Alte und neue Einweihungsmethoden

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN DER 
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Alte und neue Einweihungsmethoden 



Drama und Dichtung 
im Bewufitseins-Umschwung 
der Neuzeit 

Vierzehn Vortrage, 
gehalten in Dornach, Mannheim und Breslau 
vom 1. Januar bis 19. Marz 1922 



2001 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Michaelis Messmer 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967 

2., neu durchgesehene und veranderte Auflage, 
Gesamtausgabe Dornach 2001 



Friihere Veroffentlichungen 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 210 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Hedwig Frey 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 2001 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2102-9 



2.U den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortragfe - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schluft des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mitglie- 
der der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft - 
schriftlich festgehalten wurden, da sie von ihm als «miindliche, nicht 
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften ange- 
fertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschrei- 
ben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, die Verwal- 
tung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige 
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen 
die Nachschriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir 
nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

ALTE UND NEUE EINWEIHUNGSMETHODEN 

Erster Vortrag, Dornach, 1. Januar 1922 

Neujahrsbetrachtung 

Die moralische Welt und die materielle Welt als zwei unvereinbare 
Glieder fur das Gegenwartsbewufitsein des heutigen Menschen. 
Die Aufgabe der Initiationswissenschaft und ihre Ausdrucksmittel. 
Das Erkennen der Polaritat im Menschen. Charakterisierung des 
Luziferischen und des Ahrimanischen in Leib, Seele und Geist des 
Menschen. Das Wirken Ahrimans und Luzifers in Denken und 
Wollen. Luziferisches und ahrimanisches Waken in der Geschichte 
(Von Augustinus bis ins 15. Jahrhundert Wehren gegen das Luzi- 
ferische, seit Galilei gegen das Ahrimanische). Die Gefahr der 
Phrase am Beispiel von Bismarcks und Robespierres Reden iiber 
das Recht auf Arbeit. Initiationswissenschaft als Weg vom blofi 
logischen Inhalt zum Erleben des lebendig Wahren. 



Zweiter Vortrag, Dornach, 7. Januar 1922 

Westen, Osten und Mitte 

Notwendigkeit einer Verstandigungsmoglichkeit im Welt-Sozial- 
problem. Die soziale Bedeutung der Christuswesenheit. Unbefan- 
gene Differenzierung der Menschheit nach Westen, Osten und der 
Mitte im Hinblick auf ihre Zivilisation. Gegensatze beim innersten 
Empfinden gegeniiber dem Gottlich-Geistigen im Westen und im 
Osten. Wissen und Glauben als zwiespaltiges Streben zu einer 
Vereinigung mit andern Gebieten der Erde. Wladimir Solowjow als 
Beispiel eines Zusammenarbeitens auf geistigem Gebiete iiber den 
Erdkreis hin. Vergleich von instinktiver Urweltweisheit und heuti- 
ger Sprache als Verstandigungsmittel. Die Christuswesenheit als 
Impuls zu einer sozialen Menschheitsvereinigung. Aufgang eines 
neuen Zeitalters zum Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha: 
Begegnung hochster Menschenweisheit (die drei Weisen aus dem 
Morgenland) und Einsamkeit traumender Seelen (die Hirten auf 
dem Felde). Augustinus und die alte Weisheit. 



Dritter Vortrag, Dornach, 8. Januar 1922 44 

Die Entwicklung des religidsen Lebens in den nachatlantischen 
Kulturen 

Die menschheitliche Geistesentwicklung vom historischen Ge- 
sichtspunkt aus: Wandlung des Religionsempfindens durch die fiinf 
nachatlantischen Kulturen (Schematische Darstellung von der 
Wandtafel als ausfiihrlicher Uberblick). Vorriicken zu wirklich 
religioser Weltauffassung: Durch Imagination zu Geosophie, durch 
Inspiration zu Kosmosophie, durch Intuition zu Philosophic Sym- 
bol einer Wirbelbewegung fur die Entwicklung von Urimpulsen 
der Traditionen im Osten und im Westen. 



Vierter Vortrag, Dornach, 11. Februar 1922 58 

Alte und neue Einweihunsgmethoden I 

Mysterien als Ursprung geistigen Wissens bis zur Zeit des Thales 
von Milet. Der Begriff des «Fiirsten dieser Welt» innerhalb der 
Mysterien und seine Auflehnung gegen das Mysterium von 
Golgatha. Die zwei Hauptmafinahmen in den alten Mysterienstat- 
ten zur Vorbereitung des Einzuweihenden: Der Vergessenheits- 
trunk und das Hervorrufen schreckartiger Zustande. Die Auswir- 
kungen dieser Methoden im physischen Organismus. Der Aus- 
druck des «Widerrechtlichen Fiirsten dieser Welt» im Mittelalter 
fiir eine ahrimanische Wesenheit. Auswirkungen dieser Wesenheit 
in der aufieren Natur (Warme- und Kaltewirkungen) und im In- 
nern des Menschen (Blafiwerden durch abstrakte Gedanken). Der 
wesentliche Unterschied in Bezug auf die geistige Entwicklung in 
den alten und neuen Einweihungsmethoden. Umarbeitung des 
Willens damals und heute. 



Funfter Vortrag, Dornach, 12. Februar 1922 73 

Alte und neue Einweihunsgmethoden II 

Unterschiedlicher Intellektualismus vor und nach dem Mysterium 
von Golgatha. Der Leib als Gedankenapparat. Der heutige Weg zur 
Imagination uber das Denken ohne Hilfe des Leibes. Willensiibun- 
gen (Riickwartsubung am Abend). Orientierung in der Welt des 
Geistes. Exaktes Denken als Vorbereitung fiir richtiges Anschauen 
der hoheren geistigen Welten. Veredelung von Vorempfindungen 
und Vorurteilen. 



Sechster Vortrag, Dornach, 17. Februar 1922 



91 



Uber den Durchgang der menschlichen Geist-Seelenwesenheit 

durch die physisch-sinnliche Organisation 

. Seelische Eigentiimlichkeiten der menschlichen Geist-Seelen- 
wesenheit beim Durchgang durch die physisch-sinnliche Organisa- 
tion von der Konzeption bis zum Verlassen der physischen Inkar- 
nation. Der Gedanke im Menschen als Schattenbild des kosmischen 
Lebens vor dem Heruntersteigen in die physische Welt. Das Ge- 
hirn als Nachbildung des Sternenhimmels. Metamorphose des 
Seelisch-Geistigen beim Eintreten ins irdische Dasein und beim 
Durchgang durch die Pforte des Todes. Erleben des vorirdischen 
Daseins im Gefiihl mit anderen Wesen. Bedeutung der Furcht vor 
dem Heruntersteigen und deren Verwandlung in Selbstgefuhl und 
Willen. Die Entwicklung eines lebendigen Gedankenleibes. Ver- 
wandlung von Mitfuhlen und Selbstgefuhl in Gedankenleib und 
Kraftewesen beim Durchgang durch die Pforte des Todes. Unter- 
schiede in der Naturanschauung im Alten und im Neuen Testa- 
ment. 

Siebenter Vortrag, Dornach, 18. Februar 1922 108 

Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit 

und die wiederholten Erdenleben 

Die dreigliedrige physische Menschheitsorganisation in ihrem Zu- 
sammenhang mit vorigem Erdenleben und dem Nachklang der 
Seelenerlebnisse zwischen Tod und neuer Geburt. Der Gedanke als 
Leichnam des Geistig-Seelischen. Die Metamorphose der physi- 
schen Organisation des Menschen in bezug auf die vorige Inkar- 
nation. Das Suchen nach einer Antwort des Weltenratsels in 
ahrimanisch vorausgenommener Abstraktheit (Philo von Alexan- 
drien) und in der Wesenheit des Menschen (Mysterium von 
Golgatha). Zwei Stromungen im Ringen um das innerliche Verste- 
hen des Christentums: Die heidnische Natur-Sophia und die alt- 
testamentlich-jiidische Stromung (Jahve). Calderons «Cyprianus» 
im Vergleich mit dem Faust-Thema bei Lessing und Goethe. 

Achter Vortrag, Dornach 19. Februar 1922 124 

Die Angliederung des Menschen an den Kosmos 

Die drei Etappen in Goethes Arbeit am «Faust». Belebung der 
toten Gedanken durch Imagination, die zu Inspiration und Intuiti- 
on erhoht wird. Der dreigliedrige Mensch in seiner Beziehung zu 
den vier Elementen und zu Imagination, Inspiration und Intuition. 



Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften» und sein «Marchen». 
Ruedorffers Hinweis auf die Notwendigkeit einer Sinnesanderung 
fiir die Rettung der Zivilisation («Die drei Krisen»). Karl Julius 
Schroer uber Goethe und uber den Wiener Arzt Oppolzer. Das 
Ringen um den Geist in Goethes «Faust» und in Calderons 
«Cyprianus». Uber die Christlichkeit unserer Theologie (Over- 
beck). 

II 

DRAMA UND DICHTUNG IM 
BEWUSSTSEINS-UMSCHWUNG DER NEUZEIT 

Erster Vortrag, Dornach, 24. Februar 1922 147 

Shakespeare, Goethe und Schiller im Hinblick auf den 

geistigen Umschwung im 15. Jahrhundert 

Die Dichtungen im 15. Jahrhundert als Ausdruck dieses Uber- 
gangszustandes in der Menschheitsentwicklung. Nachwirken der 
Spuren des geistigen Umschwungs vom vierten in den funften 
nachatlantischen Zeitraum auf Goethe, vor allem in seiner «Faust»- 
Gestalt. Herders Einflufl auf Goethes Darstellung der Faust-Magie. 
Hamlet als Schiiler des Faust. Shakespeares Dramenwelt: Uber- 
leitung vom Umschwung bis in den Intellektualismus. Schillers 
«Rauber» als Protest gegen die Padagogik der Karlsschule. Das 
ahrimanische und das luziferische Prinzip in Karl und Franz Moor. 
Schillers Auflehnung gegen die intellektualistische Zeit in «Kabale 
und Liebe». Vergleich des Ringens im Westen, in Mitteleuropa und 
im Osten. 



Zweiter Vortrag, Dornach, 25. Februar 1922 165 

Das Ringen Goethes und Schillers in der Zeit des iiber die alte 
Geistigkeit siegenden Intellektualismus 

Goethes und Schillers Stellung in der Geistesentwicklung der 
Menschheit in der Zeit des geistigen Umschwungs. Die Zusammen- 
arbeit zwischen den beiden Dichtern. Parallelismus in Schillers 
«Wallenstein» und in seiner «Braut von Messina» zu Goethes 
«Faust«. Die geistige Revolution in Schillers Briefen «Uber die 
asthetische Erziehung des Menschen». Goethes Hinweis auf den 
Weg zur imaginativen Welt durch das «Marchen». Das Recht zur 
Phantasie in der «Hexenkiiche». Schillers Suchen nach dem Kosmi- 



schen in der «Braut von Messina», der «Jung£rau von Orleans», im 
«Demetrius» und im «Malteser-Fragment». Die Theophilus-Sage 
der Nonne Hrosvitha. Kritik Friedrich Theodor Vischers am 2. 
Teil des «Faust». Das Unverstandnis im 19. Jahrhundert fiir Goe- 
thes Streben im «Wilhelm Meister» und in den «Wahlverwandt- 
schaften». Entwicklung des Denkehs im 5. nachatlantischen Zeit- 
raum als Kraftquelle zur Imagination hin. 



Dritter Vortrag, Dornach, 26. Februar 1922 182 

Das Suchen des Zugangs zur geistigen Welt cms der 

modernen Seelenverfassung heraus 

Die Sehnsucht nach dem Zugang zur geistigen Welt. Veranderte 
Form der Fragestellung in der Suche nach dem Geist in Wolfram 
von Eschenbachs «Parzival». Die tiefe Wirksamkeit des Morali- 
schen im «Armen Heinrich» des Hartmann von Aue. Unterschied- 
Kche Stimmung im «Parzival» (12. Jahrhundert) und im «Simplicis- 
simus» des Christoffel von Grimmelshausen (17. Jahrhundert). Das 
Element der Sprache in unserer Seele. Die Veranderung des Sprach- 
elementes durch den Umschwung vom 4. in den 5. nachatlantischen 
Zeitraum. Geistige Betrachtung der Empfindung in «Till Eulen- 
spiegel» im Zusammenhang mit der Sprache. Dorfgeschichten auf- 
grund der Suche nach dem Wesen des Menschen aus dem 
Intellektualismus des 19. Jahrhunderts heraus bei Jeremias Gott- 
helf, Immermann, George Sand, Grigorowitsch und Turgenjew. 



Vierter Vortrag, Dornach, 19. Marz 1922 202 

Das Freiheitsideal bei Schiller und Goethe 

Der Grundcharakter der Franzosischen Revolution. Wie kann der 
Mensch als soziales Wesen zur Freiheit kommen? - Goethe und 
Schiller zur Frage der Freiheitsverwirklichung auf dieser Erde. 
«Wilhelm Meister» als Vertreter fiir das echte, wahre Menschen- 
tum. Das Problem einer «Asthetischen Gesellschaft» bei Schiller. 
Der Begriff des sittlichen Taktes in der «Philosophie der Freiheit». 
Auswirkungen der Hingabe an das imaginativ Erforschte auf 
Medizin, Kunst und soziales Leben des heutigen Menschen. Das 
Einarbeiten in imaginative, inspirierte und intuitive Wahrheiten als 
Lebensinhalt. 



Ill 

ZWEI EINZELVORTRAGE 



Vortrag Mannheim, 19. Januar 1922 

Das Uberschreiten der Schwelle 

Bewufites und unbewufites Uberschreiten der Schwelle zur geisti- 
gen Welt. Der «Hiiter der Schwelle* als wirklich reale geistige 
Macht. Gefahren beim unvorbereiteten Uberschreiten der Schwel- 
le. Die Welt jenseits der Schwelle. Die Bilderwelt des Traumes und 
ihre zerstorenden Krafte. Der zukiinftige Warmetod der Erde. Der 
Unterschied zwischen dem Uberschreiten der Schwelle beim Ein- 
schlafen und beim Durchgang durch den Tod. Apostel Paulus iiber 
den geistig-seelischen Tod. Zusammenhang zwischen «Unsterb- 
lichkeit» und «Ungeborenheit». Waldorfpadagogik im Zusammen- 
hang mit der Ermiidung der Kinder als Zeitereignis. Seelisches 
Verstandnis zwischen West und Ost im Wirtschaftsleben. Das 
Mysterium von Golgatha in seiner iibersinnlichen Bedeutung bis 
ins 4. Jahrhundert hinein. Der Wandel der Verbindung des Men- 
schen mit Christus durch das materielle Denken im 15. Jahr- 
hundert. Sehnsucht, die Christus-Wesenheit wieder zu finden. 
Unterschiede in der Empfindung der geistigen Menschenaufgabe 
bei ostlichen und westlichen Philosophen (Spencer, Solowjow, 
Harnack, Mill, Bergson, Wundt). 

Vortrag Breslau, 1. Februar 1922 

Imagination, Inspiration und Intuition als Tatsachen des 

Handelns auf dem Wege zur Wiederverkdrperung 

Disharmonie zwischen sittlichen Idealen und gegenwartiger natur- 
wissenschaftlicher Erkenntnis. Kant-Laplace und der Warmetod der 
Erde nach physikalischer Gesetzmafiigkeit. Glaube an die Unver- 
ganglichkeit der materiellen Kraft in Diskordanz mit der Frage nach 
dem Schicksal unserer moralischen Impulse und religiosen Ideale. 
Anthroposophie als Weg iiber die naturwissenschaftliche Tatsache 
des Todes hinaus zur Vereinigung der Seele mit dem Geist. Imagina- 
tion, Inspiration und Intuition als Erkenntnisstufen. Vor- und 
nachtodliche Beziehung des Menschen zu den Hierarchien. Bewufk- 
machen der Engelwelt und Bedeutung der Liebe zum Volksgeist. 
Das Gegenbild der drei hoheren Erkenntnisstufen in der geistigen 
Welt beim nachtodlichen Hinaufschwingen und auf dem Riickweg 
in die Verkorperung. Abbau von Materie als Voraussetzung zum 
Aufbau sittlicher Ideale. Der Tod als Zusammenfassung der fort- 
wahrend in uns wirkenden Sterbekrafte. Auferstehung als Mutquelle 
zum Aufbau neuer Materie als Trager einer sittlichen Weltordnung. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 251 

Hinweise zum Text 253 

Sonderhinweis 264 

Textkorrekturen 266 

Personenregister 267 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 269 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 271 



Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen Rudolf 
Steiners zu den Vortragen in diesem Band (vgl. die Randvermer- 
ke und den Text am Beginn der Hinweise) sind innerhalb der 
Gesamtausgabe erschienen in der Reihe: «Rudolf Steiner - 
Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk», Band IX 



I 



Alte und neue 
Einweihungsmethoden 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 1. Januar 1922 



Neujahrsbetrachtung 

Meine sehr verehrten Anwesenden, meine lieben Freunde! Gestern 
habe ich von der Initiationswissenschaft nach verschiedenen Richtun- 
gen hin gesprochen. Heute will ich einiges charakterisieren, was in 
einem gewissen Sinne zu den gegenwartigen Ausdrucksformen der 
Initiationswissenschaft gehort. Wenn wir in der Gegenwart in bezug 
auf alles Zivilisationsleben einen tiefen Rift wahrnehmen miissen und 
als Menschen der Gegenwart, wenn wir ein voiles Bewufttsein ent- 
wickeln, mit einem gewissen tragischen Gefuhl diesen tiefen Rift mit 
seinen chaotischen Wirkungen in der Welt empfinden miissen, so 
driickt sich nach einer gewissen Seite hin dieser Rift wohl dadurch 
ganz besonders aus, daft der heutige Mensch keine Vermittelung er- 
kennen kann zu derjenigen Welt, zu der er aufschauen muft, wenn er 
seinen eigentlichen Menschenwert und seine eigentliche menschliche 
Wiirde ins Auge faftt: zu der moralischen Welt, zu der Welt auch, 
welche die religiosen Empfindungen und die religiosen Versenkun- 
gen und Erhebungen der Menschenseele bringt. 

Auf der andern Seite schaut der Mensch zu demjenigen, was das 
Naturdasein ausmacht, zu dem er ja auch gehort. Das Naturdasein 
stellte sich im Laufe der letzten Jahrhunderte so vor die menschliche 
Seele hin, daft es gewissermaften alle Realitat, alles wirkliche Sein ver- 
schlungen hat. Das Naturdasein mit seinen gegeniiber dem Morali- 
schen gleichgiiltigen Gesetzen lauft ab in aufterlicher Notwendigkeit, 
und der Mensch ist seinem alltaglichen Dasein nach in diese Notwen- 
digkeit eingespannt. Wie man auch Anfang und Ende dieser Notwen- 
digkeit begrenzt, es ist unmoglich, daft der Mensch, wenn er sich 
selbst innerhalb dieser Notwendigkeit empfindet, zu seinem eigent- 
lichen Menschlichen kommt. Er muft vom Naturdasein aufblicken zu 
dem moralischen Welteninhalte. Er muft die moralischen Welten- 
inhalte auffassen als dasjenige, was sein soil, was von ihm als Ideal 



betrachtet werden soli. Aber kerne Erkenntnis von der heutigen Art 
zeigt ihm, wie die moralischen Ideale etwa einlaufen konnen in die 
Naturgesetze und das Notwendige in den Dienst des Moralischen 
gestellt werden kann. 

Fur den heutigen Menschen zerfallt einmal die Welt in diese zwei 
fur das Gegenwartsbewulksein unvereinbaren Glieder: die morali- 
sche Welt und die materielle Welt. Der Mensch schaut hin auf Geburt 
und Tod, findet von ihnen eingesaumt dasjenige Dasein, von dem ihm 
allein die heute anerkannte Erkenntnis sprechen will. Der Mensch 
mul5 andererseits aufblicken zu einer Welt, die sich iiber Geburt und 
Tod erhebt, die gegenuber der stetig wandelbaren, eigentlichen mate- 
riellen Welt, eine ewige Bedeutung hat, und er mufi verbunden den- 
ken sein seelisches Sein mit dieser ewigen Bedeutung der moralischen 
Welt. Aber die platonische Weltanschauung, welche noch den letzten 
Rest des Orientalismus enthalten hat, dahingehend, dafi die aufiere 
Sinneswelt ein Schein, eine Illusion ist, und die Ideenwelt die wahre, 
die wirkliche Welt ist, diese platonische Weltanschauung findet fur 
den heutigen Menschen, wenn er im Gegenwartsbewufitsein stehen- 
bleibt, keine Antwort. 

Hinstellen will sich die Initiationswissenschaft wiederum in die 
menschliche Zivilisation, will die Menschen wiederum darauf hinwei- 
sen, daft hinter derjenigen Welt, welche die Sinne wahrnehmen, eine 
geistige Welt steht, dafi in dieser geistigen Welt, zu der der Mensch 
aufschaut als zu der moralischen, eine machtige, eine kraftvolle, eine 
reale Welt steht. Die Initiationswissenschaft raufi gewissermafien dem 
Naturdasein die angemalke absolute Realitat wegnehmen und der 
moralischen Welt wiederum Realitat geben. Das kann sie nur, wenn 
sie zu andern Ausdrucksmitteln greift als diejenigen sind, die aus dem 
Umfange der heutigen Sprachen, aus dem Umfange der heutigen 
Ideen- und Begriffswelt gegeben sind. 

Es erscheint die Sprache der Initiationswissenschaft dem Men- 
schen der Gegenwart noch als etwas Fremdes, als etwas Illusorisches, 
weil er nicht ahnt, dafi hinter den Ausdrucksformen reale Krafte ste- 
hen und dafi der Mensch, ob er sich nun der aufieren Lautsprache 
oder einer gestalteten Sprache bedient, eben immer genotigt ist, in der 



Sprache nicht einen vollstandig adaquaten Ausdruck zu haben von 
dem, was er schaut, was er wahrnimmt. Was ist denn schliefSlich das 
Wort «Mensch», wenn wir seinen Lautinhalt nehmen, gegeniiber dem 
reichen Inhalte, der sich uns darbietet an Geistigem, Seelischem und 
LeibKchem, wenn wir einem wirklichen Menschen gegemiberstehen! 
So auch stiirmt, flutet und wirkt in mannigfaltiger Weise eine hinter 
der Sinneswelt und in der moralischen Welt lebende iibersinnliche 
Welt in der Initiationswissenschaft. Und diese Initiationswissenschaft 
mufi mannigfaltige Ausdrucksformen wahlen, um dasjenige auszu- 
driicken, was allerdings viel reicher erscheint als es die Ausdrucks- 
mittel geben konnen. 

Fiir den Menschen selbst in seinem unmittelbaren Dasein mochte 
ich von einigen solchen Ausdrucksmitteln heute sprechen, von Aus- 
drucksmitteln, die ja schon in diesen Tagen hier von der einen oder 
der andern Seite genannt worden sind und die denjenigen von Ihnen 
gut bekannt sind, die sich langere Zeit mit der anthroposophischen 
Geisteswissenschaft befafk haben. 

Man sagt mit Recht und auch mit Unrecht, das eigentliche wahre 
Wesen des Menschen entziehe sich der Erkenntnis. Man kann das 
auch in einem gewissen Sinne sagen, aber nicht in dem Sinne, wie es 
in der Gegenwart sehr haufig gesagt wird. Das eigentliche Wesen des 
Menschen enthiillt sich fiir die Initiationswissenschaft allerdings so, 
daft man es in unmittelbarer Weise nicht in Definitionen, in Beschrei- 
bungen, in Erklarungen fassen kann. Wenn ich mich eines Vergleiches 
bedienen darf, so ist es fiir das Erfassen des menschlichen Wesens so, 
wie wenn man bei einem Waagebalken den Punkt, um den er sich 
dreht, zeichnen wollte. Man kann ihn nicht zeichnen. Ich kann das 
linke und das rechte Stuck des Waagebalkens zeichnen, ich kann aber 
nicht den Punkt zeichnen, um den sich der Waagebalken drehen wird. 
Der ist etwas, was bestimmt ist dadurch, dafi eben der linke Waage- 
balken von links nach rechts bis zu diesem Punkte geht und bei die- 
sem Punkt der rechte Waagebalken beginnt und von ihm weitergeht. 

In einer ahnlichen Weise lafk sich nicht in adaquaten Begriffen und 
Ideen das menschliche tiefste Wesen fassen. Aber es lafk sich fassen, 
wenn man zu schauen versucht die Abirrungen von diesem Wesen. 



Das menschliche Wesen stellt gewissermaften einen Gleichgewichts- 
zustand dar zwischen einer Abweichung, die nach der einen Seite 
fortwahrend gehen will und einer solchen, die nach der andern Seite 
fortwahrend gehen will. Der Mensch ist, so wie er im Leben dasteht, 
im irdischen Dasein fortwahrend zwei Gefahren ausgesetzt: dem 
Abirren nach der einen oder nach der andern Seite - wie wir es mit 
technischen Ausdriicken nennen konnen -, nach der luziferischen 
und der ahrimanischen Seite. 

Im gewohnlichen Dasein ist zunachst fur den Menschen sein 
Gleichgewichtszustand dadurch hervorgebracht, daft sein ganzes, 
voiles Wesen nur zu einem Teil in die Leibesgestalt eingespannt ist, 
und daft diese Leibesgestalt im ganzen Weltenzusammenhange nicht 
er im Gleichgewichtszustande zu erhalten braucht, sondern daft gei- 
stige Wesenheiten, die hinter ihm stehen, diesen Gleichgewichtszu- 
stand bewirken. So nimmt der Mensch im gewohnlichen Erdendasein 
heute fur das gewohnliche Bewufttsein die beiden Gefahren nicht 
wahr, durch die er nach der einen oder nach der andern Seite, nach der 
luziferischen oder nach der ahrimanischen Seite, von seinem Gleich- 
gewichtszustande abweichen kann. Das ist gerade das Eigentumliche 
der Initiationswissenschaft, daft man sich wie auf einem hohen Felsen 
fiihlt als Mensch, wenn man beginnt, die Welt in ihrer Wesenheit zu 
durchschauen, auf einem hohen Felsen, links und rechts Abgrund. 
Der Abgrund ist immer da, aber fur das gewohnliche Leben sieht der 
Mensch den Abgrund beziehungsweise die beiden Abgriinde nicht. 
Will er sich vollstandig kennenlernen, so muft er die Abgriinde wahr- 
nehmen, muft er wenigstens von den Abgriinden wissen lernen. Nach 
der einen Seite wird der Mensch nach dem Luziferischen, nach der 
andern Seite von dem Ahrimanischen gezogen. Und man kann das 
Ahrimanische und das Luziferische charakterisieren, indem man den 
Menschen nach Leib, Seele und Geist betrachtet. 

Nehmen wir zunachst eine Betrachtung, die vom Gesichtspunkte 
des leiblichen Wesens des Menschen ausgeht. Dieses leibliche Wesen 
des Menschen ist nur aufterlich scheinbar fur die Sinneswahrneh- 
mung ein Einheitliches. In Wahrheit ist der Mensch fortwahrend ein- 
gespannt zwischen den Kraften, die ihn verjiingen und den Kraften, 



die ihn greisenhaft machen, zwischen den Kraften der Geburt und 
den Kraften des Todes. In keinem einzigen Augenblicke des Lebens 
ist in unserem Leib blofi die eine Art von Kraften vorhanden; immer 
sind sie beide da. 



Wenn wir Kind sind, meinetwillen ganz kleines Kind, so iiberwie- 
gen in uns die jungmachenden, die luziferischen Krafte; aber tief zu- 
riickgezogen sind in der menschlichen Natur auch schon die greisen- 
haften Krafte, diejenigen Krafte, die zuletzt das Verkalken, das Skle- 
rotisieren des Leibes hervorrufen, diejenigen Krafte, die uns dann 
zum Tode fiihren. Und beide Arten von Kraften miissen im mensch- 
lichen Leibe sein. Durch die luziferischen Krafte, die in ihm sind, hat 
er eine fortwahrende Moglichkeit, ich mochte sagen nach dem Phos- 
phorischen hin, nach der Warme hin sich zu entwickeln. Im extremen 
Fall, im Krankheitsfall, wirken diese Krafte so, dafi der Mensch in das 
Fieber, in die Pleuritis hineinkommt, in entzundliche Zustande. Aber 
diese Neigung fur Fieber, fur entzundliche Zustande ist immer in 
ihm. Sie wird nur in Schach gehalten, im Gleichgewichte gehalten 
durch die andern Krafte, die ihn verfestigen wollen, die ihn verkalken, 
die ihn mineralisieren. Und darinnen besteht das Wesen des Men- 
schen, dafi ein Gleichgewichtszustand da ist zwischen diesen beiden 
polarisch einander entgegengesetzten Kraftearten. 

