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Seitennummern der Originalausgabe in eckigen Klammern. [ ]
Anmerkungen, angegeben in runden Klammern ( ), stehen jeweils am Ende eines Kapitels.
Steiner, Rudolf:
Goethes Weltanschauung.
Dornach(CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1963.
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INHALT
Vorreden
Einleitung
Goethe und Schiller
Die Platonische Weltanschauung
Die Folgen der platonischen Weltanschauung
Goethe und die platonische Weltansicht
Personlichkeit und Weltanschauung
Die Metamorphose der Welterscheinungen
Die Metamorphosenlehre
Die Erscheinungen der Farbwelt
Gedanken iiber die Entwicklungsgeschichte der Erde
Betrachtungen iiber atmospharische Erscheinungen
Goethe und Hegel
Nachwort zur Neuauflage 1918
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Vorrede zur neuen Ausgabe
[7] Die in dieser Schrift versuchte Schilderung der Goetheschen Weltanschauung habe
ich im Jahre 1897 unternommen als zusammenfassende Darstellung dessen, was mit die
Betrachtung des Goethe'schen Geisteslebens im Laufe vieler Jahre gegeben hatte. Wie
ich damals mein Ziel empfunden habe, davon gibt die «Vorrede zur ersten Auflage» ein
Bild. Diese Vorrede wiirde ich, schriebe ich sie heute, keineswegs dem Inhalte, sondern
nur dem Stile nach anders verfassen. Da aber kein mir ersichtlicher Grund vorliegt, ein
Wesentliches an diesem Buche sonst zu andern, so erschiene es mir als eine
Unaufrichtigkeit, von den Empfindungen, mit denen ich vor zwanzig Jahren das Buch in
die Welt sandte, heute in einer anderen Tonart zu reden. Weder hat, was ich seit seiner
Veroffentlichung in der Literatur iiber Goethe habe verfolgen konnen, noch was an
Ergebnissen die neueste Naturforschung erbracht hat, meine in dem Buche
ausgesprochenen Gedanken geandert. Ich glaube nicht ohne Verstandnis zu sein fur die
grofien Fortschritte dieser Forschung in den letzten zwanzig Jahren. Dafi durch sie ein
Grund gegeben ist, iiber Goethes Weltanschauung gegenwartig anders zu sprechen, als
ich es 1897 getan habe, glaube ich nicht. Was ich iiber das Verhaltnis der Goetheschen
Weltanschauung zu dem damaligen Stand der allgemein anerkannten Natur-Ideen gesagt
habe, scheint mir auch zu gelten mit Bezug auf die Naturwissenschaft unserer Tage. Die
Haltung meines Buches ware keine andere, wenn ich es in der Gegenwart erst
geschrieben hatte. Nur mir wichtig erscheinende Erweiterungen und Erganzungen an
manchen Stellen unterscheiden die neue Ausgabe von der alten. [8]
Dafi mich auch zu keiner wesentlichen Anderung des Inhalts drangen kann, was ich seit
sechzehn Jahren iiber Geisteswissenschaft veroffentlicht habe, dariiber habe ich mich in
dem dieser Neuausgabe angefugten «Nachwort» ausgesprochen.
Rudolf Steiner
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Vorrede zur 1. Ausgabe
[9] Die Gedanken, die ich in diesem Buche ausspreche, sollen die Grundlage festhalten,
die ich in der Weltanschauung Goethes beobachtet habe. Im Lauf vieler Jahre habe ich
immer wieder und wieder das Bild dieser Weltanschauung betrachtet. Besonderen Reiz
hatte es fur mich, nach den Offenbarungen zu sehen, welche die Natur iiber ihr Wesen
und ihre Gesetze den feinen Sinnes- und Geistesorganen Goethes gemacht hat. Ich lernte
begreifen, warum Goethe diese Offenbarungen als so hohes Gliick empfand, dafi er sie
zuweilen hoher schatzte als seine Dichtungsgabe. Ich lebte mich in die Empfindungen
ein, die durch Goethes Seele zogen, wenn er sagte, dafi «wir durch nichts so sehr
veranlafit werden iiber uns selbst zu denken, als wenn wir hochst bedeutende
Gegenstande, besonders entschiedene charakteristische Naturszenen, nach langen
Zwischenraumen endlich wiedersehen und den zuriickgebliebenen Eindruck mit der
gegenwartigen Einwirkung vergleichen. Da werden wir denn im ganzen bemerken, dafi
das Objekt immer mehr hervortritt, dafi, wenn wir uns fruher an den Gegenstanden
empfanden, Freud und Leid, Heiterkeit und Verwirrung auf sie iibertrugen, wir nunmehr
bei gebandigter Selbstigkeit ihnen das gebiihrende Recht widerfahren lassen, ihre
Eigenheiten zu erkennen und ihre Eigenschaften sofern wir sie durchdringen, in einem
hohern Grade zu schatzen wissen. Jene Art des Anschauens gewahrt der kiinstlerische
Blick, diese eignet sich dem Naturforscher, und ich mufite mich, zwar anfangs nicht ohne
Schmerzen, zuletzt doch gliicklich preisen, dafi, indem jener Sinn mich nach und nach zu
verlassen drohte, dieser sich in Aug' und Geist desto kraftiger entwickelte.» [10] Die
Eindriicke, welche Goethe von den Erscheinungen der Natur empfangen hat, muB man
kennen, wenn man den vollen Gehalt seiner Dichtungen verstehen will. Die Geheimnisse,
die er dem Wesen und Werden der Schopfung abgelauscht hat, leben in seinen
kiinstlerischen Erzeugnissen und werden nur demjenigen offenbar, der hinhorcht auf die
Mitteilungen, die der Dichter iiber die Natur macht. Der kann nicht in die Tiefen der
Goetheschen Kunst hinuntertauchen, dem Goethes Naturbeobachtungen unbekannt sind.
Solche Empfindungen drangten mich zu der Beschaftigung mit Goethes Naturstudien. Sie
liefien zunachst die Ideen reifen, die ich vor mehr als zehn Jahren in Kiirschners
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«Deutscher Nationallitteratur» mitteilte. Was ich damals in dem ersten anfing, habe ich
ausgebaut in den drei folgenden Banden der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes,
von denen der letzte in diesen Tagen vor die Offentlichkeit tritt. Dieselben Empfindungen
leiteten mich, als ich vor mehreren Jahren die schone Aufgabe iibernahm, einen Teil der
naturwissenschaftlichen Schriften Goethes fur die grofie Weimarische Goethe-Ausgabe
zu besorgen. Was ich an Gedanken zu dieser Arbeit mitgebracht und was ich wahrend
derselben ersonnen habe, bildet den Inhalt des vorliegenden Buches. Ich darf diesen
Inhalt als erlebt im vollsten Sinne des Wortes bezeichnen. Von vielen Ausgangspunkten
aus habe ich mich den Ideen Goethes zu nahern gesucht. Allen Widerspruch, der in mir
gegen Goethes Anschauungsweise schlummerte, habe ich aufgerufen, um gegeniiber der
Macht dieser einzigen Personlichkeit die eigene Individualist zu wahren. Und je mehr
ich meine eigene, selbst erkampfte Weltanschauung ausbildete, desto mehr glaubte ich
Goethe zu verstehen. Ich versuchte ein Licht zu finden, das auch die [11] Raume in
Goethes Seele durchleuchtet, die ihm selbst dunkel geblieben sind. Zwischen den Zeilen
seiner Werke wollte ich lesen, was mir ihn ganz verstandlich machen sollte. Die Krafte
seines Geistes, die ihn beherrschten, deren er sich aber nicht selbst bewufit wurde, suchte
ich zu entdecken. Die wesentlichen Charakterziige seiner Seele wollte ich durchschauen.
Unsere Zeit liebt es, die Ideen da, wo von psychologischer Betrachtung einer
Personlichkeit die Rede ist, in einem mystischen Halbdunkel zu lassen. Die gedankliche
Klarheit in solchen Dingen wird gegenwartig als nuchterne Verstandesweisheit verachtet.
Man glaubt tiefer zu dringen, wenn man von einseitig mystischen Abgriinden des
Seelenlebens, von damonischen Gewalten innerhalb der Personlichkeit spricht. Ich mufi
gestehen, dafi mir diese Schwarmerei fur verfehlte mystische Psychologie als
Oberflachlichkeit erscheint. Sie ist bei Menschen vorhanden, in denen der Inhalt der
Ideenwelt keine Empfindungen erzeugt. Sie konnen in die Tiefen dieses Inhaltes nicht
hinabsteigen, sie fuhlen die Warme nicht, die von ihm ausstromt. Deshalb suchen sie
diese Warme in der Unklarheit. Wer imstande ist, sich einzuleben in die hellen Spharen
der reinen Gedankenwelt, der empfindet in ihnen das, was er sonst nirgends empfinden
kann. Personlichkeiten wie die Goethes kann man nur erkennen, wenn man die Ideen,
von denen sie beherrscht sind, in ihrer lichten Klarheit in sich aufzunehmen vermag. Wer
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eine falsche Mystik in der Psychologie liebt, wird vielleicht meine Betrachtungsweise
kalt finden. Ob es aber meine Schuld ist, dafi ich das Dunkle und Unbestimmte nicht mit
dem Tiefsinnigen fur ein und dasselbe halten kann? So rein und klar, wie mir die Ideen
erschienen sind, die in Goethe als [12] wirksame Krafte gewaltet haben, versuche ich sie
darzustellen. Vielleicht findet auch mancher die Linien, die ich gezogen habe, die Farben,
die ich aufgetragen habe, zu einfach. Ich meine aber, dafi man das Grofie am besten
charakterisiert, wenn man es in seiner monumentalen Einfachheit darzustellen versucht.
Die kleinen Schnorkel und Anhangsel verwirren nur die Betrachtung. Nicht auf
nebensachliche Gedanken, zu denen er durch dieses oder jenes Erlebnis von
untergeordneter Bedeutung veranlafit worden ist, kommt es mir bei Goethe an, sondern
auf die Grundrichtung seines Geistes. Mag dieser Geist auch da und dort Seitenwege ein
schlagen: eine Haupttendenz ist immer zu erkennen. Und sie habe ich zu verfolgen
gesucht. Wer da meint, dafi die Regionen, durch die ich gegangen bin, eisig sind, von
dem meine ich, er habe sein Herz zu Hause gelassen.
Will man mir den Vorwurf mac hen, dafi ich nur diejenigen Seiten der Goetheschen
Weltanschauung schildere, auf die mich mein eigenes Denken und Empfinden weist, so
kann ich nichts erwidern, als dafi ich eine fremde Personlichkeit nur so ansehen will, wie
sie mir nach meiner eigenen Wesenheit erscheinen muB. Die Objektivitdt derjenigen
Darsteller, die sich selbst verleugnen wollen, wenn sie fremde Ideen schildern, schatze
ich nicht hoch. Ich glaube, sie kann nur matte und farbenblasse Bilder malen. Ein Kampf
liegt jeder wahren Darstellung einer fremden Weltanschauung zu Grunde. Und der vollig
besiegte wird nicht der beste Darsteller sein. Die fremde Macht muB Achtung erzwingen;
aber die eigenen Waffen miissen ihren Dienst tun. Ich habe deshalb ruckhaltlos
ausgesprochen, dafi nach meiner Ansicht die Goethesche Denkweise Grenzen hat. Dafi es
Erkenntnisgebiete gibt, die ihr verschlossen geblieben sind. [13] Ich habe gezeigt, welche
Richtung die Beobachtung der Welterscheinungen nehmen mufi, wenn sie in die Gebiete
dringen will, die Goethe nicht betreten hat, oder auf denen er, wenn er sich in sie begeben
hat, unsicher herumgeirrt ist. So interessant es ist, einem grofien Geiste auf seinen Wegen
zu folgen; ich mochte jedem nur so weit folgen, als er mich selbst fordert. Denn nicht die
Betrachtung, die Erkenntnis, sondern das Leben, die eigene Tatigkeit ist das Wertvolle.
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Der reine Historiker ist ein schwacher, ein unkraftiger Mensch. Die historische
Erkenntnis raubt die Energie und Spannkraft des eigenen Wirkens. Wer alles verstehen
will, wird selbst wenig sein. Was fruchtbar ist, allein ist wahr, hat Goethe gesagt. Soweit
Goethe fur unsere Zeit fruchtbar ist, soweit soil man sich in seine Gedanken- und
Empfindungswelt einleben. Und ich glaube, aus der folgenden Darstellung wird
hervorgehen, dafi unzahlige noch ungehobene Schatze in dieser Gedanken- und
Empfindungswelt verborgen liegen. Ich habe auf die Stellen hingedeutet, an denen die
moderne Wissenschaft hinter Goethe zuriickgeblieben ist. Ich habe von der Armut der
gegenwartigen Ideenwelt gesprochen und ihr den Reichtum und die Fiille der
Goetheschen entgegengehalten. In Goethes Denken sind Keime, welche die moderne
Naturwissenschaft zur Reife bringen sollte. Fiir sie konnte dieses Denken vorbildlich
sein. Sie hat einen grofieren Beobachtungsstoff als Goethe. Aber sie hat diesen Stoff nur
mit sparlichem und unzureichendem Ideengehalt durchsetzt. Ich hoffe, dafi aus meinen
Ausfiihrungen hervorgeht, wie wenig Eignung die moderne naturwissenschaftliche
Denkweise dazu besitzt, Goethe zu kritisieren, und wie viel sie von ihm lernen konnte.
Rudolf Steiner
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Einleitung
[14] Will man Goethes Weltanschauung verstehen, so darf man sich nicht damit
begniigen, hinzuhorchen, was er selbst in einzelnen Ausspriichen iiber sie sagt. In
kristallklaren, scharf gepragten Satzen den Kern seines Wesens auszusprechen, lag nicht
in seiner Natur. Solche Satze schienen ihm die Wirklichkeit eher zu verzerren als richtig
abzubilden. Er hatte eine gewisse Scheu davor, das Lebendige, die Wirklichkeit in einem
durchsichtigen Gedanken festzuhalten. Sein Innenleben, seine Beziehung zur Aufienwelt,
seine Beobachtungen iiber die Dinge und Ereignisse waren zu reich, zu erfullt von zarten
Bestandteilen, von intimen Elementen, um von ihm selbst in einfache Formeln gebracht
zu werden. Er spricht sich aus, wenn ihn dieses oder jenes Erlebnis dazu drangt. Aber er
sagt immer zu viel oder zu wenig. Die lebhafte Anteilnahme an allem, was an ihn
herankommt, bestimmt ihn oft, scharfere Ausdriicke zu gebrauchen, als es seine
Gesamtnatur verlangt. Sie verfiihrt ihn ebenso oft, sich unbestimmt zu aufiern, wo ihn
sein Wesen zu einer bestimmten Meinung notigen konnte. Er ist immer angstlich, wenn
es sich darum handelt, zwischen zwei Ansichten zu entscheiden. Er will sich die
Unbefangenheit nicht dadurch rauben, dafi er seinen Gedanken eine scharfe Richtung
gibt. Er beruhigt sich bei dem Gedanken: «Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme
der Welt zu losen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann in der
Grenze des Begreiflichen zu halten. »Ein Problem, das der Mensch gelost zu haben
glaubt, entzieht ihm die Moglichkeit, tausend Dinge klar zu sehen, die in den Bereich
dieses Problems fallen. Er achtet auf sie nicht mehr, weil er iiber das Gebiet [15]
aufgeklart zu sein glaubt, in das sie fallen. Goethe mochte lieber zwei Meinungen iiber
eine Sache haben, die einander entgegengesetzt sind, als eine bestimmte. Denn jedes
Ding scheint ihm eine Unendlichkeit einzuschliefien, der man sich von verschiedenen
Seiten nahern mufi, um von ihrer ganzen Fiille etwas wahrzunehmen. «Man sagt,
zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liegt die Wahrheit mitten inne.
Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig tatige Leben, in
Ruhe gedacht.» Goethe will seine Gedanken lebendig erhalten, damit er in jedem
Augenblicke sie umwandeln konne, wenn die Wirklichkeit ihn dazu veranlafit. Er will
nicht recht haben; er will stets nur aufs «Rechte losgehen». In zwei verschiedenen
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Zeitpunkten spricht er sich iiber dieselbe Sache verschieden aus. Eine feste Theorie, die
ein fur allemal die Gesetzmafiigkeit einer Reihe von Erscheinungen zum Ausdruck
bringen will, ist ihm bedenklich, weil eine solche der Erkenntniskraft das unbefangene
Verhaltnis zur beweglichen Wirklichkeit raubt.
