Das Johannes-Evangelium

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Steiner

Rudolf Steiner

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KMeruemre tr Coy piup 


LB Barong Momma M8 


Das 
J ohannes-Ewan gelium 


Vortragszyklus 
Dr. RUDOLF STEINER 
gehalten zu Hamburg vom 18. bis 31. Mai 1908 


Vierte Auflage 


Nach einer vom Vortragenden nicht 
durchgesehenen Nachschrift 
mit einem Vorwort herausgegeben 
yon 


Marie Steiner 


1928 
PHILOSOPHISCH-ANTHROPOSOPHISCHER VERLAG 


am Goetheanum, Dornach, Schweiz 


Alle Rechte, besonders das Recht der Uebersetzung: 


in fremde Sprachen, bleiben dem Autor vorbehalten 


Copyright 1925 by Philosophisch-Anthroposophischer 
Verlag am Goetheanum, Dornach (Schweiz) 


DRUCK VON ZBINDEN & HUEGIN, BASEL. 


Tnhaltsvere eichnis 


Vorwort . . . . . . . von Marie Steiner 
I. Die Lehre vom Logos 
II. Christliche Esoterik 
II. Die Mission der Erde 
IV. Die Auferweckung des Lazarus 


. Die sieben Grade der Einweihung. Die er- 


sten Zeichen 


. Das Ich-Bin 
. Das Mysterium von eur 


. Die Entwickelung des Menschen im Zusam- 


menhange mit dem Christusprinzip . 


. Die prophetische Kunde und die Entstehung 


des Christentums . 


. Das Wirken des Eresstae Ten cless inner- 


halb der Menschheit . 


. Die christliche Einweihung 


XII. 


Das Wesen der Jungfrau ee und des 
Heiligen Geistes ae: AS eae 


Ii 


V orwort 


zu den Betrachtungen Rudolf Steiners 
liber das Johannes-Evangelium 


von Marie Steiner. 


Mit diesem Buche dringen wir ein in das innerste 
Gefiige der Wirksamkeit Rudolf Steiners. Denn all 
sein Wirken hatte dieses eine Ziel: der Welt die Wege 
zum Christus zu bahnen. Es war uns der Christus ver- 
Joren gegangen in der Zeit des Rationalismus und des 
Materialismus; die Kirchen giahnten in trostloser Leere, 
und wer nicht als naiv unberiihrtes Menschenkind drin- 
nen sass, hatte Leere oder Widerspruch in Kopf und 
Herz. Nicht wirkte wie Wahrheit und Ueberzeugung das, 
was von den Lippen der Vertreter christlicher Lehre 
kam; er wirkte oft hohl, aufgebauscht oder maschinell, 
im besten Fall wie selbstbetaubend. Formsache, Konven- 
tion war die Kirche geworden, die der Wissenschaft ge- 
geniiber auf Kompromisse einging, ohne ihr ein Real- 
Wirkendes entgegensetzen zu k6nnen; ihre Glaubens- 
forderungen musste sie allmahlich zuriickziehen, denn 
sie konnte dem Zweifler nicht geniigend Tatsichliches 
entgegenstellen, das den Glauben in sichere Ueberzeugung 
und Wissen hatte wandeln kénnen. Schon Konfirmanden 
mussten ihre Fragen zurtickziehen vor der Unsicherheit 


We 


und dem offenbaren Abbiegen vom Wesentlichen von 
Seiten des verehrten Pastors; eben entlassene Schulkinder 
sahen sich dem geistigen Nichts gegentiber stehen, fihl- 
ten den seelischen Boden unter ihren Fiissen wanken. Den 
Protestanten schreckte die katholische Kirche ab durch 
ihre Knechtung der Freiheit, und durch das hohle Ge- 
plapper der die kirchlichen Ceremonien Ausfihrenden, 
deren ganzes Gehaben oft ein Hohn war, auf das, was 
sie vertreten sollten. Und doch bekundeten die For- 
men etwas, was verloren gegangen war: Wo war es 
zu finden? Es war nicht zu finden auf den Wegen 
der modernen Wissenschaft. Diese hatte Grenzen der Er- 
kenntnis dekretiert und wirkte dabei wie der Schadel eines 
Skeletts: hohlaugig, losgerissen vom Rumpf; das zusam- 
menhaltende Leben fehlte, die Linie der Gestaltung und 
die Vollendung; iiber das Kunstvolle des einzelnen Teiles 
konnte man zwar in Begeisterung geraten, dem Ganzen 
fehlte Hand und Fuss: es war ein Bruchstiick. Die 
grosse Welten-Schildkréte der Brahmareligion, die die 
Erdenscheibe tragt, wirkte in ihrer imaginativen Kraft 
schon angenehmer. Man fihlte sich dabei gleichsam 
umrauscht von den Aetherwogen des Alls; man wusste: 
sie ist noch etwas anderes als was aus jenem Bilde 
spricht; — mehr als automatisch wirkende Mechanik, 
die aus sich selbst heraus ein Weltengetriebe in Bewe- 
gung setzt, dem nach und nach yom ebenso automatisch 
entstandenen Menschen einiger Sinn gegeben wird, um 
dann wieder in die Sinnlosigkeit zu verfallen. 

Aus diesen alten Religionen wehte etwas _heriiber, 
das Substanz hatte. Wenn man ihren Weg verfolgte, 
war Aufstieg darin:zu sehen von zunadchst tiberwucher- 
tem, tibertiubtem Bewusstsein zu immer lichteren Gedan- 
kenspharen. Grosse Kulturen waren diesen Religionen 


VI 


entsprungen, gewaltige Imaginationen wirkten von dort 
hertiber bis in die heutige Zeit; Kunst und Wissenschaft 
hatten sich darin entwickelt und erhabene Denkmaler 
hinterlassen. Hier war ein Faden, den zu verfolgen eine 
geistige Notwendigkeit war; dem man nachgehen musste. 

Aber er verlor sich immer wieder in geheimnis- 
volles Dunkel; er tauchte ein in Tempelstatten, vor de- 
nen warnende Hiiter standen, Fragen entgegentraten, de- 
ren Nicht-Beantwortung einst mit dem Tode gebiisst 
wurde; ratselhafte Worte, die zuletzt gipfelten in das 
eine Mahnwort: ,,Erkenne dich selbst ‘‘. Dieser Pfad 
musste wieder entdeckt und aufgelichtet werden. Wie 
aber ihn finden ? 

Aus den verschwiegenen Tempelstatten, zu denen 
das Tor verschlossen war, fiihrten Spuren hinaus. Der 
Sinn dieser Spuren gab sich kund in immer miachtiger 
sich entfaltenden Zivilisationen, die immer gréssere Men- 
schengruppen umfassten, bis endlich der Mensch als 
Persénlichkeit daraus hervortrat. Nicht mehr der gott- 
inspirierte Fiihrer und Lehrer oder Herrscher und neben 
ihm dumpfes Volk, — sondern der einzelne Mensch, die 
Persénlichkeit, die durch ihre besondere Befahigung 
Individualitat geworden war. Am leuchtendsten im Grie- 
chentum, das Gott und Mensch einander genihert hatte, 
Uebersinnliches mit Sinnlichem verschmolzen hatte in 
der Kunst. 

Die einzelne Persénlichkeit war reif geworden; die 
Mysterien aber traten zuriick, verhiillten sich tiefer. 
Thr Sinn, der friiher ein geheimnisvoller, aber sicherer 
und von Zweifeln unangetasteter war, verbarg sich. 

Der menschliche Gedanke begann seine Eigenlauf- 
bahn. Philosophenschulen entstanden; Zweifler, Skep- 
tiker wurden laut; damit schwand allmahlich die Grésse 


Vil 


jenes Volks dahin, das die auf sich gestellte Persdén- 
lichkeit herausgesetzt hatte. Es verlor seinen Eigenwert, 
seinen festen Anker und wartete auf den ,,unbekannten 
Gott “. 


Der unbekannte Gott aber war derjenige, der durch 
sein Opfer die menschliche Persdnlichkeit tiber sich 
hinauswachsen liess, damit sie nach einem erkenntnis- 
reichen Durchgang durch die sinnliche Erscheinungs- 
welt zu ihrem Ursprung zuriickfande, mit vollerarbeite- 
tem Wachbewusstsein, so ein neuerobertes, aus tiefster 
Stoffesdichtigkeit emporgehobenes Element den Ur- 
sprungskraften hinzufiigend. 


Und vorbereitet war dieser Weg in tiefer vélkischer 
Abgeschlossenheit in jenem, dem Griechentum parallel 
sich entwickelnden Volkstum, das den einen Gott, den 
Ich - Gott, der Menschheit zu bringen hatte — im Fleisch 
und in der Wahrheit. 


Als nach der den Alexanderziigen bald folgenden 
Versklavung und Entartung des Griechenvolks, die ré- 
mische W6lfin im Casarentum ihre Orgien feierte, den 
vom Gréssenwahn ergriffenen Casar zum Gott erhob, 
ihm Altére bauend und die Untertanen zu seiner Anbe- 
tung zwingend, war in ferner vélkischer Abgeschiedenheit 
das geschehen, was die Menschheit durch seinen Ein- 
schlag vor der drohenden Vertierung errettete, das 
Menschtum erléste: die Opfertat von Golgatha. Sie 
zerbrach die Macht der rémischen Wé6lfin, jenes Sym- 
bols des Trieb- und Gewaltlebens. Rom sank dahin; 
neue Vélker stiirmten tiber das morschgewordene Reich 
einher ; eine neue Volkssubstanz nahm dasjenige auf, 
was dann spa&ter zu einer neuen Seelenkonfiguration der 


Menschheit fiihrte. 
Vill 


Aber das Geistig-Neue wurde durchsetzt von der 
Ablagerung desjenigen, was sich als Machtsphire im 
Rémertum ausgelebt hatte. Es durchwirkte das neue 
zarte Geistesgut mit dem Gewalt- und Leidenschafts- 
wesen, das die zuletzt herrschenden Formen dort er- 
griffen hatte. 


Diese Formen wurden aber zum grossen Teil hiniiber- 
genommen mit dem schon dekadenten Geist, der sie 
durchdrungen hatte, und mit dem Zersetzungskern, der 
da hatte tiberwunden werden sollen und es nicht war. 


Die Phasen dieses Kampfes zwischen der neuen und 
den tibernommenen Resten der alten Geistigkeit bilden 
die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit: sie 
sind zu verfolgen in der Ausgestaltung der Kirche, in 
den geheimen Briiderschaften, in den Ménchs- und Rit- 
terorden, in den sogenannten Ketzergemeinschaften, in 
der humanistischen Strémung, in der Reformation. 


Dann kam die neue Natur-Erkenntnis, die Naturwis- 
senschaft, die mechanistische Weltauslegung, die Gren- 
zen der Erkenntnis, das Ignorabimus. In der Philoso- 
phie eine dde Subjektivitaét, das Losgerissensein vom Wel- 
tenganzen: subjektive Vorstellung des Einzelnen — die 
ganze reiche Welt der Erscheinungen; Seelenlehre ohne 
Kenntnis von Seele und Geist, ja mit deren Ableugnung, 
da Materie der Ausgangspunkt fiir ihre Erforschung 
wurde. 


Die Materie siegte auf allen Linien und das geistige 
Chaos begann, das in unsern Tagen seinen Héhenpunkt 
erreicht und die Menschheit in seinen Strudel hinein- 
gerissen hat, bis es zu jener Weltkatastrophe kam, in 
deren Auswirkungen wir noch drinnen stehen. An die- 
sem Punkte der Menschheitsgeschichte sind wir ange- 


IX 


langt und unsere erleuchteten Geister prophezeien den 
Untergang des Abendlands. 

In dieser Welt der uns umgebenden Finsternis strahlt 
ein Lichtquell. Er ist uns von einem Menschen er6ffnet 
worden, der seine Zeit in unerhértem Masse iiberragte, 
und giesst Licht aus tiber das Ereignis, das sich in die 
Menschheitsgeschichte zu ihrem Heil damals_ hineinge- 
stellt hat, als der rémische Taumel die Welt in Fesseln 
schlug. Er bringt uns dasjenige, was wir brauchen, damit 
der Zentralpunkt menschlichen und irdischen Geschehens 
wieder verstanden werde, der Glaube sich in Wissen, der 
Unglaube in Erkenntnis wandeln kénne. Er wirkt unter 
uns schon seit dem Anfang dieses finstern Jahrhunderts, 
mit jenen Kraften, die unsere Dunkelheit in geistige Helle 
verwandeln kénnen. 

_ Denen unter uns, die nach dem Pfade zu den ver- 
loren gegangenen Mysterien suchten, hatte er sich erédff- 
net. Ein Wissender war da und konnte Wegweiser wer- 
den. Mit Zuriickhaltung zuniachst, dann in Weisheit 
und Einsicht uns ftthrend und unaufhaltsam weiterdrin- 
gend, wie es der Ruf der Zeit gebot. Wir waren dem, 
was wir erhielten, nicht gewachsen; aber wir horchten, 
sammelten und schrieben nieder, wissend, dass eine Zeit 
kommen wiirde, in die hinein wir weiterzureichen haben 
wiirden das, was uns so tiberreichlich gegeben wurde, 
und die uns Dank dafiir wissen wiirde. Es ist das, 
was eine in Leid und Priifung gereifte Menschheit zu 
ihrer Rettung und ihrem Aufstieg braucht. 

Der Augenblick ist gekommen, in dem wir diese 
Aufgabe zu erfiillen haben. Deshalb dirfen wir nicht 
mehr damit zuriickhalten. 

Rudolf Steiner hat der Welt die Wege zu Christus 
wieder gebahnt. Er legte die Hand an das in den Ab- 


X 


grund sausende Rad der Menschheitsentwickelung und 
hielt es auf. Er allein stemmte sich gegen die Nieder- 
gangskrafte, riss das Rad mit starker Hand empor und 
fiihrte es wieder dem langsamen Aufstieg entgegen. Lang- 
sam — denn das Geschlecht war klein, das ihn umgab, 
und die Grésse dessen, was er zu geben hatte, erdriickte 
es schier. Hatte die Menschheit unserer Tage Organe 
gehabt, die geniigend aufnahmefaihig gewesen wiren, es 
ware eine neue Zeit hereingebrochen mit unendlicher 
Schwungkraft und sonnegehobenem Adlerflug. So aber 
musste in miihsamer Arbeit dasjenige allmihlich ge- 
schehen, was schlummernde Organe der Menschheit 
wecken kann. In ununterbrochener Mihewaltung, Stein 
fiir Stein zusammentragend, bildete Rudolf Steiner das 
Fundament aus zu einem Verstandnis fiir immer subtiler 
werdende Welt- und Menschheits - Tatsachen, fiir immer 
feinere Begriffskonstruktionen. Niemals scheute er bei 
einem Offentlichen Vortrag davor zuriick wieder von 
neuem dieses Fundament aufzurichten, und dann, all- 
mahlich, da wo er sein stetig wiederkehrendes Publikum 
hatte, ein Stiick weiterzugehen auf dem Wege, der zur 
gesunden Geisterkenntnis fiihrt. Nie hat er sich gestattet 
etwas hinauszuschleudern, was einer Sensation gleich- 
gekommen wire, nie hat er eine Seele tiberwaltigen 
wollen. Jeder Vortrag war ein organisch Emporgewach- 
senes, das seine Wurzeln tief in den Boden senkte, die 
Krafte der Erde heranzog, in den Farbenschimmer der 
flutenden Aetherwelten, der lebendigen Geistigkeit hinein- 
tauchte, aber die leuchtenden Bliitenkronen der neuen Vor- 
stellungsergebnisse nur aus innerer Gesetzmassigkeit dem 
festgefiigten Begriffs-Organismus entsteigen liess. Eine 
wachsende schépferisch wirkende Kraft — jede Gedan- 
kenbildung, und ein lebendiges Kunstwerk... Man stand 


XI 


erschiittert vor der Vollendung dieses Gedanken-Baus; 
aber man blieb ihm gegeniiber frei, staunend ob der 
Grésse und Schéne dessen, was so vor dem inneren 
Auge mit leuchtender Notwendigkeit entstanden war. 


Nun rauschte ja um die Jahrhundertwende manches 
chaotisch Wirkende aus den rund herum anpochenden 
Grenzlandern der Geisterwelt an unsere materialistische 
Kultur heran. Dahinein Ordnung zu bringen, das Odium 
auf sich zu nehmen, auch mit hinzugerechnet zu werden 
zu jenem Ungeordnetem, wirr Dahinflutendem, oder wie 
in neo-orientalischen Strémungen recht anachronistisch 
Eingreifendem, dazu gehérte Mut, unendlicher Mut und 
Schicksalsnotwendigkeit. 


Das Schicksal aber stand gebietend an der Schwelle 
des 20. Jahrhunderts und forderte die starkste Tat: die 
Ueberwindung des Drachen des Materialismus, der unsere 
Welt fest umringelt hielt und sie in seiner Umfangung 
schon zu zermalmen drohte. — Wie dréhnte doch bald 
die Erde in ihrem festgeglaubten Gefiige ... Der Welt- 
krieg und die Birgerkriege legen beredtes und grausiges 
Zeugnis davon ab. 


Daneben in helfender Giite der Geistestriger mit 
dem tiefen sinnenden Blick, der alle Ratsel der Erden- 
schwere und des Erdenleides eingesogen zu haben schien 
und allen Glanz der Geisteswelt in milder Ruhe wider- 
strahlte: und der nun wusste, dass er dieses Erdendunkel 
mit dem Weisheitsgold zu durchleuchten und zu durch- 
gliihen hatte, bis ein erhdhtes Bewusstsein daraus der 
Menschheit erwachsen war. 


Die Aufgabe wurde erfillt: das Weisheitsgold liegt 
da, wirkend unter vielen, von der Christus-Geistessonne 
heruntergeholt und uns gegeben. Es durchstrahlt unsere 


XII 


Erde und ihre schwere, kompakte, materialistische Ge- 
dankenwelt. 

Durch das Herunterholen iibersinnlicher Erkenntnisse 
und Wahrnehmungen in unsere Begriffs- und Vorstel- 
lungswelt, durch ihre Umwandlung zu Gedankenformen, 
die unsere Bewusstseinstitigkeit energisieren kénnen, 
durch diese feine Alchimie ist eine neue Seelensubstanz 
geschaffen worden, die belebend auf unsere abgetéteten 
Geistorgane wirken kann. Die Kraft zu dieser Wieder- 
belebung strémt aus vom Mysterium von Golgatha; Men- 
schenarbeit aber muss es sein, dieser Kraft entgegen zu 
wachsen und sich ihr verstehend zu 6ffnen. Dass dies 
geschehen kénne, dazu wirkte Rudolf Steiner unter uns. 
Alles, was er geschaffen, geschrieben, gedacht, hat dieser 
einen Aufgabe gedient, unsere Begriffs- und Gefiihls- 
welt wieder so lebendig zu machen, dass sie dem Chri- 
stus-Impuls sich neu und kraftvoll erschliessen kénne; 
unsere Willenswelt so zu aktivieren, dass sie sich mit 
ihm wesenhaft verbinden kénne. 

Ein schier uniibersehbares Lebenswerk liegt vor uns, 
diesem einem Ziele gewidmet, das eine Umfassung, eine 
Synthese ist der andern Ziele: der Wiedervereinigung 
und gegenseitigen Durchdringung jener drei friiher im 
Einklang wirkenden und jetzt getrennten Gebiete von 
Wissenschaft, Kunst und Religion; der Erfassung des 
geistigen Sinnes, den die Ideale von Freiheit, Gleich- 
heit und Briiderlichkeit bergen; der Erweckung des Ich 
im Menschen zum vollen Bewusstsein seiner selbst und 
seiner Weltzugehorigkeit. 

Alle diese Ziele sind nur zu erreichen durch die 
Durchkraftung des Menschen mit dem Christus-Impuls. 

Die gesamte Weisheit der Welt muss herangezogen 
werden, um dieses grésste aller Mysterien zu verstehen. 


XI 


Vorbereitung fiir dieses waren die andern Mysterien. In 
ihr Wesen und in ihre Bedeutung fihrte uns Rudolf 
Steiner allmahlich und stetig hinein; sie alle wiesen 
hin auf das was sich auf Golgatha ereignet hat. Schritt 
fir Schritt brachte er uns diesem Verstaéndnis naher; 
Kosmogonie, Theogonie, Erd- und Menschheitskunde und 
die schon im Vorstellungsleben des Menschen erbliihten 
Wissenschaften lieferten dazu ihre Bausteine. 

Aber es gibt Kritiker verschiedener Richtungen, die 
das behaupten, was in ihr Parteiprogramm passt. Es gibt 
darunter auch solche, die einen Namen haben und die 
kiihn behaupten, weil es ihnen so passt: Es ware schon 
manches anzuerkennen in Rudolf Steiners Genialitat, doch 
miisse man sich von ihm abwenden, weil er den Christus 
ablehne. 

Anders empfanden diejenigen, die sich die Mihe 
gaben, Rudolf Steiners Werk zu studieren, bevor sie 
dariiber redeten. Sie erkannten bald wie ihnen gehol- 
fen werden k6énne. 

Es kam eine Anzahl Theologen zu Rudolf Steiner; 
diese sagten: Unsere Kirchen veréden; unsere Seminare 
geben uns nicht dasjenige, was wir als Lebensbrot den 
hungrigen Seelen reichen kénnen. Sie allein vermégen 
uns zu helfen. Wollen Sie uns dasjenige geben was 
uns fahig macht innerhalb unserer Amtstatigkeit den 
andern zu helfen. Sonst miissen wir dem Stande des 
Geistlichen entsagen. 

Und Rudolf Steiner gab ihnen, was sie verlangten: 
den Schliissel zu den Evangelien, den lebendigen Chri- 
stus, das Wort, das zur Weihehandlung wird. 

Er sprach zu ihnen: Ihr habt mich gebeten um das, 
was [hr reichen kénnt denen, die noch nicht stark genug 
sind fiir die Erarbeitung der Geisteswissenschaft und fir 


a 


XIV 


die geistige Kommunion. Ihr wollt sie auf diesem 
Wege hinfiihren zu den Quellen jenes Wissens, das den 
Menschen wach und frei und vollbewusst macht, entspre- 
chend den Forderungen der Zeit. Ihr diirft in dieser 
Weise an dem Werke helfen, wenn Euer Tun Euch 
nicht Selbstzweck wird; wenn der Gedanke der Kirche 
nicht tiber den des Geistes siegt; wenn der Weg der 
Seelsorge allmahlich dazu fiihrt, den Menschen in sei- 
nem Ich erstarken zu lassen, damit er in Freiheit und 
Wachheit sich mit den géttlichen Welten verbinde und 
dem Herzen Christi, das in der Sonne leuchtet und 
durch die Erde pulst. Ihr habt es gewollt und habt 
es versprochen, handelt darnach und bleibt Eurem Worte 
treu. — : 

Sie gingen und griindeten die Gemeinschaft fir 
christliche Erneuerung, vielen Seelen zum Heil. Die 
Evangelienkunde wird dort eifrig betrieben, zu der Ru- 
dolf Steiner den Schliissel gegeben hatte. 

Begonnen hatte er damit schon in den allerersten 
Zeiten seines geisteswissenschaftlichen Wirkens, indem 
er immer wieder in seine Betrachtungen einflocht .das- 
jenige, was uns zum Kreuzesstamme fiihrte und zu 
seiner Bedeutung als Lebensbaum. Damals waren seine 
Hérer an ihn herangetreten und hatten ihn gebeten um 
einen zusammenhangenden Cyklus von Vortraigen iiber 
das Johannes-Evangelium. Es wurde ihnen gewahrt. In 
einer leider recht mangelhaften Nachschrift liegen diese 
Vortrige aus dem Jahre 1908 nun vor. Es wird sehr 
viel darnach gefragt und sie werden an so vielen Orten 
vervielfaltigt, dass wir sie nicht linger einer ungentigen- 
den Nachschrift wegen vorenthalten wollen. Die Sub- 
stanz wird siegen tiber das, was ungeniigende Wiedergabe 
ist, und ein Hauch von der Welt, aus der sie stammen, 


XV 


schwebt noch tiber ihnen. Die Menschheit braucht ihn 
und braucht diese Substanz. 

Dieser Herausgabe des Johannes-Evangelium wird die 
: Herausgabe der Betrachtungen tiber die andern Evange- 
lien bald-folgen. Als uns zu Pfingsten 1908 in Ham- 
burg, nachdem zum ersten Mal ein ahnlicher Cyklus 
in Basel vorangegangen war, diese Einfithrung in das 
esoterische Evangelium gegeben wurde, ging etwas wie 
Pfingstfeuer durch unsere Seelen und wie das Wehen 
eines galidischen Friihlings. Pfingsten naht wieder, und 
begleitet das Erscheinen dieses Buches. Mége es ihm eine 
gute Vorbedeutung sein. 

Pfingsten ist das Fest des heiligen Geistes, der in die 
Herzen der Menschen hineinwirkt. Mége der Geist, der 
in diesem Buche waltet den Weg finden zu den Seelen 
der Menschen, die nach der Wahrheit diirsten und eines 
guten Willens sind. 


XVI 


Die Lehre vom Logos. 


Unsere Vortrage tiber das Johannes-Evangelium wer- 
den ein doppeltes Ziel haben. Das eine wird sein, die 
geisteswissenschaftlichen Begriffe als solche zu vertie- 
fen und nach mancherlei Richtungen hin zu erweitern; 
und das andere Ziel ist gerade dies, durch diejenigen 
Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele treten wer- 
den, die grosse Urkunde des Johannes-Evangeliums selbst 
uns nahe zu bringen. Das bitte ich festzuhalten, dass 
die Vortrige nach diesen beiden Richtungen hin gemeint 
sind. Es soll sich nicht etwa bloss handeln um Aus- 
einandersetzungen tiber das Johannes-Evangelium, son- 
dern an der Hand desselben wollen wir in tiefe Ge- 
heimnisse des Daseins eindringen, und wir wollen durch- 
aus festhalten, wie eigentlich die geisteswissenschaftliche 
Betrachtungsweise beschaffen sein muss, wenn sie an- 
kniipft an irgendeine der grossen historischen Urkunden, 
die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt 
iiberliefert worden sind. Man kénnte naimlich glauben, 
wenn der Vertreter der Geisteswissenschaft tiber das Jo- 
hannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem Sinne 
tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine 
solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen 
Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schépfen und 


I 


diese Wahrheiten auf die Autoritat der religidsen Ur- 
kunden hin vorbringen. Das kann aber nimmermehr die 
Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrachtung sein. 
Sie muss eine vdllig andere sein. Wenn die Geistes- 
wissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegeniiber dem 
modernen Menschengeist erfiillen will, dann muss sie 
zeigen, dass der Mensch, wenn er nur seine inneren 
Krafte und Fahigkeiten gebrauchen lernt — die Krafte 
und Fahigkeiten des geistigen Wahrnehmens —, dass 
er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die 
Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geisti- 
gen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Dass 
der Mensch durch den Gebrauch der inneren Fahigkeiten 
zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, dass 
er zu den schépferischen Kraften und Wesenheiten des 
Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, 
das muss der modernen Menschheit immer mehr zum . 
Bewusstsein kommen. Und so miissen wir sagen, dass 
die Geheimnisse des Johannes-Evangeliums unabhingig 
von jeder Tradition, von jeder historischen Urkunde von 
dem Menschen gewonnen werden kénnen. Man méichte, 
um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen 
Weise das aussprechen. Dann kénnte man so sagen: 
Nehmen wir an, durch irgendein Ereignis gingen alle 
religidsen Urkunden dem Menschen verloren, und dieser 
behielte nur die Fahigkeiten, die er gegenwartig hat, dann 
miisste er trotzdem — wenn er sich nur die Fahigkeiten, 
die er hatte, bewahrt —, in die Geheimnisse des Daseins 
eindringen kénnen; er miisste hingelangen zu den gott- 
lich-geistigen schaffenden Kraften und Wesenheiten, die 
hinter der physischen Welt verborgen sind. Und die 
Geisteswissenschaft muss durchaus auf diese, von allen 
Urkunden unabhangigen Erkenntnisquellen bauen. Dann 


2 


aber, wenn man also unabhingig forscht, wenn man 
unabhingig von allen Urkunden die géttlich-geistigen 
Geheimnisse der Welt erforscht hat, dann geht man an 
die religidsen Urkunden. Dann erst erkennt man sie in 
ihrem wahren Werte. Denn dann ist man in einer 
gewissen Weise frei und unabhingig von ihnen. Man 
erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbstindig ge- 
funden hat; und wer einen solchen Weg gegentiber den 
religidsen Urkunden eingeschlagen hat, von dem kénnen 
Sie sicher sein, dass diese Urkunden niemals an Wert 
fir ihn verlieren — niemals etwas verlieren von der 
Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen gegeniiber 
haben kann. Durch einen Vergleich mit etwas anderem 
lassen Sie uns einmal klar machen, um was es sich — 
dabei handelt. 

Es kénnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, 
hat uns zuerst jene Geometrie gegeben, die heute ein 
jedes Schulkind lernt auf einer gewissen Stufe des Schul- 
unterrichts. Aber ist das Lernen der Geometrie durchaus 
gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage Sie, 
wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine 
Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid 
die elementarsten Dinge iiber Geometrie hineingelegt 
hat? Sie lernen die Geometrie unabhaingig von dem 
Buche des Euklid, weil sie einer Fahigkeit des Menschen- 
geistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie aus sich 
gelernt hat und hinterher an das grosse Geometriebuch 
des Euklid kommt, weiss man dies in der richtigen 
Weise zu wiirdigen; denn erst dann findet man das, 
was man sich zum Eigentum gemacht hat und lernt die 
Form schiatzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse 
zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute 
die grossen Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums 


3 


durch die im Menschen schlummernden Kriafte finden, 
ohne von dem Johannes-Evangelium etwas zu wissen, 
wie der Schiiler die Geometrie lernt, ohne von dem ersten 
Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen. 

