Soziale Zukunft

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE OBER DAS SOZIALE LEBEN 
UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Soziale Zukunft 



Sechs Vortrage mit Fragenbeantwortungen 
gehalten in Zurich 
vom 24. bis 30. Oktober 1919 



1977 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach Tom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgten Paul G. Bellmann und Walter Kugler 



1. Auflage, herausgegeben durch Roman Boos, 
Bern 1950 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1977 



Bibliographie-Nr. 332a 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Scliweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-3325-6 



INHALT 



ErsterVortrag, Zurich, 24. Oktober 1919 7 

Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaf tsfrage 

Zur Entwickelungsgeschichte der Nationalokonomie. Folgen der na- 
turwissenschaftlich orientierten Weltanschauung fiir die Menschheit. 
Obereinstimmungen in den GesellschaftskritikenWoodrow Wilsons, 
Lenins und Trotzkis hinsichtlich des Verhaltnisses von Rechts- und 
Wirtschaftsleben. Das Zusammenwirken von Wirtschaft, Recht und 
Geist in den Anschauungen von Marx und Engels. Zur Abgrenzung 
der einzelnen Glieder des sozialen Organismus. 

Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag 28 

Zweiter Vortrag, 25. Oktober 1919 37 

Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage. Die Umwand- 
lung des Marktes. Preisgestaltung. Geld- und Steuerwesen. 
Kredit 

Die Dreigliederungsidee und ihre geschichtlichen Grundimpulse. 
Strukturprinzipien der einzelnen sozialen Glieder. Geist als Trieb- 
kraft moderner Technologic "Ober die Notwendigkeit der Unter- 
scheidung zwischen Genossenschafts- und Assoziationsprinzip. Die 
Bedeutung der Geldwirtschaft fiir die wirtschaftliche und soziale 
Entwickelung. Die Umgestaltung des Marktes als Folge der Bildung 
von Wirtschaftsassoziationen. Geld als «fliefiende Buchhaltung», 
dargestellt am Beispiel des Steuerwesens. 

Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag 63 

Dritter Vortrag, 26. Oktober 1919 76 

Rechtsfragen. Aufgabe und Grenze der Demokratie. Offent- 
liche Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege 

Zur Abhangigkeit des Rechtslebens vom Wirtschaftsleben. Die Ent- 
wickelung des Rechtes im menschlichen Zusammenleben. Bedeutung 

und Grenzen des demokratischen Prinzips. uffentliche Rechte als 
umgewandeltes Wirtschafts- und Geistesleben in vergangenen und 
bestehenden Gesellschaftssystemen. Ober den Zusammenhang der 
Beziehungen des Einzelnen zur Gesellschaft. Das Verhaltnis von 
Rechts- und Geistesleben. 



Fragenbeantwortung nach dem dritten Vortrag 



97 



Vierter Vortrag, 28. Oktober 1919 112 

Geistesfragen. Geisteswissenschaft (Kunst, "Wissenschaft, Reli- 
gion). Erziehungswesen. Soziale Kunst 

Die Umwandlung des Denkens als Voraussetzung fiir soziale Erneue- 
rung. Kunst, Wissenschaft, Religion und ihr Verhaltnis zum realen 
Leben. Wesen und Bedeutung der Geisteswissenschaft. Ober die Not- 
wendigkeit der Oberwindung althergebrachter naturwissenschaft- 
licher Anschauungen durch moderne Geisteswissenschaft. Das Goe- 
theanum als Reprasentant einer wirklichkeitsgemafien Geistesfor- 
schung. Er ziehung auf der Grundlage der Erkenntnis des werdenden 
Menschen. Eurythmie - eine soziale Kunst. 

Fragenbeantwortung nach dem vierten Vortrag 139 

Funfter Vortrag, 29. Oktober 1919 151 

Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschafts- 
lebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus 

Der Dreigliederungsimpuls als Resultat objektiver entwickelungs- 
geschichtlicher Beobachtungen. Der Einheitsstaat und die Notwen- 
digkeit seiner Oberwindung durch die Dreigliederung. Kritik gegen- 
wartiger Denkgewohnheiten an Beispielen der Steuergesetzgebung, 
der Kapitalverwaltung und des Besitzes an Produktionsmitteln. Von 
der Machtgesellschaf t zur Gemeingesellschaft. 

Fragenbeantwortung nach dem f iinf ten Vortrag 1 73 

Sechster Vortrag, 30.Oktober 1919 185 

Das nationale und internationale Leben im dreigegliederten 
sozialen Organismus 

Egoismus und Liebe als Grundimpulse menschlichen Zusammen- 
lebens. Nationalismus und Internationalismus und ihre Entstehungs- 
momente in der Natur des Menschen. Altruismus und Egoismus im 
Wirtschaftsleben. Bedingungen fiir eine Weltwirtschaft. Die Bedeu- 
tung des Geisteslebens fiir das internationale Zusammenleben der 
Volker. Der Idealismus und sein Verhaltnis zur Lebenspraxis. Wahr- 



heit und "Wirklichkeit. 

Fragenbeantwortung nach dem sechsten Vortrag 208 

Hinweise 220 

Personenregister 235 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 237 



ERSTER VORTRAG 
Zurich, 24.0ktober 1919 



Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- 
und Wirtschaftsfrage 

Wer heute iiber die soziale Frage denkt, dem sollte vor Augen stehen, 
daft diese Frage, nach den Lehren gewaltiger Tatsachen der neueren 
und neuesten Zeit, nicht mehr aufgefafit werden kann als irgendeine 
Parteifrage, als eine Frage, die hervorgeht blofi aus den subjektiven 
Forderungen einzelner Menschengruppen, sondern dafi sie aufgefaftt 
werden mufi als eine Frage, welche das geschichtliche Leben selbst an 
die Menschheit stellt. 

Wenn ich von einschneidenden Tatsachen, die zu dieser Anschauung 
fuhren miissen, spreche, so brauche ich ja nur hinzuweisen darauf, wie 
seit reichlich mehr als einem halben Jahrhunderte die proletarisch- 
sozialistische Bewegung immer mehr und mehr angewachsen ist. Und 
man kann ja nach seinen eigenen Anschauungen, nach seinen eigenen 
Lebensverhaltnissen kritisch oder anerkennend, wie immer, zu den An- 
schauungen stehen, welche in dieser sozialistisch-proletarischen Bewe- 
gung zutage getreten sind, man mufi sie aber als eine geschichtliche Tat- 
sache hinnehmen, mit der in sachlicher Weise zu rechnen ist. Und wer 
die schreckensvollen letzten Jahre des sogenannten Weltkrieges ins 
Auge faftt, der wird sich nicht verhehlen konnen - wenn er auch da 
und dort anders geartete Ursachen und Veranlassungen zu diesen 
Schreckensereignissen sehen mufi -, dafi die sozialen Forderungen, die 
sozialen Gegensatze letzten Endes zu einem grofien Teile das Furcht- 
bare herbeigefuhrt haben, und namentlich, dafi sich jetzt, wo wir am 
Ausgange, am vorlaufigen Ausgange dieser Schreckensereignisse stehen, 
klar und deutlich zeigt, wie iiber einen grofien Teil der zivilisierten 
Welt hin die soziale Frage sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten 
Weltkrieg herausgestaltet. Wenn sie sich wie ein Ergebnis aus diesem 
sogenannten Weltkrieg herausgestaltet, so mufi es ja ohne Zweifel auch 
gelten, daft sie irgendwie in ihm darinnengesteckt hat. 



Nun wird aber kaum jemand die in Frage kommende Tatsache rich- 
tig beachten, der sie nur ansieht von dem allernachsten, of tmals person- 
lichen Standpunkte, wie es ja heute so sehr iiblich ist, der nicht seinen 
Horizont erweitern kann iiber das menschliche Geschehen im allgemei- 
nen. Und diese Erweiterung des Horizontes, das ist es, was angestrebt 
wird in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den 
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was ins- 
besondere fur die Schweiz ausgebaut werden soli durch die Zeitschrift 
«Soziale Zukunft», die hier in Zurich erscheint. 

Nun mufi man sagen, dafi zunachst die meisten Menschen, die heute 
iiber die soziale Frage sprechen, in ihr ganz naturgemafi eine Wirt- 
schaftsfrage sehen, ja zunachst iiberhaupt kaum etwas anderes als eine 
Brotfrage, und hochstens eben noch, das zeigen ja die Tatsachen deut- 
licL eine Frage der menschlichen Arbeit, eine Brot- und eine Arbeits- 
frage. Man mufi, wenn man gerade die soziale Frage als eine Brot- und 
als eine Arbeitsfrage behandeln will, sich klar dariiber werden, dafi der 
Mensch dadurch Brot hat, dafi die Menschengemeinschaft ihm dieses 
Brot erzeugt, und dafi diese Menschengemeinschaft dieses Brot nur 
erzeugen kann, wenn Arbeit verrichtet wird. 

Aber die Art und Weise, wie gearbeitet werden soil und mufi, sie 
hangt zusammen, im grofien und kleinen, mit der Art und Weise, wie 
die menschliche Gesellschaft, irgendein geschlossenes Gebiet dieser 
menschlichen Gesellschaft, ein Staatsgebilde zum Beispiel, organisiert 
ist. Und wer einen etwas weiteren Blick sich aneignet, der wird bald 
sehen, dafi ein Stiickchen Brot nicht teurer oder billiger werden kann, 
ohne da!5 sich vieles, ungeheuer vieles andert in der ganzen Struktur des 
sozialen Organismus. Und wer dann auf die Art und Weise, wie der 
einzelne mit seiner Arbeit in diesen sozialen Organismus eingreift, sei- 
nen Blick richtet, wird sehen, dafi, ob der einzelne auch nur um eine 
Viertelstunde langer oder kiirzer arbeitet, dies sich ausdriickt in der Art 
und Weise, wie die Gesellschaft eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes 
Brot und Geld fur den einzelnen hat. Sie sehen daraus: Selbst wenn man 
die soziale Frage nur als Brot- und Arbeitsfrage betrachten will, man 
kommt sofort zu einem grofieren Horizonte. Von diesem grofieren 
Horizonte in seinen verschiedensten Gebieten mochte ich Ihnen in die- 



sen sechs Vortragen sprechen. Heute mochte ich mir erlauben, vor alien 
Dingen eine Art Einleitung zu geben. 

Wer die neuere und neueste Entwickelungsgeschiclite der Mensch- 
heit Uberblickt, der wird bald bestatigt finden konnen, was einsichtige 
Beobachter des sozialen Lebens wirklich eindringlich genug ausgespro- 
chen haben. Aber allerdings nur einsichtige! Es gibt eine Schrift aus dem 
Jahre 1909, die, man darf sagen, einiges von dem Besten enthalt, das 
aus wirklicher Einsicht in die sozialen Verhaltnisse hervorgegangen ist. 
Es ist die Schrift von Hartley Withers, «Money and Credit in England». 
In dieser Schrift wird etwas unverhohlen zugestanden, das jedem heute 
vor Augen stehen sollte, der sich anschickt, das soziale Problem iiber- 
haupt zu behandeln. Withers sagt unverhohlen: Die Art und Weise, wie 
heute Kredit-, Vermogens-, Geldverhaltnisse im sozialen Organismus 
figurieren, ist eine so komplizierte, dafi es verwirrend wirkt, wenn man 
in logischer "Weise die Funktionen von Kredit, Geld, Arbeit und so wei- 
ter im sozialen Organismus zergliedern will, dafi es schier unmoglich ist, 
dasjenige herbeizuholen, was notwendig ist, um die Dinge, die inner- 
halb des sozialen Organismus in Betracht kommen, wirklich verstand- 
nisvoll zu verfolgen.Und was von solch einsichtigerSeite ausgesprochen 
wird, es wird erhartet durch das ganze geschichtlicheDenken, das wir in 
der neuesten Zeit verf olgen konnen iiber das soziale Problem, iiber das so- 
ziale, namentlich das wirtschaf tliche Zusammenarbeiten der Menschen. 

"Was haben wir denn eigentlich gesehen? Seit das Wirtschaf tsleben 
auf gehort hat, in einer gewissen Beziehung, ich mochte sagen, instinktiv 
patriarchalisch geordnet zu werden, seit es sich immer komplizierter 
und komplizierter durch die moderne Technik, durch den modernen 
Kapitalismus gestaltet hat, seit der Zeit hat man die Notwendigkeit 
empfunden, iiber dieses Wirtschaftsleben so nachzudenken, sich solche 
Vorstellungen zu machen, wie man nachdenkt, wie man sich Vorstel- 
lungen macht, sagen wir im wissenschaftlichen Forschen, im wissen- 
schaftlichen Arbeiten. Und man hat gesehen, wie im Laufe der neueren 
Zeit iiber die sogenannte Nationalokonomie die Anschauungen herauf- 
gekommen sind, die man genannt hat die Anschauungen der Merkan- 
tilisten, der Physiokraten, Adam Smiths und so weiter bis auf Saint- 
Simon, Fourier, Blanc, bis auf Marx und Engels und bis auf die gegen- 



wartigen. Was hat sich gezeigt in diesem Verlauf des nationalokonomi- 
schen Denkens? Man kann seinen Blick richten auf das, was, sagen wir, 
zum Beispiel die merkantilistische Schule oder die physiokratische 
Schule der Nationalokonomie war, oder auf das, was Ricardo, der 
Lehrer des Karl Marx, zur Nationalokonomie beigetragen hat, man 
kann viele andere Nationalokonomen durchschauen, und man wird 
immer finden: diese Personlichkeiten richten ihren Blick auf die eine 
oder die andere Stromung in den Erscheinungen. Von dieser einseitigen 
Stromung aus suchen sie gewisse Gesetze zu gewinnen, nach denen man 
das nationalokonomische Leben gestalten soil. Immer hat sich gezeigt: 
Das, was nach dem Muster der wissenschaftlichen Vorstellungen der 
neueren Zeit als solche Gesetze gefunden wird, es pafit auf einige natio- 
nalokonomische Tatsachen, aber andere nationalokonomische Tat- 
sachen erweisen sich als zu weit, um umfafit zu werden von diesen 
Gesetzen. Immer hat sich ergeben: Einseitig waren die Anschauungen, 
die aufgetreten sind, die allerdings im 17., 18., im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts so aufgetreten sind, dafi sie den Anspruch erhoben haben, 
Gesetze zu finden, nach denen man das wirtschaf tliche Leben gestalten 
kann. Dann hat sich etwas sehr, sehr Merkwiirdiges ergeben. 

Die Nationalokonomie ist gewissermafien wissenschaftsfahig gewor- 
den. Sie wurde eingereiht in unsere of fiziellen Universitats-Hochschul- 
wissenschaften, und man hat versucht, mit dem ganzen Riistzeug wis- 
senschaftlicher Vorstellungsart auch das okonomisch-soziale Leben zu 
durchforschen. Wohin ist man gekommen? Man sehe einmal nach bei 
Roscher, bei Wagner s bei anderen, wohin sie gekommen sind: zu einer 
Betrachtung der wirtschaftlichen Gesetze, die merit mehr wagt, solche 
Maximen, solche Impulse auszugestalten, welche nun wirklich in das 
Wirtschaf tsleben formend eingreifen konnten. Man mochte sagen: 
Kontemplativ, betrachtend ist die wissenschaftliche Nationalokonomie 
geworden. Zuriickgewichen ist sie mehr oder weniger vor dem, was 
man nennen konnte soziales Wollen. Nicht zu Gesetzen ist sie gekom- 
men, die sich hineinergiefien konnten in das menschliche Leben, so dafi 
sie im sozialen Leben gestaltend wirken konnten. 

Noch in einer anderen Art hat sich dasselbe gezeigt. Es sind Men- 
schen aufgetreten, die weitherzig, wohlwollend, menschenfreundlich, 



den Menschen briiderlich gesinnt waren - Fourier, Saint-Simon und 
ahnliche brauchen nur von diesem Gesichtspunkte aus genannt zu wer- 
den. In geistvoller Weise haben sie Gesellschaftsbilder ausgestaltet, 
durch deren Verwirklichung sie glaubten, dafi gesellschaftlich wun- 
schenswerte, sozial wiinschenswerte Zustande imMenschenleben herbei- 
gefuhrt werden konnten. Nun weifi man, wie sich diejenigen, die vor 
alien Dingen die soziale Frage als eine Lebensfrage heute empfinden, 
gegeniiber solchen Gesellschaftsidealen verhalten. Man frage heute an 
bei denen, die glauben, in wahrhaft zeitgemafiem Sinne sozialistisch zu 
denken, was sie von Gesellschaftsidealen, von sozialen Idealen eines 
Fourier, eines Louis Blanc, eines Saint-Simon denken. Sie sagen, das 
sind Utopien, das sind Biider des sozialen Lebens, durch die man den 
Menschenklassen, die die fiihrenden sind, zuruft: Macht es so und so, 
dann werden viele Schaden des sozialen Elendes verschwinden. Aber 
alles das, was an solchen Utopien, so sagt man, ausgedacht wird, das 
hat keine Kraft, um in den Willen der Menschen hinein sich zu er- 
giefien, das bleibt Utopie. Man kann noch so schone Theorien, sagt man, 
auf stellen, die menschlichen Instinkte zum Beispiel der Begiiterten wer- 
den sich nicht richten nach diesen Theorien; da miissen andere Krafte 
eintreten. - Kurz, aufgetreten ist ein durchgreifender Unglaube an 
soziale Ideale, die aus dem Fiihlen, Empfinden und aus der modernen 
Art von Erkenntnis unter die Menschen gebracht werden. 

Das wiederum hangt zusammen mit dem, was sich nun iiberhaupt 
im Laufe der neueren Geschichtsentwickelung innerhalb des Geistes- 
lebens der Menschheit zugetragen hat. Man hat ja oftmals betont, dafi, 
was heute als soziale Frage figuriert, im wesentlichen zusammenhangt 
mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit, die sich 
wiederum in der besonderen Art, wie wir sie heute haben, gestaltet hat 
durch das Oberhandnehmen der neueren Technik und so weiter. Aber 
man wird all den Dingen, die dabei in Frage kommen, niemals gerecht 
werden, wenn man nicht etwas anderes noch ins Auge faist: da£ mit der 
kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mit der modernen Kulturtechnik 
heraufgekommen ist in der Lebensfuhrung der neueren zivilisierten 
Menschheit eine besondere Art von Weltanschauungsgesinnungj eine 
Weltanschauungsgesinnung, die grofte Friichte, bedeutsame, einschnei- 



dende Fortschrittsfriichte insbesondere in Technik und Naturwissen- 
schaft getragen hat, aber von der auch zugleich etwas anderes gesagt 
werden mufi. 

Sie werden nicht verkennen, wenn Sie das eine oder das andere aus 
meinen Schriften verfoigen, dafi ich ein Anerkenner, nicht ein Ab- 
lehner, ein Kritiker dessen bin, was heraufgekommen ist in der neueren 
Zeit durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart. Voll anerkenne 
ich fur den Fortschritt der Menschheit, was eingetreten ist durch die 
kopernikanische "Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die 
Erweiterung des Menschheitshorizontes durch Giordano Bruno und 
andere, viele andere. Allein, was zugleich mit der modernen Technik, 
mit dem modernen Kapitalismus sich entwickelt hat, das ist: Alte, 
altere Weltanschauungen haben sich so verwandelt, dafi die neuere 
Weltanschauung einen stark intellektualistischen, vor alien Dingen 
einen wissenschaftlichen Charakter angenommen hat. 

Man erinnere sich nur - f reilich findet man es heute unbequem, sol- 
che Tatsachen richtig ins Auge zu fassen -, wie sich das, was wir heute 
mit Stolz unsere «wissenschaftliche Weltanschauung* nennen, allmah- 
lich herausentwickelt hat, man kann das im einzelnen nachweisen, aus 
alten religiosen, kunstlerisch-asthetischen, sittlichen und so weiter Welt- 
anschauungsstromungen. Diese Weltanschauungsstromungen hatten eine 
gewisse Stofikraft fur das Leben. Vor alien Dingen eines war diesen 
Weltanschauungen eigen: sie brachten den Menschen zu dem Bewufit- 
sein von der Geistigkeit seines Wesens. Diese alteren Weltanschauungen, 
man mag heute stehen zu ihnen wie man will, sie sprachen dem Men- 
schen so von dem Geiste, dafi der Mensch fiihlte, in ihm lebt geistiges 
Wesen, das angegliedert ist an das die Welt durchwellende und durch- 
wirkende geistige Wesen. An die Stelle dieser Weltanschauung mit einer 
gewissen sozialen Stofikraft, mit einer Stofikraf t f iir das Leben, trat nun 
die mehr wissenschaftlich orientierte neue Weltanschauung. Sie hat es 
zu tun mit mehr oder weniger abstrakten Naturgesetzen, mit mehr oder 
wenigervon dem Menschen blofi abgesondertenSinneswahrnehmungen, 
mit abstrakten Ideen und abstrakten Tatsachen. Und man mufi diese 
Naturwissenschaft — man braucht ihr dadurch nicht im geringsten ihren 
Wert zu nehmen - daraufhin ansehen, was sie dem Menschen gibt, was 



sie vor alien Dingen dem Menschen so gibt, dafi der Mensch die Frage 
seines eigenen Wesens beantwortet f indet. Diese Naturwissenschaf t sagt 
sehr viel iiber den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt 
audi sehr viel iiber die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen. 
Aber sie iiberschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will iiber 
das innerste Wesen des Menschen. Sie gibt keine Antwort iiber das 
innerste Wesen des Menschen, und sie versteht sich selber schlecht, wenn 
sie auch nur versucht, eine solche Antwort zu geben. 

Nun behaupte ich durchaus nicht, dafi dasjenige, was populares, all- 
gemeines Menschheitsbewufitsein ist, etwa heute schon herausstromte 
aus naturwissenschaftlichen Lehren. Aber etwas anderes ist wahr, tief 
wahr: Die naturwissenschaf tliche Gesinnung selbst ist hervorgegangen 
aus einer gewissen Stimmung der modernen Menschenseele. Erkennt 
man heute das Leben durchdringend, so weifi man, dafi sich seit der 
Mitte des 15. Jahrhunderts und dann immer mehr und mehr in der 
Stimmung der Menschenseele gegeniiber fruheren Zeitraumen etwas 
geandert hat. Man weifi, dafi iiber die ganze Menschheit sich, zuerst 
iiber die Stadtebevolkerung, dann aber hinaus aufs Land, immer mehr 
und mehr hinausgegossen hat diejenige Anschauung der Welt, die sich 
dann nur ausgesprochen hat in der naturwissenschaftlichen Richtung 
wie in einem Symptom. Man hat es also nicht etwa mit einem blofien 
Ergebnis theoretischer Naturwissenschaft zu tun, wenn man von dem 
spricht, wie heute die Menschenseele gestimmt ist, sondern man hat es 
mit etwas zu tun, was als innere Seelenstimmung die Menschheit iiber- 
haupt uberkommen hat seit dem Beginn der neueren Zeit. 

Und nun trat das Bedeutsame ein: Diese wissenschaftlich orientierte 
Weltanschauung, sie kam herauf zugleich mit dem Kapitalismus, zu- 
gleich mit der modernen Kulturtechnik. Die Menschen wurden hinweg- 
gerufen von ihrem alten Handwerk und an die Maschine gestellt, in die 
Fabrik hineingepfercht. Neben dem stehen sie, in das sind sie ein- 
gepfercht, was nur von mechanischer Gesetzma&igkeit beherrscht wird, 
woraus nichts stromt, was zum Menschen selbst einen unmittelbaren 
Bezug hat. Aus dem alten Handwerk war etwas hervorgequollen, was 
Antwort gab auf die Frage nach Menschenwert und Menschenwiirde. 
Die abstrakte Maschine gibt keine Antwort. Der rnodeme Industrialis- 



mus ist wie ein mechanisches Gewebe, das um den Menschen herum- 
gesponnen wird, in dem er drinnensteht, das ihm nicht entgegentont von 
etwas, an dem er freudig beteiligt ist wie an dem Ergebnis des alten 
Handwerks. 

Und so trat die Kluft zutage zwischen denjenigen, die als industrielle 
Arbeiterschaft arbeiteten in der modernen Zeit, die an der Maschine in 
der Fabrik standen, die nicht mehr aus ihrer mechanischen Umgebung 
heraus den Glauben aufbringen konnten an das, was die alte Anschau- 
ung mit der alten Stofikraft war, die sich davon lossagten, weil sie das 
Leben damit nicht zusammenbrachten, die sich einzig und allein an das 
hielten, was im neueren Geistesleben die "Welt eben bekommen hat: an 
die wissenschaftlich orientierte Weltanschauung. Und diese wissen- 
schaftlich orientierte Weltanschauung, wie wirkte sie auf sie? So wirkte 
sie auf sie, dafi sie sich sagten, dafi sie immer mehr und mehr fuhlten: 
Was als Weltanschauungs-Wahrheit gegeben werden kann, es sind ja 
nur Gedanken, Gedanken, die nur eine Gedankenwirklichkeit haben. - 
Wer mit dem modernen Proletariat gelebt hat, wer da weifi, wie sich die 
sozialen Empfindungen nach und nach in der neueren Zeit herauf- 
gestaltet haben, der weifi, was ein oft und oft wiederkehrendes Wort in 
proletarischen, in sozialistischen Kreisen zu bedeuten hat, das Wort 
Ideologic Das Geistesleben ist unter den Einfliissen, die ich eben ge- 
schildert habe, fur die neuere arbeitende Menschheit zu einer Ideologic 
geworden. Die naturwissenschaf tlich orientierte Weltanschauung wurde 
so aufgenommen, da£ die Leute sich sagten: sie liefert nur Gedanken. 
Die alte Weltanschauung wollte nicht blofi Gedanken lief em; sie wollte 
den Menschen etwas geben, was ihnen zeigte: Du hangst mit deinem 
eigenen Geiste an den geistigen Wesenheiten der Welt. Geist dem Geiste, 
das wollten die alten Weltanschauungen den Menschen geben. Die 
neuere Weltanschauung gibt nur Gedanken, und vor alien Dingen keine 
Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen. Als 
Ideologic wurde sie empfunden. 

Und so entstand eben die Kluft zu den leitenden, fiihrenden Kreisen, 
welche sich erhalten hatten die Tradition der alten Uberlieferungen, der 
alten asthetisch-kiinstlerischen Weltanschauungen, der religiosen, der 
sittlichen Weltauffassungen der alteren Zeiten und so weiter. 



Das trugen sie weiter, diese fiihrenden Klassen, fiir ihren ganzen 
Menschen, wahrend ihr Kopf auf nahm, was wissenschaf tlich orientierte 
Weltanschauung geworden ist. Eine breite Masse der Bevolkerung je- 
doch konnte nicht mehr irgendeine Neigung, irgendeine Sympathie 
aufbringen fiir dieses Oberlieferte. Sie nahm als einzigen Inhalt einer 
Weltanschauung an, was wissenschaf tlich orientierte Weltanschauung 
war. Und sie nahm diese Weltanschauung so an, dafi sie sie als Ideologic, 
als blofies Gedankengebilde empfand. Man sagte sich: Wirklichkeit ist 
nur das wirtschaftliche Leben; Wirklichkeit ist nur, wie produziert 
wird, wie die produzierten Produkte verteilt werden, wie der Mensch 
konsumiert, wie der Mensch dies und jenes besitzt oder an den anderen 
abgibt und so weiter. Was im Menschenleben sonst da ist - Recht, Sitte, 
Wissenschaft, Kunst, Religion — , das ist nur wie ein Rauch, der aufsteigt 
als Ideologic aus der einzigen Wirklichkeit, aus der wirtschaftlichen 
Wirklichkeit. 

Und so wurde fiir die breite Masse der Menschheit das Geistesleben 
zu einer Ideologic Es wurde zu einer Ideologic, weil vor alien Dingen 
die leitenden, fiihrenden Kreise nicht verstanden, indem sie das neuere 
wirtschaftliche Leben sich ausgestalten sahen und sich in dasselbe ein- 
lebten, nachzufolgen mit dem Geistesleben diesem kompliziert werden- 
den Wirtschaftsleben. Sie behielten die Tradition der alten Zeit, ein 
Geistesleben, das mehr oder weniger so orientiert war, wie es orientiert 
gewesen war in der alten Zeit. Die breite Masse nahm das neue Geistes- 
leben auf, aber nicht so, dafi es ihr etwas gab, was Herz und Seele er- 
fiillte. 

Mit einer solchen Weltanschauung, die man als Ideologic empfindet, 
die man so empfindet, dafi man sagt: Recht, Sitte, Religion, Kunst, 
Wissenschaft sind nur ein Oberbau, ein Rauch iiber dem einzig Wirk- 
lichen, iiber den Produktionsverhaltnissen, iiber der Wirtschaftsord- 
nung - mit einer solchen Weltanschauung lafit sich denken, mit einer 
solchen Weltanschauung lafit sich nicht leben. Eine solche Weltanschau- 
ung, sie mag noch so triumphal, wie sie es auch ist, fiir die Naturbetrach- 
tung sein, mit einer solchen Weltanschauung wird die Menschenseele 
ausgehohlt. Was diese Weltanschauung der Menschenseele zurechtge- 
zimmert hat, das wirkt in den sozialen Tatsachen der neueren Zeit. 



