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KMeruemre tr Coy piup
LB Barong Momma M8
Das
J ohannes-Ewan gelium
Vortragszyklus
Dr. RUDOLF STEINER
gehalten zu Hamburg vom 18. bis 31. Mai 1908
Vierte Auflage
Nach einer vom Vortragenden nicht
durchgesehenen Nachschrift
mit einem Vorwort herausgegeben
yon
Marie Steiner
1928
PHILOSOPHISCH-ANTHROPOSOPHISCHER VERLAG
am Goetheanum, Dornach, Schweiz
Alle Rechte, besonders das Recht der Uebersetzung:
in fremde Sprachen, bleiben dem Autor vorbehalten
Copyright 1925 by Philosophisch-Anthroposophischer
Verlag am Goetheanum, Dornach (Schweiz)
DRUCK VON ZBINDEN & HUEGIN, BASEL.
Tnhaltsvere eichnis
Vorwort . . . . . . . von Marie Steiner
I. Die Lehre vom Logos
II. Christliche Esoterik
II. Die Mission der Erde
IV. Die Auferweckung des Lazarus
. Die sieben Grade der Einweihung. Die er-
sten Zeichen
. Das Ich-Bin
. Das Mysterium von eur
. Die Entwickelung des Menschen im Zusam-
menhange mit dem Christusprinzip .
. Die prophetische Kunde und die Entstehung
des Christentums .
. Das Wirken des Eresstae Ten cless inner-
halb der Menschheit .
. Die christliche Einweihung
XII.
Das Wesen der Jungfrau ee und des
Heiligen Geistes ae: AS eae
Ii
V orwort
zu den Betrachtungen Rudolf Steiners
liber das Johannes-Evangelium
von Marie Steiner.
Mit diesem Buche dringen wir ein in das innerste
Gefiige der Wirksamkeit Rudolf Steiners. Denn all
sein Wirken hatte dieses eine Ziel: der Welt die Wege
zum Christus zu bahnen. Es war uns der Christus ver-
Joren gegangen in der Zeit des Rationalismus und des
Materialismus; die Kirchen giahnten in trostloser Leere,
und wer nicht als naiv unberiihrtes Menschenkind drin-
nen sass, hatte Leere oder Widerspruch in Kopf und
Herz. Nicht wirkte wie Wahrheit und Ueberzeugung das,
was von den Lippen der Vertreter christlicher Lehre
kam; er wirkte oft hohl, aufgebauscht oder maschinell,
im besten Fall wie selbstbetaubend. Formsache, Konven-
tion war die Kirche geworden, die der Wissenschaft ge-
geniiber auf Kompromisse einging, ohne ihr ein Real-
Wirkendes entgegensetzen zu k6nnen; ihre Glaubens-
forderungen musste sie allmahlich zuriickziehen, denn
sie konnte dem Zweifler nicht geniigend Tatsichliches
entgegenstellen, das den Glauben in sichere Ueberzeugung
und Wissen hatte wandeln kénnen. Schon Konfirmanden
mussten ihre Fragen zurtickziehen vor der Unsicherheit
We
und dem offenbaren Abbiegen vom Wesentlichen von
Seiten des verehrten Pastors; eben entlassene Schulkinder
sahen sich dem geistigen Nichts gegentiber stehen, fihl-
ten den seelischen Boden unter ihren Fiissen wanken. Den
Protestanten schreckte die katholische Kirche ab durch
ihre Knechtung der Freiheit, und durch das hohle Ge-
plapper der die kirchlichen Ceremonien Ausfihrenden,
deren ganzes Gehaben oft ein Hohn war, auf das, was
sie vertreten sollten. Und doch bekundeten die For-
men etwas, was verloren gegangen war: Wo war es
zu finden? Es war nicht zu finden auf den Wegen
der modernen Wissenschaft. Diese hatte Grenzen der Er-
kenntnis dekretiert und wirkte dabei wie der Schadel eines
Skeletts: hohlaugig, losgerissen vom Rumpf; das zusam-
menhaltende Leben fehlte, die Linie der Gestaltung und
die Vollendung; iiber das Kunstvolle des einzelnen Teiles
konnte man zwar in Begeisterung geraten, dem Ganzen
fehlte Hand und Fuss: es war ein Bruchstiick. Die
grosse Welten-Schildkréte der Brahmareligion, die die
Erdenscheibe tragt, wirkte in ihrer imaginativen Kraft
schon angenehmer. Man fihlte sich dabei gleichsam
umrauscht von den Aetherwogen des Alls; man wusste:
sie ist noch etwas anderes als was aus jenem Bilde
spricht; — mehr als automatisch wirkende Mechanik,
die aus sich selbst heraus ein Weltengetriebe in Bewe-
gung setzt, dem nach und nach yom ebenso automatisch
entstandenen Menschen einiger Sinn gegeben wird, um
dann wieder in die Sinnlosigkeit zu verfallen.
Aus diesen alten Religionen wehte etwas _heriiber,
das Substanz hatte. Wenn man ihren Weg verfolgte,
war Aufstieg darin:zu sehen von zunadchst tiberwucher-
tem, tibertiubtem Bewusstsein zu immer lichteren Gedan-
kenspharen. Grosse Kulturen waren diesen Religionen
VI
entsprungen, gewaltige Imaginationen wirkten von dort
hertiber bis in die heutige Zeit; Kunst und Wissenschaft
hatten sich darin entwickelt und erhabene Denkmaler
hinterlassen. Hier war ein Faden, den zu verfolgen eine
geistige Notwendigkeit war; dem man nachgehen musste.
Aber er verlor sich immer wieder in geheimnis-
volles Dunkel; er tauchte ein in Tempelstatten, vor de-
nen warnende Hiiter standen, Fragen entgegentraten, de-
ren Nicht-Beantwortung einst mit dem Tode gebiisst
wurde; ratselhafte Worte, die zuletzt gipfelten in das
eine Mahnwort: ,,Erkenne dich selbst ‘‘. Dieser Pfad
musste wieder entdeckt und aufgelichtet werden. Wie
aber ihn finden ?
Aus den verschwiegenen Tempelstatten, zu denen
das Tor verschlossen war, fiihrten Spuren hinaus. Der
Sinn dieser Spuren gab sich kund in immer miachtiger
sich entfaltenden Zivilisationen, die immer gréssere Men-
schengruppen umfassten, bis endlich der Mensch als
Persénlichkeit daraus hervortrat. Nicht mehr der gott-
inspirierte Fiihrer und Lehrer oder Herrscher und neben
ihm dumpfes Volk, — sondern der einzelne Mensch, die
Persénlichkeit, die durch ihre besondere Befahigung
Individualitat geworden war. Am leuchtendsten im Grie-
chentum, das Gott und Mensch einander genihert hatte,
Uebersinnliches mit Sinnlichem verschmolzen hatte in
der Kunst.
Die einzelne Persénlichkeit war reif geworden; die
Mysterien aber traten zuriick, verhiillten sich tiefer.
Thr Sinn, der friiher ein geheimnisvoller, aber sicherer
und von Zweifeln unangetasteter war, verbarg sich.
Der menschliche Gedanke begann seine Eigenlauf-
bahn. Philosophenschulen entstanden; Zweifler, Skep-
tiker wurden laut; damit schwand allmahlich die Grésse
Vil
jenes Volks dahin, das die auf sich gestellte Persdén-
lichkeit herausgesetzt hatte. Es verlor seinen Eigenwert,
seinen festen Anker und wartete auf den ,,unbekannten
Gott “.
Der unbekannte Gott aber war derjenige, der durch
sein Opfer die menschliche Persdnlichkeit tiber sich
hinauswachsen liess, damit sie nach einem erkenntnis-
reichen Durchgang durch die sinnliche Erscheinungs-
welt zu ihrem Ursprung zuriickfande, mit vollerarbeite-
tem Wachbewusstsein, so ein neuerobertes, aus tiefster
Stoffesdichtigkeit emporgehobenes Element den Ur-
sprungskraften hinzufiigend.
Und vorbereitet war dieser Weg in tiefer vélkischer
Abgeschlossenheit in jenem, dem Griechentum parallel
sich entwickelnden Volkstum, das den einen Gott, den
Ich - Gott, der Menschheit zu bringen hatte — im Fleisch
und in der Wahrheit.
Als nach der den Alexanderziigen bald folgenden
Versklavung und Entartung des Griechenvolks, die ré-
mische W6lfin im Casarentum ihre Orgien feierte, den
vom Gréssenwahn ergriffenen Casar zum Gott erhob,
ihm Altére bauend und die Untertanen zu seiner Anbe-
tung zwingend, war in ferner vélkischer Abgeschiedenheit
das geschehen, was die Menschheit durch seinen Ein-
schlag vor der drohenden Vertierung errettete, das
Menschtum erléste: die Opfertat von Golgatha. Sie
zerbrach die Macht der rémischen Wé6lfin, jenes Sym-
bols des Trieb- und Gewaltlebens. Rom sank dahin;
neue Vélker stiirmten tiber das morschgewordene Reich
einher ; eine neue Volkssubstanz nahm dasjenige auf,
was dann spa&ter zu einer neuen Seelenkonfiguration der
Menschheit fiihrte.
Vill
Aber das Geistig-Neue wurde durchsetzt von der
Ablagerung desjenigen, was sich als Machtsphire im
Rémertum ausgelebt hatte. Es durchwirkte das neue
zarte Geistesgut mit dem Gewalt- und Leidenschafts-
wesen, das die zuletzt herrschenden Formen dort er-
griffen hatte.
Diese Formen wurden aber zum grossen Teil hiniiber-
genommen mit dem schon dekadenten Geist, der sie
durchdrungen hatte, und mit dem Zersetzungskern, der
da hatte tiberwunden werden sollen und es nicht war.
Die Phasen dieses Kampfes zwischen der neuen und
den tibernommenen Resten der alten Geistigkeit bilden
die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit: sie
sind zu verfolgen in der Ausgestaltung der Kirche, in
den geheimen Briiderschaften, in den Ménchs- und Rit-
terorden, in den sogenannten Ketzergemeinschaften, in
der humanistischen Strémung, in der Reformation.
Dann kam die neue Natur-Erkenntnis, die Naturwis-
senschaft, die mechanistische Weltauslegung, die Gren-
zen der Erkenntnis, das Ignorabimus. In der Philoso-
phie eine dde Subjektivitaét, das Losgerissensein vom Wel-
tenganzen: subjektive Vorstellung des Einzelnen — die
ganze reiche Welt der Erscheinungen; Seelenlehre ohne
Kenntnis von Seele und Geist, ja mit deren Ableugnung,
da Materie der Ausgangspunkt fiir ihre Erforschung
wurde.
Die Materie siegte auf allen Linien und das geistige
Chaos begann, das in unsern Tagen seinen Héhenpunkt
erreicht und die Menschheit in seinen Strudel hinein-
gerissen hat, bis es zu jener Weltkatastrophe kam, in
deren Auswirkungen wir noch drinnen stehen. An die-
sem Punkte der Menschheitsgeschichte sind wir ange-
IX
langt und unsere erleuchteten Geister prophezeien den
Untergang des Abendlands.
In dieser Welt der uns umgebenden Finsternis strahlt
ein Lichtquell. Er ist uns von einem Menschen er6ffnet
worden, der seine Zeit in unerhértem Masse iiberragte,
und giesst Licht aus tiber das Ereignis, das sich in die
Menschheitsgeschichte zu ihrem Heil damals_ hineinge-
stellt hat, als der rémische Taumel die Welt in Fesseln
schlug. Er bringt uns dasjenige, was wir brauchen, damit
der Zentralpunkt menschlichen und irdischen Geschehens
wieder verstanden werde, der Glaube sich in Wissen, der
Unglaube in Erkenntnis wandeln kénne. Er wirkt unter
uns schon seit dem Anfang dieses finstern Jahrhunderts,
mit jenen Kraften, die unsere Dunkelheit in geistige Helle
verwandeln kénnen.
_ Denen unter uns, die nach dem Pfade zu den ver-
loren gegangenen Mysterien suchten, hatte er sich erédff-
net. Ein Wissender war da und konnte Wegweiser wer-
den. Mit Zuriickhaltung zuniachst, dann in Weisheit
und Einsicht uns ftthrend und unaufhaltsam weiterdrin-
gend, wie es der Ruf der Zeit gebot. Wir waren dem,
was wir erhielten, nicht gewachsen; aber wir horchten,
sammelten und schrieben nieder, wissend, dass eine Zeit
kommen wiirde, in die hinein wir weiterzureichen haben
wiirden das, was uns so tiberreichlich gegeben wurde,
und die uns Dank dafiir wissen wiirde. Es ist das,
was eine in Leid und Priifung gereifte Menschheit zu
ihrer Rettung und ihrem Aufstieg braucht.
Der Augenblick ist gekommen, in dem wir diese
Aufgabe zu erfiillen haben. Deshalb dirfen wir nicht
mehr damit zuriickhalten.
Rudolf Steiner hat der Welt die Wege zu Christus
wieder gebahnt. Er legte die Hand an das in den Ab-
X
grund sausende Rad der Menschheitsentwickelung und
hielt es auf. Er allein stemmte sich gegen die Nieder-
gangskrafte, riss das Rad mit starker Hand empor und
fiihrte es wieder dem langsamen Aufstieg entgegen. Lang-
sam — denn das Geschlecht war klein, das ihn umgab,
und die Grésse dessen, was er zu geben hatte, erdriickte
es schier. Hatte die Menschheit unserer Tage Organe
gehabt, die geniigend aufnahmefaihig gewesen wiren, es
ware eine neue Zeit hereingebrochen mit unendlicher
Schwungkraft und sonnegehobenem Adlerflug. So aber
musste in miihsamer Arbeit dasjenige allmihlich ge-
schehen, was schlummernde Organe der Menschheit
wecken kann. In ununterbrochener Mihewaltung, Stein
fiir Stein zusammentragend, bildete Rudolf Steiner das
Fundament aus zu einem Verstandnis fiir immer subtiler
werdende Welt- und Menschheits - Tatsachen, fiir immer
feinere Begriffskonstruktionen. Niemals scheute er bei
einem Offentlichen Vortrag davor zuriick wieder von
neuem dieses Fundament aufzurichten, und dann, all-
mahlich, da wo er sein stetig wiederkehrendes Publikum
hatte, ein Stiick weiterzugehen auf dem Wege, der zur
gesunden Geisterkenntnis fiihrt. Nie hat er sich gestattet
etwas hinauszuschleudern, was einer Sensation gleich-
gekommen wire, nie hat er eine Seele tiberwaltigen
wollen. Jeder Vortrag war ein organisch Emporgewach-
senes, das seine Wurzeln tief in den Boden senkte, die
Krafte der Erde heranzog, in den Farbenschimmer der
flutenden Aetherwelten, der lebendigen Geistigkeit hinein-
tauchte, aber die leuchtenden Bliitenkronen der neuen Vor-
stellungsergebnisse nur aus innerer Gesetzmassigkeit dem
festgefiigten Begriffs-Organismus entsteigen liess. Eine
wachsende schépferisch wirkende Kraft — jede Gedan-
kenbildung, und ein lebendiges Kunstwerk... Man stand
XI
erschiittert vor der Vollendung dieses Gedanken-Baus;
aber man blieb ihm gegeniiber frei, staunend ob der
Grésse und Schéne dessen, was so vor dem inneren
Auge mit leuchtender Notwendigkeit entstanden war.
Nun rauschte ja um die Jahrhundertwende manches
chaotisch Wirkende aus den rund herum anpochenden
Grenzlandern der Geisterwelt an unsere materialistische
Kultur heran. Dahinein Ordnung zu bringen, das Odium
auf sich zu nehmen, auch mit hinzugerechnet zu werden
zu jenem Ungeordnetem, wirr Dahinflutendem, oder wie
in neo-orientalischen Strémungen recht anachronistisch
Eingreifendem, dazu gehérte Mut, unendlicher Mut und
Schicksalsnotwendigkeit.
Das Schicksal aber stand gebietend an der Schwelle
des 20. Jahrhunderts und forderte die starkste Tat: die
Ueberwindung des Drachen des Materialismus, der unsere
Welt fest umringelt hielt und sie in seiner Umfangung
schon zu zermalmen drohte. — Wie dréhnte doch bald
die Erde in ihrem festgeglaubten Gefiige ... Der Welt-
krieg und die Birgerkriege legen beredtes und grausiges
Zeugnis davon ab.
Daneben in helfender Giite der Geistestriger mit
dem tiefen sinnenden Blick, der alle Ratsel der Erden-
schwere und des Erdenleides eingesogen zu haben schien
und allen Glanz der Geisteswelt in milder Ruhe wider-
strahlte: und der nun wusste, dass er dieses Erdendunkel
mit dem Weisheitsgold zu durchleuchten und zu durch-
gliihen hatte, bis ein erhdhtes Bewusstsein daraus der
Menschheit erwachsen war.
Die Aufgabe wurde erfillt: das Weisheitsgold liegt
da, wirkend unter vielen, von der Christus-Geistessonne
heruntergeholt und uns gegeben. Es durchstrahlt unsere
XII
Erde und ihre schwere, kompakte, materialistische Ge-
dankenwelt.
Durch das Herunterholen iibersinnlicher Erkenntnisse
und Wahrnehmungen in unsere Begriffs- und Vorstel-
lungswelt, durch ihre Umwandlung zu Gedankenformen,
die unsere Bewusstseinstitigkeit energisieren kénnen,
durch diese feine Alchimie ist eine neue Seelensubstanz
geschaffen worden, die belebend auf unsere abgetéteten
Geistorgane wirken kann. Die Kraft zu dieser Wieder-
belebung strémt aus vom Mysterium von Golgatha; Men-
schenarbeit aber muss es sein, dieser Kraft entgegen zu
wachsen und sich ihr verstehend zu 6ffnen. Dass dies
geschehen kénne, dazu wirkte Rudolf Steiner unter uns.
Alles, was er geschaffen, geschrieben, gedacht, hat dieser
einen Aufgabe gedient, unsere Begriffs- und Gefiihls-
welt wieder so lebendig zu machen, dass sie dem Chri-
stus-Impuls sich neu und kraftvoll erschliessen kénne;
unsere Willenswelt so zu aktivieren, dass sie sich mit
ihm wesenhaft verbinden kénne.
Ein schier uniibersehbares Lebenswerk liegt vor uns,
diesem einem Ziele gewidmet, das eine Umfassung, eine
Synthese ist der andern Ziele: der Wiedervereinigung
und gegenseitigen Durchdringung jener drei friiher im
Einklang wirkenden und jetzt getrennten Gebiete von
Wissenschaft, Kunst und Religion; der Erfassung des
geistigen Sinnes, den die Ideale von Freiheit, Gleich-
heit und Briiderlichkeit bergen; der Erweckung des Ich
im Menschen zum vollen Bewusstsein seiner selbst und
seiner Weltzugehorigkeit.
Alle diese Ziele sind nur zu erreichen durch die
Durchkraftung des Menschen mit dem Christus-Impuls.
Die gesamte Weisheit der Welt muss herangezogen
werden, um dieses grésste aller Mysterien zu verstehen.
XI
Vorbereitung fiir dieses waren die andern Mysterien. In
ihr Wesen und in ihre Bedeutung fihrte uns Rudolf
Steiner allmahlich und stetig hinein; sie alle wiesen
hin auf das was sich auf Golgatha ereignet hat. Schritt
fir Schritt brachte er uns diesem Verstaéndnis naher;
Kosmogonie, Theogonie, Erd- und Menschheitskunde und
die schon im Vorstellungsleben des Menschen erbliihten
Wissenschaften lieferten dazu ihre Bausteine.
Aber es gibt Kritiker verschiedener Richtungen, die
das behaupten, was in ihr Parteiprogramm passt. Es gibt
darunter auch solche, die einen Namen haben und die
kiihn behaupten, weil es ihnen so passt: Es ware schon
manches anzuerkennen in Rudolf Steiners Genialitat, doch
miisse man sich von ihm abwenden, weil er den Christus
ablehne.
Anders empfanden diejenigen, die sich die Mihe
gaben, Rudolf Steiners Werk zu studieren, bevor sie
dariiber redeten. Sie erkannten bald wie ihnen gehol-
fen werden k6énne.
Es kam eine Anzahl Theologen zu Rudolf Steiner;
diese sagten: Unsere Kirchen veréden; unsere Seminare
geben uns nicht dasjenige, was wir als Lebensbrot den
hungrigen Seelen reichen kénnen. Sie allein vermégen
uns zu helfen. Wollen Sie uns dasjenige geben was
uns fahig macht innerhalb unserer Amtstatigkeit den
andern zu helfen. Sonst miissen wir dem Stande des
Geistlichen entsagen.
Und Rudolf Steiner gab ihnen, was sie verlangten:
den Schliissel zu den Evangelien, den lebendigen Chri-
stus, das Wort, das zur Weihehandlung wird.
Er sprach zu ihnen: Ihr habt mich gebeten um das,
was [hr reichen kénnt denen, die noch nicht stark genug
sind fiir die Erarbeitung der Geisteswissenschaft und fir
a
XIV
die geistige Kommunion. Ihr wollt sie auf diesem
Wege hinfiihren zu den Quellen jenes Wissens, das den
Menschen wach und frei und vollbewusst macht, entspre-
chend den Forderungen der Zeit. Ihr diirft in dieser
Weise an dem Werke helfen, wenn Euer Tun Euch
nicht Selbstzweck wird; wenn der Gedanke der Kirche
nicht tiber den des Geistes siegt; wenn der Weg der
Seelsorge allmahlich dazu fiihrt, den Menschen in sei-
nem Ich erstarken zu lassen, damit er in Freiheit und
Wachheit sich mit den géttlichen Welten verbinde und
dem Herzen Christi, das in der Sonne leuchtet und
durch die Erde pulst. Ihr habt es gewollt und habt
es versprochen, handelt darnach und bleibt Eurem Worte
treu. — :
Sie gingen und griindeten die Gemeinschaft fir
christliche Erneuerung, vielen Seelen zum Heil. Die
Evangelienkunde wird dort eifrig betrieben, zu der Ru-
dolf Steiner den Schliissel gegeben hatte.
Begonnen hatte er damit schon in den allerersten
Zeiten seines geisteswissenschaftlichen Wirkens, indem
er immer wieder in seine Betrachtungen einflocht .das-
jenige, was uns zum Kreuzesstamme fiihrte und zu
seiner Bedeutung als Lebensbaum. Damals waren seine
Hérer an ihn herangetreten und hatten ihn gebeten um
einen zusammenhangenden Cyklus von Vortraigen iiber
das Johannes-Evangelium. Es wurde ihnen gewahrt. In
einer leider recht mangelhaften Nachschrift liegen diese
Vortrige aus dem Jahre 1908 nun vor. Es wird sehr
viel darnach gefragt und sie werden an so vielen Orten
vervielfaltigt, dass wir sie nicht linger einer ungentigen-
den Nachschrift wegen vorenthalten wollen. Die Sub-
stanz wird siegen tiber das, was ungeniigende Wiedergabe
ist, und ein Hauch von der Welt, aus der sie stammen,
XV
schwebt noch tiber ihnen. Die Menschheit braucht ihn
und braucht diese Substanz.
Dieser Herausgabe des Johannes-Evangelium wird die
: Herausgabe der Betrachtungen tiber die andern Evange-
lien bald-folgen. Als uns zu Pfingsten 1908 in Ham-
burg, nachdem zum ersten Mal ein ahnlicher Cyklus
in Basel vorangegangen war, diese Einfithrung in das
esoterische Evangelium gegeben wurde, ging etwas wie
Pfingstfeuer durch unsere Seelen und wie das Wehen
eines galidischen Friihlings. Pfingsten naht wieder, und
begleitet das Erscheinen dieses Buches. Mége es ihm eine
gute Vorbedeutung sein.
Pfingsten ist das Fest des heiligen Geistes, der in die
Herzen der Menschen hineinwirkt. Mége der Geist, der
in diesem Buche waltet den Weg finden zu den Seelen
der Menschen, die nach der Wahrheit diirsten und eines
guten Willens sind.
XVI
Die Lehre vom Logos.
Unsere Vortrage tiber das Johannes-Evangelium wer-
den ein doppeltes Ziel haben. Das eine wird sein, die
geisteswissenschaftlichen Begriffe als solche zu vertie-
fen und nach mancherlei Richtungen hin zu erweitern;
und das andere Ziel ist gerade dies, durch diejenigen
Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele treten wer-
den, die grosse Urkunde des Johannes-Evangeliums selbst
uns nahe zu bringen. Das bitte ich festzuhalten, dass
die Vortrige nach diesen beiden Richtungen hin gemeint
sind. Es soll sich nicht etwa bloss handeln um Aus-
einandersetzungen tiber das Johannes-Evangelium, son-
dern an der Hand desselben wollen wir in tiefe Ge-
heimnisse des Daseins eindringen, und wir wollen durch-
aus festhalten, wie eigentlich die geisteswissenschaftliche
Betrachtungsweise beschaffen sein muss, wenn sie an-
kniipft an irgendeine der grossen historischen Urkunden,
die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt
iiberliefert worden sind. Man kénnte naimlich glauben,
wenn der Vertreter der Geisteswissenschaft tiber das Jo-
hannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem Sinne
tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine
solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen
Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schépfen und
I
diese Wahrheiten auf die Autoritat der religidsen Ur-
kunden hin vorbringen. Das kann aber nimmermehr die
Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrachtung sein.
Sie muss eine vdllig andere sein. Wenn die Geistes-
wissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegeniiber dem
modernen Menschengeist erfiillen will, dann muss sie
zeigen, dass der Mensch, wenn er nur seine inneren
Krafte und Fahigkeiten gebrauchen lernt — die Krafte
und Fahigkeiten des geistigen Wahrnehmens —, dass
er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die
Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geisti-
gen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Dass
der Mensch durch den Gebrauch der inneren Fahigkeiten
zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, dass
er zu den schépferischen Kraften und Wesenheiten des
Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann,
das muss der modernen Menschheit immer mehr zum .
Bewusstsein kommen. Und so miissen wir sagen, dass
die Geheimnisse des Johannes-Evangeliums unabhingig
von jeder Tradition, von jeder historischen Urkunde von
dem Menschen gewonnen werden kénnen. Man méichte,
um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen
Weise das aussprechen. Dann kénnte man so sagen:
Nehmen wir an, durch irgendein Ereignis gingen alle
religidsen Urkunden dem Menschen verloren, und dieser
behielte nur die Fahigkeiten, die er gegenwartig hat, dann
miisste er trotzdem — wenn er sich nur die Fahigkeiten,
die er hatte, bewahrt —, in die Geheimnisse des Daseins
eindringen kénnen; er miisste hingelangen zu den gott-
lich-geistigen schaffenden Kraften und Wesenheiten, die
hinter der physischen Welt verborgen sind. Und die
Geisteswissenschaft muss durchaus auf diese, von allen
Urkunden unabhangigen Erkenntnisquellen bauen. Dann
2
aber, wenn man also unabhingig forscht, wenn man
unabhingig von allen Urkunden die géttlich-geistigen
Geheimnisse der Welt erforscht hat, dann geht man an
die religidsen Urkunden. Dann erst erkennt man sie in
ihrem wahren Werte. Denn dann ist man in einer
gewissen Weise frei und unabhingig von ihnen. Man
erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbstindig ge-
funden hat; und wer einen solchen Weg gegentiber den
religidsen Urkunden eingeschlagen hat, von dem kénnen
Sie sicher sein, dass diese Urkunden niemals an Wert
fir ihn verlieren — niemals etwas verlieren von der
Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen gegeniiber
haben kann. Durch einen Vergleich mit etwas anderem
lassen Sie uns einmal klar machen, um was es sich —
dabei handelt.
Es kénnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer,
hat uns zuerst jene Geometrie gegeben, die heute ein
jedes Schulkind lernt auf einer gewissen Stufe des Schul-
unterrichts. Aber ist das Lernen der Geometrie durchaus
gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage Sie,
wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine
Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid
die elementarsten Dinge iiber Geometrie hineingelegt
hat? Sie lernen die Geometrie unabhaingig von dem
Buche des Euklid, weil sie einer Fahigkeit des Menschen-
geistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie aus sich
gelernt hat und hinterher an das grosse Geometriebuch
des Euklid kommt, weiss man dies in der richtigen
Weise zu wiirdigen; denn erst dann findet man das,
was man sich zum Eigentum gemacht hat und lernt die
Form schiatzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse
zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute
die grossen Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums
3
durch die im Menschen schlummernden Kriafte finden,
ohne von dem Johannes-Evangelium etwas zu wissen,
wie der Schiiler die Geometrie lernt, ohne von dem ersten
Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen.
