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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER DAS SOZIALE LEBEN
UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Soziale Zukunft
Sechs Vortrage mit Fragenbeantwortungen
gehalten in Zurich
vom 24. bis 30. Oktober 1919
1977
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach Tom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Paul G. Bellmann und Walter Kugler
1. Auflage, herausgegeben durch Roman Boos,
Bern 1950
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1977
Bibliographie-Nr. 332a
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Scliweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-3325-6
INHALT
ErsterVortrag, Zurich, 24. Oktober 1919 7
Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaf tsfrage
Zur Entwickelungsgeschichte der Nationalokonomie. Folgen der na-
turwissenschaftlich orientierten Weltanschauung fiir die Menschheit.
Obereinstimmungen in den GesellschaftskritikenWoodrow Wilsons,
Lenins und Trotzkis hinsichtlich des Verhaltnisses von Rechts- und
Wirtschaftsleben. Das Zusammenwirken von Wirtschaft, Recht und
Geist in den Anschauungen von Marx und Engels. Zur Abgrenzung
der einzelnen Glieder des sozialen Organismus.
Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag 28
Zweiter Vortrag, 25. Oktober 1919 37
Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage. Die Umwand-
lung des Marktes. Preisgestaltung. Geld- und Steuerwesen.
Kredit
Die Dreigliederungsidee und ihre geschichtlichen Grundimpulse.
Strukturprinzipien der einzelnen sozialen Glieder. Geist als Trieb-
kraft moderner Technologic "Ober die Notwendigkeit der Unter-
scheidung zwischen Genossenschafts- und Assoziationsprinzip. Die
Bedeutung der Geldwirtschaft fiir die wirtschaftliche und soziale
Entwickelung. Die Umgestaltung des Marktes als Folge der Bildung
von Wirtschaftsassoziationen. Geld als «fliefiende Buchhaltung»,
dargestellt am Beispiel des Steuerwesens.
Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag 63
Dritter Vortrag, 26. Oktober 1919 76
Rechtsfragen. Aufgabe und Grenze der Demokratie. Offent-
liche Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege
Zur Abhangigkeit des Rechtslebens vom Wirtschaftsleben. Die Ent-
wickelung des Rechtes im menschlichen Zusammenleben. Bedeutung
und Grenzen des demokratischen Prinzips. uffentliche Rechte als
umgewandeltes Wirtschafts- und Geistesleben in vergangenen und
bestehenden Gesellschaftssystemen. Ober den Zusammenhang der
Beziehungen des Einzelnen zur Gesellschaft. Das Verhaltnis von
Rechts- und Geistesleben.
Fragenbeantwortung nach dem dritten Vortrag
97
Vierter Vortrag, 28. Oktober 1919 112
Geistesfragen. Geisteswissenschaft (Kunst, "Wissenschaft, Reli-
gion). Erziehungswesen. Soziale Kunst
Die Umwandlung des Denkens als Voraussetzung fiir soziale Erneue-
rung. Kunst, Wissenschaft, Religion und ihr Verhaltnis zum realen
Leben. Wesen und Bedeutung der Geisteswissenschaft. Ober die Not-
wendigkeit der Oberwindung althergebrachter naturwissenschaft-
licher Anschauungen durch moderne Geisteswissenschaft. Das Goe-
theanum als Reprasentant einer wirklichkeitsgemafien Geistesfor-
schung. Er ziehung auf der Grundlage der Erkenntnis des werdenden
Menschen. Eurythmie - eine soziale Kunst.
Fragenbeantwortung nach dem vierten Vortrag 139
Funfter Vortrag, 29. Oktober 1919 151
Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschafts-
lebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus
Der Dreigliederungsimpuls als Resultat objektiver entwickelungs-
geschichtlicher Beobachtungen. Der Einheitsstaat und die Notwen-
digkeit seiner Oberwindung durch die Dreigliederung. Kritik gegen-
wartiger Denkgewohnheiten an Beispielen der Steuergesetzgebung,
der Kapitalverwaltung und des Besitzes an Produktionsmitteln. Von
der Machtgesellschaf t zur Gemeingesellschaft.
Fragenbeantwortung nach dem f iinf ten Vortrag 1 73
Sechster Vortrag, 30.Oktober 1919 185
Das nationale und internationale Leben im dreigegliederten
sozialen Organismus
Egoismus und Liebe als Grundimpulse menschlichen Zusammen-
lebens. Nationalismus und Internationalismus und ihre Entstehungs-
momente in der Natur des Menschen. Altruismus und Egoismus im
Wirtschaftsleben. Bedingungen fiir eine Weltwirtschaft. Die Bedeu-
tung des Geisteslebens fiir das internationale Zusammenleben der
Volker. Der Idealismus und sein Verhaltnis zur Lebenspraxis. Wahr-
heit und "Wirklichkeit.
Fragenbeantwortung nach dem sechsten Vortrag 208
Hinweise 220
Personenregister 235
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 237
ERSTER VORTRAG
Zurich, 24.0ktober 1919
Die soziale Frage als Geistes-, Rechts-
und Wirtschaftsfrage
Wer heute iiber die soziale Frage denkt, dem sollte vor Augen stehen,
daft diese Frage, nach den Lehren gewaltiger Tatsachen der neueren
und neuesten Zeit, nicht mehr aufgefafit werden kann als irgendeine
Parteifrage, als eine Frage, die hervorgeht blofi aus den subjektiven
Forderungen einzelner Menschengruppen, sondern dafi sie aufgefaftt
werden mufi als eine Frage, welche das geschichtliche Leben selbst an
die Menschheit stellt.
Wenn ich von einschneidenden Tatsachen, die zu dieser Anschauung
fuhren miissen, spreche, so brauche ich ja nur hinzuweisen darauf, wie
seit reichlich mehr als einem halben Jahrhunderte die proletarisch-
sozialistische Bewegung immer mehr und mehr angewachsen ist. Und
man kann ja nach seinen eigenen Anschauungen, nach seinen eigenen
Lebensverhaltnissen kritisch oder anerkennend, wie immer, zu den An-
schauungen stehen, welche in dieser sozialistisch-proletarischen Bewe-
gung zutage getreten sind, man mufi sie aber als eine geschichtliche Tat-
sache hinnehmen, mit der in sachlicher Weise zu rechnen ist. Und wer
die schreckensvollen letzten Jahre des sogenannten Weltkrieges ins
Auge faftt, der wird sich nicht verhehlen konnen - wenn er auch da
und dort anders geartete Ursachen und Veranlassungen zu diesen
Schreckensereignissen sehen mufi -, dafi die sozialen Forderungen, die
sozialen Gegensatze letzten Endes zu einem grofien Teile das Furcht-
bare herbeigefuhrt haben, und namentlich, dafi sich jetzt, wo wir am
Ausgange, am vorlaufigen Ausgange dieser Schreckensereignisse stehen,
klar und deutlich zeigt, wie iiber einen grofien Teil der zivilisierten
Welt hin die soziale Frage sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten
Weltkrieg herausgestaltet. Wenn sie sich wie ein Ergebnis aus diesem
sogenannten Weltkrieg herausgestaltet, so mufi es ja ohne Zweifel auch
gelten, daft sie irgendwie in ihm darinnengesteckt hat.
Nun wird aber kaum jemand die in Frage kommende Tatsache rich-
tig beachten, der sie nur ansieht von dem allernachsten, of tmals person-
lichen Standpunkte, wie es ja heute so sehr iiblich ist, der nicht seinen
Horizont erweitern kann iiber das menschliche Geschehen im allgemei-
nen. Und diese Erweiterung des Horizontes, das ist es, was angestrebt
wird in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was ins-
besondere fur die Schweiz ausgebaut werden soli durch die Zeitschrift
«Soziale Zukunft», die hier in Zurich erscheint.
Nun mufi man sagen, dafi zunachst die meisten Menschen, die heute
iiber die soziale Frage sprechen, in ihr ganz naturgemafi eine Wirt-
schaftsfrage sehen, ja zunachst iiberhaupt kaum etwas anderes als eine
Brotfrage, und hochstens eben noch, das zeigen ja die Tatsachen deut-
licL eine Frage der menschlichen Arbeit, eine Brot- und eine Arbeits-
frage. Man mufi, wenn man gerade die soziale Frage als eine Brot- und
als eine Arbeitsfrage behandeln will, sich klar dariiber werden, dafi der
Mensch dadurch Brot hat, dafi die Menschengemeinschaft ihm dieses
Brot erzeugt, und dafi diese Menschengemeinschaft dieses Brot nur
erzeugen kann, wenn Arbeit verrichtet wird.
Aber die Art und Weise, wie gearbeitet werden soil und mufi, sie
hangt zusammen, im grofien und kleinen, mit der Art und Weise, wie
die menschliche Gesellschaft, irgendein geschlossenes Gebiet dieser
menschlichen Gesellschaft, ein Staatsgebilde zum Beispiel, organisiert
ist. Und wer einen etwas weiteren Blick sich aneignet, der wird bald
sehen, dafi ein Stiickchen Brot nicht teurer oder billiger werden kann,
ohne da!5 sich vieles, ungeheuer vieles andert in der ganzen Struktur des
sozialen Organismus. Und wer dann auf die Art und Weise, wie der
einzelne mit seiner Arbeit in diesen sozialen Organismus eingreift, sei-
nen Blick richtet, wird sehen, dafi, ob der einzelne auch nur um eine
Viertelstunde langer oder kiirzer arbeitet, dies sich ausdriickt in der Art
und Weise, wie die Gesellschaft eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes
Brot und Geld fur den einzelnen hat. Sie sehen daraus: Selbst wenn man
die soziale Frage nur als Brot- und Arbeitsfrage betrachten will, man
kommt sofort zu einem grofieren Horizonte. Von diesem grofieren
Horizonte in seinen verschiedensten Gebieten mochte ich Ihnen in die-
sen sechs Vortragen sprechen. Heute mochte ich mir erlauben, vor alien
Dingen eine Art Einleitung zu geben.
Wer die neuere und neueste Entwickelungsgeschiclite der Mensch-
heit Uberblickt, der wird bald bestatigt finden konnen, was einsichtige
Beobachter des sozialen Lebens wirklich eindringlich genug ausgespro-
chen haben. Aber allerdings nur einsichtige! Es gibt eine Schrift aus dem
Jahre 1909, die, man darf sagen, einiges von dem Besten enthalt, das
aus wirklicher Einsicht in die sozialen Verhaltnisse hervorgegangen ist.
Es ist die Schrift von Hartley Withers, «Money and Credit in England».
In dieser Schrift wird etwas unverhohlen zugestanden, das jedem heute
vor Augen stehen sollte, der sich anschickt, das soziale Problem iiber-
haupt zu behandeln. Withers sagt unverhohlen: Die Art und Weise, wie
heute Kredit-, Vermogens-, Geldverhaltnisse im sozialen Organismus
figurieren, ist eine so komplizierte, dafi es verwirrend wirkt, wenn man
in logischer "Weise die Funktionen von Kredit, Geld, Arbeit und so wei-
ter im sozialen Organismus zergliedern will, dafi es schier unmoglich ist,
dasjenige herbeizuholen, was notwendig ist, um die Dinge, die inner-
halb des sozialen Organismus in Betracht kommen, wirklich verstand-
nisvoll zu verfolgen.Und was von solch einsichtigerSeite ausgesprochen
wird, es wird erhartet durch das ganze geschichtlicheDenken, das wir in
der neuesten Zeit verf olgen konnen iiber das soziale Problem, iiber das so-
ziale, namentlich das wirtschaf tliche Zusammenarbeiten der Menschen.
"Was haben wir denn eigentlich gesehen? Seit das Wirtschaf tsleben
auf gehort hat, in einer gewissen Beziehung, ich mochte sagen, instinktiv
patriarchalisch geordnet zu werden, seit es sich immer komplizierter
und komplizierter durch die moderne Technik, durch den modernen
Kapitalismus gestaltet hat, seit der Zeit hat man die Notwendigkeit
empfunden, iiber dieses Wirtschaftsleben so nachzudenken, sich solche
Vorstellungen zu machen, wie man nachdenkt, wie man sich Vorstel-
lungen macht, sagen wir im wissenschaftlichen Forschen, im wissen-
schaftlichen Arbeiten. Und man hat gesehen, wie im Laufe der neueren
Zeit iiber die sogenannte Nationalokonomie die Anschauungen herauf-
gekommen sind, die man genannt hat die Anschauungen der Merkan-
tilisten, der Physiokraten, Adam Smiths und so weiter bis auf Saint-
Simon, Fourier, Blanc, bis auf Marx und Engels und bis auf die gegen-
wartigen. Was hat sich gezeigt in diesem Verlauf des nationalokonomi-
schen Denkens? Man kann seinen Blick richten auf das, was, sagen wir,
zum Beispiel die merkantilistische Schule oder die physiokratische
Schule der Nationalokonomie war, oder auf das, was Ricardo, der
Lehrer des Karl Marx, zur Nationalokonomie beigetragen hat, man
kann viele andere Nationalokonomen durchschauen, und man wird
immer finden: diese Personlichkeiten richten ihren Blick auf die eine
oder die andere Stromung in den Erscheinungen. Von dieser einseitigen
Stromung aus suchen sie gewisse Gesetze zu gewinnen, nach denen man
das nationalokonomische Leben gestalten soil. Immer hat sich gezeigt:
Das, was nach dem Muster der wissenschaftlichen Vorstellungen der
neueren Zeit als solche Gesetze gefunden wird, es pafit auf einige natio-
nalokonomische Tatsachen, aber andere nationalokonomische Tat-
sachen erweisen sich als zu weit, um umfafit zu werden von diesen
Gesetzen. Immer hat sich ergeben: Einseitig waren die Anschauungen,
die aufgetreten sind, die allerdings im 17., 18., im Beginn des 19. Jahr-
hunderts so aufgetreten sind, dafi sie den Anspruch erhoben haben,
Gesetze zu finden, nach denen man das wirtschaf tliche Leben gestalten
kann. Dann hat sich etwas sehr, sehr Merkwiirdiges ergeben.
Die Nationalokonomie ist gewissermafien wissenschaftsfahig gewor-
den. Sie wurde eingereiht in unsere of fiziellen Universitats-Hochschul-
wissenschaften, und man hat versucht, mit dem ganzen Riistzeug wis-
senschaftlicher Vorstellungsart auch das okonomisch-soziale Leben zu
durchforschen. Wohin ist man gekommen? Man sehe einmal nach bei
Roscher, bei Wagner s bei anderen, wohin sie gekommen sind: zu einer
Betrachtung der wirtschaftlichen Gesetze, die merit mehr wagt, solche
Maximen, solche Impulse auszugestalten, welche nun wirklich in das
Wirtschaf tsleben formend eingreifen konnten. Man mochte sagen:
Kontemplativ, betrachtend ist die wissenschaftliche Nationalokonomie
geworden. Zuriickgewichen ist sie mehr oder weniger vor dem, was
man nennen konnte soziales Wollen. Nicht zu Gesetzen ist sie gekom-
men, die sich hineinergiefien konnten in das menschliche Leben, so dafi
sie im sozialen Leben gestaltend wirken konnten.
Noch in einer anderen Art hat sich dasselbe gezeigt. Es sind Men-
schen aufgetreten, die weitherzig, wohlwollend, menschenfreundlich,
den Menschen briiderlich gesinnt waren - Fourier, Saint-Simon und
ahnliche brauchen nur von diesem Gesichtspunkte aus genannt zu wer-
den. In geistvoller Weise haben sie Gesellschaftsbilder ausgestaltet,
durch deren Verwirklichung sie glaubten, dafi gesellschaftlich wun-
schenswerte, sozial wiinschenswerte Zustande imMenschenleben herbei-
gefuhrt werden konnten. Nun weifi man, wie sich diejenigen, die vor
alien Dingen die soziale Frage als eine Lebensfrage heute empfinden,
gegeniiber solchen Gesellschaftsidealen verhalten. Man frage heute an
bei denen, die glauben, in wahrhaft zeitgemafiem Sinne sozialistisch zu
denken, was sie von Gesellschaftsidealen, von sozialen Idealen eines
Fourier, eines Louis Blanc, eines Saint-Simon denken. Sie sagen, das
sind Utopien, das sind Biider des sozialen Lebens, durch die man den
Menschenklassen, die die fiihrenden sind, zuruft: Macht es so und so,
dann werden viele Schaden des sozialen Elendes verschwinden. Aber
alles das, was an solchen Utopien, so sagt man, ausgedacht wird, das
hat keine Kraft, um in den Willen der Menschen hinein sich zu er-
giefien, das bleibt Utopie. Man kann noch so schone Theorien, sagt man,
auf stellen, die menschlichen Instinkte zum Beispiel der Begiiterten wer-
den sich nicht richten nach diesen Theorien; da miissen andere Krafte
eintreten. - Kurz, aufgetreten ist ein durchgreifender Unglaube an
soziale Ideale, die aus dem Fiihlen, Empfinden und aus der modernen
Art von Erkenntnis unter die Menschen gebracht werden.
Das wiederum hangt zusammen mit dem, was sich nun iiberhaupt
im Laufe der neueren Geschichtsentwickelung innerhalb des Geistes-
lebens der Menschheit zugetragen hat. Man hat ja oftmals betont, dafi,
was heute als soziale Frage figuriert, im wesentlichen zusammenhangt
mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit, die sich
wiederum in der besonderen Art, wie wir sie heute haben, gestaltet hat
durch das Oberhandnehmen der neueren Technik und so weiter. Aber
man wird all den Dingen, die dabei in Frage kommen, niemals gerecht
werden, wenn man nicht etwas anderes noch ins Auge faist: da£ mit der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mit der modernen Kulturtechnik
heraufgekommen ist in der Lebensfuhrung der neueren zivilisierten
Menschheit eine besondere Art von Weltanschauungsgesinnungj eine
Weltanschauungsgesinnung, die grofte Friichte, bedeutsame, einschnei-
dende Fortschrittsfriichte insbesondere in Technik und Naturwissen-
schaft getragen hat, aber von der auch zugleich etwas anderes gesagt
werden mufi.
Sie werden nicht verkennen, wenn Sie das eine oder das andere aus
meinen Schriften verfoigen, dafi ich ein Anerkenner, nicht ein Ab-
lehner, ein Kritiker dessen bin, was heraufgekommen ist in der neueren
Zeit durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart. Voll anerkenne
ich fur den Fortschritt der Menschheit, was eingetreten ist durch die
kopernikanische "Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die
Erweiterung des Menschheitshorizontes durch Giordano Bruno und
andere, viele andere. Allein, was zugleich mit der modernen Technik,
mit dem modernen Kapitalismus sich entwickelt hat, das ist: Alte,
altere Weltanschauungen haben sich so verwandelt, dafi die neuere
Weltanschauung einen stark intellektualistischen, vor alien Dingen
einen wissenschaftlichen Charakter angenommen hat.
Man erinnere sich nur - f reilich findet man es heute unbequem, sol-
che Tatsachen richtig ins Auge zu fassen -, wie sich das, was wir heute
mit Stolz unsere «wissenschaftliche Weltanschauung* nennen, allmah-
lich herausentwickelt hat, man kann das im einzelnen nachweisen, aus
alten religiosen, kunstlerisch-asthetischen, sittlichen und so weiter Welt-
anschauungsstromungen. Diese Weltanschauungsstromungen hatten eine
gewisse Stofikraft fur das Leben. Vor alien Dingen eines war diesen
Weltanschauungen eigen: sie brachten den Menschen zu dem Bewufit-
sein von der Geistigkeit seines Wesens. Diese alteren Weltanschauungen,
man mag heute stehen zu ihnen wie man will, sie sprachen dem Men-
schen so von dem Geiste, dafi der Mensch fiihlte, in ihm lebt geistiges
Wesen, das angegliedert ist an das die Welt durchwellende und durch-
wirkende geistige Wesen. An die Stelle dieser Weltanschauung mit einer
gewissen sozialen Stofikraft, mit einer Stofikraf t f iir das Leben, trat nun
die mehr wissenschaftlich orientierte neue Weltanschauung. Sie hat es
zu tun mit mehr oder weniger abstrakten Naturgesetzen, mit mehr oder
wenigervon dem Menschen blofi abgesondertenSinneswahrnehmungen,
mit abstrakten Ideen und abstrakten Tatsachen. Und man mufi diese
Naturwissenschaft — man braucht ihr dadurch nicht im geringsten ihren
Wert zu nehmen - daraufhin ansehen, was sie dem Menschen gibt, was
sie vor alien Dingen dem Menschen so gibt, dafi der Mensch die Frage
seines eigenen Wesens beantwortet f indet. Diese Naturwissenschaf t sagt
sehr viel iiber den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt
audi sehr viel iiber die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen.
Aber sie iiberschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will iiber
das innerste Wesen des Menschen. Sie gibt keine Antwort iiber das
innerste Wesen des Menschen, und sie versteht sich selber schlecht, wenn
sie auch nur versucht, eine solche Antwort zu geben.
Nun behaupte ich durchaus nicht, dafi dasjenige, was populares, all-
gemeines Menschheitsbewufitsein ist, etwa heute schon herausstromte
aus naturwissenschaftlichen Lehren. Aber etwas anderes ist wahr, tief
wahr: Die naturwissenschaf tliche Gesinnung selbst ist hervorgegangen
aus einer gewissen Stimmung der modernen Menschenseele. Erkennt
man heute das Leben durchdringend, so weifi man, dafi sich seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts und dann immer mehr und mehr in der
Stimmung der Menschenseele gegeniiber fruheren Zeitraumen etwas
geandert hat. Man weifi, dafi iiber die ganze Menschheit sich, zuerst
iiber die Stadtebevolkerung, dann aber hinaus aufs Land, immer mehr
und mehr hinausgegossen hat diejenige Anschauung der Welt, die sich
dann nur ausgesprochen hat in der naturwissenschaftlichen Richtung
wie in einem Symptom. Man hat es also nicht etwa mit einem blofien
Ergebnis theoretischer Naturwissenschaft zu tun, wenn man von dem
spricht, wie heute die Menschenseele gestimmt ist, sondern man hat es
mit etwas zu tun, was als innere Seelenstimmung die Menschheit iiber-
haupt uberkommen hat seit dem Beginn der neueren Zeit.
Und nun trat das Bedeutsame ein: Diese wissenschaftlich orientierte
Weltanschauung, sie kam herauf zugleich mit dem Kapitalismus, zu-
gleich mit der modernen Kulturtechnik. Die Menschen wurden hinweg-
gerufen von ihrem alten Handwerk und an die Maschine gestellt, in die
Fabrik hineingepfercht. Neben dem stehen sie, in das sind sie ein-
gepfercht, was nur von mechanischer Gesetzma&igkeit beherrscht wird,
woraus nichts stromt, was zum Menschen selbst einen unmittelbaren
Bezug hat. Aus dem alten Handwerk war etwas hervorgequollen, was
Antwort gab auf die Frage nach Menschenwert und Menschenwiirde.
Die abstrakte Maschine gibt keine Antwort. Der rnodeme Industrialis-
mus ist wie ein mechanisches Gewebe, das um den Menschen herum-
gesponnen wird, in dem er drinnensteht, das ihm nicht entgegentont von
etwas, an dem er freudig beteiligt ist wie an dem Ergebnis des alten
Handwerks.
Und so trat die Kluft zutage zwischen denjenigen, die als industrielle
Arbeiterschaft arbeiteten in der modernen Zeit, die an der Maschine in
der Fabrik standen, die nicht mehr aus ihrer mechanischen Umgebung
heraus den Glauben aufbringen konnten an das, was die alte Anschau-
ung mit der alten Stofikraft war, die sich davon lossagten, weil sie das
Leben damit nicht zusammenbrachten, die sich einzig und allein an das
hielten, was im neueren Geistesleben die "Welt eben bekommen hat: an
die wissenschaftlich orientierte Weltanschauung. Und diese wissen-
schaftlich orientierte Weltanschauung, wie wirkte sie auf sie? So wirkte
sie auf sie, dafi sie sich sagten, dafi sie immer mehr und mehr fuhlten:
Was als Weltanschauungs-Wahrheit gegeben werden kann, es sind ja
nur Gedanken, Gedanken, die nur eine Gedankenwirklichkeit haben. -
Wer mit dem modernen Proletariat gelebt hat, wer da weifi, wie sich die
sozialen Empfindungen nach und nach in der neueren Zeit herauf-
gestaltet haben, der weifi, was ein oft und oft wiederkehrendes Wort in
proletarischen, in sozialistischen Kreisen zu bedeuten hat, das Wort
Ideologic Das Geistesleben ist unter den Einfliissen, die ich eben ge-
schildert habe, fur die neuere arbeitende Menschheit zu einer Ideologic
geworden. Die naturwissenschaf tlich orientierte Weltanschauung wurde
so aufgenommen, da£ die Leute sich sagten: sie liefert nur Gedanken.
Die alte Weltanschauung wollte nicht blofi Gedanken lief em; sie wollte
den Menschen etwas geben, was ihnen zeigte: Du hangst mit deinem
eigenen Geiste an den geistigen Wesenheiten der Welt. Geist dem Geiste,
das wollten die alten Weltanschauungen den Menschen geben. Die
neuere Weltanschauung gibt nur Gedanken, und vor alien Dingen keine
Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen. Als
Ideologic wurde sie empfunden.
Und so entstand eben die Kluft zu den leitenden, fiihrenden Kreisen,
welche sich erhalten hatten die Tradition der alten Uberlieferungen, der
alten asthetisch-kiinstlerischen Weltanschauungen, der religiosen, der
sittlichen Weltauffassungen der alteren Zeiten und so weiter.
Das trugen sie weiter, diese fiihrenden Klassen, fiir ihren ganzen
Menschen, wahrend ihr Kopf auf nahm, was wissenschaf tlich orientierte
Weltanschauung geworden ist. Eine breite Masse der Bevolkerung je-
doch konnte nicht mehr irgendeine Neigung, irgendeine Sympathie
aufbringen fiir dieses Oberlieferte. Sie nahm als einzigen Inhalt einer
Weltanschauung an, was wissenschaf tlich orientierte Weltanschauung
war. Und sie nahm diese Weltanschauung so an, dafi sie sie als Ideologic,
als blofies Gedankengebilde empfand. Man sagte sich: Wirklichkeit ist
nur das wirtschaftliche Leben; Wirklichkeit ist nur, wie produziert
wird, wie die produzierten Produkte verteilt werden, wie der Mensch
konsumiert, wie der Mensch dies und jenes besitzt oder an den anderen
abgibt und so weiter. Was im Menschenleben sonst da ist - Recht, Sitte,
Wissenschaft, Kunst, Religion — , das ist nur wie ein Rauch, der aufsteigt
als Ideologic aus der einzigen Wirklichkeit, aus der wirtschaftlichen
Wirklichkeit.
Und so wurde fiir die breite Masse der Menschheit das Geistesleben
zu einer Ideologic Es wurde zu einer Ideologic, weil vor alien Dingen
die leitenden, fiihrenden Kreise nicht verstanden, indem sie das neuere
wirtschaftliche Leben sich ausgestalten sahen und sich in dasselbe ein-
lebten, nachzufolgen mit dem Geistesleben diesem kompliziert werden-
den Wirtschaftsleben. Sie behielten die Tradition der alten Zeit, ein
Geistesleben, das mehr oder weniger so orientiert war, wie es orientiert
gewesen war in der alten Zeit. Die breite Masse nahm das neue Geistes-
leben auf, aber nicht so, dafi es ihr etwas gab, was Herz und Seele er-
fiillte.
Mit einer solchen Weltanschauung, die man als Ideologic empfindet,
die man so empfindet, dafi man sagt: Recht, Sitte, Religion, Kunst,
Wissenschaft sind nur ein Oberbau, ein Rauch iiber dem einzig Wirk-
lichen, iiber den Produktionsverhaltnissen, iiber der Wirtschaftsord-
nung - mit einer solchen Weltanschauung lafit sich denken, mit einer
solchen Weltanschauung lafit sich nicht leben. Eine solche Weltanschau-
ung, sie mag noch so triumphal, wie sie es auch ist, fiir die Naturbetrach-
tung sein, mit einer solchen Weltanschauung wird die Menschenseele
ausgehohlt. Was diese Weltanschauung der Menschenseele zurechtge-
zimmert hat, das wirkt in den sozialen Tatsachen der neueren Zeit.
