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rudolf steiner gesamtausgabe
vortrAge
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Weltenwunder, Seelenpriifungen
und Geistesoffenbarungen
Ein Zyklus von zehn Vortragen,
gehalten in Miinchen
vom 18. bis 27. August 1911,
mit einem Vortrag «Unsere Zeit und Goethe>
am 28. August 1911
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Wolfram Groddeck
1. Auflage (Zyklus 18) Berlin 1912
2. Auflage (Zweitdruck des Zyklus) Berlin 1929
3. Auflage (erste Buchausgabe) Dornach 1939
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977
6., durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1995
Einzelveroffentlichung:
Munchen, 28. August 1911:
«Unsere Zeit und Goethe», Dornach 1939
Bibliographie-Nr. 129
Das Siegel auf dem Umschlag
hat Rudolf Steiner 1911 fur die Buchausgabe des zweiten Mysteriendramas
«Die Priifung der Seele* entworfen
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1290-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli-
chungen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben auf S. 259ff.
Erster Vortrag, Miinchen, 18. August 1911 9
Der Urbeginn der dramatischen Kunst im europaischen Kultur-
leben. Das Mysterium von Eleusis.
Zweiter Vortrag, 19. August 1911 31
Die lebende Wesenhaftigkeit der geistigen Welt in der griechi-
schen Mythologie. Die Entstehung der Mysterien. Die dreifache
Hekate.
Dritter Vortrag, 20. August 1911 53
Natur und Geist. Zeus, Poseidon und Pluto als makrokosmische
Entsprechungen der menschlichen Hullennatur. Ein Zeichen der
okkulten Schrift. Hinweis auf die pythagoraische Schule.
Vierter Vortrag, 21. August 1911 74
Dionysos als Reprasentant der Ich-Krafte. Wie das Eingreifen des
Christus -Impulses in die Menschheitsentwicklung zu verstehen
ist. Eine durchgeistigte Naturauffassung. Die Wirksamkeit der
Planetengotter.
Funfter Vortrag, 22. August 1911 98
Das Wesen der griechischen Gotterwelt und das Zusammen-
fliefien der althebraischen und der griechischen Stromung in der
Christus-Stromung. Atlantische Menschen. Dionysos Zagreus
und der jiingere Dionysos.
Sechster Vortrag, 23. August 1911 121
Die Ich-Wesenheit und die Menschengestalt. Der Zug des Dio-
nysos. Die Mythologie der Griechen: Buchstaben einer Geist-
Geologie.
Siebenter Vortrag, 24. August 1911 137
Die Dionysischen Mysterien. Uber den Sprachgenius.
Achter Vortrag, 25. August 1911 159
Der wahre Sinn der Seelenpriifungen. Fortschreitende Gotter-
generationen und zuriickgebliebene Wesenheiten. Eine Ur-
bezeichnung von dem Mysterium von Golgatha. Jehova-Christus.
Neunter Vortrag, 26. August 1911 182
Das Werden der gegenwartigen Menschengestalt: Adler-, Stier-
und Lowenstromung. Das Ratsel vom Menschenwerden: Sphinx
und Taube. Das Ereignis der Johannestaufe am Jordan. Das
Zustandekommen des Seelenlebens und des Ich-Bewufitseins.
Zehnter Vortrag, 27. August 1911 204
Die beiden Pole aller Seelenpriifungen. Der makrokosmische
Christus-Impuls im Paulinischen Sinne, Die Bestimmung der
Menschenseele.
Elfter Vortrag, 28. August 1911 (Zum Geburtstag Goethes) 226
Unsere Zeit und Goethe.
Programm der Munchner Veranstaltungen 248
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 249
Hinweise zum Text 250
Namenregister 258
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 259
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 263
ERSTER VORTRAG
Munchen, 18. August 1911
Das erste Wort dieser diesjahrigen Munchner Veranstaltungen wur-
de dem Gotterboten Hermes iibertragen, und wir diirfen gegeniiber
dem, was wir in unserer Geisteswissenschaft sehen wollen, was wir
an ihr fuhlen wollen, gerade diese Ubertragung der Worte des Her-
mes vielleicht in einer sinnbildlichen Art auffassen. 1st uns ja Geistes-
wissenschaft nicht allein etwas, was uns Wissen oder Erkenntnis
bringt ahnlich dem anderen Wissen, der anderen Erkenntnis der
Welt, sondern ist sie uns doch ein wirklicher Vermittler in jene
Welten hinauf, von denen nach der Anschauung des alten Griechen-
lands Hermes den Menschen herabgebracht hat, was in ihnen selbst
die Krafte entzunden konnte, die hinauffuhren in diese Reiche des
Ubersinnlichen. Und ankniipfend an diese Worte sei es mir gerade
heute in diesem einleitenden Vortrage gestattet, einiges hinzuzufii-
gen zu dem, was uns aus den Darbietungen der letzten Tage ertonen
konnte, so dafi es sich mit allem Folgenden, in den nachsten Tagen zu
Besprechenden, zu einem Ganzen zusammenschlieften kann.
Diese Darbietungen sind ja nicht nur deswegen gegeben, um
etwa eine Art Verschonerung unserer Veranstaltung zu bewirken,
sondern sie sollen angesehen werden als im innigsten organischen
Zusammenhang stehend gerade mit dem, was in dieser seit vielen
Jahren bestehenden jahrlichen Mittelpunktsunternehmung unseres
hiesigen geisteswissenschaftlichen Wirkens steht. Es wurde in die-
sem Jahre moglich, diese Veranstaltung einzuleiten durch die Wie-
dererneuerung desjenigen Dramas, das geradezu am Ausgangs-
punkt aller Dramatik des Abendlandes iiberhaupt steht, desjenigen
Dramas, das wir nur dann wirklich ins Auge fassen konnen, wenn
wir den Blick noch iiber alles hinauswenden, was die durch die
Geschichte (iberlieferte Dramatik als Kunst dem Abendlande ge-
bracht hat. Und damit hangt es ja auch zusammen, dafi dieses
Drama eine wiirdige Einlekung gerade einer Unternehmung ist, die
auf geisteswissenschaftlichem Boden steht. Denn es reicht dieses
Drama hinauf in diejenigen Zeiten europaischer Kulturentwicke-
lung, in welchen die einzelnen menschlichen Geistesstromungen,
die uns heute als Wissenschaft, Religion und Kunst entgegentreten,
noch nicht voneinander getrennt, sondern innig miteinander ver-
bunden waren. Wir wenden damit unser Gefiihl gewissermaften zu
Urzeiten der europaischen Kulturentwickelung hinauf, zu jenen
Zeiten, als eine Einheitskultur, die unmittelbar aus dem tiefsten
Geistesleben herausgeboren war, die menschlichen Seelen durch-
spriihte mit religioser Erhebung zu dem Hochsten, was der Mensch
iiberhaupt fiir seine ganze Seele erreichen kann, so daft in dieser
Kultur unmittelbares religioses Leben pulste. Und es darf gesagt
werden: Diese Kultur war Religion. - Religion war nicht etwas, zu
dem sich der Mensch als einem besonderen Zweige der Kultur erst
hinwandte, sondern selbst wenn er von denjenigen Teilen des Gei-
steslebens sprach, die unmittelbar in die praktischen Zweige des
Alltags eindringen, so sprach er doch von Religion, denn dieses
Eindringen war Erhebung zur Religion, die ihre Strahlen iiber alles
ausdehnte, was der Mensch erleben konnte. Aber diese Religion
war innerlich stark und gewaltig in ihren einzelnen Kraften, so daft
sie nicht stehenblieb bei der allgemeinen Erhebung des religiosen
Empfindens zu den groften Weltenmachten; diese Urreligion der
Menschheit war so machtig, daft sie die einzelnen Krafte des
menschlichen Geisteslebens inspirierte, so daft sie Formen annah-
men, die unmittelbar Kunstformen waren. Es ergoft sich religioses
Leben in kiihne Gestaltungen, und eins war Religion mit Kunst.
Die Kunst war die unmittelbare Tochter der Religion, die im inni-
gen Familienzusammenhang noch lebte mit ihrer Mutter, der Reli-
gion selber. Es gibt kein Gefiihl von solcher religioser Tiefe in un-
serer Zeit wie das, was alle beseelte, die teilnehmen durften an den
alten Mysterien und hinblickten, wie sich ergoft das religiose Leben
in das, was kunstlerisch den Menschen vor Augen gestellt wurde.
Aber diese Urreligion mit ihrer Tochter, der Kunst, war zu glei-
cher Zeit so gelautert, so sehr in die Atherspharen des Geisteslebens
hinaufgelautert, daft, indem sie auf die menschlich Seele wirkte, aus
dieser Seele heraus auch alles das kam, wovon wir heute einen schwa-
chen, abstrakten Abglanz in Wissenschaft und Erkenntnis haben.
Wenn das vertiefte Gefiihl sich begeistern liefi von dem, was als
Religion in die kiinstlerische Form sich ergofi, dann entziindete sich
in der Seele das Wissen von den Gottern und den gottlichen Dingen,
das Wissen von dem Geisterland. Und so war Wissen oder Erkennt-
nis die andere Tochter des religiosen Lebens, die ebenso noch in
innigem Familienverband lebte, intim zusammen lebte mit der
Urmutter aller Kultur, mit der religiosen Kultur.
Fragen wir heute unser Gefiihl: Bis wie weit wollen wir es denn
bringen mit dem, was wir gegenwartig erst als einen schwachen
Anfang geben konnen? Wozu wollen wir es denn eigentlich brin-
gen? - Wir wollen es dazu bringen, wieder so etwas in der Mensch-
heit zu entziinden wie die Vereinigung, die Harmonie zwischen
Kunst und Wissenschaft. Denn nur dadurch kann der Blick der
Menschenseele, befeuert von dem Gefuhle, durchkraftet von dem
Besten in unseren Willenskraften, jene Einheit ausgiefien wollen
liber alle menschliche Bildung, welche ebenso den Menschen wie-
der in die gottlichen Hohen seines Daseins hinauffiihren wird, wie
sie eindringen wird in die alleralltaglichsten Handgriffe unseres
Lebens. Und heilig wird alles das sein, was sonst nur profanes
Leben ist und was erst dadurch zu diesem profanen Leben wurde,
daft vergessen war sein Zusammenhang mit dem geistig-gottlichen
Urquell alles Daseins.
So soli durch eine solche Unternehmung, wie wir sie in diesem
Jahre pflegten, gerade auf dieses Gefiihl hingedeutet werden, das
uns beleben soil und mu!5, wenn wir mit der Geisteswissenschaft
das meinen, was in die tiefsten Tiefen der menschlichen Seelengriin-
de hineingehen soli. Damit sind die Grande dargelegt, warum es im
besten Sinne des Wortes geisteswissenschaftlich empfunden werden
darf, gerade das Mysterium von Eleusis als eine Art von Sonne zu
betrachten, deren Strahlen, in unser Herz sich ergiefiend, uns von
dem, was eigentlich Geisteswissenschaft ist, die rechte Empfindung
hervorrufen konnen.
Dasjenige, was man sonst als Dramatik kennt, was das Abend-
land als dramatische Kunst empfindet und was in Shakespeare seine
Hohe erreicht hat, es ist ja eine Geistesstromung, die ausgegangen
ist von dem alten Mysterium, eine Verweltlichung des alten Myste-
riums. Wenn wir also zu den Urbeginnen der dramatischen Kunst
gehen, so kommen wir eben zu dergleichen zuriick, wie es das
Mysterium von Eleusis ist. Habe ich damit im allgemeinen die
Gedanken angedeutet, die schon vor Jahren uns beseelten, als wir
beim Miinchner Internationalen Theosophischen Kongrefi gerade
dieses Drama vorfiihrten, so darf ich nun vielleicht auch einiges im
speziellen erwahnen, das, weil ja das Alltagliche innig zusammen-
hangt - das Alltagliche jetzt im besten spirituellen Sinne gemeint -
mit dem, was uns als geistiges Ideal vorschwebt, das einiges Licht
zu bringen geeignet ist auf unser Wollen, auf unsere Ziele. Erinnern
durfte ich, als wir vor einiger Zeit darangingen, «Die Kinder des
Luzifer» aufzufuhren, da£ mir selbst dazumal ein Gedanke vor die
Seele trat, der fur mich tief zusammenhangt mit unserer mittel-
europaischen geisteswissenschaftlichen Entwickelung in der Ge-
genwart. Als ich selber die Zeit fur gekommen erachten durfte,
mein geistiges Streben in Zusammenhang zu bringen mit dem, was
Anthroposophie oder Geisteswissenschaft genannt werden darf, da
war die Ture, durch welche ich versuchte, in die Anthroposophie
hineinzuleiten, eine Besprechung, welche anknupfte an dieses
Drama «Die Kinder des Luzifer». Und dann lieften wir eine sieben-
jahrige Entwickelungsperiode der von uns gedachten geisteswissen-
schaftlichen Arbeit verlaufen. Der Keim aber, der dazumal in un-
sere Seele gelegt wurde mit jenen Worten, die iiber die « Kinder des
Luzifer» gesprochen waren, entwickelte sich mittlerweile in einer
gesetzmaftigen siebenjahrigen Epoche in unseren Herzen ganz im
stillen. Und nach sieben Jahren waren wir so weit, das Drama «Die
Kinder des Luzifer» als eine Einleitung unserer Miinchner Unter-
nehmungen darbieten zu konnen.
Ich darf in dieser heutigen Stunde, die einleitenden Worten zu
meinen Vortragen der nachsten Tage gewidmet sein soil, vielleicht
diesen Gedanken ankniipfen an einen anderen, denn ich spreche vor
Ihnen, meine lieben Freunde, aus dem vollsten Herzen heraus und
zu gleicher Zeit aus der tiefsten Uberzeugung meiner Seele heraus.
Dasjenige, was als spirituelles Leben in der Zukunft immer mehr
und mehr die Geister des Abendlandes ergreifen wird, das wird
eine ganz besondere Form haben miissen. Man kann heute iiber
Anthroposophie oder Geisteswissenschaft in der verschiedensten
Weise denken. Die Menschen denken ja nicht immer nach den
Notwendigkeiten des Daseins, nach den Kraften, die im Menschen-
werden wirken, sondern sie denken aus ihrem Willen, aus ihren
Empfindungen heraus, und dann kann der eine dies, der andere
jenes als das richtige Ideal ansehen. So wird es viele anthroposophi-
sche Ideale geben, je nachdem die menschlichen Herzen geartet
sind, je nachdem sie mit ihren Empfindungen und Gefuhlen nach
dieser oder jener Seite hinneigen. Wahrer Okkultismus in einer
gewissen hoheren Ausgestaltung lafit uns aber eine solche Hinnei-
gung zu den Idealen noch immer als etwas erscheinen, was nur an
unserer Personlichkeit haftet, was doch noch so charakterisiert
werden darf, dafi man sagt: Solche Ideale sind eigentlich doch nur,
was der eine oder der andere gerne als Anthroposophie sehen
mochte, wovon er nach seinen besonderen Herzensempfindungen
und nach der besonderen Konfiguration seines Intellekts glaubt,
dafi es eben das Beste ist. - Haben die Menschen doch auch liber
andere Dinge des Lebens nur jene Meinung, die aus solchen Her-
zensempfindungen, aus solchen personlichen Motiven heraus ent-
springt. Geisteswissenschaft selbst mufi aber dazu fuhren, das, was
aus unseren personlichen Herzensempfindungen heraus entspringt,
gar nicht fur etwas allgemein Mafigebendes anzusehen. Als Person-
lichkeiten konnen wir immer irren, wie sehr wir auch glauben, dafi
wir einem selbstlosen Ideale huldigen. Eine Meinung iiber dasjenige,
was geschehen soil im Menschenwerden, konnen wir uns erst dann
bilden, wenn wir unsere personlichen Meinungen iiber das Ideal ganz
unterdriicken und wenn wir gar nicht mehr fragen, was wir selbst als
die beste Art betrachten, die Geisteswissenschaft zu vertreten. Dann
erst konnen wir zu einer wahren Meinung gelangen, wenn wir die
Notwendigkeiten des Lebens sprechen lassen, ganz gleichgiiltig,
wozu wir selber neigen - ob zu dieser oder jener Auspragung des
spirituellen Lebens, ob uns dieses oder jenes lieber ist, wenn wir uns
fragen: Wie hat sich seit Jahrhunderten das europaische Kulturleben
gestaltet, und was verlangt es fur die nachste Zeit? Wenn wir uns
diese Frage, ohne daft wir uns personlich fur die Antwort engagieren,
vorlegen, dann erhalten wir eine zwiefache Antwort. Die eine, die
grofte, die uns aus allem, was heute geschieht im geistigen Leben,
uberall hervorgeht: Das europaische Kulturleben verlangt, wenn es
nicht verdorren und veroden soli, Geisteswissenschaft. - Die andere
Antwort aber ist diese: Das europaische Kulturleben verlangt eine
solche Geisteswissenschaft, welche den Grundbedingungen ent-
spricht, die durch Jahrhunderte nicht ineinem einzelnen von uns,
sondern in der europaischen Menschheit geworden sind. - Eine Gei-
steswissenschaft aber, welche diesen Grundbedingungen des euro-
paischen Kulturlebens entgegenkommt, konnen wir nur bringen,
wenn wir uns selbstlos fragen: Was haben die Menschen seit Jahrhun-
derten in Europa fuhlen und denken gelernt, und wie lechzt heute der
Europaer nach geistiger Vertiefung seines Lebens?
Wenn wir uns diese Frage vorlegen, dann zeigen uns alle Zeichen
der Zeit, daft es nicht die Fortsetzung unserer gewohnlichen Mystik
sein kann, wie wir sie seit Jahrtausenden kennen, wie sie seit Jahr-
tausenden so segensreich auf die verschiedenen Volker gewirkt hat.
Die Fortsetzung dieser Mystik allein in dem Sinne, wie sie immer
gewesen ist, wie sie von der Geschichte iiberliefert ist, wiirde nicht
aufgenommen werden konnen von den Bediirfnissen des europai-
schen Kulturlebens. Wollten wir uns bloft in alte Mystik vertiefen,
dann wiirden wir uns an diesem europaischen Kulturleben und
allem, was damit zusammenhangt, versundigen, dann wtirden wir
unsere persdnlichen Neigungen iiber die Notwendigkeit des Da-
seins stellen. Unsere personliche Neigung - moge sie auch zu
irgendeiner Form alter Mystik neigen -, unterdriicken wir sie und
fragen wir: Wessen bediirfen die Menschen nach den Bedingungen,
wie sie sich entwickelt haben durch die Jahrhunderte? - Ebenso
zeigen uns die Zeichen der Zeit, daft dasjenige, was wir gegenwar-
tiges wissenschaftliches Treiben nennen - in so hohem Ansehen es
auch heute stent, eine so hohe Autoritat es auch genieftt in einem
Zustande ist wie ein Baum, der eben abdorrt und nurmehr sparlich-
ste Friichte fur die Zukunft zeitigen kann. Ich weifi, daft damit ein
gewisses «groftes Wort», aber allerdings nicht «gelassen» ausge-
sprochen wird, wenn gesagt wird: Das, was heute im Umkreis des
europaischen Lebens die aufiere Wissenschaft genannt wird, ist ein
verdorrender Zweig am Geisteshimmel der Menschheit. - Sie hat
ihre Dienste geleistet, sie wird dadurch nicht erniedrigt, dafi man in
ihre Daseinsbedingungen so hineinleuchtet, wie es jetzt mit einigen
Worten gesagt worden ist.
Weder alte Mystik noch neue Wissenschaft wird die Menschheit
der Zukunft brauchen konnen, wenn sich die tiefsten Bediirfnisse
geltend machen werden, die ein Band herstellen wollen zwischen
menschlicher Seele und geistigen Offenbarungen. Das stand wie mit
goldenen Lettern geschrieben vor dem Ideale, das damals uns vor-
schwebte, als wir vor Jahren begannen, das spirituelle Leben in
einem breiteren Mafie zu entwickeln. Und wenn ich jetzt jenes
Wort aussprechen darf, von dem ich sagte, da£ es mir ebensosehr
ein Herzenswort wie ein Uberzeugungswort ist, so mochte ich -
ganz objektiv und sachlich betrachtet im Sinne der Frage, die ich
eben aufgeworfen habe - sagen: Der bedeutsamste literarische An-
fang mit jener Art geistigen Lebens, das die europaische Mensch-
heit der Zukunft im weitesten Umfange brauchen wird, das mitten
darin steht zwischen der blofi historischen Mystik, die irgendwo
aufgelesen wird aus historischen Urkunden, und der Wissenschaft,
die ein verdorrender Zweig der Menschheitskultur ist -, der be-
deutsamste Anfang in wahrhaft anthroposophischem Sinn, der das
unmittelbare Leben betrachtet, wie es jetzt langsam als geistiges
Leben rieselt, wie es sich weiter verbreiten wird, sind «Die grofien
Eingeweihten» unseres verehrten Edouard Schure. Ich durfte schon
am Beginne meines Miinchner Kursus im vorigen Jahre darauf hin-
weisen: Wer ein wenig den Blick zu richten weifi in die Zukunft,
nach dem, was diese Zukunft von uns fordern wird, der weift, daft
damit jene goldene Mittelstrafie zwischen alter Mystik und moder-
ner, aber eben verdorrender Wissenschaft fur das literarische Leben
eingeschlagen worden ist und daft der schone, der bedeutungsvolle
Anfang, der jetzt schon fur alle europaischen Volker mit «Les
grands Inities», den «Grofien Eingeweihten», gemacht worden ist,
sich immer weiter und weiter gestalten wird und dafi damit eine
Farbennuance charakterisiert ist, die nicht deshalb auf uns einen
sympathischen Eindruck macht, weil wir aus unseren personlichen
Neigungen gerade dieses oder jenes wollen, sondern weil wir
schauen, wie die immer mehr sich geltend machenden europaischen
Kulturbedingungen herausforderten aus ihren geistigen Bedingun-
gen heraus, da£ ein solcher literarischer Anfang gemacht werde.
Wenn Sie dieses Werk kennen, meine lieben Freunde, dann wissen
Sie zugleich, in welch bedeutungsvoller Weise dort hingewiesen ist
auf das, was dann weiter ausgestaltet ist in den «Heiligtumern des
Orients » von Edouard Schure, wie in bedeutungsvoller Art hinge-
wiesen ist auf das Mysterium von Eleusis. Was kann uns dieser
Hinweis in den «Gro£en Eingeweihten» in wahrhaft anthroposo-
phischem Sinn und diese Neuschopfung des Mysteriums von Eleu-
sis fur Gedanken in der Seele anregen?
Nun, meine lieben Freunde, wenn wir hinaufschauen in die
Urbeginne des europaischen Kunst- und Geisteslebens, dann stehen
zwei Figuren gleichsam am Ausgangspunkt, die eine tiefe Bedeu-
tung fur wahrhaft spirituelle Erfassung des ganzen neuzeitlichen
Geisteslebens haben, die zunachst uns wie sinnbildliche Darstellun-
gen grower geistiger Impulse erscheinen. Diese zwei Figuren, die
fur denjenigen, der einen tieferen Blick tut in das gegenwartige
Geistesleben, wie Lichtstrahlen hereinfallen, die Bedeutungsvollstes
verkiindigen, sind Persephone und Iphigenia. Wir beriihren, wenn
wir diese beiden Namen aussprechen, wesentlich in gewisser Bezie-
hung zwei Seelen unseres modernen Menschen, jene zwei Seelen,
deren Vereinigung die tiefsten Seelenpriifungen dieses Menschen
herausfordert. Wir werden es noch genauer sehen in den nachsten
Tagen, wie Persephone in unserem Herzen den Gedanken an jenen
Impuls anregt, den wir nun in unseren geisteswissenschaftlichen
Auseinandersetzungen hier schon ofter beriihren durften. Es war
einstmals der ganzen Menschheit beschieden, in anderer Art zu
ihren Erkenntnissen zu kommen als heute. Wir wissen aus diesen
geisteswissenschaftlichen Vortragen von einem alten Hellsehen der
Menschheit, das aus der menschlichen Natur in uralten Zeiten wie
selbstverstandlich heraussprudelte, so dafi, wie Hunger und Durst
und Atembedurfnis, aus dieser menschlichen Seele sich die hell-
seherischen Bilder herausgestalteten, in welche sich die Geheim-
nisse der geistigen Welten hineinergossen. Das ist etwas, was der
Mensch einmal als Gabe uralten Hellsehens besafi und was dem
Menschen gleichsam geraubt ist von dem, was spater im mensch-
lichen Leben Erkenntnis wurde. Teils fuhlend, dafi gerade in seiner
Zeit dieser Raub des alten Hellsehens durch moderne Erkenntnis
sich vollzog, teils voraussehend, wie das in kunftigen Zeiten, die
jetzt die unsrigen sind, immer mehr und mehr geschehen sollte,
wandte der alte Grieche seinen Seelenblick hinauf zu derjenigen
Gottergestalt, welche die Krafte, die zu jenem alten Hellsehen
fuhrten, in der menschlichen Seele losloste aus der unmittelbaren
elementarischen Natur her aus. Er sah zu jener Gottin auf, die die
Regentin des alten an die menschliche Natur gebundenen Hell-
sehens war, und nannte sie Persephone. Und dann sagte sich der
alte Grieche: An die Stelle der alten Seherkultur wird immer mehr
und mehr eine andere treten, die von Menschen dirigiert wird, von
Menschen geboren wird, denen das alte Hellsehen schon verloren-
gegangen ist. - In derjenigen Kultur, die der alte Grieche ankniipfte
an die Namen Agamemnon, Odysseus, Menelaos, ist das gegeben,
was wir heute als unsere aufiere, nicht mehr von hells eherischen
Kraften beriihrte geistige Kultur erkennen.
Heute fiihlen es die Menschen im weiteren Umkreise nicht mehr,
dafi diese Kultur, die ein Wissen erzeugt, das ebenso benutzt werden
soil, die Geheimnisse des Daseins philosophisch zu ergriinden, wie es
auf der anderen Seite Kanonen baut durch die Kenntnisse der Natur-
gesetze, dafi in einem tieferen Sinn diese Art der Geisteskultur Opfer
fordert, die der Mensch erbringen mufi den hoheren geistigen We-
senheiten gegenuber, die die ubersinnlichen Welten lenken. Diese
Opfer werden auch gebracht, nur merken es die Menschen heute
nicht, weil sie auf diese Dinge noch nicht acht haben. Der alte Grie-
che merkte es, dafi diese moderne Kultur, die er zuriickfuhrte auf die
Namen Agamemnon, Menelaos, Odysseus, Opfer forderte, dafi sie
jene Tochter des menschlichen Geistes ist, die in einer gewissen
Weise immer wieder und wieder geopfert werden muE. Und der alte
Grieche stellte dieses immerwahrende Opfer der intellektuellen Kul-
tur in der Opferung der Tochter des Agamemnon, in Iphigenia dar.
So klingt uns eine wundersame Antwort auf die Frage, die uns aus
den Iphigenien-Opfern gestellt wird. Wenn es nur jene aufiere Kul-
tur geben wiirde, welche zuriickgefiihrt werden kann im wahren Sinn
des alten Griechen auf die Namen Agamemnon, Menelaos, Odys-
seus, dann ware die Menschheit unter dem Einflusse dieser Kultur
langst in ihren Herzen, in ihren tiefsten Seelenkraften verdorrt. Nur
dadurch, dafS die Menschheit sich das Gefuhl bewahrte, immer wie-
der und wieder Opfer zu bringen und herauszuschalen aus dieser
allgemeinen intellektuellen Kultur jene Kultur, die man in einem
tieferen, nicht im oberflachlichen Sinne eine Priesterkultur nennen
kann, ist diese Kultur vor dem Verdorren bewahrt geblieben. Gleich-
wie Iphigenia der Artemis als Opfer dargebracht wurde, aber durch
dieses Opfer zur Priesterin ward, so mulken immerzu in den verflos-
senen Jahrhunderten und Jahrtausenden gewisse Elemente unserer
intellektuellen Kultur gelautert und gereinigt, mit einem priesterlich-
religiosen Charakter den hoheren Gottern dargebracht werden,
damit diese au£ere intellektuelle Kultur die Menschheit in ihren Her-
zen, in ihren Seelen nicht verdorre. So stellt uns Persephone dar die
Lenkerin und Leiterin der alten hellseherischen Kultur, so stellt
uns Iphigenia dar die Reprasentantin des immerwahrenden Opfers,
welches unsere aufiere Intellektualitat an das tiefere religiose Leben
zu bringen hat.
