Mysteriengestaltungen

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Mysteriengestaltungen 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 23. November bis 23. Dezember 1923 



1998 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Heraiisgabe besorgten J. Waeger und E. Frobose 



1. Auflage Dornach 1931 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1958 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1974 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 

5., erganzte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998 



Bibliographie-Nr. 232 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1974 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2321-8 



Zu den Veroffentlkhungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Sterner 

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes). 

Von deti in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Hbrernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den 
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfuhrliche Inhaltsangaben S. 239ff. 



Erster Vortrag, Dornach, 23. November 1923 9 

Vom Seelenleben des Menschen bis zum Durchschauen der geistigen 
Untergriinde der Welt. Das Denk-Erlebnis, das Erinnerungserlebnis, 
das Gestenerlebnis 

Zweiter Vortrag, 24. November 1923 24 

Das Schaffen des Seelischen am physischen Menschen. Das Luziferi- 
sche und das Ahrimanische am Menschen und in der Natur. Verer- 
bungsimpulse und Anpassungserscheinungen 

Dritter Vortrag, 25. November 1923 41 

Das Hineinwachsen ins Innere der Natur durch Vorstellung und Wille. 
Das Erinnerungserleben, das Gesten- und Physiognomiewesen; Tag- 
und Jahr-Erleben. Sommerwille und Winterwille 

Vierter Vortrag, 30. November 1923 57 

Der Zusammenhang des Menschen mit dem Erdenplaneten. Die Kri- 
stalldecke der Erde. Die Sprache der Metalle. Die Riickstrahlungs- 
krafte der Metalle und die Zusammenhange der Erdenleben 

Funfter Vortrag, 1. Dezember 1923 72 

Die mineralische und die vegetabilisch-animalische Schopfung. Die 
friihere Erdatmosphare. Die Pflanzen als Himmelsgaben. Die Tiere als 
Erdgebilde. Die kosmische Erinnerung der Metalle 

Sechster Vortrag, 2. Dezember 1923 89 

Die ephesischen Mysterien der Artemis 

Siebenter Vortrag, 7. Dezember 1923 103 

Die Mysterienstatten Hyberniens 



Achter Vortrag, 8. Dezember 1923 
Das Wesen der hybernischen Mysterien 



116 



Neunter Vortrag, 9. Dezember 1923 128 

Die grofien Mysterien von Hybernia 

Zehnter Vortrag, 14. Dezember 1923 147 

Die chthonischen und die eleusinischen Mysterien. Der Ubergang von 
Plato zu Aristoteles 

Elfter Vortrag, 15. Dezember 1923 163 

Das Geheimnis der Pflanzenwesen, der Metalle und der Menschen. 
Der Unterricht des Aristoteles an Alexander 

Zwolfter Vortrag, 21. Dezember 1923 177 

Die Mysterien der samothrakischen Kabiren 

Dreizehnter Vortrag, 22. Dezember 1923 190 

Der Ubergang von dem Geiste der alten Mysterien zu dem Mysterien- 
wesen des Mittelalters 

Vierzehnter Vortrag, 23. Dezember 1923 ....... 204 

Das menschliche Seelenstreben wahrend des Mittelalters. Das rosen- 
kreuzerische Mysterienwesen 

Einleitende Worte vor dem Vortrag vom 23. November 1923 217 

Bericht iiber die Griindung der Hollandischen Landesgesellschaft 

Einleitende Worte vor dem Vortrag vom 22. Dezember 1923 222 

Einleitende Worte vor dem Vortrag vom 23. Dezember 1923 228 

Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text. , . . 233 

Personenregister 237 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 239 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 245 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 247 



Die Wiedergaben der Original- Wandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe: 
« Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XIV 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 23. November 1923 



Wir woilen nun, meine lieben Freunde, die Zeit, die uns hier fur Vor- 
trage innerhalb dieses Goetheanums bleibt vor den Weihnachtswo- 
chen, so gestalten, daB nun diejenigen, die hier in Dornach in der Er- 
wartung leben konnen, daB die Weihnachtswoche kommt, moglichst 
viel in sich tragen konnen, was die anthroposophische Bewegung in 
die Herzen der Menschen hineinbringen kann. So daB auch wirklich 
gerade diejenigen, die nunmehr hier sitzen werden bis Weihnachten, 
in ihren Gedanken etwas zu sagen haben werden gerade uber dasjenige, 
was jetzt, ich mochte sagen in letzter Stunde noch geschehen kann. 
Nicht daB ich etwa uber die Internationale Anthroposophische Gesell- 
schaft werde sprechen, das wird in ein paar Stunden in der Versamm- 
lung selber erledigt werden konnen, aber ich werde nun doch versu- 
chen, diese Betrachtungen so anzulegen, daB sie auch fur die Stim- 
mung, die dann sein soli, etwas werden abgeben konnen. Und so werde 
ich, meine lieben Freunde, dasjenige, was ich schon in den letzten Wo- 
chen hier ausgefuhrt habe, von einem anderen Ausgangspunkte aus zu 
erreichen suchen, werde heute einmal damit beginnen, vom Seelenle- 
ben des Menschen selber aus zu einem Durchschauen der Weltenge- 
heimnisse vor Ihnen zu gelangen. 

Gehen wir zunachst heute von etwas moglichst Einfachem aus. Be- 
trachten wir das Seelenleben des Menschen, wie es sich darstellt, wenn 
der Mensch etwas weiter die innere Selbstbesinnung treibt, als bis zu 
dem Punkte, den ich vorzugsweise im Auge hatte, als ich die Artikel 
im «Goetheanum» uber «Das Seelenleben » geschrieben habe. Woilen 
wir also jetzt in den Betrachtungen etwas weiter nach dem Seelenleben 
nach innen gehen, als das im «Goetheanum» der Fall war. Dafiir ist 
eben das, was im «Goetheanum » steht in diesen vier Artikeln iiber das 
Seelenleben, eine Art Introduktion, eine Vorbereitung zu dem, was 
wir nun betrachten woilen. 

Wenn wir Selbstbesinnung in einer zunachst groBen, umfassenden 
Weise iiben, so kommen wir ja darauf, wie in einer gewissen Weise 



* Einleitende Worte vor dem Vortrag siehe S. 217. 



9 



dieses Seelenleben sich steigern kann. Es beginnt ja damit, daB wit die 
auBere Welt auf uns wirken lassen - wir tun das von Kindheit auf -, 
und daB wir dann das haben, was die innere Welt in uns wirkt, die Ge- 
danke ist. Dadurch sind wir ja eigentlich Menschen, daB wir das, was 
die auBere Welt in uns wirkt, in unseren Gedanken weiterleben lassen, 
in unseren Gedanken uns innerlich vergegenwartigen, eine Welt der 
Vorstellungen schaffend, die in einer gewissenWeise spiegelt dasjenige, 
was von auBen auf uns Eindruck macht. Wir tun vielleicht dem Seelen- 
leben nichts besonders Gutes, wenn wir gerade daniber uns viele Ge- 
danken machen, wie die AuBenwelt sich in unserer Seele spiegelt. Da 
kommen wir ja doch zu nichts anderem, als, kh mochte sagen, zu ei- 
nem abgeschatteten Bilde der Vorstellungswelt in unserm Innern sel- 
ber. Wir iiben doch bessere Selbstbesinnung, wenn wir mehr, ich 
mochte sagen, auf das Kraftmoment sehen, so daB wir versuchen, auch 
einmal uns selbst auszuleben im Gedankenelemente, ohne daB wir auf 
die AuBenwelt schauen; daB wir weiter verfolgen in Gedanken dasje- 
nige, was als Eindriicke der AuBenwelt vor uns gewesen ist. Der eine 
Mensch kommt dabei, je nachdem er veranlagt ist, mehr in abstrakte 
Gedanken hinein. Er bildet Weltensysteme aus oder auch nicht, er 
macht sich Schemata iiber alles mogliche in der Welt und dergleichen. 
Der andere Mensch folgt dabei, indem er iiber die Dinge, die auf ihn 
Eindruck gemacht haben, nachgedacht hat und dann die Gedanken 
weiter ausspinnt, er folgt mehr vielleicht irgendwelchen Phantasievor- 
stellungen. Wir wollen darauf, wie nach dem Temperament, nach dem 
Charakter, nach der sonstigen Veranlagung des Menschen dieses Den- 
ken im Innern ohne auBere Eindriicke verlauft, nicht weiter eingehen, 
aber wir wollen uns bewuBt machen, daB es doch fur uns etwas Beson- 
deres ist, wenn wir uns in bezug auf unsere Sinne zuriickziehen von 
der AuBenwelt und in unseren Gedanken, in unseren Vorstellungen 
einmal leben, sie weiter ausspinnend, vielleicht auch manchmal nur 
nach der Richtung der Moglichkeiten. 

Manche Menschen halten das ja fur unnotig, nach der Richtung der 
Moglichkeiten zum Beispiel das Dasein im Gedanken weiter auszubil- 
den. Es wird ja auch heute noch in dieser schweren Zeit einem ofter 
begegnen, daB man die Leute sieht, die sich den ganzen Tag damit be- 



schaftigt haben, in ihrem Geschaft zu sein, da allerlei, was selbstver- 
standlich fur die Welt notwendig ist, zu verrichten, daB solche Leute 
dann sich zusammensetzen in kleinen Gruppen bei Kartenspiel, Do- 
minospiel oder was es halt an ahnlichen Dingen gibt, um, wie man ja 
sehr haufig sagt, die Zeit zu vertreiben. Es wird aber nicht sehr haufig 
vorkommen, daB sich Leute in ahnlichen Gruppen zusammensetzen 
und zum Beispiel ihre Gedanken dariiber austauschen, was alles aus 
denselben Dingen, die bei Tag geschehen sind, in denen man drinnen 
gesteckt hat, hatte herauskommen konnen, wenn das oder jenes etwas 
anders gewesen ware. Dabei wiirden sich die Menschen nicht so amii- 
sieren, wie beim Kartenspiel; aber es ware ein Fortspinnen in Gedan- 
ken. Und wenn man sich dabei nur gesunden Sinn genug fur die Wirk- 
lichkeit bewahrt, dann braucht ein solches Fortspinnen in Gedanken 
eben durchaus nichts Phantastisches zu werden. 

Dieses Leben in Gedanken, das fuhrt ja zuletzt zu dem, was Ihnen 
entgegentritt, wenn Sie in der richtigen Weise die « Philosophic der 
Freiheit» lesen wollen. Wenn Sie in der richtigen Weise die « Philoso- 
phic der Freiheit» lesen wollen, so mussen Sie dieses Gefuhl eben ken- 
nen: in Gedanken zu leben. Die « Philosophic der Freiheit» ist ganz 
etwas, was aus der Wirklichkeit heraus erlebt ist; aber zu gleicher Zeit 
ist sie etwas, was ganz und gar eben aus dem wirklichen Denken her- 
vorgegangen ist. Und daher sehen Sie eine Grundempfindung gerade 
in dieser « Philosophic der Freiheit». Diese « Philosophic der Frei- 
heit », ich habe sie konzipiert in den achtziger Jahren, niedergeschrie- 
ben in dem Beginne der neunziger Jahre, und ich darf wohl sagen: bei 
denjenigen Menschen, die dazumal eigentlich sogar die Aufgabe ge- 
habt hatten, den Grundnerv dieser « Philosophic der Freiheit» irgend- 
wie wenigstens ins Auge zu fassen, fand ich mit dieser « Philosophic 
der Freiheit» iiberall Unverstandnis. Und das liegt an einem bestimm- 
ten Punkte. Das liegt an folgendem: Die Menschen, auch die soge- 
nannten denkenden Menschen der Gegenwart, kommen mit ihrem 
Denken eigentlich nur dazu, in ihm ein Abbild der sinnlichen AuBen- 
welt zu erleben, Und dann sagen sie: Vielleicht konnte einem in dem 
Denken auch etwas kommen von einer iiberphysischen Welt; aber es 
miiBte dann das auch so sein, daB geradeso, wie der Stuhl, wie der 



Tisch drauBen ist, und von dem Denken vorausgesetzt wird, daB es 
drinnen ist, so muBte nun dieses Denken, das da drinnen ist, auch auf 
irgendeine Weise erleben konnen ein auBerhalb des Menschen zu erfas- 
sendes Ubersinnliches, wie der Tisch und der Stuhl auBerhalb sind. - So 
ungefahr dachte sich Eduard von Hartmann die Aufgabe des Denkens. 

Nun trat ihm gegenuber dieses Buch, die « Philosophic der Frei- 
heit ». Da ist das Denken so erlebt, daB innerhalb des Denk-Erlebnis- 
ses man dazu kommt, gar nicht anders vorstellen zu konnen, als : Wenn 
du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunachst auf 
eine unbestimmte Weise, im Weltenall. Dieses Verbundensein im in- 
nersten Denk-Erlebnis mit den Weltgeheimnissen, das ist jaderGrund- 
nerv der « Philosophic der Freiheit». Und deshalb steht in dieser « Phi- 
losophic der Freiheit » der Satz : In dem Denken ergreift man das Welt- 
geheimnis an einem Zipfel. 

Es ist vielleicht einfach ausgedriickt, aber es ist so gemeint, daB man 
gar nicht anders kann, wenn man das Denken wirklich erlebt, daB man 
sich fuhlt nicht mehr auBer dem Weltgeheimnis, sondern im Weltge- 
heimnis drinnen, daB man sich fuhlt nicht mehr auBerhalb des Gdtt- 
lichen, sondern im Gottlichen. ErfaBt man das Denken in sich, so er- 
faBt man das Gottliche in sich. 

Diesen Punkt konnte man nicht erfassen. Denn erfaBt man ihn wirk- 
lich, hat man sich Miihe gegeben, das Denk-Erlebnis zu haben, dann 
steht man eben nicht mehr in der Welt drinnen, in der man vorher 
drinnen gestanden hat, sondern man steht in der atherischen Welt drin- 
nen. Man steht in einer Welt drinnen, von der man weiB : sie ist nicht 
von da und dort im physischen Erdenraum bedingt, sondern sie ist 
bedingt von der ganzen Weltensphare. Man steht in der atherischen 
Weltensphare drinnen. Man kann nicht mehr zweifeln an der Gesetz- 
maBigkeit der Weltenathersphare, wenn man das Denken so erfaBt hat, 
wie es in der « Philosophic der Freiheit » erfaBt ist. So daB da erreicht 
ist dasjenige, was man atherisches Erleben nennen kann. Daher wird es 
einem so, wenn man in dieses Erleben hineinkommt, daB man einen 
eigentiimlichen Schritt in seinem ganzen Leben macht. 

Ich mochte diesen Schritt so charakterisieren: Wenn man im ge- 
wohnlichen BewuBtsein denkt, denkt man, wenn man hier in diesem 



Raumeist, Tische, Stuhle, selbstverstandlich Menschen und so weiter; 
man denkt vielleicht auch noch etwas anderes, aber man denkt die 
Dinge, die auBerhalb sind. Also sagen wir - es sind da verschiedene 
Dinge auBerhalb -, man umfaBt gewissermaBen mit seinem Denken 
von dem Mittelpunkt seines Wesens aus diese Dinge. Dessen ist sich 
ja jeder Mensch bewuBt: er will mit seinem Denken die Dinge der 
Welt umfassen. 

Kommt man aber dazu, dieses eben charakterisierte Denk-Erlebnis 
zu haben, dann ergreift man nicht die Welt; man hockt auch, mochte 
ich sagen, nicht in seinem Ichpunkte bloB drinnen, sondern es passiert 
etwas ganz anderes. Man bekommt das Gefuhl, das ganz richtige Ge- 
fuhlserlebnis, daB man mit seinem Denken, das eigentlich nicht an 
irgendeinem Orte ist, nach dem Innern alles erfaBt. Man fuhlt: man 
tastet den inneren Menschen ab. So wie man mit dem gewohnlichen 
Denken, ich mochte sagen, geistige Fiihlfaden nach auBen streckt, so 
streckt man mit seinem Denken, mit diesem Denken, das in sich selbst 
sich erlebt, fortwahrend sich in sich selber hinein. Man wird Objekt, 
man wird sich Gegenstand. 

Das ist eben ein sehr wichtiges* Erlebnis, das man haben kann, daB 
man weiB : du hast friiher immer die Welt erfaBt; jetzt muBt du, indem 
du das Denk-Erlebnis hast, dich selbst erfassen. Da ergibt sich im 
Laufe dieses recht starken Sich-selbst-Erfassens, daB man die Haut 



Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 233. 



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sprengt. Und ebenso, wie man sich innerlich erfafit, so erfaBt man von 
innen aus eben den ganzen Weltenather, nicht in seinen Einzelheiten 
selbstverstandlich, aber man kommt zur GewiBheit: dieser Ather ist 
ausgebreitet iiber die Weltensphare, in der man drinnen ist, in der man 
zugleich drinnen ist mit Sternen, Sonne und Mond und so weiter. 

Nun, ein zweites, was der Mensch dann in seinem inneren Seelen- 
leben entwickeln kann, das ist, wenn er nicht in den Gedanken, die von 
auBen angeregt sind, zunachst so fortspinnt und fortwebt, sondern 
wenn er sich seinen Erinnerungen iiberlaBt. Wenn der Mensch sich sei- 
nen Erinnerungen iiberlaBt und das wirklich innerlich macht, so ergibt 
das wiederum ein ganz bestimmtes Erlebnis. Das Denk-Erlebnis, das 
ich eben geschildert habe, das fuhrt einen eigentlich zunachst auf sich 
selbst; man erfaBt sich selbst. Und man hat eine gewisse Befriedigung 
in diesem Sich-selbst-Erfassen. Wenn man iibergeht zu dem Erleben in 
der Erinnerung, dann wird es zuletzt, wenn man recht innerlich dabei 
vorgeht, doch so, daB einem das wichtigste Gefiihlserlebnis nicht das 
ist, an sich heranzukommen. Das ist es einem beim Denken; deshalb 
findet man im Verlaufe dieses Denkens die Freiheit, die ganz von dem 
Personlichen des Menschen abhangt. Und deshalb muB eine Freiheits- 
philosophie ausgehen von dem Denk-Erlebnis, denn durch das Denk- 
Erlebnis kommt der Mensch an sich selber heran, findet sich als freie 
Personlichkeit. So ist es nicht mit dem Erinnerungserlebnis. Mit dem 
Erinnerungserlebnis ist es so, daB man zuletzt, wenn man es ganz ernst 
zu nehmen vermag,wenn man sich ganz hineinzuversetzen vermag, dazu 
kommt, das Gefuhl zu haben : sich eigentlich loszuwerden, wegzukom- 
men von sich. Deshalb sind diejenigen Erinnerungen, die einen dieGe- 
genwart vergessen lassen, die allerbefriedigendsten. Ich will nicht sa- 
gen, daB sie immer die besten sind, aber sie sind in vielen Fallen die 
befriedigendsten. 

Man bekommt so recht einen Begriff von dem Werte des Erinnerns, 
wenn man auch Erinnerungen haben kann, die einen in die Welt tra- 
gen, trotzdem man mit der Gegenwart voll und ganz unzufrieden sein 
konnte, aus der Gegenwart eigentlich heraus will. Wenn man solche 
Erinnerungen entwickeln kann, daB man sich gesteigert in seinem Le- 
bensgefuhl empfindet, indem man sich seinen Erinnerungen hingibt, 



so gibt das, ich mochte sagen, als Gefuhl eine Vorbereitung zu dem, 
was die Erinnerung werden kann, wenn sie noch viel realer wird. 

Sehen Sie, die Erinnerung kann realer werden dadurch, daB Sie mit 
moglichster Realitat etwas an sich heranbringen, was Sie vor Jahren 
oder Jahrzehnten tatsachlich erlebt haben. Ich will es nur, wie es ist, 
ausdriicken. Nehmen Sie einmal an, Sie gehen an Ihre alten Habselig- 
keiten und versuchen, sagen wir, Briefe, die Sie in irgendeiner Ange- 
legenheit zusammenhangend geschrieben haben, hervorzusuchen. Sie 
legen diese Briefe vor sich hin und leben sich an Hand dieser Briefe in 
die Vergangenheit hinein. Oder viel besser noch ist es, Sie nehmen 
nicht Briefe, die Sie selber geschrieben haben oder die Ihnen andere 
geschrieben haben, derm da kommt immer noch zu viel Subjektives 
hinein; noch besser ware es, wenn Sie imstande waren, zum Beispiel 
Ihre alten Schulbucher zu nehmen und in diese alten Schulbiicher so 
hineinzugucken, wie Sie dazumal hineingeguckt haben, als Sie eben 
noch wirklich als Pennaler iiber diesen Schulbiichern saBen; wenn Sie 
also tatsachlich in Ihr Leben etwas heraufbringen, was einmal war. 
Das ist namlich ganz merkwiirdig: wenn Sie so etwas ausfuhren, so 
andern Sie Ihre ganze Seelenstimmung, wie diese Seelenstimmung in 
der Gegenwart ist. Es ist sehr merkwiirdig. Und sehen Sie, Sie miissen 
nur in dieser Beziehung ein klein wenig erfinderisch sein; es kann alles 
dazu dienen. Vielleicht findet eine Dame irgendwo in einer Ecke ir- 
gendein Kleid, das sie vor zwanzig Jahren getragen hat, oder irgend 
etwas Ahnliches, und sie zieht sich das an und versetzt sich dadurch 
ganz in die Lage, in der sie dazumal war; also irgend etwas, was die 
Vergangenheit in moglichster Realitat hereinbringt in die Gegenwart. 
Dadurch kommen Sie dazu, das gegenwartige Erleben stark von sich 
abzusondern. 

Wenn man mit dem gewohnlichen BewuBtsein erlebt, so steht man 
sich ja eigentlich in dem Erleben zu nahe, um es zu etwas zu bringen, 
mochte ich sagen. Man muB sich ferner stehen konnen. Nun, der 
Mensch steht sich ferner, wenn er schlaft, als wenn er wacht; denn da 
ist er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib aus dem physi- 
schen Leib und aus dem Atherleib herauBen. Diesem astralischen Leib, 
der auBerhalb des physischen Leibes im Schlafe ist, dem kommen Sie 



nahe, wenn Sie so real, wie ich es geschildert habe, vergangene Erleb- 
nisse in die Gegenwart heraiifrufen. Nun werden Sie das zunachst ja 
nicht glauben, weil Sie einer so unbedeutenden Sache, wie dem Rege- 
machen von vergangenen Erlebnissen, meinetwillen mit einem alten 
Kleide, eine solche starke Wirkung nicht zuschreiben. Aber es handelt 
sich wirklich darum, daB man in diesen Dingen einmal eine Probe 
macht. Und wenn Sie die Probe machen, und Sie wirklich Alterlebtes 
in die Gegenwart heraufzaubern, so daB Sie darinnen leben und die 
Gegenwart ganz vergessen konnen, so werden Sie sehen, daB Sie Ih- 
rem Astralleibe, Ihrem schlafenden Astralleibe nahe kommen. 

Wenn Sie aber das in der Weise erwarten, daB Sie nun nur so hinzu- 
schauen brauchen, nach rechts oder links, und da eine Nebelgestalt als 
Ihren astralischen Leib sehen, dann werden Sie sich tauschen; so gehen 
die Sachen nicht vor sich. Aber Sie mussen achtgeben auf das, was 
wirklich eintritt. Etwas, was wirklich eintritt in einem solchen Falle, 
das wird zum Beispiel sein, daB Sie nach und nach durch solche Erleb- 
nisse die Morgenrote ganz anders sehen, als Sie sie vorher gesehen ha- 
ben, daB Sie einen Sonnenaufgang ganz anders empfinden, als Sie inn 
vorher empfunden haben. Sie werden nach und nach auf diesem Wege 
dazu kommen, die Warme der Morgenrote als etwas zu empfinden, 
was ankundigend ist, was gewissermaBen eine prophetische, eine natur- 
haft prophetische Kraft in sich hat. Sie werden beginnen, die Morgen- 
rote als etwas geistig Kraftvolles zu empfinden, und Sie werden einen 
innerlichen Sinn mit diesem prophetisch Kraftvollen verbinden kon- 
nen, indem Sie, was Sie zuerst ja fur eine Illusion ansehen mogen, die 
Empfindung bekommen : die Morgenrote hat etwas mit Ihnen selbst 
Verwandtes. Sie werden sich gerade durch solche Erlebnisse, wie ich 
sie geschildert habe, in den Stand versetzen konnen, zu empfinden, 
wenn Sie die Morgenrote schauen: ja, diese Morgenrote laBt mich ja 
nicht allein. Sie ist nicht bloB dort, und ich bin nicht bloB da. Ich bin 
innig verbunden mit dieser Morgenrote. Sie ist eine Gemutseigen- 
schaft von mir; ich bin in diesem Momente selber Morgenrote. - Und 
wenn Sie sich so mit der Morgenrote verbunden haben, daB Sie gewis- 
sermaBen selber das farbige Aufstrahlen und Aufglanzen, das Sichher- 
ausentwickeln der Sonne aus dem farbigen Aufstrahlen und Aufglan- 



zen so erleben, daB in Ihrem Herzen eine Sonne aus Morgenrote in 
lebendiger Empfindung hervorgeht, dann bekommen Sie auch die 
Vorstellung, daB Sie mit der Sonne uber das Himmelsgewolbe Ziehen, 
daB die Sonne Sie nicht allein laBt, daB die Sonne nicht dott ist und Sie 
da, sondern daB sich Ihr Dasein in einer gewissen Weise bis zum Son- 
nendasein hin erstreckt; daB Sie mit dem Lichte den Tag hindurch 
wandeln. 

Wenn Sie aber diese Empfindung entwickeln, die man - wie gesagt, 
nicht aus dem Denken, da kommt man an den Menschen heran -, die 
man aber aus der Erinnerung heraus auf die angedeutete Weise entwik- 
keln kann, wenn Sie diese Erlebnisse aus der Erinnerung heraus, bes- 
ser gesagt aus der Kraft der Erinnerung heraus entwickeln, dann be- 
ginnen die Dinge, die Sie sonst mit Ihren physischen Sinnen wahrge- 
nommen haben, ein anderes Antlitz zu haben : die Dinge beginnen gei- 
stig-seelisch durchsichtig zu werden. Es ist so, wenn man nur einmal 
die Empfindung erlangt hat, mit der Sonne zu gehen, in der Morgen- 
rote die Kraft gewonnen hat, um mit der Sonne zu gehen, daB man 
dann alle Blumen auf der Wiese anders sieht. Die Bliiten bleiben nicht 
dabei stehen, einem ihre gelben oder roten Farben zu zeigen, die an 
ihrer Oberflache sind, sondern die Bliiten beginnen zu sprechen, auf 
geistige Art zu unserem Seelischen zu sprechen. Die Bliite wird durch- 
sichtig. Innerlich regt sich ein Geistiges der Pflanze, und das Bluhen 
wird etwas wie ein Sprechen, Und man verbindet in dieser Weise tat- 
sachlich seine Seele dann auch mit dem auBeren Naturdasein. Man be- 
kommt auf diese Weise den Eindruck, daB hinter diesem Naturdasein 
etwas ist, daB das Licht, mit dem man sich verbunden hat, von geisti- 
gen Wesenheiten getragen ist. Und man erkennt in diesen geistigen 
Wesenheiten nach und nach die Zuge dessen, was geschildert wird von 
Anthroposophie. 

Nehmen wir jetzt die zwei Etappen von Empfindungen zusammen, 
die ich eben jetzt geschildert habe. Nehmen wir die erste Empfindung, 
die man durch das Denken als inneres Erlebnis haben kann, dann wird 
es durch dieses Erlebnis weit; es hort ganz auf das Gefiihl, im engen 
Raume dazustehen. Das Erleben des Menschen wird weit; man fiihlt 
ganz bestimmt: in unserem Innern ist ein Punkt, der in die ganze Welt 



Tafel2 J, J 

7 



.nil" 



9. 

mil" 'h, 



hinausgeht, der von derselben Substanz ist, wie die ganze Welt. Man 
fiihlt sich eins mit der ganzen Welt, mit dem Atherischen der Welt. 
Aber man fiihlt auch, wenn man hier auf der Erde steht, da wird einem 
der FuB, das Bein von der Schwerkraft der Erde hinuntergezogen; 
man fiihlt, man ist mit seinem ganzen Menschen an diese Erde gebun- 
den. In dem Momente, wo man dieses Denk-Erlebnis hat, fiihlt man 
nicht mehr das Verbundensein mit der Erde, sondern man fiihlt sich 
abhiingig von den Weiten der Weltensphare. Alles kommt von den 
Weiten herein (Zeichnung : Pfeile) ; nicht von unten herauf, gewisser- 
maBen vom Mittelpunkt der Erde nach aufwarts, alles kommt von den 
Weiten herein. Und man fiihlt schon am Menschen: es muB, gerade 
wenn man den Menschen verstehen will, auch dieses Gefiihl des Von- 
den-Weiten-Hereinkommens da sein. (Siehe Zeichnung Seite 20.) 

Das erstreckt sich eben bis in die Erfassung der Menschengestalt. 
Wenn ich bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt erfassen 
will, so kann ich eigentlich nur diesen unteren Teil des Kopfes der 
Menschengestalt so erfassen, daB ich ihn mir gebildet denke hervor- 
gehend aus dem Raumlich-Inneren, aus dem Korperhaft-Inneren des 
Menschen. Ich werde nicht den rechten Geist in die Sache hineinbrin- 
gen, wenn ich nun nicht in der Lage bin, den oberen Teil so zu ma- 
chen, daB ich ihn mir von auBen herangetragen denke. Das alles ist von 
innen nach auBen (siehe Pfeile) ; das aber (oberer Kopfteil) ist von 
auBen nach innen gebildet. 