Wenn man, ausgeriistet mit dem Wissen itiber die
héheren Welten, an das Johannes-Evangelium herantritt,
sagt man sich: Was liegt denn da vor in der Geistes-
geschichte der Menschheit? Die tiefsten Geheimnisse
der geistigen Welten sind hineingeheimnisst in ein Buch,
sind der Menschheit gegeben in einem Buche und, da
wir vorher wissen, was Wahrheiten tiber die géttlich-
geistigen Welten sind, erkennen wir dann erst die gittlich-
geistige Art des Johannes-Evangeliums in dem richtigen
Sinne, und das wird tberhaupt der richtige Sinn sein,
sich solchen Urkunden zu nahern, welche iiber geistige
Dinge handeln. — Wenn sich solchen Urkunden, welche
liber geistige Dinge handeln, Leute nahern, welche
sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was in sol-
chen Urkunden liegt — wie z. B. im Johannes-Evange-
lium, — also blosse Philologen (und selbst die theolo-
gischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich
nur Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Biicher),
wie verhalt sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu
solchen Forschern? Nehmen wir nochmals den Ver-
gleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn
der richtigere Ausleger sein? der gut mit Worten in
seiner Art iibersetzen kann und gar keine Ahnung hat
von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird etwas
Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die
Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar
nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den
Uebersetzer selbst ein unbedeutender Philologe sein —
er wird, wenn er Geometrie versteht, das Buch in der
4
richtigen Weise wiirdigen kénnen. So verhilt sich gegen-
tiber vielen anderen Forschern der Vertreter der Geistes-
wissenschaft zum Johannes-Evangelium. Vielfach wird
es gegenwartig so erklart, wie die Philologen die Geo-
metrie des Euklid erklaren wiirden. Geisteswissenschaft
aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Wel-
ten, die im Johannes-Evangelium aufgezeichnet sind. So
ist der Geisteswissenschaftler dem Johannes-Evangelium
gegeniiber in derselben Lage, wie der Geometer dem
Euklid gegentiber: er bringt schon mit, was er in dem
Johannes-Evangelium finden kann. — Wir brauchen
uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf aufzuhalten,
dass auf diese Weise manches in die Urkunde hinein-
gesehen werde. Wir werden bald sehen, dass der, welcher
den Inhalt versteht, nicht nétig hat, etwas in das Evan-
gelium hineinzulegen, was nicht darin ist. Wer die Art
der geisteswissenschaftlichen Auslegung versteht, wird
sich bei diesem Vorwurf nicht besonders aufhalten. Wie
andere Urkunden nicht an Wert und Verehrung verlie-
ren, wenn man ihren wahren Inhalt erkennt, so ist dies
auch mit dem Johannes- Evangelium der Fall. Es er-
scheint dem, der eingedrungen ist in die Geheimnisse
der Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Dokumente
im menschlichen Geistesleben.
Wir kénnen uns dann fragen, wenn wir uns genau
auf den Inhalt des Johannes-Evangeliums einlassen: Wie
kommt es denn, wenn dem Geistesforscher das Johannes-
Evangelium als eine so bedeutungsvolle Urkunde er-
scheint, dass dieses gerade von Theologen, die doch zu
Erklarern berufen sein sollten, immer mehr und mehr
in den Hintergrund gegentiber den anderen Evangelien ge-
drangt wird? Dies soll als eine Vorfrage beriihrt werden,
bevor wir in das Johannes-Evangelium selbst eintreten.
Sie alle wissen, dass in bezug auf das Johannes-Evan-
gelium merkwiirdige Anschauungen und Gesinnungen
Platz gegriffen haben. In alten Zeiten wurde es verehrt
als eine der tiefsten und bedeutungsvollsten Urkunden,
welche der Mensch hatte tiber das Wesen und den
Sinn des Wirkens des Christus-Jesus auf Erden; und
in den Aalteren Zeiten des Christentums ware es wohl nie-
mandem eingefallen, dieses Johannes-Evangelium nicht
als ein wichtiges geschichtliches Denkmal fiir die Er-
eignisse in Palastina aufzufassen. In neueren Zeiten ist
es anders geworden — und gerade die, welche glauben
am festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher
Forschung, haben am meisten den Grund unterwihlt, auf
auf dem eine solche Anschauung tiber das Johannes-
Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon nach
Jahrhunderten zahlt, hat man angefangen, aufmerksam
zu werden auf die Widerspriiche, die sich in den Evan-
gelien finden. Da hat sich besonders unter den Theo-
logen nach mancherlei Schwankungen das _ folgende
herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen viele
Widerspriiche in den Evangelien vor, und man kénnte
sich keinen klaren Begriff machen, wie es kommt,
dass von vier Seiten in den vier Evangelien die Ereignisse
in Paldstina in verschiedener Weise erzahlt werden. Man
sagte: ,,Wenn wir die Darstellungen nehmen, die nach
Matthdus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes
gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene An-
gaben iiber dieses und jenes, dass man unmdglich glau-
ben kann, dass sie alle mit den historischen Tatsachen
iibereinstimmen. Das wurde nach und nach die Gesin-
nung derjenigen, die diese Dinge erforschen wollten. —
Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet,
dass man in bezug auf die drei ersten Evangelien einen
6
gewissen Einklang tiber die Darstellung der palastinen-
sischen Ereignisse sich bilden kénne, dass das Johannes-
Evangelium aber in einer weitgehenden Art abweiche von
dem, was die drei ersten Evangelien erzihlen, und dass
deshalb in bezug auf die historischen Tatsachen mehr
den drei ersten Evangelien geglaubt werden miisse, und
das Johannes-Evangelium weniger geschichtliche Glaub-
wiirdigkeit habe. So ist man allmahlich dazu gekom-
men, zu sagen: Dieses Johannes-Evangelium ist tiber-
haupt nicht in derselben Absicht entstanden, wie die
drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzihlen, was
sich zugetragen hat; der Verfasser des Johannes-Evange-
liums aber habe diese Absicht gar nicht gehabt, sondern
eine ganz andere. Und man hat aus verschiedenen Griin-
den der Annahme sich hingegeben, dass das Johannes-
Evangelium wtberhaupt verhiltnismassig spat niederge-
schrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch
zu sprechen kommen. Ein grosser Teil der Forscher
glaubt, dass das Johannes-Evangelium erst im dritten
oder vierten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahr-
hunderts niedergeschrieben worden sei, — vielleicht auch
schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts;
und daher sagten sie sich: also ist das Johannes-Evange-
lium niedergeschrieben in einer Zeit, wo das Christentum
in einer bestimmten Form sich schon ausgebreitet hatte,
wo es vielleicht auch schon Gegner hatte. Diese oder
jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum,
— und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten
sich: in dem Schreiber des Johannes-Evangeliums haben
wir einen Menschen vor uns, der insbesondere bestrebt
war, eine Lehrschrift zu geben, eine Art Apotheose,
etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegentiber
den Strémungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht
7
aber hatte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Ab-
sicht gehabt, die historischen Tatsachen treu zu schildern,
sondern zu sagen, wie er sich zu seinem Christus stelle.
So sehen viele nichts anderes in dem Johannes-Evange-
lium, als eine Art religids durchstrémten Gedichtes, das
der Schreiber aus einer religiés-lyrischen Stimmung
heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben
habe, um auch andere zu begeistern und in dieselbe
Stimmung zu bringen. Vielleicht wird man nicht tber-
all mit so extremen Worten diese Meinung eingestehen.
Wenn Sie aber die Literatur studieren, werden Sie fin-
den, dass dies eine weit verbreitete Meinung ist, die
vielen unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja,
es kommt eine solche Meinung der Gesinnung unserer
Zeitgenossen geradezu entgegen.
Seit einigen Jahrhunderten hat sich innerhalb der
Menschheit, die immer mehr zum Materialismus in ihrer
Gesinnung gekommen ist, eine gewisse Abneigung heraus-
gebildet gegen eine solche Auffassung des geschichtlichen
Werdens iiberhaupt, wie sie uns gleich in den ersten
Worten des Johannes-Evangeliums entgegentritt. Denken
Sie doch nur daran, dass die ersten Worte keine andere
Erklarung zulassen, als dass in dem Jesus von Nazareth,
der gelebt hat im Anfange unserer Zeitrechnung, ver-
kérpert war eime Wesenheit héchster geistiger Art. Der
Schreiber des Johannes-Evangeliums konnte nach seiner
ganzen Art nicht anders, indem er von Jesus spricht,
als beginnen mit dem, was er das ,,Wort oder den
Logos’ nennt; und er konnte nicht anders als sagen:
»Dieses Wort war im Urbeginne, und alles ist durch
das Wort entstanden“ — oder durch den ,,Logos“. Neh-
men wir dieses Wort einmal in seiner vollen Bedeutung,
dann miissen wir sagen: der Schreiber des Johannes-
8
Evangeliums sieht sich gedrangt, den Urbeginn der Welt,
das Héchste, wozu sich der Menschengeist erheben kann,
als Logos zu bezeichnen und zu sagen: ,,Alle Dinge sind
durch diesen Logos, den Urgrund der Dinge, gemacht!"
Und dann setzt er fort und sagt: ,,Dieser Logos ist
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.“ Das
heisst nichts anderes als: Ihr habt ihn gesehen, der
unter uns gewohnt hat, — ihr werdet ihn nur verstehen,
wenn ihr ihn nehmt so, dass in ihm dasselbe Prinzip
wohnte, durch das alles, was um euch herum ist an
Pflanzen, Tieren und Menschen, gemacht ist. — Will
man nicht in verkiinstelter Weise interpretieren, so muss
man sagen, dass im Sinne dieser Urkunde ein Prinzip
allerhéchster Art sich einmal im Fleische verkérpert hat.
Vergleichen wir die Anforderung, die mit solcher Vor-
stellung an des Menschen Herz gestellt wird, mit dem,
was heute mancher Theologe sagt. Sie kénnen es gegen-
wartig in theologischen Werken lesen und in Vortragen
in mannigfacher Weise héren: Wir appelieren nicht
mehr an irgendein iibersinnliches Prinzip; uns ist der-
jenige Jesus am liebsten, den uns die drei ersten Evan-
gelien schildern, denn das ist der ,,schlichte Mann aus
Nazareth“, der anderen Menschen dhnlich ist.
Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden fir viele
Theologen; die Menschen haben das Bestreben, alles, was
geschichtlich geworden ist, méglichst auf gleiche Stufe
zu stellen mit allgemein menschlichen Ereignissen. Es
stért die Menschen, dass ein so Hoher herausragen soll,
wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher
sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des
,schlichten Mannes von Nazareth’, der ihnen deshalb
so gefallt, weil sie sagen konnen: ,,Wir haben ja auch
einen Sokrates und andere grosse Manner’. Er unter-
9
scheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben doch
einen gewissen Masstab an einer gewodhnlichen banalen
Menschlichkeit, wenn sie yom ,,schlichten Manne aus
Nazareth“ sprechen kénnen. Dies Sprechen vom ,,schlich-
ten Manne aus Nazareth“, das Sie heute schon in zahl-
reichen theologischen Werken, auch in theologisch-aka-
demischen Schriften vorfinden, in dem, was man die
,aufgeklarte Theologie“ nennt, das hangt zusammen mit
dem seit Jahrhunderten herangebildeten materialistischen
Sinne der Menschheit; denn diese glaubt, dass es nur
Physisch -Sinnliches geben kénne, oder dass nur dieses
eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung, in welcher der Blick der Menschheit
noch hinaufgegangen ist zu dem Uebersinnlichen, konnte
der Mensch sagen: ,,Aussen, in der dusseren Erscheinung
mag diese oder jene historische Persénlichkeit sich ge-
wiss vergleichen lassen mit dem schlichten Manne aus
Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsicht-
bares in dieser Persénlichkeit war, da ist dieser Jesus
von Nazareth ein Einziger!“ Als man aber den Hinblick
und den Einblick in das Uebersinnliche und Unsichtbare
verloren hatte, verlor man auch den Masstab fiir alles,
was tiber den Durchschnitt der Menschheit hinausragte,
und das zeigte sich ganz besonders in der religidsen Auf-
fassung des Lebens. Dariiber geben Sie sich nur gar
keiner Tauschung hin! Der Materialismus ist zuerst ein-
gedrungen in das religiése Leben. Viel, viel weniger ge-
fahrlich ftir die geistige Entwickelung der Menschheit
ist der Materialismus in bezug auf die dusseren natur-
wissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auf-
fassung der religidsen Geheimnisse.
Wir werden zu sprechen haben — als ein Beispiel
— tber die wirkliche spirituelle Auffassung des Abend-
IO
mahls, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch
und Blut, und wir werden héren, dass durch diese spiri-
tuelle Auffassung das Abendmahl wahrhaftig nicht an
Wert und Bedeutung verliert; aber es wird eben eine
spirituelle Auffassung sein, die wir kennen lernen wer-
den. Und die war auch die alte christliche Auffassung,
als noch mehr spiritueller Sinn war unter der Mensch-
heit; sie galt noch in der ersten Halfte des Mittelalters.
Da wussten Viele die Worte: ,,Dies ist mein Leib! Dies
ist mein Blut!“ ... so aufzufassen, wie wir das kennen
lernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging im
Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir
werden die Griinde dafiir kennen lernen. Da gab es
im Mittelalter eine sehr merkwiirdige Strémung, die
tiefer, als Sie es glauben mégen, eingedrungen ist in die
Gemiiter der Menschheit, denn wie die Seelen sich nach
und nach entwickelt und was sie erlebt haben, kénnen
Sie von der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren.
Um die Mitte des Mittelalters ist eine tiefgehende Stré-
mung vorhanden in den christlichen Gemiitern Europas;
denn es war von autoritativer Seite aus der ehemalige
spirituelle Sinn der Abendmahlslehre ins Materialistische
umgedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Wor-
ten: ,,Dies ist mein Leib! Dies ist mein Blut!“ nur
vorstellen, dass ein materieller Vorgang, eine materielle
Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut
geschehe. Was friiher geistig vorgestellt wurde, fing man
an im grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier
schleicht sich der Materialismus, lange bevor er die
Naturwissenschaft ergreift, ein in das religiése Leben.
Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam.
Glauben Sie nicht, dass in irgendeiner der massgebenden
Erklarungen der ,echopfungsgeschichte” des Mittelalters
IT
die sechs Schépfungstage so genommen worden sind als
Tage, wie sie heute sind, als Tage von 24 Stunden.
Keinem der massgebenden theologischen Lehrer ware
das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden, was
in den Urkunden steht. Sie haben noch gewusst, einen
Sinn zu verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es
denn einen Sinn iiberhaupt gegentiber der Schépfungs-
urkunde, von 24stiindigen Schépfungstagen zu_spre-
chen in unserer heutigen Art? Was heisst denn ein Tag?
Ein Tag heisst das, was durch das Umdrehungsverhalt-
nis der Erde gegeniiber der Sonne bewirkt wird. Von
Tagen im heutigen Sinne kénnen Sie nur reden, wenn
die Verhaltnisse zwischen Sonne und Erde und ihre
Bewegung so vorgestellt werden, wie sie heute sind. Dass
aber Sonne und Erde in solchen Verhaltnissen zueinander
gestanden haben, wird in der Genesis erst vom vierten
Zeitraum, vom vierten ,,Tage der Schépfung erzahlt.
Tage’ kénnen daher tiberhaupt erst am vierten Tage
der Schépfungsgeschichte anfangen. Vorher ware es
sinnlos, sich Tage vorzustellen, wie sie heute sind. Da
erst iberhaupt am vierten ,,Tag’ die Einrichtung kommt,
wodurch Tag und Nacht médglich werden, konnte vorher
nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wie-
der kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr
wussten, dass damit die geistige Bedeutung von Tag und
Nacht gemeint sei, wo man sich nur denken konnte,
_ dass solche Zeit, die man sich in physischen Tagen
vorzustellen hat, méglich ist. So wurde fiir einen mate-
rialistisch denkenden Menschen, selbst fiir einen Theolo-
gen, ein Tag, wie er heute ist, auch der Schépfungs-
lag’, weil er nur jenen kennt. Ein 4lterer Theologe
redete anders iiber solche Dinge. Ein solcher sagte sich
vor allem, dass in den alten religidsen Urkunden nichts
12
Unndtiges an wichtigen Stellen steht. Als ein Beispiel
daftir wollen wir eine Stelle betrachten. Man nehme ein-
mal im 2. Kapitel des ersten Buches Mose den 21. Vers;
da heisst es: ,,Da liess Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf
fallen auf den Menschen, und er entschlief‘‘. Auf diese
Stelle legten die alten Erklaérer einen ganz besonderen
Wert. Diejenigen, die sich schon ein wenig befasst haben
mit der Entwickelung der geistigen Krafte und Fahig-
keiten des Menschen, werden wissen, dass es verschiedene
Arten von Bewusstseinszustiénden gibt, dass dasjenige, was
wir heute bei dem Durchschnittsmenschen ,,Schlaf‘ nen-
nen, nur ein voriibergehender Bewusstseinszustand ist,
der sich kiinftig — wie heute schon bei den Einge-
weihten — umwandeln wird in einen Bewusstseinszu-
stand, wo der Mensch leibbefreit hineinsieht in die gei-
stige Welt. Deshalb sagte der Erklarer: ,,Gott liess
Adam in einen tiefen Schlaf fallen, und da konnte er
wahrnehmen, was er mit den physischen Sinneswerk-
zeugen nicht wahrnehmen konnte.‘’ Das ist gemeint als
ein hellseherischer Schlaf, — und was erzahlt wird,
ist das, was man erfahrt in einem héheren Bewusstseins-
zustand; daher fallt Adam ,,in einen Schlaf‘. Dies war
eine alte Erklarung; und man sagte: es wiirde auch nicht
erwahnt werden in einer religidsen Urkunde, ,,Gott liess
einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen‘, wenn er
auch schon friher in einen Schlaf verfallen wire. Darauf
werden wir hingewiesen, dass es der erste Schlaf ist,
und dass er friiher in Bewusstseinszustanden war, wo
er noch geistige Dinge stindig wahrnehmen konnte. Das
ist es, was den Leuten erzahlt wurde.
Heute handelt es sich nun darum, zu zeigen, dass
es einmal ganz spirituelle Erklarungen der biblischen Ur-
kunden gegeben hat, und dass der materialistische Sinn,
13
als er heraufkam, das hineingelegt hat, was heute in der
Bibel von den aufgeklarten Leuten bekimpft wird. Das
hat erst der materialistische Sinn gemacht, was er nun
selbst bekampft. So sehen Sie, wie in der Tat der materia-
listische Sinn in der Menschheit heraufgezogen ist, und
wie dadurch das wahre, echte, wirkliche Verstandnis fiir
die religidsen Urkunden verloren gegangen ist. Wenn die
Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfiillen und dem Men-
schen zeigen wird, welche Geheimnisse hinter dem physi-
schen Dasein liegen, dann wird man schon erkennen, wie
diese Geheimnisse in den religidsen Urkunden geschildert
werden. Der aussere triviale Materialismus, den heute die
Menschen fiir so gefihrlich halten, ist nur die letzte
Phase des Materialismus, den ich Ihnen geschildert habe.
Erst wurde die Bibel materialistisch interpretiert. Hatte
nie ein Mensch die Bibel materialistisch erklart, so hatte
auch nie in der ausseren Wissenschaft ein Haeckel die
Natur materialistisch erklart; und was im 14. und 15.
Jahrhundert als Grund gelegt worden ist in religidser Be-
ziehung, das ging als Frucht im 19. Jahrhundert auf in
der Naturwissenschaft; und das hat dazu gefihrt, dass
es unméglich ist, dem Johannes-Evangelium gegeniiber
zu einem Verstandnis zu kommen, wenn man nicht in
die geistigen Urgriinde eindringt, und man kann den
Wert des Johannes-Evangeliums nur dann unterschatzen,
wenn man es nicht versteht. Und weil diejenigen, die
es nicht mehr verstanden haben, angekrankelt waren von
einer materialistischen Gesinnung, erschien es ihnen eben
in dem vorhin geschilderten Lichte. Ein ganz einfacher
Vergleich wird erklaren, in welcher Art das Johannes-
Evangelium von den drei andern abweicht.
Denken Sie sich einen Berg; auf dem Berge und am
Bergabhange stehen auf gewissen Héhen verschiedene
1h
Menschen, und diese verschiedenen Menschen — sagen
wir drei — zeichnen nun ab, was sie unten schen;
jeder wird es nach der Stelle, wo er steht, verschieden
zeichnen; aber gewiss ist jedes von diesen drei Bildern
doch wahr fiir den Standpunkt, um den es sich handelt;
und derjenige, der nun oben auf dem Gipfel steht und
das zeichnet, was unten ist, wird wieder einen andern
Anblick gewinnen und schildern. So ist der Anblick der
drei Evangelisten, der Synoptiker Matthéus, Markus,
Lukas, gegeniiber dem des Johannes, der nur von einer
andern Stelle aus die Sache beschreibt. Und was haben
gelehrte Erklarer nicht alles herbeigetragen, um dieses
Johannes-Evangelium begreiflich zu machen! Manchmal
muss man sich wirklich wundern, was alles von den exak-
ten Forschern gesagt wird, was so leicht zu durchschauen
ware, wenn nicht unsere Zeit eine Zeit des denkbar grés-
sten Autoritatsglaubens ware. Der Glaube an die unfehl-
bare Wissenschaft ist heute auf dem héchsten Punkt an-
gekommen! ;
So ist denn gleich der Eingang des Johannes-Evange-
liums etwas sehr Schwieriges fiir den materialistisch an-
gehauchten Theologen geworden. Die Lehre von dem
Logos oder Wort hat den Leuten grosse Schwierigkeiten
gemacht. Sie sagen sich: ,,Wir méchten doch so gern,
dass alles einfach, schlicht und naiv ist, — und da
kommt dann das Johannes-Evangelium und spricht von
so hohen philosophischen Dingen, von dem Logos, dem
Leben, dem Lichte!“ Der Philologe ist gewéhnt, immer
zu fragen, woher das stammt; mit neueren Werken
macht man es nicht anders. Lesen Sie die Werke tiber
den Goetheschen ,,Faust‘’. Ueberall finden Sie nach-
gewiesen, woher dieses oder jenes Motiv stammt; da
werden durch Jahrhunderte z. B. alle Biicher aufgesto-
15
bert, um zu sehen, woher Goethe das Wort vom
» Wurm “ hat, das er gebraucht; und so fragt man auch,
woher hat Johannes den Begriff des ,,Logos’? ,,Die
anderen Evangelisten, die zu dem einfachen, schlichten
Menschenverstand gesprochen haben, driicken sich nicht
so persénlich aus’. Nun sagte man weiter, der Schrei-
ber des Johannes-Evangeliums wire eben ein Mensch
mit griechischer Bildung gewesen, und dann wies man
darauf hin, dass die Griechen in Philo von Alexan-
drien einen Schriftsteller haben, der auch von dem
Logos spricht. Also dachte man sich, dass in gebildeten
griechischen Kreisen, wenn man von etwas Hohem spre-
chen wollte, man von dem Logos sprach, und daher hat
der Johannes das aufgenommen. Und so nahm man das
wieder fiir einen Beweis, dass der Schreiber des Johan-
nes-Evangeliums nicht auf derselben Ueberlieferung ge-
fusst hat, auf der die Schreiber der andern Evangelien
fussten, sondern — so sagte man — er hat sich beein-
flussen lassen von der griechischen Bildung und dement-
sprechend die Tatsachen umgepragt. Und gerade die
Anfangsworte des Johannes-Evangeliums ,,{m Urbeginne
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein
Gott war das Wort“ beweisen, dass der philonische
» Logos ‘-Begriff in den Geist des Schreibers des Jo-
hannes - Evangeliums eingedrungen ist und die Darstel-
lung beeinflusst hat!
Solchen Leuten méchte man nur einmal den Anfang
des Evangeliums des Lukas dagegen halten: ,,Sintemalen
sich viele unterwunden haben, Rede zu fiihren von den
Ereignissen, so unter uns geschehen sind, wie uns das
iiberliefert haben diejenigen, die von Anfang selbst
Augenzeugen und Diener des ,Wortes’ gewesen sind,
deshalb habe ich es fiir gut befunden, nachdem ich das
16
alles, wie es von Anfang war, mit Fleiss erforscht, dir
zu erzihlen, mein guter Theophilus.“
Hier steht am Anfange gerade, dass das, was er er-
zahlen will, Ueberlieferung ist derjenigen, die Augen-
zeugen und ,,Diener des ,Wortes‘ gewesen sind‘! Es
ist sonderbar, dass Johannes das aus der griechischen
Bildung haben soll, und dass Lukas, der doch nach
dieser Ansicht zu den schlichten Mannern gehorte, eben-
falls von dem ,,Logos spricht! Solche Dinge sollten
selbst die autoritatsgliubigen Menschen darauf aufmerk-
sam machen, dass es wirklich nicht eigentlich exakte
Griinde sind, die zu solchen Resultaten fiihren, sondern
Vorurteile; die materialistische Brille ist es, die diese
Anschauung iiber das Johannes-Evangelium heraufge-
bracht hat, dass es in der eben charakterisierten Weise
neben die anderen Evangelien hinzustellen sei, was wir
leicht daraus entnehmen kénnen, dass auch im Lukas-
Evangelium die Rede davon ist. Was von denen gesagt
wird, die da Augenzeugen und Diener des Logos gewe-
sen sind, das bedeutet, dass von dem Logos in den alten
Zeiten gesprochen wurde als von etwas, was die Leute
kannten und mit dem sie vertraut waren. Und das ist
es, was wir uns jetzt besonders vor die Seele fiihren
miissen, damit wir tiefer eindringen kénnen in die
ersten paradigmatischen Sitze des Johannes-Evangeliums.
Wovon spricht derjenige, der damals das Wort ,,Logos”
oder das Wort ,,Wort“ gebrauchte in unserm Sinne ?
Wovon spricht er ?
