Grundlinien einer Erkenntnistheorie der goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf ...

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Rudolf Steiner

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Hücfftd?t auf Sd^tüer 

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(gugletc^ eine gugabe ju „<5oei\\es natunotffenfc^aftlic^en Schriften" 
in Kürfd^ners Deutfc^er Hational^^Citieratnr) 

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3tvlin nntf 9fnU^avt 
Vetlag von VO, Spemann 

1886 



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mit bcfoubcrcr 

Hücfftdjt auf 5d?tnet 

(gugletd? eine gugabe 3tt „(Soctt|cs naturipiffenfd^aftlid^en Schriften" 
in Kürfd^ners Deutfdjer tlationaIs£itteratur) 

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©lerlitt uttb Stuttgart 

Perlag pon IP. Spemann 

1886 



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Das Hed^t ber Überfegung ifl Dorbet^alten. 



Drucf von B. (5. Ceubner in £eip3ig* 

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"Btfxitjovt. 



^f (g mir burd^ §erm ^rof. Äürfd^ner ber el^renootte 2luftrag rourbe^ 
•^ bic §erauögaBc t)on ©oct^eS naturroiffenfd^aftlid^cn ©d^rlften für bic 
^cutfd^c 9lationa(=Sitteratur s« beforgen, war id^ mir bcr (Sd^roierig!citcn 
fel^r rool^t beraubt, bic mir bei einem fold^en Unternel^men gegenüberfte^en. 
3d^ muftte einer ^nfid^t, bie fid^ faft allgemein feftgefe^t f)at, entgegentreten. 
Sßäl^renb bie Überzeugung immer me^r an ^Verbreitung gewinnt, ba^ 
©oet^eö 2)id^tungen bie ©runblage unferer gangen ©ilbung finb, feigen 
felbft jene, bie am meiteften in ber 2(ner!ennungf einer miffenfd^aftlid^en 
93eftrebungen gelten, in biefen nid^t mel^r alö SBoral^nungen oon SBal^r^ 
l^eiten, bie im fpäteren 95er(aufe ber SBiffenfd^aft il^re ootte SBeftätigung 
gefunben l^aben. ©einem genialifd^en ©lidfe foll e§ l^ier gelungen fein, 
Siiaturgefe^tid^feiten ju al^nen, bie bann unabl^ängig t)on il^m t)on ber 
ftrengen SBiffenfd^aft mieber gefunben mürben. 2Baä man ber übrigen 
X^ätigleit ©oetl^eg im »ollften aWafte augeftel^t, baft fid^ jeber ©ebilbete 
mit i^r auäeinanberjufe^en l^at, baä roirb bei feiner miffenfd^aftlid^en 
9(nfid^t abgelel^nt. SWan mirb burd^auS nid^t jugeben, ba^ man burd^ 
ein ©ingei^en auf beä S)id^terä miffenfd^aftUd^e SBerle etmaS geroinnen 
Ibnne, roaö bie SBiffenfd^aft nid^t aud^ ol^ne il^n l^eute bieten mürbe. 



IV iDorwort. 

21I§ id^ burd^ Ä. 3- ©derber, meinen üielgeliebten Seigrer, in bie 
Söeltanfid^t ©oetl^eä eingefül^rt rourbe, l^atte mein 2)en!en bereits eine 
9flid^tung genommen, bie eS mir möglid^ mad^te, mid^ über bie bloßen 
©injelentberfungen be§ 2)id^terg l^inroeg gur §auptfac^e ju roenben: ju 
ber 2lrt, wie ©oetl^e eine fold^e ©injettl^atfad^e bem ©anjen feiner ^flatur« 
auffaffung einfügte, wie er fie »erroertete, um ju einer ©infid^t in ben 
Sufammenl^ang ber S^iaturroefen ju gelangen ober wie er fid^ felbft (in 
bem 2luffa^e ,,anfd^auenbe Urteitäfraft")*) fo treffenb auöbrürft, um an 
ben ^robuftionen ber ^^latur geiftig teiljunel^men. 3d^ er!annte balb, ba^ 
jene (grrungenfd^aften, bie ©oetl^e t)on ber l^eutigen SBiffenfd^aft jugeftanben 
werben, baä UnroefentUd^e finb, raä^renb baö SBebeutfame gerabe über« 
feigen wirb. 3ene (Sinjelentbetfungen mären mirüid^ aud^ ol^ne ©oetl^eä 
gorfd^en gemad^t morben; feiner großartigen S^iaturauffaffung aber wirb 
bie Söiffenfd^aft fo lange entbel^ren, alö fie fie nid^t bire!t »on il^m felbft 
fd^öpft. ^amit mar bie Stid^tung gegeben, bie bie Einleitungen ^u meiner 
Sluägabe ju nel^men l^aben. ©ie muffen jeigen, baf; jebe einzelne Don 
@oetl^e auägefprod^ene 3lnfid^t aug ber Totalität feinet ©eniu^ ab= 
juleiten ift .**) 

3)ie ^rincipien, nad^ benen bie§ ju gefd^el^en ^at, finb ber ®egen= 
ftanb beö oorliegenben ©d^riftd^enö. ®ö foÜ geigen, baß ba§, maä mir 
alä ©oetl^eä miffenfd^aftlid^e 3lnfd^auungen l^infteHen, aud^ einer felb* 
ftänbigen ©egrünbung fällig ift.***) 

2)amit l^ätte id^ alleä gefagt, maö mir ben folgenben 2lbl^anblungen 
»oranjufd^idfen nötig fd^ien. @ä obliegt mir nur nod^ eine angenel^me 
?ßflid^t ju erfüllen, ndmlid^ §errn ^rof. Mrfd^ner, ber in ber außer« 
orbentlid^ mol^lroollenben SBeife, in ber er meinen miffenfd^aftlid^en 
S3emül^ungen ftetä entgegengelommen ift, aud^ biefem ©d^riftd^en feine 
görberung freunblid^ft angebeil^en ließ, meinen tiefgefül^lteften ^anl auS« 
jufpred^en. 

@nbe Slpril 1886. 

ßuöolf Steinet. 



*) Sgl. ©oet^eä naturwiffenfc^aftUd^e ©d^riften in Ällrfc^nerS ©cutfc^cr ^Rational« 
Sitteratur ob. I, © 115. 

**) Über bie 3Irt, wie fid^ meine Slnfid^ten bem (Befamtbilbe Ooet^fc^er SBcIt« 
anfd^auung einfttgen, ^anbelt ©d^röer in feinem SSorworte nu ®oetl^e3 natumiffenfci^aftl. 
©djriften (Äürfi^nerS 2)eutf(^e SRational*ßitteratur S5b. I, ©. I— XIV). [SSgl. auc^ beffen 
3rauft*2lu§ga6e II. ©b., 2. Slufl., ©. VII.] 

***) 2)ie aSer^ogcrung, bie in ber Verausgabe ber naturwiffenfd^aftlid^en ©c^riften tin^ 
trat, ift barauf jurfidjufül^ren; ba^ mir baran lag, biefe felbftcinbige 93egrünbung bem 
übrigen vorangehen ju laffen. ^e^t foU in ©älbe ber jroeite unb britte S3anb bem erften 
nad^folgen. 



A. Burfragen* 



ii; 



1. Zm^m^Bif^mhU 

^tystrin wxx irgenb eine ber ^auptftrömungen bc§ gciftigen 
vl/Se6cnä ber ©cgcnraart nad^ rücfroärtö bis ju tl^rcn Duetten 
t)erfoIgen, fo treffen xoxx rool^l ftets auf einen ber ©eifter unferer 
Kaffifd^en ®poci^e. ©oet^e ober ©dritter, Berber ober Seffing l^aben 
einen SwipuIS gegeben, unb bacon ift biefe ober jene geiftige Se= 
roegung ausgegangen, bie l^eute nod^ fortbauert Unfere ganje 
beutfd^e Silbung fu^t fo fel^r auf unferen Älaffüem, ba^ n)o|l 
mand^er, ber fid^ t)ottfommen origineff gu fein bünft, nid^tS weiter 
t)ottbringt, als ba^ er auSfprid^t, roaS ©oetl^e ober ©dritter längft 
angebeutet l^aben. 2öir l^aben unS in bie burd^ fie gefd^affene 
2öelt fo l^ineingelebt, ba^ !aum irgenb jentanb auf unfer SSer= 
ftänbniS red^nen barf, berfid^ aujserl^alb ber t)on ifinentjorgejeid^neten 
Sal^n bewegen roottte. Unfere 3lrt, bie 2öelt unb baS Seben an= 
jufefien, ift fo fel^r burd^ fie. beftimmt, ba^ niemanb unfere 
2^eilnal^me erregen !ann, ber nid^t S5erül^rungSpun!te mit biefer 
2öelt fud^t. 

3lux t)on einem S^^^^ unferer geiftigen Kultur muffen mir 
geftefien, ba^ er einen fotd^en Serül^rungSpunlt nod^ nid^t gefunben 
i)at ®S ift jener S^^^Q i>^^ SBiffenfd^aft, ber über baS bto^e 
Sammeln von 93eobad^tungen, über bie ^enntniSnafime einzelner 
(Srfal^rungen l^inauSgel^t, um eine befriebigenbe ©efamtanfd^auung 
von SBelt unb Seben ju liefern. ®S ift baS, ma§ man gemöl^nlid^ 
^^ilofopl^ie nennt. %ixx fie fd^eint unfere flaffifd^e 3^ii gerabeju 
nid^t t)orl^anben ju fein, ©ie fud^t il^r §eil .in einer fünftlid^en 
Slbgefd^loffenfieit unb oomefimen 3foUerung oon attem übrigen 
©eifteSleben. 3)iefer ©a| mirb baburd^ nid^t wiberlegt, ba^ fid^ 

steinet, (SrfenniniSt^eorie. 1 



2 ©flet^fi unb bte Ijeutige iflötffenfdjaft. 

eine ftattlid^c 3lnjal^I älterer unb neuerer ^l^ilofopl^en unb 9iatur= 
forfd^er mit ©oet^e unb ©dritter auSeinanbergefe^t f)at ®enn 
biefe l^aben il^ren roiffenfd^aftllci^en ©tanbpunft nid^t baburd^ ge^ 
roonnen, ba^ jte bie Meinte in ben roiffenfd^aftlid^en Seiftungen 
jener ©eifte§|eroen jur ®ntu)idEIung gebrad^t l^aben. ©ie ^aben il^ren 
roiffenfd^aftlid^en ©tanbpunft au^erl^alb jener SBeltanfd^auung, 
bie ©dritter unb ©oetl^e vertreten fiaben, gewönnen unb il^n nad^= 
träglid^ mit berfelben üerglid^en. ©ie l^aben baö aud^ nid^t in 
ber 3lbfid^t getl^an, um auö ben miffenfd^aftlid^en 3lnfid^ten ber 
Älaffüer etroaä für il^re Stiftung ju gewinnen, fonbern um 
biefelben ju prüfen, ob fie t)or biefer il^rer eigenen 3^id^tung be= 
ftel^en fönnen. 2öir werben barauf no^ naiver gurüdEfommen. 
SSorerft möd^ten mir nur auf bie g^olgen üermeifen, bie fid^ au§. 
biefer Haltung gegenüber ber f|öd^ften ©ntmitflungSftufe ber Äultur 
ber 3leujeit für ba§ in Setrad^t lommenbe SBiffenfd^aftögebiet 
ergeben. 

©in großer 2^eil be§ gebilbeten SefepublifumS mirb l^eute 
eine IitterarifcJ^=miffenfd^aftlid^e 3lrbeit fogleid^ ungelefen t)on fid^ 
meifen, votnn fie mit bem 3lnfprud^e auftritt, eine pl^itofopl^ifd^e 
ju fein. Äaum in irgenb einer S^xi l^at fid^ bie ^l^ilofopl^ie 
eines geringeren SJla^eä von Seliebtl^eit erfreut al§ gegenwärtig, 
©iel^t man pon ben ©d^riften ©d^openl^auerS unb @b. t). §artmann§^ 
ab, bie Sebenö^ unb SBeltprobleme t)on attgemeinftem ^ntereffe be= 
l^anbeln unb beöl^alb weite ^Verbreitung gefunben l^aben, fo wirix 
man nid^t ju weit gelten, romn man fagt: pl^ilofopl^ifd^e 3lrbeiten 
werben l^eute nur t)on ^ad^pl^ilofopl^en gelefen. 3tiemanb au^er 
biefen lümmert fid^ barum. ^tx ©ebilbete, ber nid^t g^ad^mann 
ift, l^at baö unbeftimmte ©efül^I: „3!)iefe Sitteratur entl^ält nid^ts, 
wa§ einem meiner geiftigen Sebürfniffe entfpred^en würbe; bie 
Singe, bie ba abgel^anbelt werben, gelten mid^ nid^ts an, fie l^ängen 
in feiner Sffieife bamit jufammen, wa§ id^ jur SSefriebigung meinet 
©eifteS notwenbig l^abe." %n biefem SJlangel an gntereffe für 
alle ^l^ilofopl^ie fann nur ber t)on un§ angebeutete Umftanb bie 
©d^ulb tragen, benn eö ftef|t jener S^t^^^ff^IofiöI^it ein ftet^ 
wad^fenbeö S9ebürfni§ nad^ einer befriebigenben 3BeIt= unb Seben§= 
anfc^auung gegenüber. 2ßa§ für fo oiele lange 3^^^ ^i^ üoller 
®rfa^ war: bie religiöfen 2)ogmen tjerlieren immer mel^r an über= 
jeugenber Äraft. ®er 2)rang nimmt immer ju, ba§ burd^ bie 
3lrbeit be§ ®enfen§ ju erringen, wa§ man einft bem Dffeu:^ 



Äufaabe Itr llOifrenrdjafl. 3 

6atung§glauben üerbanfte: Sefriebigung beö ©ciftcS. 2ln 
2^cilnal^me ber ©ebilbcten fönnte eä bal^er nid^t feilten, roenn ba§ 
in SRebc ftc^enbc 3Siffenfd^aft§gc6ict toitflid^ §anb in ^anb ginge 
mit bct gangen Äultutentroidlung, wenn feine 3Sertreter ©tettung 
nel^men würben ju ben großen ^Jragen, bie bie ?!Jlenfci^l^eit bewegen. 

9Ran mu^ fid^ babei immer t)or 3lugen Italien, ba^ eg fid^ 
nie barum l^anbeln fann, erft lünftlid^ ein geiftigeö Sebürfniö ju 
einengen, fonbern allein barum, ba§ befte^enbe aufjufud^en unb 
il^m Sefriebigung ju gemäl^ren. 3iid^t baö Slufmerfen oon fragen 
ift bie 3lufgabe ber Sffiiffenfd^aft, fonbern ba§ forgfältige S5eobad^ten 
berfelben, wenn fie t)on ber SRenfd^ennatur unb ber jeweiligen 
Äuiturftufe geftettt werben, unb il^re Beantwortung. Unfere 
mobemen ^P^ilofopl^en ftetten fid^ 3lufgaben, bie burd^auö !ein 
natürlid^er 3lu§flu^ ber SilbungSftufe finb, auf ber wir ftel^en 
unb nad^ beren Beantwortung bal^er niemanb fragt. Sin jenen 
tJragen aber, bie unfere Silbung tjermöge jenes Stanborteg, auf 
ben fie unfere Älaffifer gel^oben, ft eilen mujs, gel^t bie 3Siffen= 
fd^aft t)orüber. ©o l^aben wir eine Söiffenfd^aft, nad^ ber 
niemanb fud^t unb ein wiffenfd^aftlid^eä Sebürfniä, baä 
oon niemanbem befriebigt wirb. 

Unfere centrale 3Siffenfd^aft, jene 3Biffenfd^aft, bie unö bie 
eigentlid^en 3SeIträtfel löfen fott, barf feine 2lugnaf|me mad^en 
gegenüber allen anbem 3w>^i9^^ '^^^ ®eifte§Ieben§. ©ie mu^ 
i^re Duetten bort fud^en, wo fie bie festeren gefunben l^aben. 
©ie mu^ fid^ mit unferen Älaffifern nid^t nur auSeinanbcrfe^en; 
fte mu^ bei 'il^nen aud^ bie Äeime ju t^rer ®ntwidlung fuc^en; 
eä mu^ fie ber gleid^e <3wg wie unfere übrige Äultur burd^we^en. 
3!)a§ ift eine in ber ?latur ber ©ad^e liegenbe 9lotwenbigfeit. S^r 
ift es aud^ jujufd^reiben, ba^ bie oben bereits berül^rten 3lug= 
einanberfe^ungen moberner ^orfd^er mit ben Älaffifem ftattgefunben 
l^aben. ©ie geigen aber nid^tä weiter, al§ ba^ man ein bunfleö 
©efü^t i)at von ber Unftatt^aftigfeit, über bie Überjeugungen jener 
©eifter einfad^ jur 2^agegorbnung überkugelten, ©ie jeigen aber 
aud^, ba^ man e§ jur wirflid^en SSeiterentwidflung ifirer 3lnfid^ten 
nid^t gebrad^t ^at. Safür fprid^t bie 3lrt, wie man an Seffing, 
Berber, ©oetl^e, ©dritter herangetreten ift. Sei atter SSortreffUd^feit 
oieler l^iel^er gel^öriger ©d^riften, mu^ man bod^ faft oon attem, 
{|/ wag über ©oet^eS unb ©d^ifferg wiffenfd^aftlid^e Slrbeiten gefd^rieben 
\ worben ift, fagen, ba^ eg fid^ nid^t organifd^ aug beren 3rn= 

1* 

1/ 



fd^auungcn l^etauSgcbilbct, fonbcrn fid^ in ein nac^träglid^cS SSer= 
i^ältniö ju benfclbcn gefegt l^at. Äeine %^ai^aä)t fann ba§ ntcl^r 
erf|ärtcn, aU bic, ba^ bie cntgcgettgcfe^tcftcn roifjcnfd^aftKd^en 5Ri(|- 
tungcn in ©oetl^c ben ©cift gefeiten l^aben, ber il^re Slnjid^ten 
„t)otau§geal^nf' l^at. SBcItanfd^auungen, bic gar nid^ts mit ein= 
anber gemein l^aben, meifen mit fd^einbat gleid^em SRed^t auf ©oetl^e 
l^in, menn fie baö SebürfniS cmpfinben, il^ren ©tanbpunft auf 
ben ^öl^en bet 9Kenfd^l^eit anerfannt ju fe^en. 9Ran fann fid^ 
feine fd^ärferen ©egenfä^e benfen aU bie Seigre §egel§ unb ©d^open* 
f|auct§. 2)iefer nennt §eget einen ßl^arlatan, feine ^pi^ilofopl^ie 
feid^ten Sffiortlram, baren Unfinn, barbarifd^e 3Bortjufammen= 
fteüungen. Seibe 5öiänner l^aben eigentlid^ gar nid^tS mit einanber 
gemein aU eine unbegren jte SSerel^rung für ©oetl^e unb ben ©lauben, 
ba^ ber festere fid^ ju il^rer 3BeItanfid^t befannt l^abe. 

3Kit neueren miffenfd^aftlid^en SRid^tungen ift eö nid^t anberö. 
§aedfel, ber mit eiferner Äonfequeng unb in genialifd^er Sffieife ben 
©arminiömuö ausgebaut i^at, ben mir alö ben meitauö bebeutenbften 
3lnl^änger beö engfifd^en ^orfd^erS anfeilen muffen, fielet in ber 
©oetl^efc^en 2lnfid^t bie feinige t)orgebiIbet. ®in anberer 9iaturforfd^er 
ber ©egenroart: 31. g^. 3B. S^ff ^n fd^reibt von ber 2^1^eorie Sarminö: 
„®a§ 3luffel^en, meld^eS biefe frül^er fc^on oft üorgebrad^te unb 
t)on grünblid^er ^orfd^ung ebenfo oft roiberlegte, je^t aber mit 
t)ielen ©d^eingrünben unterftü^te 2^l^eorie bei mand^en Specials 
forfd^ern unb tjieten Saien gefunben l^at, jeigt, mie menig leiber 
nod^ immer bie ©rgebniffe ber 9laturforfd^ung t)on ben SSöIfem 
erfannt unb begriffen finb/'*) 35on ©oetl^e fagt berfelbe gorfd^er, 
ba^ er fid^ „ju umfaffenben ^orfd^ungen in ber leblofen mie in 
ber belebten 3tatur aufgefd^mungen"**) l^abe, inbem er „in finniger, 
tiefbringenber 9laturbetra^tung baö ©runbgefe^ aller ^Pflangen^ 
bilbung"***) fanb. Seber ber genannten ^ox^äßx mei^ in f(|ier 
erbrüdenber S^^ Selege für bie Übereinftimmung feiner miffen= 
fd^aftKd^en SRid^tung mit ben „finnigen 93eobad^timgen ©oet^eö" 
ju erbringen. 6§ rnü^tt benn bod^ mol^l ein bebenflid^eä Sid^t 
auf bie (Sinl^eitlid^Ieit ©oetl^efd^en 3!)en!en§ merfen, menn fid^ jeber 
biefer ©tanbpunfte mit SRed^t auf baSfelbe berufen lönnte. ®er 
©runb biefer ®rfd^einung liegt aber thtn barinnen, bajs bod^ 

*) ©ie^ beffen ,,a5otanll ber Gegenwart unb aSorjeit" S. 459. 
**) @6ba. ©. 34*. 
***) ebba. @. 332. 



<ßoet|je unb W Ijeuttge IDiffhtfdjaft 5 

feine biefet Slnfid^ten roirlKd^ an^ ber ©oet^efd^en SBeltanfd^auung 
J^erauSgeroad^fen ift, fonbern ba^ jebe i^rc SButjeln au^erl^alb 
berfetben ^at @r liegt barinnen, ba^ man äroar nad^ äußerer 
ÜBereinftimmung mit dinjell^eiten, bie auä bem ©anjen ©oetfie^ 
fd^en ^tnkn^ l^erauSgeriffen, ii^ren ©inn t)erlieren, fud^t, ba^ 
man aber biefem ©anjen felbft nid^t bie innere ©ebiegenl^eit 
jugeftel^en mill, eine miffenfd^aftlid^e Slid^tung ju begrtinben. 
©oetl^eä älnfid^ten maren nie äluägangöpunft wiffenfd^aftlid^er 
Unterf Hebungen, fonbem ftetS nur SSergleid^ungSobjelt. 2)ie 
fid^ mit il^m befd^äftigten, maren feiten Sd^üler, bie fid^ um 
befangenen ©inneä feinen '^iztn l^ingaben, fonbern jumeift Äriti= 
fer, bie über il^n ju ©erid^t fa^en. 

5Kan fagt eben, ©oetl^e l^iabe mtl ju menig n)iffenfd^aftlid^en 
Sinn gel^abt; er mar ein um fo fd^Ied^tercr ^pi^ilofopl^, afö er 
befferer 3!)id^ter mar. ®esl^alb märe e§ unmögtid^, einen miffen= 
fd^aftlid^en ©tanbpunft auf il^n ju ftü^en. 3!)a§ ift eine t)oIIftän= 
bige SSerfennung ber 3tatur ©oetl^eS. ©oetl^e mar allerbingg fein 
^pi^ilofopl^ im gemöl^nlid^en ©inne be§ SffiorteS, aber eg barf 
nid^t t)ergeffen merben, ba^ bie munberbare Harmonie feiner $er= 
fönlid^feit ©dritter ju bem SluSfprud^e fül^rte: „2)er 3!)id^ter ift 
ber einjige malere 5Kenfd^/' 2)a§, roa^ ©dritter l^ier unter bem 
„maleren 5Kenfd^en" oerfte^t, ba§ mar ©oet^e. '^n feiner 5Perfön= 
lid^feit fel^Ite fein ©lement, ba§ jur f|öd^ften SluSprägung beö 
3lIIgemein=3Kenfd^Iid^en gel^ört. 2lber alte biefe ©lemente t)ereinigten 
fid^ in il^m ju einer 2^otalität, bie al§ foTd^e tüirffam ift. ©o 
fommt e§, ba^ feinen äCnfid^ten über bie 9iatur ein tiefer pl^ilo^ 
fopl^ifd^er ©inn ju ©runbe liegt, menngleid^ biefer p^ofopl^ifd^e 
©inn nid^t in gorm beftimmter miffenfd^aftlid^er ©ä^e ju feinem 
Semu^tfein fommt. 2Ber fid^ in jene Totalität t)ertieft, ber mirb, 
menn er pl^ilofopl^ifd^e 3lnlagen mitbringt, jenen pl^iIofopf|if d^en 
©inn loölöfen unb il^n al§ ©oetl^efd^e 3ßiffenfd^aft barlegen 
fönnen. ®r mu^ aber t)on ©oet^c auSgefien unb nid^t mit einer 
fertigen 3lnfid^t an il^n fierantreten. ©oetl^eä ©eifteäfräfte finb 
immer in einer SBeifc mirffam, mie fie ber ftrengften ^P^ilofopl^ie 
gemä^ ift, menn er aud^ fein fpftematifd^eä ©ange berfelben fiinter^ 
laffen ^at. 

©oetl^eä Söeltanftd^t ift bie benfbar oielfeitigfte. ©ie gel^t 
von einem Zentrum an^, baö in ber ein^eitlid^en 3tatur beä 
2)id^terg gelegen ift unb feiert immer jene ©eite l^eroor, bie ber 



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6 (!5oet|j£ unb hlt tjeutig« DPifTenfiljaft« 

■ 

Statur beö 6etraci^teten ®egcnftanbe§ cntfprici^t. 2)ie (Sinl^eitlid^: 
feit ber Setl^ätigung ber ©eifteöfräfte liegt in ber Statur ©oetl^cö, 
bic jcroeilige 2lrt biefer Setl^ätigung roirb burd^ baö betreffenbe 
D6jelt 6eftimmt. ©oetl^e cntlel^nt bie Setrad^tungöroeife ber 2lu|en= 
Toelt unb jroingt fie il^r nid^t auf. 3lun ift a6er baä 2)enfen 
t)ieler 5JJlenfd^etv nur in einer 6eftimmten SBeife wirffam; eg ift ^ 
nur für eine ©attung t)on D6}e!ten bienlid^; eö ift nid^t roie ba§ 
©oetl^efd^e einl^eitlid^, fonbern einförmig. 3Bir woHen unö 
genauer auäbrütfen: 6ö gibt SKenfd^en, beren SSerftanb t)ornel^m= 
lid^ geeignet ift, rein med^anifd^e 2l6l^ängig!eiten unb SEBirfungen 
gu benfen; fie ftetten fid^ ba§ ganje IXniöerfum al§ einen 9Ked^ani§= 
mu§ t)or. Slnbere l^akn einen 3)rang, baö gel^eimni§t)oIIe, mpftifd^e 
Element ber Slu^enroelt überall nial^rjunei^men; fie werben Sln^ 
l^änger be§ 3Jlpftici§mu§. älHer Irrtum entftel^t baburd^, ba^ eine 
fold^e SDenfraeife, bie ja für eine ©attung t)on Dbjeften voU%^ 
©eltung l^at, für üniöerfeH erflärt wirb, ©o erflärt fid^ bf" 
SBiberftreit ber fielen SSBeltanfd^auungen. 3^ritt nun eine fo 
einfeitige Sluffaffung ber ©oetl^efd^en gegenüber, bie unbefd^r 
ift, weil fie bie Setrad^tungäweife überhaupt nid^t auö bem ©ei| 
be§ 93etrad^ter§, fonbern an^ ber Statur beö Setrad^teten entnimm 
fo ift e§ begreiflid^, ba^ fie fid^ an jene ©ebanfenelemente b^ 
felben anflammert, bie il^r gemä^ finb. ©oetl^eö SBeltanfid 
fd^lie^t thixx in bem angebeuteten ©inne üiele ©enfrid^tungen j 
fi^, mäl^renb fie von feiner einfeitigen Sluffaffung je burd^brumr 
werben fann. 

2)er p^ilofopl^ifd^e ©inn, ber ein wefentlid^eä Element 
bem DrganiSmuö beö ©oetl^efd^en ©eniuS ift, l^at aud^ für f 
2)id^tungen Sebeutung. SBenn eö ©oet^e anä) ferne lag, \ 
waö biefer ©inn i^m »ermittelte, in begriff lid^ flarer ^orm 
üorjulegen, wie bieg ©dritter imftanbe war, fo ift e§ bod^ 
bei ©dritter ein gaftor, ber bei feinem lünftlerif d^en ©d^affen ti 
wirft, ©oet^eö unb ©d^illerS bid^terifd^e ^robuftionen finb o! 
il^re im §intergrunbe berfelben ftel^enbe 2Beltanfd^auung n 
benfbar. 3)abei fommt eö bei ©dritter me^r auf feine wirf 
auSgebilbeten ©runbfä^e, bei ©oetl^e auf bie Slrt feineö ■ 
fd^auenö an. 2)a^ aber bie größten S)id^ter unferer 9?atio» 
ber §öl^e il^re§ ©d^affenö jeneö pl^ilofopl^ifd^en Elementes 
entraten fönnten, bürgt mei^r afö alles anbere bafür, ba^ ba 
in ber Entwidlungggefd^id^te ber 51}lenfd^l^eit ein notwenbiges 



ift. ©erabe bie Slnlel^nung ar^ ©oetl^e unb ©dritter wirb e§ er- 
möglid^en, unfere centrale SBiffenfd^aft il^rer Äatl^ebereinfamfeit ju 
entreißen unb ber übrigen Äulturentroitflung einjUüerleiben. S)te 
wiffenfd^af tlid^en Überäeugungen unf erer Älafftf er l^ängen mit taufenb 
gäben an t^ren übrigen Seftrebungen, fie finb fold^e, roeld^e von 
ber ^ulturepod^e, bie fie gefd^affen, geforbert werben. 



Wdi bem Siöl^erigen l^aben wir bie 9lid^tung beftimmt, bie 
bie folgenben Unterfud^ungen nel^men werben, ©ie foHen eine 
(SntwidElung beffen fein, waS fid^ in ©oet^e als wiffenfd^aftlid^er 
©inn geltenb mad^te, eine ^Interpretation feiner Slrt, bie 9Be(t ju 
betrad^ten. 

Sagegen lann man einwenben, baS fei nid^t bie Slrt, eine 
2lnfid^t miffenfd^aftlid^ gu vertreten. Eine miffenfd^aftlid^e ^[nfid^t 
bürfe unter {einerlei Umftänben auf einer 2lutorität, fonbem muffe 
ftetö auf $rincipien berul^en. SBir motten biefen ©inmanb fogleid^ 
üorroegnel^men. IXnS gilt nid^t begl^alb eine in ber ©oetl^efd^en 
SBeltauffaffung begrünbete älnfid^t für mal^r, meil fie fid^ au^ 
biefer ableiten lä^t, fonbem meil mir glauben, bie ©oetl^efd^e 
SBeltanfid^t auf l^altbare ®runbfä|e ftü^en unb fie als eine in 
fid^ begrünbete vertreten ju fönnen. 3)a^ mir unferen 2luSgangä= 
punft oon ©oetl^e ne{)men, fott un^ nxä)i l^inbem, eS mit ber 
Segrünbung ber von unS vertretenen Slnfic^ten ebenfo ernft ju 
itel^men, mie bie 3Sertreter einer angeblid^ oorauSfe^ungSlofen 
aBijfenf^aft. 2öir t)ertreten bie ©oet^ef^e aSeltanfid^t, 
aber mir begrünben fie ben 3=orberungen ber 9Biffen= 
fdf)aft gemä^. 

gür ben SBeg, ben fold^e Unterfud^ungen einjufd^Iagen l^aben, 
i)at ©dritter bie Slid^tung oorgejeid^net. deiner l^at mie er bie 
©rö^e beS ©oetl^efd^en ©eniuS geflaut, ^n feinen ©riefen an 
©oet^e ^at er bem (enteren ein ©piegelbilb feines SBefenS t)or-- 
gel^alten; in feinen ©riefen über äfti^etifd^e ©rjie^ung beS SJJlenfd^en^ j 
gefd^led^teS leitet er baS gbeal beS künftlerS ab, mie er e§ an 
®oet{)e erfannt l^at; unb in feinem Sluffaie über naioe unb fenti- 
mentalifd^e S)id^tung fd^ilbert er baS SBefen ber ed^ten Äunft, mie 



8 5£i|iU£r VLXib Q5oet^£. 

er c§ an ber ©id^tung ©octl^cä gemonncn l^at. 2)amtt ift ju- 
gleid^ gcrcd^tfcrtigt, warum toir unferc SluSfül^rungcn alö auf 
(Srunblagc ber ©octJ^esSd^illcrfd^en SBcltanfd^auung erbaut 
bcjeid^nen. ©ic TooIIen baS tDijfcnfd^aftUci^e 2)en!en ©oetl^eS nad^ 
jener 3Jletl^obe Setrad^ten, für bie ©dritter baö 35orbiIb geliefert 
f)ai. ©oetl^eg 93Iitf ift auf bie 3latur unb ba§ Seben gerid^tet 
unb bie Setrad^tung^roeife, bie er babei befolgt, foH ber 33 or^ 
rourf (ber Si^^^lt) für unfere Slbl^anblung fein; ©d^ifferg S5litf 
ift auf ©oetl^eö ©eift gerid^tet unb bie Setrad^tungäroeife, bie er 
babei befolgt, foll baä ^beal unferer fUletl^obe fein. 

3n biefer SBeife benfen wir unS ©oetl^eö unb ©d^iUerS 
TOiffenfd^aftlid^e Seftrebungen für bie ©egenwart frud^tbar ge= 
mad^t. 

yiadl^ ber üblid^en wiffenfd^aftlid^en SSejeid^nunggroeife wirb 
unfere Slrbeit afe (Srlenntnigtl^eorie aufgefaßt werben muffen. 
S)ie %xa^tn, bie fte bel^anbelt, werben freilid^ oielfad^ anberer 
$Ratur fein a(§ bie, bie l^eute oon biefer SBiffenfd^aft faft all= 
gemein geftettt werben. 2Bir l^aben gefeiten, warum ba§ ift. SBo 
äl^nUd^e Unterfud^ungen l^eute auftreten, ge{)en fie faft burd^gel^enbS 
tjon Äant au§. 5Kan I)at in wiffenfd^aftlid^en Greifen burd^auS 
überfeinen, bafe mbtn ber von bem großen Äönigöberger S)en!er 
begrünbeten ©rfenntniSwiffenfd^aft nod^ eine anbere SRid^tung 
wenigftenS ber 5JJlögKd^feit nad^ gegeben ift, bie nid^t minber einer 
fad^Iid^en Vertiefung fällig ift afe bie Äantfd^e. Dtto Siebmann 
l^at am Slnfange ber fed^jiger ^df)xe ben äluSfprud^ getrau: ®ö 
mu^ auf ^ant jurüdf gegangen werben, wenn wir ju einer wiber- 
fprud^Slofen SBeltanfi^t fommen wollen. 2)a§ ift wol^l bie 3Ser= 
anlajfung, ba^ wir ^eute eine faft unüberfel^bare Äant=£itteratur 
l^aben. 

Slber aud^ biefer 9Beg wirb ber pl^ilofopl^ifd^en SBiffenfd^aft ' 
nid^t aufhelfen, ©ife wirb erft wieber eine SRoIle in bem Äultur^ 
leben fpielen, wenn fie ftatt be§ ^wrüigel^enä auf Äant fid^ in 
bie wiffenfd^aftlid^e Sluffaffung ©oetl^eö unb ©d^iHer^ oertieft. 

Unb nun wollen wir an bie ©runbfragen einer biefen 
9Sorbemerfungen entfpred^enben ©rfenntniSwiffenfd^aft l^erantreten. 



