenden Materialismus brachte zahlreiche Vulkanausbriiche.
Der Vesuv ist der einzige Vulkan auf dem europaischen Festland,
der noch tatig ist. Vergleichen Sie einmal die Zahl der Vesuvaus-
briiche: besonders schwere Ausbriiche wurden in den Jahren 79,
203, 472, 512, 652, 982, 1036, 1139 . . . 1872, 1885, 1891 . . . 1906, ver-
zeichnet.
Aus diesen Zahlen moge jeder dasjenige nehmen, was er aus ihnen
entnehmen mag. Ich kann nur betonen, daB die Popularisierung der
okkulten Lehren aus viel tieferen Griinden entstanden ist, als die
Menschen gewohnlich glauben. Diejenigen, die sie eingeleitet haben,
wuBten durchaus, was geschehen soil, namlich eine intensive spiri-
tuelle Entwickelung der Menschheit im Einklang mit den groBen
kosmischen Vorgangen. Den Laien mag das alles unbedeutend er-
scheinen, was in der geisteswissenschaftlichen Bewegung an groBen
umfassenden Gedanken nicht nur uber das Menschheitsgeschehen,
sondern iiber das Weltengeschehen beschlossen ist. Scheinbar haben
wir es mit einer Lehre zu tun, aber in Wirklichkeit handelt es sich
um etwas von ungeheurer Tiefe und Bedeutung fur den ganzen Kos-
mos.
Das sind Dinge, die man immer wieder und wieder betonen muB.
Also noch einmal: Ich habe versucht, fur diejenigen, die ein wenig
gewohnt sind, spirituelle Mitteilungen so aufzunehmen, wie es der
Sache entspricht, einmal etwas zu behandeln, was sonst kaum so leicht
zur Sprache kommen wird, auch in unserer theosophischen Bewe-
gung nicht. Ich habe versucht, auf einige Punkte hinzuweisen, die
mit den tiefsten Geheimnissen des Okkultismus zusammenhangen. Sie
sind geeignet, in innerlicher Weise Geschehnisse moralisch begreif-
lich erscheinen zu lassen, wie wir sie in den letzten Tagen erlebt
haben. Etwas muB man sich freilich immer wieder vor Augen halten.
Hiiten Sie sich, wenn solche umfassenden Zusammenhange in Be-
tracht kommen, vor jeglicher Phantastik, die sich an derartiges an-
heften konnte. Nur das darf in Betracht kommen, was sich auf die
guten Methoden stiitzen kann, die sich nicht erst seit Jahrtausenden,
sondern schon seit Entstehen des Okkultismus bewahrt haben. Was
wirklich innerhalb der Einweihung seinen Ursprung hat, was zu sol-
chen Geheimnissen Zugang hat, und nur das, was auf wirklicher
Forschung beruht, darf hier in Betracht kommen. Auf wirklicher
Forschung beruht es, was ich Ihnen heute iiber die Bedeutung sol-
cher Ereignisse gesagt habe: ihre Bedeutung sowohl fur den Men-
schen, der zugrunde geht, wie auch fur den Menschen, der zur Zeit
dieser Ereignisse geboren wird, der also aus seinem eigenen Drang
heraus genotigt wird, sich zu verkorpern. Das sind Zusammen-
hange, die uns tief hineinsehen lassen in die menschliche Natur.
Der Okkultist darf nicht davor zuruckschrecken, auch Unglaub-
liches zu sagen. Und so mochte ich zum AbschluB noch etwas Un-
glaubliches mitteilen, was aber ganz sicher erforscht ist. Bei dem
beriihmten Ausbruch des Vesuv, durch den im Jahre 79 Herkulanum
und Pompeji verschiittet wurden, hat sich etwas Bemerkenswertes
zugetragen. Bekanntlich ist dabei der beriihmte romische Schriftstel-
ler Plinius der Altere zugrunde gegangen. Dessen Schicksal okkult zu
verfolgen, ist auBerordendich bedeutsam, doch soil in unserem
jetzigen Zusammenhang nicht auf sein individuelles Karma einge-
gangen werden, sondern auf etwas anderes. Sie wissen alle, was man
unter «Akasha-Chronik» versteht. Es ist Ihnen bekannt, daB man sich
mit Hilfe der Akasha-Chronik in bestimmte Zeitpunkte zuriickver-
setzen kann, so auch in den Zeitpunkt des ersten Vesuvausbruches.
Da stellt sich nun etwas Merkwiirdiges heraus. Ich habe im Verlauf
des Vortrags iiber die Eigentumlichkeit der achten Schicht gespro-
chen, die man den Zersplitterer oder Zahlenerzeuger nennt. Diese
Schicht hat nun auch fur den physischen Leib des Menschen eine
groBe Bedeutung. Was man gewohnlich den menschlichen Leib nennt,
geht nach dem Tode physisch-stofflich zugrunde. Es lost sich in den
obersten Schichten der Erde auf, nicht aber die Kraftsumme, die den
physischen Leib in der Form halt. Diese konnen Sie in der siebenten
Schicht, dem sogenannten Erdspiegel, finden. Wenn Sie also in der
Akasha-Chronik den Moment festhalten, in dem ein Mensch auf der
Erde eben gestorben ist, und dann den Verbleib seiner einzelnen
Wesensglieder verfolgen, werden Sie sehen, wie der physische Leich-
nam zugrunde geht, wie aber die physische Form als bleibend im Erd-
spiegel, in der siebenten Schicht, zu finden ist. Da sind die Dinge auf-
bewahrt, die in der Akasha-Chronik erforscht werden konnen. Tat-
sachlich ist dies eine Art von Reservoir fur die Formen, die vor-
handen bleiben. Die Materie geht zugrunde, aber die Form bleibt auf-
bewahrt.
Wenn Sie nun eine solche aufbewahrte Menschenform verfolgen,
so sehen Sie, daB sie eine Zeitlang in dieser siebenten Schicht ver-
bleibt. Dann wird sie in der achten Schicht, dem Zersplitterer oder
Zahlenerzeuger, in der Tat zersplittert. Es entsteht wirklich genau
dasselbe, was ich Ihnen vorhin fur die bloBe Betrachtung beschrieben
habe fiir die Blume. Dieser Formleib eines Menschen wird Ihnen
viele Male geteilt erscheinen. Er tritt dann wieder beim Auf bau spa-
terer Menschen in Erscheinung. Also wohlgemerkt, der Mensch, wie
er unter uns lebt, hat nicht bloB seine Individualist, sein Innerstes;
er tragt auch andere Menschen der Form nach in sich, in seiner Mitte
im Korper. Und tatsachlich ist es moglich, den EinfluB aufzuzeigen,
den die zersplitterte leibliche Form des Plinius auf das Denken mate-
rialistischer Naturforscher gehabt hat, welche diese zersplitterte Form
in sich aufgenommen haben.
So geheimnisvoll sind die Zusammenhange, die sich uns ergeben,
wenn wir in die Konstitution der Erde eindringen. Sie werden es jetzt
begreiflich finden, daB in gewisser Beziehung auch das AuBere, der
Aufbau unserer Korper, von solchen vorhergehenden Ereignissen
karmisch abhangig ist. Ein Geschehen wie der Untergang des Plinius
wirkt auf den Aufbau spaterer Gehirne nach, wirkt nicht auf die
Seelen nach, sondern auf die leiblichen Formen. Das sind besonders
feine Vorgange, die sehr wichtig sind, wenn man die Zusammen-
hange zwischen Mensch und Erde verstehen will.
Zu den Geheimnissen der Rosenkreuzer, iiber deren tiefe Weisheit
ich zu Ihnen schon fruher gesprochen habe, gehorten Erkenntnisse
von der Art, wie ich sie Ihnen heute mitgeteilt habe. Die Rosen-
kreuzer sahen die Erde nicht als leblosen Klumpen an, wie es die
modernen Naturforscher tun. Auch Goethe, der groBe Dichter und
Theosoph, wuBte, daB die Erde nicht etwas Totes, Lebloses ist. Es
war keine poetische Redensart, sondern ein Bild fur eine geistige
Wirklichkeit, wenn er den Erdgeist sprechen lieB :
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her !
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Fiir Goethe war diese Erde das aufiere Kleid gottlicher Machte. Von
ihrem Wirken wollte ich Ihnen heute einiges schildern.
VERGANGENE UND KUNFTIGE GEIST-ERKENNTNIS
Berlin, 7. Mai 1906
Am Vorabend des Tages, den wir den «WeiBen Lotustag» nen-
nen, erinnern wir uns an die groBe Persdnlichkeit, der wir den An-
stoB zur theosophischen Bewegung zu verdanken haben. Vor fiinf-
zehn Jahren am 8. Mai hat Frau Blavatsky den physischen Plan ver-
lassen. Nicht von einem Todestag sprechen wir, sondern von einem
zweiten, einem anderen Geburtstag, wenn wir des Tages gedenken,
an dem die Individualitat, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
so Bedeutungsvolles im physischen Leib fur die Menschheit geleistet
hat, zu anderen Spharen gerufen worden ist, urn von dort aus weiter
zu wirken. Dieser Tag soil in uns die Gefuhle und Empfindungen
erregen, durch die wir uns aufschwingen, jene Art des Wirkens immer
mehr zu spuren, zu welcher der Mensch aufgerufen wird, wenn er
nicht mehr auf dem physischen Plan weilt. Diese Wirkung kann um
so bedeutungsvoller sein, je geeignetere Werkzeuge er auf dem phy-
sischen Plan vorfindet. Solche Werkzeuge sollen die Glieder der theo-
sophischen Bewegung werden. Was sie dazu instand setzt, sind solche
geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, wie Sie sie das ganze Jahr iiber
in sich aufnehmen.
Die Individualitat, die in einer unvergleichlichen Selbstlosigkeit
zuerst die groBen Botschaften zu verkunden hatte, an welche die
theosophische Bewegung ankniipft, soil uns an diesem Tag jedes Jahr
etwas nahertreten. Zwar sind noch nicht viele unter uns, welche eine
Ahnung davon haben, was Helena Petrowna Blavatsky der Welt
eigentlich bedeutet hat und noch bedeuten wird. Was aber tut das?
Im 1. Jahrhundert nach Christus lebte in Rom Tacitus, ein Geschichts-
schreiber von unvergleichlicher Bedeutung. Er wuBte von der geisti-
gen Bewegung, auf welcher unsere ganze abendlandische Kultur be-
griindet wurde, ein Jahrhundert nach deren Entstehung nichts
anderes zu sagen, als daB es fern driiben an den Grenzen des
Rbmischen Reiches eine unbedeutende Sekte gebe, die ein gewisser
Jesus, ein Nazarener, begriindet haben solle.
Konnen wir uns dann wundern, wenn heute Gelehrte, Professoren
und weite Kreise der Gebildeten von der Mission der Frau Blavatsky
nichts wissen oder doch die miBverstandlichsten Vorstellungen und
Vorurteile haben? Das GroBe, das in die Welt tritt, muB nach
gewissen Gesetzen Widerspruch erregen, Vorurteil und MiBverstand-
nis hervorrufen. Denn das wird sich immer und immer wiederholen,
daB das Kleine, Unbetrachtliche, von dem groBen Zukunftssicheren
nur ganz allmahlich und langsam uberwunden werden kann. Was
durch Helena Petrowna Blavatsky in die Welt gekommen, ist kein
Ereignis, das man nach kurzem Zeitraum bemessen kann. Das ist ein
Ereignis, dem gegeniiber unsere Worte von heute zu schattenhaft
geworden sind. Nicht nur das Verstehen der Welt, nicht nur die
Auffassung der Dinge, sondern das ganze Fiihlen und Empfinden der
Menschheit wird in ein neues Stadium treten, wenn sich das verwirk-
licht, was in der Mission von Frau Blavatsky veranlagt war. Wir
wollen uns einmal den Umschwung des Empflndens vor die Seele
stellen, der bei einigen heute und bei vielen noch in der Zukunft
eintreten wird.
Ich mochte, um uns zu verstandigen, ein Bild vor Ihre Seele malen.
Gehen wir weit zuriick in die Zeiten des Griechentums. Was aus
jener Zeit an wunderbaren Bildwerken, an Schopfungen der Dicht-
kunst und aus den Wissenschaften geblieben ist, die gottlichen Tone
Homers, die tiefdringenden Gedanken Platos, die geistige Lehre des
Pythagoras, alles das faBt sich uns zusammen, wenn wir einen Blick
hinein tun in das, was wir die griechischen Mysterien nennen. Eine
solche Mysterienstatte war Schule und Tempel zugleich. Sie entzog
sich den Blicken derer, welche die Wahrheit nicht wiirdig in ihre
Seele aufnehmen konnten, und lieB nur diejenigen ein, die sich vor-
bereitet hatten, mit heiligen Gefiihlen der Wahrheit gegeniiberzu-
treten. Wenn solche in die Statte, aus der alle Kunst, Dichtung,
Wissenschaften hervorgegangen sind, eingelassen wurden, dann durfte
der Zuschauer, der noch nicht in die hellseherische Kraft eingeweiht
war, im Bilde sehen - der aber, dem die schlummernden Geistes-
krafte schon erweckt waren, sah es in Wirklichkeit -, wie der Gott in
die Materie herabstieg, dort sich verkorperte und nunmehr in den
Reichen der Natur bis zur Auferstehung ruht. Einem solchen Myste-
rienschuler wurde klar, daB alle Reiche der Natur, das Mineral-,
Pflanzen- und Tierreich, im Grunde den schlummernden Gott in sich
enthalten und daB der Mensch berufen ist, in sich selbst die Auferste-
hung dieses Gottes zu erleben, seine Seele als einen Teil der Gottheit
zu empfinden. tlberall drauBen kann der Mensch etwas wahrnehmen,
aus dem er die schlummernde Gottheit auferwecken soil. In der
eigenen Seele fuhlt er aber selbst den Gottesfunken, fuhlt sich selbst
als die Gottheit und erlangt die GewiBheit seiner Unsterblichkeit,
seines Wirkens und Webens in dem unendlichen All. Nichts ist zu
vergleichen mit der Erhabenheit, welche der Mysterienschuler an
solchen Statten empfand. Da war alles zugleich vorhanden: Religion,
Kunst, Erkenntnis. An den Gegenstanden seiner frommen Verehrung
empfand er Religion, an den Werken der Kunst entziindete sich seine
heilige Bewunderung, und die Weltratsel selbst enthullten sich ihm in
schonen, zur Frommigkeit aufrufenden Bildern. Einige der GroBten,
die dies erlebt hatten, sagten aus: Nur dadurch, daB er eingeweiht
wird, hebt sich ein Mensch iiber die Verganglichkeit und iiber das
Irdische hinaus zum Ewigen. Eine Wissenschaft und eine Kunst, die
eingetaucht waren in das heilige Feuer religioser Gefiihle, stellen etwas
dar, was nicht schoner als mit dem Wort «Enthusiasmus», das heiBt:
In Gott sein bezeichnet werden konnte.
Wenn wir uns dieses Bild vor die Seele gestellt haben und nun den
BUck in unsere Zeit schweifen lassen, dann sehen wir nicht nur, daB
wir alles getrennt erleben - Schonheit, Weisheit und Frommigkeit -,
sondern unsere abstrakt und verstandesmaBig gewordene Kultur, die
das lebendige Feuer von damals verloren hat, erscheint uns wie etwas
Schattenhaftes.
Darum sahen gewisse hervorragende Reprasentanten unseres Gei-
steslebens, die sich unverstanden und einsam fdhlten, in jene groBen
Zeiten unendlicher Vergangenheit zuriick, in denen der Mensch noch
den Umgang mit den Geistern und Gottern selbst gepflegt hatte. Das
wuBten sie, und in der Stille der Nacht sehnte sich mancher zuriick
in die Mysterien von Eleusis. Sie waren der letzte wunderbare Aus-
laufer der griechischen Mysterien. Ein tiefer deutscher Denker, einer
von denen, die sich in die Ratsel des Daseins versenkt hatten, gibt
uns die Stimmung wieder, die ihn iiberkam, wenn seine Gedanken
zuriickgingen in die alten Statten griechischer Weisheit - die Stim-
mung eines Geisteswanderers. Es war Hegel, jener machtige Meister
des Gedankens, der denkend die Bilder zu erfassen suchte, welche
einst die Schuler der Mysterien geschaut hatten. Von ihm stammt die
Dichtung .
Eleusis
An Holderlin
Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschaft'gen Menschen
Nie miide Sorge schlaft. Sie geben Freiheit
Und MuBe mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht ! - Mit weiBem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hiigel. Freundlich blinkt
Der helle Streif des Sees heriiber.
Des Tags langweil'gen Larmen fernt Erinnerung,
Als lagen Jahre zwischen ihm und jetzt.
So spricht der sinnende Denker, der tief hineinschaut in die Welten-
ratsel, der das alles in eigener Brust nur mit Gedanken erfassen kann
und nun zuriickblickt zu den Mysterien von Eleusis. Er fahrt fort:
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh'nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens suBern HofFnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspahens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geandert; - der GewiBheit Wonne,
Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:
Der freien Wahrheit nur %u leben,
Frieden mit der Sat^ung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie ein^ugehn !
