Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Das Prinzip der spirituellen Okonomie 
im Zusammenhang 
mit Wiederverkorperungsfragen 

Ein Aspekt der geistigen Fiihrung 
der Menschheit 

Dreiundzwanzig Vortrage, gehalten 
2wischen dem 21. Januar und 15.Juni 1909 
in verschiedenen Stadten 



2000 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Gunther Schubert und Hella Wiesberger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1965 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1979 

3., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 2000 



Friihere Veroffentlichungen 
siehe zu Beginnn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 109 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff und Hedwig Frey 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Domach/Schweiz 
© 1965 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1090-6 



Zu den Verb'ffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daB seine frei gehal- 
tenen Vortrage — sowohl die offentlichen als auch die fiir die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft 
— schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, 
nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernach- 
schriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt, 
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz we- 
nigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muB gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den 
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

DAS PRINZIP DER SPIRITUELLEN OKONOMIE IM 
ZUSAMMENHANG MIT WIEDERVERKORPERUNGSFRAGEN - 
EIN ASPEKT DER GEISTIGEN FUHRUNG DER MENSCHHEIT 



Komplizierte Fragen der Wiederverkorperung. Wodurch bleibt das, 
was die Eingeweihten errungen haben, fur die Zukunft erhalten? 



Heidelberg, 21. Januar 1909 9 

Das Christentum im Entwickelungsgang unserer gegenwartigen 
Menschheit — Fuhrende Individualitaten und avatarische Wesenheiten 

Berlin, 15. Februar 1909 19 

Intimere Reinkarnationsfragen 

Miinchen, 7. Marz 1909 39 

Geisteswissenschaftliche Ergebnisse iiber die Menschheits- 
entwickelung 

Rom, 28. Marz 1909 61 

Rom, 31. Marz 1909 67 

Zur Einweihung des Franz von Assisi-Zweiges 

Malsch, 6. April 1909 73 

Das makrokosmische und das mikrokosmische Feuer — 
Die Vergeistigung des Atems und des Blutes 

Koln, 10. April 1909 92 

Das Ereignis von Golgatha — Die Bruderschaft des Heiligen Gral — 
Das vergeistigte Feuer 

Koln, Ostersonntag, 11. April 1909 104 



Ake Offenbarung und neuzeitliches Fragenlernen 
Kristiania (Oslo), 16. Mai 1909 



119 



Der Gott des Alpha und der Gotc des Omega 

Berlin, 23. Mai 1909 125 

Von Buddha zu Christus 

Budapest, 31. Mai 1909, beim Internationalen Kongrefi der Federation 
europdischer Sektionen der Theosopbischen Gesellscbaft 140 



Wortlaute aus weiteren Vortragen iiber spirituelle Okonomie . . 285 

II 

THEOSOPHIE UND OKKULTISMUS DES ROSENKRE UZERS 

Ein Zyklus von zehn Vortragen, 
gehalten in Budapest vom 3. bis 12. Juni 1909 



Die Theosophie des Rosenkreuzers 

Erster Vortrag, Budapest, 3. Juni 1909 155 

Die verschiedene Art der Beseelung der uns umgebenden Welt 

Zweiter Vortrag, Budapest, 4. Juni 1909 ■ ■ 166 

Das Wesen des Menschen 

Drifter Vortrag, Budapest, 5. Juni 1909 ■ 176 

Der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt \ 

Vierter Vortrag, Budapest, 6. Juni 1909 . 186 

Die physische Welt als Ausdruck geistiger Wirkungen und Wesen 

Funfter Vortrag, Budapest, 7. Juni 1909 197 

Die Gestaltung und die Wandlungen des physischen Menschenleibes 

Sechster Vortrag, Budapest, 8. Juni 1909 210 

Die Entwickelungsstadien unserer Erde bis zur lemurischen Epoche 

Siebenter Vortrag, Budapest, 9. Juni 1909 221 

Die Entwickelungsstadien unserer Erde. Lemurische, atlantische, 
nachatlantische Epoche 

Achter Vortrag, Budapest, 10. Juni 1909 234 



Das Erleben des Menschen nach dem Tode 

Neunter Vortrag, Budapest, 11. Juni 1909 



249 



Einiges iiber Karma, Reinkarnation und iiber die Einweihung 

Zehnter Vortrag, Budapest, 12. Juni 1909 259 

III 

Buddha und Christus 

Wien, 14. Juni 1909 267 

Zur Einweihung des Zweiges Breslau 

Breslau, 15. Juni 1909 274 

ANHANG ZU TEIL I 

AUSZUGE VON WESENTLICHEN AUSSAGEN RUDOLF STEINERS 
AUS MANGELHAFTEN NOTIZEN 
VON VORTRAGEN DES GLEICHEN THEMAS 

Basel, 3. Februar 1909 285 

Stuttgart, 7. Februar 1909 286 

Leipzig, 19. Februar 1909 286 

Leipzig, 19. Februar 1909 289 

Kassel, 25. Februar 1909 290 

Berlin, 22. Mdrz 1909 291 

Stuttgart, 1. Januar 1911 292 

Berlin, 17. Dezember 1911 293 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 297 

Hinweise zum Text 299 

Korrekturennachweis 306 

Personenregister 307 

Namen aus der Bibel, Mythologien, Sagen 308 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 309 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 311 



I 



DAS PRINZIP DER SPIRITUELLEN OKONOMIE IM 
ZUSAMMENHANG MIT WIEDERVERKORPERUNGSFRAGEN 

EIN ASPEKT DER GEISTIGEN FUHRUNG DER MENSCHHEIT 



KOMPLIZIERTE FRAGEN DER WIEDERVERKORPERUNG. 
WODURCH BLEIBT DAS, WAS DIE EINGEWEIHTEN ERRUNGEN 
HABEN, FUR DIE ZUKUNFT ERHALTEN? 

Heidelberg, 21.Januar 1909 

Es sollen einige intime Fragen der Wiederverkorperung besprochen 
werden, welche nur in einem Zweige von vorbereiteten Anthroposo- 
phen erortert werden konnen. Damit ist nicht bloB gemeint, daB 
solche Anthroposophen theoretisch vorbereitet sein sollen, sondern 
daB sie durch ihr Mitarbeiten in einem Zweige ihr Empfindungs- 
vermogen herangebildet haben. Denn wir alle erinnern uns, daB durch 
dieses Mitarbeiten Veranderungen vorgegangen sind in unseren Emp- 
findungen und Gefuhlen fur die Wahrheit. Was wir heute nicht nur 
glauben, sondern als iiber allem Glauben stehend [als wahr] betrachten, 
das war auch uns friiher unglaubhaft und ist heute noch phantastisch, 
Unsinn, Traumerei fur die Fernstehenden. DaB man sich also gewohnt 
hat, wirklich in diesen Anschauungen so zu leben, das ist das Zeichen 
des Vorgeriickteren, und dieser kann dann herantreten an die Betrach- 
tung spezieller Fragen. Manches, was hier gesagt wird, scheint fern- 
liegend; und doch sind alle diese Dinge aufklarend fur das Leben und 
seine Erscheinungen, obwohl wir zunachst weit zuriickgehen miissen 
in feme Perioden der Menschheitsentwickelung. Wir miissen davon 
ausgehen, uns vor die Seele zu stellen, wie der Vorgang der Reinkar- 
nation sich im allgemeinen darstellt. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, so hat er zu- 
nachst bestimmte Erlebnisse. Das erste Erlebnis besteht darin, daB er 
das Gefiihl hat, als ob er groBer wiirde, als ob er hinauswuchse aus 
seiner Haut. Er bekommt dann eine andere Anschauung von den Dingen 
als vorher im physischen Leben. In der physischen Welt hat jedes 
Ding seinen bestimmten Platz, hier oder dort, auBerhalb des Beobach- 
ters. In dieser neuen Welt aber ist das anders. Da ist es, als ob der 
Mensch {in den Dingen] darinnen sei, als ob er mit oder in den Dingen 
ausgedehnt ware, wahrend er friiher nur ein Glied an seinem Platze 
war. Das zweite Erlebnis besteht darin, daB der Mensch ein Erinnerungs- 



tableau seines verflossenen Lebens hat, daB alle Ereignisse des Lebens 
in umfassender Erinnerung auftreten. Dies dauert eine ganz bestimmte 
Zeit. Aus Griinden, die heute nicht angegeben werden konnen, ist 
diese Zeit langer oder kiirzer, je nach dem Individuum. Im allgemeinen 
kann man die Dauer dieses Zustandes daran bestimmen, wie lange der 
Mensch in seinem verflossenen Leben sich wach erhalten konnte, ohne 
vom Schlaf bezwungen zu werden. Angenommen, er habe als auBerste 
Grenze fur die Dauer des Wachbleibens die Zeit von achtundvierzig 
Stunden gehabt, dann dauert auch nach seinem Tode das Erinne- 
rungstableau achtundvierzig Stunden. Also diese Stufe ist wie ein 
Uberschauen des letzten Lebens. 

Dann tritt der Atherleib heraus aus dem Astralleibe, in welchem das 
Ich lebt. Bisher waren alle drei verbunden, nachdem der physische 
Leichnam verlassen worden war; nun tritt auch der Atherkorper aus 
und wird zum atherischen Leichnam. Jedoch wird bei keinem heutigen 
Menschen der Atherleib vollstandig abgelegt, sondern der Mensch 
nimmt von seinem Atherleibe einen Extrakt oder Auszug fur die 
ganze folgende Zeit mit. Also der Atherleichnam wird abgelegt, aber 
die Frucht des letzten Lebens wird von Astralleib und Ich mitgenom- 
men. Wenn man ganz genau sprechen will, so muB man sagen, daB 
auch vom physischen Leibe etwas mitgenommen wird: eine Art 
geistigen Auszug dieses Leibes - die Tinktur der mittelalterlichen 
Mystiker. Aber dieser Auszug des Physischen ist in alien Leben gleich, 
er reprasentiert nur das Faktum, daB das Ich verkorpert war. Die 
Essenz des Atherleibes dagegen ist in alien Leben verschieden, je 
nach den darin gesammelten Erfahrungen, je nachdem man viel oder 
wenig vorwartsgekommen ist. 

Darauf folgt nun der Kamalokazustand, die Zeit des Abgewohnens 
vom physischen, sinnlichen Leben, welche etwa ein Drittel der physi- 
schen Lebenszeit dauert. Wenn der Atherleib abgelegt ist, so hat der 
Astralleib noch alle die Leidenschaften, Begierden und so weiter, 
welche er am Ende des Lebens hatte; diese miissen nun abgewohnt, 
gelautert werden, und das ist Kamaloka. Dann wird auch der Astral- 
leib abgelegt. Auch da wieder wird die Frucht, die Astralessenz 
mitgenommen, das iibrige, der Astralleichnam, zerflieBt in die astra- 



lische Welt. Und nun tritt der Mensch ins Devachan ein, wo er sich 
in der geistigen Welt vorbereitet fur ein neues, kiinftiges Leben. 
Hier lebt er mit geistigen Ereignissen und Wesenheiten, bis er wieder 
hereingerufen wird in die physische Welt, sei es, weil sein Karma 
es so bedingt, sei es, weil er auf der physischen Erde gebraucht 
wird. 

Dies ist eine allgemeine Schilderung des Vorganges. Aber das Leben 
im Geistigen schreitet bestandig vorwarts, dadurch daB das Zu- 
kiinftige sich angliedert an das Vergangene, daB das Kommende sich 
auf baut mit Hilfe des Friiheren. Wenn man darauf eingeht, wie dies 
im einzelnen geschieht, so enthullen sich wunderbare Dinge, vieles, 
was in der einfachen Darstellung des Reinkarnationsvorganges nicht 
enthalten ist. Es ist jaklar, daB es groBe Unterschiede in dem Gange 
der Entwickelung der Menschen gibt, daB auch die Ausziige oder 
Extrakte ihrer Korper von ganz verschiedenem Werte sein werden, 
je nachdem sie diese oder jene Fruchte aus dem Leben herausgezogen 
haben. Und wenn wir uns erinnern, daB es groBe Fiihrer der Mensch- 
heit, Eingeweihte gibt, welche andere Menschen in die geistigen 
Welten einfiihren, so miissen wir uns fragen: Wodurch bleibt das, was 
die Eingeweihten errungen haben, fur die Zukunft erhalten? - Die 
auBere Geschichte kann dariiber natiirlich keine Auskunft geben. Wir 
miissen die Wiederverkorperung der Eingeweihten naher betrachten, 
und zwar zunachst der altesten Eingeweihten, um dann die Resultate 
anzuwenden. 

Ehe die Menschheit die jetzigen Kontinente bewohnte, war die 
Physiognomie der Erde eine ganz andere. Es existierte da, wo heute 
der Atlantische Ozean ist, der Kontinent Atlantis. Dieser wurde dann 
durch groBe Katastrophen, die in der Sintflutsage der Volker ent- 
halten sind, vernichtet. Die Atlantier - also wir selbst - hatten ihre 
groBen Fiihrer und Eingeweihten, und es gab schon zu jener Zeit 
Lehrstatten oder Schulen, in denen die Eingeweihten lehrten. Sie 
konnen heute hellseherisch erforscht werden. Wir sehen dann, daB es 
eine Anzahl solcher Statten gab, in denen die Fiihrer lehrten und 
lebten. Ein guter Name fur dieselben ist «Orakel». Eines der groBten 
und wichtigsten Orakel war das Sonnenorakel. In diesem lebte der 



bedeutsamste Fiihrer. Seine Hauptaufgabe bestand darin, Offen- 
barungen iiber die Geheimnisse der Sonne zu geben; nicht der physi- 
schen - denn das ist nur die AuBenseite -, sondern der wirklichen 
Sonne. Diese wirkliche Sonne besteht aus geistigen Wesenheiten, die 
sich der physischen Sonne bedienen, wie die Menschen sich der Erde 
bedienen. Die inneren Geheimnisse dieses Sonnendaseins zu schauen 
und zu offenbaren, das war die Aufgabe des groBen Sonnenorakels. 
Fur dieses war das Sonnenlicht nicht einfach etwas Physisches, son- 
dern jeder Sonnenstrahl ist die Tat der geistigen Wesenheiten, welche 
auf der Sonne ihren Schauplatz haben. Diese groBen Wesenheiten 
waren zur Zeit der alten Atlantis noch ausschlieBlich auf der Sonne. 
Spater anderte sich dies, indem die groBe Wesenheit, welche spater 
Christus genannt wurde, sich mit der Erde vereinte. Man kann daher 
das Sonnenorakel auch das Christus-Orakel nennen. Die Vereinigung 
der Christus-Wesenheit mit der Erde geschah, als auf Golgatha das 
Blut des Christus Jesus floB. Da vereinte sich sein Wesen mit der 
Atmosphare der Erde, wie dies heute noch im hellseherischen Riick- 
blick wahrgenommen werden kann. So kam die Christus-Wesenheit 
von der Sonne auf die Erde. Als bei Damaskus das Licht der geistigen 
Erleuchtung auf den Saulus-Paulus fiel, da sah Paulus den mit der 
Erde vereinten Christus und wuBte zugleich, daB er es war, der auf 
Golgatha sein Blut vergossen hatte. 

Auf den kommenden Christus wies schon das Sonnenorakel der 
alten Atlantis. Es prophezeite das Kommen des Sonnengottes, der 
zwar erst viel spater als Christus bezeichnet wurde, aber wir konnen 
trotzdem das Sonnenorakel als Christus-Orakel bezeichnen. Diese 
Orakel hatten viele Nachziigler in spateren Zeiten, es gab Saturn-, 
Jupiter-, Mars-, Venus-, Merkur-, Vulkanorakel, jedes mit seinen 
groBen Geheimnissen und Lehren. Gegen Ende der atlantischen Zeit 
entwickelte sich in der Nahe des heutigen Irland eine Schar von Vor- 
geschrittenen, aus deren Mitte sich der groBte Fiihrer eine Anzahl 
auserwahlte, um durch sie die Kultur fortzusetzen, wenn die sich 
vorbereitende Katastrophe eintreten wiirde. Unterdessen hatten schon 
vor langen Zeiten groBe Wanderungen stattgefunden in die sich 
hebenden Lander von Europa, Asien und Afrika, und in diesen ent- 



standen viele Nachfolger der alten Orakel, aber immer mehr an Be- 
deutung abnehmend. Der groBe Fiihrer aber wahlte die Besten aus, 
um sie in ein besonderes Land zu fiihren. Sie waren schlichte, einfache 
Leute und unterschieden sich von den meisten andern Atlantiern 
dadurch, daB sie die Hellsichtigkeit fast ganz verloren hatten. Die 
Mehrzahl der Atlantier war ja noch hellsichtig. Wenn sie nachts ein- 
schliefen, wurden sie nicht bewuBtlos, sondern die Sinnenwelt ver- 
schwand, und an ihrer Stelle baute sich auf die geistige Welt, in der sie 
dann Genossen der gottlich-geistigen Wesen waren. Die Fortgeschrit- 
tenen aber hatten angefangen, den Intellekt zu entwickeln. Aber sie 
waren schlicht, tief warm von Gemiit, tief anhanglich an ihren Fiihrer. 
Mit ihnen zog er nach dem Osten, nach dem Inneren von Asien und 
griindete dort das Zentrum fur die nachatlantische Kultur. Fern- 
gehalten wurde dort die Schar von den andern Lebenden, welche fur 
diese Aufgabe ungeeignet waren. Die Erziehung der Nachkommen 
wurde ganz besonders sorgfaltig gepflegt. Erst bei diesen Nachkom- 
men bildete sich das aus, wodurch sie zu groBen Lehrern wurden. Auf 
geheimnisvolle Weise wurde das erreicht. Vorbereitet wurde [so], was 
notig war, um alles Gute der atlantischen Kultur heruberzuretten in 
die neue Rasse, um eine neue, fortschreitende Kultur einzuleiten. Das 
war die Aufgabe des Manu, des groBen Fiihrers; denn die Weisen, 
welche an den kleineren Orakeln lebten, konnten dies nicht tun. Es 
war durch den Manu von den groBen Orakelweisen dasjenige auf- 
bewahrt worden, was wir den Atherleib nennen. Wahrend dieser 
Atherleib sonst, wie wir sahen, als zweiter Leichnam sich auflost, 
wurde er in gewissen Fallen auf bewahrt. Die groBten dieser Orakel- 
weisen hatten in ihren Atherleib so viel hineingearbeitet, daB er zu 
wertvoll war, um in die allgemeine Atherwelt aufzugehen. Deshalb 
wurden die sieben besten Atherleiber der sieben groBten Weisen auf- 
bewahrt, bis der Manu die sieben Besten aus seiner Schar so weit aus- 
gebildet hatte, daB sie fur diese Atherleiber geeignet waren. Nur der 
Atherleib des groBen Eingeweihten des Christus-Orakels wurde in 
gewisser Beziehung verschieden behandelt von diesen andern. Diese 
sieben Weisen also, die sieben groBen Rishis, welche die sieben Ather- 
leiber der groBten Eingeweihten empfangen hatten, diese gingen nach 



Indien und wurden dort die groBen Griinder der indischen Kultur, 
die sieben groBen Lehrer. 

Diese uralte, heilige Kultur der vorvedischen Zeit stammt von den 
sieben Rishis, welche die aufbewahrten Atherleiber der Orakel- 
eingeweihten des Venus-, Mars-, Jupiterorakels und so weiter trugen. 
In ihnen wirkte sozusagen ein Abdruck jener Eingeweihten, eine 
Wiederholung von deren Fahigkeiten. AuBerlich waren sie ganz 
schlicht und einfach. Ihre groBe Bedeutung war nicht auBerlich er- 
kennbar. Auch ihr Intellekt stand nicht auf der gewaltigen Hohe ihrer 
Prophetien. Sie waren nicht Gelehrte, sie standen nicht so hoch in der 
Urteilskraft wie manche andere, tiefer sogar als viele heutige Men- 
schen. Ihr Astralleib und Ich war ja das ihrige, nur der Atherleib war 
ihnen von jenen groBen Weisen gegeben. Aber in inspirierten Zeiten 
wurden sie von diesen Orakelwesen gleichsam ergriffen; der Ather- 
leib war dann tatig, sie waren dann nur Instrumente, durch welche 
jene uralte Weisheit verkiindet wurde - Veden -, welche fur den 
heutigen Menschen viel zu schwer, ja unverstandlich ist. So oflfenbarte 
sich die alte Weisheit der alten Orakel. Nur das Sonnen- oder Christus- 
Orakel konnte auf diesem Wege nicht ganz ofFenbart werden. Ein 
Abglanz nur der Sonnenweisheit konnte iiberliefert werden, denn sie 
war so hoch, daB auch die heiligen Rishis sie nicht erreichen konnten. 

Hier sehen wir, daB die Reinkarnation nicht immer und allgemein 
so glatt vor sich geht, wie man vielfach annimmt, sondern wenn ein 
Atherleib besonders wertvoll ist, so wird so etwas wie ein Modell, um 
es bildlich auszudriicken, auf bewahrt und dann einem spateren Men- 
schen gegeben. Und dieser Fall ist nicht so ganz selten. Mancher 
schlichte Mensch kann einen sehr wertvollen Atherleib haben, und 
dieser wird aufgespart. Es losen sich nicht alle Atherleiber einfach 
wieder auf, sondern die besonders brauchbar sind, die werden auf 
andere Menschen iibertragen. Und zwar ist es durchaus nicht dasselbe 
«Ich», welches diesen erhaltenen Atherleib oder Astralleib wieder 
erhalt, sondern ein anderes Ego, welches mit dem Ich, welches vorher 
den Atherleib hatte, gar nichts zu tun hat. Dies gibt leicht AnlaB zu 
groBen Tauschungen, wenn die Vergangenheit eines Menschen mit 
unvollkommenen hellseherischen Mitteln erforscht wird. Daher sind 



oft die okkulten Theorien tiber die fmheren Leben von Menschen 
ganz verkehrt, wie es ja auch ganz verkehrt ware zu sagen, daB die 
sieben Rishis dieselben Iche seien wie die Eingeweihten, deren Ather- 
korper sie haben. 

Vieles aber in der menschlichen Entwickelung wird erst klar, wenn 
man solche Dinge weiB ; dann erst wird es erklarlich, wie das einmal 
Errungene aufbewahrt wird und dem Haushalte der Natur erhalten 
bleibt. So konnte das Hochste der atlantischen Kultur uns gerettet 
werden durch die Ubertragung dieser sieben Atherleiber. 

Es soli hier noch ein anderes Beispiel angefuhrt werden, iiber 
welches fruher nicht gesprochen werden konnte. Gehen wir zuriick 
auf die altpersische Zeit, die Periode der Zarathustra-Kultur. Wir 
sehen eine wichtige Periode in ihr, weil sie die erste nachatlantische 
Zeit ist, in der die physische Welt mehr erobert wurde. In der 
indischen Zeit ist noch die Sehnsucht nach dem Geistigen iiberwie- 
gend. Die geistige Welt war jenem Menschen die wirkliche, er fuhlte 
sich ein Fremdling im Physischen, das Irdische ist voriibergehend, 
illusorisch, Maja. In der vorgeschichtlichen persischen Kultur wurde 
dies anders durch die Lehren des Zarathustra, das heiBt des eigent- 
lichen oder ersten Zarathustra, denn es gab deren viele. Seine Auf- 
gabe als Fiihrer bestand darin, die Menschen auf den physischen Plan 
hinzuweisen, Erfindungen zu machen, Instrumente und Gerate her- 
zustellen, um diese physische Welt zu erobern. Dies war notig. Der 
Mensch muBte ja das Physische als etwas fur ihn Wichtiges kennen- 
lernen. Aber der Verfuhrer, der sagt ihm, daB das Physische das 
einzige sei, daB es nur das Irdische gabe. Und da lehrt Zarathustra, 
daB dies falsch ist, daB es hinter allem Physischen das Geistige gibt, so 
wie die physische Sonne uns das auBere Zeichen ist der groBen 
Sonnenwesenheit, des Geistig-Gottlichen, der groBen Aura, Ahura 
Mazdao, Ormuzd. Diese Wesenheit ist jetzt physisch unsichtbar und 
jetzt fern von der Erde auf der Sonne. Aber, so sagt Zarathustra, ein- 
mal wird sie offenbar werden; spater einmal wird sie auch auf der 
Erde erscheinen, so wie sie jetzt auf der Sonne ist. 

In diese Geheimnisse weihte er seine intimsten Schiiler ein, und 
namentlich zweien derselben gab er die tiefsten Lehren. Den einen 



bildete er vorziiglich aus in bezug auf alles, was die Urteilskraft 
betrifft, in den Wissenschaften, Astronomie und Astrologie, in Acker- 
bau und anderem. Alles dies ubertrug er auf diesen einen Schiiler, und 
zwar wurde dies ermoglicht durch einen Vorgang oder ProzeB 
zwischen ihnen, welcher ein Geheimnis ist. Dadurch wurde der 
Schiiler so vorbereitet, daB er in der folgenden Verkorperung den 
Astralleib des Lehrers tragen konnte. Dieser wiederverkorperte 
Schiiler mit dem Astralleib seines Lehrers ist Hermes. Hermes war 
der groBe Lehrer und Weise der agyptischen Mysterien. Mit Zara- 
thustras Astralleib wird Hermes geboren ; dadurch wird er zum Trager 
der groBen Weisheit. 

Der zweite intime Schiiler wurde unterrichtet in den Dingen, 
welche sich besonders im Atherleib auspragen, also tiefere Eigen- 
schaften. Dieser Schiiler empfing in der folgenden Verkorperung den 
Atherleib des Zarathustra. Die religiosen Urkunden erzahlen dariiber 
Dinge, welche erst durch diese Erklarungen verstandlich werden. Der 
Schiiler muBte bei seiner Wiedergeburt in ganz besonderer Weise auf- 
leben, der Atherleib muBte stark sein, ehe der Astralleib auflebte. 
Dies wird erreicht mit dem, was mit der Geburt des Moses - denn er 
ist der wiedergeborene Schiiler - verbunden war. DaB er in ein Kast- 
chen gepackt in das Wasser gelegt wurde und so weiter, das hatte den 
Zweck, den Atherleib als Kind vollig zu erwecken. Dadurch wurde 
Moses befahigt, iiber weit vergangene Zeiten im Gedachtnis zuruck- 
zuschauen, die Genesis der Erde in Bildern niederzuschreiben, in der 
Akasha-Chronik zu lesen. So sieht man gleichsam hinter den Kulissen 
diese Dinge wirken, durch welche alles Wertvolle aufbewahrt und 
verwendet wird. 

Es gibt auch andere Beispiele aus spateren Zeiten. So lebte im 
15. Jahrhundert eine merkwiirdige Personlichkeit : Nikolaus von Kues - 
Cusanus. Wir sehen hier den merkwiirdigen Fall, daB dieser Mann in 
seinen Forschungen die ganze Lehre des Kopemikmim 16. Jahrhundert 
sozusagen vorbereitet hat. Sie ist zwar in seinen Biichern noch nicht 
so richtig reif wie bei Kopernikus, aber sie ist doch darin in allem 
Wesentlichen enthalten, eine Tatsache, welche der gewohnlichen For- 
schung ganz unerklarlich ist. Tatsachlich ist der Astralleib des Cusanus 



auf den Kopernikus iibertragen worden, obwohl das Ich des Koper- 
nikus ein ganz anderes war als das des Cusanus. Dadurch erhielt 
Kopernikus die Grundlagen, alle Vorbereitungen seiner Lehre. 

Ahnliche Falle kommen ofter vor. Immer wird das besonders Wert- 
volle erhalten, nichts vergeht. Aber Verwechslungen kommen da- 
durch natiirlich oft vor, besonders auch, wenn die friiheren Leben 
eines Menschen vermittels spiritistischer Medien erforscht werden 
sollen. Die Ubertragung vom Ather- oder Astralleib auf spatere Men- 
schen geschieht jetzt gewohnlich so, daB, wenn ein Astralleib iiber- 
tragen wird, er innerhalb desselben Volkes - sprachlich - bleibt; ein 
Atherleib kann aber in ein anderes Volk gehen. 

Ein anderer charakteristischer Fall ist der folgende. Wenn eine bahn- 
brechende Personlichkeit stirbt, so wird stets der Atherkorper er- 
halten. Dafiir gibt es kiinstliche Methoden, die in den Geheimschulen 
immer bekannt waren. So war es fur gewisse Zwecke der Neuzeit 
wichtig, daB der Atherkorper des Galilei aufbewahrt wurde. Er war 
der groBe Reformator der mechanischen Physik, er hat Ungeheures 
geleistet, ja man kann sagen, daB ohne seine Entdeckungen viele rein 
praktische Errungenschaften der Neuzeit gar nicht moglich gewesen 
waren, denn alle Fortschritte der Technik beruhen auf der Wissen- 
schaft Galileis. Ein Gotthard- oder Simplontunnel sind nur moglich 
geworden dadurch, daB Leibni^, Newton, Galilei die Wissenschaften 
der Integral- und Differentialrechnung, der Mechanik und so weiter 
ausgearbeitet haben. Es ware also auch in bezug auf Galilei eine Ver- 
schwendung im Haushalte der Natur gewesen, wenn sein Atherleib, 
der Trager seines Gedachtnisses und seiner Fahigkeiten, verloren- 
gegangen ware. So wurde dieser Atherleib auf einen andern Menschen 
iibertragen. Aus einem armen Bauerndorf ging dieser hervor und 
wurde spater der Schopfer der russischen Grammatik, der klassischen 
Literatur: Michail Lomonossow. Aber dieser ist nicht der wieder- 
geborene Galilei, wie eine oberflachliche Forschung vielleicht finden 
konnte. 

