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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange
aus dem Jahre 1 924
BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar,
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235)
BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27.
April, 4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 236)
BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung.
Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli,
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237)
BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthro-
posophischen Bewegung.
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19.,
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache» vom 28. Septem-
ber 1924 (Bibliographie-Nr. 238)
BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am
5. April, in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 239)
BAND VI Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in
Zurich am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni,
in Arnheim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August,
und in London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240)
Zum Thema «Wiederverkdrperung und Karma» sei noch auf folgende B'dnde der
Rudolf Steiner Gesamtausgabe hingewiesen:
«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Natur-
wissenschaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im
Band «Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe)
«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder-
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fuhrung der Mensch-
heit», 1909 (Bibliographie-Nr. 109/111)
«Die Offenbarungen des Karma», 1910 (Bibliographie-Nr. 120)
«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam-
menhange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte»,
1911 (Bibliographie-Nr. 126)
«Wiederverkorperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur
der Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135)
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen
karmischer Zusammenhange
Zweiter Band
Siebzehn Vortrage,
gehalten in Dornach zwischen dem
6. April und 29. Juni 1924
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Domach 1934
2. Auflage, erweitert um die Vortrage
Stuttgart 9. April; Bern 16. April; Stuttgart 1. Juni 1924
Gesamtausgabe Dornach 1959
3. Auflage, Gesamtausgabe 1965
4. Auflage, neu durchgesehen und verandert
(ohne die Vortrage
Stuttgart 9. April; Bern 16. April; Stuttgart 1. Juni 1924)
Gesamtausgabe Dornach 1973
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Bibliographie-Nr. 236
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2360-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlaflt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, flnden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders
als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe.
INHALT
KARMISCHE BETRACHTUNGEN
IN BEZUG AUF DAS GESCHICHTLICHE WERDEN
DER MENSCHHEIT
Erster Vortrag, Dornach, 6. April 1924
Baco von Verulam und Amos Comenius. Marx und Engels. Otto
Hausner.
Zweiter Vortrag, 12. April 1924
Der esoterische Zug in der gegenwartigen anthroposophischen Be-
wegung. Zusammenwirken karmisch verbundener Seelen im vorirdi-
schen Dasein. Wirkung der Impulse Bacons in Leopold von Ranke
und des Comenius in Schlosser. Heriiberwirken der einen Inkarna-
tion in die andere. Conrad Ferdinand Meyer.
Dritter Vortrag, 23. April 1924
Das geschichtliche Leben der Menschheit raufi an die Betrachtung
des Menschen selbst herangebracht werden. Friihere Epochen wer-
den durch den Menschen selbst in spatere Epochen heriibergetragen.
Pestalozzi, Conrad Ferdinand Meyer, Emerson, Herman Grimm.
Vierter Vortrag, 26. April 1924
Wie steht es mit der Wiederverkorperung fniherer Eingeweihter?
Verschiedenheiten der aufeinanderfolgenden Erdenleben, Notwen-
digkeit der Anpassung an die neuen Zivilisations- und Leibesver-
haltnisse. Das friihere Wissen wird verschiitten, geht aber nicht ver-
loren; es kommt auf eine andere Weise wieder zum Vorschein. Die
vorderasiatischen Mysterien in den ersten nachchristlichen Jahr-
hunderten. Die alte Initiationsweisheit aus fruheren Erdenleben
drangt jetzt zu dichterisch kiinstlerischem Schaffen. Ibsen, Frank
Wedekind, Holderlin, Hamerling.
Funfter Vortrag, 27. April 1924
Das Wunderbare in der Alltaglichkeit. Die Pragung von Menschen-
charakteren aus geschichtlichen Ereignissen, die zu Seelenimpulsen
fiir die folgenden Erdenleben werden. Kronprinz Rudolf. Gut und
Bose im Lichte des Karma. Die Schicksalsfrage als moralisches Erleb-
nis des Menschen. Die Bedeutung der Tempelarchitektur, des Kultus
und der in Bildern verlaufenden Meditation: vertiefte Innenerkennt-
nis und geheiltes Sinnesempfinden. Der Goetheanumbau war eine
Erziehung zum karmischen Schauen.
KARMISCHE BETRACHTUNGEN
DES INDI VIDUELLEN MENSCHLICHEN LEBENS
Sechster Vortrag, 4. Mai 1924
Durch objektive Karmabetrachtung fliefit ein lebendiges Ethos in
unsere Seelenverfassung ein. Vielen Menschen fehlt die Eignung, sich
von sich selber loszulosen und an anderes hinzugeben; erhohter
Egoismus ist eine Gefahr des geistigen Strebens. Karmischer Aus-
gleich beim Ineinanderleben der karmisch verbundenen Menschen
in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt; man geht
aus sich heraus und in den anderen hinein. Karma wirft seine Schat-
ten oder Lichter voraus. Praktische Karmaiibungen durch Weg-
schaffung des sichtbaren Menschen, so daft hinter ihm die Saturn-,
Sonnen- und Mondenimpulse sichtbar werden.
SlEBENTER VORTRAG, 9. Mai 1924
Innere Verrichtungen der Seele, um Karma anschauen zu lernen. Der
Beginn des Erkenntnisweges ist, einen richtigen Gesichtspunkt zu
gewinnen, indem man sich mit den weisheitsvollen Einrichtungen
der Welt durchdringt. Dann handelt es sich darum, warten zu kon-
nen. Durch das energische Heraufheben des Erlebten ins Bewufit-
sein erlangt man die Gestaltung des Bildes durch den Astralleib im
aufieren Ather. Spater werden die so substantiierten Bilder durch
den Atherleib, dann durch den physischen Leib ausgearbeitet. Gei-
stige Anstrengung durch Aktivitat der Seele sowie Besonnenheit von
Kopf und Herz sind notwendig fur die Umwandlung des Willens
zum Schauen.
Achter Vortrag, 10. Mai 1924
Karmische Betrachtungen in bezug auf die auftere Gestaltung, die
Physiognomie, das Mienenspiel des Menschen. Die Materie ist die
aufiere Offenbarung des Seelisch-Geistigen; des Menschen Gestalt
und seine Bewegungsmoglichkeiten sind ein Bild der geistigen Welt.
Haupt, rhythmisches System und Gliedmafien-Stoffwechselsystem
innerhalb der karmischen Entwickelungsstromung.
Neunter Vortrag, 11. Mai 1924
Gesetzmaftige Zusammenhange fur die innere Konfiguration in der
Bildung des Karma, seiner ethischen und geistigen Seite im mensch-
lichen Leben. Zusammenhang der Karmabildung mit den Urlehrern
der Menschheit, den jetzigen Mondbewohnern. Die negativen Bilder
der menschlichen Taten. Das Leben in der Seelenwelt beim Ruck-
gang durch die friiheren Erdennachte. Intensiver als die Erdener-
lebnisse sind die erlebten Bilder der Mondenwesen-Region durch
Einpragung der Weltsubstanz. Wiederfinden der Urweisheit. Das
Lesen in der Weltenschrift mit den zehn Begriffen des Aristoteles.
Betrachtung des Urbilds der Strader-Gestalt und Jakob Frohscham-
mers bei der Ruckwanderung nach dem Tode. Radikale Verande-
rungen nach dem Tode unter dem Einflufi dieser von den irdischen
grundverschiedenen Krafte. Der Keim zum Karma, die im Welten-
ather eingetragenen negativen Bilder, wird beim Zuruckkommen in
den Erdenwillen aufgenommen.
KARMABILDUNG BEIM ROCKLAUFIGEN
DURCHLEBEN DES ERDENWANDELS
UNMITTELBAR NACH DEM TODE
Zehnter Vortrag, 16. Mai 1924
Verschiedenheiten der Wirkungen der irdischen und der aufierirdi-
schen Welt auf die Bildung des Karma. Obergang von dem Miterle-
ben der Mondwesenheiten zu dem der Hierarchien. Durchgang
durch die Planetenspharen. Im Bereich des Sonnenwirkens sind gei-
stige Gesetze und Naturgesetze eins. Das wahrhaft Menschliche
stammt aus dem Sonnendasein, das Irdische ist nur Bild davon. Zu-
rvicklassen des schlimmen Karma vor dem Eintritt in das Sonnen-
dasein; Wiederfinden des Bosen beim Riickgang aus dem Welten-
dasein durch die Mondenregion. Homunkulus in Goethes «Faust».
Durch das Sonnenleben entstehen die Gesundheitsanlagen; Krank-
heit entsteht unterhalb der Sonnenregion. Ungiiltigkeit der Natur-
gesetze im Bereich der zweiten Hierarchic Zuriickwandlung der
geistigen Gesetze in das Physische in der Region der ersten Hier-
archic
Elfter Vortrag, 18. Mai 1924
Beteiligung der Wesenheiten aus dem geistigen Weltenall am mensch-
lichen Karma. Blick auf den Zusammenhang des Menschen mit dem
Erdenwesen. Er tragt dem Raume nach die aufieren Naturwesen,
der Zeit nach dem Reiche der hoheren Hierarchien in sich. Kar-
mische Forderungen und Erfiillungen. Ungeborenheit, Unsterblich-
keit. Geringe Tragfahigkeit moderner Gescheitheit. Zwei Beispiele
fur das Versiegen jugendlicher Krafte durch den materialistischen
Intellektualismus. Das Wissen von den Beziehungen zu den hoheren
Hierarchien gibt Haltekraft im Geistigen.
Zwolfter Vortrag, 29. Mai 1924
Eingreifen der Hierarchienordnung und Spiegelungen der geistigen
Wesen des Planetensystems. Imaginative und inspirierte Erkenntnis
des Lebens nach dem Tode. Mond-, Merkur- und Venusregion, Son-
nendasein, Mars-, Jupiter- und Saturnregion. Ausarbeitung des
Karma im Verein mit hoheren Wesenheiten. Voltaire, Eliphas Levi,
Victor Hugo.
Dreizehnter Vortrag, 30. Mai 1924 220
Das Verstandnis fur karmische Zusammenhange kann nur gewonnen
werden durch das Einsehen dessen, was hinter dem gewohnlichen
Bewufttsein vor sich geht, also durch die Betrachtung des mensch-
lichen Wesens, wie es sich der iibersinnlichen Erkenntnis ergibt.
Durch die Obungen in der Oberschau des Lebenstableaus kann der
innerliche Zusammenhalt des seelischen Lebens mit dem physischen
Leibe durchbrochen werden - trotz des Drinnensteckenbleibens -,
sowohl in der imaginativen wie in der inspirierten Erkenntnis.
Dann kann wahrgenommen werden, was am physischen Leibe war.
Der physische Leib erscheint dann als Trager geistiger Wesenheiten.
Unser Karma wird von den Gottern, die in uns sind, geformt. Frei-
heit tritt erst auf durch die Entwickelung der Bewufkseinsseele; das
ist die eine Seite, die andere ist die Hierarchienseite des Menschen.
Menschliches Schicksal ist Gotterangelegenheit. Gelassenes Hinneh-
men des Schicksals gibt die starksten geistigen Impulse. Die Myste-
riendichtungen Rudolf Steiners.
DIE KOSMISCHE FORM DES KARMA
UND DIE IND I VIDUELLE BETRACHTUNG
KARMISCHER ZUSAMMENHANGE
VlERZEHNTER VORTRAG, 4. Juni 1924 237
Der Pfingstgedanke als Empfindungsgrundlage zum Begreifen des
Karma. Die Wahrnehmbarkeit des Ubersinnlichen im Kosmos. Him-
melsblaue, Sternen-Leuchtekonfiguration, Geistselbstigkeit.
Funfzehnter Vortrag, 22. Juni 1924 253
Das Verantwortlichkeitsgefiihl gegenuber den Mitteilungen aus der
geistigen Welt. Biographie in geisteswissenschaftlichem Sinne. Wor-
in lebt sich das Karma des Menschen aus fiir die hohere Anschau-
ung? Das Umsetzen der am Tage vollendeten Taten in das Karma,
das Untertauchen in die Erinnerungserlebnisse der individuellen Er-
denleben wahrend des Schlafes. Hinter den Weltgedanken leben
die Hierarchien, wie hinter den Erinnerungsgedanken der einzelne
Mensch. Karma liegt in dem, was wir als Stuck des Kosmos sehen,
zuerteilt durch die Welt der Hierarchien, die auf unsere vorigen
Erdenleben zunickblicken. Der Kosmos bringt die erste Form des
Karma an den Menschen heran.
Sechzehnter Vortrag, 27. Juni 1924
Karmisch verbundene Menschengruppen. Das Wirken der Hier-
archien im Leben der Menschen. Der Zusammenhang des aufieren
naturhaften Geschehens mit dem Karmageschehen der Menschheit.
Einwirkung des Karmaverlaufs auf die aufiere Natur in Vulkanaus-
briichen, Erdbeben, Uberschwemmungen und so weiter. Das Wir-
ken der zweiten Hierarchie im Sonnenhaften. «Die Sonne urn Mitter-
nacht.» «Die Morgenrote im Aufgang.» Herausschwebend aus den
Wesenheiten der zweiten Hierarchie wirkt die dritte Hierarchie auf
der Erdflache wahrend des Menschenschlafes in unseren hinterlas-
senen Gedankenspuren. In das Weben und Wesen der zweiten Hier-
archie spielt hinein und schlagt durch bis in den abgewendeten Teil
der Erde die erste Hierarchie, die mit der zweiten zusammenwirkt
an unserem Ich und Astralleib. Imaginativ-bildliche Initiationsan-
schauung im Kultus.
SlEBZEHNTER VORTRAG, 29. Juni 1924
Das Karma vom Standpunkte des gegenwiirtigen weltgeschichtlichen
Augenblicks. Soziale Weltenordnungen werden unter dem Einflufi
materialistisch-planetarischer Vorstellungen geschaffen. Elementa-
rische Naturereignisse und zivilisatorische Elementarereignisse. In
die menschlichen Gestaltungen gottlicher Taten spielen hinein luzi-
ferische und ahrimanische Machte. Verschiedenheiten des Karma-
waltens bei Elementarereignissen und zivilisatorischen Katastro-
phen. Eingriffe in die naturgesetzliche Erdenentwickelung durch die
in der Erde zurikkgebliebenen und von ahrimanischen Machten be -
niitzten Krafte der alten Mondenzeit. Durch den Tod Jugendlicher
bei elementarischen Katastrophen fliefit Irdisch-Bestimmtes in die
geistigen Welten ein. Verscharfung der intellektuellen Eigenschaf-
ten als karmische Folge bei Naturkatastrophen, Verstarkung der
Willenseigenschaften bei Zivilisationskatastrophen. Bei Zivilisa-
tionsverirrungen wird ein luziferisches Element hineingetragen, das
nach dem Tode als dichte Finsternis in der geistigen Welt wirkt.
Dort kann sie Ahriman benutzen zur Umgestaltung der in der Erde
noch vorhandenen Mondenentwickelung. Zerstorerische Kulturim-
pulse werden in dieser Umgestaltung zu Vulkanausbruchen, Erd-
beben und so weiter. In dem Bestreben der guten Gotter, diese
Schicksale wieder in die Bahn der Gerechtigkeit einzulenken, ver-
flicht sich im Laufe des geistigen Kampfes Menschenschicksal mit
Gotterschicksal. Das Ungliick in der Welt ist da, damit die Gotter
Gliick daraus machen konnen. Karmaerkenntnis ist der heilige Gei-
stesboden, auf dem wir die Hand des Gottes ergreifen.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
Karmische Betrachtungen
in bezug auf das geschichtliche Werden
der Menschheit
ERSTER VORTRAG
Dornach, 6. April 1924
Lassen Sie mich jetzt an dasjenige ankniipfen, was ich iiber das Karma
in der letzten Zeit hier vorgetragen habe. Ich habe Ihnen gezeigt, wie
durch die Geschichte hindurch die seelischen Impulse der Menschen
von einem Erdenleben zu dem anderen sich hiniiber fortpflanzen, so
dafi immer von einer friiheren Epoche in die spatere Epoche dasjenige
geleitet wird, was die Menschen selber hinUbertragen.
Ein solcher Gedanke soli nicht nur theoretisch an uns herantreten,
ein solcher Gedanke soil unser Empfindungsleben, soil unsere ganze
Seele, soil unser Herz ergreifen. Wir sollen fiihlen, wie wir, die ja im
Grunde genommen so, wie wir hier sind, viele Male innerhalb des Er-
dendaseins vorhanden waren, jedesmal, wenn wir da vorhanden wa-
ren, in unsere Seele auf genommen haben, was im Umkreise der Zivili-
sation war. Wir haben das mit unserer Seele verbunden. Wir haben es
immer heriibergetragen in die nachste Inkarnation, nachdem wir es
vom geistigen Gesichtspunkte aus durchgearbeitet hatten zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, so daft, wenn wir so zuruckblicken, wir
eigentlich uns erst recht drinnenstehend fiihlen in der Gesamtheit der
Menschheit. Und damit wir dieses fiihlen konnen, damit wir gewisser-
maften mehr iibergehen konnen in den nachsten Vortragen zu dem,
was, ich mdchte sagen, uns ganz intim selber angeht und das Hinein-
stellen in den karmischen Zusammenhang uns nahebringt, damit das
geschehen konne, sollten ja konkrete Beispiele vorgefiihrt werden. Und
ich suchte an solchen konkreten Beispielen zu zeigen, wie das, was
irgendeine Personlichkeit in alten Zeiten erlebt, ausgearbeitet hat, bis
in die Gegenwart herein wirksam geblieben ist, weil es eben innerhalb
des Karmas stand.
Ich habe zum Beispiel hingewiesen auf Harun al Raschid, habe hin-
gewiesen darauf, wie Harun al Raschid, dieser merkwiirdige Nach-
folger Mohammeds im 8. und im 9. nachchristlichen Jahrhundert, im
Mittelpunkte stand eines wunderbaren Kulturlebens, eines Kulturle-
bens, welches weit alles iiberfliigelte, was gleichzeitig in Europa war.
Denn das, was gleichzeitig in Europa war, war eigentlich eine primi-
tive Kultur. Wahrend der Zeit, als in Europa Karl der Grofie herrschte,
flofi dort am Hofe Harun al Raschids, im Orient driiben, alles das zu-
sammen, was an asiatischem, von Europa befruchtetem Zivilisationsle-
ben nur zusammenfliefien konnte: die Bliite dessen, was die griechische
Kultur, was die altorientalischen Kulturen auf alien Gebieten des Le-
bens hervorgebracht hatten. Architektur, Astronomie, wie sie damals
getrieben wurde, Philosophic, Mystik, Kiinste, Geographie, Dichtung,
sie bliihten am Hofe Harun al Raschids.
Und Harun al Raschid versammelte um sich eigentlich die besten
derjenigen, die in Asien dazumal irgend etwas bedeuteten. Das waren
ja zum grofien Teile solche, die noch innerhalb der Eingeweihtenschu-
len, innerhalb der Initiationsschulen ihre Bildung fanden. Und Harun
al Raschid hatte in seiner Umgebung eine Personlichkeit - ich mochte
nur diese eine Personlichkeit erwahnen -, die in jener Zeit - wir stehen
ja damit schon im Mittelalter auch fur den Orient - zunachst in einer
mehr intellektuellen Art aufnehmen konnte, was an wunderbarem
Geistesgut von alten Zeiten her in die damals neueren iiberbracht
wurde. Eine Personlichkeit lebte da am Hofe Harun al Raschids, die
in viel alteren Zeiten selbst durch die Initiation durchgegangen war.
Sie haben ja gehort von mir, wie es sehr wohl sein kann, dafi wenn
irgendeine Personlichkeit, die fur ein Zeitalter als ein Initiierter da-
steht, wiederkommt - weil sie den Leib benutzen mufi, der ihr eben zur
Verfugung stehen kann, benutzen mufi die Erziehungsverhaltnisse, die
ihr dann zur Verfugung stehen -, dafi eine solche Eingeweihten-Per-
sonlichkeit dann nicht als ein Eingeweihter erscheint, trotzdem sie alle
diejenigen Dinge in ihrer Seele tragt, die sie geschaut hat wahrend ihres
Initiationslebens.
So haben wir ja bei Garibaldi kennengelernt, wie er das, was er als
einstmaliger irischer Initiierter war, ausgelebt hat als ein Visionar des
Willens, hingegeben an die Verhaltnisse seiner unmittelbaren Gegen-
wart. Aber erkennbar ist an ihm, wie er, indem er sich hineinstellt in
diese Verhaltnisse seiner Umgebung, dennoch in sich andere Impulse
tragt, als diejenigen sind, die ein gewohnlicher Mensch hatte aufneh-
men konnen aus der Erziehung, der Umgebung. Es wirkte eben in
Garibaldi der Impuls, der ihm kam von der irischen Einweihung her.
Sie war nur verdeckt, und wahrscheinlich, wenn Garibaldi irgendeinen
besonderen Schicksalsschlag oder sonst etwas erlebt hatte, das heraus-
gefallen ware aus dem, was in der damaligen Zeit erlebt werden konnte,
dann ware plotzlich aus seinem Inneren all das in Form von Imagina-
tionen hervorgequollen, was er aus seiner irischen Einweihungszeit in
sich trug.
Und so ist es immer gewesen bis heute. Es kann einer ein Einge-
weihter sein in einer bestiramten Epoche, und weil er eben in einer
spateren Epoche einen Leib beniitzen mufi, der nicht aufnimmt, was
die Seele in sich schliefit, erscheint der Betreffende in diesem Zeitalter
nicht als ein Eingeweihter, sondern es lebt der Einweihungsimpuls in
seinen Taten oder in irgendwelchen anderen Verhaltnissen. Und so war
es auch, da$ eine Personlichkeit, die einmal ein hoherer Eingeweihter
war, am Hofe Harun al Raschids lebte. Diese Personlichkeit, trotzdem
sie nicht in einer aufierlich offenbaren Weise den Einweihungs-, den
Initiationsinhalt in die spatere Zeit, in die Zeit Harun al Raschids
hinubertragen konnte, war aber doch eine der glanzendsten Per-
sonlichkeiten innerhalb der orientalischen Kultur im 8., 9. Jahrhun-
dert. Sie war sozusagen der Organisator all desjenigen, was an Wis-
senschaften und Kunsten am Hofe des Harun al Raschid vorhanden
war.
Nun haben wir ja schon besprochen, welchen Weg die Individuali-
st des Harun al Raschid durch die Zeiten hindurch genommen hat.
Als er durch die Pforte des Todes gegangen war, blieb in ihm der
Drang, mehr nach dem Westen zu kommen, dasjenige, was sich an
Arabismus nach dem Westen hin ausbreitete, mit eigener Seele nach
dem Westen zu tragen. Dann hat ja Harun al Raschid, der hiniiber-
blickte iiber die Gesamtheit der einzelnen orientalischen Wissens- und
Kunstzweige, seine Wiederverkorperung gefunden als der beriihmte
Baco von Verulam, der Organisator und Reformator des neueren phi-
losophischen und wissenschaftlichen Geisteslebens. Wir sehen das, was
Harun al Raschid gewissermafien urn sich herum gesehen hat, aber
iibersetzt ins Abendlandische, in Bacon wiederum auftreten.
Und nun nehmen Sie, meine lieben Freunde, diesen Weg, den von
Bagdad aus, von der asiatischen Heimat, Harun al Raschid genommen
hat nach England. Von England aus breitete sich ja dann in einer star-
keren, intensiveren Weise, als man gewohnlich denkt, das, was Bacon
gedacht hat in bezug auf die Organisierung der Wissenschaften, uber
Europa aus (siehe Zeichnung, rot).
\ \ V
/
f
V.
Nun kann man etwa sagen: diese beiden Personlichkeiten, Harun
al Raschid und sein grofier Ratgeber, die iiberragende Personlichkeit,
die in friiheren Zeiten ein tiefer Eingeweihter war, sie trennten sich;
aber sie trennten sich im Grunde genommen zu gemeinsamem Wirken,
nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren. Harun al
Raschid selber, der in glanzvollem Furstentum gelebt hatte, erwahlte
den Weg, den ich Ihnen gezeigt habe, bis nach England herein, um als
Baco von Verulam in bezug auf die Wissenschaft zu wirken. Die andere
Seele, die Seele seines Ratgebers, sie wahlte den Weg heriiber (gruner
Pfeil), um sich innerhalb Mitteleuropas zu begegnen mit dem, was von
Bacon ausging. Wenn auch die Zeitalter nicht ganz stimmen, so hat
das nichts weiter zu sagen, denn das hat fur dasjenige, fur das die Zeit
selber nicht die tiefe Bedeutung hat, auch nicht solch grofie Bedeutung;
denn manches, was oftmals Jahrhunderte auseinanderliegt, das wirkt
zusammen in der spateren Zivilisation.
Der Ratgeber Harun al Raschids, er wahlte den Weg durch den
Osten Europas hindurch nach Mitteleuropa hinein wahrend seines Le-
bens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und er wurde wie-
dergeboren in Mitteleuropa, in mitteleuropaisches Geistesleben hinein,
als Amos Comenius.
Und so haben wir dieses merkwiirdige, grofie, bedeutsame Schau-
spiel in dem geschichtlichen Werden, dafi sich Harun al Raschid ent-
wickelt, um vom Westen nach Osten eine Kulturstromung einzuleiten,
die abstrakt, aufterlich-sinnlich ist; und von Osten heruber hat ja Amos
Comenius in Siebenbiirgen, in der heutigen Tschechoslowakei, bis nach
Deutschland herein seine Tatigkeit entwickelt und ist dann in hollan-
discher Verbannung gewesen. Amos Comenius hat - wer sein Leben
verfolgt, wie er es darlebt als derReformator der neuerenPadagogik fiir
die damalige Zeit und als der Verfasser der sogenannten «Pansophia»,
kann es sehen -, er hat heriibergetragen dasjenige, war er am Hofe
Harun al Raschids aus alterer Einweihung heraus entwickelt hat. In
der Zeit, als der Bund der «Mahrischen Briider» gegriindet wurde, in
der Zeit auch, als das Rosenkreuzertum schon einige Jahrhunderte hin-
durch gewirkt hatte, als die «Chymische Hochzeit» erschien, die « Re-
formation der ganzen Welt» von Valentin Andreae, da hat Amos Co-
menius, dieser grofie, bedeutende Geist des 1 7. Jahrhunderts, in all das,
was da kam angeregt aus derselben Quelle heraus, seine bedeutsamen
Anregungen hineingebracht.
Und so sehen Sie drei hintereinander liegende bedeutsame Erden-
leben - und an bedeutsamen Erdenleben kann man eben die weniger
bedeutenden dann studieren und sich selber hinaufranken zum Begrei-
fen des eigenen Karma so sehen Sie diese drei bedeutsamen Inkar-
nationen hintereinander liegen: Zunachst tief drinnen in Asien dieselbe
Individuality, die dann spater erscheint als Amos Comenius, in alter
Mysterienstatte aufnehmend alle Weisheit einer uralten Zeit Asiens. Sie
tragt diese Weisheit hinuber bis zur nachsten Inkarnation, in der sie am
Hofe Harun al Raschids lebt, hier sich entwickelnd zum grofiartigen
Organisator dessen, was unter der Obhut und unter dem Fiirsorgesinn
des Harun al Raschid bliiht und gedeiht. Dann erscheint sie wieder,
um gewisserma&en dem Baco von Verulam, der der wiederverkorperte
Harun al Raschid ist, entgegenzukommen und sich mit ihm im Hin-
blick auf dasjenige, was beide auszustromen haben in die europaische
Zivilisation, innerhalb dieser europaischen Zivilisation von neuem zu
begegnen.