Nun unterhandelt mit der tragen Wirklichkeit der Wunsch,
Der uber Berge, Fliisse leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkundet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der siiBen Phantasien Traum.
Mem* Aug' erhebt sich zu des ew'gen Himmels Wolbung,
Zu dir, o glanzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wunsche, aller HofFnungen
Verges sen stromt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschau'n,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem UnermeBlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend fa6t
Er dieses Anschau'ns Tiefe nicht.
Dem Sinne nahert Phantasie das Ewige,
Vermahlt es mit Gestalt. - Willkommen, ihr,
Erhab'ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt!
Erschrecket nicht. Ich fuhl', es ist auch meine Heimat,
Der Glanz, der Ernst, der euch umflieBt.
So ruft dieser Denker nach den Geistern, die in Wahrheit den
Schiilern von Eleusis erschienen sind. Dann ruft er sie selbst, die
Gottin Ceres, die im Mittelpunkte der Mysterien wirkte. Derm Ceres
ist nicht nur die Gottin der irdischen Fruchtbarkeit, sondern auch
die Befruchterin des geistigen Lebens.
Ha! Sprangen jetzt die Pforten deines Heiligtums,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeist'rungstrunken fuhlt , ich jetzt
Die Schauer deiner Nahe,
Verstande deine Offenbarungen,
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernahme
Die Hymnen bei der Gotter Mahle,
Die hohen Spriiche ihres Rats.
Doch deine Hallen sind verstummt, o Gottinf
Geflohen ist der Gotter Kreis in den Olymp
Zunick von den entheiligten Altaren,
Gefloh'n von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt.
Kein Ton der heiPgen Weih'n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie 2u meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepraget war'.
Vergebens ! Etwa Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Mpder und Entseeltem auch gefielen sich
Die Ewigtoten, die Geniigsamen ! - Umsonst, es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fulle,
Des unaussprechlichen Gefiihles Tiefe viel zu heilig,
Als daB er trock'ne Zeichen ihrer wiirdigte.
Schon der Gedanke faBt die Seele nicht,
Die, auBer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergiBt und wieder zum BewuBtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Sprach' er mit Engelzungen, fuhlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so klein gemacht zu haben, daB die Red' ihm Siinde deucht,
Und daB er bebend sich den Mund verschlieBt.
Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den armern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil'ger Nacht gesehn, gehort, gefuhlt,
DaB nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Larm
In seiner Andacht stort', ihr hohler Worterkram
Ihn auf das HeiPge selbst erziirnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten wiirde, daB man dem
Gedachtnis gar es anvertraute, daB es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware des Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zur Rute schon des frohen Knaben, und so leer
Am Ende wiirde, daB es nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzeln hatte.
Es trugen geizig deine Sonne, Gottin,
Nicht deine Ehr' auf GaB' und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.
Auch diese Nacht vernahm ich, heil'ge Gottheit, dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich arm* ich oft als Seele ihrer Taten I
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,
Der, einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.
Es war in der neueren Zeit notwendig, daB die Macht des Gedankens
auf der einen Seite in einer ideellen, auf der anderen Seite in einer
mehr materialistischen Weise zum Ausdruck kam. Auch Hegel ver-
stand man nicht mehr, und er gehort zu den verschollenen Geistern
der Menschheit iiberhaupt. Alles wurde in der zweiten Halfte des
19. Jahrhunderts von dem Geiste des Materialismus durchdrungen,
und auch heute herrscht in den weitesten Kreisen dieser Geist. Wenn
er die Oberhand behalten sollte, so wiirde er die Menschheit in ihren
Kulturerscheinungen vollstandig zur Versteinerung fiihren.
Eine merkwiirdige Gesinnung kam in der zweiten Halfte des
19. Jahrhunderts zur Herrschaft. Noch im 18. Jahrhundert hatte
JLessing gesagt, daB ein Glaube nicht gerade deshalb unsinnig sein
muB, weil er im reinen unschuldigen Kindesalter der Menschheit
aufgetreten ist. Diesen Glauben, der sich bei alien Volkern als Grund-
lage der Kultur flndet, stellt aber der Materialist als kindhafte,
phantastische Vorstellungen riin, und einzig in dem, was das natur-
wissenschaftliche Denken geschaffen hat, sieht man noch etwas, was
dem mannlich reif gewordenen Geist entspricht. Das praktische
Leben ist ein Drangen und Hasten nach materiellen Giitern zur Be-
friedigung rein physischer Bediirfnisse geworden, und Dinge, die noch
weit schlimmer sind, drohen in der Folge aufzutreten. Die Wissen-
schaft mit ihrer Devise : Wie wir es dann so herrlich weit gebracht -
diinkt sich zugleich ungeheuer erhaben iiber alles, was friiher von der
Menschheit hervorgebracht worden ist, um den Zusammenhang mit
der Welt zu gewinnen : die chaldaischen und babylonischen Priester-
weisheiten, die Lehren des Pythagoras und anderer. Von dem groBen
Plato wird gesagt, man kenne sich in dem verworrenen Zeug nicht
aus, das er hinterlassen habe. Den «Timaios» nennt man unverstand-
lich, aber man sucht nicht den Grund, warum man es nicht versteht.
Hier mogen wir uns an Lkhtenbergs Wort erinnern: Wenn ein Kopf
und ein Buch zusammenstoBen und es hohl klingt, braucht das
nicht am Buch zu liegen. - In der Praxis hat der Materialismus
auch noch die Heuchelei gezeitigt, die sich vor allem nicht gestehen
will, daB allein das rein materielle Streben das Leben beherrscht.
Kaum jemals ist so viel von Idealen geredet und so wenig ver-
standen worden als in dieser Zeit.
In diese Zeit hinein fallt die Mission von Helena Petrowna
Blavatsky. Man darf wohl sagen, ohne damit die Bedeutung ihrer
Personlichkeit irgendwie herabzusetzen, daB ihrer Seele eine Arbeit
auferlegt wurde, die fur diese Seele eigentlich zu groB war. Wenn man
das Ratsel losen will, warum gerade diese Frau dazu berufen war, die
Botschaft der Theosophie der Welt zu bringen, so kommt man zu dem
Ergebnis : Sie bot die einzige Moglichkeit, wodurch sich die fuhren-
den Geister den Menschen des Abendlandes verstandlich machen
konnten. Die Personlichkeiten, die offizielle Stellungen bekleideten,
hatten auch nicht das allergeringste Verstandnis fur das, was von
geistigen Tatsachen fur die Menschheit notwendig war. Selbst der
BegrijflF des Geistes war verlorengegangen, und wenn man von Geist
sprach, so bedeutete das nur noch ein leeres Wort. Diese merkwur-
dige Frau mit den sonderbaren psychisch-spirituellen Anlagen von
Jugend an war berufen, der Welt eine Botschaft zu bringen, die kein
Gelehrter zu bringen imstande war. Von friihester Zeit an sah sie die
Welt als etwas anderes an, als es die Bildung des 19. Jahrhunderts
vorschrieb. Sie konnte in allem, was uns umgibt, geistige Wesenheiten
wahrnehmen, die fur sie ebenso wirklich waren wie etwas, was hand-
greiflich ist. Und von fruher Jugend an war ihr eines eigen: die groBe
Verehrung eines erhabenen Geistes. Ohne diese groBe Verehrung
dringt kein Menschenwesen jemals zur Erkenntnis. Mag jemand
einen noch so scharfen Verstand oder eindringende Vernunft besit-
zen, oder gar dammerhafte Hellseherkrafte entwickelt haben - zu
echter, wahrer Erkenntnis dringt man nicht vor ohne das, was man
die groBe Verehrung nennt. Denn die wahre Erkenntnis konnen uns
nur diejenigen Wesen geben, welche in ihrer Entwickelung der
Menschheit weit vorangeeilt sind. Jeder gibt zu, daB die einzelnen
Menschen verschieden weit entwickelt sind. In unserer materialisti-
schen Zeit gesteht man das vielleicht nicht so gerne ein, doch
gewisse Unterschiede lassen sich nicht abstreiten. Aber der Meinung
sind wohl die meisten, daB ihre Erkenntnis schon die hochste sei.
DaB es noch hohere Wesenheiten, uber Goethe und Franz von Assisi
hinaus, gibt, das wird man nicht so schnell zugeben. Dennoch ist
das die Grundbedingung fur wirkliche Erkenntnis. Keiner erreicht
sie, der nicht diese groBe Verehrung hat, welche der nivellierenden
Anschauung unserer Zeit ganz abhanden gekommen ist.
Diese groBe Verehrung bedingt fur den Menschen eine wichtige
Tatsache. Wir alle kommen von geistigen Welten her, aus einem
ursprunglichen Leben im Geiste. Der eigentlich gottliche Teil unserer
Seele stammt von einem gottlichen Urgrunde ab. Einmal gab es fur
einen jeden von uns einen Zeitpunkt, wo uberhaupt erst das Hinaus-
schauen von der seelischen in die Sinneswelt in uns erweckt worden
ist. In uralten Zeiten hatten alle Menschen ein dumpfes, aber hell-
seherisches BewuBtsein. Aus der Seele stiegen ihnen Bilder auf, die
auf eine sie umgebende Wirklichkeit hinwiesen. Erst spater nahm das
SinnesbewuBtsein, wie wir es heute haben, einen Anfang. Zu einem
jeden von uns trat in einem bestimmten Moment der Entwickelung -
wie es fur die Eva sinnbildlich in der Geschichte vom Paradies ge-
schildert wird - die Schlange der Erkenntnis und sagte in einer weit
zuriickliegenden Verkorperung die Worte : Deine Augen werden auf-
getan werden, du wirst das Gute und das Bose in der sichtbaren
AuBenwelt erkennen. - Die Schlange war immer das Sinnbild fur
die groBen geistigen Lehrer. Ein jeder hatte einen solchen fortgeschrit-
tenen Lehrer, er war einmal mit einem solchen zusammen, der ihm
die Worte entgegentonen lieB : Du wirst einmal die sinnliche Umwelt
erkennen.
Einem solchen Lehrer begegnet der Mensch, welcher die groBe
Verehrung hat, noch einmal im Leben, wenn ihm die geistigen Sinne
geoffnet werden. Man nennt das im Okkultismus das «Wiederfinden
des Guru», des groBen Lehrers, den jeder suchen muB und den er nur
finden kann, wenn er die groBe Verehrung hat und zugleich weiB,
daB es etwas gibt, was iiber die Menschheit des Durchschnitts hinaus-
geht.
Diese groBe Verehrung und das BewuBtsein von der Existenz der
groBen Lehrer lebte in Frau Blavatsky, und deshalb war sie berufen,
der Menschheit etwas von diesen groBen Lehrern zu uberliefern. Der
Guru waltet im Verborgenen und nur der vermag ihn zu erkennen,
der selbst den Weg zu ihm gefunden hat. So hat Helena Petrowna
Blavatsky die richtige Empfindung mitgebracht, um der Menschheit
der Gegenwart etwas ganz Neues zu geben.
DaB die Eroberung eines solchen Neuen mit manchen Schwierig-
keiten verkniipft ist, ermiBt der, der ein wenig hineingesehen hat in
die Statten, wo die Wahrheit vertreten wird. Dann kommt fur den
Menschen, der selbst etwas vom Suchen der Wahrheit versteht, die
Zeit, da er gegeniiber den groBen Personlichkeiten das Kritisieren
verlernt. Er schaut nicht mehr auf ihre Alltaglichkeiten hin. Nur die
Menschen, die keine Ahnung von der Stellung groBer Personlich-
keiten in der Welt haben, klammern sich an diese Alltaglichkeiten.
Wer aber die Zusammenhange durchschaut, ist dankbar dafiir, was
diese Personlichkeiten gebracht haben. Dies ist auch der einzig mog-
liche Standpunkt gegeniiber einer Personlichkeit, wie es Frau Bla-
vatsky war. «Bewundert viel und viel gescholten», trat auch diese
Helena unter die Menschen, und es ist wohl kaum iiber irgend je-
manden so Unsinniges und Torichtes gesagt und geschrieben worden
wie iiber Helena Petrowna Blavatsky - auBerdem selbstverstandlich
iiber alle diejenigen, die von gleicher GroBe wie sie waren. Gelehrte
haben die sonderbare Behauptung getan: Sie hat ein groBes Werk
geschrieben - die «Geheimlehre», in der die Dzyanstrophen stehen.
Von ihnen wird gesagt, daB sie uralte Uberlieferungen darstellten.
Die Gegner behaupten jedoch, Frau Blavatsky habe diese Strophen
erfunden und der Welt weisgemacht, das seien uralte Oberlieferun-
gen. Bis zu solcher Torheit versteigt sich wirklich nur Gelehrsam-
keit. Denn nehmen wir nur fur einen Augenblick an, Helena Petrowna
Blavatsky hatte wirklich diese Strophen erfunden, und vertiefen wir
uns einmal darin. Wenn wir uns nur eine Weile, vielleicht zwei bis
drei Jahre, damit beschaftigen, dann finden wir, daB uns alle Gelehr-
samkeit und alle Entdeckungen zwar noch interessieren; aber gegen-
iiber den groBen Offenbarungen, die in diesen Dzyanstrophen enthal-
ten sind, erscheint tatsachlich alles, was die moderne Wissenschaft in
der Gegenwart geleistet hat, als das Allertrivialste. Glauben Sie nicht,
daB dann eigentlich die Verehrung fiir Helena Petrowna Blavatsky
noch mehr wachsen konnte? Allerdings demjenigen, der eine kleine
Sparine von zwei bis drei Jahren verwendet, um in den tiefen Sinn
dieser Strophen einzudringen, wird es gleichgiiltig sein, ob diese
Strophen vor Tausenden von Jahren geschrieben oder im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts von Helena Petrowna Blavatsky ver-
faBt worden sind. Wenn man nachdenkt, muB man sich sogar sagen,
daB das Wunder im zweiten Fall nur noch groBer ware. Um so to-
richter findet man dann den Einwand der Kritiker, die nur zeigen,
daB sie von dem ganzen kein Sterbenswortchen verstanden haben.
Da haben Sie etwas von den groBen Hindernissen, die sich Helena
Petrowna Blavatsky entgegentiirmten. Dann reden die Menschen
davon, sie habe diesen oder jenen Fehler gehabt. Eine Empfindung
fur ihre wirkliche Bedeutung wird in solchen Menschen kaum leben
konnen.
Nun hat Frau Blavatsky der Menschheit Erscheinungen der okkul-
ten Welten mitgeteilt. Wer diesen Gang in die okkulten Welten kennt,
wie ihn Helena Petrowna Blavatsky beschritten hat, weiB auch, wel-
che Gefahren damit verkniipft sind. Wenn man bedenkt, wie leicht
schon die Leidenschaften durch die Sinnenwelt erregt werden kon-
nen, und welche Abgriinde der erlebt, der in die okkulten Welten so
hineinsehen muBte, wie es notig war, urn ein Buch wie die «Geheim-
lehre» zu schreiben, der fragt nicht mehr nach den AuBerlichkeiten,
die sich an diese bedeutsame Personlichkeit und ihre Umgebung
kniipfen. Am Widerstand der Welt ist selbst diese starke Natur fast
zerschellt. Gerade weil ihr so viel Un verstandnis und falsche Auto-
ritat gegeniiberstanden, konnen wir angesichts der Empfanglichkeit
und Sensibilitat ihrer okkulten Krafte verstehen, daB sie als eine in
gewisser Weise gebrochene Personlichkeit an ihrem Lebensabend
anlangte. Aber was sie der Welt gebracht hat, soli in der Menschheit
leben und Zukunft haben.
Die Stimmung, die ich aus den Worten eines der groBten Sonne der
neueren Zeit heraus vor Ihre Seelen hinmalen wollte, diese Stim-
mung der Sehnsucht muB sich immer mehr verbreiten. Sie wird Be-
friedigung finden konnen an dem, was Frau Blavatsky der Welt brin-
gen sollte und was immer mehr und mehr ausgestaltet werden soli.
Gerade dann ehren wir diese Personlichkeit am meisten, wenn wir sie
als Anregerin betrachten. Herrschen wollte sie nur als treue Schiilerin
der groBen geistigen Gewalten, die hinter ihr standen, und nur der
wirkt im Sinne der theosophischen Stromung, der im Sinne dieser
geistigen Gewalten wirkt. Das Geistesleben, das schattenhaft gewor-
den ist, wird wieder Leben gewinnen, wenn immer mehr das verstan-
den wird, was Helena Petrowna Blavatsky mit solchem Mut, solcher
Energie und Kiihnheit in die Welt bringen wollte. Und es ist mog-
lich, ein tieferes Verstandnis fur das zu gewinnen, was ein solcher
Lotustag sein kann, wenn wir hinwegsehen iiber alien historischen
Klatsch und uns bemiihen, auf das Wesentliche zu sehen.