Man wird diesen sozialen Tatsachen nicht gerecht, wenn man nur 
hinblickt auf das, was die Menschen in ihrem Bewufitsein tragen. Aus 
ihrem Bewufitsein heraus mogen die Menschen sagen: Ach, was redet 
ihr uns von der sozialen Frage als einer Geistesfrage! Es handelt sich 
darum, daft die wirtschaftlichen Giiter ungleich verteilt sind. Wir stre- 
ben an die gleiche Verteilung! — Solche Dinge mogen die Menschen in 
ihrem Oberstiibchen bewufit empfinden, aber in den unterbewufiten 
Tiefen der Seele, da wiihlt etwas anderes, da wiihlt, was sich unbewufit 
entwickelt, weil vom Bewufitsein hinunter nicht stromt, was wirkliche 
geistige Erf iillung der Seele ware, weil da nur wirkt, was die Seelen aus- 
hohlt, was als Ideologic empfunden wird. Die Leerheit des neueren 
Geisteslebens, das ist es, was als das erste Glied der sozialen Frage auf- 
gefafit werden mufi. Eine Geistesfrage ist zunachst diese soziale Frage. 

Und weil es so ist, weil sich ein Geistesleben entwickelt hat, das zum 
Beispiel auf nationalokonomischem Gebiete, in der vornehmsten, in der 
Universitatsnationalokonomie, zu einer blofien Betrachtung geworden 
ist, die nicht aus sich heraus Prinzipien des sozialen Wollens entwickelt, 
weil es dazu gekommen ist, dafi die besten Menschenfreunde wie Saint- 
Simon, Louis Blanc, Fourier Gesellschaftsideale ausgedacht haben, an 
die niemand glaubt - weil man iiberhaupt das, was aus dem Geiste her- 
auskommt, als Utopie, namentlich als blofie Ideologic empf indet — , weil 
es eine weltgeschichtliche Tatsache ist, dafi ein Geistesleben sich ent- 
wickelt hat, das nur wie ein Uberbau des Wirtschaftslebens wirkt, das 
nicht wirklich eindringt in die Tatsachen und daher als Ideologic emp- 
funden wird: deshalb ist es so, dafi die soziale Frage in ihrem ersten 
Gliede als eine Geistesfrage aufgefafit werden mufi. Die Frage steht 
vor uns heute, man mochte sagen, mit Flammenschrift: Wie mufi der 
Menschengeist beschaffen sein, damit er die soziale Frage meistern 
lerne? 

Man hat gesehen, dafi wissenschaftliche Gesinnung mit ihren besten 
Methoden sich an die Nationalokonomie herangemacht hat - sie ist zu 
einer blofien Betrachtung gekommen, nicht zu einem sozialen Wollen. 
Also aus dem Grunde des neueren Geisteslebens geht eine Geistesverfas- 
sung hervor, die nicht imstande ist, die Nationalokonomie als Grund- 
lage fur praktisch soziales Wollen zu entwickeln. Wie mufi der Geist 



beschaffen sein, aus dem solche Nationalokonomie hervorgeht, die die 
Grundlage werden kann eines wirklichen sozialen Wollens? 

Man hat gesehen, dafi breite Menschenmassen nur den Ruf «Utopie» 
haben, wenn sie die Gesellschaftsideale wohlmeinender Menschen- 
freunde horen, dafi sie keinen Glauben haben, dafi der Menschengeist so 
stark sei, dafi er die sozialen Tatsachen meistere. Wie mufi das Geistes- 
leben beschaffen sein, damit die Menschen wieder glauben lernen: Der 
Geist kann die Ideen f assen, welche die sozialen Einrichtungen so schaf- 
fen, dafi gewisse soziale Schaden verschwinden? 

Man hat gesehen: Was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung 
ist, wird in weiten Kreisen als Ideologic empfunden. Ideologic aber als 
einziger Inhalt der menschlichen Seele hohlt diese Seele aus, erzeugt in 
den unterbewufiten Tiefen, was heute hervortritt in den verwirrend 
chaotischen Tatsachen der sozialen Frage. Wie mufi das Geistesleben 
beschaffen sein, damit es ferner nicht eine Ideologic hervorbringe, 
damit es hineingiefie in die menschliche Seele, was sie fahig macht, in 
die sozialen Tatsachen so einzugreifen, dafi die Menschen wirklich in 
sozialer Weise nebeneinander wirken konnen? 

So sieht man zunachst, wie die soziale Frage eine Geistesfrage ist, 
wie der moderne Geist nicht in der Lage war, sozialen Glauben an sich 
hervorzurufen, wie dieser moderne Geist nicht in der Lage war, ein 
Seelenerfullendes zu geben, sondern wie er als Ideologic ein Seelen- 
verodendes gegeben hat. 

Ich mochte Ihnen heute in der Einleitung zunachst mehr in histori- 
scher Weise zeigen, wie aus den Verhaltnissen des neueren Lebens die 
soziale Frage als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage, als eine Wirt- 
schaftsfrage empfunden wird. 

Nehmen wir einmal dasjenige, was eine Personlichkeit gesprochen 
hat vor nicht allzulanger Zeit - und oft und oft -, die mitten drinnen- 
stand im tatigen politischen, im Staatsleben der heutigen Zeit, die her- 
vorgegangen ist aus dem Geistesleben der heutigen Zeit. Diejenigen der 
verehrten Zuhorer, die mich bei friiheren Vortragen hier gehort haben, 
werden nicht mifiverstehen, was ich nun sagen werde, denn in den Zei- 
ten, als Woo draw Wilson von aller Welt auiSerhalb der mitteleuro- 
paischen anerkannt wurde als eine Art Weltdirigent, da habe ich mich 



immer wieder und wiederum gegen diese Anerkennung ausgesprochen. 
Und diejenigen, die mich gehort haben, die wissen, dafi ich niemals ein 
Anhanger, sondern stets ein Gegner des Woodrow Wilson war. Auch 
in der Zeit, als selbst Deutschland dem Wilson-Kultus verfiel, habe 
ich nicht zuriickgehalten mit dieser Anschauung, die ich hier auch in 
Zurich immer wieder geltend gemacht habe. Aber heute, wo es gewis- 
sermaften mit diesem Kultus voriiber ist, kann etwas gesagt werden, 
was besonders einem Wilson-Gegner nicht iibelgenommen zu werden 
braucht. 

Dieser Mann hat aus einem eindringlichen Empfinden der sozialen 
Zustande Amerikas, wie sie sich herausgebildet haben seit dem Sezes- 
sions- und Biirgerkrieg der sechziger Jahre, gerade empf unden, wie die 
Staats-, die Rechtsverhaltnisse stehen zu den wirtschaf tlichen Verhalt- 
nissen. Er hat mit einem gewissen unbefangenen Blick gesehen, wie sich 
durch die komplizierte neuere Wirtschaftsordnung die grofien Zusam- 
menhaufungen der Kapitalmassen herausgebildet haben. Er hat ge- 
sehen, wie sich die Trusts, wie sich die grofien Kapitalgesellschaften 
gegriindet haben. Er hat gesehen, wie selbst in einem demokratischen 
Staatswesen das demokratische Prinzip immer mehr und mehr ge- 
schwunden ist gegeniiber den Geheimverhandlungen jener Gesellschaf- 
ten, die am Geheimnis ihr Interesse hatten, jener Gesellschaften, die mit 
den angehauften Kapitalmassen sich grofie Macht erwarben und grofie 
Menschenmassen beherrschten. Und er hat immer wieder und wieder 
seine Stimme erhoben fur die Freiheit der Menschen gegeniiber jener 
Machtentfaltung, die aus Wirtschaftsverhaltnissen heraus kommt. Er 
hat aus einer tief menschlichen Empfindung heraus - das darf gesagt 
werden — gefuhlt, wie zusammenhangt mit dem einzelnsten Menschen, 
was sozialeTatsache ist, mit der Art und Weise, wie der einzelne Mensch 
zu diesem sozialen Leben reif ist. Er wies darauf hin, wie es fur die Ge- 
sundung des sozialen Lebens darauf ankommt, dafi unter jedem mensch- 
lichen Kleide ein frei gesinntes menschliches Herz lebt. Er wies immer 
wieder und wieder darauf hin, wie das politische Leben demokratisiert 
werden miisse, wie abgenommen werden musse den einzelnen Macht- 
gesellschaften diese Macht und die Machtmittel, die sie haben, wie die 
individuellen Fahigkeiten und Krafte jedes Menschen, der sie hat, zu- 



gelassen werden miissen zum allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen 
und Staatsleben iiberhaupt. Er hat es eindringlich ausgesprochen, dafi 
sein Staatswesen, das er offenbar als das fortgeschrittenste ansieht, 
leidet unter den Verhaltnissen, die sich ausgebildet haben. 

Warum? Ja, neue wirtschaftliche Verhaltnisse sind heraufgezogen; 
grofie wirtschaftliche Kapitalzusammendrangungen, wirtschaftliche 
Machtentfaltung. Alles iiberflugelt auf diesem Gebiete das, was noch 
vor kurzem da war. Ganz neue Formen des menschlichen Zusammen- 
lebens brachte diese Wirtschaftsgestaltung herauf. Man steht einer voll- 
standigen Neugestaltung des wirtschaftlichen Lebens gegeniiber. Und 
nicht ich - aus irgendeiner Theorie heraus -, sondern dieser Staatsmann, 
man darf sagen, dieser «Weltstaatsmann», er hat es ausgesprochen: Der 
Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen, daj(5 zwar die 
wirtschaftlichen Verhaltnisse fortgeschritten sind, da£ die Menschen 
sich das wirtschaftliche Leben nach ihren geheimen Machtverhaltnissen 
gestaltet haben, dafi aber die Ideen des Rechtes, die Ideen des politi- 
schen Gemeinschaf tslebens nicht nachgekommen sind, dafi sie auf einem 
friiheren Standpunkte zuriickgeblieben sind. Woodrow Wilson hat es 
deutlich ausgesprochen: Wir wirtschaften mit neuen Verhaltnissen, 
aber wir denken, wir geben Gesetze iiber das Wirtschaften von einem 
Gesichtspunkt, der langst uberholt ist, der ein alter ist. Nicht so wie im 
Wirtschaftsleben hat sich ein Neueres herausgebildet auf dem Gebiete 
des Rechtslebens, des politischen Lebens; diese sind zuriickgeblieben. 
Mit alten politischen, mit alten Rechtsideen leben wir in einer voll- 
standig neuen Wirtschaftsordnung darinnen. - So spricht es ungefahr 
Woodrow Wilson aus. Und eindringlich sagt er: Unter dieser Inkon- 
gruenz zwischen Rechtsleben und Wirtschaftsleben, da kann sich nicht 
das entwickeln, was der gegenwartige Zeitpunkt der menschlichen Ent- 
wickelungsgeschichte fordert: dafi der einzelne nicht fur sich, sondern 
zum Wohle der Gemeinschaft arbeitet. Und eine eindringliche Kritik 
iibt Woodrow Wilson an der Gesellschaftsordnung, die ihrn unmittei- 
bar vorliegt. 

Ich darf sagen - gestatten Sie mir diese personliche Bemerkung — , 
ich habe mir viel, viel Miihe gegeben, Woodrow Wilsons Kritik der 
gegenwartigen sozialen Zustande, wie er sie namentlich im Auge hat, 



der amerikanischen, zu priifen und zu vergleichen mit anderen Kritiken 
- ich werde jetzt etwas sehr Paradoxes sagen, allein die Verhaltnisse der 
Gegenwartfordern einen sehr haufig auf, recht sehr Paradoxes zu sagen; 
man mufi das, wenn man der heutigen Wirklichkeit gerecht werden 
will -, ich habe versucht zu vergleichen, sowohl der aufieren Form wie 
auch den inneren Impulsen nach, Woodrow Wilsons Gesellschaf tskritik 
als Kritik zunachst mit der Kritik der Gesellschaft, die von fortge- 
schrittener, von radikal sozialdemokratischer Seite geiibt wird. Ja, man 
kann diesen Vergleich sogar ausdehnen auf den radikalsten Fliigel der 
sozialistischen Gesinnung und des sozialistischen Handelns von heute. 
Bleibt man innerhalb dessen, was diese Menschen als Kritik liefern, 
stehen, so kann man sagen: Fast bis zur Wortwortlichkeit stimmt 
Woodrow Wilsons Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung uberein 
mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen, die Totengraber der 
gegenwartigen Zivilisation, von denen man sagen mufi, dafi, wenn das 
zu lange in der Menschheit, auch nur in einigen Gebieten, walten darf , 
was sie im Auge haben, so wird das den Tod der modernen Zivilisation 
bedeuten, so wird das zum Untergange all desjenigen fuhren mussen, 
was durch die moderne Zivilisation errungen worden ist. - Und den- 
noch mufi man das Paradoxe sagen: Woodrow Wilson, der sich ganz 
gewifi immer den Aufbau anders gedacht hat als diese Zerstorer, 
Woodrow Wilson richtet an die gegenwartige Gesellschaftsordnung fast 
wortlich die gleiche Kritik wie diese anderen. 

Und er kommt zu der Konsequenz, dafi Rechtsbegriffe, politische 
Begriffe, wie sie heute herrschen, veraltet sind, dafi sie nicht mehr in 
der Lage sind, einzugreifen in das Wirtschaftsleben. Und sonderbar, 
versucht man das dann zum Positiven zu wenden, versucht man zu 
priifen, was Woodrow Wilson beigebracht hat, um nun eine soziale 
Struktur, eine Struktur des sozialen Organismus hervorzurufen: man 
findet kaum irgendwelche Ant wort! Einzelne Mafinahmen da oder 
dort, die aber auch sonst gemacht werden von jemand, der viel weniger 
eindringliche und objektive Kritik iibt, aber irgend etwas Durch- 
greifendes nicht, jedenfalls nicht eine Antwort auf die Frage: Wie mufi 
das Recht, wie mussen die politischen Begriffe, Ideen, die politischen 
Impulse gestaltet werden, damit sie die Forderungen des modernen 



Wirtschaftslebens beherrschen konnen, damit man hineindringen kann 
in dieses moderne Wirtschaftsleben? 

Hier sieht man, wie aus dem neueren Leben heraus selbst das zweite 
Glied der sozialen Frage entspringt: diese soziale Frage als eine Rechts- 
frage. 

Zu suchen hat man erst nach einer Grundlage fiir das Recht, fur die 
politischen Verhaltnisse, fiir die Staats verhaltnisse, die da sein miissen, 
damit sie ergreifen konnen, meistern konnen dieses moderne Wirt- 
schaftsleben. So mufi man fragen: Wie dringt man vor zu Rechts-, zu 
politischen Impulsen gegeniiber den groJRen Forderungen der sozialen 
Frage? Das ist das zweite Glied der sozialen Frage. 

Und betrachten Sie doch nur das Leben selber: Sie werden finden, 
wie dies Leben des Menschen dreigliederig ist, so wie er in der mensch- 
lichen Gesellschaft drinnensteht. Drei Glieder heben sich ganz deutlich 
voneinander ab, wenn wir den Menschen in seiner Stellung in der 
menschlichen Gesellschaft betrachten. Das erste ist, dafi der Mensch 
notwendig hat, wenn er etwas beitragen soil — wie er es in der modernen 
Gesellschaft zweif ellos mufi zum Heile einer sozialen Ordnung -, wenn 
der Mensch etwas beizutragen hat zu Gemeinschaftsdingen, zu gemein- 
schaftlicher Arbeit, gemeinschaftlicher Werterzeugung, gemeinschaft- 
licher Gutererzeugung, so mufi er erstens die individuelle Tauglichkeit, 
die individuelle Begabung, die individuelle Tuchtigkeit dazu haben. 
Das zweite ist: er mufi mit seinen Mitmenschen in Frieden auskommen, 
in Frieden mit ihnen zusammen arbeiten konnen. Und das dritte ist: er 
mufi seinen Platz finden konnen, von dem aus er mit seiner Arbeit, mit 
seinem Wirken, mit seinen Leistungen fiir Menschen eintreten kann. 

In bezug auf das erste ist der Mensch darauf angewiesen, dafi die 
menschliche Gesellschaft seine Fahigkeiten und seine Begabungen aus- 
bildet, daft sie seinen Geist leitet und den Geist, den sie in ihm ausbildet, 
zu gleicher Zeit zum Fiihrer fiir eine physische Arbeit macht. Fiir das 
zweite 1st der Mensch darauf angewiesen, daft er sich einleben kann in 
eine soziale Struktur, in der die Menschen sich so verstandigen konnen, 
daft sie miteinander in Frieden auskommen konnen. Das erste fiihrt uns 
auf das Gebiet des Geisteslebens. Wir werden sehen in den folgenden 
Vortragen, wie die Pflege des Geisteslebens mit dem ersten zusammen- 



hangt. Das zweite fiihrt uns auf das Gebiet des Rechtslebens, denn das 
Rechtsleben kann sich nur dadurch seinem Wesen nach ausbilden, dafi 
eine soziale Struktur gef unden wird, durch die die Menschen miteinan- 
der in Frieden zusammenarbeiten und wirken und fiireinander leisten. 
Und das dritte fiihrt uns in das moderne Wirtschaftsleben, dieses mo- 
derne Wirtschaftsleben, das, wie ich geschildert habe, Woodrow Wilson 
so anschaut, dafi es gleichsam so geworden ist wie ein Mensch, der grofi 
gewachsen ist und der zu kleine Kleider anhat, iiber die er iiberall hin- 
ausgewachsen ist. Diese zu kleinen Kleider sind fur Woodrow Wilson 
die alten Rechts- und politischen Begriffe. Das Wirtschaftsleben ist 
iiber sie langst hinausgewachsen. 

Dieses Hinauswachsen des Wirtschaftslebens iiber das, was vorher 
als Geistesleben da war, was vorher als Rechtsleben da war, das wurde 
insbesondere von sozialistischen Denkern empfunden. Und man 
braucht, um das, was auf diesem Gebiete gewirkt hat, besonders ins 
Auge zu fassen, nur auf eines hinzuweisen. 

Sie wissen ja, und wir werden iiber all diese Fragen noch genauer 
sprechen: Das moderne Proletariat steht ganz unter dem Einflusse des 
sogenannten Marxismus. Der Marxismus, die marxistische Lehre von 
der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Ge- 
meineigentum wurde zwar vielfach abgeandert von diesen oder jenen 
Anhangern oder Gegnern von Karl Marx; aber der Marxismus ist doch 
etwas, was wirkt in der Gesinnung, in der Lebensauffassung breker 
Menschenmassen der Gegenwart, was wirkt insbesondere in dem, was 
als so verwirrende soziale Tatsache in der Gegenwart auftritt. Man 
braucht nur einmal das immerhin sehr bedeutungsvolle merkwiirdige 
Biichelchen von Friedrich Engels, dem Mitarbeiter und Freund von 
Karl Marx, in die Hand zu nehmen: «Die Entwicklung des Sozialismus 
von der Utopie zur Wissenschaft», um sich bekanntzumachen mit der 
ganzen Gesinnung, die in diesem Biichelchen lebt, dann wird man sehen, 
wie von einem sozialistischen Denker das Wirtschaftsleben der neueren 
Zeit aufgef afit wird in seinem Verhaltnis zum Rechts- und zum Geistes- 
leben. Den einzigen Satz zum Beispiel, der als eine Zusammenfassung 
steht in dem genannten Biichelchen von Engels, braucht man nur recht 
zu verstehen: Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen iiber 



Menschen, iiber Personen geben, sondern nur noch Leitung von Wirt- 
schaftszweigen und Verwaltung der Produktion. 

Das heifit sehr viel! Das heifit, es wird gewiinscht von dieser Seite, 
dafi etwas aufhore im Wirtschaftsleben, was sich gerade unter den Ent- 
wickelungsimpulsen der neueren Zeit mit dem Wirtschaftsleben ver- 
bunden hat. Das "Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist, 
wie ich gezeigt habe, iiber das Rechtsleben, weil es auch iiber das Geistes- 
leben hinausgewachsen ist, gewissermafien alles iiberflutet und hat sug- 
gestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften 
der Menschen. Und so trat denn immer mehr und mehr zutage, dafi aus 
der Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, eigentlich fiir die Men- 
schen das Geistesleben folgt und das Rechtsleben folgt. Diejenigen, die 
die wirtschaftlichMachtigen sind - das wurde nur zu klar immer weiter 
und weiter eingesehen -, die sind zu gleicher Zeit durch ihre wirtschaf t- 
liche TJbermacht im Besitz des Bildungsmonopols. Die wirtschaftlich 
Schwachen bleiben die Ungebildeten. Ein gewisser Zusammenhang hat 
sich herausgestellt zwischen dem Wirtschafts- und dem Geistesleben, 
ein Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Staatsleben. 
Das Geistesleben ist immer mehr und mehr zu etwas geworden, was sich 
nicht aus seinen eigenen Bediirfnissen heraus entwickelt, was nicht sei- 
nen eigenen Impulsen folgt, sondern was - insbesondere da, wo es 
offentlich verwaltet wird, im Erziehungs- und Schulwesen - so gestal- 
tet wird, wie es gebraucht wird von den Staatsmachten. Der Mensch 
kann gar nicht mehr auf das hin angesehen werden, wie und wozu er 
bef ahigt ist. Er kann nicht so entwickelt werden, wie es die in ihm vor- 
handenen Anlagen erfordern. Sondern die Frage ist: Was braucht der 
Staat, was braucht das Wirtschaftsleben fiir Krafte, was braucht es fiir 
Menschen mit einer gewissen Bildung? Danach richten sich die Lehr- 
mittel, danach richten sich die Studien, die Priifungen. Das Geistes- 
leben wird nicht aus sich selber heraus gestaltet, das Geistesleben wird 
angepafit dem Rechtsleben, dem Staatsleben, dem politischen Leben, 
dem Wirtschaftsleben. Dieses bringt aber zugleich - und brachte na- 
mentlich in der neueren Zeit - auch das Wirtschaftsleben wieder in 
Abhangigkeit von dem Rechtsleben. 

Dieses Zusammenleben von Wirtschaft, Recht und Geist, das sahen 



solche Menschen wie Marx und Engels. Und sie sahen, wie das moderne 
Wirtschaftsleben nicht mehr vertrug die alte Rechtsform, auch nicht 
mehr vertrug die alte Geistesform. Sie kamen darauf , dafi herausgewor- 
fen werden miisse aus dem Wirtschaftsleben das alte Rechtsleben, das 
alte Geistesleben. Aber sie kamen nun zu einem sonderbaren Aber- 
glauben, zu einem Aberglauben, uber den wir werden viel sprechen 
mussen in diesen Vortragen. Sie kamen zu dem Aberglauben, dafi das 
Wirtschaftsleben - sie sahen das Geistesleben, das Rechtsleben als eine 
Ideologic an, weil sie es ja ansahen als die einzige Wirklichkeit -, dafi 
das Wirtschaftsleben die neuen Rechtsverhaltnisse, die neuen Geistes- 
verhaltnisse aus sich selber hervorbringen konne. Einer der verhangnis- 
vollsten Aberglauben kam auf : man miisse in einer bestimmten gesetz- 
mafiigen Weise wirtschaften, und wenn man wirtschafte in dieser be- 
stimmten gesetzmafiigen Weise, dann ergabe sich das Geistesleben, das 
Rechtsleben, das Staats- und das politische Leben aus dem Wirtschafts- 
leben heraus von selber. 

Wodurch konnte denn dieser Aberglaube entstehen? Dieser Aber- 
glaube konnte nur dadurch entstehen, daft sich die eigentliche Struktur 
r 1 "- menschlichen Wirtschaft, das eigentliche Arbeiten des neueren 
Wirtschaftslebens, verbarg hinter dem, was man gewohnt worden ist 
die Geldwirtschaft zu nennen. 

Diese Geldwirtschaft ist ja in Europa heraufgekommen als Begleit- 
erscheinung ganz bestimmterEreignisse. Sie brauchen nur einen tieferen 
Blick in die Geschichte hinein zu tun, so werden Sie sehen, daft ungefahr 
in der Zeit, als Reformation und Renaissance, also eine neue Geistes- 
verfassung, iiber die europaische zivilisierte Welt heraufziehen, er- 
schlossen werden die Gold- und Silberquellen Amerikas, dafi der Gold- 
und Silberzustrom, namentlich Mittel- und Siidamerikas, nach Europa 
kommt. Was f ruher mehr Naturalwirtschaft war, das wird immer mehr 
und mehr iiberflutet von der Geldwirtschaft. 

Die Naturalwirtschaft hat noch hinsehen konnen auf das, was der 
Boden hergibt, das heilk auf das Sachliche; sie hat auch hinsehen kon- 
nen auf das, wozu der einzelne Mensch tiichtig ist und was er hervor- 
bringen kann, also auf das Sachliche und Fachliche. Unter der Zirkula- 
tion des Geldes ist allmahlich hingeschwunden der Blick auf das rein 



Sachliche des Wirtschaf tslebens. Indem die Geldwirtschaf t abgelost hat 
die Naturalwirtschaft, hat sich gewissermafien ein Schleier hingezogen 
liber das Wirtschaftsleben. Man konnte nicht mehr die reinen Anforde- 
rungen des Wirtschaftslebens sehen. 

"Was liefert dieses Wirtschaftsleben fur den Menschen? Dieses Wirt- 
schaftsleben liefert fiir den Menschen Giiter, die er fur seinen Konsum 
braucht. Wir brauchen heute noch gar nicht zu unterscheiden zwischen 
geistigen und physischen Giitern, denn auch geistige Giiter konnen 
wirtschaftlich so aufgefafk werden, dafi sie eben fiir den menschlichen 
Konsum verbraucht werden. Dieses Wirtschaftsleben liefert also Giiter, 
und diese Giiter sind Werte, weil der Mensch ihrer bedarf, weil das 
menschliche Begehren darauf geht. Der Mensch mufi den Giitern einen 
bestimmten Wert beimessen. Dadurch haben sie innerhalb des sozialen 
Lebens auch ihren objektiven Wert, der innig zusammenhangt mit dem 
subjektiven Beurteilungswert, den der Mensch ihnen beilegt. 

Aber wie driickt sich in der neueren Zeit volkswirtschaftlich der 
Wert der Giiter aus? Der Wert der Giiter, der im wesentlichen das aus- 
macht, was diese Giiter bedeuten im sozialen, im wirtschaftlichen Zu- 
sammenleben, wie driickt sich dieser Wert aus? Dieser Wert driickt sich 
in den Preisen aus. Uber Wert und Preis werden wir zu sprechen haben 
in diesenTagen; ich will heute nur darauf hindeuten, dafi im wirtschaft- 
lichen Verkehrsleben, im sozialen Verkehrsleben iiberhaupt - sofern 
dieses Verkehrsleben abhangig ist von dem Wirtschaften, von den 
Giitern - sich fiir den Menschen der Wert der Giiter in dem Preis aus- 
driickt. Es ist auch ein grofier Irrtum, wenn man den Wert der Giiter 
mit den Geldpreisen verwechselt. Und nicht eigentlich durch theoreti- 
sche Erwagungen, sondern durch die Lebenspraxis wird die Menschheit 
immer mehr und mehr darauf kommen, dafi etwas anderes ist der Wert 
der Giiter, die wirtschaftlich erzeugt werden, und der abhangt von 
menschlicher subjektiver Beurteilung, von gewissen sozialen Rechts- 
und Kulturverhaltnissen, und dasjenige, was sich ausdriickt in den 
Preisverhaltnissen, die durch das Geld zum Vorschein kommen. Aber 
der Wert der Giiter wird zugedeckt in der neueren Zeit durch die Preis- 
verhaltnisse, die in der sozialen Zirkulation herrschen. 

Das liegt zugrunde den modernen sozialen Verhaltnissen als das 



dritte Glied der sozialen Frage. Hier, hier wird man die soziale Frage 
als eine wirtschaftHche Frage erkennen lernen: wenn man wiederum 
zuriickgeht auf dasjenige, was den eigentlichen Wert der Giiter doku- 
mentiert, gegeniiber dem, was in den blofien Preisverhaltnissen zum 
Ausdruck kommt. Die Preisverhaltnisse konnen gar nicht anders, be- 
sonders in kritischen Zeiten, aufrechterhalten werden, als dadurch, dafi 
der Staat, das heifit der Rechtsboden, die Garantie iibernimmt fur den 
Wert des Geldes, fiir den Wert also einer einzigen Ware. 