Man wird diesen sozialen Tatsachen nicht gerecht, wenn man nur
hinblickt auf das, was die Menschen in ihrem Bewufitsein tragen. Aus
ihrem Bewufitsein heraus mogen die Menschen sagen: Ach, was redet
ihr uns von der sozialen Frage als einer Geistesfrage! Es handelt sich
darum, daft die wirtschaftlichen Giiter ungleich verteilt sind. Wir stre-
ben an die gleiche Verteilung! — Solche Dinge mogen die Menschen in
ihrem Oberstiibchen bewufit empfinden, aber in den unterbewufiten
Tiefen der Seele, da wiihlt etwas anderes, da wiihlt, was sich unbewufit
entwickelt, weil vom Bewufitsein hinunter nicht stromt, was wirkliche
geistige Erf iillung der Seele ware, weil da nur wirkt, was die Seelen aus-
hohlt, was als Ideologic empfunden wird. Die Leerheit des neueren
Geisteslebens, das ist es, was als das erste Glied der sozialen Frage auf-
gefafit werden mufi. Eine Geistesfrage ist zunachst diese soziale Frage.
Und weil es so ist, weil sich ein Geistesleben entwickelt hat, das zum
Beispiel auf nationalokonomischem Gebiete, in der vornehmsten, in der
Universitatsnationalokonomie, zu einer blofien Betrachtung geworden
ist, die nicht aus sich heraus Prinzipien des sozialen Wollens entwickelt,
weil es dazu gekommen ist, dafi die besten Menschenfreunde wie Saint-
Simon, Louis Blanc, Fourier Gesellschaftsideale ausgedacht haben, an
die niemand glaubt - weil man iiberhaupt das, was aus dem Geiste her-
auskommt, als Utopie, namentlich als blofie Ideologic empf indet — , weil
es eine weltgeschichtliche Tatsache ist, dafi ein Geistesleben sich ent-
wickelt hat, das nur wie ein Uberbau des Wirtschaftslebens wirkt, das
nicht wirklich eindringt in die Tatsachen und daher als Ideologic emp-
funden wird: deshalb ist es so, dafi die soziale Frage in ihrem ersten
Gliede als eine Geistesfrage aufgefafit werden mufi. Die Frage steht
vor uns heute, man mochte sagen, mit Flammenschrift: Wie mufi der
Menschengeist beschaffen sein, damit er die soziale Frage meistern
lerne?
Man hat gesehen, dafi wissenschaftliche Gesinnung mit ihren besten
Methoden sich an die Nationalokonomie herangemacht hat - sie ist zu
einer blofien Betrachtung gekommen, nicht zu einem sozialen Wollen.
Also aus dem Grunde des neueren Geisteslebens geht eine Geistesverfas-
sung hervor, die nicht imstande ist, die Nationalokonomie als Grund-
lage fur praktisch soziales Wollen zu entwickeln. Wie mufi der Geist
beschaffen sein, aus dem solche Nationalokonomie hervorgeht, die die
Grundlage werden kann eines wirklichen sozialen Wollens?
Man hat gesehen, dafi breite Menschenmassen nur den Ruf «Utopie»
haben, wenn sie die Gesellschaftsideale wohlmeinender Menschen-
freunde horen, dafi sie keinen Glauben haben, dafi der Menschengeist so
stark sei, dafi er die sozialen Tatsachen meistere. Wie mufi das Geistes-
leben beschaffen sein, damit die Menschen wieder glauben lernen: Der
Geist kann die Ideen f assen, welche die sozialen Einrichtungen so schaf-
fen, dafi gewisse soziale Schaden verschwinden?
Man hat gesehen: Was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung
ist, wird in weiten Kreisen als Ideologic empfunden. Ideologic aber als
einziger Inhalt der menschlichen Seele hohlt diese Seele aus, erzeugt in
den unterbewufiten Tiefen, was heute hervortritt in den verwirrend
chaotischen Tatsachen der sozialen Frage. Wie mufi das Geistesleben
beschaffen sein, damit es ferner nicht eine Ideologic hervorbringe,
damit es hineingiefie in die menschliche Seele, was sie fahig macht, in
die sozialen Tatsachen so einzugreifen, dafi die Menschen wirklich in
sozialer Weise nebeneinander wirken konnen?
So sieht man zunachst, wie die soziale Frage eine Geistesfrage ist,
wie der moderne Geist nicht in der Lage war, sozialen Glauben an sich
hervorzurufen, wie dieser moderne Geist nicht in der Lage war, ein
Seelenerfullendes zu geben, sondern wie er als Ideologic ein Seelen-
verodendes gegeben hat.
Ich mochte Ihnen heute in der Einleitung zunachst mehr in histori-
scher Weise zeigen, wie aus den Verhaltnissen des neueren Lebens die
soziale Frage als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage, als eine Wirt-
schaftsfrage empfunden wird.
Nehmen wir einmal dasjenige, was eine Personlichkeit gesprochen
hat vor nicht allzulanger Zeit - und oft und oft -, die mitten drinnen-
stand im tatigen politischen, im Staatsleben der heutigen Zeit, die her-
vorgegangen ist aus dem Geistesleben der heutigen Zeit. Diejenigen der
verehrten Zuhorer, die mich bei friiheren Vortragen hier gehort haben,
werden nicht mifiverstehen, was ich nun sagen werde, denn in den Zei-
ten, als Woo draw Wilson von aller Welt auiSerhalb der mitteleuro-
paischen anerkannt wurde als eine Art Weltdirigent, da habe ich mich
immer wieder und wiederum gegen diese Anerkennung ausgesprochen.
Und diejenigen, die mich gehort haben, die wissen, dafi ich niemals ein
Anhanger, sondern stets ein Gegner des Woodrow Wilson war. Auch
in der Zeit, als selbst Deutschland dem Wilson-Kultus verfiel, habe
ich nicht zuriickgehalten mit dieser Anschauung, die ich hier auch in
Zurich immer wieder geltend gemacht habe. Aber heute, wo es gewis-
sermaften mit diesem Kultus voriiber ist, kann etwas gesagt werden,
was besonders einem Wilson-Gegner nicht iibelgenommen zu werden
braucht.
Dieser Mann hat aus einem eindringlichen Empfinden der sozialen
Zustande Amerikas, wie sie sich herausgebildet haben seit dem Sezes-
sions- und Biirgerkrieg der sechziger Jahre, gerade empf unden, wie die
Staats-, die Rechtsverhaltnisse stehen zu den wirtschaf tlichen Verhalt-
nissen. Er hat mit einem gewissen unbefangenen Blick gesehen, wie sich
durch die komplizierte neuere Wirtschaftsordnung die grofien Zusam-
menhaufungen der Kapitalmassen herausgebildet haben. Er hat ge-
sehen, wie sich die Trusts, wie sich die grofien Kapitalgesellschaften
gegriindet haben. Er hat gesehen, wie selbst in einem demokratischen
Staatswesen das demokratische Prinzip immer mehr und mehr ge-
schwunden ist gegeniiber den Geheimverhandlungen jener Gesellschaf-
ten, die am Geheimnis ihr Interesse hatten, jener Gesellschaften, die mit
den angehauften Kapitalmassen sich grofie Macht erwarben und grofie
Menschenmassen beherrschten. Und er hat immer wieder und wieder
seine Stimme erhoben fur die Freiheit der Menschen gegeniiber jener
Machtentfaltung, die aus Wirtschaftsverhaltnissen heraus kommt. Er
hat aus einer tief menschlichen Empfindung heraus - das darf gesagt
werden — gefuhlt, wie zusammenhangt mit dem einzelnsten Menschen,
was sozialeTatsache ist, mit der Art und Weise, wie der einzelne Mensch
zu diesem sozialen Leben reif ist. Er wies darauf hin, wie es fur die Ge-
sundung des sozialen Lebens darauf ankommt, dafi unter jedem mensch-
lichen Kleide ein frei gesinntes menschliches Herz lebt. Er wies immer
wieder und wieder darauf hin, wie das politische Leben demokratisiert
werden miisse, wie abgenommen werden musse den einzelnen Macht-
gesellschaften diese Macht und die Machtmittel, die sie haben, wie die
individuellen Fahigkeiten und Krafte jedes Menschen, der sie hat, zu-
gelassen werden miissen zum allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen
und Staatsleben iiberhaupt. Er hat es eindringlich ausgesprochen, dafi
sein Staatswesen, das er offenbar als das fortgeschrittenste ansieht,
leidet unter den Verhaltnissen, die sich ausgebildet haben.
Warum? Ja, neue wirtschaftliche Verhaltnisse sind heraufgezogen;
grofie wirtschaftliche Kapitalzusammendrangungen, wirtschaftliche
Machtentfaltung. Alles iiberflugelt auf diesem Gebiete das, was noch
vor kurzem da war. Ganz neue Formen des menschlichen Zusammen-
lebens brachte diese Wirtschaftsgestaltung herauf. Man steht einer voll-
standigen Neugestaltung des wirtschaftlichen Lebens gegeniiber. Und
nicht ich - aus irgendeiner Theorie heraus -, sondern dieser Staatsmann,
man darf sagen, dieser «Weltstaatsmann», er hat es ausgesprochen: Der
Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen, daj(5 zwar die
wirtschaftlichen Verhaltnisse fortgeschritten sind, da£ die Menschen
sich das wirtschaftliche Leben nach ihren geheimen Machtverhaltnissen
gestaltet haben, dafi aber die Ideen des Rechtes, die Ideen des politi-
schen Gemeinschaf tslebens nicht nachgekommen sind, dafi sie auf einem
friiheren Standpunkte zuriickgeblieben sind. Woodrow Wilson hat es
deutlich ausgesprochen: Wir wirtschaften mit neuen Verhaltnissen,
aber wir denken, wir geben Gesetze iiber das Wirtschaften von einem
Gesichtspunkt, der langst uberholt ist, der ein alter ist. Nicht so wie im
Wirtschaftsleben hat sich ein Neueres herausgebildet auf dem Gebiete
des Rechtslebens, des politischen Lebens; diese sind zuriickgeblieben.
Mit alten politischen, mit alten Rechtsideen leben wir in einer voll-
standig neuen Wirtschaftsordnung darinnen. - So spricht es ungefahr
Woodrow Wilson aus. Und eindringlich sagt er: Unter dieser Inkon-
gruenz zwischen Rechtsleben und Wirtschaftsleben, da kann sich nicht
das entwickeln, was der gegenwartige Zeitpunkt der menschlichen Ent-
wickelungsgeschichte fordert: dafi der einzelne nicht fur sich, sondern
zum Wohle der Gemeinschaft arbeitet. Und eine eindringliche Kritik
iibt Woodrow Wilson an der Gesellschaftsordnung, die ihrn unmittei-
bar vorliegt.
Ich darf sagen - gestatten Sie mir diese personliche Bemerkung — ,
ich habe mir viel, viel Miihe gegeben, Woodrow Wilsons Kritik der
gegenwartigen sozialen Zustande, wie er sie namentlich im Auge hat,
der amerikanischen, zu priifen und zu vergleichen mit anderen Kritiken
- ich werde jetzt etwas sehr Paradoxes sagen, allein die Verhaltnisse der
Gegenwartfordern einen sehr haufig auf, recht sehr Paradoxes zu sagen;
man mufi das, wenn man der heutigen Wirklichkeit gerecht werden
will -, ich habe versucht zu vergleichen, sowohl der aufieren Form wie
auch den inneren Impulsen nach, Woodrow Wilsons Gesellschaf tskritik
als Kritik zunachst mit der Kritik der Gesellschaft, die von fortge-
schrittener, von radikal sozialdemokratischer Seite geiibt wird. Ja, man
kann diesen Vergleich sogar ausdehnen auf den radikalsten Fliigel der
sozialistischen Gesinnung und des sozialistischen Handelns von heute.
Bleibt man innerhalb dessen, was diese Menschen als Kritik liefern,
stehen, so kann man sagen: Fast bis zur Wortwortlichkeit stimmt
Woodrow Wilsons Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung uberein
mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen, die Totengraber der
gegenwartigen Zivilisation, von denen man sagen mufi, dafi, wenn das
zu lange in der Menschheit, auch nur in einigen Gebieten, walten darf ,
was sie im Auge haben, so wird das den Tod der modernen Zivilisation
bedeuten, so wird das zum Untergange all desjenigen fuhren mussen,
was durch die moderne Zivilisation errungen worden ist. - Und den-
noch mufi man das Paradoxe sagen: Woodrow Wilson, der sich ganz
gewifi immer den Aufbau anders gedacht hat als diese Zerstorer,
Woodrow Wilson richtet an die gegenwartige Gesellschaftsordnung fast
wortlich die gleiche Kritik wie diese anderen.
Und er kommt zu der Konsequenz, dafi Rechtsbegriffe, politische
Begriffe, wie sie heute herrschen, veraltet sind, dafi sie nicht mehr in
der Lage sind, einzugreifen in das Wirtschaftsleben. Und sonderbar,
versucht man das dann zum Positiven zu wenden, versucht man zu
priifen, was Woodrow Wilson beigebracht hat, um nun eine soziale
Struktur, eine Struktur des sozialen Organismus hervorzurufen: man
findet kaum irgendwelche Ant wort! Einzelne Mafinahmen da oder
dort, die aber auch sonst gemacht werden von jemand, der viel weniger
eindringliche und objektive Kritik iibt, aber irgend etwas Durch-
greifendes nicht, jedenfalls nicht eine Antwort auf die Frage: Wie mufi
das Recht, wie mussen die politischen Begriffe, Ideen, die politischen
Impulse gestaltet werden, damit sie die Forderungen des modernen
Wirtschaftslebens beherrschen konnen, damit man hineindringen kann
in dieses moderne Wirtschaftsleben?
Hier sieht man, wie aus dem neueren Leben heraus selbst das zweite
Glied der sozialen Frage entspringt: diese soziale Frage als eine Rechts-
frage.
Zu suchen hat man erst nach einer Grundlage fiir das Recht, fur die
politischen Verhaltnisse, fiir die Staats verhaltnisse, die da sein miissen,
damit sie ergreifen konnen, meistern konnen dieses moderne Wirt-
schaftsleben. So mufi man fragen: Wie dringt man vor zu Rechts-, zu
politischen Impulsen gegeniiber den groJRen Forderungen der sozialen
Frage? Das ist das zweite Glied der sozialen Frage.
Und betrachten Sie doch nur das Leben selber: Sie werden finden,
wie dies Leben des Menschen dreigliederig ist, so wie er in der mensch-
lichen Gesellschaft drinnensteht. Drei Glieder heben sich ganz deutlich
voneinander ab, wenn wir den Menschen in seiner Stellung in der
menschlichen Gesellschaft betrachten. Das erste ist, dafi der Mensch
notwendig hat, wenn er etwas beitragen soil — wie er es in der modernen
Gesellschaft zweif ellos mufi zum Heile einer sozialen Ordnung -, wenn
der Mensch etwas beizutragen hat zu Gemeinschaftsdingen, zu gemein-
schaftlicher Arbeit, gemeinschaftlicher Werterzeugung, gemeinschaft-
licher Gutererzeugung, so mufi er erstens die individuelle Tauglichkeit,
die individuelle Begabung, die individuelle Tuchtigkeit dazu haben.
Das zweite ist: er mufi mit seinen Mitmenschen in Frieden auskommen,
in Frieden mit ihnen zusammen arbeiten konnen. Und das dritte ist: er
mufi seinen Platz finden konnen, von dem aus er mit seiner Arbeit, mit
seinem Wirken, mit seinen Leistungen fiir Menschen eintreten kann.
In bezug auf das erste ist der Mensch darauf angewiesen, dafi die
menschliche Gesellschaft seine Fahigkeiten und seine Begabungen aus-
bildet, daft sie seinen Geist leitet und den Geist, den sie in ihm ausbildet,
zu gleicher Zeit zum Fiihrer fiir eine physische Arbeit macht. Fiir das
zweite 1st der Mensch darauf angewiesen, daft er sich einleben kann in
eine soziale Struktur, in der die Menschen sich so verstandigen konnen,
daft sie miteinander in Frieden auskommen konnen. Das erste fiihrt uns
auf das Gebiet des Geisteslebens. Wir werden sehen in den folgenden
Vortragen, wie die Pflege des Geisteslebens mit dem ersten zusammen-
hangt. Das zweite fiihrt uns auf das Gebiet des Rechtslebens, denn das
Rechtsleben kann sich nur dadurch seinem Wesen nach ausbilden, dafi
eine soziale Struktur gef unden wird, durch die die Menschen miteinan-
der in Frieden zusammenarbeiten und wirken und fiireinander leisten.
Und das dritte fiihrt uns in das moderne Wirtschaftsleben, dieses mo-
derne Wirtschaftsleben, das, wie ich geschildert habe, Woodrow Wilson
so anschaut, dafi es gleichsam so geworden ist wie ein Mensch, der grofi
gewachsen ist und der zu kleine Kleider anhat, iiber die er iiberall hin-
ausgewachsen ist. Diese zu kleinen Kleider sind fur Woodrow Wilson
die alten Rechts- und politischen Begriffe. Das Wirtschaftsleben ist
iiber sie langst hinausgewachsen.
Dieses Hinauswachsen des Wirtschaftslebens iiber das, was vorher
als Geistesleben da war, was vorher als Rechtsleben da war, das wurde
insbesondere von sozialistischen Denkern empfunden. Und man
braucht, um das, was auf diesem Gebiete gewirkt hat, besonders ins
Auge zu fassen, nur auf eines hinzuweisen.
Sie wissen ja, und wir werden iiber all diese Fragen noch genauer
sprechen: Das moderne Proletariat steht ganz unter dem Einflusse des
sogenannten Marxismus. Der Marxismus, die marxistische Lehre von
der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Ge-
meineigentum wurde zwar vielfach abgeandert von diesen oder jenen
Anhangern oder Gegnern von Karl Marx; aber der Marxismus ist doch
etwas, was wirkt in der Gesinnung, in der Lebensauffassung breker
Menschenmassen der Gegenwart, was wirkt insbesondere in dem, was
als so verwirrende soziale Tatsache in der Gegenwart auftritt. Man
braucht nur einmal das immerhin sehr bedeutungsvolle merkwiirdige
Biichelchen von Friedrich Engels, dem Mitarbeiter und Freund von
Karl Marx, in die Hand zu nehmen: «Die Entwicklung des Sozialismus
von der Utopie zur Wissenschaft», um sich bekanntzumachen mit der
ganzen Gesinnung, die in diesem Biichelchen lebt, dann wird man sehen,
wie von einem sozialistischen Denker das Wirtschaftsleben der neueren
Zeit aufgef afit wird in seinem Verhaltnis zum Rechts- und zum Geistes-
leben. Den einzigen Satz zum Beispiel, der als eine Zusammenfassung
steht in dem genannten Biichelchen von Engels, braucht man nur recht
zu verstehen: Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen iiber
Menschen, iiber Personen geben, sondern nur noch Leitung von Wirt-
schaftszweigen und Verwaltung der Produktion.
Das heifit sehr viel! Das heifit, es wird gewiinscht von dieser Seite,
dafi etwas aufhore im Wirtschaftsleben, was sich gerade unter den Ent-
wickelungsimpulsen der neueren Zeit mit dem Wirtschaftsleben ver-
bunden hat. Das "Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist,
wie ich gezeigt habe, iiber das Rechtsleben, weil es auch iiber das Geistes-
leben hinausgewachsen ist, gewissermafien alles iiberflutet und hat sug-
gestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften
der Menschen. Und so trat denn immer mehr und mehr zutage, dafi aus
der Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, eigentlich fiir die Men-
schen das Geistesleben folgt und das Rechtsleben folgt. Diejenigen, die
die wirtschaftlichMachtigen sind - das wurde nur zu klar immer weiter
und weiter eingesehen -, die sind zu gleicher Zeit durch ihre wirtschaf t-
liche TJbermacht im Besitz des Bildungsmonopols. Die wirtschaftlich
Schwachen bleiben die Ungebildeten. Ein gewisser Zusammenhang hat
sich herausgestellt zwischen dem Wirtschafts- und dem Geistesleben,
ein Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Staatsleben.
Das Geistesleben ist immer mehr und mehr zu etwas geworden, was sich
nicht aus seinen eigenen Bediirfnissen heraus entwickelt, was nicht sei-
nen eigenen Impulsen folgt, sondern was - insbesondere da, wo es
offentlich verwaltet wird, im Erziehungs- und Schulwesen - so gestal-
tet wird, wie es gebraucht wird von den Staatsmachten. Der Mensch
kann gar nicht mehr auf das hin angesehen werden, wie und wozu er
bef ahigt ist. Er kann nicht so entwickelt werden, wie es die in ihm vor-
handenen Anlagen erfordern. Sondern die Frage ist: Was braucht der
Staat, was braucht das Wirtschaftsleben fiir Krafte, was braucht es fiir
Menschen mit einer gewissen Bildung? Danach richten sich die Lehr-
mittel, danach richten sich die Studien, die Priifungen. Das Geistes-
leben wird nicht aus sich selber heraus gestaltet, das Geistesleben wird
angepafit dem Rechtsleben, dem Staatsleben, dem politischen Leben,
dem Wirtschaftsleben. Dieses bringt aber zugleich - und brachte na-
mentlich in der neueren Zeit - auch das Wirtschaftsleben wieder in
Abhangigkeit von dem Rechtsleben.
Dieses Zusammenleben von Wirtschaft, Recht und Geist, das sahen
solche Menschen wie Marx und Engels. Und sie sahen, wie das moderne
Wirtschaftsleben nicht mehr vertrug die alte Rechtsform, auch nicht
mehr vertrug die alte Geistesform. Sie kamen darauf , dafi herausgewor-
fen werden miisse aus dem Wirtschaftsleben das alte Rechtsleben, das
alte Geistesleben. Aber sie kamen nun zu einem sonderbaren Aber-
glauben, zu einem Aberglauben, uber den wir werden viel sprechen
mussen in diesen Vortragen. Sie kamen zu dem Aberglauben, dafi das
Wirtschaftsleben - sie sahen das Geistesleben, das Rechtsleben als eine
Ideologic an, weil sie es ja ansahen als die einzige Wirklichkeit -, dafi
das Wirtschaftsleben die neuen Rechtsverhaltnisse, die neuen Geistes-
verhaltnisse aus sich selber hervorbringen konne. Einer der verhangnis-
vollsten Aberglauben kam auf : man miisse in einer bestimmten gesetz-
mafiigen Weise wirtschaften, und wenn man wirtschafte in dieser be-
stimmten gesetzmafiigen Weise, dann ergabe sich das Geistesleben, das
Rechtsleben, das Staats- und das politische Leben aus dem Wirtschafts-
leben heraus von selber.
Wodurch konnte denn dieser Aberglaube entstehen? Dieser Aber-
glaube konnte nur dadurch entstehen, daft sich die eigentliche Struktur
r 1 "- menschlichen Wirtschaft, das eigentliche Arbeiten des neueren
Wirtschaftslebens, verbarg hinter dem, was man gewohnt worden ist
die Geldwirtschaft zu nennen.
Diese Geldwirtschaft ist ja in Europa heraufgekommen als Begleit-
erscheinung ganz bestimmterEreignisse. Sie brauchen nur einen tieferen
Blick in die Geschichte hinein zu tun, so werden Sie sehen, daft ungefahr
in der Zeit, als Reformation und Renaissance, also eine neue Geistes-
verfassung, iiber die europaische zivilisierte Welt heraufziehen, er-
schlossen werden die Gold- und Silberquellen Amerikas, dafi der Gold-
und Silberzustrom, namentlich Mittel- und Siidamerikas, nach Europa
kommt. Was f ruher mehr Naturalwirtschaft war, das wird immer mehr
und mehr iiberflutet von der Geldwirtschaft.
Die Naturalwirtschaft hat noch hinsehen konnen auf das, was der
Boden hergibt, das heilk auf das Sachliche; sie hat auch hinsehen kon-
nen auf das, wozu der einzelne Mensch tiichtig ist und was er hervor-
bringen kann, also auf das Sachliche und Fachliche. Unter der Zirkula-
tion des Geldes ist allmahlich hingeschwunden der Blick auf das rein
Sachliche des Wirtschaf tslebens. Indem die Geldwirtschaf t abgelost hat
die Naturalwirtschaft, hat sich gewissermafien ein Schleier hingezogen
liber das Wirtschaftsleben. Man konnte nicht mehr die reinen Anforde-
rungen des Wirtschaftslebens sehen.
"Was liefert dieses Wirtschaftsleben fur den Menschen? Dieses Wirt-
schaftsleben liefert fiir den Menschen Giiter, die er fur seinen Konsum
braucht. Wir brauchen heute noch gar nicht zu unterscheiden zwischen
geistigen und physischen Giitern, denn auch geistige Giiter konnen
wirtschaftlich so aufgefafk werden, dafi sie eben fiir den menschlichen
Konsum verbraucht werden. Dieses Wirtschaftsleben liefert also Giiter,
und diese Giiter sind Werte, weil der Mensch ihrer bedarf, weil das
menschliche Begehren darauf geht. Der Mensch mufi den Giitern einen
bestimmten Wert beimessen. Dadurch haben sie innerhalb des sozialen
Lebens auch ihren objektiven Wert, der innig zusammenhangt mit dem
subjektiven Beurteilungswert, den der Mensch ihnen beilegt.
Aber wie driickt sich in der neueren Zeit volkswirtschaftlich der
Wert der Giiter aus? Der Wert der Giiter, der im wesentlichen das aus-
macht, was diese Giiter bedeuten im sozialen, im wirtschaftlichen Zu-
sammenleben, wie driickt sich dieser Wert aus? Dieser Wert driickt sich
in den Preisen aus. Uber Wert und Preis werden wir zu sprechen haben
in diesenTagen; ich will heute nur darauf hindeuten, dafi im wirtschaft-
lichen Verkehrsleben, im sozialen Verkehrsleben iiberhaupt - sofern
dieses Verkehrsleben abhangig ist von dem Wirtschaften, von den
Giitern - sich fiir den Menschen der Wert der Giiter in dem Preis aus-
driickt. Es ist auch ein grofier Irrtum, wenn man den Wert der Giiter
mit den Geldpreisen verwechselt. Und nicht eigentlich durch theoreti-
sche Erwagungen, sondern durch die Lebenspraxis wird die Menschheit
immer mehr und mehr darauf kommen, dafi etwas anderes ist der Wert
der Giiter, die wirtschaftlich erzeugt werden, und der abhangt von
menschlicher subjektiver Beurteilung, von gewissen sozialen Rechts-
und Kulturverhaltnissen, und dasjenige, was sich ausdriickt in den
Preisverhaltnissen, die durch das Geld zum Vorschein kommen. Aber
der Wert der Giiter wird zugedeckt in der neueren Zeit durch die Preis-
verhaltnisse, die in der sozialen Zirkulation herrschen.
Das liegt zugrunde den modernen sozialen Verhaltnissen als das
dritte Glied der sozialen Frage. Hier, hier wird man die soziale Frage
als eine wirtschaftHche Frage erkennen lernen: wenn man wiederum
zuriickgeht auf dasjenige, was den eigentlichen Wert der Giiter doku-
mentiert, gegeniiber dem, was in den blofien Preisverhaltnissen zum
Ausdruck kommt. Die Preisverhaltnisse konnen gar nicht anders, be-
sonders in kritischen Zeiten, aufrechterhalten werden, als dadurch, dafi
der Staat, das heifit der Rechtsboden, die Garantie iibernimmt fur den
Wert des Geldes, fiir den Wert also einer einzigen Ware.
Aber es tritt etwas Neues auf. Man braucht gar keine theoretischen
Betrachtungen iiber das, was herausgekommen ist durch das Mifiver-
standnis iiber Preis und Wert, anzustellen, man braucht nur hinzuwei-
sen auf etwas Tatsachliches, was in der neueren Zeit aufgetreten ist.