Das ist das richtige Verstandnis der theosophischen Bewegung,
wenn wir uns zum BewuBtsein bringen, daB der lebendige Geist von
Helena Petrowna Blavatsky durch uns fortwirken soil zum Heil und
Fortschritt der Menschheit. Dann werden wir nicht nur in trager Sen-
timentalitat sagen, daB dieser Geist unsterblich ist und einen neuen
Geburtstag feiert, sondern wir werden selbst dazu beitragen, daB er
lebt und wirken wird da, wo er wirken soli. Denn das ist wohl der
einzige personliche Wunsch der Griinderin gewesen, daB die Glieder
der theosophischen Bewegung zum lebendigen Ausdrucksmittel fur
den Geist werden, den sie in selbstloser Art ganz in den Dienst dieser
geistigen Bewegung gestellt hat, und je mehr die Mitglieder diesen
Geist der Selbstlosigkeit verstehen und je mehr sie begreifen lernen,
daB es eine Pflicht zur Erkenntnis gibt, desto mehr verwirklichen sie
den Geist von Helena Petrowna Blavatsky. Man hort immer die Men-
schen sagen: «Die Hauptsache ist Liebe und Mitleid». GewiB sind
Liebe und Mitleid die Hauptsache, aber nur die Erkenntnis kann Liebe
und Mitleid fruchtbar machen. Es gibt eine Bequemlichkeit, und sie
ist gar nicht selten, auch unter denen, die glauben, daB sie nach dem
Geiste streben. « Liebe » zu sagen, das kann man in einer Sekunde
lernen. - Erkenntnis zum Heil und Segen der Menschheit zu erwer-
ben, dazu gehort eine Ewigkeit. Und dieses BewuBtsein in uns auf-
nehmen, daB die Erkenntnis die Grundlage alles wirklichen geistigen
Wirkens ist, das muB immer mehr der Sinn der theosophischen
Bewegung werden. Deshalb kommt es darauf an, der Begriinderin
unserer Bewegung in rastloser Erkenntnis nachzustreben - Stuck fur
Stuck, ohne sich durch eine Bequemlichkeit beirren zu lassen, die
nicht lernen will, sondern alles in einem Tage erfassen mochte. Das
kann gerade an den Werken und dem Wirken von Helena Petrowna
Blavatsky studiert werden, und deshalb ist alles Reden eitel, das
aus einer muBigen Bequemlichkeit hervorgeht. Das aber, was wir ler-
nen sollen, indem wir es betreiben als eine Fortsetzung dessen, was
sie selbst auf dem physischen Plan begonnen hat, das ist das Streben
nach geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.
ERZIEHUNGSPRAXIS AUF DER GRUNDLAGE
SPIRITUELLER ERKENNTNIS
Berlin, 14. Mai 1906
Ofter schon habe ich hier die Gelegenheit ergrifFen, das Vorurteil
zuriickzuweisen, als ob die theosophische Weltanschauung der Praxis
des Lebens vollig fern stehe. Wir haben im Gegenteil oft Veranlas-
sung gehabt, darauf hinzuweisen, wie die Theosophie in das praktische
Leben tief hineinfiihren soli, weil sie die Gesetze dessen kennen
lehrt, was fortwahrend das Leben um uns gestaltet. Wer nur das
kennt, was die Gesetze des auBeren Lebens sind, dem ist nur ein
kleiner Teil des Lebens bekannt. Der weitaus groBte Teil gehort
namlich zu den verborgenen Dingen des Lebens, verborgen fiir die
auBeren Sinne. Nun wird gewiB in nicht gar zu ferner Zukunft die
Menschheit immer mehr einsehen, daB man die verborgenen Welten
studieren muB, um mit dem Leben zurechtzukommen, denn die
materialistische Gesinnung wiirde zu einer Krisis auf alien Gebieten
fiihren, vor allem auf gesundheitlichem Gebiet wie auch im Erzie-
hungssystem, wo sich die Frage erhebt: Wie sollen die Menschen die
zukunftige Generation heranbilden? - Und nicht zuletzt in alien
gesellschaftlichen, politischen und Kulturfragen wiirde der Materia-
lismus eine Krisis herbeifiihren: Das Leben wiirde sich so gestalten, daB
man eines Tages nicht mehr wissen wiirde, wie man sich noch helfen
soil. Zur Erlauterung dessen, was ich meine, mochte ich einiges iiber
Erziehungsfragen sagen, die wenigstens jeden interessieren miissen.
Wer sich vom materialistischen Standpunkt mit der Erziehungs-
frage befaBt, wird sehr leicht zu den allerverkehrtesten MaBregeln
kommen. Denn er wird nie bedenken, wie streng gesetzmaBig das
ganze Leben verlauft, und er beriicksichtigt daher nicht, daB es ins
Leben tief eingreifende Zeitabschnitte gibt. Man kann sich einfach
nicht denken, warum zum Beispiel die Epoche der Kindheit, die
mit dem sechsten bis achten Jahre ablauft, sich so grundwesentlich
unterscheidet von der des Madchen- und Knabenalters, also der Zeit
vom siebenten oder achten Jahre ungefahr bis zur Geschlechtsreife.
Wer aber keine Ahnung hat, was in dieser Zeit mit dem Menschen
geschieht, kann sich auch nicht vorstellen, wie wichtig es ist, diese
Zeitabschnitte genau zu beobachten. Es ist nicht gleichgiiltig, ob man
weiB, was der Mensch in diesen drei Epochen ist: in der ersten, die
bis zum sechsten bis achten Jahre geht, in der zweiten, die bis zum
vierzehnten oder funfzehnten Jahre reicht, und dann wieder in der
folgenden Zeit, die nachsten sieben bis acht Jahre hindurch. Das sind
drei Altersstufen im Leben des Menschen, die ganz genau studiert
werden miissen, nicht nur im auBeren Sinne, sondern vom Stand-
punkt des Okkultismus aus, der sich mit den fur die auBeren Sinne
verborgenen Welten befaBt. - Sie wissen, daB der Mensch nicht nur
aus diesem physischen Leibe besteht, sondern aus dem physischen
Leibe, dem Atherleibe, der dem physischen zugrunde liegt und ihm
ahnlich gestaltet ist, und dann dem Astralleib, der sich fur den Hell-
seher als eine Wolke ausnimmt, in der die beiden erstgenannten Kor-
per eingebettet sind. In diesen eingehiillt haben wir den Ich-Trager.
Diese drei Korper wollen wir einmal beim werdenden Menschen
betrachten.
Wenn Sie sich eine richtige Vorstellung davon bilden wollen, so
miissen Sie sich klarmachen, daB vor den Zeitabschnitten, in denen
der Mensch auBerlich gesehen werden kann, noch der Zeitabschnitt
vor der Geburt liegt, wo der Mensch im Leibe der Mutter lebt. Sie
miissen rein physisch unterscheiden zwischen dem Leben vor der
Geburt und den folgenden Zeitraumen und sich klarmachen, daB der
Mensch nicht leben konnte, wenn er zu friih geboren wiirde, zu friih
in die auBere sichtbare Welt treten wiirde. Er konnte in der auBeren
Welt nicht leben, weil seine Sinnesorgane, mit denen er mit der
auBeren Welt in Verkehr tritt, noch nicht geniigend ausgebildet
sind. Wahrend der Mensch bis zu seiner Geburt vom Mutterleib
umschlossen ist, werden seine Organe - Augen, Ohren, und alles
was er braucht, um in der physischen Welt zu leben - ausgebildet.
Bevor seine Organe innerhalb der schiitzenden Hiille eines anderen
physischen Korpers geniigend vorbereitet sind, kann der Mensch
nicht mit der physischen Welt in Beriihrung treten. Die Geburt ist
der Zeitpunkt, in welchem der Mensch soweit reif ist, daB er ohne
eine schiitzende Hiille mit der Umwelt in Beriihrung treten kann.
Dasselbe ist dann aber noch lange nicht mit dem Atherleib und
Astralleib der Fall. Sie sind noch nicht so weit, daB sie ebenfalls mit
der Umwelt in unmittelbare Beriihrung treten konnen. Ein ganz ahn-
licher ProzeB, wie er vor der Geburt des Menschen mit dem phy-
sischen Leibe vor sich geht, geht mit dem Atherleib in dem Zeitraum
von der Geburt bis ungefahr zum siebenten Jahre vor sich. Erst dann,
kann man sagen, wird der Atherleib geboren. Und erst mit dem vier-
zehnten bis fiinfzehnten Jahre wird der Astralleib geboren, der als-
dann eine freie, selbstandige Tatigkeit gegeniiber der Umwelt entfal-
ten kann.
Sie miissen sich also klar dariiber sein, daB bis zum siebenten
Jahre an den Atherleib, und bis zum vierzehnten Jahre an den Astral-
leib keine besonderen Anforderungen gestellt werden durfen. Wenn
man den Atherleib eines Kindes der brutalen Umwelt aussetzen
wiirde, so ware das gerade so, als ob man ein Kind im funften Monat
des Embryonalzustandes der AuBenwelt iibergeben wiirde, obwohl
es nicht mit der gleichen Vehemenz zutage treten wiirde. Entspre-
chendes gilt fur den Fall, daB Sie vor dem vierzehnten Jahre den
Astralleib der Umwelt aussetzen. Dariiber miissen Sie sich klar sein:
Bis zum siebenten Jahre ist erst der physische Korper so weit gebo-
ren, daB die Umwelt einen vollen EinfluB auf ihn ausiiben darf. Der
Atherkorper ist bis zum siebenten Jahre so sehr mit sich selbst be-
schaftigt, daB man ihn schadigen wiirde, wenn man auf ihn beson-
ders einwirken wiirde. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte also nur auf
den physischen Leib eingewirkt werden. Vom siebenten bis zum
vierzehnten Jahre darf die Erziehung des Atherleibes in die Hand
genommen werden, und erst vom fiinfzehnten Jahre ab kann man
auf den Astralleib von auBen durch die Erziehung wirken.
Auf den physischen Leib des Menschen einwirken, heiBt, dem
Kinde auBere Eindriicke zu vermitteln. Durch die auBeren Eindriicke
wird der physische Leib herangebildet. Daher ist auch das, was bis
zum siebenten Jahre versaumt worden ist, spater kaum noch nach-
zuholen. Bis zum siebenten Jahre ist der physische Leib in einem sol-
chen Stadium begriffen, daB er durch auBere sinnliche Eindriicke
herangebildet werden sollte. Wenn das Auge des Kindes bis zum
siebenten Jahre nur Schdnes sieht, bildet es sich so heran, daB es das
ganze Leben hindurch ein Empfinden fiir das Schone behalt. Spater
kann der Schonheitssinn nicht mehr auf die gleiche Weise entwickelt
werden. Was Sie dem Kinde im ersten Jahrsiebent sagen oder was
Sie tun, ist viel weniger wichtig, als die Art, wie man seine Umge-
bung gestaltet und was das Kind sieht und hort. Die inneren Wachs-
tumskrafte mussen bis dahin durch die auGeren Eindriicke heran-
gefordert werden. Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus
einem Stiick Holz, das ein paar Punkte und Striche fur Augen, Nase
und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine
moglichst schon geformte Puppe bekommt, so hat es etwas, woran
es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem,
was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tatigkeit herausgefor-
dert - sie ist gebunden -, und damit geht die gestaltende Phantasie-
kraft fiir das spatere Leben uberhaupt fast verloren.
So ist es weitgehend mit alien Eindriicken der Sinneswelt. Was Sie
selbst in der Umgebung des Kindes sind, was das Kind unmittelbar
sieht oder hort, darauf kommt es an. Es wird ein guter Mensch, wenn
es um sich gute Menschen sieht. Es ahmt die Dinge, die es um sich
herum wahrnimmt, nach. Gerade auf die Nachahmungskraft, auf die
Wirkung des Beispiels muB man den allergroBten Wert legen. Daher
wird das richtige sein: moglichst viel vormachen, damit das Kind
moglichst viel nachmachen kann. In diesem Sinne muB also auf die
Pflege des physischen Leibes in der Zeit vom ersten bis siebenten Jahre
der Hauptwert gelegt werden. Auf die hoheren Leiber kann man in
diesem Alter noch nicht durch ErziehungsmaBnahmen wirken, uber-
haupt nicht durch bewuBte Erziehung; sondern auf diese Leiber wir-
ken Sie, solange sie noch ganz mit sich selbst beschaftigt sind, durch
das, was Sie eben sind. Ein kluger Mensch wird durch seine Klugheit
in dem Kinde selbst die Klugheit zum Wirken bringen. Im iibrigen
hat sich der Erzieher zu bemiihen, in der Umgebung eines Kindes ein
moglichst geschlossener Mensch zu sein, moglichst hohe und gute
Gedanken zu haben - wie ein gesunder Leib der Mutter gesund auf
den Korper des Kindes wirkt.
Mit dem siebenten Jahre beginnt die Zeit, wo Sie den Atherleib
dutch vorsatzliche MaBnahmen erziehen konnen. Dabei kommen zwei
Dinge in Betracht: Gewohnheiten und Gedachtnis, die mit der Ent-
wickelung des Atherleibes zusammenhangen. Je nachdem der Mensch
diese oder jene Gewohnheiten hat oder das eine oder andere in sein
Gedachtnis aufnimmt, bildet er seinen Atherleib. Daher soil man ver-
suchen, dem heranwachsenden Menschen eine feste Lebensgrundlage
zu geben, die in guten Gewohnheiten wurzelt. Wer jeden Tag etwas
anderes tut, nicht eine sichere Basis fur seine Handlungen hat, der
wird ein charakterloser Mensch werden. Einen Grundstock von
Gewohnheiten herauszubilden, ist daher der Zeit vom siebenten bis
vierzehnten Jahre vorbehalten. Auch auf das Gedachtnis muB in die-
ser Zeit eingewirkt werden. Es ist also erforderlich, daB das Kind
gediegene Gewohnheiten und einen Schatz von gedachtnismaBigem
Wissen erhalt. Tatsachlich ist es nur ein Fehler der materialistischen
Zeit, zu glauben, daB das Kind moglichst fruh zu eigenem Urteil
angehalten werden miisse. Man sollte im Gegenteil alles tun, urn das
Kind davor zu schiitzen. In dieser Zeit soli sich das Kind die Dinge
noch auf Autoritat hin aneignen. Die Menschen, die um ein Kind
herum sind, sollen in dessen zweitem Jahrsiebent nicht lediglich durch
Beispiel, sondern direkt durch die Unterweisung auf das Kind ein-
wirken. Nicht immer mit dem «warum» und « weil», sondern dadurch,
daB alles auf Autoritat gebaut ist, werden starke Gedachtnisschatze
ausgebildet. Daher muB das Kind von Menschen umgeben sein, auf
die es bauen kann, zu denen es Vertrauen hat und die in dem Kinde
den guten Glauben an die eigene Autoritat wachrufen. Erst nach
diesem Lebensabschnitt soil das Kind zur Urteilskraft und zur selb-
standigen Erkenntnis gefuhrt werden. Durch das vorzeitige Frei-
machen von der Autoritat nehmen Sie dem Atherleib die Moglich-
keit zu grundlicher Ausbildung. Daher ist es am besten, wenn man
dem Kind im zweiten Jahrsiebent nicht Beweise und Urteile, sondern
Beispiele und Gleichnisse vermittelt. Urteile wirken nur auf den
Astralleib, und dieser ist dafiir noch nicht frei. Man sollte dem
Kinde moglichst viel von groBen Personlichkeiten erzahlen. Die An-
schauung solcher historischer Personlichkeiten soil auf das Kind ein-
fach so wirken, daB es diesen Gestalten nacheifert. Auch die Frage
nach dem Tode und der Geburt ist viel besser durch das Beispiel zu
beantworten. Wer die Natur heranzuziehen vermag, wird sehen, was
er gerade damit bewirken kann. Man fiihrt dem Kind etwa die Raupe
vor Augen und zeigt ihm, wie sie sich zur Puppe einspinnt und wie
sich aus dieser Puppe schlieBHch der Scbmetterling entfaltet - das ist
ein wunderschones Beispiel fur die Entstehung des Kindes aus der
Mutter heraus. So kann viel erreicht werden, wenn der Natur selbst
Vergleiche entlehnt werden.
Ebenso wichtig ist es, dem Kinde nicht sittliche Grundsatze, son-
dern sittliche Gleichnisse einzuscharfen. Deutlich zeigen das einige
Ausspriiche des Pythagoras. Statt zu deklamieren : Du sollst, wenn du
irgend etwas unternehmen willst, dich nicht mit Dingen befassen,
deren Erfolglosigkeit du von vornherein absehen kannstl - sagte
Pythagoras kurz und biindig: Schlage nicht mit dem Schwert ins
Feuer! - Das ist ein besonders gutes Beispiel dafur. Und fur die
Unterweisung : Du sollst dich nicht in das hineinmischen, wofiir du
noch nicht reif bist! - wandte er den Satz an: Enthalte dich der
Bohnen ! - Das hatte neben der rein physischen auch eine moralische
Anwendung. Wenn man im alten Griechenland iiber irgend etwas
entscheiden wollte, verteilte man schwarze und weiBe Bohnen und
zahlte dann ab, wieviel Bohnen von der einen und der anderen Farbe
abgegeben wurden. Auf diese Weise wurden auch Wahlen vorgenom-
men. In diesem Sinne sagte Pythagoras statt: Ihr seid noch nicht reif,
euch in ofifentliche Angelegenheiten zu mischen ! - einfach : Enthaltet
euch der Bohnen!
