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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VON MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Erkenntnis-Aufgabe der Ju
Ansprachen und Fragenbeantwortungen,
Aufsatze und Berichte
aus den Jahren 1920 bis 1924
in Erganzung zum
«Padagogischen Jugendkurs» von 1922
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Paul Gerhard Bellmann
1. Auflage Dornach 1957
2., erweiterte und neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1981
Bibliographie-Nr. 217a
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachMverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel
ISBN 3-7274-2175-4 (Ln) 3-7274-2176-2 (Kt)
Zu den Veroffentlicbungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, daf5 in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft ihren
Richtiinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
UBERSICHT UBER DIE JUGEND ANSPRACHEN
Dornach
l. Oktober 1920
Dornach
16. vjktober 1920
atuttgart
1f\ AA^i-t 1Q01
Dornach
7. April 17ZI
Stuttgart
o. September 1921
Berlin
iu. Marz Yjll
Uornach
6. Januar 1923
Stuttgart
o. rebruar 1923
Stuttgart
14. rebruar 1923
Dornach
17. Marz 1924* (Bericht S. 208)
Stuttgart
11. April 1924* (Berichte S. 211)
Breslau
9. Juni 1924
Breslau
11. Juni 1924* (Berichte S. 218)
Koberwitz
17. Juni 1924
Arnheim
20. Juli 1924
* Keine Nachschrift vorhanden.
INHALT
Vorbemerkungen der Herausgeber 11
I
ANSPRACHEN DER JAHRE 1920/1921
Ansprache wahrend des ersten anthroposophischen Hochschul-
kurses in Dornach am 1. Oktober 1920 17
Ein Weg zu freier wissenschaftlicher Arbeit
Ansprache am letzten Tage des ersten anthroposophischen Hoch-
schulkurses in Dornach am 16. Oktober 1920 29
Das Menschlichwerden des wissenschaftlichen Lebens
Fragenbeantwortung wahrend der Freien Anthroposophischen
Hochschulkurse in Stuttgart am 20. Marz 1921 41
Uber die Jugendbewegung
Schlufiwort zu einer Studentenversammlung wahrend des zweiten
anthroposophischen Hochschulkurses in Dornach am 9. April
1921 49
Zur Frage: Wie kann anthroposophische Arbeit an den Univer-
sitaten aufgebaut werden?
Aussprache und Fragenbeantwortung wahrend des allgemeinen
offentlichen Kongresses «Kulturausblicke der anthroposophischen
Bewegung» in Stuttgart am 8. September 1921 61
Anthroposophie und Jugendbewegung
II
ANSPRACHEN DES JAHRES 1923
Ansprache in Dornach am 6. Januar 1923 83
Die Erkenntnis-Aufgabe der akademischen Jugend
Ansprache und Gesprach in Stuttgart am 8. Februar 1923 ... 95
Uber den Ausbau der Anthroposophischen Gesellschaft
Ansprache und Fragenbeantwortung in Stuttgart am 14. Februar
1923 103
Die drei Hauptfragen fur die anthroposophische Jugendbewe-
gung
III
VON DER JUGENDSEKTION
DER FREIEN HOCHSCHULE FUR GEISTESWISSENSCH AFT
AUFSAT2E
Ankiindigung einer Jugendsektion
(Nachrichtenblatt, 24. Februar 1924) 117
Von der Jugendsektion der Freien Hochschule fur Geisteswissen-
schaft:
I. Was ich den alteren Mitgliedern in dieser Sache zu sagen habe
(Nachrichtenblatt, 9. Marz 1924) 119
II. Was ich den jiingeren Mitgliedern in dieser Sache zu sagen habe
(Nachrichtenblatt, 16. Marz 1924) 122
III. Was ich Weiteres den jiingeren Mitgliedern zu sagen habe
(Nachrichtenblatt, 23. Marz 1924) 125
Von der Jugendsektion der Freien Hochschule fur Geisteswissen-
schaft
(Nachrichtenblatt, 30.. Marz 1924) 129
Die Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft. In der Freien
Hochschule soli das unmittelbar Menschliche zur Geltung
kommen
(Nachrichtenblatt, 6. April 1924) 132
IV
ANSPRACHEN DES JAHRES 1924
Ansprache und Fragenbeantwortung wahrend der Breslau-Kober-
witzer Tagung in Breslau am 9. Juni 1924 137
Uber Wesen und Ziel der Jugendbewegung
Ansprache wahrend der Breslau-Koberwitzer Tagung in K'ober-
witz am 17. Juni 1924 161
Die Wege zu den verlorengegangenen wirksamen Kraften der
Natur
Ansprache wahrend der anthroposophisch-padagogischen Tagung
in Arnheim am 20. Juli 1924 177
Das Leben der Welt mufi in seinen Fundamenten neu gegriindet
werden
ANHANG
Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!»
(Rudolf Steiner, 1919) 193
Aufruf an die akademische Jugend
(Bund fur anthroposophische Hochschularbeit, Herbst 1920) . . 197
Rundschreiben der leitenden Vertrauenskorperschaft «An die Mit-
glieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland»
(13. Februar 1923) 201
Memorandum fur das Komitee der Freien Anthroposophischen
Gesellschaft, zu dessen Orientierung (Rudolf Steiner, Marz 1923) 205
Bericht iiber die Dornacher Jugendansprache vom 17. Marz 1924
(Fred Poeppig) 208
Berichte verschiedener Teilnehmer iiber die Stuttgarter Ansprache
vom 11. April 1924 211
Die Breslauer Jugendansprachen Rudolf Steiners, Juni 1924
(Kurt von Wistinghausen) . . 212
Berichte verschiedener Teilnehmer iiber die Breslauer Jugend-
ansprache vom 11. Juni 1924 218
Brief von Dr. Steiner zur Berufswahl (Faksimile) 220
Erinnerungsbilder aus zwei Vortragen von Rudolf Steiner iiber
Malerei, gehalten wahrend des Jugendkurses, 3. bis 15. Oktober
1922 in Stuttgart (Maria Strakosch-Giesler) 222
Hinweise 231
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 243
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 245
VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER
« Alle Erkenntnis, auch die rein
wissenschaftliche, mufi in
das rein Kiinstlerische gehen. »
14. Februar 1923
«Geistige Wirkenskrafte im Zusammenleben von alter und junger
Generation» - diesen Titel gab Marie Steiner den Vortragen, welche
Rudolf Steiner im Oktober 1922 in Stuttgart hielt und als «Padagogi-
scher Jugendkurs» zunachst als Privatdruck erschienen. Sie hatte noch
in Dornach 1947 diese Vortrage durchgearbeitet und fur eine neue
Herausgabe vorbereitet, zu der es aber erst 1953 kommen konnte.
Wenn auch Rudolf Steiner vor diesem Auditorium immer wieder die
padagogischen Grundlagen ins Bewufitsein riickt, so kennzeichnet der
neue Titel doch den wesentlichen Inhalt des dreizehn Vortrage umfas-
senden Zyklus. Es ist die Frage: Wie finden wir den Geistf -, welche,
dieser Generation noch nicht bewufit, die treibende Kraft in jener Zeit
ist und zu dem gefuhrt hat, was man gemeinhin «Jugendbewegung»
nannte. Geistige Wirkenskrafte aber waren es in Wirklichkeit, welche
jene Bewegung hervorriefen und, wie Rudolf Steiner betonte, in dieser
Form bisher noch nicht sich gezeigt hatten. In verschiedenartige Lebens-
zusammenhange spielten diese Geschehnisse hinein; auch die akade-
mische Jugend wurde von diesem Ringen beriihrt. Die Auseinander-
setzungen gaben besonders dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts
auch ihr Geprage. Doch erst Rudolf Steiner brachte Klarheit in die
vielfaltigen Formen, welche durch die Problematik der jungen Menschen
auftraten. Es waren Schicksalszusammenhange, die noch unter der
Schwelle des Alltagsbewufitseins ruhten, aber impulsierend wirkten
und nach Gestaltung drangten.
Schon bei der ersten Veranstaltung im neuerbauten Goetheanum,
Herbst 1920, hielt Rudolf Steiner eine Ansprache an die damals in
Dornach versammelten Studenten und fuhrte im Friihjahr 1921 in
Stuttgart diese Thematik weiter. So kam es zu insgesamt funfzehn
Jugendansprachen. Zeitlich gliedern sie sich in die ersten fiinf Anspra-
chen, beginnend wahrend des ersten Hochschulkurses 1920 in Dornach
und ausklingend in diejenige wahrend des offentlichen Stuttgarter
Kongresses 1921 mit dem Thema «Kulturausblicke der anthroposo-
phischen Bewegung». Im nachsten Jahr, 1922, finden dann in Stuttgart
die bereits erwahnten Oktobervortrage des Jugendkurses statt, die ja
einen Ausgangspunkt in den vorangegangenen Jugendansprachen haben.
Fur Weihnachten 1922 hatte Rudolf Steiner einen Vortragszyklus mit
dem Thema «Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der
Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung» angekiindigt. Die
Vereinigung der Naturforscher am Goetheanum und der Zweig der
Anthroposophischen Gesellschaft hatten dazu am Goetheanum einge-
laden. «Zutritt zu diesen Vortragen hat jedes Mitglied der Anthroposo-
phischen Gesellschaft und solche Personlichkeiten, die ein offenes
Interesse fur unsere Bewegung haben. » So hatten sich auch eine Reihe
von jiingeren Personlichkeiten zu jenen Vortragen in Dornach einge-
funden. Zu diesen im besonderen spricht Rudolf Steiner dann am
6. Januar des neuen Jahres 1923 nach dem Verlust des ersten Goethea-
num. Diese Ansprache tragt den Titel «Die Erkenntnis-Aufgabe der
akademischen Jugend». 1942 hat Marie Steiner die Ansprache mit vier
anderen zu einer Broschiire vereinigt und diesen Ausfuhrungen Rudolf
Steiners aus den ersten Januartagen des Jahres 1923 den Titel gegeben
«Die Not nach dem Christus. Die Aufgabe der akademischen Jugend.
Die Herz-Erkenntnis des Menschen». Wir haben 1957 fur die erste
Veroffentlichung der gesammelten Jugendansprachen den Titel der
Ansprache vom 6. Januar gewahlt, aber im Hinblick auf die folgenden
Darstellungen Rudolf Steiners vom Jahre 1923 und hauptsachlich 1924
das Beiwort «akademisch» fortgelassen.
Den Hohepunkt des Jahres 1923 bildet zu Weihnachten die durch
Rudolf Steiner erfolgte Begriindung der Allgemeinen Anthroposophi-
schen Gesellschaft. Innerhalb der Freien Hochschule fur Geisteswissen-
schaft wird von Rudolf Steiner eine Sektion fur das Geistesstreben der
Jugend ins Leben gerufen. In einer Reihe von Aufsatzen entwirft er die
Idee einer solchen Arbeitsstatte und deren zu verwirklichenden Ziele.
Diese Aufsatze schlieften sich organisch an die Ansprachen des Jahres
1923 an und fiihren weiter zu den noch in Breslau und Arnheim,
Holland, 1924 stattgefundenen Zusammenkiinften Rudolf Steiners mit
der Jugend.
Die starke Nachfrage nach der vergriffenen Publikation bedingte
diese Neuauflage als Band der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in der
bisherigen, teilweise erweiterten Zusammenstellung mit dem beibehal- .
tenen Titel unter Bibliographie-Nummer 217 a, in Erganzung zum
«Padagogischen Jugendkurs» (Bibl.-Nr. 217).
Die zeitlich zwischen 1920 und 1924 liegenden Ansprachen werden
aber auch in ihrem chronologischen Zusammenhang innerhalb der
Gesamtausgabe in den betreffenden Banden erscheinen.
Welche Bedeutung aber Marie Steiner solchen oftmals nur noch auf
Notizen von Teilnehmern sich stiitzenden Wortlauten Rudolf Steiners
beimiftt, geht aus einem 1942 verfafken Geleitwort hervor, das sie einer
anderen Reihe von Ansprachen Rudolf Steiners voranstellte:
«Das Jahr 1942 . . . stellt vor unser Seelenauge, durch den Ablauf von
vier Dezennien einerseits, von zwei Dezennien andrerseits, ganz beson-
ders eindringlich die wichtigsten, einschneidendsten Ereignisse unseres
anthroposophischen Lebens. In ihrer schicksalbildenden Bedeutung
werden sie nur iibertroffen durch das Hinscheiden von Dr. Steiner
selbst. Vor vierzig Jahren, im Oktober 1902, fand die Geburtsstunde
der anthroposophischen Bewegung statt; vor zwanzig Jahren, in der
Nacht des 31. Dezember, verzehrten die Flammen das Goetheanum,
den physischen Ausdruck der unermefilich reichen Gaben Rudolf
Steiners.
In unserer aller Seelen, die diese Nacht miterlebt haben, ist sie mit
Flammenschrift eingegraben. Alle wundersamen Etappen des allmah-
lichen Aufbaus jenes Werkes, seiner werdenden Verwirklichung leuchten
in dem Bilde dieses Feuers wieder auf. Man mochte bei den Einzelheiten
verweilen, ihre innere Kraft immer tiefer ins eigene Wesen einfliefien
lassen, um ganz von ihr erfafit zu werden. Das Tempo unserer Zeit und
ihre Harte erlaubt es nicht. Es ware egoistischer Schmerz. Aber retten
aus dem verbleichenden Geschehen der Vergangenheit darf man das,
was bleibenden Wert fur die Zukunft hat. Dazu gehort vor allem jedes
gesprochene Wort Rudolf Steiners. Wenn es auch durch das Medium
der Nachschrift auf die Form verzichten mufi, die der Autor selbst
seiner Niederschrift gegeben hatte, wenn es auch manchmal gekiirzt
ist, manchmal abgeblafit sein mag, so ist doch der darin pulsierende
Lebensstrom ein so starker, der Geistgehalt ein so lauternder, dafi
keine stilistische Aufglattung das Unmittelbare dieser reinigenden
Katharsiswirkung ersetzen konnte.»
In der Gegenwart befinden sich anthroposophische Bewegung und
Anthroposophische Gesellschaft einer Weltlage gegeniiber, die von Tag
zu Tag Probleme aufwirft, von denen in den zwanziger Jahren sich
niemand auch nur eine Vorstellung bilden konnte. So haben gewifi
auch diese Ansprachen bleibenden Wert fur die Zukunft.
I
Ansprachen der Jahre 1920/1921
«Schlieften Sie niemand aus,
sondern schliefien Sie alle ein,
die mitarbeiten wollen. »
Dornach, 16. Oktober 1920
EIN WEG ZU FREIER WISS ENS CHAFTLI CHER ARBEIT
Ansprache w'dhrend des ersten anthroposophischen Hochschulkurses im
Goetheanum, zu dem damals erschienenen Aufruj an die akademische Jugend
Dornach am 1. Oktober 1920
Meine verehrten Kommilitonen! Sie werden begreifen, dafi ich natiir-
lich nicht in irgendeiner Weise zu dem Inhalt des Aufrufes selbst spre-
chen kann, da er in zu enge Verbindung mit meiner Person gebracht ist.
Und daher wird es am besten sein, wenn ich in den Worten, die ich zu
Ihnen heute sprechen darf, mich mehr beziehe auf dasjenige, was eigent-
lich als ein Wollen sich ankiindigt aus der gegenwartigen Studenten-
schaft heraus fur neue wissenschaftliche und allgemeine Kulturziele
sowie auch fiir das soziale Leben.
Wenn ich diesen Aufruf mir vor Augen hake, dann erinnert er mich
an einen anderen Aufruf, der vor einiger Zeit auch seinen Weg von
Stuttgart aus gehen sollte: an den Aufruf, der dazumal ein solcher sein
sollte zur Bildung eines Kulturrates.
Im Jahre 1919, als unsere Arbeit in Stuttgart begann, basierte sie sich
ja zunachst auf jenen «Aufruf an das deutsche Volk und an die Kultur-
welt», den ich verfassen durfte, und der im Marz vorigen Jahres seinen
Weg durch die Welt nahm. Und es basierte sich diese Arbeit auf dasje-
nige, was von mir versucht wurde als soziale Richtlinien anzugeben in
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Als eine der
wichtigsten Angelegenheiten wurde damals von einer Anzahl von Per-
sonlichkeiten, die sich zu der Gesinnung und zu den sozialen Zielen
der «Kernpunkte» bekannten, die Bildung eines Kulturrates beschlossen,
und man hatte die Absicht, der Welt vor Augen zu stellen, wie es wirk-
Hch notwendig ist, an eine Art Erneuerung des Geisteslebens, an eine
Durchdringung des Geisteslebens mit neuen Impulsen heranzugehen.
Sie wissen ja, in den «Kernpunkten der sozialen Frage» wird darauf
aufmerksam gemacht, wie das wichtigste Streben unserer Zeit sein
miisse, ein unterbewulkes Ziel der gegenwartigen Menschheit zum be-
wufiten Tun heraufzuheben. Das ist eben: das Gestalten des sozialen
Organismus zu einem dreigliedrigen.
Wer ein wenig hineinschauen kann in dasjenige, was heute brodelt
und pulsiert in der strebenden Menschheit, der fiihlt schon, wie in die-
sen «Kernpunkten» nichts, aber auch gar nichts Utopistisches darinnen
ist, sondern wie eigentlich nur aus einer dreifiig- bis fiinfunddreifiigjah-
rigen Beobachtung dasjenige geschaffen ist, was eigentlich im Grande
die groftte Anzahl der Menschen will, oder sagen wir, eigentlich wollen
sollte nach ihren Instinkten, nach ihren Empfindungen, was sie sich
aber noch nicht eingesteht, weil sie eine gewisse Furcht hat, es sich ins
BewuRtsein hinaufzuheben.
Man kann auf alien drei Gebieten des Lebens, auf dem Gebiet des
geistigen Lebens, auf dem Gebiet des Rechts-, des Staats- oder politi-
schen Lebens und auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Lebens sehen,
wie neue Wege gewandelt werden miissen. Und ich versuchte ja in mei-
nen «Kernpunkten» zu zeigen, wie gewissermafien die Haupthinder-
nisse fur das Wandeln auf solchen neuen Wegen daher kommen, dafi
man nun einmal im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte sich ein-
gelebt hat in die Suggestion, dafi der Einheitsstaat alles machen miisse.
Der Einheitsstaat hat nach und nach auch das Hochschulwesen okku-
piert, konnte man sagen. Annektiert, okkupiert wurde das Hochschul-
wesen. Bedenken Sie nur einmal, dafi dieses Hochschulwesen sich her-
ausentwickelt hat aus dem Geistesleben selbst. Bedenken Sie, dafi die
Geltung des Hochschulwesens in einer Zeit, die noch gar nicht so lange
hinter uns liegt, durchaus auf der individuellen Fruchtbarkeit der ein-
zelnen Hochschulen sich aufbaute. Bedenken Sie, wie man sprach von
der Juristenfakultat in Bologna, wie man sprach von der medizinischen
Hochschule in Salerno, wie man sprach von anderen bedeutenden
Hochschulen; wie man herleitete die Geltung des Hochschulwesens in
der Welt von den besonderen individuellen Leistungen desjenigen, was
in den einzelnen Hochschulen vorhanden war. Und es ist im Grunde
genommen nur eine neuere Okkupation oder Annexion, die von den
immer mehr und mehr Macht an sich reiftenden Staaten ausgeiibt wor-
den ist, dafi schliefilich unser Hochschulwesen ganz eingemiindet ist in
eine Dienerschaft gegeniiber den aufieren Bedurfnissen der einzelnen
Staaten. Es mulke eigentlich heute gerade in dem Menschen, der sich
verbunden fiihlt mit dem Erkenntnis-Geistesstreben und iiberhaupt mit
dem Kulturstreben der Menschen, doch etwas leben von einer Art hi-
storischer Erinnerung an solche Zeiten, in denen es an den Hochschu-
len lag, was sie dem Staate geben wollten, was sie aus dem Staate ma-
chen wollten. Und, ich mochte sagen, ein gewisser innerer Impuls, der
aus dem Nachdenken iiber die Dinge kommt, der miifite dazu fiihren,
dafi man sich vor Augen stellt, wie es wieder und immer wiederum am
Ende des 18. Jahrhunderts, im Beginne des 19. Jahrhunderts von einem
Zeitalter der Aufklarung betont worden ist, dafi in den Zeiten des Mit-
telalters die Wissenschaft die Dienerin des theologischen und kirchli-
chen Betriebes war. Wie oft ist es wiederholt worden, was Kant - Sie
wissen, ich bin kein Kantianer - ausgesprochen hat mit den Worten:
die Zeit ist voriiber, wo alle Wissenschaften der Theologie die Schleppe
nachgetragen haben. Die Wissenschaften sind frei geworden. Sie sind
dazu berufen, die Fahne voranzutragen aller iibrigen Kultur. Aber im
Grunde genommen erst, nachdem solche Worte popular geworden sind
aus einem berechtigten Gefuhl gegeniiber dem geistigen Leben in den
Wissenschaftsasten, erst nachher ist vom Staate aus diejenige Stromung
gekommen, die das Hochschulwesen nun zum Diener des Staatswesens,
der Politik, der Jurisprudenz gemacht hat. Und, meine verehrten Kom-
militonen, ob es nun besser ist, der Theologie, also wenigstens einem
Geistigen die Schleppe nachzutragen, oder dem aufieren Staatswesen
die Schleppe nachzutragen, das ist noch erst die Frage. Dariiber werden
die kommenden Zeiten ihr Urteil zu fallen haben. Denn schon war es
auch nicht, dafi sozusagen ein Jahrhundert, nachdem Kant das Wort
gesprochen hat, die Wissenschaft wolle nicht mehr der Theologie die
Schleppe nachtragen, der Generalrektor der Berliner Akademie der
Wissenschaft, der beriihmte Physiologe Du Bois-Reymond ausgespro-
chen hat, dafi die Herren Mitglieder der Berliner Akademie der Wis-
senschaften sich sehr geehrt fuhlten, indem sie sich nennen diirften: Die
wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. Das ist schliefilich
aus dem geworden, was ich nennen mochte: Okkupation des Hoch-
schulwesens durch den Staat. Und es ist ja selbstverstandlich, daft der
Staat nicht fur die Wissenschaft, sondern dafi der Staat fur seine «Be-
amten» sorgt. Neulich, meine sehr verehrten Kommilitonen, konnte
schon der Rektor der Universitat Halle einen Aufsatz erscheinen lassen,
der doch ganz merkwiirdige Schlaglichter wirft auf dasjenige, was nun
aus der alten Gesinnung, nach der er Rektor geworden ist, stammt. Der
Rektor der Universitat Halle scheint ja einigermafien unterrichtet zu
sein iiber wichtige Vorgange hinter den Kulissen, denn er macht mit
Besorgnis und ganz ausfuhrlich in einem Zeitungsaufsatz darauf auf-
merksam, daft die Absicht bestehe, eine grofie Anzahl deutscher Uni-
versitaten eingehen zu lassen und an ihrer Stelle Beamtenschulen zu er-
richten, wo man also Beamte in der richtigen Weise dressieren wird. Ja,
meine sehr verehrten Kommilitonen, auf diese Dinge mufi man hin-
schauen, wenn man begreifen will, daft eine verhaltnismafiig scharfe
Sprache dazumal gefuhrt wurde in jenem Aufruf zu einem Kulturrat,
der von Stuttgart ausging. Denn dasjenige, was da hineingewirkt hat in
das Universitatswesen, das hat nicht etwa blofi das Anstellungswesen
der Professoren, die Unannehmlichkeiten des Priifungswesens ergrif-
fen, sondern das hat die Wissenschaften, die Erkenntnis, den Geist
selbst ergriffen. Und dem sollte dazumal Abhilfe geschaffen werden
dadurch, daft man alles aufrief, von dem man glaubte, dafi es ein Herz,
einen Sinn hat fur ein Weiterbringen des Erziehungswesens, der geisti-
gen Angelegenheiten iiberhaupt. Und es war damals die Hoffnung der-
jenigen Menschen, die mit einem warmen Herzen fur eine solche Sache
an die Arbeit fur diesen Aufruf gingen, dafi man sich ja zunachst wen-
den musse an die Vertreter des geistigen Lebens selbst. Sehr viele Gut-
meinende meinten eben, aus dem Kreise der Hochschullehrer heraus
werden sich ja selbst Einsichtige finden, welche mitgehen mit der
Emanzipation des Hochschulwesens vom Staatswesen.
Nun, meine verehrten Kommilitonen, ein wirklich tatkraftiges Mit-
gehen wurde nicht gefunden. Aber urn so ofter konnte man horen, wie
die Herren in eigentiimlicher Weise sich aufierten. Sie sagten namlich:
Ja, wenn diese Dreigliederung des sozialen Organismus mit ihrem
freien Geistesleben da ware, dann wiirde es ja dahin kommen, dafi statt
des Unterrichtsministers mit seiner Beamtenschaft die Lehrer an den
Universitaten selber eine Art Administration des gesamten Erziehungs-
wesens ausiiben wurden. Nein, sagten die Herrn, da stehe ich doch lie-
ber unter dem Unterrichtsminister und seinen Referenten, als dafi ich
mich einlassen wiirde auf die Verfugungen und Mafinahmen, die meine
Herrn Kollegen treffen. Und man konnte ganz sonderbare Aussagen
horen iiber die Herrn Kollegen. Und da man Gelegenheit hatte bei die-
ser Wanderschaft durch die Meinungen der Hochschullehrer, zu horen,
was der A iiber den B, der B iiber den A redete, so blieben nicht viele
iibrig von denjenigen, an die man sich nun bei dieser Selbstverwaltung,
diesem Auf-sich-selbst-gestellt-sein-Wollen des geistigen Organismus
hatte halten konnen. Man machte recht traurige Erfahrungen. Es wird
Ihnen ja vielleicht bekannt sein, daft dieser ganze Kulturaufruf mit
all seinen guten Intentionen einfach Makulatur blieb, daft sich eigent-
lich im Grunde genommen niemand gefunden hat, der fur ein freies
Geistesleben aus dem Kreise der geistigen Arbeiter hat eintreten wollen.
Aber auch an aufteren Erscheinungen kann man schon verspiiren,
was in den letzten Jahrzehnten eingetreten ist. Manche wiirdigen die
Dinge noch nicht in der richtigen Art. Ich betone nur, daft zum Bei-
spiel dasjenige, was man geworden ist friiher durch sein Darinnenste-
hen im Hochschulbetriebe, sich in etwas ausdriickte, das gewisserma-
ften aus dem wissenschaftlichen und dem Erkenntnisstreben selbst her-
auswuchs. Was etwas zu tun hatte mit dem Erkenntnisstreben, das ist
das Gradwesen an den verschiedenen Fakultaten. Man merkt nur, wie
sich hereingeschlichen hat in dieses Gradwesen, das aus der Eigenver-
waltung der Universitaten hervorgegangen ist, das Staatspriifungswe-
sen, wie schlieftlich gegeniiber den Staatspriifungen dasjenige, was als
Gradwesen aus den Universitaten, also aus den Wissenschaften selber
herausgewachsen ist, nur noch eine Dekoration geworden ist.
Gewift, solche Dinge sind nur Symptome zunachst. Aber sie zeigen
als Symptome sehr deutlich, daft ein Absorptionsprozeft des geistigen
Lebens durch das politische, durch das aufterlich staatliche Leben in
hohem Grade sich vollzogen hat. Und Sie konnen ganz sicher sein, daft
das Staatswesen, worauf ich heute hindeutete, das nur Staatswesen sein
will, uberhaupt die Universitaten ertoten wird, weil es sie nicht braucht
als Universitaten, als Wissenschaftsstatten. Weil es dasjenige, was es bis
jetzt aus den Universitaten gebraucht hat, nur als Staatsbeamtenschule
brauchte, wird es alles in Staatsbeamtenschulen verwandeln. Das ist die
Tendenz der Zeit. Wenn so etwas ausgesprochen wird, will man es
immer nur als Utopie, als falsche Prophetenworte hinstellen. Man mufi
aber auch ein wenig hinsehen konnen in die Richtung, in welcher sich
die Zeit bewegt. Und schliefilich ist es schon weit fortgeschritten, dafi
wir aus der Juristenfakultat eine Beamtenschule fiir den Staat, aus der
medizinischen Fakultat ein Bestreben hervorkommen sehen, welches
darauf hinausgeht, auch den Heiler der Menschen zu einem blofien Rad
im Staatsbetriebe zu machen. Und an der philosophischen Fakultat?