Man wird eine giiltige Physiologie, eine giiltige Biologie erst dann 
haben, wenn man jedes einzelne Organ des Menschen und den gan- 




Tafel 1 



zen Menschen so betrachtet, daft Herz, Lunge, Leber und so weiter 
polarische Gegensatze in sich enthalten, dafi sie hintendieren auf der 
einen Seite zur Auflosung in die Warme, auf der andern Seite zur 
Verfestigung im Mineralischen. Man wird auch das Funktionieren der 
Organe erst richtig verstehen, wenn man den ganzen Menschen und 
wiederum jedes einzelne Organ von diesem Gesichtspunkte aus zu 
betrachten vermag. Die Gesundheits- und Krankheitslehre des Men- 
schen wird erst auf einen gesunden Boden gestellt werden konnen, 
wenn diese Polaritaten im physischen Menschen iiberall werden gese- 
hen werden konnen. Man wird dann zum Beispiel wissen, dafi im 
Menschen, wenn er dem Zahnwechsel unterliegt um das siebente Jahr 
herum, nach der Kopfseite hin die ahrimanischen Krafte wirksam 
werden; daft, wenn der Mensch bei der Geschlechtsreife seine physi- 
sche Natur nach der Warmeseite hin entwickelt, dafi dann die luzife- 
rischen Krafte tatig sind und dafi der Mensch eigentlich in seinem 
rhythmischen Wesen fortwahrend hin und her Pendelschlage aus- 
fuhrt, auch in physischer Beziehung, zwischen dem luziferischen und 
dem ahrimanischen Wesen. Erst wenn man lernen wird, ohne Aber- 
glauben, so mit wissenschaftlicher Exaktheit von dem Luziferischen 
und Ahrimanischen in der menschlichen Natur zu sprechen, wie man 
heme ohne Aberglauben, ohne Mystik von positivem und negativem 
Magnetismus spricht, von positiver und negativer Elektrizitat, von 
Licht und Finsternis spricht, erst dann wird man in der Lage sein, eine 
solche Erkenntnis vom Menschen zu gewinnen, welche gewachsen ist 
der abstrakten Erkenntnis von der unorganischen Natur, die wir uns 
errungen haben im Laufe der letzten Jahrhunderte. 

In abstrakter Art sprechen auch heme schon viele von allerlei Po- 
laritaten im Menschen. Es gibt mystisch-nebulose Veroffentlichun- 
gen, Publikationen, die allerlei Positives und Negatives in den Men- 
schen hineinbringen. Sie scheuen sich davor, den Aufstieg zu vollfuh- 
ren zu einem viel Konkreteren, Geistigeren, aber geistig wirklich 
Konkreten, und reden daher ebenso abstrakt von dem Menschlichen 
in seiner Polaritat, von Positivem und Negativem, wie sie in der un- 
organischen Natur von der Polaritat sprechen. Erst das kann Wissen- 
schaft vom Menschen sein, das Aufsteigen von den armen Begriffen 



des Positiven und Negativen, von den armen Begriffen der Polaritat, 
wie wir sie in der unorganischen Natur finden, zu den erfullten Be- 
griffen des Luziferischen und Ahrimanischen im Menschen. 

Wenn wir zu dem Seelischen gehen, das sich als das zweite Glied 
im hoheren Sinne der menschlichen Wesenheit entfaltet, dann sehen 
wir das Ahrimanische wirksam in allem, was die Menschenseele nach 
dem rein verstandesmafiig-intellektuell Gesetzmafiigen hintreibt. 
Unsere Naturwissenschaft ist heute fast ganz ahrimanisch. Der 
Mensch streift, indem er nach dem ahrimanisch Seelischen sich hin- 
entwickelt, alles ab, was die Begriffe, die Ideen mit Warme durch- 
gliiht; er gibt sich nur dem hin, was die Begriffe, die Ideen eiskalt und 
trocken macht, und er fiihlt sich dann ganz besonders im heutigen 
wissenschaftlichen Denken befriedigt, wenn er also ahrimanisch ist, 
wenn er sich in trockenen und kalten Begriffen bewegt, wenn er alles, 
was Welterklarung ist, so machen kann, dafi es nach dem Muster ge- 
staltet ist, wie man die unorganische, die leblose Natur erkennt. Und 
indem die Seele mit dem MoraHschen sich durchdringt, erscheint in 
ihr das Ahrimanische in alledem, was hinneigt zu dem Pedantischen, 
zu dem Steifen, zu dem Philistrosen auf der einen Seite; dann aber 
auch wiederum zu dem Freien, zu dem Unabhangigen, zu dem, was 
die vollen Friichte des materiellen Daseins aus diesem materiellen 
Dasein herausziehen will, was sich ganz dadurch vollkommen 
machen will, dafi es das materielle Dasein durchdringt. 

Es erscheint eigentlich sowohl das Ahrimanische wie das Luziferi- 
sche immer von zwei Seiten. Auf der einen Seite stellt es etwas dar, 
was ein Abweg ist. Das Ahrimanische stellt als einen Abweg das Pe- 
dantische dar, das Philistrose, das einseitig Verstandesmafiige. Es stellt 
auf der andern Seite eben dasjenige dar, was durchaus in einer not- 
wendigen Entwickelungslinie des Menschen nach vorwarts liegt, was 
den Willen zur Befreiung, den Willen zum Beniitzen des materiellen 
Daseins, zur Menschenbefreiung und so weiter entwickelt. 

Das Luziferische in der menschlichen Seele stellt alles dasjenige 
dar, wodurch der Mensch nach oben gewissermafien uber sich hinaus 
will. Er kann dadurch ins nebulos Mystische geraten. Er kann 
dadurch in Regionen geraten, in denen ihm alles Denken uber das 



Materielle unvornehm, niedrig erscheint, so dafi er verleitet, verfiihrt 
wird dazu, dieses materielle Dasein ganz zu verachten und sich nur zu 
ergehen in dem, was liber dem Materiellen liegt, in alledem, was den 
Menschen dazu verfiihrt, Fliigel haben zu wollen, um liber sein Er- 
dendasein wenigstens mit der Seele hinauszukommen. Das stellt ihm 
seelisch das Luziferische dar. Neben dem Ahrimanischen, der niich- 
ternen, trockenen, kalten Wissenschaft, tritt die schwule Mystik auf, 
tritt auf dasjenige, was in religiosen Bekenntnissen asketische Erden- 
verachtung und so weiter wird. 

Indem man das Ahrimanische und das Luziferische der Seele cha- 
rakterisiert, sieht man, wie auch das menschliche Seelische in einem 
Gleichgewichtszustande sein mufi zwischen zwei polarischen Gegen- 
satzen. Man kann sagen, auch das Luziferische zeigt die Moglichkeit 
eines Irrweges, aber auch die Moglichkeit einer notwendigen Fortent- 
wickelung des richtigen menschlichen Wesens. Der Abweg ist die ver- 
schwommene, verschwimmelnde, nebulos werdende Mystik, welche 
alle klaren Begriffe in ein unbestimmtes, nebelhaftes Helldunkel zer- 
flattert und dadurch den Menschen iiber sich selber hinausfuhren will. 
Dasjenige aber, was nicht nur ein berechtigtes, sondern geradezu im 
notwendigen Fortschritt der Menschheit liegendes luziferisches Wir- 
ken ist, das zeigt sich dann, wenn der Mensch so schafft, dafi er nicht 
das materielle Dasein mit den heute realen Lebensprinzipien durch- 
dringt, um die Impulse dieses materiellen Daseins voll auszuniitzen, 
wie das im Ahrimanischen der Fall ist, sondern wenn er das materielle 
Dasein bis zur Scheinhaftigkeit ablahmt und es in dieser Scheinhaftig- 
keit bemitzt, um ein Ubersinnliches darzustellen, um etwas darzustel- 
len, was geistig wirklich ist, aber in dieser geistigen Wirklichkeit nicht 
auch sinnlich wirklich sein kann durch das blofte Naturdasein. 

Die luziferischen Krafte geben so dem Menschen die Moglichkeit, 
im sinnlichen Scheinesdasein das Geistige auszudriicken. Und das ist 
das Bestreben aller Kunst, aller Schonheit. Luzifer wird damit auch 
der Protektor der Schonheit, des Kimstlerischen. Und wenn der 
Mensch nun sucht das richtige Gleichgewicht zwischen dem Luzife- 
rischen und Ahrimanischen, dann darf er in dieses Gleichgewicht hin- 
einwirken lassen in der Form der Schonheit das Kunstlerische, das 



Luziferische. Es kommt nicht darauf an, daft man in einseitiger Weise 
sagt, der Mensch miisse sich vor dem Ahrimanischen, vor dem Luzi- 
fenschen hiiten. Es handelt sich darum, daft der Mensch die richtige 
Stellung zu dem Ahrimanischen, zu dem Luziferischen finde, daft er 
zwischen beiden immer seinen Gleichgewichtszustand behalt. Behalt 
er diesen Gleichgewichtszustand, dann darf das Luziferische ins 
Leben hereinscheinen in Form der Schonheit, in Form des Kiinstleri- 
schen, indem dadurch in das Leben ein Unwirkliches hereingezaubert 
wird, das aber durch des Menschen Kraft selber in eine Scheinwirk- 
lichkeit umgewandelt wird. 

Die luziferischen Krafte streben, in das gegenwartige Dasein dasje- 
nige hereinzutragen, was im Weltendasein langst vergangen ist, was 
daher im gegenwartigen Dasein nach den Daseinsgesetzen nicht wirk- 
lich sein kann. Wenn der Mensch das kosmisch Konservative verfolgt, 
wenn er das, was fur Vorzeiten richtige Daseinsgestaltungen waren, in 
die Gegenwart hereinstellen will, dann verf allt er in f alscher "Weise dem 
Luziferischen. Wenn er also zum Beispiel jene Anschauung der Welt, 
welche in verschwommenen Bildern lebt, die nur in alten kosmischen 
Zeitaltern voll berechtigt waren, wenn er alles ineinander verschwim- 
men laftt, was in seiner Seele lebt, dann ergibt er sich in falscher Weise 
dem luziferischen Dasein. Wenn er dem aufterlichen materiellen Da- 
sein eine solche Gestalt gibt, daft es etwas ausdriickt, was es durch seine 
eigenen Naturgesetze nicht ausdriicken kann - der Marmor kann nur 
die mineralogischen Gesetze ausdriicken -, wenn der Mensch dem 
Marmor aufzwingt dasjenige, was dieser durch die eigene Naturkraft 
des Marmors niemals ausdriicken kann, dann entsteht die plastische 
Kunst. Dann wird dasjenige, was in einem solchen Sinnlichen keine 
Wirklichkeit sein kann, dann wird Unwirklichkeit in das Dasein her- 
eingezaubert. Und das ist ja gerade das Bestreben Luzifers, daft er den 
Menschen von der Wirklichkeit, in der er sich nun einmal befindet 
zwischen Geburt und Tod, hinwegfiihren will zu einer Wirklichkeit, 
die allerdings fiir andere Zeitalter direkte Wirklichkeit war, die aber fur 
dieses Zeitalter nicht die rechte Wirklichkeit sein kann. 

Wenn man den Menschen nun geistig ins Auge faftt, dann kann auch 
fiir das Geistige das Luziferische und das Ahrimanische in Anspruch 



genommen werden. Es auftert sich hier fiir das Erdendasein zunachst 
das menschliche Wesen in geistiger Beziehung durch die Wechselzu- 
stande zwischen Wachen und Schlafen. Im Wachzustande sind wir mit 
unserem geistigen Teil ganz dem Materiellen hingegeben. Man mufi in 
dieser Beziehung folgendes sagen: Wenn der Mensch einschlaft, so ist 
er vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem Zustande, den man 
als geistig-seelisches Dasein bezeichnen kann. Der Mensch geht mit 
seinem geistig-seelischen Dasein beim Einschlafen aus dem physi- 
schen und atherischen Leibe heraus und taucht wiederum unter in den 
physischen und atherischen Leib mit seinem Geistig-Seelischen beim 
Aufwachen. So tragt der Mensch gewissermafien im Schlafzustande 
seinen geistig-seelischen Zustand in sich; aber den seelischen Zustand, 
den behalt er beim Aufwachen fast ganz als seelisches Leben zuriick. 
Nur mit dem Geiste taucht er vollstandig auch in den Leib unter. So 
dafi wir im Wachen mit unserem Geiste in der Periode der heutigen 
Menschheitsentwickelung eben ganz Leib werden, in das Leibliche 
untertauchen, wenigstens bis zu einem hohen Grade. Da verfallen wir 
dann aus einem Dasein, wie wir es eben im Schlafe haben, in das Dasein 
des wachen Zustandes. Wir werden heriibergetragen aus dem einen 
Zustand in den andern. Und diesenUbergang den bewirken Krafte, die 
wir zu den ahrimanischen zu zahlen haben. 

Wenn wir den Menschen in bezug auf sein Geistiges betrachten, 
das heifit in bezug auf jenen Wechselzustand zwischen Wachen und 
Schlafen, der ja fiir das physische Erdendasein das Geistige des Men- 
schen offenbart, so rmissen wir sagen, beim Aufwachen wirkt am 
meisten das Ahrimanische; umgekehrt beim Einschlafen wirkt am 
meisten das Luziferische. Der Mensch wird aus dem Untergetauchts- 
ein in das Physisch-Leibliche in den freien geistig-seelischen Zustand 
hiniibergetragen. Er wird in einen Zustand hiniibergetragen, in dem 
er nicht mehr in ahrimanischen Begriffen denkt, sondern nur in den 
Bildern, welche die scharfen, ahrimanischen Begriffskonturen auflo- 
sen, welche alles verweben und verschwimmen lassen. Er wird in ei- 
nen Zustand versetzt, wo dieses In-Bildern- Verschwimmen das Nor- 
male ist. Kurz, wir konnen sagen: Es tragt uns von dem Schlafzustan- 
de in den Wachzustand hinein in berechtigter Weise das Ahrimani- 



sche, es tragt uns aus dem Wachzustand in den Schlafzustand hinein 
in berechtigter Weise das Luziferische. 

Abwege entstehen erst dann, wenn in den Wachzustand zu wenig 
hineingetragen wird von dem luziferischen Impuls, so dafi wahrend 
des Wachzustandes zu stark der ahrimanische Impuls wirkt. Dann 
wird der ahrimanische Impuls den Menschen zu stark in das Leibliche 
hinunterdrucken, wird ihn nicht stehenlassen bei den seelischen 
Empfindungen von Gut und Bose, bei den moralischen Impulsen. Er 
wird ihn hinuntertauchen in das Emotionelle, in das Leidenschaft- 
liche. Er wird ihn hinuntertauchen in das Instinktleben, in das Ani- 
malische. Er wird den Menschen seinem Ich nach zu grundlich mit 
dem Leiblichen vereinigen. 

Und wiederum: Wenn das Luziferische in unberechtigter Weise im 
Menschen wirkt, so wird der Mensch zu viel von seinem Wachleben 
in das Schlafleben hineintragen. Es werden im Schlafesleben Traume 
auftauchen, die zu viel Reminiszenzen an das Tagesleben sind. Diese 
werden wiederum zuriickwirken auf das Wachleben und dieses in 
eine ungesunde Mystik hineintreiben. Man sieht, iiberall ist es im 
Leben so, dafi der Gleichgewichtszustand des Menschen durch die 
beiden Polaritaten, durch das Luziferische und das Ahrimanische, 
hervorgebracht werden mufi, da£ aber Abirrungen stattfmden kon- 
nen. Man wird erst eine Leibeslehre - wie ich schon angedeutet habe 
- mit einer richtigen Gesundheits- und Krankheitslehre haben, wenn 
man iiberall diese Polaritat im Leibesleben finden kann. Man wird 
erst eine Psychologie haben, wenn man in der Lage sein wird, im 
Seelischen diese Polaritat zu sehen. 

Man redet heute in denjenigen Wissenschaften, die man als Psy- 
chologie, als Seelenkunde ansieht, in chaotischer Weise herum von 
Denken, Fiihlen und Wollen. Im Seelenleben fliefien auch Denken, 
Fiihlen und Wollen ineinander tiber. Wir konnen noch so reine Ge- 
danken fassen indem wir die Gedanken verbinden und trennen, 
wirkt der Wille in den Gedanken. Und selbst, wenn wir nur instink- 
tive Bewegungen ausfiihren, so wirken unsere Gedankenimpulse 
doch in die Willensbetatigung hinein. Nirgends sind im Seelenleben 
getrennt Denken, Fiihlen und Wollen, iiberall wirken sie ineinander. 



Und wenn man sie in der heute gewohnten Weise trennt, so ist die 
Trennung eine abstrakte Trennung, so ist da das Sprechen von Den- 
ken, Fiihlen und Wollen nur in drei Abstraktionen bestehend. Was 
wir da Denken, Fiihjen und Wollen nennen, wir konnen es unter- 
scheiden, wir konnen es als abstrakte Begriffe hinstellen, aber als sol- 
che abstrakte Begriffe mag es uns dienen fur unsere unterscheidende 
Erkenntnis; ein richtiges Bild der Wirklichkeit gibt es uns nicht. 

Ein richtiges Bild der Wirklichkeit bekommen wir nur, wenn wir 
in jedes Denken das Fiihlen und Wollen auch hineinschauen, in jedes 
Fiihlen das Denken und Wollen, in jedes Wollen das Denken und 
Fiihlen. Damit wir aber dann doch statt dieses abstrakten Denkens, 
Fuhlens und Wollens das konkrete Leben und Wogen des Seelischen 
durchschauen, miissen wir uns vergegenwartigen, wie das Seelenleben 
nach der einen Polaritat hin ausschlagt und nach der andern Polaritat, 
wie es hinschlagt nach der ahrimanischen Polaritat und da in Gedan- 
ken sich auslebt. In diesen Gedanken mogen nun Willensimpulse so 
viel als moglich sein. Lernen wir erkennen auf einer hoheren Stufe des 
Erkennens die besondere Eigenart des Ahrimanischen, dann fiihlen 
wir die Polaritat des Denkens in der Seele; sehen wir nach der andern 
Seite die Seele ausschlagen, nach dem Wollen, dann mogen noch so 
viele Denkinhalte in den Willensbetatigungen sein -, wenn wir den 
luziferischen Charakter des Wollens erfassen, dann haben wir die le- 
bendige Natur des Wollens in der Seele begriffen. Es mufi sich in uns 
verwandeln dasjenige, was Abstraktionen sind, Begriffe sind, Ideen 
sind, in lebendige Anschauung. Diese gewinnen wir aber nicht, wenn 
wir uns nicht entschlieften, aufzusteigen zu so etwas, wie es die 
Anschauungen des Luziferischen und Ahrimanischen sind. 

Auch gegeniiber dem geschichtlichen Leben der Menschheit brin- 
gen wir nur Wirklichkeit in unser Vorstellen hinein, wenn wir in den 
einzelnen Geschichtsperioden das Waken und Wogen des Luziferi- 
schen und Ahrimanischen wahrzunehmen in der Lage sind, Betrach- 
ten wir die Geschichtsperiode, sagen wir, von Augustinus bis in die 
Zeit des endenden Mittelalters, der aufsteigenden Neuzeit, bis zum 
15. Jahrhundert hin, betrachten wir sie, wie der Mensch vorzugsweise 
im aufieren Leben jene Impulse wirksam sein lafit, die aus seinem tief- 



sten Inneren, aus dem emotionellen Leben herkommen, betrachten 
wir, wie der Mensch in dieser Zeit selbst das auftere staatlich-soziale 
Leben so gestalten will, wie er den im Inneren erkannten gottlichen 
Impuls glaubt wahrnehmen zu konnen: Wir fiihlen deutlich das 
luziferische Waken in diesem Geschichtsabschnitt. 

Und wenn wir heraufgehen in die neuere Zeit, wenn wir sehen, wie 
der Mensch den Blick nach aufien richtet auf das Mechanisch-Physi- 
kalische der Welt, das adaquat nur in der richtigen Weise erfafk wer- 
den kann durch das Denken, durch den Umgang mit der aufieren 
Welt, so sehen wir deutlich waken das Ahrimanische in diesem Zeit- 
raume. Das darf uns aber nicht blofi zu der Aussage notigen, die Zeit 
von Augustinus bis zu Galilei ware luziferisch, die Zeit von Galilei bis 
zu uns ware ahrimanisch. Das ware wiederum selber ein ahrimani- 
sches Urteil, das ware ein selber intellektualistisches Auslegen. Will 
man von einem solchen intellektualistischen Auslegen in ein Lebendi- 
ges hineinkommen, in ein miterlebendes Erkennen des Daseins, in das 
der Mensch hineingestellt ist, dann mufi man das Ausdrucksmittel 
anders wenden. Dann raufi man sagen: In der Zeit von Augustinus bis 
zu Galilei hatte der Mensch, um seinen Gleichgewichtszustand anzu- 
streben, sich gegen das Luziferische zu wehren. In der neueren Zeit 
hat der Mensch, um seinen Gleichgewichtszustand anzustreben, sich 
gegen das Ahrimanische zu wehren. 

Es kommt nicht nur darauf an - das mufi immer klarer und klarer 
eingesehen werden -, dafi wir in unserer fortschreitenden Zivilisation 
das oder jenes sagen, sondern es kommt darauf an, dafi wir entschei- 
den konnen, ob gegeniiber einer Situation das oder jenes gesagt wer- 
den kann. Es mag noch so wahr sein im abstrakten Sinne, dafi das 
Mittelalter luziferisch, die neuere Zeit ahrimanisch ist; diese abstrakte 
Wahrheit hat keine wirkliche Impulsivitat. Die wirkliche Impulsivitat 
tritt auf, wenn wir sagen: Der Mensch konnte sich aufrechterhalten 
im Mittelalter durch den Kampf gegen das Luziferische, der Mensch 
kann sich aufrechterhalten in der Neuzeit durch den Kampf gegen das 
Ahrimanische. Wahr sein kann auch im aulSeren abstrakten Sinne das, 
was gegeniiber der Wirklichkeit lediglich Phrase ist: Richtig wirklich 
im Vorstellungsleben ist nur dasjenige, was in bezug auf die Situation 



des Menschendaseins, auf die es ankommt, wirklich innerlich vorhan- 
den ist. Wovor sich der moderne Mensch am meisten zu hiiten hat, 
das ist das Fallen in die Phrase. Man erlebt es immer wieder und wie- 
derum, daft Menschen, die dann schon glauben, im anthroposophi- 
schen Leben drinnenzustehen, sagen, dieser oder jener habe etwas ge- 
sagt, was ganz mit dem Anthroposophischen ubereinstimme. - Auf 
das aufiere Zustimmen in Worten kommt es nicht an, sondern auf den 
Geist, auf den lebendigen Geist, auf den lebendigen, wirklichen Zu- 
sammenhang, in dem etwas drinnen steht. Wenn wir heute blofi auf 
den aufierlich logischen Inhalt der menschlichen Aussage sehen, so 
entgehen wir der Gefahr der Phrase nicht. 

Ich habe in der letzten Zeit ein paarmal vor diesem oder jenem Krei- 
se meiner Zuhorer ein eklatantes Beispiel angefuhrt, wie an sich ganz 
richtige Sachen, die gesagt werden, sich merkwiirdig ausnehmen vor 
dem Wirklichkeitssinn. Ich habe das Beispiel angefuhrt, daft 1884 der 
Fiirst Bismarck im deutschen Reichstag, als er die sozialdemokratische 
Gefahr herannahen fiihlte, einen merkwurdigen Ausspruch tat. Er 
wollte die Mehrheit der arbeitenden Bevolkerung davon ablenken, den 
sozialdemokratischen radikalen Fuhrern zu folgen, und aus diesem 
Impuls heraus sagte Bismarck, es stehe jedem Menschen das Recht auf 
Arbeit zu. «Gestehen Sie jedem Menschen das Recht auf Arbeit zu, 
verschaffen Sie ihm von Staats wegen Arbeit, solange er arbeiten kann, 
versorgen Sie ihn» - so sprach er, der deutsche Reichskanzler -, «ver- 
sorgen Sie ihn, wenn er alt geworden ist und nicht mehr arbeiten kann 
und in Krankheitsfallen mit dem, was er zum Leben notig hat, und Sie 
werden sehen, daft die breiten Scharen der Arbekermassen fortstiir- 
men von den Versprechungen der Arbeiterfiihrer.» - 1 884 hat der Fiirst 
Bismarck diesen Satz im Deutschen Reichstag gesagt. 

Kurioserweise kann man etwas zuriickgehen, fast ein Jahrhundert 
zuriickgehen, und ein anderer hat, man kann fast sagen wortlich, den- 
selben Satz ausgesprochen, hat ausgesprochen den Satz: «Es ist Men- 
schenpflicht, jedem das Recht auf Arbeit zuzugestehen, ihm von 
Staats wegen Arbeit zu verschaffen, solange er arbeiten kann, ihn von 
Staats wegen zu versorgen, wenn er krank oder invalide ist und nicht 
mehr arbeiten kann.» - Und dieser andere, das war Robespierre. 1792 



hat er diesen Satz seinem «Menschenrechte» einverleibt. Merkwiir- 
dig, wortlich genau dasselbe sagten der radikale Robespierre 1792 
und der Fiirst Bismarck, der ganz gewift kein Robespierre sein wollte, 
1884 im Deutschen Reichstag. Sie sehen, zwei Leute konnen genau 
dasselbe sagen und es ist nicht dasselbe. Und kurioserweise berief sich 
dazumal 1884 der Fiirst Bismarck darauf, dafi das Recht auf Arbeit 
jedem im preuftischen Lande befindlichen Arbeiter garantiert sei, 
denn das sei 1794 im Preufiischen Landrechte enthalten. Kurioserwei- 
se also sagt der Fiirst Bismarck nicht nur dasselbe, sondern er sagt, 
was Robespierre forderte, stehe im Preufiischen Landrecht. Aber die 
Wirklichkeit verlauft so, daft dazumal diese Worte von Bismarck nur 
ausgesprochen wurden, weil er herannahen fiihlte eine Gefahr, welche 
gerade dadurch entsteht, daft das eben nicht da ist, was da wortwort- 
lich im Preufiischen Landrecht steht. 

Ich fuhre dieses Beispiel an, nicht weil es ein politisches ist, son- 
dern aus dem Grunde, weil es gerade eklatant zeigt: Zwei Menschen 
konnen ganz genau wortlich dasselbe sagen, und doch entspricht es 
einer entgegengesetzten Wirklichkeit. Ich mochte dadurch darauf 
aufmerksam machen, dafi wir in eine Zeit eintreten miissen, wo es uns 
weniger auf den Wortlaut ankommt und mehr auf das Erleben der 
Wirklichkeit. Sonst verfallen wir gerade in dem Gebiete des geistigen 
Lebens in die Phrase, die eine so grofte Rolle spielt in unserem gegen- 
wartigen geistigen Dasein. Gerade dieser Ubergang von dem blofi 
inhaltlich Richtigen zu dem lebendig erlebten Wahren, dieser Uber- 
gang soil bewirkt werden durch das Eintreten der Initiationswissen- 
schaft, die vom blofi logischen Inhalt zu dem Erleben der geistigen 
Welt geht, in die Zivilisation der Menschheit. Und derjenige, der rich- 
tig die aufieren Symptome des geschichtlichen Werdens in der Gegen- 
wart fur die nachste Zukunft hinein betrachtet, der wird sich aus die- 
sen Symptomen heraus ein Gefuhl und eine Empfindung fur den be- 
rechtigten, fur den notwendigen Eintritt der Initiationswissenschaft 
in die Weltzivilisation erringen konnen. Das, meine verehrten An- 
wesenden, meine lieben Freunde, wollte ich heute noch als eine Art 
Neujahrsbetrachtung vor Ihre Seele hinstellen. 

Der nachste Abendvortrag wird am Samstag um 8 Uhr stattfinden. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 7. Januar 1922 



Westen, Osten und Mitte 



7m den Betrachtungen, die in diesen Tagen iiber die Christus- 
Wesenheit angestellt worden sind, vor und nach Weihnachten, sei 
heute noch einiges hinzugefiigt. Es sei diejenige Seite des Christus- 
Problems heute mit einigen Strichen gezeichnet, welche vorzugsweise 
eine Bedeutung fiir das Welt-Sozialproblem hat. Die Menschen haben 
gerade in dem gegenwartigen Zeitalter die grofke Notwendigkeit, 
iiber den Erdkreis hin zu einer Verstandigung zu kommen. Und auf 
welche Angelegenheiten des Lebens wir heute auch hinblicken, von 
einer solchen Verstandigung kann kaum irgend etwas bemerkt wer- 
den. Die Notwendigkeit zur Verstandigung ist da. Nicht aber ist da, 
man mochte sagen die Begabung der Menschen, eine solche Verstan- 
digungsmoglichkeit zu finden. Wir sehen, wie iiber wichtige Angele- 
genheiten des Lebens heute versucht wird, zu beraten. Wir sehen, wie 
iiberall sich Kongresse abspielen. In den Tiefen der Menschenseelen 
sieht es gegeniiber den Angelegenheiten, die auf solchen Kongressen 
zur Besprechung kommen sollen, anders aus als in den Worten, die da 
gewechselt werden. In den Worten, die da gewechselt werden, lebt 
viel Schein, und dieser Schein will den Eindruck erwecken, als ob 
iiberall der einzelne Mensch mit dem andern irgendwie einen Aus- 
gleich oder ahnliches finden wolle. Aber nirgends kann ein solcher 
Ausgleich eintreten, denn im Grunde genommen sprechen heute 
nicht Menschen miteinander, sondern es sprechen die Angehorigen 
verschiedener Nationen miteinander. Es sprechen Menschen dem 
aufieren Scheine nach. Aus ihnen aber spricht dasjenige, was als ganz 
differenziertes Wesen der einzelnen Nationen lebt. Und da die Men- 
schen nun eben einmal im gegenwartigen Zeitalter so sind, dafi sie bei 
den Worten nur auf den wortlichen Inhalt sehen, nicht auf das, 
woraus die Worte kommen, worin die Worte wurzeln, weil sie nicht 
sehen auf die durchgreifenden Lebensverhaltnisse, so wird eben gar 



nicht bemerkt, wie im Grunde genommen die Verschiedenheit der 
einzelnen Volksdamonen miteinander spricht, nicht aber der Mensch 
zum Menschen redet. 