3lufgabe unperer Wtfftnfdjaft. 9 

SSon ttttcr SBiffenfd^aft gilt jule^t bag, raaS ©oetl^c fo bc= 
jeid^nenb mit ben SBorten auSfprid^t: „2)ie 3^l^eoric an unb für 
fid^ ift nid;tS nü|e, alö infoferne fie unö an ben 3wf^wtmenl^ang 
ber ©rfd^eimmgen glauben mad^t." ©tetä bringen rair burd^ bic 
SBiffenfd^aft getrennte 2^l^atfad^en ber ®rfal^rung in einen 3^= 
fammenl^ang. 2Bir feigen in ber unorganifd^en 3latur Urfad^en 
unb SBirfungen getrennt, unb fud^en nad^ beren 3^fötnmen= 
l^ang in ben entfpred^enben SBiffenfd^aften. 3Bir nel^men in ber 
organifd^en 3Be(t Slrten unb ©attungen von Organismen mal^r unb 
bemül^en un§ bie gegenfeitigen 3Serl^äItniffe berfelben feftjufteHen. 
3n ber ©efd^id^te enblid^ treten unö einjelne Äulturepod^en ber 
5!Jlenfd^l^eit gegenüber; mir bemül^en unö bie innere älbl^ängigfeit 
ber einen ©ntmitflungöftufe t)on ber anbem ju erfennen. So l^at 
jebe SBiffenfd^aft in einem beftimmten (Srfd^einungögebiete im ©inne 
beS obigen ©oetl^efd^en Saieö ju mirlen. 

Sebe SBiffenfd^aft l^at i^r ©ebiet, auf bem fie ben S^= 
fammenl^ang ber ®rfd^einungen fud^t. 2)ann bleibt nod^ immer 
ein großer (Segenfa^ in unferen miffenfd^aftlid^en S3emül^ungen 
beftel)en: bie burd^ bie SBiffenfd^aften gewonnene ibeette SBelt 
einerseits unb bie il^r ju ©runbe Uegenben ©egenftänbe anberer^ 
feitä. @S mu^ eine SBiffenfd^aft geben, bie aud^ l^ier bie gegen= 
feitigen Sejiel^ungen Harlegt. 2)ie ibeale unb reale 2öe(t, ber 
©egenfa^ uon ^bee unb SBirflid^feit finb bie Slufgabe einer 
folgen SBiffenfd^aft. Slud^ biefe ©egenfä^e muffen in il^rer gegen= 
feitigen Se^iel^ung erfannt werben. 

2)iefe Sejiel^ungen ju fud^en, ift ber S^^^ ber folgenben 
SluSfül^rungen. Sie 2^]^atfad^e ber SBiffenfd^aft einerfeitS unb 
bie 9latur unb ®efd^id;te anbererfeits finb in ein SSer^ältniS ju 
bringen. 23a§ für eine S3ebeutung l)at bie Spiegelung ber 3ru^en= 
melt in bem menfd^Ud^en SBerou^tfein, meld;e SBejiel^ung beftel^t 
gmifd^en unferem 3)enfen über bie ©egenftänbe ber 2Birfiic^!eit 
unb ben festeren felbft? — 



* • • 



K 



I 



B. ^ie ^rfa^rung* 



'T^toei ©cBiete ftcl^cn alfo einanber gegenüber, unfer 2)enfen unb 
(i/ bie ©egenftänbe, mit benen fid^ baöfelbe befd^äftigt. SKan be= 
jeid^net bie Ie|teren, infofeme fie unferer Seobad^tung jugänglid^ 
finb, alä ben ^vüc^qSX ber (Srfal^rung. Us^ eö au^er unferem 
Seobad^tunggfelbe nod^ ©egenftänbe beö 2)enfen§ giebt unb weld^er 
5Ratur biefelben finb, wollen wir vorläufig ganj bal^ingefteHt fein 
laffen. IXnfere näd^fte Slufgabe wirb eä fein, jebeö t)on ben jroei 
begeid^neten ©ebteten, ©rfai^rung unb 3)enfen, fd^arf ju umgrenzen. 
9Bir muffen erft bie ©rfal^rung in beftimmter 3^^«wng üor yxx^^ 
l^aben unb bann bie 3latur be§ ®enfenö erforfd^en. S3ir treten 
an bie erfte Slufgabe l^eran. 

3Baä ift ©rfal^rung? ^ebermann ift fid^ beffen bemüht, ba^ 
fein 33enfen im Äonflifte mit ber SBirfüd^feit angefad^t wirb. ' 
3)ie ©egenftänbe im SRaume unb in ber 3^U treten an un§ 
^eran; mir nel^men eine melfad^ geglieberte, ^öd^ft mannigfaltige \ 
2(u^enmelt mal^r unb burd^Ieben eine mel^r ober minber reid^lid^ . 
entmidfelte Innenwelt. 2)ie erfte ©eftalt, in ber un§ baä aHeg 
gegenübertritt, ftel^t fertig t)or un§. 2Bir l^aben an ifirem 3"= 
ftanbelommen feinen 2(nteil. SBie auö einem un§ unbefannten 
Senfeitä entfpringenb, bietet fid^ junäd^ft bie SBirllid^feit unferer 
finntid^en unb geiftigen Sluffaffung bar. 3wnäd^ft fönnen mir 
nur unferen SlidE über bie un§ gegenübertretenbe 9WannigfaItig= 
feit fd^meifen laffen. ©iefe unfere erfte 2^^ätigfeit ift bie finnlid^e 
Sluffaffung ber 2BirfIid^feit. SBaö fid^ biefer barbietet, muffen 
mir feftl^alten. ^twx^. nur baö fönnen mir reine ©rfal^rung nennen. 

2Bir fül^Ien fogleid^ ba§ Sebürfnig, bie unenblid^e 9Kannig= 
faltigfeit t)on ©eftalten, Gräften, färben, 2^önen 2C., bie t)or un§ 



f 



ßßgrtff ber Örfaljrung» 1 1 

auftritt, mit bem orbnetiben 3Serftanbe ju burd^bringcn. 5!öir finb 
beftre6t bie gegenfeitigen STb^ängigfciten aUer unö entgegentretenbcn 
(Sinjell^eiten aufjuflören. SBenn unS ein %kx in einer beftimmten 
©egenb erfd^eint, fo fragen wxx nad^ bem (Sinfluffe ber le^teren 
auf baö Seben beö 2^iereä; xümn mir feigen, mie ein ©tein in§ 
Flotten fommt, fo fud^en- mir nad^ anberen ©reigniffen, mit benen 
biefeä jufammeni^ängt. 2öa§ aber auf fold^e SBeife juftanbe fommt, 
ift nid^t mel^r reine ©rfafirung. ^S I)at fd^on einen boppelten 
Urfprung: ©rfal^rung unb ^znUn. 

Steine ®rfal^rung ift bie ^orm ber SESirflid^feit, in 
ber fie unö erfd^eint, menn mir il^r mit tjollftänbiger 
©ntgu^erung unfereö ©e(bfte§ entgegentreten. 

äluf biefe 3^orm ber SBirflid^feit finb bie 23orte anmenbbar, 
bie ©oet^e in bem Sluffa^e „33ie Sffatur" auSgefprod^en f)at: „SBir 
finb von if)x umgeben unb umfd^Iungen. Ungebeten unb ungemamt 
nimmt fie unö in ben Kreislauf il^reä S^anjeö auf/' 

Sei ben ©egenftänben ber äußeren ©inne fpringt baä fo in 
bie Slugen, ba^ e§ mol^I faum jemanb leugnen roirb. ©in Äörper 
tritt un§ junäd^ft alö eine 3Sie(l^eit von formen, Starben, von 
SBärme= unb Sid^teinbrüdfen entgegen, bie plö^Iid^ t)or unö finb, 
tmeau§--ßitimim 

''^"^^ie pfp^otogtf^rttee^jHigungr^^ mie fie 

\xn^ vorliegt, nid^tö an fid^ felbft ift, fonbern bereite ein ^robuft 
ber 2Bed^fe(mirIung einer un^ unbefannten molefularen 2(u^enmelt 
unb unfereö Drganiömuä, miberfprid^t unferer Sel^auptung nid^t. 
Söenn e§ aud^ mirflid^ ma^r ift, ba^ ^arbe, 23ärme tc. nid^tö 
meiter finb, al§ bie Slrt, mie unfer Organismus von ber 3lu^en= 
melt affigiert mirb, fo liegt bod^ ber ^roje^, ber baS ©efd^el^en 
ber älu^enroelt in ^arbe, SESärme tc. ummanbelt, gänglid^ jenfeits 
beö Semu^tfeinS. Unfer Drganiämuö mag babei meldte Stolle 
immer fpielen: unferem Genien liegt alä fertige, unS aufgebrungene 
SBirflid^feitgform (®rfal^rung) nid^t baS molelulare ©efd^e^en, fon= 
bem jene färben, 2^öne 2c. vox. 

. Slid^t fo flar liegt bie Qaä)t mit unferem S^nenleben. Eine 
genauere ©rmägung mirb aber l)ier jeben ßn^^if^f fd^minben laffen, 
ba^ aud^ unfere inneren 3wftänbe in berfelben gorm in ben 
§orijont unfereö Semu^tfeinS eintreten, mie bie 2)inge unb 2^l^at= 
fad^en ber Slu^enroelt. ©in ©efül^l brängt fid^ mir ebenfo auf, 
mie ein Sid^teinbrudE. 3)a5 id^ eö in naivere Segiel^ung ju meiner 



\ 



12 Äegrlff ö«r (l&rfalprung. 

eigenen ^erfönKd^feit bringe, tft in biefer ^inftd^t ol^ne 93elang. 
2Bir ntüffen nodS) weiter ge^en. Slud^ baS S)enfen felbft evfd^eint 
uns junäd^ft afö ©rfal^rungäfad^e. ©d^on inbem mx forfd^enb an 
unfer ®enfen l^erantreten, fe^en mx eS unä gegenüber, fteffen 
mx un^^leme erfte ©eftalt als t)Oiteinem_un§ IXnbefannten 



fommenb t)or. 

^^^a^ fann nid^t anberS fein. IXnfer 2)enfen ift, befonber§ 
n)enn man feine 3=orm afö inbimbuelle 2^1^ätig!eit innerl^alb unfereS 
33en)u^tfein§ inS äluge fa^t, 93et.rad&,tung, b. 1^. eö rid^tet ben 
SlidE nad^ au^zn, auf ein ©egenüberfte^enbeö. S)abei bleibt e§ 
§unäd^ft als 2^^ätigfeit fielen. ©§ würbe inS Seere, inä 9lid^t§ 
blidEen, wenn fid^ il^m nid^t etroaS gegenüberftellte. 

2)iefer ^orm beä ©egenüberfteUenS mu^ fid^ atteS fügen, 
raaö ©egenftanb unfereö 3Biffeng werben fott. 2Bir ftnb un= 
uermögenb, unö über biefe ^orm gu ergeben. ©oHen wir an bem 
3)enfen ein 3Jlittel gewinnen, tiefer in bie SESelt einzubringen, 
bann mu^ e§ felbft juerft Erfahrung werben. 'SBir muffen baö 
S)enfen innerhalb ber ©rfa^rungSt^atfad^en felbft alä 
eine fold^e auffud^en. 

9^ur fo wirb unfere SBeltanfd^auung ber inneren @in]^eitlid^= 
feit nid;t entbel^ren. ©ie würbe e§ fogleid^, wenn wir ein frembeS 
Clement in fie hineintragen wollten. 2öir treten ber bloßen 
reinen (Srfal^rung gegenüber unb fud^en innerl^alb il^rer felbft ba§ 
Element, ba§ über fid^ unb über bie übrige SBirllid^JEeit Sid^t 
verbreitet. 



5* f^lnrnm auf htn 3n\iait htx (Erfalirung* 

©e^en wir nn^ nun bie reine Srfal^rung einmal an. 355a§ 
entl^ält fie, wie fie an unferem Sewu^tfein üorüberjiel^t, ol^ne ba^ 
wir fie benfenb bearbeiten? ©ie ift blo^eS 3lebeneinanber im 
SRaume unb S^ad^einanber in ber 3ßit; ein Slggregat an^ lauter 
äufammenl^angglofen (Sinjell^eiten. deiner ber ©egenftänbe, bie ba 
fommen unb gelten, l^at mit bem anberen etwa§ ju tl^un. Sluf 
biefer ©tufe ftnb bie 2^l^atfad^en, bie wir wal^rnel^men, bie wir 
inner lid^ burd^leben, abfolut gleid^gültig für einanber. 

2)ie SBelt ift ba eine 3Jlannigfaltig!eit von gan^ gleid^wertigen 
Singen, ^ein 2)ing, fein Sreignig barf ben Slnfprud^ ergeben, 
eine größere SRotte in bem ©etriebe ber 9Belt gu fpielen alö ein 



SsnljaU ber ©rfaljrunfl. 13 

anbercö ®Ueb ber (Stfal^rungöroelt. ©ott un§ tlax werben, ba^ f 
I biefe ober jene SO^atfad^e größere Sebeutung Ijat alä eine anbere, 
I fo muffen wir bie ©inge nid^t blo^ Beobad^ten, fonbem fd^on in 
' gebanfiid^e SBejiel^ung fe^en. 2)a§ rubimentäre Organ eineö 2^iereö, 
baö t)ielleid^t nid^t bie geringfte Sebeutung für beffen organifd^e j 
gunftionen f)at, ift für bie Srfal^rung ganj gleid^roertig mit \ 
bem mid^tigften Organe beä 2;ierförperä. S^ne größere ober ge= ) 
ringere 2Bid^tigIeit mirb un^ thm erft flar, menn mir über bie / 
Segiel^ungen ber einzelnen ©lieber ber Seobad^tung nad^benfen, 
b. ^. menn mir bie ©rfal^rung bearbeiten. 

gür bie ©rfal^rung ift bie auf einer niebrigen ©tufe ber 
Drganifation ftel^enbe ®(^ntdt gleid^mertig mit bem I)öd^ft ent^ 
midfelten 2^iere. 2)er Unterfd^ieb in' ber SSoIIIommenl^eit ber 
Drganifation erfd^eint unä erft, menn mir bie gegebene SJlannigs 
faltigleit begrifflid^ erfaffen unb burd^arbeiten. ©leid^mertig in 
biefer §infic|t finb aud^ bie Kultur beö ©öfimo unb jene be§ 
gebilbeten (Europäers; 6äfar^ Sebeutung für bie gefd^id^tlid^e ®nt= ; 
mitflung ber 3Wenfd^l^eit erfd^eint ber bloßen ®rfal^rung nid^tj 
größer als bie eineö feiner ©olbaten. ^n ber Sitteraturgefd^id^te \ 
ragt ©oet^e nid^t über ©ottfd^eb empor, menn eä fid^ um bie ' 
blo^e erfaf)rung§mä^ige 2^l^atfäd^lid^feit l^anbelt. 

5Die SBelt ift un§ auf biefer ©tufe ber SBetrad^tung geban!= 
lid^ t\MvoÜ^^gmQ^^^ Äein 2^eil biefer g^Iäd^e ragt 

über "Benonberen empor; leiner jeigt irgenb einen gebanfKd^en 
IXnterfd^ieb oon bem anberen. ©rft voznn ber ^unfe be§ ©ebanlenS 
in biefe ^(äd^e einfd^Iägt, treten ©rl^öl^ungen unb Vertiefungen ein, 
erfd^eint baö eine rmf)x ober minber meit über ba§ anbere empor^ 
ragenb, formt fid^ aUeS in beftimmter SBeife, fd^lingen fid^ gäben 
oon einem ©ebilbe jum anberen; mirb atteä ju einer in fid^ ooII= 
fommenen Harmonie. 

SBir glauben burd^ unfere 93eifpiele mol^l ^tnlänglid^ gegeigt 
gu l^aben, ma^ mir unter jener größeren ober geringeren Sebeutung 
ber 23a{)rnel^mung§gegenftänbe (l^ier gleid^bebeutenb genommen mit 
S)ingen ber ©rfal^rung) uerfte^en, voa^ mir un§ unter jenem 
Söiffen benfen, baS erft entftel^t, menn mir biefe ©egenftänbe im 
3ufammenl^ange betrad^ten. 2)amit glauben mir jugleid^ t)or 
bem ®inroanbe gefid^ert gu fein, ba^ unfere 6rfal^rung§melt ja 
aud^ fd^on unenblid^e Unterfd^iebe in il^ren Objeften jeigt, bet)or 
bag 5Den!en an fie l^erantritt. @ine rote gläd^e unterfd^eibe fid^ 



14 2n|jalt htx ©rfa^ung. 

bod^ aud^ ol^nc Setl^ätigung beS 2)en!cnS t)on einer grünen. 2)a§ 
ift rid^tig. SBer unä aber bamit n)iberlegen roottte, l^at unfere 
93el^auptung ooHftänbig mi^tjerftanben. ®a§ gerabe be()aupten 
wir ja, ba^ eä eine unenbli(|e 3iJlenge t)on (Singe tl^eit en ift, bie 
un^ in ber Erfahrung geboten wirb. 2)iefe TSinjel^etten muffen 
natürlid^ von einanber t)erf(^ieben fein, fonft würben fie uns thtn 
nid^t a(§ unenblid^e, jufammen^angSlofe 5JJlannigfaItig!eit gegenüber^ 
treten. 3Son einer Unterfd^iebälofigfeit ber wal^rgenommenen ^inge 
ift gar nid^t bie SRebe, fonbem von il^rer oollftänbigen Sejie§|ungg= 
lofigfeit , t)on ber unbebingten 83e beutungglofig!eit beiTemjemen 
mnenfättigen SCI^atfad^e für baS^^anje unfereS 2BirIlic^feitä= 
bilbeS. ©erabe weil wir biefe unenblid^e qualitative 3Serfd^ieben= 
l^eit anerlennen, werben wir gu unferen Sel^auptungen gebrängt. 

2^räte unö eine in fid^ gefd^Ioffene, l^amtonifd^' geglieberte 
©inl^eit gegenüber, fo fönnten wir bod^ nid^t uon einer ®Ieid^= 
gültigfeit ber einjelnen ©lieber biefer ©inl^eit in Sejug auf 
einanber fpred^en. 

SBer unfer oben gebraiid^teS ©leid^niö beSwegen nid^t ent= 
fpred^enb fänbe, l^ätte eö nid^t beim eigentlid^en 33erglei^ungg= 
punfte gefaxt. ®ä wäre freilid^ fcilfd^, wenn wir bie unenblid^ 
tjerfd^ieben geftaltete 2Bal^rnel^mung§we(t mit ber einförmigen @Ieid^= 
mä^igfeit einer Qhtm t)ergleid^en wollten. Slber unfere (S>itm 
foH burd^auS nid^t bie mannigfaltige ßrfd^einungSwelt üerfinnlid^en, 
fonbem baö einl^eitlid^e ©efamtbilb, baö wir t)on biefer 
SBelt l^aben, folange ba§ 2)enfen nid^t an fie Ijerangetreten ift. 
i Sluf biefem ©efamtbilbe erfd^eint nad^ ber Setl^ätigung beö ®en!enö 
jebe ©inäell^eit nid^t fo, wie fie bie bloßen ©inne »ermitteln, 
fonbem fd^on mit ber Sebeutung, bie fie für ba§ ©ange ber 
2Birflid^!eit J^at. ©ie erfd^eint fomit mit ©igenfd^aften, bie il^r 
in ber gorm ber ©rfafirung t)oIIftänbig fel^len. 

3Jad^ unferer Überzeugung ift eä ^öi^anneS 3Solfelt vox^ 
äüglid^ gelungen, ba§ in fd^arfen Umriffen ju jeid^nen, wa§ wir 
reine ©rfal^mng ju nennen bered^tigt finb. ©d^on oor fünf ^öl^ren 
in feinem SBud^e über „Äantö ßrfenntniöt^eorie"*) ift fie üortrefflid^ 
d^arafterifiert unb in feiner neueften 3Seröffenttid^ung: „(Srfal^rung 
unb ©enfen"**) ^at er bie ©ad^e bann weiter auögefül^rt. ®r l^at 

*) 3o^annc3 SSoHcIt, Smmanucl Äant§ (SrfenntniStl^eorie. ficipsig 1879. 
**) Sol^anncS aSoIfelt, ©rfal^rung unb S)enfcn. Ärittfd^e ©runblegung ber ®r!entttni§5 
tl^eoric Hamburg unb Scipjig ib86. 



baö nun freilici^ jur Unterftü^ung einer Slnfid^t getl^an, bie t)on 
ber unf erigen grunboerfd^ieben ift unb in einer TOefentlid^ anberen 
älbfid^t afö bie unfere gegenwärtig ift. 3)a§ fann unö aber nid^t 
l^inbem, feine tjorjüglid^e ßl^arafterifierung ber reinen ©rfal^rung 
^iel^er ju fe^en. ©ie fd^ilbert un^ einfad^ bie Silber, bie in einem 
befd^ränften ä^i^^M^^^itte in DöHig jufantmen^ngölofer SBeife uor 
unferem Serou^tfein oorüber^ie^en. SSoßelt fagt*): „3e|t ^at g. 83. 
mein Serou^tfein bie SSorftellung, l^eute fleißig gearbeitet gu l^aben, 
§um Si^l^alte; unmittelbar baran fnüpft fid^ ber SSorftettungä= 
in^alt, mit gutem ©emiffen fpajieren gelten gu fönnen; bod^ plö^s 
lid^ tritt baä SBal^mel^mungSbilb ber fid^ öffnenben 2^l^üre unb 
beg l^ereintretenben Sriefträgerä ein; ba§ Sriefträgerbilb erfd^eint 
balb l^anbauSftredfenb, balb munböffnenb, balb ba§ ©egenteil tl^uenb; 
jugleid^ oerbinben fid^ mit bem SBal^rnel^mungöinl^alte be§ 9Kunb= 
öffnenä aHerl^anb ©el^öröeinbrüdfe, unter anberen au(!^ einer, ba^ 
eö brausen ju regnen anfange. 2)a§ 93riefträgerbilb uerfd^minbet 
au§ meinem Semu^tfein, unb bie 3Sorftettungen, bie nun eintreten, 
\)db^n ber Sleil^e nad^ gu il^rem ^i^^^fte: Ergreifen ber ©d^ere, 
Offnen be§ SriefeS, Sormurf unleferlid^en ©^reibenS, ®efid^tä= 
bilber mannigf ad^fter ©d^riftjei<i^en, mannigf ad^e fid; baran fnüpfenbe 
$]^antafiebilber unb ©ebanfen; faum ift biefe Sleilie t)ottenbet, al§ 
mieberum bie SSorftettung, fleißig gearbeitet ju l^aben, unb bie mit 
SKi^mut begleitete Söal^rnel^mung be§ fortfal^renben SRegenS ein- 
treten; bod^ beibe üerfd^minben auS meinem SSemu^tfein, unb, eä 
taudf)t eine 3SorfteIIung auf mit bem ^ju^lte, ba^ eine mäl^renb 
beö l^eutigen Slrbeitenö gelöft geglaubte ©d^mierigfeit ntd^t gelöft 
fei; bamit äugleid^ finb bie SSorftellungen: SBißen^freil^eit, empirifd^e 
9Jotu)enbigfeit, 3Serantn)ortlid^!eit, SBert ber 2^ugenb, llnbegreiflic^= 
feit u. f. m. eingetreten unb t)erbinben fid^ mit einanber in ber t)er= 
fd^iebenartigften, fomplijierteften Söeife; unb ä^nlid^ gel^t eä meiter." 

3)a l^aben mir für einen gemiffen, befd^ränlten 3^itabfd^nitt 
ba§ gefd^ilbert, mag mir mirfli^ erfahren, biejenige g^orm ber 
SBirflid^Ieit, an ber baö 2)enfen gar leinen Slnteil ^t. 

9Jlan barf rmn burd^auä nid^t glauben, ba^ man ju einem 
anberen SRefultate gefommen märe, menn man ftatt biefer alltags 
lid^en (Srfai^rung etma bie gefd^ilbert f)ätte, bie mir an einem 
miffenfd^aftlid^en 3Serfud^e ober an einem befonberen 5Raturpl^änomen 
mad^en. ^ier mie bort finb eö einzelne jufammenl^angglofe Silber, 

*) Äantä ®r!enntniSt^eor:e ©. 168 f. 






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V 



bie t)or imfcrcm SeiDu^tfein üorütejtel^cn. ®rft baS 2)en!en (teilt 
ben Swfcxmmenl^ang ^er. 

2)a§ SScrbienft, in fd^arfcn (Eontouren gegeigt ju I^a6en, raaS 
^ --^ j nn^ eigentlid^ bie von allem ©ebanflid^en entblößte ßrfal^rung 
u-k '' ; 9i6t, muffen mir aud^ bem ©d^riftd^en „©el^im unb SSemu^tfein" 
^ - I t)on Dr. 9lid^arb SBal^Ie (SBien 1884) juerfennen; nur mit ber 
^'i,l ßinfd^ränfung, ba^, mag SBal^le afe unbebingt gültige ©igen^ 
'-^* fd^aften ber ©rfd^einungen ber 2lujsen= unb S^^^nmelt ^inftellt, 
nur oon ber erften ©tufe ber Sffieltbetrad^tung gilt, bie mir 
d^aralterifiert l^aben. SBir miffen nad^ Söal^le nur t)on einem 
SfJebeneinanber im Slaume unb einem 5Rad^einanber in ber 3ßit. 
\\ 3Son einem SSerl^ältniffe ber neben= ober nad^einanber beftel^enben 
- • ®inge fann nad^ il^m gar feine SRebe fein. @ö mag 5. 33. immer- 
l^in irgenbmo ein innerer ä^fammenl^ang jmifd^en bem marmen 
; ©onnenftral^l unb bem ©rroärmen be§ ©teineg beftel^en; mir 
miffen nid^tS oon einem urfäd^Iid^en 3wfö'^"^^^'^ö'^9^j ^^^ w)i^^ 
, allein flar, ba^ auf bie erfte il^atfad^e bie jmeite folgt. ®ö mag 
jaud^ irgenbmo, in einer unö unjugänglid^en SBelt, ein innerer 
i 3ufammenl^ang groif d^en unferem ®el)immed^ani§mu§ unb unferer 
geiftigen 2^l^ätig!eit beftel^en; mir miffen nur, ba^ beibeS parallel 
oerlaufenbe SSorfommniffe finb; mir finb burd^auö nid^t bered^tigt, 
5. S. einen Äaufaljufammenl^ang beiber ©rfd^einungen anjunel^men. 
"Siznn freilid^ SBal^te biefe Sel^auptung gugleid; als le^te 
äBal^rl^eit ber 2Biffenfd^aft l^inftellt, fo beftreiten mir biefe 2lug- 
bel^nung berfelben; fie gilt aber üoHIommen für bie erfte ^orm, 
in ber mir bie aBirflid^Ieit gemal^r merben. 

3lid^t nur bie Singe ber Slu^en^ unb bie 3Sorgänge ber 
Snnenmelt ftel^en auf biefer ©tufe unfereö SBiffenS jufammen^ 
l^anggloS ba, fonbern aud^ unfere eigene ^erfönlid^feit ift eine ^ 
ifolierte ©injell^eit gegenüber ber übrigen SBelt. SBir finben un§ 
afe eine ber unjäl^ligen 3Bal)rnel^mungen ol^ne SSegiel^ung ju ben 
©egenftänben, bie un§ umgeben. 



<^ 



6, löertditlguttö tlmx irrigen Zuffaffuns ttx a5efamt-€rfal|runö, 

§ier ift nun ber Drt, auf ein feit Äant beftel^enbeS aSor= 
urteil l^injumeifen, ba§ fid^ bereits in gemiffen Greifen fo eingelebt 
i^at, ba^ e§ als Sljiom gilt, ^t'otx, ber eS bejmeifeln moHte, 






irrige Äuffaffung ber (ffrfa^tung'. 17 

würbe afö ein 2)i(ettant J^ingefteUt, als ein 3Jlenfci^, ber nid^t über 
bte elementarften begriffe mobemer SBiffenfd^aft l^inauggefommen 
tft. S^ meine bie 3lnfici^t, als 06 eS von ooml^erein feftftünbe, 
bafe bie gefamte 2i3al)me{)mung§u)elt, biefe unenblid^e SRannig- 
faltigfeit t)on ^ar6en unb formen, von %'6mn unb 9Bärme= 
bifferenjen 2c. nid^tö weiter fei afö unfere fubjeftiue SSorfteHungä^ 
weit, bie nur 93eftanb l^abe, folange wir unfere Sinne ben 6in= 
rairfungen einer un^ un6elannten Söelt offen l^alten. 2)ic gange 
©rfd^einungäwelt wirb von biefer Slnfid^t für eine 3Sorftettung 
innerl^alb unfereS inbioibuetten Sewu^tfeinS erflärt, unb auf 
©runbiage biefer 3SorauSfe|ung 6aut man weitere S5e()auptungen 
über bie Statur beä ©rfennenS auf. 2lud^ SoKelt l^at fid^ biefer 
Slnfid^t angefd^Ioffen unb feine irt Segug auf bie wiffenfd^aftlid^e 
^urd^fül^rung meiflerl^afte ®r!enntniöt()eorie barauf gegrünbet. 
®ennod^ ift ba§ feine ®runbwa{)rl^eit unb am wenigsten baju 
berufen, an ber ©pi'^e ber ®rfenntni§wiffenfd^aft ju ftel^en. 

50lan mi^oerfte^e unS nur ja nid^i SBir wollen nid^t gegen 
bie pl^pfiologifd^en ®rrungenfd^aften ber ©egenwart einen gewi^ 
ol^nmäc^tigen ^roteft erl^eben. 2öa§ aber pl^pfiologifd^ oollfommen 
^ered^tfertigt ift, ba§ ift beSfialb nod^ lange nid^t berufen, an bie 
Pforte ber ©rfenntniStl^eorie gefteHt ju werben. 6§ mag als eine 
unumftö^lid^e pl^ftologifd^e SSal^rl^eit gelten, ba^ erft burd^ bie 
3Jlitwirfung unfereS Drganiömug ber Äomple^ oon ©mpfinbungen 
unb 2lnf d^auun^en entftel^t, ben wir ©rfal^rung nannten. ®ö bleibt 
bod^ fidler, ba^ eine fold^e ©rfenntniö erft baS 9lefultat oieler 
Erwägungen unb gorfd^ungen fein fann. 2)iefeä ß^arafteriftifon, 
ba^ unfere ßrfd^einungSwelt in pl^^fiologifd^em Sinne fubjef- 
tioer 9latur ift, ift fd^on eine gebanflid^e Seftimmung berfelben; 
l^at alfo ganj unb gar nid^t§ ju tl^un mit il^rem erften Sluftreten. 
^§ fe^t fd^on bie Slnmenbung be§ 2)enfen§ auf bie Erfahrung 
oorauä. ©§ mu^ i^m bal^er bie Unterfud^ung beS S^fö^^tt^^^l^^i^ÖßS 
biefer beiben g^aftoren beS ©rfennenS oorauägel^en. 

3Jlan glaubt fid^ mit jener Slnfid^t erl^aben über bie oor- 
fantfd^e „9lait)ität", bie bie 3)inge im SRaume unb in ber 3^it 
für SBirftid^feiten l^ielt, wie eä ber naioe 3Jlenfd^, ber feine wiffen^ 
fd^aftlid^e Silbung l^at, l^eute nod^ tl^ut. 

Solfelt bel^auptet: „S)a^ alle Slfte, bie barauf Slnfprud^ 
mad^en, ein objeftioeä ©rfennen ju fein, unabtrennbar an baä 
erfennenbe, inbioibuelle Sewu^tfein gebunben finb, bafe fie fid^ 

©tctncr, (JrfenntniSt^corie. 2 



\ 



18 izrifK laffafluf Icr Crft^caBf. 

^unod^ unb unmittelbar nir^eiibd onbersiDO <d% int Sentt^tfein 
bcö ^lünoiinmmd noQ^ie^ unb ba^ Ite über ba§ ®ebtet bed 
^imbuunid ^inoue^ugreifen imb baä @ebiet bc« bratt^ liegen- 
bcn £irf(i(!^ §u fat^en o^er ^u betreten oöSig au$er ^onbe ^hib/''*) 
9lun ift es aber bod^ für ein imbefongencö 9)enlen gonj 
imeifinUidi, xoo^ bie unmittelbar an unS ^enmtxetenbe ^orm bet 
SBirflic^cit (bie (rrfaftrun^^ an ndi tioge, bae und irgenbroie 
bera^tioten förnite, fte aU bloBe t^oitteEung ^u bejeu^nen. 

ccbon bie einfacbe @nrad[una, MB ber notoc SReitfd^ gar 
ntij^td an ben Sinken bcmeift, oNid ibn auf biefe Xitfk^t bringen 
Knnte, lebrt uns, bas in öcn Cbjchen Wbft ein jiomgenber 
©runb in biefer Annahme nidit lieat Sa« tragt ein Saum, 
ein ^^Hd^ an neb, ums mtc^ ba5U verleiten tonnte, i^n als blo^ 
$0(ittI[undtod(cbill»c an^utcbcn'f 3um ^nn^enen barf boö alfo nic^t 
wie eine >clbftperiianMid)e Sabrbdt bingefteOt werben. 

;^nbem :JL^ol!clt ba4 leitete thut, penmdelt er ^ in einen 

SSbcripnwft mit feinen eigenen ©runbprincipien. 9}acl^ imfcrer 

Überzeugung mu^te er ba pon ibm erfannten Sa^r^eit, bo| bie 

Srfabning md)t& enthalte olö ein ^ufcmmenbonglofed (§^ao§ r>m 

Silbern ohne jeglicbe ge^an!lid)e ÄHtimmung, untreu noerben, um 

bie fubjcftioe ^Jatur bericlben (htdbrung bebouptcn ju Bnnen. 

6r batte fwift einü^bcn müiicn, Krf; Ms Subjeft bea ©rfcnnen^ 

ber 3fetTü(bter, ebenfc be;icbunac>Ii>ä innerbolb bet &rfa^rung6nielt 

bafte^t, wie ein bcUebiacr an^ett^ (?>caenfumb berfelben. 2egt 

w«w aber ber . wahrgenommenen "fklt ^a5 ^robitat fubieftii» 

bei, fo ift l«* ebenio eine geban!li(be ^eutmmung, wie roenni 

jman bcn ^lacn^cn Stein^ für bie Uriacbe bcd einbrudteS iin| 

v^ben anncht 'i^^Uclt fclbn wiü ^oA aber fcincrlei äufammen^ 

bang bet irrfabning^j^inae acUen ia^at 3^a lic^r ber ^ibetipniil 

kinet Snjchauung, ^d irurJv er H^inem ^rinciri, bos er von m 

mncn^erfahnutix au^^'rriiht, unntu. tr idjücfe fiä^ bobur^ i» 

, Ktitc ^nbiin^ualität ein unb ift nidbt mcisr irnitanbe, aus berfett» 

* bctau^^^ufommcn, ^xa, er gicbi ba^ rüifnditdlx>ä ^u. ßS im 

tüi i^n aUc^ jUHiTclhaft, nuö über ^ie abacxiiiencn »ilbcr bffj 

^l^Jlbwcbmungn\ b^nau^^l•aa^ ^nwir hnr^bt fid), m<j^ feinet 

m, unter 3^cntcn pon ^c^'cr ii^-^ntcüimas^iricü au6 auf - 

ob,cftu>c^K%nicb!cit i;u >cb::cwi: alinn oll« oinauöaeben üt 

btilclbc rann mt^ ^u feinen ir;rn:i) ae,^ncn SofexS^fül 



V 



SllleS SBiffin, baS mix burd^ baS 3)cnfen gewinnen, ift nad^ 3SoIIelt 
t)or bem H^cifel nid^t gcfd^ü^t. ®§ fommt in feiner Sffieife an 
©etm|Beity^er unmittelbaren ßrfal^rung gleid^. 2)iefe attetn liefert 
em m$ ju Bejroeifelnbeg SBijJen. SBir f)a6en gefeiten roaS für 
ein mangell^afteä. --""^^ 

2)od^ ba§ alles lommt nur bafter, ba^ 3SoßeIt ber ftnnen= 
fälligen SBirfKd^feit (®rfal^rung) eine ©igenfd^aft beilegt, bie il^r 
in feiner 23eife jufommen fann unb bann auf biefer 5Jorau§fe|ung 
feine weiteren Slnnal^men aufbaut. 

2Bir mußten auf bie ©d^rift t)on 3SolfeIt befonbere SRürffid^t 
nehmen, weil fie bie bebeutenbfte Sciftung ber ©egenraart auf biefem 
©ebiete ift unb aud^ beS^alb, weil fie alg S^^pug für äße er- 
fenntniStl^eoretifd^en 93emül^ungen gelten fann, bie ber von un§ 
auf ©runblage ber (Soetl^efd^en SBcltanfd^auung tjertretenen 3lid^= 
tung principiell gegenüberftel^en. 