Wenn man dennoch die Einheit seiner Anschauungen iiberschauen will, so muB man
weniger auf seine Worte horen, als auf seine Lebensfuhrung sehen. Man muB sein
Verhaltnis zu den Dingen belauschen, wenn er ihrem Wesen nachforscht und dabei das
erganzen, was er selbst nicht sagt. Man muB auf das Innerste seiner Personlichkeit
eingehen, das sich zum grofiten Teile hinter seinen Aufierungen verbirgt. Was er sagt,
mag sich oft widersprechen; was er lebt, gehort immer einem sich selber tragenden
Ganzen an. Hat er seine Weltanschauung auch nicht in einem geschlossenen System
aufgezeichnet; er hat sie in einer geschlossenen Personlichkeit dargelebt. Wenn wir auf
sein Leben sehen, so [16] losen sich alle Widerspriiche in seinem Reden. Sie sind in
seinem Denken iiber die Welt nur in dem Sinne vorhanden wie in der Welt selbst. Er hat
iiber die Natur dies und jenes gesagt. In einem festgefiigten Gedankengebaude hat er
seine Naturanschauung niemals niedergelegt. Aber wenn wir seine einzelnen Gedanken
auf diesem Gebiete iiberblicken, so schliefien sie sich von selbst zu einem Ganzen
zusammen. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, welches Gedankengebaude
entstanden ware, wenn er seine Ansichten im Zusammenhang vollstandig dargestellt
hatte. Ich habe mir vorgesetzt, in dieser Schrift zu schildern, wie Goethes Personlichkeit
in ihrem innersten Wesen geartet gewesen sein mufi, um iiber die Erscheinungen der
Natur solche Gedanken aufiern zu konnen, wie er sie in seinen naturwissenschaftlichen
Arbeiten niedergelegt hat. Dafi manchem von dem, was ich sagen werde, Goethesche
Satze entgegengehalten werden konnen, die ihm widersprechen, weifi ich. Es handelt sich
mir aber in dieser Schrift nicht darum, eine Entwicklungsgeschichte seiner Ausspriiche zu
geben, sondern darum, die Grundlagen seiner Personlichkeit darzustellen, die ihn zu
seinen tiefen Einsichten in das Schaffen und Wirken der Natur fuhrten. Nicht aus den
zahlreichen Satzen, in denen er an andere Denkweisen sich anlehnt, um dadurch
verstandlich zu werden; oder in denen er sich der Formeln bedient, welche der eine oder
der andere Philosoph gebraucht hat, lassen sich diese Grundlagen erkennen. Aus den
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Aufierungen zu Eckeraiann konnte man sich einen Goethe konstruieren, der nie die
Metamorphose der Pflanzen hatte schreiben konnen. An Zelter hatte Goethe manches
Wort gerichtet, das verfTihren konnte, auf eine wissenschaftliche Gesinnung zu schliefien,
die seinen grofien [17] Gedanken iiber die Bildung der Tiere widerspricht. Ich gebe zu,
dafi in Goethes Personlichkeit auch Krafte gewirkt haben, die ich nicht beriicksichtigt
habe. Aber diese Krafte treten zuriick hinter den eigentlich bestimmenden, die seiner
Weltanschauung das Geprage geben. Diese bestimmenden Krafte so scharf zu
charakterisieren, als mir moglich ist, habe ich mir zur Aufgabe gestellt. Man wird beim
Lesen dieses Buches deshalb beachten miissen, dafi ich nirgends die Absicht gehabt habe,
etwa Bestandteile einer eigenen Weltanschauung durch die Darstellung der Goetheschen
Vorstellungsart hindurchschimmern zu lassen. Ich glaube, dafi man bei einem Buche
dieser Art kein Recht hat, die eigene Weltanschauung inhaltlich zu vertreten, sondern dafi
man die Pflicht hat, dasjenige, was einem die eigene Weltanschauung gibt, zum
Verstehen der geschilderten zu verwenden. Ich habe z. B. Goethes Verhaltnis zur
abendlandischen Gedankenentwickelung so schildern wollen, wie sich dieses Verhaltnis
vom Gesichtspunkte der Goetheschen Weltanschauung aus darstellt. Fur die Betrachtung
der Weltanschauungen einzelner Personlichkeiten scheint mir diese Art einzig die
historische Objektivitat zu verbiirgen. Eine andere Art hat erst einzutreten, wenn eine
solche Weltanschauung im Zusammenhange mit anderen betrachtet wird.
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GOETHES STELLUNG INNERHALB DER ABENDLANDISCHEN
GEDANKENENTWICKLUNG
Goethe und Schiller
[21] Goethe erzahlt von einem Gesprach, das sich einstmals zwischen ihm und Schillern
entspann, nachdem beide einer Sitzung der naturforschenden Gesellschaft in Jena
beigewohnt hatten. Schiller zeigte sich wenig befriedigt von dem, was in der Sitzung
vorgebracht worden war. Eine zerstiickelte Art, die Natur zu betrachten, war ihm
entgegen getreten. Und er bemerkte, dafi eine solche den Laien keineswegs anmuten
konne. Goethe erwiderte, dafi sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bliebe,
und dafi es noch eine andere Weise geben konne, die Natur nicht gesondert und
vereinzelt, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend
darzustellen. Und nun entwickelte Goethe die grofien Ideen, die ihm iiber die
Pflanzennatur aufgegangen waren. Er zeichnete «mit manchen charakteristischen
Federstrichen eine symbolische Pflanze» vor Schillers Augen. Diese symbolische Pflanze
sollte die Wesenheit ausdriicken, die in jeder einzelnen Pflanze lebt, was fur besondere
Formen eine solche auch annimmt. Sie sollte das sukzessive Werden der einzelnen
Pflanzenteile, ihr Hervorgehen auseinander und ihre Verwandtschaft untereinander
zeigen. Uber diese symbolische Pflanzengestalt schrieb Goethe am 17. April 1787 in
Palermo die Worte nieder «Eine solche muB es denn doch geben! Woran wiirde ich sonst
erkennen, dafi dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem
Muster gebildet waren. » Die Vorstellung einer plastisch-ideellen Form, die dem Geiste
sich offenbart, wenn er die Mannigfaltigkeit der Pflanzengestalten iiberschaut und ihr
Gemeinsames beachtet, hatte Goethe in sich ausgebildet. Schiller betrachtete [22] dieses
Gebilde, das nicht in einer einzelnen, sondern in alien Pflanzen leben sollte, und sagte
kopfschiittelnd: «Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.» Wie aus einer fremden Welt
kommend, erschienen Goethe diese Worte. Er war sich bewufit, dafi er zu seiner
symbolischen Gestalt durch dieselbe Art naiver Wahrnehmung gelangt war wie zu der
Vorstellung eines Dinges, das man mit Augen sehen und mit Handen greifen kann. Wie
die einzelne Pflanze, so war fur ihn die symbolische oder Urpflanze ein objektives
Wesen. Nicht einer willkurlichen Spekulation, sondern unbefangener Beobachtung
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glaubte er sie zu verdanken. Er konnte nichts entgegnen als: «Das kann mir sehr lieb sein,
wenn ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.» Und er war ganz
ungliicklich, als Schiller daran die Worte kniipfte: «Wie kann jemals eine Erfahrung
gegeben werden, die einer Idee angemessen sein sollte. Denn darin besteht das
Eigentiimliche der letzteren, dafi ihr niemals eine Erfahrung kongruieren konne.»
Zwei entgegengesetzte Weltanschauungen stehen in diesem Gesprache einander
gegeniiber. Goethe sieht in der Idee eines Dinges ein Element, das in demselben
unmittelbar gegenwartig ist, in ihm wirkt und schafft. Ein einzelnes Ding nimmt, nach
seiner Ansicht, bestimmte Formen aus dem Grunde an, weil die Idee sich in dem
gegebenen Falle in einer besonderen Weise ausleben muB. Es hat fur Goethe keinen Sinn
zu sagen, ein Ding entspreche der Idee nicht. Denn das Ding kann nichts anderes sein, als
das, wozu es die Idee gemacht hat. Anders denkt Schiller. Ihm sind Ideenwelt und
Erfahrungswelt zwei getrennte Reiche. Der Erfahrung gehoren die mannigfaltigen Dinge
und Ereignisse an, die den Raum und die Zeit erfullen. Ihr steht das [23] Reich der Ideen
gegeniiber, als eine anders geartete Wirklichkeit, dessen sich die Vernunft bemachtigt.
Weil von zwei Seiten dem Menschen seine Erkenntnisse zufliefien, von aufien durch
Beobachtung und von innen durch das Denken, unterscheidet Schiller zwei Quellen der
Erkenntnis. Fur Goethe gibt es nur eine Quelle der Erkenntnis, die Erfahrungswelt, in
welcher die Ideenwelt eingeschossen ist. Fur ihn ist es unmoglich, zu sagen: Erfahrung
und Idee, weil ihm die Idee durch die geistige Erfahrung so vor dem geistigen Auge liegt,
wie die sinnliche Welt vor dem physischen.
Schillers Anschauung ist hervorgegangen aus der Philosophic seiner Zeit. Die
grundlegenden Vorstellungen, welche dieser Philosophic das Geprage gegeben haben,
und welche treibende Krafte der ganzen abendlandischen Geistesbildung geworden sind,
mufi man im griechischen Altertume suchen. Man kann von der besonderen Wesenheit
der Goetheschen Weltanschauung ein Bild gewinnen, wenn man sie ganz aus sich selbst
heraus, gewissermafien mit Ideen, die man blofi aus ihr entlehnt, zu kennzeichnen
versucht. Das soil in den spateren Teilen dieser Schrift angestrebt werden. Einer solchen
Kennzeichnung kann aber zu Hilfe kommen ein vorangehendes Betrachten der Tatsache,
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dafi sich Goethe iiber gewisse Dinge in der einen oder andern Art ausgesprochen hat, weil
er sich in Uberein Stimmung oder in Gegensatz fTihlte mit dem, was andere iiber ein
Gebiet des Natur- und Geisteslebens dachten. Mancher Ausspruch Goethes wird nur
verstandlich, wenn man die Vorstellungsarten betrachtet, denen er sich gegeniiber gestellt
fand, und mit denen er sich auseinandersetzte, um einen eigenen Gesichtspunkt zu
gewinnen. Wie er iiber dies oder jenes dachte und empfand, gibt zugleich eine
Aufklarung [24] iiber das Wesen seiner eigenen Weltanschauung. Man mufi, wenn man
iiber dieses Gebiet Goetheschen Wesens sprechen will, manches zum Ausdruck bringen,
was bei ihm nur unbewufite Empfindung geblieben ist. In dem hier angefuhrten Gesprach
mit Schiller stand vor Goethes geistigem Auge eine der seinigen gegensatzliche
Weltanschauung. Und diese Gegensatzlichkeit zeigt, wie er empfand iiber diejenige
Vorstellungsart, die, von einer Seite des Griechentums herkommend, einen Abgrund sieht
zwischen der sinnlichen und der geistigen Erfahrung und wie er, ohne solchen Abgrund,
die Erfahrung der Sinne und die Erfahrung des Geistes sich zusammenschliefien sah in
einem Weltbild, das ihm die Wirklichkeit vermittelte. Will man bewufit als Gedanken in
sich beleben, was Goethe mehr oder weniger unbewufit als Anschauung iiber die Gestalt
der abendlandischen Weltanschauungen in sich trug, so werden diese Gedanken die
folgenden sein. In einem verhangnisvollen Augenblicke bemachtigte sich eines
griechischen Denkers ein Mifitrauen in die menschlichen Sinnesorgane. Er fing an zu
glauben, dafi diese Organe dem Menschen nicht die Wahrheit iiberliefern, sondern dafi sie
ihn tauschen. Er verlor das Vertrauen zu dem, was die naive, unbefangene Beobachtung
darbietet. Er fand, dafi das Denken iiber die wahre Wesenheit der Dinge andere Aussagen
mache als die Erfahrung. Es wird schwer sein zu sagen, in welchem Kopfe sich dieses
Mifitrauen zuerst festsetzte. Man begegnet ihm in der eleatischen Philosophenschule,
deren erster Vertreter der um 570 v.Chr. zu Kolophon geborene Xenophanes ist. Als die
wichtigste Personlichkeit dieser Schule erscheint Parmenides. Denn er hat mit einer
Scharfe wie niemand vor ihm behauptet, es gabe zwei Quellen der [25] menschlichen
Erkenntnis. Er hat erklart, dafi die Eindriicke der Sinne Trug und Tauschung seien, und
dafi der Mensch zu der Erkenntnis des Wahren nur durch das reine Denken, das auf die
Erfahrung keine Riicksicht nimmt, gelangen konne. Durch die Art, wie diese Auffassung
iiber das Denken und die Sinnes-Erfahrung bei Parmenides auftritt, war vielen folgenden
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Philosophien eine Entwicklungskrankheit eingeimpft, an der die wissenschaftliche
Bildung noch heute leidet. Welchen Ursprung diese Vorstellungsart in orientalischen
Anschauungen hat, dies zu besprechen, ist innerhalb des Zusammenhanges der
Goetheschen Weltanschauung nicht der Ort.
Die platonische Weltanschauung
[26] Mit der ihm eigenen bewunderungswerten Kuhnheit spricht Plato dieses Mifitrauen
in die Erfahrung aus: Die Dinge dieser Welt, welche unsere Sinne wahrnehmen, haben
gar kein wahres Sein: sie werden immer, sind aber nie. Sie haben nur ein relatives Sein,
sind insgesamt nur in und durch ihr Verhaltnis zueinander; man kann daher ihr gauzes
Dasein ebensowohl ein Nichtsein nennen. Sie sind folglich auch nicht Objekte einer
eigentlichen Erkenntnis. Denn nur von dem, was an und fur sich und immer auf gleiche
Weise ist, kann es eine sole he geben; sie hingegen sind nur das Objekt eines durch
Empfindung veranlafiten Dafurhaltens. So lange wir nur auf ihre Wahrnehmung
beschrankt sind, gleichen wir Menschen, die in einer finsteren Hohle so fest gebunden
safien, dafi sie auch den Kopf nicht drehen konnten und nichts sehen, als beim Lichte
eines hinter ihnen brennenden Feuers, an der Wand ihnen gegeniiber die Schattenbilder
wirklicher Dinge, welche zwischen ihnen und dem Feuer vorubergefuhrt wiirden, und
auch sogar von einander, ja jeder von sich selbst, eben nur die Schatten an jener Wand.
Ihre Weisheit aber ware, die ans Erfahrung erlernte Reihenfolge jener Schatten
vorherzusagen.
In zwei Teile reifit die platonische Anschauung die Vorstellung des Weltganzen
auseinander, in die Vorstellung einer Scheinwelt und in eine andere der Ideenwelt, der
allein wahre, ewige Wirklichkeit entsprechen soil. «Was allein wahrhaft seiend genannt
werden kann, weil es immer ist, aber nie wird, noch vergeht: das sind die idealen Urbilder
jener Schattenbilder, es sind die ewigen Ideen, die Urformen aller Dinge. Ihnen kommt
keine Vielheit zu; denn jedes ist seinem Wesen nach nur eines, indem es das Urbild [27]
selbst ist, dessen Nachbilder oder Schatten alle ihm gleichnamige, einzelne, vergangliche
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Dinge derselben Art sind. Ihnen kommt auch kein Entstehen und Vergehen zu; denn sie
sind wahrhaft seiend, nie aber werdend, noch untergehend wie ihre hinschwindenden
Nachbilder. Von ihnen allein daher gibt es eine eigentliche Erkenntnis, da das Objekt
einer solchen nur das sein kann, was immer und in jedem Betracht ist, nicht das, was ist,
aber auch wieder nicht ist, je nachdem man es ansieht.»
Die Unterscheidung von Idee und Wahrnehmung hat nur eine Berechtigung, wenn von
der Art gesprochen wird, wie die menschliche Erkenntnis zustande kommt. Der Mensch
mufi die Dinge auf zweifache Art zu sich sprechen lassen. Einen Teil ihrer Wesenheit
sagen sie ihm freiwillig. Er braucht nur hinzuhorchen. Dies ist der ideenfreie Teil der
Wirklichkeit. Den andern aber mufi er ihnen entlocken. Er mufi sein Denken in
Bewegung setzen, dann erfullt sich sein Inneres mit den Ideen der Dinge. Im Innern der
Personlichkeit ist der Schauplatz, auf dem auch die Dinge ihr ideelles Innere enthullen.