Wenn man, ausgeriistet mit dem Wissen itiber die 
héheren Welten, an das Johannes-Evangelium herantritt, 
sagt man sich: Was liegt denn da vor in der Geistes- 
geschichte der Menschheit? Die tiefsten Geheimnisse 
der geistigen Welten sind hineingeheimnisst in ein Buch, 
sind der Menschheit gegeben in einem Buche und, da 
wir vorher wissen, was Wahrheiten tiber die géttlich- 
geistigen Welten sind, erkennen wir dann erst die gittlich- 
geistige Art des Johannes-Evangeliums in dem richtigen 
Sinne, und das wird tberhaupt der richtige Sinn sein, 
sich solchen Urkunden zu nahern, welche iiber geistige 
Dinge handeln. — Wenn sich solchen Urkunden, welche 
liber geistige Dinge handeln, Leute nahern, welche 
sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was in sol- 
chen Urkunden liegt — wie z. B. im Johannes-Evange- 
lium, — also blosse Philologen (und selbst die theolo- 
gischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich 
nur Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Biicher), 
wie verhalt sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu 
solchen Forschern? Nehmen wir nochmals den Ver- 
gleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn 
der richtigere Ausleger sein? der gut mit Worten in 
seiner Art iibersetzen kann und gar keine Ahnung hat 
von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird etwas 
Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die 
Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar 
nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den 
Uebersetzer selbst ein unbedeutender Philologe sein — 
er wird, wenn er Geometrie versteht, das Buch in der 


4 


richtigen Weise wiirdigen kénnen. So verhilt sich gegen- 
tiber vielen anderen Forschern der Vertreter der Geistes- 
wissenschaft zum Johannes-Evangelium. Vielfach wird 
es gegenwartig so erklart, wie die Philologen die Geo- 
metrie des Euklid erklaren wiirden. Geisteswissenschaft 
aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Wel- 
ten, die im Johannes-Evangelium aufgezeichnet sind. So 
ist der Geisteswissenschaftler dem Johannes-Evangelium 
gegeniiber in derselben Lage, wie der Geometer dem 
Euklid gegentiber: er bringt schon mit, was er in dem 
Johannes-Evangelium finden kann. — Wir brauchen 
uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf aufzuhalten, 
dass auf diese Weise manches in die Urkunde hinein- 
gesehen werde. Wir werden bald sehen, dass der, welcher 
den Inhalt versteht, nicht nétig hat, etwas in das Evan- 
gelium hineinzulegen, was nicht darin ist. Wer die Art 
der geisteswissenschaftlichen Auslegung versteht, wird 
sich bei diesem Vorwurf nicht besonders aufhalten. Wie 
andere Urkunden nicht an Wert und Verehrung verlie- 
ren, wenn man ihren wahren Inhalt erkennt, so ist dies 
auch mit dem Johannes- Evangelium der Fall. Es er- 
scheint dem, der eingedrungen ist in die Geheimnisse 
der Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Dokumente 
im menschlichen Geistesleben. 

Wir kénnen uns dann fragen, wenn wir uns genau 
auf den Inhalt des Johannes-Evangeliums einlassen: Wie 
kommt es denn, wenn dem Geistesforscher das Johannes- 
Evangelium als eine so bedeutungsvolle Urkunde er- 
scheint, dass dieses gerade von Theologen, die doch zu 
Erklarern berufen sein sollten, immer mehr und mehr 
in den Hintergrund gegentiber den anderen Evangelien ge- 
drangt wird? Dies soll als eine Vorfrage beriihrt werden, 
bevor wir in das Johannes-Evangelium selbst eintreten. 


Sie alle wissen, dass in bezug auf das Johannes-Evan- 
gelium merkwiirdige Anschauungen und Gesinnungen 
Platz gegriffen haben. In alten Zeiten wurde es verehrt 
als eine der tiefsten und bedeutungsvollsten Urkunden, 
welche der Mensch hatte tiber das Wesen und den 
Sinn des Wirkens des Christus-Jesus auf Erden; und 
in den Aalteren Zeiten des Christentums ware es wohl nie- 
mandem eingefallen, dieses Johannes-Evangelium nicht 
als ein wichtiges geschichtliches Denkmal fiir die Er- 
eignisse in Palastina aufzufassen. In neueren Zeiten ist 
es anders geworden — und gerade die, welche glauben 
am festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher 
Forschung, haben am meisten den Grund unterwihlt, auf 
auf dem eine solche Anschauung tiber das Johannes- 
Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon nach 
Jahrhunderten zahlt, hat man angefangen, aufmerksam 
zu werden auf die Widerspriiche, die sich in den Evan- 
gelien finden. Da hat sich besonders unter den Theo- 
logen nach mancherlei Schwankungen das _ folgende 
herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen viele 
Widerspriiche in den Evangelien vor, und man kénnte 
sich keinen klaren Begriff machen, wie es kommt, 
dass von vier Seiten in den vier Evangelien die Ereignisse 
in Paldstina in verschiedener Weise erzahlt werden. Man 
sagte: ,,Wenn wir die Darstellungen nehmen, die nach 
Matthdus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes 
gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene An- 
gaben iiber dieses und jenes, dass man unmdglich glau- 
ben kann, dass sie alle mit den historischen Tatsachen 
iibereinstimmen. Das wurde nach und nach die Gesin- 
nung derjenigen, die diese Dinge erforschen wollten. — 
Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet, 
dass man in bezug auf die drei ersten Evangelien einen 


6 


gewissen Einklang tiber die Darstellung der palastinen- 
sischen Ereignisse sich bilden kénne, dass das Johannes- 
Evangelium aber in einer weitgehenden Art abweiche von 
dem, was die drei ersten Evangelien erzihlen, und dass 
deshalb in bezug auf die historischen Tatsachen mehr 
den drei ersten Evangelien geglaubt werden miisse, und 
das Johannes-Evangelium weniger geschichtliche Glaub- 
wiirdigkeit habe. So ist man allmahlich dazu gekom- 
men, zu sagen: Dieses Johannes-Evangelium ist tiber- 
haupt nicht in derselben Absicht entstanden, wie die 
drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzihlen, was 
sich zugetragen hat; der Verfasser des Johannes-Evange- 
liums aber habe diese Absicht gar nicht gehabt, sondern 
eine ganz andere. Und man hat aus verschiedenen Griin- 
den der Annahme sich hingegeben, dass das Johannes- 
Evangelium wtberhaupt verhiltnismassig spat niederge- 
schrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch 
zu sprechen kommen. Ein grosser Teil der Forscher 
glaubt, dass das Johannes-Evangelium erst im dritten 
oder vierten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahr- 
hunderts niedergeschrieben worden sei, — vielleicht auch 
schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts; 
und daher sagten sie sich: also ist das Johannes-Evange- 
lium niedergeschrieben in einer Zeit, wo das Christentum 
in einer bestimmten Form sich schon ausgebreitet hatte, 
wo es vielleicht auch schon Gegner hatte. Diese oder 
jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum, 
— und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten 
sich: in dem Schreiber des Johannes-Evangeliums haben 
wir einen Menschen vor uns, der insbesondere bestrebt 
war, eine Lehrschrift zu geben, eine Art Apotheose, 
etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegentiber 
den Strémungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht 


7 


aber hatte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Ab- 
sicht gehabt, die historischen Tatsachen treu zu schildern, 
sondern zu sagen, wie er sich zu seinem Christus stelle. 
So sehen viele nichts anderes in dem Johannes-Evange- 
lium, als eine Art religids durchstrémten Gedichtes, das 
der Schreiber aus einer religiés-lyrischen Stimmung 
heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben 
habe, um auch andere zu begeistern und in dieselbe 
Stimmung zu bringen. Vielleicht wird man nicht tber- 
all mit so extremen Worten diese Meinung eingestehen. 
Wenn Sie aber die Literatur studieren, werden Sie fin- 
den, dass dies eine weit verbreitete Meinung ist, die 
vielen unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja, 
es kommt eine solche Meinung der Gesinnung unserer 
Zeitgenossen geradezu entgegen. 

Seit einigen Jahrhunderten hat sich innerhalb der 
Menschheit, die immer mehr zum Materialismus in ihrer 
Gesinnung gekommen ist, eine gewisse Abneigung heraus- 
gebildet gegen eine solche Auffassung des geschichtlichen 
Werdens iiberhaupt, wie sie uns gleich in den ersten 
Worten des Johannes-Evangeliums entgegentritt. Denken 
Sie doch nur daran, dass die ersten Worte keine andere 
Erklarung zulassen, als dass in dem Jesus von Nazareth, 
der gelebt hat im Anfange unserer Zeitrechnung, ver- 
kérpert war eime Wesenheit héchster geistiger Art. Der 
Schreiber des Johannes-Evangeliums konnte nach seiner 
ganzen Art nicht anders, indem er von Jesus spricht, 
als beginnen mit dem, was er das ,,Wort oder den 
Logos’ nennt; und er konnte nicht anders als sagen: 
»Dieses Wort war im Urbeginne, und alles ist durch 
das Wort entstanden“ — oder durch den ,,Logos“. Neh- 
men wir dieses Wort einmal in seiner vollen Bedeutung, 
dann miissen wir sagen: der Schreiber des Johannes- 


8 


Evangeliums sieht sich gedrangt, den Urbeginn der Welt, 
das Héchste, wozu sich der Menschengeist erheben kann, 
als Logos zu bezeichnen und zu sagen: ,,Alle Dinge sind 
durch diesen Logos, den Urgrund der Dinge, gemacht!" 
Und dann setzt er fort und sagt: ,,Dieser Logos ist 
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.“ Das 
heisst nichts anderes als: Ihr habt ihn gesehen, der 
unter uns gewohnt hat, — ihr werdet ihn nur verstehen, 
wenn ihr ihn nehmt so, dass in ihm dasselbe Prinzip 
wohnte, durch das alles, was um euch herum ist an 
Pflanzen, Tieren und Menschen, gemacht ist. — Will 
man nicht in verkiinstelter Weise interpretieren, so muss 
man sagen, dass im Sinne dieser Urkunde ein Prinzip 
allerhéchster Art sich einmal im Fleische verkérpert hat. 
Vergleichen wir die Anforderung, die mit solcher Vor- 
stellung an des Menschen Herz gestellt wird, mit dem, 
was heute mancher Theologe sagt. Sie kénnen es gegen- 
wartig in theologischen Werken lesen und in Vortragen 
in mannigfacher Weise héren: Wir appelieren nicht 
mehr an irgendein iibersinnliches Prinzip; uns ist der- 
jenige Jesus am liebsten, den uns die drei ersten Evan- 
gelien schildern, denn das ist der ,,schlichte Mann aus 
Nazareth“, der anderen Menschen dhnlich ist. 

Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden fir viele 
Theologen; die Menschen haben das Bestreben, alles, was 
geschichtlich geworden ist, méglichst auf gleiche Stufe 
zu stellen mit allgemein menschlichen Ereignissen. Es 
stért die Menschen, dass ein so Hoher herausragen soll, 
wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher 
sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des 
,schlichten Mannes von Nazareth’, der ihnen deshalb 
so gefallt, weil sie sagen konnen: ,,Wir haben ja auch 
einen Sokrates und andere grosse Manner’. Er unter- 


9 


scheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben doch 
einen gewissen Masstab an einer gewodhnlichen banalen 
Menschlichkeit, wenn sie yom ,,schlichten Manne aus 
Nazareth“ sprechen kénnen. Dies Sprechen vom ,,schlich- 
ten Manne aus Nazareth“, das Sie heute schon in zahl- 
reichen theologischen Werken, auch in theologisch-aka- 
demischen Schriften vorfinden, in dem, was man die 
,aufgeklarte Theologie“ nennt, das hangt zusammen mit 
dem seit Jahrhunderten herangebildeten materialistischen 
Sinne der Menschheit; denn diese glaubt, dass es nur 
Physisch -Sinnliches geben kénne, oder dass nur dieses 
eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung, in welcher der Blick der Menschheit 
noch hinaufgegangen ist zu dem Uebersinnlichen, konnte 
der Mensch sagen: ,,Aussen, in der dusseren Erscheinung 
mag diese oder jene historische Persénlichkeit sich ge- 
wiss vergleichen lassen mit dem schlichten Manne aus 
Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsicht- 
bares in dieser Persénlichkeit war, da ist dieser Jesus 
von Nazareth ein Einziger!“ Als man aber den Hinblick 
und den Einblick in das Uebersinnliche und Unsichtbare 
verloren hatte, verlor man auch den Masstab fiir alles, 
was tiber den Durchschnitt der Menschheit hinausragte, 
und das zeigte sich ganz besonders in der religidsen Auf- 
fassung des Lebens. Dariiber geben Sie sich nur gar 
keiner Tauschung hin! Der Materialismus ist zuerst ein- 
gedrungen in das religiése Leben. Viel, viel weniger ge- 
fahrlich ftir die geistige Entwickelung der Menschheit 
ist der Materialismus in bezug auf die dusseren natur- 
wissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auf- 
fassung der religidsen Geheimnisse. 

Wir werden zu sprechen haben — als ein Beispiel 
— tber die wirkliche spirituelle Auffassung des Abend- 


IO 


mahls, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch 
und Blut, und wir werden héren, dass durch diese spiri- 
tuelle Auffassung das Abendmahl wahrhaftig nicht an 
Wert und Bedeutung verliert; aber es wird eben eine 
spirituelle Auffassung sein, die wir kennen lernen wer- 
den. Und die war auch die alte christliche Auffassung, 
als noch mehr spiritueller Sinn war unter der Mensch- 
heit; sie galt noch in der ersten Halfte des Mittelalters. 
Da wussten Viele die Worte: ,,Dies ist mein Leib! Dies 
ist mein Blut!“ ... so aufzufassen, wie wir das kennen 
lernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging im 
Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir 
werden die Griinde dafiir kennen lernen. Da gab es 
im Mittelalter eine sehr merkwiirdige Strémung, die 
tiefer, als Sie es glauben mégen, eingedrungen ist in die 
Gemiiter der Menschheit, denn wie die Seelen sich nach 
und nach entwickelt und was sie erlebt haben, kénnen 
Sie von der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren. 
Um die Mitte des Mittelalters ist eine tiefgehende Stré- 
mung vorhanden in den christlichen Gemiitern Europas; 
denn es war von autoritativer Seite aus der ehemalige 
spirituelle Sinn der Abendmahlslehre ins Materialistische 
umgedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Wor- 
ten: ,,Dies ist mein Leib! Dies ist mein Blut!“ nur 
vorstellen, dass ein materieller Vorgang, eine materielle 
Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut 
geschehe. Was friiher geistig vorgestellt wurde, fing man 
an im grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier 
schleicht sich der Materialismus, lange bevor er die 
Naturwissenschaft ergreift, ein in das religiése Leben. 
Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam. 
Glauben Sie nicht, dass in irgendeiner der massgebenden 
Erklarungen der ,echopfungsgeschichte” des Mittelalters 


IT 


die sechs Schépfungstage so genommen worden sind als 
Tage, wie sie heute sind, als Tage von 24 Stunden. 
Keinem der massgebenden theologischen Lehrer ware 
das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden, was 
in den Urkunden steht. Sie haben noch gewusst, einen 
Sinn zu verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es 
denn einen Sinn iiberhaupt gegentiber der Schépfungs- 
urkunde, von 24stiindigen Schépfungstagen zu_spre- 
chen in unserer heutigen Art? Was heisst denn ein Tag? 
Ein Tag heisst das, was durch das Umdrehungsverhalt- 
nis der Erde gegeniiber der Sonne bewirkt wird. Von 
Tagen im heutigen Sinne kénnen Sie nur reden, wenn 
die Verhaltnisse zwischen Sonne und Erde und ihre 
Bewegung so vorgestellt werden, wie sie heute sind. Dass 
aber Sonne und Erde in solchen Verhaltnissen zueinander 
gestanden haben, wird in der Genesis erst vom vierten 
Zeitraum, vom vierten ,,Tage der Schépfung erzahlt. 
Tage’ kénnen daher tiberhaupt erst am vierten Tage 
der Schépfungsgeschichte anfangen. Vorher ware es 
sinnlos, sich Tage vorzustellen, wie sie heute sind. Da 
erst iberhaupt am vierten ,,Tag’ die Einrichtung kommt, 
wodurch Tag und Nacht médglich werden, konnte vorher 
nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wie- 
der kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr 
wussten, dass damit die geistige Bedeutung von Tag und 
Nacht gemeint sei, wo man sich nur denken konnte, 
_ dass solche Zeit, die man sich in physischen Tagen 
vorzustellen hat, méglich ist. So wurde fiir einen mate- 
rialistisch denkenden Menschen, selbst fiir einen Theolo- 
gen, ein Tag, wie er heute ist, auch der Schépfungs- 
lag’, weil er nur jenen kennt. Ein 4lterer Theologe 
redete anders iiber solche Dinge. Ein solcher sagte sich 
vor allem, dass in den alten religidsen Urkunden nichts 


12 


Unndtiges an wichtigen Stellen steht. Als ein Beispiel 
daftir wollen wir eine Stelle betrachten. Man nehme ein- 
mal im 2. Kapitel des ersten Buches Mose den 21. Vers; 
da heisst es: ,,Da liess Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf 
fallen auf den Menschen, und er entschlief‘‘. Auf diese 
Stelle legten die alten Erklaérer einen ganz besonderen 
Wert. Diejenigen, die sich schon ein wenig befasst haben 
mit der Entwickelung der geistigen Krafte und Fahig- 
keiten des Menschen, werden wissen, dass es verschiedene 
Arten von Bewusstseinszustiénden gibt, dass dasjenige, was 
wir heute bei dem Durchschnittsmenschen ,,Schlaf‘ nen- 
nen, nur ein voriibergehender Bewusstseinszustand ist, 
der sich kiinftig — wie heute schon bei den Einge- 
weihten — umwandeln wird in einen Bewusstseinszu- 
stand, wo der Mensch leibbefreit hineinsieht in die gei- 
stige Welt. Deshalb sagte der Erklarer: ,,Gott liess 
Adam in einen tiefen Schlaf fallen, und da konnte er 
wahrnehmen, was er mit den physischen Sinneswerk- 
zeugen nicht wahrnehmen konnte.‘’ Das ist gemeint als 
ein hellseherischer Schlaf, — und was erzahlt wird, 
ist das, was man erfahrt in einem héheren Bewusstseins- 
zustand; daher fallt Adam ,,in einen Schlaf‘. Dies war 
eine alte Erklarung; und man sagte: es wiirde auch nicht 
erwahnt werden in einer religidsen Urkunde, ,,Gott liess 
einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen‘, wenn er 
auch schon friher in einen Schlaf verfallen wire. Darauf 
werden wir hingewiesen, dass es der erste Schlaf ist, 
und dass er friiher in Bewusstseinszustanden war, wo 
er noch geistige Dinge stindig wahrnehmen konnte. Das 
ist es, was den Leuten erzahlt wurde. 

Heute handelt es sich nun darum, zu zeigen, dass 
es einmal ganz spirituelle Erklarungen der biblischen Ur- 
kunden gegeben hat, und dass der materialistische Sinn, 


13 


als er heraufkam, das hineingelegt hat, was heute in der 
Bibel von den aufgeklarten Leuten bekimpft wird. Das 
hat erst der materialistische Sinn gemacht, was er nun 
selbst bekampft. So sehen Sie, wie in der Tat der materia- 
listische Sinn in der Menschheit heraufgezogen ist, und 
wie dadurch das wahre, echte, wirkliche Verstandnis fiir 
die religidsen Urkunden verloren gegangen ist. Wenn die 
Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfiillen und dem Men- 
schen zeigen wird, welche Geheimnisse hinter dem physi- 
schen Dasein liegen, dann wird man schon erkennen, wie 
diese Geheimnisse in den religidsen Urkunden geschildert 
werden. Der aussere triviale Materialismus, den heute die 
Menschen fiir so gefihrlich halten, ist nur die letzte 
Phase des Materialismus, den ich Ihnen geschildert habe. 
Erst wurde die Bibel materialistisch interpretiert. Hatte 
nie ein Mensch die Bibel materialistisch erklart, so hatte 
auch nie in der ausseren Wissenschaft ein Haeckel die 
Natur materialistisch erklart; und was im 14. und 15. 
Jahrhundert als Grund gelegt worden ist in religidser Be- 
ziehung, das ging als Frucht im 19. Jahrhundert auf in 
der Naturwissenschaft; und das hat dazu gefihrt, dass 
es unméglich ist, dem Johannes-Evangelium gegeniiber 
zu einem Verstandnis zu kommen, wenn man nicht in 
die geistigen Urgriinde eindringt, und man kann den 
Wert des Johannes-Evangeliums nur dann unterschatzen, 
wenn man es nicht versteht. Und weil diejenigen, die 
es nicht mehr verstanden haben, angekrankelt waren von 
einer materialistischen Gesinnung, erschien es ihnen eben 
in dem vorhin geschilderten Lichte. Ein ganz einfacher 
Vergleich wird erklaren, in welcher Art das Johannes- 
Evangelium von den drei andern abweicht. 

Denken Sie sich einen Berg; auf dem Berge und am 
Bergabhange stehen auf gewissen Héhen verschiedene 


1h 


Menschen, und diese verschiedenen Menschen — sagen 
wir drei — zeichnen nun ab, was sie unten schen; 
jeder wird es nach der Stelle, wo er steht, verschieden 
zeichnen; aber gewiss ist jedes von diesen drei Bildern 
doch wahr fiir den Standpunkt, um den es sich handelt; 
und derjenige, der nun oben auf dem Gipfel steht und 
das zeichnet, was unten ist, wird wieder einen andern 
Anblick gewinnen und schildern. So ist der Anblick der 
drei Evangelisten, der Synoptiker Matthéus, Markus, 
Lukas, gegeniiber dem des Johannes, der nur von einer 
andern Stelle aus die Sache beschreibt. Und was haben 
gelehrte Erklarer nicht alles herbeigetragen, um dieses 
Johannes-Evangelium begreiflich zu machen! Manchmal 
muss man sich wirklich wundern, was alles von den exak- 
ten Forschern gesagt wird, was so leicht zu durchschauen 
ware, wenn nicht unsere Zeit eine Zeit des denkbar grés- 
sten Autoritatsglaubens ware. Der Glaube an die unfehl- 
bare Wissenschaft ist heute auf dem héchsten Punkt an- 
gekommen! ; 

So ist denn gleich der Eingang des Johannes-Evange- 
liums etwas sehr Schwieriges fiir den materialistisch an- 
gehauchten Theologen geworden. Die Lehre von dem 
Logos oder Wort hat den Leuten grosse Schwierigkeiten 
gemacht. Sie sagen sich: ,,Wir méchten doch so gern, 
dass alles einfach, schlicht und naiv ist, — und da 
kommt dann das Johannes-Evangelium und spricht von 
so hohen philosophischen Dingen, von dem Logos, dem 
Leben, dem Lichte!“ Der Philologe ist gewéhnt, immer 
zu fragen, woher das stammt; mit neueren Werken 
macht man es nicht anders. Lesen Sie die Werke tiber 
den Goetheschen ,,Faust‘’. Ueberall finden Sie nach- 
gewiesen, woher dieses oder jenes Motiv stammt; da 
werden durch Jahrhunderte z. B. alle Biicher aufgesto- 


15 


bert, um zu sehen, woher Goethe das Wort vom 
» Wurm “ hat, das er gebraucht; und so fragt man auch, 
woher hat Johannes den Begriff des ,,Logos’? ,,Die 
anderen Evangelisten, die zu dem einfachen, schlichten 
Menschenverstand gesprochen haben, driicken sich nicht 
so persénlich aus’. Nun sagte man weiter, der Schrei- 
ber des Johannes-Evangeliums wire eben ein Mensch 
mit griechischer Bildung gewesen, und dann wies man 
darauf hin, dass die Griechen in Philo von Alexan- 
drien einen Schriftsteller haben, der auch von dem 
Logos spricht. Also dachte man sich, dass in gebildeten 
griechischen Kreisen, wenn man von etwas Hohem spre- 
chen wollte, man von dem Logos sprach, und daher hat 
der Johannes das aufgenommen. Und so nahm man das 
wieder fiir einen Beweis, dass der Schreiber des Johan- 
nes-Evangeliums nicht auf derselben Ueberlieferung ge- 
fusst hat, auf der die Schreiber der andern Evangelien 
fussten, sondern — so sagte man — er hat sich beein- 
flussen lassen von der griechischen Bildung und dement- 
sprechend die Tatsachen umgepragt. Und gerade die 
Anfangsworte des Johannes-Evangeliums ,,{m Urbeginne 
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein 
Gott war das Wort“ beweisen, dass der philonische 
» Logos ‘-Begriff in den Geist des Schreibers des Jo- 
hannes - Evangeliums eingedrungen ist und die Darstel- 
lung beeinflusst hat! 

Solchen Leuten méchte man nur einmal den Anfang 
des Evangeliums des Lukas dagegen halten: ,,Sintemalen 
sich viele unterwunden haben, Rede zu fiihren von den 
Ereignissen, so unter uns geschehen sind, wie uns das 
iiberliefert haben diejenigen, die von Anfang selbst 
Augenzeugen und Diener des ,Wortes’ gewesen sind, 
deshalb habe ich es fiir gut befunden, nachdem ich das 


16 


alles, wie es von Anfang war, mit Fleiss erforscht, dir 
zu erzihlen, mein guter Theophilus.“ 

Hier steht am Anfange gerade, dass das, was er er- 
zahlen will, Ueberlieferung ist derjenigen, die Augen- 
zeugen und ,,Diener des ,Wortes‘ gewesen sind‘! Es 
ist sonderbar, dass Johannes das aus der griechischen 
Bildung haben soll, und dass Lukas, der doch nach 
dieser Ansicht zu den schlichten Mannern gehorte, eben- 
falls von dem ,,Logos spricht! Solche Dinge sollten 
selbst die autoritatsgliubigen Menschen darauf aufmerk- 
sam machen, dass es wirklich nicht eigentlich exakte 
Griinde sind, die zu solchen Resultaten fiihren, sondern 
Vorurteile; die materialistische Brille ist es, die diese 
Anschauung iiber das Johannes-Evangelium heraufge- 
bracht hat, dass es in der eben charakterisierten Weise 
neben die anderen Evangelien hinzustellen sei, was wir 
leicht daraus entnehmen kénnen, dass auch im Lukas- 
Evangelium die Rede davon ist. Was von denen gesagt 
wird, die da Augenzeugen und Diener des Logos gewe- 
sen sind, das bedeutet, dass von dem Logos in den alten 
Zeiten gesprochen wurde als von etwas, was die Leute 
kannten und mit dem sie vertraut waren. Und das ist 
es, was wir uns jetzt besonders vor die Seele fiihren 
miissen, damit wir tiefer eindringen kénnen in die 
ersten paradigmatischen Sitze des Johannes-Evangeliums. 
Wovon spricht derjenige, der damals das Wort ,,Logos” 
oder das Wort ,,Wort“ gebrauchte in unserm Sinne ? 
Wovon spricht er ? 