7* iBerufung auf hit €rfÄljrttng ieJies elni^inen £tUt$* 

SBir TOoUen ben ^el^ler oermeiben, bem unmittelbar ©egebenen, 
ber erften ^orm beS äluftretenä ber Sinken- unb S^^^^iiwelt, t)on 
t)oml^erein eine @igenfd|aft beizulegen unb fo auf ®runb einer 
SSorauäfe^ung imfere SluSfül^rungen jur ©eltung bringen. 3^ 
Tüir beftimmen bie ®r fal^rung gerabe ju als baSjenige, an bem 
xinfer 3!) enfen gar fei n Tn ^jtn tefl^^ 35on '"eWrfPgebattlR^n 
Irrtum fann alfo am ülnfonge uhferer SluSfü^rungen nid|t bie 
SRebe fein. 

©erabe barin beftel^t ber ©runbfel^ler fielet miffeufd^aftlid^er \ 

^eftrebungen, namentlich ber ©egenmart, ba^ fie glauben bie 

-iretne ßrfal^rung mieberjugeben, mäl^renb fie nur bie von il^nen 

"f eifcft in biefelbe l^ineingelegten begriffe mieber l^erauSlefen. 3lun 

iann man un^ \a einmenben, ba^ a\i(^ mir ber reinen (Srfal^rung 

eine 3Jlenge von Slttributen beigelegt ^abtn. 2Bir bejeid^neten fie 

olö unenbtid^e 3Jlannigfaltigfeit, als ein Slggregat jufammenl^angäs 

Cofer ©injell^eiten u. f. m. ©inb baS benn nid^t aud^ gebanflid^e 

^Beftimmungen? ^n bem ©inne, mie mir fie gebraud^ten, gemi^ 

■»-ttd^t. 3Bir l^aben un§ biefer Segriffe nur bebient, um ben 93lirf 

i>eS SeferS auf bie gebanfenfreie SBirflid^feit ju lenfen. SBir 

*:i5oßen biefc Segriffe ber ®rfal^rung nid^t beilegen; mir bebienen 



«; «• 



20 



(IBtfatjrung febee (JünjeUim* 



unö il^rer nur, um bie 2lufmerffamfctt auf jene gorm ber 2Birf= 
lid^Iett gu lenfen, bie JebeS Begriffes Bar ift. 

3ltte TDiffenjd^aftlici^en Unterfud^ungen muffen ja mittelft ber 
©prad^e üottftil^rt merben, unb bie lann mieber nur Segriffe au§s 
t)rüdEen. Slber eö ift bod^ etmaö mefentlid^ anbereS, ob man gcroiffe 
tßorte 6raud^t, um biefe ober jene ©igenfd^aft einem 2)inge bireft 
^ugufpred^en ober 06 man ftd^ il^rer nur 6ebient, um ben Slirf 
i)eö SeferS ober 3w^örer§ auf einen ©egenftanb ju lenfen. 9öenn 
mir uns eines 3SergIeid^e§ Sebienen bürften, fo mürben mir ttwa 
fagen: ©in anbereS ift e§, menn A gu B fagte: „betrad^te jenen 
SUlenfd^en im Greife feiner gamilie unb bu mirft ein mefentüd^ 
anbereä Urteil über il^n geminnen, al§ menn bu il^n nur in fetner 
SlmtSgebal^rung fennen lemft"; ein anbreS ift e§, menn er fagt: 
„jener 3Jlenfd^ ift ein tjortrefflid^er gamilienoater". ^m erften gälte 
mirb bie Stufmerifamleit beä B in einem gemiffen ©inne gelenit, 
er mirb barauf I)ingemiefen, eine ^erfönlid^feit unter gemiffen lXm= 
ftänben ju beurteilen, ^m jmeiten g^aHe mirb biefer ^erfönlid^Ieit 
einfad^ eine beftimmte ©igenfd^aft beigelegt, alfo eine S3el^auptung 
aufgefteUt. Somie l^ier ber erfte ^aH gum gmeiten, fo foll ftd^ 
unfer Slnfang in biefer ©d^rift ju bem ä|nlid^er ©rfd^einungen ber 
Sitteratur üerl^alten. 2Benn irgenbmo burd^ bie notmenbige ©tili= 
fierung ober um ber 50löglid^Ieit, fid^ auSjubrütfen, miUen, bie 
©ad^e fd^einbar anberS ift, fo bemerfen mir l^ier auSbrüdflid^, ba^ 
unfere 2luöfü{)rungen nur ben l^ier au§einanbergefe|ten ©inn 
l^aben unb meit entfernt finb t)on bem Slnfprud^e, irgenb weld^e 
von ben 2)ingen felbft geltenbe Sel^auptung oorgebrad^t gu l^aben. 

2Benn mir nun für bie erfte ^orm, in ber mir bie SBirf- 
lid^feit beobad^ten, einen Flamen fiaben moHten, fo glauben n)ir ' 
mo{)l ben ber ^Bad)^ am angemeffenften in bem äluSbrudfe: ©r^ 
fd^einung für bie ©inne ju finben. 2öir oerftel^en ba unter 
©inn ni^t blo^ bie äußeren ©inne, bie 35ermittler ber 2lu^en= 
melt/fonbem überl)aupt alle leiblid^en unb geiftigen Drgane, bie 
ber SBal^mel^mung ber unmittelbaren 2^l^atfad^en bienen. ®g ift 
ja eine in ber $ft)d^ologie ganj gebräud^lid^e Benennung: innerer 
©inn für baö SBal^mel^mungöüermögen ber inneren ©rlebmffe. 

3IKit bem SBorte 6rfd^ einung aber motten mir einfad^ ein 
für unö mal^mel^mbareö 2)ing ober einen mal^mel)mbaren SSor- 
gang bejeid^nen, infofeme biefelben im 9laume ober in ber 3eit 
auftreten. 



(Ürfatjrung \tbi9 (ßmiüntn* 21 

2Bir muffen l^ier min nod^ eine ^rage anregen, bie un§ ju 
bem jTOeiten ^aftor, ben w'xx be^ufS ber ®r!enntmSn)iffenfd^aft ju 
betrad^ten l^aben, füllten fott, ju bem Genien. 

3ft bic 2lrt, rote uns bic Srfal^rung biäl^er befcmnt geworben 
ift, alä etroaS im SBefen ber ©ac^e 33egrünbeteä anjufel^en? 3ft 
fie eine ©igenfd^aft ber SBirilid^feit? 

9Son ber Seantroertung biefer ^rage ^ängt fe^r t)iel db. 
Sft nämlid^ biefe 2lrt eine roefentUd^e ©genfd^aft ber ©rfal^rungSs 
binge, etmaS, roaä il^nen im mal^rften ©inne beä SBorte§ il^rer 
5Ratur nad^ jufommt, bann ift nid^t abjufe^en, rote man über= 
l^aupt je biefe ©tufe be§ (Sriennenä überfd^rciten fott. ^Ran mü^te 
fid^ einfad^ barauf t)erlegen, atteS, roaä roir roal^mel^men, in jus 
fammenl^angStofen 9lotijen aufgujcid^nen unb eine fold^e SRotijen^ 
fammtung roäre unfere SBiffenfd^aft. Senn, roaS foHte atteS 
^orfd^en nad^ bem ^^fammen^ange ber 3!)inge, wenn bie, i^nen 
in ber ^orm ber (Srfa^rung jufommenbe, t)ottftänbige ^^foliert^ett 
tl^re roal^rc ®igenfd^aft roäre? 

©anj anberö t)erl^ielte eä ftd^, roenn roir eä in biefer ^orm 
ber SBirfUd^feit nid^t mit beren SBefen, fonbem nur mit ifirer ganj 
unroefentlid^en Slu^enfeite ju tl|un l^ätten, roenn roir nur eine 
§ütte von bem roal^ren 2Befen ber SBelt t)or unä l^ätten, bic unS 
baä festere verbirgt unb unä aufforbert, roeiter nac| bemfetben §u 
forfd^en. SBir müßten bann bamad^ trad^ten, biefe glitte ju bur^s 
bringen. 2ßir müßten t)on biefer erften ^orm ber 2öelt auö^ 
ge^en, um unS i^rer roa^ren (roefentlid^en) ©igenfd^aften ju be^ 
mäd^tigen. 2Bir müßten bie ®rfd^cinung für bie ©innc 
überroinben, um barauä eine l^öl^ere ©rfd^einungäform ju ent= 
roitfeln. — S)ie Stntroort auf biefe ^rage ift in ben folgenben 
Unterfud^ungen gegeben. 



4 » » 



c. ^a» 3tnktn. 



8. Illa0 Jitnktn st[$ pijere (Srfaijntng in lier (Erfaljrung* 

lY^tr finbcn inncrl^alb bcS jufammcnl^angSlofcn ßl^aoä ber ®r= 
-^^fal^rung, unb jroar junäd^ft aud^ alä Stfa^rungSt^atfad^c, ein 
©Ictncnt, ba§ un^ ü6cr bte 3wfatnmen{|angSlofig!cit l^inauäfül^rt. 
6§ ift baS ®cnlcn. 2)a§ ^enUn nimmt fd^on afö eine @r= 
fal^rungSti^atfad^e inneri^atb ber ©rfal^rung eine 2luänal^meftel= 
iung ein. 

33ei ber übrigen ©rfal^rungSmett fomme id^, menn id^ bei 
bem [teilen bleibe, maS meinen ©innen unmittelbar t)ortiegt, nid^t 
über bte ©injell^eiten l^inauS. Slngenommen: 3^ '^«^^e eine S^Iüfftgs 
feit t)or mir, bie id^ jum ©ieben bringe. ®iefelbe ift erft rul^ig, 
bann fel^e id^ ©ampfblafen auffteigen, fie gerät in Semegung, unb 
enblid^ gel^t fie in S)ampfform über. ®aS finb bie einzelnen 
aufeinanberfolgenben SSa^me^mungen. 3d^ ^% i>iß Batist breiten 
unb menben, rt)ie id^ mitt; menn id^ babei ftel^en bleibe, maS mir 
bie ©inne tiefern, fo finbe id^ ieinen 3wfammenl^ang ber Stl^at= 
fad^en. Seim 3)enfen ift baS nid^t ber %dSi. SBenn id^ j. 33. 
ben ©ebanlen ber Urfad^e faffe, fo fül^rt mid^ biefer burd^ feinen 
eigenen Snl^alt ju bem ber SBirlung. ^dl^ braud^e bie ©ebanlen 
nur in jener ^orm feftjul^alten, in ber fie in unmittelbarer ®r= 
fa^rung auftreten, unb fie erf feinen fd^on aU gefe^mä^ige S3e= 
ftimmungen. 

2Baä bei ber übrigen Srfal^rung erft anberSmo l^ergel^olt 
werben mu^, menn eS überl^aupt auf fie anmenbbar ift, ber ge= 
fe^lid^e S^f^^^^^^^ß'^Ör if* ^^ ®en!en fd^on in feinem aller- 
erften Sluftreten t)orl^anben. 33ei ber übrigen ©rfal^rung prägt 
fid^ nid^t bie gange ©ad^e fd^on in bem an^, maS afö ®rfd^einung 
t)or meinem ^emu^tfein auftritt; beim Sienfen gel^t bie ganje 



DtToktn l^i^ivi (!$rfal)runs* 



23 



<Baii)Z o^m 3lüc!ftanb in bem mir dJc^cbencn auf. ®ort mu^ id^ 
crft bic §ütte burd^bringen, um auf ben Äcm ju lommen, ^icr 
ift §üllc unb Äem eine ungetrennte ©inl^eit. 6ä ift nur eine 
affgemein=menfd^Kd^e 33efangenl^eit, menn un§ baS 2)enlen guerft 
ganj analog ber übrigen ßrfa^rung erfd^eint. 9Bir braud^en bei 
ilim blo^ biefe unfere 35efangen|eit ju überminben. 35ei bcr 
übrigen ©rfal^rung muffen mir eine in ber ©ad^e liegenbe 
©d^mierigfeit löfen. 

3m S)enfen ift baäjenige, ma§ mir bei ber übrigen 
ßrfal^rung fud^en, felbft unmittelbare (Srfa^rung ge« 
morben. * 

3)arin ift bie Söfung einer ©d^mierigfeit gegeben, bte auf 
anbere 2ßeife mol^l laum gelöft merben mirb. Sei ber ©rfalirung 
ftel^en ju bleiben ift eine bered^tigte miffenfd^aftlid^e ^orberung. 
9tid^t meniger aber iji eine fotd^e bie Sluffud^ung ber inneren 
(Sefe^mä^igleit ber ©rfal^rung. ds mu^ alfo biefeä S^^^^J^ß 
felbft an einer ©teile ber Srfal^rung alä fold^e aufs 
treten. Die (Srfa^rung mirb fo mit §ilfe il^rer felbft vertieft. 
Unfere ®rIenntni§t^eorie ergebt bie ^orberung ber (Srfal^rung in 
ber l^öd^ften ^orm, fte meift jeben 3Serfud^ jurüd, etma§ von au^en 
in bie ©rfal^rung l^ineinjutragen. S)ie 33eftimmungen beS ®enfen§ 
finbet fie felbft innerl^alb ber (Srfal^rung. Die 3lrt, mie baS 
Denlen in bie ßrfd^einung eintritt, ift biefelbe mie bei ber übrigen 
©rfa^rungSmelt. 

®a§ ^Princip ber ©rfal^rung mirb jumeift in feiner S^rag- 
meite unb eigentlid^en 33ebeutung ©erfannt. ^n feiner fd^roffften 
^orm ift e§ bie ^orberung, bie ©egenftänbe ber 2Bir!li(^Ieit in 
ber erften ^orm ilireä 2luf tretend ju belaffen unb fie nur fo ju 
Dbjeften ber SBiffenfd^aft §u mad^en. 2)a§ ift ein rein met^obi- 
fd^eS ^Princip. @§ fagt über ben ^n^ali beffen, wa^ erfal^ren 
mirb, gar nid^tS auä. SBoHtV man behaupten, ba^ nur bie 
SBal^rnel^mungen ber ©inne ©egenftanb ber SBiffenfd^aft fein 
lönnen, mie baö ber 3JlaterialiSmu§ tl^ut, fo bürfte man fid^ auf 
biefeö $rincip nid^t ftü^en. Db ber gn^alt finnlid^ ober ibeell 
ift, barüber fällt biefeä 5ßrincip fein Urteil. ©oH eS aber in 
einem beftimmten ^alle in ber ermäl^nten fd^roffften ^orm, an^ 
menbbar fein, bann mad^t eS allerbingä eine 3Sorau§fe^ung. @ä 
forbert nämlid^, ba^ bie ©egenftänbe, mie fie erfal^ren merben, 
fd^on eine ^orm l^aben, bie bem miffenfd^aftlid^en ©treben genügt. 






\ 



24 Denken tjdl)ere QBrfatpntng. 

Sei ber ©rfa^rung bet äußeren Sinne ift ba§, rate roir gcfc^en 
l^abcn, nid^t ber ^aff. @S finbet nur beim 2)enlen ftatt. 5Rur 
; beim 3)enien fann baö ^rincip ber ©rfalirung in feiner 
• ejtremften Sebeutung angeroenbct werben. 

S)a§ fd^Iie^t nid^t auä, ba^ baä $rincip aud^ auf bie übrige 
9BeIt auSgebel^nt wirb. @S i)ai ja nod^ anbere afe feine ejtremfte 
gorm. SBenn voxx einen dJegenftanb be^ufä njiffenfd^aftlid^er @r= 
flärung nid^t fo belaffen iönnen, wie er unmittelbar mal^rgenommen 
mirb, fo iann biefe ©rflärung ja immerhin fo gefd^e^en, ba^ bie 
SKittet, bie fie beanfprud^t, au^ anberen ©ebieten ber @rfa^rungä= 
weit l^erbeigegogen ratrben. 2)a ^aben mir ba§ ©ebiet ber „@r- 
fal^rung überl^aupt" ja bod^ nid^t überfd^ritten. 

(Sine im ©inne ber (Soet^efd^en SBeltanfd^auung begrünbete 
©rlenntniämiffenfd^aft legt baä §auptgemid^t barauf, ba^ fie bem 
^Principe ber ©rfalirung burd^auS treu bleibt. 9liemanb l^at mie 
©oet^e bie auSfd^lie^lid^e ©eltung biefeS ^rincipeS erfannt. 6r 
vertrat baä ^rincip ganj fo ftrenge, mie mir eS oben geforbert. 
2lffe ^ö^eren Slnfid^ten über bie Statur burften i^m als nid^tä 
benn als Srfa^rung erfd^einen. ©ie foHten „^ö^ere 5latur inncr= 

C^ \alh ber Statur'^) fein. — -^ 

"^^Ijtr'Sem 2luffa^e: „bie 5Ratur" fagt er, mir feien unt)er= 
mögenb aus ber 9latur l^erauSjufommen. 2ßolIen mir nn^ 
alfo in biefem feinen ©inne über biefelbe auf Hären, fo muffen 
mir ba|;u innerl^atb berfelben bie SWittel finben. 

2öie fönnte man aber eine SBiffenfd^aft beS ©rIcnnenS auf 
baS ©rfal^rungSprincip grünben, menn mir nid^t an irgenb einem 
fünfte ber ßrfa^rung felbft baS ©runbetement aller 3Biffenfd^aft= 
lid^feit, bie ibeelle ©efe^mä^igleit fänben. 2Bir braud^en biefeä 
Clement, mie mir gefeiten l^aben, nur aufzunehmen ; mir braud^en 
uns nur in baSfelbe ju oertiefen. 2)enn eS finbet fid^ in ber 
©rfalirung. 

Stritt nun baS ®enfen mirilid^ in einer 3Seife an unS l^eran, 
mirb eS unferer Snbioibualität fo bemüht, ba^ mir mit üoHent 
Siedete bie oben l^eroorgel^obenen 5!Jlerfmale für baSfelbe in Sln^ 
fprud^ nel^men bürfen? ^^i^^^^^"^/ ^^^ ^^^^ Slufmerffamleit 
auf biefen $unft rid^tet, mirb finben, ba^ ein mefentlid^er Untere 
fd^ieb jmifd^en ber 2lrt beftefjt, mie eine äußere ©rfd^einung ber 

*) ©ie^ ©oct^cS „SJic^tung unb SBa^r^eit" (XXn. 24 f.). 



I 



IDraken I|9tjere (HcfaljTung* 25 

ftnncnfäßigen 3BtrfUci^!eit, ja fefbft wie ein anbetet SSotgang 
unfeteä (SeifteSlebenS beraubt roitb, unb jenet, wie mv unfeteä 
eigenen 2)enfen§ geroal^t roetben. 3m etften %aüt finb vdxx un§ 
beftimmt bewußt, ba^ roit einem fertigen 2)inge gegenübettteten; 
fertig nämlid^ inforoeit, als eS ©rfd^einung geworben ift, ol^ne ba^ 
mir auf biefeS SBerben einen beftimmenben Sinflu^ ausgeübt 
^aben. Slnberö ift ba§ beim Genien. ©aS erfd^eint nur für 
ben erften Slugenblic! ber übrigen Srfafjrung gleid^. 9Benn mir 
irgenb einen ©ebanlen f äffen, fo miffen mir, bei affer tlnmitte[= 
barleit, mit ber er in unfer Semu^tfein eintritt, ba^ mir mit 
feiner Sntftel^ungSmeife innig t)erfnüpft finb. SBenn id^ irgenb 
einen ©infaff l^abe, ber mir gang plö^lid^ gefommen ift unb beffen 
Stuftreten bafier in gemiffer ^infid^t ganj bem eines äußeren Sr^ 
eigniffeS gleic^fommt, ba§ mir 2lugen unb Dl^ren erft üermittetn- 
müffen: fo mei^ id^ bod^ immerl^in, ba^ baS ^elb, auf bem biefer 
©ebanfe jur ©rfd^einung fommt, mein Semu^tfein ift; id^ roei^, 
ba^ meine 2^l^ätigfeit erft in Stnfprud^ genommen merben mu|, 
um ben (Sinfaff jur 2:{)atfad^e merben ju taffen. 33ei jebem ^ 
äußeren Dbjefte bin id^ gemi^, ba^ e§ meinen ©innen gunäd^ft 
nur feine ^u^enfeite jumenbet; beim ©ebanfen mei^ id^ genau, 
ba^ baS, mag er mir jumenbet gugleid^ fein alleä ift, ba^ er 
afö in fid^ ooffenbete ©anjfjeit in mein 33emu^tfein eintritt. 3!)ie 
äußeren 2^riebiräfte, bie mir bei einem ©innenobjefte ftets t)orauS= 
fe^en muffen, finb beim ©ebanien nid^t oorlianben. ©ie ftnb eS 
ja, benen mir eS jufd^reiben muffen, ba^ unS bie ©inneS- 
erfd^einung als etmaS fertiges entgegentritt; ilinen muffen mir baS 
3B erben berfelben gured^nen. Seim ©ebanfen bin id^ mir flar, 
ba^ jenes SB erben ol^ne meine 3:^ätigleit nid^t möglid^ ift. 3^ 
mu^ ben ©ebanfen burd^arbeiten, mu^ feinen ^^^^ölt nad^fd^affen, 
mu| il^n innerlid^ burd^ leben bis in feine fleinften ^eile, menn 
er überl^aupt irgenb meldte Sebeutung für mid^ l^aben foff. 

SBir {)aben bisl^er nun folgenbe 2ßal^rl^eiten gemonnen. 3(uf 
ber erften ©tufe ber 2ßeltbetrad^tung tritt unS bie gefamte 3Birf= 
lid^feit als jufammenfiangSlofeS 2lggregat entgegen, baS 2)enfen ift 
innerl^alb biefeS ßl^aoS eingefd^Ioffcn. 2)urd^manbern mir biefe 
3KannigfaItigfeit, fo finben mir ein ©lieb in berfelben, meld^eS ] 
fd^on in biefer erften ^orm beS 3luftretenS jenen ßl^arafter l^at, 1 5 
ben bie übrigen erft gewinnen foffen. S)iefeS ©lieb ift baS ®enfen. !,' 
2ßaS bei ber übrigen ®rfal^rung ju überminben ift, bie ^orm beS a/ 



V 



26 Denken und tiewugtfein* 

unmittelbaren SluftretenS, baS gerabe ift beim ®en!en feftjuijalten. 
liefen in feiner urfprüngUd^en ©eftalt gu belaffenben ^aftor ber 
SBirHid^feit finben roir in unferem Serou^tfein unb finb mit il^tn 
bergeftalt ©erbunben, ba^ bie S^l^ätigleit unfereS ©eifteS gu = 
gleid^ bie ©yfd^einung biefeS ^aftorS ift. 6s ift eine un'b 
biefelbe ©ad^e von gmei Seiten betrad^tet. Diefe ©ad^e ift ber 
©ebanfengel^alt ber SBelt. 3!)aö eine 3Ral erfd^eint eralsSE^ättgs 
feit unfereä Serou^tfeinö, ba§ anbere 3Kal als unmittel= 
bare ®rfd^einung einer in fid^ oollenbeten ©efe^mä^ig^ 
feit, ein in fid^ beftimmter ibeeUer ^^n^alt. SBir werben 
afebalb fe^en, meldte ©eite bie größere SBid^tigleit l^at. 

Sieöbalb nun, roeil mir innerl^alb beS ©ebanleninl^alteä 
ftelien, benfelben in allen feinen Seftanbteiten burd^bringen, finb 
mir imftanbe, beffen eigenfte 9latur mirffid^ gu erfennen. 3)ie 
3lrt, roie er an unS l^erantritt, ift eine Sürgfc|aft bafür, ba^ if)m 
bie ©genfd^aften, bie mir il^m oor^in beigelegt l^aben, mirflid^ ju= 
i lommen. ®r fann alfo gemi^ afö 3tu§ganggpunft für jebe meitere 
Slrt ber SBeltbetrad^tung bienen. ©einen mefentlid^en ß^arafter 
fönnen mir au^ ilim felbft entnel^men; motten mir ben ber übrigen 
2)inge geminnen, fo muffen mir t)on il^m au§ unfere Unterfud^ungen 
beginnen. 2Bir motten un§ gleid^ beutlid^er auSfpred^en. 2)a mix 
nur im beulen eine mirflid^e ©efe^mä^igfeit, eine ibeelte 
33eftimmt^eit erfal^ren, fo mu^ bie ®efe|mä^igfeit ber 
übrigen 2ßett, bie mir nid^t an biefer feTbft erfal^ren, 
aud^ fd^on im S)enlen eingefd^Ioffen liegen. 3Kit anbem 
SBorten: ®rfd^einung für bie ©inne unb 2)enfen fte^en 
einanber in ber (Srfal^rung gegenüber, '^ent giebt uns aber über 
i^r eigenes SBefen feinen Sluffd^tu^; biefeS giebt unS benfelben 
juglei^ über fid^ felbft unb über baS SBefen jener ©rfd^einung 
für bie ©inne. 

9* denken und ßtmnfitfsin. 

3l\xn aber fd^eint eS, als. ob mir l^ier baS fubjeftiüiftifd^e 
©lement, baS mir bod^ fo entfd^ieben uon unferer (SrfenntniStl^eorie 
feml^alten mottten, felbft einfül^rten. 2ßenn fd^on nid^t bie übrige 
2ßal^me§mungSmett — f önnte man aus unferen 3luSeinanberfe^ungen 
l^erauslefen — fo trage bod^ ber ©ebanfe, felbft nad^ unferer älnfid^t, 
einen fubjeftioen Gl^arafter. 



y) ch-^e^ 






Denken unb iSenultfetn* 27 

2)iefcr ©intoanb bcrul^t auf einet SSetroed^glung beö <§d^aus 
planes unferer ©ebanlen mit jenem (Elemente, t)on bem fie tl^re 
m^ofilid^en 33eftimmungen, il^re innere ©efe^Kd^feit erl^alten. 2ßir 
probugieren einen ©ebanleninl^alt butd^auä nid^t fo, ba^ mir in 
biefer ^robultion Seftimmten, meldte SSerbinbungen unferc ©ebanfen 
einjugel^en l^aben. 2öir geben nur bie ®e[egen|eitSurfad^e l^er, ba^ 
fid^ ber ©ebanfcninl^aö feiner eigenen 9tatur gemä^ entfalten 
lann. 9Bir faffen ben ©ebanfen a unb ben ©ebanfen b unb geben 
benfelben ©elegenl^eit, in eine gefe^mä^ige SSerbinbung einjugel^en, 
inbem mir fie mit einanber in SBec^fefmirfung bringen. 9lid^t 
unfere fubjeftiüe Drganifation ift eä, bie biefen S^fammenl^ang 
t)on a unb b in einer gemiffen SBeife beftimmt, fonbern ber 
Sn^alt t)on a unb b felbft ift ba§ allein Seftimmenbe. Da^ 
ftd^ a ju b gerabe in einer beftimmten SBeife ©erl^ält unb nid^t 
anberä, barauf l^aben mir nid^t ben minbeften ©inftu^. Unfer 
©eift üolljie^t bie 3ufammenfe^ung ber ©ebanfenmaffen 
nur nad^ 3Ra^gabe il^reS SnfjalteS. 2öir erfüllen alfo im 
2)enfen baS ®rfal^rungSprincip in feiner fd^roffften ^orm. 

2)amit ift bie Slnfid^t Äantö unb ©d^openl^auerS unb im 
meiteren ©inne ^\xi) ^Jid^teä miberlegt, ba^ bie ©efe^e, bie mir 
be^ufä ®rflärung ber 2öelt annel^men, nur ein SRefultat unferer 
eigenen geiftigen Drganifation feien, ba^ mir ftc nur t)ermöge 
unferer geiftigen S^^i^i^ii^walität in bie 2ßelt l^ineintegen. 

"^QiXi fönnte t)om fubjeftiDiftifd^en ©tanbpunfte auä nod^ 
t\xQ(x^ einmenben. 2ßenn fd^on ber gefe^tid^e 3wf<^^^^^^'^<^*^9 i>^^ 
©ebanfenmaffen t)on unS nic|t nad^ 3Wa^gabe unferer Drganifation 
t)otlgogen mirb, fonbern t)on il^rem ^i^^alte abl^ängt, fo fönnte 
bod^ eben biefer %x^qX\ ein rein fubjeftioeS ^ßrobuft, eine blo^e 
Dualität unfereS ©eifte§ fein; fo ba^ mir nur (Elemente oerbinben 
mürben, bie mir erft felbft erjeugten. 2)ann märe unfere ©ebanfen= 
melt nid^t minber ein fubjeftioer ©d^ein. S)iefem ©inmanbe ift 
aber ganj leidet gu begegnen. SBir mürben nämlid^, menn er be= 
grünbet märe, ben ^nl^alt unfereS S)enfenS nad^ ©efe^en oer- 
fnüpfen, oon benen mir mal^rl^aftig nid^t müßten, mo fie l^erfommen. 
SBenn biefelben nid^t auä unferer ©ubjeftioität entspringen, xq^^ 
mir oorl^in bod^ in Slbrebe fteßten unb je^t alä abgetfian be= 
trad^ten fönnen, xqo>^ foH uns benn SSerfnüpfungägefe^e für einen 
^nl^alt liefern, ben mir felbft erzeugen? 

Unfere ©ebanfenmelt ift alfo eine oöHig auf fid^ felbft ge^ 



28 denken nvib fieioupfetn. 

baute SBefcnj^eit, eine in ftd^ fcftft gefd^Ioffene, in fid^ üottfommenc 
unb t)oKenbete ©anjl^eit. 3Bir feigen l^ier, roeld^e von ben jroei 
©eiten ber ©ebanlenroelt bie we^entlid^e ift: bk,^j|eftit)e t|reg 
^\3i6alteg unb nid&Lij k^fubieftioe il&re^ 2Iutto.teng? ^""""^ " 
3(m ftarften tritt bicje ®tnftd^t in bie innere ©ebiegenl^eit 
unb SSottlommen^eit beö 3)enlenä in beut wijfenfd^aftlid^en ©pftcntc 
§egelS auf. deiner f)at in bem ©rabe, mt er, bem 2)en!en eine 
fo oottfommene 5!Jlaci^t jugetraut, ba^ eS auS ftd^ l^erauö eine 
2ßeltanfd^auung begrünben fönne. §eget l^at ein ab fo lutea 3Ser=- 
trauen auf ba§ Renten, ja e§ ift ber einzige SBirHid^Ieitäfaltor, 
bem er im mafjren ©inne beä SBorteä t)ertraut. ©o rid^tig feine 
Slnfid^t im affgemeinen aud^ ift, fo ift e§ aber gerabe er, ber baö 
3!)en!en burc^ bie affjufd^roffe ^orm, in ber er eS oerteibigt, um 
affe§ 2lnfel^en gebrad^t ^at. 3)ie Slrt, mie er feine Slnfid^t t)or= 
gebrad^t ^t, ift fd^ulb an ber l^eillofen SSermirrung, bie in unfer 
„S)enfen über baS S)enfen" gelommen ift. (Sr l^at bie Sebeutung 
be§ ©ebanfenS, ber Sbee, fo red^t anfd^aulid^ mad^en moffen ba= 
burd^, ba^ er bie 2)enfnotn)enbig!eit jugleid^ als bie 9lotn)enbigfeit 
ber il^atfad^en bejeid^nete. S)amit ^at er ben Irrtum l^erx)or= 
gerufen, ba^ bie 33eftimmungen beS S)enlen§ nid^t rein ibeeffe 
feien, fonbern tl^atfäd^Iid^e 5!Kan fa^te feine 2lnfid^t balb fo 
auf, als ob er in ber 3Selt ber finnenfäffigen 2Bir!lid^feit felbft 
ben ©ebanfen mie eine (Baä)^ gefud^t l^ätte. ®r l^at bag rool^t 
aud^ nie fo ganj flar gelegt. ®S mu^ eben feftgeftefft merben, 
ba^ ba§ ^elb beS ©ebanfenS einzig baS menfd^lid^e Semu^tfein 
sift. 2)ann mu^ gejeigt merben, ba^ burd^ biefen Umftanb bie 
\ ©ebanf enmelt nid^tS an Dbjeltioität einbüßt. §egel feierte nur 
jbie objeftit)e ©eite beä ©ebanfenS l^eroor, bie 5!Jlel^rl^eit aber fielet, 
roeil bieS leidster ift, nur bie fubjeftioe; unb e§ bünit il^r, ba^ 
jener etmaS rein ^i^^^ß^^ ^^^ ^^^^ ©ad^e bel^anbelt, mpftifigiert 
l^abe. ©elbft oiele ©elel^rte ber ©egenmart finb oon biefem Srr= 
tum nid^t freijufpred^en. ©ie t)erbammen §egel megen eineä 
5KangeIg, ben er nid^t an fid^ f)at, ben man aber freilid^ in i^n 
fjineinlegen fann, meil er bie betreff enbe ^a6)t gu roenig {[ar= 
\ geftefft f|at. 

2Bir geben gu, ba^ f|ier für unfer UrteilSoermögen eine 

©d^mierigfeit vorliegt. SBir glauben aber, ba^ biefetbe für jebeS 

energifd^e 2)enfen ju überminben ift. 2öir muffen un§ jmeierlet 

\ oorfteffen: einmal, ba^ mir bie ibeeffe SBelt tl^ätig jur ®rfd^einung 



\ 



i 






i)enken unb tienjupfein. 



29 



bringen unb guglcid^, ba^ baö, wa^ mx tl^ätig in§ S)afein rufen, \ 
auf feinen eigenen ©efe^en berul^t. SBir finb nun freilid^ 
gen)o{)nt, un§ eine (Srfd^einung fo ootäufteffen, ba^ roir i^r nur 
pafftü, beobad^tenb gegenüberjutreten brandeten. Slttein ba§ ift fein 
unbebingteä ©rforbetniö. ©o ungewohnt un§ bie 3SorftelIung fein 
mag, ba^ mx felbft ein DbjeftiüeS tl^ätig jur ©rfd^einung bringen, 
ba^ n)ir m. a. 2B. eine (Srfc^einung nid^t blo^ roal^mel^men, fonbem 1 
jugteid^ probujieren; fie ift feine unftattl^afte. ' 

3ilan brandet einfad^ bie geroöl^nlid^e 3Keinung aufzugeben, 
ba^ es fo tjiele ©ebanienroeltcn gibt afe menfd^Ud^e gnbiüibuen. 
S)iefe 3Weinung ift ol^ne^in nid^tS weiter a[§ ein alt^ergebrad^teö 
SJorurteit. ©ie wirb überall ftifffd^roeigenb t)orauögefe^t, ol^nc 
33en)u^tfein, ba^ eine anbere jum minbeften ebenfogut möglid^ ift 
unb ba^ bie ©rünbe ber ©ültigfeit ber einen ober ber anbern 
benn bod^ erft erwogen werben muffen. 3Kan benfe fid^ an ©teße 
biefer SJleinung einmal bie folgcnbe gefegt: e§ gibt überl^aupt \ 
nur einen einzigen ©ebanfeninl^alt unb unfer inbioibuetteg 
©enlen fei weiter nid^tä alö ein hineinarbeiten unfereS ©elbfteS, 
unferer inbioibueffen ^erfönlid^feit in baä ©ebanlencentrum 
ber SBelt. Dh biefe 2lnfid^t rid^tig ift ober nid^t, baä gu unter= 
fud^en ift {)ier nid^t ber Ort; aber möglich ift fie unb mir l^aben 
erreid^t, voa^ mir mollten; nämlid^ g^ä^igt, ba^ eä immerl^in gan^ 
gut angebt, bie von ung alg, noimenhig hingeftettte D bieftioität beg 
ä)enfen§ aud^ anbermeitig als miberfprucploS erfd^einen ju laffen. 
' ^n Slnbetrad^t ber Dbie!tit)ität lä^t fid^ bie Strbeit beS SDenferö 
ganj gut mit ber beS 3Wed^anifer§ oergleid^en. 2Bie biefer bie 
Gräfte ber 3latur in ein SGSed^felfpiel bringt unb baburd^ eine 
jmeimä^ige 2^l^ätigfeit unb Äraftäu^erung l^erbeiftil^rt, fo lä^t 
ber 2)enfer bie ©ebanfenmaffen in Icbenbige SBed^felmirlung treten, 
unb fie entmidfeln fid^ ju ben ©ebanfenfpftemen, bie unfere SBiffen* 
fd^aften auömad^en. 