Da sprechen sie aus, was der aufieren Anschauung ewig verborgen bleibt. Das Wesen der
Natur kommt hier zu Worte. Aber es liegt nur an der menschlichen Organisation, dafi
durch den Zusammenklang von zwei Tonen die Dinge erkannt werden miissen. In der
Natur ist ein Erreger da, der beide Tone hervorbringt. Der unbefangene Mensch horcht
auf den Zusammenklang. Er erkennt in der ideellen Sprache seines Innern die Aussagen,
die ihm die Dinge zukommen lassen. Nur wer die Unbefangenheit verloren hat, der
deutet die Sache anders. Er glaubt, die Sprache seines Inneren komme aus einem andern
Reich als die Sprache der aufieren Anschauung. Plato ist es zum [28] Bewufitsein
gekommen, welches Gewicht fur die menschliche Weltanschauung die Tatsache hat, dafi
die Welt sich dem Menschen von zwei Seiten her offenbart. Aus der einsichtsvollen
Wertung dieser Tatsache erkannte er, dafi der Sinneswelt, allein fur sich betrachtet, nicht
Wirklichkeit zugesprochen werden darf. Erst wenn aus dem Seelenleben heraus die
Ideenwelt aufleuchtet und im Anschauen der Welt der Mensch Idee und
Sinnesbeobachtung als einheitliches Erkenntniserlebnis vor seinen Geist stellen kann, hat
er wahre Wirklichkeit vor sich. Was die Sinnesbeobachtung vor sich hat, ohne dafi es von
dem Lichte der Ideen durchstrahlt wird, ist eine Scheinwelt. So betrachtet fallt von Platos
Einsicht aus auch Licht auf die Ansicht des Parmenides von dem Trugcharakter der
Sinnendinge. Und man kann sagen, die Philosophic Platos ist eines der erhabensten
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Gedankengebaude, die je aus dem Geiste der Menschheit entsprungen sind. Platonismus
ist die Uberzeugung, dafi das Ziel alles Erkenntnisstrebens die Aneignung der die Welt
tragenden und deren Grund bildenden Ideen sein musse. Wer diese Uberzeugung in sich
nicht erwecken kann, der versteht die platonische Weltanschauung nicht. - Insofern aber
der Platonismus in die abendlandische Gedankenentwickelung eingegriffen hat, zeigt er
noch eine andere Seite. Plato ist nicht dabei stehen geblieben, die Erkenntnis zu betonen,
dafi im menschlichen Anschauen die Sinneswelt zu einem Schein wird, wenn das Licht
der Ideenwelt nicht auf sie geworfen wird, sondern er hat durch seine Darstellung dieser
Tatsache der Meinung Vorschub geleistet, als ob die Sinneswelt fur sich, abgesehen von
dem Menschen, eine Scheinwelt sei und nur in den Ideen wahre Wirklichkeit zu finden.
Aus dieser Meinung heraus entsteht die [29] Frage: wie kommen Idee und Sinnenwelt
(Natur) aufierhalb des Menschen zu einander? Wer aufierhalb des Menschen keine
ideenlose Sinneswelt anerkennen kann, fur den ist die Frage nach dem Verhaltnis von
Idee und Sinneswelt eine solche, die innerhalb der menschlichen Wesenheit gesucht und
gelost werden muB. Und so steht die Sache vor der Goetheschen Weltanschauung. Fur
diese ist die Frage: «welches Verhaltnis besteht aufierhalb des Menschen zwischen Idee
und Sinneswelt?» eine ungesunde, weil es fur sie keine Sinneswelt (Natur) ohne Idee
aufierhalb des Menschen gibt. Nur der Mensch kann fur sich die Idee von der Sinneswelt
losen und so die Natur ideenlos vorstellen. Deshalb kann man sagen: fur die Goethesche
Weltanschauung ist die Frage: «wie kommen Idee und Sinnendinge zu einander?» welche
die abendlandische Gedankenentwickelung durch Jahrhunderte beschaftigt hat, eine
vollkommen uberfliissige Frage. Und der Niederschlag dieser durch die abendlandische
Gedankenentwickelung laufenden Stromung des Platonismus, der Goethe z. B. in dem
angefuhrten Gesprache mit Schiller, aber auch in anderen Fallen entgegentrat, wirkte auf
seine Empfindung wie ein ungesundes Element des menschlichen Vorstellens. Was er
nicht deutlich mit Worten aussprach, was aber in seiner Empfindung lebte und ein
mitgestaltender Impuls seiner eigenen Weltanschauung wurde, das ist die Ansicht: was
das gesunde menschliche Emp finden in jedem Augenblicke lehrt: wie die Sprache der
Anschauung und des Denkens sich verbinden, um die voile Wirklichkeit zu offenbaren,
das wurde von den griibelnden Denkern nicht beachtet. Statt hinzusehen, wie die Natur
zu dem Menschen spricht, bildeten sie kiinstliche Begriffe iiber das Verhaltnis von
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Ideenwelt [30] und Erfahrung aus. Um vollends zu iiberschauen, welch tiefe Bedeutung
diese von Goethe als ungesund empfundene Denkrichtung in den Weltanschauungen
hatte, die ihm entgegentraten und an denen er sich orientieren wollte, muB man bedenken,
wie die angedeutete Stromung des Platonismus, welche die Sinnenwelt in Schein
verfliichtigt, und die Ideenwelt dadurch in ein schiefes Verhaltnis zu ihr bringt, durch
eine einseitige philosophische Erfassung der christlichen Wahrheit im Laufe der
abendlandischen Gedankenentwicklung eine Verstarkung erfahren hat. Weil Goethe die
christliche Anschauung, mit der von ihm als ungesund empfundenen Stromung des
Platonismus verbunden, entgegentrat, konnte er nur unter Schwierigkeiten sein Verhaltnis
zu dem Christentum ausbilden. Goethe hat das Fortwirken der von ihm abgelehnten
Stromung des Platonismus in der christlichen Gedankenentwicklung nicht im einzelnen
verfolgt, aber er hat den Niederschlag dieses Fortwirkens in den Denkungsarten
empfunden, die ihm entgegentraten. Daher wirft auf die Gestaltung seiner Vorstellungsart
Licht eine Betrachtung, welche das Zustandekommen dieses Niederschlages in den
Gedankenrichtungen verfolgt, welche sich durch die Jahrhunderte vor dem Auftreten
Goethes ausgebildet haben. Die christliche Gedankenentwicklung war in vielen ihrer
Vertreter bestrebt, sich auseinanderzusetzen mit dem Jenseitsglauben und mit dem Werte,
den das Sinnesdasein hat gegeniiber der geistigen Welt. Gab man sich der Anschauung
hin, dafi das Verhaltnis der Sinneswelt zur Ideenwelt eine von dem Menschen
abgesonderte Bedeutung hat, so kam man mit der daraus entstehenden Frage in die
Anschauung der gottlichen Weltordnung hinein. Und Kirchenvater, an welche diese
Frage [31] herantrat, mufiten sich Gedanken dariiber machen, welche Rolle die
platonische Ideenwelt innerhalb dieser gottlichen Weltordnung spielt. Damit stand man
vor der Gefahr, dasjenige, was im menschlichen Erkennen durch unmittelbares
Anschauen sich verbindet: Idee und Sinneswelt nicht nur fur sich aufier dem Menschen
gesondert zu denken, sondern sie auseinander zu sondern, dafi die Ideen aufierhalb
dessen, was dem Menschen als Natur gegeben ist, auch noch in einer von der Natur
abgesonderten Geistigkeit fur sich ein Dasein fuhren. Verband man diese Vorstellung, die
auf einer unwahren Anschauung von Ideenwelt und Sinnenwelt beruhte mit der
berechtigten Ansicht, dafi das Gottliche nie in der Menschenseele vollbewufit anwesend
sein kann, so er gab sich ein volliges Auseinanderreifien von Ideenwelt und Natur. Dann
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wird, was immer im menschlichen Geiste gesucht werden sollte, aufierhalb desselben in
der Schopfung gesucht. In dem gottlichen Geist werden die Urbilder aller Dinge
enthalten gedacht. Die Welt wird der unvollkommene Abglanz der in Gott ruhenden
vollkommenen Ideenwelt. Es wird dann in Folge einer einseitigen Auffassung des
Platonismus die Menschenseele von dem Verhaltnis zwischen Idee und «Wirklichkeit»
getrennt. Sie dehnt ihr berechtigt gedachtes Verhaltnis zur gottlichen Weltordnung aus
auf das Verhaltnis, das in ihr lebt zwischen Ideenwelt und Sinnes-Scheinwelt. Augustinus
kommt durch solche Vorstellungsart zu Ansichten wie diese: «Ohne jedes Schwanken
wollen wir glauben, dafi die denkende Seele nicht wesensgleich sei mit Gott, denn dieser
gestattet keine Gemeinschaft, dafi aber die Seele erleuchtet werden konne durch
Teilnahme an der Gottesnatur.» Auf diese Art wird der Menschenseele dann, wenn diese
Vorstellungsart einseitig [32] iibertrieben wird, die Moglichkeit entzogen, in der
Naturbetrachtung die Ideenwelt als Wesen der Wirklichkeit mitzuerleben. Und es wird
solches Miterleben als unchristlich gedeutet. Uber das Christentum selbst wird die
einseitige Anschauung des Platonismus gebreitet. Der Platonismus als philosophische
Weltanschauung halt sich mehr im Elemente des Denkens; das religiose Empfinden
taucht das Denken in das Gefiihlsleben und befestigt es auf diese Art in der
Menschennatur. So im Menschenseelenleben verankert konnte das Ungesunde des
einseitigen Platonismus in der abendlandischen Gedankenentwicklung tiefere Bedeutung
gewinnen, als wenn es blofi Philosophie geblieben ware. Durch Jahrhunderte stand diese
Gedankenentwicklung vor Fragen wie diese: wie steht, was der Mensch als Idee
ausbildet, zu den Dingen der Wirklichkeit? Sind die in der Menschenseele durch die
Ideenwelt lebenden Begriffe nur Vorstellungen, Namen, die mit der Wirklichkeit nichts
zu tun haben? Sind sie selbst etwas Wirkliches, das der Mensch empfangt, indem er die
Wirklichkeit wahrnimmt und durch seinen Verstand begreift? Solche Fragen sind fur die
Goethesche Weltanschauung keine Verstandesfragen uber irgend etwas, das aufierhalb
der menschlichen Wesenheit liegt. Im menschlichen Anschauen der Wirklichkeit losen
sich diese Fragen in immerwahrender Lebendigkeit durch das wahre menschliche
Erkennen. Und diese Goethesche Weltanschauung mufi nicht nur finden, dafi in den
christlichen Gedanken der Niederschlag eines einseitigen Platonismus lebt, sondern sie
empfindet sich selbst dem echten Christentum entfremdet, wenn dieses von solchem
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Platonismus getrankt, ihr entgegentritt. - Was in vielen Gedanken lebt, die Goethe in sich
ausgebildet hat, um [33] sich die Welt verstandlich zu machen, das war Ablehnung der
von ihm als ungesund empfundenen Stromung des Platonismus. Dafi er daneben einen
freien Sinn hatte fur die platonische Erhebung der Menschenseele zur Ideenwelt, das wird
durch manchen Ausspruch bezeugt, den er in dieser Richtung getan hat. Er fiihlte in sich
die Wirksamkeit der Ideenwirklichkeit, indem er in seiner Art der Natur betrachtend und
forschend gegeniibertrat; er fiihlte, dafi die Natur selbst in der Sprache der Ideen redet,
wenn sich die Seele solcher Sprache erschliefit. Aber er konnte nicht zugeben, dafi man
die Ideenwelt als Abgesondertes betrachtet, und sich dadurch die Moglichkeit schuf
gegeniiber einer Idee von dem Pflanzenwesen zu sagen: Das ist keine Erfahrung, das ist
eine Idee. Da empfand er, dafi sein geistiges Auge die Idee als Wirklichkeit schaute, wie
das sinnliche Auge den physischen Teil des Pflanzenwesens sieht. So stellte sich in
Goethes Weltanschauung die auf die Ideenwelt gehende Richtung des Platonismus in
ihrer Reinheit her, und es wird in ihr die von der Wirklichkeit ablenkende Stromung
desselben iiberwunden. Wegen dieser Gestaltung seiner Weltanschauung mufite Goethe
auch ablehnen, was ihm sich als christliche Vorstellungen so gab, dafi es ihm nur als
umgewandelter einseitiger Platonismus erscheinen konnte. Und er mufite empfinden, dafi
in den Formen mancher Weltanschauung, die ihm entgegentraten und mit denen er sich
auseinandersetzen wollte, es nicht gelungen sei, die christlich-platonische, nicht natur-
und ideengemafie Ansicht iiber die Wirklichkeit innerhalb der abendlandischen Bildung
zu iiberwinden.
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Die Folgen der platonischen Weltanschauung
[34] Vergeblich hat sich Aristoteles gegen die platonische Spaltung der Weltvorstellung
aufgelehnt. Er sah in der Natur ein einheitliches Wesen, das die Ideen ebenso enthalt, wie
die durch die Sinne wahrnehmbaren Dinge und Erscheinungen. Nur im menschlichen
Geiste konnen die Ideen ein selbstandiges Dasein haben. Aber in dieser Selbstandigkeit
kommt ihnen keine Wirklichkeit zu. Blofi die Seele kann sie abtrennen von den
wahrnehmbaren Dingen, mit denen zusammen sie die Wirklichkeit ausmachen. Hatte die
abendlandische Philosophic an die richtig verstandene Anschauung des Aristoteles
angekniipft, so ware sie bewahrt geblieben vor manchem, was der Goetheschen
Weltanschauung als Verirrung erscheinen muB.
Aber dieser richtig verstandene Aristoteles war zunachst manchem unbequem, der eine
Gedankengrundlage fur die christlichen Vorstellungen gewinnen wollte. Mit einer
Naturauffassung, welche das hochste wirksame Prinzip in die Erfahrungswelt verlegt,
wufite mancher, der sich fur einen echt «christlichen» Denker hielt, nichts anzufangen.
Manche christliche Philosophen und Theologen deuteten deshalb den Aristoteles um. Sie
legten seinen Ansichten einen Sinn unter, der nach ihrer Meinung geeignet war, dem
christlichen Dogma zur logischen Stiitze zu dienen. Nicht suchen sollte der Geist in den
Dingen die schaffenden Ideen. Die Wahrheit ist ja den Menschen von Gott in Form der
Offenbarung mitgeteilt. Nur bestdtigen sollte die Vernunft, was Gott geoffenbart hat. Die
aristotelischen Satze wurden von den christlichen Denkern des Mittelalters so gedeutet,
[35] dafi die religiose Heilswahrheit durch sie ihre philosophische Bekraftigung erhielt.
Erst die Auffassung Thomas' von Aquino, des bedeutendsten christlichen Denkers, sucht
die aristotelischen Gedanken in einer tiefgehenden Art in die christliche
Ideenentwicklung so weit einzuweben, als es in der Zeit dieses Denkers moglich war.
Nach dieser Auffassung enthalt die Offenbarung die hochsten Wahrheiten, die Heilslehre
der heiligen Schrift; aber es ist der Vernunft moglich, in aristotelischer Weise in die
Dinge sich zu vertiefen und deren Ideengehalt aus ihnen herauszuholen. Die Offenbarung
steigt so tief herab und die Vernunft kann sich so weit erheben, dafi die Heilslehre und
die menschliche Erkenntnis an einer Grenze in einander iibergehen. Die Art des
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Aristoteles, in die Dinge einzudringen, dient also fur Thomas dazu, bis zu dem Gebiete
der Offenbarung zu kommen.
*
Als mit Bacon von Verulam und Descartes eine Zeit anhob, in welcher der Wille sich
geltend machte, die Wahrheit durch die eigene Kraft der menschlichen Personlichkeit zu
suchen, waren die Denkgewohnheiten in solche Richtungen gebracht, dafi alles Streben
zu nichts anderem fuhrte als zur Aufstellung von Ansichten, die trotz ihrer scheinbaren
Unabhangigkeit von der vorangehenden abendlandischen Vorstellungswelt, doch nichts
waren als neue Formen derselben. Auch Bacon und Descartes haben den bosen Blick fur
das Verhaltnis von Erfahrung und Idee als Erbstiick einer entarteten Gedankenwelt
mitbekommen. Bacon hatte nur Sinn und Verstandnis fur die Einzelheiten der Natur.