So finden wir also, daB solche Falle vielfach vorliegen, und daB der 
Vorgang der Wiederverkorperung nicht so einfach ist, wie man meist 
annimmt. Daher muB auch viel groBere Vorsicht angewendet werden, 



wenn Menschen mit okkulten Mitteln ihre fruheren Inkarnationen 
erforschen. In vielen Fallen ist es ja nichts als Kinderei, wenn Leute 
angeben oder sich einbilden, sie seien der wiedergeborene so und so, 
vielleicht Nero, Napoleon, Beethoven oder Goethe. Das ist natiirlich 
albern und verwerf lich. Aber die Sache ist viel gefahrlicher, wenn vor- 
geschrittene Okkultisten in dieser Beziehung Fehler machen, sich viel- 
leicht einbilden, sie seien die Wiedergeburt von diesem oder jenem 
Manne, wenn sie in Wirklichkeit nur dessen Atherkorper haben. Dann 
ist dies nicht nur ein Irrtum - der ja an und fur sich bedauerlich ist -, 
sondern der Mensch lebt dann unter dem EinfluB dieser falschen Idee, 
und dies hat geradezu verheerende Wirkungen. Die ganze Seelen- 
entwickelung nimmt einen falschen Gang durch diese Illusion. 

Wir sehen also, daB nicht nur die Iche sich wiederverkorpern, son- 
dern daB auch die niederen Glieder in einem gewissen Sinne einen 
ahnlichen Vorgang durchmachen. Dadurch bekommt der Gesamt- 
vorgang der Wiederverkorperung eine viel kompliziertere Gestaltung, 
als man gewohnlich annimmt. So sehen wir, daB das Ich des Zara- 
thustra sich wiederverkorpert als Zarathas-Nazarathos, welcher der 
Lehrer des Pythagoras wurde. Sein Astralleib tritt wieder auf in Hermes 
und sein Atherleib in Moses. Nichts also geht verloren in der Welt, 
alles wird auf bewahrt und iibertragen, wenn es nur wertvoll genug ist. 



das christentum im entwickelungsgang unserer 
gegenwartigen menschheit 

fDhrende individualitAten und avatarische 

wesenheiten 

Berlin, 15.Februar 1909 

Sie haben aus dem einen Vortrag, der hier iiber kompliziertere Fragen 
der Wiederverkorperung gehalten worden ist, ersehen konnen, daB 
mit dem weiteren Fortschreiten in der geisteswissenschaftlichen Welt- 
anschauung dasjenige, was man anfangs geben konnte als elementare 
Wahrheiten, sich modifiziert, daB wir allmahlich zu hoheren und 
hoheren Wahrheiten aufsteigen. Es bleibt deshalb doch richtig, daB 
man im Anfang die allgemeinen Weltwahrheiten so elementar, so ein- 
fach wie moglich darstellt. Es ist aber auch notwendig, daB man nach 
und nach vom Abe aus langsam hinaufdringt zu den hoheren Wahr- 
heiten; denn durch diese hoheren Wahrheiten wird ja erst allmahlich 
das erreicht, was unter anderem die Geisteswissenschaft geben soil: 
die Mdglichkeit namlich, die Welt, die uns in der sinnlichen, in der 
physischen Sphare umgibt, zu verstehen, zu durchdringen. Nun haben 
wir allerdings noch sehr weit hinauf, bis es uns gelingen wird, einigen 
Zusammenhang zeichnen zu konnen in den geistigen Linien und 
Kraften, die hinter der Sinneswelt sind. Aber schon durch manches, 
was in den letzten Stunden gesagt worden ist, wird diese oder jene 
Erscheinung unseres Daseins erklarlicher, klarer geworden sein. Heute 
wollen wir gerade in dieser Beziehung ein wenig vorschreiten, und 
auch da wollen wir wieder iiber kompliziertere Fragen der Reinkarna- 
tion, der Wiederverkorperung sprechen. 

Dazu wollen wir uns heute vor alien Dingen klarmachen, daB 
zwischen den Wesenheken, welche eine fuhrende Stellung einnehmen 
in der Menschheitsentwickelung der Erde, ein Unterschied besteht. 
Wir haben im Laufe unserer Erdenentwickelung solche fuhrenden 
Individualitaten zu unterscheiden, welche sozusagen von Anfang an 
mit der Menschheit unserer Erde, wie sie eben ist, sich entwickelt 
haben, nur daB sie schneller fortgeschritten sind. Man mdchte so 



sagen: Wenn man zuriickgeht bis in die Zeit der urfernen lemurischen 
Vergangenheit, so findet man unter den damals verkorperten Men- 
schenwesen die verschiedensten Entwickelungsgrade. Alle die Seelen, 
die damals verkorpert waren, haben durch die folgende atlantische 
Zeit, durch unsere nachatlantische Zeit immer wieder und wieder 
Reinkarnationen, Wiederverkorperungen durchgemacht. Mit einer 
verschiedenen Schnelligkeit haben sich die Seelen entwickelt. Da leben 
Seelen, die verhaltnismaBig langsam durch die verschiedenen Inkarna- 
tionen sich hindurchentwickelt haben, die noch weite, weite Strecken 
in der Zukunft erst zu durchschreiten haben. Da sind aber auch solche 
Seelen, welche sich rasch entwickelt haben, die, man konnte sagen, in 
ausgiebigerem MaBe ihre Inkarnationen benutzt haben, und die daher 
heute auf einer so hohen Stufe stehen in seelisch-geistiger, also in 
spiritueller Beziehung, daB der normale Mensch von heute erst in 
einer sehr, sehr fernen Zukunft zu einer solchen Stufe hinanschreiten 
wird. Aber wenn wir in dieser Sphare von Seelen bleiben, so konnen 
wir doch sagen: So fortgeschritten diese einzelnen Seelen auch sein 
mogen, wie weit sie auch hinausragen mogen iiber den normalen 
Menschen, sie haben doch innerhalb unserer Erdenentwickelung einen 
gleichartigen Gang durchgemacht mit den iibrigen Menschen; sie sind 
eben nur schneller fortgeschritten. 

AuBer diesen fuhrenden Individualitaten, die also in dieser Art 
gleichartig sind mit den iibrigen Menschen, nur auf einer hoheren 
Stufe stehen, gibt es auch im Verlaufe der Menschheitsentwickelung 
andere Individualitaten, andere Wesenheiten, die keineswegs ebenso 
durch verschiedene Verkorperungen hindurchgegangen sind wie die 
andern Menschen. Wir konnen uns etwa veranschaulichen, was da 
zugrunde liegt, wenn wir uns sagen : Es hat Wesen gegeben zu eben 
der Zeit der lemurischen Entwickelung, die wir gerade in Betracht 
gezogen haben, welche es nicht mehr notig hatten, so tief hinunter- 
zusteigen in die physische Verkorperung wie die andern Menschen, 
wie alle die Wesen, die eben geschildert worden sind, Wesen also, 
welche in hoheren, geistigeren Regionen ihre Entwickelung weiter 
hinauf hatten durchlaufen konnen, die es also zu ihrem eigenen wei- 
teren Fortschreiten nicht notig hatten, in fleischliche Leiber hinunter- 



zusteigen. Solch eine Wesenheit kann aber dennoch, um einzugreifen 
in den Gang der Menschheitsentwickelung, sozusagen stellvertretend 
heruntersteigen eben in einen solchen Leib, wie ihn die Menschen 
haben. So daB also zu irgendeiner Zeit eine Wesenheit auftreten kann, 
und wenn wir sie hellseherisch in bezug auf ihre Seele priifen, konnen 
wir bei ihr nicht wie bei andern Menschen sagen, wir verfolgen sie in 
der Zeit zuriick und finden sie in einer vorhergehenden fleischlichen 
Inkarnation, verfolgen sie weiter zuriick und finden sie wieder in einer 
andern Inkarnation und so weiter, sondern wir miissen uns sagen: 
Verfolgen wir die Seele einer solchen Wesenheit im Zeitenlauf zuriick, 
so kommen wir vielleicht gar nicht zu einer friiheren fleischlichen 
Inkarnation einer solchen Wesenheit. Wenn wir aber zu einer solchen 
kommen, dann 1st es nur aus dem Grunde, weil eine solche Wesenheit 
auch ofter in Zwischenraumen heruntersteigen und sich stellvertretend 
in einem menschlichen Leib verkorpern kann. - Solch eine geistige 
Wesenheit, die also heruntersteigt in einen menschlichen Leib, um als 
Mensch einzugreifen in die Entwickelung, ohne daB sie sozusagen 
selber etwas von dieser Verkorperung hat, ohne daB dasjenige, was sie 
hier erfahrt in der Welt, fur sie selbst diese oder jene Bedeutung hat, 
wird in der morgenlandischen Weisheit « Avatar » genannt. Und das 
ist der Unterschied zwischen einer fuhrenden Wesenheit, die aus der 
Menschheitsentwickelung selbst hervorgegangen ist, und einer sol- 
chen, die man Avatar nennt, daB eine Avatarwesenheit fur sich keine 
Fmchte zu Ziehen hat aus ihren physischen Verkorperungen, oder aus 
der einen physischen Verkorperung, der sie sich unterzieht, denn sie 
zieht als Wesenheit zum Heil und Fortschritt der Menschen in einen 
physischen Korper ein. Also wie gesagt: Entweder nur einmal, oder 
auch mehrmals hintereinander kann eine solche Avatarwesenheit in 
einen menschlichen Leib einziehen, und sie ist durchaus dann etwas 
anderes als eine andere menschliche Individualitat. 

Die groBte Avatarwesenheit, die auf der Erde gelebt hat, wie Sie ja 
aus dem Geiste aller der Vortrage, die hier gehalten werden, ent- 
nehmen konnen, ist der Christus, diejenige Wesenheit, die wir als den 
Christus bezeichnen, und die im dreiBigsten Jahre des Lebens des 
Jesus von Nazareth von dessen Korper Besitz ergriffen hat. Diese 



Wesenheit, die erst im Beginne unserer Zeitrechnung mit unserer 
Erde in Bertihrung gekommen ist, drei Jahre verkorpert war in einem 
fleischlichen Leib, seit jener Zeit mit der astralen Sphare, also mit der 
geistigen Sphare unserer ubersinnlichen Welt in Verbindung stent, 
diese Wesenheit ist als avatarische Wesenheit von einer ganz einzig- 
artigen Bedeutung. Wir wiirden die Christus- Wesenheit ganz ver- 
geblich in einer fniheren menschlichen Verkorperung auf der Erde 
suchen, wahrend andere, niedrigere Avatarwesenheiten sich allerdings 
auch ofters verkorpern konnen. Der Unterschied liegt nicht darin, daB 
sie sich ofter verkorpern, sondern daB sie fur sich selber aus den 
Erdenverkorperungen keine Friichte Ziehen. Die Menschen geben 
nichts der Welt, sie nehmen nur. Diese Wesenheiten geben nur, sie 
nehmen nichts von der Erde. Nun miissen Sie allerdings, wenn Sie 
diese Sache ganz ordentlich verstehen wollen, unterscheiden zwischen 
einer so hohen Avatarwesenheit, wie es der Christus war, und zwischen 
niedrigeren Avatarwesenheiten. 

Die verschiedensten Aufgaben konnen solche Avatarwesenheiten 
auf unserer Erde haben. Wir konnen zunachst von einer solchen Auf- 
gabe avatarischer Wesenheiten sprechen. Und damit wir nicht im 
Spekulativen herumsprechen, wollen wir gleich an einen konkreten 
Fall herangehen und uns veranschaulichen, worinnen eine solche Auf- 
gabe bestehen kann. 

Sie alle wissen aus der Erzahlung, die sich um Noah herum- 
gruppiert, daB in der althebraischen Darstellung ein groBer Teil der 
nachatlantischen, der Nach-Noahschen Menschheit zuriickgefuhrt 
wird auf die drei Stammvater Sem, Ham und Japhet. Heute wollen wir 
nicht weiter eingehen auf das, was uns in einer anderen Hinsicht Noah 
und diese drei Stammvater darstellen wollen. Wir wollen uns nur klar- 
machen, daB das hebraische Schrifttum, das von Sem, dem einen 
Sohne Noahs spricht, den ganzen Stamm der Semiten auf Sem als auf 
dessen Stammvater zuriickfuhrt. Einer wirklich okkulten Anschauung 
iiber eine solche Sache, einer solchen Erzahlung, liegen uberall die 
tieferen Wahrheiten dabei zugrunde. Diejenigen, welche aus dem 
Okkultismus heraus eine solche Sache erforschen konnen, wissen iiber 
diesen Sem, den Stammvater der Semiten, das Folgende. 



Fur eine solche Personlichkeit, die der Stammvater eines ganzen 
Stammes werden soli, muB schon von der Geburt an, ja schon fruher, 
vorgesorgt werden, daB sie eben dieser Stammvater sein kann. Wo- 
durch wird nun vorgesorgt dafur, daB eine solche Individuality, wie 
hier zum Beispiel der Sem, der Stammvater einer solchen ganzen 
Volks- oder Stammesgemeinschaft sein kann? Bei Sem ist das dadurch 
geschehen, daB er sozusagen einen ganz besonders zugerichteten 
Atherleib erhielt. Wir wissen ja, daB der Mensch dann, wenn er 
hineingeboren wird in diese Welt, herumgliedert um seine Individua- 
litat seinen Ather- oder Lebensleib neben den andern Gliedern der 
menschlichen Wesenheit. Fur einen solchen Stammahnen muB so- 
zusagen ein besonderer Atherleib zubereitet werden, welcher gleich- 
sam der Musteratherleib ist fur alle die Nachkommen, die dieser Indi- 
vidualitat in den Generationen folgen. So daB wir bei einer solchen 
Stammesindividualitat einen typischen Atherleib haben, gleichsam den 
Musteratherleib; und dann geht durch die Blutsverwandtschaft die 
Sache durch die Generationen hindurch so, daB in einer gewissen 
Weise die Atherleiber aller Nachkommen, die zu demselben Stamm 
gehoren, Abbilder sind des Atherleibes des Ahnen. So war in alien 
Atherleibern des semitischen Volkes etwas wie ein Abbild des Ather- 
leibes des Sem eingewoben. Wodurch wird nun eine solche Sache 
herbeigefuhrt im Laufe der Menschheitsentwickelung? 

Wenn wir uns diesen Sem genauer ansehen, so finden wir, daB sein 
Atherleib dadurch seine urbildliche Gestalt erhalten hat, daB sich 
gerade in seinen Atherleib ein Avatar eingewoben hat - wenn auch 
nicht ein so hoher Avatar, daB wir ihn mit gewissen andern Avatar- 
wesenheiten vergleichen konnen ; aber immerhin hatte sich eine hohe 
Avatarwesenheit heruntergesenkt in seinen Atherleib, die allerdings 
mit dem astralischen Leib nicht verbunden gewesen ist und auch nicht 
mit dem Ich des Sem, aber sie hatte sich sozusagen eingewoben in den 
Atherleib des Sem. Und wir konnen gerade gleich an diesem Beispiel 
studieren, was das fur eine Bedeutung hat, wenn eine Avatarwesenheit 
an der Konstitution, an der Zusammensetzung des Menschen teil- 
nimmt. Was hat es denn iiberhaupt fur einen Sinn, daB ein Mensch, der 
wie Sem eine solche Aufgabe hat, der Stammvater des ganzen Volkes 



zu sein, in seinen Leib sozusagen einverwoben erhalt eine Avatar- 
wesenheit? Es hat das den Sinn, daB jedesmal, wenn eine Avatar- 
wesenheit einverwoben ist einem fleischlichen Menschen, irgendein 
Glied, oder auch mehrere Glieder dieser menschlichen Wesenheit sich 
vervielfaltigen konnen, auseinandergesplittert werden konnen. 

In der Tat war infolge der Tatsache, daB eine Avatarwesenheit dem 
Atherleib des Sem einverwoben war, die Moglichkeit geboten, daB 
lauter Abbilder des Originals entstanden und diese unzahligen Ab- 
bilder einverwoben werden konnten all den Menschen, die in der 
Generationenfolge dem Stammvater nachfolgten. Also das Herab- 
steigen einer Avatarwesenheit hat unter anderem den Sinn, daB es zur 
Vervielfaltigung eines oder mehrerer Glieder der betreffenden Wesen- 
heit, die beseelt wird durch den Avatar, beitragt. Lauter Abbilder des 
Originals entstehen, die alle darnach gebildet sind. Es war, wie Sie 
daraus sehen konnen, ein besonders wertvoller Atherleib in diesem 
Sem vorhanden, ein urbildlicher Atherleib, der durch einen hohen 
Avatar zubereitet und dann einverwoben worden ist dem Sem, so daB 
er dann in vielen Abbildern herabsteigen konnte zu all denen, die 
blutsverwandt sein sollten mit diesem Ahnen. 

Nun haben wir ja schon in der eingangs erwahnten Stunde davon 
gesprochen, daB es auch eine spirituelle Okonomie gibt, darin be- 
stehend, daB etwas, was besonders wertvoll ist, erhalten bleibt und 
hiniibergetragen wird in die Zukunft. Wir haben gehort, daB nicht nur 
das Ich sich wiederverkorpert, sondern daB auch der astralische Leib 
und der Atherleib sich wiederverkorpern konnen. Abgesehen davon, 
daB unzahlige Abbilder des Atherleibes des Sem entstanden, wurde 
auch wieder der eigene Atherleib des Sem in der geistigen Welt auf- 
bewahrt, denn dieser Atherleib konnte spater sehr gut gebraucht wer- 
den in der Mission des hebraischen Volkes. In diesem Atherleib waren 
ja urspriinglich alle Eigentiimlichkeiten des hebraischen Volkes zum 
Ausdruck gekommen. Sollte einmal etwas ganz besonders Wichtiges 
geschehen fur das alte hebraische Volk, sollte jemandem eine be- 
sondere Aufgabe, eine besondere Mission iibertragen werden, dann 
konnte das am besten von einer Individualitat geschehen, die in sich 
diesen Atherleib des Stammvaters trug. 



Tatsachlichtrug spater eine in dieGeschichte des hebraischen Volkes 
eingreifende Individualitat den Atherleib des Stammvaters. Hier haben 
wir in der Tat eine jener wunderbaren Komplikationen im Mensch- 
heitswerden, die uns so viel erklaren konnen. Wir haben es zu tun 
mit einer sehr hohen Individualitat, die sich sozusagen herablassen 
muBte, um zum hebraischen Volke in einer entsprechenden Weise zu 
reden und ihm die Kraft zu einer besonderen Mission zu geben, etwa 
so, wie wenn ein geistig besonders hervorragender Mensch zu einem 
niedrigen Volksstamm sprechen rmiBte, er ja die Sprache dieses Volks- 
stammes lernen muBte, aber man deshalb nicht behaupten muB, daB 
die Sprache irgend etwas ist, was ihn selbst hoher bringt, der Be- 
treffende muB nur in diese Sprache sich hineinbequemen. So muBte 
sich eine hohe Individualitat hineinbequemen in den Atherleib des 
Sem selber, um einen ganz bestimmten Impuls dem althebraischen 
Volke geben zu konnen. Diese Individualitat, diese Personlichkeit ist 
dieselbe, die Sie unter dem Namen Melchisedek in der biblischen Ge- 
schichte finden. Das ist die Individualitat, die sozusagen den Atherleib 
des Sem sich anzog, um dann den Impuls an Abraham zu geben, den 
Sie dann so schon in der Bibel geschildert finden. Also abgesehen 
davon, daB das, was in der Individualitat des Sem enthalten war, sich 
vervielfaltigte dadurch, daB eine Avatarwesenheit darinnen verkorpert 
war und dann einverwoben wurde all den andern Atherleibern der 
Angehorigen des hebraischen Volkes, wurde der eigene Atherleib des 
Sem in der geistigen Welt aufbewahrt, damit ihn spater Melchisedek 
tragen konnte, der dem hebraischen Volke durch Abraham einen 
wichtigen Impuls geben sollte. 

So fein verwoben sind die Tatsachen, die hinter der physischen 
Welt sind und die uns das erst erklarlich machen, was in der physischen 
Welt vorgeht. Wir lernen die Geschichte erst dadurch kennen, daB wir 
auf solche Tatsachen hinweisen konnen: auf Tatsachen geistiger Art, 
die hinter den physischen Tatsachen stehen. Niemals kann die Ge- 
schichte aus sich selber erklarlich werden, wenn wir nur bei den 
physischen Tatsachen stehenbleiben. 

Von einer ganz besonderen Wichtigkek wird das, was wir jetzt er- 
ortert haben, daB durch das Herabsteigen einer Avatarwesenheit die 



Wesensglieder desjenigen Menschen, der Trager einer solchen Avatar- 
wesenheit ist, vervielfaltigt werden und auf andere iibertragen werden, 
in Abbildern des Urbildes erscheinen, von einer ganz besonderen 
Wichtigkeit wird das durch die Erscheinung des Christus auf der Erde. 
Dadurch, daB die Avatarwesenheit des Christus in dem Leib des Jesus 
von Nazareth wohnte, war die Moglichkeit gegeben, daB sowohl der 
Atherleib des Jesus von Nazareth unzahlige Male vervielfaltigt wurde 
als auch der astralische Leib und sogar auch das Ich, das Ich als ein 
Impuls, wie er dazumal in dem astralischen Leib angefacht worden ist, 
als in die dreifache Hiille des Jesus von Nazareth der Christus einzog. 
Doch zunachst wollen wir darauf Riicksicht nehmen, daB durch die 
Avatarwesenheit vervielfaltigt werden konnte der Atherleib und der 
astralische Leib des Jesus von Nazareth. 

Nun tritt in der Menschheit einer der bedeutsamstenEinschnitte auf, 
gerade durch das Erscheinen des Christus-Prinzips in der Erden- 
entwickelung. Was ich Ihnen von Sem erzahlt habe, das ist im Grunde 
genommen typisch und charakteristisch fur die vorchristliche Zeit. 
Wenn in dieser Weise ein Atherleib oder auch ein astralischer Leib 
vervielfaltigt wird, so werden die Abbilder desselben in der Regel auf 
solche Leute iibergehen, die blutsverwandt sind mit dem, der das 
Urbild hatte. Auf die Angehorigen des hebraischen Stammes wurden 
daher die Abbilder des Sem-Atherleibes iibertragen. Das wurde anders 
durch das Erscheinen der Christus-Avatarwesenheit. Der Atherleib 
und der astralische Leib des Jesus von Nazareth wurden vervielfaltigt 
und als solche Vervielfaltigungen nun aufgehoben, bis sie im Verlaufe 
der Menschheitsentwickelung gebraucht werden konnten. Aber sie 
waren nicht gebunden an diese oder jene Nationalitat, an diesen oder 
jenen Stamm, sondern, wo sich in der Folgezeit ein Mensch fand, 
gleichgultig welche Nationalitat er trug, der reif war, geeignet dazu 
war, in seinem eigenen astralischen Leib ein astralisches Abbild des 
Astralleibes des Jesus von Nazareth einverwoben zu erhalten oder 
ein atherisches Abbild des Atherleibes des Jesus von Nazareth, dem 
konnten diese einverwoben werden. 

So sehen wir, wie die Moglichkeit gegeben war, daB in der Folgezeit, 
sagen wir, allerlei Leuten wie Abdriicke einverwoben wurden die 



Abbilder des astralischen Leibes oder des Atherleibes des Jesus von 
Nazareth. 

Mit dieser Tatsache hangt die intime Geschichte der christlichen 
Entwickelung zusammen. Was gewohnlich als Geschichte der christ- 
lichen Entwickelung geschildert wird, ist eine Summe von ganz 
auBeren Vorgangen. Und daher wird auf das Hauptsachlichste, nam- 
lich auf die Scheidung in bezug auf wirkliche Perioden in der christ- 
lichen Entwickelung, viel zu wenig Rucksicht genommen. Wer tiefer 
in den Entwickelungsgang des Christentums Einblick halten kann, 
der wird leicht erkennen, daB in den ersten Jahrhunderten der christ- 
lichen Zeit die Art, wie das Christentum verbreitet wurde, eine ganz 
andere war als in den spateren Jahrhunderten. In den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten war sozusagen die Verbreitung des Christen- 
tums gebunden an alles das, was man vom physischen Plan her er- 
ringen konnte. Wir brauchen nur bei den ersten Lehrern des Christen- 
tums Umschau zu halten, und wir werden sehen, wie da die physischen 
Erinnerungen, die physischen Zusammenhange und alles, was physisch 
geblieben war, betont wird. Denken Sie nur daran, wie Irendus, der in 
dem 1 . Jahrhundert viel beigetragen hat zur Verbreitung der christ- 
lichen Lehre in den verschiedenen Landern, gerade einen groBen 
Wert darauf legt, daB Erinnerungen zunickreichen zu solchen, die 
noch selber die Apostelschiiler gehort haben. Man legte groBen Wert 
darauf, durch solche physischen Erinnerungen bewahrheiten zu kon- 
nen, daB der Christus in Palastina selber gelehrt hatte. Da wird zum 
Beispiel besonders betont, daB Papias selber gesessen hat zu den FiiBen 
der Apostelschiiler. Es werden sogar die Orte gezeigt und beschrieben, 
wo solche Personlichkeiten gesessen haben, die noch als Augenzeugen 
dafiir da waren, daB Christus in Palastina gelebt hat. [Die sich fortpflan- 
zende lebendige Erinnerung an die physischen Ereignisse} ist das, was 
besonders betont wird in den ersten Jahrhunderten des Christentums. 

Wie sehr alles, was physisch geblieben ist, hervorgehoben wird, das 
sehen Sie an den Worten des alten Augustinus, der am Ende dieser Zeit 
steht und der da sagt: Warum glaube ich denn an die Wahrheiten des 
Christentums? Weil die Autoritat der katholischen Kirche mich dazu 
zwingt. - Ihm ist die physische Autoritat, daB etwas da ist in der 



physischen Welt, das Wichtige und Wesentliche, daB sich eine Korper- 
schaft erhalten hat, welche, Personlichkeit an Personlichkeit kniipfend, 
hinaufreicht bis zu dem, der ein Genosse des Christus war wie Petrus. 
Das ist fur ihn das MaBgebende. Wir konnen also sehen, die Doku- 
mente, die Eindriicke des physischen Planes sind es, auf welche in den 
ersten Jahrhunderten der christlichen Verbreitung der groBte Wert 
gelegt wird. 

Das wird nunmehr nach der Zeit des Augustinus bis etwa in das 10., 
11., 12. Jahrhundert hinein anders. Da ist es nicht mehr moglich, sich 
auf die lebendige Erinnerung zu berufen, nur die Dokumente des 
physischen Planes heranzuziehen, denn sie liegen zu weit zuriick. Da 
ist auch in der ganzen Stimmung, in der Gesinnung der Menschen, die 
nunmehr das Christentum annahmen - und besonders ist das gerade 
bei den europaischen Volkern der Fall -, etwas ganz anderes vor- 
handen. In dieser Zeit ist in der Tat etwas da wie eine Art unmittel- 
bares Wissen, daB ein Christus existiert, daB ein Christus gestorben ist 
am Kreuz, daB er fortlebt. Es gab in der Zeit vom 4., 5. Jahrhundert 
bis zum 10., 12. Jahrhundert eine groBe Anzahl von Menschen, denen 
gegeniiber es hochst toricht erschienen ware, wenn man ihnen gesagt 
hatte, man konne an den Ereignissen von Palastina auch zweifeln, 
denn sie wuBten es besser. Besonders iiber europaische Lander waren 
diese Menschen verbreitet. Sie hatten in sich selber immer erleben 
konnen etwas, was eine Art Paulus-Offenbarung im kleinen war, was 
Paulus, der bis dahin ein Saulus war, auf dem Wege nach Damaskus 
erfahren hat, und wodurch er ein Paulus wurde. 