Was hat denn heute noch viel Wert als dasjenige, was die Leute vorbe-
reitet, um im staatlichen Sinne Unterrichtsbeamte, nicht PSdagogen zu
sein! In Deutschland, dem Musterland, im demokratisierten Deutsch-
land heifien ja die Lehrer gar nicht einmal mehr Lehrer oder Professor,
sondern - als Schreck aller Schrecken! - Studienassessor oder Studien-
oberassessor und dergleichen. Diese Aufierlichkeiten haben aber mit
dem ganzen inneren Geist der Wissenschaften zu tun. Und es war
wirklich etwas recht Trauriges, dafi man die Erfahrung machen mufite,
dafi auf seiten der Lehrenden absolut kein Herz und kein Sinn ist fur
eine Verselbstandigung des Geisteslebens.
Das mufi ich mir vorhalten, wenn ich jetzt den Aufruf, der aus der
Studentenschaft heraus kommt, vornehme. Wenn es das Alter nicht
machen mag - anders kann man nicht sagen -, dann mufi eben die Ju-
gend es als heilige Pflicht empfinden, fiir die Freiheit des Geisteslebens
einzutreten. Denn dessen konnen wir sicher sein: wenn niemand fiir
die Freiheit des Geisteslebens, wenn niemand fiir die Urquellen einer
Erkenntniserneuerung eintritt, dann wird es schlimm stehen in den
Zeiten, in welche die nachste Generation unserer zivilisierten Mensch-
heit hineinwachst. Es ist doch nicht ohne Bedeutung, dafi ein so geist-
reicher Mann wie Oswald Spengler heute schon wissenschaftlich, das
heifit mit den Mitteln der alten Wissenschaft beweisen kann, dafi die
Zivilisation des Abendlandes der Barbarei entgegengeht. Wir haben
vieles wissenschaftlich beweisen gelernt. Heute wird wirklich mit
einer grofien Kraft schon bewiesen, dafi all unser Wissen in die Barbarei
hineinfuhrt.
Das ist etwas, was, wie man glauben kann, wie ein Alp lasten mufi
auf der Jugend, die ja heute nicht in blindem Autoritatsglauben auf-
wachsen darf, die sich nicht gestatten darf einen blinden Autoritats-
glauben, sondern die mit sehenden Augen hinschauen mufi auf dasje-
nige, was vorgeht an den Anstalten, die sie betritt, um in das Leben
hineinzuwachsen. Und man darf daher glauben, daft es einen gewissen
wohltuenden Eindruck machen kann, abgesehen von allem - und ich
will und kann absehen von alledem, was sich in dem Aufruf auf meine
Person bezieht -, es macht einen wohltuenden Eindruck, daft nun in
Gegensatz zu den alten Fiihrenden die Gefuhrten treten und sagen, was
sie wollen, und daft sie es sagen in konkreter Form. Denn, meine sehr
verehrten Kommilitonen, die Befreiung des Geisteslebens, die Verselb-
standigung des geistigen Organismus kann nicht durch Tiraden, durch
Rhetorik erreicht werden. Dasjenige, was durch den Staat absorbiert
worden ist, mufi wieder herausgezogen werden. Das kann aber nur ge-
schehen, wenn eine wirkliche Kraft des Geisteslebens da ist. Und eben-
so wie im Zeitalter des Materialismus die Wissenschaft ohnmachtig war
gegeniiber den Aufsaugegelusten des Staates, so wiirde eine materiell
bleibende Wissenschaft ohnmachtig auch bleiben gegeniiber diesen Ab-
sorptionsgelusten des die Wissenschaft in die Barbarei iiberfuhrenden
Staates. Herausheben Wissenschafts- und Erkenntnisgeist aus der Poli-
tik, aus alledem, in dem er heute zu seinem Verderben steckt, das kann
nur etwas Positives. Geradeso wie materielle Wissenschaft eine Beute
unwissenschaftlicher Machte geworden ist, so wird geistige Wissen-
schaft durch ihre eigene Wesenheit, durch ihre eigene Kraft heraus-
ziehen konnen diese Wissenschaft wiederum aus den ungeistigen Mach-
ten. Und sie allein wird in der Lage sein, das freie Geistesleben, den
auf sich gestellten geistigen Teil des sozialen Organismus zu begriinden.
Selbstverstandlich mussen Sie sich sagen, die Sie diesen Aufruf unter-
schreiben, daft dieser Aufruf, insbesondere wenn er von solcher Seite
kommt, als ein Sturm empfunden werden wird. Aber, meine verehrten
Kommilitonen, ohne Sturm geht es heute nicht ah; ohne den Willen
und den Mut, wirklich umzugestalten, was umgestaltet werden mufi,
kommen wir nicht vorwarts, sondern gehen in den Niedergang dann
weiter, gehen in die Barbarei hinein. Man wird sich von vornherein klar
sein mussen dariiber, daft dieser Aufruf nicht wohlwollend von gewis-
sen Seiten aufgenommen werden kann. Aber ich glaube, daft alle dieje-
nigen, die ihn mit vollem Herzen und mutiger Seele unterschreiben,
sich auch klar dariiber sind, daft man mit einem Aufruf, der wohlwol-
lend aufgenommen wiirde von gewissen Seiten, auf die ich hier hindeu-
tete, eben durchaus nichts erreichen konnte. Auf Kampf mufi man ge-
fafit sein mit demjenigen, was man heute wollen mufi.
Selbstverstandlich wird es darauf ankommen, dafi nun nicht einfach
in die Welt hinausgestellt wird ein Aufruf in Worten. Meine sehr ver-
ehrten Kommilitonen, ich habe im Laufe meines Lebens viele Aufrufe
erlebt. Und ich weifi, dafi Aufrufe nichts bedeuten, wenn nicht die
Menschen hinter ihnen stehen, fur deren Wollen im Grunde genom-
men solch ein Aufruf doch nur ein Aufieres, sogar ein auflerliches Aus-
drucksmittel ist. Menschen, deren Krafte nicht erlahmen, wenn sie se-
hen, wie in den ersten Zeiten sich alles widersetzt dem, was man so will,
tatkraftige Menschen miissen hinter einer solchen Sache stehen, sonst
sind Worte von solcher Scharfe allerdings nicht gerechtfertigt. Aber sie
miissen in unserer Zeit im Grunde genommen gerechtfertigt sein nach
all den Erfahrungen, die gemacht worden sind. Aber alledem, was in
dieser Weise durch solche Kritik des Bestehenden denjenigen, die es
angeht, als Kritik klargemacht werden mufi, alledem mulS zur Seite ge-
stellt werden die positive Arbeit. Und wir werden wohl sehen miissen,
wenn dasjenige, was beabsichtigt ist, gliicken soil, dafi sich Kreise bil-
den und immer mehr und mehr Kreise bilden, immer grofiere und gro-
fiere Gebiete, ganz international, die auch wirklich in dem Sinne gei-
steswissenschaftlich arbeiten, dafi sie die einzelnen wissenschaftlichen
Disziplinen mit Geisteswissenschaft befruchten.
Es ist ja nach und nach zu Merkwiirdigem gekommen, wenn es sich
darum gehandelt hat, anzuschliefien junge, strebende Gemiiter an den
Betrieb des Geisteslebens. Mir wiirde da vieles einf alien, wenn ich iiber
dieses Kapitel reden wollte. Ich will Ihnen zum Beispiel nur eine nette
Szene erzahlen, die sich einmal abspielte an einer philosophischen Fa-
kultat, wo sich ein junger, dazumal hoffnungsvoller Doktor habilitieren
wollte fur - ja, fur Philosophic Er ging zum Ordinarius, der ihn sehr
schatzte, und sagte zu ihm, dafi er sich habilitieren wolle, und was ihm
nun angenehm ware, da$ da als Antritts-Vorlesungsthema gewahlt
wiirde. Da sagte der Ordinarius, der, wie gesagt, dem jungen Doktor
wohlwollend gegeniiberstand, und der die Privatdozentur dieses jungen
Doktors an seiner Seite wiinschte: Ja, aber das geht gar nicht! Ich kann
Sie meinen Kollegen nicht vorschlagen, dafi Sie Privatdozent werden;
es wurde ja alles iiber mich herfallen. Sie haben ja in der Philosophic
nur Dinge geschrieben iiber philosophische Geschehnisse und Person-
lichkeiten des 19. Jahrhundert; so jemanden diirfen wir nicht zulassen
zur Dozentur. Da miissen Sie iiber viel, viel altere Sachen geschrieben
haben. - Ja, sagte der junge Doktor, was soil ich denn jetzt machen,
Herr Hofrat? Ich dachte, was ich iiber Schopenhauer, iiber den Ent-
wicklungsgang der Asthetik im 19. Jahrhundert geschrieben habe, das
wiirde taugen? - Vielleicht merken die Anwesenden Wiener schon, um
wen es sich handelt? - Ja, sagte der Herr Hofrat, das kommt nicht
darauf an, iiber was Sie schreiben, sondern nur darauf kommt es an,
da$ es alt und unbekannt ist. Schauen wir einmal im Lexikon einen
alten italienischen Asthetiker nach. - Sie schlugen das Lexikon auf und
kamen gerade auf G, wo der Name Gravina verzeichnet stand. Sie
wuEten alle beide nichts von ihm, aber der betreffende Ordinarius
fand, das ware das Richtige. Und der junge Doktor machte seine Habi-
litationsschrift iiber dieses interessante Thema, einen ganz unbekannten,
unbedeutenden italienischen Asthetiker. Und nun konnte ihn der Or-
dinarius als Privatdozent zulassen. Die Sache hat aber nicht so kurz ge-
dauert; er mulke sich doch immerhin, ich glaube sogar ein und ein hal-
bes Jahr, damit beschaftigen, denn es war ja nicht so leicht, die Ver-
dienste dieses unbekannten italienischen Asthetikers in das richtige
Licht zu stellen.
Das ist nur so ein extremer Fall. Aber man kann ja ungeheuer viele
solcher Falle hinstellen.
Nehmen wir nur einmal, wie es dahin gekommen ist, dafi nach und
nach iiberhaupt alle Freiheit in der Dissertationsthemawahl im Grunde
genommen aufgehort hat. In einem solchen Fach wie die neuere Philo-
logie hat es zum Beispiel Wilbelm Scherer dahin gebracht, das ganze
Dissertationsweseri eigentlich zu schematisieren, zu organisieren. Man
liefi den Studenten, der da kam und um sein Dissertationsthema fragte,
einfach diejenige Dissertation machen, ob es ihm nun entsprach, ob er
davon etwas Besonderes speziell getrieben hatte oder nicht, darauf kam
es nicht an, man liefi ihn die Dissertation machen, die irgendeinem
Professor, der dann ein ausfiihrliches Buch iiber das Thema schreiben
wollte, dienen konnte, indem er die einzelnen Dissertationen zusam-
mennahm und dergleichen. Dieser aufiere Betrieb entspricht aber mehr,
als man glaubt, dem inneren Gang des Geisteslebens. Und ich glaube
nicht fehl zu gehen, wenn ich sage: Es ware das grofke Verdienst, das
Sie sich erwerben konnten, meine verehrten Kommilitonen, wenn Sie
dem Geiste, der von da her weht, nun wirklich einen frischen, elemen-
taren Quell wisserischaftlichen Arbeitens entgegenstellen konnten.
Wenn Sie Kreise bildeten und mit all den Hilfsmitteln und Quellen, die
Ihnen zur Verfugung stehen, nun erst wahre, urspriingliche, elemen-
tare wissenschaftliche Arbeit versuchten. Von Gruppe zu Gruppe in
einzelnen Stadten mogen sich diejenigen zusammenfinden - das mulke
ich sagen, wenn Sie meinen Rat wollen die aus solchem Geiste heraus
arbeiten wollen. Will man zum lebendigen Gedeihen des wissenschaft-
lichen Lebens, des Erkenntnislebens arbeiten, dann wird der Chemiker,
der Physiker, der Philosoph, der Jurist, der Historiker, der Philologe
zu irgendeinem gemeinschaftlichen Thema in gemeinschaftlicher Bear-
beitung etwas beitragen konnen. Und wenn es erwiinscht ist, dann
werden wir uns, die wir in Dornach fur diese Hochschulkurse arbeiten,
Miihe geben, dafi eine Art freies Komitee aus denjenigen Vortragenden
entsteht, die vorgetragen haben iiber die verschiedenen Zweige der
Wissenschaft, welche von der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft befruchtet worden sind, und dafi von diesem Komitee
Vorschlage ausgehen konnen iiber dasjenige, was zunachst behandelt
werden miifite. Nicht aus solchem Geiste heraus sollen dann Themen
gestellt werden, wie er von Leuten ausging und ausgeht, die bis zum
heutigen Tage regieren auf diesen Gebieten, sondern es soli mehr aus
dem Bedurfnis des allgemeinen Geisteslebens der Menschheit heraus
das oder jenes angeraten werden. Und wiederum soil auf die freie Wahl
gezahlt werden. Dasjenige, was notwendig ist, mogen die, die etwas
erfahren haben, sagen. Dasjenige, wofur man sich besonders geeignet
halt, dafiir mag sich derjenige, der sieht, was als notwendig bezeich-
net wird aus diesem freien Komitee heraus, entscheiden. Und so konn-
ten zusammenarbeiten in einer fortwahrenden freien geistig-wissen-
schaftlichen Korrespondenz diejenigen, die jetzt als Pioniere gewisser-
mafien eines freien Hochschulwesens hier in Dornach ihre Vortrage
hielten, mit denjenigen, die aus der Studentenschaft heraus enthusias-
miert und interessiert sind fiir dasjenige, was aus dem Geistesleben der
Zivilisation des Abendlandes werden soil durch diese Geisteswissen-
schaft.
Das ist ungefahr der Weg, auf dem man zunachst in positiver Weise
in wissenschaftlicher Arbeit versuchen konnte, die Worte des Aufrufes
wahrzumachen. Natiirlich ist es heute noch nicht an der Zeit, mehr ins
Einzelne gehend diese Ratschlage zu geben. Aber Sie konnen iiberzeugt
sein, daft diejenigen, die hier in Dornach oder in Stuttgart arbeiten,
schon im anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Sinn
jederzeit bereit sein werden, mit all ihren Kraften dasjenige zu fordern,
das zu tragen, das zu beraten, da mitzutun, wo es sich darum handelt,
daft eine begeisterte Studentenschaft ihr Scherflein beitragen will, da
oder dort, in dieser oder jener Gruppe, zu dem, was heute einmal eine
grofie, eine umfassende, eine intensive Aufgabe, ein gewaltiges Ideal
sein mufi: aus einem erneuerten, an die Urquellen zuriickgehenden gei-
stigen Forschen heraus das Geistesleben - und damit das allgemeine Kul-
tur- und Zivilisationsleben der Menschheit - zum Aufstieg, zu einer
Morgenrote, nicht zu einem Niedergang, nicht zu einer Abendrote,
wie manche meinen, zu fiihren.
Und, indem ich Ihnen verspreche, dafi alles dasjenige, was an mir
sein wird, auch dazu getan werden soil, damit ein intensives, ein auf
innerer Harmonie gebautes wissenschaftliches Zusammenarbeiten statt-
finden soli, indem ich Ihnen das verspreche, mochte ich die Frage be-
antworten, die an mich gestellt worden ist: was ich rate zunachst als
das Positive, was geleistet werden soil. Wenn wir wirklich in diesem
Sinne zusammenarbeiten, dann wird gerade aus der Studentenschaft das-
jenige hervorgehen konnen, was leider nicht hervorgegangen ist aus
denjenigen, die angeblich die Studentenschaft fiihren, deren Aufgabe es
allerdings ware, der Studentenschaft Fiihrer zu liefern. Erweisen sie
sich als solche nicht, nun, dann wird gerade eine gute Schule im Los-
kommen von allem Autoritatsglauben dasjenige sein, was Sie werden
durchmachen miissen, wenn Sie sich auf den Boden des freien wissen-
schaftlichen Arbeitens stellen. Dafi Sie mit der Geisteswissenschaft und
mit alledem, was von Dornach aus und von Stuttgart aus gewollt wird,
gut zusammenarbeiten konnen, wenn Sie sich auf einen solchen Boden
stellen, das, glaube ich, kann ich voraussehen. Und aus dieser Gesin-
nung heraus mochte ich heute zu Ihnen, meine verehrten Kommilito-
nen, gesprochen haben.
DAS MENSCHLICHWERDEN DES WISSENSCHAFTLICHEN LEBENS
Ansprache am letzten Tage des ersten antbroposophischen Hocbschulkurses
in Dornach am 16. Oktober 1920
Meine lieben Kommilitonen! Es geht aus manchen Ausfiihrungen die-
ser Art das eine hervor, dafi tatsachlich mit allem Nachdruck bei dem,
was wir uns hier denken als anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft, auf Sie gerechnet ist. Wir rechnen mit allem Nachdruck auf
Sie aus dem Grunde, weil ja, wenn dem drohenden Untergang der
abendlandischen Zivilisation entgegengearbeitet werden soli, das tat-
sachlich nur - so wie die Verhaltnisse heute einmal liegen - von der
Wissenschaft herkommen kann. Bedenken Sie, dafi dasjenige, was uns
in die heutige Lage hineingebracht hat, ja doch im Grunde auch von
der Wissenschaft herkommt. Ich will da viel weniger auf das hinweisen,
was eigentlich sozusagen auf der flachen Hand liegt: dafi die zerstoren-
den Anti-Kultureinrichtungen der neuesten Zeit ja im Grunde genom-
men wissenschaftliche Ergebnisse sind. Dariiber kann man sich ja auf
leichte Weise Vorstellungen machen, so dafi wir das hier nicht zu be-
sprechen haben. Aber etwas anderes wollen wir doch ins Auge fassen.
Sehen Sie, das Proletariat, das hat heute, wenn ich mich des grotes-
ken Ausdrucks bedienen darf, eine Art Januskopf. Es ist ganz richtig,
dafi man das Proletariat unbedingt heranzuziehen hat, wenn es sich
heute um eine Neugestaltung der Verhaltnisse handelt. Das ist wie-
derum etwas, was so selbstverstandlich wie nur moglich ist. Und ich
darf ja vielleicht daran erinnern, dafi es in Stuttgart unter der naheren
und weiteren Umgebung am meisten verschnupft hat, als ich einmal in
einem offentlichen Vortrag ein gewisses Wort gesagt habe, das aber,
wie ich glaube, aus einer wirklichen Erkenntnis der gegenwartigen Ver-
haltnisse heraus schon gesprochen ist. Ich habe namlich gesagt, dafi das
Biirgertum zunachst leidet an einem dekadenten Gehirn, und dafi es
unbedingt angewiesen ist darauf, die Gehirnarbeit zu ersetzen durch
die Arbeit des Athergehirnes, durch etwas Vergeistigtes. Das ist so of-
fenbar, wie nur irgend etwas offenbar sein kann. Dagegen hat der Pro-
letarier unter der gegenwartigen vertikalen Volkerwanderung ein noch
nicht dekadentes Gehirn. Er kann noch aus dem physischen Gehirn
heraus arbeiten, wenn man ihn nur dazu gewinnt. - Das hat natiirlich
sehr stark verschnupft in Biirgerkreisen der naheren und ferneren Um-
gebung. Aber heute handelt es sich nicht darum, ob man die Leute
mehr oder weniger verschnupft, sondern darum, dafi die Wahrheit an
den Tag kommt.
Nun aber zeigt eben das Proletariat dieses. Auf der einen Seite wer-
den die Proletarier stets geneigt sein, sich zu sagen: Ja, wir wollen
nichts wissen von dem, was ihr uns da bringt. Das ist fur uns zu
schwierig; das interessiert uns zunachst nicht. Aber auf der anderen
Seite sind diese Proletarier ganz gespeist mit Abfallprodukten der Wis-
senschaft des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Sie arbeiten ja nur mit dem, was davon abgef alien ist. Wir miissen uns
schon dazu durchringen, die Sache so anzusehen. Wir miissen uns sagen:
Gewift, es wird recht schwer sein, mit dem, was wir in ganz ernst-
hafter Weise aus der Wissenschaft herausarbeiten, ins Proletariat hin-
einzukommen. Aber wenn wir nicht nachlassen, wenn wir nicht uns
zuriickschrecken lassen, sondern auf dieser sozialen Aktion fufien: wir
miissen von der Wissenschaft aus das Proletariat gewinnen! - dann
werden wir auch ebenso sicher mit etwas Gesundem unter das Proleta-
riat kommen, wie man unter das Proletariat gekommen ist mit Marxis-
mus und Bolschewismus. Es handelt sich nur darum, daft wir nicht zu
friih iiberhaupt die Puste verlieren, dafi wir tatsachlich das einmal als
richtig Eingesehene unbedingt durchfuhren. Das war ja auch immer
und immer mein Grundsatz in der anthroposophischen Arbeit. Daher
habe ich nie Kompromisse geschlossen, sondern mir eben - es ging
nicht anders - ganz mit voller Einsicht in die Sache Feinde gemacht,
indem ich alles das, was dilettantisch heraufgekommen ist, einfach ab-
gestofien habe. Und wenn es einem der Miihe wert ware, konnte man
sehr leicht den Nachweis fiihren, dafi das Gros der gegenwartigen
Feinde solche Leute sind, die einmal wegen Uberdilettantismus zuriick-
gestofien worden sind. Sie wiirden schon sehen, wenn Sie auf die Ein-
zelheiten eingehen, dafi die Sache so ist. Man braucht dazu nur einen
Gedachtnisersatz zu haben. Das Gedachtnis ist ja nicht mehr so stark
ausgebildet! Wenn man an geisteswissenschaftliche Schulung heran-
kommt, weift man das. Dann weift man die Feinde zu taxieren. Sie tau-
chen aus Untiefen oft nach Jahren auf .
Deshalb miissen Sie nicht zuriickschrecken vor einem machtvollen
Einhalten des einmal als richtig Erkannten, dann wird es auch mit dem
Proletariat gehen. Denn das Proletariat leidet nur an einem iibertriebe-
nen Autoritatsgefiihl. Sobald man es aber fiir sich haben wiirde, wiirde
man es gewinnen. Es ist heute noch schwer, den Leuten klar zu machen,
daft ihre Fiihrer von unten bis oben ihre groftten Feinde sind; daft sie
Schadlinge sind. Das muft man aber den Leuten auch nach und nach
beibringen; dann wird es schon gehen. Dann wird man wahrscheinlich
eben dem Proletariat fiir diese gesunde wissenschaftliche Arbeit Inter-
esse geben, die wir wissenschaftlich uns erarbeiten. Dann wird man
gerade im Proletariat ein aufterordentlich gutes Publikum haben. Und
fiir lange Zeit hinaus wird das Proletariat in seiner Masse selbstver-
standlich gerade «Publikum» sein miissen.
Nun mochte ich aber noch auf etwas anderes hinweisen. Sehen Sie,
ich habe mich seit den Jahren, die ich in der anthroposophischen Be-
wegung tatig bin, eigentlich immer bemiiht, in einer gewissen Richtung
zu wirken, die darin bestand, zusammenzubringen das Anthroposophi-
sche mit dem speziell Wissenschaftlichen. Ich konnte Ihnen Spezialbei-
spiele hier vorweisen von den Schwierigkeiten, die sich da immer ent-
gegengestellt haben. Es kam zum Beispiel vor vielen Jahren heran ein
Gelehrter, der ein aufterordentlich gelehrtes Haus war in bezug auf
Orientalismus und Assyriologie. Auf der anderen Seite war er begei-
stert fiir Anthroposophie. Es ware ja selbstverstandlich gewesen, daft
einer, der nun wirklich als Gelehrter den Orientalismus und so weiter
im kleinen Finger hatte und auf der anderen Seite begeistert war fiir
Anthroposophie, daft der diese zwei Dinge nebeneinander bearbeitete.
Dazu war er aber riicht zu bringen; der Mann konnte nicht dazu
gebracht werden, daft er eine Briicke schlug von einem Gebiet zum
andern. Er konnte in beiden vorwartskommen, aber er konnte nicht eine
Briicke schlagen. Dennoch muft es da auch wiederum sein, daft diese
Briicke absolut versucht werden muft. Und man findet sie; man findet
durch Anthroposophie den Eingang in jede einzelne Wissenschaft.
Andererseits habe ich etnen ganz bekannten Professor der Botanik
gefunden, der auch ein begeisterter Theosoph war. Der betreffende
Marin schrieb botanische Werke und er schrieb iiber Theosophie. Er
gehorte nicht der Anthroposophischen Gesellschaft an, sondern der
Theosophischen. Er schrieb iiber Theosophie so, wie auch Annie Besant
dariiber schrieb. Er war ganz und gar Botaniker, wenn er das Theoso-
phiebuch zuschlug, und ganz und gar Theosoph, ohne dafi man merken
konnte, dafi er Botaniker war, wenn er in der Theosophie unterrichtete
oder Biicher schrieb. Es war ihm sogar ein Greuel, wenn ich mit
ihm iiber Botanik sprach und so vorbereiten wollte eine Art Briicke-
Schlagen.
Sehen Sie: dieses ist das Ergebnis der Kultur der letzten Jahrhunderte,
diese doppelte Buchfuhrung - so mufi ich sie immer nennen. Man will
haben dasjenige, was sich auf das Leben bezieht, in der Fachschrift,
und dasjenige, was man dann braucht fur das Gemiit, fur das «Innere»,
wie man es nennt, in der Sonntagsbeilage seines politischen Blattes. Die
Politik nimmt man dazwischen; die will man nach der bis jetzt beste-
henden «Dreigliederung» bekommen vom politischen Blatt. Diese
Dinge sind diejenigen, die Sie eigentlich vor alien Dingen durchschauen
mussen. Und Sie werden dann vielleicht gerade die Berufensten sein,
zu helfen, diese Briicke iiberall zu finden. In einem gewissen Sinne - es
wird ja nicht immer so radikal erscheinen - sind die Dinge doch so.
Sehen Sie, der arme Holderlin hat ja schon um die Wende des 18.
zum 19. Jahrhundert das schone Wort ausgesprochen, als er sich sagte,
wenn er in seinem Deutschland herumsieht, dann findet er iiberall Be-
amte, Fabrikanten, Tischler und Schneider, aber - keine Menschen. Er
findet Gelehrte, Kiinstler und Lehrer und so weiter, aber - keine Men-
schen. Er findet junge und altere und alte, gesetzte Leute, aber - keine
Menschen.
Man mochte heute sagen: Wir haben eigentlich gerade in unseren ge-
lehrten Berufen am wenigsten das noch, dafi dort Menschen sind! Wir
haben Wissenschaften, und die Wissenschafter schwimmen so eigent-
lich als etwas Tatsachliches herum. Im Grunde genommen leben wir ja
eigentlich in einem hohen Grade ganz abseits von der Wissenschaft, in-
dem wir uns als Menschen fiihlen. Denken Sie nur einmal, wenn wir
heme - ich meine, wenn wir alles, was gelehrtes Wissen ist, zusammen-
fassen -, wenn wir heute eine Arbeit machen, urn zu habilitieren, was
tun wir dann? Dann konnen wir nicht einfach uns hinsetzen und das,
was aus unserer Seele flielk, etwa in eine solche gelehrte Arbeit hinein-
schreiben. Das geht ja nicht. Dann wiirden wir sehr bald den Vorwurf
bekommen: Ja, der schreibt aus dem Handgelenk heraus. Das darf man
nicht. Man darf nicht aus dem Handgelenk schreiben, sondern man
mufi zur Doktordissertation seine Biicher studieren, um die man sich
sonst nicht kummert, vielleicht auch nicht liest, die man nur aufschlagt
an den Seiten, wo etwas steht, was man zitieren mufi, kurz: man mufi
ein moglichst aulterliches Verhaltnis haben zu dem, was man arbeitet,
und darf nur ja nicht ein innerliches Verhaltnis dazu haben! Wenn man
dann wiederum zusammenkommt - da kann ich Ihnen erzahlen von
einer merkwiirdigen Zusammenkunft in Weimar, die zum Beispiel ge-
pflogen wurde auch wahrend meiner Arbeitszeit am dortigen Goethe-
Schiller- Archiv, wo ich an den Zusammenkiinften der Goethe-Gesell-
schaft teilnehmen konnte. Sob aid man nur irgend etwas redete, was
ankniipfend war an Goethe, oder sobald man nur etwas Wissenschaft-
liches anschnitt, so sagte man: Da ist wiederum eine Gruppe, die fach-
simpelt, das geht doch nicht! Was der Zweck des Zusammenkommens
war, das war dasjenige, was man moglichst vermeiden mufite, um ja
nicht in einen iiblen Geruch zu kommen der Fachsimpelei. Das alles ist
im wesentlichen aber mit daran schuld, dafi wir in diese Lage hineinge-
kommen sind. Man konnte in Weimar ja wirklich alle Fachleute - viele
boten schon einmal eine Art Zusammenfiigung aller Facher — in diesen
sieben Jahren durchlaufen sehen, wie im Grunde ^enommen auch keine
starke Differenzierung nach Nationalitaten besteht. Denn wenn zum
Beispiel Mr. Thomas von einer ganz westlichen Universitat in Amerika
schreibt, zeigt sich sogar in seiner Arbeit und in seinem Denken - er
arbeitete an Goethes «Faust» - kein eigentlicher Unterschied zwischen
dem, was irgendein Schmidt- oder Scherer-Schiiler arbeitet. Das war
im Grunde genommen international, denn Thomas unterschied sich nur
dadurch von den anderen: er setzte sich auf den Boden und schlug die
Beine iibereinander, wenn er auf dem Boden vor dem Bucherschrank
S2&. Dadurch zeichnete er sich als Amerikaner aus. Aber im iibrigen
arbeitete er wie die anderen. Die einzige Ausnahme war ein russischer
Staatsrat. Der Mann wuftte nicht, tiber welche Fragen er forschte.