An die bildende Kraft der Phantasie wird auf diese Weise appelliert,
und nicht an die Kraft des Verstandes. Je mehr Sie sich des Bildlichen
bedienen, desto mehr wirken Sie auf das Kind. Nichts Schoneres
konnte daher die Mutter Goethes tun, als ihrem Sohne schone mora-
lische Erzahlungen zu erzahlen. Niemals hielt sie ihm Moralpredig-
ten. Manchmal wurde sie mit ihrer Erzahlung nicht fertig; dann
dichtete er sich selbst das Ende dazu.
Besonders nachteilig ist es fur den werdenden Menschen, wenn er
vor dem vierzehnten Jahre dazu gedrangt wird zu kritisieren, auf
das eigene Urteil zu bauen, wenn er die wohltatige Macht der um
ihn herum weilenden Autoritaten verliert. Es ist sehr schlimm fur
ihn, wenn keine Personlichkeiten da sind, zu denen er aufblicken
kann. Der Atherleib verkiimmert, wird schwach und siech, wenn er
sich nicht an groBen Beispielen heraufranken kann. Und dann wirkt
es ganz besonders schlimm, wenn er sich vor der Zeit ein eigenes
Glaubensbekenntnis aneignet und iiber die Welt urteilen will. Dazu
ist er erst reif, wenn sich sein Astralkorper frei entfaltet. Je mehr
man ihn davor behiiten kann, vorzeitig zu urteilen und zu kritisieren,
des to besser ist es fur ihn. Der Erzieher handelt daher klug, wenn
er versucht, vor dem Freiwerden des Astralleibes die Wirklichkeit an
den Geschehnissen selbst begreif lich zu machen, und den jungen Men-
schen nicht zu einem festgelegten Bekenntnis auffordert, wie dies
durch die materialistische Bildung immer mehr geschieht. Das Chaos
unter den Glaubensbekenntnis sen wurde schnell verschwinden, wenn
dies innegehalten wiirde. Die Urteilskraft, der Verstand sollen mog-
lichst spat herangezogen werden, erst dann, wenn der Sinn fur das
Individuelle erwacht, mit dem Herauskommen des Astralleibes. Vor-
her soli sich der Mensch nicht fur das Individuelle entscheiden; da
soil es eine Gegebenheit sein, an wen er glaubt. Aber in den Jahren,
die jetzt kommen, findet das Individuelle seinen starksten Ausdruck
in der Beziehung der beiden Geschlechter zueinander, wenn das eine
Individuum zu dem anderen sich hingezogen fiihlt.
So sehen Sie: wenn man die drei Leiber des Menschen richtig stu-
diert, bekommt man in der Tat die allerpraktischste Grundlage fur
eine richtige Erziehung und Entwickelung des Menschen. Die
Geisteswissenschaft ist also nichts Unpraktisches, nichts in den Wol-
ken Schwebendes, sondern etwas, das uns die beste Anleitung gibt,
ins Leben einzugreifen.
Das ist es gerade, was die heutige geisteswissenschaftliche Vertie-
fung so notwendig macht, weil die Menschen sonst in eine Sackgasse
geraten wiirden. Man tadelt heute die friiheren Zeiten, weil die Kinder
nicht friihzeitig aufgerufen wurden, um iiber Gott und die Welt zu
entscheiden. Das war aber nur ein ganz gesunder Instinkt. Heute muB
man das wieder mehr und mehr bewuBt erreichen. Das instinktive
Erkennen von friiher ist verschwunden, damit aber auch eine gewisse
Sicherheit fur einzelne Dinge des Lebens. Nun darf das Menschen-
geschlecht jedoch nicht plotzlich zugrunde gerichtet werden [ ?]. Wenn
man auf dem Erziehungsgebiet, in der Medizin, Rechtswissenschaft
und so welter radikal den Grundsatzen des Materialismus gefolgt
ware, dann wiirde unsere menschliche Ordnung wohl schon langst in
die Bruche gegangen sein. Man konnte aber nicht alles zerstoren: ein
Teil von friiher ist geblieben [ ?]. Weil der Materialismus die Menschen
notwendig in eine Sackgasse hineinfuhren wiirde, darum ist die
geisteswissenschaftliche Bewegung notwendig.
Lehrer, die wirklich noch eine Empfindung fur die Kindesseele
haben, ersticken einfach unter dem Schulschematismus und den Vor-
schriften, die eine Karikatur dessen sind, was in Wirklichkeit da sein
sollte, und die herausgeboren sind aus dem Aberglauben, daB man es
nur mit dem physischen Leibe zu tun hatte. Davor schiitzt auch nicht
religiose Glaubigkeit. Es kommt vielmehr darauf an, daB die Men-
schen fur das Spirituelle einen Sinn bekommen, fur das, was iiber das
Sinnenleben wirklich hinausgeht. Deshalb werden auch nicht die
Leute das Richtige finden konnen, die sich in bezug auf die Erzie-
hungsgrundsatze an auBere Formeln halten. Sie klammern sich an
das traditionelle kirchliche Dogma, wollen aber nichts von der Ent-
wickelung des Geistes wissen. Damit haben wir es vor allem zu tun.
Was heute not tut, das muB aus spirituellen Welten kommen. Denn
was der Materialismus gezeitigt hat, ist nur geeignet, die Menschen
am physischen Leibe und den hoheren Leibern krank zu machen.
Eine schwere Krisis ware unausbleiblich, wenn nicht eine geistige
Vertiefung der Menschheit Platz greifen wiirde. Es gibt manches, das
wie mit Fingern auf die wichtigen Entscheidungen, die sich heute
innerhalb unserer Menschheit vollziehen, hindeutet. Man muB die
Dinge innerlich betrachten, auBere Formen machen es nicht aus. Die
Sehnsucht und das Hinneigen nach dem Geiste laBt sich bei den Men-
schen nicht toten. Einem Teil der Menschen, die eine solche Sehnsucht
haben, kam der Spiritismus entgegen. Da will man den Geist auf eine
materielle Art beweisen. Bemerkenswert ist nun, wie sich die katho-
lische Kirche dazu verhalt, die es doch eigentlich nur mit Spirituellem
zu tun haben sollte : eine jede auBere Handlung ist trier die Abspiege-
lung von etwas Spirituellem. Aber es ist merkwurdig, was sich gerade
jetzt zugetragen hat: daB namlich in kirchlichen Kreisen jemand nach
einem auBeren Beweis fur das Geistige sucht. Jetzt ist ein Buch von
JLapponi, dem Leibarzt des Papstes erschienen, der darin geradezu fur
den Spiritismus eintritt. Das ist deshalb so sonderbar, weil die Men-
schen, an die sich diese Publikation wendet, offensichtlich gar nicht
mehr spirituell gesinnt sind; sie brauchen einen handgreif lichen Be-
weis fur das Vorhandensein einer geistigen Welt. Es ist schon des
Nachdenkens wert, wenn der Leibarzt des Papstes fur den Spiritismus
eintritt. Da ist die Sehnsucht nach der geistigen Welt vorhanden, aber
kein Verstandnis fur die eigene Lehre von der geistigen Welt.
So schleicht sich der Materialismus in die Religionen hinein, die im
Grunde ganz und gar nicht materialistisch sein sollten. Daher konnen
Sie sehen, wie bedeutsam eine Bewegung ist, die an die wirkliche Er-
kenntnis des Geistes im Menschen appelliert, die dem Leben indessen
nicht asketisch und fremd gegeniibersteht, sondern jeden Augenblick
die praktische Bedeutung dieses Geistigen erst recht begreif lich macht.
Aber nun sollen wir auch nicht fragen : Wie kann ich in mir schnell
alle moglichen okkulten Krafte ausbilden? - oder: Wie kann ich mich
einspinnen, um nur mit der Wirklichkeit nicht in Beruhrung zu kom-
men? - Wer so fragt, ist ein Egoist und nichts anderes als ein geistiger
Feinschmecker. Wenn man alles nur genieBen will, was einem geistig
gefallt, so verhalt man sich nur etwas raffinierter als ein anderer, der
mit dem Feinschmecken beim Fruhstuck anfangt. Wem der leibliche
Geschmack verdorben ist, der kommt manchmal zu den raffiniertesten
geistigen Gerichten. Der ist im richtigen Sinne Theosoph, der sich
bermiht, das Leben zu begreifen und dem Leben zu dienen, und die
Eltern sind theosophisch gesinnt, die ihre Aufgabe darin sehen, das
Kind bei jedem Schritt, den es tut, in seiner Entwickelung zu for-
dern. Sagen Sie nicht: Wie konnen wir das in unserer Zeit? - Da muB
man wiederum wissen: Es kommt darauf an, bewuBt festzuhalten,
daB die Seele das Ewige ist. Der Mensch ist bereit, an ein ewiges
Leben zu glauben, in das er nach seinem Tode moglichst sofort ein-
gehen mochte. Wer aber wirklich davon iiberzeugt ist, daB die Seele
ein Ewiges ist, fur den bedeutet die Zeit vom zweiten bis achtzigsten
Jahre nur einen Unterschied von achtundsiebzig Jahren, und was ist
das gegen die Ewigkeit? Dann glaubt man an die Ewigkeit des Da-
seins, und das muB man auch fuhlen und Geduld haben. Wir miissen
uns angewohnen, im Dienst der ganzen Menschheit zu wirken. Es
kommt daher gar nicht darauf an, ob wir das, was wir uns aneignen,
wirklich gleich anwenden konnen; sondern vor allem miissen wir im-
mer danach streben, es anzuwenden, und irgendein kleines Feld dafur
findet schlieBlich jeder. Wenn aber jeder nur herumkritisiert, so wird
niemals etwas zustande kommen. Besser ist es, ein ganz klein wenig
zu tun und uns nicht zu beklagen, daB wir das Gelernte nicht an-
wenden konnen, anstatt uberhaupt nichts zu tun. Das ist das, was wir
uns als praktisches Gesetz in die Seele schreiben sollten. Unser Leben
wird ganz von selbst anders, wenn wir uns so in die Geisteswissen-
schaft hineinarbeiten, und ohne daB der Mensch etwas merkt, gestaltet
er die Welt um, wenn er Theosoph wird. Die Hauptsache und das
Klugste, was wir tun konnen, ist, die Geisteswissenschaft erst einmal
in ihrem Wesenskern erfassen und dann moglichst intensiv danach
zu leben. Dann fuhren wir sie ins Leben ein; das andere wird sich
schon von selbst gestalten. Eine Mutter, ein Lehrer, die Theosophen
sind, werden ganz von selbst anders handeln, als ein Mensch, der
davon keine Ahnung hat. Wer da weiB, was fur ein Gebilde der
Mensch ist, der wird auch ganz instinktiv das verschiedenartige
Werden beim sich entwickelnden Menschen beobachten. Vor allem
wurde durch echte theosophische Vertiefung eine solche Heuchelei
aufhoren, daB die GroBen erst alles mogliche Allotria treiben und
dann mit todernsten Grundsatzen in die Kinderstube treten. Das
kommt eben daher, daB die Menschen keinen Glauben an den Geist
haben.
So haben wir wieder einen Einblick gewonnen, daB Geisteswissen-
schaft etwas ist, was der Lebenspraxis angehort, und daB es eines der
unsinnigsten Vorurteile ist, wenn Gegner sagen, sie bringe vom Le-
ben ab. In Wahrheit fuhrt sie ins Leben hinein. Heute fuhlt sich noch
jeder, der ein braver SpieBbiirger ist, erhaben, wenn er iiber die Theo-
sophie reden kann, aber es wird eine Zeit kommen, in der man
anders urteilen wird. Man wird einmal einsehen, wo die wahre Lebens-
freudigkeit liegt. Die Zukunft wird kommen, wo man sagen wird:
Das waren die groBen Reaktionare, die es mit einer unmoglich in die
Zukunft hineinfiihrenden Zeitstromung hielten, die nichts wissen
wollten von der groBen Praxis des Lebens, welche den Menschen
neue Erkenntnisse des Geistes ankiindigt, wie sie uns durch die theo-
sophische Weltanschauung gegeben werden, Erkenntnisse, die sich in
uns befestigen und immer praktischer werden sollen durch die an-
gefachte und in uns lebendig wirkende theosophische Gesinnung.
DIE GEISTIGE ERKENNTNIS
ALS HOCHSTES BEFREIUNGSWESEN
Erster Vortrag, Berlin, 1. Oktober 1906
Der Anteil des Menschen an den hoheren Welten
Ich freue mich, Sie nach so langer Zeit wieder begriiBen zu konnen,
sowohl die Mitglieder des Zweiges als auch die anderen, die sich im
Laufe des verflossenen Jahres nach und nach hier zusammengefunden
haben. Wir wollen hoffen, daB die diesjahrige Winterzeit unsere Arbeit
und unsere geistige Bewegung wiederum ein Stuck vorwartsbringen
wird und daB wir imstande sein werden, unser Einleben in die geistige
Welt wieder etwas zu vertiefen.
Lange haben wir uns nicht gesehen, aber auch diese Zeit gehort in
gewisser Weise zugleich alien denen mit, mit denen wir nicht auBer-
lich zusammengewesen sind. Denn die Mitglieder des hiesigen Zwei-
ges haben im eminentesten Sinne ein tiefes Interesse daran, daB diese
geistige Bewegung nicht nur in die eigenen Herzen einziehe, sondern
sich auch in der Welt verbreite. Was ware alles theosophische Stre-
ben anderes als ein verfeinerter Egoismus, wenn wir es nicht ebenso
gerne sehen wiirden, daB andere drauBen in der Welt von dieser
Bewegung horen und an ihr Anteil nehmen, als es uns lieb ist, selbst
an ihr teilzunehmen.
Der Vortragende durfte in der letzten Zeit in einem groBeren
Umkreis und zu den verschiedensten Menschen sprechen, und es
kann uns befriedigen, wenn Angehorige aller Gesellschaftskreise und
Klassen die Sehnsucht nach dem geistigen Leben verspiiren, wie sie
im Bestehen der theosophischen Bewegung zum Ausdruck kommt.
Einen kurzen Ruckblick konnen wir vielleicht am Ausgangspunkt
unserer Winterbetrachtungen diesem Umkreise widmen. Die Reise,
die mir gestattet war, zur Verbreitung der theosophischen Bewe-
gung zu unternehmen, fiihrte iiber Leipzig, Stuttgart, Baden-Baden,
ElsaB, Schweiz, Bayern. Vortrage konnten von mir gehalten werden
in Leipzig, Stuttgart, Baden-Baden, Kolmar, StraBburg, Freiburg
im Breisgau, Heidelberg, Basel, Bern, St. Gallen, Regensburg, Nurn-
berg, Weimar. Unter diesen Vortragen waren auch langere Zyklen.
Der Leipziger Zyklus umfaBte vierzehn Vortrage. Der Stuttgarter
Zyklus dauerte mehr als vierzehn Tage, wobei sich die dort anwesen-
den Interessenten fur die theosophische Bewegung taglich zu ver-
sammeln hatten. Gerade solche Zyklen in den anderen Stadten haben
sich vielleicht als das Wirksamste erwiesen, urn der theosophischen
Geistesbewegung einen tieferen Eingang in unsere Zeit zu verschaf-
fen. Wenn man in diese oder jene Stadt kommt und einen oder zwei
Vortrage zur Anregung halten darf, ist es nicht so leicht, die theo-
sophische Bewegung in geniigend intensiver Weise auszubreiten. Wer
aber vierzehn Tage hindurch in dieses Geistesleben eingefuhrt wird,
bekommt eine Ahnung davon, daB ihm da eine neue Welt aufgeht.
Wenn man einzelne Vortrage halt, dann sieht man deutlich, daB das
Interesse an dem Geistesleben und eine tiefe Sehnsucht fortlebt
und das Bedurfnis dafur vorhanden ist. Aber es sind unendlich viele
Hindernisse, die dem Menschen entgegenstehen und ihn davon ab-
halten, der Geisteswissenschaft naherzutreten und mit ihr zu leben.