Kaum konnte man durch etwas anderes einen klareren Beweis er- 
langen, dafi das Christentum heute nicht in der Welt realisiert ist, als 
durch das eben Angeftihrte. Das Christentum ist nicht realisiert, denn 
den Christus voll verstehen, heifit, den Menschen als Menschen in 
sich finden. Der Christus ist kein Volksgott, der Christus ist kein 
Rassengott, der Christus ist uberhaupt nicht der Gott irgendeiner 
Menschengruppe, sondern der Christus ist der Gott des einzelnen 
Menschen, insofern dieser einzelne Mensch nur ein Angehoriger der 
gesamten Menschheit ist. Und erst, wenn man die Christus-Wesen- 
heit aus alien Voraussetzungen heraus, denen der Mensch zuganglich 
ist, wird so verstehen konnen, dafi man sie als den Menschheitsgott 
versteht, erst dann wird der Christus, aber dann auch gewifi die 
grofite soziale Bedeutung iiber das ganze Erdenrund hin haben. 

Man muE sich nur einmal klarmachen, dafi gerade in den Tiefen 
der Seele heute Dinge walten, die nicht iibergehen in die Worte, die 
festgehalten werden in ihren aufieren Phraseninhalten durch die Dif- 
ferenzierung der Volksdamonen. Man kann nicht mit dem, worin die 
Menschheit heute auf bequeme Weise stehenbleiben will, dasjenige 
herbeifuhren, was heute nur aus den Tiefen des Menschenwesens her- 
aus wirklich zustande gebracht werden kann. Heute bedarf es der 
Tiefe, des Eingehens auf die Tiefe des Menschenwesens, wenn wieder- 
um Aufgangs-, wenn wiederum Fruchtkrafte in die Entwickelung der 
Erde hineinkommen sollen. Was heute horbar wird iiber die verschie- 
denen Teile der Erde hin beriihrt nicht einmal wesentlich an der 
Oberflache das, was im Menschenwesen wurzelt. Und das Suchen 
nach diesem im tiefsten Menschenwesen Wurzelnden, das miifite in 
die Menschheit einziehen. 

Wollen wir uns doch heute einmal mit ein paar Strichen hinstellen, 
wie verschieden, wenigstens nach Hauptpunkten, die Auffassung der 
Menschen ist in bezug auf das, was zum Erkennen, zum Durchschau- 
en des Christus-Problems fuhren konnte. Ich habe oftmals vor Ihnen 
angefiihrt die Differenzierung der Menschen nach westlichen Men- 



schen, nach ostlichen Menschen und nach Menschen der Mitte zwi- 
schen dem Westen und Osten. Man kann von den verschiedensten 
Gesichtspunkten aus diese Differenzierung betrachten. Man wird ihr 
nur gerecht, wenn man sie ohne jedes Vorurteil in voller Unbefangen- 
heit ins Auge faftt, wenn man nicht von vornherein dem einen oder 
dem andern Gliede in dieser Differenzierung Sympathie und Anti- 
pathie entgegenbringt, etwa dadurch, dafi man gerade selber in dem 
einen oder in dem andern Gliede darinnensteht. Es ist heute schon 
einmal notwendig, dafi alle Menschen der Erde zusammenwirken, um 
die rechte Christus-Einheit hervorzubringen. Denn man kann sagen, 
liber die verschiedensten Teile der Erde hin sind gerade in den Tiefen 
der Menschheit die Impulse vorhanden, die Einheit zu finden. Aber 
es mufi eben in den Tiefen gesucht werden. 

Wenn wir zunachst unsere Blicke auf dasjenige werfen, was insbe- 
sondere aus den Zivilisationen des Westens heute zutage tritt, so fin- 
den wir, dafi das, was in den westlichen Zivilisationen das Wesentliche 
ist, sich ausdriicken lafit gerade durch die besondere Geistigkeit von 
heute. Diese besondere Geistigkeit von heute hat ja die Eigentiimlich- 
keit, dafi sie sich in Abstraktionen ergeht, dafi sie gewissermafkn im 
Abstrakt-Ideellen ihre grofiten Triumphe feiert. Dieses Ideelle, dieses 
Abstrakte ist am besten geeignet, gerade die Natur so, wie sie sich den 
Sinnen darbietet, und diejenige Seite des sozialen Lebens, die sich 
abspielen mufi durch die Krafte dieser Sinneswelt, kennenzulernen. 
Man kann mit diesen Kraften, die ich die westlichen Krafte nennen 
will, durchaus in die Tiefen des Menschheitswesens und des Welten- 
alls eindringen. Vor alien Dingen haben diese Krafte des Westens die 
Grundkonstitution des naturwissenschaftlichen Denkens begriindet 
und jene Impulse des sozialen Lebens in Anlehnung an dieses natur- 
wissenschaftliche Denken gesucht, welche die Menschheit der Zu- 
kunft brauchen wird, um das Erdenleben in einer moglichen Weise zu 
gestalten. Denn man kann nicht das Erdenleben mit den Kraften des 
Ostens in einer moglichen Weise gestalten. Das wird aus den folgen- 
den Betrachtungen schon hervorgehen. Es ist lange nicht alles an die 
Oberflache gehoben, was in den Schatzen des westlichen Geistes- 
lebens liegt. 



Es ist zunachst durchaus eine Wahrheit, daft die Naturwissenschaft 
der Gegenwart nur hat begriindet werden konnen aus Grundkraften 
des menschlichen Wesens heraus, welche man am adaquatesten, am 
treffendsten gerade durch die heutige Geistigkeit, durch die abstrakt- 
ideelle Geistigkeit ausdriicken kann. Aber es ist auch wahr, dafi in all- 
dem, was da zutage getreten ist, noch ein Wesentliches mehr vorhan- 
den ist. Was in den naturwissenschaftlichen und in der zu ihr gehorigen 
sozialen Denkweise an den Tag getreten ist, das kann bis zum Geistigen 
gebracht werden. Es kann fortgeschritten werden von der Gesetz- 
maftigkeit der Natur bis zur Erkenntnis des Wesenhaften in der Natur. 
Dieses Wesenhafte in der Natur ist aber das Gottlich-Geistige. Und 
wird man in einer den neuesten Menschheitsbediirfnissen angemesse- 
nen Weise das Christentum verstehen wollen, so wird man es durch- 
dringen miissen mit demjenigen Geiste, der bisher sich eben nur iiber 
die Naturwissenschaft mit ihrer sozialen Konsequenz durch die Krafte 
des Westens ergossen hat. Man ist nicht befriedigt, wenn man aus die- 
sen Kraften des Westens heraus irgend etwas Weltanschauungsgema- 
fies fafit, ohne es in klar umrissene, scharf konturierte ideelle Begriffe 
gebracht zu haben. Der Mensch wird fur die Erdenzukunft solche kla- 
re, scharf umrissene Begriffe brauchen. Er wird dazu kommen miissen, 
das hochste Geistige in ebenso klar umrissenen Begriffen vor die 
Menschheit hinzustellen, wie es gelungen ist, aus den Kraften des 
Westens das Naturalistische und Naturalistisch-Soziale hinzustellen. 

Und sehen wir nach den Kraften des Ostens, so tritt uns als Klar- 
stes das zutage, daft, wenn wir den Versuch machen wollen, aus den 
Kraften des Ostens heraus mit solch klaren, scharfen Begriffen das 
Christliche oder uberhaupt das Gottlich-Geistige zu charakterisieren, 
dies ein vergebliches Unternehmen sein wird. Schon von Rutland an 
genommen und durch Asien dann weiter hindurch bringt der ganze 
Osten solche Volkskrafte hervor, welche nicht in der Lage sind, in 
scharf konturierten Begriffen sich zu dem Gottlich-Geistigen zu er- 
heben, welche aber dazu veranlagt sind, aus den Gefuhlstiefen heraus 
diese Erhebung zu den geistigen Kraften zu vollziehen. 

Will man im Sinn des Westens das Christentum charakterisieren, 
so braucht man Philosophic, braucht man eine in moderne Gedan- 



kenformen gekleidete Weltanschauung. Will man das Christentum 
mit den Kraften des Ostens charakterisieren, so findet man solche 
Gedankenformen nicht, wenn man beim Volkstiimlichen stehen- 
bleibt. Man mufi da, wenn man im aufieren sinnlichen Leben bleibt, 
zu anderem greifen. Man mufi etwa die Empfindungen charakterisie- 
ren, die man sogleich findet, wenn man von dem Westen nach dem 
Osten immer weiter und weiter kommt, und die man schon in den 
Gegenden Mitteleuropas, die an den Osten angrenzen, finden kann. 
Man mufi sich die Stuben der einfachen Leute ansehen, welche in 
einer Ecke einen Altar mit dem Muttergottesbilde haben; man mufi 
sich ansehen, wie dieses Muttergottesbild behandelt wird von den Be- 
suchern, die da ankommen. Der erste Grufi, der da iiberall gegeben 
wird, ist der an das Muttergottesbild; dann werden erst die Menschen, 
die etwa in der Stube sind, begriifit. Es ist etwas, das aus alien andern 
Kraften der menschlichen Wesenheit hervorgeht, als etwa aus den 
abstrakt-ideellen Kraften. Es ist ein radikaler Gegensatz vorhanden 
zwischen dem innersten Empfinden gegeniiber dem Gottlich-Geisti- 
gen wie es im Westen auf der einen Seite, im Osten auf der andern 
Seite ist. Aber alle diese Krafte sind Wurzelkrafte, die sich weiter ent- 
wickeln konnen, die Blatter und Triebe und zuletzt Friichte treiben 
konnen, wenn sie sich nur griindlich selber verstehen. 

Der Westen ist in der Lage, in einer dem neueren Menschengeiste 
angemessenen Form wiederum eine solche Vorstellung, eine solche 
Empfindung vom Vatergotte zu erlangen, neben welcher die andern 
gottlich-geistigen Wesenhaftigkeiten des Sohnes und des Geistes ste- 
hen konnen. Aber vor alien Dingen ist es die Aufgabe des Westens, 
jenen Beitrag zu liefern, der in anderer Weise zu Vorstellungen, zu 
Empfindungen iiber den Vatergott hinfiihrt, als das friihere Zeiten 
gekonnt haben, die nur Ahnungen in dieser Beziehung erweckt ha- 
ben. Und wenn diejenigen Krafte sich ausbilden, welche im Osten 
vorzugsweise vorhanden sind, und die man nur in jener, man mochte 
sagen unverstandesmafiigen Art charakterisieren kann, daft man eine 
aufiere Gebarde anfiihren mufi, wenn man sie treffen will, diese Emp- 
findungen, diese Gefiihle, und die Willensimpulse, die sie im Gefolge 
haben, die werden, wenn sie sich weiter entwickeln, wenn sie aufneh- 



men die Krafte, die ihnen vom Westen her zustrahlen, einen angemes- 
senen Begriff, eine angemessene Empfindung von dem Sohnesgott 
entwickeln konnen. So daft man die Entwickelung in die Zukunft 
hinein nur richtig verstehen kann, wenn man das, was auf einzelnen 
Erdengebieten geleistet werden kann, als Beitrage auffafit zu einem 
Gesamtergebnis. 

Wenn wir heute gerade die hervorragendsten westlichen Geister 
betrachten, so sehen wir sie, wenn sie sich auch oftmals oder meistens 
dessen selbst nicht bewufk sind, in einem Ringen nach dem Begriff 
des Vatergottes, der sich aus den naturwissenschaftlichen Untergriin- 
den heraus ergibt. Wenn wir nach dem Osten hiniiberschauen, sehen 
wir, man mochte sagen aus den aufteren Gebarden der Menschen 
heraus, aus dem was aus Gemut und Wille kommt, ein Ringen nach 
einem Erfassen des Sohnesgottes, des Christus. Die Mitte ist hinein- 
gestellt zwischen diese beiden Extreme. Und gerade das, was im Lau- 
fe der neueren Zeit in der Kultur der Mitte sich entwickelt hat, zeigt 
uns dieses Hineingestelltsein. Das Charakteristische gerade der mo- 
dernsten Theologie der europaischen Mitte ist dieses, daft sie iiberall 
schwankt sowohl in bezug auf eine Vater- Auf fas sung wie in bezug auf 
eine Sohnes- oder Christus-Auffassung. Es wird das Streben nach 
einer solchen Auffassung ungeheuer ernst genommen. Aber gerade 
der Ernst dieses Strebens hat dieses Streben selber in zwei gesonderte 
Glieder auseinander getrieben. Wir sehen auf der einen Seite das Wis- 
sen sich entwickeln, und auf der andern Seite sehen wir den Glauben. 
Wir sehen, wie dem Wissen nur zugeteilt werden soil, was sich auf die 
Sinneswelt und alles, was zur Sinneswelt gehort, erstreckt, und wir 
sehen, wie einem Glauben, der nicht Wissen werden soil, zugeteilt 
wird alles, was des Menschen Verhaltnis zum Gottlich-Geistigen aus- 
macht. In diesem zwiespaltigen Streben driickt sich das aus, was auf 
der Suche ist, was aber ohne die Vereinigung mit den andern Gebieten 
der Erde, mit Ost und West, weder die ihnen adaquate Vorstellung 
und Empfindung des Vatergottes noch des Sohnesgottes bekommen 
kann. 

Wie auf dem geistigen Gebiete ein solches Zusammenarbeiten iiber 
den Erdkreis stattfinden soil, zeigt sich ganz besonders in den Anfan- 



gen, die damit gemacht worden sind bei dem russischen Philosophen 
Wladimir Solowjow. Dieser russische Philosoph hat aufgenommen in 
sein Denken die Gedankenformen des Westens. Wer sich eingelebt 
hat in die Gedankenformen des Westens, der findet bei Solowjow 
iiberall diese Form, aber er findet sie anders gehandhabt, als sie im 
Westen gehandhabt wird. Er mufi, wenn er mit den Vorbereitungen 
des Westens an Solowjow herankommt, zunachst nicht in bezug auf 
den Gedankeninhalt, wohl aber auf die Stellung des Menschen zu 
diesem Gedankeninhalt, umlernen. Er mufi eine vollstandige innere 
Metamorphose durchmachen. 

Man nehme einmal einen, ich mochte sagen Kardinalsatz Solow- 
jows, in den er hineingelegt hat vieles vom menschlichen Streben nach 
einer Erkenntnis des Menschenwesens selber und seines Verhaltnisses 
zur Welt. Er sagt: Der Mensch mufi streben nach Vollkommenheit. 
Und dieses Streben driickt sich in seinem Wahrheits streben aus. In- 
dem der Mensch die Wahrheit immer mehr und mehr mit seiner Seele 
vereinigen wird, wird er immer vollkommener und vollkommener 
werden. Und ohne dieses Vollkommenerwerden ware das Leben des 
Menschen wertlos. Der Mensch mufi die Aussicht haben, zu den 
hochsten Spitzen der Vollkommenheit durch die Wahrheit vordrin- 
gen zu konnen, sonst ware das Leben eine Nichtigkeit, eine Wert- 
losigkeit. Aber der Mensch mufi zugleich teilhaftig werden der Un- 
sterblichkeit, denn ein Sich-Vervollkommnen, das dem Tode verfallen 
wiirde, ware ein grofier Weltbetrug. [Zitat siehe Hinweis.] 

So etwas ist ausgedriickt durchaus in Wort- und Gedankenformen, 
die dem Westen nachgebildet sind, die Gedankenform entlehnt, die 
Wortform nachgebildet. Aber so, wie es ausgesprochen wird und so, 
wie der Impuls da ist, um es auszusprechen, so ist es im Westen un- 
moglich. Man kann das nicht bei irgendeinem Philosophen des We- 
stens in derselben Weise ausgesprochen finden. Man stelle sich nur 
einmal vor, dafi Mill oder Bergson so etwas aussprechen sollten! Man 
kann es sich nicht vorstellen. Und fur solche Dinge mufi man heute 
eine Empfindung haben. Man mufi eine Empfindung dafur haben, aus 
welchen Lebensquellen irgendwelche Worte hervorkommen. Der 
Wortinhalt wird immer bedeutungsloser gegeniiber einer Weltan- 



schauung. Die Empfindung, aus welchen Lebensquellen die Dinge 
herauskommen, das ist es, was eine Bedeutung hat. 

Heute kann man sich in dieser Weise ein Sprechen iiber den Men- 
schen, wie es Solowjow tut, nur bei einem Menschen vorstellen, der 
noch leibhaftig gewufit hat dasjenige, was im Grunde genommen je- 
der seiner Volksgenossen der Ikona, dem Muttergottesbilde gegen- 
iiber iibt, der drinnensteht in diesem Volkstum, aus dem heraus man 
ohne abstrakt-logische Grunde beweisen darf; in jenem Volkstum, 
dem die Beweise aus blofier abstrakter Logik heraus ein Geringeres 
gelten als solche Beweise aus dem ganzen Menschen heraus. 

Bis in diese Zeilen des Solowjow hinein fuhlt man, dafi es vom 
Osten heriiber aus dem ganzen Menschen herausklingt, nicht nur aus 
dem blofien intellektuellen menschlichen Verstande. Weil Solowjow 
aus seinem Volkstum heraus spricht und denkt und empfindet, tragt 
seine ganze Weltanschauung den Zug hin zu dem Christus. Weil er, 
ich mochte sagen wie ein Aufierliches aufgenommen hat die Gedan- 
kenformen des Westens, tragt seine Weltanschauung zu gleicher Zeit 
neben dem Christus-Zug den Zug hin zum Vatergotte. Daher finden 
wir bei ihm, was wir sonst in der Gegenwart fast nirgends mehr fin- 
den, eine urspriingliche, klare Scheidung im menschlichen Empfinden 
zwischen dem Wege zum Vatergott und dem Wege zum Christus, 
zum Sohnesgott. Man kann schon in einem solchen Geiste wie Wla- 
dimir Solowjow eine Andeutung finden zu dem, was fur die Zukunft 
kommen mufi. Denn kommen mufi ein Zusammenarbeiten der ver- 
schiedensten Lebensgebiete iiber die Erde hin. Das kann aber nicht 
kommen, wenn irgendein Lebensgebiet glaubt, das Ganze zu haben. 

Meine lieben Freunde, die Menschheit ist ausgegangen von einer 
Einheit. Und gehen wir zuriick in die dunklen grauen Urzeiten der 
Menschheitsentwickelung, finden wir eine Urweltweisheit, die aller- 
dings noch instinktiv war, die aber gerade als solche instinktive Weis- 
heit den ganzen Menschen erfiillte. Uber die ganze Erde hin verstan- 
digte man sich noch nicht durch den logischen Gehalt der Sprache, 
sondern man verstandigte sich in der Urweltweisheit aufierlich, weil 
man noch die innere Fahigkeit hatte, sich, ich mochte sagen in Gebar- 
den zu verstehen, von denen der heutige Mensch keine Ahnung mehr 



hat. Man verstandigte sich durch etwas, was heute hochstens erhalten 
geblieben ist in jenen Resten unserer Sprachschatze, die wir als Inter- 
jektionen, als Empfindungsworter bezeichnen. Natiirlich, wenn der 
Mensch seufzt: «Ach!», wenn der Mensch auftert: «Oh!», dann ver- 
steht man ihn iiberall! Solch einem Verstehen war das Verstehen zur 
Zeit der instinktiven Urweltweisheit ahnlich. Heute haben wir ver- 
lernt, in der ganzen Sprache so zu empfinden, wie die Urweltweisheit 
empfunden hat, und geblieben ist ein solches Empfinden mir gegen- 
iiber den Inter jektionen, den Empfindungswortern, welche wir ja nur 
ausnahmsweise gebrauchen. 

Nur in Parenthese soil gesagt werden, dafi es jetzt gerade charak- 
teristisch ist, dafi aus der Unbefriedigtheit der Menschen, die aus dem 
ganzen Chaotischen unseres Geisteslebens heraus erwachst, die Ro- 
manschriftsteller anfangen, in Inter jektionen zu schreiben. Man kann 
es heute schon antreffen, und ich zitiere dabei nicht, sondern ich cha- 
rakterisiere nur, wie es sein konnte. [Es wird an die Tafel geschrieben.] 
Man kann heute schon in irgendeinem Prosawerke etwa finden: «Ah! 
Tafel 2 Oh! Au! Jeh!», und dann beginnt es: «Wer» - dann kommen wieder 
einige Interjektionen. Wenigstens manche neuere Romanprodukte 
zeigen, dafi wir auf diesem Wege sind. Sie sind symptomatisch nicht 
ohne Bedeutung. Das sei nur in Parenthese gesagt. 

Aber wir haben verlernt, in die Sprache hineinzutragen dasjenige, 
was wir heute nur in die Empfindungsworter hineintragen. Denken 
Sie nur einmal, wenn wir «Anthropos» sagen - es bedeutet «Mensch». 
Ich will jetzt die Untergriinde nicht hervorheben, warum es 
«Mensch» bedeutet. Wenn wir « Anthropoiden» sagen, so sind das die 
hoheren, menschenahnlichen Tiere. Es hangt das zusammen mit dem- 
jenigen Worte, welches «ahnlich sein» bedeutet, ein Dem-Menschen- 
ahnlich-Sein. In der Endsilbe «oiden» driickt sich das Ahnlichsein 
aus. Nun besteht ein merkwiirdiger Zusammenhang zwischen dem 
Griechischen und zum Beispiel dem Deutschen. Nur ist im Deut- 
schen dieses, was sich hier in dem Ahnlichsein ausdriickt, in der 
Nachsilbe «ig» oder «ich» enthalten. Wenn wir also zum Beispiel 
«Wicht» haben, was zusammenhangt mit «Gewicht», mit demjenigen, 
was schwer ist: Wenn wir es spottisch sagen, sagen wir es auch durch 



die Kontrastwirkung fur das besonders «Leichte»; wenn wir es aber 
anwenden wollen in Eigenschaftsform, so daft die Eigenschaft ahnlich 
ist demjenigen, was im «Gewicht» liegt, dann sagen wir «wichtig». 
Wir drucken also in diesem «wichtig» etwas aus wie: ahnlich dem 
Gewichte. 

Aber denken Sie, wenn wir das «ig», das wir ja so aussprechen wie 
«ich», wenn wir dieses «ich» fur sich aussprechen, so haben wir die 
deutsche Bezeichnung fur das Ego, fur das eigene Wesen, wenn wir es 
bezeichnen wollen. Und das ist durchaus auch eine etymologische 
Wahrheit. In dem «Ich» liegt das Hinstreben nach demjenigen Wesen 
in dem Menschen, das durch seine Totalitat Welt-ahnlich werden kann. 
«Ich» - All-ahnlich, [ein] Mikrokosmos gegeniiber dem Makrokos- 
mos. Man darf allerdings, wenn man solche Dinge einsehen will, nicht 
blofi auf jene oberfiachlichen Betrachtungen eingehen, die heute von 
Etymologie oder Sprachwissenschaft betrieben werden, sondern man 
mufi um eine Schicht, um eine Stufe tiefer gehen und sich fur die 
Lautzusammenhange einen gewissen Sinn erwerben konnen. 

Das fuhrte ich nur an, um einen der Ziige zu charakterisieren, die 
uns dahin bringen miissen, in die Sprache wiederum unterzutauchen 
nach einem viel lebendigeren Inhalte, als wir ihn heute in den Spra- 
chen der Welt haben. Wir miissen eben dahin kommen, die Worte 
nicht als Worte zu nehmen, sondern sie aufzusuchen in ihren Lebens- 
wurzeln. Wir miissen verstehen lernen, dafi zwei das vollstandig 
Gleiche sagen konnen und dafi es dennoch verschieden ist, je nach- 
dem es aus der einen oder der andern Lebensweise stammt. Eine sol- 
che Vertiefung der Empfindungen werden wir aber brauchen, wenn 
wir in jenes Zusammenarbeiten der Menschheit iiber den Erdball hin 
eingehen wollen, das notwendig sein wird, wenn die Menschheit 
wiederum einen Aufstieg erleben soli. 

Es geniigt nicht, dafi man den Christus nur anspricht als: «Herr, 
Herr!» - Der Christus mufi etwas werden, was den ganzen Menschen 
ausfiillt. Das kann nur geschehen, wenn man sich eben mit seinem 
Verstande an etwas anlehnt, das uns etwa dann entgegentritt, wenn 
wir hinblicken zu der Urweltweisheit und uns sagen: Sie machte die 
Menschheit zu einer Einheit. - Das war aber eine Einheit, innerhalb 



welcher die Individuality des einzelnen verlorenging. Dann ging die 
Evolution weiter. Immer mehr und mehr trat die Individualisierung 
der Menschheit ein. Immer mehr fuhlten sich die Menschen jenem 
Punkte entgegengehend, wo jeder sich als Einzelner fuhlen mufke, 
denn das ist allein die Gewahr fiir das Erfuhlen der Freiheit. Da mufi- 
te in die Menschenentwickelung sich etwas ergiefien, was nun wieder- 
um liber die ganze Erde hin Einheit bringen kann, und das, was sich 
da ergossen hat, das ist die Christus-Wesenheit. Und erst dann wird 
man die Christus-Wesenheit richtig verstehen, wenn man im Hin- 
blicke auf sie fuhlen wird den Impuls zu einer sozialen Menschheits- 
vereinigung liber die ganze Erde hin. Und auch umgekehrt kann man 
sagen: Zu einem richtigen sozialen Impuls iiber die ganze Erde hin 
fuhrt nur die richtig verstandene Christus-Wesenheit. 

Wir blicken hin auf die Urweltweisheit, die sich aus gewissen in- 
stinktiven Untergriinden heraus zu gewissen Hohen des Schauens - 
nicht unseres heutigen, sondern des alten Schauens - entwickelt hat. 
Wir finden dieses Schauen in seinem letzten Ausbildungsstadium wie 
durch ein Weltsymbolum ausgedriickt bei demjenigen, was die drei 
Weisen aus dem Morgenlande, die Magier aus dem Morgenlande zu 
dem Christus Jesus hin getragen haben. Was sie zu dem Christus Jesus 
fiihrte, ist uralteste und damals hochste Menschenweisheit. Und wir 
finden zu gleicher Zeit durch einen andern Evangelisten ausgedriickt 
die Art, wie der einzelne Mensch einfach aus den innersten Kraften 
seiner Seele heraus, wie im Traume, wo der einzelne auch mit sich 
allein ist - auch wenn er in Gesellschaft ist, allein ist wir finden, wie 
aus der Einsamkeit ihrer Seele traumend die Hirten auf dem Felde 
nun auch zu dem Christus Jesus hingefiihrt werden: der erste Auf- 
gang eines neuen Zeitalters. Die Menschheit hatte schon vom 4. nach- 
christlichen Jahrhundert ab nicht mehr die Weisheit der Magier aus 
dem Morgenlande. Und in dem Zeitpunkte des Mysteriums von Gol- 
gatha haben wir Urweltweisheit in ihrer hochsten Ausbildung, die 
dann verglimmt, sich begegnend, verschlungen mit demjenigen, was 
zunachst in hochster Weisheitsarmut auftritt, was aber immer weitere 
Ausbildung erfahren mufi, so da£ es zuletzt in jedem einzelnen Men- 
schen wurzeln kann, aber auch alle Menschen miteinander verbindet. 



Diejenige Weisheit, welche die Magier aus dem Morgenlande hin- 
gefiihrt hat zu dem Christus Jesus, sie hat in seiner Jugend Augustinus 
noch versucht, aus ihren letzten Resten zu erhalten. Aber Augustinus 
hat sie bereits in einer Form empfangen, in der er sich auf die Dauer 
nicht zu ihr bekennen konnte. Sie war eben in den vollstandigen Nie- 
dergang gekommen. Und Augustinus mulke sich wenden zu dem, 
was im Anfange der Entwickelung da war, was immer weiter und 
weiter gehen muE, was gesucht werden mufS, damit die Menschheit 
wiederum zur Vereinigung uber den ganzen Erdkreis kommen kann. 