Wenn er aber abends in ein Gasthaus kam, wo man zusammensafi,
sagte man immer zu den anderen: Schaut euch nicht urn, derm der
Staatsrat geht urn! - Weil er immer wieder anfing von dem, was er von
Goethes «Faust» wuftte, hat man es vermieden, mit ihm zusammen-
zusitzen. - Nun, diese Dinge sind eigentlich wichtiger, als man ge-
wohnlich denkt; denn sie konnten reichlich vermehrt werden und wiir-
den doch etwas erlautern, wie das wissenschaftliche Leben sich so nach
und nach entwickelt hat. Und aus diesem wollen wir heraus! Wir wol-
len ganz gewift keine Pedanten, keine neuen Fachsimpler werden, aber
wir miissen uns klar sein, daft der Mensch hoher steht als alle Wissen-
schaften, daft er sich nicht von ihr tyrannisieren lassen mufi. Und die
Emanzipation des Geisteslebens arbeitet eigentlich darauf hin, die Wis-
senschaft als solche in ihrer Abstraktion zu bekampfen, und den Men-
schen an die erste Stelle zu stellen. So daft wir nicht nur Wissenschaft
so haben, wie Bolsche schreibt iiber die «Unsterblichkeit» der Wissen-
schaft. Wilhelm Bolsche hat auch eine Art von Geisteswissenschaft auf-
gestellt, aber die sucht er in Bibliotheken, die aber sind Verpapierung
und Verdruckerschwarzung der eigentlichen Geister.
Das ist aber, worauf wir hinarbeiten miissen: dieses Menschlichwer-
den des wissenschaftlichen Lebens, dieses: den Menschen in den Vor-
dergrund stellen in der sogenannten objektiven Wissenschaft. Die ob-
jektive Wissenschaft mufi im Leben in dem Menschen eigentlich ihr
Dasein haben, Und man wird dadurch nicht zum vertrockneten Men-
schen, wenn man das hat. Im Gegenteil, man wird durch dasjenige, was
ich jetzt nennen mochte «Bekampfung des abstrakten Daseins», gerade
zu einem niitzlichen Mitarbeiter werden an dem, was wir so notwendig
haben: an dem Bekampfen der Verbarbarisierung des abendlandischen
Zivilisationslebens.
Das ist dasjenige, was im Grunde genommen am allernotwendigsten
ist fur diejenigen, die in die gelehrten Berufe, oder eben von den Wis-
senschaften getragenen Berufe hineingehen. Deshalb glaube ich, daft es
schon aufterordentlich segensreich sein wird, wenn Sie sich zusammen-
tun an den einzelnen Hochschulen und in freier Weise solche Themen
wissenschaftlich behandeln, solche Themen ausarbeiten, wie es versucht
werden soli aus denjenigen Korperschaften heraus, die wir schon haben,
vor alien Dingen aus der Waldorf schule heraus. Ich denke mir dabei
nicht, dafi da ein schulmafiiger Betrieb eingerichtet werden soli, ganz
und gar nicht, meine lieben Kommilitonen, sondern ich denke mir
etwas anderes. Wir werden gewissermafien versuchen, die Faden so zu
gestalten, da!5 sie aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus gewoben
sind, dafl sie im Grunde genommen gefunden werden im Hinblick auf
dasjenige, was eigentlich in der Gesinnung des Gesamtzusammenhan-
ges unserer Kultur liegt. Und dann soli einfach von gewissen Person-
lichkeiten unserer Waldorfschul-Lehrerschaft namentlich, der Korper-
schaft, die ihrerseits wiederum eine Art Zusammengehorigkeit festhal-
ten soil mit denjenigen, die hier vorgetragen haben, die Aufgabe gelost
werden, gerade die Themen herauszufinden, welche heute gelost wer-
den miissen. Und es soli nur gesagt werden der Studentenschaft, was
fur Aufgaben notwendig sind nach den Einsichten eben, die diese
Kreise haben konnen. Dann ist das ubrige also ja durchaus kein Sich-
Aufgaben-stellen-Lassen oder so etwas, sondern es ist ein Ergrunden,
was heute als besonders notwendig vorliegt. Und da wird sich schon
die Moglichkeit bieten, wirklich richtig aus wissenschaftlichen Unter-
griinden heraus zu arbeiten. Nur das mochte ich durchaus betonen, dafi
vermieden werden mufi, daS sich abschlieften mehr oder weniger wirk-
lich oder angeblich arbeitende kleine wissenschaftliche Kreise, und dafi
man glaubt, dafi man damit heute schon genug tun kann. Dieses konnte
ja naturlich sehr niitzlich sein und wird auch sehr nutzlich sein, es mufi
auch schliefSlich getan werden, aber wir brauchen daneben eine grofi-
ziigige Studentengruppenbewegung, die sich heute wirklich bewufit ist:
es kann nicht so fortgehen unter der Jugend, wie es gehen wurde, wenn
diese Jugend nur folgen wurde in ihren Intentionen denjenigen, die
heute noch aus alten "Zeiten heraus, aus alten Traditionen heraus stam-
men und eben die Amter innehaben. Wenn man davon spricht, dafi die
Sozialdemokraten ihre Fiihrer loswerden miissen, so ist es vor alien
Dingen notwendig, dafi die Jugend von heute die alten Fiihrer in einer
gewissen Weise losbekommt. Das wird schwerer werden, als es eigent-
lich gehen mufite.
Denn sehen Sie, ich kann ja natiirlich da nicht an der Sache vorbei-
kommen, auf die es eigentlich ankommt. Und ich mufi Sie schon bitten,
durchaus sich klar dariiber zu sein, dafi ich in aller Ehrlichkeit und
Aufrichtigkeit iiber diese Dinge rede. Sie konnen ganz sicher sein: wir
wiirden leicht vorwartskommen in der anthroposophisch orientierten
Geistesbewegung, wenn wir das in uns frei hatten, daft wir eigentlich
nur fiir den Geist und als Anregung dem Geiste nach arbeiten mulken.
Die Amter vergeben, die Grade erteilen, die Studenten durchfallen las-
sen im Staatsexamen - das tun die anderen. Und das ist ein wichtiger
Faktor. Den unterschatzen wir auf unserem Boden durchaus nicht.
Denn wir wissen ganz genau, was es heute an Mut und Kuhnheit be-
darf gerade fiir den angehenden Gelehrten und angehenden wissen-
schaftlichen Arbeiter, bei uns zu sein und zu bleiben. Denn wir konnen
ihm ja eigentlich heute noch aufierordentlich wenig bieten. Wenn wir
unsere einzelnen Bewegungen nach und nach zur Tragkraft bringen,
dann werden die Dinge schon besser. Ich habe, als die Waldorfschule
begriindet worden ist, gesagt: Die Griindung ist schon, aber sie hat
keine Bedeutung, wenn nicht im nachsten Vierteljahr zehn weitere
Schulen mindestens begriindet werden, denn dann ist sie erst begriindet.
Und ich habe durchaus in Aussicht genommen - wie ich immer prakti-
scbe Ideen verfolge, nicht blofi Ideen, die man blofi tradieren kann -,
daft, wenn wir iiberall Schulen griinden konnen, dann werden wir an
unsere Schulen auch diejenigen berufen konnen, die es unter Umstan-
den so machen, wie Dr. Stein es uns selbst erzahlt hat. Es ist aber kein
System. Er hat sich inskribieren lassen, hat sich angeschaut, wie es in
ein paar Vorlesungen zugeht, aber im ubrigen hat er Zyklen und sonsti-
ges gelesen, hat gelesen, was da zitiert ist, und hat es zur Absolvierung
des akademischen Studiums gebracht. Selbstverstandlich kann diese
Sache nicht verallgemeinert werden, denn wahrscheinlich wiirden nur
drei Viertel der Professoren damit einverstanden sein, daft Sie eigentlich,
wenn lauter solche Studenten da waren, wie Dr. Stein einer war, nur in
die ersten drei Vorlesungen zu kommen brauchen und dann spazieren
gehen konnen. Das lafit sich heute nicht ohne weiteres realisieren fiir
die Allgemeinheit. Also, ich will das nicht propagieren. Aber ich
mochte Sie nur darauf aufmerksam machen, dafi jedenfalls der Geist,
der heute in den Horsalen auf den Kathedern sitzt, wenn er sich iiber-
tragt auf die Schulbanke, uns keine Zukunft bringt. Aus dieser Not-
wendigkeit heraus miissen Sie schon den Mut finden, wenigstens in
einer gewissen Weise sich mit demjenigen zu alliieren, was hier gewollt
wird. Aber auf der anderen Seite - ich dachte praktisch, wie die Wal-
dorfschule begriindet worden ist -: wenn wir in der Lage sind, das Gei-
stesleben wirklich zu emanzipieren, so werden wir immer mehr und
mehr Waldorfschulen haben, und dann werden wir auch unseren jun~
gen Freunden aus der Studentenschaft eine Zukunft bieten konnen. Es
ist durchaus nicht unidealistisch gemeint, dafi ich das sage. Aber dann
wird es schon leichter gehen. Aber wir miissen eben von hiiben und
driiben uns gegenseitig unterstiitzen. Wie wir arbeiten wollen an der
Griindung von freien Schulen bis zu den Hochschulen hinauf, so wer-
den wir nur arbeiten konnen, wenn wir auf der anderen Seite eine ver-
standnisvolle Studentenschaft uns entgegenkommen sehen. Dazu sind
nicht nur kleine Gruppen notwendig, dazu ist eine studentische Bewe-
gung notwendig, die in grofiem Stil arbeiten will, die in grofiem Stil fur
das eintreten will, was hier gedacht ist.
Da mufi ich doch darauf aufmerksam machen, daft das von mir ganz
ernsthaft gemeint ist, was ich in diesen Tagen als die Begriindung des
Weltschulvereins Ihnen angefuhrt habe. Den denke ich international
gebildet, so dafi er gewissermafien aus dem Denken und Empfinden der
heutigen Zeit heraus noch geschaffen werden soil. Wenn wir der Welt
erst zum Verstandnis bringen, dafi es heute eigentlich nur zwei Bewe-
gungen gibt, die miteinander zu ringen haben, das ist auf der einen
Seite der die Welt in den Sumpf hineinfuhrende Bolschewismus, auf
der anderen Seite die Dreigliederung des sozialen Organismus, dann
sind die Menschen auch vor die Wahl gestellt, sobald sie sehen, dafi es
mit den alten Impulsen nicht mehr weitergeht! Daft es entweder ge-
schehen mufi, daft diejenigen, die in verminftiger Weise die Kultur vor-
wartsfuhren wollen, allmahlich in den Dreigliederungsimpuls sich hin-
einleben miissen, oder dafi, wenn die Menschen dazu zu bequem sind,
der Bolschewismus Europa iiberfluten und die europaische Kultur bar-
barisieren wird. Wenn die Menschen das verstehen, werden sie doch
leichter zu gewinnen sein als heute.
Drei Dinge sind es, die man durchaus beriicksichtigen mufi. Wenn
man vor der Welt, vor der internationalen Welt, heute von so etwas re-
det, wie es der Dornacher Bau ist, und daft man Geld dazu braucht,
da stellen sich die Leute auf den Standpunkt: das mufi doch alles
Idealismus sein! Da kann man doch nicht so schofel sein, Geld dazu
herzugeben! Geld ist doch viel zu schmutzig, um es fur eine so ideali-
stische Sache zu verwenden. Kurz, die Leute sind, wenn sie nicht lange
dazu vorbereitet werden, nicht ohne weiteres fur so etwas zu haben.
Und da wir ja aus mitteleuropaischen Landern wegen der Valuta keine
Moglichkeit haben, unseren Bau fertigzustellen, so sind wir eben ange-
wiesen auf andere Teile der heutigen zivilisierten Welt. Die geben uns
aber so ohne weiteres kein Geld. Da findet man im Grunde sehr zuge-
knopfte Taschen. Dagegen sind die Leute heute noch verhaltnismaftig
leicht zu gewinnen, wenn man ihnen sagt, man will Sanatorien begriin-
den. Da bekommt man Geld, soviel man haben will. Das konnen wir
nun nicht, Sanatorien begriinden, aber wir konnen uns auf das Mittlere
einlassen. Das Mittlere ist dasjenige, was ich mit dem Weltschulverein
meine. Der Weltschulverein kann alle Kultureinrichtungen finanzieren,
wenn er in der richtigen Weise verstanden wird. Und fur die Einrich-
tung des Schulhaften findet man doch noch einiges Verstandnis, weni-
ger fur so etwas, was direkt der Bau ist. Fur dasjenige, was in der Mitte
steht sozusagen, miissen wir wirken. Daher kommt es darauf an, daft
in einer gewissen Weise vorbereitet werde diese Begriindung des Welt-
schulvereines, den wir als etwas Universelles haben werden, daft Stim-
mung gemacht werde fur diesen Weltschulverein. Und ich mochte da-
her meinen, daft es das beste ware, wenn Sie in Ihre Entschlusse, in
Ihre starkste Initiative das aufnehmen werden, daft Sie an jeden heran-
treten, der Ihnen zuganglich ist, und ihn iiberzeugen davon, daft dieser
Weltschulverein verbreitet werden muft iiber alle Lander, daft an ihm
es hangt, das Geistesleben zu emanzipieren. Daft er finanzieren muft
soviele freie Schulen iiber die ganze Erde hin, als irgend moglich ist.
Die Emanzipation des Geisteslebens muft eben im groftten Stile betrie-
ben werden. Wir miissen dahin kommen, uns von dem zu emanzipie-
ren, was uns im Grunde genommen geistig knechtet. Das konnen wir
aber nur, wenn wir Stimmung dafiir machen. Die Tyrannis ist ja grofter,
als man meint. Von einem Orte Europas aus werde ich diese Begriin-
dung des Weltschulvereins selber versuchen zu inaugurieren. Aber was
vorangehen mufi, das ist: Stimmung dafiir zu machen. Denn man kann
heute nicht etwas erreichen dadurch, dafi man Gruppen bildet von
zwolf, funfzehn Leuten, die die Sachen ausarbeiten. Sondern darauf
kommt es an, dafi wir moglichst verbreiten diese Idee: ein Weltschul-
verein mufi entstehen. Nun kann ich mir ja gut vorstellen, bin auch
durchaus damit zufrieden, daft ja selbstverstandlich die Studenten nicht
gerade sehr weit ihr Portemonnaie aufmachen konnen. Das ist nicht
notwendig. Dazu gehoren die anderen. Aber das, was der Student doch
aufmachen kann, das ist - Sie wissen, ich meine das cum grano salis -,
was der Student aufmachen kann, das ist sein Mund. Das ist dasjenige,
was ich meine: daft Sie moglich machen konnen, fur den Weltschul-
verein, iiberall wo Sie hinkommen, den Mund aufzumachen. Damit
dann, wenn wir in allernachster Zeit diesen Weltschulverein begriinden,
wir nicht auf taube Ohren stolen, sondern auf vorbereitete Menschen.
Das ist das, was sein mufi.
Sie sehen, Aufgaben haben wir genug. Was wir brauchen, ist nichts
anderes als wirklichen Mut und einen freien Blick in die Welt hinein.
Warum sollten wir es nicht zustande bringen, mit jugendlichen Kraften
wirklich auch diejenigen Dinge zu iiberwinden, die iiberwunden wer-
den miissen, weil sie noch mit aller Signatur der alten Zeit in unsere
Zeit hereinragen und uns beugen wollen? Wir diirfen uns nicht beugen
lassen. Wir miissen heute einsehen, dafi wir auf des Messers Schneide
tanzen, man kann auch sagen: auf einem Vulkan tanzen. Es ist nicht so,
meine lieben Kommilitonen, daft die Dinge so fortgehen werden, wie
sie jetzt gehen. Wir gehen sehr, sehr traurigen Zeiten entgegen. Aber
wir konnen diesen traurigen Zeiten abhelfen dadurch, daft wir mit Mut
und Energie in diese Zeiten hinein wachs en. Und ich glaube, darin kann
Ihnen schon Geisteswissenschaft, Anthroposophie eine Stutze sein. Sie
kann jedem eine Stutze sein.
Ich bitte Sie zum Schlusse nur: Treiben Sie die Dinge nicht partiku-
laristisch, sektenmafiig, sondern im weitesten Stile. Schliefien Sie nie-
mand aus, sondern schliefien Sie alle ein, die mitarbeiten wollen. Es
kann nichts anderes ausschlaggebend sein als lediglich der Wille, daR
jemand ehrlich in unserer Richtung mitarbeiten will, in derjenigen
Richtung, die uns durch das Hineinwachsen in wissenschaftliche Be-
rufe vorgezeichnet ist. Mir scheint es wirklich, meine lieben Kommili-
tonen, daft nach dieser Richtung hin nicht mehr weiter gesiindigt wer-
den darf. Wir miissen weitherzig sein. Wir miissen jeden als sehr will-
kommenen Mitarbeiter betrachten, der ehrlich mit uns arbeiten will.
Wir diirfen keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch aufkom-
men lassen, sondern wir miissen jeden mitarbeiten lassen, der einfach
den Willen hat mkzuarbeiten. Es soil die Sache auch so sein, wie im
Grunde genommen in der anthroposophischen Bewegung es immer
war. Wir haben nie von jemandem verlangt, daft er etwas ablegt von
dem, was er sonst vertritt in der Welt. Nie hat jemand etwas abzulegen
brauchen, sondern man hat nur anzunehmen brauchen das, was ihm
von der anthroposophischen Bewegung heraus eben hat werden kon-
nen. Und ich darf da vielleicht an ein Personliches erinnern. Sie wissen
ja, wie mir immer zum Vorwurf gemacht wird, daft ich einmal mit der
theosophischen Bewegung gegangen ware. Kein Mitgehen war es! Die
theosophische Bewegung ist eigentlich zu mir gekommen; sie hat sich
mir angeschlossen eine Zeitlang, bis sie das, was ich vertreten habe,
hinauswarf. Aber ich habe bei der ersten Zusammenkunft in London
dazumal zu den Theosophen gesagt, daft es sich nicht darum handle,
daft wir irgend etwas von der Zentrale aus annehmen, sondern: wir
bringen zu dem gemeinsamen Altar dasjenige, was wir gerade zu brin-
gen haben.
In solchem Sinne kann man dann zusammenarbeiten in weitestem
Mafte. Und wenn Sie im Stile eines solchen Arbeitens gerade in Studen-
tenkreisen wir ken, dann werden wir vorwartskommen.
OBER die jugendbewegung
Fragenbeantwortung wdhrend der Freien Anthroposophischen Hochschulknrse
in Stuttgart am 20. Marz 1921
Frage: Was war die Jugendbewegung, was ist sie, und wie kann man von ihr aus zur An-
throposophie gelangen? Diejenigen, die durch die Jugendbewegung durchgegangen sind,
glauben in der Anthroposophie eine Fortsetzung dessen zu finden, was sie in der Jugend-
bewegung gesucht haben. Sie wollen etwas horen iiber die Bedeutung der Jugendbewe-
gung vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus.
Rudolf Steiner: Die Jugendbewegung gehort einem Zeitalter an, in
dem ich selber nicht mehr jung war; so miissen diejenigen, die der
Jugendbewegung angehoren, iiber dieselbe aufierlich besser unterrichtet
sein als ich.
Die Jugendbewegung ist, aufierlich genommen, nicht durchaus eine
abstrakte einheitliche Bewegung, sondern es finden sich Menschen der
verschiedensten Vorstellungswelten und Weltanschauungen in ihr zu-
sammen. Die Menschen finden sich vielleicht dem Gefiihl nach zusam-
men. Das ist die eine Seite der Jugendbewegung. Es sind andere Krafte -
keine Personlichkeiten halten sie zusammen, elementarere Krafte als zum
Beispiel Weltanschauungskrafte, die in ihr wirken und sie zusammen-
halten. Es gibt innerhalb der Jugendbewegung viele Personlichkeiten,
die keine klar formulierte Auskunft geben konnten iiber das, was sie wol-
len; sie konnten nicht aus dem Bewufitsein heraus sagen, was sie wollen.
Die zweite Seite der Jugendbewegung ist, dafi sie international iiberall
so zutage getreten ist, dafi man zum Beispiel nicht sagen kann, daft sich
die Jugendbewegung der Schweiz und die Jugendbewegung Deutsch-
lands gegenseitig beeinfluftt haben, sondern die Jugendbewegung ist aus
elementaren Kraften heraus international in die Hohe geschossen. Sie
ist eine allgemeine menschheitliche Sache. Man mufi die Charakteristiken
der Jugendbewegung gewissenhaft beachten. Wenn einem so etwas
entgegentritt, hat man das Gefiihl, daft man es nur von tiefen Gesichts-
punkten aus verstehen kann. Wenn man mit geisteswissenschaftlich-
historischen Kenntnissen an die Jugendbewegung herantritt, wird es
einem klar, dafi sie mit dem innerlich-menschheitlichen, geschichtlichen
Umschwung, der sich fur den Geisteswissenschafter stark kennzeichnet
als eingetreten am Ende des 19. Jahrhunderts, zusammenhangt. Man
kommt darauf, wenn man die Merkmale genau betrachtet, die man bei
den Aussprachen mit denen findet, die in diesem Zeitpunkt noch jung
oder Kinder waren.
Ich bin diesen Momenten naher nachgegangen und bin auf Grand
meiner Beobachtungen zu der Ansicht oder besser Einsicht gekommen,
dafi die Jugendbewegung mit dem grofien Umschwung vom Ende des
19. Jahrhunderts zusammenhangt und eines der Symptome ist, die zu
diesem Zeitpunkt auf das Heraufkommen einer neuen Epoche hindeutet.
Wenn man einer Sache sehr nahesteht, lernt man sie nicht in ihrem
vollen Wesen kennen, man lernt sie erst kennen, wenn man sich von ihr
entfernt; wie man Geschichtszusammenhange auch erst von einem
spateren historischen Zeitpunkt aus beurteilen kann. Man kann durch
die geisteswissenschaftliche Methode ein gewisses Sich-Fernstellen errei-
chen und dadurch genau beobachten lernen und sich Einsichten in
Zusammenhange verschaffen. So werden einmal die Menschen dahin
kommen, daft sie iiber das Ende des 19. Jahrhunderts so denken und
einsehen, dafi damals ein bedeutsamer Impuls hereingekommen ist, der
heute noch verborgen ist.
Dieser Impuls, der ein menschheitlicher ist, scheint in den Gemutern
derer zu leben, die sich der Jugendbewegung zugewendet haben. In
diesen Gemutern lebt ein Aufleuchten des ungeheuer bedeutsamen
Wendepunktes vom Ende des 19. Jahrhunderts. Manchmal kann es
sehr unwichtig sein, sich diskutierend darauf einzulassen, aber es ist
wichtig einzusehen, dafi wichtige Impulse wirken und von denen emp-
funden werden, die sich der Jugendbewegung angeschlossen haben.
Geisteswissenschaft will das bewufit auffangen, was in der Mensch-
heitsentwickelung wirkt, und sie steht auf dem Standpunkt, dafi man
ohne sie auch nicht die grofie Weltkatastrophe verstehen kann. Die
Philister, die eine Sache nicht verstehen konnen, werden sie fur ver-
schroben halten und wissen nicht, dafi sie selber verschroben sind. Die
Menschen, die in den Vorstellungen von vorher alt geworden sind,
konnen nicht mehr mit. Dekadente Gehirne leben in denen, die Altes
noch in das 20. Jahrhundert hineintragen.
Es ist kein Widerspruch, wenn sich die Jugendbewegung in die Gei-
steswissenschaft hineinlebt* Man kann sogar von einer gewissen Prade-
stination der Jugendbewegung fur Geisteswissenschaft reden. Die
Jugendbewegung ist bedingt durch ein Fuhlen desjenigen, was der
Geisteswissenschaft mehr oder weniger bewufk vorliegt. Man darf nicht
eitel werden. Man darf durch solche Erkenntnisse nicht dahin kommen
und zum Beispiel sagen: In mir lebt die Epoche. Wir sind mitbedingt
von dem Impuls vom Ende des 19. Jahrhunderts. Wir miissen solche
Dinge aufterlich betrachten, nicht patriarchalisch wie unsere Vorvater.
Unserem Zeitalter gegeniiber kommt man mit so etwas nicht zurecht.
Frage: Wie findet man die Briicke von der Jugendbewegung, in der Menschen sind,
die sich gegen die seitherige Weltanschauung auflehnen, zur Anthroposophie? Man kann
eine gewisse Ablehnung finden gegen Anthroposophie. Manche Menschen empfinden sie
als etwas schroff. Der Weg ist ihnen zu strikte vorgeschrieben. Die Anthroposophen riik-
ken ihnen das Geistige zu sehr in den Vordergrund, wahrend sie sich bemuhen, sich
selbst zu finden.
Rudolf Steiner: Dies hangt mit dem erwahnten Impuls zusammen.
Man kann dieselbe Frage vom entgegengesetzten Gesichtspunkt sehen.
Anthroposophie ist doch dasjenige, was in unserem Zeitalter an gewisse
geistige Dinge herangehen kann. Die Menschen, die sich in die Anthro-
posophie hineinfinden, sind entwurzelt dem, was als Kultur unmit-
telbar vorhergegangen ist. Ein Beispiel ist Friedricb Nietzsche. Er lebte
in der Obergangsepoche; er ist vom Schicksal verurteilt gewesen, durch
alle intimseelischen Kulturleiden hindurchzugehen. Nietzsche ist durch
alles, was man an der Kultur leiden kann, hindurchgegangen. Wenn
man ihn in seiner Studentenzeit, in der Wagner-Schopenhauer-Zeit,
in der Zeit des Positivismus betrachtet, leidet er an dem, was fur die
damalige Kultur das Erhebendste war. Man kann sehen, wie dieser
Mensch zuerst leidet an der Kultur des 19. Jahrhunderts und dann an
ihr zugrunde geht. Er steckte noch in der Kultur des 19. Jahrhunderts
darinnen.
Einzelne Menschen konnten sich herausarbeiten und sind dann zur
Anthroposophie gekommen. Sie hatten an ihr etwas, was am Ende des
19. Jahrhunderts gewissermafien keinen Vater und keine Mutter hatte;
es war etwas, was sich auf einen neuen Boden stellen mufke. Gegen-
tiber dem, was vergangen ist, steht Anthroposophie verlassen da. Man
ist nicht Anthroposoph, um eine Weltanschauung zu haben, sondern
man ist es mit seinem ganzen Menschen. Die Menschen, die kein Ver-
haltnis zur Anthroposophie gewinnen wollen, setzen sich einer Gefahr
aus, und wenn nicht versucht wird, die Briicke zu finden von denjeni-
gen, die dazu fahig sind, die vom entgegengesetzten Pol auch ohne
Vater und Mutter sind, so wiirde fur die anderen Menschen unter Um-
standen der Anschlufi an die Menschheitsentwickelung versaumt.