Nicht durch theoretisches Erklaren und abstraktes
begriffliches Auseinandersetzen kommen Sie zu’ dieser
Vorstellung des Logos, sondern Sie miissen sich durch
das Gemiit in das ganze Empfindungsleben aller derje-
nigen hineinversetzen, die so von dem Logos gesprochen
2 17
haben. Auch diese Leute haben die Dinge um sich
herum gesehen; aber es geniigt nicht, dass der Mensch
bloss das ansieht, was um ihn herum ist, sondern es
kommt darauf an, wie sich daran die Empfindungen
seines Herzens. und seines Gemiites kniipfen, wie er dies.
oder jenes fiir héher oder niedriger halt, je nachdem,
was er in ihnen sieht. Sie alle richten Ihre Blicke auf
die Sie umgebenden Naturreiche, auf Mineralien, Pflan-
zen, Tiere und Menschen. Sie nennen den Menschen das
vollkommenste, das Mineral das unvollkommenste Ge-
schépf. Innerhalb der betreffenden Naturreiche unter-
scheidet man wieder héher und niedriger stehende We-
sen. Zu den verschiedenen Zeiten empfanden die Men-
schen das ganz verschieden. Diejenigen, die im Sinne des
Johannes - Evangeliums sprachen, empfanden vor allem
Eines als etwas ganz Bedeutsames: Man sah herunter auf
das niedere Tierreich und liess den Blick schweifen hin-
auf bis zu dem Menschen — und verfolgte etwas ganz
Bestimmtes in dieser Entwickelungsrichtung. Da sagte ein
solcher Bekenner der Logoslehre: Eines ist es, was uns.
am tiefsten den Vorzug der héheren Wesen vor den
niederen darstellt: die Fahigkeit, das, was im Innern
lebt, nach aussen durch das Wort ténen zu lassen, den
Gedanken der Umwelt im Wort mitzuteilen. Es wiirde
ein solcher Bekenner der Logoslehre gesagt haben: Sieh
dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es driickt nicht
aus seinen Schmerz oder seine Lust. — Nehmen Sie die
niederen Tiere: sie zirpen oder geben andere Téne von
sich usw.; aber es ist das das dussere Schaben und
Reiben der physischen Organe, die da ténen, wie ein
Hummer es auch kann. Je héher wir hinaufkommen,
desto mehr entwickelt sich die Fahigkeit, dass sich das
Innere im Ton manifestiert und das, was die Seele er-
18
lebt, im Ton mitteilt. Und deshalb, sagte man, steht der
Mensch tiber den anderen Wesen so hoch, weil er nicht
nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine
Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was
tiber das Persénliche hinausgeht, was geistig, unpersén-
lich ist, in Worte zu fassen, in Gedanken auszudriicken
vermag. Und man sagte nun unter diesen Bekennern
der Logoslehre: Es gab eine Zeit, bevor der Mensch
in seiner heutigen Gestalt da war, in der es ihm méglich
ist, sein innerstes Erlebnis in Worten nach aussen er-
ténen zu lassen. Es gab vorher eine andere Zeit. Es hat
lange Zeit gebraucht, dass sich unsere Erde bis zu der
heutigen Gestalt hindurchentwickelte. (Wir werden horen,
wie diese Erde geworden ist.) Wenn wir aber die
friiheren Zustiénde priifen, finden wir den Menschen
in seiner heutigen Gestalt noch nicht, und auch keine
Wesen, die von innen heraus erténen lassen koénnen, was
sie erleben. Mit stummen Wesen beginnt unsere Welt,
und nach und nach erst zeigen sich Wesen und er-
scheinen auf unserem Wohnplatz, die die innersten Er-
lebnisse nach aussen ténen lassen kénnen, die des Wortes
michtig sind. Aber das, was vom Menschen heraus am
spatesten erscheint — sagten sich die Bekenner der
Logoslehre —, das war in der Welt selbst am frihesten
da. Wir denken uns, der Mensch war in seiner heutigen
Gestalt in friiheren Erdzustanden noch nicht da; aber in
unvollkommener, stummer Gestalt war er da und hat
nach und nach sich bis zum Logos- oder wortbegabten
Wesen heraufentwickelt. Dass er das konnte, rihrt
davon her, dass das, was bei ihm zuletzt erscheint, das
schépferische Prinzip, in einer héhern Wirklichkeit
von Anfang an da war. Was sich losringt aus der
Seele, das war das géttliche schépferische Prinzip im
19
Anfang; das Wort, das aus der Seele tént, der Logos
war im Anfang da, und der Logos hat die Entwickelung
so gelenkt, dass zuletzt ein Wesen entstand, in dem er
auch erscheinen konnte. Was zuletzt in der Zeit und
im Raume erscheint, war im Geiste zuerst da. Wenn
Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das klar-
zumachen, so kénnen Sie ungefahr sagen:
Hier habe ich diese Blume vor mir. Diese Blumen-
krone, diese Blumenglocke, was war sie vor einiger Zeit?
Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der Még-
lichkeit nach diese weisse Blumenglocke. Ware sie nicht
der Méglichkeit nach darinnen gewesen, diese Blumen-
glocke hatte nicht entstehen kénnen. Und woher kommt
das Samenkorn? Es kommt wieder von einer solchen
Blumenglocke her. Dem Samenkorn geht die Bliite
voran; und so, wie die Bliite der Frucht vorangeht, so
hat sich das Samenkorn, aus dem diese Bliite entstanden
ist, herausentwickelt aus einer gleichen Pflanze. So be-
trachtete der Bekenner der Logoslehre den Menschen und
sagte sich: Gehen wir zuriick in der Entwickelung, so
finden wir in friiheren Zustiénden den noch stummen
Menschen, der nicht des Wortes fahig war; aber wie
der Same von der Bliite herkommt, so kommt der
stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbe-
gabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Maigléckchen
den Samen und der Same wieder das Maigléckchen er-
zeugt, so erzeugt das géttliche Schépferwort den stum-
men Menschensamen, — und als das géttliche Schépfer-
wort hineinschliipft in den stummen Menschensamen,
um darin wieder aufzugehen, tént aus dem Menschen-
samen das urspriingliche géttliche Schépferwort hervor.
Gehen wir zuriick in der Menschheitsentwickelung, so
treffen wir ein unvollkommenes Wesen, und die Ent-
20
wickelung hat den Sinn, dass zuletzt als Bliite der Logos
oder das Wort, das das Innere der Seele enthiillt, er-
scheint. Es erscheint im Anfange der stumme Mensch
als Samen des logosbegabten Menschen, und dieser geht
hervor aus dem logosbegabten Gotte. Es entspringt der
Mensch aus dem nicht wortbegabten, stummen Menschen,
aber zuletzt ist im Urbeginn der Logos oder das Wort.
— So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten
Sinne erkennt, vor zu dem _ géttlichen Schdpferwort,
das der Urbeginn des Daseins ist, worauf der Schreiber
des Johannes-Evangeliums im Anfange hinweist. Héren
wir, was er im Anfange sagt: ,,Im Urbeginne war das
Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war
das Wort."
Heute — will er sagen —, wo ist heute das Wort ?
Heute ist auch das Wort da: und das Wort ist beim
Menschen! und ein Menschliches ist das Wort! Und so
knipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums den
Menschen an den Gott an, — und wir sehen in der
Tat eine fiir jedes Menschenherz leicht begreifliche
Lehre erténen im Beginne dieses Johannes-Evangeliums.
Ich wollte Ihnen heute in diesem einleitenden Vor-
trag mit allgemeineren Worten einmal mehr vom Em-
pfindungs- und Gefiihlsstandpunkt aus schildern, wie
urspriinglich ein Bekenner der Logoslehre solche Worte
des Johannes-Evangeliums empfunden hat. Und nachdem
wir uns so in die Stimmung hineinversetzt haben, wie
sie war, als zuerst diese Worte gehért wurden, werden
wir um so besser die Méglichkeit haben, in den tiefen
Sinn, der diesem Johannes-Evangelium zugrunde liegt,
einzudringen.
21
Wir werden weiter sehen, wie das, was wir Geistes-
wissenschaft nennen, wahrhafte Wiedergabe ist des Jo-
hannes-Evangeliums, und wie sie uns in die Lage ver-
setzt, dieses Johannes-Evangelium griindlich zu verstehen.
22
Il.
Christliche Esoterik.
Die ersten Worte des Johannes-Evangeliums riihren in
der Tat gleich an die tiefsten Weltgeheimnisse. Man sieht
das, wenn man die ihnen zugrunde liegenden geisteswis-
senschaftlichen Wahrheiten vor die Seele hintreten lasst;
und wir werden tief hineingreifen miissen in die spi-
rituelle Erkenntnis, wenn uns diese ersten Worte des
Evangeliums im richtigen Lichte erscheinen sollen. Man-
ches, was denjenigen von Ihnen recht wohl bekannt ist,
die sich langere Zeit mit der anthroposophischen Welt-
anschauung befasst haben, werden wir uns nur kurz dabei
ins Gedachtnis zuriickrufen miissen. Wir werden aber
gewisse elementare *Wahrheiten der anthroposophischen
Weltanschauung heute durchdringen miissen mit weiteren
Ausblicken in verschiedene bedeutsame kosmische Geheim-
nisse. Nur ganz kurz brauchen wir uns einmal das
Wesen des Menschen vor Augen zu fiihren, wie dieses
Wesen sich uns darstellt in der geisteswissenschaftlichen
Betrachtung, zunachst fiir die Zeit vom Morgen, wenn
der Mensch aufwacht, bis zum Abend, wenn der Mensch
wiederum in Schlaf versinkt. Wir wissen, dass der Mensch
besteht aus dem physischen Leib, dem Aether- oder
Lebensleib, dem Astralleib und dem Ich. Diese vier
Glieder der menschlichen Wesenheit sind aber in der-
23
jenigen Verbindung, die wir ihnen normalerweise fir
den Wachzustand zuschreiben, wirklich nur so da wah-
rend dieses Wachzustandes. Insbesondere ist notwendig,
dass wir uns vor die Seele riicken, dass wahrend des
Schlafzustandes in der Nacht der Mensch im Grunde
genommen eine ganz andere Wesenheit ist; denn seine
vier Glieder sind dann in einer ganz anderen Art zusam-
mengefiigt als wiahrend des Tagwachens. Wenn der
Mensch schlaft, liegen der physische Leib und der
Aetherleib im Bette; der Astralleib und das Ich sind
in einer gewissen Weise losgelést aus dem Zusammenhang
mit dem physischen Leibe und dem Aetherleibe, sind
also — wenn wir das Wort nicht im rein raumlichen,
sondern im geistigen Sinne verstehen — ausserhalb des
physischen Leibes und des Aetherleibes. So ist also der
Mensch wihrend der Nacht eine Wesenheit, die eigentlich
aus zwei Teilen besteht; aus dem, was im Bette liegen
geblieben ist, und dem, was sich aus dem _ physischen
Leibe und dem Aetherleibe herausgetrennt hat. Nun miis-
sen wir uns vor allen Dingen klarmachen, dass wahrend
der Nacht — von dem Augenblicke, wo der Mensch ein-
schlaft, bis zu dem Augenblicke, wo er am Morgen wieder
aufwacht — dasjenige, was im Bette legen bleibt, der
physische und der Aetherleib, wenn sie verlassen wiirden
von dem, was sie den Tag hindurch erfillt — von dem,
was im Astralleib und im Ich lebt, — dass sie dann als
solche gar nicht bestehen kénnten. Und hier ist es, wo
wir uns ein wenig tiefer in die Weltgeheimnisse einlassen
miissen. Wenn wir des Menschen physischen Leib vor
uns haben, miissen wir uns klarmachen, dass dieser
physische Menschenleib, den wir mit Augen sehen und
mit Handen wahrnehmen, einen langen Entwickelungs- |
prozess hinter sich hat. Er hat diesen Entwickelungs-
2h
prozess durchgemacht im Verlaufe der ganzen Ent-
wickelung unseres Erdplaneten. Schon bekannt ist es
denjenigen, die sich ein wenig mit dieser Materie befasst
haben, dass unsere Erde friihere Zustinde durchgemacht
hat. So wie der Mensch von Verkérperung zu Verkérpe-
rung hindurchgeht, wiederholte Erdenleben durchmacht,
so hat auch unsere Erde, bevor sie in denjenigen Zustand
gekommen ist, in dem sie heute ist, andere Zustinde
durchgemacht. Es gibt ebenso frithere Verkérperungen
eines Planeten, wie es friihere Verkérperungen eines
Menschen gibt. Alles in der grossen Welt und in der
kleinen Welt unterliegt dem Gesetze der Wiederverkér-
perung; und unsere Erde war, bevor sie diese unsere
Erde wurde, durch einen Zustand durchgegangen, den wir
den ,,alten Mond“ nennen, weil der heutige Mond ein
abgesplittertes Stiick dieses alten Planeten ist; also nicht
der heutige Mond ist gemeint, wenn wir von dem ,,alten
Monde” sprechen, sondern ein ahnlicher Planet, wie die
heutige Erde einer ist. — Ebenso nun wie beim Men-
schen ein Zeitraum liegt zwischen einer Verkérperung
und einer neuen Geburt, so liegt ein Zeitraum zwischen
der Verkérperung unseres Planeten, den wir als Erde
bezeichnen, und desjenigen, den wir als den alten Mond
bezeichnen. Und ebenso ist es mit dem Zustande unseres
Planeten, den wir als ,,Sonne‘ bezeichnen. Ein Zustand,
den man als Sonne bezeichnet, ging dem Mondenzustande
unseres Planeten voran, — und dem Sonnenzustande ging
wieder ein Saturnzustand voran. So kénnen wir zuriick-
blicken auf drei friihere Verkérperungen unseres Planeten.
Unser physischer Menschenleib hat seine allererste
Anlage erhalten auf dem alten Saturn. Damals auf
diesem alten Saturn bildete sich eine — von dem heuti-
gen menschlichen Leibe freilich ganz verschiedene —
25
erste Anlage des physischen Menschenleibes. Alles, was
heute vom Menschen vorhanden ist ausser dem physischen
Menschenleibe, war auf diesem alten Saturn noch nicht
vorhanden. Erst als der Saturn sich in die Sonne ver-
wandelte, also wahrend der zweiten Verkérperung unseres
Erdplaneten, kam zu diesem physischen Leib der Aether-
leib hinzu, durchtrankte, impragnierte ihn. Und was war
die Folge? Die Folge war, dass der physische Men-
schenleib eine Verwandlung durchmachte; er wurde
anders gestaltet; er erlangte eine andere Art und Weise
seines Daseins. So steht wahrend der Sonnenverkérperung
unserer Erde der physische Leib auf der zweiten Stufe
seines Daseins. Wodurch hat er diese zweite Stufe er-
langt? Dadurch, dass er — wiahrend er auf dem Sa-
turn noch maschinenhaft, automatisch war — er auf
der Sonne ein innerlich lebendiger Leib wurde. Der
Aetherleib, der hineingeschliipft war, gestaltete den phy-
sischen Leib um. Auf dem Monde schliipfte in diesen
Zusammenhang von physischem Leib und Aetherleib
der Astralleib hinein. Da wurde wiederum der physische
Leib umgestaltet, ein drittes Mal gestaltet, — der Aether-
leib erst ein zweites Mal. Auf der Erde endlich kam
zum physischen Leib, Aetherleib und astralischen Leib
das Ich hinzu, und das Ich, das jetzt hineinschlipfte in
diesen dreifachen Zusammenhang, gestaltete diesen phy-
sischen Leib wiederum um, so dass er endlich dieser
komplizierte Zusammenhang wurde, der er heute ist.
Es ist also, was Sie heute als den menschlichen physi-
schen Leib vor sich haben, ein vielfach umgestaltetes
Wesen, und er ist so kompliziert, wie er heute erscheint,
nur dadurch geworden, dass er vier Entwicklungszustinde
durchgemacht hat. Wenn wir von unserem heutigen
physischen Leibe sprechen und sagen, er bestehe aus
26
denselben physischen und chemischen Stoffen und Kraf-
ten wie draussen im Kosmos die Mineralien, dann miis-
sen wir uns aber auch klarmachen, dass zwischen die-
sem physischen Menschenleibe und dem Mineral doch
noch ein gewaltiger Unterschied ist. Wir betonen, wenn
wir in ganz elementarer Art sprechen, den Unterschied
des physischen Menschenleibes von dem physischen Leibe
eines Minerals — oder sagen wir eines Bergkristalls —
dadurch, dass wir sagen: Der Bergkristall behalt, wenn
er nicht von aussen zerstért wird, seine Form. Der phy-
sische Leib des Menschen kann durch sich selbst nicht
seine Form behalten; er hat sie nur dadurch und nur so
lange, als ein atherischer Leib, ein astralischer Leib und
ein Ich in ihm sind. In dem Augenblicke, wo sich
Aetherleib, astralischer Leib und Ich von ihm trennen,
beginnt der physische Leib etwas ganz anderes zu wer-
den, als er zwischen Geburt und Tod ist: er folgt den
Gesetzen der physischen und chemischen Stoffe und
Krafte und zerfallt, wahrend der physische Leib des
Minerals erhalten bleibt. Etwas Aehnliches ist mit dem
Aetherleibe der Fall. Nachdem sich unmittelbar nach
dem Tode Aetherleib, astralischer Leib und Ich von dem
physischen Leibe getrennt haben, geht nach einiger Zeit
auch der Aetherleib aus der Verbindung mit dem astra-
lischen Leibe und dem Ich heraus und lést sich auf
im Weltenather, wie sich der physische Leib im Erd-
reich auflést. Es bleibt dann von dem Aetherleibe nur
jener Extrakt zuriick, von dem wir 6fter gesprochen
haben; der bleibt mit dem Menschen vereint. So kénnen
wir sagen, dass der physische Leib des Menschen in
einer gewissen Beziehung allerdings von demselben Wert
ist wie das um uns herumliegende Mineralreich; aber wir
miissen uns doch den grossen Unterschied vor die Seele
ao,
riicken, der zwischen dem Mineralreich und dem physi-
schen Menschenleibe besteht. Es kénnte jemand sagen:
Ja, eben ist gesagt worden, auf dem Saturn war unser
physischer Leib noch nicht durchsetzt von einem Aether-
leibe, nicht von einem astralischen Leib und nicht von
einem Ich, denn die kamen erst auf der Sonne, dem
Monde und der Erde hinzu; da war also wirklich der
physische Leib des Menschen — kénnte man sagen —
von dem Werte eines Minerals. Nun aber haben wir
angefiihrt, wie drei Verwandlungen dieses physischen
Leibes einander folgten auf diesen alten Zustand, in
dem er wahrend des Saturndaseins war. — Auch das
heutige Mineral, das Sie als ein totes Mineral vor sich
haben, kann unmdglich bestehen so, dass es bloss einen
physischen Leib in sich hat. Machen Sie sich klar,
dass zwar fiir diese unsere physische Welt das richtig
ist, was gesagt wird und gesagt werden muss — dass
das Mineral nur einen physischen Leib habe. Hier in der
physischen Welt hat das Mineral bloss einen physischen
Leib, — aber absolut richtig ist das nicht. Genau ebenso
wie der physische Leib, wenn er vor uns steht, in sich
seinen Aetherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich
hat, die dazu gehéren, so hat auch das Mineral nicht bloss.
physischen Leib, sondern auch Aetherleib, astralischen
Leib und Ich; nur befinden sich diese héheren Glieder
seiner Wesenheit in hdheren Welten. Das Mineral hat
einen Aetherleib — der ist nur in der sogenannten astra-
lischen Welt; das Mineral hat einen astralischen Leib —
der ist nur in der sogenannten devachanischen oder himm-
lischen Welt, und es hat ein Ich, nur ist das in einer
noch héheren oder geistigen Welt. Also unterscheidet
sich der physische Menschenleib von dem physischen
Leibe eines Minerals dadurch, dass der physische Men-
28
schenleib hier in dieser physischen Welt im wachen
Zustand seinen Aetherleib, seinen astralischen Leib und
sein Ich in sich hat; das Mineral aber hat hier seinen
Aetherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich nicht
in sich. Denn wir wissen ja, dass es ausser unserer
Welt noch andere Welten gibt. Die Welt, die wir mit
unseren Sinnen gewohnlich wahrnehmen, sie wird durch-
drungen von der astralischen Welt und diese wieder
von der Devachanwelt, die in eine niedere und in eine
hdhere devachanische Welt zerfallt. — Der Mensch ist
nun dem Mineral gegeniiber dadurch ein bevorzugtes
Wesen, dass er beim Tagwachen seine anderen drei Glie-
der in sich hat. Das Mineral hat in sich selbst diese
Glieder nicht; sondern wir miissen uns das so vorstellen,
dass das Mineral gar nicht vollstandig ist auf dem phy-
sischen Plan. Denken Sie sich einen menschlichen Finger-
nagel: Sie werden mir zugeben, diesen menschlichen Fin-
gernagel kénnen Sie nirgends in der Natur draussen als
fiir sich bestehende Wesenheit finden; denn er setzt
voraus, wenn er wachsen soll, den tibrigen menschlichen
Organismus; er kann nicht ohne diesen sein. Denken
Sie sich nun ein kleines Wesen, das nur Augen habe,
um Ihre Fingernagel zu sehen, aber keine Fahigkeit, um
Ihren wibrigen Organismus zu sehen. Da _ wiirde ein
solches kleines Wesen durch den ganzen itibrigen Raum
hindurchschauen, aber nur Ihre Fingernagel sehen. So
sind die Mineralien hier gleichsam nur die Fingernigel,
und Sie betrachten die Mineralien nur vollstandig, wenn
Sie in héhere Welten aufsteigen; da haben sie ihren
Aetherleib, astralischen Leib usw. und hier nur ihre
physischen Glieder. Das alles wollen wir recht fest ins
Auge fassen, um uns klarzumachen, dass es in héherer
geistiger Wirklichkeit eben gar kein Wesen geben kann,
a9
das nicht in irgendeiner Art Aetherleib, astralischen Leib
und Ich hatte. Ein physisches Wesen kann gar nicht
bestehen, wenn es nicht zu einem Aetherleib, astralischen
Leib und einem Ich hinzugehért.
Nun aber herrscht zwischen allem, was heute schon
gesagt worden ist, eigentlich ein gewisser Widerspruch.
— Ks ist gesagt worden, der Mensch sei in der Nacht,
wenn er schlaft, ein ganz anderes Wesen als bei Tag,
wenn er wacht. Bei Tag ist uns dieses Menschenwesen
ganz erklarlich: da steht es als eine viergliedrige Wesen-
heit vor uns. Nun aber treten wir an den schlafenden
Menschen heran und betrachten ihn seiner physischen
Wesenheit nach. Da haben wir physischen Leib und
Aetherleib im Bette liegen — und Astralleib und Ich
sind draussen. Da ergibt sich der Widerspruch, dass
wir ein Wesen vor uns hitten, das verlassen ware von
Astralleib und Ich. Der Stein schlaft nicht; sein Aether-
leib, Astralleib und Ich durchdringen ihn nicht, aber sie
bleiben stets in derselben Verbindung mit ihm. Beim
Menschen geht jede Nacht.der Astralleib und das Ich
heraus, — er kiimmert sich in der Nacht nicht um
seinen physischen Leib und Aetherleib und iiberlisst diese
jede Nacht sich selber. Diese Tatsache wird nicht immer
ganz genau tiberdacht. Jede Nacht geht mit dem Men-
schen diese Verwandlung vor sich, dass er als eigentlicher
geistiger Mensch Abschied nimmt von seinem physischen
Leibe und Aetherleibe, die er sich selber tiberlasst. Nun
aber kénnen diese nicht fiir sich bestehen; denn kein
physischer Leib und auch kein Aetherleib kann fiir sich
bestehen, selbst der Stein muss durchdrungen sein von
seinen hdheren Gliedern; und da werden Sie leicht be-
greifen, dass es ganz unmédglich ist, dass Ihr physischer
Leib und Ihr Aetherleib wahrend der Nacht im Bette
30
bleiben ohne einen Astralleib und ein Ich. Was geschieht
denn aber wihrend der Nacht? Ihr Astralleib und Ihr
Ich sind nicht in dem physischen Leibe und dem Aether-
leibe, aber dafiir ist ein anderes Ich und ein anderer
astralischer Leib in ihnen! Hier ist es, wo Sie vom
Okkultismus aus auf das géttlich-geistige Sein hinge-
wiesen werden, auf hdédhere geistige Wesenheiten. Wah-
rend in der Nacht Ihr Ich und Thr astralischer Leib
heraus sind aus Ihrem physischen Leibe und Ihrem
Aetherleibe, sind im physischen und Aetherleibe der
Astralleib und das Ich héherer géttlich-geistiger Wesen-
heiten tatsichlich taitig. Und das kommt von folgendem.
Wenn Sie den ganzen Hergang der Menschheitsent-
wickelung betrachten vom Saturnzustand durch den Son-
nen- und Mondzustand hindurch bis zur Erde, so werden
Sie sagen: Auf dem Saturn war ja auch bloss der phy-
sische Menschenleib vorhanden; da war kein menschlicher
Aetherleib, kein menschlicher Astralleib und kein mensch-
liches Ich in dem physischen Leibe. Aber bestehen konnte
dieser physische Leib damals fiir sich allein ebensowenig
wie heute der Stein allein bestehen kann; der physische
Leib konnte damals nur dadurch bestehen, dass er durch-
zogen wurde von dem Aetherleibe, Astralleibe und Ich
géttlich-geistiger Wesenheiten. Gdttlich-geistige Wesen-
heiten wohnten darinnen — und die blieben auch woh-
nen. Und als auf der Sonne ein eigener Aetherleib in
diesen physischen Leib hineinkam, da vermischte sich
sozusagen nur der menschliche kleinere Aetherleib mit
dem friitheren Aetherleib géttlich-geistiger Wesenheiten.
Und so war es schon auf dem Saturn; auch auf dem
Saturn war der physische Leib durchdrungen von gott-
lich-geistigen Wesenheiten. Und jetzt kommen wir, wenn
wir das richtig verstanden haben, zu einem tieferen Ver-
31
stindnis des heutigen Menschen, und wir sind in der
Lage, jetzt das zu wiederholen und besser zu verstehen,
was in der christlichen Esoterik vom Anfang an gelehrt
worden ist. Diese christliche Esoterik wurde ja immer
gepflegt neben der dusseren christlichen exoterischen
Lehre. Es ist von mir schon 6fter darauf hingewiesen
worden, dass der grosse Apostel des Christentums, Pau-
lus, seine gewaltige, flammende Rednergabe dazu benutzt
hat, den Vélkern das Christentum zu lehren, dass er aber
auch gleichzeitig eine esoterische Schule begriindet hat,
deren Vorsteher Dionysios Areopagita war, der in der
Apostelgeschichte erwaihnt wird. In dieser christlich-eso-
terischen Schule zu Athen, die unmittelbar von Paulus
selbst begriindet war, wurde die reinste Geisteswissen-
schaft gelehrt; und was da gelehrt wurde, werden wir
jetzt einmal vor unsere Seele hinfiihren kénnen, nachdem
wir die Bausteine dazu uns in den vorhergehenden Be-
trachtungen zusammengetragen haben.
Auch in dieser christlich-esoterischen Schule wurde
gesagt: Betrachtest du den Menschen, wie er als wachen-
der Tagesmensch vor dir steht, so besteht er aus physi-
schem Leib, Aetherleib, astralischem Leib und dem Ich.
— Wenn auch die Worte nicht genau dieselben waren,
wie sie heute gebraucht werden, aber darauf kommt es
nicht an. Dann wurde aber auch darauf hingewiesen, wo
der Mensch in seiner Entwickelung gegenwartig steht.
Dieser Mensch, wie er aus diesen vier Gliedern besteht,
bleibt gar nicht so, wie er uns erscheint. Wenn wir den
Menschen rein aus den vier Gliedern aufgebaut betrach-
ten wollen, miissen wir nicht den gegenwartigen Menschen
betrachten, sondern da miissen wir weit zuriickgehen in
der Entwickelung bis in die lemurische Zeit. In der
lemurischen Zeit gesellte sich zu dem Menschen, der
32
damals aus physischem Leib, Aetherleib und astralischem
Leib bestand, auch noch das Ich hinzu. Da konnte man
im reinen Sinne sagen: Der Mensch bestand aus physi-
schem Leib, Aetherleib, astralischem Leib und Ich. Nun
ist seither jeder Mensch durch viele Verkérperungen hin-
durchgegangen. Was ist nun der Sinn dieser Entwicke-
lung durch die Inkarnationen hindurch ? Der Sinn die-
ser Entwickelung durch die Inkarnationen hindurch ist
der, dass von Verk6rperung zu Verkérperung das Ich
arbeitet an sich, dass es umgestaltet die drei Glieder
seiner Wesenheit. Es. beginnt zunichst mit der Umge-
staltung seines Astralleibes. Bei keinem heutigen Durch-
schnittsmenschen ist dieser astralische Leib so, wie er
war, bevor das Ich in der ersten Erdenverkérperung an
ihm gearbeitet hat. In der ersten Erdenverkérperung
~wandelte das Ich von innen heraus gewisse Vorstellungen,
Empfindungen und Leidenschaften um, die dem Men-
schen urspriinglich gegeben waren; und von Inkarnation
zu Inkarnation wird durch die Arbeit des Ich immer mehr
umgewandelt. So dass wir sagen kénnen: Der Mensch
hat nicht nur heute die vier Glieder: physischen Leib,
Aetherleib, astralischen Leib und Ich, sondern er hat
durch die Arbeit des Ich innerhalb des astralischen
Leibes einen Teil, der das Geschépf des Ichs selber ist.