Man spricht davon in der Nationalokonomie, dafi es in alter Zeit - in
Deutschland sogar bis zum Ende des Mittelalters - die alte Natural-
wirtschaf t gegeben hat, die blofi auf dem Tausch der Giiter beruht, dafi
an deren Stelle trat die Geldwirtschaft, wo das Geld der Reprasentant
ist fiir die Giiter und eigentlich immer nur das Wertgut gegen Geld aus-
getauscht wird. Aber schon sehen wir etwas einziehen in das soziale
Leben, das bestimmt scheint, die Geldwirtschaft abzulosen. Schon wirkt
dieses andere iiberall drinnen, wird nur noch nicht bemerkt. Aber wer
hinausgeht iiber das abstrakte Begreifen seines Kassen- oder Konto-
buches, wer hinausgeht iiber die blofie Zahl und lesen kann, was in die-
sen Zahlen geschrieben ist, der wird finden, dafi in den Zahlen eines
heutigen Kassen- oder Kontobuches nicht blofi Giiter stehen, sondern
dafi in diesen Zahlen vielfach zum Ausdruck kommt, was man nennen
konnte die Kreditverhaltnisse im modernsten Sinne des Wortes. Was
ein Mensch erst leisten kann, weil man von ihm voraussetzt, dafi er zu
dem oder jenem fahig ist, was aus der Tuchtigkeit des Menschen heraus
Vertrauen erwecken kann, das ist es, was merkwiirdigerweise in wiser
trockenes, niichternes Wirtschaftsleben immer mehr und mehr einzieht.
Studieren Sie heute die Geschaftsbiicher, so werden Sie finden, dafi
einzieht - gegeniiber dem, was blofier Geldwert ist -, das Bauen auf
Menschenvertrauen, das Bauen auf menschliche Tuchtigkeit. In den
Zahlen der heutigen Geschaftsbiicher driickt sich ein grofier Um-
schwung, driickt sich eine soziale Metamorphose aus, wenn man sie
richtig liest. Indem man betont, dafi sich die alte Naturalwirtschaft in
Geldwirtschaft umgewandelt hat, mufi man heute zugleich betonen:
das dritte Glied ist die Unrwandlung der Geldwirtschaft in die Kredit-
wirtschaft.
Damit tritt an die Stelle desjenigen, was lange Zeit hindurch war,
wiederum ein Neues. Dadurch tritt aber auch das in das soziale Leben
ein, was auf den Wert des Menschen selber hinweist. Das Wirtschafts-
leben selber, in bezug auf die Hervorbringung von Werten, steht einer
Umwandelung gegeniiber, steht einer Frage gegeniiber, und das ist die
Wirtschaftsfrage, das ist das dritte Glied dieser sozialen Frage.
Diese soziale Frage werden wir in diesen Vortragen kennenlernen
miissen als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und Staatsfrage oder
politische Frage und als eine Wirtschaftsfrage. Der Geist wird die Ant-
wort zu geben haben auf die erste Frage: Wie macht man die Menschen
tiichtig, damit eine soziale Struktur entstehen konne, die nicht die heu-
tigen Schaden, die nicht zu verantworten sind, enthalt? Die zweite
Frage ist diese: Welches Rechtssystem wird unter den vorgeriickten
Wirtschaftsverhaltnissen die Menschen wiederum zum Frieden bringen?
Das dritte ist: Welche soziale Struktur wird imstande sein, den Men-
schen so an seinen Platz zu stellen, dafi er imstande ist, von diesem
Platze aus fur die menschliche Gemeinschaft zu deren Wohl zu arbeiten,
so wie er es nach seiner Wesenheit, nach seinen Begabungen, nach seinen
Fahigkeiten vermag? Dahin wird fiihren die Frage: Welcher Kredit ist
dem personlichen Werte eines Menschen zu gewahren? Da sehen wir die
Umgestaltung der Wirtschaft vor uns aus neuen Verhaltnissen heraus.
Eine Geistesfrage, eine Rechtsfrage, eine Wirtschaftsfrage steht in
der sozialen Frage vor uns. Und wir werden sehen, dafi die kleinste
Gliederung der sozialen Frage nur im richtigen Lichte gesehen werden
kann, wenn man diese soziale Frage im Grunde betrachtet als eine
Geistes-, als eine Rechts-, als eine Wirtschaftsfrage. Davon dann mor-
gen weiter.
Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag
Es liegt in der Natur der Sache, dafi, da ich heute nur eine Einleitung
gegeben habe, sehr leicht Fragen gestellt werden konnen, die sachgemafi
erst in den nachsten Tagen und da im Zusammenhange der Vortrage
zur Beantwortung kommen werden. Eine solche Frage ist diese, die mir
als erste vorgelegt worden ist:
Wie kann ein objektiver Wertmafistab fur Giiter gefunden werden?
Nun, wie gesagt, ich mochte nur einiges iiber diese Frage sagen, weil
ja eine Ausfiihrung in den nachsten Tagen gerade auf diese Frage sich
beziehen mufi und sie dann aus dem Zusammenhang heraus beantwortet
werden kann. Ich mochte aber doch das Folgende dazu sagen.
Sehen Sie, bei Stellung einer solchen Frage handelt es sich darum,
dafi man sich ganz klar ist: Man stellt diese Frage auf dem Boden des
Wirtschaftslebens. Die Frage nach dem Werte der Giiter kann man nur
stellen auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Das heifit aber: Es wird
notig sein, dafi man sich dabei bekanntmacht mit manchem, was in der
Gegenwart mit Bezug auf eine Art Umlernen und Umdenken notig ist.
Die Gegenwart sieht sich sehr an als etwas, was ungeheuer praktisch
denkt. Leicht nennt man in der Gegenwart dies oder jenes «graue Theo-
ries Aber mit dem wirklich praktischen Denken ist es doch nicht all-
zuweit her. Und gerade diejenigen, die sich heute oftmals Praktiker
nennen, sind von den grauesten Theorien beherrscht. Sie sind nur in der
Lage, diese grauen Theorien in einer naheliegenden Lebensroutine zum
Ausdruck zu bringen und halten sie daher fur praktisch, weil sie nicht
sehen, ob sie fruchtbringend oder zerstorend fiir das Leben wirken.
Was hier verfochten wird, die Dreigliederung des sozialen Organis-
mus, soil sich von sozialistischen oder anderen Theorien dadurch unter-
scheiden, dafi es etwas ist, was im eminentesten Sinne aus der Lebens-
praxis heraus gewonnen ist. Deshalb muft schon gesagt werden, dafi eine
solche Frage nach dem objektiven Werte eines Gutes, einer Leistung,
eines Erzeugnisses streng auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt
werden mufi. Da aber — und jetzt komme ich auf das, was in seiner Vor-
stellungsart der Gegenwart noch fremd ist - handelt es sich nicht dar-
um, dafi man irgendeine Definition f indet, was der Wert eines Gutes ist.
Die schonste Definition hat man ja immer fiir alle moglichen Dinge
gefunden, aber es zeigt sich bei sehr schonen Definitionen oftmals eben
das, dafi sie einem im Leben auch nicht um einen einzigen kleinen
Schritt vorwarts helfen. Wenn man von dem Werte der Giiter spricht,
so handelt es sich ja nicht darum, dafi man sagen kann, dies oder jenes
sei der "Wert eines Gutes, sondern es handelt sich darum, dafi der Wert
des Gutes in der Zirkulation des menschlichen Verkehrs zum wirklichen
Ausdruck kommt, dafi wirklich das Gut, das ich hervorbringe, so viel
mir einbringt, als ich brauche zu einer solchen Leistung. Also es handelt
sich darum, dafi in die Giiterzirkulation das Gut mit seinem entspre-
chenden Wert eindringt. Und das Nachdenken hat sich nicht damit zu
befassen, anzugeben, welches der objektive Wertmafistab eines Gutes
ist, sondern das Nachdenken hat sich damit zu befassen, eine soziale
Struktur zu finden, durch die menschliche Gutererzeugnisse so in das
soziale Leben eintreten, dafi sie darinnen zirkulieren zum Wohle der
Gemeinschaft. Da handelt es sich darum, vor alien Dingen die Bedin-
gungen herauszufinden, durch die Giiter mehr oder weniger wert
werden.
Man braucht zum Beispiel nur auf folgendes hinzuweisen. Nehmen
wir an, es wird in irgendeinem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zuviel
Fett, zuviel menschlich konsumierbares Fett erzeugt. Gut, man kann ja
den Uberflufi, den Menschen nicht verzehren konnen, meinetwillen
zum Wagenschmieren beniitzen. Man kann es so verwenden, schon.
Dadurch aber wird der Wert des Fettes fiir diese Menschengemeinschaf t
im wesentlichen herabgemindert. Nehmen wir an, es wird zuwenig Fett
erzeugt, dann wird der Wert hinaufgesteigert, und es konnen nur solche
Menschen, die ein Vermogen iiber das Durchschnittsmafi haben, sich
das Fett vers chaff en. Also man kann die Bedingungen angeben, unter
denen der Wert eines Gutes, einer Leistung, steigt oder fallt.
Nun handelt es sich darum, dafi eine soziale Struktur eintrete, durch
welche dieser Wert des einzelnen Gutes im Vergleiche zu anderen Gii-
tern zu seinem entsprechenden Daseinsausdruck komme. Also es han-
delt sich nicht darum, da£ man den Wert angeben kann, was man
natiirlich durch den entsprechenden Geldpreis kann; aber da kommt
der vollstandige Wert nicht zum Ausdruck. Es handelt sich darum, dafi
man es dahin bringen mufi, dafi vergleichsweise mit anderen Gtttern die
hervorgebrachten Guter, um die es sich handelt, den entsprechenden
Wert haben. Es mufi also diese Frage auf den Boden des Wirtschafts-
lebens gestellt und nicht nach einer Definition des Wertes, sondern
nach den Bedingungen gefragt werden, unter denen Guter den ent-
sprechenden gerechten Wert bekommen konnen.
Das ist es, was ich zunachst sagen mochte. Ich wollte durch das nur
darauf hinweisen, dafi man in vieler Beziehung iiber das soziale Leben
die Fragestellungen, die Vorstellungsarten wird umwandeln miissen.
An ein Umdenken wird sich die Menschheit gewohnen miissen. Heute
ist sogar das praktische Leben, ich mochte sagen, eingesogen in die
Theorie. Und ich wollte im Vortrage andeuten, wie nun wiederum auf
der anderen Seite nach und nach hineindringt in das allmahlich ganz
abstrakt gewordene - gerade unter dem Eindrucke der Geldwirtschaft
abstrakt gewordene - Leben das konkrete Leben in der Kreditwirt-
schaft. Sehen Sie, diese Dinge werden ja eigentlich heute mit einem ge-
wissen wissenschaftlichen Hochmut behandelt. Man merkt gar nicht,
von welchen komplizierten Verhaltnissen so etwas wie der Wert ab-
hangig ist, der wirkliche Wert. Wenn man den blofien Preis nimmt, so
hat man kein Bild des wirklichen Wertes. Da mufi man eingehen auf die
gesamte Wirtschaftsgrundlage. Man kann zum Beispiel von der Preis-
bildung im Sinne der Goldpreisbildung sprechen. Man kommt darauf
— NationalSkonomen, zum Beispiel Unmh> haben auf diese Tatsache ja
ganz schon hingewiesen, aber ohne die groJften Zusammenhange -, dafi
innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, sagen wir, eine Gans
einen bestimmten Wert hat, der sich im Preise ausdriickt. Dann ist es
der Geldwertpreis. Aber wenn man, wie das andere Nationalokonomen
getan haben, danach die ganze Struktur der Volkswirtschaft studieren
will, dann kommt man eben zu sehr einseitigen Resultaten, weil in
einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete die Wertbestimmung auch der
Ganse nicht nach dem blofien Geldpreiswert bestimmt werden kann.
Von solchen Dingen hangt namlich auch der Wert ab: ob innerhalb
einer Wirtschaft Ganse gehalten werden, damit man Fettganse be-
kommt und sie als Ganse verkauft, oder ob sie vielleicht gehalten wer-
den, weil sie gerupft werden und man die Federn verkaufen will. Also
davon, ob man Produzent von Federn oder von Gansen ist, davon
hangt manches ab. Das stellt sich erst heraus bei einer sachgemafien
Betrachtung des Wirtschaftslebens. Wenn man blofi statistisch die Zah-
len aufnimmt, was die einzelnen Dinge geldlich kosten, dann bekommt
man keinen Einblick in den sachlichen Gang des Wirtschaftslebens,
damit aber keinen Einblick in die wirkliche Bewertung.
Also man mufi auf die Beziehungen eingehen und sich streng auf den
Boden des Wirtschaftslebens stellen, wenn man von Werten sprechen
will. Dann braucht man auch nicht danach zu fragen: Wie driickt sich
objektiv der Wert aus? - sondern danach: Welche Verhaltnisse sozialer
Natur sind imstande, einem Gute, einer Leistung, einer menschlichen
Hervorbringung denjenigen Wert zu geben, der im Vergleich zu an-
deren Leistungen, anderen Hervorbringungen, anderen Giitern der
gerechte ist? Das wiirde die richtige Frage sein. Die Fragen, die heute
sehr stark theoretisch auftreten, werden sehr, ich mochte sagen, sich
verpraktisieren! Und auf dieses Sich-Verpraktisieren, das heute noch
manchen ganz fremd anmutet, der gerade ein Praktiker sein will, auf
das arbeitet die Dreigliederung des sozialen Organismus hin.
Dann ist gefragt:
Aus welchen Voraussetzungen heraus ist der Impuls zur Dreigliederung des sozia-
len Organismus entstanden?
Nun, da mufi gesagt werden, dafi die soziale Frage eigentlich erst
kritisch geworden ist wahrend dieser grofien Weltkriegskatastrophe.
Ich beriihre ja nicht gern Personliches, aber in solchen Dingen ist
man nur allzuoft genotigt, das zu tun. Ich habe Gelegenheit gehabt,
reichlich genug mitzuerleben den Gang der sozialen Frage. Ich war
lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule, in der von
mir im Umgange mit den nicht nur erwachsenen, sondern oftmals recht
alten Schiilern die soziale Frage sehr gut studiert werden konnte. Ich
habe die soziale Frage da von den verschiedensten Seiten praktisch im
Leben kennengelernt, erstens kennengelernt vor alien Dingen von der
Seite, wie sie lebt in den Seelen grofier, breiter Menschenmassen von
heute, wie schwer sie verstanden wird gerade von diesen breiten Men-
schenklassen. Ja, ich habe gesehen - diese Lehrerschaft von mir liegt ja
zwei Jahrzehnte zuriick -, wie es gerade in dem Zeitpunkt um die
Wende des 19. zum 20. Jahrhundert moglich gewesen ware, in die
modernen breiteren Massen der arbeitenden Bevolkerung Ideen hinein-
zutragen, welche das heutige Chaos und die heutige Zerstorungswut auf
sozialem Gebiete hatten verhindern konnen. Wahrhaftig, ich konnte
deutlich sehen: Fiir aus dem Geiste heraus geborene Ideen ware vor
zwanzig Jahren, wenn man darauf seine Aufmerksamkeit gewendet
hatte, eine breite Masse der Bevolkerung zuganglich gewesen.
Was dem entgegenstand, habe ich, zweitens, kennengelernt, indem
ich audi die andere Seite kennengelernt habe. Ich habe das Malheur
gehabt, sehen Sie, gerade unter den Schulern Anhanger zu gewinnen,
Anhanger fiir wahrhaftig ganz andere Denkweisen, als sie seither grofi
geworden sind. Ich habe gesehen, wie fiir gesunde Ideen breite Massen
des Volkes wirklich zuganglich waren. Und ich darf, ohne unbeschei-
den zu werden - ich erzahle wirklich nur Tatsachen -, sagen: gewohn-
lich wenn die sozialistischen Dutzendlehrer, die so die gewohnlichen
agitatorischen Lehrer der Arbeiterbildungsschule eben waren, ihre
Kurse gaben, dann war es so, dafi sie im ersten Quartal — quartalsweise
wurde der Unterricht erteilt - eine gewisse Zuhorerschaft hatten; aber
dann verminderte sie sich rasch. Meine Zuhorerschaft — ich darf das
wirklich eben sagen, weil es eine Tatsache ist -, die wuchs von Quartal
zu Quartal und ist nur zu grofi geworden fiir die Fiihrer des Proleta-
riats, fiir diese Fiihrer, welche die Abschnitzel der burgerlichen Wissen-
schaft ubernommen haben und sie in einer ja sattsam bekannten Weise
verwerten. Als diese Leute gesehen haben, dafi ich Anhangerschaft ge-
winne, da wurde arrangiert, dafi einmal die gesamte Schulerschaft die-
ses Quartals zusammengewiirf elt wurde, und auch etwa drei Abgesandte
- aber von minderer Sorte - der Fiihrerschaft hineingedruckt wurden.
Ja, da wurde mir vorgeworfen, dafi ich nicht richtige marxistische Ge-
schichtsauf fassung, nicht historischen Materialismus lehre, dafi ich auch
die Naturwissenschaft nicht benutze, um in den Materialismus hinein-
zufiihren, um das Marxistische zu stiitzen, sondern um in ernster Weise
Wissenschaftsanschauung in die Volksmenge zu tragen. Kurz, es wurde
mir vorgeworfen, dafi ich kein richtiger Dogmenlehrer des sozialisti-
sehen Systems sei. Nun, ich wagte zu sagen dazumal: Ihr wollt ja doch
vorstellen eine Gesellschaft, welche fiir die Zukunft arbeitet. Mir
scheintj da ware die erste Notwendigkeit diese, dafi eine wirkliche Zu-
kunftsforderung bei euch eingehalten wiirde: dafi ihr gestatten wiirdet
Lehrfreiheit! - Da erwiderte ein solcher Hineingeschickter: Lehrfrei-
heit, das konnen wir nicht anerkennen, das hat im offentlichen Leben
keine Bedeutung fiir uns, wir kennen nur einen verniinftigen Zwang. -
Und sehen Sie, unter diesem «vernunftigen Zwang» gestaltete sich die
Sache so, dafi fiir mich alle anderen sechshundert, gegen mich die drei
stimmten, aber mich dennoch herauslancierten. Das ist die andere Seite
der Entwickelung der sozialen Frage, die ich auch habe kennenlernen
konnen. Da konnte man schon sehen, unter welchen offentlichen Kraf-
ten die soziale Frage eigentlich steht.
Man mufite allmahlich durchschauen, wie im Menschenleben, in der
Menschenentwickelung iiberhaupt, zusammenwirken Geistiges, Recht-
lich-Politisches und Wirtschaftliches. Man konnte dann aber sehen,
wie gerade unter den neuesten Verhaltnissen durch das Zusammen- und
Ineinanderschieben des Rechtlich-Politischen, des Geistig-Kulturellen,
zu dem auch die nationalen Verhaltnisse gehoren, mit dem Wirtschaft-
lichen die grofien Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen
sich ausbildeten. Man konnte sehen, wie das wirtschaftliche System,
das, wenn es in derselben Weise weiterlauft, wie es namentlich als Ideal
angesehen wurde von gewissen Seiten am Ende des 19., Anfang des 20.
Jahrhunderts, zu fortwahrenden Krisen fiihren mufi. Man konnte dann
sehen, wie diese Weltkriegskatastrophe nur eine zusammengeschobene
grofie Krise ist, weil allmahlich die Staaten aus politischen Korper-
schaften zu Wirtschaftsimperien sich ausgewachsen haben, welche nur
das politische und das geistige Wesen in sich aufgenommen haben.
Nehmen wir den Ausgang dieser "Weltkriegskatastrophe. Ich habe ja
erst, abgesehen von gelegentlichen Aufierungen, verhaltnismafiig spat
iiber die soziale Frage so gesprochen, wie ich jetzt spreche, da ich ge-
wissermaEen als einem Teil meiner Aufgabe dariiber sprechen mufi.
Aber ich habe mein ganzes Leben hindurch die soziale Bewegung der
Menschheit beobachtet. Und wer gleich mir seine halbe Lebenszeit,
drei^ig Jahre, in Osterreich zugebracht hat, der hat an diesem Oster-
reich gesehen wie an einem Schulfall - wenn man diesen Ausdruck an-
wenden darf auf ein grofies Historisches, das an seinen Verhaltnissen
zerbrechen mufite -, wie in ihm sich zusammenknauelten die geistigen,
und vor alien Dingen die national-kulturellen Verhaltnisse, die recht-
lich-politischen Verhaltnisse und die wirtschaftlichen Verhaltnisse.
Nehmen Sie einmal den Siidosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus
dem die eigentliche Weltkatastrophe zuletzt ihre Veranlassung bekom-
men hat, da werden Sie sehen, wie sich das, was spater dann zu heller
Flamme aufloderte, vorbereitet hat durch den Berliner Kongrefi, wo
Dsterreich die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zu-
gesprochen wurde. Das war ein Programm politischer Art, das in die
politische Struktur Osterreich-Ungarns eingrif f . Aber die Verhaltnisse,
die dadurch geschaffen waren, die waren nicht mehr haltbar in dem
Momente, wo eine vollige Umwalzung auf dem Balkan stattfand, also
eine rein politische Umwalzung, das heifit eine Umwalzung auf poli-
tisch-rechtlichem Gebiete. Das alte reaktionare tiirkische Element
wurde durch die jungtiirkische Herrschaft abgelost. Eine unmittelbare
Folge davon war, dafi Dsterreich zur Annexion, anstelle der Okkupa-
tion, von Bosnien und der Herzegowina gefiihrt wurde, dafi Bulgarien
aus einem Fiirstentum sich zu einem Konigreich machte. Das waren
politische Verhaltnisse, die da spielten. In diese politischen Verhaltnisse
knauelten sich aber hinein wirtschaftliche Verhaltnisse. Und die wirt-
schaftlichen Verhaltnisse spielten zuletzt mit den politischen Verhalt-
nissen so zusammen, dafi aus diesem Zusammenspiel UnmogHchkeiten
des weltgeschichtlichen Werdens entstanden. Man mufite, weil die poli-
tische Verwaltung Dsterreichs zugleich die wirtschaftliche war, mit den
politischen Verhaltnissen so etwas verquicken wie zum Beispiel den
Ausbau der Bahn von Dsterreich aus nach Siidosten, der Salonikibahn.
Es war etwas rein Wirtschaftliches; aber die politischen Verhaltnisse
spielten fortwahrend mit den wirtschaftlichen zusammen. Das Ganze
beruht auf dem Unverstandenen von geistig-kulturellen Verhaltnissen,
namlich auf Gegensatzen von Slawen- und Germanentum. Diese drei
Dinge knauelten sich ineinander, und aus dieser Verknauelung entstand
die Schreckenskatastrophe. Man kann studieren von Jahr zu Jahr, wie
dadurch Scheinverhaltnisse geschaffen wurden, dafi die Rechtsverhalt-
nisse, die geistig-kulturellen Verhaltnisse, die wirtschaftlichen Verhalt-
nisse nicht auseinandergehalten werden konnten.
Aber diese Verhaltnisse drangen nach Auseinandertrennung, Aus-
einanderhaltung. Und man mufi sich erinnern, wie mit dem Herauf-
kommen der neueren Zeitverhaltnisse sehr friih das Rechtsleben, das
Geistesleben und das Wirtschaftsleben sich auseinanderzuhalten such-
ten. Gerade die Tatsache, dafi etwas so Furchtbares aus der Zusammen-
knauelung entstehen konnte wie diese Weltkriegskatastrophe, gerade
das wies einen darauf hin, wie ja wie in einem Reagenzglase im chemi-
schen Laboratorium Substanzen, die man zusammenbringt, die aber
nicht zusammengehoren, wie die auseinander fallen: so fallen, Helen
schon verhaltnismafiig friih die wirtschaftlichen Verhaltnisse, die gei-
stigen und die Rechtsverhaltnisse auseinander.
Ich will nur an eine Erscheinung erinnern, die verhaltnismafiig friih
auftrat. Spater, nach der Reformation, nach der Renaissance wurde sie
verwischt. Wenn Sie die Geschichte des Mittelalters studieren, so wer-
den Sie finden, dafi die Kirche zinsf eindlich war, das heifit, dafi die Kir-
che iiberall Lehren verbreitete, die dahin gingen, es sei unmoglich, es
vertrage sich nicht mit einem wirklich christlichen Leben, Zins zu
nehmen von Geldausborgung. Das war Lehre, das war Geistesleben.
Diese Lehre empfand man als schon. Aber die Kirche in ihren Vertre-
tern nahm sehr viel Zins in Wirklichkeit. Das wirtschaftliche Leben
trennte sich sehr stark von dem geistigen Leben. Beides fiel auseinander.
Und auf ahnliche Erscheinungen konnte man in den letzten Jahren
sehr stark hinweisen, wenn man zum Beispiel zeigen wollte, wie das
wirtschaftliche Leben in Form von allerlei Schiebertum, Verschaf fung
von Lebensmitteln unter der Hand, auseinanderfiel mit dem recht-
lichen Leben, das rationierte. Da sehen Sie ahnliche Erscheinungen wie
eben in einem Reagenzglase, wo nicht zusammengehorige Substanzen
auseinanderf alien.
Alle diese Dinge miissen im einzeinen studiert werden. Und weii
nach und nach durch die Kompliziertheit der modernen Lebensverhalt-
nisse sich immer mehr und mehr dies Auseinanderfallen zeigt, sowohl
im internationalen wie im nationalen Leben, ergibt sich daraus nach
und nach die Notwendigkeit, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung des
sozialen Organismus, wie ich sie in den nachsten Vortragen darstellen
werde und wie Sie sie auseinandergesetzt finden in meinen «Kernpunk-
ten der sozialen Frage».
Man mufi sich klar dariiber sein, dafi solch ein Ausspruch, wie ich
ihn angefiihrt habe von Hartley Withers, durchaus begriindet ist. Die
Verhaltnisse sind in der neueren Zeit sehr kompliziert geworden. Und
nur dann, wenn man darauf kommt, wie man gewisse Grundgesetze
~ Urideen, so habe ich sie genannt in meinen «Kernpunkten der sozia-
len Frage» - finden kann, die dann in den kompliziertesten Verhalt-
nissen des praktischen Lebens zu einem wirklich praktischen Weg-
weiser werden konnen, nur dann kann man hoffen, etwas beizutragen
zu dem, was heute die soziale Frage ist. Und nur dadurch kann man
hoffen, das zu iiberwinden, was nach und nach in Form von Schlag-
worten, von Parteimeinungen in so furchtbarer "Weise die Massen er-
greift und durch die Menschen leider zu Tatsachen wird. Ehe wir nicht
dazu kommen, die soziale Frage aus dem Parteigetriebe herauszuheben
und sie auf den Boden der praktischen, verniinftigen Erfassung der
Wirklichkeit zu stellen, eher konnen wir nicht hoffen, weiterzukom-
men. Dafi eine solche Betrachtung moglich ist, das mochte ich Ihnen
eben durch die folgenden Vortrage zeigen.
Damit mochte ich, was ich iiber die Entstehung und iiber das Her-
vorkommen der Dreigliederung im neueren Leben zu sagen hatte, zu-
nachst angedeutet haben. Manches wird ja in den nachsten Vortragen
sich noch ergeben.
ZWEITER VORTRAG
Zurich, 25.0ktober 1919
Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage
Die Umwandlung des Marktes
Preisgestaltung - Geld- und Steuerwesen - Kredit
Aus den Anschauungen, die erwachsen sind gegeniiber den Tatsachen
der sozialen Entwickelung der neueren Zeit, wie ich sie gestern ver-
suchte auseinanderzusetzen, ist entstanden, was Sie verzeichnet finden
in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», ist entstanden
die Idee von der Dreigliederung der sozialen Organisation. Diese Idee
von der Dreigliederung des sozialen Organismus will eine durchaus
praktische Lebensidee sein und nicht irgend etwas Utopistisches in sich
enthalten. Daher war die Voraussetzung fiir die Abfassung meines
Buches die, dafi es hingenommen werde mit einem gewissen Instinkt fiir
die wirklichen Tatsachen, dafi es nicht beurteilt werde aus vorgefafiten
Theorien, vorgefafiten Parteimeinungen heraus. Allerdings, wenn das
richtig ist - und es ist zweif ellos richtig, was ich gestern anf iihrte dafi
allmahlich die sozialen Tatsachen in den Lebensverhaltnissen der Men-
schen so kompliziert geworden sind, dafi sie sich aufierordentlich
schwer nur iibersehen lassen, wird eine besondere Methode notwendig
sein bei der Besprechung dessen, was heute zum Wollen fiihren soil.