3)urd^ nid^tS mirb eine Slnfd^auung beffer beleud^tet als burd^ 
bie 2lufbedEung ber il^r entgegenftel^enben Irrtümer. 2Bir motten 
{|ier biefe oon unS fd^on mieberl^olt mit Vorteil angemenbete 
3Wetl^obe roieber anrufen. 

3Slan glaubt gemö^nlid^, mir t)erbinben gemiffe Segriffe beS- 
f|alb ju größeren Äompiejen, ober mir beulen überl^aupt in einer 
gemiffen SBeife beSl^alb, meil mir einen gemiffen inneren (logifd^en) 
3n)ang t)erfpüren, bieS ju tl^un. 3lud^ SJoßelt ^at fid^ biefer 3ln= 



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30 Snneire üatur bes Denkens. 

fid^t angcfd^toffcn. 3Bie ftimmt fic aber ju bet burd^fid^tigen 
Älarlieit, mit ber unfere ganjc öJebanfcntDelt in unferem Sc^ 
rou^tfein gegenwärtig ift. ^ir lenneft überl^aupt nid^tä in ber 
SBelt genauer ate unfere ©ebanlen. ©ott ba nun ein geroiffer 
3u[ammenl^ang auf (Srunb eines inneren ^wanQ^^ l^ergefteHt 
tperben, wo atteö fo flar ift? 2ßag braud^e id^ ben S^^^%/ 
wenn ic^ bie 9latur beä ju SSerbinbenben lenne, burd^ unb bur^ 
fenne, unb mid^ alfo nad^ il^r rid^ten lann. Sitte unfere ®ebanfen= 
Operationen finb Vorgänge, bie fid^ t)ottäiel^en' auf ©runb ber 
®infid^t in bie Söefenlieiten ber ©ebanlen unb nid^t na(i^ 3Ra^= 
gäbe eines ^voan^t^. ©in fold^er 3w><*^^9 roiberfpri^t ber 3latur 
beS 2)en!enS. 

®S fönnte immerl^in fein, ba^ eS groar im SBefen beS S)enien§ 
liege, in feine Srfd^einung jugleid^ feinen ^nl^alt einzuprägen, 
ba^ mir ben Ie|teren aber tro|bem oermöge ber Drganifation 
unfereg ©eifteä nid^t unmittelbar ma^rnel^men iönnen. S)aS ift 
aber nid^t ber ^att. S)ie 2lrt, mie ber ©ebanleninl^alt an uns 
herantritt, ift unS eine 33tirgfd^aft bafür, ba^ mir ^ier baS SBefen 
ber (Bad)e oor unS \)aitn. 3Bir finb uns ja bemüht, ba^ mir 
jeben Vorgang innerl^alb ber ©ebanfenmelt mit unferem ©eifte 
begleiten. 3Jlan lann fid^ bod^ nur benfen, ba^ bie ®rfd^einungS= 
form oon bem SBefen ber ©ad^e bebingt ift. 9Bie fottten mir 
bie ®rfd^einungSform nad^fd^affen, menn mir baS SBefen ber 
©ad^e nid^t fennten. '^an fann fi^ mol^t benfen, ba^ unS bie 
®rf4einungSform als fertiges ^an^t gegenübertritt unb mir bann 
ben Äem berfelben fud^en. 3Kan lann aber burd^auS nid^t ber 
Stnfid^t fein, ba^ man jur ^eroorbringung ber ©rfd^einung 
mitmirlt, ol^ne biefeS §ert)orbringen t)on bem Äeme l^erauS gu 
bemirlen. 

10. 3nntxt lltttur ^ts ^tnkttiB. 

9Bir treten bem benfen nod^ um einen ©d^ritt nä^er. 33iS= 
^er liaben mir blo^ bie ©tettung beSfelben gu ber übrigen @r- 
fa^rungSraelt betrad^tet. aSir finb ju ber Slnfid^t gelommen, ba^ 
eS innerl^alb berfelben eine ganj beoorjugte ©tettung einnimmt, 
ba^ eS eine centrale Slolle fpielt. S)aoon motten mir je^t 
abfeilen. SBir motten unS l^ier nur auf bie innere 3latur beS 
2)enfenS befd^ränfen. 2öir motten ben felbfteigenen ß^arafter ber 



Innere {latur bes S)enhen»* 31 

©ebanfeniDelt unterfud^en, um ju erfaliren, raie ein ©cbanfe t)on 
bem anbern abfjängt; rote bie ©ebanfcn ju einanbcr ftel^en. 
S)arau§ erft werben \xä) un§ bie SKittel ergeben, Sluffd^Iu^ über 
bie ?5rage ju geroinnen: roa§ ift überl^aupt 6r!ennen? Dber mit 
anbern SBorten: 2Baö l^ei^t e§, fid^ ©ebanfen über bie 3BirfIici^= 
feit ju mad^en; roaS l^ei^t eä, fi^ burd^ 2)enfen mit ber SBelt 
auäeinanberfe^en gu motten? 

9Bir muffen unS ba oon jeber t)orgefa^ten 3Jleinung frei 
erl^alten. ©ine fold^e aber märe e§, roenn mir oorauäfe^en mottten, 
ber Segriff (©ebanfe) fei baS 33ilb innerhalb unfereS Semu^t= 
fein§, burd^ baö mir Sluffd^Iu^ über einen au^er^alb beöfelben 
iiegenben ©egenftanb geminnen. 3Son biefer unb äl^nlid^en ^Sor^ 
aüSfe^ungen ift an biefem Drte nid^t bie SRebe. SBir ncl^men 
bie ©ebanfen, mie mir fie oorfinben. £)i fie ju irgenb etmaä 
anberem eine 33ejie{)ung l^aben unb xüa^ für eine, baS motten mir 
eben unterfud^en. 2ßir bürfen eS bal^er nid^t f|ier als 2lu§gangS= 
punft l^inftetten. ©erabe bie angebeutete Slnfid^t über baä 3Ser= 
^ältniä oon 33egriff unb ©egenftanb ift fe^r ^äufig. "^EHan befiniert 
ja oft ben 33egriff afö baö geiftige ©egenbilb tint^ au^erl^alS 
beS ©eifteä Iiegenben ©egenftanbeä. S)ie Segriffe fotten bie S)inge 
abbilben, unö eine getreue ^^otograpl^ie berfelben oermittetn. 
3Jlan bcnft oft, menn man oom 2)enfen fprid^t, überhaupt nur 
an biefeS oorauSgefe^te 3Serl^äItniä. ^aft nie trad^tet man bar= 
nad^, ba§ Jleid^ ber ©ebanfen innerl^alb feines eigenen ©ebieteS 
einmal gu burd^manbern, um ju feigen, wa^ fid; l^ier ergibt. 

2öir motten biefeS 9leid^ l^ier in ber 2ßeife unterfu^en, als 
ob eS au^erl^alb ber ©renjen beSfelben überl^aupt nid^tS mel^r 
gäbe, als ob baS 2)enfen alle 3Birflid^feit märe. 9Bir feigen 
für einige S^xt oon ber ganjen übrigen 2ßelt ab. 

3)a^ man baS in ben erfenntnistfieoretifd^en SSerfud^en, bie 
fid^ auf Rani ftü^en, unterlaffen fjat, ift oerfiängniSoott für bie 
aSiffenfd^aft gemorben. 3)iefe Untertaffung ^at ben Slnfto^ 'ju 
einer Slid^tung in biefer SBiffenfd^aft gegeben, bie ber unfrigen 
oöttig entgegengefe^t ift. 3)iefe SBiffenfd^aftSrid^tung fann il^rer 
gangen 9latur nad^ ©oet^e nie begreifen. @S ift im ma^rften 
©inne beSSBorteS ungoetl^ifd^, oon einer Sel^auptung auSgugei^en, 
bie man nid^t in ber Seobad^tung oorfinbet, fonbern felbft in baS 
Seobad^tete hineinlegt. 2)aS gefd^iel^t aber, menn man bie Slnfid^t 
an bie ©pi^e ber S5iffenfd^aft ftettt: 3w>ifd^en 3)enfen unb 2Birf= 



32 innere Hatnv bts denken«. 

lid^Ieit, ^'Dzt unb 2Belt 6efte^t baS angebeutete SSer^ältniS. Stn 
©inne ©oetl^eS l^anbelt man nur, wenn man fid^ in bie eigene 
9latur beö 2)en!enS felbft üertieft unb bann aufteilt, meldte 33e= 
gieljung fid^ ergibt, menn bann biefeS feiner Sßefenl^eit nad^ 
erfannte 3!)enfen ju ber ©rfal^rung in ein SSerljältniS gebrad^t mirb. 

©oetl^e gel^t überaß ben SBeg ber ®rfal^rung im ftrengften 
Sinne. (Sr nimmt juerft bie Dbjelte, mie fie finb, fud^t mit 
t)öttiger ^eml^altung affer fubjeftioen 3Keinung il^re 3iatur 5U 
burd^bringen; bann ftefft er bie 33ebingungen l^er, unter benen bie 
Dbjelte in SBed^felmirlung treten fönnen unb märtet ah, maS fid^ 
{|ierau§ ergibt, ©oetl^e fud^t ber ^Jlatur ©elegenl^eit gu geben, 
il^re ©efe^mä^igfeit unter befonberä d^arafteriftifd^en Umftänben, 
bie er l^erbeifül^rt, §ur ©eltung §u bringen, gleid^fam il^re ©efe^e 
felbft auSjufpred^en. 

SBie erfd^eint unS unfer 2)en!en für fid^ betrad^tet? 6ö 
ift eine SSiell^eit üon ©ebanfen, bie in ber mannigfad^ften SBeife 
mit einanber t)em)oben unb organifd^ t)erbunben finb. 2)iefe 3SieI=: 
{|eit mad^t aber, menn mir fie nad^ aUen ©eiten l^inreic^enb 
burc^brungen l^aben, bod^ mieber nur eine ©inl^eit, eine Harmonie 
an^. Slffe ©lieber l^aben Sejug auf einanber, fie finb für ein= 
anber ba; baö eine mobifijiert ba§ anbere, f darauf t e§ ein u. f. w. 
©obalb fid^ unfer ©eift jmei entfpred^enbe ©ebanfen üorftefft, 
merlt er alfogleid^, ba^ fie eigentlid^ in ®in§ mit einanber vtx- 
fliegen. ®r finbet überaff 3ufammengel^ötige§ in feinem ©eban!en= 
bereid^e; biefer Segriff fd^lie^t fid; an jenen; ein britter erläutert 
ober ftü^t einen t)ierten u. f. f. ©0 j. 33. finben mir in unferem 
Semu^tfein ben ©ebanieninl^alt „Organismus" t)or; burd^muftern 
mir unfere 3Sorfteffungämelt, fo treffen mir auf einen jmeiten: 
„gefe^mä^ige ®ntmidlung, SBad^Stum". ©ogleid^ mirb unS flar, 
bafe biefe beiben ©ebanfeninl^alte gufammengel^ören, ba^ fie blo^ 
jmei ©eiten eines unb beSfelben S)ingeS oorfteffen. ©0 aber ift 
es mit unferem gangen ©ebanfenfpftem. Slffe Sinjelgebanfen finb 
Steile eines großen ©anjen, baS mir unfere SegriffSmelt nennen. 

Stritt irgenb ein einzelner ©ebanfe im 33emu^tfein auf, fo 
rul^e id^ nid^t el^er, bis er mit meinem übrigen S)enfen in ®in- 
flang gebrad^t ift. ®in fold^er ©onberbegriff, abfeitS t)on meiner 
übrigen geiftigen SBelt, ift mir ganj unb gar unerträglid^. ^dl^ 
bin mir thzn beffen bemüht, ba^ eine innerlid^ begrünbetc §ar= 
monie affer ©ebanfen befte^t, ba^ bie ©ebanfenmelt eine ein^eittid^e 



Snnnt Itatur bee Denken«* 33 

ift. 3!)e§^alb ift unö jcbe fold^c Slbfonbcrung eine Unnattirlic^fett, 
eine Unroal^rl^eit. 

§aben mx un§ biä baliin butd^gerungen, ba^ unfere ganje 
©ebanfenroelt ben ßl^arafter einer t)oIlfommenen, inneren Überein- 
ftimmung trägt, bann wirb unä burd^ jte jene SBefriebigung, naä) 
ber unfer ©eift ©erlangt. S)ann füllten mir un§ im Sefi^e 
ber SBal^rl^eit. , 

Snbem roir bie Sffial^rl^eit in ber burd^göngigen 3wfctmmen: 
ftimmung affer Segriffe, über bie n)ir verfügen, fe^en, brängt fid^ 
bie ^rage auf: ja l^at benn baö 3)enfen, abgefe^eit von affer an= 
fd^aulid^en SBirflid^feit, t)on ber finnenfäffigen ßrfd^einungäroelt 
aud^ einen ^t^l^ölt? SBteibt nid^t bie üoffftänbige Seere, ein reineä 
^pi^antaäma jurüdE, wenn wir äffen finnlid^en Snl^att befeitigt benfen? 

®a^ ba§ festere ber %aü fei, bürfte xt)o\)l eine raeitoerbreitete 
SDteinung fein, fo ba^ n)ir fie ein wenig nä^er betrad^ten muffen. 
2Sie mir bereits oben bemerlten, benit man fid^ ja fo t)ielfad^ baö 
ganje 33egriffSfpftem nur als eine ^ßl^otograpl^ie ber Slu^enmelt. 
'^an ^'dlt jmar baran feft, ba^ ftd^ unfer SBiffen in ber ?5orm 
be§ ©enlenä entmidfelt; forbert aber von einer „ftreng objeftiüen 
SBiffenfd^aft", ba^ fte xf)xm ^n^ali nur oon au^en ne^me. S)ie 
Stu^enmelt muffe ben ©toff liefern, roeld^er in unfere Segriffe 
einpiie^t.*) Dl^ne jene feien biefe leere ©d^emen ol^ne aütn ^nlialt. 
giele bie Slu^enmelt meg, fo ^ttcn Segriffc unb gbeen feinen 
©inn mel^r, benn fie finb um i^rer roiffen ba. 3Kan lönnte biefe 
3lnftd^t bie Verneinung beS Segrip nennen. 3)enn er l^at für 
bie Dbjeftioität bann gar leine Sebeutung me^r. ®r ift ein ju 
Ie|tcrer ^injugefommeneä. 2)ie SBelt ftünbe in äff er 3Soff= 
lommen^cit aud^ ba, menn e§ feine Segriffe gäbe. S)enn fie 
Bringen ja nid^tS 5teue§ §u berfelben ^inju. ©ie entl^alten nid^tS, 
mag ol^ne fie nid^t ba märe, ©ie finb nur ba, meil fid^ baä cr= 
Jennenbe ©ubjeft il^rer bebienen miff, um in einer il^m angemeffenen 
gorm baS ju ^abcn, wa^ anbermeitig fd^on ba ift. ©ie finb für 
baäfelbe nur Vermittler eineä ^nfialteS, ber nid^tbegrifflid^er 
^atur ift. ©0 bie angebogene 3lnfid^t. 

SBenn fie begrünbct märe, mü^te eine oon ben folgenben 
irei Sorauöfe^ungen rid^tig fein. 

1) ®ie Segriproett ftel^e in einem fold^en Serl^ältniffe jur 

*) 3- $. 0. Äird^mann fagt fogar in feiner „fiel^re oom SBiffen", baf baS Qsvlinmn 
ein (Sinpiefen ber 9(u|enn)elt in unfer Söerou^tfcin fei. 

@t einer, ©rfcnntniSt^eorie. 3 



34 3nnere Uatuc bee Denkens. 

2lu^enroelt, ba^ fie nur ben ganjcn ^n^alt berfelben in anberer 
%oxm n)iebergtbt. §icr ift unter Stu^enroelt bte ©innenroelt üer= 
ftanben. SBcnn baS ber ^all roärc, bann fönntc man roa^rlid^ 
nid^t cinfcl^en, roctd^c 9lotn)cnbig!eit 6eftänbc, fid^ tiberl^aupt über 
bie ©inncnroett ju ergeben. 5Ölan f)at \a ba§ ganje Um unb 
2luf beS ©riennenä fd^on mit ber [enteren gegeben. 

2) Sie Segripmelt nel^me nur einen ä^eil ber „ßrfd^einung 
für bie ©inne" alä il^ren Snl^alt auf. "Sllan benle pd^ bie Ba^t 
etma fo. 2Sir mad^en eine SReil^e von Seobad^tungen. 2Bir 
treffen ba auf bie ©erfd^iebenften Dbicite. 2ßir bemerfen babei, 
ba^ gemiffe 3Jler!male, bie roir an einem ©egenftanbe entbedfen, 
fd^on einmal t)on un§ beobad^tet morben finb. @S burc^muftere 
unfer Sluge eine Sleil^e x>on ©egenftönben A, B, C, D, u. f. m. 
A l^ätte bie 3Kerfmale pqar; B: Irabn; C: khcg unb D: 
p u a V. 2)a treffen mir bei D mieber auf bie SKerfmale a unb 
p, bie mir fd^on bei A angetroffen ^aben. SBir bejeid^nen biefe 
3Rerfmatc afe mefentlid^e. Unb infofeme A unb ü bie mefent^ 
Kd^cn 3Ker!maIe gleid^ l^aben, nennen mir fie gleid^artig. ©o 
faffen mir A unb D bann jufammen, inbem mir il^re mefentlid^en 
SJlerfmale im 2)en!en feft^alten. ®a l^aben mir ein 2)enlen, baä 
fid^ mit ber ©innenmelt nid^t gang bedft, auf baS alfo bie oben 
gerügte Überftüffigfeit nid^t angumenben unb baS bod^ ebenfo meit 
entfernt ift, 9leueS ju ber ©innenmelt l^injujubringen. dagegen 
lä^t fid^ oor allem fagen: um gu er!ennen, meldte (Sigenf d^aften 
einem 2)inge mefentlid^ finb, bagu gel^öre fd^on eine gemiffe 
5lorm, bie eS un^ mögli^ mad^t, SBefentlid^eä oon Unmefent^ 
lid^em gu unterfd^eiben. 3!)iefe 5lorm fann in bem Dbjefte nid^t 
liegen, benn biefeS entl^ält ja baö SBefentlid^e unb UnmefentUc^e 
in ungetrennter (Sin^eit. 2)iefe 3lorm muffe alfo bod^ felbfteigener 
Snl^alt unfereä ©enfenö fein. 

3)iefer ©inmanb ftö^t aber bie Slnfid^t nod^ nid^t gang um. 
"Silan fann nämlid^ fagen: 2)aS fei eben eine ungered^tfertigte Sin* 
nal^me, ba^ bieä ober jenes mefentlid^er ober unmefentlid^er für 
ein 3)ing fei. 3!)a§ lümmere unS aud^ nid^t. 6g lianble ftd^ 
blo^ barum, ba^ mir gemiffe gleid^e ©igenfd^aften bei mel^reren 
3)ingen antreffen unb bie le^teren nennen mir bann gleid^artig. 
®aoon fei gar nid^t bie Siebe, ba^ biefe gteid^en ©igenfd^aften 
aud^ mefentlid^ feien. 2)iefe 3lnfd^auung fe^t aber etma§ üorauS, 
roa^ burd^auS nid^t gutrifft. ®ä ift in gmei ©ingen gleid^er 



ZnnsTt Itatur he» Dtnhens* 



35 




©attung gar nid^tS xoixUii) ©emeinfd^aftlid^cS, wenn 
man bei bcr ©inncnctfa^rung fte^en bleibt. 6in Seifpiel 
wirb baS Harlegen. 3)aä einfad^fte ift baä befte, roeil eä ftd^ 
am beften überfd^auen lä^t. 33etrad^ten mir fotgenbe jroei ®retedfe. 

3Ba§ f)dbtn bie mirf Kd^ gleid^, 
menn man bei ber ©innenerfa^rung 
fte^en bleibt? ®ar nid^tS. 2öaS 
fie gleid^ l^aben, nämRd^ ba§ ®efe^, 
nad^ bem fie gebilbet finb unb 
meld^eä bewirft, ba^ fie beibe unter 
ben Segriff „2)reietf" fallen, baä 
mirb üon un§ erft gewonnen, menn 
mir bie ©innenerfal^rung 
überfd^reiten. Der Segriff 

©reierf umfaßt äffe Dreiedfe. 2Bir lommen nid^t burd^ bie 
blo^e Setrad^tung aller einzelnen ®reiedfe ju i^m. 3)iefer 
Segriff bleibt immer berfelbe, fo oft id^ i^n aud^ oorftetten mag, 
mäl^renb eä mir mol^t laum gelingen mirb, jmeimal baSfetbe 
„DreiedE" anjufd^auen. ®ag, moburd^ baS ©njelbreiedf baS t)oll= 
beftimmte „biefeä" unb fein anbereä ift, ^at mit bem Segriffe gar 
nid^t§ ju t^un. ®in beftimmteS 3)reiedf ift biefeä beftimmte nid^t 
baburd^, ba^ eS jenem Segriffe entfprid^t, fonbem burd^ Elemente, 
bie ganj au^erl^atb be§ Segriff eä liegen: Sänge ber ©eiten, ©rö^e 
ber SBinfel, Sage u. f. m. Sä ift aber bod^ gang unftatt^aft ju 
behaupten, ba^ ber^n^alt beä Segriff e§ S)reierf au§ ber objeftioen 
©innenmelt enttel^nt fei, menn man fielet, ba^ biefer fein S^i^alt 
überliaupt in feiner ftnnenfälligen Srfd^einung entl^atten ift. 

:^) @§ ift nun nod^ ein S)ritte§ möglid^. ®er Segriff fönnte 
ja ber Sermittler für baä @rf äffen oon SBefenl^eiten fein, bie 
nid^ finnlid^=mal^rnel^mbar finb, bie aber bod^ einen auf fid^ felbft 
berul^enben ß^rafter l^aben. S)er festere märe bann ber un= 
begrifflid^e ^nl^alt ber begrifflid^en ^orm unfereS 2)enfen§. 
9Ber fold^e jenfeitä ber ©rfal^rung beftel^enbe SBefenl^eiten annimmt 
unb uns bie 3Wöglid^feit eineä SBijfenS oon benfelben jufprid^t, 
mu^ bod^ notmenbig aud^ in bem Segriffe ben 3)olmetfd^ biefeö 
SEBiffenS feigen. 

2Bir merben baä Unjulänglid^e biefer Stnfid^t nod^ befonberä 
barlegen. §ier motten mir nur barauf aufmerffam mad^en, ba^ 
fie jebenfatts nid^t gegen bie Si^^öM^feit ber Segriffämelt 

3* 



36 Zxmttt ilatur ht» Dfnhene. 

fprid^t. ®cnn lägen bie ©cgcnftänbe, über bie gebadet wirb, jen^ 
feits aller ©rfal^rung unb jenfeitS be§ ^tntm^, bann müjjte ba§ 
legiere bod^ um fo mel|r innerl^att feiner felbft ben ^rii)ali l^aben, 
auf ben eö fid§ ftü^t. @§ fönnte bod^ nid^t über ©egenftänbe 
benfen, von benen innerl^alb ber ©ebanfenwelt feine ©pur anju^ 
treffen wäre. 

gebenfaffg ift alfo flar, ba^ baö 3)enfen fein inl^altsleereö 
©efäjs ift, fonbem ba^ e§ rein für fid^ felbft genommen in^It§= 
voÜ ift unb ba^ fid^ fein ^n\)aü nid^t mit bem einer anberen @r= 
fd^einungSform becft. — 



* • > 



D. 3u mpnpdiaft 



IL Denh:en un5 Dalrrneiimung. 

'^^te 3Btffenfd^aft burd^tränft bie roal^rgenommenc SSirHid^feit 
^^mtt ben von unfcrem ®enfen erfajsteu unb burd^gcarbeitetcn 
Segriffen, ©ie ergänzt unb Derüeft baS paffit) Slufgenommene 
burd^ ba§, roaä unfer ©eift felbft burd^ feine j^ätigfeit an^ bem 
5DunfeI ber bloßen SWögli^feit in ba§ Sid^t ber SSirllid^feit 
emporgel^oben l^at. ®a§ fe^t üorauö, ba^ bie SBal^me^mung ber 
®rgänjung burd§ ben ©eift bebarf, ba^ fie überhaupt fein @nb= 
gültiges, Se^teä, 2lbgefd^Ioffene§ ift. 

@§ ift ber ©runbirrtum ber mobemen SBiffenfd^aft, bajs fie 
bie SJÖal^mel^mung ber ©inne fd^on für üwa^ 2tbgef^IoffeneS, 
fertiges anfielt. 3)eSl^aIb fteßt fie fid§ bie Slufgabe, biefeä in fid^ 
üoßenbete ©ein einfad^ ju pl^otograpl^ieren. Äonfequent ift in 
biefer ^infid^t rool^I nur ber ^ofitiüiSmuS, ber jebeS ^inauSgel^en 
über bie äöai^mel^mung einfad^ ablel^nt. 3)od^ fielet man l^eute faft 
in aütn Söiffenfd^aften baS SSeftreben, fid^ biefen ©tanbpunft als 
ben rid^tigen anjufel^en. ^m roal^ren ©inne beä SBorteö würbe 
biefer ^orberung nur eine fold^e SBiffenfd^aft genügen, roeld^e ein= 
fad^ bie ®inge, roie fie mizn einanber im Staunte üorl^anben finb 
unb bie ®reigniffe, wie fie jeitlid^ auf einanber folgen, aufjäl^It 
unb befd^reibt. 2)ie 9taturgefd^ic|te alten ©tileS lomntt biefer 
^orberung nod^ am näd^ften. 3)ie neuere verlangt jroar baSfelbe, 
fteßt eine üottftänbige 3:i^eorie ber @rfal^rung auf, um fie — fo^ 
gleid^ ju übertreten, roenn fie ben erften ©^ritt in ber mirflid^en 
SJBiffenfd^aft unternimmt. 

SBir müßten un§ unfereä 33enfenS üoßfommen entäußern, 
roottten mir an ber reinen ßrfa^rung feftl^alten. 5!Jlan fe^t baä 
S)enlen l^erab, w^nn man il^m bie 5!JlögIid^feit entjiel^t, in fid^ 



38 Dfnhen vmh VPat^rtut^mung* 

felbft äöefenl^cttcn roal^rjune^men, bie ben ©innen unjugänglid§ ftnb. 
6S mu^ in ber SEBirflid^Icit au^cr ben Sinnesqualitäten nod§ einen 
fjaftor geben, ber tjom ®enfen erfajst wirb. SDaö SDenfen ift ein 
Drgan beS SWenfd^en, ba§ beftimmt ift, §ö^ere§ ju beobad^ten al§ 
bie ©inne bieten. ®em SDenlen ift jene Seite ber 2öirIIici^= 
feit jugänglid^, t)on ber ein blo^eS ©innenroefen nie 
etroaS erfal^ren würbe. 3lxä)t bie ©innlid^feit roieberjufäuen 
ift eS ba, fonbem ba§ ju burd^bringen, roaS biefer verborgen ift. 
SDie SBal^rnel^mung ber ©inne liefert nur eine ©eite ber 2Birf= 
lid^feit. SDie anbere ©eite ift bie benfenbe ©rfaffung ber SBelt. 
9tun tritt unS aber im erften Slugenblicf ba§ ®enfen alö etroaä 
ber SEBal^mel^mung gang g^rembeö entgegen. ®ie äöal^mel^mung 
bringt Don au^en auf unS ein; ba§ 3)enfen arbeitet fi^ auä 
unferem 3nnem ^erau§. ®er Snl^alt biefeö 2)enlen§ erfd^eint 
un^ afö innerfid^ tjottfommner Organismus ; aUz^ ift im ftrengften 
3ufammen^ange. 3)ie einzelnen ©lieber beä ©ebanfenfpftemö be= 
ftimmen einanber; jeber einzelne SSegriff l^at jule^t feine SBurjel 
in ber Sltt^eit unfereS ©ebanfengebäubeä. 

.2luf ben erften SSIidf erfd^eint eS, afö ob bie innere SlBiber= 
fprud^Slofigfeit be§ ®enfen§, feine ©elbftgenugfamfeit jeben Über- 
gang jur SBJa^me^mung unmöglid^ mad^e. Sären bie SSeftimmungen 
be§ ®enfen§ fold^e, ba^ il^nen nur auf eine 2trt ju genügen ift, 
bann märe e§ mirlKd^ in fid^ felbft abgefd^Ioffen; mir fönnten 
au^ bemfelben nid^t l^erauö. ®aä ift aber nid^t ber ^aß. 2)iefe 
Seftimmungen finb fold^e, ba^ il^nen auf mannigfad^e äöeife 
©enüge gef^el^en fann. 9?ur barf bann baSjenige ©lement, meld^eS 
biefe älannigfaltigleit bemirft, nid^t felbft innerl^alb beS 2)enfen§ 
gefud^t merben. 9?el^men mir bie ©ebanfenbeftimmung: 2)ie ®rbe 
jiel^t jeben Äörper an, fo merben mir alöbalb bemerlen, bajs ber 
©ebanfe bie SJlöglid^feit offen läjst, in ber oerfd^iebenften SBeife 
erfüllt JU merben. 3)a§ finb aber 3Serfd^iebenl^eiten, bie mit bem 
2)enfen nid^t mel^r erreid^bar finb. ®a ift 5ßla$ für ein anbereö 
Clement. SDiefeS ©lement ift bie ©inneöma^rnel^mung. 3)ie 
SBal^me^mung bietet eine fold^e 2lrt ber ©pecialifierung ber @e= 
banlenbeftimmungen, bie oon bem le^teren felbft offen getaffen ift. 
®iefe ©pecialifierung ift eö, in ber unS bie SfBelt gegenüber * 
tritt, menn mir unS blo^ ber ©rfal^rung bebienen. ^fp^ologifd^ 
ift baö ba§ ®rfte, ma§ fad^Iid^ genommen baS Slbgeleitete ift. 
Sei aller miffenfd^aftlid^en Bearbeitung ber SBirflid^feit ift 



Dtnktn unb ÜVa^ne^mung* 39 

ber 2?organg biefcr: SEBir treten ber lonireten SBa^mel^mung gegen= 
über, ©ie ftel^t rote ein 9iätfel vor nn^. 3n unö mad^t fid^ ber 
2)rang geltenb, il^r eigentlid^eS 3öa§, t^r SBefen, ba§ fie nid^t 
felbft auäfprid^t, ju erforfd^en. 3)tefer 3)rang tft ntd^tS anbereä 
alö ba§ Emporarbeiten eine§ 33egriffe§ auS bem.2)unlel unfereS 
8eu)u^tfein§. liefen SSegriff galten rair bann feft, roäl^renb bie 
finnenfättige SBal^mel^mung mit biefem 2)enIprojeffe paraKel ge^t. 
S)te ftumme SBal^me^mung fprid^t plö^Iid^ eine unä üerftönblid^e 
<Sprad^e; mir erfennen, bajs ber Segriff, ben mir gefaxt l^aben, 
jeneö gefud^te SESefen ber SBal^rnel^mung ift. 

Sßag fid^ ba Dottjogen l^at, ift ein Urteil. @S ift Derfd^ieben 
t)on jener ©eftalt beä Urteilet, bie jmei Segriffe üerbinbet, oI|ne 
auf bie äöal^mel^mung SRüdffid^t ju nel^men. 3Benn id^ fage: bie 
3^reil^eit ift bie SSeftimmung eines SIBefenS au^ fid^ felbft |erauä, 
fo l^abe id^ aud^ ein Urteil gefällt. 3)ie ©lieber biefeS UrteilcS 
finb begriffe, bie id^ nid^t in ber Söal^mel^mung gegeben l^abe. 
2luf fold^en Urteilen berul^t bie innere ®inl^eitli^leit unfereS 
^enfenä, bie mir im vorigen Kapitel bel^anbelt l^aben 

2)aS Urteil, meld^eS l^ier in Setrad^t lommt, l^at jum ^Buh- 
jefte eine SBa^rnel^mung, jum ^räbifate einen Segriff. ®iefcS 
beftimmte 2^ier, baS id^ t)or mir l^abe, ift ein §unb. ^n einem 
fold^en Urteile roirb eine äöal^rnel^mung in mein Oebanlenfpftem an 
einem beftimmten Drte eingefügt. 3lmntn mir ein fold^es Urteil 
ein 9Bal^rnel^mung§urteiI. 

®urd^ baS äöal^rnel^mungäurteil mirb erfannt, ba^ 
ein beftimmter finnenfälliger (Segenftanb feiner 3öefen= 
l^eit nad^ mit einem beftimmten Segriffe gufammenfällt. 

SBotten mir alfo begreifen, roaö mir roal^mel^men, bann mu^ 
bie äöal^mel^mung al§ beftimmter Segriff in unä üorgebilbct 
fein. 2(n einem ©egenftanbe, bei bem ba§ nid^t ber %aU märe, 
gingen mir, ol^ne bajs er un§ üerftänblid^ märe, vorüber. 

®a^ ba§ fo ift, bafür liefert mol^I ber Umftanb ben beften 
Seroeiö, ba^ ^JJerfonen, meldte ein reid^ereä ©eifteSleben führen, 
aud^ t)iel tiefer in bie ©rfal^rungSroelt einbringen, als anbere, bei 
benen ba§ nid^t ber %aU ift. SieleS, maö an ben le^teren fpurloS 
t)orüber ge^t, mad§t auf bie erfteren einen tiefen @inbrudf. (äöär* 
nid§t ba§ Sluge fonnenl^aft, bie ©onne lönnt' e§ nie erblidfen.) 
3a aber, mirb man fagen, treten mir nid^t im Seben unenblid^ 
t)ielen 2)ingen entgegen, von benen mir un§ bisl^er nid^t ben 



40 Dntktn nnh KlDatjrnftfmung* 

leifcften Segriff gemad^t i)ahtn; unb bitbcn wir un§ bcnn nic^t 
an Drt xmb ©tcßc fogleid^ Segriffe von il^nen? ®anj n)oI>t. 
3tber ift benn bie Summe aÖer möglid^en Segriffe mit ber ©umme 
berer, bie id^ mir in meinem bisl^erigen Seben gebitbet l^abe, 
ibentifd^? ^\t mein SegriffSfpftem nid^t entroidflungäfäl^ig? Äann 
id^ im Slngefid^te einer mir unoerftänblid^en SBirflid^feit nid^t fo= 
gleid^ mein 2)enfen in SJBirffamfeit oerfc^en, auf bajs e§ tb^n 
anä) an Drt unb ©teile ben Segriff entroidfele, ben id^ einem 
©egenftanbe entgegen jul^alten l^abe? @§ ift für mid; nur bie 
^ä^igfeit erforberlid§, einen bestimmten Segriff au§ bem ^onbe 
ber ©ebanfenmelt l^erüorgel^en ju laffen. 5Rid§t barum l^anbelt e§ 
fid^, ba^ mir ein beftimmter Oebanle im Saufe meines Seben^ 
fd^on beroujst mar, fonbem barum, bajs er fid^ aus ber SJBelt ber 
mir erreid^baren ©ebanfen ableiten lä^t. . ®aö ift ja für feinen 
Snl^alt unmefentlid^, roo unb mann id^ il^n erfaffe. ^^ entnel^me 
ja atte Seftimmungen beS (SebanfenS au§ ber (Sebanfenroelt. Son 
bem ©inneSobjefte fliegt in biefen ^xa)alt ja bod^ nid^tg ein. 3^ 
erfenne in bem ©inneSobjeft ben Oebanfen, ben id^ an^ meinem 
Innern l^erauSgel^oIt, nur roieber. ^iefeS Dbjeft üeranla^t mid^ 
^mar in einem beftimmten 3(ugenblidfe gerabe biefen ©ebanfeninl^alt 
auö ber ©nl^eit aller möglid^en ©ebanfen l^erauSjutreiben, aber 
eg liefert mir feineSroegS bie Saufteine ju benfelben. ®ie mu^ 
id^ auö mir felbft ^erauöl^olen. 