Und bei jedem Menschen zerfallt heute der Astralleib in
zwei Teile: einen vom Ich umgewandelten Teil — und
einen yom Ich nicht umgewandelten Teil. Und immer
weiter wird das gehen. Es wird fiir jeden Menschen eine
Zeit kommen, wo sein ganzer astralischer Leib ein Ge-
schépf seines Ichs sein wird. Man hat sich gew6hnt, in
der morgenlandischen Weisheit den Teil des astralischen
Leibes, der vom Ich schon umgestaltet ist, Manas zu
mnennen, deutsch: Geistselbst. Dadurch besteht der Mensch
3 33
immer noch aus seinen vier Gliedern; aber wir kénnen
da jetzt fiinf Teile unterscheiden: physischen Leib,
Aetherleib, astralischen Leib, Ich — und als fiinften
Teil den umgewandelten Teil des astralischen Leibes,
Manas oder Geistselbst; so dass wir sagen kénnen, bei
jedem Menschen ist der astralische Leib so, dass er
Manas oder Geistselbst enthalt; das ist ein Werk des
Ichs, ein Produkt der Arbeit des Ichs. Weiter wird
der Mensch arbeiten an sich. Die Erde wird weitere
Verkérperungen durchmachen, der Mensch erlangt nach
und nach die Fahigkeit, die heute schon von dem Ein-
geweihten erlangt werden kann: dass er auch an seinem
Aetherleibe arbeitet; ja der Durchschnittsmensch arbeitet
heute auch schon daran; und soviel von seinem Aether-
leibe umgestaltet ist zu einem Produkt des Ichs, nennen.
wir dies die~Budhi oder den Lebensgeist. Und zuletzt.
kommt der Mensch dazu, seinen physischen Leib umzuge-
stalten vom Ich aus; und soviel er am physischen Leib.
vom Ich aus umgestaltet, nennen wir dies Atman oder
den Geistesmenschen.
Lassen wir den Blick schweifen auf eine ferne, ferne
Zukunft, wenn die Erde andere Planetenformen, andere
Verkérperungen durchgemacht haben wird, wenn sie, wie
wir im Okkultismus sagen, durch den Jupiterzustand, den.
Venuszustand und den Vulkanzustand gegangen sein wird.
Dann wird der Mensch auf einer wesentlich héheren
Stufe stehen und wird umgewandelt haben seinen ganzen.
astralischen Leib in Manas oder Geistselbst, seinen ganzen
Aetherleib in die Budhi oder den Lebensgeist, und seinen.
ganzen physischen Leib in Atman oder den Geistes-
menschen.
Vergleichen wir einmal diesen Menschen, wie er am
Ende unserer Erdenlaufbahn vor uns stehen wird, mit |
34
dem Menschen, wie er am Anfange der Erdenlaufbahn
da war. Im Anfang war von diesem Menschen nur der
physische Leib vorhanden. Durchdrungen war dieser
physische Leib von dem Aetherleib, Astralleib und Ich,
aber die gehdrten gottlichen, héheren Wesenheiten an;
die wohnten nur darinnen. Am Ende der Erdenlaufbahn
ist der Mensch durchdrungen von seinem Ich; und dieses
sein Ich wohnt selber in dem Astralleib, wenn es als
Manas oder Geistselbst den astralischen Leib durchzogen.
hat; dieses Ich hat dann den Aetherleib durchzogen, —
er ist ganz und gar durchsetzt von der Budhi oder dem
Lebensgeiste, — und der physische Leib ist ganz und
gar durchzogen von Atman oder dem Geistesmenschen,
den Produkten des Ichs. Ein ganz gewaltiger Unter-
schied zwischen dem Menschen am Anfange seiner Ent-
wickelung und dem Menschen am Ende seiner Entwicke-
lung! Gerade aber, wenn wir uns diesen Unterschied
recht vor die Seele fiihren, wird das, was von mir ab-
sichtlich als ein Widerspruch hingestellt worden ist, der
Schlafzustand, erklarlich werden. Gerade aus der Form,
wie die christliche Esoterik dies erklirt hat, wird uns
alles verstandlich werden. Wir miissen uns klar werden:
Was ist denn das, wenn die Erde am Ziel ihrer Ent-
wickelung angelangt sein wird, was uns dann als phy-
sischer Leib entgegentritt? Der physische Leib von
heute? Der ist es ganz und gar nicht! sondern das,
was das Ich aus diesem physischen Leibe gemacht haben
wird. Ganz durchgeistigt wird dieser physische Leib sein,
— ebenso der Aetherleib und ebenso der astralische Leib.
Durchgeistigt war er aber auch schon — und auch der
Aetherleib und der astralische Leib — bevor der Mensch
von seinem Ich aus sie durchgeistigte. Selbst der Stein
ist heute, wie wir gesagt haben, durchgeistigt vom Aether-
35
leibe, Astralleibe und Ich, die, in hdheren geistigen Wel-
ten lebend, zum Stein gehéren. So werden wir verstehen,
dass die christliche Esoterik Recht hat, wenn sie sagt:
ja, das, was wir heute vor uns haben als physischen
Menschenleib, das kann der Mensch noch nicht beherr-
schen; denn der Mensch ist noch nicht am Ende seiner
Entwickelung angelangt, wo er von seinem Ich aus bis
in den physischen Leib hinein arbeiten wird. Auch was
er im Aetherleib hat, kann er noch nicht beherrschen;
das wird er erst beherrschen kénnen, wenn die Erde im
Venuszustande sein wird. Der Mensch kann also von
semem Ich aus noch nicht physischen Leib und Aether-
leib beherrschen; dann erst kann er sie beherrschen,
wenn er Budhi und Atma ausgebildet haben wird. Aber
es muss ein solcher physischer und Aetherleib auf geistige -
Art beherrscht werden. Es muss dasjenige, was der
Mensch selbst dem physischen Leibe und dem Aether-
leibe einst geben kann, auch jetzt schon in ihnen sein.
Auch heute miissen die geistigen Teile schon im Aether-
leibe und im physischen Leibe sein, die einst das Ich
ihnen geben kann. Diese waren im Anfange schon ~
darinnen im physischen Leibe, als der Mensch auf dem
Saturn war, sie waren in ihm, als er auf der Sonne
war, und sie sind in ihm geblieben. So sagt die christ-
liche Esoterik mit Recht: im physischen Menschenleibe
ist heute schon das, was einst in ihm sein wird, wenn
der Mensch am Gipfel seiner Entwickelung sein wird,
aber es ist géttlicher Atman, es ist géttlich geistige
Wesenheit; und es ist im Aetherleib schon die Budhi
drinnen, aber sie ist gdttlicher Lebensgeist; und der
Astralleib des Menschen, haben wir gesagt, bestehe aus
zwei Teilen, — aus dem Teile, den der Mensch schon
beherrscht und dem, den er noch nicht beherrscht. Was
36
ist denn nun in dem drinnen, was er noch nicht be-
herrscht P? Auch ein Geistselbst, — aber gottliches Geist-
selbst. Nur in dem Teile des astralischen Leibes, in dem
das Ich schon titig war seit der ersten Inkarnation, ist
das eigentliche Geistleben des Menschen. So haben wir
den Menschen vor uns.
Sehen wir ihn jetzt an im Wachzustande. Was wer-
den wir sagen? — Der physische Leib, wie er uns
erscheint, ist nur die Aussenseite; innen ist er das, was
man atmische Wesenheit nennt; innen ist er von gottlich-
geistiger, von héherer Wesenheit; er wird durchsetzt von
gottlich-geistiger, héherer Wesenheit. Ebenso ist es beim
Aetherleib. Aussen ist er das, was den physischen Leib zu-
sammenhilt; innen ist er géttlicher Lebensgeist. Und selbst
der Astralleib ist durchzogen von géttlichem Geistselbst.
Nur der umgewandelte Teil des Astralleibes ist etwas,
was das Ich aus diesem ganzen Zusammenhange sich
schon erobert hat.
Betrachten wir jetzt einmal den schlafenden Men-
schen. Da verschwindet dieser Widerspruch auf der
Stelle. Wir treten an den schlafenden Menschen heran,
sehen hier, dass der Mensch als Astralleib und Ich
draussen ist. Der Mensch verlaisst jede Nacht ruhig
seinen physischen Leib und seinen Aetherleib. Wiirde
er-den physischen Leib verlassen, ohne dass ein Gdttlich-
Geistiges dafiir sorgen wiirde, dann wiirde er am Morgen
seinen physischen Leib zerstért wiederfinden. Das gétt-
lich-geistige Physische und ein géttlich-geistiges Aethe-
risches ist darinnen, und das bleibt darin, wenn der
physische Leib und Aetherleib im Bette liegen und
Astralleib und Ich heraus sind. Physischer Leib und
Aetherleib sind durchzogen von géttlich-atmischem und
goétthich-budhischem Wesen.
9
etl
Sehen wir jetzt einmal zuriick an den Anfang unserer
Erdenentwickelung, als noch gar nichts vom Ich im
Menschen erobert war. Als der Mensch vor seiner ersten
Inkarnation war, da war das Ich noch nicht verbunden
mit den drei Gliedern, physischem Leib, Aetherleib und
astralischem Leib. Vom Monde kamen heriiber phy-
sischer Leib, Aetherleib und astralischer Leib, und erst
auf der Erde kam das Ich hinein. Dagegen aber war
in ihnen das géttliche Ich; sie hatten nicht bestehen
kénnen, wenn nicht dieses géttliche Ich sie ganz durch-
setzt hatte; der Astralleib war von einem géttlichen
Geistselbst durchzogen, der Aetherleib von einem géttli-
chen Lebensgeist, und der physische Leib war yon einem
géttlich Atmischen oder Geistesmenschen durchzogen,
— Und jetzt blicken wir noch weiter zuriick auf Mond-,
Sonnen- und Saturnentwickelung. Auf dem Saturn war
der gottliche Lebensgeist, der noch in der Nacht den
im Bette liegenden Menschen bewohnt, so, dass er den
Menschenleib — und zwar den physischen Leib — ge-
formt hat als etwas Mineralisches; in dem Sonnenzustand
formte er ihn als etwas Pflanzliches, auf dem Monde
konnte er ihn formen als etwas, was Lust und Schmerz
empfinden, aber noch nicht ,,I[ch“ zu sich sagen konnte.
Diese untersten Stufen hat er durchgemacht, — und jetzt
treten wir hiniiber in die eigentliche Erdenverkérperung.
Da sollte der physische Menschenleib durch eine
weitergehende Verwandlung, die er durchzumachen hatte,
noch vollkommener werden, als er vorher war. Was
hat er vorher nicht gekonnt? Was war ihm ganz
fremd ? Was hatte der géttliche Geist bei sich behalten ?
Was hatte er noch gar nicht dem menschlichen Leibe
anvertraut >? — Das war die Fihigkeit, aus dem Innern
heraus seine Seelenhaftigkeit erténen zu lassen. Stumm
38
war dieser auf der Tierstufe stehende Menschenleib auf
dem Monde. Die Fiahigkeit, das Innere nach aussen
ert6nen zu lassen, war noch bei Gott. Die war noch
nicht seinem eigenen Wesen anvertraut. Wenn es auch
Tierwesen gibt, welche heute schon ténen kénnen, so
ist das doch etwas anderes; sie stehen noch in ganz
anderen Zustanden — zwar ténen sie, aber es tnt die
Gottheit in ihnen. Das Aussprechen des inneren Seelen-
haften in Worten wurde dem Menschen erst auf der
Erde zuteil. Vorher waren die Menschen stumm. Diese
Fahigkeit des Wortes kam an das Menschenwesen also
mit dem Erdendasein heran.
Betrachten wir jetzt einmal das Ganze, was wir uns
heute vor die Seele gestellt haben, dann werden wir
sagen: Die ganze Entwickelung ist so gelenkt worden,
dass die Fahigkeit zu sprechen, das Wort, urspriinglich
bei Gott war, und dass Gott zuerst die Vorbedingungen
geschaffen hat, dass der physische Apparat die Fahig-
keit bekam, von innen heraus dieses Wort ténen zu
lassen. Alles wurde so gelenkt und geleitet. Wie die
Blume in ihrem Samen, so war der ténende, der spre-
chende Mensch, der wort- und _ logosbegabte Mensch
schon im Samen auf dem Saturn da. Doch war das
Ténen im Samen verborgen; es entwickelte sich erst aus
dem Samen, so wie die ganze Pflanze im Samen ver-
borgen ist und sich aus ihr entwickelt. — Nun sehen
wir einmal zuriick auf den physischen Menschenleib, wie
er schon auf dem Saturn war, und fragen uns: Woher
kommt dieser physische Menschenleib ? Was ist sein
letzter Urgrund? Ohne was kénnte er niemals die
ganze Entwickelung durchgemacht haben ?
- Er kommt von dem Logos oder von dem Wort.
Denn damals auf dem Saturn schon wurde er so ge-
39
lenkt, dieser physische Menschenleib, dass er spater ein
Sprechender wurde, ein Zeuge fiir den Logos. Dass
Sie heute so geformt sind, dass dieser Menschenleib die
heutige Form hat, riihrt davon her, dass dem ganzen
Plan unserer Schépfung das ,,Wort zugrunde lag. Auf
das Wort hin ist der ganze Menschenleib hingeordnet,
und von Anfang an ist er so veranlagt, dass zuletzt
das Wort aus ihm herausspringen konnte. Wenn des-
halb der esoterische Christ auf diesen physischen Men-
schenleib blickt und fragt: Was ist sein urspriingliches
Urbild, und was ist sein Abbild? dann sagt er sich:
Dieser physische Menschenleib hat sein Urbild in dem
Worte oder dem Logos; der Logos oder das Wort
wirkte von Anfang an im physischen Menschenleibe, —
und der Logos wirkt noch heute, wenn der physische
Menschenleib im Bette liegt und verlassen ist vom Ich;
dann wirkt der gdéttliche Logos in den vom Menschen
verlassenen Wesensgliedern. Fragen wir nach dem ersten
Ursprung des physischen Leibes, so sagen wir: das
erste ist der Logos oder das Wort.
Und jetzt gehen wir weiter in der Entwickelung.
Der Saturn ging in den Sonnenzustand iiber; dem
menschlichen physischen Leibe wurde der Lebensleib
eingegliedert; aber was musste eintreten, damit der Fort-
gang so geschehen konnte, wie er eben geschehen ist ?
Wahrend auf dem Saturn der physische Leib eine
Art Maschine, eine Art Automat war, aber ganz und gar
durchdrungen und erhalten von dem Logos, gliederte sich
auf der Sonne der Lebensleib ein, und darin wirkte der
géttliche Lebensgeist. Auf dem Saturn — werden wir
sagen — ist der Menschenleib ein Ausdruck des Logos.
Der Saturn vergeht; dieser Menschenleib verkérpert sich
neu in der Sonne; da gliedert sich dem physischen Leibe
ho
ein der Lebensleib, durchdrungen von dem Lebensgeist.
Der Logos ward Leben in der Sonne, indem er den
Menschen auf eine hédhere Stufe brachte. Der Logos
ward Leben auf der Sonne! Und jetzt gehen wir weiter.
— Auf dem Monde gliederte sich dem Menschen ein der
astralische Leib. Was ist der astralische Leib? Er er-
scheint ja dem hellseherischen Bewusstsein auch heute
als eine Aura, die den Menschen umgibt. Er ist ein
Lichtleib, der nur in dem gegenwartigen Bewusstsein
nicht gesehen werden kann. Aber er ist, wenn er im
hellseherischen Bewusstsein gesehen wird, Licht, geistiges
Licht; und unser physisches Licht ist nur umgestaltetes
geistiges Licht. Auch das physische Sonnenlicht ist die
Verkérperung des geistig-géttlichen aurischen Welten-
lichtes. Das liegt ihm zugrunde. Es gibt in der heutigen
Welt ein Licht, das dem Menschen von der Sonne zu-
str6mt. Aber auch ein anderes Licht gibt es, das von
seinem inneren Lichte ausstrémt. Auf dem Monde leuch-
tete der astralische Leib des Menschen noch fiir die um
ihn befindlichen Wesen. So kam auf dem Monde der
astralische Lichtleib des Menschen hinzu zum physischen
Leibe und Aetherleibe.
Und jetzt betrachten wir den ganzen Fortgang der
Entwickelung. Auf dem Saturn haben wir den physischen
Leib als den Ausdruck des Logos; auf der Sonne kommt
hinzu der Aetherleib als der Ausdruck des Lebensgeistes :
Der Logos ward Leben. Auf dem Monde kommt hinzu
der Lichtleib: Das Leben ward Licht! Und so haben
wir den Hergang der Entwickelung des Menschenleibes.
— Als der Mensch die Erde betrat, war er ein Geschépf
der gdttlich-geistigen Wesenheiten. Damals war er da-
durch vorhanden, dass in seinem physischen Leibe, in
seinem Aetherleibe, in seinem astralischen Leibe lebte der
fen
Logos, der Leben war, und der Licht ward. Und jetzt,
was geschah auf der Erde? Fiir den Menschen und im
Menschen trat das Ich hinzu. Dadurch aber, dass das
Ich hinzutrat, wurde der Mensch fahig, nicht nur zu
leben im Lichte, im Leben, — sondern er wurde fahig,
von aussen das alles zu betrachten, sich gegeniiberzustel-
len dem Logos — dem Leben — dem Lichte. Dadurch
wurde das alles fiir ihn materiell, erlangte materielles
Dasein. — Und wenn wir den Gedanken so weit gebracht
haben, dann haben wir ungefahr genau den Punkt fixiert,
bei dem wir das nachste Mal beginnen wollen und zeigen,
wie aus dem aus der Gottlichkeit herausgeborenen Men-
schen der heutige ich-begabte Mensch eigentlich gewor-
den ist. Denn wir sehen, dass vor dem heutigen ich-
begabten Menschen der gdéttliche Vormensch vorhanden
war. — Was der Mensch sich durch sein Ich erobert
hat, entreisst er jede Nacht dem physischen Leibe und
dem Aetherleibe; was immer in ihm war, bleibt darinnen
und versorgt den physischen Leib und den Aetherleib,
wenn der Mensch sie treulos verlasst und sich nicht um
sie kiimmert. Da steckt sie drinnen, jene urspriingliche
geistig-géttliche Wesenheit.
Alles, was wir jetzt versucht haben mit den Aus-
driicken der christlichen Esoterik als tiefes Geheimnis
des Daseins hinzustellen, und was gelaufig war denen,
die ,,Diener des Logos waren in den ersten Zeiten‘‘, das
wird in grossen, lapidaren Satzen in dem Johannes-Evan-
gelium unzweideutig gesagt. Man muss diese ersten
Worte nur in der richtigen, sinngemassen Weise iiber-
setzen. Wirklich richtig tbersetzt, geben diese Worte
den Tatbestand, den wir jetzt eben hingestellt haben.
Stellen wir diesen Tatbestand, damit wir den Wert ganz
genau verstehen, noch einmal vor unsere Seele hin.
he
2
a ee
Im Anfange war der Logos als das Urbild des phy-
sischen Menschenleibes; und er lag zugrunde allen Din-
gen. Alle Tiere, Pflanzen, Mineralien sind spater ent-
standen; auf dem Saturn war von all dem wirklich der
Mensch nur vorhanden. Auf der Sonne kam das Tier-
reich hinzu, auf dem Monde das Pflanzenreich und auf
der Erde das Mineralreich. Auf der Sonne ward der
Logos Leben, und auf dem Monde ward er Licht; und
das trat, als der Mensch ich-begabt war, hin vor den
Menschen. Aber der Mensch musste lernen, zu erkennen,
was der Logos war und als was er zuletzt zum Vorschein
kommt. Zuerst war der Logos da, dann ward er Leben,
dann Licht, und dieses Licht lebt im Astralleibe. In das
menschliche Innere, in die Finsternis, in die Nichter-
kenntnis schien das Licht hinein. Und das Erdendasein
hat den Sinn, dass der Mensch im Innern die Finsternis
tiberwindet, damit er das Licht des Logos erkennen kann.
Lapidarische, vielleicht — wie mancher sagen wird
— schwer verstindliche Worte sind daher die ersten
Worte des Johannes-Evangeliums. Aber sollte denn das,
was das Tiefste in der Welt ist, durch triviale Worte
gesagt werden ? Ist es nicht eine sonderbare Auffassung,
geradezu ein Hohn auf die Heiligkeit, wenn gesagt wird,
zum Begreifen einer Taschenuhr ist es nétig, dass man
mit seinem Verstand tief eindringt in das Wesen der
Sache, aber zum Begreifen des Gdéttlichen in der Welt
miisse der einfache, schlichte, naivste Menschenverstand
ausreichen !? Es ist schlimm, dass fiir die gegenwartige
Menschheit sich das ereignet hat, dass, wenn auf die
Tiefen der religidsen Urkunden hingewiesen wird, gesagt
wird: Ach, wozu alle diese komplizierten Auseinander-
setzungen, das muss alles schlicht und einfach sein!
Aber kein anderer als derjenige, der die gute Absicht
43
hat und den guten Willen, sich zu vertiefen in die
grossen Weltentatsachen, dringt ein in den tiefen Sinn
solcher Worte, wie sie im Beginne des tiefsten der Evan-
gelien, in dem Johannes-Evangelium, stehen; und die
eine Umschreibung der Geisteswissenschaft sind.
Und jetzt iibersetzen wir uns die Anfangsworte:
Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und ein Gott (oder géttlich) war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch
dasselbe geworden, und ausser durch dieses Wort ist
nichts von dem Entstandenen geworden. In ihm war das
Leben, und das Leben ward das Licht der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Fin-
sternis hat es nicht begriffen.
Wie die Finsternis nach und nach zum Begreifen
kommt, das erzdhlt im weiteren das Johannes - Evan-
gelium.
4h
— —
Ill.
Die Mission der Erde.
Gestern haben wir gesehen, welch tiefer Inhalt in den
ersten Worten des Johannes-Evangeliums verborgen ist,
und wir k6nnen unsere Betrachtungen dahin zusammen-
fassen, dass wir sagen: wir haben gesehen, dass der
Schreiber des Johannes-Evangeliums hindeutet auf das
Werden des Vormenschen in urferner Vergangenheit, hin-
deutet darauf, wie im Sinne der christlichen Esoterik
alles zuriickgefitihrt wird auf das Wort oder den Logos,
der schépferisch war schon wahrend der alten Saturnzeit,
der dann geworden ist zum Leben, und dann zum Licht,
— zum Leben, wahrend unsere Erde ihren Sonnenzustand
durchgemacht hat, — zum Licht, wahrend sie den alten
Mondzustand durchgemacht hat. Das, was also unter dem
Einfluss géttlich-geistiger Krifte und Wesenheiten der
Mensch geworden ist im Laufe der drei planetarischen
Zustande, wurde, als die Erde eben unser heutiger Planet
geworden war, durchdrungen von dem menschlichen Ich.
So dass man sagen kann: wie eine Art Same kam von
dem alten Monde heriiber auf die Erde eine Wesenheit,
bestehend aus physischem Leib, hervorgegangen aus dem
gottlichen Urworte, aus Aether- oder Lebensleib, hervor-
45
gegangen aus dem géttlichen Leben, aus astralischem
Leib, hervorgegangen aus dem géttlichen Lichte. Im
Innern dieser Wesenheit wurde wahrend des Erden-
daseins das Licht des Ichs selbst entziindet; diese drei-
fache Leiblichkeit, physischer Leib, Aetherleib und Astral-
leib, wurde fahig, in sich das ,,[ch bin” zu sprechen, so
dass wir in einer gewissen Weise die Entwickelung der
Erde nennen kénnen die Entwickelung des ,,I[ch bin“, des
Selbstbewusstseins des Menschen. Und dieses ,,I[ch bin“,
diese Fahigkeit des vollen Selbstbewusstseins kam im
Laufe der Entwickelung der Erdenmenschheit langsam
und allmahlich erst heraus. Wir miissen uns klar
machen, wie die Entwickelung der Erdenmenschheit war,
insofern in ihr langsam und allmahlich das Ich, das
volle Selbstbewusstsein ins Dasein trat.
Es gab eine Zeit in unserer Erdenentwickelung, wir
nennen sie die alte lemurische Zeit; es ist die Alteste
Zeit, in welcher innerhalb des Erdendaseins der Mensch
in der Form auftrat, in welcher er heute tiberhaupt
vorhanden ist. Zum erstenmal trat das in der alten lemu-
rischen Zeit ein, was wir nennen die Verkérperung des
Ich, der eigentlichen innersten Wesenheit des Menschen,
in den drei Leibern, astralischer Leib, Aetherleib und
physischer Leib. Dann kam die atlantische Zeit, wo
der Mensch gewohnt hat zum gréssten Teil auf dem
alten atlantischen Kontinente, einem Landergebiete, das
heute den Boden des atlantischen Ozeans bildet, das
untergegangen ist durch die grosse atlantische Flut, deren
Andenken sich in den Sintflut-Sagen fast aller Vélker
erhalten hat. Der Mensch verkérperte sich dann, seiner
innersten Wesenheit nach, in aufeinanderfolgenden Ver-
kérperungen bis in unsere Tage hinein waihrend der nach-
atlantischen Zeit. Wirklich waren unsere Seelen in einer
46
dreigliedrigen Wesenheit, bestehend aus physischem Leibe,
Aetherleibe und astralischem Leibe, wie wir sie kennen
gelernt haben, zum erstenmal in der lemurischen Zeit
verkérpert. Was vorhergegangen ist, soll einer spateren
Betrachtung tiberlassen bleiben. — Weit zarickgehen
miissen wir also, wenn wir den Gang der Entwickelung
in Betracht ziehen, und es entwickelt sich der Mensch
nur langsam und allmahlich zu seinem heutigen Dasein.
Was nennen wir im Okkultismus in geisteswissenschaft-
lichem Sinne, unser ,,heutiges Dasein“ ?
Unser heutiges Dasein nennen wir einen Bewusst-
seinszustand, wie ihn der Mensch heute hat vom Mor-
gen, wo er aufwacht, bis zum Abend, wo er einschlaift.
Da sieht der Mensch durch seine dusseren physischen
Sinne die Dinge um sich herum. Vom Abend, wo er
einschlaft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, sieht er
die Dinge um sich herum nicht. Warum ist das so ?
— Wir wissen, das ist aus dem Grunde so, weil fir
die heutigen Entwickelungsverhaltnisse wahrend der Ta-
geszeit der eigentliche innere Mensch, also Ich und
astralischer Leib, im physischen Leibe und Aetherleibe
auf dem physischen Plane, d. h. in der physischen Welt
sind. Da kann sich der astralische Leib und das Ich
der physischen Sinnesorgane bedienen, in die Welt
hinaushéren und hinaussehen und die physischen Dinge
wahrnehmen. Vom Abend, wo der Mensch einschlaft,
bis zum Morgen, wo er aufwacht, sind Ich und astra-
lischer Leib ausserhalb der physischen Welt, auf dem
Astralplan. Da sind sie abgesondert von physischen
Augen und physischen Ohren; da kénnen sie nicht
wahrnehmen, was um sie herum ist. Dieser Zustand,
ein solcher Wechsel im Menschen zwischen Tagwachen
und Nachtschlafen, hat sich erst langsam und allmablich
47
entwickelt. Das war noch nicht so, als der Mensch in
der alten lemurischen Zeit zum ersten Male eine phy-
sische Verkérperung durchgemacht hat. Da war der
Mensch nur eine sehr kurze Zeit des Tages — keines-
wegs so lange wie heute — seinem Ich und Astralleibe
nach in seinem physischen Leibe drinnen. Dadurch aber,
dass der Mensch langere Zeit ausserhalb seines physischen
Leibes war, nur kiirzere Zeit wachend hineinstieg in den
physischen Leib, war das Leben wahrend der lemuri-
schen Zeit tiberhaupt noch ein ganz anderes. Dass der
Mensch wahrend der Nacht ganz bewusstlos ist, wenn
er nicht gerade traumt, trat sehr langsam und allmahlich
ein. Ganz anders war das Bewusstsein bei Tag und Nacht
wahrend der lemurischen Zeit noch verteilt. Da hatten
die Menschen alle noch ein dumpfes hellseherisches Be-
wusstsein. Wenn sie in der Nacht ausserhalb des physi-
schen Leibes waren in der geistigen Welt, da nahmen
sie um sich herum (wenn auch nicht so klar, wie der
Mensch heute am Tage die physischen Dinge sieht) die
geistige Welt wahr. Wir diirfen dieses Wahrnehmen
nicht einfach mit dem heutigen Traumen vergleichen.
Der heutige Traum ist nur wie ein letzter ganz ver-
kiimmerter Rest dieses alten Hellsehens. . Allerdings,
solche Bilder nahm der Mensch damals wahr, wie er
auch heute im Traume wahrnimmt; aber diese Bilder
hatten eine sehr wirkliche Bedeutung. Machen wir uns
einmal klar, was diese Bilder fiir eine Bedeutung hatten.