Was ich hier sage, das ist schon von einer grofien Bedeutung. Denn
verfolgen Sie nur die Briefe, die geschrieben wurden und die den Weg
machten - natiirlich auf ein kompliziertere Art, als das bei Briefen der
Fall ist, die heute geschrieben werden — von Baconianern oder Leuten,
die in irgendeiner Weise der Bacon-Kultur nahestanden, zu den Anhan-
gern der Comenius-Schule, der Comenius-Weisheit. Da konnen Sie in
Schreiben und Antwortschreiben verfolgen, was ich Ihnen hier mit
ein paar Strichen (siehe Zeichnung) an die Tafel gezeichnet habe.
Dasjenige, was an Briefen von Westen nach Osten und von Osten
nach Westen geschrieben wurde, das war das lebendige Zusammen-
stromen zweier Seelen, die auf diese Art sich begegneten, nachdem sie
die Grundlage zu dieser Begegnung gelegt hatten, als sie gemeinsam
im Orient driiben im 8. und 9. Jahrhundert wirkten und dann sich zu
entgegengesetztem und doch harmonisch zusammenwirkendem Tun
wiederum vereinten.
Sehen Sie, so kann Geschichte studiert werden, so sehen wir die le-
bendigen Menschenkrafte in die Geschichte hineinwirken!
Oder nehmen wir einen anderen Fall. Es ergab sich mir aus ganz
besonderen Verhaltnissen heraus, dafi sozusagen der Blick auf gewisse
Ereignisse hingelenkt wurde, die, wir wurden heute sagen, im Nord-
osten Frankreichs sich abspielten, aber sich abspielten auch im 8., 9.
Jahrhundert, etwas spater als die Zeit ist, von der ich jetzt gesprochen
habe. Es spielten sich da besondere Ereignisse ab. Es war ja eine Zeit,
in der noch nicht die grofien Staatenbildungen da waren, in der deshalb
dasjenige, was geschah, mehr innerhalb kleinerer Kreise der Mensch-
heit geschah.
Da hatte denn eine Fersonlichkeit von energischem Charakter einen
gewissen grofien Besitz eben in dem Gebiet, das wir heute den Nord-
osten Frankreichs nennen wurden. Dieser Mann verwaltete den Besitz
in einer aufierordentlich geordneten Weise, in einer fiir die damalige
Zeit aufierordentlich systematischen Weise, mbchte ich sagen. Er wufite,
was er wollte, und war eine merkwiirdige Mischung von einem ziel-
bewuflten Menschen und einer Abenteurernatur, so dafi er mit mehr
oder weniger Erfolg kleine Kriegsziige machte von seinem Eigentum
aus, mit Leuten, die sich, wie das ja dazumal iiblich war, als Krieger
angezogen hatten. Es waren das kleine Heerhaufen, mit denen zog
man aus und suchte das oder jenes zu erbeuten.
Mit einer Schar solcher Krieger zog der Betreffende von dem Nord-
osten Frankreichs aus. Und die Sache machte sich so, daft eine andere
Personlichkeit, etwas weniger Abenteuer als er selber, aber energisch,
wahrend der Abwesenheit des Eigentiimers des Landgutes - heute er-
scheint das paradox, dazumal konnte eben so etwas geschehen ~ sich
des Landgutes und des ganzen Besitztums bemachtigte. Als der Be-
treffende nach Hause kam - er war alleinstehend fand er, daft ein
anderer Besitzer sich seines Landgutes bemachtigt hatte. Und die Ver-
nal tnisse entwickelten sich so, daft in der Tat der Betreffende nicht
aufkam gegen den jetzigen Besitzer. Der war der Machtigere, hatte
mehr Mannen, hatte mehr Krieger um sich. Er kam gegen ihn nicht
auf.
Nun waren die Dinge damals nicht so, daft man etwa, wenn man
in seiner Heimat nicht fortkam, gleich in fremde Gegenden zog. Ge-
wift, diese Personlichkeit war ja ein Abenteurer; aber das ergab sich
doch nicht wiederum so rasch, er hatte nicht die Moglichkeit dazu, so
da!5 der Betreffende mit einer Schar von Anhangern sogar eine Art
Leibeigener wurde an seinem eigenen friiheren Besitzerhof. Er muftte
nun wie ein Leibeigener arbeiten mit einer Schar von denen, die mit
ihm auf Abenteuer ausgezogen waren, wahrend ihm sein Eigentum ent-
rissen worden war.
Da geschah es, daft bei all den Leuten, die da Leibeigene geworden
waren, wahrend sie friiher die Herren waren, eine ganz besonders, ich
mochte sagen, dem Herrschaftsprinzip abtragliche Gesinnung entstand.
Und es brannten in diesen Gegenden, die bewaldet waren, in mancher
Nacht die Feuer da, wo man zusammenkam und wo man allerlei Ver-
schworungen besprach gegen diejenigen, welche sich des Eigentums
bemachtigt hatten.
Es war einfach so, daft der Betreffende, der vom groften Besitzer
mehr oder weniger zum Leibeigenen, zum Sklaven geworden war, sein
iibriges Leben nunmehr damit ausfuilte, abgesehen von dem, was er
arbeiten mujRte, Plane zu Schmieden, wie man etwa wiederum zu Be-
sitz und Eigentum kommen konne. Man hafite denjenigen, der sich
des Eigentums bemachtigt hatte.
Nun, sehen Sie, diese beiden Personlichkeiten von damals gingen in
ihren Individualitaten durch die Pforte des Todes, machten in der
geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt alles das mit,
was seit jener Zeit eben mitgemacht werden konnte, und erschienen
im 19. Jahrhundert wiederum. Derjenige, der Haus und Hof verloren
hatte und zu einer Art von leibeigenem Sklaven geworden war, er-
schien als Karl Marx, der Begriinder des neueren Sozialismus. Und der
andere, der ihm dazumal seinen Gutshof abgenommen hatte, erschien
als sein Freund Engels. Was sie dazumal miteinander auszumachen hat-
ten, das pragte sich um wahrend des langen Weges zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt in den Drang, das, was sie einander zugefugt
hatten, auszugleichen.
Und lesen Sie, was sich zwischen Marx und Engels abgespielt hat,
lesen Sie all das, was die besondere Geisteskonfiguration des Karl Marx
ist, und halten Sie das damit zusammen, dafi im 8., 9. Jahrhundert die-
selben Individualitaten ja vorhanden waren, so wie ich es Ihnen er-
zahlt habe. Dann wird Ihnen, ich mochte sagen, auf jeden Satz bei
Marx und Engels ein neues Licht fallen, und Sie werden nicht in die
Gefahr kommen, in abstrakter Art zu sagen, das eine ist durch dieses in
der Geschichte verursacht, das andere ist durch jenes verursacht, son-
dern Sie sehen die Menschen, die etwas heriibertragen in eine andere
Zeit, das allerdings ganz anders erscheint, aber doch wiederum eine
gewisse Ahnlichkeit mit dem fruheren hat.
Was glauben Sie: im 8., 9. Jahrhundert, da hat man sich an Wald-
feuern zusammengesetzt, da hat man in anderer Weise gesprochen, als
man im 19. Jahrhundert zu sprechen Veranlassung hatte, wo Hegel ge-
wirkt hatte, wo alles mit Dialektik abgemacht wurde. Aber versuchen
Sie einmal sich vorzustellen den Wald im Nordosten Frankreichs im 9.
Jahrhundert: da sitzen die Verschworer, die Flucher, die Schimpfer in
ihrer damaligen Sprache. Und ubersetzen Sie sich das ins Mathema-
tisch-Dialektische des 19. Jahrhunderts, dann haben Sie dasjenige, was
bei Marx und Engels steht.
Das sind die Dinge, die von dem blofi Sensationellen, das man leicht
verbinden kann mit Ideen iiber konkrete Reinkarnationsverhaltnisse,
herausfuhren und in das Verstandnis des geschichtlichen Lebens hin-
einfuhren. Und man bewahrt sich am besten vor Irrttimern, wenn man
nicht auf das Sensationelle ausgeht, wenn man nicht nur wissen will:
Wie ist es mit der Wiederverkorperung? - sondern wenn man alles das,
was im geschichtlichen Werden mit Wohl und Wehe, mit Leid und
Freude der Menschheit zusammenhangt, aus den wiederkehrenden Er-
denleben der einzelnen Menschen zu begreifen versucht.
So war mir immer in der Zeit, als ich noch in Osterreich lebte, trotz-
dem ich in 'Osterreich innerhalb des Deutschtums stand, eine Personlich-
keit besonders interessant, die ein polnischer Reichsratabgeordneter war.
Ich glaube, viele von Ihnen werden sich erinnern, dafl ich des ofteren
von dem osterreichisch-polnischen Reichsratsabgeordneten Otto Haus-
ner, der in den siebziger Jahren ganz besonders wirkte, gesprochen
habe. Diejenigen, die langer schon hier sind, werden sich erinnern. Und
mir steht wirklich, seitdem ich im osterreichischen Reichsrat Ende der
siebziger Jahre, Anfang der achtziger Jahre immer wieder und wieder-
um Otto Hausner gehort und gesehen habe, mir steht dieser merk-
wiirdige Mann immer vor Augen: Er hat in dem einen Auge ein Mo-
nokel; mit dem anderen Auge blickte er grundgescheit, aber so, dafi er
die Schwachen der Gegner mit dem anderen Auge, das durchs Monokel
guckte, erlauerte. Wahrend er redete, priifte er dann, ob der Pfeil ge-
sessen hat.
Dabei konnte er, der einen ganz merkwiirdigen Schnurrbart hatte -
ich habe das in meiner Lebensbeschreibung nicht bis in diese Einzel-
heiten ausfiihren wollen mit diesem Schnurrbart in merkwiirdiger
Art das, was er sagte, begleiten, so dafi dieser Schnurrbart eine ganz
merkwiirdig bewegliche Eurythmie dessen war, was er dem gegne-
rischen Abgeordneten auf die beschriebene Weise ins Gesicht schleu-
derte.
Es war nun ein interessantes Bild. Stellen Sie sich vor: aufierste
Linke, Linke, Mittelpartei, Tschechischer Klub, dann aufierste Rechte,
Polenklub; hier stand Hausner, und hier waren alle seine Gegner auf
der aufSersten Linken. Da waren sie alle; und das Kurioseste war, dafi,
als Hausner gelegentlich der Frage der bosnischen Okkupation fiir
Dsterreich war, er einen stiirmischen Beifall von diesen Leuten da auf
der Linken hatte. Als er spater iiber den Bau der Arlbergbahn sprach,
da hatte er einen absoluten Widerspruch bei denselben Leuten auf der
aufiersten Linken. Und dieser Widerspruch blieb dann bei alldem, was
er spater zum Ausdruck brachte.
Aber gar manches von dem, was gerade Otto Hausner in den sieb-
ziger und achtziger Jahren als Warner, als Prophet gesagt hat, das hat
sich bis in unsere Tage herein wortlich erfiillt. Gerade heute hat man
Veranlassung, oftmals zuriickzudenken an das, was Otto Hausner da-
mals geredet hat.
Nun, eines trat bei Otto Hausner fast bei jeder Rede her vor, und
das wurde fiir mich, neben einigen anderen, wiederum nicht sehr be-
deutenden Dingen des Hausner-Lebens, der Impuls, den karmischen
Gang bei dieser Personlichkeit zu verfolgen.
Otto Hausner konnte kaum eine Rede halten, ohne daft er so in
Parenthesen eine Art Panegyrikus auf die Schweiz hielt. Immer stellte
er die Schweiz Dsterreich als Muster hin, Weil in der Schweiz drei Na-
tionalitaten sich gut vertragen, in Beziehung auf das Vertragen muster-
gultig sind, wollte er auch, daft sich die dreizehn osterreichischen Natio-
nalitaten die Schweiz zum Muster nehmen und diese dreizehn sich in
ahnlicher Weise, f oderalistischer Weise vertragen wiirden wie diese drei
Nationalitaten in der Schweiz. Er kam immer wieder darauf zuriick,
es war merkwiirdig. Die Hausnerschen Reden hatten Ironie, hatten
Humor, auch innere Logik; nicht immer, aber oftmals wieder kam der
Panegyrikus auf die Schweiz. Da konnte man immer sehen: das Ent-
wickeln einer reinen Sympathie; es sticht ihn, er will das sagen. Dann
wuftte er seine Reden so auszurichten, daft eigentlich weiter niemand
aufter einer Gruppe von links, von liberalen Abgeordneten - aber diese
schrecklich! - sich argerte. Es war sehr interessant zu sehen, wenn so
irgendein linksliberaler Abgeordneter geredet hatte, wie dann Otto
Hausner sich zur Gegenrede erhob und mit seinem bemonokelten Auge
keinen Blick von ihm abwandte, aber die unglaublichsten Schnodig-
keiten hinuberrollen lieft nach der Linken. Es waren bedeutende Man-
ner da, aber vor keinem machte er halt. Und seine Gesichtspunkte wa-
ren im Grunde genommen immer grofte; er war einer der gebildesten
Manner des osterreichischen Reichsrats.
Das Karma eines solchen Menschen kann einen schon interessieren.
Ich ging nun davon aus, daft er so diese Nebenleidenschaft hatte, immer
wiederum auf eine Lobrede auf die Schweiz zuruckzukommen, und
dann, daft er einmal in einer Rede iiber «Deutschtum und Deutsches
Reich», die auch als Broschure erschienen ist, mit einer groften Nichts-
nutzigkeit, aber mit Genialitat alles zusammengestellt hatte, was sich
fiir das Deutschtum und gegen das Deutsche Reich von dazumal sagen
lieft. Es ist wirklich auch da etwas grandios Prophetisches darinnen in
dieser Rede, die im Beginn der achtziger Jahre gehalten worden ist, in
der sozusagen das Deutsche Reich in den Grund gebohrt wird, ihm
alles Schlechte nachgesagt wird, in der es der Ruinierer des deutschen
Wesens genannt wird. Und bewiesen wurden diese Satze. Das war das
zweite, sein eigentiimlicher, ich mochte sagen, liebender Haft und seine
hassende Liebe fur Deutschtum und Deutsches Reich.
Und das dritte war, wie Otto Hausner wirklich mit einer unge-
heuren Lebendigkeit damals sprach, als der Arlbergtunnel, die Arlberg-
bahn gebaut werden sollte, die Bahn, die von Osterreich heriiber nach
der Schweiz geht und die also Mitteleuropa mit dem Westen verbinden
sollte. Natiirlich brachte er auch damals sein Loblied auf die Schweiz,
denn die Bahn sollte ja in die Schweiz hineinfiihren. Aber man hatte,
als er diese Rede hielt, die ja gesalzen und gepfeffert war, aber in einer
wirklich delikaten Weise, man hatte da wirklich das Gefuhl : der Mann,
der weift von Dingen auszugehen, die auf eine merkwiirdige Weise in
einem friiheren Erdenleben in ihm veranlagt sein miissen.
Es war ja dazumal gerade iiberall die Rede von dem grandiosen
Vorteil, den die europaische Zivilisation von dem deutsch-osterreichi-
schen Bundnis haben werde. Otto Hausner entwickelte damals im
osterreichischen Parlamente - woriiber natiirlich die anderen alle ihn
furchtbar niederschmetterten - die Idee, die Arlbergbahn miisse ge-
baut werden, weil ein Staat, wie er sich Osterreich vorstellte, nach dem
Muster der Schweiz, dreizehn Nationen vereinigend, die Wahl haben
miisse, sich seine Bundesgenossen zu suchen; und wenn es ihm paftt, hat
er Deutschland zum Bundesgenossen, und wenn es ihm palk, mufi er
einen strategischen Weg von Mitteleuropa nach dem Westen haben,
um Frankreich zum Bundesgenossen haben zu konnen. Natiirlich, als
in dem damaligen Osterreich das ausgesprochen wurde, da wurde er,
wie man in Osterreich sagte, schon niedergebiigelt. Aber es war wirk-
lich eine in herrlichster Weise mit alien Gewiirzen durchsetzte Rede.
Diese Rede, die gab die Direktion nach dem Westen hiniiber.
Und indem ich diese Dinge zusammenhielt, fand ich dann, wie her-
uberwanderte von Westen nach Osten durch die Nordschweiz, in der
Zeit, als Gallus, Columban auch heriibergezogen sind, die Individuali-
st des Otto Hausner. Das Christentum sollte er bringen. Er zog mit
denjenigen Menschen, die von irischen Einweihungen angeregt worden
waren, heriiber. Er sollte mit ihnen das Christentum heriiberverpf lanzen.
Auf dem Wege, ungefahr in der Gegend des heutigen Elsafi, wurde er
ungeheuer angezogen von den Altertiimern des germanischen Heiden-
wesens, angezogen von alledem, was im Elsafi, was in alemannischen
Gegenden, was in der Schweiz hier an alten Gottererinnerungen, Got-
terverehrungen, Gotterbildnissen, Gotterstatuen vorhanden war. Das
nahm er in tiefbedeutsamer Weise auf .
Und da entwickelte sich in ihm etwas, was man auf der einen Seite
Hinneigung zum germanischen Wesen nennen kann, auf der anderen
Seite aber wiederum entwickelte sich die Gegenkraft dazu: die Emp-
findung, dafi er damals zu weit gegangen ware. Und das, was er in einer
gewaltigen inneren Urnwandlung, in einer gewaltigen inneren Meta-
morphose erlebt hat, das erschien dann in diesen umfassenden Gesichts-
punkten. Er konnte iiber Deutschtum und Deutsches Reich reden wie
einer, der einmal bei all diesen Dingen intim dabeigewesen ist, der aber
doch sie eigentlich aufgenommen hat, ohne daft er es sollte. Er hatte ja
das Christentum verbreiten sollen. Er war sozusagen, ohne daft er es
sollte, hineingekommen in die Gegenden - das horte man selbst seinen
Redewendungen an -, und er wollte wieder zuriick, um diese Dinge
gutzumachen. Daher seine Leidenschaft fur die Schweiz, daher seine
Leidenschaft fur den Bau der Arlbergbahn. Man kann schon sagen,
selbst in der aufteren Gestalt, wenn Sie sich dieses anschauen, driickte
sich das aus - er sah eigentlich nicht polnisch aus. Und Hausner sagte
auch bei jeder Gelegenheit, daft er ja nicht einmal der physischen Ab-
stammung nach ein Pole sei, sondern nur der Zivilisation und Erzie-
hung nach, daft «ratisch-alemannische» Blutkugelchen, wie er sich aus-
driickte, in seinen Adern rollten. Er hatte aber aus einer friiheren In-
karnation sich das hiniibergenommen, daft er immer nach der Gegend
schaute, wo er einmal gewesen war, in die er mit dem Columban und
dem heiligen Gallus gezogen war, wo er das Christentum verbreiten
wollte, aber eigentlich vom Germanentum festgehalten worden war.
So machte er sozusagen den Versuch, in einer moglichst wenig polni-
schen Familie wiederum geboren zu werden, und fernzustehen, aber
doch zu gleicher Zeit mit Sehnsucht gegemiberzustehen demjenigen, in
dem er fruher ganz drinnengestanden hatte.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, das sind Beispiele, die ich Ihnen
zunachst einmal heute entwickeln wollte, um Sie darauf aufmerksam
zu machen, wie merkwiirdig der Gang der karmischen Entwickelung
ist. Wir werden nun das nachste Mai mehr eingehen auf die Art und
Weise, wie das Gute und das Bose sich entwickelt durch die Inkarna-
tionen der Menschen hindurch und durch das geschichtliche Leben. Wir
werden auf diese Weise aber in der Lage sein, gerade von den bedeuten-
deren Beispielen, die in der Geschichte uns entgegentreten, ein Licht
verbreiten zu konnen iiber mehr alltagliche Verhaltnisse.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 12. April 1924
Es ist etwas schwierig, die Fortsetzung desjenigen, was in den letzten
anthroposophischen Vortragen hier gegeben worden ist, heute zu ge-
stalten, da so viele Freunde erschienen sind, die eben die vorangehen-
den Betrachtungen nicht mitgemacht haben. Aber auf der anderen
Seite ist es nicht gut moglich, gerade heute, wo manches zu erganzen
ist zu den friiheren Vortragen, mit etwas Neuem anzufangen, so da£
also die jetzt angekommenen Freunde schon es werden hinnehmen
miissen, da$ mancherlei von den Betrachtungen, die an Voriges inner-
lich, nicht aufierlich, ankniipfen, vielleicht dem Verstandnis Schwierig-
keiten bereiten werde. Der geschlossene Vortragszyklus soil ja eben zu
Ostern abgehalten werden, und der wird aus sich selber dann verstand-
lich sein. Heute aber mufi ich die Fortsetzung desjenigen geben, was
vorangegangen ist. Es ist ja auch durchaus nicht vorauszusehen gewe-
sen, dafi so viele Freunde schon heute erscheinen, was auf der anderen
Seite ja durchaus befriedigend ist.
Es handelte sich namlich in unseren letzten Betrachtungen hier um
die Besprechung konkreter karmischer Zusammenhange, die immer
angestellt worden sind, nicht um irgend etwas Sensationelles in bezug
auf aufeinanderfolgende Erdenleben zu sagen, sondern um nach und
nach zu einem wirklichen konkreten Verstandnis der Schicksalszu-
sammenhange im Menschenleben zu kommen. Und ich habe aufeinan-
derfolgende Erdenleben geschildert, einfach so geschildert, wie sie zu-
nachst an mehr historischen Personlichkeiten beobachtet werden kon-
nen, um einen Begriff davon hervorzurufen - was ja nicht besonders
leicht ist wie das eine Erdenleben in das andere hineinwirkt. Man
raufi dabei immer wiederum im Auge behalten, dafi ja seit der Dorn-
acher Weihnachtstagung ein neuer Zug in die anthroposophische Bewe-
gung hineingekommen ist. Und liber diesen Zug mochte ich nur ganz
kurz einleitend ein paar Worte sagen.
Sie wissen ja, meine lieben Freunde, es gab nach dem Jahre 1918
allerlei Bestrebungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft.
Diese Bestrebungen hatten einen ganz bestimmten Ursprung. Als die
Anthroposophische Gesellschaft 1913 begriindet worden ist, hat es sich
darum gehandelt, einmal wirklich aus einem okkulten Grundimpuls
heraus die Frage zu stellen: Wird diese Anthroposophische Gesellschaft
sich weiter entwickeln durch die Kraft, die sie bis dahin in ihren Mit-
gliedern gewonnen hatte? Und das konnte nur dadurch auserprobt wer-
den, daft ich selber, der ich ja bis dahin als Generalsekretar die Leitung
der Deutschen Sektion hatte, als welche die anthroposophische Bewe-
gung in der Theosophischen Gesellschaft drinnen war, daft ich selber
dazumal nicht weiter die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft
in die Hand nahm; sondern ich wollte zusehen, wie diese Anthroposo-
phische Gesellschaft sich nun aus ihrer eigenen Kraft entwickelt.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist etwas anderes, als es ge-
wesen ware, wenn ich etwa dazumal geradeso wie bei der Weihnachts-
tagung gesagt hatte, ich wolle selbst die Leitung der Anthroposophi-
schen Gesellschaft iibernehmen. Denn natiirlich rnufi ja die Anthropo-
sophische Gesellschaft etwas ganz anderes sein, wenn sie von mir ge-
leitet wird, oder wenn sie von jemandem anderen geleitet wird. Und
aus gewissen Untergriinden heraus hatte die Anthroposophische Ge-
sellschaft, ohne daft ich selber sozusagen die Verwaltungsleitung ge-
habt hatte, um so besser geleitet werden konnen. Es hatten, wenn die
Herzen gesprochen hatten, manche Dinge geschehen konnen, die eben
dann unterblieben sind in Wirklichkeit, die nicht getan worden sind,
ja, die sogar, unter dem Widerstand der Anthroposophen, von aus-
warts getan worden sind.
Und so ist es denn gekommen, daft - wahrend des Krieges war ja
natiirlich nicht sehr viel Moglichkeit vorhanden, nach alien Seiten die
Krafte zu entfalten -, so ist es denn gekommen, daft nach dem Jahre
1918, ich mochte fast sagen, der Zustand, der da war, beniitzt worden
ist von alien moglichen Seiten, um das oder jenes zu tun. Hatte ich da-
zumal gesagt, das soil nicht geschehen, dann wiirde heute natiirlich die
Rede dahin gehen, daft man sagt: Nun, hatte man das geschehen las-
sen, so hatte man heute florierende Unternehmungen nach alien Seiten.
Deshalb war es ja auch immer zu alien Zeiten Sitte, mochte ich
sagen, daft die Leiter einer okkulten Bewegung sozusagen von denen,
die etwas tun wollten, erproben liefien, wie das wird, damit durch die
Tatsachen Oberzeugungen hervorgerufen werden konnen. Das ist ja
die einzig mogliche Art, Uberzeugungen hervorzurufen. Und das mufite
denn auch schon in diesem Falle geschehen.
Und das alles hat ja dazu gefuhrt, dafi dann gerade seit dem Jahre
1918 die Gegnerschaft in der Weise herangewachsen ist, wie sie nun
einmal geworden ist, wie sie heute dasteht. Denn im Jahre 1918 hatten
wir ja diese Gegnerschaft noch nicht. Wir hatten selbstverstandlich
einzelne Gegner. Um die kiimmerte man sich nicht und brauchte sich
nicht zu kiimmern. Aber eigentlich sind die Gegner erst seit dem Jahre
1918 ins Kraut geschossen. Und das hat jenen heutigen Zustand her-
vorgerufen, unter dessen EinflulS es mir zum Beispiel unmoglich ist,
offentliche Vortrage innerhalb des Gebietes von Deutschland zu halten.
Das alles sollte gerade in der Gegenwart der anthroposophischen
Bewegung nicht verhehlt werden. Darauf sollte man mit aller Klarheit
schauen, denn wir kommen nicht vorwarts, wenn wir mit Unklarhei-
ten arbeiten.
Nun ist aber auch verschiedenes experimentiert worden. Denken
Sie nur einmal, was alles fur Experimente gemacht worden sind, um
immerzu, sagen wir, «wissenschaftlich» zu sein, ganz begreiflicher-
weise gewifi aus den Charakteren der Menschen heraus. Warum sollte
es denn nicht dazu kommen, daft Wissenschafter, die ja auch teilneh-
men an unserer Gesellschaft, wissenschaftlich sein wollen? Aber das
argert die Gegner gerade. Denn dann, wenn man ihnen sagt, das oder
jenes kann man beweisen als wissenschaftlich, dann treten sie mit ihren
Aspirationen auf , die sie wissenschaftlich nennen, und dann werden sie
natiirlich wiitend. Dariiber muE man sich ja ganz klar sein. Nichts hat
die Gegner mehr geargert, als dafi man iiber dieselben Themen, uber
die sie selber reden, in derselben Weise reden wollte, nur, wie man
immer sagte, mit etwas «Einstr6menlassen» von Anthroposophie. Die-
ses Einstromenlassen, das ist ja gerade das, was die Gegner in so grofien
Scharen herbeigerufen hat.
Und wenn man erst der Illusion sich hingibt, dafi man etwa, sa-
gen wir, die Menschen verschiedener Religionsgesellschaften dadurch
irgendwie fiir Anthroposophie gewinnen konne, dafi man dasselbe oder
ahnliches sagt, was sie sagen, nur indem man wiederum Anthroposo-
phie «einstromen» lalk, wenn man sich dieser Illusion hingibt, dann
sundigt man ganz stark gegen die Lebensbedingungen der Anthropo-
sophie.