2öenn mir unfer 3)enlen roirfen laffen, befommt bie 3öirf= 
lid^feit erft roal^rl^afte Seftimmungen. ©ie, bie oorl^er ftumm mar,, 
rebet eine beutlid^e ©prad^e. 

Unfer 2)en!en ift ber 35oImetfd§, ber bie ©ebärben 
ber ©rfa^rung beutet. 

5!Jlan ift fo gerool^nt, bie SBelt ber Segriffe für eine leere,, 
inl^altslofe anjufel^en, unb il^r bie SBal^rnel^mung al§ baö Si^^ItS^ 
t)otte, burd^ unb burd^ Seftimmte gegenüberjuftetten, ba^ e§ für 
ben maleren ©ad^üerl^alt fd^roer fein roirb, fi(| bie il^m gebül^renbe 
©tettung ju erringen. 3Ran überfielet oottftänbig, ba^ bie blo^e 
atnfd^auung ba§ Seerfte ift, ma§ fid^ nur beulen lä^t unb ba^ fie 
aßen S^mt erft auö bem 2)enfen erl^ätt. ^a§ einzige SBa^re 
an ber ©ad^e ift, ba^ fie ben immer flüffigen ©ebanfen in einer 
beftimmten gorm feft^It, ol^ne ba^ mir nötig l^aben, ju biefem 
?^eft^alten t^ätig mitjuroirfen. SBenn ber eine, ber ein reiches 
©eelenleben l^at, taufenb 2)inge fielet, bie für ben geiftig 2trmen 



.1 



Vrrftanb unb )Diernunft. 41 

eine ?lutt ftnb, fo bewetft ba§ fonnenflar, ba^ ber 3^1^ alt ber 1. 
aBirflid^fett nur ba§ ©piegelbilb beS S^^^lttlteä unfereS ©eifteg tft 7 
unb bo^ rotr t)on au^en nur bie leere ^orm empfangen, g^^eilid^ / 
muffen wir bie Äraft in unä l^aben, un§ als bie @rjeuger biefe§ / 
Snl^alteä ju erfennen, fonft feigen mir eroig nur baö ©piegelbitb, j 
nie unferen (Seift, ber fid^ fpiegelt. 2lud^ ber fid^ in einem faftifd^en / 
©piegel fielet, mujs fid^ ja fetbft als 5ßerfönlid^!eit erfennen, um I 
fid^ im Silbe roieber ju erfennen. 

SlUe ©innenroal^rnel^mung löft fid^, roaä baö SJBefen betrifft, 
jule^t in ibeellen S^^^alt auf. ®ann erft erfd^eint fie un§ afe 
burd^fid^tig unb flar. ®ie Söiffenfd^aften finb üielfad^ t)on bem 
Serou^tfein biefer SESal^rl^eit nid^t einmal berül^rt. Man l^ält bie 
(Sebanlenbeftimmung für 5D?er!male ber ©egenftänbe, roie garbe, 
®erud§ jc. ©o glaubt man, bie SSeftimmung fei eine ®igenfd^aft 
aller Äörper, ba^ fte in bem 3uftanbe ber Seroegung ober Slu^e, 
in bem fie fid^ befinben, fo lange oerl^arren, bis ein äußerer Gins 
flujs benfelben änbert. ^n biefer ^orm figuriert ba§ ®efe| oom 
Sel^arrungöoermögen in ber 5Raturlel^re. 2)er roal^re 2^f)atbeftanb 
ift aber ein gang anberer. '^n meinem Segriffsfpftem befte^t ber 
©ebanle Äörper in oielen 5!Jlobififationen. 35ie eine ift ber ®e= 
banfe eines ®ingeS, baS fid^ auS fid^ felbft l^erauS in SRu^e ober 
Seroegung fe^en fann, eine anbere ber 93egriff eines Körpers, 
ber nur infolge äujseren @influffeS feinen 3wfi^^^i> üeränbert. 
Se^tere Körper bejeid^ne id^ als unorganifd^e. Stritt mir bann 
ein beftimmter Äörper entgegen, ber mir in ber SBal^mefimung 
meine obige 93egriffSbeftimmung roieberfpiegelt, fo bejeid^ne id^ \\)n 
als unorganifd^ unb oerbinbe mit il^m atte Scftimmungen, bie 
aus bem Segriffe beS unorganifd^en Körpers folgen. 

®ie Übergeugung foHte alle SESiffenfd^aften burd^bringen, bajs 
il^r S^^alt lebiglid^ ®eban!eninf)alt ift unb bo^ fie mit ber J Bife- 
net)mung i n feiner anber en Serbinbuna fte^en, als bafe fie im 
ShSa5meI)mung~So6]efte eine befonbere ^orm beS SegriffeS feigen. 



•..«■dka.. -^nm 



12* Dfrpanl» unb Vernunft* 

Unfer 2)enfen f)at eine jroeifad^e Slufgabe ju oottbringen: 

erftenS, Segriffe mit fd^arf umriffenen ßontouren ju fd^affen; 

jroeitenS, bie fo gefd^a^enen Ginjelbegriffe ju einem einfieitlid^en 



42 lOw^anb uttb iOernunft. 

®anjen jufammensufaffen. Qm erften ^aUc l^anbelt e§ fid^ um 
bie untcrfd^eibcnbc 2^1^ättg!ett, im jroeiten um bte üerbinbenbe. 
2)tefc beiben geiftigen 2^cnbcnäen erfreuen fid^ in ben 3öiffcn= 
fd^aften feineäroegö ber gleid^en Pflege. 2)et ©d^arffinn, ber biö 
ju ben geringften Äleinigfeiten in feinen Unterf^etbungen l^erab= 
gel^t, ift einer bebeutenb größeren S^^ t)on SJlenfd^en gegeben als 
bie jufammenfaffenbe Äraft be§ 3)enlen§, bie in bie 2^iefe ber 
SBefen bringt. 

Sänge Qzxt i)at man bie 2tufgabe ber SSiffenfd^aft überl^aupt 
nur in einer genauen Unterfd^eibung ber SDinge gefud^t. 2öir 
braud^en nur beö 3wftanbe§ ju gebenlen, in bem ®ozÜ)t bie 
5Raturgefd^id^te üorfanb. ®urd^ Sinn6 mar e§ xi)x jum '^i>^aU 
geworben, genau bie Unterfd^iebe ber einjelnen ^ffanjeninbioibuen 
5U fud^en, um fo bie geringfügigften 5!JlerfmaIe benu^en gu lönnen, 
neue 2lrten unb Unterarten aufsuftellen. ^xozi 2^ier= ober 5PfIanjen= 
fpecteä, bie fid^ nur in l^öd^ft unroefentlid^en 2)ingen unterfd^eiben, 
mürben fogleid^ oerfd^iebenen Slrten jugered^net. ^anb man an 
irgenb einem Sebemefen, ba§ man bigf)er irgenb einer 2lrt ju^ 
gered^net, eine unernjartete Slbroeid^ung oon bem roittfürlid^ auf= 
gefteßten Slrtd^aratter, fo badete man nid^t na^: roie fid^ eine 
l-^ foid^e 3lbroeid^ung au§^ biefem 6f)aralter felbft erllären laffe, fon= 
^^ bem man ftetite einfad^ eine neue 2lrt auf. 
j 3)iefe Unterfd^eibung ift bie Qaci)^ beö 3Serftanbeg. ®r f)at 

nur JU trennen unb bie Segriffe in ber SCrennung feftäul^alten. 
®r ift eine notmenbige SSorftufe jeber l)öl^eren 3Q3iffenf(^aft(id^!eit. 
3Sor allem bebarf e§ ja f^ftbeftimmter, flar umriffener Segriffe, 
ef)e mir nad^ einer Harmonie berfelben fud^en fönnen. 2(ber mir 
bürfen bei ber 2^rennung nid^t ftel^en bleiben, ^ür ben 3Serftanb 
finb 3)inge getrennt, bie in einer l^armonifd^en @inl^eit ju feigen, 
1 ein mefentKd^eö 95ebürfni§ ber 5!Jlenfd^f)eit ift. ^ür ben j8er[tanb 
Uinb getrennt: Urfad^e u nb SBi rfung^ 5!Jled^amSmu^ "unb Drgam§= 
0^ ; mu§7 ^^mptTlim TIITofmen btolett^ iÖ^l jinb^ 2BirIItd|fett7^eift 
■: unb 9^atur" u.'fT TP.' üTl. m 2lSe biefe Unterfd^eibungen finl) burd§ 
i ben^iPefftanF ^erlbetgeful^rt. ©ie muffen l^erbeigefül^rt werben, 
meil nn^ fonft bie Sffielt als ein oerfd^mommeneö, bunfleg 6l^ao§ 
erfd^iene, baö nur be§f)alb eine ®inl^eit bilbete, roeil eS für unä 
oöIHg unbeftimmt märe. 

2)er Serftanb felbft ift nid^t in ber Sage, über biefe SCrennung 
l^inauSjulommen. @r l^ält bie getrennten ©lieber feft. 



'P 






%)£rßanb unh Vfcnunft. 43 

3)icfeä §tnau§Iommcn tft ©od^e ber 3Semunft. ©ie i)ai bie 
t)om 3Serftanbe gefd^affencn Scgriffc in cinonber übcrgel^cn ju 
laffcn. Sic \)at ju geigen, bajs baä, roaä ber 3Serftanb in ftrenger 
2:^rennung feft^ält, cigentUd^ eine innerlid^e ®inl^eit ift. ®ie S^ren-- 
nung ift etroaS fünftlid^ §erbeigefül)rte§, ein notroenbiger ©urd^- 
gangäpunft für unfer @r!ennen, nid^t beffen Slbfd^Iu^. SIBer bie 
SBirllid^feit blo^ üerftanbeömä^ig erfaßt, entfernt fid^ üon ifyc. 
6r fe^t an il^re ©teße, ba fie in 2ßaf)r^eit eine ßinl^eit 
ift, eine lünftlid^e 3SieI^eit, eine 3Jlanmgfafttgfeit, bie mit bem 
SBefen ber aBirfiid^Ieit nid^tä gu t^un ^t. 

Salier rül^rt ber 3w>i^fpölt, in ben bie üerftanbeömä^ig be= 
triebene äßiffenfd^aft mit bem menfd^Iid^en bergen lommt. SSiele 
5!Jlenfd^en, beren 2)enfen nid^t fo auSgebilbet ift, bajs fie eS biö 
5U einer ein^eitlid^en SESeltanfid^t bringen, bie fie in üotter begriff= 
lid^er ÄIarf)eit erf äffen, finb aber fel^r rool^I imftanbe, bie innere 
Harmonie beS 2BeItganjen mit bem ®efüf)Ie ju burd^bringen. 
^\)nm gibt baS §erj, maS bem roiffenfd^aftlid^ ©ebilbeten bie 
SSernunft bietet. 

SCritt an fold^e SWenfd^en bie SSerftanbeSanfid^t ber SBelt 
l^eran, fo meifen fie mit 3Serad§tung bie unenblid^e 3SieIl^eit jurüdf 
unb l^alten fid§ an bie ®inl^eit, bie fie moi^t nid^t erlennen, aber 
mel^r ober minber lebl^aft empfinben. Sie feigen fcl^r mol)!^ bajs 
ber SSerftanb ftd§ oon ber 5Ratur entfernt, bajs er ba§ geiftige 
S3anb auö bem äfuge verliert, baä bie Steile ber SBirflid^feit t)er= 
binbet. 

2)i02^33^Ülfl3}5^*^,..^^ 2)ie 

®inf)eitlid§f eit attegSetriö7'T)ie früher g e f ü15 ^^ ober gar nur 
bunM geal^nt mürbe, wirb oon ber SSernunft ooßfommen burd^= 
fd^aut. 2)ie SSerftanbeSanfid^t mn^ burd^ bie 3Semunftanftd^t üer^ 
tieft merben. äöirb bie erfte ftatt für einen notroenbigen 2)urd^= 
gangäpunft für Sefbftäroedf angefel^en, bann liefert fie nid^t bie 
äöirflid^Ieit, fonbern ein ^^'^^'^i^tb berfelben. 

@§ mad^t biömeilen Sd^roierigfeiten, bie burd^ ben 3Serftanb 
gefd^affenen ©ebanlen ju Derbinben. ®ie ©efd^id^te ber 3öiffen= 
fc^aften liefert un§ üielfad^e Seroeife bafür. Dft feigen mir ben 
SKenfd^engeift ringen, üon bem SSerftanbe gefd^affene S^ifferengen 
ju überbrüdfen. 

3n ber SSernunftdnfid^t üon ber SBelt gef)t ber SKenfd^ in 
ber le^teren in ungetrennter ßtnl^eit auf. 



44 lOer^anb unb Vernunft. 

^ant l^at auf ben Unterfd^ieb von SSerftanb unb Vernunft 
bereits (jingeroiefen. @r beäeid^net bie SSernunft als baS 3Ser= 
mögen, Sbeen roal^rjunel^men; wogegen ber SSerftanb barauf be= 
fd^ränft ift, blo^ bie 3BeIt in i^rer ©etrenntl^eit, 2?eteinje(ung ju 
fd^auen. 

3)ie 3Sernunft ift nun in ber %\)at ba§ 3Semtögen, ^izen 
roa^rgune^men. 9Bir muffen f)ier ben Unterfd^ieb jmifd^en Segriff 
uttb ^jbee feftfteßen, ben mir bi§f)er au^er ad^t gelaffen ^aben. 
^ür unfere bigl^erigen S^tiz tarn e§ nur barauf an, jene Quali= 
täten beS ©ebanfenmä^igen, bie fid^ in 93egriff unb '^iet barleben, 
JU finben. Segriff ift ber ®injelgebanfe, mie er t)om Serftanbe* 
feftgef)alten mirb. Sringe id^ eine 5!Jlel^rl)eit von fold^en Ringels 
gebauten in lebenbigen ^JIu^, fo ba^ fie in einanber übergef)en, 
fid^ üerbinben, fo entftel^en gebanfenmäj^ige ©ebilbe, bie nur für 
bie Vernunft ba finb, bie ber Serftanb nid^t erreid^en fann. ^ür 
bie Vernunft geben bie ©efd^öpfe be§ SSerftanbeS if)re gefonberten 
©jiftenjen auf unb leben nur mel^r aU ein 2^eil einer SCotalität 
meiter. ®iefe oon ber Vernunft gefd^affenen ©ebilbe fotten S^^^n 
l^ei^en. 

2)a^ bie ^itz eine SSiel^eit oon SSerftanbeSbegriffen auf eine 
@inf)eit jurüdffül^rt, ba§ f)at aud^ fd^on ^ant auSgefprod^en. @r 
l^at jebod^ bie ©ebilbe, bie burd^ bie Vernunft jur ©rfd^einung' 
fommen, als btojse SCrugbifber l^ingeftettt, als ^ttufionen, bie fid^ 
ber 5Renfd§engeift emig Dorfpiegelt, meil er eroig nad^ einer ©in^ 
^eit ber (lrfal)rung ftrebt, bie i^m nirgenbS gegeben ift. ^ie 
®inf)eiten, bie in ben ^been gefd^affen merben, berufen nad!^ Äant 
nid^t auf objeftioen SSerl^ältniffen, fie fliegen nid^t au§ ber Sad^e 
felbft, fonbem finb blo^ fubjeftioe 9?ormen, na^ benen mir Drb= 
nung in unfer SESiffen bringen. Äant bejeid^net bal^er bie '^'t>tzn 
nid^t alä fonftitutioe ^rincipien, bie für bie Sad^e ma^gebenb fein 
müßten, fonbem alg regulatiüe, bie allein für bie Spftematif 
unfereS SIBiffenS (Sinn unb Sebeutung t)aben. 

©ief)t man aber auf bie 2lrt, mie bie ^been juftanbe fommen, 
fo erroeift fid^ biefe Slnfid^t fogleid^ alö irrtümlid^. @S ift gmar 
rid^tig, ba^ bie f üb jeftioe SSernunft*) ba§ SebürfniS nad^ ©in^eit 
l^at. 2tber biefeS SebürfniS ift o^ne allen ^nl^alt, ein leeres 6in= 
^eitSbe ftr eben. 2^ritt i^m etroaS entgegen, baS abfolut jeber ein? 

*) 2tlä mcnfc^Iid^cä (ScifteSocrmögen aufflcfo^t. 



r 



iOerßanb nxih iOiernunft. 45 

Iieitlid^en 9iatur entbel^rt, fo tann e§ biefe @inf)cit nid^t [elbft auö 
fid^ l^erauö erjcugen. Stritt if)m f)tngcgen eine 3Stel^eit tni^t^tn, 
bie ein 3wt:üdEfüf)ren auf eine innere Harmonie geftattet, bann 
vollbringt fie ba§[elbe. ©ine fold^e 3SieIf)eit ift bie com 3Serftanbe 
gefd^affene Segrifföroelt. 

^]e_gtonunft fe^t ntc^t etn^ b^fttt|t mte @inbeit poraug . ; 
fonbern bie leere y^orm ber ©in^eitl id^feit fie ift baä 3Sermögen, \ 
"^e Harmonie an baö SCageölid^t ju jief)en, wenn fie im Dbjefte \ 
felbft liegt. 2)ie Segriffe fe^en fid^ in ber SSernunft felbft ju . 
3been äufammen. 3)ie SSernunft bringt bie l^öf)ere ©in- I 
l^eit ber 3Serftanbeöbegriffe junt SSorfd^ein, bie ber SSer^ / 
ftanb in feinen ©ebilben jroar l^at, aber nid^t ju feigen 
vermag. 2)aj5 bie§ überfeinen wirb, ift ber ©runb meter 5!Jli^= 
üerftänbniffe über bie Slnroenbung ber Vernunft in ben 355iffen= ) 
fd^aften. ' 

^n geringem Orabe \)at jebe SBiffenfd^aft fd^on in ben 2tns 
fangen, ja baS atltäglid^e 3)enfen fd^on SSernunft nötig. SBenn 
mir in bem Urteile: jeber Äörper ift fd^roer, ben ©ubjeftöbegriff 
mit bem 5ßräbifatäbegriff üerbinben, fo liegt barinnen fd^on eine 
Bereinigung t)on jroei Gegriffen, alfo bie einfad^fte ^^l^ätigfeit ber 
SSernunft. 

2)ie ©tnl^eit, meldte bie SSernunft ju ifirem ©egenftanbe 
mad^t, ift üor allem 3)enfen, t)or altem SSemunftgebraud^e gemi^; j 
nur ift fie »erborgen, ift nur ber 5!Jlöglid^feit nad^ t)orf)anben, i 
nid^t als faftifd^e Srfd^einung. SDann fül)r't ber SUlenfd^engeift bie 
2^rennung l^erbei, um im vernunftgemäßen SSereinigen ber getrennten 
©lieber bie SBirflid^feit oollftänbig ju burd^fd^auen. 

SBer ba§ nid^t üorauöfe^t, muß entroeber alle ©ebanfenoer- 
binbung al§ eine SBillfür be§ fubjeftioen ©eifteä anfeilen ober er 
muß annef)men, baß bie ©inl^eit l^inter ber von un§ erlebten Söelt 
ftel^e unb un§ auf eine unä unbefannte SBeife jminge, bie 5Rannig= 
faltigleit au£ eine ©inl^eit äurüdfjufül^ren. i)anr\ verbinben mir 
©ebanfen ol^ne ©infid^t in bie maleren ©rünbe beö 3itf^"^"^^*^= 
l^angeö, ben mir lierftellen; bani3,.jg^ie_2Ba^eit nid|t_oon unä 
erf annt, . fonbern ung^oon außen^oufg^jüAngt. SlHe 3Siff enf $af t, 
meldte oon biefer SSorauöfe^ung ausgebt, möd^ten mir eine bog^ 
matifd^e nennen. 2Bir merben nod^ barauf gurüdff ommen. . 

^ebe fold^e miffenfd^aftlid^e Slnfid^t roirb auf ©d^mierigfeiten 
ftoßen, menn fie ©rünbe angeben folt, roarum mir biefe ober jene 



f 



46 iOtrßatib unb iDtrmmft. 

®ebanfcnt)erbtnbung t)oßjtcf)en. ©ie l^at fid^ nämlid^ nadS) fubjefc 
tiocn ©rünben ber Swf^^w'^^i^WWi^Ö ^^n Db\zttm umjufel^en, 
bcrcn objcfttocr S^f^^'^^^^'^^^^Ö ^^^ verborgen bleibt. 2öarum 
üpßjtcl^e id^ ein Urteil, roenn bie ©ad^e, bie bie 3ufammengel^örig= 
feit oon ©ubjelt^ unb 5ßräbi!atbegriff forbert, mit bem %äUtn 
beSfelben nid^ts ju tl^un l^at? 

Äant I^Qt biefe ^rage jum Sluäganggpunite feiner fritifd^en 
2trbeiten gemad^t. SBir finben am 2lnfange feiner ^ritil ber reinen 
SSemunft bie S^age: mie finb fpntl^etifd^e Urteile a priori möglid^? 
b. i). mie ift e§ möglid^, bajs id^ jmei Segriffe (Subjeft, ^räbilat) 
üerbinbe, menn ni(|t ber S^^^Ü i^^^ ^^'^^^ f^^n in bem anbem 
entl^alten ift unb menn ba§ Urteil fein bfojseg @rfal^rungSurtei( 
b. i. baö ^eftfteßen einer einzigen %\)at\aä)e ifi? Äant meint, 
fold^e Urteile feien nur bann mögfid^, wenn @rfal^rung nur unter 
ber 2?oraugfe^ung il^rer Oültigfeit beftel^en fann. ®ie 3JlögIid^feit 
ber ®rfal^rung ift alfo für un^ ma^gebenb, um ein fold^eö Urteil 
ju üottjiel^en. SBenn x6) mir fagen fann: nur bann, menn biefeS 
ober jenes fpntl^etifd^e Urteil a priori malir ift, ift ßrfal^rung 
möglid^, bann l^at eö ©ültigfeit. 2luf bie ^been felbft aber ift 
ba§ nid^t anjuroenben. ®iefe l^aben nad^ Kant nid^t einmal biefen 
®rab von Dbjeftimtät. 

^ant finbet, ba^ bie ©ä^e ber 5!Jlat]^ematif unb ber reinen 
5Ratum)iffenfd^aft fold^e gültige f^ntl^etifd^e ©ä|e a priori .finb. 
@r nimmt ba j. 33. ben ©a| 7 + 5 = 12. ^n 7 unb 5 ift 
bie ©umme 12 feineSroegö enthalten, fo fd^Iie^t ^ant ^ä) mn^ 
über 7 unb 5 l^inauSgel^en unb an meine 2tnfd^auung appellieren, 
bann finbe xä) ben SSegriff 12. 5!Jleine 2lnfd^auung mad^t e§ not^ 
menbig, bajs 7 + 5 = 12 üorgeftellt roirb. 5!Jleine 6rfaf)rung§= 
objefte muffen aber burd^ baö 5!Jlebium meiner Slnfd^auung an 
mid^ l^erantreten, fid^ alfo beren ©efe^en fügen. SIBenn ®rfa^rung 
möglid^ fein foll, muffen fold^e ©ä|e rid^tig fein. 

55or einer objeftioen ®rn)ägung f)ält biefe§ ganje fünftlid^e 
©ebanfengebäube ^antS nid^t ©tanb. 6§ ift unmöglid^, bajs id^ 
im ©ubjeftbegriffe gar feinen Slnl^altöpunft l^abe, ber mid^ jum 
^räbifatbegriffe fül^rt. ®enn beibe Segriffe finb oon meinem 
SSerftanbe gewonnen unb baö an einer ©ad^e, bie in fid^ einlieitlid^ 
ift. 5!Jlan täufd^e fid^ l^ier nid^t. ®ie mat^ematifd^e ©inl^eit, 
roeld^e ber S^^ ju ©runbe liegt, ift nid^t ba§ @rfte. 2)aS @rfte 
ift bie ©rö^e, meldte eine fo unb fo oftmalige SESieberl^olung ber 



y 



Das Oltkenncn. 



47 



©inl^eit tft. S^ tnujs eine ©röjse oorauöfc^cn, roenn id^ obn 
einer ®inl^eit fpred^e. ®ie ©inl^eit ift ein ©ebttbe unfereö 3Serftanbe§, 
baS er t)on einer 3^otaIität abtrennt, fo roie er bie SBirlung t)on 
ber Urfad^e, bie ©ubftanj von il^ren 5!Jlerf malen fd^eibet u. f. w. 
Snbem id^ nun 7 + ^ benfe, ^alte id^ in Söal^rl^eit 12 matl^e- 
matifd^e (Sinf)eiten im ©ebanfen feft, nur nid^t auf einmal, fonbem 
in jroei Steilen. ®enfe id^ bie ©efamtf)eit ber mat^ematifd^en 
®in|eiten auf einmal, fo ift baS gang biefelbe Bad!^^. Unb biefe 
^bentität fpred^e id^ in bem Urteile 7 + 5 = 12 auS. (Sbenfo 
ift eö mit bem geometrifd^en Seifpiele, ba§ Äant anfülirt. (Sine 
begrenjte ®erabe mit ben ©nbpuniten A unb B ift eine untrenn= 
bare ®in^eit. 5!Jlein SSerftanb fann fid^ jmei Segriffe baüon bifben. 
©inmal fann er bie ©erabe afe SRid^tung annel^men unb bann 
al§ 2Beg jroifd^en ben gmei ^Punften A unb B. SDarauS fliegt 
baö Urteil: ®ie ®erabe ift ber fürjefte aBeg jroifd^en groei 
fünften. 

2 ttteg Urteilen, infofem bie © lieber, bie in bag Urteil ein = 
(^ej&en, "^griffe finb^ ift nid&tg "metter oll'^etne Ui$tel)en)e3^gtmflung 



begen 7 mag ber 3Ser ft^n^ gptr<>imtjy[ai S )er j^ufammen^anc^ er 

T^n^ 



jbt ftd^ fofort, menn ma nauf ben ^ n^alt ber 3 3erganbe|be^ffe 
eingebt. — 



13. Das (Bxktnntn. 

2)ie SSirflid^feit ^at fid^ unö in jroei ©ebiete au§einanber= 
gelegt: in bie ©rfal^rung" unb in ba§ 3)enfen. 2)ie ®rfal^rung 
fommt in jroeifad^er §inftd^t in Setrad^t. Srftenö infofeme, a(§ 
bie gefamte SBirflid^feit au^er bem 2)enfen eine ®rfd^einunggform 
f)at, bie in ber @rfal^rung§form auftreten mu^. 3it)eitenS infoferne, 
aU e§ in ber 9tatur unfereö ©eifteö liegt, beffen SIBefen ja in 
ber 93etrad§tung beftel^t (alfo in einer nad^ aujsen gerid^teten 
2^f)ätigfeit), bajs bie ju beobad^tenben ©egenftänbe in fein ©efid^tö= 
felb einrüdfen, b. 1^. mieber il^m erfal^rungSmäjsig gegeben merben. 
63 fann nun fein, bajs biefe ^orm be§ ©egebenen ba§ SBefen 
ber Ba(3^^ nid^t in fid^ fd^Iie^t, bann forbert bie ©ad^e felbft, ba^ 
fie juerft in ber SBa^rnel^mung (ßrfa^rung) erfd^eine, um fpäter 
einer über bie 3Sal)rnel^mung f)inauggef)enben 3:f)ätigleit unfere§ 
©eifteä ba§ SBefen gu geigen. ®ine anbere 9Jlög(id^feit ift bie, 
ba^ in bem unmittelbar ©egebenen fd^on ba^ SBefen liege unb 



r> 




48 ^ae Qfrkennfn. 

ba^ e§ nur bem groetten Umftanbe, bo^ unferem (Seifte atleS afö 
(Srfal^rung t)or 2lugen treten mu^, gu^ufd^reiben tft, wenn voix 
biefeS SBefen ntt§t fogletd^ geroafir werben. 2)aö le^tere tft Beim 
2)en!en, ba§ erftere bei ber übrigen SBirllid^Ieit ber %aü. 93eim 
2)en!en ift nur erforberlid^, ba^ roir unfere fubjeftioe Sefangenl^eit 
überroinben, um eö in feinem Äeme ju begreifen. SBaS bei ber 
übrigen SBirflid^feit in ber objeftioen SIBal^mel^mung fad^Iid^ be= 
grünbet liegt, ba^ bie unmittelbare ^orm beö 2tuf tretend über- 
munben merben mu^, um fie ju erflären, ba§ liegt beim ®enfen 
nur in einer ©gentümlid^feit unfereö ®eifte§. ®ort ift eö bie 
®a<!S)z felbft, meldte fid§ bie ©rfal^rungöform gibt, l^ier ift e§ bie 
Drganifation unfereö ©eifteö. ©ort l^aben mir nod^ nid^t bie ganje 
©ad^e, menn mir bie ®rfal^rung auffaffen, l^ier l^aben mir fie. 

darinnen liegt ber 3)uati§muö begrünbet, ben bie SBiffen= 
fd^aft, ba§ benfenbe ßrfennen, ju überroinben f)at 2)er 9Kenfd^ 
finbet fid^ jroei SIBelten gegenüber, beren 3ufammenf)ang er l)er.' 
jufteßen \)at. 3)ie eine ift bie ©rfal^rung, t)on ber er mei^, bajs 
fie nur bie §älfte ber SBirHid^feit entl^ält; bie anbere ift baä 
2)enfen, ba§ in fid^ üottenbet ift, in ba§ jene äußere ®rfal^rungg= 
mirftid^feit einfließen muß, menn eine befriebigenbe SJBeltanfid^t 
re[ultieren fott. 

SBenn bie SJBelt bloß von Sinnenroefen berool^nt märe, fo 

bliebe if)r SBefen (i^r ibeetter 3nf)alt) ftetS im SSerborgenen; bie 

©efe^e mürben jroar bie SBeltprogeffe bel^errfd^en, aber fie fämen 

nid^t jur ©rfd^einung. ©oll baö te^tere fein, fo muß jroif d^en 

1 ©rfd^einunggform unb ®efe^ ein SBefen treten, bem fomol^l Organe 

, gegeben finb, inxä) bie e§ jene finnenfättige, t)on ben ©efe^en 

abi^ängige SBirflid^feitäform mal^rnimmt, alö andl^ ba§ 3Sermögen, 

. bie ©efe^lid^feit felbft mal^rgunel^men. SSon ber einen Seite muß 

an ein fold^eö Söefen bie Sinnenroelt, üon ber anbern baö ibeeUe 

2öefen berfelben l^erantreten unb e§ muß in eigener 2^l^ätigfeit 

biefe beiben SBirftid^feitöfaftoren Derbinben. 

§ier fie|[t. man mol^I gang flar, baß fid^ unfer ©eift 3U ber 
SbeenmeFf ni^t tme^ein Sel^älter .5er5.ä{t, ber bie ©ebanfen in 
fid^^'ifnl^ölir lonSefn mie ^\n Organ, ba§ biefelben roal^rnimmt. 
^^ — @r ift gerabe fo Organ be§ Stuffaffenö mie 3luge unb Of)r. 
2)er ©ebanle üerl^ält fid^ ju unferem ©eifte nid^t anberS mie ba§ 
Sid^t gum 2luge, ber 2^on jum O^r. @g fällt gemiß niemanbem 
ein, bie ^arbe mie etmaS anjufel^en, baö fid^ bem 2luge aU Slei^ 



Das QBrkennen* 



49 



bcnbcä einprägt, baö gleid^fatn l^aften bleibt an betnfelben. Seim 
©eifte ift biefe Slnftd^t fogar bie Dorl^errfd^enbe. ^m Serou^tfein 
foH fid§ t)on jebem 2)inge ein ®eban!e bilben, ber bann in bents 
felben »erbleibt, um auä bemfelben je nadS) Sebarf f)ert)orgel^oIt 
ju werben. 3)lan l^at barauf eine eigene ^El^eorie, gegrünbet, alä 
m^nn bie ©cbanfen, beren wir unö im 3Romente nid^t bewußt 
finb, jroar in unferem ©eifte aufberoal^rt feien; nur liegen fte 
unter ber ©d^roeffe beS 93enju^tfein§. 

3)iefe a benteuertid&en Stnfid^ ten jerflie^en fofort in nid^tS, 
wenn man bebenftTböfTtr'^beenmelt bod^ eine auä fid^ l)erauS 

beftimmte ift. SBoäiJ^at^ler burd^LM f^i^^^^ 

mit__\rfr S^Tpf^^it Wr f?^PTVM j^tfpjnf jij„ t]^^ SRa n mirb bodb nid^t 

annel ^men, ba|; jr ^Jjj&Ja Jjd&gfiiQ»n fo b?ftimmt^ böfe, 

itfii!T^_b?J ciM. -^dön.^tilt von bem anb^.rn..uhaVfengig^^^i^^^ 2)ie 



Jad^e liegt ja ganj flar. 3)er ©eban!eninf)alt ift ein fold^er, ba^/ 
nur überhaupt ein geiftigeä Drgan notroenbig ift gu feiner 6r^' 
fd^einung, ba^ aber bie ^a^ ber mit biefem Drgane begabt« 
SBefen gleid^gültig ift. 6§ fönnen alfo unbeftimmt t)iele geift 
begabte S^^i^ioibuen bem einen ©ebanfeninl^alte gegenüberftel)en]l 
2)er ©eift nimmt alfo ben ®ebanfengef)alt ber SBelt mal^r, mie) 
ein Sluffaffungöorgan. ®ö gibt nur einen ©ebanfeninl^alt b( 
Sßelt. Unfer S Serou^tf^ in ift nid^t bie fjäl^igfeit, ©ebanfen ju er? 
geugen unb aufjubewal^ren, mie man fo üielfad^ glaubt, fonbern 
bie ©ebanfen (^been) wal^räunel^men. ©oetl^e \)at bieä fo t)ortreff= 
lid^ mit ben 9Borten auögebrüdft: „2)ie Sbee ift eroig unb einjig; 
bajs mir ancl^ ben 5ptural braud^en, ift nid^t rool^lgetl^an. 2tÖeS, 
roaä roir geroal^r roerben unb roooon roir reben fönnen, finb nur 
SKanifeftationen ber Sibee; Segriffe fpred^en roir auö, unb infofeme 
ift bie 3ibee felbft ein Segriff." 

Sürger jroeier SBelten, ber Sinnen^ unb ber ©ebanfenroett, 
bie eine von unten an il^n f)eranbringenb, bie anbere von oben 
leud^tenb, bemäd^tigt fid^ ber 3Kenfd^ ber SESiffenfd^aft, bie er beibe 
in eine ungetrennte (Sinl^eit oerbinbet. SSon ber einen ©eite roinft 
un§ bie äußere §orm, oon ber anbern ba§ innere äöefen, roir 
muffen beibe oereinigen. ®amit l^at fid§ unfere ®rfenntniätf)eorie 
über jenen ©tanbpunft erl^oben, ben ä^nlid^e Unterfud^ungen ju= 
meift einnel^men unb ber nid^t über g^ormatitäten l^inauöfommt. 
3)a fagt man: „3)ag ®rf ennen fei Bearbeitung ber ®rfal^rung, 
ol^ne ju beftimmen, roaö in bie festere l)ineingearbeitet roirb; man 

©teilt er, erfenntnlStl^eoric. 4 






I 



60 Das (Sxktnnen* 

bcfttmmt: im (Srfennen flicke bic 3Bal^mcl^mung in ba§ 2)cnfcn 
ein ober ba§ ®enfen bringe üermöge eineö inneren 3ro<^W8^^ ^^" 
ber ©rfal^rung ju bem l^inter berfelben ftel^enben 9Befen t)or." 
SDaS finb aber lauter blo^e Formalitäten Sine 6rfenntniön)iffen= 
fd^aft, meldte ba§ 6rf ennen in feiner meltbebeutfamen Slotte er= 
f äffen roiff, mujs: erftenS ben ibealen 3w)ßdf beöfelben angeben. 
®r beftef)t barinnen, ber unabgefd^loffenen ®rfal^rung burd^ ba§ 
ßntl^ütten il^reö ÄerneS il^ren Slbfd^Iu^ ju geben, ©ie mu^, 
jmeitenS, beftimmen, maö biefer Äem, inl^altlid^ genommen, ift? 
@r ift ©ebanfe, ^"o^^. ßnblid^ brittenä mu| fie jeigen, mie biefe§ 
ßnt^üHen gefd^ie^t? Unfer Kapitel: 2)en!en unb 2Bal)rnel^mung 
gibt barüber 2luffd^tuj5. Unfere Grfenntniötl^eorie fül^rt ju bem 
pofitioen ©rgebniö, ba| ba§ 2)enfen baS SBefen ber SBelt ift unb 
I ba^ ba§ inbioibuetle menfd^Iid^e ®enlen bie einzelne @rfd^einung§= 
form biefeö SJBefenä ift. ©ine blo^e formale (Srfenntniämiffenfd^aft 
!ann baö nid^t, fie bleibt eroig unfrud^tbar. ©ie l^at leine 2tns 
fid^t barüber, meldte SSejie^ung ba§, roaö bie 3Biffenfd^aft geroinnt, 
jum SJBeltroefen unb SBeftgetriebe l^at. Unb bod^ mujs fid^ ja 
gerabe in ber ßrlenntniät^eorie biefe Sejiel|ung ergeben. Sie 



mujs unö bod^ jeigen, rool^in roir burd^ unfer ©riennen lommen, 
' roof)in uns bie äöiffenfd^aft füf)rt. 