Unsere Stirne, unser Oberkopf ist eigentlich immer daraufgesetzt. 
Wer mit kiinstlerischem Verstandnis die Malereien in der kleinen Kup- 



pel gesehen hat in dem zugrunde gegangenenGoetheanum, der wird im- 
mer gesehen haben, wie dies uberall durchgefuhrt war: das untere Ant- 
litz gewissermaBen als etwas vom Menschen Herausgewachsenes, das 
Obere des Kopfes etwas von dem Kosmos ihm Gegebenes. In Zeiten, 
in denen man solche Dinge empfunden hat, war das besonders rege. Sie 
werden niemals eine wirkliche griechische plastische Kopffbrm verste- 
hen, ohne daB Sie diese Empfindung in sie hineinzulegen verstehen, 
denn die Griechen haben aus solchen Empfindungen heraus geschafFen. 

Und so fiihlt man sich eben wie verbunden mit dem Umkreis im 
Denk-Erlebnis. 

Und nun konnte man glauben, das setzte sich einfach so fort, man 
kame eben noch weiter hinaus, wenn man nun weitergeht vom Den- 
ken, vom Denk-Erlebnis bis zum Erinnerungserlebnis. Das ist aber 
nicht so, sondern es ist anders. Wenn Sie dieses Denk-Erlebnis wirk- 
lich in sich entwickeln, haben Sie ja durch das Denk-Erlebnis zuletzt 
den Eindruck der dritten Hierarchic : Angeloi, Archangeloi, Archai. So 
wie Sie sich in der Schwere, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel 
durch die Verdauung und so weiter das menschliche korperliche Erleb- 
nis hier auf Erden vorstellen konnen, so konnen Sie sich die Bedingun- 
gen, unter denen die Wesen der dritten Hierarchic leben, vorstellen, 
wenn Sie durch dieses Denk-Erlebnis, statt dafi Sie auf der Erde her- 
umgehen, sich fuhlen als getragen von Kraften, die da aus dem Wel- 
tenende an Sie herankommen. 

Denkerlebnis: 3. Hierarchie Tafei 2 

Nun, wenn man aber vom Denk-Erlebnis zum Erinnerungserlebnis 
iibergeht, so ist es nicht so, dafi man nun etwa, wenn das hier das Wel- 
tenspharen-Ende ware (siehe Zeichnung, oberer Kreisbogen), bis zu 
dem hin erleben kann. Man kann ein solches Weltenende, wenn man in 
die Wirklichkeit dieses Denk-Erlebnisses eintritt, erreichen; dann 
kommt man nicht noch weiter hinaus, sondern dann stellt sich die 
Sache anders dar. Dann ist zum Beispiel hier irgendein Gegenstand: 
ein Kristall, eine Blume, ein Tier. Geht man vom Denk-Erlebnis zu 
dem uber, was einem das Erinnerungserlebnis alles bringen kann, dann 
schaut man in dieses Ding hinein. 



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Der Blick, der bis zu den Weltenweiten gegangen ist, wenn er sich 
fortsetzt durch das Erinnerungserlebnis, sieht in die Dinge hinein. Also 
nicht, daB Sie noch weiter hinausdringen in unbestimmte absttakte 
Weiten, sondern der fortgesetzte Blick, der sieht in die Dinge hinein; 
er sieht das Geistige in alien Dingen. Er sieht zum Beispiel im Lichte 
die wirkenden geistigen Wesenheiten des Lichtes und so weiter; er 
sieht in der Finsternis die in der Finsternis wirksamen geistigen We- 
senheiten. So da3 wir sagen konnen: das Erinnerungserlebnis, das 
fuhrt in die zweite Hierarchie hinein. 

Tafei 2 Et 'inner "ungserlebnis: 2. Hierarchie 

Und nun gibt es ja allerdings etwas im menschlichen Seelenleben, was 
iiber die Erinnerung hinausgeht. Machen wir uns das einmal klar, was 
iiber die Erinnerungen hinausgeht. Sehen Sie, die Erinnerung gibt unse- 
rer Seele die Farbung. Man kann ganz genau wissen, wenn man an ei- 
nen Menschen kommt, der alles abfallig beurteilt, der iiber alles, was 
man zu ihm spricht, seine saure Atmosphare gieBt, der, wenn man ihm 
etwas recht Schones erzahlt, daneben etwas recht HaBliches selber er- 
zahlt, und so weiter - man kann ganz genau wissen : bei ihm ist das zu- 
sammenhangend mit seiner Erinnerung. Die Erinnerung gibt der Seele 
die Farbung. 

Aber, sehen Sie : es gibt noch etwas anderes als diese seelische Far- 
bung. Wir treten dem einen Menschen entgegen. Er bietet uns immer 
nur ironisch herabgezogene Mundwinkel dar, besonders wenn wir zu 



Tafel t 




ihm etwas sagen, oder er zieht die Stirne in krause Falten, oder er 
macht ein tragisches Gesicht. Oder aber er blickt uns freundlich an, so 
daB wir Erhebung haben in dem, was er nicht bloB uns sagt, sondern 
uns blickt. Ja, sehen Sie, es ist interessant, einmal mit einem einzigen 
Blick bei irgendeiner wichtigen Darstellung im Verlaufe eines Vortra- 
ges alle Gesichter zu sehen: die Mundwinkel zu sehen bei irgend et- 
was, die Stirnen sich anzuschauen, die Starrheit manches Gesichtes, die 
Beweglichkeit manches Gesichtes und so weiter. Da driickt sich nicht 
bloB dasjenige aus, was Erinnerung in der Seele geblieben ist und der 
Seele eine bestimmte Farbennuance gegeben hat, sondern da driickt 
sich aus, was von der Erinnerung aus in Physiognomie, in Gesten- 
usancen, in die ganze Attitude des Menschen ubergegangen ist. Nun 
ja, es ist auch so, wenn bei einem Menschen nichts iibergeht, wenn er 
ein Gesicht zeigt, das gar nichts aufgenommen hat von dem, was an 
Leiden und Schmerzen und Freuden durch sein Leben gegangen ist: 
das ist auch charakteristisch. Wenn sein Gesicht aalglatt geblieben ist, 
ist es ebenso charakteristisch, wie wenn sein Gesicht in den tiefen 
Furchen die Tragik des Lebens, den Ernst des Lebens, oder auch 
wohl manche Befriedigungen des Lebens ausdriickt. Da geht das, was 
sonst seelisch-geistig bleibt als Ergebnis der Erinnerungskraft, in die 
Gestaltung des Physischen iiber. Und es geht so stark uber, daB der 
Mensch ja spater tatsachlich dadurch nach auBen hin seine Geste, seine 
Physiognomie hat, nach innen hin sein Temperament. Denn wir haben 
nicht immer im Alter dasselbe Temperament, wie wir es als Kind hat- 
ten. Das Temperament des Alters ist vielfach ein Ergebnis dessen, was 
wir im Leben durchgemacht haben und was innerlich seelisch Er- 
innerung geworden ist. 

Was da so in den Menschen innerlich hineingeht, das kann nun wie- 
derum, obwohl dies jetzt schwieriger ist, in die Realitat heriibergetra- 
gen werden. Es ist noch verhaltnismaBig leicht, irgend etwas vor unse- 
ren Seelenblick zu bringen, was wir in der Kindheit oder sonst vor 
Jahren durchgemacht haben, um gewissermaBen die Erinnerung zu 
realisieren. Es ist aber schwerer schon, sich in das Temperament seiner 
Kindheit zum Beispiel hineinzuversetzen oder uberhaupt in sein frii- 
heres Temperament. Aber die Realisierung gerade einer solchen tfbung 



kann ungeheuer Bedeutsames fur den Menschen bringen. Und da ist 
eigentlich mehr erreicht, wenn wir das innerlich in der Seele vertieft 
machen konnen, als wenn wir es auBerlich machen. 

Es wird ja schon etwas im Menschen erreicht, wenn er, sagen wir 
vierzig-, funfzigjahrig - natiirlich in solchen Grenzen, wie es eben bei 
diesen Dingen notwendig ist - auBerlich seine Kinderspiele treibt; 
springt, wie er als Kind gesprungen ist und so weiter, wenn er versueht, 
wiederum solch ein Gesicht zu machen, wie es war, wenn ihm die 
Tante ein Bonbon gegeben hat, als er achtjahrig war und dergleichen. 
Dieses bis in die Geste, bis in die Attitude hinein Sich-Zuriickverset- 
zen, das bringt wiederum etwas in unser Leben hinein, was nun ganz 
und gar uns zu der Empfindung bringt : die AuBenwelt ist die Innen- 
welt, und die Innenwelt ist die AuBenwelt. 

Wir kommen dann zum Beispiel mit unserem ganzen Sein in die 
Blume hinein und haben dann dasjenige, was ich nun zu dem Denk-Er- 
lebnis und Erinnerungserlebnis hinzu das Gestenerlebnis im besten Sin- 
ne des Wortes nennen mochte. Und durch dieses kommen wir zu einer 
Vorstellung, wie Geistiges unmittelbar iiberall im Physischen wirkt. 

Sie konnen nicht innerlich mit vollem BewuBtsein ergreifen, wie Sie 
meinetwillen vor zwanzig Jahren sich verhalten haben in der Geste bei 
irgendeinem auBeren Anlasse, ohne daB Sie, wenn Sie die Sache wirk- 
lich innerlich tief und ernst und energisch nehmen, audi dazu kom- 
men, nun die Gemeinschaft des Geistigen und Physischen in alien Din- 
gen aufzufassen. Dann sind Sie aber bei dem Erleben der ersten Hier- 
archie angekommen. 

Tafei 2 Gestenerlebnis: 1. Hierarchie 

Das Erinnerungserlebnis, es laBt uns selbst Morgenrote werden, wenn 
wir der Morgenrote gegeniiberstehen, Es laBt uns alle Warme der 
Morgenrote fiihlen, innerlich erleben. Wenn man aber aufsteigt zu 
dem Gestenerlebnis, dann wird dasjenige, was in der Morgenrote uns 
entgegentritt, sich vereinigen mit allem, was uberhaupt Farbiges, To- 
nendes im Objektiven uns erleben laBt. 

Wenn wir die Gegenstande, die beleuchtet sind durch die Sonne, 
und die um uns herum sind, einfach ansehen, sehen wir sie eben so, wie 



sie sich darstellen konnen im Lichte. So sehen wir nicht die Morgen- 
rote, namentlich wenn wir nach und nach vom Erinnerungserlebnis 
zum Gestenerlebnis iibergehen : da lost sich von allem materiellen Sein 
dasjenige, was das Farbenerlebnis ist. Das Farbenerlebnis wird leben- 
dig, wird seelisch, wird geistig, verlaBt den Raum, in dem die auBere 
physische Morgenrote uns erscheint, und es beginnt die Morgenrote 
uns zu sprechen von dem Geheimnis des Zusammenhanges der Sonne 
mit der Erde. Und wir erfahren, wie die Wesen der ersten Hierarchie 
wirken. 

Wir lernen erkennen, wenn wir noch den Blick hinrichten auf die 
Morgenrote, wenn sie uns noch fast so erscheint, wie vorher bei dem 
bloBen Erinnerungserlebnis, wir erfahren, wie die Throne sind. Und 
dann lost sich die Morgenrote auf. Das Farbige wird Wesen, wird 
lebendig, wird seelisch, wird geistig, wird Wesen, spricht uns davon, 
wie das Verhaltnis der Sonne zur Erde ist, wie es einstmals in der alten 
Sonnenzeit gewesen ist, spricht uns so, daB wir erfahren, was Cheru- 
bime sind. Und dann, wenn wir enthusiasmiert und ehrfurchtsvoll hin- 
gerissen von dieser zweifachen Offenbarung der Morgenrote, von der 
Thronen-Offenbarung und der Cherubim-Offenbarung, in der Seele 
weiterleben, dann dringt uns in unser eigenes Inneres herein aus dieser 
lebendig wesenhaft gewordenen Morgenrote dasjenige, was das We- 
sen der Seraphime ausmacht 



Nun, alles das, was ich Ihnen heute geschildert habe, habe ich Ihnen 
geschildert, um Ihnen damit anzudeuten, wie durch das einfache Ver- 
folgen des Seelischen, vom Denken bis zur gedankenvollen, seelen- 
durchdrungenen Geste, der Mensch in sich auch Empfindungen - es 
sind zunachst nur Empfindungen - iiber die geistigen Untergriinde der 
Welt erwerben kann bis hinauf zu der Sphare der Seraphime. 

Das wollte ich heute nur als eine Art von Einleitung vorausschicken 
den Betrachtungen, die uns dann vom Seelenleben in die Weiten des 
geistigen Kosmos hinausfuhren sollen. 



Denkerlebnis: 

Erinnerungserlebnis: 

Gestenerlebnis: 



3. Hierarchie 
2. Hierarchie 
1. Hierarchie 



Tafel 2 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 24. November 1923 



Wenn man von dem Seelischen, dem wir uns gestern in der Betrach- 
tung ein wenig widmeten, den Obergang sucht zum SchafFen des See- 
lischen am physischen Menschen, und gerade zum SchafFen des See- 
lischen am physischen Menschen in bezug auf diejenigen Dinge, die 
auch gestern besprochen worden sind, so wird man nach zwei Rich- 
tungen hin gefuhrt. Erinnerung weist ja zunachst die Seele zuriick in 
friiheres Erleben ; Denken weist die Seele, wie ich gestern gezeigt habe, 
in das atherische Dasein. Dasjenige, was dann den Menschen noch 
starker ergreift als Erinnerung, was ihn so stark ergreift, daB die inne- 
ren Impulse in seine Korperlichkeit ubergehen, das habe ich dann ge- 
stern genannt Geste, Gestenhaftes. Und indem wir das Gestenhafte 
betrachten, sind wir damit ja schon vorgenickt bis zu dem OfTenbaren 
des Seelisch-Geistigen im Physischen. 

Nun ist ja das ganze Hereintreten des Menschen in das physische 
Erdenleben ein Ergreifen des Physischen durch das Geistig-Seelische. 
Und wenn wir uns zunachst an die Erinnerung halten, so besteht sie ja 
darin, daB fruher im irdischen Dasein Erlebtes heriibergetragen wird 
in ein spateres Lebensalter. 

Es fragt sich nun, konnen wir vom menschlichen Leben aus - so, 
wie die Erinnerung zuriickweist nur auf Dinge im Laufe des Erden- 
lebens -, konnen wir vom menschlichen Leben aus weiter zuriickwei- 
sen? Konnen wir zuriickweisen auf dasjenige, was vor dem Eintritte 
des Menschen in das Erdenleben liegt? 

Nun kommen wir da zu zwei Dingen: einmal zu dem, was der 
Mensch geistig-seelisch im vorirdischen Dasein durchgemacht hat. 
Uberlassen wir das zunachst einer spateren Betrachtung. Aber es ist ja 
noch etwas anderes da, etwas mit der physischen Korperlichkeit Zu- 
sammenhangendes, das der Mensch als individuelles Wesen herein in 
die physische Korperlichkeit tragt. Es ist alles das, was wir aus ge- 
wohnten naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus als Vererbung 
bezeichnen. Der Mensch tragt in sich bis in seine Temperamentsanla- 



gen hinein, die also schon stark ins Seelische heraufspielen, Eigentiim- 
lichkeiten, Impulse, die sich anschlieBen an dasjenige, was seinen phy- 
sischen Vorfahren eigen war. 

Allerdings, die heutige Menschheit geht mit solchen Dingen etwas 
oberflachlich, man konnte sogar sagen, etwas gedankenlos um. Ich 
habe gerade heute morgen ein Buch gelesen auf einer Fahrt, das uber 
einen Herrscher aus einem bekannten, jetzt vergangenen Herrscher- 
hause handelte, und das sich mit der Frage der Vererbung in diesem 
Herrscherhause befafit. Da werden bis ins siebente Jahrhundert zuriick 
Eigenschaften angegeben, die sich immer wiederum vererbten. Nur 
flndet sich in diesem Buch dann beziiglich dieser Vererbung ein eigen- 
tumlicher Satz. Der lautet etwa folgendermaBen: In diesem Herrscher- 
hause sind Leute, die auffallig zeigen, daB sie neigen zu Extravagan- 
zen, daB sie neigen zu Paradoxien des Lebens, zu Ausschweifungen 
und so weiter, aber es gibt auch noch Mitglieder dieses Herrscherhau- 
ses, die all das nicht haben. Sie sehen : eine eigentiimliche Art, zu den- 
ken! Denn man sollte eigentlich voraussetzen, daB jemand, der so et- 
was bemerkt, sich sagen miiBte : Aus solchen Voraussetzungen kann 
man uberhaupt nichts schlieBen. Wenn Sie aber durchgehen vieles von 
dem, was in der Gegenwart zu sogenannten sicheren Ansichten fuhrt, 
da werden Sie vieles dergleichen finden. 

Aber wenn auch die Anschauungen, die heute liber die Vererbung 
herrschen, sich ziemlich oberflachlich ausnehmen, so muB man doch 
sagen : Der Mensch tragt einmal die vererbten Merkmale in sich. Das 
ist die eine Seite. Der Mensch hat ja oftmals auch zu kampfen mit die- 
sen vererbten Merkmalen. Er muB sich herausschalen gewissermaBen 
aus diesen vererbten Merkmalen, um zu demjenigen zu kommen, wozu 
er veranlagt ist durch sein Leben, bevor er das irdische Dasein betreten 
hat. 

Das zweite, worauf wir verwiesen werden, das ist dasjenige, was der 
Mensch sich aneignet durch Erziehung, durch den Umgang mit seinen 
Mitmenschen, aber auch durch den Umgang mit der auBeren Natur. 
Aus den Gewohnheiten der Betrachtung untergeordneter Naturreiche 
heraus nennt man dieses die Anpassung des Menschen an die umlie- 
genden Verhaltnisse. Und Sie wissen ja, daB eine moderne Naturwis- 



senschaft iiberhaupt fiir ein Lebewesen diese 2wei Impulse, Vererbung 
und Anpassung, als das Allerwichtigste betrachtet. 

Aber gerade wenn man in diese Dinge hineinkommt, dann fuhlt 
man, wenn man unbefangen sich den Dingen hingibt, daB man ohne 
den Weg in die geistige Welt hinein iiber solche Dinge iiberhaupt kei- 
nen AufschluB gewinnen kann. Und so wollen wir denn heute gerade 
diese Dinge, die einem im Leben auf Schritt und Tritt entgegentreten, 
im Lichte der Geist-Erkenntnis einmal erfassen. 

Da miissen wir zuriickgreifen auf etwas, was uns in den vergangenen 
Betrachtungen wiederholt beschaftigt hat. Wir haben ja hinweisen 
miissen, auch wiederum in diesen Betrachtungen, auf den Austritt des 
Mondes aus dem Erdenplaneten. Man kann hinweisen darauf, daB der 
Mond einmal mit dem Erdenplaneten verbunden war und in einer be- 
stimmten Zeit aus diesem Erdenplaneten herausgetreten ist, um diesen 
Erdenplaneten von der Feme aus zu beeinflussen. Ich habe aber auch 
darauf hingewiesen, welch ein Geistiges hinter diesem Mondausgang 
liegt. Ich habe darauf hingewiesen, wie einmal auf der Erde geradezu 
iibermenschliche Wesenheiten lebten, die die ersten groBen Lehrer der 
Menschheit waren, und von denen dasjenige herriihrt, was auf dem 
Grunde unseres menschlichen Denkens auf Erden als die Urweisheit 
bezeichnet werden kann, was sich iiberall als ein urspriinglicher Ein- 
schlag findet, tief bedeutsam ist, Ehrfurcht erregt, was selbst in den 
Triimmern, in denen es vorhanden ist, Ehrfurcht erregt, und was einst- 
mals den Inhalt eben der Lehre iibermenschlicher groBer Lehrer am 
Ausgangspunkte der irdischen Menschheitsentwickelung bildete. 

Diese Wesenheiten haben ihren Weg gefunden hinauf in das Mon- 
dendasein, und sie sind nun heute mit dem Mondendasein verbunden. 
Sie gehorengewissermaBenzu der Bevolkerung des Mondes. Nun han- 
delt es sich darum, daB der Mensch, wenn er durch die Pforte des To- 
des durchgegangen ist, ja etappenweise dasjenige durchmacht, was ge- 
bunden ist an die planetarische Welt, die zu unserer Erde gehort. Wir 
haben ja auch das schon betrachtet, daB der Mensch zunachst, wenn er 
durch das irdische Dasein durchgegangen ist, in den Bereich der Mon- 
denwirkungen kommt, dann weiter in den Bereich der Venus-, Mer- 
kur-, Sonnenwirkungen und so fort. Heute mag uns zunachst interes- 



sieren, wie der Mensch da in den Bereich der Mondenwirkungen 
kommt. 

Ich habe schon darauf hingedeutet auch von diesem Orte aus, dafi ja 
mit imaginativer Anschauung verfolgt werden kann das Leben des 
Menschen iiber die Todespforte hinaus, und daB tatsachlich dasjenige, 
was vom Menschen da ist, im Geistigen erscheint, nachdem er den 
physischen Leib abgelegt hat, den Elementen der Erde iibergeben hat. 
Nachdem er seinen Atherleib aufgenommen gesehen hat von der 
Athersphare, die mit unserer Erde verbunden ist, bleibt vom Men- 
scher* iibrig das Geistig-Seelische, Ich, astralischer Leib, dasjenige, was 
sich an Ich und astralischen Leib dann angliedert. Aber wenn man mit 
imaginativer Anschauung dieses durch des Todes Pforte Gegangene 
betrachtet, stellt es sich immer noch in einer Gestalt dar. Es ist die Ge- 
stalt, die die physische Materie, die der Mensch in sich tragt, zur ei- 
gentlichen Form bringt. Diese Form bleibt der robusten physischen 
Korperlichkeit gegeniiber wie ein Schattenbild, dem seelischen Emp- 
finden und Wahrnehmen gegeniiber aber von kraftigem, intensi- 
vem Eindruck. VerblaBt ist das Haupt des Menschen an dieser Gestalt 
fur den seelischen Eindruck; stark ist das Ubrige, das nach und nach 
dann beim Durchgang durch das Leben zwischen Tod und neuer Ge- 
burt sich verwandelt in das Haupt der nachsten Inkarnation. Aber et- 
was ist zu sagen iiber diese Gestalt, die da von der imaginativen An- 
schauung erblickt werden kann, nachdem der Mensch durch die Pforte 
des Todes gegangen ist: sie tragt einen gewissen physiognomischen 
Ausdruck. Sie ist ein getreues Abbild gewissermafien der Art und 
Weise, wie der Mensch hier im physischen Erdenleben gut oder bose 
war. Hier im physischen Erdenleben kann der Mensch verbergen, ob 
in seiner Seele das Bose oder das Gute wirkt. Nach dem Tode kann er 
das nicht verbergen. Schaut man auf die Geistgestalt, die geblieben ist 
nach dem Tode, so tragt diese den physiognomischen Ausdruck des- 
jenigen, was der Mensch auf der Erde war. 

Derjenige, der durch des Todes Pforte ein moralisch Boses mit der 
Seele verbunden tragt, der tragt einen physiognomischen Ausdruck, 
durch den er auBerlich, wenn ich so sagen darf, ahnlich wird den ahri- 
manischen Gestalten. Und es ist fur die erste Zeit nach dem Tode 



durchaus so, daB alles Empfinden und Wahrnehmen des Menschen ge- 
bunden ist an dasjenige, was der Mensch in sich nachbilden kann. 
Wenn der Mensch nun an sich selber die Physiognomie Ahrimans tragt 
dadurch, daB er das moralisch Bose in seiner Seele durch des Todes 
Pforte gefuhrt hat, dann kann er auch nur dasjenige, was Ahriman ahn- 
lich ist, nachbilden, das heiJfit wahrnehmen, und er ist gewissermaBen 
seelisch blind gegen diejenigen Menschenseelen, die mit guter Stim- 
mung, mit guter moralischer Stimmung durch des Todes Pforte hin- 
durchgegangen sind. Das gehort sogar zu dem scharfsten Gericht, in 
das der Mensch eingefuhrt wird, nachdem er den Durchgang gefunden 
hat durch des Todes Pforte, daB er, insofern er bose ist, nur seines- 
gleichen sehen kann, weil er nur das in sich nachbilden kann, was die 
Physiognomie von auch bosen Menschen ist. 

Nun kommt der Mensch, indem er durch des Todes Pforte getreten 
ist, in den Bereich des Mondes. Da gerat derjenige, der Boses durch des 
Todes Pforte tragt, in die Gegenwart von ubersinnlichen, iiberphysi- 
schen Wesenheiten, aber immer auch solchen, die ihm physiognomisch 
ahnlich sind, also in die Nahe von ahrimanischen Gestalten. Dieses 
Durchgehen durch eine ahrimanische Welt bei gewissen Menschen 
hat eine ganz bestimmte Bedeutung im ganzen Zusammenhange des 
Weltgeschehens. Und wir werden begreifen, was da eigentlich ge- 
schieht, wenn wir nun den eigentlichen Sinn der Hinauswanderung 
der urweisen Lehrer nach der Mondenkolonie des Kosmos ins Auge 
fassen. 

Sehen Sie, mit der ganzen Weltentwickelung sind ja auBer den We- 
senheiten der hoheren Hierarchien, die wir gewohnlich mit den Na- 
men Angeloi, Archangeloi und so weiter bezeichnen, durchaus auch 
diejenigen Wesenheiten verbunden, die in das ahrimanische und in das 
luziferische Reich gehoren; diese Wesenheiten wirken im ganzen Wel- 
tenzusammenhange so, wie die normal sich entfaltenden. Die luziferi- 
schen Wesenheiten wirken fortwahrend, indem sie dasjenige, was die 
Tendenz in sich tragt, zur physischen Materialitat vorzuschreiten, ab- 
bringen wollen von dem Vordringen zur physischen Materialitat. Im 
Bereiche des Menschen wirken die luziferischen Wesenheiten so, daB 
sie jede Gelegenheit beniitzen, um den Menschen hinwegzuheben von 



seiner physischen Korperlichkeit. Die luziferischen Wesenheitea ha- 
ben das Bestreben, aus dem Menschen ein rein geistig-seelisch-atheri- 
sches Wesen zu machen. Die ahrimanischen Gestalten haben das Be- 
streben, alles dasjenige von dem Menschen auszusondern, was ihn 
nach dem Seelisch-Geistigen, wie es nun einmal im Menschenreiche 
sich entwickeln muB, hintragt. Sie mochten das Untermenschliche, das- 
jenige, was in den Trieben, Instinkten und so weiter liegt, was sich in 
der Korperlichkeit ausdruckt, ins Geistige verwandeln. Ins Geistige 
den Menschen verwandeln, das ist der Trieb sowohl der luziferischen 
wie der ahrimanischen Wesenheiten. Nur daB die luziferischen das Gei- 
stig-Seelische aus dem Menschen herausziehen wollen, so daB sich der 
Mensch nicht mehr kiimmern wiirde um seine irdischen Verkorperun- 
gen, sondern als geistig-seelisches Wesen leben wollte. Die ahrimani- 
schen Wesenheiten mochten sich am liebsten gar nicht um das Geistig- 
Seelische des Menschen kiimmern, sondern dasjenige, was ihm als 
Hiille, als Kleid, als Werkzeug im Physischen und Atherischen gege- 
ben ist, das mochten sie loslosen und in ihre Welt hineinbringen. 

So steht der Mensch auf der einen Seite gegeniiber den Wesenheiten 
der normal sich entfaltenden Hierarchien, aber er steht, weil er einver- 
woben ist in das ganze, in das totale Dasein, auch gegeniiber den luzi- 
ferischen und ahrimanischen Gestalten. 

Und nun handelt es sich darum, daB ja jedesmal, wenn die luziferi- 
schen Gestalten Anstrengungen machen, an den Menschen heranzu- 
kommen, dies damit verbunden ist, daB der Mensch eigentlich erden- 
fremd und erdenfern gemacht werden soil; dagegen, wenn die ahrima- 
nischen Gestalten Anstrengungen machen, sich des Menschen zu be- 
machtigen, so mochten sie ihn immer irdischer und irdischer machen, 
obwohl sie die Erde in dichter geistiger Substanz und mit dichten gei- 
stigen Kraften eben auch vergeistigen wollen. 

Man muB, wenn man geistige Angelegenheiten bespricht, sich nun 
gewissermaBen solcher Ausdriicke bedienen, die vielleicht grotesk er- 
scheinen gegeniiber diesen geistigen Angelegenheiten. Aber wir miis- 
sen ja uns zunachst der Menschensprache bedienen. Daher gestatten 
Sie schon, meine lieben Freunde, daB ich fur etwas, was sich im rein 
Geistigen vollzieht, eben gewohnliche Menschenworte gebrauche. Sie 



werden mich ja verstehen. Sie werden hinaufheben das, was ich in die- 
ser Weise ausdriicke, in das Geistige. 