Ich kann durchaus verstehen, dafi solche Bedenken vorgebracht wer-
den. Man miifite sich jedoch bemiihen, die Briicke zu suchen. Aber
wenn dies angstlich vermieden wird, so wiirde man ganz der Gefahr
sich aussetzen, die eben charakterisiert wurde, und iiberhaupt zu kei-
nem Fortschritt kommen. Die Jugendbewegung ist vor kurzer Zeit zu
einer Schwankung gekommen. Sie strebte iiberall nach Zusammen-
schlufi; die Menschen wollten einander finden und zusammenkommen.
In den letzten Jahren ist dieses bei einzelnen anders geworden; sie streb-
ten nach einem gewissen Sich-Abschlieften. Dies trat auch als durch-
greifende internationale Nuance auf. Das Sich-nicht-Erfiillen mit einem
geistigen Gehalt fiihrt zu einer Einkapselung des einzelnen Individuums.
Es gibt zahlreiche Wege zur Anthroposophie. Man sollte dariiber
hinauskommen, sich zu stofien an dem Wesen einzelner Menschen, die
Anthroposophen sein wollen, und sollte versuchen, die Anthroposo-
phie wirklich zu erleben. In der Gegenwart ist eigentlich Anthroposo-
phie das einzige, das nicht dogmatisiert, und das nicht darauf erpicht ist,
etwas in ganz bestimmter Weise hinzustellen, sondern das bestrebt ist,
etwas von verschiedenen Seiten anzuschauen. Die Hauptsache der An-
throposophie liegt im Leben und nicht in der Form. Man ist ja wohl
gezwungen, wenn man verstanden werden will, Formen anzuwenden,
die gegenwartig iiblich sind.
Ein Amerikaner fragte mich einmal: Ich habe Ihre Schriften gelesen,
auch Ihre sozialen. Glauben Sie, dafi sie auch noch fur kommende Zeit-
alter gelten? Ich habe ihm geantwortet: Sie sind so aufgebaut, dafi sie
sich metamorphosieren konnen, und dann konnen ganz andere Folge-
rungen fiir die kommende Zeit sich ergeben als fur die jetzige. Es
kommt darauf an, daf? Leben Leben findet.
Ein Teilnehmer: Fur die Jugend miiftte eine Briicke gefunden werden, indem man von
der Lehre das ins Leben umsetzt, was die Jugend direkt angeht. Mit der Lehre kann die
Jugend nichts anfangen. Die Lehrer zum Beispiel, die aus der Jugendbewegung hervor-
gegangen sind, kampfen um das, was in der Waldorfschule geschieht, schon lange; da
konnte man Briicken schlagen. Auch das, was durch die verschiedenen Kurse von der
Anthroposophie gedanklich nahegebracht wurde, wurde in der Jugendbewegung unbe-
wuftt schon erlebt.
Rudolf Steiner: Man mufi beriicksichtigen, dafi in unserem Zeitalter
der einzelne den Anschlufi an die allgemeine Entwickelung durch
Gedanken finden mufi; er muft durch Gedanken hindurch. Es ist restlos
moglich, Anthroposophie in junge Menschen hereinzubringen und
auch in Kinder. Naturlich darf man dabei nicht auf dern Standpunkt
der Alten stehen. Zum Beispiel, wenn man dem Kinde den Gedanken
der Unsterblichkeit der Seele beibringen will, nimmt man das Beispiel
vom Schmetterling und der Puppe. Das Kind wird verstehen konnen,
um was es sich handelt, denn es ist eine Wahrheit. Die Natur selbst
stellt im Hervorgehen des Schmetterlings aus der Puppe auf einer niede-
ren Stufe dasselbe hin, was auf einer hdheren Stufe fur die Seele die
Unsterblichkeit ist. Wenn man von dem Standpunkt ausgeht, das Kind
ist dumm und ich gescheit, so wird das Kind niemals etwas Rechtes
lernen, besonders wenn man noch dazu selbst nicht glaubt, was man
dem Kind beibringt. Darin liegt die Moglichkeit, alles von der Anthro-
posophie an die Kinder heranzubringen. Im Geschichtsunterricht mufi
das, was als Leben in der Geschichte wirkt, in richtiger Weise an das
Leben herangebracht werden.
Frage: Von der Jugendbewegung ist heute ein grofter Teil in das Philisterlager iiberge-
gangen. Die Jugendbewegung ist sehr stark seelisch eingestellt. Sie geht nach einem star-
ken Natur- und Gefiihlsleben, und dadurch kommen die Menschen dazu, sich gegen
vieles, was bisher war, zu strauben. Die Menschen wollten ihre eigene Gesetzlichkeit aus-
leben, sie kamen aus dem Gefuhlsmafiigen nicht hinaus, sie konnten nicht erkennen, daft
das Leben aus innerer Wahrhaftigkeit nur wirklich fruchtbar werden kann, wenn es ganz
durchgedacht wird. Deshalb zeigt sich das Nicht-zu-Ende-Denken. Wenn man die Be-
deutung der Anthroposophie fur junge Menschen erkennt, kann man jungen Menschen
weltanschaulich oder philosophisch nachweisen, daft sie zur Anthroposophie kommen
miissen, daft Anthroposophie nur bewuftter, aber nichts anderes will als was sie auch
wollen. Die Losung der Geschlechterfrage wurde bisher auf drei Wegen gesucht: Kurel-
las Korperseele, Askese und jugendliche Ehe. Keiner der drei Wege hat aber eine wirkli-
che Losung gebracht.
Rudolf Steiner: In diesen drei Wegen wird ein neues Problem, das
sich vor die Menschheit stellt, mit altem dogmatischem Denken zu 16-
sen versucht. Die Wesenheit des freien Menschen lafit sich nicht er-
schopfen in blofi Gedachtem.
In der Anthroposophie sehe ich etwas, was lebt, was fahig ist, aus
dem Menschen ein anderes Wesen zu machen, das er vorher nicht war.
Er wird frei durch dieses Substantielle, er wird ein wirklich freier
Mensch im Verlaufe einer kurzen Entwickelung. Man kann nicht den-
kerisch eine Frage losen, die durch das Leben gegeben ist. Die Frage
wird sich durch die Praxis des Lebens losen, wenn sie vom Standpunkt
der Freiheit aus erfafit wird. Man darf ohne Sorge sein, dafi dadurch
etwas Unsoziales zustande kommt. Stellen Sie sich vor, man wollte
eines Tages erkennen, wie die Konzeption eingerichtet werden mufi,
dafi ein mannliches oder weibliches Wesen geboren wird. Wenn dies
zur Verstandessache gemacht wird, waren sicher nicht so viel Manner
wie Frauen auf der Welt. Trotzdem dies nur ganz individuell sich voll-
zieht, kommt doch durch innere Gesetzmafiigkeit ein Soziales zustande.
[Rudolf Steiner weist auf sein Buch «Die Philosophic der Freiheit» hin
und fahrt fort:] Nicht mit einem Sprung, am wenigsten durch Pro-
gramme kann man zu einem neuen Leben kommen. Man ist dazu da-
durch vorbereitet, wenn man als Untergrund eine freie Gesinnung hat.
Dieses Problem mufi von jedem einzelnen individuell gelost werden.
Die Jugendliteratur ist in bezug auf die Geschlechterfrage ganz dogma-
tisch.
Frage: Die Jugendbewegung war anfangs ganz romantisch. Man erkannte etwas an, was
einem draufien in der Natur entgegentrat. Man erkannte, dafi man das Gottliche nicht
nur mit dem Verstande erfassen kann. Anthroposophie will alles ins Bewufitsein ziehen.
Sie geht auf ein Streben nach Erkenntnis aus. Die Briicke zwischen diesen beiden finden
die meisten nicht, konnen sie auch nicht finden.
Rudolf Steiner: Man denkt hierin zu egoistisch; man denkt nicht
daran, wie man den Anschluft an die gesamte Menschheitsentwickelung
findet. Das Vorstellungs- und Begriffsmaftige stellt sich in diesem Zeit-
alter heraus. Wir erleben heute die Welt vorstellungsgemafi. Es ist not-
wendig, sich aus der Dumpfheit des Fuhlens zu erheben und zu einer
lichtvollen Vorstellung durch das Denken zu kommen. Wir sind Men-
schen doch eigentlich erst durch das Denken. Unser Gefiihlsleben wird
durch das Denken ein anderes, und wir sind mehr Mensch durch das,
was das Denken in uns entbindet. Das Leben im Gefuhl wird ange-
strebt, weil man eine Scheu vor dem Klaren hat. Das Gefuhl kann sehr
intensiv sein, wenn es durch das Denken hindurchgeht. «Leben in der
Natur» wird so oft mit einem Unterton gefalk, als wenn man etwas
Besonderes anstrebte. Man mufi sich klar sein, dafi man damit nichts
Neues bringt, sondern nur etwas wieder erwirbt, was man friiher ver-
loren hat. In dem modernen Menschen mufi ja die Sehnsucht leben.
Ihm wurde von dem Alten zu wenig gegeben; er mufi sich etwas er-
werben. Es empfiehlt sich, Schillers Abhandlung «Uber naive und sen-
timentalische Dichtung» zu lesen. «Die Philosophic der Freiheit» ist
auf einem natiirlichen Verhaltnis zur Natur aufgebaut.
Frage: Es besteht erne Kluft zwischen der alteren und jiingeren Jugend. Die Jugend,
die jetzt auf den Mittelschulen ist, ist anders als die Jugend der Jugendbewegung. Den
Geist der Mittelschuljugend, aus der die Jugendbewegung herauswuchs, hat man mit
einem Schlagwort gekennzeichnet als «Romantik der Emp6rung». Den Geist der heuti-
gen Mittelschuljugend mufite man bezeichnen als «Resignation des Wiederaufbaus».
Alles was dem Jugendbewegungsmenschen tiefes Erleben war: nachtliche Fahrten, Lager-
feuer, zielloses Umherstreifen - das erscheint der heutigen Jugend als Bolschewismus.
Sie lehnt es ab und sehnt sich nach Schranken, an die sie sich halten kann, nach Autori-
taten. Ist in dieser Tatsache nur eine voriibergehende Reaktion oder das Aufkommen
einer neuen Epoche von der Jugend zu sehen?
Rudolf Steiner: Eine schwierige Zeitepoche war die, die durchge-
macht worden ist von den Menschen, die heute zwischen dem funfund-
dreifiigsten und funfzigsten Jahre stehen. Die letzten Jahre des 19. und
die ersten des 20. Jahrhunderts waren eine schwierige Zeit; sie war gei-
stig auf das Materielle gerichtet. Das Gute, das geistige Leben der fiinf-
ziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts ist verschiittet worden.
Die heute wirksamen Menschen sind zu alt geworden; die meisten, die
in der Welt etwas tun, sind mindestens funfzig Jahre alt. Und diejeni-
gen Jungen, die etwas vorhaben zu tun, werden nicht herangelassen.
Zwischen beiden steht eine innerlich untatige Generation, und das sind
die Vater der heutigen Gymnasiasten. Diese Vater haben einen schlim-
men Einflufi auf die Jugend gewonnen, die zu ihnen als zu ihren Fuh-
rern aufschaut. Autoritat ist schon recht, aber es kommt darauf an, an
was fur Personlichkeiten sie sich kniipft. Und was sind das fiir Ideale,
die in der Generation zwischen fiinfunddreiftig und fiinfzig leben und
auf deren Sonne iibertragen werden? Mit dieser Jugend kann man nur
Mitleid haben.
Frage: Halt Dr. Steiner es fiir wiinschenswert, dafi etwas wie eine Organisation unter
den Jugendbeweglern, die gleichzeitig Anthroposophen sind, sich bildet?
Rudolf Steiner: Nun, ich hake von Organisation nicht besonders viel.
Sehen Sie, ich habe in meinen «Kernpunkten» absichtlich gesprochen
vom sozialen Organismus, nicht von Organisation. Mit dieser Kost
sind wir doch reichlich iiberfuttert worden in den letzten Jahren.
Frage: Es war gemeint zu fragen, ob sich gemeinsame Aufgaben ergeben wiirden fiir
die Jugend in der anthroposophischen Bewegung, oder ob jeder seine Aufgabe fiir sich hat.
Rudolf Steiner: In der Zukunft wird es so sein, daft alle Aufgaben,
die der einzelne hat, Aufgaben der Gemeinschaft sein werden, und daft
jeder die Aufgaben der Gemeinschaft zu seinen eigenen machen muft.
Anders wird es nicht gehen. Aber so etwas kann man nicht organisie-
ren, sondern nur assoziieren.
ZUR FRAGE: WIE K ANN ANTHROPOSOPHISCHE ARBEIT
AN DEN UNI VERSITATEN AUFGEBAUT WERDEN?
Schlufiwort zu einer Studentenversammlung
Dornach, 9. April 1921
Zur Besprechung der Frage, wie anthroposophische Arbeit an den Universitaten aufge-
baut werden konne, fand am Nachmittag des 9. April 1921 auf Anregung deutscher Stu-
denten eine Zusammenkunft statt. Dr. Steiner ergriff zum Schlufi das Wort.
Dr. Stein hat allerdings auf die drei wichtigsten Dinge, die hier in Be-
tracht kommen, hingewiesen: bei einer Organisation oder bei keiner
Organisation, wie es gewiinscht wird. Aber ich mochte vor alien Din-
gen das eine betonen: Wenn man in einer solchen Bewegung drinnen-
steht, wie es die unsrige ist, so ist es schon notwendig, von dem Ver-
gangenen ein wenig zu lernen und weitere Stadien der Bewegung so zu
fiihren, daft gewisse fruhere Fehler vermieden werden.
Worauf es in erster Linie ankommen wird, das wird doch dieses sein,
daft Anthroposophie, soweit sie heute schon vom Verstandnis der Stu-
dentenschaft angenommen werden kann und soweit es durch die vor-
handenen Krafte oder durch die vorhandenen Gelegenheiten irgend
moglich ist, daft Anthroposophie in ihren verschiedenen Verzweigun-
gen unter der Studentenschaft verbreitet werde als positiver geistiger
Inhalt. Wir haben im Grunde genommen die Erfahrung gemacht, dafi
etwas Reales doch nur dadurch zu erreichen ist, dafi man auf dem
Grunde des Positiven wirklich bauen kann.
Ich hatte gestern Gelegenheit darauf hinzuweisen, daft vor Jahren
versucht worden ist, eine Art Weltenbund fur Geisteswissenschaft zu
begriinden, und daft aus diesem Weltenbund, der eigentlich bloft nach
den Regeln formaler aufterer Organisation vorgehen wollte, doch nichts
geworden ist. Er ist sozusagen so ausgegangen, wie man im Deutschen
sagt, wie das «Hornberger Schieften». Weil man aber dazumal einen
Zusammenhalt, ein Zusammenarbeiten brauchte, muftten die vorhan-
denen Bekenner zur Anthroposophie in der «Anthroposophischen Ge-
sellschaft» zusammengefaftt werden. Das waren nun mehr oder weniger
lauter Leute, welche sich eben mit der Anthroposophie beschaftigt
hatten. Mit einer solchen Organisation, wo eben schon etwas darinnen
ist, kann man dann erst etwas machen.
Natiirlich wird es fur die Studentenschaft ganz besonders notwendig
sein, nicht nur zu arbeiten im Sinne einer Verbreitung der gegebenen
anthroposophischen Probleme im engeren Sinne, sondern schon auch
der Ausarbeitung von Generalproblemen und dergleichen in dem Sinne,
wie es Dr. Stein ebeh gemeint hat. Es wird natiirlich zunachst gar nicht
so sehr notig sein, mit solchen Dingen auf Dissertationen hinzuarbei-
ten. Es ist oft, wirklich recht oft vorgekommen, dafi ich in der letzten
Zeit gefragt worden bin von jiingeren Semestern etwa in der folgenden
Richtung: Ja, wir mochten eigentlich die Anthroposophie zusammen-
bringen mit unserer speziellen Wissenschaft. Wie kann man sich da ver-
halten, dafi man in der richtigen Weise mit seinem Ziel nach der Pro-
motion, nach dem Staatsexamen, hinarbeitet? Was soli man da tun?
Wie soil man seine Arbeit einrichten? - Ich habe dann immer den fol-
genden Rat gegeben: Versuchen Sie so schnell wie moglich sich durch
das offizielle Studium durchzuschlangeln, so schnell wie moglich
durchzukommen, wobei ich dann immer sehr gern bereit bin, mit
irgendeinem Rat zur Seite zu stehen. Wahlen Sie sich irgendein wissen-
schaftliches Thema, das Ihnen hervorzugehen scheint aus dem Verlauf
Ihrer Studien, als Dissertationsarbeit oder Staatspriifungsarbeit oder
dergleichen. Welches Thema Sie auch wahlen, ein jedes ist selbstver-
standlich anthroposophisch diametral entgegengesetzt den anderen
Betrachtungsweisen, dariiber kann gar kein Zweifel sein. Jedes ist dia-
metral entgegengesetzt. Aber nun rate ich Ihnen: Schreiben Sie Ihre
Dissertation so, dafi Sie zunachst das hineinschreiben, was der Professor
zensieren kann, was er verstehen wird; und nehmen Sie sich ein zwei-
tes Heft, da schreiben Sie alles das hinein, was sich Ihnen ergibt im
Laufe Ihres Studiums und von dem Sie glauben, dafi es eigentlich von
der Anthroposophie her hereingearbeitet werden sollte. Das bewahren
Sie sich dann auf. Dann machen Sie ihre zwei Bogen - so lang mu!5
eine Dissertation sein -; die reichen Sie ein. Und versuchen Sie fertig zu
werden. Dann konnen Sie mit dem, was Sie sich aulSer diesem einen
im zweiten Heft nach und nach erworben haben, der Anthroposophie
wirklich tatkraftig helfen. Denn man merkt in der Tat eigentlich erst,
was fur bedeutsame Probleme - Spezial- und Spezialistenprobleme -
einem aufschiefien, wenn man in die Notwendigkeit versetzt ist, wirk-
lich wissenschaftlich zu arbeiten mit einem gewissen Thema und der-
gleichen. Aber es entsteht eine Gefahr durch, ich mochte sagen, ein un-
klares Zusammenarbeiten mit der Professorenschaft. Und ein Vorlegen
von Dissertationen an die Professoren, die «im anthroposophischen
Sinne» gehalten sind - die passen gewohnlich nicht fur Professoren -,
das halte ich deshalb nicht fur giinstig, weil es uns in dem Tempo, das
die anthroposophische Bewegung haben soil, eigentlich aufhalt.
Wir brauchen moglichst viele akademisch gebildete Mitarbeiter.
Wenn uns irgend etwas fehlt, griindlich fehlt heute in der anthroposo-
phischen Bewegung, so ist es eine geniigend grofie Anzahl akademisch
gebildeter Mitarbeiter. Ich will damit nicht die Aufierlichkeit bezeich-
nen, daft man, sagen wir, abgestempelte Leute braucht. So ist es nicht
gemeint. Aber erstens brauchen wir Leute, die innerlich wissenschaft-
lich arbeiten gelernt haben. Dieses innerlich wissenschaftlich Arbeiten
lernt man doch am besten bei seiner eigenen Arbeit. Zweitens aber
brauchen wir moglichst bald die Mitarbeiter, welche aus der Studen-
tenschaft heraus kommen, und die nicht mehr aufgehalten werden
durch die Riicksichten auf ihr spateres Fachstudium. - Sehen Sie, es ist
gar nicht weiter wunderbar, dafi das so schwer geht, wie es zum Bei-
spiel in der Schweiz geht. - Man hat als Student natiirlich leicht die
Moglichkeit, in den ersten Semestern sich einem solchen Bunde an-
zuschliefien, wenn man freien Sinn genug dazu hat. Dann kommen
die letzten Semester. Da ist man mit anderem beschaftigt, und da
wird die Sache schwieriger. Und so reifien immer fort und fort die
Faden ab, die man gezogen hat. Das ist gerade vorhin hervorgehoben
word en.
Also das mochte ich sagen, speziell fur das wissenschaftliche Zusam-
menarbeiten: Die Themen miissen schon in einer solchen Ubergangs-
zeit eine zweifache Bearbeitung erfahren: die eine, die der Professor
versteht, und die andere, die man sich aufhebt fur spater.
Selbstverstandlich will ich damit durchaus nicht sagen, dafi nicht
ganz spezielle Gelegenheiten, die da sind, ergriffen werden, und dafi
nicht diese Gelegenheiten, die da sind, in ganz eminentestem Sinne von
der Studentenschaft wachsam beobachtet und auch wirklich im Sinne
und Dienste der Bewegung ausgeniitzt werden: Ich hoffe auf der einen
Seite, fiirchte fast ganz leise auf der anderen Seite, dafi unser lieber
Freund, Professor Rbmer in Leipzig, nun mit einer Unsumme von an-
throposophischen Dissertationen uberschwemmt wird! Aber ich denke,
das wiirde auch zu den Dingen fiihren, die ihm wahrscheinlich am lieb-
sten waren. Und ein solches Dokument studentischen Vertrauens
wiirde zeigen, daft er nicht zu den Professoren gehort, von denen jetzt
eben gesprochen worden ist. Das wiirde ja aus dem Fundament hervor-
gehen.
Nun brauchen wir allerdings einen Ausbau desjenigen, was hier in
Dornach schon einmal besprochen worden ist, namlich doch immerhin
eine Art von Zusammenarbeit. Das werden Sie sich spater untereinan-
der ausmachen, wie es technisch am besten zu bewerkstelligen ist. Es
ware schon gut, wenn mit Hilfe der Waldorflehrer, die erganzt wiirden
durch andere Personlichkeiten aus unseren Reihen - Professor Romer,
Dr. Unger und andere -, ein gewisser Austausch vor alien Dingen iiber
die Wahl der Themen der Dissertationen oder der wissenschaftlichen
Arbeiten stattfinden konnte, ohne dafi irgendwie die freie Initiative des
einzelnen davon beeintrachtigt ist. Es kann alles nur in Form von Rat-
schlagen geschehen. Es sollte gerade dadurch fiir dieses wissenschaftli-
che Arbeiten ein engerer ZusammenschlujK - der ja nicht gerade eine
Organisation zu sein braucht, aber ein Ideenaustausch - von Ihnen ge-
sucht werden.
Das Wirtschaftliche ist natiirlich eine sehr, sehr bedeutungsvolle
Sache. Es ist schon so, daft namentlich das Universitatswesen, aber
eigentlich mehr oder weniger das gesamteHochschulwesen unter unseren
Wirtschaftsnoten aufierordentlich leiden wird. Nun handelt es sich da-
bei darum, dafi man nun wirklich einmal klar sieht, dafi eigentlich nur
geholfen werden kann, wenn es moglich ist, solche Institutionen vor-
wartszubringen, wie es zum Beispiel fiir Deutschland der «Kommende
Tag» ist, wie es hier das «Futurum» ist. So dafi von diesen Organisa-
tionen aus eine Reorganisation auch der wirtschaftlichen Lage des Stu-
dententums ausgehen kann. Es sind - ich kann Ihnen die Versicherung
geben — all die Dinge, die von uns aus nach solcher Richtung hin in
Angriff genommen werden, eigentlich auf sdhnelles Wachstum berech-
net. Wir haben nicht Zeit, uns Zeit zu lassen, sondern wir miissen tat-
sachlich mit solchen wirtschaftlichen Organisationen rasch vorwarts-
kommen. Und da mufi ich nun allerdings sagen: da werden uns die
Mitglieder der Studentenschaft, vielleicht mit ganz geringfiigigen Aus-
nahmen, vor alien Dingen helfen konnen durch das Verbreiten des
Verstandnisses fiir solche Dinge. Es ist ja wirklich schon vorgekom-
men in bezug auf andere Dinge, daft der Student bei seinem Papa eini-
ges durchsetzen konnte fiir dieses oder jenes, etwas durchsetzen konnte
auch bei seiner Verwandtschaft. Nicht jeder hat nur mittellose Freunde.
Und da ist dann wirklich etwas vorhanden, was wie eine Lawine wirkt.
Lassen Sie sich das nur durchaus durch den Kopf gehen, wie stark er-
fahrungsgemaft so etwas wie eine Lawine wirkt: wenn man irgendwo
anfangt, es geht weiter. Gerade so etwas geht weiter, wo man aus dem
Positiven heraus wirkt: Versucht diese Prospekte zu studieren, die er-
schienen sind vom «Kommenden Tag» und «Futurum», und versucht,
Verstandnis hervorzurufen fiir so etwas.
Dieses Verstandnis ist es, zu dem sich namentlich die altesten Leute
aufterordentlich schwer emporarbeiten. Ich habe gesehen, wie altere
Leute, ich mochte sagen, gekaut haben an dem Verstehenwollen des-
jenigen, was «Kommender Tag» oder «Futurum» wollen, wie sie
immer wieder und wiederum, wie die Katze auf die Pfoten, zuriickge-
fallen sind auf ihre alten wirtschaftlichen Vorurteile, mit denen sie eben
hineingesaust sind in den wirtschaftlichen Niedergang, und wie sie sich
nicht herausfinden. Da glaube ich, daft wirklich lebt helles Verstandnis
der lieben Kommilitonen, das auch nach den alteren Generationen hin-
iiber einiges wirken konnte. Auf eine andere Weise konnen wir doch
nicht vorwartskommen. Denn ich kann Ihnen sagen: Dann, wenn wir
einmal in bezug auf diese wirtschaftlichen Institutionen so weit sind,
daft wir wirksam etwas machen konnen, daft wir erstens genug Mittel
haben, um ins Grofte gehend - denn nur da hilft es - etwas zu tun, und
auf der anderen Seite iiberwinden konnen den gerade auf diesem Ge-
biete so scharf hervortretenden Widerstand des Proletariats, das sich
einfach gerade einer wirtschaftlichen Besserung der Lage der Studenten
feindlich entgegenstellt, dann wird es tatsachlich die erste Sorge sein
miissen dieser unserer wirtschaftlichen Organisationen, wirtschaftlich
gerade in bezug auf die Studentenschaft zu arbeiten.
Die «Kampfprobleme» ! Ja, sehen Sie, da handelt es sich um folgen-
des. Die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie auch friiher nicht
so geheifien hat, besteht seit dem Beginn des Jahrhunderts, und sie hat
immer eigentlich nur positiv gearbeitet, wenigstens soweit ich selber in
Betracht komme. Sie liefi die Gegner schimpfen, alles mogliche tun.
Aber natiirlich kommen dann die Gegner mit gewissen Eiriwanden. Sie
sagen, da ist das gesagt worden, da jenes gesagt worden, ja das, das ist
nicht einmal widerlegt worden. - Es ist schon so, dafi man schwer Ver-
standnis findet dafur, dafi eigentlich derjenige, der etwas behauptet, die
Beweisverpflichtung hat, nicht derjenige, dem es angeworfen ist. Und
wir konnten es wirklich erleben, immer wieder und wiederum, dafi
merkwiirdige Anschauungen gerade unter den Akademikern, ich meine
jetzt Dozenten, Professoren, Pfarrer und solche, die also aus den Aka-
demikern hervorgegangen sind, hervortraten. Denken Sie doch nur ein-
mal, dafi von, ich mochte sagen, fur die aufiere Welt «ehrwiirdigen» -
ich sage es aber selbstverstandlich nur unter Gansefiifichen - Professoren
Dinge vorgebracht werden gegen Anthroposophie, Anthroposophen
und so weiter, die so belegt sind, dafi, wenn man diesen Belegen mit
Beweisgriinden nachgeht, das ein Hohn, ein blutiger Hohn ist auf alle
irgendwie moglichen Methoden, wie man irgendwie etwas behauptet in
der Wissenschaft. Daher mufite ich bei so jemandem, wie es der Profes-
sor Fuchs ist, einfach sagen: Es ist unmoglich, daft der Mensch etwas
anderes ist als ein ganz unmoglicher Anatom! Denn, soil ich glauben,
dafi er gewissenhaft seine Dinge priift, wenn er nach alledem, was vor-
gelegt worden ist, meinen Taufschein in dieser Weise priift, wie er ihn
gepruft hat? Man muE namlich von der Art, wie ein Mensch das eine
Gebiet behandelt, auf das andere schliefien. Solche Dinge zeigen ein-
fach — durch den Umstand, dafi die Leute einmal heraustreten und ihre
besonderen Gewohnheiten zeigen - die Symptome, wie heute wissen-
schaftlich gearbeitet wird. Auch die Dinge, die heute an den Universi-
taten und an den technischen Hochschulen vorgebracht werden, stehen
im Grunde genommen kaum auf besseren Fiifien, als die Dinge, die auf
diese Weise behauptet werden; es treten nur die allgemein ungeheuer
locker gewordenen Gewohnheiten im Wissenschaftsleben auf diese
Weise zutage. Und das ist es, was notig ist: daft man gewissermafien
den Kampf auf ein hoheres Niveau hebt.