In den alten Zeiten konnte der Mensch, wenn er
wahrend eines kurzen Teils der 24 Stunden, der viel
geringer war als heute, im Tagesbewusstsein lebte, die
ausseren physischen Korper nur ganz dumpf, wie in
einem Nebel eingehiillt sehen. Dass man die physischen
Dinge so sah wie heute, kam erst ganz langsam. Am Tage
48
sah der Mensch damals die ersten Anklange an die phy-
sischen Kérper, eingehillt in Nebel, — so wie Sie heute,
wenn Sie an einem Nebeltage des Abends durch die
Strassen gehen, die Laternen vom Nebel umgeben sehen,
wie von einer Art von Lichtaura. Das ist ja nur schein-
bar; aber so sah der Mensch die physischen Kérper
zuerst um sich herum auftauchen; und wenn er in Schlaf
kam, versank er nicht in Bewusstlosigkeit, sondern dann
tauchten wahrend des Schlafbewusstseins Bilder auf, Bil-
der in Farben und in Formen. Um den Menschen herum
war dann eine Welt, gegen welche die lebendigste Traum-
welt von heute nur ein schwacher nebelhafter Nachklang
ist. Diese Bilder bedeuteten Seelisches und Geistiges in
der Umgebung. — Wenn also dazumal der Mensch
am Beginne seiner Erdenlaufbahn sich einem ihm schad-
lichen Wesen wihrend der Nachtwanderung naherte, sah
er dies nicht so, wie es heute gesehen wird, — also
nicht einen Lowen, der sich ihm niaherte, als eine L6-
wengestalt —, sondern er sah aufsteigen ein Farben-
und Formenbild, und das zeigte ihm instinktiv: da ist
fiir dich etwas Schadliches, das frisst dich und da
musst du ausweichen. Das waren wirkliche Abbilder des
Geistig-Seelischen, das um den Menschen herum vorging.
Alles Geistig-Seelische wurde in der Nacht gesehen, und
ganz langsam und allmihlich geschah die Entwickelung
so, dass der Mensch immer lingere Zeit untertauchte
in seinen physischen Leib, immer kiirzer wurde die
Nacht, immer lingere Zeit dauerte der Tag; und je
mehr der Mensch sich einwohnte in seinen physischen
Leib, desto mehr verschwanden die niachtlichen hell-
seherischen Bilder, desto mehr tauchte das heutige Tages-
ewusstsein auf. Aber wir diirfen nicht vergessen, dass
ein wirkliches echtes Selbstbewusstsein, wie es sich der
4 49
Mensch wihrend des Erdendaseins erringen soll, nur zu
erringen ist durch ein Untertauchen in den physischen
Leib. Nicht als ein selbstiéndiges Wesen hat sich der
Mensch frither gefiihlt, sondern als ein Glied der gétt-
lich-geistigen Wesenheiten, denen er entsprossen ist. Wie
die Hand sich fihlt als ein Glied des Organismus, so
fiihlte sich der Mensch, als er noch ein dumpfes Hell-
sehen hatte, als einen Teil des géttlich-geistigen Be-
wusstseins, des géttlichen Ich. Nicht ,,I[ch bin” hatte
der Mensch von sich gesagt, sondern ,,Gott ist — und
ich in ihm”.
Nun aber war, wie wir immer mehr begreifen wer-
den, der Erde, welche in ihrer Entwickelung drei frithere
Stufen durchgemacht hatte als Saturn, Sonne und Mond,
eine ganz besondere Mission vorbehalten. Glauben Sie
nicht, dass man die Planetenzustinde so nebeneinander
betrachten kann, dass ein Planet dem anderen gleich-.
wertig sei. Von einer blossen Wiederholung des schon
einmal Dagewesenen kann in der géttlichen Schépfung
nicht die Rede sein. Jedes Planetendasein hat eine ganz.
. bestimmte Aufgabe. Unsere Erde hat die Mission, dass.
die Wesen, die sich auf ihr entwickeln sollen, das Ele-
ment der Liebe bis zur héchsten Entfaltung auszubilden.
haben. Liebe soll die Erde ganz und gar durchdringen,,.
wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angekommen.
ist. — Machen wir uns klar, was das heisst: die Erde
ist der planetarische Zustand fiir die Entwickelung der
Liebe.
Wir sagen in der Geisteswissenschaft, der Erde ging
der alte Mond voran. Dieser alte Mond hatte als plane-
tarische Stufe auch eine Mission. Er hatte noch nicht die
Aufgabe, die Liebe auszubilden, er sollte der Planet oder
der Kosmos der Weisheit sein. Vor unserem Erdenzu-
5o
stand hat unser Planet durchgemacht die Stufe der Weis-
heit. Eine einfache, man michte sagen, logische Betrach-
tung kann Ihnen das veranschaulichen. Sehen Sie sich
um in der Natur unter allen ihren Wesenheiten. Nicht
mit Ihrem blossen Verstande sehen Sie sie an, sondern
mit Ihren Herzens- und Gemiitskriften, und Sie werden
tiberall Weisheit finden, die in der Natur ausgepragt ist.
Diese Weisheit, von der hier gesprochen wird, ist so
gemeint, dass sie wie eine Art geistiger Substanz allem
zugrunde liegt. Betrachten Sie alles, was Sie wollen,
in der Natur. Nehmen Sie z. B. ein Stiick Oberschenkel-
knochen, da werden Sie sehen: das ist nicht eine massive
Masse, sondern eine feine, hin und her gehende Reihe
von Balken, die zu einem wunderbaren Gertist angeordnet
sind; und wer nachforscht, nach welchem Gesetze sie
aufgebaut sind, der findet, dass das Gesetz befolgt ist,
nach welchem mit dem kleinsten Aufwand von Material
die grésste Kraft entfaltet wird, um Trager des Ober-
leibes des Menschen zu sein. Unsere Ingenieurkunst ist
noch nicht so weit, ein solches kunstvolles Geriist aus-
zubauen, wie es die alles durchwaltende Weisheit da
aufgebaut hat. Solche Weisheit wird der Mensch erst
spiter haben. Gédttliche Weisheit durchsetzt die ganze
Natur; menschliche Weisheit kommt erst nach und nach
dazu. Im Laufe der Zeit wird menschliche Weisheit
innerlich das erreichen, was giéttliche Weisheit in die
Erde hineingeheimnisst hat. Aber in demselben Sinne,
wie die Weisheit auf dem Monde vorbereitet worden ist,
so dass sie sich jetzt tiberall auf der Erde findet, so
wird auf der Erde die Liebe vorbereitet. Kénnten Sie
hellseherisch zuriickblicken auf den alten Mond, so kénn-
ten Sie sehen, dass nicht in allen Dingen damals eine
solche Weisheit war; manche Dinge wiirden Sie noch
51
unweise finden, und erst durch die ganze Mondentwicke-
lung hindurch pragte sich die Weisheit hinein in die
Dinge; und als der Mond in seiner Entwickelung fertig
war, da war alles so davon durchzogen, dass tiberall
Weisheit darinnen war. — Die innerliche Weisheit zog
mit dem Menschen erst ein, mit dem Ich auf der Erde.
Diese innerliche Weisheit muss aber der Mensch erst
nach und nach entwickeln. Ebenso wie sich auf dem
Monde die Weisheit entwickelt hat, so dass sie jetzt da
ist in den Dingen, so entwickelt sich jetzt die Liebe.
Zuerst trat sie in der niedrigsten Gestalt, in der sinn-
lichen, waihrend der lemurischen Zeit ins Dasein; im
Laufe des Erdendaseins wird sie sich aber immer mehr
und mehr vergeistigen, bis zuletzt, wenn die Erde am
Ende ihrer Entwickelung angelangt sein wird, das ganze
Dasein von Liebe durchzogen sein wird — wie es heute
von Weisheit durchzogen ist — durch das Wirken der
Menschen, wenn diese ihre Aufgabe erfiillen werden. —
Und die Erde wird tbergehen in einen kiinftigen plane-
tarischen Zustand — diesen nennen wir Jupiter; die
Wesen aber, die auf dem Jupiter so herumwandeln
werden wie die Menschen auf der Erde, die werden
ebenso in allen Wesen die Liebe herausduftend finden,
die sie als Mensch selbst hineingelegt haben wahrend
des Erdendaseins, wie die Menschen heute die Weisheit
in allen Dingen finden. Dann werden die Menschen
ebenso die Liebe aus ihrem Innern heraus entwickeln,
wie jetzt die Menschen nach und nach die Weisheit
herausentwickeln werden. Die grosse kosmische Liebe
wird dann die Dinge durchdringen, die jetzt auf der
Erde ihr Dasein beginnt. — Der materialistische Sinn
glaubt nicht an die kosmische Weisheit, sondern nur
an die menschliche. Wenn die Menschen mit unbefan-
52
genem Sinn hineinsehen wiirden in den Lauf der Ent-
wickelung, so wiirden sie sehen, dass alle kosmische
Weisheit am Anfange so weit war, wie die menschliche
Weisheit erst am Ende der Erde sein wird. In den
Zeiten, in denen man mit Benennungen noch genauer
war als gegenwirtig, nannte man die im Menschen
wirkende subjektive Weisheit Intelligenz im Gegensatze
zur objektiven kosmischen Weisheit. Gar nicht achtet
der Mensch darauf, dass dasjenige, was er im Laufe
des Erdendaseins erfindet, die géttlich-geistigen Wesen-
heiten sich bereits wahrend des Mondendaseins erobert
und der Erde eingepflanzt haben. Nehmen wir ein Bei-
spiel dafiir.
Wie wird den Kindern in der Schule schon einge-
trichtert der grosse Fortschritt, den die Menschen ge-
macht haben durch die Erfindung des Papiers z. B. Nun,
die Wespen erzeugten das Papier schon viele tausend
Jahre vorher; denn das, was die Wespen in ihren Ne-
stern bauen, besteht aus genau derselben Substanz, aus
der das menschliche Papier hergestellt wird, und das
wird genau auf dieselbe Weise erzeugt — nur durch den
Lebensprozess. Der Wespengeist, die Gruppenseele der
Wespen, die ein Teil ist der géttlich-geistigen Substanz,
ist die Erfinderin des Papiers schon viel friiher gewesen.
— So tappt der Mensch eigentlich immer hinter der
Weltenweisheit nach. Im Prinzip ist alles, was der
Mensch im Laufe der Erdenentwickelung erfinden wird,
schon in der Natur enthalten. Was aber der Mensch
wirklich der Erde geben wird, das ist die Liebe, die sich
von der sinnlichsten zur vergeistigtsten Art entfalten wird.
Das ist die Aufgabe der Erdentwickelung. Die Erde ist
der Kosmos der Liebe.
Was ist denn aber — so fragen wir — notwendig
53
zur Liebe? Was gehért denn dazu, dass ein Wesen
ein anderes lieben kann ? — Dazu ist nétig, dass dieses
Wesen sein volles Selbstbewusstsein habe, ganz selb-
stiindig sei. Kein Wesen kann ein anderes im vollen
Sinne lieben, wenn diese Liebe nicht eine freie Gabe
ist gegentiber dem anderen Wesen. Meine Hand liebt
nicht meinen Organismus. Nur ein Wesen, was selb-
standig ist, was losgeschniirt ist von dem anderen Wesen,
kann dieses lieben. Dazu musste der Mensch zu einem
Ich-Wesen werden; das Ich musste der dreifachen
menschlichen Leiblichkeit eingepflanzt werden, damit die
Erde ihre Mission der Liebe durch den Menschen aus-
fiihren kann. Deshalb werden Sie verstehen, dass in der
christlichen Esoterik gesagt wird: ebenso, wie andere
Krafte, zuletzt die Weisheit, wahrend des Mondendaseins
von den Géttern heruntergestrémt sind, strémt die Liebe
wahrend des Erdendaseins in dieses ein; und der Trager
der Liebe kann nur das selbstindige Ich sein, das sich
nach und nach im Laufe der Erdentwickelung heraus-
bildet. Aber der Mensch muss zu allem ganz langsam
vorbereitet werden, auch zu der gegenwartigen Art seines
Bewusstseins. Setzen wir den Fall, gleich in der alten
lemurischen Zeit wiirde der Mensch untergetaucht sein
in seinen physischen Leib, er hatte damals schon die volle
aussere Wirklichkeit gesehen — er hatte sich dann in
diesem schnellen Tempo die Liebe nicht einpflanzen
kénnen. Er musste nach und nach erst zu seiner Erden-
mission herangefiihrt werden. Ohne dass er schon sein
volles Selbstbewusstsein hatte, ohne dass er schon so weit
war, im hellen Tagesbewusstsein die Gegenstainde um sich
herum wahrzunehmen, wurde ihm in seinem dammer-
haften Bewusstsein der erste Unterricht der Liebe ge-
geben. So sehen wir, dass wihrend der ganzen Zeiten,
o4
wahrend der Mensch noch ein altes, traumhaftes Hell-
seherbewusstsein hatte, wihrend die Seele also lange
Zeit ausserhalb des Leibes war, dem Menschen in einem
dimmerhaften, noch nicht selbstbewussten Zustande die
Liebe eingepflanzt wird. Stellen wir uns einmal so recht
vor die Seele diese Menschen der alten Zeit, der noch
nicht auf der Héhe des vollen Selbstbewusstseins ange-
langt ist.
Der Mensch schlaft des Abends ein; aber kein
schroffer Uebergang vom Wachen zum Schlafen findet
statt. Bilder tauchen auf, lebendige Traumbilder, die
aber einen lebendigen Bezug haben zu der geistigen Welt
— das heisst, der Mensch lebte sich wihrend des Ein-
schlafens in die geistige Welt ein. Da traufelte ihm in
das dimmerhafte Bewusstsein der géttliche Geist die
ersten Keime alles Liebeswirkens ein. Was sich durch
die Liebe im Laufe der Erdenentwickelung offenbaren
soll, das str6mt zuerst wihrend der Nacht in den Men-
schen ein. Der Gott, der die eigentliche Erdenmission
auf die Erde bringt, offenbart sich zuerst zu nachtlicher
Zeit dem dumpfen, alten hellseherischen Bewusstsein,
bevor er sich dem hellen Tagesbewusstsein offenbaren
kann. — Dann, langsam und allmiahlich, werden die
Zeiten, in denen der Mensch in dem dumpfen hellsehe-
rischen Zustande ist, kiirzer, das Tagesbewusstsein immer
linger, die aurischen Siume um die Gegenstinde werden
immer unbedeutender, die Gegenstande bekommen immer
festere Grenzen. Vorher hat der Mensch die Sonne, den
Mond mit einem michtigen Hof gesehen, alles wie in
einer Nebelmasse liegend. Langsam erst reinigt sich der
ganze Anblick, und es treten feste Grenzen an den Din-
gen auf. In diesen Zustand ist der Mensch allmahlich
gekommen. Was da der Mensch Ausserlich sieht, wah-
55
rend die Sonne die Erde bescheint und ihm durch das
sichtbare Licht das ganze Erdendasein, Mineralien, Pflan-
zen und Tiere offenbart, das empfindet der Mensch
als die Offenbarungen des Géttlichen in dem Ausseren.
— Was ist denn im Sinne der christlichen Esoterik das,
was im hellen Tagesbewusstsein sichtbar wird P woraus
sich die Erde im weiten Umfange zusammensetzt ? Es
ist eine Offenbarung der géttlichen Krafte, eine dussere
materielle Offenbarung des innerlich Geistigen! Wenn
Sie den Blick hinaus auf die Sonne richten oder auf
das, was Sie auf der Erde finden: es ist eine Offenbarung
des Géttlich-Geistigen. Dieses Géttlich-Geistige in der
heutigen Gestalt, wie es allem zugrunde liegt, was dem
hellen Tagesbewusstsein erscheint, die unsichtbare Welt
hinter dieser ganzen sichtbaren Tageswelt, das nennt die
christliche Esoterik den ,,Logos“ oder das ,,Wort’. Denn,
wie der Mensch zuletzt das Wort in sich selber aus-
sprechen kann, so ist zuerst alles, das Tierreich, Pflanzen-
reich, Mineralreich, aus dem Logos entstanden. Alles
ist eine Verkérperung dieses Logos; und so, wie Ihre
Seele unsichtbar in Ihrem Innern waltet und sich dusser-
lich einen Leib schafft, so schafft sich in der Welt ein
jedes Seelische den ihm passenden dusseren Leib und
offenbart sich durch irgendein Physisches. Wo ist denn
nun der physische Leib des Logos, von dem das Johan-
nes-Evangelium spricht, und den wir uns heute immer
mehr zum Bewusstsein bringen wollen? Am reinsten
erscheint dieser dussere physische Leib des Logos zu-
nachst im 4usseren Sonnenlicht. Das Sonnenlicht ist
nicht bloss materielles Licht. Fiir die geistige Anschau-
ung ist es ebenso das Kleid des Logos, wie Ihr ausserer
physischer Leib das Kleid fiir Ihre Seele ist. Wenn Sie
ebenso zu einem Menschen stehen, wie heute die Mehr-
56
zahl der Menschen zur Sonne steht, so kénnen Sie nicht
den anderen Menschen kennen lernen; da wiirden Sie sich
zu jedem Menschen, der eine fiihlende, denkende, wol-
lende Seele hat, so stellen, dass Sie nicht ein Seelisches-
Geistiges bei ihm voraussetzen, sondern bloss einen phy-
sischen Leib abtasten — und glauben, dass der dann auch
aus Papiermaché sein kénnte. Wenn Sie aber durch-
dringen wollen zu dem Geistigen im Sonnenlicht, dann
mtissen Sie es so betrachten, wie wenn Sie von der
leiblichen Seite eines Menschen aus das Innere kennen
lernen. Wie Ihr Leib sich zu Ihrer Seele verhilt, so
verhalt sich das Sonnenlicht zu dem Logos. In dem
Sonnenlichte strémt ein Geistiges der Erde zu. Dieses
Geistige ist, wenn wir nicht nur den Sonnenleib, sondern
auch den Sonnengeist zu fassen vermégen, dieser Geist
ist die Liebe, die herunterstrémt auf die Erde. Nicht
allein weckt das physische Sonnenlicht die Pflanzen, so
dass diese verkiimmern miissten, wenn das physische Son-
nenlicht nicht auf sie wirkte, — sondern mit dem physi-
schen Sonnenlichte strémt die warme Liebe der Gottheit
auf die Erde; und die Menschen sind dazu da, die
warme Liebe der Gottheit in sich aufzunehmen, zu ent-
wickeln und zu erwidern. Das konnten sie aber nur da-
durch, dass sie selbstbewusste Ich-Wesen werden. Nur
dann kénnen sie die Liebe erwidern.
Als die Menschen anfingen, zuerst nur kurze Zeit.
in ihrem Tagesleben zu verweilen, da konnten sie nichts.
vernehmen yon dem Lichte, dass zugleich die Liebe
entziindete. Das Licht schien in die Finsternis, aber
die Finsternis konnte noch nichts begreifen von dem
Lichte; und ware dem Menschen dieses Licht, das zu-
gleich die Liebe des Logos ist, nicht anders geoffenbart
worden als nur durch die kurzen Tagesstunden, der
57
Mensch hitte dieses Licht der Liebe nicht begriffen.
Aber in dem dumpfen hellseherischen Traumbewusstsein
jener alten Zeit strémte doch die Liebe in den Menschen
ein. Und jetzt blicken wir hinter das Dasein auf ein
grosses Mysterium der Welt, auf ein wichtiges My-
sterium.
Fassen wir es einmal, dass sozusagen die Lenkung der
Welt fiir unsere Erde so war, dass eine Zeit hindurch
auf unbewusste Art dem Menschen die Liebe einstrémte
durch ein dimmerhaftes Hellseherbewusstsein und ihn in-
nerlich vorbereitete zur Aufnahme der Liebe im vollen
hellen. Tagesbewusstsein. — Wir haben gesehen, dass
unsere Erde allmahlich der Kosmos geworden ist, der
die Mission der Liebe durchzufiihren hat. Die Erde wird
beschienen von der heutigen Sonne. Wie der Mensch die
Erde bewohnt und die Liebe nach und nach sich an-
eignet, so bewohnen die Sonne andere, héhere Wesen,
weil die Sonne auf einer héheren Stufe des Daseins an-
gekommen ist. Der Mensch ist Erdenbewohner; und Er-
denbewohner sein bedeutet ein Wesen sein, das sich die
Liebe aneignet wahrend der Erdenzeit. Ein Sonnenbewoh-
ner in unserer Zeit bedeutet ein Wesen, welches die Liebe
entziinden kann, welches die Liebe einstr6men lassen
kann. Nicht wiirden die Erdenbewohner die Liebe ent-
wickeln, sie nicht aufnehmen kénnen, wenn nicht die
Sonnenbewohner ihnen die reife Weisheit schicken wiir-
den mit den Lichtstrahlen. Indem das Licht der Sonne
auf die Erde herunterstrémt, entwickelt sich auf der Erde
die Liebe. Das ist eine ganz reale Wahrheit. Die Wesen-
heiten, die so hochstehen, dass sie die Liebe ausstrémen
kénnen, haben die Sonne zu ihrem Schauplatze gemacht.
— Es waren da, als der Mond fertig war mit seiner
Entwickelung, sieben solcher Hauptwesenheiten, die so
58
weit waren, dass sie Liebe ausstrémen konnten. Hier
beriihren wir ein tiefes Mysterium, das die Geheim-
wissenschaft enthillt: Da ist im Beginne der Erdent-
wickelung der kindliche Mensch, der die Liebe auf-
nehmen sollte, und bereit war zur Aufnahme des Ich,
— und auf der anderen Seite die Sonne, die sich ab-
spaltete und zu einem hdheren Dasein aufstieg. Auf
dieser Sonne konnten sich entwickeln sieben Hauptlicht-
geister, die zu gleicher Zeit die gebenden Geister der
Liebe waren. Nur sechs von ihnen nahmen auf der
Sonne Wohnung; und das, was uns im Lichte der Sonne
physisch zustrémt, enthalt in sich die geistigen Liebes-
krafte dieser sechs Lichtgeister — oder der sechs Elohim,
wie wir sie in der Bibel finden. Einer spaltete sich ab
und ging einen anderen Weg zum Heile des Menschen,
er wihlte sich nicht die Sonne, sondern den Mond zu
seinem Aufenthalte; und dieser eine der Lichtgeister,
der freiwillig auf das Sonnendasein verzichtete und sich
den Mond wihlte, ist kein anderer als derjenige, den das
alte Testament ,,Jahve‘ oder ,,Jehova nennt. Dieser
eine, der sich den Mond zum Aufenthalt wahlte, ist
derjenige, der vom Monde aus die reife Weisheit auf
die Erde strémte und dadurch die Liebe vorbereitete.
Jetzt schauen Sie einmal auf dieses Mysterium, das
hinter den Dingen ist.
Die Nacht gehért dem Monde, und sie gehérte in
einem viel grésseren Masse dem Monde in jener alten
Zeit, als der Mensch noch nicht von der Sonne die Kraft
der Liebe empfangen konnte, als er noch nicht im direk-
ten Lichte diese Kraft der Liebe empfangen konnte. Da
empfing er die reflektierte Kraft der reifen Weisheit
vom Mondenlichte. Sie strémte ihm zu von dem Mon-
‘denlicht wihrend der Zeit des Nachtbewusstseins. Jahve
59
nennt man daher den Regierer der Nacht, der den Men-
schen vorbereitete auf die Liebe, die spaiter waihrend des.
vollen Tagbewusstseins entstehen sollte. So schauen wir
zuriick auf die alte Menschheitszeit, wo geistig der Vor-
gang stattfand, der durch die Himmelskérper nur sym-
bolisiert wird, wo Sie die Sonne auf der einen Seite, den
Mond auf der anderen Seite haben (Schema). Wahrend
der Nacht, zu gewissen Zeiten, sendet uns der Mond
die reflektierte Sonnenkraft zu. Es ist dasselbe Licht,
das uns auch von der Sonne zukommt. So strahlte
zurtick in den alten Zeiten Jahve oder Jehova die Kraft
der reifen Weisheit, die Kraft der sechs Elohim, und
diese Kraft strémte er wahrend der Zeit des Nacht-
schlafens in die Menschen ein und bereitete sie vor, so
dass sie fahig wurden, auch spater die Kraft der Liebe
nach und nach wahrend des tagwachen Bewusstseins zu
bekommen.
ueldieusy
Jch
Astratieib peas
Aetherleib sale z
. g
Phys-Leib Aetherieib 2
Phys: Leib =
Die vorstehende Zeichnung soll in symbolischer Weise
andeuten den tagwachen Menschen, wo physischer Leib
und Aetherleib abhingig sind vom Gdttlichen, und das
Ich und der Astralleib auf dem physischen Plane im
60
physischen Leibe und Aetherleibe sind; da wird von
aussen das ganze System des Menschen beschienen von
der Sonne. Von der Nacht wissen Sie jetzt, dass sie
eine viel langere war und viel wirkungsvoller war fiir
den Menschen uralter Vorzeit. Da sind Astralleib und
Ich aus physischem Leib und Aetherleib heraus; da ist
das Ich ganz in der astralischen Welt, und der astra-
lische Leib wird von aussen hineingesenkt in den phy-
sischen Leib, so dass er aber, seiner ganzen Wesenheit
nach, doch in das Geistig-Géttliche eingebettet ist. Da
kann die Sonne nicht direkt auf den menschlichen Astral-
leib scheinen und in ihm die Kraft der Liebe entziinden.
Da wirkt der Mond, der das Sonnenlicht reflektiert, durch
Jahve oder Jehova. Der Mond ist das Symbolum fiir
Jahve oder Jehova, und die Sonne ist nichts anderes als
das Symbolum fiir den Logos, der die Summe der
anderen sechs Elohims ist. Nur symbolisch soll diese
Zeichnung, die Sie studieren mégen, iiber die Sie me-
ditieren médgen, das andeuten; und wenn Sie dariiber
nachdenken, werden Sie finden, welch tiefe Mysterien-
wahrheiten darin dargestellt sind: dass lange Zeit hin-
durch dem niachtlichen Bewusstsein durch Jahve die
Kraft der Liebe dem Menschen eingeflanzt wurde auf
unbewusste Art. So wurde der Mensch vorbereitet, damit
er nach und nach selbst den Logos, die Kraft seiner
Liebe empfinden konnte. Wie war das méglich? Wie
konnte denn das geschehen? — Jetzt kommen wir zu
‘der anderen Seite des Mysteriums.
Wir haben uns gesagt, dass der Mensch zur selbst-
bewussten Liebe auf der Erde berufen war. Er musste
also einen Fiihrer, einen Lehrer wiaihrend des _hellen
Tagesbewusstseins haben, der ihm so gegeniibertrat, dass
er ihn wahrnehmen konnte. Nur wahrend der Nacht,
61
im dimmerhaften Bewusstsein konnte ihm die Liebe
eingepflanzt werden. Nach und nach aber musste etwas
eintreten — etwas mit voller Tatsdchlichkeit eintreten,
was dem Menschen médglich machte, aussen, physisch
das Wesen der Liebe selber zu sehen. Wodurch konnte
das eintreten > Das konnte nur dadurch eintreten, dass
das Wesen der géttlichen Liebe, des Logos, ein Wesen
auf der Erde wurde, — ein fleischliches Wesen auf
der Erde, wie es der Mensch auf der Erde durch seine
Sinne wahrnehmen konnte. Weil der Mensch zur Wahr-
nehmung durch seine dusseren Sinne sich entwickelte,
musste der Gott, der Logos, selbst ein Sinneswesen wer-
den. Er musste in einem fleischlichen Leibe auftreten.