Durch Sammeln desjenigen, was durch die raumliche und zeitliche Mannigfaltigkeit als
Gleiches oder Ahnliches sich [36] hindurchzieht, glaubte er zu allgemeinen Regeln iiber
das Naturgeschehen zu kommen. Goethe spricht iiber ihn das treffende Wort: «Denn ob
er schon selbst immer darauf hindeutet, man solle die Partikularien nur deswegen
sammeln, damit man aus ihnen wahlen, sie ordnen und endlich zu Universalien gelangen
konne, so behalten doch bei ihm die einzelnen Falle zu viele Rechte, und ehe man durch
Induktion, selbst diejenige, die er anpreist, zur Vereinfachung und zum Abschlufi
gelangen kann, geht das Leben weg, und die Krafte verzehren sich.» Fur Bacon sind
diese allgemeinen Regeln Mittel, durch welche es der Vernunft moglich ist, das Gebiet
der Einzelheiten bequem zu iiberschauen. Aber er glaubt nicht, dafi diese Regeln in dem
Ideengehalte der Dinge begriindet und wirklich schaffende Krafte der Natur sind.
Deshalb sucht er auch nicht unmittelbar in der Einzelheit die Idee auf, sondern abstrahiert
sie aus einer Vielheit von Einzelheiten. Wer nicht daran glaubt, dafi in dem einzelnen
Dinge die Idee lebt, kann auch keine Neigung haben, sie in demselben zu suchen. Er
nimmt das Ding so hin, wie es sich der blofien aufieren Anschauung darbietet. Bacons
Bedeutung ist darin zu suchen, dafi er auf die durch den gekennzeichneten einseitigen
Platonismus herabgewiirdigte aufiere Anschauungsweise hinwies. Dafi er betonte, in ihr
sei eine Quelle der Wahrheit. Er war aber nicht im Stande, der Ideenwelt in gleicher
Weise zu ihrem Rechte gegeniiber der Anschauungswelt zu verhelfen. Er erklarte das
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Ideelle fur ein subjektives Element im menschlichen Geiste. Seine Denkweise ist
umgekehrter Platonismus. Plato sieht nur in der Ideenwelt, Bacon nur in der ideenlosen
Wahrnehmungswelt die Wirklichkeit. In Bacons Auffassung liegt der Ausgangspunkt
jener Denkergesinnung, von welcher [37] die Naturforscher bis in die Gegenwart
beherrscht sind. Sie leidet an einer falschen Ansicht iiber das ideelle Element der
Erfahrungswelt. Sie konnte nicht zurechtkommen mit der durch eine einseitige
Fragestellung erzeugten Ansicht des Mittelalters, die dahin ging, dafl die Ideen nur
Namen, keine in den Dingen liegenden Wirklichkeiten seien.
Von anderen Gesichtspunkten aus, aber nicht minder beeinflufit durch einseitig
platonisierende Denkungsarten, stellte drei Jahrzehnte nach Bacon Descartes seine
Betrachtungen an. Auch er krankt an der Erbsiinde des abendlandischen Denkens, an dem
Mifitrauen gegeniiber der unbefangenen Beobachtung der Natur. Der Zweifel an der
Existenz und Erkennbarkeit der Dinge ist der Anfang seines Forschens. Nicht auf die
Dinge richtet er den Blick, um Zugang zur Gewifiheit zu erlangen, sondern eine ganz
kleine Pforte, einen Schleichweg, im vollsten Sinne des Wortes sucht er auf. In das
intimste Gebiet des Denkens zieht er sich zuriick. Alles, was ich bisher als Wahrheit
geglaubt habe, kann falsch sein, sagt er sich. Was ich gedacht habe, kann auf Tauschung
beruhen. Aber die eine Tatsache bleibt doch bestehen, dafi ich iiber die Dinge denke.
Auch wenn ich Lug und Trug denke, so denke ich doch. Und wenn ich denke, so existiere
ich auch. Ich denke, also bin ich. Damit glaubt Descartes einen festen Ausgangspunkt fur
alles weitere Nachdenken gewonnen zu haben. Er fragt sich weiter: gibt es nicht in dem
Inhalte meines Denkens noch anderes, das auf ein wahrhaftes Sein hindeutet? Und da
findet er die Idee Gottes, als eines allervollkommensten Wesens. Da der Mensch selbst
unvollkommen ist: wie kommt die Idee eines [38] allervollkommensten Wesens in seine
Gedankenwelt? Ein unvollkommenes Wesen kann eine solche Idee unmoglich aus sich
selbst erzeugen. Denn das vollkommenste, das es zu denken vermag, ist eben ein
unvollkommenes. Es muB also diese Idee von dem vollkommensten Wesen selbst in den
Menschen gelegt sein. Also muB auch Gott existieren. Wie aber soil ein vollkommenes
Wesen uns eine Tauschung vorspiegeln? Die Aufienwelt, die sich uns als wirklich
23
darstellt, muB deshalb auch wirklich sein. Sonst ware sie ein Trugbild, das uns die
Gottheit vormachte. Auf diese Weise sucht Descartes das Vertrauen zur Wirklichkeit zu
gewinnen, das ihm wegen ererbter Empfindungen zuerst fehlte. Auf einem aufierst
kiinstlichen Wege sucht er die Wahrheit. Einseitig vom Denken geht er aus. Nur dem
Denken gesteht er die Kraft zu, Uberzeugung hervorzubringen. Uber die Beobachtung
kann nur eine Uberzeugung gewonnen werden, wenn sie durch das Denken vermittelt
wird. Die Folge dieser Ansicht war, dafi es das Streben der Nachfolger Descartes wurde,
den ganzen Umfang der Wahrheiten, die das Denken aus sich heraus entwickeln und
beweisen kann, festzustellen. Die Summe aller Erkenntnisse aus reiner Vernunft wollte
man finden. Von den einfachsten unmittelbar klaren Einsichten wollte man ausgehen,
und fortschreitend den ganzen Kreis des reinen Denkens durchwandern. Nach dem
Muster der Euklidischen Geometrie sollte dieses System aufgebaut werden. Denn man
war der Ansicht, auch diese gehe von einfachen, wahren Satzen aus und entwickle durch
blofie Schluflfolgerung, ohne Zuhilfenahme der Beobachtung, ihren ganzen Inhalt. Ein
solches System reiner Vernunftwahrheiten zu liefern, hat Spinoza in seiner «Ethik»
versucht. Eine Anzahl von [39] Vorstellungen: Substanz, Attribut, Modus, Denken,
Ausdehnung usw. nimmt er vor und untersucht rein verstandesmafiig die Beziehungen
und den Inhalt dieser Vorstellungen. In dem Gedankengebaude soil das Wesen der
Wirklichkeit sich aussprechen. Spinoza betrachtet nur die Erkenntnis, die durch diese
wirklichkeitsfremde Tatigkeit zustande kommt, als eine solche, die dem wahren Wesen
der Welt entspricht, die adaquate Ideen liefert. Die aus der Sinneswahmehmung
entsprungenen Ideen sind ihm inadaquat, verworren und verstiimmelt. Es ist leicht
einzusehen, dafi auch in dieser Vorstellungswelt die einseitig platonische
Auffassungsweise von dem Gegensatz der Wahrnehmungen und der Ideen nachwirkt.
Die Gedanken, die unabhangig von der Wahrnehmung gebildet werden, sind allein das
Wertvolle fur die Erkenntnis. Spinoza geht noch weiter. Er dehnt den Gegensatz auch auf
das sittliche Empfinden und Handeln der Menschen aus. Unlustempfindungen konnen
nur aus Ideen entspringen, die von der Wahrnehmung stammen; solche Ideen erzeugen
die Begierden und Leidenschaften im Menschen, deren Sklave er werden kann, wenn er
sich ihnen hingibt. Nur was aus der Vernunft entspringt, erzeugt unbedingte
Lustempfindungen. Das hochste Gliick des Menschen ist daher sein Leben in den
24
Vernunftideen, die Hingabe an die Erkenntnis der reinen Ideenwelt. Wer iiberwunden hat,
was aus der Wahrnehmungswelt stammt, und nur noch in der reinen Erkenntnis lebt,
empfindet die hochste Seligkeit.
Nicht ganz ein Jahrhundert nach Spinoza tritt der Schotte David Hume mit einer
Denkweise auf, die wieder aus der Wahrnehmung allein die Erkenntnis entspringen lafit.
Nur einzelne Dinge in Raum und Zeit sind gegeben. Das Denken [40] verkniipft die
einzelnen Wahrnehmungen, aber nicht, weil in diesen selbst etwas liegt, was dieser
Verkniipfung entspricht, sondern weil sich der Verstand daran gewdhnt hat, die Dinge in
einen Zusammenhang zu bringen. Der Mensch ist gewohnt, zu sehen, dafi ein Ding auf
ein anderes der Zeit nach folgt. Er bildet sich die Vorstellung, dafi es folgen miisse. Er
macht das erste zur Ursache, das zweite zur Wirkung. Der Mensch ist ferner gewohnt zu
sehen, dafi auf einen Gedanken seines Geistes eine Bewegung seines Leibes folgt. Er
erklart sich dies dadurch, dafi er sagt, der Geist habe die Leibesbewegung bewirkt.
Denkgewohnheiten, nichts weiter sind die menschlichen Ideen. Wirklichkeit haben nur
die Wahrnehmungen.
*
Die Vereinigung der verschiedensten durch die Jahrhunderte hindurch zum Dasein
gelangten Denkrichtungen ist die Kantsche Weltanschauung. Auch Kant fehlt die
naturliche Empfindung fur das Verhaltnis von Wahrnehmung und Idee. Er lebt in
philosophischen Vorurteilen, die er durch Studium seiner Vorganger in sich
aufgenommen hat. Das eine dieser Vorurteile ist, dafi es notwendige Wahrheiten gebe,
die durch reines, von aller Erfahrung freies Denken erzeugt werden. Der Beweis davon
ist, nach seiner Ansicht, durch die Existenz der Mathematik und der reinen Physik
erbracht, die solche Wahrheiten enthalten. Ein anderes seiner Vorurteile besteht darin,
dafi er der Erfahrung die Fahigkeit abspricht, zu gleich notwendigen Wahrheiten zu
gelangen. Das Mifitrauen gegeniiber der Wahrnehmungswelt ist auch in Kant vorhanden.
Zu diesen seinen Denkgewohnheiten tritt bei Kant der Einflufi Humes hinzu. Er [41] gibt
Hume recht in Bezug auf die Behauptung, dafi die Ideen, in die das Denken die einzelnen
Wahrnehmungen zusammenfafit, nicht aus der Erfahrung stammen. Sondern dafi das
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Denken sie zur Erfahrung hinzufiigt. Diese drei Vorurteile sind die Wurzeln des
Kantschen Gedankengebaudes. Der Mensch besitzt notwendige Wahrheiten. Sie konnen
nicht aus der Erfahrung stammen, weil diese keine solchen darbietet. Dennoch wendet sie
der Mensch auf die Erfahrung an. Er verkniipft die einzelnen Wahrnehmungen diesen
Wahrheiten gemafi. Sie stammen aus dem Menschen selbst. Es liegt in seiner Natur, dafl
er die Dinge in einen solchen Zusammenhang bringt, der den durch reines Denken
gewonnenen Wahrheiten entspricht. Kant geht nun noch weiter. Er spricht auch den
Sinnen die Fahigkeit zu, das was ihnen von aufien gegeben wird, in eine bestimmte
Ordnung zu bringen. Auch diese Ordnung fiiefit nicht mit den Eindriicken der Dinge von
aufien ein. Die raumliche und die zeitliche Ordnung erhalten die Eindriicke erst durch die
sinnliche Wahrnehmung. Raum und Zeit gehoren nicht den Dingen an. Der Mensch ist so
organisiert, dafi er, wenn die Dinge auf seine Sinne Eindriicke machen, diese in raumliche
oder zeitliche Zusammenhange bringt. Nur Eindriikke, Empfindungen erhalt der Mensch
von aufien. Die Anordnung derselben im Raum und in der Zeit, ihre Zusammenfassung
zu Ideen ist sein eigenes Werk. Aber auch die Empfindungen sind nichts, was aus den
Dingen stammt. Nicht die Dinge nimmt der Mensch wahr, sondern nur die Eindriikke, die
sie auf ihn ausiiben. Ich weifi nichts von einem Dinge, wenn ich eine Empfindung habe.
Ich kann nur sagen: ich bemerke das Auftreten einer Empfindung bei mir. Durch welche
Eigenschaften das Ding befahigt ist, in mir [42] die Empfindungen hervorzurufen,
dariiber kann ich nichts erfahren. Der Mensch hat es, nach Kants Meinung, nicht mit den
Dingen an sich zu tun, sondern nur mit den Eindriicken, die sie auf ihn machen und mit
den Zusammenhangen, in die er selbst diese Eindriicke bringt. Nicht objektiv von aufien
aufgenommen, sondern nur auf aufiere Veranlassung hin, subjektiv von innen erzeugt, ist
die Erfahrungswelt. Das Geprage, das sie tragt, geben ihr nicht die Dinge, sondern die
menschliche Organisation. Sie ist folglich als solche unabhangig von dem Menschen gar
nicht vorhanden. Von diesem Standpunkte aus ist die Annahme notwendiger, von der
Erfahrung unabhangiger Wahrheiten moglich. Denn diese Wahrheiten beziehen sich blofi
auf die Art, wie der Mensch von sich selbst aus seine Erfahrungswelt bestimmt. Sie
enthalten die Gesetze seiner Organisation. Sie haben keinen Bezug auf die Dinge an sich
selbst. Kant hat also einen Ausweg gefunden, der es ihm gestattet, bei seinem Vorurteile
stehen zu bleiben, dafi es notwendige Wahrheiten gebe, die fur den Inhalt der
26
Erfahrungswelt gelten, ohne doch daraus zu stammen. Allerdings mufite er, um diesen
Ausweg zu finden, sich zu der Ansicht entschliefien, dafi der menschliche Geist unfahig
sei, irgend etwas iiber die Dinge an sich zu wissen. Er mufite alles Erkennen auf die
Erscheinungswelt einschranken, welche die menschliche Organisation aus sich
herausspinnt infolge der von den Dingen verursachten Eindriicke. Aber was kummerte
Kant das Wesen der Dinge an sich, wenn er nur die ewigen, notwendig-gultigen
Wahrheiten in dem Sinne retten konnte, wie er sich dieselben vorstellte. Der einseitige
Platonismus hat in Kant eine die Erkenntnis lahmende Frucht hervorgebracht. [43] Plato
hat sich von der Wahrnehmung abgewendet und den Blick auf die ewigen Ideen
gerichtet, weil ihm jene das Wesen der Dinge nicht auszusprechen schien. Kant aber
verzichtet darauf, dafi die Ideen eine wirkliche Einsicht in das Wesen der Welt eroffnen,
wenn ihnen nur die Eigenschaft des Ewigen und Notwendigen verbleibt. Plato halt sich
an die Ideenwelt, weil er glaubt, dafi das wahre Wesen der Welt ewig, unzerstorbar,
unwandelbar sein mufi, und er diese Eigenschaften nur den Ideen zusprechen kann. Kant
ist zufrieden, wenn er nur diese Eigenschaften von den Ideen behaupten kann. Sie
brauchen dann gar nicht mehr das Wesen der Welt auszusprechen.
Die philosophische Vorstellungsart Kants wurde noch besonders genahrt von seiner
religiosen Empfindungsrichtung. Er ging nicht davon aus, in der menschlichen Wesenheit
den lebendigen Zusammenklang von Ideenwelt und Sinneswahmehmung zu schauen,
sondern er legte sich die Frage vor: Kann von dem Menschen durch das Erleben der
Ideenwelt etwas erkannt werden, das niemals in den Bereich der Sinneswahrung eintreten
kann? Wer im Sinne der Goetheschen Weltanschauung denkt, der sucht den
Wirklichkeitscharakter der Ideenwelt dadurch zu erkennen, dafi er das Wesen der Idee
erfafit, indem ihm klar wird, wie diese in der sinnlichen Scheinwelt Wirklichkeit
anschauen lafit. Dann darf er sich fragen: In wie weit kann ich durch den so erlebten
Wirklichkeitscharakter der Ideenwelt in die Gebiete dringen, in denen die ubersinnlichen
Wahrheiten der Freiheit, der Unsterblichkeit, der gottlichen Weltordnung ihr Verhaltnis
zur menschlichen Erkenntnis finden? [44] Kant verneinte die Moglichkeit, iiber die
Wirklichkeit der Ideenwelt aus deren Verhaltnis zur Sinneswahmehmung etwas wissen
27
zu konnen. Aus dieser Voraussetzung heraus ergab sich fur ihn als wissenschaftliches
Ergebnis dasjenige, was, ihm unbewufit, von seiner religiosen Empfindungsrichtung
gefordert wurde: dafi das wissenschaftliche Erkennen Halt machen miisse vor solchen
Fragen, welche die Freiheit, die Unsterblichkeit, die gottliche Weltordnung betreffen.