Und da ist es nicht notwendig, daft man sich, wie zum Beispiel der
Kommilitone wiinschte, was ich sehr gut begreife, als «Kampforganisa-
tion» ausspiele. Das ist nicht notwendig. Sondern nur das eine: das zu
vermeiden, was in der Anthroposophischen Gesellschaft so zahlreich
aufgetreten ist. In der Anthroposophischen Gesellschaft trat immer
dieses hervor, so unglaublich es ist - natiirlich nicht bei alien, aber sehr
haufig -: Man war genotigt, sich gegen einen wiisten Anwurf zu ver-
teidigen, auch dann irgendwelche scharfen Worte zu gebrauchen, zum
Beispiel, sagen wir in dem Fall, wenn ein Herr von Gleich einen Vor-
tragenden «Winter» erfindet, indem er liest, daft ich selber Wintervor-
trage gehalten habe, dann eine Personlichkeit «Winter» erfindet, und
das in einer sehr iiblen Weise in den Kampf hineinbringt. Ja, sehen Sie,
ich glaube nicht, daft man in diesem Falle zu scharfe Worte sagt, wenn
man von Trottelitis sprechen wiirde! Denn hier hat man es, selbst wenn
es bei einem General auftritt, mit einer echten Trottelitis in Reinkultur
zu tun. - Und in der Anthroposophischen Gesellschaft war es dann
gewohnlich so, daft man nicht demjenigen unrecht gegeben hat, der
etwa so wie Herr von Gleich handelte, sondern demjenigen, der sich
verteidigt hat. Bis zum heutigen Tag! Erfuhren wir es doch ein paarmal,
daft es hiefi: In dieser Weise darf man nicht aggressiv werden. - Aggres-
siv werden, heiftt namlich in den Augen von vielen Leuten: sich in die-
ser Weise zu verteidigen. Da ist schon notwendig, daft man, ohne zu
betonen, daft man Kampforganisation ist oder dergleichen, doch mit
wachsamem Auge die Dinge verfolgt und zuriickweist. Sie mussen da
konkret im Positiven auftreten. Und dann mussen die anderen dahin-
terstehen, hinter dem, der genotigt ist, sich zu verteidigen. Es handelt
sich nicht darum, daft wir selber Kampfhahne werden; aber darum han-
delt es sich, daft, wenn es notig werden sollte, sich zu verteidigen, daft
dann die anderen dahinterstehen. Und es handelt sich darum, daft man
wirklich die Symptome des Weltanschaulichen, Wissenschaftlichen,
Religiosen und so weiter in dieser Beziehung in unserer Zeit verfolgt,
sich dafiir interessiert.
Nehmen Sie diese einzelne Erscheinung: Ich war genotigt, philoso-
phische, oder wie soil man es nennen, Schreibereien - es ist nach mei-
ner Meinung gleich, wie man sie nennt - des Grafen Keyserling einmal
in der entsprechenden Weise zu charakterisieren, weil er in seiner un-
glaublichen Oberflachlichkeit hineingemischt hat die Tollheit, ich sei
von Haeckelschen Anschauungen ausgegangen. Das ist natiirlich eine
nicht blofi objektive, sondern in diesem Falle subjektive Unwahrheit,
das heifk, eine Liige, weil man verlangen mufi, dafi derjenige, der so
etwas behauptet, nach den Quellen sucht; und er hatte sehen konnen
das Kapitel, das ich in den friihesten Jahren meiner Schriftstellerei ge-
schrieben habe in meinen Auseinandersetzungen mit Haeckel, in der
Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften. Sie konnen
das ja alle sehr gut nachlesen. - Nun hat der Graf Keyserling durch sei-
nen Verleger eine kleine Schrift erscheinen lassen: «Der Weg zur Voll-
endung.» Ich will diese Schrift nicht weiter charakterisieren, empfehle
Ihnen aber, dafi einer oder zwei sich diese Schrift kaufen und sie her-
umgehen lassen; denn wenn es alle kaufen wollten, ware es schade urns
Geld; aber ich empfehle Ihnen trotzdem, es zu lesen, damit Sie eine
Vorstellung bekommen von dem, was sozusagen gegen alle Weisheit
sich auftut in dieser Schrift «Der Weg zur Vollendung» von Keyserling.
Es steht da folgender Satz, den er sich zurechtzimmerte, so ungefahr,
wie er mir im Gedachtnis ist - es ist nicht wortlich -: Ja, wenn ich da-
mit etwas Unrichtiges gesagt habe, daft Dr. Steiner von Haeckel aus-
gegangen ist, so hatte ja Dr. Steiner das einfach rektifizieren konnen;
er hatte das bei mir richtigstellen konnen, denn ich habe - und nun
bitte ich, diesen Satz recht genau zu beachten -, denn ich habe fur eine
besondere Steiner-Quellenforschung keine Zeit.
Nun also, sehen Sie, wir haben es bereits in der wissenschaftlichen
Moral so weit gebracht, dafi jemand, der eine «Weisheitsschule» griin-
det, es fur berechtigt halt, dafi er Dinge in die Welt hinaussenden darf,
fur deren Erforschung er zugestandenermafien keine Zeit hat, die er
also nicht erforscht! Hier ertappt man einen scheinbar sich vornehm
Diinkenden - denn der Graf Keyserling hat in seiner Schreiberei immer
die Allmacht angefuhrt; das ist dasjenige, was so imponiert bei dem
Grafen Keyserling, dafi er immer die Allmacht anfiihrt. Die ganze ge-
genwartige Schreiberei ist an einem Punkt angekommen, wo sie am
meisten versumpft und verlumpt ist. Und trotz der Allmacht ist hier
eine vollstandige moralische Verlumpung der Ansichten da. Und da
mufi schon einmal den Leuten gesagt werden: Ganz gewift, es verlangt
auch von dir niemand, daft du Steiner-Quellenforschung treibst; aber
dann, wenn du schon keine Steiner-Quelienforschung treibst, keine
Zeit hast, dann - in bezug auf alle diese Dinge, zu denen du von der
Sache etwas wissen miifitest: Halte den Mund!
Sehen Sie, es ist notwendig, daft wir uns keinen Illusionen hingeben,
daft wir einfach abstreifen jegliches durch das Konventionelle heraufge-
kommene Autoritatsprinzip und dergleichen, daft wir uns frei gegen-
iiberstellen, wirklich, wirklich priifend, demjenigen, was in unserer Zeit
vorhanden ist. Dann werden wir heute schon recht viel solches bemer-
ken konnen.
Ich wiirde Ihnen raten, manche der Satze, die der grofte Germanist
Roethe in Berlin ab und zu immer wiederum pragt, rein der Form
nach - ich will ganz absehen von der Anschauung, die man dabei
durchaus respektieren kann - sich anzusehen. Dann werden Sie das
Lehrreiche finden. Wir brauchen keine Kampforganisation zu sein. Wir
miissen aber bereit und wachsam sein, um, wenn die Dinge, die heute
wirklich so schauderhaft in den Niedergang hineinfuhren, konkret auf-
treten, dann dagegen auch wirklich aufzutreten. Brauchen wir denn
dazu eine Organisation anthroposophischer Studenten zu sein? Wir
brauchen ja einfach nur wachsame, anstandige und wissenschaftlich ge-
wissenhafte Leute sein zu wollen, dann konnen wir immer - ganz von
dem absolutesten Privatstandpunkt aus - gegen solche Schaden zu
Felde ziehen. Und wenn wir aufierdem noch fur die positive Arbeit
organisiert sind, dann kann die Anzahl derjenigen, die dafur organisiert
ist, hinter uns stehen und uns halten. Das letztere brauchen wir. Aber
es ware durchaus nicht sehr gescheit, wenn wir uns als Kampforganisa-
tion auftun wiirden. Dagegen handelt es sich darum, daft wir wirklich
ernsthaftig arbeiten an der Verbesserung unserer gegenwartigen Zu-
stande. Und dazu gehort schon einmal, daft man die furchtbaren Scha-
den, die auf dem einen oder anderen Feld zutage treten - und die wirk-
lich sich leicht aufdrangen, denn sie sind in Unsummen da -, daft man
diese Dinge beachtet, und daft man den Mut hat, gegen sie in der Form,
in der man es kann, aufzutreten.
Sie haben schon etwas getan, wenn Sie nur das tun konnen: bei einer
geringen Anzahl Ihrer Kommilitonen einfach das Urteil richtigstellen
in bezug auf solche Dinge, auch wenn das im kleinsten Kreise geschieht.
Ich habe gestern zu jemandem von uns hier in bezug auf den Weltschul-
verein gesagt: Ich hdte es gerade in bezug auf solche Dinge besonders
wertvoll, wenn angefangen wird damit, daft einer zu zwei, drei ande-
ren, also ganz kleinen Gruppen, davon spricht, selbst wenn es nur zwei
sind; und, ganz radikal ausgedriickt, wenn einer gar keinen anderen
findet, so sage er es sich wenigstens selber! Also diese Dinge sind schon
durchaus so, daft man anfassen kann dasjenige, was der einzelne ver-
mag. Es werden einzelne viel mehr vermogen, wie es tatsachlich schon
vorgekommen ist bei einem Arzt, der Mitglied war, und dessen Kom-
militonen sich als sehr begeisterungsfahig erwiesen. Es handelt sich
darum, daft wir uns nicht dadurch Feinde machen, daft wir in wiister
Form als Kampfhahne auftreten, aber auch darum, daft wir den Kampf
nicht scheuen, wenn die anderen anfangen. Das ist es: wir miissen
immer den anderen anfangen lassen; und dann mufi die notige Hilfe
hinter uns stehen, die nicht die Taktik aufkommen laftt, derm es ist
eine ganz bestimmte Taktik aufgekommen: daft wir angefangen hatten.
Wenn von driiben angefangen wird, dann ist man genotigt, sich zu ver-
teidigen; und dann konnen Sie immer lesen, daft von anthroposophi-
scher Seite das und das im Kampfe als Angriff gefuhrt worden ist und
so weiter. Es wird immer der Spieft umgedreht. Das ist geradezu Me-
thode bei den Gegnern. Das diirfen wir nicht aufkommen lassen.
Was den Weltschulverein betrifft, so mochte ich dazu nur noch das
eine sagen: Nach meiner Empfindung ware es wohl das allerbeste,
wenn unabhangig voneinander gleichzeitig der Weltschulverein begriin-
det werden konnte in Entente- und in neutralen Landern, allerdings
auch im deutschen mitteleuropaischen Gebiet. Wenn es gleichzeitig ge-
schehen konnte, so daft sozusagen unabhangig voneinander die Dinge
gleichzeitig aufschossen, ware es das allerbeste. Dazu gehort natiirlich
eine gewisse Wachsamkeit, was etwa geschieht. Es mufite dann, wie ich
glaube, ganz besonders von der Schweiz hier eine Vermittlung stattfin-
den. Es ware gut, wenn man jetzt gerade fur den Augenblick die Sache
machen konnte. Ich kann Ihnen versichern: die Dinge sind auf des
Messers Schneide - und wenn heute dieselben Kriegsmoglichkeiten
vorhanden waren, die im Jahre 1914 vorhanden waren, dann, dann hat-
ten wir langst wiederum Krieg. Es stehen die Dinge in bezug auf Stim-
mungen und so weiter auf des Messers Schneide. Und wir bekommen
so etwas wie diesen Weltschulverein nicht zustande, wenn er zum Bei-
spiel jetzt in Deutschland begriindet wird, und dann etwa die anderen,
wenn auch nur eine Woche, hintennachtrappen miiftten. Er kame ein-
fach nicht zustande; es ware unpraktisch, es zu machen.
Dagegen diirfen wir auf der anderen Seite durchaus wiederum das
nicht aufkommen lassen, daft wir im geringsten etwa verleugnen, wie
wir uberhaupt zu den Dingen stehen. Diese Hochschule fur Geistes-
wissenschaft heiftt Goetheanum. Wir haben diesen Namen «Goe-
theanUm» im Verlauf des Weltkrieges hier noch gegeben. Die anderen
Nationen, insofern sie sich an der Anthroposophie beteiligt haben,
haben den Namen aufgenommen, haben ihn akzeptiert. Wir haben nie-
mals verleugnet, daft wir Griinde haben, die Hochschule fur Geistes-
wissenschaft «Goetheanum» zu nennen, und es ware daher nicht ei-
gentlich gut, wenn in Deutschland die Sachen als irgendeine Imitation
von der anderen Seite auftreten durften.
Also es wiirde sich schon darum handeln, daft man in dieser Bezie-
hung - verzeihen Sie das harte Wort - ein wenig nicht ungeschickt vor-
gehen wiirde, daft man es ein wenig geschickt machen wiirde im gro-
fteren Weltkultursinne! Da miiftte nun von der Schweiz hier mit vollem
Verstandnis gearbeitet werden. Es miiftte also eigentlich unbedingt
gleichzeitig von Mitteleuropa, von der Entente und von Neutralen aus
die Sache in die Hohe schieften.
Vorlaufig weift ich ja noch nicht, ob sie auch nur an einem oder zwei
Orten in die Hohe schieften wird. Ich habe heute morgen die Mittei-
lung bekommen, daft das gestern zusammenberufene Komitee, das so
wacker arbeiten wollte, wenige Minuten, nachdem die Versammlung
von gestern den Saal verlassen hat, schlafen gegangen ist; es sei auf
heute abend vertagt worden. Ob sie heute abend tagen, wollen wir zu-
nachst noch abwarten. Wir haben schon sehr merkwiirdige Erfahrun-
gen gemacht; und aus dieser Kenntnis heraus, dafi wir schon die ver-
schiedenartigsten Erfahrungen gemacht haben, habe ich mir jetzt er-
laubt, zu Ihnen hier dariiber zu sprechen, dafi man im weiteren Verlauf
der Bewegung die gemachten Erfahrungen beriicksichtigen soli.
Ich bin aber auf der anderen Seite iiberzeugt, wenn gerade unter der
Kommilitonenschaft sich der notige starke Impuls und die gehorige Be-
geisterung finden wird, namentlich fur dasjenige, was ich selbst und
andere meiner Freunde im Verlaufe dieses Kurses genannt haben: Be-
geisterung fur die Wahrheit - dann wird die Sache gehen.
Ich mochte noch sagen: Ich habe neulich ein Snick aus einem
Feuilleton vorgelesen, und ich kann Ihnen versichern, was neulich in
Stuttgart stattgefunden hat, ist nicht im mindesten ein Ende, sondern
erst ein Anfang, und ich kann Ihnen die Versicherung geben, dafi es
noch viel, viel schlimmer kommen wird. Ich habe das zu unseren
Freunden hier des ofteren gesagt — vor sehr, sehr langer Zeit schon — ,
ich habe neulich ein Stuck aus einem Feuilleton vorgelesen, in dem
steht: «Geistige Feuerfunken, die Blitzen gleich nach der holzernen
Mausefalle zischen, sind also geniigend vorhanden, und es wird schon
einiger Klugheit Steiners bedurfen, versohnend zu wirken, damit nicht
eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein
unruhmliches Ende bereitet.»
Ich habe wirklich die Meinung, dafi dasjenige, was als Reaktion ein-
treten mufi gegen eine solche Aktion, die immer starker und starker
werden wird, dafi das besser gestaltet und vor alien Dingen energischer
wird durchgefiihrt werden miissen. Und ich glaube, dafi Sie, meine lie-
ben Kommilitonen, nach dieser Richtung hin no tig haben, all Ihre ju-
gendliche Begeisterung hineinfliefien zu lassen in dasjenige, was wir
hier ofter wahrend dieses Kurses genannt haben: Enthusiasmus fur die
Wahrheit. Jugendlicher Enthusiasmus fur die Wahrheit war immer ein
sehr guter Impuls in der Fortentwickelung der Menschheit. Moge er es
in einer Sache, die Sie fur gut erkennen, auch in der nachsten Zukunft
durch Sie werden.
ANTHROPOSOPHIE UND JUGENDBEWEGUNG
Aussprache und Fragenbeantwortung
wahrend der Freien Antbroposophischen Hocbschulkurse
in Stuttgart am 8: September 1921
Begriifiung: Zuerst mdchte ich Herrn Dr. Steiner in aller Namen dan-
ken fur die Zusammenkunft, die er uns gewahrt hat trotz seiner grofien
Inanspruchnahme. Die Anregungen, die uns Herr Doktor an Ostern
gegeben hat, haben in uns inzwischen weitergewirkt. Wir haben in der
Zwischenzeit nicht viel voneinander gehort, aber als wir hier wieder
zusammenkamen und uns aussprachen, da merkten wir, dafi wir alle
ein Stuck weitergekommen waren. Manches, was an Ostern noch Pro-
blem war, ist heute nicht mehr Problem. Wir sind heute schon zu kon-
kreten Dingen gekommen. Wir meinen, dafi uns aus unserer besonde-
ren Mittlerstellung zwischen Anthroposophie und Jugendbewegung
besondere Aufgaben erwachsen, Aufgaben nach zwei Seiten: gegemiber
der Jugendbewegung und gegeniiber der anthroposophischen Bewe-
gung. Wir wollen Anthroposophie an die Jugendbewegung heranbrin-
gen. Dies ist wohl am besten moglich in der Wirksamkeit von Mensch
zu Mensch. Es soli jedoch dieses Wirken unterstiitzt und gefordert
werden durch ein mehr «offizielles» Wirken aus der Gemeinsamkeit.
Deshalb soli ein Vertrauensleutenetz iiber ganz Deutschland eingerich-
tet werden mit dem Mittelpunkt in Tubingen. Aufgabe der Vertrauens-
leute soil es sein, mit den jungen Anthroposophen ihres Kreises in Ver-
bindung zu treten, Tagungen der Jugendbewegung zu besuchen, Schrif-
ten zu verbreiten unter Ausniitzung personlicher Beziehungen. Dazu
kann ein Artikel iiber Jugendbewegung und Anthroposophie in einer
anthroposophischen Zeitschrift erscheinen. Die Arbeit soli in enger
Fuhlung mit dem Hauptverband erfolgen. Als entschlossensten Gegner
betrachten wir die katholische Jugendbewegung. Darauf bitten wir
Herrn Doktor vielleicht etwas naher einzugehen. Unsere Arbeit in der
anthroposophischen Bewegung denken wir uns so: Wir wissen, daft
wir reicher werden mussen an Wissen. Aber als unsere besondere Auf-
gabe betrachten wir, gemeinschaftsbildend zu wirken. Wir wollen wie
bisher wiser Gemeinschaftsleben weiterfiihren mit gemeinsamen Aben-
den, Wanderungen, Festen und so weiter. Aber wir wollen es allmah-
lich durchdringen und umgestalten lassen von anthroposophischem
Geist. Hier bitten wir Herrn Doktor urn einige besondere Anregun-
gen. Wir denken uns, daft wir in unseren Gemeinschaften zuerst jiin-
gere Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, Studenten und
andere einladen. Noeh eine praktische Frage mochte ich hier anschlie-
fien: 1st es moglich, daft ein junger Mensch aus der Jugendbewegung
auch Biirge fiir die Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft
sein kann?
Rudolf Steiner: Ich darf vielleicht auf den letzten Punkt zuerst ein-
gehen, die Frage nach dem Hineintragen der Anthroposophie in die
Jugendbewegung. Dazu ist notwendig, daft Sie eine wirkliche Einsicht
haben in die Bedingungen, die da doch obwalten nicht nur im Aufte-
ren, sondern im Inneren. Sehen Sie, die anthroposophische Bewegung -
Sie kennen ja zum groften Teil ihre Geschichte - konnte natiirlich nicht
anders arbeiten, als daft sie von Anfang an die realen Moglichkeiten ins
Auge fafite. Zu Beginn der Entstehung der Anthroposophischen Ge-
sellschaft war die Menschheit noch wenig reif fiir die anthroposophi-
sche Bewegung. Aber man konnte nicht warten auf die allgemeine
Reife, um die Bewegung iiberhaupt auf die Beine zu stellen. Nun, da
waren gewisse Leute, die schon seit langem etwas gesucht hatten, etwas
aus unbestimmten Tiefen der Seele heraus, Leute, die zum Teil noch
nicht gefunden hatten Theosophie und Mystik, waren da zu treffen, die
zum Teil auch gar nicht wuftten, daft es so etwas gab wie Anthroposo-
phie, Leute, die eine gewisse Sehnsucht nach etwas Tieferem hatten, als
das Leben bot.
Ich wurde da zum Beispiel einmal eingeladen in einen Verein, wo
immer die verschiedensten Leute an Talent und Bildung vereinigt
waren, die solche Sehnsucht hatten. Und ich ging hin, denn ich hatte
damals mehr Zeit als jetzt. Unter diesen Leuteri fand ich nun etwas
Kurioses vor. Ich war damals Lehrer an der Arbeiterbildungsschule in
Berlin und hatte da meine Zuhorer. Dort - an jenem Ort - war ich
wirklich nur aufgefordert und ein Neuling, aber zu meiner Uberra-
schung fand ich da eine kleine Anzahl von meinen Zuhorern der Ar-
beiterbildungsschule. Sie sehen, diese Sehnsucht, von der ich gespro-
chen habe, war iiberall vorhanden, und mit dieser Sehnsucht mufite
man rechnen, denn sonst ware man mit der anthroposophischen Bewe-
gung uberhaupt nicht weitergekommen. So, wie man es heute machen
kann, konnte man es damals gar nicht machen. Es war nun aber die
Schwierigkeit, den Leuten, die diese Sehnsucht hatten, die Dinge ver-
standlich zu machen. Viele konnten nicht mit, sie wollten etwas ande-
res haben. Aber dennoch fanden sich immer einzelne Leute darunter,
die mitmachten, und es wurde dann daraus diese Bewegung. Aber da-
durch hat die Bewegung durchaus noch die Folgen ihrer Kinderkrank-
heit an sich: Unklares, mystisches Streben, allerlei von dieser Art, wie
Sie hier auch noch bemerken konnten.
Da wollen nun zum Beispiel die verschiedensten Menschen etwas
horeri von dem, was ihnen liegt. Nun macht einer die Bekanntschaft
mit einem Anthroposophen. Er verlangt vielleicht eine Antwort auf
eine medizinische Frage und gerat dabei an jemanden, der sagt: Da
miissen Sie den und den Spruch aus Dr. Steiners «Seelenkalender» le-
sen. Zwar hat Steiner so die Angewohnheit, dafi Sie bei ihm immer
etwas anderes finden, als was Sie suchen, aber das, was Sie suchen,
wiirden Sie dann auch schon finden; das geht dann schon aus dem
Spruch in Sie iiber.
Damit mufke man rechnen. Und wir sollten nicht vergessen, dafi die
anthroposophische Bewegung in ihrem Ausgangspunkt fast etwas Kan-
tiges und Eckenhaftes hat, was hochst unsympathisch wirken kann.
Aber mit alldem mufke gerechnet werden. Man kann nirgends mit dem
Kopf durch die Wand gehen. Das steckt einmal darinnen, und dariiber
sollten Sie sich keinen Illusionen hingeben. Durchaus mufke man rech-
nen mit dieser Sehnsucht, die in der heutigen Jugend darinnensteckt.
Aber das diirfen Sie auch nicht aus den Augen verlieren, gerade in dem
Augenblick, wo Sie der anthroposophischen Bewegung nahertreten
wollen, dafi die anthroposophische Bewegung soweit ist, selbst mit
alien alten Vorurteilen zu brechen. Es wird ja ohne die Vorurteile auch
unbedingt gehen; es ist ja durchaus moglich, dafi man mit allem Phili-
strosen brechen kann.
Das ist das, was ich vorausschicken wollte, damit Sie von Ihrem Ge-
sichtspunkte aus nicht kommen und sagen, die Anthroposophen sind
so schreckliche Leute.
Das andere ist, dafi die Gemeinschaftsbildung, das gemeinsame Wan-
dern, durchaus nicht ausgeschlossen ist, im Gegenteil gefordert werden
soli. Die Gemeinschaftsbildung, wenn sie getragen ist von anthroposo-
phischem Geist, kann alle moglichen Formen annehmen. Sie miissen
nicht vergessen, da&, wenn Sie davon sprechen, dafi heute diese Ge-
meinschaftsbildung etwas ganz Neues ist, Sie miissen nicht vergessen,
daft wir Alten auch einmal jung waren, und da£ sich damals solche
Leute immer gefunden haben, die solche Gemeinschaften gebildet ha-
ben. Ich erinnere mich noch an einen Kreis, den wir in Berlin gebildet
hatten, der vielleicht auch nichts anderes war, doktrinar gesprochen,
als eine Clique. Aber gute Ziele haben ja auch die Cliquen gehabt, denn
jeder Gemeinschaft liegt ja eine solche Clique selbstverstandlich zu-
grunde. Die Gemeinschaftsbildung hat naturlich auch allerlei Anhang-
sel gehabt, die zusammenhingen mit dem Charakter der einzelnen
Leute. Schon der Titel unserer Gemeinschaft in Berlin war dazu eigent-
lich ausersehen, die Philister zu argern. Ich sage dies in Anfiihrungsstri-
chen: Diese Gemeinschaftsbildung hiefi «Der Verbrechertisch». Unter
anderen gehorte auch Otto Erich Hartleben dazu. Damit soil nicht ge-
sagt sein, dafi wir eingebrochen haben und so weiter. Ich sage Ihnen
dies nur, damit Sie sich ein umfassendes Bild davon machen konnen,
dafi die heutige Jugendbewegung nicht die erste Gemeinschaftsbildung
ist. Das haben Sie ja auch schon zum Ausdruck gebracht.
Dann aber ist auch durchaus nichts dagegen einzuwenden, dalS Mit-
glieder der Jugendbewegung Biirgen sein konnen fur diejenigen aus der
Jugendbewegung, die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft
werden wollen. Das ist durchaus etwas, was absoiut realisiert werden
kann. Und das bringt mich dann auf die andere Frage.
Da ist ja eben, vollstandig mit Recht, die Frage der katholischen Ju-
gendbewegung in die Debatte hineingeworfen worden. Beziiglich dieser
Jugendbewegung miissen Sie aufierordentlich vorsichtig sein und die
Moglichkeit, doch beeinflufit zu werden nach der einen oder anderen
Richtung, nicht aus dem Auge verlieren. In der katholischen Jugendbe-
wegung sind eine ganze Anzahl von Leuten, die hoffnungsvolle und
tiichtige Menschen sind. Aber auf der anderen Seite ist es der groftte
Fehler, den Sie machen konnen, wenn Sie auf die katholische Jugend-
bewegung als katholische Jugendbewegung irgendwie hereinfallen wiir-
den. Ihre Jugendbewegung geht hervor aus dem Bediirfnis der Jugend
selbst. Das, was ich nur mit ein paar Worten bringen mochte, ist, daft
die ganze Schwierigkeit auf folgendem beruht. Die ganze Jugendbewe-
gung ist zusammengekommen aus dem Bediirfnis des einzelnen, und
sie hat nur den Kitt, der in den Herzen des einzelnen ruht. Das ist bei
der katholischen Jugendbewegung nicht der Fall. Namlich alle Bewe-
gungen, die wirklich der Zukunft entgegen wollen, haben heute nicht
eine solche Moglichkeit wie die katholische Jugendbewegung, die etwas,
was feststeht durch die Entwickelung der Menschheit, durch Tradition
und so weiter, mit ungeheurer Zielsicherheit hiitet. Die Jugendbewe-
gung muft dezentralistisch sein. Die katholische Jugendbewegung ist
durchaus zentralistisch. Und die groftte Gefahr, die besteht, ist, selbst
in die katholischen Grundlagen zu fallen. Sie diirfen sich dieses nicht so
leicht vorstellen! Denken Sie, es tritt eine Bewegung auf, die da sagt:
Wir wollen gut katholisch sein, wir wollen alles tun, urn die Leute zu
dem lebendig wirkenden Christentum zuruckzufuhren, wir wollen
nichts von den Jesuiten wissen. - Fur den, der das hort, konnte es leid-
lich scheinen. Aber nur der kann einen Gesichtspunkt gewinnen, der
weift, daft eine solche Bewegung gut aufgestellt sein kann mit alien Pro-
grammen gegen die Jesuiten, aber daft das alles gut gemacht sein kann
von einem Jesuitenpater. Denn das liegt durchaus im Programm der
Jesuiten, daft sie sich ihre Gegner selbst aufstellen. Sie werden es kaum
fur moglich halten, daft viele auf die Sache hereinfallen. Aber sehen Sie
sich die Jungkatholische Bewegung an, die bildete sich vor vielen Jahren
gegenden Jesuitismus,und schon nach funfzehn Jahren segelte sie mithin-
ein. Das ist etwas, was nicht aus dem Programm herauszufallen braucht.