Nicht durch theoretisches Erklaren und abstraktes 
begriffliches Auseinandersetzen kommen Sie zu’ dieser 
Vorstellung des Logos, sondern Sie miissen sich durch 
das Gemiit in das ganze Empfindungsleben aller derje- 
nigen hineinversetzen, die so von dem Logos gesprochen 


2 17 


haben. Auch diese Leute haben die Dinge um sich 
herum gesehen; aber es geniigt nicht, dass der Mensch 
bloss das ansieht, was um ihn herum ist, sondern es 
kommt darauf an, wie sich daran die Empfindungen 
seines Herzens. und seines Gemiites kniipfen, wie er dies. 
oder jenes fiir héher oder niedriger halt, je nachdem, 
was er in ihnen sieht. Sie alle richten Ihre Blicke auf 
die Sie umgebenden Naturreiche, auf Mineralien, Pflan- 
zen, Tiere und Menschen. Sie nennen den Menschen das 
vollkommenste, das Mineral das unvollkommenste Ge- 
schépf. Innerhalb der betreffenden Naturreiche unter- 
scheidet man wieder héher und niedriger stehende We- 
sen. Zu den verschiedenen Zeiten empfanden die Men- 
schen das ganz verschieden. Diejenigen, die im Sinne des 
Johannes - Evangeliums sprachen, empfanden vor allem 
Eines als etwas ganz Bedeutsames: Man sah herunter auf 
das niedere Tierreich und liess den Blick schweifen hin- 
auf bis zu dem Menschen — und verfolgte etwas ganz 
Bestimmtes in dieser Entwickelungsrichtung. Da sagte ein 
solcher Bekenner der Logoslehre: Eines ist es, was uns. 
am tiefsten den Vorzug der héheren Wesen vor den 
niederen darstellt: die Fahigkeit, das, was im Innern 
lebt, nach aussen durch das Wort ténen zu lassen, den 
Gedanken der Umwelt im Wort mitzuteilen. Es wiirde 
ein solcher Bekenner der Logoslehre gesagt haben: Sieh 
dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es driickt nicht 
aus seinen Schmerz oder seine Lust. — Nehmen Sie die 
niederen Tiere: sie zirpen oder geben andere Téne von 
sich usw.; aber es ist das das dussere Schaben und 
Reiben der physischen Organe, die da ténen, wie ein 
Hummer es auch kann. Je héher wir hinaufkommen, 
desto mehr entwickelt sich die Fahigkeit, dass sich das 
Innere im Ton manifestiert und das, was die Seele er- 


18 


lebt, im Ton mitteilt. Und deshalb, sagte man, steht der 
Mensch tiber den anderen Wesen so hoch, weil er nicht 
nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine 
Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was 
tiber das Persénliche hinausgeht, was geistig, unpersén- 
lich ist, in Worte zu fassen, in Gedanken auszudriicken 
vermag. Und man sagte nun unter diesen Bekennern 
der Logoslehre: Es gab eine Zeit, bevor der Mensch 
in seiner heutigen Gestalt da war, in der es ihm méglich 
ist, sein innerstes Erlebnis in Worten nach aussen er- 
ténen zu lassen. Es gab vorher eine andere Zeit. Es hat 
lange Zeit gebraucht, dass sich unsere Erde bis zu der 
heutigen Gestalt hindurchentwickelte. (Wir werden horen, 
wie diese Erde geworden ist.) Wenn wir aber die 
friiheren Zustiénde priifen, finden wir den Menschen 
in seiner heutigen Gestalt noch nicht, und auch keine 
Wesen, die von innen heraus erténen lassen koénnen, was 
sie erleben. Mit stummen Wesen beginnt unsere Welt, 
und nach und nach erst zeigen sich Wesen und er- 
scheinen auf unserem Wohnplatz, die die innersten Er- 
lebnisse nach aussen ténen lassen kénnen, die des Wortes 
michtig sind. Aber das, was vom Menschen heraus am 
spatesten erscheint — sagten sich die Bekenner der 
Logoslehre —, das war in der Welt selbst am frihesten 
da. Wir denken uns, der Mensch war in seiner heutigen 
Gestalt in friiheren Erdzustanden noch nicht da; aber in 
unvollkommener, stummer Gestalt war er da und hat 
nach und nach sich bis zum Logos- oder wortbegabten 
Wesen heraufentwickelt. Dass er das konnte, rihrt 
davon her, dass das, was bei ihm zuletzt erscheint, das 
schépferische Prinzip, in einer héhern Wirklichkeit 
von Anfang an da war. Was sich losringt aus der 
Seele, das war das géttliche schépferische Prinzip im 


19 


Anfang; das Wort, das aus der Seele tént, der Logos 
war im Anfang da, und der Logos hat die Entwickelung 
so gelenkt, dass zuletzt ein Wesen entstand, in dem er 
auch erscheinen konnte. Was zuletzt in der Zeit und 
im Raume erscheint, war im Geiste zuerst da. Wenn 
Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das klar- 
zumachen, so kénnen Sie ungefahr sagen: 

Hier habe ich diese Blume vor mir. Diese Blumen- 
krone, diese Blumenglocke, was war sie vor einiger Zeit? 
Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der Még- 
lichkeit nach diese weisse Blumenglocke. Ware sie nicht 
der Méglichkeit nach darinnen gewesen, diese Blumen- 
glocke hatte nicht entstehen kénnen. Und woher kommt 
das Samenkorn? Es kommt wieder von einer solchen 
Blumenglocke her. Dem Samenkorn geht die Bliite 
voran; und so, wie die Bliite der Frucht vorangeht, so 
hat sich das Samenkorn, aus dem diese Bliite entstanden 
ist, herausentwickelt aus einer gleichen Pflanze. So be- 
trachtete der Bekenner der Logoslehre den Menschen und 
sagte sich: Gehen wir zuriick in der Entwickelung, so 
finden wir in friiheren Zustiénden den noch stummen 
Menschen, der nicht des Wortes fahig war; aber wie 
der Same von der Bliite herkommt, so kommt der 
stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbe- 
gabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Maigléckchen 
den Samen und der Same wieder das Maigléckchen er- 
zeugt, so erzeugt das géttliche Schépferwort den stum- 
men Menschensamen, — und als das géttliche Schépfer- 
wort hineinschliipft in den stummen Menschensamen, 
um darin wieder aufzugehen, tént aus dem Menschen- 
samen das urspriingliche géttliche Schépferwort hervor. 
Gehen wir zuriick in der Menschheitsentwickelung, so 
treffen wir ein unvollkommenes Wesen, und die Ent- 


20 


wickelung hat den Sinn, dass zuletzt als Bliite der Logos 
oder das Wort, das das Innere der Seele enthiillt, er- 
scheint. Es erscheint im Anfange der stumme Mensch 
als Samen des logosbegabten Menschen, und dieser geht 
hervor aus dem logosbegabten Gotte. Es entspringt der 
Mensch aus dem nicht wortbegabten, stummen Menschen, 
aber zuletzt ist im Urbeginn der Logos oder das Wort. 
— So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten 
Sinne erkennt, vor zu dem _ géttlichen Schdpferwort, 
das der Urbeginn des Daseins ist, worauf der Schreiber 
des Johannes-Evangeliums im Anfange hinweist. Héren 
wir, was er im Anfange sagt: ,,Im Urbeginne war das 
Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war 
das Wort." 


Heute — will er sagen —, wo ist heute das Wort ? 
Heute ist auch das Wort da: und das Wort ist beim 
Menschen! und ein Menschliches ist das Wort! Und so 
knipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums den 
Menschen an den Gott an, — und wir sehen in der 
Tat eine fiir jedes Menschenherz leicht begreifliche 
Lehre erténen im Beginne dieses Johannes-Evangeliums. 


Ich wollte Ihnen heute in diesem einleitenden Vor- 
trag mit allgemeineren Worten einmal mehr vom Em- 
pfindungs- und Gefiihlsstandpunkt aus schildern, wie 
urspriinglich ein Bekenner der Logoslehre solche Worte 
des Johannes-Evangeliums empfunden hat. Und nachdem 
wir uns so in die Stimmung hineinversetzt haben, wie 
sie war, als zuerst diese Worte gehért wurden, werden 
wir um so besser die Méglichkeit haben, in den tiefen 
Sinn, der diesem Johannes-Evangelium zugrunde liegt, 
einzudringen. 


21 


Wir werden weiter sehen, wie das, was wir Geistes- 
wissenschaft nennen, wahrhafte Wiedergabe ist des Jo- 
hannes-Evangeliums, und wie sie uns in die Lage ver- 
setzt, dieses Johannes-Evangelium griindlich zu verstehen. 


22 


Il. 


Christliche Esoterik. 


Die ersten Worte des Johannes-Evangeliums riihren in 
der Tat gleich an die tiefsten Weltgeheimnisse. Man sieht 
das, wenn man die ihnen zugrunde liegenden geisteswis- 
senschaftlichen Wahrheiten vor die Seele hintreten lasst; 
und wir werden tief hineingreifen miissen in die spi- 
rituelle Erkenntnis, wenn uns diese ersten Worte des 
Evangeliums im richtigen Lichte erscheinen sollen. Man- 
ches, was denjenigen von Ihnen recht wohl bekannt ist, 
die sich langere Zeit mit der anthroposophischen Welt- 
anschauung befasst haben, werden wir uns nur kurz dabei 
ins Gedachtnis zuriickrufen miissen. Wir werden aber 
gewisse elementare *Wahrheiten der anthroposophischen 
Weltanschauung heute durchdringen miissen mit weiteren 
Ausblicken in verschiedene bedeutsame kosmische Geheim- 
nisse. Nur ganz kurz brauchen wir uns einmal das 
Wesen des Menschen vor Augen zu fiihren, wie dieses 
Wesen sich uns darstellt in der geisteswissenschaftlichen 
Betrachtung, zunachst fiir die Zeit vom Morgen, wenn 
der Mensch aufwacht, bis zum Abend, wenn der Mensch 
wiederum in Schlaf versinkt. Wir wissen, dass der Mensch 
besteht aus dem physischen Leib, dem Aether- oder 
Lebensleib, dem Astralleib und dem Ich. Diese vier 
Glieder der menschlichen Wesenheit sind aber in der- 


23 


jenigen Verbindung, die wir ihnen normalerweise fir 
den Wachzustand zuschreiben, wirklich nur so da wah- 
rend dieses Wachzustandes. Insbesondere ist notwendig, 
dass wir uns vor die Seele riicken, dass wahrend des 
Schlafzustandes in der Nacht der Mensch im Grunde 
genommen eine ganz andere Wesenheit ist; denn seine 
vier Glieder sind dann in einer ganz anderen Art zusam- 
mengefiigt als wiahrend des Tagwachens. Wenn der 
Mensch schlaft, liegen der physische Leib und der 
Aetherleib im Bette; der Astralleib und das Ich sind 
in einer gewissen Weise losgelést aus dem Zusammenhang 
mit dem physischen Leibe und dem Aetherleibe, sind 
also — wenn wir das Wort nicht im rein raumlichen, 
sondern im geistigen Sinne verstehen — ausserhalb des 
physischen Leibes und des Aetherleibes. So ist also der 
Mensch wihrend der Nacht eine Wesenheit, die eigentlich 
aus zwei Teilen besteht; aus dem, was im Bette liegen 
geblieben ist, und dem, was sich aus dem _ physischen 
Leibe und dem Aetherleibe herausgetrennt hat. Nun miis- 
sen wir uns vor allen Dingen klarmachen, dass wahrend 
der Nacht — von dem Augenblicke, wo der Mensch ein- 
schlaft, bis zu dem Augenblicke, wo er am Morgen wieder 
aufwacht — dasjenige, was im Bette legen bleibt, der 
physische und der Aetherleib, wenn sie verlassen wiirden 
von dem, was sie den Tag hindurch erfillt — von dem, 
was im Astralleib und im Ich lebt, — dass sie dann als 
solche gar nicht bestehen kénnten. Und hier ist es, wo 
wir uns ein wenig tiefer in die Weltgeheimnisse einlassen 
miissen. Wenn wir des Menschen physischen Leib vor 
uns haben, miissen wir uns klarmachen, dass dieser 
physische Menschenleib, den wir mit Augen sehen und 
mit Handen wahrnehmen, einen langen Entwickelungs- | 
prozess hinter sich hat. Er hat diesen Entwickelungs- 


2h 


prozess durchgemacht im Verlaufe der ganzen Ent- 
wickelung unseres Erdplaneten. Schon bekannt ist es 
denjenigen, die sich ein wenig mit dieser Materie befasst 
haben, dass unsere Erde friihere Zustinde durchgemacht 
hat. So wie der Mensch von Verkérperung zu Verkérpe- 
rung hindurchgeht, wiederholte Erdenleben durchmacht, 
so hat auch unsere Erde, bevor sie in denjenigen Zustand 
gekommen ist, in dem sie heute ist, andere Zustinde 
durchgemacht. Es gibt ebenso frithere Verkérperungen 
eines Planeten, wie es friihere Verkérperungen eines 
Menschen gibt. Alles in der grossen Welt und in der 
kleinen Welt unterliegt dem Gesetze der Wiederverkér- 
perung; und unsere Erde war, bevor sie diese unsere 
Erde wurde, durch einen Zustand durchgegangen, den wir 
den ,,alten Mond“ nennen, weil der heutige Mond ein 
abgesplittertes Stiick dieses alten Planeten ist; also nicht 
der heutige Mond ist gemeint, wenn wir von dem ,,alten 
Monde” sprechen, sondern ein ahnlicher Planet, wie die 
heutige Erde einer ist. — Ebenso nun wie beim Men- 
schen ein Zeitraum liegt zwischen einer Verkérperung 
und einer neuen Geburt, so liegt ein Zeitraum zwischen 
der Verkérperung unseres Planeten, den wir als Erde 
bezeichnen, und desjenigen, den wir als den alten Mond 
bezeichnen. Und ebenso ist es mit dem Zustande unseres 
Planeten, den wir als ,,Sonne‘ bezeichnen. Ein Zustand, 
den man als Sonne bezeichnet, ging dem Mondenzustande 
unseres Planeten voran, — und dem Sonnenzustande ging 
wieder ein Saturnzustand voran. So kénnen wir zuriick- 
blicken auf drei friihere Verkérperungen unseres Planeten. 

Unser physischer Menschenleib hat seine allererste 
Anlage erhalten auf dem alten Saturn. Damals auf 
diesem alten Saturn bildete sich eine — von dem heuti- 
gen menschlichen Leibe freilich ganz verschiedene — 


25 


erste Anlage des physischen Menschenleibes. Alles, was 
heute vom Menschen vorhanden ist ausser dem physischen 
Menschenleibe, war auf diesem alten Saturn noch nicht 
vorhanden. Erst als der Saturn sich in die Sonne ver- 
wandelte, also wahrend der zweiten Verkérperung unseres 
Erdplaneten, kam zu diesem physischen Leib der Aether- 
leib hinzu, durchtrankte, impragnierte ihn. Und was war 
die Folge? Die Folge war, dass der physische Men- 
schenleib eine Verwandlung durchmachte; er wurde 
anders gestaltet; er erlangte eine andere Art und Weise 
seines Daseins. So steht wahrend der Sonnenverkérperung 
unserer Erde der physische Leib auf der zweiten Stufe 
seines Daseins. Wodurch hat er diese zweite Stufe er- 
langt? Dadurch, dass er — wiahrend er auf dem Sa- 
turn noch maschinenhaft, automatisch war — er auf 
der Sonne ein innerlich lebendiger Leib wurde. Der 
Aetherleib, der hineingeschliipft war, gestaltete den phy- 
sischen Leib um. Auf dem Monde schliipfte in diesen 
Zusammenhang von physischem Leib und Aetherleib 
der Astralleib hinein. Da wurde wiederum der physische 
Leib umgestaltet, ein drittes Mal gestaltet, — der Aether- 
leib erst ein zweites Mal. Auf der Erde endlich kam 
zum physischen Leib, Aetherleib und astralischen Leib 
das Ich hinzu, und das Ich, das jetzt hineinschlipfte in 
diesen dreifachen Zusammenhang, gestaltete diesen phy- 
sischen Leib wiederum um, so dass er endlich dieser 
komplizierte Zusammenhang wurde, der er heute ist. 
Es ist also, was Sie heute als den menschlichen physi- 
schen Leib vor sich haben, ein vielfach umgestaltetes 
Wesen, und er ist so kompliziert, wie er heute erscheint, 
nur dadurch geworden, dass er vier Entwicklungszustinde 
durchgemacht hat. Wenn wir von unserem heutigen 
physischen Leibe sprechen und sagen, er bestehe aus 


26 


denselben physischen und chemischen Stoffen und Kraf- 
ten wie draussen im Kosmos die Mineralien, dann miis- 
sen wir uns aber auch klarmachen, dass zwischen die- 
sem physischen Menschenleibe und dem Mineral doch 
noch ein gewaltiger Unterschied ist. Wir betonen, wenn 
wir in ganz elementarer Art sprechen, den Unterschied 
des physischen Menschenleibes von dem physischen Leibe 
eines Minerals — oder sagen wir eines Bergkristalls — 
dadurch, dass wir sagen: Der Bergkristall behalt, wenn 
er nicht von aussen zerstért wird, seine Form. Der phy- 
sische Leib des Menschen kann durch sich selbst nicht 
seine Form behalten; er hat sie nur dadurch und nur so 
lange, als ein atherischer Leib, ein astralischer Leib und 
ein Ich in ihm sind. In dem Augenblicke, wo sich 
Aetherleib, astralischer Leib und Ich von ihm trennen, 
beginnt der physische Leib etwas ganz anderes zu wer- 
den, als er zwischen Geburt und Tod ist: er folgt den 
Gesetzen der physischen und chemischen Stoffe und 
Krafte und zerfallt, wahrend der physische Leib des 
Minerals erhalten bleibt. Etwas Aehnliches ist mit dem 
Aetherleibe der Fall. Nachdem sich unmittelbar nach 
dem Tode Aetherleib, astralischer Leib und Ich von dem 
physischen Leibe getrennt haben, geht nach einiger Zeit 
auch der Aetherleib aus der Verbindung mit dem astra- 
lischen Leibe und dem Ich heraus und lést sich auf 
im Weltenather, wie sich der physische Leib im Erd- 
reich auflést. Es bleibt dann von dem Aetherleibe nur 
jener Extrakt zuriick, von dem wir 6fter gesprochen 
haben; der bleibt mit dem Menschen vereint. So kénnen 
wir sagen, dass der physische Leib des Menschen in 
einer gewissen Beziehung allerdings von demselben Wert 
ist wie das um uns herumliegende Mineralreich; aber wir 
miissen uns doch den grossen Unterschied vor die Seele 


ao, 


riicken, der zwischen dem Mineralreich und dem physi- 
schen Menschenleibe besteht. Es kénnte jemand sagen: 
Ja, eben ist gesagt worden, auf dem Saturn war unser 
physischer Leib noch nicht durchsetzt von einem Aether- 
leibe, nicht von einem astralischen Leib und nicht von 
einem Ich, denn die kamen erst auf der Sonne, dem 
Monde und der Erde hinzu; da war also wirklich der 
physische Leib des Menschen — kénnte man sagen — 
von dem Werte eines Minerals. Nun aber haben wir 
angefiihrt, wie drei Verwandlungen dieses physischen 
Leibes einander folgten auf diesen alten Zustand, in 
dem er wahrend des Saturndaseins war. — Auch das 
heutige Mineral, das Sie als ein totes Mineral vor sich 
haben, kann unmdglich bestehen so, dass es bloss einen 
physischen Leib in sich hat. Machen Sie sich klar, 
dass zwar fiir diese unsere physische Welt das richtig 
ist, was gesagt wird und gesagt werden muss — dass 
das Mineral nur einen physischen Leib habe. Hier in der 
physischen Welt hat das Mineral bloss einen physischen 
Leib, — aber absolut richtig ist das nicht. Genau ebenso 
wie der physische Leib, wenn er vor uns steht, in sich 
seinen Aetherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich 
hat, die dazu gehéren, so hat auch das Mineral nicht bloss. 
physischen Leib, sondern auch Aetherleib, astralischen 
Leib und Ich; nur befinden sich diese héheren Glieder 
seiner Wesenheit in hdheren Welten. Das Mineral hat 
einen Aetherleib — der ist nur in der sogenannten astra- 
lischen Welt; das Mineral hat einen astralischen Leib — 
der ist nur in der sogenannten devachanischen oder himm- 
lischen Welt, und es hat ein Ich, nur ist das in einer 
noch héheren oder geistigen Welt. Also unterscheidet 
sich der physische Menschenleib von dem physischen 
Leibe eines Minerals dadurch, dass der physische Men- 


28 


schenleib hier in dieser physischen Welt im wachen 
Zustand seinen Aetherleib, seinen astralischen Leib und 
sein Ich in sich hat; das Mineral aber hat hier seinen 
Aetherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich nicht 
in sich. Denn wir wissen ja, dass es ausser unserer 
Welt noch andere Welten gibt. Die Welt, die wir mit 
unseren Sinnen gewohnlich wahrnehmen, sie wird durch- 
drungen von der astralischen Welt und diese wieder 
von der Devachanwelt, die in eine niedere und in eine 
hdhere devachanische Welt zerfallt. — Der Mensch ist 
nun dem Mineral gegeniiber dadurch ein bevorzugtes 
Wesen, dass er beim Tagwachen seine anderen drei Glie- 
der in sich hat. Das Mineral hat in sich selbst diese 
Glieder nicht; sondern wir miissen uns das so vorstellen, 
dass das Mineral gar nicht vollstandig ist auf dem phy- 
sischen Plan. Denken Sie sich einen menschlichen Finger- 
nagel: Sie werden mir zugeben, diesen menschlichen Fin- 
gernagel kénnen Sie nirgends in der Natur draussen als 
fiir sich bestehende Wesenheit finden; denn er setzt 
voraus, wenn er wachsen soll, den tibrigen menschlichen 
Organismus; er kann nicht ohne diesen sein. Denken 
Sie sich nun ein kleines Wesen, das nur Augen habe, 
um Ihre Fingernagel zu sehen, aber keine Fahigkeit, um 
Ihren wibrigen Organismus zu sehen. Da _ wiirde ein 
solches kleines Wesen durch den ganzen itibrigen Raum 
hindurchschauen, aber nur Ihre Fingernagel sehen. So 
sind die Mineralien hier gleichsam nur die Fingernigel, 
und Sie betrachten die Mineralien nur vollstandig, wenn 
Sie in héhere Welten aufsteigen; da haben sie ihren 
Aetherleib, astralischen Leib usw. und hier nur ihre 
physischen Glieder. Das alles wollen wir recht fest ins 
Auge fassen, um uns klarzumachen, dass es in héherer 
geistiger Wirklichkeit eben gar kein Wesen geben kann, 


a9 


das nicht in irgendeiner Art Aetherleib, astralischen Leib 
und Ich hatte. Ein physisches Wesen kann gar nicht 
bestehen, wenn es nicht zu einem Aetherleib, astralischen 
Leib und einem Ich hinzugehért. 

Nun aber herrscht zwischen allem, was heute schon 
gesagt worden ist, eigentlich ein gewisser Widerspruch. 
— Ks ist gesagt worden, der Mensch sei in der Nacht, 
wenn er schlaft, ein ganz anderes Wesen als bei Tag, 
wenn er wacht. Bei Tag ist uns dieses Menschenwesen 
ganz erklarlich: da steht es als eine viergliedrige Wesen- 
heit vor uns. Nun aber treten wir an den schlafenden 
Menschen heran und betrachten ihn seiner physischen 
Wesenheit nach. Da haben wir physischen Leib und 
Aetherleib im Bette liegen — und Astralleib und Ich 
sind draussen. Da ergibt sich der Widerspruch, dass 
wir ein Wesen vor uns hitten, das verlassen ware von 
Astralleib und Ich. Der Stein schlaft nicht; sein Aether- 
leib, Astralleib und Ich durchdringen ihn nicht, aber sie 
bleiben stets in derselben Verbindung mit ihm. Beim 
Menschen geht jede Nacht.der Astralleib und das Ich 
heraus, — er kiimmert sich in der Nacht nicht um 
seinen physischen Leib und Aetherleib und iiberlisst diese 
jede Nacht sich selber. Diese Tatsache wird nicht immer 
ganz genau tiberdacht. Jede Nacht geht mit dem Men- 
schen diese Verwandlung vor sich, dass er als eigentlicher 
geistiger Mensch Abschied nimmt von seinem physischen 
Leibe und Aetherleibe, die er sich selber tiberlasst. Nun 
aber kénnen diese nicht fiir sich bestehen; denn kein 
physischer Leib und auch kein Aetherleib kann fiir sich 
bestehen, selbst der Stein muss durchdrungen sein von 
seinen hdheren Gliedern; und da werden Sie leicht be- 
greifen, dass es ganz unmédglich ist, dass Ihr physischer 
Leib und Ihr Aetherleib wahrend der Nacht im Bette 


30 


bleiben ohne einen Astralleib und ein Ich. Was geschieht 
denn aber wihrend der Nacht? Ihr Astralleib und Ihr 
Ich sind nicht in dem physischen Leibe und dem Aether- 
leibe, aber dafiir ist ein anderes Ich und ein anderer 
astralischer Leib in ihnen! Hier ist es, wo Sie vom 
Okkultismus aus auf das géttlich-geistige Sein hinge- 
wiesen werden, auf hdédhere geistige Wesenheiten. Wah- 
rend in der Nacht Ihr Ich und Thr astralischer Leib 
heraus sind aus Ihrem physischen Leibe und Ihrem 
Aetherleibe, sind im physischen und Aetherleibe der 
Astralleib und das Ich héherer géttlich-geistiger Wesen- 
heiten tatsichlich taitig. Und das kommt von folgendem. 

Wenn Sie den ganzen Hergang der Menschheitsent- 
wickelung betrachten vom Saturnzustand durch den Son- 
nen- und Mondzustand hindurch bis zur Erde, so werden 
Sie sagen: Auf dem Saturn war ja auch bloss der phy- 
sische Menschenleib vorhanden; da war kein menschlicher 
Aetherleib, kein menschlicher Astralleib und kein mensch- 
liches Ich in dem physischen Leibe. Aber bestehen konnte 
dieser physische Leib damals fiir sich allein ebensowenig 
wie heute der Stein allein bestehen kann; der physische 
Leib konnte damals nur dadurch bestehen, dass er durch- 
zogen wurde von dem Aetherleibe, Astralleibe und Ich 
géttlich-geistiger Wesenheiten. Gdttlich-geistige Wesen- 
heiten wohnten darinnen — und die blieben auch woh- 
nen. Und als auf der Sonne ein eigener Aetherleib in 
diesen physischen Leib hineinkam, da vermischte sich 
sozusagen nur der menschliche kleinere Aetherleib mit 
dem friitheren Aetherleib géttlich-geistiger Wesenheiten. 
Und so war es schon auf dem Saturn; auch auf dem 
Saturn war der physische Leib durchdrungen von gott- 
lich-geistigen Wesenheiten. Und jetzt kommen wir, wenn 
wir das richtig verstanden haben, zu einem tieferen Ver- 


31 


stindnis des heutigen Menschen, und wir sind in der 
Lage, jetzt das zu wiederholen und besser zu verstehen, 
was in der christlichen Esoterik vom Anfang an gelehrt 
worden ist. Diese christliche Esoterik wurde ja immer 
gepflegt neben der dusseren christlichen exoterischen 
Lehre. Es ist von mir schon 6fter darauf hingewiesen 
worden, dass der grosse Apostel des Christentums, Pau- 
lus, seine gewaltige, flammende Rednergabe dazu benutzt 
hat, den Vélkern das Christentum zu lehren, dass er aber 
auch gleichzeitig eine esoterische Schule begriindet hat, 
deren Vorsteher Dionysios Areopagita war, der in der 
Apostelgeschichte erwaihnt wird. In dieser christlich-eso- 
terischen Schule zu Athen, die unmittelbar von Paulus 
selbst begriindet war, wurde die reinste Geisteswissen- 
schaft gelehrt; und was da gelehrt wurde, werden wir 
jetzt einmal vor unsere Seele hinfiihren kénnen, nachdem 
wir die Bausteine dazu uns in den vorhergehenden Be- 
trachtungen zusammengetragen haben. 

Auch in dieser christlich-esoterischen Schule wurde 
gesagt: Betrachtest du den Menschen, wie er als wachen- 
der Tagesmensch vor dir steht, so besteht er aus physi- 
schem Leib, Aetherleib, astralischem Leib und dem Ich. 
— Wenn auch die Worte nicht genau dieselben waren, 
wie sie heute gebraucht werden, aber darauf kommt es 
nicht an. Dann wurde aber auch darauf hingewiesen, wo 
der Mensch in seiner Entwickelung gegenwartig steht. 
Dieser Mensch, wie er aus diesen vier Gliedern besteht, 
bleibt gar nicht so, wie er uns erscheint. Wenn wir den 
Menschen rein aus den vier Gliedern aufgebaut betrach- 
ten wollen, miissen wir nicht den gegenwartigen Menschen 
betrachten, sondern da miissen wir weit zuriickgehen in 
der Entwickelung bis in die lemurische Zeit. In der 
lemurischen Zeit gesellte sich zu dem Menschen, der 


32 


damals aus physischem Leib, Aetherleib und astralischem 
Leib bestand, auch noch das Ich hinzu. Da konnte man 
im reinen Sinne sagen: Der Mensch bestand aus physi- 
schem Leib, Aetherleib, astralischem Leib und Ich. Nun 
ist seither jeder Mensch durch viele Verkérperungen hin- 
durchgegangen. Was ist nun der Sinn dieser Entwicke- 
lung durch die Inkarnationen hindurch ? Der Sinn die- 
ser Entwickelung durch die Inkarnationen hindurch ist 
der, dass von Verk6rperung zu Verkérperung das Ich 
arbeitet an sich, dass es umgestaltet die drei Glieder 
seiner Wesenheit. Es. beginnt zunichst mit der Umge- 
staltung seines Astralleibes. Bei keinem heutigen Durch- 
schnittsmenschen ist dieser astralische Leib so, wie er 
war, bevor das Ich in der ersten Erdenverkérperung an 
ihm gearbeitet hat. In der ersten Erdenverkérperung 
~wandelte das Ich von innen heraus gewisse Vorstellungen, 
Empfindungen und Leidenschaften um, die dem Men- 
schen urspriinglich gegeben waren; und von Inkarnation 
zu Inkarnation wird durch die Arbeit des Ich immer mehr 
umgewandelt. So dass wir sagen kénnen: Der Mensch 
hat nicht nur heute die vier Glieder: physischen Leib, 
Aetherleib, astralischen Leib und Ich, sondern er hat 
durch die Arbeit des Ich innerhalb des astralischen 
Leibes einen Teil, der das Geschépf des Ichs selber ist. 
Und bei jedem Menschen zerfallt heute der Astralleib in 
zwei Teile: einen vom Ich umgewandelten Teil — und 
einen yom Ich nicht umgewandelten Teil. Und immer 
weiter wird das gehen. Es wird fiir jeden Menschen eine 
Zeit kommen, wo sein ganzer astralischer Leib ein Ge- 
schépf seines Ichs sein wird. Man hat sich gew6hnt, in 
der morgenlandischen Weisheit den Teil des astralischen 
Leibes, der vom Ich schon umgestaltet ist, Manas zu 
mnennen, deutsch: Geistselbst. Dadurch besteht der Mensch 


3 33 


immer noch aus seinen vier Gliedern; aber wir kénnen 
da jetzt fiinf Teile unterscheiden: physischen Leib, 
Aetherleib, astralischen Leib, Ich — und als fiinften 
Teil den umgewandelten Teil des astralischen Leibes, 
Manas oder Geistselbst; so dass wir sagen kénnen, bei 
jedem Menschen ist der astralische Leib so, dass er 
Manas oder Geistselbst enthalt; das ist ein Werk des 
Ichs, ein Produkt der Arbeit des Ichs. Weiter wird 
der Mensch arbeiten an sich. Die Erde wird weitere 
Verkérperungen durchmachen, der Mensch erlangt nach 
und nach die Fahigkeit, die heute schon von dem Ein- 
geweihten erlangt werden kann: dass er auch an seinem 
Aetherleibe arbeitet; ja der Durchschnittsmensch arbeitet 
heute auch schon daran; und soviel von seinem Aether- 
leibe umgestaltet ist zu einem Produkt des Ichs, nennen. 
wir dies die~Budhi oder den Lebensgeist. Und zuletzt. 
kommt der Mensch dazu, seinen physischen Leib umzuge- 
stalten vom Ich aus; und soviel er am physischen Leib. 
vom Ich aus umgestaltet, nennen wir dies Atman oder 
den Geistesmenschen. 