Die Dinge, die ich eben jetzt ausgesprochen habe, sind immerdar
lebendig gewesen in dem ganzen Strome europaischen Kulturlebens
vom alten Griechenland herauf bis in die modernsten Zeiten herein;
sie haben immerzu gelebt von jenen Zeiten an, als Sokrates zuerst
das reine wissenschaftliche Denken von der alten Einheits kultur
losloste, bis in die Zeit herein, da der arme Nietzsche an der Tren-
nung der drei Zweige der gesamten Kultur, Wissenschaft, Religion
und Kunst, in Schmerzen seiner Seele sich wand und an dieser
Trennung zugrunde ging. Die neuere Zeit mufite, weil schon her-
einwirken die Krafte, die die Vereinigung dessen wieder bewirken
sollen, was durch Jahrtausende getrennt gehen mulke, und weil aus
der Zukunft schon die Forderungen fiir die Gegenwart herein-
leuchten, wieder anknupfen in ihren Reprasentanten, die von den
Zeitengeistern inspiriert sind, an jene beiden Impulse, die soeben
charakterisiert worden sind: an die Namen Iphigenia und Perse-
phone. Und derjenige, der solches uberblickt, fuhlt noch in einem
viel tieferen Grunde, was es fiir eine Tat war, als, sich voll versen-
kend in altes Griechenleben, Goethe das, was er selbst als den
Gipfel seiner Kunst empfand, in dem Symbolum der Iphigenia
darstellte. Oh, mit dieser Tat Goethes, in der in einer gewissen
Weise sinnbildlich alles Wirken Goethes zum Ausdruck kommt,
mit der «Iphigenie», ist die erste Ankmipfung gegeben an uraltes
europaisches Geistesgut. Und im Geheimsten klingt uns aus jener
Tat Goethes heute entgegen: Wir miissen uns wiederum erinnern an
das immerwahrende Opfer, welches die intellektuelle Kultur der
religidsen Kultur bringen mufi, wenn die Intellektualitat die euro-
paische Menschheit nicht veroden soil.
Rauh fiir hoheres Geistesleben wie der Konig Thoas in der
«Iphigenie» ist in gewisser Weise dasjenige, was die intellektuelle
Kultur im weiteren Umfange leistet. Milde und harmonisch, um
nicht mitzuhassen im Menschheitsleben, sondern mitzulieben, ist
dasjenige, was uns in dem Symbolum der Iphigenia entgegentritt.
Und so war die erste Erinnerung an bedeutsamste Impulse des
europaischen Geisteslebens in dem Augenblick gegeben, da Goethe
sein Herz mit der Inspiration durchdrang, die Iphigenia als das
Zeugnis des immerwahrenden Opfers der Intellektualitat vor die
europaische Menschheit hinzustellen. So kann man das Herein-
leuchten der geistigen Inspiratoren der neueren Zeit in Goethes
Seele empfinden.
Eine zweite Erinnerung ward notwendig, auf die etwas langer
gewartet werden mufite, jene Erinnerung, die hinzielt auf jene Zeiten,
in denen noch rege war die alte hells eherische Kultur, die ankniipfte
an den Namen Persephone. Und man fuhlt an derjenigen Stelle, wo
sich zu einem gewissen Hohepunkt die «Grofien Eingeweihten» er-
heben, in dem Hinweis auf das Mysterium von Eleusis, wie europa-
isches Geistesleben mit seinen Inspiratoren da arbeitet, urn hervorzu-
zaubern aus dem Dammerdunkel der Zeiten, was immer mehr und
mehr fiihren mulS zu der Erkenntnis, daft in einer neuen Form die
alte, in dem Namen Persephone reprasentierte, hellseherische Kultur
wieder aufleuchten mu!5. Ein Pol im europaischen Geistesleben der
Neuzeit war gegeben mit der Wiedererneuerung der alten griechi-
schen Iphigeniengestalt, der andere Pol ist gegeben mit der Neu-
schopfung des Mysteriums von Eleusis durch Edouard Schure. Und
wir miissen es als einen der besten Sterne, die da walten iiber unserem
Streben, betrachten, daft wir diese Inauguration leuchten lassen
konnten gerade auf unser anthroposophisches Leben in Gegenwart
des Neuschopfers des Mysteriums von Eleusis, der uns mit seiner
Gegenwart jetzt schon durch mehrere Jahre unseres mitteleuropa-
ischen Geisteslebens beglvickt hat.
Ich sagte: Das, was ich eben gesprochen habe, ist nur nach der
einen Seite hin ein Herzensgedanke; nach der anderen Seite hin ist
es ein Gedanke, der ganz der objektivsten, nuchternsten Uberzeu-
gung entspringt. Und daft ich ihn heute ausgesprochen habe, riihrt
daher, daft ich es halten mufi mit dem Goetheschen Worte, das wie
eine wundersame Weisheitsperle hereinklingt in unser Erkenntnis-
leben: Nur das ist wahr, was fruchtbar sich erweist. Und wenn in
dem, was wir treiben durften seit Jahren, einiges von Fruchtbarkeit
bemerkt wird, so darf auch anerkannt werden, daft der Gedanke,
der dieses unser Wirken seit vielen Jahren beseelte, der immer wie
ein geheimer Gast, wie ein geheimer Mitkampfer vorhanden war,
sich eben durch seine Fruchtbarkeit als wahr erwiesen hat. Auf alles
das, was sich nun an dieser Stelle anschlieften wiirde an die Gedan-
ken, die eben geauftert worden sind iiber die Namen Iphigenia und
Persephone, werden wir ja bei der Besprechung der Naturwunder,
der Seelenpriifungen und Geistesoffenbarungen - wie illustrierend
- in der mannigfaltigsten Weise in den nachsten Tagen zuriickkom-
men. Nur sei noch erwahnt, daft ebenso wie Iphigenia die Tochter
Agamemnons ist, der zu denjenigen Heroen gehort, auf welche das
alte Griechenland die Pflege der Intellektualitat im weitesten Um-
fang mit all seiner praktischen und auch kriegerischen Gestaltung
zuruckfuhrt, daft ebenso Persephone die Tochter der Demeter ist.
Nun, wir werden sehen, wie die Demeter die Regentin ist der groft-
ten Naturwunder, eine Urgestalt des menschlichen Fuhlens, Den-
kens und Wollens, deren wahrhaftiges Kind Persephone ist. Jene
Urgestalt, die auf Zeiten hinweist, in denen das menschliche Ge-
hirnleben noch nicht getrennt war von dem allgemeinen Leibes-
leben, in denen sozusagen Ernahrung durch die aufieren Stoffe und
Denken durch das Instrument des Gehirns nicht getrennte mensch-
liche Verrichtungen waren. Da fiihlte man noch, wie der Gedanke
da draufien lebt, wenn die Saat auf den Feldern gedeiht, wie die
Hoffnung wirklich da draufien sich ausbreitet iiber die Felder und
durchdringt das Naturwunderwirken gleich dem Gesang der Ler-
che. Man fiihlte noch, dalS hereinzieht mit dem materiellen das
geistige Leben, untertaucht in den menschlichen Leib, sich lautert,
zum Geist wird als die Urmutter, aus welcher elementar herausge-
boren wird Persephone in der menschlichen Wesenheit selber. In
jene Urzeiten der Menschheitsentwickelung, in denen die mensch-
liche Natur noch so einheitlich wirkte, daft alles leibliche Leben
zugleich ein geistiges war, daft alles leibliche Verarbeiten innig ver-
eint war mit dem geistigen Verarbeiten des Gedankens, weist uns
der Name Demeter hinauf. Und wie es da ausgeschaut hat, das
kann uns heute nur der Blick in die Akasha-Chronik lehren. Daft
die Persephone die wirkliche Tochter der Demeter war, das lehrt
uns eben dieser Einblick in die Akasha-Chronik. Und ebenso wird
sich ergeben, daft in jener Gestalt, die sogleich in der Neuschop-
fung des Mysteriums von Eleusis auftritt, in Eros, in der Tat nach
alter griechischer Empfindung dasjenige gegeben ist, wodurch die
Krafte der Demeter in der sich allmahlich entwickelnden Mensch-
heit zu dem geworden sind, was sie heute sind. So ist aber das ganze
Wunder der menschlichen Natur sogleich vor unsere Seele hinge-
zaubert, wenn Demeter vor uns steht mit der ernsten Mahnung
einer Urge wait, die zauberhaft hindurchzieht urewig durch alles
menschliche Fiihlen. Wenn Demeter vor uns steht, da steht etwas
vor uns, was durch die Ewigkeiten der Zeiten als ein Impuls der
menschlichen Natur spricht. Das fiihlen wir herunterstromen von
der Buhne, wenn Demeter vor uns steht, der grofke Reprasentant
jener Urgewalt, die wir heme nur mit dem abstrakten Namen der
menschlichen Keuschheit bezeichnen, mit all ihrer fruchtbaren
Wirklichkeit, wo sie nicht Askese ist, wo sie einschlielk die Urliebe
der Menschheit zugleich. Auf der anderen Seite, was spricht uns aus
Eros? Die knospenhafte unschuldige Liebe. Ihr Regent ist Eros, so
empfanden die Griechen.
Nun entwickelt sich das Drama. Und welche Krafte wirken mit
belebender tragischer Kraft von Anfang durch das ganze Drama
hindurch? Das Wechselspiel der Keuschheit, die zugleich Urliebe
mit ihrer Fruchtbarkeit ist, und die unschuldige, noch knospenhafte
Liebe, das waltet in dem Drama, wie draufien in den trivialen
Naturwundern positive und negative Elektrizitat waltet. So kann
durch den Raum, in den hineingegossen wird dieses bedeutsame
menschliche Urdrama, etwas von mehr oder weniger unbewulker
oder bewufiter Empfindung fliefien gegemiber Kraften, die aus den
Urzeiten der Menschheit heraufwirken und sich durch unser mo-
dernes Leben hindurchziehen. Nur dafi - und hier deute ich wie-
derum auf etwas hin, was in den folgenden Tagen weiter ausgefiihrt
wird - in gewisser Weise jene Urstromungen, die Demeterstro-
mung und die Erosstromung, immer mehr und mehr aufgenommen
werden in der menschlichen Zukunft von jenen Stromungen, die
angedeutet werden sollten in den drei Gestalten Luna, Astrid, Phi-
lia, Ein lebendiger Zusammenhang soil sich vor unsere Seele hin-
stellen zwischen den Stromungen, die jene des Menschenursprungs
sind: Demeter, Eros, und dem, was dazwischensteht, Persephone
einerseits - und auf der anderen Seite dem, was heute hereindam-
mert in einer noch nicht personlich gestalteten Form. Es ist wie ein
geistiges Gewissen, das noch aus dem Unbestimmten hereintont
und heute noch nicht auf die Buhne darf. Es ist nur eine Stimme
von aufien, und es sind die drei Gestalten, als wirkliche Tochter der
Demeter: Luna, Philia, Astrid.
Ich habe Ihnen die Empfindungen zu charakterisieren versucht,
aus denen heraus das Mysterium von Eleusis in seiner Neuschop-
fung von Edouard Schure an den Ausgangspunkt unserer geistes-
wissenschaftlichen Betrachtungen gestellt worden ist. Sie, meine
lieben Freunde, werden ja wohl durch alles das, was in diesen Jah-
ren vorangegangen ist, mit jenem Blick unsere heutigen Ausfuhrun-
gen iiber dies so bedeutende Werk betrachten, der so natiirlich sein
sollte fiir alle, die innerhalb unserer anthroposophischen Stromung
stehen. Was fordert denn dieser Blick von uns? Nun, es ist heute
ungeheuer leicht, wahrhaft kinderleicht, in Ankniipfung an das, was
dramatische Kunst draufien in der Welt bietet, uns die Fehler und
vielleicht auch die Dilettantismen vorzurechnen, die wir alle ma-
chen, wenn wir mit unseren schwachen Kraften an ein so bedeu-
tungsvolles Werk, wie es das «Mysterium von Eleusis» ist, gehen.
Es kommt uns aber gar nicht darauf an, oder besser gesagt, es darf
uns nicht darauf ankommen, in derselben Weise zu charakterisie-
ren, wie draufien auf unseren gegenwartigen Buhnen charakteri-
siert, dargestellt wird. Diejenigen aber, die heute schon etwas emp-
finden von dem, was wir durch die Einpragung der Eigenart der
Geist-Erkenntnis in die Kunst bewirken sollen, die werden wissen,
dafi es uns eben auf etwas ganz anderes ankommt. Sie werden auch
wissen, dafi alles das, was eine gewisse Vollkommenheit erst in der
Zukunft erreichen kann, unvollkommen in der Gegenwart auftre-
ten mufi. Unser Beruf ist es nicht, zu konkurrieren mit aufieren
Buhnenleistungen. Wir denken gar nicht daran, in irgendeiner
Weise ein gleiches zu tun, und schon der blofie Vergleich mit
aufieren sonstigen Buhnenleistungen ist ein Irrtum. Mag ein Kunst-
urteil in bezug auf das, was heute in aufieren Biihnendarstellungen
gefordert wird, sagen, was immer es will, es ist ein Dilettantisrnus
in bezug auf das, was Geisteswissenschaft wirklich will, wollen
mufi, auch in bezug auf die Kunst.
Und diejenigen von Ihnen, welche so fuhlen mit mir, die so
teilen konnen jenes tiefe Dankbarkeitsgefuhl, das ich jedesmal am
Ausgangspunkt unserer Munchner Unternehmungen gegenuber all
denen empfinde, die hilfreich sind bei diesen Unternehmungen,
jene Freunde unter Ihnen, die das fuhlen, werden es nicht als un-
sachlich betrachten, nicht als irgend etwas Personliches, wenn ich
auch in diesem Jahre wieder dieses tiefsten Dankgefiihles am
Schlusse dieser meiner einleitenden Betrachtung gedenke. Es geho-
ren nicht nur viele Hande dazu, diese Unternehmungen moglich zu
machen, sondern es gehoren dazu Seelen, welche wirklich sich
schon durchdrungen haben mit dem, was die schonste Frucht des
geistig-strebenden Lebens sein kann und was ich nennen mochte
die geistige Warme. Und es bleibt ja diese geistige Warme wirklich
niemals ohne ihre Folgen, niemals ohne ein sich allmahlich entwik-
kelndes Konnen fiir das, was man will auf dem entsprechenden
Felde. Und so stehen wir jedesmal da, wenn wir darangehen, zu-
nachst als das kleine Hauflein derer, die hier in Miinchen Vorlaufer
sind der grofieren Gemeinschaft, die sich dann zusammenfindet,
durchdrungen von spiritueller Warme, und wir haben den Glauben
in unserem Wirken, auch wenn es anfangs recht holperig mit allem
geht: es mufi gehen. Und es geht bis zu dem Grade, den wir eben
erreichen konnen. Wir finden immer bei dieser Unternehmung den
Realitatenbeweis, dafi geistige Krafte durch die Welt walten, dafi sie
uns helfen, daft wir uns ihnen iiberlassen konnen. Und wenn es uns
manchmal scheinen wollte, als ob es nicht ginge, dann sagen wir
uns, daft, wenn es nicht gehen wiirde, es im Sinne der Krafte lage,
die hinter unserem Wirken stehen. Und dann ware es recht, daft es
nicht ginge. Und so handeln wir, und so denken wir gar nicht an
das, was zuletzt als Vorstellung herauskommen soil. Wir denken an
die geistigen Krafte, denen wir im Sinne unserer Zeit auch ein
schwaches, kleines Opfer bringen wollen, das Opfer der gegenwar-
tigen Intellektualitat an die religiose Vertiefung des Menschenher-
zens. Und es ist schon, zu sehen, wie tatsachlich diese spirituelle
Warme bei jenem kleinen Hauflein in wunderbarer Weise vorhan-
den ist, wie jeder einzelne tatsachlich Geistiges erlebt, indem er die
keineswegs leichte Opferarbeit unternimmt. Es ist eine Bruder-
arbeit, die uns die anderen, die da mitwirken, leisten; und wer mich
in diesen Worten versteht, wird mit mir die Dankgefiihle empfin-
den, denen ich eben in diesem Augenblick Ausdruck verleihen will.
Es geht natiirlich unser erster Dank an den Neuschopfer des
«Mysteriums von Eleusis», es gehen aber dann die mannigfaltigsten
Dankgefuhle an meine Mitarbeiter in dieser Miinchner Zeit. Da
darf ich vor alien Dingen gedenken derer, die sich durch ihre von
soldi liebevoller spiritueller Warme im Dienste der Geisteswissen-
schaft durchzogenen Leistungen durch viele Jahre hindurch beru-
fen gemacht haben, heute ihr schones, ihr warmes Konnen mit dem,
was wir hier wollen, zu vereinen. Da lassen Sie mich zunachst den
tiefen Herzenswunsch befriedigen, hinzuweisen auf jene beiden
Personlichkeiten, die da in einer ganz besonderen Weise mitwirk-
ten, so daft heute schon die schonste Einheit ihres spirituellen
Denkens und ihrer rein technischen Arbeit bei unserer Miinchner
Unternehmung uns iiberall entgegenstrahlt: auf Fraulein Stinde und
Grafin Kalckreuth. Lassen Sie mich hinweisen auf unseren lieben
Freund Adolf Arenson, welcher den musikalischen Teil wie in den
vorigen Jahren so auch in diesem Jahre fur alle drei Vormittage
geleistet hat. Zu beurteilen diese Leistungen iiberlasse ich Ihren
eigenen Herzen, Ihren eigenen Seelen. Ich selbst empfinde es als ein
besonders gutes Geschick, daft gerade in dieser Weise der musika-
lische Teil unserer Leistungen von unserem lieben Freund Arenson
zu unserer Gesamtarbeit beigesteuert wird. Und ich empfinde es
weiter als ein besonders giinstiges Geschick, daft das, was mir vor-
schwebte als ein von wirklich religiosem Geiste durchhauchtes
Buhnenbild, daft das von unserem lieben Fraulein von Eck-
hardtstein in einer so ausgezeichneten Weise geleistet werden kann.
Mir, meine lieben Freunde, ist jeder rote und blaue Fleck, ist jeder
Glanz und jeder matte Ton in dem Biihnenbilde wichtig und be-
deutungsvoll, und daft das von der bezeichneten Personlichkeit
gefiihlt wird, gehort zu dem, was wir als wirklich geistgetragene
Arbeit empfinden miissen. Und ich brauche Sie ja nur hinzuweisen
auf alles das, was Ihnen entgegengetreten ist im weiteren Umkreis
in den Biihnenbildern, die unsere Maler Herr Linde, Herr Volckert
und Herr Haft beisteuern zu unseren dramatischen Inaugurationen;
und ich darf dann durch diesen Hinweis in Ihnen den Gedanken
anregen, wie in den Seelen dieser Personlichkeiten sich der spiritu-
elle Gedanke so ergossen hat, daft er wirklich bis in den Pinsel
hinein seine Kraft behalt. Es ist Spiritualitat, was Sie in dem Buh-
nenbild sehen, wie es die drei Genannten beisteuern. In alledem,
was hier erwahnt wird, erblicken wir natiirlich nicht ein Vollen-
detes, sondern etwas, was der Anfang eines Wollens ist, und wir
mochten nun gerne, dafi man durch alles das, was gewollt wird, was
nicht jetzt schon geleistet werden kann, ersieht, wie man sich die
Fortgestaltung der Kunst denken kann. Deshalb ist es uns von so
unendlicher Wichtigkeit, dafi auch die innere dramatische Gestal-
tung nur in den Handen von Darstellern liegt, die nach geistiger
Erkenntnis streben, denn ich mochte - nicht aus persdnlicher Nei-
gung, sondern deshalb, weil ich mufi - nicht ein einziges Wort in
diesen unseren dramatischen Unternehmungen auf der Biihne ge-
sprochen wissen von einem Andersgesinnten, und wenn dieses
Wort auch mit der hochsten kiinstlerischen Vollendung und mit
dem aufiersten kiinstlerischen Raffinement der gegenwartigen
sprachlichen Buhnentechnik gesprochen wiirde. Denn etwas ganz
anderes wird gewollt als diese au£ere Buhnentechnik. Das, was
heute Kunst genannt wird, wird nicht gewollt. Gewollt aber wird,
da£ in jeder Seele, die da oben steht und mitwirkt, das Herz aus
spiritueller Warme heraus spricht, dafi ein solcher Hauch durch die
ganze mehr oder weniger gute Darstellung geht, dalS wir Geistes-
warme als Kunst, Kunst als Geisteswarme erleben. Deshalb miiftte
jeder, der teilnimmt an diesen unseren Inaugurationsunternehmun-
gen des Munchner Zyklus, die Empfindung haben: es gibt da kein
Wort, das nicht, indem es gesprochen wird, zugleich in tiefster
Seele von dem Darsteller mitempfunden wird. Das bewirkt in man-
cher Hinsicht jene kunstlerische Keuschheit, die derjenige, der
nicht spirituell fiihlen will, als Dilettantismus empfinden mag, die
aber der Anfang ist von etwas, was da kommen soil, der Anfang
von etwas, was man einstmals als kunstlerische Wahrheit in tief-
stem, in geistigstem Sinne des Wortes empfinden wird, so unvoll-
kommen und anfanglich es Ihnen auch heute entgegentreten mag.
Deshalb wird niemals daran gedacht werden, meine lieben Freunde,
Ihnen, die Sie ja das Verstandnis haben, etwa mit dramatischen
Strichen zu kommen. Sie werden ruhig aushalten alle Langen, die
einmal die Sache notwendig macht. Uns ist nichts zu lang, uns ist
nichts zu undramatisch in dem gewohnlichen heutigen Sinne, weil
wir uns nicht nach aufieren dramatischen Fordemngen, weil wir
uns nach den inneren Notwendigkeiten der Sache richten, und wir
werden niemals unsere dramatischen Uberzeugungen verleugnen.
Nehmen wir zum Beispiel das Marchen, das Felicia im fiinften
Bilde der «Priifung der Seele» Capesius erzahlt, so wiirde der ge-
wohnliche Theaterbesucher sagen: Das ist zum Sterben langweilig.
- Diese Langweiligkeit auf die Biihne zu bringen, werden wir uns
niemals scheuen, wenn es die dramatische Wahrheit im spirituellen
Sinne von uns fordert. Und die dramatische Freiheit fordert, dafi
eine jede Individuality, die uns die Liebe erweist, mitzuwirken, an
ihrem Ort in freier Weise walten kann, so dafi jeder das, was er tut
und spricht auf der Biihne, als sein eigenes von ihm ausgehendes
Wort und Gefuhl empfinden kann. Eine tyrannische Regie, wie sie
neuerlich vieifach geliebt wird, werden Sie nicht walten sehen in
unserer Unternehmung. Sie werden dafiir, wenn auch nur anfang-
lich und unvollkommen, jenen Geist walten sehen, der sich unsicht-
bar wie ein Hauch ausbreitet iiber die Unternehmung als Einheit,
dafiir aber als Vielheit in jeder einzelnen Seele wirken kann. Des-
halb empfindet man vor alien Dingen, wenn man mittendrinnen
steht in einer solchen Unternehmung, jene tiefe Dankbarkeit gegen-
iiber dem, was alle einzelnen Darsteller als Opfer brachten. Ihnen
alien gegeniiber, von Fraulein von Sivers an bis zu denen, die auch
kleinere Rollen hatten, mufi dieses Dankgefuhl hier erwahnt wer-
den. Sie einzeln aufzuzahlen ist ja nicht moglich, weil so viele ihre
Hilfe geboten haben. Aber alle haben viel geleistet. Ich brauche nur
hinzuweisen auf denjenigen, welcher in hingebungsvoller Art sich
einer diesjahrigen Hauptrolle gewidmet hat, einer Rolle, die mir
besonders ans Herz gewachsen ist und die sehr schwierig ist, weil
sie innere grofie Schwierigkeiten bietet: ich meine die Capesius-
Rolle, die von unserem lieben Herrn Doser dargestellt wurde. Ich
brauche nur hinzuweisen, in welch opferwilliger Weise unser lieber
Herr Seiling sich jetzt schon beide Jahre der Darstelhmg jener
Wesenheit gewidmet hat, die ich nennen mochte das dramatische
Gewissen, das heute noch nicht auf die Biihne darf, das seine Le-
bendigkeit erweisen kann dadurch, daft es nicht in Person auf der
Biihne auftritt, und wie derselbe Herr Seiling im vorigen und in
diesem Jahre die Strader-Rolle mit grower Meisterschaft vor uns
hingestellt hat. Solche Leistungen wie das, was das vierte Bild am
dritten Tag geboten hat in jenem dramatischen Dialog zwischen
Capesius und Strader, geben schon unserer Seele etwas von dem,
was werden wird, wenn Kunst von Geist-Erkenntnis wie von ihrem
Lebensblut durchpulst und Geist-Erkenntnis von Kunst wie von
ihrer Kdrperlichkeit einmal gestaltet werden wird. Daher muftte ich
so tiefen Dank empfinden, als dieser schone Punkt dramatischer
Leistung im vierten Bilde vor unsere Augen trat.