Wenn Sie nicht darauf aufmerken, daft der Jesuit mit den Machtig-
sten seiner Gegner rechnet und so, in gewisser Weise, groftziigig ist,
werden Sie niemals klar sehen konnen. Sehen wiirden Sie sonst, daft
man gegen die katholische Jugendbewegung als solche nicht vorsichtig
genug sein kann, auf daft man nicht in sie hineinschlupft. Ich habe gute
Bekannte gehabt, die damals auf demselben Boden gestanden haben wie
ich. Wenn ich aber heute wieder mit jemandem von ihnen zusammen-
komme, so kann ich bemerken, dafi ein grofier Teil in den Bann der
katholischen Kirche gefallen ist. Der Bann der katholischen Kirche ist
so grofi, und die katholische Kirche hat eine ungeheure Anziehungs-
kraft. Und wenn man dieses alles in Erwagung zieht, mufi man immer
auf eine Falle gewartig sein. Deshalb meine ich, dafi Sie nur weiterkom-
men, wenn Sie die absolute Selbstandigkeit der katholischen Jugendbe-
wegung gegeniiber wahren. Sie miissen sich klar sein, daft iiberhaupt
alle Kraft davon abhangt, daft Sie absolut unbeeinfluftbare Menschen
finden, von denen Sie sicher sind, sie haben nicht etwas im Hinterhalt,
Sie werden bei den Jesuiten keine Abstempelung finden; daft sie Ihnen
alles gerade heraushalten, das werden Sie dort nicht finden konnen. Ich
sage Ihnen dieses nur, um eben die Sache zu charakterisieren, und um
Sie darauf aufmerksam zu machen, daft Sie Ihre Sache in schlechtes
Fahrwasser bringen konnten, wenn Sie nachgiebig waren gegeniiber der
katholischen Jugendbewegung, die jetzt auch gegen den Jesuitismus
schreit. Aber Sie miissen die Menschen einmal wieder nach funfzehn
Jahren anschauen, dann werden Sie sehen, nach welcher Seite hin sie ge-
landet sind.
Und mit dem Aufsatz iiber anthroposophische Jugendbewegung
wiirde man ein mehreres noch hinzuleisten. Das ist etwas sehr Wichti-
ges, was aus dem hervorgeht, von dem ich schon ofters zu Ihnen ge-
sprochen habe, daft vieles, was aus der Jugendbewegung hervorgeht,
tief in der Seele gelegen ist. Es kann das meiste nur verstanden werden,
wenn man begreift, was die Jugendbewegung ist. Ich kann mir sehr gut
vorstellen, daft ein solcher Aufsatz sehr giinstig wirken kann, und es
wiirde sicher gut sein, wenn dies von den jungen Leuten geschahe.
Wenn dies zustande kame, dann mulke man da natiirlich wiederum auf
die besondere Gegnerschaft gefaftt sein, die ja schon einmal in giinsti-
gem und ungunstigem Sinne mit der Individualist verbunden sein
kann. Mit dem mufi man notwendigerweise rechnen, wenn es auch
aufierlich wenig so ausschaut. Wenn auch viele sagen, die Anthroposo-
phen tun nur, was ihnen befohlen wird, so ist es doch praktisch so, dafi
die Individualist nirgends so ausgepragt ist wie in der Anthroposophi-
schen Gesellschaft. Da tut jeder nur, was er wirklich will. Dies hat tat-
sachlich schon seine Nachteile.
Es ist schon richtig, dafi etwas einheitlich vorhanden sein mufi da,
wo man es mit einer Bewegung zu tun hat. Und wenn Sie nun Ver-
trauensleute wahlen, so ist es schon notwendig, dafi Sie darauf Riick-
sicht nehmen, dafi die Vertrauensleute nicht Streitigkeiten anfangen,
sondern dafi sie wirklich Leute sind, die das Ganze iiber das Personli-
che stellen. Das wird immer bei der Jugendbewegung notig sein. Also
ich meine, daft Sie sich da Ihre Leute anschauen miissen, denn man
mufi doch seine Leute kennen, wenn man Vertrauen zu ihnen haben
will. Das ist das wenige, was ich zu Ihren Fragen sagen wollte.
Frage: Wie soli Gemeinschaft gepflegt werden?
Rudolf Steiner: Sehen Sie, wenn Sie den Geist der Anthroposophie
erfafit haben, so werden Sie so denken, dafi die Art, wie die einzelne
Gemeinschaftsbildung gepflegt werden soil, durchaus in zweiter Linie
in Betracht kommt. Es kann sicher gut sein, dafi die einzelnen Gemein-
schaften, die schon da sind, durchaus aus ihrem eigenen Wesen heraus
weitergepflegt werden und auch das tun, was sie immer getan haben.
Es kommt nicht darauf an, dafi man sich nun programmafiig vornimmt,
dies und das soil geschehen. Anthroposophie kann nur so wirken, dafi
man sie in jede Form hineinstecken kann. Am besten ist es, wenn Sie
aulSerlich nicht darangehen, die bisherigen Vorkehrungen abzuandern,
sondern Sie sollten daran denken, die Anthroposophie als solche hin-
einzutragen. Anthroposophie ist eine geheime Macht, die nach und
nach in alles hineinkommen konnte.
Ein Teilnehmer: Es wird einem immer von Anthroposophen entgegengehalten, dafi
man durch die Wanderungen in Schwarmerei verfiele.
Rudolf Steiner: Nun, nicht wahr, die Wanderungen als solche geho-
ren nicht zu den Gebieten, die das Schwarmen befordern. Wanderun-
gen sind schwarmerisch, wenn die Mitglieder schwarmerisch sind.
Ein Teilnehmer: Es wird einem immer vorgeworfen, gerade von anthroposophischer
Seite, die Jugendbewegung konnte nichts als wandern und Feste feiern.
Rudolf Steiner: Das hangt zusammen mit dem, was ich vorausgesetzt
habe, was bei der anthroposophischen Bewegung auch seine Geltung
hat. Sie ist ja auch unter Menschen entstanden, und die Menschen, die
sich in ihr von Anfang an bewahrten, sind natiirlich mehr von der Art,
dafi sie nicht so auf Wanderungen eingestellt sind, sondern hereinge-
stellt sind in ganzlich andere Arbeitsverhaltnisse. Daher konnen Sie von
ihnen nicht verlangen, dafi sie viel ubrig haben fur die Wandervogel.
Ich meine, das ist ja natiirlich, dafi man verstehen muft, dafi einem da
allerlei entgegengehalten wird. Nun kann man die Wanderungen ruhig
beibehalten. Das alles ist durchaus etwas, woran Sie sich nicht zu keh-
ren brauchen. Die anthroposophische Bewegung hatte gerade so gut
unter Wandervogeln entstehen konnen. Bei alien diesen Dingen mufi
man so sprechen, dafi man wirklich die ganze Breite, das ganze Umfas-
sende der Anthroposophie ins Auge fassen mufi und sich nicht be-
schranken will auf irgendwelche Kleinigkeiten. Man kann nicht verlan-
gen von der anthroposophischen Bewegung, dafi sie jedem wilden Fa-
natismus entgegenkommt. Ich kann mir vorstellen, dafi man sagen
konnte, man braucht iiberhaupt nicht zu denken, sondern nur zu wan-
dern. Damit ist nicht gesagt, dafi alle Gemeinschaftsbildungen diese
derartig wilde Form annehmen miissen, aber es ist das bei vielen der
Fall. Die anthroposophische Bewegung ist zur Geltung gebracht wor-
den von Menschen, die natiirlich ganz andere Gefiihle hatten, als die
sind, die die heutige Jugend hat; sie ist nicht in der Jugend entstanden.
Es wird angebracht sein, wenn sie von der Jugend gepflegt werden
kann. Aber entstanden ist sie etwas greisenhaft; sie hatte von Anfang an
nichts Jugendliches. Ich mufke immer mit diesem Greisenhaften rech-
nen. Das, was sich mir einmal in den ersten Vortragen entgegensrellte,
ist charakteristisch fur die Greisenhaftigkeit. Ich habe da geredet,
wie ich es gewohnt bin zu reden, und da ist mir so ein greisenhafter
Mensch entgegengetreten und hat gesagt: Wenn Sie so laut reden, dann
vertreiben Sie ja die geistige Wesenheit. So laut darf man nicht reden,
man sagt doch auch Geheimwissenschaft. - Dieser ist iibrigens spater
bis zu seinem Tode einer der treuesten Anhanger der Anthroposophie
gewesen. Am besten ist es, wenn man sich gar nicht an diesem Greisen-
haften stofit. Man braucht sich nicht daran zu stolen, sondern sich nur
an die Sache zu halten.
Frage: Was halten Herr Doktor von Sonnenwendfeiern? Konnten Sie dazu vielleicht
etwas sagen?
Rudolf Steiner: Sehen Sie, ich habe schon zu Ostern gesagt, da miis-
sen Sie sich an das halten, was fur den, der in der Anthroposophie dar-
innensteht, eine Tatsache ist, die man aber uberall erfahren kann. Ich
habe da gesagt, wie etwas in der Menschheitsentwickelung am Ende
der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auftritt, was den Unter-
grund der heutigen Jugendbewegung besonders bildet, was als Sehn-
sucht und so weiter auftritt, als etwas, was eigentlich aus den tiefe-
ren Untergriinden der Seele herauftaucht, und was wir in der Wirkung
sehen.
Die Menschen friiherer Zeiten schauten Dinge, die bestanden haben,
als ganz reale Machte an, und diese Machte waren so geartet, daft sie im
Menschen wirkten bis in das Jahr hinein: Wirkungen, die gesetzt wur-
den auf die Sommersonnenwende. Sie werden das, was ich gesagt habe,
im vollen Umfange verstehen, wenn Sie sich in die alten Zeiten verset-
zen. Da ist der Mensch mit den Naturgesetzen ganz anders verbunden.
Wenn er so mit dem Ganzen der Natur verbunden ist, so sind die Ge-
danken, die da zur Sonnenwende gefafit werden, die fruchtbarsten fiir
die Aufnahme der Gesetze. Man mufi zu etwas radikalen Ausdriicken
greifen, wenn man sich uber das, was damals gelebt hat in den Men-
schen, seine eigenen Gedanken machen will. Die Menschen haben sich
gesagt, so wie der Stier herausgefuhrt wird zur Befruchtung zu be-
stimmten Jahreszeiten, so mufi die menschliche Seele sich herausstellen,
damit sie befruchtet werde zu bestimmten Jahreszeiten. Nun besteht ja
die Tatsache, dafi die Erde im Sommer schlaft, das heifit die Erde ist in
einem Zustande wie der Mensch, wenn er schlaft. Die Erde schlaft im
Sommer und wacht im Winter. Und so wie im Schlaf der Atherleib am
regsamsten ist, so auch die Erde in diesem Zustande. Da fuhlten sich
die Menschen friiher am meisten mit ihr verbunden. Sie wissen, wie sie
um die Sommersonnenwende ihre grofiten Feste abhielten. Dagegen im
Siiden, in Afrika und so weiter, da war es so, dafi die Leute als das
grofite Fest betrachteten die Wintersonnenwende. Da wollte man mit
dem in Beriihrung kommen, was von dem wachenden Atherleib der
Erde ausging; dies beruht auf einem polaren Gegensatz im Geist des
Menschen. Und letzten Endes kann man alle Zeitengewohnheiten dar-
auf zuriickfiihren.
Alles dieses tauchte als ein Gefiihl zunachst wieder auf im Menschen
in der damaligen Zeit. Fur ihn hangt das alles damit zusammen, dafi
darin eine gewisse Gesetzmafiigkeit enthalten ist. Es ist durchaus rich-
tig, dafi die Dinge wieder heraufkommen. Ich habe Schmerzen ausge-
standen, als ein Professor auf die Idee kam, dafi das Osterfest nicht
mehr nach dem Himmel vor sich gehen soli, sich nicht mehr nach dem
Himmel richten soli, sondern immer auf den 1. April verlegt werden
soli. Ihm kam diese Idee so gescheit vor, daft man nicht mehr ein be-
wegliches Fest haben sollte, sondern dafi man es immer auf den 1 . April
feiern sollte. Dadurch wird der Mensch mit seinem Empfinden aber
ganz herausgerissen aus dem ganzen Geschehen im Weltall. Dieses
menschliche Empfinden miifke ja verkommen, wenn es heraustritt aus
dem Geschehen im Weltall, wahrend dieses Zusammenleben im Welt-
all etwas in sich hat, was ja auch den Menschen lebendig und jung er-
halt. Wenn das Gefiihl vorhanden ist, den Geist der Sonnenwende zu
erleben, so dafi man weifi, man machte das damals aus den hdchsten
Gefiihlen heraus, dann wiirde es gut sein, wenn man das fordert. Aber
darinnenstehen im konkreten Leben soil man, so daft man weifi, dafi
etwas anderes ist in der Sommersonnenwende als in der Wintersonnen-
wende. Dieses Denken sollte bei solchen Gelegenheiten gepflegt werden.
Frage nach der Lebensgestaltung.
Rudolf Steiner: Nicht wahr, das lafit sich nur machen, wenn die an-
throposophische Bewegung als solche Gluck hat mit dem, was in das
gesamte soziale Leben eingreifen soli. Naturlich, solange die anthropo-
sophische Bewegung noch irgend etwas Sektiererisches in sich hat, so
lange wird immer so etwas herauskommen, dafi man sie auch eine
Sekte nennt.
Die Anthroposophie hat heute Heilmethoden gefunden. Die Leute
werden kommen und geheilt sein wollen; aber die Menschen stellen
sich dann hin im Namen einer Partei und wettern gegen das Gesetz,
das etwas wie die anthroposophische Bewegung uberhaupt zulafk. Ich
fiihre einen konkreten Fall an! Die Leute mochten Anthroposophie
unter der Hand pflegen, aber vor dem offentlichen Auftreten schrecken
sie zuriick. Anthroposophie kann aber nur und mufi tatsachlich im
Grofien wirken; sie kann sich nur dann durchsetzen. Aber die Leute
mussen auch den Mut haben, den anthroposophischen Geist in die
weite Offentlichkeit zu bringen. Danach strebte ich immer, von Anfang
an, zu verwirklichen, daft wir ein therapeutisches Institut, ein For-
schungsinstitut und so weiter griindeten. Es muft so gearbeitet werden,
dafi man wirklich auf anthroposophischem Boden stent. Das wird na-
tiirlich, wenn es fortgeht wie jetzt, nicht moglich sein. Naturlich hangt
immer die Wirkung der Sadie von dem Willen derjenigen ab, wie stark
diejenigen in der Offentlichkeit wirken, die sich auf anthroposophi-
schen Boden stellen. Und naturlich kann man sagen, wenn man immer
abstrakt davon spricht, das ist fur die nachsten Jahre nicht moglich.
Als ich aufgetreten bin mit meinem Dreigliederungsgedanken, da
sind Leute gekommen, die haben gesagt: Das kann noch hundert Jahre
dauern, ehe das eintritt, da ist der Zeitraum schlecht gewahlt. - Ich
kann nur sagen, wenn man dies bei allem Handeln dachte, dann wiirde
gar nichts mehr geschehen. Das ist nicht die richtige Einstellung, son-
dern fiir mich ist die Fragestellung so: Was soil man tun? - Da mufi ich
sagen, dafi die anthroposophische Bewegung nicht so weit ware, wie sie
jetzt ist, wenn ich damals die Frage mir nicht immer wieder vorgelegt
hatte. Wenn man sich auf anthroposophischen Boden stellt, so handelt
es sich darum, auch den Willen zu entwickeln. Je mehr Leute wir
haben, die sich riickhaltlos auf diesen Boden stellen, desto besser ist es.
Wir haben jetzt nicht die Aufgabe, daruber nachzudenken, wie lange
es dauern wird, bis die Leute reif sind fiir unsere Ideen, sondern die
Aufgabe, daran zu arbeiten, dafi die Leute reif werden. Darum mufi
man schon alles Mogliche tun, als wenn schon die Reife da ware. Man
mull damit rechnen, als wenn die Reife schon eine Realitat ware. Die
Leute denken immer: Kann man das auch tun? - Dies ist eine gewisse
Furcht. Man fiirchtet sich, das zu tun, wie dann, wenn man sich be-
sinnt, ob man mit dem Denken an das «Ding an sich» herankommt. -
Ich kann mir das so vorstellen: Da steht ein Teller Suppe, und daneben
liegt ein Loffel. Der Loffel ist das Denken, der Teller Suppe das Ding
an sich. Wenn Sie nun daruber nachdenken, ob der Loffel, der Ihnen
gebracht wurde, nun in einem realen Verhaltnis zu der Suppe stent,
oder wenn Sie sich fragen, was wird geschehen, wenn ich jetzt den Lof-
fel in die Hand nehme und esse? Dann werden Sie nicht satt werden,
sondern Sie miissen eben zugreifen!
Frage nach der Volkshochschul-Bewegung.
Rudolf Steiner: Ich habe mich davon iiberzeugen konnen, daft von
der Volkshochschule ein Aufstieg nicht zu erwarten ist. Die Lehrer
nehmen alles restlos hin, was sich aus der alteren Kultur entwickelt hat,
und man verzapft es dann in der Volkshochschule. Wird es nun besser,
wenn man mit dem Inhalt der gegenwartigen Kultur Volkshochschulen
begriindet? Natiirlich kann man nur so sagen und meinen, man miifite
es so ahnlich machen, wie ich es gehalten habe, wenn ich gerufen wor-
den bin. So viel man irgend an Lebendigem hineintragen kann, soil man
es tun. Aber verschwendete Krafte sind es. Nicht wahr, ganz zuriick-
ziehen kann man sich nicht. Aber man mufi sich klar sein, dafi man
nicht in eine Aufstiegsbewegung hinein arbeitet, sondern in eine Nie-
dergangsbewegung.
Das habe ich nicht nur dagegen gesagt, weil die Dozenten an sich ge-
rade einen Inhalt fur ihre Vorlesungen wahlen, der nicht zukunftsfahig
ist. Es kam mir darauf an zu zeigen, dafi wir die Methode, nach der da
gelehrt wird, gerade iiberwinden miissen. Auf den Geist, der dahinter
stehen muS, kommt es doch mehr an, als man denkt. Man kann da sa-
gen, die Volkshochschul-Bestrebungen haben doch auch hohe Grund-
satze. Aber Grundsatze haben keine Wirkung. Man glaubt, wenn sich
da zehn oder zwolf Leute zusammentun und ein ideales Schuipro-
gramm austiifteln, so wird schon etwas Gutes dabei herauskommen.
Gescheit sind diese Leute alle, furchtbar gescheit. Es werden die schon-
sten Programme gemacht, wie die Volkshochschule werden kann. Aber
sehen Sie, darauf kommt es nicht an. Wenn jemand etwas griindet, so
kommt es nicht auf ein Programm an, sondern darauf kommt es an,
mit den Menschen das Moglichste zu leisten. Nicht wahr, die Leute
kommen iiberall mit idealen Programmen. Aber in einer Schule mufi
man zuerst mit den Menschen rechnen, die darinnen sind, bei denen
man sich nicht an das Programm halten kann. Wir miissen doch sehen,
daft wir aus dieser Art der Denkensweise herauskommen und uns auf
den Boden des wirklichen Lebens stellen.
Nun kann man sagen: Ja schdn, ich will eben irgendwo arbeiten. Ich
habe ein Missionsgebiet, und das will ich herantragen an Menschen, mit
denen ich eine Kulturstufe erreichen kann von, sagen wir, A. Nun kann
aber jeder einsehen, daft A nicht das Hochste ist, was man erreichen
kann, sondern man mufi A und B erreichen. Aber nun hat man nicht
die Menschen, mit denen man das erreichen kann. Dann ist es aber bes-
ser, so sagt man, man erreiche nur A. Wenn man so konstruiert, er-
reicht man nicht nur nicht A, sondern A minus B.
Das Empfinden fur das Reale im Leben muft man sich aus der Gei-
steswissenschaft heraus nehmen. Nicht in programmatischen Begriffen
mufi man leben. Man mulS sich wohl in den Begriffen ausdriicken, -
aber auf die Begriffe kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daft das,
was Leben ist, wirklich iiberall hineingetragen wird, nicht daft das Tote
hineingebracht wird in die Volkshochschule.
Frage nach Muck-Lamberty.
Rudolf Steiner: Diese Dinge wiederholen sich an alien Orten. Ich er-
innere nur an den Haujler> der hier sein Wesen treibt. Dieser Mann ist
hier herumgezogen zum Entsetzen der verschiedenen Leute, im Siegle-
Haus erschienen und hat auch vor den Leuten allerlei Heftiges vorge-
tragen. Aber ich mochte davor warnen, vor alien Dingen vor denen, die
nicht wirken auf gesunde Weise durch ihren Verstand, sondern die wir-
ken auf suggestive Weise. Diese Leute haben eine starke Kraft, die aber
nicht das sein kann, was von einem gesunden Menschen kommt, son-
dern von einem Verruckten. Und das mulS man nicht iibersehen. Die
Dinge miissen gesund sein, wenn sie breitere Gebiete umfassen wollen.
Und wenn die Jugendbewegung der Menschheit dienen will, so muft
sie gesund bleiben. Da kommen wir zu Dingen, die da Kraft entwik-
keln. Aber diese hier ist eine Kraft der Tollen, die die Tiere auch haben.
Auf die Kraft kommt es nicht an, sondern viel mehr auf das, was sich
durch ihre Kraft ausspricht. Die Sache ist so, daft wir wirklich nur aus
anthroposophischem Geist in eine Sache eindringen konnen, wenn wir
alles Suggestive ausschalten. Man darf sich nicht von dieser Kraft iiber-
mannen lassen. Denn ich mufi sagen, ich habe erlebt, daft ganz be-
schrankte Leute aus dieser Kraft kolossale Sachen ausgefuhrt haben.
Vor der Seelentrunkenheit mu£ man sich in acht nehmen, insbesondere
in einer Jugendbewegung. Man soli sich schon diesen Dingen gegen-
iiber so verhalten.
Sehen Sie, ich glaube, da gibt es etwas, das, so einfach es scheinen
mag, Ihnen sehr viel Schutz geben kann, und darauf mochte ich Sie
hinweisen. In alien Bewegungen, auch in der anthroposophischen Be-
wegung, gibt es Menschen, die furchtbar mystisch veranlagt sind. Da
sagte mir einmal eine alte Freundin, eine Romerin: Ach, die Anthropo-
sophen sind alle so «erhaben», die haben alle ein Gesicht «bis ans
Bauch». - Und von dieser Sorte gibt es iiberall Leute. Das ist das eine
Extrem. Das andere ist die grenzenlose Oberflachlichkeit, mit der viele
Leute iiber alles hinweggehen. Aber nicht wahr, urn nicht ungerecht zu
werden, handelt es sich darum, daft man sich nicht zu stark in die
Macht anderer begibt, sondern daft man seinen Menschen beisammen
halt. Und dazu gibt es nur ein Mittel, das aber fur jeden notwendig ist,
und das ist der Humor. Alle Gesichter bis ans Bauch und alle Ober-
flachlichkeit sind schadlich. Das, was man braucht, um zu einer richti-
gen Stellungnahme zu kommen, das ist der Humor. Solchen Erschei-
nungen gegeniiber bekommt man das richtige Urteil, wenn man auch
iiber sie lachen kann. Damit will man nicht ironisieren, sondern das,
was sie haben, auf sich wirken lassen. Humor ist das, was man iiberall
zur Beurteilung braucht. Die Jugendbewegung soli nicht so werden wie
mit dem Gesicht bis ans Bauch, sondern sie soli wirklich gesunden Hu-
mor pflegen. Ich kenne merkwiirdig viele Pessimisten in der Jugendbe-
wegung, die durch ihren Pessimismus allem ausgesetzt sind. Die Ge-
genwart ist so gescheit, daft sie gar nicht merkt, wie die ganze Kultur
verruckt wird. Wenn Sie bei richtigen «Mystikern» nachfragen, so
schildern diese den Einfluft der Auftenwelt auf den Menschen gefahr-
lich, wie der Mensch von jedem Luftzug in Abhangigkeit steht. Wenn
das wirklich so ware, so waren alle Menschen die furchtbarsten Hyste-
riker. Wenn die Menschen wirklich so abhangig waren, so wiirden nur
hysterische Menschen leben. Sie waren machtlos in die Hand gegeben
jedem Luftzug. Aber der Mensch ist, Gott sei Dank, nicht so. Da
haben Sie diese Menschen. Das ist es also wirklich, worauf es ankommt,
dafi man sich so erzieht, dafi man auch hoher empfinden kann, dafi man
jeden Hauch so empfinden kann, und dafi er einen doch nicht umwirft.
Frage nach Fidus und Gertrttd Prellwitz.
Rudolf Steiner: Die Leute machen Biicher und treten vor die Welt
und stehen ohne wirkliche Erfahrung da. Fidus und Gertrud Prellwitz
sind die Urphanomene dafur. Solche Leute wissen absolut alles. Sie
wissen zum Beispiel auch, wie man ist, wenn man wahrer Anthropo-
soph ist. Sie sind eben der Typus des gegenwartigen intellektuellen
Menschen. Gertrud Prellwitz unterscheidet sich nicht von den iibrigen,
deswegen mufi man die Sache mit Humor nehmen.
Ebenso das andere, dafi man erlebt hat, dafi Menschen alle Augen-
blicke kommen und sagen: Ach, etwas Schreckliches ist vorgegangen!
Ganz unnatiirliche Sexualitat entwickelt mein Kind. - Fragt man dar-
auf nach dem Alter des Kindes, so erfahrt man, dafi es erst fiinf Jahre
alt ist. Glauben Sie doch, dafi die Sexualitat erst mit dem Reifwerden
herauskommt, und dafi es tatsachlich keinen Unterschied macht, ob ein
Kind die Nase kitzelt, oder ob es sich anderswo kratzt. Interpretieren
Sie doch nicht iiberall die Erotik hinein, damit man nicht die furchtba-
ren Theorien ausgiefit. Wenn man ein funf jahriges Kind auf Erotik an-
sieht, so ist das Blech. Bei dieser Frage kommt es vielmehr auf gesun-
des Denken an, als viele Theorien zu bringen. Denn das meiste, was
jetzt iiberhaupt dariiber entwickelt wird, ist einfach Blech. Wirklich,
die Leute brauchen blofi zu bedenken, wie schreckhch kurzsinnig diese
Sachen sind. Es hat Kulturen gegeben, wo man das Essen mit Scham-
gefiihlen begleitet hat. Daraus konnten nun ahnliche Theorien iiber das
Essen entstehen. Sie werden erfahren: Wenn Sie sich wirklich mit den
umfassenden Fragen des Lebens befassen, dann werden Sie keine Zeit
iibrig haben fur solches Theoretisieren.
Ein Teilnehmer: Diese Sachen sollten ernster erfafk werden.
Rudolf Steiner: Sie stellten die Frage so wie eine Frage, von der man
sagen mufi: Sie ist so gestellt, als wollte man ein Haus bauen und hat
noch nicht den Boden dazu.
Ein Teilnehmer: Muck-Lamberty bringt den Boden in sein Handwerk mit Kunst und
so weiter. Und dann wollen sie - die «Neue Schar» - das Leben von Grund aus umge-
stalten.