Wenn wir diese Andeutungen - denn Andeutungen soilen es zu- 
nachst nur sein - in der richtigen Weise verfolgen, dann werden sie 
Krafte abgeben, die defer und immer tiefer in das Verstandnis der 
Christus-Wesenheit, in das Verstandnis des Mysteriums von Golga- 
tha hineinfuhren. Das ist es, was ich zu den Betrachtungen der letzten 
Woche heute noch habe hinzufugen wollen. 

Den nachsten Vortrag werde ich dann morgen um 8 Uhr hier 
halten. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 8. Januar 1922 



Die Entwicklung des religidsen Lebens 
in den nacbatlantischen Kulturen 

Wir wollen heute von einem andern Gesichtspunkte aus, als das ge- 
stern geschah, die Differenzierung innerhalb der Menschheit betrach- 
ten, und zwar heute von einem historischen Gesichtspunkte aus. Wir 
wollen einmal mit dem ausgesprochenen Ziel, das Verstandnis fur die 
Gegenwart zu fordern, die menschliche Entwickelung von dem Zeit- 
punkte an betrachten, unmittelbar nachdem die atlantische Katastro- 
phe voriiber war. Wenn wir innerhalb der menschlichen Evolution 
iiberhaupt von Zivilisationsentwickelung sprechen, haben wir dann 
die erste maftgebliche Entwickelungsperiode dieser Art zu suchen in 
der alten indischen Kulturepoche. Und da finden Sie in meiner «Ge- 
heimwissenschaft im UmrifS» von einem gewissen Gesichtspunkte 
aus eine Charakteristik dieser besonderen Kulturart, welche die des 
uralten Indiens war, jener Kulturart, von der in den mit Recht be- 
wunderten Veden und in der mit Recht bewunderten altindischen 
Philosophic nur noch Nachklange vorhanden sind, denn es gibt keine 
geschriebenen Urkunden aus dem, was in dieser Beziehung als indi- 
sche Kultur genannt wird. Wenn wir unsere heutigen Worte gebrau- 
chen, so mussen wir diese uralt indische Kultur bezeichnen als eine im 
eminentesten Sinne religiose Kultur. Aber wir werden dann trotzdem 
mit dieser Bezeichnung nur das Richtige treffen, wenn wir uns iiber 
das, was eigentlich gemeint ist, mehr aussprechen. 

Das religiose Element dieser uralt indischen Kultur war ein sol- 
ches, daft es zu gleicher Zeit alles umfafit hat, was wir von unserem 
heutigen Gesichtspunkte aus in Wissenschaft und Kunst anerkennen. 
Das gesamte Geistesleben des vollen Menschen wurde umfalk von 
dieser Kultur, die wir, weil es trotzdem die treffendste Bezeichnung 
ist, als eine religiose Kultur bezeichnen mussen. Diese religiose Kul- 
tur erzeugt in den Menschen das Gefuhl, daft sie in den Tiefen ihres 



Wesens verbunden sind mit einer gottlich-geistigen Welt. Und dieses 
Gefuhl wurde in einer so intensiven Weise ausgebildet, daft das ganze 
Leben eigentlich durchleuchtet war von ihm, daft die helleren Be- 
wufttseinszustande des Menschen, die unsere Wachzustande vorbe- 
reiteten, und auch seine traumhaften Zustande, die sich dann in unser 
chaotisches Traum- oder Schlafleben in der weiteren Evolution ver- 
loren haben, daft diese beiderlei Zustande durchzogen waren von 
diesem intensiven Bewufitsein der Verbindung des Menschlichen mit 
einem Gottlich-Geistigen. 

Aber wir diirfen nur diese allgemeine Charakteristik des Religiosen 
von unseren Begriffen hernehmen. Denn unsere Begriffe verfuhren 
uns zu stark dazu, das Religiose als etwas Allgemeines, als etwas von 
dem ubrigen Leben in einer gewissen Weise abstrakt Ferneliegendes zu 
betrachten. Bei denjenigen Menschen, von denen wir hier sprechen, 
war das Religiose so, daft sie in den Inhalten, die sie mit dem Religiosen 
verbanden, zu gleicher Zeit ganz bestimmte Bilder, also ein bildhaftes 
Wissen hatten von dem Wesen des Menschen, und daft sie ein aus- 
gebreitetes bildhaftes Wissen hatten von dem Bau des Weltenalls. 

Wir miissen uns allerdings vorstellen, daft dasjenige, was in der 
Weltanschauung dieser Menschen an bildhaftem Wissen von dem 
Bau des Weltenalls lebte, sich in keiner Weise vergleichen laftt mit 
dem, was wir etwa heute in unseren astronomischen oder astrophy- 
sischen Kenntnissen haben. In diesen astronomischen und astrophy- 
sischen Kenntnissen haben wir eine Art Mechanismus des Welten- 
alls. Die alte indische Bevolkerung hatte ein Weltenall, das in den 
bildhaften Vorstellungen dieser Menschen bewohnt war von gott- 
lich-geistigen Wesenheiten. Von irgendwelchen in aufterlichen, bloft 
mechanischen Formeln auszusprechenden Beziehungen von Gestir- 
nen und von Bewegungen von Gestirnen in unserem Sinne konnte 
eigentlich noch nicht die Rede sein. Wenn diese Menschen aufblick- 
ten zum gestirnten Himmel, dann war es ja fur sie so, daft sie in den 
aufieren Sternkonstellationen und Sternbewegungen nur etwas 
sahen, was ihnen in ihrem bildhaften Bewufttsein gut bekannt war, 
was sie schauten. Es war etwa so, daft man die Sache in der folgen- 
den Art charakterisieren kann: 



Nehmen wir an, wir haben irgendwo eine reichbelebte Szene gese- 
hen, in der Menschen sich getummelt haben, in der Menschen allerlei 
verrichtet haben. Wir waren etwa Teilnehmer irgendeines Festes, bei 
dem man mancherlei vollbracht hat. Wir gehen nach Hause. Am 
nachsten Tag bekommen wir eine Zeitung mit einem Bericht iiber 
dieses Fest, das wir selbst gesehen haben. Wir lassen unseren Blick 
fallen auf die toten Buchstaben, deren Bedeutung wir allerdings ken- 
nen, und die, wenn wir sie lesend verbinden, uns einen schwachen, 
abgeblafiten Begriff geben von dem, was wir in aller Lebendigkeit am 
vorhergehenden Tage erlebt haben. So etwa war das, was in dieser 
uralten indischen Zeit von den Menschen in ihrem instiktiven Schau- 
en erfalk worden war, und im Verhaltnis dazu dasjenige, was sie in 
den Sternkonstellationen und Sternbewegungen sahen. Diese Stern- 
konstellationen und Sternbewegungen waren eben nur Schriftzei- 
chen, man konnte sagen blasse Schriftzeichen. Und wenn sie diese 
Schriftzeichen etwa, sagen wir nur abgemalt hatten und auf Papier 
gehabt hatten, so wurden sie das durchaus als eine blofie Schrift iiber 
die Wirklichkeit empfunden haben. 

Was fur das Schauen dieser Menschen hinter diesen Schriftzeichen 
war, fur das entwickelten sie nicht nur eine vorstellungsgemafie Er- 
kenntnis, sondern zu gleicher Zeit ein liebendes Gefiihl. Sie konnten 
das, was sie da in Bildern iiber das Weltenall erfalken, nicht etwa blofi 
mit gleichgiiltigen Vorstellungen aufnehmen, sondern sie entwickel- 
ten dafiir ein lebendiges Gefiihl. Und zu gleicher Zeit entwickelten sie 
dafiir etwas, was man nennen konnte ein standiges Empfinden, dafi 
alles, was sie taten, auch die kompliziertesten Handlungen, ein Aus- 
druck des vom gottlich-geistigen Wesen erfiillten Kosmos waren. Der 
Mensch fuhlte seine Glieder durchdrungen von diesem gottlich-gei- 
stigen kosmischen Wesen. Er fuhlte seinen Verstand durchdrungen 
von diesem gottlich-geistigen Wesen, seinen Mut und seinen Willen. 
So dafi der Mensch eben auch sagen konnte, wenn er von seinen eige- 
nen Handlungen sprach: Gottlich-geistige Wesen tun das. - Und da in 
jenen alten Zeiten die Menschen sehr wohl wuiken, dafi unter diesen 
gottlich-geistigen Wesen auch Luzifer und Ahriman sind, so waren 
sie sich eben auch bewufk, daft, indem Gottlich-Geistiges in ihnen 



waltete, sie auch das Bose neben dem Guten tun konnten. [Wahrend 
der folgenden Seiten wird an die Tafel geschrieben. Siehe dazu das 
Schema am Ende des Vortrages.] 

Ich mochte mit dieser Auseinandersetzung eine Vorstellung davon 
hervorrufen, wie den ganzen Menschen erfiillend und den ganzen 
Menschen in Zusammenhang bringend mit der Fiille des Kosmos die- 
se kosmische Religion beschaffen war, die eine kosmische Weisheit, 
aber auch zu gleicher Zeit eine den Menschen offenbarende Weisheit 
war. Und gerade darin besteht der Fortschritt in der Entwickelung 
der Menschheit, dafi nun vor alien Dingen zunachst das allerintensiv- 
ste religiose Gefiihl abblafke. Gewifi, Religion blieb fur alle spateren 
Zeiten, aber die Intensitat des religiosen Lebens, wie es in diesen er- 
sten indischen Zeiten vorhanden war, die blafite ab. Vor alien Dingen 
blafke zuerst die Empfindung ab fur das Darinnenstehen mit seinen 
Handlungen, mit seinen Willensimpulsen, im Bereich der gottlichgei- 
stigen Wesenheiten. Nicht etwa, als ob der Mensch in der urpersi- 
schen Zeit, also in der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, dieses 
Gefiihl des Darinnenstehens gar nicht mehr gehabt hatte. Er hat es 
gehabt, nur abgeblaftt war es. In der ersten Zeit der nachatlantischen 
Kulturentwickelung war dieses Gefiihl etwas Selbstverstandliches. In 
der zweiten nachatlantischen Kulturblute, in der urpersischen Zeit, 
blafke eben das tiefste, das intensivste Religiose ab, und der Mensch 
mufite schon beginnen, aus sich heraus etwas zu entwickeln, um in 
einer mehr aktiven Weise, als das zunachst der Fall war, seine Verbin- 
dung mit dem kosmisch Gottlich-Geistigen zu erfassen. So dafi man 
sagen konnte: In der ersten nachatlantischen Zeit hatte man die inten- 
sivste Religion, und man hatte in der zweiten nachatlantischen Zeit 
eine abgeblafite Religion, aber der Mensch mufite innerlich aktiv 
etwas entwickeln, was ihn wieder verbindet mit den kosmisch- 
geistig-seelischen Wesenheiten. 

Wenn wir heute ein Wort dafur anwenden wollen, so konnen wir 
aus dem Bereich der Worte, die uns bekannt sind, ein Wort wahlen, 
das allerdings erst spater gepragt worden ist. Aber wir nehmen es 
eben doch aus einer Zeit, in der man noch ein Bewufitsein von dem 
hatte, was eigentlich einmal in Urzeiten in der Menschheitsentwicke- 



lung vorhanden war. Wenn der Urinder hinaufschaute zum Himmel, 
dann empfand er iiberall einzelne Wesenheiten, diese oder jene gott- 
lichgeistigen Wesenheiten nebeneinander, sozusagen eine Bevolke- 
rung von gottlich-geistigen Wesenheiten. Das war abgeblafit und, 
man mochte sagen was individualisiert war, was als einzelne gottlich- 
geistige Wesenheiten da war, das blafite so ab, daft es im allgemeinen 
wie ein geistiger Kosmos war. Man konnte es sich auch unter dem 
folgenden Bilde vorstellen: Denken Sie sich einmal, Sie sehen meinet- 
willen einen Vogelschwarm ganz in der Nahe. Sie sehen einzelne 
Vogel. Diese entfernen sich immer weiter und weiter, und es wird eine 
schwarze Masse, es wird ein einheitliches Gebilde. So wurde der 
gottlich-geistige Kosmos, indem sich die Menschen von ihm geistig 
entfernten, ein einheitliches, in sich verschwommenes Gebilde. 

Noch die Griechen hatten gewissermafien ein Nachgefuhl davon, 
dafi so etwas eben doch der menschlichen Betrachtung einmal zu- 
grunde gelegen hatte. Daher nahmen sie in ihre Sprache herein das 
Wort «Sophia». Was als ein gottlich-geistiger Kosmos vorhanden war, 
das ergofi sich einst in den Menschen selbstverstandlich, nahm der 
Mensch selbstverstandlich hin. Dem, was jetzt, man mochte sagen, 
unter geistiger Entfernung in dieser Vereinheitlichung gesehen wur- 
de, dem mufite man etwas von innen entgegenbringen. Und das 
bezeichneten dann die Griechen, die noch ein Gefuhl davon hatten, 
mit dem: Ich liebe = philo. - So dafi man sagen kann, in dieser zweiten 
nachatlantischen Periode, in der urpersischen Periode, war bei den 
Eingeweihten an der Stelle des alten ungeteilten Religiosen eine Zwei- 
Tafel3 heit vorhanden: Philosophic, Religion. Die Philosophic hatte man 
sich errungen. Die Religion war das Uberlieferte, aber das in der 
Uberlieferung abgeblafit Gewordene. 

Wenn wir weiter vorriicken zu der dritten nachatlantischen Peri- 
ode, so kommen wir zu emem weiteren Abblassen des Religiosen. 
Wir kommen aber auch zu einem Abblassen der Philosophic, und wir 
miissen uns den konkret-realen Vorgang in der folgenden Weise vor- 
stellen: Wahrend in der urpersischen Zeit durchaus dieses Einheitsge- 
bilde der kosmischen Wesenheiten vorhanden war und empfunden 
wurde als das den Weltenraum durchziehende Licht, das Urlicht, die 



Ur-Aura, Ahura Mazdao, kamen jetzt die Menschen, indem sie sich 
noch weiter entfernten von dieser Anschauung, dazu, schon in einer 
gewissen Weise den Gang der Sterne, die Konstellation der Sterne 
mehr in Betracht zu ziehen, nicht mehr in erster Linie zu empfinden 
das wesenhafte Gottlich-Geistige dahinter, sondern mehr zu empfin- 
den die Schrift. Und daraus entstand dann etwas, was wir in der chal- 
daischen Weisheit, in der agyptischen Weisheit, in zwei verschiedenen 
Formen haben. Es entstand dasjenige, was in sich schlofi eine Er- 
kenntnis iiber die Sternkonstellation, iiber die Sternbewegungen. 
Aber die innere Aktivitat des Menschen war noch bedeutsamer ge- 
worden. Der Mensch mulke jetzt seine Liebe nicht nur verbinden mit 
dieser gottlichen Sophia, die als das Urlicht die Welt durchglanzte, 
sondern der Mensch mufite verbinden sein eigenes Schicksal, seine 
eigene Stellung in der Welt mit dem, was da in einer Weltenschrift 
durch die Sternkonstellation und durch die Sternbewegungen zu 
schauen war innerhalb des Kosmos. Und dasjenige, was jetzt neu er- 
rungen wurde, war daher eine Kosmo-Sophia. Diese Kosmosophie 
enthielt zwar noch durchaus den Hinweis auf die gottlich-geistigen 
Wesenheiten, aber man sah schon mehr das, was nur der kosmische Tafeln 

3 + 4 

Schriftausdruck fur die Taten dieser Wesenheit ist. Und daneben blieb 
eben wiederum abgeblalk das, was Philosophic und was Religion war. 

Wenn wir dies verstehen wollen, dann miissen wir uns eben klar 
sein dariiber, daft das, was wir heute noch Philosophic nennen, natiir- 
lich nur ein ganz schwaches, abgeblafites Schattenbild ist von dem, 
was etwa in den Mysterien der dritten nachatlantischen Epoche noch 
als etwas Lebendigeres empfunden wurde, was dann die Griechen in 
einer weiteren Abblassung Philosophic genannt haben. Wenn wir 
aber die dritte nachatlantische Epoche betrachten, so sehen wir iiber- 
all in deren Kultur diese drei Glieder des menschlichen Geisteswesens 
ausgesprochen: eine Kosmosophie, eine Philosophic, eine Religion. 
Und wir bekommen nur die rechten Vorstellungen davon, wenn wir 
uns zu sagen wissen, dafi bis in diesen Zeitpunkt hinein die Menschen 
so lebten, daft sie eigentlich mit ihrer Seele mehr aufier dem Irdischen 
als im Irdischen lebten. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus 
zum Beispiel die agyptische Kultur betrachten - bei der chaldaischen 



war es noch ausgesprochener -, so sehen wir sie nur in richtiger Wei- 
se, wenn wir uns sagen: Ja, diejenigen Menschen, die iiberhaupt An- 
teil hatten an dieser Kultur, die verfolgten mit innigem Anteil, wenn 
der Abend herankam, die Konstellation der Gestirne. Sie erwarteten 
zum Beispiel gewisse Erscheinungen des Sirius, sie sahen sich die Pla- 
netenkonstellationen an, und sie bezogen das, was sie da anschauen 
konnten, darauf, wie ihnen der Nil dasjenige gab, was sie zu ihrem 
irdischen Leben brauchten. Aber sie sprachen eigentlich nicht in er- 
ster Linie von dem Irdischen. Dieses Irdische war ihnen ein Feld ihrer 
Arbeit. Aber wenn sie iiber das Feld sprachen, das sie bearbeiteten, so 
sprachen sie eigentlich so dariiber, dafi sie es anschauten als in Bezie- 
hung stehend zu dem Aufierirdischen. Und sie bezeichneten die ver- 
schiedenen Gestaltungen, welche der von ihnen bewohnte Erdenfleck 
im Laufe der Jahreszeiten annahm, nach dem, wie die Gestirne sich in 
diesen aufeinanderfolgenden Jahreszeiten offenbarten. Sie beurteilten 
die Erde nach dem Himmel. Der Tag war ihnen etwas, das ihnen vom 
seelischen Standpunkte aus eigentlich Dunkelheit entgegenbrachte. 
Und Helligkeit kam in diese Dunkelheit hinein, wenn sie das, was der 
Tag brachte, deuten konnten aus dem, was sie erschauen konnten in 
der Nacht am gestirnten Himmel. 

Was die Leute in der damaligen Zeit empfanden, wiirde man etwa 
so aussprechen: 

Tafel 4 O dunkel ist der Erde Antlitz 

Wenn die Sonne blendend dunkelt 
Dock hell wird mir mein Tagefeld 
Wenn die Seele es beleuchtet durch Sternenweisheit 

Wenn man einen solchen Satz aufschreibt, so kann man in ihm 
empfinden, wie eigentlich die Gefiihlswelt dieser dritten nachatlanti- 
schen Periode war. Und man bekommt vielleicht gerade von einer 
solchen Betrachtung aus ein Gefiihl davon, wie diejenigen Menschen, 
die noch darinnenstanden in den Nachklangen eines solchen Empfin- 
dens, zu den spateren Griechen, zu den Angehorigen der vierten 
nachatlantischen Kulturperiode sagen konnten: Eure Anschauung 
der Welt, euer ganzes Leben ist kindlich, denn ihr wifit eigentlich nur 



noch etwas von der Erde. Eure Vorfahren in alten Zeken haben ge- 
wufit, die Erde mit dem Licht des Himmels zu beleuchten, ihr aber 
lebt im Dunkel der Erde. 

Allerdings empfanden die Griechen schon dieses Dunkel der Erde 
als hell. Die Griechen hatten schon durchaus die Tendenz, die Kosmo- 
sophie allmahlich zu iiberwinden und sie zu verwandeln. Und indem 
alles das, was von den Himmelsweiten hereinschaute, noch weiter ab- 
geblalk wurde, hatten sie schon die Kosmosophie in eine Geosophie 
verwandelt. Und die Kosmosophie war fur sie eigentlich nur eine 
Tradition. Sie war fur sie etwas, was sie lernen konnten, wenn sie zu- 
riickblickten zu denen, die ihnen das Entsprechende iiberlassen hatten. 

So etwa stand Pythagoras, man mochte sagen an der Schwelle des 
vierten nachatlantischen Zeitalters, indem er herumzog bei den 
Agyptern, Chaldaern und weiter hinein nach Asien, um da aufzuneh- 
men, was diese Menschen noch ihm iiberliefern konnten von der 
Weisheit, die ihre Urvater in den Mysterien als ihre Kosmosophie, als 
ihre Philosophic, als ihre Religion gehabt hatten. Und dasjenige, was 
dann noch verstanden werden konnte, war dann eben Kosmosophie, 
Philosophic, Religion. 

Nur war diese Geosophie der Griechen - das beachtet man heute 
viel zu wenig - doch noch in bezug auf das Irdische ein solches Wis- 
sen, eine solche Weisheit, dafi der Mensch wirklich sich verbunden 
fiihlte mit der Erde, und dafi dieses Verbundensein mit der Erde einen 
durchaus seelischen Charakter hatte. Bei dem gebildeten Griechen 
hatte das Verbundensein mit der Erde einen seelischen Charakter. Die 
besondere Art, welche die Griechen hatten, Quellen zu beleben mit 
Nymphen, den Olymp zu beleben mit den Gottern - kurz, alles das 
als eine Lebensanschauung auszubilden, was nicht auf eine Geologie 
hinweist, wo man nur mit Begriffen die Erde umspannt, sondern auf 
eine Geosophie, wo eben Wesenhaftes in der Erde erlebend erkannt 
und erkennend erlebt wird - das war etwas, was die heutige Mensch- 
heit nur noch in der Abstraktion kennt, was aber noch durchaus 
lebendig war bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert herein. 

Bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert herein hatte man 
noch etwas von einer solchen Geosophie. Und auch von dieser 



Geosophie blieb noch einiges in der Tradition erhalten. Was wir bei 
Scotus Eriugena finden zum Beispiel, der von der irischen Insel und 
deren Mysterien das mitgebracht hatte, was er dann in seiner Schrift 
«Uber die Teilung der Natur» zum Ausdrucke gebracht hat, das 
kann nur verstanden werden, wenn man das, was sich als das Ergeb- 
nis einer solchen Tradition ergibt, aus einer Geosophie heraus auf- 
fafit. Denn in der funften nachatlantischen Periode, die sich dann 
vorbereitete und die mit dem 15. Jahrhundert heraufkam, blafite 
auch diese Geosophie ab, und was jetzt kam, das war, daft der 
Mensch eigentlich verloren hatte das innerliche Miterleben mit dem 
Weltenall. Geosophie verwandelte sich, mochte man sagen, in Geo- 
logic Das ist im weitesten Sinne zu fassen, nicht nur wie die heutige 
Schulphilosophie das meint. Kosmosophie verwandelte sich in Kos- 
mologie; Philosophic behielt man bei, machte aber ein abstraktes 
Wesen daraus, das eigentlich in Wahrheit Philologie genannt werden 
mufke, wenn nicht der Name schon in Anspruch genommen ware 
von etwas noch viel Greulicherem, als man in der Philosophic haben 
mochte. 

Es blieb dasjenige lib rig, was Religion ist, was schon ganz abseits 
steht von der eigentlichen Erkenntnis, was im Grunde genommen 
von dem Menschen nur noch aus den Traditionen angenommen wird. 
Denn religionsschopferische Naturen treten in dieser funften nachat- 
lantischen Periode nicht mehr im allgemeinen Zivilisationsleben auf. 
Betrachten Sie alles, was da kam: religionsschopferische Naturen im 
eigentlichen Sinne des Wortes waren nicht mehr da. Aber das hat ja 
auch seine Berechtigung. In den Zeitraumen vorher, in der ersten, 
zweiten, dritten, vierten nachatlantischen Periode gab es immer reli- 
gios schopferische Naturen, religionsschopferische Personlichkeiten, 
denn es konnte noch immer etwas hereingeholt werden aus dem Kos- 
mos, oder wenigstens konnte noch etwas heraufgeholt werden aus 
der Erde. Und in den griechischen Mysterien, in denjenigen Myste- 
rien, die man im Gegensatze zu den Himmelsmysterien die chthoni- 
schen Mysterien nennt, die aus den Tiefen der Erde heraufholten ihre 
Inspiration auf die verschiedenste Weise, in diesen Mysterien kam 
vorzugsweise die Geosophie zustande. 



Mit dem Hineingehen in die ftinfte nachatlantische Periode und 
dann mit dem Darinnenstehen in diesem Zeitabschnitt wurde der 
Mensch auf sich selbst zuriickgewiesen. Er brachte die «Logie», er 
brachte dasjenige, was nun aus ihm selbst herauskommt, zum Vor- 
schein, zur Offenbarung. Und so wird die Welterkenntnis eine Welt 
der abstrakten, der logischen Begriffe, eine Welt der abstrakten Ideen. 
In dieser Welt der abstrakten Ideen lebt der Mensch seit dem 15. Jahr- 
hundert. Mit dieser Welt der abstrakten Ideen, die er dann zusam- 
menrechnet in die Naturgesetze, sucht er jetzt von sich aus dasjenige 
zu erfassen, was dem fruheren Menschen sich geoffenbart hat. Daft es 
in dieser Periode nicht mehr religionsschopferische Naturen gibt, hat 
eine gewisse Berechtigung, denn es fallt in den vierten nachatlanti- 
schen Zeitraum das Mysterium von Golgatha, und dieses Mysterium 
von Golgatha gibt die letzte Synthesis des religiosen Lebens. Das gibt 
diejenige Religion, die der Abschluft der irdischen Religionsstromun- 
gen und -strebungen sein sollte. Und in religioser Beziehung konnen 
eigentlich alle folgenden Zeiten nur auf dieses Mysterium von Golga- 
tha zuriickweisen. 

Indem also gesagt wird, daft seit der fiinften nachatlantischen Kul- 
turzeit nicht eigentlich mehr religios produktive Naturen auftreten 
konnen, wird damit nicht etwas Tadelndes, etwas Kritisches gegen- 
iiber der Geschichtsentwickelung gesagt, sondern es wird etwas ge- 
sagt, was gerade etwas Positives ist, weil es sich durch das Auftreten 
des Mysteriums von Golgatha rechtfertigen lafit. 

So konnen wir uns den Gang der Menschheitsentwickelung in 
Bezug auf die geistigen Stromungen und die geistigen Bestrebungen 
vor Augen stellen. So konnen wir sehen, wie es dazu gekommen ist, 
dafi wir heme drinnenstehen in dem, was im Grunde genommen nicht 
mehr einen Zusammenhang mit der Umwelt hat, sondern was etwas 
aus dem Menschen Herausgesponnenes ist, aber etwas, in dem der 
Mensch doch produktiv ist und immer mehr produktiv werden mufi. 
Denn indem er dieses Abstrakte weiter ausbildet, wird er eben durch 
Imagination wiederum zu einer Art Geosophie und Kosmosophie 
aufriicken. Er wird durch die Inspiration die Kosmosophie vertiefen 
und zu einer wahren Philosophie aufriicken, und er wird dann durch 



Intuition die Philosophic vertiefen und zu einer wirklich religiosen 
Weltauffassung, die nun auch mit der Erkenntnis wiederum eins sein 
kann, vorriicken konnen. 

Man mochte sagen, daft wir eigentlich heute erst im Allerelementar- 
sten dieses Fortschrittes stecken. Selbst mit dem, was wir nun 
heute schon fassen konnen als eine Wiedergabe von geistigen Offen- 
barungen, die ja seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der 
geistigen Welt in die irdische hereinleuchten und in dieser Idee auf- 
gefafit und empfangen werden konnten, selbst damit stehen wir 
eigentlich im Anfange, in einem Anfange, der einem ein Bild aufdrangt, 
welches charakteristisch sein kann fur die Auffassung, die heute von 
der aufteren, ganz abstrakten Kultur den ersten konkreten AuEerun- 
gen und Mitteilungen aus der geistigen Welt entgegengebracht wird. 
Wenn man heute iiber die geistige Welt spricht, und die anerkannte Er- 
kenntnis hort das in ihren Vertretern, dann wird diesen Auseinander- 
setzungen iiber die geistige Welt eine solche Art des Verstandnisses 
entgegengebracht, die man natiirlich ein Unverstandnis nennen mufi, 
Denn was da entgegengebracht wird, lalk sich vergleichen mit dem 
Folgenden: Nehmen wir an, ich wiirde einen Satz hier aufschreiben, 
und derjenige, der dann das Stiickchen Papier bekommt, wiirde, um zu 
einem Verstandnis dessen zu kommen, was ihm da gegeben worden ist, 
die Tinte analysieren. So etwa ist es, wenn unsere Zeitgenossen iiber 
Anthroposophie schreiben, wie wenn jemand, der einen Brief be- 
kommt, die Tinte analysiert. Diesen Eindruck hat man immer. Dieses 
Bild kann einem eben naheliegen, wenn man ausgegangen ist von einer 
Betrachtung, dafi ja selbst die Sternkonstellation und die Sternbewe- 
gung fur die erste Menschheitsentwickelung in der nachatlantischen 
Periode nur etwas wie ein Schriftausdruck waren fur das, was sie als die 
geistige Bevolkerung, mochte ich sagen, des Kosmos erlebte. 