Lassen wir den Blick schweifen auf eine ferne, ferne 
Zukunft, wenn die Erde andere Planetenformen, andere 
Verkérperungen durchgemacht haben wird, wenn sie, wie 
wir im Okkultismus sagen, durch den Jupiterzustand, den. 
Venuszustand und den Vulkanzustand gegangen sein wird. 
Dann wird der Mensch auf einer wesentlich héheren 
Stufe stehen und wird umgewandelt haben seinen ganzen. 
astralischen Leib in Manas oder Geistselbst, seinen ganzen 
Aetherleib in die Budhi oder den Lebensgeist, und seinen. 
ganzen physischen Leib in Atman oder den Geistes- 
menschen. 

Vergleichen wir einmal diesen Menschen, wie er am 
Ende unserer Erdenlaufbahn vor uns stehen wird, mit | 


34 


dem Menschen, wie er am Anfange der Erdenlaufbahn 
da war. Im Anfang war von diesem Menschen nur der 
physische Leib vorhanden. Durchdrungen war dieser 
physische Leib von dem Aetherleib, Astralleib und Ich, 
aber die gehdrten gottlichen, héheren Wesenheiten an; 
die wohnten nur darinnen. Am Ende der Erdenlaufbahn 
ist der Mensch durchdrungen von seinem Ich; und dieses 
sein Ich wohnt selber in dem Astralleib, wenn es als 
Manas oder Geistselbst den astralischen Leib durchzogen. 
hat; dieses Ich hat dann den Aetherleib durchzogen, — 
er ist ganz und gar durchsetzt von der Budhi oder dem 
Lebensgeiste, — und der physische Leib ist ganz und 
gar durchzogen von Atman oder dem Geistesmenschen, 
den Produkten des Ichs. Ein ganz gewaltiger Unter- 
schied zwischen dem Menschen am Anfange seiner Ent- 
wickelung und dem Menschen am Ende seiner Entwicke- 
lung! Gerade aber, wenn wir uns diesen Unterschied 
recht vor die Seele fiihren, wird das, was von mir ab- 
sichtlich als ein Widerspruch hingestellt worden ist, der 
Schlafzustand, erklarlich werden. Gerade aus der Form, 
wie die christliche Esoterik dies erklirt hat, wird uns 
alles verstandlich werden. Wir miissen uns klar werden: 
Was ist denn das, wenn die Erde am Ziel ihrer Ent- 
wickelung angelangt sein wird, was uns dann als phy- 
sischer Leib entgegentritt? Der physische Leib von 
heute? Der ist es ganz und gar nicht! sondern das, 
was das Ich aus diesem physischen Leibe gemacht haben 
wird. Ganz durchgeistigt wird dieser physische Leib sein, 
— ebenso der Aetherleib und ebenso der astralische Leib. 
Durchgeistigt war er aber auch schon — und auch der 
Aetherleib und der astralische Leib — bevor der Mensch 
von seinem Ich aus sie durchgeistigte. Selbst der Stein 
ist heute, wie wir gesagt haben, durchgeistigt vom Aether- 


35 


leibe, Astralleibe und Ich, die, in hdheren geistigen Wel- 
ten lebend, zum Stein gehéren. So werden wir verstehen, 
dass die christliche Esoterik Recht hat, wenn sie sagt: 
ja, das, was wir heute vor uns haben als physischen 
Menschenleib, das kann der Mensch noch nicht beherr- 
schen; denn der Mensch ist noch nicht am Ende seiner 
Entwickelung angelangt, wo er von seinem Ich aus bis 
in den physischen Leib hinein arbeiten wird. Auch was 
er im Aetherleib hat, kann er noch nicht beherrschen; 
das wird er erst beherrschen kénnen, wenn die Erde im 
Venuszustande sein wird. Der Mensch kann also von 
semem Ich aus noch nicht physischen Leib und Aether- 
leib beherrschen; dann erst kann er sie beherrschen, 
wenn er Budhi und Atma ausgebildet haben wird. Aber 
es muss ein solcher physischer und Aetherleib auf geistige - 
Art beherrscht werden. Es muss dasjenige, was der 
Mensch selbst dem physischen Leibe und dem Aether- 
leibe einst geben kann, auch jetzt schon in ihnen sein. 
Auch heute miissen die geistigen Teile schon im Aether- 
leibe und im physischen Leibe sein, die einst das Ich 
ihnen geben kann. Diese waren im Anfange schon ~ 
darinnen im physischen Leibe, als der Mensch auf dem 
Saturn war, sie waren in ihm, als er auf der Sonne 
war, und sie sind in ihm geblieben. So sagt die christ- 
liche Esoterik mit Recht: im physischen Menschenleibe 
ist heute schon das, was einst in ihm sein wird, wenn 
der Mensch am Gipfel seiner Entwickelung sein wird, 
aber es ist géttlicher Atman, es ist géttlich geistige 
Wesenheit; und es ist im Aetherleib schon die Budhi 
drinnen, aber sie ist gdttlicher Lebensgeist; und der 
Astralleib des Menschen, haben wir gesagt, bestehe aus 
zwei Teilen, — aus dem Teile, den der Mensch schon 
beherrscht und dem, den er noch nicht beherrscht. Was 


36 


ist denn nun in dem drinnen, was er noch nicht be- 
herrscht P? Auch ein Geistselbst, — aber gottliches Geist- 
selbst. Nur in dem Teile des astralischen Leibes, in dem 
das Ich schon titig war seit der ersten Inkarnation, ist 
das eigentliche Geistleben des Menschen. So haben wir 
den Menschen vor uns. 

Sehen wir ihn jetzt an im Wachzustande. Was wer- 
den wir sagen? — Der physische Leib, wie er uns 
erscheint, ist nur die Aussenseite; innen ist er das, was 
man atmische Wesenheit nennt; innen ist er von gottlich- 
geistiger, von héherer Wesenheit; er wird durchsetzt von 
gottlich-geistiger, héherer Wesenheit. Ebenso ist es beim 
Aetherleib. Aussen ist er das, was den physischen Leib zu- 
sammenhilt; innen ist er géttlicher Lebensgeist. Und selbst 
der Astralleib ist durchzogen von géttlichem Geistselbst. 
Nur der umgewandelte Teil des Astralleibes ist etwas, 
was das Ich aus diesem ganzen Zusammenhange sich 
schon erobert hat. 

Betrachten wir jetzt einmal den schlafenden Men- 
schen. Da verschwindet dieser Widerspruch auf der 
Stelle. Wir treten an den schlafenden Menschen heran, 
sehen hier, dass der Mensch als Astralleib und Ich 
draussen ist. Der Mensch verlaisst jede Nacht ruhig 
seinen physischen Leib und seinen Aetherleib. Wiirde 
er-den physischen Leib verlassen, ohne dass ein Gdttlich- 
Geistiges dafiir sorgen wiirde, dann wiirde er am Morgen 
seinen physischen Leib zerstért wiederfinden. Das gétt- 
lich-geistige Physische und ein géttlich-geistiges Aethe- 
risches ist darinnen, und das bleibt darin, wenn der 
physische Leib und Aetherleib im Bette liegen und 
Astralleib und Ich heraus sind. Physischer Leib und 
Aetherleib sind durchzogen von géttlich-atmischem und 
goétthich-budhischem Wesen. 


9 


etl 


Sehen wir jetzt einmal zuriick an den Anfang unserer 
Erdenentwickelung, als noch gar nichts vom Ich im 
Menschen erobert war. Als der Mensch vor seiner ersten 
Inkarnation war, da war das Ich noch nicht verbunden 
mit den drei Gliedern, physischem Leib, Aetherleib und 
astralischem Leib. Vom Monde kamen heriiber phy- 
sischer Leib, Aetherleib und astralischer Leib, und erst 
auf der Erde kam das Ich hinein. Dagegen aber war 
in ihnen das géttliche Ich; sie hatten nicht bestehen 
kénnen, wenn nicht dieses géttliche Ich sie ganz durch- 
setzt hatte; der Astralleib war von einem géttlichen 
Geistselbst durchzogen, der Aetherleib von einem géttli- 
chen Lebensgeist, und der physische Leib war yon einem 
géttlich Atmischen oder Geistesmenschen durchzogen, 
— Und jetzt blicken wir noch weiter zuriick auf Mond-, 
Sonnen- und Saturnentwickelung. Auf dem Saturn war 
der gottliche Lebensgeist, der noch in der Nacht den 
im Bette liegenden Menschen bewohnt, so, dass er den 
Menschenleib — und zwar den physischen Leib — ge- 
formt hat als etwas Mineralisches; in dem Sonnenzustand 
formte er ihn als etwas Pflanzliches, auf dem Monde 
konnte er ihn formen als etwas, was Lust und Schmerz 
empfinden, aber noch nicht ,,I[ch“ zu sich sagen konnte. 
Diese untersten Stufen hat er durchgemacht, — und jetzt 
treten wir hiniiber in die eigentliche Erdenverkérperung. 

Da sollte der physische Menschenleib durch eine 
weitergehende Verwandlung, die er durchzumachen hatte, 
noch vollkommener werden, als er vorher war. Was 
hat er vorher nicht gekonnt? Was war ihm ganz 
fremd ? Was hatte der géttliche Geist bei sich behalten ? 
Was hatte er noch gar nicht dem menschlichen Leibe 
anvertraut >? — Das war die Fihigkeit, aus dem Innern 
heraus seine Seelenhaftigkeit erténen zu lassen. Stumm 


38 


war dieser auf der Tierstufe stehende Menschenleib auf 
dem Monde. Die Fiahigkeit, das Innere nach aussen 
ert6nen zu lassen, war noch bei Gott. Die war noch 
nicht seinem eigenen Wesen anvertraut. Wenn es auch 
Tierwesen gibt, welche heute schon ténen kénnen, so 
ist das doch etwas anderes; sie stehen noch in ganz 
anderen Zustanden — zwar ténen sie, aber es tnt die 
Gottheit in ihnen. Das Aussprechen des inneren Seelen- 
haften in Worten wurde dem Menschen erst auf der 
Erde zuteil. Vorher waren die Menschen stumm. Diese 
Fahigkeit des Wortes kam an das Menschenwesen also 
mit dem Erdendasein heran. 

Betrachten wir jetzt einmal das Ganze, was wir uns 
heute vor die Seele gestellt haben, dann werden wir 
sagen: Die ganze Entwickelung ist so gelenkt worden, 
dass die Fahigkeit zu sprechen, das Wort, urspriinglich 
bei Gott war, und dass Gott zuerst die Vorbedingungen 
geschaffen hat, dass der physische Apparat die Fahig- 
keit bekam, von innen heraus dieses Wort ténen zu 
lassen. Alles wurde so gelenkt und geleitet. Wie die 
Blume in ihrem Samen, so war der ténende, der spre- 
chende Mensch, der wort- und _ logosbegabte Mensch 
schon im Samen auf dem Saturn da. Doch war das 
Ténen im Samen verborgen; es entwickelte sich erst aus 
dem Samen, so wie die ganze Pflanze im Samen ver- 
borgen ist und sich aus ihr entwickelt. — Nun sehen 
wir einmal zuriick auf den physischen Menschenleib, wie 
er schon auf dem Saturn war, und fragen uns: Woher 
kommt dieser physische Menschenleib ? Was ist sein 
letzter Urgrund? Ohne was kénnte er niemals die 
ganze Entwickelung durchgemacht haben ? 

- Er kommt von dem Logos oder von dem Wort. 
Denn damals auf dem Saturn schon wurde er so ge- 


39 


lenkt, dieser physische Menschenleib, dass er spater ein 
Sprechender wurde, ein Zeuge fiir den Logos. Dass 
Sie heute so geformt sind, dass dieser Menschenleib die 
heutige Form hat, riihrt davon her, dass dem ganzen 
Plan unserer Schépfung das ,,Wort zugrunde lag. Auf 
das Wort hin ist der ganze Menschenleib hingeordnet, 
und von Anfang an ist er so veranlagt, dass zuletzt 
das Wort aus ihm herausspringen konnte. Wenn des- 
halb der esoterische Christ auf diesen physischen Men- 
schenleib blickt und fragt: Was ist sein urspriingliches 
Urbild, und was ist sein Abbild? dann sagt er sich: 
Dieser physische Menschenleib hat sein Urbild in dem 
Worte oder dem Logos; der Logos oder das Wort 
wirkte von Anfang an im physischen Menschenleibe, — 
und der Logos wirkt noch heute, wenn der physische 
Menschenleib im Bette liegt und verlassen ist vom Ich; 
dann wirkt der gdéttliche Logos in den vom Menschen 
verlassenen Wesensgliedern. Fragen wir nach dem ersten 
Ursprung des physischen Leibes, so sagen wir: das 
erste ist der Logos oder das Wort. 

Und jetzt gehen wir weiter in der Entwickelung. 
Der Saturn ging in den Sonnenzustand iiber; dem 
menschlichen physischen Leibe wurde der Lebensleib 
eingegliedert; aber was musste eintreten, damit der Fort- 
gang so geschehen konnte, wie er eben geschehen ist ? 

Wahrend auf dem Saturn der physische Leib eine 
Art Maschine, eine Art Automat war, aber ganz und gar 
durchdrungen und erhalten von dem Logos, gliederte sich 
auf der Sonne der Lebensleib ein, und darin wirkte der 
géttliche Lebensgeist. Auf dem Saturn — werden wir 
sagen — ist der Menschenleib ein Ausdruck des Logos. 
Der Saturn vergeht; dieser Menschenleib verkérpert sich 
neu in der Sonne; da gliedert sich dem physischen Leibe 


ho 


ein der Lebensleib, durchdrungen von dem Lebensgeist. 
Der Logos ward Leben in der Sonne, indem er den 
Menschen auf eine hédhere Stufe brachte. Der Logos 
ward Leben auf der Sonne! Und jetzt gehen wir weiter. 
— Auf dem Monde gliederte sich dem Menschen ein der 
astralische Leib. Was ist der astralische Leib? Er er- 
scheint ja dem hellseherischen Bewusstsein auch heute 
als eine Aura, die den Menschen umgibt. Er ist ein 
Lichtleib, der nur in dem gegenwartigen Bewusstsein 
nicht gesehen werden kann. Aber er ist, wenn er im 
hellseherischen Bewusstsein gesehen wird, Licht, geistiges 
Licht; und unser physisches Licht ist nur umgestaltetes 
geistiges Licht. Auch das physische Sonnenlicht ist die 
Verkérperung des geistig-géttlichen aurischen Welten- 
lichtes. Das liegt ihm zugrunde. Es gibt in der heutigen 
Welt ein Licht, das dem Menschen von der Sonne zu- 
str6mt. Aber auch ein anderes Licht gibt es, das von 
seinem inneren Lichte ausstrémt. Auf dem Monde leuch- 
tete der astralische Leib des Menschen noch fiir die um 
ihn befindlichen Wesen. So kam auf dem Monde der 
astralische Lichtleib des Menschen hinzu zum physischen 
Leibe und Aetherleibe. 

Und jetzt betrachten wir den ganzen Fortgang der 
Entwickelung. Auf dem Saturn haben wir den physischen 
Leib als den Ausdruck des Logos; auf der Sonne kommt 
hinzu der Aetherleib als der Ausdruck des Lebensgeistes : 
Der Logos ward Leben. Auf dem Monde kommt hinzu 
der Lichtleib: Das Leben ward Licht! Und so haben 
wir den Hergang der Entwickelung des Menschenleibes. 
— Als der Mensch die Erde betrat, war er ein Geschépf 
der gdttlich-geistigen Wesenheiten. Damals war er da- 
durch vorhanden, dass in seinem physischen Leibe, in 
seinem Aetherleibe, in seinem astralischen Leibe lebte der 


fen 


Logos, der Leben war, und der Licht ward. Und jetzt, 
was geschah auf der Erde? Fiir den Menschen und im 
Menschen trat das Ich hinzu. Dadurch aber, dass das 
Ich hinzutrat, wurde der Mensch fahig, nicht nur zu 
leben im Lichte, im Leben, — sondern er wurde fahig, 
von aussen das alles zu betrachten, sich gegeniiberzustel- 
len dem Logos — dem Leben — dem Lichte. Dadurch 
wurde das alles fiir ihn materiell, erlangte materielles 
Dasein. — Und wenn wir den Gedanken so weit gebracht 
haben, dann haben wir ungefahr genau den Punkt fixiert, 
bei dem wir das nachste Mal beginnen wollen und zeigen, 
wie aus dem aus der Gottlichkeit herausgeborenen Men- 
schen der heutige ich-begabte Mensch eigentlich gewor- 
den ist. Denn wir sehen, dass vor dem heutigen ich- 
begabten Menschen der gdéttliche Vormensch vorhanden 
war. — Was der Mensch sich durch sein Ich erobert 
hat, entreisst er jede Nacht dem physischen Leibe und 
dem Aetherleibe; was immer in ihm war, bleibt darinnen 
und versorgt den physischen Leib und den Aetherleib, 
wenn der Mensch sie treulos verlasst und sich nicht um 
sie kiimmert. Da steckt sie drinnen, jene urspriingliche 
geistig-géttliche Wesenheit. 

Alles, was wir jetzt versucht haben mit den Aus- 
driicken der christlichen Esoterik als tiefes Geheimnis 
des Daseins hinzustellen, und was gelaufig war denen, 
die ,,Diener des Logos waren in den ersten Zeiten‘‘, das 
wird in grossen, lapidaren Satzen in dem Johannes-Evan- 
gelium unzweideutig gesagt. Man muss diese ersten 
Worte nur in der richtigen, sinngemassen Weise iiber- 
setzen. Wirklich richtig tbersetzt, geben diese Worte 
den Tatbestand, den wir jetzt eben hingestellt haben. 
Stellen wir diesen Tatbestand, damit wir den Wert ganz 
genau verstehen, noch einmal vor unsere Seele hin. 


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2 


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Im Anfange war der Logos als das Urbild des phy- 
sischen Menschenleibes; und er lag zugrunde allen Din- 
gen. Alle Tiere, Pflanzen, Mineralien sind spater ent- 
standen; auf dem Saturn war von all dem wirklich der 
Mensch nur vorhanden. Auf der Sonne kam das Tier- 
reich hinzu, auf dem Monde das Pflanzenreich und auf 
der Erde das Mineralreich. Auf der Sonne ward der 
Logos Leben, und auf dem Monde ward er Licht; und 
das trat, als der Mensch ich-begabt war, hin vor den 
Menschen. Aber der Mensch musste lernen, zu erkennen, 
was der Logos war und als was er zuletzt zum Vorschein 
kommt. Zuerst war der Logos da, dann ward er Leben, 
dann Licht, und dieses Licht lebt im Astralleibe. In das 
menschliche Innere, in die Finsternis, in die Nichter- 
kenntnis schien das Licht hinein. Und das Erdendasein 
hat den Sinn, dass der Mensch im Innern die Finsternis 
tiberwindet, damit er das Licht des Logos erkennen kann. 

Lapidarische, vielleicht — wie mancher sagen wird 
— schwer verstindliche Worte sind daher die ersten 
Worte des Johannes-Evangeliums. Aber sollte denn das, 
was das Tiefste in der Welt ist, durch triviale Worte 
gesagt werden ? Ist es nicht eine sonderbare Auffassung, 
geradezu ein Hohn auf die Heiligkeit, wenn gesagt wird, 
zum Begreifen einer Taschenuhr ist es nétig, dass man 
mit seinem Verstand tief eindringt in das Wesen der 
Sache, aber zum Begreifen des Gdéttlichen in der Welt 
miisse der einfache, schlichte, naivste Menschenverstand 
ausreichen !? Es ist schlimm, dass fiir die gegenwartige 
Menschheit sich das ereignet hat, dass, wenn auf die 
Tiefen der religidsen Urkunden hingewiesen wird, gesagt 
wird: Ach, wozu alle diese komplizierten Auseinander- 
setzungen, das muss alles schlicht und einfach sein! 
Aber kein anderer als derjenige, der die gute Absicht 


43 


hat und den guten Willen, sich zu vertiefen in die 
grossen Weltentatsachen, dringt ein in den tiefen Sinn 
solcher Worte, wie sie im Beginne des tiefsten der Evan- 
gelien, in dem Johannes-Evangelium, stehen; und die 
eine Umschreibung der Geisteswissenschaft sind. 

Und jetzt iibersetzen wir uns die Anfangsworte: 

Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war 
bei Gott, und ein Gott (oder géttlich) war das Wort. 
Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch 
dasselbe geworden, und ausser durch dieses Wort ist 
nichts von dem Entstandenen geworden. In ihm war das 
Leben, und das Leben ward das Licht der Menschen. 
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Fin- 
sternis hat es nicht begriffen. 

Wie die Finsternis nach und nach zum Begreifen 
kommt, das erzdhlt im weiteren das Johannes - Evan- 
gelium. 


4h 


— — 


Ill. 


Die Mission der Erde. 


Gestern haben wir gesehen, welch tiefer Inhalt in den 
ersten Worten des Johannes-Evangeliums verborgen ist, 
und wir k6nnen unsere Betrachtungen dahin zusammen- 
fassen, dass wir sagen: wir haben gesehen, dass der 
Schreiber des Johannes-Evangeliums hindeutet auf das 
Werden des Vormenschen in urferner Vergangenheit, hin- 
deutet darauf, wie im Sinne der christlichen Esoterik 
alles zuriickgefitihrt wird auf das Wort oder den Logos, 
der schépferisch war schon wahrend der alten Saturnzeit, 
der dann geworden ist zum Leben, und dann zum Licht, 
— zum Leben, wahrend unsere Erde ihren Sonnenzustand 
durchgemacht hat, — zum Licht, wahrend sie den alten 
Mondzustand durchgemacht hat. Das, was also unter dem 
Einfluss géttlich-geistiger Krifte und Wesenheiten der 
Mensch geworden ist im Laufe der drei planetarischen 
Zustande, wurde, als die Erde eben unser heutiger Planet 
geworden war, durchdrungen von dem menschlichen Ich. 
So dass man sagen kann: wie eine Art Same kam von 
dem alten Monde heriiber auf die Erde eine Wesenheit, 
bestehend aus physischem Leib, hervorgegangen aus dem 
gottlichen Urworte, aus Aether- oder Lebensleib, hervor- 


45 


gegangen aus dem géttlichen Leben, aus astralischem 
Leib, hervorgegangen aus dem géttlichen Lichte. Im 
Innern dieser Wesenheit wurde wahrend des Erden- 
daseins das Licht des Ichs selbst entziindet; diese drei- 
fache Leiblichkeit, physischer Leib, Aetherleib und Astral- 
leib, wurde fahig, in sich das ,,[ch bin” zu sprechen, so 
dass wir in einer gewissen Weise die Entwickelung der 
Erde nennen kénnen die Entwickelung des ,,I[ch bin“, des 
Selbstbewusstseins des Menschen. Und dieses ,,I[ch bin“, 
diese Fahigkeit des vollen Selbstbewusstseins kam im 
Laufe der Entwickelung der Erdenmenschheit langsam 
und allmahlich erst heraus. Wir miissen uns klar 
machen, wie die Entwickelung der Erdenmenschheit war, 
insofern in ihr langsam und allmahlich das Ich, das 
volle Selbstbewusstsein ins Dasein trat. 

Es gab eine Zeit in unserer Erdenentwickelung, wir 
nennen sie die alte lemurische Zeit; es ist die Alteste 
Zeit, in welcher innerhalb des Erdendaseins der Mensch 
in der Form auftrat, in welcher er heute tiberhaupt 
vorhanden ist. Zum erstenmal trat das in der alten lemu- 
rischen Zeit ein, was wir nennen die Verkérperung des 
Ich, der eigentlichen innersten Wesenheit des Menschen, 
in den drei Leibern, astralischer Leib, Aetherleib und 
physischer Leib. Dann kam die atlantische Zeit, wo 
der Mensch gewohnt hat zum gréssten Teil auf dem 
alten atlantischen Kontinente, einem Landergebiete, das 
heute den Boden des atlantischen Ozeans bildet, das 
untergegangen ist durch die grosse atlantische Flut, deren 
Andenken sich in den Sintflut-Sagen fast aller Vélker 
erhalten hat. Der Mensch verkérperte sich dann, seiner 
innersten Wesenheit nach, in aufeinanderfolgenden Ver- 
kérperungen bis in unsere Tage hinein waihrend der nach- 
atlantischen Zeit. Wirklich waren unsere Seelen in einer 


46 


dreigliedrigen Wesenheit, bestehend aus physischem Leibe, 
Aetherleibe und astralischem Leibe, wie wir sie kennen 
gelernt haben, zum erstenmal in der lemurischen Zeit 
verkérpert. Was vorhergegangen ist, soll einer spateren 
Betrachtung tiberlassen bleiben. — Weit zarickgehen 
miissen wir also, wenn wir den Gang der Entwickelung 
in Betracht ziehen, und es entwickelt sich der Mensch 
nur langsam und allmahlich zu seinem heutigen Dasein. 
Was nennen wir im Okkultismus in geisteswissenschaft- 
lichem Sinne, unser ,,heutiges Dasein“ ? 

Unser heutiges Dasein nennen wir einen Bewusst- 
seinszustand, wie ihn der Mensch heute hat vom Mor- 
gen, wo er aufwacht, bis zum Abend, wo er einschlaift. 
Da sieht der Mensch durch seine dusseren physischen 
Sinne die Dinge um sich herum. Vom Abend, wo er 
einschlaft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, sieht er 
die Dinge um sich herum nicht. Warum ist das so ? 
— Wir wissen, das ist aus dem Grunde so, weil fir 
die heutigen Entwickelungsverhaltnisse wahrend der Ta- 
geszeit der eigentliche innere Mensch, also Ich und 
astralischer Leib, im physischen Leibe und Aetherleibe 
auf dem physischen Plane, d. h. in der physischen Welt 
sind. Da kann sich der astralische Leib und das Ich 
der physischen Sinnesorgane bedienen, in die Welt 
hinaushéren und hinaussehen und die physischen Dinge 
wahrnehmen. Vom Abend, wo der Mensch einschlaft, 
bis zum Morgen, wo er aufwacht, sind Ich und astra- 
lischer Leib ausserhalb der physischen Welt, auf dem 
Astralplan. Da sind sie abgesondert von physischen 
Augen und physischen Ohren; da kénnen sie nicht 
wahrnehmen, was um sie herum ist. Dieser Zustand, 
ein solcher Wechsel im Menschen zwischen Tagwachen 
und Nachtschlafen, hat sich erst langsam und allmablich 


47 


entwickelt. Das war noch nicht so, als der Mensch in 
der alten lemurischen Zeit zum ersten Male eine phy- 
sische Verkérperung durchgemacht hat. Da war der 
Mensch nur eine sehr kurze Zeit des Tages — keines- 
wegs so lange wie heute — seinem Ich und Astralleibe 
nach in seinem physischen Leibe drinnen. Dadurch aber, 
dass der Mensch langere Zeit ausserhalb seines physischen 
Leibes war, nur kiirzere Zeit wachend hineinstieg in den 
physischen Leib, war das Leben wahrend der lemuri- 
schen Zeit tiberhaupt noch ein ganz anderes. Dass der 
Mensch wahrend der Nacht ganz bewusstlos ist, wenn 
er nicht gerade traumt, trat sehr langsam und allmahlich 
ein. Ganz anders war das Bewusstsein bei Tag und Nacht 
wahrend der lemurischen Zeit noch verteilt. Da hatten 
die Menschen alle noch ein dumpfes hellseherisches Be- 
wusstsein. Wenn sie in der Nacht ausserhalb des physi- 
schen Leibes waren in der geistigen Welt, da nahmen 
sie um sich herum (wenn auch nicht so klar, wie der 
Mensch heute am Tage die physischen Dinge sieht) die 
geistige Welt wahr. Wir diirfen dieses Wahrnehmen 
nicht einfach mit dem heutigen Traumen vergleichen. 
Der heutige Traum ist nur wie ein letzter ganz ver- 
kiimmerter Rest dieses alten Hellsehens. . Allerdings, 
solche Bilder nahm der Mensch damals wahr, wie er 
auch heute im Traume wahrnimmt; aber diese Bilder 
hatten eine sehr wirkliche Bedeutung. Machen wir uns 
einmal klar, was diese Bilder fiir eine Bedeutung hatten. 