Rudolf Steiner: Aber auf die Realitat kommt es an. Man kann nicht
in der Welt nach riickwarts wachsen, sondern nur nach vorwarts. Vom
Nachdenken iiber Erotik Talk sich nicht vorwartskommen. Wenn man
gesunde Grundlagen entwickelt, so wird das erotische Leben von selbst
gesund. Das erotische Leben ist gerade so, dafi man es richtig hinein-
stellen mufi in das Leben. Wie es erscheint am Menschen und in einem
gewissen Jahresalter, so entwickelt es sich auch in einem gewissen Kul-
turzusammenhang. Man kann es nur herausspringen lassen. Wenn die
anderen Dinge sich gesund entwickeln, entwickelt sich auch eine ge-
sunde Erotik. Durch das Programmafiige auf diesem Gebiete schadet
man am allermeisten. Auch im sozialen Leben wird es sich so entwik-
keln, wie es sich entwickeln mul5 unter gesunden Voraussetzungen.
Oberall sind gesunde Voraussetzungen notig. Unzahlige Menschen sind
zu mir gekommen und haben mich gefragt iiber vorgeburtliche Erzie-
hung. Diese Theorien, die dariiber aufgestellt worden sind, sind etwas,
was furchterlich ist. Denn es ist ein ganz treibhausartiges Denken, was
da zutage tritt. Notwendig ist, dafi die Mutter gesund ist und ordent-
lich lebt. Der kindliche Organismus ist von der Mutter abhangig. Wenn
die Mutter sich gesund halt, wird das Kind von selbst ordentlich gebo-
ren. Es gibt gewisse Fragen, die zu stellen es keinen Sinn hat. Nur weil
wir heute unter einem Uberflufi an geistiger Produktion leben, werden
diese Fragen unzeitig gestellt. Die Leute miissen Themen haben. Die
Erfahrung wollen sie nicht abwarten. Sie schreiben, und dadurch kon-
nen dann Bewegungen entstehen, die zu nichts fiihren.
Ein Teilnehmer: Die Bewegung ist nicht durch Denken entstanden, sondern ganz un-
bewufit. Man lebt in kleinen Kreisen zusammen und sucht eine gewisse Naturlichkeit.
Rudolf Steiner: Was heifit das: eine gewisse Naturlichkeit? - Neh-
men Sie an, Sie haben da einen Kreis und da und da; hier einen Kreis
Bauernburschen, hier dekadente Adelige, hier gesunde Menschen. Jeder
Kreis lebt sich in einer ganz verschiedenen Weise aus. Da konnen Sie
nicht sagen: Irgendeine Theorie ist etwas nutze! - Es handelt sich wirk-
lich darum, daft gewisse Dinge sich nur entwickeln konnen, wenn eine
Grundlage da ist. Ich will nicht die Sachen ironisieren. Man kann nicht
dariiber nachdenken, wie ein neugeborenes Kind seine Sexualitat pflegt.
Da mu!5 man eben den Mut haben, im rechten Moment das Mogliche,
das Richtige zu finden. Deshalb mufi man gerade versuchen, auf diesem
Gebiete erst recht den Humor zu entwickeln, wirklich die Mittelstrafte
zu gehen zwischen Philisterium und Lotterkeit, die schon von Aristo-
teles gewiesen worden ist.
Ein Teilnehmer: Es mufi streng geschieden werden, weil Muck-Lamberty und Ger-
trud Prellwitz etwas ganz Verschiedenes sind. Was die Menschheit dariiber erfahren hat,
hat sie von Alteren erfahren. Stammler und Fidus haben falsche Dinge viber Muck ver-
breitet. Muck hat junge Menschen gesucht, mit denen er zeigen will, daft etwas besteht,
was zwischen Mensch und Mensch gleichberechtigt ist. Da haben sie als eine der aufleren
Formen den Tanz, den Volkstanz gebracht. Die Menschen stromten zu, aber ebenso
schnell auch weg. Die suggestive Wirkung war schnell verflogen. Die zuriickgeblieben
sind, stellen eine wirkliche geistige Macht dar. Die Handwerkergemeinde ist eine der ge-
siindesten Bewegungen. Die Menschen in Naumburg versuchen, briiderlich alle Wirt-
schaft aufzubauen, und wollen unabhangig sein von dem, was sie verneinen. Dabei hat
sich ein erotisches Leben entwickelt, das gesund war, bis Gertrud Prellwitz Theorien
hineintrug. Die Krise ist jetzt aber iiberstanden. Die Menschen dort sind jetzt iiber Ger-
trud Prellwitz hinaus. Ihre geistige Bewegung miindet jetzt in die Anthroposophie ein.
Rudolf Steiner: Die Dinge sind so, daft man alles von seiner guten
Seite aus behandeln kann, und das braucht nicht bezweifelt zu werden.
Aber es ist doch wichtig, daft man hier auch die notige Perspektive hat.
Es ist zum Beispiel unstreitig, daft ein Teil derjenigen Leute, die die an-
throposophische Bewegung getragen haben, aus spiritistischen Kreisen
gekommen sind, und es ist doch spater etwas Tiichtiges daraus gewor-
den. Deshalb kann man aber nicht den Spiritismus verteidigen. Bei den
Dingen in Naumburg mufi man beachten, wie es kommt, daft gerade in
Naumburg die Sache so geworden ist, wie sie ist. In Naumburg waren
immer solche Bewegungen, die jederzeit zuriickgehen. Es kann eine
starke Einseitigkeit in so etwas hineingetragen werden. Der Naumbur-
ger Fall ist ebensowenig beweisend wie der Umstand, daft die Leute in
eine Studentenbewegung einmundeten. Trotzdem ich nicht den Spiritis-
mus verteidigen werde, sind doch tiichtige Menschen daraus hervorge-
gangen. Es kann natiirlich aus allem Moglichen etwas hervorgehen. Aus
solchen Faktoren kann man also nicht das Material fur eine Ansicht
nehmen. Muck-Lamberty wollte die Menschheit beglucken; er trat fiir
Reinheit und Handwerk ein und so weiter. Wanderlehrer, die er auf-
stellte, hatten einen Kreis von Jungen um sich, mit denen sie lebten. Er
trat fiir Reinheit ein und hatte zwei uneheliche [aber gewollte] Kinder.
[Es folgt ein Durcheinanderreden, das nicht mitgeschrieben werden
konnte.]
Rudolf Steiner: Es ist also sicherlich notwendig, daft wir die Anthro-
posophie als solche treiben, und daft wir dann nicht erwarten konnen,
daft so etwas zu befiirchten ist. Die Anfange, von denen heute gespro-
chen wurde, werden doch die Anfange sein miissen.
Frage: Eine padagogische Frage. Wie stellt sich die Anthroposophie und die Waldorf-
schule zu den vorhandenen freien Schulgemeinden und Landerziehungsheimen, wo die
Lehrer als Freund und Mensch auftreten? Von Anthroposophen habe ich die Antwort
bekommen: Diese Schulen mufiten zu vermeiden sein, weil sie ein gewesenes Bildungs-
ideal verwirklichen wollen, weil sie grazisierend seien.
Rudolf Steiner: Die Sache ist diese. Die Waldorfschule beruht auf
einer Padagogik, die ganz aus der anthroposophisch zu gewinnenden
Menschenerkenntnis hervorgeht, indem sie hierauf den Hauptwert legt,
daft der Mensch nur so behandelt wird, wie er es im tiefsten Inneren
will. Darauf beruht die Waldorfschule, ohne daft man Programme
macht. Es wird auf Menschenerkenntnis gebaut und nicht das Kind ge-
fragt, aber in gewissem Sinne doch gefragt, was es will. Die Hauptsache
ist damit verbunden, daft die Waldorfschule wirklich eine demokrati-
sche Einheitsschule ist. Sie setzt Proletarierkinder neben Kinder aus
den hdchsten Standen. Sie erfullt im hochsten Mafie etwas, was man
demokratische Einheitsschule nennen kann. Im ubrigen stellt man sich
auf den Standpunkt, daft man sagt: Wir leben in einer Welt, die nur da-
durch, daft sie grofte, umfassende Kulturimpulse in sich aufnimmt, zu
einer Gesundung kommen kann, die man aber nicht durch Gegenmittel,
die Ausnahmen bleiben, erwerben kann. Also es handelt sich darum,
daft man dasjenige, was besteht, akzeptiert. Ich stelle mich padagogisch
ein, wie sich das aus den betreffenden Verhaltnissen, zum Beispiel einer
Stadt, ergibt. Habe ich die Moglichkeit, in einer Stadt eine anthroposo-
phische Schule zu griinden, so griinde ich sie aus den Gegebenheiten
der Stadt.
Was die padagogische Methode anbelangt, so ist es selbstverstandlich,
dafi man nichts sagen kann gegen ein Landerziehungsinstitut, das diese
Padagogik einfuhrt. Dagegen glaube ich, dafi das keine soziale Tat dar-
stellt, weil man die jungen Menschen hinwegfiihrt von dem Leben, in
das sie hineingestellt sind; man erzieht sie abseits. Das beachtet man
nicht. Ich kenne eine arztliche Personlichkeit, die ausgezeichnet ist, die
aber zu mir kam und sagte: Dieser Mensch hat kein normales Herz, da
mufi man etwas tun. Ich sagte: Wenn Sie dem Manne das Herz gesund
machen, so kann er nicht mehr leben, weil sein ganzer Organismus dar-
auf eingestellt ist. Denn man mufi immer einen Blick haben fur das
Ganze. Das Hinaustragen aufs Land gibt jungen Leuten wohl guten
Gemeinschaftssinn, den man in der Abgeschlossenheit erziehen kann,
aber bewahren wiirden sich diese Anstalten erst, wenn sich diese Men-
schen spater im gesamten sozialen Organismus bewahren wiirden. Da
habe ich gewisse Bedenken. Es kommt darauf an, den ganzen Organis-
mus gesund zu machen. Es kann sich nicht darum handeln, auf anthro-
posophischem Boden so zu diskutieren, wie man iiberhaupt diskutiert;
um das kann es sich bei uns nicht handeln. Ich habe einen ausgezeich-
neten Lehrer aus einem Landerziehungsheim nach Stuttgart berufen.
Ihm gefallt es hier besser; er mufi doch hier etwas finden, was iiber das
hinausgeht; der Mann mufi doch beides vergleichen konnen. Daraus
sehen Sie gleichzeitig, dafi man nicht einseitig ist, denn sonst hatte ich
den Lehrer nicht berufen. Es handelt sich darum, das Gute iiberall zu
finden. Man darf nicht glauben, dafi man iiberall das Programm durch-
driicken mufi.
Ein Teilnehmer: In diesen Schulen, wo junge Leute zusammen leben, miifite ein Leben
entstehen, das nicht weltfern ist.
Rudolf Steiner: Aber ein Individuum! Die einzelnen mtissen spater
doch wieder als Individualitaten wirken. Das ist etwas, wenn Sie dem
nachgehen wiirden, so miifiten Sie feststellen, dafi sich in den Lander-
ziehungsheimen leicht eigensiichtige Naturen entwickeln, die meinen,
es miifite iiberall so sein wie doit. Es werden furchtbare Kritiker,
schreckliche Kritikaster, denen nichts in der Welt recht ist. Es ist darin
etwas, wie sozialer Sonderlingsgeist. Da mufi man schon sehen, dafi
man nicht das Unmogliche will.
Was hatte ich tun sollen? Ware ich von einer Abstraktion ausgegan-
gen, hatte ich die Waldorfschule niemals begriindet. Erziehungsheime
im Sinne von Wyneken und Lietz, wo man alles herstellen kann, lassen
sich im Grunde leicht verwirklichen. Ein Landerziehungsheim ist im
Grunde nur zu machen auf Grundlage dessen, was man aus der Gesell-
schaft herauszieht. Aufierdem werden nicht viele Proletarierkinder in
Landerziehungsheimen sein.
Ein Teilnehmer: Ich war selbst Lehrer an einer freien Schule, die jetzt zusammenfiel.
Wir hatten aber mehr Freiplatze als andere. Die Reichen zahlten einen Oberschufi an
Schulgeld, wovon dann an arme Kinder Freistellen abgegeben werden konnten.
Rudolf Steiner: Das ist aber das Unsoziale an der Sache, auch bei der
Waldorfschule. Sie mufi auch noch kapitalisiert werden. Dies geht nur
zu verbessern, wenn wir die Dreigliederung durchfiihrten.
Ein Teilnehmer: In Internaten wird ein Familienleben gefiihrt, wahrend die Form der
heutigen Familie nicht immer die gunstigste ist.
Rudolf Steiner: Es handelt sich um wirklichkeitsgemafie Urteile. So
ist Internatsleben zum Beispiel in englischen Kreisen immer dagewesen.
Man kennt dort das Internatsleben mit seinen Licht- und Schattenseiten.
Rudolf Steiner schliefit die Aussprache.
II
Ansprachen des Jahres 1923
Alle Erkenntnis, auch die rein
wissenschaftliche, muE
in das rein Kiinstlerische gehen.
14. Februar 1923
DIE ERKENNTNIS- AUFGABE DER AKADEMISCHEN JUGEND
Ansprache in Dornach am 6. Januar 1923 nach dem Brande des Goetheanum
in der Silvesternacht 1922/23
Meine lieben Freundel Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich mufite
Ihnen ein Buch vorlesen, wenn ich Ihnen mitteilen wollte all die aufter-
ordentlich lieben Worte und die Worte inniger Verbinduilg mit dem,
was hier durch die furchtbare Katastrophe verloren worden ist; ich
werde mir erlauben, daher nur die Namen derjenigen mitzuteilen, wel-
che unterzeichnet haben solche Worte des Anteiles, des Hingegeben-
seins an die Sache. Es sind zum Teil Zeichen dafiir, wie tief in die Her-
zen vieler Menschen doch gegangen ist, was von hier aus an die Welt
mitgeteilt werden darf. Es sind zum Teil auch Zeichen von wirklich
tiefgefiihlten Wiinschen und auch tatkraftigen Willensentschliefiungen,
das wieder zu erringen, was wir verloren haben. Die breite Anteil-
nahme an unserer Arbeit und an unserem Verluste wird fur viele von
Ihnen ja gewifi eine Quelle von Kraft sein konnen, und schon aus die-
sem Grunde darf ich hier die Mitteilung von alledem machen. Denn
unsere Sache soli ja nicht blofi eine theoretische sein, unsere Sache soil
eine Sache der Arbeit, der Menschenliebe, des hingebungsvollen
Menschheitsdienstes sein, und deshalb gehort zu dem, was von hier aus
gesprochen werden soil, auch die Mitteilung dessen, was Tat oder Ab-
sicht zur Tat ist. Ich werde mir nur erlauben, diejenigen Namen zu
nennen, die nicht Persdnlichkeiten angehoren, welche hier sind, denn
was sich die Herzen derer mitzuteilen haben, die hier sind, das ist ja in
dies en Tagen, in diesen Tagen des wirklich vom Schmerz durch wiihlten
Zusammenseins mehr stumm, aber doch nicht weniger tief und deutlich
zum Ausdrucke gekommen. So werden Sie mir gestatten, dafi ich die
lieben Freunde der Sache, die hier Ihre Anteilnahme auch schriftlich
zum Ausdrucke gebracht haben, jetzt nicht besonders anfuhre. Sie ken-
nen sie ja. [Es folgt die Verlesung der Namen.]
Wir durfen schon annehmen, dafi in vielen Herzen dasjenige, was
hier versucht worden ist, tief eingewurzelt ist, und ich mochte den heu-
tigen Vortragsabend damit ausfullen, dafi ich gewissermafien episodisch
die Betrachtungen dieser Tage unterbreche und des Umstandes ge-
denke, dafi es zunachst ein Kursus war, welcher auswartige Freunde in
grofterer Anzahl zu den Freunden hinzugerufen hat, die sonst hier im
Goetheanum die anthroposophische Sache sich zu erarbeiten versuch-
ten. Und insbesondere mochte ich mich zuerst in Gedanken wenden an
die jungen, an die jiingeren Freunde, welche zu diesem Kursus hierher
gekommen sind, und die sich ja zur grofken Befriedigung gewifi von
alien, welche es mit Anthroposophie ernst meinen, in der letzten Zeit
in so schonef, tiefer und herzlicher Weise innerhalb dieser Bewegung
eingefunden haben.
Wir miissen uns durchaus klar dariiber sein, welche Bedeutung es hat,
wenn sich junge Seelen, Seelen, welche in dem Streben darinnen stehen,
dasjenige zu erwerben, was heute von einem jungen Menschen erwor-
ben werden kann an Wissenschaft, Kunst und so weiter, wenn solche
Seelen sich finden, um mitzuarbeiten innerhalb der anthroposophischen
Bewegung. Diese jiingeren Freunde, die zu diesem Kursus hier erschie-
nen sind, sie gehoren ja nun auch zu denen, die vor kurzer Zeit hierher
gekommen sind, das Goetheanum gesehen haben, wiedergesehen haben
und wohl gedacht haben, dafi sie es in anderem Zustande bei ihrer
Riickreise verlassen werden, als das jetzt der Fall ist. Und wenn ich
vorzugsweise mich jetzt zuerst in Gedanken an diese jiingeren Freunde
wende, dann ist es doch so, dafi ein jeder, dem die anthroposophische
Bewegung am Herzen liegt, eigentlich als seine unmittelbare Seelen-
sache alles empfinden mufi, was irgendwelche Gruppen oder einzelne
andere Menschen, die innerhalb der Bewegung sich befinden, angeht.
Die jiingeren Freunde sind ja zum grofien Teil solche, welche den Weg
finden wollen zur anthroposophischen Arbeit aus dem heraus, was man
heute das Geistesleben nennt. Und insbesondere mochte ich zuerst zu
denen sprechen, welche dem akademischen Leben angehoren und aus
diesem heraus den Antrieb gefuhlt haben - aber kaum durch dieses er-
zeugt sich innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu weiterem
Streben mit anderen Menschen zusammenzutun.
Da ist es ja ganz gewifS vor alien Dingen der heilige Ernst des Stre-
bens nach einer Erfiillung der menschlichen Seele mit Geistesleben, was
diese jungen Leute getrieben hat. Innerhalb der Anthroposophie wird
allerdings von einem Geistesleben gesprochen, das in unmittelbarer
Anschauung nicht auf jene leichte Weise erworben werden kann, die
man heute ganz besonders liebt. Und es wird ja kein Hehl daraus ge-
macht - auch nicht in der Literatur, aus der sich im weitesten Umkreise
jeder uberzeugen kann, was er innerhalb der anthroposophischen Ar-
beit findet -, dafi die Wege zur Anthroposophie schwierig sind. Aber
schwierig nur aus dem Grunde, weil sie zusammenhangen mit dem
Tiefsten, aber auch mit dem Kraftvollsten der Menschenwiirde, und weil
sie auf der anderen Seite auch zusammenhangen mit dem, was unserem
Zeitalter, unserer Epoche ganz besonders notwendig ist, was geradezu
so bezeichnet werden darf, dafi der Einsichtige, der die Niedergangs-
erscheinungen in unserer Zeit richtig zu wiirdigen weifi, die Notwen-
digkeit eines solchen Fortschrittes anerkennen muS, wie er von der an-
throposophischen Bewegung wenigstens versucht wird.
Nun darf durchaus nicht aufier acht gelassen werden, dafi die anthro-
posophische Sache in mehrfacher Art fur den Menschen der Gegenwart
etwas sein kann. Sie kann ihm allerdings dadurch etwas werden, dafi er
mit wirklicher innerer Hingabe versucht, zur Anschauung der geistigen
Welten selbst zu kommen, um sich dadurch zu uberzeugen, dafi alles,
was hier mitgeteilt wird aus den geistigen Welten, durchaus auf Wahr-
heit fufit. Aber ich mufi immer und immer wieder betonen, dafi - so
notwendig es ist, dafi einzelne, oder vielleicht eine unbegrenzte Zahl
von Menschen in der Gegenwart diesen ernsten, schwierigen Weg ge-
hen - auf der anderen Seite aber doch jeder, der nur unbefangenen, ge-
sunden Menschenverstand hat, eine vollig auf wirkliche innere Grunde
gestiitzte Einsicht in die Wahrheit der Anthroposophie gewinnen kann.
Das muE immer wieder und wieder betont werden, damit nicht der
Einwand, der ganz ungiiltig ist, scheinbar Geltung sich verschaffe.: dafi
eigentlich nur derjenige, der hellsehend in die geistige Welt hineinblickt,
irgendwie ein Verhaltnis gewinnen konne zu dem, was in der anthro-
posophischen Bewegung als Wahrheit verkiindet wird. Das heutige
allgemeine Geistesleben, die allgemeine Zivilisation und Kultur, sie
bringen ja allerdings so viele Vorurteile vor den Menschen hin, dafi
er wegen dieser Vorurteile zur volligen Besinnung im gesunden
Menschenverstande nur schwer kommen kann, um auch ohne Hell-
sehen sich von der Wahrheit der anthroposophischen Sache zu iiber-
zeugen.
Aber gerade dazu sollte die Anthroposophische Gesellschaft die
Wege weisen, und in dieser Richtung sollte sie ihre Arbeit leisten, dafi
die Vorurteile der gegenwartigen Zivilisation immer mehr und mehr
hinweggeraumt werden. Wenn die Anthroposophische Gesellschaft
nach dieser Richtung ihre Pflicht tut, dann darf man sich der Hoffnung
hingeben, dafi jene inneren Erkenntniskrafte auch ohne Hellsehen den-
jenigen erwachsen, die aus irgendwelchen Griinden die exakte Clair-
voyance, von der hier gesprochen werden mufi, nicht anstreben konnen,
dafi sie doch zu einer vollkraftigen Uberzeugung von der Gultigkeit
der anthroposophischen Erkenntnis kommen konnen.
Aber es kann noch ein ganz besonderer Weg sein, den nun der jiin-
gere akademische Mensch heute zur Anthroposophie fur sich finden
kann. Sehen Sie, was eigentlich heute das akademische Studium geben
sollte und geben konnte, ware der gediegenste Ausgangspunkt, um
auch zur eigenen Anschauung - ich sage ausdriicklich: zur eigenen An-
schauung - des anthroposophischen Geistesgutes zu kommen, wenn
Wissenschaft und Erkenntnis und inneres Leben innerhalb unseres
Schulbetriebes so vorhanden waren, wie die Moglichkeit dazu eben
heute durchaus vorliegt.
Aber bedenken Sie einmal, wie wenig innerlich verbunden innerhalb
der gegenwartigen Zivilisation der jungere Mensch heute mit dem ist,
was er als seine Wissenschaft, als seine Erkenntnis erstreben soli. Be-
denken Sie, wie es zumeist heute nicht anders sein kann, als dal$ mehr
oder weniger als etwas Aufierliches die einzelnen Wissenschaften an
den jiingeren Menschen herankommen. Sie treten ja heran mit einer
Systematik, die durchaus nicht geeignet ist, die oftmals aufierordentlich
bedeutungsvollen, sogenannten empirischen Erkenntnisse in ihrem
ganzen Wert sprechen zu lassen. Ja, meine lieben Freunde, es gibt heute
innerhalb einer jeden Wissenschaft, die gepflegt wird, erschutternde
Wahrheiten, manchmal erschutternde Wahrheiten in Einzelheiten, in
Spezialitaten. Und es gibt namentlich solche Wahrheiten, von denen
ich behaupten mochte, dafi, wenn sie richtig an den jungen Menschen
herantreten wiirden, sie wirken wiirden wie eine Art seelischen Mi-
kroskops oder Teleskops, so dafi, wenn sie von der Seele richtig ver-
wendet werden konnten, sie ungeheure Geheimnisse des Daseins auf-
schliefien wiirden.
Aber gerade von solchen Dingen, die ungeheuer aufschlufigebend
sein wiirden, wenn sie richtig gepflegt wiirden, die die Herzen und die
Seelen hinreifien wiirden, wenn sie aus den Tiefen der Menschheit und
der Personlichkeit heraus innerhalb des akademischen Lebens an die
Jugend herankamen, gerade von solchen Dingen mufi heme vielfach ge-
sagt werden, dafi sie innerhalb einer ausgesponnenen gleichgiiltigen Sy-
stematik oftmals eben mit Gleichgiiltigkeit an die Jugend herangebracht
werden, so daft das Verhaltnis der Jugend zu dem, was unsere empi-
rische Wissenschaft auf den mannigfaltigsten Gebieten an Aufschlufi-
moglichkeiten hervorgebracht hat, ein durchaus Aufierliches bleibt.
Und man mochte sagen: mancher, ja, wohl die meisten unserer jungen
akademischen Menschen gehen heute durch das Studium ohne inneren
Anteil, lassen die Sache gewissermafien mehr oder weniger als ein Pano-
rama an sich voriibergehen, um dann mit den notigen Wiederholungen
die Examina machen zu konnen und eine Lebensstellung zu finden.
Es klingt ja fast paradox, wenn man sagen wiirde, es sollten auch die
Herzen der akademischen Jugend bei jeglichem sein, das ihnen vorge-
bracht wird. Ich sage, das klingt wie ein Paradoxon, obwohl es so sein
konnte. Denn die Moglichkeit ist vorhanden, weil fur denjenigen, der
gerade dazu eine subjektive Anlage hat, heute manchmal das trockenste
Buch oder der trockenste Vortrag geniigen kann, um, wenn auch nicht
auf die Kraft des Schreibers oder des Vortragenden hin, so doch viel-
leicht aus der eigenen Kraft heraus tief auch dem Herzen nach ergriffen
zu werden. Aber ich mufi ja sagen: manchmal geht es einem schon ganz
tief zur Seele, wenn man, vielleicht sogar bei den besten der jungen
Freunde, die herankommen zur anthroposophischen Bewegung, merkt,
dafi sie nicht durch ihre Schuld, sondern durch ihr Schicksal innerhalb
des heutigen Zivilisationslebens nicht nur fur ihr Herz nichts bekom-
men haben aus dem gegenwartigen Erkenntnisbetrieb heraus, sondern -
vielleicht werden mir es manche nicht verzeihen, aber die meisten der
jungen Akademiker, die hier sind, werden es wohl verstehen -, sondern
auch nichts fiir ihren Kopf .
Wir sind heute in diesem Zeitalter durch die naturwissenschaftliche
Entwickelung, die ich wahrend dieses naturwissenschaftlichen Kurses
zu charakterisieren versuchte, bei einem Punkte der Zivilisationsent-
wickelung angelangt, in dem es moglich ware, dafi ohne alle Anthropo-
sophie, durch blofien vollmenschlichen Betrieb des wissenschaftlichen
und Erkenntnislebens, die jungen Menschen aus der gewohnlichen Na-
turwissenschaft heraus das erleben miifiten, was ich nennen mochte
eine Art tiefer seelischer Beklemmung. Ja, die Naturwissenschaft der
Gegenwart ist so, dafi gerade derjenige, der sie emsig und fleifiig stu-
diert und ihre Dinge ernst nimmt, etwas wie eine seelische Beklemmung
empfindet, etwas von dem empfinden kann, was iiber die menschliche
Seele kommt, wenn sie ringt mit dem Erkenntnisproblem. Denn wer
sich ein bilkhen umsieht aus dem oder jenem heraus, was innerhalb der
Naturwissenschaft heute vorliegt, an den treten grofie Weltprobleme
heran, Weltprobleme, die aber oftmals eingekleidet sind, ich mochte
sagen, in kleine Formulierungen von Tatsachen. Und diese Formulie-
rungen von Tatsachen, die drangen einen dahin, etwas in der eigenen
Seele zu suchen, was gerade deshalb, weil diese naturwissenschaftlichen
Wahrheiten vorhanden sind, als Ratsel gelost werden mufi; sonst kann
man nicht leben, sonst fiihlt man sich beklemmt.
Oh, ware diese Beklemmung die Frucht unseres naturwissenschaftli-
chen Studiums! Dann wiirde aus dieser Beklemmung, die den ganzen
Menschen ergreift, nicht allein die Sehnsucht nach der geistigen Welt
entstehen, sondern auch die Begabung, in die geistige Welt hineinzu-
schauen. Auch dann, wenn man Erkenntnisse nimmt, die den Men-
schen nicht befriedigen konnen, kann gerade durch das richtig an die
Seele und an das Herz herangebrachte Unbefriedigende das hochste
Streben entfacht werden.