Nun, in all das, was auf anthroposophischem Felde geschehen ist,
mufl eben seit der Weihnachtstagung ein ganz neuer Zug kommen. Und
diejenigen, die bemerkt haben die Art, wie jetzt Anthroposophie hier
vertreten wird, wie sie in Prag vertreten worden ist, wie sie jetzt wie-
derum in Stuttgart vertreten worden ist, die werden ja gesehen haben,
dafi nunmehr Impulse da sind, die auch in bezug auf die Gegner etwas
ganz Neues hervorrufen. Denn wenn man wissenschaftlich sein will
im gewohnlichen Sinne des Wortes, wie es leider viele haben sein wol-
len, dann setzt man sozusagen voraus, es liefie sich mit den Gegnern
diskutieren. Aber wenn Sie nun die Vortrage nehmen, die hier gehalten
worden sind, die Vortrage, die in Prag gehalten worden sind, den Vor-
trag, der in Stuttgart gehalten worden ist: Konnen Sie da einen Augen-
blick noch glauben, dafi es sich nur darum handeln kann, mit dem Geg-
ner zu diskutieren? Selbstverstandlich kann man nicht mit Gegnern
diskutieren, wenn man von diesen Dingen spricht, denn wie soil man
mit irgend jemandem von der heutigen Zivilisation dariiber diskutie-
ren, dafi die Seele des Muawija in der Seele des Woodrow Wilson wie-
dererschienen ist!
Also es lebt jetzt in der ganzen anthroposophischen Bewegung ein
Zug, der gar nicht auf etwas anderes hinausgehen kann als darauf , dafi
nun endlich einmal Ernst gemacht werde mit diesem Nichtdiskutieren
mit den Gegnern. Wenn es sich um Argumente handelt, da kommt man
ja ohnedies nicht zurecht. Und es wird doch endlich einmal eingesehen
werden, da£ es sich in bezug auf die Gegner nur handeln kann um das
Zuriickweisen von Verleumdungen und Unwahrheiten und Lugen. Man
wird sich nicht der Illusion hingeben diirfen, dafi man iiber solche
Sachen diskutieren kann. Die miissen sich durch ihre eigene Macht und
Gewalt verbreiten. Die lassen sich nicht durch Dialektik entscheiden.
Das ist dasjenige, was vielleicht jetzt gerade durch die Haltung der
anthroposophischen Bewegung, wie sie seit Weihnachten ist, immer
mehr und mehr auch in unserer Mitgliedschaft eingesehen werden
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wird. Und deshalb ist es schon so, dafi nunmehr die anthroposophische
Bewegung so gestaltet wird, daft sie auf nichts mehr Riicksicht nimmt
als auf das, was die geistige Welt von ihr haben will.
Sehen Sie, ich habe nun von diesem Gesichtspunkte aus verschie-
dene Karmabetrachtungen angestellt, und diejenigen, die hier dabei-
gewesen sind, oder die das letzte Mai bei meinem Vortrag in Stutt-
gart v/aren, die werden sich erinnern, daft ich zu zeigen versuchte, wie
diejenigen Individualitaten, die im 8. und 9. nachchristlichen Jahr-
hundert am Hofe des Harun al Raschid in Asien driiben vorhanden
waren, nach verschiedenen Richtungen hin sich weiterentwickelt ha-
ben nach dem Tode und dann in ihren Wiederverkorperungen eine ge-
wisse Rolle gespielt haben. In der Zeit, die wir auch das Zeitalter des
Dreifiigjahrigen Krieges nennen konnen, etwas vorher, da haben wir
auf der einen Seite die Individualitat des Harun al Raschid, wieder-
verkorpert in dem Englander Baco von Verulam, und haben den grofien
Organisator am Hofe von Harun al Raschid, der dort gelebt hat, aller-
dings nicht als Eingeweihter, aber als die Wiederverkorperung eines
Eingeweihten, haben seine Individualitat gefunden in Amos Comenius.
Sie hat dann mehr in Mitteleuropa gewirkt. Aber aus diesen beiden
Stromungen ist eigentlich vieles in dem geistigen Teil der neueren Zivi-
lisation zusammengeflossen. So dafl in dem geistigen Teil der neueren
Zivilisation der Vordere Orient aus der Nach-Mohammed-Zeit gelebt
hat, auf der einen Seite durch den wiederverkorperten Harun al Ra-
schid in Baco von Verulam, auf der anderen Seite durch Amos Co-
menius, seinen grofien Ratgeber.
Nun wollen wir heute einmal das betonen, dafi ja die Entwickelung
des Menschen nicht blofi stattfindet, wenn er hier auf Erden ist, son-
dern dafi im wesentlichen auch die Entwickelung stattfindet, wenn die
Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. So daft man
sagen kann: Sowohl Bacon wie Amos Comenius, nachdem sie sozu-
sagen den Arabismus von zwei verschiedenen Seiten her in der euro-
paischen Zivilisation befestigt hatten, sind ja nach ihrem Tode einge-
treten in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sind
sie, sowohl Bacon wie Amos Comenius, mit verschiedenen Seelen zu-
sammengewesen, welche spater auf der Erde waren als sie, welche im
17. Jahrhundert starben und dann weiterlebten in der geistigen Welt.
Dann sind ja Seel en im 19. Jahrhundert auf die Erde gekommen; die
sind vom 17. bis 19. Jahrhundert mit den Seelen von Bacon und Amos
Comenius in der geistigen Welt zusammen gewesen.
Nun gab es solche Seelen, die sich vorzugsweise versammelten urn
die Seele des ja tonangebenden Bacon, und solche Seelen, die sich sarn-
melten um Amos Comesius. Und wenn das auch mehr bildlich ist, so
diirfen wir doch nicht vergessen, dafi, natiirlich unter ganz anderen
Verhaltnissen, auch in der geistigen Welt, die die Menschen durch-
machen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sozusagen Fiih-
rerschaft und Anhangerschaft vorhanden ist. Und es wirkten solche
Individualitaten nicht bloft durch das, was sie auf der Erde hier be-
wirkten, etwa durch die Schriften von Bacon oder durch die Schriften
von Amos Comenius, oder durch das, was in der Tradition hier auf
der Erde fortlebte, sondern diese fiihrenden Geister wirkten ja dadurch
auch, daft sie in den Seelen, die sie herunterschickten, oder mit denen sie
zusammen waren und die heruntergeschickt wurden, etwas ganz Be-
sonderes auch noch in der geistigen Welt aufkeimen lieften. Und so
sind nun auch in den Menschen des 19. Jahrhunderts Seelen, welche in
ihrer Entwickelung schon im vorirdischen Dasein abhangig geworden
sind von einem der beiden Geister, dem entkorperten Amos Comenius,
dem entkorperten Bacon.
Und da mochte ich denn - wie gesagt, weil ich immer mehr und
mehr hineinfiihren will in die Art und Weise, wie konkret Karma
wirkt - aufmerksam machen auf zwei Personlichkeiten des 19. Jahr-
hunderts, deren Namen den meisten bekannt sein werden, wovon der
eine ganz besonders im vorirdischen Leben beeinfluftt war von Bacon,
der andere beeinfluftt war von Amos Comenius.
Wenn wir uns Bacon anschauen, wie er innerhalb der Erdenzivili-
sation in seinem irdischen Leben als Lordkanzler in England gestan-
den hat, so mussen wir sagen: Er wirkte ja so, daft zu spiiren ist, wie
hinter seinem Wirken ein Eingeweihter stand. Der ganze Streit um
Bacon und Shakespeare ist ja so, wie er aufterlich von Literaturhisto-
rikern getrieben wird, etwas aufierordentlich Odes, denn es werden
allerlei schone Argumente vorgefuhrt, die da zeigen sollen zum Bei-
spiel, daft eigentlich der Schauspieler Shakespeare iiberhaupt nicht seine
Dramen geschrieben hat, sondern daft sie der Philosoph und Staats-
kanzler Bacon geschrieben haben soli, und dergleichen.
Alle diese Dinge, die mit aufteren Mitteln arbeiten, Ahnlichkeiten
aufsuchen in der Denkweise der Shakespearschen Dramen und der
Baconschen philosophischen Werke, alle diese aufteren Dinge sind ja
eigentlich ode, weil sie an die Sache gar nicht herankommen, da ja die
Wahrheit so liegt, daft in der Zeit, als Bacon, Shakespeare, Jakob
Bohme und noch ein anderer gewirkt haben, ein Eingeweihter da war,
der eigentlich durch alle vier gesprochen hat. Daher ihre Verwandt-
schaft, weil tatsachlich das auf einen Quell zuruckgeht. Aber na-
tiirlich disputieren die Leute, die mit aufteren Argumenten disputieren,
nicht iiber einen Eingeweihten, der dahintergestanden hat, sintemalen
dieser Eingeweihte in der Geschichte geschildert wird, wie ja mancher
moderne Eingeweihte, als ein ziemlich lastiger Patron. Aber er war
nicht bloft das. In seinen aufteren Handlungen war er es schon auch,
aber er war nicht bloft das, sondern er war eben ein Individuality,
von der ungeheure Krafte ausgingen und auf die eigentlich zuriick-
gingen sowohl die Baconschen philosophischen Werke wie auch die
Shakespearschen Dramen, wie die Jakob Bohmeschen Werke und wie
noch die Werke des Jesuiten Jakob Balde. Wenn man dies ins Auge
fafit, so muft man schon in Bacon auf philosophischem Gebiete den
Anreger einer ungeheuren, breiten Zeitstromung sehen.
Will man sich nun vergegenwartigen, was aus einer Seele werden
kann, die durch zwei Jahrhunderte im uberirdischen Leben ganz unter
dem Einflusse des gestorbenen Bacon steht - es ist eine sehr interessante
Frage -, dann muft man hinschauen auf die Art und Weise, wie Bacon
nach seinem Tode gelebt hat. Es wird schon einmal wichtig werden fiir
Betrachtungen der Menschengeschichte, daft man die Menschen, die
auf der Erde leben, nicht bloft bis zu ihrem Tode betrachtet, sondern
auch in ihrem Wirken iiber den Tod hinaus, wo sie, namentlich wenn
sie Bedeutsames auf geistigem Gebiet geleistet haben, weiter wirken
fvir die Seelen, die dann heruntersteigen auf die Erde.
Diese Dinge sind ja naturlich zuweilen etwas schockierend fiir die
Menschen der Gegenwart. So zum Beispiel erinnere ich mich ~ es sei
nur ein kleines Intermezzo, das ich einschiebe -, dafi ich einmai auf
dem Bahnhof einer kleineren deutschen Universitatsstadt, am Bahn-
hofstor, mit einem Arzt stand, einem bekannten Arzt, der sich viel mit
Okkultismus beschaftigt. Um uns herum standen viele andere Leute.
Er wurde warm, und aus seinem Enthusiasmus heraus sagte er zu mir
in einem etwas lauten Ton, so daft es viele Umstehende horen konnten:
Ich werde Ihnen die Biographie von Robert Blum schenken, aber die
fangt erst mit seinem Tode an. - Es war, weil das so laut gesprochen
war, schon etwas von Schockiertsein bei den Umstehenden zu bemer-
ken. Man kann heute nicht so ohne weiteres zu den Leuten sagen: Ich
schenke Ihnen die Biographie eines Menschen, die aber erst mit dem
Tode anfangt.
Aber aufter dieser zweibandigen Biographie von Robert Blum, die
nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tode anfangt, ist ja noch wenig
geschehen nach dieser Richtung hin, biographisch von den Menschen
zu sprechen, nachdem sie gestorben sind. Man fangt gewohnlich bei der
Geburt an und endigt mit dem Tode. Es gibt noch nicht viele Werke,
die mit dem Tode anfangen.
Nun liegt aber fiir das reale Geschehen ein ungeheuer Wichtiges
gerade in dem, was der Mensch nach dem Tode tut, wenn er die Ergeb-
nisse dessen, was er auf der Erde getan hat, umgesetzt in das Geistige,
den Seelen vermittelt, die nach ihm herunterkommen. Und man ver-
steht gar nicht die Folgezeit eines Zeitalters, wenn man nicht auch auf
diese Seite des Lebens hinschaut.
Es handelte sich fiir mich darum, einmai diejenigen Individualita-
ten anzusehen, die um Bacon nach seinem Tode herum waren. Und es
waren herum um Bacon solche Individualitaten, die dann als Natur-
forscher geboren wurden in der Folgezeit, aber auch solche Individuali-
taten, die als Geschichtsschreiber geboren wurden. Und wenn man sich
nun den Einflufi des gestorbenen Lord Bacon auf diese Seelen anschaut,
so sieht man, wie das, was er auf der Erde begriindet hat, der Materia-
lismus, das blofte Forschen in der Sinneswelt - alles andere ist ja fiir
ihn Idol -, wie das, hinaufgesetzt, iibersetzt ins Geistige, in einen Ra-
dikalismus umschlagt. So dafi in der Tat diese Seelen mitten in der
geistigen Welt Impulse aufnehmen, die dahin gehen, nach ihrer Ge-
hurt, nachdem sie heruntergestiegen sind, auf der Erde nur auf dasje-
nige etwas zu geben, was eine Tatsache ist, die man mit den Sinnen
sehen kann.
Nun mochte ich etwas popular sprechen, aber ich bitte Sie, das
Populare eben auch nicht ganz wortlich zu verstehen, denn natiirlich
ist es dann furchtbar leicht zu sagen: Das ist grotesk. - Unter diesen
Seelen waren auch solche, die nach ihren friiheren Anlagen, nach den
Anlagen ihrer friiheren Erdenleben eben Historiker haben werden sol-
len. Einer unter ihnen war - ich meine, driiben noch im vorirdischen
Leben - einer der Bedeutendsten. Alle diese Seelen haben eigentlich
unter dem Eindruck der Impulse von Lord Bacon gesagt: Man darf
jetzt nicht mehr Geschichte schreiben, wie die Friiheren geschrieben
haben, so dafi man Ideen hat, dafi man Zusammenhange erforscht, son-
dern es miissen die realen Tatsachen erforscht werden.
Nun frage ich Sie: "Was heifk in der Geschichte, die reale Tatsache
benutzen? - Das Wichtigste in der Geschichte sind fa die Absichten der
Menschen, die nicht reale Tatsachen sind. Aber das zu erforschen, ha-
ben sich diese Seelen dann gar nicht mehr gestattet, und am wenigsten
hat es sich gestattet diejenige Seele, die dann als einer der groflten Ge-
schichtsschreiber des 19. Jahrhunderts wieder erschienen ist, Leopold
von Ranke, ein vorirdischer Schuler Lord Bacons, der eben als Leopold
von Ranke wieder erschienen ist.
Verfolgt man nun den irdischen Historikerlauf des Leopold von
Ranke, welches ist denn sein Grundsatz? Rankes Grundsatz als Ge-
schichtsschreiber ist der: Nichts darf in der Geschichte geschrieben wer-
den, als was man in Archiven liest; man mufi die ganze Geschichte aus
Archiven, aus den Verhandlungen der Diplomaten zusammenstellen.
Ranke, der ja ein deutscher Protestant ist, dem das aber gegeniiber
seinem Wirklichkeitssinn ganz gleichgiiltig ist, arbeitet mit Objekti-
vitat, das heifk, mit Archivobjektivitat schreibt er die Geschichte der
Papste, die beste Geschichte der Papste, die geschrieben worden ist vom
reinen Archivstandpunkte aus. Wenn man Ranke liest, so ist man etwas
irritiert, eigentlich im Grunde schrecklich irritiert. Denn es ist etwas
Odes, den bis ins hochste Alter beweglichen und regsamen Herrn sich
denken zu miissen blofi in Archiven sitzend und zusammenstellend,
was diplomatische Verhandlungen waren. Es ist ja gar keine wirkliche
Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die nur mit den Tatsachen der
Sinneswelt rechnet, und die sind fur die Geschichte eben die Archive.
Und so haben wir gerade unter dem Gesichtspunkt der Beriick-
sichtigung auch des aufierirdischen Lebens die Moglichkeit, ein Ver-
standnis dafiir zu gewinnen: Warum ist Ranke so geworden?
Aber man kann auch hinuberschauen, wenn man solche Betrach-
tungen anstellt, zu Amos Comenius, wie der gewirkt hat auf das vor-
irdische Wollen von Seelen, die nachher heruntergestiegen sind. Und
ebenso wie Leopold von Ranke der bedeutendste nachtodliche Schiiler
Bacons geworden ist, so ist Schlosser der bedeutendste nachtodliche
Schiiler von Amos Comesius geworden.
Und nun nehmen Sie bei Schlosser, wenn Sie seine Geschichte durch-
lesen, den ganzen Duktus, den ganzen Grundton: Uberall spricht der
Moralist, derjenige, der die menschlichen Seelen, die menschlichen Her-
zen ergreifen will, der zu den Herzen sprechen will. Manchmal ge-
lingt es ihm ja schwer, weil er eben doch einen pedantischen Zug hat.
Nun, er spricht halt auf pedantische Weise zu den Herzen, aber er
spricht zu den Herzen, weil er ein vorirdischer Schiiler des Amos Co-
menius ist, weil er von ihm etwas davon aufgenommen hat, was in
diesem Amos Comenius steckte, der gerade durch seine besondere Gei-
stesart so charakteristisch ist.
Denken Sie sich, er kommt ja doch vom Mohammedanismus her-
iiber. Er ist etwas ganz anderes, als etwa die Geister sind, die sich an
Lord Bacon angeschlossen haben; aber in die reale Aufienwelt ging auch
Amos Comenius in seiner Amos Comenius-Inkarnation. Uberall f orderte
er Anschaulichkeit fur den Unterricht, uberall soil Bildliches zugrunde
liegen. Anschauung fordert er, das Sinnliche wird betont, aber auf eine
andere Art. Denn Amos Comenius ist zugleich einer derjenigen, die im
Zeitalter des Dreifiigjahrigen Krieges in der allerlebendigsten "Weise
zum Beispiel an dem Eintritt des sogenannten «Tausendjahrigen Rei-
ches» festhalten; er ist der, der in seiner «Pansophia» grofie, weltum-
spannende Ideen geschrieben hat, der es also darauf abgesehen hatte,
durch Stofikraf t auf die Erziehung der Menschen zu wirken. Das wirkte
in Schlosser noch nach, das ist in Schlosser drinnen.
Ich erwahnte diese beiden Gestalten, Ranke und Schlosser, aus dem
Grunde, um Ihnen zu zeigen, wie man das, was im Menschen als geistig
produzierend auftritt, nur begreifen kann, wenn man das aufierirdische
Leben eben auch in Betracht zieht. Dann erst versteht man es, so wie
wir manches verstanden haben dadurch, daft wir die wiederholten Er-
denleben ins Auge gefafit haben.
Nun ist ja bemerklich geworden in den Betrachtungen, die ich hier
in den voranliegenden Stunden vor Ihnen angestellt habe, dafi in einer
merkwiirdigen Weise von einer Inkarnation in die andere hiniiberge-
wirkt wird, und ich erwahne, wie ich schon sagte, diese Beispiele aus
dem Grunde, damit dann eingegangen werden kann auf die Art und
Weise, wie jemand iiber sein eigenes Karma denken kann. Man mufl,
bevor man eingeht auf die Art und Weise, wie Gut und Bose hiniiber-
wirken von einer Inkarnation in die andere, wie Krankheiten und
dergleichen hinuberwirken, erst eine Anschauung davon gewinnen, wie
dasjenige hiniiberwirkt, was dann im eigentlichen Geistesleben der Zi-
vilisation zutage tritt.
Ich darf gestehen, meine lieben Freunde, daft eine der aufierst inter-
essanten Personlichkeiten mit Bezug auf ihr Karma aus dem neueren
Geistesleben fur mich Conrad Ferdinand Meyer war. Denn wer Con-
rad Ferdinand Meyer in seiner Gestalt, wie er gelebt hat als der Dich-
ter Conrad Ferdinand Meyer, betrachtet, der sieht ja, dafi die schon-
sten Leistungen Conrad Ferdinand Meyers darauf beruhen, daft im-
mer und immer wieder in seiner gesamtmenschheitlichen Verfassung
etwas da war wie ein Entfliehenwollen des Ich und des astralischen
Leibes heraus aus dem physischen Leib und dem Atherleib.
Krankhafte Zustande treten bei Conrad Ferdinand Meyer auf, bis
hart an die Grenze des Geistesgestortseins kommend. Es sind Zustande,
die nur in einer etwas extremeren Form das zustande bringen, was
eigentlich im Entstehungsgrunde, im Status nascendi immer bei ihm
vorhanden ist: heraus will das eigentliche Geistig-Seelische und halt nur
mit leisem Band das Physisch-Atherische.
Und in diesen Zustanden, wo das Geistig-Seelische mit leisem Bande
das Physisch-Atherische halt, entstehen bei Conrad Ferdinand Meyer
die schonsten seiner Leistungen, sowohl die schonsten seiner grofieren
Dichtungen wie auch die schonsten seiner kleineren Gedichte. Man
kann schon sagen, halb aufierhab des Leibes sind die schonsten der
Dichtungen von Conrad Ferdinand Meyer entstanden, Es war ein
ganz eigentumliches Gefiige zwischen den vier Gliedern der Menschen-
natur bei diesem Conrad Ferdinand Meyer vorhanden. Es ist wirklich
ein Unterschied zwischen einer solchen Personlichkeit und einem
Durchschnittsmenschen der Gegenwart. Bei einem Durchschnittsmen-
schen des materialistischen Zeitalters, da hat man es gewohnlich mit
einer sehr robusten Verbindung des Geistig-Seelischen mit dem Phy-
sisch-Atherischen zu tun. Da steckt das Geistig-Seelische tief im Phy-
sisch-Atherischen drinnen, setzt sich ganz hinein. Bei Conrad Ferdi-
nand Meyer war das nicht vorhanden. Da war ein zartes Verhaltnis des
Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Atherischen. Und die Psyche die-
ses Menschen zu beschreiben, gehort wirklich zu dem Interessantesten,
das man in bezug auf die neuere Geistesentwickelung machen kann.
Es ist schon aufierordentlich interessant zu sehen, wie manches, was bei
Conrad Ferdinand Meyer heraufkommt, sich fast ausnimmt wie eine
getriibte Erinnerung, die aber schon geworden ist durch die Triibung.
Man hat immer das Gefiihl: Wenn Conrad Ferdinand Meyer schreibt,
so erinnert er sich an etwas, aber nicht genau. Er verandert es, aber er
verandert es ins Schone und ins Formvollendete. Das ist fiir einzelne
seiner Dichtungen auch wiederum Stuck fiir Stuck in einer wunder-
baren Weise zu beobachten.
Nun ist es ja das Charakteristische im inneren Karma eines Men-
schen, wenn ein ganz bestimmtes Verhaltnis der vier Glieder der
menschlichen Natur vorhanden ist, von physischem Leib, Atherleib,
astralischem Leib und Ich. Diese sonderbar intime Verbindung hat man
nun zuriickzuverfolgen. Da kommt man zunachst zuriick in das Zeit-
alter des Dreifiigjahrigen Krieges. Das war mir zuerst bei dieser Per-
sonlichkeit klar: da liegt etwas von einem vorigen Erdenleben in der
Zeit des DreilSigjahrigen Krieges. Dann wiederum ein weiter vorange-
hendes Erdenleben, das geht zuriick bis in die vorkarolingische Zeit und
geht deutlich zuriick in die italienische Geschichte.
Aber bei dem Verfolgen des Karma von Conrad Ferdinand Meyer
iibertragt sich, ich mochte sagen, das eigentiimlich Verschwimmende
seines Wesens, das aber doch wiederum in solcher Formvollendung auf-
tritt, auf die Untersuchung, und man hat dann das Gefiihl: du kommst
in die Verwirrung hinein. Und es ist eigentlich nur etwas getan, wenn
ich diese Dinge tatsachlich so schildere, wie sie sich ergeben. Man hat,
wenn man da zuriickgeht in die Zeit des 7., 8. Jahrhunderts in Italien,
man hat das Gefiihl: du kommst in etwas aufterordentlich Unsicheres
hinein. Man wird immer wieder zuriickgestofien, und man merkt erst
nach und nach, daft das nicht an einem selber liegt, sondern daft es an
der Sache liegt; daft da in der Seele, in der Individualist des Conrad
Ferdinand Meyer etwas liegt, was einen selber in die Verwirrung bringt
beim Untersuchen. Denn man muft ja, wenn man eine solche Sache un~
tersucht, immer wieder zuruckkommen in die gegenwartige Inkarna-
tion, respektive in die jiingst vergangene vorhergehende, in die weiter
vorangehende, dann mulS man wiederum, ich mochte sagen, Posto
fassen und immer wieder zuruckkommen.
Und nun ergab sich folgendes. Sie miissen denken: Alles, was in
vorangehenden Inkarnationen in einer Menschenseele gelebt hat,
kommt ja in den verschiedensten Formen, in fur die aufiere Betrach-
tung manchmal gar nicht konstatierbaren Ahnlichkeiten zutage. Das
werden Sie schon an anderen Wiederverkorperungen gesehen haben,
die ich in diesen Wochen hier entwickelt habe.
Und so kommt man zu einer Inkarnation in Italien in den ersten
christlichen Jahrhunderten, das heiftt am Anfang der zweiten Halfte
des ersten christlichen Jahrtausends, wo die Seele, bei der man zunachst
halt machen mufi, gelebt hat - viel in Ravenna, viel am romischen
Hofe. Aber nun kommt man dadurch in eine Verwirrung hinein, daft
man sich doch fragen muft: Was lebte in der Seele? - In dem Augen-
blicke, wo man sich fragt, um die okkulte Forschung herauszufordern:
Was lebte in der Seele? - da loscht sich einem das wieder aus. Man
kommt auf die Erlebnisse, die diese Seele hat, die am Ravenna-Hofe,
am romischen Hofe lebt; man kommt in diese Erlebnisse hinein, man
glaubt sie zu haben: da loschen sie sich einem wieder aus. Und man
wird dann zuriickgetrieben zu dem in jiingster Zeit lebenden Conrad
Ferdinand Meyer, bis man darauf kommt: Er loscht einem in diesem
spateren Leben seinen eigenen Seeleninhalt des friiheren Lebens aus.
Und wirklich, erst nach langer Miihe kommt man darauf, wie sich die
Sache verhalt. Da kommt man darauf: Conrad Ferdinand Meyer, das
heifit die Individuality, die in ihm lebte, lebte dazumal in Italien in ei-
nem gewissen Verhaltnisse zu einem Papste, der diese Individuality mit
anderen zusammen in einer katholischen christlichen Mission nach
England schickte. So dafS diese Individuality, die dann Conrad Fer-
dinand Meyer wurde, erst all jenen wunderbaren Formensinn aufge-
nommen hatte, den man gerade in jener Zeit in Italien aufnehmen
konnte, von dem namentlich die Mosaikkunste in Italien sprechen, von
dem die altere italienische Malerei spricht, die zum grofiten Teile ja
uberhaupt ganz zugrunde gegangen ist - das hat ja aufgehort -, und er
ging dann mit einer katholisch-christlichen Mission zu den Angel-
sachsen.
Ein Genosse von ihm begriindete das Bistum Canterbury. Und
dasjenige, was in Canterbury geschehen ist, das hat sich im wesent-
lichen an diese Begriindung angeschlossen. Die Individuality, die dann
als Conrad Ferdinand Meyer erschienen ist, war nur dabei, aber diese
Individuality war eine sehr regsame und hat dadurch den Unwillen
eines Angelsachsenhauptlings hervorgerufen und ist auf das Anstiften
dieses Angelsachsenhauptlings ermordet worden. Das ist etwas, das
man zunachst findet. Aber es war in der Seele des Conrad Ferdinand
Meyer, wahrend er in England verweilte, etwas, was sie ihres Lebens
nicht froh werden liefi. Diese Seele wurzelte eigentlich in der damali-
gen italienischen Kunst, wenn man das so nennen will, in dem italieni-
schen Geistesleben. Sie wurde nicht froh bei der Ausiibung der Mis-
sionstatigkeit in England, widmete sich aber dieser Missionstatigkeit
dennoch in einer intensiven Weise, so dafi eben dann die Ermordung
sogar die Reaktion darauf war.