In den alten Zeiten konnte der Mensch, wenn er 
wahrend eines kurzen Teils der 24 Stunden, der viel 
geringer war als heute, im Tagesbewusstsein lebte, die 
ausseren physischen Korper nur ganz dumpf, wie in 
einem Nebel eingehiillt sehen. Dass man die physischen 
Dinge so sah wie heute, kam erst ganz langsam. Am Tage 


48 


sah der Mensch damals die ersten Anklange an die phy- 
sischen Kérper, eingehillt in Nebel, — so wie Sie heute, 
wenn Sie an einem Nebeltage des Abends durch die 
Strassen gehen, die Laternen vom Nebel umgeben sehen, 
wie von einer Art von Lichtaura. Das ist ja nur schein- 
bar; aber so sah der Mensch die physischen Kérper 
zuerst um sich herum auftauchen; und wenn er in Schlaf 
kam, versank er nicht in Bewusstlosigkeit, sondern dann 
tauchten wahrend des Schlafbewusstseins Bilder auf, Bil- 
der in Farben und in Formen. Um den Menschen herum 
war dann eine Welt, gegen welche die lebendigste Traum- 
welt von heute nur ein schwacher nebelhafter Nachklang 
ist. Diese Bilder bedeuteten Seelisches und Geistiges in 
der Umgebung. — Wenn also dazumal der Mensch 
am Beginne seiner Erdenlaufbahn sich einem ihm schad- 
lichen Wesen wihrend der Nachtwanderung naherte, sah 
er dies nicht so, wie es heute gesehen wird, — also 
nicht einen Lowen, der sich ihm niaherte, als eine L6- 
wengestalt —, sondern er sah aufsteigen ein Farben- 
und Formenbild, und das zeigte ihm instinktiv: da ist 
fiir dich etwas Schadliches, das frisst dich und da 
musst du ausweichen. Das waren wirkliche Abbilder des 
Geistig-Seelischen, das um den Menschen herum vorging. 
Alles Geistig-Seelische wurde in der Nacht gesehen, und 
ganz langsam und allmihlich geschah die Entwickelung 
so, dass der Mensch immer lingere Zeit untertauchte 
in seinen physischen Leib, immer kiirzer wurde die 
Nacht, immer lingere Zeit dauerte der Tag; und je 
mehr der Mensch sich einwohnte in seinen physischen 
Leib, desto mehr verschwanden die niachtlichen hell- 
seherischen Bilder, desto mehr tauchte das heutige Tages- 
ewusstsein auf. Aber wir diirfen nicht vergessen, dass 
ein wirkliches echtes Selbstbewusstsein, wie es sich der 


4 49 


Mensch wihrend des Erdendaseins erringen soll, nur zu 
erringen ist durch ein Untertauchen in den physischen 
Leib. Nicht als ein selbstiéndiges Wesen hat sich der 
Mensch frither gefiihlt, sondern als ein Glied der gétt- 
lich-geistigen Wesenheiten, denen er entsprossen ist. Wie 
die Hand sich fihlt als ein Glied des Organismus, so 
fiihlte sich der Mensch, als er noch ein dumpfes Hell- 
sehen hatte, als einen Teil des géttlich-geistigen Be- 
wusstseins, des géttlichen Ich. Nicht ,,I[ch bin” hatte 
der Mensch von sich gesagt, sondern ,,Gott ist — und 
ich in ihm”. 

Nun aber war, wie wir immer mehr begreifen wer- 
den, der Erde, welche in ihrer Entwickelung drei frithere 
Stufen durchgemacht hatte als Saturn, Sonne und Mond, 
eine ganz besondere Mission vorbehalten. Glauben Sie 
nicht, dass man die Planetenzustinde so nebeneinander 
betrachten kann, dass ein Planet dem anderen gleich-. 
wertig sei. Von einer blossen Wiederholung des schon 
einmal Dagewesenen kann in der géttlichen Schépfung 
nicht die Rede sein. Jedes Planetendasein hat eine ganz. 
. bestimmte Aufgabe. Unsere Erde hat die Mission, dass. 
die Wesen, die sich auf ihr entwickeln sollen, das Ele- 
ment der Liebe bis zur héchsten Entfaltung auszubilden. 
haben. Liebe soll die Erde ganz und gar durchdringen,,. 
wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angekommen. 
ist. — Machen wir uns klar, was das heisst: die Erde 
ist der planetarische Zustand fiir die Entwickelung der 
Liebe. 

Wir sagen in der Geisteswissenschaft, der Erde ging 
der alte Mond voran. Dieser alte Mond hatte als plane- 
tarische Stufe auch eine Mission. Er hatte noch nicht die 
Aufgabe, die Liebe auszubilden, er sollte der Planet oder 
der Kosmos der Weisheit sein. Vor unserem Erdenzu- 


5o 


stand hat unser Planet durchgemacht die Stufe der Weis- 
heit. Eine einfache, man michte sagen, logische Betrach- 
tung kann Ihnen das veranschaulichen. Sehen Sie sich 
um in der Natur unter allen ihren Wesenheiten. Nicht 
mit Ihrem blossen Verstande sehen Sie sie an, sondern 
mit Ihren Herzens- und Gemiitskriften, und Sie werden 
tiberall Weisheit finden, die in der Natur ausgepragt ist. 
Diese Weisheit, von der hier gesprochen wird, ist so 
gemeint, dass sie wie eine Art geistiger Substanz allem 
zugrunde liegt. Betrachten Sie alles, was Sie wollen, 
in der Natur. Nehmen Sie z. B. ein Stiick Oberschenkel- 
knochen, da werden Sie sehen: das ist nicht eine massive 
Masse, sondern eine feine, hin und her gehende Reihe 
von Balken, die zu einem wunderbaren Gertist angeordnet 
sind; und wer nachforscht, nach welchem Gesetze sie 
aufgebaut sind, der findet, dass das Gesetz befolgt ist, 
nach welchem mit dem kleinsten Aufwand von Material 
die grésste Kraft entfaltet wird, um Trager des Ober- 
leibes des Menschen zu sein. Unsere Ingenieurkunst ist 
noch nicht so weit, ein solches kunstvolles Geriist aus- 
zubauen, wie es die alles durchwaltende Weisheit da 
aufgebaut hat. Solche Weisheit wird der Mensch erst 
spiter haben. Gédttliche Weisheit durchsetzt die ganze 
Natur; menschliche Weisheit kommt erst nach und nach 
dazu. Im Laufe der Zeit wird menschliche Weisheit 
innerlich das erreichen, was giéttliche Weisheit in die 
Erde hineingeheimnisst hat. Aber in demselben Sinne, 
wie die Weisheit auf dem Monde vorbereitet worden ist, 
so dass sie sich jetzt tiberall auf der Erde findet, so 
wird auf der Erde die Liebe vorbereitet. Kénnten Sie 
hellseherisch zuriickblicken auf den alten Mond, so kénn- 
ten Sie sehen, dass nicht in allen Dingen damals eine 
solche Weisheit war; manche Dinge wiirden Sie noch 


51 


unweise finden, und erst durch die ganze Mondentwicke- 
lung hindurch pragte sich die Weisheit hinein in die 
Dinge; und als der Mond in seiner Entwickelung fertig 
war, da war alles so davon durchzogen, dass tiberall 
Weisheit darinnen war. — Die innerliche Weisheit zog 
mit dem Menschen erst ein, mit dem Ich auf der Erde. 
Diese innerliche Weisheit muss aber der Mensch erst 
nach und nach entwickeln. Ebenso wie sich auf dem 
Monde die Weisheit entwickelt hat, so dass sie jetzt da 
ist in den Dingen, so entwickelt sich jetzt die Liebe. 
Zuerst trat sie in der niedrigsten Gestalt, in der sinn- 
lichen, waihrend der lemurischen Zeit ins Dasein; im 
Laufe des Erdendaseins wird sie sich aber immer mehr 
und mehr vergeistigen, bis zuletzt, wenn die Erde am 
Ende ihrer Entwickelung angelangt sein wird, das ganze 
Dasein von Liebe durchzogen sein wird — wie es heute 
von Weisheit durchzogen ist — durch das Wirken der 
Menschen, wenn diese ihre Aufgabe erfiillen werden. — 
Und die Erde wird tbergehen in einen kiinftigen plane- 
tarischen Zustand — diesen nennen wir Jupiter; die 
Wesen aber, die auf dem Jupiter so herumwandeln 
werden wie die Menschen auf der Erde, die werden 
ebenso in allen Wesen die Liebe herausduftend finden, 
die sie als Mensch selbst hineingelegt haben wahrend 
des Erdendaseins, wie die Menschen heute die Weisheit 
in allen Dingen finden. Dann werden die Menschen 
ebenso die Liebe aus ihrem Innern heraus entwickeln, 
wie jetzt die Menschen nach und nach die Weisheit 
herausentwickeln werden. Die grosse kosmische Liebe 
wird dann die Dinge durchdringen, die jetzt auf der 
Erde ihr Dasein beginnt. — Der materialistische Sinn 
glaubt nicht an die kosmische Weisheit, sondern nur 
an die menschliche. Wenn die Menschen mit unbefan- 


52 


genem Sinn hineinsehen wiirden in den Lauf der Ent- 
wickelung, so wiirden sie sehen, dass alle kosmische 
Weisheit am Anfange so weit war, wie die menschliche 
Weisheit erst am Ende der Erde sein wird. In den 
Zeiten, in denen man mit Benennungen noch genauer 
war als gegenwirtig, nannte man die im Menschen 
wirkende subjektive Weisheit Intelligenz im Gegensatze 
zur objektiven kosmischen Weisheit. Gar nicht achtet 
der Mensch darauf, dass dasjenige, was er im Laufe 
des Erdendaseins erfindet, die géttlich-geistigen Wesen- 
heiten sich bereits wahrend des Mondendaseins erobert 
und der Erde eingepflanzt haben. Nehmen wir ein Bei- 
spiel dafiir. 

Wie wird den Kindern in der Schule schon einge- 
trichtert der grosse Fortschritt, den die Menschen ge- 
macht haben durch die Erfindung des Papiers z. B. Nun, 
die Wespen erzeugten das Papier schon viele tausend 
Jahre vorher; denn das, was die Wespen in ihren Ne- 
stern bauen, besteht aus genau derselben Substanz, aus 
der das menschliche Papier hergestellt wird, und das 
wird genau auf dieselbe Weise erzeugt — nur durch den 
Lebensprozess. Der Wespengeist, die Gruppenseele der 
Wespen, die ein Teil ist der géttlich-geistigen Substanz, 
ist die Erfinderin des Papiers schon viel friiher gewesen. 
— So tappt der Mensch eigentlich immer hinter der 
Weltenweisheit nach. Im Prinzip ist alles, was der 
Mensch im Laufe der Erdenentwickelung erfinden wird, 
schon in der Natur enthalten. Was aber der Mensch 
wirklich der Erde geben wird, das ist die Liebe, die sich 
von der sinnlichsten zur vergeistigtsten Art entfalten wird. 
Das ist die Aufgabe der Erdentwickelung. Die Erde ist 
der Kosmos der Liebe. 

Was ist denn aber — so fragen wir — notwendig 


53 


zur Liebe? Was gehért denn dazu, dass ein Wesen 
ein anderes lieben kann ? — Dazu ist nétig, dass dieses 
Wesen sein volles Selbstbewusstsein habe, ganz selb- 
stiindig sei. Kein Wesen kann ein anderes im vollen 
Sinne lieben, wenn diese Liebe nicht eine freie Gabe 
ist gegentiber dem anderen Wesen. Meine Hand liebt 
nicht meinen Organismus. Nur ein Wesen, was selb- 
standig ist, was losgeschniirt ist von dem anderen Wesen, 
kann dieses lieben. Dazu musste der Mensch zu einem 
Ich-Wesen werden; das Ich musste der dreifachen 
menschlichen Leiblichkeit eingepflanzt werden, damit die 
Erde ihre Mission der Liebe durch den Menschen aus- 
fiihren kann. Deshalb werden Sie verstehen, dass in der 
christlichen Esoterik gesagt wird: ebenso, wie andere 
Krafte, zuletzt die Weisheit, wahrend des Mondendaseins 
von den Géttern heruntergestrémt sind, strémt die Liebe 
wahrend des Erdendaseins in dieses ein; und der Trager 
der Liebe kann nur das selbstindige Ich sein, das sich 
nach und nach im Laufe der Erdentwickelung heraus- 
bildet. Aber der Mensch muss zu allem ganz langsam 
vorbereitet werden, auch zu der gegenwartigen Art seines 
Bewusstseins. Setzen wir den Fall, gleich in der alten 
lemurischen Zeit wiirde der Mensch untergetaucht sein 
in seinen physischen Leib, er hatte damals schon die volle 
aussere Wirklichkeit gesehen — er hatte sich dann in 
diesem schnellen Tempo die Liebe nicht einpflanzen 
kénnen. Er musste nach und nach erst zu seiner Erden- 
mission herangefiihrt werden. Ohne dass er schon sein 
volles Selbstbewusstsein hatte, ohne dass er schon so weit 
war, im hellen Tagesbewusstsein die Gegenstainde um sich 
herum wahrzunehmen, wurde ihm in seinem dammer- 
haften Bewusstsein der erste Unterricht der Liebe ge- 
geben. So sehen wir, dass wihrend der ganzen Zeiten, 


o4 


wahrend der Mensch noch ein altes, traumhaftes Hell- 
seherbewusstsein hatte, wihrend die Seele also lange 
Zeit ausserhalb des Leibes war, dem Menschen in einem 
dimmerhaften, noch nicht selbstbewussten Zustande die 
Liebe eingepflanzt wird. Stellen wir uns einmal so recht 
vor die Seele diese Menschen der alten Zeit, der noch 
nicht auf der Héhe des vollen Selbstbewusstseins ange- 
langt ist. 

Der Mensch schlaft des Abends ein; aber kein 
schroffer Uebergang vom Wachen zum Schlafen findet 
statt. Bilder tauchen auf, lebendige Traumbilder, die 
aber einen lebendigen Bezug haben zu der geistigen Welt 
— das heisst, der Mensch lebte sich wihrend des Ein- 
schlafens in die geistige Welt ein. Da traufelte ihm in 
das dimmerhafte Bewusstsein der géttliche Geist die 
ersten Keime alles Liebeswirkens ein. Was sich durch 
die Liebe im Laufe der Erdenentwickelung offenbaren 
soll, das str6mt zuerst wihrend der Nacht in den Men- 
schen ein. Der Gott, der die eigentliche Erdenmission 
auf die Erde bringt, offenbart sich zuerst zu nachtlicher 
Zeit dem dumpfen, alten hellseherischen Bewusstsein, 
bevor er sich dem hellen Tagesbewusstsein offenbaren 
kann. — Dann, langsam und allmiahlich, werden die 
Zeiten, in denen der Mensch in dem dumpfen hellsehe- 
rischen Zustande ist, kiirzer, das Tagesbewusstsein immer 
linger, die aurischen Siume um die Gegenstinde werden 
immer unbedeutender, die Gegenstande bekommen immer 
festere Grenzen. Vorher hat der Mensch die Sonne, den 
Mond mit einem michtigen Hof gesehen, alles wie in 
einer Nebelmasse liegend. Langsam erst reinigt sich der 
ganze Anblick, und es treten feste Grenzen an den Din- 
gen auf. In diesen Zustand ist der Mensch allmahlich 
gekommen. Was da der Mensch Ausserlich sieht, wah- 


55 


rend die Sonne die Erde bescheint und ihm durch das 
sichtbare Licht das ganze Erdendasein, Mineralien, Pflan- 
zen und Tiere offenbart, das empfindet der Mensch 
als die Offenbarungen des Géttlichen in dem Ausseren. 
— Was ist denn im Sinne der christlichen Esoterik das, 
was im hellen Tagesbewusstsein sichtbar wird P woraus 
sich die Erde im weiten Umfange zusammensetzt ? Es 
ist eine Offenbarung der géttlichen Krafte, eine dussere 
materielle Offenbarung des innerlich Geistigen! Wenn 
Sie den Blick hinaus auf die Sonne richten oder auf 
das, was Sie auf der Erde finden: es ist eine Offenbarung 
des Géttlich-Geistigen. Dieses Géttlich-Geistige in der 
heutigen Gestalt, wie es allem zugrunde liegt, was dem 
hellen Tagesbewusstsein erscheint, die unsichtbare Welt 
hinter dieser ganzen sichtbaren Tageswelt, das nennt die 
christliche Esoterik den ,,Logos“ oder das ,,Wort’. Denn, 
wie der Mensch zuletzt das Wort in sich selber aus- 
sprechen kann, so ist zuerst alles, das Tierreich, Pflanzen- 
reich, Mineralreich, aus dem Logos entstanden. Alles 
ist eine Verkérperung dieses Logos; und so, wie Ihre 
Seele unsichtbar in Ihrem Innern waltet und sich dusser- 
lich einen Leib schafft, so schafft sich in der Welt ein 
jedes Seelische den ihm passenden dusseren Leib und 
offenbart sich durch irgendein Physisches. Wo ist denn 
nun der physische Leib des Logos, von dem das Johan- 
nes-Evangelium spricht, und den wir uns heute immer 
mehr zum Bewusstsein bringen wollen? Am reinsten 
erscheint dieser dussere physische Leib des Logos zu- 
nachst im 4usseren Sonnenlicht. Das Sonnenlicht ist 
nicht bloss materielles Licht. Fiir die geistige Anschau- 
ung ist es ebenso das Kleid des Logos, wie Ihr ausserer 
physischer Leib das Kleid fiir Ihre Seele ist. Wenn Sie 
ebenso zu einem Menschen stehen, wie heute die Mehr- 


56 


zahl der Menschen zur Sonne steht, so kénnen Sie nicht 
den anderen Menschen kennen lernen; da wiirden Sie sich 
zu jedem Menschen, der eine fiihlende, denkende, wol- 
lende Seele hat, so stellen, dass Sie nicht ein Seelisches- 
Geistiges bei ihm voraussetzen, sondern bloss einen phy- 
sischen Leib abtasten — und glauben, dass der dann auch 
aus Papiermaché sein kénnte. Wenn Sie aber durch- 
dringen wollen zu dem Geistigen im Sonnenlicht, dann 
mtissen Sie es so betrachten, wie wenn Sie von der 
leiblichen Seite eines Menschen aus das Innere kennen 
lernen. Wie Ihr Leib sich zu Ihrer Seele verhilt, so 
verhalt sich das Sonnenlicht zu dem Logos. In dem 
Sonnenlichte strémt ein Geistiges der Erde zu. Dieses 
Geistige ist, wenn wir nicht nur den Sonnenleib, sondern 
auch den Sonnengeist zu fassen vermégen, dieser Geist 
ist die Liebe, die herunterstrémt auf die Erde. Nicht 
allein weckt das physische Sonnenlicht die Pflanzen, so 
dass diese verkiimmern miissten, wenn das physische Son- 
nenlicht nicht auf sie wirkte, — sondern mit dem physi- 
schen Sonnenlichte strémt die warme Liebe der Gottheit 
auf die Erde; und die Menschen sind dazu da, die 
warme Liebe der Gottheit in sich aufzunehmen, zu ent- 
wickeln und zu erwidern. Das konnten sie aber nur da- 
durch, dass sie selbstbewusste Ich-Wesen werden. Nur 
dann kénnen sie die Liebe erwidern. 

Als die Menschen anfingen, zuerst nur kurze Zeit. 
in ihrem Tagesleben zu verweilen, da konnten sie nichts. 
vernehmen yon dem Lichte, dass zugleich die Liebe 
entziindete. Das Licht schien in die Finsternis, aber 
die Finsternis konnte noch nichts begreifen von dem 
Lichte; und ware dem Menschen dieses Licht, das zu- 
gleich die Liebe des Logos ist, nicht anders geoffenbart 
worden als nur durch die kurzen Tagesstunden, der 


57 


Mensch hitte dieses Licht der Liebe nicht begriffen. 
Aber in dem dumpfen hellseherischen Traumbewusstsein 
jener alten Zeit strémte doch die Liebe in den Menschen 
ein. Und jetzt blicken wir hinter das Dasein auf ein 
grosses Mysterium der Welt, auf ein wichtiges My- 
sterium. 

Fassen wir es einmal, dass sozusagen die Lenkung der 
Welt fiir unsere Erde so war, dass eine Zeit hindurch 
auf unbewusste Art dem Menschen die Liebe einstrémte 
durch ein dimmerhaftes Hellseherbewusstsein und ihn in- 
nerlich vorbereitete zur Aufnahme der Liebe im vollen 
hellen. Tagesbewusstsein. — Wir haben gesehen, dass 
unsere Erde allmahlich der Kosmos geworden ist, der 
die Mission der Liebe durchzufiihren hat. Die Erde wird 
beschienen von der heutigen Sonne. Wie der Mensch die 
Erde bewohnt und die Liebe nach und nach sich an- 
eignet, so bewohnen die Sonne andere, héhere Wesen, 
weil die Sonne auf einer héheren Stufe des Daseins an- 
gekommen ist. Der Mensch ist Erdenbewohner; und Er- 
denbewohner sein bedeutet ein Wesen sein, das sich die 
Liebe aneignet wahrend der Erdenzeit. Ein Sonnenbewoh- 
ner in unserer Zeit bedeutet ein Wesen, welches die Liebe 
entziinden kann, welches die Liebe einstr6men lassen 
kann. Nicht wiirden die Erdenbewohner die Liebe ent- 
wickeln, sie nicht aufnehmen kénnen, wenn nicht die 
Sonnenbewohner ihnen die reife Weisheit schicken wiir- 
den mit den Lichtstrahlen. Indem das Licht der Sonne 
auf die Erde herunterstrémt, entwickelt sich auf der Erde 
die Liebe. Das ist eine ganz reale Wahrheit. Die Wesen- 
heiten, die so hochstehen, dass sie die Liebe ausstrémen 
kénnen, haben die Sonne zu ihrem Schauplatze gemacht. 
— Es waren da, als der Mond fertig war mit seiner 
Entwickelung, sieben solcher Hauptwesenheiten, die so 


58 


weit waren, dass sie Liebe ausstrémen konnten. Hier 
beriihren wir ein tiefes Mysterium, das die Geheim- 
wissenschaft enthillt: Da ist im Beginne der Erdent- 
wickelung der kindliche Mensch, der die Liebe auf- 
nehmen sollte, und bereit war zur Aufnahme des Ich, 
— und auf der anderen Seite die Sonne, die sich ab- 
spaltete und zu einem hdheren Dasein aufstieg. Auf 
dieser Sonne konnten sich entwickeln sieben Hauptlicht- 
geister, die zu gleicher Zeit die gebenden Geister der 
Liebe waren. Nur sechs von ihnen nahmen auf der 
Sonne Wohnung; und das, was uns im Lichte der Sonne 
physisch zustrémt, enthalt in sich die geistigen Liebes- 
krafte dieser sechs Lichtgeister — oder der sechs Elohim, 
wie wir sie in der Bibel finden. Einer spaltete sich ab 
und ging einen anderen Weg zum Heile des Menschen, 
er wihlte sich nicht die Sonne, sondern den Mond zu 
seinem Aufenthalte; und dieser eine der Lichtgeister, 
der freiwillig auf das Sonnendasein verzichtete und sich 
den Mond wihlte, ist kein anderer als derjenige, den das 
alte Testament ,,Jahve‘ oder ,,Jehova nennt. Dieser 
eine, der sich den Mond zum Aufenthalt wahlte, ist 
derjenige, der vom Monde aus die reife Weisheit auf 
die Erde strémte und dadurch die Liebe vorbereitete. 
Jetzt schauen Sie einmal auf dieses Mysterium, das 
hinter den Dingen ist. 

Die Nacht gehért dem Monde, und sie gehérte in 
einem viel grésseren Masse dem Monde in jener alten 
Zeit, als der Mensch noch nicht von der Sonne die Kraft 
der Liebe empfangen konnte, als er noch nicht im direk- 
ten Lichte diese Kraft der Liebe empfangen konnte. Da 
empfing er die reflektierte Kraft der reifen Weisheit 
vom Mondenlichte. Sie strémte ihm zu von dem Mon- 
‘denlicht wihrend der Zeit des Nachtbewusstseins. Jahve 


59 


nennt man daher den Regierer der Nacht, der den Men- 
schen vorbereitete auf die Liebe, die spaiter waihrend des. 
vollen Tagbewusstseins entstehen sollte. So schauen wir 
zuriick auf die alte Menschheitszeit, wo geistig der Vor- 
gang stattfand, der durch die Himmelskérper nur sym- 
bolisiert wird, wo Sie die Sonne auf der einen Seite, den 
Mond auf der anderen Seite haben (Schema). Wahrend 
der Nacht, zu gewissen Zeiten, sendet uns der Mond 
die reflektierte Sonnenkraft zu. Es ist dasselbe Licht, 
das uns auch von der Sonne zukommt. So strahlte 
zurtick in den alten Zeiten Jahve oder Jehova die Kraft 
der reifen Weisheit, die Kraft der sechs Elohim, und 
diese Kraft strémte er wahrend der Zeit des Nacht- 
schlafens in die Menschen ein und bereitete sie vor, so 
dass sie fahig wurden, auch spater die Kraft der Liebe 
nach und nach wahrend des tagwachen Bewusstseins zu 
bekommen. 


ueldieusy 


Jch 


Astratieib peas 
Aetherleib sale z 
. g 

Phys-Leib Aetherieib 2 
Phys: Leib = 


Die vorstehende Zeichnung soll in symbolischer Weise 
andeuten den tagwachen Menschen, wo physischer Leib 
und Aetherleib abhingig sind vom Gdttlichen, und das 
Ich und der Astralleib auf dem physischen Plane im 


60 


physischen Leibe und Aetherleibe sind; da wird von 
aussen das ganze System des Menschen beschienen von 
der Sonne. Von der Nacht wissen Sie jetzt, dass sie 
eine viel langere war und viel wirkungsvoller war fiir 
den Menschen uralter Vorzeit. Da sind Astralleib und 
Ich aus physischem Leib und Aetherleib heraus; da ist 
das Ich ganz in der astralischen Welt, und der astra- 
lische Leib wird von aussen hineingesenkt in den phy- 
sischen Leib, so dass er aber, seiner ganzen Wesenheit 
nach, doch in das Geistig-Géttliche eingebettet ist. Da 
kann die Sonne nicht direkt auf den menschlichen Astral- 
leib scheinen und in ihm die Kraft der Liebe entziinden. 
Da wirkt der Mond, der das Sonnenlicht reflektiert, durch 
Jahve oder Jehova. Der Mond ist das Symbolum fiir 
Jahve oder Jehova, und die Sonne ist nichts anderes als 
das Symbolum fiir den Logos, der die Summe der 
anderen sechs Elohims ist. Nur symbolisch soll diese 
Zeichnung, die Sie studieren mégen, iiber die Sie me- 
ditieren médgen, das andeuten; und wenn Sie dariiber 
nachdenken, werden Sie finden, welch tiefe Mysterien- 
wahrheiten darin dargestellt sind: dass lange Zeit hin- 
durch dem niachtlichen Bewusstsein durch Jahve die 
Kraft der Liebe dem Menschen eingeflanzt wurde auf 
unbewusste Art. So wurde der Mensch vorbereitet, damit 
er nach und nach selbst den Logos, die Kraft seiner 
Liebe empfinden konnte. Wie war das méglich? Wie 
konnte denn das geschehen? — Jetzt kommen wir zu 
‘der anderen Seite des Mysteriums. 