2luf feinem anberen alö auf bem SESege ber (Srlenntniötl^eorie 
fommt man ju ber 2tnfid^t, ba^ ba§ 3)enlen ber Äem ber 2öe(t 
ift. ^znn fie jeigt nn^ ben 3iif<J'^wten^ang beö 2)enfenS mi't 
ber übrigen SBirllid^feit. SESorauS foßten roir aber.oom 2)enfen 
geroaf)r roerben, in roeld^er Sejiel^ung eö jur ©rfal^rung ftel^t, alö 
auö ber äöiffenfd^aft, bie fid^ biefe 93e§iel^ung ju unterfud^en 
bireft jum äi^I^ f^^t? Unb roeiter, roo^er foßten roir oon einem 
geiftigen ober finnlid^en SBefen roiffen, ba^ e§ bie Urfraft ber 
SQSelt ift, roenn roir feine Sejiel^ung jur 9Bir!Iid^feit nid^t unter= 
fud^ten? §anbelt eö fid^ alfo irgenbroo barum, baö SESefen einer 
©ad^e JU finben, fo beftel^t biefeS 3luffinben immer in bem 3urüdf= 
gelten auf ben ^beenge^alt ber SBeU. S)aä ®ebiet biefeS (Se^alteä 
barf nid^t überfd^ritten roerben, roenn man innerl^alb ber flaren 
Seftimmungen bleiben roiff, rotnn man nid^t im Unbeftimmten 
l)erumtappen roiß. ^a§ 2)enfen ift eine S^otalität in fid^, ba§ 
fid^ fetbft genug ift, ba§ fid^ nid^t überfd^reiten barf ol^ne in§ 
Seere §u fommen. SKit anbern 3Borten: eö barf nid^t, um irgenb 
droa^ JU erflären, ju SDingen feine 3^^^^^^ nel^men, bie e§ nid^t 






Das drhentun. 51 

in ftd^ felbft fin bet^^ ®in ®tng, bag nid^t mit bcm teufen ju 
viffffp(Xfit\mm ein Unbing. Sllfeö gc^t jule^t im 2)enfett 

auf, atteä finbet innerhalb beöfelben feine ©teile. 

3« 33ejug auf unfer inbimbuetteS 93en)u^tfein auägebrürft, 
l^ei^t baS: SBir müjfen Behufs roiffenfd^aftlid^er ^eftftettungen ftreng 
innerhalb beä nn^ im SSemu^tfein (Segebenen fte^en bleiben, mir 
fönnen bieS nid^t überfd^reiten. 2Benn man nun mol^I einfielet, 
ba^ mir unfer 33emu^tfein nid§t überfpringen lönnen, ol^ne in§ 
SBefenlofe ju lommen, nid^t aber jugleid^, ba^ baä SBefen ber 
2)inge innerl^alb unfereö 33emu^tfein§ in ber ^beenmal^mel^mung 
anzutreffen ift, fo entftel^en jene 3^^*"^^^/ We t)on einer ©renje 
unferer @r!enntnig fpred&en. i^önnen mir über baä Semu^tfein 
hid^t l^inauS unb ift ba§ SBefen ber SBirllid^feit nid§t innerl^alb 
beöfelben, bann lönnen mir jum SBefen überl^aupt nid^t vorbringen. 
Unfer 35enfen ift an baä S)ieöfeitä gebunben unb mei^ nid^tä 
t)om 3ienfeitS. 

Unferer 2lnfid§t gegenüber ift biefe 3)leinung nid^tg als ein 
fid^ felbft mi^üerfte^enbeä 35enfen. ^ine ©rienntniägrenje märe , i 
nur möglid^, menn un§ bie äußere ©rfal^rung an fid^ felbft bie { ! 
©rforfd^ung il^reg SBefenS aufbrängte, menn fie bie fragen be= | 
ftimmte, bie in 2lnfel^ung il^rer ju ftetten finb. S)aS ift aber j ; 
nid^t ber %aU. S)em ^enfen entfte^t baä 33ebürfni§, ber (^x- |; 
fal^rung, bie e§ gemal^r mirb, il^r SBefen entgegen jul^alten. ®aS ^^ 
2)enfen fann bod^ nur bie ganj beftimmte S^enbenj ^abtn, bie 
i^m felbft eigene ©efe^Iid^feit aud^ in ber übrigen SBelt ju fe^en, 
nid^t aber irgenb etmaS, moüon eS felbft nid^t bie geringfte 
Äunbe l^at. 

@in anberer S^^um mu^ l^ier nod^ feine 33erid§tigung er» 
fal^ren. ®§ ift ber, alg ob baS Genien nid§t ^inreic^enb märe, 
bie SBelt ju fonftituieren, alä ob jum ©ebanfenin^alt nod^ zivoa^ 
(Äraft, Sffiitte tc.) I^injulommen muffe, um bie SBelt ju ermöglid^en. 

93ei genauer ©rmägung fie^t man aber fofort, ba^ fid^ aÜt 
foId§e ^altoren als nid^tä meiter ergeben, benn als Slbftraftionen 
aus ber SBa^me^mungömelt, bie felbft erft ber ©rllärung burd^ 
ba§ Genien l^arren. ^eber anbere Seftanbteil be§ SffieltmefenS 
als baS Genien mad^te fofort an^ eine anbere 3lrt t)on 2luf= 
faffung, t)on (Sriennen, nötig als bie gebanflid^e. SBir müßten 
jenen anberen 33eftanbteil anberS als burd^ baS S)enfen erreid^en. 
2)enn ®en!en liefert benn bod^ nur ©ebanfen. ©d^on baburd^ 



52 (Q^rutib bcr IHngc unb Grbninen. 

aber, ba^ man bcn Slnteil, ben jener jrocite 33eftanbteil am ^tlu 
getriebc l)ai, erflären rottt unb fid^ babci ber Segriffe bebient, 
miberfpri^t man fid^. 2lu^erbem aber ift un§ au^er ber Sinne§= 
wal^mel^mung unb bem 3)enlen fein 2)ritte§ gegeben. Unb wir 
fönnen feinen 3^eil tjon jener afö Äem ber SBelt gelten laffen, 
weif atte il^re ©lieber bei naiverer 33ctrad^tung geigen, ba^ fie als 
fofd^e i^r SBkfen nic^t entl^alten. 35aö le^tere fann ba^er einzig 
unb attein im 3)enfen gefud^t werben. 



14. Der (SrunH htx Mtu^t unH Hs (Erkennen. 

^ant \)at infofeme einen großen Sd^ritt in ber 5ßl^iIofop]^ie 
Dottbrad^t, afö er ben SKenfd^en auf fid^ felbft gemiefen f)at ©r 
foff bie ©rünbe ber ©emi^l^eit feiner Sel^auptungen auä bem fud^en, 
maS il^m in feinem geiftigen 3Sermögen gegeben ift unb nid^t in 
t)on au^en aufgebrängten 3Bal^rl^eiten. 2öiffenfd^aftlid^e Überzeugung 
nur burd^ fid^ felbft, baä ift bie Sofung ber Äantifd^en ^^ilofopl^ie. 
3)e§l^alb üorgüglid^ nannte er fie ^m fritifd^e im ©egenfa^e 
gur bogmatifd^en, meldte fertige Sel^auptungen überliefert erl^ält 
unb 3U fold^en nad^trägtid^ bie SSeroeife fud^t. S)amit ift ein 
©egenfa^ gmeier 9Biffenfd§aft§rid^tungen gegeben, er ift aber t)on 
Äant nid^t in jener ©d^ärfe gebadet morben, beren er fällig ift. 

^afjen mir einmal ftreng ins Stuge, mie eine Sel^auptung 
ber 2Biffenfd^aft guftanbe fommen fann. ©ie t)erbinbet jmei Singe: 
entmeber einen 33egriff mit einer SBal^mel^mung ober jroei begriffe. 
aSon le|terer 2lrt ift j. 33. bie 33e^auptung: ^eine 3Birfung o^ne 
Urfad^e. @S fönnen nun bie fad^lic^cn ©rünbe, marum bie beiben 
Segriffe jufammenflie^en, jenfeitS beffen liegen, maS f\e felbft ent= 
l^alten, mag mir bal^er and^ allein gegeben ift. ^d^ mag bann 
nod^ immerl^in irgenb meldte formette ©rünbe f)dbtn (2Biberfprud^ö= 
lofigfeit, beftimmte Stjiome), meldte mid^ auf eine beftimmte ©e= 
banfenüerbinbung leiten. 2luf bie ^a^c felbft aber l^aben biefe 
feinen ©influ^. 3)ie Se^auptung ftü|t ftd^ auf ttwa^, baS id^ 
fad^lid^ nie erreid^en fann. 6§ ift für mid^ ba^er eine mirflid^e 
©infid^t in bie Ba(iS)t nid^t möglid^; id^ mei^ nur als 2tu^en= 
fte^enber t)on berfetben. ^ier ift baS, maS bie Sel^auptung auS= 
brüdft, in einer mir unbefannten 2öelt, bie Sel^auptung allein in 
ber meinigen. ®ieS ift ber ß^arafter beS ®ogmaS. 6s gibt 



h 



(&runl) ber Dinge imb drhemten. 53 

ein jweifad^eS 2)ogma. ®a§ ^ognta ber Offenbarung unb 
jenes ber ©rfal^rung. 2)aä erftere überliefert bem 3Benfd^en auf 
irgenbraelc^e SBeife Sffial^r^eiten über SDtnge, bie feinem ©efid^tä^ 
Ireife entjogen finb. 6r f)at feine ©infid^t in bie SBelt, ber bie 
33el^auptungen entfpringen. @r nxu^ an bie 3Bal^rl^eit berfelben 
glauben, er lann an bie ®rünbe nid^t l^eranlommen. ©anj 
ä^nlid^ üerl^ält eS fici§ mit bem 3!)agma ber ©rfal^rung. 3ft 
jemanb ber Slnfic^t, ba^ man bei ber bloßen, reinen ©rfal^rung 
ftel^en bleiben fott unb nur beren 3Seränberungen beobad^ten lann, 
ol^ne ju ben bemirlenben Gräften üorjubringen, fo ftettt er eben^ 
faffS über bie SBelt Behauptungen auf, ju beren ©rünben er 
leinen ä^gcmg i)at Stud^ l^ier ift bie SBal^r^eit leine burd^ ©im 
fid^t in bie innere SBirIfamfcit ber ©ad^e^ geroonnene, fonbern 
t)on einem ber Ba<l^t felbft ätu^erlid^en aufgebrängte. Sel^errfd^te 
ba§ 35ogma ber. Offenbarung bie frül^ere SBijfenfd^aft, fo leibet 
burdft baö 2)oqma ber ©rfabrunq bie beutiqe. """"^"^ 

'--4J«fere tlnfi^ §at' gejetgt, bap jebe 3lnna^me von emem 
©einSgrunbe, ber au^erl^alb ber '^htt liegt, ein Unbing ift. 3)er 
gefamte ©einSgrunb ^at fid^ in bie SBelt auägegoffen, er ift int 
fie aufgegangen. 3im Genien jeigt er fic^ in feiner t)ottenbetften ^ 
^orm, fomie er an unb für ftd^ felbft ift. aSott^ic^t ba^er baS 
SDenfen eine SSerbinbung, fällt e§ ein Urteil, fo ift eö ber in 
bagfelbe eingefloffene 3in|alt be§ SEBeltgrunbeö felbft, ber t)erbunben 
mirb. 3^ 3)enfen finb unö nid^t 33el^auptungen gegeben über 
irgenb einen jenfeitigen SBeltengrunb, fonbern berfelbe ift fubftantiett 
in baöfelbe eingefloffen. Sffiir l^aben eine unmittelbare @infid§t in 
bie fad^Kd^en, nid§t blo^ in bie formellen ©rünbe, warum fid^ ein 
Urteil oottjie^t. 9Jid^t über irgenb ttma^ g^rembeS, fonbern über 
feinen eigenen ^n^alt beftimmt baS Urteil. Unfere Slnfid^t be=| 
grünbet bal^er ein mal^rl^afteS SEBiffen. Unfere ©rfenntnistl^eorie ' 
ift mirflid^ fritifd^. Unferer 2lnfid§t gemä^ barf nid^t nur ber/ 
Offenbarung gegenüber nid§ts jugelaffen werben, wofür nid§t inner= : 
^alb beS 2)enIenS fac^Iid^e ©rünbe ba finb; fonbern aud§ bie 6r= \ 
fa^rung mu^ innerhalb beä 2)enlen§ nic^t nur nad^ ber ©eitc 
il^rer ©rfd^einung, fonbern afö SBirfenbeä erf annt werben. 35urd^ 
unfer ®en!en erl^eben wir unö üon ber SCnfc^auung ber 2BirfIid^= 
feit als einem ^robufte ju ber als einem ^robujierenben. 
©0 tritt baS SBefen eines I)ingeS nur bann gutage, wenn 
baSfelbe in Segie^ung jum 3Jlenfd^en gebrad^t wirb. 2)enn nur 



54 ®irutib htv Dinge nxtb Erkennen. 

in (e^terem crfd^eint für jebeS 2)tng ba§ SBefen. 3)aö begrtinbet 
einen 9leIatit)iSmu§ als 2BeItanfic^t, b. i). bie ©enfrid^tung, roeld^e 
annimmt, ba^ mir alle 2)inge in bem Sid^te feigen, baö il^nen 
Dom SKenjd^en felbft ©erliel^en mirb. S)iefe Slnftd^t fül^rt auc^ ben 
3lamen Slnt^ropomorpl^iömuS. ©ie l^at t)iele SSertreter. 3)ie 50le^r= 
ja^I betreiben aber glaubt, ba^ mir nn^ burd^ biefe ®igentüm(ici^= 
feit unfereS @rlennen§ von ber Dbjeftit)ität, mie fie an unb für 
fic^ ift, entfernen. 2Bir nehmen, fo glauben fie, alleS burd^ bie 
aSriffe ber ©ubjeltiüität ma^r. Ünfere Sluffaffung jeigt un§ ba§ 
gerabe ©egenteil bat)on. 2Bir muffen bie 2)inge burd^ biefe Sritte 
betrad^ten, menn mir ju il^rem SBefen fommen motten. SJie SBelt 
ift unä nid^t allein fo belannt, mie fie nn^ erfd^eint, fonbem fie 
erfd^eint fo, allerbingS nur ber benlenben Setrad^tung, mie fie ift. 
S)re ©eftalt von ber SBirüid^Ieit, meldte ber 3)lenfc^ in 
ber aSiffenfc^aft entmirft, ift bie le^te ma^re ©eftalt 
berfelben. 

5lunme]^r obliegt eä un§ nod^,' bie 3lrt be§ Sriennenö, bie 
mir als bie rid^tige, b. \), jum SBefen ber SBirflid^feit fül^renbe, 
erfannt l^aben, auf bie einjelnen Sffiirflic^feitägebiete auäjube^nen. 
9Bir merben nun jeigen, mie in ben einzelnen formen ber @r= 
fal^rung beren SBefen ju fud^en ift. 



-«•• 



\ 



E. ^a» Bafur-C^rftcnncn. 



15* Ute unorsttittfitfe llatur. 

'^ffe bte einfad^fte 2lrt t)on 9Jatunt)irffamfett crfd^cint unS jene, 
"^^ bei ber ein SSorgang ganj baö ©rgebniö t)on g^aftoren ift, ; 
bte einonber äu^ertid^ gegenüberftei^en. 2)a ift ein ©reigniä, ober Li 
eine Sejiel^ung jwifd^en jroei Dbjeften nid^t bebingt t)on einem j 
aSefen, baä fi^ in ben äußeren ©rfd^einunggformen bar lebt, üon/f 
einer S«bit)ibualität, bie i§re inneren gäl^igleiten unb i^ren 6]^a='/ 
rafter in einer Söirfung ^ai) aufeen funbgibt. ©ie jtnb allein 
baburd^ hervorgerufen, ba^ ein ®ing in feinem ©efd^el^en einen 
gemiffen @inffu^ auf baä anbere ausübt, feine eigenen 3wftänbe 
auf anbere überträgt. 6ö erfd^einen bie 3uftänbe beS einen 2)ingeS 
aU S^olge jener beä anbem. 3)a§ Softem von 2Bir!fam!eiten, bie / 
in biefer SBeife erfolgen, ba| immer eine 2^l^atfad^e bie g^olge t)on / 
anbem il^r gleid^Jfttigen ift, nennt man unorganifd^e 5Ratur. 

@g ^ängt ^ier ber SSerlauf eineä SSorgangeö ober baä 6]^a= 
rafteriftifd^e eineö SJerl^ältniffeS t)on äußeren Sebingungen ab, bie 
2^^atfac^en tragen Jölerfmale an fid^, bie ba§ 9tefultat jener 33e- 
bingungen finb. ätnbert fid^ bie Strt, in ber biefe äußeren %ah 
toren jufammentreten, fo änbert fid^ natürlid^ au(l^ bie ^olge il^reä 
3ufammenbefte^enS; eä änbert fic^ bag l^erbeigefü^rte ^l^änomcn. 

aSie ift nun biefe SBeife beä 3wfammenbeftel^enS bei ber 
unorganifc^en 5Ratur, fo roie fie unmittelbar in baö ^elb unferer 
^Beobachtung eintritt? Sie trägt ganj jenen ßl^arafter, ben mir i 
oben aU ben ber unmittelbaren ßrfal^rung fennjeid^neten. ■ 
aSir l^aben e§ l^ier nur mit einem ©peciatfaff jener „förfal^rung 
im affgemeinen" ju tl^un. @ä lommt ^ier auf bie SSerbinbungen 
ber finnenfäffigen S^^tfad^en an. 3)iefe 3Serbinbungen aber finb 
eg gerabe, bie un§ in ber (Srfal^rung unftar, unburd^fid^tig er= 



56 1^t£ unorgantfftje Uatur. 

fd^einen. @ine S^^atfad^e a tritt un§ gegenüber, gleid^jeittg 
aber jal^Ireid^e anbere. SBenn roir unferen SlidE über bie l^ier 
gebotene SJlannigfalttgleit fc^roeifen laffen, finb mix üöttig im Un= 
Haren, roeld^e von ben anbem ^^t^atfad^en mit ber in 3tebe fte^enben 
a in näherer, meldte in entfernterer S3ejie^ung fte^en. @§ lönnen 
fold^e ba fein, ol^ne bie baö 6reigni§ gar nid^t eintreten lann; 
unb mieber fold^e, bie eä nur mobifijieren, o^nc bie e§ alfo gang 
xDoi)l eintreten lönnte, nur ^ätte eS bann unter anberen 5leben= 
umftänben eine anbere ©eftalt. 

2)amit ift unö jugteid^ ber SBeg gemiefen, ben ba§ @r!ennen 
auf biefem %tVoz ju nel^men ^at. ©enügt unä bie ^Kombination 
ber %f}ai^aä)en in ber unmittelbaren ®rfa^rung nid^t, bann muffen 
wir ju einer anbem, unfer ©rllärungSbebürfniä befriebigenben 
fortf (freiten. 3Bir f)abzn 33ebingungen ju fd^affen, auf ba^ un§ 
ein SSorgang in burc^fid^tiger Älarl^eit afö bie notmenbige 3^oIge 
biefer 33ebingungen erfd^eint. 

SBir erinnern unö, warum eigentlich baä 35enlen in unmittet^ 
barer ©rfa^ung bereits fein SBefen entl^ält. Sffieil mir innerhalb; 
nic^t au^er^alb jenes ^rojeffeS ftel^en, ber au§ ben einzelnen ®e= 
banfenelementen ©ebanfenoerbinbungen fd^afft. 2)aburd^ ift nn^ 
nid^t allein ber DoHenbete ^ro§e^, ba§ Seroirlte gegeben, fonbem 
baö SEirfenbe. Unb barauf fommt e§ an, ba^ mir in irgenb 
einem SSorgange ber Stu^enmelt, ber un^ gegenübertritt, juerft bie 
treibenben (Semalten feigen, bie i^n oom 3Jlittelpunfte be§ SBelts 
ganjen ^erauS an bie ^eripl^eric bringen. 35ie Unburd^fic^tigleit 
unb Unllar^eit einer, ©rfd^einung ober eines 3Ser^ältniffeS ber 
©innenroelt fann nur übermunben merben, menn mir ganj genau 
crfe^en, ba^ fie baS ©rgebniS einer beftimmten 2^^atfac^en= 
fonftellation finb. 2Bir muffen miffen, ber 3Sorgang, ben mir 
je^t feigen, entfielt burd^ baS 3wf<^^w^^^^«>W^^ ik^t^ unb jeneS 
Elementes ber ©innenmelt. S)ann mu^ zUn bie SBeife biefeS 
3ufammenmirfenS unferem SSerftanbe oollfommen burd^bringlid^ 
fein. 2)aS SSer^ältniS, in baS bie S^l^atfad^en gebrad^t merben, 
mu^ ein ibeeHeS, ein unferem ©eifte gemäßes fein, ^ie S)inge 
merben ftc^ natürlid^, in ben 3Ser^ältniffen, in bie fie burd^ ben 
3Serftanb gebrad^t merben, i^rer 5ßatur gemä^ oer^alten. 

2Bir fe^en fogleic^, voa^ bamit gemonnen mirb. 33lidfe id^ 
aufö ©eratemo^l in bie ©innenmelt, fo fel^e id^ 3Sorgänge, bie 
burd^ baS ^wf^i^w^^^^irf^" fo vieler ^aftoren ^eroorgebrad^t finb. 



Mt ttttorganifdie itatnr* 57 

ba^ c§ mir unmögKd^ ift, unmittelbar ju feigen, maS eigentlid^ 
alö SBirIcnbcä l^inter biefcr SBirfung fielet. $^d^ fel^e einen 3Sor= 
gang unb jugleid^ bie S^^atfad^en a, b, c unb d. 2öie fott id^ 
ba fogleid^ miffen, meldte üon biefen S^l^atfad^en mel^r, meldte 
weniger an bem Vorgang beteiligt finb? 3)ie <Ba^z roirb burc^= 
fid^tig, mnn xä) erft unterfud^e, meldte t)on ben t)ier S^l^atfad^ 
unbebingt notmenbig finb, bamit ber ^roje^ überl^aupt eintrete. 
^d) finbe 3, S., ba^ a unb c unbebingt nötig finb. ^txnaä) 
finbe id^, ba^ ol^ne d ber ^roje^ jmar eintrete, aber mit erl^eb= 
Kd^er änberung, wogegen id§ erfe^e, ba^ b gar leine mefentlid^e 
33ebeutung ^at unb au^ burd^ anbereä erfe^t werben lönnte. 
^m 3lebenfte^enben foll I. bie ®rup- ^ 

pierung ber ©lemente für bie blo^e -^ ^' 

©inneSma^mefimung; IT. bie für ben ^ fi >^ n. 

©eift f^mboUfc^ bargeftettt werben. 3)er 1 \/ j ^ ^ 
®eift gruppiert alfo bie S^^atfad^en ber | /\ | - ^^ 1 ^ ^ 

unorganifd^en SBelt fo, ba^ er in einem ^ ^ i 

©efd^e^en ober einer Sejiel^ung bie ^olge ^ 

ber 33er^ältnif{e ber S^^tfad^en erblidft. ©0 bringt ber ©eift bie 
Siotwenbigfeit in bie ^wf^Kiöfeit. SBir wotten baS an einigen 
Seifpielen Äarlegen. SEBenn id^ ein 2)reiedf abc ^ 

t)or mir l^abe, fo erfe^e id^ auf ben erften 93IidE 
wo^I nid^t, ba^ bie ©umme ber brei 2BinIeI 

ftets einem geftredften gleid^Iommt. 6S wirb fo:: ^^^ ^^ 

gteid^ Ilar, wenn ic^ bie 2^^atfad§en in folgenber SBeife gruppiere. 

äluö ben nebenfte^enben ^i= y^ . , /-,> 

guren ergiebt fid^ wo^l fo= ^ ' rrrr// \ .. 1 n 

gleid^, ba^ bie 3öinfel a'= a; 

b' = bfmb. (AB unb CD 

refp. A'B' unb CD' ftnb 

parallel.) 

^obt id^ XK\xci ein 2)reiedf t)or mir unb jiel^e id^ burc^ bie 
Spi^e C eine parallele ©erabe jur ©runblinie AB, fo finbe id^, 
wenn id^ Dbigeä anwenbe, in Sejug auf 

bie aSinlel a =a; b' = b. ®a nun C 

c fic^ felbft gleid^ ift, fo finb not= ^Y^^ 
wenbig atte brei ©reiedfgwinlel gu^ x^^^v 
fammen einem geftredften SBinfel gteid^. /\ /S. 

%6) \)(&z \)Vtx einen Iompli§ierten 2;^at= ^/—i^ ^-^-^B 






58 Dte unflrgomfdje üatur. 

fad^cttäufammenl^ang baburd^ erflätt, ba^ ic^ il^n auf fotd^e einfädle 
2^l^atfad§en jurüdffül^rte, wo au§ bem SSerl^ältniffe, ba§ bem tSeifte 
gegeben ift, bie entfpred^enbe Se^^ie^ung mit Siotroenbigfett auö ber 
3laiuv ber gegebenen 3!)tnge folgt. 

©in anbereö 33eifpiel ift folgenbeä: ^d) werfe einen Stein 
in wagered^ter SRid^tung. @r befd^reibt eine Sal^n, bie wir in ber 

Sinie IT abgebilbet ^aben. 2Benn id^ 
mir bie treibenben Gräfte betrad^te, bie 
l^ier in 33etrad§t fommen, fo finbe id^: 
1) bie ©topraft, bie id^ ausgeübt; 2) bie 
Äraft, mit ber bie @rbe ben ©tein an- 
jiel^t; 3) bie Äraft beS Suftroiberftanbeä. 
3^ P^^^ ^^^ naiverer Überlegung, 
ba^ bie beiben erften Äräfte bie n)efent= 
Hd^en, bie ©igentümlid^feit ber 93al^n beroirlenben finb, roäl^renb 
bie britte nebenfäd^Kd^ ift. 2öir!ten nur bie beiben erften, fo 
befc^riebe ber ©tein bie Sal^n LL' 35ie [entere finbe id^, wenn 
ic^ t)on ber britten Äraft gang abfeile unb nur bie beiben erften 
in ä^föi^nten^ang bringe. 3!)aö tl^atfäd^Iid^ augjufü^ren, ift 
roeber möglid§ noc^ nötig, ^ä) !ann nid^t aßen Söiberftanb be= 
feitigen. 3d^ ixaudS)^ bafür aber nur baö Söefen ber beiben erften 
Gräfte gebanflid^ ju erfaffen, fie bann in bie notroenbige 33e§iel^ung 
ebenf attö nur gebanllic^ bringen, unb eö ergibt fid^ bie 33a|n L L' 
afö jene, bie notroenbig erfolgen mü^te, wenn nur bie jroei Gräfte 
jufammenroirlten. 

3n biefer 2Beife löft ber ©eift alle ^l^änomen ber 
unorganifd^en Sia.tur in fold^e auf, wo i^m bie SBirfung 
unmittelbar mit 5lotn)enbigfeit auö bem S3en)irfenben 
^erüorjugel^en fc^eint. 

33ringt man bann, wenn man baö 33en)egung§gefe| beö 
©teineö infolge ber beiben erften Gräfte l^at, noc^ bie britte ^raft 
l^inju, fo ergibt fic^ bie S3at)n 11'. SBeitere 33ebingungen lönnten 
bie ©ad^e nod§ mel^r fompKjieren. ^eber jufammengefe^te SSor^ 
gang ber ©innenroelt erfd^eint al§ ein ©eroebe jener einfad^en, oom 
©eifte burd^brungenen i^atfad^en unb ift in biefelben auflösbar. 
@in folc^eö ^^änomen nun, bei bem ber G^rafter beä SSor^ 
gangeg unmittelbar auä ber 5Ratur ber in 33etrad^t lommenben 
g^aftoren in burd^fid^tig Harer SBeife folgt, nennen roir ein Ur= 
Phänomen ober eine ©runbt^atfad^e. 



Die unorgantfdie llatur. 59 

3)tefcä Urpl^änomen ift ibcnttfd^ mit bcm objcftiüen f^ ^ 
JJaturgefc^. 2)enn eS ift in bemfetbcn nid^t allein auSgefprod^cn, ^ 

ba^ ein SSorgang unter beftimmten SSer^ältniffen erfolgt ift, fj)n= 
bem ba^ er erfolgen mu^te. 3Jlan l^at eingefel^en, ba^ er bei 
ber 5Ratur bef[en, roaS ba in 33etrad^t lam, erfolgen mu^te. "^(xx^ 
forbert l^eute fo allgemein ben (SmpiriömuS, ba man glaubt, mit 
jeber Slnnal^me, bie baö empirifd^ ©egebene überfd^reitet, tappe 
man im Unfid^ern l^erum. 9 Bir feigen, ba| mir ^(xw-j^ innerhal b 
ber ^^änomene ftel^en bleiben*^ fönnett unb bod^ bag i^cotroenSTg e 
a^treff^tr ^l)tc tnbufttpc ^JutctboW. bte heute pteLtacfa nertrcten t|r 
fann ba§ nie. ©ie ge^Tlm mefentlid^en in folgenber Söeife t)or. 
©ie fielet ein ^l^änomen, baS unter gegebenen 33ebingungen in 
einer beftimmten 2öeife erfolgt, ©in jmeiteö 5Kal fielet fte unter 
äl^nlic^en Sebingungen baSfelbe ^l^änomen eintreten, daraus 
folgert fie, ba^ ein allgemeines ©efe^ beftcl^e, mpnad^ biefeö ©r^ 
eigniö eintreten muffe unb fprid^t biefeS ®efe| alä fold^eS (x\x^. 
©ine fold^e 5!Ket^obe bleibt ben ©rfd^einungen »olllommen äu^erlid^. 
©ie bringt nid§t in bie SCiefe. 3^re ®efe|e finb SSerallgemeines 
rungen oon einzelnen SCI^atfac^en. ©ie mu^ immer erft t)on ben 
einjelnen 2^]^atfad§en bie 33eftätigung ber 9tegel abwarten. Unfere 
5!Ket^obe mei^, ba^ i^re ©efe^e einfad§ 2^^atfad^en finb, bie auä 
bem SBirrfal ber ^^f^ß^^ßü l^erauSgeriffen unb ju notmenbigen 
gemad^t finb. 9Btr miffen, ba^, xotXKXx bie g^aftoren a unb b ba 
finb, notmenbig eine beftimmte SBirfung eintreten mu^. 2öir 
gelten nic^t über bie ©rfd^einungSmelt l^inauS. 3)er ^nl^alt ber 
SBiffenfd^aft, mie mir il^n benfen, ift nid^tS meiter afö objeftiüeö 
©efd^el^en. ©eänbert ift nur bie gorm ber 3wfammenftellung ber 
gaften. 2lber burd^ biefe ift man gerabe einen ©d^ritt tiefer in bie 
Dbjeftioität l^inein gebrungen, afö i^n bie ©rfal^rung möglid^ mad§t. 
aBir fteHen bie gaften fo gufammen, ba^ fie i^rer eigenen ?Jatur 
unb nur biefer gemä^ mirfen unb ba^ biefe 9Bir!ung nid^t burd^ 
biefe ober jene SSerl^ältniffe mobifijiert merbe. 

2ßir legen ben größten SBert barauf , ba^ biefe 2lu§fül^rungen 
überall gered^tfertigt merben lönnen, mo man in ben mirfli^en 33e= 
trieb ber SBiffenfc^aft blidft. ©S miberfpred^en il^nen nur bie irrtüm= 
lid^en 2lnfid§ten, bie man über bie 2^ragmeite unb bie 5latur ber 
miffenfc^aftlic^en ©ä^e l^at. SBäl^renb fid^ oiele unserer ä^itgenoffen 
mit il^ren eigenen S^l^eorien in SBiberfprud^ üerfe^en, xotx^xi fie 
baS ^elb ber praftif d^en gorfd^ung betreten, lie^e fid^ bie §ar= 



> 



60 S)te unfirganifäje Itatur* 

monic aller roaj^ren g^orfd^ung mit unfcren Sluäeinanberfc^ungcn 
in jebem einjelnen gaUe leidet nad^rocifcn. 

Unfere SC^coric forbcrt für'jcbcö JJaturgefe^ eine befttmmte 
3^onn. ®S fc^t einen 3wfammenl^ang t)on 2^l^atfa(|en t)orau§ unb 
ftettt feft, ba^, roenn berfelbe irgenbn») in ber 2öirfüci§!eit eintrifft, 
ein beftimmter SSorgang ftattl^aben mu^. ^ebeg 5Raturgefe^ i)at 
bal^er bie ^orm: wenn biefeS ?5<iftwm mit jenem jufammenroirft, 

fo entftel^t biefe ©rfd^einung @ö märe leidet nad^jumeifen, 

ba^ atte 3laturgefe|e mirllid^ biefe gorm ^aben: 3Benn jmct 
Körper t)on ungleid^er SCemperatur aneinanber grenjen, fo fliegt 
fo lange 2Bärme von bem märmeren in ben lälteren, bi§ bie 
SCemperatur in beiben gteid^ ift. 2öenn eine glüffigfeit in jmei 
©efä^en ift, bie mit einanber in SSerbinbung fte^en, fo ftellt fid^ 
baS 3lioeau in beiben ©efä^en gleich l^od^f SBenn ein Äörper 
jmifd^en einer Sid^tquelle unb einem anberen Körper ftellt, fo mirft 
er auf benfelben einen ©d^atten. 2öa§ in Slatl^ematif, JS|u;i^ 
unb 5iKed^anif nid^t blo^e 33efc^reibirng'TfF7 i><Jö mu^ Urp4ä* 

nTmra^fem. 

— ' ^fiif bem ©emal^rmerben ber Urpl^änomene berul^t aller ^ort= 
fd^ritt ber Sffiiffenfc^aft SBenn eö gelingt, einen 9?organg aU§ 
ben SSerbinbungen mit anberen ^erauSguIöfen unb il^n rein für 
bie ^olge beftimmter ©rfal^rungäelemente ju erflären, ift man 
einen ©d^ritt tiefer in ba§ Söeltgetriebe eingebrungen. 

2Bir l^aben gefeiten, ba^ fid^ ba§ Urpf)änomen rein im ©e= 
banfen ergibt, menn man bie in Setrac^t fommenben ^aftoren 
if)rem SBefen gemä^ im ®en!en in 3i*fciwii"^i^^öW9 bringt. 3Ran 
tann aber bie notmenbigen 33ebingungen mirflid^ fünftlid^ ^erftetten. 
®aä gefd^iel^t beim miffenfd^aftlic^en SSerfud^e. 3)a l^aben mir ba§ 
©intreten geroiffer SCI^atfad^en in unferer ®emalt. 5Ratürlic^ fönnen 
mir nid^t oon aßen JJebenumftänben abfegen. 2lber eS gibt ein 
3JlitteI, bod§ über bie festeren ^inmegjufommen. 5!Kan ftefft ein 
$f)änomen in oerfc^iebenen 3Jlobififationen l^er. Tlan lä^t einmal 
bie, einmal jene 5Rebenumftänbe mirfen. 2)ann finbet man, ba^ 
fid^ ein Äonftanteö burd^ alle biefe 9KobifiIationen f)inbur^jiel^t. 
3Kan mu^ baä SBefentlic^e ebixi in allen Kombinationen beibel^alten. 
Man finbet, ba^ in allen biefen einzelnen Erfahrungen ein 2^l^at= 
fad^enbeftanbteil berfelbe bleibt. 3)iefer ift l^öl^ere (Srfaf)rung 
in ber @rfaf)rung. @r ift ©runbt^atfad^e ober Urpf)änomen. 