Und jetzt konnte ich diese Dankesbetrachtung vielfach fortset-
zen. Ich konnte zuletzt Ihnen selber danken, alien, die Sie Ver-
standnis erwiesen haben in Ihrer Seele fur das, was einmal notwen-
dig wird in einer kiinftigen Dramatik, daft das Unsichtbare neben
dem Sichtbaren waltet, daft die Andeutung einhergehen darf neben
der groberen aufieren Darstellung, daft Gestalten hinausgestellt
werden miissen, ich mochte sagen, in giinstigere Rampenbeleuch-
tung, und anderes, was mehr hineingeheimniftt werden mufi in das
Tiefste des Menschenwortes. Was gemeint ist und was man mehr
und mehr empfinden wird als wahre Meinung in den drei Gestalten
Philia, Astrid, Luna, das kann nur von einer Seite aus in der Be-
leuchtung gegeben werden, in der es uns eben entgegentritt, in den
drei Gestalten, wenn sie leibhaftig auf die Biihne treten. Aber mit
diesen drei Gestalten, in denen wichtige Impulse der Menschheits-
entwickelung gemeint sind, sind auch intime Seelengeheimnisse
angeschlagen, mit denen man nur zurechtkommt, wenn man ver-
bindet, was auf der einen Seite in scharfe aufdringliche Rampen-
beleuchtung gedrangt wird und auf der anderen Seite angedeutet ist
in den drei Frauengestalten durch die Intimitat des Wortes. Diese
drei Frauengestalten, die im Mondensilberlichte wirken und aus
den verganglichen Gestaltungen des Wassertropfenwesens jenes
Kelchgefaft formen, das ein intimer Reprasentant ist fur das, was sie
in ihrer offenbareren und in ihrer intimeren Beleuchtung wollen -
diese Gestalten, die uns im Mondensilberlicht des Marchens entge-
gentreten und uns zeigen, wie sie die Menschenseelen begleiten als
die intimen Freunde unserer Seele, wie sie sich gestalten in den
Kindertagen und wie sie sich gestalten, wenn dreimal dreihundert-
sechzig Wochen verlaufen sind, sind nur zu verstehen, wenn man
auf beides eingeht: auf das, was den Sinn gefangennimmt und
aufterlich offenbar in groberer Art auf die Biihne gestellt ist, und
das, was den modernen Theaterbesuchern so langweilig sein wiirde,
die Erzahlung eines intimen Marchens, was aber einzig und allein
jene Intimitat geben kann, die in solchen drei Gestalten liegt wie
Luna, Astrid, Philia. Und wenn man sieht, daft es heute schon eine
Anzahl von Seelen gibt, die unbefangen und rein fuhlen konnen
gegeniiber dem, was sonst nicht leicht auf der Biihne vergeben
wird, dann kann man sagen, den Tiefen dieser Seelen, Ihnen alien,
ist die Geisteswissenschaft dankbar, daft Sie lenken und leiten woll-
ten Ihre Seelen, um mitzuempfinden, aufzunehmen, was im Dienste
der Geist-Erkenntnis hiermit gewollt wird. Aus alledem heraus
werden Sie es als etwas Objektives betrachten, wenn am Ende die-
ser Einleitung zu unseren kommenden Betrachtungen gerade eben
diesen Dank-Gefuhlen Ausdruck gegeben wird. Und eine dankbare
Freude empfinde ich immer wieder, wenn ich nicht nur unsere lie-
ben Mitarbeiter zusammenwirken und in das Neue sich hineinfu-
gen sehe, wie sich zum Beispiel unser lieber Herr Mercklein hinein-
fand in die Rolle des Ahriman, sondern wenn ich auch sehe, wie
diejenigen, die heute dem geisteswissenschaftlichen Leben noch
feme stehen, wie die Biihnenarbeiter fur uns gerne arbeiten. Man
sieht das, und ich empfinde es eigentlich immer als eine gewisse
Dankbarkeit, wenn dieser oder jener Arbeiter kommt und verlangt,
er mochte auch ein Buch haben. Es ist alles das - ich weift es wohl,
meine lieben Freunde - etwas Anfangliches und Unvollkommenes,
aber etwas, von dem wir sagen konnen, es ist etwas Fruchtbares,
etwas, was wirken wird. Und wenn von dem, was wir da tun durf-
ten im Beginne unserer Munchner Mittelpunktsunternehmung, das
eine in unsere Seele zieht: daft Geisteswissenschaft nicht sein soil
etwas Abstraktes, was man so nebenher auch im Leben betreibt,
sondern daft sie zusammenhangt mit unseren gesamten Lebens-
bedingungen, dann hat die schwache Leistung, die damit vollbracht
werden soil, fur den Anfang zunachst ihre Wirkung getan. Dann ist
etwas von dem erreicht, was wir wollten. Aus diesem Geiste heraus
begriifie ich Sie heute fur diesen Zyklus, der gewidmet sein soli
einigen Betrachtungen iiber mancherlei, was uns entgegentritt,
wenn wir den Blick in die grofie Welt richten und das empfinden,
wovon in der alten Griechenzeit gesagt worden ist, dafi von ihm
alle Theosophie, alle Philosophic ausgeht; wenn wir das empfinden,
was man Verwunderung nennt und wovon das Wort Wunder doch
kommt, wenn wir etwas erleben von einem Vorgefiihl dessen, was
man Seelenpriifung nennt, und etwas empfinden von dem, was als
Erlosung von aller Verwunderung, als Befreiung von aller Priifung
erscheint: den Geistesoffenbarungen. Das, was man von alien die-
sen dreien: von den Naturwundern, den Seelenpnifungen, von den
erlosenden Geistesoffenbarungen, empfinden kann, das soil der
Gegenstand unserer nachsten Betrachtungen werden.
ZWEITER VORTRAG
Munchen, 19. August 1911
Es wurde von mir gestern versucht, eine Vorstellung davon zu
geben, wie im alten Griechenland gedacht worden ist uber den
Zusammenhang der menschlichen Seele mit unserer Erdenentwik-
kelung, und zwei Gesichtspunkte wurden besonders hervorgeho-
ben. Hervorgehoben wurde, daft man im griechischen Bewufttsein
eine Empfindung davon hatte, daft die Menschenseele in uralten
Zeiten mit hellseherischen Fahigkeiten begabt war. Als die Regen-
tin, so sagte ich, jener Krafte, welche da aus dem Kosmos in die
Menschenseele hereinspielten, wurde angesehen Persephone, die
Tochter der Demeter; dagegen wurde zum Ausdrucke gebracht
alles das, was man die intellektuelle Kultur der Menschheit nennen
kann, in jener Stromung, die angekniipft wurde an die Namen
Odysseus, Menelaos, Agamemnon. Es wurde die Empfindung
erregt, daft fur diese Kultur das fortwahrende Opfer notwendig ist,
so daft die besten Gefuhle, die besten Empfindungen, welche die
Menschenseele entwickeln kann, wenn auf sie die intellektuelle
Kultur wirkt, sozusagen einem gewissen religiosen Priestertum ge-
opfert werden. Dieser Gedanke ist uns reprasentiert in der Opfe-
rung der Iphigenia. Aus solchem Gesichtspunkte konnen wir eine
Empfindung davon erhalten, wie im alten Griechentum noch
durchaus die Uberlieferung rege war und teilweise das unmittelbare
Wissen von dem, was wir jetzt wiederum anstreben durch unsere
Geisteswissenschaft. Wir weisen darauf hin, daft in uralten Zeiten
die Menschenseele hellseherisches Vermogen hatte. In der «Ge-
heimwissenschaft» konnen Sie es lesen, wie in der alten Atlantis die
Menschenseelen hineinsahen in die geistige Welt und ihnen die
Weltenkrafte wirklich erschienen in Form von Gestalten, so daft
man dazumal nicht bloft von abstrakten Kraften sprach, sondern
von wesenhaften Gestalten. Und ein Bewufttsein von solchem
Wesenhaften ist eben zuriickgeblieben in einer Gestalt wie Perse-
phone. Langsam ringen wir uns durch die Geisteswissenschaft wie-
derum dazu hinauf, von unseren neueren Gesichtspunkten aus die-
selbe lebende Wesenhaftigkeit in der geistigen Welt zu erkennen,
die in uralten Zeiten den Menschen wohlbekannt war und die im
alten Griechentum hineingeheimniftt worden ist in die Mythologie,
in die Ausgestaltung der gottlichen Wesenheiten. Und je tiefer man
sich einlafit auf so etwas, wie es zum Beispiel die griechische Got-
terlehre ist, eine desto groftere Verehrung, Bewunderung erhalt
man fiir die tiefe Weltenweisheit, die in dieser Gotterlehre verbor-
gen ist. Ich mochte Sie, urn gewissermafien eine Vorstellung davon
hervorzurufen, wie tief weisheitsvoll diese ganze Gotterlehre der
Griechen im Zusammenhange uns erscheinen kann, nur auf eines
aufmerksam machen. Ich habe gestern erwahnt, daft auf zwei Stro-
mungen hingewiesen wird durch die griechische Mythologie, auf
jene Stromung, die ankniipft als intellektuelle Kultur an Menelaos,
Agamemnon und Odysseus und die sich so schon reprasentiert in
der Opferung der Iphigenia, und ich habe gezeigt, wie die andere
Stromung an die Namen Persephone und Demeter, die Mutter der
Persephone, ankniipft. Nun muE jeder, der iiber die Welt nach-
denkt, sich selbstverstandlich sagen: Solche Stromungen verlaufen
nicht unabhangig voneinander, sie miissen, trotzdem sie uns als
getrennte Stromungen erscheinen, einen inneren Zusammenhang
haben, sie miissen irgendwo sich beriihren. - Wie driickt diese tiefe
Weisheit von der Beriihrung der Demeterstromung und der Aga-
memnonstromung die griechische Gotterlehre aus?
Nun, wir wissen heute iiber einen solchen Zusammenhang kaum
mehr zu sagen in Gemaftheit unserer modernen Wissenschaft als
irgendwelche abstrakte Ideen. Die griechische Gotterlehre und
Heroenlehre driickt sich aber so aus: sie fiihrt das Geschlecht des
Agamemnon auf einen Reprasentanten menschlicher Seelenkrafte
zuriick, den wir etwa bezeichnen konnen mit Tantalos. Wir wissen,
daft dieser Tantalos der griechischen Sage gemaft seinen eigenen
Sohn in frevelhafter Weise den Gottern zur Speise dargereicht hat.
Wir wissen, daft die Gotter das auch erkannt haben, daft nur eine
der Gottinnen ein Schulterblatt genossen hat, und diese Gottin war
Demeter. So daft also hier durch diesen merkwiirdigen symbolisti-
schen Zug des Geniefiens des Schulterblattes vom Sohne des Tan-
talos durch Demeter angedeutet werden diese beiden Stromungen.
Diese beiden Stromungen haben etwas miteinander zu tun. Und
Demeterkrafte fliefien in die ganze moderne Kultur ein, die an-
kniipft an die Namen Agamemnon, Menelaos, Odysseus. So gibt es
fur jeden Zug in der griechischen Mythologie ein Aquivalent in
dem, was wir als neuere Geistesweisheit wieder entdecken, und es
ist nicht unnotig, auch ab und zu auf solche tiefen bedeutsamen
Ziige hinzuweisen, denn daran erkennt man, wie die Art, in der der
Mensch die aufteren Naturwunder anschaut, sich wandelt im Laufe
der Zeit.
Unsere Naturwissenschaft ist stolz auf ihre Auslegung der Na-
tur. Oh, wie wenig hat sie Grund, stolz zu sein in Anbetracht des
Umstandes, dafi die Griechen zwar in den Gestaltungen ihrer Got-
ter die tiefe Naturmacht als Regentin der Naturwunder ausge-
driickt haben, aber in diesen Gestaltungen eine viel tiefere Natur-
weisheit verraten haben, als heute irgendeine Wissenschaft auch nur
ahnt, und die erst wieder geahnt werden wird, wenn man die Gei-
steswissenschaft eindringen wird lassen in unsere Kultur. So gibt es
bedeutsame Anregungen auch fur unsere Erkenntnisse, wie wir sie
uns im Laufe der Jahre angeeignet haben, wenn wir sie gewisser-
mafien zum Vergleiche stellen mit der tiefsinnigen griechischen
Gotterlehre.
Ein Zug des Mysteriums von Eleusis weist uns auf ein bedeutsa-
mes Naturwunder hin. Was geschieht denn eigentlich als die Grund-
tatsache des Mysteriums von Eleusis? Persephone, die Reprasentan-
tin der alten hellseherischen Krafte der Menschenseele, wird von
Pluto, dem Gotte der Unterwelt, geraubt. Und lebendig wird Ihnen
die ganze wunderbare Handlung, wie sie in der Neuschopfung des
Mysteriums von Eleusis in der Plutoszene vor uns steht, noch vor
Augen sein, insbesondere dadurch, dafi unser lieber Herr Jurgas, der
schon mehrere Jahre sich hingebungsvoll unserem Unternehmen
gewidmet hat, diesen Pluto vor Sie in einer so ausgezeichneten Weise
hingestellt hat. Was bedeutet es nun, wenn wir das, was die griechi-
sche Mythologie und das Mysterium von Eleusis zum Ausdrucke
bringt, auf die Natur des Menschen selber anwenden? Was ist denn
geschehen im Sinne unserer Geisteswissenschaft mit der alten hellse-
herischen Fahigkeit der Menschenseele? Ja, wir konnen sagen, dieser
Raub der Persephone hat sich eben vollzogen seit den altesten Zeiten
bis in unsere Zeiten herein; die alte hellseherische Kultur ist ver-
schwunden. Aber in Wahrheit verschwindet nichts in der Welt, in
Wahrheit verwandeln sich die Dinge nur.
Wohin ist denn Persephone gekommen? Was macht sie als die
Regentin der alten hellseherischen Krafte heute in der menschlichen
Natur? Sie werden aus den ersten Ausfuhrungen eines Buches, das
in einigen Tagen hier zu haben sein wird und das im wesentlichen
meine letzten Kopenhagener Vortrage wiedergibt, entnehmen kon-
nen, daft der ganze Umfang der menschlichen Seele weit grower ist
als das, was die menschliche Seele durch ihren Intellekt, durch ihren
Verstand weift. Es gibt etwas, was man ein weiteres, ein umfang-
licheres Seelenleben nennen konnte, ein unterbewufttes Seelenle-
ben, das in uns wirkt, das aber bei der Mehrzahl der heutigen
Menschen eben nicht ins Bewufttsein herauftritt. Es ist besser, es
unterbewufttes als unbewufttes Seelenleben zu nennen. In dieses
unterbewuftte Seelenleben, in das, was in dem Menschen wirkt
heute, ohne daft er mit seinem Bewufttsein sich verstandige, intel-
lektuelle Rechenschaft gabe, da ist Persephone, da sind die alten
hellseherischen Krafte hinuntergezogen. Wahrend sie in den uralten
Zeiten in der Menschenseele so wirkten, daft diese Seele hellsehe-
risch in geistige Welten hineinschauen konnte, wirken diese Krafte
heute in den Untergriinden der menschlichen Seele, in den Seelen-
tiefen, wirken mit bei der Ausbildung und Formung unseres Ich,
machen dieses Ich immer fester und fester. Haben sie sich also in
uralten Zeiten der Tatigkeit gewidmet, dem Menschen hellseheri-
sche Krafte zu geben, so widmen sie sich heute der Festigung, der
Konsolidierung unseres Ich, sie sind also wirklich in eine mensch-
liche Seelenunterwelt hinuntergezogen, diese Persephonekrafte, sie
sind umschlungen von dem, was in den Tiefen der menschlichen
Seele ruht; sie sind geraubt in einer gewissen Beziehung von den
Tiefen der menschlichen Seele. Und so hat sich im Laufe des ge-
schichtlichen Werdens der Menschheit dieser Raub der Persephone
vollzogen durch jene Krafte der Menschenseele, die tief in ihren
Untergriinden sitzen und aufierlich in der Natur reprasentiert wer-
den durch Pluto. Dieser Pluto beherrscht im Sinne der griechischen
Gotterlehre das Unterirdische der Erde. Aber der Grieche war sich
bewulk, dafi dieselben Krafte, die in den Tiefen der Erde wirken,
auch in den Tiefen der menschlichen Seele wirken. Wie Persephone
von Pluto geraubt wird, so wurde im Laufe des Menschenwerdens
das alte hellseherische Vermogen durch den Pluto im eigenen See-
leninnern geraubt. Nun ist Persephone die Tochter der Demeter,
und wir werden dadurch auf die Anschauung gefuhrt, daft wir in
Demeter eine noch altere Regentin sowohl der aulSeren Naturkrafte
wie auch der Krafte der menschlichen Seele zu sehen haben. Ich
habe schon gestern darauf aufmerksam gemacht, da£ Demeter eine
Gestalt der griechischen Gotterlehre ist, die uns hinweist auf jene
hellsichtige Anschauung der alten Atlantis - denn da ist sie wirklich
zu finden die zu dem altesten Weisheitsgut der atlantischen
Menschheit gehdrt. Wenn der atlantische Mensch hineinschaute in
die geistige Welt, sah er diese Demeter, sie begegnete ihm wirklich.
Und was sagte sich der atlantische Mensch, wenn ihm aus der wir-
belnden, sich gestaltenden, formenden geistigen Welt heraus diese
Urmutter der menschlichen Seele und der fruchtbaren Naturkrafte
erschien? Nicht mit Bewufitsein, aber gleichsam im Unbewufiten
sagte er sich: Ich habe nichts dazu getan, nicht irgendeine innere
Entwickelung durchgemacht - wie die spateren Zeiten es tun wer-
den -, um hineinzuschauen in die geistige Welt. Dieselben natiir-
lichen Krafte, die mir meine Augen, mein Gehirn, meinen Organis-
mus geben, die in mir wirken, geben mir auch die hellseherische
Kraft. Wie ich atme, so habe ich ein Hellsehen. - Und wie der
Mensch nicht durch besondere Entwickelung sein Atmen ausbildet,
so bildete er damals nicht die hellseherischen Krafte aus, sondern
sie wurden ihm durch Naturgewalten, durch gottliche Wesenheiten
gegeben. Der Mensch war sich bewufk, wenn er sein Auge da drau-
lkn in der Welt, in den Umkreis des Daseins ergehen liefi und
zugleich mit dem Sinnlichen das Geistige sah: Ich nehme in mich
die Stoffe der Umwelt auf aus dem Pflanzenreich, das damals noch
anders war, ich nehme alles auf, was draufien wachst, ich nehme
damit aber auch die Krafte auf, welche da draufien wirken. Oh, der
Mensch der damaligen Zeit war nicht so beschrankt, zu glauben,
dafi das, was er als seine Nahrung gleichsam aufnahm, nur aufter-
liche Stoffe, nur Dinge seien, die man mit der Chemie untersucht,
sondern er wulke, daft er die innere Konfiguration der Krafte, die
da in all den Stoffen wirken, aufnahm, und daft in diesen Kraften
das steckte, was ihn zusammensetzte, was seinen Leib wiederum
aufbaute. So sagte sich ein solcher Mensch: Da drauften in der
Natur wirken Krafte; sie ziehen durch die Nahrung, durch die
Atmung in mich ein. Was sie draufien sind, wird regiert von der
groften Demeter. - Aber die grofie Demeter schickt die Krafte in
die menschliche Seele hinein. Da werden sie verarbeitet - sagen wir
es mit einem groben Ausdruck - mit der Verdauung, die geistig
war, und werden umgestaltet zum hellsichtigen Vermogen. In dem
Menschen, in der menschlichen Organisation, wird durch die Kraf-
te, die Demeter als fruchtende Gottin in aller Umgebung wirkt, das
hellseherische Vermogen geboren, das reprasentiert ist durch Perse-
phone. So fuhlte sich der Mensch hineingestellt in die Naturwun-
der; er fuhlte in sich das hellseherische Vermogen geboren werden
als die Geburt der Persephone und fuhlte, dafi er diese Geburt der
Demeter verdankt, die dieselben Krafte ausgebreitet draufien im
weiten All entwickelt, die dann im Menschen zur hellseherischen
Kraft sich entfalten.
So blickte der alte Mensch hinauf zur grofien Demeter, und so
hatte man im alten Griechenland noch ein Bewufitsein des Hinauf-
blickens zu dieser grofien Demeter. Sie haben aber daraus schon
gesehen, dafi sich der menschliche Organismus, die ganze Leibesor-
ganisation seit jenen alten Zeiten geandert hat. Unser heutiger Leib,
wie er in seinen Muskeln und Knochen organisiert ist, ist wesent-
lich dichter, in sich konsolidierter, als es der Leib jener Menschen
war, die noch Persephone in sich gebaren konnten, die noch das
alte hellseherische Vermogen hatten. Und weil dieser Leib, weil
unsere Organisation dichter geworden ist, kann sie auch sozusagen
die hellseherischen Krafte im Unterirdischen der Seele festhalten.
Von dem Dichterwerden des menschlichen Leibes riihrt das Gefan-
gennehmen der hellseherischen Krafte im Innern der Menschen-
natur her. Und indem man noch im alten Griechenlande fuhlt, dafi
der alte, sagen wir symbolisch, weiche menschliche Leib in sich
selber dichter wird, nimmt er die Krafte auf, die im Innern der Erde
wirksam sind, wahrend er friiher mehr von den Kraften beherrscht
war, die den Luftkreis in Anspruch nahmen und dadurch ihn
weicher machten. Und immer wirksamer und wirksamer auf den
menschlichen Leib wird das, was im Unterirdischen der Erde wirkt,
was von Pluto regiert wird, so dafi wir sagen konnen: Im Innern
des Menschen wurde Pluto immer wirksamer, verdichtete den
menschlichen Leib und raubte dadurch Persephone. - Diese Ver-
dichtung der menschlichen Organisation ging bis in den physischen
Leib, denn ganz anders schaute selbst in den ersten nachatlanti-
schen Zeiten die menschliche Organisation aus als die heutige. Nur
ein kurzsichtiger Blick kann glauben, daft die Menschen immer so
gestaltet waren wie heute. Das habe ich ofter erwahnt.
So sehen wir wirklich unter den Naturwundern des Menschen
selber diesen Raub der Persephone und dieses Verhaltnis des Men-
schen zur Demeter ausgedruckt. Auch darin sehen wir in der grie-
chischen Mythologie das Bewufitsein herrschen, dafi der Mensch
ein Mikrokosmos, ein Ausdruck des Makrokosmos, der grofien
Welt ist. Wie Demeter draufien wirkt in den gewaltigen Kraften
alles dessen, was aus der Erde heraus fruchtet, so wirkt im Innern
das, was von Demeter kommt. Wie im Innern der Erde und nicht
an der Oberflache die Krafte wirksam sind, die der Grieche repra-
sentiert sein lafit durch Pluto, so wirkt in der eigenen menschlichen
Organisation der Pluto. Man mufi recht sehr von dem, was heute
iiblich ist, von dem, was heute zu unseren Lebensgewohnheiten
und Sitten gehort, den Blick abwenden konnen, wenn man ein
Verstandnis haben will fur die ganz anders geartete Denkweise
selbst noch der Griechen, Sehen Sie, der heutige Mensch - das ist
selbstverstandlich nicht eine Kritik der Sitten der Gegenwart, son-
dern ein Hinweis, wie es eben ist - sieht, wenn er Gesetze haben
will, auf seine Regierungen, auf seine Parlamente. Davon kommen
ihm die Gesetze her, und er wiirde sich heme zunachst wahrschein-
lich fur einen Toren halten, wenn er die Anschauung entwickeln
solite, dafi durch die Kopfe derjenigen Menschen, die in den Parla-
menten wirken, Weltenkrafte aus dem Kosmos durchgehen, daft da
auch gottliche Krafte walten. Wir wollen diese Frage nicht weiter
beriihren, sie wiirde grotesk fur den heutigen Menschen klingen. So
war es in denjenigen Zeiten nicht, welche den geschichtlichen, das
heilk von der Geschichte beschriebenen Zeiten vorangingen, auch
nicht im alten Griechenland. In jenen Urzeiten gab es eine Vorstel-
lung - so wunderbar, so grandios zugleich, daft der heutige Mensch
sie kaum mehr recht fiir richtig halten kann.
Nehmen Sie alles das, was ich Ihnen gesagt habe iiber die grie-
chische Gotterentwickelung, da haben wir den Hinweis darauf, wie
Demeter in alten Zeiten wirkte, wie sie ihre in den Pflanzen wir-
kenden Krafte hereinschickte in die menschliche Natur und ihr
Kind geboren werden lieft in der menschlichen Natur. Das hat sie
in alten Zeiten getan. In ahnlicher Weise haben in alten Zeiten
andere Gotter gewirkt. Mit den Naturkraften und Naturwundern
zugleich wirkten sie. Wie wirkten sie denn? Nun, der Mensch aft,
atmete, und er wuftte: Es ist die grofte Demeter, die in die Luft
hinein, die in die Pflanzen die Krafte gibt, die er in sich aufnimmt.
Es ist Demeter, die ihm sein hellseherisches Bewufttsein gibt, die
ihm aber auch das gibt, wodurch er weift, wie er sich zu verhalten
hat in der Welt. Es gab damals nicht Gesetze im spateren Sinne, es
gab nicht aufterlich ausgedriickte Gebote, sondern indem der
Mensch hellseherisch war, ging ihm auch hellseherisch auf, was er
zu tun hatte, was das Richtige, was das Gute ist. So erblickte er in
altesten Zeiten in der Demeter, die ihm seine Nahrung reichte, auch
die Weltenmacht, die Naturmacht, die, indem die Nahrungsmittel
in ihn einzogen, ihm die Krafte so umgestaltete, daft sie ihm seine
Sitten, seine Handelnsregeln gab. Und es sagte sich der altere
Mensch: Ich blicke hinauf zur groften Demeter. Wenn ich dieses
oder jenes vollbringe in der Welt, so vollbringe ich es dadurch, dafi
in mein Gehirn hineingeschickt werden die Krafte, die draufien in
der Pflanzenwelt sind. - Sie war eine selbstverstandliche, nicht ins
Bewufitsein heraufleuchtende, aber die Seele antreibende Gesetzge-
berin, die Demeter der alten Zeit. Und so war es auch mit anderen
Gottern. Indem sie den Menschen ernahrten, ihn atmen liefien, die
Impulse zum Gehen und Stehen anregten, gaben sie ihm zugleich
die Impulse fur Moral und alles aufiere Verhalten. Indem die Gotter
jene Formen annahmen, von denen wir fur die spateren Zeiten
gesprochen haben, sagen wir, dafi Demeter den Verlust ihres Kin-
des Persephone in der menschlichen Natur sah, den Raub durch die
dichtere Korperlichkeit, so dafi jetzt diese hellseherischen Krafte
nur mehr verwendet werden zur groben Ernahrung der Korperlich-
keit - indem Demeter sozusagen sich zuriickzog von jener unmit-
telbaren moralischen Gesetzgebung der alten Zeit, was tat sie da?
Sie stiftete ein Mysterium und gab von da aus in der neuen Gesetz-
gebung den Ersatz fur die alte Gesetzgebung, die durch die Natur-
krafte wirkte. So zogen sich die Gotter von den Naturkraften zu-
riick und in die Mysterien hinein und gaben den Menschen, die
nicht mehr durch eine in ihnen wirkende Natur die Moral hatten,
die moralischen Anweisungen.
So dachte das alte Griechentum: In alten Zeiten haben zugleich
mit den Naturkraften die Gotter dem Menschen die Moral gegeben.
Dann haben sich die Naturkrafte mehr zuriickgezogen. Dafiir ga-
ben spater die Gotter durch ihre Boten in den Mysterien in abstrak-
terer Form die Moralgesetze. - Indem der Mensch der Natur ent-
fremdet wurde, brauchte er eine abstraktere, intellektuellere Moral,
deshalb sahen die alten Griechen auf ihre Mysterien hin, aus denen
ihnen die Anweisungen kamen fur ihr moralisches Leben, und sie
sahen in diesen Mysterien die Wirksamkeit der Gotter in ihren
Moralanweisungen, wie sie friiher sie gesehen hatten in den Natur-
kraften. Deshalb schrieben die altesten Zeiten des Griechentums die
Moralgesetze denselben Gottern zu, die auch den Naturkraften in
den altesten Zeiten zugrunde gelegen haben. Und nicht auf ein
Parlament wiesen die Griechen hin, wenn sie auf den Ursprung
ihrer altesten Gesetze hinweisen wollten, sondern auf die Gotter,
die zu den Menschen heruntergestiegen sind und in den Mysterien
den Menschen die Gesetze gegeben haben, die in der menschlichen
Moral weiterleben.
Aber was ist mit jener urspriinglichen Demeterkraft selber ge-
schehen, als der Menschenleib dichter geworden ist, sich verandert
hat? Nun, wenn ich einen groben Vergleich gebrauchen darf: Sie
wissen alle, dafi man mit dem Eis nicht dasselbe machen kann wie
mit dem Wasser, weil das Eis eine andere Form des Wassers ist. So
kann man auch mit dem dichteren Menschenleib nicht dasselbe
machen, was man einstmals aus den Naturkraften heraus mit dem
feineren Leibe hat machen konnen. Mit diesem hat die Demeter
bewirken konnen, dafi sie ihm die geistigen Krafte, die in den
Naturmitteln lagen, einflolke und dadurch die hellseherischen
Krafte entwickelte. Was ist mit den Demeterkraften geschehen
dadurch, dafi der menschliche Leib dichter geworden ist oder -
mythologisch im Sinne der Griechen gesprochen - dafi Persephone
von Pluto geraubt word en ist? Diese Demeterkrafte mufken sich
auch von der menschlichen Leibesorganisation zuruckziehen, mufi-
ten weniger wirksam werden; der Mensch mufke sozusagen ent-
fernt werden von der unmittelbaren Einwirkung der Demeter, er
wurde anderen Kraften unterworfen, Kraften, auf welche ich auch
schon gestern hingewiesen habe. Was macht den dichteren mensch-
lichen Leib sozusagen frisch und gesund? So wie den alten mensch-
lichen Leib in uralten Zeiten frisch und gesund gemacht hat die
Demeter, so macht den neuen Leib frisch und gesund Eros, das
heifit das, was in den Naturkraften durch Eros reprasentiert wird.