Wir haben uns gesagt, dass der Mensch zur selbst- 
bewussten Liebe auf der Erde berufen war. Er musste 
also einen Fiihrer, einen Lehrer wiaihrend des _hellen 
Tagesbewusstseins haben, der ihm so gegeniibertrat, dass 
er ihn wahrnehmen konnte. Nur wahrend der Nacht, 


61 


im dimmerhaften Bewusstsein konnte ihm die Liebe 
eingepflanzt werden. Nach und nach aber musste etwas 
eintreten — etwas mit voller Tatsdchlichkeit eintreten, 
was dem Menschen médglich machte, aussen, physisch 
das Wesen der Liebe selber zu sehen. Wodurch konnte 
das eintreten > Das konnte nur dadurch eintreten, dass 
das Wesen der géttlichen Liebe, des Logos, ein Wesen 
auf der Erde wurde, — ein fleischliches Wesen auf 
der Erde, wie es der Mensch auf der Erde durch seine 
Sinne wahrnehmen konnte. Weil der Mensch zur Wahr- 
nehmung durch seine dusseren Sinne sich entwickelte, 
musste der Gott, der Logos, selbst ein Sinneswesen wer- 
den. Er musste in einem fleischlichen Leibe auftreten. 
Das geschah durch den Christus-Jesus, und die historische 
Erscheinung des Christus-Jesus bedeutet nichts anderes, 
als dass die Krafte der sechs Elohim oder des Logos 
sich verkérpert haben in dem Jesus von Nazareth im 
Anfange unserer Zeitrechnung, in ihm real da waren in 
der Welt der Sichtbarkeit. Darauf kommt es an. Das, 
was in der Sonne an innerer Kraft liegt, die Kraft der 
Logosliebe, nahm physische Menschengestalt an in dem 
Leibe des Jesus von Nazareth. Denn so, wie ein anderer 
ausserer Gegenstand, wie ein anderes Wesen, so musste 
dem Menschen auf der Erde fiir sein Sinnesbewusstsein 
der Gott in leibhaftiger Gestalt entgegentreten. Was ist 
daher diese Wesenheit, die uns im Beginne unserer 
Zeitrechnung als der Christus-Jesus entgegentrat? Sie 
ist nichts anderes als die Verkérperung des Logos, der 
sechs anderen Elohim, denen vorbereitend der eine, der 
Jahve-Gott vorangegangen ist; und diese eine Gestalt des 
Jesus von Nazareth, in welcher der Christus oder der 
Logos inkarniert war, bringt daher das, was friiher im- 
mer nur von der Sonne auf die Erde herniederstrémte, 


62 


was nur im Sonnenlichte enthalten ist, sie bringt es in 
das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte selbst 
hinein: ,,Der Logos ward Fleisch!“ Das ist das, worauf 
das Johannes-Evangelium den gréssten Wert legt. Und 
es musste der Schreiber des Johannes-Evangeliums gerade 
auf diese Tatsache den gréssten Wert legen. Denn wahr 
ist es: nachdem einige der eingeweihten Christusschiiler 
verstanden hatten, um was es sich handelt, da traten auch 
andere auf, die das nicht im vollen Masse verstehen 
konnten; die zwar voll verstanden, dass allem Materiel- 
len, allem, was uns stofflich entgegentritt, ein Seelisch- 
Geistiges zugrunde liegt; was sie aber nicht begreifen 
konnten, war, dass sich in einem einzelnen Menschen fiir 
die physisch-sinnliche Welt physisch sichtbar der Logos 
selbst einmal verfleischlichte. Das konnten sie nicht 
verstehen. Dadurch unterscheidet sich das, was uns in 
den ersten christlichen Jahrhunderten als die ,,Gnosis“ 
entgegentritt, von dem wahren esoterischen Christentum. 
Der Schreiber des Johannes-Evangeliums hat mit krafti- 
gen Worten darauf hingewiesen: ,,Nein, nicht sollt ihr 
ansehen den Christus als tbersinnliches, unsichtbar blei- 
bendes Wesen, das allem Stofflichen zugrunde liegt, 
sondern ihr sollt Wert darauf legen, dass das Wort 
Fleisch geworden ist, dass es unter uns gewohnet hat!” 
Das ist der feine Unterschied zwischen dem esoterischen 
Christentum und der urspriinglichen Gnosis. Die Gnosis 
kennt den Christus ebenso wie das esoterische Christen- 
tum, aber nur als eine geistige Wesenheit, und sieht 
héchstens in dem Jesus von Nazareth einen mehr oder 
weniger an diese geistige Wesenheit gebundenen mensch- 
lichen Verkiinder. Sie will festhalten an dem unsichtbar 
bleibenden Christus. Dagegen ist das esoterische Christen- 
tum immer im Sinne des Johannes-Evangeliums gewesen, 


63. 


das auf dem festen Boden des Wortes stand: ,,Und der 
Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet!“ 
Derjenige, der da in der sichtbaren Welt war, ist eine 
wirkliche Verkérperung der sechs anderen Elohim, des 
Logos! 

Damit also ist die Erdenmission, das, was aus der 
Erde werden sollte durch das Ereignis von Paliastina, 
erst richtig in die Erde eingetreten. Vorher war alles 
Vorbereitung. — Als was musste sich also der Christus, 
der in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, vor- 
zugsweise bezeichnen ? 

Er musste sich vorzugsweise bezeichnen als den gros- 
sen Bringer und den Verlebendiger des selbstbewussten 
freien menschlichen Wesens. Fassen wir diese lebendige 
Christuslehre einmal in kurze, paradigmatische Satze. 
Dann miissen wir sagen: Die Erde ist dazu da, dem 
Menschen das volle Selbstbewusstsein, das ,,I[ch-bin“ zu 
geben. Vorher war alles nur Vorbereitung zu diesem 
Selbstbewusstsein, zum ,,[ch-bin; und der Christus war 
derjenige, der den Impuls gibt, dass die Menschen alle 
— jeder als einzelnes Wesen — empfinden kénnen das 
»lch-bin™. Jetzt erst ist der machtige Impuls gegeben, 
der die Menschen auf der Erde mit einem gewaltigen 
Ruck nach vorwarts bringt. Wir kénnen das verfolgen 
beim Vergleich des Christentums mit der alttestament- 
lichen Lehre. In der alttestamentlichen Lehre fihlte 
der Mensch noch nicht vollstindig das ,,Ich-bin“ in 
seiner eigenen Persdnlichkeit. Er hatte noch einen Rest 
dessen, was geblieben war von der alten Zeit des traume- 
rischen Bewusstseins, wo der Mensch sich nicht als ein 
Selbst fiihlte, sondern als Glied der gittlichen Wesenheit, 
wie das Tier heute noch ein Glied der Gruppenseele ist. 
Von der Gruppenseele sind die Menschen ausgegangen, 


64 


und zum individuellen selbstindigen Dasein, das in jedem 
Einzelmenschen das ,,I[ch-bin“ fiihlt, sind sie fortgeschrit- 
ten, — und Christus ist die Kraft, die die Menschen zu 
diesem freien ,,I[ch-bin“-Bewusstsein gebracht hat. Ueber- 
schauen wir das einmal in seiner vollen innerlichen Be- 
deutung. 

Der Bekenner des Alten Testaments fiihlte sich noch 
nicht so abgeschlossen in seiner einzelnen Persénlichkeit, 
wie der Bekenner des Neuen Testaments. Der Bekenner 
des Alten Testaments sagte noch nicht in seiner Persén- 
lichkeit: ,,[ch bin ein Ich.‘ Er fihlte sich in dem 
ganzen alten jiidischen Volke und fihlte das ,,Gruppen- 
Volks-Ich™. Versetzen wir uns einmal lebendig in das 
Bewusstsein eines solchen alttestamentlichen Bekenners. 
So, wie der wirkliche Christ das ,,[ch-bin“ fiihlt und 
allmahlich immer mehr fiihlen lernen wird, so fihlte 
der Bekenner des Alten Testaments nicht das ,,Ich-bin“. 
Er fihlte sich als ein Glied des ganzen Volkes und 
schaute hinauf zu der Gruppenseele, und wenn er das 
aussprechen wollte, sagte er: ,,Mein Bewusstsein reicht 
hinauf bis zum Vater des ganzen Volkes, bis zu Abra- 
ham; wir — ich und Vater Abraham — sind eins. 
Ein gemeinsames Ich umfasst uns alle; und da erst 
fiihle ich mich geborgen in der geistigen Substanzialitat 
der Welt, wenn ich in der ganzen Volkssubstanz mich 
ruben fiihle!“ So sah der Bekenner des Alten Testa- 
ments hinauf bis zum Vater Abraham und sagte: ,,Ich 
und der Vater Abraham sind eins! In meinen Adern 
fliesst dasselbe Blut wie in Abrahams Adern!“ Und den 
Vater Abraham fihlte er wie die Wurzel, aus der jeder 
einzelne Abrahamite als ein Glied hervorging. —- Da kam 
der Christus-Jesus und sagte zu seinen nachsten intimsten 
Eingeweihten: ,,Bisher haben die Menschen bloss geur- 


ce 65 


teilt mach dem Fleisch, nach der Blutsverwandtschaft; 
die war fiir sie das Bewusstsein, dass sie in einem 
héheren, unsichtbaren Zusammenhange ruhten. [hr aber 
sollt an einen viel geistigeren Zusammenhang glauben, 
an den, der weiter geht als die Blutsverwandtschaft. Thr 
sollt an einen geistigen Vatergrund glauben, in dem das 
Ich wurzelt, der geistiger ist als jener Grund, der das 
jiidische Volk als Gruppenseele verbindet, ihr sollt glau- 
ben an dasjenige, was in mir und in jedem Menschen 
ruht, und das ist nicht nur eins mit Abraham, — das 
ist eins mit dem gottlichen Weltengrunde! Daher be- 
tonte der Christus-Jesus im Sinne des Johannes-Evan- 
geliums: ,,Bevor der Vater Abraham war, war das 
CH-BIN‘!“ Nicht nur bis zu dem Vater-Prinzip, das 
bis zu Abraham reicht, geht mein Ur-Ich hinauf, — 
sondern mit dem, was den ganzen Kosmos durchpulst, 
ist das Ich eins — bis zu dem geht meine Geistigkeit 
hinauf. ,,[ch und der Vater sind eins!‘‘ Das ist das 
wichtige Wort, das man fihlen muss; dann wird man 
den Ruck fithlen, der die Menschen ergriff und die 
Menschheitsentwickelung weiter brachte durch jenen Im- 
puls, den das Erscheinen des Christus Jesus gab. Der 
Christus Jesus war der grosse Beleber des ,,Ich-bin“. 

Und nunmehr versuchen wir ein wenig darauf hin- 
zuhorchen, was seine intimsten Eingeweihten sagten, — 
wie sie das ausdriickten, was sich ihnen da offenbarte. 
Sie sagten: Bisher hat keine einzelne fleischliche Mensch- 
lichkeit existiert, der man diesen Namen des _ ,,Ich-bin‘‘ 
so beilegen durfte, als der, der als der erste die ganze 
Bedeutung des ,,Ich-bin“ in die Welt gebracht hat. Und 
daher nannten sie das ,,I[ch-bin‘‘ den Namen des Christus 
Jesus. Das war der Name, in dem sich die intimsten 
Eingeweihten verbunden fihlten, — in dem Namen, 


66 


den sie also verstanden, den Namen ,,ICH-BIN“. So 
miissen Sie sich in die wichtigsten Kapitel des Johannes- 
Evangeliums vertiefen. Wenn Sie also jenes Kapitel 
nehmen, wo das Wort steht: ,,[ch bin das Licht der 
Welt!“ da miissen Sie das wortlich nehmen, ganz wort- 
lich. Das ,,Ich-bin“‘, das da zum ersten Male im Fleische 
auftrat, was ist es? Dasselbe, was im Sonnenlichte als 
Logoskraft der Erde zustrémt. Ueberall haben Sie in 
dem ganzen achten Kapitel, vom 12. Vers angefangen, 
das gewoéhnlich tiberschrieben ist ,,Jesus, das Licht der 
Welt", die Umschreibung dieser tiefen Wahrheit von der 
Bedeutung des Ich-bin. Lesen Sie das Kapitel so, dass 
Sie tiberall das ,,I[ch“ oder das ,,I[ch-bin“ betonen und 
wissen, dass das ,,ich-bin‘‘ der Name war, auf den sich 
die Eingeweihten verbunden fiihlten. Dann verstehen Sie 
es, dann erscheint Ihnen dies Kapital so, dass Sie es etwa 
in der Art lesen miissten: 


Da redete Jesus zu seinen Jiingern und sprach: 
»Was ,Ich-bin‘ zu sich sagen kann, das ist die Kraft 
des Lichtes der Welt; und wer mir nachfolgt, der 
wird bei hellem lichten Tagesbewusstsein dasjenige 
sehen, was diejenigen nicht sehen, die in der Fin- 
sternis wandeln.“ 


Diese aber, die dem alten Glauben anhingen, dass 
nur auf eine nichtliche Art das Licht der Liebe dem 
Menschen eingepflanzt werden kann, die da die Pha- 
riser genannt wurden, die antworteten: ,,Du berufst 
dich auf dein ,Ich-bin‘; wir aber berufen uns auf 
den Vater Abraham. Da fiihlen wir die Kraft, die 
uns berechtigt, als selbstbewusste Wesen aufzutreten; 
da fihlen wir uns stark, wenn wir einsinken in den 


67 


gemeinsamen Ichgrund, der bis zum Vater Abraham 
hinauffiihrt.* 

Jesus sprach: ,,Wenn man in dem Sinne vom 
Ich‘ redet, wie ich rede, da ist das Zeugnis wahr; 
denn ich weiss, dass dieses ,[ch‘ von dem Vater, von 
dem gemeinsamen Urgrund der Welt kommt, und 
wohin es wieder geht.“ 


Und nun der wichtige Satz, Kap. 8 Vers 15, den 
Sie wértlich in folgender Weise tibersetzen miissen: 


»lhr beurteilt alles nach dem Fleische. Ich aber 
beurteile nicht das Nichtige, das im Fleische ist. 

Und wenn ich urteile, so ist mein Urteil em 
wahres. Denn dann ist das Ich nicht allein fiir sich, 
sondern das Ich ist vereint mit dem Vater, von dem 
das Ich herstammt.* 


Das ist der Sinn dieser Stelle. So sehen Sie tiberall 
den Hinweis auf den gemeinsamen Vater — und wir 
werden den Vaterbegriff noch genauer uns vor die Seele 
fiihren k6nnen. — So sehen Sie, wie das Wort: ,,Ehe 
denn der Vater Abraham war, war das ,Ich-bin‘,“ die 
Quintessenz der christlichen Lehrworte lebendig in sich 
enthailt. 

Wir haben uns heute vertieft in die Worte des 
Johannes-Evangeliums, mehr, als wir es hatten tun kén- 
nen, wenn ich sie in dusserer Weise interpretiert hatte. 
Wir haben diese Worte aus der Geistesweisheit her- 
geleitet, insofern wir auf einige wichtige Worte des 
Johannes-Evangeliums angespielt haben, die gerade das 
Wesentliche des Christentums bezeichnen. Wir werden 
sehen, wie uns gerade dadurch, dass wir erst solche 
Kern- und Urworte des Evangeliums verstehen, Licht 


68 


und Klarheit in das ganze Johannes-Evangelium hinein- 
kommen wird. 

Nehmen Sie das alles als etwas, was als Lehre in der 
christlichen esoterischen Schule gelehrt worden ist, und 
die der Schreiber des Johannes-Evangeliums auf die 
Art, wie wir das besprechen werden, aufgeschrieben hat, 
um sie der Nachwelt zu itberliefern fiir diejenigen, die 
da wirklich eindringen wollen in dessen Sinn. 


69 


IV. 


Die Auferweckung des Lazarus. 


Es diirfte aus den drei bisherigen Vortragen einiger- - 
massen hervorgegangen sein, dass man im Johannes- 
Evangelium die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten wie- 
derzufinden in der Lage ist. Aber ebenso diirfte klar ge- 
worden sein, dass es notwendig ist, um diese Wahrheiten 
zu finden, jedes Wort dieses Johannes-Evangeliums wirk- 
lich auf die Goldwage zu legen. Es kommt bei dieser re- 
ligidsen Urkunde in der Tat darauf an, dass der wirk- 
liche, echte Wortlaut absolut verstanden wird. Denn alles 
ist in dieser Urkunde, wie wir noch an verschiedenen Fal- 
len sehen werden, von der denkbar tiefsten Bedeutung. 
Aber nicht nur der Wortlaut dieses oder jenes Satzes 
kommt in Betracht, sondern es kommt auch noch etwas 
anderes in Betracht. Das ist die Gliederung, die Kompo- 
sition, die Zusammensetzung der Urkunde. Fir solche 
Dinge hat eigentlich der heutige Mensch nicht mehr 
ganz die rechte Empfindung. Viel mehr von architek- 
tonischem Aufbau, von innerer Gliederung haben die 
alten — wenn wir sie so nennen dirfen — Schriftsteller 
in ihre Werke hineingelegt, als man gewoéhnlich glaubt. 
Sie brauchen sich nur an einen verhaltnismassig spaten 
Dichter zu erinnern, um das bekraftigt zu finden: an 
Dante. Wie ist in der ,,G6ttlichen Komédie“ alles archi- 


7O 


tektonisch aufgebaut in Gliedern, denen die Dreizahl 
zugrunde liegt; und nicht umsonst schliesst ein jeder 
Teil von Dantes Komédie mit den Worten ,,Sterne“. 
Das nur, um anzufihren, wie architektonisch die alten 
Schriftsteller ihre Sache aufgebaut haben, — und ins- 
besondere diirfen wir bei den grossen religidsen Urkun- 
den diesen architektonischen Aufbau niemals aus den 
Augen verlieren; denn er bedeutet unter Umstinden sehr 
viel. Man muss diese Bedeutung allerdings erst heraus- 
finden. 

Da ist zu erinnern, dass am Ende des 1o. Kapitels 
des Johannes-Evangeliums ein Satz steht, den wir in der 
Erinnerung behalten wollen. Da heisst es im 41. Vers: 


Und viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes 
tat kein Zeichen, aber alles, was Johannes von diesem 
gesagt hat, das ist wahr. 


Das heisst, wir finden in diesem Vers des ro. Kapitels 
einen Hinweis darauf, dass das Zeugnis, das tiber den 
Christus Jesus abgegeben wird durch Johannes, wahr 
ist; es wird durch ein besonderes Wort das ausgedriickt, 
dass dies Zeugnis wahr ist. — Und nun kommen wir 
an den Schluss des Johannes-Evangeliums und finden da 
einen entsprechenden Vers. Da heisst es im 24. Vers 
des 21. Kapitels: 


Dies ist der Jiinger, der von diesen Dingen zeuget, 
und hat dies geschrieben; und wir wissen, dass sein 
Zeugnis wahrhaftig ist! 


Da haben wir also am Schluss des Ganzen eine Angabe 
dariiber, dass das Zeugnis dessen, der berichtet, ein wahr- 


71 


haftiges ist. Solche Kongruenzen und Harmonien, dass 
da oder dort mit einem Wort etwas Besonderes gesagt 
wird, sind niemals ohne Bedeutung in den alten Schrif- 
ten; und gerade hinter dieser Kongruenz verbirgt sich 
etwas Bedeutsames. Und wir werden unsere Betrachtun- 
gen in das rechte Licht riicken, wenn wir auf den Grund 
dessen hinweisen. 

Es steht in der Mitte des Johannes-Evangeliums eine 
Tatsache, ohne deren Verstindnis tiberhaupt das Johannes- 
Evangelium nicht begriffen werden kann. Unmittelbar 
hinter der Stelle, wo dieses Wort zur Bekraftigung des 
Wahrheitszeugnisses angefiihrt wird, steht das Kapitel 
iiber die Auferweckung des Lazarus. Durch dieses Kapitel 
iiber die Auferweckung des Lazarus zerfallt das ganze 
Johannes-Evangelium in zwei Teile. Und es ist hinge- 
wiesen am Ende des ersten Teiles darauf, dass fiir alles 
dasjenige, was behauptet wird, was bekraftigt werden 
soll iiber den Christus Jesus, das Zeugnis des Taufers 
Johannes gelten soll; und es ist ganz am Ende darauf 
hingewiesen, dass fiir alles das, was nach dem Kapitel 
tiber die Auferweckung des Lazarus steht, das Zeugnis 
des Jiingers gelten soll, von dem wir 6fter héren die 
Worte: ,,den der Herr lieb hatte“. Was bedeutet denn 
tiberhaupt die ,,Auferweckung des Lazarus‘ ? 

Ich erinnere Sie daran, dass nach der Erzahlung tiber 
die Auferweckung des Lazarus ein scheinbar ratselhafter 
Satz im Johannes-Evangelium steht. — Stellen Sie sich 
einmal die ganze Situation vor: Der Christus Jesus voll- 
bringt das, was man im gewodhnlichen Sinne ein Wunder, 
im Evangelium selbst ein ,,Zeichen“’ nennt: die Aufer- 
weckung des Lazarus. Und nachher stehen mehrere Sitze, 
die da besagen: ,,Dieser Mensch tut viele Zeichen‘, und 
alles folgende weist darauf hin, dass die Anklager keine 


72 


Gemeinschaft mit ihm haben wollen wegen dieser Zei- 
chen. — Wenn Sie diese Worte lesen, wie sie auch 
immer tibersetzt sein mégen (es ist auch schon in meinem 
»Christentum als mystische Tatsache“ von mir darauf 
hingewiesen worden), so miissen Sie fragen: Was liegt 
denn da eigentlich zugrunde? Die Auferweckung eines 
Menschen bestimmt gerade die Gegner, gegen den Chri- 
stus Jesus aufzutreten. Warum regt die Gegner gerade 
die Auferweckung des Lazarus so auf ? Warum beginnt 
gerade da die Verfolgung > — Ein jeder, der zu lesen 
versteht, muss einsehen, dass sich in diesem Kapitel ein 
Mysterium verbirgt. Dieses Mysterium, das sich dahinter 
verbirgt, ist nichts anderes als die Mitteilung dariiber, 
wer eigentlich der wirkliche Autor des Johannes-Evange- 
liums ist, wer eigentlich das alles sagt, was im Johannes- 
Evangelium gesagt wird. Um das zu verstehen, miissen 
wir einmal einen Blick werfen auf das, was wir die 
»Einweihung* in den alten Mysterien nennen. Wie ging 
diese Einweihung in den alten Mysterien vor sich ? 

Ein Mensch, der eingeweiht worden war, konnte selbst 
Erlebnisse, Erfahrungen haben in den geistigen Welten, 
so dass er ein Zeuge werden konnte der geistigen Welten. 
Diejenigen, die reif befunden wurden, eingeweiht zu wer- 
den, wurden in diese Mysterien hineingezogen. Ueberall — 
in Griechenland, bei den Chaldaern, bei den Aegyptern, 
bei den Indern — gab es solche Mysterien. Da wurden 
die Einzuweihenden lange unterrichtet ungefaéhr in den 
Dingen, die wir heute in der Geisteswissenschaft lernen; 
und wenn sie geniigend unterrichtet waren, folgte das, 
was ihnen den Weg 6ffnete, um selbst zu schauen. Aber 
in den alten Zeiten konnte das auf keine andere Weise 
bewirkt werden als dadurch, dass der Mensch in bezug 
auf seine vier Glieder: physischer Leib, Aetherleib, Astral- 


73 


leib und Ich — in einen ganz besonderen Zustand versetzt 
wurde. Was da geschah mit dem Einzuweihenden, war, 
dass er durch den Initiator, durch den Einweihenden, der 
die Sache verstand, dreieinhalb Tage in einen totenahn- 
lichen Zustand versetzt wurde. Das geschah aus folgen- 
dem Grunde. Wenn der Mensch namlich im heutigen 
Entwickelungszyklus im gewodhnlichen Sinne schlaft, so 
liegen sein physischer Leib und Aetherleib im Bette, das 
Ich mit dem Astralleib ist herausgehoben. Der Mensch 
kann dann nicht irgendwelche geistigen Ereignisse wahr- 
nehmen um sich herum, weil sein Astralleib noch nicht 
die geistigen Sinnesorgane hat, um in der Welt, in der 
der Mensch dann ist, wahrzunehmen. Erst wenn sein 
astralischer Leib und sein Ich wieder hineinschliipfen 
in seinen physischen und Aetherleib, sich wieder der 
Augen und der Ohren bedienen, nimmt der Mensch 
wieder die physische Welt, d. h. itberhaupt eine Umwelt 
wahr. Durch das, was die Einzuweihenden gelernt hat- 
ten, wurden sie fahig, die geistigen Sinnesorgane ihres 
astralischen Leibes herauszubilden. Wenn sie nun so weit 
waren, dass ihr astralischer Leib diese Sinnesorgane aus- 
gebildet hatte, musste dafiir gesorgt werden, dass alles, 
was der astralische Leib in sich aufgenommen hatte, sich 
in den Aetherleib eindriickt, wie die Worte eines Pet- 
schaftes sich in das Siegellack eindriicken. Das ist das, 
worauf es ankommt. Alle Vorbereitungen fiir die Ein- 
weihung beruhten darauf, dass der Mensch sich solchen 
inneren Vorgingen hingab, welche seinen astralischen 
Leib umorganisierten. Der Mensch war auch seinem 
physischen Leibe nach einmal so, dass er keine Augen 
und Ohren hatte wie heute, sondern gleichgiiltige Or- 
gane an dieser Stelle — wie Tiere, die nie dem Licht 
ausgesetzt waren, keine Augen haben. Das Licht formt 


74 


heraus das Auge, der Ton bildet heraus das Ohr. Was 
der Mensch durch Meditation, Konzentration tbt, und 
was er dadurch innerlich erlebt, wirkt so wie Licht auf 
das Auge, Ton auf das Ohr; dadurch wird der astra- 
lische Leib umgeformt, und dadurch werden _heraus- 
geholt die Erkenntnisorgane, um zu schauen in der 
astralischen, der héheren Welt. Jetzt sind sie aber noch 
nicht fest genug in dem Aetherleibe; sie werden dadurch 
fest, dass das, was im astralischen Leibe zunichst sich 
bildet, eingepragt wird in den Aetherleib. Solange aber 
der Aetherleib im physischen Leibe steckt, ist es nicht 
méglich, dass das, was durch die Uebungen erreicht wird, 
sich auch wirklich abdriickt im Aetherleibe. Dazu musste 
ehedem der Aetherleib herausgehoben werden aus dem 
physischen Leibe. Wenn also in den dreieinhalb Tagen 
des totenahnlichen Schlafes der Aetherleib herausgehoben 
war aus dem physischen Leibe, driickte sich alles das, 
was im Astralleibe vorbereitet war, ab. Der Mensch er- 
lebte die geistige Welt. Wurde er dann wieder durch 
den Priester-Initiator zuriickgerufen in den physischen 
Leib, so war er ein Zeuge dessen, was in den geistigen 
Welten vorgeht, durch sein eigenes Zeugnis. Diese Proze- 
dur ist eben durch die Erscheinung des Christus Jesus 
unnétig geworden. Dieser dreieinhalb Tage lange toten- 
abnliche Schlaf kann nunmehr durch die von Christus 
ausgehende Kraft ersetzt werden. Denn wir werden 
gleich sehen, dass im Johannes-Evangelium die starken 
Krafte liegen, dass heute der Astralleib, auch wenn der 
Aetherleib im physischen Leibe drinnen ist, die Starke 
hat, trotzdem abzudriicken, was vorher in ihm vorbe- 
reitet war. Dazu musste aber erst der Christus Jesus 
da sein. Vorher waren die Menschen nicht so weit, dass 
ohne die charakterisierte Prozedur das, was im astrali- 


79 


schen Leibe durch Meditation und Konzentration vorge- 
bildet war, im Aetherleibe abgedriickt werden konnte. — 
Das war ein Vorgang, der sich oft in den Mysterien ab- 
gespielt hat: ein einzuweihender Mensch wird durch den 
Priester-Initiator in einen totenahnlichen Schlaf gebracht; 
darauf wird der Betreffende durch die héheren Welten 
geftihrt — dann wird er wieder zuriickgerufen durch 
den Priester-Initiator in seinen physischen Leib — und 
nunmehr ist er durch sein eigenes Erlebnis ein Zeuge 
der geistigen Welten. 

Das wurde immer im tiefsten Geheimnis vollbracht, 
und nichts wusste die dussere Welt von den Vorgangen 
in den alten Mysterien. Durch den Christus Jesus sollte 
an die Stelle der alten Einweihung eine neue treten, die 
durch jene Krafte hervorgebracht wurde, von denen wir 
noch zu sprechen haben. Es sollte gleichsam der Schluss- 
punkt gemacht werden mit der alten Form der Ein- 
weihung. Aber es sollte ein Uebergang gemacht werden 
von der alten in die neue Zeit! Fir den Uebergang sollte 
jemand noch einmal auf die alte Art eingeweiht werden, 
aber in die christliche Esoterik. Das konnte nur der 
Christus Jesus selbst tun — und es sollte der Einzu- 
weihende jener sein, der da Lazarus genannt wird. ,,Diese 
Krankheit ist nicht zum Tode“, heisst es da, sie ist der 
dreieinhalbtagige totenihnliche Schlaf. Darauf wird deut- 
lich hingewiesen. 

Sie werden sehen, dass es zwar in einer sehr ver- 
schleierten Darstellung geschieht, dass aber fiir den, wel- 
cher eine solche verschleierte Art iiberhaupt entziffern 
kann, sie sich als Einweihung darstellt. Die Individuali- 
tat des Lazarus sollte so eingeweiht werden, dass dieser 
Lazarus ein Zeuge von den geistigen Welten werden 
konnte. Und es wird uns ein Wort gesagt, das in der 


76 


Mysteriensprache ein sehr bedeutsames ist, es wird uns 
gesagt, ,dass der Herr den Lazarus lieb hatte‘. Was 
bedeutet ,,lieb haben“ in der Mysteriensprache? Es 
driickt aus das Verhiltnis des Schiilers zum Lehrer. 
»Den der Herr lieb hatte ist der intimste, der einge- 
weihteste Schiiler. Den Lazarus hat der Herr selbst 
eingeweiht, und als ein Eingeweihter erhob sich Lazarus 
aus dem Grabe, d. h. aus seiner Einweihungsstatte. Und 
dasselbe Wort ,,den der Herr lieb hatte wird uns immer 
spater von Johannes gesagt, — oder sagen wir besser — 
von dem Verfasser des Johannes-Evangeliums; denn der 
Name ,,Johannes’ wird nicht genannt; es ist eben der- 
jenige, der der Lieblingsjiinger ist, und auf den das 
Johannes-Evangelium zuriickzufiihren ist. Das ist der 
auferweckte Lazarus selbst; und der Schreiber des Jo- 
hannes-Evangeliums wollte damit sagen: ,,Was ich zu 
sagen habe, habe ich zu sagen kraft der Einweihung, 
die mir von dem Herrn selbst zuteil geworden ist!‘ Daher 
unterscheidet der Schreiber des Johannes-Evangeliums 
wohl, was vor der Auferweckung des Lazarus, und das, 
was nach der Auferweckung des Lazarus geschieht. Vor 
der Auferweckung des Lazarus wird ein alter Hinge- 
weihter angefihrt, ein solcher, der gekommen ist zur 
Erkenntnis des Geistes, und es wird betont, dass sein 
Zeugnis wahr ist. ,,Was aber iiber die tiefsten Dinge 
zu sagen ist, tiber das Mysterium von Palastina, dariiber 
spreche ich selbst, ich der Auferweckte; dariiber kann 
ich aber erst nach der Auferweckung sprechen!‘‘ Daher 
haben wir in dem ersten Teile des Johannes-Evangeliums 
das Zeugnis des alten Johannes, — in dem zweiten Teil 
das Zeugnis des neuen Johannes, den der Herr selbst 
eingeweiht hat. Denn dieser ist der auferweckte Lazarus. 
So erfassen wir dies Kapitel erst seinem wirklichen 


77 


Sinne nach. Es steht da, weil Johannes sagen wollte: 
Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner tibersinnlichen 
Sinne, meiner geistigen Erkenntniskrafte. Nicht in der 
gewohnlichen physischen Welt habe ich gesehen, was 
ich erzihle, sondern in der geistigen Welt, in der ich 
war dadurch, dass mir der Herr die Einweihung hat 
zuteil werden lassen. 