Ihm ergab sich, dafi das menschliche Erkennen nur bis an die Grenzen gehen konne, die
den Sinnesbereich umschliefien, und dafi fur alles, was dariiber hinausliegt, nur ein
Glaube moglich sei. Er wollte das Wissen eingrenzen, um fur den Glauben Platz zu
erhalten. Im Sinne der Goetheschen Weltanschauung liegt es, das Wissen erst dadurch
mit einer festen Grundlage zu versehen, dafi die Ideenwelt in ihrem Wesen an der Natur
geschaut wird, um dann in der befestigten Ideenwelt zu einer iiber die Sinnenwelt
hinausliegenden Erfahrung zu schreiten. Auch dann, wenn Gebiete erkannt werden, die
nicht im Bereich der Sinneswelt liegen, wird der Blick auf den lebendigen
Zusammenklang von Idee und Erfahrung gelenkt und dadurch die Sicherheit des
Erkennens gesucht. Kant konnte eine solche Sicherheit nicht finden. Deshalb ging er
darauf aus, fur die Vorstellungen von Freiheit, Unsterblichkeit und Gottesordnung
aufierhalb des Erkennens eine Grundlage zu finden. Im Sinne der Goetheschen
Weltanschauung liegt es, von «Dingen an sich» so viel erkennen zu wollen, als das an der
Natur erfafite Wesen der Ideenwelt gestattet. Im Sinne der Kantschen Weltanschauung
liegt es, der Erkenntnis das Recht abzusprechen, in die Welt der «Dinge an sich»
hineinzuleuchten. Goethe will in der Erkenntnis ein Licht [45] anziinden, welches das
Wesen der Dinge beleuchtet. Ihm ist auch klar, dafi im Licht nicht das Wesen der
beleuchteten Dinge liegt; aber er will trotzdem nicht darauf verzichten, dieses Wesen
durch die Beleuchtung mit dem Lichte offenbar werden zu lassen. Kant halt daran fest: in
dem Lichte liegt nicht das Wesen der beleuchteten Dinge; deshalb kann das Licht nichts
offenbaren iiber dieses Wesen.
Vor der Goetheschen Weltanschauung kann diejenige Kants nur im Sinne der folgenden
Vorstellungen stehen: Nicht durch Hinwegraumung alter Irrtumer, nicht durch eine freie,
urspriingliche Vertiefung in die Wirklichkeit ist diese Weltanschauung entstanden,
sondern durch logische Verschmelzung anerzogener und ererbter philosophischer und
religioser Vorurteile. Sie konnte nur aus einem Geiste entspringen, in dem der Sinn fur
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das lebendige Schaffen innerhalb der Natur unentwickelt geblieben ist. Und sie konnte
nur auf solche Geister wirken, die an dem gleichen Mangel litten. Aus dem weitgehenden
Einflusse, den Kants Denkweise auf seine Zeitgenossen ausiibte, ist zu ersehen, wie stark
diese in dem Banne des einseitigen Platonismus standen.
29
Goethe und die platonische Weltsicht
[46] Ich habe die Gedankenentwickelung von Platos bis zu Kants Zeit geschildert, um
zeigen zu konnen, welche Eindriicke Goethe empfangen mufite, wenn er sich an den
Niederschlag der philosophischen Gedanken wandte, an die er sich halten konnte, um
sein so starkes Erkenntnisbedurfnis zu befriedigen. Auf die unzahligen Fragen, zu denen
ihn seine Natur drangte, fand er in den Philosophien keine Antworten. Ja, es zeigte sich,
so oft er sich in die Weltanschauung eines Philosophen vertiefte, ein Gegensatz zwischen
der Richtung, die seine Fragen einschlugen und der Gedankenwelt, bei der er sich Rat
holen wollte. Der Grund liegt darin, dafi die einseitig platonische Trennung von Idee und
Erfahrung seiner Natur zuwider war. Wenn er die Natur beobachtete, so brachte sie ihm
die Ideen entgegen. Er konnte sie deshalb nur ideenerfullt denken. Eine Ideenwelt,
welche die Dinge der Natur nicht durchdringt, ihr Entstehen und Vergehen, ihr Werden
und Wachsen nicht hervorbringt, ist ihm ein kraftloses Gedankengespinst. Das logische
Fortspinnen von Gedankenreihen, ohne Versenkung in das wirkliche Leben und Schaffen
der Natur erscheint ihm unfruchtbar. Denn er fuhlt sich mit der Natur innig verwachsen.
Er betrachtet sich als ein lebendiges Glied der Natur. Was in seinem Geiste entsteht, das
hat, nach seiner Ansicht, die Natur in ihm entstehen lassen. Der Mensch soil sich nicht in
eine Ecke stellen und glauben, dafi er da aus sich heraus ein Gedankengewebe spinnen
konne, das iiber das Wesen der Dinge aufklart. Er soil den Strom des Weltgeschehens
bestandig durch sich durchfliefien lassen. Dann wird er fuhlen, dafi die Ideenwelt nichts
anderes ist, als die [47] schaffende und tatige Gewalt der Natur. Er wird nicht iiber den
Dingen stehen wollen, um iiber sie nachzudenken, sondern er wird sich in ihre Tiefen
eingraben und aus ihnen herausholen, was in ihnen lebt und wirkt.
Zu solcher Denkweise fuhrte Goethe seine Kiinstlernatur. Mit derselben Notwendigkeit,
mit der eine Blume bliiht, fiihlte er seine dichterischen Erzeugnisse aus seiner
Personlichkeit herauswachsen. Die Art, wie der Geist in ihm das Kunstwerk
hervorbrachte, schien ihm nicht verschieden von der zu sein, wie die Natur ihre
Geschopfe erzeugt. Und wie im Kunstwerke das geistige Element von der geistlosen
Materie nicht zu trennen ist, so war es ihm auch unmoglich, bei einem Dinge der Natur
30
die Wahrnehmung ohne die Idee vorzustellen. Fremd blickte ihn daher eine Anschauung
an, die in der Wahrnehmung nur etwas Unklares, Verworrenes sah und die Ideenwelt
abgesondert, gereinigt von aller Erfahrung betrachten wollte. Er fuhlte in jeder
Weltanschauung, in der die Elemente des einseitig verstandenen Platonismus lebten,
etwas Naturwidriges. Deshalb konnte er bei den Philosophen nicht finden, was er bei
ihnen suchte. Er suchte die Ideen, die in den Dingen leben, und die alle Einzelheiten der
Erfahrung als hervorwachsend aus einem lebendigen Ganzen erscheinen lassen, und die
Philosophen lieferten ihm Gedankenhiilsen, die sie nach logischen Grundsatzen zu
Systemen verbunden hatten. Immer wieder fand er sich auf sich selbst zuriickgewiesen,
wenn er bei andern Aufklarung suchte iiber die Ratsel, die ihm die Natur aufgab. [48] Es
gehort zu den Dingen, an denen Goethe vor seiner italienischen Reise gelitten hat, dafi
sein Erkenntnisbediirfnis keine Befriedigung finden konnte. In Italien konnte er sich eine
Ansicht bilden iiber die Triebkrafte, aus denen die Kunstwerke hervorgehen. Er erkannte,
dafi in den vollendeten Kunstwerken das enthalten ist, was die Menschen als Gottliches,
als Ewiges verehren. Nach dem Anblicke von kiinstlerischen Schopfungen, die ihn
besonders interessieren, schreibt er die Worte nieder: «Die hohen Kunstwerke sind
zugleich als die hochsten Naturwerke von Menschen nach wahren und naturlichen
Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkiirliche, Eingebildete fallt zusammen; da ist
Notwendigkeit, da ist Gott.» Die Kunst der Griechen entlockt ihm den Ausspruch: «Ich
habe die Vermutung, dafi sie (die Griechen) nach eben den Gesetzen verfuhren, nach
welchen die Natur selbst verfahrt und denen ich auf der Spur bin.» Was Plato in der
Ideenwelt zu finden glaubte, was die Philosophen Goethe nie nahe bringen konnten, das
blickt ihm aus den Kunstwerken Italiens entgegen. In der Kunst offenbart sich fur Goethe
zuerst das in vollkommener Gestalt, was er als die Grundlage der Erkenntnis ansehen
kann. Er erblickt in der kiinstlerischen Produktion eine Art und hohere Stufe des
Naturwirkens; kiinstlerisches Schaffen ist ihm gesteigertes Naturschaffen. Er hat das in
seiner Charakteristik Winckelmanns spater ausgesprochen: «... indem der Mensch auf
den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in
sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit
alien Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und
Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des [49] Kunstwerkes erhebt...».
31
Nicht auf dem Wege logischer Schlufifolgerung, sondern durch Betrachtung des Wesens
der Kunst gelangt Goethe zu seiner Weltanschauung. Und was er in der Kunst gefunden
hat, das sucht er auch in der Natur.
Die Tatigkeit, durch die sich Goethe in den Besitz einer Naturerkenntnis setzt, ist nicht
wesentlich von der kunstlerischen verschieden. Beide gehen ineinander iiber und greifen
iibereinander. Der Kiinstler mufi, nach Goethes Ansicht, grofier und entschiedener
werden, wenn er zu seinem «Talente noch ein unterrichteter Botaniker ist, wenn er, von
der Wurzel an, den Einliefi der verschiedenen Teile auf das Gedeihen und das Wachstum
der Pflanze, ihre Bestimmung und wechselseitige Wirkung erkennt, wenn er die
sukzessive Entwicklung der Blumen, Blatter, Befruchtung, Frucht und des neuen Keimes
einsieht und iiberdenkt. Er wird alsdann nicht blofi durch die Wahl aus den
Erscheinungen seinen Geschmack zeigen, sondern er wird uns auch durch eine richtige
Darstellung der Eigenschaften zugleich in Verwunderung setzen und belehren.» Das
Kunstwerk ist demnach um so vollkommener, je mehr in ihm dieselbe Gesetzmafiigkeit
zum Ausdruck kommt, die in dem Naturwerke enthalten ist, dem es entspricht. Es gibt
nur ein einheitliches Reich der Wahrheit, und dieses umfafit Kunst und Natur. Daher
kann auch die Fahigkeit des kunstlerischen Schaffens von der des Naturerkennens nicht
wesentlich verschieden sein. Vom Stil des Kiinstlers sagt Goethe, dafi er «auf den tiefsten
Grundfesten der Erkenntnis ruhe, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es
in sichtbaren und greifbaren Gestalten zu erkennen.» Die aus einseitig erfafiten
platonischen Vorstellungen hervorgegangene Weltbetrachtung zieht eine scharfe
Grenzlinie zwischen Wissenschaft [50] und Kunst. Die kiinstlerische Tatigkeit lafit sie
auf der Phantasie, auf dem Gefiihle beruhen; die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen das
Resultat einer Phantastereien Begriffsentwicklung sein. Goethe stellt sich die Sache
anders vor. Fur ihn ergibt sich, wenn er das Auge auf die Natur richtet, eine Summe von
Ideen; aber er findet, dafi in dem einzelnen Erfahrungsgegenstande der ideelle Bestandteil
nicht abgeschlossen ist; die Idee weist iiber das einzelne hinaus auf verwandte
Gegenstande, in denen sie auf ahnliche Weise zur Erscheinung kommt. Der
philosophierende Beobachter halt diesen ideellen Bestandteil fest und bringt ihn in seinen
Gedankenwerken unmittelbar zum Ausdrucke. Auch auf den Kiinstler wirkt dieses
32
Ideelle. Aber es treibt ihn ein Werk zu gestalten, in dem die Idee nicht blofi wie in einem
Naturwerke wirkt, sondern zur gegenwartigen Erscheinung wird. Was in dem
Naturwerke blofi ideell ist und sich dem geistigen Auge des Beobachters enthiillt, das
wird in dem Kunstwerke real, wird wahrnehmbare Wirklichkeit. Der Kiinstler
verwirklicht die Ideen der Natur. Er braucht sich aber diese nicht in Form der Ideen zum
Bewufitsein zu bringen. Wenn er ein Ding oder ein Ereignis betrachtet, so gestaltet sich in
seinem Geiste unmittelbar ein anderes, das in realer Erscheinung enthalt, was jene nur als
Idee. Der Kiinstler liefert Bilder der Naturwerke, welche deren Ideengehalt in einen
Wahrnehmungsgehalt umsetzen. Der Philosoph zeigt, wie sich die Natur der denkenden
Betrachtung darstellt; der Kiinstler zeigt, wie die Natur aussehen wiirde, wenn sie ihre
wirkenden Krafte nicht blofi dem Denken, sondern auch der Wahrnehmung offen
entgegenbrachte. Es ist eine und dieselbe Wahrheit, die der Philosoph in Form des
Gedankens, der Kiinstler in Form des Bildes darstellt. [51] Beide unterscheiden sich nur
durch ihre Ausdrucksmittel. Die Einsicht in das wahre Verhaltnis von Idee und
Erfahrung, die sich Goethe in Italien angeeignet hat, ist nur die Frucht aus dem Samen,
der in seiner Naturanlage verborgen war. Die italienische Reise brachte ihm jene
Sonnenwarme, die geeignet war, den Samen zur Reife zu bringen. In dem Aufsatz «Die
Natur», der 1782 im Tiefurter Journal erschienen ist, und der Goethe zum Urheber hat
(vgl. meinen Nachweis von Goethes Urheberschaft im VII. Bande der Schriften der
Goethe-Gesellschaft), finden sich schon die Keime der spateren Goetheschen
Weltanschauung. Was hier dunkle Empfindung ist, wird spater klarer deutlicher
Gedanke. «Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermogend, aus ihr
herauszutreten, und unvermogend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und
ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort,
bis wir ermiidet sind und ihrem Arme entfallen... Gedacht hat sie (die Natur) und sinnt
bestandig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur... Sie hat keine Sprache noch
Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fuhlt und spricht... Ich sprach
nicht von ihr. Nein, was wahr ist und falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre
Schuld, alles ist ihr Verdienst! -» Als Goethe diese Satze niederschrieb, war ihm noch
nicht klar, wie die Natur durch den Menschen ihre ideelle Wesenheit ausspricht; dafi es
33
aber die Stimme des Geistes der Natur ist, die im Geiste des Menschen ertont, das fiihlte
er.
In Italien fand Goethe die geistige Atmosphare, in der sich seine Erkenntnisorgane
ausbilden konnten, wie sie es ihren [52] Anlagen gemafi mufiten, wenn er zur vollen
Befriedigung kommen sollte. In Rom hat er «iiber Kunst und ihre theoretischen
Forderungen mit Moritz viel verhandelt »; auf der Reise hat sich in ihm bei Beobachtung
der Pflanzenmetamorphose eine naturgemafie Methode ausgebildet, die sich spater fur die
Erkenntnis der ganzen organischen Natur fruchtbar erwiesen hat. «Denn als die
Vegetation mir Schritt fur Schritt ihr Verfahren vorbildete, konnte ich nicht irren, sondern
mufite, indem ich sie gewahren liefi, die Wege und Mittel anerkennen, wie sie den
eingehulltesten Zustand zur Vollendung nach und nach zu befordern weifi.» Wenige
Jahre nach seiner Riickkehr aus Italien gelang es ihm, auch fur die Betrachtung der
unorganischen Natur ein aus seinen geistigen Bediirfhissen geborenes Verfahren zu
finden. «Bei physischen Untersuchungen drangte sich mir die Uberzeugung auf, daB, bei
aller Betrachtung der Gegenstande, die hochste Pfiicht sei, jede Bedingung, unter welcher
ein Phanomen erscheint, genau aufzusuchen und nach moglichster Vollstandigkeit der
Phanomene zu trachten: weil sie doch zuletzt sich aneinanderzureihen, oder vielmehr
iibereinanderzugreifen genotigt werden, und vor dem Anschauen des Forschers auch eine
Art Organisation bilden, ihr inneres Gesamtleben manifestieren miissen.»