Und wenn nicht Eros auf ihn wirkte, sondern wenn Demeter fort-
gewirkt hatte, wiirde dieser menschliche Leib durch das ganze
Leben hindurch welk und runzelig sein. Die Demeterkrafte liegen
nicht in den frischen, pausbackigen und rotwangigen Menschen-
leibern heute, sondern liegen dann im Menschenleib, wenn er die
Eroskrafte aus sich ausmerzt. Das tut er, wenn er alter wird, wenn
er welk und runzelig wird. Denken Sie, dieser tiefe Zug ist im
Mysterium von Eleusis vorhanden. Demeter erscheint Ihnen nach
dem Raub der Persephone entblofk der urspriinglichen Krafte; sie
ist verwandelt durch Hekate, verwandelt so, daft sie nun die Welk-
heit bewirkenden Krafte tragt. Und mit dem Raub der Persephone
sehen wir in der Tat das Zuriickziehen der Demeter von der unmit-
telbaren menschlichen Leibesorganisation auch im geschichtlichen
Werden der Menschheit sich vollziehen. Oh, diese alten Naturwun-
der, sie driicken sich in den alten Gottergestalten in herrlicher
Weise aus. Wenn mit dem Altern des Menschen sich Eros von ihm
zuriickzieht, dann beginnt wieder der Einflufi der Demeter auf die
menschliche Leibesorganisation. Dann kann Demeter in gewisser
Beziehung wiedemm in die menschliche Leibesorganisation hinein,
dann tritt, was Reprasentant der fruchtenden Keuschheit ist, gegen-
iiber der Erosorganisation in den Vordergrund. Und auf ein tiefes
Mysterium, auf ein ganz gewaltiges Mysterium im Werden des
Menschen werden wir hingewiesen, wenn wir das Altern des Men-
schen - die Umwandlung der Eroskrafte in die Demeterkrafte - in
diesem Sinne verfolgen. Solche tiefen Dinge wurden hineingeheim-
nifit in das eleusinische Drama. So tief ist dieses eleusinische Dra-
ma, dafi ganz gewifi jemand mit der gewohnlichen heutigen aufteren
Bildung alles das, was ich eben gesagt habe, als Phantasterei an-
sehen wiirde. Aber nicht dasjenige, was jetzt gesagt worden ist, ist
Phantasterei, sondern was die materialistische Kultur iiber diese
Dinge sagt: das ist die richtige Traumerei, ist der wahre Aberglaube.
Was hat sich denn in der menschlichen Natur eigentlich geandert
im Laufe der Zeiten seit der alten Atlantis bis in unsere Zeiten
herein? Das, worin eingehiillt ist die eigentliche Wesenheit des
Menschen, hat sich geandert. Sie ist eingehiillt in seine drei Leibes-
hiillen, in den physischen Leib, Atherleib und astralischen Leib, so
dafi unsere innerste Ich- Wesenheit eben in diesen drei Leibeshiillen
steckt. Diese drei Leibeshiillen sind samtlich anders geworden im
Laufe der Entwickelung von der alten atlantischen Zeit bis heute.
Und wir fragen jetzt: Was ist denn eigentlich der treibende Faktor,
der da gewirkt, der diese Leibeshiillen anders gemacht hat? - Wir
miissen diesen treibenden, diesen impulsierenden Faktor, das, was
da gewirkt hat zum Anderswerden der Hiillen, vorzugsweise im
menschlichen Atherleib suchen. Der menschliche Atherleib ist das
Kraftende, das eigentlich Wirksame. Er hat den physischen Leib
dichter gemacht, hat auch den astralischen Leib umgeandert. Denn
diese drei Leiber sind nicht so, daft sie wie, sagen wir, Fruchtscha-
len, wie Zwiebelschalen aufierlich nebeneinander liegen, sondern
ihre Krafte durchdringen sich gegenseitig, sind in lebendiger Wech-
selwirkung. Und die wichtigste wirkende Hiille ist in dieser Um-
wandlung, in diesem geschichtlichen Werden des Menschen, der
Atherleib. Wir wollen uns symbolisch, schematisch einmal die drei
Leiber des Menschen aufzeichnen. Ich zeichne einfach als drei un-
tereinanderliegende Schichten den physischen, den atherischen und
den astralischen Leib.
ti i tt/ti*Ss) v//////r »/ / *j» '** •
Astralh'ib X
Wir mussen nun die eigentlichen Krafte, die da wirksam sind,
vor alien Dingen die Eros- und Demeterkrafte, in dem Atherleibe
suchen. Sie werden vom Atherleib hinaufgeschickt in den astra-
lischen Leib und hinuntergeschickt in den physischen Leib, so daft
der Atherleib sowohl den Astralleib wie auch den physischen Leib
beeinfluftt. Den physischen Leib macht der Atherleib in dieser Zeit
vorzugsweise dichter, in sich konsolidierter, den astralischen Leib
gestaltet er so um, daft er nicht mehr hellseherische Krafte entwik-
kelt, sondern nur die intellektualistischen Krafte der Menschen-
natur. Dadurch, daft der Mensch in dieser Weise umgestaltet wurde,
daft er von seinem Atherleibe aus alle drei Leiber umgestaltet er-
hielt, dadurch wurde in diesen drei Leibern im Laufe der Zeiten
selbst Wichtigstes und Wesentlichstes verandert. Ganz umgestaltet
wurden diese drei Leiber. Es war eben ein atlantischer Leib, selbst
noch ein nachatlantischer Leib der ersten Perioden anders, als ein
Leib heute ist. Es waren alle Verhaltnisse und Lebensbedingungen
anders. Das alles hat sich umgestaltet.
Wenn wir zunachst den Physischen Leib betrachten in seinem
lebendigen Werden von den altesten Zeiten bis heute, so miissen
wir sagen: Dadurch, daft der physische Leib dichter geworden ist,
ist er mehr unterworfen worden den aufieren Einfliissen der phy-
sischen Umgebung. Wahrend der alte, weiche physische Leib mehr
den geistigen Bedingungen des Daseins in alten Zeiten unterworfen
war, ist er in den neueren Zeiten durch seine Dichtigkeit den aufie-
ren physischen Bedingungen des physischen Planes unterworfen
worden. Dadurch sind gewisse Eigenschaften dieses physischen
Leibes, die friiher in solcher Form gar nicht vorhanden waren, er-
hoht worden, namentlich ist im physischen Leib anders geworden,
was man die Krankheitsbedingungen nennt. Das, was man Erkran-
kung, was man Gesundheit des physischen Leibes des Menschen
nennt, unterlag in alten Zeiten ganz anderen Ursachen. Da war alles
das, was menschliche Gesundheit ist, mit den geistigen Verhaltnis-
sen der geistigen Welt in einem unmittelbaren Zusammenhang.
Heute ist der physische Leib des Menschen mit den aufieren phy-
sischen Verhaltnissen und Bedingungen im Zusammenhang und
dadurch von den physischen Verhaltnissen und Bedingungen ab-
hangig. Und wir haben heute die Gesundheitsbedingungen mehr
in den aufieren physischen Verhaltnissen zu suchen. Der Mensch
ist also mit seiner innersten Wesensnatur dadurch, daft Pluto - im
Sinne der griechischen Mythologie gesprochen - die Persephone
geraubt hat, in die Untergriinde der menschlichen Natur hinunter-
geholt hat, den aufieren Bedingungen in bezug auf die Krankheits-
und Gesundheitsverhaltnisse unterworfen worden. Das ist das eine,
was mit der Menschheitsorganisation vor sich gegangen ist.
Das zweite bezieht sich auf den menschlichen Atherleib selber.
In ihm liegen zwar die Krafte der Umgestaltung, aber er hat sich
selber auch verandert, Dieser Atherleib war in uralten Zeiten so
organisiert, daft der Mensch nicht in derselben Weise die Welt er-
kannt hat, wie er sie heute erkennt, sondern wenn er hineinschaute
in die geistige Welt durch das alte Persephone-Hellsehen, dann sah
er in dieser geistigen Welt Bilder der geistigen Wesenheiten selber.
Eine Bilderwelt sah der Mensch um sich. Diese Bilder werden zwar
hervorgerufen durch die Krafte des astralischen Leibes, aber der
astralische Leib konnte sie, wenn er auf sich angewiesen ware, nicht
sehen. Der astralische Leib nimmt nicht Bilder wahr, wenn er allein
auf sich angewiesen ist. Geradesowenig wie ein Mensch sich selber
sieht, wenn er, von keinem Spiegel gehindert, vorwarts geht, eben-
sowenig wiirde der astralische Leib die von ihm erzeugten Bilder
wahrnehmen, wenn nicht die Tatigkeit des astralischen Leibes in
der menschlichen Natur gleichsam zuriickgeworfen wiirde durch
den Atherleib. So bringt der Atherleib die vom astralischen Leib
hervorgerufenen Bilder zum Anschauen, zum Wahrnehmen. Das,
was der Mensch wahrnimmt von dem, was in seinem eigenen astra-
lischen Leib vorgeht, ist das, was ihm sein Atherleib spiegelt.
Wiirden wir diese Spiegelung aller unserer astralischen inneren
Vorgange durch den Atherleib nicht haben, so wiirde zwar alles das
in uns sein, was der astralische Leib bewirkt, aber der Mensch
wiirde es nicht anschauen, nicht wahrnehmen konnen. Daher ist
das gesamte Weltbild, das sich der Mensch machen kann, der ge-
samte Inhalt seines Bewufkseins eine Spiegelung aus dem Ather-
leibe. Und vom Atherleibe hangt es ab, ob der Mensch iiberhaupt
etwas weifi von der Welt. Es hing dieses ab vom Atherleib in der
alten hellseherischen Zeit, und auch heute hangt alles Wissen von
der Welt von der Spiegelung der astralen Tatigkeit im menschlichen
Atherleibe ab.
Was liegt also in den Kraften dieses Atherleibes? In den Kraften
dieses Atherleibes liegt die Tatsache, dafi wir durch sie den Schlus-
sel haben zur Erkenntnis der Welt. Sonst wiirde alles das, was
die Welt in unserem astralischen Leib bewirkt, nicht die Pforte
aufschlieften zur Erkenntnis der Welt. Der Schliissel zur Welt-
Erkenntnis liegt im Atherleib. Und auch alles das liegt in unserem
Atherleib, von dem wir so sprechen konnen, wie an einigen wich-
tigen Stellen der beiden Rosenkreuzerdramen gesprochen ist. Da ist
gesprochen von den Gedankenlabyrinthen, von den Faden, die
unsere Welt-Erkenntnis spinnen mufi. Wir lernen ja die Welt nicht
dadurch erkennen, dafi wir einfach auf sie hinschauen, sondern
indem wir entweder wie im alten Hellsehen von Bild zu Bild gehen
oder indem wir in der neueren intellektuellen Kultur von Gedanke
zu Gedanke gehen eben wie durch das Gedankenlabyrinth. Auch
dieser Zusammenhang wird durch die Krafte des Atherleibes be-
wirkt. Das hat sich also geandert, was wir den Schliissel und was
wir die Faden nennen konnen, die zwischen den einzelnen Gebilden
unseres Bewufitseins sich ausbreiten, wenn wir zur Welt-Erkennt-
nis gelangen. So sehen wir, was an den Kraften des Atherleibes baut
und was sich andern mufi an diesen Kraften des Atherleibes.
Betrachten wir das dritte, den Astralleib selber. Der Astralleib ist
ja, wie gesagt, das Element in uns, in welches die Welt hereinwirkt
und in welchem gestaltet werden die Krafte und Fahigkeiten, die
dann durch den Atherleib gespiegelt werden. Im Astralleib wird die
Erkenntnis entzundet, zum Bewufitsein gebracht wird sie durch
den Atherleib. Entzundet wird ein Gedanke, ein Bild im Astralleib;
sie sind dadurch in uns, dafi wir einen Astralleib haben. Es wird uns
dieses Bild, dieser Gedanke bewufit dadurch, dafi wir einen Ather-
leib haben. Sie waren in uns, auch wenn wir keinen Atherleib hat-
ten, aber wir wiifiten nichts davon. Die Fackel der Erkenntnis wird
entzundet im Astralleib, gespiegelt als bewufite Erkenntnis des
Menschen wird diese Fackel der Erkenntnis im menschlichen
Atherleib. So konnen wir sagen: Im menschlichen Astralleib wird
die Fackel der Erkenntnis entzundet, und diese Fackel der Erkennt-
nis andert sich wiederum im Laufe des geschichtlichen Werdens der
Menschheit, so dafi in alten Zeiten der Mensch die hellseherische
Bilder-Erkenntnis hatte und heute die intellektuelle Verstandes-
Erkenntnis. So haben sich die Krafte des Astralleibes geandert.
Wahrend also der Mensch dieses geschichtliche Werden durch-
machte, waren Krafte in der menschlichen Natur, welche das ganze
Verhaltnis der Demeter zu den Menschen anderten. Aus dem alten,
dunnen menschlichen Leib, aus dem alten, hellseherische Fahigkei-
ten entwickelnden Astralleib wurde sozusagen die Demeter ausge-
trieben. Eros wirkte ein. Dafur wurden die - wie ich Ihnen heute
gezeigt habe - andersgearteten erosfreien Krafte der menschlichen
Natur mehr der Demeter unterstellt. Es wirkte also eine Kraft des
Werdens in drei Arten auf die menschliche Natur wahrend dieser
Zeit von der alten atlantischen Zeit bis heute; eine dreifache Natur
des Werdens, des Umgestaltens, des Umformens, eine dreifache Art
der Metamorphose, vom Atherleibe ausgehend auf den physischen
Leib, auf den Atherleib selber, auf den Astralleib gehend. Diese Kraft
des Werdens und der Umgestaltung, sie war in der menschlichen
Natur und ist in uns. Sie andert uns von der Jugend ins Alter urn,
indem sie die Eroskrafte in die Demeterkrafte uberfuhrt. Es ist in
unserer Organisation dieses dreifache Werden, das im physischen
Leibe die anderen Krankheits- und Gesundheitsbedingungen be-
wirkt, das im Atherleibe die andere Spiegelung der Erkenntnis ver-
anlafit und das umandert die Fackel der Erkenntnis im Astralleibe.
Wie wunderbar ist es, da£ uns aus der alten griechischen Gotter-
lehre entgegenleuchtet der Reprasentant dieser Werdekrafte der
menschlichen Natur, die in uns alien wirken, die unseren Astralleib
umgestalten, die deshalb auch die Natur der Demeter umgestalten,
jene Krafte, die im menschlichen Atherleibe sind und auf den phy-
sischen Leib und auf sich selber und auf den Astralleib wirken. Sie
sind reprasentiert in der dreifachen Hekate. Was wir also heute
ausdriicken dadurch, dafi wir sagen: vom Atherleibe gehen umge-
staltende Krafte in dreifacher Art aus, das driickte der Grieche aus,
indem er von der dreifachen Hekate sprach. Ein Naturwunder der
menschlichen Organisation in ihrem Werden ist in dieser drei-
fachen Hekate ausgesprochen. In ungeheure Weisheit blicken wir
da hinein, Und Sie konnen noch heute in Rom dieses Bild der drei-
fachen Hekate sehen. Diese dreifach geteilte Hekate wird so dar-
gestellt: die eine Organisation der Hekate, die sich bezieht auf die
Krankheits- und Gesundheitsbedingungen, wird mit dem Symbo-
lum des Dolches und der Schlange ausgestattet, welch letztere ja
auch dem Askulap beigegeben wird als dem Reprasentanten der
Gesundheitskunde. Der Dolch reprasentiert die aufieren Einflusse,
die aufkren zerstorenden Einflusse auf den menschlichen Organis-
mus. Indem man der dreifachen Hekate in der einen ihrer Gestal-
tungen den Dolch und die Schlange beigegeben hat, wies man dar-
auf hin, daft man jene Krafte meinte, die den physischen Leib in
bezug auf sein Werden beeinflufiten. Das zweite Bild der Hekate
mufite dann hinweisen darauf, dafi sich im Atherleibe geandert hat
der Schliissel zur Erkenntnis der Welt. Und welches Symbol hat
das zweite Bild der dreifachen Hekate? Den Schliissel und einen
Bund Stricke als Symbolum fur das Gedankenlabyrinth. Und die
dritte Hekate hat die Fackel als die Fackel der Erkenntnis, wie sie
sich im Astralleibe bildet. Und nun fiihlen wir, mit welcher unge-
heueren materialistischen Aberglaubensform man heute in unserem
materialistischen Zeitalter vor dieser tiefsinnigen Gestalt der alten
Zeit steht und wie sich diese Dinge beleben werden, wenn der
Mensch wiederum wissen wird, was eigentlich gemeint wird mit
solch einer grandiosen, tiefsinnigen Symbolik wie die der dreifa-
chen Hekate. Das alte Griechenland wird neu erstehen in seinen
Gedanken, wenn die mit Geisteswissenschaft gesattigte Menschen-
seele sich vor ein solches Bildwerk stellen wird und in dieser Men-
schenseele aufstromen wird all das Wissen von der geistigen Natur
des Menschen, das hineingeheimnifit ist in eine solche Gestalt. Die-
se Dinge braucht man nicht in einem abstrakten Sinne zu nehmen.
Wir konnen sie naturlich nur aussprechen, indem wir sie sozusagen
in abstrakte Gedanken kleiden. Das alles kann aber fur uns leben-
dige Empfindung und lebendiges Gefiihl werden, wenn wir uns
durchdringen mit dem Bewulksein, dafi auch die Hekate nur die
Art und Weise ihrer Wirksamkeit geandert hat, daft sie aber auch
heute in uns ist und in jedem einzelnen von uns wirkt.
Der alte Grieche sagte: Nicht nur die ganze Menschheit in ihrem
Werden, sondern auch der einzelne Mensch untersteht, indem seine
Leibesform umgestaltet wird, indem er seinem physischen Leibe,
Atherleibe und Astralleibe nach umgeandert wird, den Kraften der
Hekate. Hekate wirkt in ihm in dreifacher Art. - Aber das, was
dazumal im Bilde der Hekate der menschlichen Seele vermittelt wor-
den ist, kann auch heute wieder vermittelt werden. Der moderne
Bekenner der Geisteswissenschaft, der nicht mehr in solcher bild-
lichen Form spricht, wie driickt er sich aus? Er sagt: Im Laufe der
menschlichen Einzelentwickelung von der Geburt bis zur Reife
werden im menschlichen Werden die drei Glieder der menschlichen
Leibeshiille umgeandert: in den ersten sieben Jahren die physische, in
den zweiten sieben Jahren die atherische, in den dritten sieben Jahren
die astralische. - Die Krafte, die Sie beschrieben finden, ohne daft dies
Bild gebraucht ist, in meiner kleinen Schrift iiber «Die Erziehung des
Kindes», die Krafte, die da wirken in der menschlichen Organisation
in dreifacher Weise, es sind die Hekate-Krafte. Und indem Ihnen
beschrieben wird heme von der Geisteswissenschaft, daft der Mensch
bis zum Zahnwechsel vorzugsweise seinen physischen Leib ausbil-
det, wird darauf hingewiesen, daft die eine Form der Hekate in ihm
wirkt. Da wird in moderner Form gesagt, was der Grieche meint,
wenn er den einen Teil der Hekate mit Dolch und Schlange hinstellt.
Und mit Schlussel und Strickbund wird der zweite Teil der Um-
wandlung hingestellt, wo der Atherleib aus sich selbst wirkt in den
zweiten sieben Jahren. Und die dritten sieben Jahre werden hinge-
stellt, als im Astralleib selber ganz vor sich gehend, mit dem Symbol
der Fackel. So habe ich Ihnen im Grunde genommen in moderner
Form langst das gesagt, was die Hekate-Weisheit der alten Griechen
war, was im Bilde der Hekate in den alten Mysterien der Griechen
ausgedriickt worden ist.
Das aber ist auch der Sinn unseres Werdens der europaischen
Kultur. Schauen wir zuriick in die alten Zeiten des Griechentums,
dann treten uns in den Uberlieferungen der griechischen Mystik,
der griechischen Mythologie auch die gewaltigen Bilder entgegen,
die hingestellt wurden vor die zu Unterrichtenden, um in der Seele
zu erwecken die Erkenntnis, die damals notwendig fur den Men-
schen war. Das Bild der dreifachen Hekate weckte - nicht in der
heutigen Form - die Wissenschaft auf, die wir aufnehmen, wenn
wir die Lehre von der dreifachen Umwandlung von der Geburt bis
etwa zum zwanzigsten Jahre ins Auge fassen. Und wenn wir solche
Lehren ins Auge fassen, dann folgen wir getreulich dem Gange, den
die menschliche Kultur nehmen mull. Die alte hellseherische Form
muftte untertauchen in das Reich des Pluto in der menschlichen
Seele, und eine Weile, von der alten sokratischen Zeit bis in uns ere
Gegenwart herein, muftte gewissermaften eine Epoche des Nicht-
wissens herrschen in bezug auf alle diese Verhaltnisse. Die Men-
schen mulken ihr Ich konsolidieren, ihre Egoitat ausbilden. Da
blieb unter der Oberflache der menschlichen Seele das alte, durch
die grandiosen Bilder angeregte Wissen der Griechen. Da war es
gleichsam unter dem Schutte der intellektuellen Kultur begraben.
Jetzt taucht es wieder auf aus einer dunklen Geistestiefe. In der
Geisteswissenschaft taucht aus dem modernen Leben wiederum das
herauf, was da untergetaucht ist in tiefere Griinde der menschlichen
Seele. Wir fangen heute wiederum an auf die Art, die ich beschrie-
ben habe in der «Erziehung des Kindes», die dreifache Hekate in
einer mehr abstrakten Form zu erkennen. Dadurch aber wird die
menschliche Seele wiederum vorbereitet zu einem kiinftigen, trotz
der Intellektualitat uns in Aussicht stehenden Hellsehen. Und die
Vorbereitung fur dieses kiinftige Hellsehen der Menschheit, das ist
unsere Geisteswissenschaft. Oh, jene dreifache Hekate, von der die
Griechen gesprochen haben, jene Demeter und Persephone und die
andern Gestalten alle, die damals nicht solche Abstraktionen waren,
wie die aberglaubischen Gelehrten heute traumen, sondern leben-
dige Gestalten des griechischen Sehertums, alle diese Gestalten wer-
den wieder erscheinen vor dem hellseherischen Blick, der in der
Zukunft fur die Menschheit immer mehr und mehr herunterdrin-
gen wird aus den geistigen Welten. Und die Kraft, welche in die
Menschenseelen eindringt, um sie wieder hinaufzufuhren, oder ich
konnte auch sagen, um zu ihr herunterzufuhren die hellseherischen
Krafte, ist diejenige, welche zunachst fur die Erkenntnis der Men-
schen als bewufiter Gedanke vorbereitet worden ist in der alten
Jahve-Kultur und dann ihre voile Ausgestaltung gewonnen hat
durch das Erscheinen der Christus-Wesenheit, die von den Men-
schen immer mehr und mehr erkannt werden wird. Und indem
gesagt wird innerhalb unserer wahren Geisteswissenschaft, dafi
schon in diesem 20. Jahrhundert beginnt jenes hellseherische Hin-
aufschauen der Menschen zu dem seit dem Mysterium von Golga-
tha mit der Erde vereinten Christus, wird zu gleicher Zeit gesagt,
dafi dies Ereignis des wiederkommenden Christus selbstverstand-
lich nicht in einem physischen Leibe, sondern fur das atherische
Anschauen wie bei Paulus vor Damaskus eintreten wird. In dieser
Christus- Kraft sind alle Impulse der menschlichen Natur gegeben,
diese wiederum hinaufzufiihren und sie zugleich anschauen zu las-
sen alles das, was zum Beispiel auch von griechischen Gottergestal-
ten hinuntergetaucht ist in die unterbewufiten Seelengriinde.
Das wird in die Zukunft hinein das grofke Ereignis der mensch-
lichen Seelenentwickelung sein, jenes Ereignis, auf das die Geistes-
wissenschaft vorbereiten mufi, damit die menschlichen Seelen fahig
werden, jenes atherische Anschauen zu gewinnen. Und in den nach-
sten dreitausend Jahren wird das immer mehr und mehr menschliche
Seelen ergreif en, und die nachsten dreitausend Jahre werden im we-
sentlichen gewidmet sein dem Aufflammen der Krafte der mensch-
lichen Seele, die die Atherwunder der Natur um sich herum gewahr
werden kann. In unserem Jahrhundert wird es beginnen, daft einzel-
ne aus ihrer Atherseele heraus den wiederkommenden Christus er-
blicken, und immer mehr und mehr Menschen werden es sein durch
die nachsten drei Jahrtausende. Und dann wird sich erfullen, was die
wahre orientalische Tradition ist, die mit allem wahren Okkultismus
iibereinstimmt, dafi mit Ablauf dieser dreitausend Jahre in einer
ebenso verstandlichen Form fur die menschliche Seele spricht der zu
der Menschheit herabsteigende Maitreya Buddha, der dann diese
Christus-Natur dem Menschen vermitteln wird. Das ist das, was die
orientalische Mystik bewahrt, daft dreitausend Jahre etwa nach unse-
rer Zeit der Maitreya Buddha erscheinen wird. Was die abendlandi-
sche Kultur beizutragen hat, ist, dafi jene Welt-Individualitat, wie Sie
es in dem Mysterium «Die Priifung der Seele» wieder betont finden,
nur einmal im physischen Leibe erschienen ist, daft diese immer
sichtbarer fur das atherische Anschauen der Menschen sein wird.
Dadurch wird sie der Menschenseele etwas Vertrautes werden. Und
mit so hinreifienden Worten, wie vor zwei Jahrtausenden der Buddha
gesprochen hat von dem, was damals den besten Menschenseelen
seiner Zeit das Natiirliche war, so wird der Maitreya Buddha uberall
verkiindigen konnen das, was heute noch nicht moglich ist, offentlich
auszusprechen, was sich aber vollziehen wird in dem atherischen
Anschauen des Christus. Das ist das grofke Ereignis des 20. Jahrhun-
derts, dieses Hinaufentwickeln der menschlichen Natur zu dem, was
wir die Wiederbringung des Paulus-Ereignisses nennen konnen.
Dazumal kam es nur uber den einzelnen, iiber Paulus, in der Schau-
ung von Damaskus. Es wird in der Zukunft fur die gesamte Mensch-
heit kommen nach und nach, von unserem Jahrhundert angefangen.
Derjenige, der da glaubt an den Fortschritt der menschlichen
Natur, der da glaubt, dafi die menschliche Seele immer hdhere und
hohere Krafte entwickeln wird, der weifi, dafi es notwendig fiir die
in die tiefsten Tiefen des physischen Planes heruntergestiegene
Menschenseele war, daft der Christus auch in einem physischen
Leibe einmal erschien. Das war notwendig, weil damals die
menschliche Seele nur die Gottheit in einem Leibe sehen konnte,
der fiir physische Augen, fur physische Organe sichtbar war. Da-
durch aber, dafi dieses Ereignis eintrat, dafi die alte Jahve-Kultur
dieses Ereignis vorbereitet hat und es dann eingetreten ist, dadurch
wird die menschliche Seele zu immer hoheren Fahigkeiten gefuhrt,
und die Erhohung dieser Fahigkeiten driickt sich dadurch aus, daft
nun die Menschen lernen werden, auch dann den Christus zu
schauen, wenn er nicht mehr in einem physischen Leibe unter
ihnen wandelt, sondern wenn er so sich zeigt, wie er jetzt auch
unter uns ist seit dem Mysterium von Golgatha, allerdings nur fiir
hellsichtige Augen sichtbar. Der Christus ist da, ist mit dem Ather-
leibe der Erde vereinigt. Das, worauf es ankommt, ist, dafi die
menschliche Seele sich heraufentwickelt, um ihn zu schauen. Darin
liegt der grofie Fortschritt der Entwickelung der menschlichen See-
le, und wer da an den Fortschritt der menschlichen Seele glaubt,
wer glaubt, dafi Geisteswissenschaft einen Zweck hat und eine
Mission in bezug auf den Fortschritt der menschlichen Seele, der
wird verstehen, dafi die Krafte der menschlichen Seele immer hohe-
re werden mussen und daf5 es ein Stehenbleiben bedeuten wiirde,
wenn die menschliche Seele in unserer Zeit den Christus in dersel-
ben physischen Form sehen mufite, in der sie ihn einstmals sah.