Aber es tritt etwas Neues auf. Man braucht gar keine theoretischen 
Betrachtungen iiber das, was herausgekommen ist durch das Mifiver- 
standnis iiber Preis und Wert, anzustellen, man braucht nur hinzuwei- 
sen auf etwas Tatsachliches, was in der neueren Zeit aufgetreten ist. 
Man spricht davon in der Nationalokonomie, dafi es in alter Zeit - in 
Deutschland sogar bis zum Ende des Mittelalters - die alte Natural- 
wirtschaf t gegeben hat, die blofi auf dem Tausch der Giiter beruht, dafi 
an deren Stelle trat die Geldwirtschaft, wo das Geld der Reprasentant 
ist fiir die Giiter und eigentlich immer nur das Wertgut gegen Geld aus- 
getauscht wird. Aber schon sehen wir etwas einziehen in das soziale 
Leben, das bestimmt scheint, die Geldwirtschaft abzulosen. Schon wirkt 
dieses andere iiberall drinnen, wird nur noch nicht bemerkt. Aber wer 
hinausgeht iiber das abstrakte Begreifen seines Kassen- oder Konto- 
buches, wer hinausgeht iiber die blofie Zahl und lesen kann, was in die- 
sen Zahlen geschrieben ist, der wird finden, dafi in den Zahlen eines 
heutigen Kassen- oder Kontobuches nicht blofi Giiter stehen, sondern 
dafi in diesen Zahlen vielfach zum Ausdruck kommt, was man nennen 
konnte die Kreditverhaltnisse im modernsten Sinne des Wortes. Was 
ein Mensch erst leisten kann, weil man von ihm voraussetzt, dafi er zu 
dem oder jenem fahig ist, was aus der Tuchtigkeit des Menschen heraus 
Vertrauen erwecken kann, das ist es, was merkwiirdigerweise in wiser 
trockenes, niichternes Wirtschaftsleben immer mehr und mehr einzieht. 

Studieren Sie heute die Geschaftsbiicher, so werden Sie finden, dafi 
einzieht - gegeniiber dem, was blofier Geldwert ist -, das Bauen auf 
Menschenvertrauen, das Bauen auf menschliche Tuchtigkeit. In den 
Zahlen der heutigen Geschaftsbiicher driickt sich ein grofier Um- 
schwung, driickt sich eine soziale Metamorphose aus, wenn man sie 



richtig liest. Indem man betont, dafi sich die alte Naturalwirtschaft in 
Geldwirtschaft umgewandelt hat, mufi man heute zugleich betonen: 
das dritte Glied ist die Unrwandlung der Geldwirtschaft in die Kredit- 
wirtschaft. 

Damit tritt an die Stelle desjenigen, was lange Zeit hindurch war, 
wiederum ein Neues. Dadurch tritt aber auch das in das soziale Leben 
ein, was auf den Wert des Menschen selber hinweist. Das Wirtschafts- 
leben selber, in bezug auf die Hervorbringung von Werten, steht einer 
Umwandelung gegeniiber, steht einer Frage gegeniiber, und das ist die 
Wirtschaftsfrage, das ist das dritte Glied dieser sozialen Frage. 

Diese soziale Frage werden wir in diesen Vortragen kennenlernen 
miissen als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und Staatsfrage oder 
politische Frage und als eine Wirtschaftsfrage. Der Geist wird die Ant- 
wort zu geben haben auf die erste Frage: Wie macht man die Menschen 
tiichtig, damit eine soziale Struktur entstehen konne, die nicht die heu- 
tigen Schaden, die nicht zu verantworten sind, enthalt? Die zweite 
Frage ist diese: Welches Rechtssystem wird unter den vorgeriickten 
Wirtschaftsverhaltnissen die Menschen wiederum zum Frieden bringen? 
Das dritte ist: Welche soziale Struktur wird imstande sein, den Men- 
schen so an seinen Platz zu stellen, dafi er imstande ist, von diesem 
Platze aus fur die menschliche Gemeinschaft zu deren Wohl zu arbeiten, 
so wie er es nach seiner Wesenheit, nach seinen Begabungen, nach seinen 
Fahigkeiten vermag? Dahin wird fiihren die Frage: Welcher Kredit ist 
dem personlichen Werte eines Menschen zu gewahren? Da sehen wir die 
Umgestaltung der Wirtschaft vor uns aus neuen Verhaltnissen heraus. 

Eine Geistesfrage, eine Rechtsfrage, eine Wirtschaftsfrage steht in 
der sozialen Frage vor uns. Und wir werden sehen, dafi die kleinste 
Gliederung der sozialen Frage nur im richtigen Lichte gesehen werden 
kann, wenn man diese soziale Frage im Grunde betrachtet als eine 
Geistes-, als eine Rechts-, als eine Wirtschaftsfrage. Davon dann mor- 
gen weiter. 



Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag 



Es liegt in der Natur der Sache, dafi, da ich heute nur eine Einleitung 
gegeben habe, sehr leicht Fragen gestellt werden konnen, die sachgemafi 
erst in den nachsten Tagen und da im Zusammenhange der Vortrage 
zur Beantwortung kommen werden. Eine solche Frage ist diese, die mir 
als erste vorgelegt worden ist: 

Wie kann ein objektiver Wertmafistab fur Giiter gefunden werden? 

Nun, wie gesagt, ich mochte nur einiges iiber diese Frage sagen, weil 
ja eine Ausfiihrung in den nachsten Tagen gerade auf diese Frage sich 
beziehen mufi und sie dann aus dem Zusammenhang heraus beantwortet 
werden kann. Ich mochte aber doch das Folgende dazu sagen. 

Sehen Sie, bei Stellung einer solchen Frage handelt es sich darum, 
dafi man sich ganz klar ist: Man stellt diese Frage auf dem Boden des 
Wirtschaftslebens. Die Frage nach dem Werte der Giiter kann man nur 
stellen auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Das heifit aber: Es wird 
notig sein, dafi man sich dabei bekanntmacht mit manchem, was in der 
Gegenwart mit Bezug auf eine Art Umlernen und Umdenken notig ist. 
Die Gegenwart sieht sich sehr an als etwas, was ungeheuer praktisch 
denkt. Leicht nennt man in der Gegenwart dies oder jenes «graue Theo- 
ries Aber mit dem wirklich praktischen Denken ist es doch nicht all- 
zuweit her. Und gerade diejenigen, die sich heute oftmals Praktiker 
nennen, sind von den grauesten Theorien beherrscht. Sie sind nur in der 
Lage, diese grauen Theorien in einer naheliegenden Lebensroutine zum 
Ausdruck zu bringen und halten sie daher fur praktisch, weil sie nicht 
sehen, ob sie fruchtbringend oder zerstorend fiir das Leben wirken. 

Was hier verfochten wird, die Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus, soil sich von sozialistischen oder anderen Theorien dadurch unter- 
scheiden, dafi es etwas ist, was im eminentesten Sinne aus der Lebens- 
praxis heraus gewonnen ist. Deshalb muft schon gesagt werden, dafi eine 
solche Frage nach dem objektiven Werte eines Gutes, einer Leistung, 
eines Erzeugnisses streng auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt 
werden mufi. Da aber — und jetzt komme ich auf das, was in seiner Vor- 
stellungsart der Gegenwart noch fremd ist - handelt es sich nicht dar- 



um, dafi man irgendeine Definition f indet, was der Wert eines Gutes ist. 
Die schonste Definition hat man ja immer fiir alle moglichen Dinge 
gefunden, aber es zeigt sich bei sehr schonen Definitionen oftmals eben 
das, dafi sie einem im Leben auch nicht um einen einzigen kleinen 
Schritt vorwarts helfen. Wenn man von dem Werte der Giiter spricht, 
so handelt es sich ja nicht darum, dafi man sagen kann, dies oder jenes 
sei der "Wert eines Gutes, sondern es handelt sich darum, dafi der Wert 
des Gutes in der Zirkulation des menschlichen Verkehrs zum wirklichen 
Ausdruck kommt, dafi wirklich das Gut, das ich hervorbringe, so viel 
mir einbringt, als ich brauche zu einer solchen Leistung. Also es handelt 
sich darum, dafi in die Giiterzirkulation das Gut mit seinem entspre- 
chenden Wert eindringt. Und das Nachdenken hat sich nicht damit zu 
befassen, anzugeben, welches der objektive Wertmafistab eines Gutes 
ist, sondern das Nachdenken hat sich damit zu befassen, eine soziale 
Struktur zu finden, durch die menschliche Gutererzeugnisse so in das 
soziale Leben eintreten, dafi sie darinnen zirkulieren zum Wohle der 
Gemeinschaft. Da handelt es sich darum, vor alien Dingen die Bedin- 
gungen herauszufinden, durch die Giiter mehr oder weniger wert 
werden. 

Man braucht zum Beispiel nur auf folgendes hinzuweisen. Nehmen 
wir an, es wird in irgendeinem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zuviel 
Fett, zuviel menschlich konsumierbares Fett erzeugt. Gut, man kann ja 
den Uberflufi, den Menschen nicht verzehren konnen, meinetwillen 
zum Wagenschmieren beniitzen. Man kann es so verwenden, schon. 
Dadurch aber wird der Wert des Fettes fiir diese Menschengemeinschaf t 
im wesentlichen herabgemindert. Nehmen wir an, es wird zuwenig Fett 
erzeugt, dann wird der Wert hinaufgesteigert, und es konnen nur solche 
Menschen, die ein Vermogen iiber das Durchschnittsmafi haben, sich 
das Fett vers chaff en. Also man kann die Bedingungen angeben, unter 
denen der Wert eines Gutes, einer Leistung, steigt oder fallt. 

Nun handelt es sich darum, dafi eine soziale Struktur eintrete, durch 
welche dieser Wert des einzelnen Gutes im Vergleiche zu anderen Gii- 
tern zu seinem entsprechenden Daseinsausdruck komme. Also es han- 
delt sich nicht darum, da£ man den Wert angeben kann, was man 
natiirlich durch den entsprechenden Geldpreis kann; aber da kommt 



der vollstandige Wert nicht zum Ausdruck. Es handelt sich darum, dafi 
man es dahin bringen mufi, dafi vergleichsweise mit anderen Gtttern die 
hervorgebrachten Guter, um die es sich handelt, den entsprechenden 
Wert haben. Es mufi also diese Frage auf den Boden des Wirtschafts- 
lebens gestellt und nicht nach einer Definition des Wertes, sondern 
nach den Bedingungen gefragt werden, unter denen Guter den ent- 
sprechenden gerechten Wert bekommen konnen. 

Das ist es, was ich zunachst sagen mochte. Ich wollte durch das nur 
darauf hinweisen, dafi man in vieler Beziehung iiber das soziale Leben 
die Fragestellungen, die Vorstellungsarten wird umwandeln miissen. 
An ein Umdenken wird sich die Menschheit gewohnen miissen. Heute 
ist sogar das praktische Leben, ich mochte sagen, eingesogen in die 
Theorie. Und ich wollte im Vortrage andeuten, wie nun wiederum auf 
der anderen Seite nach und nach hineindringt in das allmahlich ganz 
abstrakt gewordene - gerade unter dem Eindrucke der Geldwirtschaft 
abstrakt gewordene - Leben das konkrete Leben in der Kreditwirt- 
schaft. Sehen Sie, diese Dinge werden ja eigentlich heute mit einem ge- 
wissen wissenschaftlichen Hochmut behandelt. Man merkt gar nicht, 
von welchen komplizierten Verhaltnissen so etwas wie der Wert ab- 
hangig ist, der wirkliche Wert. Wenn man den blofien Preis nimmt, so 
hat man kein Bild des wirklichen Wertes. Da mufi man eingehen auf die 
gesamte Wirtschaftsgrundlage. Man kann zum Beispiel von der Preis- 
bildung im Sinne der Goldpreisbildung sprechen. Man kommt darauf 
— NationalSkonomen, zum Beispiel Unmh> haben auf diese Tatsache ja 
ganz schon hingewiesen, aber ohne die groJften Zusammenhange -, dafi 
innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, sagen wir, eine Gans 
einen bestimmten Wert hat, der sich im Preise ausdriickt. Dann ist es 
der Geldwertpreis. Aber wenn man, wie das andere Nationalokonomen 
getan haben, danach die ganze Struktur der Volkswirtschaft studieren 
will, dann kommt man eben zu sehr einseitigen Resultaten, weil in 
einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete die Wertbestimmung auch der 
Ganse nicht nach dem blofien Geldpreiswert bestimmt werden kann. 
Von solchen Dingen hangt namlich auch der Wert ab: ob innerhalb 
einer Wirtschaft Ganse gehalten werden, damit man Fettganse be- 
kommt und sie als Ganse verkauft, oder ob sie vielleicht gehalten wer- 



den, weil sie gerupft werden und man die Federn verkaufen will. Also 
davon, ob man Produzent von Federn oder von Gansen ist, davon 
hangt manches ab. Das stellt sich erst heraus bei einer sachgemafien 
Betrachtung des Wirtschaftslebens. Wenn man blofi statistisch die Zah- 
len aufnimmt, was die einzelnen Dinge geldlich kosten, dann bekommt 
man keinen Einblick in den sachlichen Gang des Wirtschaftslebens, 
damit aber keinen Einblick in die wirkliche Bewertung. 

Also man mufi auf die Beziehungen eingehen und sich streng auf den 
Boden des Wirtschaftslebens stellen, wenn man von Werten sprechen 
will. Dann braucht man auch nicht danach zu fragen: Wie driickt sich 
objektiv der Wert aus? - sondern danach: Welche Verhaltnisse sozialer 
Natur sind imstande, einem Gute, einer Leistung, einer menschlichen 
Hervorbringung denjenigen Wert zu geben, der im Vergleich zu an- 
deren Leistungen, anderen Hervorbringungen, anderen Giitern der 
gerechte ist? Das wiirde die richtige Frage sein. Die Fragen, die heute 
sehr stark theoretisch auftreten, werden sehr, ich mochte sagen, sich 
verpraktisieren! Und auf dieses Sich-Verpraktisieren, das heute noch 
manchen ganz fremd anmutet, der gerade ein Praktiker sein will, auf 
das arbeitet die Dreigliederung des sozialen Organismus hin. 

Dann ist gefragt: 

Aus welchen Voraussetzungen heraus ist der Impuls zur Dreigliederung des sozia- 
len Organismus entstanden? 

Nun, da mufi gesagt werden, dafi die soziale Frage eigentlich erst 
kritisch geworden ist wahrend dieser grofien Weltkriegskatastrophe. 

Ich beriihre ja nicht gern Personliches, aber in solchen Dingen ist 
man nur allzuoft genotigt, das zu tun. Ich habe Gelegenheit gehabt, 
reichlich genug mitzuerleben den Gang der sozialen Frage. Ich war 
lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule, in der von 
mir im Umgange mit den nicht nur erwachsenen, sondern oftmals recht 
alten Schiilern die soziale Frage sehr gut studiert werden konnte. Ich 
habe die soziale Frage da von den verschiedensten Seiten praktisch im 
Leben kennengelernt, erstens kennengelernt vor alien Dingen von der 
Seite, wie sie lebt in den Seelen grofier, breiter Menschenmassen von 
heute, wie schwer sie verstanden wird gerade von diesen breiten Men- 



schenklassen. Ja, ich habe gesehen - diese Lehrerschaft von mir liegt ja 
zwei Jahrzehnte zuriick -, wie es gerade in dem Zeitpunkt um die 
Wende des 19. zum 20. Jahrhundert moglich gewesen ware, in die 
modernen breiteren Massen der arbeitenden Bevolkerung Ideen hinein- 
zutragen, welche das heutige Chaos und die heutige Zerstorungswut auf 
sozialem Gebiete hatten verhindern konnen. Wahrhaftig, ich konnte 
deutlich sehen: Fiir aus dem Geiste heraus geborene Ideen ware vor 
zwanzig Jahren, wenn man darauf seine Aufmerksamkeit gewendet 
hatte, eine breite Masse der Bevolkerung zuganglich gewesen. 

Was dem entgegenstand, habe ich, zweitens, kennengelernt, indem 
ich audi die andere Seite kennengelernt habe. Ich habe das Malheur 
gehabt, sehen Sie, gerade unter den Schulern Anhanger zu gewinnen, 
Anhanger fiir wahrhaftig ganz andere Denkweisen, als sie seither grofi 
geworden sind. Ich habe gesehen, wie fiir gesunde Ideen breite Massen 
des Volkes wirklich zuganglich waren. Und ich darf, ohne unbeschei- 
den zu werden - ich erzahle wirklich nur Tatsachen -, sagen: gewohn- 
lich wenn die sozialistischen Dutzendlehrer, die so die gewohnlichen 
agitatorischen Lehrer der Arbeiterbildungsschule eben waren, ihre 
Kurse gaben, dann war es so, dafi sie im ersten Quartal — quartalsweise 
wurde der Unterricht erteilt - eine gewisse Zuhorerschaft hatten; aber 
dann verminderte sie sich rasch. Meine Zuhorerschaft — ich darf das 
wirklich eben sagen, weil es eine Tatsache ist -, die wuchs von Quartal 
zu Quartal und ist nur zu grofi geworden fiir die Fiihrer des Proleta- 
riats, fiir diese Fiihrer, welche die Abschnitzel der burgerlichen Wissen- 
schaft ubernommen haben und sie in einer ja sattsam bekannten Weise 
verwerten. Als diese Leute gesehen haben, dafi ich Anhangerschaft ge- 
winne, da wurde arrangiert, dafi einmal die gesamte Schulerschaft die- 
ses Quartals zusammengewiirf elt wurde, und auch etwa drei Abgesandte 
- aber von minderer Sorte - der Fiihrerschaft hineingedruckt wurden. 
Ja, da wurde mir vorgeworfen, dafi ich nicht richtige marxistische Ge- 
schichtsauf fassung, nicht historischen Materialismus lehre, dafi ich auch 
die Naturwissenschaft nicht benutze, um in den Materialismus hinein- 
zufiihren, um das Marxistische zu stiitzen, sondern um in ernster Weise 
Wissenschaftsanschauung in die Volksmenge zu tragen. Kurz, es wurde 
mir vorgeworfen, dafi ich kein richtiger Dogmenlehrer des sozialisti- 



sehen Systems sei. Nun, ich wagte zu sagen dazumal: Ihr wollt ja doch 
vorstellen eine Gesellschaft, welche fiir die Zukunft arbeitet. Mir 
scheintj da ware die erste Notwendigkeit diese, dafi eine wirkliche Zu- 
kunftsforderung bei euch eingehalten wiirde: dafi ihr gestatten wiirdet 
Lehrfreiheit! - Da erwiderte ein solcher Hineingeschickter: Lehrfrei- 
heit, das konnen wir nicht anerkennen, das hat im offentlichen Leben 
keine Bedeutung fiir uns, wir kennen nur einen verniinftigen Zwang. - 
Und sehen Sie, unter diesem «vernunftigen Zwang» gestaltete sich die 
Sache so, dafi fiir mich alle anderen sechshundert, gegen mich die drei 
stimmten, aber mich dennoch herauslancierten. Das ist die andere Seite 
der Entwickelung der sozialen Frage, die ich auch habe kennenlernen 
konnen. Da konnte man schon sehen, unter welchen offentlichen Kraf- 
ten die soziale Frage eigentlich steht. 

Man mufite allmahlich durchschauen, wie im Menschenleben, in der 
Menschenentwickelung iiberhaupt, zusammenwirken Geistiges, Recht- 
lich-Politisches und Wirtschaftliches. Man konnte dann aber sehen, 
wie gerade unter den neuesten Verhaltnissen durch das Zusammen- und 
Ineinanderschieben des Rechtlich-Politischen, des Geistig-Kulturellen, 
zu dem auch die nationalen Verhaltnisse gehoren, mit dem Wirtschaft- 
lichen die grofien Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen 
sich ausbildeten. Man konnte sehen, wie das wirtschaftliche System, 
das, wenn es in derselben Weise weiterlauft, wie es namentlich als Ideal 
angesehen wurde von gewissen Seiten am Ende des 19., Anfang des 20. 
Jahrhunderts, zu fortwahrenden Krisen fiihren mufi. Man konnte dann 
sehen, wie diese Weltkriegskatastrophe nur eine zusammengeschobene 
grofie Krise ist, weil allmahlich die Staaten aus politischen Korper- 
schaften zu Wirtschaftsimperien sich ausgewachsen haben, welche nur 
das politische und das geistige Wesen in sich aufgenommen haben. 

Nehmen wir den Ausgang dieser "Weltkriegskatastrophe. Ich habe ja 
erst, abgesehen von gelegentlichen Aufierungen, verhaltnismafiig spat 
iiber die soziale Frage so gesprochen, wie ich jetzt spreche, da ich ge- 
wissermaEen als einem Teil meiner Aufgabe dariiber sprechen mufi. 
Aber ich habe mein ganzes Leben hindurch die soziale Bewegung der 
Menschheit beobachtet. Und wer gleich mir seine halbe Lebenszeit, 
drei^ig Jahre, in Osterreich zugebracht hat, der hat an diesem Oster- 



reich gesehen wie an einem Schulfall - wenn man diesen Ausdruck an- 
wenden darf auf ein grofies Historisches, das an seinen Verhaltnissen 
zerbrechen mufite -, wie in ihm sich zusammenknauelten die geistigen, 
und vor alien Dingen die national-kulturellen Verhaltnisse, die recht- 
lich-politischen Verhaltnisse und die wirtschaftlichen Verhaltnisse. 
Nehmen Sie einmal den Siidosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus 
dem die eigentliche Weltkatastrophe zuletzt ihre Veranlassung bekom- 
men hat, da werden Sie sehen, wie sich das, was spater dann zu heller 
Flamme aufloderte, vorbereitet hat durch den Berliner Kongrefi, wo 
Dsterreich die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zu- 
gesprochen wurde. Das war ein Programm politischer Art, das in die 
politische Struktur Osterreich-Ungarns eingrif f . Aber die Verhaltnisse, 
die dadurch geschaffen waren, die waren nicht mehr haltbar in dem 
Momente, wo eine vollige Umwalzung auf dem Balkan stattfand, also 
eine rein politische Umwalzung, das heifit eine Umwalzung auf poli- 
tisch-rechtlichem Gebiete. Das alte reaktionare tiirkische Element 
wurde durch die jungtiirkische Herrschaft abgelost. Eine unmittelbare 
Folge davon war, dafi Dsterreich zur Annexion, anstelle der Okkupa- 
tion, von Bosnien und der Herzegowina gefiihrt wurde, dafi Bulgarien 
aus einem Fiirstentum sich zu einem Konigreich machte. Das waren 
politische Verhaltnisse, die da spielten. In diese politischen Verhaltnisse 
knauelten sich aber hinein wirtschaftliche Verhaltnisse. Und die wirt- 
schaftlichen Verhaltnisse spielten zuletzt mit den politischen Verhalt- 
nissen so zusammen, dafi aus diesem Zusammenspiel UnmogHchkeiten 
des weltgeschichtlichen Werdens entstanden. Man mufite, weil die poli- 
tische Verwaltung Dsterreichs zugleich die wirtschaftliche war, mit den 
politischen Verhaltnissen so etwas verquicken wie zum Beispiel den 
Ausbau der Bahn von Dsterreich aus nach Siidosten, der Salonikibahn. 
Es war etwas rein Wirtschaftliches; aber die politischen Verhaltnisse 
spielten fortwahrend mit den wirtschaftlichen zusammen. Das Ganze 
beruht auf dem Unverstandenen von geistig-kulturellen Verhaltnissen, 
namlich auf Gegensatzen von Slawen- und Germanentum. Diese drei 
Dinge knauelten sich ineinander, und aus dieser Verknauelung entstand 
die Schreckenskatastrophe. Man kann studieren von Jahr zu Jahr, wie 
dadurch Scheinverhaltnisse geschaffen wurden, dafi die Rechtsverhalt- 



nisse, die geistig-kulturellen Verhaltnisse, die wirtschaftlichen Verhalt- 
nisse nicht auseinandergehalten werden konnten. 

Aber diese Verhaltnisse drangen nach Auseinandertrennung, Aus- 
einanderhaltung. Und man mufi sich erinnern, wie mit dem Herauf- 
kommen der neueren Zeitverhaltnisse sehr friih das Rechtsleben, das 
Geistesleben und das Wirtschaftsleben sich auseinanderzuhalten such- 
ten. Gerade die Tatsache, dafi etwas so Furchtbares aus der Zusammen- 
knauelung entstehen konnte wie diese Weltkriegskatastrophe, gerade 
das wies einen darauf hin, wie ja wie in einem Reagenzglase im chemi- 
schen Laboratorium Substanzen, die man zusammenbringt, die aber 
nicht zusammengehoren, wie die auseinander fallen: so fallen, Helen 
schon verhaltnismafiig friih die wirtschaftlichen Verhaltnisse, die gei- 
stigen und die Rechtsverhaltnisse auseinander. 

Ich will nur an eine Erscheinung erinnern, die verhaltnismafiig friih 
auftrat. Spater, nach der Reformation, nach der Renaissance wurde sie 
verwischt. Wenn Sie die Geschichte des Mittelalters studieren, so wer- 
den Sie finden, dafi die Kirche zinsf eindlich war, das heifit, dafi die Kir- 
che iiberall Lehren verbreitete, die dahin gingen, es sei unmoglich, es 
vertrage sich nicht mit einem wirklich christlichen Leben, Zins zu 
nehmen von Geldausborgung. Das war Lehre, das war Geistesleben. 
Diese Lehre empfand man als schon. Aber die Kirche in ihren Vertre- 
tern nahm sehr viel Zins in Wirklichkeit. Das wirtschaftliche Leben 
trennte sich sehr stark von dem geistigen Leben. Beides fiel auseinander. 

Und auf ahnliche Erscheinungen konnte man in den letzten Jahren 
sehr stark hinweisen, wenn man zum Beispiel zeigen wollte, wie das 
wirtschaftliche Leben in Form von allerlei Schiebertum, Verschaf fung 
von Lebensmitteln unter der Hand, auseinanderfiel mit dem recht- 
lichen Leben, das rationierte. Da sehen Sie ahnliche Erscheinungen wie 
eben in einem Reagenzglase, wo nicht zusammengehorige Substanzen 
auseinanderf alien. 

Alle diese Dinge miissen im einzeinen studiert werden. Und weii 
nach und nach durch die Kompliziertheit der modernen Lebensverhalt- 
nisse sich immer mehr und mehr dies Auseinanderfallen zeigt, sowohl 
im internationalen wie im nationalen Leben, ergibt sich daraus nach 
und nach die Notwendigkeit, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung des 



sozialen Organismus, wie ich sie in den nachsten Vortragen darstellen 
werde und wie Sie sie auseinandergesetzt finden in meinen «Kernpunk- 
ten der sozialen Frage». 

Man mufi sich klar dariiber sein, dafi solch ein Ausspruch, wie ich 
ihn angefiihrt habe von Hartley Withers, durchaus begriindet ist. Die 
Verhaltnisse sind in der neueren Zeit sehr kompliziert geworden. Und 
nur dann, wenn man darauf kommt, wie man gewisse Grundgesetze 
~ Urideen, so habe ich sie genannt in meinen «Kernpunkten der sozia- 
len Frage» - finden kann, die dann in den kompliziertesten Verhalt- 
nissen des praktischen Lebens zu einem wirklich praktischen Weg- 
weiser werden konnen, nur dann kann man hoffen, etwas beizutragen 
zu dem, was heute die soziale Frage ist. Und nur dadurch kann man 
hoffen, das zu iiberwinden, was nach und nach in Form von Schlag- 
worten, von Parteimeinungen in so furchtbarer "Weise die Massen er- 
greift und durch die Menschen leider zu Tatsachen wird. Ehe wir nicht 
dazu kommen, die soziale Frage aus dem Parteigetriebe herauszuheben 
und sie auf den Boden der praktischen, verniinftigen Erfassung der 
Wirklichkeit zu stellen, eher konnen wir nicht hoffen, weiterzukom- 
men. Dafi eine solche Betrachtung moglich ist, das mochte ich Ihnen 
eben durch die folgenden Vortrage zeigen. 

Damit mochte ich, was ich iiber die Entstehung und iiber das Her- 
vorkommen der Dreigliederung im neueren Leben zu sagen hatte, zu- 
nachst angedeutet haben. Manches wird ja in den nachsten Vortragen 
sich noch ergeben. 



ZWEITER VORTRAG 



Zurich, 25.0ktober 1919 

Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage 
Die Umwandlung des Marktes 
Preisgestaltung - Geld- und Steuerwesen - Kredit 

Aus den Anschauungen, die erwachsen sind gegeniiber den Tatsachen 
der sozialen Entwickelung der neueren Zeit, wie ich sie gestern ver- 
suchte auseinanderzusetzen, ist entstanden, was Sie verzeichnet finden 
in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», ist entstanden 
die Idee von der Dreigliederung der sozialen Organisation. Diese Idee 
von der Dreigliederung des sozialen Organismus will eine durchaus 
praktische Lebensidee sein und nicht irgend etwas Utopistisches in sich 
enthalten. Daher war die Voraussetzung fiir die Abfassung meines 
Buches die, dafi es hingenommen werde mit einem gewissen Instinkt fiir 
die wirklichen Tatsachen, dafi es nicht beurteilt werde aus vorgefafiten 
Theorien, vorgefafiten Parteimeinungen heraus. Allerdings, wenn das 
richtig ist - und es ist zweif ellos richtig, was ich gestern anf iihrte dafi 
allmahlich die sozialen Tatsachen in den Lebensverhaltnissen der Men- 
schen so kompliziert geworden sind, dafi sie sich aufierordentlich 
schwer nur iibersehen lassen, wird eine besondere Methode notwendig 
sein bei der Besprechung dessen, was heute zum Wollen fiihren soil. 