Goethe fand nirgends Aufklarung. Er mufite sich selbst aufklaren. Er suchte den Grund
dafur und glaubte ihn darin zu finden, dafi er fur Philosophie im eigentlichen Sinne kein
Organ hatte. Er ist aber darin zu suchen, dafi die einseitig erfafite platonische Denkweise,
die alle ihm zuganglichen Philosophien beherrschte, seiner gesunden Naturanlage
widersprach. In seiner Jugend hatte er sich wiederholt an [53] Spinoza gewandt. Er
gesteht sogar, dafi dieser Philosoph auf ihn immer eine «friedliche Wirkung»
hervorgebracht habe. Diese beruht darauf, dafi Spinoza das Weltall als eine grofie Einheit
ansieht, und alles Einzelne mit Notwendigkeit aus dem Ganzen hervorgehend sich denkt.
Wenn sich Goethe aber auf den Inhalt der Spinozistischen Philosophie einliefi, so fuhlte
er doch, dafi dieser ihm fremd blieb. «Denke man aber nicht, dafi ich seine Schriften hatte
unterschreiben und mich dazu buchstablich bekennen mogen. Denn, dafi niemand den
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andern versteht, dafi keiner bei denselben Worten dasselbe, was der andere, denkt, dafi
ein Gesprach, eine Lektiire bei verschiedenen Personen verschiedene Gedankenfolgen
aufregt, hatte ich schon allzu deutlich eingesehen, und man wird dem Verfasser von
Werther und Faust wohl zutrauen, dafi er, von solchen Mifiverstandnissen tief
durchdrungen, nicht selbst den Diinkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der
als Schiiler von Descartes, durch mathematische und rabbinische Kultur sich zu dem
Gipfel des Denkens hervorgehoben; der bis auf den heutigen Tag noch das Ziel aller
spekulativen Bemuhungen zu sein scheint.» Nicht der Umstand, dafi Spinoza durch
Descartes geschult worden ist, auch nicht der, dafi er durch mathematische und
rabbinische Kultur sich zu dem Gipfel des Denkens erhoben hat, machte ihn fur Goethe
zu einem Element, an das er sich doch nicht ganz hingeben konnte, sondern seine
wirklichkeitsfremde, rein logische Art, die Erkenntnis zu behandeln. Goethe konnte sich
dem reinen erfahrungsfreien Denken nicht hingeben, weil er es nicht zu trennen
vermochte von der Gesamtheit des Wirklichen. Er wollte nicht einen Gedanken blofi
logisch an den andern angliedern. Vielmehr erschien ihm eine solche Gedankentatigkeit
[54] von der wahren Wirklichkeit abzulenken. Er mufite den Geist in die Erfahrung
versenken, um zu den Ideen zu kommen. Die Wechselwirkung von Idee und
Wahrnehmung war ihm ein geistiges Atemholen. «Durch die Pendelschlage wird die
Zeit, durch die Wechselbewegung von Idee und Erfahrung die sittliche und
wissenschaftliche Welt regiert.» Im Sinne dieses Satzes die Welt und ihre Erscheinungen
zu betrachten, schien Goethe naturgemafi. Denn fur ihn gab es keinen Zweifel dariiber,
dafi die Natur dasselbe Verfahren beobachtet: dafi sie « eine Entwicklung aus einem
lebendigen geheimnisvollen Ganzen» zu den mannigfaltigen besonderen Erscheinungen
hin ist, die den Raum und die Zeit erfiillen. Das geheimnisvolle Ganze ist die Welt der
Idee. «Die Idee ist ewig und einzig; dafi wir auch den Plural brauchen, ist nicht
wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden konnen, sind nur
Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, und insofern ist die Idee selbst ein
Begriff.» Das Schaffen der Natur geht aus dem Ganzen, das ideeller Art ist, ins Einzelne,
das als Reelles der Wahrnehmung gegeben ist. Deshalb soil der Beobachter: «das Ideelle
im Reellen anerkennen und sein jeweiliges Mifibehagen mit dem Endlichen durch
Erhebung ins Unendliche beschwichtigen». Goethe ist iiberzeugt davon, dafi «die Natur
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nach Ideen verfahre, ingleichen, dafi der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee
verfolge». Wenn es dem Menschen wirklich gelingt, sich zu der Idee zu erheben, und von
der Idee aus die Einzelheiten der Wahrnehmung zu begreifen, so vollbringt er dasselbe,
was die Natur vollbringt, indem sie ihre Geschopfe aus dem geheimnisvollen Ganzen
hervorgehen lafit. Solange der Mensch das Wirken und Schaffen der Idee nicht [55] fuhlt,
bleibt sein Denken von der lebendigen Natur abgesondert. Er muB das Denken als eine
blofi subjektive Tatigkeit ansehen, die ein abstraktes Bild von der Natur entwerfen kann.
Sobald er aber fuhlt, wie die Idee in seinem Innern lebt und tatig ist, betrachtet er sich
und die Natur als ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem Innern erscheint, das gilt
ihm zugleich als objektiv; er weifi, dafi er der Natur nicht mehr als Fremder
gegeniibersteht, sondern er fuhlt sich verwachsen mit dem Ganzen derselben. Das
Subjektive ist objektiv geworden; das Objektive von dem Geiste ganz durchdrungen.
Goethe ist der Meinung, der Grundirrtum Kants bestehe darin, dafi dieser «das subjektive
Erkenntnisvermogen nun selbst als Objekt betrachtet und den Punkt, wo subjektiv und
objektiv zusammentreffen, zwar scharf aber nicht ganz richtig sondert.» (Sophien-
Ausgabe, 2. Abteilung, Bd. XI, S.376.) Das Erkenntnisvermogen erscheint dem
Menschen nur so lange als subjektiv, als er nicht beachtet, dafi die Natur selbst es ist, die
durch dasselbe spricht. Subjektiv und objektiv treffen zusammen, wenn die objektive
Ideenwelt im Subjekte auflebt, und in dem Geiste des Menschen dasjenige lebt, was in
der Natur selbst tatig ist. Wenn das der Fall ist, dann hort aller Gegensatz von subjektiv
und objektiv auf. Dieser Gegensatz hat nur eine Bedeutung, solange der Mensch ihn
kiinstlich aufrecht erhalt, solange er die Ideen als seine Gedanken betrachtet, durch die
das Wesen der Natur abgebildet wird, in denen es aber nicht selbst wirksam ist. Kant und
die Kantianer hatten keine Ahnung davon, dafi in den Ideen der Vernunft das Wesen, das
Ansich der Dinge unmittelbar erlebt wird. Fur sie ist alles Ideelle ein blofi Subjektives.
Deshalb kamen sie zu der Meinung, das Ideelle [56] konne nur dann notwendig giiltig
sein, wenn auch dasjenige, auf das es sich bezieht, die Erfahrungswelt, nur subjektiv ist.
Mit Goethes Anschauungen steht die Kantsche Denkweise in einem scharfen Gegensatz.
Es gibt zwar einzelne Aufierungen Goethes, in denen er von Kants Ansichten in einer
anerkennenden Art spricht. Er erzahlt, dafi er manchem Gesprach iiber diese Ansichten
beigewohnt habe. «Mit einiger Aufmerksamkeit konnte ich bemerken, dafi die alte
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Hauptfrage sich erneuere, wieviel unser Selbst und wieviel die Aufienwelt zu unserm
geistigen Dasein beitrage. Ich hatte beide niemals gesondert, und wenn ich nach meiner
Weise iiber Gegenstande philosophierte, so tat ich es mit unbewufiter Naivitat und
glaubte wirklich, ich sahe meine Meinungen vor Augen. Sobald aber jener Streit zur
Sprache kam, mochte ich mich gern auf diejenige Seite stellen, welche dem Menschen
am meisten Ehre macht, und gab alien Freunden vollkommen Beifall, die mit Kant
behaupteten: wenn gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angehe, so entspringe
sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. » Die Idee stammt auch, nach Goethes
Ansicht, nicht aus dem Teile der Erfahrung, welcher der blofien Wahrnehmung durch die
Sinne des Menschen sich darbietet. Die Vernunft, die Phantasie miissen sich betatigen,
miissen in das Innere der Wesen dringen, um sich der ideellen Elemente des Daseins zu
bemachtigen. Insofern hat der Geist des Menschen Anted an dem Zustandekommen der
Erkenntnis. Goethe meint, es mache dem Menschen Ehre, dafi in seinem Geiste die
hohere Wirklichkeit, die den Sinnen nicht zuganglich ist, zur Erscheinung komme; Kant
dagegen spricht der Erfahrungswelt den Charakter der hoheren Wirklichkeit ab, weil sie
Bestandteile enthalt, die [57] aus dem Geiste stammen. Nur wenn er die Kantschen Satze
erst im Sinne seiner Weltanschauung umdeutete, konnte Goethe sich zustimmend zu
ihnen verhalten. Die Grundlagen der Kantschen Denkweise widersprechen Goethes
Wesen aufs scharfste. Wenn dieser den Widerspruch nicht scharf genug betonte, so liegt
das wohl nur darin, dafi er sich auf diese Grundlagen nicht einliefi, weil sie ihm zu fremd
waren. «Der Eingang (der Kritik der reinen Vernunft) war es, der mir gefiel, ins
Labyrinth selbst konnte ich mich nicht wagen: bald hinderte mich die Dichtungsgabe,
bald der Menschenverstand, und ich fuhlte mich nirgends gebessert.» Uber seine
Gesprache mit den Kantianern mufite sich Goethe eingestehen: «Sie horten mich wohl,
konnten mir aber nichts erwidern, noch irgend forderlich sein. Mehr als einmal begegnete
es mir, dafi einer oder der andere mit lachelnder Verwunderung zugestand: es sei freilich
ein Analogon Kantscher Vorstellungsart, aber ein seltsames.» Es war, wie ich gezeigt,
auch kein Analogon, sondern das entschiedenste Gegenteil der Kantschen
Vorstellungsart.
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Es ist interessant zu sehen, wie Schiller sich iiber den Gegensatz der Goetheschen
Denkweise und seiner eigenen aufzuklaren sucht. Er empfindet das Urspriingliche und
Freie der Goetheschen Weltanschauung. Aber er kann die einseitig erfafiten platonischen
Gedankenelemente aus seinem eigenen Geiste nicht entfernen. Er kann sich nicht zu der
Einsicht erheben, dafi Idee und Wahrnehmung in der Wirklichkeit nicht getrennt
vorhanden sind, sondern nur kiinstlich von dem durch falsch gelenkte Ideenrichtung
verfuhrten Verstand getrennt gedacht werden. Deshalb stellt er [58] der Goetheschen
Geistesart, die er als eine intuitive bezeichnet, die eigene als spekulative gegeniiber und
behauptet, dafi beide, wenn sie nur kraftvoll genug wirken, zu einem gleichen Ziele
fuhren miissen. Von dem intuitiven Geiste nimmt Schiller an, dafi er sich an das
Empirische, Individuelle halte und von da aus zu dem Gesetze, zu der Idee aufsteige.
Falls ein solcher Geist genialisch ist, wird er in dem Empirischen das Notwendige, in
dem Individuellen die Gattung erkennen. Der spekulative Geist dagegen soil den
umgekehrten Weg machen. Ihm soil zuerst das Gesetz, die Idee gegeben sein, und von ihr
soil er zum Empirischen und Individuellen herabsteigen. Ist ein solcher Geist genialisch,
so wird er zwar immer nur Gattungen im Auge haben, aber mit der Moglichkeit des
Lebens und mit gegriindeter Beziehung auf wirkliche Objekte. Die Annahme einer
besonderen Geistesart, der spekulativen gegeniiber der intuitiven, beruht auf dem
Glauben, dafi der Ideenwelt ein abgesondertes ,von der Wahrnehmungswelt getrenntes
Dasein zukomme. Ware dies der Fall, dann konnte es einen Weg geben, auf dem der
Inhalt der Ideen iiber die Dinge der Wahrnehmung in den Geist kame, auch wenn ihn
dieser nicht in der Erfahrung aufsuchte. Ist aber die Ideenwelt mit der
Erfahrungswirklichkeit untrennbar verbunden, sind beide nur als ein Ganzes vorhanden,
so kann es nur eine intuitive Erkenntnis, die in der Erfahrung die Idee aufsucht und mit
dem Individuellen zugleich die Gattung erfafit, geben. In Wahrheit gibt es auch keinen
rein spekulativen Geist im Sinne Schillers. Denn die Gattungen existieren nur innerhalb
der Sphare, der auch die Individuen angehoren; und der Geist kann sie anderswo gar
nicht finden. Hat ein sogenannter spekulativer Geist wirklich Gattungsideen, so stammen
[59] diese aus der Beobachtung der wirklichen Welt. Wenn das lebendige Gefuhl fur
diesen Ursprung, fur den notwendigen Zusammenhang des Gattungsmafiigen mit dem
Individuellen verloren geht, dann entsteht die Meinung, solche Ideen konnen in der
38
Vernunft auch ohne Erfahrung entstehen. Die Bekenner dieser Meinung bezeichnen eine
Summe von abstrakten Gattungsideen als Inhalt der reinen Vernunft, weil sie die Faden
nicht sehen, mit denen diese Ideen an die Erfahrung gebunden sind. Eine solche
Tauschung ist am leichtesten bei den allgemeinsten, umfassendsten Ideen moglich. Da
solche Ideen weite Gebiete der Wirklichkeit umspannen, so ist in ihnen manches
ausgetilgt oder abgeblafit, was den zu diesem Gebiete gehorigen Individualitaten
zukommt. Man kann eine Anzahl solcher allgemeiner Ideen durch Uberlieferung in sich
aufnehmen und dann glauben, sie seien dem Menschen angeboren, oder man habe sie aus
der reinen Vernunft herausgesponnen. Ein Geist, der einem solchen Glauben verfallt,
kann sich als spekulativ ansehen. Er wird aus seiner Ideenwelt aber nie mehr herausholen
konnen, als diejenigen hineingelegt haben, von denen er sie iiberliefert erhalten hat.
Wenn Schiller meint, dafi der spekulative Geist, wenn er genialisch ist, «zwar immer nur
Gattungen, aber mit der Moglichkeit des Lebens und mit gegriindeter Beziehung auf
wirkliche Objekte» erzeugt (vgl. Schillers Brief an Goethe vom 23. August. 1794), so ist
er im Irrtum. Ein wirklich spekulativer Geist, der nur in Gattungsbegriffen lebte, konnte
in seiner Ideenwelt keine andere gegriindete Beziehung zur Wirklichkeit finden, als
diejenige, die schon in ihr liegt. Ein Geist, der Beziehungen zur Wirklichkeit der Natur
hat und sich dennoch als spekulativ bezeichnet, ist in einer Tauschung [60] iiber seine
eigene Wesenheit befangen. Diese Tauschung kann ihn dazu verfiihren, seine
Beziehungen zur Wirklichkeit, zum unmittelbaren Leben zu vernachlassigen. Er wird
glauben, der unmittelbaren Beobachtung entraten zu konnen, weil er andere Quellen der
Wahrheit zu haben meint. Die Folge davon ist immer, dafi die Ideenwelt eines solchen
Geistes einen matten abgeblafiten Charakter tragt. Die frischen Farben des Lebens
werden seinen Gedanken fehlen. Wer im Bunde mit der Wirklichkeit leben will, wird aus
einer solchen Gedankenwelt nicht viel gewinnen konnen. Nicht als eine Geistesart, die
neben der intuitiven als gleichberechtigt anzusehen ist, kann die spekulative gelten,
sondern als eine verkiimmerte, an Leben verarmte Denkart. Der intuitive Geist hat es
nicht blofi mit Individuen zu tun, er sucht nicht in dem Empirischen den Charakter der
Notwendigkeit auf. Sondern wenn er sich der Natur zuwendet, vereinigen sich bei ihm
Wahrnehmung und Idee unmittelbar zu einer Einheit. Beide werden ineinander geschaut
und als Ganzheit empfunden. Er kann zu den allgemeinsten Wahrheiten, zu den hochsten
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Abstraktionen aufsteigen: das unmittelbar wirkliche Leben wird in seiner Gedankenwelt
immer zu erkennen sein. Solcher Art war Goethes Denken. Heinroth hat in seiner
Anthropologic ein treffhches Wort iiber dieses Denken gesprochen, das Goethe im
hochsten Grade gefiel, weil es ihn iiber seine Natur aufklarte. «Herr Dr. Heinroth ...