Dieses Nicht-froh-Werden, dieses eigentlich Abgestofiensein von
etwas, das er aber wiederum aus einem anderen Trieb des Herzens
heraus mit aller Kraft, mit aller Hingabe ausfiihrte, das wirkte in einer
gewissen Weise so, dafi nun beim Durchgang durch das nachste Erden-
leben eine kosmische Triibung des Gedachtmsses eintrat. Der Impuls
war da, aber er deckte sich nicht mit irgendeinem Begriffe mehr.
Und so wurde zustande gebracht, dafi dann in der Conrad Ferdi-
nand Meyer-Inkarnation ein unbestimmter Impuls sich gel tend machte:
In England wirkte ich; etwas hangt zusammen mit Canterbury, ermor-
det worden bin ich wegen meines Zusammenhanges mit Canterbury.
Darauf hin wirkt nun das aufiere Leben der Conrad Ferdinand
Meyer-Inkarnation. Conrad Ferdinand Meyer studiert englische Ge-
schichte, er studiert Canterbury, er studiert, was da im Zusammen-
hange mit der englischen Geschichte und Canterbury vor sich geht. Er
stofk auf Thomas Becket, den Kanzler des Konigs Heinrich II. im 12.
Jahrhundert, auf dieses eigentumliche Schicksal des Thomas Becket,
der zuerst ein allmachtiger Kanzler Heinrichs II. war, dann ermordet
wurde auf Anstiften Heinrichs II. Dann erschien dem Conrad Ferdi-
nand Meyer im Conrad Ferdinand Meyer-Leben in diesem Thomas
Becket sein eigenes, halbvergessenes Schicksal - im Unterbewufiten,
meine ich, halbvergessen, denn ich rede natiirlich von dem Unterbe-
wufiten, das da erscheint. Und da schildert er sein eigenes Schicksal
aus uralter Zeit, indem er es schildert in der Geschichte, die sich abge-
spielt hat im J 2. Jahrhundert zwischen dem Konig Heinrich II. und
dem Thomas Becket von Canterbury, indem er dieses Schicksal schil-
dert in seiner Dichtung «Der Heilige». Es ist gerade so - nur spielt sich
das alles in dem Unterbewufiten ab, das die aufeinanderfolgenden Er-
denleben umfafit -, es ist alles so, wie wenn etwa ein Mensch in einem
Erdenleben in friiher Jugend im Zusammenhange mit irgendeinem
Orte etwas erlebt hatte, vielleicht im zweiten, dritten Lebensjahre etwas
erlebt hat, das er dann vergessen hat, das nicht auftaucht. Dann taucht
ein ahnliches anderes Schicksal auf, der Ort wird genannt: dieser Ort
ruft hervor, dafi der Betreffende eine besondere Sympathie hat fur
dieses andere Schicksal und dieses andere Schicksal anders empfindet
als eben einer, der nicht mit diesem Orte irgendwie in eine Ideenasso-
ziation tritt. So wie sich das in einem Erdenleben abspielen kann, so
spielt es sich ab in diesem konkreten Falle, den ich Ihnen angebe: Das
Wirken in Canterbury, die Ermordung einer an Canterbury gebun-
denen Personlichkeit - denn Thomas Becket ist ja Erzbischof von Can-
terbury - durch den Konig von England. Indem also diese Motive zu-
sammenwirken, schildert er das eigene Schicksal in demjenigen, was er
darstellt.
Nun geht es aber fort bei Conrad Ferdinand Meyer - das ist das
Interessante: Er wird wiedergeboren so im Zeitalter des Dreifiigjahri-
gen Krieges, als Frau wiedergeboren, als regsame, geistig interessen-
reiche Frau geboren in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, sieht man-
ches Abenteuerliche. Diese Frau heiratet einen Mann, der zunachst an
all den Wirren, die da waren im Dreifiigjahrigen Kriege, teilnahm, dem
es dann aber zu dumm geworden ist und der nach der Schweiz aus-
wanderte, nach Graubiinden, und da als ein ziemlich philistroser Herr
lebte. Aber seine Frau nahm alles das auf, was innerhalb des Grau-
biindner Landes selber sich abspielte unter dem Einflufi der Verhalt-
nisse des DreijRigjahrigen Krieges.
Das ist wiederum wie mit einer Schicht zugedeckt, weil schon ein-
mal dasjenige, was in dieser Individuality ist, ich mochte sagen, sich
kosmisch leicht vergifit und dennoch wiederum in Veranderung herauf-
geholt wird und dann glorioser, intensiver wird. Und aus dem, was
diese Frau erlebt hat in ihrer Anschauung, entsteht die wunderbare
Charakteristik des «Jiirg Jenatsch», des Mannes aus Graubiinden. Und
so hat man, wenn man nun diesen Conrad Ferdinand Meyer in seiner
Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation ansieht, keine Erklarung fur
seine Eigentumlichkeit, wenn man nicht auf sein Karma eingehen kann.
Denn eigentlich mufi ich sagen - das ist cum grano salis gesprochen
selbstverstandlich, denn das Wort pafit nicht recht -, eigentlich beneide
ich die Leute, die Conrad Ferdinand Meyer so leichten Herzens ver-
stehen. Als ich seine friihere Verkorperung noch nicht gekannt habe,
habe ich nur verstanden, dafi ich ihn eigentlich nicht verstehe. Denn
diese wunderbare Geschlossenheit der Form, diese innere Freude an der
Form, dieses Reine der Form, diese Kraft, die Gewalt, die in «Jurg
Jenatsch» lebt, dieses ungemein Personlich-Lebendige, das in dem «Hei-
ligen» lebt - man mufi schon ein Stuck Oberflachlichkeit haben, wenn
man das ohne weiteres zu verstehen glaubt.
Wenn man aber merkt: in den schonen Formen, die zugleich etwas
Linienhaftes, etwas Strenges haben, die gemak und wieder nicht ge-
malt sind, leben die Mosaiken von Ravenna; in dem «Heiligen» lebt
eine Geschichte, die einstmals von der Individualist selber durchge-
macht worden ist, iiber die sich aber Seelendunst breitete, so dafi aus
dem Seelendunst eine andere Formung herauskam - und wenn man
weift: vom Frauengemiit ist dasjenige aufgenommen worden, was in
der Graubundner Dichtung des «Jurg Jenatsch» lebt, und in manchem,
was da ist an Stoftigem in dieser Graubundner Dichtung, da lebt wieder-
um der Haudegen aus dem Dreifiigjahrigen Kriege, der ein ziemlich phi-
listroser Herr, aber dennoch ein Haudegen war; wenn man weift: da
lebt in der Seele in einer eigentiimlichen Form dasjenige auf, was von frii-
heren Erdenerlebnissen heruberkommt - dann beginnt man eigentlich
erst zu begreifen. Und man sagt sich dann: In alten Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung haben die Menschen ungeniert gesprochen iiber die
Art und Weise, wie uberirdische Geister auf die Erde herabgestiegen
sind, wie wiederum Menschen der Erde sich hinaufgelebt haben, um
von der Geisteswelt aus weiterzuwirken, und das ist etwas, was wieder
kommen mufi, sonst bleibt der Mensch bei seinem Regenwurm-Mate-
rialismus. Denn was sich heute naturwissenschaftHche Weltanschau-
ung nennt, ist ja eine Regenwurm-Weltanschauung.
Die Menschen leben eigentlich so auf Erden, als wenn nur die Erde
sie anginge und als wenn nicht der ganze Kosmos auf das Irdische
wirkte und im Menschen lebte, und als wenn nicht friihere Zeiten
fortlebten dadurch, daft wir dasjenige, was wir in ihnen aufgenommen
haben, selber heriibertragen in die spateren Zeiten. Und Karma ver-
stehen, heiftt nicht, irgendwie begrifflich reden zu konnen iiber auf ein-
anderfolgende Erdeninkarnationen, sondern Karma verstehen, heiftt,
in seinem Herzen das zu fiihlen, was man fiihlen kann, wenn man in
spatere Epochen in Menschenseelen selbst dasjenige heriiberflieften
sieht, was vor Zeiten da war. Wenn man sieht, wie Karma wirkt, dann
erhalt das menschliche Leben ja einen ganz anderen Inhalt. Man fiihlt
sich selber ganz anders in dem menschlichen Leben drinnenstehend.
Solch ein Geist wie Conrad Ferdinand Meyer tritt auf und fiihlt die
friiheren Erdenleben wie einen Grundton in seinem Wesen darinnen,
wie Untertone, die da heriibertonen. Man versteht erst das, was da ist,
wenn man ein Verstandnis fur diese Grundtone entwickelt. Und der
Fortschritt der Menschheit im Geistesleben wird darauf beruhen, dafi
in dieser Weise das Leben wird betrachtet werden konnen, daft man
wirklich wird eingehen konnen auf das, was durch Menschen selber
aus friiheren Epochen der Weltenentwickelung in spatere Epochen der
Weltenentwickelung hinuberstromt. Das Eigentiimliche von mancher
Seele, etwa wie die Psychoanalytiker es tun, auf torichte Art aus «ver-
borgenen Seelenprovinzen» heraus zu erklaren - man kann ja dem Ver-
borgenen ailes zuschreiben -, das wird aufhoren, und man wird die
wirklichen Ursachen suchen. Denn das Treiben der Psychoanalytiker,
die ja in gewisser Beziehung wirklich wiederum ganz Gutes leisten, das
erinnert einen manchmal daran, wie wenn jemand sagen wiirde: Im
Jahre 1 749 ist in Frankfurt einem Patrizier ein spater begabt auf treten-
der Sohn geboren worden; man kann heute noch den Ort feststellen,
wo in Frankfurt dieser spater als Wolfgang Goethe auftretende Mensch
geboren worden ist. Man grabe einmal nach in der Erde, durch welche
Ausdiinstung seine Anlagen zustande gekommen sind. - So kommen
einem die Psychoanalytiker manchmal vor! Sie graben unten ins Erd-
reich der Seele hinein, in die «verborgenen Provinzen», die sie erst sel-
ber hypothetisch entdecken, wahrend man in Wirklichkeit in den vor-
angegangenen Erdenleben und in den Leben, die zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt sind, suchen mufi. Dann eroffnet sich das Ver-
standnis von Menschenseelen. Menschenseelen sind wahrhaft viel zu
reich, als dafi man ihren Inhalt aus einem einzigen Erdenleben heraus
erkennen konnte.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 23. April 1924
Ich mochte zu dem in diesen Tagen Gesagten einiges hinzufiigen fiir
die Freunde, die gelegentlich des Osterkursus hierhergekommen sind
und die manches von dem in der letzten Zeit hier Gesagten nicht gehort
haben, hinzufiigen aus den Gebieten karmischer Zusammenhange. Fiir
diejenigen Freunde, die in den vorigen Stunden vor der Ostertagung
hier gewesen sind, wird vielleicht einiges eine Wiederholung sein, allein
das ist eben aus der Natur unserer jetzigen Veranstaltung hier doch
wohl notwendig.
Ich habe ja in der letzten Zeit ganz besonders betont, wie das ge-
schichtliche Leben der Menschheit herangebracht werden mufi an die
Betrachtung des Menschen selbst. All unser Streben geht ja darauf hin,
den Menschen uberhaupt wiederum in den Mittelpunkt der Weltbe-
trachtungen zu stellen. Es wird dadurch ein Doppeltes erreicht: Erstens,
es wird uberhaupt dadurch erst eine Weltbetrachtung moglich, weil
dasjenige, was um den Menschen herum in der aufiermenschlichen Na-
tur ausgebreitet ist, doch nur einen Teil, ein gewisses Gebiet der Welt
darstellt. Etwa so nimmt sich eine Weltbetrachtung aus, welche sich auf
dieses Naturgebiet beschrankt, wie eine Pflanzenbetrachtung, die im-
mer stehenbleibt bei der Anschauung von Wurzeln, griinen Blattern
und Stengeln, und niemals dazu kommt, Bliite und Frucht zu sehen.
Eine solche Betrachtung liefert einfach nicht die ganze Pflanze. Kdnn-
ten Sie sich ein Wesen vorstellen, das stets nur zu einer Zeit geboren
wird und zu einer Zeit lebt, in der die Pflanze nur bis zu den griinen
Blattern wachst, das niemals eine Bliite sieht, das zu der Zeit, wenn die
Bliite kommen soil, stirbt, und erst wieder hervorkommt, wenn nur
Wurzeln und grime Blatter da sind? Ein solches Wesen wiirde die voile,
die ganze Pflanze niemals kennenlernen, wiirde von der Pflanze als
einem Wesen reden, das nur Wurzel und Blatter hat.
In eine ahnliche Lage gegenuber der ganzen Weltbetrachtung hat
sich die moderne materialistische Gesinnung gebracht. Sie betrachtet
nur die breitere Unterlage des Lebens, nicht das, was aus der Gesamt-
heit des irdischen Werdens und Seins hervorsprielk: den Menschen
selber. Unsere Naturbetrachtung muft durchaus so sein, daft die Natur
in ihren Weiten betrachtet wird, aber uns gleich in der Betrachtung so
vorkommt, als ob sie aus sich heraus den Menschen schaffen miiftte.
Dadurch erscheint der Mensch wirklich als ein Mikrokosmos, als eine
Konzentrierung alles dessen, was sich in den Weiten des Kosmos f indet.
Sobald man diese Art der Betrachtung auf die Geschichte anwen-
det, ist man nicht mehr in der Lage, den Menschen bloft so zu betrach-
ten, daft man die Krafte der Geschichte auf den Menschen konzentriert
und ein einheitlich zusammengehaltenes Wesen im Menschen sieht, son-
dern da mufi man den Menschen betrachten, wie er durch verschiedene
Erdenleben geht, denn er ist mit dem einen Erdenleben in einer alteren
Zeit, mit dem anderen Erdenleben in einer spateren Zeit verbunden.
Und der Umstand, daft es so ist, stellt wiederum den Menschen, aber
jetzt die Totalitat des Menschen, die Individuality des Menschen, in
den Mittelpunkt der Betrachtung. Das ist das eine, was durch eine
solche Anschauung von Natur und Geschichte erreicht wird.
Das andere ist, daft gerade dann, wenn man den Menschen in den
Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, ethisch das erreicht werden wird,
daft in dem menschlichen Charakter eine gewisse Bescheidenheit ein-
treten wird. Unbescheidenheit kommt eigentlich nur aus mangelnder
Menschenerkenntnis. Es wird ganz gewifi nicht aus einer eindring-
lichen, umfassenden Menschenerkenntnis im Zusammenhange mit den
Welt- und Geschichtsereignissen das folgen, daft der Mensch sich iiber-
schatzt, sondern es wird zur Folge haben, daft der Mensch sich objek-
tiver nimmt. Gerade wenn der Mensch sich nicht kennt, so sprieften in
ihm diejenigen Gefuhle auf, die eben aus dem Unbekannten seiner eige-
nen Wesenheit kommen. Instinktive emotionelle Regungen ziehen aus
ihm auf, und diese im Unterbewuftten wurzelnden instinktiven emo-
tionellen Regungen, die machen den Menschen eigentlich unbescheiden,
hochmiitig und so weiter. Dagegen wenn das Bewufttsein immer mehr
und mehr hinuntersteigt in diejenigen Regionen, in denen sich der
Mensch erkennt, wie er den Weiten des Weltenalls und dem Leben der
aufeinanderfolgenden geschichtlichen Ereignisse angehort, wird sich
im Menschen einem innerlichen Gesetze nach Bescheidenheit entwickeln.
Denn die Anpassung an das Weltendasein ruft immer Bescheidenheit
hervor, nicht Oberhebung. Alles, was als eine reale, wahre Betrachtung
in der Anthroposophie gepflogen werden kann, hat durchaus auch
seine ethische Seite, zeitigt seine ethischen Impulse. Anthroposophie
wird nicht eine Lebensauffassung hervor bringen so wie die neuere ma-
terialistische Zeit, welche die Ethik, die Moral als etwas AulSerliches
hat, sondern die Ethik, die Moral wird ihr etwas sein, was innerlich
hervorgetrieben wird aus alledem, was man betrachtet.
Nun mochte ich zeigen, wie in gewissen Menschenwesenheiten frii-
here Epochen heriibergetragen werden durch den Menschen selber in
spatere Epochen. Ich mochte das an einzelnen Beispielen auch heute
zeigen. Da haben wir ein, ich mochte sagen, sehr fesselndes Beispiel, das
uns in der Betrachtung in diese schweizerischen Gegenden fiihren kann.
Wir wenden den Blick hin auf einen Menschen der vorchristlichen
Zeit, etwa ein Jahrhundert vor der Begriindung des Christentums, und
finden da - ich erzahle, was in einer geisteswissenschaftlichen Betrach-
tung gefunden werden konnte - eine Personlichkeit, die eine Art Skla-
venaufseher ist, die, wie gesagt, ein Jahrhundert vor der Begriindung
des Christentums in sudlichen Gegenden Europas eine Art Sklavenauf-
seher ist.
Man darf sich unter einem Sklavenaufseher der damaligen Zeit nicht
dasjenige vorstellen, was sogleich bei diesen Worten in uns an Ge-
fiihlen und Empfindungen erregt wird. Die Sklaverei war ja im Alter-
tum etwas, was durchaus als gang und gabe angesehen worden ist, und
sie war in der Zeit, von der ich hier spreche, eigentlich im wesentlichen
schon gemildert, und die Sklavenaufseher waren gebildete Leute. In
dieser Zeit waren ja sogar oftmals die Lehrer von sehr bedeutenden
Leuten Sklaven, weil unter den Sklaven auch die Bildung, die litera-
rische Bildung, die wissenschaftliche Bildung der damaligen Zeit viel-
fach herrschte. Also man mufi sich schon gesiindere Ansichten iiber das
Sklaventum verschaffen, ohne es selbstverstandlich auch nur im ge-
ringsten zu verteidigen, wenn man auf das Altertum in dieser Bezie-
hung hinsieht.
Wir haben also eine solche Personlichkeit, deren Beruf es ist, sich
mit der Austeilung der Arbeit, mit der Behandlung einer Reihe von
Sklaven zu beschaftigen. Aber diese Personlichkeit, die eine aufter-
ordentlich liebenswiirdige ist, eine milde Personlichkeit, die alles tut,
wenn sie sich selber folgen kann, urn den Sklaven das Leben angenehm
zu machen, untersteht nun einer rauhen, etwas brutalen Personlichkeit.
Wir wiirden nach unseren heutigen Benennungen jene Personlichkeit
den Vorgesetzten nennen. Dem raufi sie folgen, diese Personlichkeit.
Dadurch kommt manches, was Groll erzeugt bei den Gefuhrten. Und es
stellt sich dann heraus, dafi, als die Personlichkeit, von der ich rede, der
Sklavenaufseher, durch die Pforte des Todes geht, sie umringt ist in
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von all den See-
len die mit ihr dadurch verbunden waren, dafi sie ihr Sklavenauf-
seher war. Aber insbesondere stark verbunden war die Individuality
dieser Personlichkeit mit jenem Vorgesetzten, und zwar dadurch, daft
sie, als sie Sklavenfiihrer war, diesem Vorgesetzten folgen muftte, daft
sie oftmals widerwillig, aber doch immer nach der Sitte der damaligen
Zeit fur ein solches soziales Verhaltnis, ihm folgte. Das begrundete
einen tieferen karmischen Zusammenhang. Es begrundete auch einen
tieferen karmischen Zusammenhang das Verhaltnis, das da war in der
physischen Welt zwischen dem Sklavenfiihrer, man konnte auch sagen
in vieler Beziehung Sklavenlehrer, und der Schar der Sklaven.
So miissen wir uns also vorstellen, dafi sich nun ein weiteres Leben
entwickelt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zwischen all die-
sen Menschenindividualitaten, von denen ich jetzt gesprochen habe.
Dann wird etwa im 9. nachchristlichen Jahrhundert die Individua-
list dieses Sklavenfuhrers wiederum geboren, in Mitteleuropa, aber
jetzt als Frau. Wir haben es also jetzt zu tun mit einer Wiederverkor-
perung jenes Sklavenfuhrers als Frau, und zwar, weil die karmischen
Verbindungen so sind, als Frau gerade jenes Vorgesetzten, der als
Mann wiedergeboren wird. Und es entwickelt sich ein nicht gerade
glanzendes Eheverhaltnis zwischen den beiden, ein Eheverhaltnis, das
aber karmisch durchaus dasjenige ausgleicht, was sich karmisch ge-
griindet hat in der Zeit des Untertanen-Vorgesetztenverhaltnisses wah-
rend der alten Zeit im Beginne des ersten Jahrhunderts vor der christ-
lichen Zeitrechnung. Dieser Vorgesetzte lebt jetzt, etwa im 9. Jahrhun-
dert, in Mitteleuropa innerhalb einer Gemeinde, deren Burger in einem
aufierordentlich familiaren Verhaltnis miteinander stehen. Er ist da
als eine Art Gemeindebeamter tatig, der aber eigentlich aller Diener
ist und aufierordentlich starkt gepufft wird.
Wir kommen darauf, wenn wir die ganze Sache untersuchen, daft
die Mitglieder dieser etwas ausgebreiteten Gemeinde alle die Sklaven
sind, die einstmals in der von mir erwahnten Weise gefiihrt worden
sind, behandelt worden sind, denen ihre Arbeit angewiesen worden
ist. Also der Vorgesetzte ist sozusagen aller Diener geworden und mufi
auflerordentlich viel karmisch in Erfullung gehen sehen von dem, was
durch seine Brutalitat auf dem Umwege iiber den Sklavenfiihrer an
diesen Menschen getan worden ist.
Seine Frau, die ist nun aber der wiedergeborene Sklavenfiihrer, der,
ich mochte sagen, in einer gewissen stilleren, zuriickgezogeneren Lebens-
weise unter den Eindriicken leidet, die jetzt von dem stets unzufrie-
denen friiheren Vorgesetzten in seiner Wiederverkorperung kommen,
und man kann im einzelnen durchaus verfolgen, wie sich das karmische
Schicksal hier erfiillt.
Aber auf der anderen Seite sehen wir auch, wie dieses Karma durch-
aus nicht erfiillt ist, in seiner Totalkat nicht erfiillt ist. Es ist nur ein
Teil dieses Karma erfiillt. Nur was sich zwischen diesen beiden Men-
schen abgespielt hat, dem Sklavenfiihrer und seinem Vorgesetzten, die-
ses karmische Verhaltnis ist mit der mittelalterlichen Inkarnation im
9. Jahrhundert im wesentlichen erschopft; denn da hat tatsachlich die
Frau dasjenige abgedient, was sie durch die Brutalitat ihres ehemaligen
Vorgesetzten, der jetzt ihr Gemahl war, an der eigenen Seele erfah-
ren hat.
Aber diese Frau, die Inkarnation des ehemaligen Sklavenfuhrers,
wird wiederum geboren, geboren nun auch so, daft die Mehrzahl der-
jenigen Seelen, die einstmals Sklaven waren und dann in der ausge-
breiteten Gemeinde vereinigt waren, deren Schicksal also diese Indi-
vidualist zweimal im Erdenleben mitgemacht hat, daft diese Gemeinde
fur den wiedergeborenen Sklavenfiihrer jene Kinder liefert, deren Er-
ziehung er sich jetzt in der neuen Verkorperung besonders annimmt.
Denn diese Wiederverkorperung ist die des Pestalozzi. Und wir sehen,
daft alles das, was jetzt an ungeheurer Milde, an Erzieherbegeisterung
in Pestalozzi im 18. und 19. Jahrhundert lebt, die karmische Erfiillung
ist gegenuber den Menschen, mit denen er zweimal in der geschilder-
ten Weise verbunden war, die karmische Erfiillung dessen, was in frii-
heren Inkarnationen erlebt, erlitten und erfahren worden ist.
Es wird das, was in einzelnen Personlichkeiten auftritt, eben durch-
aus erst durchsichtig, stellt sich vor die Seele in seiner begreiflichen
Gegenstandlichkeit hin, wenn man beobachtet, wie auf dem Hinter-
grunde eines gegenwartigen Erdenlebens die fruheren Erdenleben er-
scheinen. Und zuweilen treten in irgendeinem Erdenleben Ziige eines
Menschen auf, die nicht etwa blofi auf die vorhergehende Inkarnation
zuriickgehen, sondern oftmals auf die vorvorige und noch auf weiter
zuriickgelegene. Das ist so, dafi man sieht, wie mit einer gewissen in-
neren geistigen Konsequenz hindurchwirkt, was in den einzelnen In-
karnationen sich veranlagt hat und sein Dasein weiterfiihrt, indem der
Mensch lebt durch Erdenleben hindurch, aber auch durch Leben zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt.
In dieser Beziehung ist besonders fesselnd die Betrachtung eines
Erdenlebens, das ich schon vor denjenigen, die vor der Ostertagung
hier in Dornach waren, entwickelt habe, das Leben des Conrad Fer-
dinand Meyer.
Conrad Ferdinand Meyer gibt ja dem, der sein Leben innerlich be-
trachtet und zu gleicher Zeit in einem hohen Grade seine Dichtungen
bewundern kann, ganz besondere Ratsel auf. Conrad Ferdinand
Meyers Dichtungen haben ja einen in der Form wunderbar harmo-
nischen Stil, so dafi man sagen kann: Was in Conrad Ferdinand Meyer
lebt, das schwebt eigentlich immer ein wenig iiber dem Irdischen in
bezug auf den Stil, auch in bezug auf die ganze Denkungs-, Empfin-
dungs- und Gefiihlsart. Und man merkt schon, wenn man sich auf die
Schopfungen Conrad Ferdinand Meyers einlafit, wie er in einem Gei-
stig-Seelischen drinnensteckt, das fortwahrend auf dem Sprunge ist,
sich etwas loszulosen von dem Physisch-Leiblichen. Man sagt sich,
wenn man die edleren Dichtungen Conrad Ferdinand Meyers, auch
seine Prosadichtungen, vor sich hinlegt und betrachtet: Da ist etwas
Schopferisches, was immer hinauswachsen will iiber den Zusammen-
hang mit dem physischen Leibe. - Das hat sich ja dann dadurch aus-
gesprochen, daft Conrad Ferdinand Meyer in der Tat in seiner Conrad
Ferdinand Meyer-Inkarnation in krankhaften Zustanden leben mufite,
in denen sich in einem sehr starken Grade das Geistig-Seelische von dem
Physisch-Leiblichen losloste, so daft Wahnzustande auftraten oder we-
nigstens Zustande, die Wahnzustanden ahnlich waren. Wiederum ist
das Merkwurdige daran, daft zum Schonsten bei ihm gerade das gehort,
was er in einer solchen Loslosung des Geistig-Seelischen von dem Phy-
sisch-Leiblichen geschaffen hat.