Es ist ja gegeniiber dieser Kompliziertheit der Tatsachen nur zu
selbstverstandlich, dafi der Mensch zunachst fiir dasjenige ein gewisses
Verstandnis hat, namentlich an wirtschaf tlichen Erscheinungen, was in
seinen Lebenskreisen liegt. Allein alles, was in ihnen liegt, ist abhangig
von der ganzen iibrigen "Wirtschaft, und heute nicht nur von der Wirt-
schaft eines Landes, sondern von der ganzen Weltwirtschaft. Da wird
der einzelne gar oft in die selbstverstandliche und begreifiiche Lage
kommen, die Notwendigkeiten fiir die Weltwirtschaft nach den Erfah-
rungen seines allernachsten Lebenskreises beurteilen zu wollen. Er wird
natiirlich dabei fehlgehen. Wer bekannt ist mit den Anforderungen
eines wirklichkeitsgemafien Denkens, der weifi auch, welche Bedeutung
es hat, mit einem gewissen Wirklichkeitsinstinkt an die Erscheinungen
der Welt heranzugehen, um dadurch zu gewissen grundlegenden Er-
kenntnissen zu kommen, die dann im Leben eine ahnliche Rolle spielen
konnen wie in gewissen Schulerkenntnissen grundlegende Wahrheiten.
Sehen Sie, wenn man darauf ausgehen wollte, das ganze Wirtschafts-
leben mit alien seinen Einzelheiten zu erkennen und daraus erst Schlusse
zu ziehen fur ein soziales Wollen, man wiirde ja nie fertig. Man wiirde
aber ebensowenig fertig, wenn man alle die Einzelheiten, in denen,
sagen wir, der pythagoraische Lehrsatz Anwendung findet im tech-
nischen Leben, erst durchnehmen miifite, um die Wahrheit des pythago-
raischen Lehrsatzes zu erkennen. Man eignet sich die Wahrheit des
pythagoraischen Lehrsatzes aus gewissen inneren Zusammenhangen an
und weifi dann: uberall, wo seine Anwendung in Frage kommt, mufi er
gelten. Man ringt sich auch im sozialen Erkennen dazu durch, dafi ge-
wisse Fundamentalerkenntnisse durch ihre innere Natur sich dem Be-
wufitsein als wahr ergeben konnen. Und wenn man dann nur Wirklich-
keitssinn hat, dann wird man finden, dafi sie uberall, wo sie in Frage
kommen, auch anwendbar sind. So mochte das Buch «Die Kernpunkte
der sozialen Frage» verstanden werden aus seiner inneren Natur heraus,
aus der inneren Natur der angefuhrten sozialen Verhaltnisse heraus,
und so mochte zunachst auch die Gesamtidee von der Dreigliederung
des sozialen Organismus aufgefafit werden. Aber ich werde in diesen
Vortragen durchaus versuchen, zu zeigen, wie einzelne Erscheinungen
des sozialen Lebens Bekraftigungen liefern fiir das, was aus dieser Idee
der Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich aus den Lebens-
notwendigkeiten der Gegenwart und der nachsten Zukunft derMensch-
heit ergibt, folgt.
Vorerst aber werde ich genotigt sein, einleitungsweise, bevor ich zu
meinem eigentlichen heutigen Thema iibergehe, einfach referierend vor
Sie hinzustellen, was die Grundidee von dieser Dreigliederung des so-
zialen Organismus ist. Wir haben gestern das Ergebnis fassen konnen,
dafi unser soziales Leben aus drei Grundwurzeln heraus seine Forde-
rungen stellen mufi, mit anderen Worten, dafi die soziale Frage eine
Geistesfrage, eine Staats- oder Rechtsfrage, eine politische Frage, und
eine Wirtschaftsfrage sei. Wer das Leben der neueren Entwickelung der
Menschheit durchforscht, der wird finden, dafi diese drei Lebens-
elemente - Geistesleben, Rechts- und Staats- oder politisches Leben und
Wirtschaftsleben - chaotisch allmahlich bis in unsere Gegenwart herein
in eine Gesamtheit, in eine Einheit zusammengeflossen sind, und dafi
aus diesem Zusammenfliefien heraus unsere gegenwartigen sozialen
Schaden entstanden sind.
Erkennt man dieses durchgreifend - und diese Vortrage sollen die
Grundlage daf iir abgeben, daJS man das durchgreifend erkennen konne -,
so wird man finden, dafi die Zukunf t sich so entwickeln miisse, dafi das
Leben, das offentliche Leben, der soziale Organismus gegliedert werde
in eine selbstandige Geistesverwaltung namentlich des offentlichen
Geisteslebens in Erziehung und Unterrichtswesen, in eine selbstandige
Verwaltung der politischen, der Staats-, der Rechtsverhaltnisse, und in
eine vollig selbstandige Verwaltung des Wirtschaftslebens.
Gegenwartig umfafit eine einzige Verwaltung in unseren Staaten
diese drei Elemente des Lebens, und wenn man von einer Dreigliederung
spricht, wird man heute sogleich mifiverstanden. Man wird so verstan-
den, dafi gesagt wird: Nun ja, da will irgend jemand eine selbstandige
Verwaltung fiir das Geistesleben, eine selbstandige Verwaltung fur das
Rechts- oder Staats- oder politische Leben, eine selbstandige Verwal-
tung fiir das Wirtschaftsleben; also fordert er drei Parlamente, ein
Kulturparlament, ein demokratisch-politisches Parlament und ein
"Wirtschaf tsparlament. - Wenn man dies f ordern wiirde, so wiirde man
von der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus eben gar nichts
verstehen, denn diese Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus
will eben einfach vollstandig ernst nehmen die Forderungen, die sich
geschichtlich im Laufe der neueren Entwickelung der Menschheit er-
geben haben. Und diese drei Forderungen kann man aussprechen mit
den drei Worten, die aller dings schon zu Schlagworten geworden sind;
geht man aber aus den Schlagworten heraus, um die Wirklichkeit zu
treffen, so findet man, daft berechtigte geschichtliche Impulse in diesen
drei Worten enthalten sind. Diese drei Worte sind der Impuls nach der
Freiheit des rnenschlichen Lebens, der Impuls nach Demokratie, und
der Impuls nach einer sozialen Gestaltung des Gemeinschaftswesens.
Aber wenn man diese drei Forderungen ernst nimmt, so kann man sie
nicht zusammenknaueln in eine einzige Verwaltung, denn das eine mufi
dann immer das andere storen. Wer zum Beispiel den Ruf nach Demo-
kratie ernst nimmt, der mufi sich sagen: Diese Demokratie kann sich
nur ausleben in einer Volksvertretung oder durch ein Referendum,
wenn jeder einzelne miindig gewordene Mensch, indem er gleichgestellt
ist jedem anderen miindig gewordenen Menschen gegeniiber, entschei-
den kann durch sein Urteil, was eben auf demokratischem Boden durch
die Urteilsfahigkeit eines jeden miindig gewordenen Menschen ent-
schieden werden kann.
Nun gibt es - so sagt die Idee von der Dreigliederung des sozialen
Organismus — ein ganzes Lebensgebiet, das ist eben das Gebiet des
Rechtslebens, das Gebiet des Staatslebens, das Gebiet der politischen
Verhaltnisse, in dem jeder miindig gewordene Mensch berufen ist, aus
seinem demokratischen Bewufitsein heraus mitzureden. Aber nimmer-
mehr kann dann, wenn so mit der Demokratie ernst gemacht und das
Staatsleben ganz demokratisiert werden soil, das geistige Gebiet auf der
einen Seite einbezogen werden in diese Demokratie, und nimmermehr
kann der Kreislauf des Wirtschaftslebens einbezogen werden in diese
demokratische Verwaltung.
In dieser demokratischen Verwaltung ist ein Parlament durchaus am
Platze. Aber in einem solchen demokratischen Parlament kann niemals
entschieden werden iiber das, was sich auf dem Boden des Geisteslebens,
auch auf dem Boden des Erziehungs- und Unterrichtswesens, zu voli-
ziehen habe. Was ich im vierten Vortrage viel genauer auszufiihren
haben werde, will ich heute einleitungsweise andeuten: die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus erstrebt ein selbstandiges Geistesleben
insbesondere in den offentlichen Angelegenheiten, im Erziehungs- und
Unterrichtswesen. Das heifit, es soil kiinftig nicht durch irgendwelche
Staatsverordnungen bestimmt werden, was und wie zu lehren sei, son-
dern diejenigen, die wirklich drinnenstehen im praktischen Lehren, im
praktischen Erziehen, die sollen auch die Verwalter des Erziehungs-
wesens selber sein. Das heifit, von der untersten Volksschulstufe bis
hinauf zu der hochsten Unterrichtsstuf e soil dieLehrperson unabhangig
sein von irgendeiner anderen, staatlichen oder wirtschaftlichen Macht
in bezug auf dasjenige, was und wie sie zu unterrichten habe. Das soil
aus dem folgen, was als angemessen empfunden wird fiir das Geistes-
leben innerhalb der selbstandigen Geistkorperschaft selbst. Und nur so
viel Zeit soil der einzelne fiir den Unterricht zu verwenden brauchen,
dafi ihm die Zeit noch iibrigbleibt, urn Mitverwalter zu sein des ge-
samten Unterrichts- und Erziehungswesens, aber auch des gesamten
geistigen Lebens.
Ich werde im vierten Vortrage zu beweisen versuchen, wie durch
diese Selbstandigkeit des Geisteslebens die geistige Verfassung der Men-
schen iiberhaupt auf einen ganz anderen Boden gestellt und wie gerade
dasjenige eintreten wird, wovon man nach dem heutigen Vorurteil am
wenigsten glauben kann, dafi es kommen werde: Durch diese Selbstan-
digkeit wird das Geistesleben die Kraft bekommen, wirklich von sich
aus fruchtbar einzugreifen in das Staats- und namentlich in das Wirt-
schaftsleben. Und innerlich wird gerade ein selbstandiges Geistesleben
nicht graue Theorie, nicht weltfremde wissenschaftliche Anschauungen
liefern, sondern zu gleicher Zeit eindringen in das menschliche Leben,
so dafi sich der Mensch von einem solchen selbstandigen Geistesleben
aus durchdringen wird nicht mit blofi abstrakten Geistesanschauungen,
sondern mit Erkenntnissen, durch die er im wirtschaftlichen Leben sei-
nen Mann stellen kann. Gerade durch die Selbstandigkeit wird das
Geistesleben zugleich praktisch werden. So daiS man sagen kann: Im
Geistesleben wird zu herrschen haben Sachkenntnis und Anwendung
der Sachkenntnis. Nicht wird zu herrschen haben, was aus dem Urteil
eines jeden urteilsfahigen, miindig gewordenen Menschen kommen
kann. Es mufi also aus dem Parlamentarismus herausgenommen werden
die Verwaltung des Geisteslebens. Wer glaubt, dafi da ein demokrati-
sches Parlament herrschen soil, der mifiversteht griindlich gerade den
Antrieb zur Dreigliederung des sozialen Organismus.
Ahnlich ist es im "Wirtschaftsleben. Aber das Wirtschaftsleben hat
seine selbstandigen Wurzeln. Es mufi verwaltet werden aus seinen eige-
nen Bedingungen lieraus. Es kann wiederum nicht iiber die Art und
Weise, wie gewirtschaftet werden soli, demokratisch geurteilt werden
von jedem miindig gewordenen Menschen, sondern nur von dem, der
drinnensteht in irgendeinem Wirtschaftszweige, der tiichtig geworden
ist fiir einen Wirtschaftszweig, der die Verkettungen kennt, wie dieser
Wirtschaftszweig mit anderen Wirtschaftszweigen zusammenhangt.
Fachkundigkeit und Fachtiichtigkeit, das sind die Bedingungen, durch
die im Wirtschaftsleben allein etwas Fruchtbringendes zustande kom-
men kann. Dieses Wirtschaftsleben wird also losgegliedert werden miis-
sen auf der einen Seite von dem Rechtsstaate, auf der anderen Seite vom
Geistesleben. Es wird auf seine eigene Basis gestellt werden miissen.
Das wird audi von sozialistisch Denkenden heute am allermeisten
verkannt. Diese sozialistisch Denkenden stellen sich irgendeine Gestalt
vor, welche das Wirtschaftsleben annehmen soil, damit gewisse Schaden
sozialer Natur in der Zukunft der Menschheit verschwinden. Man hat
gesehen, und es ist ja leicht zu sehen, dafi durch die privatkapitalistische
Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte gewisse Schaden entstan-
den sind. Diese Schaden sind offenbar. Wie urteilt man? Man sagt sich:
Die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung ist heraufgekommen; sie
hat die Schaden gebracht. Die Schaden werden verschwinden, wenn wir
die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung abschaffen, wenn wir an
die Stelle der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung die Gemein-
wirtschaft treten lassen. Was als Schaden heraufgezogen ist, ist dadurch
gekommen, dafi einzelne Besitzer personlich die Produktionsmittel zum
Eigentum haben. Wenn nun nicht mehr einzelne Besitzer die Produk-
tionsmittel zu ihrem Eigentum haben werden, sondern die Gemein-
schaft die Produktionsmittel verwalten wird, dann werden die Schaden
verschwinden.
Nun kann man sagen: Einzelerkenntnisse haben sich auch schon so-
zialistisch Denkende heute errungen, und es ist interessant, wie diese
Einzelerkenntnisse durchaus schon in sozialistischen Kreisen wirksam
sind. Man sagt heute schon: Ja, gemeinschaftlich verwaltet werden sol-
len die Produktionsmittel oder das Kapital, welches ja der Reprasen-
tant der Produktionsmittel ist. Aber man hat gesehen, wozu gef iihrt hat
zum Beispiel die Verstaatlichung gewisser Produktionsmittel, die Ver-
staatlichung der Post und der Eisenbahnen und so weiter, und man kann
durchaus nicht sagen, dafi die Schaden dadurch beseitigt seien, dafi der
Staat nun zum Kapitalisten geworden ist. Also man kann nicht ver-
staatlichen. Man kann auch nicht kommunalisieren. Man kann auch
nicht etwas Fruchtbringendes dadurch erreichen, dafi man Konsum-
genossenschaften griindet, in denen sich die Leute zusammentun, die f iir
irgendwelche Artikel Konsum notig haben. Diejenigen Leute, die diesen
Konsum regeln und auch danach regeln wollen die Produktion der zu
konsumierenden Giiter, die werden, auch nach der Ansicht von sozia-
listisch Denkenden, als Konsumierende zu Tyrannen der Produktion.
Und so ist die Erkenntnis schon durchgedrungen, dafi sowohl die Ver-
staatlichung wie die Kommunalisierung, wie auch die Verwaltung
durch Konsumgenossenschaften zur Tyrannis wird der Konsumieren-
den. Die Produzierenden wurden ganz in tyrannische Abhangigkeit
kommen von den Konsumierenden. So denken dann manche, dafi ge-
griindet werden konnen, als eine Art von gemeinschaftlicher Verwal-
tung, Arbeiter-Produktivassoziationen, Arbeiter-Produktivgenossen-
schaften; da wurden sich die Arbeiter selbst zusammenschliefien, wiir-
den nach ihren Meinungen, nach ihren Grundsatzen fur sich selber
produzieren.
Wiederum haben sozialistisch Denkende eingesehen, dafi man auch
dadurch nichts anderes erreichen wiirde, als dafi man an die Stelle eines
einzelnen Kapitalisten eine Anzahl von kapitalistisch produzierenden
Arbeitern treten lassen wiirde. Und diese kapitalistisch produzierenden
Arbeiter waren auch nicht imstande, etwas anderes zu tun als der ein-
zelne Privatkapitalist. Also auch die Arbeiter-Produktivgenossenschaf-
ten weist man zuriick.
Aber damit ist man noch nicht zufrieden, einzusehen, da£ diese ein-
zelnen Gemeinsamkeiten zu nichts Fruchtbringendem in der Zukunft
fiihren konnen. Man denkt sich nun, die gesamte Gesellschaft irgend-
eines Staates, irgendeines geschlossenen Wirtschaftsgebietes konne ge-
wissermafien doch eine Grofigenossenschaft werden, eine Grofigenos-
senschaf t, in der alle daran Beteiligten zu gleicher Zeit Produzenten und
Konsumenten sind, so da$ nicht der einzelne Mensch unmittelbar von
sich aus die Initiative entwickelt, das oder jenes zu produzieren fur die
Gemeinschaft, sondern da$ die Gemeinschaft selbst die Losungen aus-
gibt, wie produziert werden soli, wie das zu Produzierende verteilt wer-
den soli und so weiter. Ja, solch eine Grofigenossenschaft also, die Kon-
sum und Produktion umfafit, will man an die Stelle der privatwirt-
schaftlichen Verwaltung unseres modernen Wirtschaftslebens setzen.
Wer nun genauer in die Wirklichkeit hineinsieht, der weifi, dafi im
Grunde genommen dieses Aufsteigen zu der Anschauung iiber diese
Grofigenossenschaft nur davon herriihrt, dafi bei ihr das Irrtiimliche
nicht so leicht zu iiberschauen ist wie im einzelnen bei der Verstaat-
lichung, bei der Kommunalisierung, bei den Arbeiter-Produktivgenos-
senschaften, bei den Konsumgenossenschaften. Bei den letzteren ist ge-
wissermafien der Umkreis dessen, was man zu iiberschauen hat, kleiner.
Man sieht leichter die Fehler, die man dabei macht, wenn man solche
Einrichtungen anstrebt, als bei der Grofigenossenschaft, die ein ganzes
Gesellschaftsgebiet umfafit. Hier redet man hiiiein in das, was man
machen will, und Uberschaut noch nicht, dafi dieselben Irrtiimer ent-
stehen miissen, die man im kleinen ganz gut anerkennt, und die man im
grofien nur nicht anerkennt, weil man nicht fahig ist, die ganze Sache
zu iiberblicken. Das ist es, worauf es ankommt. Und man mufi ein-
sehen, worauf derGrundfehler dieses ganzen Denkens eigentlich beruht,
das in eine Grofigenossenschaft hineinsegelt, welche sich dariiber her-
machen soli, den gesamten Konsum und die gesamte Produktion von
sich aus zu verwalten.
Wie denkt man eigentlich, wenn man so etwas verwirklichen will?
Nun, wie man dabei denkt, das zeigen zahlreiche Parteiprogramme, die
gerade in unserer Gegenwart auftreten. Wie treten sie auf, diese Partei-
programme? Man sagt sich: Nun ja, da sind gewisseProduktionszweige,
die miissen nun gemeinschaftlich verwaltet werden. Dann wiederum
miissen sie sich zusammenschliefien zu grofieren Zweigen, zu grofieren
Verwaltungsgebieten. Da mufi wiederum so irgendeine Verwaltungs-
zentrale sein, welche das Ganze verwaltet, und so hinauf bis zu der
2entralwirtschaftsstelle, die das Ganze des Konsums und der Produk-
tion verwaltet. "Welche Gedanken, welche Vorstellungen wendet man
dabei an, wenn man so das Wirtschaftsleben gliedern will? Man wendet
namlich das an, was man sich anzueignen hat im politischen Leben, so
wie es sich herauf entwickelt hat in der neueren Menschheitsgeschichte.
Die Menschen, die heute von wirtschaftlichen Programmen sprechen,
haben zum grofien Teil ihre Schule durchgemacht im rein politischen
Leben. Sie haben teilgenommen an alledem, was sich abspielt bei Wahl-
kampfen, was sich abspielt, wenn man gewahlt wird und dann in
irgendeiner Volksvertretung diejenigen zu vertreten hat, von denen
man gewahlt ist. Sie haben durchgemacht, in welche Beziehungen man
dann zu Amtsstellen, die politische Stellen sind, tritt und so weiter. Sie
haben gewissermaften die ganze Schablone der politischen Verwaltung
kennengelernt, und sie wollen diese Schablone der politischen Verwal-
tung stiilpen iiber den ganzen Kreislauf des Wirtschaftslebens. Das
heifit, das Wirtschaftsleben soli nach solchen Programmen durch und
durch verpolitisiert werden, denn man hat nur kennengelernt das Poli-
tische der Verwaltung.
"Was uns heute bitter not tut, ist: einzusehen, dafi diese ganze Scha-
blone, wenn man sie auf das Wirtschaftsleben draufstiilpt, etwas dem
Wirtschaftsleben total Fremdes ist. Aber die allermeisten Leute, die
heute von irgendwelchen Reformen des Wirtschaftslebens oder gar von
Revolution des Wirtschaftslebens reden, sind im Grunde genommen
blofie Politiker, die von dem Aberglauben ausgehen, dasjenige, was sie
auf politischem Felde gelernt haben, lasse sich in der Verwaltung des
Wirtschaftslebens anwenden. Eine Gesundung aber unseres Wirtschafts-
kreislaufes wird nur eintreten, wenn dieses Wirtschaftsleben aus seinen
eigenen Bedingungen heraus betrachtet und gestaltet wird.
Was fordern denn solche politisierenden Wirtschaftsreformer? Sie
fordern nichts Geringeres, als dafi durch diese Hierarchie der Zentral-
stelle in der Zukunft bestimmt werde: Erstens, was produziert werden
solle und wie produziert werden solle. Zweitens fordert sie, dafi die
ganze Art des Produktionsprozesses von den Verwaltungsstellen aus
bestimmt werden solle. Drittens fordert sie, dafi diejenigen Menschen,
die am Produktionsprozefi teilnehmen sollen, durch diese Zentralstellen
ausgewahlt und bestimmt und an ihre Platze gesetzt werden. Viertens
fordert sie, dafi diese Zentralstellen die Verteilung der Rohmaterialien
an die einzelnen Betriebe bewirken. Also die gesamte Produktion soli
unterstellt werden einer Hierarchie von politischer Verwaltung. Das ist
es doch, auf das die meisten wirtschaftsreformerischen Ideen der Gegen-
wart hinauslaufen. Nur sieht man nicht ein, dafi man mit einer solchen
Reform ganz auf dem Boden stehen bleiben wiirde, den man heute auch
schon hatj und seine Schaden nicht beseitigen, sondern im Gegenteil ins
Maftlose vergroEern wiirde. Man sieht ein, wie es nicht geht mit Ver-
staatlichung, Kommunalisierung, mit den Konsumgenossenschaften,
mit Arbeiter-Produktionsgenossenschaften; man sieht aber nkht ein,
wie man nur iibertragen wiirde, was man so schwer tadelt an dem
privatkapitalistischen System, auf die Gemeinverwaltung der Produk-
tionsmittel.
Das ist es, was heute vor alien Dingen wirklich eingesehen werden
mufi: dafi durch eine solche Mafinahme, durch solche Einrichtungen
wirklich iiberall da, wo sie getroffen werden, das eintreten mufke, was
heute schon sehr deutlich sich zeigt im Osten von Europa. In diesem
Osten von Europa waren einzelne Leute imstande, solche wirtschafts-
reformerische Ideen auszufuhren, sie in Wirklichkeit umzusetzen. Die
Menschen, die von Tatsachen lernen wollen, die konnten sehen an dem
Schicksal, dem der Osten Europas entgegengeht, wie diese Mafinahmen
sich selbst ad absurdum fiihren. Und wenn die Menschen nicht bei ihren
Dogmen beharren wurden, sondern von den Tatsachen wirklich lernen
wollten, dann wiirde man heute nicht sagen, aus diesen oder jenen
untergeordneten Griinden sei die Sozialisierung, die wirtschaftliche
Sozialisierung in Ungarn mifigliickt, sondern man wiirde studieren,
warum sie mifigliicken mufite, und man wiirde einsehen, dafi jede solche
Sozialisierung nur zerstoren, nichts Fruchtbares fur die Zukunft schaf-
f en kann.
Aber es wird weiten Kreisen heute noch schwer, in dieser Weise von
den Tatsachen zu lernen. Das zeigt sich ja am besten an Dingen, die
eigentlich von sozialistischen Denkern oftmals nur wie in Parenthese
angefuhrt werden. Sie sagen: Ja, es ist richtig, das ganze moderne Wirt-
schaftsleben ist umgestaltet worden durch die moderne Technik. Woll-
ten sie aber diesen Gedankengang fortsetzen, dann mufiten sie den Zu-
sammenhang erkennen zwischen moderner Technik und Sachkenntnis
und Fachtiichtigkeit. Sie miifken sehen, wie iiberall in das Wirtschaften
selber diese moderne Technik hineingreift. Aber das wollen sie nicht
sehen. Und so sagen sie in Parenthese: sie wollen sich nichts zu schaffen
machen mit der technischen Art der Produktionsprozesse. Die moge auf
sich selbst beruhen. Sie wollen sich nur zu schaffen machen mit der Art
und Weise, wie die Menschen, die an den Produktionsprozessen be-
teiligt sind, gesellschaf tlich im Leben drinnenstehen, wie sich das gesell-
schaftliche Leben fur die am Produktionsprozesse beteiligten Menschen
gestalte.
Aber es ist doch handgreiflich - wenn man es nur sehen will, wenn
man es nur greifen will — , wie Technik selbst hineingreift in das un-
mittelbare wirtschaftliche Leben. Nur ein Beispiel, das geradezu ein
klassisches Beispiel ist, sei angefuhrt. Die moderne Technik bat es dahin
gebracht - wenn ich mich summarisch ausdriicke durch zahlreiche
Maschinen Produkte hervorzubringen, die dann dem Konsum dienen.
Und diese Maschinen hangen einzig und allein davon ab, daft vier-
hundert bis fiinfhundert Millionen Tonnen Kohlen gefordert worden
sind in der Zeit, bevor diese Kriegskatastrophe hereingebrochen ist, fur
die wirtschaftliche Tatigkeit. Rechnet man um, was durch die Ma-
schine, die auf menschlichen Gedanken beruht, die nur durch mensch-
liche Gedanken verwendet werden kann, an wirtschaf tlichen Energien,
an wirtschaftlichen Kraften aufgebracht wird, so ergibt sich folgendes
interessante Resultat: Rechnet man achtstiindige Arbeitstage, so ergibt
sich, daft durch die Maschinen, das heiftt durch die in den Maschinen
verkorperten menschlichen Gedanken, durch die Erfindungsgabe der
Geister, so viel Arbeitsenergien, so viel Arbeitskraft aufgebracht wird,
wie aufgebracht werden konnte durch siebenhundert bis achthundert
Millionen Menschen.
Wenn Sie daher sich vorstellen, daft die Erde zu ihrer Bevolkerung
ungef ahr tausendfiinfhundert Millionen Menschen hat, die ihre Arbeits-
krafte anwenden, so hat sie durch die Erfindungsgabe der Menschen in
der neueren Kulturentwickelung durch die technische Entwickelung
siebenhundert bis achthundert Millionen mehr dazu bekommen. Also
zweitausend Millionen Menschen arbeiten; das heiftt, wirklich arbeiten
diese siebenhundert bis achthundert Millionen Menschen nicht, aber es
arbeiten fur sie die Maschinen. Was arbeitet denn in den Maschinen?
Da arbeitet der menschliche Geist.
Das ist aufterordentiich bedeutsam, daft man solche Tatsachen, die
sich leicht vermehren lassen, wirklich durchschaut. Denn aus solchen
Tatsachen heraus wird man erkennen, daft die Technik nicht so in
Parenthese beiseite gelassen werden kann, sondern daft die Technik als
solche immerwahrend im Wirtschaf tsprozesse aktiv mitarbeitet, daft sie
drinnensteckt. Das moderne Wirtschaftsleben ist ohne die Grundlage
der modernen Technik, ohne Sach- und Fachkenntnis iiberhaupt nicht
denkbar.