Gerade diejenigen Wesenheiten, die dem Menschen einstmals im 
Beginne des Erdendaseins als die groBen Lehrer die Urweisheit ge- 
bracht haben, die haben sich nach dem Monde aus dem Grunde zu- 
ruckgezogen, um, so weit es in ihrem Bereiche moglich ist, das Luzife- 
rische und das Ahrimanische in das richtige Verhaltnis zum Menschen- 
leben zu bringen. Warum war das notwendig? Warum muBte von sol- 
chen erhabenen Wesenheiten, wie diese Urlehrer waren, die Tat ge- 
wahlt werden, aus dem Irdischen, in dessen Bereich sie eine Zeitlang 
gewirkt hatten, herauszugehen, nach dem auBerirdischen Monde hin- 
zugehen, um das Luziferische und das Ahrimanische in das rechte Ver- 
haltnis zum Menschen der Moglichkeit nach zu bringen? 

Sehen Sie, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein als see- 
lisch-geistige Wesenheit heruntersteigt ins Irdische, so macht er ja je- 
nen Weg durch, den ich in dem Kursus iiber «Kosmologie, Religion 
und Philosophic » beschrieben habe. Er hat ein bestimmtes geistig-see- 
lisches Dasein; das verbindet er mit dem, was ihm in der reinen Verer- 
bungslinie durch Vater und Mutter gegeben wird, mit dem physisch- 
embryonalen Dasein. Die beiden, das Physisch-Embryonale und das 
Geistige, dringen ineinander, vereinigen sich mkeinander, und der 
Mensch kommt auf diese Weise in das Erdendasein herein. Aber in 
dem, was nun in der Vererbungslinie liegt, in dem, was von den Vor- 
fahren iibergeht an Vererbungsmerkmalen auf die Nachkommen, in 
dem ist dasjenige enthalten, was den ahrimanischen Wesenheiten ge- 
rade die Angriffspunkte auf die menschliche Natur gibt. In den Verer- 
bungskraften liegen die ahrimanischen Krafte. Und indem der Mensch 
in sich viel von diesen Vererbungsimpulsen tragt, hat er eine Korper- 
lichkeit, an die das Ich nicht gut herankann. Das ist sogar das Geheim- 
nis mancher menschlichen Wesenheiten, daB sie zu viel der Verer- 
bungsimpulse in sich tragen. Man nennt das heute «erblich belastet 
sein ». Das hat dann zur Folge, daB das Ich nicht voll in die Korperlich- 
keit hineindringen kann, daB das Ich nicht voll ausfiillen kann alle die 
einzelnen Organe der Korperlichkeit, und der Korper gewissermaBen 
eine Eigenwirkung entfaltet neben der Impulsivitat des Ich, die eigent- 



lich hineingehort in diese Korperlichkeit. So daB es den ahrimanischen 
Machten, indem sie ihre Anstrengungen machen, moglichst viel in die 
Vet erbung hineinzulegen, gelingt, das Ich nur lose sitzen zu machen in 
der menschlichen Wesenheit. Das ist das eine. 

Aber der Mensch unterliegt ja auch der Anpassung an die auBeren 
Verhaltnisse. Denken Sie nur, wie stark der Mensch der Anpassung an 
die auBeren Verhaltnisse unterliegt, indem Sie betrachten, was fur Ein- 
fliisse Klima und andere geographische Verhaltnisse auf den Menschen 
haben. Dieser EinfluB der reinen Naturumgebung ist ja von auBeror- 
dentlicher Bedeutung fiir den Menschen. Es gab sogar Zeiten, in de- 
nen dieser EinfluB der Naturumgebung in besonderer Weise durch die 
Leitung der weisen Fiihrer der Menschheit benutzt worden ist. 

Wenn wir zumBeispiel hinschauen auf etwas ganz Merkwurdiges im 
alten Griechentum, auf den Unterschied der Spartaner und Athener, 
so miissen wir sagen : dieser Unterschied der Spartaner und Athener, 
der eigentlich in unseren gebrauchlichen Geschichtshandbiichern in 
einer recht auBerlichen Weise geschildert wird, er beruht auf etwas, 
das zuriickgeht auf MaBnahmen alter Mysterien, die Verschiedenes 
wirkten fur die Spartaner und die Athener. 

In Griechenland gab man ja sehr viel auf Gymnastik. Die Gymnastik 
war das Hauptsachlichste in der Erziehung des Kindes, weil man auf 
dem Umwege durch die Korperlichkeit, indem man diese Korperlich- 
keit in einer bestimmten Weise lenkte und leitete, gerade in der grie- 
chischen Art auch auf das Geistig-Seelische wirkte. Aber in verschie- 
dener Art geschah das bei den Spartanern, in verschiedener Art bei den 
Athenern. Bei den Spartanern war es so, daB es vor alien Dingen dar- 
auf ankam, die Knaben so sich entwickeln zu lassen, daB sie durch ihre 
gymnastischen Ubungen moglichst dasjenige, was der Korper inner- 
lich arbeitet, auch voll nur durch den Korper sich erarbeiteten. Daher 
wurde der spartanische Knabe angehalten, unbesehen der Witterung 
seine gymnastischen Obungen zu machen. 

Anders war das bei den Athenern. Die Athener sahen viel darauf, 
daB die gymnastischen Obungen angepaBt wurden den Witterungsver- 
haltnissen; sie sahen viel darauf, daB der Knabe, der seine gymnasti- 
schen Obungen machte, dem Sonnenlichte in entsprechender Weise 



ausgesetzt wurde. Den Spartanern war es gleichgultig, ob bei Regen 
oder Sonnenschein die Ubungen durchgefuhrt wurden. Die Athener 
forderten, daB auf den Menschen Anregendes wirkte, insbesondere das 
Anregende der Sonnenwirkungen. 

Der spartanische Knabe wurde so behandelt, daB seine Haut gera- 
dezu dicht gemacht wurde, damit alles, was er an sich entwickelte, vom 
inneren Korperiichen kam. Der athenische Knabe wurde in bezug auf 
seine Haut nicht nur mit Sand und Ol bearbeitet, sondern er wurde 
ausgesetzt der Sonnenwirkung. 

Dadurch ist iibergegangen in den athenischen Knaben dasjenige, 
was von auBen, von den Sonnenwirkungen in den Menschen herein- 
kommen kann. Der athenische Knabe wurde angeregt, gesprachig zu 
werden, der athenische Knabe wurde angeregt, sich in schonen Wor- 
ten auszudriicken. Der spartanische Knabe wurde geradezu abgeschlos- 
sen durch alle moglichen Oleinreibungen, ja sogar durch Bearbeitung 
der Haut mit Sand und Ol, alles in sich zu entwickeln, es zu entwickeln 
unabhangig von der auBeren Natur. Dadurch wurde der spartanische 
Knabe dazu veranlafit, alles, was an Kraften die menschliche Natur 
entwickeln kann, in das Innere zu treiben, nicht es herauszubringen, 

Dadurch wurde er nicht gesprachig, wie der athenische Knabe; da- 
durch wurde er gerade dazu gebracht, mit Worten zu kargen, wenig 
auszusprechen, still zu sein. Und wenn er etwas aussprach, dann muBte 
es bedeutsam sein, dann mufite es Inhalt haben. Spartanische Redens- 
arten - nur wenige wurden ausgesprochen - waren bekannt durch ihr 
Inhaltsvolles, athenische Redensarten durch das Schone der Sprach- 
formungen. Das hing zusammen mit der Anpassung des Menschen an 
die Umgebung durch das entsprechende Erziehungssystem. 

Sie konnen das auch sonst sehenin demVerhaltnis, das sich herstellt 
zwischen dem Menschen und seiner Umgebung. Menschen des Siidens, 
an die iiberhaupt herantritt, was aufiere Sonnenwirkung ist, sie wer- 
den gebardenreich, sie werden auch gesprachig; es entwickelt sich bei 
ihnen eine Sprache, die Wohlklang hat, weil sie in ihrer Warme-Ent- 
wickelung mit der auBeren Warme-Entwickelung zusammenhangen. 

Menschen des Nordens, sie entwickeln sich so, daB sie nicht gespra- 
chig werden, weil sie im Innern die Korperwarme als Impulse bei sich 



behalten mussen. Sehen Sie sich Menschen des Nordens an. Sie sind 
bekannt durch ihr Schweigen; sie sitzen ganze Abende miteinander zu- 
sammen, ohne daB sie sich gedrangt fuhlen, viele Worte zu machen. 
Der eine fragt; der andete antwortet ihm mit einem Nein oder Ja nach 
zwei Stunden oder erst am nachsten Abend. Das hangt durchaus damit 
zusammen, daB diese Menschen des Nordens genotigt sind, starkere 
innere Impulse fur die Erzeugung des Warmehaften in sich zu haben, 
weil das Warmehafte nicht von auBen an sie herandringt. 

Da haben wir dasjenige, was man Anpassung des Menschen an die 
auBeren Verhaltnisse schon im Naturhaften nennen kann. Sehen Sie 
dann, wie das alles in der Erziehung, im sonstigen geistig-seelischen Le- 
ben wirkt. Gerade wie auf dasjenige, was in der Vererbung liegt, die 
ahrimanischen Wesenheiten ihren wesentlichen EinfluB haben, so ha- 
ben auf dasjenige, was Anpassung ist, die luziferischenWesenheitenihren 
wesentlichen EinfluB. Da konnen sie an den Menschen heran, wenn 
der Mensch seine Beziehungen zur AuBenwelt herstellt. Sie verstricken 
das menschliche Ich in die AuBenwelt. Dadurch aber bringen sie dieses 
Ich oftmals in eine Verwirrung gegenuber dem Karma hinein. 

Wahrend also die ahrimanischen Wesenheiten den Menschen in eine 
Verwirrung hineinbringen in bezug auf sein Ich gegenuber seinen phy- 
sischen Impulsen, bringen ihn die luziferischen Wesenheiten in eine 
Verwirrung hinein gegenuber seinem Karma. Denn dasjenige, was da 
von der AuBenwelt kommt, liegt durchaus nicht immer im Karma, son- 
dern muB erst ins Karma durch mancherlei Faden und Verbindungen 
hineingefugt werden, damit es in der Zukunft einmal im Karma lie- 
gen kann. 

So hangt mit dem menschlichen Leben das Ahrimanische, das Luzi- 
ferische intim zusammen. Das muB geregelt werden; es muB geregelt 
werden in der Gesamtentwickelung des Menschen. Daher war es not- 
wendig geworden, daB diese urweisen Lehrer der Menschheit von der 
Erde, auf der sie diese Regelung nicht hatten vornehmen konnen, weil 
sie nicht wahrend des menschlichen Erdenlebens vorgenommen wer- 
den kann, und der Mensch auBerhalb des Erdenlebens eben nicht auf 
der Erde ist - deshalb war es notwendig, daB diese urweisen Lehrer 
der Menschheit von der Erde weggehen muBten, auf dem Monde ihr 



Dasein weiterfanden. Denn jetzt, nachdem sie nach dem Monde gezo- 
gen waren - und hier komme ich dazu, eben die Menschensprache ge- 
brauchen zu miissen fur etwas, was man eigentlich in andere Wortbil- 
der kleiden mochte, - kamen diese Wesenheiten, also diese urweisen 
Lehrer, dazu, wahrend ihres Mondendaseins Vertrage zu suchen mit 
den ahrimanischen und mit den luziferischen Machten. Und dem Men- 
schen ware besonders schadlich das Auftreten der ahrimanischen 
Machte in seinem Dasein nach dem Tode; wenn diese ahrimanischen 
Wesenheiten da wirklich auf ihn einen EinfluB nehmen konnten. Denn 
sehen Sie, wenn da der Mensch durch des Todes Pforte geht und ir- 
gend etwas Boses in den Nachwirkungen in seiner Seele tragt, so be- 
findet er sich ja, wie ich Ihnen gesagt habe, ganz in ahrimanischer Um- 
gebung, ja sogar in ahrimanischen Anschauungen. Er selber hat eine 
ahrimanische Physiognomic Er hat nur eine Wahrnehmung fur dieje- 
nigen menschlichen Wesenheiten, die auch eine ahrimanische Physio- 
gnomic an sich tragen. Das muB so bleiben, daB es bloB seelisches Erle- 
ben des Menschen ist. Konnte Ahriman jetzt eingreifen, konnte er den 
astralischen Leib beeinflussen, dann wiirde dies eine Kraft werden, die 
da Ahriman in den Menschen hineinimpulsieren konnte, die nicht nur 
nach und nach karmisch sich ausgleichen wiirde, sondern die den Men- 
schen ganz nahe verwandt der Erde machen wiirde, die den Menschen 
in zu starken Zusammenhang mit dem Irdischen bringen wiirde. Das 
streben auch die ahrimanischen Machte an. Sie mochten bei denjenigen 
menschlichen Wesen, bei denen es anginge, durch das, was sie an bo- 
sen Impulsen durch die Pforte des Todes tragen, nach dem Tode ein- 
setzen, wo der Mensch noch in seiner Geistgestalt ahnlich ist der irdi- 
schen Gestalt. Da mochten sie diese Geistgestalt mit Kraften durch- 
dringen, moglichst viele solche Wesenheiten nahe ans Erdendasein 
heranziehen und sozusagen eine ahrimanische Erdenmenschheit be- 
griinden. 

Deshalb haben die urweisen Lehrer der Menschheit, die jetzigen Be- 
wohner des Mondes, einen Vertrag geschlossen mit den ahrimanischen 
Machten, der von den ahrimanischen Machten eingegangen werden 
muBte aus Griinden, die ich noch spater auseinandersetzen werde, einen 
Vertrag, daG sie in vollem Sinne des Wortes, so weit es nur moglich 



ist, den ahrimanischen Machten einen EinfluB auf das menschliche Le- 
ben iiberlassen, bevor der Mensch zum irdischen Dasein herunter- 
steigt. Wenn der Mensch also im Heruntersteigen zum irdischen Da- 
sein wiederum die Mondensphare passiert, dann diirfen nach den Ab- 
machungen zwischen den urweisen Lehrern der Menschheit und den 
ahrimanischen Machten diese Machte auf den Menschen einen be- 
stimmten EinfluB haben. Und dieser EinfluB auBert sich eben darin, 
daB die Vererbung moglich geworden ist. Dagegen muBten, nachdem 
ihnen dieses Vererbungsgebiet gewissermaBen durch die Bemiihungen 
der urweisen Lehrer der Menschheit zugewiesen worden war, die ahri- 
manischen Wesenheiten verzichten auf dasjenige, was in der mensch- 
lichen Entwickelung nach dem Tode lebt. 

Umgekehrt wiederum ist ein Vertrag zustande gekommen mit den 
luziferischen Wesenheiten, daB diese luziferischen Wesenheiten nur 
einen EinfluB haben diirfen auf den Menschen, wenn er durch des To- 
des Pforte gegangen ist, und nicht, bevor er heruntersteigt zum irdi- 
schen Dasein. 

Dadurch kam eine Regelung in die auBerirdischen Einfliisse des Ahri- 
manischen und des Luziferischen gerade durch die groBen urweisen 
Lehrer der Menschheit zustande. Aber wir haben ja schon gesehen und 
brauchen uns die Sache nur zu iiberlegen, so tritt es gleich zutage : da 
wird der Mensch an die Natur herangefuhrt. Dadurch, daB die ahrima- 
nischen Wesenheiten auf ihn wirken konnen vor dem Heruntersteigen 
auf die Erde, wird der Mensch ausgesetzt den Einwirkungen der Ver- 
erbungsimpulse. Dadurch, daB die luziferischen Wesenheiten auf ihn 
wirken konnen, wird der Mensch ausgesetzt denjenigen Impulsen, die 
in der physischen Umgebung liegen, im Klima und dergleichen, auch 
in der geistig-seelisch-sozialen Umgebung durch Erziehung, Leben 
und so weiter. Der Mensch kommt also mit seiner Naturumgebung in 
ein Verhaltnis, und in diese Naturumgebung kann hineinwirken das 
Ahrimanische und das Luziferische. 

Nun mochte ich von einer ganz anderen Seiteher iiber das Dasein die- 
ser ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten gerade auch in der 
Naturumgebung sprechen. Ich habe bei der Besprechung des Michael- 
problemes schon auf die Dinge hingewiesen. Jetzt will ich es noch ge- 



nauer machen. Stellen Sie sich einmal vor jenen Wechsel in der uns 
umgebenden Natur, der dadurch eintritt, daB wir vor aufsteigenden 
Nebeln stehen konnen. Die waBrigen Dunste der Erde steigen auf. 
Wir leben vielleicht sogar innerhalb der Atmosphare, die erfullt ist von 
diesem Aufsteigen der waBrigen Dunste der Erde. In diesem Aufstei- 
gen der waBrigen Dunste der Erde entdeckt derjenige, der es zum gei- 
stigen Schauen gebracht hat, daB in dieser Naturerscheinung etwas le- 
ben kann, was Irdisches in zentrifugaler Richtung nach aufwarts tragt, 
hinauftragt. 

Sehen Sie, nicht umsonst werden Menschen leicht melancholisch, 
wenn sie im Nebel leben, denn es ist etwas im Erleben des Nebeligen, 
was unseren Willen belastet. Wir erfahren Belastung des Willens im 
Nebeligen. 

Nun kann man unter anderen Obungen seine Imaginationen so her- 
stellen, daB man von sich aus seinen Willen belastet. Man kann das 
durch Ubungen machen, die darin bestehen, daB man durch innerliche 
Konzentration auf bestimmte korperliche Organe, Muskeln nament- 
lich, eine Art inneren Muskelgefiihls, Muskelspiirens hervorruft. Wenn 
man so den Willen belastet, indem man dieses innerliche Muskelspuren 
hervorruft - es ist etwas anderes, wenn man geht und man spurt den 
Muskel, als wenn man durch Konzentration beim Stehen die Muskeln 
spannt wenn das eine standige Ubung wird, wenn es so gemacht 
wird, wie andere Cbungen, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten? » beschrieben habe, dann belastet man den Willen 
durch seine eigene Tatigkeit. Und dann wird man ansichtig desjenigen, 
was im aufsteigenden Nebel vorhanden ist, was im aufsteigenden Ne- 
bel einen moros und melancholisch machen kann, dann wird man an- 
sichtig, geistig-seelisch ansichtig, wie im aufsteigenden Nebel gewisse 
ahrimanische Geister leben. So daB man mit Geist-Erkenntnis sagen 
muB : im aufsteigenden Nebel erheben sich von der Erde in den Wel- 
tenraum hinaus ahrimanische Geister, die da auf diese Art ihr Dasein 
weiten in bezug auf das Irdische. 

Wieder etwas anderes ist es, wenn man - wozu man ja gerade hier 
am Goetheanum so viel schone Gelegenheit hat - den Blick des Abends 
oder des Morgens wendet in die Weiten und sieht in den Weiten die 




Wolken, aber lagernd iiber diesen Wolken das Sonnenlicht. Vor einigen 
Tagen konnten Sie hier sehen, so in den spateren Nachmittagsstunden, 
wie geradesu eine Art roten Sonnengoldes in Wolken sich verkorperte 
und die verschiedensten Gestaltungen in einer ganz wunderbaren Art 
hervorrief. Es war derselbe Abend, an dem dann der Mond von einer 
besonderen Intensitat seines Scheinens war. Aber auch sonst konnen 
Sie sehen, wie die Wolken dastehen und iiber den Wolken sich lagert, 
man mochte sagen, das Leuchten in einem wunderbar erglanzenden 
Farbenspiel. Natiirlich kann man es uberall sehen, aber ich weise eben 
auf das hin, was gerade hier inDornach besonders schon gesehen wer- 
den kann. 

In dem, was in der Atmosphare sich an flotendem Lichte iiber die 
Wolken hinlagert, da leben nun ebenso die lufciferischenGeister, wie im 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:232 Seite:37 



aufsteigenden Nebel die ahrimanischen Geister. Und im Grunde ge- 
nommen ist es fur denjenigen, der nun in der richtigen Weise bewufit 
mit Imagination so etwas anschauen kann, so, daB er, wenn es ihm ge- 
lingt, das gewohnliche Denken mitgehen zu lassen mit den die Gestal- 
ten und Farben verwandelnden Wolken, wenn er sozusagen seinen 
Gedanken die Moglichkeit gibt, statt scharfe Umrisse zu haben, sich zu 
metamorphosieren, sich zu wandeln, wenn die Gedanken selber so 
weit und wieder eng werden, wenn sie mitgehen mit den Wolkenge- 
bilden, wenn sie Gestalt und Farben der Wolkenbildungen mitma- 
chen : dann ist es so, daB der Mensch wirklich beginnt, dieses Farben- 
spiel uber den Wolken, insbesondere des Abend- und Morgenhim- 
mels, anzusehen wie ein Farbenmeer, in dem sich luziferische Gestalten 
bewegen. Und wenn beim Menschen durch den aufsteigenden Nebel 
Stimmungen der Melancholie angeregt werden, dann ist es hier so, daB 
seine Gedanken, damit aber auch sein Gemiit gewissermaBen in einer 
ubermenschlichen Freiheit atmen lernen beim Anblicke dieses luzife- 
risch flutenden Lichtmeeres. Das ist eine besondere Beziehung, die der 
Mensch zu der Umgebung eingehen kann, denn da kann er tatsachlich 
bis zu dem Gefuhle sich aufschwingen, daB sein Denken ist wie ein 
Atmen im Lichte. Der Mensch fuhlt das Denken wie ein Atmen, aber 
wie ein Atmen im Lichte. Gerade wenn Sie dies durchmachen wollen, 
werden Sie besser verstehen die eine Stelle in meinen Mysteriendra- 
men, wo gesprochen wird von den Wesen, die Licht atmen diirfen. 
Der Mensch kann schon ein Vorgefuhl bekommen von dem, was sol- 
che Wesen sind als Atmungswesen des Lichtes, wenn er so etwas, wie 
ich es beschrieben habe, durchmacht. 

So flnden wir, wie das Ahrimanische und Luziferische auch einge- 
gliedert ist den Erscheinungen der auBeren Natur. Und wenn wir auf 
die Vererbung und auf die Anpassungserscheinungen in der Menschen- 
wesenheit hinschauen, so tragt in ihnen der Mensch sein geistig-seeli- 
sches Wesen an die Natur heran. Wenn wir solche Naturerscheinungen 
betrachten, wie den aufsteigenden Nebeldunst und die Wolken, uber- 
zogen von flutendem Lichte, dann sehen wir, wie ahrimanische und 
luziferische Wesenheiten mit dem Naturhaften sich verbinden. Aber 
das Herankommen des menschlichen Geistig-Seelischen in Vererbung 



und Anpassung an die Natur ist ja, wie ich Ihnen gezeigt habe heute, 
auch nut ein Herankommen an das Luziferische und Ahrimanische. 
Und so finden wir im Menschen, wenn wir auf sein Naturhaftes hin- 
schauen, das Luziferische und Ahrimanische, und wir finden in denje- 
nigen Naturerscheinungen, die etwas in sich tragen, was den Physiker 
nichts anzugehen braucht, wiederum das Luziferische und Ahrimani- 
sche, Und sehen Sie, das ist der Punkt, wo wir hingefuhrt werden kon- 
nen zu einer iiber das irdische Dasein hinausgehenden Wirkung des 
Naturhaften auf den Menschen. 

Halten wir zunachst heute das fest : wir finden Ahriman und Luzifer 
in der menschKchen Vererbung und in der menschlichen Anpassung. 
Wir finden Ahriman und Luzifer im aufsteigenden Nebel und in dem 
auf die Wolken herabflutenden und von ihnen aufgehaltenen, aufge- 
fangenen Lichte. Und wir finden im Menschen ein Streben, Ausgleich, 
Rhythmus zu schafFen zwischen Vererbung und Anpassung. Wir fin- 
den aber auch in der Natur drauBen das Bestreben, Rhythmus zu schaf- 
fen zwischen den beiden Gewalten, die ich jetzt im Naturhaften als die 
ahrimanischen und luziferischen aufgezeigt habe. 

Verfolgen Sie den ganzen Hergang im Naturhaften drauBen, so ha- 
ben Sie im Grunde ein wunderbares Schauspiel. Verfolgen Sie den auf- 
steigenden Nebel, verfolgen Sie darinnen, wie ahrimanische Geister in 
diesem aufsteigenden Nebel hinausstreben in die Weltenweiten. In 
dem Augenblicke, wo der aufsteigende Nebel oben sich zur Wolke 
balk, mussen sie absehen von ihren Bestrebungen, mussen wieder- 
um zuriick auf die Erde. In der Wolke findet das anmafiende Aufwarts- 
streben Ahrimans seine Grenzen. In der Wolke hort das Nebelhafte 
auf, damit aber auch das Heimische des Ahriman fur das Nebelhafte. 
In der Wolke aber beginnt die Moglichkeit, daB sich das Lichthafte 
iiber die Wolke oben lagert: Luzifer, oben iiber die Wolken gelagert. 

Fassen Sie das in seiner vollen Bedeutung. Fassen Sie den aufsteigen- 
den Nebel mit den gelbfahlen Ahrimangestalten, in sich zu Wolken 
geballt; in demjenigen, was sich als das flutende Licht iiber der Wolke 
bildet, die luziferischen Gestalten nach abwarts strebend, dann haben 
Sie in die Natur hineingezeichnet das Ahrimanische und das Luziferi- 
sche, 



Und dann werden Sie auch begreifen, daB Zeiten, in denen man ein 
Gefiihl hatte fur dasjenige, was jenseits der Schwelle Uegt, fur das, was 
webt und lebt in der Leuchte-Wolke, was lebt und webt in dem sich 
auf ballenden Nebel, daB in diesen Zeiten zum Beispiel die Maler in 
einer ganz anderen Lage waren als spater. Da trug fiir sie auch das, was 
sie als das Geistige kannten, die Farbe, damit diese Farbe hinkam an ihre 
rechte Stelle auf die Leinwand. Der Dichter konnte sagen, indem er 
sich bewuBt war, daB die Gottlichkeit, die Geistigkeit in ihm sprach: 
« Singe, o Muse, vom Zorn des Peleiden Achilles » oder: « Singe mir, 
o Muse, vom Manne, dem Vielgereisten»; so beginnen die Homeri- 
schen Dichtungen. Klopstock hat dann, da damals nicht mehr rege 
war der Sinn fiir das Gottlich-Geistige, an die Stelle gesetzt: « Singe, 
unsterbliche Seele, der siindigen Menschen Erlosung » ; ich habe das ofter 
besprochen. So wie das der Dichter in alten Zeiten gesagt hatte - er 
konnte das in Worte kleiden und seine Dichtungen damit beginnen -, 
so hatten aber auch die alten Maler, selbst noch diejenigen der Leonar- 
do- und RafTael-Zek sagen konnen und haben es auch empfunden in 
ihrer Art : Male mir, o Muse, male mir, o gottliche Kraft, trage mir die 
Hande, trage mir die Seele in die Hande, damit du in meinen Handen 
den Pinsel fuhren kannst. 

Es handelt sich wirklich darum, daB man dieses Verbundensein des 
Menschen mit dem Geistigen in alien Lebenslagen begreift, und am 
meisten eben in den wichtigsten Lebenslagen. 

Das halten wir also fest, daB wir auf der einen Seite in derVerer- 
bung und Anpassung das Menschliche selbst an das Ahrimanische und 
Luziferische heranbringen, daB wir aber auch in einem Durchschauen 
der Natur das Luziferische und Ahrimanische an die auBere Natur her- 
anbringen konnen. Dann fahren wir morgen in unseren Betrachtungen 
von diesem Gesichtspunkte aus fort. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 25. November 1923 



Ich sprach Ihnen davon, wie der Mensch in seinem Leben demjenigen 
unterliegt, was man gewohnt ist von naturwissenschaftlicher Seite her 
Vererbung zu nennen. Ich sprach Ihnen ferner davon, wie der Mensch 
den Wirkungen der AuBeftwelt, der Anpassung an die AuBenwelt un- 
terliegt, und wie alles, was in der Vererbung beschlossen ist, mit dem 
Ahrimanischen zusammenhangt und das, was Anpassung an die au- 
Bere Welt im weitesten Sinne ist, mit dem Luziferischen. Ich sagte Ih- 
nen aber auch, wie im Weltenall, das heifit ihnerhalb der geistigen We- 
senhaftigkeiten, die dem Weltenall zugrunde liegen, dafur gesorgt ist, 
daft in richtiger Art das Luziferische und das Ahrimanische sich einrei- 
hen konnen in das menschliche Leben. Fiigen wir zu dem, was gesagt 
worden ist, noch einiges heute hinzu, indem wir das vorgestern Aus- 
einandergesetzte noch einmal ins Auge fassen. 