Das geschah durch den Christus-Jesus, und die historische
Erscheinung des Christus-Jesus bedeutet nichts anderes,
als dass die Krafte der sechs Elohim oder des Logos
sich verkérpert haben in dem Jesus von Nazareth im
Anfange unserer Zeitrechnung, in ihm real da waren in
der Welt der Sichtbarkeit. Darauf kommt es an. Das,
was in der Sonne an innerer Kraft liegt, die Kraft der
Logosliebe, nahm physische Menschengestalt an in dem
Leibe des Jesus von Nazareth. Denn so, wie ein anderer
ausserer Gegenstand, wie ein anderes Wesen, so musste
dem Menschen auf der Erde fiir sein Sinnesbewusstsein
der Gott in leibhaftiger Gestalt entgegentreten. Was ist
daher diese Wesenheit, die uns im Beginne unserer
Zeitrechnung als der Christus-Jesus entgegentrat? Sie
ist nichts anderes als die Verkérperung des Logos, der
sechs anderen Elohim, denen vorbereitend der eine, der
Jahve-Gott vorangegangen ist; und diese eine Gestalt des
Jesus von Nazareth, in welcher der Christus oder der
Logos inkarniert war, bringt daher das, was friiher im-
mer nur von der Sonne auf die Erde herniederstrémte,
62
was nur im Sonnenlichte enthalten ist, sie bringt es in
das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte selbst
hinein: ,,Der Logos ward Fleisch!“ Das ist das, worauf
das Johannes-Evangelium den gréssten Wert legt. Und
es musste der Schreiber des Johannes-Evangeliums gerade
auf diese Tatsache den gréssten Wert legen. Denn wahr
ist es: nachdem einige der eingeweihten Christusschiiler
verstanden hatten, um was es sich handelt, da traten auch
andere auf, die das nicht im vollen Masse verstehen
konnten; die zwar voll verstanden, dass allem Materiel-
len, allem, was uns stofflich entgegentritt, ein Seelisch-
Geistiges zugrunde liegt; was sie aber nicht begreifen
konnten, war, dass sich in einem einzelnen Menschen fiir
die physisch-sinnliche Welt physisch sichtbar der Logos
selbst einmal verfleischlichte. Das konnten sie nicht
verstehen. Dadurch unterscheidet sich das, was uns in
den ersten christlichen Jahrhunderten als die ,,Gnosis“
entgegentritt, von dem wahren esoterischen Christentum.
Der Schreiber des Johannes-Evangeliums hat mit krafti-
gen Worten darauf hingewiesen: ,,Nein, nicht sollt ihr
ansehen den Christus als tbersinnliches, unsichtbar blei-
bendes Wesen, das allem Stofflichen zugrunde liegt,
sondern ihr sollt Wert darauf legen, dass das Wort
Fleisch geworden ist, dass es unter uns gewohnet hat!”
Das ist der feine Unterschied zwischen dem esoterischen
Christentum und der urspriinglichen Gnosis. Die Gnosis
kennt den Christus ebenso wie das esoterische Christen-
tum, aber nur als eine geistige Wesenheit, und sieht
héchstens in dem Jesus von Nazareth einen mehr oder
weniger an diese geistige Wesenheit gebundenen mensch-
lichen Verkiinder. Sie will festhalten an dem unsichtbar
bleibenden Christus. Dagegen ist das esoterische Christen-
tum immer im Sinne des Johannes-Evangeliums gewesen,
63.
das auf dem festen Boden des Wortes stand: ,,Und der
Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet!“
Derjenige, der da in der sichtbaren Welt war, ist eine
wirkliche Verkérperung der sechs anderen Elohim, des
Logos!
Damit also ist die Erdenmission, das, was aus der
Erde werden sollte durch das Ereignis von Paliastina,
erst richtig in die Erde eingetreten. Vorher war alles
Vorbereitung. — Als was musste sich also der Christus,
der in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, vor-
zugsweise bezeichnen ?
Er musste sich vorzugsweise bezeichnen als den gros-
sen Bringer und den Verlebendiger des selbstbewussten
freien menschlichen Wesens. Fassen wir diese lebendige
Christuslehre einmal in kurze, paradigmatische Satze.
Dann miissen wir sagen: Die Erde ist dazu da, dem
Menschen das volle Selbstbewusstsein, das ,,I[ch-bin“ zu
geben. Vorher war alles nur Vorbereitung zu diesem
Selbstbewusstsein, zum ,,[ch-bin; und der Christus war
derjenige, der den Impuls gibt, dass die Menschen alle
— jeder als einzelnes Wesen — empfinden kénnen das
»lch-bin™. Jetzt erst ist der machtige Impuls gegeben,
der die Menschen auf der Erde mit einem gewaltigen
Ruck nach vorwarts bringt. Wir kénnen das verfolgen
beim Vergleich des Christentums mit der alttestament-
lichen Lehre. In der alttestamentlichen Lehre fihlte
der Mensch noch nicht vollstindig das ,,Ich-bin“ in
seiner eigenen Persdnlichkeit. Er hatte noch einen Rest
dessen, was geblieben war von der alten Zeit des traume-
rischen Bewusstseins, wo der Mensch sich nicht als ein
Selbst fiihlte, sondern als Glied der gittlichen Wesenheit,
wie das Tier heute noch ein Glied der Gruppenseele ist.
Von der Gruppenseele sind die Menschen ausgegangen,
64
und zum individuellen selbstindigen Dasein, das in jedem
Einzelmenschen das ,,I[ch-bin“ fiihlt, sind sie fortgeschrit-
ten, — und Christus ist die Kraft, die die Menschen zu
diesem freien ,,I[ch-bin“-Bewusstsein gebracht hat. Ueber-
schauen wir das einmal in seiner vollen innerlichen Be-
deutung.
Der Bekenner des Alten Testaments fiihlte sich noch
nicht so abgeschlossen in seiner einzelnen Persénlichkeit,
wie der Bekenner des Neuen Testaments. Der Bekenner
des Alten Testaments sagte noch nicht in seiner Persén-
lichkeit: ,,[ch bin ein Ich.‘ Er fihlte sich in dem
ganzen alten jiidischen Volke und fihlte das ,,Gruppen-
Volks-Ich™. Versetzen wir uns einmal lebendig in das
Bewusstsein eines solchen alttestamentlichen Bekenners.
So, wie der wirkliche Christ das ,,[ch-bin“ fiihlt und
allmahlich immer mehr fiihlen lernen wird, so fihlte
der Bekenner des Alten Testaments nicht das ,,Ich-bin“.
Er fihlte sich als ein Glied des ganzen Volkes und
schaute hinauf zu der Gruppenseele, und wenn er das
aussprechen wollte, sagte er: ,,Mein Bewusstsein reicht
hinauf bis zum Vater des ganzen Volkes, bis zu Abra-
ham; wir — ich und Vater Abraham — sind eins.
Ein gemeinsames Ich umfasst uns alle; und da erst
fiihle ich mich geborgen in der geistigen Substanzialitat
der Welt, wenn ich in der ganzen Volkssubstanz mich
ruben fiihle!“ So sah der Bekenner des Alten Testa-
ments hinauf bis zum Vater Abraham und sagte: ,,Ich
und der Vater Abraham sind eins! In meinen Adern
fliesst dasselbe Blut wie in Abrahams Adern!“ Und den
Vater Abraham fihlte er wie die Wurzel, aus der jeder
einzelne Abrahamite als ein Glied hervorging. —- Da kam
der Christus-Jesus und sagte zu seinen nachsten intimsten
Eingeweihten: ,,Bisher haben die Menschen bloss geur-
ce 65
teilt mach dem Fleisch, nach der Blutsverwandtschaft;
die war fiir sie das Bewusstsein, dass sie in einem
héheren, unsichtbaren Zusammenhange ruhten. [hr aber
sollt an einen viel geistigeren Zusammenhang glauben,
an den, der weiter geht als die Blutsverwandtschaft. Thr
sollt an einen geistigen Vatergrund glauben, in dem das
Ich wurzelt, der geistiger ist als jener Grund, der das
jiidische Volk als Gruppenseele verbindet, ihr sollt glau-
ben an dasjenige, was in mir und in jedem Menschen
ruht, und das ist nicht nur eins mit Abraham, — das
ist eins mit dem gottlichen Weltengrunde! Daher be-
tonte der Christus-Jesus im Sinne des Johannes-Evan-
geliums: ,,Bevor der Vater Abraham war, war das
CH-BIN‘!“ Nicht nur bis zu dem Vater-Prinzip, das
bis zu Abraham reicht, geht mein Ur-Ich hinauf, —
sondern mit dem, was den ganzen Kosmos durchpulst,
ist das Ich eins — bis zu dem geht meine Geistigkeit
hinauf. ,,[ch und der Vater sind eins!‘‘ Das ist das
wichtige Wort, das man fihlen muss; dann wird man
den Ruck fithlen, der die Menschen ergriff und die
Menschheitsentwickelung weiter brachte durch jenen Im-
puls, den das Erscheinen des Christus Jesus gab. Der
Christus Jesus war der grosse Beleber des ,,Ich-bin“.
Und nunmehr versuchen wir ein wenig darauf hin-
zuhorchen, was seine intimsten Eingeweihten sagten, —
wie sie das ausdriickten, was sich ihnen da offenbarte.
Sie sagten: Bisher hat keine einzelne fleischliche Mensch-
lichkeit existiert, der man diesen Namen des _ ,,Ich-bin‘‘
so beilegen durfte, als der, der als der erste die ganze
Bedeutung des ,,Ich-bin“ in die Welt gebracht hat. Und
daher nannten sie das ,,I[ch-bin‘‘ den Namen des Christus
Jesus. Das war der Name, in dem sich die intimsten
Eingeweihten verbunden fihlten, — in dem Namen,
66
den sie also verstanden, den Namen ,,ICH-BIN“. So
miissen Sie sich in die wichtigsten Kapitel des Johannes-
Evangeliums vertiefen. Wenn Sie also jenes Kapitel
nehmen, wo das Wort steht: ,,[ch bin das Licht der
Welt!“ da miissen Sie das wortlich nehmen, ganz wort-
lich. Das ,,Ich-bin“‘, das da zum ersten Male im Fleische
auftrat, was ist es? Dasselbe, was im Sonnenlichte als
Logoskraft der Erde zustrémt. Ueberall haben Sie in
dem ganzen achten Kapitel, vom 12. Vers angefangen,
das gewoéhnlich tiberschrieben ist ,,Jesus, das Licht der
Welt", die Umschreibung dieser tiefen Wahrheit von der
Bedeutung des Ich-bin. Lesen Sie das Kapitel so, dass
Sie tiberall das ,,I[ch“ oder das ,,I[ch-bin“ betonen und
wissen, dass das ,,ich-bin‘‘ der Name war, auf den sich
die Eingeweihten verbunden fiihlten. Dann verstehen Sie
es, dann erscheint Ihnen dies Kapital so, dass Sie es etwa
in der Art lesen miissten:
Da redete Jesus zu seinen Jiingern und sprach:
»Was ,Ich-bin‘ zu sich sagen kann, das ist die Kraft
des Lichtes der Welt; und wer mir nachfolgt, der
wird bei hellem lichten Tagesbewusstsein dasjenige
sehen, was diejenigen nicht sehen, die in der Fin-
sternis wandeln.“
Diese aber, die dem alten Glauben anhingen, dass
nur auf eine nichtliche Art das Licht der Liebe dem
Menschen eingepflanzt werden kann, die da die Pha-
riser genannt wurden, die antworteten: ,,Du berufst
dich auf dein ,Ich-bin‘; wir aber berufen uns auf
den Vater Abraham. Da fiihlen wir die Kraft, die
uns berechtigt, als selbstbewusste Wesen aufzutreten;
da fihlen wir uns stark, wenn wir einsinken in den
67
gemeinsamen Ichgrund, der bis zum Vater Abraham
hinauffiihrt.*
Jesus sprach: ,,Wenn man in dem Sinne vom
Ich‘ redet, wie ich rede, da ist das Zeugnis wahr;
denn ich weiss, dass dieses ,[ch‘ von dem Vater, von
dem gemeinsamen Urgrund der Welt kommt, und
wohin es wieder geht.“
Und nun der wichtige Satz, Kap. 8 Vers 15, den
Sie wértlich in folgender Weise tibersetzen miissen:
»lhr beurteilt alles nach dem Fleische. Ich aber
beurteile nicht das Nichtige, das im Fleische ist.
Und wenn ich urteile, so ist mein Urteil em
wahres. Denn dann ist das Ich nicht allein fiir sich,
sondern das Ich ist vereint mit dem Vater, von dem
das Ich herstammt.*
Das ist der Sinn dieser Stelle. So sehen Sie tiberall
den Hinweis auf den gemeinsamen Vater — und wir
werden den Vaterbegriff noch genauer uns vor die Seele
fiihren k6nnen. — So sehen Sie, wie das Wort: ,,Ehe
denn der Vater Abraham war, war das ,Ich-bin‘,“ die
Quintessenz der christlichen Lehrworte lebendig in sich
enthailt.
Wir haben uns heute vertieft in die Worte des
Johannes-Evangeliums, mehr, als wir es hatten tun kén-
nen, wenn ich sie in dusserer Weise interpretiert hatte.
Wir haben diese Worte aus der Geistesweisheit her-
geleitet, insofern wir auf einige wichtige Worte des
Johannes-Evangeliums angespielt haben, die gerade das
Wesentliche des Christentums bezeichnen. Wir werden
sehen, wie uns gerade dadurch, dass wir erst solche
Kern- und Urworte des Evangeliums verstehen, Licht
68
und Klarheit in das ganze Johannes-Evangelium hinein-
kommen wird.
Nehmen Sie das alles als etwas, was als Lehre in der
christlichen esoterischen Schule gelehrt worden ist, und
die der Schreiber des Johannes-Evangeliums auf die
Art, wie wir das besprechen werden, aufgeschrieben hat,
um sie der Nachwelt zu itberliefern fiir diejenigen, die
da wirklich eindringen wollen in dessen Sinn.
69
IV.
Die Auferweckung des Lazarus.
Es diirfte aus den drei bisherigen Vortragen einiger- -
massen hervorgegangen sein, dass man im Johannes-
Evangelium die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten wie-
derzufinden in der Lage ist. Aber ebenso diirfte klar ge-
worden sein, dass es notwendig ist, um diese Wahrheiten
zu finden, jedes Wort dieses Johannes-Evangeliums wirk-
lich auf die Goldwage zu legen. Es kommt bei dieser re-
ligidsen Urkunde in der Tat darauf an, dass der wirk-
liche, echte Wortlaut absolut verstanden wird. Denn alles
ist in dieser Urkunde, wie wir noch an verschiedenen Fal-
len sehen werden, von der denkbar tiefsten Bedeutung.
Aber nicht nur der Wortlaut dieses oder jenes Satzes
kommt in Betracht, sondern es kommt auch noch etwas
anderes in Betracht. Das ist die Gliederung, die Kompo-
sition, die Zusammensetzung der Urkunde. Fir solche
Dinge hat eigentlich der heutige Mensch nicht mehr
ganz die rechte Empfindung. Viel mehr von architek-
tonischem Aufbau, von innerer Gliederung haben die
alten — wenn wir sie so nennen dirfen — Schriftsteller
in ihre Werke hineingelegt, als man gewoéhnlich glaubt.
Sie brauchen sich nur an einen verhaltnismassig spaten
Dichter zu erinnern, um das bekraftigt zu finden: an
Dante. Wie ist in der ,,G6ttlichen Komédie“ alles archi-
7O
tektonisch aufgebaut in Gliedern, denen die Dreizahl
zugrunde liegt; und nicht umsonst schliesst ein jeder
Teil von Dantes Komédie mit den Worten ,,Sterne“.
Das nur, um anzufihren, wie architektonisch die alten
Schriftsteller ihre Sache aufgebaut haben, — und ins-
besondere diirfen wir bei den grossen religidsen Urkun-
den diesen architektonischen Aufbau niemals aus den
Augen verlieren; denn er bedeutet unter Umstinden sehr
viel. Man muss diese Bedeutung allerdings erst heraus-
finden.
Da ist zu erinnern, dass am Ende des 1o. Kapitels
des Johannes-Evangeliums ein Satz steht, den wir in der
Erinnerung behalten wollen. Da heisst es im 41. Vers:
Und viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes
tat kein Zeichen, aber alles, was Johannes von diesem
gesagt hat, das ist wahr.
Das heisst, wir finden in diesem Vers des ro. Kapitels
einen Hinweis darauf, dass das Zeugnis, das tiber den
Christus Jesus abgegeben wird durch Johannes, wahr
ist; es wird durch ein besonderes Wort das ausgedriickt,
dass dies Zeugnis wahr ist. — Und nun kommen wir
an den Schluss des Johannes-Evangeliums und finden da
einen entsprechenden Vers. Da heisst es im 24. Vers
des 21. Kapitels:
Dies ist der Jiinger, der von diesen Dingen zeuget,
und hat dies geschrieben; und wir wissen, dass sein
Zeugnis wahrhaftig ist!
Da haben wir also am Schluss des Ganzen eine Angabe
dariiber, dass das Zeugnis dessen, der berichtet, ein wahr-
71
haftiges ist. Solche Kongruenzen und Harmonien, dass
da oder dort mit einem Wort etwas Besonderes gesagt
wird, sind niemals ohne Bedeutung in den alten Schrif-
ten; und gerade hinter dieser Kongruenz verbirgt sich
etwas Bedeutsames. Und wir werden unsere Betrachtun-
gen in das rechte Licht riicken, wenn wir auf den Grund
dessen hinweisen.
Es steht in der Mitte des Johannes-Evangeliums eine
Tatsache, ohne deren Verstindnis tiberhaupt das Johannes-
Evangelium nicht begriffen werden kann. Unmittelbar
hinter der Stelle, wo dieses Wort zur Bekraftigung des
Wahrheitszeugnisses angefiihrt wird, steht das Kapitel
iiber die Auferweckung des Lazarus. Durch dieses Kapitel
iiber die Auferweckung des Lazarus zerfallt das ganze
Johannes-Evangelium in zwei Teile. Und es ist hinge-
wiesen am Ende des ersten Teiles darauf, dass fiir alles
dasjenige, was behauptet wird, was bekraftigt werden
soll iiber den Christus Jesus, das Zeugnis des Taufers
Johannes gelten soll; und es ist ganz am Ende darauf
hingewiesen, dass fiir alles das, was nach dem Kapitel
tiber die Auferweckung des Lazarus steht, das Zeugnis
des Jiingers gelten soll, von dem wir 6fter héren die
Worte: ,,den der Herr lieb hatte“. Was bedeutet denn
tiberhaupt die ,,Auferweckung des Lazarus‘ ?
Ich erinnere Sie daran, dass nach der Erzahlung tiber
die Auferweckung des Lazarus ein scheinbar ratselhafter
Satz im Johannes-Evangelium steht. — Stellen Sie sich
einmal die ganze Situation vor: Der Christus Jesus voll-
bringt das, was man im gewodhnlichen Sinne ein Wunder,
im Evangelium selbst ein ,,Zeichen“’ nennt: die Aufer-
weckung des Lazarus. Und nachher stehen mehrere Sitze,
die da besagen: ,,Dieser Mensch tut viele Zeichen‘, und
alles folgende weist darauf hin, dass die Anklager keine
72
Gemeinschaft mit ihm haben wollen wegen dieser Zei-
chen. — Wenn Sie diese Worte lesen, wie sie auch
immer tibersetzt sein mégen (es ist auch schon in meinem
»Christentum als mystische Tatsache“ von mir darauf
hingewiesen worden), so miissen Sie fragen: Was liegt
denn da eigentlich zugrunde? Die Auferweckung eines
Menschen bestimmt gerade die Gegner, gegen den Chri-
stus Jesus aufzutreten. Warum regt die Gegner gerade
die Auferweckung des Lazarus so auf ? Warum beginnt
gerade da die Verfolgung > — Ein jeder, der zu lesen
versteht, muss einsehen, dass sich in diesem Kapitel ein
Mysterium verbirgt. Dieses Mysterium, das sich dahinter
verbirgt, ist nichts anderes als die Mitteilung dariiber,
wer eigentlich der wirkliche Autor des Johannes-Evange-
liums ist, wer eigentlich das alles sagt, was im Johannes-
Evangelium gesagt wird. Um das zu verstehen, miissen
wir einmal einen Blick werfen auf das, was wir die
»Einweihung* in den alten Mysterien nennen. Wie ging
diese Einweihung in den alten Mysterien vor sich ?
Ein Mensch, der eingeweiht worden war, konnte selbst
Erlebnisse, Erfahrungen haben in den geistigen Welten,
so dass er ein Zeuge werden konnte der geistigen Welten.
Diejenigen, die reif befunden wurden, eingeweiht zu wer-
den, wurden in diese Mysterien hineingezogen. Ueberall —
in Griechenland, bei den Chaldaern, bei den Aegyptern,
bei den Indern — gab es solche Mysterien. Da wurden
die Einzuweihenden lange unterrichtet ungefaéhr in den
Dingen, die wir heute in der Geisteswissenschaft lernen;
und wenn sie geniigend unterrichtet waren, folgte das,
was ihnen den Weg 6ffnete, um selbst zu schauen. Aber
in den alten Zeiten konnte das auf keine andere Weise
bewirkt werden als dadurch, dass der Mensch in bezug
auf seine vier Glieder: physischer Leib, Aetherleib, Astral-
73
leib und Ich — in einen ganz besonderen Zustand versetzt
wurde. Was da geschah mit dem Einzuweihenden, war,
dass er durch den Initiator, durch den Einweihenden, der
die Sache verstand, dreieinhalb Tage in einen totenahn-
lichen Zustand versetzt wurde. Das geschah aus folgen-
dem Grunde. Wenn der Mensch namlich im heutigen
Entwickelungszyklus im gewodhnlichen Sinne schlaft, so
liegen sein physischer Leib und Aetherleib im Bette, das
Ich mit dem Astralleib ist herausgehoben. Der Mensch
kann dann nicht irgendwelche geistigen Ereignisse wahr-
nehmen um sich herum, weil sein Astralleib noch nicht
die geistigen Sinnesorgane hat, um in der Welt, in der
der Mensch dann ist, wahrzunehmen. Erst wenn sein
astralischer Leib und sein Ich wieder hineinschliipfen
in seinen physischen und Aetherleib, sich wieder der
Augen und der Ohren bedienen, nimmt der Mensch
wieder die physische Welt, d. h. itberhaupt eine Umwelt
wahr. Durch das, was die Einzuweihenden gelernt hat-
ten, wurden sie fahig, die geistigen Sinnesorgane ihres
astralischen Leibes herauszubilden. Wenn sie nun so weit
waren, dass ihr astralischer Leib diese Sinnesorgane aus-
gebildet hatte, musste dafiir gesorgt werden, dass alles,
was der astralische Leib in sich aufgenommen hatte, sich
in den Aetherleib eindriickt, wie die Worte eines Pet-
schaftes sich in das Siegellack eindriicken. Das ist das,
worauf es ankommt. Alle Vorbereitungen fiir die Ein-
weihung beruhten darauf, dass der Mensch sich solchen
inneren Vorgingen hingab, welche seinen astralischen
Leib umorganisierten. Der Mensch war auch seinem
physischen Leibe nach einmal so, dass er keine Augen
und Ohren hatte wie heute, sondern gleichgiiltige Or-
gane an dieser Stelle — wie Tiere, die nie dem Licht
ausgesetzt waren, keine Augen haben. Das Licht formt
74
heraus das Auge, der Ton bildet heraus das Ohr. Was
der Mensch durch Meditation, Konzentration tbt, und
was er dadurch innerlich erlebt, wirkt so wie Licht auf
das Auge, Ton auf das Ohr; dadurch wird der astra-
lische Leib umgeformt, und dadurch werden _heraus-
geholt die Erkenntnisorgane, um zu schauen in der
astralischen, der héheren Welt. Jetzt sind sie aber noch
nicht fest genug in dem Aetherleibe; sie werden dadurch
fest, dass das, was im astralischen Leibe zunichst sich
bildet, eingepragt wird in den Aetherleib. Solange aber
der Aetherleib im physischen Leibe steckt, ist es nicht
méglich, dass das, was durch die Uebungen erreicht wird,
sich auch wirklich abdriickt im Aetherleibe. Dazu musste
ehedem der Aetherleib herausgehoben werden aus dem
physischen Leibe. Wenn also in den dreieinhalb Tagen
des totenahnlichen Schlafes der Aetherleib herausgehoben
war aus dem physischen Leibe, driickte sich alles das,
was im Astralleibe vorbereitet war, ab. Der Mensch er-
lebte die geistige Welt. Wurde er dann wieder durch
den Priester-Initiator zuriickgerufen in den physischen
Leib, so war er ein Zeuge dessen, was in den geistigen
Welten vorgeht, durch sein eigenes Zeugnis. Diese Proze-
dur ist eben durch die Erscheinung des Christus Jesus
unnétig geworden. Dieser dreieinhalb Tage lange toten-
abnliche Schlaf kann nunmehr durch die von Christus
ausgehende Kraft ersetzt werden. Denn wir werden
gleich sehen, dass im Johannes-Evangelium die starken
Krafte liegen, dass heute der Astralleib, auch wenn der
Aetherleib im physischen Leibe drinnen ist, die Starke
hat, trotzdem abzudriicken, was vorher in ihm vorbe-
reitet war. Dazu musste aber erst der Christus Jesus
da sein. Vorher waren die Menschen nicht so weit, dass
ohne die charakterisierte Prozedur das, was im astrali-
79
schen Leibe durch Meditation und Konzentration vorge-
bildet war, im Aetherleibe abgedriickt werden konnte. —
Das war ein Vorgang, der sich oft in den Mysterien ab-
gespielt hat: ein einzuweihender Mensch wird durch den
Priester-Initiator in einen totenahnlichen Schlaf gebracht;
darauf wird der Betreffende durch die héheren Welten
geftihrt — dann wird er wieder zuriickgerufen durch
den Priester-Initiator in seinen physischen Leib — und
nunmehr ist er durch sein eigenes Erlebnis ein Zeuge
der geistigen Welten.
Das wurde immer im tiefsten Geheimnis vollbracht,
und nichts wusste die dussere Welt von den Vorgangen
in den alten Mysterien. Durch den Christus Jesus sollte
an die Stelle der alten Einweihung eine neue treten, die
durch jene Krafte hervorgebracht wurde, von denen wir
noch zu sprechen haben. Es sollte gleichsam der Schluss-
punkt gemacht werden mit der alten Form der Ein-
weihung. Aber es sollte ein Uebergang gemacht werden
von der alten in die neue Zeit! Fir den Uebergang sollte
jemand noch einmal auf die alte Art eingeweiht werden,
aber in die christliche Esoterik. Das konnte nur der
Christus Jesus selbst tun — und es sollte der Einzu-
weihende jener sein, der da Lazarus genannt wird. ,,Diese
Krankheit ist nicht zum Tode“, heisst es da, sie ist der
dreieinhalbtagige totenihnliche Schlaf. Darauf wird deut-
lich hingewiesen.
Sie werden sehen, dass es zwar in einer sehr ver-
schleierten Darstellung geschieht, dass aber fiir den, wel-
cher eine solche verschleierte Art iiberhaupt entziffern
kann, sie sich als Einweihung darstellt. Die Individuali-
tat des Lazarus sollte so eingeweiht werden, dass dieser
Lazarus ein Zeuge von den geistigen Welten werden
konnte. Und es wird uns ein Wort gesagt, das in der
76
Mysteriensprache ein sehr bedeutsames ist, es wird uns
gesagt, ,dass der Herr den Lazarus lieb hatte‘. Was
bedeutet ,,lieb haben“ in der Mysteriensprache? Es
driickt aus das Verhiltnis des Schiilers zum Lehrer.
»Den der Herr lieb hatte ist der intimste, der einge-
weihteste Schiiler. Den Lazarus hat der Herr selbst
eingeweiht, und als ein Eingeweihter erhob sich Lazarus
aus dem Grabe, d. h. aus seiner Einweihungsstatte. Und
dasselbe Wort ,,den der Herr lieb hatte wird uns immer
spater von Johannes gesagt, — oder sagen wir besser —
von dem Verfasser des Johannes-Evangeliums; denn der
Name ,,Johannes’ wird nicht genannt; es ist eben der-
jenige, der der Lieblingsjiinger ist, und auf den das
Johannes-Evangelium zuriickzufiihren ist. Das ist der
auferweckte Lazarus selbst; und der Schreiber des Jo-
hannes-Evangeliums wollte damit sagen: ,,Was ich zu
sagen habe, habe ich zu sagen kraft der Einweihung,
die mir von dem Herrn selbst zuteil geworden ist!‘ Daher
unterscheidet der Schreiber des Johannes-Evangeliums
wohl, was vor der Auferweckung des Lazarus, und das,
was nach der Auferweckung des Lazarus geschieht. Vor
der Auferweckung des Lazarus wird ein alter Hinge-
weihter angefihrt, ein solcher, der gekommen ist zur
Erkenntnis des Geistes, und es wird betont, dass sein
Zeugnis wahr ist. ,,Was aber iiber die tiefsten Dinge
zu sagen ist, tiber das Mysterium von Palastina, dariiber
spreche ich selbst, ich der Auferweckte; dariiber kann
ich aber erst nach der Auferweckung sprechen!‘‘ Daher
haben wir in dem ersten Teile des Johannes-Evangeliums
das Zeugnis des alten Johannes, — in dem zweiten Teil
das Zeugnis des neuen Johannes, den der Herr selbst
eingeweiht hat. Denn dieser ist der auferweckte Lazarus.