Nicht mit der Wirklichkeit rechnet man, sondern mit vorgefafiten,
aus den menschlichen Leidenschaften hervorgehenden Ideen, wenn man
solche Dinge ubersieht. Die Idee von der Dreigliederung des sozialen
Organismus meint es gewifi ehrlich mit der sozialen Frage. Deshalb
aber kann sie nicht auf dem Boden stehen, auf dem diejenigen stehen,
die so aus Schlagworten, aus Parteiprogrammen heraus reden. Sie mufi
aus dem Sachlichen heraus reden. Sie mufi daher, indem sie auf dem
Boden der Wirklichkeit stent, anerkennen, dafi das Wirtschaften, ins-
besondere in unserem komplizierten Leben, ganz und gar gestellt ist in
die Initiative des einzelnen. Stellt man an die Stelle der Initiative des
einzelnen die abstrakte Gemeinsamkeit, so bedeutet das das Ausloschen,
den Tod des Wirtschaftslebens. Der Osten Europas wird es beweisen
konnen, wenn er noch lange unter derselben Herrschaft bleibt, unter
der er eben ist. Die Ausloschung, den Tod des Wirtschaftslebens bedeu-
tet es, wenn man von dem einzelnen abnimmt die Initiative, die von
seinem Geiste ausgehen mufi und hineinfliefien mufi in die Bewegung
der Produktionsmittel, gerade zum Wohle der menschlichen Gemein-
samkeit.
Wodurch ist nun aber das entstanden, was wir heute als Schaden
sehen? DajS der moderne Produktionsprozefi durch seine technischen
Vollkommenheiten die Initiative des einzelnen fordert, daher auch die
Moglichkeit fordert, dafi der einzelne iiber Kapital verfiige und den
Produktionsprozefi aus seiner Initiative ausfiihren kann, das ist es, was
die neuere Menschheitsentwickelung heraufgebracht hat. Und die
Schaden, die mitgekommen sind — man erkennt ihren Ursprung aus
ganz anderen Untergrvinden heraus. Will man diesen Ursprung er-
kennen, dann mufi man sich vor alien Dingen statt auf den Boden des
Genossenschaftsprinzipes, auch wenn man GroiSgenossenschaften
meint, auf den Boden des Assoziationsprinzipes stellen.
Was heifit das, sich statt auf den Boden des Genossenschaftsprinzips
auf den Boden des Assoziationsprinzips stellen? Das heifit das folgende:
Wer sich auf den Boden des Genossenschaftsprinzips stellt, der behaup-
tet, die Menschen brauchen sich nur zusammenzutun, aus ihrer Gemein-
samkeit heraus Beschliisse zu fassen, dann konnen sie die Produktions-
prozesse verwalten. Also man beschliefit zuerst die Assoziierung der
Menschen, die Zusammenschliefiung der Menschen, und dann will man
produzieren von dem gemeinsamen Zusammenschlufi, von der Gemein-
schaft der Menschen aus. Die Idee vom dreigegliederten Organismus
stellt sich auf den Boden der Wirklichkeit und sagt: Zuerst miissen da
sein die Menschen, die produzieren konnen, die sachkundig und fach-
tiichtig sind. Von ihnen mufi der Produktionsprozefi abhangen. Und
diese sachkundigen und fachtiichtigen Menschen, die miissen sich nun
zusammenschliefien und das Wirtschaftsleben besorgen auf Grundlage
jener Produktion, die aus der Initiative des einzelnen fliefit. - Das ist
das wirkliche Assoziationsprmzip. Da wird zuerst produziert und dann
das Produzierte auf Grundlage des Zusammenschlusses der produzie-
renden Personen zum Konsum gebracht.
Dafi man den Unterschied, den radikalen Unterschied zwischen die-
sen zwei Prinzipien heute nicht einsieht, das ist gewissermafien das Un-
heil unserer Zeit. Denn auf diese Einsieht kommt im Grunde alles an.
Man hat nicht den Instinkt dafiir, einzusehen, daft jede abstrakte Ge-
meinschaft den Produktionsprozefi, wenn sie ihn verwalten will, unter-
graben mufi. Die Gemeinschaft, die eine Assoziation sein soil, kann nur
das aufnehmen, was aus der Initiative des einzelnen heraus produziert
wird und kann es sozial zur Verteilung an die Konsumierenden bringen.
Man durchschaut heute das Wichtige nicht, was diesen Dingen zu-
grunde liegt, aus einem Grunde, den ich gestern schon angeftihrt habe:
dafi ungefahr zu der Zeit, in welcher in der neueren Menschheits-
geschichte die Renaissance, die Reformation sich ereigneten, heriiber-
gewandert sind aus Mittel- und Siidamerika die Edelmetalle, welche
aus der bis dahin fast einzig noch mafigebenden Naturalwirtschaft zur
Geldwirtschaft gefiihrt haben. Damit hat sich eine bedeutsame wirt-
schaftliche Revolution in Europa vollzogen. Verhaltnisse haben sich
herausgebildet, unter deren Einflusse wir heute durchaus noch stehen.
Aber diese Verhaltnisse haben zu gleicher Zeit, ich mochte sagen, Vor-
hange gebildet, durch die man nicht hindurchsehen kann auf die wah-
ren Wirklichkeiten.
Sehen wir uns doch diese Verhaltnisse einmal genauer an. Gehen wir
aus, obwohl sie heute ja nicht mehr in ihrer Ausdehnung da ist, von der
alten Natural wirtschaft. Man hat es da im Wirtschaftsprozesse nur zu
tun mit dem, was der einzelne hervorbringt. Das kann er austauschen
gegen das, was der andere hervorbringt. Und man mochte sagen: Inner-
halb dieser Naturalwirtschaft, wo nur Produkt gegen Produkt ausge-
tauscht werden kann, mufi eine gewisse Gediegenheit herrschen. Denn
will man ein Produkt, das man braucht, eintauschen, so mufi man eins
haben, das man dafiir austauschen kann, und man mufi ein solches
Produkt haben, das der andere als gleichwertig annimmt. Das heifit,
die Menschen sind gezwungen, wenn sie etwas haben wollen, auch etwas
zu erzeugen. Sie sind gezwungen, auszutauschen, was einen realen, einen
offenbarliegenden realen Wert hat.
An die Stelle dieses Austausches von Giitern, die fur das menschliche
Leben einen realen Wert haben, ist die Geldwirtschaft getreten. Und
das Geld ist etwas geworden, mit dem man wirtschaftet, mit dem man
ebenso wirtschaftet, wie man in der Naturalwirtschaft wirtschaftet mit
realen Objekten. Dadurch aber, dafi das Geld ein wirkliches Wirt-
schaftsobjekt geworden ist, spiegelt es wirklich etwas Imaginares den
Menschen vor, und indem es so wirkt, tyrannisiert es zu gleicher Zeit
die Menschen.
Nehmen wir einen extremen Fall: dafi gerade die Kreditwirtschaft,
auf die ich gestern am Schlusse hingedeutet habe, hineinfliefit in die
Geldwirtschaft. Das hat sie ja in der letzten Zeit vielfach getan. Da
stellt sich dann zum Beispiel das folgende heraus: Man will irgendeine
Anlage machen, als Staat oder als einzelner, eine Telegraphenanlage
oder dergleichen. Man kann Kredit beanspruchen, Kredit von einer
ganz bedeutenden Hohe. Man wird diese Telegraphenanlage zustande
bringen konnen. Gewisse Verhaltnisse werden gewisse Geldmengen in
Anspruch nehmen. Aber diese Geldmengen miissen verzinst werden.
Fur diese Verzinsung mufi man aufkommen. Und in zahlreichen Fallen,
was stellt sich innerhalb unserer sozialen Struktur heraus - am meisten
in der Verstaatlichung, wenn der Staat selber wirtschaftet -, was stellt
sich heraus? Dafi dasjenige, was man dazumal hergestellt hat und wozu
man das betreffende Geld verwendet hat, langst verbraucht ist, dafi es
nicht mehr da ist, und dafi die Leute noch immer das abzahlen miissen,
was damals als Kredit gefordert worden ist! Das heifit: Was kredit-
gemafi geschuldet wird, das ist schon fort, aber an dem Geld wirtschaf-
tet man noch immer herum.
Solche Dinge haben auch weltwirtschaftliche Bedeutung. Napo-
leon III., der ganz eingefadelt war von den modernen Ideen, bekam die
Idee, Paris zu verschonern, und er hat sehr vieles bauen lassen. Die
Minister, die seine gefugigen Werkzeuge waren, haben gebaut. Die Ein-
kiinfte des Staates - sie kamen darauf - kann man verwenden, urn ein-
fach die Zinsen zu bezahlen. Nun ist Paris viel schoner geworden, aber
die Leute bezahlen heute noch die Schulden, die damals gemacht wor-
den sind! Das heifit: Nachdem die Dinge langst dasjenige nicht mehr
sind, was Reales zugrunde liegt, wirtschaftet man noch immer an dem
Gelde herum, das selber ein Wirtschaftsobjekt geworden ist.
Das hat auch seine Lichtseite. In der alten Natural wirtschaft, da war
es notig, wenn man wirtschaftete, Giiter hervorzubringen. Die unter-
lagen selbstverstandlich dem Verderben, die konnten zugrunde gehen,
und man war darauf angewiesen, immer weiter zu arbeiten, immer neue
Giiter zu erarbeiten, wenn solche da sein sollten. Beim Gelde ist das
nicht notig. Man gibt es hin, leiht es jemandem, stellt sich sicher. Das
heifit, man wirtschaftet mit dem Gelde ganz frei von denjenigen, die
die Giiter erzeugen. Das Geld emanzipiert gewissermafien den Men-
schen von dem unmittelbaren Wirtschaftsprozefi, gerade indem es sel-
ber zum Wirtschaftsprozefi wird. Dies ist aufterordentlich bedeutsam.
Denn in der alten Naturalwirtschaf t war ja der einzelne auf den einzel-
nen angewiesen, Mensch auf Mensch angewiesen. Die Menschen mufi-
ten zusammenwirken, sie mulken sich vertragen. Sie mufiten iiberein-
kommen iiber gewisse Einrichtungen, sonst ging das Wirtschaftsleben
nicht weiter. Unter der Geldwirtschaft ist naturlich derjenige, der
Kapitalist wird, auch abhangig von denen, die arbeiten, aber denen, die
arbeiten, stent er ganz fremd gegeniiber. Wie nahe stand auch der Kon-
sument dem Produzenten in der alten Naturalwirtschaft, wo man es
mit wirklichen Giitern zu tun hatte! Wie fern stent derjenige, der mit
dem Gelde wirtschaftet, denjenigen, die dafiir arbeiten, da$ dieses Geld
seine Zinsen abwerfen kann! Es werden Kliifte aufgerissen zwischen
den Menschen. Die Menschen stehen sich nicht mehr nahe unter der
Geldwirtschaft. Das mufi vor alien Dingen in Erwagung gezogen wer-
den, wenn man einsehen will, wie die arbeitenden Menschenmassen,
gleichgiiltig ob sie geistige, ob sie physische Arbeiter sind, wie die-
jenigen, die wirklich produzieren, wiederum nahegebracht werden
miissen denen, die auch mit Kapitalanlagen das Wirtschaften moglich
machen. Das aber kann nur geschehen durch das Assoziationsprinzip,
dadurch, daft sich die Menschen wiederum als Menschen zusammen-
schliefien. Das Assoziationsprinzip ist eine Forderung des sozialen Le-
bens, aber eine solche Forderung, wie ich es charakterisiert habe, nicht
eine solche, wie sie vielfach in sozialistischen Programmen fungiert.
Und was ist noch anderes eingetreten gerade unter der immer mehr
und mehr uberhandnehmenden Geldwirtschaft der neueren Zeit? Da-
durch ist auch dasjenige, was man menschliche Arbeit nennt, abhangig
geworden vom Gelde. Um die Hineinordnung der menschlichen Arbeit
in die soziale Struktur streiten ja Sozialisten und andere. Und man
kann fur und gegen das, was von beiden Seiten vorgebracht wird, recht
gute Griinde anfiihren. Man versteht es vollkommen, insbesondere
wenn man gelernt hat, nicht iiber das Proletariat zu denken und zu
empfinden, sondern mit dem Proletariat zu denken und zu empfinden,
man versteht es vollig, wenn der Proletarier sagt, es diirfe in Zukunft
nicht mehr seine Arbeitskraft Ware sein, es diirfe nicht das Verhaltnis
weiter bestehen, dafi man auf der einen Seite auf dem Warenmarkte
Giiter bezahlt, und auf der anderen Seite auf dem Arbeitsmarkte in der
Form des Lohnes die menschliche Arbeit bezahlt. Das ist gut zu be-
greifen. Und es ist gut zu begreifen, dafi Karl Marx viele Anhanger
gefunden hatte, als er ausrechnete, dafi derjenige, der arbeitet, einen
Mehrwert erzeugt, dafi er nicht das voile Ertragnis seiner Arbeitskraft
bekommt, sondern einen Mehrwert erzeugt, dafi dieser Mehrwert ab-
geliefert wird an den Unternehmer, und dafi dann der Arbeiter unter
dem Einf lusse einer solchen Theorie um diesen Mehrwert kampft. Aber
es ist auf der anderen Seite ebenso leicht zu beweisen, dafi der Arbeits-
lohn aus dem Kapital bezahlt wird, daiS das moderne Wirtschaftsleben
ganz geregelt wird durch die Kapitalwirtschaft, dafi gewisse Produkte
kapitalistisch etwas abwerfen, und dafi man nach dem, was sie ab-
werfen, den Arbeitslohn bezahlt, die Arbeit kauft; das heifk, es wird
der Arbeitslohn aus dem Kapital erzeugt. - Man kann das eine ebenso-
gut wie das andere beweisen. Man kann beweisen, dafi das Kapital der
Parasit der Arbeit ist, man kann beweisen, dafi das Kapital der Schop-
fer iiberhaupt des Arbeitslohnes ist, kurz, man kann Parteimeinungen
mit der gleichen Geltung vertreten von der einen und von der anderen
Seite.
Das sollte man einmal durchgreifend einsehen. Dann wiirde man
einsehen, wie es kommt, dafi in der Gegenwart vorzugsweise nur durch
Kampf etwas zu erreichen gesucht wird und nicht durch das sachliche
Fortschreiten und Klaren der Verhaltnisse. Die Arbeit ist etwas, was so
durchaus verschieden ist von den Waren, dafi es ganz und gar ohne
wirtschaftliche Schaden unmoglich ist, in der gleichen Weise Geld zu
zahlen fur die Ware und fur die Arbeit. Nur sehen die Menschen nicht
ein, wie die Zusammenhange sind. Sie durchschauen heute noch nicht
die wirtschaftliche Struktur gerade auf diesem Gebiete.
Es sind heute zahlreiche Nationalokonomen, die sagen sich: Wenn
die Geldmittel, die Umlaufsmittel, also Metallgeld oder Papiergeld, in
beliebiger Weise vermehrt werden, so wird das Geld billig, und ins-
besondere die notwendigsten Lebensgiiter werden dann teuer. — Man
bemerkt das, und man sieht ein das Unsinnige der einfachen Geld-
vermehrung. Denn diese einfache Geldvermehrung — so kann man es
mit Handen greifen — bewirkt nichts anderes, als dafi die Lebensmittel
auch teuer werden. Die bekannte Schraube ohne Ende geht immer,
bewegt sich immer. Aber man sieht etwas anderes nicht ein: dafi in dem
Augenblicke, wo man Arbeit ebenso bezahlt, wie man Ware, wie man
Erzeugnisse bezahlt, die Arbeit selbstverstandlich danach streben mufi,
durch Kampfe immer bessere und bessere Bezahlung, immer bessere und
bessere Entlohnung zu bekommen. Aber was die Arbeit an Geld als
Entlohnung bekommt, das hat dieselbe Funktion fiir die Preisbildung
wie die blofte Vermehrung der Geldumlaufsmittel. Das ist es, was man
einsehen miifite.
Sie konnen, wie es manche Finanzminister getan haben, statt die
Produktion zu erhohen, statt dafiir zu sorgen, dafi die Produktion
fruchtbarer wird, einfach Noten bringen, die Umlaufsmittel ver-
mehren. Dann werden die Menschen mehr Umlaufsmittel haben, aber
alle Produkte, insbesondere die notwendigen Lebensprodukte werden
auch teurer. Das sehen die Menschen schon ein. Daher sehen sie ein, wie
unsinnig es ist, einfach abstrakt die Geldumlaufsmittel zu vermehren.
Aber man sieht nicht ein, dafi all das Geld, das man nur unter dem Ge-
sichtspunkt ausgibt, Arbeit zu bezahlen, geradeso wirkt auf die Ver-
teuerung der Giiter. Denn gesunde Preise konnen sich nur im selbstan-
digen Wirtschaftsleben selber drinnen bilden. Gesunde Preise konnen
sick nur bilden, wenn sie heranentwickelt werden an der Bewertung der
menschlichen Leistung. Deshalb sucht die Idee von der Dreigliederung
des sozialen Organismus - und das im genaueren auszufuhren wird die
Aufgabe sein besonders morgen - die Arbeit vollstandig herauszu-
gliedern aus dem Wirtschaftsprozesse.
Die Arbeit als solche ist gar nicht etwas, was in den Wirtschafts-
prozefi hineingehort. Denken Sie doch einmal das folgende. Es sieht
sonderbar, paradox aus, wenn man es sagt, aber viele Dinge nehmen
sich heute paradox aus, die eben durchaus eingesehen werden miissen.
Die Menschen sind sehr weit abgekommen von geradem Denken; des-
halb finden sie manches ganz absurd, was gerade aus den Grundlagen
der Wirklichkeit heraus gesagt werden mufi. Nehmen Sie an, heute
treibt einer Sport vom Morgen bis zum Abend. Er treibt eine Art Sport.
Er wendet genau ebenso die Arbeitskraft auf wie einer, der Holz hackt;
ganz genau ebenso wendet er die Arbeitskraft auf. Nur kommt es dar-
auf an, da$ einer Arbeitskraft aufwendet fur die menschliche Gemein-
schaft. Der, der Sport treibt, tut das dadurch nicht fur die menschliche
Gemeinschaft, hochstens dadurch, daft er sich stark macht; nur wendet
er es in der Regel nicht an. Aber fiir die Gemeinschaft hat das in der
Regel gar keine Bedeutung, wenn einer seine Arbeit wegen des Sportes
betreibt, wodurch er sich ebenso ermiidet wie durch das Holzhacken.
Das Holzhacken, das hat Bedeutung.
Das heifit, Arbeitskraft aufzuwenden, das ist etwas, was gar nicht
sozial in Frage kommt; aber dasjenige, was durch das Aufwenden der
Arbeitskraft entsteht, das ist es, was im sozialen Leben in Frage kommt.
Auf das, was durch die Arbeitskraft entsteht, mufi man sehen. Das hat
fiir die Gemeinschaft Wert. Daher kann auch innerhalb des Wirtschafts-
lebens nur in Frage kommen das Produkt, das durch die Arbeitskraft
hervorgebracht wird. Und es kann sich die Wirtschaftsverwaltung nur
damit befassen, den gegenseitigen Wert der Produkte zu regeln. Aus
dem Wirtschaftskreislauf mufi die Arbeit ganz draufien liegen.
Sie mufi liegen auf dem Rechtsboden, auf dem Boden, den wir mor-
gen besprechen werden, wo jeder miindig gewordene Mensch als ein
Gleicher zu urteilen hat jedem miindig gewordenen Menschen gegen-
iiber. Art und Zeit, Charakter der Arbeit wird bestimmt durch die
Rechtsverhaltnisse der Menschen untereinander. Arbeit mufi heraus-
gehoben werden aus dem Wirtschaftsprozefi. Dann wird fiir den Wirt-
schaftsprozefi nur zuruckbleiben, was man nennen kann die Regelung
der gegenseitigen Bewertung der Waren, die Regelung, wieviel man zu
kriegen hat von den Leistungen eines anderen fiir seine eigene Leistung.
Dafiir werden aufzukommen haben die Menschen, die sich heraus-
gliedern aus den Assoziationen, die geschlossen werden zwischen Pro-
duzierenden und anderen Produzierenden, Produzierenden und Kon-
sumierenden und so weiter. Mit der Preisbildung wird man es zu tun
haben.
Die Arbeit wird iiberhaupt kein Gebiet sein, das man zu regeln hat
innerhalb des Wirtschaftslebens; die wird hinausgewiesen aus dem
Wirtschaftsleben. Wenn die Arbeit im Wirtschaftsleben drinnensteht,
so hat man die Arbeit aus dem Kapital heraus zu bezahlen. Dadurch
wird gerade das bewirkt, was im neueren Wirtschaftsleben das Streben
genannt werden kann nach blofiem Profit, nach blofiem Gewinn. Denn
dadurch steht derjenige, der wirtschaf tliche Produkte liefern will, ganz
drinnen in einem Prozefi, der zuletzt seinen Abschlufi f indet im Markte.
Und hier miilke eigentlich von dem, der wirklich einsichtig werden
will, eine Idee, ein Begriff zurechtgestellt werden, der heute sehr, sehr
irrtumlich gestaltet ist. Man sagt: Der kapitalistisch Produzierende
bringt seine Produkte auf den Markt; er will profitieren. Und nachdem
lange Zeit rnit einem gewissen Rechte die sozialistisch Denkenden gesagt
haben: Die ganze Sittenlehre hat gar nichts zu tun mit diesem Produ-
zieren, allein das wirtschaftliche Denken -, will man heute gar sehr von
ethischen, von sittlichen Gesichtspunkten aus den Profit, den Gewinn
mit der Sittenlehre vermischen. Hier soil nicht gesprochen werden vom
einseitig sittlichen, nicht vom einseitig wirtschaftlichen, sondern vom
gesamtgesellschaftlichen Standpunkte aus. Und da mufi man sagen:
Was sich im Gewinn, im Profit zeigt, was ist es denn? Etwas, wovon
man eigentlich im wirklichen volkswirtschaftlichen Zusammenhange
nur so sprechen kann, wie man davon sprechen kann, wenn die Ther-
mometersaule, die Quecksilbersaule im Zimmer steigt, dafi es warmer
geworden ist. Wenn jemand sagt: Diese Quecksilbersaule zeigt mir, dafi
es warmer geworden ist — dann wird er wissen, dafi nicht diese Queck-
silbersaule das Zimmer warmer gemacht hat, dafi diese Quecksilbersaule
nur anzeigt, dafi es im Zimmer durch andere Faktoren warmer gewor-
den ist. Der Gewinn auf dem Markte, der sich ergibt unter unseren
heutigen Produktionsverhaltnissen, ist auch zunachst nichts anderes als
der Anzeiger dafiir, dafi man die Produkte produzieren darf, die einen
Gewinn abwerfen. Denn ich mochte wissen, woher in aller Welt man
heute irgendeinen Anhaltspunkt dafiir gewinnen sollte, dafi ein Pro-
dukt zu produzieren sei, wenn es sich nicht herausstellt, dafi es, wenn
man es produziert und zu Markte bringt, einen Gewinn abwirft! Dies
ist das einzige Kennzeichen dafiir, dafi man die wirtschaftliche Struk-
tur so gestalten darf, dafi dieses Produkt hervorkommt. Dafi ein Pro-
dukt nicht produziert werden darf, zeigt sich nur dadurch, dafi man,
wenn man es zu Markte bringt, merkt: Es ist kein Absatz da. Die Men-
schen verlangen es nicht. Man erzielt keinen Gewinn. - Das ist der
wirkliche Sachverhalt, nicht all das Gefabel und Gefasel, welches von
Angebot und Nachfrage gesprochen worden ist in vielen National-
okonomien. Das Urphanomen, die Urerscheinung auf diesem Gebiete
ist, dafi heute einzig und allein das Gewinnabwerfen den Menschen in
den Stand setzt, sich zu sagen: Du kannst ein gewisses Produkt produ-
zieren, denn es wird einen gewissen Wert haben innerhalb der mensch-
lichen Gemeinschaft.
Die Umgestaltung des Marktes, der heute diese Bedeutung hat, wird
sich ergeben, wenn ein wirkliches Assoziationsprinzip in unserem sozia-
len Leben drinnen sein wird. Dann wird nicht die unpersonliche, vom
Menschen abgesonderte Nachfrage und das Angebot auf dem Markte
entscheiden, ob ein Produkt produziert werden soli oder nicht, dann
werden aus diesen Assoziationen durch das soziale Wollen der darin
beschaftigten Menschen andere Personlichkeiten hervorgehen, welche
sich damit beschaftigen werden, das Verhaltnis zu untersuchen zwischen
dem Wert eines erzeugten Gutes und seinem Preise.
Der Wert eines erzeugten Gutes kommt heute in einer gewissen Be-
ziehung gar nicht in Frage. Er bildet allerdings den Antrieb zur Nach-
frage. Aber diese Nachfrage ist ja deshalb in unserem heutigen sozialen
Leben eine recht problematische, weil ihr immer die Frage gegeniiber-
steht, ob auch zur Nachfrage die entsprechenden Mittel, die entspre-
chenden Besitzverhaltnisse vorhanden sind. Man kann gut Bedurfnisse
haben: wenn man nicht die notigen Mittel besitzt, sie zu befriedigen, so
wird man sie gar nicht nachfragen konnen. Aber es handelt sich darum,
dafi ein Verbindungsglied geschaffen werden mufi zwischen den
menschlichen Bediirfnissen, die den Giitern, den Erzeugnissen ihren
Wert geben, und den Preisen. Denn was man bedarf , hat je nach diesem
Bedurfnis seinen menschlichen Wert. Es werden sich Einrichtungeri her-
ausgliedern mussen aus der sozialen Ordnung, die die Briicke schaffen
von diesem Wert, der den Erzeugnissen aufgedriickt wird durch die
menschlichen Bedurfnisse, und den Preisen, die sie haben mussen.
Heute wird der Preis bestimmt durch den Markt, danach, ob Leute
da sind, die diese Guter kaufen konnen, die das notige Geld haben.
Eine wirkliche soziale Ordnung mufi dahin orientiert sein, dafi die
Menschen, die aus ihren berechtigten Bediirfnissen heraus Guter haben
mussen, sie auch bekommen konnen, das heifit, dafi der Preis dem Werte
der Guter wirklich angeahnelt wird, dafi er ihm entspricht. An die
Stelle des heutigen chaotischen Marktes mufi eine Einrichtung treten,
durch welche nicht etwa die Bedurfnisse der Menschen, der Konsum
der Menschen tyrannisiert wird, wie durch Arbeiter-Produktivgenos-
senschaften oder durch die sozialistische Grofigenossenschaft, sondern
durch welche der Konsum der Menschen erforscht und danach be-
stimmt wird, wie diesem Konsum entsprochen werden soil.
Dazu ist notwendig, dafi unter dem Einflufi des Assoziationsprin-
zipes wirklich die Moglichkeit herbeigefiihrt werde, Ware so zu er-
zeugen, dafi sie den beobachteten Bediirfnissen entspreche, das heifit,
Einrichtungen miissen da sein mit Personen, die die Bedurfnisse stu-
dieren. Die Statistik kann nur einen Augenblick aufnehmen; sie ist
niemals fur die Zukunft mafigebend. Die Bedurfnisse, die jeweils vor-
handen sind, mussen studiert werden, danach mussen die Einrichtungen
fiir das Produzieren getroffen werden. Wenn ein Artikel irgendwie die
Tendenz entwickelt, zu teuer zu werden, dann ist das ein Zeichen dafiir,
dafi zu wenige Menschen fiir diesen Artikel arbeiten. Es mussen Ver-
handlungen gepflogen werden, durch die aus anderen Produktions-
zweigen zu diesem Produktionszweig arbeitende Menschen ubergefiihrt
werden, so dafi mehr von diesem Artikel erzeugt wird. Hat ein Artikel
die Tendenz, zu billig zu werden, verdient sein Erzeuger zu wenig,
dann mussen Verhandlungen eingeleitet werden, durch die weniger
Menschen gerade an diesem Artikel arbeiten. Das heifit: Von der Art
und Weise, wie die Menschen an ihre Platze gestellt werden, mufi in der
Zukunft abhangig werden, wie die Bedurfnisse befriedigt werden. Der
Preis des Produkts bedingt sich durch die Zahl der Menschen, die daran
arbeiten. Aber er wird durch solche Einrichtungen dem Werte ahnlich
sein, gleich sein im wesentlichen dem Werte, den das menschliche Be-
diirfnis dem betreffenden erzeugten Gut beizulegen hat.
Da sehen wir, wie an der Stelle des Zuf allsmarktes die Vernunf t der
Menschen wirken wird, wie der Preis zum Ausdruck bringen wird, was
die Menschen verhandelt haben, in welche Vertrage die Menschen ein-
gegangen sind durch die Einrichtungen, welche bestehen. So sehen wir
die Umwandelung des Marktes gegeben dadurch, dafi Vernunf t tritt an
die Stelle des Marktzufalles, der heute herrscht.