Man stellt heute solche Dinge vor eine gewisse Zahl von Menschen 
hin, um doch ein Gefiihl dafiir hervorzurufen, daft dasjenige, was als 
Anthroposophie auftritt, nicht aus irgendwelchen phantastischen 
Untergriinden geschopft ist, sondern dafi es geschopft ist aus wirk- 
lichen Erkenntnisquellen, und daher sich als tauglich erweist, die 
Menschheit der Erde nach ihrer Wesenheit zu erkennen. Anthroposo- 



phie ist tauglich, Licht zu verbreiten iiber die Menschheitsdiff erenzie- 
rung in unserer Gegenwart vom Westen durch die Mitte zum Osten 
hin, wie wir das gestern versucht haben. Sie ist aber auch tauglich, 
iiber diejenigen Differenzierungen Licht zu verbreiten, die im Laufe 
der Zeiten in der Menschheitsevolution aufgetreten sind. Und eigent- 
lich erst dadurch, dafi man alles das, was man iiber die Differenzie- 
rung der Erdengebiete in der Gegenwart wissen kann, mit dem ver- 
bindet, was man dariiber wissen kann, wie das alles geworden ist, erst 
dadurch gewinnt man ein Verstandnis dessen, was an Menschen heute 
lebt hier auf dem Erdenrund. 

Traditionen des Alten haben sich immer erhalten, auf dem einen 
Erdengebiete mehr, auf dem andern weniger. Auch nach diesen Tradi- 
tionen unterscheiden sich die Volker des Erdballs. Wenn wir nach 
dem Osten hiniiberblicken, finden wir ja, wie in der spateren Zeit 
aufgezeichnet worden ist dasjenige, was unaufgezeichnet vorhanden 
war in der ersten nachatlantischen Kulturepoche, wie es uns ent- 
gegenglanzt in den Veden, in der Vedantaphilosophie, wie uns seine 
Innigkeit beriihrt in der echten Jogaphilosophie. Und wenn wir das 
alles auf uns wirken lassen vom Bewufksein der Gegenwart aus, dann 
bekommen wir ein Gefiihl: In diese Dinge mufi man sich vertiefen, 
immer mehr und mehr vertiefen, dann fiihlt man selbst in den Schrift- 
werken noch etwas leben von dem, was in den Urzeiten vorhanden 
war. Aber man mochte sagen: dafi die morgenlandische Welt noch 
innerhalb dieses lebendigen Nachklanges seiner Urweltweisheit lebt, 
das macht diese morgenlandische Welt auch ungeeignet, neue Ansatze 
zu empfangen. 

Die westliche Welt hat weniger Traditionen. Hochstens in den 
Aufzeichnungen gewisser Geheimorden hat sie Traditionen aus der 
dritten nachatlantischen Kulturepoche, aus der Zeit der Kosmoso- 
phie, aber Traditionen, die nicht mehr verstanden werden, sondern in 
unverstandenen Symbolen vor die Menschheit hingebracht werden. 
Aber in diesem Westen ist zu gleicher Zeit vorhanden eine elementari- 
sche Kraft, neue Entwickelungsimpulse zur Entfaltung zu bringen. 

So dafi man sagen konnte: Es waren einstmals die Urimpulse da. 
Sie entwickelten sich, indem sie immer schwacher und schwacher 



wurden, bis gegen den vierten nachatlantischen Zeitraum hin, wo sie 
sich gewissermafien in sich selbst verloren in dem eigentumlichen 
griechischen Kulturleben. Und heraus entwickelte sich dann, mit der 
Hinweisung auf ein Neues, die abstrakte, die prosaische Nuchtern- 
heit des Romertums (es wird gezeichnet). Das aber mufi wiederum 
Tafeln aufnehmen Geistigkeit und mufi wiederum, indem es machtieer und 

3+4 < ... ... 

machtiger wird, von innerlicher Geistigkeit durchdrungen werden. 
Und wir bekommen auf diese Weise dann, ich mochte sagen, symbo- 
lisch das, was wir als die wirbelnde Bewegung der Menschheitsimpul- 
se durch die Zeitenfolge hindurch bezeichnen konnen. 

Solch eine Figur war ja immer eine Art Symbolum fur Wichtigstes 
im Weltenall; und das ist sie auch. Wenn man schon von einer atomi- 
stischen Welt spricht, so mufi man auch diese nicht so abstrakt vor- 
stellen, wie das heute vielfach der Fall ist, sondern unter dem Bilde 
dieses Wirbels, was auch oftmals getan worden ist. Aber auch im 
Grofiten mu$ man diese Wirbelbewegung sehen. Und wir haben sie 
heute, wie ich glaube, in einer ganz selbstverstandlich elementaren 
Weise aus einer konkreten Betrachtung des Ganges der menschheitli- 
chen Geistesentwickelung heraus gewonnen. 

Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute vorbringen wollte. 

Da ich wiederum vor einer Reise stehe, werden langere Zeit jetzt 
hier keine Vortrage sein. Die nachsten Vortrage werde ich Ihnen, 
meine lieben Freunde, wiederum ankiindigen lassen. 



Tafeln 
3 + 4 




Schematise}) e Aufstellung an der Wandtafel 
wahrend des Vortrages 



I. nachatl: Intensivste Religion 

II. „ : abgeblaflte „ : Philo-Sophie, Religion 

III. „ : w. abgeblafite „ : Abblassen d. Phil: Kosmosophie, Philosophie, Religion 

IV. „ : w. abgeblajlte „ : Geosophie = Kosmosophie, Philosophie, Religion 

V. „ : „ : Geologie, Kosmologie, Philologie, Religion 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 11. Februar 1922 



Alte und neue Einweihunsgmetkoden I* 

Heute mochte ich zu Ihnen iiber ein Thema sprechen, das vielleicht 
wiederum einige Gesichtspunkte abgeben kann fur die Beurteilung 
des gegenwartigen Geisteslebens im Zusammenhange mit dem, was in 
der Menschheitsentwickelung vorangegangen ist. In der Tat ist das 
Geistesleben der Menschheit, wie ich oftmals auseinandergesetzt 
habe, seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts gegeniiber friiheren 
Zeiten ein durch und durch anderes geworden, und wir stehen heute 
vor der Notwendigkeit, in einer gewissen Weise, aber vollbewulk und 
besonnen, wiederum zuriickzukehren zu dem Durchschauen des gei- 
stigen Teiles unseres Weltzusammenhanges. Der geistige Teil unseres 
Weltzusammenhanges wurde ja von alter instinktiver Geistesschau 
durchdrungen, und am meisten in den altesten Zeiten der irdischen 
Zivilisationsentwickelung. Es trat dann immer mehr und mehr die 
Fahigkeit der Menschen zuriick, in dieser instinktiven Weise zum 
Geistigen vorzudringen, und in der Zeit, in welcher der Riickgang so 
stark bemerkbar war, dafi die Menschheit einen neuen Einschlag 
brauchte, kam dann das Mysterium von Golgatha. 

Nun mochte ich heute erwahnen, dafi vor dem Mysterium von 
Golgatha die Menschen, insofern sie auf das geistige Leben hingese- 
hen haben, zu gleicher Zeit auch auf jene Institutionen hingesehen 
haben, die wir in der allgemeinen Menschheitszivilisation als die 
Mysterien kennen. Man konnte sich gewissermafien in diesen altesten 
Zeiten der Menschheit nicht denken, dafi eine geistige Anschauung, 
dafi ein geistiges Wissen sich anders ausbreiten konne, als indem es 
aus den Mysterien seinen Ursprung nahm, Und wenn wir das Be- 
wufitsein untersuchen, das die Menschen gehabt haben, die in dieser 
Zeit, wenn sie iiberhaupt Wissen haben wollten, zu den Mysterien 



* Siehe Hinweis. 



hinschauten, so ergibt sich uns etwa das folgende Bild: Alles, was 
aufteres, nicht aus den Mysterien stammendes, sondern von den Men- 
schen selbst errungenes Verstandeswissen ist, das kam ja eigentlich 
erst in der spateren griechischen Zeit auf. Da erst geschah es, dafi die 
Menschen aus sich selbst heraus, ohne Zuhilfenahme der Mysterien, 
zu gewissen Wahrheiten kommen wollten. Daher rechnet man ja 
auch, wenn man die Sache richtig versteht, den Gang der wissen- 
schaftlichen Entwickelung erst von der Zeit des Thales an. Ich habe 
das Notige in meinen «Ratseln der Philosophie» auseinandergesetzt. 
Alles, was vorher liegt, sucht Wissen durchaus mit Hilfe der Mysteri- 
en. Nun, wenn man dieses Bewufksein, das da zugrunde lag, unter- 
sucht, so kommt man darauf, dafi innerhalb der Mysterien von den- 
jenigen, die die Mysterien leiteten und von ihren Schulern ein Wich- 
tigstes in dem gesehen wurde, was man den «Fiirsten dieser Welt» 
nannte - damit meinte man die Erde -, im Gegensatz zu den Fiirsten, 
das heifit zu den Geistwesen anderer Welten. 

Wenn wir heute in unserer Sprache von dem «Fiirsten dieser Welt» 
sprechen, wie er im Bewufksein der alten Welt lebte, so wiirden wir 
etwa von der ahrimanischen Wesenheit sprechen. Wir wiirden also 
mit der ahrimanischen Wesenheit etwa diesen Fiirsten des irdischen 
Lebens treffen. Wenn wir auf die Offenbarung im Geistigen sehen, 
die von der Seite des Fiirsten dieser Welt hergeleitet werden kann, so 
miissen wir gerade auf das Intellektualistische des menschlichen Er- 
kennens hinweisen. Die Mysterienleiter wiirden das, was im griechi- 
schen selbstandigen, aufterhalb der Mysterien entstandenen Wissen 
lebte, durchaus bezeichnet haben als ein Wissen, eingegeben von dem 
Fiirsten dieser Welt. Dagegen haben sie die Aufgabe der Mysterien 
darin gesehen, den Menschen in eine geistige Anschauung einzufiih- 
ren, die von dem Fiirsten dieser Welt abbringt und die menschliche 
Seele zu einem Sich-Einleben in Welten fiihrt, die nicht von dem Fiir- 
sten dieser Welt beherrscht werden. Man mufi, wenn man die Dinge, 
um die es sich da handelt, in der richtigen Weise sehen will, sich sol- 
cher Ausdriicke bedienen, und es sollte niemand irgend etwas Aber- 
glaubisches oder dergleichen mit dem Gebrauche solcher Ausdriicke 
verbinden. 



Ich will Ihnen em Bild entwerfen, wie etwa ein in die griechischen 
oder agyptischen, in die persischen oder in andere Mysterien Ein- 
geweihter iiber den Fiirsten dieser Welt in alteren Zeiten gedacht hat. 
Da mul? man sich schon klar dariiber sein, daft wenn die Betreffenden 
auch andere Namen gehabt haben, sie dennoch durchaus von dem 
Christus-Wesen gesprochen haben. Man spricht ja nicht nur von dem 
Chris tus-Wes en, wenn man den Christus-Namen ausspricht. Wenn 
wir auch selbstverstandlich den Christus-Namen aussprechen miis- 
sen, indem wir von dem Christus-Wesen sprechen, bezeichnen wir 
doch mit dem Christus eigentlich erst die in Betracht kommende 
Wesenheit, nachdem sie durch das Mysterium von Golgatha durchge- 
gangen ist und sich mit der Erdenzivilisation verbunden hat. Sie war 
eben vor dem Mysterium von Golgatha nicht mit der Erdenzivilisa- 
tion verbunden. Sie lebte gewissermafien als das grofte Sonnenwesen 
aufierhalb der irdischen Welt. Erst das Mysterium von Golgatha be- 
zeichnet die Verbindung dieses aufierhalb der irdischen Welt leben- 
den Wesens mit der Erdenwelt selber. Aber als solches aufierirdisches 
Wesen kannten es durchaus die in die Mysterien Eingeweihten. Als 
solches Wesen erkannte es auch derjenige, den man den Fiirsten dieser 
Welt nannte, das geistige Wesen ahrimanischer Natur. Er fuhlte sich 
gewissermalkn - wie gesagt, ich schildere, was im Bewulksein der 
Mysterieneingeweihten lebte - als Herr der Erde. Er konnte sich 
sagen: Was die Menschen durch die Krafte der Erde haben, das haben 
sie von mir. - Dagegen wufke er auch, dafi aufierhalb der Erde der 
Christus lebte und auf das menschliche Leben einen Einflufi hatte, 
und zwar auf Umwegen durch die Mysterien, deren Lehren dann 
popularisiert und hinausgetragen wurden unter die Volker. 

Will man das, was da im Bewufksein lebte, noch genauer beschrei- 
ben, so mufi man sagen, die Eingeweihten der Mysterien dachten sich: 
Der Fiirst dieser Welt hat seinen hauptsachlichsten Einflufi auf die 
physische Leiblichkeit des Menschen; diese steht ganz in seiner Bot- 
maftigkeit, und er fuhlt sich als Herr dieser physischen Leiblichkeit des 
Menschen. Nicht konnte er sich als Herr dessen fiihlen, was die atheri- 
sche und astralische Wesenheit des Menschen, also der Lebensleib und 
das Seelische waren. Diesen Lebensleib und das Seelische sah man un- 



ter dem Einflusse einer aufierirdischen Wesenheit stehen; da sah man 
schon immer die Krafte der Christus-Wesenheit in den Menschen ein- 
flielSen. Nur konnte der Mensch das, was von der Christus-Wesenheit 
in ihn einfliefien sollte, iiberhaupt nicht durch die Krafte seiner Seele 
erhalten, sondern nur dadurch, dafi er sich an dasjenige wandte, was 
der Mysterieneingeweihte bekam, nachdem er in der entsprechenden 
Weise vorbereitet war. Man stellte sich die Mysterien eben so vor, dafi 
durch sie das Aufierirdische gewissermafien aufgefangen und zu dem 
Menschen geleitet wurde. So dafi sich der Fiirst dieser Welt sagte: Hier 
auf dieser Erde bin ich Herr. Hier aus dieser Erde zieht der physische 
Leib des Menschen seine Krafte, und zu diesen Kraften des physischen 
Leibes gehort auch der menschliche irdische Verstand. Da bin ich Herr. 
Hier auf dieser Erde macht mir nichts meine Herrschaft streitig. Es 
flielk ein auf diese Erde das Aufierirdische auf dem Umwege durch die 
Mysterien. Das will ich dulden. 

Aber gerade deswegen lehnte sich der Fiirst dieser Welt auf gegen 
das Mysterium von Golgatha, weil er nun seine Erdenherrschaft tei- 
len sollte mit dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha 
auf die Erde heruntergestiegen war. Als einen Nebenbuhler in der 
Erdenherrschaft empfand der Fiirst dieser Welt den Christus. Er hatte 
sich gut gefallen lassen gewissermafien die Mitregierung von aufier- 
halb der Erde herein, aber er wollte sich nicht gefallen lassen die 
Nebenbuhlerschaft hier innerhalb dieses Erdenbereiches selbst. 

Und da haben wir aus dem Geiste der alten Mysterien heraus den 
Hinweis auf die eigentliche Gegnerschaft des Fiirsten dieser Welt 
gegenuber dem Christus. Diese Gegnerschaft wurde wiederum stark 
empfunden durch das ganze Mittelalter hindurch bis in das 15. Jahr- 
hundert herein, bei denen, die in diese Dinge eingeweiht waren. Wenn 
man bis in das 15. Jahrhundert herein von dem Fiirsten dieser Welt 
und von dem Christus sprach, so geschah es durchaus in diesem 
Sinne. Und man hatte ein gewisses Bewufksein davon, daft sozusagen 
zwei Herrschaften da sind: Eine, die fruher, vor dem Mysterium von 
Golgatha, in berechtigter Weise die menschliche Leiblichkeit be- 
herrscht hat, die jetzt aber mit Bezug auf die menschliche Leiblichkeit 
ihr Wirken teilen mufi mit der andern Herrschaft, mit dem Christus. 



Denn der Christus strahlt nun nicht mehr bloft auf das Seelische, das 
heifk auf das Astralische und das Atherische, seine Wirkungen aus, 
sondern er will nunmehr auch seine Wirkungen ausstrahlen auf die 
physische Leiblichkeit des Menschen, das heifk auf das, was sich 
durch die physische Leiblichkeit des Menschen aufiert, namlich auf 
das Intellektualistische, auf die eigenen Fahigkeiten des Menschen im 
wekesten Sinne. Der Christus sollte leben in der ganzen mensch- 
lichen Natur. Das war es ja im Grunde genommen, was durch das 
Mysterium von Golgatha in die Menschheit gekommen ist. 

Vor dem Mysterium von Golgatha ist denen, die um diese Dinge 
wufiten, gar nicht eingefallen, das Wissen von den ewigen Dingen 
innerhalb des Bereiches dessen zu suchen, was der menschiiche Kopf 
ersinnen kann, oder was die andern Seelenkrafte, auch die Gemiits- 
krafte, aus sich selbst heraus erlangen konnen. Das wurde den Myste- 
rien uberlassen. Es war also durchaus vor dem Mysterium von Golga- 
tha ein starkes Bewufksein davon vorhanden, dafi irdisches Wissen, 
irdisches Empfinden etwas anderes ist als das Empfinden der iiber- 
irdischen Machte. Und man versteht die ersten Jahrhunderte des 
Mittelalters nur in ihrer besonderen geistigen Konfiguration, wenn 
man eben ein klares Bewulksein von diesem Tatbestand hat. 

Nun kann es vielleicht iiber diesen Tatbestand ganz besonders auf- 
klarend sein, wenn man hinsieht auf etwas, das ja als eine Art von 
Hauptsache innerhalb der verschiedensten Mysterienstatten angese- 
hen worden ist. Gewifi, die Vorbereitungen und die spateren Priifun- 
gen und so weiter, die der Mysterienschiiler, der Einzuweihende, 
durchzumachen hatte, waren fur die verschiedenen Mysterienstatten 
verschieden. Aber das Verschiedene nimmt sich auf diesen Gebieten 
auch nur so aus, wie etwa wenn man von verschiedenen Seiten auf 
einen Berg hinaufsteigt und oben doch, trotz der verschiedenen 
Wege, auf dem einen Gipfel ankommt. Zuletzt fiihrte alles doch zu 
dem einen Mysterienziel. Nun kann man, wenn die Dinge auch mo- 
difiziert waren, dennoch zwei Mafinahmen dieser Mysterien, denen 
sich jeder zu unterwerfen hatte, als die Hauptsache bezeichnen. Das 
war der sogenannte Vergessenheitstrunk, und als zweites etwas, was 
innerhalb der Mysterienvorgange so auf den Menschen wirkte wie ein 



starker Schreck, wie das Hineinleben in erne starke Angst. Beide Din- 
ge diirfen heute nicht mehr in derselben Weise durchgemacht werden 
zura Behufe der Erlangung hoherer iibersinnlicher Erkenntnisse. Es 
mufi heute alles seelisch-geistig durchgemacht werden, wahrend die 
Mysteriens chiiler der alten Zeiten die Dinge so durchgemacht haben, 
daft sie dabei immer Physisches in Anspruch nehmen mufiten. Aber 
bewirkt wird doch etwas Ahnliches, nur daft bei dem heutigen geisti- 
gen Erstreben der hoheren Erkenntnis alles in die Sphare des Bewuftt- 
seins hereinfallt, wahrend es friiher in die Sphare des Instinktiven, des 
Traumhaften hineingefallen ist. Denn dadurch, daft so etwas wie der 
Vergessenheitstrunk in alien Mysterien gereicht worden ist und so et- 
was herbeigefiihrt wurde wie ein physischer Schreck, dadurch wurde 
in der Tat der Mensch abgedampft in bezug auf seinen aufteren Intel- 
lektualismus, der zwar dumpfer war als der heutige, ihn aber doch 
beherrschte in bezug auf dasjenige, was sich auf die auftere Welt 
bezog. 

In ein dumpfes Leben wurde also der Mensch sowohl durch den 
Vergessenheitstrunk wie durch das andere, das einem Schreck, einem 
Angsterregen verglichen werden kann, hineingefuhrt. Was hatte der 
Vergessenheitstrunk denn fiir eine Bedeutung? Es kam dabei nicht 
darauf an, daft der Mensch irgend etwas vergaft. Er vergaft allerdings 
durch diesen Trunk. Aber die Wirkung, die dieser haben sollte, erhielt 
er dadurch, daft er in ein bestimmtes Zeremonial getaucht war, daft er 
in einer bestimmten Weise zubereitet war, daft gewisse Vorbereitun- 
gen gemacht wurden, bevor man den Trunk bekam. Es war aber 
durchaus ein physischer Trunk, der durch die Art und Weise, wie er 
gereicht wurde, allerdings bewirkte, was man nennen kann: Der 
Mensch vergaft sein Leben seit der Geburt. Es ist das etwas, was 
durch seelisch-geistige Entwickelung heute auch wiederum erreicht 
wird. Nur wird es heute dadurch erreicht, daft zuerst ein deutliches 
Bewufttsein von einem groften Lebenstableau hervorgerufen wird, 
das alles umfaftt seit der Geburt. Dann wird das unterdrtickt, und 
dadurch wird der Mensch in die geistige Weise seines Lebens vor der 
Geburt oder vor der Konzeption eingeftihrt. Das wurde in der mehr 
physischen Weise erreicht im alten Vergessenheitstrunk. 



Aber das ist ja nicht das Wesentliche, daft der Mensch vergifit. Das 
Negative ist iiberhaupt niemals das Wesentliche. Das Positive, was 
dadurch erreicht wurde, das ist, daft das Denken beweglicher und 
intensiver wurde. Aber dumpfer wurde es auch. Es wurde traumhaf- 
ter, weil eben an den physischen Organismus herangegangen wurde. 
Die Wirkung dieses Vergessenheitstrunkes auf den physischen Orga- 
nismus war - man kann sie ganz genau beschreiben -, daft das Gehirn, 
wenn ich mich so ausdriicken darf, fliissiger gemacht wurde als es im 
gewohnlichen Leben ist. Dadurch, daft das Gehirn fliissiger gemacht 
wurde, daft also der Mensch mehr mit dem Gehirnwasser statt mit 
den festen Bestandteilen dachte, dadurch wurde sein Denken beweg- 
licher, intensiver. 

Heute muft das auf dem direkten Weg erreicht werden, namlich 
durch seelisch-geistige Entwickelung, wie das beschrieben ist in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und im zweiten Teil 
meiner «Geheimwissenschaft im Umrift». Dazumal wurde aber das 
Gehirn sozusagen durch auftere Einwirkungen fliissiger gemacht. 
Damit aber wurde erreicht, daft des Menschen geistig-seelische We- 
senheit, so wie sie ist, bevor der Mensch durch die Konzeption sich 
mit einer physischen Leiblichkeit verbindet, wie sie also in der geisti- 
gen Welt ist, als Geistig-Seelisches sich wiederum durchdrangen kann 
durch das Gehirn. Das ist das Wesentliche. 

Graphisch aufgezeichnet, wiirde das sich so ausnehmen [Hier be- 
ginnt die Zeichnung zu Tafel 5]: Nehmen Sie an, das ware die Konsti- 
tution des Gehirnes ( griin), dann ist das so fur den Menschen, der 
geboren ist, daft das Geistig-Seelische (rot) halt davor macht. Das Ge- 
hirn ist so konstituiert, daft dieses innere Geistig-Seelische, das der 
Mensch hat, nicht durch das Gehirn durch kann. Der Mensch ist da 
drinnen nicht erfiillt von diesem Geistig-Seelischen. Dafiir aber kon- 
nen die aufieren Wahrnehmungen herein und konnen sich durch die 
Sinne - ich habe hier das Auge gezeichnet - im Gehirn geltend ma- 
chen. Ich mochte sagen, so geartet ist das Gehirn in der heutigen 
Konstitution, daft dasjenige, was im Menschen das Ewige ist, nicht 
herauf kann in das Gehirn. Dadurch aber konnen die aufteren Ein- 
driicke hinein. Indem der Mensch den Vergessenheitstrunk bekam, 




Tafel 5 



erhielt er die Moglichkeit, in das Gehirn dasjenige hineinzubekom- 
men, was geistig-seelisch vor der Konzeption oder vor der Geburt 
war (rot). Das ist das eine. 

Das andere ist das, was ich nannte: eine Art Schreck wurde auf den 
Menschen ausgeubt. Nun, nehmen Sie einmal, wie der Schreck auf 
den Menschen wirkt: man erstarrt. Und es kann einen Schreck geben, 
der wirklich eine Art Erstarrung des ganzen Menschen hervorruft. 
Beim Menschen, so wie er im gewohnlichen Leben ist, wo er herum- 
laufen kann - der erstarrte, der kataleptische Mensch kann nicht her- 
umlaufen, bei dem sind eben die Muskeln erstarrt -, bei dem nicht 
erstarrten Menschen also saugt der iibrige Korper dieses Ewige auf 



(weifi mit rot). Es wird in unserem Blute, in unseren Muskeln unten, 
das Geistig-Seelische, das Ewige aufgesogen. Dadurch kann es wie- 
derum nicht wahrgenommen werden. Ins Gehirn kann es nicht her- 
auf, da unten wird es aufgesogen. Es kann also nicht wahrgenommen 
werden, aber es tritt frei und selbstandig heraus, wenn die Muskeln 
erstarren. 

Diese Muskelstarre wurde hervorgerufen durch die Schockwir- 
kung. Und dadurch wurde nun von dem iibrigen Organismus, aufier 
dem Gehirn, nicht aufgesogen das Geistig-Seelische, sondern es wur- 
de frei. So dafi der Mensch im Gehirn drinnen das Geistig-Seelische 
hatte, weil ihm sein Gehirn durch den Vergessenheitstrunk weich 
geworden war, und der iibrige Organismus wurde gewissermafien 
verhindert an dem Aufsaugen des Geistig-Seelischen. Dadurch wurde 
das Geistig-Seelische wahrgenommen. Der Mensch bekam also von 
zwei Seiten her die Moglichkeit, sein Geistig-Seelisches wahrzuneh- 
men. Im gewohnlichen Leben konnte er es nicht wahrnehmen, denn 
durch das Gehirn, durch das er sonst wahrnimmt, konnte er es nicht 
aufnehmen; da kommt es nicht hinein. Aus dem iibrigen Organismus, 
durch das Wollen und so weiter, konnte es auch nicht wahrgenom- 
men werden, denn der iibrige Organismus sog es auf . Nun wurde ihm 
sein Gehirn verweicht, natiirlich nur fiir die Momente der Erkennt- 
nis. Dadurch schofi das Geistig-Seelische in das Gehirn hinein. Der 
iibrige Korper wurde ihm erstarrt. Dadurch sog er das Geistig-Seeli- 
sche nicht auf. Und der Mensch stand gewissermafien in seinem ver- 
weichten Gehirn einerseits und in seinem erstarrten Organsystem 
andererseits wie in einem Gehause da; er stand da im Geistig-Seeli- 
schen, das ihm nach zwei Seiten gegeben war. 

Sie sehen also, worauf diese Dinge, die so aufierlich beschrieben 
werden, eigentlich hinausmunden. Ich bemerke ausdriicklich, dafi 
heute diese Dinge nicht nachgemacht werden konnen. Die Menschen 
wiirden auch nicht wissen, wie sie sie nachmachen sollen. Es wiirde 
ihnen heute auch nicht gut bekommen. Heute mufi eben alles auf 
geistig-seelische Weise erreicht werden. Aber man kann durchaus 
sagen: Wenn so in den Mysterien die Menschen den Vergessenheits- 
trunk bekommen hatten und die andere Wirkung der physischen 



Erstarrung ihnen das Wahrnehmen des Geistig-Seelischen in sich 
ermoglichte, dann waren sie «Christen». In den Mysterien wurden 
sie Christen. 

Es ist das durchaus im Bewulksein der ersten Kirchenvater vor- 
handen gewesen. Das wird nur heute den Leuten nicht gesagt, oder es 
wird sogar geleugnet. Bei den ersten Kirchenvatern ist ein deutliches 
Bewufksein vorhanden gewesen, dafi die Menschen durch die Myste- 
rien Christen geworden waren. Daher finden wir Stellen bei den er- 
sten Kirchenvatern, dafi Heraklit und Sokrates, trotzdem sie vor dem 
Mysterium von Golgatha lebten, Christen waren, wenn sie auch zu 
ihrer Zeit Atheisten genannt worden sind. Diese Stelle habe ich ja 
ofter zitiert, sie findet sich bei den ersten Kirchenvatern. 

So konnte man also sagen: Um diesen Menschen, der da heraus- 
kam aus dem andern, machte sich der Fiirst dieser Welt nach der 
Ansicht der alteren Mysterienleiter und Eingeweihten nichts zu tun; 
den iiberliefi er dem Christus. Aber er wollte nicht, dafi der Christus 
auf die Erde herunterkommt und vom ganzen Menschen Besitz er- 
greift. Das ist in den Evangelien dadurch angedeutet, dafi die Damo- 
nen, das heifit die unteren Diener des Fiirsten dieser Welt, vernahmen: 
Der Christus ist angekommen, er ist da. - Da lehnten sie sich auf. Das 
ist in den Evangelien klar angedeutet. Sie erkannten ihn, und sie 
wurden wild. 