Wir haben daran gedacht, wie die Erinnerung, alles Gedachtnisma- 
jSige, als ein innerlich Seelisches den Menschen gestaltet. Wir sind ja als 
seelisches Wesen wirklich viel mehr, als wir denken, von unseren Erin- 
nerungen gebildet. Die Art und Weise, wie unsere Erlebnisse Erinne- 
rungen geworden sind, das hat e'igentlich unsere Seele gestaltet; mehr 
als man denkt, ist man ein Ergebnis des Erinnerungslebens. Und wer 
nur einigermaBen Selbstbeobachtung so weit uben kann, daB er auf 
das Erinnerungsleben einzugehen vermag, der wird sehen, eine wie 
groBe Rolle durch das ganze Erdenleben hindurch namentlich die Ein- 
drucke der Kindheit spielen. Die Art und Weise, wie wir gerade dieje- 
nige Kindheit verbracht haben, die dann gar keine groBe Rolle im be- 
wuBten Leben spielt, die Zeit, wahrend welcher wir sprechen gelernt 
haben, gehen gelernt haben, wahrend welcher wir die ersten Zahne, 
die vererbten Zahne bekommen haben, die Eindnicke wahrend all die- 
ser Entwickelungsmomente, die spielen durch das ganze Erdenleben 
hindurch eine groBe Rolle im menschlichen Seelenleben. Und manches 
von dem, was, ich mochte sagen charakterologisch betont, innerlich 
aufstoBt an Gedanken, die mit Erinnerungen zusammenhangen - und 



alles, was wir nicht gerade unter auBeren Eindriicken in unseren Ge- 
danken fassen, hangt ja mit Erinnerungen zusammen- alles, was in die- 
ser Weise aufstoBt, uns innerlich freudig, uns innerlich schmerzlich 
beriihrt, - es sind ja gewohnlich leise Nuancen von Freude und 
Schmerz,diedabegleiten die frei aufsteigendenGedanken-all das, was 
an Erinnerungsleben in uns ist, das tragt ja unser astralischer Leib auch 
mit hinaus, wenn wir in den Schlafzustand iibergehen. Und wenn man 
nun mit imaginativem Schauen den Menschen als seelisch-geistiges 
Wesen im Schlafe ins Auge faBt, so stellt sich ja die Sache in der folgen- 
Tafei 4 den Art dar. Da kann man schon sagen: Wenn Sie, schematisch ge- 
rechts zeichnet, das als die menschliche Haut auffassen und sich vorstellen, 
daB innerhalb der menschlichen Haut der Atherleib bleibt beim Schla- 
fen und der physische Leib, und auBerhalb der astralische Leib zu- 
nachst ist - das Ich werde ich spater dazu zeichnen - und man beobachtet 
das gewissermaBen, indem man sich ihm gegenuberstellt, dann sieht 
man den astralischen Leib eigentlich aus den Erinnerungen bestehend. 
Nur sieht man, wie diese Erinnerungen, die im astralischen Leib da 
auBerhalb des Menschen leben, durcheinander gewirbelt werden, 
mochte ich sagen. Es werden Erlebnisse, die der Zeit nach weit aus- 
einanderliegen, die dem Raume nach weit auseinanderliegen, zusam- 
mengestellt; aus gewissen Erlebnissen wird manches ausgeschieden, 
so daB das ganze Erinnerungsleben wahrend des Schlafes umgestal- 
tet wird. Und wenn dann der Mensch traumt, so traumt er eben da- 
durch, daB ihm dieses umgewandelte Erinnerungsleben vor das Be- 
wuBtsein tritt. Und gerade an der BeschafFenheit des Traumes kann 
man jenes Durcheinanderwirbeln wahrnehmen, innerlich wahrneh- 
men, was von auBen gesehen die imaginative Clairevoyance anschauen 
kann. 

Aber dabei stellt sich noch ein anderes ein. Dasjenige, was da als Er- 
innerungen figiiriert vom Einschlafen bis zum Aufwachen, was also 
den hauptsachlichsten Inhalt des menschlichen astralischen Seelenle- 
bens ausmacht, das vereinigt sich wahrend des Schlafes mit den Kraf- 
ten, die hinter den Naturerscheinungen sind. So daB man sagen kann : 
Das alles, was da als astralischer Leib in den Erinnerungen lebt, geht 
eine Verbindung ein mit den Kraften, die hinter den Mineralien, ei- 



gentlich im Innern der Mineralien, im Innern der Pflanzen, hinter den 
Wolkenerscheinungen und so weiter sind. 

Wer diese Tatsache durchschaut, fur den ist es eigentlich, ich mochte 
sagen entsetzlich, wenn nun die Leute kommen und sagen : Hinter den 
Naturerscheinungen sind materielle Atome. Ja, mit diesen materiellen 
Atomen vereinigen sich unsere Erinnerungen wahrend des Schlafes 
nicht; aber mit dem, was wirklich hinter den Naturerscheinungen ist, 
mit den geistig wirksamen Kraften, vereinigen sich unsere Erinne- 
rungen wahrend des Schlafens; da drinnen ruhen unsere Erinnerungen 
wahrend des Schlafens. 

So daft wir wirklich sagen konnen: Unsere Seele taucht unter ins 
Innere der Natur mit ihren Erinnerungen wahrend des Schlafens. Und 
Sie sagen nichts Unwahres, nichts Unwirkliches, meine lieben Freun- 
de, wenn Sie folgendes aussprechen, wenn Sie aussprechen: Wenn ich 
einschlafe, da ubergebe ich meine Erinnerungen den Machten, die im 
Kristall, die in den Pflanzen, die in alien Naturerscheinungen geistig 
walten. 

Ja, Sie konnen einen Spaziergang machen, am Wegesrand sehen die 
gelben Bliiten, die blauen Bluten, das grune Gras, die glanzende ver- 
sprechende Ahre, und Sie sagen : Indem ich so wahrend des Tages an 
euch voriibergehe, sehe ich euch von auBen; in euer eigenes geistiges 
Innere werde ich versenken, wahrend ich schlafe, meine Erinnerun- 
gen. Ihr nehmt auf dasjenige, was ich wahrend des Lebens aus mei- 
nen Erlebnissen heraus in Erinnerungen umgewandelt habe, ihr nehmt 
auf diese Erinnerungen, wenn ich schlafe. - Und es ist vielleicht doch 
das schonste Naturgefuhl, zum Rosenstrauch nicht nur ein auBerliches 
Verhaltnis zu haben, sondern sich zu sagen : Ich liebe den Rosenstrauch 
besonders aus dem Grunde, weil der Rosenstrauch die Eigentiimlich- 
keit hat - Raumliches spielt ja dabei keine Rolle, die Rose mag noch so 
weit entfernt sein, wir finden schon im Schlafe unseren Weg zu ihr 
weil der Rosenstrauch die besondere Eigentumlichkeit hat, gerade un- 
sere ersten Kindheitserinnerungen aufzunehmen. Die Menschen lieben 
die Rose aus dem Grunde - sie wissen es nur nicht -, weil die Rosen 
die allerersten Kindheitserinnerungen aufnehmen. 

Mit uns waren, wahrend wir Kind waren, andere Menschen liebe- 



voll; sie haben uns oftmals zum Lacheln gebracht. Das haben wir ver- 
gessen. Aber wir tragen es in unserer Gemiitsstimmung in uns. Und 
der Rosenstrauch nimmt die Erinnerung, die wir selber vergessen ha- 
ben, wahrend des nachtlichen Schlafes in sein eigenes Inneres auf. Der 
Mensch ist eben mehr als er glaubt mit der naturlichen AuBenwelt, das 
heifit mit dem Geist, der in der natiirlichen AuBenwelt waltet, verbun- 
den. Und dieses Erinnern an die ersten Kindheitsjahre, das ist beson- 
ders noch dadurch hochst merkwurdig mit Bezug auf das menschliche 
Schlafen, weil aus den ersten Kindheitsjahren und aus den Jahren bis 
zum Zahnwechsel hin, bis zum siebenten Lebensjahr ungefahr, ei- 
gentlich wahrend des Schlafes nur das Seelische aufgenommen wird. 
Wir haben wirklich das in uns als Menschen, daB das Geistige, das 
Innere der Natur von unserer Kindheit im Grunde gerade das Seeli- 
sche aufnimmt. Es gilt naturlich auch anderes : jenes Seelische, das wir 
entwickelt haben wahrend der ersten Kindheit, indem wir zum Bei- 
spiel grausam waren, das steckt auch in uns ; das nimmt aber die Distel 
auf. Naturlich ist das alles vergleichsweise gesprochen. Aber es deutet 
auf eine bedeutsame Realitat durchaus hin. Was vom Kinde nicht in 
das Innere der Natur aufgenommen wird, das wird uns gleich aus fol- 
gendem hervorgehen. 

Sehen Sie, in den ersten sieben Lebensjahren ist eigentlich alles Kor- 
perliche vererbt. Die ersten Zahne sind ja durchaus vererbte Zahne, 
weil iiberhaupt alles Materielle, das wir in uns tragen in den ersten sie- 
ben Lebensjahren, im wesentlichen Vererbtes ist. Aber nach ungefahr 
sieben Lebensjahren wird ja die ganze materielle Substanz ausgesto- 
Ben, fallt ab, wird neu gebildet. Der Mensch bleibt als Form, als Geist- 
gestalt. Sein Materielles stoBt er jeweils aus; nach sieben bis acht Jah- 
ren ist alles weg, was vor sieben bis acht Jahren da war. Und so ist es, 
daB, wenn wir neun Jahre alt geworden sind, wir unseren ganzen 
Menschen erneuert haben. Wir bilden dann unseren Menschen nach 
den auBeren Eindriicken. 

Und in der Tat, es ist sehr wichtig, gerade fur das Kind in den ersten 
Lebensepochen, daB es in die Lage kommt, seinen neuen Korper, jetzt 
nicht den vererbten Korper, sondern den aus dem Innern heraus gebil- 
deten Korper, nach guten Eindriicken der Umgebung, nach einer gu- 



ten Anpassung bilden zu konnen. Wahrend der Korper, den das Kind 
hat, wenn es zur Welt kommt, davon abhangt, ob ihm die vererbten 
Impulse in guter oder weniger guter Weise mitgegeben werden, hangt 
der spatere Korper, den es an sich tragt vom siebenten bis vierzehnten 
Lebensjahr, ganz stark von den Eindrucken ab, die das Kind aus seiner 
Umgebung aufnimmt. Jeweils nach sieben Jahren bilden wir unseren 
Korper neu. 

Ja, aber sehen Sie, das ist das Ich, das da bildet. Wenn auch das Ich 
noch nicht einmal fur die AuBenwelt geboren ist beim Kinde mit dem 
siebenten Jahre - es wird ja erst spater geboren -, so wirkt es dennoch, 
denn es ist naturlich verbunden mit dem Korper, und es ist das Ich, das 
da bildet. Und es bildet dasjenige, wovon ich gesprochen habe; es bil- 
det das, was dann als Physiognomie und als Geste, als die auBere ma- 
terielle Offenbarung des Seelisch-Geistigen beim Menschen heraus- 
kommt. Es ist ja uberhaupt so, daB derjenige Mensch, der regsamen 
Anteil an der Welt hat, der sich fur vieles interessiert, und dieses, 
woran er regsamen Anteil hat, innerlich auch regsam verarbeitet, daB 
ein solcher Mensch in seinem auBeren Gesichtsausdrucke, in seinen 
Gesten materiell wieder das offenbart, was er da mit Interesse auf- 
nimmt, was er mit Interesse innerlich verarbeitet. Bei dem Menschen, 
der regsamstes Interesse an der AuBenwelt hat, der regsam dieses In- 
teresse an der AuBenwelt innerlich verarbeitet, bei dem wird man an 
jeder Runzel im Gesichte im spateren Lebensalter sehen, wie er sich 
diese selbst geformt hat, und man wird viel lesen konnen, weil das Ich 
in der Geste, in der Physiognomie, im Ausdruck zum Vorscheine 
kommt. Bei einem Menschen, der blasiert oder interessenlos an der 
AuBenwelt vorbeigeht, bei dem bleibt das ganze Leben hindurch das 
Gesicht mit demselben Ausdruck. Es pragen sich nicht die feineren 
Erlebnisse in Physiognomie und Geste ein. In manchem Gesichte kann 
man eine ganze Biographie lesen; in manchem kann man nicht viel 
mehr lesen, als daB der Mensch einmal Kind gewesen ist, was ja nichts 
Besonderes ist. 

Das bedeutet aber auBerordentlich viel, daB der Mensch also durch 
den Austausch des Materiellen nach jeweils sieben bis acht Jahren aus 
seiner Form heraus sein Aussehen erarbeitet. Das bedeutet sehr viel, 



dieses Arbeiten des Menschen an seinem AuBeren, an Physiognomie 
und Geste; das ist wiederum etwas, was der Mensch im Schlafe hinein- 
tragt ins Innere der Natur. 

Und wiederum, wenn man mit imaginativem Hellsehen hinschaut 
auf den Menschen und nun das Ich betrachtet, wie es drauBen schlafend 
ist, so ist dieses Ich eigentlich bestehend aus Physiognomie und Geste. 
Es ist daher gerade bei denjenigen Menschen, die viel von ihrem Inne- 
ren in ihren Gesichtsausdruck oder in ihre Geste zu legen vermogen, 
ein glanzendes, ein strahlendes Ich da. Und dieses Erarbeiten der Ge- 
ste, der Physiognomie verbindet sich wiederum mit gewissen Kraften 
im Innern der Natur. Und es ist schon so : wenn wir in der Lage waren, 
oftmals im Leben freundlich zu sein, liebenswiirdig zu sein, dann ist 
die Natur geneigt, sobald das Liebenswiirdigsein Gesichtsausdruck 
geworden ist, dies wahrend unseres Schlafes in ihr Wesenhaftes aufzu- 
nehmen. Unsere Erinnerungen nimmt sie auf in ihre Krafte, unsere 
Gestenbildung nimmt sie auf in ihr Wesenhaftes, in die Naturwesen 
selber. So innig ist der Mensch im Zusammenhange mit der auBeren 
Natur, daB es fur die auBere Natur eine ungeheure Bedeutung hat, was 
er in seinem Innern seelisch als Erinnerungen erlebt, wie er sein innere s 
Seelisches in Geste, in Physiognomie zum Ausdrucke bringt. Denn das 
lebt im Innern der Natur weiter. 

Sehen Sie, ich habe im Abstrakten oftmals angefuhrt den Goethe- 
schen Spruch, der eigentlich eine Kritik eines Spruches von Haller ist. 
Haller hat das Wort gepragt : «Ins Innre der Natur dringt kein erschaff- 
ner Geist. Gliickselig, wem sie nur die auBre Schale weist.» Goethe 
sagt darauf: O du Philister! Ort fur Ort sind wir im Innern. Nichts ist 
drinnen, nichts ist drauBen; was drinnen ist, ist drauBen, was drauBen 
ist, ist drinnen - meint Goethe. Dich frage nur zu allermeist, ob du 
selbst Kern oder Schale seist. Goethe sagt, er hore diesen Ausdruck an 
die sechzig Jahre und fluche darauf, aber verstohlen, weil Goethe fiihlte 
- er kannte naturlich noch nicht Geisteswissenschaft -, aber er fiihlte : 
Wenn da irgendeiner sagt, den er nur als einen Philister anschauen 
konnte : 

«Ins Innre der Natur . . . 
Dringt kein erschaffner Geist » 



so weiB der eben nichts davon, daB der Mensch, einfach indem er ein 
Erinnerungswesen und ein Gesten- und Physiognomiewesen ist, fort- 
wahrend ins Innere der Natur eindringt. Wir sind nicht Wesenheiten, 
die nur am Tore der Natur stehen und vergebens anklopfen. Gerade 
durch dasjenige, was Innerstes ist in uns, stehen wir mit dem Inneren 
der Natur auch in innigster Beziehung. Weil aber das Kind bis zum 
siebenten Jahre einen ganz vererbten Korper hat, so geht nichts von 
dem Ich, von Geste und Physiognomie, ins Innere der Natur uber. Wir 
beginnen erst mit dem Zahnwechsel ins Wesenhafte der Natur einzu- 
dringen. Daher werden wir auch erst nach dem Zahnwechsel reif, nach 
und nach iiber irgend etwas in der Natur nachzudenken. Vorher sind 
es Willkiirgedanken, die im Kinde aufsteigen, die nicht viel mit der 
Natur zu tun haben, die reizvoll gerade dadurch sind, daB sie nicht viel 
mit der Natur zu tun haben. Wir kommen am besten an das Kind her- 
an, wenn wir neben dem Kinde dichten, wenn wir die Sterne zu Augen 
des Himmels machen und so weiter, wenn die Dinge, die wir mit dem 
Kinde besprechen, moglichst weit von der auBeren physischen Wirk- 
lichkeit entfernt sind. 

Erst vom Zahnwechsel ab wachst das Kind allmahlich in die Natur 
hinein, so daB seine Gedanken nach und nach mit den Naturgedanken 
zusammenfallen konnen; und im Grunde ist das ganze Leben vom sie- 
benten bis vierzehnten Jahre ein solches, daB das Kind hineinwachst in 
die Natur; denn da tragt es auBer den Erinnerungen seiner Seele in die 
Natur auch noch die Geste, die Physiognomie hinein. Und das geht 
dann so durch das ganze Leben hindurch. Fur das Innere der Natur 
werden wir als einzelne menschliche Individuality erst mit dem Zahn- 
wechsel geboren. 

Daher lauschen diejenigen Wesenheiten, die ich Ihnen als Elemen- 
tarwesen bezeichnet habe, Gnomen und Undinen, so gerne, wenn ih- 
nen der Mensch etwas erzahlt von dem Kindesleben bis zum siebenten 
Jahre. Denn fur diese Naturwesen wird der Mensch erst mit dem 
Zahnwechsel geboren. Das ist cine auBerordentlich interessante Er- 
scheinung. Vorher ist der Mensch fur Gnomen und Undinen ein jen- 
seitiges Wesen. Es ist fur sie deshalb ziemlich ratselhaft, wie der Mensch 
da auftritt in einer gewissen Vollendung schon. Aber es wurde schon 



ungeheuer belebend sein fur die padagogische oder padagogisierende 
Phantasie, wenn der Mensch dadurch, daB er Geisteserkenntnis auf- 
nimmt, sich wirklich versetzen konnte in diese Dialoge mit den Natur- 
geistern; wenn er in die Naturgeisterseele sich hineinversetzen konnte, 
um ihre Anschauungen zu erlangen gegeniiber dem, was er ihnen erzah- 
len kann von Kindern. Denn dadurch bildet sich gerade die schonste 
Marchenphantasie. Und wenn in alten Zeiten die Marchen so wunder- 
bar konkret, inhaltsvoll geworden sind, so ist es, weil die Marchen- 
dichter mit Gnomen und Undinen reden konnten, aber nicht bloB von 
ihnen etwas horen konnten. Diese Naturgeister sind zuweilen sehr 
egoistisch. Die werden schweigsam, wenn man ihnen nicht auch etwas 
erzahlt, worauf sie neugierig sind. Und dasjenige ist fur sie die beste 
Erzahlung, wenn man ihnen von den Taten der Babys erzahlt. Dann 
erfahrt man auch vielerlei von ihnen, was gerade in Marchenstimmung 
ubergehen kann, Ja, sehen Sie, gerade fur das praktische geistige Le- 
ben kann das auBerordentlich wichtig werden, was dem Menschen 
heute ganz urphantastisch erscheint. Aber es ist so, daB tatsachlich 
diese Dialoge mit den geistigen Naturwesen durch die Umstande, die 
ich dargelegt habe, etwas auBerordentlich Belehrendes nach beiden 
Seiten hin haben. 

Auf der anderen Seite aber wirkt naturlich das, was ich gesagt habe, 
in gewissem Sinne beangstigend, denn der Mensch schafft, wenn er 
schlaft, fortwahrend Abbilder seines innersten Wesens. Da hinter den 
Erscheinungen der Natur, hinter den Blumen des Feldes sind bis in die 
atherische Welt herein Abdriicke von unseren guten und nichtsnutzi- 
gen Erinnerungen. Da wimmelt die Erde iiberall von dem, was in den 
Menschenseelen lebt. Und es ist schon so, daB in der Realitat das 
menschliche Leben gar sehr mit solchen Dingen zusammenhangt. 

Wir finden also da zunachst die Naturgeister als Wesenhaftigkeiten, 
in die wir mit unserer Gestenwelt eindringen. Wir finden aber auch die 
Welt der Angeloi, Archangeloi, Archai. In diese wachsen wir ebenso 
hinein, in sie tauchen wir unter. Wir tauchen in die Taten der Engel- 
welt hinein durch unsere Erinnerungen. Wir tauchen in die Wesenhaf- 
tigkeiten der Engelwelt hinein durch unser von uns selbst gepragtes 
Physiognomisches und Gestenhaftes. Und es ist dieses sich Einleben 




Tafel 



im Schlafe so, daB wir sagen konnen : Wenn wir uns heriiberleben in 
die Natur, dann erscheint uns das Einlebenin die Natur so: Dies ist 
wieder die Haut unseres Korpers (es wird gezeichnet); je weiter wir 
hinausgehen, kommen wir immer mehr von Angeloi- in Archangeloi-, 
in Archai-Regionen hinein in der radialen Richtung. Da kommen wir 
hinein in die dritte Hierarchie.Und wenn wir da hinein schlafend mit 
unseren Erinnerungen und unseren Gesten untertauchen wie in das 
flutende Meer der webenden Wesenheiten der Angeloi, Archangeloi 
und Archai, wenn wir da untertauchen, dann kommt von der einen 
Seite eine Stromung von geistigen Wesenheiten (siehe Zeichnung), 
Das ist die zweite Hierarchie: Exusiai, Kyriotetes, Dynamis. Und 
wenn wir anklingen lassen wollen an dasjenige, was auBerlich in der 
Welt ist, das, was wir eben dargestellt haben, dann geht diese Stro- 
mung so, dafi uns der Lauf der Sonne von Ost nach West wahrend des 
Tages ausdriickt den Weg, in dem die zweite Hierarchie durchkreuzt 
die dritte Hierarchie. Die dritte Hierarchie : Angeloi, Archangeloi, Ar- 
chai ist wie auf- und abschwebend und sich «die goldnen Eimer» rei- 
chend - auf- und abschwebend. In dieser Darstellung ist dann die 
zweite Hierarchie wie mit der Sonne von Osten nach Westen gehend, 
- jetzt ist es nicht scheinbar, denn da gilt nicht die kopernikanische 
Weltanschauung, sondern es ist tatsachlich von Ost nach West gehend 
die Stromung, welche die Sonne durchlauft wahrend des Tages. So 
dafi der Mensch, indem er schaut - das heiBt, wenn er schauen kann - 
hineinwachst wahrend des Schlafes in diese dritte Hierarchie. Aber 
diese dritte Hierarchie ist fortwahrend gnadevoll durchstromt von der 



Seite her von der zweiten Hierarchic Und diese zweite Hierarchie 
macht sich auch in unserem Seelenleben durchaus geltend. 

Ich habe Ihnen vorgestern angedeutet, was es fur eine Bedeutung 
hat, wenn wir auf in der Jugend Erlebtes wiederum zunickkommen. 
In dieser Beziehung konnen Sie eine tiefgehende Empfindung bekom- 
men, wenn Sie die Mysterien wiederum in die Hand nehmen und da, 
jetzt vielleicht mit einem groBeren Verstandnis, als das einmal der Fall 
war, lesen konnen, was dort iiber die Erscheinung von Johannes Ju- 
gend dargestellt wird. Es ist schon so, daB der Mensch besonders sein 
Inneres regsam, intensiv wahrnehmbar fur ihn selber machen kann, 
wenn er tatig auf sein Jugendliches zuriickkommt. Ich habe Ihnen ge- 
sagt : Man nehme alte Schulbiicher, in denen man einmal etwas gelernt 
hat oder meinetwillen auch nichts gelernt hat, wiederum zur Hand, 
man versetze sich in dieses Lernen oderNichtslernen hinein-es kommt 
ja nicht darauf an, ob man etwas gelernt hat oder nicht, sondern daB 
man sich in das, was man mit ihnen gemacht hat, hineinversetzt : man 
kann da schon eigene Erfahrungen haben. Fur mich war es einmal vor 
ein paar Jahren von einer ungeheuren Bedeutung, mich in eine solche 
Situation der Jugend hineinzuversetzen, als ich eine Verstarkung der 
Krafte des geistigen Erfassens brauchte . Ich war gerade elf Jahre alt 
und bekam ein Schulbuch. Das erste, was geschah - es ist mir zufallig 
passiert -, war, daB aus einer Unvorsichtigkeit das TintenfaB umfiel 
und mir dabei zwei Seiten so verdorben hatte, daB ich die zwei Seiten 
nicht mehr lesen konnte. Das ist auch eine Tat. Diese Tat habe ich vor 
vielen Jahren oftmals wiedererlebt, dieses Schulbuch mit den verdor- 
benen Seiten, und mit all dem, was ich ausgestanden habe, denn das 
Schulbuch muBte aus einer armen Familie heraus wieder gekauft wer- 
den. Es war etwas Entsetzliches, was man alles an diesem Schulbuch 
mit seinem Riesentintenklecks - dazumal nannte man's noch anders - 
alles erleben konnte ! Also so etwas wieder rege machen. Wie gesagt, 
es handelt sich nicht darum, daB man just brav gewesen sein soil bei 
dem, was man wieder heraufholt, sondern daB es eben etwas ist, was 
intensiv erlebt worden ist. Wenn Sie versuchen, das tatsachlich mit 
aller inneren Intensitat wiederum heraufzubekommen, dann werden 
Sie noch etwas anderes erleben. Sie werden mehr als im Traume, in 



einer wirklichen Anschauung, wenn Sie abgeschlossen von den Ein- 
driicken des Tages in Ihrem Bette ruhen, eine Situation erleben. Wah- 
rend Sie bei Tag sich eine Szene, die Sie innerlich durchlebt haben, vor 
die Seele gerufen haben, erleben Sie, wenn die Nacht gekommen ist, 
wenn es urn Sie herum finster ist, wenn Sie mit sich selbst sind, schau- 
end wie im Raume die Situation, in der Sie entweder vorher oder nach- 
her waren. Sagen wir also, Sie haben sich eine Szene vor die Seele ge- 
rufen, die Sie meinetwillen um elf Uhr einmal erlebt haben. Nachher 
sind Sie irgendwo hingegangen, wo Sie Menschen gegeniibergesessen 
haben. Sie sitzen da, und die Menschen sitzen da herum. Sie haben et- 
was, was Sie innerlich erlebt haben, heraufgeholt. Was auBerlich dazu- 
mal um Sie herum war, tritt Ihnen dann ganz als raumliche Anschau- 
ung entgegen. Man muB nur auf solche Zusammenhange hinschauen. 
Da konnen ganz bedeutsame Entdeckungen gemacht werden. Meinet- 
willen sagen wir, Sie haben als siebzehnjahriger junger Mensch jeden 
Mittag in einer Pension gegessen, wo die Leute gewechselt haben. 
Nun rufen Sie sich gerade eine Szene, die Sie innerlich erlebt haben, 
irgendwie herauf. Sie erleben es regsam durch. In der Nacht erleben 
Sie: Sie sitzen an dem Tisch, daherum sitzen diejenigen Leute, die Sie 
nur, weil sie wechselnd sind in einer Pension, selten gesehen haben. An 
einem Gesichte erkennen Sie: das ist ja dasselbe, was ich dazumal 
durchgemacht habe. Das auBerlich Raumliche tritt zu dem innerlich 
Seelischen hinzu, wenn Sie die Erinnerungen in dieser Weise tatig 
machen. 

Sehen Sie, das heiGt aber dann tatsachlich mit dieser Stromung, die 
da von Ost nach West geht, leben. Denn Sie kommen immer mehr und 
mehr in das Gefiihl hinein : Da in dem Geistigen, in das Sie eintreten 
im Schlafe, leben Sie nicht nur so, daB Sie im Geistigen aufgehen; son- 
dem in diesem Geistigen, da geht dasjenige vor sich, was sich auBer- 
lich spiegelt in dem Augenblicke, wo Sie um den Pensionstisch herum 
wiederum die Menschen sitzen sehen. Sie haben das langst vergessen, 
aber es ist da. Sie schauen hin, wie Sie auf diejenigen Dinge hinschauen, 
die oftrnals als in der Akasha-Chronik stehend verzeichnet sind. In dem 
Augenblicke, wo Sie das vor sich haben, haben Sie erfafit diese Stro- 
mung von Ost nach West: die Stromung der zweiten Hierarchic In 



dieser Strdmung der zweiten Hierarchie lebt etwas, was sich auBerlich 
im Tag abbildet. 

Nun ist der Tag durch das ganze Jahr hindurch variabel. Im Friih- 
ling wird er lang, im Herbst wird er kurz, im Sommer ist er am lang- 
sten, im Winter am ktirzesten. Der Tag wird metamorphosiert wah- 
rend des Jahres. Das riihrt von einer der Ostwest-Stromung entgegen- 
kommenden Stromung her, die von West nach Ost geht. Und das ist 
die Stromung der ersten Hierarchie, der Seraphime, der Cherubime 
und Throne. Verfolgen Sie daher, wie sich der Tag andert im Lauf des 
Jahres, gehen Sie vom Tag sum Jahr iiber, dann, meine lieben Freun- 
de, dann kommen Sie hiniiber in dasjenige, was Ihnen wahrend des 
Schlafes begegnet als die entgegengesetzte Stromung. 

Tafel 5 i 

minluUM 



In der Tat, es ist schon so, daB wir schlafend hineinwachsen in die 
geistige Welt in radialer Richtung, in der Richtung, die von West nach 
Ost geht, und in der Richtung, die von Ost nach West geht. Wie ich 
Ihnen gesagt habe, es werden raumliche Bilder vor unsere Seele hin- 
gestellt, wenn wir in regsamer Erinnerung etwas vor unsere Seele 
hin[treten lassen]. 