Wir sehen iiberhaupt: Sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern
von den beiden anderen Gebieten, die wir in den nachsten Tagen be-
sprechen werden - auch die Beziehung zum Wirtschaftsleben werden
wir besprechen und manches, was heute unklar bleiben mufi, wird dann
klar werden sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern von den
beiden anderen, dem Rechts- oder Staatsgebiet und dem Geistesleben,
so wird das Wirtschaftsleben auf eine gesunde, verminftige Basis ge-
stellt. Denn es wird dann darin nur gesehen auf die Art und Weise, wie
man wirtschaftet. Man braucht dadurch nicht mehr die Preise der
Waren beeintrachtigen zu lassen, dafi die Warenpreise nun auch fest-
stellen sollen, wie lang gearbeitet werden soil, oder wieviel gearbeitet
werden soli, oder wieviel Lohn bezahlt werden soil und dergleichen,
sondern man hat es im Wirtschaftsleben nur zu tun mit dem vergleichs-
weisen Wert der Waren. Damit steht man im Wirtschaftsleben auch auf
einem gesunden Boden.
Dieser gesunde Boden mufi fur das gesamte Wirtschaftsleben er-
halten werden. Daher wird in einem solchen Wirtschaftsleben wieder-
um dasjenige, was heute durch die blofie Geldwirtschaft, wo das Geld
selbst Wirtschaftsobjekt ist, nur Scheingebilde sein kann, zuriickgefiihrt
auf seine natiirliche gediegene Grundlage. Man wird es in der Zukunft
nicht mehr zu tun haben konnen mit dem Wirtschaf ten durch das Geld
und fur das Geld, denn die Einrichtungen werden es zu tun haben mit
dem gegenseitigen Werte der Waren. Das heifk, man wird wiederum
auf das Gediegene der Giiter zuriickgehen, und damit auch zuruck-
gehen auf die Leistungsfahigkeit, auf die Tiichtigkeit der Menschen.
Und nicht mehr wird man die Kreditverhaltnisse abhangig machen
konnen davon, ob Geld vorhanden ist oder nicht, oder ob Geld so und
so riskiert wird, sondern die Kreditverhaltnisse werden abhangig davon
sein, ob Menschen vorhanden sind, die tiichtig dazu sind, das eine oder
das andere wirklich in Szene zu setzen, das eine oder das andere hervor-
zubringen. Kredit wird haben die menschliche Tiichtigkeit.
Und indem die menschliche Tiichtigkeit die Grenze abgibt, wie weit
man Kredit gewahrt, wird dieser Kredit nicht gewahrt werden konnen
iiber diese menschliche Tiichtigkeit hinaus. Wenn Sie blofi Geld hin-
geben und Geld wirtschaften lassen, dann kann dasjenige, was dadurch
geschaff en wird, langst verbraucht sein — an dem Gelde mufi man noch
immer herumwirtschaften. Wenn Sie Geld nur hingeben fur mensch-
liche Tiichtigkeit, dann hort selbstverstandlich mit dieser menschlichen
Tiichtigkeit auch auf, was man mit dem Gelde wirtschaften kann.
Davon wollen wir dann in den nachsten Tagen sprechen.
Nur dann, wenn dem Wirtschaftsleben die beiden anderen Gebiete
zur Seite stehen, das Rechtsgebiet, das selbstandig ist, und das selb-
standige Geistesgebiet, kann das Wirtschaftsleben sich in gesunder
Weise auf seine eigenen Fiifie stellen. Dann aber muS auch alles inner-
halb des Wirtschaftslebens aus wirtschaftlichen Voraussetzungen seibst
folgen.
Aus den wirtschaftlichen Voraussetzungen werden die materiellen
Giiter produziert. Man braucht nur an etwas, was im sozialen Leben
wie, ich mochte sagen, ein Abfall vom Wirtschaftsleben dasteht, zu
denken, und man wird sehen, wie ein wirkliches wirtschaftliches Den-
ken manches von dem hinwegschaffen mufi, was heute noch wie eine
Selbstverstandlichkeit in der sozialen Ordnung gilt, ja wofiir man als
fiir einen Fortschritt kampft.
Es denkt heute noch keiner von denen, die da glauben, von dem
wirklichen Leben etwas zu verstehen, daran, dafi es nicht einen grofien
Fortschritt bedeute, wenn man von alien moglichen indirekten Steuern
oder sonstigen Einnahmen des Staates ubergehe zu der sogenannten Ein-
kommenssteuer, insbesondere zu der steigenden Einkommenssteuer. Es
denkt heute jeder, es sei selbstverstandlich das Gerechte, das Einkom-
men zu besteuern. Und doch, so paradox es fiir den heutigen Menschen
klingt, dieser Gedanke, dafi man die gerechte Besteuerung durch die
Besteuerung des Einkommens erreichen konne, riihrt nur von der Tau-
schung her, die die Geldwirtschaft gebracht hat.
Geld nimmt man ein. Mit Geld wirtschaftet man. Durch das Geld
befreit man sich von der Gediegenheit des produktiven Prozesses selbst.
Man abstrahiert gewissermafien das Geld im Wirtschaftsprozesse, wie
man im Gedankenprozefi die Gedanken abstrahiert. Aber geradeso-
wenig wie man aus abstrakten Gedanken irgendwelche wirklichen
Vorstellungen und Empfindungen hervorzaubern kann, so kann man
aus dem Gelde etwas Wirkliches hervorzaubern, wenn man iibersieht,
dafi das Geld blofi ein Zeichen ist fiir Giiter, die produziert werden, dafi
das Geld gewissermafien blofi eine Art Buchhaltung ist, eine fliefiende
Buchhaltung, dafi jedes Geldzeichen stehen mufi fiir irgendein Gut.
Auch dariiber soil noch im genaueren in den folgenden Tagen ge-
sprochen werden. Heute aber mufi gesagt werden, dafi eine Zeit, die nur
sieht, wie das Geld zum selbstandigen "Wirtschaf tsobjekt wird, dafi eine
solche Zeit in den Geldeinnahmen dasjenige sehen mufi, was man vor
alien Dingen besteuern soil. Aber damit macht man sich ja als der Be-
steuernde mitschuldig an der abstrakten Geldwirtschaft! Manbesteuert,
was eigentlich kein wirkliches Gut ist, sondern nur Zeichen fiir ein Gut.
Man arbeitet mit etwas Wirtschaftlich-Abstraktem. Geld wird erst zu
einem Wirklichen, wenn es ausgegeben wird. Da tritt es iiber in den
Wirtschaftsprozefi, gleichgiiltig ob ich es fur mein Vergniigen oder fiir
meine leiblichen und geistigen Bediirfnisse ausgebe, oder ob ich es in
einer Bank anlege, so dafi es da fiir den wirtschaftlichen Prozefi ver-
wendet wird. Wenn ich es in einer Bank anlege, so ist es eine Art von
Ausgabe, die ich mache- das ist natiirlich festzuhalten. Aber Geld wird
in dem Augenblicke zu etwas Realem im Wirtschaftsprozesse, wo es sich
von meinem Besitze ablost, in den Wirtschaftsprozefi iibergeht. Die
Menschen brauchten ja auch nur eines zu bedenken: Es niitzt dem Men-
schen gar nichts, wenn er viel einnimmt. Wenn er die grofie Einnahme
in den Strohsack legt, so mag er sie haben; das niitzt ihm gar nichts im
WirtschaftsprozefS. Den Menschen niitzt nur die Moglichkeit, viel aus-
geben zu konnen.
Und fiir das offentliche Leben, fiir das wirkliche produktive Leben
ist das Zeichen fiir viele Einnahmen eben, dafi man viel ausgeben kann.
Daher mufi man, wenn man im Steuersystem nicht etwas schaffen will,
was parasitar am Wirtschaftsprozesse ist, sondern wenn man etwas
schaffen will, was eine wirkliche Hingabe des Wirtschaftsprozesses an
die Allgemeinheit ist, das Kapital in dem Augenblicke versteuern, in
dem es in den Wirtschaftsprozefi iibergefiihrt wird. Und das Sonder-
bare stellt sich heraus, dafi die Einnahmesteuer verwandelt werden
mufi in eine Ausgabensteuer - die ich bitte, nicht zu verwechseln mit
indirekter Steuer. Indirekte Steuern treten in der Gegenwart oftmals
als Wiinsche gewisser Regierender nur aus dem Grunde hervor, weil
man an den direkten Steuern, an den Einnahmesteuern gewohnlich
nicht genug hat. Nicht um indirekte Steuern und nicht um direkte
Steuern handelt es sich, indem hier von Ausgabensteuer gesprochen
wird, sondern darum handelt es sich, dafi dasjenige, was ich erworben
habe, in dem Momente, wo es iibergeht in den Wirtschaftsprozefi, wo
es produktiv wird, auch besteuert wird.
Gerade an dem Steuerbeispiel sieht man, wie ein Umlernen und Um-
denken notwendig ist. Der Glaube, dais es auf eine Einnahmesteuer vor-
zugsweise ankomme, ist eine Begleiterscheinung jenes Geldsystems, das
in der modernen Zivilisation seit der Renaissance und Reformation
heraufgekommen ist. Wenn man das Wirtschaftsleben auf seine eigene
Basis stellt, dann wird es sich nur darum handein konnen, dafi das, was
wirklich wirtschaftet, was darinnensteckt im Produktionsprozefi, die
Mittel zur Arbeit desjenigen hergibt, was der Gemeinschaft notwendig
ist. Dann wird es sich handeln um eine Ausgabensteuer, niemals um
eine Einkommenssteuer.
Sehen Sie, man mufi, wie ich schon gestern sagte, umlernen und ura-
denken. Ich konnte Ihneri bisher in diesen beiden Vortragen nur skiz-
zenhaft eimges andeuten. In den vier folgenden soil vieles davon aus-
gefiihrt werden. Wer heute solche Dinge ausspricht, der weifi ganz gut,
daft er Anstoft erregen muft nach links und nach rechts, daft ihm zu-
nachst kaum irgend jemand Recht geben wird, denn alle diese An-
gelegenheiten sind untergetaucht in die Sphare der Parteimeinung.
Aber nicht fruher ist ein Heil zu erhoffen, bevor diese Angelegenheiten
nicht wieder aufsteigen aus dem Gebiete, wo die Leidenschaften der
Parteien wiiten, in das Gebiet des sachlichen, des wirklich dem Leben
entnommenen Denkens.
Und das mochte man so gern: daft die Menschen, indem sie der Drei-
gliederung des sozialen Organismus entgegentreten, nicht urteilen nach
Parteischablonen, nach Parteiprinzipien, sondern daft sie zu Hilfe
nehmen zu ihren Urteilen den Wirklichkeitsinstinkt. Parteimeinungen
und Parteiprinzipien haben die Menschen vielfach abgebracht von die-
sem Wirklichkeitsinstinkt. Daher erlebt man es immer wieder und
wiederum, daft gerade diejenigen, die heute mehr oder weniger auf den
bloften Konsum angewiesen sind, im Grunde genommen recht leicht
aus ihren Instinkten heraus verstehen, was eine solche Wirklichkeits-
idee wie die von der Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich
will. Dann aber kommen die Fiihrer, insbesondere der sozialistischen
Massen. Und da darf es heute nicht verhehlt werden, dafi diese Fiihrer
der sozialistischen Massen durchaus nicht geneigt sind, auf das Gebiet
der Wirklichkeit einzugehen.
Und eines ist heute leider zu bemerken, und das gehort auch, ins-
besondere auf dem Wirtschaftsgebiete, zu den drangenden Dingen der
sozialen Frage: Wir haben es erlebt, indem wir gearbeitet haben f iir die
Dreigliederung, wie zu den Massen gesprochen worden ist, und wie die
Massen aus ihrem Wirklichkeitsinstinkt heraus gut verstanden haben,
was gesprochen worden ist. Dann sind die Fiihrer gekommen und haben
erklart: Das ist utopistisch! — In Wahrheit stimmte es nur nicht mit
dem, was sie seit Jahrzehnten gewohnt sind, in ihren Kopf en zu tragen
und herumzuwirbeln, und dann sagen sie ihren getreuen Anh'angern,
das sei utopistisch, das sei keine Wirklichkeit. Und leider hat sich in der
Gegenwart zu stark ein blinder Glaube herausgebildet, eine blinde An-
hangerschaft, ein f urchtbares Autoritatsgefuhl auf diesem Gebiete. Und
man mufi sagen: Was einmal aufgebracht worden ist an Autoritats-
gefuhl, sagen wir, gegeniiber den Bischofen und Erzbischofen der
katholischen Kirche, das ist ein Kleines gegeniiber dem starken Autori-
tatsgefuhl der modernen Arbeitermassen gegeniiber ihren Fiihrern.
Daher haben es diese Fiihrer verhaltnismafiig leicht, mit dem, was sie
wollen, durchzudringen.
Was aber gefordert wird, ist, darauf hinzuweisen vor alien Dingen,
was ehrlich ist auf diesem Gebiete, nicht was fur die Parteischablone
spricht. Wenn es mir gelingen sollte, gerade in diesen Vortragen zu zei-
gen, dafi dasjenige,was durch die Dreigliederung angestrebt wird, wirk-
lich ehrlich gemeint ist fur das Gesamtwohl der ganzen Menschheit,
ohne Unterschied von Klasse, Stand und so weiter, dann wird im we-
sentlichen erreicht sein, was durch solche Vortrage nur angestrebt wer-
den kann.
Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag
Ein Maschinentechniker bringt einen im heutigen System oft anzutreffenden Mifi-
stand zur Sprache: dafi mehrere Fabriken Kapital in gleichartigen Maschinen in-
vestieren, die uberall nur teilweise ausgenutzt werden. Er fragt, ob nicht in einer
assoziativ gefuhrten Wirtschaft diese Kapitalversch-wendung beseitigt werden kbnnte.
Dr. Steiner: Ich darf vielleicht gleich darauf sagen: Was der Herr
eben gesagt hat, bestatigt durchaus das Assoziationsprinzip. Wenn ge-
arbeitet wird in vollstandig rein individueller Weise, ohne dafi sich die
Produzenten assoziieren, also zusammenarbeiten, so wird natiirlich ein-
treten, was Sie vorausgesetzt haben: dafi eine Maschine nur teilweise
ausgeniitzt wird. Die vollstandige Ausniitzung aber, die kann nur be-
wirkt werden dadurch, dafi sich wirklich die Betreffenden assoziieren.
Also es liegt durchaus in der Linie desjenigen, was mit dem Assoziations-
prinzip gemeint ist, was Sie sagen.
Es wird gefragt, wie es im Osten Europas unter den damaligen Umstanden anders
hatte angefafit -werden konnen, und ob nicht gegeniiber dem Zarismus die Verhalt-
nisse verheifiungsvoller geworden seien.
Dr. Steiner: Nicht wahr, es gibt heute in wirklich gar nicht so engen
Kreisen — das mufi gesagt werden, ohne dafi man weder mit Furcht noch
mit Hof f nung bei den Meinungen dieser Kreise steht - die Meinung, was
im Osten geschieht, sei etwas Furchtbares. Es gibt auch wiederum Krei-
se, welche darinnen etwas Zukunftsverheiftendes sehen. Gewohnlich
wird von denjenigen, die mit mehr oder weniger Recht die Verhaltnisse
im Osten verurteilen, dann das eine oder das andere Furchtbare, was
geschieht, vorgebracht; es werden die Zustande geschildert, und von
manchem, was da geschildert wird, kann es ja schon den Menschen
recht gruselig werden; das ist klar. Diejenigen, die dann solche Dinge
zurechtriicken wollen, die mehr Anhanger dessen sind, was da gemacht
wird, ja, die wollen dann die furchtbaren Verhaltnisse etwas beschoni-
gen oder hinwegleugnen und dergleichen.
Ja, aber sehen Sie, damit kommt man wirklich nicht weiter. Aus ein-
zelnen Symptomen lassen sich diese Dinge tatsachlich nicht beurteilen.
Es mogen noch so viele Journalisten nach dem Osten reisen und die
Dinge, die sie da bemerken, beschreiben, aus solchen Beschreibungen
wird niemand ein Urteil sich bilden diirfen, aus dem einfachen Grunde,
weil ja heute auch noch kein Mensch beurteilen kann, was zum Beispiel
von den Schrecknissen des europaischen Ostens, die ja wahrhaftig nicht
kleine sind, zu schreiben ist auf das Konto der gegenwartigen Herrscher
und was zu schreiben ist auf das Konto der Nachwirkungen des furcht-
baren Krieges. Diese Dinge gehen durcheinander: die Nachwirkungen
des Krieges und dasjenige, was aus den gegenwartigen Verhaltnissen
sich herausentwickelt. Was man so unmittelbar sieht und was so un-
mittelbar geschieht, das mag Gegenstand sein recht netter feuilletonist!-
scher Unterhaltungen, aber zur Beurteilung der Lage gibt es keinen An-
halt. Da mufi man schon f ahig sein, einzugehen auf die Intentionen, aus
denen beraus das geschieht, was eben im Osten zur Einleitung einer
sozialen Menschenzukunft getan wird.
Nun fragt der Herr, ob ich glaube, dafi etwas anderes hatte getan
werden konnen, oder ob die gegenwartigen Verhaltnisse nicht doch ver-
heifiungsvoller seien als die vorhergehenden.
Nun weift ich sehr gut, wie wenig verheifiungsvoll die vorhergehen-
den zaristischen Verhaltnisse waren. Dafi sie sehr vielen Leuten gef alien,
das riihrt ja nur davon her, dafi sich diese Leute nicht wirklich einen
Untergrund fur em wahres Urteil zustande gebracht haben und gar
nicht den Willen dazu hatten, ihn zustande zu bringen. Wer alles, was
der Zarismus verbrochen hat, namentlich was er in der allerneuesten
Zeit verbrochen hat, wirklich ins Auge f afit, der kann unter Umstanden
schon zu der Frage kommen: Was ist besser, das Damalige oder das
Heutige? - Aber darum kann es sich auch wiederum nicht handeln,
sondern es kann sich nur darum handeln: Ist dasjenige, was da heute
eingetreten ist, im Prinzip, im Wesen etwas, was die alten Zustande
wirklich verbessert hat? — Da mul? man in der Lage sein, einzugehen
auf die Intentionen, und man mufi sich auf einem solchen Gebiete ein
unbef angenes Urteil wahren.
Solch ein unbefangenes Urteil konnen Sie zum Beispiel gewinnen,
wenn Sie eingehen auf Intentionen wie die des Lenin. Lesen Sie so etwas
wie «Staat und Revolution» von Lenin. Da finden Sie aus Vorkriegs-
zeiten heraus - das Buch ist ja schon vorher geschrieben gewesen - die
Intentionen Lenins. Man darf sagen: Lenin hat in einem gewissen Sinne
sogar Recht, wenn er abkanzelt alle die halben oder Viertels- oder Drei-
viertelsmarxisten und sich schliefilich fiir den einzig wirklichen, wirk-
lich konsequenten Marxisten halt: Es miifiten die Menschen in der Zu-
kunft in der sozialen Ordnung so gestellt sein, dafi jeder darinnen leben
kann «nach seinen Fahigkeiten und seinen Bedurfnissen». Das miii?te
erst ein wekerer Zustand werden, der sich aus dem ungerechten, un-
moglichen Zustand ergeben konnte. Nun findet sich bei Lenin eine
hochst interessante Auseinandersetzung, die darauf hmauslauft 5 , da£ er
sagt: Aber das kann man mit den heutigen Menschen nicht rnachen, dafi
sie nach ihren Fahigkeiten und Bediirfnissen in der sozialen Ordnung
leben, sondern das kann man erst machen, wenn andere Menschen da
sein werden, eine ganz andere Menschenrasse. Diese ganz andere Men-
schenrasse mufi erst geschaffen werden.
Ja, sehen Sie, da haben Sie das Hineinsegeln in die alleraufterste Un-
wirklichkeit und das Rechnen mit etwas, das ja gar nicht zu erhoffen
ist. Denn durch die Zustande, die von Lenin herbeigefiihrt werden,
wird ganz gewift diese neue Menschensorte nicht geziichtet, die dann
die gerechten sozialen Zustande herbeifiihrt. Auf so briichigem Grunde
stehen die Intentionen zu dem, was vorgeht. Und da mag man iiber die
Einzelheiten sich entsetzen oder sie notwendig finden, sie loben oder
tadeln - darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daft
man einsieht: da wird mit unwirklichen Gedanken gerechnet. Und des-
halb ist dasjenige, was so verwirklicht wird, nichts anderes als Raubbau
an der Vergangenheit.
Mir trat das, wie einem an Symptomen manchmal die wichtigsten
Dinge entgegentreten, vor einigen Monaten besonders schon in Basel
entgegen, wo ich vor einer Versammlung auch iiber den Gegenstand,
iiber den ich jetzt zu Ihnen spreche, gesprochen habe. Da stand ein Herr
auf, der sagte: Ja, das ist ja alles ganz schon und ware auch sogar schon,
wenn es verwirklicht wiirde; aber das kann nicht friiher verwirklicht
werden, als bis Lenin Weltherrscher wird. — Ich mufite dazumal ant-
worten: Wenn irgend etwas sozialisiert werden soil, so handelt es sich
doch darum, daft vor alien Dingen die Herrschaftsverhaltnisse sozia-
lisiert werden. Aber dieser Sozialist, der ein Anhanger des Lenin war,
der will Lenin zum "Weltherrscher machen, zum Weltkaiser oder zum
Weltpapst wirtschaftlicher Sorte. Da werden die Herrschaftsverhalt-
nisse nicht sozialisiert, auch nicht demokratisiert, sondern da werden sie
monarchisiert, tyrannisiert, da wird eine Autokratie geschaffen. Wer so
etwas behauptet, versteht noch nicht einmal, wie man anfangen mufi
damit, vor allem die Herrschaftsverhaltnisse zu sozialisieren.
So stellt sich fur den, der genauer zusieht, fur die Wirklichkeits-
struktur des heutigen Ostens etwas sehr Merkwiirdiges heraus: Es glau-
ben diejenigen, die Bekenner der Intentionen des heutigen Ostens sind,
daft damit etwas erzielt werde. Nein, was da gewollt wird, das ist in
seinem Wesen nicht in Opposition gegen den Zarismus, das ist nur das
ganze Wesen des Zarismus fiir eine andere Klasse weiter ausgebaut, in
schlimmerer Weise der Zarismus fortgesetzt als er war, wie iiberhaupt
diejenigen, die auf dem linkesten Fliigel der radikalen Parteien stehen,
heute schon gar nicht mehr damit zuriickhalten, da£ sie nicht Fort-
schrittsmenschen sind, sondern noch viel argere Reaktionare als die-
jenigen waren, die friiher Reaktionen getragen haben. Indem gefordert
wird die Diktatur einer Klasse, wiirde ja aus dieser Klasse nichts an-
deres herauskommen als die Tyrannis einzelner - ich will nicht einmal
sagen: Erwahlter — ; es wiirden ganz gewifi nicht die Erwahlten sein,
sondern diejenigen, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es
wiirde die Tyrannis derjenigen aus den einzelnen Klassen herauskom-
men, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es wiirde nur eine
Umkugelung der Menschheit stattfinden. Aber die Verhaltnisse, sie
wiirden sich ganz gewifi nicht verbessern, sondern im wesentlichen eher
verschlechtern.
Also es handelt sich da darum, dafi man wirklich auf das Prinzip
sieht, dafi man aus der Wirklichkeit heraus denkt, nicht aus vorgefafi-
ten grauen Theorien heraus denkt. Sehen Sie, manchmal haben die-
jenigen, die gesund aus der Wirklichkeit heraus denken, von einzelnen
Erscheinungen her schon ein sehr gesundes Urteil. Ich habe Ihnen heute
ausgefiihrt, dalS die Geldherrschaft eigentlich verwirrend wirkt iiber
die wirklichen sozialen Zustande. Das mufi man nur durchschauen. Sie
wirkt tatsachlich so, daft das Geld Machtverhaltnisse, tyrannisierte
Verhaltnisse bewirkt, dafi an die Stelle alter Eroberermachte und der-
gleichen einfach Geldmacht tritt. In Europa durchschaut man solche
Dinge noch wenig. Ein amerikanisches Sprichwort gibt es, das sagt
ungefahr: Reich geworden durch blofie Kapitalwirtschaft bedeutet,
nach drei Generationen wiederum in Hemdsarmeln herumgehen! - Da
wird das Imaginare der Kapitalwirtschaft ganz deutlich hingestellt,
dieses Sich-Auflosen, dieses Imaginare. Man kann Milliardar werden,
und nach drei Generationen gehen die Nachkommen selbstverstandlich
in Hemdsarmeln herum, weil das Geld der Herrscher wird iiber den
Menschen.
Und nun handelt es sich fiir diejenigen, die nach den Intentionen des
Lenin arbeiten, durchaus nicht darum, neue Prinzipien zu finden, wirk-
lich zu erforschen aus den Lebensbedingungen der Menschheit heraus,
wie die soziale Struktur sein soli, sondern es handelt sich fiir sie darum,
was sie iiber den Kapitalismus gelernt haben, auf einen Grofikapita-
listen, den sie rekrutieren aus dem ihnen zur Verfugung stehenden Ge-
biete, zu iibertragen. Was in der kapitalistischen Herrschaft gewirkt
hat, das wird dann durch Spionenwirtschaft, durch Protektionswirt-
schaft und alles mogliche andere weiter wirken. Friiher hat man gesagt:
Thron und Altar. Da im Osten sagt man: Kontor und Maschine. Aber
der Aberglaube ist ein gleich grofier. Es handelt sich eben heute darum,
nicht mit den alten Begriffen, nur durch eine andere Menschenklasse,
neue Zustande herbeifuhren zu wollen, sondern es handelt sich heute
darum, sich zu scharen um wirklich neue Prinzipien, um eine wirklich
neue Einsicht.
SchlielSlich geht das hervor auch aus der Wirklichkeit der Entwicke-
lung. Nehmen Sie wiederum Amerika. Da haben Sie heute eine Republi-
kanische und eine Demokratische Partei.Wenn man diese Parteien heute
studieren und gar nichts wissen wiirde von der Geschichte, so wiirde
man nicht einsehen, warum sich diese Parteien so nennen; denn die
Republikanische Partei ist nicht republikanisch und die Demokratische
Partei ist nicht demokratisch, sondern es sind Vertretungen von Cliquen,
die jede ihr besonderes Cliqueninteresse vertritt. Die Parteibenennun-
gen sind geblieben als Reste aus friiheren Zeken. Was mit diesen Partei-
benennungen gemeint ist, hat langst seine Bedeutung verloren. Die
Wirklichkeit ist eine ganz andere. Heute handelt es sich durchaus nicht
darum, sich durch irgendwelche Parteischablonen blenden zu lassen,
sondern in die Wirklichkeit praktisch hineinzuschauen. Das ist es.
Und wer in die Wirklichkeit des Ostens praktisch hineinschaut, der
sagt sich dann das Folgende. Ich darf vielleicht dabei eine kleine Ge-
schichte erzahlen. Es ist ja wichtig, dafi solche Dinge zur Symptomato-
logie der Zeit nicht ganz verschwiegen werden. Als ich im Januar 1918
aus der Schweiz wiederum nach Berlin kam, da sprach ich mit einem
Manne, der in den Ereignissen sehr tief drinnen stand, sehr in sie ver-
strickt war, und der langst meine Ideen kannte: dafi nun in Mittel- und
Osteuropa die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus
gefafk werden miisse. Ich habe sie dazumal ausgearbeitet gehabt und
nach der damaligen Zeitlage den Menschen, die hatten daran arbeiten
konnen, vorgelegt. Der Mann hat das auch gewufit. Es schien ihm sehr
plausibel, dafi es sich darum hatte handeln konnen, auf geistigem Wege
aus der Misere herauszukommen. Dariiber war dazumal gesprochen
gewesen bereits seit langerer Zeit. Ich kam, wie gesagt - erinnern Sie
sich an das, was dazumal im Januar 1918 war - nach Berlin. Der Mann,
er war Militar, ein hoherer Militar, sagte, als ich ihm sprach von der
ungliickseligen, der unmoglichen Idee, noch einmal diese schreckliche
Friihjahrsoffensive vom Jahre 1918 zu beginnen, anstatt einer geistigen
Aktion - er sagte: Was wollen Sie denn, hat nicht der Kiihlmann die
Dreigliederung in der Tasche gehabt? - Er hatte sie in der Tasche; und
dennoch hat er Brest-Li towsk gemacht!