Wir miissen uns also durchaus klar sein, dafi, wenn wir iiber irdi- 
sche Entwickelungsverhaltnisse sprechen, wir ein Wesentliches des 
Mysteriums von Golgatha darin sehen miissen, da£ diejenige geistige 
Macht, welche bis zum Mysterium von Golgatha hin den durchaus 
berechtigten Einflufi auf die menschliche Leiblichkeit hatte, in der 
Folgezeit diesen Einflufi mit dem Christus zu teilen hatte. Daher 
nennt das Mittelalter den Fiirsten dieser Welt den «widerrechtlichen 
Fiirsten dieser Welt». Dieser Ausdruck ist eigentlich nicht gerechtfer- 
tigt innerhalb der alten heidnischen Anschauung, aber er trat als eine 
durchaus durch die Sache gerechtfertigte Bezeichnung dann inner- 
halb des Mittelalters ein. 

Das ist das Wesentliche in bezug auf die geistige Entwickelung der 
Menschheit, dafi fur die alteren Zeiten gewissermafien der Leib von 



dem Geistig-Seelischen zuriickgezogen worden ist. Die Gehirnwir- 
kung wurde aufgehoben, indem das Gehirn von dem Vergessenheits- 
trunk weicher gemacht wurde. Die aufsaugende Kraft des iibrigen 
Organismus wurde aufgehoben, indem der iibrige Organismus ver- 
hartet wurde durch den Schock. Also der Leib wurde zuriickgezogen 
in diesen alteren Zeiten von dem Geistig-Seelischen. 

Die neuere Bestrebung besteht darin, dafi nun nicht der Leib zu- 
riickgezogen wird, sondern dafi der Geist herausgezogen wird, indem 
die geistig-seelischen Krafte verstarkt, erkraftet werden. Es mufi also 
durchaus das Umgekehrte in unserer Zeit stattfinden, es mufi der 
Geist herausgezogen werden. Es darf gewissermafien keine Verande- 
rung eintreten innerhalb des Physisch-Leiblichen. Denn der Mensch 
ist, namentlich seit dem 15. Jahrhundert, so organisiert, dafi eine Ver- 
anderung in seiner Leiblichkeit in der Weise, wie sie durchaus iiblich 
war bei den alten Mysterienschiilern, ein Krankhaftes bedeuten wur- 
de. Es wiirde pathologisch sein, und das darf bei einer normalen Ent- 
wickelung nicht eintreten. 

Ich charakterisiere Ihnen das alles, um Ihnen eine Vorstellung da- 
von zu geben, was unter dem immer wiederkehrenden Begriff alterer 
Zeiten von dem Fiirsten dieser Welt zu verstehen ist. Dieser Fiirst 
dieser Welt, der dann im Mittelalter zu dem «widerrechtlichen Fiir- 
sten dieser Welt» geworden ist, ist eine ahrimanartige Wesenheit. Wir 
konnen eine solche Wesenheit iiberall verfolgen, in der aufieren Natur 
und im Inneren des Menschen. Und eigentlich erst dann, wenn wir in 
die Lage kommen, eine solche Wesenheit in ihren Wirkungen sowohl 
in der aufieren Natur wie im Inneren des Menschen zu verfolgen, ler- 
nen wir allmahlich eine solche Wesenheit verstehen. 

Wenden Sie den Blick in die aufiere Natur. Sie finden in der aufie- 
ren Natur zwei Kontraste. Man mufi diese Kontraste nur in ihrer 
ganzen Eigentiimlichkeit empfinden. Denken Sie einmal an den blau- 
en Himmel. Gewifi, der blaue Himmel kann, insbesondere in siid- 
lichen Gegenden, in einer ganz andern Weise beurteilt werden als ich 
es hier charakterisieren mufi. Das ist dann der Fall, wenn die Erde 
eingehiillt ist, gewissermafien die Luftschichte der Erde durchdrun- 
gen ist von Sonnenwirkung. Dann hat man nicht die reine Wirkung 



des blofi blauen Himmels, dann ist diese durch etwas anderes gewis- 
sermafien iiberzogen. Wenn man aber die reine Wirkung des blauen 
Himmels hat, dann hat man eine Kiiltewirkung. Der blaue Himmel 
als solcher wirkt kalt. Und das, was Sie empfinden konnen bei einem 
kalten blauen Himmel, der nicht gemildert ist durch Erdenschwiile, 
das ist im weiten Umkreise das Ahrimanische. Man mochte sagen, das 
Ahrimanische bewirkt, daft der Raum in die Blaue erstarrt. Beachten 
Sie diesen Ausdruck! Er hat allerdings etwas Ungewohnliches, aber 
wenn Sie nach und nach fiihlen lernen, was das heilk, «der Raum 
erstarrt in die Blaue», dann haben Sie fur die aufiere Natur den ahri- 
manischen Einschlag. 

Die Kontrastwirkung haben Sie, wenn Sie rotlich oder gelblich die 
ziehenden Wolken erblicken. Es ist genau die entgegengesetzte Wir- 
kung. Es hat etwas Warmes. Das kann naturlich auch da wiederum 
durch die Kalte der Erdenumgebung kaschiert sein, aber im ganzen hat 
die rotlich umsaumte Wolke, die gelbliche Wolke etwas Warmes. Das 
ist die entgegengesetzte Wirkung, sie ist eine Luftwirkung. Zwischen 
beiden polarischen Gegensatzen spielt sich dann ab, was eigentlich dem 
Erdenleben des Menschen frommt. So dafi man sagen kann: Der mittel- 
alterliche Mensch dachte sich in dem Wirken des zur Blaue erstarrten 
Raumes auf die Erde die kosmische Wirkung des Fiirsten dieser Welt. 

Sehen wir dann in den Menschen hinein, dann haben wir in ihm 
einen Zustand zu verzeichnen, durch den der Mensch blaft wird. Sie 
wissen, das Blasse des Menschen hat immer etwas Fahles, Blauliches. 
Dieses Blafiwerden des Menschen, dieses Sich-Erfuhlen in der Kalte, 
das ist das Erfuhlen der ahrimanischen Wirkung im Menschen, wah- 
rend die Gerotetheit das Luziferische in der Menschennatur aus- 
macht. Erst wenn man aus alien diesen Einzelheiten zusammensetzt, 
was die ahrimanische Wesenheit, die Wesenheit des Fiirsten dieser 
Welt eigentlich ist, bekommt man eine vollstandige Vorstellung da- 
von. Dann wiederum, wenn man die blassen, manchmal so geschei- 
ten, aber immer linienhaften Gedanken des Menschen nimmt, wenn 
man das eigentlich Intellektualistische nimmt, dann hat man wieder- 
um in bezug auf die Kopfwirkung des Menschen das Ahrimanische, 
das des Fiirsten dieser Welt. 



Diese Dinge mussen heute vom Geistig-Seelischen aus durch- 
schaut werden. Man mufi fiihlen in der Blaue, in dem menschlichen 
Bla£ werden, in dem Sich-innerlich-Verzehren, Sich-kalt-Erfiihlen, in 
dem Durchdrungensein mit blassen abstrakten Gedanken, in all dem 
mufi man fiihlen das Ahrimanische, die Herrschaft des Fiirsten dieser 
Welt. Und man muft die warmende Wirkung des Christus-Impulses 
fiihlen. 

Es ist fur die Gegenwart dieses Erkennen der einerseits ganz an- 
dersartigen Einweihung der alten Zeiten gegenuber unserem Einwei- 
hungsprinzip in einem gewissen Sinne lehrreich und auch notwendig. 
Es ist ja einmal so, dafi es durchaus schon Menschen in der Gegen- 
wart gibt, die nur noch nicht den Mut haben, zur anthroposophischen 
Bewegung heranzukommen, die aber eine tiefe Sehnsucht haben nach 
demjenigen, was zuletzt doch nur die anthroposophische Bewegung 
geben kann, nach dem Verwandeln der Seele, um erst nach der Ver- 
wandlung zu den mafigebenden Erkenntnissen zu kommen. Natiir- 
lich lehnt der grofite Teil der heutigen Menschheit dieses Verwandeln 
der Seele ab und glaubt, man konne zu dem, was der Mensch iiber- 
haupt an Wissen erlangen kann, durch die gewohnliche Seelenverfas- 
sung kommen, die man durch die gewohnliche Erziehung und durch 
das gewohnliche Leben erlangt. So sagte mir wahrend meiner letzten 
Reise ein Mann, der sich viel benrnht, aus den philosophischen Mog- 
lichkeiten der Gegenwart heraus, aber ohne Anthroposophie, zu 
einer Art Erkenntnis zu kommen: Ja, es ware doch an der Anthropo- 
sophie vor alien Dingen interessant und ware wichtig darzutun, wie 
diese hoheren Erkenntnisse erlangt werden, denn iiberall - dieses 
«iiberall» ist naturlich sehr relativ zu nehmen - trate in den heutigen 
Weltanschauungen die Erkenntnis auf, dafi es nicht allein vom Intel- 
lekt, sondern vom Willen abhange, ob der Mensch wirkliche Erkennt- 
nisse erlangen konne oder nicht. Und um die Umarbeitung des 
Willens handelte es sich ja auch bei den alten Mysterien. 

Wenn Sie nun nachsehen, was ich beschrieben habe von den alten 
Mysterien in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsa- 
che», dann werden Sie sehen, dafi der durchgreifende, der radikale 
Unterschied dieses alten Erkenntnisstrebens gegenuber dem heutigen 



darin besteht, dafi beim alten Erkenntnisstreben durchaus Vorberei- 
tungen des Willens notwendig waren. Der Wille mufite eine andere 
Richtung einnehmen als er sie im gewohnlichen Leben hatte. Der 
Wille mufite gereinigt, gelautert werden, er mufite gewissermafien 
sich umwandeln und auf eine hohere Stufe kommen. Der Mensch 
muftte sein weltliches Wollen, das unter der Herrschaft des Fiirsten 
dieser Welt steht, in eine andere Richtung bringen. Er mufite also erst 
durch eine Willenskultur hinkommen an denjenigen Ort, wo man 
dann Erkenntnisse gewinnen kann, wahrend der heutige Mensch 
glaubt, man konne da stehenbleiben, wo man eben durch die gewohn- 
liche Erziehung steht. Und das intellektuelle Leben ist ja nur vorhan- 
den durch die gewohnliche Konfiguration des Gehirnes. Wird diese 
verweicht, wie ich es angedeutet habe, dann tritt vor alien Dingen im 
Gehirn die starke Moglichkeit auf, die Gedanken zu wollen, iiberall 
die Gedanken zu wollen. Und wiederum wird das Wollen bewufit, 
indem der Leib erstarrt; das heifk, es treten im Wollen selber Gedan- 
ken auf. Das tritt auch heute auf, wenn auf den Wegen, wie sie von mir 
geschildert worden sind, eben Erkenntnisse hoherer Welten moglich 
geworden sind. 

Das ist ein sehr bedeutsames Zeichen, dafi es heute schon wieder- 
um Menschen gibt, die davon durchdrungen sind, man reiche mit 
dem blofien Intellektualismus nicht aus, es brauche eine Willenskul- 
tur, um zu den den Menschen moglichen Erkenntnissen zu kommen. 
Und so sieht man, wenn man auf die im Grofien einem entgegentre- 
tenden Erscheinungen blickt, dafi eben zahlreiche Menschen heran- 
kommen, um von geistigen Dingen zu horen. Auch aus den Dingen, 
die einem, ich mochte sagen in den Zwischenzeiten vor das Seelen- 
auge treten, sieht man, dafi es Menschen gibt, die nun wiederum glau- 
ben, dafi eine Willenskultur notwendig ist, um zur Erkenntnis zu 
kommen. Alles das zeigt aber, dafi heute ein starkes Bediirfnis nach 
geistigem Leben vorhanden ist. Die Menschen glauben freilich, weil 
sie nicht den Mut haben, zur Anthroposophie heranzukommen, weil 
sie die Anthroposophie fur etwas Absonderliches halten, auf allerlei 
andern Wegen das erreichen zu konnen, was sie eigentlich erstreben. 
Es wird sich aber die Welt iiberzeugen miissen, dafi es eben nur auf 



anthroposophischem Wege erreicht werden kann. Das heifit, mifS- 
verstehen Sie mich nicht: Was bis heute schon als Anthroposophie 
hervorgetreten ist, will ich durchaus nicht als ein allgemein Giiltiges, 
als ein Selbstverstandliches ansehen. Nur die Richtung, in der sich 
diese Anthroposophie bewegt, die mochte ich als das Bedeutsame 
hinstellen und als dasjenige, was eben zur Befriedigung der stark vor- 
handenen Sehnsuchten in der Gegenwart fiihren kann, Sehnsuchten, 
ohne deren Befriedigung einfach die Zivilisation der Menschheitsent- 
wickelung nicht weitergehen kann. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 12. Februar 1922 



Alte und neue Einweihungsmethoden II 

Wenn man solche Auseinandersetzungen macht, wie sie gestern hier 
gepflogen worden sind, hat man naturlich nicht etwa immer im Sinne, 
dafi darin eine Aufforderung zur Ubung nach der Richtung liegen 
soil, auf die gedeutet wird in Hinsicht von Erlangung hoherer iiber- 
sinnlicher Erkenntnisse. Selbstverstandlich liegt das auch darinnen, 
aber indem solche Dinge mitgeteilt werden, handelt es sich auch dar- 
um, dafi sich eine Erkenntnis verbreitet von dem, was durch solche 
Ubungen zu hoherer Erkenntnis erlangt werden kann. Und wer nun 
erklart, dies oder jenes ist moglich in bezug auf die Entwickelung des 
Menschen, der erklart ja dadurch etwas iiber das Wesen des Men- 
schen selbst. Hort man, daft ein Mensch, der eine Einweihung sucht, 
das Seelisch-Geistige loslosen kann von dem Physisch-Leiblichen - 
entweder in der Art, wie ich es gestern dargestellt habe, wie es in den 
alten Mysterien geschehen ist, oder so, wie ich es, fur die heutige Zeit 
geeignet, gleich nachher andeutungsweise darstellen will -, hort man, 
dafi so etwas moglich ist, dann kann man eben wissen, da£ das 
Seelisch-Geistige ein selbstandiges Wesen ist, welches sein Dasein 
iiber das Leibliche hinaus hat. Man erlangt also aus den Mitteilungen, 
daft es hohere Erkenntnisse gibt, Erkenntnisse iiber die menschliche 
Wesenheit selbst, und das ist es, was zunachst wesentlich ist fur die 
Verbreitung anthroposophischer Weistximer. 

Ich habe gestern dargestellt, wie in den alten Mysterien das Kor- 
perliche behandelt worden ist, damit dieses Korperliche die Seele 
nach den beiden verschiedenen Richtungen hin freigeben konnte. Ich 
habe gesagt, die beiden wesentlichen Dinge, auf die es ankam in den 
alten Mysterien, waren: der Vergessenheitstrunk auf der einen Seite 
und das Hervorrufen von angstartigen, furchtartigen, schreckartigen 
Zustanden auf der andern Seite. Der Vergessenheitstrunk bewirkte ja 
allerdings, dafi man die Erinnerung tilgte fur alles, was zunachst aus 



dem gewohnlichen Erdenleben in dem Gedachtnisse darinnen war. 
Aber dieses Negative war nicht die Hauptsache, sagte ich, sondern die 
Hauptsache war, dafi das Gehirn wahrend des Mysterien-Erkenntnis- 
prozesses gewissermaften wirklich leiblich verweicht wurde und dafi 
dadurch das Geistige, das sonst aufgehalten wird, nicht aufgehalten 
wurde durch das Gehirn, daft es durchgelassen wurde und daft der 
Mensch dadurch gewahr wurde: Ja, ich habe ein ewiges Seelisch- 
Geistiges, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption 
von mir vorhanden war. 

Das andere ist, daft der iibrige Organismus gewissermaften erstarr- 
te unter dem Einfluft der schreckhaften Tatsache. Wenn aber der Or- 
ganismus erstarrt, dann saugt er nicht, wie das sonst der Fall ist, das 
Seelisch-Geistige auf, insofern sich dieses durch den Willen auftert. Es 
zieht sich das erstarrte Korperliche sozusagen einerseits zuriick von 
dem Seelisch-Geistigen, und es wird andererseits das Seelisch-Gei- 
stige dem Menschen wahrnehmbar. Durch die Erweichung des Gehir- 
nes wurde die Gedankenseite des Seelischen fur die alten Mysterien- 
schiiler wahrnehmbar. Durch die Erstarrung des iibrigen Organismus 
wurde die Willensseite wahrnehmbar. Und auf diese Weise bekam der 
Mensch durch die Einweihung eine Vorstellung von seinem Seelisch- 
Geistigen. Aber diese Vorstellung hatte einen durchaus traumhaften 
Charakter. Denn was war es denn eigentlich, was einerseits nach der 
Gedankenseite, andererseits nach der Willensseite frei wurde? Es war 
dasjenige, was aus geistig-seelischen Welten heruntersteigt und sich 
mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen verbindet. Das wird erst 
durch den Besitz des Leibes fahig, sich der Sinne, sich des Verstandes 
zu bedienen, denn dazu ist der Leib notwendig. Ohne daft es sich des 
Leibes bedient, bleibt es traumhaft, bleibt es durchaus dumpf, dam- 
merig. So daft also der Mensch, indem er durch die geschilderten 
Vorgange sein Seelisch-Geistiges losgelost erhielt, dadurch eben ein 
Traumhaftes erhielt, allerdings ein Traumhaftes, in welchem in einer 
gewissen Weise durchaus ein gedankliches Element enthalten ist. 

Ich sagte schon gestern: Wiirde der Mensch dies heute wiederum 
ausfiihren oder noch so ausfiihren wie friiher, so wurde das einen 
krankhaften Zustand herbeifiihren. Denn der Mensch ist im wesent- 



lichen nach dem Mysterium von Golgatha in seiner Organisation so 
fortgeschritten, dafi das intellektuelle Leben sich gegeniiber den frii- 
heren, instinktiven Erkenntniszustanden verstarkt hat. Diese beson- 
dere Verstarkung des intellektuellen Lebens ist insbesondere seit dem 
15. Jahrhundert iiber die Menschheit gekommen. Es ist aufierordent- 
lich bedeutsam, dafi auch noch wahrend des ganzen Mittelalters die 
Menschen gewufit haben, wenn sie zu hoheren Erkenntnissen kom- 
men wollen, wenn sie iiberhaupt ein in gewissem Sinne hoheres 
menschliches Leben fiihren wollen, so ist dazu ein Loslosen des 
Seelischen von dem Leiblichen notwendig. 

Wir hatten wahrscheinlich eine Dichtung innerhalb der deutschen 
Literatur iiber dieses mittelalterliche Wissen von dem Ubersinnli- 
chen, iiber dieses mittelalterliche Verhaltnis zu dem Ubersinnlichen, 
wenn Schiller dazugekommen ware, sein von ihm projektiertes gro- 
fies Drama «Die Malteser» auszufiihren. Es ist eine aufierordentlich 
interessante Erscheinung innerhalb des deutschen Geisteslebens, dafi 
Schiller vorhatte gerade in den Jahren, in denen der Malteserorden 
durch Napoleon zugrunde gerichtet worden ist, ein Malteserdrama 
zu schreiben, namlich die Belagerung der Insel Malta durch die Tur- 
ken und die Verteidigung dieser Insel durch den Grofimeister des 
Malteserordens, Lavalette. Schiller konnte offenbar dieses Drama 
nicht ausfuhren. Er hat dann den «Wallenstein» geschrieben, und die 
«Malteser» liegen lassen. Wir wiirden, wenn die «Malteser» von Schil- 
ler ausgefiihrt worden waren, ein Drama haben, aus dem deutlich er- 
sichtlich ware, wie in einem solchen Orden - und die Malteser sind 
noch aus den Vorgangen wahrend der Kreuzziige hervorgegangen -, 
der nach aufien hin eigentlich auf humanitare Handlungen, auf 
Gemeinwirksamkeit, auf Wohltatigkeitswirksamkeit und so weiter 
eingerichtet war, durchaus die Meinung herrschte, daft man so etwas 
nur vollfuhren konne, wenn man zu gleicher Zeit in einem gewissen 
Sinne zu einem hoheren Leben aufsteigt. 

Man hatte in der Zeit, in welcher der Tempelherrenorden und der 
Johanniterorden - aus dem dann der Malteserorden geworden ist - 
gestiftet worden sind, ja, auch noch wahrend des ganzen Mittelalters 
durchaus das Gefiihl: Der Mensch mufi sich verwandeln, bevor er in 



der richtigen Weise so etwas unternehmen kann. Es ist dieses ein Ge- 
fuhl gegeniiber dem Menschenwesen, das eigentlich in der neueren 
Zeit vollstandig verlorengegangen ist, und das ist darauf zuriick- 
zufiihren, daft eben der Intellekt des Menschen wesentlich intensiver, 
starker geworden ist, so daft der neuere Mensch ganz und gar intellek- 
tuell ist, daft das Intellektuelle bei ihm ganz besonders vorliegt. 

In unserer Zeit ist wiederum eine starke Sehnsucht bei den Men- 
schen vorhanden, das Intellektualistische zu iiberwinden. Was heute 
in der Literatur, namentlich im Journalismus hervortritt, spricht aller- 
dings noch das Gegenteil aus, aber in den breiten Massen ist durchaus 
eine Sehnsucht vorhanden, das intellektualistische Element zu iiber- 
winden. Das zeigt sich insbesondere auch dadurch, daft nicht nur das 
Reden liber Spirituelles heute in den weitesten Kreisen aufterordent- 
lich gut einschlagt, sondern daft auch so etwas, was - wie unsere 
Eurythmie - nicht aus Intellektuellem, sondern aus dem, was imagi- 
nativ dem Menschenwesen zugrunde liegt, hervorgeholt wird, wenn 
es auch noch nicht vollig verstanden wird, aber doch auf die weitesten 
Kreise heute schon einen Eindruck macht. Denn das hat sich ja bei 
den letzten Reisen, insbesondere aber bei der letzten Eurythmiereise 
gezeigt, daft die Eurythmie einen aufterordentlich starken Eindruck 
auch auf diejenigen Kreise macht, die sie natiirlich beim ersten Sehen, 
auf den ersten Anhub, nicht in ihrem tiefsten Wesen durchschauen 
konnen, die aber fuhlen, daft da etwas ist, was aus tieferen Untergriin- 
den der menschlichen Natur herausgeholt worden ist, was mehr ist als 
das bloft Intellektualistische. 

Nun, worauf beruht nun dieses Intellektualistische, das heute ganz 
besonders dem Menschen eigen ist? Ich mochte Ihnen das wiederum 
durch eine Art schematischer Zeichnung klarmachen [siehe S. 78, 
Tafel 6]. Ich sagte gestern: Wenn wir das menschliche Gehirn nehmen 
(weift), so konnen wir uns vorstellen, daft durch dasjenige, was als der 
Vergessenheitstrunk aufgefaftt worden ist, eben das Geistig-Seelische, 
das sonst vor dem Gehirn Halt macht, das Gehirn durchdrang (rot), 
und daft gewissermaften durch den alten Eingeweihten von innen 
herauf aufstieg das Geistig-Seelische durch das praparierte Gehirn. - 
Der Intellektualismus von heute beruht ja darauf, daft gegeniiber dem 



alteren Menschen, sagen wir vor dem Mysterium von Golgatha, das 
Seelisch-Geistige beim heutigen Menschen innerlich starker, inten- 
siver geworden ist. Der altere Mensch hat iiberhaupt nicht so viel In- 
tellektualismus gehabt. Sein Seelisch-Geistiges pragte sich nicht zu 
solchen scharfen Gedankenlinien aus, wie das beim heutigen Men- 
schen der Fall ist. Denn wenn man Intellektualist ist, so denkt man ja 
alles in geraden Linien. So dachte der altere Mensch nicht. Der altere 
Mensch dachte bildhafter, traumhafter, weicher, mochte ich sagen. 
Beim heutigen Menschen sind die Gedanken eckig, sind mit scharfen 
Konturen begabt. Aber dieser heutige Mensch konnte, trotzdem sein 
Seelisch-Geistiges starker geworden ist als es in alteren Zeiten war, 
dennoch nicht vom Seelisch-Geistigen aus diese Gedanken fassen. 

Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Der heutige 
Mensch hat schon gegeniiber dem alteren ein gut Stuck seelisch- 
geistiger Starke. Er traumt nicht mehr so, wie der altere Mensch ge- 
traumt hat, er strafft sich in seinen Gedanken. Dennoch wiirden diese 
Gedanken abgedampft bleiben, wenn nur das Seelisch-Geistige beim 
modernen Menschen wirken miifke. Eigentlich kann jetzt der 
Mensch noch immer nicht von seiner Seele aus denken. 

Was dem Menschen die Kraft des Denkens abnimmt, das ist der 
Leib. Wenn wir zum Beispiel eine Sinneswahrnehmung haben, so 
haben wir sie allerdings mit dem Seelisch-Geistigen. Wenn wir sie 
dann aber denken wollen, diese Sinneswahrnehmung, dann mufi uns 
der Leib helfen. Der Leib ist eigentlich der Denker. So dafi also heute 
die Sache so ist: Die Sinneswahrnehmung wirkt auf den Menschen, 
das Seelisch-Geistige (rot oben) durchsetzt die Sinneswahrnehmung, Tafel 6 
aber der Leib wirkt wie ein Spiegel und wirft fortwahrend die Gedan- 
kenstrahlen zuriick (grime Pfeile). Dadurch werden sie bewufit. Also 
der Leib ist das, was dem Menschen die Miihe des Denkens abnimmt, 
nicht aber die Miihe der Sinneswahrnehmungen. Und wenn nach 
dieser Gedankenseite hin der Mensch heute nach einer Einweihung 
streben will, dann mufi er durch seine Ubungen, die wir ja kennen aus 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und aus dem 
zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umrifi», das Seelisch- 
Geistige noch mehr verstarken; dann bringt er es allmahlich dahin, 



Tafel 6 




wet's s 



dieses Seelisch-Geistige in sich so selbstandig zu machen, daft es den 
Leib nicht mehr braucht. 

Also verstehen wir uns richtig: Wenn heute im gewohnlichen 
Leben gedacht wird, dann ist allerdings das Seelisch-Geistige tatig. 
Vor alien Dingen nimmt es die Sinneswahrnehmungen auf, aber es 
konnte nicht diejenigen Gedanken entwickeln, die heute entwickelt 
werden. Daher kommt der Leib und nimmt dem Menschen die Miihe 
des Denkens ab. Im gewohnlichen Leben denkt man durchaus mit 
dem Leib, der Leib ist der Gedankenapparat. Wenn man die Ubungen 
macht, von denen in den genannten Buchern die Rede ist, dann wird 
die Seele durch diese Ubungen so stark, daft sie nicht mehr den Leib 
zum Denken braucht, daft sie selbst denkt. Und das ist im Grunde die 
erste Etappe der Entwickelung zum hoheren Erkennen hin, daft das 
Seelisch-Geistige anfangt, den Leib fur die hohere Erkenntnis als das 
eigentliche Denkorgan abzusetzen. Es mufi nur immer wieder betont 



werden, dafi der Mensch, indem er zur hoheren Erkenntnis, also zur 
Imagination aufriickt, immer neben sich mit seinem gesunden Men- 
schenverstand bleibt als einer, der sich selber kontrolliert, sich selber 
kritisiert. Also man bleibt daneben derselbe, der man sonst auch im 
gewohnlichen Leben ist. Es entwickelt sich nur der zweite Mensch 
aus dem ersten Menschen heraus, der dann fahig ist, nicht mehr mit 
Hilfe des Leibes, sondern ohne die Hilfe des Leibes zu denken. 

Also das, was sich als Geistig-Seelisches dem alten Mysterienschii- 
ler offenbarte, das kam aus dem Leibe heraus, drang durch das Gehirn 
durch und im Herausquillen gewissermafien nahm es der Mensch 
wahr. Das aber, was der Mensch heute wahrnimmt als ein Eingeweih- 
ter, das ist verstarktes Denken, das nun ganz und gar nicht das Gehirn 
in Anspruch nimmt. Wahrend also der alte Mensch das, was er als 
Geistig-Seelisches wahrnahm, aus seiner Organisation herauszog, 
nimmt der Mensch heute das Seelisch-Geistige nach der Gedanken- 
seite hin so wahr, dafi es in ihn hereindringt, wie Sinneswahrnehmun- 
gen in ihn hereindringen. Der Mensch, indem er diese erste Stufe der 
hoheren Erkenntnis erklimmt, mufi sich daran gewohnen, zu sagen: 
Ich beginne, mich selber meinem ewigen Seelisch-Geistigen nach 
wahrzunehmen, denn das dringt durch mein Auge, das dringt iiber- 
haupt von aufien in mich herein. 