So ist es aber auch, wenn wir uns unseres Willens bewuBt werden. 
Das ist gerade das, was in die Geste, in die Physiognomie hineingeht : 
wenn wir uns unseres Willens bewuBt werden. Besonders fur Euryth- 
misierende muBte dasjenige, was ich jetzt sage, eine gewisse Bedeutung 




haben, obwohl die Eurythmie naturlich nicht die Absicht hat, das zur 
Geltung zu bringen, was ich jetzt sagen will. Es ist so, daB der Mensch, 
wenn et wirkJich aus dem Innern heraus auch sein AuBeres immer 
mehr und mehr gestaltet, wenn sein Ich immer mehr und mehr zum 
Ausdrucke kommt in Physiognomie und Geste, dann bekommt er 
nicht nur vom Tag einen Eindruck. Denn das ist ein Eindruck vom 
Tag : vom inneren Erleben, vom regsamen inneren Erinnerungsleben 
iiberzugehen zu der Anschauung der raumlich auBerlichen Dinge. 
Man erlebt, was man mit siebzehn Jahren gelernt hat, wiederum, und 
man sieht dann die Leute, die in der Pension um einen herumgesessen 
sind, im Nachbilde wie in der Akasha-Chronik. Das ist Tag-Erleben! 

Aber man kann auch das Jahr erleben. Und zwar ist das dann mog- 
lich, wenn man achtgibt darauf , wie der Wille an einem wirkt ; wenn man 
achtgibt darauf, wie man es verhaltnismaBig leicht hat, den Willen zur 
Geltung zu bringen, wenn man es recht warm hat, wahrend es schwer 
wird - einem feineren Aufpassen auf sich selber wird das schon klar 
seinen Willen durch den Korper stromen zu lassen, wenn man friert. 
Wer so recht einen Zusammenhang zwischen dem Willen und dem 
Warmhaben und Frieren innerlich erleben kann, der bekommt allmah- 
lich, wenn so etwas ausgebildet ist, die Moglichkeit, bei sich zu spre- 
chen von einem Winterwillen und einem Sommerwillen. 

Man findet namlich, daB man am besten die Bezeichnung dieses Wil- 
lens von den Jahreszeiten hernimmt. Achten wir zum Beispiel auf 
einen Willen, der einem gewissermaBen die Gedanken hinaustragt ins 
Weltenall, der es einem leicht macht, seinen Korper zu handhaben, so 
daB in der Handhabe, in der Geste des Korpers die Gedanken wie hin- 
ausgetragen werden in das Weltenall ... sie entschlupfen einem aus den 
Finger spitzen: man fuhlt formlich, wie man es leicht hat, den Willen 
zu entfalten. Man steht einem Baum gegeniiber, es gefallt einem etwas 
besonders da oben: es werden, wenn der Wille in uns warm wird, die 
Gedanken bis an den Gipfel des Baumes hinaufgetragen - ja, manchmal 
gehen sie bis zu den Sternen, wenn man sich so recht in Sommernach- 
ten zugleich begabt findet mit warmem Willen. 

Wenn der Wille innerlich erkaltet, dann ist es so, als ob alle Gedan- 
ken nur in unserem Kopfe getragen wiirden, als ob alle Gedanken 



nicht in die Arme konnten, nicht in die Beine konnten. Alles geht in 
den Kopf. Der Kopf ertragt die Willenskalte, und wenn die Willens- 
kalte nicht iiberwaltigend wirkt, so daB ein frostiges Gefiihl eintritt, 
dann wird der Kopf warm durch seine innere Gegenwirkung, und er 
entfaltet dann Gedanken. 

So daB man sagen kann : der Sommerwille fiihrt uns hinaus in die 
Weiten der Welt. Der Sommerwille, der warme Wille tragt iiberallhin 
unsere Gedanken. Der Winterwille, der tragt die Gedanken in unseren 
Kopf, in unser Haupt herein. Man kann seinen Willen so unterscheiden. 
Und man wird dann den einen Willen, der uns iiberall hintragt ins Wel- 
tenall, den wird man fiihlen als verwandt mit dem Verlauf des Som- 
mers ; den Willen, der die Gedanken in unseren Kopf hineintragt, den 
wird man fiihlen als verwandt mit dem Winter, Man erlebt so, wie man 
sonst den Tag erlebt, so an dem Willen das Jahr. 

Und sehen Sie, es gibt eine Moglichkeit, das, was ich Ihnen jetzt auf 
die Tafel schreiben werde, tatsachlich als Realitat zu empfinden. Man 
kann, wenn man den Winter im Erlebnis des menschlichen Willens er- 
lebt, ihn so erleben, daB man sagt : 

Tafei 5 O Welten-Bilder, 

Ihr schwebet heran 
Aus Raumesweiten. 
Ihr strebet nach mir, 
Ihr dringet ein 
In meines Hauptes 
Denkende Krafte. 

Sehen Sie, das ist aber nicht bloB abstrakt, sondern der Mensch kann 
es dahin bringen, wenn er seinen eigenen Willen mit der Natur ver- 
bunden fiihlt, so zu fiihlen, wenn der Winter kommt, als wenn ihm aus 
dem Raum wiederum zugetragen wiirde, was in ihm selber Erlebnisse 
sind, die er erst der Natur iibergeben hat. Und man kann auf den Wel- 
len, die hier angedeutet werden : 



O Welten-Bilder, 
Ihr schwebet heran 



Aus Raumesweiten. 1 
Ihr strebet nach mir, 
Ihf dringet ein 
In meines Hauptes 
Denkende Krafte - 

man kann da seine eigenen Erlebnisse, die schon in die Natur iiberge- 
gangen waren, dabei empfinden. Das ist die Empfindung des Winter- 
willens. 

Aber man kann auch den Sommerwillen, der unsere Gedanken hin- 
ausweitet in das Weltenall, empfinden : 

Ihr meines Hauptes 
Bildende Seelenkrafte, 
Ihr erfullet mein Eigensein, 

das heifit, die Gedanken, die zuerst im Haupte erlebt werden, gehen in 
den ganzen Korper iiber, erfullen zunachst den Korper, dann aber 
dringen sie aus dem Korper hinaus - 

Ihr dringet aus meinem Wesen 
In die Weltenweiten, 
Und einigt mich selbst 
Mit Weltenschaffensmachten. 

Das ist dasjenige, was der Sommerwille, der dem Sommer verwandte 
Wille in uns, uns als sein Wesen ausdriicken laBt, so daC wir sagen 
konnen : Wenn wir empfinden, ich habe aus meinem Innern hervorge- 
holt das tatige Erinnern an irgend etwas lange Verlebtes - der Tag mit 
seiner Nacht bringt es mir wieder entgegen, indem er es erganzt durch 
die auJBere Raumesanschauung. Und das entspricht der Stromung von 
Ost nach West. So diirfen wir sagen : In uns wandelt sich Winterwille 
in Sommerwillen, Sommerwille in Winterwillen. Wir sind verwandt 
nicht mehr dem Tag mit seinem Wechsel von Helligkeit und Finster- 
nis, wir sind verwandt dem Jahr mit unserem Willen, dadurch der 
Stromung von West nach Ost der ersten Hierarchie : den Seraphimen, 
Cherubimen und Thronen. 



Wir wer den nun im weiteren sehen, wie der Mensch gehindert oder 
gefordert werden kann durch Vererbung und auBere Anpassung in be- 
zug auf dieses Zusammengehen mit dem Inneren der Natur. Denn das- 
jenige, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe, das bezieht sich 
darauf, daB der Mensch, wenn er moglichst wenig gehindert ist durch 
luziferische und ahrimanische Krafte, in dieser Art, mit Vorstellung 
und Wille, hineinwachst ins Innere der Natur, aufgenommen wird von 
den Zeitenkraften, den Tagkraften, den Jahreskraften: dritte Hierar- 
chie, zweite Hierarchie, erste Hierarchic Aber einen wesentlichen Ein- 
fluB auf all das haben die ahrimanischen Krafte, wie sie in der Verer- 
bung auftreten, und die luziferischen Krafte, wie sie in der Anpassung 
auftreten. Diese groBe Ratselfrage, die soil uns dann das nachste Mai 
beschaftigen. 

Tafei 5 Winterwtlk : Sommerwtlle: 

O Welten-Bilder, Ihr meines Hauptes 

Ihr schwebet heran Bildende Seelenkrafte, 

Aus Raumesweiten. Ihr erfullet mein Eigensein, 

Ihr strebet nach mir, Ihr dringet aus meinem Wesen 

Ihr dringet ein In die Weltenweiten, 

In meines Hauptes Und einigt mich selbst 

Denkende Krafte. Mit Weltenschaffensmachten. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 30. November 1923 



Die Fortsetzung der Betrachtungen, die wir das letzte Mai hier ange- 
stellt haben, fuhrt uns heute zunachst zu etwas, das dann die beiden 
nachsten Vortr age vorbereiten soil. Es fuhrt uns dazu, einen Blick zu 
werfen auf den Zusammenhang des Menschen, und zwar des ganzen 
Menschen mit unserem Erdenplaneten. Ich habe es ja oftmals in ver- 
schiedenen Zusammenhangen ausgesprochen, daB der Mensch einer 
Art von Tauschung unterliegt, wenn er sich abgesondert vom Erden- 
planeten ein totales, besonderes Dasein zuschreibt zunachst als physi- 
scher Mensch. Selbstandig, individuell ist ja der Mensch als geistig- 
seelisches Wesen. Zur Erde in ihrer organischen Ganzheit gehorig ist 
er als physischer Erdenmensch, und in gewisser Beziehung auch sei- 
nem atherischen Leibe nach. 

Nun will ich heute zunachst schildern, wie dem iibersinnlichen 
Schauen diese Zusammengehorigkek des Menschen mit dem Erden- 
dasein erscheinen kann. Ich will heute vorbereitend zunachst, ich 
mochte sagen in einer mehr erzahlenden Form vorgehen. Nehmen wir 
einfach an, jemand trate mit dem imaginativen BewuBtsein, das ich ja 
ofter geschildert habe, einen Gang an durch die Uralpen, durch die 
Uralpen mit jenem Gestein, das namentlich in quarzigen, also kiesel- 
saurehaltigen Mineralien und Gesteinen besteht, das sonst auch ahn- 
liche Gesteine in sich enthalt. Wir treten ja da, wenn wir ins Urgebirge 
kommen, an die hartesten Gesteine der Erde heran, aber auch an die- 
jenigen Gesteine, die, wenn sie in ihrer besonderen ureigenen Ausbil- 
dung erscheinen, etwas in sich Reines haben, man mochte sagen, et- 
was, was nicht beruhrt ist von dem gewdhnlichen Alltaglichen der 
Erde. Es ist doch wirklich gut zu verstehen, wenn Goethe einmal in 
einem schonen Aufsatze, der ja auch hier schon vorgebracht worden 
ist, von seinem Erfahren innerhalb des Urgebirges spricht, allerdings 
davon spricht, wie er sich in Einsamkeit fuhlt, sitzend im Granitge- 
birge, die Eindriicke sich, man mochte sagen, eingepragt hat von die- 
sem hart und straff aus der Erde nach oben gewissermafien sich tur- 



menden Gestein. Und wie den dauernden Sohn der Erde spricht Goe- 
the den Granit an, der da aus Quarz, also aus Kieselsaure, aus Glim- 
mer und aus Feldspat besteht. 

Wenn der Mensch mit dem gewohnlichen BewuBtsein an dieses Ur- 
gebirgsgestein herandringt, dann ist es ja so, daB er allerdings zunachst 
es von auBen bewundern kann, daB ihm auffallen seine Formen, die 
ganze wunderbar primitive Plastik, die aber auBerordentlich vielspre- 
chend ist. Wenn aber der Mensch dann mit dem imaginativen Be- 
wuBtsein an dieses fast harteste Gestein der Erde herantritt, dann dringt 
er gerade bei diesem hartesten Gestein unter die Oberflache des Mine- 
ralischen. Er ist dann in der Lage, mit seinem Denken wie zusammen- 
zuwachsen mit dem Gestein. Man mochte sagen : iiberall hinein in die 
Tiefen des Gesteins setzt sich die seelische Wesenheit des Menschen 
fort, und man tritt eigentlich im Geiste wie in einen heiligen Gotter- 
palast. Das Innere erweist sich fur die imaginative Anschauung wie 
durchlassig, und die auBere Grenze erweist sich so, wie die Mauern 
dieses Gotterpalastes. Aber man hat zu gleicher Zeit die Erkenntnis, 
daB innerhalb dieses Gesteines eine innere Spiegelung alles desjenigen 
lebt, was im Kosmos auBerhalb der Erde ist. Die Sternenwelt hat man 
noch einmal in einer Spiegelung innerhalb dieses harten Gesteins vor 
der Seele stehen. Man bekommt zuletzt den Eindruck, daB in jedem 
solchen Quarzgestein etwas vorhanden ist wie ein Auge der Erde sel- 
ber fur das Weltenall. Man wird erinnert an die Insektenaugen, diese 
Facettenaugen, die in viele, viele Abteilungen zerfallen, die dasjenige, 
was von auBen an sie herandringt, in viele einzelne Teile zerlegen. Und 
man mochte sich vorstellen und muB sich eigentlich vorstellen, daB, so 
unzahlige viele solche Quarz- und ahnliche Bildungen an der Oberfla- 
che der Erde sind, das alles sind wie Augen der Erde, um die kosmi- 
sche Umgebung innerlich zu spiegeln und eigentlich innerlich wahrzu- 
nehmen. Und man bekommt schon allmahlich die Erkenntnis, daB je- 
des Kristallische, das innerhalb der Erde vorhanden ist, ein kosmi- 
sches Sinnesorgan der Erde ist. 

Das ist ja das Grandiose, das Majestatische der Schneedecke, aber 
noch mehr der fallenden Schneeflocken, daB in jeder einzelnen dieser 
Schneeflocken eine Spiegelung ist vom groBen Teil des Kosmos ; daB 



also eigentlich mit dem kristallisierten Wasser uberall Spiegelungen 
von Teilen des Sternenhimmels auf die Erde herunterfallen. 

Ich brauche es ja nicht zu erwahnen, daB der Sternenhimmel auch 
bei Tag da ist, nur daB er, weil das Sonnenlicht starker ist, bei Tag nicht 
erscheint. Wenn Sie irgendwo die Moglichkeit haben, in einen tiefen 
Keller zu steigen, iiber den skh ein Turm erhebt, der oben offen ist, so 
konnen Sie, weil Sie aus dem Finstern herausschauen und das Sonnen- 
licht Sie nicht beirrt, ja auch bei Tag die Sterne sehen. Solch eine Mog- 
lichkeit ist zum Beispiel vorhanden in einem Turm in Jena, wo man 
bei Tag die Sterne sehen kann. Das erwahne ich nur nebenbei, urn 
Ihnen eben begreiflich zu machen, daB dieses Spiegeln der Sterne in 
den Schneeflocken, uberhaupt in allem Kristallisierten, auch selbstver- 
standlich bei Tag vorhanden ist. Und es ist nicht ein physisches Spie- 
geln, es ist ein geistiges Spiegeln. Der Eindruck muB innerlich vermit- 
telt sein, den der Mensch davon bekommen kann. 

Das ist aber nun nicht alles. Aus dem, ich mochte sagen geistigen 
Sinneseindruck, den man da bekommt, wird ein Gemutseindruck, und 
zwar der, daB man, so imaginativ sich hineinlebend in die Kristall- 
decke der Erde, selber zusammenwachst mit alledem, was die Erde in 
dieser Kristalldecke vom Kosmos erlebt. Dadurch erweitert man das 
eigene Sein in den Kosmos hinaus, dadurch fuhlt man sich als eins mit 
dem Kosmos. Und vor alien Dingen, jetzt wird es eine Wahrheit, eine 
tiefe Wahrheit fiir den imaginativ Betrachtenden, daB dasjenige, was 
wir unseren Erdenkorper nennen, mit alien seinen Einzelheiten einmal 
im Laufe der Zeit aus dem Kosmos heraus geboren worden ist. Denn 
die Verwandtschaft der Erde mit dem Kosmos tritt einem da im emi- 
nentesten Sinne vor das Seelenauge. So daB man durch dieses Sich- 
Hineinleben in die Millionen Kristallaugen der Erde vorbereitet ist, 
die ganze innere Verwandtschaft der Erde mit dem Kosmos zu ruhlen, 
sie im Gemute zu erleben. 

Dadurch aber fuhlt man sich als Mensch dann wiederum mit der 
Erde verbunden. Denn - und das werde ich in den nachsten Tagen 
besonders ausfuhren - dieses Herausgeborenwerden der Erde aus dem 
Kosmos hat ja stattgefunden, als der Mensch selber durchaus noch ein 
primitives, nicht physisches, sondern geistiges Wesen war. Aber das, 



was die Erde dann durchgemacht hat, nachdem sie aus dem Kosmos 
herausgeboren war, das machte der Mensch in seiner eigenen Wesen- 
heit mit der Erde durch. Mit der Erde ist es wirklich so, daB sie einst- 
mals eine solch innere Verwandtschaft mit dem iiberall benachbarten 
Kosmos gehabt hat, wie das ganz junge, noch nicht geborene Men- 
schenwesen mit dem Leibe der Mutter. Dann aber beginnt das Kind 
sich selbstandig zu machen. So hat die Erde sich selbstandig entwik- 
kelt, nachdem sie erst in der ersten Saturnzeit mehr eins war mit dem 
Weltenall. Und dieses Sich-selbstandig-Entwickeln, das hat dann der 
Mensch mitgemacht, so mitgemacht, daB man eben lernt sich sagen: 
Der Finger, den ich an mir trage, er ist ja nur so lange ein Finger, als er 
ein Stuck meines Organismus ist; in dem Augenblick, wo ich ihn ab- 
schneide vom Organismus, ist er nicht mehr der Finger, verkummert, 
verkommt er. - So braucht man sich den Menschen als physisches We- 
sen nur einige Meilen abgetrennt zu denken von dem Erden-Organis- 
mus - er verkummert, wie der Finger, den ich abschneide. Und die 
Tauschung des Menschen, daB er als physisches Wesen gegeniiber der 
Erde ein Eigensein habe, die kommt ja nur davon her, weil der Mensch 
auf der Erde frei herumgehen kann, wahrend der Finger nicht iiber 
den iibrigen Organismus spazieren kann. Wenn der Finger iiber den 
iibrigen Organismus spazieren konnte, wiirde er sich gerade derselben 
Tauschung gegeniiber dem Menschen hingeben, wie sich der Mensch 
gegeniiber der Erde als physisches Wesen einer Tauschung hingibt. 
Gerade durch die hohere Erkenntnis wird einem nun diese Zugehorig- 
keit des physischen Menschen zu der Erde klar. 

Das ist zunachst, ich mochte sagen die Bekanntschaft, die man 
durch das imaginative BewuBtsein macht mit dem Hartesten der Erden- 
decke. 

Eine weitere Bekanntschaft kann man machen, wenn man etwas tie- 
fer in die Erde hineinkommt, und wenn man in der Erde nun kennen- 
lemt alles das, was Metalladern sind oder Metallstocke oder irgend et- 
was Metallisches im Innern der Erde. Da dringt man unter die Ober- 
flache der Erde hinunter. Da aber kommt man, indem man an das Me- 
tallische herankommt, an ein ganz besonderes, sich von dem iibrigen 
Irdischen absonderndes Wesen. Die Metalle haben etwas Selbstandi- 



ges in sich. Die Metalle lassen sich selbstandig erleben. Und dieses Er- 
lebnis, das hat mit dem Menschen nun sehr, sehr viel zu tun. 

Selbst derjenige, der schon zu einer gewissen hoher en Erkenntnis im 
imaginativen Schauen kommt, kennt sich noch nicht recht aus, wenn 
er das quarzige und andere Gestein des Urgebirges so erlebt, daB er, 
eins wer dend mit den Millionen Augen der Erde, dadurch selber sich 
hinauslebt, hinausfiihlt, hinausempfindet in den ganzen Kosmos. Wenn 
er aber dann herandringt an das Innere der Erde, konnen ja zunachst, 
ich mochte sagen, die ersten Impulse zu einem solchen Erleben da- 
durch gegeben werden, daB man wirklich sich anregen laBt von den 
wunderbaren tiefen Anregungen im Metallbergwerke. Aber hat man 
einmal die Impulse, dann braucht man eben nur das geistige Schauen, 
um iiberall das Metallische verfolgen zu konnen, auch wenn man nicht 
in die Erdbohrungen hineinkommt. 

Aber das erste Gefiihl von dem, was ich meine, sollte schon oder 
kann schon mit besonderer Innigkeit in Metallbergwerken erworben 
werden. Schon die Metallbergarbeiter - es ist ja jetzt nicht mehr so, 
aber vor wenigen Jahrzehnten war es noch so - die Metallbergarbei- 
ter, die innig mit ihrem Beruf verwachsen sind, zeigen etwas von, ich 
mochte sagen tiefem Sinn fur das Geistige im Metallischen. Denn die 
Metalle schauen nicht nur die Umgebung des Kosmos, sondern sie 
sprechen: sie sprechen auf geistige Weise, aber sie erzahlen, sie spre- 
chen. Und sie sprechen in der Art, daB diese Sprache, die sie sprechen, 
ganz ahnlich ist derjenigen, die man noch auf einem anderen Gebiete 
als Eindruck empfangt. 

Sehen Sie, wenn man dahin gelangt, eine seelische Verbindung her- 
zustellen mit Menschen, die in der Entwickelung sind zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt - ich habe es ja schon ofter hier ausge- 
sprochen -, dann braucht man dazu eine besondere Sprache. Die Aus- 
sagen der Spiritisten sind ja kindisch auf diesem Gebiete; sie sind kin- 
disch aus dem Grunde, weil die Toten nicht die Sprache der irdischen 
Menschen sprechen. Die Spiritisten geben sich der Meinung hin, daB 
der Tote so rede, daB man das aufschreiben kann, wie wenn man von 
einem auf der Erde lebenden Zeitgenossen einen Brief bekommt. Es 
ist zwar meistens schwulstiger, was da bei den spiritistischen Sitzun- 



gen herauskommt, aber manchmal schreiben ja auch auf Erden lebende 
Zeitgenosseti solche schwulstige Dinge. So ist es ebeti nicht. Es ist erst 
notwendig, sich sozusagen ganz in jene Sprache hineinzufinden, die der 
Tote spricht, die gar keine Ahnlichkeit hat mit irgendeiner der Erden- 
sprachen, die einen allerdings vokalisch-konsonantischen Charakter 
hat, aber nicht ahnlich ist der Erdensprache. Aber dieselbe Sprache, 
die nur mit dem Geistgehor wahrgenommen werden kann, dieselbe 
Sprache sprechen die Metalle im Innern der Erde. Und dieselbe Spra- 
che, durch die man sich den Seelen selber nahern kann, die zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt leben, dieselbe Sprache erzahlt die 
Erinnerungen der Erde, die Dinge, die die Erde durchgemacht hat 
bei ihrem Durchgang durch Saturn, Sonne, Mond und so weiter. 
Man mufi sich von den Metallen erzahlen lassen, was die Schicksale 
der Erde waren. Die Schicksale des ganzen Planetensystems, ich 
habe es schon erwahnt, die erzahlt einem dasjenige, was der Saturn 
dem planetarischen Weltensystem, in dem wir sind, mitzuteilen hat. 
Was die Erde dabei durchlebt hat, davon sprechen die Metalle der 
Erde. 

Die Sprache, welche also die Metalle der Erde sprechen, kann aber 
auch zwei Formen annehmen. Wenn diese Sprache sozusagen die ge- 
wohnliche Form hat, dann kommt eben dasjenige zum Vorschein, was 
die Erde durchgemacht hat bei ihrem Werden von der Saturnzeit an- 
gefangen. Was Sie in meiner «Geheimwissenschaft» uber dieses Wer- 
den finden, das ist zum groBten Teile eben auf die Weise entstanden, 
wie ich es ja ofter beschrieben habe. Es ist durch unmittelbare An- 
schauung der Vorgange auf geistige Weise entstanden. Das ist eine et- 
was andere Art des Erkundens der Erdenvorgange, als diejenige, die 
ich jetzt meine. Denn die Metalle sprechen mehr - wenn ich mich so 
ausdriicken darf, es ist naturlich etwas sonderbar ausgedriickt -, die 
Metalle sprechen mehr von den personlichen Erlebnissen der Erde, 
von dem, was die Erde als eine Person des Kosmos erlebt hat. Und so 
mufke ich, wenn ich die Erzahlungen det Metalle, die man durch das 
geistige Eindringen in das Innere der Erde wahrnehmen kann, mehr 
berucksichtigen wurde, auch noch hinzu schildern viele Details der Sa- 
turn-, der Sonnen-, der Mondenzeit und so weiter. 



So wiirde sich dann als erstes zumBeispiel ergeben, daB in diesen Ge- 
staltungen des Saturn, die Sie ja in meiner «Geheimwissenschaft» be- 
schrieben finden, Gestaltungen, die in Warme-DifTerenzen bestehen, 
machtige gigantische Warmewesen zum Vorschein kommen, Warme- 
wesen, welche es schon wahr end der alten Saturnzeit zu einer gewissen 
Dichtigkeit bringen. Also wenn ich mich grob ausdriicken wollte, 
konnte ich sagen : Wenn es geschehen konnte - es kann ja nicht gesche- 
hen - aber wenn es geschehen konnte, daB ein Erdenmensch diese We- 
senheiten antrifft, er wiirde sie spiiren, er wiirde sie angreifen konnen. 
Sie sind also zu einer gewissen Zeit, zu der mittleren Saturnzeit, nicht 
bloB geistige Wesen, sie sind Wesen, welche physisches Dasein zeigen; 
nur wiirde man Brandblasen bekommen, wenn man sie angriffe. Es 
ware ein Irrtum, wenn man glauben wollte, sie hatten etwa eine Tem- 
peratur von Millionen Graden; das ist nicht der Fall, aber sie haben 
innerlich eine solche Temperatur, daB man Brandblasen bekommen 
wiirde vom Angreifen. 

Dann wiirde zu erzahlen sein von der Sonnenzeit, wie da in den Ge- 
bilden, die ich fur die Sonnenzeit in meiner «Geheimwissenschaft» 
beschrieben habe, andere Wesenheiten erscheinen, die wunderbare 
Verwandlungen, Metamorphosen zeigen. Und man bekommt schon 
von der Beschauung, von der Betrachtung dieser sich metamorphosie- 
renden Wesenheiten den Eindruck, daB zum Beispiel jene Metamor- 
phose, die die klassischen Schriftsteller, meinetwillen der Ovid, be- 
schrieben haben, etwas zu tun haben mit diesem Erfahren der Mittei- 
lungen der Metalle ; gewiB nicht direkt, unmittelbar. Ovid war gewiB 
nicht derjenige, der die Sprache der Metalle unmittelbar selbst ver- 
stand, und was er in seinen « Metamorphosen » schildert, entspricht 
auch nicht vollkommen dem Eindrucke, den man empfangt; aber es ist 
in einer gewissen Weise hergeleitet. Und es kann sogar bis zu einem 
hohen Grad der Vorgang angedeutet werden, der dem zugrunde liegt. 

Sehen Sie, es ist ja sogar Paracelsus, also eine Personlichkeit, die viel 
spater gelebt hat als diejenige, die ich jetzt meine, um das Wichtigste 
zu lernen, das er hat lernen wollen, nicht auf die Hochschule gegangen. 
Ich sage nicht, daB er nicht auf die Hochschule gegangen ist; das ist er 
schon auch, ich will gar nichts gegen das Gehen auf die Hochschule 



irgendwie einwenden. Aber um das Wichtigste zu lemen, was er hat 
lernen wollen, ist Paracelsus nicht auf die Hochschule gegangen, son- 
dern er ist iiberall dahin gegangen, wo man ihm Bedeutungsvolleres 
hat sagen konnen. Und er ist schon noch zu solchen Menschen gegan- 
gen, wie zum Beispiel zu den Metallbergarbeitern und hat einen gro- 
Ben Teil seines Wissens auf diesem Wege erlangt. 

Derjenige, der, ich mochte sagen, mit der Technik des Wissens- An- 
eignens etwas bekannt ist, der weiB, wie ungeheuer lichtbringend zu- 
weilen die einfache Bemerkung eines Landmannes ist, der es zu tun hat 
mit dem Saen und Ernten und mit all dem, was sich dabei zutragt. Sie 
werden sagen: Ja, der versteht ja das nicht. Das braucht Sie ja nicht zu 
interessieren, ob der, der das sagt, es versteht; verstehen Sie es nur, 
wenn Sie ihm zuhoren. Darauf kommt es an. GewiB, in den wenigsten 
Fallen wird der, der das ausspricht, es auch verstehen; es ist ein In- 
stinkt. Und noch Griindlicheres ist ja zu erfahren von Wesenheiten, 
die schon gar nichts von dem verstehen, was sie einem sagen: von den 
Kafern und Schmetterlingen, von den Vogeln und so weiter. 

Nun, dasjenige, was namentlich in vorderasiatischen Bergwerken 
erkundet werden konnte an der Sprache der Metalle, das hat zum Bei- 
spiel Pythagoras auf seinen Wanderungen sehr, sehr gut studiert, und 
von da aus ist vieles, vieles in das hineingedrungen, was dann grie- 
chisch-romische Kultur geworden ist. Und dann erscheint es in abge- 
schwachter Gestalt in so etwas wie inOvids «Metamorphosen». Das ist 
dann das eine, die eineForm der Sprache der Metalle imlnnern derErde. 