Nun wird man gerade bei Conrad Ferdinand Meyer, wenn man
versucht, die karmischen Zusammenhange durch seine Erdenleben hin-
durch zu erforschen, in eine Art Verwirrung hineingetrieben. Man f in-
det sich nicht sogleich zurecht, wenn man den Faden ziehen will von
der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation zu den friiheren Inkar-
nationen. Man wird zunachst in das 6. nachchristliche Jahrhundert ver-
setzt, aber dann wiederum zuriickgeworfen in das 19. Jahrhundert, in
die Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation, weil man bei der Beobach-
tung auch durch die Sache selbst dazu verleitet wird, verfiihrt wird,
in die Irre zu gehen. Sie mussen sich nur das richtig vorstellen, wie ein
wirkliches Ringen um Erkenntnis auf diesem Felde es aufterordentlich
schwer hat. Wer sich mit Phantastik begniigt, der hat es naturlich leicht,
der kann irgendwie irgend etwas sich zurechtlegen. Wer aber auf die-
sem Gebiete sich nicht mit Phantastik begniigt, sondern tatsachlich bis
zu jenem Punkte in seinem Forschen weiterriickt, wo er das Gefiige
seiner Seele beim Forschen verlaftlich findet, der hat es eigentlich
schwer, wenn er solche Sachen verfolgt, insbesondere bei einer so kom-
plizierten Individuality, wie sie sich in Conrad Ferdinand Meyer dar-
gelebt hat. Und es ist ja beim Untersuchen von karmischen Zusammen-
hangen durch eine Anzahl von Erdenleben hindurch einem keine grofte
Hilfe, auf die besonders signifikanten Dinge hinzuschauen. Das, was
am meisten auffallt an dem Menschen, was man wahrnimmt, wenn
man dem Menschen begegnet oder durch die Geschichte etwas von ihm
erf ahrt, das hat er eigentlich zumeist aus der irdischen Umgebung. Man
ist ja als Mensch viel mehr, als man denkt, ein Produkt seiner irdischen
Umgebung. Man nimmt durch die Erziehung dasjenige auf, was in der
irdischen Umgebung lebt. Erst die feineren, intimeren Zuge eines Men-
schen, recht konkret aufgefafk, fiihren durch das Leben zwischen Tod
und neuer Geburt zuriick in vorige Erdenleben.
Und fur eine solche Betrachtung kann wichtiger sein, die Art und
Weise anzuschauen, wie ein Mensch seine Gesten macht, wie ein Mensch.
als eine standige Gewohnheit irgend etwas halt, als die Betrachtung
dessen, was er vielleicht als eine beruhmte Personlichkeit leistet. Die
Art und Weise, wie jemand etwas halt, oder wie er immer gewohnheits-
mafiig auf Dinge antwortet - nicht was er antwortet, aber wie er ant-
wortet, daft er zum Beispiel zunachst immer abweist und erst, wenn er
nicht mehr anders kann, zugibt, oder dafi er in aller Gutmiitigkeit etwas
renommiert und so weiter -, solche ZUge, die sind es, die wichtig sind,
und wenn man die besonders anschaut, so stellen sie sich in den Mit-
telpunkt der Betrachtungen, und es wachst viel aus ihnen heraus. Man
betrachtet die Art, wie jemand etwas angreift, macht sich es ganz ge-
genstandlich, arbeitet es kunstlerisch aus; dann bleibt es nicht bei der
Betrachtung der Geste, sondern da gliedert sich um die Geste die Ge-
stalt eines anderen Menschen herum.
Es kann durchaus das Folgende geschehen. Es gibt Menschen, die
haben kleine Gewohnheiten, sagen wir die Gewohnheit, bevor sie ir-
gend etwas beginnen, die Arme in einer bestimmten Weise zu bewegen.
Ich habe Menschen kennengelernt, die konnten keine Arbeit tun, ohne
zuerst die Arme zusammenzulegen. Macht man sich solch eine Geste
ganz gegenstandlich, aber mit innerem kunstlerischem Sinn, so daft sie
plastisch vor einem stent, dann lenkt man die Aufmerksamkeit ab von
dem Menschen, der zu dieser Geste dazugehort. Aber diese Geste bleibt
nicht allein. Sie wachst sich aus zu einer anderen Gestalt. Und kommt
man nun an diese Gestalt heran, dann ist diese Gestalt etwas, was we-
nigstens hindeutet auf etwas in der vorigen Inkarnation oder in der
vorvorigen Inkarnation. Es kann dabei durchaus so sein, daft diese
Geste auf irgend etwas angewendet wird, was in der vorigen Inkar-
nation noch gar nicht vorhanden war, sagen wir auf das In-die-Hand-
Nehmen eines Buches und dergleichen. Aber eine solche Art von Geste
oder solche Art von Lebensgewohnheit mull es eigentlich sein, wofiir
man Sinn haben mufi, um zuruckzukommen.
Nun, bei solch einer Individuality wie die des Conrad Ferdinand
Meyer ist aber eben dieses das Bedeutsame, dafi sie schafft mit einer
gewissen Neigung - so will ich es genau ausdriicken - zur Lockerung
des Geistig-Seelischen von dem Physisch-Leiblichen. Das ist ein An-
haltspunkt, aber auf der anderen Seite auch wiederum ein Moment der
leichten Verirrung.
Nun wird man also hingetrieben ins 6. Jahrhundert. Man hat zu-
nachst das Gefuhl: da muft er sein. Man findet auch eine Personlich-
keit, die in Italien gelebt hat, die in Italien verschiedene Schicksale in
jener Inkarnation durchgemacht hat und die da in einer Art Doppel-
natur gelebt hat, auf der einen Seite mit aufierordentlicher Begeiste-
rung hingegeben an das, was fur uns Spatere in der aufieren Welt ziem-
lich verlorengegangen ist, was aber vorhanden war in grofiartiger
Kunstentfaltung und was wir nur noch aus der Mosaiken-Kunstentfal-
tung sehen. In dieser Kunstentfaltung Italiens, Ende des 5., Anfang des
6. Jahrhunderts, hat nun diese Individuality, auf die man zunachst
gestofien wird, gelebt. So stellt es sich zunachst dar.
Aber nun verfinstert sich wiederum dieses ganze Bild, und man
wird zuruckgeworfen auf Conrad Ferdinand Meyer. Und die Finster-
nis, die man fur die Anschauung empfangen hat an dem Menschen des
6. Jahrhunderts, die iiberstrahlt einem nun das Bild des Conrad Fer-
dinand Meyer im 19. Jahrhundert. Und man ist genotigt, wiederum auf
dasjenige hinzuschauen, was nun Conrad Ferdinand Meyer im 19. Jahr-
hundert tut.
Man wird hingelenkt darauf, dafi er in seiner Erzahlung «Der Hei-
lige» den Kanzler Heinrichs II. von England behandelt hat, Thomas
Becket. Man hat das Gefuhl, dafi das auSerordentlich wichtig ist. Man
hat auch das Gefuhl, dafi man durch die Empfindung von dieser fru-
heren Inkarnation hingestofien ist gerade zu dieser Tat des Conrad Fer-
dinand Meyer. Jetzt aber wird man wiederum zuriickgestofien ins 6.
Jahrhundert, und da gibt diese Tatsache keine Aufklarung. Und so
wird man oftmals hin- und hergestofien zwischen diesen zwei Inkar-
nationen, der fragwiirdigen Inkarnation zunachst im 6. Jahrhundert
und der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation, bis man darauf kommt,
dafi in Conrad Ferdinand Meyer einfach aus der Geschichte her aus die
Erzahlung von Thomas Becket dadurch entstanden ist, dafi die ganze
Geschichte etwas Ahnlichkeit hat mit dem, was er selbst im 6. Jahrhun-
dert erlebt hat, wo er als Mitglied einer katholischen Mission, die von
dem Papst Gregor von Italien nach England geschickt worden war,
audi von Italien nach England gegangen ist. Da ist die zweite Wesen-
heit der Doppelnatur Conrad Ferdinand Meyers in der vorigen Inkar-
nation drinnenliegend. Auf der einen Seite war er in der vorigen Inkar-
nation im 6. Jahrhundert begeisterter Verehrer alles dessen, was in
solcher Kunst lag, was dann ins Mosaikwesen ubergegangen ist - daher
sein ganz umfassendes Formentalent. Auf der anderen Seite aber war
er eben ein begeisterter Vertreter des Katholizismus, der aus diesem
Grunde bei dieser Mission mitgegangen ist. Die Mitglieder dieser Mis-
sion haben Canterbury begriindet, den Ort, wo dann das Bistum Can-
terbury entstanden ist.
Die Individuality, die dann als Conrad Ferdinand Meyer im 19.
Jahrhundert gelebt hat, die wurde damals von einem angelsachsischen
Hauptling ermordet, unter Umstanden, die aufierordentlich interessant
sind. Es lag etwas Juristisch-Verleumderisches und Spitzfindiges, aller-
dings in grober Art, in dem, was dazumal bei der Ermordung dieser
Individuality sich abgespielt hat.
Nun, Sie wissen ja, meine lieben Freunde, wenn irgend etwas auch
im gewohnlichen Erdenleben in unseren Gesichtskreis getreten ist, was,
ich mochte sagen, den Ton von etwas besonders hervorruft - ich habe
einmal einen Namen gehort, ich habe ihn vielleicht nicht so stark be-
achtet -, so kann spater im Zusammenhang mit diesem Namen eine
ganze Summe von Ideenassoziationen auftreten. Aber durch die be-
sonderen Umstande, wie dieses Mitglied einer katholischen Mission in
England verbunden war mit dem, was spater Erzbistum von Canter-
bury war, weil die Stadt Canterbury von dieser Mission begriindet
worden ist, lebte das alles fort, lebte eigentlich im Klange des Namens
Canterbury weiter. Und so lebte wieder auf der innere Klang dieses Na-
mens Canterbury in der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation.
Dadurch wurde Conrad Ferdinand Meyer in der Ideenassoziation
zu Thomas Becket gefuhrt, dem Lordkanzler von Canterbury, der der
Kanzler Heinrichs II. aus dem Hause Plantagenet war und der in einer
spitzfindigen Weise ermordet wurde. Nachdem er zunachst Gunstling
war, wurde er nachher, weil er auf gewisse Propositionen von Hein-
richll. nicht einging, von Heinrichll. ermordet. Diese ahnlich-unahn-
lichen Schicksale fiihrten dazu, dafi dasjenige, was Conrad Ferdinand
Meyer in einer fruheren Inkarnation im 6. Jahrhundert am eigenen
Leibe, fern von seinem damaligen Vaterlande, erlebt hatte, von ihm
aus der Geschichte heraus wiedergegeben worden ist an ganz anderen
Gestalten.
Aber denken Sie, wie interessant das ist! Hat man es einmal, dann
wird man nicht mehr hin- und hergeworfen. Dann aber schaut man,
wie gerade deshalb, weil in Conrad Ferdinand Meyer auch im 19. Jahr-
hundert eine Art Doppelnatur lebt, leicht sich loslost sein Geistig-See-
lisches von dem Physisch-Leiblichen. Weil in ihm erne Art Doppel-
natur lebt, stellt sich an die Stelle dessen, was im Realen erlebt war, ein
anderes, das dem nur ahnlich ist, so wie sich oftmals in der Phantasie
des Menschen die Bilder verandern. In der gewohnlichen Phantasie
eines Menschen im Laufe eines Erdenlebens verandern sich die Bilder
in der Phantasie so, dafi die Phantasie frei schafft. Im Laufe durch die
Erdenleben hindurch verandert sich die Sache so, dafi ein anderes
historisches Ereignis, das mit dem betreffenden nur seiner Bildnatur
nach zu tun hat, sich an die Stelle des wahren Ereignisses setzt.
Nun wird diese Individuality, die das erfahren hat und bei der
stehengeblieben ist, fortwirkend durch zwei Leben zwischen Tod und
neuer Geburt hindurch, was dann zum Vorschein gekommen ist in der
Erzahlung «Der Heilige», nun wird diese Individuality spater, und
zwar in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, wiedergeboren, jetzt als
Frau. Wir brauchen uns nur zu erinnern, welche chaotischen Zustande
zur Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges in Mitteleuropa iiberall vorhan-
den waren, um auf unsere Seelen wirken zu lassen, wie es im Gemiite
einer fein empfindenden Frau zugehen konnte, die im Miterleben der
chaotischen Zustande wahrend des Dreifiigjahrigen Krieges einen phili-
strosen, pedantischen, spiefibiirgerlichen Mann heiratet, der es im spa-
teren Deutschland nicht aushalten konnte, auswanderte und in der
Schweiz, in Graubiinden, eine Heimat fand. Er iiberlieS da seiner
Frau eigentlich die Besorgung des Heimes. Er selber beschaftigte sich
mehr mit einer ziemlich brutalen Bummelei. Aber die Frau hatte Gele-
genheit, viel, viel zu beobachten; sowohl weiter historisch Ausgrei-
fendes, wie die merkwiirdigen Graubundner Vernal tnisse, wirkten auf
die Seele ein. Und das, was da an tatsachlichen Erfahrungen in dieser
Frauenseele sich abspielte, gefarbt, nuanciert von den Erlebnissen mit
dem philistrosen, spiefibiirgerlichen Mann, das zieht nun wiederum in
die Untergriinde der Individuaiitat und lebt fort durch ein Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt. Wir haben es mit einer auf die im 6. Jahr-
hundert folgenden Inkarnation desjenigen, der spater Conrad Ferdi-
nand Meyer wurde, in der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges als Frau zu
tun. Diese Individuaiitat lebte in Conrad Ferdinand Meyer wieder auf.
Und was damals von der Frau erlebt worden ist, das wird in phanta-
sievoller Weise umgestaltet in der Erzahlung «Jurg Jenatsch» von
Conrad Ferdinand Meyer.
So haben wir in dem Seelischen gerade dieser Personlichkeit Con-
rad Ferdinand Meyers ein Fortwirkendes, das wir aus Einzelheiten der
vorigen Inkarnationen bei ihm zusammensetzen. Aber was als eine so
in sich geschlossene Individuaiitat erscheint wie der literarischen Be-
trachtung Conrad Ferdinand Meyer - denn da erscheint er ja gerade
in festen Formen, als ein Kiinstler, den man sehr scharf charakterisie-
ren kann, weil er eben feste Formen hat -, gerade das verwirrt einen,
weil man von diesen festen Formen sofort hingelenkt wird auf die
labile, doppelwesenhafte Menschlichkeit.
Wer blofi auf den Dichter Conrad Ferdinand Meyer schaut, auf
die beriihmte Personlichkeit, die Werke geschaff en hat, der kommt ganz
sicher nicht dazu, irgend etwas iiber die friiheren Inkarnationen dieser
Personlichkeit zu wissen. Da mufi man von seinem Dichterischen auf
das Menschliche hindurchschauen; dann erscheint eben auf dem Hin-
tergrunde des Bildes dasjenige, was die Gestaltungen der vorigen In-
karnationen darstellt.
Nun, sehen Sie, so paradox es dem heutigen Menschen noch er-
scheint, es wird vertieft werden konnen das Menschenleben nur, wenn
man es in dieser Weise vertieft, dafi man das Geschichtliche, dieses
aufierlich Geschichtliche, was man eben oftmals heute Geschichte
nennt, hinlenkt zu der Betrachtung des Menschen in der Geschichte.
Der lafit sich aber nicht als blofi einem Zeitalter angehdrig betrachten,
als blofi in einem Erdenleben lebend, sondern der lafit sich nur so be-
trachten, dafi man schaut, wie die Individuality von Erdenleben zu
Erdenleben geht, und wie dann wirkt in der Zwischenzeit das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt, gerade dasjenige umgestaltend, was
mehr im Unterbewufken des Erdenlebens sich abspielt, was aber durch-
aus gerade mit der wirklichen Schicksalsbildung des Menschen zusam-
menhangt. Denn diese Schicksalsbildung des Menschen verlauft ja nicht
in dem, was im Intellektuellen klar ist, sondern verlauft in dem, was im
Unterbewufiten webt und west.
Ich mochte noch auf ein Beispiel eines solchen Heruberwirkens in
der Geschichte durch Menschenindividualiaten hinweisen. Wir haben
in dem ersten Jahrhundert, oder etwa hundert Jahre nach der Ent-
stehung des Christentums, einen aufterordentlich bedeutenden romi-
schen Schriftsteller in Tacitus.
Tacitus hat, aufier in anderen Werken, insbesondere auch in seiner
«Germania» gezeigt, wie er einen aulSerordentlich prazisen, kurzen
Stil zu schreiben verstand, wie er die historischen Tatsachen, die geo-
graphischen Schilderungen in wunderbar gerundete Satze bringt, die
epigrammatisch wirken, richtig epigrammatisch wirken. Wir konnen
da auch daran erinnert werden, daft er, der grofte Weltmann, der eigent-
lich alles weifi, was man dazumal fiir wissenswert gehalten hat, der ein
Jahrhundert nach der Begriindung des Christentums lebte, Christus
uberhaupt nur ganz voriibergehend erwahnt als jemanden, den die
Juden gekreuzigt haben, was aber keine besondere Bedeutung eigent-
lich hat. Und doch ist Tacitus tatsachlich einer der grofiten Romer.
Nun ist mit Tacitus befreundet gewesen diejenige Personlichkeit,
die in der Geschichte als der jiingere Plinius bekannt ist, der viele Brief e
geschrieben hat und der ein grower Bewunderer des tacitischen Stiles
war, so dafi eigentlich dieser jiingere Plinius, der selber Schrifsteller
war, ganz aufging in der Bewunderung des Tacitus.
Nun, betrachten wir zunachst diesen jiingeren Plinius. Dieser jiin-
gere Plinius, er geht natiirlich durch die Pforte des Todes, geht durch
das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, und er wird wiedergeboren
im 1 1 . nachchristlichen Jahrhundert als eine Prinzessin von Tuscien in
Italien, die sich vermahlt mit einem mitteleuropaischen Fiirsten, der sei-
ner Lander von Heinrich dem Schwarzen aus dem frankisch-salischen
Kaisergeschlecht beraubt worden ist und der in Italien wieder festen Bo-
den fassen will. Diese Beatrix besitzt das Schloft Canossa, bei dem dann
Heinrich IV., der Nachfolger Heinrichs III., des Schwarzen, seine be-
riihmte Canossa-Bufte gegeniiber dem Papst Gregor zu vollziehen hatte.
Nun, diese Markgrafin Beatrix, die ist eine aufterordentlich reg-
same Personlichkeit, interessiert fiir all die Verhaltnisse, die sich da
abspielen. Und sie mufi sich ja fiir alles interessieren, denn ihr Mann,
Gottfried, der zuerst, als er noch nicht mit ihr verheiratet war, von
Heinrich dem Schwarzen aus dem elsassischen Gebiete vertrieben
wurde, nach Italien hin, wo er dann sich mit dieser Beatrix vermahlt
hatte, der wird weiterverfolgt von Heinrich III., dem Schwarzen.
Heinrich ist namlich ein ganz energischer Herr, der einfach seine Fiir-
sten und die Hauptlinge seiner Nachbarschaft einen nach dem anderen
absetzt, der in ausgiebigem Mafie macht, was er will, der sich auch
nicht damit zufrieden gibt, einen einmal vertrieben zu haben, der es
auch ein zweites Mai tut, wenn der andere sich wieder irgendwo fest-
setzt. Also das ist, wie gesagt, ein ganz energischer Herr, ein Herr in
gro/Sem Format des Mittelalters. Und er hat ja auch, als der Gottfried
sich in Tuscien festgesetzt hat, erstens ihn vertrieben, dann aber auch
die Markgrafin mit nach Deutschland genommen.
Dadurch gliederte sich in ihrem Kopfe eine feinsinnige Betrachtung
der italienischen Verhaltnisse zusammen mit den deutschen Verhalt-
nissen. So dafi wir schon in dieser Personlichkeit eine stark represen-
tative Personlichkeit der damaligen Zeit haben, eine scharf beobach-
tende, aufierordentlich regsame, energische Frau, die aber zugleich
etwas durchaus Weitherziges, weit Ausschauendes hatte.
Als nun Heinrich IV. gerade seinen Bufigang nach Canossa unter-
nehmen mufke, da war die Tochter der Beatrix, Mathilde, die Be-
sitzerin von Canossa, und sie, die sehr gut mit ihrer Mutter stand, sie
hatte eigentlich alle die Eigenschaften der Mutter auch auf sich ver-
einigt, war eigentlich eine noch vorzuglichere Frau. Es sind zwei ganz
aufierordentlich sympathische Frauen, die gerade durch alles das, was
sich da abgespielt hat unter Heinrich III. und Heinrich IV., tief histo-
risch interessiert worden sind.
Vertieft man sich in das, so bekommt man das Merkwiirdige: Die
Markgrafin Beatrix ist der wiederverkorperte Plinius der Jungere, und
die Tochter Mathilde ist der wiederverkorperte Tacitus. Man findet
also Tacitus, der Geschichte geschrieben hat in alten Zeiten, man fin-
det ihn - es ist der Frau ja, wenn sie grofi ist, gerade das Betrachten so
eigen - als einen Geschichtsbetrachter im GrolSen, als den Teilnehmer,
als den unmittelbaren Teilnehmer an der Geschichte; denn Mathilde
ist eben die Besitzerin von Canossa, und da spielt sich die ganze Szene
ab, etwas, wodurch sich ungeheur viel im Mittelalter entscheidet. Wir
finden ihn als Geschichtsbetrachter.
Diese zwei Persdnlichkeiten wachsen recht innig ineinander, Mutter
und Tochter, und ihre alte Schriftstellerei befahigt sie in ihrem Unbe-
wufiten, die historischen Ereignisse in aller Intensitat aufzufassen und
dadurch instinktiv sehr verbunden zu werden mit dem Weltengang
sowohl in der Natur wie auch im geschichtlichen Leben.
Nun spielt sich in spaterer Zeit das Folgende ab. Wir sehen, wie der
jungere Plinius, der im Mittelalter die Markgrafin Beatrix ist, im 19.
Jahrhundert wiedergeboren wird in romantischem Milieu, in roman-
tischer Umgebung, alles Romantische mit grofier, man kann nicht sa-
gen Begeisterung, aber mit grofiem asthetischem Genufi aufnimmt, sich
hineinfindet zunachst in alles Romantische, indem er auf der einen
Seite eben diese Romantik, auf der anderen Seite durch die Verwandt-
schaft einen etwas gelehrten Stil hat. Er lebt sich in einen gelehrten Stil
hinein - einen gelehrten Schreibstil meine ich, nicht einen Lebensstil
aber der paftt nicht zu seiner Natur. Er will immer heraus, will immer
diesen Stil wegwerfen.
Diese Personlichkeit, die also der wiederverkorperte jungere Pli-
nius und die wiederverkorperte Markgrafin Beatrix, Beatrice ist, diese
Personlichkeit ist einmal, wie das Schicksal es eben fiigt, bei jemandem
zu Besuch, blattert in einem auf dem Tische liegenden englisch geschrie-
benen Buche und wird ungeheuer gefesselt von dem Stil, bekommt in
diesem Augenblicke den Eindruck: Der andere Stil, den ich von meinen
physischen Verwandten erworben habe, der pafit mir nicht. Dieses ist
mein Stil, der Stil, den ich brauche, dies mufi ich bewundern, mufi ich
mir aneignen!
Er wird Schriftsteller, wird Imitator dieses Stiles, naturlich kiinst-
lerischer Imitator, merit pedantischer Imitator, im allerbesten Sinne,
im asthetisch-kunstlerischen Sinne der Imitator dieses Stiles.
Und sehen Sie, das Buch, das da aufgeschlagen lag, das dann die
Personlichkeit dazu brachte, so schnell wie moglich alles zu lesen, was
von diesem Schriftsteller zu haben war, dieses Buch war Emersons
«Representative Men». Und der Betreffende eignete sich den Stii dar-
aus an, iibersetzte auch zwei Stiicke daraus sofort, wurde ein ungeheu-
rer Verehrer von Emerson und liefi nicht nach, bis er dieser Person-
lichkeit auch im Leben begegnen konnte.
Und wir haben es zu tun bei der einen Personlichkeit, die durch
die Bewunderung zu der anderen Personlichkeit wiederum erst sich
selber fand, ihren eigenen Stil fand, wir haben es bei der Wiederver-
korperung des jungeren Plinius und der Markgrafin Beatrix zu tun
mit Herman Grimm, und bei Emerson haben wir es zu tun mit dem
wiederverkorperten Tacitus, der wiederverkorperten Markgrafin Ma-
thilde.
Und wiederum: In seiner Bewunderung fur den Schriftsteller Emer-
son und in der ganzen Art, wie Herman Grimm Emerson begegnet,
finden wir die Beziehung des jungeren Plinius gegeniiber dem Tacitus
wieder. Wir konnen aus jedem Satze, mochte ich sagen, den dann
Herman Grimm schreibt, wieder auferstehen sehen dieses alte Verhalt-
nis zwischen dem jungeren Plinius und Tacitus. Und wir sehen die Be-
wunderung, die der jiingere Plinius dem Tacitus entgegenbringt, man
kann sagen, in volliger Ubereinstimmung wieder auftauchen in der Be-
wunderung, die Herman Grimm dem Emerson entgegenbringt.
Und nun wird man erst begreifen, worinnen der grofie Stil Emer-
sons beruht, wie Emerson in einer besonderen Weise wieder darlebt das-
jenige, was Tacitus in seiner Art darlebte. Wie arbeitet Emerson? Die-
jenigen Menschen, die Emerson besuchten, fanden es ja heraus, wie
er arbeitet. Da war er in einem Zimmer, da waren viele Stiihle, da
waren mehrere Tische. Uberall lagen aufgeschlagene Biicher, zwischen
diesen ging Emerson spazieren. Er las manchmal einen Satz, nahm
ihn auf: daraus bildete er dann seine, mochte man sagen, so grofien,
ausgreifenden, epigrammatischen Satze, daraus bildete er dann seine
Biicher. Und man hat genau das im Bild, was Tacitus im Leben hatte:
Was Tacitus im Leben hatte, wie er iiberall hinkam, das betrachtete
Emerson wiederum in Biichern. Es lebt alles wiederum auf .
Und wir haben diesen unbesieglichen Drang in Herman Grimm,
an Emerson heranzukommen. Er wird durch das Schicksal hingefuhrt
auf «Representative Men». Er sieht darinnen sogleich: So mufit du
schreiben, das ist dein StiL - Er hatte, wie gesagt, einen Gelehrtenstil
von seinem Onkel Jakob Grimm, von seinem Vater Wilhelm Grimm.
Den verlafit er. Er wird durch das Schicksal in einen ganz anderen
Stil hineingeschlagen.
Und wir sehen endlich die historischen Interessen des Herman
Grimm, der eine gewisse innere seelische Beziehung zu Deutschland
mit einem tiefen Interesse zu Italien verknupft, auftauchen in dem In-
halt der Werke von Herman Grimm.
Das sind die Sachen, die einem zeigen, wie solche Dinge sich ab-
spielen. Und was fuhrt zu solchen Dingen? Ja, sehen Sie, es handelte
sich darum, einen Eindruck zu bekommen, um den sich die Sache her-
umkristallisiert. Da wurde zunachst die Vorstellung dieses Herman
Grimm gebildet, der den Emerson aufschlagt, « Representative Men»
aufschlagt. Nun, Herman Grimm las auf eine merkwtirdige Weise.
Herman Grimm las und trat sogleich von dem Gelesenen zuriick. Das
hat er sicher dazumal auch gemacht, denn diese Geste ergibt sich, wie
wenn er das Gelesene satzweise verschlucken wurde. Diese innere Geste
des satzweisen Verschluckens, das ist dasjenige, was von Herman
Grimm zu seinen friiheren Inkarnationen fiihren konnte. Und das
Herumspazieren vor den aufgeschlagenen Biichern und die etwas steife
romische Haltung, in der er Herman Grimm zuerst begegnet, als sie
sich in Italien treffen, das ist, was nun wiederum von Emerson zuriick-
fiihrt bis zu Tacitus. Man rau!5 plastische Anschauung haben, um diese
Dinge zu verfolgen.