Wodurch hat in diesen Jahrhunderten eine Anzahl von Menschen 
solche, in einer gewissen Beziehung hellseherischen OfFenbarungen 
iiber die Ereignisse von Palastina erhalten konnen? Das war dadurch 
moglich, daB in diesen Jahrhunderten die Abbilder des vervielfaltigten 
Atherleibes des Jesus von Nazareth, die aufbewahrt worden waren, 
einer groBen Anzahl von Menschen einverwoben worden sind, daB 
sie diese sozusagen anziehen durften. Ihr Atherleib bestand nicht aus- 
schlieBlich aus diesem Abbild des Atherleibes des Jesus, aber es war 
ihrem Atherleib einverwoben ein Abbild des urspriinglichen Origi- 
nals des Jesus von Nazareth. Menschen, die in sich einen solchen 



Atherleib haben konnten, und die dadurch unmittelbar ein Wissen 
haben konnten von dem Jesus von Nazareth und auch von dem 
Christus, solche Menschen gab es in diesen Jahrhunderten. Dadurch 
wurde aber auch das Christus-Bild losgelost von der auBerlich histo- 
rischen, physischen Uberlieferung. Und am meisten losgelost erscheint 
es uns in jener wunderbaren Dichtung des 9. Jahrhunderts, die bekannt 
ist als die Heliand-Dichtung, die aus der Zeit Ludwigs des Frommen 
stammt, der von 814 bis 840 regiert hat, und die von einem auBerlich 
schlichten Manne des Sachsenlandes niedergeschrieben worden war. 
In bezug auf seinen astralischen Leib und sein Ich konnte er gar nicht 
heranreichen an das, was in seinem Atherleibe war. Denn seinem 
Atherleib war einverwoben ein Abbild des Atherleibes des Jesus von 
Nazareth. Dieser schlichte sachsische Sanger, der diese Dichtung 
geschrieben hat, hatte aus unmittelbarer hellseherischer Anschauung 
die GewiBheit: der Christus ist vorhanden auf dem astralischen Plan, 
und der ist derselbe, der auf Golgatha gekreuzigt worden ist! Und 
weil das fur ihn eine unmittelbare GewiBheit war, brauchte er sich 
nicht mehr an die historischen Dokumente zu halten. Er brauchte 
nicht mehr die physische Vermittlung, daB der Christus da war. Er 
schildert ihn daher auch losgelost von der ganzen Szenerie in Palastina, 
losgelost von dem Eigentiimlichen des Jiidischen. Er schildert ihn 
etwa so wie einen Anfiihrer eines mitteleuropaischen oder germa- 
nischen Stammes, und diejenigen, die als seine Bekenner, als die 
Apostel um ihn herum sind, beschreibt er so etwa wie die Dienst- 
mannen eines germanischen Fiirsten. Alle auBere Szenerie ist ver- 
andert, nur das, was das eigentlich Wesentliche, das Ewige an der 
Christus-Gestalt ist, was die Struktur der Ereignisse ist, das ist ge- 
blieben. Er also, der ein solches unmittelbares Wissen hatte, das sich 
auf solchen wichtigen Grund aufbaute, wie auf den Abdruck des 
Atherleibes des Jesus von Nazareth, er war nicht angewiesen, da wo 
er von Christus sprach, sich ganz hart an die unmittelbaren histo- 
rischen Ereignisse zu halten. Er umkleidete das, was er als ein un- 
mittelbares Wissen hatte, mit einer andern auBeren Szenerie. Und so 
wie wir in diesem Schreiber der Heliand-Dichtung eine der merk- 
wiirdigen Personlichkeiten haben schildern konnen, der einverwoben 



hatte in seinem Atherleib em Abbild des Atherleibes des Jesus von 
Nazareth, so konnten wir andere Personlichkeiten in dieser Zeit 
finden, die ein Gleiches hatten. So sehen wir, wie hinter den physischen 
Ereignissen das Allerwichtigste vorgeht, was uns in intimer Weise die 
Geschichte erklaren kann. 

Wenn wir nun weiter die christliche Entwickelung verfolgen, so 
kommen wir etwa ins 11., 12. bis 15. Jahrhundert hinauf. Da war nun 
wiederum ein ganz anderes Geheimnis, welches nun die ganze Ent- 
wickelung weitertrug. Erst war es sozusagen die Erinnerung an das, 
was auf dem physischen Plan war, dann war es das Atherische, das 
unmittelbar sich hineinverwob in die Atherleiber der Trager des 
Christentums in Mitteleuropa. In den spateren Jahrhunderten, vom 
12. bis 15. Jahrhundert, da war es besonders der astralische Leib des 
Jesus von Nazareth, der in zahlreichen Abbildern einverwoben wurde 
den astralischen Leibern der wichtigsten Trager des Christentums, 
Solche Menschen hatten dann ein Ich, das sich als Ich sehr falsche 
Vorstellungen machen konnte von allem moglichen, aber in ihren 
astralischen Leibern lebte ein Unmittelbares an Kraft, an Hingebung, 
eine unmittelbare GewiBheit der heiligen Wahrheiten. Tiefe Inbrunst, 
ganz unmittelbare Uberzeugung und unter Umstanden auch die Fahig- 
keit, diese Uberzeugung zu begninden, lag in solchen Menschen. Was 
uns manchmal gerade bei diesen Personlichkeiten so sonderbar an- 
muten muB, das ist, daB sie in ihrem Ich oft gar nicht gewachsen 
waren dem, was ihr astralischer Leib enthielt, weil er einverwoben 
hatte ein Abbild des astralischen Leibes des Jesus von Nazareth. 
Grotesk erschien manchmal das, was ihr Ich tat, groBartig und er- 
haben aber die Welt ihrer Stimmungen und Gefiihle, ihrer Inbrunst. 
Eine solche Personlichkeit zum Beispiel ist Fran^ von Assist. Und 
gerade wenn wir Franz von Assisi studieren und nicht verstehen 
konnen als heutige Menschen sein bewuBtes Ich und dennoch die 
allertiefste Verehrung haben miissen fur seine ganze Gefuhlswelt, fur 
alles, was er getan hat, so wird das erklarlich unter einem solchen 
Gesichtspunkt. Er war einer derjenigen, die einverwoben hatten ein 
Abbild des astralischen Leibes des Jesus von Nazareth. Dadurch war 
er imstande, gerade das zu vollbringen, was er gerade vollbracht hat. 



Und zahlreiche seiner Anhanger aus dem Orden der Franziskaner mit 
seinen Dienern und Minoriten hatten in ahnlicher Weise solche Ab- 
bilder in ihrem astralischen Leib einverwoben. 

Gerade alle die merkwiirdigen, sonst ratselhaften Erscheinungen 
aus jener Zeit werden Ihnen lichtvoll und klar werden, wenn Sie 
dieses Vermitteln im Weltenwerden zwischen Vergangenheit und 
Zukunft sich ordentlich vor das Auge der Seele fuhren. Da kam es nun 
darauf an, ob diesen Leuten des Mittelalters vom astralischen Leibe 
des Jesus von Nazareth mehr einverwoben war dasjenige, was wir 
Empfindungsseele nennen oder mehr die Verstandes seele oder das, 
was wir BewuBtseinsseele nennen. Denn der astralische Leib des Men- 
schen muB ja in gewisser Beziehung alles dieses in sich enthaltend 
gedacht werden: also das Ich umschlieBend und dieses enthaltend 
gedacht werden, Empfindungsseele, Verstandesseele und BewuBtseins- 
seele. Ganz sozusagen Empfindungsseele des Jesus von Nazareth war 
alles in Fran^ von Assist. Ganz Empfindungsseele des Jesus von Naza- 
reth war alles in jener wunderbaren Personlichkeit, die Sie mit der 
ganzen Seele biographisch verfolgen werden, wenn Sie das Geheim- 
nis ihres Lebens kennen: in der Elisabeth von Thiiringen, 1207 geboren. 
Da haben wir eine solche Personlichkeit, die einverwoben hatte in 
die Empfindungsseele ein Abbild des astralischen Leibes des Jesus 
von Nazareth. Das Ratsel dieser Menschengestalt wird uns gerade 
durch solch ein Wissen gelost. 

Und vor alien Dingen wird Ihnen eine Erscheinung klar werden, 
wenn Sie wissen, daB in dieser Zeit die mannigfaltigsten Persbnlich- 
keiten Empfindungsseele, Verstandesseele oder BewuBtseinsseele als 
Abbilder aus dem astralischen Leib des Jesus von Nazareth in sich 
einverwoben hatten: Es wird Ihnen verstandlich werden jene Wissen- 
schaft, die sonst heute so wenig verstanden und so viel verlastert wird, 
die man gewohnlich als die Scholastik bezeichnet. Was hatte sich denn 
die Scholastik fur eine Aufgabe gestellt? Sie hatte sich die Aufgabe 
gestellt, aus Urteilsgriinden heraus, aus dem Intellekt heraus Belege, 
Beweise zu finden fur das, woran man keine historische Anknupfung, 
keine physische Vermittlung hatte, und wofiir man auch keine un- 
mittelbare hellseherische GewiBheit hatte, wie es in den vorherigen 



Jahrhunderten war durch den einverwobenen Atherleib des Jesus von 
Nazareth. Diese Leute muBten sich so die Aufgabe stellen, daB sie 
sich sagten : Es ist uns durch Uberlieferung mitgeteilt worden, daB in 
der Geschichte aufgetreten ist jene Wesenheit, die als der Christus 
Jesus bekannt ist, daB eingegriffen haben in die Menschheitsentwicke- 
lung andere geistige Wesenheiten, von denen uns die religiosen 
Urkunden zeugen..- Aus ihrer Verstandesseele heraus, aus dem In- 
tellekt des Abbildes des Jesus von. Nazareth-Astralleibes stellten sie 
sich die Aufgabe, mit feinen und scharf ausgebauten Begriffen alles 
das zu beweisen, was in ihren Schriften als Mysterienwahrheiten da 
war. So entstand jene merkwiirdige Wissenschaft, die das groBte an 
Scharfsinn, an Intellekt zu leisten versucht hat, was iiberhaupt wohl in 
der Menschheit geleistet worden ist. Durch mehrere Jahrhunderte 
hindurch - man moge iiber den Inhalt der Scholastik denken, wie man 
will - wurde einfach dadurch, daB diese feine, feine BegrifTsunter- 
scheidung und BegrifFskonturierung getrieben wurde, die Fahigkeit 
des menschlichen Nachdenkens gepflegt und der Zeitkultur ein- 
gepragt. Es war ja im 13. bis 15. Jahrhundert, daB die Menschheit 
durch die Scholastik eingepragt erhalten hat die Fahigkeit, scharf- 
sinnig, eindringend logisch zu denken. 

Bei denen, welchen wiederum mehr eingepragt war die BewuBt- 
seinsseele beziehungsweise das Abbild, das sich als BewuBtseinsseele 
des Jesus von Nazareth auslebt, trat auf - weil in der BewuBtseinsseele 
das Ich sitzt - die besondere Erkenntnis, daB im Ich der Christus ge- 
funden werden kann. Und weil sie selber das Element der BewuBt- 
seinsseele aus dem astralischen Leib des Jesus von Nazareth in sich 
hatten, leuchtete in ihrem Innern ihnen der innere Christus auf, und 
durch diesen Astralleib erkannten sie, daB der Christus in ihrem 
Innern der Christus selber war. Das waren die, die Sie kennen als 
Meister Eckart, Johannes Tauler und die ganzen Trager der mittelalter- 
lichen Mystik. 

So sehen Sie, wie die verschiedensten Phasen des astralischen Leibes, 
die dadurch vervielfaltigt wurden, daB die hohe Avatarwesenheit des 
Christus eingezogen war in den Leib des Jesus von Nazareth, weiter 
wirkten in der folgenden Zeit und die eigentliche Entwickelung des 



Christentums bewirkten. Es ist iibrigens auch sonst ein wichtiger 
Ubergang. Wir sehen, wie die Menschheit in ihrer Entwickelung auch 
sonst darauf angewiesen ist, diese Stiicke der Jesus von Nazareth- 
Wesenheit in sich einverleibt zu erhalten. In den ersten Jahrhunderten 
waren Menschen da, die ganz auf den physischen Plan angewiesen 
waren; dann kamen Menschen in den folgenden Jahrhunderten, die 
zuganglich waren in ihrem Atherleib eingewoben zu erhalten das 
Element des Atherleibes des Jesus von Nazareth. Spater waren die 
Menschen sozusagen mehr hingeordnet auf den astralischen Leib; 
daher konnte ihnen jetzt auch das Abbild des astralischen Leibes des 
Jesus von Nazareth einverleibt werden. Der astralische Leib ist der 
Trager der Urteilskraft. Die Urteilskraft erwacht ganz besonders im 
12. bis 14. Jahrhundert. Das konnten Sie auch noch aus einer andern 
Erscheinung ersehen. 

Bis zu dieser Zeit war es ganz besonders klar, welche Mysterien- 
tiefen das Abendmahl enthielt. Das Abendmahl wurde so hingenom- 
men - hochstens im kleinen wurde dariiber diskutiert daB man 
selbst alles das zu empfinden verstand, was in den Worten lag: «Dies 
ist mein Leib und dies ist mein Blut. . .», weil der Christus darauf hin- 
wies, daB er vereinigt sein werde mit der Erde, der planetarische Geist 
der Erde sein werde. Und weil das Kostbarste aus der physischen 
Erde das Mehl ist, deshalb wurde dem Menschen das Mehl zum Leibe 
des Christus, und der Saft, der durch die Pflanzen, durch die Reben 
geht, wurde ihnen etwas von dem Blute des Christus. Durch dieses 
Wis sen wurde der Wert des Abendmahls nicht verringert, sondern im 
Gegenteil erhoht. Etwas von diesen unendlichen Tiefen fiihlte man 
in diesen Jahrhunderten, bis dann die Urteilskraft im astralischen Leib 
erwachte. Von da ab erwacht auch erst der Zweifel. Von da ab begann 
auch erst der Streit iiber das Abendmahl. Denken Sie einmal dariiber 
nach, wie im Hussitismus, wie im Luthertum und seinen Spaltungen 
des Zwinglianismus und Calvinismus diskutiert wird, was das Abend- 
mahl sein soli! Solche Diskussionen waren friiher nicht moglich ge- 
wesen, weil man da noch ein unmittelbares Wissen von dem Abend- 
mahl hatte. Aber da sehen wir bewahrheitet ein groBes historisches 
Gesetz, das besonders fur Geisteswissenschafter wichtig sein sollte: 



Solange die Leute wuBten, was das Abendmahl war, hatten sie nicht 
diskutiert, erst als sie verloren hatten das unmittelbare Wissen vom 
Abendmahl, fingen sie zu diskutieren an. Betrachten Sie es iiberhaupt 
als ein Anzeichen, daB man irgendeine Sache eigentlich nicht weiB, 
wenn man iiber diese Sache zu diskutieren anfangt. Wo Wissen ist, 
wird das Wissen erzahlt, und da ist eigentlich keine besondere Lust 
am Diskutieren vorhanden. Wo Lust am Diskutieren ist, da ist in der 
Regel kein Wissen von der Wahrheit. Die Diskus'sion beginnt erst mit 
dem Nichtwissen, und es ist stets und iiberall ein Zeichen des Verfalls 
in bezug auf den Ernst einer Sache, wenn Diskussionen beginnen. 
Auflosung der betreffenden Stromung kundigt sich immer mit Dis- 
kussionen an. Das ist sehr wichtig, daB man das auf geisteswissen- 
schaftlichem Felde immer wieder und wieder begreifen lernt, daB der 
Wille zum Diskutieren eigentlich als ein Zeichen der Unwissenheit 
aufgefaBt werden darf. Dagegen sollte dasjenige, was dem Diskutieren 
gegeniibersteht, der Wille zum Lernen, der Wille, nach und nach ein- 
zusehen, um was es sich handelt, gepflegt werden. 

Hier sehen wir eine groBe historische Tatsache an der Entwickelung 
des Christentums selber bewahrheitet. Wir konnen aber noch etwas 
anderes lernen, wenn wir sehen, wie in diesen charakterisierten Jahr- 
hunderten des Christentums die Urteilskraft - das, was im astralischen 
Leibe ist -, diese scharfe intellektuelle Weisheit ausgestaltet wird. 
Allerdings, wenn wir Realitaten, nicht Dogmen, ins Auge fassen, 
dann konnen wir daran lernen, was das Christentum im Fortschreiten 
iiberhaupt alles getan hat. Was ist denn aus der Scholastik geworden, 
wenn wir sie nicht ihrem Inhalt nach auf fas sen, sondern wenn wir sie 
als Heranzuchtung, Heranerziehung von Fahigkeiten ins Auge fassen? 
Wissen Sie, was daraus geworden ist? Die moderne Naturwissenschaft 
ist daraus geworden! Die moderne Naturwissenschaft ist gar nicht 
denkbar ohne die Realitat einer christlichen Wissenschaft des Mittel- 
alters. Nicht nur, daB Kopernikus ein Domherr war, daB Giordano Bruno 
ein Dominikaner war, sondern alle die Gedankenformen, mit denen 
man seit dem 15., 16. Jahrhundert iiber die Naturobjekte sich her- 
machte, sind nichts anderes als das, was heranerzogen, herangeziichtet 
worden ist vom 11. bis 16. Jahrhundert durch die christliche Wissen- 



schaft des Mittelalters. Diejenigen leben nicht in der Realitat, sondern 
in Abstraktionen, die da nachschlagen in den Biichern der Scholastik, 
das mit der neueren Naturwissenschaft vergleichen und dann sagen; 
Haeckel und so weiter behaupten etwas ganz anderes. Auf Realitaten 
kommt es an! Ein Haeckel, ein Darwin, ein Du Bois-Rejmond, ein 
Huxley und andere waren alle unmoglich, wenn nicht die christliche 
Wissenschaft des Mittelalters vorangegangen ware. Denn daB sie so 
denken konnen, das verdanken sie der christlichen Wissenschaft des 
Mittelalters. Das ist, die Realitat. Daran hat die Menschheit denken 
gelernt im wahren Sinne des Wortes. 

Die Sache geht noch weiter. Lesen Sie David Friedrich Straufl. Ver- 
suchen Sie zu schauen auf die Art und Weise, wie er denkt. Versuchen 
Sie seine Gedankengebilde sich klarzulegen : wie er darstellen will, daB 
das ganze Leben des Jesus von Nazareth ein Mythos ist. Wissen Sie, 
woher er die Gedankenscharfe hat? Er hat sie aus der christlichen 
Wissenschaft des Mittelalters. Alles das, womit man heute dasChristen- 
tum so radikal bekampft, das ist gelernt an der christlichen Wissen- 
schaft des Mittelalters. Es konnte heute eigentlich gar keinen Gegner 
des Christentums geben, bei dem man nicht leicht nachweisen konnte, 
daB er gar nicht so denken konnte, wie er denkt, wenn er die Ge- 
dankenformen nicht gelernt hatte an der christlichen Wissenschaft des 
Mittelalters. Das hieBe allerdings die Weltgeschichte real betrachten. 

Und was ist denn seit dem 16. Jahrhundert geschehen? Seit dem 
16. Jahrhundert ist immer mehr und mehr das Ich selber zur Geltung 
gekommen, damit auch der menschliche Egoismus und damit der 
Materialismus. Man hat verlernt und vergessen, was das Ich alles an 
Inhalt aufgenommen hat : man muBte sich daher beschranken auf das, 
was das Ich beobachten kann, was das Instrument der Sinnlichkeit 
dem gewohnlichen Verstande geben kann, und nur das konnte es in 
die innerliche Wohnstatte nehmen. Eine Kultur der Egoitat ist die 
Kultur seit dem 16. Jahrhundert. Was muB nun in dieses Ich hinein- 
kommen? Die christliche Entwickelung hat durchgemacht eine Ent- 
wickelung in dem auBeren physischen Leib, eine Entwickelung im 
Atherleib, eine solche im astralischen Leib, und bis zum Ich ist sie 
hinaufgedrungen. Jetzt muB sie in dieses Ich aufnehmen die Mysterien 



und Geheimnisse des Christentums selber. Jetzt muB es moglich sein, 
das Ich zum Christus-empfanglichen Organ zu machen, nachdem eine 
Weile das Ich das Denken gelernt hat durch das Christentum und die 
Gedanken angewendet hat auf die AuBenwelt. Jetzt muB dieses Ich 
wiederum die Weisheit finden, welche die Urweisheit des groBen 
Avatars, des Christus selber ist. Und wodurch muB das geschehen? 
Durch die geisteswissenschaftliche Vertiefung des Christentums. Sorg- 
sam vorbereitet durch die drei Stufen der physischen, der atherischen 
und der astralischen Entwickelung, wiirde es jetzt darauf ankommen, 
daB im Innern das Organ sich dem Menschen erschlieBe, um nunmehr 
in seine geistige Umwelt zu schauen mit jenem Auge, das ihm der 
Christus offnen kann. Als die groBte Avatarwesenheit ist der Christus 
auf die Erde herabgestiegen. Stellen wir uns auf diese Perspektive ein : 
versuchen wir so die Welt anzuschauen, wie wir die Welt anschauen 
konnen, wenn wir den Christus in uns aufgenommen haben. Dann 
finden wir unseren ganzen Weltenwerdegang durchgliiht und durch- 
flutet von der Christus-Wesenheit. Das heiBt, wir schildern, wie nach 
und nach entstanden ist auf dem Saturn der physische Leib des Men- 
schen, wie auf der Sonne der Atherleib hinzutrat, auf dem Mond der 
astralische Leib, und auf der Erde dann das Ich dazugekommen ist, 
und wir finden, wie das alles zu dem Ziel hinstrebt, immer selbstandi- 
ger und individueller zu werden, um jene Weisheit, die von der Sonne 
zur Erde iibergeht, der Erdenentwickelung einzuverleiben. Sozusagen 
zu dem perspektivischen Mittelpunkt der Weltenbetrachtung muB fur 
das freigewordene Ich der neueren Zeit der Christus und das Christen- 
tum werden. 

So sehen Sie, wie das Christentum sich nach und nach vorbereitet 
hat zu dem, was es werden soli. Mit seiner physischen Erkenntnis- 
fahigkeit hat in den ersten Jahrhunderten der Christ das Christentum 
aufgenommen, dann spater mit seiner atherischen Erkenntnisfahigkeit 
und mit seiner astralischen Erkenntnisfahigkeit durch das Mittelalter 
hindurch. Dann wurde das Christentum in seiner wahren Gestalt eine 
Weile zuriickgedrangt, bis das Ich durch die drei Leiberim Werdegang 
der nachchristlichen Entwickelung erzogen worden ist. Aber nachdem 
dieses Ich denken und den Blick in die objektive Welt hinauszurichten 



gelernt hat, ist es jetzt audi reif, in dieser objektiven Welt in alien 
Erscheinungen das zu schauen, was an geistigen Tatsachen mit der 
Mittelpunktswesenhek, mit der Christus-Wesenheit so innig ver- 
kmipft ist: den Christus in den mannigfaltigsten Gestalten alliiberall 
als die Grundlage zu schauen. 

Damit stehen wir am Ausgangspunkte eben des geisteswissenschaft- 
lichen Begreifens und Erkennens des Christentums, und wir erkennen, 
welche Aufgabe, welche Mission dieser Bewegung fur Geist-Erkennt- 
nis zugeteilt ist. Da erkennen wir zugleich die Realitat dieser Mission. 
So wie der einzelne Mensch physischen Leib, Atherleib-, Astralleib und 
Ich hat, und nach und nach hinaufsteigt zu immer hoheren Hohen, so 
ist es auch im geschichtlichen Werdegang des Christentums. Man 
mochte sagen : Auch das Christentum hat einen physischen Leib, einen 
Atherleib, einen Astralleib und ein Ich, ein Ich, das sogar seinen 
Ursprung verleugnen kann wie in unserer Zeit, wie iiberhaupt das Ich 
egoistisch werden kann, aber doch ein Ich, das zu gleicher Zeit auch 
die wahre Christus-Wesenheit in sich aufnehmen und zu immer hohe- 
ren Stufen des Daseins aufsteigen kann. - Was der Mensch im einzelnen 
ist, das ist die groBe Welt sowohl in ihrer Gesamtheit als im Verlauf 
ihres geschichtlichen Werdens. 

Wenn wir die Sache so betrachten, eroffnet sich uns vom geistes- 
wissenschaftlichen Standpunkt aus eine weite Zukunftsperspektive. 
Und wir wissen, wie diese unser Herz ergreifen und mit Enthusiasmus 
erfullen kann. Wir begreifen immer mehr und mehr, was wir zu tun 
haben, und wir wissen auch, daB wir nicht im dunkeln tappen. Denn 
wir haben uns keine Ideen ausgeheckt, die wir willkurlich in die Zu- 
kunft hineinstellen wollen, sondern diejenigen Ideen wollen wir haben 
und ihnen allein folgen, die nach und nach durch die Jahrhunderte der 
christlichen Entwickelung vorbereitet worden sind. So wahr es ist, 
daB das Ich erst erscheinen und nach und nach hinaufentwickelt wer- 
den muB zum Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen, nach- 
dem der physische Leib, der Atherleib und astralische Leib zuerst 
vorhanden waren, so wahr konnte sich der moderne Mensch mit 
seiner Ich-Gestalt, mit seinem heutigen Denken nur entwickeln aus 
der astralischen, der atherischen und der physischen Gestalt des 



Christentums heraus. Ich ist das Christentum geworden. So wahr, wie 
das die Entwickelung aus der Vergangenheit war, so wahr ist es, daB 
die Ich-Gestalt der Menschheit erst in Erscheinung treten kann, nach- 
dem die astralische und atherische Gestalt des Christentums entwickelt 
worden ist. Das Christentum wird sich in die Zukunft fortentwickeln, 
es wird noch ganz andere Dinge der Menschheit darbieten, und die 
christliche Entwickelung und die christliche Lebenshaltung werden in 
neuer Gestalt erstehen: es wird der umgewandelte astralische Leib 
erscheinen als das christliche Geistselbst, der umgewandelte Atherleib 
als der christliche Lebensgeist. Und in einer leuchtenden Zukunfts- 
perspektive des Christentums glanzt vor unserer Seele auf als der 
Stern, dem wir zuleben, der Geistesmensch, ganz durchleuchtet und 
durchgluht von dem Geiste des Christentums. 



INTIMERE REINKARNATIONSFRAGEN 



Munchen, 7.Marz 1909 



Es ist mir eine Aufgabe jetzt, in den verschiedenen Zweigen iiber ein 
ganz bestimmtes Thema zu sprechen, weil dieses Thema uns immer 
mehr und mehr innerlich bekanntwerden und uns durchdringen soil, 
namlich das Thema «Intimere Wiederverkorperungs- oder Reinkarna- 
tionsfragen» und verschiedenes, was damit im Zusammenhange stent. 
Daher werden wir auch heute iiber diese intimeren Fragen der Re- 
inkarnation und deren Bedeutung fur das ganze Leben der Mensch- 
heit einiges zu besprechen haben. Unseren Ausgang werden wir zu 
nehmen haben von sehr alten Zeiten, und werden uns aber dann nach 
und nach wichtigen Fragen der Gegenwart nahern. Es ist in unserer 
Geisteswissenschaft einmal so, daft man in ihr anders vorschreiten 
muB als in andern Lebensanschauungs- oder etwa in gesellschaftlichen 
Fragen. Man muB in der Geisteswissenschaft zuerst die Tatsachen des 
Lebens im allgemeinen behandeln, und sie dann mehr ins einzelne 
herausarbeiten. Es wird in unserer Weltanschauung im allerelementar- 
sten Sinn zunachst davon gesprochen, wie sich des Menschen innerer 
Wesenskern, sein gottliches Ich von Leben zu Leben immer wiederum 
fortentwickelt, wie es sich reinkarniert. Damit ist aber die Frage der 
Reinkarnation eigentlich nur in einem elementaren Sinn behandelt, 
und es handelt sich jetzt darum, diese Dinge genauer und intimer zu 
schildern. Denn damit ist es nicht abgetan, daB das Ich des Menschen 
von Leben zu Leben eilt, sondern es gibt noch manches andere, was 
mit diesen Wiederverkorperungsfragen zusammenhangt und eigent- 
lich erst das richtige Licht in diese Wiederverkorperungsfragen und 
ihre Zusammenhange mit dem Leben bringt. Wenn wir nun zuriick- 
blicken in alte Zeiten, so wollen wir sie von diesem Gesichtspunkte 
aus charakterisieren. 