So miissen wir die Charakteristik des Christus Jesus, 
wie sie uns entgegentritt in den ersten Kapiteln des Jo- 
hannes-Evangeliums bis zum Schluss des ro. Kapitels, 
zuriickfiihren auf die Erkenntnis, die sozusagen auch 
einer haben konnte, der nicht im tiefsten Sinne schon 
eingeweiht war durch den Christus Jesus selbst. 

Nun werden Sie sagen: ,,Ja, wir haben doch selbst 
in diesen Vortrigen die tiefen Worte tiber den Christus 
Jesus gehdrt als den verkérperten Logos, als das Licht 
der Welt usw.’’ — Das ist nicht weiter verwunderlich, 
dass diese tiefen Worte tuber den Christus Jesus schon 
in den ersten Kapiteln ausgesprochen werden. Denn in 
den alten Mysterien war der Christus Jesus, d. h. der 
Christus, der in Zukunft erscheinen sollte in der Welt, 
nicht etwa eine unbekannte Wesenheit. Und alle Myste- 
rien wiesen hin auf Einen, der da kommen sollte. Daher 
nennt man die alten Eingeweihten ,,Propheten“, weil sie 
iiber ein Kiinftiges vorher zu prophezeien hatten. Darum 
hatten gerade die Einweihungen den Zweck, klar erkennen 
zu lassen, dass sich in der Zukunft der Menschheit der 
Christus enthiillen werde. So ging aus dem, wag§er damals 
schon wissen konnte, fiir den Taufer die Wahrheit hervor, 
die ihn prophezeien lassen konnte, dass derjenige, von 
dem gesprochen worden ist in den Mysterien, vor ihm 
stehe in dem Christus Jesus. — Wie nun das Ganze 
zusammenhangt, wie der sogenannte Taufer selbst zu dem 


78 


> 


Christus Jesus steht, das wird sich uns am klarsten 
zeigen, wenn wir uns zweierlei Fragen beantworten. 

Die eine ist die: Wie stellt sich der Taufer selbst in 
seine Zeit hinein ? Und die andere geht zuriick auf die 
Erklarung verschiedener Dinge im Anfang des Johannes- 
Evangeliums. 

Wie stellt sich der Taufer in seine Zeit hinein ? Was 
ist der Taufer eigentlich ? Er ist einer, der — ebenso 
wie die anderen, die etwas in den Einweihungen gehért 
haben — den Hinweis erhalten hat auf den kommenden 
Christus, der aber als der Einzige hingestellt wird, dem 
— gegeniiber dem Christus Jesus — das rechte Geheim- 
nis aufgeht, dass der Erschienene eben der Christus ist. 
Nun sahen die, welche mit Pharisier oder mit anderen 
Namen bezeichnet wurden, in dem Christus Jesus einen 
solchen, der eigentlich ihrem alten Einweihungsprinzip 
widerstrebte, der in ihren Augen etwas tat, was sie 
in ihrem konservativen Sinne nicht zugeben konnten. 
Sie sagten, weil sie eben konservativ waren: es 
muss bei dem alten Einweihungsprinzip bleiben! — 
Und dieser Widerspruch: immer von dem zukinf- 
tigen Christus zu sprechen, aber niemals den Zeit- 
punkt eintreten zu lassen, wo er wirklich da sei, 
das ist es eben, was ihrem Konservatismus zugrunde 
liegt. Daher mussten sie, als der Christus Jesus den 
Lazarus einweihte, es als einen Bruch mit der alten 
Mysterien-Tradition ansehen. ,,Der Mensch tut viele Zei- 
chen! Mit dem kénnen wir keine Gemeinschaft haben!“ 
Er hat nach ihrer Auffassung die Mysterien verraten, — 
dasjenige zu einem Oeffentlichen gemacht, was in den 
Tiefen der Mysteriengeheimnisse eingeschlossen sein sollte. 
Und jetzt begreifen wir, dass dies ihnen wie ein Verrat 
war und als der Grund erschien, dass sie gegen ihn auf- 


‘. 79 


treten miissten. Daher beginnt damit der Umschlag, die 
Verfolgung des Christus Jesus. 

Als was erweist sich nun der Taufer in den ersten 
Kapiteln des Johannes-Evangeliums ? : 

Erstens als ein solcher, welcher die Mysterienwahr- 
heit von dem Christus, der da kommen soll, gar wohl 
weiss, so gut weiss, dass dies alles der Schreiber des 
Johannes-Evangeliums selber wiederholen kann, was auch 
schon der Taufer hat wissen kénnen, wovon er sich tiber- 
zeugt hat durch das, was wir kennen lernen werden. 

Wir haben gesehen, was die allerersten Worte des 
Johannes-Evangeliums bedeuten. Wir wollen jetzt auf 
das ein wenig Riicksicht nehmen, was tiber den Taufer 
selbst gesagt wird. Legen wir es uns aber in méglichst 
richtiger Uebersetzung noch einmal vor. Nur die ersten 
Worte haben wir bis jetzt gehért. 


Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war 
bei Gott, und ein Gott war das Wort. 

Dieses war im Urbeginne bei Gott. 

Alles ist durch dasselbe geworden, und ausser durch 
dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden. 

In diesem war das Leben, und das Leben war das 
Licht der Menschen. 

Und das Licht schien in die Finsternis, aber die 
Finsternis hat es nicht begriffen. 

Es ward ein Mensch; gesandt war er von Gott, 
mit seinem Namen Johannes. 

Dieser kam zum Zeugnis, auf dass er Zeugnis 
ablege von dem Lichte, und dass durch ihn alle glau- 
ben sollten. 

Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des 
Lichtes. 


80 


- Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuch- 
tet, sollte in die Welt kommen. 

Es war in der Welt, und die Welt ist durch es 
geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt. 

In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich- 
Menschen kam es); aber die einzelnen Menschen (die 
Ich-Menschen) nahmen es nicht auf. 

Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch 
es als Gottes Kinder offenbaren. 

Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, 
nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus 
menschlichem Willen — sondern aus Gott geworden. 

Und das Wort ist Fleisch geworden und _ hat 
unter uns gewohnet, und wir haben seine Lehre ge- 
héret, die Lehre von dem einigen Sohn des Vaters, 
erfillt von Hingabe und Wahrheit. 

Johannes leget Zeugnis fiir ihn ab und verkiindet 
deutlich: Dieser war es, von dem ich sagte: Nach 
mir wird derjenige kommen, der vor mir gewesen 
ist. Denn es ist mein Vorginger. 

Denn aus dessen Fille haben wir alle genommen 
Gnade tiber Gnade. 

Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben, die 
Gnade und die Wahrheit aber ist durch Jesus Chri- 
stus entstanden. 

Gott hat niemand bisher mit Augen geschaut. Der 
eingeborene Sohn, welcher im Innern des Welten- 
vaters war, er ist der Fiihrer in diesem Schauen ge- 
worden. 


Das sind diejenigen Worte, die ungefahr den Sinn 
dieser ersten Satze des Johannes-Evangeliums wieder- 
geben. Dazu miissen wir, ehe wir an ihre Erklaérung 


6 81 


gehen, noch eins hinzufiigen. Als was erklart sich denn 
Johannes selber? — Sie erinnern sich, dass geschickt 
wird, um auszukundschaften, wer Johannes der Taufer 
sei. Priester und Leviten kommen, die ihn fragen sollen, 
wer er sel. Warum er nun die vorhergehende Antwort 
gibt, werden wir noch sehen. Jetzt wollen wir nur be- 
riicksichtigen, was er selber sagt: 

Er sprach: ,,I[ch bin die Stimme eines Rufers in der 
Einsamkeit.““ Das sind die Worte, die da stehen. ,,Ich 
bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit!“ In der 
Einsamkeit steht da — ganz wortlich. Im Griechischen 
bedeutet das Wort ,,eremit ,,der Einsame“. Nun werden 
Sie es begreifen, dass es richtiger ist zu sagen: ,,Ich bin 
die Stimme eines Rufers in der Ejinsamkeit“ — als: 
»lch bin die Stimme eines Predigers in der Wiiste.“ 
Und wir werden alles, was in den Anfangsworten des Jo- 
hannes-Evangeliums angefiihrt ist, besser verstehen, wenn 
wir die Selbstcharakteristik des Johannes uns vor Augen 
fiihren. Warum nennt er sich ,,die Stimme eines Rufers. 
in der Einsamkeit“ ? 

In dem Entwickelungsgange der Menschheit haben 
wir gesehen, dass die eigentliche Erdenmission die Ent- 
wickelung der Liebe ist, dass sie aber nur denkbar ist, 
wenn sie als freiwillige Gabe von selbstbewussten Men- 
schen gegeben wird, und dass sich der Mensch nach und 
nach sein Ich erobert, und dass das Ich langsam und 
allmahlich sich hineinsenkt in die Menschennatur. Wir 
wissen, dass die Tiere als solches kein einzelnes Ich 
haben. Wenn der einzelne Léwe ,,Ich“ sagen kénnte, 
ware damit nicht das einzelne Tier gemeint, sondern das. 
Gruppen-Ich in der astralischen Welt; alle Lowen wiir- 
den dazu ,,I[ch“ sagen. So sagen ganze Gruppen von 
gleichgeformten Tieren zu dem im Astralischen tber- 


82 


sinnlich - wahrnehmbaren Gruppen-Ich ,,Ich‘“. Das ist 
der grosse Vorzug des Menschen vor den Tieren, dass 
der Mensch ein individuelles Ich hat. Aber das indivi- 
duelle Ich entwickelt sich erst nach und nach. Der 
Mensch fing auch an mit einem Gruppen-Ich, mit einem 
Ich, welches einer ganzen Gruppe von Menschen an- 
gehorte. 

Wenn Sie zuriickgehen wiirden zu alten Vélkern, 
zu alten Rassen, tiberall wiirden Sie finden, dass die 
_ Menschen urspriinglich kleine Gruppen bildeten. Bei 
den germanischen Vélkern brauchten Sie gar nicht ein- 
mal weit zuriickzugehen. In des Tacitus Schriften kénnen 
Sie mit Handen greifen, dass der einzelne Germane mehr 
halt von seinem ganzen Stamm als von seiner Indivi- 
dualitit. Der einzelne fiihlt sich mehr als Glied des 
Cheruskerstammes oder des Sigambrerstammes, denn als 
eine einzelne Persdnlichkeit; und daher tritt auch der 
einzelne ein fiir das Schicksal des ganzen Stammes; es 
ist auch gleichgiiltig, wer eine Beleidigung riacht, wenn 
einem einzelnen Gliede oder dem Stamme eine Belei- 
digung widerfahren ist. Dann tritt im Laufe der Zeit 
das ein, dass einzelne Leute heraustreten aus der Stam- 
meszugehérigkeit, so dass die Stimme durchbrochen wer- 
den und nicht mehr kompakt bleiben. Aus dem Grup- 
penseelencharakter hat sich auch der Mensch entwickelt 
und nach und nach sich hinaufgeschwungen dazu, in 
der Einzelpersénlichkeit das Ich zu empfinden. Wir 
kénnen gewisse Dinge, besonders die religiésen Urkun- 
den, nur verstehen, wenn wir dies Geheimnis von den 
Gruppenseelen, von den Gruppen-Ichs wissen. Bei den 
Vélkern, bei denen es schon zu einer gewissen Wahr- 
nehmung des eigenen Ichs gekommen war, gab es noch 
immer ein Ich, das sich nicht nur tber raumliche, 


83 


gleichzeitig lebende Gruppen, sondern auch iber zeitliche — 
Gruppen ausdehnte. Heute ist das Gedachtnis der Men- 
schen so, dass sich der einzelne nur noch an seine eigene 
Jugendzeit erinnert. Aber es gab eine Zeit, in der noch 
ein anderes Gedachtnis vorhanden war, wo sich der 
Mensch nicht nur an seine Taten erinnerte, sondern wo 
er sich auch an die Taten seines Vaters, seines Gross- 
vaters erinnerte, wie an seine eigenen. Das Gediachtnis 
reichte tiber Geburt und Tod, so weit man nur die 
Blutsverwandtschaft verfolgen konnte. Ein Ahne, dessen 
Blut sozusagen herunterfloss durch die Generationen, 
erhiell sich jahrhundertelang mit dem gleichen Blute 
das Gedichtnis, und ein Enkel oder ein Spross eines 
Stammes sagte zu den Taten, zu den Gedanken seiner 
Vorfahren ,,Ich“ wie zu sich selber. Man empfand sich 
da nicht eingeschlossen zwischen Geburt und Tod, son- 
dern man empfand sich als Glied der Generationenreihe, 
deren Mittelpunkt der Ahne war. Denn das ist der 
Zusammenhalt des Ich, dass man sich eben der Taten 
des Vaters, des Grossvaters usw. erinnerte. In alten 
Zeiten wurde das schon 4usserlich durch die Namen- 
gebung ausgedriickt. Der Sohn erinnerte sich nicht nur 
an seine eigene Taten, sondern auch an die des Vaters, 
Grossvaters usw. Das Gedachtnis ging durch die Gene- 
rationen weit hinaus; alles, was so das Gedachtnis um- 
fasste, hiess in alten Zeiten z. B. ,,Noah‘, hiess ,,Adam“. 
Damit sind nicht die einzelnen Menschen, sondern die 
Iche gemeint, die jahrhundertelang das Gediachtnis be- 
wahrten. Dies Geheimnis verbirgt sich auch hinter den 
Patriarchennamen. Warum lebten die Patriarchen so 
lange? Es ware in alten Zeiten gar nicht einem einge- 
fallen, den einzelnen Menschen, der zwischen Geburt und 
Tod steht, mit einem Namen zu benennen. Adam gilt 


84 


als gemeinsames Gedichtnis, weil gerade die raumliche 
und zeitliche Begrenzung fiir die alte Namengebung gar 
nicht in Betracht kam. 

So léste sich nach und nach langsam das mensch- 
liche Einzel-Ich aus der Gruppenseele, aus dem Gruppen- 
Ich heraus; der Mensch kam nach und nach zum 
Bewusstsein seines Einzel-Ichs. Vorher fihlte er sein 
Ich in der. Stammeszugehérigkeit, in der Gruppe von 
Menschen, mit denen er blutsverwandt war, entweder 
im Raume oder in der Zeit; daher der Ausspruch: ,,Ich 
und der Vater Abraham sind Eins!“ d. h. sind ein Ich. 
Und da fiihlte sich der einzelne geborgen in einem Gan- 
zen, weil das gemeinsame Blut durch alle Adern hinunter- 
rollte durch alle Mitglieder des betreffenden Volkes. 
Aber die Entwickelung ging vorwirts. Die Zeit wurde 
reif, wo gerade innerhalb dieser Vélker die Menschen 
ibr Einzel-Ich empfinden sollten. Den Menschen das zu 
geben, was sie brauchten, um sich sicher und fest zu 
fiihlen in diesem einzelnen individuellen Ich, das war 
die Mission des Christus. So miissen wir auch das 
Wort auffassen, das so leicht missverstanden werden 
kann: ,,Wer nicht verleugnet Weib und Kind, Vater 
und Mutter, Bruder und Schwester, der kann nicht mein 
Jiinger sein!‘ Das miissen wir nicht in dem trivialen 
Sinn auffassen, dass jemand eine Anweisung erhilt, der 
Familie davonzulaufen; sondern es ist gemeint: Ihr sollt 
fiihlen, dass ein jeder von euch ein Einzel-Ich ist, und 
dass dieses Einzel-Ich unmittelbar mit dem geistigen 
Vater, der durch die Welt flutet, Eins ist. Friiher sagte 
der Bekenner des alten Testaments: ,,[ch und der Vater 
Abraham sind Eins“, weil das Ich sich in der Bluts- 
verwandtschaft ruhen fihlte. Jetzt sollte frei werden 
das Sich-Hins-Fihlen mit dem geistigen Vatergrunde. 


85 


Nicht mehr sollte die Blutsverwandtschaft die Gewahr 
bilden, dass der Mensch zu einem Ganzen gehért, sondern 
das Wissen von dem rein geistigen Vaterprinzip, mit dem 
alle Eins sind. 

So soll uns durch das Johannes-Evangelium gesagt 
werden, dass der Christus der grosse Impulsgeber ist, 
der dem Menschen das gibt, was er braucht, um sich 
ewig in seinem einzelnen individuellen Ich zu fihlen. 
Das ist der Umschwung von dem alten Bunde zu dem 
neuen. Bunde, dass der alte Bund immer etwas von 
Gruppenseelenhaftigkeit hat, wo das eine Ich sich zu- 
gesellt fiihlt zu den anderen Ichen, und weder sich, noch 
die andern Iche recht fihlt, dafiir aber das, worin sie 
gemeinsam geborgen sind, das Volks-Ich oder Stammes- 
Ich mitempfindet. 

Wie musste sich denn nun ein Ich fiihlen, das so 
weit reif geworden war, um nicht mehr den Zusammen- 
hang mit den anderen individuellen Persénlichkeiten der 
Gruppenseele zu fiihlenP Wie musste das vereinzelte Ich 
empfinden in einer Zeit, in der man sagen konnte: Nicht 
mehr ist die Zeit, in der man als eine wirkliche mensch- 
liche Lebenswahrheit empfinden kann die Zusammen- 
gehérigkeit mit anderen Personen, mit allen Ichen, die 
zu einer Gruppenseele gehéren; aber der muss erst kom- 
men, der der Seele das geistige Lebensbrot gibt, wodurch 
das einzelne Ich seine Nahrung erhalt? Das Einzel-Ich 
musste sich einsam fithlen, und der Vorginger des Chri- 
stus musste sagen: Ich bin ein Ich, das sich heraus- 
geschalt hat, sich einsam fuhlt. Und gerade weil ich 
gelernt habe mich einsam zu fihlen, fiihle ich mich 
als ein Prophet, dem das Ich in der Einsamkeit die 
richtige Geistes-Nahrung gibt. — Deshalb musste sich der 
Verkiinder als ein Rufer in der Einsamkeit bezeichnen, 


86 


d.h. als das schon vereinsamte, von der Gruppenseele 
vereinsamte Ich, das da schreit nach dem, wodurch das 
Einzel-Ich Nahrung bekommen kann. ,,Ich bin die Stimme 
eines Rufers in der Einsamkeit.‘ Da héren wir wieder 
die tiefe Wahrheit: Jedes menschliche individuelle Ich 
ist ein ganz auf sich gestelltes; ich bin die Stimme des 
Ich, das losgelést ist, und das seinen Grund sucht, auf 
dem es als losgeléstes Ich stehen kann. Jetzt verstehen 
wir die Stelle: ,,[ch bin die Stimme eines Rufers in 
der Einsamkeit*. 

Um genau die Worte des Johannes-Evangeliums zu 
verstehen, miissen wir uns ein wenig hineinfinden in 
die Art und Weise, wie tiberhaupt damals Namen und 
Bezeichnungen gegeben worden sind. So abstrakt und 
nichtssagend wie heute war die Namengebung damals 
nicht. Und wenn die Ausleger der biblischen Urkunden 
nur ein klein wenig bedenken wollten, wieviel damit ge- 
sagt wird, dann wiirde manche triviale Auslegung nicht 
ans Tageslicht treten. Ich habe schon darauf hingewie- 
sen, dass, wenn der Christus sagt: ,,[ch bin das Licht 
der Welt’, damit wirklich gemeint ist, dass er der erste 
war, der fiir das ,,[ch bin“ den Ausdruck und Impuls 
gegeben hat. Daher muss immer da, wo das ,,Ich bin” 
steht in den ersten Kapiteln, dieses ,,I[ch bin“ ganz be- 
sonders betont werden. Alle Namen und Bezeichnungen 
in den alten Zeiten sind in einer gewissen Weise durch- 
aus real — und zu gleicher Zeit tief symbolisch ge- 
braucht. Nach zwei Richtungen hin werden hier oft 
gewaltige Irrtiimer begangen. Nach oberflachlicher Be- 
trachtung kénnte mancher sagen: ,,Ja, nach einer solchen 
Auffassung ist ja vieles symbolisch gemeint, und auf 
eine solche Auslegung, wo alles nur symbolisch gemeint 
sein soll, lassen wir uns nicht ein, da verfliichtigt ihr 


87 


ja die historischen biblischen Ereignisse!“ Und diejeni- 
gen, die ganz und gar nichts verstehen von den geschicht- 
lichen Ereignissen, mégen sagen: ,,Das ist alles nur sym- 
bolisch gemeint.‘’ — Aber diejenigen, die so sprechen, 
verstehen eben nichts von dem Evangelium. Nicht die 
historische Realitét wird durch eine symbolische Erlau- 
terung geleugnet; sondern es muss betont werden, dass 
die esoterische Erklarung beides umfasst: die Auffassung 
der Tatsachen als historische — und, indem sie historisch 
sind, bedeuten sie selbst zugleich das, was wir ihnen 
beilegen. Freilich, wer nur die brutalen dusseren Tat- 
sachen sieht, nimlich einen Menschen, der irgendwo zu 
einer Zeit geboren ist, der wird nicht begreifen, dass. 
dieser Mensch noch etwas anderes ist als bloss ein 
Mensch mit dem betreffenden Namen, dessen Biographie 
man schreiben kann. Wer aber den geistigen Zusammen- 
hang kennt, der wird verstehen lernen, dass der Mensch, 
der geboren ist an einem bestimmten Orte, dieser 
lebendige Mensch, ausserdem noch ein Symbolum fir 
seine Zeit ist, und dass man durch seinen Namen aus- 
driickt seine ganze Bedeutung fiir die Entwickelung der 
Menschheit. Symbolisch und historisch zugleich, nicht 
nur das eine und nicht nur das andere, das ist es, um 
was es sich handelt bei der wirklichen Evangelien-Erkla- 
rung. Und so werden wir bei fast allen Ereignissen und 
Hinweisungen sehen, dass der Johannes oder der Schrei- 
ber des Johannes-Evangeliums, der eigentlich in tber- 
sinnlichen Wahrnehmungen sieht, zugleich die Ereignisse 
und die Offenbarung tiefer geistiger Wahrheiten sieht: 
Er hat im Auge die historische Gestalt des Taufers, er 
sieht auf die historische Gestalt hin; zugleich ist ihm 
aber auch die wirkliche historische Gestalt das Symbolum 
fiir alle Menschen, die in den alten Zeiten schon berufen 


88 


waren, das Ich sich einzupragen, die aber erst auf dem 
Wege dazu waren, denen hineinscheinen konnte das Licht 
der Welt ins einzelne Ich —, nicht aber fir diejenigen, 
die noch nicht in der Lage waren, das Licht der Welt 
in ihrer Finsternis zu begreifen. Das, was als Leben, als 
Licht und Logos in dem Christus Jesus erschienen ist, 
es hat schon immer in der Welt geleuchtet; nicht aber 
haben die es erkannt, die erst im Reifwerden begriffen 
waren. Immer war das Licht da. Denn wire das Licht 
nicht dagewesen, so hitte tiberhaupt nicht die Anlage zu 
dem Ich entstehen kénnen. Noch auf dem Monde war 
von dem heutigen Menschen nur vorhanden physischer 
Leib, Aetherleib und astralischer Leib; kein Ich war 
darinnen. Nur weil sich das Licht so umgewandelt hat, 
wie es auf der Erde scheint, hatte es die Kraft, die 
einzelnen Iche zu entziinden und langsam zum Heran- 
reifen zu bringen: ,,Das Licht schien in die Finsternis; 
aber die Finsternis konnte es noch nicht begreifen.“ 
In die einzelnen Menschen kam es, — bis zu den Ich- 
Menschen kam es; denn die Ich-Menschen hitten gar 
nicht entstehen kénnen, wenn es nicht in sie durch den 
Logos gegossen worden ware. Aber die Ich-Menschen 
nahmen es nicht auf. Nur einzelne nahmen es auf, die 
Eingeweihten; die erhoben sich zu den geistigen Welten; 
die trugen immer den Namen ,,Kinder Gottes“, weil sie 
eine Erkenntnis hatten von dem Logos, von dem Licht 
und Leben, und immer davon Zeugnis ablegen konnten. 
Einzelne waren es, die immer schon durch die alten 
Mysterien wussten von den geistigen Welten. Was lebte 
denn in ihnen? Es lebte in ihnen dasjenige, was im 
Menschen ewig ist. Ganz bewusst lebte das in ihnen. 
Sie fiihlten schon vor das grosse Wort: ,,.I[ch und der 
Vater sind Eins,“ namlich Ich und der grosse Urgrund 


89 


sind Eins! Und das Tiefste, was sie im Bewusstsein 
trugen, ihr eigenes Ich, das hatten sie nicht von Vater 
und Mutter, sondern sie hatten es durch die Initiation 
in die geistige Welt. Nicht aus dem Blute, und nicht 
aus dem Fleische, und nicht aus eines Vaters oder einer 
Mutter Willen, sondern ,,aus Gott, d. h. aus der gei- 
stigen Welt hatten sie es. — Da haben Sie die Erkla- 
rung der Worte, dass die grosse Anzahl der Menschen, 
trotzdem sie schon die Anlage zum Ich-Menschen hatten, 
das Licht nicht aufnahmen, dass es wohl herab kam bis 
zu dem Gruppen-Ich, dass aber die einzelnen es nicht 
aufnahmen. Diejenigen, die es aber aufnahmen — das 
waren nur wenige —, die konnten sich durch es zu 
Gottes Kindern machen; die ihm aber vertrauten, sind 
es aus Gott geworden durch die Einweihung. Das gibt 
uns ein klares Bild. Damit aber alle Menschen mit Erden- 
sinnen den daseienden Gott erkennen konnten, musste er 
in der Art auf der Erde erscheinen, dass man ihn mit 
leiblichen Augen sieht, d. h. er musste eine fleischliche 
Gestalt annehmen, weil eine solche Gestalt nur mit den 
leiblichen Augen gesehen werden kann. Friher konnten 
ihn nur die Eingeweihten in den Mysterien sehen; jetzt 
aber hatte er zum Heile aller Fleischgestalt angenommen: 
das Wort oder der Logos war Fleisch geworden‘. So 
kniipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums die hi- 
storische Erscheinung des Christus Jesus an die ganze 
Evolution an. ,,Wir haben seine Lehre gehért — die 
Lehre von dem eingeborenen Sohne des Vaters!‘‘ Was 
ist das fiir eine Lehre? Was sind denn die andern 
Menschen fiir geborene ? 

Man nannte in den alten Zeiten, in denen die Evan- 
gelien geschrieben wurden, ,,zweigeboren‘‘ diejenigen, die 
vom Fleische geboren sind. Sie nannte man zweigeboren 


go 


— sagen wir durch die Vermischung des Blutes von 
Vater und Mutter. Was nicht aus Fleisch geboren ist, 
und nicht durch die Menschenwirkung und nicht durch 
die Vermischung des Blutes entstanden ist, das ist ,,aus 
Gott geboren“; das ist ,,eingeboren“. Diejenigen, die 
friiher Gotteskinder genannt waren, waren immer schon 
in gewisser Weise die ,,Eingeborenen“, und die Lehre 
von dem Gottessohn ist die Lehre von dem Eingebore- 
nen. Der physische Mensch ist der ,,Zweigeborene, der 
Geistesmensch ist der ,,Eingeborene“. Das diirfen Sie 
nicht so auffassen, als ob es hiesse ,,hineingeboren‘’ — 
nein, eingeboren ist der Gegensatz zu zweigeboren. Und 
das Wort deutet darauf hin, dass der Mensch ausser der 
physischen Geburt auch eine geistige Geburt durch- 
machen kann, namlich die Vereinigung mit dem Geiste, 
die Geburt, durch die er eingeboren, das Kind, der Sohn 
der Gottheit wird. — Und eine solche Lehre, — gehért 
werden konnte sie erst durch den, der das Fleisch ge- 
wordene Wort darstellte. Durch ihn wurde die Lehre 
allgemein, ,,die Lehre von dem eingeborenen Sohne des 
Vaters, erfiillt von Hingabe und Wahrheit’. ,,Hingabe™ 
muss es hier besser tibersetzt werden, weil man es zu tun 
hat mit einem zwar Herausgeboren-werden aus der Gott- 
heit, aber mit einem Zusammenbleiben, mit der Hinweg- 
nahme aller Illusion, die nur aus dem Zweigeboren-sein 
kommt und die den Menschen umschliesst mit Sinnes- 
tauschungen. Im Gegensatz zu dieser ist sie eine Lehre, 
die die Wahrheit bringt in dem Christus Jesus, wie er 
stand und wohnte unter den Menschen als der verk6r- 
perte Logos. Johannes aber nannte sich, — das bedeutet 
es wortlich: der Vorlaufer, Vorginger, der, der voran- 
geht zur Verkiindigung des Ich. Johannes bezeichnete 
sich selbst als den, der zwar wusste, dass dies Ich in 


gi 


dem Einzelnen selbstandig werden muss, der aber Zeugnis 
abzulegen hatte von dem, der da kommen wird, um dies 
zu bewirken. Er sagte deutlich: ,,Der, der da kommen 
wird, ist das ,Ich-bin‘, das ewig ist, das wirklich von sich 
sagen kann: Bevor Abraham war, war ,Ich-bin’. Johannes 
konnte sagen: Das Ich, von dem hier die Rede ist, es 
ist vor mir gewesen; es ist zu gleicher Zeit, trotzdem ick 
sein Vorgainger bin, mein Vorgianger; ich lege Zeugnis 
ab von dem, was vorher in jedem Menschen war; nach 
mir wird der kommen, der vor mir gewesen ist.’ Und 
nun werden bedeutsame Worte gesagt: ,,Denn aus dessen 
Fille haben wir alle entnommen Gnade tiber Gnade! 
Viele Menschen gibt es, die sich Christen nennen, und 
die iiber das Wort die ,,Fiille’ hinweglesen, die sich bei 
diesem Wort nichts besonders Genaues denken.  ,,Ple- 
roma‘ heisst ,,die Fille“ nach dem Griechischen. Das 
steht auch im Johannes-Evangelium: ,,Denn aus dem 
Pleroma haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade!“ 
Ich sagte, jedes Wort des Johannes-Evangeliums muss 
man, wenn man es tiberhaupt verstehen will, auf die 
Goldwage legen. Was ist denn nun Pleroma, die Fiille ? 
Nur der kann es verstehen, der da weiss, dass man in 
den alten Mysterien von dem Pleroma oder der Fiille 
als von etwas ganz Bestimmtem gesprochen hat. Denn 
man hat damals schon die Lehre vertreten, dass, als sich 
zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die 
bis zur Gdttlichkeit aufgestiegen waren wiahrend des 
alten Mondes, die Elohim, einer sich von ihnen trennte; 
einer blieb auf dem Mond und strahlte von dort zuriick 
die Kraft der Liebe, bis die Menschen geniigend reif 
waren fiir das Licht der tibrigen sechs Elohim. So unter- 
schied man Jahve, den Einzelgott, den Riickstrahler und 
die aus sechs bestehende Fiille der Gottheit, ,,Pleroma‘. 