So erfassen wir dies Kapitel erst seinem wirklichen
77
Sinne nach. Es steht da, weil Johannes sagen wollte:
Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner tibersinnlichen
Sinne, meiner geistigen Erkenntniskrafte. Nicht in der
gewohnlichen physischen Welt habe ich gesehen, was
ich erzihle, sondern in der geistigen Welt, in der ich
war dadurch, dass mir der Herr die Einweihung hat
zuteil werden lassen.
So miissen wir die Charakteristik des Christus Jesus,
wie sie uns entgegentritt in den ersten Kapiteln des Jo-
hannes-Evangeliums bis zum Schluss des ro. Kapitels,
zuriickfiihren auf die Erkenntnis, die sozusagen auch
einer haben konnte, der nicht im tiefsten Sinne schon
eingeweiht war durch den Christus Jesus selbst.
Nun werden Sie sagen: ,,Ja, wir haben doch selbst
in diesen Vortrigen die tiefen Worte tiber den Christus
Jesus gehdrt als den verkérperten Logos, als das Licht
der Welt usw.’’ — Das ist nicht weiter verwunderlich,
dass diese tiefen Worte tuber den Christus Jesus schon
in den ersten Kapiteln ausgesprochen werden. Denn in
den alten Mysterien war der Christus Jesus, d. h. der
Christus, der in Zukunft erscheinen sollte in der Welt,
nicht etwa eine unbekannte Wesenheit. Und alle Myste-
rien wiesen hin auf Einen, der da kommen sollte. Daher
nennt man die alten Eingeweihten ,,Propheten“, weil sie
iiber ein Kiinftiges vorher zu prophezeien hatten. Darum
hatten gerade die Einweihungen den Zweck, klar erkennen
zu lassen, dass sich in der Zukunft der Menschheit der
Christus enthiillen werde. So ging aus dem, wag§er damals
schon wissen konnte, fiir den Taufer die Wahrheit hervor,
die ihn prophezeien lassen konnte, dass derjenige, von
dem gesprochen worden ist in den Mysterien, vor ihm
stehe in dem Christus Jesus. — Wie nun das Ganze
zusammenhangt, wie der sogenannte Taufer selbst zu dem
78
>
Christus Jesus steht, das wird sich uns am klarsten
zeigen, wenn wir uns zweierlei Fragen beantworten.
Die eine ist die: Wie stellt sich der Taufer selbst in
seine Zeit hinein ? Und die andere geht zuriick auf die
Erklarung verschiedener Dinge im Anfang des Johannes-
Evangeliums.
Wie stellt sich der Taufer in seine Zeit hinein ? Was
ist der Taufer eigentlich ? Er ist einer, der — ebenso
wie die anderen, die etwas in den Einweihungen gehért
haben — den Hinweis erhalten hat auf den kommenden
Christus, der aber als der Einzige hingestellt wird, dem
— gegeniiber dem Christus Jesus — das rechte Geheim-
nis aufgeht, dass der Erschienene eben der Christus ist.
Nun sahen die, welche mit Pharisier oder mit anderen
Namen bezeichnet wurden, in dem Christus Jesus einen
solchen, der eigentlich ihrem alten Einweihungsprinzip
widerstrebte, der in ihren Augen etwas tat, was sie
in ihrem konservativen Sinne nicht zugeben konnten.
Sie sagten, weil sie eben konservativ waren: es
muss bei dem alten Einweihungsprinzip bleiben! —
Und dieser Widerspruch: immer von dem zukinf-
tigen Christus zu sprechen, aber niemals den Zeit-
punkt eintreten zu lassen, wo er wirklich da sei,
das ist es eben, was ihrem Konservatismus zugrunde
liegt. Daher mussten sie, als der Christus Jesus den
Lazarus einweihte, es als einen Bruch mit der alten
Mysterien-Tradition ansehen. ,,Der Mensch tut viele Zei-
chen! Mit dem kénnen wir keine Gemeinschaft haben!“
Er hat nach ihrer Auffassung die Mysterien verraten, —
dasjenige zu einem Oeffentlichen gemacht, was in den
Tiefen der Mysteriengeheimnisse eingeschlossen sein sollte.
Und jetzt begreifen wir, dass dies ihnen wie ein Verrat
war und als der Grund erschien, dass sie gegen ihn auf-
‘. 79
treten miissten. Daher beginnt damit der Umschlag, die
Verfolgung des Christus Jesus.
Als was erweist sich nun der Taufer in den ersten
Kapiteln des Johannes-Evangeliums ? :
Erstens als ein solcher, welcher die Mysterienwahr-
heit von dem Christus, der da kommen soll, gar wohl
weiss, so gut weiss, dass dies alles der Schreiber des
Johannes-Evangeliums selber wiederholen kann, was auch
schon der Taufer hat wissen kénnen, wovon er sich tiber-
zeugt hat durch das, was wir kennen lernen werden.
Wir haben gesehen, was die allerersten Worte des
Johannes-Evangeliums bedeuten. Wir wollen jetzt auf
das ein wenig Riicksicht nehmen, was tiber den Taufer
selbst gesagt wird. Legen wir es uns aber in méglichst
richtiger Uebersetzung noch einmal vor. Nur die ersten
Worte haben wir bis jetzt gehért.
Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und ausser durch
dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.
In diesem war das Leben, und das Leben war das
Licht der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die
Finsternis hat es nicht begriffen.
Es ward ein Mensch; gesandt war er von Gott,
mit seinem Namen Johannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf dass er Zeugnis
ablege von dem Lichte, und dass durch ihn alle glau-
ben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des
Lichtes.
80
- Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuch-
tet, sollte in die Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es
geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt.
In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich-
Menschen kam es); aber die einzelnen Menschen (die
Ich-Menschen) nahmen es nicht auf.
Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch
es als Gottes Kinder offenbaren.
Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus
menschlichem Willen — sondern aus Gott geworden.
Und das Wort ist Fleisch geworden und _ hat
unter uns gewohnet, und wir haben seine Lehre ge-
héret, die Lehre von dem einigen Sohn des Vaters,
erfillt von Hingabe und Wahrheit.
Johannes leget Zeugnis fiir ihn ab und verkiindet
deutlich: Dieser war es, von dem ich sagte: Nach
mir wird derjenige kommen, der vor mir gewesen
ist. Denn es ist mein Vorginger.
Denn aus dessen Fille haben wir alle genommen
Gnade tiber Gnade.
Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben, die
Gnade und die Wahrheit aber ist durch Jesus Chri-
stus entstanden.
Gott hat niemand bisher mit Augen geschaut. Der
eingeborene Sohn, welcher im Innern des Welten-
vaters war, er ist der Fiihrer in diesem Schauen ge-
worden.
Das sind diejenigen Worte, die ungefahr den Sinn
dieser ersten Satze des Johannes-Evangeliums wieder-
geben. Dazu miissen wir, ehe wir an ihre Erklaérung
6 81
gehen, noch eins hinzufiigen. Als was erklart sich denn
Johannes selber? — Sie erinnern sich, dass geschickt
wird, um auszukundschaften, wer Johannes der Taufer
sei. Priester und Leviten kommen, die ihn fragen sollen,
wer er sel. Warum er nun die vorhergehende Antwort
gibt, werden wir noch sehen. Jetzt wollen wir nur be-
riicksichtigen, was er selber sagt:
Er sprach: ,,I[ch bin die Stimme eines Rufers in der
Einsamkeit.““ Das sind die Worte, die da stehen. ,,Ich
bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit!“ In der
Einsamkeit steht da — ganz wortlich. Im Griechischen
bedeutet das Wort ,,eremit ,,der Einsame“. Nun werden
Sie es begreifen, dass es richtiger ist zu sagen: ,,Ich bin
die Stimme eines Rufers in der Ejinsamkeit“ — als:
»lch bin die Stimme eines Predigers in der Wiiste.“
Und wir werden alles, was in den Anfangsworten des Jo-
hannes-Evangeliums angefiihrt ist, besser verstehen, wenn
wir die Selbstcharakteristik des Johannes uns vor Augen
fiihren. Warum nennt er sich ,,die Stimme eines Rufers.
in der Einsamkeit“ ?
In dem Entwickelungsgange der Menschheit haben
wir gesehen, dass die eigentliche Erdenmission die Ent-
wickelung der Liebe ist, dass sie aber nur denkbar ist,
wenn sie als freiwillige Gabe von selbstbewussten Men-
schen gegeben wird, und dass sich der Mensch nach und
nach sein Ich erobert, und dass das Ich langsam und
allmahlich sich hineinsenkt in die Menschennatur. Wir
wissen, dass die Tiere als solches kein einzelnes Ich
haben. Wenn der einzelne Léwe ,,Ich“ sagen kénnte,
ware damit nicht das einzelne Tier gemeint, sondern das.
Gruppen-Ich in der astralischen Welt; alle Lowen wiir-
den dazu ,,I[ch“ sagen. So sagen ganze Gruppen von
gleichgeformten Tieren zu dem im Astralischen tber-
82
sinnlich - wahrnehmbaren Gruppen-Ich ,,Ich‘“. Das ist
der grosse Vorzug des Menschen vor den Tieren, dass
der Mensch ein individuelles Ich hat. Aber das indivi-
duelle Ich entwickelt sich erst nach und nach. Der
Mensch fing auch an mit einem Gruppen-Ich, mit einem
Ich, welches einer ganzen Gruppe von Menschen an-
gehorte.
Wenn Sie zuriickgehen wiirden zu alten Vélkern,
zu alten Rassen, tiberall wiirden Sie finden, dass die
_ Menschen urspriinglich kleine Gruppen bildeten. Bei
den germanischen Vélkern brauchten Sie gar nicht ein-
mal weit zuriickzugehen. In des Tacitus Schriften kénnen
Sie mit Handen greifen, dass der einzelne Germane mehr
halt von seinem ganzen Stamm als von seiner Indivi-
dualitit. Der einzelne fiihlt sich mehr als Glied des
Cheruskerstammes oder des Sigambrerstammes, denn als
eine einzelne Persdnlichkeit; und daher tritt auch der
einzelne ein fiir das Schicksal des ganzen Stammes; es
ist auch gleichgiiltig, wer eine Beleidigung riacht, wenn
einem einzelnen Gliede oder dem Stamme eine Belei-
digung widerfahren ist. Dann tritt im Laufe der Zeit
das ein, dass einzelne Leute heraustreten aus der Stam-
meszugehérigkeit, so dass die Stimme durchbrochen wer-
den und nicht mehr kompakt bleiben. Aus dem Grup-
penseelencharakter hat sich auch der Mensch entwickelt
und nach und nach sich hinaufgeschwungen dazu, in
der Einzelpersénlichkeit das Ich zu empfinden. Wir
kénnen gewisse Dinge, besonders die religiésen Urkun-
den, nur verstehen, wenn wir dies Geheimnis von den
Gruppenseelen, von den Gruppen-Ichs wissen. Bei den
Vélkern, bei denen es schon zu einer gewissen Wahr-
nehmung des eigenen Ichs gekommen war, gab es noch
immer ein Ich, das sich nicht nur tber raumliche,
83
gleichzeitig lebende Gruppen, sondern auch iber zeitliche —
Gruppen ausdehnte. Heute ist das Gedachtnis der Men-
schen so, dass sich der einzelne nur noch an seine eigene
Jugendzeit erinnert. Aber es gab eine Zeit, in der noch
ein anderes Gedachtnis vorhanden war, wo sich der
Mensch nicht nur an seine Taten erinnerte, sondern wo
er sich auch an die Taten seines Vaters, seines Gross-
vaters erinnerte, wie an seine eigenen. Das Gediachtnis
reichte tiber Geburt und Tod, so weit man nur die
Blutsverwandtschaft verfolgen konnte. Ein Ahne, dessen
Blut sozusagen herunterfloss durch die Generationen,
erhiell sich jahrhundertelang mit dem gleichen Blute
das Gedichtnis, und ein Enkel oder ein Spross eines
Stammes sagte zu den Taten, zu den Gedanken seiner
Vorfahren ,,Ich“ wie zu sich selber. Man empfand sich
da nicht eingeschlossen zwischen Geburt und Tod, son-
dern man empfand sich als Glied der Generationenreihe,
deren Mittelpunkt der Ahne war. Denn das ist der
Zusammenhalt des Ich, dass man sich eben der Taten
des Vaters, des Grossvaters usw. erinnerte. In alten
Zeiten wurde das schon 4usserlich durch die Namen-
gebung ausgedriickt. Der Sohn erinnerte sich nicht nur
an seine eigene Taten, sondern auch an die des Vaters,
Grossvaters usw. Das Gedachtnis ging durch die Gene-
rationen weit hinaus; alles, was so das Gedachtnis um-
fasste, hiess in alten Zeiten z. B. ,,Noah‘, hiess ,,Adam“.
Damit sind nicht die einzelnen Menschen, sondern die
Iche gemeint, die jahrhundertelang das Gediachtnis be-
wahrten. Dies Geheimnis verbirgt sich auch hinter den
Patriarchennamen. Warum lebten die Patriarchen so
lange? Es ware in alten Zeiten gar nicht einem einge-
fallen, den einzelnen Menschen, der zwischen Geburt und
Tod steht, mit einem Namen zu benennen. Adam gilt
84
als gemeinsames Gedichtnis, weil gerade die raumliche
und zeitliche Begrenzung fiir die alte Namengebung gar
nicht in Betracht kam.
So léste sich nach und nach langsam das mensch-
liche Einzel-Ich aus der Gruppenseele, aus dem Gruppen-
Ich heraus; der Mensch kam nach und nach zum
Bewusstsein seines Einzel-Ichs. Vorher fihlte er sein
Ich in der. Stammeszugehérigkeit, in der Gruppe von
Menschen, mit denen er blutsverwandt war, entweder
im Raume oder in der Zeit; daher der Ausspruch: ,,Ich
und der Vater Abraham sind Eins!“ d. h. sind ein Ich.
Und da fiihlte sich der einzelne geborgen in einem Gan-
zen, weil das gemeinsame Blut durch alle Adern hinunter-
rollte durch alle Mitglieder des betreffenden Volkes.
Aber die Entwickelung ging vorwirts. Die Zeit wurde
reif, wo gerade innerhalb dieser Vélker die Menschen
ibr Einzel-Ich empfinden sollten. Den Menschen das zu
geben, was sie brauchten, um sich sicher und fest zu
fiihlen in diesem einzelnen individuellen Ich, das war
die Mission des Christus. So miissen wir auch das
Wort auffassen, das so leicht missverstanden werden
kann: ,,Wer nicht verleugnet Weib und Kind, Vater
und Mutter, Bruder und Schwester, der kann nicht mein
Jiinger sein!‘ Das miissen wir nicht in dem trivialen
Sinn auffassen, dass jemand eine Anweisung erhilt, der
Familie davonzulaufen; sondern es ist gemeint: Ihr sollt
fiihlen, dass ein jeder von euch ein Einzel-Ich ist, und
dass dieses Einzel-Ich unmittelbar mit dem geistigen
Vater, der durch die Welt flutet, Eins ist. Friiher sagte
der Bekenner des alten Testaments: ,,[ch und der Vater
Abraham sind Eins“, weil das Ich sich in der Bluts-
verwandtschaft ruhen fihlte. Jetzt sollte frei werden
das Sich-Hins-Fihlen mit dem geistigen Vatergrunde.
85
Nicht mehr sollte die Blutsverwandtschaft die Gewahr
bilden, dass der Mensch zu einem Ganzen gehért, sondern
das Wissen von dem rein geistigen Vaterprinzip, mit dem
alle Eins sind.
So soll uns durch das Johannes-Evangelium gesagt
werden, dass der Christus der grosse Impulsgeber ist,
der dem Menschen das gibt, was er braucht, um sich
ewig in seinem einzelnen individuellen Ich zu fihlen.
Das ist der Umschwung von dem alten Bunde zu dem
neuen. Bunde, dass der alte Bund immer etwas von
Gruppenseelenhaftigkeit hat, wo das eine Ich sich zu-
gesellt fiihlt zu den anderen Ichen, und weder sich, noch
die andern Iche recht fihlt, dafiir aber das, worin sie
gemeinsam geborgen sind, das Volks-Ich oder Stammes-
Ich mitempfindet.
Wie musste sich denn nun ein Ich fiihlen, das so
weit reif geworden war, um nicht mehr den Zusammen-
hang mit den anderen individuellen Persénlichkeiten der
Gruppenseele zu fiihlenP Wie musste das vereinzelte Ich
empfinden in einer Zeit, in der man sagen konnte: Nicht
mehr ist die Zeit, in der man als eine wirkliche mensch-
liche Lebenswahrheit empfinden kann die Zusammen-
gehérigkeit mit anderen Personen, mit allen Ichen, die
zu einer Gruppenseele gehéren; aber der muss erst kom-
men, der der Seele das geistige Lebensbrot gibt, wodurch
das einzelne Ich seine Nahrung erhalt? Das Einzel-Ich
musste sich einsam fithlen, und der Vorginger des Chri-
stus musste sagen: Ich bin ein Ich, das sich heraus-
geschalt hat, sich einsam fuhlt. Und gerade weil ich
gelernt habe mich einsam zu fihlen, fiihle ich mich
als ein Prophet, dem das Ich in der Einsamkeit die
richtige Geistes-Nahrung gibt. — Deshalb musste sich der
Verkiinder als ein Rufer in der Einsamkeit bezeichnen,
86
d.h. als das schon vereinsamte, von der Gruppenseele
vereinsamte Ich, das da schreit nach dem, wodurch das
Einzel-Ich Nahrung bekommen kann. ,,Ich bin die Stimme
eines Rufers in der Einsamkeit.‘ Da héren wir wieder
die tiefe Wahrheit: Jedes menschliche individuelle Ich
ist ein ganz auf sich gestelltes; ich bin die Stimme des
Ich, das losgelést ist, und das seinen Grund sucht, auf
dem es als losgeléstes Ich stehen kann. Jetzt verstehen
wir die Stelle: ,,[ch bin die Stimme eines Rufers in
der Einsamkeit*.
Um genau die Worte des Johannes-Evangeliums zu
verstehen, miissen wir uns ein wenig hineinfinden in
die Art und Weise, wie tiberhaupt damals Namen und
Bezeichnungen gegeben worden sind. So abstrakt und
nichtssagend wie heute war die Namengebung damals
nicht. Und wenn die Ausleger der biblischen Urkunden
nur ein klein wenig bedenken wollten, wieviel damit ge-
sagt wird, dann wiirde manche triviale Auslegung nicht
ans Tageslicht treten. Ich habe schon darauf hingewie-
sen, dass, wenn der Christus sagt: ,,[ch bin das Licht
der Welt’, damit wirklich gemeint ist, dass er der erste
war, der fiir das ,,[ch bin“ den Ausdruck und Impuls
gegeben hat. Daher muss immer da, wo das ,,Ich bin”
steht in den ersten Kapiteln, dieses ,,I[ch bin“ ganz be-
sonders betont werden. Alle Namen und Bezeichnungen
in den alten Zeiten sind in einer gewissen Weise durch-
aus real — und zu gleicher Zeit tief symbolisch ge-
braucht. Nach zwei Richtungen hin werden hier oft
gewaltige Irrtiimer begangen. Nach oberflachlicher Be-
trachtung kénnte mancher sagen: ,,Ja, nach einer solchen
Auffassung ist ja vieles symbolisch gemeint, und auf
eine solche Auslegung, wo alles nur symbolisch gemeint
sein soll, lassen wir uns nicht ein, da verfliichtigt ihr
87
ja die historischen biblischen Ereignisse!“ Und diejeni-
gen, die ganz und gar nichts verstehen von den geschicht-
lichen Ereignissen, mégen sagen: ,,Das ist alles nur sym-
bolisch gemeint.‘’ — Aber diejenigen, die so sprechen,
verstehen eben nichts von dem Evangelium. Nicht die
historische Realitét wird durch eine symbolische Erlau-
terung geleugnet; sondern es muss betont werden, dass
die esoterische Erklarung beides umfasst: die Auffassung
der Tatsachen als historische — und, indem sie historisch
sind, bedeuten sie selbst zugleich das, was wir ihnen
beilegen. Freilich, wer nur die brutalen dusseren Tat-
sachen sieht, nimlich einen Menschen, der irgendwo zu
einer Zeit geboren ist, der wird nicht begreifen, dass.
dieser Mensch noch etwas anderes ist als bloss ein
Mensch mit dem betreffenden Namen, dessen Biographie
man schreiben kann. Wer aber den geistigen Zusammen-
hang kennt, der wird verstehen lernen, dass der Mensch,
der geboren ist an einem bestimmten Orte, dieser
lebendige Mensch, ausserdem noch ein Symbolum fir
seine Zeit ist, und dass man durch seinen Namen aus-
driickt seine ganze Bedeutung fiir die Entwickelung der
Menschheit. Symbolisch und historisch zugleich, nicht
nur das eine und nicht nur das andere, das ist es, um
was es sich handelt bei der wirklichen Evangelien-Erkla-
rung. Und so werden wir bei fast allen Ereignissen und
Hinweisungen sehen, dass der Johannes oder der Schrei-
ber des Johannes-Evangeliums, der eigentlich in tber-
sinnlichen Wahrnehmungen sieht, zugleich die Ereignisse
und die Offenbarung tiefer geistiger Wahrheiten sieht:
Er hat im Auge die historische Gestalt des Taufers, er
sieht auf die historische Gestalt hin; zugleich ist ihm
aber auch die wirkliche historische Gestalt das Symbolum
fiir alle Menschen, die in den alten Zeiten schon berufen
88
waren, das Ich sich einzupragen, die aber erst auf dem
Wege dazu waren, denen hineinscheinen konnte das Licht
der Welt ins einzelne Ich —, nicht aber fir diejenigen,
die noch nicht in der Lage waren, das Licht der Welt
in ihrer Finsternis zu begreifen. Das, was als Leben, als
Licht und Logos in dem Christus Jesus erschienen ist,
es hat schon immer in der Welt geleuchtet; nicht aber
haben die es erkannt, die erst im Reifwerden begriffen
waren. Immer war das Licht da. Denn wire das Licht
nicht dagewesen, so hitte tiberhaupt nicht die Anlage zu
dem Ich entstehen kénnen. Noch auf dem Monde war
von dem heutigen Menschen nur vorhanden physischer
Leib, Aetherleib und astralischer Leib; kein Ich war
darinnen. Nur weil sich das Licht so umgewandelt hat,
wie es auf der Erde scheint, hatte es die Kraft, die
einzelnen Iche zu entziinden und langsam zum Heran-
reifen zu bringen: ,,Das Licht schien in die Finsternis;
aber die Finsternis konnte es noch nicht begreifen.“
In die einzelnen Menschen kam es, — bis zu den Ich-
Menschen kam es; denn die Ich-Menschen hitten gar
nicht entstehen kénnen, wenn es nicht in sie durch den
Logos gegossen worden ware. Aber die Ich-Menschen
nahmen es nicht auf. Nur einzelne nahmen es auf, die
Eingeweihten; die erhoben sich zu den geistigen Welten;
die trugen immer den Namen ,,Kinder Gottes“, weil sie
eine Erkenntnis hatten von dem Logos, von dem Licht
und Leben, und immer davon Zeugnis ablegen konnten.
Einzelne waren es, die immer schon durch die alten
Mysterien wussten von den geistigen Welten. Was lebte
denn in ihnen? Es lebte in ihnen dasjenige, was im
Menschen ewig ist. Ganz bewusst lebte das in ihnen.
Sie fiihlten schon vor das grosse Wort: ,,.I[ch und der
Vater sind Eins,“ namlich Ich und der grosse Urgrund
89
sind Eins! Und das Tiefste, was sie im Bewusstsein
trugen, ihr eigenes Ich, das hatten sie nicht von Vater
und Mutter, sondern sie hatten es durch die Initiation
in die geistige Welt. Nicht aus dem Blute, und nicht
aus dem Fleische, und nicht aus eines Vaters oder einer
Mutter Willen, sondern ,,aus Gott, d. h. aus der gei-
stigen Welt hatten sie es. — Da haben Sie die Erkla-
rung der Worte, dass die grosse Anzahl der Menschen,
trotzdem sie schon die Anlage zum Ich-Menschen hatten,
das Licht nicht aufnahmen, dass es wohl herab kam bis
zu dem Gruppen-Ich, dass aber die einzelnen es nicht
aufnahmen. Diejenigen, die es aber aufnahmen — das
waren nur wenige —, die konnten sich durch es zu
Gottes Kindern machen; die ihm aber vertrauten, sind
es aus Gott geworden durch die Einweihung. Das gibt
uns ein klares Bild. Damit aber alle Menschen mit Erden-
sinnen den daseienden Gott erkennen konnten, musste er
in der Art auf der Erde erscheinen, dass man ihn mit
leiblichen Augen sieht, d. h. er musste eine fleischliche
Gestalt annehmen, weil eine solche Gestalt nur mit den
leiblichen Augen gesehen werden kann. Friher konnten
ihn nur die Eingeweihten in den Mysterien sehen; jetzt
aber hatte er zum Heile aller Fleischgestalt angenommen:
das Wort oder der Logos war Fleisch geworden‘. So
kniipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums die hi-
storische Erscheinung des Christus Jesus an die ganze
Evolution an. ,,Wir haben seine Lehre gehért — die
Lehre von dem eingeborenen Sohne des Vaters!‘‘ Was
ist das fiir eine Lehre? Was sind denn die andern
Menschen fiir geborene ?
Man nannte in den alten Zeiten, in denen die Evan-
gelien geschrieben wurden, ,,zweigeboren‘‘ diejenigen, die
vom Fleische geboren sind. Sie nannte man zweigeboren
go
— sagen wir durch die Vermischung des Blutes von
Vater und Mutter. Was nicht aus Fleisch geboren ist,
und nicht durch die Menschenwirkung und nicht durch
die Vermischung des Blutes entstanden ist, das ist ,,aus
Gott geboren“; das ist ,,eingeboren“. Diejenigen, die
friiher Gotteskinder genannt waren, waren immer schon
in gewisser Weise die ,,Eingeborenen“, und die Lehre
von dem Gottessohn ist die Lehre von dem Eingebore-
nen. Der physische Mensch ist der ,,Zweigeborene, der
Geistesmensch ist der ,,Eingeborene“. Das diirfen Sie
nicht so auffassen, als ob es hiesse ,,hineingeboren‘’ —
nein, eingeboren ist der Gegensatz zu zweigeboren. Und
das Wort deutet darauf hin, dass der Mensch ausser der
physischen Geburt auch eine geistige Geburt durch-
machen kann, namlich die Vereinigung mit dem Geiste,
die Geburt, durch die er eingeboren, das Kind, der Sohn
der Gottheit wird. — Und eine solche Lehre, — gehért
werden konnte sie erst durch den, der das Fleisch ge-
wordene Wort darstellte. Durch ihn wurde die Lehre
allgemein, ,,die Lehre von dem eingeborenen Sohne des
Vaters, erfiillt von Hingabe und Wahrheit’. ,,Hingabe™
muss es hier besser tibersetzt werden, weil man es zu tun
hat mit einem zwar Herausgeboren-werden aus der Gott-
heit, aber mit einem Zusammenbleiben, mit der Hinweg-
nahme aller Illusion, die nur aus dem Zweigeboren-sein
kommt und die den Menschen umschliesst mit Sinnes-
tauschungen. Im Gegensatz zu dieser ist sie eine Lehre,
die die Wahrheit bringt in dem Christus Jesus, wie er
stand und wohnte unter den Menschen als der verk6r-
perte Logos. Johannes aber nannte sich, — das bedeutet
es wortlich: der Vorlaufer, Vorginger, der, der voran-
geht zur Verkiindigung des Ich. Johannes bezeichnete
sich selbst als den, der zwar wusste, dass dies Ich in
gi
dem Einzelnen selbstandig werden muss, der aber Zeugnis
abzulegen hatte von dem, der da kommen wird, um dies
zu bewirken. Er sagte deutlich: ,,Der, der da kommen
wird, ist das ,Ich-bin‘, das ewig ist, das wirklich von sich
sagen kann: Bevor Abraham war, war ,Ich-bin’. Johannes
konnte sagen: Das Ich, von dem hier die Rede ist, es
ist vor mir gewesen; es ist zu gleicher Zeit, trotzdem ick
sein Vorgainger bin, mein Vorgianger; ich lege Zeugnis
ab von dem, was vorher in jedem Menschen war; nach
mir wird der kommen, der vor mir gewesen ist.’ Und
nun werden bedeutsame Worte gesagt: ,,Denn aus dessen
Fille haben wir alle entnommen Gnade tiber Gnade!