Wir haben oft davon gesprochen, daB die Menschheit ihre Vor- 
fahren zu suchen hat in der alten Atlantis, also in dem Landgebiet 
zwischen dem heutigen Afrika und Europa einerseits und Amerika 
andererseits. Da waren in Leibern, die zum Telle von den heutigen 



Menschenleibern recht verschieden sind, alle die Seeleri schon ver- 
korpert, die heute hier sitzen. Da haben wir die nachste Vorfahren- 
schaft der Menschheit zu suchen. Diese atlantische Menschheit hatte 
nun ihre ganz bestimmte Fiihrerschaft. Es waren aber die Seelenkrafte, 
iiberhaupt alle Fahigkeiten der atlantischen Menschheit anders als die 
unserer heutigen Menschheit. Daher gab es in der alten Atlantis nicht 
das, was wir etwa heute als Fiihrerschaft haben. Und wenn wir etwas 
von dieser alten Atlantis herausgreifen: Kirchen, Kultusstatten und 
Schulen im heutigen Sinne gab es damals nicht. Es gab etwas wie ein 
Zwischending zwischen Kultusstatte und Schule; es gab eben im aus- 
gepragtesten MaGe das, was wir als Mysterienstatten kennen. Diese 
hatten in bezug auf Erkenntnis und das auBere Leben durchaus die 
Fuhrung der Atlantier. Man mochte sagen, daB die geistigen Fiihrer 
zu gleicher Zeit die Konige der atlantischen Volksstamme waren. 
Ein Wort, das natiirlich erst spater gepragt worden ist, kann uns 
wiedergeben den Sinn von der Aufgabe dieser atlantischen Mysterien, 
dieser atlantischen Kultusstatten und Schulen, von denen aus die Ein- 
geweihten der Atlantier wirkten, von denen aus sie sowohl mit Er- 
kenntnis die einzelnen Menschen befruchteten, wie auch die Fiihrer- 
schaft iiber sie ausiibten. Dieses Wort, das eben spater gepragt worden 
ist, aber heute uns wiedergibt die Aufgabe der Mysterienstatten, ist 
das Wort «Orakel». Daher sprechen wir von den atlantischen Orakeln 
als den groBen Mittelpunkten atlantischer Kultur. 

Wir miissen uns einen Begriff machen von dem, was diese Orakel 
zu tun hatten. Sie hatten den Menschen Lehren zu verkunden iiber die 
geistige Welt, die hinter der physischen ist. Diese Lehre der geistigen 
Welt ist nun nicht so - wenn wir zunachst nur dieses eine Merkmal 
hervorheben - im Raume beschrankt als unsere Erkenntnis in bezug 
auf die physische Welt. Wer da weiB, welches die Geheimnisse zum 
Beispiel des Mars sind, der weiB iiberhaupt einen groBen Teil von den 
geistigen Geheimnissen unserer Welt. Alle diese physischen Welten- 
korper unseres Sonnensy stems zunachst sind ja in Verbindung mit- 
einander, sind der auBere Ausdruck von geistigen Wesenheiten. Wer 
diese geistigen Wesenheiten kennt, der kennt auch die Krafte, die von 
Planet zu Planet gehen, welche also in der geistigen Welt, in der wir 



uns zwischen Tod und neuer Geburt befinden, wirksam sind. Es gab 
nun ein Orakel, welches vorzugsweise die Aufgabe hatte, die Ge- 
heimnisse des Mars, ein anderes, welches die Aufgabe hatte, die Ge- 
heimnisse des Jupiter und so weiter den Menschen zu verkiinden und 
zu ubermitteln, und aus diesen einzelnen Erkenntnissen gewann man 
die Moglichkeit, gewisse Volksmassen zu fiihren. Ein anderes Mai 
werden wir davon sprechen, warum das so war, heute wollen wir es 
nur andeuten. Unsere Aufgabe ist heute eine andere. 

Die atlantischen Volker waren in Gruppen geteilt und mit der gan- 
zen Entwickelung hing es zusammen, daB eine Gruppe der Menschen 
insbesondere regiert werden muOte mit den Kraften, die man ge- 
winnen konnte durch Erkenntnis des Mars. Eine andere Gruppe war 
zu regieren mit den Kraften, die man gewinnen konnte mit den 
Erkenntnissen des Jupiter oder mit denen der Venus, des Merkur und 
so weiter. Es gab ja in der alten Atlantis das, was man nennen konnte 
Jupitermenschen oder Marsmenschen. Sieben Orakelstatten gab es, 
weil das Leben der Atlantis nach den verschiedenen Merkmalen der 
Rassenbildung in sieben Gruppen zerfiel. Es gab das Mars-, Venus-, 
Merkur-, Jupiterorakel und so weiter: alles Namen, die spater gepragt 
wurden, aber anwendbar sind auf diese Orakelstatten. Und die Fiihrer- 
schaft, gleichsam die Oberherrschaft iiber sie hatte das Orakel, das wir 
bezeichnen konnen als das uralte atlantische Sonnenorakel. Was an 
Orakeln nach der atlantischen Zeit in Griechenland, Agypten und so 
weiter war, alles das, was in Asien an Orakeln war, waren Nachziigler 
der groJBen atlantischen Orakel. Das Apolloorakel Griechenlands war 
ein Nachziigler des Sonnenorakels der atlantischen Zeit. Der Ein- 
geweihte, der an der Spitze des Sonnenorakels stand, war der Trager 
der tiefsten Geheimnisse unseres Sonnensystems. Er hatte mit seinen 
Untergebenen zu erforschen, was das geistige Leben der Sonne selbst 
war. Alle die Geheimnisse unseres ganzen Planeten-Sonnensystems 
hatte er damit als Botschaft zu verkiinden der atlantischen Menschheit 
und er hatte die Oberherrschaft iiber die andern Orakelstatten aus- 
zuiiben. 

Diesem Eingeweihten des Sonnenorakels fiel eine ganz besondere 
Aufgabe zu. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Menschheit so zu leiten und 



zu fiihren, damit sie sich, wenn die groBe atlantische Katastrophe, die 
mit dem Untergange der Atlantis endete, voriiber sein wiirde, in die 
nachatlantische Zeit hinein fortpflanzen und begriinden konne die 
Kulturen, die wir ofter als die nachatlantischen besprochen haben. 
Also es hatte der groBe Eingeweihte des Sonnenorakels die Aufgabe, 
die Menschen schon wahrend der atlantischen Zeit so vorzubereiten, 
daB in der nachatlantischen die altindische, altpersische, agyptisch- 
babylonisch-jiidische, die griechisch-lateinische Kultur kommen 
konnte, daB geeignetes Menschenmaterial dazu vorhanden sei. 

Nun miissen wir uns ein wenig unterrichten iiber die Aufgabe 
dieses groBen Eingeweihten des Sonnenorakels. Was war eigentlich 
atlantische Kultur? Sie war ganz anders als die spateren Kulturen. Der- 
jenige war in der alten Atlantis an der Spitze der Kultur, gleich einem 
heutigen groBen Fiihrer in der Gelehrsamkeit oder Kunst oder In- 
dustrie oder Handel, der iiber besondere hellseherische Krafte ver- 
fiigte und besonders magisch zu wirken wuBte. Was heute den Men- 
schen zum Fiihrer, zum Gelehrten und so weiter macht, das gab es 
damals noch nicht oder hochstens in den allerersten Anfangen. Rech- 
nen, Zahlen, Kombinieren, verstandesmaBiges Urteilen wie heute, gab 
es nicht. Es waren primitive Krafte hellseherischer Art, hellseherischer 
Kraft vorhanden, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten. 
Ohne das heutige SelbstbewuBtsein sah damals der Mensch in die 
geistige Welt hinein, und wer am besten hineinschaute, der war Trager 
der atlantischen Kultur. Wir haben hervorgehoben, daB die Atlantier 
gewisse innere Krafte der Natur beherrschten, zum Beispiel die Samen- 
krafte der Pflanzen, daB sie damit ebenso ihre Fahrzeuge lenkten, wie 
heute der Mensch mit den Kraften der Steinkohle seine Fahrzeuge 
lenkt. So waren diejenigen, die die Fiihrer der atlantischen Kultur 
waren, nicht wie Menschen von heute, die durch die Urteilskraft die 
Geheimnisse der Welt zu erforschen suchen, sondern diejenigen, die 
die groBten Hellseher und Magier waren, die gingen an der Spitze. 
Und jene Menschen, die die allerersten Entwickelungskeime hatten 
zum Rechnen, Zahlen, Kombinieren, verstandesmaBigen Urteilen, 
waren in einer gewissen Beziehung durch ihre Schlichtheit verachtet, 
gehorten nicht zu dem, was die Aristokratie der Kultur ausmachte. 



Aber gerade diese Menschen, die die allerersten Anfange dieser nach- 
atlantischen Fahigkeiten hatten, die am wenigsten hatten von dem 
Hellsehen, von den magischen Kraften, die sammelte sich der groBe 
Fiihrer des Sonnenorakels aus alien Gegenden zusammen. Es waren 
die schlichtesten, in einer gewissen Beziehung verachtetsten Leute der 
alten Atlantis; die sammelte er sich. Mit ihnen hatte er ja gerade das 
zu begriinden, was nachatlantische Kultur werden sollte. Das, was an 
der Spitze der atlantischen Kultur marschierte, was das dammerhafte 
Hellsehen am meisten beherrschte, war kein brauchbares Material, um 
hiniibergefuhrt zu werden iiber die groBe atlantische Katastrophe. An 
die schlichten Leute der Atlantis, die zuerst die intellektuellen Fahig- 
keiten entwickelten, erging der Ruf des groBen Eingeweihten des 
Sonnenorakels. 

Nur nebenbei sei erwahnt, daB wir heute in einer ahnlichen Zeit 
leben, daB heute wiederum ein ahnlicher Ruf an die Menschheit 
ergeht; allerdings so, wie es heute, wo die Menschheit nur auBerlich, 
nur auf dem physischen Plan sieht, sein muB: Aus unbekannten 
Geistestiefen heraus, welche die Menschheit nach und nach kennen- 
lernen wird, ergeht der Ruf an die Menschheit, wiedemm vorzuberei- 
ten etwas, was als neue, von hellseherischen Kraften wieder durch- 
zogene Kultur der Zukunft dastehen soli. Eine Katastrophe wird 
kommen, ahnlich der atlantischen, und dann wird eine neue Kultur 
mit spirituellen Fahigkeiten aufgehen, die verkniipft sein wird mit 
dem, was wir die umfassende Bruderschaftsidee der Menschheit 
nennen. 

Auch heute kann nicht der Ruf an diejenigen ergehen und ver- 
standen werden, welche an der Spitze unserer Kultur stehen. Die 
Stellung, welche die atlantischen Hellseher und Magier eingenommen 
haben, die dazu bestimmt waren sozusagen auszusterben mit ihrer 
Kultur, dieselbe Stellung nehmen heute diejenigen ein, die an der 
Spitze der Gelehrsamkeit und des auBeren industriellen Lebens stehen, 
die groBen Erfinder und Entdecker der Gegenwart. So viel sie auch 
noch zu tun haben, sie nehmen dieselbe Stellung ein. Sie sehen ver- 
achtungsvoll herunter auf diejenigen, die etwas zu fiihlen beginnen 
von dem spirituellen Leben, das folgen soil. Dieses BewuBtsein muB 



sich derjenige in die Seele pflanzen, der heute in seiner Mitarbeiter- 
schaft gestarkt werden soil in den theosophischen Arbeitsgruppen. 
Wenn mit Verachtung geblickt wird auf die kleinen Konventikel von 
seiten der Fiihrer der heutigen Kultur, so muB der, welcher fleiBig 
in seiner Seele mitarbeitet an der Vorbereitung eines Zukiinftigen, sich 
sagen: Auf diejenigen, die heute an der Spitze stehen mit ihrer intellek- 
tuellen Kraft, auf die ist nicht gerechnet. Gerade die, die von ihnen 
verachtet werden, von denen gesagt wird, daB sie nicht auf der Hohe 
der heutigen Gelehrsamkeit stehen, gerade diese Menschen werden 
heute gesammelt - so wie gesammelt worden sind die schlichten Leute 
der alten Atlantis von dem Fiihrer des Sonnenorakels -, um vor- 
zubereiten eine kiinftige Kultur, um die Morgenrote zu sein der- 
selben, wahrend in der Gelehrsamkeit die Abendrote der heutigen 
Kultur vor uns steht. Das sei nebenbei gesagt zur Starkung derjenigen, 
die die Angriffe von Seite derer, die an der Spitze unserer Kultur 
wandeln wollen, auszuhalten und ihnen standzuhalten haben. 

Dieser groBe Eingeweihte des Sonnenorakels sammelte nun seine 
schlichten Leute in einer Gegend ungefahr westwarts vom heutigen 
Irland. Nun miissen wir uns die Situation klarmachen. Die Atlantis 
ging im Laufe langer, langer Zeitraume zugrunde. Immer wieder 
zogen machtige Volkerschaften von Westen nach Osten. In den ver- 
schiedensten Gebieten von Asien, Europa und Afrika saBen Volker, 
die in verschiedenen Zeiten angekommen waren und sich mischten. 
Da brach auch der groBe Fiihrer des Sonnenorakels mit seiner kleinen 
Schar auf, um in der Mitte von Asien eine Kolonie zu griinden, von 
der ausgehen sollten die Stromungen, welche die nachatlantischen 
Kulturen begriindeten. Neben seinen schlichten Leuten hatte aber der 
groBe Fiihrer noch etwas anderes mitgenommen. Und hier kommen 
wir an eines der Kapitel, wo wir eben ein durch das Zweigleben in der 
Geisteswissenschaft gefestigtes und etwas gestarktes Herz brauchen, 
um iiberhaupt eine Ahnung zu haben von der Wahrheit dessen, was 
da gesagt wird. 

Es inspizierte gleichsam der groBe Fiihrer die andern Orakelstatten 
und er hatte aufzusuchen die groBten Eingeweihten der verschiedenen 
Orakel. Nun gibt es eine gewisse Methode, durch die das in Aus- 



fuhrung gesetzt werden kann, was man nennen konnte «spirituelle 
Okonomie». Sie wissen ja, und es ist ganz richtig, wenn es so ge- 
schildert wird, daB, nachdem der Mensch gestorben ist, sein Atherleib 
sich auflost. Nur ein Extrakt bleibt und wird mitgenommen. Das 1st 
aber nur die elementare Wahrheit. Diese Wahrheit muB modifiziert 
werden, wenn man weiter aufsteigt in der spirituellen Erkenntnis. 
Nicht alle Atherleiber aller Menschen werden in dieser Weise auf- 
gelost im allgemeinen Ather. Solche Atherleiber, wie sie die groBten 
Eingeweihten der sieben alten atlantischen Orakel hatten, sind wert- 
voll. In sie sind hineinverwoben die spirituellen Arbeiten dieser Ein- 
geweihten, und es ware gegen die spirituelle Okonomie, wenn diese 
Atherleiber der groBen Eingeweihten einfach aufgelost wiirden. Sie 
bleiben erhalten wie Modelle fur eine spatere Zeit, und der groBe 
Eingeweihte des Sonnenorakels hatte die sieben Modelle der sieben 
bedeutendsten Eingeweihten aufzubewahren. Er nahm sie mit. Da er 
seine schlichte Schar hinuberfiihrte nach Asien, nahm er die sieben 
Atherleiber der sieben bedeutendsten Eingeweihten der alten Atlantis 
mit. So etwas ist moglich durch die Methoden, die in den Mysterien 
ausgebildet werden. So etwas kann man machen. Sie miissen sich 
durchaus spirituelle Vorgange vorstellen und nicht etwa, daB man die 
Atherleiber in Schachteln verpacken kann; aber man kann sie fur 
spatere Zeiten aufbewahren. 

In Asien driiben machte nun der Fiihrer folgendes : Von Generation 
zu Generation pflanzten sich fort die schlichten Leute, die als eine 
Schar sich um den Fiihrer gesammelt hatten. Sie hatten vor alien 
Dingen eine ungeheure Ergebenheit und unendliche Anhanglichkeit 
an ihren groBen Fiihrer. Von Generation zu Generation pflanzten sie 
sich fort und ihre Erziehung wurde in bestimmter Weise klug und 
spirituell bedeutsam geleitet, so geleitet, daB nach langen Genera- 
tionen folgendes moglich wurde, wiederum durch eine der Methoden, 
die in den Mysterien ausgearbeitet werden, die sich abspielen hinter 
den Kulissen des auBeren Lebens. Wir werden sehen, wie solche 
Methoden wirken. Es soli der heutige Vortrag der Anfang sein von 
vielen, die einzelnes dann erklaren konnen. 

Es ist durch solche Methoden durchaus moglich, daB man, wenn 



der Mensch wiederum heruntersteigt zu einer neuen Verkorperung, 
wo er sich wiederum mit einem Atherleib umgeben muB, daB man 
in diesen Atherleib einverwebt einen alten Atherleib, den man auf- 
bewahrt hat. Und so wurde, als die Zeit gekommen war, da durch eine 
sorgfaltige Erziehung der eingewanderten Schar und ihrer Nach- 
kommen sieben Leute da waren, bei welchen so etwas vorgenommen 
werden konnte, es wurden ihnen einverwoben bei ihrer Geburt die auf- 
bewahrten sieben Atherleiber der sieben bedeutendsten Eingeweihten 
der atlantischen Orakel. Einer von denen, die da um den groBen 
Fuhrer des Sonnenorakels waren, bekam eingewoben den Atherleib 
des bedeutendsten Saturneingeweihten, ein anderer den des Mars-, ein 
dritter den des Jupitereingeweihten und so weiter. Und so hatte der 
groBe Fuhrer sieben Leute, denen einverwoben waren die sieben 
Atherleiber der sieben bedeutendsten Eingeweihten der alten atlanti- 
schen Orakel. Wenn Sie diesen sieben Leuten begegnet waren irgend- 
wo im Alltag, so wurden Sie sie gefunden haben als schlichte Leute, 
denn sie waren nicht die wiederverkorperten Iche der atlantischen 
Eingeweihten, sondern waren eben schlichte Leute mit den neuen 
Fahigkeiten der nachatlantischen Zeit. In ihrem Ich unterschieden sie 
sich nicht besonders von dem, was sozusagen die erste schlichte 
primitive Kultur war in dieser Zeit unmittelbar nach der atlantischen 
Katastrophe. Aber in ihrem Atherleib hatten sie die Krafte der sieben 
groBen atlantischen Eingeweihten. Wir haben hier eine Wiederverkor- 
perung nicht des Ich, sondern der Atherleiber der atlantischen Ein- 
geweihten. So sehen wir, daB nicht nur das Ich sich wiederverkorpern 
kann, sondern daB auch das zweite Glied der menschlichen Wesenheit 
fur sich sich wiederverkorpern kann. Und dadurch, daB diese Sieben 
aus der Gefolgschaft des groBen Eingeweihten des Sonnenorakels 
diese Atherleiber erhielten mit den Kraften, die eben von der atlanti- 
schen Zeit darinnen waren, dadurch waren sie groBe Inspirierte. Sie 
hatten in gewissen Stunden die Fahigkeit, hereinstromen zu lassen in 
ihre Atherleiber die Krafte, welche die Geheimnisse von Sonne, Mars, 
Saturn und so weiter enthullten. Daher erschienen sie wie Inspirierte, 
die in ihrer Botschaft weit hinausreichten iiber das, was sie in ihrem 
Astralleib oder in ihrem Ich hatten beurteilen konnen. Wie ein wun- 



derbarer harmonischer Chor wirkten zusammen die Botschaften, 
welche von den verschiedensten Gliedern der Welt zusammenklingen 
lieBen diese Sieben, die in der Loge der sieben Rishis vereinigt und 
hinuntergeschickt wurden nach Indien, wo sie die uralte indische 
Kultur zu inspirieren hatten. Es ist uns viel und GroBes von dieser 
Kultur in wunderbarer Form erhalten in den Veden, es ist uns 
Wunderbares erhalten von der tiefen wis sens chaftlichen Art dieser 
indischen Kultur in den Upanishaden, in der Vedantaphilosophie und 
so weiter; aber das, was die alten heiligen Rishis gelehrt hatten, wo 
noch nichts niedergeschrieben worden ist, das ragt weit hinaus iiber 
das, was uns als Schonstes mitgeteilt worden ist in den indischen 
Schriften. Wie ein schwaches Nachklingen erweist sich das, was spater 
aufgeschrieben worden ist. Denn von der uralt heiligen Kultur der 
Rishis wurde nichts aufgeschrieben, das pflanzte sich durch die 
Mysterien auf geistige Art fort. 

Uns soil heute interessieren, wie Atherleiber wiederverkorpert wer- 
den konnen und wie das, was in der alten atlantischen Zeit erarbeitet 
worden ist, durch die Mysterien heriiberverpflanzt wurde durch den 
groBen Eingeweihten des Sonnenorakels in die nachatlantische Zeit 
und in die erste Kultur, die indische Kultur, heriibergetragen worden 
ist, welche so groB heraufstrahlt. 

Nur die Geheimnisse des Sonnenorakels selber konnten nicht un- 
mittelbar gegeben werden im alten Indien. Daher sprechen diese 
sieben Rishis von einer Wesenheit, die jenseits ihrer Wissenssphare 
war. Sie sprachen von jenem Wesen, das die Sonne selber fiihrt und 
die Sonnenkrafte der Erde zufiihrt und von dem sie sagten, daB es 
jenseits ihrer Erkenntnismoglichkeit liegt, von dem Vishva-Karman. 
Dieser Vishva-Karman ist nichts anderes als der spatere Christus. Er 
wurde auch schon in der alten indischen Kultur verkiindet. 

Der zweite bedeutsame Schiiler des Eingeweihten des Sonnen- 
orakels, der nun die Geheimnisse des Sonnenwesens iibermittelt er- 
hielt, war derjenige, der einst die zweite nachatlantische Kultur be- 
griinden sollte: Zarathustra. Nicht der Zarathustra, von dem die 
Gelehrsamkeit spricht. Es war in alten Zeiten so iiblich, daB der 
Nachfolger eines groBen Menschheitslehrers denselben Namen an- 



nahm wie der groBe Vorfahr. Von dem Zarathustra, von dem wir 
jetzt reden, redet allerdings kein Buch, sondern nur von seinem letzten 
Nachfolger reden die Biicher. Dieser uralte Zarathustra war es, wel- 
cher eine ururalte persische Kultur begriindete, die zuerst die persischen 
Volker hinwies darauf, daB es in der Tat ebenso eine geistige Macht 
in der Sonne gibt, wie es eine physische gibt, die herunterstromt auf 
die Erde. So etwas suchte der alte Zarathustra in seinen Menschen zu 
erwecken, was wir charakterisieren konnen, indem wir sagen: Wenn 
wir die Augen auf die Pflanzen und alles andere, was ringsherum 
Leben hat, richten, wenn wir das tun, so miissen wir fragen: Was ware 
es ohne Sonnenlicht? Aber wie das physische Sonnenlicht herunter- 
flieBt, so flieBt herunter die spirituelle Kraft, deren Fiihrer eine groBe 
iiberragende Wesenheit ist. Wie der Mensch seinen physischen Leib 
hat und seine Aura, diejenige Aura, die wir die kleine Aura nennen, 
so hat auch die Sonne ihren physischen Leib und ihre Aura: Ahura 
Mazdao, die groBe Aura, die Schar der groBen Sonnenwesen mit 
ihrem Fiihrer. Von diesem Ahura Mazdao oder Aura Mazdao, von der 
groBen Aura sprach Zarathustra. Ebenso nun, wie der Zarathustra 
diese die Fortentwickelung bewirkende Kraft der Sonnenaura ver- 
kiindete, so verkundete er auch die der Sonnenwesenheit feindlichen 
Krafte als Ahriman. Das waren die Lehren Zarathustras auBerlich. 

Aber Zarathustra hatte seine intimen Schiiler, die er einweihte in 
die groBen Geheimnisse der Welt. Zwei der Schiiler Zarathustras 
kommen fur uns in Betracht. Dem einen der Schiiler vermittelte der 
Zarathustra alle diejenigen Weistiimer, die zum Hellsehen im Astral- 
leibe fiihren. Er vermittelte ihm alles das, was man wahrnehmen kann 
in der Welt des physischen und geistigen Raumes sozusagen in der- 
selben Zeit, in der man eben ist. So daB er einen Schiiler hatte, der 
von ihm hellseherisch gemacht worden ist im astralischen Leibe, der 
hineinschauen konnte in die geistigen Welten der Astral- und Deva- 
chansphare und in noch hohere Welten. Alles, was gleichzeitig aus- 
gebreitet ist an physischen und geistigen Geheimnissen, wurde diesem 
Schiiler iibermittelt. Einem andern Schiiler iibermittelte er alles das, 
was man bezeichnen konnte als Lesen in der Akasha-Chronik, als jene 
hellseherische Kraft, die kommt, wenn der Atherleib hellseherisch 



wird, wodurch der Mensch die verschiedenen Phasen der Entwicke- 
lung, die sich nacheinander abspielten, wahrnimmt. Wahrend der eine 
iibermittelt erhielt das, was gleichzeitig sich abspielt, erhielt der andere 
das iibermittelt, was die Akasha-Chronik der Erde und Sonne selbst 
iiberhaupt ist, was sich nacheinander abspielt, und zum Verstandnis 
der Erden- und Sonnenentwickelung fiihren kann. Dadurch, daB 
Zarathustra dieses seinen Schiilern gegeben hat, wirkte er in der 
Richtung, daB nun die Kultur der nachatlantischen Zeit weitergehen 
konnte. Denn der eine Schiiler wurde wiedergeboren als der groBe 
Inspirator, als der Einleiter der agyptischen Kultur, als die Wesenheit, 
die wir kennen unter dem Namen Hermes, Hermes Trismegistos. 
Dieser Hermes hatte nun zugleich iibermittelt erhalten, damit er ver- 
kiindigen konnte die Botschaft von den hoheren Welten und ihren 
Geheimnissen und sie einverleiben konnte der agyptischen Kultur, 
er hat iibermittelt erhalten durch Vorgange, die bekannt sind in den 
Mysterien, den Astralleib des Zarathustra. So sehen wir, daB der 
Astralleib des Zarathustra aufbewahrt worden war durch jene Vor- 
gange, welche wir nach und nach kennenlernen werden, und nun 
iibertragen wurde bei der Wiedergeburt des einen Schiilers, iiber- 
tragen wurde an Hermes. Wie ein Kleid trug Hermes diesen wieder- 
geborenen Astralleib des Zarathustra. 

Auch der andere Schiiler wurde wiedergeboren. Ihm sollte auf- 
gehen alles das, was in der Akasha-Chronik der Erde sich darbietet. 
Er sollte einverwoben erhalten den Atherleib des Zarathustra. Dazu 
muBte eine ganz besondere Sache sich abspielen. Er muBte in gewisser 
Weise auf leuchten haben in sich die Krafte dieses Atherleibes. Was da 
geschah, ist uns in der entsprechenden religiosen Urkunde in einer 
schonen, wunderbaren Weise angedeutet. Fiihren wir uns vor die 
Seele, wie sich das eigentlich abspielen muBte.' 

Dieser wiedergeborene Schiiler des Zarathustra hatte ja seinen 
eigenen Astralleib, sein eigenes Ich, und er erhielt einverwoben den 
Atherleib des Zarathustra. Er muBte also als kleines Kind aufgehen 
fiihlen die Krafte aus diesem Atherleib des Zarathustra, bevor noch 
die eigene Urteilskraft aus dem Astralleib angeregt war, bevor das Ich 
hineinpfuschte. Da muBte eine Art Initiation stattfinden. Als ganz 



kleines Kind, bevor noch die eigene individuelle Entwickelung mit- 
spielte, muBten auferweckt werden in diesem wiedergeborenenSchiiler 
die Krafte des Atherleibes des Zarathustra. Daher wurde das Kind 
eingeschlossen in ein Kastchen und ins Wasser gesetzt, so daB es 
abgeschlossen war von der iibrigen Welt und diese nicht hinein- 
spielen konnte. Da keimten auf die Krafte des Atherleibes des Zara- 
thustra. Dieser wiedergeborene Schiiler des Zarathustra ist namlich 
Moses, und in der Erzahlung von Moses und seiner Aussetzung haben 
wir nichts anderes gegeben als jenes tiefe Geheimnis, welches hinter 
den Kulissen der auBeren Welt vor sich gegangen ist, von der Auf- 
bewahrung des Atherleibes des Zarathustra und seiner Wieder- 
erweckung in Moses. Dadurch konnten Hermes und Moses die nach- 
atlantische Kultur so weiterleiten, wie es geschehen ist. 

Hier haben wir Beispiele von Wiederverkorperungen von Ather- 
leibern, von der Wiederverkorperung eines Astralleibes. So daB wir 
nicht bloB sprechen von einer Wiederverkorperung des Ich, sondern 
von der Wiederverkorperung der Glieder der menschlichen Natur, die 
wir sonst auch kennengelernt haben: des Atherleibes und Astralleibes. 
In der spirituellen Okonomie liegt es begriindet, daB dasjenige, was 
erobert worden ist, nicht zugrunde geht, sondern daB es erhalten 
bleibt und auf die Nachwelt verpflanzt wird. Aber auch in anderer 
Weise kann dies, was gesagt worden ist, geschehen. An einem andern 
Beispiel wollen wir sehen, wie es wiederurh andere Methoden gibt, 
um die Vergangenheit in die Zukunft zu tragen. 