In das, was wir Theosophie zu nennen gewohnt worden sind, muB
man sich schon tiefer einlassen. Dann erst geht dem Herzen etwas
auf, was eine Ahnung, ein Gefiihl, eine Empfindung dafiir erweckt,
daB man es hier mit einer wirklichen, realen hoheren Welt zu tun
hat. Anfangs wird doch eigentlich alles das, was hier dem Menschen
entgegentritt, nicht nur als etwas Unbegreifliches, sondern als etwas
Phantastisches genommen, und die Leute ringen sich schwer durch
von dem verbreiteten Standpunkt, das, was in der Theosophie vor-
getragen wird, als Traumerisches und Phantastisches anzusehen, bis
zu der Einsicht, daB man es in unserer geistigen Bewegung mit
etwas zu tun hat, was im tiefsten Sinne der wahren Welt zugrunde
liegt. Viele glauben, daB die Leute, die von solchen Dingen reden,
dem praktischen Leben feme stehen. Nach und nach lebt man sich
aber in den Standpunkt ein, der zu gewinnen ist, und man lernt dann
auch, daB man es mit der wahren Lebenspraxis zu tun hat, die nicht
im Wolkenkuckucksheim, sondern in den tieferen Schichten lebt,
und die Kraft, Erkenntnis und Wahrheit vermittelt. Wir werden da-
durch befahigt, die groBen Aufgaben, die dem Menschen in der Welt
obliegen, wahrhaft zu losen. Das sind Vorurteile, wenn die Theoso-
phie als etwas genommen wird, was lebensfeindlich, lebensvernei-
nend sein soil. Man kann horen: Die Theosophie ist ja etwas, was die
Welt in einem recht schonen Licht darstellt, was hohe Ideale ver-
mittelt, was aber doch vom Leben abfiihrt, was dem wahren Lebens-
genuB und der wahren Lebensfreude entfremdet. - Es wurde sogar
schon behauptet : Schon ist es, was die Theosophen reden, aber es ist
nicht bekommlich.
Diese Art von Vorurteilen wird sich vielleicht am langsamsten
abschleifen. Es wird leicht Menschen geben, die verstehen, was die
theosophische Literatur und die theosophischen Vortrage an Lehren
vermitteln. Schwerer windet man sich heraus aus anerzogenen Emp-
findungen und eingelebten Gefiihlen, als aus angelernten Vorurtei-
len. Empfindungen und Gefuhle sind viel schwieriger zu uberwinden
als Gedanken, die man abstreifen soli. Man kann sogar die Erfah-
rung machen, daB jemand sagt: GewiB, wir wollen uns der Theo-
sophie widmen, aber wir wollen auch denen, die etwas vom Leben
haben wollen, das Leben nicht vergallen. Man musse zum Beispiel
bedenken, daB die Jugend sich auch am Leben freuen soli. Da kommt
es freilich darauf an, an was man sich freut, es kommt darauf an,
die Frage etwas tiefer zu stellen; daB es sich namlich darum handeln
konnte, schonere und edlere Gegenstande der Freude zu suchen und
sie zu einem edleren Leben heranzubilden. Dann werden wir dem
Leben einen neuen Inhalt geben und nicht notig haben, der Jugend
die Lebensfreude zu vergallen, wenn wir ihr eine neue Art von
Freude, eine neue Art von GenuB verschaffen. Die Menschen konnen
sich oft nicht vorstellen, daB jemand die Geniisse fade finden konnte,
welche die Leute heute kurzweilig finden: in die Kinematographen
zu gehen und mit Unterhaltungen, die nichts zu tun haben mit dem
wahren Leben, die Zeit zu verbringen. Vielleicht konnte es noch
Zeiten geben, in denen man von den trivialen Volksbelustigungen
von heute wie von einem Wolkenkuckucksheim sprechen wird.
Es diirfte selten sein, daB jemand einen anderen wegen dessen
Unfahigkeit, zu genieBen, beneidet, aber auch das kommt vor. In einer
Stadt haben wir einen kleinen theosophischen Kreis. Einer unserer
Theosophen, der sich fur die Geisteswissenschaft stark interessiert und
sich auch auf eine gewisse theosophische Lebensweise eingelassen
hat, lebt in einer standigen Gemeinschaft mit einem anderen, der
sich ebenfalls von der Geisteswissenschaft angesprochen fuhlt, aber
noch nicht von dem GenuB von Spanferkeln loskommen kann, der
also die Spanferkel gar zu gern iBt. Wenn er dann vor einem Span-
ferkel sitzt, bekommt er Gewissensbisse dariiber, daB er immer noch
an diesem GenuB hangt. Dann meint er, der andere habe es gut, der
habe keinen Geschmack mehr an Spanferkeln. Bei diesem anderen
haben sich die Bediirfnisse eben gewandelt. So konnte es einmal so-
weit kommen, daB man die, welche nicht mehr das alltagliche Ver-
gniigen suchen, als die eigentlichen Vorbilder betrachten wird und
bei ihnen das Gute sucht.
Viel tiefer liegen die Vorurteile, die dem Menschheitsfortschritt von
der Seite entgegenstehen, die auf Klugheit, Gescheitheit, Gelehrtheit
fufit. Sie konnen in einer Zeitschrift einen Artikel flnden, in welchem
von Volksepidemien gesprochen wird. Ein bekannter Forscher, der
sich mit Psychiatrie beschaftigt und mit Fragen, die zwischen Seelen-
kunde und Psychiatrie liegen, laBt sich iiber Volksepidemien aus und
schildert eine Erscheinung, die zweihundert Jahre, bis gegen Ende
des Mittelalters dauerte, wo tatsachlich in weiten Kreisen wie ein
Kultus iibertriebene Askese getrieben wurde, wo die Leute sich zu
Boden warfen, sich geiBelten, sich qualten, wo sich ihre iibertriebene
Phantasie in merkwiirdigen Exzessen erging. Man kann das als Krank-
heit ansehen. Der Psychiater bezeichnet es als Hysterie, die epidemisch
aufgetreten ist. Er sagt dann, solche Hysteriker sind oft zuganglich
fur Suggestionen, die nicht mehr durch unser Denken kontrolliert
werden konnen. Wenn ein Mensch einen anderen sieht, der sich den
Arm verletzt hat, wird er Mitleid haben und helfend zugreifen.
Was im normalen Menschen vorgeht, braucht man nicht besonders
zu schildern. Aber es gibt auch Personen, die selbst den Schmerz im
Arme fuhlen, abnorm fuhlen, wenn der andere sich verletzt. Das ist
eine suggestive Wirkung, die sich sehr summieren kann, die den Men-
schen ganz und gar zu einer Kontrollosigkeit bringen kann, so daB
er ein ungeordnetes Seelenleben fiihrt, das alien Eindriicken von
auBen her hingegeben ist. Wenn ein materialistischer Seelenkundiger
nun von einer solchen Erscheinung spricht, die ganze Volkskreise
erfaBt, dann zeigt er die offentliche Suggestion auf, die von einzelnen
Kreisen - damals von den Klostern - ausgeht und sich weit verbrei-
tet. Es entsteht eine Art von Zeitkrankheit. Die Leute sind nicht
geneigt zu fragen, wenn ihnen etwas derartiges entgegentritt :
Wie habe ich das aufzunehmen? - Sie stehen ganz unter dem Eindruck
der Suggestion. Ein solcher Seelenkundiger redet ganz ernsthaft dar-
iiber, aber eines merkt er nicht: daB ein freier Mensch, der sich in
sein Selbst vertiefen kann, eine andere Art von epidemischer Volks-
krankheit einsieht und scharf abgrenzen kann. Sie hat heute zahlreiche,
auch gebildete und gelehrte Kreise ergriffen und auBert sich darin,
daB unter gewissen positiven und negativen Suggestionen gelebt
wird. Kommen Sie einem solchen Menschen mit geisteswissenschaft-
Hchen Wahrheiten, dann wirken diese wie eine negative Suggestion
auf ihn. Er kann sie nicht verstehen, sie sind etwas, was er nicht ver-
tragen kann. Als positive Suggestion wirken zahlreiche materiali-
stische Vorurteile, die heute verbreitet sind. Was Sie in der medizini-
schen, theologischen und juristischen Fakultat finden, was ist es?
Suggestionen, die auf bestimmte Kreise wirken, die sich bis zu dem
Punkte steigern, daB man sie mit demselben Recht, wie jene Volks-
krankheit, als eine Art von Krankheit bezeichnen kann.
Ein bedeutender Biologe hat in einer sehr verbreiteten Zeitschrift
etwas ganz Merkwurdiges geschrieben. Es ist merkwiirdig - vielleicht
nicht so sehr fur den, der nur einzelnes liest. Fur den aber, der das
Ganze verfolgt, ist es etwas, was ihm bei funfundneunzig Prozent der
gesamten gelehrten Welt entgegentritt, und er findet, daB in Zukunft
ebenso von einer Art Gelehrten-Irreseins, Gelehrten-Schwachsinns
gesprochen werden kann wie uber die Hysteric Da wird in jenem Auf-
satz gesagt: Wenn eine Billardkugel rollt, auf eine andere stoBt und
diese weiterstoBt, so kann ich mir nicht vorstellen, daB da gar nichts
von der ersten in die zweite ubergeht. Dieser Gelehrte nennt das
eigentiimliche Gespenst, das von der ersten Billardkugel heraussteigt,
um in die zweite hineinzukriechen und die zweite unter dem EinnuB
der ersten in Bewegung zu setzen, die « Materia movens». Der Be-
treffende glaubt ungeheuer klug zu sein, steht aber nur unter der
materialistischen Suggestion, die auf inn genau so wirkt, wie die
Volkshysterie im 16. Jahrhundert auf die groBe Masse gewirkt hat.
Bedenken Sie nun, wie um den Menschen herum solche Suggestio-
nen leben konnen, denen er unterworfen ist. Unendlich ist die Zahl
solcher Suggestionen. Wenn sie in groBer Anzahl auftreten - und
man kann eine groBe Anzahl auffuhren -, dann lassen sie sich zu einem
Bilde zusammenfugen, das genau so ein Krankheitsbild der heutigen
Gelehrsamkeit darstellen wiirde, wie man in ausgedehntem MaBe
von Dementia praecox spricht.
Da haben Sie das MaB von Unfreiheit, in dem derjenige lebt, der
unter dem Eindruck der Suggestion steht. Ein klein wenig hat sich
gegeniiber dem Mittelalter geandert. Inwiefern, kann nur der Theo-
soph verstehen. Im Mittelalter redete man, wenn etwas anderes aus
dem Menschen sprach als das, was er selbst war, von Besessenheit.
Heute lacht man iiber die Besessenheit und betrachtet sie als eine Art
Erkrankung. Diese Form der Besessenheit, wie sie im Mittelalter auf-
trat, ist in der letzten Zeit etwas zuruckgetreten. Sie tritt nur noch
in einzelnen Kreisen auf. Dafur aber ist eine andere Form von Beses-
senheit, von wirklicher, echter Besessenheit, viel verbreitet. Die mit-
telalterliche Besessenheit ist eine astrale Besessenheit, die heutige ist
eine mentale Besessenheit. Im Mittelalter waren die Menschen beses-
sen von Wesenheiten, die sich, wenn man sie in der Geistesfor-
schung untersucht, auf dem astralen Plan befanden. Die Wesenheiten
aber, welche heute in den Gelehrten stecken und von denen sie be-
sessen sind, sind auf dem mentalen Plane, auf dem Devachanplan. Sie
auBern sich in der Welt, die man als die allein wirkliche betrachtet,
nur als Gedanken, und man spricht ihnen daher auch nur ein Gedan-
kendasein zu. Genau ebenso wie die Welt der Gefuhle, der Empfin-
dungen, Leidenschaften, Triebe und Begierden des Menschen nicht
bloBer AusfluB eines korperlichen Daseins ist, sondern etwas Selb-
standiges, Wahres, Wirkliches fur sich, so ist auch die Gedankenwelt
eine Wirklichkeit fur sich. Nur so, wie der Mensch seine Gedanken
hat, sind sie keine Wirklichkeit. Diese menschlichen Gedanken sind
nur die Schattenbilder der wirklichen Gedanken, wie die menschlichen
Leidenschaften und Gefuhle nur die Schattenbilder von etwas ganz
anderem sind. Oft haben wir es hier besprochen, wie die Dinge
zusammenhangen. Wir wissen, daB das, was wir an dem Menschen
mit den physischen Sinnen beobachten konnen, eben der physische
Leib, nur ein Glied der menschlichen Wesenheit ist. "Wir wissen, daB
Muskeln und Nerven, Knochen und Blut nur ein Teil dieser mensch-
lichen Wesenheit sind. Was wir so die Bestandteile, die Elemente des
physischen Leibes nennen, gehort der physischen Welt an. Ebenso
gehoren aber einer anderen Welt, namlich der astralen Welt, die
menschlichen Gefuhle und Gedanken an.
Hier macht nun die zeitgenossische Logik mit ihren Vorurteilen
ganz merkwurdige Spriinge. Die Zeitgenossen kommen gar nicht
darauf, daB ihr eigenes Denken, ihre eigene Logik ihnen eigentlich
sagen miiBten, wie unmoglich die Konsequenzen sind, die sie fort-
wahrend Ziehen, und daB sie offentliche Suggestionen in ihre Ge-
dankengange hineinbringen. Es ist ungeheuer leicht und es geniigen
ganz triviale Gedanken, so daB eine Zuhorerschaft einem fiinf Minu-
ten lang recht geben muB, indem man ihr einen «zwingenden
Gedankengang» vorlegt. DaB aber ein Schutt von altem Leben und
alten Empfindungen sich dariiber lagert, wird nicht gemerkt. So ist es
beim «zwingenden Gedankengang».
Ein Blindgeborener, der unter uns ist, hatte von seinem Standpunkt
aus recht, uns als Phantasten anzusehen, wenn wir ihm von Licht und
Farbe reden. Das ist nie eine Wahrheit fur ihn gewesen. Er wird ein-
wenden: Die Dinge lassen sich nur tasten. Er braucht nicht zu glau-
ben, was wir ihm sagen. Dennoch hat er Unrecht. Aber nicht darum
handelt es sich, daB er unrecht hat, sondern daB ihm das Organ fiir
die Wahrnehmung von Licht und Farbe fehlt. In dem Augenblick,
wo er das Organ bekommt, ist eine neue Welt um ihn herum da.
Niemals wird eine wahre Theosophie eine andere Welt annehmen,
sie wird sie nur in einer anderen Weise auffassen. Was die Theosophen
hohere Welten nennen, ist hier um uns, genauso wie die Welt der Far-
ben fiir den Blinden. Der Blindgeborene, der operierbar ist, kann den
Gebrauch der physischen Augen erhalten. Nichts anderes behauptet
die Theosophie, wenn sie sagt, daB es moglich ist, die inneren Augen
auszubilden. So wie das kunstvolle Auge gewoben werden konnte,
so ist es auch moglich, aus dem, was in den Menschen an Leiden-
schaften, Instinkten und Gefuhlen lebt, Organe zu weben, Wahr-
nehmungsorgane, durch die neue Welten um den Menschen wirklich
aufgehen. So ist es moglich, den Menschen dazu zu erziehen und zu
entwickeln, daB er selbst in diese anderen Welten hineinzuschauen
vermag, wie sonst in die physische Welt. In diesem Sinne redet die
Theosophie von einer astralen Welt, die innerhalb der auBeren Welt
so wirklich ist wie die Farbenwelt innerhalb der Welt des Tast-
sinnes.
Gegen solche Welten sollte niemand etwas einwenden, der nichts
von ihnen weiB. Grundsatzlich muBte es fur jeden Menschen fest-
stehen, daB er nur uber das etwas behaupten darf, woriiber er etwas
weiB, und daB er niemals uber das etwas sagen sollte, woriiber er
nichts weiB. Daher sind alle Urteile, welche der Geisteswissenschaft
entgegengebracht werden, die von der Voraussetzung ausgehen:
Das sind Welten, von denen man nichts wissen kann -, ein heilloses
logisches Unding. Es darf nie das Urteil gefallt werden: Es gibt ekie
Welt fur mich nicht, weil ich nichts von ihr weiB ! - Das zur Charakte-
ristik dessen, was uns an Vorurteilen entgegengebracht wird. Das
sind die wissenschaftlichen Suggestionen der Gegenwart. Und wie
viele Leute stehen unter diesen wissenschaftlichen Suggestionen! Wie
schwer hat man es heute, gegen diese Suggestionen anzukampfen!
Ein geisteswissenschaftlicher Vortrag wird einmal gehort und dann
werden den Leuten wieder Hunderte und Tausende von Dingen vor
das Auge gebracht, die ihnen als hochst bedeutsame Tatsachen hin-
gestellt werden, aber immer verwoben mit dem, was nicht der mate-
rialistischen Wissenschaft, sondern der materialistischen Deutung der
Wissenschaft entspringt.