2)er SSerfud^ foH unö oerftd;ern, ba^ nid^tS anbereö einen 



Mi unorganif4ie llatur* 61 

bcftimmten SSorgang beeinflußt, ate toaö wir in Sted^nung bringen. 
2Bir ftellen geroiffe Sebingungen jufamnten, beten 3lat\xx wir fennen, i 
unb warten ab, roaö batauö erfolgt. 3)a l^aben roir ba§ objeftiDe 
^l^änomen auf ©runb fubjeltioer Sd^öpfung. 3Bir l^aben ein 
Dbjeftioeö, baö jugleid^ burd^ unb burd^ fubjeftio ift. ®er jBer- 
fud^ ift ballet ber nj a^re^tO jittler Don (Sugtelt jinb 
DbjeftTn ber" unorganifd^en Jfiatur^m^ " 

2)ie Äeime ju ber t)on \m^ |ier entroidfelten ätnfid^t finben 
fid§ in bem SSriefroed^fel ©oetl^eS mit Sd^iller. 2)ie Sriefe ©oet^eS 
410, 413 unb jene ©c^itterä 412, 414 bef äffen M i><^ntit. ©te 
bejeid^en biefe ^Jletl^obe als rationellen @mpiri§ntu§, roeil 
fie nid^tö aU objeltioe Vorgänge jum S^^^öI^^ t>^ SBiffenfd^aft 
mad^t; biefe objeftioen SSorgänge aber jufammengel^alten werben 
oon einem ©emebe oon Segriffen (©efe^en), ba§ unfer ®eift in 
il^nen entbedft. S)ie finnenfälligen SSorgänge in einem nur bem 
3)en!en faßbaren 3wfammenf)ange, ba§ ift rationetter ©mpiriömuS. 
§ält man jene S3riefe gufammen mit ©oetl^eä Sluffa^: „35er 3Ser= 
fud^ alö Vermittler t)on ©ubjeft unb Dbjelt", fo mirb man in ber 
obigen 2^l^eorie bie fonfequente ^olge baoon erblidfen.*) 

Sn ber unorganifd^en SJlatur trifft alfo burd§au§ baä att= 
gemeine SSer^Itniä, ba§ mir jmifd^en ©rfal^rung unb SBiffenfd^aft 
feftgeftettt ^abcn, ju. 3)ie gemöl^nlid^e ®rfa^rung ift nur bie ^a(be 
SBirllid^Ieit. %ixx bie Sinne ift nur biefe eine Raffte ba. 35ie 
anbere Raffte ift nur für unfer geiftigeö SluffaffungSoermögen 
oorl^anben. S)er Seift ergebt bie ©rfa^rung von einer „örfd^ei- 
nung für bie*©inne" ju feiner eigenen. 9Bir l^aben gejeigt, 
roie eä auf biefem ^elbe möglid^ ift, fid^ oom ©eroirften jum 
SEBirlenben ju ergeben. 3)aö [entere finbet ber ©eift, menn er 
an ba§ erftere l^erantritt. 

SBiffenfd^aftlid^e 33efriebigung mirb unö t)on einer 2lnfid^t 
erft bann, menn fie \xn^ in eine abgefd^Ioffene ©anjl^eit einfül^rt. 
9lun jeigt fic^ aber bie ©innenroelt alä unorganifd^e an feinem 

*) 2intereffant ift, baB ®oet^e nod^ einen jweiten ätuffa^ gefd^neben l^at, in bem er 
bie ®eban!en jeneä ilber beit SSerfud^ tveiter ausgeführt. SBir tonnen un% ben Sluffat^ auS 
©d^iUerS »rief oom ly. Sanuar 1798 refonftruieren. Ooetl^e teilt ba bie SÄet^oben ber 
SBiffenf^aft in: gemeinen ®mpiri@mu9, ber bei ben äußerlichen, ben (Sinnen gegebenen 
^^änomenen fielen bleibt; in ben 9iationali§mu^ , ber auf ungenttgenbe Beobachtung ^in 
@ebanfenf9fteme aufbaut, ber alfo, ftatt bie SC^atfac^en i^rem SBefen gemäß }u gruppieren, 
fünftlic^ juerft bie S^\amxmnf)&nQt augflfigelt unb bann in p^antaftifd^er äBeife baraud 
etwas in bie Xl^atfac^enroelt hineinlieft; bann enblid^ in ben rationellen @mpiriSmud, ber 
nic^t bei ber gemeinen @rfa^rung fielen bleibt, fonbern 93ebingungen fd^afft, unter benen 
bie (Srfa^rung i^r SBefen entfallt. 



62 ©U flrganlfdie Öatur* 

il^rer fünfte aU abgcfd^Ioffcn, nirgenbS tritt ein inbioibueUeö 
©anjc auf. 3»mmer weift unö ein SSorgang auf einen anbem, 
t)on bem er abl^ängt, biefer auf einen britten u. f. f. SBo ift l^ier 
ein 2l6fd^Iu^? 2)ie ©innenroelt als unorganifd^e bringt e§ nid^t 
jur Snbimbualität. 5Rur in i^rer SlU^eit ift fie abgefd^Ioffen. 
3Bir muffen ba^er ftreben, um ein ®anje§ ju f)ahtn, bie ©e^ 
famtl^eit be§ Unorganifd^en afö ein ©pftem ju begreifen, ©in 
foId^eS ©pftem ift ber ÄoSmoö. 

2)a§ burd^bringenbe SSerftänbniS beS ÄoSmoö ift 3^^^ wnb 
3bea[ ber unorganifd^en 9iatum)iffenfd^aft. ^ebeS nid^t bi§ ba^in 
üorbringenbe miffenfd^aftlid^e ©treben ift blo^e 3Sor Bereitung; ein 
©Keb beä ©angen, nid^t baS &anit felbft. — 



16* Hie orgnntrdie ülatur. 

Sänge S^xi ^ai bie SBiffenfd^aft x>ox bem Drganifd^en §alt 
gemad^t. ©ie ^ielt il^re SJletl^oben ntc^t für auSreid^enb, baS 
Seben unb feine ®rfd^einungen ju begreifen, '^a fie glaubte 
überl^aupt, ba^ jebe ©efe^Iid^Ieit, mie eine fold^e in ber unorganifd^en 
9iatur mirifam ift, l^ier aufl^öre. 9BaS man in ber unorganifd^en 
SBelt jugab, ba^ ung eine ®rfd^einung begreiftid^ mirb, menn mir 
il^re natürtid^en SSorbebingungen ktmcn, leugnete man ^ier einfad^. 
"^an badete fid^ ben Organismus nad^ einem beftimmten 5ßlane 
beS ©d^öpferS jmedEmä^ig angefegt, ^eht^ Organ J^ätte feine 
Seftimmung üorgejeid^net; atteS fragen lönne fid^ ^ier nur barauf 
bejiel^en: mefd^eS ift ber 3^^^ 't>k\t^ ober jenes OrganeS, mogu 
ift baS ober jenes ba? SBanbte man fic^ in ber unorganifd^en 
2BeIt an bie IBotbebingungen einer ©ad^e, fo l^ielt man biefe 
für bie 2^l^atfad^en beS SebenS ganj gleid^güUig unb legte ben 
^auptmert auf bie 93e{lttnmung eines 3)ingeS. Stud^ fragte man 
bei ben ^rojeffen, bie baS Seben begleiten, nid^t fo mie bei ben 
pl^^fifalifd^en ©rfd^einungen nad^ ben natürtid^en Urfad^en, fonbem 
meinte fie einer befonberen SebenSfraft jufd^reiben ju muffen. 2öaS 
fid^ ba im Organismus bilbet, baS badete man ftd^ als baS 
5|Jrobu!t biefer Äraft, bie fid^ einf ad^ über bie fonftigen 5latur= 
gefe^e ^inmegfe^t. 2)ie SBiffenfd^aft mu|te zbm bis jum 33eginne 
unfereS ^al^rl^unbertS mit ben Organismen nid^ts anzufangen, ©ie 
mar allein auf baS ©ebiet ber unorganifc^en Sffielt befd^ränlt. 



Die ovQanifäqt Uatur* 63 

Snbem man fo bie ©efe^mä^igfeit bcS Drganifd^en nx^i in 
bcr 3latur ber Dbjefte ^u^tt, fonbcm in bem ©ebanlen, ben ber 
©d^öpfer bei il^rcr SSilbung befolgt, fd^nttt man fid^ aud^ alle 
3Jlöglid^feit einer ©rflärung ah. SBie fott mir jener ©ebanfe 
lunb werben^ 3^ ^^^ i^o(| auf ba§ befd^ränft, maä id^ vox mir 
^abe. ©nt^üllt mir biefeö felbft innerhalb meines 3)enlen§ 
feine ©efe^e nid^t, bann l^ört meine SBiffenfd^aft eben auf. 3!?on 
bem (Srraten ber $täne, bie ein au^erl^alb fte^enbeä 2Befen f)atte, 
fann im miffenfd^aftlid^en ©inne nid^t bie Siebe fein. 

2tm @nbe beS vorigen ^al^rl^unberS mar bie Slnfic^t roof)! 
aflgemein nod^ bie ^errfd^enbe, ba^ e§ eine SEBiffenfc^aft afö (Sr- 
Ilärung ber SebenSerfd^einungen in bem ©inne mie 3. 93. bie 
5ß^9fif eine erltärenbe Sßiffenfd^aft ift, nid§t gebe. Rani ^at fogar 
berfetben eine p^ilofopl^ifd^e 33egrünbung ju geben t)erfud^t. @r 
l^iett nämlid^ unferen SSerftanb für einen fotc^en, ber nur t)on bem 
Sefonberen auf ba§ Slllgemeine gelten JEönne. S)a§ Sefonbere, 
bie ©injelbinge, feien il^m gegeben unb barauS abftral^iere er feine 
allgemeinen ©efe|e. ®iefe Strt be§ 2)enlenö nennt Äant discursiv 
unb ^ält fie für bie ^Ifein bem 3)lenfd§en jufommenbe. 2)al^er 
gibt e§ nad^ fetner SCni X^nur t)on ben Singen eine SBiffenfc^aft, 
xüo baö 93efonbere an uv ^% ftd^ genommen ganj begriff öIoS ift 
unb nur unter einen abji ' -. Segriff fubfumiert mirb. 93ei 
ben Organismen fanb Rani . ^ 93ebingung nid^t erfüllt. §ier 
»errät bie einzelne ©rfd^einung eme jmedEmä^ige b. i. begriffä= 
mäßige ßinrid^tung. S)a§ SBefonbere trägt, ©puren beS Segriff eS 
an fic|. ©otd^e SBefen aber ju begreifen fef)It un§, na^ ber 
SCnfd^auung be§ Äönigäberger ^l^itofop^en, jebe 2lniage. SEBir 
lönnen nur ba§ üerftel^en, mo Segriff unb Sinjelbing getrennt 
finb; jener ein 3lllgemeineg, biefeS ein Sefonbereö barfteÖt. @ö 
bleibt unö alfo nid^tö übrig al§ unferen Seobad^tungen ber 
Organismen bie ^bee ber S^tdmä^x^ttit ju ©runbe §u legen; 
bie Seberoefen ju bel^anbeln, als ob il^ren ©rfd^einungen ein ©pftem 
üon 2lbfid§ten ju ©runbe liege, ^ant l^at alfo bie Unn)iffen= 
fd^aftlid^feit l^ier gleid^fam miffenfd^aftlid^ begrünbet. 

©oetl^e l^at nun gegen fold^ unmiffenfd^aftlid^eg ©ebal^ren mU 
fd^ieben proteftiert. @r lonnte nie einfe^en, warum unfer 2)enfen 
nid^t ani^ auSreid^en follte, bei einem Organe eines SeberoefenS 
ju fragen: mol^er entfpringt eS, \iatt moju bient eS. 3)aS lag 
in feiner 5latur, bie i^n ftetS brängte jebeS SBefen in feiner 



64 Die orgamfdje Uatur* 

inneren 33ott!ommen^eit ju erblidfen. 6§ fd^ien t^m eine unn)ifjen= 
fd^aftlid^e Setrad^tungSroeife, welche fici§ nur um bie äußere ^rü^i'- 
mä^igleit eineö Drganeg b. f). um beffen 5Ru^en für ein anbereö 
flimmert. 2Saä fott baS mit ber inneren SBefenl^eit eineö 3)ingeä 
ju tl^un l^aben? 2)arauf fommt eö i^m nie an, moju etmaä nü^t; 
ftetS nur barauf, mie eS \xd) entmirfeli 9lid^t alg abgefd^lofjeneä 
2)ing mitt er ein Dbjelt betrad^ten, fonbem in feinem 3Berben, 
bamit er erlennt, meldten UrfprungeS eä ift. 3ln ©pinoga jog 
i^n befonberä an, ba^ biefer bie äu^erlid^e 3wedEmä^ig!eit ber 
Organe unb Organismen nid^t gelten lie^. ©oeti^e forberte für 
baö ®rlennen ber organifd^en SBelt eine 5!Ketl^obe, bie genau in 
bem Sinne miffenfc^aftUd^ ift, mie e§ bie ift, bie wir auf bie 
unorganif d§e 2BeIt anmenben. 

Sroax nid§t in fo genialer 2Beife mie bei il^m, aber nid^t 

minber bringenb trat ba§ Sebürfniä nac^ einer fold^en SKet^obe 

in ber 5Ratum)iffenfd^aft immer mieber auf. ^tnU jmeifelt mol^t 

nur mel^r ein fel^r Heiner Srud^teil ber ^orfd^er an ber SWöglid^feit ' 

berfelben. Ob aber bie SSerfuc^e, bie man l^ie unb ba gemalt, eine 

fold^e einjufül^ren, geglüdft ftnb, ba§ ift freilid^ eine anbere tjrage. 

" 3Ran i)(d ba vox allem einen großen S^^wm begangen. 

I ^Ran gidubte bie ?iKet^obe ber unorganifd^en SBiffenfd^aft in ba§ 

; OrganiSmenreid^ einfach l^erübemel^men ju follen. 5Dlan f)ielt bie 

i ^ier angeroenbete 3Jlet^obe überhaupt für bie einjig roiffenf^aftlid^e 

/unb badete, mtnn bie Organif miffenfd^aftlic^ möglid§ fein foH, 

I bann müffc fie* eä genau in bem ©inne fein, in bem eä bie 

/ $^9fi! j. 33. ift. Sie ^Jlöglid^feit aber, ba^ meOeic^t ber »e. 

I griff ber SBifjenfd^aftlid^feit ein ml weiterer fei alS: bie (Srllärung 

j ber SBelt nad§ ben ©efe^en ber pl^pfilalifd^en 3Belt, oergaß man. 

»Slud^ f)eute ift man bis ju biefer ©rfenntniö no(^ nid§t burd^= 

gebrungen. Statt ju unterfud^en, worauf benn eigentlid^ bie 

\ aBiffenfd^aftlid^Ieit ber anorganifc^en SBiffenfd^aften beruht, unb 

\ bann naci§ ber SKet^obe ju fud^en, bie fid^ unter ^eft^altung ber 

I fid^ l^ierauS ergebenben Stnforberungen auf bie S^titrozlt anrotxü>tn 

iä|t, erHärt man einfad^ bie auf jener unteren Stufe beS 2)afeinS 

gewonnenen ®efe|e für unioerfett. 

1 5!Kan follte aber oor allem unterfud^en, worauf baS wiffen= 

fd^aftlid^e S)enfen überhaupt berul^t. SBir l^aben baö in unferer 

2lbl^anblung getl^an. 2öir l^aben im norigen Äapitel auc^ erfannt, 

ba^ bie anorganifd^e ©efe^lid^feit nichts einjig 2)afte^enbe§ ift. 



Dit oxQtmlftltit ttatur. 



65 



fonbcrn nur ein ©pccialfalf von aHcr möglid^en ©efc^mä^tgfcit 
über^upt. ®ie 5Kctl^obe ber ^l^pfil ift einfach ein befonbercr 
%aU einer allgemeinen n)iffenf4aft[ici^en ^orfc^ungäroeife, wobei 
auf bie 3laim ber in Setrad^t fommenben ©egenftänbe, auf baä 
©ebiet, bem biefe SBiffenfd^aft bient, Slüdffid^t genommen ift. 9Birb 
biefe 3Ketl^obe auf baS Drganifcle auSgebe^nt, bann IBfd^t man 
bie fpecififd^e 5latur beö (enteren auS. ©tatt bag Drganifci^e feiner 
9latur gemä^ ju erforfd^n, brängt man il^m eine il^m frembe 
@efe|mä^igfeit auf. So^ob^, inkm.iiian_^a§ 
mirb man eg nie er fennm. Sin fold^eS miffenfd^aftlici^eS ®eEa|rett 
mieber^olt einfach baä, ma§ eS auf einer nieberen ©tufe gewonnen, I 
auf einer ^öl^eren; unb mäl^renb eS glaubt bie l^ö^ere 2)afeinäform 
unter bie anbermeitig fertig geftellten ©efe^e ju bringen, entfd^Iüpft ) 
il^m biefe gorm unter feiner 33emül^ung, meil eS fie in il^tjer ' 
(SigentümUd^feit nid^t feftäul^alten unb ju bel^anbetn mei^. 

2llle§ bag fommt oon ber irrtümlid^en 2lnfid§t, bie ba glaubt, ] 
bie 3Jletl^obe einer Sffiiffenfd^aft fei ein ben ©egenftänben berfelben I 
^u^erlid^eS, nid^t oon biefen, fonbern von unferer 9?atur 33ebingteS. \ 
^an glaubt, man muffe in einer beftimmten SBeife über bie £)h 
jefte beulen unb jmar über alle — über ba§ ganje Uniüerfum 
— in gteid^er SBeife. Ttan ftellt Unterfud^ungen an, bie ba 
jeigen fotten: mir lönnten oermöge ber Jlatur unfereg ©eifteä 
nur inbultit), nur bebuftio tc. benfen. 3!)abei überfielet man nur, 
ba^ bie Dbjelte bie Sctrac^tungSmeife, bie mir il^nen ba rnnbi^ 
gieren motten, t)ietteid^t gar nid^t »ertragen. 

S)a^ ber Sormurf, ben mir ber organifd^cn 5laturmiffenfd^aft 
unferer iage mad^en: fie übertrage auf bie organifd^e SJlatur nid§t 
bag ^rincip miffenfd^aftlid^er SSetrad^tungömeife überhaupt, fonbern 
baä ber unorganifd^en 5latur, oottauf berechtigt ift, leiert unö ein 
93lidf auf bie Slnfid^ten gemi^ beö bebeutenbften ber naturforfd^enben 
2^^eoretifer ber ©egenroart, §aedEel§. 

aCenn er t)on attem miffenfd^aftlid^en 33eftreben forbert, ba^ 
„ber urfäd^Iid^e ä^f^w^w^^^^ö^Ö t^^^ (Srfd^einungen überaff jur 
©eltung fomme"*), menn er fagt: „9Benn biepf^d^ifd^eSWed^ani! 
nid^t fo unenblid^ jufammengefe^t märe, mnn mir imftanbe mären, 
ani^ bie gefd^id^tlid^e ©ntmidflung ber pfpd^ifd^en gunftionen voU- 
ftänbig ju überfe^en, fo mürben mir fie atte in eine, matl^ematif d^e 
©eelenformet bringen lönnen", fo fielet man barauS beutlid^, roaä 

*) ^atdti, 2)ie iRaturanfd^auung von ^avmin, £amarl unb paeder 1S82. @. 53. 
@teiner, (SrtenntniStl^eorie. 5 



/C(A^" 



-k 



66 IDu organifdje üatur. 

er rt)iü: 2)ie gesamte ^elt na^ ber ©d^ablone ber p^9fi= 
falifd^en 9Rctl^obe bc^anbeln. 

2)ieye gorberung liegt aber aud^ bem 2)arn)tmömuS, nid^t 
in feiner urfprüngftd^en ©eftalt, fonbem in feiner l^eutigcn 2)eu= 
tung, ju ©runbe. 9Bir l^aben gefe^en, ba^ in ber unorganifd^en 
9?atur einen Vorgang erflären fjei^t: fein gefe^mä^igeä ^er^ 
»orgelten auS anberen finnenfälligen SBirflid^feiten ju jeigen, i^n 
von ©egenftänben, bie roie er ber finnlid^en SBelt angefroren, ab- 
leiten. 2Bie »erroenbet bie l^eutige Drganif aber ba§ ^rincip ber 
Slnpaffung unb be§ ÄampfeS um§ 3!)afein, bie beibe alä ber 
2tuäbrud eine§ 3^l^atbeftanbeä t)on unä geroi^ nid^t ans 
gejroeifelt werben foHen? 3Jlan glaubt gerabeju ben ß^arafter 
einer beftimmten Slrt au§ ben äußeren SSerl^ältniffen, in benen fie 
gelebt, ebenfo abfeiten ju fönnen, roie ttwa bie ©rroärmung eines 
Äörperä auö ben auffafienben ©onnenftral^fen 3Kan t)ergi^t t)otf= 
ftänbig, ba^ man \tntn ßl^arafter feinen in^aftSooffen Seftimmungen 
nad^ nie af§ eine ^ofge biefer 35er^äftniffe aufroeifen fann. 3!)ie 
SSerl^äftniffe mögen einen beftimmenben ßinffu^ l^aben, eine er* 
jeugenbe Urfad^e finb fie nid^t. SBir finb roo^f imftanbe ju 
fagen: Unter bem ©inbrude biefeS ober jenes 2^^atbeftanbeö mu^te 
fi4 eine Slrt fo entroidfefn, ba^ fid^ biefeS ober jenes Organ be= 
fonberS auSbifbete; baS 3>i^l^aftfid^e aber, baS ©pecififd^=Drganifd^e 
fä^t fid^ an^ äußeren 3Serl^äftniffen nid^t abfeiten. Sin organifd^eS 
SBefen l^ätte bie wefentfid^en Sigenfd^aften abc; nun ift eS unter 
bem ®inffuffe beftimmter äußerer Serl^äftniffe ju ®ntn)irffung ge= 
langt. 2)a^er l^aben feine Sigenfd^aften bie befonbere ©eftaft 
a, bj c^ angenommen. SBenn mir biefe ßinflüffe in Srmägung 
giel^en, fo werben mir begreifen, ba^ fid^ a in ber ^orm oon a^ 
entroidelt ^at, b in b^; c in c,. Slber bie fpecififd^e 9iatur beS 
a, b unb c fann ftd^ unS nimmermel^r afs Ergebnis äußerer 
SSer^ältniffe ergeben. 

SJlan mu^ oor aHem fein 2)enfen barauf rid^ten: mol^er 
nel^men mir benit ben ^nl^aft beSjenigen Slflgemeinen, als beffen 
©peciaffatt mir baS einzelne organifd^e SBefen anfefien. SBir miffen 
ganj gut, ba^ bie ©peciafifierung oon ber ßinmirfung oon au^en 



lommt. Slber bie fpecialifierte ©e 
inneren ^Principe ableiten. 2)a^ 



talt felbft muffen mir auS einem 
id^ gerabe biefe befonbere g^orm 



entmidfelt fjat, barüber geminnen mir Sluffd^lu^, xoenn mir bie 
Umgebung eines SBefenS ftubieren. 9iun aber ift biefe befonbere 



%oxm bod^ an unb für fid^ ttwa^, mx erblicfen fie mit geuJtffen 
©genfd^oftcn. SBir feigen, roorauf cö anfommt. 6s tritt ber 
äußren ©rfd^etnung ein in fid^ geftalteter ^rH)ali gegenüber, ber 
tin^ ba§ an bie $anb gibt, roaS wir braud^en, um jene ßigen? 
fd^aften abzuleiten, ^n ber unorganifd^en 3tatnx nel^men wir eine 
2^l^atfad^e wal^r, unb fud^en bel^ufS il^rer (Srflärung eine jweite, 
eine britte u. f. rty. unb ba§ Ergebnis ift, jene erfte erfd^eint unä | 
als bie notroenbige ^olge ber le^teren. ^n ber organif(|en SBeft , 
ift eä nid^t fo. §ier bebürfen vdxx au^er ben 2^|atfac^en nod^ 
eines ^aItor§. SBir muffen ben 6inn)ir!ungen ber äußeren Um^ | 
ftänbe tivoa^ ju ©runbe legen, baä fid^ nid^t paffi» t)on jenen j 
beftimmen lä^t, fonbem fid^ aftit) au§ fid^ felbft unter bem ©in^ 
fluffe jener beftimmt. 

'^a^ ift aber biefe ©runbfage? 6ö fann bod^ nid^tö fein, 
afe baä, maä im Sefonbem erf(|eint in ber 3^orm ber ätll« 
gemeinl^eit. ^m SBefonbem erfd^eint aber immer ein beftimmter 
Organismus. 3ene (Srunblage ift bal^^r ein Organismus in ber 
gorm ber Slffgemeinl^eit. Sin allgemeines S3ilb beS Orga- 
nismus, bas alte befonbem formen beSfelbcn in fid^ begreift. 

2öir motten nad^ bem SSorgange ©oetl^eS biefen allgemeinen 
Organismus 3^2£US nennen. 3D?ag baS SBort S^ppuS feiner 
fprad^lid^en ©nttmMung nad^ maS immer nod^ bebeuten; mir ge= 
braud^en eS in biefem ©oetl^efd^en Sinne unb benfen babei nie 
etmaS anbereS als baS Stngegebene. 2)iefer S^ppuS ift in feinem 
©injelsOrganiSmuS in aller feiner 33oKfommen^eit auSgebilbet. 
5Rur unfer vernunftgemäßes 2)enfen ift imftanbe, fid^ beSfelben ju 
bemäd^tigen, mbem eS il^n als attgemeineS 95ilb auS ben 6rfd^ei= 
nungen abjie^t. 35er S^ppuS ift fomit bie ^i^^ beS Organismus: 
bie 2^ier^eit im 2^iere, bie allgemeine ^Pflange in ber fpecietlen. 

3Kan barf fid^ unter biefem S^^puS nid^tS ^efteS üorfteffen. 
®r i)at ganj unb gar nid^tS gu tf)un mit bem, roaS Slgaffij, 
2)arminS bebeutenbfter Sefämpfer, einen „cerförperten ©d^öpfungS« 
gebanfen ©otteS" mnnU. 2)er S^ppuS ift etmaS burd^auS ^JlüffigeS, 
aus bem fid^ alle befonbere Slrten unb ©attungen, bie man als 
Untertppen, fpecialifierte Seppen anfeilen fann, ableiten laffen. 
2)er 2^9puS fd^ließt bie 5Defcenbenjt^eorie nid^t auS. 6r miber= 
fprid^t nid^t ber 2^l^atfad^e, baß fid^ bie organifd^en fjormen auS= 
einanber entmidfeln. 6r ift nur ber t)emunftgemäße ^ßroteft ba= 
gegen, baß bie organifd^e SntroidElung rein in ben nad^einanber 

5* 



1 



\ 



68 DU otganir4r< ^atat» 

miftretenben, tl^atfäd^Iid^en (finnlid^ roafimcl^mbaren) g^ormen auf= 
gcl^t. @r ift baöjemge, waS bicfer ganjctt ©ntrotcflung ju ©runbe 
liegt. @t ift eö, bcr ben 3wfamntenl^ang in btefer uncnblid^cn 
3KannigfaItig!eit l^erfteUt. 6r ift baä ^i^^^^i^Kci^e t)on bem, roaä 
wir afö äu^crlid^e formen ber Seberocfen erfafjren. 35 tc 3!)ar = 
toinfd^e S^l^coric fc^t ben 2^9puS ©orauS. 

®er 2^9pu§ ift ber roal^re Ür=DrgantSmu§; je nad^bem er 
id^ ibeeH fpectalifiert: Urpflanje ober Urtier. Äein einjelne§, 
tnnKci^5U)irHtd^eS Seberoefen fann eä fein. SBaö ^aerfel ober 
anbere 9iaturaliften afö Urform anfeilen, ift fd^on eine befonbere 
©eftalt; ift zUn bie etnfad^fte ©eftalt beä 2^t)puä. 35a^ er seitlid^ 
guerft in einfad^fter ^onn auftritt, bebingt nid^t, ba^ bte geitlid^^ 
folgenben formen fid^ afö ^olge ber geitUd^=t)orange]^enben ergeben. 
SlUe formen ergeben fid^ afö ^olge beö 2^ppuä, bie erfte mz 
bie le^te finb ßrfd^etnungen beSfelben. 3^« muffen roir einer 
wal^ren Drganif ju ©runbe legen unb nid^t einfad^ bie einzelnen 
%kx' imb $flan jenarten aus einanber ableiten motten. 3Bie ein 
roter ^abcn jiel^t fid^ ber S^ppuö burd^ alle ßntmidlungöftufen 
ber organtfd^en 2öett. 3Bir muffen xi)n feftl^alten unb bann mit 
il^m biefeö gro^e, »erfd^iebengeftaltige SReid^ burd^manbem. S)ann 
mirb eä un§ t)erftänblid^. ©onft jerfäHt e§ un§ m^e bie ganje 
übrige Srfal^rungömelt in eine gufammenl^angälofe 9Wenge oon 
©injell^eiten. Sa felbft menn mir glauben. Späteres, Äompli» 
jiertereS, 3wfammengefe|tereS auf eine el^emalige einfad^ere 
^orm jurüdfjufül^ren unb in bem le^teren ein Urfprünglid^eä ju 
l^aben, fo täufd^en mir un§, benn mir l^aben nur ©pecialform 
t)on ©pecialform abgeleitet. 

^riebrid^ 2^l^eob. SSifd^er l^at einmal in 95ejug auf bie 2)ar= 
minfd^e %\)tom bie Stnfid^t auSgefprod^en, ba^ fie eine 9let)ifiön 
unfereä 3^it^^9^ff^^ notmenbig mad^e. 2öir finb f)ier an einen 
5{5unft gefommen, ber un§ erfi(|tlid^ mad^t, in meld^em ©inne eine 
fold^e SReoifion ju gefd^el^en f)attc. ©ie l^ätte ju jeigen, ba^ bie 
Verleitung eineä ©päteren auS einem ^rü^eren feine @r!lärung ift, 
ba^ ba§ S^it't^d^-ßi^ft^ ^^i^ $rincipiell=@rfte§ ift. 2ltle Slbleitung ^at 
auä einem 5{5rincipiellen ju gefd^el^en unb l^öd^ftenS märe ju jeigen, 
meldte fjaftoren roirffam maren, ba^ fid^ bie eine ^BefenSart 
jeitlid^ cor ber anberen entroidfelt f)at 

3>er 2^9puS fpielt in ber organifd^en 2öelt biefelbe SRoHe 
mie baS 5laturgefe^ in ber unorganifd^en. 2Bie biefeS unö bie 



Die organ!fd)£ Uatur. 69 

^JlögUd^fctt an bic ^anb gibt, icbe^ einjclne ©efd^e^cn afö baS 
©lieb eines großen ®an5en ju erfennen, fo fe^t unS ber 2^ppu$ 
in bie Sage, ben einzelnen Organismus als eine befonbete gorm 
bet UrgeftaJt anjufel^en. 

SGäir ^aben bereits barauf l^ingebeutet, ba^ ber ^^^puS feine 
abgefd^loffene eingefrorene SegriffSform ift, fonbern, ba^ er pffig 
ift, ba^ er bie mannigfaltigften ©eftaltungen annel^men fann. 3)ie ! 
3al^I biefer (Seftaltungen ift eine uncnblid^e, weil baSjenige, wo- i 
burd^ bie Urform eine einzelne, befonbere ift, für bie Urform felbft | )<^ 
feine Sebeutung f)at. ®S ift gerabe fo, mie ein 9?aturgefe^ un= 
enblid^ tnele einzelne ©rfd^einungen regelt, weil bie fpecieffen S9e= 
ftimmungen, bie in bem einzelnen ^aHe auftreten, mit bem ©efc^e 
nid^tS ju tl^un ^aben. 

3)od^ ^anbelt eS fid) um etmaS wefentlid^ anbereS, als in 
ber unorganifd^en "^aim. 2)ort ^anbelte eS fid^ barum, ju jeigen, 
ba| eine beftimmte finnenfällige S^ljatfad^e fo unb nid^t anberS 
erfolgen fann, meil biefeS ober jenes 9?aturgefe^ befte^t. ^ene 
3^f)atfad^e unb baS ®efe^ fte^en fid^ als jmei getrennte ^aftoren 
gegenüber unb eS bebarf weiter gar feiner geiftigen Slrbeit, als 
ba| mir uns, menn mir eines ^aftumS anfid^tig merben, beS 
©efe^eS erinnern, baS ma^gebenb ift. Sei einem Seberoefen unb 
feinen ßrfd^einungen ift baS anberS. 2)a l^anbelt eS fid^ barum, 
bie einzelne ^orm, bie in unferer ßrfal^ng auftritt, aus bem 
S^ppuS ^erauS, ben mir erfaßt ^aben muffen, ju entmideln. Sßäir 
muffen einen geiftigen 5{5roje^ mefentlid^ anberer Slrt t)olläiel^en. 
SBir bürfcn ben 2^9puS nid^t als etmaS fertiges mie baS 5laturs 
gefe^ einfad^ ber einzelnen (Srfd^einung gegenüberfteHen. 

2)a^ jebcr Äörper, menn er burd^ feine nebenfäd^lid^en Um= 
ftänbe ge^inbert mirb, fo jur @rbe fällt, ba^ fid^ bie in ben 
aufeinanberfolgenben ^txitn burd^laufenen 2öege t)erl^alten mie 
1:3:5:7 u. f. m. ift ein einmal fertiges, beftimmteS @efe^. 
@S ift ein Urp^änomen, meld^eS auftritt, menn jmei ÜJJ äffen 
(®rbe, Körper auf berfelben) in gegenfeitige Sejie^ung treten. 
2^ritt nun ein fpecieHer ^all in baS ^elb unferer Seobad^tung 
ein, auf ben biefeS ©efe^ Slnmenbung finbet, fo braud^en mir nur 
bie finnlid^^beobad^tbaren Sl^atfad^en in jener Sejiel^ung ju be= 
trad^ten, bie baS ©efe^ an bie ^anb gibt, unb mir merben eS 
beftätigt finben. SBir fül^ren ben einzelnen ^aH auf baS ©efe^ 
jurüdE. 2)aS 5taturgefe^ fprid£)t ben 3wfammen^ang ber in ber 



70 0« organifdje ttatiir« 

©innenroelt getrennten S^l^atfad^en an^; eS bleibt aber als foId^eS 
j gegenüber ber einzelnen ©rfd^etnung beftel^en. 95eim S^^puä muffen 
j voxx au§ ber Urform jenen befonberen %aSl, ber unö üorliegt, 
' l^erauö entmiefeln. SBir bürfen ben ^^ppuä ber einzelnen ©eftalt 
! nid^t gegenüberfteUen, um ju feigen, mte er bte festere regelt; mir 
muffen fie an^ bemfelben |ert) orgelten laffen. 2)a§ ®efe§ be= 
'l^errfd^t bie ßrfd^etnung afö ein über il^r ©tel^enbeS; ber SCtjpuö 
i fliegt in ba§ einzelne Sebemefen ein; er ibentifijiert fid^ mit il^m. 