Wer also glaubt an den Fortschritt und wer an Zweck und Mission
der Geisteswissenschaft glaubt, der weifi: Eine grandiose Bedeu-
tung liegt in dieser alten Rosenkreuzerformel von dem Gottes-
Sohnes-Wesen, das nur einmal in einem physischen Leibe sich ver-
korpert hat, das schon von unserem Jahrhundert ab - nach den
Prophezeiungen und nach unseren Erkenntnissen - wiederum den
menschlichen Seelen als atherisches Wesen mehr und mehr sichtbar
sein wird. Wer an den Fortschritt des menschlichen Werdens
glaubt, der glaubt an dieses Wiederkehren des Christus, der da
schaubar wird fur die atherischen Fahigkeiten des Menschen. Wer
da nicht glauben will an den Fortschritt, der moge glauben daran,
dafi die menschlichen Seelenkrafte stehenbleiben und auch in unse-
rer Zeit no tig haben, den Christus in derselben Gestalt zu sehen
wie damals, als die Menschheit heruntergestiegen war in tiefste
Griinde der Materie, der moge glauben an eine Wiederkehr eines
Christus in einem physischen Leibe.
DRITTER VORTRAG
Miinchen, 20. August 1911
In diesem Vortragszyklus hoffe ich Ihnen von einer gewissen Seite
her einen Uberblick iiber wichtige Tatsachen unserer Geisteswis-
senschaft geben zu konnen. Den Faden oder die Disposition, die
dabei eingehalten werden soli, werden Sie allerdings erst in den
letzten Vortragen iiberschauen konnen, weil eine ganze Reihe von
Fragen beriihrt werden soli, welche sich dann in den letzten Tagen
zu einem Gesamtbilde zusammenschlieften werden. Ich habe an
den letzten zwei Abenden in manchen Dingen angekmipft an das
Mysterium von Eleusis, an die griechische Mythologie; ich werde
noch ofter Gelegenheit haben, an unsere Auffiihrungen anzukniip-
fen. Daft aber in diesem Zyklus noch ein anderes Ziel angestrebt
wird, werden Sie eben am Ende erkennen. An dem heutigen
Abend mochte ich in Ihnen von einer anderen Seite her ein wenig
die Empfindung hervorrufen, wie Geisteswissenschaft in unserer
Gegenwart hinarbeitet zu jener groften, gewaltigen Urweisheit,
von der wir ein klein wenig gesehen haben, wie sie jene machtigen
Gestalten und Bilder und Mysteriennachrichten durchleuchtet, die
aus dem alten Griechenland heraufkommen. Man mufi sich schon
einmal damit bekannt machen, meine lieben Freunde, wenn man
die ganze Aufgabe und Mission der Geisteswissenschaft heute
empfinden will, daft manche Vorstellung, mancher Begriff, der in
unserer Gegenwart herrscht, sich verandern muft. Und in dieser
Beziehung ist ja der Mensch der Gegenwart oftmals recht kurz-
sichtig, denkt kaum iiber die allernachsten Zeiten hinaus. Gerade
aus diesem Grunde, um ein Gefuhl hervorzurufen, wie wir unser
Vorstellen, unser Denken selber andern miissen, wenn wir so recht
tief die Mission der Geisteswissenschaft iiberschauen wollen, wur-
de hingewiesen auf das ganz Andersartige der griechischen An-
schauung von Welt und Leben, von dem Verhaltnis des Menschen
zur geistigen Welt. Denn ganz anders hat das griechische Herz,
die griechische Seele gefiihlt, als der moderne Mensch in dieser
Beziehung fiihlt. Und da mochte ich heute eines gleich im Beginn
erwahnen.
Ihnen alien ist ein Begriff sehr gelaufig, eine Idee, die heute ja
nicht nur in unserem Wortschatz in alien Sprachen gelaufig ist, son-
dern die auch in die Bezeichnungen einer gewissen Wissenschafts-
richtung eingeflossen ist. Es ist das Wort Natur. Und indem das
Wort Natur ausgesprochen wird, entsteht gleich eine ganze Menge
von Vorstellungen, welche die heutige Seele empfindet liber irgend
etwas, was eben als Natur bezeichnet wird. Und wir stellen Natur
dann der Seele oder dem Geiste gegeniiber. Nun sehen Sie, meine
lieben Freunde, alles das, was der gegenwartige Mensch meint,
wenn er den Ausdruck Natur gebraucht, alles das, was wir heute als
Natur bezeichnen, gab es einfach fur ein altes griechisches Denken
nicht. Sie mussen das ganz ausstreichen, was Sie heute mit dem
Ausdruck Natur bezeichnen, wenn Sie eindringen wollen in das
alte griechische Denken. Jenen Gegensatz, jene Zweiheit zwischen
Natur und Geist, wie wir sie heute empfinden, das kannte der alte
Grieche nicht. Wenn er sein Auge hinlenkte auf die aufteren Vor-
gange, wie sie sich abspielen in Wald und Feld, in Sonne und Mond,
in der Sternenwelt, dann empfand der alte Grieche noch nicht ein
geistentblofites Naturdasein, sondern ihm war alles das, was da ge-
schah in der Welt, ebenso die Tat von geistigen Wesenheiten, wie
uns die Tat, die etwa in einer Handbewegung besteht, Ausdruck ist
unserer Seelentatigkeit. Wenn wir unsere Hand von links nach
rechts bewegen, so wissen wir, dieser Handbewegung liegt zugrun-
de eine Seelentatigkeit, und wir sprechen nicht von einem Gegen-
satz der blofien Bewegung der Hand und unseres Willens, sondern
wir wissen, dafi das eine Einheit ist, was da sich als Hand bewegt
und was unser Wille als Bewegungsimpuls darstellt. Da fuhlen wir
noch die Einheit, wenn wir einen Gestus machen, den unsere Seele
ausfuhrt. Wenn wir unseren Blick hinauswenden zum Gang von
Sonne und Mond, wenn wir die sich bewegenden Wolken sehen,
wenn wir die sich bewegende Luft im Winde wahrnehmen, dann
sehen wir nicht mehr so etwas, wie der alte Grieche gesehen hat,
was gleichsam Handbewegungen, aufiere Gesten von gottlich-
geistigen Wesenheiten sind, sondern wir sehen etwas, was wir nach
aufieren, abstrakten, rein mathematisch-mechanischen Gesetzen
betrachten. Solch eine Natur, die nach rein aufieren, mathematisch-
mechanischen Gesetzen betrachtet wird, die nicht blofi die aufiere
Physiognomie des go ttlich- geistigen Handelns darstellt, kannte der
alte Grieche nicht. Wir werden horen, wie der Begriff Natur, so wie
ihn der heutige moderne Mensch hat, erst entstanden ist.
Geist und Natur waren in jenen alten Zeiten also in volligem
Einklang miteinander. Daher gab es fur den alten Griechen auch
das noch nicht mit denselben Empfindungswerten wie heute ausge-
stattet, was in der heutigen Zeit ein Wunder genannt wird. Wenn
wir jetzt absehen von alien feineren Unterscheidungen, so konnen
wir heute sagen, ein Wunder wiirde gesehen, wenn ein Vorgang in
der Aufienwelt wahrgenommen wiirde, der nicht nach den bereits
bekannten oder mit ihnen verwandten Naturgesetzen erklarbar ist,
sondern der voraussetzt, daft der Geist unmittelbar eingreift. Da wo
der Mensch wahrnehmen wiirde ein unmittelbar Geistiges, was er
nicht blofi nach rein aufierlichen, mathematisch-mechanischen Ge-
setzen begreifen und erklaren kann, wiirde er von etwas Wunder-
barem sprechen. In diesem Sinne konnte der alte Grieche nicht von
etwas Wunderbarem sprechen. Denn ihm war klar, dafi der Geist
alles macht, was in der Natur geschieht, ob es nun die alltaglichen,
in unsere Naturordnung sich einfugenden Ereignisse waren oder
seltenere Naturzusammenhange, das machte keinen Unterschied.
Das eine war nur seltener, das andere war das Gewohnliche, aber
der Geist, das gottlich-geistige Schaffen und gdttlich-geistige Wir-
ken, griff ihm in alles Naturgeschehen ein. So sehen Sie, wie sich
diese Begriffe geandert haben. Daher ist es auch etwas wesentlich
unserer Gegenwart Angehoriges, dafi das geistige Eingreifen in die
aufieren Ereignisse des physischen Planes wie etwas Wunderbares
empfunden wird, wie etwas, was herausfallt aus dem gewohnlichen
Gang der Ereignisse. Es ist nur unserer modernen Empfindung
eigen, eine scharfe Grenze zu Ziehen zwischen dem, was man von
Naturgesetzen beherrscht glaubt, und dem, wo man ein unmittel-
bares Eingreifen der geistigen Welten anerkennen mufi.
Ich habe Ihnen von dem Zusammenklingen zweier Stromungen
gesprochen, der Demeter-Persephone-Stromung und der, wenn ich
so sagen darf, Agamemnon-Iphigenie-Strdmung. Sie sollen verbun-
den werden durch die Mission der Geisteswissenschaft. Wir konn-
ten auch noch, anknupfend an diese Vereinigung der beiden Stro-
mungen, von der Notwendigkeit sprechen, daft die Menschheit
wiederum empfinden lernt, daft iiberall bei den alltaglichen und bei
den selteneren Vorkommnissen das Geistige wirksam ist. Dazu
aber ist notwendig, daft das, was der moderne Mensch als zwei
Stromungen empfindet, auch vor seine Seele tritt, daft er sich klar-
macht: Hier habe ich auf der einen Seite diejenigen Dinge, die sich
einfugen als ein Natursystem in die Gesetze, die heute der Physi-
ker, der Chemiker, der Physiologe, der Biologe anerkennt, und hier
habe ich auf der anderen Seite Vorkommnisse, die einfach als Tat-
sachen ebenso verfolgt werden konnen wie andere Tatsachen, die
sich eben in die physischen, mathematisch-chemischen Gesetze ein-
fugen, die aber nicht erklart werden konnen, wenn man nicht ein
geistiges Weben und Leben hinter dem physischen Plan als eine
Realitat anerkennt.
Den ganzen Konflikt, der durch diesen Zwiespalt und zu glei-
cher Zeit durch die Sehnsucht nach Vereinigung der beiden Gegen-
satze Natur und Geist in der menschlichen Seele hervorgerufen
wird, sehen Sie im Rosenkreuzerdrama abgeladen in der Seele des
Strader. Und wie ein aus dem gewohnlichen Naturgange herausfal-
lendes Ereignis, wie die Offenbarung der Theodora, auf denjenigen
wirkt, der gewohnt ist, nur gelten zu lassen, was unter die physika-
lischen und chemischen Gesetze fallen kann, wie das auf das Gemut
wie eine Priifung der Seele wirkt, sehen Sie auch am Charakter und
an den Geschehnissen der Seele des Strader dargestellt in dem
Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung». Damit ha-
ben Sie aber nur gleichsam herauskristallisiert etwas, was als die
Empfindung dieses Gegensatzes in zahlreichen modernen Seelen
sich ausdriickt. Diese Straderseelen sind sehr haufig in der heutigen
Zeit. Fur solche Straderseelen ist es notwendig, daft sie auf der
einen Seite das Eigentiimliche des regularen, des normalen Ganges
der Naturtatsachen, die durch die physikalischen, chemischen, bio-
logischen Gesetze erklart werden konnen, einsehen. Auf der ande-
ren Seite ist es aber auch notwendig, dafi solche Seelen hingefuhrt
werden zur Anerkennung jener Tatsachen, die auch auf dem phy-
sischen Plane auftreten, aber von dem rein materialistischen Sinn als
Wunder und daher als etwas Unmogliches einfach liegengelassen
und nicht anerkannt werden.
Ich habe ja schon in anderen Zusammenhangen erwahnt, daft sich
das Verdienst, auf solche Tatsachen in schdnem Zusammenhang hin-
gewiesen zu haben in einer Weise, wie es eben gerade fur die gegen-
wartige theosophische Bewegung notwendig ist, unser Freund Lud-
wig Deinhard erworben hat. Sie werden in dem ersten Teile seines
Buches «Das Mysterium des Menschen» gerade diese Seite des mo-
dernen Lebens und den richtigen Hinweis auf die Tatsachen inner-
halb des physischen Planes und ihren Hintergrund in der geistigen
Welt sehen, Sie werden sehen, wie der moderne Geist diese durchaus
absolut fur unsere Bewegung notwendige Seite in Erwagung und
Beriicksichtigung ziehen kann. Insofern ist es von ganz besonderer
Wichtigkeit, daft wir dieses Buch jetzt haben, das namentlich auch in
den Handen aller Freunde niitzlich und zielvoll wirken kann, weil
diese Gelegenheit finden konnen, den aufienstehenden Seelen, die
noch einen anderen Zugang brauchen als diejenigen, die schon die
esoterische Sehnsucht ftihlen, einen Weg zu eroffnen herein in das
spirituelle Leben. Und da in diesem Buche ein richtiger Einklang
versucht wird zwischen diesem einen Weg des modernen wissen-
schaftlichen Denkens und unserer Esoterik, so ist dieses Buch in den
Handen der Freunde ein vorziigliches Mittel, der Geisteswissen-
schaft gerade in unserer Gegenwart zu dienen.
So konnen wir also sagen, Sehnsucht ist heute vorhanden, jenen
Gegensatz, den es im alten griechischen Lande noch nicht gab zwi-
schen Natur und Geist, auszugleichen. Und dafi Versuche gemacht
werden - Sie finden ja diese Versuche auch in dem genannten Buche
dargestellt -, dafi Gesellschaften gegriindet werden, die das Weben
und Wesen anderer Gesetze in der physischen Welt verfolgen als der
rein chemischen, physiologischen, biologischen, das ist ein Beweis
dafiir, da£ in weitesten Kreisen die Sehnsucht empfunden wird, die-
sen Gegensatz zu uberbriicken. Es liegt also die Uberbriickung, die
Harmonisierung des Gegensatzes zwischen Geist und Natur inner-
halb der Mission unserer geisteswissenschaftlichen Wirksamkeit.
Wir miissen sozusagen herausarbeiten aus neuen Quellen geisteswis-
senschaftlicher Anschauung, miissen wiederum in die Lage kommen,
in demjenigen, was uns umgibt, mehr zu sehen als das, was das Auge
des Physikers oder Chemikers oder des Anatomen oder des Physio-
logen oder des Biologen sieht. Dazu miissen wir in der Tat ausgehen
von dem Menschen selber, der ja so sehr herausfordert, nicht nur die
im physischen Leibe wirksamen chemischen und physikalischen Ge-
setze zu studieren, sondern das Zusammenwirken aufzusuchen von
Physischem, Seelischem und Geistigem, das iiberall fur den aufmerk-
samen Beobachter vor das geistige Auge und vielfach in deutlichster
Weise auch vor die aufieren Augen treten kann.
Der moderne Mensch empfindet nun nicht mehr das, was ich
Ihnen bisher nur andeuten konnte als das Hereinwirken der Deme-
terkraft oder Persephonekraft in den menschlichen Organismus. Er
empfindet nicht mehr die grofte Tatsache, dafi wir in uns alles das
tragen, was drauften im Weltenall ausgegossen ist. Der Grieche
empfand das. Er empfand, wenn er es auch nicht in unserem moder-
nen Sinn hatte aussprechen konnen, zum Beispiel eine Wahrheit,
von welcher sich die moderne Geisteswissenschaft langsam erst wie-
derum iiberzeugen wird - eine Wahrheit, die ich Ihnen etwa in fol-
gender Art nahebringen mochte. Sie wenden heute den Blick hinauf
zum Regenbogen. Solange man ihn nicht erklaren kann, ist er eben-
so ein Naturwunder, ein Weitenwunder wie etwas anderes. Da tritt
uns aus der Alltaglichkeit heraus der wunderbare Bogen mit seinen
sieben Farben vor Augen. Wir sehen jetzt ab von aller physika-
lischen Erklarung, denn die Physik der Zukunft wird noch ganz an-
dere Dinge auch iiber den Regenbogen zu sagen haben als die heu-
tige. Wir sagen, da drauften fallt unser Blick auf den Regenbogen,
der wie aus dem Schofi des uns umgebenden Universums auftritt.
Da schauen wir in den Makrokosmos, in die grofte Welt hinein. Aus
ihr heraus gebiert sich der Regenbogen. Jetzt wenden wir den Blick
ein wenig nach innen. In unserm Innern konnen wir die Bemerkung
machen - sie ist eine ganz alltagliche Bemerkung, wir miissen sie nur
in das richtige Licht setzen - dafi sich zum Beispiel aus dem gedan-
kenlosen Briiten bestimmte Gedanken, die zu irgend etwas Bezug
haben, herausbilden, dafi mit anderen Worten der Gedanke aufblitzt
in unserer Seele. Nehmen wir diese beiden Sachen: die Tatsache des
Makrokosmos, dafi der Regenbogen aus dem Schofie des Univer-
sums sich heraus gebiert, und die andere, da£ sich in uns selber der
Gedanke heraus gebiert aus unserem anderen Seelenleben. Das sind
zwei Tatsachen, von denen die Weisen des alten Griechenlandes
schon etwas gewufit haben, was durch die Geisteswissenschaft die
Menschen wiederum lernen werden. Dieselben Krafte, die in unse-
rem Mikrokosmischen den Gedanken aufblitzen lassen, sind die
Krafte, die da draufien im Schofie des Universums den Regenbogen
hervorrufen. Wie die Demeterkrafte von draulSen in den Menschen
hineinziehen und darinnen wirksam werden, so sind es die Krafte,
die draufien den Regenbogen formen aus den Ingredienzien der
Natur - da wiirden sie ausgebreitet im Raume wirken -, die in uns
drinnen mikrokosmisch, in der kleinen Welt des Menschen wirken;
da lassen sie aufblitzen aus dem Unbestimmten den Gedanken. An
solche Wahrheiten streift allerdings heute noch nicht eine aufiere
Physik, dennoch ist das in der Tat eine Wahrheit.
Alles, was da draufien im Raum ist, ist in uns selber. Der Mensch
erkennt heute noch nicht den volligen Einklang der in ihm selber
geheimnisvoll wirkenden Krafte und der draufSen im Makrokosmos
wirksamen Krafte, ja, er sieht das vielleicht als eine Traumerei, als
eine Phantasterei an. Der alte Grieche konnte das nicht sagen, was
ich jetzt gesagt habe uber diese Dinge, weil er nicht mit intellek-
tueller Kultur diese Dinge durchdrang, aber es lebte in seinem un-
terbewufiten Seelenleben, er sah oder fiihlte das hellseherisch. Und
wenn wir dieses Gefuhl jetzt in unseren gegenwartigen modernen
Worten ausdriicken wollen, so miissen wir sagen: Der alte Grieche
fiihlte, dafi da in seinem Innern zum Beispiel die Krafte wirkten, die
den Gedanken aufblitzen lie£en, und dafi das dieselben Krafte
waren, die da draufien den Regenbogen organisieren. - Das emp-
fand er. Er fragte sich nun: Wenn da drinnen die Seelenkrafte sind,
die den Gedanken aufblitzen lassen, was ist es denn draufien, was
ist in den Raumesweiten Geistiges verbreitet: oben und unten,
rechts und links, vorne und hinten? Was ist da ausgebreitet im
ganzen Raum? So wie die Seelenkrafte im Innern sind, wie sie drin-
nen den Gedanken aufblitzen lassen, wie sie draufien den Regenbo-
gen aufblitzen lassen, die Morgen- und die Abendrote, den Glanz
und Schein der Wolken, - was ist es da draufien im Raum? - Oh,
da war es fur den alten Griechen ein geistiges Wesen, das heraus-
gebar aus dem gesamten universellen Ather alle diese Erscheinun-
gen, die Morgen- und Abendrote, den Regenbogen, den Glanz und
Schein der Wolken, den Blitz und Donner. Und aus diesem Gefiihl,
das, wie gesagt, nicht intellektuelle Erkenntnis geworden ist, son-
dern elementarisches Gefiihl war, da entstand die Anschauung: Das
ist Zeus. - Und man bekommt keine Vorstellung und noch weniger
eine Empfindung von dem, was die griechische Seele als Zeus emp-
fand, wenn man sich nicht auf dem Wege unserer geisteswissen-
schaftlichen Anschauungsweise dieser Empfindung und diesem
Gefuhle nahert. Zeus war ein unmittelbar fest gestaltetes Wesen,
aber man konnte es sich nicht vorstellen, wenn man nicht ein Ge-
fiihl hatte, dafi die Krafte, die in uns den Gedanken aufblitzen las-
sen, auch im aufieren Blitze wie im Regenbogen und so weiter
wirken. Wir aber sagen heute auf anthroposophischem Boden,
wenn wir in den Menschen hineinschauen und uns von den Kraften
unterrichten wollen, welche in uns so etwas hervorrufen wie den
Gedanken, wie die Vorstellung, wie alles das, was da aufleuchtet
und aufblitzt innerhalb unseres Bewufitseins: Alles das umfafk, was
wir den menschlichen Astralleib nennen. - Und da haben wir das
Mikrokosmisch-Substantielle, den Astralleib, und konnen nun die
Frage, die wir eben aufgeworfen haben in bildlicher Form, in einer
mehr geisteswissenschaftlichen Form aufwerfen und konnen sagen:
Mikrokosmisch ist der astralische Leib in uns. Was entspricht dem
astralischen Leib in den Raumesweiten draufien, was erfullt alle
Raume, rechts und links, vorne und hinten, oben und unten? -
Gerade so wie der astralische Leib in unserem Mikrokosmos aus-
gebreitet ist, so sind die Raumesweiten, so ist der universelle Ather
durchzogen vom makrokosmischen Gegenbilde unseres astrali-
schen Leibes. Und wir konnen auch sagen: Das, was der alte Grie-
che unter Zeus sich vorstellte, ist das makrokosmische Gegenbild
unseres astralischen Leibes. In uns ist der astralische Leib, er be-
wirkt das Aufleuchten der Erscheinungen des Bewufkseins. AufSer
uns ist die Astralitat ausgebreitet, die aus sich heraus wie aus dem
Weltenschoft gebiert den Regenbogen, die Morgen- und die
Abendrote, den Blitz und Donner, Wolken, Schnee und so weiter.
Der heutige Mensch hat nicht einmal eine Wortbezeichnung fur
das, was der alte Grieche sich unter Zeus dachte und was das
makrokosmische Gegenbild unseres astralischen Leibes ist.
Nun fragen wir weiter. Wir haben aufier dem, da$ in uns auf-
leuchtet im Innern der Gedanke, die Vorstellung, das Gefiihl,
insofern es einen Augenblick oder kurze Zeit andauert, unser
fortlaufendes Seelenleben mit seinen Leidenschaften, Affekten, mit
dem auf- und abwogenden Gefuhlsleben, die uns bleibend sind,
die gewohnheits- und gedachtnismafiig werden. Wir haben dieses
unser Seelenleben so, daft wir nach diesem Seelenleben die einzel-
nen Menschencharaktere unterscheiden. Da steht ein Mensch vor
uns mit sturmischen Leidenschaften, die feurig ergreifen alles, was
ihnen entgegentritt; ein anderer Mensch, der apathisch der Welt
gegeniibersteht. Das ist etwas anderes als der augenblicklich auf-
tauchende Gedanke, das ist etwas, was die bleibende Konfigura-
tion unseres Seelenlebens ausmacht, was ausmacht die Grundlagen
unseres Gluckes, unseres Schicksals. Der Mensch, der ein feuriges
Temperament, der lebendige Leidenschaften, Sympathien und An-
tipathien hat, kann unter Umstanden durch die auf- und abwogen-
den Bewegungen dieser Sympathien und Antipathien dieses oder
jenes bewirken zu seinem Gliick oder Ungluck. Die Krafte, die da
in uns selber sind, die dieses mehr Bleibende, Durchgangige, zu
Gedachtnis und Gewohnheit Werdende bedeuten, sind etwas an-
deres als die Krafte des astralischen Leibes. Diese Krafte sind in
uns schon an den Ather- oder Lebensleib gebunden; Sie wissen
das aus anderen Vortragen. Wenn wir nun aber griechisch empfin-
den wiirden, so wiirden wir jetzt wiederum fragen: Gibt es da
drauften im Universum irgend etwas, was dieselben Krafte sind
wie das in unseren Gewohnheiten, Leidenschaften, bleibenden
Affekten Wirkende? - Und der Grieche fiihlte das wiederum,
ohne da£ er es sich intellektualisiert, exemplifiziert zum Bewuftt-
sein brachte. Der Grieche fiihlte, dafi in dem auf- und abwogen-
den Meere und im Sturme, Orkane, der uber die Erde braust,
dieselben Krafte wirksam sind wie in uns, wenn der bleibende
Affekt, die Leidenschaft, die Gewohnheit, das Gedachtnis pulsie-
ren. Mikrokosmisch sind es die Seelenkrafte in uns, die wir unter
den Begriff des Atherleibes zusammenfassen, der unsere bleiben-
den Affekte und so weiter bewirkt. Makrokosmisch sind es die
Krafte, die enger an unsere Erde gebunden sind als die durch die
Raumesweiten gehenden Zeuskrafte, sind es die Krafte, welche
Wind und Wetter, Sturm und Windstille, stilles und aufbrausendes
Meer bewirken. In alien diesen Erscheinungen, die ich eben ge-
nannt habe, Sturm und Wetter, aufbrausendes Meer und Meeres-
stille, Orkan und Windstille und so weiter, sieht der heutige
Mensch eben nur Natur, und die heutige Meteorologie ist eine
rein aufiere physikalische Wissenschaft. Solch eine rein physikali-
sche Wissenschaft, wie wir sie heute in der Meteorologie haben,
gab es noch nicht fur den alten Griechen. Fur den Griechen ware
es ebenso widersinnig gewesen, von einer solchen Meteorologie zu
sprechen, wie es fur uns widersinnig ware, wenn wir blofi untersu-
chen wiirden, welche physischen Krafte unsere Muskeln bewegen,
wenn wir lachen, und wenn wir nicht wiifiten, dafi sich in diese
Muskelbewegungen ergiefien die seelensubstantiellen Krafte. Das
waren Gesten, geistige Wirksamkeit. Sturm und Orkan, Wind und
Wetter waren Gesten, die nur draufien ausgebreitet sind, aber der-
selben geistigen Wirkung entsprechend, die sich in uns im Mikro-
kosmos als dauernde Affekte, Leidenschaften, Gedachtnis zeigte.
Und der alte Grieche, der wesenhaft noch ein Bewufitsein hatte
von der durch das Hellsehen erreichbaren Gestalt, von dem Re-
genten der Zentralgewalt dieser Krafte im Makrokosmos, sprach
das an unter dem Namen des Poseidon.