Es ist ja gegeniiber dieser Kompliziertheit der Tatsachen nur zu 
selbstverstandlich, dafi der Mensch zunachst fiir dasjenige ein gewisses 
Verstandnis hat, namentlich an wirtschaf tlichen Erscheinungen, was in 
seinen Lebenskreisen liegt. Allein alles, was in ihnen liegt, ist abhangig 
von der ganzen iibrigen "Wirtschaft, und heute nicht nur von der Wirt- 
schaft eines Landes, sondern von der ganzen Weltwirtschaft. Da wird 
der einzelne gar oft in die selbstverstandliche und begreifiiche Lage 
kommen, die Notwendigkeiten fiir die Weltwirtschaft nach den Erfah- 
rungen seines allernachsten Lebenskreises beurteilen zu wollen. Er wird 
natiirlich dabei fehlgehen. Wer bekannt ist mit den Anforderungen 
eines wirklichkeitsgemafien Denkens, der weifi auch, welche Bedeutung 



es hat, mit einem gewissen Wirklichkeitsinstinkt an die Erscheinungen 
der Welt heranzugehen, um dadurch zu gewissen grundlegenden Er- 
kenntnissen zu kommen, die dann im Leben eine ahnliche Rolle spielen 
konnen wie in gewissen Schulerkenntnissen grundlegende Wahrheiten. 

Sehen Sie, wenn man darauf ausgehen wollte, das ganze Wirtschafts- 
leben mit alien seinen Einzelheiten zu erkennen und daraus erst Schlusse 
zu ziehen fur ein soziales Wollen, man wiirde ja nie fertig. Man wiirde 
aber ebensowenig fertig, wenn man alle die Einzelheiten, in denen, 
sagen wir, der pythagoraische Lehrsatz Anwendung findet im tech- 
nischen Leben, erst durchnehmen miifite, um die Wahrheit des pythago- 
raischen Lehrsatzes zu erkennen. Man eignet sich die Wahrheit des 
pythagoraischen Lehrsatzes aus gewissen inneren Zusammenhangen an 
und weifi dann: uberall, wo seine Anwendung in Frage kommt, mufi er 
gelten. Man ringt sich auch im sozialen Erkennen dazu durch, dafi ge- 
wisse Fundamentalerkenntnisse durch ihre innere Natur sich dem Be- 
wufitsein als wahr ergeben konnen. Und wenn man dann nur Wirklich- 
keitssinn hat, dann wird man finden, dafi sie uberall, wo sie in Frage 
kommen, auch anwendbar sind. So mochte das Buch «Die Kernpunkte 
der sozialen Frage» verstanden werden aus seiner inneren Natur heraus, 
aus der inneren Natur der angefuhrten sozialen Verhaltnisse heraus, 
und so mochte zunachst auch die Gesamtidee von der Dreigliederung 
des sozialen Organismus aufgefafit werden. Aber ich werde in diesen 
Vortragen durchaus versuchen, zu zeigen, wie einzelne Erscheinungen 
des sozialen Lebens Bekraftigungen liefern fiir das, was aus dieser Idee 
der Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich aus den Lebens- 
notwendigkeiten der Gegenwart und der nachsten Zukunft derMensch- 
heit ergibt, folgt. 

Vorerst aber werde ich genotigt sein, einleitungsweise, bevor ich zu 
meinem eigentlichen heutigen Thema iibergehe, einfach referierend vor 
Sie hinzustellen, was die Grundidee von dieser Dreigliederung des so- 
zialen Organismus ist. Wir haben gestern das Ergebnis fassen konnen, 
dafi unser soziales Leben aus drei Grundwurzeln heraus seine Forde- 
rungen stellen mufi, mit anderen Worten, dafi die soziale Frage eine 
Geistesfrage, eine Staats- oder Rechtsfrage, eine politische Frage, und 
eine Wirtschaftsfrage sei. Wer das Leben der neueren Entwickelung der 



Menschheit durchforscht, der wird finden, dafi diese drei Lebens- 
elemente - Geistesleben, Rechts- und Staats- oder politisches Leben und 
Wirtschaftsleben - chaotisch allmahlich bis in unsere Gegenwart herein 
in eine Gesamtheit, in eine Einheit zusammengeflossen sind, und dafi 
aus diesem Zusammenfliefien heraus unsere gegenwartigen sozialen 
Schaden entstanden sind. 

Erkennt man dieses durchgreifend - und diese Vortrage sollen die 
Grundlage daf iir abgeben, daJS man das durchgreifend erkennen konne -, 
so wird man finden, dafi die Zukunf t sich so entwickeln miisse, dafi das 
Leben, das offentliche Leben, der soziale Organismus gegliedert werde 
in eine selbstandige Geistesverwaltung namentlich des offentlichen 
Geisteslebens in Erziehung und Unterrichtswesen, in eine selbstandige 
Verwaltung der politischen, der Staats-, der Rechtsverhaltnisse, und in 
eine vollig selbstandige Verwaltung des Wirtschaftslebens. 

Gegenwartig umfafit eine einzige Verwaltung in unseren Staaten 
diese drei Elemente des Lebens, und wenn man von einer Dreigliederung 
spricht, wird man heute sogleich mifiverstanden. Man wird so verstan- 
den, dafi gesagt wird: Nun ja, da will irgend jemand eine selbstandige 
Verwaltung fiir das Geistesleben, eine selbstandige Verwaltung fur das 
Rechts- oder Staats- oder politische Leben, eine selbstandige Verwal- 
tung fiir das Wirtschaftsleben; also fordert er drei Parlamente, ein 
Kulturparlament, ein demokratisch-politisches Parlament und ein 
"Wirtschaf tsparlament. - Wenn man dies f ordern wiirde, so wiirde man 
von der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus eben gar nichts 
verstehen, denn diese Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus 
will eben einfach vollstandig ernst nehmen die Forderungen, die sich 
geschichtlich im Laufe der neueren Entwickelung der Menschheit er- 
geben haben. Und diese drei Forderungen kann man aussprechen mit 
den drei Worten, die aller dings schon zu Schlagworten geworden sind; 
geht man aber aus den Schlagworten heraus, um die Wirklichkeit zu 
treffen, so findet man, daft berechtigte geschichtliche Impulse in diesen 
drei Worten enthalten sind. Diese drei Worte sind der Impuls nach der 
Freiheit des rnenschlichen Lebens, der Impuls nach Demokratie, und 
der Impuls nach einer sozialen Gestaltung des Gemeinschaftswesens. 
Aber wenn man diese drei Forderungen ernst nimmt, so kann man sie 



nicht zusammenknaueln in eine einzige Verwaltung, denn das eine mufi 
dann immer das andere storen. Wer zum Beispiel den Ruf nach Demo- 
kratie ernst nimmt, der mufi sich sagen: Diese Demokratie kann sich 
nur ausleben in einer Volksvertretung oder durch ein Referendum, 
wenn jeder einzelne miindig gewordene Mensch, indem er gleichgestellt 
ist jedem anderen miindig gewordenen Menschen gegeniiber, entschei- 
den kann durch sein Urteil, was eben auf demokratischem Boden durch 
die Urteilsfahigkeit eines jeden miindig gewordenen Menschen ent- 
schieden werden kann. 

Nun gibt es - so sagt die Idee von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus — ein ganzes Lebensgebiet, das ist eben das Gebiet des 
Rechtslebens, das Gebiet des Staatslebens, das Gebiet der politischen 
Verhaltnisse, in dem jeder miindig gewordene Mensch berufen ist, aus 
seinem demokratischen Bewufitsein heraus mitzureden. Aber nimmer- 
mehr kann dann, wenn so mit der Demokratie ernst gemacht und das 
Staatsleben ganz demokratisiert werden soil, das geistige Gebiet auf der 
einen Seite einbezogen werden in diese Demokratie, und nimmermehr 
kann der Kreislauf des Wirtschaftslebens einbezogen werden in diese 
demokratische Verwaltung. 

In dieser demokratischen Verwaltung ist ein Parlament durchaus am 
Platze. Aber in einem solchen demokratischen Parlament kann niemals 
entschieden werden iiber das, was sich auf dem Boden des Geisteslebens, 
auch auf dem Boden des Erziehungs- und Unterrichtswesens, zu voli- 
ziehen habe. Was ich im vierten Vortrage viel genauer auszufiihren 
haben werde, will ich heute einleitungsweise andeuten: die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus erstrebt ein selbstandiges Geistesleben 
insbesondere in den offentlichen Angelegenheiten, im Erziehungs- und 
Unterrichtswesen. Das heifit, es soil kiinftig nicht durch irgendwelche 
Staatsverordnungen bestimmt werden, was und wie zu lehren sei, son- 
dern diejenigen, die wirklich drinnenstehen im praktischen Lehren, im 
praktischen Erziehen, die sollen auch die Verwalter des Erziehungs- 
wesens selber sein. Das heifit, von der untersten Volksschulstufe bis 
hinauf zu der hochsten Unterrichtsstuf e soil dieLehrperson unabhangig 
sein von irgendeiner anderen, staatlichen oder wirtschaftlichen Macht 
in bezug auf dasjenige, was und wie sie zu unterrichten habe. Das soil 



aus dem folgen, was als angemessen empfunden wird fiir das Geistes- 
leben innerhalb der selbstandigen Geistkorperschaft selbst. Und nur so 
viel Zeit soil der einzelne fiir den Unterricht zu verwenden brauchen, 
dafi ihm die Zeit noch iibrigbleibt, urn Mitverwalter zu sein des ge- 
samten Unterrichts- und Erziehungswesens, aber auch des gesamten 
geistigen Lebens. 

Ich werde im vierten Vortrage zu beweisen versuchen, wie durch 
diese Selbstandigkeit des Geisteslebens die geistige Verfassung der Men- 
schen iiberhaupt auf einen ganz anderen Boden gestellt und wie gerade 
dasjenige eintreten wird, wovon man nach dem heutigen Vorurteil am 
wenigsten glauben kann, dafi es kommen werde: Durch diese Selbstan- 
digkeit wird das Geistesleben die Kraft bekommen, wirklich von sich 
aus fruchtbar einzugreifen in das Staats- und namentlich in das Wirt- 
schaftsleben. Und innerlich wird gerade ein selbstandiges Geistesleben 
nicht graue Theorie, nicht weltfremde wissenschaftliche Anschauungen 
liefern, sondern zu gleicher Zeit eindringen in das menschliche Leben, 
so dafi sich der Mensch von einem solchen selbstandigen Geistesleben 
aus durchdringen wird nicht mit blofi abstrakten Geistesanschauungen, 
sondern mit Erkenntnissen, durch die er im wirtschaftlichen Leben sei- 
nen Mann stellen kann. Gerade durch die Selbstandigkeit wird das 
Geistesleben zugleich praktisch werden. So daiS man sagen kann: Im 
Geistesleben wird zu herrschen haben Sachkenntnis und Anwendung 
der Sachkenntnis. Nicht wird zu herrschen haben, was aus dem Urteil 
eines jeden urteilsfahigen, miindig gewordenen Menschen kommen 
kann. Es mufi also aus dem Parlamentarismus herausgenommen werden 
die Verwaltung des Geisteslebens. Wer glaubt, dafi da ein demokrati- 
sches Parlament herrschen soil, der mifiversteht griindlich gerade den 
Antrieb zur Dreigliederung des sozialen Organismus. 

Ahnlich ist es im "Wirtschaftsleben. Aber das Wirtschaftsleben hat 
seine selbstandigen Wurzeln. Es mufi verwaltet werden aus seinen eige- 
nen Bedingungen lieraus. Es kann wiederum nicht iiber die Art und 
Weise, wie gewirtschaftet werden soli, demokratisch geurteilt werden 
von jedem miindig gewordenen Menschen, sondern nur von dem, der 
drinnensteht in irgendeinem Wirtschaftszweige, der tiichtig geworden 
ist fiir einen Wirtschaftszweig, der die Verkettungen kennt, wie dieser 



Wirtschaftszweig mit anderen Wirtschaftszweigen zusammenhangt. 
Fachkundigkeit und Fachtiichtigkeit, das sind die Bedingungen, durch 
die im Wirtschaftsleben allein etwas Fruchtbringendes zustande kom- 
men kann. Dieses Wirtschaftsleben wird also losgegliedert werden miis- 
sen auf der einen Seite von dem Rechtsstaate, auf der anderen Seite vom 
Geistesleben. Es wird auf seine eigene Basis gestellt werden miissen. 

Das wird audi von sozialistisch Denkenden heute am allermeisten 
verkannt. Diese sozialistisch Denkenden stellen sich irgendeine Gestalt 
vor, welche das Wirtschaftsleben annehmen soil, damit gewisse Schaden 
sozialer Natur in der Zukunft der Menschheit verschwinden. Man hat 
gesehen, und es ist ja leicht zu sehen, dafi durch die privatkapitalistische 
Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte gewisse Schaden entstan- 
den sind. Diese Schaden sind offenbar. Wie urteilt man? Man sagt sich: 
Die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung ist heraufgekommen; sie 
hat die Schaden gebracht. Die Schaden werden verschwinden, wenn wir 
die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung abschaffen, wenn wir an 
die Stelle der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung die Gemein- 
wirtschaft treten lassen. Was als Schaden heraufgezogen ist, ist dadurch 
gekommen, dafi einzelne Besitzer personlich die Produktionsmittel zum 
Eigentum haben. Wenn nun nicht mehr einzelne Besitzer die Produk- 
tionsmittel zu ihrem Eigentum haben werden, sondern die Gemein- 
schaft die Produktionsmittel verwalten wird, dann werden die Schaden 
verschwinden. 

Nun kann man sagen: Einzelerkenntnisse haben sich auch schon so- 
zialistisch Denkende heute errungen, und es ist interessant, wie diese 
Einzelerkenntnisse durchaus schon in sozialistischen Kreisen wirksam 
sind. Man sagt heute schon: Ja, gemeinschaftlich verwaltet werden sol- 
len die Produktionsmittel oder das Kapital, welches ja der Reprasen- 
tant der Produktionsmittel ist. Aber man hat gesehen, wozu gef iihrt hat 
zum Beispiel die Verstaatlichung gewisser Produktionsmittel, die Ver- 
staatlichung der Post und der Eisenbahnen und so weiter, und man kann 
durchaus nicht sagen, dafi die Schaden dadurch beseitigt seien, dafi der 
Staat nun zum Kapitalisten geworden ist. Also man kann nicht ver- 
staatlichen. Man kann auch nicht kommunalisieren. Man kann auch 
nicht etwas Fruchtbringendes dadurch erreichen, dafi man Konsum- 



genossenschaften griindet, in denen sich die Leute zusammentun, die f iir 
irgendwelche Artikel Konsum notig haben. Diejenigen Leute, die diesen 
Konsum regeln und auch danach regeln wollen die Produktion der zu 
konsumierenden Giiter, die werden, auch nach der Ansicht von sozia- 
listisch Denkenden, als Konsumierende zu Tyrannen der Produktion. 
Und so ist die Erkenntnis schon durchgedrungen, dafi sowohl die Ver- 
staatlichung wie die Kommunalisierung, wie auch die Verwaltung 
durch Konsumgenossenschaften zur Tyrannis wird der Konsumieren- 
den. Die Produzierenden wurden ganz in tyrannische Abhangigkeit 
kommen von den Konsumierenden. So denken dann manche, dafi ge- 
griindet werden konnen, als eine Art von gemeinschaftlicher Verwal- 
tung, Arbeiter-Produktivassoziationen, Arbeiter-Produktivgenossen- 
schaften; da wurden sich die Arbeiter selbst zusammenschliefien, wiir- 
den nach ihren Meinungen, nach ihren Grundsatzen fur sich selber 
produzieren. 

Wiederum haben sozialistisch Denkende eingesehen, dafi man auch 
dadurch nichts anderes erreichen wiirde, als dafi man an die Stelle eines 
einzelnen Kapitalisten eine Anzahl von kapitalistisch produzierenden 
Arbeitern treten lassen wiirde. Und diese kapitalistisch produzierenden 
Arbeiter waren auch nicht imstande, etwas anderes zu tun als der ein- 
zelne Privatkapitalist. Also auch die Arbeiter-Produktivgenossenschaf- 
ten weist man zuriick. 

Aber damit ist man noch nicht zufrieden, einzusehen, da£ diese ein- 
zelnen Gemeinsamkeiten zu nichts Fruchtbringendem in der Zukunft 
fiihren konnen. Man denkt sich nun, die gesamte Gesellschaft irgend- 
eines Staates, irgendeines geschlossenen Wirtschaftsgebietes konne ge- 
wissermafien doch eine Grofigenossenschaft werden, eine Grofigenos- 
senschaf t, in der alle daran Beteiligten zu gleicher Zeit Produzenten und 
Konsumenten sind, so da$ nicht der einzelne Mensch unmittelbar von 
sich aus die Initiative entwickelt, das oder jenes zu produzieren fur die 
Gemeinschaft, sondern da$ die Gemeinschaft selbst die Losungen aus- 
gibt, wie produziert werden soli, wie das zu Produzierende verteilt wer- 
den soli und so weiter. Ja, solch eine Grofigenossenschaft also, die Kon- 
sum und Produktion umfafit, will man an die Stelle der privatwirt- 
schaftlichen Verwaltung unseres modernen Wirtschaftslebens setzen. 



Wer nun genauer in die Wirklichkeit hineinsieht, der weifi, dafi im 
Grunde genommen dieses Aufsteigen zu der Anschauung iiber diese 
Grofigenossenschaft nur davon herriihrt, dafi bei ihr das Irrtiimliche 
nicht so leicht zu iiberschauen ist wie im einzelnen bei der Verstaat- 
lichung, bei der Kommunalisierung, bei den Arbeiter-Produktivgenos- 
senschaften, bei den Konsumgenossenschaften. Bei den letzteren ist ge- 
wissermafien der Umkreis dessen, was man zu iiberschauen hat, kleiner. 
Man sieht leichter die Fehler, die man dabei macht, wenn man solche 
Einrichtungen anstrebt, als bei der Grofigenossenschaft, die ein ganzes 
Gesellschaftsgebiet umfafit. Hier redet man hiiiein in das, was man 
machen will, und Uberschaut noch nicht, dafi dieselben Irrtiimer ent- 
stehen miissen, die man im kleinen ganz gut anerkennt, und die man im 
grofien nur nicht anerkennt, weil man nicht fahig ist, die ganze Sache 
zu iiberblicken. Das ist es, worauf es ankommt. Und man mufi ein- 
sehen, worauf derGrundfehler dieses ganzen Denkens eigentlich beruht, 
das in eine Grofigenossenschaft hineinsegelt, welche sich dariiber her- 
machen soli, den gesamten Konsum und die gesamte Produktion von 
sich aus zu verwalten. 

Wie denkt man eigentlich, wenn man so etwas verwirklichen will? 
Nun, wie man dabei denkt, das zeigen zahlreiche Parteiprogramme, die 
gerade in unserer Gegenwart auftreten. Wie treten sie auf, diese Partei- 
programme? Man sagt sich: Nun ja, da sind gewisseProduktionszweige, 
die miissen nun gemeinschaftlich verwaltet werden. Dann wiederum 
miissen sie sich zusammenschliefien zu grofieren Zweigen, zu grofieren 
Verwaltungsgebieten. Da mufi wiederum so irgendeine Verwaltungs- 
zentrale sein, welche das Ganze verwaltet, und so hinauf bis zu der 
2entralwirtschaftsstelle, die das Ganze des Konsums und der Produk- 
tion verwaltet. "Welche Gedanken, welche Vorstellungen wendet man 
dabei an, wenn man so das Wirtschaftsleben gliedern will? Man wendet 
namlich das an, was man sich anzueignen hat im politischen Leben, so 
wie es sich herauf entwickelt hat in der neueren Menschheitsgeschichte. 
Die Menschen, die heute von wirtschaftlichen Programmen sprechen, 
haben zum grofien Teil ihre Schule durchgemacht im rein politischen 
Leben. Sie haben teilgenommen an alledem, was sich abspielt bei Wahl- 
kampfen, was sich abspielt, wenn man gewahlt wird und dann in 



irgendeiner Volksvertretung diejenigen zu vertreten hat, von denen 
man gewahlt ist. Sie haben durchgemacht, in welche Beziehungen man 
dann zu Amtsstellen, die politische Stellen sind, tritt und so weiter. Sie 
haben gewissermaften die ganze Schablone der politischen Verwaltung 
kennengelernt, und sie wollen diese Schablone der politischen Verwal- 
tung stiilpen iiber den ganzen Kreislauf des Wirtschaftslebens. Das 
heifit, das Wirtschaftsleben soli nach solchen Programmen durch und 
durch verpolitisiert werden, denn man hat nur kennengelernt das Poli- 
tische der Verwaltung. 

"Was uns heute bitter not tut, ist: einzusehen, dafi diese ganze Scha- 
blone, wenn man sie auf das Wirtschaftsleben draufstiilpt, etwas dem 
Wirtschaftsleben total Fremdes ist. Aber die allermeisten Leute, die 
heute von irgendwelchen Reformen des Wirtschaftslebens oder gar von 
Revolution des Wirtschaftslebens reden, sind im Grunde genommen 
blofie Politiker, die von dem Aberglauben ausgehen, dasjenige, was sie 
auf politischem Felde gelernt haben, lasse sich in der Verwaltung des 
Wirtschaftslebens anwenden. Eine Gesundung aber unseres Wirtschafts- 
kreislaufes wird nur eintreten, wenn dieses Wirtschaftsleben aus seinen 
eigenen Bedingungen heraus betrachtet und gestaltet wird. 

Was fordern denn solche politisierenden Wirtschaftsreformer? Sie 
fordern nichts Geringeres, als dafi durch diese Hierarchie der Zentral- 
stelle in der Zukunft bestimmt werde: Erstens, was produziert werden 
solle und wie produziert werden solle. Zweitens fordert sie, dafi die 
ganze Art des Produktionsprozesses von den Verwaltungsstellen aus 
bestimmt werden solle. Drittens fordert sie, dafi diejenigen Menschen, 
die am Produktionsprozefi teilnehmen sollen, durch diese Zentralstellen 
ausgewahlt und bestimmt und an ihre Platze gesetzt werden. Viertens 
fordert sie, dafi diese Zentralstellen die Verteilung der Rohmaterialien 
an die einzelnen Betriebe bewirken. Also die gesamte Produktion soli 
unterstellt werden einer Hierarchie von politischer Verwaltung. Das ist 
es doch, auf das die meisten wirtschaftsreformerischen Ideen der Gegen- 
wart hinauslaufen. Nur sieht man nicht ein, dafi man mit einer solchen 
Reform ganz auf dem Boden stehen bleiben wiirde, den man heute auch 
schon hatj und seine Schaden nicht beseitigen, sondern im Gegenteil ins 
Maftlose vergroEern wiirde. Man sieht ein, wie es nicht geht mit Ver- 



staatlichung, Kommunalisierung, mit den Konsumgenossenschaften, 
mit Arbeiter-Produktionsgenossenschaften; man sieht aber nkht ein, 
wie man nur iibertragen wiirde, was man so schwer tadelt an dem 
privatkapitalistischen System, auf die Gemeinverwaltung der Produk- 
tionsmittel. 

Das ist es, was heute vor alien Dingen wirklich eingesehen werden 
mufi: dafi durch eine solche Mafinahme, durch solche Einrichtungen 
wirklich iiberall da, wo sie getroffen werden, das eintreten mufke, was 
heute schon sehr deutlich sich zeigt im Osten von Europa. In diesem 
Osten von Europa waren einzelne Leute imstande, solche wirtschafts- 
reformerische Ideen auszufuhren, sie in Wirklichkeit umzusetzen. Die 
Menschen, die von Tatsachen lernen wollen, die konnten sehen an dem 
Schicksal, dem der Osten Europas entgegengeht, wie diese Mafinahmen 
sich selbst ad absurdum fiihren. Und wenn die Menschen nicht bei ihren 
Dogmen beharren wurden, sondern von den Tatsachen wirklich lernen 
wollten, dann wiirde man heute nicht sagen, aus diesen oder jenen 
untergeordneten Griinden sei die Sozialisierung, die wirtschaftliche 
Sozialisierung in Ungarn mifigliickt, sondern man wiirde studieren, 
warum sie mifigliicken mufite, und man wiirde einsehen, dafi jede solche 
Sozialisierung nur zerstoren, nichts Fruchtbares fur die Zukunft schaf- 
f en kann. 

Aber es wird weiten Kreisen heute noch schwer, in dieser Weise von 
den Tatsachen zu lernen. Das zeigt sich ja am besten an Dingen, die 
eigentlich von sozialistischen Denkern oftmals nur wie in Parenthese 
angefuhrt werden. Sie sagen: Ja, es ist richtig, das ganze moderne Wirt- 
schaftsleben ist umgestaltet worden durch die moderne Technik. Woll- 
ten sie aber diesen Gedankengang fortsetzen, dann mufiten sie den Zu- 
sammenhang erkennen zwischen moderner Technik und Sachkenntnis 
und Fachtiichtigkeit. Sie miifken sehen, wie iiberall in das Wirtschaften 
selber diese moderne Technik hineingreift. Aber das wollen sie nicht 
sehen. Und so sagen sie in Parenthese: sie wollen sich nichts zu schaffen 
machen mit der technischen Art der Produktionsprozesse. Die moge auf 
sich selbst beruhen. Sie wollen sich nur zu schaffen machen mit der Art 
und Weise, wie die Menschen, die an den Produktionsprozessen be- 
teiligt sind, gesellschaf tlich im Leben drinnenstehen, wie sich das gesell- 



schaftliche Leben fur die am Produktionsprozesse beteiligten Menschen 
gestalte. 

Aber es ist doch handgreiflich - wenn man es nur sehen will, wenn 
man es nur greifen will — , wie Technik selbst hineingreift in das un- 
mittelbare wirtschaftliche Leben. Nur ein Beispiel, das geradezu ein 
klassisches Beispiel ist, sei angefuhrt. Die moderne Technik bat es dahin 
gebracht - wenn ich mich summarisch ausdriicke durch zahlreiche 
Maschinen Produkte hervorzubringen, die dann dem Konsum dienen. 
Und diese Maschinen hangen einzig und allein davon ab, daft vier- 
hundert bis fiinfhundert Millionen Tonnen Kohlen gefordert worden 
sind in der Zeit, bevor diese Kriegskatastrophe hereingebrochen ist, fur 
die wirtschaftliche Tatigkeit. Rechnet man um, was durch die Ma- 
schine, die auf menschlichen Gedanken beruht, die nur durch mensch- 
liche Gedanken verwendet werden kann, an wirtschaf tlichen Energien, 
an wirtschaftlichen Kraften aufgebracht wird, so ergibt sich folgendes 
interessante Resultat: Rechnet man achtstiindige Arbeitstage, so ergibt 
sich, daft durch die Maschinen, das heiftt durch die in den Maschinen 
verkorperten menschlichen Gedanken, durch die Erfindungsgabe der 
Geister, so viel Arbeitsenergien, so viel Arbeitskraft aufgebracht wird, 
wie aufgebracht werden konnte durch siebenhundert bis achthundert 
Millionen Menschen. 

Wenn Sie daher sich vorstellen, daft die Erde zu ihrer Bevolkerung 
ungef ahr tausendfiinfhundert Millionen Menschen hat, die ihre Arbeits- 
krafte anwenden, so hat sie durch die Erfindungsgabe der Menschen in 
der neueren Kulturentwickelung durch die technische Entwickelung 
siebenhundert bis achthundert Millionen mehr dazu bekommen. Also 
zweitausend Millionen Menschen arbeiten; das heiftt, wirklich arbeiten 
diese siebenhundert bis achthundert Millionen Menschen nicht, aber es 
arbeiten fur sie die Maschinen. Was arbeitet denn in den Maschinen? 
Da arbeitet der menschliche Geist. 

Das ist aufterordentiich bedeutsam, daft man solche Tatsachen, die 
sich leicht vermehren lassen, wirklich durchschaut. Denn aus solchen 
Tatsachen heraus wird man erkennen, daft die Technik nicht so in 
Parenthese beiseite gelassen werden kann, sondern daft die Technik als 
solche immerwahrend im Wirtschaf tsprozesse aktiv mitarbeitet, daft sie 



drinnensteckt. Das moderne Wirtschaftsleben ist ohne die Grundlage 
der modernen Technik, ohne Sach- und Fachkenntnis iiberhaupt nicht 
denkbar. 

Nicht mit der Wirklichkeit rechnet man, sondern mit vorgefafiten, 
aus den menschlichen Leidenschaften hervorgehenden Ideen, wenn man 
solche Dinge ubersieht. Die Idee von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus meint es gewifi ehrlich mit der sozialen Frage. Deshalb 
aber kann sie nicht auf dem Boden stehen, auf dem diejenigen stehen, 
die so aus Schlagworten, aus Parteiprogrammen heraus reden. Sie mufi 
aus dem Sachlichen heraus reden. Sie mufi daher, indem sie auf dem 
Boden der Wirklichkeit stent, anerkennen, dafi das Wirtschaften, ins- 
besondere in unserem komplizierten Leben, ganz und gar gestellt ist in 
die Initiative des einzelnen. Stellt man an die Stelle der Initiative des 
einzelnen die abstrakte Gemeinsamkeit, so bedeutet das das Ausloschen, 
den Tod des Wirtschaftslebens. Der Osten Europas wird es beweisen 
konnen, wenn er noch lange unter derselben Herrschaft bleibt, unter 
der er eben ist. Die Ausloschung, den Tod des Wirtschaftslebens bedeu- 
tet es, wenn man von dem einzelnen abnimmt die Initiative, die von 
seinem Geiste ausgehen mufi und hineinfliefien mufi in die Bewegung 
der Produktionsmittel, gerade zum Wohle der menschlichen Gemein- 
samkeit. 