spricht von meinem Wesen und Wirken giinstig, ja er bezeichnet meine Verfahrungsart
als eine eigentiimliche: dafi namlich mein Denkvermogen gegenstdndlich tatig sei, womit
er aussprechen will, dafi mein Denken sich von den Gegenstanden nicht sondere; dafi die
Elemente der Gegenstande, die Anschauungen in dasselbe [61] eingehen und von ihm auf
das innigste durchdrungen werden; dafi mein Anschauen selbst ein Denken, mein Denken
ein Anschauen sei.» Im Grunde schildert Heinroth nichts als die Art, wie sich jedes
gesunde Denken zu den Gegenstanden verhalt. Jede andere Verfahrungsart ist eine
Abirrung von dem naturgemafien Wege. Wenn in einem Menschen die Anschauung
iiberwiegt, dann bleibt er an dem Individuellen hangen; er kann nicht in die tieferen
Grunde der Wirklichkeit eindringen; wenn das abstrakte Denken in ihm iiberwiegt, dann
erscheinen seine Begriffe unzureichend, um die lebendige Fiille des Wirklichen zu
verstehen. Das Extrem der ersten Abirrung stellt den rohen Empiriker dar, der mit den
individuellen Tatsachen sich begniigt; das Extrem der andern Abirrung ist in dem
Philosophen gegeben, der die reine Vernunft anbetet und der nur denkt, ohne ein Gefiihl
davon zu haben, dafi Gedanken ihrem Wesen nach an Anschauung gebunden sind. In
einem schonen Bilde schildert Goethe das Gefuhl des Denkers, der zu den hochsten
Wahrheiten aufsteigt, ohne die Empfindung fur die lebendige Erfahrung zu verlieren. Er
schreibt im Anfang des Jahres 1784 einen Aufsatz iiber den Granit. Er versetzt sich auf
einen aus diesem Gestein bestehenden Gipfel, wo er sich sagen kann: «Hier ruhst du
unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine
neuere Schicht, keine aufgehauften, zusammengeschwemmten Trummer haben sich
zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt, du gehst nicht wie in jenen
fruchtbaren Talern iiber ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges
erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und iiber alles
Leben. In diesem Augenblicke, da die innern anziehenden und [62] bewegenden Krafte
der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einfliisse des Himmels mich
naher umschweben, werde ich zu hoheren Betrachtungen der Natur hinaufgestimmt, und
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wie der Menschengeist alles belebt, so wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen
Erhabenheit ich nicht widerstehen kann. So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich
diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe und kaum in der Feme am Fufie ein gering
wachsendes Moos erblickte, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zumute, der nur
den dltesten, ersten, tiefsten Gefuhlen der Wahrheit seine Seele eroffnen will. Ja, er kann
zu sich sagen: Hier, auf dem altesten, ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der
Schopfung gebaut ist, bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fuhle die ersten,
festesten Anfange unsers Daseins; ich iiberschaue die Welt, ihre schrofferen und
gelinderen Taler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird iiber sich selbst
und iiber alles erhaben und sehnt sich nach dem nahern Himmel. Aber bald ruft die
brennende Sonne Durst und Hunger, seine menschlichen Bedurfnisse, zuriick. Er sieht
sich nach jenen Tdlern um, iiber die sich sein Geist schon hinausschwang.» Solchen
Enthusiasmus der Erkenntnis, solche Empfindungen fur die altesten, festen Wahrheiten
kann nur derjenige in sich entwickeln, der immer und immer wieder aus den Regionen
der Ideenwelt den Weg zuriickfindet zu den unmittelbaren Anschauungen.
41
Personlichkeit und Weltanschauung
[63] Die Aufienseite der Natur lernt der Mensch durch die Anschauung kennen; ihre
tiefer liegenden Triebkrafte enthullen sich in seinem eigenen Innern als subjektive
Erlebnisse. In der philosophischen Weltbetrachtung und im kiinstlerischen Empfinden
und Hervorbringen durchdringen die subjektiven Erlebnisse die objektiven
Anschauungen. Das wird wieder ein Ganzes, Was sich in zwei Teile spalten mufite, um in
den menschlichen Geist einzudringen. Der Mensch befriedigt seine hochsten geistigen
Bediirfnisse, wenn er der objektiv angeschauten Welt einverleibt, was sie in seinem
Innern ihm als ihre tieferen Geheimnisse offenbart. Erkenntnisse und Kunsterzeugnisse
sind nichts anderes, als von menschlichen inneren Erlebnissen erfullte Anschauungen. In
dem einfachsten Urteile iiber ein Ding oder Ereignis der Aufienwelt konnen ein
menschliches Seelenerlebnis und eine aufiere Anschauung im innigen Bunde miteinander
gefunden werden. Wenn ich sage: ein Korper stofit den andern, so habe ich bereits ein
inneres Erlebnis auf die Aufienwelt ubertragen. Ich sehe einen Korper in Bewegung; er
trifft auf einen andern; dieser kommt infolgedessen auch in Bewegung. Mit diesen
Worten ist der Inhalt der Wahrnehmung erschopft. Ich bin aber dabei nicht beruhigt.
Denn ich fuhle: es ist in der ganzen Erscheinung noch mehr vorhanden, als was die blofie
Wahrnehmung liefert. Ich greife nach einem inneren Erlebnis, das mich iiber die
Wahrnehmung aufklart. Ich weifi, dafi ich selbst durch Anwendung von Kraft, durch
Stofien, einen Korper in Bewegung versetzen kann. Dieses Erlebnis iibertrage ich auf die
Erscheinung und sage: der eine Korper stofit den andern. [64] «Der Mensch begreift
niemals, wie anthropomorphisch er ist» (Goethe, Spriiche in Prosa. Kiirschner Band 36,2,
S. 353). Es gibt Menschen, die aus dem Vorhandensein dieses subjektiven Bestandteiles
in jedem Urteile iiber die Aufienwelt die Folgerung ziehen, dafi der objektive Wesenskern
der Wirklichkeit dem Menschen unzuganglich sei. Sie glauben, der Mensch verfalsche
den unmittelbaren, objektiven Tatbestand der Wirklichkeit, wenn er seine subjektiven
Erlebnisse in diese hineinlegt. Sie sagen: weil der Mensch sich die Welt nur durch die
Brille seines subjektiven Lebens vorstellen kann, ist alle seine Erkenntnis nur eine
subjektive, beschrankt-menschliche. Wem es aber zum Bewufitsein kommt, was im
Innern des Menschen sich offenbart, der wird nichts mit solchen unfruchtbaren
42
Behauptungen zu tun haben wollen. Er weifi, dafi Wahrheit eben dadurch zustande
kommt, dafi Wahrnehmung und Idee sich im menschlichen Erkentnisprozefi
durchdringen. Ihm ist klar, dafi in dem Subjektiven das eigentlichste und tiefste Objektive
lebt. «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der
Welt als in einem grofien, schonen wiirdigen und werten Ganzen fuhlt, wenn das
harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entziicken gewahrt, dann wiirde das Weltall
wenn es sich selbst empfinden konnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den
Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» (Kurschner, Band 27, S. 42.) Die
der blofien Anschauung zugangliche Wirklichkeit ist nur die eine Halfte der ganzen
Wirklichkeit; der Inhalt des menschlichen Geistes ist die andere Halfte. Trate nie ein
Mensch der Welt gegeniiber, so kame diese zweite Halfte nie zur lebendigen
Erscheinung, zum vollen Dasein. Sie wirkte zwar als verborgene Kraftewelt; aber es [65]
ware ihr die Moglichkeit entzogen, sich in einer eigenen Gestalt zu zeigen. Man mochte
sagen, ohne den Menschen wiirde die Welt ein unwahres Antlitz zeigen. Sie ware so, wie
sie ist, durch ihre tieferen Krafte, aber diese tieferen Krafte blieben selbst verhiillt durch
das, was sie wirken. Im Menschengeiste werden sie aus ihrer Verzauberung erlost. Der
Mensch ist nicht blofi dazu da, um sich von der fertigen Welt ein Bild zu machen; nein, er
wirkt selbst mit an dem Zustandekommen dieser Welt.
Verschieden gestalten sich die subjektiven Erlebnisse bei verschiedenen Menschen. Fur
diejenigen, welche nicht an die objektive Natur der Innenwelt glauben, ist das ein Grund
mehr, dem Menschen das Vermogen abzusprechen, in das Wesen der Dinge zu dringen.
Denn wie kann Wesen der Dinge sein, was dem einen so, dem andern anders erscheint.
Fur denjenigen, der die wahre Natur der Innenwelt durchschaut, folgt aus der
Verschiedenheit der Innenerlebnisse nur, dafi die Natur ihren reichen Inhalt auf
verschiedene Weise aussprechen kann. Dem einzelnen Menschen erscheint die Wahrheit
in einem individuellen Kleide. Sie pafit sich der Eigenart seiner Personlichkeit an.
Besonders fur die hochsten, dem Menschen wichtigsten Wahrheiten gilt dies. Um sie zu
gewinnen, iibertragt der Mensch seine geistigen, intimsten Erlebnisse auf die angeschaute
Welt und mit ihnen zugleich das Eigenartigste seiner Personlichkeit. Es gibt auch
allgemeingiiltige Wahrheiten, die jeder Mensch aufnimmt, ohne ihnen eine individuelle
43
Farbung zu geben. Dies sind aber die oberflachlichsten, die trivialsten. Sie entsprechen
dem allgemeinen Gattungscharakter der [66] Menschen, der bei alien der gleiche ist.
Gewisse Eigenschaften, die in alien Menschen gleich sind, erzeugen iiber die Dinge auch
gleiche Urteile. Die Art, wie die Menschen die Dinge nach MaB und Zahl ansehen, ist bei
alien gleich. Daher finden alle die gleichen mathematischen Wahrheiten. In den
Eigenschaften aber, in denen sich die Einzelpersonlichkeit von dem allgemeinen
Gattungscharakter abhebt, liegt auch der Grund zu den individuellen Ausgestaltungen der
Wahrheit. Nicht darauf kommt es an, dafi in dem einen Menschen die Wahrheit anders
erscheint als in dem andern, sondern darauf, dafi alle zum Vorschein kommenden
individuellen Gestalten einem einzigen Ganzen angehoren, der einheitlichen ideellen
Welt. Die Wahrheit spricht im Innern der einzelnen Menschen verschiedene Sprachen
und Dialekte; in jedem grofien Menschen spricht sie eine eigene Sprache, die nur dieser
einen Personlichkeit zukommt. Aber es ist immer die eine Wahrheit, die da spricht.
«Kenne ich mein Verhaltnis zu mir selbst und zur Aufienwelt, so heifi' ich's Wahrheit.
Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.» Dies
ist Goethes Meinung. Nicht ein starres, totes Begriffssystem ist die Wahrheit, das nur
einer einzigen Gestalt fahig ist; sie ist ein lebendiges Meer, in welchem der Geist des
Menschen lebt, und das Wellen der verschiedensten Gestalt an seiner Oberflache zeigen
kann. «Die Theorie an und fur sich ist nichts niitze, als insofern sie uns an den
Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht», sagt Goethe. Er schatzt keine
Theorie, die ein fur allemal abgeschlossen sein will, und in dieser Gestalt eine ewige
Wahrheit darstellen soil. Er will lebendige Begriffe, durch die der Geist des einzelnen
nach seiner individuellen Eigenart die Anschauungen zusammenfafit. [67] Die Wahrheit
erkennen heifit ihm in der Wahrheit leben. Und in der Wahrheit leben ist nichts anderes,
als bei der Betrachtung jedes einzelnen Dinges hinzusehen, welches innere Erlebnis sich
einstellt, wenn man diesem Dinge gegeniibersteht. Eine solche Ansicht von dem
menschlichen Erkennen kann nicht von Grenzen des Wissens, nicht von einer
Eingeschranktheit desselben durch die Natur des Menschen sprechen. Denn die Fragen,
die sich nach dieser Ansicht das Erkennen vorlegt, entspringen nicht aus den Dingen; sie
sind dem Menschen auch nicht von irgend einer andern aufierhalb seiner Personlichkeit
gelegenen Macht auferlegt. Sie entspringen aus der Natur der Personlichkeit selbst. Wenn
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der Mensch den Blick auf ein Ding richtet, dann entsteht in ihm der Drang, mehr zu
sehen, als ihm in der Wahrnehmung entgegentritt. Und so weit dieser Drang reicht, so
weit reicht sein Erkenntnisbediirfnis. Woher stammt dieser Drang? Doch nur davon, dafi
ein inneres Erlebnis sich in der Seele angeregt fuhlt, mit der Wahrnehmung eine
Verbindung einzugehen. Sobald die Verbindung vollzogen ist, ist auch das
Erkenntnisbediirfnis befriedigt. Erkennen wollen ist eine Forderung der menschlichen
Natur und nicht der Dinge. Diese konnen dem Menschen nicht mehr iiber ihr Wesen
sagen, als er ihnen abfordert. Wer von einer Beschranktheit des Erkenntnisvermogens
spricht, der weifi nicht, woher das Erkenntnisbediirfnis stammt. Er glaubt, der Inhalt der
Wahrheit liege irgendwo aufbewahrt, und in dem Menschen lebe nur der unbestimmte
Wunsch, den Zugang zu dem Aufbewahrungsorte zu finden. Aber es ist das Wesen der
Dinge selbst, das sich aus dem Innern des Menschen herausarbeitet und dahin strebt,
wohin es gehort: zu der Wahrnehmung. Nicht nach einem Verborgenen [68] strebt der
Mensch im Erkenntnisprozefi, sondern nach der Ausgleichung zweier Krafte, die von
zwei Seiten auf ihn wirken. Man kann wohl sagen, ohne den Menschen gabe es keine
Erkenntnis des Innern der Dinge, denn ohne ihn ware nichts da, wodurch dieses Innere
sich aussprechen konnte. Aber man kann nicht sagen, es gibt im Innern der Dinge etwas,
das dem Menschen unzuganglich ist. Dafi an den Dingen noch etwas anderes vorhanden
ist, als was die Wahrnehmung liefert, weifi der Mensch nur, weil dieses andere in seinem
eigenen Innern lebt. Von einem weiteren unbekannten Etwas der Dinge sprechen, heifit
Worte iiber etwas machen, was nicht vorhanden ist.
Die Naturen, die nicht zu erkennen vermogen, dafi es die Sprache der Dinge ist, die im
Innern des Menschen gesprochen wird, sind der Ansicht, alle Wahrheit miisse von aufien
in den Menschen eindringen. Solche Naturen halten sich entweder an die blofie
Wahrnehmung und glauben, allein durch Sehen, Horen, Tasten, durch Auflesung der
geschichtlichen Vorkommnisse und durch Vergleichen, Zahlen, Rechnen, Wagen des aus
der Tatsachenwelt Aufgenommenen die Wahrheit erkennen zu konnen; oder sie sind der
Ansicht, dafi die Wahrheit nur zu dem Menschen kommen konne, wenn sie ihm auf eine
aufierhalb des Erkennens gelegene Art offenbart werde, oder endlich, sie wollen durch
45
Krafte besonderer Natur, durch Ekstase oder mystisches Schauen in den Besitz der
hochsten Einsichten kommen, die ihnen, nach ihrer Ansicht, die dem Denken zugangliche
Ideenwelt nicht darbieten kann. Den im Kantschen Sinne Denkenden und den einseitigen
Mystikern reihen [69] sich noch besonders geartete Metaphysiker an. Diese suchen zwar
durch das Denken sich Begriffe von der Wahrheit zu bilden. Aber sie suchen den Inhalt
fur diese Begriffe nicht in der menschlichen Ideenwelt, sondern in einer hinter den
Dingen liegenden zweiten Wirklichkeit. Sie meinen, durch reine Begriffe iiber einen
solchen Inhalt entweder etwas Sicheres ausmachen zu konnen, oder wenigstens durch
Hypothesen sich Vorstellungen von ihm bilden zu konnen. Ich spreche hier zunachst von
der zuerst angefuhrten Art von Menschen, von den Tatsachenfanatikern. Ihnen kommt es
zuweilen zum Bewufitsein, dafi in dem Zahlen und Rechnen bereits eine Verarbeitung des
Anschauungsinhaltes mit Hilfe des Denkens stattfindet. Dann aber sagen sie, die
Gedankenarbeit sei blofi das Mittel, durch das der Mensch den Zusammenhang der
Tatsachen zu erkennen bestrebt ist. Was aus dem Denken bei Bearbeitung der Aufienwelt
fliefit, gilt ihnen als blofi subjektiv; als objektiven Wahrheitsgehalt, als wertvollen
Erkenntnisinhalt sehen sie nur das an, was mit Hilfe des Denkens von aufien an sie
herankommt. Sie fangen zwar die Tatsachen in ihre Gedankennetze ein, lassen aber nur
das Eingefangene als objektiv gelten. Sie iibersehen, dafi dieses Eingefangene durch das
Denken eine Auslegung, Zurechtriickung, eine Interpretation erfahrt, die es in der blofien
Anschauung nicht hat. Die Mathematik ist ein Ergebnis reiner Gedankenprozesse, ihr
Inhalt ist ein geistiger, subjektiver. Und der Mechaniker, der die Naturvorgange in
mathematischen Zusammenhangen vorstellt, kann dies nur unter der Voraussetzung, dafi
diese Zusammenhange in dem Wesen dieser Vorgange begriindet sind. Das heifit aber
nichts anderes als: in der Anschauung ist eine mathematische Ordnung verborgen, [70]
die nur derjenige sieht, der die mathematischen Gesetze in seinem Geiste ausbildet.