Die andere Form - so grotesk es klingt, es ist eine Wahrheit - die 
andere Form ist diese, wo die Metallsprache beginnt, kosmische Poesie 
zu entwickeln, wo sie ins Dichterische ubergeht. Da erscheint tatsach- 
lich in der Sprache der Metalle kosmische Phantasie. Und dann tdnt aus 
dieser kosmischen Dichtung heraus dasjenige, was die intimsten Be- 
ziehungen sind zwischen den Metallen und den Menschen. Solche in- 
timste Beziehungen zwischen den Metallen und den Menschen, sie be- 
stehen ja. Die groben Beziehungen, die die Physiologie kennt, bezie- 
hen sich ja eigentlich nur auf einige wenige Metalle. Man weiB, daB das 
Eisen eine groBe Rolle im menschlichen Blute spielt; aber von dieser 
Art von Metallen ist es eigentlich nur das Eisen. Dann spielen noch 



Kalium, Kateium, Natrium, Magnesium eine gewisse Rolle, also eine 
gewisse Anzahl von Metallen. Aber eine groBere Anzahl von wichti- 
gen Metallen, wichtig fur den Bau der Erde, wichtig fur das Funktio- 
nieren der Erde, spielen fur die grobe auBere Beobachtung scheinbar 
keine Rolle im menschlichen Organismus. Aber das ist eben nur schein- 
bar. Wenn Sie in die Erde hineingehen, dort kennenlernen die Sprache 
der Metalle, dann lernen Sie auch erkennen, wie die Metalle wahrhaf- 
tig nicht bloB im Innern der Erde sind, sondern wie sie sind, allerdings 
in einer ungeheuer feinen Verteilung, wenn ich mich so ausdriicken 
darf, in einer uberhomoopathischen Verteilung uberall auch in der 
Umgebung der Erde. 

Und sehen Sie, im groben Sinne konnen wir kein Blei in uns haben; 
im feinen Sinne konnen wir nicht ohne Blei sein. Denn was ware der 
Mensch, wenn Blei aus dem Kosmos, aus der Atmosphare nicht auf 
ihn wirken wiirde, wenn Blei nicht in unendlich feiner Verteilung 
selbst mit dem Sonnenstrahl durch sein Auge in seine Haut drange, 
wenn Blei nicht durch die Atmung in uns eindrange und in unendlich 
feiner Verteilung durch die Nahrungsmittel? Was ware der Mensch, 
ohne daB das Blei in ihm wirkte? 

Der Mensch wiirde Sinneswahrnehmungen haben ohne das Blei; er 
wiirde die Farben wahrnehmen, er wiirde die Tone wahrnehmen, aber 
er wiirde in diesem Wahrnehmen der Farben, der Tone so leben, wie 
wenn er ein biBchen auBer sich kommen wiirde, etwas ohnmachtig 
wiirde bei jeder Wahrnehmung. Der Mensch wiirde niemals zuriick- 
treten gegeniiber seinen Wahrnehmungen und sich besinnen konnen 
in Gedanken, in Vorstellungen auf dasjenige, was er wahrgenommen 
hat. Nahmen wir nicht Blei auf in, wie gesagt, uberhomoopathischen 
Verdiinnungen gerade in unser Nervensystem und am meisten in un- 
ser Gehirn, so wiirden wir hingegeben sein an alle Sinneswahrnehmun- 
gen wie an etwas auBer uns. Wir wiirden nicht vorstellen konnen diese 
Sinneswahrnehmungen, wiirden auch nicht in uns die Gedachtnisvor- 
stellungen ohne die Sinneswahrnehmungen bewahren konnen. Das 
macht das fein verteilte Blei in unserem Gehirn. 

Blei, in groBerer Menge in den menschlichen Organismus einge- 
fiihrt, gibt ja die schreckliche Bleivergiftung. Aber derjenige, der den 



Zusammenhang kennt, der kann gerade aus der Bleivergiftung erse- 
hen, daB das Blei, weil es, in grower er Menge dem menschlichen Orga- 
nismus zugefuhrt, auBerordentlich schadlich wirkt, in feinster, \iber- 
homoopathischer Verteilung gerade dasjenige ist, was den Menschen 
in jedem Augenblick soviel absterben macht, als er notig hat abzuster- 
ben, damit er ein bewuBtes Wesen sein kann und nicht in fortwahren- 
dem SprieBen, Sprossen, Wachsen und Gedeihen sich fortwahrend 
ohnmachtig mache. Denn im SprieBen, Sprossen, im Oberwaltigtsein 
von den reinen Wachstumskraften kommt der Mensch eben in Ohn- 
machten hinein. 

Es ist also so, daB der Mensch zu alien Metallen, auch zu denjenigen, 
von denen die grobe Physiologie nicht spricht, seine Beziehungen hat. 
Die Kenntnis dieser Beziehungen ist die Grundlage fur eine wirkliche, 
echte, wahre Therapie. Und intim unterrichten iiber die Beziehungen 
der Metalle zum Menschen kann nur die Sprache, welche die poetische 
Sprache der Metalle in der Erde ist. So daB man sagen kann : Ober das 
eigene Schicksal der Erde unterrichtet die gewohnliche Sprache der 
Metalle; uber die Heilbeziehungen der Metalle zum Menschen unter- 
richten die Metalle, wenn sie poetisch werden in ihrer Sprache, dich- 
terisch werden. 

Das ist eigentlich ein merkwurdiger Zusammenhang. Vom kosmi- 
schen Aspekt aus ist die Medizin kosmische Poesie, wie iiberhaupt 
viele Geheimnisse der Welt darin bestehen, daB dasjenige, was auf ei- 
nem Niveau der Welt etwas Krankhaftes ist oder zum Krankhaften 
fuhrt, auf dem anderen Niveau ein Hochstes, ein Vollkommenstes, ein 
Schonstes ist. - Nun, das stellt sich dar, wenn die inspirierte Erkenntnis 
herandringt an die Metalladern der Erde, an das Metallische der Erde. 

Nun konnen wir aber noch in ein anderes Verhaltnis zu den Metal- 
len treten. Wir konnen in das Verhaltnis zu den Metallen treten, das 
sich uns zeigt, wenn die Metalle den Naturkraften, zum Beispiel dem 
Feuer oder ahnlichen Naturkraften, unterworfen werden. Betrachten 
Sie nur einmal, wie merkwurdig der sogenannte GrauspieBglanz, ein 
Erz, geformt ist. Er ist so zusammengesetzt aus einzelnen SpieBen und 
zeigt durch diese seine Gestaltung, daB er gewissen Kraftrichtungen in 
seiner Bildung folgt, Kraftrichtungen, die da im Kosmos wirksam 



sind. Dieser GrauspieBglanz, Antimonglanz, hat auch noch die Eigen- 
schaft, daB er 2um Beispiel bei gewissen Prozessen zum Antimonspie- 
gel wird, wo er in einer eigenartigen Weise, wenn er, nachdem er einen 
FeuerprozeB, Warmeprozefi durchgemacht hat, sich ansetzt an einem 
Glas, dann spiegelnd wird und eine besondere Kraft in diesem Spie- 



geln entwickelt. Er zeigt auch noch andere Eigenschaften, zum Bei- 
spiel Explosionen, wenn man ihn in einer gewissen Weise elektrisch 
behandelt und dann an die Kathode bringt. Alle diese Eigenschaften 
des GrauspieJBglanzes, die zeigen einem, wie eine solche metallische 
Substanz sich den Kraften der Erde, der Erdenumgebung gegeniiber 
verhalt. Das aber laBt sich bei alien Metallen beobachten. Es lassen sich 
alle Metalle im Feuer beobachten, und gerade im Feuer entwickeln sie 
sich ja so bei einer immer hoheren und hoheren Temperatur, daB sie 
zunachst in jenen uberhomoopathischen Zustand iibergehen, von dem 
ich gesprochen habe. Nur bleiben sie nicht bei ihrer hohen Tempera- 
tur, sondern sie nehmen eine ganz andere Form an. Es ist in dieser Be- 
ziehung ja das Allerschematischste, das man sich vorstellen kann, was 
sich unsere Physiker vorstellen. Der Physiker stellt sich vor, wenn er 
Blei schmilzt, so wird das Blei immer weicher. Das ist ja auch richtig 
zunachst; es wird immer weicher und weicher, die Temperatur wird 
immer hoher und hoher, es wird eben auch das Blei immer heiBer und 




Tafel i 



heiBer, dabei immer fliichtiger und fliichtiger, man bekommt Blei- 
dampfe und so weiter. DaB da immerfort etwas sich abset2t, etwas sich 
ablost, was iiberhaupt nicht mehr bis uber eine gewisse Temperatur 
hinauf geht, das weiB man nicht. Gerade das Feinste, Oberhomoopa- 
thische des Bleies geht fortwahrend uber in, ich mochte sagen das all- 
gemeine unsichtbare Leben und ist dann dasjenige, was auf den Men- 
schen wirkt. 

Und es ist eigentlich fortwahrend die Sache so. Wenn Sie sich die 
Erde vorstellen : da unten haben Sie die verschiedensten Metalle, aber 
in fein verteiltem Zustand sind diese Metalle auch iiberall da droben; 
ich mochte sagen, in einer feinen Weise verdunsten die Metalle. Da 
unten also unter der Erde sind die Metalle in Begrenzungskonturen, in 
einer in sich geschlossenen Gestalt, wenn wir weiter hinunter kommen 



Tafel 6 




allerdings in feuerig-fliissiger Art; aber in der Umgebung der Erde 
sind sie in feinverteiltem Zustande, und da zeigen sie sich in einem 
fortwahrenden Strahlen, so daB eigentlich ein Strahlen in den Welten- 
raum hinausgeht. Die Metalle strahlen in den Weltenraum hinaus. 



Abet das ist so, daft da eine innere Elastizitat ist im Weltenraum. Die 
Krafte, die da hinausdringen, dringen namlich nicht, wie die Physiker 
es sich von Lichtstrahlen vorstellen, iiberall ohne Grenze hin, sondern 
sie gehen nur bis zu einer gewissen Grenze und kommen dann wieder 
zuriick. Und man kann die Riickstrahlkrafte der Metalle so schauen, 
als ob sie von der Peripherie des Weltenalls zuruckkamen, iiberall hin- 
kamen. Und man merkt, daB diese zuriickstrahlenden Krafte tatig sind 
da, wo uns innerhalb des Menschenlebens eigentlich das Herrlichste, 
Wunderbarste entgegentritt : wenn das Kind gehen, sprechen und den- 
ken in der ersten Zeit des Erdenlebens lernt. 

Namentlich die Art und Weise, wie das Kind vom Kriechen sich 
aufrichtet zum Orientieren in der Welt, das gehort zu dem Wunderbar- 
sten, das man beobachten kann im Erdenleben, dieses Zu-sich-Kom- 
men des Kindes, des Menschen. Da wirken innerlich in den Kraften, 
die ich ja oftmals geschildert habe fur dieses Orientieren des Kindes, 
da wirken innerlich die Riickstrahlkrafte der Metalle. Und indem das 
Kind lernt, von seiner Horizontal-Lage im Kriechen sich aufzurichten, 
wird es durchstrahlt von der metallischen Riickstrahlungskraft. Die 
richtet eigentlich das Kind auf. Durchschaut man diesen Zusammen- 
hang, dann hat man zu gleicher Zeit einen anderen Moment. Das ist 
der, daB man den Zusammenhang des Menschen, wie er hier auf Erden 
lebt in seinem Tun, in seinem Wesen, mit seinem friiheren Erdenleben 
kennenlernt. Es sind dieselben Fahigkeiten, zu durchschauen die Wir- 
kungsweise der Metalle im Kosmos und die karmische Verbindung 
der aufeinanderfolgenden Erdenleben. Das eine kommt mit dem ande- 
ren, und das eine ist nicht ohne das andere da. Das sind dieselben Fa- 
higkeiten. Und deshalb ist es, daB ich einmal in einem ganz anderen 
Zusammenhange vor Ihnen etwa sagte: In dieser Orientierungskraft, 
in diesem Sichaufrichten des Kindes vom Kriechen zum Gehen, zum 
Stehen, in diesem Sprechenlernen, Denkenlernen liegt dasjenige, was 
aus friiheren Erdenleben hereinwirkt. Ich driickte es damals so aus: 
Wer einen Sinn hat dafur, der sieht in der Art, wie das Kind seine er- 
sten Schritte macht, wie es auftritt, ob es die Neigung bekommt, mit 
den Zehen, ob es die Neigung bekommt, mit den Fersen zuerst aufzu- 
treten, ob es die Knie in dieser oder jener Weise mehr oder weniger 



stark beugt - in all dem sieht derjenige, der dafiir ein Auge hat, eine 
karmische Bestimmtheit aus einem friiheren Erdenleben ; das zeigt sich 
zunachst im Gange. Ich stellte es einmal dar. Das ist aus dem Grunde, 
weil mit der Fahigkeit, die Riickstrahlungskraft der Metalle zu schau- 
en, auch die Fahigkeit auftritt, den Zusammenhang des Menschen in 
seinem gegenwartigen Erdenleben mit friiheren Erdenleben zu durch- 
schauen. 

Es ist schon so, daB es wirklich recht unbegriindet ist, wenn die 
Leute sagen: Anthroposophie laBt sich nicht beweisen. Sie sind ge- 
wohnt, so zu beweisen, daB iiberall die sinnliche Wahrnehmung als 
Beweis aufgezeigt wird. Das ist geradeso, wie wenn einer sagt : Was, 
du erzahlst mir, daB sich die Erde frei im Weltenraum bewegt? Das ist 
doch nicht moglich; sie muB doch einen Untersatz haben, sie muB doch 
auf etwas drauf liegen, sonst fallt sie ja herunter. - Ja, die Weltenkor- 
per tragen sich eben gegenseitig. Und nur fur die Verhaltnisse auf der 
Erde kann man sagen, daB alles einen Untersatz haben muB. So kann 
man nur fur die Wahrheiten, die dem gewohnlichen BewuBtsein ange- 
horen, sagen, daB man Beweise entwickeln muB, so wie man eben ver- 
langt, daB man beweisen soil. Die Wahrheiten, die sich auf den Geist 
beziehen, die tragen sich eben gegenseitig. Aber man muB nur auch 
spiiren dieses gegenseitige Tragen. 

Vor Wochen habe ich Ihnen gesagt, wie man schaut aus der Art und 
Weise, wie das Kind, oder der Mensch iiberhaupt, geht, ob er die Ze- 
hen oder die Ferse zuerst aufhebt, stark oder ieise auftritt, ob er das 
Knie stark beugt oder mehr in der Gewohnheit hat, stramm zu stehen 
und so weiter : daB man darinnen die Verwirklichung seines Karmas aus 
dem friiheren Erdenleben sieht. Heute zeige ich Ihnen, wie die Riick- 
strahlekraft der Metalle einen befahigt, zu erkennen, wie die Erden- 
leben zusammenzuschauen sind. Daraus ersehen Sie zwei Wahrhei- 
ten, die sich gegenseitig tragen. Aber immer ist es ja so, daB wir ein- 
mal eine Wahrheit horen, dann kommen andere Dinge dazwischen, 
dann horen wir einmal wiederum dieselbe Wahrheit von einem anderen 
Gesichtspunkte aus, vielleicht noch ein drittes Mai, und so stiitzen sich 
die Wahrheiten der Anthroposophie, wie sich im Kosmos, ohne daB 
sie Untersatze haben, die Himmelskorper gegenseitig tragen und hal- 



ten. Das muB schon so sein, wenn man aufsteigt von den Wahrheiten, 
die nur fiir das gewohnliche BewuBtsein gelten, zu denjenigen Wahr- 
heiten, die fur sich selbst wesenhaft in der Welt dastehen. Und wesen- 
haft in der Welt steht dasjenige da, was eben gefaBt werden soil in 
anthroposophischer Erkenntnis. 

Da muB man eben zusammenhalten dasjenige, was zu den verschie- 
densten Zeiten gesagt wird, und was sich wirklich auch gegenseitig 
tragt, gegenseitig anzieht, gegenseitig sich wohl auch abstoBt, damit 
aber das innere Leben der anthroposophischen Erkenntnis zeigt. Denn 
die anthroposophische Erkenntnis lebt durch sich. Die anderen Er- 
kenntnisse, die heute gang und gabe sind, leben durch ein anderes, 
durch ihre Untersatze, auf denen sie draufstehen. Sie tragen sich, die 
anthroposophischen Erkenntnisse, durch sich selbst. 

Meine lieben Freunde! Heute mochte ich nur noch verkiindigen, 
dafi wir nachsten Sonntag um 5 Uhr wieder eine eurythmische Vor- 
stellung haben, und zwar wiederum eine solche, wie sie war wahrend 
der Zeit, als wir in Holland waren, halb von Damen, halb von den 
jiingeren Freunden hier aufgefuhrt. Und wiederum wird ja der sehr 
lobliche Zweck damit verknupft sein, das Ertragnis zu verwenden fur 
das allmahliche Erbauen von eurythmischen Mannerkostiimen und so 
weiter, daB die Manner ihre ordentlichen Eurythmiekostiime bekom- 
men und dann allmahlich die Welt auch hineinwachst in eine Art 
Manner-Eurythmie. Das wird also am Sonntag um 5 Uhr sein. Mor- 
gen um 8 Uhr und Sonntag um 8 Uhr sind die beiden nachsten 
Vortrage. 



fOnfter vortrag 

Dornach, i. Dezember 1923 



Durch dasjenige, was ich gestern sagte, ergibt sich die Moglichkeit, 
manche von jenen Ereignissen, die im Laufe der Erdenentwicke- 
lung geschehen sind und die jetzige Gestalt unserer Erde bewirkt ha- 
ben, noch genauer zu besprechen. Sie erinnern sich, daB ich sagte, 
man kann schauend-erkennend in ein gewisses Verhaltnis kommen 
zu der Metallitat der Erde, zu all dem, was in der Erde wesenhaft 
dadurch ist, daB die Erde durchzogen ist von Metalladern, daft iiber- 
haupt diese Erde in sich tragt das Metallische, das verschiedenartige 
Metallische. Diese Verwandtschaft, in die man eingehen kann mit dem 
Metallischen der Erde, die gibt einem die Moglichkeit, zuriickzu- 
schauen auf das, was mit der Erde geschehen ist. 

Nun ist es ja ganz besonders interessant, auf dasjenige zu schauen, 
was mit unserer Erdenentwickelung sich vollzogen hat ungefahr in 
den Zeiten, die der atlantischen Entwickelung vorangegangen sind, 
die ich in einer etwas auBerlichen Weise das lemurische Zeitalter ge- 
nannt habe, und auch noch auf dasjenige hinzuschauen, was in dem 
nachst vorangehenden Zeitenraum liegt, wo die Erde das Sonnensta- 
dium wiederholte. Wahrend der lemurischen Zeit hat sie das Monden- 
stadium wiederholt. Auf alle diese Ereignisse ist es interessant zuriick- 
zuschauen, denn man bekommt dadurch einen Eindruck davon, wie 
wandelbar alles im Gebiete des Erdendaseins ist. 

Wir sind ja gewohnt heute, die Erde gewissermaBen als abgeschlos- 
sen in der Form anzusehen, wie sie heute dem Menschen entgegentritt, 
Wir leben als Menschen auf dem Kontinente, sind da umgeben von 
dem, was die Erde zu tragen vermag an Pflanzen, an Landtieren, an 
Lufttieren und so weiter. Wir wissen, daB wir selbst in einer Art von 
Luftmeer der Atmosphare leben, die die Erde umgibt; daB wir aus die- 
sem Luftmeer den Sauerstoff in uns aufnehmen, daB aber auch unser 
Verhaltnis zum Stickstoff eine gewisse Rolle spielt. Aber wir stellen 
uns im allgemeinen vor, daB uns da eben der Luftkreis umgibt, beste- 
hend aus Sauerstoff und Stickstoff. Wir schauen dann hin auf die Oze- 



ane, auf die Meere und bekommen eben - weitere Einzelheiten brau- 
che ich ja nicht zu erwahnen - ein Bild dessen, was wir als den Planeten 
vorstellen, den wit im Weltenall bewohnen. Nun sehen Sie, so wie da 
die Erde jetzt ist, war sie aber nicht immer, sondern sie hat sogar sehr 
starke, gewaltige Verwandlungen durchgemacht. Gehen wir zu den 
Zeitraumen, auf die ich eben jetzt hingedeutet habe, zuriick, gehen wir 
nur ins lemurische Zeitalter und etwas weiter zuriick, dann finden wir 
eine ganz andere Erdbeschaffenheit als jetzt. 

Gehen wir aus von dem Luftkreis, in dem wir jetzt leben, und den wir 
selber als unlebendig, als leblos ansehen. Schon dieser Luftkreis stellt 
sich uns als ein ganz anderes dar. Und wenn wir weiter zuriickgehen, da 
haben wir auch in dieser altesten Zeit der Erdenentwickelung schon so 
etwas zu beobachten, wie heute der feste Erdkern gewissermaBen ist, 
um den herum der Luftkreis ist. Solch eine ahnliche Zeichnung wiirde 
sich schon auch ergeben fur diese alteren Zeiten; aber es kann gar 
nicht die Rede davon sein, daB fur diese alteren Zeiten irgendwie so 
etwas da ist in der groBen Sphare, die ich gezeichnet habe, wie heute 
die von uns einzuatmende Luft. In der von uns heute einzuatmenden 
Luft spielen der Sauerstoff und der Stickstoff die hervorragendste Rol- 
le; und eine geringere Rolle spielt da der Kohlenstoff, spielt da der 
Wasserstoff; eine noch unbedeutendere Rolle spielt der Schwefel oder 
gar der Phosphor. 

Nun ist es gar nicht moglich eigentlich, fur diese alteren Zeiten von 
Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel und so weiter zu sprechen, 
einfach weii es das, was heute der Chemiker mit diesen Namen be- 
zeichnet, fur diese altere Zeit gar nicht gibt. 

Sehen Sie, irgendein Geistwesen der damaligen Zeit, dem ein heuti- 
ger Chemiker entgegentreten und von Kohlenstoff, Sauerstoff, Stick- 
stoff und so weiter sprechen wiirde, das wiirde sagen : So etwas gibt es 
nicht. Denn so wahr es eine Moglichkeit gibt, von diesen Dingen heute 
zu reden, so wenig gab es eine Moglichkeit in der damaligen Zeit, von 
diesen Dingen zu reden. Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, wie wir 
heute davon sprechen, sind als solche nur moglich, wenn die Erde eben 
eine bestimmte Dichte erreicht hat und solche Krafte hat, wie sie sie 
heute hat. Sauerstoff, Stickstoff, Kalium, Natrium und so weiter, die 



gesamten weniger schweren sogenannten Metalle, die gab es in jener 
alteren Zeit gar nicht. Dagegen gab es in dieser Erdenumgebung, hier 
in diesem Umkreis, der da2umal das bildete, wofur wir heute den Luft- 
kreis setzen, etwas, was ungeheuer feinniissig war, so zwischen unse- 
rem heutigen Wasser und der Luft in der Mitte ; feinniissig war es, aber 
in seiner Feinfliissigkeit war es ahnlich dem EiweiB. So daB eigentlich 
die Erde dazumal ganz umgeben war von einer EiweiB-Atmosphare. 
Das heutige EiweiB im Hiihnerei ist viel grober, aber es laBt sich schon 
damit vergleichen. 

Diese Erdenumgebung, die ist so geartet, daB, als spater die Erde 
dichter wurde, da trennte sich heraus, difFerenzierte sich heraus aus die- 
ser Umgebung, was wir heute als Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, 
Stickstoff und so weiter bezeichnen. Aber das war da drinnen nicht so, 
daB man sagen kann, diese damalige EiweiB-Atmosphare war daraus 
zusammengesetzt; denn es hatte diese einzelnen Stoffe nicht als Teile. 
Heute denkt man sich iiberhaupt bei allem: es sei zusammengesetzt; 
aber das ist ein Unsinn. Dasjenige, was man als gewisse hoher geartete 
Substanzen kennt, das ist nicht immer aus dem zusammengesetzt, was 
dann erscheint, wenn man es analysiert; sondern die Dinge horen auf, 
in der hoheren Substanz darinnen zu sein. Der Kohlenstoff ist da drin- 
nen nicht Kohlenstoff, der Sauerstoff nicht Sauerstoff und so weiter, 
sondern das ist eine hoher geartete Substanz. Und wie gesagt, eigen- 
schaftlich kann ich sie als sehr, sehr niissiges EiweiB bezeichnen. Aber 
diese ganze, die Erde damals umgebende Substanz war durchdrungen 
vom Weltenall herein mit kosmischem Ather, der diese ganze Sub- 
stanz belebte. So daB wir den kosmischen Ather uns vorzustellen ha- 
ben als hereinragend in diese Substanz und sie belebend. 

Dadurch, daB dieser kosmische Ather hereinragte, dadurch lebte 
diese Substanz. Sie lebte aber nicht nur, sondern sie differenzierte sich 
in eigentumlicher Weise. Da erschien an einer Stelle einmal ein groBe- 
res Gebilde, in dem man ersticken konnte ; an einer anderen Stelle er- 
schien ein groBeres Gebilde, in dem man besonders regsam hatte auf- 
leben konnen, wenn man als Mensch schon hatte da sein konnen und so 
weiter. Es waren da nicht chemische Elemente im heutigen Sinne drin- 
nen, aber es entstanden solche Bildungen, die an die Wirkungen der 



chemischen Elemente von heute erinnern. Dann war das Ganze von 
Licht-Spiegelungen, Licht-Erglanzungen, Licht-Erstrahlungen, Licht- 
Erfunkelungen durchsetzt. Und endlich war das Ganze voiii Welten- 
ather durchwarmt. 

Das alles waren Eigenschaften der damaligen Erd-Atmosphare, wenn 
ich den heutigen Ausdruck gebrauchen darf. Das erste, was nun aus 
dem Kosmos herein sich bildete, das ist das, was ich gestern beschrie- 
ben habe : die ersten Urgebirge. Die bildeten sich aus dem Kosmos her- 
ein. So daB die Quarze, die Sie drauBen im Urgebirge finden in ihrer 
schonen Gestalt, in ihrer relativen Durchsichtigkeit, gewissermaBen 
vom Weltenall in die Erde herein gebildet sind. Deshalb ist es ja, daB, 
wenn sich heute der imaginativ Schauende in diese Urgebirgsgesteine, 
in diese heute hartesten Gestaltungen der Erde hinein versetzt, so sind 
sie ihm die Augen hinaus nach dem Weltenall. Aber das Weltenall hat 
auch diese Augen der Erde eingesetzt ; sie sind da nun drinnen. Das Wel- 
tenall hat sie der Erde eingesetzt. Nur war das Quarzige, das Kiesel- 
saure- Ahnliche, das da in die ganze Atmosphare hereindrang und sich all- 
mahlich ablagerte als Urgebirge, nicht so hart wie heute. Das ist erst spa- 
ter, durch die spateren Verhaltnisse, dieser Erhartung, in der es heute 
dasteht im Urgebirge, anheimgefallen. Das alles, was sich da hereinbil- 
dete aus dem Weltenall, war in der damaligen Zeit kaumharter als Wachs. 

Also, wenn Sie heute ins Urgebirge gehen und einen Quarzkristall 
sehen, der so hart ist - ich habe heute an anderer Stelle gesagt: der 
Schadel wiirde zwar kaputtgehen, aber der Quarz nicht, wenn Sie dar- 
an stoBen -, so war das alles dazumal durch das Leben, das in alles 
hineinragte, weich wie Wachs, richtig weich wie Wachs, so daB man 
also sagen konnte : Als traufelndes Wachs aus dem Kosmos kommen 
die Urgebirgsgesteine. Und das alles ist durchsichtig, wie es aus dem 
Kosmos da herein sich schiebt, kann in seiner relativen Harte, in seiner 
Wachsharte eben nur beschrieben werden so, daB man den Tastsinn 
darauf anwendet: man wiirde es spiiren, wenn man es angreifen konn- 
te, wie man Wachs spurt. 

So also setzt sich das Urgebirge aus dem aus dem Kosmos hereinge- 
traufelten Wachs ab, verhartet sich dann. Kieselsaure hat Wachsform 
in der Zeit, in der sie sich aus dem Kosmos in die Erde herein versetzt. 



Und dasjenige, was heute mehf geistig vorhanden ist, und was ich 
Ihnen gestern beschrieben habe, daB man in diesem dichten Gestein, 
wenn man sich hineinversetzt, Bilder des Kosmos hat, das war dazumal 
ganz anschaulich da, und zwar so da, daB, wenn da solch eine Partie - 
verzeihen Sie, daB ich den Ausdruck gebrauche, aber er bezeichnet ja ei- 
gentlich das Richtige - Wachskiesel herankam in seiner Durchsichtig- 
keit, so konnte man in ihm etwas unterscheiden wie eine Art Pflanzen- 
bild. Wer sich umgesehen hat in der Natur, der wird ja wissen, daB, 
man mochte sagen wie Merkzeichen an eine alte Zeit, so etwas sich 
schon heute in der mineralischen Welt findet. Man findet Gesteine, 
man nimmt sie in die Hand, man schaut sie an, und Sie haben in ihnen 
so etwas, wie wenn in ihrem Innem ein Pflanzenbild ware. Das war 
aber dazumal etwas ganz Gewohnliches, was in die Atmosphare, in 
diese EiweiB-Atmosphare hereinkam, mitgeschoben gewissermaBen 
wie Bilder, die nicht nur gesehen wurden, sondern wie Bilder, die im 
Innern dieses Wachskorpers abphotographiert waren, aber korperlich 
abphotographiert waren - daB damit diese Bilder aus dem Kosmos 
hereingeschoben wurden. 