Und wir sprechen ferner heute von dem physischen Menschen-
leib als dem dichtesten Glied der menschlichen Wesenheit. Wir
haben wiederum mikrokosmisch in dem physischen Menschenleib
alles das in uns zu sehen, was der Sphare angehort, die eben unter
den beiden anderen Dingen nicht angefuhrt worden ist. An den
astralischen Leib ist gebunden alles das, was an voriibergehenden
Gedanken und Vorstellungen in uns liegt, wie sie auftauchen und
verschwinden; an den Atherleib alles das, was an gewohnheitsma-
fiigen, bleibenden Affekten auftritt in der menschlichen Natur, das,
was nicht nur Gedanke ist, das, was also nicht in der Seele ein
abgeschlossenes gedankenhaftes Dasein fiihrt. Fur das, was auch
nicht blofi Affekt ist, sondern was ubergeht zum Willensimpuls, zu
dem Impuls, etwas auszufuhren, dazu ist notwendig fur den Men-
schen dieses Erdendaseins innerhalb von Geburt und Tod der phy-
sische Leib. Der physische Leib ist alles das, was erhebt den bloften
Gedanken oder auch den blolSen Affekt zum Willensimpuls, der
der Tat in der physischen Welt zunachst zugrunde liegt. Sprechen
wir also von Willensimpuls en, von den Seelenkraften in uns, die
den Willensimpulsen zugrunde liegen, und fragen wir: Was driickt
aufierlich aus diese Seelenkrafte, die als Wille angesprochen wer-
den? - so haben wir das in der ganzen Physiognomie des physi-
schen Leibes vor uns. Der physische Leib ist der Ausdruck der
Willensimpulse, wie der Astralleib der Ausdruck der blofien Ge-
danken und der Atherleib der Ausdruck der bleibenden Affekte
und Gewohnheiten ist. Damit der Wille durch den Menschen wir-
ken kann hier in der physischen Welt, mufi der Mensch den phy-
sischen Leib haben. In den hoheren Welten ist Willenswirkung
etwas ganz anderes als hier in der physischen Welt. So haben wir
mikrokosmisch wieder in uns die Seelenkrafte, welche vorzugs-
weise die Willensimpulse bewirken, die notwendig sind fur den
Menschen, damit er das Ich iiberhaupt als die Zentralgewalt seiner
Seelenkrafte ansprechen kann. Denn ohne dafi der Mensch einen
Willen hatte, wurde er niemals zu einem Ich-Bewufksein kommen.
Wir konnen nun wiederum fragen - jetzt von einem anderen Ge-
sichtspunkte als gestern was fiihlte der Grieche, wenn er sich
fragte: Was liegt da draufien ausgebreitet im Makrokosmos als die-
selben Krafte, die in uns den Willensimpuls, die ganze Willenswelt
hervorrufen? Was liegt da draufien? Da antwortete er mit dem
Namen Pluto. Pluto als diejenige Zentralgewalt draufien im makro-
kosmischen Raum, eng gebunden an den festgeballten Planeten, das
war fur den Griechen das makrokosmische Gegenbild der Willens-
impulse, die hinunterdrangten das Persephoneleben in die Unter-
griinde auch des Seelenlebens.
Fiir ein hellseherisches Bewulksein, fur ein Hineinschauen in die
wirkliche geistige Welt spezifiziert sich die Selbsterkenntnis des
Menschen so, dafi er wohl unterscheiden kann diese dreifache
Natur seiner Wesenheit nach astralischem Leib, nach Atherleib,
nach physischem Leib. Der alte Grieche war uberhaupt nicht in
derselben Art darauf aus, genau den Mikrokosmos ins Auge zu
fassen, wie wir das heute tun. Der Blick wurde auf den Mikrokos-
mos im Grunde genommen erst im Beginne unserer funften nach-
atlantischen Kulturepoche gerichtet. Der alte Grieche hatte viel-
mehr im Auge die Pluto-, die Poseidon-, die Zeuskrafte draufien
und fand es selbstverstandlich, dafi die in ihn hineinwirkten. Er
lebte viel mehr im Makrokosmos als im Mikrokosmos. Dadurch
unterscheidet sich die alte Zeit von der neueren, dafi der Grieche
mehr das Makrokosmische empfand und daher die Welt mit seinen
Gottergestalten besetzte, die ihm die Zentralgewalten der entspre-
chenden makrokosmischen Krafte waren, dafi aber der moderne
Mensch mehr auf den Mikrokosmos, auf das Mittelpunktswesen
unserer Welt, auf den Menschen bedacht ist und daher mehr in
seinem eigenen Wesen die Eigentiimlichkeiten der dreifach gestal-
teten Welt sucht. So erleben wir denn die eigentumliche Tatsache,
dafi aus der abendlandischen Esoterik heraus in der mannigfaltig-
sten Art gerade am Beginne unserer funften nachatlantischen Kul-
turepoche das Bewulksein auftritt von der inneren Wirksamkeit der
Seelenkrafte, so dafi sie die menschliche Wesenheit nach physi-
schem Leib, Atherleib und astralischem Leib spezifiziert.
Und vieles von dem, was bei den einzelnen Geistern der neueren
Zeit in dieser Hinsicht aufgetreten ist, kann heute, wo die okkulten
Forschungen nach dieser mikrokosmischen Seite wiederum vertieft
werden, neuerdings bestatigt werden. So kann namentlich voll be-
statigt werden, was auftaucht im 16. und 17. Jahrhundert iiber das
Hellschmecken der eigenen Wesenheit. Gerade so, wie man von
einem Hellsehen, von einem Hellhoren reden kann, so kann man
auch von einem Hellschmecken reden. Und dieses Hellschmecken
kann sich auf die dreifache menschliche Wesenheit beziehen, und
ich kann Ihnen einen Vergleich bilden zwischen aufieren Ge-
schmacksempfindungen und den verschiedenen Geschmacksemp-
findungen, die der Mensch haben kann gegeniiber seiner dreifachen
eigenen Wesenheit.
Stellen Sie sich einmal lebendig, ganz lebendig vor jenen Ge-
schmack, den Sie bei einer recht herb schmeckenden Frucht empfin-
den, etwa bei der Schlehe, die zusammenzieht im Mund. Denken Sie
sich diese Empfindung gesteigert, und denken Sie sich jetzt einmal
von dieser Empfindung des Herben, des Zusammenziehenden, des
sich formlich Zusammenqualenden ganz im Innern durchdrungen,
denken Sie, Sie wiirden in sich selber von oben bis unten durch die
Finger und alle Glieder Ihres ganzen Organismus hindurch so emp-
finden, durchsetzt von einem zusammenziehenden Geschmack,
dann hatten Sie jene Selbsterkenntnis, die der Okkultist nennen mufi
die Selbsterkenntnis des physischen Menschenleibes durch den ok-
kulten Geschmackssinn, den geistigen Geschmackssinn. Wo die
Selbsterkenntnis so wirkt, dafi man sich selber ganz durchzogen fuhlt
von diesem zusammenziehenden Geschmack, da weift der Okkultist,
dafi er vor der Selbsterkenntnis des physischen Leibes steht, denn er
weifi, daiS der Atherleib und der astralische Leib anders schmecken
rmissen, wenn man so sagen darf. Man schmeckt sich anders als astra-
lischer und als Athermensch denn als physischer Mensch. Diese
Dinge sind nicht aus dem Blauen heraus gesprochen, sondern aus
konkreten Erkenntnissen heraus, die ebenso unter denen verbreitet
sind, die die okkulte Wissenschaft kennen, wie die aufieren Gesetze
unter den Physikern und Chemikern verbreitet sind.
Nehmen Sie jetzt jenen Geschmack, den Ihnen nicht gerade der
Zucker gibt oder ein Bonbon, sondern nehmen Sie jene feine athe-
rische Geschmacksempfindung, die die meisten Menschen nicht
empfinden, die aber doch im physischen Leben empfunden werden
kann, wenn Sie etwa in eine solche Atmosphare eintreten, in der Sie
recht gerne sind, sagen wir, in eine Baumallee oder in einen Wald,
wo Sie sich so fuhlen, daf5 Sie sagen: Ach, hier bin ich eigentlich
gerne, denn ich mochte, dafi mein ganzes Wesen eins ware mit all
dem, was die Baume ausduften. - Denken Sie sich jene Art von
Empfindimg, die wirklich bis zu einer Art von Geschmacksempfin-
dung sich steigern kann, die Sie haben konnen, wenn Sie sich selbst
vergessen in Ihrer Innerlichkeit und sich so eins fuhlen mit Ihrer
Umgebung, dafi Sie sich hineinschmecken wollten in Ihre Umge-
bung. Denken Sie sich diese Empfindung ins Geistige umgesetzt,
dann haben Sie jene Hellempfindung, jenes Hellschmecken, das der
Okkultist kennt, wenn er die Selbsterkenntnis sucht, die fur den
Atherleib des Menschen moglich ist. Sie entsteht, wenn man sagt:
Ich schalte jetzt meinen physischen Leib aus, alles das, was mit
Willensimpulsen zusammenhangt, schalte aus auch das, was an
Gedanken aufblitzt, und gebe mich nur dem hin, was die bleiben-
den Gewohnheiten, Affekte, Leidenschaften sind, was meine Sym-
pathie- und Antipathienatur ist. Wenn der Okkultist das als Hell-
geschmack aufnimmt, wenn er sich fuhlt als praktischer Okkultist
in diesem seinem Atherleibe, dann tritt der Hellgeschmack in der
Form auf, nur vergeistigt, wie ich es Ihnen eben jetzt fur die phy-
sische Welt beschrieben habe. So dafi genau zu unterscheiden ist die
Selbsterkenntnis des physischen und die des Atherleibes.
Der astralische Leib kann auch in dieser Weise von dem prakti-
schen Okkultisten, das heilk von dem hellempfindenden, hellwahr-
nehmenden Okkultisten, erkannt werden. Aber man kann da nicht
eigentlich mehr von einer Geschmacksempfindung sprechen. Sie
versagt, wie ja die physische Geschmacksempfindung gegeniiber
gewissen Substanzen auch versagt. Wir miissen das schon anders
charakterisieren, was Selbsterkenntnis des astralischen Leibes ist.
Aber auch das ist moglich, daft der praktische Okkultist ausschaltet
seinen physischen Leib, ausschaltet seinen Atherleib, und daft er die
Selbsterkenntnis lediglich auf seinen Astralleib bezieht, das heiftt,
daft er nur das berucksichtigt in sich, was sein astralischer Leib ist.
Das tut der gewohnliche Mensch nicht. Wenn dieser sich empfindet,
so empfindet er ja das Zusammenwirken von physischem, Ather-
und astralischem Leib. Er hat nie den physischen Leib und den
Atherleib ausgeschaltet und den astralischen Leib allein. Den kann
der gewohnliche Mensch nicht empfinden, weil er nicht ausschalten
kann den physischen und den Atherleib. Wenn das im praktischen
Okkultismus geschieht, dann kommt allerdings zunachst eine wenig
erfreuliche Empfindung zustande, eine Empfindung, die sich nur
vergleichen laftt etwa mit der Empfindung, die die Seele in der phy-
sischen Welt uberkommt, wenn wir zu wenig Luft haben, wenn wir
Atemnot haben. Eine beangstigende, an Atemnot erinnernde Emp-
findung kommt zustande, wenn ausgeschaltet werden Atherleib und
physischer Leib und die Selbsterkenntnis bezogen wird auf den
astralischen Leib. Daher ist die Selbsterkenntnis in bezug auf das
Astralische zunachst in einer gewissen Weise die am meisten auch mit
Furcht und Angst begleitete, weil sie im Grunde genommen in einer
Art von Durchdrungensein mit Beangstigung besteht. Wir konnen
gleichsam in Reinkultur den astralischen Leib gar nicht wahrnehmen,
ohne uns zu durchangstigen. Daft wir dieses standig in uns vorhan-
dene Durchangstigtsein im gewohnlichen praktischen Leben nicht
beriicksichtigen, ruhrt davon her, daft der gewohnliche Mensch eben,
wenn er sich selbst empfindet, ein Gemisch, ein harmonisches oder
auch disharmonisches Zusammenwirken von physischem, Ather-
und astralischem Leib wahrnimmt und nicht die einzelnen Glieder
der menschlichen Wesenheit allein.
Es konnten Ihnen jetzt, nachdem Sie sogar gehort haben, wel-
ches die Grundempfindungen sind, die in der Seele auftreten als
Selbsterkenntnis sowohl dem physischen Leib gegeniiber, der in
uns die Plutokrafte reprasentiert, als auch dem Atherleib gegen-
iiber, der in uns die Poseidonkrafte reprasentiert, und dem astra-
lischen Leib gegeniiber, der in uns die Zeuskrafte reprasentiert, die
Fragen entstehen: Wie wirken diese einzelnen Krafte zusammen?
Welches ist das Verhaltnis zwischen den drei Kraften oder Krafte-
arten des physischen, Ather- und astralischen Leibes? - Wie kom-
men wir denn zu einem Verhaltnis, das wir ausdriicken wollen von
Dingen und Vorgangen in der Welt? Hochst einfach! Wenn Ihnen
irgendwo jemand etwas gibt, was Erbsen und Bohnen enthalten
wiirde und vielleicht auch Linsen darunter, das bunt durcheinan-
dergemischt ware, so wtirden Sie da eine Mischung haben. Wenn
diese einzelnen Quantitaten nicht gleich waren, so rmilken Sie sie
voneinander sondern und bekamen dann ein Verhaltnis von den
Quantitaten der Bohnen, Erbsen und Linsen. Sie konnten sagen,
dafi die Menge der Bohnen zu der Menge der Erbsen und der der
Linsen sich verhalt, sagen wir, wie 1:3:5 oder auch anders, kurzum,
wo Sie es mit einem Gemisch zu tun haben, da konnen Sie veran-
lafk sein, das Verhaltnis in den zusammenwirkenden Dingen oder
durcheinandergemischten Dingen zu untersuchen. So konnen Ih-
nen auch die Fragen in die Seele hereindringen: Wie verhalt sich die
Starke der Krafte des physischen Leibes zu der der Krafte des
Atherleibes und der der Krafte des astralischen Leibes in uns? -
Wodurch konnen wir ausdriicken, was da stark, was schwach ist,
welches das Mafi des physischen Leibes, das Mafi des Atherleibes,
das Mafi des Astralleibes ist? Gibt es eine Formel in Zahlen oder
sonstige Mittel, wodurch wir die Verhaltnisse der Kraftestarken des
physischen Leibes, des Atherleibes und des Astralleibes ausdriicken
konnen? Uber dieses Verhaltnis, das uns tief hineinblicken lafk
sowohl in die Weltenwunder wie spater in die Seelenprufungen und
Geistesoffenbarungen, wollen wir heute erst zu sprechen beginnen.
Es wird uns immer tiefer und tiefer hineinfiihren; dieses Verhaltnis
kann man ausdriicken. Man kann etwas angeben, welches ganz
genau die Quantitaten und die Starken unserer inneren Krafte im
physischen Leibe, im Atherleibe und Astralleibe angibt und ihr
entsprechendes Zusammenwirken. Und dieses Verhaltnis mochte
ich Ihnen zunachst auf die Tafel zeichnen. Denn es lafit sich nur in
einer geometrischen Figur und ihren Grofienverhaltnissen zum
Ausdrucke bringen. Was ich hiermit auf die Tafel zeichne, das ist
so, daft wir davon sagen imissen: Wenn man sich hineinvertieft in
diese Figur, so gibt alles, was in ihr enthalten ist - wie ein Zeichen
der okkulten Schrift fur die Meditation -, die Grolkn- und Starke-
verhaltnisse der Krafte unseres physischen Leibes, unseres Ather-
leibes und unseres Astralleibes. Und dieses Zeichen der okkulten
Schrift ist das folgende:
Sie sehen, ich zeichne das Pentagramm. Wenn wir dieses Penta-
gramm zunachst ins Auge fassen, so ist es uns ein Zeichen fur den
Atherleib, wenn wir die Sache aufterlich nehmen. Aber ich habe
schon gesagt, daft dieser Atherleib auch die Mittelpunktskrafte fur
den Astralleib und den physischen Leib enthalt, daft von ihm alle
die Krafte, die uns alt und jung werden lassen, ausgehen. Weil nun
im Atherleib die Mitte sozusagen fur alle diese Krafte liegt, so ist es
auch moglich, an der Figur des Atherleibes, an dem Siegel des
Atherleibes zu zeigen, welche Starkeverhaltnisse die physischen
Krafte, die Krafte des physischen Leibes zu den atherischen Kraf-
ten, den Kraften des Atherleibes und zu den astralischen, den Kraf-
ten des Astralleibes, im Menschen haben. Und man bekommt ganz
genau die Groftenverhaltnisse heraus, wenn man sich zunachst sagt:
Hier im Innern des Pentagramms entsteht ein nach unten geneigtes
Fiinfeck. Dieses Fiinfeck fiille ich mit der Kreidesubstanz vollstan-
dig aus. Da haben Sie zunachst eine der Teilfiguren des Pentagram-
mes. Ein anderes Stuck der Teilfigur des Pentagrammes bekommen
Sie, wenn Sie ins Auge fassen die Dreiecke, die sich an das Fiinfeck
ansetzen und die ich mit horizontalen Linien schraffiere. So habe
ich Ihnen das Pentagramm hier zerlegt in ein mittleres Fiinfeck mit
der Spitze nach unten, das ich ausgefullt habe mit der Kreidesub-
stanz, und in fiinf Dreiecke, welche ich mit horizontalen Strichen
schraffiert habe. Wenn Sie die Grofie dieses Fiinfeckes in Verhaltnis
bringen zu der Grofie der Dreiecke, das heifit zu der Summe aller
Flachen, die von den Dreiecken eingenommen werden, wenn Sie
sich also sagen, wie die Grofie dieses Fiinfeckes zur Grofte der
einzelnen Dreiecke wirkt, wenn Sie die Summe der Flachen der
einzelnen Dreiecke nehmen, so wirken die Krafte des physischen
Leibes zu den Kraften des Atherleibes im Menschen. Also wohlge-
merkt, wie man sagen kann, wenn Linsen und Bohnen und Erbsen
zusammengemischt sind, da$ die Menge der Linsen zu der Menge
der Bohnen sich verhalt wie drei zu fiinf, so kann man sagen: Die
Starke der Krafte im physischen Leibe verhalt sich zu den Kraften
des Atherleibes wie im Pentagramm die Flache des Fiinfeckes zu
der Summe der Flache der Dreiecke, die ich horizontal schraffiert
habe. - Und jetzt werde ich ein nach oben stehendes Fiinfeck
zeichnen, welches dadurch entsteht, dafi ich es umschreibe dem
Pentagramm. Nun miissen Sie nicht die Dreiecke nehmen, die da
gleichsam wie Zipfel entstehen, sondern das gesamte Fiinfeck, ein-
geschlossen die Flache des Pentagrammes, also alles, was ich verti-
kal schraffiere. Also dieses vertikal schraffierte, dem Pentagramm
umschriebene Fiinfeck bitte ich zu beriicksichtigen. So wie sich
verhalt der Flacheninhalt, die Grofie dieses kleinen Fiinfeckes hier,
das mit der Spitze nach unten gerichtet ist, zu der Flache dieses
vertikal schraffierten Fiinfeckes, das mit der Spitze nach oben ge-
richtet ist, so verhalten sich die Krafte des physischen Leibes in
ihrer Starke zu den Kraften des Astralleibes im Menschen. Und so
wie sich die horizontal schraffierten Dreiecke, wenn ich sie sum-
miere, zu der Grofie des Fiinfeckes mit der Spitze nach oben ver-
halten, so verhalt sich die Starke der Krafte des Atherleibes zu der
Starke der Krafte des Astralleibes. Kurzum, Sie haben in dieser
Figur alles das angegeben, was man nennen kann: das gegenseitige
Verhaltnis der Krafte des physischen Leibes, der Krafte des Ather-
leibes, der Krafte des Astralleibes. Nur kommt das dem Menschen
nicht alles zum Bewufitsein. Das mit der Spitze nach oben stehende
Fiinfeck umfafit alles Astralische im Menschen, auch das, wovon
der Mensch heute noch nichts weifi, was ausgearbeitet wird, indem
das Ich den Astralleib immer mehr und mehr zum Geistselbst oder
Manas umarbeitet.
Nun kann in Ihnen die Frage entstehen: Wie verhalten sich diese
drei Hiillen zum eigentlichen Ich? Sie sehen, von dem eigentlichen
Ich, von dem ich ausgesprochen habe, daft es das Baby ist, das am
wenigsten entwickelte unter den menschlichen Wesensgliedern, von
diesem Ich weift der Mensch heute in der normalen Entwickelung
noch sehr wenig. Die gesamten Krafte dieses Ich liegen aber schon
in ihm. Wenn Sie die Gesamtkrafte des Ich ins Auge fassen und ihr
Verhaltnis untersuchen wollen zu den Kraften des physischen Lei-
bes, Atherleibes, Astralleibes, so brauchen Sie nur um die ganze
Figur herum einen Kreis zu beschreiben. Ich will nun die Figur
nicht zu sehr verschmieren. Wenn ich diesen Kreis noch schraffie-
ren wiirde als ganze Flache, so wiirde die Grofie dieser Flache im
Vergleich zur Grofie der Flache des nach oben gerichteten Fiinf-
eckes, im Vergleich zur Summe der Flachen der Dreieckzipfel, die
horizontal schraffiert sind, im Vergleiche zu dem kleinen Fiinfeck
mit der Spitze nach unten, das ich ausgefiillt habe mit der Kreide-
substanz, das Verhaltnis angeben der Krafte des gesamten Ich -
reprasentiert durch die Flache des Kreises - zu den Kraften des
Astralleibes - reprasentiert durch die Flache des groften Fiinfeckes
- zu den Kraften des Atherleibes - reprasentiert durch die horizon-
tal schraffierten Dreiecke, die sich ansetzen an das kleine Fiinfeck
- zu den Kraften des physischen Leibes - als zu der Funfeckflache,
die mit der Kreidesubstanz ausgefiillt ist. Wenn Sie sich in der
Meditation hingeben diesem okkulten Zeichen und sich innerlich
ein gewisses Gefiihl von dem Verhaltnis dieser vier Flachen ver-
schaffen, so bekommen Sie einen Eindruck von dem gegenseitigen
Verhaltnis von physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Sie
miissen sich also denken in der gleichen Beleuchtung den gro£en
Kreis und ihn in der Meditation ins Auge fassen. Dann stellen Sie
daneben hin das aufwartsstehende Fiinfeck. Weil dieses Fiinfeck
etwas kleiner ist als der grofie Kreis, kleiner ist um diese Kreis-
segmente hier, wird Ihnen dieses aufwartsstehende Fiinfeck einen
schwacheren Eindruck machen als der Kreis. Um was dieses schwa-
cher ist als der Eindruck des Kreises, um das sind auch die Krafte
des Astralleibes schwacher als die Krafte des Ich. Und wenn Sie
sich als drittes hinstellen ohne das mittlere Fiinfeck diese fiinf Drei-
ecke, die horizontal schraffiert sind, so haben Sie wiederum einen
schwacheren Eindruck, wenn Sie sich alles gleich beleuchtet den-
ken. Um wieviel dieser Eindruck schwacher ist als der Eindruck
von den beiden vorigen, um so viel schwacher sind die Krafte des
Atherleibes als die Krafte des Astralleibes und des Ich. Und wenn
Sie sich das kleine Fiinfeck hinstellen, so bekommen Sie bei gleicher
Beleuchtung davon den schwachsten Eindruck. Wenn Sie nun sich
ein Gefiihl verschaffen von der gegenseitigen Starke dieser Eindriik-
ke und zusammenhalten konnen diese vier Eindriicke, wie Sie die
Tone, sagen wir einer Melodie, in eines zusammendenken - wenn
Sie diese vier Eindriicke in bezug auf ihre Grofie zusammendenken,
so haben Sie jene Starkeharmonie, die besteht zwischen den Kraften
des Ich, des Astralleibes, des Atherleibes und des physischen Lei-
bes. Das ist das, was ich Ihnen als ein okkultes Zeichen, gleichsam
als ein Zeichen der okkulten Schrift hinstelle. Uber solche Zeichen
kann man meditieren. Ich habe Ihnen ungefahr die Methode be-
schrieben, wie man das macht. Man verschafft sich den Eindruck
der unterschiedlichen Starken, die diese Flachen durch ihre Gro-
fienverhaltnisse machen als gleichmafiig beleuchtete Flachen. Dann
bekommt man eben einen Verhaltniseindruck, der einem wieder-
gibt die gegenseitigen Mafiverhaltnisse der Krafte der vier Glieder
der menschlichen Wesenheit. Diese Dinge sind da als Zeichen der
wirklichen, aus der Wesenheit der Dinge hervorgehenden okkulten
Schrift. Meditieren diese Schrift heilk: lesen die grofien Wunder-
zeichen der Welt, die uns hineinfuhren in die grofien Geheimnisse
der Welt. Dadurch verschaffen wir uns allmahlich ein Gesamtver-
standnis von dem, was da draufien wirkt als Weltenwunder, die
darin bestehen, dafi der Geist in die Materie sich hineinergielk nach
bestimmten Verhaltnissen.
Ich habe zugleich dadurch hervorgerufen in Ihnen etwas, was
wirklich wie das Elementarste geiibt wurde in der alten pythago-
raischen Schule. Denn dadurch fangt der Mensch an, durch sein
Geistgehor die Harmonien und Melodien der Krafte in der Welt zu
vernehmen, dafi er von den Zeichen der okkulten Schrift ausgeht,
sie realisiert und dann schon merkt, daft er die Welt mit ihren
Wundern in ihrer Wahrheit geschaut hat. Davon werden wir dann
morgen weitersprechen. Ich wollte heute als den Zielpunkt der
Betrachtung dieses Zeichen der okkulten Schrift vor Ihre Seele
hinstellen, das uns wiederum ein Snick hineingefiihrt hat in die
Menschennatur.
VIERTER VORTRAG
MiincJien, 21. August 1911
Sie werden aus dem gestrigen Vortrage ersehen haben, in welcher
Weise das aufzufassen ist, was gleich im Beginne dieser Vortrage
gesagt worden ist: dafi die Griechen alle Natur geistdurchdrungen
dachten und auch anschauten, so daf5 sie einen Naturbegriff, wie
unser gegenwartiger es ist, gar nicht hatten. Sie werden es aus
der Art und Weise ersehen haben, wie die Beziehung der drei
groften Gotterwesen innerhalb des griechischen Geisteslebens,
Zeus, Poseidon und Pluto, darzustellen versucht worden ist. Denn
wir haben ja gesehen, dafi wir uns die im Menschen mikrokos-
misch befindlichen Krafte des astralischen Leibes hinausversetzt
zu denken haben in den Weltenraum. Wenn wir uns iiberperson-
lich, iibermenschlich den Regenten, die Zentralmacht dieser Mach-
te, denken, dann bekommen wir das, was die griechische Empfin-
dung mit dem Worte Zeus verband. Und wir haben gesehen, dafi
ein Ahnliches gilt fur die Hinausverlegung der Krafte unseres
Atherleibes in den Weltenraum in bezug auf Poseidon und der-
jenigen Krafte, die in unserem physischen Leibe sind, mit Bezug
auf Pluto.
Nun wird Ihnen ja ganz gewift die Frage nahegegangen sein:
Wie steht es denn nun mit dem vierten Gliede unserer Wesenheit?