Und sehen Sie, meine lieben Freunde, das sollte Ihnen wiederum an
einem Beispiele skizzieren, wie geschichtliche Betrachtungen vertieft
werden miissen. Und solche Vertiefung mul5 schon auftauchen unter
uns. Denn diese Dinge miissen ein Ergebnis jenes Zuges sein, der durch
die Weihnachtstagung in unsere Anthroposophischen Gesellschaft hin-
einkommen mufi. Wir miissen in der Zukunft mutig und kiihn nach der
Betrachtung der grofien geistigen Verhaltnisse hingehen, miissen uns
hinstellen da, wo die geistigen Zusammenhange wirklich betrachtet
werden. Dazu brauchen wir vor alien Dingen Ernst, Ernst in unserem
Zusammenleben mit der anthroposophischen Sache.
Und dieser Ernst wird in die Anthroposophische Gesellschaft ein-
ziehen, wenn von denen, die in ihr etwas tun wollen, immer mehr und
mehr beriicksichtigt werden wird, was ja jetzt jede Woche hinausgeht
in die Kreise aller unserer Anthroposophen, was die dem «Goethea-
num» beigelegten «Mitteilungen» enthalten. Die schildern ja, wie man
sich im Sinne der Weihnachtstagung vorstellen mochte, dafi in den
Zweigen, in den Mitgliederversammlungen gearbeitet, gelehrt, getan
werde, und die bringen auch dasjenige zur Darstellung, was geschieht.
Sie heifien ja: «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht.»
Und diese Mitteilungen wollen ein gemeinsames Denken uber die ganze
Anthroposophische Gesellschaft ausgieflen, eine gemeinsame Atmo-
sphare iiber die Tausende von Anthroposophen hinwehen. Wenn man
in einer solchen gemeinsamen Atmosphare leben wird, wenn man ver-
stehen wird, was das heifit, dafi die «Leitsatze» Gedankenanreger sein
sollen, und wenn man versteht, daft dadurch in der Tat real, konkret
das Goetheanum in den Mittelpunkt gestellt werden soil durch die In-
itiative des esoterischen Vorstandes - das ist ja von mir immer wieder
zu betonen, dafi wir es jetzt mit einem Vorstand zu tun haben, der sein
Wirken als ein Inaugurieren von Esoterischem auffafk — , wenn wir
das richtig verstehen werden, dann wird schon das, was nun durch die
anthroposophische Bewegung fliefien soli, in der richtigen Weise durch
sie weitergetragen werden. Denn anthroposophische Bewegung und
Anthroposophische Gesellschaft miissen eins werden. Die Anthropo-
sophische Gesellschaft raufi ganz und gar die anthroposophische Sache
zu der ihrigen machen.
Und man kann schon sagen: Wenn nun dieses Gemeinsame da sein
soli, was als gemeinsames Denken wirkt, dann kann das imstande sein,
auch wirklich geistig umfassende und umspannende Erkenntnisse zu
tragen. Dann aber wird in der Anthroposophischen Gesellschaft eine
Kraft leben, die eigentlich in ihr leben sollte, weil die neuere Zivili-
sationsentwickelung, wenn sie nicht vollstandig dem Niedergang ver-
fallen will, einen machtigen Aufschwung braucht.
Erscheine es immerhin paradox, was gesagt werden mufi iiber auf-
einanderfolgende Erdenleben von dem oder jenem, wer genauer zu-
sieht, wer hinsieht bis auf die Schritte, die die Menschen machen, von
denen in bezug auf solche wiederholte Erdenleben gesprochen wird,
der wird schon sehen, wie real begriindet es ist, was in dieser Bezie-
hung vorgebracht wird, und wie man in die Wirklichkeit des Lebens
und Webens von Gottern und Menschen hineinschauen kann, wenn
man versucht, in dieser Weise die Geisteskrafte mit einem geistigen
Blicke zu umspannen.
Das, meine lieben Freunde, mochte ich auf Ihre Seele legen, mochte
ich in Ihr Herz versenken und mochte, dafi Sie es als eine Empfindung
mitnehmen auch von dieser Ostertagung hier. Dann wird diese Oster-
tagung etwas wie eine Auffrischung der Weihnachtstagung werden.
Wenn diese Weihnachtstagung in der richtigen Weise wirken soil, so
muft sie immer wiederum, als ob sie gegenwartig ware, auf gefrischt wer-
den durch alles das, was sich aus ihr herausentwickelt.
Moge sich vieles aus dieser Weihnachtstagung in immer weiterer
Erneuerung herausentwickeln. Und moge es sich vor allem herausent-
wickeln durch richtige, herzhafte, im Leben mit der Vertretung der
anthroposophischen Sache stehende mutige Seelen, mutige Anthropo-
sophenseelen. Wenn immer mehr und mehr durch unsere Veranstal-
tungen der Mut in den Seelen, in den Herzen unserer anthroposophi-
schen Freunde wachst, dann wird endlich auch das heranwachsen, was
man in der Anthroposophischen Gesellschaft - als dem Leib - braucht
fur die anthroposophische Seele: ein mutiges Hineintragen desjenigen
in die Welt, was aus den Offenbarungen des Geistes im angebrochenen
lichten Zeitalter, das auf den Ablauf des Kali Yuga folgt, fur die wei-
tere Entwickelung der Menschen notwendig ist. Fuhlt man sich in die-
sem Bewulksein, so wird man aus ihm heraus auch mutig wirken. Und
moge jede unserer Veranstaltungen eine Energisierung eines solchen
Mutes sein. Moge sie es sein dadurch, dafi wir wirklich im Ernste auf-
zufassen vermogen, was paradox, toricht denjenigen erscheint, die
heute vielfach noch den Ton angeben. Aber was in einer Zeit den Ton
angegeben hat, das wurde vielfach bald ersetzt durch das, was unter-
driickt war. Moge aus einer Anerkenntnis der Geschichte, verbunden
mit dem Fortwirken der menschlichen Leben, eben der Mut des an-
throposophischen Wirkens sich ergeben, der notwendig ist fur den wei-
teren Fortschritt der Menschheitszivilisation.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 26. April 1924
Betrachtungen, welche in das menschliche Karma eingreifen - natur-
lich betrachtend eben eingreifen -, miissen mit ernster Stimmung auf-
genommen und seelisch verarbeitet werden. Denn im Grunde genom-
men ist es doch so, dafi nicht etwa blofi das Wissen um irgendwelche
karmische Zusammenhange von Bedeutung ist, sondern dasjenige, was
fur die Belebung des menschlichen Wesens, fiir das ganze Sich-Hinein-
stellen in das Leben aus solchen Betrachtungen hervorgeht. Solche
Betrachtungen konnen nur dann fruchtbar sein, wenn sie nicht zur
grofieren Gleichgiiltigkeit gegeniiber dem Menschen werden, als das
sonst der Fall ist, sondern im Gegenteil, wenn sie das, was Menschen-
liebe und Menschenverstandnis ist, in einem hoheren Grade anfachen,
als es der Fall ist, wenn man, auf den Menschen hinsehend, bloft sich
iiberlafit den Eindriicken des einen Erdenlebens.
Wer den Blick auf die aufeinanderfolgenden Epochen der Mensch-
heitsentwickelung richtet, der wird ja einen hinreichenden Eindruck
davon bekommen, dafi sich in der Denkweise, in der Empfindungs-
weise, in alien Lebensanschauungen und Lebensauffassungen im Laufe
der Menschheitsgeschichte viel geandert hat. Gewifi, das Vergangene
macht auf den Menschen nicht jenen tiefgehenden Eindruck wie das,
was da kommen soil, was im Grunde genommen erst begriindet werden
soil. Aber wer mit der notigen Tiefe erfafit, wie sich die Menschen-
seelen im Laufe der Entwickelung der Erde verandert haben, der wird
auch nicht davor zuriickschrecken, jene Anderung in sein Gemiit als
etwas Notwendiges aufzunehmen, die dahin geht, dafi nun wirklich
nicht blofi das eine Erdenleben fiir die Betrachtung des einen oder des
anderen Menschen genommen werde, sondern die Auf einanderfolge der
Erdenleben, soweit sie durchschaubar sind.
Und ich denke, an solchen Beispielen, wie diejenigen sind, die wir
das letzte Mai ins Auge gefafit haben, Conrad Ferdinand Meyer, Pesta-
lozzi und so fort, kann sich zeigen, wie das rein menschliche Verstand-
nis einer Personlichkeit und die Liebe zu dieser Personlichkeit wach-
sen konnen, wenn man das letzte Erdenleben auf dem Hintergrunde
dessen betrachtet, aus dem sich dieses letzte Erdenleben eben ergeben
hat.
Nun mochte ich noch einmal, urn auf die eigentliche Fruchtbarkeit
dieser Dinge zu kommen, zuriickgehen zu der Frage, die ich fur viele
derjenigen, die hier sitzen, schon benihrt habe. Es ist die Frage, die
daraus entsteht, dafi ja gerade bei geisteswissenschaftlichen Betrach-
tungen oftmals davon gesprochen werden mulS, wie in alten Zeiten
hellsichtige, eingeweihte Personlichkeiten da waren, Personlichkeiten,
die die Geheimnisse der geistigen Welt mitteilen konnten, Initiierte
also. Es ist naheliegend, dafi daraus die Frage entsteht: Wo leben in
unserem Zeitalter diese Eingeweihten? Wie steht es mit ihrer Wieder-
verkorperung?
Um diese Frage zu beantworten, ist es durchaus notwendig, darauf
hinzuweisen, wie verschieden ein folgendes Erdenleben von einem vor-
angehenden in bezug auf Wissen, in bezug auf Erkenntnis sein kann,
auch in bezug auf andere aus der Seele des Menschen hervorgehende
Betatigungen; wie verschieden also aufeinanderfolgende Erdenleben in
dieser Beziehung sein konnen. Denn wenn sich in der Zeit, die der
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchlebt, derje-
nige Zeitpunkt naht, in dem der Mensch auf die Erde heruntersteigen
soil, sich vereinigen soli mit der physisch-atherischen Organisation, da
geht ja eigentlich recht viel im Menschen vor. Da ist zwar die Richtung
nach Familie, Volk und so weiter lange bestimmt; aber der Entschlufi,
diese ungeheure Anderung des Daseins zu vollziehen, die da besteht
in dem Ubergange aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt,
dieser Entschlufi, er macht Ungeheures notwendig. Denn Sie mussen
nur bedenken, meine lieben Freunde: Es ist ja nicht so, wie es hier auf
Erden ist, wo der Mensch eigentlich, wenn er sein normales Leben ab-
solviert, nach und nach schwach wird, wenig mehr, nach den Erfah-
rungen, die auf Erden gemacht werden, selbst zu dem EntschlufS bei-
tragt, beim Durchgang durch die Todespforte eine andere Lebensform
anzunehmen. Das kommt sozusagen iiber den Menschen, das bricht her-
ein iiber ihn.
Hier auf dieser Erde ist der Tod etwas Hereinbrechendes. Das ist
ganz anders beim Heruntersteigen aus der geistigen Welt. Da handelt
es sich urn ein hell-vollbewulkes Tun, urn ein durchaus aus alien mog-
lichen Untergriinden der Seele hervorgehendes Uberlegen. Da handelt
es sich darum, darauf hinzuschauen, welche ungeheure Veranderung
mit dem Menschen eintritt, wenn er die geistig-seelischen Lebensfor-
men des vorirdischen Daseins mit dem irdischen Dasein vertauschen
soil. Und da sieht ja der Mensch bei diesem Heruntersteigen, wie er
einfach den Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen sich anbequemen
mufi, aber auch den Leibesverhaltnissen, die ihm geboten werden kon-
nen in einem bestimmten Zeitalter. Unser Zeitalter gibt, abgesehen
von den Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen, nicht leicht Korper
her, in denen auf die alte Art, wie Initiierte gelebt haben, das Leben
wieder absolviert werden kann. Und wenn die Zeit heranriickt, wo
die Menschenseele, auch die eines alten Initiierten, einen Menschenleib
beniitzen mufi, da handelt es sich dann darum, diesen Menschenleib zu
nehmen, wie er ist, und hineinzuwachsen in diejenige Erziehungsform,
in dasjenige umgebende Leben, das eben da sein kann. Dann geht aber
fur das Seelische nicht etwa verloren, was einmal da war in diesem
Seelischen. Es driickt sich nur auf eine andere Weise aus. Die Grund-
konfiguration des Seelischen bleibt, aber es kommt auf eine andere
Weise heraus.
Sehen Sie, es war noch im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert so,
dafi die Seele des Menschen durch das Wissen um die Initiationswahr-
heiten sich sehr vertiefen konnte, weil die Leiber im 3., 4. nachchrist-
lichen Jahrhundert, namentlich in siidlicheren europaischen und in
vorderasiatischen Gegenden, der Seele folgten, weil die Leiber inner-
lich so ihre organischen Funktionen vollzogen, dafi sie der Seele folgen
konnten. Heute mufi derjenige, der mit sehr verinnerlichter, sehr weiser
Seele vielleicht noch als ein Eingeweihter in den ersten christlichen
Jahrhunderten gelebt hat, in menschliche Leiber untertauchten, die vor
alien Dingen durch die seitherige Entwickelung auf die AufSenwelt
gerichtet sind, in der Aufienwelt leben. Korperlich wird es bewirkt,
daiS nicht jene grofie Sammlung, jene grolSe innere Konzentration der
Seelenkrafte moglich ist, die noch im 3., 4. Jahrhundert nach der Ent-
stehung des Christentums moglich war. Und so konnte sich folgendes
in der Entwickelung der Erde vollziehen. Ich erzahle eben Dinge, die
sich dem Schauen ergeben.
Denken Sie sich, meine lieben Freunde, ein vorderasiatisches Myste-
rium, eine Mysterienstatte mit all den Eigenschaften, die eine vorder-
asiatische Mysterienstatte eben in den ersten Jahrhunderten nach der
Begriindung des Christentums hatte. Oberall waren da noch Tradi-
tionen vorhanden in jenen alten Zeiten, wo die Teilnehmer tief in diese
Mysterien eingeweiht wurden. Oberall war aber auch noch mehr oder
weniger Bewufitsein von den Regeln vorhanden, die man anwenden
mufite auf die Seele, um gewisse Erkenntnisse zu gewinnen, die nament-
lich tief in den Grund der Menschenseele hineinfuhrten und hinaus-
fiihrten in das Weltenall. Und gerade in diesen vorderasiatischen My-
sterien war es in den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des
Christentums so, dafi eine grofie Frage diese Mysterien beschaftigte.
Diese Mysterien hatten ja eine unendHche Weisheit durch ihre
Opferstatten stromen sehen. Und Sie brauchen nur nachzulesen, was in
meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» geschildert
ist, soweit das dazumal charakterisiert werden konnte in einem of fen t-
lichen Buche, so werden Sie sehen, dafi all diese Mysterienweisheiten
doch schliefilich dahin tendierten, das Mysterium von Golgatha zu ver-
stehen. Und da war denn die grofie Frage in diesen vorderasiatischen
Mysterien: Wie wird sich die ungeheure Grofie des Inhaltes, des Wirk-
lichkeitsinhaltes, der durch das Mysterium von Golgatha der Erde zu-
gestromt ist, durch die Menschengemiiter weiterentwickeln? Wie wird
man die alte, die uralte Weisheit, die hinaufging zu den Bewohnern
der Sterne, die in sich schlofi die Erkenntnis gottlich-geistiger Wesen-
heiten der verschiedensten Art, welche das Weltenall und das Men-
schenleben lenken, wie wird sich diese uralte Weisheit vereinigen mit
dem, was sich da konzentriert hat, zusammengezogen hat in dem My-
sterium von Golgatha, und was als Impulse, die von einem hohen Son-
nenwesen ausgehen, von dem Christus, nun in die Menschheit einstro-
men soil? - Das war die brennende Frage dieser vorderasiatischen My-
sterien.
Da gab es einen Eingeweihten, auf dessen Mysterienweisheit und
auf dessen Mysterienempfindungen diese Frage ganz besonders tiefen
Eindruck machte. Ich darf sagen, daft es einen ungeheuer erschiittern-
den Eindruck macht, wenn man im Suchen nach karmischen Zusam-
menhangen an diesen einen, wirklich in ein solches vorderasiatisches
Mysterium in den ersten christlichen Jahrhunderten Eingeweihten her-
ankommt. Es hat etwas Erschiitterndes, weil er ganz erfullt war davon,
mit allem, was er in seiner Initiations wissenschaft damals hatte, nun
zu begreifen den ganzen Einschlag des Mysteriums von Golgatha: Was
wird nun? Wie werden diese schwachen Menschenseelen das aufneh-
men konnen?
Und sehen Sie, dieser Eingeweihte, mit der brennenden Frage nach
dem Schicksal des Christentums in seiner Seele behaftet, er erging sich
eines Tages im weiteren Umkreise von seiner Mysterienstatte, und er er-
lebte etwas mit, was einen ungeheuer erschutternden Eindruck auf ihn
machte. Er erlebt mit, als Eingeweihter sozusagen sehend, wie Julian
Apostata von einem Menschen meuchlings ermordet wurde, Mit Ein-
geweihtenwissen machte er es mit.
Er wufite, daft Julian Apostata bis zu einem gewissen Grade in die
alten Mysterien eingeweiht war, daft er dasjenige, was man in alten
Mysterien pflegte und was dort lebte, auf geistige Art der Menschheit
forterhalten wollte, fortpflanzen wollte, daft er das Christentum ver-
einigen wollte mit der alten Mysterienweisheit, daft er verkiindete im
Sinne der alten Mysterienweisheit: Es gibt neben der physischen Sonne
eine geistige Sonne, und wer die geistige Sonne kennt, kennt Christus.
Aber das war etwas, was nun schon als etwas sehr Schlimmes betrach-
tet wurde in der Zeit, als Julian Apostata lebte, und was dazu fuhrte,
daft eben bei seinem Perserzug Julian Apostata meuchlings ermordet
wurde. Das machte jener Eingeweihte mit: dieses bedeutungsvolle
Symptom der Weltgeschichte.
Diejenigen, die seit langeren Jahren verschiedenes von dem mit-
machen, was sich auf karmische Zusammenhange in der Weltgeschichte
bezieht, werden sich erinnern, daft ich in Stuttgart einmal vorgetra-
gen habe - ich habe es auch bei der Weihnachtstagung hier erwahnt -
iiber einige Kapitel okkulter Geschichte und daft ich da die ganze Tra-
gik, das ganze tragische Eingreifen Julian Apostatas in die Mensch-
heitsgeschichte erwahnt habe.
Das erlebte nun dieser Eingeweihte, bei dem, ich mochte sagen,
die ganze Einweihungswissenschaft, die er in sich aufgenommen hatte
in einer vorderasiatischen Mysterienstatte, iiberstrahlt und ubertont
war von der Frage: Was wird aus dem Christentum? - Und durch die-
ses Symptom stand nun vor seiner Seele ganz hell und klar: Es wird eine
Zeit kommen, da wird das Christentum zunachst mifiverstanden wer-
den, da wird das Christentum nur in Traditionen leben, man wird
nichts wissen von der Erhabenheit des Sonnengeistes Christus, der in
dem Jesus von Nazareth gelebt hat.
Das alles lud sich ab auf die Seele dieses Menschen. Und er bekam
fur den Rest seines damaligen Lebens etwas wie eine Gemutslage, die
traurig und elegisch wurde mit Hinsicht auf die Entwickelung des
Christentums. Mit jener Bestiirzung, mit der so etwas auf einen Einge-
weihten wirkt, wirkte dieses Symptom besturzend auf ihn. Es ist schon
etwas ungeheuer Erschiitterndes, dies gewahr zu werden. Und dann
geht man weiter. Es war ein Eindruck, den der betreffende Initiierte
bekam, der durchaus nur zuliefi, daft er bald wiederum inkarniert
wurde, auch zur Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges; wie ja denh viele
aufierordentliche, viele interessante Inkarnationen, die in der histo-
rischen Menschheitsentwickelung eine grofte Rolle spielen, in dieser Zeit
liegen.
Er wurde als Frau wiederum verkorpert, eigentlich noch vor der
Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, im Beginn des 1 7. Jahrhunderts, lebte
dann nur hinein in die Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, erlebte mit
einiges von dem, was von seiten des Rosenkreuzertums das Zeitalter
des Dreifiigjahrigen Krieges korrigieren wollte, ich mochte sagen, auf
geistige, spirituelle Art vorbereiten wollte, was aber dann ubertont
worden ist von alldem, was roh und brutal im Dreiftigjahrigen Kriege
lebte. Sie brauchen ja nur zu bedenken, wie kurze Zeit vor dem Aus-
bruch des Dreifiigjahrigen Krieges die «Chymische Hochzeit Christiani
Rosenkreuz» entstanden ist. Neben diesem bestanden noch viel bedeut-
samere Impulse, die dazumal, bevor der Dreifiigjahrige Krieg alles aus-
geloscht und brutalisiert hat, in die Menschheit hineingekommen sind.
Und dann kam das 19. Jahrhundert. Diese Personlichkeit, die ein-
mal mit Initiation dieses bedeutsame Julian Apostata-Symptom auf-
genommen hatte, diese Personlichkeit, die dann durch die weibliche
Inkarnation im 17. Jahrhundert gegangen war, wurde wiedergeboren.
Und jetzt ergoft sie alles das, was auch noch verinnerlicht war durch
die weibliche Inkarnation, ergoft alles das, was sie dazumal, nicht an
Initiationsweisheit, aber an erschiitterndem Gemiitsinhalt in sich hatte,
tiber dieses Symptom, das auf die initiierte Seele gewirkt hatte. Das
alles ergofi sie nun im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in eine eigen-
tiimliche Art der Weltenbetrachtung, in eine tief in die Diskrepanzen
des Menschendaseins hineingehende Weltenbetrachtung.
Nun neigt gerade dieses Zeitalter der unmittelbaren Gegenwart
dazu, daft nicht auf solche wirksame Art, durch Taten derjenige wir-
ken kann, der alte Initiationsweisheit aus friiheren Erdenleben in das
Leben des 19., des 20. Jahrhunderts tragt. Daher drangt, ich mochte
sagen, alles das, was sich stark metamorphosiert, scheinbar veraufter-
licht, aber doch innerlich wird, was sich von dem Herzen des Men-
schen, wo die alte Initiationsweisheit gelebt hat, nach den Sinnen und
ihrer Beobachtung hin schiebt, stark metamorphosiert dahin schiebt,
das alles drangt nun dazu, dichterisch, schrif tstellerisch sich zu auftern.
Daher haben wir doch immerhin in der letzten Zeit wirklich groft-
artige Proben - die nur inkoharent sind, die in dem, wie sie sind, gar
nicht von der Zeit verstanden werden -, an denen nicht bloft gearbeitet
hat dasjenige von der Personlichkeit, was da am Ende des 19. Jahrhun-
derts oder Anfang des 20. Jahrhunderts da war, sondern an dem ge-
rade mitgearbeitet hat so etwas wie ein Erschiitterung, die iiber einen
Initiierten kommt, einen Initiierten allerdings in schon degenerierten
Mysterien, in Mysterien, die schon in der Dekadenz sind. Diese Ge-
mutserschiitterung wirkt weiter, stromt sich aus in dichterisch-kiinst-
lerischem Schaffen, und dasjenige, was da heriiberwirkt in einer soldi
eigentiimlichen Weise, das lebt sich aus in der Personlichkeit Ibsens.
Und wenn man nun diese Schauung hat, dann lebt eigentlich die
Menschheitsentwickelung in ihren Geheimnissen selber auf in dem, was
ganz besonders am Ende des 19. Jahrhunderts nicht das Werk eines
Menschen sein kann, sondern wo der Mensch so dasteht, daft durch
ihn friihere Erdenzeitalter mitwirken.
Man braucht ein solches Thema nur anzuschlagen und man wird
tatsachlich den Respekt nicht verlieren, weder vor der weltgeschicht-
lichen Entwickelung noch von der einzelnen Personlichkeit, die mit
Grofie vor der Menschheit dasteht. Man erlebt eben schon Erschut-
terndes auf diesem Gebiete, wenn die Dinge mit dem notigen Ernst ge-
trieben werden.
Und sehen Sie, da haben Sie ofter doch schon gehort, dafi es in einer
ziemlichen Friihzeit des Mittelalters eine Art Alchimisten gegeben hat,
Basilius Valentinus. Bei der auf die weltgeschichtlichen karmischen Zu-
sammenhange hingehenden Betrachtung, die sich anschliefien kann an
Basilius Valentinus, den Benediktinermonch, der ungeheuer beteutende
medizinisch-alchimistische Arbeiten machte, ergibt sich nun etwas
ganz Merkwiirdiges, was so recht zeigt, wie schwierig eigentlich das
Verstandnis unserer Zeit ist.
Man erlebt ja in unserer Zeit so vieles, was oftmals nicht nur unver-
standlich, was abstofiend, hafilich, in gewisser Beziehung greulich ist,
und woriiber derjenige, der nur das unmittelbar sinnlich-gegenwartige
Leben betrachtet, nicht anders als meinetwillen entriistet, ekelhaft und
so weiter beriihrt sein kann.
Aber so stehen die Dinge nicht fiir denjenigen, der die menschlich-
geschichtlichen Zusammenhange sieht. Sie stehen einmal nicht so, die
Dinge! Und manchmal tritt heute auf irgendeinem Gebiete des Le-
bens etwas auf, iiber das die Menschen, die es sehen, in vollstandig be-
greiflicher Weise nur schimpfen, es nur ekelhaft, greulich finden, und
trotzdem hat das Ekelhafte, Greuliche etwas an sich, dafi man doch
furchtbar fasziniert davor stehenbleiben mufi. Das wird immer mehr
und mehr der Fall sein.
Nun, da gibt es also im friihen Mittelalter diesen medizinischen,
alchimistischen Basilius Valentinus, den Benediktinermonch, der sehr
viel arbeitet in seinen Klosterkellern in Laboratorien, der eine Reihe
von wichtigen Untersuchungen macht. Dann sind gewisse Menschen
da, die sind seine Schuler, die schreiben bald nach ihm dasjenige nieder,
was Basilius Valentinus ihnen gesagt hat. Und so gibt es eigentlich
kaum echte Schriften von Basilius Valentinus; aber es gibt Schriften
von Schulern, die sehr viel des Echten von seiner Weisheit, von seiner
alchimistischen Weisheit bringen.
Als ich einen der Schiiler des Basilius Valentinus, der mir besonders
auffiel, in einer bestimmten Zeit meines Lebens sah, da ergab sich mir:
Der ist - auf eine merkwiirdige Weise metamorphosiert in bezug auf
sein Geistiges - ja wieder da! - Auch der ist im 19. Jahrhundert, Anf ang
des 20. Jahrhundert wieder gekommen.
Aber das, was in alchimistischen Elementen gelebt hat, trat eben
ungeordnet, auf die Sinne hingelenkt, aufierlich hervor in einer Welt-
betrachtung, die sozusagen alchimistische Begriffe fortwahrend hin-
einschmilzt in die Sinnesbeobachtung, so dafi die Sinnesbeobachtung
dieser Personlichkeit eine Gruppierung der aulSeren Tatsachen dessen
gibt, was die Menschen tun, wie es unter den Menschen zugeht, wie
die Menschen miteinander reden, die in vieler Beziehung abstofiend ist.
Aber sie ist eben abstofiend, weil der Betreffende in einer fruheren
Inkarnation alchimistisch gearbeitet hat in Anlehnung an Basilius Va-
lentinus und das nun in das Leben hineinschmeilk. Wie die Menschen
sich zueinander verhalten im Leben, was sie sich sagen, was sie tun,
das sieht er nun nicht an wie ein gewohnlicher Philister heute - er ist
weit entfernt, das wie ein gewohnlicher Philister anzuschauen -, son-
dern er schaut es an mit dem, was sein seelisches Auge geworden ist da-
durch, dalS es die Impulse aus seiner alchimistischen Zeit in sich hatte.
Und da schmeifit er die Ereignisse, die sich unter den Menschen abspie-
len, untereinander, macht Dramen daraus und wird Frank Wedekind.