Und dann gestaltete sich das Eigentumliche heraus, daB das fliissige 
EiweiB, das da war, diese Bilder ausfullte ; dadurch wurden sie wieder- 
um etwas harter, etwas dichter; sie waren dann nicht mehr Bilder. Das 
Kieselige fiel von ihnen weg, zerstreute sich in die ubrige Atmosphare, 
und wir haben in der altesten lemurischen Zeit die machtigen schwim- 
menden, an unsere heutigen Algen erinnernden Pflanzenbildungen, die 
nicht im Boden eingewurzelt waren - ein solcher Boden war iiberhaupt 
noch nicht da -, die in diesem rlussigen EiweiB, aus dem sie ihre eigene 
Substanz herausbildeten, mit der sie sich durchdrangen, die in diesem 
rlussigen EiweiB drinnen schwammen, aber nicht nur schwammen, 
sondern die Sache war so, daB sie aufglanzten, mochte ich sagen, auf- 
leuchteten, dann wieder vergingen, wieder da waren, wieder vergin- 
gen. Sie waren wandelbar; wandelbar bis zu dem Grade, daB sie ent- 
standen und verschwanden. 

Stellen Sie sich das recht vor. Es ist im Grunde genommen ein Bild, 
das von dem Heutigen, was wir in unserer Umgebung haben, sehr ver- 
schieden ausschaut. Wenn man als heutiger Mensch sich in die dama- 




Tafel 7 



/^/ Erde = hcll WNSv Tiere = rot 

\\\\\\ Luftkreis = hcllgrun , Kalk - hell « Tiere mit 

KosmischerAther-gelb " kalkhaltigen Knochcn 

///ft Pflanze= blaugriin 

lige Zeit versetzen konnte, sagen wir solch ein Schilderhauschen ir- 
gendwo hinstellen konnte und sich da beobachtend hineinsetzen 
konnte, wie es heute unsere Freunde haben, die die Wache hier am 
Goetheanum leisten, und da hinausschauen konnte in jene alte Welt, 
da wiirde man uberall sehen : da taucht auf ein Pflanzenbild, ein mach- 
tiges Pflanzenbild, wie gesagt unseren heutigen Algen oder auch Pal- 
men ahnlich, aber es schieJBt auf - es wachst nicht aus der Erde im 
Fruhling heraus und vergeht im Herbste, sondern es schieBt, in der 
Fruhlingszeit erscheinend, heraus - die Friihlingszeit ist viel kiirzer - 
und dann erlangt es seine Machtigkeit, dann verschwindet es wieder- 
um im flussig-eiweifiahnlichen Elemente. Diesen Anblick des immer 



Ergriinenden und immer wiederum Vergriinenden wiirde ein solcher 
Beobachter haben. Und er wiirde nicht sprechen von den Pflanzen, die 
die Erde bedecken, sondern er wiirde sprechen von den Pflanzen, die 
wie Luftwolken aus dem Kosmos herein erscheinen, dicht werden, sich 
auflosen - ein Ergriinendes in der EiweiC-Atmosphare. Und man 
wiirde von dem, was unserem heutigen Sommer etwa entsprechen 
wiirde, sagen: Es ist die Zeit, in der die Erdenumgebung ergriint. Man 
wiirde aber zu dem Griin mehr hinaufschauen als hinunterschauen. So 
daB man auf diese Art die Vorstellung bekommt, wie das Kieselige der 
Erd-Atmosphare hereinzieht in das Irdische und die Pflanzenkraft, die 
eigentlich drauBen im Kosmos ist, an sich heranzieht; wie die Pflan- 
zenwelt aus dem Kosmos auf die Erde herunterkommt. Aber in der 
Periode, von der ich da spreche, ist es eben durchaus so, daB man sagen 
muB : Diese Pflanzenwelt, sie ist ein in der Atmosphare Entstehendes 
und Vergehendes. 

Und man muB noch etwas anderes sagen: Wenn man heute Mensch 
ist und eben durch die Verwandtschaft mit der Metallitat der Erde sich 
zuriickversetzt in jene Zeiten, dann ist es einem so, als ob das alles zu 
einem selber gehorte, als ob man etwas zu tun hatte mit dem, was da- 
zumal in der Atmosphare ergriinte und vergriinte. Wirklich, wenn 
man sich heute an seine eigene Kindheit erinnert, so ist das die Erinne- 
rung an eine kurze Sparine Zeit. Aber wenn Sie sich an einen Schmerz, 
den Sie in der Kindheit durchgemacht haben, erinnern, so ist das etwas, 
was zu Ihnen gehort. So wird in diesem durch die Metallitat der Erde 
angeregten kosmischen Zuriickerinnern dieser Vorgang des Ergrii- 
nens und Vergriinens wie etwas, das zu Ihnen selbst gehort. Man war 
dazumal schon als Mensch mit der Erde, die in dieser waBrigen Ei- 
weiB- Atmosphare lebte, verbunden, aber so, daB man als Mensch noch 
ganz geistig war. Aber man driickt ein Richtiges aus, wenn man sagt - 
es ist so, daB man zugleich die Vorstellung gewinnen muB -: Diese 
Pflanzen, die man da in der Atmosphare sieht, die sind fur die damalige 
Zeit Abscheidungen, Absonderungen des Menschlichen. Der Mensch 
setzt das aus seiner Wesenheit, die noch mit der ganzen Erde eines ist, 
heraus, Und er muB diese Vorstellung noch fur etwas ganz anderes ha- 
ben, was er da heraussetzt. Es geschieht namlich auch folgendes. Alles, 



was ich bisher beschrieben habe, das ist dadurch bewirkt, daB schon 
friiher das Kieselsaureartige in der Atmosphare abgesetzt ist in der 
Wachsform, von der ich gesprochen habe. Aber sonst ist ja iiberall diese 
Eiweifi-Atmosphare da. Auf die wirkt der Kosmos ; auf die wirken die 
unendlich mannigfaltigen Krafte, die vom Kosmos iiberall auf die Erde 
niederstrahlen, jene Krafte, von denen unsere heutige Erkenntnis gar 
nichts wissen will. Daher ist unsere heutige Erkenntnis eben gar keine 
wirkliche Erkenntnis, weil das Mannigfaltigste, was auf der Erde vor- 
geht, eben nicht vorgehen wiirde, wenn es nicht iiberall von kosmi- 
schen Impulsen und kosmischen Kraften bewirkt ware. Indem nun der 
heutige Gelehrte gar nicht von diesen kosmischen Kraften spricht, 
spricht er iiberhaupt nicht von der Wirklichkeit. Er nimmt ja nirgends 
Riicksicht auf dasjenige, was eigentlich lebt. Selbst in dem kleinsten 
Praparat, das man durch irgendein Mikroskop ansieht, leben nicht nur 
irdische, leben kosmische Krafte. Und ohne daB man auf diese Riick- 
sicht nimmt, hat man nicht die Wirklichkeit. 

So wirkten also dazumal die kosmischen Krafte auf dieses fliissige 
EiweiB in der Erdenumgebung. Und diese kosmischen Krafte wirkten 
auf manche Partien dieses EiweiBes so, daB sie es wie gerinnen machten, 
so daB man kosmisch geronnenes EiweiB da iiberall sah. Das schwamm 
da drinnen: kosmisch geronnenes EiweiB. Aber das waren nicht be- 
liebige Wolken, dieses kosmisch geronnene EiweiB, sondern das war 
Lebendiges in bestimmten Formen. Es waren eigentlich Tiere, die aus 
diesem geronnenen EiweiB bestanden, das sich bis zu der Dichtigkeit 
von Gallerte, ja bis zu der Dichtigkeit unserer heutigen Knorpelmasse 
herausbildete. Solche Gallert-Tiere, die waren in dieser fliissigen Ei- 
weifi-Atmosphare. Sie hatten die Gestalt, welche im kleinen vorhan- 
den ist bei unseren Reptilien, bei unseren Eidechsen und dergleichen; 
aber sie waren eben nicht von einer solchen Dichtigkeit, sondern sie 
waren in dieser gallertartigen Masse vorhanden, und sie waren in sich 
beweglich. Bald hatten sie lange GliedmaBen, bald waren die Glied- 
maBen wieder in sich zusammengezogen; kurz, alles an ihnen war so, 
wie es an der Schnecke ist, die ihre Fuhler einziehen kann. 

Nun sehen Sie, wahrend dieses da drauBen sich bildete, war aber in 
der Erde schon auBer dem Kieseligen aus dem Weltenall abgesetzt das- 



jenige, was Sie heute als Kalkbestandteile der Erde finden. Wenn Sie 
nicht ins Urgebirge gehen, sondern wenn Sie einfach in den Jura hin- 
ausgehen, so haben Sie dieses Kalkgestein. Dieses Kalkgestein ist spa- 
ter, aber es ist auch aus dem Kosmos geradeso wie das Kieselige an die 
Erde herangekommen, so daB wir also als Zweites das Kalkige in der 
Erde hier haben. 

Aber dieses Kalkige sickert immerfort hinein, und im wesentlichen 
bewirkt dieses Kalkige, daft die Erde in ihrem Kern immer dichter und 
dichter wird. Und es gliedert sich dann dem Kalkigen in bestimmten 
Lokalitaten das Kieselige ein. Aber dieses Kalkige, das behalt die kos- 
mischen Krafte. Der Kalk ist noch etwas ganz anderes als die grobe 
Materie, als die ihn die heutigen Chemiker vorstellen. Der Kalk ent- 
halt iiberall verhaltnismaBig nicht herauskommende Gestaltungskrafte. 

Und nun ist es eigentumlich : wenn wir in eine etwas spatere Zeit 
gehen, als diejenige ist, die ich Ihnen da fiir das Hereinkommen des 
Ergriinens und Vergriinens beschrieben habe, da finden wir, daB diese 
ganze EiweiB- Atmosphare eigentlich ein fortwahrendes Hinauf- und 
Hinabgehen des Kalkes hat. Es bildet sich Kalkdunst und wiederum 
Kalkregen. Die Erde hat eine Zeit, wo dasjenige, was heute bloB ver- 
dunstetes Wasser und herunterfallender Regen ist, kalkhaltige Sub- 
stanz ist, die hinauf geht und wieder heruntergeht, sich hebend und 
senkend. Und da entsteht das Eigentumliche : dieser Kalk, der hat eine 
besondere Anziehungskraft zu diesem Gallert, zu diesen Knorpelmas- 
sen. Die durchdringt er, die impragniert er mit sich selber. Und durch 
die Erdenkrafte, die in ihm sind - ich sagte Ihnen, die Erdenkrafte sind 
in ihm -, lost er die ganze Gallertmasse auf, die sich da als geronnenes 
EiweiB gebildet hat. Der Kalk nimmt dem Himmel das, was der Him- 
mel in der EiweiB- Substanz gebildet hat, weg und tragt es naher an die 
Erde heran. Und daraus entstehen dann allmahlich die Tiere, die kalk- 
haltige Knochen haben. Das ist etwas, was in der spateren lemurischen 
Zeit sich ausbildet. 

So daB wir in den Pflanzen zuerst in ihrer altesten Gestalt zu sehen 
haben reine Himmelsgaben, und in den Tieren und in aller tierischen 
Bildung etwas zu sehen haben, was die Erde, nachdem ihr der Him- 
mel den Kalk gegeben hat, dem Himmel abgenommen hat - wirklich 



richtig wegstibitzt! - und zu einem Erdengcbilde gemacht hat. Das 
sind die Dinge, die einem aus dieser altesten Zeit so merkwiirdig ent- 
gegentreten, und mit denen man sich durchaus verbunden fuhlt, so, daB 
man nun auch diesen ganzen Vorgang als einen Vorgang des sozusa- 
gen in den Kosmos erweiterten Menschenwesens empfindet. 

Solche Dinge klingen natiirlich paradox, weil sie ja eine Wirklich- 
keit beriihren, von der der heutige Mensch sich gewohnlich keine Vor- 
stellung macht, aber sie enthalten die voile Wahrheit. Nicht wahr, es 
ist heute einer absoluten Wirklichkeit entsprechend, wenn man aus 
dem Gedachtnis heraus sagt : Als ich ein neunjahriger Junge oder ein 
neunjahriges Madchen war, da habe ich meinen Freund oder meine 
Freundin manchmal ordentlich durchgepriigelt. Das ist etwas, was in- 
nerlich aufsteigt. Man kann dariiber erfreut sein oder nicht, man kann 
dariiber Schmerz empfinden, aber es steigt eben innerlich auf. So steigt 
in diesem durch die Verwandtschaft mit dem Metallischen erweiterten 
Menschenbewufttsein, das ein ErdenbewuBtsein wird, auf: Du hast, 
indem du deine ganze Wesenheit vom Himmel auf die Erde herein ge- 
bildet hast, beim Heruntergehen die Pflanzen von dir abgesondert. Die 
sind eine Absonderung von dir. Du hast auch das Tierwesen abgeson- 
dert; in der Form geronnener Gallerte oder Knorpelmasse hast du ge- 
wollt zunachst, daB es ein Absonderungsprodukt von dir werde. Da 
hast du aber merken miissen, wie schon vorangegangene Erdenkrafte 
dir das abgenommen haben und die Tierformen in einer anderen Ge- 
stalt, wo sie ein Ergebnis der Erdbildung ist, geformt haben. - Gera- 
deso kann man das in einer kosmischen Erinnerung wie das eigene Er- 
lebnis sehen, wie man das andere, das ich angefiihrt habe, als ein Er- 
lebnis des kurzen Erdenlebens sehen kann. Man fuhlt sich, wie gesagt, 
als Mensch damit verbunden. 

Aber all das ist ja verkniipft mit mancherlei anderen Vorgangen, Ich 
schildere Ihnen sozusagen skizzenhaft hauptsachlichste Vorgange. Da 
geschieht vieles andere. Wahrend zum Beispiel das geschehen ist, was 
ich da beschrieben habe, ist die ganze Atmosphare ja noch angefiillt 
mit fein verteiltem Schwefel. Dieser fein verteilte Schwefel verbindet 
sich mit anderen Substanzen, und aus diesem Verbinden des fein ver- 
teilten Schwefels mit anderen Substanzen entstehen dann, ich mochte 



sagen, die Vater oder die Mutter von all dem, was heute als Pyrit, als 
Bleiglanz, als Zinkblende und so weiter in den Erzen vorhanden ist. 
Also all das bildet sich in einer alteren Form, in einer weichen, noch 
dicht wachsartigen Form in der damaligen Zeit aus. Dadurch wird der 
Erdkorper von solchen Dingen durchdrungen. Und dann, wenn eben 
diese Erze, dieses Metallinische, aus der allgemeinen eiweiBahnlichen 
Substanz herauskommt und die feste Erdkruste bildet, dann haben die 
Metalle ja darinnen tatsachlich nicht viel anderes zu tun, wenn nicht 
der Mensch mit ihnen etwas macht, als nachzudenken uber das, was 
geschehen ist. Und das trifft man auch bei ihnen. Man findet sie in einem 
Zustande, wo sie einem fur das innerliche Schauen alles vergegenwarti- 
gen, was mit der Erde geschehen ist. Jetzt aber sagt man sich, indem 
man das wie das eigene kosmische oder wenigstens tellurische Erlebnis 
hat : Indem du das alles abgelost hast von dir, indem du abgelost hast 
dasjenige, was als die alteste Pflanzenform da war - was ja die spateren 
Pflanzenformgebilde geworden sind -, indem du abgelost hast, was in 
der komplizierteren Weise als Tierwerdung dasteht - wie ich es be- 
schrieben habe -, hast du abgelost von dir dasjenige, was dich vorher 
verhindert hat, in deinem eigenen Menschenwesen ein Wollen zu ha- 
ben. 

Das, was ich Ihnen hier alles beschrieben habe, das war notwendig, 
das muBte der Mensch abscheiden, wie er heute den SchweiB oder an- 
deres abscheiden muB. Das muBte der Mensch abscheiden, damit er 
nicht mehr ein Wesen war, in dem bloB die Gotter wollten, sondern 
damit er ein Wesen werden konnte mit eigenem Wollen, daB er ein 
eigenes, wenn auch noch nicht freies Wollen haben konnte. Das alles 
war also zur Vorbereitung der irdischen Natur des Menschen not- 
wendig. 

Nun, indem vieles andere noch geschehen ist, verwandelte sich das 
alles. Naturlich, als dann die Erze da waren, abgesondert in der Erde, 
da verwandelte sich auch die ganze Atmosphare. Sie wurde eine an- 
dere, sie wurde weit weniger schwefelhaltig. Der SauerstofTbekam all- 
mahlich die Oberhand iiber den Schwefel, wahrend in den alten Zeiten 
der Schwefel eine sehr starke Bedeutung hatte fur die Erden- Atmo- 
sphare. Die ganze Erden- Atmosphare wurde anders. 



In dieser erneuerten Umgebung konnte der Mensch anderes wieder- 
um aus sich heraussetzen, anderes absondern. Was er jetzt absonderte, 
erscheint wie die Nachkommen der fruheren Pflanzen und der fruhe- 
ren Tiere. Jetzt allmahlich bildeten sich die spateren Pflanzenformen 
aus, die eine Art Wurzel faBten, aber in noch durchaus weicher Erden- 
substanz. Und es bildeten sich heraus aus dem, was Reptilien, eidech- 
senahnliche Tiere waren, kompliziertere Tiere, solche Tiere, welche die 
heutige Geologie in Abdrucken und dergleichen noch findet. Von dem 
Alleraltesten, von dem ich hier gesprochen habe, wird ja nichts mehr 
gefunden. Erst das, was dann in der spateren Epoche entstand, in der 
der Mensch - sozusagen ein zweites Mai - kompliziertere Gebilde aus 
sich heraussetzte, erst da war das, was ich Ihnen hier beschrieben habe, 
was, ich mochte sagen immerfort entstehende und vergehende Wol- 
kengebilde waren, Ergriinendes, Vergrunendes, weichmassige tierahn- 
liche Gestalten, die aber wirkliche Tiere waren, die bald sich zusam- 
menzogen und ein Eigenleben hatten, bald wiederum sich verloren in 
einem allgemeinen Erdenleben, denn das war bei all diesen Wesenhei- 
ten der Fall. Aus all dem entstand etwas, was mehr in sich gefestigt war. 

Und so kamen dann solche Tiere heraus, wie das eine, das ja fur die 

damalige Zeit, wenn man es etwas schematisch zeichnen will, so aus- 

sah : es hatte ein sehr groCes augenahnliches Organ mit einer Art von 

Aura; daran eine Art von Schnauze, die iibrigens noch nach vorne ver- 

langert war; dann so etwas wie einen Eidechsenkorper, aber mit mach- 

tigen Flossen. So etwas entstand also wie ein Gebilde, das jetzt schon 

mehr Festigkeit in sich hatte. Wir haben solche Tiere, welche etwas 

haben wie, ich konnte ebenso gut sagen Flugel wie Flossen. Denn das 

Tier war ja nicht etwa ein Meerestier, Meer war dazumal noch nicht; 

es war eine weiche Erdmasse und das noch immer weiche Element des 

Umkreises, aus dem nur der Schwefel etwas entfernt war. Aber da 

drinnen flog oder schwamm - es war eine Tatigkeit zwischen Fliegen 

und Schwimmen - solch ein Tier (siehe Zeichnung S. 84). Tafein 

7 + 8 

Daneben gab es andere Tiere, welche nicht diese Art von Gliedma- 
Iten hatten, sondern GliedmaBen, die schon mehr aus den Kraften der 
Erde selbst herausgeformt waren, die schon erinnerten an die Glied- 
maBen der heutigen niederen Saugetiere und so weiter. 




So wiirde sich einem Menschen, der, von heute ausgehend, statt 
dutch den Raum durch die Zeit wandernd, zuriickwandernd in jene 
Zeit, die das lemurische Zeitalter mit dem atlantischen verbindet, ein 
besonderer Anblick darbieten: solche riesigen fliegenden Eidechsen 
mit einer Laterne auf dem Kopf, die leuchtet und warmt; unten etwas 
wie eine weiche, morastartige Erde, die aber etwas auBerordentlich 
Anheimelndes hat, weil sie dem Besucher von heute eine Art von Ge- 
ruch darbieten wiirde, der zwischen Moderduft und dem Duft der 
griinenden Pflanzen mitten drinnen steht. Etwas Verfuhrerisches auf 
der einen Seite und auBerordentlich Sympathisches auf der anderen 
Seite wiirde dieser Schlamm der weichen Erde darbieten. Und da drin- 
nen wiederum, sich wie Sumpftiere fortbewegend, sind dann diese ande- 
ren Tiere, die schon mehr GliedmaBen haben, die an die heutigen niedern 
Saugetiere erinnern, die aber so nach unten ausgeweitet sind, daB sie 
oben unten solche machtige Dinge haben (es wird aufgezeichnet) - machti- 
echts gere naturlich als die Enten - Scheiben, mit denen sie in diesem Sumpf 
sich fortbewegen, aber auch wiederum auf- und abwiegen. 

Sehen Sie, diese ganze Absonderung muBte die Menschheit durch- 
machen, damit dem Menschen selbstandiges Fiihlen vorbereitet wer- 
den konnte fur sein Erdendasein. 



So haben wir eine erste vegetabiKsch-animalische Schopfung, die 
eigentlich in Absonderungsprodukten des Menschen besteht, und die 
das vorbereitete, dafi er als irdisches Menschenwesen ein wollendes 
Wesen werden konnte. Ware das alles in ihm geblieben, dann hatte das 
sein Wollen iibernommen. Sein Wollen ware ganz physisches Gesche- 
hen geworden. Dadurch, dafi er das ausgesondert hat, ist das Physi- 
sche von ihm fort, und das Wollen nimmt einen seelischen Charakter 
an. Ebenso nimmt durch diese zweite Schopfung das Fiihlen einen see- 
lischen Charakter an. Und erst in der spateren atlantischen Zeit, so in 
der Mitte der atlantischen Zeit, da entstehen Saugetiere und diese 
Pflanzen, Pflanzen und Tiere, die schon den unseren ahnlich sind. Da 
wird auch die Erde schon so gestaltet, dafi sie durchaus ahnlich aus- 
schaut dem, was sie jetzt ist. Dadurch gibt es schon die chemischen 
Substanzen, die Substanzen, die der heutige Chemiker kennt. Dadurch 
kommt schon allmahlich das zustande, was Kohlenstoff, SauerstofF, 
was die alkalischen, die schweren Metalle sind und dergleichen. Das 
kommt schon da heraus. Damit aber kann der Mensch das Dritte ab- 
sondern von sich, dasjenige, was er heute in seiner Umgebung als 
pflanzliche, tierische Welt findet. Und indem er dies absondert, indem 
diese ihn umgebende Schopfung um ihn herum entsteht, wird er vor- 
bereitet fur sein Erdendasein zu einem denkenden Wesen. 

Man kann also sagen : Die Menschheit war damals nicht so getrennt, 
wie die Menschen heute sind, in einzelne Individuen, es war eine allge- 
meine Menschheit, geistig-seelischer Natur noch, in den Ather sich 
hereinsenkend. Derm mit dem aus dem Weltenall der Erde zustromen- 
den Ather kam eben diese allgemeine Menschheit aus dem Weltenall. 
Sie machte dann auch diejenigen Vorgange durch, die ich in der «Ge- 
heimwissenschaft» beschrieben habe: sie kam, ging wieder fort zu den 
anderen Planeten und kam wiederum zuruck in der atlantischen Zeit. 
Das spielte sich noch nebenbei ab. Denn jedesmal, wenn so etwas ab- 
gesondert war, konnte die Menschheit nicht bei der Erde bleiben,. 
mufite weggehen, um gewissermafien die inneren Krafte, die jetzt viel 
feinerer, seelischer Natur waren, erst zu verstarken. Dann kam sie wie- 
derum herunter. Und so sind diese Vorgange dasjenige, was eben ge- 
nauer noch beschreibt das, was Sie in meiner «Geheimwissenschaft» 



lesen konnen. Diese Vorgange sind also so, daB der Mensch, die 
Menschheit eigentlich dem Weltenall angehort und sich selbst die Er- 
denumgebung zubereitet, indem sie ihre Ausscheidungen, die die an- 
deren Naturreiche sind, in den Erdenbereich hereinschickt. Da sind 
sie nun im Erdenbereich, da umgeben sie den Menschen. Und da kann 
der Mensch sagen: Indem er diese Ausscheidungen in den Erdenbe- 
reich hereingeschickt hat, hat er in sich allmahlich dasjenige entwik- 
kelt, was ihn als Erdenmenschen ausstattet mit Wollen, Fiihlen, Den- 
ken. Denn das, was der Mensch heute ist, das auf organisch-physischer 
Grundlage wahrend der Lebenszeit zwischen der Geburt und dem To- 
de ruhende denkende, fuhlende, wollende Wesen, das hat sich ja erst 
in der Zeit entwickelt und das steht im Zusammenhange mit den We- 
senheiten, die um der menschheitlichen Entwickelung willen sich im 
Laufe der Zeit aus dem Menschlichen herausgeschieden haben und in 
dieser Herausgeschiedenheit sich wiederum erst zu ihren heutigen For- 
men umgewandelt haben. 

Sie sehen daraus : es ist schon so, daB man nicht bloB im allgemeinen 
abstrakt von diesem Verwandtwerden mit dem Metallinischen der Erde 
spricht. Sondern wenn man verwandt wird mit diesem Metallinischen, 
das in sich die Erinnerung an die Erdengeschehnisse birgt, wie ich ge- 
sagt habe, ja dann ist es so, daB man wirklich etwas sagen kann, an was 
man sich da erinnert; daB man wirklich das findet, was ich Ihnen heute 
erzahlt habe. 

Und wenn Sie sich nun denken, daB man zuriickkommt in noch frii- 
here Zeiten, so wird das alles noch fliichtiger, noch verschwebender. 
Betrachten Sie nur den grandiosen, den majestatischen Anblick, den 
ich Ihnen vorhin geschildert habe : diese wachsartig verflieBenden Kie- 
selsaurebildungen, in denen auftreten Bilder der Pflanzenwelt, die sich 
vollsaugen mit der weichen Albumine, mit der weichen EiweiB-Sub- 
stanz, die dadurch ein Grunendes und Vergriinendes in der Erdenum- 
gebung darbieten - man schaut hinauf dazu. Denken Sie an diese Din- 
ge, und Sie werden sich sagen konnen : Gegeniiber den heutigen, aus 
fester Wurzel mit festen Blattern aus der Erde herauswachsenden 
Pflanzen oder gar gegeniiber den heutigen Baumen mit ihren erstark- 
ten Stammen, ist das alles fhichtiges Gebilde. Wie fhichtig ist das ge-; 



geniiber einer heutigen Eiche, die zwar nicht selbst stolz ist auf ihre 
Eichigkeit, auf die aber stolz sind gewohnlich die Umwohner, weil sie 
sich verwechseln in ihrer oftmaligen Schwache mit der Eichigkeit der 
Eiche ! Wenn Sie vergleichen diese Eichigkeit der heutigen Eiche mit 
diesen, ich mochte sagen, duftig entstehenden, duftig vergehenden, 
wie Schatten in der Atmosphare auf lebenden, sich verdichtenden, wie- 
der verschwindenden Pflanzengebilden; oder wenn Sie vergleichen - 
nehmen wir gleich krasse Falle - ein heutiges Nilpferd oder einen heu- 
tigen Elefanten in ihrer dicken Haut oder andere im Fleische lebende 
Wesenheiten mit den Wesenheiten der damaligen Zeit, die da als ge- 
rinnendes EiweiB aus diesem allgemeinen EiweiB herausgehen, dann 
vom Kalk erfaBt werden und in einer dadurch etwas dichteren Weise 
in Knochenandeutungen heruntergezogen werden ins Getierische der 
Erde - ich muB dieses mehr als Eigenschaftswort gebrauchen: ins 
« Getierische » der Erde -, wenn Sie sich das alles anschauen, wenn 
Sie sich die heutige Dichtigkeit, ich mochte sagen, die heutige Ele- 
fantitis der Erde anschauen gegeniiber dem, was da einmal war, dann 
werden Sie nicht mehr zweifeln konnen, daft, wenn man noch weiter 
zunickgeht, man eben in ein noch Fluchtigeres kommt. 

Man kommt dann zuriick in das, wo nur mehr wallende, webende, 
wesende Farbbildungen sind, die entstehen und vergehen. Und wenn 
Sie dann nehmen die Beschreibung der alten Sonne, des Vorgangers der 
Erde, oder des alten Saturn, wie ich sie in der «Geheimwissenschaft» 
gegeben habe, so werden Sie sagen : Das ist ja alles selbstverstandlich, 
wenn man weiB, daft man da noch von dem, was hier ist, zu einem wei- 
teren zuriickzugehen hat. Da nimmt das Pflanzengebilde, das verschwe- 
bende Pflanzengebilde die EiweiB-Substanz auf, wird selber wie ein 
Wolkengebilde. Noch friiher haben wir es zu tun mit eigentlich nur in 
erscheinenden Farbenvorgangen sich bildenden Gestaltungen, wie ich 
sie fur das Sonnendasein, fur das Saturndasein beschrieben habe. 