Sie erinnern sich an eine Personlichkeit, welche in der Bibel erwahnt 
wird, an einen der Sonne des Noah, an den Stammvater des semiti- 
schen Volksstammes, an Sem. Es liegt - das ist auch okkultistisch 
nachzuweisen - hinter Sem eine Individualist, die wir als Stamm- 
individualitat der semitischen Volker bezeichnen miissen. Es stammen 
von diesem Urvater die semitischen Volker ab. Wenn so etwas sich 
vollzieht, daB von einem Stammvater eine Anzahl von Menschen 
abstammt, dann muB eine besondere Vorkehrung in der spirituellen 
Welt getroffen werden. Diese Vorkehrung spielte sich im besonderen 
Falle des Sem so ab : Es wurde fur den Sem aus der geistigen Welt 
heraus ein eigener Atherleib gewoben. Sem trug also einen Atherleib, 



der aus der geistigen Welt heraus besonders gewoben wurde. Dadurch 
war er fahig geworden, in seinem eigenen Atherleib eine besonders 
hohe Wesenheit aus der geistigen Welt zu tragen, eine hohe Wesenheit, 
die sich sonst nicht hatte verkorpern konnen auf der Erde, eine Wesen- 
heit, die nicht imstande gewesen ware, bis zum dichten physischen 
Leibe zu gehen, die sich nun so verkorperte, daB sie sich hinein- 
begeben konnte in den Atherleib des Sem, so daB dieser Sem erstens 
er selber war - er hatte seinen physischen, Ather-, Astralleib und sein 
Ich -, daB dann aber in den Sem hineinverwoben war ein Atherleib, 
der besonders zubereitet worden ist fur den eben charakterisierten 
Zweck der Gnindung eines Stammes. Aber in diesen Atherleib war 
hineinverwoben eine andere hohe Wesenheit der geistigen Welt. So 
daB dem hellseherischen BewuBtsein, wenn es sich gegeniibergestellt 
hatte dem Sem, sich dargestellt hatte der Sem selber und herausragend 
aus ihm, wie eine zweite Wesenheit, verbunden mit Sems Atherleib, 
diese hohere Wesenheit, eine solche Wesenheit, die sich herabsteigend- 
also nicht Sem - gleichsam in einem Menschen verkorperte zu einer 
besondern Aufgabe. Die hat also nicht hinter sich verschiedene In- 
karnationen wie die Menschen, sondern steigt in diese einelnkarnation 
herab. Eine solche Wesenheit nennt man Avatar. Sie ist nicht mensch- 
lich heimisch in unserer Welt, sondern steigt herab, um einmal zu 
einer bestimmten Mission zu wohnen innerhalb dieser Welt. 

Dadurch, daB eine solche avatarische Wesenheit in einem Menschen 
wohnt, hat der Teil des Menschen, den dieser bewohnt, noch eine 
ganz besondere Eigenschaft. Er kann sich namlich vervielfaltigen. 
Geradeso wie wenn Sie ein Samenkorn in die Erde stecken und der 
Halm wachst heraus und Sie finden in der Ahre eine Vervielfachung 
des Kornes, so vervielfaltigte sich der Atherleib des Sem in viele 
Abbilder, und diese wurden einverwoben alien denjenigen, die zum 
Stamme Sem gehorten. So geht es. So haben wir in denjenigen, die 
echte Abkommlinge waren des Sem, hineinverwoben in ihre eigenen 
Atherleiber die Abbilder des Atherleibes, der damals besonders zu- 
bereitet worden war als das Urbild in dem Sem. 

Aber noch in anderer Weise wurde dieser Atherleib des Sem spater 
benutzt. Wie diese Benutzung war, konnen wir uns am besten vor die 



Seele rufen durch einen Vergleich. Sie konnen ein bedeutender euro- 
paischer Bildungsmensch sein. Wenn Sie aber zu den Hottentotten 
Ihre Bildung tragen wollen, miissen Sie die Hottentottensprache ler- 
nen. So miissen auch hohe Wesenheiten, die heruntersteigen, wenn 
sie die Menschheit fuhren wollen, sich einverweben die Krafte, durch 
die sie auf der Erde zu den Menschen sprechen konnen. Nun gab es 
in einer spateren Entwickelungsphase des semitischen Volkes die Not- 
wendigkeit, daB eine sehr bedeutende Wesenheit herabstieg auf die 
Erde, um sich den Menschen mitzuteilen und die Kultur weiter- 
zuschieben. Diese Wesenheit, die erwahnt wird unter dem Namen 
Melchisedek, muBte nun sich gleichsam anziehen den erhaltengeblie- 
benen Atherleib des Sem, so daB wir in Melchisedeks Atherleib ein- 
verwoben haben jenen Atherleib, der einstmals in Sem vorhanden 
war, der von einem avatarischen Wesen bewohnt war und der wieder 
von Melchisedek beniitzt wird, damit er dem Abraham den Impuls 
zum WeiterstoB der semitischen Kultur geben kann. So haben wir 
wieder eine eigentiimliche Art kennengelernt, wie der Atherleib sich 
fortbildet in einem bestimmten Menschen, dann von einem bestimm- 
ten Menschen wiederum zu einer dazu ausersehenen Individuality 
fuhrt. 

Solche Beispiele konnen wir bis in die neueste Zeit herauf verfolgen. 
Und wenn wir sie so herauf verfolgen, dann wird uns allmahlich klar, 
was der Okkultismus heute schon wirklich sagen kann : Bei den mei- 
sten Menschen der Gegenwart haben wir gar nicht mehr einen Ather- 
leib, der ursprunglich, oder einen Astralleib, der ursprunglich heraus- 
gewoben wurde aus dem allgemeinen Weltengewebe. Fast jeder 
Mensch hat ein Stuck in seinem Ather- und Astralleib, das aus alten 
Zeiten auf bewahrt worden ist, weil in der spirituellen Okonomie das 
Brauchbare immer weiter und weiter auf bewahrt wird. 

Es seien noch aus der neuen Zeit zwei Beispiele erwahnt, die uns 
veranschaulichen konnen, in welcher Art die Geheimnisse von Zeit 
zu Zeit wirken. Zunachst das Beispiel, das ankniipft an die Personlich- 
keit, die Sie erwahnt finden in meiner «Mystik im Aufgange des neu- 
zeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur modernen Welt- 
anschauung », an Nikolaus von Kues. Wenn Sie seine Schriften lesen, so 



finden Sie eine, die von ihm genannt ist «De docta ignorantia», die 
gelehrte Unwissenheit, obwohl mehr Gelehrsamkeit drinnensteckt als 
in manchem Buch, das sich gelehrte Wissenheit nennt. Sie heiBt aus 
gewissen Griinden so. Wenn Sie andere seiner Schriften lesen, so 
werden Sie finden, daB in merkwiirdiger Weise hineinverwoben ist 
die prophetische Vorherverkiindigung des Weltbildes des Kopernikus. 
Ganz drinnen ist es fur den, der da lesen will. Bei Kopernikus erst war 
die Sache so, daB die Welt reif war, in der unmittelbaren Gestalt dieses 
Weltbild entgegenzunehmen. Wenn man den Zusammenhang durch- 
forscht, so bekommt man folgendes heraus. In dem Nikolaus von 
Kues steckte in einem seiner Wesensglieder eine sehr hohe alte Indi- 
vidualitatf Dadurch war es moglich, daB der Astralleib des Nikolaus 
von Kues aufbewahrt wurde und hiniibergeleitet wurde so, daB er 
eingewoben werden konnte dem Nikolaus Kopernikus, so daB dieser 
einverwoben hatte den Astralleib des Nikolaus von Kues. Daher 
konnte in ihm gleichsam auferstehen, was Nikolaus von Kues in sich 
hatte. Das ist ein solches Beispiel, wie der Astralleib sich wieder- 
verkorpert hat. 

Ein anderes Beispiel ist das Folgende: Diejenigen unter Ihnen, die 
nachgedacht haben iiber die Sache, wissen, welche ungeheure Bedeu- 
tung fur das neue Denken Galilei hat. Denn es gabe eigentlich unsere 
ganze Physik nicht, wenn es nicht Galilei gegeben hatte. Die ganze 
Art, wie heute physikalisch gedacht wird, fiihrt zuriick auf Galilei. 
Jeder Schulknabe findet heute in den allerersten, in den elementaren 
Biichern, daB es das Beharrungsvermogen oder das Tragheitsgesetz 
gibt, das besagt, daB ein Korper in der Bewegung, in der er sich 
beflndet, zu bleiben trachtet, bis ein Hindernis kommt. Also wenn wir 
etwas werfen, so wird das vermoge seiner eigenen Tragheit weiter- 
fliegen, bis ein Hindernis kommt. So denkt man heute, und so wird es 
den Kindern in den Schulbiichern beigebracht. Vor Galilei dachte man 
nicht so. Da dachte man: Wenn ein Stein weitergeworfen wird, so 
konnte er nicht fliegen, wenn die Luft ihn nicht weitertreiben, nicht 
hinten anschieben wiirde. Ganz anders wurde da iiber diese Dinge 
gedacht. Also die Gesetze des Falles, der Pendelbewegung, die Ge- 
setze der einfachen Maschine, alles das ist zuruckzufuhren auf Galilei. 



* Siehe S. 290. 



53 



Galilei schopfte seine Erkenntnisse aus einer gewissen Inspiration 
heraus. Ich will Sie nur daran erinnern, wie er die Pendelgesetze 
erkannte an jener schwingenden Kirchenlampe im Dome von Pisa. 
Eine geniale Tat war die Entdeckung der Pendelgesetze durch Galilei 1 
Viele Menschen sind an dieser Lampe voriibergegangen und ihnen ist 
nichts eingefallen. Dem Galilei sind aufgegangen die groBen mecha- 
nischen Grundgesetze. Ein solcher Mensch, der in dieser Weise inspi- 
riert sein kann, hat einen Atherleib, welchen verfallen zu las sen wider- 
sprechen wiirde der spirituellen Okonomie. Dieser Atherleib wurde 
ebenfalls auf bewahrt und nach verhaltnismaBig kurzer Zeit erscheint 
er wieder. Er wird verwendet so, daB er einverwoben wird einer 
Personlichkeit, die ebenfalls Bedeutsames leistete. Einverwoben wurde 
er derjenigen Personlichkeit, die in einem ganz fernen Bauerndorfe 
RuBlands aufwachst, da eines Tages den Eltern durchgeht und auf- 
bricht nach Moskau. Schon bald entwickelt sich bei diesem Menschen 
eine hohe Begabung und schnell macht er in Schulen RuBlands und 
Deutschlands alles das durch, was ihn sozusagen auf die Hohe der 
Kultur seiner Zeit bringen kann. Er hatte nur nachzuholen, was iiber 
die Erde gegangen war seit der Zeit, seit er als Galilei - im Atherleib - 
gestorben war. Und dann wird dieser selbe Mensch sozusagen der 
Begriinder der ganzen klassischen Literatur in RuBland. Wie aus dem 
Nichts heraus schafft er diese Schriften. Aber nicht nur dieses, er wird 
auch ein bedeutender Anreger auf alien Gebieten der Mechanik, des 
physikalischen und chemischen Lebens derWissenschaft. Es htMichail 
Lomonossow, der da also durchaus nur dadurch zu seiner reformatori- 
schen Tat kommen konnte, daB ihm einverwoben war der Atherleib 
des Galilei. Wenn wir sehen, wie gegen das Ende des 17. Jahrhunderts 
Galilei stirbt und am Anfange des 18. Jahrhunderts Michail Lomo- 
nossow geboren wird mit demselben Atherleib, so sehen wir eine von 
jenen intimen Wiederverkorperungen, wo ein anderes Wesensglied 
als das Ich wiederverkorpert wird. Solche Dinge fiihren uns tief 
hinein in das Verstandnis des ganzen Hergangs der Menschheits- 
entwickelung und sie fiihren uns zum Verstandnis mancher andern 
Tatsachen, die sich entwickelt haben im Laufe der Zeit und die zu 
unserer Gegenwart heraufgefuhrt haben. 



Der groBte Avatar auf der Erde war Christus selber, der Christus, 
der gewohnt hat durch drei Jahre hindurch in den drei Leibern des 
Jesus von Nazareth. Dadurch, daB der Christus gewohnt hat in den 
drei Leibern des Jesus von Nazareth als Avatar, dadurch ist es auch 
moglich geworden, daB fur diese drei Leiber, vor alien Dingen fur 
Astral- und Atherleib des Jesus etwas eintrat, was ich eben charakteri- 
siert habe: eine Vervielfaltigung. In der Tat, nachdem das Mysterium 
von Golgatha sich vollzogen hatte, waren in der geistigen Welt durch 
die wunderbare Okonomie in vielen, vielen Abbildern vorhanden der 
Astralleib und Atherleib des Jesus von Nazareth. Also : wie wenn wir 
die Urbilder hatten im Astral- und Atherleib des Jesus von Nazareth, 
und jetzt waren viele Abbilder da. Dadurch, daB ein Avatar hinein- 
fahrt in eine menschliche Hiille, dadurch wird sie auseinandergetrieben 
und ist in vielen Abbildern da. Nun hatten diese Abbilder des Astral- 
leibes und Atherleibes des Jesus von Nazareth im Verhaltnis zum 
Beispiel zu den Abbildern des Atherleibes des Sem noch eine be- 
sondere Eigenschaft. Die Abbilder des Atherleibes des Sem konnten 
nur eingepflanzt werden denjenigen, die abstammten von Sem, wah- 
rend die Astral- und Atherleiber, die abstammten von dem Astral- und 
Atherleib des Jesus von Nazareth, einverpflanzt werden konnten alien 
Menschen der verschiedensten Volker und Rassen. Jedem, der sich 
durch seine eigene Entwickelung reif gemacht hatte, so etwas in seinen 
eigenen Astral- oder Atherleib einverwoben zu erhalten, welcher 
Rasse er auch angehort, konnte einverpflanzt werden dieser Astral- 
und Atherleib, die Abbilder waren des Urbildes vom Astralleibe und 
Atherleibe des Jesus von Nazareth. Und wir sehen in der nachfolgen- 
den Entwickelung des Christentums, wie sich hinter den auBeren 
geschichtlichen Ereignissen merkwiirdige Dinge vollziehen, die erst 
erklarlich machen den auBerlichen Verlauf der Ereignisse selber. 

Wie ist die Verbreitung des Christentums? In den ersten Jahr- 
hunderten so, daB wir sagen konnen: Es ist diese Verbreitung auf den 
physischen Plan angewiesen. Wir sehen auch betont, daB durch das- 
jenige, was auf dem physischen Plan lebt, das Christentum fort- 
gepflanzt wird. Wird es doch von den Aposteln hervorgehoben, daB 
der Fortpflanzung des Christentums die unmittelbare, sinnenfallige 



Wahrnehmung zugrunde liegt. «Wir haben unsere Hande in seine 
Wundmale gelegt», das wird angefiihrt zum Beweise dafiir, daB der 
Christus in einem Menschenleibe gewandelt hat. Betont wurde so- 
zusagen das, was der physische Plan als Unterlage fur die Entwicke- 
lung des Christentums bieten konnte. Es wird immer erwahnt, wie 
diejenigen, die noch selber Schuler der Apostel waren, das Christen- 
tum fortgepflanzt hatten, indem hervorgehoben wird, daB sie gekannt 
haben solche, die noch dem Herrn selber gefolgt sind. Also sozusagen 
auf den Augenschein wird gebaut. Und in einem noch tieferen Sinne 
wird bis Augustinus hin auf den Augenschein gebaut. Augustinus sagt : 
Ich wiirde an die Wahrheit der Evangelien nicht glauben, wenn mich 
nicht die Autoritat der katholischen Kirche dazu zwange. - Warum 
also glaubt er? Weil er der Ansicht ist, daB die sichtbare Kirche dieses 
Evangelium von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert auf dem physischen Plan fortgepflanzt hat. Aber in den fol- 
genden Jahrhunderten, von dem 5. bis zum 10. Jahrhundert, da ge- 
schieht diese Fortpflanzung auf andere Weise. Warum und wie? Das 
ist lehrreich, wenn wir den spirituellen Fortgang der Menschheits- 
entwickelung verfolgen wollen. 

Die Art der Fortpflanzung in dieser Periode konnen Sie sich ver- 
anschaulichen, wenn Sie zum Beispiel ein solches Werk nehmen wie 
die altsachsische Evangelienharmonie, den «Heliand». Da haben Sie 
das, was die Christus-Idee ist, die Anschauung vom Christus -Wesen, 
durch eine Art Eingeweihten dargestellt. Der Heliand, den der sach- 
sische Eingeweihte darstellt, ist ubersinnlich; aber er wird ein- 
gekleidet nicht in die Ereignisse von Palastina, sondern wie ein Furst 
eines germanischen Stammes. Die Jiinger sind einzelne Leute aus 
germanischen Landern. Das ganze Christentum ist da getaucht in ein 
mitteleuropaisches Kleid. Warum? Weil der Eingeweihte, der hinter 
dem Heliand steht, der, angeregt durch Ludwig den Frommen, diese 
Geschichte schrieb, ein hellseherisches Vermogen hatte, um den 
Christus in einer ahnlichen Weise zu sehen wie Paulus selber bei dem 
Ereignis von Damaskus. Dadurch, daB durch das Ereignis von Gol- 
gatha die Christus -Wesenheit sich verbunden hat dem Astralleibe der 
Erde, dadurch hat er die Erdenaura mit seiner Kraft durchdrungen, 



und als der Paulus hellseherisch geworden war, konnte er wahr- 
nehmen : der Christus ist da. Er hat sich nicht zum Glauben bewegen 
lassen durch das, was in Palastina geschehen war; aber dadurch, daB 
er ihn selber gesehen hat, ihn, der einverwoben war der Erde, dadurch 
war aus Saulus ein Paulus geworden. Ahnlich sah den ewigen, den auf- 
erstandenen Christus, den Christus, der in der geistigen Welt lebt seit 
Golgatha, der Verfasser des «Heliand», und ihm war er wichtiger als 
der historische Christus von Palastina. Er kleidet ihn in ein anderes 
Bild ein; denn nicht das auBere Bild war ihm das Wichtige, sondern 
der geistige Christus. Warum konnte der, der den «Heliand» schrieb, 
ein solches Bild aus hellseherischer Anschauung mitteilen? Weil sei- 
nem Atherleib einverwoben war ein Abbild des Atherleibes des Jesus 
von Nazareth. Denn in diesen Jahrhunderten, von dem 5., 6. bis ins 
9., 10. Jahrhundert hinein wurde in die Atherleiber derer, die etwas 
leisten sollten fur den Fortgang des Christentums, hineinverwoben ein 
Abbild des Atherleibes des Jesus von Nazareth. Ein solcher, der ein 
Abbild des Atherleibes des Jesus von Nazareth einverwoben hatte, 
war der Schreiber des «Heliand». 

Aber viele haben solch ein Abbild des Atherleibes des Jesus von 
Nazareth einverwoben erhalten. Daher sehen wir, daB in diesen Jahr- 
hunderten diese Menschen in Imaginationen lebten, welche sich an- 
schlossen an die Ereignisse von Golgatha. Alle diejenigen, die die 
Urbilder des Heilands am Kreuze, der Maria mit dem Jesuskinde 
geschaffen haben, die nachher wiederholt wurden, es waren solche 
Leute, die zu diesen bildlichen Darstellungen des Ereignisses von 
Golgatha und was damit zusammenhangt, gekommen waren dadurch, 
daB ihnen einverwoben war in den eigenen Atherleib ein Abbild des 
Atherleibes des Jesus von Nazareth. In diesen Zeiten sind wie typisch 
diese Bilder entstanden dadurch, daB diese Leute hellseherisch waren. 
Dadurch entstanden die Dinge, die sich fortpflanzten dann durch die 
Tradition. Was wir an bildlichen Darstellungen des Ereignisses von 
Golgatha haben, es riihrt her von Leuten, denen einverwoben waren 
solche Abbilder des Atherleibes des Jesus. Sie schauten gerade da- 
durch in ihren Visionen das Ereignis von Golgatha und was damit 
zusammenhangt. Auch derjenige, der die «Einteilung der Natur» 



geschrieben hat zur Zeit Karls des Kahlen, Johannes Scotus Erigena, 
er hat einverwoben gehabt ein Abbild des Atherleibes des Jesus. Und 
vom 11., 12., 13. bis 15. Jahrhundert, da kamen dann die Menschen, 
die einverwoben erhielten in ihren eigenen Astralleib ein Abbild des 
Astralleibes des Jesus von Nazareth. 

So sehen wir in den Jahrhunderten, vom 5. bis 10. Jahrhundert, 
Menschen geboren werden, die in ihren Atherleib einverwoben er- 
hielten ein Abbild des Atherleibes des Jesus von Nazareth, bei den 
spateren Menschen, vom 11. bis 15. Jahrhundert, sehen wir in den 
eigenen Astralleib hineinverwoben Abbilder des Astralleibes des Jesus 
von Nazareth. Dadurch wird uns manche Personlichkeit dieser Zeit 
verstandlich. Wie wird uns eine solche Personlichkeit, die in den 
eigenen Astralleib ein Abbild des Astralleibes des Jesus einverwoben 
hat, erscheinen? Das Ich des Jesus ist ja nicht etwa verkorpert in diesen 
Menschen; das Ich ist von dieser Personlichkeit selber. Durch das 
Urteil des Ich kann mancher Irrtum hineinkommen in sein Leben, 
aber dadurch, daB in den Astralleib hineinverwoben ist dieses groBe 
Abbild des groBen Urbildes, dadurch wird Hingebung, dadurch wird 
in alien Gefuhlen, in alledem, was diesen Astralleib durch webt, etwas 
erscheinen, mit dem vielleicht das Ich selber in Widerspruch steht, das 
aber gerade alles, was im Astralleib wurzelt, als etwas Besonderes 
erscheinen laBt. Nehmen Sie Fran^ von Assist! Da haben Sie eine 
Personlichkeit, in deren Astralleib einverwoben war ein Abbild des 
Astralleibes des Jesus von Nazareth. Mogen Sie manches Extreme in 
Franz von Assisi finden : sein Ich hat es getan, das war nicht auf der- 
selben Hohe wie der Astralleib. Aber studieren Sie jetzt die Seele des 
Franz von Assisi unter der Voraussetzung, daB sein Ich nicht immer 
das richtige Urteil fallen konnte iiber die wunderbaren Gefuhle und 
die wunderbare Demut des Astralleibes, so werden Sie ihn verstehen. 
In Franz von Assisi war wiederverkorpert ein Abbild des Astralleibes 
des Jesus von Nazareth. In sehr vielen Leuten damals waren solche 
Abbilder gerade im Astralleibe wiederverkorpert, Bei Franziskanern 
und Dominikanern finden Sie viele, welche solche Abbilder des Astral- 
leibes damals verkorpert haben. Auch bei andern Personlichkeiten 
der damaligen Zeit, die Sie nur verstehen konnen, wenn Sie sie so 



betrachten, war es so. Zum Beispiel war die beriihmte heilige Elisabeth 
von Thuringen eine solche Personlichkeit, in welcher ein Abbild des 
Astralleibes von Jesus von Nazareth einverwoben war. So wird uns 
das, was auBerlich geschieht, erst verstandlich, wenn wir sehen, wie 
das Geistige gegeben wird von Zeit zu Zeit, wie es sich im Laufe der 
Zeit fortpflanzt. 

Als nun der Christus in dem Jesus von Nazareth sich verkorperte, 
wurde ferner in dem Astralleibe des Jesus von Nazareth etwas wie ein 
Abdruck des Ich geschaffen. Wir konnen uns leicht vorstellen, wenn 
dies die Christus-Wesenheit ist, die in den Astralleib sich hineinbegibt, 
daB dann in den umliegenden Partien des Astralleibes etwas wie ein 
Abbild entsteht [Es wurde offenbar an die Tafel gezeichnet]. Dieses 
Abbild des Ich von dem Christus [in dem Leibe des] Jesus hatte nun 
zahlreiche Vervielfaltigungen hervorgerufen, die in der geistigen Welt 
sozusagen aufbewahrt blieben. Einzelne hatten in ihrem eigenen Ich 
gleichsam als Propheten einer neuen Zeit etwas einverwoben erhalten, 
so zum Beispiel einige der deutschen Mystiker, die deshalb den inneren 
Christus mit solcher Inbrunst verkiindeten, weil sich etwas wie ein 
Abbild des Ich des Christus in ihnen verkorpert hat; aber ein Abbild 
natiirlich! Erst die Menschen, welche nach und nach sich vorbereiten 
zum vollen Christus-Verstandnis, die durch die Erkenntnis der spiri- 
tuellen Welten verstehen werden, was der Christus ist, indem er von 
Zeit zu Zeit, sich wandelnd, immer wieder sich findet im Fortgang 
der Erdenentwickelung, die werden nach und nach reif, dieses Christus- 
Erlebnis in sich zu haben, sozusagen die wartenden Abbilder des 
Christus-Ich, das der Christus im Leibe des Jesus durch einen Abdruck 
gebildet hat, dieses Ich aufzunehmen. 

Das gehort zu der inneren Mission der spirituellen Weltenstromung, 
die Menschen dazu vorzubereiten, ihr Seelisches so reif zu machen, 
daB nun auch eine immer groBere und groBere Anzahl von Menschen 
ein Abbild der Ich-Wesenheit des Christus Jesus in sich aufnehmen 
kann. Denn so ist der Gang der christlichen Entwickelung : Erst die 
Fortpflanzung auf dem physischen Plan, dann die Fortpflanzung durch 
die Atherleiber, dann durch die Astralleiber, die vielfach die wieder- 
verkorperten Astralleiber des Jesus waren. Nun soil die Zeit kommen, 



wo immer mehr und mehr in den Menschen die Ich-Natur des Christus 
Jesus selber als die innerste Wesenheit ihrer Seele aufgeht. Ja, es 
warten diese gepragten Abbilder der Christus-Jesus-Individualitat, 
daB sie aufgenommen werden von den Seelen, sie warten! Und hier 
sehen Sie, aus welchen Tiefen heraus die geisteswissenschaftliche 
Weltenstromung wirkt. Sie ist nicht eine Theorie, nicht eine Summe 
von Begriffen, die bloB gegeben werden, um den Menschen auf- 
zuklaren, sie ist eine Realitat, und Realitaten sollen der Seele gegeben 
werden durch die Geisteswissenschaft. Derjenige, der das Christentum 
spirituell verstehen und in sich erleben wird, der wird dazu beitragen, 
daB entweder in der jetzigen oder in einer spateren Inkarnation in sein 
Ich einverwoben wird ein Abbild des Ich der Christus-Jesus-Indivi- 
dualitat. Nicht bloB zu einer Erkenntnis, zu einer realen Tatsache 
bereiten sich diejenigen vor, welche die wahre innere, die wahrhafte 
Realitat der geisteswissenschaftlichen Weltenstromung verstehen, 
denn das ist ihre wahre innere spirituelle Wirklichkeit. Fiihlen Sie das, 
daB es sich in unserer Weltbewegung nicht handelt um die Mitteilung 
von Theorien allein, sondern um die Vorbereitung von Tatsachen, 
um das Entgegennehmen von etwas, was da wartet in der spirituellen 
Welt und was die Menschen empfangen konnen aus der spirituellen 
Welt, wenn sie sich dazu in der entsprechenden Weise vorbereiten. 



GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE UBER DIE 
MEN SCHHEITSENTWICKE LUNG 



Rom, 28.Marz 1909 



Heute abend werden wir von der Siinde sprechen, der Erbsiinde, der 
Krankheit und so weiter. Schauen wir zuerst riickwarts, auf die Ver- 
gangenheit, und lassen wir danach die Zukunft vor dem geistigen 
Auge voriiberziehen. Vor unserer Zeit haben wir die Zeit von Rom 
und von Athen, der vorangegangen ist die agyptisch-chaldaische Zeit; 
weiter zuriick fehlen die eigentlichen historischen Urkunden. Fur die 
noch alteren Zeitepochen haben wir zwei Quellen, aus denen wir 
Auskunft schopfen konnen : die alten Religionslehren, wenn man sie 
zu entziffern versteht, und die retrospektiven Bilder, die das hell- 
sichtige BewuBtsein schauen kann. Von diesen letzteren wollen wir 
reden. 