Wodurch ist nun aber das entstanden, was wir heute als Schaden 
sehen? DajS der moderne Produktionsprozefi durch seine technischen 
Vollkommenheiten die Initiative des einzelnen fordert, daher auch die 
Moglichkeit fordert, dafi der einzelne iiber Kapital verfiige und den 
Produktionsprozefi aus seiner Initiative ausfiihren kann, das ist es, was 
die neuere Menschheitsentwickelung heraufgebracht hat. Und die 
Schaden, die mitgekommen sind — man erkennt ihren Ursprung aus 
ganz anderen Untergrvinden heraus. Will man diesen Ursprung er- 
kennen, dann mufi man sich vor alien Dingen statt auf den Boden des 
Genossenschaftsprinzipes, auch wenn man GroiSgenossenschaften 
meint, auf den Boden des Assoziationsprinzipes stellen. 

Was heifit das, sich statt auf den Boden des Genossenschaftsprinzips 
auf den Boden des Assoziationsprinzips stellen? Das heifit das folgende: 
Wer sich auf den Boden des Genossenschaftsprinzips stellt, der behaup- 



tet, die Menschen brauchen sich nur zusammenzutun, aus ihrer Gemein- 
samkeit heraus Beschliisse zu fassen, dann konnen sie die Produktions- 
prozesse verwalten. Also man beschliefit zuerst die Assoziierung der 
Menschen, die Zusammenschliefiung der Menschen, und dann will man 
produzieren von dem gemeinsamen Zusammenschlufi, von der Gemein- 
schaft der Menschen aus. Die Idee vom dreigegliederten Organismus 
stellt sich auf den Boden der Wirklichkeit und sagt: Zuerst miissen da 
sein die Menschen, die produzieren konnen, die sachkundig und fach- 
tiichtig sind. Von ihnen mufi der Produktionsprozefi abhangen. Und 
diese sachkundigen und fachtiichtigen Menschen, die miissen sich nun 
zusammenschliefien und das Wirtschaftsleben besorgen auf Grundlage 
jener Produktion, die aus der Initiative des einzelnen fliefit. - Das ist 
das wirkliche Assoziationsprmzip. Da wird zuerst produziert und dann 
das Produzierte auf Grundlage des Zusammenschlusses der produzie- 
renden Personen zum Konsum gebracht. 

Dafi man den Unterschied, den radikalen Unterschied zwischen die- 
sen zwei Prinzipien heute nicht einsieht, das ist gewissermafien das Un- 
heil unserer Zeit. Denn auf diese Einsieht kommt im Grunde alles an. 
Man hat nicht den Instinkt dafiir, einzusehen, daft jede abstrakte Ge- 
meinschaft den Produktionsprozefi, wenn sie ihn verwalten will, unter- 
graben mufi. Die Gemeinschaft, die eine Assoziation sein soil, kann nur 
das aufnehmen, was aus der Initiative des einzelnen heraus produziert 
wird und kann es sozial zur Verteilung an die Konsumierenden bringen. 

Man durchschaut heute das Wichtige nicht, was diesen Dingen zu- 
grunde liegt, aus einem Grunde, den ich gestern schon angeftihrt habe: 
dafi ungefahr zu der Zeit, in welcher in der neueren Menschheits- 
geschichte die Renaissance, die Reformation sich ereigneten, heriiber- 
gewandert sind aus Mittel- und Siidamerika die Edelmetalle, welche 
aus der bis dahin fast einzig noch mafigebenden Naturalwirtschaft zur 
Geldwirtschaft gefiihrt haben. Damit hat sich eine bedeutsame wirt- 
schaftliche Revolution in Europa vollzogen. Verhaltnisse haben sich 
herausgebildet, unter deren Einflusse wir heute durchaus noch stehen. 
Aber diese Verhaltnisse haben zu gleicher Zeit, ich mochte sagen, Vor- 
hange gebildet, durch die man nicht hindurchsehen kann auf die wah- 
ren Wirklichkeiten. 



Sehen wir uns doch diese Verhaltnisse einmal genauer an. Gehen wir 
aus, obwohl sie heute ja nicht mehr in ihrer Ausdehnung da ist, von der 
alten Natural wirtschaft. Man hat es da im Wirtschaftsprozesse nur zu 
tun mit dem, was der einzelne hervorbringt. Das kann er austauschen 
gegen das, was der andere hervorbringt. Und man mochte sagen: Inner- 
halb dieser Naturalwirtschaft, wo nur Produkt gegen Produkt ausge- 
tauscht werden kann, mufi eine gewisse Gediegenheit herrschen. Denn 
will man ein Produkt, das man braucht, eintauschen, so mufi man eins 
haben, das man dafiir austauschen kann, und man mufi ein solches 
Produkt haben, das der andere als gleichwertig annimmt. Das heifit, 
die Menschen sind gezwungen, wenn sie etwas haben wollen, auch etwas 
zu erzeugen. Sie sind gezwungen, auszutauschen, was einen realen, einen 
offenbarliegenden realen Wert hat. 

An die Stelle dieses Austausches von Giitern, die fur das menschliche 
Leben einen realen Wert haben, ist die Geldwirtschaft getreten. Und 
das Geld ist etwas geworden, mit dem man wirtschaftet, mit dem man 
ebenso wirtschaftet, wie man in der Naturalwirtschaft wirtschaftet mit 
realen Objekten. Dadurch aber, dafi das Geld ein wirkliches Wirt- 
schaftsobjekt geworden ist, spiegelt es wirklich etwas Imaginares den 
Menschen vor, und indem es so wirkt, tyrannisiert es zu gleicher Zeit 
die Menschen. 

Nehmen wir einen extremen Fall: dafi gerade die Kreditwirtschaft, 
auf die ich gestern am Schlusse hingedeutet habe, hineinfliefit in die 
Geldwirtschaft. Das hat sie ja in der letzten Zeit vielfach getan. Da 
stellt sich dann zum Beispiel das folgende heraus: Man will irgendeine 
Anlage machen, als Staat oder als einzelner, eine Telegraphenanlage 
oder dergleichen. Man kann Kredit beanspruchen, Kredit von einer 
ganz bedeutenden Hohe. Man wird diese Telegraphenanlage zustande 
bringen konnen. Gewisse Verhaltnisse werden gewisse Geldmengen in 
Anspruch nehmen. Aber diese Geldmengen miissen verzinst werden. 
Fur diese Verzinsung mufi man aufkommen. Und in zahlreichen Fallen, 
was stellt sich innerhalb unserer sozialen Struktur heraus - am meisten 
in der Verstaatlichung, wenn der Staat selber wirtschaftet -, was stellt 
sich heraus? Dafi dasjenige, was man dazumal hergestellt hat und wozu 
man das betreffende Geld verwendet hat, langst verbraucht ist, dafi es 



nicht mehr da ist, und dafi die Leute noch immer das abzahlen miissen, 
was damals als Kredit gefordert worden ist! Das heifit: Was kredit- 
gemafi geschuldet wird, das ist schon fort, aber an dem Geld wirtschaf- 
tet man noch immer herum. 

Solche Dinge haben auch weltwirtschaftliche Bedeutung. Napo- 
leon III., der ganz eingefadelt war von den modernen Ideen, bekam die 
Idee, Paris zu verschonern, und er hat sehr vieles bauen lassen. Die 
Minister, die seine gefugigen Werkzeuge waren, haben gebaut. Die Ein- 
kiinfte des Staates - sie kamen darauf - kann man verwenden, urn ein- 
fach die Zinsen zu bezahlen. Nun ist Paris viel schoner geworden, aber 
die Leute bezahlen heute noch die Schulden, die damals gemacht wor- 
den sind! Das heifit: Nachdem die Dinge langst dasjenige nicht mehr 
sind, was Reales zugrunde liegt, wirtschaftet man noch immer an dem 
Gelde herum, das selber ein Wirtschaftsobjekt geworden ist. 

Das hat auch seine Lichtseite. In der alten Natural wirtschaft, da war 
es notig, wenn man wirtschaftete, Giiter hervorzubringen. Die unter- 
lagen selbstverstandlich dem Verderben, die konnten zugrunde gehen, 
und man war darauf angewiesen, immer weiter zu arbeiten, immer neue 
Giiter zu erarbeiten, wenn solche da sein sollten. Beim Gelde ist das 
nicht notig. Man gibt es hin, leiht es jemandem, stellt sich sicher. Das 
heifit, man wirtschaftet mit dem Gelde ganz frei von denjenigen, die 
die Giiter erzeugen. Das Geld emanzipiert gewissermafien den Men- 
schen von dem unmittelbaren Wirtschaftsprozefi, gerade indem es sel- 
ber zum Wirtschaftsprozefi wird. Dies ist aufterordentlich bedeutsam. 
Denn in der alten Naturalwirtschaf t war ja der einzelne auf den einzel- 
nen angewiesen, Mensch auf Mensch angewiesen. Die Menschen mufi- 
ten zusammenwirken, sie mulken sich vertragen. Sie mufiten iiberein- 
kommen iiber gewisse Einrichtungen, sonst ging das Wirtschaftsleben 
nicht weiter. Unter der Geldwirtschaft ist naturlich derjenige, der 
Kapitalist wird, auch abhangig von denen, die arbeiten, aber denen, die 
arbeiten, stent er ganz fremd gegeniiber. Wie nahe stand auch der Kon- 
sument dem Produzenten in der alten Naturalwirtschaft, wo man es 
mit wirklichen Giitern zu tun hatte! Wie fern stent derjenige, der mit 
dem Gelde wirtschaftet, denjenigen, die dafiir arbeiten, da$ dieses Geld 
seine Zinsen abwerfen kann! Es werden Kliifte aufgerissen zwischen 



den Menschen. Die Menschen stehen sich nicht mehr nahe unter der 
Geldwirtschaft. Das mufi vor alien Dingen in Erwagung gezogen wer- 
den, wenn man einsehen will, wie die arbeitenden Menschenmassen, 
gleichgiiltig ob sie geistige, ob sie physische Arbeiter sind, wie die- 
jenigen, die wirklich produzieren, wiederum nahegebracht werden 
miissen denen, die auch mit Kapitalanlagen das Wirtschaften moglich 
machen. Das aber kann nur geschehen durch das Assoziationsprinzip, 
dadurch, daft sich die Menschen wiederum als Menschen zusammen- 
schliefien. Das Assoziationsprinzip ist eine Forderung des sozialen Le- 
bens, aber eine solche Forderung, wie ich es charakterisiert habe, nicht 
eine solche, wie sie vielfach in sozialistischen Programmen fungiert. 

Und was ist noch anderes eingetreten gerade unter der immer mehr 
und mehr uberhandnehmenden Geldwirtschaft der neueren Zeit? Da- 
durch ist auch dasjenige, was man menschliche Arbeit nennt, abhangig 
geworden vom Gelde. Um die Hineinordnung der menschlichen Arbeit 
in die soziale Struktur streiten ja Sozialisten und andere. Und man 
kann fur und gegen das, was von beiden Seiten vorgebracht wird, recht 
gute Griinde anfiihren. Man versteht es vollkommen, insbesondere 
wenn man gelernt hat, nicht iiber das Proletariat zu denken und zu 
empfinden, sondern mit dem Proletariat zu denken und zu empfinden, 
man versteht es vollig, wenn der Proletarier sagt, es diirfe in Zukunft 
nicht mehr seine Arbeitskraft Ware sein, es diirfe nicht das Verhaltnis 
weiter bestehen, dafi man auf der einen Seite auf dem Warenmarkte 
Giiter bezahlt, und auf der anderen Seite auf dem Arbeitsmarkte in der 
Form des Lohnes die menschliche Arbeit bezahlt. Das ist gut zu be- 
greifen. Und es ist gut zu begreifen, dafi Karl Marx viele Anhanger 
gefunden hatte, als er ausrechnete, dafi derjenige, der arbeitet, einen 
Mehrwert erzeugt, dafi er nicht das voile Ertragnis seiner Arbeitskraft 
bekommt, sondern einen Mehrwert erzeugt, dafi dieser Mehrwert ab- 
geliefert wird an den Unternehmer, und dafi dann der Arbeiter unter 
dem Einf lusse einer solchen Theorie um diesen Mehrwert kampft. Aber 
es ist auf der anderen Seite ebenso leicht zu beweisen, dafi der Arbeits- 
lohn aus dem Kapital bezahlt wird, daiS das moderne Wirtschaftsleben 
ganz geregelt wird durch die Kapitalwirtschaft, dafi gewisse Produkte 
kapitalistisch etwas abwerfen, und dafi man nach dem, was sie ab- 



werfen, den Arbeitslohn bezahlt, die Arbeit kauft; das heifk, es wird 
der Arbeitslohn aus dem Kapital erzeugt. - Man kann das eine ebenso- 
gut wie das andere beweisen. Man kann beweisen, dafi das Kapital der 
Parasit der Arbeit ist, man kann beweisen, dafi das Kapital der Schop- 
fer iiberhaupt des Arbeitslohnes ist, kurz, man kann Parteimeinungen 
mit der gleichen Geltung vertreten von der einen und von der anderen 
Seite. 

Das sollte man einmal durchgreifend einsehen. Dann wiirde man 
einsehen, wie es kommt, dafi in der Gegenwart vorzugsweise nur durch 
Kampf etwas zu erreichen gesucht wird und nicht durch das sachliche 
Fortschreiten und Klaren der Verhaltnisse. Die Arbeit ist etwas, was so 
durchaus verschieden ist von den Waren, dafi es ganz und gar ohne 
wirtschaftliche Schaden unmoglich ist, in der gleichen Weise Geld zu 
zahlen fur die Ware und fur die Arbeit. Nur sehen die Menschen nicht 
ein, wie die Zusammenhange sind. Sie durchschauen heute noch nicht 
die wirtschaftliche Struktur gerade auf diesem Gebiete. 

Es sind heute zahlreiche Nationalokonomen, die sagen sich: Wenn 
die Geldmittel, die Umlaufsmittel, also Metallgeld oder Papiergeld, in 
beliebiger Weise vermehrt werden, so wird das Geld billig, und ins- 
besondere die notwendigsten Lebensgiiter werden dann teuer. — Man 
bemerkt das, und man sieht ein das Unsinnige der einfachen Geld- 
vermehrung. Denn diese einfache Geldvermehrung — so kann man es 
mit Handen greifen — bewirkt nichts anderes, als dafi die Lebensmittel 
auch teuer werden. Die bekannte Schraube ohne Ende geht immer, 
bewegt sich immer. Aber man sieht etwas anderes nicht ein: dafi in dem 
Augenblicke, wo man Arbeit ebenso bezahlt, wie man Ware, wie man 
Erzeugnisse bezahlt, die Arbeit selbstverstandlich danach streben mufi, 
durch Kampfe immer bessere und bessere Bezahlung, immer bessere und 
bessere Entlohnung zu bekommen. Aber was die Arbeit an Geld als 
Entlohnung bekommt, das hat dieselbe Funktion fiir die Preisbildung 
wie die blofte Vermehrung der Geldumlaufsmittel. Das ist es, was man 
einsehen miifite. 

Sie konnen, wie es manche Finanzminister getan haben, statt die 
Produktion zu erhohen, statt dafiir zu sorgen, dafi die Produktion 
fruchtbarer wird, einfach Noten bringen, die Umlaufsmittel ver- 



mehren. Dann werden die Menschen mehr Umlaufsmittel haben, aber 
alle Produkte, insbesondere die notwendigen Lebensprodukte werden 
auch teurer. Das sehen die Menschen schon ein. Daher sehen sie ein, wie 
unsinnig es ist, einfach abstrakt die Geldumlaufsmittel zu vermehren. 
Aber man sieht nicht ein, dafi all das Geld, das man nur unter dem Ge- 
sichtspunkt ausgibt, Arbeit zu bezahlen, geradeso wirkt auf die Ver- 
teuerung der Giiter. Denn gesunde Preise konnen sich nur im selbstan- 
digen Wirtschaftsleben selber drinnen bilden. Gesunde Preise konnen 
sick nur bilden, wenn sie heranentwickelt werden an der Bewertung der 
menschlichen Leistung. Deshalb sucht die Idee von der Dreigliederung 
des sozialen Organismus - und das im genaueren auszufuhren wird die 
Aufgabe sein besonders morgen - die Arbeit vollstandig herauszu- 
gliedern aus dem Wirtschaftsprozesse. 

Die Arbeit als solche ist gar nicht etwas, was in den Wirtschafts- 
prozefi hineingehort. Denken Sie doch einmal das folgende. Es sieht 
sonderbar, paradox aus, wenn man es sagt, aber viele Dinge nehmen 
sich heute paradox aus, die eben durchaus eingesehen werden miissen. 
Die Menschen sind sehr weit abgekommen von geradem Denken; des- 
halb finden sie manches ganz absurd, was gerade aus den Grundlagen 
der Wirklichkeit heraus gesagt werden mufi. Nehmen Sie an, heute 
treibt einer Sport vom Morgen bis zum Abend. Er treibt eine Art Sport. 
Er wendet genau ebenso die Arbeitskraft auf wie einer, der Holz hackt; 
ganz genau ebenso wendet er die Arbeitskraft auf. Nur kommt es dar- 
auf an, da$ einer Arbeitskraft aufwendet fur die menschliche Gemein- 
schaft. Der, der Sport treibt, tut das dadurch nicht fur die menschliche 
Gemeinschaft, hochstens dadurch, daft er sich stark macht; nur wendet 
er es in der Regel nicht an. Aber fiir die Gemeinschaft hat das in der 
Regel gar keine Bedeutung, wenn einer seine Arbeit wegen des Sportes 
betreibt, wodurch er sich ebenso ermiidet wie durch das Holzhacken. 
Das Holzhacken, das hat Bedeutung. 

Das heifit, Arbeitskraft aufzuwenden, das ist etwas, was gar nicht 
sozial in Frage kommt; aber dasjenige, was durch das Aufwenden der 
Arbeitskraft entsteht, das ist es, was im sozialen Leben in Frage kommt. 
Auf das, was durch die Arbeitskraft entsteht, mufi man sehen. Das hat 
fiir die Gemeinschaft Wert. Daher kann auch innerhalb des Wirtschafts- 



lebens nur in Frage kommen das Produkt, das durch die Arbeitskraft 
hervorgebracht wird. Und es kann sich die Wirtschaftsverwaltung nur 
damit befassen, den gegenseitigen Wert der Produkte zu regeln. Aus 
dem Wirtschaftskreislauf mufi die Arbeit ganz draufien liegen. 

Sie mufi liegen auf dem Rechtsboden, auf dem Boden, den wir mor- 
gen besprechen werden, wo jeder miindig gewordene Mensch als ein 
Gleicher zu urteilen hat jedem miindig gewordenen Menschen gegen- 
iiber. Art und Zeit, Charakter der Arbeit wird bestimmt durch die 
Rechtsverhaltnisse der Menschen untereinander. Arbeit mufi heraus- 
gehoben werden aus dem Wirtschaftsprozefi. Dann wird fiir den Wirt- 
schaftsprozefi nur zuruckbleiben, was man nennen kann die Regelung 
der gegenseitigen Bewertung der Waren, die Regelung, wieviel man zu 
kriegen hat von den Leistungen eines anderen fiir seine eigene Leistung. 
Dafiir werden aufzukommen haben die Menschen, die sich heraus- 
gliedern aus den Assoziationen, die geschlossen werden zwischen Pro- 
duzierenden und anderen Produzierenden, Produzierenden und Kon- 
sumierenden und so weiter. Mit der Preisbildung wird man es zu tun 
haben. 

Die Arbeit wird iiberhaupt kein Gebiet sein, das man zu regeln hat 
innerhalb des Wirtschaftslebens; die wird hinausgewiesen aus dem 
Wirtschaftsleben. Wenn die Arbeit im Wirtschaftsleben drinnensteht, 
so hat man die Arbeit aus dem Kapital heraus zu bezahlen. Dadurch 
wird gerade das bewirkt, was im neueren Wirtschaftsleben das Streben 
genannt werden kann nach blofiem Profit, nach blofiem Gewinn. Denn 
dadurch steht derjenige, der wirtschaf tliche Produkte liefern will, ganz 
drinnen in einem Prozefi, der zuletzt seinen Abschlufi f indet im Markte. 

Und hier miilke eigentlich von dem, der wirklich einsichtig werden 
will, eine Idee, ein Begriff zurechtgestellt werden, der heute sehr, sehr 
irrtumlich gestaltet ist. Man sagt: Der kapitalistisch Produzierende 
bringt seine Produkte auf den Markt; er will profitieren. Und nachdem 
lange Zeit rnit einem gewissen Rechte die sozialistisch Denkenden gesagt 
haben: Die ganze Sittenlehre hat gar nichts zu tun mit diesem Produ- 
zieren, allein das wirtschaftliche Denken -, will man heute gar sehr von 
ethischen, von sittlichen Gesichtspunkten aus den Profit, den Gewinn 
mit der Sittenlehre vermischen. Hier soil nicht gesprochen werden vom 



einseitig sittlichen, nicht vom einseitig wirtschaftlichen, sondern vom 
gesamtgesellschaftlichen Standpunkte aus. Und da mufi man sagen: 
Was sich im Gewinn, im Profit zeigt, was ist es denn? Etwas, wovon 
man eigentlich im wirklichen volkswirtschaftlichen Zusammenhange 
nur so sprechen kann, wie man davon sprechen kann, wenn die Ther- 
mometersaule, die Quecksilbersaule im Zimmer steigt, dafi es warmer 
geworden ist. Wenn jemand sagt: Diese Quecksilbersaule zeigt mir, dafi 
es warmer geworden ist — dann wird er wissen, dafi nicht diese Queck- 
silbersaule das Zimmer warmer gemacht hat, dafi diese Quecksilbersaule 
nur anzeigt, dafi es im Zimmer durch andere Faktoren warmer gewor- 
den ist. Der Gewinn auf dem Markte, der sich ergibt unter unseren 
heutigen Produktionsverhaltnissen, ist auch zunachst nichts anderes als 
der Anzeiger dafiir, dafi man die Produkte produzieren darf, die einen 
Gewinn abwerfen. Denn ich mochte wissen, woher in aller Welt man 
heute irgendeinen Anhaltspunkt dafiir gewinnen sollte, dafi ein Pro- 
dukt zu produzieren sei, wenn es sich nicht herausstellt, dafi es, wenn 
man es produziert und zu Markte bringt, einen Gewinn abwirft! Dies 
ist das einzige Kennzeichen dafiir, dafi man die wirtschaftliche Struk- 
tur so gestalten darf, dafi dieses Produkt hervorkommt. Dafi ein Pro- 
dukt nicht produziert werden darf, zeigt sich nur dadurch, dafi man, 
wenn man es zu Markte bringt, merkt: Es ist kein Absatz da. Die Men- 
schen verlangen es nicht. Man erzielt keinen Gewinn. - Das ist der 
wirkliche Sachverhalt, nicht all das Gefabel und Gefasel, welches von 
Angebot und Nachfrage gesprochen worden ist in vielen National- 
okonomien. Das Urphanomen, die Urerscheinung auf diesem Gebiete 
ist, dafi heute einzig und allein das Gewinnabwerfen den Menschen in 
den Stand setzt, sich zu sagen: Du kannst ein gewisses Produkt produ- 
zieren, denn es wird einen gewissen Wert haben innerhalb der mensch- 
lichen Gemeinschaft. 

Die Umgestaltung des Marktes, der heute diese Bedeutung hat, wird 
sich ergeben, wenn ein wirkliches Assoziationsprinzip in unserem sozia- 
len Leben drinnen sein wird. Dann wird nicht die unpersonliche, vom 
Menschen abgesonderte Nachfrage und das Angebot auf dem Markte 
entscheiden, ob ein Produkt produziert werden soli oder nicht, dann 
werden aus diesen Assoziationen durch das soziale Wollen der darin 



beschaftigten Menschen andere Personlichkeiten hervorgehen, welche 
sich damit beschaftigen werden, das Verhaltnis zu untersuchen zwischen 
dem Wert eines erzeugten Gutes und seinem Preise. 

Der Wert eines erzeugten Gutes kommt heute in einer gewissen Be- 
ziehung gar nicht in Frage. Er bildet allerdings den Antrieb zur Nach- 
frage. Aber diese Nachfrage ist ja deshalb in unserem heutigen sozialen 
Leben eine recht problematische, weil ihr immer die Frage gegeniiber- 
steht, ob auch zur Nachfrage die entsprechenden Mittel, die entspre- 
chenden Besitzverhaltnisse vorhanden sind. Man kann gut Bedurfnisse 
haben: wenn man nicht die notigen Mittel besitzt, sie zu befriedigen, so 
wird man sie gar nicht nachfragen konnen. Aber es handelt sich darum, 
dafi ein Verbindungsglied geschaffen werden mufi zwischen den 
menschlichen Bediirfnissen, die den Giitern, den Erzeugnissen ihren 
Wert geben, und den Preisen. Denn was man bedarf , hat je nach diesem 
Bedurfnis seinen menschlichen Wert. Es werden sich Einrichtungeri her- 
ausgliedern mussen aus der sozialen Ordnung, die die Briicke schaffen 
von diesem Wert, der den Erzeugnissen aufgedriickt wird durch die 
menschlichen Bedurfnisse, und den Preisen, die sie haben mussen. 

Heute wird der Preis bestimmt durch den Markt, danach, ob Leute 
da sind, die diese Guter kaufen konnen, die das notige Geld haben. 
Eine wirkliche soziale Ordnung mufi dahin orientiert sein, dafi die 
Menschen, die aus ihren berechtigten Bediirfnissen heraus Guter haben 
mussen, sie auch bekommen konnen, das heifit, dafi der Preis dem Werte 
der Guter wirklich angeahnelt wird, dafi er ihm entspricht. An die 
Stelle des heutigen chaotischen Marktes mufi eine Einrichtung treten, 
durch welche nicht etwa die Bedurfnisse der Menschen, der Konsum 
der Menschen tyrannisiert wird, wie durch Arbeiter-Produktivgenos- 
senschaften oder durch die sozialistische Grofigenossenschaft, sondern 
durch welche der Konsum der Menschen erforscht und danach be- 
stimmt wird, wie diesem Konsum entsprochen werden soil. 

Dazu ist notwendig, dafi unter dem Einflufi des Assoziationsprin- 
zipes wirklich die Moglichkeit herbeigefiihrt werde, Ware so zu er- 
zeugen, dafi sie den beobachteten Bediirfnissen entspreche, das heifit, 
Einrichtungen miissen da sein mit Personen, die die Bedurfnisse stu- 
dieren. Die Statistik kann nur einen Augenblick aufnehmen; sie ist 



niemals fur die Zukunft mafigebend. Die Bedurfnisse, die jeweils vor- 
handen sind, mussen studiert werden, danach mussen die Einrichtungen 
fiir das Produzieren getroffen werden. Wenn ein Artikel irgendwie die 
Tendenz entwickelt, zu teuer zu werden, dann ist das ein Zeichen dafiir, 
dafi zu wenige Menschen fiir diesen Artikel arbeiten. Es mussen Ver- 
handlungen gepflogen werden, durch die aus anderen Produktions- 
zweigen zu diesem Produktionszweig arbeitende Menschen ubergefiihrt 
werden, so dafi mehr von diesem Artikel erzeugt wird. Hat ein Artikel 
die Tendenz, zu billig zu werden, verdient sein Erzeuger zu wenig, 
dann mussen Verhandlungen eingeleitet werden, durch die weniger 
Menschen gerade an diesem Artikel arbeiten. Das heifit: Von der Art 
und Weise, wie die Menschen an ihre Platze gestellt werden, mufi in der 
Zukunft abhangig werden, wie die Bedurfnisse befriedigt werden. Der 
Preis des Produkts bedingt sich durch die Zahl der Menschen, die daran 
arbeiten. Aber er wird durch solche Einrichtungen dem Werte ahnlich 
sein, gleich sein im wesentlichen dem Werte, den das menschliche Be- 
diirfnis dem betreffenden erzeugten Gut beizulegen hat. 

Da sehen wir, wie an der Stelle des Zuf allsmarktes die Vernunf t der 
Menschen wirken wird, wie der Preis zum Ausdruck bringen wird, was 
die Menschen verhandelt haben, in welche Vertrage die Menschen ein- 
gegangen sind durch die Einrichtungen, welche bestehen. So sehen wir 
die Umwandelung des Marktes gegeben dadurch, dafi Vernunf t tritt an 
die Stelle des Marktzufalles, der heute herrscht. 