Viele Menschen gibt es, die sich Christen nennen, und
die iiber das Wort die ,,Fiille’ hinweglesen, die sich bei
diesem Wort nichts besonders Genaues denken. ,,Ple-
roma‘ heisst ,,die Fille“ nach dem Griechischen. Das
steht auch im Johannes-Evangelium: ,,Denn aus dem
Pleroma haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade!“
Ich sagte, jedes Wort des Johannes-Evangeliums muss
man, wenn man es tiberhaupt verstehen will, auf die
Goldwage legen. Was ist denn nun Pleroma, die Fiille ?
Nur der kann es verstehen, der da weiss, dass man in
den alten Mysterien von dem Pleroma oder der Fiille
als von etwas ganz Bestimmtem gesprochen hat. Denn
man hat damals schon die Lehre vertreten, dass, als sich
zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die
bis zur Gdttlichkeit aufgestiegen waren wiahrend des
alten Mondes, die Elohim, einer sich von ihnen trennte;
einer blieb auf dem Mond und strahlte von dort zuriick
die Kraft der Liebe, bis die Menschen geniigend reif
waren fiir das Licht der tibrigen sechs Elohim. So unter-
schied man Jahve, den Einzelgott, den Riickstrahler und
die aus sechs bestehende Fiille der Gottheit, ,,Pleroma‘.
Q2
Da aber mit dem Gesamtbewusstsein des Sonnenlogos der
Christus gemeint ist, musste man, wenn man auf ihn
hindeutete, sprechen von der Fiille der Gétter. Diese
tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: ,,.Denn aus dem
Pleroma haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade.“
Nun gehen wir weiter, indem wir uns zuriickver-
setzen in die Gruppenseelenzeit, wo der Einzelne sein Ich
fuihlte als Gruppen-Ich. Betrachten wir nun, was als
soziale Ordnung in der Gruppe lebte. Die Menschen
leben ja doch, insofern sie sichtbare Menschen waren,
als einzelne. Sie fiihlen zwar das Gruppen-Ich, aber fir
‘die Sinne waren sie einzelne. Da sie sich noch nicht als
einzelne fiihlten, konnten sie auch noch nicht die Liebe
in vollem Masse innerlich haben. Der eine liebt den
anderen, weil er blutsverwandt mit ihm ist. Die Bluts-
verwandtschaft ist die Grundlage aller Liebe. Die Bluts-
verwandten liebten sich zuerst, und aus der Blutsver-
wandtschaft geht auch die Liebe hervor, sofern sie nicht
‘Geschlechtsliebe ist. Von dieser Gruppenseelenliebe sollen
sich die Menschen immer mehr und mehr befreien und
die Liebe als freie Gabe des Ich darbringen. Am Ende
der Erdenentwickelung werden die Menschen es erreichen,
dass eine Zeit kommt, in welcher das selbstindig gewor-
dene Ich in seinem Innersten aus voller Hingabe den
Impuls hat, das Rechte und das Gute zu tun. Weil das
Ich diesen Impuls hat, tut es das Rechte, tut es das
Gute. Wenn die Liebe so vergeistigt ist, dass niemand
anderes wollen wird, als diesem Impuls zu folgen, dann
ist das erfillt, was der Christus Jesus in die Welt brin-
gen wollte. Denn das ist eines der Geheimnisse des Chri-
stentums, dass es lehrt: ,,Schaut hin auf Christus, erfillt
euch mit der Kraft seiner Gestalt, versucht zu werden,
wie er, ihm nachzufolgen; dann wird euer befreites Ich
93
so, dass es kein Gesetz braucht, dass es als ein in seinem
Innersten freies Wesen das Gute, das Rechte tut.“ So
ist Christus der Impulsbringer der Freiheit vom Gesetz,
so dass das Gute nicht wegen des Gesetzes, sondern als
Impuls der im Innern lebenden Liebe getan wird. Dieser
Impuls wird aber noch den ganzen Rest der Erdenzeit zu
seiner Entwickelung brauchen. Der Anfang dazu ist durch
den Christus Jesus gemacht worden, und immer wird die
Christusgestalt die Kraft sein, welche die Menschen dazu
erziehen wird. Solange die Menschen nicht reif waren,
ein selbstindiges Ich zu empfangen, solange sie als Glie-
der einer Gruppe existierten, mussten sie durch ein dus-
serlich geoffenbartes Gesetz sozial geregelt werden. Und
auch heute sind die Menschen noch nicht in allen Dingen
iiber die Gruppen-Iche hinaus. In wie vielen Dingen ist
der Mensch heute durchaus nicht individueller Mensch,
sondern ein Gruppenwesen. Der Mensch, der heute
schon ein freies Wesen ware (man nennt ihn den ,,Hei-
matlosen“ auf einer gewissen Stufe der esoterischen
Schiilerschaft), der ist doch noch ein Ideal! Wer sich
freiwillig hineinstellt in das Weltenwirken, der ist indi-
viduell, der wird nicht durch das Gesetz geregelt. Im
Christusprinzip liegt die Ueberwindung des Gesetzes:
»Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade
aber durch Christus.“ Als Gnade bezeichnete man im
christlichen Sinne die Fahigkeit_ der Seele, aus dem
Tnnern_heraus das Gute zu_tun. Die Gnade und die
Im Innern erkannte “Wahrheit _ ‘ist durch Christus ent-—
standen. Sie sehen, wie tief eingreifend dieser Gedanke
fiir die ganze Menschheitsevolution ist. -
Friher wurden diejenigen, die eingeweiht wurden,
zu héheren geistigen Wahrnehmungsorganen gebracht.
Mit dusseren Augen hat vorher niemals einer einen Gott
94
gesehen. Der eingeborene Sohn, der im Innern des
Vaters ruht, der ist der erste, der uns dahin gefiihrt
hat, auf die Weise einen Gott zu schauen, wie Menschen
auf der Erde mit Erdensinnen ihre Umgebung sehen.
Vorher war der Gott unsichtbar geblieben. Er offenbarte
sich im Uebersinnlichen durch den Traum oder durch
etwas anderes in den Einweihungsstatten. Jetzt war der
Gott historisch-sinnliche Tatsache, eine fleischliche Gestalt
geworden. Das liegt in den Worten: ,,Gott hat bisher
noch niemand gesehen. Der eingeborene Sohn, welcher
im Innern des Weltenvaters war, er ist der Fiihrer in
diesem Schauen geworden.“ Er hat die Menschen dazu
gebracht, mit den Erdensinnen einen Gott zu sehen.
So sehen wir allerdings, wie scharf und bedeutsam
im Johannes-Evangelium auf das historische Ereignis
in Palastina hingewiesen wird, und mit welch paradig-
matischen, fest umrissenen Worten, die aber durchaus
auf die Goldwage gelegt werden miissen, wenn wir sie
zum Verstindnisse des esoterischen Christentums benutzen
wollen. Und nun werden wir in den nachsten Vortragen
sehen, wie dieses Thema weiter ausgefiihrt und zugleich
gezeigt wird, dass der Christus nicht nur der [ihrer
derjenigen ist, die mit der Gruppenseele zusammenhan-
gen, sondern wie er in jeden einzelnen Menschen kommt
und gerade das individuelle Ich mit seinem Impuls aus-
statten will. Die Blutsverwandtschaft bleibt ja bestehen,
aber die Geistigkeit der Liebe tritt hinzu. Und dieser
Liebe, die vom freien Ich zum freien Ich geht, gibt er
den Impuls. Fiir den in der Einweihung Begriffenen
enthillt sich Tag fiir Tag eine Wahrheit nach der
anderen. Eine wichtige Wahrheit enthiillt sich z. B.
immer am dritten Tage. Das ist die, wo man véllig
verstehen lernt, dass in der Entwickelung der Erde ein
95
Punkt ist, wodurch sich die an das Blut gekniipfte
materielle Liebe immer mehr vergeistigt. Das ist das
Ereignis, das veranschaulichen soll den Uebergang von
der reinen Blutsliebe zu der geistigen Liebe. Darauf wird
hingewiesen mit bedeutungsvollen Worten von dem Chri-
stus Jesus, wenn er sagt: ,,Es wird eine Zeit kommen,
die meine Zeit ist, wo die wichtigsten Dinge geschaffen
werden durch Menschen, die nicht mehr durch Bluts-
verwandtschaft zusammenhingen, sondern durch solche,
die als einzelne fiir sich stehen. Diese Zeit muss aber
erst kommen.’ Der Christus selber, der den ersten Im-
puls gibt, sagt bei einer wichtigen Gelegenheit, dass sich
dieses Ideal einmal erfiillen wird, dass aber seine Zeit
noch nicht gekommen ist. Er deutet prophetisch darauf
hin, als die Mutter dasteht und ihn auffordert, etwas zu
tun fiir die Menschheit, als sie gleichsam darauf anspielt,
sie habe ein Recht, ihn zu veranlassen zu einer wichtigen
Tat fiir die Menschen. Da erwidert er: ,,Ja, was wir
heute tun kénnen, das hat noch etwas zu tun mit den
Blutsbanden, mit dem Verhiltnis von ,mir und dir‘;
denn meine Zeit ist noch nicht gekommen!“ Dass eine
solche Zeit kommt, wo der Einzelne fiir sich stehen
muss, ist mit der Erzihlung der Hochzeit zu Kana aus-
gedriickt; und die Aufforderung ,,Sie haben nicht Wein!“
wird von Jesus so beantwortet, dass er sagt: ,,Das ist
etwas, was noch mit ,mir und dir‘ zu tun hat; meine
Zeit, die ist noch nicht gekommen!‘ Daher stehen da
die Worte ,,zwischen mir und dir“ und ,,meine Zeit
ist noch nicht gekommen™. Was da steht im Text,
deutel auf dieses Geheimnis hin. Wie vieles andere, ist
auch diese Stelle immer recht grob tbersetzt worden.
Nicht ,,Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?“ sollte
dastehen, sondern ,,Dies im Zusammenhang zwischen mir
96
und deiner Blutsverwandtschaft“. So fein und subtil ist
der Text, aber bloss verstindlich fiir die, die ihn ver-
stehen wollen. Wenn aber immer wieder diese religidsen
Urkunden heute von allerlei Leuten erklirt werden, méchte
man doch fragen: Haben denn die, welche sich Christen
nennen, gar keine Empfindung dabei, wenn sie Christus
— nach unrichtiger Uebersetzung — den Ausspruch tun
lassen: ,,Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?‘
Bei vielem, was sich heute Christentum nennt und
sich beruft auf das Evangelium, muss man fragen:
»Haben sie denn das Evangelium ?“ Es handelt sich
darum, dass man das Evangelium erst habe. Und bei
einer solch tiefen Urkunde, wie es das Johannes-Evan-
gelium ist, handelt es sich wirklich darum, dass man
erst jedes Wort auf die Goldwage legt, um es in seinem
rechten Werte zu erkennen.
7 97
V.
Die sieben Grade der Einweihung.
Die ersten Zeichen.
Bei den Betrachtungen tiber das Johannes-Evangelium
dirfen wir nirgends die ganz prinzipielle Auseinander-
setzung ausser acht lassen, die wir gestern gepflogen
haben: namlich, dass wir es in dem_ urspringlichen
Verfasser des Johannes-Evangeliums zu tun haben mit
dem von dem Christus Jesus selbst eingeweihten Lieb-
lingsschiiler. Es kénnte jemand nun natirlich fragen:
Ja, ist denn, ganz abgesehen von dem okkulten Wissen,
auch vielleicht ein dusseres Zeugnis dafiir vorhanden,
durch welches der Verfasser des Johannes-Evangeliums
erraten lasst, dass er zu der hdheren Art des Wissens
iiber den Christus durch die Auferweckung, durch die
Einweihung, die im sogenannten Lazaruswunder darge-
stellt ist, gekommen sei? — Wenn Sie das Johannes-
Evangelium sorgfaltig lesen, werden Sie eins bemerken.
Sie werden bemerken, dass nirgends im Johannes-Evange-
lium, aber auch gar nirgends vor jenem Kapitel, das
die Auferweckung des Lazarus behandelt, von dem Jiin-
ger, ,den der Herr lieb hatte‘‘, die Rede ist; d. h. der
eigentliche Verfasser des Johannes-Evangeliums will sa-
gen: Dasjenige, was vorher ist, das stammt noch nicht
aus dem Wissen, das mir durch die Einweihung gewor-
den ist, da miisst ihr noch zunaichst von mir absehen.
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Nachher erwahnt er erst den Jiinger, ,,den der Herr lieb
hatte. Dadurch also zerfallt das Johannes-Evangelium
in zwei wichtige Teile: in einen ersten Teil, wo der
Jiinger, den der Herr lieb hatte, noch nicht erwihnt
wird, weil er noch nicht eingeweiht war, — und erst
nach der Auferweckung des Lazarus, da wird dieser
Jiinger erwihnt. Nirgends in der Urkunde selbst werden
Sie einen Widerspruch finden mit dem, was in den
letzten Vortrigen angefiihrt worden ist. Natiirlich liest
ein das Evangelium nur dusserlich betrachtender Mensch
leicht dariiber hinweg, beachtet es nicht; und man muss
heute, wo alles popularisiert wird, wo allerlei Weisheit
zu den Menschen dringt, das eigentiimliche Schauspiel
erleben, dass wirklich oft recht Zweifelhaftes unter
dieser Weisheit ist.
Wer wiirde es nicht als einen Segen betrachten, dass
durch solche billige Literatur, wie es die ,,Reclam’sche
Universal-Bibliothek“ ist, allerlei Wissen unter das Volk
getragen wird. Nun ist unter den letzten Heften auch
eines erschienen tiber ,,die Entstehung der Bibel’. Der
Verfasser nennt sich auf dem Titel einen Doktor der
Theologie, er ist also Theologe. Er meint, dass auf den
Verfasser des Johannes-Evangeliums eigentlich durch alle
Kapitel des Johannes-Evangeliums hindurch, yon dem 35.
Vers an im ersten Kapitel auf den Johannes hingewiesen
wurde. Als mir dieses Biichlein zur Hand kam, traute
ich wirklich meinen Augen nicht und sagte mir: Da muss
doch eigentlich etwas ganz Sonderbares vorliegen, was
gegen alle bisherigen okkulten Ansichten — dass der
Lieblingsschiiler nicht vor der Auferweckung des Lazarus
erwahnt werde — verstésst. Aber ein Theologe sollte es
doch wissen! Nun, um nicht gar zu schnell abzuurteilen,
nehmen Sie das Johannes-Evangelium in die Hand und
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sehen Sie, was da steht: ,,Des andern Tages stund aber-
mal Johannes und zween seiner Jiinger’. Johannes wird
erwahnt, der Taufer, und von zweien seiner Jiinger wird
gesprochen. Das Ginstigste, das fiir diesen Theologen
angenommen werden kann, ist, dass sein Bewusstsein er-
fulit ist von einer alten exoterischen Tradition, die da
besagt: unter den zweien Jiingern sei der eine der Johan-
nes. Diese Tradition stiitzt sich auf Matthaus 4, 21. Aber
man darf das Johannes-Evangelium nicht durch die an-
deren Evangelien erklaren. Ein Theologe hat es also
zustande gebracht, ein direkt schadliches Buch hinein-
zubringen in die populaire Literatur; und wenn man
weiss, wie das weiter frisst, was gerade auf diese Weise
durch eine solche billige Literatur unter das Volk kommt,
dann kann man den Schaden abmessen, der daraus ent-
springt. Das sollte nur eine Zwischenbemerkung sein,
damit eine gewisse Schutzwand aufgerichtet wird gegen
allerlei Einwande, die etwas anfiihren kénnten gegen
das, was hier gesagt wird.
Nun wollen wir einmal ins Auge fassen, dass das,
was der Auferweckung des Lazarus vorangeht, zwar die
Mitteilung ganz gewaltiger Dinge ist, dass sich aber
der Verfasser erst fiir die Kapitel nach der Auferwek-
kung des Lazarus die allertiefsten Dinge aufbewahrt hat.
Dennoch wollte er tiberall darauf hinweisen, dass der
Inhalt seines Evangeliums etwas ist, woriiber nur der-
jenige Bescheid weiss, der bis zu einem gewissen Grade
eingeweiht ist. Daher deutet er an verschiedenen Stellen
darauf hin, dass man in den Dingen, die in den ersten
Kapiteln mitgeteilt sind, es zu tun habe mit einer Art von
Einweihung bis zu einem gewissen Grade. Es gibt eben
Einweihungen verschiedener Grade. Man unterschied z. B.
in einer gewissen Form morgenlandischer Einweihung
100
sieben Grade der Einweihung, und diese sieben Grade
der Einweihung benannte man mit allerlei symbolischen
Namen. Der erste Grad war der Grad des ,,Raben‘‘, der
zweite der des ,,Okkulten‘’, der dritte der des ,,Streiters“,
der vierte der des ,,L6wen‘. Der fiinfte Grad wird nun
bei den verschiedenen Vélkern, die noch eine Art von
Blutzusammengehérigkeit fiihlten als den Ausdruck ihrer
Gruppenseele, bezeichnet mit dem Namen des Volkes;
also bei den Persern z. B. wird ein im fiinften Grade
Eingeweihter erst im okkulten Sinne ein_,,Perser‘ ge-
nannt. Wenn wir uns klar machen, was diese Namen
bedeuten, wird uns die Berechtigung dieser Benennungen
bald erscheinen.
Ein im ersten Grade Eingeweihter ist derjenige, der
die Vermittelung zwischen dem okkulten und dem 4us-
seren Leben bildet, der hin und her gesandt wird. Auf
der ersten Stufe hat sich der Mensch noch mit voller
Hingebung dem 4usseren Leben zu widmen, aber das,
was er erkundet, hat er hineinzutragen in die Kinweihungs-
statten. Von ,,Raben” spricht man also da, wo Worte yon
aussen nach innen irgend etwas zu vermitteln haben. Er-
innern Sie sich an die Raben des Elias oder an die Ra-
ben des Wotan, selbst noch an die Raben in der Bar-
barossa-Sage, wo sie erkunden sollen, ob es schon Zeit
ist, herauszukommen. Der im zweiten Grade Eingeweihte
stand schon voll im okkulten Leben. Einer, der im drit-
ten Grade war, durfte fiir das Okkulte eintreten; der
Grad des Streiters bedeutet nicht einen Menschen, der
da streitet, sondern einen, der fiir die okkulten Lehren
eintreten darf, fiir das, was das okkulte Leben zu geben
vermag. Derjenige, der ein Léwe ist, ist ein solcher, der
das okkulte Leben in sich verwirklicht; so dass er nicht
bloss mit Worten fiir das Okkulte eintreten darf, son-
IOI
dern auch mit Taten, d.h. mit einer Art magischer
Taten. Der sechste Grad ist der Grad des ,,Sonnenhel-
den‘, und der siebente Grad ist der Grad des ,,Vaters™.
Fir uns kommt der fiinfte Grad in Betracht.
Der Mensch stand ja besonders in alten Zeiten in-
nerhalb seiner Gemeinschaft und fiihlte sich deshalb
auch, wenn er sein Ich fihlte, mehr als Mitglied einer
Gruppenseele. Wer aber Eingeweihter des fiinften Gra-
des war, hatte ein gewisses Opfer dargebracht, seine
Persdnlichkeit so weit abgestreift, dass er in seine Per-
sonlichkeit das Wesen des Volkes aufnahm. Wie der
andere Mensch seine Seele in der Volksseele fiihlte, so
hatte er die Volksseele in sich aufgenommen, weil alles,
was Persénlichkeit war, fiir ihn nicht in Betracht kam,
sondern nur der allgemeine Volksgeist. Deshalb bezeich-
nete man einen solchen Eingeweihten mit dem Namen des
betreffenden Volkes. — Nun wissen wir, dass uns im
Johannes-Evangelium gesagt wird, dass unter den ersten
Jiingern des Christus Jesus auch Nathanael ist. Er wird
dem Christus vorgefiihrt. Er ist nicht so hoch, dass er
den Christus zu durchschauen verméchte. Der Christus
ist natiirlich der Geist des umfassenden Wissens, der
von einem Nathanael, einem im finften Grade Einge-
weihten, nicht durchschaut werden kann. Aber der Chri-
stus durchschaut den Nathanael. Das zeigt sich durch
zwei Tatsachen. Wie bezeichnet er selbst ihn? ,,Das
ist ein rechter Israeliter!‘““ Da haben Sie die Bezeich-
nung nach dem Namen des Volkes. Wie man bei den
Persern einen im fiinften Grade Eingeweihten einen
»,Perser’’ nannte, so nannte man einen solchen bei den
Israeliten einen ,,Israeliter“.. Daher nennt Christus den
Nathanael einen ,,Israeliter“. Und dann sagt er ihm:
»Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Fei-
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genbaum warest, sah ich dich!‘‘ Das ist eine symbo-
lische Bezeichnung fiir einen Eingeweihten, geradeso wie
das Sitzen Buddhas unter dem Bodhi-Baum. Der Fei-
genbaum ist ein Symbol der agyptisch-chaldaischen Ein-
weihung. Er will ihm damit sagen: ,,Oh, ich weiss wohl,
dass du ein in gewissem Sinne Eingeweihter bist und ge-
wisse Dinge durchschauen kannst, denn ich sah dich!‘
Und nun erkennt ihn Nathanael: ,,Nathanael antwortet
und spricht zu ihm: ,,Meister, du bist Gottes Sohn und
ein K6nig in Israel“. Das Wort ,,Kénig“ bedeutet in
dieser Zusammensetzung: Du bist ein Héherer als ich,
denn sonst kénntest du nicht sagen: ,,Da du unter dem
Feigenbaum sassest, sah ich dich.“ Und der Christus
antwortet darauf: ,,Du glaubest mir, weil ich dir gesagt
habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum;
du wirst noch Grdésseres sehen.‘’ Die Worte ,,wahrlich,
wahrlich werden wir noch zu besprechen haben. Dann
sagt er: ,,[ch sage euch, ihr werdet die Engel des Him-
mels auf den Menschensohn auf- und _niedersteigen
sehen!‘ Grdésseres als sie schon gesehen haben, werden
die noch sehen, die Christus zu erkennen vermégen. Was
ist das wieder fiir ein bedeutsames Wort ?
Um es zu erklaren, erinnern wir uns daran, was der
Mensch zunichst eigentlich ist. Wir haben gesagt, dass
der Mensch ein verschiedener ist bei Tag und bei Nacht.
Bei Tag sind die vier Glieder des Menschen: physischer
Leib, Aetherleib, astralischer Leib und Ich, in einer fe-
sten Verbindung miteinander. Sie wirken aufeinander. Wir
diirfen sagen, wenn der Mensch wacht bei Tage, dann
wird in einer gewissen Weise seine physische Kérper-
lichkeit und seine Atherische Leiblichkeit von seinem
Astralisch-Geistigen und von seinem Ich-Geistigen durch-
drungen und yersorgt. Aber wir haben auch gezeigt, wie
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in dem atherisch Leiblichen und in dem physisch Ké6r-
perlichen noch etwas anderes wirksam sein muss, damit
der Mensch iiberhaupt bestehen kann in seiner heutigen
Entwickelungsphase. Denn wir haben uns darauf be-
sonnen, dass der Mensch jede Nacht dasjenige, was
selbst seinen physischen Leib und seinen Aetherleib ver-
sorgt, nimlich Astralleib und Ich, herauszieht und so
seinen physischen Leib und Aetherleib die ganze Nacht
iiber ihrem eigenen Schicksale tiberlaisst. Treulos ver-
lassen Sie alle jede Nacht Ihren physischen Leib und
Ihren Aetherleib. Daraus werden Sie erkennen, dass die
Geisteswissenschaft mit einem gewissen Recht darauf
hinweist, dass géttlich-geistige Machte und Krafte in der
Nacht diesen physischen Leib, diesen Aetherleib durch-
strémen, so dass also Ihr physischer Leib und Aether-
leib sozusagen in die géttlich-geistigen Krafte und We-
senheiten eingeschaltet sind. Wir haben auch darauf
hingewiesen, dass gerade, wenn der astralische Leib und
das Ich in alten Zeiten — in den Zeiten, die wir die
Jahve- oder Jehovazeit nannten — ausserhalb des physi-
schen Leibes und Aetherleibes waren, dass da Jehova
inspirierend wirkte. Das wahre Licht aber, die Fille
der Gottheit oder der Elohim, das Pleroma, ist es, was
auch den physischen Leib und den Aetherleib immer
durchstrahlt; nur kann es der Mensch nicht erkennen,
weil er ja von dem Christusprinzip noch nicht den dazu
notwendigen Impuls erhalten hat vor dem Erscheinen
dieses Prinzipes auf der Erde. Diejenigen Prinzipien,
die im physischen Leibe zum Ausdruck kommen sollen,
sie wohnen im héheren Geistigen, im Devachan. Die
geistigen Wesenheiten und Machte, die auf den physi-
schen Leib wirken, sind zu Hause in den héheren himm-
lischen Sphiren, in dem hdheren Devachan; und dieje-
104
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nigen Michte, die auf den Aetherleib wirken, sind in den
niederen himmlischen Sphiren zu Hause. So kénnen
wir sagen: In diesen physischen Leib hinein wirken
fortwihrend Wesenheiten aus den héchsten Regionen
des Devachan, und auf den Aetherleib wirken fortwiih-
rend Wesenheiten aus den niederen Regionen des Deva-
chan. Sie kann der Mensch erst erkennen, wenn er die
Impulse des Christus in sich aufnimmt: ,,Lernt ihr den
Menschensohn wirklich erkennen, dann werdet ihr er-
kennen, wie die geistigen Kraifte am Menschen auf- und
niedersteigen aus den himmlischen Spharen. Das wird
euch kund werden durch den Impuls, den der Chri-
stus der Erde gibt!“
Auf das, was nun folgt, ist schon gestern hingewie-
sen worden. Es ist die Hochzeit zu Kana in Galilia, was
man oft auch nennt ,,das erste der Wunder — besser
wiirde man sagen ,,das erste der Zeichen“, die der Chri-
stus Jesus tut. — Um nun zu verstehen das Gewaltige,
das darin liegt, miissen wir vieles zusammenfassen von
dem, was wir in den letzten Vortragen gehért haben.
Zunachst ist hier die Rede von einer Hochzeit, —
warum aber eine Hochzeit in Galilaa ? Wir werden ver-
stehen, warum es eine Hochzeit in Galilia ist, wenn wir
uns die ganze Mission des Christus noch einmal vor
die Seele rufen. Seine Mission besteht darin, dem Men-
schen die volle Kraft des Ich, die innere Selbstindigkeit
in die Seele zu bringen. Das einzelne Ich sollte sich in
volliger Selbstindigkeit und Abgeschlossenheit, in volli-
gem Stehen-in-sich-selber fiithlen, und durch die Liebe,
die als eine freie Gabe gegeben wird, soll Mensch mit
Mensch zusammengefiihrt werden. Eine Liebe also soll
durch das Christusprinzip in die Erdenmission hinein-
kommen, die immer mehr und mehr iiber das Ma-
10D
terielle erhaben ist und immer mehr und mehr in
Geistiges aufsteigt. Ausgegangen ist die Liebe von ihrer
niedersten Form, die an die Sinnlichkeit gebunden ist.
Dasjenige liebte sich in den urspriinglichen Mensch-
heitszeiten, was durch Blutsbande miteinander verbunden
war, und man hielt ungemein viel darauf, dass die Liebe
diese materielle Basis der Blutsverwandtschaft habe.
…[truncated]