Alles auf Erden unterliegt den Gesetzen der Evolution, in ganz 
besonderer Weise gilt das fur das menschliche Seelenleben. In alten 
Zeiten war das Leben der Seele verschieden von dem jetzigen Seelen- 
leben. Die Menschen in Europa, Asien und Afrika hatten in dem vor- 
historischen Zeitalter ein Seelenleben, das ganz verschieden war von 
der heutigen Menschenseele. Wenn wir Jahrtausende zuriickschauen, 
finden wir, daB die Vorlaufer der heutigen Menschheit einen viel um- 
fangreicheren seelischen Gesichtskreis hatten wie den, den wir jetzt 
haben. Sie hatten zwar nicht den Verstand, der uns zum Lesen und 
Rechnen befahigt, aber sie hatten dagegen eine primitive Hellsichtig- 
keit und auBerdem ein ungeheures Gedachtnis, von dem das unsrige 
nicht einmal eine blasse Ahnung geben kann. Wir werden noch sehen, 
wodurch das moglich war. Um Ihnen eine Ahnung zu geben davon, 
wie ihnen die Welt erschien, werde ich zum Beispiel sagen, daB sie, 
als sie in ihrem TagesbewuBtsein aufwachten, alles wie von einer 
Aura umgeben sahen. Eine Blume zum Beispiel erschien ihnen um- 
geben von einem Lichtkreis, ahnlich dem, den wir um die Laternen 
im Abendnebel sehen. Wahrend des Schlafes aber konnten diese Men- 
schen seelisch-geistige Wesenheiten in Wirklichkeit wahrnehmen. All- 



mahlich lernte der Mensch die Umrisse der Dinge bestimmter sehen, 
zu gleicher Zeit aber wurde der bewuBte Verkehr mit der geistigen 
Welt und den sich in ihr befindenden Wesenheiten immer weniger, 
um endlich ganz aufzuhoren, als [durch] das Ich sich jedes einzelne We- 
sen individualisierte. Vor dieser Individualisierung waren die Menschen 
nicht voneinander getrennt. Auch die Erde hatte in jenen Zeiten eine 
ganz andere Konflguration als jetzt. Die Menschheit lebte auf andern 
Gebieten, Kontinenten, und gerade unsere Vorfahren lebten auf einem 
Erdteil, der jetzt vom Atlantischen Ozean eingenommen wird. Die 
Tradition nennt diesen Kontinent Atlantis. Das Verschwinden dieses 
Erdteiles erzahlen uns die Mythen von alien Volkern, und die Legende 
von der universellen Sintflut bezieht sich eben darauf. Die atlantische 
Kultur war groBartig, und durch ihren Untergang verlor die Mensch- 
heit viele wichtige Erkenntnisse, die sie jetzt muhevoll wieder er- 
obern muB. Wie wir fur den Handel und die Industrie die in den fossi- 
len Pflanzen - Kohlen - verborgenen Krafte zu gebrauchen wissen, 
so verstanden es die Atlantier, die treibenden Krafte in den Samen- 
kornern zu gebrauchen, um zum Beispiel ihre Luftschiffe zu bewegen, 
die sich etwas iiber dem Boden fortbewegten, in jener Luft, die viel 
dichter war als die unsere. 

Schauen wir uns jetzt den physischen Organismus der Atlantier an. 
Er zeigte eine bedeutungsvolle Eigentiimlichkeit, namlich daB der 
Atherleib nicht vollkommen dem physischen Leib ahnlich war, und 
der Atherkopf iiber den physischen Kopf hinausragte. Diese Eigen- 
tiimlichkeit ist eben verbunden mit den hellseherischen Fahigkeiten 
der Atlantier, mit ihrem auBerordentlichen Gedachtnis und ihren 
magischen Kraften. Der Atherkopf hatte einen besonderen Wahr- 
nehmungspunkt - Zentrum. Im Laufe der Evolution zog sich dieser 
Atherkopf immer mehr in den physischen Kopf zuriick, wodurch das 
Profil geandert wurde. Jetzt haben wir an dem betreffenden Punkt das 
Organ, dessen Entwickelung der Menschheit die Hellsichtigkeit zu- 
riickgeben wird: die Zirbeldriise. - So verschwand allmahlich die 
hellsehende Kraft der Atlantier und zugleich ihr ungeheures Ge- 
dachtnis und ihre magischen Krafte, und es entwickelte sich unsere 
Denk- und Zahlenfahigkeit. 



Wenn wir noch weiterzuriickgehen, finden wir andereKatastrophen. 
Da wurden ganze Erdteile durch Feuer vernichtet. Unsere heutigen 
Vulkane sind die letzten Reste von jener Zeitepoche. Der Kontinent, 
der damals zugrunde ging, wird mit dem Namen «Lemurien» be- 
zeichnet, und war das Gebiet, das jetzt zum groBten Teil von dem 
GroBen Ozean und dem Indischen Ozean eingenommen wird. Die 
Bewohner jenes Kontinentes hatten eine Gestalt, die sehr verschieden 
von der unseren war, die uns sogar fur unsere Auffassungen grotesk 
erscheinen wurden. Ihr physischer und ihr Astralleib verhielten sich 
anders zueinander. Der Scheitel war geoffnet und in diese Offnung 
drangen die Lichtstrahlen hinein, so daG der Kopf von einer strahlen- 
den Aura umgeben war und die Menschen so aussahen, als ob sie 
oben eine Laterne hatten. Der Leib war riesengroB und von einer 
feinen, beinahe gelatineartigen Substanz gebildet. Die letzte Andeu- 
tung von dem Scheitelbau der Lemurier sehen wir an dem Kopf eines 
eben geborenen Kindes, und zwar die kleine OfFnung oben, die un- 
gefahr ein Jahr oder etwas mehr offen bleibt. Der Mensch war damals 
gar nicht selbstandig; er konnte nur das tun, was ihm durch die 
geistigen Krafte eingegeben wurde, in deren Mitte er sozusagen ein- 
gebettet war. Alles bekam er von ihnen, und er handelte wie durch 
einen seelischen Instinkt getrieben. Da offenbarte sich die Kraft- 
wirkung von geistigen Wesenheiten, die nicht zur physischen Inkar- 
nation heruntergestiegen waren. Es waren dies Wesenheiten, die der 
Menschheit nicht gutgesinnt waren und so auf sie wirkten, daB sie die 
ihr fehlende Unabhangigkeit erlangte. Dem gottlichen Plan gemaB 
sollte die Menschheit einmal diese Unabhangigkeit sicher erlangen, 
aber diese Wesenheiten brachten sie fruher zustande. Zusammen mit 
den andern Kraften schlupften sie in den Astralleib des Menschen 
hinein, der noch nicht in enge Verbindung mit seinem Wesen getreten 
war, und gaben dem Menschen eine Art Willenskraft, die, weil sie nur 
astralisch war und nicht von der Vernunft gefiihrt war, ihn fahig 
machte, das Bose zu tun. Diese Krafte werden die luziferischen Krafte 
genannt. Wie wir sehen, hat der EinfluB dieser Krafte eine gute und 
eine bose Seite, weil sie die Menschheit verfuhrten einerseits, ihr aber 
andererseits die Freiheit gaben. 



Unser heutiges BewuBtsein entstammt dem hellsehenden BewuBt- 
sein, und wir finden letzteres immet mehr ausgebildet, je weiter wir 
zuriickgehen in der Menschheitsevolution. Die Lemurier konnten nur 
seelisch wahrnehmen. Von einer Blume zum Beispiel nahmen sie 
weder die Form noch die Farbe wahr, noch ihre auBerlichen Eigen- 
schaften. Es zeigte sich ihnen ein leuchtendes astralisches Gebilde, das 
sie mit einer Art innerlichem Organ wahrnahmen. Nach dem gottlichen 
Plan sollten die Menschen erst in der Mitte der atlantischen Zeit 
angefangen haben, mit den auBeren Sinnesorganen wahrzunehmen, 
aber die luziferischen Krafte verursachten diese Tatsache schon fruher, 
wahrend die menschlichen Instinkte noch nicht reif waren. Darin 
besteht der «Fall» der Menschheit. Die religiosen Urkunden sageri, 
daB die Schlange die Augen des Menschen offnete. Ohne die Ein- 
mischung von dem luziferischen EinfluB ware der menschliche Kor- 
per nicht so fest geworden, wie er jetzt ist, und die atlantische Mensch- 
heit hatte die geistige Seite von alien Dingen gesehen. Statt dessen 
verfiel der Mensch der Siinde, der Illusion und dem Irrtum. Um die 
Sache noch schlimmer zu machen, kam gegen die Mitte der atlanti- 
schen Zeit der EinfluB von ahrimanischen Kraften dazu. Die luziferi- 
schen Krafte hatten auf den Astralleib gewirkt, die ahrimanischen 
Krafte dagegen wirkten auf den Atherleib, insbesOndere auf den 
Atherkopf. Dadurch verfielen die Menschen in den Irrtum, die auBere 
physische Welt fur die wahre Welt zu halten. Der Name «ahrima- 
nisch» kommt von Ahriman her, nach dem Namen, den die Perser 
diesem Prinzip gaben. Zoroaster sprach seinem Volke von ihm und 
sagte, es solle sich vor ihm hiiten und die Vereinigung mit Ahura 
Mazdao - Ormuzd - anstreben. Ahriman ist derselbe wie Mephisto- 
pheles und hat nichts mit Luzifer zu tun. Mephistopheles stammt von 
dem hebraischen Worte: Me-phis-to-pel, das heiBt der Liigner, der 
Betriiger. Auch Satan in der Bibel ist Ahriman und nicht Luzifer. 

Die alte Atlantis ging im Laufe von Jahrhunderten allmahlich durch 
Fluten zugrunde und die iibriggebliebenen Bewohner zogen sich auf 
Gebiete zuriack, die vor der Katastrophe bewahrt blieben, in Asien, in 
Afrika und in Amerika. Das erste Gebiet, wo sich die atlantische Kul- 
tur weiterentwickelte, war dasjenige, das spater Indien genannt wurde. 



Da behielten die Menschen eine deutliche Erinnerung an das friihere 
Hellsehen und von der Anschauung der geistigen Welt. Es war da- 
durch ihren Lehrern, den Rishis, nicht schwer, ihre Aufmerksamkeit 
auf die geistige Seite der Welt zu lenken, und die Einweihung war eine 
leichte Sache. Das Hellsehen ging nie vollstandig verloren, und bis 
zu Christus gab es immer Hellseher. Ein Uberbleibsel dieses primi- 
tiven Hellsehens sehen wir in der Mythologie, deren Kern sich bezieht 
auf Wesenheiten, die wirklich gelebt haben, wie Apollo, Zeus und so 
weiter. Obwohl der ahrimanische EinfluB, wie wir gesagt haben, in der 
atlantischen Zeitepoche seinen Anfang nahm, machte er sich erst 
spater vollig in der Menschheit geltend. Die alten Inder waren ge- 
niigend gegen ihn geschiitzt, und die physische Welt war fur sie nie 
etwas anderes als Maja, Illusion. Erst in der Zeitepoche von Zara- 
thustra, der urpersischen, fing die physische Welt an, einen Wert zu 
haben fur die Menschen, die dadurch der Macht von Ahriman ver- 
fielen. In dieser Weise wird uns die Mahnung des Zarathustra klar, 
von der wir schon gesprochen haben. 

So ging : die Menschheitsevolution weiter bis zur griechischen Zeit. 
Da kam an den Menschen heran eine andere Kraft, die anfing, ihn 
wieder hinaufzutreiben zu der geistigen Welt, aus der er sozusagen 
verjagt worden war seit der lemurischen Zeit. Die neue Kraft war das 
Christus-Prinzip, das sich in den Jesus von Nazareth hineinbegab, 
seine drei Leiber, physischen, atherischen und astralischen Leib durch- 
dringend. Wenn die menschliche Seele ganz erfiillt ist von dem 
Christus-Prinzip, werden die ahrimanischen und die luziferischen 
Krafte besiegt, und durch dieses Prinzip vollzieht sich eine Umkehr 
in der Evolution. Der Christus hatte nicht auf die Menschen einwirken 
konnen, ware sein Erscheinen ihnen nicht schon lange Zeit vorher 
verkiindigt worden. Er hat sie aber immer innerlich gefiihrt; das sehen 
wir an den groBartigen Bildern, in denen den Menschen prophezeit 
wurde, daB er kommen wiirde. Wer hatte ihnen sonst die Kraft ge- 
geben, solche machtige Imaginationen zu bilden? Eine groBartige 
Anderung vollzieht sich im physischen, atherischen und astralischen 
Leib der Menschheit durch die Inkarnation des Christus, gleich nach- 
dem das Mysterium von Golgatha vollbracht worden ist, als das Blut 



aus den funf Wunden rann und der Christus bis in die untersten 
Reiche hineindrang. Sein Ather- und sein Astralleib vermannigfaltig- 
ten sich wie ein Samenkorn, und die geistige Welt erfullte sich mit 
diesen Abbildern. So daB zum Beispiel im 5., 6. Jahrhundert bis zum 
10. Jahrhundert diejenigen Menschen, die einen geniigenden Grad von 
Entwickelung erreicht hatten, bei der Geburt einverleibt bekamen 
solch ein Abbild der Christus-Inkarnation des Jesus von Nazareth. Der 
Mensch, in welchem am deutlichsten ein derartiges Anteilhaben am 
atherischen Leib des Christus zutage tritt, ist Augustinus. Dieser Tat- 
sache ist die groBe Bedeutung seines Lebens zuzuschreiben. Vom 10. 
bis ungefahr zum 16. Jahrhundert wird der Astralleib des Christus 
einverleibt. Dem verdanken wir die Erscheinung von Menschen, wie 
der heilige Fran% von Assist und der groBen Dommikaner vollerDemut 
und Tugend, die eben die groBen astralischen Eigenschaften des 
Christus widerspiegeln. Daher hatten sie ein so klares Bild der groBen 
Wahrheiten in sich, die sie in ihrem Leben iibten, im Gegensatz zu 
Augustinus, der nie frei blieb von Zweifeln und immer in Streit geriet 
zwischen der Theorie und der Praxis. Von den groBen Dominikanern 
soli besonders genannt werden der heilige Thomas, in dem der EinfluB 
von dem astralischen Leib des Christus sich in hohem MaBe zeigte, wie 
wir spater noch sehen werden. Mit dem 16. Jahrhundert fangt die Zeit 
an, in der sich bereitfinden, sich in das Ich einzelner Individualitaten 
zu verweben die Abbilder des Christus-Ich. Einer dieser war eben 
Christian Rosenkreut^, der erste Rosenkreuzer. Dieser Tatsache ver- 
danken wir es eben, daB eine innigere Verbindung mit dem Christus 
moglich wurde, wie uns das die esoterische Lehre offenbart. 

Die Christus-Kraft wird den Menschen immer vollkommener 
machen, wird ihn vergeistigen und zuriickfuhren in die geistige Welt. 
Die Menschheit entwickelte ihre Vernunft auf Kosten der Hellsichtig- 
keit; die Christus-Kraft wird den Menschen befahigen, hier auf Erden 
zu lernen und wieder emporzusteigen mit dem, was er erworben haben 
wird. Der Mensch stammt vom Vater her, und die Christus-Kraft 
fiihrt ihn zum Vater zuriick. 



GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE OBER DIE 
MENSCHHEITSENTWICKELUNG 

Rom, 31.Marz 1909 

Langsam und allmahlich wird sich dasjenige entwickeln, was imKeime 
auf Golgatha sich vollzog. Mit diesem Mysterium wurde die Briicke 
geschlagen von der Vergangenheit zur Zukunft hin : das Seelenleben 
der Menschheit wurde ganz umgewandelt. Dieses kommt besonders 
deutlich zum Ausdruck in zwei groBen Geistern, die den Weg fur das 
Christentum vorbereiteten : Augustinus und Thomas von Aquino. Urn sie 
richtig zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick auf das alte Myste- 
rienwesen zu werfen, wo das Hochste, das an Wissen erreicht werden 
konnte, gelehrt wurde. Ohne diesen Blick ist es unmoglich, griindlich 
solche eigenartigen Personlichkeiten zu verstehen. Wie wir wissen, 
gab es bei alien Volkern sogenannte Mysterien. Hier werden wir nur 
ihre Grundziige besprechen. Die Mysterien waren Einrichtungen, die 
sowohl Kirche wie Schule in sich beschlossen. Was dort zuerst erteilt 
wurde, war die Lehre von dem Ursprung der Schopfung und seiner 
Fortsetzung, aber keine ode Lehre wie die moderne Schopfungslehre, 
sondern eine Erkenntnis, die bis an das hellsichtige Erschauen gefuhrt 
wurde. In den wahren Mysterien gab es keine Trennung zwischen 
Glauben und Erkenntnis. Sie teilten sich in hohere und niedere Myste- 
rien. In den letzteren wurde in groBartigen Bildern die Evolution der 
Erde beschrieben, so daB alles von Kunst und Schonheit getrankt und 
durchdrungen war. Kunst, Religion und Erkenntnis wurden alle aus 
derselben Quelle geschopft. 

Derjenige, der noch hoher kommen wollte, bekam elementare und 
allgemeine "Obungen. Was wir heute theosophisches Wissen nennen, 
war damals nur die Vorbereitung. Daran wurden Ubungen gekniipft 
wie diejenigen, die wir in den vorigen Vortragen beschrieben haben, 
obwohl in anderer Art, nicht christlich oder rosenkreuzerisch. Lange 
Jahre hindurch wurde auf diese Weise der Astralleib organisiert. Dann 
geschah folgendes, was aber heute wegen der geanderten Verhaltnisse 
nicht mehr notwendig ist: Als der Hierophant sah, daB der Astralleib 



geniigend reif geworden war, wurde der Einzuweihende dreiundein- 
halb Tage lang in einen todahnlichen Zustand gebracht, wie der Leib 
des Lazarus. Bei dieser Gelegenheit wurde auch sein Atherleib fast 
ganz aus dem physischen Leib, zusammen mit den andern hoheren 
Leibern entfernt. In diesen dreiundeinhalb Tagen hatte der Diszipel 
die Vision der geistigen Welt. Er wurde erleuchtet, konnte bis in die 
hochsten Regionen gelangen und alles schauen, was sich auf Ver- 
gangenheit und Zukunft bezieht. Waren die dreieinhalb Tage voriiber, 
dann wurde der Diszipel aufgeweckt, und dann konnte er erzahlen, 
was in den Hohen geschieht. Er hatte schauen konnen, wie der fiih- 
rende Geist unserer Evolution, der Christus, einmal ebenfalls dem- 
selben ProzeB unterliegen und dreieinhalb Tage lang im Grabe liegen 
wiirde. Durch diese Tatsache wurden die Mysterien eine geschicht- 
liche Wirklichkeit. Das Mysterium von Golgatha war der Hohepunkt 
desjenigen, was in den niederen Mysterien stattfand. In ihm wurde zu 
wirklicher Tatsache dasjenige, was vorher nur eine Ahnung war. Mit 
den Ubungen der Imagination und so weiter hatte das Ich des Schiilers 
seinen Astralleib umgewandelt; durch das Mysterium von Golgatha 
aber wurde auch sein Atherleib umgewandelt. So viel als von dem 
Astralleib umgewandelt war, wurde zum Manas, Geistselbst - der 
eigentliche Geist -, das hohere Ich. So viel als vom Atherleib um- 
gewandelt wird, bildet das Buddhi, Lebensgeist. Danach versucht der 
Schiller auch seinen physischen Leib umzuwandeln, wodurch Atma 
entsteht - Atma : Atmung -, weil in Wirklichkeit die Umwandlung des 
physischen Leibes durch besondere Atmungsiibungen geschieht. Nur 
durch die Entstehung von Buddhi kann der Mensch den Christus als 
geistige Wesenheit erkennen und schauen. 

Warum mufite der Astralleib erst entfernt werden? Weil er, wenn er 
mit dem physischen Leibe verbunden geblieben ware, nicht die Kraft 
gehabt hatte, Eindriicke in den Atherleib einzupragen. Der Christus 
aber hat uns von dieser Probe der dreieinhalb Tage befreit, und durch 
ihn sind auch die oben genannten Ubungen moglich geworden ohne 
die Hineinmischung des Hierophanten. Das erste Beispiel davon 
haben wir in Saulus, als er Paulus wurde. In dem, was mit ihm auf dem 
Wege nach Damaskus geschah, miissen wir etwas Ahnliches wie die 



Einweihung sehen. Die wenigen Augenblicke geniigten bei ihm, weil 
er im vorhergehenden Leben die Reife erlangt hatte. Die Verbindungs- 
punkte mit dem, was man in vorhergehenden Inkarnationen gelernt 
hat, konnen getrennt sein durch Zwischenzeiten von einigen Inkarna- 
tionen, konnen aber auch erst spat in einem Leben erscheinen. Dies 
macht es begreif lich, warum die Bekehrung von Saulus, das heiBt, das 
Sich-Verbinden mit seiner vorhergehenden Entwickelung in einem 
verhaltnismaBig reifen Alter stattfand. Dazu kommt, daB Paulus sich 
nicht bis in die hoheren Welten zu erheben brauchte, urn den Christus 
zu schauen, wie das fur einen andern Eingeweihten in der vorchrist- 
lichen Zeit notwendig gewesen ware. Christus war ja fortan auf der 
Erde, intim verbunden mit dem Astralleib der Erde. Ein hellsehender 
Beobachter, der von einem andern Stern aus hatte beobachten konnen, 
hatte die groBe Umwandlung gesehen, die durch das Mysterium von 
Golgatha hervorgebracht wurde. Friiher muBte man alles in den 
Mysterien lernen und begreifen, um Erkenntnis zu erlangen; jetzt 
vollziehen sich die Dinge anders, und Beweise davon sind Augustinus 
und Thomas von Aquino. Vor ihrer Zeit ware es nutzlos gewesen, 
iiber die geistigen Hierarchien zu diskutieren, weil niemand, der nicht 
eingeweiht war, sie schauen konnte. Diese Unfahigkeit zum Schauen 
war der Tatsache zuzuschreiben, daB schon sechshundert Jahre vor 
unserer Zeitrechnung die Mysterien aufgehort hatten und die Ein- 
weihungen nicht mehr stattfanden. An Stelle der wahren Mysterien 
kamen die Schulen der Philosophic, und an Stelle der Einweihung 
wurde die Philosophic gesetzt. Sie war aber nicht immer so ein 
abstraktes System, wie es die heutige ist; sie war im Gegenteil, be- 
sonders im Anfang, eine mehr oder weniger vollkommene Remini- 
szenz an die Mysterien. Aristoteles ist der letzte, von dem wir eine 
solche Philosophic haben; in ihm aber ist der Nachklang von den 
Mysterien schon auf das geringste MaB zuriickgebracht. Nach Aristo- 
teles kam es sogar so weit, daB ganz vergessen wurde, daB jede 
Philosophic auf die Weisheit der Mysterien zuriickzufuhren ist. Spater 
haben wir nur noch eine Einfiltrierung von abstrakten Begriffen, so 
etwas wie ein Strohdach. 

Der erste Schritt vorwarts wird durch das Mysterium von Golgatha 



gekennzeichnet. Bis dahin waren die menschlichen Fahigkeiten, zum 
Beispiel die Vernunft, wenig entwickelt. Der Mensch konnte keine 
Fortschritte machen, weil sein Verstand an die Sinnesorgane gebunden 
war. Es sollte erst die Zeit kommen, in der sein Verstand sich un- 
abhangig entwickeln konnte. Denn mit dem bloIBen Verstand hatte 
man nicht begreifen konnen, was sich auf Golgatha vollzog. Als aber 
der Christus die sinnliche Welt verlieB, entstanden unzahlige Wieder- 
holungen von seinem Ather- und Astralleibe, die dazu bestimmt 
waren, hineinverwoben zu werden in die Leiber derjenigen, die ge- 
eignet waren, das Christentum zu verbreiten. Einer von diesen war 
Augustinus, der, als er beim Hinuntersteigen zum physischen Dasein, 
um sich wiederum zu verkorpern, sich einen neuen Atherleib bilden 
wollte, eben in seinen Atherleib eine von diesen Wiederholungen des 
Atherleibes des Christus einverwoben bekam. So kam er dazu, in sich 
selbst die Quellen von seiner Lehre iiber die wahre Form der christ- 
lichen Mystik zu finden. Aber weil er nur den Atherleib des Christus 
in sich hatte, war sein Ich dem Irrtum unterworfen und konnte er der 
Spielball der Leidenschaften werden. So aber entwickelte Augustinus 
sein Ich, verfiel aber auch in Irrtiimer und machte alle Stadien des 
Zweifels in bezug auf die Lehre Christi durch. Es war bei ihm wie ein 
hoherer Materialismus ; denn auch damals bestand schon der Fehler, 
alles vermaterialisieren zu wollen. Nur derjenige, der sich davon be- 
freit, versteht die Dinge des Geistes. Als dann endlich Augustinus das 
Christentum fand in den Worten des Johannes und des Paulus, da ring 
in ihm der Atherleib des Christus zu wirken an. Er spricht namlich 
nicht von dem physischen Leib, sondern von dem Atherleib, der das- 
selbe ist wie das, was er «Soma» nennt. Von dem Astralleib spricht er 
als dem «Sinn» und vom Ich sagt er, daft es sich in ihm erheben kann 
durch die Reinigung. Die Umwandlung des Astralleibes nennt er 
«das Ergreifen der Wahrheit» und die vom Atherleib nennt er 
«das Sich-erfreuen und GenieBen der geistigen Dinge». Und von 
dem hochsten Grad der Vergeistigung spricht er als von der « Vision». 
Die Schriften des Augustinus sind uns eine gute Vorbereitung, 
weil in ihnen die innere Entwickelung des Mystikers dargestellt 
wird. Der Augenblick, in dem er in die geistige Welt gelangt, ist 



deutlich zu erkennen. Augustinus ist der beste Dolmetscher der 
Paulusbriefe. 

Nehmen wir jetzt den andern groBen Vertreter des Christentums : 
Thomas von Aquino. Vergleichen wir ihn mit Augustinus, so sehen 
wir, daB er nicht wie dieser in Irrtiimern befangen war, und daB er seit 
den Kinder jahren weder Zweifel noch Unglauben gekannt hat, weil 
Urteil und Oberzeugung ihren Sitz im Astralleib haben, und er in 
seinen eigenen Astralleib denjenigen des Christus einverwoben be- 
kommen hatte. Eine Einpflanzung irgendeines Prinzips in einen Men- 
schenleib kann nur stattfinden, wenn eine auBere Tatsache den natiir- 
lichen Lauf der Dinge andert. Als Thomas namlich noch ein Kind 
war, schlug der Blitz in seiner Nahe ein und totete sein Schwesterchen. 
Dieses physische, nur scheinbar physische Ereignis machte ihn ge- 
eignet, in seinen Astralleib denjenigen des Christus zu empfangen. 

Der Thomismus fallt zusammen mit der Zeit, in der der menschliche 
Verstand, wie wir ihn kennen, sich bildete. Der starkste Impuls zu 
dieser Bildung kam vom Arabismus, der eine wirkliche intellektuelle 
Wissenschaft war, wahrend dagegen die alten Weisen wuBten, wo- 
durch es kam, daB sie direkt schauen konnten. Fiir die Verarbeitung 
der neuen Philosophic war Aristoteles gut zu gebrauchen, da er schon 
die Verstandesarbeit der Mysterienweisheit vorgezogen hatte. Letztere 
verschwand dann vollkommen mit dem Arabismus, der nur eine reine 
Verstandesspekulation war; die bringt einen hochstens zum Pan- 
theismus der BegrifFe (rationalistisch), kommt aber nicht weiter als bis 
zu diesem Gedanken eines einheitlichen Ganzen. Thomas nun nahm 
die intellektuelle Wissenschaft auf, die ihm zuganglich war, lieB aber 
unverandert das Offenbarungswissen und bediente sich der Dialektik, 
um es zu begreifen. - Im Neuen Testament ist alles enthalten, so daB 
Thomas demjenigen, was da auseinandergesetzt wird, nur die fein- 
geschliffene Wissenschaft hinzuzufiigen brauchte. Die Scholastik, die 
heutzutage so wenig geschatzt wird, machte diese intellektuelle Wissen- 
schaft moglich, ebenso das sich wieder bis zum gottlichen Gedanken 
Erheben durch eine forts chreitende Dialektik. Scholastik kommt aus 
dem Griechischen «scole», bedeutet also «Aufmerkung», was irrtiim- 
lich iibersetzt wurde in «scuola», Schule. Das scholastische System 



ist das vollkommenste logische Gewebe. Auf diese Weise finden wir 
in Thomas aufs neue gedacht die vorschopflichen gottlichen Ge- 
danken, frei von Irrtum und Tauschung, wie sie nur gedacht werden 
konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Larm der Welt. - 
Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auf- 
fassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gott- 
heit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquino erhebt sich der 
menschliche Gedanke[*]. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. 
Er konnte namlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen 
Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagite uns 
gegeben hat, und in seinen langen nachtlichen Meditationen vor dem 
Altar konnte er die schwersten Probleme losen. So finden sich in ihm 
vereinigt der Mystiker und ein Denker so hell wie ein Diamant und 
nicht von den Sinnen beeintrachtigt[*]. 

Nach ihm {Aristoteles] gab es keine Vermehrung der Begriffe mehr. 
Sogar der Begriff der Evolution findet sich schon in Aristoteles und 
vielleicht sogar besser beschrieben. Wir haben schon gesagt, wie sich 
im Neuen Testament alles findet. Es enthalt namlich den Keim der 
Mystik, und wir haben gesehen, wie dieser Keim gereift ist und wie 
unendlich viele Schatze aus den Evangelien herausgegraben worden 
sind. Heutzutage haben wir die Theosophie, spater werden andere 
geistige Wellen kommen und neue Schatze in den Evangelien wieder 
gefunden werden. In der Offenbarung Johannis schlieBt sich die Zu- 
kunft der Erde ab. 