Wir sehen iiberhaupt: Sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern 
von den beiden anderen Gebieten, die wir in den nachsten Tagen be- 
sprechen werden - auch die Beziehung zum Wirtschaftsleben werden 
wir besprechen und manches, was heute unklar bleiben mufi, wird dann 
klar werden sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern von den 
beiden anderen, dem Rechts- oder Staatsgebiet und dem Geistesleben, 
so wird das Wirtschaftsleben auf eine gesunde, verminftige Basis ge- 
stellt. Denn es wird dann darin nur gesehen auf die Art und Weise, wie 
man wirtschaftet. Man braucht dadurch nicht mehr die Preise der 
Waren beeintrachtigen zu lassen, dafi die Warenpreise nun auch fest- 
stellen sollen, wie lang gearbeitet werden soil, oder wieviel gearbeitet 
werden soli, oder wieviel Lohn bezahlt werden soil und dergleichen, 



sondern man hat es im Wirtschaftsleben nur zu tun mit dem vergleichs- 
weisen Wert der Waren. Damit steht man im Wirtschaftsleben auch auf 
einem gesunden Boden. 

Dieser gesunde Boden mufi fur das gesamte Wirtschaftsleben er- 
halten werden. Daher wird in einem solchen Wirtschaftsleben wieder- 
um dasjenige, was heute durch die blofie Geldwirtschaft, wo das Geld 
selbst Wirtschaftsobjekt ist, nur Scheingebilde sein kann, zuriickgefiihrt 
auf seine natiirliche gediegene Grundlage. Man wird es in der Zukunft 
nicht mehr zu tun haben konnen mit dem Wirtschaf ten durch das Geld 
und fur das Geld, denn die Einrichtungen werden es zu tun haben mit 
dem gegenseitigen Werte der Waren. Das heifk, man wird wiederum 
auf das Gediegene der Giiter zuriickgehen, und damit auch zuruck- 
gehen auf die Leistungsfahigkeit, auf die Tiichtigkeit der Menschen. 
Und nicht mehr wird man die Kreditverhaltnisse abhangig machen 
konnen davon, ob Geld vorhanden ist oder nicht, oder ob Geld so und 
so riskiert wird, sondern die Kreditverhaltnisse werden abhangig davon 
sein, ob Menschen vorhanden sind, die tiichtig dazu sind, das eine oder 
das andere wirklich in Szene zu setzen, das eine oder das andere hervor- 
zubringen. Kredit wird haben die menschliche Tiichtigkeit. 

Und indem die menschliche Tiichtigkeit die Grenze abgibt, wie weit 
man Kredit gewahrt, wird dieser Kredit nicht gewahrt werden konnen 
iiber diese menschliche Tiichtigkeit hinaus. Wenn Sie blofi Geld hin- 
geben und Geld wirtschaften lassen, dann kann dasjenige, was dadurch 
geschaff en wird, langst verbraucht sein — an dem Gelde mufi man noch 
immer herumwirtschaften. Wenn Sie Geld nur hingeben fur mensch- 
liche Tiichtigkeit, dann hort selbstverstandlich mit dieser menschlichen 
Tiichtigkeit auch auf, was man mit dem Gelde wirtschaften kann. 
Davon wollen wir dann in den nachsten Tagen sprechen. 

Nur dann, wenn dem Wirtschaftsleben die beiden anderen Gebiete 
zur Seite stehen, das Rechtsgebiet, das selbstandig ist, und das selb- 
standige Geistesgebiet, kann das Wirtschaftsleben sich in gesunder 
Weise auf seine eigenen Fiifie stellen. Dann aber muS auch alles inner- 
halb des Wirtschaftslebens aus wirtschaftlichen Voraussetzungen seibst 
folgen. 

Aus den wirtschaftlichen Voraussetzungen werden die materiellen 



Giiter produziert. Man braucht nur an etwas, was im sozialen Leben 
wie, ich mochte sagen, ein Abfall vom Wirtschaftsleben dasteht, zu 
denken, und man wird sehen, wie ein wirkliches wirtschaftliches Den- 
ken manches von dem hinwegschaffen mufi, was heute noch wie eine 
Selbstverstandlichkeit in der sozialen Ordnung gilt, ja wofiir man als 
fiir einen Fortschritt kampft. 

Es denkt heute noch keiner von denen, die da glauben, von dem 
wirklichen Leben etwas zu verstehen, daran, dafi es nicht einen grofien 
Fortschritt bedeute, wenn man von alien moglichen indirekten Steuern 
oder sonstigen Einnahmen des Staates ubergehe zu der sogenannten Ein- 
kommenssteuer, insbesondere zu der steigenden Einkommenssteuer. Es 
denkt heute jeder, es sei selbstverstandlich das Gerechte, das Einkom- 
men zu besteuern. Und doch, so paradox es fiir den heutigen Menschen 
klingt, dieser Gedanke, dafi man die gerechte Besteuerung durch die 
Besteuerung des Einkommens erreichen konne, riihrt nur von der Tau- 
schung her, die die Geldwirtschaft gebracht hat. 

Geld nimmt man ein. Mit Geld wirtschaftet man. Durch das Geld 
befreit man sich von der Gediegenheit des produktiven Prozesses selbst. 
Man abstrahiert gewissermafien das Geld im Wirtschaftsprozesse, wie 
man im Gedankenprozefi die Gedanken abstrahiert. Aber geradeso- 
wenig wie man aus abstrakten Gedanken irgendwelche wirklichen 
Vorstellungen und Empfindungen hervorzaubern kann, so kann man 
aus dem Gelde etwas Wirkliches hervorzaubern, wenn man iibersieht, 
dafi das Geld blofi ein Zeichen ist fiir Giiter, die produziert werden, dafi 
das Geld gewissermafien blofi eine Art Buchhaltung ist, eine fliefiende 
Buchhaltung, dafi jedes Geldzeichen stehen mufi fiir irgendein Gut. 

Auch dariiber soil noch im genaueren in den folgenden Tagen ge- 
sprochen werden. Heute aber mufi gesagt werden, dafi eine Zeit, die nur 
sieht, wie das Geld zum selbstandigen "Wirtschaf tsobjekt wird, dafi eine 
solche Zeit in den Geldeinnahmen dasjenige sehen mufi, was man vor 
alien Dingen besteuern soil. Aber damit macht man sich ja als der Be- 
steuernde mitschuldig an der abstrakten Geldwirtschaft! Manbesteuert, 
was eigentlich kein wirkliches Gut ist, sondern nur Zeichen fiir ein Gut. 
Man arbeitet mit etwas Wirtschaftlich-Abstraktem. Geld wird erst zu 
einem Wirklichen, wenn es ausgegeben wird. Da tritt es iiber in den 



Wirtschaftsprozefi, gleichgiiltig ob ich es fur mein Vergniigen oder fiir 
meine leiblichen und geistigen Bediirfnisse ausgebe, oder ob ich es in 
einer Bank anlege, so dafi es da fiir den wirtschaftlichen Prozefi ver- 
wendet wird. Wenn ich es in einer Bank anlege, so ist es eine Art von 
Ausgabe, die ich mache- das ist natiirlich festzuhalten. Aber Geld wird 
in dem Augenblicke zu etwas Realem im Wirtschaftsprozesse, wo es sich 
von meinem Besitze ablost, in den Wirtschaftsprozefi iibergeht. Die 
Menschen brauchten ja auch nur eines zu bedenken: Es niitzt dem Men- 
schen gar nichts, wenn er viel einnimmt. Wenn er die grofie Einnahme 
in den Strohsack legt, so mag er sie haben; das niitzt ihm gar nichts im 
WirtschaftsprozefS. Den Menschen niitzt nur die Moglichkeit, viel aus- 
geben zu konnen. 

Und fiir das offentliche Leben, fiir das wirkliche produktive Leben 
ist das Zeichen fiir viele Einnahmen eben, dafi man viel ausgeben kann. 
Daher mufi man, wenn man im Steuersystem nicht etwas schaffen will, 
was parasitar am Wirtschaftsprozesse ist, sondern wenn man etwas 
schaffen will, was eine wirkliche Hingabe des Wirtschaftsprozesses an 
die Allgemeinheit ist, das Kapital in dem Augenblicke versteuern, in 
dem es in den Wirtschaftsprozefi iibergefiihrt wird. Und das Sonder- 
bare stellt sich heraus, dafi die Einnahmesteuer verwandelt werden 
mufi in eine Ausgabensteuer - die ich bitte, nicht zu verwechseln mit 
indirekter Steuer. Indirekte Steuern treten in der Gegenwart oftmals 
als Wiinsche gewisser Regierender nur aus dem Grunde hervor, weil 
man an den direkten Steuern, an den Einnahmesteuern gewohnlich 
nicht genug hat. Nicht um indirekte Steuern und nicht um direkte 
Steuern handelt es sich, indem hier von Ausgabensteuer gesprochen 
wird, sondern darum handelt es sich, dafi dasjenige, was ich erworben 
habe, in dem Momente, wo es iibergeht in den Wirtschaftsprozefi, wo 
es produktiv wird, auch besteuert wird. 

Gerade an dem Steuerbeispiel sieht man, wie ein Umlernen und Um- 
denken notwendig ist. Der Glaube, dais es auf eine Einnahmesteuer vor- 
zugsweise ankomme, ist eine Begleiterscheinung jenes Geldsystems, das 
in der modernen Zivilisation seit der Renaissance und Reformation 
heraufgekommen ist. Wenn man das Wirtschaftsleben auf seine eigene 
Basis stellt, dann wird es sich nur darum handein konnen, dafi das, was 



wirklich wirtschaftet, was darinnensteckt im Produktionsprozefi, die 
Mittel zur Arbeit desjenigen hergibt, was der Gemeinschaft notwendig 
ist. Dann wird es sich handeln um eine Ausgabensteuer, niemals um 
eine Einkommenssteuer. 

Sehen Sie, man mufi, wie ich schon gestern sagte, umlernen und ura- 
denken. Ich konnte Ihneri bisher in diesen beiden Vortragen nur skiz- 
zenhaft eimges andeuten. In den vier folgenden soil vieles davon aus- 
gefiihrt werden. Wer heute solche Dinge ausspricht, der weifi ganz gut, 
daft er Anstoft erregen muft nach links und nach rechts, daft ihm zu- 
nachst kaum irgend jemand Recht geben wird, denn alle diese An- 
gelegenheiten sind untergetaucht in die Sphare der Parteimeinung. 
Aber nicht fruher ist ein Heil zu erhoffen, bevor diese Angelegenheiten 
nicht wieder aufsteigen aus dem Gebiete, wo die Leidenschaften der 
Parteien wiiten, in das Gebiet des sachlichen, des wirklich dem Leben 
entnommenen Denkens. 

Und das mochte man so gern: daft die Menschen, indem sie der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus entgegentreten, nicht urteilen nach 
Parteischablonen, nach Parteiprinzipien, sondern daft sie zu Hilfe 
nehmen zu ihren Urteilen den Wirklichkeitsinstinkt. Parteimeinungen 
und Parteiprinzipien haben die Menschen vielfach abgebracht von die- 
sem Wirklichkeitsinstinkt. Daher erlebt man es immer wieder und 
wiederum, daft gerade diejenigen, die heute mehr oder weniger auf den 
bloften Konsum angewiesen sind, im Grunde genommen recht leicht 
aus ihren Instinkten heraus verstehen, was eine solche Wirklichkeits- 
idee wie die von der Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich 
will. Dann aber kommen die Fiihrer, insbesondere der sozialistischen 
Massen. Und da darf es heute nicht verhehlt werden, dafi diese Fiihrer 
der sozialistischen Massen durchaus nicht geneigt sind, auf das Gebiet 
der Wirklichkeit einzugehen. 

Und eines ist heute leider zu bemerken, und das gehort auch, ins- 
besondere auf dem Wirtschaftsgebiete, zu den drangenden Dingen der 
sozialen Frage: Wir haben es erlebt, indem wir gearbeitet haben f iir die 
Dreigliederung, wie zu den Massen gesprochen worden ist, und wie die 
Massen aus ihrem Wirklichkeitsinstinkt heraus gut verstanden haben, 
was gesprochen worden ist. Dann sind die Fiihrer gekommen und haben 



erklart: Das ist utopistisch! — In Wahrheit stimmte es nur nicht mit 
dem, was sie seit Jahrzehnten gewohnt sind, in ihren Kopf en zu tragen 
und herumzuwirbeln, und dann sagen sie ihren getreuen Anh'angern, 
das sei utopistisch, das sei keine Wirklichkeit. Und leider hat sich in der 
Gegenwart zu stark ein blinder Glaube herausgebildet, eine blinde An- 
hangerschaft, ein f urchtbares Autoritatsgefuhl auf diesem Gebiete. Und 
man mufi sagen: Was einmal aufgebracht worden ist an Autoritats- 
gefuhl, sagen wir, gegeniiber den Bischofen und Erzbischofen der 
katholischen Kirche, das ist ein Kleines gegeniiber dem starken Autori- 
tatsgefuhl der modernen Arbeitermassen gegeniiber ihren Fiihrern. 
Daher haben es diese Fiihrer verhaltnismafiig leicht, mit dem, was sie 
wollen, durchzudringen. 

Was aber gefordert wird, ist, darauf hinzuweisen vor alien Dingen, 
was ehrlich ist auf diesem Gebiete, nicht was fur die Parteischablone 
spricht. Wenn es mir gelingen sollte, gerade in diesen Vortragen zu zei- 
gen, dafi dasjenige,was durch die Dreigliederung angestrebt wird, wirk- 
lich ehrlich gemeint ist fur das Gesamtwohl der ganzen Menschheit, 
ohne Unterschied von Klasse, Stand und so weiter, dann wird im we- 
sentlichen erreicht sein, was durch solche Vortrage nur angestrebt wer- 
den kann. 



Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag 

Ein Maschinentechniker bringt einen im heutigen System oft anzutreffenden Mifi- 
stand zur Sprache: dafi mehrere Fabriken Kapital in gleichartigen Maschinen in- 
vestieren, die uberall nur teilweise ausgenutzt werden. Er fragt, ob nicht in einer 
assoziativ gefuhrten Wirtschaft diese Kapitalversch-wendung beseitigt werden kbnnte. 

Dr. Steiner: Ich darf vielleicht gleich darauf sagen: Was der Herr 
eben gesagt hat, bestatigt durchaus das Assoziationsprinzip. Wenn ge- 
arbeitet wird in vollstandig rein individueller Weise, ohne dafi sich die 
Produzenten assoziieren, also zusammenarbeiten, so wird natiirlich ein- 



treten, was Sie vorausgesetzt haben: dafi eine Maschine nur teilweise 
ausgeniitzt wird. Die vollstandige Ausniitzung aber, die kann nur be- 
wirkt werden dadurch, dafi sich wirklich die Betreffenden assoziieren. 
Also es liegt durchaus in der Linie desjenigen, was mit dem Assoziations- 
prinzip gemeint ist, was Sie sagen. 

Es wird gefragt, wie es im Osten Europas unter den damaligen Umstanden anders 
hatte angefafit -werden konnen, und ob nicht gegeniiber dem Zarismus die Verhalt- 
nisse verheifiungsvoller geworden seien. 

Dr. Steiner: Nicht wahr, es gibt heute in wirklich gar nicht so engen 
Kreisen — das mufi gesagt werden, ohne dafi man weder mit Furcht noch 
mit Hof f nung bei den Meinungen dieser Kreise steht - die Meinung, was 
im Osten geschieht, sei etwas Furchtbares. Es gibt auch wiederum Krei- 
se, welche darinnen etwas Zukunftsverheiftendes sehen. Gewohnlich 
wird von denjenigen, die mit mehr oder weniger Recht die Verhaltnisse 
im Osten verurteilen, dann das eine oder das andere Furchtbare, was 
geschieht, vorgebracht; es werden die Zustande geschildert, und von 
manchem, was da geschildert wird, kann es ja schon den Menschen 
recht gruselig werden; das ist klar. Diejenigen, die dann solche Dinge 
zurechtriicken wollen, die mehr Anhanger dessen sind, was da gemacht 
wird, ja, die wollen dann die furchtbaren Verhaltnisse etwas beschoni- 
gen oder hinwegleugnen und dergleichen. 

Ja, aber sehen Sie, damit kommt man wirklich nicht weiter. Aus ein- 
zelnen Symptomen lassen sich diese Dinge tatsachlich nicht beurteilen. 
Es mogen noch so viele Journalisten nach dem Osten reisen und die 
Dinge, die sie da bemerken, beschreiben, aus solchen Beschreibungen 
wird niemand ein Urteil sich bilden diirfen, aus dem einfachen Grunde, 
weil ja heute auch noch kein Mensch beurteilen kann, was zum Beispiel 
von den Schrecknissen des europaischen Ostens, die ja wahrhaftig nicht 
kleine sind, zu schreiben ist auf das Konto der gegenwartigen Herrscher 
und was zu schreiben ist auf das Konto der Nachwirkungen des furcht- 
baren Krieges. Diese Dinge gehen durcheinander: die Nachwirkungen 
des Krieges und dasjenige, was aus den gegenwartigen Verhaltnissen 
sich herausentwickelt. Was man so unmittelbar sieht und was so un- 
mittelbar geschieht, das mag Gegenstand sein recht netter feuilletonist!- 



scher Unterhaltungen, aber zur Beurteilung der Lage gibt es keinen An- 
halt. Da mufi man schon f ahig sein, einzugehen auf die Intentionen, aus 
denen beraus das geschieht, was eben im Osten zur Einleitung einer 
sozialen Menschenzukunft getan wird. 

Nun fragt der Herr, ob ich glaube, dafi etwas anderes hatte getan 
werden konnen, oder ob die gegenwartigen Verhaltnisse nicht doch ver- 
heifiungsvoller seien als die vorhergehenden. 

Nun weift ich sehr gut, wie wenig verheifiungsvoll die vorhergehen- 
den zaristischen Verhaltnisse waren. Dafi sie sehr vielen Leuten gef alien, 
das riihrt ja nur davon her, dafi sich diese Leute nicht wirklich einen 
Untergrund fur em wahres Urteil zustande gebracht haben und gar 
nicht den Willen dazu hatten, ihn zustande zu bringen. Wer alles, was 
der Zarismus verbrochen hat, namentlich was er in der allerneuesten 
Zeit verbrochen hat, wirklich ins Auge f afit, der kann unter Umstanden 
schon zu der Frage kommen: Was ist besser, das Damalige oder das 
Heutige? - Aber darum kann es sich auch wiederum nicht handeln, 
sondern es kann sich nur darum handeln: Ist dasjenige, was da heute 
eingetreten ist, im Prinzip, im Wesen etwas, was die alten Zustande 
wirklich verbessert hat? — Da mul? man in der Lage sein, einzugehen 
auf die Intentionen, und man mufi sich auf einem solchen Gebiete ein 
unbef angenes Urteil wahren. 

Solch ein unbefangenes Urteil konnen Sie zum Beispiel gewinnen, 
wenn Sie eingehen auf Intentionen wie die des Lenin. Lesen Sie so etwas 
wie «Staat und Revolution» von Lenin. Da finden Sie aus Vorkriegs- 
zeiten heraus - das Buch ist ja schon vorher geschrieben gewesen - die 
Intentionen Lenins. Man darf sagen: Lenin hat in einem gewissen Sinne 
sogar Recht, wenn er abkanzelt alle die halben oder Viertels- oder Drei- 
viertelsmarxisten und sich schliefilich fiir den einzig wirklichen, wirk- 
lich konsequenten Marxisten halt: Es miifiten die Menschen in der Zu- 
kunft in der sozialen Ordnung so gestellt sein, dafi jeder darinnen leben 
kann «nach seinen Fahigkeiten und seinen Bedurfnissen». Das miii?te 
erst ein wekerer Zustand werden, der sich aus dem ungerechten, un- 
moglichen Zustand ergeben konnte. Nun findet sich bei Lenin eine 
hochst interessante Auseinandersetzung, die darauf hmauslauft 5 , da£ er 
sagt: Aber das kann man mit den heutigen Menschen nicht rnachen, dafi 



sie nach ihren Fahigkeiten und Bediirfnissen in der sozialen Ordnung 
leben, sondern das kann man erst machen, wenn andere Menschen da 
sein werden, eine ganz andere Menschenrasse. Diese ganz andere Men- 
schenrasse mufi erst geschaffen werden. 

Ja, sehen Sie, da haben Sie das Hineinsegeln in die alleraufterste Un- 
wirklichkeit und das Rechnen mit etwas, das ja gar nicht zu erhoffen 
ist. Denn durch die Zustande, die von Lenin herbeigefiihrt werden, 
wird ganz gewift diese neue Menschensorte nicht geziichtet, die dann 
die gerechten sozialen Zustande herbeifiihrt. Auf so briichigem Grunde 
stehen die Intentionen zu dem, was vorgeht. Und da mag man iiber die 
Einzelheiten sich entsetzen oder sie notwendig finden, sie loben oder 
tadeln - darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daft 
man einsieht: da wird mit unwirklichen Gedanken gerechnet. Und des- 
halb ist dasjenige, was so verwirklicht wird, nichts anderes als Raubbau 
an der Vergangenheit. 

Mir trat das, wie einem an Symptomen manchmal die wichtigsten 
Dinge entgegentreten, vor einigen Monaten besonders schon in Basel 
entgegen, wo ich vor einer Versammlung auch iiber den Gegenstand, 
iiber den ich jetzt zu Ihnen spreche, gesprochen habe. Da stand ein Herr 
auf, der sagte: Ja, das ist ja alles ganz schon und ware auch sogar schon, 
wenn es verwirklicht wiirde; aber das kann nicht friiher verwirklicht 
werden, als bis Lenin Weltherrscher wird. — Ich mufite dazumal ant- 
worten: Wenn irgend etwas sozialisiert werden soil, so handelt es sich 
doch darum, daft vor alien Dingen die Herrschaftsverhaltnisse sozia- 
lisiert werden. Aber dieser Sozialist, der ein Anhanger des Lenin war, 
der will Lenin zum "Weltherrscher machen, zum Weltkaiser oder zum 
Weltpapst wirtschaftlicher Sorte. Da werden die Herrschaftsverhalt- 
nisse nicht sozialisiert, auch nicht demokratisiert, sondern da werden sie 
monarchisiert, tyrannisiert, da wird eine Autokratie geschaffen. Wer so 
etwas behauptet, versteht noch nicht einmal, wie man anfangen mufi 
damit, vor allem die Herrschaftsverhaltnisse zu sozialisieren. 

So stellt sich fur den, der genauer zusieht, fur die Wirklichkeits- 
struktur des heutigen Ostens etwas sehr Merkwiirdiges heraus: Es glau- 
ben diejenigen, die Bekenner der Intentionen des heutigen Ostens sind, 
daft damit etwas erzielt werde. Nein, was da gewollt wird, das ist in 



seinem Wesen nicht in Opposition gegen den Zarismus, das ist nur das 
ganze Wesen des Zarismus fiir eine andere Klasse weiter ausgebaut, in 
schlimmerer Weise der Zarismus fortgesetzt als er war, wie iiberhaupt 
diejenigen, die auf dem linkesten Fliigel der radikalen Parteien stehen, 
heute schon gar nicht mehr damit zuriickhalten, da£ sie nicht Fort- 
schrittsmenschen sind, sondern noch viel argere Reaktionare als die- 
jenigen waren, die friiher Reaktionen getragen haben. Indem gefordert 
wird die Diktatur einer Klasse, wiirde ja aus dieser Klasse nichts an- 
deres herauskommen als die Tyrannis einzelner - ich will nicht einmal 
sagen: Erwahlter — ; es wiirden ganz gewifi nicht die Erwahlten sein, 
sondern diejenigen, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es 
wiirde die Tyrannis derjenigen aus den einzelnen Klassen herauskom- 
men, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es wiirde nur eine 
Umkugelung der Menschheit stattfinden. Aber die Verhaltnisse, sie 
wiirden sich ganz gewifi nicht verbessern, sondern im wesentlichen eher 
verschlechtern. 

Also es handelt sich da darum, dafi man wirklich auf das Prinzip 
sieht, dafi man aus der Wirklichkeit heraus denkt, nicht aus vorgefafi- 
ten grauen Theorien heraus denkt. Sehen Sie, manchmal haben die- 
jenigen, die gesund aus der Wirklichkeit heraus denken, von einzelnen 
Erscheinungen her schon ein sehr gesundes Urteil. Ich habe Ihnen heute 
ausgefiihrt, dalS die Geldherrschaft eigentlich verwirrend wirkt iiber 
die wirklichen sozialen Zustande. Das mufi man nur durchschauen. Sie 
wirkt tatsachlich so, daft das Geld Machtverhaltnisse, tyrannisierte 
Verhaltnisse bewirkt, dafi an die Stelle alter Eroberermachte und der- 
gleichen einfach Geldmacht tritt. In Europa durchschaut man solche 
Dinge noch wenig. Ein amerikanisches Sprichwort gibt es, das sagt 
ungefahr: Reich geworden durch blofie Kapitalwirtschaft bedeutet, 
nach drei Generationen wiederum in Hemdsarmeln herumgehen! - Da 
wird das Imaginare der Kapitalwirtschaft ganz deutlich hingestellt, 
dieses Sich-Auflosen, dieses Imaginare. Man kann Milliardar werden, 
und nach drei Generationen gehen die Nachkommen selbstverstandlich 
in Hemdsarmeln herum, weil das Geld der Herrscher wird iiber den 
Menschen. 

Und nun handelt es sich fiir diejenigen, die nach den Intentionen des 



Lenin arbeiten, durchaus nicht darum, neue Prinzipien zu finden, wirk- 
lich zu erforschen aus den Lebensbedingungen der Menschheit heraus, 
wie die soziale Struktur sein soli, sondern es handelt sich fiir sie darum, 
was sie iiber den Kapitalismus gelernt haben, auf einen Grofikapita- 
listen, den sie rekrutieren aus dem ihnen zur Verfugung stehenden Ge- 
biete, zu iibertragen. Was in der kapitalistischen Herrschaft gewirkt 
hat, das wird dann durch Spionenwirtschaft, durch Protektionswirt- 
schaft und alles mogliche andere weiter wirken. Friiher hat man gesagt: 
Thron und Altar. Da im Osten sagt man: Kontor und Maschine. Aber 
der Aberglaube ist ein gleich grofier. Es handelt sich eben heute darum, 
nicht mit den alten Begriffen, nur durch eine andere Menschenklasse, 
neue Zustande herbeifuhren zu wollen, sondern es handelt sich heute 
darum, sich zu scharen um wirklich neue Prinzipien, um eine wirklich 
neue Einsicht. 

SchlielSlich geht das hervor auch aus der Wirklichkeit der Entwicke- 
lung. Nehmen Sie wiederum Amerika. Da haben Sie heute eine Republi- 
kanische und eine Demokratische Partei.Wenn man diese Parteien heute 
studieren und gar nichts wissen wiirde von der Geschichte, so wiirde 
man nicht einsehen, warum sich diese Parteien so nennen; denn die 
Republikanische Partei ist nicht republikanisch und die Demokratische 
Partei ist nicht demokratisch, sondern es sind Vertretungen von Cliquen, 
die jede ihr besonderes Cliqueninteresse vertritt. Die Parteibenennun- 
gen sind geblieben als Reste aus friiheren Zeken. Was mit diesen Partei- 
benennungen gemeint ist, hat langst seine Bedeutung verloren. Die 
Wirklichkeit ist eine ganz andere. Heute handelt es sich durchaus nicht 
darum, sich durch irgendwelche Parteischablonen blenden zu lassen, 
sondern in die Wirklichkeit praktisch hineinzuschauen. Das ist es. 

Und wer in die Wirklichkeit des Ostens praktisch hineinschaut, der 
sagt sich dann das Folgende. Ich darf vielleicht dabei eine kleine Ge- 
schichte erzahlen. Es ist ja wichtig, dafi solche Dinge zur Symptomato- 
logie der Zeit nicht ganz verschwiegen werden. Als ich im Januar 1918 
aus der Schweiz wiederum nach Berlin kam, da sprach ich mit einem 
Manne, der in den Ereignissen sehr tief drinnen stand, sehr in sie ver- 
strickt war, und der langst meine Ideen kannte: dafi nun in Mittel- und 
Osteuropa die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus 



gefafk werden miisse. Ich habe sie dazumal ausgearbeitet gehabt und 
nach der damaligen Zeitlage den Menschen, die hatten daran arbeiten 
konnen, vorgelegt. Der Mann hat das auch gewufit. Es schien ihm sehr 
plausibel, dafi es sich darum hatte handeln konnen, auf geistigem Wege 
aus der Misere herauszukommen. Dariiber war dazumal gesprochen 
gewesen bereits seit langerer Zeit. Ich kam, wie gesagt - erinnern Sie 
sich an das, was dazumal im Januar 1918 war - nach Berlin. Der Mann, 
er war Militar, ein hoherer Militar, sagte, als ich ihm sprach von der 
ungliickseligen, der unmoglichen Idee, noch einmal diese schreckliche 
Friihjahrsoffensive vom Jahre 1918 zu beginnen, anstatt einer geistigen 
Aktion - er sagte: Was wollen Sie denn, hat nicht der Kiihlmann die 
Dreigliederung in der Tasche gehabt? - Er hatte sie in der Tasche; und 
dennoch hat er Brest-Li towsk gemacht! 