Nicht wahr, diese Dinge durfen durchaus nur vom Standpunkt einer
Sehnsucht nach echter Menschenerkenntnis genommen werden, dann
wird das Leben dadurch nicht armer, sondern es wird das Leben wahr-
haftig reicher. Nehmen Sie sein «Hidalla» oder irgendein anderes
Frank Wedekindsches Drama, bei dem man ein sich drehendes Gehirn
kriegt, wenn man das Friihere mit dem Spateren verbinden will. Man
kann aber auch in einer eigentiimlichen Weise davon fasziniert sein,
so dafi man ganz sicher ist: Da handelt es sich nicht darum, dafi die
Philister im Parterre sitzen und ihre Urteile abgeben. Die sind ja ganz
berechtigt, vom philistrosen Standpunkt aus selbstverstandlich, aber
um das handelt es sich gar nicht. Sondern darum handelt es sich, dafi
die Weltgeschichte etwas Merkwiirdiges bewirkt hat: daft alchimi-
stische Denkweise, heriibergeworfen durch Jahrhunderte, auf das Men-
schenleben angewendet wird und die menschlichen Taten und die
menschlichen Reden zusammengebraut werden, wie man einstmals in
alchimistischen Kikhen, in einem Zeitalter, in dem die Alchimie schon
im Untergange war, in Retorten probierend, die Stoffe und Krafte
mischte und auf ihre Wirkungen priifte.
Und es sind ja eigentlich auch die Menschenleben bestimmt, sogar
in bezug auf den Zeitpunkt, in dem sie hier auf der Erde erscheinen,
durch schicksalsmafiige, karmische Zusammenhange. Um Ihnen dafiir
auch ein erhartendes Beispiel zu zeigen, mochte ich auf das Folgende
hinweisen.
Wenden wir unseren Blick zuriick in die Zeit, in der es in Griechen-
land die Platonische Schule gegeben hat: Plato y umgeben von einer
Anzahl von Schiilern. Diese Schuler Platos waren wahrhaftig von den
verschiedensten Charakteren, und das, was Plato selber schildert in
den Dialogen, wo ja die verschiedensten Charaktere auftreten als die
sich miteinander besprechenden Personlichkeiten, das ist schon viel-
fach ein Bild der Platonischen Schule. Es waren die mannigfaltigsten
Charaktere in dieser Schule zu verschiedensten Zeiten.
Nun waren zwei Personlichkeiten da in dieser Platonischen Schule,
die in sehr voneinander verschiedener Art aufnahmen, was in einer so
grandiosen Weise weltdurchleuchtend vora Munde Platos zu seinen
Schiilern kam und sich auch in Gesprachen mit den Schiilern ent-
wickelte.
Die eine dieser zwei Personlichkeiten, die eben dem Schiilerkreise
angehorten, war eine, ich mochte sagen, fein ziselierte Personlichkeit
damals im Griechenzeitalter, eine Personlichkeit, die insbesondere fur
alles zuganglich war, was Plato durch seine Lehre von den Ideen da-
zu veranlafite, das Menschengemiit von der Erde wegzuheben. Wir
brauchen uns nur vorzustellen, wie ja Plato uberall sagte: Gegeniiber
dem Verganglichen, das uns in den einzelnen Ereignissen, die in der
menschlichen Umgebung sind, entgegentritt, stehen die ewigen Ideen.
Das Stoffliche ist verganglich, es ist nur ein Bild der ewigen Idee, die
in immer aufeinanderfolgenden Metamorphosen als Ewiges durch die
zeitlich verganglichen Erscheinungen durchgeht. So hob Plato seine
Schuler hinauf von der Betrachtung der verganglichen aufieren sinn-
lichen Dinge zu den ewigen Ideen, die gewissermafien als das Himm-
lische iiber dem Irdischen schwebten.
Zu kurz kam bei dieser platonischen Betrachtung der Mensch selber.
Denn im Menschen, in dem die Idee unmittelbar lebendig und gegen-
standiich wird, kann man die platonische Denkweise nicht recht an-
wenden: er ist zu individuell. Bei Plato sind die Ideen sozusagen etwas
iiber den Dingen Schwebendes. Die Mineralien, Kristalie, Quarzkri-
stalle entsprechen ja dieser Idee, auch die anderen aufieren Dinge der
leblosen Sinneswelt. Bei Goethe ist es auch so, dafi er die Urpflanze
verfolgt, die Typen betrachtet. Bei den Tieren kann man auch so ver-
fahren. Aber bei dem Menschen ist es so, daft in jeder einzelnen Men-
schenindividualitat die lebendige Ideenindividualitat auch verfolgt
werden mufi. Das hat erst Aristoteles bewirkt, nicht Plato, daft die
Idee als «Entelechie» im Menschen wirksam gesehen wurde.
Aber da war nun einer der Schuler, der mit ganzer Inbrunst und
Hingabe eigentlich immer diesem Himmelsfluge im Platonismus folgte,
der in bezug auf seine geistigen Anschauungen eigentlich nur mit-
konnte in diesem Himmelsfluge, in diesem Hinauf gehen, in diesem Sich-
Erheben iiber die Erde, und der wirklich, ich mochte sagen, in siifi-
reifen Worten in der Platonischen Schule sprach von der Erhabenheit
der iiber den einzelnen Dingen lebenden und schwebenden Idee. Dieser
Schuler, der eigentlich mit seiner Seele immer heraufstieg zu diesen
Ideen, hatte nun aber doch, wenn er nicht im Schauen lebte, sondern
mit dem Herzen, mit dem Gemiite wiederum, wie er es unendlich gerne
tat, unter Griechen herumging, er hatte fur jeden einzelnen Menschen,
der ihm begegnete, das warmste Interesse. Er konnte den Menschen,
die er so gerne hatte, nur sein Gefiihl zuwenden. Wenn er wiederum im
Leben war, so konzentrierte sich sein Gefiihl auf die Menschen, von
denen er zahlreiche liebte; denn sein Schauen rifi ihn immer wieder
hinweg von der Erde. Viele hatte er, die er liebte. Und so war bei dieser
einen Personlichkeit unter den Schiilern des Plato ein gewisser Zwie-
spalt vorhanden zwischen dem Gemutsleben den lebendigen Menschen
gegenliber und dem Aufschauen der Seele zu den ewigen Ideen im
platonischen Sinne, wenn dieser Schuler in der Akademie den Worten
Platos lauschte, oder wenn er mit seinen siifi-reifen Worten selber for-
mulierte, was der Platonismus ihm im Auf schauen gab. Es war etwas
merkwiirdig Sensitives in diese Personlichkeit hereingekommen.
Und nun war diese Personlichkeit mit einer anderen aus dem Schii-
lerkreise der Platonischen Schule befreundet, innig befreundet. Zu-
nachst aber, indem sich das immer mehr und mehr entwickeltej und
eine andere Eigenschaft, die ich gleich charakterisieren werde, sich bei
jenem Freunde entwickelte, kamen die beiden auseinander. Nicht etwa,
weil die Liebe erkaltete, sondern weil sie mit ihrer ganzen Geistesart
auseinanderwuchsen, brachte sie das Leben auseinander. Sie konnten
sich anfangs gut verstehen, nachher nicht mehr verstehen. So dafi der
eine, den ich eben beschrieben habe, wir wiirden heute sagen, nervos
wurde, schon wenn der andere in seiner Art sprach.
Und bei jenem war es ebenso. Er war nicht weniger geneigt, zu den
ewigen Ideen aufzuschauen, von denen aus so lebendig in der Plato-
nischen Schule gehandelt worden ist. Er konnte sich auch ganz erhe-
ben, aber jenes intensive Gemiitsinteresse an zahlreichen Menschen,
das der eine hatte, das hatte der andere nicht. Dagegen interessierte sich
der andere in der allerintensivsten Weise fur die alten Gdttermythen,
Gottersagen, die im Volke lebten, die ihm bekannt wurden. Fur das,
was wir heute die griechische Mythologie nennen, fur die Gestalten
von Zeus, Athene und so weiter interessierte er sich tief . Er ging sozu-
sagen an den lebenden Menschen mehr oder weniger vorbei, aber in-
teressierte sich tief, unendlich tief fiir die Gotter, die ehemals auf der
Erde gelebt hatten nach seiner Anschauung und die man als die Stamm-
eltern der jetzt lebenden Menschen ansehen mufke. So wollte er das,
was er in seiner Seele im Aufschwung erlebte, anwenden namentlich auf
das Begreifen der tiefsinnigen Gotter- und Heldensagen. Das Verhalt-
nis zu den Gotter- und Heldensagen war in Griechenland, wo das noch
alles lebte, wo es nicht blofi in Buchern und durch Tradition vorhanden
war, natiirlich ein ganz anderes, als es heute ist.
Diese Personlichkeit, die mit der anderen innig befreundet war, sie
entwuchs auch dieser Freundschaft. Beide entwuchsen dieser Freund-
schaft. Aber nun gehorten sie schon zusammen als Mitglieder der Pla-
tonischen Schule. Und diese Platonische Schule hatte ein Eigentiim-
liches. Ihre Schiiler bildeten in sich solche, sie etwas voneinander weg-
schiebende Krafte aus, Krafte, die sie, nachdem sie in der Platonischen
Schule in einem Zeitraume zusammengedrangt gewesen waren, dann
etwas auseinanderdrangen wollten. Und dadurch bildeten sich auch
solche verschiedene Individualitaten, die gemiithaft-innig zusammen-
hingen, die aber dann sich auseinanderentwickelten.
Diese beiden Personlichkeiten, sie wurden in der Zeit der Renais-
sance in Italien als Frauen geboren und kamen in der jetzigen Zeit so
wieder, dafi der eine, der erste, den ich beschrieben habe, eigentlich zu
friih, und der zweite, den ich beschrieben habe, etwas zu spat auf die
Erde herunterkam. Es hangt das eben mit dem starken Entschluft zu-
sammen, den man dazu braucht.
Bei dem einen, namlich bei dem ersten, den ich beschrieben habe,
war es so, dafi er, als er durch die Pforte des Todes gegangen war -
weil er mit seinem Geiste immer ins t)berirdische hinauf ging, aber ohne
den ganzen, vollen Menschen, den er nur im Gemiite erf afite -, deshalb
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wohl alles das erfassen
konnte, was da lebte, sagen wir, in der ersten Hierarchie: Seraphim,
Cherubim und Throne -, auch noch einiges von der zweiten Hier-
archie, aber nicht die dem Menschen nachste Hierarchie, durch die
man begreift, wie der menschliche Korper hier auf der Erde organi-
siert wird.
Eine Personlichkeit entwickelte sich, die wenig Einsicht, vorirdi-
sche Einsicht in den menschlichen Korper entwickelte, die daher, als
sie wieder geboren wurde, sogar die letzten Impulse nicht mehr auf-
nahm, unvollstandig herunterstieg in den menschlichen Korper, nicht
vollstandig untertauchte, sondern eigentlich immer etwas heraufien
schweben blieb.
Der Freund aus der Platonischen Schule wartete mit der Inkarna-
tion. Das Warten geschah aus dem Grunde, weil beide eigentlich, wenn
sie zusammengekommen waren, wenn sie unmittelbare Zeitgenossen
geworden waren, sich nicht ertragen hatten. Aber dennoch, es mufite
derjenige, der unendlich viel von seinen Zusammenkunften mit Men-
schen dem anderen erzahlt hatte, welcher nicht unter Menschen ge-
gangen war, sondern sich nur mit Mythen und Gottersagen beschaftigt
hatte, der, der so lebendig mit reifsiifier Stimme dem anderen erzahlte,
der mufite dennoch einen bedeutenden Eindruck auf den anderen raa-
chen, mufite ihm vorangehen, der andere ihm nachfolgen.
Der andere nun, weil er schon auf Erden in Imaginationen, in den
Gotterimaginationen lebte, hatte es zu einem zu starken Erfassen, ich
mochte sagen dessen, was am Menschen und im Menschen ist, gebracht.
Deshalb wollte er, iiber seine Zeit hinausgehend, Impulse sammeln, um
den menschlichen Leib ganz tief zu ergreifen. Da passierte es ihm, dafi
er ihn zu tief ergriff , zu tief hinein sich versenkte.
Und so sehen wir, daft bei zwei verschiedenen Schicksalsgestaltun-
gen von zwei Angehorigen der Platonischen Schule der eine zu wenig
seinen Korper ergreift bei der zweiten Wiederverkorperung, der an-
dere ihn zu stark ergreift. Der eine kann nicht in seinen Korper voll-
standig hinein, wird nur in seiner Jugend hineingetrieben, wird dann
bald hinausgetrieben und mufi draufien bleiben: Holderlin.
Der andere wird so tief in seinen Korper hineingetragen, hineinge-
taucht durch die besondere Art, wie er damals war, dafi er zu stark
untertauchte in seine Organe und fast lebenslanglich krank wird:
Hamerling.
Und so haben wir grofte menschliche Schicksale aus der Zeiten-
wende heraus und ihre Impulse vor uns und konnen eine Ahnung be-
kommen, wie nun eigentlich die geistigen Impulse wirken. Denn das
miissen wir uns ja klar vor die Seele stellen: Eine solche Individuality
wie Holderlin, der, aus der Platonischen Schule hervorgehend, nicht
in seinen Leib hinein kann, sich draufien halten muft, er erlebt in der
Dumpfheit seines Wahnsinns vorbereitende Impulse fur kommende
Erdenleben, die ihn zu Grofiem bestimmen. Ebenso der andere, Robert
Hamerling, durch die Krankheit seines Korpers.
Krankheit und Gesundheit nehmen sich ja natiirlich, wenn sie im
schicksalsmaftigen Zusammenhang betrachtet werden, noch ganz an-
ders aus, als sie sich ausnehmen, wenn man sie nur in den Grenzen des
einen Erdenlebens betrachtet.
Ich denke, meine lieben Freunde, es kann schon so sein, daft eine
heilige Scheu vor dem geheimnisvollen Geschehen, das durch die gei-
stige Welt bewirkt wird, durch die Menschengemiiter hindurch gerade
durch eine solche Betrachtungsweise entsteht. Wahrhaftig, ich mufi es
immer wieder sagen: Nicht urn ein Sensationsbediirfnis zu befriedigen,
sondern um immer tiefer und tiefer hineinzufiihren in die Erkenntnis
des geistigen Lebens, werden jetzt diese Betrachtungen angestellt. Und
nur durch dieses tiefere Hineindringen in das geistige Leben kann das
aulkre sinnliche Leben, das Leben der Menschen erklart werden.
Diese Betrachtungen werde ich morgen fortsetzen.
FONFTER VORTRAG
Dornach,27. April 1924
Wir haben nun eine Reihe zusammenhangender Schicksalsentwicke-
lungen betrachtet, welche aufklarend imd erhellend fiir die Erfassung
des geschichtlichen Lebens der Menschheit sein konnen. Die Betrach-
tungen, die wir gepflogen haben, sollten zeigen, wie aus vorhergehenden
Erdenperioden das, was die Menschen in diesen vorhergehenden Erden-
perioden erleben, erarbeiten, aufnehmen, hiniibergetragen wird durch
die Menschen selbst in spatere Erdenepochen. Und Zusammenhange
haben sich uns ergeben, so daft wir dasjenige, was durch Menschen, ich
mochte sagen, tonangebend getan wird, begreifen aus im moralischen
Sinne gemeinten Ursachen, die durch die Menschen selber gelegt wor-
den sind im Laufe der Zeiten.
Aber nicht nur dieser, ich mochte sagen, ursachliche Zusammen-
hang kann uns durch solche auf das Karma gerichtete Betrachtungen
vor die Seele treten, sondern auch manches kann sich lichtvoll auf-
klaren, was eigentlich zunachst fiir eine aufierliche Weltenbetrachtung
unklar, unbegreiflich erscheint.
Will man aber in dieser Beziehung mit der grofien Umwandlung
mitgehen, die in bezug auf die Empfindung und das Denken des Men-
schengemiites in der nachsten Zukunft notwendig ist, wenn die Zivi-
lisation aufwarts-, nicht abwartsgehen soli, dann ist es eben notwen-
dig, daft man zunachst sozusagen einen Sinn fiir dasjenige entwickelt,
was unter gewohnlichen Umstanden unbegreiflich ist und zu dessen
Begreifen eben ein Einblick in tiefere menschliche und weltgesetzma-
fiige Verhaltnisse gehort. "Wer alles begreiflich findet, der braucht na-
tiirlich nichts zu begreifen von den oder jenen tieferen Ursachen. Aber
dieses Begreiflichfinden ist ja nur scheinbar, denn alles begreiflich fin-
den in der Welt, heifit eigentlich nur, allem gegeniiber oberflachlich sein.
Denn fiir das gewohnliche Bewufitsein sind in der Tat die meisten Dinge
in Wirklichkeit unbegreiflich. Und verwundert stehenbleiben konnen
vor den Unbegreiflichkeiten selbst des alleralltaglichsten Daseins, das ist
im Grunde genommen erst der Anfang furwirklichesErkenntnisstreben.
Das ist es ja, wonach von diesem Rednerpulte aus so oft der Seufzer
ertont ist: Man moge innerhalb anthroposophischer Kreise Enthusias-
mus haben fur das Suchen, Enthusiasmus haben fiir das, was eben in
anthroposophischem Streben drinnenliegt. Und dieser Enthusiasmus
mu!5 wirklich damit beginnen, das Wunderbare in der Alltaglichkeit
wirklich als etwas Wunderbares zu ergreifen. Dann wird man eben,
wie gesagt, erst versucht sein, zu den Ursachen, zu den tiefer liegenden
Kraften zu greifen, die dem uns umgebenden Dasein zugrunde liegen.
Es konnen fiir den Menschen diese Verwunderungszustande gegen-
iiber der alltaglichen Umgebung aus geschichtlichen Betrachtungen
hervorgehen, aber auch aus dem, was in der Gegenwart beobachtet
werden kann. Bei geschichtlichen Betrachtungen miissen wir ja oftmals
stehenbleiben vor geschichtlichen Ereignissen, die uns aus der Vergan-
genheit berichtet werden und die erscheinen, ais wenn da oder dort das
Menschenleben wirklich in das Unsinnige ausliefe.
Nun, es bleibt das Menschenleben sinnlos, wenn wir es nur so be-
trachten, dafi wir den Blick auf ein geschichtliches Ereignis lenken und
nicht fragen: Wie gehen aus diesem geschichtlichen Ereignis gewisse Men-
schencharaktere hervor, wie nehmen sie sich aus, wenn sie in ihrer spa-
teren Wiederverkorperung auftreten? - Wenn wir darnach nicht fra-
gen, so erscheinen auch gewisse geschichtliche Ereignisse vollig sinnlos,
deshalb sinnlos, weil sie sich nicht erfullen, weil sie ihren Sinn verlie-
ren, wenn sie nicht ausgelebt werden konnen, wenn sie nicht weitere See-
lenimpulse in einem folgenden Erdenleben werden, wenn sie nicht Aus-
gleich finden und dann weiterwirken in weiter folgenden Erdenleben.
So ist ganz gewifi eine historische Sinnlosigkeit gelegen in dem Auf-
treten einer solchen Personlichkeit, wie sie der Nero war, der romische
Casar Nero. Von ihm ist innerhalb der anthroposophischen Bewegung
ja noch nicht gesprochen worden,
Nehmen Sie nur alles das in die Seele auf, was von dem romischen
Casar Nero historisch berichtet wird. Gegenuber einer Personlichkeit,
wie es der Nero war, erscheint das Leben wie etwas, dem man ganz
ungestraft einfach Hohn sprechen konnte, wie wenn man es verhohnen
konnte, wie wenn das gar keine Folgen hatte, wenn jemand mit einer
restlosen Frivolitat in einer an sich autoritativen Stellung auftritt.
Nicht wahr, man miifite eigentlich stumpf sein, wenn man so sieht,
was der Nero macht, und wenn man gar nicht irgendwie dazu kommen
konnte, sich zu fragen: Was wird denn nun eigentlich aus einer solchen
Seele, die, wie der Nero, der ganzen Welt Hohn spricht, das Leben
anderer Menschen, das Dasein fast einer ganzen Stadt als etwas be-
trachtet, womit er spielen kann? - Welch ein Kiinstler geht mit mir
verloren! - Das ist ja bekanntlich der Ausspruch, der Nero in den Mund
gelegt wird, und der wenigstens seiner Gesinnung entspricht. Also bis
in ein Selbstbekenntnis hinein die alleraufierste Frivolitat, der aller-
aufterste Zerstorungswille und Zerstorungstrieb, aber so, dafi dieser
Seele diese Sache gefallt.
Nun, da wird ja alles zuriickgestofien, was Eindruck auf den Men-
schen machen kann. Da gehen nur sozusagen weltzerstorende Strahlen
von der Personlichkeit aus. Und wir fragen uns: Was wird aus einer
solchen Seele?
Man mufi sich klar daruber sein: Alles das, was da sozusagen auf die
Welt abgeladen wird, das strahlt ja nun zuruck in dem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt. Das mufi gewissermafien auf die
Seele selber wiederum sich abladen; denn alles dasjenige, was zerstort
worden ist durch eine solche Seele, das ist nun da in dem Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Nun kam Nero zunachst we-
nige Jahrhunderte oder verhaltnismafiig kurze Zeit darnach in unbe-
deutetem Dasein wiederum auf die Welt, wo sich zunachst nur das-
jenige ausgeglichen hat, was Zerstorungswut war, die er auf die Sou-
veranitat hin ausgeiibt hatte, ausgeiibt aus sich heraus, weil er es so
wollte; dabei wirkte die Rage, man mochte sagen, der Enthusiasmus fur
die Zerstorungswut. In einem nachsten Erdenleben erfiillte sich aus-
gleichend schon etwas von dieser Sache und dieselbe Seelenindividua-
litat war jetzt in einer Stellung, wo sie auch zerstoren mufite, aber
zerstoren mufite in untergeordneter Stellung, wo sie Befehlen unter-
lag. Und da hatte diese Seele die Notwendigkeit, nun zu fuhlen, wie
das ist, wenn man es nicht aus freiem Willen heraus tut, nicht in Sou-
veranitat vollbringt.
Nun handelt es sich bei solchen Dingen wirklich darum, sie ohne
Emotionen zu betrachten, sie ganz objektiv zu betrachten. Solch ein
Schicksal, mochte ich sagen - denn auch so grausam zu sein wie Nero,
so zerstorungswiitig wie Nero zu sein, ist ja ein Schicksal ist im
Grunde genommen ein erbarmungswiirdiges Schicksal nach einer ge-
wissen Seite hin. Man braucht gar nicht Rankunen zu haben, nicht
irgendwie scharfe Kritik zu iiben; dann wiirde man ohnedies nicht
diejenigen Dinge erleben, die notwendig sind, um die Sache im weite-
ren Verlauf zu begreifen, denn in all die Dinge, von denen hier ge-
sprochen worden ist, ist ja nur moglich hineinzuschauen, wenn man
objektiv hineinschaut, wenn man nicht anklagt, sondern wenn man
eben Menschenschicksale versteht. Aber die Dinge sprechen sich doch,
wenn man nur den Sinn hat, sie zu verstehen, in einer deutlichen Weise
aus. Und dafi mir das Nero-Schicksal vor die Seele getreten ist, das
war wirklich einem scheinbaren Zufall zuzuschreiben. Aber eben nur
ein scheinbarer Zufall war es, dafi mir dieses Nero-Schicksal einmal
ganz besonders stark vor die Seele getreten ist.
Denn sehen Sie, als sich einmal ein erschutterndes Ereignis voll-
zogen hatte, ein Ereignis, von dem ich gleich sprechen werde, das in
der Gegend, um die es sich handelt, weithin erschiitternd wirkte, da
kam ich gerade zu Besuch zu der in meinem Lebensabrifi ofters genann-
ten Personlichkeit Karl Julius Schroer. Und als ich dahin kam, war
auch er, wie viele Leute, ungeheuer erschiittert durch das, was geschehen
war. Und er sprach - eigentlich so, dafi es zunachst unmotiviert war -
wie aus dunklen Geistestiefen heraus das Wort «Nero». Man hatte
glauben konnen, es ware ganz unmotiviert gewesen. Es war aber spater
durchaus zu sehen, dafi da eigentlich nur durch einen Menschenmund
etwas wie aus der Akasha-Chronik heraus gesprochen worden war. Es
handelte sich um folgendes,
Der osterreichische Kronprinz Rudolf war ja als eine glanzende Per-
sonlichkeit gefeiert worden und gait als eine Personlichkeit, die grofie
Hoffnungen erregte fur die Zeit, wenn er einmal auf den Thron kom-
men sollte. Wenn man auch allerlei iiber jenen Kronprinzen Rudolf
wufite, so war alles das, was man wufite, doch so, dafi man es eben
als Dinge auffafite, nun ja, die sich eigentlich fast so gehorten fur einen
«Grandseigneur». Jedenfalls dachte niemand daran, dafi das zu bedeut-
samen, tragischen Konflikten fiihren konnte, Und es war daher eine
ungeheuer grofte Oberraschung, eine furchtbar grofte Uberraschung,
als in Wien bekannt wurde: der Kronprinz Rudolf ist in den Tod ge-
gangen auf eine ganz mysteriose Weise, in der Nahe des Stiftes Hei-
ligenkreuz, in der Nahe von Baden bei Wien. Immer mehr und mehr
Details kamen da zutage, und zunachst sprach man von einem Un-
gliicksfall; ja, der «Unglucksfall» wurde sogar offiziell berichtet.
Dann, als der Unglucksf all schon ganz offiziell berichtet war, wurde
bekannt, daft der Kronprinz Rudolf in Begleitung der Baronesse Vet-
sera hinausgefahren war zu seinem Jagdgute dort, und daft er mit ihr
gemeinsam dann den Tod gefunden hatte.
Die Details sind so bekanntgeworden, daft sie wohl hier nicht er-
zahlt zu werden brauchen. Alles Folgende hat sich so vollzogen, daft
kein Mensch, der die Verhaltnisse kannte, daran zweifeln konnte, als
die Dinge bekannt wurden, daft ein Selbstmord des Kronprinzen Ru-
dolf vorlag. Denn erstens waren die Umstande so, daft ja in der Tat,
nachdem das offizielle Bulletin herausgegeben war, daft ein Unglucks-
fall vorlage, sich zunachst der ungarische Ministerprasident Koloman
Tisza gegen diese Version wendete und von dem damaligen osterrei-
chischen Kaiser selbst die Zusage erlangte, daft man nicht stehenbleiben
werde bei einer unrichtigen Angabe. Denn dieser Koloman Tisza wollte
vor seiner ungarischen Nation diese Angabe nicht vertreten und machte
das energisch geltend, Dann aber fand sich in dem Arztekollegium ein
Mann, der damals eigentlich zu den mutigsten Wiener Arzten gehorte
und der auch mit die Leichenbeschau fiihren sollte, und der sagte, er
unterschriebe nichts, was nicht durch die objektiven Tatsachen belegt
ware.
Nun, die objektiven Tatsachen wiesen eben auf den Selbstmord
hin. Der Selbstmord wurde ja dann auch offiziell, das Fruhere veri-
fizierend, zugegeben, und wenn nichts anderes vorlage als die Tat-
sache, daft in einer so aufterordentlich katholisch gesinnten Familie,
wie es die osterreichische Kaiserfamilie war, der Selbstmord zugegeben
worden ist, so wiirde schon einzig und allein diese Tatsache bedeuten,
daft man eigentlich nicht daran zweifeln kann. Also jeder, der die Tat-
sache da objektiv beurteilen kann, wird nicht daran zweifeln.