Heute habe ich Ihnen zeigen wollen, wie die Freiwerdung des In- 
tellekts die erste Stufe war des Christentums. Dies ist nur wie ein Blatt, 
aber an der machtigen Pflanze des Christentums werden noch neue 
Blatter entstehen, eines nach dem andern. Die Bliite wird die Gesamt- 
schonheit der Erde sein, durch das Christentum erneuert; die Frucht 
wird sein die neue Welt, fur die die heutige Erde die Vorbereitung 
ist. Christus lafit sich finden von demjenigen, der ihn sucht, wie er 
lehrte, wie er noch lehrt und immer lehren wird bis ans Ende. 



[* Hier wurde offensichtlich nur noch besonders fliichtig und ungenau notiert.} 



ZUR EINWEIHUNG DES FRANZ VON ASSISI-ZWEIGES 



Malscb, 6. April 1909 

Wir sind heute hier versammelt, um unserem anthroposophischen 
Zweig in Malsch die Weihe zu geben. Zwar ist dieser Zweig schon seit 
langerer Zeit in voller Arbeit tatig, doch sind wir erst heute imstande, 
die Eroffnungsweihe diesem Zweige zu geben. 

Zu dieser Feier sind die lieben anthroposophischen Freunde von den 
verschiedensten Gegenden unseres anthroposophischen Strebens zu- 
sammengekommen und haben damit gezeigt, daB sie ihre anthroposo- 
phischen Gefuhle und Gedanken vereinigen wollen mit jener ernsten, 
arbeitenden Menschengruppe, die hier - man mochte sagen, ver- 
schlagen ins Gebirge, aber zugleich umgeben von alien schonen und 
groBen und edlen Kraften der Natur - anthroposophisches Leben ent- 
falten wird. Diejenigen von Ihnen, die ihr Auge haben herumschwei- 
fen lassen in der Umgebung dieses gastlichen Hauses in Malsch, 
werden gesehen haben, daB da mancherlei auch in bezug auf das 
AuBere gearbeitet worden ist, um auch in der auBeren Erscheinung 
zutage treten zu lassen, daB das spirituelle Leben, welches uns alle 
beseelt, hier auf diesem Fleck Erde ganz besonders zum Ausdruck 
kommen soil. 

Und wenn wir zuruckblicken auf unseren Anfang des anthroposo- 
phischen Lebens bei der Griindung unserer deutschen Sektion, der 
sich Malsch als Faktor einfiigt, wenn wir zuruckblicken auf die gering- 
fiigigen Anfange unseres Lebens in der deutschen Sektion, wo wir 
mit einer kleinen Gruppe geisteswissenschaftlich begeisterter Men- 
schen begonnen haben, und dann den Blick schweifen lassen auf 
solche Ereignisse wie heute und sehen, wie zahlreich die Seelen sind, 
die sich vereinigen mit uns in geisteswissenschaftlichen Gefuhlen und 
Empfindungen, so diirfen wir wohl mit Befriedigung auf die letzten 
Jahre unseres Strebens zuruckblicken. 

Und die Familie Stockmeyer, welche sich hier auf diesem Fleck Erde 
die groBte Miihe gegeben hat, um dieses spirituelle Leben hier zu ent- 
falten innerhalb der es allerdings sehr fordernden Geister der Natur, 



diese Familie kann wiederum mit Befriedigung sehen, wie nach ihrem 
gastlichen Fleckchen Erde herbeigeeilt sind so viele echte, wahre 
Freunde; denn echte, wahre Freunde diirfen alle die anthroposophi- 
schen Freunde genannt werden. Denn Anthroposophie muB vor 
allem sein Wahrheit in unseren Herzen. Und Wahrheit ist Aufrichtig- 
keit. Anthroposophie muB daher sein Aufrichtigkeit und anthroposo- 
phische Freundschaft, die sich ausdriickt in dem Mitfeiern eines sol- 
chen Festes, eines solchen Weihefestes. Getaucht muB das alles sein in 
Aufrichtigkeit. Freundschaft in Aufrichtigkeit verbindet uns mit 
denen, die hier so emsig gearbeitet haben, damit auch hier ein Arbeits- 
feld anthroposophischen Wirkens sei. Und aller derjenigen Herzen, 
die herbeigekommen sind, werden von Dankbarkeit erfullt sein gegen- 
iiber dem, was gerade hier von der Familie Stockmeyer gearbeitet 
worden ist, und versichert kann sie sein dieser dankbaren Gefiihle 
wahrhaftiger Aufrichtigkeit, anthroposophischer Dankbarkeit. 

Auf der andern Seite zeigt gerade der Erfolg eines solchen Weihe- 
festes mit den zahlreichen Seelen, daB Geisteswissenschaft in unserer 
Gegenwart ein machtiger Magnet fur das menschliche Streben ist. Und 
es darf vielleicht bei einem solchen Weihefeste erwahnt werden, daB 
wir ja auch hinausblicken konnen iiber die Raume, die, so schon um- 
schlossen von den Geistern einer herrlichen Natur, uns heute um- 
schlieBen, daB wir hinausblicken diirfen in die iibrige Welt. Man darf 
sagen: Geisteswissenschaftliches Leben und Streben, es ist heute 
wahrhaft etwas, was sich zeigt wie mit einer inneren Notwendigkeit 
behaftet. Es ist wirklich so, wie wenn manches Blatt der alten Kul- 
turen, die durch Jahrtausende hindurch die europaische und abend- 
landische Menschheit aufrechterhalten haben, die dieser Menschheit 
gegeben haben Sicherheit und Kraft furs Leben, wie wenn sie heute 
anfingen zu verdorren, kalt und nuchtern zu erscheinen den Men- 
schenherzen. Daher sehen wir, wie auf mancherlei Lebensgebieten 
heute geisteswissenschaftliche Sehnsucht lebt. Und wahrhaftig, es ist 
etwas wie Zukunftskraft, was gerade in den letzten Tagen um mich 
herum sich abspielen durfte, der ich hier zu Ihnen sprechen darf. 

Jetzt darf ich das Wort unserer groBen Verkiindiger der neuen 
Weisheit, das Wort unserer Meister der Weisheit und des Zusammen- 



klangs der Empfindungen hier an diesem Ort vermitteln, an diesem 
Ort, der umgeben ist von griinen Baumen und dem sprieBenden 
Leben der Natur, von dem herrlichen, alles belebenden und geist- 
durchdrungenen Sonnenlicht, das heute so giinstig herniederschaut 
auf unsere Hebe Feier. Heute darf das geschehen. 

Und es sind wenige Tage her, da durfte ich aus demselben Geiste 
heraus sprechen in einem Vortragszyklus, weit weg von hier. Ich 
durfte sprechen in einem Zyklus, den ich in Rom halten konnte. Und 
gerade diese Tatsache symbolisiert mir so recht, welcher Magnet das 
geisteswissenschaftliche Streben ist. Anders sah aus der Ort, an dem 
da gesprochen werden sollte zu denjenigen, die auch geisteswissen- 
schaftliche Sehnsucht im Herzen haben, wenn auch manchmal eine 
Sehnsucht, die noch recht ungeklart ist. Auf einem Boden, den eigent- 
lich mit geistigen Angelegenheiten nur Kardinale betreten haben, nur 
diejenigen, die aus positiv-orthodoxestem Katholizismus heraus wir- 
ken, auf diesem Boden durfte in den letzten Tagen der freie Hauch 
geisteswissenschaftlicher Weltanschauung verkiindet werden. Das- 
selbe Wort durfte tonen durch die Luft derjenigen Raume, in denen 
eigentlich nur die Botschaft verkiindet worden ist aus dem ortho- 
doxen Zentrum Roms heraus. 

So sehen wir, daG die freien Geister der Gegenwart, die sich hier 
mehr im Norden zur Anthroposophie herangezogen fiihlen, doch auch 
mit einer gewissen Befriedigung blicken konnen auf jene Seelen, die 
sich heraussehnen aus einer wie mit eisernen Banden haltenden alten 
Tradition, aus einem alten Orthodoxismus. Und es ist immerhin ein 
Zeichen der Zeit, daB es mdglich war, ebenso frei und unbefangen 
iiber die anthroposophischen Wahrheiten auf dem Boden zu sprechen, 
wo bisher nur Kardinale gesprochen haben, wie hier auf dem freien 
nordischen Boden. 

Denn das ist wahr gesprochen, was vorhin gesagt worden ist: 
Anthroposophie ist Aufrichtigkeit. Und wo sie gerufen wird, wo 
Seelen ihrer bediirfen, da geht sie hin. Aber in keinem Augenblick 
wird sie aus irgendeiner Riicksicht auf den Boden, wo sie verkiindigt 
wird, auch nur das allergeringste ablassen von dem, was die groBe 
Richtschnur ist, die uns beseelt bei der Verkiindigung. 



Wo sie auch immer verkundigt wird die anthroposophische Wahr- 
heit, wo das Spirituelle gepflegt wird, das uns durchpulst: Im Lichte 
der Aufrichdgkeit soli diese Botschaft verkiindet werden, auch da, wo 
sie noch umgeben wird von den Gedanken derer, die Anthroposophie 
hassen. Mitten unter denen, die Anthroposophie hassen, leben aber 
die Seelen, die mehr oder weniger bewuBt doch nach dem Lichte der 
Anthroposophie sich hinsehnen. Und so kann gerade ein solcher 
Kontrast, wie er an mir voriibergegangen ist seit vierzehn Tagen, uns 
zeigen, ein wie starker Magnet das anthroposophische Leben ist. 

Wenn uns so die Betrachtung der unmittelbaren Gegenwart lehrt, 
daB diese anthroposophische Kraft eine starke in der Gegenwart ist, 
die Betrachtung der Zeiten, die lehrt uns erst recht, daB wir mit 
freudiger und uns befriedigender Zuversicht hoffen diirfen, daB das, 
was wir mit kleinen Keimen heute pflanzen, zum machtigen Baum 
sich entfalten wird in der Zukunft. Wir sind als Theosophen heute in 
einer Lage, die wir nur vergleichen konnen mit der Lage, in der die 
Menschheit war in der alten atlantischen Zeit. Und wie seit der Zeit 
das Leben anders geworden ist, so wird das Leben in eine gewisse 
Zukunft hinein wiederum bis nach einer Katastrophe anders werden. 
Aber diese groBe Perspektive soli vor unsere Seele treten. 

Erinnern wir uns einmal an eine ahnliche Bewegung, die klein aus- 
gegangen ist wie die unsrige, im letzten Drittel der atlantischen Zeit. 
Da war das atlantische Seelenleben auf einen Hohepunkt gediehen. 
Dieses Seelenleben war in vieler Beziehung noch ein hellseherisches. 
Was sich die Menschheit hinzuerobert hat, das ist das SelbstbewuBt- 
sein, das ist das starke Ich-Gefiihl. Dieses Ich-Gefiihl, dieses Selbst- 
bewuBtsein hatte die atlantische Menschheit noch nicht. Die atlan- 
tische Menschheit hatte dafiir ein gewisses Hellsehen und gewisse 
magische Krafte. Hineinschauen konnte der Atlantier in die geistige 
Welt, Und das waren diejenigen, die an der Spitze der Zivilisation 
geschritten waren, die am besten hineinschauen konnten in die geistige 
Welt in der alten Weise, diejenigen, die am meisten Kundschaft her- 
ausbringen konnten aus dem Reich des Astralischen. Denn nach und 
nach schwand dieses Hellsehen dahin. Die Menschheit muBte es ver- 
lieren als ein Ganzes, um sich das SelbstbewuBtsein an der physischen 



AuBenwelt zu erobern. Aber es war das hellseherische Wissen im 
letzten Drittel der atlantischen Zeit auf eine besondere Hohe ge- 
stiegen. 

Sie erinnern sich, wie die eigentliche Technik der Atlantier war. 
Auf kleinen LuftschifFen fuhren die Atlantier dahin iiber die Erde, 
nahe der Erde, weil die Luft durchsetzt war von dichten Nebel- 
massen. Und fur dieses Luft-Wassermeer hatten sie ihre kleinen Fahr- 
zeuge, die sie mit der Kraft der sprieBenden Pflanze in Bewegung 
setzten. Diejenigen, welche in bezug auf solche Technik das AuBerste 
leisteten, das waren diejenigen Menschen, die verglichen werden kon- 
nen mit unseren heutigen groBen Industriellen, mit denjenigen, die 
kunstvolle Maschinen bauen aus toten Kraften heraus. Und diejeni- 
gen, die aus der geistigen Welt am meisten verkiindigen konnten, das 
waren diejenigen, die sich vergleichen lassen mit denen, die {heute] 
unsere Gelehrten, Naturforscher sind, die an der Spitze der Bildung 
marschieren. 

Aber innerhalb dieser Menschheit bereitete sich eine andereMensch- 
heit vor, eine Menschheit, die nur geringe Krafte des Hellsehens hatte, 
dafiir aber die Fahigkeit, die auBere Welt liebevoll zu beobachten. Die 
ersten Elemente des Rechnens und Zahlens bereiteten sich vor. Aber 
sie konnten sich nur in geringem MaBe beteiligen an den groBen 
Fortschritten der atlantischen Industrie, an dem Bau der machtiger 
und immer machtiger werdenden Fahrzeuge, die das Wasser-Luft- 
meer durchsetzten. Und so war eine kleine, unscheinbare Menschen- 
menge gerade im letzten Drittel der atlantischen Zeit entstanden, die 
in gewisser Beziehung verachtet wurde, denn sie war wenig hell- 
seherisch, wenig imstande, sich zu beteiligen an dieser groBen Indu- 
strie. Sie bereitete aber das Erkennen vor, das heute unser Erkennen 
ist, auf das die auBere Welt in unserer Zeit so stolz ist, da sie es ein- 
seitig ausgebildet hat. 

Bei denjenigen Menschen, welche an der Spitze der atlantischen 
ZiviHsation standen, die alles beherrschten, was man aus dem atlan- 
tischen Wissen heraus erfahren konnte, welche in der Beherrschung 
der Technik der Atlantis am weitesten vorgeschritten waren, da 
tauchte gegen Ende der atlantischen Zeit zuerst ein technischer Ge- 



danke auf, der dann fruchtbar geworden ist fur unsere Zeit. Wir kon- 
nen ihn mit einem andern Fortschritt in unserer Zeit vergleichen, mit 
einem Fortschritt, der himiberragen wird iiber die nachste Kata- 
strophe. Die Atlantier hatten Fahrzeuge wahrend ihrer Bluteperiode, 
welche durch die wassergeschwangerte Luft hingingen. Aber spater, 
als die atlantische Kultur schon im Niedergang war, tauchte die Not- 
wendigkeit auf, auch das Wasser zu befahren. Und bei den spateren 
Kulturrassen der atlantischen Zeit entstand der Gedanke an die SchifF- 
fahrt, die Eroberung des Wassers. Das war ein gewaltiger, in der alten 
atlantischen Zeit einschlagender Gedanke. Und ungeheure Sensation 
im atlantischen Leben machte es, als man zuerst auf einem Fahrzeug 
nicht nur in die Lufte sich erhob und die Luft durchmaB, sondern hin- 
segelte auf der Wasser-Meeresflache. Ein Gedanke, der ungeheuer 
sensationell wirkte, und der bei den letzten atlantischen Rassen in die 
Wirklichkeit umgesetzt wurde. Lange Versuche wurden gemacht, um 
auf dem bloBen Wasser zu fahren. Dann gelang es. Es gelang das in 
jener Zeit, wo die atlantische Kultur im Niedergang begriffen war. 

Aus denjenigen, welche an diesem machtigen Fortschritt beteiligt 
waren, konnten sich nicht rekrutieren die einfachen Leute, die mit 
den Fahigkeiten fur die physische Welt zuerst ausgestattet waren, und 
die hinubertragen sollten das eigentliche geistige Leben aus der atlan- 
tischen Zeit in unsere Zeit, das geistige Leben: Schlichte, einfache 
Leute, die sich am wenigsten Reste bewahrt hatten von dem Hell- 
sehen, aber doch noch so viel, als notig war fur den, der ein Sendbote 
war aus der geistigen Welt. Menschen mit diesem Geistvermogen 
sammelte damals ein groBer Eingeweihter um sich, der, den wir nen- 
nen den groBen Eingeweihten des Sonnenorakels. Es waren die Men- 
schen, die am wenigsten technische Fahigkeiten bewahrt hatten, auf 
die hohnend herabsahen diejenigen, die an der Spitze standen. Alle 
die, welche die groBen Forscher und Entdecker waren, sahen ver- 
achtungsvoll herunter auf dieses kleine Hauf lein. Aber diese waren es, 
die der groBe Eingeweihte des Sonnenorakels fuhrte von Westen nach 
Osten, durch Europa nach Asien. Und dieses kleine Hauflein war es, 
welches dann die Moglichkeit lieferte, daB die nachatlantischen Kul- 
turen begriindet worden sind. 



Denn das Beste, was die verschiedenen Kulturen dann entwickelten, 
der machtige Baum der nachatlantischen Bildung, ging hervor aus 
den Nachkommen der verachteten, schlichten Leute aus der atlanti- 
schen Zeit. Vor alien Dingen ging aus der Mitte derer, die die Nach- 
kommen dieses schlichten Haufleins waren, noch etwas anderes her- 
vor. Stellen wir die auBeren Ereignisse neben die inneren Ereignisse 
unserer Bildung. 

Sehen wir uns an die groBe Sensation der atlantischen Zeit, als die 
Erfindung gemacht wurde bei derjenigen Unterrasse, deren Nach- 
kommen die Phonizier waren: sehen wir uns die Schiffahrt an. Was 
hat sie geschaffen, diese Schiffahrt? 

Wir brauchen uns nur zu erinnern an die groBen Ereignisse vom 
Beginn der neuen Zeit, an das, was Kolumbus und die andern See- 
fahrer getan haben, an die groBen Entdeckungsreisen, die nicht hatten 
gemacht werden konnen ohne die Schiffahrt, und wir werden sehen, 
daB diese Sensation dazu gefuhrt hat, den physischen Plan der Erde 
nach und nach zu erobern. Die Erde hat sich geschlossen, sozusagen. 
Auf kleine Kreise waren beschrankt die Nachatlantier. Aber die Er- 
findung der Schiffe hat die Erde abgerundet zu einem geschlossenen 
Gebilde des physischen Planes. So ragt die sensationelle Erfindung 
der atlantischen Welt herein in unsere Zeit und hilft mit, die groBen 
Fortschritte auf dem physischen Plan zu machen. 

Die groBte Eroberung aber, sie ging hervor in der nachatlantischen 
Zeit aus denjenigen, die die Nachfolger waren jener schlichten Schar 
um den groBen Eingeweihten des Sonnenorakels. Und nachdem sie 
vorbereitet hatten, was so zu tun war, diese schlichten Leute, durch 
ihre eigene Entwickelung die indische, persische, agyptische, grie- 
chisch-lateinische und unsere Kultur, da war es der Erde moglich, 
das Material herzugeben, in das der Christus hineingeboren werden 
konnte. Und so ging das groBte geistige Ereignis, die groBte spiri- 
tuelle Tat der nachatlantischen Zeit hervor aus dem Volk, das zu den 
verachtetsten Menschenschichten gehorte bei denen, die an der Spitze 
der Zivilisation in der Atlantis marschierten. Daraus ging der groBe 
spirituelle Fortschritt hervor, der alles geistige Leben in unserer Zeit 
tragt und halt und durchfruchtet und durchwebt. 



Wir sehen etwas ahnliches in unserer Zeit sich abspielen. Wir sehen, 
wie jene Fahigkeiten, die in der Atlantis in ihren ersten Keimen ent- 
halten waren, das Rechnen, das Zahlen, wie diese Fertigkeiten alle 
ausgebildet werden heute zu einer wunderbaren Eroberung des physi- 
schen Planes durch alle moglichen technischen Fortschritte hindurch. 
Wir sehen heute die groBen Erfinder und Entdecker gerade diejeni- 
gen Krafte anwenden in gewisser Beziehung auf einem Gipfelpunkt, 
die bei einem verachteten Menschenhauf lein der atlantischen Zeit zu- 
erst aufsprieBten. Und was damals hellseherische Erkenntnis war, in 
der atlantischen Zeit, heute ist es Naturerkenntnis, heute ist es Er- 
kenntnis der physischen Welt. Und vergleichen lassen sich mit den 
Spitzen der atlantischen Zivilisation unsere heutigen Naturforscher 
und Gelehrten. Aber auch heute ist wieder eine schlichte Menschen- 
klasse da, ohne Unterschied der andern Stellungen in der Welt, iiber- 
all verbreitet, und hat im Herzen jenen machtigen Magnet, der zum 
spirituellen Leben hinzieht wie damals zum Leben in den auBeren 
Fahigkeiten fur den physischen Plan. 

Nur ist ein gewisser Unterschied. Wahrend damals die letzten Reste 
des Hellsehens noch da waren, konnten sie erkennen den groBen Ein- 
geweihten. Heute haben es die Menschen in gewisser Richtung noch 
schwieriger. Heute ertont an ein ahnliches kleines Hauf lein ein Ruf 
aus der geistigen Welt, den wir den Ruf der Meister der Weisheit und 
des Zusammenklangs der Empfindungen nennen. Weil aber heute die 
Menschen herausgestellt sind auf den physischen Plan, bleiben die 
Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen 
zunachst wie etwas Unbekanntes dem heutigen kleinen Menschen- 
kern, der sich herauskristallisiert aus der groBen Masse. Aber in ihren 
Herzen fiihlen diese Menschen, wie wir aus den Tatsachen der Gegen- 
wart ersehen konnen, daB es so etwas gibt wie eine neue spirituelle 
Botschaft, die ebenso in die Zukunft hineinwirken soil, wie die da- 
malige Botschaft in unsere Gegenwart hereingewirkt hat. Diese Men- 
schen, die heute aus alien Schichten unserer Bevolkerung heraus 
kommen, mit der Sehnsucht im Herzen nach spirituellem Leben, das 
die Zukunftskulturen begriinden soil, diese Menschen, die wir iiberall 
finden, diese sind eben die wahren Theosophen. 



Und die wahren Theosophen, die tauchen auf in unserer Zeit, ge- 
rade als in unserer Zeit eine ahnliche Sensation auftaucht wie damals 
in der atlantischen Zeit. 

Das Wasser wurde damals erobert durch die hochsten Fortschritte 
der Technik. Die Luft wird erobert in unserer Zeit. Freilich wird 
diese Eroberung hineinragen in eine spatere Epoche. Aber wie in 
unserer Zeit die SchifFe nur heraufgebracht haben die Eroberung des 
physischen Planes, so wird das Luftschiff die Menschen in die Liifte 
fuhren, in den Liiften aber werden die Luftschiffer nur finden den 
Stoff, nur Materielles. Und wenn auch neue Gebiete des physischen 
Planes erobert werden, und wenn auch segensreich fur die auBere 
Welt wirken wird, was in der auBeren Technik geschieht, das innere, 
geistige Leben tragen diejenigen im Busen, welche sich spirituell, 
geistig fiihlen, erfullt fiihlen von dem, was in der Zukunft fuhren soli 
zu einem Hineinschauen in die geistige Welt mit SelbstbewuBtsein. 

Und diejenigen, die an der Spitze der Zivilisation heute marschie- 
ren, die sich vergleichen lassen mit den atlantischen Weisen und 
Technikern — seht hinaus, drauBen wirken sie als Erflnder und Ent- 
decker und Gelehrte und Naturforscher. Auf ein solches Hauflein, 
das heute sich rekrutiert zu einem neuen Kulturtrager, wie es hier 
sitzt, wie es sich vereinigt in unseren geisteswissenschaftHchen Ver- 
einigungen, da blicken diese groBen Forscher und Gelehrten, die die 
auBere Kultur tragen, mit Verachtung und Hohn wieder herab. Die 
Erscheinungen der alten atlantischen Zeit wiederholen sich. 

Aber wenn das spirituelle Leben Eure Herzen so stark ergreift, daB 
Ihr Euch mit Wiirde vergleichen konnt mit denen, die um den gro- 
Ben Sonneneingeweihten sich geschart haben, wenn dieselbe Kraft 
der Zuversicht in Euch lebt, dann werdet Ihr in spateren Zeiten die 
Trager sein des geistigen Lebens, jenes Lebens, das der Menschheit 
zu den auBeren, materiellen Korperlichkeiten gibt das Wiederhinein- 
dringen in die geistige Welt. Damals war es der groBe Eingeweihte, 
der in ahnlicher Weise die Menschen um sich versammelte, heute sind 
es die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfin- 
dungen. Ihr Ruf ergeht an Euch. Und wenn Ihr so funic, so aus der 
Geschichte heraus Eure Mission fuhlt, dann werden Eure Herzen 



stark werden, das zu ertragen, was von auBen als Spott und Hohn von 
denen auf die Geisteswissenschaft gegossen wird, die sich Kultur- 
trager nennen. Und wenn Ihr so Eure Mission begreift, dann werden 
Eure Gedanken stark sein, und kein Zweifel, der von auBen heran- 
klingt, wird Euch erschuttern konnen in Eurer Uberzeugung. Denn 
Eure Gedanken selber werden durchgeistigt sein durch die Kraft, die 
ausflieBen kann aus einer solchen Erkenntnis unserer Mission. Und 
wenn wir auch iiber Jahrtausende den Blick werfen miissen und Ideale 
aufstellen miissen, die weithin reichen: Wo solche Ideale nicht auf- 
gestellt werden, ist das Leben tot; wo sie aufgestellt werden, ver- 
wandelt sich das Leben. Ideale, die zwar den groBen Zeitraumen ent- 
nommen sind und manchen kleinmiitig erscheinen Iassen konnten, die 
verwandeln sich in eine Kraft des Augenblicks. Ihr werdet stark sein 
fur die kleinste Tat, wenn Ihr Euer Ideal aus den hochsten Hohen 
herauszunehmen imstande seid. So werdet Ihr feststehen, wenn die- 
jenigen, die die Welt beherrschen mit ihrer Bildung, mit Hohn und 
Verachtung von den kleinen geisteswissenschaftlichen Vereinigungen 
sprechen, in denen die sitzen, die « nicht mitwollen mit der heutigen 
Kultur». Oh, sie wollen mit, sie wissen ebenso zu schatzen das, was 
in der auBeren, physischen Welt gewonnen wird, aber sie wissen auch, 
daB ebensowenig wie ein Korper ohne Seele ist, ebensowenig eine 
auBere Kultur ohne spirituelles Leben bestehen konnte. 

Wie die Menschheit, die charakterisiert worden ist, die sich als ein 
damals verachtetes Hauflein um den groBen Eingeweihten geschart 
hat, nach Generationen das Material gegeben hat, um den Christus auf 
Erden moglich zu machen, so muB die heutige anthroposophische 
Menschheit wieder moglich machen, Christus vollkommen zu ver- 
stehen. Christus ist im vierten Zeitraum herabgestiegen. Den Christus 
ganz zu verstehen, es wird gegeben sein denjenigen, die ihn aus der 
Anthroposophie verstehen wollen. 

Warum kommen aus einem unbestimmten BewuBtsein diejenigen, 
die bisher genahrt worden sind von den positiven Religionen, von 
den orthodoxen Religionen, warum kommen sie auch zur Geistes- 
wissenschaft? Warum horen sie das anthroposophische Wort, wah- 
rend sie bisher nur den Vatikan gehort haben? Warum? Darf man 



heute noch sagen, Anthroposophie sei etwas, was nur da sei fur die- 
jenigen, die die groBte geistige Tatsache unseres Zei takers gleich- 
gultig ansehen, die Tatsache des Christus-Impulses ? Was verlangen 
jene Leute von uns? DaB wir ihnen sagen, wer der Christus war, was 
der Christus getan hat! Sie kommen, weil diejenigen, die sich heute 
als die privilegierten Trager des Christus-Namens bezeichnen, ihnen 
nicht sagen konnen, wer der Christus war. Deshalb kommen sie zur 
Anthroposophie, weil diese sagen kann, was der Christus ist. Nicht die 
heutigen Kulturtrager, welche der auBeren "Dberlieferung, die sich 
anschlieBt an diese oder jene Religion, entgegenstellen die Leugnung 
des Christus, nicht diese konnen etwas anhaben den positiven, ab- 
sterbenden spirituellen Stromungen. Wer nicht zu sagen weiB, was 
der groBe Christus ist, wer den Christus ableugnet in seiner Spiritua- 
Htat, demgegeniiber werden sich die alten Religionsstromungen noch 
immer starker erweisen. Erst die geistigen Richtungen, die sich hin- 
einstellen mitten unter diejenigen, die sich das Privilegium auf den 
Christus-Namen geben, die zu sagen wissen, was die wahre Wesenheit 
des Christus ist, denen, die es im andern Sinne verlangen, die werden 
sammeln um sich eine Menschheit, die in sich die Zukunft im Busen 
tragt. Gegeniiber allem Religionsnihilismus werden sich die alther- 
gebrachten Religionsstromungen starker erweisen. 