Das ist es, meine lieben Freunde, was man manchmal als so furchtbar
empfindet, als so niederschmetternd empfindet innerhalb des Erkennt-
nisbetriebes der Gegenwart, dafi gar kein Anspruch darauf gemacht
wird, fuhlen zu lassen, wie die Dinge, die in der Gegenwart da sind,
auf den ganzen Menschen so wirken konnen, dafi er gehindert wird in
seinem jungen Leben, iiberhaupt an das Menschenwiirdigste heranzu-
kommen, wenn er nicht gerade aus einer besonders veranlagten Sehn-
sucht heraus sich frei macht von dem, was ihn nur mit den Hindernis-
sen behaftet, die in den Weg gelegt werden.
Und wenn man von den Naturwissenschaften weg zu den Geistes-
wissenschaften sieht: sie sind wahrend des naturwissenschaftlichen
Zeitalters in einen Zustand gekommen, dafi, wenn man als junger
Mensch mit einer Anleitung, die diese Geisteswissenschaften wiederum
vom vollmenschlichen Standpunkte aus behandeln wiirde, sich ihnen
so hingeben konnte, dafi man durch sie wenigstens etwas bekommen
wiirde, was ich nennen mochte eine seelische Atemnot. Denn alle die
abstrakten Ideen, die Ergebnisse dokumentarischer Forschung und all
das andere, was heute in den Geisteswissenschaften enthalten ist, das
wiirde, wenn es wenigstens mit menschlichem Anteil an den jungen
Menschen herangebracht wiirde, ja gerade das Ziel verfolgen konnen,
in ihm diese Atemnot der Seele zu erzeugen, die den Drang in ihm er-
wecken wiirde, hinaufzusteigen in die frische Luft, die in das Gebiet
der heutigen Geistesbetrachtung durch anthroposophische Weltan-
schauung gebracht werden soil.
Wer dem Geiste meiner Vortrage iiber die naturwissenschaftliche
Entwickelung der neueren Zeit gefolgt ist, wird gewifi nicht sagen kon-
nen, dafi ich eine iiberfliissige Kritik an diese Naturwissenschaft der
Gegenwart angelegt habe. Im Gegenteil, ich habe durch meine Vortrage
ihre Notwendigkeit bewiesen, habe versucht zu beweisen, dafi die Na-
turwissenschaft und schliefilich auch die Geisteswissenschaft der Ge-
genwart nichts anderes sein konnen als Grundlagen, denn sie dienten
und miissen dienen zu Grundlagen der Zivilisation, die einmal gelegt
werden miissen, damit weitergebaut werden kann darauf .
Aber der Mensch kann nicht anders, als Mensch sein, voller Mensch
sein nach Leib, Geist und Seele. Und indem der heutige junge Mensch
in einem Zeitalter leben mufi, in dem ihm notwendigerweise etwas ent-
gegentritt, was den Menschen gar nicht enthalt, konnte dennoch das
edelste und auch kraftvollste menschliche Streben erregt werden, wenn
eben nur dasjenige, was notwendig, aber nicht menschlich befriedigend
ist, im hochsten Sinne des Wortes aus voller Menschlichkeit ihm heute
entgegengebracht wiirde. Wenn das so geschahe, dann wiirden unsere
jungen Leute nichts anderes brauchen als die Errungenschaften der
heutigen physikalischen Wissenschaft, der heutigen Geisteswissenschaf-
ten an den Akademien selber zu horen; und sie wiirden gerade daraus
nicht nur den innersten Drang, sondern auch die Befahigung erhalten,
Geisteswissenschaft in Vollmenschlichkeit in sich aufzunehmen. Und
aus dem, was dann leben wiirde in den jungen Menschen, wiirde ganz
von selbst erwachsen, dafi ihnen die anthroposophische Gestalt der
Wissenschaft auch diejenige wiirde, die notwendig ist, damit wir wei-
terkommen in der Zivilisation der Menschheit.
Ich glaube, dafi unsere jiingeren Freunde, wenn sie sich die vielleicht
etwas paradox klingenden Worte, die ich gesprochen habe, richtig
uberlegen, damit einigermafien charakterisiert finden werden die wich-
tigsten der Leiden, die sie wahrend ihrer akademischen Zeit durchzu-
machen hatten. Und ich darf annehmen, dafi in diesem Leiden bei der
Mehrzahl der Grand liegt, waram sie zu uns gekommen sind. Aber
dieses Leiden gehort bei vielen schon einer Vergangenheit, einer nicht
mehr einzuholenden Vergangenheit an. Denn was man eigentlich in
einer gewissen Zeit der Jugend haben sollte, das kann man ja in dersel-
ben Gestalt spater nicht mehr haben. Aber dennoch glaube ich, dafi
eines als Ersatz dienen kann. Was Ersatz sein soil fur das, was man
nicht mehr haben kann, das ist die Erkenntnis der Aufgabe, die insbe-
sondere auch die jiingeren Leute unter uns haben zur Pflege des an-
throposophischen Lebens in der Gegenwart.
Stellt Ihr Euch diese Aufgabe: zu tun fur die anthroposophische
Bewegung, was Ihr aus Eurer eigenen Oberzeugung entweder schon
wisset, was fur sie zu tun ist, oder wovon Ihr im Laufe der Zeit Euch
in Eurem eigensten Innern, in Eurem ganz individuellen Innern iiber-
zeugen konnt, da& es notwendig ist fur die weitere Zivilisation der
Menschheit: dann werdet Ihr eines in Eurem Herzen einmal tragen
konnen, tragen konnen langer als dieses Erdenleben wahret: dann wer-
det Ihr tragen konnen das Bewufitsein, in einem Zeitalter der grofiten
menschlichen Schwierigkeiten Eure Pflicht gegeniiber der Menschheit
und der Welt getan zu haben. Und das wird ein reichlicher Ersatz fur
dasjenige sein, was Ihr mit Recht verlorengeben moget.
Empfindet man so recht, wie es steht mit der Jugend innerhalb unse-
res Zeitalters, dann sieht man auch in der richtigen Weise auf die Tat-
sache hin, dafi akademische Jugend innerhalb unserer Kreise sich ein-
gefunden hat, und dann wird wohl auch - wenn ich mich so ausdriik-
ken darf - nach und nach das Talent entstehen, ein Verhaltnis zu die-
ser Jugend zu gewinnen von seiten derjenigen innerhalb der Anthropo-
sophischen Gesellschaft, welche ihr nun, sagen wir, nicht als Jugend
angehoren in dieser oder jener Beziehung.
Aber ich glaube, e's gibt ein Wort, welches aus unserer gegenwartigen
Trauerlage herkommen kann, das ich auch zu den altesten'Mitgliedern
der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen kann, und das ist die-
ses: daft der Mensch, der heute sich als Mensch richtig versteht, inner-
halb der Anthroposophischen Gesellschaft ja erfahren kann, was wie-
derum mit Ernst betrachtet werden mufi, wenn die Zivilisation der
Menschheit weitergehen soil, wenn die Niedergangskrafte nicht die
Oberhand gewinnen sollen iiber die Aufgangskrafte. Es ist ja nahezu
so weit gekommen innerhalb der allgemeinen Kultur und Zivilisation
der Gegenwart, daft es fast komisch klingt, wenn einer sagt: Wenn der
Mensch in seinem Geistig-Seelischen ist zwischen dem Einschlafen und
Aufwachen, so sollte er dafiir gesorgt haben, dafi sein Geistig-Seeli-
sches sich wahrend dieser Zeit in der richtigen Weise verhalten kann.
Aber innerhalb der anthroposophischen Bewegung erfahren Sie ja, dafi
dieses Geistig-Seelische, wie es lebt zwischen dem Einschlafen und
Aufwachen, der Keim ist, den wir in die Ewigkeit der Zukunft hinaus-
tragen. Was wir im Bette zuriicklassen, wenn wir schlafen, dasjenige,
was von uns sichtbar ist, wenn wir vom Morgen bis zum Abend unser
Tageswerk vollbringen, das tragen wir nicht hinaus durch die Pforte
des Todes in die geistige, in die iibersinnliche Welt. Wohl aber tragen
wir jenes geistig Feine hinaus, das aufierhalb des physischen und des
Atherleibes vorhanden ist, wenn der Mensch sich zwischen dem Ein-
schlafen und Aufwachen befindet. Sehen wir jetzt ab davon, welche Be-
deutung das Schlafesleben fur den Menschen hier auf Erden hat; das
aber kann durch anthroposophische Geisteswissenschaft dem Men-
schen klar werden, daft jenes Feine, Substantielle, welches, fur das ge-
wohnliche Bewufitsein unwahrnehmbar, zwischen dem Einschlafen
und Aufwachen lebt, gerade dasjenige ist, was er an sich tragen wird,
wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wenn er in anderen
Welten, als es diese Erdenwelt ist, seine Aufgabe zu verrichten hat.
Aber die Aufgaben, die er da zu verrichten hat, er wird sie verrichten
konnen, je nachdem er dieses Geistig-Seelische gepflegt hat. Oh, meine
lieben Freunde, in jener geistigen Welt, die um uns ist ebenso wie die
physische Welt, leben auch diejenigen Menschenseelenwesen ein gegen-
wartiges Dasein, die jetzt eben nicht in einem physischen Leibe sind,
sondern vielleicht Jahrzehnte, Jahrhunderte lang noch zu warten haben
auf ihre nachste Erdenverkorperung. Diese Seelen, sie sind da, wie wir
physischen Menschen auf Erden da sind; und in dem, was hier unter
uns physischen Menschen geschieht, was wir dann spater das geschicht-
liche Leben nennen, in dem wirken nicht nur die Erdenmenschen, in
dem wirken auch diejenigen Krafte, die sich hereinstrecken aus Men-
schen, die gegenwartig zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
sind. Diese Krafte sind da. Wie wir unsere Hande ausstrecken, so
strecken diese Wesen ihre Geisterhande in die unmittelbare Gegenwart
herein. Und eine wiiste Geschichtsschreibung ist es, wenn nur die Do-
kumente verzeichnet werden, welche vom Irdischen handeln, wahrend
die wahre Geschichte, die sich auf Erden abspielt, mit bewirkt wird
von den aus der geistigen Welt hereinwirkenden Geisteskraften derer,
die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. Wir arbeiten auch
mit den nicht auf der Erde verkorperten Menschen zusammen.
Und so wie wir eine Siinde begehen wider die Menschheit, wenn wir
die Jugend nicht in der rechten Weise erziehen, so begehen wir eine
Siinde wider die Menschheit, eine Siinde wider die edelste Arbeit, die
aus unsichtbaren Welten von den nicht verkorperten Menschen verrich-
tet werden soli, wir begehen eine Siinde an der Entwickelung der
Menschheit, wenn wir unser eigenes Geistiges nicht pflegen, damit es
so durch die Pforte des Todes geht, dafi es dort bewulker und be-
wufiter sich entwickeln kann. Denn wenn das Geistig-Seelische nicht
auf Erden gepflegt wird, dann geschieht es, dafi dieses Bewufksein, das
in einer gewissen Weise sofort und dann immer mehr und mehr zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt aufleuchtet, daft dieses Be-
wufitsein getriibt bleibt bei all den Seelen, die hier kein geistiges Leben
pflegen. Wird sich der Mensch seiner vollen Menschlichkeit bewufk,
dann gehort das Geistige dazu.
Das sollte der Ernst der Menschen der Gegenwart sein, die in reenter
Art etwas verstehen von den Impulsen der anthroposophischen Bewe-
gung, dafi sie wissen, in welcher Weise das durch anthroposophische
Geisteswissenschaft Erworbene ein Welten-Lebensgut, eine Welten-
Lebenskraft ist. Dafi es eine Siinde begehen heiftt im hoheren Sinne,
wenn man unterlafit dasjenige zu pflegen, was da sein muE, um die
Erde, um die Erdenmenschheit weiter zu entwickeln, weil es zum Un-
tergange des Irdischen fiihren mufi, wenn es nicht da ist. Und in vielem
kommt es darauf an, neben dem, was man vielleicht gern mehr oder
weniger theoretisch hinnimmt aus der Geisteswissenschaft, zu empfin-
den den tiefen Ernst, der darin liegt, sich zu verbinden mit einer im
Geiste zu ergreifenden, umfassenden Menschheitsangelegenheit.
Und das, meine lieben Freunde, ist etwas, was nun nicht fur eine be-
sondere Menschenkategorie gilt, das ist etwas, was ganz gewifi fur
Junge und Alte gilt. Das scheint mir aber auch dasjenige zu sein, in
dem sich Junge und Alte zusammenfinden konnen, damit ein Geist ein-
mal herrsche innerhalb dessen, was Anthroposophische Gesellschaft ist.
Mogen die jungeren Leute ihr Bestes bringen, mogen die alteren
Leute dieses Beste verstehen, moge Verstandnis von der einen Seite
Verstandnis auf der anderen Seite finden: dann allein kommen wir vor-
warts. Lassen Sie uns aus den traurigen Tagen, die wir durchgemacht
haben, aus dem schmerzlichen Leid, mit dem wir durchdrungen sind,
Entschliisse in unser Herz eindringen, die nicht blofie Wiinsche, nicht
blofie Gelobungen sind, sondern die so tief in unseren Seelen sitzen,
dafi sie Taten werden konnen. Auch im kleinen Kreise werden wir,
wenn wir den grofien Verlust ausgleichen wollen, Taten brauchen.
Jugendtaten sind, wenn sie in den richtigen Wegen gehen, welten-
brauchbare Taten. Und das Schonste, was man als alterer Mensch wol-
len kann, ist, zusammenarbeiten zu konnen mit denjenigen Menschen,
die noch Jugendtaten verrichten konnen. Wenn man das in der richti-
gen Weise weifi, oh, meine lieben Freunde, dann kommt einem die Ju-
gend wohl auch verstandnisvoll entgegen. Und nur dann werden wir
selbst das allein tun konnen, was zum Ausgleich unseres grofien Ver-
lustes notwendig ist, wenn die Jugend, die uns das entgegenbringen
kann, was einstmals fur die Zukunft notwendig ist, sehen kann - und
ganz gewifS dann zu ihrer eigenen Befriedigung -, an schonen Beispie-
len sehen kann, was die alteren Leute zur Ausgleichung dieses Verlu-
stes tun konnen.
Bemiihen wir uns, dafi wir voneinander Rechtes, Kraftvolles sehen
konnen, damit sich Kraft an Kraft erkrafte, dann allein werden wir vor-
wartskommen.
UBER DEN AUSBAU
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
Ansprache und Gesprdch zur Vorbereitung der Delegiertenversammlung
in Stuttgart am 8. Februar 1923
Rudolf Steiner: Manist jetzt so weit, dafi wenigstens der Entwurf eines
Rundschreibens an die Anthroposophische Gesellschaft gemacht ist.
Damit ist eine Art Boden geschaffen, auf dem eine Verhandlung mog-
lich ware. Ich glaube, daU es jetzt vielleicht gut ware, wenn Sie das, was
Sie selber wunschen, in einer gemeinsamen Verhandlung mit dem bis
zu einer Delegiertenversammlung vorhandenen Komitee verhandeln
wiirden. Dieses Komitee ist rein sachlich zusammengestellt, so sachlich,
dafi nicht, wie es friiher war in dem Ihnen bekannten Dreifiiger-Aus-
schufi, die Mitglieder der einzelnen Institute, sondern diejenigen, wel-
che die bestehenden Einrichtungen zu reprasentieren haben, in diesem
Komitee darinnen sind. Dieses Komitee ist so zusammengesetzt, dafi
von dem alten Zentralvorstand Herr Leinhas fur den «Kommenden
Tag», Dr. linger als Rest des alten Zentralvorstandes, Dr. Rittelmeyer
als Reprasentant der Bewegung fiir religiose Erneuerung, dann Wolf-
gang Wachsmuth, Herr von Grone, Dr. Palmer, Dr. Kolisko, fiir den
Philosophisch-Anthroposophischen Verlag Fraulein Miicke und fiir die
iibrigen auswartigen Interessen Herr Werbeck aus Hamburg darinnen
sind. Die sieben Stuttgarter habe ich gebeten, dafi sie mit Ihnen ge-
meinschaftlich die von Ihnen gemeinten Schritte unternehmen. Ich
werde selber morgen friih nach Dornach abreisen miissen und am
Montag wieder da sein. Ich bedaure, dafi ich an den nachsten Bespre-
chungen nicht teilnehmen kann. Ich glaube nun, dafi es jetzt das aller-
beste ist, da ja mit mir selbst auch von Ihrer Seite keine Differenz sein
kann, dafi Sie rein von sich aus die Verhandlungen mit diesen Person-
lichkeiten fiihren. So wie die Verhaltnisse liegen, sind diese Personlich-
keiten die gegebenen, da alle Schattierungen unter ihnen vertreten sind;
die jugendlichen durch die Anwesenheit von Herrn von Grone und
Wolfgang Wachsmuth - ich sehe ab, ob Ihnen diese beiden sympa-
thisch sind -, die ja vollig jungfraulich in bezug auf alle Vorstandschaft
sind. Aufierdem hat Dr. Palmer erklart, daft er jede mogliche Briicke
zu der Jugend bauen will.
Der Aufruf an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft
ist im Entwurf vorhanden. Er wird im wesentlichen das enthalten, was
jetzt die Anthroposophische Gesellschaft sagen mufite. Er muftte na-
turgemaft aus denen hervorgehen, die die Anthroposophische Gesell-
schaft bis jetzt gefuhrt haben, Vom 25. bis 28. Februar wird eine Dele-
giertenversamrnlung insofern stattfinden, als die einzelnen Zweige und
Gruppen, die sich zusammengehorig betrachten, ihre Delegierten hier-
herschicken, damit eine Art Generalversammlung stattfinden soli. Da-
mit ist Gelegenheit gegeben, alle Ansichten iiber den Ausbau vertreten
zu konnen. Bis jetzt stand man ja vor der Alternative, es so zu machen
oder aber die Anthroposophische Gesellschaft, so wie sie war, eingehen
zu lassen und etwas vollig Neues zu begriinden. Im Jahre 1918 hatte
man leichter Hand etwas Neues begriinden konnen. Jetzt steht man
vor positiven Einrichtungen, mit denen man vor der Welt engagiert ist
und aus denen man nicht herauskommt, daher mufi alles aus der Ge-
sellschaft heraus entstehen. Die Gesellschaft selbst mu£ in sich freier
gestaltet sein, und es mufi unmdglich sein, sich in ihr beengt zu fiihlen.
Ich denke, es wird gehen, mochte aber gerne etwas horen, was Sie von
sich aus zu sagen haben. Daft es so lange gedauert hat, bis wir so weit
waren, muft man auf die Bedachtigkeit des Alters schieben. Wir werden
gerne horen, was Sie im gegenwartigen Augenblick zu sagen haben.
Ein Vertreter der Jugend spricht iiber das Darinnenstehen der jiingeren Menschen in
der Gesellschaft mit Riicksicht auf das, was Dr. Steiner in dem Jetzten Stuttgarter Zweig-
vortrag iiber die einzelnen Phasen in der Geschichte der Anthroposophischen Gesell-
schaft gesagt hat.
Rudolf Steiner: Was Sie sagten von der Scheidewand, die entstanden
ist im Zusammenhang mit der ersten, zweiten und dritten Phase der
Bewegung, die sehr deutlich voneinander zu scheiden sind, ist richtig.
Man muft ja beriicksichtigen, daft die einzelnen Phasen annahernd sie-
ben Jahre gewahrt haben, wie ja die Gesellschaft selbst etwa im ein-
undzwanzigsten Lebensjahr steht. Was richtig ist, ist dieses: die Im-
pulse des Eintretens und der Beteiligung sind eigentlich bei den friihe-
ren Mitgliedern andere gewesen als jetzt bei den wesentlich akade-
misch-jugendlichen Kreisen. Sie sind insofern verschieden, als die Leute,
die wahrend der ersten Phase gekommen sind, mit dem ganzen Kom-
plex, zwar aus den heutigen Zeitverhaltnissen, aber mit ganz unbe-
wufiten Sehnsuchten gekommen sind; sie haben sich nicht im Zusam-
menhang mit irgendwelchen Zeitverhaltnissen gewufit und waren in
einem Lebensalter, in dem man sich iiber sein Verhaltnis zur Zeit nicht
klar Rechenschaft gibt. Sie kamen mit ganz allgemein menschlichen
Interessen, die mit der Zeit in Beziehung stehen, aber die Leute gaben
sich nicht dariiber Rechenschaft. So war es fast auch noch in der zwei-
ten Phase. Die Anthroposophie kam wesentlich weiter, aber die An-
throposophen, mit Ausnahmen, interessierten sich weniger fur die auf
das Zeitgemafie gehenden Fragen. Die dritte Phase war den friiher Ein-
getretenen gruselig. Sie kamen mit denen alien zusammen, die unbe-
friedigt waren - nicht mit unbestimmten Zeitverhaltnissen, sondern in
ganz bestimmter Art mit dem, was diese Menschen in den heutigen
Bildungsanstalten erfahren hatten. Sie wiirden nicht zur Anthroposo-
phie gekommen sein, wenn nicht der starke Gegensatz zu den heutigen
Bildungsanstalten in ihnen vorhanden gewesen ware. Sie kamen mit
anderen Impulsen als die, die zum geringsten Teil auch eigentlich die
Anthroposophie im Verhaltnis zur Zeit gesehen hatten. Ich selber habe
dariiber sprechen miissen. Was ich iiber das Verhaltnis der Anthropo-
sophie zur Zeit gesagt habe, ist eigentlich sehr wenig aufgenommen
worden. Sie aber kamen merkwurdigerweise und doch nicht merkwiir-
digerweise mit einer Sehnsucht, die eigentlich auf das Zentrale der An-
throposophie geht.
Es hat sich nun ein Merkwiirdiges herausgestellt: namlich das Mifi-
verstandnis gegeniiber den Hochschulkursen. Ich will nichts sagen
gegen ihren Wert. Aber die Hochschulkurse waren ein Mifiverstandnis.
Es ist von Ihnen das gar nicht gesucht worden, was dort ausgesprochen
worden ist. Sie suchten Anthroposophie an sich. Das konnten diejeni-
gen nicht verstehen, die in friiheren Zeiten als Akademiker in die An-
throposophische Gesellschaft hineingekommen waren. Diese wollten
ihre akademische Arbeit mit der Anthroposophie zusammenschweifien.
Sie haben das nicht akzeptiert. Sie werden also auch mit der Zeit in gar
keinen Konflikt kommen mit dem, was ich das Gros der Anthroposo-
phischen Gesellschaft genannt habe. Der wirkliche Konflikt bestand
nur mit den Akademikern, weil diese geglaubt haben, auf biologische,
chemisch-physikalische, historische Weise Anthroposophie vertreten
zu wollen. Sie wollen das nicht. Sie wollen reine Anthroposophie ha-
ben. Sie haben die Schwierigkeit, iiber diesen Berg zu kommen, ge-
meinsam auch mit der gesamten Gesellschaft. Das Akademische, das da
eingedrungen ist, ist wie ein Berg; himiber und heriiber mufi er aber
iibergangen werden. Wenn von beiden Seiten mit gutem Willen gear-
beitet wird, so wird sich das vielleicht niitzlich erweisen. Auf der an-
deren Seite aber, wenn man weiterkommen will, so bedarf es zuletzt
auch ein bifichen des Spezialisierens. Wenn auf beiden Seiten der gute
Wille vorhanden ist, so wird es gehen.
Ein Teilnehmer spricht iiber einige Wiinsche der jiingeren Menschen in bezug auf die
Umgestaltung der Zweigarbeit, insbesondere des Vortrags- und Referatwesens.
Rudolf Steiner (unterbricht): Dieses Biichelchen von Albert Steffen
[Der padagogische Kurs am Goetheanum] ist deshalb berechtigt, weil
es in einer wirklich kiinstlerischen Art den Inhalt meiner Vortrage
wiedergibt. Es ist kein Journalistenreferat; es steht auf selbstandigem
Boden. Friiher ist etwas Derartiges nicht geschehen. Wir werden sehen,
ob das Schule macht. Es ware ein Gliick.
Nicht wahr - der Aufruf, der wird im wesentlichen zweierlei umfas-
sen miissen. Das eine: die Betonung der Notwendigkeit eines innerli-
chen Arbeitens in der anthroposophischen Bewegung. Zweitens ist jetzt
schon ein so starkes Geschlossensein in der Anthroposophischen Ge-
sellschaft unerlafSlich, daft es die auftretenden Gegner abwehren kann.
Abwehr nicht durch Polemik, sondern durch wirkliche sachgemafie
Arbeit vor der Welt. Wenn endlich in Anbetracht der Gegnerschaft
nichts gemacht wird, so geht die Anthroposophie zugrunde. Man kann
nicht in der Weise arbeiten, daft der eine dies behauptet, der andere es
widerlegt. Bei den wichtigsten Gegnern kommt man nicht an das Pu-
blikum heran. Wenn heute aus den Kreisen der Alldeutschen und
Deutschvolkischen iiber Anthroposophie Verleumdungen ausgestreut
werden, so hat man dafur ein Publikum, das unter alien Umstanden
alles glaubt. Dem kommt man nicht bei. Man mufi die Menschen, die
unter diesem Publikum sich befinden, kennen. Man kann gewisse
Dinge nicht einem katholischen Publikum sagen. Sind die Widerlegun-
gen falsch, so sind sie falsch. Sind sie aber richtig, so niitzen sie uns
nichts, sondern - ich mufi schon dieses Wort gebrauchen - schaden uns
nur, gerade bei den*Katholiken. Sie argern sich, wenn man in der Lage
ist, die gegnerischen Behauptungen zu widerlegen. Recht haben schadet
uns heute, Unrecht vielleicht weniger. Die Dinge kann man nur durch
die positive Arbeit entkraften. Machen Sie sich stark, wie die andern es
sind. Dr. Rittelmeyer hat mit Recht neulich den Ausspruch gebraucht,
ich selbst habe auch schon oft gerade darauf hingewiesen: Man ahnt
gar nicht, wie iiberall etwas ist, wovon man sagen kann: es wird uberall
Feuer gemacht! Unsere Gegnerschaft wird in der nachsten Zeit in ganz
furchtbarer Weise zum Ausdruck kommen. Ihr gegeniiber ist es notig,
eine geschlossene Korperschaft zu bilden. Alle Dinge, die gut sind, ge-
reichen der Gesellschaft zur Gefahr. Es ist schon so, die Bewegung fur
religiose Erneuerung gereicht der Anthroposophischen Gesellschaft zur
Gefahr. Es ist so, daft man sich nicht vorgestellt hat, daf5 auch noch auf
diesem Gebiet von uns etwas zustande kommt. Und wenn wir, was
natiirlich wiederum sehr wiinschenswert ist, in das Akademische weiter
hineinarbeiten, dann werden die Leisegangs uberall hervorschliipfen.
Es macht mir wirklich Sorge, weil die alten reaktionaren Machte immer
starker werden. Bei Griindung des Hochschulbundes waren viel mehr
Chancen vorhanden, die alten Machte zuriickzustauen. Heute sind
diese Chancen geringer geworden. Sie werden viel zu leiden haben.
Aber selbst dann, wenn die Anthroposophie getotet wiirde, sie wurde
wieder aufstehen, denn sein mufi sie doch, und eine Notwendigkeit ist
sie doch. Entweder gibt es eine Erdenzukunft oder keine. Die Erden-
zukunft ist von der Anthroposophie unzertrennlich. Wenn diese keine
Zukunft hat, dann erreicht die ganze Menschheit keine Zukunft. Die
Tendenz allein geniigt. Die Anthroposophie kann beziiglich ihrer Aus-
breitung manche Phasen durchmachen. Ich glaube schon, dafi Sie iiber
diesen Berg, den ich vorhin angedeutet habe, zum Vorteil der Gesell-
schaft in allem Frieden werden kommen miissen.
Ein Teilnehmer spricht iiber ein anderes Verhaknis, das die Jugend zur Gesellschaft
haben miifite.
Rudolf Steiner: Sie miissen nur bedenken, dafl bei alten Kulturstro-
mungen, die schon weltgeschichtlich erwachsen sind, ganz andere See-
lenhaltungen vorhanden waren als bei solchen, die historisch ganz jung
sind. Man hat heute einfach keine Vorstellung mehr, wie schwer es war
in den ersten christlichen Jahrhunderten, ein Christ z
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