Aber das mufi man fragen: Wie ist es moglich gewesen, daft liber-
haupt jemand, dem so Glanzendes in Aussicht stand, zum Selbstmord
griff, gegenuber Verhaltnissen, die sich ja zweifellos mit leichter Hand
in solcher Lebenslage hatten kaschieren lassen? - Es ist ja gar kein
Zweifel, dafi ein objektiver Grund, daf5 ein Kronprinz wegen einer
Liebesaffare sich erschielk ich meine, ein objektiver Grund, fur die
aufieren Verhaltnisse objektiv notwendiger Grund, natiirlich nicht vor-
liegt.
Es lag auch kein aufierer objektiver Grund vor, sondern es war die
Tatsache vorliegend, dafi hier einmal eine Personlichkeit, welcher der
Thron unmittelbar in Aussicht stand, das Leben ganz wertlos fand,
und das bereitete sich natiirlich auf psychopathologische Weise vor.
Aber die Psychopathologie rau8 ja auch in diesem Falle erst begriffen
werden; denn die Psychopathologie ist schliefilich auch etwas, was
mit dem Schicksalsma'jSigen zusammenhangt. Und die Grundtatsache,
die da in der Seele wirkte, ist dennoch die, dafi jemand, dem also das
Allerglanzendste scheinbar winkte, das Leben ganz wertlos fand.
Das ist etwas, meine lieben Freunde, das einfach unter diejenigen
Tatsachen gehort, die man unbegreiflich finden mufi im Leben. Und
soviel auch geschrieben worden ist, soviel auch iiber diese Dinge ge-
sprochen worden ist, nur der kann eigentlich vernunftig urteilen iiber
eine solche Sache, der sich sagt: Aus diesem einzelnen Menschenleben,
aus diesem Leben des Kronprinzen Rudolf von Dsterreich ist der
Selbstmord, und auch die vorhergehende Psychopathologie in ihrer
Ursachlichkeit fur den Selbstmord, nicht erklarlich. Da mufi, wenn
man verstehen will, etwas anderes zugrunde liegen.
Und nun denken Sie sich die Nero-Seele - nachdem sie noch durch
das andere durchgegangen ist, wovon ich gesprochen habe - heriiberge-
kommen gerade in diesen sich selbst vernichtenden Thronfolger, der
die Konsequenz zieht durch seinen Selbstmord: dann kehren sich die
Verhaltnisse einfach um. Dann haben Sie in der Seele die Tendenz
liegend, die aus friiheren Erdenleben stammt, die beim Durchgang
durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im unmittel-
baren Anblicke sieht, dafi von ihr eigentlich nur zerstorende Krafte
ausgegangen sind, und die auch auf eine splendide Weise, mochte ich
sagen, die Umkehrung erleben mufi.
Diese Umkehrung, wie wird sie erlebt? Sie wird eben dadurch er-
lebt, daft ein Leben, das aufierlich alles, was wertvoll ist, enthalt, nach
innen sich so spiegelt, daft der Trager dieses Lebens es fur so wertlos
halt, daft er sich selber entleibt. Dazu wird die Seele krank, wird halb
wahnsinnig. Dazu sucht sich die Seele die auftere Verwickelung mit
der entsprechenden Liebesaffare und so weiter. Aber das alles sind ja
nur die Folgen des Strebens der Seele, ich mochte sagen, alle die Pfeiie
auf sich selbst zu richten, die friiher diese Seele nach der Welt hin ge-
wandt hat. Und wir sehen dann, wenn wir in das Innere solcher Ver-
haltnisse hineinsehen, eine ungeheure Tragik sich entwickeln, aber eine
gerechte Tragik, eine aufterordentlich gerechte Tragik. Und die beiden
Bilder ordnen sich uns zusammen.
Ich sagte oftmals: Kleinigkeiten sind es, welche den Dingen zu-
grunde liegen, die in Wahrheit, im vollen Ernste Untersuchungen auf
solchen Gebieten moglich machen. Da mufi mancherlei im Leben mit-
wirken.
Wie gesagt, als dieses Ereignis, das so erschutternd dazumal gewirkt
hat, sich eben vollzogen hatte, war ich auf dem Wege zu Schroer. Ich
bin nicht wegen dieses Ereignisses hingegangen, sondern ich war auf
dem Wege zu Schroer. Es war sozusagen der nachste Mensch, mit dem
ich iiber diese Sache sprach. Der sprach ganz unmotiviert: «Nero» -
so daft ich mich eigentlich fragen muftte: Warum denkt der jetzt ge-
rade an Nero? - Er leitete das Gesprach gleich ein mit «Nero». Es er-
schiitterte mich das Wort «Nero» dazumal. Aber es erschiitterte mich
um so mehr, als dieses Wort «Nero» unter einem besonderen Eindrucke
gesprochen war, denn zwei Tage vorher war ja, das ist auch offentlich
ganz bekannt geworden, eine Soiree bei dem damaligen deutschen Bot-
schafter in Wien, bei dem Prinzen Reuft. Da war der osterreichische
Kronprinz auch anwesend. und Schroer auch, und er hatte dazumal
gesehen, wie der Kronprinz sich verhalten hat, zwei Tage vor der
Katastrophe. Und dieses merkwurdige Verhalten zwei Tage vor der
Katastrophe bei jener Soiree, was Schroer sehr dramatisch schilderte,
und dann der nachfolgende Selbstmord zwei Tage darnach: dieses im
Zusammenhange damit, daft da das Wort «Nero» ausgesprochen wurde,
das war etwas, was schon so wirkte, daft man sich sagen konnte: Jetzt
liegt eine Veranlassung vor, den Dingen nachzugehen. - Aber warum
bin ich denn ttberhaupt vielen Dingen nachgegangen, die aus Schroers
Mund kamen? Nicht als ob irgend etwas von Schroer, der ja solche
Dinge naturlich nicht wissen konnte, einfach von mir aufgenommen
worden ware wie ein Omen oder so etwas. Aber manche Dinge, gerade
die, welche scheinbar unmotiviert kamen, waren mir wichtig, wichtig
durch etwas, was einmal merkwiirdig zutage trat.
Ich kam mit Schroer in ein Gesprach iiber Phrenologie, und Schroer
erzahlte, nicht eigentlich humoristisch, sondern mit einem gewissen
inneren Ernst, mit dem er solche Dinge aussprach - man erkannte den
Ernst eben an der gehobenen Sprache, die er auch in dem taglichen
Umgang sprach, wenn er etwas mit vollem Ernst sagen wollte -,
Schroer sagte: Mich hat auch einmal ein Phrenologe untersucht, hat
mir den Kopf abgegriffen und hat da oben jene Erhohung gefunden,
von der er dann gesagt hat: Da sitzt ja in Ihnen der Theosoph! - Von
Anthroposophie sprach man dazumal nicht, denn das war in den acht-
ziger Jahren; es bezieht sich also nicht auf mich, es bezieht sich auf
Schroer. Den hat er untersucht und gesagt: Da sitzt der Theosoph.
Nun, es war in der Tat so: Schroer war aufierlich alles eher als
Theosoph; das geht ja aus meiner Lebensbeschreibung wohl hervor. Aber
gerade da, wo er von Dingen sprach, welche eigentlich herausfielen
aus dem Motivierten, das er sagte, gerade da waren seine Ausspriiche
manchmal aufierordentlich tief bedeutend. So dafi sich einem schon
diese zwei Dinge zusammensetzen konnten: dafi er da das Wort «Nero»
aussprach und daft er auch durch dieses aufierliche Konstatieren seiner
Theosophie einem gelten mufite als jemand, auf den man hinhorcht,
bei dessen unmotivierten Dingen man sozusagen nachschaut.
Und so kam es denn wirklich, dafi die Untersuchung in bezug auf das
Nero-Schicksal dann aufklarend gewirkt hat fiir das weitere Schicksal,
fur das Mayerling-Schicksal, und gefunden werden konnte, dafi man
es wirklich mit der Nero-Seele in dem osterreichischen Kronprinzen
Rudolf zu tun hatte.
Es war mir diese Untersuchung, die lange gedauert hat - denn in
solchen Dingen ist man sehr vorsichtig -, ganz besonders schwierig,
weil ich ja naturlich immer beirrt worden bin durch alle moglichen
Leute - ob Sie es nun glauben oder nicht, es ist so -, die den Nero fur
sich in Anspruch nahmen und die das mit viel Fanatismus vertraten.
So daft also, was an subjektiver Kraft ausging von solchen wiederge-
borenen Neronen, natiirlich zunachst bekampft werden mufite. Man
muftte durch das Gestriipp da durch.
Aber man kann finden, meine lieben Freunde, daft das, was ich
Ihnen jetzt hier sage, ja viel wichtiger ist, weil es eine historische Tat-
sache begreif t - eben den Nero -, und daft das in dem weiteren Verlaufe
viel wichtiger ist, als etwa die Katastrophe von Mayerling zu begrei-
fen. Denn nun sieht man, wie solche Dinge, die eigentlich zunachst,
man mochte sagen, emporend auftreten, wie das Dasein des Nero,
sich mit voller Weltgerechtigkeit ausleben, wie sich die Weltgerechtig-
keit wirklich erfullt und wie zuruckkommt das Unrecht, aber so, daft
die Individuality hineingestellt ist in die Ausgleichung des Unrechtes.
Und das ist das Ungeheure an dem Karma.
Und dann kann sich noch etwas anderes zeigen, wenn ein solches
Unrecht ausgeglichen ist durch einzelne Erdenleben hindurch, wie es
hier wohl fast schon ausgeglichen sein wird. Denn man mufi nun wis-
sen, daft ja zum Ausgleich dazugehort die ganze Erfiillung - denken
Sie sich — , hervorgehend aus einem Leben, das sich wertlos halt, das
so sehr sich wertlos halt, daft dieses Leben zunachst ein groftes Reich -
und Osterreich war ja dazumal noch ein groftes Reich - und seine Herr-
schaft iiber ein groftes Reich hingibt! Dieses Handanlegen an sich selbst
in solchen Umstanden, und hinterher, nachdem man durch die Pforte
des Todes gegangen ist, weiterzuleben in der unmittelbar geistigen An-
schauung, das erfiillt allerdings in einer furchtbaren Weise, was man
Gerechtigkeit des Schicksals nennen kann: also Ausgleich des Unrechts.
Aber auf der anderen Seite, wenn wir jetzt von diesem Inhalte ab-
sehen, so ist ja wiederum eine ungeheure Kraft in diesem Nero gewe-
sen. Diese Kraft darf nun auch nicht verlorengehen fur die Mensch-
heit; diese Kraft mufi gelautert werden. Die Lauterung haben wir be-
sprochen.
Ist nun eine solche Seele gelautert, dann wird sie die Kraft, die ge-
lautert ist, eben auch in der Folgezeit in spatere Erdenepochen in ei-
ner heilsamen Weise hinubertragen. Und gerade dann, wenn wir das
Karma als einen gerechten Ausgleich empfinden, werden wir auch
niemals verfehlen konnen, zu sehen, wie das Karma prufend auf den
Menschen wirkt, prufend wirkt selbst dann, wenn er sich in irgendeiner
emporenden Weise in das Leben hereinstellt. Der gerechte Ausgleich
geschieht, aber die Menschenkraf te gehen doch nicht verloren. Sondern
es wird dann, wenn es durchlebt wird nach dem gerechten Ausgleich,
dasjenige, was ein Menschenleben veriibt hat, unter Umstanden umge-
wandelt auch in Kraft zum Guten. Daher ist solch ein Schicksal, wie
das heute geschilderte, schon auch durchaus erschiitternd.
Damit aber sind wir unmittelbar herangelangt, meine lieben Freunde,
an die Betrachtung dessen, was man Gut und Bose im Lichte des Karma
nennen kann: Gut und Bose, Gliick und Ungluck, Freude und Leid,
wie sie der Mensch in sein einzelnes individuelles Leben hereinblicken
und hereinleuchten sieht.
In bezug auf die Empfindung der moralischen Lage eines Menschen
waren friihere Erdenepochen, friihere geschichtliche Epochen viel emp-
f anglicher als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit ist eigent-
lich gar nicht empfanglich fiir die Schicksalsfrage. Gewifi, man trifft
ab und zu auf einen Menschen, der das Hereinspielen des Schicksals
verspiirt; aber das eigentliche Verstandnis fiir die grofien Schicksals-
fragen, das ist fiir die heutige Zivilisation, welche das einzelne Erden-
leben wie etwas Abgeschlossenes fiir sich betrachtet, doch etwas aufier-
ordentlich Dunkles und Unverstandliches. Die Dinge geschehen halt.
Es trifft einen ein Ungluck, und man bespricht es, dafi einen ein Un-
gluck getroffen hat, aber man denkt nicht weiter nach. Man denkt
namentlich auch dariiber nicht weiter nach, wenn irgendein aufierlich
scheinbar ganz guter Mensch, der gar nichts irgendwie verbrochen hat,
durch irgend etwas, was von aufien hereinwirkt wie ein Zufall, zu-
grunde geht, oder vielleicht nicht einmal zugrunde geht, sondern furcht-
bar viel leiden muft durch eine schreckliche Verletzung und dergleichen.
Man denkt nicht nach, wie sich in ein sogenanntes unschuldiges Men-
schenleben so etwas hereinstellen kann.
Nun, so unempfanglich und unempfindlich fiir die Schicksalsfrage
war die Menschheit nicht immer. Man braucht gar nicht sehr weit in der
Zeitenwende zuriickzugehen, dann findet man, dafi die Menschen emp-
fanden, daft die Schicksalsschlage aus anderen Wei ten hereinkommen,
daft auch das, was man sich selber als Schicksal macht, aus anderen
Welten hereinkommt.
Woher riihrte denn das? Das riihrte davon her, daft in friiheren
Epochen die Menschen nicht nur ein instinktives Hellsehen gehabt ha-
ben, und als das instinktive Hellsehen nicht mehr da war, Traditionen
hatten iiber die Ergebnisse des instinktiven Hellsehens, nein, es waren
auch die aufteren Einrichtungen so, daft die Menschen eigentlich die
Welt nicht so oberflachlich, so banal anzusehen brauchten, wie heute
irn materialistischen Zeitalter die Welt angesehen wird. Man redet ja
heute vielfach von der Schadlichkeit der bloften aufterlich-materiali-
stisch-naturalistischen Naturauffassung, die alle Kreise schlieftlich er-
griffen hat, die auch die verschiedensten Bekenntnisse des religiosen
Lebens ergriffen hat. Denn die Religionen sind ja auch materialistisch
geworden. Von einer geistigen Welt will die aufiere Zivilisation auf
keinem Gebiete eigentlich mehr etwas wissen, und man redet davon,
dafi man so etwas theoretisch bekampfen soil. Aber das ist nicht das
Wichtigste; die theoretische Bekampfung materialistischer Ansichten
macht gar nicht so viel aus. Sondern das Wichtigste ist, daft durch die
Anschauung, die allerdings den Menschen zur Freiheit gebracht hat
und weiter zur Freiheit bringen will und die ja eine Durchgangsperiode
bildet in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, auch das, was
in friiheren Epochen fur die aufterliche sinnliche Anschauung des Men-
schen als ein Heilmittel da war, verloren worden ist.
Natiirlich hat auch der Grieche in den ersten griechischen Jahrhun-
derten - es dauerte ja ziemlich lange - in der Natur ringsherum die
auftere Erscheinungswelt gesehen. Er hat so wie die heutigen Menschen
auf die Natur hingeschaut. Er hat die Natur etwas anders gesehen, denn
auch die Sinne haben eine Entwickelung durchgemacht, aber darauf
kommt es jetzt nicht an. Der Grieche hatte jedoch ein Heilmittel gegen
die Schaden, die organisch in dem Menschen durch das blofte Hinaus-
schauen in die Natur entstehen.
Wir werden ja wirklich nicht bloft physiologisch weitsichtig im
Alter, wenn wir viel in die Natur hinausschauen, sondern durch das
blofte Hinausschauen in die Natur bekommt unsere Seele eine gewisse
Konfiguration. Sie schaut eigentlich in die Natur hinein und sieht in
der Natur so, dafi nicht alle Bediirfnisse des Sehens bef riedigt werden.
Es bleiben unbefriedigte Bediirfnisse des Sehens iibrig. Und eigentlich
gilt das iiberhaupt fiir das gesamte Wahrnehmen, Horen, Fiihlen und so
weiter; fiir die ist es dasselbe: es bleiben gewisse Reste unbef riedigt vom
Wahrnehmen, wenn man blofi in die Natur hinausschaut. Und das
Sehen blofi in die Natur hinaus ist ungef ahr so, wie wenn ein Mensch
im Physischen sein ganzes Leben hindurch leben wollte, ohne geniigend
zu essen. Wenn der Mensch leben wollte, ohne geniigend zu essen, so
wiirde er natiirlich immer mehr und mehr herunterkommen im physi-
schen Sinne. Aber wenn der Mensch immer nur in die Natur hinaus-
schaut, kommt er seelisch in bezug auf das Wahrnehmen herunter. Er
bekommt die Auszehrung, die seelische Auszehrung fiir seine Sinnen-
welt. Das wufite man in friiheren Mysterienweisheiten, dafi man die
Auszehrung fiir die Sinnenwelt bekommt.
Aber man wufite auch, wodurch diese Auszehrung ausgeglichen
wird. Man wufite, wenn man hinschaute bei der Tempelarchitektur auf
das EbenmaU des Tragenden und Lastenden oder wie im Orient auf
die Formen, die eigentlich in aufierer Plastik Moralisches darstellten,
wenn man hinschaute auf das, was in den Formen der Architektur sich
dem Auge, dem Wahrnehmen iiberhaupt darbot, oder was dann eben
wirklich an Architektur wiederum musikalisch sich darbot, dafi dar-
innen das Heilmittel liegt gegen die Auszehrung der Sinne, wenn diese
blofi in die Natur hinausschauen. Und wenn noch der Grieche in seinen
Tempel gefiihrt wurde, wo er das Tragende und Lastende sah, die Sau-
len, dariiber den Architrav und so weiter, wenn er das wahrnahm, was
da an innerer Mechanik und Dynamik ihm entgegentrat, dann wurde
der Blick abgeschlossen. In der Natur dagegen stiert der Mensch hin-
aus, der Blick geht eigentlich ins Unendliche, und man kommt nie zu
Ende. Man kann ja eigentlich Naturwissenschaft fiir jedes Problem
ohne Ende treiben: es geht immer weiter, weiter. Aber es schliefit sich
der Blick ab, wenn man irgendeine wirkliche Archtitekturarbeit vor
sich hat, die darauf ausgeht, diesen Blick zu fangen, zu entnaturali-
sieren. Sehen Sie, da haben Sie das eine, was da war in alten Zeiten:
dieses Fangen des Blickes nach aufien.
Und wiederum, die gegenwartige Innenbeobachtung des Menschen,
die kommt ja nicrit dazu, wirklich in das menschliche Innere hineinzu-
steigen. Eigentlich sieht der Mensch, wenn er heute Selbsterkenntnis
iiben will, so ein Gebrodel von alien moglichen Empfindungen und
aufteren Eindriicken. Es ist nichts irgendwie Klares da. Der Mensch
kann sich im Inneren gewissermalkn nicht erfangen. Er kommt nicht
an sein Inneres heran, weil er nicht die Kraft hat, so geistig bildhaft
innerlich zu greifen, wie er greifen miifite, wenn er wirklich real an
sein Inneres herankommen wollte.
Da wirkt der wirklich mit Inbrunst an den Menschen herankom-
mende Kultus. Alles Kultusartige aber, nicht nur das aufterlich Kultus-
artige, sondern das Verstehen der Welt in Bildern, das wirkt so, dafi
der Mensch in sein Inneres hereinkommt. Solange man mit abstrakten
Begriffen und Vorstellungen in sein Inneres zur Selbsterkenntnis kom-
men will, geht es nicht. Sobald man mit Bildern, die einem konkret
machen die Seelenerlebnisse, in sein Inneres hinein sich versenkt, da
kommt man in dieses Innere. Da erfangt man sich im Inneren.
Wie oft mulke ich daher sagen: Der Mensch mufi meditieren in Bil-
dern, damit er in sein Inneres wirklich hineinkommt. Das ist ja etwas,
was sogar schon in offentlichen Vortragen jetzt hinlanglich besprochen
wird.
Und so hat man, wenn man auf den friiheren Menschen zuriick-
blickt, in diesem friiheren Menschen dieses: Auf der einen Seite wird
sein Blick und seine Empfindung nach aufien durch das Architekto-
nische gewissermaften abgeschlossen, in sich abgefangen (siehe Zeich-
nung) ; nach innen wird der Blick dadurch abgefangen, daft der Mensch
sich sein Seelenleben innerlich vorstellt, wie es ihm dann aufierlich in
den Bildern des Kultus vorgestellt werden kann (blau).
Auf der einen Seite kommt man in sein Inneres hinunter, auf der
anderen Seite trifft man auf mit dem Blick nach auften auf das, was
in der Architektur da ist, in der Tempelarchitektur, in der Kirchen-
architektur. Es schliefit sich das merkwiirdig zusammen. Zwischen
dem, was im Inneren lebt, und dem, auf was der Blick hier zuruckge-
worfen wird, da ist ein Mittelfeld (orange), das ja der Mensch im ge-
wohnlichen Bewufitsein gar nicht sieht, weil er seinen aufieren Blick
heute nicht abfangen lafk von einer wirkliehen, verinnerlichten Archi-
tektur, und weil er seine Innenschau nicht abfangen lafit von Imagi-
nativem, von Bildhaftem. Aber was dazwischenliegt: Gehen Sie mit
dem im Leben herum, gehen Sie herum mit einer durch Imagination ver-
tieften Innenerkenntnis und mit einem durch aufiere architektonische
Formen, die nun wirklich aus dem Menschlichen heraus erbaut sind,
geheilten Sinnesempfinden, dann bekommen Sie die Empfindung, wie
sie die alteren Menschen gehabt haben fiir die Schicksalsschlage. Wenn
man das ausbildet, was zwischen diesen beiden liegt, zwischen Empfin-
dung des wahrhaft Architektonischen und Empfindung des wahrhaft
symbolisch nach innen Gehenden, dann findet man die Empfanglich-
keit fiir die Schicksalsschlage. Man empfindet das, was geschieht, als
heruberkommend aus friiheren Erdenleben.
Das ist nun wieder die Einleitung zu weiteren Karmabetrachtungen,
die in der nachsten Zeit angestellt werden sollen und die dann auch das
«Gut und B6se» in die Karmabetrachtungen einschliefien.
Aber sehen Sie, es handelt sich ja wirklich darum, dafi in der an-
throposophischen Bewegung real gedacht wird. Die dem heutigen mo-
dernen Menschen angemessene Architektur, die seinen Blick in der
richtigen Weise abfangen konnte und die sein naturalistisches Schauen,
das ihm das Karma verdeckt und verfinstert, allmahlich in die An-
schauung hatte hereinbringen konnen, die stand da draufien in einer
gewissen Form da. Und dafi innerhalb dieser Formen wiederum gespro-
chen wurde in anthroposophischen Auseinandersetzungen, das gab die
Innenschau. Und unter allem anderen, was schon hervorgehoben wor-
den ist, war gerade dieses Goetheanum, dieser Goetheanumbau mit der
Art und Weise, wie in ihm immer 'mehr und mehr Anthroposophie ge-
trieben worden ware, die Erziehung zum karmischen Schauen. Diese
Erziehung zum karmischen Schauen, sie mufi in die moderne Zivili-
sation herein.
Aber den Feinden dessen, was herein mufi in diese moderne Civili-
sation, denen liegt natiirlich daran, daft dasjenige, was im echten, wah-
ren Sinne den Menschen heranerzieht, was notwendig ist fur die Zi-
vilisation, abbrennt. Und so ist es moglich, auch da in die tieferen Zu-
sammenhange hineinzuschauen. Aber hoffen wir, daft in Balde an der-
selben Stelle wiederum Karmaschauen erweckende Formen vor uns
stehen!
Das ist es, was ich heute, wo noch viele fremde, auswartige Freunde
zuriickgeblieben sind von unserer Osterveranstaltung her, was ich ge-
rade heute als ein Schlufiwort aussprechen wollte.
Karmische Betrachtungen
des individuellen menschlichen Lebens
SECHSTER VORTRAG
Dornach,4.Mail924
Nachdem wir eine Reihe von karmischen Zusammenhangen betrach-
tet haben, die sich abspielten im geschichtlichen Werden der Mensch-
heit, und nachdem wir durch diese Betrachtungen gesehen haben, wie
das eine oder das andere aus einem Erdenleben in die nachsten Erden-
leben hinuberfliefk, werden wir nunmehr dazu iibergehen, die kar-
mischen Zusammenhange noch von einem anderen Gesichtspunkte aus
zu betrachten, von dem Gesichtspunkte, der, ich mochte sagen, noch
mehr in das unmittelbare menschliche Leben hineinf uhrt. Denn Karma-
betrachtung hat ja eigentlich nur dadurch einen wirklichen Wert, dafi
diese Betrachtung in unser lebendiges Ethos, in unsere ganze Lebens-
und Seelenverfassung hineinfliefien kann, so dafi wir, indem wir uns
als Mensch in die Welt hineinstellen, durch die karmische Betrachtung
eine Durchkraftung und zugleich Vertiefung des Lebens erfahren kon-
nen. Das Leben hat ja viele Ratsel, und nicht alle Ratsel des Lebens
konnen so betrachtet werden, dafi sie ungeldst bleiben. Denn dadurch
wiirde der Mensch allmahlich aus seiner eigenen Wesenheit herausge-
rissen werden. Er wiirde ohne Bekanntschaft mit den Ratseln des Men-
schenwesens selbst wie ein unbewufkes Wesen sein Dasein verbringen.
Aber es ist die Aufgabe des Menschen, immer bewulker und bewufiter
zu werden. Das kann er nur, wenn er alles dasjenige, was eigentlich
an ihm, seiner Seele und seinem Geiste hangt, wirklich bis zu einem
gewissen Grade durchschauen kann. Und da nun ein Bestandteil un-
seres ganzen Lebens und Daseins das Karma ist, so ist es selbstverstand-
lich, dafi karmische Betrachtungen unmittelbare Betrachtungen fiir die
Grundlage unseres Menschenlebens sind.
Nun sind aber karmische Betrachtungen in unmittelbarer Anwen-
dung auf das Leben gerade fiir das gegenwartige Menschheitsbewufit-
sein eigentlich aufierordentlich schwer anzustellen. Denn es erfordert
jede auch nur einigermafien taugliche Betrachtung des Karma in dem
Leben, das uns umgibt, in dem Leben, in dem wir selber drinnenstehen,
dafi wir viel, viel objektiver dem Leben gegenuberstehen konnen, als
das fur ein Bewulksein moglich ist, das aus den gegenwartigen Be-
dingungen des Lebens, aus den gegenwartigen Bedingungen der Erzie-
hung herauswachst.
Es ist eben so vieles in den gegenwartigen Lebensbedingungen, in
die der Mensch hineinkommt, was die karmischen Zusammenhange
verdeckt, sie unsichtbar macht, so dafl es aufterordentlich schwierig
ist, auch nur einigermafien auf das hinzuschauen, was das Leben kar-
misch, schicksalsgemafi begreiflich macht-
Der Mensch der Gegenwart ist ja so wenig eigentlich dazu geeignet,
sich von sich selber loszulosen und an anderes hinzugeben. Der Mensch
der Gegenwart lebt aufterordentlich stark in sich selbst. Und das Eigen-
tiimliche ist ja, daft der Mensch heute, gerade wenn er nach dem Geiste
hinstrebt, wenn er Geistiges aufnimmt, sehr stark in die Gefahr hin-
einkommt, dadurch noch mehr in sich selber zu leben. Bedenken wir
n
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