Nicht im kleinen, dogmatischen Sinne fassen wir auf das anthropo- 
sophische Leben. Nicht mit einzelnen Dogmen, nicht mit einzelnen 
Erkenntnissatzen wollen wir dieses anthroposophische Leben um- 
fassen, sondern so, daB wir die Mission und die Aufgabe unserer Zeit 
erkennen. Wir wollen es so umfassen, daB aus uns der wahre Geist 
unserer Zeit spricht, daB die groBte Tatsache unserer nachatlantischen 
Zeit durch die Worte der Anthroposophie ausgesprochen werden 
kann. Dann werden diese Worte lebendiges Leben und lebendige 
Kraft in unserer Seele sein. Dann wird man verstehen, was das anthro- 
posophische Leben ist. Das laBt sich nicht deklamieren, sondern nur 
herausleben aus dem Geiste unserer Zeit. 

Wenn wir so fuhlen, werden unsere Krafte groBer und groBer. 
Wenn wir so fuhlen, bekommen wir Starke, uns fest anzuklammern 
an unser Ideal. Und dann wissen wir, wie wir dieses Ideal vertreten 



konnen, gleichgiiltig ob auf diesem oder jenem Boden, wo eine alte 
Kultur sich sehnt nach einem neuen Inhalt, oder auf diesem Boden 
hier, wo ringsherum umschlossen ist das, was durch das Tagewerk der 
Anthroposophie zustande gebracht wird, von der Natur und den herr- 
Hchen, geistbelebten Sonnenstrahlen, die uns jetzt hier umglanzen. 
Denn wir werden wiederum, was uns auch auBere Forschung sagen 
mag, in den Sonnenstrahlen, die uns hier umglanzen, erkennen den 
Geist dieser Strahlen. Und wir werden wissen, daB, wenn die Sonne 
untergegangen sein wird, der Geist, der in der Sonne lebt, in uns ere 
Herzen hineinscheint. Wir werden lernen, was es heiBt, die Sonne um 
Mitternacht zu schauen, den Geist der Sonne zu schauen. Und wenn 
wir den Geist der Sonne begreifen, dann werden wir sehen, wie die- 
ser heruntergestiegen ist, sich vereinigt hat als spirituelles Leben mit 
demjenigen, was als das Beste in unserer Zeit lebt. Es ist notwendig, 
daB der Christus-Impuls verstanden wird, daB wir zu sagen wissen, 
wer der Christus war. In dieser Beziehung ist die Menschheit erst im 
Anfang. In demselben MaBe wie die spkituelle Einsicht wachsen 
wird, in demselben MaBe wird die Menschheit erkennen, wie sich der 
Christus-Impuls in dieses Weltgebaude hineingestellt hat. 

So etwas fuhlt man mit Recht, wenn ein Zweig ins Leben tritt, dem 
man die Weihe zu geben hat, wie wir heute hier, und der aus einem 
tiefen Bediirfnis der in diesem Zweig Vereinigten sich mit einem Namen 
belegt hat, der in so tief inniger Beziehung steht zu der ganzen Ent- 
wickelung des Christentums. Aus einem tiefen Bediirfnis der in die- 
sem Zweige Vereinigten nennt sich dieser Zweig : Franz von Assisi- 
Zweig. Oh, es umschwebt ein tiefes, spirituelles Geheimnis jenen 
Fran% von Assisi. 

Als der Christus auf die Erde herniederstieg, umhiillte er sich mit 
dem dreifachen Leibe des Jesus von Nazareth, mit dem physischen, 
Ather- und Astralleib des Jesus von Nazareth. Drei Jahre lebte der 
Christus, der Sonnengeist, in der Hiille des Jesus von Nazareth. Und 
als das Mysterium von Golgatha eintrat, da geschah so mancherlei. 
Der Christus stieg aus den Hohen herunter auf die Erde. Aber es ge- 
schah, abgesehen von dem, was Ihr kennt, auch noch etwas anderes. 
Durch das Wohnen des Christus in dem Jesus von Nazareth geschah 



mit den drei Leibern des Jesus von Nazareth, namentlich mit dem 
Astralleib und Atherleib, etwas ganz Besonderes. Da der Christus ab- 
gelegt hat die Leiber des Jesus von Nazareth, da waren sie geistig vor- 
handen in der geistigen Welt, aber vervielfaltigt in vielen, vielen Ab- 
bildern. Nicht zugrunde gingen sie im Weltenather oder in der astra- 
lischen Welt, sondern fortlebten sie in der geistigen Welt in Abbildern. 
So wie das Pflanzenkorn, das wir hinab in die Erde senken, in vie- 
len Kornern erscheint nach dem Geheimnis der Zahl, so waren in 
der geistigen Welt vorhanden in Abbildern der Atherleib und der 
Astralleib des Jesus von Nazareth. Und wozu waren sie da in dem 
groBen Zusammenhange spiritueller Okonomie? Um aufbewahrt zu 
werden und ihren Dienst zu tun im groBen Fortschritt des Menschen- 
geschlechts. 

Einer der ersten, dem die groBe Wohltat wurde, die dadurch der 
Menschheit moglich geworden ist, daB der Atherleib des Jesus in 
vielen, vielen Abbildern in der geistigen Welt vorhanden war, einer 
der ersten war der, den man den Augustinus nennt. Als Augustinus 
nach seiner fruheren Verkorperung wieder herunterstieg auf die Erde, 
da wurde ihm nicht ein beliebiger Atherleib einverwoben, sondern in 
seinen Atherleib wurde hineinverwoben ein Abbild des Atherleibes 
des Jesus von Nazareth. Den Astralleib und das Ich hatte er fur sich. 
In seinem Atherleib hatte er ein Abbild des Jesus von Nazareth. Er 
muBte sich hindurcharbeiten durch die Kultur seines Ich und Astral- 
leibes. Als er an den Atherleib drang, da kamen ihm die groBen Wahr- 
heiten, die uns in seiner Mystik entgegentreten. Und viele Menschen 
des 6., 7., 8. und 9. Jahrhunderts bekamen in ihren eigenen Atherleib 
einverwoben Nachbilder des Atherleibes des Jesus von Nazareth. 
Manche von denen, welche in jener Zeit die groBe christliche Kon- 
zeption gefaBt haben jener Bilder, die die Kunst dann so verherrlicht 
hat - die Madonna, Christus am Kreuz -, alle diejenigen, die gewirkt 
haben so, daB sie die Bilder schufen, trugen einverwoben in ihren 
Atherleib ein Abbild des Atherleibes des Jesus von Nazareth. Daher 
erlebten sie wieder in sich das, was die Menschen erlebt hatten zur 
Zeit des Ereignisses von Golgatha. 

Und im 11., 12., 13., 14. und 15. Jahrhundert war die Zeit gekom- 



men, wo bei der Verkorperung gewisser Seelen verwoben wurde in 
den Astralleib ein Abbild des Astralleibes des Jesus von Nazareth. 
Viele Menschen des 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts bekamen nicht bloB 
den Astralleib beim Heruntersteigen, sondern wahrend sich ihr Astral- 
leib bei der Wiederverkorperung bildete, wob sich ein in diesen 
Astralleib ein Abbild des Astralleibes des Jesus von Nazareth. Daher 
konnten diese Leute die groBen christlichen Wahrheiten verkiindigen. 
Denn sie hatten in ihren Astralleib, aus dem ihr Wissen entsprungen 
ist, einverwoben das, was Abbild war des Astralleibes des Jesus von 
Nazareth selber. Unter denen aber, die in sich verwoben hatten ein 
solches Abbild des Astralleibes des Jesus von Nazareth, war Franz 
von Assisi. Es waren in der damaligen Zeit viele, unter andern Elisa- 
beth von Thiiringen, die hatten eingewoben [in ihren Astralleib} ein Ab- 
bild des Astralleibes des Jesus von Nazareth. Daher konnten sie die 
groBen Wahrheiten des Christentums als Urteil, als logische Erkenntnis, 
als wissenschaftliche Weisheit verkiindigen. Aber sie konnten noch 
etwas anderes: Sie konnten in sich erleben, was man fiihlen kann, wenn 
man den Astralleib des Jesus von Nazareth selbst in sich tragt. 

Nun lassen Sie auf sich wirken all die Demut, das Hingebungsvolle, 
das christlich Liebende in dem Franz von Assisi, und es wird Ihnen 
wie Schuppen von den Augen fallen. Und Sie werden verstehen, wie 
Sie Franz von Assisi begreifen konnen : in alien seinen Irrtiimern, weil 
er sein Ich fur sich hatte; in all seinem GroBen, da er ein Abbild in 
sich trug des Astralleibes des Jesus von Nazareth. 

Alle die demutsvollen Gefuhle, die tiefe, tiefe Mystik, all das spiri- 
tuelle psychische Leben, das in Franz von Assisi lebt, wird verstand- 
lich, wenn wir dieses Geheimnis seines Lebens kennen. Und dann kon- 
nen wir gute Aussicht fur die Zukunft dieses Zweiges im Geiste er- 
blicken, wenn er sich so recht aufrankt an dieser groBen Gestalt des 
Franz von Assisi. Denn diejenigen, die durch solche Gnade wie Franz 
von Assisi berufen worden sind, die christliche abendlandische 
Menschheit zu leiten, die lassen auch ihr spirituelles Licht hinein- 
strahlen da, wo in spirituellem Sinne gearbeitet wird in alien Zeiten. 
Und wenn in echtem spirituellem Sinne gerade der Franz von Assisi- 
Zweig arbeitet, dann wird in der Vereinigung der Gedanken und Ge- 



fiihle, die da walten in diesem Zweig, es wird in ihm walten das har- 
monisch einigende Licht des Franz von Assisi, das er durch eine solche 
Gnade, wie geschildert worden ist, in dem Durchdringen seines eige- 
nen Astralleibes mit dem Astralleib des Jesus von Nazareth, erhalten 
hat. Es wird etwas hereinscheinen von diesem seinem Lichte in die- 
sen Zweig. 

Und wir werden die rechten Weihegefuhle heute zurticklassen, die 
wir versammelt sind, urn diesem Zweige die Weihe zu geben, diesem 
Zweige, der an bescheidenem Orte wirkt, wenn wir an uns voriiber- 
ziehen lassen die Betrachtung solcher Perspektiven. Blicken wir auf 
zum Lichte des Franz von Assisi, nehmen wir mit das, was entziindet 
werden kann in uns in diesem Augenblick, und denken wir zuriick 
mit solchen Gefuhlen an diesen Zweig und an diesen Augenblick, 
dann werden unsere Gefuhle und Gedanken unsichtbar auch um- 
schweben diesen Zweig Franz von Assisi, in dem gearbeitet werden 
wird in einer Weise dann, daB das, was von unten hinauf sich ringt, 
sich wiirdig erweisen mag dem Lichte, das von auBen hereinkommt. 
In einem solchen Augenblick werden wir uns bewuBt, daB wir da 
sind zu wirken fur die wahren, wirklichen Fortschritte unserer nach- 
atlantischen Zeit. Und es lebte wohl in den Seelen der Begriinder die- 
ses Zweiges, als das Bedurfnis entstand, ihn so zu nennen, etwas von 
dem BewuBtsein dieses groBen Fortschrittes in unserer Zeit, jenes 
groBen Fortschrittes in unserer nachatlantischen Zeit. 

Wann ist der tiefste Einschnitt geschehen in unserer ganzen Evo- 
lution? Da, als der Christus heruntergestiegen ist. Blicken wir zuriick 
sechshundert Jahre vor diesen Zeitraum, und blicken wir sechshundert 
Jahre sparer die Erde an, nachdem der Christus da war. Zwolfhundert 
Jahre liegen die beiden Zeiten auseinander. 

Blicken wir auf eine Individualist, so groB, daB wahrhaftig nicht 
Worte der Bewunderung ausgesprochen werden sollen, blicken wir 
auf den groBen Buddha, der gelebt hat sechshundert Jahre vor Chri- 
stus. Sehen wir auf jenen Augenblick, wo er herausgefuhrt wird, wo 
er nicht hat leben konnen das Leben, das er hat leben sollen, wo er 
hinausgefiihrt wird ins Leben. Sehen wir, wie ihm begegnet zuerst 
ein unbeholfenes Kind. Und er bildet sich die Anschauung: Ja, es ist 



Leid in dem, in das der Mensch eintritt durch die Geburt. Und dann 
sieht er einen Kranken. Und er sagt sich : Es ist ja Leid, Krankheit da. 
Der Krankheit ist der Mensch ausgesetzt auf diesem Plan. Und er sieht 
einen alten Menschen, der seine Glieder nicht mehr bewegen kann. 
Und er sagt sich: Es ist Leid, alt zu werden. Und er sieht einen Leich- 
nam. Und der ruft in ihm hervor die Anschauung: Der Tod, er ist 
Leid. Und dann bildet er sich noch die Anschauung: Getrennt sein 
von dem, was man liebt, ist Leid. Vereint sein mit dem, was man nicht 
liebt, ist Leid. Nicht erlangen, was man begehrt, ist Leid. Und diese 
Lehre breitete sich aus als die Lehre des groBen Buddha, sechshundert 
Jahre vor Christus. 

Halten wir jenen Moment fest, wo der Buddha hinaustritt in die 
Welt und einen Leichnam sieht, dem Tode ins Angesicht sieht. Sechs- 
hundert Jahre vor Christus war das. Und sechshundert Jahre nach 
dem Ereignis von Golgatha entsteht zuerst das Bild, zu dem Tausende 
ihre Augen richten, das Holz des Kreuzes, an dem der Leichnam des 
Erlosers hangt. Buddha hat einen Leichnam angeschaut, und der Leich- 
nam personifizierte ihm alles Erdenleid. Die Glaubigen der Christus- 
Gemeinde sehen hin auf einen Leichnam, sechshundert Jahre nach 
Christus, und, indem sie den Leichnam anblicken, sehen die Glaubi- 
gen den Sieg alles geistigen Lebens iiber den Tod, die Anwartschaft 
auf die Seligkeit. So wurde ein Leichnam angeschaut von einem der 
grbBten Menschen sechshundert Jahre vor Christus, und so wurde er 
angesehen sechshundert Jahre nach dem Ereignis von Golgatha von 
einer glaubigen Gemeinde. 

Und was sagt uns das Christus-Ereignis iiber die andern Satze des 
Leides? Ist die Geburt Leiden? Buddha hat es gesagt. Im Anblick des 
Christus sagt sich die Menschheit, die ihn versteht: Durch die Geburt 
treten wir ein in dieses Dasein, das wert befunden wurde, den Christus 
zu tragen. Geboren werden wir in ein Leben hinein, in dem wir uns 
mit Christus verbinden konnen. Krankheit ist nicht Leid, wenn man 
Christus versteht. Man wird aus dem Christus-Impuls verstehen ler- 
nen das, was aus dem Geiste heraus die Gesundheit schafft. Auf spiri- 
tuelle Weise wird die Krankheit geheilt werden aus dem innersten, 
christianisierten Leben heraus. Indem wir dem AuBeren absterben, 



werden wir gewiB, daB wir das, was wir in der Verbindung mit dem 
Christus-Impuls haben, hinubertragen in jegliches Leben. 

Der Tod erscheint uns dadurch, daB der Christus den Sieg davon- 
getragen hat, als das, was uns hinuberfuhrt in eine geistige Welt. Den 
Tod lernen wir verstehen in seiner Bedeutung fur die geistige Welt 
durch den Christus-Impuls. 

Und nicht mehr kann man sagen, es sei Leid, von dem getrennt 
sein, was man liebt. Denn die Christus-Kraft wird uns zusammen- 
fuhren mit alldem, was wir lieben wollen von Seele zu Seele. Zu dem, 
was sich liebt, wird die Christus-Kraft die Bande schlingen. Das Leid, 
das kommen konnte dadurch, daB getrennt wird, was sich liebt: Mit 
Christus wird diese Trennung uberwunden werden. 

Und lernen wir, alle zu lieben, werden wir nicht mehr anschauen 
die Welt, als ob vereinigt sein mit dem, was man nicht liebt, Leid sei. 
Ein jegliches Geschopf wollen wir lieben lernen nach seinem MaBe. 
Und unsere Begierde wird so gelautert werden, daB uns zuteil werden 
kann, was der Seele zuteil werden muB, wenn nicht mehr die Hinder- 
nisse der physischen Welt da sind, wenn die geistigen Quellen flieBen. 
FlieBen konnen sie durch den Christus-Impuls. Im Geist, im Christus- 
Geist werden sie erlangen, was sie begehren. Denn sie werden ein 
gelautertes Verlangen haben. 

So hat sich hingestellt durch den Christus-Impuls das neue spiri- 
tuelle Leben neben das alte. So tief war der Fortschritt im geistigen 
Leben vor und nach dem Christus-Impuls. 

So etwas fuhlt derjenige, der an einen der frohesten, der gliihend- 
sten Verehrer und Botschafter des Christus-Impulses sich wendet, um 
einen Namen zu haben fur die Vereinigung, in der spirituelles Leben 
gepflegt werden soli. Moge dieser Name eine gute Vorbedeutung 
sein, damit in diesem Zweige hier so gearbeitet wird, wie es aus dem 
Geiste unserer Zeit, aus dem wahrhaft begriffenen Geiste unserer Zeit 
heraus notwendig ist fur jenen Fortschritt, den wir uns vor die Seele 
gemalt haben. 

In dem Geiste, der aus den Worten heraus gesprochen, in dem 
Geiste sei heute dieser Zweig eingeweiht durch die Herunterrufung 
eines Segens, den wir schon gestern heruntergerufen haben, als wir 



den Grundstein legten zum auBeren Tempel. Noch einmal sei dieser 
Geist angerufen, daB er walte und webe in diesem Franz von Assisi- 
Zweige. 

Vereinigen mogen sich mit diesem Geiste alle die Gefuhle von uns 
alien, die wir heute herbeigekommen sind, urn die Weihe zu geben 
diesem Zweige, um uns briiderlich zu vereinigen mit denjenigen, die 
hier im ernsten anthroposophischen Sinne arbeiten, damit mitten 
unter Baumen und Wald, unter sprieBenden, sprossenden Pflanzen, 
mitten unter einer sonnigen Natur geistiges Leben aufsprieBen konne. 
Und ob drauBen die hellen Sonnenstrahlen verkiinden das, was in der 
Natur ein Schones, Herrliches ist, ob drauBen auch hoch der Schnee 
liegen moge und ob dichte Wolken das auBere, physische Sonnenlicht 
verdunkeln mogen: Zu alien Zeiten, zu den Zeiten, wo die auBere 
Natur sich erneut, oder wo sie ihr diisteres Kleid anzieht, immer soil 
walten hier der Geist spirituellen Lebens, den wir heute mit unserer 
Weihe iiber diesen Zweig von alien Geistern, die diese Geistigkeit lei- 
ten, herbeisehnen mochten. 

Damit sei aus unserer aller Herzen diesem Franz von Assisi-Zweig 
die Weihe gegeben. Er wirke fort in dem Sinn, wie er angefangen hat, 
durch die in jeden Zweig hineinstromende spirituelle Gewalt der 
Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. 
Er wirke fort durch den guten Geist, den er sich selbst gegeben hat, 
indem er in seinem Namen den glanzenden Christus-Trager angerufen 
hat. Er wirke fort, wie er begonnen hat. 

Es werden gute Geister iiber ihm walten. Er wird eine von den 
Pflegestatten sein jenes Lebens, das nach so vielen Anzeichen unsere 
Zeit braucht, braucht, um die Keime zu legen zu dem, was eine fernste 
Zukunft notwendig haben wird. 

Mogen diejenigen, die jetzt wieder einsam hier arbeiten miissen, 
aus dieser heutigen Festlichkeit, wo so viele gleichgesinnte, aufrich- 
tige Freunde ihre Gefuhle mit ihnen vereinigen, gestarkt hervorgehn ! 
Dann wird zuriickflieBen zu alien das spirituelle Leben, das auf die- 
sem Boden hier gepflegt wird. Und eine der Quellen moge auch hier 
an diesem Orte erflieBen, zusammenflieBen in die groBe Harmonie 
anthroposophischen Lebens hinein. Die Gedanken, die hier entste- 



hen, werden den unsrigen begegnen. Unsere Gedanken werden hier- 
her flieBen. Diese Harmonie aber bedeutet etwas wie ein auBeres Kleid 
der Spiritualitat, die wie ein geistiger Windhauch durch die Evolu- 
tion der Menschheit gehen muB, wenn Segenskrafte iiber der geistigen 
Menschheit walten sollen. 

Und damit sei dieser Zweig im vollsten Sinne des Wortes eroffnet, 
geweiht, zu einem Arbeitsfelde gemacht, auf das wir immer hoffen, 
mit derselben Liebe, mit derselben inneren Befriedigung sehen zu 
konnen, wie wir das heute in diesem Weiheaugenblicke, wo wir so 
schon beisammen sind, tun. 



DAS MAKROKOSMISCHE UND DAS MIKROKOSMISCHE FEUER 
DIE VERGEISTIGUNG DES ATEMS UND DES B LUTES 

Koln, 10. April 1909 

In ergreifender Weise hat einer der inspiriertesten Geister der neueren 
Zeit, hat Goethe zu zeichnen gewuBt die Macht und die Kraft der Oster- 
tone, der Osterglocken. Stellt Goethe doch vor uns hin den Reprasen- 
tanten der strebenden Menschheit, den Faust, so wie er gekommen ist 
an den Rand des irdischen Daseins, und zeigt er uns doch, wie es die 
Ostertone sind, wie die Helle des Osterfestes es ist, was auch im Herzen 
dieses Todsuchers den Gedanken an den Tod, den Impuls des Todes 
zu besiegen vermag. 

So wie Goethe diesen innern Impuls der Osterklange vor uns hin- 
stellt, so ging dieser Impuls durch die gesamte Entwickelung der 
Menschheit hindurch. Und wenn der Mensch in nicht allzuferner Zu- 
kunft durch eine erneute spirituelle Vertiefung verstehen wird, wie die 
Feste unsere Seele in Zusammenhang bringen sollen mit allem, was im 
grofien Weltenraum lebt und webt, dann wird man auch in einer er- 
neuten Gestalt in diesen Tagen des Fruhlingsanfangs die Seele erwei- 
tert fiihlen, um zu erfassen, wie die Quellen des spirituellen Lebens uns 
erlosen konnen aus dem materiellen Leben, aus der Enge des Daseins, 
das an den StorT gefesselt ist. 

Gerade in der Osterzeit wird die Menschenseele am starksten emp- 
finden lernen, was in die Seele zu gieBen vermag die unerschutterliche 
Zuversicht, daB im Innersten des Menschen ein Quell des ewigen, 
gottlichen Daseins wohnt, ein Quell, der uns aus aller Enge heraus- 
treibt und uns eins sein laBt, ohne daB wir uns verlieren, mit dem Quell 
des universellen Daseins, in dem wir jederzeit auferstehen, wenn wir 
uns zu seiner Erkenntnis durch Erleuchtung aufzuschwingen ver- 
mogen. Nichts anderes und nichts Geringeres ist das, was das eigent- 
liche Wesen des Osterfestes ausmacht, als ein auBeres Zeichen des 
Tiefsten, was die Menschheit zu erleben vermochte, als ein auBeres 
Zeichen des tiefsten christlichen Mysteriums. Und so ist es uns am 
heutigen Osterfeste, als wenn im auBeren Feste und in den auBeren 



Festeszeichen ein Symbol dastande dessen, was die Menschen am Be- 
ginn der menschlichen Erdenentwickelung nur finden konnten und 
was sie nur gewuBt hatten in den Tiefen der heiligen Mysterien. Wo 
die Volker auf der Erde das gefeiert haben, was wir Osterfest nen- 
nen - und in den weitesten Kreisen der Menschheit bei den alten Vol- 
kern wurde es gefeiert -, wir sehen es iiberall emporbliihen aus den 
heiligen Mysterien heraus. Und iiberall ruft es die Ahnung und die 
Uberzeugung hervor, daB das Leben im Geiste den Tod in der Materie 
zu besiegen vermag. Was auch immer der Menschenseele diese Uber- 
zeugung einfloBte, das muBte in alten Zeiten aus den Tiefen der heili- 
gen Mysterien heraus verkiindet werden. 

Aber darin besteht ja gerade die Fortentwickelung der Menschheit, 
daB jetzt immer mehr und mehr von dem, was Geheimnis der heiligen 
Statten ist, herausdringt, und daB die Weisheit der heiligen Mysterien- 
statten hinausdringt in die ganze Menschheit, daB sie Allgemeingut 
der Menschheit wird. Und so sei denn das heutige und morgige Fest 
in bezug auf seine Betrachtung gewidmet dem Versuch einer Darstel- 
lung, wie diese Ahnung, diese Empflndung, diese Uberzeugung im 
Laufe der Menschheitsentwickelung immer mehr sich Bahn bricht und 
herausdringt aus uralter Erkenntnis in immer weitere Kreise. Heute 
wollen wir in die Vergangenheit zuriickblicken, damit wir morgen das, 
was die Gegenwart diesem Feste gegeniiber fiihlt, zu schildern ver- 
mogen. 

Wir miissen allerdings, weil das Osterfest das Auferstehungs- 
fest des Menschheitsgeistes ist, uns heute zu ernster Betrachtung im 
Innern sammeln, um zu solcher Weisheit vordringen zu konnen, die in 
gewisser Weise zu den hochsten Hohen geisteswissenschaftlicher An- 
schauung hinaufzufuhren vermag. 

Unser christliches Osterfest ist nur eine der Formen des Mensch- 
heits-Osterfestes iiberhaupt, und was die Weisen der Menschheit zu 
sagen hatten aus starksten, tiefsten Uberzeugungen, aus den tiefsten 
Griinden der Weisheit heraus, von der Oberwindung des Todes durch 
das Leben, das wurde hineingeheimniBt in die Symbole des Oster- 
festes. Uberall werden wir bei ihnen die Elemente finden, um uns ein 
Verstandnis fur das Osterfest, far das Auferstehungsfest des Geistes 



zu verschaffen. Eine schone, tiefe, morgenlandische Legende erzahlt 
das Folgende: 

Der groBe Lehrer des Morgenlandes, Shakyamuni, der Buddha, er 
hat die Gegenden des Morgenlandes mit seiner tiefen Weisheit be- 
gliickt, die aus den Urquellen des geistigen Daseins geholt war und 
daher die Herzen der Menschheit mit tiefster Seligkeit durchgliihte. 
Was tief beseligend war fur die Herzen der Menschheit, als der Mensch 
noch hineinzuschauen vermochte in die gottliche Welt - uralte Weis- 
heit von den gottlich-geistigen Wei ten -, hat bis in die spatere Zeit 
hinein Shakyamuni fur die Menschheit gerettet. Einen groBen Schiiler 
hatte er, und wahrend die andern Schiiler mehr oder weniger nicht 
begriffen die umfassende Weisheit, die der Buddha lehrte, hatKashyapa 
- so hieB dieser Schiiler - sie begriffen. Er war einer der tiefsten Ein- 
geweihten in diese Lehre, einer der bedeutendsten Nachfolger des 
Buddha. Die Legende erzahlt: Als Kashyapa ans Sterben kam und er 
vermoge seiner Reife ins Nirvana eingehen sollte, da ging er an einen 
steilen Berg und verbarg sich in einer Hohle. Und in dieser Hohle ver- 
blieb sein Leib nach seinem Tode unverweslich und dauerte fort. Nur 
die Eingeweihten wuBten von diesem Geheimnis und wo der Leib 
ruht. Denn an verborgenem, geheimem Orte ruht dieser unverwes- 
liche Leib des groBen Eingeweihten, des Kashyapa. Aber vorhergesagt 
hatte der Buddha, daB einst kommen wiirde sein groBer Nachfolger, 
der Maitreya-Buddha, der erneute groBe Lehrer und Fiihrer der 
Menschheit, und er wiirde, wenn er zum Gipfel gelangt sein wiirde 
jenes Daseins, das er wahrend des Erdenlebens erreichen sollte, jene 
Hohle des Kashyapa aufsuchen, mit seiner rechten Hand den unver- 
weslichen Leichnam des Erleuchteten beriihren, und vom Himmel 
wiirde herabstromen ein wunderbares Feuer, und in diesem Feuer 
wiirde sich erheben vom irdischen Dasein in ein geistiges der unver- 
wesliche Leib des groBen Erleuchteten, des Kashyapa. 

So spricht die groBe Legende des Morgenlandes, vielleicht etwas 
unverstandlich fur das Abendland. Auch sie spricht von einer Auf- 
erstehung, einem Entriicktwerden aus dem irdischen Dasein, von einer 
Uberwindung des Todes, die so herbeigefiihrt wird, daB die Ver- 
wesungskrafte der Erde nichts vermogen iiber den gelauterten, ge- 



reinigten Leib des Kashyapa, und daB, wenn der groBe Eing
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