Wie schwer es ist, mit der Vernunft gegen diese Suggestionen zu
kampfen, kann nur der wissen, der tiefer in das Geistesleben hinein-
schaut. So ist gerade das populare wissenschaftlicheTreiben etwas, was
sich auBerst abtraglich auswirkt, weil es mit einer autoritativen Un-
fehlbarkeit auftritt, die erst kunftige Zeiten in dem richtigen Lichte
werden beurteilen konnen. Der heutige Mensch hat noch keine Ah-
nung davon, in welchem Grade er den Suggestionen unterliegt, die
von den Autoritaten ausgehen. Betrachten Sie das, was ich sage, nur
als Charakteristik, und bedenken Sie, wie paradox es doch ist, wenn
Volker kampfen, um eine Autoritat abzuschiitteln, wahrend sie neuen
2um Opfer fallen. Wenn der Mensch friiher seinen Suggestionen
unterlag, wenn sein Ich an dasjenige hingegeben war, was in ihm
wirkte, so waren das wahre Wesen, welche der sieht, der in die hohe-
ren Welten hineinschauen kann. Die Gedanken der Menschen verhal-
ten sich zu gewissen Wesenheiten einer sogenannten devachanischen
Welt wie der Schatten zu einem wirklichen Gegenstand. Die Ge-
dankenbilder, die Sie haben, sind die Schattenbilder, die aus der
devachanischen oder mentalen Welt geworfen werden. Der Ge-
danke, der in Ihnen lebt, ist nichts als ein solches Schattenbild - ab-
geschlossen in sich. Den sieht der Seher, der seine hoheren Sinnes-
organe ausgebildet hat, im Zusammenhang mit einer Wesenheit. Se-
hen Sie an der Wand das Schattenbild, so werden Sie es nur ver-
stehen konnen, wenn Sie es auf seinen Gegenstand beziehen. So ist
es auch mit Ihren Gedanken. Ohne etwas anderes, auf das sie zuriick-
weisen, sind Ihre Gedanken Schatten. Sie beziehen sich auf Wesen-
heiten, die in einer hoheren Welt ebenso wirklich sind wie diese
Hand hier. Wie diese Hand hier einen Schatten an die Wand wirft,
so werfen die hoheren Wesenheiten ihre Schatten in diese Welt. Und
diese Schatten sind Ihre Gedanken. Der Mensch, wie er vor uns steht,
ist eigentlich der Schauplatz von Vorgangen, die sich auBerhalb des
Physischen abspielen. Als physisches Wesen ist er zunachst eine ab-
geschlossene Wesenheit. Als solche lebt er in einer abgeschlossenen
Welt. Um den Menschen als physisches Wesen zu verstehen, miis-
sen wir in der physischen Welt bleiben. Wollen Sie zum Beispiel das
Blut als physische Substanz untersuchen und verstehen, so miissen
Sie in der physischen Welt bleiben. Wollen Sie aber verstehen,
was Gefuhle, Empfindungen und Leidenschaften sind, so miissen Sie
entweder Redensarten machen oder diese Dinge auf Wesenheiten be-
ziehen, die hinter der physischen Welt sind, auf eine Welt, die sich zu
dieser verhalt wie die Farbenwelt zur Tastwelt. Und die Gedanken-
welt miissen Sie in ahnlicher Weise zu verstehen suchen.
So sehen Sie, wie der Mensch an den hoheren Welten Anteil hat,
wie der Astralleib in diese Welten hineinragt, und wie die Devachan-
welt wiedemm eine Art Schattenbild in diese Welt hineinwirft. Wenn
der Mensch von diesen hoheren Welten nichts weiB, so ist er ihnen
wie ein Sklave hingegeben, der gegemiber demjenigen, der an den
Ketten zieht, machtlos ist. Wie die physische Personlichkeit nur
dadurch frei wird, daB sie ihren Willen in sich selbst zu entfalten,
dem anderen frei gegeniiberzutreten vermag, so kann die astralische
Wesenheit des Menschen nur dadurch frei werden, daB sie ihren
Zusammenhang mit der ganzen astralischen Welt erkennt. Solange
der Mensch nur in den gewohnlichen Empfindungen lebt, zieht ihn
die astrale Wesenheit wie am Gangelbande : er ist immer von ihr be-
sessen. Frei wird er, wenn er sie erkennt. Wie wir die physische Welt
um uns herum erkennen, so miissen wir diesen Wesenheiten gegen-
iiberstehen, geistiges Auge gegen geistiges Auge, und wissen, mit
wem wir es zu tun haben. Ebenso ist es bei der menschlichen
Gedankenwelt. Dies fiihrt zur wirklichen Freiheit, zum Durchschauen
unserer Umgebung. Um im richtigen MaBe zu erkennen, miissen wir
auf das sehen, was hinter dem Physischen steht. Der Anfang muB
damit gemacht werden, daB Sie diese Dinge studieren, daB die Welt
diese Dinge studiert.
Mit einem gewissen Recht wird von vielen wieder eingewendet:
Was hilft es uns, wenn dieser oder jener uns von jenen Welten er-
zahlt, wenn wir nicht selbst hineinschauen konnen? - Das ist eben der
erste Schritt, um in die hoheren Welten selbst hineinzuschauen. War-
um ist es der erste Schritt? Weil sich die physische Welt dem Ein-
sichtigen dann als etwas anderes zeigt als das, was sie dem materiali-
stischen Geiste ist. Ein Vergleich kann es uns klarmachen, zu wel-
chem anderen Standpunkt gegemiber der physischen Welt der Theo-
soph kommen soil, ein Vergleich, der von der gewohnlichen Schrift
hergenommen werden soli. Diese Schrift kann einer ansehen, der nicht
lesen kann, und ein anderer, der lesen kann. Beide sehen dasselbe,
es ist kein Unterschied in dem, was sie sehen. Der, welcher nicht
lesen kann, wird sagen: Ich sehe Striche, die hinunter- und hinauf-
gehen, groBere und kleinere Striche. Die kann er dann beschreiben.
Der aber, der lesen kann, findet darin einen Sinn. Der beschreibt nicht
die Form der Buchstaben, sondern findet darin eine Bedeutung.
So ist es mit der ganzen Welt in der geisteswissenschaftlichen An-
schauung. Nehmen Sie dagegen die Wissenschaft von heute: sie be-
schreibt die Welt so, wie der, welcher nicht lesen gelernt hat, das
geschriebene Wort beschreibt. Fur den anderen werden alle Dinge in
der Welt zu Buchstaben, sie erhalten Bedeutung, er lernt lesen. Es ist
nicht falsch, wenn einer, der nicht lesen kann, die Form der Buch-
staben beschreibt. Viele erklaren: Ihr seid Phantasten, weil ihr in dem
Wort oder in der Welt noch eine besondere Bedeutung seht. - Das ist
selbstverstandlich nicht anzufechten, denn das ist die alltagliche An-
schauung der Dinge. Dariiber hinaus gibt es aber eine Anschauung,
in der jede Blume ein Buchstabe wird, jede Blumengattung als ein
Wort und die Welt als eine groBe Schrift betrachtet werden kann.
Die Welt enthalt etwas, was sich im Physischen gar nicht erschopft.
Die Zeichen dafur haben aber keinen Mund, darum muB die Bedeu-
tung hineingelegt werden. Im Devachan geht dem, der die Pflanzen-
schrift lesen lernt, eine ganz neue Welt auf. Auch jedes Tier in der
Welt konnen Sie als Buchstaben betrachten. Sie werden nach und
nach diese Buchstaben zu entziflfern vermogen. Wenn Sie die Tiere in
ihren LebensauBerungen verstehen, so stehen Sie ihnen gegeniiber
wie einer, der lesen kann, und nicht wie einer, der es macht wie die
materialistische Wissenschaft, die nur die Buchstaben beschreibt. Ler-
nen Sie das Tier als Wort zu erkennen, so blicken Sie hinter die
physische Welt in eine ganz andere, in die astrale Welt. Lernen Sie
die Pflanzenwelt als Buchstaben zu betrachten, darin erlangen Sie die
Fahigkeit, in die Mentalwelt hineinzuschauen. Das ist nichts Unwirk-
liches, sondern im Gegenteil etwas, was ganz und gar auf dem Boden
der Wirklichkeit steht und uns eigentlich erst den reichen Sinn des
Lebens erkennen lehrt: Es verhalt sich in der Tat auch so, dafi uns
die richtige Bedeutung einer spirituellen Welterkenntnis erst auf-
geht, wenn wir sie mit dem Lesen vergleichen. Was hatte es fiir
einen Zweck, wenn ich hier an der Tafel etwas hinmalte und be-
schriebe, ohne daB es etwas bedeutete? Einen Sinn erhalt es dadurch,
daB man seine Bedeutung erkennt. Und so ist es auch mit der Welt.
Man lernt allmahlich erkennen, varum die Welt da ist, was sie dem
Menschen sein kann und was der Mensch selbst in ihr ist.
Mit alldem wollte ich Ihnen nicht etwas Neues sagen. Diejenigen,
die ofter etwas uber Theosophie gehort haben, wissen das alles. Ich
habe es Ihnen gesagt, um Ihnen eine Handhabe gegen die Behaup-
tung zu geben, die Theosophie sei nicht wissenschaftlich, und um Sie
gegen Einwande zu riisten, die sich auf Logik bemfen wollen. Nur
die Logik, die zu kurz ist, hat Einwande gegen die Geisteswissen-
schaft. Die Logik, die bis in die letzten Winkel des Logischen sucht,
wird gegen ihre absolute Verniinftigkeit nichts einwenden konnen.
So muB es klar werden, daB die, welche vom wissenschaftlichen
Standpunkt aus gegen die Theosophie vorgehen, das nicht aus
logischen Griinden tun, sondern aus Suggestionen heraus. Wenn
man von diesen Suggestionen frei wird und weiB, daB die Gedanken
nichts sind als Schattenbilder von devachanischen Wesenheiten, und
wenn man dann erlebt, wie ein Professor unter Einflussen aus der
mentalen Welt behauptet, daB eine Billardkugel von Materia movens
bewegt wird, die sich auf die andere Billardkugel iibertragt - dann
kann man hinter die Kulissen blicken und sehen, daB er von anderen
Wesenheiten beeinfluBt wird.
Die Welt bebt in gewisser Beziehung. Sie stellt uns groBe Auf-
gaben. Fragen sind da, die aus den ernsten Erfordernissen der Zeit
hervorgehen. Die soziale Frage, die schon so viel Blut gekostet hat,
wird mit den Suggestionen unserer heutigen Zeit nicht zu losen sein.
Auch die Parteien, welche die soziale Frage losen wollen, stehen
unter solchen Suggestionen. Sie sind von mentalen Wesenheiten be-
sessen. Wer hinter das Physische zu blicken vermag, sieht hinter
manchem Parteiganger den Damon, der hinter ihm steht. Niemals
wird es anders gehen als bei Robert Owen, der als edler Mensch und
Menschenfreund, als guter Kenner der sozialen Verhaltnisse in Eng-
land eine Art Musterwirtschaft einfiihren wollte, indem er gute und
schlechte Arbeiter heranzog und in groBerem Rahmen eine soziale
Gemeinschaft zu begriinden versuchte. Er ging von dem begreif lichen
Vorurteil aus, die Menschen seien von Natur gut, man brauche sie
nur in auskommliche Verhaltnisse hineinzusetzen. Schaffe man solche
Verhaltnisse, dann wiirden sie auch ein Dasein entfalten, wie sie es
selbst wiinschten. Aber gerade dieser Menschenfreund muBte sich
schlieBlich gestehen, daB man in seinen Bemiihungen fur den sozia-
len Fortschritt nicht mit praktischen MaBregeln beginnen konne,
sondern nur mit der Lehre, mit der Auf klarung.
Wer in die geistige Welt hineinschaut, erkennt die Zusammen-
hange, die dem physischen Plan zugrunde liegen. Er sieht die Men-
schen, wie sie zusammenleben : im tiefsten Elend die einen, arm und
gedriickt von Arbeit und Not, die anderen schlemmend im UberfluB,
dieses oder jenes genieBend. Man kann sich leicht ausmalen, wie das
zu andern sei, wenn man bloB auf dem physischen Plane bleibt. Das
tun die meisten, die sich heute berufen fiihlen, zu reformieren. Sie
befinden sich nicht in der gleichen Lage wie der mit Erfolg operierte
Blindgeborene, dem sich die Welt um ihn plotzlich in Farben dar-
bietet, denn sonst wiirden sie hinter allem Physischen die mannig-
fachsten Wesenheiten sehen. Wenn sie ihre gutgemeinten Reform-
plane zu verwirklichen versuchen, dabei aber die geistigen Wesen-
heiten auBer acht lassen, dann wird es in fiinfzig Jahren noch viel
schlimmer sein, als es jemals zuvor gewesen ist. Alle heutigen sozialen
Ideale wiirden in fiinfzig Jahren der astralen Welt grotesk wider-
sprechen, wenn nicht diese astralische Welt, die menschlichen Leiden-
schaften, Begierden und Wiinsche zugleich eine Anderung erfuhren.
Ein allgemeines Elend, eine furchtbare Weltgarung, ein schreck-
licher Kampf urns Dasein wiirde an die Stelle des heutigen schon
furchtbaren Kampfes treten. Man braucht nur etwas in die geistige
Welt hineinzuschauen, dann sieht man, worum es sich da handelt. Die
Menschen sind nicht nur Leiber, die man mit Nahrung versehen
muB, die Menschen sind auch Geister, und sie sind in Beriihrung
mit anderen Geistern. Ihnen zum BewuBtsein zu bringen, daB sie
Genossen hoherer Welten sind, ist die Aufgabe der okkulten Welt-
anschauung. Sie konnen sich einen Menschen vorstellen, und auf
diesem Menschen ein paar Kafer herumkrabbelnd : diese Kafer wer-
den keine Vorstellung davon haben, daB dieser Mensch, diese Wesen-
heit etwas anderes darstellt als sie selber. Sie beschreiben die Form,
beispielsweise die Nase. So beschreibt der Mensch den Himmel, den
Mars, die Sonne, den Merkur und die anderen Sterne. Ebenso wie der
Kafer, der keine Ahnung hat, daB die Nase zu einer Seele gehort,
beschreibt der heutige Astronom den Merkur, den Mars, die Sonne.
Er beschreibt sie so, wie er sie sieht, wie ein Kafer auf dem Welten-
kosmos. Erst dann wird man wieder real beschreiben lernen, wenn
man erkennen wird, daB die Sterne beseelt sind, daB uberall Geist ist,
daB das ganze Weltall beseelt ist. Nichts anderes bezweckt die geistes-
wissenschaftliche Weltanschauung; so logisch ist sie. Die Vorurteile,
die nichts anderes sind als Suggestionen, machen es schwer, alien
Menschen heute zum BewuBtsein zu bringen, worum es sich in dieser
geistigen Weltanschauung eigentlich handelt.
In diesem einleitenden Vortrage sollte einmal gezeigt werden, wel-
che Widerstande diejenigen finden, welche geisteswissenschaftlich den-
ken und die Geisteswissenschaft vor der Welt vertreten. Jeder von
Ihnen kann in die Lage kommen, gegeniiber Anschauungen, die ihm
von auBen her begegnen, Festigkeit zeigen zu miissen. Das gehort zur
Arbeit der Zweige, ihren Mitgliedern zu dieser Festigkeit zu verhel-
fen. Sie sollten soweit innerlich gefestigt sein, daB sie trotz allem, was
ihnen in der Welt entgegentritt, die GewiBheit der geistigen Welt in
sich selbst erleben und dadurch gegen jeden Widerspruch gewappnet
sind. Nicht der Umfang des theosophischen Wissens, sondern das
innere BewuBtsein, das innere Leben und die innere GewiBheit
machen es aus. Nicht zu kampfen brauchen wir gegen das, was uns
in der Welt entgegentritt. Viele Vertreter anderer Richtungen kom-
men her und wollen mit uns diskutieren, wollen die Weisheit vor-
bringen, die sich die Theosophie selbst sagen kann. Sie sagen immer
wieder solche Dinge, die der Theosoph lange schon abgelegt hat. Er
charakterisiert, aber kritisiert nicht. Er treibt nicht in gewohnlichem
Sinne Propaganda, denn das kann nicht unsere Aufgabe sein. Nur wer
freiwillig zur Theosophie kommt, soil wohl aufgenommen werden.
Propaganda und Agitation zu treiben, ist nicht die Aufgabe der
Theosophie. Daher ist es auch nicht ihre Aufgabe, andere zu wider-
legen. Man sucht den Standpunkt der Geisteswissenschaft selbst zu
charakterisieren. Der andere muB sich in ihn einleben. Die Agitation -
wenn man einen offentlichen Vortrag dazu rechnet - besteht darin,
daB man erzahlt: dies und das hat die Theosophie zu bieten; und der,
welcher dann dazu kommen soli, wird auch herankommen. Der
Theosoph hat nicht Meinungen und Ansichten zu vertreten. Er er-
zahlt Tatsachen der hoheren Welt, und iiber Tatsachen streitet man
nicht. Wer als Theosoph die geisteswissenschaftliche Weltanschau-
ung verbreitet, verbietet es sich, seine eigene Meinung zu sagen. Was
wir als Theosophen verkiindigen, ist die uralte Weisheit, zu der alle
Weisen vorgedrungen sind. Es gibt nicht zwei, welche verschiedener
Meinung sind, wenn sie auf dem hoheren Gebiete angekommen sind.
Es kann hochstens einer davon nicht weit genug sein. - Das ist eine Art
von Gesinnung, die der Theosoph in sich ausbilden kann. Nicht auf-
dringlich soli er damit sein, aber er soli sie bestimmt in sich erleben,
um sie ebenso bestimmt vor die Welt hinzutragen. Derjenige, der
weiB, wird auch fur das, was als Wissen in ihm liegt, die Worte finden.