©ine Drganif mn^ )>df)tx, vDtnn fie in bem ©inne 2Biffen= 
fd^aft fein miH, mie eö bie 3Jled^anif ober bie ^i^pfif ift, ben it)pu§ 
alä aUgemeinfte gorm unb bann aud^ in oerfd^iebenen ibeaten 
©onbergeftalten jeigen. 2)ie 3Jled^anif ift \a aix^ eine 3wfammen= 
fteHung ber t)erfd^iebenen 9?aturgefe^e, mobei bie realen Sebingungen 
burd^megS l^^potl^etifd^ angenommen finb. 5lid)t anber§ müf;te eg 
in ber Drganif fein. 3lu(| l^ier mü^te man l^^potl^etifd^ beftimmte 
formen, in benen fid^ ber 2^ppu§ auöbitbet, annefjmen, menn man 
eine rationelle SBiffenfd^aft fjaben moKte. 3Kan mix^k bann 
jeigen, mie biefe l^ppotl^etifd^en ©eftaltungen ftet§ auf eine be= 
ftimmte, unferer Seobad^tung oorliegenbe ^orm gebrad^t werben 
iönnen. 

SBie mir im Unorganifd^en eine ®rfd^einung auf ein ©efe^ 
jurüdffül^ren, fo entmirfeln mir f)ier eine ©pecialform aug ber 
Urform. 9iid^t burd^ äu^erlid^e ©egenüberfteHung oon SlUgemeinem 
unb Sefonberem fommt bie organifd^e SBiffenfd^aft juftanbe, fon- 
bem burd^ Sntmirflung ber einen ^orm auö ber anberen. 

SBie bie 3Red^anif ein ©^ftem t)on 9iaturgefe^en ift, fo foK 
bie Drganif eine ^olge oon 6ntmidIung§formen beö 2^9puä fein. 
3?ur ba^ mir bort bie einzelnen ©efe^e jufammenfteHen ühb ju 
einem ©an^en orbnen, mäl^renb mir l^ier bie einzelnen g-ormen 
lebenbig auSeinanber f)ert)orgel^en laffen muffen. 

3!)a ift ein ©inmanb möglid^. SBenn bie tppifd^e ^orm etmaS 
burd^auö ^lüffigeä ift, mie ift e§ ba überl^aupt möglid^, eine Äette 
aneinanbergereil^ter befonberer %ii)T;>zn ate ben Snl^alt einer Drganif 
aufjuftetten? 5Ölan fann fid^ mo^I üorfteKen, ba^ man in jebem 
tefonberen %aüt, ben man beobad^tet, eine fpeciette gorm beS 
St^puö erfennt, aber man fann bo^ jutn Se^ufe ber SBiffenfd^aft 
nid^t blo^ fofd^e mirflic^ beobad^tete gäHe jufammentragen. 

9Jlan fann aber etmaö anbereö. 3Dflan fann ben 2^t)pu§ feine 
SReil^e ber SJlöglid^feiten burd^Iaufen faffen unb bann immer biefe 



DU organlfdie Uatur* 71 

ober jene ^orm (l^ppotl^ettfcl^) feftl^alten. ©o erlangt man eine 
SReil^e von gebanfUd^ an^ bem SC^puö abgeleiteten formen . alä 
ben 3>nl^alt einer rationellen Drganif. 

®§ ift eine Drgani! möglid^, bie ganj in bem ftrengften 
Sinne SBijfenfd^aft ift mie bie 9Jled^aniI. — ^f)xt 3Jletf)obe ift 
nur eine anbere. 2)ie SKetl^obe ber SJled^anif ift bie bemeifenbe. 
Seber SemeiS ftü^t fid^ auf eine gemiffe SRegel. @ö beftel^t immer 
eine beftimmte SSorauöfe^ung (b. f). e§ finb erfal^rungömöglid^e 
Sebingungen angegeben) unb bann mirb beftimmt, mag eintritt, 
wenn biefe SBorauSfe^ungen ftattl^aben. SBir begreifen bann eine 
einjelne Srfd^einung unter B^grunbelegung beä ©efe^eä. SQBir 
benfen fo: unter biefen Sebingungen tritt eine ßrfd^einung ein; 
bie Sebingungen finb ba, beömegen mu^ bie ßrfd^einung ein= 
treten. 2)aS ift unfer ©ebanfenproje^, menn mir an ein ßreigniä 
ber unorganifd^en 2Belt J^erantreten, um e§ ju erHären. 2)ag ift 
bie bemeifenbe 3Ketl^obe. ©ie if t miffenf d ^a ftticb, meil fie eine 



ßrjd^einung Dottftän big mit oem JBegriffe burd^tränft, mem di. 
"Surc^ fte S Bapnel^mung nnJ) Jgentenjpetfett 

aJltt StefeT^BeroeijenSen 3Jlet]^obe fönnen mir aber in ber 
2Biffenfd^aft beä Drganifd^en nid^tä anfangen. 2)er S^^puS be= 
ftimmt eben nid^t, ba^ unter gemiffen Sebingungen eine beftimmte 
®rfd^einung eintritt, er fe^t nid^tS über ein 3Serf)ältniö t)on ©liebem, 
bie einanber fremb, äu^erlid^ gegenüberftel^en, feft. ®r beftimmt 
nur bie ©efe^mä^igfeit feiner eigenen ieile. 6r meift nid^t mie 
baö 9iaturgefe^ über fic^ l^inauä. 6s fönnen bie befonberen organi= 
fd^en formen alfo nur au§ ber allgemeinen 2^9pu§geftalt 
l^erauS entmidEelt merben unb bie in ber 6rfaf)rung auftretenben 
organifd^en SBefen muffen mit irgenb einer fold^en 3lbleitung§form 
be§ 2^9pu§ jufammenfaHen. Sin bie Stelle ber b emeifenb_^ ^Jletl^obe 
mn^ f)kx bie entmidfetnbe treten. 9iid^t ba^ bie äußren Sebingungen 
in biefer SBeife^liufeinanber mirfen unb bal^er ein beftimmteS Qx- 
gebniä l^aben, mirb l^ier feftgeftellt; fonbem ba^ fid^ unter be= 
ftimmten äußeren 35erl^ättniffen eine befonbere ©eftalt auä bem 
3^9puS l^erauS gebilbet l^at. 2)aö ift ber burd^greifenbe Unter= 
fd^ieb jmifd^en unorganif^er unb organifd^er Söiffenfc^aft. Äeiner 
gorfd^ungSmeife liegt er in fo fonfequenter SBeife ju ©runbe mie 
ber ©oetl^efd^en. 9iiemanb l^at fo mie ©oetl^e erfannt, ba^ eine 
organifd^e 9Biffenfd^aft o^ne allen ^KpfticiSmuä, o^ne 2^eleologie, 
ol^ne 2tnnal)me befonberer ©c^öpfungögebanfen möglid^ fein mu^. 



72 ^'^ oviamfdjt üatur. 

Äcincr aber ani) fyit beftimmter bie S^mutung t)on fid^ geroicfen, 
mit ben SKctl^oben ber unorganifd^cn 9laturn)tffcnfci^aft l^icr ctmaä 
anjufangcn. 

2)er 2^9puS tft, n)ie wir gefeiten ^a6en, eine t)otterc n)iffen= 
fd^aftfid^e ^omt als baö Urpl^änomcn ®r f e|t auä) eine inten= 
fiDcre 2^l^ätigfeit unfcrcS ©eifteS oorauS als jencS. Sei bem 
9lad£)ben!en über bie 2)inge ber unorganifd^en Statur giebt unS 
bie 3Ba^me^ntting ber ©inne ben ^^l^^ft an bie §anb. @ö ift 
unfere finnlid^e Drganifation, bie unS f>ier fd^on baS liefert, waS 
vDxx im Drganifd^en nur burd^ ben (Seift empfangen. Um Bix% 
Sauer, SBärme, Äälte, Sid^t, garbe 2c. ma^rjunel^men, braud^t 
man nur gefunbe ©inne. SBir l^aben ba im 2)en!en ju bem 
©toffe nur bie ^orm ju finben. ^m SCppuö aber finb gntialt 
unb ^orm enge aneinanber gebunben. 3!)eä]^alb beftimmt ber 
2^9pu§ ja nid^t rein formell mie ba§ ®efe^ ben 3"'^^''*/ fonbern 
er burd^bringt il^n lebenbig, t)on innen fjerauö, ate feinen eigenen. 
2ln unferen ©eift tritt bie Slufgabe l^eran, jugleid^ mit bem ^or= 
rmütn probuftio an ber (Srjeugung beS S'^'^öÜlid^en teiljunel^men. 

3Jlan l^at oon jel^er eine 2)enfungöart, meld^er ber ^^l^alt 
mit bem g^ormeHen in unmittelbarem 3wfammen^ange erfd^eint, 
eine intuitive genannt. 

SBieberl^ott tritt bie Intuition alä miffenfd^afttid^eS 5ßrincip 
auf. ©er englifd^e ^l^ilofopl^ SReibj nennt eine S^tuition, ba^ 
mir au§ ber SBal^rnel^mung ber äußeren ßrfd^einungen (©inneS^ 
einbrüdfe) jugleid^ bie Überzeugung t)on bem ©ein berfelben 
fd^öpften. S^cobi oermeintc, in unferem ©eful^le t)on ©Ott fei 
unö nid^t nur biefeä felbft, fonbern gugleic^ bie Sürgfd^aft bafür 
gegeben, ba^ ©ott ift. Slud^ biefeS Urteil nennt man intuitit). 
®a§ ßl^arafteriftifd^e ift, mie man fielet, immer, ba^ in bem ^n- 
l^altlid^en ftetS me|r gegeben fein foH, als biefeS felbft, ba^ man 
oon einer gebanflidben Seftimmung roei^, ol^ne SemeiS, blo^ 
burd^ unmittelbare Überzeugung. ?Kan glaubt, ba^ man bie ©e- 
banfenbeftimmungen ©ein tc. t)on bem SBal^mel^mungSftoffe nid£)t 
bemeifen ju muffen glaubt, fonbern ba^ man fie in ungetrennter 
©in^eit mit bem ^nf)altt befi^t. 

2)aS ift aber beim 2^9puS mirflid^ ber g^all. 3!)a^er fann 
er fein SRittel beS SemeifeS liefern, fonbern blo^ bie 3Röglid^!eit 
an bie §anb geben, jebe befonbere ^orm auS fid^ gu entmidEeln. 
Unfer ©eift mu^ bemnad^ in bem (Srfaffen beS 2^9pu§ oiel intenfioer 



DU ocganifdje Uatur. 73 

roirfen afö beim ©rfaffen bcS 9?aturgcfe^cS. 6r mu^ mit ber 
^orm bcn S"^^^''* erzeugen. 6r mu^ eine 2^l^ätigfeit auf fid^ 
nel^men, bie in ber unorganifd^en 9laturn)iffenfci^aft bie ©inne be= 
forgen unb bie wir Slnfd^auung nennen. Stuf biefer l^öl^eren Stufe 
ntu^ alfo ber ©eift feI6ft anfd^auenb fein. Unfere Urteilöfraft 
ntu^ benlenb anfd^auen unb anfd^auenb benfen. 2Bir ^aben 
e§ l^ier, wie ©oetl^e jum crftenmal au§einanbergefe|t, mit einer 
anfd&auenben Urteifefra ft ju t^un. ®oett|e i)at l^iermit im menfci^= 
iic^en (*Jetft W§ ah notmenbige Sluffaffungäf orm nad^gemiefen, 
moDon Äant beroicfen i^aben rooUte, ba^ eS bem SKenfd^en feiner 
ganjen Sfniage nad^ nid^t jufomme. 

SSertritt ber SppuS in ber organifd^en 5Jatur baä 9iatur- 
gcfe^ (Urpl^änomen) ber anorganifd^en, fo vertritt bie Intuition 
(anfd^auenbe Urteiläfraft) bie bemeifenbe (refleltierenbe) llrteilS= 
fraft. 933ie man geglaubt \)at, biefelben ©efe^e auf bie unorganifd£)e 
9latur anmenben ju fönnen, bie für eine niebere ©rfenntnisftufe 
ma^gebenb finb, fo oermeinte man aud^, biefetbe SKetl^obe gelte 
l^ier mie bort. 95eibeS ift ein S^wm. 

3Ran i)ai bie ^ii^tuition oft fe^r geringfd^ä^enb in ber 3Biffen= 
fd^aft bef)anbelt. 3Kan f)at eä für einen 3KangeI bcS ©oettiefd^en 
©eifteä angefe^en, ba^ er mit ber S^tuition miffenfd^aftUd^e SBa^r- 
l^eiten erreid^en wollte. 2öaä auf intuitivem 3Bege erreid^t mirb, 
l^alten t)iele jmar für fel^r mid^tig, menn eä fid^ um eine n)iffen= 
fd^aftlid^e ßntbedfung l^anbelt. ®a, fagt man, fü^rt ein ßinfall 
oft weiter al§ met^obifd^ gefd^ulteä 5Denfen. 3)enn man mnnt 
eä ja ^äufig Intuition, wenn jemanb burd^ Befall ein Slid^tigeö 
getroffen, t)on beffen 2Bal^r]^eit fid^ ber ^orfd^er erft auf Umwegen 
überzeugt. Stet§ wirb aber geleugnet, ba^ bie Intuition felbft ein 
^rincip ber SEBiffenfd^aft fein lönne. 9Baä ber Intuition beigefallen, 
muffe nad^träglid) erft erwiefen werben — fo benft man — wenn 
eä wiffenfd^aftlid^en 2öert f)aben foH. 

©0 l^at man aud^ ®oetf)eS wiffenfd^aftlid^e Srrungenfd^aften 
für gciftreid^e (SinfäHe gel^altcn, bie erft nad^^er burd^ bie ftrenge 
SBiffenfd^aft il^re Beglaubigung erljalten f^aben. 

^ür bie organifd^e SBiffenfd^aft ift aber bie Intuition bie 
rid^tige 3Ketl^obe. Stu§ unferen Stuäfül^rungen gel^t, benfen wir, 
ganj beutlid^ fjeroor, ba^ fein Seift gerabe beS^alb, weil er auf 
Intuition angelegt war, im Dji^anifd^en ben redeten 2öeg gefimben 
^t. 3!)ie ber Drganif eige^rte 3Ket^obe fiel jufammen mit ber 



1^ 



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74 



IDte organifdje Uatiur. 



Äonftitutton feincä ©eifteS. 2)aburci^ rourbe il^m nur um fo 
Ilarer, inroiefetn fte fid^ von ber unorganifd^en 9iaturn)tffenfcl^aft 
unterfd^eibet. 2)aS eine rourbe il^m am anbern flar. ®r geid^nete 
bälget aud^ mit fd^arfen ©trid^en baä SBefen be§ Unorganifd^en. 

3u ber geringfd^ä^enben Strt, mit ber man bie Intuition 
bel^anbelt, trägt ni^t wenig bei, ba^ man il^ren ®rrungenfd£)aften 
nid^t jenen ©rab oon ©laubmürbigfeit beilegen ju fönnen meint, 
mie ben ber bemeifenben Söiffenfd^aften. 3Kan nennt oft allein, 
ipaä man bemiefen l^at, SBiffen, atteä übrige ©laube. 

9Wan mu^ bebenfen, ba^ bie S^tuition etmaS ganj anbereä 
bebeutet inner l^alb unferer roiffenfd^aftlid^en Slid^tung, bie bauon 
überzeugt ift, ba^ mir im 3!)enfen ben Äem ber SiBelt roefenl^aft 
erfaffen unb jener, bie ben festeren in ein unä unerforfc^bareö 
^enfeitS oe^rlegt. 2öer in ber un§ oorliegenben 9Beft, fomeit mir 
fie entmeber erfaf^ren ober mit unjerem teufen burd^bringen, nid^tä 
meiter fie^t alg einen 2tbglanj, ein Silb Don einem Senfeitigen, 
einem Unbefannten, SBirfenben, ba§ l^inter biefcr ^üKe nid^t nur 
für ben erften Slidf, fonbern affer miffenfd^aftlid^en ^orfc^ung 
jum 3^ro^ verborgen bleibt, ber !ann afferbingä nur in ber be- 
meifenben 3Ket^obe einen ®rfa| für bie mangelnbe ©infid^t in 
baä SBefen ber 2)inge erblidfen. 2)a er nid^t bis ju ber Slnfid^t 
burd^bringt, ba^ eine ©ebanfenoerbinbung unmittelbar burd^ ben 
im ©ebanfen gegebenen mefenfjaften S^^l*/ ^^o burd^ bie ©ad^e 
felbft juftanbe fommt, fo glaubt er fie nur baburd^ ftü^en gu 
fönnen, ba^ fie mit einigen ©runbüberjeugungen (Sljiomen) im 
®inffange ftel^t, bie fo einfad^ finb, ba^ fie eines SemeifeS meber 
fällig finb, nod^ eines fold^en bebürfen. 2öirb il^m bann eine 
miffenfd^aftlid^e Se^auptung ol^ne SemeiS gegeben, ja eine fold^e, 
bie il^rer ganjen 5Ratur nad^ bie beroeifenbe 3Ket]^obe auSfd^Iie|t, 
bann erfd^eint fie il^m als oon au^en aufgebrängt, eS tritt eine 
SBal^rl^eit an il^n l^eran, ol^ne ba^ er erfennt, meld^eS bie ©rünbe 
il^rer ©ültigfeit finb. ®r glaubt fein SBiffen, feine (Sinfid^t in 
bie ^adl^t ju l^aben, er glaubt, er fönne fid^ nur einem (Btanien 
f)ingeben, ba^ au^erl^alb feines SDenfoermögenS irgenbmeld^e 
©rünbe für i^re ©ültigfeit beftel^en. 

Unfere 2Beltanfic^t ift ber ©efal^r nid^t ausgefegt, ba^ fie bie 
©renken ber beroeifenben 3Dfletl^obe jugleid^ als bie ©renje miffen= 
fd^aftlid^er Überjeugung anfeilen mu|. ©ie I)at uns ju ber Slnftd^t 
geführt, ba^ ber Äern ber 2öelt in unfer 35enfen einfließt, ba^ 









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Wit MQanifiift ttatur. 75 

roir nid^t nur über ba§ SBefen ber SBelt benfen, fonbern ba^ 
bn^^^nf^n ein gufammgngejj|gn mit b em gS^ fen ber JBtrfltc6fe it 
ift. Unä n)trb mit ber S^tuition nid^t eine SiBa^rl^eit von au^en 
aufgebrängt, roeil eS für unferen Stanbpunft ein Sinken unb 
^nnen in jener Söetfe, wie e§ bie non unä ^bzn gefennjetd^nete, 
ber unfrigen entgegengefe^te njtffenfd^aftUd^e SRid^tung annimmt, 
nid^t gibt, ^ür unS ift bie ^ii^tuition ein unmittelbare^ 3«ne-- 
fetn, ein ©inbringen in bie SBal^rl^eit, bie un§ alles gibt, maS 
überl)aupt in 2lnfef)ung tl^rer in Setrad^t fommt. ©ie gel^t ganj 
in bem auf, wag unä in unferem intuitiven Urteile gegeben ift. , 
2)aS 6l^arafterifttfd^e, auf baS eä beim ©lauben anfommt, ba^/ 
uns nur bie fertige 2Ba]^rl^eit gegeben ift unb nic^t bie ©rünbe, 
unb ba^ un§ ber burc^bringenbe ©inblidf in bie in Setrad^t 
fommenbe ^acl^t abgel^t, fel^lt l^ier gänjlid^. 2)ie auf bem SBege 
ber Intuition gewonnene (Sinfid^t ift gerabe fo miffenfd^aftlid^ 
mie bi7 bemiefene. 

^cber SinjelorganiömuS ift bie Stuägeftaltung be§ 2^t)puS in 
einer befonberen gorm. @r ift eine S^i^i^^i^^^fü^t, bie ftd^ auö 
einem Zentrum f^erauS felbft regelt unb beftimmt. 6r ift eine i 
in fid^ gefd^Ioffene ©anjl^eit, maä in ber unorgamfd^en 9latur erft 
ber Äoämoä ift. 

3>aä ^htal ber unorganifd^en SBiffenfc^aft ift: 2)ie S^otafität ) 
aller ßrfd^einungen alö ein]^eitli(|eS Softem ju erfaffen, bamit mir ; 
jeber ©ingelerfd^einung mit bem Semu^tfein gegenübertreten: mir / 
erfennen fie als ®lteb beS ÄoSmoä. ^n ber organifd^en 3Biffen= 
fd^aft mu^ bagegen ^beal fein, in bem 2^9pu§ unb feinen ©r-- * 
fd^einungSformen baSjentge in möglid^fter 3SoIIfommenl^eit ju l^aben, • 
maä mir in ber SReil^e ber Stnjelmefen fid^ entmidEeln feigen. . 
3!)ie ^inburd^fü^rung be§ Xr)T(^\x^ burd^ atte drfd^einungen ift |ier ; 
baä 3Jla^gebenbe. ^n ber. unorjanifd^en äSifjenf d^aft bag Spfte m, : 
in ber Drganif- biT SSergleid|ung Qeber emjelnen gorm mit '■ 
bem SEppuö)."^ """ --^ .^— ^^.-..^ 

3!)ie ©peltralanalpfe unb bie 33erDoKIommnung ber 3lftro= 
nomie bel^nen bie auf bem befd^rdnften ©ebtete beS 3^i>if<^ß^ 9^= 
monnenen SBa^r^eiten auf baä SBeltgange auö. 5Damit naivem 
fie fid^ bem erften ^"otat 2)aö jmette mirb erfüllt merben, menn 
bie von ©oetl^e angemenbete »ergleid^enbe 3Jlet^obe in 
t^rer 2^ragmeite erfannt mirb. — 



-»-M- 



F. 3xt (Bn^t»\tfi^tn^iiiatttn. 



17« Einleitung: ®ei|i unt ^ntur. 

^Sa§ ©cHet bc§ 9iatur=®rfcnncnS l^aben wir erfd^öpft. ©ic 
^^Drganif ift bie l^öd^ftc %oxm bcr Staturroiffenfd^aft. 2Ba§ 
nod^ barübet ift, finb bie ©eifteSroijfenfd^aften. SJiefe forbem ein 
roefentlid^ anbereS SSerl^alten be§ SJlenfd^engeifteä inm Dbjefte afe 
bie 9iaturn)iflenfci^aften. 95ei ben legieren i)aiit ber ©eift eine 
unit)erfette SRoHe ju fpielen. 6s fiel \i)m fojufagen bie Slufgabe 
ju, ben SSBeltproje^ felbft jum 3lbfcl^Iuf|e ju bringen. 2öa§ ol^ne 
ben ©eift ba voat, war nur bie ^älfte ber SBirflid^feit, roax un= 
ooHenbet, in jebem ^ßunfte ©tüdroerf. 2)er ©eift t|at ba bie 
innerften 2^riebfebern ber SöirfKd^feit, bie jroar aud^ ol^ne feine 
fubjeftioe ®inmifci^ung ©eltung l^ätten, jum ©rfd^einungäbafein ju 
rufen. 2öäre ber 3Jlenfci^ ein blo^eS ©innenroefen, o^ne geiftige 
Sluffaffung, fo wäre bie unorganifc^e 9iatur rt)oi)l -nid^t minber oon 
9iaturgefe^en abl^ängig, aber fie träten nie afö folc^e inS 2)afein 
ein. @ö gäbe jwar SBefen, rocld^e ba§ Seroirfte (bie Sinnenwelt), 
nid^t aber baä SBirfenbe (bie innere ©efe^lic^feit) wa^me^men. 
®ä ift roirflid^ bie td)it unb groar bie roal^rfte ©eftalt ber 5latur, 
roeld^e im 3Renfd^engeifte jur drfd^einung fommt, roäl^renb für ein 
©innenroefen nur i|re Slu^enfeite ba ift. 3)ie SEBijfenfd^aft l^at 
^ier eine weltbebeutfame SRotte. ©ie ift ber 3lbfd£)lu^ beS ©d£)öpfungSs 
roerfeS. @ö ift bie SluSeinanberfe^ung ber 9iatur mit fid^ felbft, 
bie fid^ im 93emu|tfein beS 3Jlenfd^en abfpiett. 2)aä 3!)en!en ift 
baä le^te ©lieb in ber Slei^enfolge ber 5{5rojeffe, bie bie 9latur 
bilben. 

9lid^t fo ift e§ bei ber ©eifteöroiffenfd^aft. §ier l^at e§ unfer 
95en)u^tfein mit geiftigem ^i^'^^It^ f^l'&ft ju tl^un: mit bem ein* 
jelnen 3Jlenfd)engeift, mit ben ©d^öpfungen ber Kultur, ber Sitte^ 



(iShtUitung in bU ^tifUzroi^tnfdiafUTu 77 

ratur, mit bcn aufcinanberf olgcnben njiffenfd^aftlid^en Überjeugungen, 
mit ben ©d^öpfungen ber Äunft. ©ciftigcä mirb burd^ bcn ©eift 
trfa^t. 2)ie SBitfificI^Ieit ^at l^ier fd^on baS ^ittUt, bie ®efe^= 
mä^igfeit in fid^, bie fonft erft in ber geiftigcn 3luffaffung l^eroot= 
tritt. 9Baä bei bcn 9latum)ij|enfd^ftcn erft ^robuft beS*9iad^= 
bcnfenä über bie ©egenftänbe ift, baS ift f)ier benfelben eingeboren. 
2)ie 9Biffenfd^aft fpielt eine anbere 3lotte. 35aö Sßäefen märe 
aud^ fd^on im Dbjefte ol^ne i^re 3lrbeit ba. ßS jtnb men^d^Iid^e 
%i)atm, ©d^öpfungen, ^htm, mit benen mir eS ju tl^nn l^aben. 
SS ift eine 3luäeinanberfe^ung beö 3Jlcnfd^en mit fid£) felbft unb 
feinem ©efd^led^te. 2)ic SGBiffenfd^aft ^t eine anbere ©enbung ju 
erfüllen ate ber 9latur gegenüber. 

SSieber tritt biefe Senbung juerft al§ menfd^lid^eS 95ebürfniS 
auf. ©oroie bie 5iotmenbigf eit, jur 5laturmirf lid^f eit bie 5Raturibee gu 
finben, juerft afe SebürfniS unfereS ©eifteS auftritt, fo ift aud^ 
bie 3lufgabe ber ©eifteämiffenfd^aften juerft afä menfd^Iid^er 2)rang 
ba. 3Bieber ift e§ nur eine o6jeftit)e S^fjatfad^e, bie flc^ afe fub= 
jeltiöeö 95ebürfni§ funbgibt. 

25er 3Jlenfd^ foH nid^t mie baS SBefen ber unorganifd^en 
5Ratur auf ein anbereö SBefen nad^ äußeren 9lormen, nai) einer 
if)n bel^errfd^enben ©efe^Iid^feit mirfen, er foff aud^ nid^t blojä 
bie (Sinjelform eineö aHgemeinett 2^9puS fein, fonbern er foH fid^ 
ben 3wedf, ba§ 3i^f feines 5Dafein§, feiner 2^i^ätigfeit fetbft vox- 
fe^en. 2öenn feine §anblungen bie ©rgebniffe t)on ©efe^en finb, 
fo muffen biefe ©efe^e fold^e fein, bie er fid^ felbft gibt. SBaS 
er an fid^ felbft, maö er unter feineägleid^en, in Staat unb ©es 
fd^id^te ift, ba§ barf er nid^t burd^ äu^erlid^e 95eftimmung fein. 
6r mu^ eS burd^ fid^ felbft fein. 9Bie er fidp in ba§ ©e* 
füge ber 2BeIt einfügt, l^ängt von xf)m ab. ®r mu^ ben ^ßunft 
finben, um an bem ©etriebe ber SBelt teiljunel^men. §ier er= 
galten bie ©eifteSmiffenfd^aften il^re Slufgabe. 2)er 3Jlenfd^ mujä 
bie ©eifteämelt fennen, um nad^ biefer ßrfenntniö feinen Slnteil 
an berfelben ju beftimmen. 2)a entfpringt bie ©enbung, bie 
5{5fpd^oIogie, 35olfö!unbe unb ©efd^id^täroiffenfd^aft ju erfüllen i)abtn. 

5Da8 ift baä SBefen ber 5Katur, ba^ ©efe§ unb SC^ätigfeit 
auöeinanberf allen, biefe Don jenem bel^errfd^t erfd^eint; baö {)in= 
gegen ift baö Sßefen ber ^reil^eit, ba^ beibe jufammenf allen, 
ba^ fid^ baS SBirfenbe in ber 2Birfung unmittelbar barlebt unb 
ba| baä 95emirfte fid^ felbft regelt. 



7 8 dtniet'tung in bte ^^tjtestotffenfdjafttn. 

3)ie ®ciftc§n)tffenfcl^aftcn finb im eminenten Sinne 
bal^er ^reil^eitSmiffenfc^aften. 2)ie ^i^ee ber ^rei^eit mu^ 
i^r 3KitteIpuirft, bie fie bel^errfd^enbe ^hez fein. 3!)e§l^al6 [teilen 
©d^illerä äftl^etifd^e Sriefe fo l^o4, meil fie ba§ SBefen ber (B(i)'6n' 
i}txt in ber 3^"^^ i^^ ^reil^eit finben motten, meil bie ^reil^eit 
baä 5ßrincip ift, ba§ fie burd^bringt. 

3)er ©eift nimmt nur jene ©tette in ber Slttgcmcinl^eit, im 
SBeftganjen ein, bie er fid^ afe inbit)ibueffer gibt. Söäl^renb in 
ber Drganif ftetg baS 3lff gemeine, bie S^^puä^gbee im Stuge 6e= 
l^alten merben mu^, ift in ben ©eifteSmiffenf d^aften bie ^htt ber 
^erfönlid^feit feftjul^alten. 9iid^t bie ^i^t, mie fie fid^ in ber 
3lttgemeinl^eit (i^puS) barlebt, fonbem mie fie im ©injelmefen 
(Snbimbuum) auftritt, ift eS, morauf eS anfommt. 5tatürlid^ ift 
nid^t bie jufättige ßinjelperfönlid^feit, nid^t biefe ober jene 5ßer= 
fön(id£)feit ma^gebenb, fonbern bie ^erfönlid^feit überl^aupt; 
aber biefe nic^t auö fid^ ^erau§ gu befonberen Oeftalten fid^ ent? 
midfelnb unb erft fö jum finnenfättigen 2)afein fommenb, fonbem 
in fic^ fetbft genug, in fid^ abgefd^loffen, in fid^ feine 95eftimmung 
finbenb. 

2)er 2^9pu§ i)at bie Seftimmung, fid^ im 3«t>i»ii>wum erft 
ju realifieren. 2)ie 5ßerfon \)at biefe, bereits als S^^^tteS mirflid^ 
>' auf fid^ felbft rul^enbeS 2)afein jü gewinnen. @§ ift ttwa^ ganj 
anbereS, menn man oon einer attgemeinen 3Jlenfd^l^eit fprid^t, als 
oon einer attgemeinen 9iaturgefe^tid^feit. ^Rpj^ h^^ nr ift baS 
93efonbere_burd| baS. äÜHgj^tneine bebingt; bei^ber J^bee ber 2Jiexifc|s 
5eiFift es bie Slttgemeinl^eit burS^'ba¥^e[onbere. SEäenn eS uns 
'g:eftngt,^"^er ©efd^id^te attgemeine ©efe^e abjulaufd^en, fo finb 
biefe nur infofeme fold^e, als fie fid^ oon ben f)iftorifd^en 5{5er= 
fönlid^feiten als Si^I^/ ^"^^clU oorgefe^t mürben. 2)aS ift ber 
innere ©egenfa^ t)on 5latur unb ©eift. 2)ie erfte forbert eine 
SEBiffenfd^aft, meiere oon bem unmittelbar ©egebenen, als bem 33 e= 
bingten, ju bem im ©eifte ©rfa^aren, als bem Sebingenben, 
auffteigt; ber le^te eine fold^e, meldte t)on bem ©egebenen als 
bem Sebingenben gu bem 95ebingten fortfd^reitet. 2)a^ baS 
Sefonbere jugleid^ baS ©efe^gebenbe ift, d^arafterifiert bie ©eifteS= 
miffenfd^aften; ba^ bem 3lttgemeinen biefe 3lotte jufättt, bie 9?atur= 
roiffenfd^aften. 

SBaS uns in ber 9iaturmiffenfd^aft nur als 2)urd^gangSpunIt 
mertoott ift, baS Sefonbere, baS intereffiert unS in ben ®eifteS= 



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wiffcnfd^aften allein. SJBaS roir in jener fud^en, baS SlUgemetne, 
fommt l^ier nur infoferne in Setrad^t, afS eS nn^ ü6er baS 93 e= 
fonbere aufflärt 

®ö n)äre gegen ben ©eift ber SJBiffenfd^aft, wenn man ber 
9?atur gegenüber bei ber Unmittelbarfeit beS Sefonberen ftel^en 
bliebe, ©erabegu geifttötenb märe eS aber aud^, menn man j. 95. 
bie gried^ifd^e ©ef^id^te in einem allgemeinen Segripti^ema um- 
faffen mollte. 2)ort mürbe ber an ber (Srfd^einung l^aftenbe ©inn 
feine SBiffenfd^aft erringen; l^ier mürbe ber na(l^ einer attgemeinen 
Sd^ablone »orgel^enbe ©eift aßen ©inn für ba§ ^nbiüibueffe 
verlieren. 

18« $)rt|(t|oi0gtri4e$ (Erkennen. ' 

2)ie erfte SBiffenfd^aft, in ber eS ber ©eift mit fid^ felbft 
ju tf)un l^at, ift bie ^ßf^d^ologie. 3)er ©eift fte^t fid^ betrad^tenb 
felbft gegenüber. 

^i^te fprad^ bem 3Kenfd^en nur infofeme eine (Sjiftenj ju^ 
als er fie felbft in fid^ fe^t. 3Kit anbem SBorten: bie menfd^= 
lid^e ^erfönlid^feit l^at nur jene 9Jlerfmale, Sigenfd^aften, Säl^ig= 
feiten K., bie fie fid^ vermöge ber (Sinfid^t in i^r SBefen felbft 
jufd^reibt. (Sine menfd^lid^e ^äl^igfeit, von ber ber 3Jlenfd^ nid£)ts 
wix^tz, erfennte er nid^t afö bie feinige an, er legte fie einem 
il^m ^remben bei. SBenn fjid^te oermeinte, auf biefe SBaljrl^eit 
bie gange SBiffenfd^aft beS Unit)erfum§ begrünben ju fönnen, fo 
mar baä ein S^^i^^/ ©i^ ift baju beftimmt, baS oberfte 5{5rincip 
ber 5Pfpd§ologie ju merben. ©ie beftimmt bie 3Retl^obe berfelben. 
SBenn ber ©eift eine ©igenfd^aft nur infofeme befi^t, als er fid^ 
fie felbft beilegt, fo ift bie pf^d^ologifd^e SWetl^obe baS SSertiefen 
beS ©eifteö in feine eigene iljätigfeit. ©elbfterfaffung ift alfo 
l^ier bie SKetl^obe. 

®ä ift natürlid^, ba^ mir l)iermit bie ^Pf^d^ologie nid^t barauf 
bef darauf en, eine SBiffenfd^aft von ben zufälligen ßigenfd^aften 
irgenb eineä (biefeS ober jenes) menfd^lid^en S^ti^i^ii^wumS ju fein. 
3Bir löfen ben ©injelgeift oon feinen jufäHigen Sefd^ränfungen, 
t)on feinen nebenfä(|lid^en 3Kerfmalen ah unb fud^en unS ju ber 
93etrad§tung beS menfd^lid^en ^^ti^i^^ii^ww^^ überl^aupt ju erl^eben. 

2)aS ift ja nid^t ba§ 3Jla^gebenbe, ba^ mir bie ganj jufäHige 
(Sinjelinbioibualität betrad^ten, fonbern ba^ mir unä über baS 



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80 ^\^^tj^,t^^^, \ 

aus fid^ felbft beftimtnenbe Si^^i^i^wum überl^aupt !lar roerW 
2Bcr ba fagen rooHte, ba l^ätten roir ja aud^ mit ntd^tS n)ci( 
als mit bcm S^^puS ber SKenfd^l^ett ju tl^un, oermed^felt ^ 
2^ppuä mit bcm gcncratifictten Segriff. 2)cm %xj^yx^ ift eS n)efcnt£i| 
ba^ er al§ allgemeiner feinen ßinjelformen gegenüberftef)t. 9?^ 

…[truncated]