Ich habe bei einem offentlichen Vortrag im Basler Bernoullianum 
gesagt: Die Geisteswissenschaft in anthroposophischem Sinne mufi 
das Sinneswahrnehmen als ihr Ideal betrachten. Man mufi vom Sin- 
neswahrnehmen weiterschreiten. Man darf nicht zuriick zum traum- 
haften Erkennen gehen, sondern man mufi zu einem klareren Erken- 
nen schreiten, als es dieses Wahrnehmen ist. Daher mufi unser eigenes 
Wesen an uns herankommen, wie die Farben und wie die Tone an die 
Sinne herankommen. 

Sehen Sie, wenn der Mensch aus der geistig-seelischen Welt herun- 
tersteigt zur physischen Verleiblichung, dann ist sein Seelisch-Geisti- 
ges so, dafi es gewissermafien fur die seelisch-geistige Welt stirbt; 
indem der Mensch konzipiert wird, sich zur Geburt anschickt, stirbt 
er fur die geistige Welt. Wenn der Mensch hier fur die physische Welt 
stirbt, so wird er, indem er durch die Pforte des Todes geht, fur die 



geistige Welt geboren. Das sind nur relative Begriffe. Stirbt man fur 
die geistige Welt, wird man physisch geboren; stirbt man fur die phy- 
sische Welt, wird man geistig geboren. Tod in der physischen Welt 
bedeutet geistige Geburt; Geburt in der physischen Welt bedeutet 
geistigen Tod. Das sind, wie gesagt, ja nur relative Begriffe. Was da in 
der Seele auftritt, wenn sie hin zur Geburt schreitet, das ist in der Tat 
etwas, was in der geistigen Welt nicht weiter fortbestehen konnte, was 
in der geistigen Welt zerfallen wiirde und was zu einem Leiblichen 
hinlauft, damit es sich weiter erhalten kann. 

So dafi man also, wenn man es nun schematisch zeichnen will, etwa 
so zeichnen mufite: Das Geistig-Seelische (rot von links) steigt aus 
der geistig-seelischen Welt herab. Es ist, man mdchte sagen in einer 
Sackgasse angekommen; es kann jetzt nicht weiter, es raufi sich mit 



Tafel 7 




physischer Materialitat ausstatten (blau). Aber die physische 
Materialitat wirkt eigentlich nur so, wie ich es jetzt eben beschrieben 
habe, vom Gehirn aus, nicht vom ubrigen Menschen aus. Vom iibri- 
gen Menschen aus geht doch wieder das Geistig-Seelische, das sich 
gewissermafien dadurch erholt, dafi es vom Gehirn nicht durchgelas- 
sen wird, dafi es im Gehirn eine Widerlage, eine Unterstiitzung hat. 
Dadurch wird es dem Geistig-Seelischen wiederum moglich, nun 
doch durch die iibrige menschliche Organisation, also namentlich 
durch die Gliedmaften-Stoffwechselorganisation, sich selber sich ent- 



gegenzustellen (rot rechts). Man konnte also sagen: Was ich hier blau 
gezeichnet habe, das ist die Kopforganisation. Hier ist dann die 
Gliedmaften-Stoffwechselorganisation (gelb); die saugt zwar im nor- 
malen Zustande das Seelisch-Geistige auf, aber doch nur bis zu einem 
gewissen Grade. Schon indem wir von Kindheit aufwachsen, kommt 
eigentlich das Geistig-Seelische immer wieder zum Vorschein. In dem 
Momente, wo der Mensch konzipiert wird, und wahrend er ein Em- 
bryo, ein Keim im Leibe der Mutter ist, wird gewissermafien das gan- 
ze Geistig-Seelische, das aus der geistig-seelischen Welt herunter- 
kommt, untergetaucht in das Materielle. Aber dadurch, dafi es eine 
Stiitze bekommen hat, dieses Geistig-Seelische, erholt es sich wieder- 
um. Der Embryo hat die Form, die das schon aufierlich zeigt: zu- 
nachst die Kopforganisation, da findet das Geistig-Seelische eine 
Stiitze (siehe Zeichnung). Dann setzt sich die iibrige Organisation an; 
da quillt schon das Geistig-Seelische wiederum durch - das habe ich 
hier schematisch gezeichnet. 




Tafel 7 



Indem wir nun als Kind heranwachsen, da wird immer wieder das 
Geistig-Seelische selbstandig, beim Kinde noch nicht so stark, aber 
immer mehr und mehr wird das Geistig-Seelische selbstandig. Ich 
habe ja, indem ich die Entwickelung des Kindes beschrieben habe, 
dies im einzelnen ausgefuhrt; auch wie dieses Geistig-Seelische dann 



bei den grofien Ubergangspunkten, beim Zahnwechsel und bei der 
Geschlechtsreife, immer selbstandiger und selbstandiger wird. So dafi 
wir, indem wir als Mensch heranwachsen, immer mehr das Leiblich- 
Physische zuriicktreten lassen und ein selbstandiges Geistig-Seeli- 
sches bekommen. Dieses Selbstandige ist beim heutigen Menschen 
intensiver als beim alteren Menschen. Aber es konnte doch nicht den- 
ken. Es braucht eben, wie ich sagte, den Leib zur Hilfe, wenn es den- 
ken will. Sonst bliebe gerade auch das, was dann an uns heranwachst, 
immer traumhaft. 

So kann man also sagen: Der altere Eingeweihte suchte, das Gehirn 
durchlassig zu machen, so dafi das friihere Geistig-Seelische, das da 
herunterstieg, fur ihn noch durchquillen konnte, dafi er also gewisser- 
mafien das vorgeburtliche Leben noch wahrnahm durch das ver- 
weichte Gehirn. Der neuzeitliche Eingeweihte, der reflektiert nicht 
darauf, sondern der reflektiert auf das, was sich im Laufe des Lebens 
herausbildet. Das erweckt er zu einer hoheren Intensitat nach der 
Gedankenseite hin. Der altere Eingweihte hatte das nicht gekonnt. 
Der hatte das, was sich beim Kinde in dumpfer Weise als das neue 
Geistig-Seelische entwickelt, was dann spater durch die Todespforte 
geht, nicht so stark anfassen konnen. Er totete daher gewissermafien 
das Leibliche ab, er lahmte es herunter, damit das alte Geistig-Seeli- 
sche herauskam, das friiher war, bevor er konzipiert beziehungsweise 
empfangen worden war, 

Heute fassen wir dasjenige, was wir in schwacher Weise durch die 
Kindheit bis zum Erwachsensein entwickeln, starker an, so daft wir 
also das, was sich seit der Geburt als das neue Geistig-Seelische ent- 
wickelt, erkraften, verstarken. Dadurch versuchen wir ein selbstandi- 
ges Geistig-Seelisches gegeniiber dem Leibe nach der Gedankenseite 
hin zu bekommen. Wahrend also der alte Eingeweihte das vorgeburt- 
liche Geistig-Seelische durch die Herabdampfung des Leibes offenbar 
machte, versuchen wir offenbar zu machen, was sich nach der Geburt 
als Geistig-Seelisches immer mehr und mehr heraus entwickelt; aber 
wir machen es nicht bis zu der Starke offenbar, in der wir es gebrau- 
chen, um selbstandig die geistige Welt wahrzunehmen. Das ist der 
Unterschied. 



Nach der Willensseite hin ist es so: Der alte Eingeweihte versuchte, 
wie gesagt, die Willensorganisation erstarrt zu machen. Dadurch 
wurde das Geistig-Seelische, das sonst durch die Willensorganisation 
aufgesogen wird, fiir ihn wiederum wahrnehmbar, also dasjenige, was 
da war vom Vorgeburtlichen. Wenn der Korper erstarrt ist, so saugt er 
eben nicht das Geistig-Seelische auf; dadurch wird es in seiner Selb- 
standigkeit offenbar. Das machen wir wiederum nicht als moderne 
Eingeweihte, sondern da wird anders vorgegangen. Da wird nun wie- 
derum der Wille verstarkt, indem die Kraft des Wollens in der Weise, 
wie ich das in den genannten Buchern dargestellt habe, umgewandelt 
wird. Es ware ganz falsch, wenn durch Schocks, durch Angstzustan- 
de, durch Schreckzustande, wie beim alten Eingeweihten, katalepti- 
sche Zustande herbeigefuhrt wiirden. Das wiirde beim modernen 
Menschen mit seiner stark entwickelten Intellektualitat ganz und gar 
ins pathologische Gebiet gehoren. Das darf also nicht sein. Dagegen 
wird zum Beispiel durch Riickwartsiibungen - wo man gewisserma- 
fien nicht vorwarts vorstellt, sondern, wie bei der Riickschau, die 
Tageserlebnisse von riickwarts nach vorn, vom Abend zum Morgen 
durchnimmt - oder auch durch andere Willensiibungen der Wille 
umgewandelt in einer Weise, die ich etwa so charakterisieren kann: 
Betrachten Sie das menschliche Auge. Wie mufi es denn gestaltet sein, 
damk wir sehen konnen? Wenn wir starkrank werden, macht sich die 
Materie des Auges selbstandig geltend. Das Auge kleidet sich aus mit 
Materie, die dann undurchsichtig wird. Das Auge mufi selbstlos sein, 
selbstlos in den Organismus eingeftigt sein, wenn wir es zum rich- 
tigen Sehen brauchen wollen, es mufi durchsichtig sein. Unser Orga- 
nismus ist fiir den Willen durchaus nicht durchsichtig. Ich habe es 
Ihnen ja ofter dargestellt. Wir konnen einen Gedanken haben, sagen 
wir, dafi wir den Arm, die Hand erheben wollen. Wir fassen den 
Gedanken: Ich will den Arm, die Hand erheben. - Aber was dann 
geschieht in unserem Organismus, indem dieser Gedanke hiniiber- 
schiefit in den Organismus und die Ausfuhrungen macht. Das ist 
ebenso in Dunkel gehullt wie die Ereignisse, die zwischen dem Ein- 
schlafen und dem Aufwachen vor sich gehen. Wir sehen erst wieder- 
um den erhobenen Arm, die erhobene Hand. Also wir haben wieder- 



urn eine Vorstellung. Anfangsvorstellung und Endvorstellung 
schlieften sich zusammen; was in der Mitte drinnen liegt, das ist ein 
Schlafzustand. Der Wille entfaltet sich so im Unbewuftten fur den 
Menschen, wie sich die Ereignisse des Schlafes im Unbewuftten ent- 
falten. Wir konnen ganz gut sagen: In bezug auf das Durchschauen 
des Willens ist unser Organismus undurchsichtig fur das gewohnliche 
Bewufttsein, wie ein starkrankes Auge undurchsichtig ware. 

Selbstverstandlich will ich nicht sagen, daft der menschliche Orga- 
nismus deshalb krank sei. Er mufi eben so undurchsichtig sein fur das 
gewohnliche praktische Leben. Das ist sein normaler Zustand. Aber 
fur die hohere Erkenntnis kann er so nicht bleiben, da mufi er durch- 
sichtig werden, seelisch-geistig durchsichtig. Das geschieht eben 
durch die Willensiibungen. Der Organismus wird so, daft wir ihn 
durchschauen konnen, daft wir also nicht mehr in ein Unbestimmtes 
hinunterschauen, wenn der Wille sich entfaltet, sondern er wird so 
selbstlos wie das Auge in seiner Substantialitat selbstlos in den Orga- 
nismus eingesetzt ist, damit wir die aufteren Gegenstande richtig 
sehen. Wie das Auge selbst durchsichtig ist, wird der Organismus 
geistig-seelisch durchsichtig, wird der ganze Organismus ein Sinnes- 
organ. Dadurch nehmen wir nach der Willensseite hin objektiv die 
geistigen Wesenheiten wahr, wie wir durch das auftere Auge die aufte- 
ren physischen Gegenstande wahrnehmen. Also die Willensiibungen 
gehen bei uns nicht darauf aus, den Korper zu erstarren, damit das 
Geistig-Seelische frei werde, sondern sie gehen darauf aus, das Gei- 
stig-Seelische so zu entwickeln, daft es durch das Korperliche hin- 
durchschauen kann. Das ist das Wesentliche. Man sieht in die geistige 
Welt nur hinein, wenn man durch sich selber hindurchschaut. So wie 
man die aufteren Gegenstande, die man sieht, durch das Auge nur 
sieht, indem man durch das Auge durchschaut, so sieht man in die 
geistige Welt nicht direkt hinein, sondern indem man durch sich 
selber durchschaut. 

Das ist die andere Seite, die Entwickelung nach der Willensseite. 
Also die ganze Entwickelung beruht in der neueren Zeit darauf, daft 
man erstens das Denken erstarkt, so daft es unabhangig wird vom 
Gehirn, und zweitens, daft man den Willen so gestaltet, daft der ganze 



Mensch durchsichtig wird. Man kann nicht durch das Blitzblaue in 
die geistige Welt hineinschauen, ebensowenig wie man ohne das Auge 
in die Farbenwelt hineinschauen kann. Man mufi durch sich durch- 
schauen. Das aber geschieht durch die Willensiibungen. 

Da haben Sie jetzt fur den modernen Menschen, was eben durch 
die Initiation ausgefuhrt werden kann. Es kann sowohl nach der Ge- 
dankenseite hin das Seelisch-Geistige unabhangig gemacht werden 
von dem Leiblichen als auch der Leib in seiner Materialitat iiberwun- 
den werden kann, indem er geistig-seelisch durchsichtig wird. Da- 
durch haben Sie das durch seine eigene Kraft selbstandig gewordene 
Geistig-Seelische gegeben. Das ist der grofte Unterschied zwischen 
der alten und der neuen Einweihung. Die alte Einweihung veranderte 
den Leib, anderte ihn nach der Gehirnseite, nach der Seite des iibrigen 
Organismus, und dadurch, daft der Leib verandert wurde, wurde das 
Seelisch-Geistige in einer dumpfen Weise wahrnehmbar. Die moder- 
ne Einweihung verandert das Geistig-Seelische, macht es in sich star- 
ker nach der Gedankenseite und nach der Willensseite hin und macht 
es dadurch auf der einen Seite vom Gehirn unabhangig, auf der 
andern Seite so stark, daft es durchschaut durch den Organismus. 

Das bedingt allerdings, daft der alte Eingeweihte dasjenige, was er 
wahrnehmen konnte, gewissermaften gespensterhaft sah. Es trat, 
nachdem die entsprechenden Prozeduren abgelaufen waren, gespen- 
sterhaft das auf, was sich als das Wesenhafte der geistigen Welt offen- 
baren konnte. Man sah die geistige Welt, ich mochte sagen in atheri- 
schen Gebilden. Und die grofte Sorge der Lehrer der alten Mysterien 
war die, daft die Schiiler, trotzdem sie die Wahrnehmungen aus der 
geistigen Welt heraus gespensterartig sahen, lernten, von dem Ge- 
spensterartigen abzusehen. Immer wieder und wieder gingen die Er- 
mahnungen der Lehrer der alten Mysterien dahin, den Schiilern klar- 
zumachen: Ihr seht etwas, was wie materiell aussieht, aber ihr miiftt 
das wie Bilder anschauen. In dem, was ihr seht, in diesem Gespenster- 
haften, habt ihr nur die Bilder der geistigen Welt. Ihr miiftt nicht glau- 
ben, daft ihr in dem, was ihr da gespensterartig um euch herum seht, 
die wahre Wirklichkeit habt - wie ja auch der Kreidestaub auf der 
Tafel, wenn ich etwas aufzeichne, nicht die Wirklichkeit ist, sondern 



dasjenige, was abgebildet wird. Natiirlich sagte man das nicht mit 
solchen Worten, aber in modernerer Art konnte man es so aus- 
driicken. Das war die grofie Sorge der alten Mysterien, daft die 
Schiiler nicht das fur Wirklichkeit hielten, was sie da traumhaft ge- 
spenstig sahen, sondern daft sie es als Bilder hinnahmen. 

In der modernen Einweihung hat man eine andere Sorge. Da 
kommt man iiberhaupt nur zum Erkennen der hoheren Welt, indem 
man durch die imaginative Erkenntnis schreitet. Da lebt man also in 
einer Welt von Bildern; da sind die Bilder von vornherein in ihrem 
Bildcharakter da. Also der Verwechslung ist man nicht ausgesetzt, 
man hat zunachst einen Bildcharakter. Aber dafi man diese Bilder in 
der richtigen Weise beurteilen kann, dafi man weifi, wie man diese 
Bilder auf die geistige Realitat zu beziehen hat, das mufi man dadurch 
erreichen, dafi man das exakte Denken, das man sich angeeignet hat 
als moderner Mensch, nun auf die Bilderwelt anwendet, dafi man 
wirklich in dieser Bilderwelt denkt, wie man denken gelernt hat in der 
gewohnlichen physischen Welt. Jedes gedankenlose Anschauen ist fur 
die moderne Initiation von Schaden. Es mufi alles dasjenige, was man 
an gesundem Denken als moderner Mensch entwickelt hat, in die 
hohere Erkenntnis hineingetragen werden. So wie man sich in der ge- 
wohnlichen physischen Welt orientieren kann, wenn man ordentlich 
denken kann, so kann man sich erst recht in der Welt des Geistes, in 
die man durch die moderne Initiation eintritt, nur dann orientieren, 
wenn man alles das, was man durch imaginative, inspirierte, intuitive 
Erkenntnis erlangt, in der richtigen Weise mit dem Denken zu durch- 
setzen vermag, das man sich hier in der physischen Welt angeeignet 
hat. Ich habe ja das in meiner «Theosophie», wie in meiner «Geheim- 
wissenschaft» und auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 
ren Welten?» immer mit volliger Deutlichkeit ausgesprochen als ein 
Charakteristikum der modernen Einweihung. 

Deshalb ist es auch so notwendig, daft jeder, der in dem neueren 
Sinne in die hoheren Welten eindringen will, wirklich exakt denken 
lernt und sich im exakten Denken iibt. Das ist namlich nicht so leicht, 
wie die Menschen sich es vorstellen. Ich will, um das, was ich eigent- 
lich meine, verstandlich zu machen, folgendes sagen: Denken wir ein- 



mal etwas ganz Pragnantes. Sagen wir, es wiirde diese verehrte Gesell- 
schaft hier morgen dadurch iiberrascht werden - es ist ja selbstver- 
standlich eine Hypothese - daft hier im Goetheanum, nun, sagen wir 
Lloyd George erscheint. Ich will eben einen extremen Fall anfuhren. 
Nun, wenn morgen hier Lloyd George erschiene, so wiirden Sie alle 
bestimmte Gedanken, bestimmte Empfindungen haben. Aber diese 
Gedanken, diese Empfindungen, die Sie haben wiirden, die wiirden 
nicht bloft dadurch entstehen, dafi Sie von dem Augenblick, wo dieser 
Lloyd George erscheint, bis zu dem Augenblick, wo er wieder weg- 
geht, alles das, was Sie sehen, verfolgen. Um das zu verfolgen, brauch- 
ten Sie ja gar nicht zu wissen, daft er Lloyd George ist. Sie wiirden 
dann an ihm nur wahrnehmen konnen, was man eben an einem Men- 
schen, der einem ganz unbekannt ist, sehen kann. Ehe Sie nicht in die 
Lage kommen, von allem abzusehen, was Sie iiber irgend etwas, das 
Sie in solcher Weise wahrnehmen, von anderswoher schon wissen 
und empfinden, ehe Sie nicht bloft das rein verfolgen konnen, was Sie 
sehen, eher denken Sie nicht exakt. Sie denken erst dann exakt, wenn 
Sie imstande sind, falls morgen Lloyd George erscheint, hier nichts 
anderes iiber ihn zu denken und zu empfinden, als was der reine Ein- 
druck hervorruft, von dem ersten Moment, wo Ihr Auge auf ihn auf- 
merksam wird, bis zu dem Moment, wo er Ihrem Auge wiederum 
entschwindet. Alles das, was Sie friiher gewuftt haben, miissen Sie 
ausschalten. Alles das, woriiber Sie sich geargert haben iiber ihn oder 
was Sie entziickt hat an ihm, miissen Sie ausschalten, und nur, was er 
Ihnen in der reinen Anschauung darbietet, das miissen Sie auffassen. 
Nur dadurch lernt man genau der Wirklichkeit gemaft denken. 

Denken Sie, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, genau der 
Wirklichkeit gemaft zu denken! Lassen Sie irgend etwas in Ihrer Seele 
rege werden, so werden Sie sehen, wieviel Sie von den in der Seele 
lebenden, verborgenen, unbewuftten, unterbewuftten Empfindungen 
heraufsteigen lassen. Es ist die groftte Schwierigkeit, sich auf das zu 
beschranken, was man bloft gesehen hat. Versuchen Sie, etwas zu 
lesen, wo irgend jemand etwas beschreibt, und fragen Sie sich: Be- 
schreibt er bloft das, was er gesehen hat, oder ruft er nicht hunderte 
und hunderte von vorgefaftten Empfindungen und Gefiihlen hervor, 



die da drinnen mitsprechen? - Und dennoch: Nur wenn man in der 
Lage ist, sich rein auf das zu beschranken, was man gesehen hat, dann 
ist man imstande, allmahlich zu einem genauen Denken zu kommen. 

Also es mufi vor alien Dingen das durchgefiihrt werden, daft man 
alles, was einem, auch durch das Leben selbst, anerzogen ist, fiir ge- 
wisse Erscheinungen abstreifen kann und wirklich nur das verfolgt, 
was sich einem im Leben darbietet. Wenn Sie das bedenken und ein 
wenig meditieren iiber das, was ich jetzt gerade gesagt habe, dann 
bekommen Sie allmahlich einen Begriff von dem, was man «exaktes 
Denken» nennt. Im gewohnlichen Leben hat der Mensch eigentlich 
kaum Gelegenheit, in den heutigen Verhaltnissen sich in einem exak- 
ten Denken anderswo zu iiben als in der Geometrie, hochstens noch 
im Rechnen. Da beschrankt sich der Mensch auf das, was er sieht. 

Zu einer geometrischen Figur, zu einem Dreieck, bringt man nicht 
viel Vorurteile mit. Da sagt man sich: Das ist das Dreieck. Ich zeichne 
hier eine Parallele. Dieser Winkel ist gleich dem Winkel dort, jener 



Taf el 7 




gleich diesem, und der in der Mitte ist sich selbst gleich. Das ist dann 
ein gestreckter Winkel. Also sind die drei Winkel des Dreiecks auch 
gleich einem gestreckten Winkel. - Da schaue ich auf das, was ich vor 
mir habe. Da bringe ich nicht solche Kolosse von Vorurteilen mit, wie 
wenn Lloyd George morgen kame und ich es etwa schon im voraus 
wiifite. Natiirlich will ich mit dem, was ich jetzt eben ausgesprochen 
habe, nur sagen, dafi ein wirkliches exaktes, genaues Denken eine gute 
Vorbereitung fiir ein richtiges Anschauen der hoheren geistigen Wel- 
ten ist. Ein Denken, wobei man den Anfang des Gedankens genau in 
der Hand hat und wirklich jeden Schritt des Gedankens ganz genau 



iiberschauen kann, das ist notwendig, urn in die hoheren Welten 
hineinzukommen, ich meine, urn verstandig in die hoheren Welten 
hineinzukommen. Vor alien Dingen ist eine ausgepragte Gewissen- 
haftigkeit des Denkens notwendig, ein Sich-Rechenschaft-Geben 
iiber das, was man denkt. Und auch davon halt ja das gewohnliche 
Leben zu sehr zuriick. Die Menschen haben in den meisten Fallen 
kein Interesse daran, exakt zu denken, sondern sie haben vielmehr ein 
Interesse daran, so zu denken, dafi ihnen der Gedanke gefallt, dafi 
ihnen der Gedanke angenehm ist. 

Nicht wahr, wenn man schliefilich katholischer Priester ist und 
etwas von Anthroposophie hort, so ist einem der Gedanke, dafi da 
etwas Richtiges sein kann in der Anthroposophie, doch furchtbar 
unangenehm. Also es kann gar nicht die Rede davon sein, dafi man da 
ein exaktes Denken entfaltet. Da tritt man ja an die Sache heran mit 
alien moglichen Antezedenzien, alien moglichen Vorempfindungen 
und Vorurteilen, und man entscheidet sich dann nach diesen Vorurtei- 
len. Im Leben wird ja das meiste nach diesen Vorurteilen entschieden. 
Bedenken Sie doch nur einmal, welch sonderbaren Eindruck es 
manchmal macht, wenn man einfach den Versuch macht, in vorur- 
teilsloser Weise etwas zu charakterisieren. Wir leben hier im Goethea- 
num. Kein Mensch wird mir zutrauen, dafi ich in geringerem Sinne 
ein Goethe-Verehrer bin als irgendein anderer, aber wie vieles habe 
ich gegen Goethe vorgebracht! Wie oftmals mache ich den Versuch, 
Goethe aus einer begrenzten Erscheinungsreihe heraus zu charakteri- 
sieren, die man iiberschauen kann, wahrend zumeist, wenn iiber 
Goethe geredet wird, schon im Namen Goethe eine ganze Summe 
von Wertungen liegt. Damit, dafi nur der Name Goethe ausgespro- 
chen wird, ist schon etwas erregt in der Seele. Man kann nicht, wenn 
man an eine neue Erscheinung herantritt, vorurteilslos an diese 
Erscheinung herantreten, wenn man eben den ganzen Koloft von 
Vorurteilen mitbringt. 

Diese Dinge werden gewohnlich nicht beriicksichtigt, und daher 
sagt man sehr haufig: Ach, man kommt ja nicht weiter in dem Herein- 
dringen in die geistigen Welten! - Ja, wenn die elementaren Dinge 
nicht beriicksichtigt werden, so kann man eben natiirlich nicht hin- 



einkommen. Und die Leute betrachten es als eine Zumutung, wenn 
man an sie die Anforderung stellt, die elementarsten Dinge zu be- 
riicksichtigen. 

Ich stelle ein Bild vor Sie hin. In den neunziger Jahren war ich 
einmal in Jena; da hat nach seiner Entlassung Bismarck eine grofte 
Rede gehalten. Er ist im Gefolge von Haeckel und Bardeleben und 
andern Jenenser Professoren unter einem Baldachin erschienen. Nun 
denken Sie, die ganze kolossale Menge, die dazumal auf dem Markt- 
platz in Jena stand, die sollte, was Bismarck sagt, nur so verfolgen, wie 
sie es verfolgen wiirde bei einem Menschen, den sie jetzt erst kennen- 
lernt! Nicht wahr, das ist undenkbar unter gewohnlichen Verhaltnis- 
sen. Und dennoch, fur den, der wirklich in eine Art Einweihung hin- 
einkommen will, ist es durchaus notwendig, dafi er sich die Unbefan- 
genheit entwickelt, alles das, was er sieht, auch wenn sich dariiber 
noch so viel schon in seiner Seele festgelegt hat, immer wiederum wie 
etwas ganz Neues anzusehen, wie etwas sozusagen ihm vom Himmel 
Zugefallenes. Denn das ist ja das Eigentiimliche der geistigen Welt, 
dafi wir sie uns immer erst in jedem Augenblicke wieder neu erringen 
miissen, wenn wir sie haben wollen. Dazu mussen wir uns in der 
entsprechenden Weise eben vorbereiten. 

Aber man kann doch sagen: Wenn man die allgemeinen Zivilisa- 
tionserscheinungen beachtet, bewegt sich die Menschheit in einer sol- 
chen Linie. Nur kommt sie zunachst noch in schlechtem Aspekt zum 
Vorschein: in dem Bekampfen jeder Autoritat, in dem Bekampfen je- 
des hergebrachten Urteiles und so weiter. Diese Dinge mussen nur 
alle veredelt werden. Aber die Menschheit bewegt sich in der Linie 
der Vorurteilslosigkeit, der Unvoreingenommenheit. Es kommt nur 
zunachst von seiner negativen, hafilichen Seite aus zum Vorschein. 
Man mufi, wenn man die Entwickelung der Zivilisation richtig beur- 
teilen will, wenn man sie fur die Zukunft bewerten will, sie auch von 
der Seite betrachten, die ich eben jetzt angedeutet habe. 

Uber diese Dinge werden wir dann, meine lieben Freunde, am 
nachsten Freitag um 8 Uhr weitersprechen. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 17. Februar 1922 



Uber den Durcbgang der menschlichen Geist-Seelenwesenheit 
durch die physisch-sinnliche Organisation 

Wir wollen heute einmal den Durchgang der menschlichen Geist-See- 
lenwesenheit durch die physisch-sinnliche Organisation betrachten, 
und zwar so, wie sich dieses Geistig-Seelische zunachst anschickt fur 
die physische Inkarnation, indem es herunterkommt von den geistigen 
Welten, und dann, wie es wiederum hinausgeht durch die Pforte des 
Todes aus der physisch-sinnlichen Inkarnation in die geistige Welt. 
Und insbesondere wollen wir heute Riicksicht nehmen auf die seeli- 
schen Eigentumlichkeiten dieses Vorganges. Wir miissen uns klar dar- 
iiber sein, daft beim Eintreten in die physische Organisation, und zwar 
schon bei der Konzeption, eine gewaltige Veranderung vor sich geht 
und dafi wiederum eine gewaltige Veranderung eintritt, wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes die physische Inkarnation verlafit. 