So sollte heute einmal die theosophische Gesinnung und so sollten
die anderen Gesinnungen, die ihr gegeniiberstehen, charakterisiert und
nicht kritisiert werden. Wenn wir diese Gesinnung mehr und mehr
ausbilden, dann werden wir das beste Mittel haben, um in der Welt
theosophisch zu wirken. Mehr und mehr werden wir unsere Um-
gebung verstehen und diese Umgebung geistig erforschen. Das ist
theosophisches Wirken.
Zum SchluB noch ein Beispiel, das zu denen gehort, welche die
Leute schockieren, sobald man sie ofFentlich ausspricht. Diese Dinge
sind einfach wahr und konnen mit den Mitteln unserer geistigen For-
schung gefunden werden. Ich mochte Ihnen eine Zeiterscheinung
schildern und Sie werden sehen, wie man seine Umgebung verstehen
lernt, wenn man das, was die Geistesforschung bieten kann, wirk-
lich durchdringt. Was jetzt gesagt wird, sollen Sie nicht gar zu schief
auffassen, denn man wird sich daran gewohnen miissen, daB es noch
Dinge gibt, von denen wir keine Ahnung haben. Wer hat vor funfzig
Jahren eine Ahnung davon gehabt, daB es einen Stoff gibt, von dem
ein kleines Kornchen geniigt, um uns gesundheitlich zu schadigen?
Vor funfzig Jahren hat kein Mensch etwas davon gewuBt. Es gibt
eben Dinge, die wirken, bevor der Mensch von ihnen etwas weiB und
sie kennt. Radium heiBt dieser Stoff. Beim Radium sind es die phy-
sischen Instrumente, die dem Menschen gefehlt haben. Bei geistigen
Dingen sind es die geistigen Instrumente.
In der sozialistischen Bewegung gibt es Leute, die auBerordentlich
radikal sind, die am liebsten alles kurz und klein schlagen mochten.
Es gibt auch solche mit einem gewissen konservativen Sinn. Man
findet da alle moglichen Richtungen. So gibt es innerhalb der sozia-
listischen Bewegung eine Organisation, die als geschlossene Gruppe
immer eine ganz merkwiirdig homogene, gleichartige Gesinnung
und ein gleichartiges Vorgehen gezeigt hat. Das waren die am wenig-
sten Radikalen. Im Grunde genommen ist es ein Stand, ein Gewerbe,
von dem die sozialistische Gewerkschaftsbewegung ausgegangen ist,
namlich die Buchdrucker. Sie haben als erste eine Art GesetzmaBig-
keit innerhalb der sozialistischen Bewegung entwickelt. Tarife wur-
den fur das Verhaltnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber abgeschlos-
sen. Es ist sogar so weit gekommen, daB bei den Buchdruckern eine
Zeitung existiert, deren Redakteur gar kein Sozialist ist, weil er von
der sozialistischen Partei herausgeworfen wurde. Man sieht daran, wie
gemaBigt diese Gruppe ist.
Nun ist die Frage moglich; Kann man diese Dinge ihrer geistigen
Ursache nach ebenso erforschen, wie man die Wirkung des Radiums
physisch erforscht? Ja, das kann man. Staunen Sie nicht so sehr
dariiber, was die geisteswissenschaftliche Forschung uns als Antwort
auf die Frage gibt, warum es innerhalb der sozialistischen Bewe-
gung eine solche Gruppe gibt. Das ist die Wirkung des Bleies auf die
menschliche Seele. Was in unserer Umgebung ist, das Kleinste und
das GroBte, stellt den Korper eines Geistigen vor. Gold, Silber,
Kupfer, alles was da lebt, ist Korper fur etwas Geistiges. Auch Blei
ist der auBere Korper fur eine gewisse Geistigkeit. Und wer mit Blei
hantiert, hat es nicht nur mit Blei im chemischen Sinne, sondern
auch mit dessen Geistigkeit zu tun. Blei greift nicht nur die Lunge an,
sondern hat auch eine ganz bestimmte Wirkung auf den iibrigen
Menschen. Da haben Sie den Ursprung fur die eigentiimliche Gesin-
nung innerhalb dieses Standes.
Noch ein anderes Erlebnis, das mir gerade vor ein paar Tagen pas-
siert ist. Es kam ein guter Bekannter zu mir, der sich nicht erklaren
konnte, warum er bei seiner wissenschaftlichen Tatigkeit ohne beson-
dere Schwierigkeiten Analogien zu finden und Kombinationen auf-
zustellen vermag, und zwar in einem AusmaB, wie es selbst unter
Gelehrten auBerst selten ist. Eine derartige Fahigkeit geht auf eine
leichte Beweglichkeit des Mentalleibes zuriick. Nun wollte ich auch
herausfinden, wie dieses Phanomen zustande kommt. Nach einiger
Zeit konnte ich dem Manne sagen, wahrscheinlich habe er viel mit
Kupfer zu tun. Tatsachlich bestatigte sich dies, denn der Betreffende
ist Waldhornblaser. Das geringe MaB von Kupfer war es, das bei ihm
eine solche Wirkung ausloste.
Nun bedenken Sie einmal, was der Mensch, ohne es zu wissen, fur
ein Wesen ist, das alien moglichen Einfliissen unterworfen ist! Von
der Suggestion habe ich vorhin gesprochen. Jetzt sehen wir den Ein-
fluB der ganzen um den Menschen herumliegenden geistigen Welt.
Und was ist die Theosophie ? Sie ist das Hineindringen in die geistige
Welt und deren Gesetze. Und was bedeutet dieses Hineindringen in
die geistige Welt? Es bedeutet Freiheit, denn nur Erkenntnis gibt
Freiheit. Wenn man etwas weiB, so kann man sich in ein richtiges
Verhaltnis dazu bringen. So ist die geistige Erkenntnis der hochste
BefreiungsprozeB, den wir iiberhaupt in uns durchmachen konnen.
Die wirkliche Entwickelung ist dasjenige, was uns durch die Geistes-
wissenschaft gelehrt werden soil. Nur wenn die Menschen frei wer-
den wollen, werden sie an die Geist-Erkenntnis herankommen. Wenn
sie aber nicht nur von gesellschaftlichen Vorurteilen abhangig sein
wollen, sondern auch von alledem, was sie mit ihrem Denken iiber-
haupt nicht iiberblicken, dann werden sie heute noch nicht an die
Geisteswissenschaft herankommen, und wir werden begreifen, daB sie
nicht herankommen konnen. Diejenigen, welche noch von der Mode
und so weiter abhangig sind, werden nicht sehr geneigt sein, den Ein-
fluB der Metalle um sie herum einzusehen. Aber ein Anfang muB
gemacht werden, ein kleiner Anfang zu einer groBen, sehr groBen
Sache. Nur einen kleinen BUck auf das, wozu die Geisteswissenschaft
ein Anfang sein mochte, wollte ich heute werfen.
DIE GEISTIGE ERKENNTNIS
ALS HOCHSTES BEFREIUNGSWESEN
Z wetter Vortrag, Berlin, 8. Oktober 1906
Die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung
Vor acht Tagen betrachteten wir die geisteswissenschaftliche Welt-
anschauung, insofern sie dem gegenwartigen Menschen einleuchtend
sein kann. Zunachst geht dieser Mensch naturlich von seiner sinn-
lichen Beobachtung und vom Verstand aus, oder auch von der mo-
dernen Wissenschaft, der ebenfalls sinnliche Beobachtung und Ver-
stand zugrunde liegen. Wir zeigten, wie die Geisteswissenschaft in
der Lage ist, alien Einwanden zu begegnen, die unsere Vernunft aus
dem wissenschaftlichen Gewissen der Gegenwart heraus etwa auf-
werfen konnte. Ziel und Zweck dieser Betrachtung sollte nicht miB-
verstanden werden. Sie wurde nicht deshalb angestellt, damit wir
hinausgehen und uns in Diskussionen mit denen einlassen, die sich
noch nicht mit der Geisteswissenschaft befaBt haben. Darum kann
es sich nicht handeln. Wer noch kein Verhaltnis zur Geisteswissen-
schaft besitzt und auch nicht den Willen dazu hat, es zu gewinnen,
wird zuerst zu lernen haben, sich damit zu beschaftigen. Also es geht
nicht darum, daB wir in einer Diskussion Argumente parat haben
sollen, sondern darum, daB jeder in sich selbst, in seiner eigenen Seele
diejenigen Einwande machen kann, die ihm aus der popularen Wissen-
schaft der Gegenwart und aus dem sonstigen modernen Leben auf-
stoBen konnen. Er soil vor allem eine gewisse Sicherheit in sich selbst
gewinnen. Das war Ziel und Zweck unserer vorigen Betrachtungen.
Es kann nie und nimmer die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen
Bewegung sein, die bloBe Neugierde oder WiBbegierde zu befriedi-
gen. Zwar trifft es zu, daB in den weitesten Kreisen des theosophi-
schen Betriebes bis in unsere Tage herein vielfach diese Neugierde,
oder sagen wir es nobler, diese WiBbegierde die Grundlage war, wel-
che die Menschen mit den theosophischen Bestrebungen in Beruhrung
brachte. Aber alle, die lediglich aus bloBer Neugierde kommen, wer-
den sich nach einiger Zeit doch enttauscht fiihlen. Nicht weil die
Geisteswissenschaft nicht die ausgiebigsten Mittel hatte, die mensch-
liche WiBbegierde bis in die tiefsten Tiefen des Daseins zu befriedi-
gen, sondern weil das Wissen, um das es sich in der theosophischen
Bewegung handelt, nur dann dem Menschen frommt, wenn es ein
tatiges Wissen wird, ein Wissen, durch das er handelnd eingreift, das
er im taglichen Leben anwendet; wenigstens muB er den Trieb
haben, dieses Wissen ins Leben hineinzustellen.
Wenn der Mensch an die Geisteswissenschaft herankommt, gerat er
ieicht in einen Zwiespalt. Diesen Zwiespalt miissen Sie sich klar vor
die Seele stellen. Von zweierlei Art sind viele Menschen, die zur
Theosophie kommen. Die einen sagen: Ich will helfen, ich will ein
wertvolles Glied der Gesellschaft sein - und sie verstehen darunter,
die theosophische Bewegung soil ihnen die Mittel geben, gleich mor-
gen anzufangen. Die anderen machen sich vielleicht nur die Illusion
vor, helfen zu wollen. In Wahrheit aber wollen sie nur ihre Neu-
gierde befriedigen, etwas fur sie Sensationelles erfahren. Beide Grup-
pen werden nicht die richtigen Mitglieder innerhalb der Theosophi-
schen Gesellschaft werden. Denn diejenigen, die gleich morgen hel-
fen wollen, bedenken nicht, daB man erst lernen und etwas konnen
muB, um zu helfen. Ihnen muB gesagt werden: Ihr miiBt Geduld
haben, in euch selbst diejenigen Krafte und Mittel zu entwickeln,
durch die ihr zu Helfern fur eure Mitmenschen heranreift. In dieser
Weise miissen sich die einen bescheiden. Die anderen aber, die nur
ihre Neugierde befriedigen wollen, miissen sich klarmachen, daB kein
einziges der Mittel und keine einzige der Fahigkeiten, die ihnen ge-
geben werden, unter einem anderen Gesichtspunkte angenommen
werden sollten, als in der Absicht, ein dienendes GHed der ganzen
Menschheitsentwickelung zu werden. Dafur ist eine lange Zeit not-
wendig. Die Theosophische Gesellschaft soil zuerst das feste BewuBt-
sein und das Wissen von der Ewigkeit und dem geistigen Dasein er-
zeugen. Wer dieses BewuBtsein in sich tragt, der sagt sich: Es ist
Zeit, ich kann Geduld haben, ich entwickle mich ruhig. Ich werde
nicht gleich von meinem jetzigen unvollkommenen Standpunkt aus
alles Mogliche unternehmen wollen, um die Menschheit zu reformie-
ren und so weiter.
Geduld auf der einen Seite und auf der anderen der Wille, ein die-
nendes Glied in der ganzen Menschheitsentwickelung zu werden, das
sind die zwei Dinge, zwischen welchen die Methode der Theosophi-
schen Gesellschaft ist. Und man darf nicht nur auf das eine sehen,
sondern man muB auf beides achten. Man muB beides, Geduld und
den Willen zum Wirken, in sich vereinigen, aber nicht als ein arithme-
tisches Mittel zwischen beiden, sondern man muB diese beiden ge-
trennt in der Seele entwickeln. Verwechseln Sie diese zwei Dinge
nicht! Es ist etwas ganz anderes, ein arithmetisches Mittel oder diese
beiden Dinge getrennt in der Seele zu haben.
Im Sinne dieser zwei Erfordernisse wurde die theosophische Welt-
anschauung vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen und der
Menschheit zuganglich gemacht. Das Wissen, das wir im Laufe der
Jahre aufgenommen haben, alles das, was in dieser Zeit schon gesagt
worden ist, las sen wir nochmals durch die Seele Ziehen, denn je ofter
man dies tut, desto besser ist es. Das Wissen soli sich in eine lebendige
Kraft des Wollens verwandeln. Daher werden die alteren Mitglieder
manches nochmals horen, was sie schon vernommen haben, vielleicht
in einem anderen Zusammenhang, vielleicht auch nur zur Auffri-
schung des Gedachtnisses. Unter diesem Aspekt ist die theosophische
Weltanschauung vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen worden.
Was war sie friiher? Sie war das, was man eine Geheimlehre oder
okkulte Lehre nennt, also etwas, was im engeren Kreise von beson-
ders zugelassenen Menschen getrieben wird. Nach strengen Priifun-
gen des Wollens, Fuhlens und Denkens wurden die Schuler in friihe-
ren Zeiten zu diesen geschlossenen Zirkeln, den esoterischen oder
okkulten Bruderschaften, zugelassen. Von diesen Bruderschaften gin-
gen jene Wirkungen aus, die in der Zukunft von einem groBeren
Kreise von Menschen ausgehen sollen. Immer mehr Menschen wer-
den kiinftig aufgerufen, diese Wirkungen auszuiiben. Ein kleiner
Kreis von Auserlesenen, von Erwahlten, iibte die Wirkung immer
aus, zu der die theosophische Bewegung befahigt werden soli. Ob es
die Junger des Hermes oder die Schuler der Eleusinien, die agypti-
schen oder die christlich-gnostischen Geheimschulen oder in Europa
die Rosenkreuzer waren, immer gingen von den engbegrenzten Bru-
derschaften gewaltige Wirkungen aus. Wenn auch der heutige Mensch
in seiner verstandesmaBigen Wissenschaft nichts oder so gut wie
nichts davon weiB, so ist es doch eine Tatsache, daB von solchen
Bruderschaften alle Geisteskultur und durch diese wieder alle mate-
rielle Kultur ausgegangen ist.
Schon einmal ist es hier auseinandergesetzt worden, daB alle mate-
rielle Kultur, alles, was der Mensch mit dem Hammer, der Sage, dem
Beil oder sonstwie schafft, den Grund in der Geisteskultur hat. Sie
konnen das Kleinste, das GroBte daraufhin betrachten. Nehmen Sie
eines der groBen Bauwerke der Gegenwart, den Simplontunnel oder
den Gotthardtunnel. Die wenigsten Menschen denken daran, daB man
den Simplontunnel oder den Gotthardtunnel niemals hatte bauen
konnen, wenn nicht ein Leibni^ gelebt hatte. Wenn es nicht die Dif-
ferentialrechnung gegeben hatte, so hatte niemand solche Bauwerke
auffuhren konnen. Der Gedanke, der diese Denker einst dazu ge-
leitet hat, diese feinen Rechnungen auszufuhren, hat das alles erst
materiell moglich gemacht. Alles, was auf dem physischen Plane ge-
schieht, fiihrt zuletzt zum Gedanken zuriick. Es ist eine arge Illusion,
wenn jemand glaubt, daB es in der materiellen Kultur etwas gabe,
das nicht zuletzt auf den Geist, auf den Gedanken zuruckfuhrt. Was
Sie auch nehmen, auf dem Gebiete der Kunst, auf dem Gebiete der
Technik, der Industrie oder des Handels, das Praktischste, Trivialste,
Alltaglichste, es fiihrt zuletzt auf dasjenige, was sich in der Seele des
Menschen abgespielt hat.