Es mag Ihnen heute ausschauen wie die Mitteilungen irgendeines
Phantasten; ich weifi aber, dafi diese «Phantasterei» tief in der Wirk-
lichkeit wurzelt, Ich weift, dafi im russischen Volk gerade die Elemente
drinnenliegen, um zuallererst, wenn man sie in der richtigen Weise mit-
teilt, die Idee von der Dreigliederung zu fassen. Das hatte treten miis-
sen als eine geistige Aktion an die Stelle der unmoglichen Aktion von
Brest-Litowsk. Da hatte es eine Kommunion geben konnen zwischen
Mitteleuropa und dem Osten Europas, die eine geistige Aktion ge-
wesen ware, ein Zusichkommen. Das ware etwas ganz anderes gewesen.
Was war es aber, das den Leninism us nach Rutland gebracht hat?
Ich erinnere nur daran, dafi Lenin im plombierten Wagen durch
Deutschland nach Rutland gefuhrt worden ist. Der Leninismus ist ein
Import. Will man vom «deutschen Militarismus» sprechen, so mufi
man davon sprechen, dafi der Leninismus ein Import gewesen ist.
Wohl aber kann man die Meinung haben, dafi eine geistige Aktion
etwas ganz anderes hatte bewirken konnen als die Tatsache, dafi diese
geistige Aktion ausgeblieben ist und an ihre Stelle, anstelle dessen, was
aus dem russischen Volk heraus spielt, eine abstrakte, allgemeine, mar-
xistische Phrase liber Verwirklichung von sozialen Zustanden gesetzt
wurde, die, wenn sie iiberhaupt verwirklicht werden konnte, ebensogut
wie man sie auf Rutland hinaufstiiipt, auf Brasilien, Argentinien,
irgendwo anders, ganz ohne Kenntnis der Volkszusammenhange, mei-
netwillen auch auf den Mond hinaufgestiilpt werden konnte. Dieser
Aberglaube, dafi alles auf jedes draufgestiilpt werden kann, das ist das
grofie Ungliick des Ostens, das ist es, was dort die Tyrannis einer Idee
begriindet, die furchtbar in ihren Ergebnissen sein wird, weil sie mit
dem Vergangenen Raubbau treibt. Wenn sie noch so sehr ein Schlechtes
ablost: worinnen sie produktiv ist, das sind nur die Oberreste, die "Ober-
bleibsel des Alten. Wenn sie aber selbst produktiv sein soil, wird sie in
die Nullitat gesetzt sein.
Diese Dinge heute nicht unbefangen zu beurteilen, das ist ein sozia-
les Versaumnis. Denn heute liegen die Dinge in Wahrheit aufierordent-
lich ernst. Daher kann man nicht aus irgendeiner Parteimeinung heraus
solche wichtigen Dinge beurteilen, sondern man mufi sie beurteilen aus
dem ganzen Umfang der Wirklichkeit selber. Da mufi man fragen: Was
hatte herausgestaltet werden rmissen aus den Grundlagen der russischen
Sozietat selber? Jedenfalls nicht der Leninismus, der eine Abstraktion
ist, und eine solche Abstraktion, die noch dazu sagt: Es mufi die Men-
schenrasse erst erzeugt werden. Deshalb ist Lenins Arbeit nicht fur die
Russen, sondern f iir Menschen, die er heranziichten will durch unmog-
liche Zustande, die er erst herbeifiihrt. Das ist das wirkliche Faktum.
Wahrhaftig, nicht liegt dem, was ich sage, irgendeine Sympathie
oder Antipathie zugrunde, sondern das Streben nach Einsicht. Es niitzt
nichts, diese Dinge heute nicht in ihrem vollen, in ihrem umfanglichen
Ernste zu betrachten.
Eine weitere Frage ist diese:
In ■welchem Zusammenhange stent mit dem heute Gesagten die Szene des Geld-
schwindels des Mephistopheles im «Faust» von Goethe?
Es ist interessant, dafi diese Frage gestellt wird, denn man kann dar-
auf antworten, wie tief eigentlich der Goetheanismus durch Goethe
schon hineinsah in die realen Verhaltnisse. Stellen Sie sich einmal die
ganze Szene im zweitenTeil des «Faust» vor Augen, wo Mephistopheles,
der Teufel, das Papiergeld erfindet, wo er den ganzen Geldschwindel
vor den Kaiser hinstellt. Sie haben im Grunde genommen eine schone
Imagination, eine bildhafte Darstellung dessen, was man heute als
soziale Wahrheiten aussprechen mufi. Das ganze Abheben der Geld-
wirtschaft von der gediegenen Wirklichkeit ist hingestellt als eine
Schopfung des «Geistes, der stets verneint», der nichts Positives schafft,
in grandioser dichterischer Gestaltung. Das zeigt nur, wie Goethe dich-
terisch gestaltete, was er zu seiner Zeit wahrhaftig nicht in der Wirk-
lichkeit hatte gestalten konnen. Denn selbst der sehr vorurteilslose Her-
zog Karl August von Weimar wiirde wenig haben eingehen konnen auf
das, was Goethe eigentlich gemeint hat mit dieser Schaffung des Geldes
als solchem durch den «Geist, der stets verneint». Aber Goethe wollte
sich doch aussprechen. Und sehen Sie einmal nach, wie vieles in «Wil-
helm Meisters Wanderjahren» von solchen Ideen drinnen ist. Goethe
wollte sich aussprechen. Er konnte sich in seiner Zeit nicht anders aus-
sprechen, als er sich ausgesprochen hat. Aber es liegt ungeheuer viel von
sozial Impulsivem und sozial impulsierender Einsicht gerade in dieser
Szene.
Man wird iiberhaupt erst nach und nach erkennen, was es bei Goethe
bedeutet, dafi er sein ganzes Leben hindurch in Entwickelung begriffen
war. Das versteht man in der heutigen Zeit sehr wenig; denn heute —
man redet von der Entwickelung in der Naturwissenschaft, aber Ent-
wickelung des Menschen durch das Leben hindurch? Wenn man zwan-
zig Jahre alt ist, ist man reif , in das Staatsparlament gewahlt zu werden,
Feuilletons zu schreiben, zu urteilen iiber alles mogliche! Dafi man sich
dann noch entwickeln soil, daran denkt man ja heute, nicht wahr, wenig.
Goethe dachte daran. Er wufite ganz gut, dafi er sich in spateren Jah-
ren seiner Entwickelung Dinge erobert hatte, die er in fruheren Jahren
nicht hatte. Ja, es gibt einen Achtzeiler, recht nett, aus Goethes Nach-
lafi. Darin hat er sich ausgesprochen iiber diejenigen Menschen, welche
sagten: O ja, Goethe ist alt geworden. Die Jugendwerke - dazumal war
nur der erste Teil des «Faust» gedruckt -, die zeugen von wirklicher
kiinstlerischer Kraft. Aber der alte Goethe, der ist eben alt geworden! -
Das hat man ja noch nachtraglich gesagt. Sehen Sie, der Schwaben-
Viscber, der V-Vischer, er hat den zweiten Teil des « Faust » ein zu-
sarrimengeschustertes, zusamrnengeleimtes Machwerk des Alters ge-
nannt. Ich habe gar nichts gegen den V-Vischer sonst einzuwenden und
schatze ihn sehr; aber ein Philister, der nicht verstehen konnte, was
Goethe sich durch seine Entwickelung errungen hat, war der V-Vischer
durchaus, voll philistrosen Geistes. Goethe selbst hat einen Achtzeiler
hinterlassen, der fur die Zeitgenossen und auch sonst noch gilt. Da steht:
Da loben sie den Faust,
- er meint den ersten Teil des «Faust» ; der zweite Teil war noch nicht
gedruckt, er war ein Werk der reif en Entwickelung -
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man war's nicht mehr!
Sehen Sie, Goethe war sich dessen schon bewufit, dafi er etwas erreicht
hat, was er eben nur der Entwickelung des hoheren Alters verdanken
konnte. Und so ist das, was er hineingeheimnilk hat in den zweiten Teil
des «Faust», wirklich recht kimstlerisch. Und es zeigt sich erst, wie
kimstlerisch es auch in der Gestaltungskraft ist, wenn man es euryth-
misch darstellt, wie wir demnachst die Szene aus dem zweiten Teil des
«Faust» iiber die Sorge darstellen wollen.
Aber die Menschen sind ja nicht gerade auf die Entwickelung auf-
merksam. Sie denken, eine entwickelte Weltanschauung zu treffen da-
mit, dafi sie auf das abstrakte Gefiihl hinweisen und sagen, beim jungen
Goethe stehe ja schon alles: «Name ist Schall und Rauch.. . Gefiihl ist
alles . . . Wer darf ihn nennen und wer bekennen? . . . den Allerhalter,
Allumf asser ...» und so weiter. Das soil grofier sein als jede entwickelte
Weltanschauung! Sogar Philosophen zitieren das, vergessen ganz, dafi
Goethe es dem Faust in den Mund gelegt hat, wo Faust ein sechzehn-
jahrigesBackfischchen katechisiert. Also die sechzehnjahrigeBackfisch-
lehre, die soli angefiihrt werden gegen die entwickelte Weltanschauung!
In vielen Dingen muE eben heute durchaus umgelernt werden. Und
der Goetheanismus ist schon etwas, an dem sich umlernen lafit. Und
ebenso wie diese Szene mit dem Geldschwindel, so konnte manches
andere gerade aus dem zweiten Teil des «Faust», aus «Wilhelm Meisters
Wanderjahren», aus manchem anderen angefiihrt werden, das zeigen
konnte, was menschliche Entwickelung ist, wie man sich anlehnen kann
an diesen Goethe.
Nun bin ich noch gefragt worden:
Wovon soil der Arbekslohn bezahlt werden, wenn nicht durch den Erlos der Ware?
Ober den Arbeitslohn zu denken - es ist ja die Zeit so vorgeschritten,
dafi ich nur kurz darauf eingehen kann — , ist eigentlich recht interes-
sant. Es ist merkwiirdig, wie nach und nach einzig und allein das Wirt-
schaf tsleben so stark hypnotisierend gewirkt hat, dafi in der Zeit, in der
die Menschheit begann sich der grofien Tauschung hinzugeben, das
sozialistische Programm erne vollstandige Umgestaltung erfuhr gerade
mit Bezug auf solche Dinge. Es gehort zum interessantesten Studium
der modernen Arbeiterbewegung, kennenzulernen die drei Programme:
Das Eisenacher Programm, das Gothaer, das Erfurter Programm.
Nimmt man die Programme — bis zum Erfurter, das im Jahre 1891 ge-
falk worden ist — , so findet man iiberall: Da ist noch ein Bewufitsein
davon vorhanden, dafi aus gewissen Rechts- und Staats- und politi-
schen Anschauungen heraus gearbeitet werden soli. Daher findet man
als die zwei Hauptforderungen der alteren Programme die Abschaf-
fung des Lohnes und die Herstellung gleicher politischer Rechte. Das
Erfurter Programm aber ist ganz ein blofies Wirtschaftsprogramm,
aber ein politisierendes, wie ich heute dargestellt habe. Da werden als
die Hauptforderungen auf gestellt: Uberfuhrung der Produktionsmittel
in die Gemeinverwaltung, in das Gemeineigentum, und Produktion
durch die Gemeinschaft. Rein wirtschaftlich, aber politisch gedacht,
wird das Programm festgelegt.
Man denkt so stark im Sinne der heutigen Gesellschaftsordnung, der
heutigen sozialen Ordnung, dafi man in weitesten Kreisen iiberhaupt
gar nicht gewahr wird, wie der Lohn als solcher ja in "Wirklichkeit eine
soziale Unwahrheit ist. In Wirklichkeit besteht das Verhaltnis so, da£
der sogenannte Lohnarbeiter zusammenarbeitet mit dem Leiter der
Unternehmung, und was stattfindet, ist in Wirklichkeit eine Auseinan-
dersetzung - die nur kaschiert wird durch allerlei tauschende Verhalt-
nisse. durch Machtverhaltnisse meistens und so weiter — uber die Ver-
teilung des Erloses. Wenn man paradox sprechen wollte, so konnte man
sagen: Lohn gibt es ja gar nicht, sondern Verteilung des Erloses gibt es
- heute schon, nur dafi in der Regel derjenige heute, der der wirtschaft-
lich Schwache ist, sich bei der Teilung iibers Ohr gehauen findet. Das ist
das ganze. Es handelt sich darum, hier nicht etwas, was nur auf einem
sozialen Irrtum beruht, auf die Wirklichkeit zu iibertragen. In dem
Augenblicke, wo die soziale Struktur so ist, wie ich sie dargestellt habe
in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», wird es durch-
sichtig sein, wie ein Zusammenarbeiten besteht zwischen dem sogenann-
ten Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie diese Begriffe Arbeitnehmer
und Arbeitgeber aufhoren, und wie ein Verteilungsverhaltnis besteht.
Dann hat das Lohnverhaltnis iiberhaupt vollstandig seine Bedeutung
verloren.
Dann aber darf nicht mehr daran gedacht werden, die Arbeit als
solche zu bezahlen. Das ist naturlich der andere Pol. Die Arbeit wird
einem Rechtsverhaltnis - ich werde morgen davon noch sprechen -
unterstellt; die Arbeit wird nach Mafi und Art bestlmmt im demokra-
tischen Zusammenleben, im Rechtsstaat. Die Arbeit wird so, wie die
Naturkrafte, zur Grundlage der wirtschaftlichen Ordnung, und das,
was produziert wird, wird nicht als Mafistab f iir irgendeine Entlohnung
da sein.
Was da sein wird auf dem Wirtschaftsboden, wird lediglich die Be-
wertung der Leistung sein. Da handelt es sich darum, kennenzulernen
das Fundament, gewissermafien dieUrzelle des Wirtschaftslebens. Diese
Urzelle, ich habe sie ofter so ausgesprochen, dafi ich sagte: Im wesent-
lichen miissen die Einrichtungen, die ich heute geschildert habe, darauf
hinauslaufen, dafi durch die lebendige Wirksamkeit der Assoziationen
ein jeder Mensch als Gleichwertiges fiir das, was er erzeugt, das be-
kommt, was ihn in den Stand setzt, seine Bediirfnisse so lange zu be-
friedigen, bis er ein gleiches Produkt wieder erzeugt haben wird. Ein-
fach gesprochen: Erzeuge ich ein paar Stiefel, so miissen durch die Ein-
richtungen, die ich heute geschildert habe, diese Stiefel so viel wert sein,
mufi ich so viel dafiir bekommen, als ich brauche, bis ich wieder ein
paar Stiefel angefertigt habe.
Also es kann sich gar nicht handeln um irgendwelche Bestimmung
des Lohnes fiir Arbeit, sondern um die Bestimmung der gegenseitigen
Preise. Eingerechnet mufi natiirlich sein alles, was Invaliden-, Kranken-
und so weiter -Unterstiitzung ist, fiir Kindererziehung und so weiter.
Dariiber soil noch gesprochen werden. Es handelt sich darum, dafi eine
solche soziale Struktur geschaffen werde, wodurch wirklich die Lei-
stung in den Vordergrund geschoben wird, die Arbeit aber blo£ auf ein
Rechtsverhaltnis begriindet werden kann, denn die kann nicht anders
geregelt werden, als dafi der eine fiir den anderen arbeitet. Das aber
mufi auf dem Rechtsboden geregelt werden: wie der eine fiir den an-
deren arbeitet; das darf nicht auf dem Marktboden der wirtschaft-
lichen Verhaltnisse stehen. Sie werden ja morgen sehen, dafi diese Dinge
durchaus auch auf realer wirklicher Grundlage stehen.
Dann werde ich noch gefragt:
Wie sollen die Ausgaben erfafit werden?
Ja, das ist sehr leicht, die Ausgaben zu erfassen. Man kann sie nicht
verbergen. Jedesmal, wenn ich irgend etwas uberfiihre in den sozialen
Prozefi, kann es selbstverstandlich erfafit werden, geradeso wie ein
Brief erfafit wird, den mir die Post befordert, die es auch nicht aufier
acht lassen wird, dafiir die Postmarke mir abzufordern und so weiter.
Diese einzelnen, speziellen Einrichtungen - wer nur dariiber nachdenkt,
der wird sie nicht allzuschwierig finden.
Nun noch:
Wie verhalten sich die landwirtschaftlichen Kreditverhaltnisse?
Es wiirde heute zu spat werden, um auf diese Dinge einzugehen. Ich
werde im Lauf der nachsten Vortrage gerade auf die landwirtschaft-
lichen Verhaltnisse in anderen Zusammenhangen noch zu sprechen
kommen.
DRITTER VORTRAG
Zurich, 26.0ktober 1919
Rechtsfragen — Aufgabe und Grenze der Demokratie
Qffentlicbe Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege
Oh man sachgemaJKe Anschauungen iiber das soziale Leben gewinnt,
das hangt in vieler Beziehung davon ab, ob man sich klar dariiber ist,
welche Beziehung herrscht zwischen den Menschen, die in ihrem Zu-
sammenleben ja doch das soziale Leben bewirken, und den Einrichtun-
gen, innerhalb welcher die Menschen leben. Wer unbefangen in das
soziale Leben hineinsieht, der wird entdecken konnen, dafi zuletzt alles,
was wir um uns herum an Einrichtungen haben, durch die Mafinahmen,
durch den Wlllen der Menschen entsteht. Wer sich zu dieser Anschauung
durchringt, der wird zuletzt sich sagen: Im sozialen Leben kommt es
vor alien Dingen darauf an, ob die Menschen aus ihren Kraften, aus
ihren Fahigkeiten, aus ihrer Gesinnung zu anderen Menschen und so
weiter sich als soziale oder als unsoziale Menschen bewahren. Menschen
mit sozialer Gesinnung, sozialer Lebensanschauung werden sich Ein-
richtungen gestalten, welche sozial wirken. Und man kann in sehr
weitem Umfange sagen: Ob der einzelne in der Lage ist, sich fur seine
Einnahmen den entsprechenden Lebensunterhalt zu erwerben, das wird
davon abhangen, wie ihm seine Mitmenschen die Mittel zu diesem
Lebensunterhalte herstellen, ob sie fur ihn so arbeiten, dafi er seinen
Lebensunterhalt von seinen Mitteln bestreiten kann. Ob der einzelne
geniigend Brot kaufen kann - wenn man in das Allerkonkreteste ein-
geht wird eben davon abhangen, ob die Menschen solche Einrich-
tungen getroffen haben, durch die ein jeglicher, der arbeitet, der etwas
leistet, fur seine Arbeit, fur seine Leistung sich das entsprechende Brot
eintauschen kann. Und ob der einzelne in der Lage ist, seine Arbeit
wirklich zur Anwendung zu bringen, wirklich an der Stelle zu stehen,
auf der er die notigen Mittel fur seinen Unterhalt erwerben kann, das
hangt wiederum davon ab, ob die Menschen, innerhalb welchen er lebt,
soziale Einrichtungen getroffen haben, durch die er an seinen ent-
sprechenden Platz kommen kann.
Nun, es bedarf eigentlich nur wenig von einem unbef angenen Blicke
in das gesellschaftliche Leben, um das, was eben ausgesprochen worden
ist wie ein Axiom, wie eine Grunderkenntnis der sozialen Frage, an-
zuerkennen. Und wer es nicht anerkennt, dem wird man dieses Prinzip
schwer beweisen konnen, weil er nicht die Neigung hat, unbef angen auf
das Leben hinzuschauen, um sich - aus jedem Stuck des Lebens kann er
es - zu iiberzeugen, dafi es wirklich so ist.
Allerdings fur den gegenwartigen Menschen hat diese Anschauung
etwas aufierordentlich Unangenehm.es. Denn der gegenwartige Mensch
legt grofien Wert darauf, dafi man nur ja nicht an ihn selbst herantippt.
Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man davon spricht, dafi Einrich-
tungen verbessert werden sollen, dafi Einrichtungen umgewandelt wer-
den sollen, aber er empfindet es wie ein Antasten seiner Menschen wiirde,
wenn man davon zu sprechen genotigt ist, dafi er selber in seiner Seelen-
verfassung, in seinem Lebensverhalten sich einer Umwandelung unter-
ziehen soil. Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man sagt, die Einrich-
tungen sollen sozial gestaltet werden; er lafit es sich schwer gefallen,
wenn man das Verlangen stellt, er solle sich selber sozial gestalten.
Und so ist denn etwas aufierordentlich Merkwiirdiges in der neueren
Geschichtsentwickelung der Menschheit eingetreten. Es hat sich im
Laufe der letzten Jahrhunderte das wirtschaftliche Leben, wie ich
bereits im ersten Vortrag auseinandergesetzt habe, hinausentwickelt
iiber dasjenige, was die Menschen an Anschauungen, namentlich an
rechtlichen und geistigen Anschauungen uber dieses wirtschaftliche
Leben ausgestaltet haben. Ich habe im ersten Vortrage darauf hin-
gewiesen, wie gerade die Gesellschaftskritik des Wbodrow Wilson dar-
auf hinauslaufe, dafi er sagt: Das wirtschaftliche Leben hat seine For-
derungen gestellt, ist fortgeschritten, hat gewisse Formen angenommen;
das rechtliche, das geistige Leben, durch das wir dieses Wirtschaftsleben
zu beherrschen suchen, das steht noch auf alten Standpunkten, das ist
nicht nachgekornmen. Dadurch aber ist iiberhaupt eine tier bedeutsame
Tatsache der neueren Menschheitsentwickelung ausgesprochen.
Mit dem Heraufkommen der komplizierten technischen Verhalt-
nisse und der dadurch notwendig gewordenen komplizierten kapita-
listischen Verhaltnisse, der Unternehmungsverhaltnisse, hat das wirt-
schaftliche Leben seine Forderungen gestellt. Die Tatsachen des wirt-
schaftlichen Lebens sind, ich mochte sagen, den Menschen allmahlich
entschliipft; sie nehmen mehr oder weniger ihren eigenen Gang. Der
Mensch hat nicht die Kraft gefunden, von sich aus durch seine Vorstel-
lungen, durch seine Ideen dieses wirtschaf tliche Leben zu beherrschen.
Aus dem Denken iiber die okonomischen Forderungen, aus dem Den-
ken iiber das Wirtschaf tliche, wie man es unmittelbar beobachtet, hat
sich der neuere Mensch herbeigelassen, immer mehr und mehr seine
Rechtsbegriffe und auch seine geistigen Begriffe zu gestalten. Und so
kann man sagen: Das Charakteristische in der Entwickelung der
Menschheit in den letzten Jahrhunderten ist, dafi sowohl die Rechts-
begriffe, durch welche die Menschen miteinander in Frieden leben wol-
len, wie auch die Begriffe vom Geistesleben, durch die sie ihre Fahig-
keiten entwickeln und gestalten wollen, im hohen Grade abhangig
geworden sind vom wirtschaftlichen Leben.
Man bemerkt gar nicht, wie sehr in dieser neueren Zeit die mensch-
lichen Vorstellungen und das Verhalten der Menschen zueinander von
dem wirtschaftlichen Leben abhangig geworden sind. Naturlich haben
die Menschen auch die Einrichtungen der letzten Jahrhunderte selbst
geschaf fen, aber sie haben sie zum grofien Teile nicht aus neugegriinde-
ten Vorstellungen und Ideen heraus geschaffen, sondern mehr aus un-
bewufiten Impulsen, unbewufiten Antrieben heraus. Und dadurch hat
sich etwas ergeben, was man in Wirklichkeit ein gewisses Anarchisches
in der Struktur des sozialen Organismus nennen kann. Nach verschie-
denen Gesichtspunkten habe ich in den zwei ersten Vortragen dieses
Anarchische schon auseinandergehalten.
Aber innerhalb dieser anarchischen sozialen Struktur der neueren
Zeit haben sich eben diejenigen Verhaltnisse entwickelt, die zu der
modernen Gestalt gerade der proletarischen Frage gefuhrt haben. Der
Proletarier, der hinweggerufen worden ist von seinem Handwerk, an
die Maschine gestellt worden ist, in die Fabrik gepfercht worden ist -
was hat er hauptsachlich gesehen, indem er sich das Leben, das sich um
ihn herum entwickelte, ansah? Er hat vorziiglich an seinem eigenen
Leben gesehen, wie abhangig alles ist, was er denken kann, was er an
Recht hat gegeniiber anderen Menschen, wie alles das bestimmt ist von
wirtschaftlichen Machtverhaltnissen, von den wirtschaftlichen Macht-
verhaltnissen, die vor alien Dingen fur ihn dadurch gegeben sind, dafi er
der wirtschaftlich Schwache gegeniiber dem wirtschaftlich Starken ist.
Und so kann man sagen: Bei den leitenden fiihrenden Kreisen hat
sich eine gewisse Verleugnung der Grundwahrheit eingestellt, dafi die
menschlichen Einrichtungen von den Menschen selber aus ihrem bewufi-
ten Leben herauskommen sollen. Die Menschen haben vergessen, diese
Grundwahrheit im sozialen Leben wirklich anzuwenden. Die leitenden
fiihrenden Kreise haben sich allmahlich instinktiv einem Leben hin-
gegeben - wenn auch nicht einem Glauben -, das den Geist und das
Recht abhangig gemacht hat von den wirtschaftlichen Machtmitteln.
Daraus aber ist entstanden ein Dogma, eine Lebensauffassung sozia-
listisch denkender Personlichkeiten und ihres Anhanges. Die Lebens-
auffassung ist daraus hervorgegangen, es musse in der Menschheits-
entwickelung so sein, daft keine Moglichkeit da ist, dafi der Mensch von
sich selber aus Rechtsverhaltnisse organisiere, daft der Mensch selber
sich das geistige Leben organisiere, sondern dafi das geistige Leben und
das Rechtsleben sich wie ein Anhangsel ergeben miissen aus den wirt-
schaftlichen Realitaten, aus den wirtschaftlichen Produktionszweigen
und so weiter.
Und so entstand die soziale Frage unter dem Gesichtspunkte einer
bestimmten Forderung bei weiten Kreisen. Ihnen lag der Glaube zu-
grunde: Das wirtschaftliche Leben macht das Rechtsleben, das wirt-
schaftliche Leben macht das Geistesleben — also mufi das wirtschaft-
liche Leben fiir sich so umgestaltet werden, dafi es ein Rechtsleben, ein
Geistesleben hervorbringt, wie es den Anf orderungen dieser Kreise ent-
spricht. Was zu Lebensgewohnheiten der leitenden fiihrenden Kreise
geworden war, hat das Proletariat gelernt, auch ins Bewufksein herauf-
zuholen; was die anderen instinktiv dargelebt haben, hat es zum Dogma
gemacht, und wir stehen heute der sozialen Frage so gegeniiber, dafi in
weitesten Kreisen die Anschauung verbreitet ist: Wir miissen nur das
Wirtschaftsleben umgestalten, die wirtschaftlichen Einrichtungen, dann
wird alles andere, das Rechtsleben, das Geistesleben, von selber so kom-
men, wie aus wirtschaftlich richtig, gut, sozial gestalteten Einrichtun-
gen dieses Geistes- und dieses Rechtsleben sich ergeben werden.
Unter dem Einf lusse dieses Gesichtspunktes ist verkannt worden, urn
was es sich eigentlich handelt in der neueren sozialen Frage. Es ist ge-
wissermajKen durch eine grofie Tauschung, durch eine gewaltige Illusion
von diesem Dogma zugedeckt, verhiillt worden. Es handelt sich nam-
lich eigentlich darum: Gerade dieses ist ein Ergebnis der neueren Ge-
schichte der Menschheit, dafi die Abhangigkeit des Rechts- und Geistes-
lebens vom Wirtschaftsleben uberwunden werden mui Und wahrend
weite sozialistische Kreise heute denken, das Wirtschaftsleben miisse
zunachst anders gestaltet werden, dann ergebe sich alles andere von
selbst, hat man sich die Frage vorzulegen: Welche Verhaltnisse miissen
auf dem Gebiete des Rechtes, des Geisteslebens fur sich geschaffen wer-
den, damit aus dem erneuerten geistigen, aus dem erneuerten Rechts-
leben heraus wirtschaftliche Zustande entstehen, die den Forderungen
eines menschenwiirdigen Daseins entsprechen? Nicht: Wie machen wir
immer mehr und mehr das Rechtsleben, das Geistesleben abhangig vom
Wirtschaftsleben? - sondern: Wie kommen wir heraus aus der Ab-
hangigkeit? - das ist es vor alien Dingen, was gef ragt werden mufi.