Nun haben wir das ja schon von den verschiedensten Gesichts- 
punkten aus charakterisiert; heute aber wollen wir gewissermafien auf 
das innere Erlebnis der Seele als solche unseren Blick lenken. Wir 
wollen uns fragen: Welches sind die letzten Erlebnisse des Seelischen, 
bevor es heruntersteigt in das physische Erdenleben? 

Wenn wir das Seelische beobachten zwischen der Geburt und dem 
Tode, so finden wir es in der mannigfaltigsten Weise durchwebt von 
Gedanken, von Gefuhlen, von Willensimpulsen, All das wirkt ineinan- 
der zu einem seelischen Gesamtbilde. Und wir haben ja auch fur die 
einzelnen Gedankenformen, fur die Formen des Gefiihls, fur die For- 
men der Willensimpulse besondere Sprachbezeichnungen und wissen 
aus dem, was im physischen Erdenleben seelisch erlebt wird, gewisse 
Arten von Gefuhlen zu charakterisieren. Wir konnen, indem wir von 
mehr unterbewufiten Gefuhlserlebnissen und von Seelenerlebnissen 
liberhaupt ausgehen, wenigstens einigermafien ein Licht werfen auf 
das, was in der Seele lebt, bevor sie ins irdische Leben eintritt. 



Zunachst mufi uns ja klar sein, dafi das gedankliche Element als 
solches wahrend des physischen Erdendaseins in der Seele wie ein 
Schattenhaftes lebt. Die Gedanken werden mit Recht blaft, abstrakt 
genannt. Das meiste, was der Mensch wahrend des Erdenlebens an 
Gedanken, an Vorstellungen aufbringt, ist schliefilich nichts weiter als 
Spiegelbild der Auftenwelt. Der Mensch stellt sich vor, was er in der 
Aufienwelt durch seine Sinne wahrgenommen hat, und Sie werden ja 
wissen, daft im Grunde genommen sehr wenig iibrigbleibt, sobald Sie 
alles, was durch die Sinne wahrgenommen worden ist oder was im 
Laufe des physischen Erdenlebens sonst im Beisein der Sinne erlebt 
worden ist, von dem Gedankenleben abziehen, wenn nicht gerade ein 
Studium der Geisteswissenschaft dazu gefiihrt hat, andern Gedan- 
keninhalt zu bekommen als den, der aus der Sinneswelt herausgezo- 
gen ist. Aber diese schattenhafte Gedankenwelt ist eben aus dem 
Grunde schattenhaft, weil sie ihre innere Lebendigkeit verloren hat 
beim Herabsteigen in die physisch-sinnliche Welt. Gerade dasjenige, 
was in uns das gedankenhafte Erleben ist, das ist ein reges, in sich 
bewegtes, in sich voiles Leben vor dem Hinuntersteigen in die physi- 
sche Welt. Man kann sagen, wie sich irgendeine voile irdische Gestalt 
zu dem Schatten verhalt, den sie an die Wand wirft, so verhalt sich 
das, was in den Gedanken eigentlich lebt, zu dem, was als Gedanken 
wahrend unseres Erdendaseins auftritt. Und wenn wir von den irdi- 
schen Gedanken, wie wir sie zwischen Geburt und Tod haben, zu der 
wahren Gestalt des Gedankenlebens gehen, so sind sie [diese Gedan- 
ken] doch eigentlich nur im rein geistigen Leben vor der Konzeption 
vorhanden. Es ist gerade so, wenn wir von einem Wandschattenbild 
zu demjenigen gehen, was es darstellt. Es ist ein reges inneres, voll 
lebendiges Dasein gerade in dem, was spater abgeschattete 
Gedanken sind, vor der Geburt oder vor der Konzeption vorhanden. 
Wir konnen durchaus als das eigentliche geistige Dasein, als die 
eigentliche geistige Wesenhaftigkeit bezeichnen, was von der Gedan- 
kenwelt vor der Konzeption als inneres seelisches Weben und Leben 
vorhanden ist. Dieses innerlich-seelische Weben und Leben ist natiir- 
lich vor der Konzeption etwas, was das ganze uns bekannte Weltenall 
durchdringt. Wir leben eigentlich vor der Konzeption im Ganzen der 



Welt, die uns sonst umgibt, und was als Gedanke im Menschen dann 
wahrend des Erdenlebens vorhanden ist, das ist das Schattenbild im 
kleinen Raum, im menschlichen physischen Organismus, von dem, 
was eigentlich kosmisches Leben hat vor der Konzeption. 

Damit bezeichnen wir das eine Element des Seelischen vor der 
Geburt oder vor der Konzeption. Was im Irdischen also Gedanken- 
haftes, im Aufier irdischen bei der menschlichen Wesenheit eigentlich 
Geistiges ist, das finden wir, bevor der Mensch heruntersteigt in die 
physische Welt, als Inhalt der Seele. Das andere, was Inhalt der Seele 
ist, das ist nicht anders zu bezeichnen, wenn wir die Begriffe von dem 
irdischen Leben hernehmen wollen, als indem wir sagen: Es ist 
Furcht. In der Seele lebt in der Zeit, die dem physischen Erdenleben 
vorangeht, etwas, was sie ganz durchdringt als Furcht. Nur natiirlich, 
wenn so etwas gesagt wird, miissen Sie sich klar dariiber sein, dafi 
Furcht als Erlebnis aufierhalb des physischen Leibes etwas ganz ande- 
res ist als im physischen Menschenleibe. 

Der Mensch ist also, bevor er zur Erde heruntersteigt, ein Geistig- 
Seelisches, durchzogen von einem Gefiihlselemente, das man nur mit 
etwas, was der Mensch im Erdenleben als Furcht erfahrt, vergleichen 
kann. Diese Furcht hat ihre gute Berechtigung fur die Zeit des Men- 
schenlebens, von der ich eben spreche. Der Mensch hat in dem Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt alle moglichen Erfah- 
rungen gemacht, die sich eben in diesem kosmischen Verbundensein 
mit dem All machen lassen. Der Mensch ist gewissermafien miide 
geworden dieses kosmischen Lebens am Ende seines Daseins zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, wie der Mensch durch das 
Vertrocknen, durch das Abgelahmtwerden seiner Leibesorganisation 
am Ende seines Erdenlebens fur das irdische Leben miide ist. Der 
Mensch ist gewissermafien miide geworden des aufierirdischen 
Lebens. Und dieses Miidewerden driickt sich eben nicht als Miide- 
werden aus, sondern es driickt sich aus als Furcht vor dem All. Der 
Mensch flieht gewissermafien das All. Er empfindet das, was die 
Grundeigenschaft des Alls ist, als etwas ihm nunmehr Fremdgewor- 
denes, das ihm nichts mehr gibt; er empfindet eine Art von Scheu, die 
mit Furcht zu vergleichen ist, vor dem Elemente, in dem der Mensch 



darinnen ist. Er will sich herausziehen aus diesem Allgefiihl, und er 
will sich zusammenziehen in das, was menschliche Leiblichkeit ist. 

Nun ist ja das, was sich von der Erde aus dem Menschen entgegen- 
bietet, etwas, was in gewissem Sinne eine Art Anziehungskraft ausiibt 
diesem Furchtzustande gegeniiber, in dem der Mensch sich befindet, 
wenn er sich wiederum dem Erdendasein nahert. Wenn ich schema- 
tisch die Sache zeichnen soil, so miifite ich das in der folgenden Weise 
tun: Denken Sie sich die Schadeldecke mit dem Gehirn darinnen. Das 
ist der Boden der Schadeldecke. Nun, dasjenige, was da in den For- 
men des Gehirnes sich ausbildet, was so merkwiirdige Windungen 
darstellt, das ist beim menschlichen Organismus, wie ich verschie- 
dentlich schon angedeutet habe, eine Art Nachbildung des Sternen- 
himmels, des Weltenalls. Da drinnen in diesem zelligen Gebilde des 
Gehirns ist wirklich der Sternenhimmel nachgebildet (siehe Zeich- 
nung). Und indem der Mensch vor dem Herunterkommen ins Irdi- 
sche in dem All draufien, in der Sternenwelt gelebt hat, hat er ja in 
seiner Geistigkeit dieses Sternenall umfafit. Aber jetzt furchtet er sich 
vor demselben. Er zieht sich zusammen nach dem, was wie ein 
irdisches Abbild dieses Sternenraumes im menschlichen Gehirn ist. 



Tafel 8 




Und da kommen wir zu dem, was man bezeichnen konnte als die 
Wahl, die das Geistig-Seelische trifft. Es geht die Seele eben zu dem- 
jenigen in Bildung begriffenen Gehirn hin, welches die meiste Ahn- 



lichkeit hat mit der Sternkonstellation, in der die Seele vor dem Her- 
absteigen in das Irdische drinnengestanden hat. Es ist ja natiirlich, dafi 
das Gehirn des einen Embryos in anderer Weise als das eines andern 
Embryos ein Abbild des Sternenhimmels ist. Nach demjenigen 
Gehirn hin aber fiihlt sich das Seelische angezogen, das am meisten 
Ahnlichkeit mit der Sternkonstellation hat, in der die Seele war, bevor 
sie auf die Erde heruntergestiegen ist. 

Es ist also im wesentlichen eine Art Furchtgefiihl, was die Seele in 
den engen menschlichen Raum herunterfuhrt, ein Furchtgefiihl vor 
dem Unendlichen, konnte man sagen. Dieses Furchtgefiihl ist das 
mehr Seelische. Die Gedankenwelt, die dann nach und nach von der 
Kindheit bis zur Erwachsenheit entfaltet wird, ist das Geistige. Dabei 
gehen dann sowohl dieses Furchtgefiihl wie auch das Geistige, das 
dann zu den Gedankenschatten wird, eine wesentliche Metamorpho- 
se durch. Diese Metamorphose mochte ich Ihnen charakterisieren. 
Man kann sich da nur der Ausdriicke bedienen, welche fur das ge- 
wohnliche Vorstellen ungewohnt sind; allein das heutige gewohnliche 
Vorstellen hat ja auch durchaus keine Anhaltspunkte, um diese Dinge 
zu bezeichnen. Es liegt ab von alledem, was in diese Region hinein- 
gehort, und daher miissen wir uns schon ungewohnter Ausdriicke 
bedienen, wenn wir diese den heutigen Vorstellungen abliegenden 
Dinge adaquat bezeichnen wollen. 

Wir haben also zunachst das geistige Element, das da lebt im All, 
das sich gewissermafien hineinbegibt in die enge Wohnung des 
menschlichen Leibes, sich namentlich durch das Nervensystem, 
durch das Gehirn entfaltet und sich dabei metamorphosieren mufi. 
Dabei gliedert es sich in zwei Regionen. Man kann wirkhch davon 
sprechen, dafi das, was der Mensch vor der Konzeption in der geistig- 
seelischen Welt ist, beim Ubergehen in die physische Leiblichkeit 
stirbt. Die Geburt in der physischen Leiblichkeit ist ein Absterben 
fur das geistig-seelische Leben des Menschen. Beim Absterben bleibt 
immer ein Leichnam iibrig. Wie, wenn der Mensch fiir die Erde stirbt, 
der Leichnam iibrigbleibt, so bleibt auch ein Leichnam iibrig, wenn 
das Geistig-Seelische, indem es durch die Konzeption zur Erde hin- 
geht - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf -, fiir das Himm- 



lische abstirbt. Von dem, was nun da als ein Leichnam iibrigbleibt, 
von dem leben wir eigentlich gedanklich unser ganzes Erdenleben 
hindurch. Der Leichnam ist namlich die Gedankenwelt; das Tote, das 
ist diese Schattenwelt. So daft wir sagen konnen: Indem das Geistige 
des Menschen durch die Konzeption ins Erdenleben heruntersteigt, 
stirbt es fur die geistig-seelische Welt ab und lafit diesen Leichnam 
zuriick. 

Geradeso wie der Leichnam des physischen Menschen in die irdi- 
schen Elemente sich aufldst, so lost sich fur die geistige Welt das 
Geistig-Seelische auf und wird zu der Kraft, die in den physischen 
Gedanken entfaltet wird. Die Gedankenwelt ist der Leichnam unse- 
res Geistig-Seelischen. So, wie die Erde den Leichnam verarbeitet, 
wenn wir ihn in die Erde legen, oder wie ihn das Feuer verarbeitet, 
wenn wir ihn verbrennen, so verarbeiten wir unser ganzes Leben hin- 
durch den Leichnam unseres Geistig-Seelischen in unserer phy- 
sischen Gedankenwelt. Also die physische Gedankenwelt ist im 
Grunde genommen das fortgehende Tote dessen, was als Wirkliches, 
als geistiges Leben vorhanden ist, bevor der Mensch in die physische 
Irdischheit heruntersteigt. 

Das andere, was in den Menschen als Lebendes einkehrt von sei- 
nem vorirdischen Dasein, das kommt im physischen Menschen nicht 
durch die Gedankenwelt zur Geltung, sondern im weitesten Umfan- 
ge durch alles dasjenige, was wir Gefiihl nennen konnen, sowohl 
Mitfuhlen mit den Menschen wie auch Mitfiihlen mit der Natur. Also 
alles das, wodurch Sie sich fiihlend, empfindend in die Aufienwelt 
verbreiten, das ist ein Element, das die lebendige Nachwirkung des 
vorirdischen Daseins darstellt (siehe Schema S. 97). 

Nicht in Ihren Gedanken erleben Sie auf lebendige Art Ihr vorir- 
disches Dasein, sondern in dem Gefiihle mit den andern Wesen. Wenn 
wir eine Blume liebhaben, wenn wir einen Menschen liebhaben, so ist 
das im wesentlichen eine Kraft, die uns aus dem vorirdischen Dasein 
gegeben ist, aber in einer lebendigen Weise. So daft wir auch sagen 
konnen: Wenn wir zum Beispiel einen Menschen liebhaben, so haben 
wir ihn nicht bloft aus Erfahrungen im Erdenleben lieb, sondern auch 
aus dem Karma heraus, aus der Verbundenheit in friiheren Erden- 



leben. Es wird etwas Lebendiges hiniibergetragen aus dem vorirdi- 
schen Dasein, wenn die mitfuhlende Sphare des Menschen in Betracht 
kommt. Dagegen stirbt das, was lebendiges Geistelement zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt ist, in die Gedankenwelt hinein. 
Deshalb hat die Gedankenwelt wahrend des irdischen Daseins dieses 
Blasse, Schattenhafte, dieses Tote an sich, weil es eigentlich den abge- 
storbenen Teil der vorirdischen Erlebnisse des Menschen darstellt. 

Das zweite ist dann das, was man als Furcht bezeichnen mulS, und 
auch das metamorphosiert sich so, daft es in zwei Elemente zerfallt. 
Das eine, also dasjenige, was wir vor dem Heruntersteigen in die irdi- 
sche Welt als Furcht erleben, was die Seele ganz durchzieht und wobei 
sie die geistige Welt fliehen will, das wird etwas anderes, wenn es in 
den Leib einzieht, und das aufiert sich zunachst im Inneren des Men- 
schen als etwas, was ich bezeichnen mochte als das Selbstgefuhl. Das 
Selbstgefuhl ist wirklich die umgewandelte Furcht. Dafi Sie sich als 
ein Selbst ftihlen, dafi Sie sich in sich selbst halten, das ist umgewan- 
delte Furcht aus dem vorirdischen Leben. 



Und der andere Teil, in den sich die Furcht verwandelt, das ist der 
Wille. Alles, was als Willensimpulse auftritt, was unserer Betatigung 
in der Welt zugrunde liegt, all das ist vor dem Heruntersteigen ins 
irdische Leben als Furcht vorhanden. 

Sie sehen, hier ist wiederum dem Menschen ein Gutes fur das irdi- 
sche Leben erwiesen dadurch, dafi er im gewohnlichen Bewufksein 




i:ote Qedankenujelt 



Tafel 8 





nicht an dem Hiiter der Schwelle voriiberschreitet. Ich sagte ja oft- 
mals: Das, was der Wille eigentlich da unten darstellt im menschlichen 
Organismus, das verschlaft der Mensch. Der Mensch hat die Inten- 
tion seines Wollens, dann fiihrt er das Wollen aus; dann hat er wieder- 
um die Vorstellung von den Ergebnissen. Was aber zwischen diesen 
beiden Vorstellungswelten liegt, zwischen der Absicht, eine Hand- 
lung auszufiihren und der vollendeten Handlung, also das, was 
eigentlich im Willen lebt, das wird von dem Menschen zunachst so 
verschlafen, wie er die Zustande zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen verschlaft. Wenn der Mensch hinunterschauen wiirde in 
das, was seinem Willen zugrunde liegt, er wiirde heraufkraften fiihlen 
aus seinem Organismus die aus dem vorirdischen Leben herein- 
kommende Furcht. 

Das ist es auch, was bei der Einweihung iiberwunden werden muft. 
Wenn man in sich selbst hineinschaut, sieht man zuerst allerdings das 
Selbstgefiihl. Das ist ja schon etwas, was durch die Erziehung nicht zu 
sehr gesteigert werden darf, damit der Mensch, wenn er in die geistige 
Welt eintritt, nicht eben in Grofienwahn verfallt. Aber auf dem Gran- 
de seiner Willensimpulse findet er iiberall die Furcht, und er mufi 
gestarkt sein gegen diese Furcht. 

Im wesentlichen werden Sie daher sehen, da$ iiberall in den Ubun- 
gen, die angegeben sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse hoherer Welten?», darauf hingezielt ist, die Furcht, die man in 
der eben bezeichneten Weise gewahr wird, zu ertragen. Diese Furcht 
ist etwas, was unter den Entwickelungskraften da sein mufi, sonst 
wiirde der Mensch gar nicht in das irdische Dasein herunterkommen 
aus der geistigen Welt. Er wiirde die geistige Welt nicht fliehen. Er 
wiirde nicht den Impuls entwickeln, in einen begrenzten physischen 
Menschenleib einzuziehen. Dafi er es tut, hangt eben damit zusam- 
men, dafi er die Furcht vor der geistigen Welt als eine ganz natiirliche 
Eigenschaft der Seele hat, wenn er eine Zeitlang zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt gelebt hat. 

Wir haben also die Gedanken als einen Leichnam an uns, das heifk, 
eigentlich ist es die Kraft der Gedanken, nicht die Gedanken selbst, 
die wir haben. Wir konnen das noch genauer beschreiben. Allerdings, 



wenn Sie auf diese genauere Beschreibung eingehen wollen, werden 
Sie sehr exakte Vorstellungen entwickeln miissen. Diese geistige 
Kraft, die da in den Gedanken erstirbt und zum Leichnam wird, wenn 
der Mensch ins physische Erdendasein heruntersteigt, diese Kraft ist 
dieselbe, die aus dem Kosmos heraus unsere Organe bildet. Was wir 
als Lunge, Herz, Magen, also als die geformten Organe in uns tragen, 
das wird aus dieser Gedankenkraft des Weltenalls heraus gebildet. 

Wenn wir nun ins irdische Leben eintreten, dann geht in unseren 
engbegrenzten Organismus diese Gedankenkraft ein. Was will nun 
die Erde mit ihrer Umgebung von uns? Ja, die Erde mit ihrer Umge- 
bung will eigentlich von uns, daft wir sie in uns nachbilden. Wenn wir 
das Irdische nachbilden wiirden, dann wiirden allmahlich im Verlaufe 
unseres Lebens unsere inneren Organe, wie Lunge und vor alien Din- 
gen die verschiedensten Windungen des Gehirns und so weiter, in 
kristallartige Gestalten verwandelt werden. Wir wiirden alle Bild- 
saulen werden, die aber nicht dem Menschen ahnlich waren, sondern 
die so wie Kristalle, die gegeneinander gruppiert sind, aussehen 
wiirden. Wir wiirden aus unorganischen, aus leblosen Gestalten all- 
mahlich zusammengesetzt sein und eine Art von Bildsaule werden. 

Dagegen stemmt sich der menschliche Organismus. Er bleibt bei 
der Form seiner inneren Organe. Er lalk zum Beispiel seine Lunge 
nicht umbilden zu einer Art von, sagen wir, Gebirgsziigen. Er lafit 
sein Herz nicht umbilden zu einer Art Kristallgruppe. Er stemmt 
sich dagegen. Und in diesem Sich-dagegen-Stemmen liegt der Anlaft 
dazu, dafi wir, statt mit unseren Organen diese irdische Umgebung 
nachzuformen, sie blofi in Schattenbildern in unseren Gedanken 
nachbilden. Also die Gedankenkraft ist eigentlich immer auf dem 
Wege, von uns ein Abbild unserer physischen Erde, unserer physi- 
schen Erdenform zu machen. Wir mochten fortwahrend zu einem 
System von Kristallen werden. Aber das lafit unsere Organisation 
nicht zu. So viel hat sie in dem Lebendigen, in dem Mitfiihlen, in 
dem Selbstgefiihle, in den Willensimpulsen zu entfalten, daft sie das 
nicht zulaftt. Sie lafit unsere Lunge nicht umbilden, so daft sie aus- 
sieht wie Kristalle, die aus der Erde herauswachsen. Sie stemmt sich 
gegen dieses irdische Gestaltetwerden, und da kommen nur die 



Bilder der irdischen Gestalten dann zustande in der Geometric, und 
was wir sonst uns an Gedanken bilden von unserer Erdenumgebung. 
Wie gesagt, es mu£ sehr exakt gedacht werden, wenn man zu dieser 
Vorstellung vorschreiten will. 

Eigentlich ist aber immerfort die Tendenz vorhanden, dafi wir 
unserem Gedankensystem ahnlich werden. Wir muss en fortwahrend 
dagegen kampfen, dafi wir ihm nicht ahnlich werden. Wir streben ei- 
gentlich fortwahrend dahin, so eine Art Kunstwerk zu werden, das 
allerdings bei der Art der Gedanken, wie sie die Menschen meistens 
haben, nicht gerade ein sehr schones Kunstwerk zum Anschauen 
gabe. Aber wir streben dahin, der aufieren Gestalt nach dasselbe zu 
wirken, was unsere Gedanken eben im blofien Bilde, im blofSen 
Schatten sind. Wir werden es nicht, sondern wir lassen es gewisser- 
mafien zuriickspiegeln, und dadurch wird es unser Gedanke. Es ist 
ein Prozefi, der sich wirklich vergleichen lafit mit dem Entstehen von 
Spiegelbildern. 

Wenn Sie hier einen Spiegel haben, davor einen Gegenstand, so 
wird dieser Gegenstand eben abgespiegelt. Er ist nicht da drinnen 
Tafd9 [Hier wird gezeichnet]. Alles, was vor unserem Auge steht, will 
eigentlich in uns fortwahrend ein wirkliches Gebilde veranlassen. 
Aber wir stemmen uns dagegen, wir behalten unser Gehirn. Dadurch 
wird es zuriickgespiegelt und wird das Gedankenbild. Ein Tisch will 
in Ihnen Ihr Gehirn selber zum Tisch machen; Sie lassen das nicht zu. 
Dadurch entsteht das Bild des Tisches in Ihnen. Das ist das Spiegeln, 
dieses Zuriickwerfen der Tatigkeit. Dadurch aber stehen wir eben im 
Denken so da, dafi unsere Gedanken nur die Schattenbilder der 
Auftenwelt sind. Aber in unserem Gefuhl, da haben wir schon etwas 
anderes gegeben. Versuchen Sie nur einmal sich richtig vorzustellen, 
was Sie mit Ihrem Fiihlen haben. Sie fuhlen anders einen runden Tisch 
als einen eckigen. Sie fuhlen die Ecken. Der Gedanke des eckigen 
Dinges macht Ihnen nichts Besonderes aus, aber das Erfuhlen der 
Ecken, das tut schon mehr weh, als wenn man nur in aller Ruhe die 
Rundung eines Tisches verfolgt. Also mit dem Fuhlen leben wir in 
unserem Inneren schon mehr die aufSere Form nach als mit den 
Gedanken. 



Damit ist hingedeutet auf die Metamorphose, die das Seelisch- 
Geistige durchmacht, wenn es vom vorirdischen Dasein ins irdische 
Dasein kommt. Wie ist es nun, wenn wir durch die Pforte des Todes 
gehen? Die Gedankenwelt, die wir haben, ist ja ihrer Kraft nach blofi 
der Leichnam des vorirdischen Daseins. Die hat eigentlich keine Be- 
deutung. Geradeso wie, wenn wir uns in einem Spiegel sehen und 
dann den Spiegel wegnehmen, das Bild fort ist, so ist unser Gedan- 
kenleben fort, indem wir durch die Pforte des Todes gehen. Also, 
wenn der Mensch von Unsterblichkek spricht, so soli er nur ja nicht 
auf diese irdische Gedankenkraft reflektieren. Die ist es nicht, die mit 
ihm durch die Pforte des Todes geht. Dagegen alles das, was er als 
Mitgefuhl, als Nachgefiihl, als Nachempfindung des Irdischen ent- 
wickelt hat, das geht durch die Pforte des Todes. Also Mitgefuhl geht 
durch die Pforte des Todes hindurch (siehe Schema). Und dadurch, 
dafi wir Mitgefuhl haben mit der Umwelt, entwickeln wir die Kraft, 
jetzt in der geistigen Welt in den Wesenheiten darinnenzustehen, in 
dem Element, das Geistesgedankenelement ist. Das Mitfuhlen, das 
durch unsere Korperlichkeit abgetrennt ist von der irdischen Umge- 
bung, stromt jetzt nach dem Tode hinaus in die geistige Umgebung 
und verbindet sich mit dem Gedanklich-Geistigen der Welt, in die wir 
eintreten, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Also mit dem 
Gedanklich-Geistigen verbindet sich dasjenige, was wir an Mitgefuhl 
empfinden. 

To CJ Tafel 9 

Sec/cmkenielb 



Selbsfgefubl 



^ 7)nrmensteben in gtisti$en 

"Wesen 

Kraffeioeseh 



Und dadurch, dafi wir gewissermafien hiniiberfliefien mit unserem 
Mitfuhlen in das Gedanklich- Geistige, entwickeln wir selber wieder- 
um eine Art Gedankenleib, einen lebendigen Gedankenleib, der uns 



dann eigen ist zwischen dem Tode und der nachsten Geburt. Denn 
das, was im Leben Selbstgefiihl ist, das entwickelt sich zum Drinnen- 
stehen in andern Wesenheiten. Wahrend wir durch unser Selbstgefiihl 
im irdischen Leben uns nur innerhalb unserer Leiblichkeit wissen, 
lernen wir uns wissen in andern Wesen, in den Wesen der hoheren 
Hierarchien, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind. 
Und indem wir in geistigen Wesen drinnenstehen, empfangen wir von 
diesen auch die Krafte, die uns dann wiederum weiterleken auf unse- 
rer Lebensbahn zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. So daft 
wir sagen konnen, das eigene Kraftewesen entwickelt sich auf diese 
Weise. Das ist die Metamorphose des Geistig-Seelischen, indem wir 
durch die Pforte des Todes hindurchgehen. 

Der Wille als solcher ist nicht etwa so - wie die Gedankenwelt -, 
dafi er mit dem Tode verschwande, sondern er ist ja der Quell fur den 
Inhalt unserer Selbstgefiihle. Denken Sie einmal, Sie wollen etwas, das 
Sie befriedigt, dann gibt dieses Wollen schon etwas, das Sie befriedigt, 
gibt Ihrem Selbstgefiihl eine bestimmte Nuance. Wenn Sie etwas ge- 
tan haben, was Sie nicht befriedigt, gibt das auch Ihrem Selbstgefiihl 
eine bestimmte Nuance. Der Wille ist nicht nur etwas, das nach aufien 
die Tatigkeit vollzieht, sondern er strebt auch kraftvoll in unser In- 
neres zuriick. Wir wissen, was wir sind, aus dem heraus, was wir 
konnen. Und diese Nuance des Selbstgefiihles, dieses in uns selbst 
wiederum Zuriickstrahlen des Willenselementes, das nehmen wir mit 
dem Selbstgefiihl eben mit in die geistige Welt. Also der Wille, das 
heifit eigentlich die Zunickstrahlung des Willens in unser Selbstgefiihl 
ist es, was wir hineintragen, indem wir untertauchen in die Wesenhei- 
ten der hoheren Hierarchien. Und dadurch, daft wir das mitnehmen, 
was unser Selbstgefiihl erhoht oder geschwacht hat, bildet sich die 
Kraft unseres Karma, unseres Schicksals. Wenn man diese Dinge 
iiberblickt, kann man hineinschauen in das, was der Mensch eigent- 
lich ist. Und man lernt auch auf diese Art insbesondere gewisse Be- 
gleiterscheinungen des irdischen Lebens kennen. Im irdischen Leben 
tritt die Furcht gewift da oder dort auf; aber niemals darf sie die ganze 
Seele ausfiillen, und es ware traurig, wenn es so ware. Bevor wir 
dagegen ins irdische Leben heruntersteigen, ist die ganze Seele 
…[truncated]