Q2 


Da aber mit dem Gesamtbewusstsein des Sonnenlogos der 
Christus gemeint ist, musste man, wenn man auf ihn 
hindeutete, sprechen von der Fiille der Gétter. Diese 
tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: ,,.Denn aus dem 
Pleroma haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade.“ 

Nun gehen wir weiter, indem wir uns zuriickver- 
setzen in die Gruppenseelenzeit, wo der Einzelne sein Ich 
fuihlte als Gruppen-Ich. Betrachten wir nun, was als 
soziale Ordnung in der Gruppe lebte. Die Menschen 
leben ja doch, insofern sie sichtbare Menschen waren, 
als einzelne. Sie fiihlen zwar das Gruppen-Ich, aber fir 
‘die Sinne waren sie einzelne. Da sie sich noch nicht als 
einzelne fiihlten, konnten sie auch noch nicht die Liebe 
in vollem Masse innerlich haben. Der eine liebt den 
anderen, weil er blutsverwandt mit ihm ist. Die Bluts- 
verwandtschaft ist die Grundlage aller Liebe. Die Bluts- 
verwandten liebten sich zuerst, und aus der Blutsver- 
wandtschaft geht auch die Liebe hervor, sofern sie nicht 
‘Geschlechtsliebe ist. Von dieser Gruppenseelenliebe sollen 
sich die Menschen immer mehr und mehr befreien und 
die Liebe als freie Gabe des Ich darbringen. Am Ende 
der Erdenentwickelung werden die Menschen es erreichen, 
dass eine Zeit kommt, in welcher das selbstindig gewor- 
dene Ich in seinem Innersten aus voller Hingabe den 
Impuls hat, das Rechte und das Gute zu tun. Weil das 
Ich diesen Impuls hat, tut es das Rechte, tut es das 
Gute. Wenn die Liebe so vergeistigt ist, dass niemand 
anderes wollen wird, als diesem Impuls zu folgen, dann 
ist das erfillt, was der Christus Jesus in die Welt brin- 
gen wollte. Denn das ist eines der Geheimnisse des Chri- 
stentums, dass es lehrt: ,,Schaut hin auf Christus, erfillt 
euch mit der Kraft seiner Gestalt, versucht zu werden, 
wie er, ihm nachzufolgen; dann wird euer befreites Ich 


93 


so, dass es kein Gesetz braucht, dass es als ein in seinem 
Innersten freies Wesen das Gute, das Rechte tut.“ So 
ist Christus der Impulsbringer der Freiheit vom Gesetz, 
so dass das Gute nicht wegen des Gesetzes, sondern als 
Impuls der im Innern lebenden Liebe getan wird. Dieser 
Impuls wird aber noch den ganzen Rest der Erdenzeit zu 
seiner Entwickelung brauchen. Der Anfang dazu ist durch 
den Christus Jesus gemacht worden, und immer wird die 
Christusgestalt die Kraft sein, welche die Menschen dazu 
erziehen wird. Solange die Menschen nicht reif waren, 
ein selbstindiges Ich zu empfangen, solange sie als Glie- 
der einer Gruppe existierten, mussten sie durch ein dus- 
serlich geoffenbartes Gesetz sozial geregelt werden. Und 
auch heute sind die Menschen noch nicht in allen Dingen 
iiber die Gruppen-Iche hinaus. In wie vielen Dingen ist 
der Mensch heute durchaus nicht individueller Mensch, 
sondern ein Gruppenwesen. Der Mensch, der heute 
schon ein freies Wesen ware (man nennt ihn den ,,Hei- 
matlosen“ auf einer gewissen Stufe der esoterischen 
Schiilerschaft), der ist doch noch ein Ideal! Wer sich 
freiwillig hineinstellt in das Weltenwirken, der ist indi- 
viduell, der wird nicht durch das Gesetz geregelt. Im 
Christusprinzip liegt die Ueberwindung des Gesetzes: 
»Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade 
aber durch Christus.“ Als Gnade bezeichnete man im 
christlichen Sinne die Fahigkeit_ der Seele, aus dem 
Tnnern_heraus das Gute zu_tun. Die Gnade und die 
Im Innern erkannte “Wahrheit _ ‘ist durch Christus ent-— 
standen. Sie sehen, wie tief eingreifend dieser Gedanke 
fiir die ganze Menschheitsevolution ist. - 

Friher wurden diejenigen, die eingeweiht wurden, 
zu héheren geistigen Wahrnehmungsorganen gebracht. 
Mit dusseren Augen hat vorher niemals einer einen Gott 


94 


gesehen. Der eingeborene Sohn, der im Innern des 
Vaters ruht, der ist der erste, der uns dahin gefiihrt 
hat, auf die Weise einen Gott zu schauen, wie Menschen 
auf der Erde mit Erdensinnen ihre Umgebung sehen. 
Vorher war der Gott unsichtbar geblieben. Er offenbarte 
sich im Uebersinnlichen durch den Traum oder durch 
etwas anderes in den Einweihungsstatten. Jetzt war der 
Gott historisch-sinnliche Tatsache, eine fleischliche Gestalt 
geworden. Das liegt in den Worten: ,,Gott hat bisher 
noch niemand gesehen. Der eingeborene Sohn, welcher 
im Innern des Weltenvaters war, er ist der Fiihrer in 
diesem Schauen geworden.“ Er hat die Menschen dazu 
gebracht, mit den Erdensinnen einen Gott zu sehen. 

So sehen wir allerdings, wie scharf und bedeutsam 
im Johannes-Evangelium auf das historische Ereignis 
in Palastina hingewiesen wird, und mit welch paradig- 
matischen, fest umrissenen Worten, die aber durchaus 
auf die Goldwage gelegt werden miissen, wenn wir sie 
zum Verstindnisse des esoterischen Christentums benutzen 
wollen. Und nun werden wir in den nachsten Vortragen 
sehen, wie dieses Thema weiter ausgefiihrt und zugleich 
gezeigt wird, dass der Christus nicht nur der [ihrer 
derjenigen ist, die mit der Gruppenseele zusammenhan- 
gen, sondern wie er in jeden einzelnen Menschen kommt 
und gerade das individuelle Ich mit seinem Impuls aus- 
statten will. Die Blutsverwandtschaft bleibt ja bestehen, 
aber die Geistigkeit der Liebe tritt hinzu. Und dieser 
Liebe, die vom freien Ich zum freien Ich geht, gibt er 
den Impuls. Fiir den in der Einweihung Begriffenen 
enthillt sich Tag fiir Tag eine Wahrheit nach der 
anderen. Eine wichtige Wahrheit enthiillt sich z. B. 
immer am dritten Tage. Das ist die, wo man véllig 
verstehen lernt, dass in der Entwickelung der Erde ein 


95 


Punkt ist, wodurch sich die an das Blut gekniipfte 
materielle Liebe immer mehr vergeistigt. Das ist das 
Ereignis, das veranschaulichen soll den Uebergang von 
der reinen Blutsliebe zu der geistigen Liebe. Darauf wird 
hingewiesen mit bedeutungsvollen Worten von dem Chri- 
stus Jesus, wenn er sagt: ,,Es wird eine Zeit kommen, 
die meine Zeit ist, wo die wichtigsten Dinge geschaffen 
werden durch Menschen, die nicht mehr durch Bluts- 
verwandtschaft zusammenhingen, sondern durch solche, 
die als einzelne fiir sich stehen. Diese Zeit muss aber 
erst kommen.’ Der Christus selber, der den ersten Im- 
puls gibt, sagt bei einer wichtigen Gelegenheit, dass sich 
dieses Ideal einmal erfiillen wird, dass aber seine Zeit 
noch nicht gekommen ist. Er deutet prophetisch darauf 
hin, als die Mutter dasteht und ihn auffordert, etwas zu 
tun fiir die Menschheit, als sie gleichsam darauf anspielt, 
sie habe ein Recht, ihn zu veranlassen zu einer wichtigen 
Tat fiir die Menschen. Da erwidert er: ,,Ja, was wir 
heute tun kénnen, das hat noch etwas zu tun mit den 
Blutsbanden, mit dem Verhiltnis von ,mir und dir‘; 
denn meine Zeit ist noch nicht gekommen!“ Dass eine 
solche Zeit kommt, wo der Einzelne fiir sich stehen 
muss, ist mit der Erzihlung der Hochzeit zu Kana aus- 
gedriickt; und die Aufforderung ,,Sie haben nicht Wein!“ 
wird von Jesus so beantwortet, dass er sagt: ,,Das ist 
etwas, was noch mit ,mir und dir‘ zu tun hat; meine 
Zeit, die ist noch nicht gekommen!‘ Daher stehen da 
die Worte ,,zwischen mir und dir“ und ,,meine Zeit 
ist noch nicht gekommen™. Was da steht im Text, 
deutel auf dieses Geheimnis hin. Wie vieles andere, ist 
auch diese Stelle immer recht grob tbersetzt worden. 
Nicht ,,Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?“ sollte 
dastehen, sondern ,,Dies im Zusammenhang zwischen mir 


96 


und deiner Blutsverwandtschaft“. So fein und subtil ist 
der Text, aber bloss verstindlich fiir die, die ihn ver- 
stehen wollen. Wenn aber immer wieder diese religidsen 
Urkunden heute von allerlei Leuten erklirt werden, méchte 
man doch fragen: Haben denn die, welche sich Christen 
nennen, gar keine Empfindung dabei, wenn sie Christus 
— nach unrichtiger Uebersetzung — den Ausspruch tun 
lassen: ,,Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?‘ 

Bei vielem, was sich heute Christentum nennt und 
sich beruft auf das Evangelium, muss man fragen: 
»Haben sie denn das Evangelium ?“ Es handelt sich 
darum, dass man das Evangelium erst habe. Und bei 
einer solch tiefen Urkunde, wie es das Johannes-Evan- 
gelium ist, handelt es sich wirklich darum, dass man 
erst jedes Wort auf die Goldwage legt, um es in seinem 
rechten Werte zu erkennen. 


7 97 


V. 


Die sieben Grade der Einweihung. 
Die ersten Zeichen. 


Bei den Betrachtungen tiber das Johannes-Evangelium 
dirfen wir nirgends die ganz prinzipielle Auseinander- 
setzung ausser acht lassen, die wir gestern gepflogen 
haben: namlich, dass wir es in dem_ urspringlichen 
Verfasser des Johannes-Evangeliums zu tun haben mit 
dem von dem Christus Jesus selbst eingeweihten Lieb- 
lingsschiiler. Es kénnte jemand nun natirlich fragen: 
Ja, ist denn, ganz abgesehen von dem okkulten Wissen, 
auch vielleicht ein dusseres Zeugnis dafiir vorhanden, 
durch welches der Verfasser des Johannes-Evangeliums 
erraten lasst, dass er zu der hdheren Art des Wissens 
iiber den Christus durch die Auferweckung, durch die 
Einweihung, die im sogenannten Lazaruswunder darge- 
stellt ist, gekommen sei? — Wenn Sie das Johannes- 
Evangelium sorgfaltig lesen, werden Sie eins bemerken. 
Sie werden bemerken, dass nirgends im Johannes-Evange- 
lium, aber auch gar nirgends vor jenem Kapitel, das 
die Auferweckung des Lazarus behandelt, von dem Jiin- 
ger, ,den der Herr lieb hatte‘‘, die Rede ist; d. h. der 
eigentliche Verfasser des Johannes-Evangeliums will sa- 
gen: Dasjenige, was vorher ist, das stammt noch nicht 
aus dem Wissen, das mir durch die Einweihung gewor- 
den ist, da miisst ihr noch zunaichst von mir absehen. 


98 


Nachher erwahnt er erst den Jiinger, ,,den der Herr lieb 
hatte. Dadurch also zerfallt das Johannes-Evangelium 
in zwei wichtige Teile: in einen ersten Teil, wo der 
Jiinger, den der Herr lieb hatte, noch nicht erwihnt 
wird, weil er noch nicht eingeweiht war, — und erst 
nach der Auferweckung des Lazarus, da wird dieser 
Jiinger erwihnt. Nirgends in der Urkunde selbst werden 
Sie einen Widerspruch finden mit dem, was in den 
letzten Vortrigen angefiihrt worden ist. Natiirlich liest 
ein das Evangelium nur dusserlich betrachtender Mensch 
leicht dariiber hinweg, beachtet es nicht; und man muss 
heute, wo alles popularisiert wird, wo allerlei Weisheit 
zu den Menschen dringt, das eigentiimliche Schauspiel 
erleben, dass wirklich oft recht Zweifelhaftes unter 
dieser Weisheit ist. 

Wer wiirde es nicht als einen Segen betrachten, dass 
durch solche billige Literatur, wie es die ,,Reclam’sche 
Universal-Bibliothek“ ist, allerlei Wissen unter das Volk 
getragen wird. Nun ist unter den letzten Heften auch 
eines erschienen tiber ,,die Entstehung der Bibel’. Der 
Verfasser nennt sich auf dem Titel einen Doktor der 
Theologie, er ist also Theologe. Er meint, dass auf den 
Verfasser des Johannes-Evangeliums eigentlich durch alle 
Kapitel des Johannes-Evangeliums hindurch, yon dem 35. 
Vers an im ersten Kapitel auf den Johannes hingewiesen 
wurde. Als mir dieses Biichlein zur Hand kam, traute 
ich wirklich meinen Augen nicht und sagte mir: Da muss 
doch eigentlich etwas ganz Sonderbares vorliegen, was 
gegen alle bisherigen okkulten Ansichten — dass der 
Lieblingsschiiler nicht vor der Auferweckung des Lazarus 
erwahnt werde — verstésst. Aber ein Theologe sollte es 
doch wissen! Nun, um nicht gar zu schnell abzuurteilen, 
nehmen Sie das Johannes-Evangelium in die Hand und 


99 


sehen Sie, was da steht: ,,Des andern Tages stund aber- 
mal Johannes und zween seiner Jiinger’. Johannes wird 
erwahnt, der Taufer, und von zweien seiner Jiinger wird 
gesprochen. Das Ginstigste, das fiir diesen Theologen 
angenommen werden kann, ist, dass sein Bewusstsein er- 
fulit ist von einer alten exoterischen Tradition, die da 
besagt: unter den zweien Jiingern sei der eine der Johan- 
nes. Diese Tradition stiitzt sich auf Matthaus 4, 21. Aber 
man darf das Johannes-Evangelium nicht durch die an- 
deren Evangelien erklaren. Ein Theologe hat es also 
zustande gebracht, ein direkt schadliches Buch hinein- 
zubringen in die populaire Literatur; und wenn man 
weiss, wie das weiter frisst, was gerade auf diese Weise 
durch eine solche billige Literatur unter das Volk kommt, 
dann kann man den Schaden abmessen, der daraus ent- 
springt. Das sollte nur eine Zwischenbemerkung sein, 
damit eine gewisse Schutzwand aufgerichtet wird gegen 
allerlei Einwande, die etwas anfiihren kénnten gegen 
das, was hier gesagt wird. 

Nun wollen wir einmal ins Auge fassen, dass das, 
was der Auferweckung des Lazarus vorangeht, zwar die 
Mitteilung ganz gewaltiger Dinge ist, dass sich aber 
der Verfasser erst fiir die Kapitel nach der Auferwek- 
kung des Lazarus die allertiefsten Dinge aufbewahrt hat. 
Dennoch wollte er tiberall darauf hinweisen, dass der 
Inhalt seines Evangeliums etwas ist, woriiber nur der- 
jenige Bescheid weiss, der bis zu einem gewissen Grade 
eingeweiht ist. Daher deutet er an verschiedenen Stellen 
darauf hin, dass man in den Dingen, die in den ersten 
Kapiteln mitgeteilt sind, es zu tun habe mit einer Art von 
Einweihung bis zu einem gewissen Grade. Es gibt eben 
Einweihungen verschiedener Grade. Man unterschied z. B. 
in einer gewissen Form morgenlandischer Einweihung 


100 


sieben Grade der Einweihung, und diese sieben Grade 
der Einweihung benannte man mit allerlei symbolischen 
Namen. Der erste Grad war der Grad des ,,Raben‘‘, der 
zweite der des ,,Okkulten‘’, der dritte der des ,,Streiters“, 
der vierte der des ,,L6wen‘. Der fiinfte Grad wird nun 
bei den verschiedenen Vélkern, die noch eine Art von 
Blutzusammengehérigkeit fiihlten als den Ausdruck ihrer 
Gruppenseele, bezeichnet mit dem Namen des Volkes; 
also bei den Persern z. B. wird ein im fiinften Grade 
Eingeweihter erst im okkulten Sinne ein_,,Perser‘ ge- 
nannt. Wenn wir uns klar machen, was diese Namen 
bedeuten, wird uns die Berechtigung dieser Benennungen 
bald erscheinen. 

Ein im ersten Grade Eingeweihter ist derjenige, der 
die Vermittelung zwischen dem okkulten und dem 4us- 
seren Leben bildet, der hin und her gesandt wird. Auf 
der ersten Stufe hat sich der Mensch noch mit voller 
Hingebung dem 4usseren Leben zu widmen, aber das, 
was er erkundet, hat er hineinzutragen in die Kinweihungs- 
statten. Von ,,Raben” spricht man also da, wo Worte yon 
aussen nach innen irgend etwas zu vermitteln haben. Er- 
innern Sie sich an die Raben des Elias oder an die Ra- 
ben des Wotan, selbst noch an die Raben in der Bar- 
barossa-Sage, wo sie erkunden sollen, ob es schon Zeit 
ist, herauszukommen. Der im zweiten Grade Eingeweihte 
stand schon voll im okkulten Leben. Einer, der im drit- 
ten Grade war, durfte fiir das Okkulte eintreten; der 
Grad des Streiters bedeutet nicht einen Menschen, der 
da streitet, sondern einen, der fiir die okkulten Lehren 
eintreten darf, fiir das, was das okkulte Leben zu geben 
vermag. Derjenige, der ein Léwe ist, ist ein solcher, der 
das okkulte Leben in sich verwirklicht; so dass er nicht 
bloss mit Worten fiir das Okkulte eintreten darf, son- 


IOI 


dern auch mit Taten, d.h. mit einer Art magischer 
Taten. Der sechste Grad ist der Grad des ,,Sonnenhel- 
den‘, und der siebente Grad ist der Grad des ,,Vaters™. 
Fir uns kommt der fiinfte Grad in Betracht. 

Der Mensch stand ja besonders in alten Zeiten in- 
nerhalb seiner Gemeinschaft und fiihlte sich deshalb 
auch, wenn er sein Ich fihlte, mehr als Mitglied einer 
Gruppenseele. Wer aber Eingeweihter des fiinften Gra- 
des war, hatte ein gewisses Opfer dargebracht, seine 
Persdnlichkeit so weit abgestreift, dass er in seine Per- 
sonlichkeit das Wesen des Volkes aufnahm. Wie der 
andere Mensch seine Seele in der Volksseele fiihlte, so 
hatte er die Volksseele in sich aufgenommen, weil alles, 
was Persénlichkeit war, fiir ihn nicht in Betracht kam, 
sondern nur der allgemeine Volksgeist. Deshalb bezeich- 
nete man einen solchen Eingeweihten mit dem Namen des 
betreffenden Volkes. — Nun wissen wir, dass uns im 
Johannes-Evangelium gesagt wird, dass unter den ersten 
Jiingern des Christus Jesus auch Nathanael ist. Er wird 
dem Christus vorgefiihrt. Er ist nicht so hoch, dass er 
den Christus zu durchschauen verméchte. Der Christus 
ist natiirlich der Geist des umfassenden Wissens, der 
von einem Nathanael, einem im finften Grade Einge- 
weihten, nicht durchschaut werden kann. Aber der Chri- 
stus durchschaut den Nathanael. Das zeigt sich durch 
zwei Tatsachen. Wie bezeichnet er selbst ihn? ,,Das 
ist ein rechter Israeliter!‘““ Da haben Sie die Bezeich- 
nung nach dem Namen des Volkes. Wie man bei den 
Persern einen im fiinften Grade Eingeweihten einen 
»,Perser’’ nannte, so nannte man einen solchen bei den 
Israeliten einen ,,Israeliter“.. Daher nennt Christus den 
Nathanael einen ,,Israeliter“. Und dann sagt er ihm: 
»Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Fei- 


102 


genbaum warest, sah ich dich!‘‘ Das ist eine symbo- 
lische Bezeichnung fiir einen Eingeweihten, geradeso wie 
das Sitzen Buddhas unter dem Bodhi-Baum. Der Fei- 
genbaum ist ein Symbol der agyptisch-chaldaischen Ein- 
weihung. Er will ihm damit sagen: ,,Oh, ich weiss wohl, 
dass du ein in gewissem Sinne Eingeweihter bist und ge- 
wisse Dinge durchschauen kannst, denn ich sah dich!‘ 
Und nun erkennt ihn Nathanael: ,,Nathanael antwortet 
und spricht zu ihm: ,,Meister, du bist Gottes Sohn und 
ein K6nig in Israel“. Das Wort ,,Kénig“ bedeutet in 
dieser Zusammensetzung: Du bist ein Héherer als ich, 
denn sonst kénntest du nicht sagen: ,,Da du unter dem 
Feigenbaum sassest, sah ich dich.“ Und der Christus 
antwortet darauf: ,,Du glaubest mir, weil ich dir gesagt 
habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; 
du wirst noch Grdésseres sehen.‘’ Die Worte ,,wahrlich, 
wahrlich werden wir noch zu besprechen haben. Dann 
sagt er: ,,[ch sage euch, ihr werdet die Engel des Him- 
mels auf den Menschensohn auf- und _niedersteigen 
sehen!‘ Grdésseres als sie schon gesehen haben, werden 
die noch sehen, die Christus zu erkennen vermégen. Was 
ist das wieder fiir ein bedeutsames Wort ? 

Um es zu erklaren, erinnern wir uns daran, was der 
Mensch zunichst eigentlich ist. Wir haben gesagt, dass 
der Mensch ein verschiedener ist bei Tag und bei Nacht. 
Bei Tag sind die vier Glieder des Menschen: physischer 
Leib, Aetherleib, astralischer Leib und Ich, in einer fe- 
sten Verbindung miteinander. Sie wirken aufeinander. Wir 
diirfen sagen, wenn der Mensch wacht bei Tage, dann 
wird in einer gewissen Weise seine physische Kérper- 
lichkeit und seine Atherische Leiblichkeit von seinem 
Astralisch-Geistigen und von seinem Ich-Geistigen durch- 
drungen und yersorgt. Aber wir haben auch gezeigt, wie 


103 


in dem atherisch Leiblichen und in dem physisch Ké6r- 
perlichen noch etwas anderes wirksam sein muss, damit 
der Mensch iiberhaupt bestehen kann in seiner heutigen 
Entwickelungsphase. Denn wir haben uns darauf be- 
sonnen, dass der Mensch jede Nacht dasjenige, was 
selbst seinen physischen Leib und seinen Aetherleib ver- 
sorgt, nimlich Astralleib und Ich, herauszieht und so 
seinen physischen Leib und Aetherleib die ganze Nacht 
iiber ihrem eigenen Schicksale tiberlaisst. Treulos ver- 
lassen Sie alle jede Nacht Ihren physischen Leib und 
Ihren Aetherleib. Daraus werden Sie erkennen, dass die 
Geisteswissenschaft mit einem gewissen Recht darauf 
hinweist, dass géttlich-geistige Machte und Krafte in der 
Nacht diesen physischen Leib, diesen Aetherleib durch- 
strémen, so dass also Ihr physischer Leib und Aether- 
leib sozusagen in die géttlich-geistigen Krafte und We- 
senheiten eingeschaltet sind. Wir haben auch darauf 
hingewiesen, dass gerade, wenn der astralische Leib und 
das Ich in alten Zeiten — in den Zeiten, die wir die 
Jahve- oder Jehovazeit nannten — ausserhalb des physi- 
schen Leibes und Aetherleibes waren, dass da Jehova 
inspirierend wirkte. Das wahre Licht aber, die Fille 
der Gottheit oder der Elohim, das Pleroma, ist es, was 
auch den physischen Leib und den Aetherleib immer 
durchstrahlt; nur kann es der Mensch nicht erkennen, 
weil er ja von dem Christusprinzip noch nicht den dazu 
notwendigen Impuls erhalten hat vor dem Erscheinen 
dieses Prinzipes auf der Erde. Diejenigen Prinzipien, 
die im physischen Leibe zum Ausdruck kommen sollen, 
sie wohnen im héheren Geistigen, im Devachan. Die 
geistigen Wesenheiten und Machte, die auf den physi- 
schen Leib wirken, sind zu Hause in den héheren himm- 
lischen Sphiren, in dem hdheren Devachan; und dieje- 


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nigen Michte, die auf den Aetherleib wirken, sind in den 
niederen himmlischen Sphiren zu Hause. So kénnen 
wir sagen: In diesen physischen Leib hinein wirken 
fortwihrend Wesenheiten aus den héchsten Regionen 
des Devachan, und auf den Aetherleib wirken fortwiih- 
rend Wesenheiten aus den niederen Regionen des Deva- 
chan. Sie kann der Mensch erst erkennen, wenn er die 
Impulse des Christus in sich aufnimmt: ,,Lernt ihr den 
Menschensohn wirklich erkennen, dann werdet ihr er- 
kennen, wie die geistigen Kraifte am Menschen auf- und 
niedersteigen aus den himmlischen Spharen. Das wird 
euch kund werden durch den Impuls, den der Chri- 
stus der Erde gibt!“ 

Auf das, was nun folgt, ist schon gestern hingewie- 
sen worden. Es ist die Hochzeit zu Kana in Galilia, was 


man oft auch nennt ,,das erste der Wunder — besser 
wiirde man sagen ,,das erste der Zeichen“, die der Chri- 
stus Jesus tut. — Um nun zu verstehen das Gewaltige, 


das darin liegt, miissen wir vieles zusammenfassen von 
dem, was wir in den letzten Vortragen gehért haben. 
Zunachst ist hier die Rede von einer Hochzeit, — 
warum aber eine Hochzeit in Galilaa ? Wir werden ver- 
stehen, warum es eine Hochzeit in Galilia ist, wenn wir 
uns die ganze Mission des Christus noch einmal vor 
die Seele rufen. Seine Mission besteht darin, dem Men- 
schen die volle Kraft des Ich, die innere Selbstindigkeit 
in die Seele zu bringen. Das einzelne Ich sollte sich in 
volliger Selbstindigkeit und Abgeschlossenheit, in volli- 
gem Stehen-in-sich-selber fiithlen, und durch die Liebe, 
die als eine freie Gabe gegeben wird, soll Mensch mit 
Mensch zusammengefiihrt werden. Eine Liebe also soll 
durch das Christusprinzip in die Erdenmission hinein- 
kommen, die immer mehr und mehr iiber das Ma- 


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terielle erhaben ist und immer mehr und mehr in 
Geistiges aufsteigt. Ausgegangen ist die Liebe von ihrer 
niedersten Form, die an die Sinnlichkeit gebunden ist. 
Dasjenige liebte sich in den urspriinglichen Mensch- 
heitszeiten, was durch Blutsbande miteinander verbunden 
war, und man hielt ungemein viel darauf, dass die Liebe 
diese materielle Basis der Blutsverwandtschaft habe. 
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