Woher kommen die groBen Impulse des Gedankens, des geistigen
Schaffens ? Da beriihren wir nun das Gebiet, durch das uns klar wer-
den kann, wie die okkulten Bruderschaften in den verflossenen Jahr-
hunderten und Jahrtausenden wirkten. Nehmen wir ein Beispiel. Der
materialistische Denker von heute wiirde allerdings auf dieses Bei-
spiel nicht kommen. Ein feuriger, enthusiastischer JiingUng des
18. Jahrhunderts, mit einer Anlage zum GroBen, brauchte nur einen
AnstoB durch ein Ereignis, das wie ein Zufall, wie etwas hochst Un-
bedeutendes aussieht. Er begegnet wie zufallig einer anscheinend
gleichgultigen Personlichkeit. Diese spricht zu dem Jiingling Worte,
die scheinbar auf ihn keinen besonderen Eindruck machen. Ich sage :
scheinbar, derm es geht doch in der Seele dieses enthusiastischen
Jxinglings etwas vor. Die Begegnung, in deren Verlauf diese schein-
bar unbedeutenden Worte gesprochen wurden, hatte doch eine Be-
deutung. Was ist da eigentlich geschehen? In ein unbedeutendes Er-
eignis, das scheinbar vom Zufall beherrscht ist, hiillt sich etwas von
hochster kultureller Bedeutung. Diejenigen Bruder, welche die eigent-
lichen hochsten Hiiter des Weisheitsschatzes der Menschheit sind,
befinden sich in dieser Welt. Sie gehen vielleicht unter uns herum,
wir konnen ihnen begegnen. Aber fur die gewohnliche Menschheit
tragen sie eine Tarnkappe. Sache der anderen ist es, sie zu erkennen.
Sie selber geben sich nie zu erkennen. In den verflossenen Jahrhun-
derten war es noch schwerer, sie zu erkennen, als heute. Darauf kam
es auch nicht an, daB man sie erkannte. Was aber das Wesentliche
war, das war ihr Wirken. Denken Sie sich eine solche Bruderschaft
von verborgenen Eingeweihten. Einer dieser Bruder tritt wie durch
einen Zufall an den Jiingling heran. Aber solche Zufalle werden
durch die Weisheit der Welt herbeigefiihrt. Durch einige unbedeu-
tende Worte wird etwas in dem Jiingling entzundet, was kulturell das
denkbar Wichtigste ist. Dieser Jiingling heiBt Jean-Jacques Rousseau.
In einem scheinbar zufalligen Ereignis wurde so der Keim dazu ge-
legt, daB es einen Rousseauismus geben konnte und daB durch ihn
starke Impulse in das Kulturleben einflossen. Die Impulse, die von
den Schriften Rousseaus ausgingen, sind nichts Zufalliges, auch nicht
etwas, was sich der Betrachtungsart der auBeren Kulturhistorie er-
schlieBt, sondern sie sind das leise Fortgehen des Stromes der Weis-
heit, wie sie in der Bruderschaft bewahrt wird. In der Bruderschaft
wird beschlossen, was der Menschheit frommt. Die Bruder sind
Weise, sie sind Propheten. Sie wissen, was fur die Menschheit erfor-
derlich ist. So senden sie, wenn es notwendig ist, einen der ihren
hinaus in die Welt, urn der Entwickelung einen neuen Einschlag zu
geben.
Ein anderes Beispiel ist hier schon erzahlt worden. Es betrifft den
deutschen theosophischen Philosophen Jakob Bohme und steht in jeder
Bohme-Biographie. Als Knabe stand Jakob in der Schusterlehre.
Eines Tages waren der Meister und die Meisterin ausgegangen. Sie
hatten ihm verboten, etwas zu verkaufen, er sollte nur Wache halten.
Da kam eine Personlichkeit in den Laden, die auf ihn einen starken
Eindruck machte. Der Fremde wollte etwas kaufen, Jakob aber durfte
ihm nichts verkaufen. Als der Fremde schon hinausgegangen war,
horte Jakob seinen Namen rufen. Er trat hinaus, und der Mann sagte
zu ihm : Jakob, du bist jetzt klein, aber du wirst einst groB werden.
Du wirst ein Mensch werden, iiber den die Welt in Erstaunen geraten
wird. - Dieser Mann hat den AnstoB zu dem gegeben, was in Jakob
Bohmes Schriften enthalten ist.
Noch besser werden Sie verstehen, worum es sich hier handelt,
wenn wir ein anderes Beispiel nehmen, das Sie noch tiefer in die
Geheimnisse der Bruderschaften hineinfiihren kann. Man denke sich:
Ein unbekannter Mensch - unbekannt in der auBeren Welt, wohl-
bekannt den Eingeweihten - schreibt einen Brief an einen hochver-
mogenden Geheimen Rat oder an den Minister. Der Brief behandelt
vielleicht eine ganz gleichgiiltige Angelegenheit, vielleicht die Be-
willigung einer unwichtigen Nebensache. Wenn diesen Brief nun ein
Eingeweihter lesen wiirde - es sind absolute Tatsachen, die ich hier
erzahle der ihn ganz anders zu lesen verstande als ein gewohnlicher
Mensch, so wiirde dieser noch etwas ganz Besonderes daran erken-
nen. Es kann namlich sein, daB man in einem solchen Brief beispiels-
weise jedes dritte Wort vom Anfang oder jedes vierte Wort vom
SchluB weglassen muB. Dann bleiben gewisse Worte iibrig, die einen
sehr bedeutungsvollen Sinn darstellen, etwas, was auf den ganzen
Willen dessen einwirkt, an den der Brief gerichtet ist. Dieser hat
vielleicht nur gelesen, daB er etwas Unrat wegschaffen lassen sollte.
In Wahrheit aber steht in dem Briefe etwas auBerst Wichtiges. Nun
konnen Sie sagen : Das hat der Mann aber doch nicht gelesen. - Das
ist aber nicht richtig. Das auBere Ich-BewuBtsein hat es nicht ge-
lesen, aber darin liegt eben das Geheimnis eines solchen Schlussels,
daB die richtigen Worte, die noch iibrigbleiben, sich in den Ather-
leib, in das UnterbewuBtsein einpragen, so daB der BetrefTende es
tatsachlich doch aufgenommen hat.
So konnen Impulse gegeben werden, um Menschen danach handeln
zu lassen, und so ist es moglich, auf geheimnisvollem Wege Direk-
tiven zu vermitteln, ohne irgendwie erkannt zu werden. Das ist aber
nur ein triviales Beispiel gegeniiber Dingen von machtiger Bedeu-
tung, die es in der Welt gibt. Der Eingeweihte kann in jeder Gestalt
wandeln. Er hat die Mittel, um nicht auf das AlltagsbewuBtsein, son-
dern auf die anderen Glieder des menschlichen BewuBtseins zu wir-
ken.
Sie kennen den deutschen Mystiker Cornelius Agrippa von Nettes-
heim. Sein Lehrer war Johannes Tritheim, Abt von Sponheim. Dieser
hat Biicher geschrieben, die dem heutigen materialistischen BewuBt-
sein entweder als romantisch oder als etwas sehr Barockes erscheinen,
jedenfalls als etwas, was man in gewisser Weise gleichgiiltig hin-
nimmt. Man glaubt von diesen Schriften, sie seien auch in der Zeit
des Johannes Tritheim von Sponheim gleichgiiltig hingenommen
worden. Doch es gibt auch einen Schlussel zum Lesen dieser Biicher.
Wenn man gewisse Dinge vom Anfang und andere vom Ende fort-
laBt, so bleibt wieder ein Rest, und dieser Rest gibt in den Biichern
des Tritheim von Sponheim einen groBen Teil dessen wieder, was
heute als elementare Theosophie vorgetragen wird. Beim Lesen die-
ser Schriften liest man also tatsachlich im UnterbewuBtsein mit, was
heute als Theosophie gegeben wird. Jahrhunderte hindurch haben
viele Menschen Theosophie in ihre Seele aufgenommen, ohne daB
sie es gewuBt haben. Dies sind bedeutsame Einfliisse im Kulturleben
gewesen, die sich an solche Vorgange, wie sie vor acht Tagen hier
besprochen wurden, namlich die Wirkungen von Kupfer und Blei,
anreihen lassen.
An diesen Beispielen konnen Sie sehen, wie durch die Jahrtausende
hindurch von okkulten Bruderschaften in der Welt gewirkt wurde,
zum Heile der Menschheit. Das war richtig fur die Vergangenheit,
aber es ist nicht mehr richtig fur die Zukunft. Diejenigen Eingeweih-
ten, die den Sinn und die Bedeutung der Entwickelung verstehen,
werden deshalb sagen : Nicht das, was in der Vergangenheit gesche-
hen ist, ist auch in der Zukunft richtig. - Es ware eine schlechte In-
spiration, welche jederzeit nur in der Vergangenheit die Wahrheit
suchte und sie nicht im lebendigen Sein erleben wiirde, wodurch sich
diese Wahrheit immer wieder fur die Zukunft umgestaltet. Ein wahr-
haft Inspirierter geht nicht bloB zu den altesten Lehrern der Mensch-
heit in die Schule, sondern gestaltet die Wahrheiten, die er empfangt,
fur jede Epoche lebendig um. Was sich bei jedem in der Seele regen
muB als Einwand gegen diese alte Form des okkulten Wirkens, ist
der Begriff der Freiheit, der Begriff ihres Wertes und der Wurde des
Menschen. Die Menschen sind ja unfrei, wenn in der geschilderten
Weise auf sie gewirkt wird. Die Freiheit ist aber, wie ofters gezeigt
worden ist, nicht etwas, was fertig ist, sondern etwas, was der Mensch
im lebendigen Entwickelungsgang immer mehr erringt. Freiheit ist
das Ziel der Menschheitsentwickelung und nicht etwas, was der
Menschheit in die Wiege gelegt worden ist. Und die Freiheit beruht
auf Erkenntnis. Kein anderes Mittel gibt es, wodurch die alten Wir-
kungen, die von den Bruderschaften ausgegangen sind, uberwunden
werden konnen, als die Verbreitung des okkulten Wissens selbst. Das
liegt der theosophischen Bewegung zugrunde: den Menschen da-
durch frei zu machen, daB er die spirituellen Wahrheiten lernt, welche
friiher den okkulten Bruderschaften vorbehalten waren. Nichts wuBte
damals die Welt, und kaum weiB sie heute etwas von dem, was iiber
den physischen Plan hinausgeht. Erst wenn sie die Dinge lernt, die
iiber den physischen Plan hinausgehen, wird sie imstande sein, die
geheimnisvollen Wirkungen und Krafte, die zwischen Mensch und
Mensch, zwischen Volk und Volk spielen, wirklich selbst zu beherr-
schen. Das ist die Aufgabe der Zukunft und damit eigentlich auch
die Aufgabe der theosophischen Bewegung.
So stellt sich die Geisteswissenschaft gegeniiber alien iibrigen Be-
wegungen in der Gegenwart als etwas ganz anderes dar. Viele Zeit-
fragen dringen heute an den Menschen heran. Zu diesen Fragen, die
ihm durch die Tatsachen aufgedrangt werden, gehort vor allem die
soziale Frage, die in den verschiedensten Formen auftritt. Dazu ge-
horen die personlichen Freiheitsrechte, die nationale und die Rassen-
frage und die Kolonialprobleme. Alle diese Fragen, zu denen noch
als wichtigste die Erziehungsfrage hinzukommt, erfahren eine be-
sondere Beleuchtung, eine andere Beleuchtung, als dies sonst in der
Gegenwart geschehen kann, durch die geisteswissenschaftliche Er-
kenntnis. Warum ist das so? Durch ein kleines Beispiel soli dies klar-
gemacht werden. Es gibt heute eine gewisse Bewegung in der
Psychiatrie, von der die Laien noch nicht viel wissen. Aber da alles
durch die Zeitungsartikel in die Welt dringt, wird der eine oder der
andere davon schon einige Notiz genommen haben. Es greift tat-
sachlich in wichtige Angelegenheiten ein. Sehen Sie sich einmal die
neuesten Erscheinungen des Biichermarktes an. Da finden Sie ein
interessantes Biichlein iiber Robert Schumanns Krankheit. Ein
Psychiater, ein Irrenarzt, hat sich, wie auch iiber andere Personlichkei-
ten, iiber Robert Schumann hergemacht und nachgewiesen, daB er von
derjenigen Krankheit befallen war, die man in der Irrenkunde
Dementia praecox nennt, vorzeitigen Schwachsinn. Vielleicht wissen
Sie auch, daB nicht nur Robert Schumann, sondern auch andere
menschliche GroBen auf ihre geistige Verfassung hin untersucht
worden sind, Goethe, Heine und noch eine ganze Reihe. Es gibt
sogar zwei Schriften, die in gewisser Beziehung nicht uninteressant
sind, obwohl sie sogar die Christus Jesus-Personlichkeit darauf hin
untersucht haben. Das alles kann in unserer materialistischen Zeit
geschehen. Ein solcher Irrenarzt sagt: Wenn ein abnormer Aus-
druck des Geistes stattfindet, so liegt dem eine bestimmte abnorme
Organisation des Menschen zugrunde. - Nun ist sich der heutige
Irrenarzt auch iiber eines klar: Durch das, was er geistige Mittel
nennt, kann man auf eine solche Krankheit nicht einwirken. Was
damit gemeint ist, werden Sie sogleich sehen. Man hat eine Zeit-
lang geglaubt, wenn jemand, sagen wir, von einer bestimmten Form
des Wahnsinns befallen ist, die sich in abnormen Religionsvorstel-
lungen auslebt, konne man ihn davon abbringen, indem man ihm
verniinftige Begriffe beibringt, also durch Zureden und durch Vor-
halten verniinf tiger Argumente. Der Wahnsinn tritt ja manchmal in
ganz besonderer Form auf. Da bildet sich zum Beispiel jemand ein,
er wird verfolgt. Der Irrenarzt sieht das als ein Symptom an. Ver-
folgungswahn ist fur ihn also nur ein Symptom, in Wirklichkeit liegt
eine Abnormitat im Gehirn vor. Man kann den Betreffenden dadurch,
daB man ihm klar macht, er werde gar nicht verfolgt, nicht von seinen
Wahnideen abbringen, denn die Organisation des Gehirns laBt sich
ja nicht umandern. Soweit hat der Irrenarzt tatsachlich recht. Der
Geistesforscher will den anderen nicht von einem dilettantischen Ge-
sichtspunkte aus richten. Wenn Sie auch mit verniinftigen Vor-
stellungen an den Betreffenden herankommen, so werden Sie ihn
doch nicht von dem Wahn abbringen. Dieser wird hochstens andere
Formen annehmen.
Nehmen wir Holderlin an. Das ist ebenfalls ein Fall, der von den
Irrenarzten aufs Korn genommen worden ist. Holderlin ging an der
Sehnsucht nach dem alten Griechenland zugrunde. Der Irrenarzt
sagt: Er litt an einer Gehirnkrankheit und alles andere ist auBeres
Symptom. Die Gehirnkrankheit war vielleicht schon durch eine erb-
liche Anlage da. So ware es unmoglich, von dem, was man heute
Geistesleben nennt, auf die Konstitution des Organismus, zunachst
auf die Konstitution des Gehirns, zuriickzuwirken. Sie sehen, diese
Forschungen der modernen Psychiatrie fuhren ins Bodenlose. Der
physische Leib wird als etwas Gegebenes hingenommen, und das
Geistige ist nur wie ein Dunst, der vom physischen Leibe ausgeht.
Selbst die hochsten geistigen Fahigkeiten, selbst die Leistungen unse-
rer Gerties, insofern sie abnorm sind, werden von solchen materiali-
stischen Forschern auf eine abnorme Gehirntatigkeit zuriickgefiihrt.
So wird es Ihnen der Irrenarzt, der Psychiater sagen. Was Sie ihm
auch immer entgegnen - er wird dabei bleiben, daB alles Geistesleben
von der physischen Organisation abhangig ist. Soweit die positive
Behauptung geht, ist sie richtig, denn das, worum es sich eigentlich
handelt, kennt man in diesen Kreisen gar nicht; das ist vollig un-
bekannt.
Da kommen wir auf eine Sache, die Sie sich recht gut einpragen
mogen. Sie enthalt ein auBerordentlich wichtiges Geheimnis, was
aber vielleicht nicht von jedem fur ein wichtiges Geheimnis genom-
men wird. Tatsachlich ist urspriinglich das Organ des Menschen, das
seine Tatigkeit ausfuhrt, von dieser Tatigkeit selbst aufgebaut: Das
Gehirn ist urspriinglich von Gedanken aufgebaut. Das Blut ent-
wickelt das Gefuhlsleben. Ohne warmes Blut gibt es kein Gefiihls-
leben. Tatsachlich ist aber das Blut urspriinglich von dem Gefiihls-
leben aufgebaut. Damit haben wir einen ganz neuen Gesichtspunkt
gewonnen. Nun sagen wir uns: GewiB, mit dem, was heute der
Mensch durch sein Gehirn an diesen oder jenen Vorstellungen hervor-
bringt, konnen wir sein Gehirn nicht andern. Aber hinter diesem
Gehirn stehen die anderen Gedanken, welche die materialistische
Wissenschaft gar nicht kennt und die das Gehirn erst aufgebaut
haben. Diese Gedankenwelt mu6 man eben kennenlernen, sie ist die
schopferische Gedankenwelt. So daB manzwischen den gewohnlichen
Gedanken und einer die Welt durchflutenden - wirklich durchfluten-
den - Gedankenwelt zu unterscheiden hat. Weil das Gehirn aus der
Gedankenwelt geboren ist, ist der menschliche Geist imstande, nicht
nur solche Gedanken hervorzubringen, welche der Gedankenwelt des
Gehirns entsteigen, sondern auch an jener Gedankenwelt teilzuhaben,
die hinter der physische
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