Es mag Ihnen heute ausschauen wie die Mitteilungen irgendeines 
Phantasten; ich weifi aber, dafi diese «Phantasterei» tief in der Wirk- 
lichkeit wurzelt, Ich weift, dafi im russischen Volk gerade die Elemente 
drinnenliegen, um zuallererst, wenn man sie in der richtigen Weise mit- 
teilt, die Idee von der Dreigliederung zu fassen. Das hatte treten miis- 
sen als eine geistige Aktion an die Stelle der unmoglichen Aktion von 
Brest-Litowsk. Da hatte es eine Kommunion geben konnen zwischen 
Mitteleuropa und dem Osten Europas, die eine geistige Aktion ge- 
wesen ware, ein Zusichkommen. Das ware etwas ganz anderes gewesen. 

Was war es aber, das den Leninism us nach Rutland gebracht hat? 
Ich erinnere nur daran, dafi Lenin im plombierten Wagen durch 
Deutschland nach Rutland gefuhrt worden ist. Der Leninismus ist ein 
Import. Will man vom «deutschen Militarismus» sprechen, so mufi 
man davon sprechen, dafi der Leninismus ein Import gewesen ist. 

Wohl aber kann man die Meinung haben, dafi eine geistige Aktion 
etwas ganz anderes hatte bewirken konnen als die Tatsache, dafi diese 
geistige Aktion ausgeblieben ist und an ihre Stelle, anstelle dessen, was 
aus dem russischen Volk heraus spielt, eine abstrakte, allgemeine, mar- 
xistische Phrase liber Verwirklichung von sozialen Zustanden gesetzt 
wurde, die, wenn sie iiberhaupt verwirklicht werden konnte, ebensogut 
wie man sie auf Rutland hinaufstiiipt, auf Brasilien, Argentinien, 
irgendwo anders, ganz ohne Kenntnis der Volkszusammenhange, mei- 



netwillen auch auf den Mond hinaufgestiilpt werden konnte. Dieser 
Aberglaube, dafi alles auf jedes draufgestiilpt werden kann, das ist das 
grofie Ungliick des Ostens, das ist es, was dort die Tyrannis einer Idee 
begriindet, die furchtbar in ihren Ergebnissen sein wird, weil sie mit 
dem Vergangenen Raubbau treibt. Wenn sie noch so sehr ein Schlechtes 
ablost: worinnen sie produktiv ist, das sind nur die Oberreste, die "Ober- 
bleibsel des Alten. Wenn sie aber selbst produktiv sein soil, wird sie in 
die Nullitat gesetzt sein. 

Diese Dinge heute nicht unbefangen zu beurteilen, das ist ein sozia- 
les Versaumnis. Denn heute liegen die Dinge in Wahrheit aufierordent- 
lich ernst. Daher kann man nicht aus irgendeiner Parteimeinung heraus 
solche wichtigen Dinge beurteilen, sondern man mufi sie beurteilen aus 
dem ganzen Umfang der Wirklichkeit selber. Da mufi man fragen: Was 
hatte herausgestaltet werden rmissen aus den Grundlagen der russischen 
Sozietat selber? Jedenfalls nicht der Leninismus, der eine Abstraktion 
ist, und eine solche Abstraktion, die noch dazu sagt: Es mufi die Men- 
schenrasse erst erzeugt werden. Deshalb ist Lenins Arbeit nicht fur die 
Russen, sondern f iir Menschen, die er heranziichten will durch unmog- 
liche Zustande, die er erst herbeifiihrt. Das ist das wirkliche Faktum. 

Wahrhaftig, nicht liegt dem, was ich sage, irgendeine Sympathie 
oder Antipathie zugrunde, sondern das Streben nach Einsicht. Es niitzt 
nichts, diese Dinge heute nicht in ihrem vollen, in ihrem umfanglichen 
Ernste zu betrachten. 

Eine weitere Frage ist diese: 

In ■welchem Zusammenhange stent mit dem heute Gesagten die Szene des Geld- 
schwindels des Mephistopheles im «Faust» von Goethe? 

Es ist interessant, dafi diese Frage gestellt wird, denn man kann dar- 
auf antworten, wie tief eigentlich der Goetheanismus durch Goethe 
schon hineinsah in die realen Verhaltnisse. Stellen Sie sich einmal die 
ganze Szene im zweitenTeil des «Faust» vor Augen, wo Mephistopheles, 
der Teufel, das Papiergeld erfindet, wo er den ganzen Geldschwindel 
vor den Kaiser hinstellt. Sie haben im Grunde genommen eine schone 
Imagination, eine bildhafte Darstellung dessen, was man heute als 
soziale Wahrheiten aussprechen mufi. Das ganze Abheben der Geld- 
wirtschaft von der gediegenen Wirklichkeit ist hingestellt als eine 



Schopfung des «Geistes, der stets verneint», der nichts Positives schafft, 
in grandioser dichterischer Gestaltung. Das zeigt nur, wie Goethe dich- 
terisch gestaltete, was er zu seiner Zeit wahrhaftig nicht in der Wirk- 
lichkeit hatte gestalten konnen. Denn selbst der sehr vorurteilslose Her- 
zog Karl August von Weimar wiirde wenig haben eingehen konnen auf 
das, was Goethe eigentlich gemeint hat mit dieser Schaffung des Geldes 
als solchem durch den «Geist, der stets verneint». Aber Goethe wollte 
sich doch aussprechen. Und sehen Sie einmal nach, wie vieles in «Wil- 
helm Meisters Wanderjahren» von solchen Ideen drinnen ist. Goethe 
wollte sich aussprechen. Er konnte sich in seiner Zeit nicht anders aus- 
sprechen, als er sich ausgesprochen hat. Aber es liegt ungeheuer viel von 
sozial Impulsivem und sozial impulsierender Einsicht gerade in dieser 
Szene. 

Man wird iiberhaupt erst nach und nach erkennen, was es bei Goethe 
bedeutet, dafi er sein ganzes Leben hindurch in Entwickelung begriffen 
war. Das versteht man in der heutigen Zeit sehr wenig; denn heute — 
man redet von der Entwickelung in der Naturwissenschaft, aber Ent- 
wickelung des Menschen durch das Leben hindurch? Wenn man zwan- 
zig Jahre alt ist, ist man reif , in das Staatsparlament gewahlt zu werden, 
Feuilletons zu schreiben, zu urteilen iiber alles mogliche! Dafi man sich 
dann noch entwickeln soil, daran denkt man ja heute, nicht wahr, wenig. 

Goethe dachte daran. Er wufite ganz gut, dafi er sich in spateren Jah- 
ren seiner Entwickelung Dinge erobert hatte, die er in fruheren Jahren 
nicht hatte. Ja, es gibt einen Achtzeiler, recht nett, aus Goethes Nach- 
lafi. Darin hat er sich ausgesprochen iiber diejenigen Menschen, welche 
sagten: O ja, Goethe ist alt geworden. Die Jugendwerke - dazumal war 
nur der erste Teil des «Faust» gedruckt -, die zeugen von wirklicher 
kiinstlerischer Kraft. Aber der alte Goethe, der ist eben alt geworden! - 
Das hat man ja noch nachtraglich gesagt. Sehen Sie, der Schwaben- 
Viscber, der V-Vischer, er hat den zweiten Teil des « Faust » ein zu- 
sarrimengeschustertes, zusamrnengeleimtes Machwerk des Alters ge- 
nannt. Ich habe gar nichts gegen den V-Vischer sonst einzuwenden und 
schatze ihn sehr; aber ein Philister, der nicht verstehen konnte, was 
Goethe sich durch seine Entwickelung errungen hat, war der V-Vischer 
durchaus, voll philistrosen Geistes. Goethe selbst hat einen Achtzeiler 



hinterlassen, der fur die Zeitgenossen und auch sonst noch gilt. Da steht: 

Da loben sie den Faust, 

- er meint den ersten Teil des «Faust» ; der zweite Teil war noch nicht 
gedruckt, er war ein Werk der reif en Entwickelung - 

Und was noch sunsten 

In meinen Schriften braust 

Zu ihren Gunsten; 

Das alte Mick und Mack 

Das freut sie sehr; 

Es meint das Lumpenpack, 

Man war's nicht mehr! 

Sehen Sie, Goethe war sich dessen schon bewufit, dafi er etwas erreicht 
hat, was er eben nur der Entwickelung des hoheren Alters verdanken 
konnte. Und so ist das, was er hineingeheimnilk hat in den zweiten Teil 
des «Faust», wirklich recht kimstlerisch. Und es zeigt sich erst, wie 
kimstlerisch es auch in der Gestaltungskraft ist, wenn man es euryth- 
misch darstellt, wie wir demnachst die Szene aus dem zweiten Teil des 
«Faust» iiber die Sorge darstellen wollen. 

Aber die Menschen sind ja nicht gerade auf die Entwickelung auf- 
merksam. Sie denken, eine entwickelte Weltanschauung zu treffen da- 
mit, dafi sie auf das abstrakte Gefiihl hinweisen und sagen, beim jungen 
Goethe stehe ja schon alles: «Name ist Schall und Rauch.. . Gefiihl ist 
alles . . . Wer darf ihn nennen und wer bekennen? . . . den Allerhalter, 
Allumf asser ...» und so weiter. Das soil grofier sein als jede entwickelte 
Weltanschauung! Sogar Philosophen zitieren das, vergessen ganz, dafi 
Goethe es dem Faust in den Mund gelegt hat, wo Faust ein sechzehn- 
jahrigesBackfischchen katechisiert. Also die sechzehnjahrigeBackfisch- 
lehre, die soli angefiihrt werden gegen die entwickelte Weltanschauung! 

In vielen Dingen muE eben heute durchaus umgelernt werden. Und 
der Goetheanismus ist schon etwas, an dem sich umlernen lafit. Und 
ebenso wie diese Szene mit dem Geldschwindel, so konnte manches 
andere gerade aus dem zweiten Teil des «Faust», aus «Wilhelm Meisters 
Wanderjahren», aus manchem anderen angefiihrt werden, das zeigen 



konnte, was menschliche Entwickelung ist, wie man sich anlehnen kann 
an diesen Goethe. 

Nun bin ich noch gefragt worden: 

Wovon soil der Arbekslohn bezahlt werden, wenn nicht durch den Erlos der Ware? 

Ober den Arbeitslohn zu denken - es ist ja die Zeit so vorgeschritten, 
dafi ich nur kurz darauf eingehen kann — , ist eigentlich recht interes- 
sant. Es ist merkwiirdig, wie nach und nach einzig und allein das Wirt- 
schaf tsleben so stark hypnotisierend gewirkt hat, dafi in der Zeit, in der 
die Menschheit begann sich der grofien Tauschung hinzugeben, das 
sozialistische Programm erne vollstandige Umgestaltung erfuhr gerade 
mit Bezug auf solche Dinge. Es gehort zum interessantesten Studium 
der modernen Arbeiterbewegung, kennenzulernen die drei Programme: 
Das Eisenacher Programm, das Gothaer, das Erfurter Programm. 
Nimmt man die Programme — bis zum Erfurter, das im Jahre 1891 ge- 
falk worden ist — , so findet man iiberall: Da ist noch ein Bewufitsein 
davon vorhanden, dafi aus gewissen Rechts- und Staats- und politi- 
schen Anschauungen heraus gearbeitet werden soli. Daher findet man 
als die zwei Hauptforderungen der alteren Programme die Abschaf- 
fung des Lohnes und die Herstellung gleicher politischer Rechte. Das 
Erfurter Programm aber ist ganz ein blofies Wirtschaftsprogramm, 
aber ein politisierendes, wie ich heute dargestellt habe. Da werden als 
die Hauptforderungen auf gestellt: Uberfuhrung der Produktionsmittel 
in die Gemeinverwaltung, in das Gemeineigentum, und Produktion 
durch die Gemeinschaft. Rein wirtschaftlich, aber politisch gedacht, 
wird das Programm festgelegt. 

Man denkt so stark im Sinne der heutigen Gesellschaftsordnung, der 
heutigen sozialen Ordnung, dafi man in weitesten Kreisen iiberhaupt 
gar nicht gewahr wird, wie der Lohn als solcher ja in "Wirklichkeit eine 
soziale Unwahrheit ist. In Wirklichkeit besteht das Verhaltnis so, da£ 
der sogenannte Lohnarbeiter zusammenarbeitet mit dem Leiter der 
Unternehmung, und was stattfindet, ist in Wirklichkeit eine Auseinan- 
dersetzung - die nur kaschiert wird durch allerlei tauschende Verhalt- 
nisse. durch Machtverhaltnisse meistens und so weiter — uber die Ver- 
teilung des Erloses. Wenn man paradox sprechen wollte, so konnte man 



sagen: Lohn gibt es ja gar nicht, sondern Verteilung des Erloses gibt es 
- heute schon, nur dafi in der Regel derjenige heute, der der wirtschaft- 
lich Schwache ist, sich bei der Teilung iibers Ohr gehauen findet. Das ist 
das ganze. Es handelt sich darum, hier nicht etwas, was nur auf einem 
sozialen Irrtum beruht, auf die Wirklichkeit zu iibertragen. In dem 
Augenblicke, wo die soziale Struktur so ist, wie ich sie dargestellt habe 
in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», wird es durch- 
sichtig sein, wie ein Zusammenarbeiten besteht zwischen dem sogenann- 
ten Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie diese Begriffe Arbeitnehmer 
und Arbeitgeber aufhoren, und wie ein Verteilungsverhaltnis besteht. 
Dann hat das Lohnverhaltnis iiberhaupt vollstandig seine Bedeutung 
verloren. 

Dann aber darf nicht mehr daran gedacht werden, die Arbeit als 
solche zu bezahlen. Das ist naturlich der andere Pol. Die Arbeit wird 
einem Rechtsverhaltnis - ich werde morgen davon noch sprechen - 
unterstellt; die Arbeit wird nach Mafi und Art bestlmmt im demokra- 
tischen Zusammenleben, im Rechtsstaat. Die Arbeit wird so, wie die 
Naturkrafte, zur Grundlage der wirtschaftlichen Ordnung, und das, 
was produziert wird, wird nicht als Mafistab f iir irgendeine Entlohnung 
da sein. 

Was da sein wird auf dem Wirtschaftsboden, wird lediglich die Be- 
wertung der Leistung sein. Da handelt es sich darum, kennenzulernen 
das Fundament, gewissermafien dieUrzelle des Wirtschaftslebens. Diese 
Urzelle, ich habe sie ofter so ausgesprochen, dafi ich sagte: Im wesent- 
lichen miissen die Einrichtungen, die ich heute geschildert habe, darauf 
hinauslaufen, dafi durch die lebendige Wirksamkeit der Assoziationen 
ein jeder Mensch als Gleichwertiges fiir das, was er erzeugt, das be- 
kommt, was ihn in den Stand setzt, seine Bediirfnisse so lange zu be- 
friedigen, bis er ein gleiches Produkt wieder erzeugt haben wird. Ein- 
fach gesprochen: Erzeuge ich ein paar Stiefel, so miissen durch die Ein- 
richtungen, die ich heute geschildert habe, diese Stiefel so viel wert sein, 
mufi ich so viel dafiir bekommen, als ich brauche, bis ich wieder ein 
paar Stiefel angefertigt habe. 

Also es kann sich gar nicht handeln um irgendwelche Bestimmung 
des Lohnes fiir Arbeit, sondern um die Bestimmung der gegenseitigen 



Preise. Eingerechnet mufi natiirlich sein alles, was Invaliden-, Kranken- 
und so weiter -Unterstiitzung ist, fiir Kindererziehung und so weiter. 
Dariiber soil noch gesprochen werden. Es handelt sich darum, dafi eine 
solche soziale Struktur geschaffen werde, wodurch wirklich die Lei- 
stung in den Vordergrund geschoben wird, die Arbeit aber blo£ auf ein 
Rechtsverhaltnis begriindet werden kann, denn die kann nicht anders 
geregelt werden, als dafi der eine fiir den anderen arbeitet. Das aber 
mufi auf dem Rechtsboden geregelt werden: wie der eine fiir den an- 
deren arbeitet; das darf nicht auf dem Marktboden der wirtschaft- 
lichen Verhaltnisse stehen. Sie werden ja morgen sehen, dafi diese Dinge 
durchaus auch auf realer wirklicher Grundlage stehen. 
Dann werde ich noch gefragt: 

Wie sollen die Ausgaben erfafit werden? 

Ja, das ist sehr leicht, die Ausgaben zu erfassen. Man kann sie nicht 
verbergen. Jedesmal, wenn ich irgend etwas uberfiihre in den sozialen 
Prozefi, kann es selbstverstandlich erfafit werden, geradeso wie ein 
Brief erfafit wird, den mir die Post befordert, die es auch nicht aufier 
acht lassen wird, dafiir die Postmarke mir abzufordern und so weiter. 
Diese einzelnen, speziellen Einrichtungen - wer nur dariiber nachdenkt, 
der wird sie nicht allzuschwierig finden. 

Nun noch: 

Wie verhalten sich die landwirtschaftlichen Kreditverhaltnisse? 

Es wiirde heute zu spat werden, um auf diese Dinge einzugehen. Ich 
werde im Lauf der nachsten Vortrage gerade auf die landwirtschaft- 
lichen Verhaltnisse in anderen Zusammenhangen noch zu sprechen 
kommen. 



DRITTER VORTRAG 



Zurich, 26.0ktober 1919 

Rechtsfragen — Aufgabe und Grenze der Demokratie 
Qffentlicbe Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege 

Oh man sachgemaJKe Anschauungen iiber das soziale Leben gewinnt, 
das hangt in vieler Beziehung davon ab, ob man sich klar dariiber ist, 
welche Beziehung herrscht zwischen den Menschen, die in ihrem Zu- 
sammenleben ja doch das soziale Leben bewirken, und den Einrichtun- 
gen, innerhalb welcher die Menschen leben. Wer unbefangen in das 
soziale Leben hineinsieht, der wird entdecken konnen, dafi zuletzt alles, 
was wir um uns herum an Einrichtungen haben, durch die Mafinahmen, 
durch den Wlllen der Menschen entsteht. Wer sich zu dieser Anschauung 
durchringt, der wird zuletzt sich sagen: Im sozialen Leben kommt es 
vor alien Dingen darauf an, ob die Menschen aus ihren Kraften, aus 
ihren Fahigkeiten, aus ihrer Gesinnung zu anderen Menschen und so 
weiter sich als soziale oder als unsoziale Menschen bewahren. Menschen 
mit sozialer Gesinnung, sozialer Lebensanschauung werden sich Ein- 
richtungen gestalten, welche sozial wirken. Und man kann in sehr 
weitem Umfange sagen: Ob der einzelne in der Lage ist, sich fur seine 
Einnahmen den entsprechenden Lebensunterhalt zu erwerben, das wird 
davon abhangen, wie ihm seine Mitmenschen die Mittel zu diesem 
Lebensunterhalte herstellen, ob sie fur ihn so arbeiten, dafi er seinen 
Lebensunterhalt von seinen Mitteln bestreiten kann. Ob der einzelne 
geniigend Brot kaufen kann - wenn man in das Allerkonkreteste ein- 
geht wird eben davon abhangen, ob die Menschen solche Einrich- 
tungen getroffen haben, durch die ein jeglicher, der arbeitet, der etwas 
leistet, fur seine Arbeit, fur seine Leistung sich das entsprechende Brot 
eintauschen kann. Und ob der einzelne in der Lage ist, seine Arbeit 
wirklich zur Anwendung zu bringen, wirklich an der Stelle zu stehen, 
auf der er die notigen Mittel fur seinen Unterhalt erwerben kann, das 
hangt wiederum davon ab, ob die Menschen, innerhalb welchen er lebt, 
soziale Einrichtungen getroffen haben, durch die er an seinen ent- 
sprechenden Platz kommen kann. 



Nun, es bedarf eigentlich nur wenig von einem unbef angenen Blicke 
in das gesellschaftliche Leben, um das, was eben ausgesprochen worden 
ist wie ein Axiom, wie eine Grunderkenntnis der sozialen Frage, an- 
zuerkennen. Und wer es nicht anerkennt, dem wird man dieses Prinzip 
schwer beweisen konnen, weil er nicht die Neigung hat, unbef angen auf 
das Leben hinzuschauen, um sich - aus jedem Stuck des Lebens kann er 
es - zu iiberzeugen, dafi es wirklich so ist. 

Allerdings fur den gegenwartigen Menschen hat diese Anschauung 
etwas aufierordentlich Unangenehm.es. Denn der gegenwartige Mensch 
legt grofien Wert darauf, dafi man nur ja nicht an ihn selbst herantippt. 
Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man davon spricht, dafi Einrich- 
tungen verbessert werden sollen, dafi Einrichtungen umgewandelt wer- 
den sollen, aber er empfindet es wie ein Antasten seiner Menschen wiirde, 
wenn man davon zu sprechen genotigt ist, dafi er selber in seiner Seelen- 
verfassung, in seinem Lebensverhalten sich einer Umwandelung unter- 
ziehen soil. Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man sagt, die Einrich- 
tungen sollen sozial gestaltet werden; er lafit es sich schwer gefallen, 
wenn man das Verlangen stellt, er solle sich selber sozial gestalten. 

Und so ist denn etwas aufierordentlich Merkwiirdiges in der neueren 
Geschichtsentwickelung der Menschheit eingetreten. Es hat sich im 
Laufe der letzten Jahrhunderte das wirtschaftliche Leben, wie ich 
bereits im ersten Vortrag auseinandergesetzt habe, hinausentwickelt 
iiber dasjenige, was die Menschen an Anschauungen, namentlich an 
rechtlichen und geistigen Anschauungen uber dieses wirtschaftliche 
Leben ausgestaltet haben. Ich habe im ersten Vortrage darauf hin- 
gewiesen, wie gerade die Gesellschaftskritik des Wbodrow Wilson dar- 
auf hinauslaufe, dafi er sagt: Das wirtschaftliche Leben hat seine For- 
derungen gestellt, ist fortgeschritten, hat gewisse Formen angenommen; 
das rechtliche, das geistige Leben, durch das wir dieses Wirtschaftsleben 
zu beherrschen suchen, das steht noch auf alten Standpunkten, das ist 
nicht nachgekornmen. Dadurch aber ist iiberhaupt eine tier bedeutsame 
Tatsache der neueren Menschheitsentwickelung ausgesprochen. 

Mit dem Heraufkommen der komplizierten technischen Verhalt- 
nisse und der dadurch notwendig gewordenen komplizierten kapita- 
listischen Verhaltnisse, der Unternehmungsverhaltnisse, hat das wirt- 



schaftliche Leben seine Forderungen gestellt. Die Tatsachen des wirt- 
schaftlichen Lebens sind, ich mochte sagen, den Menschen allmahlich 
entschliipft; sie nehmen mehr oder weniger ihren eigenen Gang. Der 
Mensch hat nicht die Kraft gefunden, von sich aus durch seine Vorstel- 
lungen, durch seine Ideen dieses wirtschaf tliche Leben zu beherrschen. 
Aus dem Denken iiber die okonomischen Forderungen, aus dem Den- 
ken iiber das Wirtschaf tliche, wie man es unmittelbar beobachtet, hat 
sich der neuere Mensch herbeigelassen, immer mehr und mehr seine 
Rechtsbegriffe und auch seine geistigen Begriffe zu gestalten. Und so 
kann man sagen: Das Charakteristische in der Entwickelung der 
Menschheit in den letzten Jahrhunderten ist, dafi sowohl die Rechts- 
begriffe, durch welche die Menschen miteinander in Frieden leben wol- 
len, wie auch die Begriffe vom Geistesleben, durch die sie ihre Fahig- 
keiten entwickeln und gestalten wollen, im hohen Grade abhangig 
geworden sind vom wirtschaftlichen Leben. 

Man bemerkt gar nicht, wie sehr in dieser neueren Zeit die mensch- 
lichen Vorstellungen und das Verhalten der Menschen zueinander von 
dem wirtschaftlichen Leben abhangig geworden sind. Naturlich haben 
die Menschen auch die Einrichtungen der letzten Jahrhunderte selbst 
geschaf fen, aber sie haben sie zum grofien Teile nicht aus neugegriinde- 
ten Vorstellungen und Ideen heraus geschaffen, sondern mehr aus un- 
bewufiten Impulsen, unbewufiten Antrieben heraus. Und dadurch hat 
sich etwas ergeben, was man in Wirklichkeit ein gewisses Anarchisches 
in der Struktur des sozialen Organismus nennen kann. Nach verschie- 
denen Gesichtspunkten habe ich in den zwei ersten Vortragen dieses 
Anarchische schon auseinandergehalten. 

Aber innerhalb dieser anarchischen sozialen Struktur der neueren 
Zeit haben sich eben diejenigen Verhaltnisse entwickelt, die zu der 
modernen Gestalt gerade der proletarischen Frage gefuhrt haben. Der 
Proletarier, der hinweggerufen worden ist von seinem Handwerk, an 
die Maschine gestellt worden ist, in die Fabrik gepfercht worden ist - 
was hat er hauptsachlich gesehen, indem er sich das Leben, das sich um 
ihn herum entwickelte, ansah? Er hat vorziiglich an seinem eigenen 
Leben gesehen, wie abhangig alles ist, was er denken kann, was er an 
Recht hat gegeniiber anderen Menschen, wie alles das bestimmt ist von 



wirtschaftlichen Machtverhaltnissen, von den wirtschaftlichen Macht- 
verhaltnissen, die vor alien Dingen fur ihn dadurch gegeben sind, dafi er 
der wirtschaftlich Schwache gegeniiber dem wirtschaftlich Starken ist. 

Und so kann man sagen: Bei den leitenden fiihrenden Kreisen hat 
sich eine gewisse Verleugnung der Grundwahrheit eingestellt, dafi die 
menschlichen Einrichtungen von den Menschen selber aus ihrem bewufi- 
ten Leben herauskommen sollen. Die Menschen haben vergessen, diese 
Grundwahrheit im sozialen Leben wirklich anzuwenden. Die leitenden 
fiihrenden Kreise haben sich allmahlich instinktiv einem Leben hin- 
gegeben - wenn auch nicht einem Glauben -, das den Geist und das 
Recht abhangig gemacht hat von den wirtschaftlichen Machtmitteln. 
Daraus aber ist entstanden ein Dogma, eine Lebensauffassung sozia- 
listisch denkender Personlichkeiten und ihres Anhanges. Die Lebens- 
auffassung ist daraus hervorgegangen, es musse in der Menschheits- 
entwickelung so sein, daft keine Moglichkeit da ist, dafi der Mensch von 
sich selber aus Rechtsverhaltnisse organisiere, daft der Mensch selber 
sich das geistige Leben organisiere, sondern dafi das geistige Leben und 
das Rechtsleben sich wie ein Anhangsel ergeben miissen aus den wirt- 
schaftlichen Realitaten, aus den wirtschaftlichen Produktionszweigen 
und so weiter. 

Und so entstand die soziale Frage unter dem Gesichtspunkte einer 
bestimmten Forderung bei weiten Kreisen. Ihnen lag der Glaube zu- 
grunde: Das wirtschaftliche Leben macht das Rechtsleben, das wirt- 
schaftliche Leben macht das Geistesleben — also mufi das wirtschaft- 
liche Leben fiir sich so umgestaltet werden, dafi es ein Rechtsleben, ein 
Geistesleben hervorbringt, wie es den Anf orderungen dieser Kreise ent- 
spricht. Was zu Lebensgewohnheiten der leitenden fiihrenden Kreise 
geworden war, hat das Proletariat gelernt, auch ins Bewufksein herauf- 
zuholen; was die anderen instinktiv dargelebt haben, hat es zum Dogma 
gemacht, und wir stehen heute der sozialen Frage so gegeniiber, dafi in 
weitesten Kreisen die Anschauung verbreitet ist: Wir miissen nur das 
Wirtschaftsleben umgestalten, die wirtschaftlichen Einrichtungen, dann 
wird alles andere, das Rechtsleben, das Geistesleben, von selber so kom- 
men, wie aus wirtschaftlich richtig, gut, sozial gestalteten Einrichtun- 
gen dieses Geistes- und dieses Rechtsleben sich ergeben werden. 



Unter dem Einf lusse dieses Gesichtspunktes ist verkannt worden, urn 
was es sich eigentlich handelt in der neueren sozialen Frage. Es ist ge- 
wissermajKen durch eine grofie Tauschung, durch eine gewaltige Illusion 
von diesem Dogma zugedeckt, verhiillt worden. Es handelt sich nam- 
lich eigentlich darum: Gerade dieses ist ein Ergebnis der neueren Ge- 
schichte der Menschheit, dafi die Abhangigkeit des Rechts- und Geistes- 
lebens vom Wirtschaftsleben uberwunden werden mui Und wahrend 
weite sozialistische Kreise heute denken, das Wirtschaftsleben miisse 
zunachst anders gestaltet werden, dann ergebe sich alles andere von 
selbst, hat man sich die Frage vorzulegen: Welche Verhaltnisse miissen 
auf dem Gebiete des Rechtes, des Geisteslebens fur sich geschaffen wer- 
den, damit aus dem erneuerten geistigen, aus dem erneuerten Rechts- 
leben heraus wirtschaftliche Zustande entstehen, die den Forderungen 
eines menschenwiirdigen Daseins entsprechen? Nicht: Wie machen wir 
immer mehr und mehr das Rechtsleben, das Geistesleben abhangig vom 
Wirtschaftsleben? - sondern: Wie kommen wir heraus aus der Ab- 
hangigkeit? - das ist es vor alien Dingen, was gef ragt werden mufi. 