Denn die gesamte menschliche Wesenheit fur unsere Zeit haben
wir ja zu erkennen in physischem, Ather-, Astralleib und in dem
Ich oder Ich-Trager. Nun, von vornherein werden Sie sich klar
daruber sein, dafi aus dem Grunde, weil dieses Ich eine ganz be-
sondere Stellung einnimmt zu den anderen Gliedern der mensch-
lichen Wesenheit, auch die Krafte des Universums, die diesem Ich
entsprechen, wenn sie richtig empfunden werden, eine ganz be-
sondere Stellung einnehmen mussen. Bei den Kraften des physi-
schen Leibes kann man sagen, man verlegt sie hinaus in den Wel-
tenraum, und sie sind dann von der Zentralmacht des Pluto diri-
giert; und in ahnlicher Weise also fur die Krafte des Atherleibes
Poseidon und fur die des Astralleibes Zeus. Wenn wir aber unser
Ich selber betrachten, da finden wir, daft dieses Ich in unserem
Leben in einem innigen Kontakt steht mit all dem, was um uns
herum vorgeht. Wir sind ja in die Welt mit unserem Ich hineinge-
stellt. Von den Weltvorgangen, die uns umgeben, die an unser Ich
herantreten, hangt unser ganzes Schicksal, hangt unser Gliick und
unser Ungliick ab. Und man kann fuhlen, wenn man nur ein we-
nig iiber die Sache nachdenkt, daft die Krafte unseres Ich recht
unahnlich sein miissen den Plutokraften, die drauften im Raum
ausgebreitet sind. Wie das Schicksal dieses Ich innig verwandt ist
mit der Umgebung, so miissen wir uns auch die Krafte dieses Ich
verwandt denken mit den gottlich-geistigen Kraften, die im Raume
drauften diesem Ich entsprechen, gleichwie die anderen gottlich-
geistigen Krafte den Seelenkraften in unserem Innern. Denken Sie
nur, wie verwandt wir sind in bezug auf unsere Ich-Erlebnisse mit
dem, was uns umgibt. Wie anders fuhlt sich unser Ich, wenn wir
die Augen aufschlieften und es eintauchen lassen in den sternenbe-
saten Himmel oder in die Abend- und Morgenrote, in die unter-
oder aufgehende Sonne. Wie wenig konnen wir unser Ich loslosen
von all dem. Wie innig sind wir mit dem Makrokosmos drauften
verbunden. Ausgegossen mit unserem Ich sind wir in unsere
Umgebung. Was von drauften hereinflieftt, der goldene Sonnen-
strahl, die majestatische Sternenwelt, es ist einmal als Objekt drau-
ften im Makrokosmos, einmal als Vorstellung in der menschlichen
Seele, im Mikrokosmos. Wir konnen die beiden Dinge im wirk-
lichen Leben kaum unterscheiden. Das flieftt ineinander. Bei der
unmittelbaren Art, wie der Grieche der Welt und ihren Wundern
gegeniiber empfunden hat, werden wir voraussetzen konnen, daft
er sich die Gottheit, die ihm die drauften im Raum waltenden Ich-
Krafte reprasentierte, viel verwandter, viel inniger verbunden
dachte mit dem Menschen als die anderen Gotter, die er sich
eigentlich doch fern von der menschlichen Natur dachte. Daher
finden wir eine Gottergestalt als Reprasentanten der Ich-Krafte in
der Welt drauften, welche, man darf sagen, eine gewisse Intimitat
zu der menschlichen Natur selber hat und in ihren Schicksalen, in
ihrem ganzen Lebensverlauf sich in einer gewissen Beziehung
recht menschlich ausnimmt, und das ist Dionysos. So wie wir den
Pluto als den Reprasentanten der in die Welt hinausgesetzten
Krafte des physischen Leibes, den Poseidon als den Reprasentan-
ten der Krafte des Atherleibes und Zeus als den Reprasentanten
der Krafte des Astralleibes zu betrachten haben, so haben wir den
Dionysos zu betrachten als den makrokosmischen Reprasentanten
der Seelenkrafte, die sich in unserem Ich ausleben. Die ganze Art
und Weise, wie der Grieche nun seinem Dionysos gegeniiber emp-
funden hat, jener Gestalt, die unserem Ich so merkwiirdigerweise
zuletzt entgegentritt in dem «Mysterium von Eleusis», wird uns
nur klarwerden konnen, wenn wir uns erst ein wenig dariiber un-
terrichten, wie iiberhaupt geistige Machte und geistige Wesenhei-
ten in unser Erdendasein, in die Wunder, die unser eigenes Men-
schendasein ausmachen, hereinwirken.
Sie werden manches von dem, was ich jetzt als einen Einschlufi
in meine Vortrage zu sagen habe, in der Schrift finden, die eben
jetzt fertig ist und die im wesentlichen Vortrage wiedergibt, die ich
vor kurzem in Kopenhagen gehalten habe. Sie handelt von der
geistigen Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Aus dieser
Schrift werde ich Ihnen jetzt einiges gerade mit Beziehung auf
unsere Zwecke in diesen Vortragen anzufuhren haben. Das, wozu
wir uns zunachst zu wenden haben, ist, dafi die Menschheit, so wie
sie sich auf der Erde entwickelt, wie sie sich ihr Schicksal bestimmt,
wie sie ihre Kulturepochen nach und nach ausgestaltet, gefuhrt ist
von jenen Wesenheiten, die wir als ubermenschliche zu bezeichnen
haben, die zunachst der menschliche Sinnesblick nicht treffen kann,
sondern die sich in der Hauptsache in einer iibersinnlichen Welt
befinden und nur fur den hellseherischen Blick erreichbar sind.
Wenn wir uns sozusagen zu der nachsten Kategorie, zu der nach-
sten Klasse der Wesenheiten wenden, die die Menschheitsfuhrung
besorgen, so kommen wir zu denjenigen Wesenheiten, welche in
der orientalischen Mystik als die nachst dem Menschen stehenden
dhyanischen Wesenheiten, in der christlichen Ausdrucksweise als
Engel, Angeloi, bezeichnet werden. Wir haben ofters von diesen
ubermenschlichen Wesenheiten, die zu der ersten Kategorie der
ubermenschlichen Wesen gehoren, gesprochen. Wir wissen ja auch,
was fur eine Bewandtnis es gerade mit diesen Wesenheiten hat. Wir
wissen, dafi diese Wesenheiten unter ganz anderen Daseinsbedin-
gungen auch einmaJ Mensch waren; wahrend der alten Mondenzeit,
wahrend der unsere gegenwartige Erde ihre vorherige Verkorpe-
rung erlebt hat. Damals haben diese Engelwesenheiten, die heute in
die Menschheitsfiihrung eingreifen, ihre Menschheitsstufe durchge-
macht, sind also, als die Erde im Beginne ihrer jetzigen Entwicke-
lung war, so weit gewesen, dafi sie um eine Stufe damals hoher
standen als die heutige Menschheit, und am Ende der Erdenentwik-
kelung wird derjenige Teil der Menschheit, der das Ziel der gegen-
wartigen Erdenentwickelung erreicht, so weit sein, wie die Engel-
wesen am Abschlusse der Mondenentwickelung waren. Daher
sind diese Wesenheiten zunachst geeignet, die nachste uber dem
Menschen schwebende Fiihrung zu besorgen. Sie wirken herein in
unsere Menschheitsentwickelung.
Nun ist aber allerdings in aller Entwickelung die Sache so, dafi
im Grunde genommen niemals ein Ding dem anderen, eine Epoche
der anderen vollstandig gleicht, und wenn ich sage, dalS die Engel-
wesen, die Angeloi, die nachsten Fiihrer der Menschen waren, so
gilt das wiederum durchaus nicht allgemein. Es diirfte also nicht
gleich wieder jemand sagen: dann also haben Engel die Menschheit
gefiihrt in der ersten nachatlantischen Kulturperiode, in der uralt-
persischen, in der agyptisch-chaldaischen Periode und so weiter. -
Man wurde dann wiederum in abstrakter Weise alles gleich denken.
So sind die Dinge in der wirklichen Welt nicht. Da unterscheiden
sie sich in der mannigfaltigsten Weise. In dem unmittelbarsten Sinn
des Wortes gibt es eigentlich nur zwei nachatlantische Kulturperi-
oden, in welchen die Engelwesen die unmittelbare und in einer
gewissen Beziehung selbstandige Fiihrung der Menschheit besor-
gen, und das ist die dritte nachatlantische Kulturepoche, die agyp-
tisch-chaldaische, und unsere eigene, die funfte Kulturepoche. In
der agyptisch-chaldaischen Zeit waren es die Engel, welche die
eigentlichen Fiihrer jener Kulturepoche waren. Wie besorgten sie
denn diese Fiihrung? Man darf da an ein Wort erinnern, welches
sich ja auch bei dem grofien griechischen Geschichtsschreiber
Herodot findet.
Als die alten Agypter einmal gefragt wurden, welches ihre gro-
fien alten Fiihrer waren, da antworteten sie: Die Gotter! In der
Sprache der alten Menschheit sind mit Gottern diese Engelwesen
gemeint, und im vollen Ernst wollten die alten Agypter, die unter-
richtet waren von solchen Dingen, sagen, dafi es dazumal nicht
die normalen Menschen waren, welche die Menschheit fiihrten,
sondern dafi tatsachlich Wesen iibermenschlicher Natur, die ihre
Menschheitsstufe auf dem alten Mond schon abgeschlossen hatten,
die Fiihrer waren. Aber diese Fiihrer der Menschheit in der alten
agyptisch-chaldaischen Kultur konnten nicht in einem mensch-
lichen physischen Leib unmittelbar erscheinen. Der physische
Leib, den wir Menschen tragen, ist ein Erdenprodukt, er hangt
ganz an den Daseinsbedingungen der Erde, und nur jene Wesen,
die wahrend der Erdenzeit ihre Menschheitsentwickelung durch-
machen - das sind eben die Menschen -, haben eine seelische
Konstitution, eine seelische Verfassung, die sich ausleben kann in
dieser Hiille des menschlichen physischen Leibes. Weil nun die
Engel oder Angeloi ihre Menschheitsstufe schon auf dem alten
Mond durchlebt haben, ist es fur sie unmoglich, sich mit einer
solchen Hiille zu umgeben, wie der menschliche physische Leib es
ist. Sie konnten also nicht etwa herabsteigen und sich in einem
physischen fleischlichen Menschenleib inkarnieren. Also als Men-
schen wandelten diese alten Fiihrer der agyptisch-chaldaischen
Zeit nicht auf der Erde herum. Dafur aber gab es hellseherische
Menschen, die zuganglich waren der Inspiration aus den geistigen
Welten, die konnten in Momenten, wo sie ganz besonders dieser
Inspiration zuganglich waren, jene fiihrenden Wesenheiten vor
sich sehen und sich selbst mit ihrer Substanz durchdringen. Sie
gaben gleichsam ihren eigenen Leib hin, diese alten Hellseher, sag-
ten gleichsam zu den fiihrenden Wesenheiten: Hier hast du mein
Leibliches, dringe ein in es, durchgeistige es, inspiriere es! - Dann
wandelte auf der Erde in dieser alten agyptisch-chaldaischen Zeit
ein gewohnlicher Mensch, der aber ein Hellseher war. Das, was er
sagte und tat, was er lehrte, sprach und wirkte in ihm und durch
ihn, wie wenn er selber das Instrument ware - eine hohere Wesen-
heit sprach, die ihre Menschheitsentwickelung auf dem alten
Mond abgeschlossen hatte. So war in der alten agyptisch-chalda-
ischen Zeit die Fiihrung, welche vorzugsweise bestrebt war, die
Menschheit in gerader Linie vorwartszubringen, ungehemmt die
Entwickelung zum Erdenziel hin zu fordern. Also Engel oder
Angeloi, die ihre Menschheitsstufe auf dem alten Mond abge-
schlossen hatten, inspirierten die hochsten hellsehenden Person-
lichkeiten der agyptisch-chaldaischen Zeit und wurden, indem sie
sich dieses Werkzeuges bedienten, Konige und Priester, die fuh-
renden Personlichkeiten der agyptisch-chaldaischen Kulturepoche.
Neben diesen fuhrenden Individualitaten gab es nun aber noch
andere. Die fuhrenden Individualitaten wurde man also vergeblich
in ihrer Eigenart selbst in einem menschlichen Leibe gesucht ha-
ben. Jene aber waren in einer anderen Lage. Das waren diejenigen,
welche gewissermafien auf der untersten Stufe der luziferischen
Entwickelung standen, Engelwesenheiten, welche auf dem alten
Monde ihre Entwickelung nicht abgeschlossen hatten, die nicht
das voile Menschheitsziel auf dem alten Monde erreicht hatten, die
also, als die Erde begann, selber noch nicht so weit waren, wie die
Menschen am Ende der Erdenentwickelung sein werden, wenn sie
ihr voiles Ziel erreicht haben. Diese Wesenheiten liefien ebenso
ihre Krafte, ihre Impulse in die agyptisch-chaldaische Zeit hinein-
fliefien; sie waren aber, weil sie eben noch nicht ihre Menschheits-
stufe vollstandig abgeschlossen hatten, nun fahig, in einem fleisch-
lichen menschlichen Leib auf der Erde herumzuwandeln. Sie in-
karnierten sich, verkorperten sich in einem fleischlichen mensch-
lichen Leib und wandelten als wahrhaftige Menschen unter den
anderen Menschen herum. Von solchen Individualitaten, die nicht
nur etwa bei den alten Chaldaern und Agyptern vorhanden waren,
sondern bei alien Volkern der damaligen Zeit, sprechen die alten
legendenhaften Nachrichten von Menschen, die auf Erden wandel-
ten, die aber eigentlich ihrem inneren Seelenwesen nach zuriick-
gebliebene Engelwesenheiten des alten Mondes waren. Auch die
alten Griechen sprachen, wenn sie von ihren Heroen redeten, von
solchen Individualitaten, so zum Beispiel Kekrops und Kadmos.
Alle die grofien Kulturfuhrer, die nun nicht nur inspirierten, son-
dern die tatsachlich unter den anderen Menschen herumwandelten
als Menschen im physischen Leib, aber nicht eigentlich Menschen,
sondern in ihrer menschlichen Form Maja waren, die in Wahrheit
zuriickgebliebene Mondenwesen waren, diese Individualitaten
waren die Heroen, das waren die ubermenschlichen Gestalten, die
sozusagen auf der untersten Stufe der luziferischen Wesenheiten
standen. Welche Aufgabe haben denn eigentlich diese Wesenhei-
ten? Oh, es ist weise angeordnet in der Gesamtentwickelung der
Welt, dafi nicht etwa nur diejenigen Wesenheiten ihre rechten
Aufgaben haben, die in gerader Linie unmittelbar vorwarts die
Evolution lei ten. Man mochte sagen, wenn der Mensch nur jener
geistigen Fuhrung unterstiinde, die von diesen normal entwickel-
ten Wesenheiten geleitet wird, dann wiirde er gleichsam zu rasch
und mit zu wenig Schwere vorwartseilen in der Entwickelung. Es
braucht die Entwickelung Hemmnisse, damit das richtige Tempo
eingehalten werden kann. Es braucht die Entwickelung eine gewis-
se Schwere, ein Gewicht. Die Krafte, die vorwartseilen, konnen
sich nur dadurch recht stark machen, daft sie sich am Widerstande
starken. Die Aufgabe, der Evolution Gewicht zu verleihen, Schwe-
re, haben diejenigen Wesenheiten, die zuriickgelassen word en sind
von der weisen Weltenlenkung wahrend der planetarischen Mon-
denentwickelung.
Ich sagte, es ware nun unrichtig, wenn man das, was ich eben
geschildert habe von der agyptisch-chaldaischen Kulturperiode,
etwa anfiihren wollte fur alle Kulturepochen. Es war in der urper-
sischen Kulturentwickelung nicht so. Da waren gewissermaften jene
Engelwesen nicht so selbstandig in der Fuhrung der Menschheit, sie
unterstanden in viel unmittelbarerer Weise den Erzengelwesen oder
Archangeloi, so dafS man in gewisser Weise sagen kann, die urper-
sische, die Zarathustra-Kultur, steht ebenso unter der geistigen
Fuhrung der Erzengelwesen oder Archangeloi wie die agyptisch-
chaldaische Kultur unter der unmittelbaren geistigen Fiihrung der
Engel oder Angeloi. Geradeso wie die agyptischen hellsichtigen
Konige und Priester inspiriert wurden von Engelwesen, ebenso
wurden inspiriert Zarathustra und seine Schiiler von Erzengel-
wesen, Amshaspands. Und wenn wir gar zuriickgehen in die erste
nachatlantische Kultur, in jene Kultur, von welcher in den Veden
nur ein schwacher Nachklang noch herrscht, da kommen wir zu
den sogenannten heiligen Rishis, zu den grofien Lehrern Indiens.
Die waren wiederum inspiriert von einer noch hoheren Hierarchie,
von den Geistern der Personlichkeit, Urkraften, Archai, die sich
zwar als Werkzeuge der Archangeloi oder Erzengel und Angeloi
oder Engel bedienten, die aber dazumal viel unmittelbarer eingrif-
fen als spater. Von den Archai oder Urbeginnen waren die alten
heiligen Rishis der Inder inspiriert.
Wir haben also gleichsam einen Fortschritt der Menschheit zu
verzeichnen von der ersten nachatlantischen Kulturepoche durch
die folgenden Kulturepochen hindurch, indem immer tiefer ste-
hende Hierarchien in die geistige Fiihrung der Menschheit eingrei-
fen; zuerst in der altindischen Zeit die hochsten, die Archai oder
Geister der Personlichkeit, dann in der urpersischen die nachst-
niedrige Hierarchie, die Archangeloi oder Erzengel, und dann in
der agyptischen Kultur diejenige, die unmittelbar iiber dem Men-
schen steht, die Angeloi oder Engel. Ganz eigentumliche Verhalt-
nisse herrschten wahrend der griechischen Zeit. Da waren diejeni-
gen Wesenheiten die Fiihrer der Menschen, welche von all den
iibermenschlichen Wesenheiten fur sich selbst noch am meisten
brauchten, so daft diese Leiter und Lenker der griechisch-lateini-
schen Zeit den Menschen die grofite Selbstandigkeit und Freiheit
gaben. Denn sie wollten durch ihre Fiihrung fur sich ungefahr
ebensoviel erreichen, als die Menschen durch sie erreichen konn-
ten. Daher jene wunderbare Erscheinung, daft wahrend der grie-
chisch-lateinischen Zeit die Menschheit wie auf sich selbst gestellt,
wie in sich selbst abgeschlossen erscheint. Es gibt keine Kultur-
epoche seit der alten, atlantischen Katastrophe, in welcher der
Mensch so sehr auf sich selbst gestellt war, so sehr darauf aus sein
muftte, dasjenige, was in seiner Eigenheit war, aus sich heraus-
zusetzen wie in der griechisch-lateinischen Zeit. Daher sehen wir
auch, wie alles in dieser Zeit darauf hinzielt, die menschliche
Eigenart in ihrer reinsten Form zum Ausdruck zu bringen. Man
konnte sagen, das geschah aus dem Grunde, weil die Ziigel von
oben, von den leitenden Hierarchien, am wenigsten angezogen
waren, weil die Menschen in dieser griechisch-lateinischen Zeit am
meisten sich selbst iiberlassen waren.
In unserer Kulturepoche, welche die auf die griechisch-lateini-
sche Zeit folgende ist, ist nun wieder etwas hochst Eigentumliches
vorhanden. Da greifen wiederum dieselben Wesenheiten ein, die in
der agyptisch-chaldaischen Zeit die Menschheitsfiihrer waren, und
wenn wir hellseherisch uns hinauferheben zur unmittelbaren Fuh-
rung der Menschheit, dann erscheinen uns als unsere geistigen
Fuhrer dieselben Wesenheiten, welche auch die Fiihrer der agyp-
tisch-chaldaischen Zek waren, sowohl diejenigen Wesenheiten, die
dazumal die Menschen nur inspirierten, also die Engel oder Ange-
loi, die auf dem Monde ihr voiles Ziel erreicht hatten, wie auch die
Heroen, die Fuhrer der Menschen, die im Fleische herumwandel-
ten, also diejenigen, die ihr voiles Mondenziel nicht erreicht hatten,
das heifk die luziferischen Wesenheiten. Alle diese Wesenheiten
erscheinen wieder. Nur miissen wir festhalten, dafi diese Wesenhei-
ten fur sich auch eine Entwickelung durchgemacht haben. So wie
der Mensch heute auf einer anderen Stufe steht als in der altagyp-
tischen Zeit, so stehen auch jene Engelwesen und Luzifer-Engelwe-
senheiten heute auf anderen Entwickelungsstufen, als sie gestanden
haben, wahrend sie die agyptisch-chaldaische Kultur fuhrten. Das
Fiihren der Menschheit, die Arbeitsleistung, die sie vollbrachten,
indem sie die Menschheit fuhrten, gab ihnen selber eine hohere
Entwickelungsstufe. Wenn wir den hellseherischen Blick auf die
Akasha-Chronik hinlenken und sehen, wie diese fiihrenden Wesen-
heiten der Menschheit ausgesehen haben wahrend der agyptisch-
chaldaischen Periode, so finden wir, dafi sie dazumal eine bestimm-
te Entwickelungshohe erreicht hatten. Jetzt treten sie wiederum
heraus aus dem Dammerdunkel des Daseins, greifen neuerdings ein
in die Menschheitsentwickelung, sind aber selber vollkommenere
Wesen geworden. Nur ist wiederum ein Unterschied.
Wir wollen jetzt fur eine Weile absehen von denjenigen Wesen-
heiten, die damals luziferisch-engelhafte Wesenheiten waren, und
wollen unseren Blick richten auf die eigentlichen Engelwesen, wel-
che die vorwartsschreitende Kultur wahrend der agyptisch-chalda-
ischen Zeit lenkten. Da gibt es unter ihnen solche, welche dazumal
in dem jetzt angedeuteten Sinn ihre normale Entwickelung erreicht
hatten, aber auch damals blieben unter diesen Engelwesen wieder-
um welche zuriick, so dafi es solche gibt, die zwar auf dem Monde
als Engel oder Angeloi ihre normale Entwickelung erreicht hatten,
also als Engel in die Entwickelung unserer jetzigen Erde eintraten,
die aber nicht das erreicht haben, was sie hatten auf der Erde errei-
chen konnen wahrend der agyptisch-chaldaischen Kulturzeit. Da
sind sie zuriickgeblieben, und dadurch sind auch unter diesen noch
in der agyptischen Zeit normalen Wesen wiederum zwei Klassen
von Engelwesen entstanden, und es ist wirklich ein grofier, gewal-
tiger Unterschied zwischen diesen zwei Klassen von Engelwesen,
ein Unterschied, dessen Verstandnis ungeheuer wichtig ist fur das
hochste Mysterium unserer Menschheitsentwickelung. Gerade auf
diesen Unterschied habe ich in anderem Zusammenhang schon et-
was hingedeutet, in der Schrift namlich, die meine vor kurzem in
Kopenhagen gehaltenen Vortrage wiedergibt. Wenn wir diesen
Unterschied angeben wollen, dann miissen wir auf einen Namen
hinweisen, der uberhaupt mit der gesamten Erdenentwickelung in
dem intensivsten Zusammenhang steht, wir miissen auf den Namen
des Christus hinweisen.
Nun, wir wissen ja fur die aufiere Erdenentwickelung, dafi der
Christus in dem Leibe des Jesus von Nazareth inkarniert war drei
Jahre der Erdenentwickelung. Wir wissen, dafi das eine einmalige
Inkarnation war, denn eine ahnliche Inkarnation war nicht vorhan-
den vorher und wird nicht da sein nachher. Dasjenige, was da der
Christus getan hat, indem er sich drei Jahre lang zum Bewohner
eines physischen Menschenleibes gemacht hat, war notwendig fur
die Menschen auf der Erde, die einmal als sinnlich-irdische Wesen
den Christus auch als ein sinnlich-irdisches Wesen unter sich haben
sollten. Der Christus aber in seiner ihm eigenartigen Wesenheit ist
darin nicht etwa beschlossen, daft er in der Hiille des Jesus von
Nazareth drei Jahre war, sondern er ist der Fiihrer und Lenker auch
aller Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Er ist ein umfassendes
kosmisches, universelles Wesen, und gerade so, wie er in die
Menschheitsentwickelung eintrat durch das Mysterium von Golga-
tha, so gab es auch Ereignisse fur die Wesenheiten der hoheren
Hierarchien, das heiftt, der Christus wurde etwas im Laufe der Zeit
fur alle diese Wesenheiten der hoheren Hierarchien.
Wie geschah das? Wahrend der agyptisch-chaldaischen Zeit -
sagte ich Ihnen - haben die geschilderten Engelwesen eine Entwik-
kelung durchgemacht, so daft sie heute als hoher entwickeite Wesen
als dazumal erscheinen und in die Fuhrung der Menschheit eingrei-
fen. Wodurch ist es ihnen moglich geworden, eine hohere Entwik-
kelungsstufe zu erreichen? Nun, weil sie, wahrend sie die Seelen
der Menschheit leiteten in der agyptisch-chaldaischen Zeit, zugleich
sich selber zu Schiilern des Christus in der geistigen, in der iiber-
sinnlichen Welt machten. Der Christus war der Lehrer der Engel-
wesen wahrend der agyptisch-chaldaischen Zeit. Damals ist sein
Impuls in sie eingeflossen, und jetzt erscheinen sie deshalb auf
hoherer Entwickelungsstufe, weil sie sich mittlerweile mit dem
Christus-Impuls durchdrungen haben. Wiirden wir also jene Len-
ker und Leiter, jene geistigen Fiihrer der agyptisch-chaldaischen
Kulturepoche da ins Auge fassen, wo die griechisch-lateinische Zeit
beginnt, so muftten wir sagen: Die Hochstentwickelten der geisti-
gen Fiihrer, die am meisten sich vorbereitet haben, auch in hochster
Weise in unsere, in die fiinfte Kulturepoche einzugreifen, hatten am
Beginne der griechisch-lateinischen Zeit den Christus-Impuls, den
sie vorher nicht hatten, in sich aufgenommen, waren durchchristet
und wirken jetzt als durchchristete Wesenheiten von den hoheren
Welten herunter. Ebenso aber haben die Erzengel oder Archange-
loi, welche in der Zeit, als sie den Zarathustra und seine Schuler
inspirierten, noch nicht durchchristet waren, mittlerweile den Chri-
stus-Impuls in sich aufgenommen und werden in der sechsten
Kulturepoche, die der unseren folgen wird, die geistigen Fiihrer der
Menschheit sein. Dann aber werden sie wieder gegeniiber dem, wie
sie da waren in der urpersischen Zeit, als durchchristet erscheinen
in der sechsten Kulturepoche. Und jene Archai, die Geister der
Personlichkeit, welche die Inspiratoren der heiligen Rishis in der
altindischen Kulturepoche waren, haben auch mittlerweile den
Christus-Impuls aufgenommen und werden die geistigen Fiihrer
der siebenten nachatlantischen Kulturperiode sein. Da wird auf der
Erde in einer gewaltigen Grofie das alles erscheinen, was einstmals
durch den Mund der heiligen Rishis in der altindischen Zeit der
Menschheit verkiindet worden ist, was aber dann in der siebenten
nachatlantischen Kulturepoche bei den fortgeschrittensten Men-
schen ganz durchleuchtet und durchgluht und durchfeuert sein
wird von dem Christus-Impuls. Die heiligen Rishis werden wieder
auferstehen im Glanze der Christus -Sonne in der siebenten Kultur-
epoche der nachatlantischen Menschheit. So sehen wir, dafi fur die
Wesenheiten dieser vier Hierarchien, dafi fur die Menschen, aber
auch fur die Engel, Erzengel und Archai das Mysterium von Gol-
gatha, das Christus-Ereignis, durchgreifend das Hochste bedeutet,
von dem wir in unserer kosmischen Entwickelung als Menschen
sprechen konnen.