Und so kommen Sie allmahlich, wenn Sie das Physische zuriickver- 
folgen, eben von dem Elefantitischen zuriick durch das feinere Physi- 
sche zu dem Geistigen. Und Sie kommen da auf diese Weise, indem Sie 
gerade so recht aufmerksam auf das Konkrete gehen, zuriick zu dem 
geistigen Ursprung alles dessen, was zum Irdischen gehort. Die Erde 



hat ihren Ursprung im Geistigen. Das ergibt eine wirkliche Anschau- 
ung. Und ich glaube, es ist auch eine schone Idee, sich sagen zu kon- 
nen : Dringst du ins Innere der Er de, laBt du dir von den harten Metal- 
len erzahlen, an was sie sich erinnern, so werden sie dir erzahlen : Wir 
waren einstmals so ins Weite hinausgedehnt, daB wif iiberhaupt nicht 
physische Substanzen waren, sondern im Geiste verschwebende, we- 
sende, im Weltenall webende Farbigkeit. - Und so ist die Erinnerung 
der Metalle der Erde das, was auf den Zustand zuruckgeht, wo ein jeg- 
liches Metall eine kosmische Farbe war, die die andere durchdrang; 
wo der Kosmos im wesentlichen eine Art innerer Regenbogen, eine 
Art Spektrum war, das dann sich differenziert hat und erst zum Physi- 
schen geworden ist. 

Und da ist es, wo der bloBe, ich mochte sagen, theoretisch mitge- 
teilte Eindruck, den man von der Metallitat der Erde bekommt, iiber- 
geht in den moralischen Eindruck. Denn ein jedes Metall sagt einem 
zugleich: Ich stamme aus den Raumesweiten und Erdenfernen. Ich 
stamme aus dem Himmelsbereiche, und ich bin hier in das Innere der 
Erde zusammengezogen, hineingezaubert. Aber ich warte meiner Er- 
losung. Denn wieder werde ich einstmals mit meiner Wesenheit das 
Weltenall erfiillen. - Und wenn man so die Sprache der Metalle ken- 
nenlernt, dann erzahlt eben das Gold von der Sonne, das Blei von dem 
Saturn, das Kupfer von der Venus, und dann sagen einem diese Me- 
talle : Wie wir einstmals gereicht haben, das Kupfer bis zur Venus, das 
Blei bis zum Saturn, so sind wir heute hier verzaubert und werden wie- 
derum da hinausreichen, wenn die Erde ihre Aufgabe erfullt, daB nun 
der Mensch gerade dasjenige auf der Erde erreiche, was er nur auf der 
Erde erreichen konnte. Denn deshalb gingen wir in diese Verzaube- 
rung ein, damit der Mensch auf Erden ein freies Wesen werden konn- 
te. Ist die Freiheit dem Menschen erkauft, dann kann auch unsere Ent- 
zauberung wiederum beginnen. 

Und diese Entzauberung ist schon lange im Grunde eingeleitet. Man 
muB sie nur verstehen. Man muB verstehen, wie die Erde in die Zu- 
kunft hinein sich weiter entwickeln wird, wieder mit dem Menschen. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 2. Dezember 1923 



Wenn der Mensch heute vom Worte redet, dann meint er ja gewohn- 
lich nur das schwache, im Grunde gegeniiber der Majestat des Weltalls 
wenig bedeutende Menschenwort. Aber wir wissen, dafi das Johannes- 
Evangelium beginnt mit den bedeutungsvollen Worten: «Im Urbe- 
ginne war das Wort - der Logos. Und das Wort war bei Gott. Und ein 
Gott war das Wort. » Und wer nachsinnt iiber diesen bedeutungsvol- 
len Eingang des Johannes-Evangeliurns, der wird sich fragen miissen: 
Auf was wird da eigentlich verwiesen, wenn im Urbeginne aller Dinge 
das Wort angesetzt wird? Was ist eigentlich mit diesem Logos, mit die- 
sem Worte gemeint? Und wie hangt dies Gemeinte zusammen mit dem 
schwachen, gegeniiber der Majestat des Weltenalls unbetrachtlichen 
Menschenworte ? 

Nun ist ja auch der Name des Johannes verkniipft mit der Stadt 
Ephesus. Und derjenige, der, ausgerustet mit dem imaginativen An- 
schauen der Weltgeschichte, herantritt an diese bedeutungsvollen Wor- 
te: «Im Urbeginne war der Logos. Und der Logos war bei Gott. Und 
ein Gott war der Logos », der wird durch einen inneren Weg immer 
und immer wiederum verwiesen nach dem alten Tempel der Diana in 
Ephesus. Und fur dasjenige, was als ein Ratsel aus den ersten Versen 
des Johannes-Evangeliurns herausklingt, fur das wird gerade der in die 
Weltgeheimnisse bis zu einem gewissen Grade Eingeweihte verwiesen 
auf die Mysterien des Artemis-, des Dianen-Tempels in Ephesus. So 
dafi es ihm scheinen mulS, als ob aus der Erkundung der Mysterien von 
Ephesus etwas flieften konnte fiir das Verstandnis des Beginnes des Jo- 
hannes-Evangeliurns . 

Schauen wir deshalb heute einmal, ausgerustet mit demjenigen, was 
wir gerade in den letzten zwei Tagen hier als Betrachtungen vor unsere 
Seele haben treten lassen, in die Geheimnisse, in die Mysterien des Dia- 
nen-Tempels in Ephesus hinein, schauen wir hinein fur die Zeit des 
etwa sechsten oder siebenten vorchristlichen Jahrhunderts oder noch 
friiher, um zu sehen, was da in dieser den Alten so geheiligten Statte 



getrieben worden ist. Da finden wir, daB der Mysterien-Unterricht in 
Ephesus allerdings zunachst verwies auf dasjenige, was in der mensch- 
Hchen Sprache erklingt. Wir konnen erfahren, nicht aus einer histori- 
schen Darstellung, fur deren Vernichtung hat ja der Barbarismus der 
Menschheit geniigend gesorgt, wohl aber aus der dem geistigen Er- 
kennen zuganglichen, gedanklich-atherischen Chronik, in welcher die 
Ereignisse des Weltgeschehens aufgezeichnet sind, wie es zugegangen 
ist innerhalb dieser ephesischen Mysterien. 

Da tritt uns immer wieder und wieder fur das Schauen entgegen, 
wie der Schiiler von dem Lehrer verwiesen worden ist zunachst auf die 
menschliche Sprache; wie er ermahnt worden ist, immer wieder und 
wieder ermahnt worden ist : Fuhle in deinen eigenen Sprachwerkzeu- 
gen, was da eigentlich vorgeht, indem du sprichst. - Die Vorgange im 
Sprechen sind nicht durch grobe Empfindung wahrzunehmen, denn 
sie sind fein und intim. Aber bedenken wir zunachst das AuBerliche 
des Sprechens. Und von diesem AuBerlichen des Sprechens wurde ja 
bei den ephesischen Mysterien im Unterrichte zunachst ausgegangen. 

Da wurde der Schiiler aufmerksam gemacht, wie das Wort aus dem 
Munde erklingt. Es wurde ihm immer wieder und wiederum gesagt: 
Merke auf, was du empfindest, wenn das Wort aus dem Munde er- 
klingt. - Und der Schiiler sollte zunachst merken, wie gewissermaBen 
vom Worte etwas nach oben sich wendet, um den Gedanken des Haup- 
tes in sich aufzunehmen; und wie dann wiederum von demselben 
Worte etwas nach unten im Menschen sich wendet, um den Empfin- 
dungsgehalt des Wortes innerlich zu erleben. 

Immer wieder und wieder wurde der Schiiler darauf verwiesen, die 
auBersten Extreme des Sprechens sich durch die Kehle zu drangen und 
dabei das Auf- und Abwogende, das im Worte, das aus der Kehle 
dringt, wahrzunehmen ist, zu beobachten. Ich bin, ich bin nicht : eine 
positive, eine negative Behauptung sollte in einer moglichst artikulier- 
ten Weise der Schiiler sich durch die Kehle dringen lassen und dann 
beobachten, wie gefiihlt wird im : Ich bin - mehr das Aufsteigen, im : 
Ich bin nicht - das Abwartsdringende. 

Aber nun wurde der Schiiler mehr noch auf die intimen inneren 
Empfindungen und Erlebnisse des Wortes verwiesen, wie er wahrneh- 



men konnte : Vom Worte steigt etwas auf wie Warme nach dem Kopfe 
hin, und diese Warme, dieses Feuer, fangt den Gedanken ab. Und nach 
unten fliefit etwas wie waBriges Element; das ergiefit sich nach unten, 
wie sich eine Driisenabsonderung in den Menschen ergiefit. Und so 
bedient sich der Mensch - wur de dem Schiiler in den ephesischen My- 
sterien klar gemacht - so bedient sich der Mensch der Luft, urn das 
Wort erklingen zu lassen; aber die Luft verwandelt sich im Sprechen 
in das nachste Element, in das Feuer, in die Warme und holt den Ge- 
danken von den Hohen des Hauptes herunter, verleibt sich ihm ein. 
Und wiederum, indem ein Wechselzustand eintritt: Hinaufsenden des 
Feuers, Hinuntersenden desjenigen, was im Worte liegt, traufelt ge- 
wissermaBen die Luft wie eine Driisenabsonderung nach unten als 
Wasser, als Fliissiges. Dadurch wird das Wort dem Menschen inner- 
lich fuhlbar. Das Wort traufelt als fliissiges Element nach unten. 




Und dann wurde der Schiiler eingefiihrt in das eigentliche Geheim- 
nis des Sprechens. Aber dieses Geheimnis hangt zusammen mit dem 
Geheimnis des Menschen. Dieses Geheimnis des Menschen ist heute 
fur wissenschaftliche Menschen geradezu verbarrikadiert; denn die 
Wissenschaft setzt die unglaublichste Karikatur einer Wahrheit heute 
an die Spitze von allem Nachdenken: namlich das sogenannte Gesetz 
von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes. Im Menschen wird der 
StofT fortwahrend umgewandelt. Er bleibt nicht. Dasjenige, was als 
Luft aus der Kehle dringt, verwandelt sich im Herausdringen abwech- 
selnd in das nachste, hohere Element, in das Warme- oder Feuerele- 



ment - und wiederum in das Wasserelement : Feuer, Wasser - Feuer , 
Wasser. 

So wurde der Schiiler zu Ephesus darauf aufmerksam gemacht : in- 
dem er spricht, dringt ein Wellenzug aus seinem Munde - Feuer, Was- 
ser - Feuer, Wasser. Das aber ist nichts anderes, als das Hinauf langen 
des Wortes nach dem Gedanken, das Hinuntertraufeln des Wortes 
nach dem Gefiihle. Und so webt im Sprechen Gedanke und Gefuhl, 
indem die lebendige Wellenbewegung des Sprechens als Luft zu Feuer 
sich verdiinnt, zu Wasser sich verdichtet und so fort. 

Tafei 9 Gedanke 

t 

Feuer Wasser Feuer Wasser 

I 

Gefuhl 

Und das sollte der Schiiler fiihlen, wenn ihm im Mysterium zu Ephe- 
sus die grofle Wahrheit aus seinem eigenen Sprechen heraus vor die 
Seele gefiihrt wurde: 

Mensch, rede, und du 
offenbarest durch dich 
das Weltenwerden. 

Ja, es war geradezu in Ephesus so, daB, wenn der Schiiler zum Tore 
des Mysteriums hineinging, er immerzu ermahnt wurde mit diesem 
Spruch : 

Mensch, rede, und du 
offenbarest durch dich 
das Weltenwerden. 

Und wenn er wieder herausging, wurde ihm der Spruch in der an- 
deren Form gesagt : 

Das Weltenwerden offenbart sich 
durch dich, o Mensch, 
wenn du redest. 



Und der Schuler fuhlte allmahlich, wie wenn er mit seinem eigenen 
Leibe als einer Hiille das Weltengcheimnis, das aus seiner Brust tont 
und im Sprechen lebt, umschlieBen wurde. 

Es wurde dies als Vorbereitung fur das eigentlichetiefereGeheimnis 
an den Schuler herangebracht. Denn dadurch kam der Schuler in die 
Lage, das eigene menschliche Wesen als innerlich mit dem Weltenge- 
heimnisse verbunden 2u wissen. Das «Erkenne dich selbst» bekam 
einen heiligen Sinn dadurch, indem es nicht nur theoretisch gespro- 
chen wurde, indem es innerlich feierlich gefuhlt und empfunden wer- 
den konnte. 

Und dann konnte der Schuler, wenn er in dieser Weise gewisserma- 
Ben seinen Menschen geadelt und erhoben hatte, indem er ihn fuhlte 
als eine Hiille, die das Weltengeheimnis umschlieBt, dann konnte er 
weiter eingefiihrt werden in dasjenige, was das Weltengeheimnis ge- 
wissermaBen hinaus ausbreitet iiber die Weiten des Kosmos. Und da 
gedenken wir desjenigen, was gestern vor unsere Seele getreten ist. 

Ich habe Ihnen einen Weltwerdezustand geschildert, in dem das Fol- 
gende geschieht. Wir haben in diesem damaligen Zustand die Erde. 
Wir wissen, in der Erde ist vorhanden, schon als ein Wesentliches fur 
die damalige Etappe des Erdenwerdens, alles das, was wir in dem un- 
scheinbaren Kalk, den wir auch im Jura haben, antreffen. Im Kalkge- 
birge, in den Kalkeinsatzen der Erde haben wir das, was wir da beach- 
ten wollen. Und wir haben die Erde umgeben mit dem, was ich ge- 
stern genannt habe das fliissige EiweiB. Und wir wissen, daB die kos- 
mischen Krafte in dieses fliissige EiweiB so hereinwirken, daB in be- 
stimmten Formen dieses fliissige EiweiB gerinnt. Und wir haben ge- 
hort, wahrend dieses Zustandes des Erdenwerdens findet in einem er- 
hohten MaBe, in einem dichteren MaBe das statt, was wir heute im 
Aufsteigen der Regendiinste, im Herabkommen des Wassers haben. 
Das Kalkige steigt nach oben, durchsetzt das, was sich da in dem fliis- 
sigen EiweiB verdichtet hat, mit Kalkigem, fiillt es so aus, daB es Kno- 
chiges als Inhalt bekommt, und wir haben die Tierwerdung im Laufe 
des Erdenwerdens. Das Tier wird gewissermaBen durch die Geistig- 
keit, die im Kalkigen lebt, heruntergeholt aus der noch eiweiBartigen 
Atmosphare. 




hcll ( Kalk ) VV^N Lila WWW rot (Tierformen) 

[fffjjjfftf hellbku (Eiweifi) ^ grim = (Kiesel) 

i««>\\%s (geronnene Knochen) /////// gelblich (Pflanze) 



Aber ich habe auch noch etwas anderes gesagt. Ich habe gesagt: Der 
Mensch fuhlt alles das, was da geschehen ist, wenn er sich mit der Me- 
tallitat der Erde verbindet, wie sein eigenes Wesen, wie eine in ihm 
befindliche Erinnerung. Und fur dieses Stadium fuhlt er sich noch 
nicht als der kleine Mensch in seiner Haut eingeschlossen, sondern er 
fuhlt sich als umfassend den gan2en Erdenplaneten. Wenn ich es gro- 
tesk schematisch zeichnen will, so miifite ich sagen : Der Mensch fuhlt 
ja zunachst hauptsachlich sein Haupt als den Erdenplaneten umfassend. 

Die Vorgange also, die ich schildern konnte, die fuhlt der Mensch 
als Vorgange in sich. Aber wie fuhlt er sie in sich? Sehen Sie, alles das, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:23 2 Seite:94 



was ich Ihnen hier geschildert habe als Aufsteigen des Kalkigen, Ver- 
binden des Kalkigen mit dem EiweiBgeronnenen, wieder Herunter- 
kommen, Herunterholen des Tierwesens auf die Erde, das erlebt der 
Mensch in dieser Zeit so, daB er es hort. Der Mensch erlebt es ja inner- 
lich. Sie mussen sich nur v£>rstellen, der Mensch erlebt es innerlich. Er 
hort es. Diese Bildung, die da entsteht, indem der Kalk das EiweiBge- 
rinnsel ausfullt, knochig, knorpelig macht, das, was da sich bildet, das 
ist etwas wie im Ohr Gefiihltes, Gehortes. Das Weltengeheimnis wird 
gehort. 

Tatsachlich vernimmt man auch in der Erinnerung, in dieser metal- 
linisch erzeugten Erinnerung, diese Vergangenheit der Erde so, als ob 
man dies, was ich beschrieben habe, erklingen horte. Und in diesem 
Erklingen webt und lebt doch das Weltengeschehen drinnen. 

Ja, was ist denn das, was man da hort? Dieses Weltgeschehen, als 
was enthiillt es sich, als was offenbart es sich denn? Es offenbart sich 
als das Wort der Welt, als der Logos. Es erklingt der Logos, das Wel- 
tenwort in dem aufsteigenden und abwogenden Kalkigen. Und man 
vernimmt schon, wenn man diese Sprache in sich vernehmen kann, 
noch etwas anderes. Da wird einem das zu etwas durchaus Moglichem. 

Meine lieben Freunde, man steht vor einem menschlichen, vor ei- 
nem tierischen Skelett. Das, was auBere Anatomie daruber sagt, ist ja 
etwas so AuBerliches, etwas so schandlich AuBerliches diesen Formen 
gegeniiber. Was sagt man sich, wenn man in innerlichem Zusammen- 
hang mit dem Natur- und Geisteswesen dieses Skelett anschaut? Man 
sagt sich : Schaue das doch nicht bloB an. Es ist entsetzlich, das bloB in 
seinen Formen anzuschauen, dasjenige, was da steht als Wirbelsaule 
mit den wunderbar gebildeten, aufeinandergeschichteten Wirbelkno- 
chen, mit den Rippen, die herauskommen und sich nach vorne beugen 
und biegen, mit der wunderbaren Artikulierung, wie sich die Wirbel 
umsetzen in die Schadelknochen, und der noch schwerer zu durch- 
schauenden Artikulierung, wie sich die Rippen, die sich nur wie gleich- 
formige Bogen um die Brust herumschlingen, dann gewissermaBen 
scharf artikulierend ausbilden zu den Armknochen, zu den Beinkno- 
chen. Diesem Geheimnis des Skelettes gegeniiber kann man gar nicht 
anders, als sich etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Es ist tatsachlich so, 



daB man sich sagt : Hore doch das alles, schaue es dir doch nicht bloB 
an, hore das alles - hore, wie ein Knochen in den andern sich verwan- 
delt. Das spricht ja. 

Wenn ich hier eine personliche Bemerkung machen darf, so miiBte 
es diese sein. Es tritt einem etwas ganz Wunderbares entgegen, wenn 
man mit einem Gefuhl fur diese Dinge ein naturhistorisches Kabinett 
oder Museum betritt. Denn das ist eine wunderbare Zusammenstel- 
lung von Instrumenten zu einem groBartigen Orchester, das sympho- 
nisch in der wunderbarsten Weise erklingt, wenn Sie hineingehen in 
ein solches Museum. Ich muBte es einmal besonders tief empfinden, als 
ich das Museum in Triest besuchte, und da durch eine besondere Auf- 
stellung von Tierskeletten, die instinktiv gemacht worden ist, tatsach- 
lich hintereinander einem immer erklangen an dem einen Ende des 
Tieres die Mondengeheimnisse, an dem anderen Ende des Tieres die 
Sonnengeheimnisse. Und das Ganze war durchsetzt wie mit den er- 
klingenden Sonnen und Planeten. Da fiihlt man schon den Zusammen- 
hang zwischen diesem im Kalk lebenden Knochensystem, dem Skelett,. 
und demjenigen, was da aus dem webenden Weltenall dereinst dem 
Menschen, der selber noch eins war mit diesem Weltenall, herausklang, 
herausklang als das Weltengeheimnis, herausklang zugleich als sein 
eigenes Geheimnis. 

Die Wesen, die da entstanden zunachst, die tierischen Wesen, die 
sagten ja damit, was sie sind. Denn in dem Logos, in dem tonenden 
Weltengeheimnis lebte doch das Wesen dieses Tierischen. Es war ja 
nicht zweierlei, was man wahrnahm. Man nahm nicht da die Tiere 
wahr und dann auf irgendeine Weise das Wesen der Tiere. Das Wer- 
den und Weben der Tiere selber in ihrem Wesen, das war es, was sprach, 

Sehen Sie, in der richtigen Weise, wie man es in diesem Altertum 
forderte, konnte eben der Schuler der ephesischen Mysterien das in 
seine Seele, in sein Herz aufnehmen, was da klar gemacht werden 
konnte fur den Urbeginn, wo das Wort, der Logos, als Wesen der 
Dinge webte. Er konnte das aufnehmen, weil er vorbereitet war dazu 
dadurch, daB er seine Menschheit geadelt und gehoben hatte, indem er 
sich als Hiille fuhlen konnte fur den kleinen Abglanz dieses Weltenge- 
heimnisses, das in seinem eigenen Sprach-Erklingen lag. 



Und nun fiihlen wir, wie das Werden der Welt gewissermaften von 
einem Niveau zu dem anderen iibergegangen ist. Schauen wir uns das 
an. Wir haben hier in dem Kalkigen durchaus noch etwas, das ein Fliis- 
siges war; es stieg als Dunst auf, traufelte als Regen herab. Das Kal- 
kige war ein Fliissiges ; indem es aufstieg, wandelte es sich in Luft, in- 
dem es abstieg, wandelte es sich in Erde. Wir haben hier Wasser, Luft, 
Erde. Es ist um ein Niveau tiefer als hier im menschlichen Abbilde: 



Luft, Warme, Wasser. Damals in diesem Urzustande webt das Wasser: 
das heifit, der noch fliissige Kalk verdunnt sich zu Luft, verdichtet sich 
zur Erde, wie sich heute in unserer Kehle die Luft zum Feuer, zur 
Warme verdunnt, verdichtet zum Wasser. Dasjenige, was in der Welt 
lebte, ist von dem Wasser in die Luft aufgestiegen. Friiher lebte es im 
Wasser, verdichtete sich zur Erde, verdiinnte sich zur Luft. Es ist auf- 
gestiegen zur Luft, verdunnt sich zur Warme, verdichtet sich zum 
Wasser. Dadurch ist es moglich, daB wir Menschen dieses Weltge- 
heimnis im Kleinen umschlieBen. Als es noch grofl war, als es die 
machtige Maja der Welt war, da war es ein Niveau tiefer. Die Erde 
verdichtete alles. Der Kalk wurde dichter, und so weiter. Das hatten 
wir nicht bergen konnen, auch wenn es in Miniaturausgabe an uns her- 
angekommen ware. Wir konnten es nur bergen dadurch, dafi es um ein 
Niveau hoher gestiegen ist, vom Wasser in die Luft hinauf und damit 
in seinem Auf- und Abwogen in die Warme und in das Wasser hinein, 
das jetzt das Dichtere ist. 




Tafel 9 



So wurde das, was groBe Welt war, das makrokosmische Myste- 
rium, zum mikrokosmischen Mysterium der Menschensprache. Und 
auf dieses makrokosmische Mysterium, die Ubersetzung in die Maja, 
in die groBe Welt, deutet der Beginn des Johannes-Evangeliums hin : 
«Im Urbeginne war der Logos. Und der Logos war bei Gott. Und ein 
Gott war der Logos ». Denn das war dasjenige, was lebte und webte 
noch in der Tradition 2u Ephesus, audi als der Evangelist, der Schrei- 
ber des Johannes-Evangeliums, in der Akasha-Chronik zu Ephesus le- 
sen konnte dasjenige, wonach sein Herz diirstete: die richtige Einklei- 
dung fur das, was er als das Geheimnis des Weltenwerdens der Mensch- 
heit sagen wollte. 

Aber wir konnen noch einen Schritt weitergehen. Wir konnen uns 
daran erinnern, daB wir ja gestern gesagt haben: Vorangegangen dem 
Kalkigen ist das Kieselige, das im Quarz erscheint. Da drinnen er- 
schienen die Pflanzenformen, wie, ich sagte griinende, vergrunende 
Wolkengebilde. Und wenn man damals schon, sagte ich, hatte hinaus- 
schauen konnen in die Weiten des Kosmos, dann hatte man geschaut 
dieses Werden des Tierwesens und diese griinende und vergrunende 
Urpflanze. Aber das alles nahm man ja als ein Inneres wahr. Man nahm 
es als Eigenwesen des Menschen wahr. Neben dem, daB man horte, 
wie etwas, was in einem selbst lebte, das Erklingen des tierischen Wer- 
dens, konnte man innerlich in einem gewissen Sinne gehen mit dem, 
was man da klingen horte, wie wenn man im eigenen menschlichen 
Haupte, in der menschlichen Brust und dem Haupt, mit den Worten 
durch die Warme hinaufgeht, um den Gedanken zu erfassen; so konnte 
man gehen mit demjenigen, was man horte aus der Tierwerdung, nach 
demjenigen, was man erlebte in der Pflanzenwerdung. Und da war das 
Eigentumliche : das Weben und Wesen des Tierwerdens erlebte man 
im verdunsteten und heruntersickernden Kalk; und wenn man dann 
weiterspurte nach demjenigen, was imKieseligen als das griinende und 
entgriinende, vergrunende Pflanzenwesen war, dann wurde das Wel- 
tenwort zum Weltengedanken, und die Pflanze im kieseligen Elemente 
fiigte den Gedanken hinzu zu dem tonenden Worte. Man ging gewis- 
sermaBen um einen Schritt nach oben, und zu dem tonenden Logos 
wurde der Weltengedanke gefugt, so wie heute zu dem im Sprach- 



lichen ertonenden Worte, indem das Sprachliche hinauswellt: Feuer, 
Wasser, Feuer, Wasser - im Feuer der Gedanke erfaGt wird. 

Meine lieben Freunde, wenn Sie heute nachsehen, wie man gerade 
denjenigen krankhaften Zustanden beikommt, die sich auf das Sinnes- 
system des Hauptes und iiberhaupt auf das Sinnessystem beziehen, so 
werden Sie die heilsamen Wirkungen der Kieselsaure erfahren. Und 
hier tritt Ihnen innerhalb der Weltengeheimnisse das Kieselsaure-Ele- 
ment als dasjenige entgegen, was in den ursprunglichen griinenden 
und vergriinenden Pflanzenformen gerade das gedankenhafte Element 
ist, von dem ich Ihnen aber auch sagen konnte : das ist ja die Wahrneh- 
mung, die Sinneswahrnehmung der Erde gegeniiber dem Weltenge- 
baude. In einer wunderbaren Weise tatsachlich driickt sich im heutigen 
Menschen mikrokosmisch dasjenige aus, was im Makrokosmischen 
war, was Werden und Weben der Welt war. 

Denken Sie sich nur einmal, wie da der Mensch lebte, lebte noch 
eins mit dem Kosmos, in Einheit mit dem Kosmos. Heute, wenn der 
Mensch denkt, muB er sich isoliert denken mit seinem Haupte. Da sind 
drinnen die Gedanken, da heraus kommen die Worte. Das Weltenall 
ist drauBen. Die Worte konnen nur das Weltenall bedeuten; die Ge- 
danken konnen nur das Weltenall abbilden. Es war nicht so, als der 
Mensch noch eins war mit dem Makrokosmischen; da erlebte er das 
Weltenall als in sich. Das Wort war zu gleicher Zeit die Umgebung ; 
der Gedanke war dasjenige, was diese Umgebung durchsetzte und 
durchstromte. Der Mensch horte, und das Gehorte war Welt. Der 
Mensch schaute auf von dem Gehorten, aber er schaute in sich selber 
auf. Das Wort war zunachst Ton. Das Wort war zunachst dasjenige, 
was nach Entratselung rang. Im Tier-Entstehen ofTenbarte sich etwas, 
was nach Entratselung rang. Wie eine Frage entstand das Tierreich 
innerhalb des Kalkigen. Ins Kieselige sah man hinein: da antwortete 
das Pflanzenwesen mit demjenigen, was es aufgenommen hat als das 
Sinneswesen der Erde, und enthullte die Ratsel, die das Tierreich auf- 
gab. Die Wesen selbst waren es, die sich gegenseitig entratselten. Das 
eine Wesen, hier das Tierische, gibt die Frage auf, die anderen Wesen, 
hier das Pflanzliche, geben die Antwort darauf. Und die ganze Welt 
wird zur Sprache. 



Und man darf schon sagen : Das ist die Reaiitat vom Beginn des Jo 
hannes-Evangeliums. Denn wir sind da zunachst zu einem Urbeginne 
desjenigen, was jetzt iiberhaupt da ist, zuriickgekehrt. In diesem Urbe- 
ginne, in diesem Prinzip, war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und 
ein Gott war das Wort. Denn es war das schopferische Wesen in alledem. 

Es ist wahrhaftig so, daB in dem, was da gerade den ephesischen 
Mysterienschulern gelehrt wurde von dem Urworte, dasjenige liegt, 
was dann zum Anfang des Johannes-Evangeliums gefiihrt hat. Und 
man mochte schon sagen, daB das Hinschauen auf diese Geheimnisse, 
die im SchoBe der Zeiten ruhen, unter Anthroposophen heute recht, 
recht
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