Diese Betrachtung ist eine sehr wichtige, denn sie zeigt uns, welche 
Hindernisse da sind fur eine vorurteilslose Auffassung der sozialen 
Frage der Gegenwart, und wie eines der wichtigsten Hindernisse ein 
Dogma ist, das sich im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hat. Und 
dieses Dogma hat sich so festgesetzt, dafi zahlreiche Gebildete und Un- 
gebildete der Gegenwart, Proletarier und Nichtproletarier, einen heute 
geradezu auslachen, wenn man glaubt, daft irgendwie von einer an- 
deren Seite her als durch eine Umgestaltung des Wirtschaf tslebens auch 
eine Gesundung des Rechtslebens und des Geisteslebens kommen konne. 

Nun ist heute meine Aufgabe, iiber das Rechtsleben, ubermorgen, 
iiber das Geistesleben zu sprechen. Das Rechtsleben hat ja auch in seiner 
eigenen Wesenheit und Bedeutung die Menschen vielfach vor die Frage 
gestellt: Welchen Ursprung hat eigentlich das Recht? Welchen Ur- 
sprung hat das, wovon die Menschen in ihrem gegenseitigen Verhalten 
sagen, es sei rechtens? - Diese Frage ist ja immer fur die Menschen eine 
sehr, sehr wichtige gewesen. Allein es ist sehr merkwurdig, dafi bei 
einem weiten Kreise sozial betrachtender Personlichkeiten die eigent- 
liche Rechtsfrage, man mochte sagen, in ein Loch gef alien ist, gar nicht 



mehr da ist. Gewifi, akademisch theoretische Erorterungen sind auch 
heute viele vorhanden iiber Wesen, Bedeutung des Rechtes und so wei- 
ter, aber in der sozialen Betrachtung weiter Kreise ist gerade dieses das 
Charakteristische, dafi die Rechtsfrage mehr oder weniger durchge- 
f alien ist. 

Wenn ich Ihnen das erortern soil, mufi ich Sie auf etwas aufmerksam 
machen, das in der Gegenwart ja schon immer haufiger und haufiger 
hervortritt, wahrend es noch vor kurzer Zeit ganz iibersehen worden 
ist. Die Menschen haben unhaltbare soziale Zustande heraufkommen 
sehen. Auch diejenigen, die in ihrer eigenen Lebenshaltung mehr oder 
weniger unberiihrt geblieben sind von diesen unsozialen Zustanden, 
haben versucht, daruber nachzudenken. Und wahrend vor verhaltnis- 
mafiig kurzer Zeit es wirklich radikal so war, wie ich es eben ausge- 
sprochen habe, dafi man eigentlich nur gelacht hat, wenn etwas er- 
wartet worden ist von Rechts- und Geistesfragen fur die wirtschaft- 
lichen Zustande, tritt einem heute — aber wie aus dunklen Geistestief en, 
konnte man sagen - schon immer mehr und mehr die Behauptung ent- 
gegen: Ja, im gegenseitigen sozialen Verhalten der Menschen komme 
doch auch so etwas in Betracht wie seelische Fragen und Rechtsfragen; 
und vieles in der Verwirrung der sozialen Zustande riihre heute davon 
her, dafi man die seelischen Verhaltnisse der Menschen, die psychischen 
Verhaltnisse und die rechtlichen Verhaltnisse in ihrer Selbstandigkeit 
zu wenig beriicksichtigt habe. - Also es wird schon ein wenig, weil es 
handgreiflich ist, darauf hingewiesen, dafi von einer anderen als von 
der rein tatsachlichen, wirtschaftlichen Seite her das Heil kommen 
miilke. Aber in der praktischen Besprechung der Frage kommt das 
noch wenig zur Geltung. 

Es ist wie ein roter Faden, der sich durch alles, was neuere sozia- 
listisch Denkende von sich geben, hindurchzieht: dafi eine gesellschaft- 
liche Struktur herbeigefuhrt werden musse, in welcher die Menschen 
leben konnen nach ihren Fahigkeiten und nach ihren Bediirfnissen. Ob 
das mehr oder weniger grotesk radikal ausgestaltet wird oder mehr nach 
konservativer Gesinnung, darauf kommt es nicht an; wir horen iiberall: 
Die Schaden der gegenwartigen sozialen Ordnung beruhten zum gro&en 
Teile darauf, da£ der Mensch nicht in der Lage sei, innerhalb der 



gegenwartigen gesellschaftlichen Ordnung seine Fahigkeiten wirklich 
voll anzuwenden; auf der anderen Seite, dafi diese gesellschaftliche 
Ordnung eine solche sei, dafi er seine Bediirfnisse nicht befriedigen 
konne, namentlich dafi nicht eine gewisse Gleichmafiigkeit in der Be- 
friedigung der Bediirfnisse herrsche. 

Man geht, indem man dieses ausspricht, auf zwei Grundelemente des 
menschlichen Lebens zuriick. Fahigkeiten, das ist etwas, das sich mehr 
bezieht auf das menschliche Vorstellen. Denn alle Fahigkeiten ent- 
springen zuletzt beim Menschen, da er bewuik handeln mufi, aus seiner 
Vorstellung, aus seinem Denkwillen. Gewifi, das Gefiihl mufi fort- 
wahrend die Fahigkeiten des Vorstellens anfeuern, sie begeistern; aber 
das Gefiihl als solches kann nichts machen, wenn nicht die grundlegende 
Vorstellung da ist. Also wenn man von den Fahigkeiten spricht, auch 
wenn man von den praktischen Geschicklichkeiten spricht, kommt man 
zuletzt auf das Vorstellungsleben. Das ging also einer Anzahl von Men- 
schen auf, dafi da gesorgt werden miisse dafiir, dafi der Mensch in der 
sozialen Struktur sein Vorstellungsleben zur Geltung bringen konne. 
Das andere, was dann geltend gemacht wird, geht mehr auf das Lebens- 
element des Wollens im Menschen. Das Wollen, das mit dem Begehren, 
mit der Bediirftigkeit nach diesen oder jenen Erzeugnissen zusammen- 
hangt, ist eine Grundkraft des menschlichen Wesens. Und wenn man 
sagt, der Mensch solle leben konnen in einer sozialen Struktur nach sei- 
nen Bedurfnissen, so sieht man auf das Wollen. 

Ohne dafi sie es wissen, reden also selbst die Marxisten vom Men- 
schen, indem sie ihre soziale Frage aufwerfen und eigentlich glauben 
machen mochten, dafi sie nur von Einrichtungen sprechen. Sie sprechen 
wohl von Einrichtungen, aber diese Einrichtungen wollen sie so gestal- 
ten, dafi das Vorstellungsleben, die menschlichen Fahigkeiten, zur Gel- 
tung kommen konnen, und dafi die menschlichen Bediirfnisse gleich- 
maftig befriedigt werden konnen, so wie sie vorhanden sind. 

Nun gibt es etwas sehr Eigentumliches in dieser Anschauung. In die- 
ser Anschauung kommt namlich ein Lebenselement des Menschen gar 
nicht zur Geltung, und das ist das Gefiihlsleben. Sehen Sie, wenn man 
sagen wiirde: Man bezwecke, man wolle erzielen eine soziale Struktur, 
in der die Menschen leben konnen nach ihren Fahigkeiten, nach ihren 



Gefiihlen, nach ihren Bediirfnissen — , so wiirde man den ganzen Men- 
schen treffen. Aber kurioserweise lafit man, indem man in umfang- 
licher Weise charakterisieren will, welches das soziale Ziel fur den Men- 
schen ist, das Gefiihlsleben des Menschen aus. Und wer das Gefiihls- 
leben in seiner Menschheitsbetrachtung auslafk, der lafk eigentlich jede 
Betrachtung iiber die wirklichen Rechtsverhaltnisse im sozialen Orga- 
nismus aus. Denn die Rechtsverhaltnisse konnen sich nur so entwickeln 
im Zusammenleben der Menschen, wie sich in diesem Zusammenleben 
der Menschen Gefiihl an Gefiihl abstreift, abschleift. So wie die Men- 
schen gegenseitig zueinander fiihlen, so ergibt sich, was offentliches 
Recht ist. Und daher mufite, weil man in der Grundfrage der sozialen 
Bewegung das Lebenselement des Gefuhls wegliefi, die Rechtsfrage 
eigentlich, wie ich sagte, in ein Loch fallen, verschwinden. Und es han- 
delt sich darum, dafi man gerade diese Rechtsfrage in das richtige Licht 
riickt. Gewift, man weifi, dafi ein Recht vorhanden ist, aber man mochte 
das Recht bloft als ein Anhangsel der wirtschaf tlichen Verhaltnisse hin- 
stellen. 

Und wie entwickelt sich im menschlichen Zusammenleben das Recht? 
Sehen Sie, eine Definition des Rechtes zu geben, ist oftmals versucht 
worden, aber niemals ist eigentlich eine befriedigende Definition des 
Rechtes herausgekommen. Ebensowenig ist viel herausgekommen, wenn 
man den Ursprung des Rechtes untersucht hat, wo das Recht her- 
stammt. Man wollte diese Frage beantworten. Es ist niemals richtig 
etwas dabei herausgekommen. Warum nicht? Es ist geradeso wie wenn 
man irgendwie aus der menschlichen Natur und blofi aus der mensch- 
lichen Natur die Sprache entwickeln wollte. Es ist oftmals gesagt wor- 
den, und es ist richtig: Der Mensch, der auf einer einsamen Insel auf- 
wachst, wiirde niemals zum Sprechen kommen, denn die Sprache ent- 
ziindet sich an den anderen Menschen, an der ganzen menschlichen 
Gesellschaft. 

So entziindet sich aus dem Gefiihl im Zusammenwirken mit dem 
Gefiihl des anderen innerhalb des offentlichen Leber. s das Recht. Man 
kann nicht sagen, es entspringe das Recht aus diesem oder jenem Winkel 
des Menschen oder der Menschheit, sondern man kann nur sagen: Die 
Menschen kommen durch ihre Gefuhle, die sie gegenseitig fiireinander 



entwickeln, in solche Beziehungen, dafi sie diese Beziehungen in Rech- 
ten festlegen, festsetzen. Das Recht ist also etwas, nach welchem so ge- 
fragt werden sollte, dafi man vor alien Dingen auf seine Entwickelung 
innerhalb der menschlichen Gesellschaft hinsieht. Dadurch aber kommt 
die Rechtsbetrachtung fur den modernen Menschen gerade in unmittel- 
bare Nahe dessen, was sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der 
neueren Menschheit als die demokratische Forderung. 

Man kommt dem Wesen solcher Forderungen, wie es die demokrati- 
sche Forderung ist, nicht nahe, wenn man nicht die menschliche Ent- 
wickelung selber wie eine Art Organismus ansieht. Aber davon sind die 
gegenwartigen Betrachtungsweisen sehr, sehr weit entfernt. Jeder 
Mensch empfindet es gewifi als etwas sehr Lacherliches und Paradoxes, 
wenn man erklaren wollte, wie der Mensch von der Geburt bis zum 
Tode sich entwickelt unter dem Einflufi der Nahrungsmittel; wenn 
man erklaren wollte, weil der Kohl so ist, der Weizen so ist, das Rind- 
fleisch so ist, entwickelt sich der Mensch von seiner Geburt bis zum 
Tode so und so. Nein, niemand wird zugeben, dafi das eine verniinf tige 
Betrachtungsweise ist, sondern jeder wird zugestehen, dafi man fragen 
mufi: Wie ist es in der menschlichen Natur selbst begriindet, daft zum 
Beispiel um das siebente Jahr herum aus dieser menschlichen Natur 
heraus die Krafte kommen, die den Zahnwechsel bewirken? Man kann 
nicht aus dem Kohl, aus dem Rindf leisch die Konsequenzen ziehen, dafi 
der Zahnwechsel sich vollzieht. Ebenso mu£ man fragen: Wie entwik- 
kelt sich aus dem menschlichen Organismus heraus dasjenige, was zum 
Beispiel die Geschlechtsreife darstellt? - und so weiter. Man mufi auf 
das, was sich entwickelt, auf seine innere Natur eingehen. 

Suchen Sie sich unter den heutigen Vorstellungsarten aber eine, wel- 
che das auf die menschliche Entwickelungsgeschichte anwenden kann, 
welche sich zum Beispiel klar dariiber ware, dafi, indem die Menschheit 
auf der Erde sich entwickelt, sie aus sich, aus ihrem Wesen heraus in den 
verschiedenen Zeitaltern gewisse Krafte und Fahigkeiten, gewisse 
Eigentumlichkeiten entwickelt! 

Wer lernt, sachgemafi zu sein in der Naturbetrachtung, kann diese 
sachgemafte Betrachtungsweise auch ubertragen auf die Geschichts- 
betrachtung. Und da findet man, daft aus den Tiefen der Menschen- 



natur hervorgehend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eben gerade 
diese Forderung nach Demokratie sich entwickelt hat und in den ver- 
schiedenen Gegenden der Erde mehr oder weniger befriedigt worden ist, 
diese Forderung: dafi der Mensch in seinem Verhalten zu anderen Men- 
schen nur dasjenige gelten lassen kann, was er selbst als das Richtige, als 
das ihmAngemessene empfindet. Das demokratische Prinzip ist aus den 
Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Stre- 
bens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine 
elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische 
Prinzip. 

Wer diese Dinge durchschaut, der mulS sie aber auch vollig ernst 
nehmen, der mufi sich dann die Frage aufwerfen: Welches ist die Be- 
deutung und welches sind die Grenzen des demokratischen Prinzipes? — 
Das demokratische Prinzip — ich habe es eben charakterisiert — besteht 
darinnen, daft die in einem geschlossenen sozialen Organismus zusam- 
menlebenden Menschen Beschliisse fassen sollen, welche aus jedem ein- 
zelnen hervorgehen. Dann konnen sie natiirlich nur fiir die Gesellschaft 
bindende Beschliisse dadurch werden, dafi sich Majoritaten ergeben. 
Demokratisch wird, was in solche Majoritatsbeschliisse einlauft, nur 
dann sein, wenn jeder einzelne Mensch als einzelner Mensch dem an- 
deren einzelnen Menschen als ein gleicher gegeniibersteht. Dann aber 
konnen auch nur iiber diejenigen Dinge Beschliisse gefafit werden, in 
denen der einzelne Mensch als gleicher jedem anderen Menschen in 
Wirklichkeit gleich ist. Das heifit: Es konnen nur Beschliisse gefafit 
werden auf demokratischem Boden, iiber die jeder miindig gewordene 
Mensch dadurch, dafi er miindig geworden ist, urteilsfahig ist. Damit 
aber haben sie — ich meine so klar als nur moglich — der Demokratie 
ihre Grenzen gezogen. Es kann ja nur dasjenige auf dem Boden der 
Demokratie beschlossen werden, was man einfach dadurch beurteilen 
kann, daft man ein miindig gewordener Mensch ist. 

Dadurch schlie&t sich aus von demokratischen Mafiregeln alles, was 
sich auf die Entwickelung der menschlichen Fahigkeiten im offent- 
lichen Leben bezieht. Alles, was Erziehung und Unterrichtswesen, was 
geistiges Leben iiberhaupt ist, erfordert die Einsetzung des individuellen 
Menschen - wir werden iibermorgen im genaueren davon sprechen 



erfordert vor alien Dingen wirkliche individuelle Menschenkenntnis, 
erfordert in dem Unterrichtenden, in dem Erziehenden besondere indi- 
viduelle Fahigkeiten, die durchaus nicht dem Menschen dadurch eignen 
konnen, dafi er einfach ein miindig gewordener Mensch ist. Entweder 
nimmt man es mit der Demokratie nicht ernst: dann lafit man sie be- 
schliefien auch iiber alles, was an individuellen Fahigkeiten hangt; oder 
man nimmt es mit der Demokratie ernst: dann mufi man ausschliefien 
von der Demokratie die Verwaltung des Geisteslebens auf der einen 
Seite. Man mufi aber auch ausschliefien von dieser Demokratie, was 
Wirtschaftsleben ist. Alles was ich gestern entwickelt habe, beruht auf 
Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit, die sich der einzelne erwirbt in dem 
Lebenskreis wirtschaftlicher Art, in dem er drinnensteht. Niemals kann 
einfach die Miindigkeit, die Urteilsfahigkeit jedes miindig gewordenen 
Menschen dariiber entscheiden, ob man ein guter Landwirt, ob man ein 
guter Industrieller und dergleichen ist. Daher konnen auch nicht Majo- 
ritatsbeschliisse gefafk werden von jedem miindig gewordenen Men- 
schen iiber dasjenige, was auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens zu 
geschehen hat. 

Das heifk, das Demokratische mufi ausgesondert werden von dem 
Boden des Geisteslebens, von dem Boden des Wirtschaftslebens. Dann 
ergibt sich zwischen beiden das eigentliche demokratische Staatsleben, 
in dem ein jeder Mensch dem anderen als urteilsfahiger, miindiger, 
gleicher Mensch gegeniibersteht, in dem aber auch nur Majoritats- 
beschliisse gefafk werden konnen iiber das, was abhangt von der glei- 
chen Urteilsfahigkeit aller miindig gewordenen Menschen. 

Wer diese Dinge, die ich eben ausgesprochen habe, nicht einfach ab- 
strakt denkend sagt, sondern sie am Leben abmifk, der sieht, dafi die 
Menschen gerade deshalb sich iiber diese Dinge tauschen, weil sie eigent- 
lich unbequem vorzustellen sind, weil man nicht den Mut entwickeln 
mochte, in die letzten Konsequenzen dieses menschlichen Vorstellens 
einzudringen. 

Das aber, dafi man das nicht wollte, dafi man der allgemeinen For- 
derung nach Demokratie nicht ganz andere Dinge entgegenstellte, das 
hatte in der neueren Menschheitsentwickelung eine sehr, sehr praktische 
Bedeutung. Ich mochte Ihnen diese Dinge viel weniger aus abstrakten 



Prinzipien als aus der historischen Entwickelung der Menschheit selber 
heraus gestalten. 

Wir haben in diesen Jahren einen Staat zugrunde gehen sehen, man 
mochte sagen: aus semen eigenen Bedingungen heraus zugrunde gehen 
sehen, und dieser Staat kann geradezu als Experimentierobjekt auch fiir 
Rechtsfragen angesehen werden. Es ist das alte, nicht mehr bestehende 
Dsterreich-Ungarn. Wer die Kriegsjahre verfolgt hat, der weifi zwar, 
dafi zuletzt Dsterreich gefallen ist durch die rein kriegerischen Ereig- 
nisse, aber die Auflosung dieses osterreichischen Staates ist erfolgt als 
eine zweite Erscheinung, als etwas, was sich aus seinen inneren Zustan- 
den heraus ergeben hat. Dieser Staat ist auseinandergefallen, und er 
ware wahrscheinlich auch auseinandergefallen, wenn die kriegerischen 
Ereignisse fiir Dsterreich glimpflicher ausgefallen waren. Das kann 
man sagen, wenn man diese Verhaltnisse in Dsterreich — wie es dem 
moglich war, der hier vor Ihnen spricht; dreifiig Jahre meines Lebens 
habe ich in Dsterreich zugebracht - durch Jahrzehnte hindurch sach- 
gemafi beobachtet hat. 

Es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da trat aus 
diesem Dsterreich die Forderung hervor nach Demokratie, das heifk 
nach einer Volksvertretung. Wie wurde nun diese Volksvertretung ge- 
staltet? Diese Volksvertretung wurde so gestaltet, daf$ die Volksver- 
treter sich rekrutierten im osterreichischen Reichsrat aus vier Kurien, 
vier Kurien rein wirtschaftlicher Art: erstens die Kurie der Grofigrund- 
besitzer, eine Kurie; zweitens die Stadte, Markte und Industrialorte, 
zweite Kurie; drittens die Handelskammern, dritte Kurie; die vierte 
Kurie waren die Landgemeinden, aber da kamen auch in den Land- 
gemeinden nur eigentlich wirtschaftliche Interessen in Frage. Je nach- 
dem man also Angehoriger einer Landgemeinde, Handelskammer und 
so weiter war, wahlte man seine Vertreter in den osterreichischen Reichs- 
rat. Und da safien nun die Vertreter rein wirtschaftlicher Interessen bei- 
sammen. Die Beschlusse, die sie fafSten, kamen, durch Majoritat selbst- 
verstandlich, aus einzelnen Menschen heraus zustande, aber die einzel- 
nen Menschen vertraten solche Interessen, wie sie sich ihnen ergaben 
aus ihrcr wirtschaftlichen Zugehorigkeit zu den Grund- und Bod en - 
besitzern, zu den Stadten, Markten und Industrialorten, zu den Han- 



delskammern oder zu den Landgemeinden. Und was kamen fur of fent- 
liche Rechte, die durch Majoritatsbeschliisse gefafit worden sind, 
dadurch zum Vorschein? Es kamen dadurch offentliche Rechte zum 
Vorschein, die nur umgewandelte Wirtschaftsinteressen waren. Denn 
selbstverstandlich, wenn zum Beispiel die Handelskammern mit den 
Grofigrundbesitzern einig waren iiber irgend etwas, was ihnen wirt- 
schaftliche Vorteile brachte, so konnte ein Majoritatsbeschlu£ gefafit 
werden gegen die Interessen der Minderheit, die vielleicht gerade die 
Sache anging. Man kann immer, wenn Interessenvertretungen wirt- 
schaftlicher Art in den Parlamenten sitzen, Majoritaten zusammen- 
bringen, die aus den wirtschaftlichen Interessen heraus Beschliisse fas- 
sen, dadurch Rechte schaf fen, die aber gar nichts zu tun haben mit dem, 
was aus dem Gefiihl heraus von Mensch zu Mensch als Rechtsbewulk- 
sein waltet. 

Oder nehmen Sie die Tatsache, dafi zum Beispiel in dem alten deut- 
schen Reichstag eine grofie Partei safi, die sich Zentrum nannte, und die 
rein geistige Interessen, namlich katholisch-geistige Interessen vertrat. 
Diese Partei konnte sich zusammenschliefien mit jeder anderen, um eine 
Majoritat zu ergeben, und so wurden rein geistige Bediirfnisse in irgend- 
welche offentlichen Rechte umgewandelt. Unzahlige Male ist dies ge- 
schehen. 

Was da lebt in den demokratisch werden wollenden modernen Par- 
lamenten, hat man oftmals bemerkt. Aber man ist nicht darauf ge- 
kommen, einzusehen, was zu geschehen hat: Eine reinliche Abscheidung 
desjenigen, was das Rechtsleben ist, von dem, was die Vertretung, die 
Verwaltung wirtschaftlicher Interessen ist. Der Impuls fur die Drei- 
gliederung des sozialen Organismus mufi daher in entschiedenster Weise 
die Abgliederung des Rechtslebens, des Rechtsbodens von der Verwal- 
tung der wirtschaftlichen Verhaltnisse, von der Verwaltung des Wirt- 
schaftskreislaufes fordern. 

Innerhalb des Wirtschaftskreislaufes sollen sich Assoziationen bil- 
den, wie ich gestern auseinandergesetzt habe. Es werden Berufsstande 
einander gegeniiberstehen, es werden Produzenten und Konsumenten 
einander gegeniiberstehen. Was da geschehen wird an rein wirtschaft- 
lichen Tatsachen und Mafinahmen, das wird beruhen auf Vertragen, die 



die Assoziationen miteinander schlieiSen. Im Wirtschaftsleben wird alles 
auf Vertragen, alles auf gegenseitigen Leistungen beruhen. Da werden 
Korporationen Korporationen gegeniiberstehen. Da wird Sachkenntnis 
und Fachtiichtigkeit den Ausschlag zu geben haben. Da wird es sich 
nicht darum handeln, was ich fiir eine Meinung habe, sagen wir, wenn 
ich Industrieller bin, welche Geltung gerade mein Industriezweig im 
offentlichen Leben haben soli; nein, dariiber werde ich nichts beschlie- 
l$en konnen, wenn das Wirtschaftsleben selbstandig ist, sondern ich 
werde zu leisten haben in meinem Industriezweige, werde Vertrage zu 
schliefien haben mit den Assoziationen anderer Industriezweige, und 
die werden mir die Gegenleistungen zu bieten haben. Ob ich in der Lage 
bin, sie zu Gegenleistungen zu verhalten, davon wird es abhangen, ob 
ich meine Leistungen anbringen kann. Vertragsweise wird sich eine 
Tiichtigkeitsassoziation abschliefien. Das ist es, was Tatsachen sind. 

Anders mufi sich das Leben abspielen auf dem Rechtsboden. Auf 
dem Rechtsboden kann der Mensch dem Menschen gegeniiberstehen. 
Auf dem Rechtsboden kann es sich nur handeln um die Festlegung von 
Gesetzen, die eben die offentlichen Rechte durch Majoritatsbeschliisse 
regeln. Gewifi, sehr viele Menschen sagen: Aber was ist denn schlieft- 
lich das off entliche Recht? Es ist ja nichts anderes als dasjenige, was, in 
Worte gefafit, in Gesetze bringt, was in den wirtschaftlichen Zustanden 
lebt! - Es ist in vieler Beziehung so. Aber das lafit die Idee von der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus, wie sie die Wirklichkeit uberhaupt 
nicht unberiicksichtigt laftt, durchaus nicht aufier acht: Was sich durch 
die Beschliisse auf demokratischem Boden als rechtens ergibt, das tragen 
selbstverstandlich die Menschen, die wirtschaften, in das Wirtschafts- 
leben hinein. Nur sollen sie es nicht heraustragen und zum Rechte erst 
machen. Sie tragen es in das Wirtschaftsleben hinein. 

Abstraktlinge, die sagen: Ja, aber ist denn nicht im aufieren Leben 
dasjenige, was der eine mit dem anderen wirtschaftet, wenn er einen 
Wechsel ausstellt oder dergleichen, und was sich da im Wechselrecht 
ergibt, ganz in der Handlung des wirtschaftlichen Lebens drinnen ent- 
halten? Ist denn das nicht eine vollige Einheit? Und du kommst, Drei- 
gliederer, und willst das, was im Leben eine vollige Einheit ist, jetzt 
auseinandernehmen ! 



Als ob es nicht im Leben - gerade in dem Leben, wo der Mensch kei- 
nen Zutritt hat mit seinen Meinungen und das er dadurch nicht ver- 
derben kann - viele Gebiete gabe, wo sich Kraftestromungen von ver- 
schiedenen Seiten her zu einer Einheit verbinden! Nehmen Sie einmal 
bei dem Menschen, der heranwachst, an: er hat verschiedene Eigen- 
schaften, die er durch Vererbung bekommen hat. Die haften ihm an. 
Dann hat er gewisse Eigenschaften, die ihm anerzogen werden. Von 
zwei Seiten her bekommt der heranwachsende Mensch Eigenschaften: 
durch Vererbung, durch Erziehung. Aber tun Sie etwas, wenn Sie fiinf- 
zehn Jahre alt geworden sind, so konnen Sie nicht sagen, es sei keine 
Einheit, was Sie tun! Es fliefien als eine Einheit zusammen das Ergebnis 
Ihrer Vererbung und das Ergebnis Ihrer Erziehung. Dadurch lebt eine 
Einheit drinnen, aber nur dadurch richtig als eine Einheit, dafi es von 
zwei Seiten zusammenstromt. Gerade dadurch wird es eine gesunde Ein- 
heit, dafi es von zwei Seiten zusammenstromt. 

So ergibt sich aus der Wirklichkeit des Lebens fur die Idee des sozia- 
len dreigegliederten Organismus, dafi eine gesunde Einheit fiir das 
Handeln im Wirtschaftlichen nur entsteht, insofern Rechtsbegriffe 
darinnen inbegriffen werden, dadurch, dafi die wirtschaftlichen Mafi- 
nahmen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten selbstandig verwaltet 
werden, und dafi auf dem demokratischen Rechtsboden die Rechte 
geschaffen werden. Die Menschen tragen das dann zu einer Einheit 
zusammen. Es wirkt zusammen, wahrend Sie, wenn Sie die Rechte 
aus den Interessen des Wirtschaftens selber heraus entstehen lassen, 
diese Rechte zu Karikaturen machen. Es ist dann das Recht nur 
eine Photographie, nur ein Abdruck des wirtschaftlichen Interesses. Es 
ist das Recht gar nicht da. Nur dadurch, dafi Sie das Recht urspriing- 
lich und uranfanglich entstehen lassen auf seinem selbstandigen demo- 
kratischen Boden, konnen Sie es hineintragen in das Wirtschafts- 
leben. 

Man sollte glauben, dies 
…[truncated]