Wodurch sind die Wesenheiten, von denen wir gesagt haben,
dafi sie zuruckgeblieben sind, denn eigentlich zuriickgeblieben? Sie
sind zuruckgeblieben aus dem Grunde, weil sie den Christus-Im-
puls abgelehnt haben, so dafi also die eine Klasse, die eine Kategorie
von fuhrenden Wesenheiten jetzt herauskommt, die den Christus
aufgenommen hat; die andere Klasse aber, die zuriickgebliebenen
Engelwesenheiten, wirken wiederum so herein in unsere Kulturpe-
riode, da£ in ihrem Wirken der Christus-Impuls nicht zu schauen
ist, dafi sie nicht durchchristet sind. Und wahrend die mit dem
Christus-Impuls erfullten Engel oder Angeloi der agyptisch-chal-
daischen Zeit jetzt solche Krafte der Menschheitsentwickelung ein-
flofien, welche die Menschheit hinaufleiten zu spirituellem Leben,
zur Spiritualitat, suchen die anderen Wesenheiten, die den Chri-
stus-Impuls abgelehnt haben, alles, was wir als materialistische
Kultur und Wissenschaft bezeichnen konnen, der Menschheit als
Inspiration zu geben. Deshalb wirkt in unserer Zeit so sehr durch-
einander dasjenige, was vom reinsten Christus-Impuls durchzogen
zur Spiritualitat die Menschheit hinauffiihren soli, dem wir uns
widmen, wenn wir in echtem Sinne das Ziel der Geisteswissenschaft
verfolgen, und daneben die anderen Inspiratoren, die die Durch-
christung ablehnen und das materielle Element in die Menschheits-
kultur hereinzufuhren bestrebt sind. Diese also charakterisierten
zwei Stromungen gehen in unserer Zeit durcheinander. Unsere Zeit
ist nur zu verstehen, wenn man weifi, dafi in ihr diese zwei Stro-
mungen der geistigen Fiihrung herrschen. Sobald man das nicht
auseinanderhalten kann und der einen oder anderen fanatisch hul-
digt, ist man nicht in der Lage, klar zu durchschauen, wie eigentlich
unsere Kultur verlauft. Wir haben unter der Fiihrung der nicht-
durchchristeten Angeloi eine Wissenschaft heute bekommen, die
ganz abstrakt, ganz unspirituell ist. Und wir haben den Drang,
hinaufzugehen in die Spiritualitat, weil immer starker und starker
gerade in unserer Kulturperiode die anderen gekennzeichneten
Engel in die Menschheitsfuhrung eingreifen. Alle die groften, geisti-
gen Fiihrer der Menschheit, welche vorwartstreiben, haben sich in
der nachatlantischen Zeit zu irgendeiner Epoche, seien sie Engel
oder Erzengel oder Archai, dem Christus-Impuls ausgesetzt, wie
sich die Menschen auf der niedrigsten Stufe diesem Christus-
Impuls ausgesetzt haben durch das Mysterium von Golgatha. Da
sehen wir das Bedeutsame des Eingreifens des Christus-Impulses in
die Menschheitsentwickelung. Nun miissen wir uns natiirlich klar
sein dariiber, daft jene Wesenheiten, die gerade die hochsten, die am
meisten zur Spiritualitat vorwartsdrangenden waren, schon in der
alten agyptisch-chaldaischen Zeit nicht in einem menschlichen
fleischlichen Leibe inkarniert werden konnten. Daher konnen sie es
natiirlich urn so weniger in unserer Zeit. Die wichtigen, die hervor-
ragenden geistigen Fiihrer der Menschheit miissen wir heute auch
suchen durch den hellseherischen Blick, durch die geisteswissen-
schaftliche Erkenntnis in der ubersinnlichen Welt, und es wiirde
falsch sein, wenn wir die hochsten Fiihrer der Menschheit, die
eigentlich vorwartsdrangenden und mafigebenden, verkorpert
finden wollten in einem physischen Menschenleib.
In einer gewissen Beziehung macht nun von dieser allgemeinen
Regel, daft die eigentlich fiihrenden Individualitaten sich wahrend
der Erdenentwickelung nicht in einem physischen Menschenleib
inkarnieren, eben der Christus eine Ausnahme, indem er drei Jahre
lang in einem physischen Menschenleib inkarniert war. Woher
riihrt das? Das miissen wir uns fragen. Es riihrt davon her, dafi die
Christus -Wesenheit in all ihren Kraften, in all ihren Impulsen eine
wesentlich hohere Individualitat ist als alle Individualitaten der
sonst charakterisierten Hierarchien, wie wir das ja schon aus den
anderen Auseinandersetzungen gesehen haben, die auch iiber den
Archangeloi und Archai steht, die wir in ihrer vollen Grofte und
Fiille nur ahnen konnen. Durch diese starkeren Krafte und Impulse
war es dieser Individualitat moglich, zu einem Ziel, das wir noch
naher kennenlernen werden, zu kommen, eben durch drei Jahre als
ein Opfer eine menschliche fleischliche Hiille anzunehmen. Aber
mit diesem Annehmen der menschlichen fleischlichen Hiille durch
den Christus, das zu dem Mysterium von Golgatha gefuhrt hat, ist
etwas anderes verbunden, und es ist wichtig, daft man dieses andere
versteht.
Wenn man sich auf dieses andere einlafit, begreift man erst so
recht nicht nur das Wesen des Christus selber, sondern auch das
Wesen einer anderen Gestalt, von der wir wissen, dafi sie eine ganz
bedeutsame Rolle in der Menschheitsentwickelung spielt, der wir
auch schon ofters in unseren Vortragen nahegetreten sind, die aber
natiirlich auch nur nach und nach vollstandig von uns charakteri-
siert werden kann, namlich der Individualitat des Luzifer. Fassen
wir einmal ins Auge diese zwei Individualitaten, den Christus auf
der einen, den Luzifer auf der anderen Seite, und nehmen wir von
dem Christus zunachst die eine Eigenschaft nur, dafi er einmal auf
die Erde bis zu der Verkorperung in einem physischen Menschen-
leib herabstieg, drei Jahre in einem solchen physischen Menschen-
leibe weilte. Was ist denn die Folge gewesen dieses Ereignisses, das
mit dem Mysterium von Golgatha seinen Abschlufi gefunden hat
auf dem physischen Plan? Die Folge davon war, dafi nun die Ather-
und Astralsphare der Erde ganz substantial durchzogen wurde von
der Christus-Wesenheit. Wahrend die Erde vorher in ihrer Ather-
und Astralsphare nicht die Wesenheit in sich hatte, die wir als
Christus bezeichnen, ist sie seither durchdrungen, wie durchsattigt
von der Christus-Wesenheit. Wir finden dies auch angedeutet in
den Worten, welche die Theodora in unserem Rosenkreuzerdrama,
«Die Pforte der Einweihung», spricht. Und wer in entsprechendem
Sinne hellsichtig wird, wie Paulus hellsichtig wurde, der schaut in
die Atherspharen der Erde und sieht die Christus-Wesenheit, was
friiher unmoglich war selbst fur den hochsten Hellseher, was erst
moglich geworden ist durch das Mysterium von Golgatha. Auch ist
Ihnen bekannt, daft gerade das 20. Jahrhundert es ist - unsere Zeit
also in welchem eine Anzahl Menschen dieses Ereignis von Da-
maskus wiederholen und den atherischen Christus erkennen wird,
so dafi die Menschen immer mehr und mehr zu einer Erkenntnis
des atherischen Christus durch ihre Weiterentwickelung sich hin-
aufschwingen werden.
Dieses aber bezeugt Ihnen, dafi es ein Wesentliches der Christus-
Entwickelung ist, dafi man die Erde in bezug auf ihre physische
Materialitat nach dem Mysterium von Golgatha weit und breit
durchsuchen konnte, wo man wollte, wo es ein Physisches gibt auf
der Erde, und man konnte da die Christus-Substanz als solche nicht
verkorpert finden. Und dennoch ist die ganze Erde durchsetzt von
der Christus-Substanz, weil diese Christus-Substanz bis zur Ather-
sphare der Erde herabgeht und in alle Zukunft gefunden werden
kann in der Athersphare der Erde, niemals aber bis zur physischen
Verdichtung in einen fleischlichen Leib herabgehen konnte. So wie
die Schale einer Schnecke, so ist dasjenige, was heute physisch an
der Erde ist, ein Schalenhaftes, welches einstmals, wenn die Erde
am Ziele ihrer Entwickelung angelangt sein wird, abfallen wird von
der Gesamtheit der Menschenseelen, wie heute der physische Leib
im Tode abfallt von der einzelnen Menschenseele. Es wird einen
Erdentod geben, wenn die Erde an ihrem Entwickelungsziel ange-
langt sein wird. Wie heute die einzelne Menschenseele, wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes geht, den physischen Leib ab-
wirft und in ein geistiges Reich eingeht, so wird die Gesamtheit der
Menschenseelen beim Erdentode in eine geistige Sphare iibergehen
und wird wie eine Schlacke, wie eine Schalenhiille alles das abwer-
fen, was heute das Physische der Erde ist. Wo wird dann die Chri-
stus-Substanz sein, wenn die Erde ihren Erdentod erlitten haben
wird? Nun, sie wird durchdringen die. Gesamtheit der Menschen-
seelen, die sich herausheben aus dem Erdenleichnam, aus der Er-
denschlacke. Die Christus-Wesenheit geht mit der Gesamtheit der
Menschenseelen weiter in die geistigen Spharen hinauf, um spater
die nachste Verkorperung des Erdenwesens, das, was wir in der
Geisteswissenschaft den Jupiter nennen, zu erreichen. Das ist das
Wesentliche der Christus-Wesenheit, dafi sie ganz vergeistigt die
Menschheit in ihrer Entwickelung fernerhin leitet und da£ sie nicht
eingeht in irgend etwas Physisches, sondern diesem Physischen
zunachst nur bis zum Erdentode nahesteht, indem das Atherische
dieses Physische durchsetzt, dann aber abwirft als Leichnam, wenn
die Erde am Ziele ihrer Entwickelung angelangt sein wird. Nichts,
aber auch nichts behalt der Christus zuriick seit dem Mysterium
von Golgatha, das ihn wieder zur Sehnsucht fuhren konnte, irgend-
einen physischen Leib, der auf der Erde herumwandelt, anzuneh-
men; es ist der volligste Verzicht auf jegliche physische Materialitat.
Das ist das grofie Geheimnisvolle, das mit dem Mysterium von
Golgatha verbunden war, drei Jahre in einem physischen Leib
durch das Opfer das zu erreichen, daft fernerhin diese Christus-
Wesenheit nichts zuriicklafit in dem, was als Schale der Erde abfal-
len wird beim Erdentod. Dadurch, da£ Christus seit dem Myste-
rium von Golgatha zwar durchdringt die physischen Substanzen
der Erde, aber nicht mit ihnen sich verbindet, wird nichts in der
Wesenheit des Christus bleiben, das sich zuriicksehnen konnte
nach der abgeworfenen Erdenschale bei dem Erdentode. Diese Er-
denschale wird abgeworfen werden beim Erdentode. Sie wird als
ein Stern ferner glanzen, und von denjenigen Planeten aus, die au-
fier der Erde sind und dann mit Wesen bevolkert sind, die hinaus-
schauen werden in den Himmelsraum, wird die Erde gesehen wer-
den als ein Stern, der im Himmelsraum schwebt. Werden nun mit
diesem Stern, der da als Erdenschlacke beim Erdentod abgefallen
sein wird, alle Wesen gar keine Verbindung mehr haben, wie der
Christus und alles, was zu ihm gehort? Nein.
Ich habe Ihnen eben gesprochen von jenen Wesenheiten, die
zum Beispiel in der agyptisch-chaldaischen Zeit abgelehnt haben
den Christus-Impuls. Unter diesen gibt es solche, die ihn aucb
spater ablehnen werden. Das werden jene Wesenheiten sein, welche
unter Umstanden sich nun auch in der Folgezeit in einem physi-
schen, materiellen Leib auf der Erde inkarnieren und als physische
Menschen auf der Erde herumwandeln. Aber zugleich werden sie
diejenigen sein, die in gewisser Weise Sehnsucht nach jenem Stern
haben werden, der abgeworfen ist nach dem Erdentode und drau-
fien im Weltenraum, und zwar zunachst als herrlicher, wunderbarer
Stern, leuchten wird. Alles, was zum Christus gehort im mensch-
lichen Seelenwesen, wird nach dem Erdentod in der Menschheits-
zukunft diesen Stern bewundern, aber sich nicht nach ihm sehnen,
sich nicht sagen: Auf diesem Stern ist unsere Heimat. - So wenig
werden sich diese Menschenseelen oder die Seelen der Wesenheiten
der hoheren Hierarchien nach jenem Stern hinsehnen, wie sich etwa
die Seelen auf der Erde heute nach dem Mars hinsehnen. Sie richten
ihr Auge hin auf ihn, empfangen die wohltatigen Wirkungen von
ihm, sehnen sich aber nicht danach hin. Was wurde denn gesche-
hen, wenn die Christus-Wesenheit nicht in die Erdenentwickelung
eingegriffen hatte? Oh, dann wurde ein sehr bedeutsamer Unter-
schied in dem Schicksal der Gesamtmenschheit herrschen. Nehmen
wir einmal hypothetisch fur einen Augenblick an, die Christus-
Wesenheit hatte nicht eingegriffen in die Menschheitsentwickelung,
dann wurde die Erde auch den Tod erleiden, dann wiirden die
Menschen und die hoheren Hierarchien sich weiterentwickeln in
die geistigen Welten, wiirden aber hineintragen immerzu die Sehn-
sucht nach jenem fernen Stern, der als Erdenschlacke mit wunder-
barem Glanze in die Welt hineinleuchtet. Mit einer tragischen
Sehnsucht wiirden die Menschenwesen, wenn sie den Christus
nicht gehabt hatten, vom Jupiter einst heruntersehen nach dem
Sterne, der aus der Erdenschlacke entstanden ist, und sie wiirden
nicht nur bewundern den Stern, sondern wiirden sagen voll Sehn-
sucht: Das ist unsere Heimat. Es ist traurig, jammervoll, daft wir
hier sein miissen und nicht auf jenem Stern sein konnen, der eigent-
lich unsere wahre Heimat ist. - So ware der Unterschied gegenuber
der wirklichen Entwickelung, wenn der Christus-Impuls nicht mit
der Erde verbunden worden ware. Freizumachen von der Erde,
unabhangig fur eine kommende zukiinftige Entwickelung, das war
die Mission des Christus auf der Erde fur die Menschen. Wir sehen
dieses ganz Grandiose des Christus-Ereignisses, wir sehen, daft die
Menschheit reif wird, sich zu zukiinftigen Gestaltungen unseres Pla-
neten hin zu entwickeln dadurch, daft sie den Christus auf der Erde
gehabt hat. Haben wir nun ein Beispiel, daft es eine solche Sehnsucht
gibt von Wesenheiten, die auf einem anderen Planeten wirken und
die sich nach irgendeinem Himmelskorper sehnen als nach ihrer
wahren Heimat? - Ja, wir haben viele solche Beispiele, aber eines soil
jetzt zunachst kontrastiert werden gegenuber dem Christus.
Es gab machtige Wesenheiten wahrend der alten Mondenentwik-
kelung, hochstehende Geister, die aber in einer gewissen Beziehung
wahrend dieser Mondenentwickelung doch nicht ihren Entwicke-
lungsabschluft erlangt hatten. Unter diesen hochstehenden Geistern
war eine Schar, die gleichsam unter einem Anfuhrer stand und die,
als die Mondenentwickelung zu Ende war, nicht ihr Entwicke-
lungsziel erreicht hatte, daher es auch nicht erreicht hatte, als die
Erde begann mit ihrer Entwickelung. Diese Schar griff nun ein in
die Erdenentwickelung, wirkte mit bei der Fuhrung der Mensch-
heit, aber im Innern mit der tragischen Sehnsucht nach einem aus
der gesamten alten Mondenentwickelung - in dem Sinne, wie es in
der «Geheimwissenschaft» dargestellt worden ist - herausgeworfe-
nen Stern des Weltenalls. Wir haben machtige, hohe, bedeutende
Wesen unter ihrem Fiihrer innerhalb unserer geistigen Erdenent-
wickelung, die wirklich diese Sehnsucht nach einem Stern da drau-
ften im Weltenall in sich tragen, den sie als ihre wahre Heimat
betrachten, auf dem sie aber nicht sein konnen, weil sie den Mond
verlassen und auf die Erde gehen mufiten, ohne ihre Entwickelung
abgeschlossen zu haben. Das sind die Scharen, die unter Luzifer
stehen, und Luzifer selber wirkt in der Erdenentwickelung mit der
fortwahrenden Sehnsucht in seinem Innern nach seiner wahren
Heimat, nach dem Venus-Stern drauften im Weltenall. Das ist der
hervorstechendste Zug in der luziferischen Wesenheit, wenn wir sie
kosmisch betrachten. Und das hellseherische Bewufttsein lernt
eigentlich das, was im Venus-Stern charakterisiert ist, dadurch ken-
nen, daft es in Luzifers Seele hineinschaut und dadurch innerhalb
der Erde die tragische Luzifersehnsucht hat, wie ein wunderbares
kosmisches Heimweh nach dem Sterne Phosphoros, Luzifer oder
Venus. Denn alles, was Luzifer abgeworfen hat wie eine Schale, was
beim alten Mondentod aus den luziferischen Wesen abgestiebt ist,
wie abstiebt von der Menschenseele beim Tode der physische Leib,
das glanzt vom Himmel herunter als die Venus.
Jetzt haben wir etwas Kosmisches vor unser Auge hingestellt
sowohl in bezug auf unsere Erde als in bezug auf die Venus, den
unserer Erde benachbarten Planeten. Und wir haben damit etwas
vor uns hingestellt, was zwar nicht in der ausdrucklichen Weise,
wie es jetzt dargestellt worden ist, in der griechischen Seele emp-
funden wurde, was aber in den Gefuhlen und Empfindungen der
griechischen Seele lebte. Und indem diese griechische Seele sich
hinaufwandte zu den Sternen, besonders zu der Venus, da empfand
sie die innige Verbindung zwischen einem solchen Stern und zwi-
schen gewissen Wesenheiten, welche die Erdenspharen durchglu-
hen und durchgeistigen. Und indem die alte Griechenseele das
empfand, was Luzifer fur die Erde war, gleichsam sich sagte: Es
weht durch unser Erdensein das luziferische Prinzip -, wandte sie
sich hinauf zum Stern der Venus und sagte: Das ist der wandelnde
Punkt in unserm Himmelsraum, zu dem fortdauernd Luzifers
Sehnsuchten hingehen.
Da sehen Sie die Empfindungen, welche die Griechenseele iiber
eines der Weltenwunder hatte. Da sehen Sie aber zu gleicher Zeit in
lebendiger Art, wie der Griechenseele es feme gelegen hatte, hin-
aufzuschauen in den Weltenraum und eben als blofie physische
Kugel, wie es unsere moderne Astronomie tut, die Venus zu be-
schreiben. Was war der Griechenseele also die Venus? Dasjenige
Gebiet im Himmelsraum, das sie dadurch kennenlernte, dafi sie den
geistigen Inhalt der Luziferseele hellseherisch betrachtete, denn
darin merkte sie das grofte Heimweh, das wie eine lebendige Briik-
ke von der Erde zur Venus hinaufgeht. Diese Sehnsucht, die als
Luzifers Sehnsucht die griechische Seele empfand, fiihlte auch diese
selbe Griechenseele als zu der Substanz der Venus hinzugehorig.
Nicht den blofien physischen Planeten sah der Grieche, sondern er
sah das, was sich aus der luziferischen Wesenheit abgespaltet hat,
wie sich der physische Leib von dem Menschen abspaltet, wenn er
durch die Pforte des Todes geht, und wie sich der Erdenleichnam
abspalten wird, wenn die Erde am Ziele ihrer Entwickelung ange-
langt sein wird. Nur mit dem Unterschied, dafi der physische Leib
des Menschen dazu bestimmt ist, zu zerfallen, der Leib aber eines
Luzifer dazu bestimmt ist, wenn er herausfallt aus der Seelenwesen-
heit, als ein Stern am Himmelsraum zu glanzen. Damit haben wir
zugleich charakterisiert, was im geistigen Sinne Sterne sind. An dem
Beispiele der Venus haben wir es charakterisiert. Was sind denn fur
eine lebendige Anschauung der Weltenwunder, der Naturwunder
Sterne? Gotterleiber sind sie. Dasjenige, was aus Gotterleibern in
den Weltenraum hinausgegangen ist, das ist Stern geworden, und so
blickte der Grieche in die Sternenwelt hinauf zu Planeten und zu
Fixsternen. Da waren einmal, sagte er sich, im Raume die geistigen
Wesenheiten, die wir als unsere Gotter verehren; sie haben eine
Entwickelung durchgemacht; als sie an jenem Punkt angekommen
sind, welcher fur den Menschen wahrend seines irdischen Daseins
den physischen Tod bedeutet, da trat fur diese Gotter das Ereignis
ein, wo ihre physische Materie sie verliefi und Stern wurde.
Sterne sind Gotterleiber, deren Seelen unabhangig von diesen
Leibern in einer anderen Art in der Welt weiterwirken, wie Luzifer
unabhangig geworden war von seinem Leibe, der Venus, und in
unserer Erdenentwickelung weiterlebt. Das kann man nennen eine
durchgeistigte Naturauffassung, eine durchgeistigte Auffassung der
Welt. Das hat allerdings nichts zu tun mit jenem verwaschenen
Pantheismus, der da sagt: Da draufien ist alles von einem einheit-
lichen Gotte durchdrungen. - Es geniigt nicht, dieses zu sagen,
sondern man muS, wenn man zu dieser fernen Welt hinaufschaut,
wissen, daft die Sterne nicht einfach so abstrakt definiert werden
konnen, als wenn sie Leiber waren, durch welche die Gotter er-
scheinen, sondern sie sind Leiber, welche von den Gottern zuriick-
gelassen sind, nachdem diese Gotter selber zu anderen Entwicke-
lungsstadien fortgeschritten sind. Das aber ist der Unterschied aller
Planetengotter von dem Christusgotte, dafi der Christusgott im
Sinne dessen, was ich auseinandergesetzt habe, beim Erdentode
keinen solchen physischen Stern zuriicklafk, keinen Rest zuriick-
lafit, der unvergeistigt geblieben ware, sondern ganz ins Geistige
ubergeht und als Geist mit den Menschenseelen zum Jupiterdasein
hiniibergeht. Damit haben wir einen der wesentlichen Unterschiede
zwischen den Planetengeistern und dem Christus angefuhrt. Diesen
Unterschied festzuhalten ist von ganz besonderer Wichtigkeit,
denn er zeigt uns, dafi der ganze Sinn des Mysteriums von Golga-
tha in dem Augenblick durchbrochen ware, wenn es sein konnte,
daft, nachdem dieses Mysterium stattgefunden hat, dasjenige, dem-
gegemiber man das Recht hat, von Christus zu sprechen, sich noch
einmal in einem physischen Leibe verkorpern wiirde. Denn wiirde
sich das, was zu Christus gehort, wofur man das Recht hat, den
Christusnamen zu gebrauchen, nach dem Mysterium von Golgatha
nochmals in einem physischen Leibe verkorpern, so wiirde damit
durch diese physische Substanz der erste Keim gegeben sein, an den
sich anderes anschliefien wiirde zu einem solchen Sterne, welcher
zuriickbleiben wiirde in der Zukunft. Es wiirde das Mysterium von
Golgatha in seiner tiefen Bedeutung gar nicht erreicht werden kon-
nen. Wenn sich der Christus ganz verleugnen wollte, das Myste-
rium von Golgatha ungeschehen machen wollte, dann brauchte er
sich nur in irgendeinem physischen Leibe zu verkorpern, er wiirde
dann einen Anziehungspunkt schaffen materieller Natur, an den
sich anderes angliedern wiirde. Es wiirden dann noch andere Ver-
korperungen derselben Wesenheit dasein miissen. Damit wiirde ein
Stern geschaffen werden, nach dem sich die Menschheit in aller
Zukunft zuriicksehnen miifite. Dieses Zuriicksehnen darf nicht
clurch die Christus-Wesenheit erreicht werden. Daher hat man auch
kein Recht, irgendwie mit dem Christus-Namen zusammenzubrin-
gen dasjenige, was sich noch nach dem Ereignis von Golgatha ir-
gendwie im Fleischesleibe inkarniert. Mit diesem wiirde man ein
grandioses Mifiverstandnis des Mysteriums von Golgatha an den
Tag legen und zeigen, daft man nicht weift, was damit beschlossen
ist. In dem Augenblicke, wo man das Mysterium von Golgatha
wirklich versteht, bringt man den Christus-Namen mit nichts in
Beziehung, was sich nach dem Mysterium von Golgatha noch in
einem physischen Menschenleib inkarniert. Mit dem Christus-Na-
men von irgendeiner Wesenheit sprechen, die sich nach dem Ereig-
nis von Golgatha in einem physischen Menschenleibe inkarniert,
heiftt entweder mit dem Christus-Namen Miftbrauch treiben oder
vdlliges Unverstandnis zeigen fur das Mysterium von Golgatha.
Es ist aufterordentlich wichtig, daft diese Dinge verstanden wer-
den. Denn nur dadurch ist es moglich, die gesamte Wesenheit des
Christus zu der menschlichen Entwickelung in ein richtiges Ver-
haltnis zu bringen. Die Krafte, die dadurch erzeugt werden in
einem gewissen Teile der Menschenseele, daft nichts mehr zuriick-
bleibt von einer Sehnsucht nach der Erde, die miissen erstarken am
Widerstande wie alle Krafte. Daher miissen durch die weise Wel-
tenlenkung auch solche Wesenheiten wiederum zuriickgelassen
werden, die eben, sagen wir wie die fuhrenden Engelwesen der
agyptisch-chaldaischen Zeit, die Erzengel der urpersischen Zeit
oder wie die fuhrenden Archai der altindischen Zeit sich nicht mit
dem Christus-Impulse durchdringen und daher ohne den Christus-
Impuls weiterfiihren. Die werden - und man wird auf diese nicht
den Christus-Namen anwenden - in der Zukunft der Menschheits-
entwickelung dasjenige Element darstellen, wodurch allerdings eine
gewisse Sehnsucht und auch eine gewisse Verbindung bleibt zu
dem, was als planetarische Reste, als Sterne, im Weltall drauften sein
wird und vom Jupiter aus gesehen werden wird, wie unsere Venus,
unser Mars, unser Jupiter von der Erde aus gesehen werden. Es ist
also im wesentlichen eine andere Menschheitsstromung und eine
andere Stromung der hoheren Hierarchien, welche den Blick zu-
riicklenken werden auf jene Einfliisse, welche von den zukiinftigen
planetarischen Nachbarn des kiinftigen Jupiter auf die Menschheit
des Jupiter ausgeiibt werden. Diese beiden Dinge mufi man vollig
auseinanderhalten, dann wird man von diesem Grolken aus auch
das Kleinere begreifen lernen. Uberall wirken diese beiden Stro-
mungen ineinander. Uberall sehen wir die fortschreitende Christus-
Wesenheit, die die Menschheit hinauffuhren wird zu hoherer
Anschauung des Christus. Wir sehen auf der anderen Seite die hem-
menden Krafte, die wir nicht mit dem Christus-Namen belegen
diirfen, die sich auch in menschlichen physischen Leibern inkarnie-
ren, die zwar auch eine Christus-Erkenntnis erlangen konnen, aber
nicht solche Christus-Impulse erlangen konnen wie die Angeloi,
die in der agyptisch-chaldaischen Zeit ihre voile Entwickelung er-
langt haben. Wir sehen dann solche Wesenheiten, die auch in der
Zukunft heruntergehen konnen bis zu fleischlicher Verkorperung,
aber wir miissen auseinanderhalten das eine und das andere.
Alles, was materialistisch gedacht 1st in unserer Zeit, kommt von
den hemmenden, den fortschreitenden Gang aufhaltenden Geistern,
und auch das wurde von diesen Geistern kommen, wenn man etwa
das Heil der Menschheit erwarten wollte von solchen Individuali-
taten allein, die sich in der Zukunft im Fleische inkarnieren konnen.
Denn das ist ein materialistisches Prinzip, das lenkt die Menschheit
davon ab, daft sie sich hinaufentwickelt zur Anschauung des Gei-
stigen, weil es die Menschen herabftihrt zur bloften Anschauung
von Individualitaten, die in einem physischen Leibe inkarniert sind,
auf die man baut, weil man sie mit physischen Sinnen anschauen
kann.
Von all dem, was ich jetzt sagte in bezug auf den Christus, hatte
das alte Griechentum der vorchristlichen Zeit, weil eben das Myste-
rium von Golgatha noch nicht geschehen war, keine voile Anschau-
ung, wohl aber von Luzifer und seinem Zusammenhange mit der
Venus und auch von anderen Gestirngottern und ihrem Zusam-
menhange mit ihren Sternen. Alle diese Empfindungen und Gefuh-
le, welche aus einer solchen Urweisheit fur die Griechen hervor-
gegangen sind, sind eine Voraussetzung fur jene Idee und jenes
Gefiihl und jene Seelen-Impulse, die in der wissenden alten Grie-
chenseele auflebten, wenn der Name Dionysos ausgesprochen wur-
de. Daher mufken wir heute voraussetzen, was eben gesagt worden
ist, um morgen eingehen zu konnen auf jene Weltenwunder, jene
Naturwunder, welche der alte Grieche meinte, wenn er von Diony-
sos sprach. Damit wird auch die Briicke ge
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