Diese Betrachtung ist eine sehr wichtige, denn sie zeigt uns, welche
Hindernisse da sind fur eine vorurteilslose Auffassung der sozialen
Frage der Gegenwart, und wie eines der wichtigsten Hindernisse ein
Dogma ist, das sich im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hat. Und
dieses Dogma hat sich so festgesetzt, dafi zahlreiche Gebildete und Un-
gebildete der Gegenwart, Proletarier und Nichtproletarier, einen heute
geradezu auslachen, wenn man glaubt, daft irgendwie von einer an-
deren Seite her als durch eine Umgestaltung des Wirtschaf tslebens auch
eine Gesundung des Rechtslebens und des Geisteslebens kommen konne.
Nun ist heute meine Aufgabe, iiber das Rechtsleben, ubermorgen,
iiber das Geistesleben zu sprechen. Das Rechtsleben hat ja auch in seiner
eigenen Wesenheit und Bedeutung die Menschen vielfach vor die Frage
gestellt: Welchen Ursprung hat eigentlich das Recht? Welchen Ur-
sprung hat das, wovon die Menschen in ihrem gegenseitigen Verhalten
sagen, es sei rechtens? - Diese Frage ist ja immer fur die Menschen eine
sehr, sehr wichtige gewesen. Allein es ist sehr merkwurdig, dafi bei
einem weiten Kreise sozial betrachtender Personlichkeiten die eigent-
liche Rechtsfrage, man mochte sagen, in ein Loch gef alien ist, gar nicht
mehr da ist. Gewifi, akademisch theoretische Erorterungen sind auch
heute viele vorhanden iiber Wesen, Bedeutung des Rechtes und so wei-
ter, aber in der sozialen Betrachtung weiter Kreise ist gerade dieses das
Charakteristische, dafi die Rechtsfrage mehr oder weniger durchge-
f alien ist.
Wenn ich Ihnen das erortern soil, mufi ich Sie auf etwas aufmerksam
machen, das in der Gegenwart ja schon immer haufiger und haufiger
hervortritt, wahrend es noch vor kurzer Zeit ganz iibersehen worden
ist. Die Menschen haben unhaltbare soziale Zustande heraufkommen
sehen. Auch diejenigen, die in ihrer eigenen Lebenshaltung mehr oder
weniger unberiihrt geblieben sind von diesen unsozialen Zustanden,
haben versucht, daruber nachzudenken. Und wahrend vor verhaltnis-
mafiig kurzer Zeit es wirklich radikal so war, wie ich es eben ausge-
sprochen habe, dafi man eigentlich nur gelacht hat, wenn etwas er-
wartet worden ist von Rechts- und Geistesfragen fur die wirtschaft-
lichen Zustande, tritt einem heute — aber wie aus dunklen Geistestief en,
konnte man sagen - schon immer mehr und mehr die Behauptung ent-
gegen: Ja, im gegenseitigen sozialen Verhalten der Menschen komme
doch auch so etwas in Betracht wie seelische Fragen und Rechtsfragen;
und vieles in der Verwirrung der sozialen Zustande riihre heute davon
her, dafi man die seelischen Verhaltnisse der Menschen, die psychischen
Verhaltnisse und die rechtlichen Verhaltnisse in ihrer Selbstandigkeit
zu wenig beriicksichtigt habe. - Also es wird schon ein wenig, weil es
handgreiflich ist, darauf hingewiesen, dafi von einer anderen als von
der rein tatsachlichen, wirtschaftlichen Seite her das Heil kommen
miilke. Aber in der praktischen Besprechung der Frage kommt das
noch wenig zur Geltung.
Es ist wie ein roter Faden, der sich durch alles, was neuere sozia-
listisch Denkende von sich geben, hindurchzieht: dafi eine gesellschaft-
liche Struktur herbeigefuhrt werden musse, in welcher die Menschen
leben konnen nach ihren Fahigkeiten und nach ihren Bediirfnissen. Ob
das mehr oder weniger grotesk radikal ausgestaltet wird oder mehr nach
konservativer Gesinnung, darauf kommt es nicht an; wir horen iiberall:
Die Schaden der gegenwartigen sozialen Ordnung beruhten zum gro&en
Teile darauf, da£ der Mensch nicht in der Lage sei, innerhalb der
gegenwartigen gesellschaftlichen Ordnung seine Fahigkeiten wirklich
voll anzuwenden; auf der anderen Seite, dafi diese gesellschaftliche
Ordnung eine solche sei, dafi er seine Bediirfnisse nicht befriedigen
konne, namentlich dafi nicht eine gewisse Gleichmafiigkeit in der Be-
friedigung der Bediirfnisse herrsche.
Man geht, indem man dieses ausspricht, auf zwei Grundelemente des
menschlichen Lebens zuriick. Fahigkeiten, das ist etwas, das sich mehr
bezieht auf das menschliche Vorstellen. Denn alle Fahigkeiten ent-
springen zuletzt beim Menschen, da er bewuik handeln mufi, aus seiner
Vorstellung, aus seinem Denkwillen. Gewifi, das Gefiihl mufi fort-
wahrend die Fahigkeiten des Vorstellens anfeuern, sie begeistern; aber
das Gefiihl als solches kann nichts machen, wenn nicht die grundlegende
Vorstellung da ist. Also wenn man von den Fahigkeiten spricht, auch
wenn man von den praktischen Geschicklichkeiten spricht, kommt man
zuletzt auf das Vorstellungsleben. Das ging also einer Anzahl von Men-
schen auf, dafi da gesorgt werden miisse dafiir, dafi der Mensch in der
sozialen Struktur sein Vorstellungsleben zur Geltung bringen konne.
Das andere, was dann geltend gemacht wird, geht mehr auf das Lebens-
element des Wollens im Menschen. Das Wollen, das mit dem Begehren,
mit der Bediirftigkeit nach diesen oder jenen Erzeugnissen zusammen-
hangt, ist eine Grundkraft des menschlichen Wesens. Und wenn man
sagt, der Mensch solle leben konnen in einer sozialen Struktur nach sei-
nen Bedurfnissen, so sieht man auf das Wollen.
Ohne dafi sie es wissen, reden also selbst die Marxisten vom Men-
schen, indem sie ihre soziale Frage aufwerfen und eigentlich glauben
machen mochten, dafi sie nur von Einrichtungen sprechen. Sie sprechen
wohl von Einrichtungen, aber diese Einrichtungen wollen sie so gestal-
ten, dafi das Vorstellungsleben, die menschlichen Fahigkeiten, zur Gel-
tung kommen konnen, und dafi die menschlichen Bediirfnisse gleich-
maftig befriedigt werden konnen, so wie sie vorhanden sind.
Nun gibt es etwas sehr Eigentumliches in dieser Anschauung. In die-
ser Anschauung kommt namlich ein Lebenselement des Menschen gar
nicht zur Geltung, und das ist das Gefiihlsleben. Sehen Sie, wenn man
sagen wiirde: Man bezwecke, man wolle erzielen eine soziale Struktur,
in der die Menschen leben konnen nach ihren Fahigkeiten, nach ihren
Gefiihlen, nach ihren Bediirfnissen — , so wiirde man den ganzen Men-
schen treffen. Aber kurioserweise lafit man, indem man in umfang-
licher Weise charakterisieren will, welches das soziale Ziel fur den Men-
schen ist, das Gefiihlsleben des Menschen aus. Und wer das Gefiihls-
leben in seiner Menschheitsbetrachtung auslafk, der lafk eigentlich jede
Betrachtung iiber die wirklichen Rechtsverhaltnisse im sozialen Orga-
nismus aus. Denn die Rechtsverhaltnisse konnen sich nur so entwickeln
im Zusammenleben der Menschen, wie sich in diesem Zusammenleben
der Menschen Gefiihl an Gefiihl abstreift, abschleift. So wie die Men-
schen gegenseitig zueinander fiihlen, so ergibt sich, was offentliches
Recht ist. Und daher mufite, weil man in der Grundfrage der sozialen
Bewegung das Lebenselement des Gefuhls wegliefi, die Rechtsfrage
eigentlich, wie ich sagte, in ein Loch fallen, verschwinden. Und es han-
delt sich darum, dafi man gerade diese Rechtsfrage in das richtige Licht
riickt. Gewift, man weifi, dafi ein Recht vorhanden ist, aber man mochte
das Recht bloft als ein Anhangsel der wirtschaf tlichen Verhaltnisse hin-
stellen.
Und wie entwickelt sich im menschlichen Zusammenleben das Recht?
Sehen Sie, eine Definition des Rechtes zu geben, ist oftmals versucht
worden, aber niemals ist eigentlich eine befriedigende Definition des
Rechtes herausgekommen. Ebensowenig ist viel herausgekommen, wenn
man den Ursprung des Rechtes untersucht hat, wo das Recht her-
stammt. Man wollte diese Frage beantworten. Es ist niemals richtig
etwas dabei herausgekommen. Warum nicht? Es ist geradeso wie wenn
man irgendwie aus der menschlichen Natur und blofi aus der mensch-
lichen Natur die Sprache entwickeln wollte. Es ist oftmals gesagt wor-
den, und es ist richtig: Der Mensch, der auf einer einsamen Insel auf-
wachst, wiirde niemals zum Sprechen kommen, denn die Sprache ent-
ziindet sich an den anderen Menschen, an der ganzen menschlichen
Gesellschaft.
So entziindet sich aus dem Gefiihl im Zusammenwirken mit dem
Gefiihl des anderen innerhalb des offentlichen Leber. s das Recht. Man
kann nicht sagen, es entspringe das Recht aus diesem oder jenem Winkel
des Menschen oder der Menschheit, sondern man kann nur sagen: Die
Menschen kommen durch ihre Gefuhle, die sie gegenseitig fiireinander
entwickeln, in solche Beziehungen, dafi sie diese Beziehungen in Rech-
ten festlegen, festsetzen. Das Recht ist also etwas, nach welchem so ge-
fragt werden sollte, dafi man vor alien Dingen auf seine Entwickelung
innerhalb der menschlichen Gesellschaft hinsieht. Dadurch aber kommt
die Rechtsbetrachtung fur den modernen Menschen gerade in unmittel-
bare Nahe dessen, was sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der
neueren Menschheit als die demokratische Forderung.
Man kommt dem Wesen solcher Forderungen, wie es die demokrati-
sche Forderung ist, nicht nahe, wenn man nicht die menschliche Ent-
wickelung selber wie eine Art Organismus ansieht. Aber davon sind die
gegenwartigen Betrachtungsweisen sehr, sehr weit entfernt. Jeder
Mensch empfindet es gewifi als etwas sehr Lacherliches und Paradoxes,
wenn man erklaren wollte, wie der Mensch von der Geburt bis zum
Tode sich entwickelt unter dem Einflufi der Nahrungsmittel; wenn
man erklaren wollte, weil der Kohl so ist, der Weizen so ist, das Rind-
fleisch so ist, entwickelt sich der Mensch von seiner Geburt bis zum
Tode so und so. Nein, niemand wird zugeben, dafi das eine verniinf tige
Betrachtungsweise ist, sondern jeder wird zugestehen, dafi man fragen
mufi: Wie ist es in der menschlichen Natur selbst begriindet, daft zum
Beispiel um das siebente Jahr herum aus dieser menschlichen Natur
heraus die Krafte kommen, die den Zahnwechsel bewirken? Man kann
nicht aus dem Kohl, aus dem Rindf leisch die Konsequenzen ziehen, dafi
der Zahnwechsel sich vollzieht. Ebenso mu£ man fragen: Wie entwik-
kelt sich aus dem menschlichen Organismus heraus dasjenige, was zum
Beispiel die Geschlechtsreife darstellt? - und so weiter. Man mufi auf
das, was sich entwickelt, auf seine innere Natur eingehen.
Suchen Sie sich unter den heutigen Vorstellungsarten aber eine, wel-
che das auf die menschliche Entwickelungsgeschichte anwenden kann,
welche sich zum Beispiel klar dariiber ware, dafi, indem die Menschheit
auf der Erde sich entwickelt, sie aus sich, aus ihrem Wesen heraus in den
verschiedenen Zeitaltern gewisse Krafte und Fahigkeiten, gewisse
Eigentumlichkeiten entwickelt!
Wer lernt, sachgemafi zu sein in der Naturbetrachtung, kann diese
sachgemafte Betrachtungsweise auch ubertragen auf die Geschichts-
betrachtung. Und da findet man, daft aus den Tiefen der Menschen-
natur hervorgehend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eben gerade
diese Forderung nach Demokratie sich entwickelt hat und in den ver-
schiedenen Gegenden der Erde mehr oder weniger befriedigt worden ist,
diese Forderung: dafi der Mensch in seinem Verhalten zu anderen Men-
schen nur dasjenige gelten lassen kann, was er selbst als das Richtige, als
das ihmAngemessene empfindet. Das demokratische Prinzip ist aus den
Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Stre-
bens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine
elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische
Prinzip.
Wer diese Dinge durchschaut, der mulS sie aber auch vollig ernst
nehmen, der mufi sich dann die Frage aufwerfen: Welches ist die Be-
deutung und welches sind die Grenzen des demokratischen Prinzipes? —
Das demokratische Prinzip — ich habe es eben charakterisiert — besteht
darinnen, daft die in einem geschlossenen sozialen Organismus zusam-
menlebenden Menschen Beschliisse fassen sollen, welche aus jedem ein-
zelnen hervorgehen. Dann konnen sie natiirlich nur fiir die Gesellschaft
bindende Beschliisse dadurch werden, dafi sich Majoritaten ergeben.
Demokratisch wird, was in solche Majoritatsbeschliisse einlauft, nur
dann sein, wenn jeder einzelne Mensch als einzelner Mensch dem an-
deren einzelnen Menschen als ein gleicher gegeniibersteht. Dann aber
konnen auch nur iiber diejenigen Dinge Beschliisse gefafit werden, in
denen der einzelne Mensch als gleicher jedem anderen Menschen in
Wirklichkeit gleich ist. Das heifit: Es konnen nur Beschliisse gefafit
werden auf demokratischem Boden, iiber die jeder miindig gewordene
Mensch dadurch, dafi er miindig geworden ist, urteilsfahig ist. Damit
aber haben sie — ich meine so klar als nur moglich — der Demokratie
ihre Grenzen gezogen. Es kann ja nur dasjenige auf dem Boden der
Demokratie beschlossen werden, was man einfach dadurch beurteilen
kann, daft man ein miindig gewordener Mensch ist.
Dadurch schlie&t sich aus von demokratischen Mafiregeln alles, was
sich auf die Entwickelung der menschlichen Fahigkeiten im offent-
lichen Leben bezieht. Alles, was Erziehung und Unterrichtswesen, was
geistiges Leben iiberhaupt ist, erfordert die Einsetzung des individuellen
Menschen - wir werden iibermorgen im genaueren davon sprechen
erfordert vor alien Dingen wirkliche individuelle Menschenkenntnis,
erfordert in dem Unterrichtenden, in dem Erziehenden besondere indi-
viduelle Fahigkeiten, die durchaus nicht dem Menschen dadurch eignen
konnen, dafi er einfach ein miindig gewordener Mensch ist. Entweder
nimmt man es mit der Demokratie nicht ernst: dann lafit man sie be-
schliefien auch iiber alles, was an individuellen Fahigkeiten hangt; oder
man nimmt es mit der Demokratie ernst: dann mufi man ausschliefien
von der Demokratie die Verwaltung des Geisteslebens auf der einen
Seite. Man mufi aber auch ausschliefien von dieser Demokratie, was
Wirtschaftsleben ist. Alles was ich gestern entwickelt habe, beruht auf
Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit, die sich der einzelne erwirbt in dem
Lebenskreis wirtschaftlicher Art, in dem er drinnensteht. Niemals kann
einfach die Miindigkeit, die Urteilsfahigkeit jedes miindig gewordenen
Menschen dariiber entscheiden, ob man ein guter Landwirt, ob man ein
guter Industrieller und dergleichen ist. Daher konnen auch nicht Majo-
ritatsbeschliisse gefafk werden von jedem miindig gewordenen Men-
schen iiber dasjenige, was auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens zu
geschehen hat.
Das heifk, das Demokratische mufi ausgesondert werden von dem
Boden des Geisteslebens, von dem Boden des Wirtschaftslebens. Dann
ergibt sich zwischen beiden das eigentliche demokratische Staatsleben,
in dem ein jeder Mensch dem anderen als urteilsfahiger, miindiger,
gleicher Mensch gegeniibersteht, in dem aber auch nur Majoritats-
beschliisse gefafk werden konnen iiber das, was abhangt von der glei-
chen Urteilsfahigkeit aller miindig gewordenen Menschen.
Wer diese Dinge, die ich eben ausgesprochen habe, nicht einfach ab-
strakt denkend sagt, sondern sie am Leben abmifk, der sieht, dafi die
Menschen gerade deshalb sich iiber diese Dinge tauschen, weil sie eigent-
lich unbequem vorzustellen sind, weil man nicht den Mut entwickeln
mochte, in die letzten Konsequenzen dieses menschlichen Vorstellens
einzudringen.
Das aber, dafi man das nicht wollte, dafi man der allgemeinen For-
derung nach Demokratie nicht ganz andere Dinge entgegenstellte, das
hatte in der neueren Menschheitsentwickelung eine sehr, sehr praktische
Bedeutung. Ich mochte Ihnen diese Dinge viel weniger aus abstrakten
Prinzipien als aus der historischen Entwickelung der Menschheit selber
heraus gestalten.
Wir haben in diesen Jahren einen Staat zugrunde gehen sehen, man
mochte sagen: aus semen eigenen Bedingungen heraus zugrunde gehen
sehen, und dieser Staat kann geradezu als Experimentierobjekt auch fiir
Rechtsfragen angesehen werden. Es ist das alte, nicht mehr bestehende
Dsterreich-Ungarn. Wer die Kriegsjahre verfolgt hat, der weifi zwar,
dafi zuletzt Dsterreich gefallen ist durch die rein kriegerischen Ereig-
nisse, aber die Auflosung dieses osterreichischen Staates ist erfolgt als
eine zweite Erscheinung, als etwas, was sich aus seinen inneren Zustan-
den heraus ergeben hat. Dieser Staat ist auseinandergefallen, und er
ware wahrscheinlich auch auseinandergefallen, wenn die kriegerischen
Ereignisse fiir Dsterreich glimpflicher ausgefallen waren. Das kann
man sagen, wenn man diese Verhaltnisse in Dsterreich — wie es dem
moglich war, der hier vor Ihnen spricht; dreifiig Jahre meines Lebens
habe ich in Dsterreich zugebracht - durch Jahrzehnte hindurch sach-
gemafi beobachtet hat.
Es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da trat aus
diesem Dsterreich die Forderung hervor nach Demokratie, das heifk
nach einer Volksvertretung. Wie wurde nun diese Volksvertretung ge-
staltet? Diese Volksvertretung wurde so gestaltet, daf$ die Volksver-
treter sich rekrutierten im osterreichischen Reichsrat aus vier Kurien,
vier Kurien rein wirtschaftlicher Art: erstens die Kurie der Grofigrund-
besitzer, eine Kurie; zweitens die Stadte, Markte und Industrialorte,
zweite Kurie; drittens die Handelskammern, dritte Kurie; die vierte
Kurie waren die Landgemeinden, aber da kamen auch in den Land-
gemeinden nur eigentlich wirtschaftliche Interessen in Frage. Je nach-
dem man also Angehoriger einer Landgemeinde, Handelskammer und
so weiter war, wahlte man seine Vertreter in den osterreichischen Reichs-
rat. Und da safien nun die Vertreter rein wirtschaftlicher Interessen bei-
sammen. Die Beschlusse, die sie fafSten, kamen, durch Majoritat selbst-
verstandlich, aus einzelnen Menschen heraus zustande, aber die einzel-
nen Menschen vertraten solche Interessen, wie sie sich ihnen ergaben
aus ihrcr wirtschaftlichen Zugehorigkeit zu den Grund- und Bod en -
besitzern, zu den Stadten, Markten und Industrialorten, zu den Han-
delskammern oder zu den Landgemeinden. Und was kamen fur of fent-
liche Rechte, die durch Majoritatsbeschliisse gefafit worden sind,
dadurch zum Vorschein? Es kamen dadurch offentliche Rechte zum
Vorschein, die nur umgewandelte Wirtschaftsinteressen waren. Denn
selbstverstandlich, wenn zum Beispiel die Handelskammern mit den
Grofigrundbesitzern einig waren iiber irgend etwas, was ihnen wirt-
schaftliche Vorteile brachte, so konnte ein Majoritatsbeschlu£ gefafit
werden gegen die Interessen der Minderheit, die vielleicht gerade die
Sache anging. Man kann immer, wenn Interessenvertretungen wirt-
schaftlicher Art in den Parlamenten sitzen, Majoritaten zusammen-
bringen, die aus den wirtschaftlichen Interessen heraus Beschliisse fas-
sen, dadurch Rechte schaf fen, die aber gar nichts zu tun haben mit dem,
was aus dem Gefiihl heraus von Mensch zu Mensch als Rechtsbewulk-
sein waltet.
Oder nehmen Sie die Tatsache, dafi zum Beispiel in dem alten deut-
schen Reichstag eine grofie Partei safi, die sich Zentrum nannte, und die
rein geistige Interessen, namlich katholisch-geistige Interessen vertrat.
Diese Partei konnte sich zusammenschliefien mit jeder anderen, um eine
Majoritat zu ergeben, und so wurden rein geistige Bediirfnisse in irgend-
welche offentlichen Rechte umgewandelt. Unzahlige Male ist dies ge-
schehen.
Was da lebt in den demokratisch werden wollenden modernen Par-
lamenten, hat man oftmals bemerkt. Aber man ist nicht darauf ge-
kommen, einzusehen, was zu geschehen hat: Eine reinliche Abscheidung
desjenigen, was das Rechtsleben ist, von dem, was die Vertretung, die
Verwaltung wirtschaftlicher Interessen ist. Der Impuls fur die Drei-
gliederung des sozialen Organismus mufi daher in entschiedenster Weise
die Abgliederung des Rechtslebens, des Rechtsbodens von der Verwal-
tung der wirtschaftlichen Verhaltnisse, von der Verwaltung des Wirt-
schaftskreislaufes fordern.
Innerhalb des Wirtschaftskreislaufes sollen sich Assoziationen bil-
den, wie ich gestern auseinandergesetzt habe. Es werden Berufsstande
einander gegeniiberstehen, es werden Produzenten und Konsumenten
einander gegeniiberstehen. Was da geschehen wird an rein wirtschaft-
lichen Tatsachen und Mafinahmen, das wird beruhen auf Vertragen, die
die Assoziationen miteinander schlieiSen. Im Wirtschaftsleben wird alles
auf Vertragen, alles auf gegenseitigen Leistungen beruhen. Da werden
Korporationen Korporationen gegeniiberstehen. Da wird Sachkenntnis
und Fachtiichtigkeit den Ausschlag zu geben haben. Da wird es sich
nicht darum handeln, was ich fiir eine Meinung habe, sagen wir, wenn
ich Industrieller bin, welche Geltung gerade mein Industriezweig im
offentlichen Leben haben soli; nein, dariiber werde ich nichts beschlie-
l$en konnen, wenn das Wirtschaftsleben selbstandig ist, sondern ich
werde zu leisten haben in meinem Industriezweige, werde Vertrage zu
schliefien haben mit den Assoziationen anderer Industriezweige, und
die werden mir die Gegenleistungen zu bieten haben. Ob ich in der Lage
bin, sie zu Gegenleistungen zu verhalten, davon wird es abhangen, ob
ich meine Leistungen anbringen kann. Vertragsweise wird sich eine
Tiichtigkeitsassoziation abschliefien. Das ist es, was Tatsachen sind.
Anders mufi sich das Leben abspielen auf dem Rechtsboden. Auf
dem Rechtsboden kann der Mensch dem Menschen gegeniiberstehen.
Auf dem Rechtsboden kann es sich nur handeln um die Festlegung von
Gesetzen, die eben die offentlichen Rechte durch Majoritatsbeschliisse
regeln. Gewifi, sehr viele Menschen sagen: Aber was ist denn schlieft-
lich das off entliche Recht? Es ist ja nichts anderes als dasjenige, was, in
Worte gefafit, in Gesetze bringt, was in den wirtschaftlichen Zustanden
lebt! - Es ist in vieler Beziehung so. Aber das lafit die Idee von der Drei-
gliederung des sozialen Organismus, wie sie die Wirklichkeit uberhaupt
nicht unberiicksichtigt laftt, durchaus nicht aufier acht: Was sich durch
die Beschliisse auf demokratischem Boden als rechtens ergibt, das tragen
selbstverstandlich die Menschen, die wirtschaften, in das Wirtschafts-
leben hinein. Nur sollen sie es nicht heraustragen und zum Rechte erst
machen. Sie tragen es in das Wirtschaftsleben hinein.
Abstraktlinge, die sagen: Ja, aber ist denn nicht im aufieren Leben
dasjenige, was der eine mit dem anderen wirtschaftet, wenn er einen
Wechsel ausstellt oder dergleichen, und was sich da im Wechselrecht
ergibt, ganz in der Handlung des wirtschaftlichen Lebens drinnen ent-
halten? Ist denn das nicht eine vollige Einheit? Und du kommst, Drei-
gliederer, und willst das, was im Leben eine vollige Einheit ist, jetzt
auseinandernehmen !
Als ob es nicht im Leben - gerade in dem Leben, wo der Mensch kei-
nen Zutritt hat mit seinen Meinungen und das er dadurch nicht ver-
derben kann - viele Gebiete gabe, wo sich Kraftestromungen von ver-
schiedenen Seiten her zu einer Einheit verbinden! Nehmen Sie einmal
bei dem Menschen, der heranwachst, an: er hat verschiedene Eigen-
schaften, die er durch Vererbung bekommen hat. Die haften ihm an.
Dann hat er gewisse Eigenschaften, die ihm anerzogen werden. Von
zwei Seiten her bekommt der heranwachsende Mensch Eigenschaften:
durch Vererbung, durch Erziehung. Aber tun Sie etwas, wenn Sie fiinf-
zehn Jahre alt geworden sind, so konnen Sie nicht sagen, es sei keine
Einheit, was Sie tun! Es fliefien als eine Einheit zusammen das Ergebnis
Ihrer Vererbung und das Ergebnis Ihrer Erziehung. Dadurch lebt eine
Einheit drinnen, aber nur dadurch richtig als eine Einheit, dafi es von
zwei Seiten zusammenstromt. Gerade dadurch wird es eine gesunde Ein-
heit, dafi es von zwei Seiten zusammenstromt.
So ergibt sich aus der Wirklichkeit des Lebens fur die Idee des sozia-
len dreigegliederten Organismus, dafi eine gesunde Einheit fiir das
Handeln im Wirtschaftlichen nur entsteht, insofern Rechtsbegriffe
darinnen inbegriffen werden, dadurch, dafi die wirtschaftlichen Mafi-
nahmen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten selbstandig verwaltet
werden, und dafi auf dem demokratischen Rechtsboden die Rechte
geschaffen werden. Die Menschen tragen das dann zu einer Einheit
zusammen. Es wirkt zusammen, wahrend Sie, wenn Sie die Rechte
aus den Interessen des Wirtschaftens selber heraus entstehen lassen,
diese Rechte zu Karikaturen machen. Es ist dann das Recht nur
eine Photographie, nur ein Abdruck des wirtschaftlichen Interesses. Es
ist das Recht gar nicht da. Nur dadurch, dafi Sie das Recht urspriing-
lich und uranfanglich entstehen lassen auf seinem selbstandigen demo-
kratischen Boden, konnen Sie es hineintragen in das Wirtschafts-
leben.
Man sollte glauben, dies
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