Zwischen den mathematischen und mechanischen Anschauungen und den intimsten
geistigen Erlebnissen ist aber kein Art-, sondern nur ein Gradunterschied. Und mit
demselben Rechte wie die Ergebnisse der mathematischen Forschung kann der Mensch
andere innere Erlebnisse, andere Gebiete seiner Ideenwelt auf die Anschauungen
ubertragen. Nur scheinbar stellt der Tatsachenfanatiker rein aufiere Vorgange fest. Er
denkt zumeist iiber die Ideenwelt und ihren Charakter, als subjektives Erlebnis, nicht
46
nach. Auch sind seine inneren Erlebnisse inhaltsame, blutleere Abstraktionen, die von
dem kraftvollen Tatsacheninhalt verdunkelt werden. Die Tauschung, der er sich hingibt,
kann nur so lange bestehen, als er auf der untersten Stufe der Naturinterpretation stehen
bleibt, solange er blofi zahlt, wagt, berechnet. Auf den hoheren Stufen drangt sich die
wahre Natur der Erkenntnis bald auf. Man kann es aber an den Tatsachenfanatikern
beobachten, dafi sie sich vorziiglich an die unteren Stufen halten. Sie gleichen dadurch
einem Asthetiker, der ein Musikstiick blofi danach beurteilen will, was an ihm berechnet
und gezahlt werden kann. Sie wollen die Erscheinungen der Natur von dem Menschen
absondern. Nichts Subjektives soil in die Beobachtung einfliefien. Goethe verurteilt
dieses Verfahren mit den Worten: «Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner
gesunden Sinne bedient, ist der grofite und genaueste physikalische Apparat, den es
geben kann, und das ist eben das grofite Unheil der neueren Physik, dafi man die
Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat, und blofi in dem, was kiinstliche
Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch [71]
beschranken und beweisen will.» Es ist die Angst vor dem Subjektiven, die zu solcher
Verfahrungsweise fiihrt, und die aus einer Verkennung der wahrhaften Natur desselben
herriihrt. «Dafiir steht ja aber der Mensch so hoch, dafi sich das sonst Undarstellbare in
ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen das
Ohr des Musikers? Ja man kann sagen, was sind die elementarischen Erscheinungen der
Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bandigen und modifizieren mufi, um
sie sich einigermafien assimilieren zu konnen?» (Kurschner, Band 36, 2, S.351) Nach
Goethes Ansicht soil der Naturforscher nicht allein darauf aufmerksam sein, wie die
Dinge erscheinen, sondern wie sie erscheinen wiirden, wenn alles, was in ihnen als
ideelle Triebkrafte wirkt, auch wirklich zur aufieren Erscheinung kame. Erst wenn sich
der leibliche und geistige Organismus des Menschen den Erscheinungen gegeniiberstellt,
dann enthiillen sie ihr Inneres.
Wer mit freiem, offenem Beobachtungsgeist und mit einem entwickelten Innenleben, in
dem die Ideen der Dinge sich offenbaren, an die Erscheinungen herantritt, dem enthiillen
diese, nach Goethes Meinung, alles, was an ihnen ist. Goethes Weltanschauung
entgegengesetzt ist daher diejenige, welche das Wesen der Dinge nicht innerhalb der
47
Erfahrungswirklichkeit, sondern in einer hinter derselben liegenden zweiten Wirklichkeit
sucht. Ein Bekenner einer solchen Weltanschauung trat Goethe in Fr. H. Jacobi entgegen.
Goethe macht seinem Unwillen in einer Bemerkung der Tag- und Jahreshefte (zum Jahre
1811) Luft: « Jacobi <Von den gottlichen Dingen> machte mir nicht wohl; wie konnte
mir das Buch eines so herzlich geliebten Freundes [72] willkommen sein, worin ich die
These durchgefuhrt sehen sollte: die Natur verberge Gott. Mufite, bei meiner reinen,
tiefen, angebotenen und geiibten Anschauungsweise, die mich Gott in der Natur, die
Natur in Gott zu sehen unverbruchlich gelehrt hatte, so dafi diese Vorstellungsart den
Grund meiner ganzen Existenz machte, mufite nicht ein so seltsamer, einseitig-
beschrankter Ausspruch mich dem Geiste nach von dem edelsten Manne, dessen Herz ich
verehrend liebte, fur ewig entfernen?» Goethes Anschauungsweise gibt ihm die
Sicherheit, dafi er in der ideellen Durchdringung der Natur ein ewig Gesetzmafiiges
erlebe, und das ewig Gesetzmafiige ist ihm mit dem Gottlichen identisch. Wenn das
Gottliche hinter den Naturdingen sich verbergen wiirde und doch das schopferische
Element in ihnen bildete, konnte es nicht angeschaut werden; der Mensch mufite an
dasselbe glauben. In einem Briefe an Jacobi nimmt Goethe sein Schauen gegeniiber dem
Glauben in Schutz: «Gott hat Dich mit der Metaphysik gestraft und dir einen Pfahl ins
Fleisch gesetzt, mich mit der Physik gesegnet. Ich halte mich an die Gottesverehrung des
Atheisten (Spinoza) und uberlasse Euch alles, was ihr Religion heifit und heifien mogt.
Du haltst aufs Glauben an Gott; ich aufs Schauen. » Wo dieses Schauen aufhort, da hat
der menschliche Geist nichts zu suchen. In den Spriichen in Prosa lesen wir: «Der
Mensch ist wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt gesetzt und mit solchen Organen
begabt, dafi er das Wirkliche und nebenbei das Mogliche erkennen und hervorbringen
kann. Alle gesunden Menschen haben die Uberzeugung ihres Daseins und eines
Daseienden um sich her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Gehirn, d.h. eine
Stelle, wo sich kein Gegenstand ab spiegelt, wie denn auch im Auge selbst [73] ein
Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf diese Stelle besonders aufmerksam,
vertieft er sich darin, so verfallt er in eine Geisteskrankheit, ahnet hier Dinge einer
andern Welt, die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch Begrenzung
haben, sondern als leere Nacht-Raumlichkeit angstigen und den, der sich nicht losreifit,
mehr als gespensterhaft verfolgen.» (Kurschner, Band 36, 2, S. 458.) Aus derselben
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Gesinnung heraus ist der Ausspruch: «Das Hochste ware, zu begreifen, dafi alles
Faktische schon Theorie ist. Die Blaue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phonomenen; sie selbst sind die Lehre.»
Kant spricht dem Menschen die Fahigkeit ab, in das Gebiet der Natur einzudringen, in
dem ihre schopferischen Krafte unmittelbar anschaulich werden. Nach seiner Meinung
sind die Begriffe abstrakte Einheiten, in die der menschliche Verstand die mannigfaltigen
Einzelheiten der Natur zusammenfafit, die aber nichts zu tun haben mit der lebendigen
Einheit, mit dem schaffenden Ganzen der Natur, aus der diese Einzelheiten wirklich
hervorgehen. Der Mensch erlebt in dem Zusammenfassen nur eine subjektive Operation.
Er kann seine allgemeinen Begriffe auf die empirische Anschauung beziehen; aber diese
Begriffe sind nicht in sich lebendig, produktiv, so dafi der Mensch das Hervorgehen des
Individuellen aus ihnen anschauen konnte. Eine tote, blofi im Menschen vorhandene
Einheit sind fur Kant die Begriffe. «Unser Verstand ist ein Vermogen der Begriffe, d. i.
ein diskursiver Verstand, fur den es freilich zufallig sein mufi, welcherlei und wie
verschieden das Besondere sein mag, das ihm in der Natur gegeben werden, und was
unter seine Begriffe gebracht werden kann.» Dies [74] ist Kants Charakteristik des
Verstandes (§ 77 der «Kritik der Urteilskraft»). Aus ihr ergibt sich folgendes mit
Notwendigkeit: «Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanismus der Natur
in ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklarung derselben nicht vorbei
zu gehen. weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der Dinge erlangt werden kann.
Wenn man uns gleich einraumt: dafi ein hochster Architekt die Formen der Natur, so wie
sie von je her da sind, unmittelbar geschaffen, oder die, so sich in ihrem Laufe
kontinuierlich nach eben demselben Muster bilden, pradeterminiert habe, so ist doch
dadurch unsere Erkenntnis der Natur nicht im mindesten gefordert; weil wir jenes Wesens
Handlungsart und die Ideen desselben, welche die Prinzipien der Moglichkeit der
Naturwesen enthalten sollen, gar nicht kennen, und von demselben als von oben herab
(apriori) die Natur nicht erklaren konnen» (§ 78 der «Kritik der Urteilskraft»). Goethe ist
der Uberzeugung, dafi der Mensch in seiner Ideenwelt die Handlungsart des
schopferischen Naturwesens unmittelbar erlebt. «Wenn wir ja im Sittlichen, durch
Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an
49
das erste Wesen annahern sollen: so dtirfte es wohl im Intellektuellen derselbe Fall sein,
dafi wir uns durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen
Teilnahme an ihren Produktionen wilrdig machten.» Ein wirkliches Hineinleben in das
Schaffen und Walten der Natur ist fur Goethe die Erkenntnis des Menschen. Ihr ist es
gegeben: «zu erforschen, zu erfahren, wie Natur im Schaffen lebt.»
Es widerspricht dem Geist der Goetheschen Weltanschauung, von Wesenheiten zu
sprechen, die aufierhalb der dem menschlichen Geiste zuganglichen Erfahrungs- und
Ideenwelt [75] liegen und die doch die Griinde dieser Welt enthalten sollen. Alle
Metaphysik wird von dieser Weltanschauung abgelehnt. Es gibt keine Fragen der
Erkenntnis, die, richtig gestellt, nicht auch beantwortet werden konnen. Wenn die
Wissenschaft zu irgend einer Zeit iiber ein gewisses Erscheinungsgebiet nichts
ausmachen kann, so liegt das nicht an der Natur des menschlichen Geistes, sondern an
dem zufalligen Umstande, dafi die Erfahrung iiber dieses Gebiet zu dieser Zeit noch nicht
vollstandig vorliegt. Hypothesen konnen nicht iiber Dinge aufgestellt werden, die
aufierhalb des Gebietes moglicher Erfahrung liegen, sondern nur iiber solche, die einmal
in dieses Gebiet eintreten konnen. Eine Hypothese kann immer nur besagen: es ist
wahrscheinlich, dafi innerhalb eines Erscheinungsgebietes diese oder jene Erfahrung
gemacht werden wird. Uber die Dinge und Vorgange, die nicht innerhalb der
menschlichen sinnlichen oder geistigen Anschauung liegen, kann innerhalb dieser
Denkungsart gar nicht gesprochen werden. Die Annahme eines «Dinges an sich», das die
Wahrnehmungen in dem Menschen bewirkt, aber nie selbst wahrgenommen werden
kann, ist eine unstatthafte Hypothese. «Hypothesen sind Geriiste, die man vor dem
Gebaude auffuhrt, und die man abtragt, wenn das Gebaude fertig ist; sie sind dem
Arbeiter unentbehrlich; nur muB er das Geriiste nicht fur das Gebaude ansehen.» Einem
Erscheinungsgebiete gegeniiber, fur das alle Wahrnehmungen vorliegen und das ideell
durchdrungen ist, erklart sich der menschliche Geist befriedigt. Er fiihlt, dafi sich in ihm
ein lebendiges Zusammenklingen von Idee und Wahrnehmung abspielt. [76] Die
befriedigende Grundstimmung, die Goethes Weltanschauung fur ihn hat, ist derjenigen
ahnlich, die man bei den Mystikern beobachten kann. Die Mystik geht darauf aus, in der
menschlichen Seele den Urgrund der Dinge, die Gottheit zu finden. Der Mystiker ist
50
gerade so wie Goethe davon uberzeugt, dafi ihm in inneren Erlebnissen das Wesen der
Welt offenbar werde. Nur gilt manchem Mystiker die Versenkung in die Ideenwelt nicht
als das innere Erlebnis, auf das es ihm ankommt. liber die klaren Ideen der Vernunft hat
mancher einseitige Mystiker ungefahr dieselbe Ansicht wie Kant. Sie stehen fur ihn
auflerhalb des schaffenden Ganzen der Natur und gehoren nur dem menschlichen
Verstande an. Ein solcher Mystiker sucht deshalb zu den hochsten Erkenntnissen durch
Entwicklung ungewohnlicher Zustande, z. B. durch Ekstase, zu einem Schauen hoherer
Art zu gelangen. Er totet die sinnliche Beobachtung und das vernunftgemafie Denken in
sich ab, und sucht sein GefTihlsleben zu steigern. Dann meint er in sich die wirkende
Geistigkeit sogar als Gottheit unmittelbar zu fTihlen. Er glaubt in Augenblicken, in denen
ihm das gelingt, Gott lebe in ihm. Eine ahnliche Empfindung ruft auch die Goethesche
Weltanschauung in dem hervor, der sich zu ihr bekennt. Nur schopft sie ihre Erkenntnisse
nicht aus Erlebnissen, die nach Ertotung von Beobachtung und Denken eintreten, sondern
eben aus diesen beiden Tatigkeiten. Sie fluchtet nicht zu abnormen Zustanden des
menschlichen Geisteslebens, sondern sie ist der Ansicht, dafi die gewohnlichen naiven
Verfahrungsarten des Geistes einer solchen Vervollkommnung fahig sind, dafi der
Mensch das Schaffen der Natur in sich erleben kann. «Es sind am Ende doch nur, wie
mich diinkt, die praktischen [77] und sich selbst rektifizierenden Operationen des
gemeinen Menschenverstandes, der sich in einer hoheren Sphare zu iiben wagt.» (Vgl.
Goethes Werke in der Sophien-Ausgabe. z. Abt, Band II, S. 41) In eine Welt unklarer
Empfindungen und Gefuhle versenkt sich mancher Mystiker; in die klare Ideenwelt
versenkt sich Goethe. Die einseitigen Mystiker verachten die Klarheit der Ideen. Sie
halten diese Klarheit fur oberflachlich. Sie ahnen nicht, was Menschen empfinden,
welche die Gabe haben, sich in die belebte Welt der Ideen zu vertiefen. Es friert einen
solchen Mystiker, wenn er sich der Ideenwelt hingibt. Er sucht einen Weltinhalt, der
Warme ausstromt. Aber der, welchen er findet, klart iiber die Welt nicht auf. Er besteht
nur in subjektiven Erregungen, in verworrenen Vorstellungen. Wer von der Kalte der
Ideenwelt spricht, der kann Ideen nur denken, nicht erleben. Wer das wahrhafte Leben in
der Ideenwelt lebt, der fiihlt in sich das Wesen der Welt in einer Warme wirken, die mit
nichts zu vergleichen ist. Er fuhlt das Feuer des Weltgeheimnisses in sich auflodern. So
hat Goethe empfunden, als ihm die Anschauung der wirkenden Natur in Italien aufging.
51
Damals wufite er, wie jene Sehnsucht zu stillen ist, die er in Frankfurt seinen Faust mit
den Worten aussprechen lafit:
Wo fafi' ich dich, unendliche Natur?
Euch Briiste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hangt,
Dahin die welke Brust sich drangt...
52
Die Metamorphose der Welterscheinungen
[78] Den hochsten Grad der Reife erlangte Goethes Weltanschauung, als ihm die
Anschauung der zwei grofien Triebrader der Natur: die Bedeutung der Begriffe von
Polaritat und von Steigerung aufging. (Vgl. den Aufsatz: Erlauterung zu dem Aufsatz
«Die Natur». Kurschner Band 34, S. 63 f.) Die Polaritat ist den Erscheinungen der Natur
eigen, insofern wir sie materiell denken. Sie besteht darin, dafi sich alles Materielle in
zwei entgegengesetzten Zustanden aufiert, wie der Magnet in einem Nordpol und einem
Siidpol. Diese Zustande der Materie liegen entweder offen vor Augen, oder sie
schlummern in dem Materiellen und konnen durch geeignete Mittel in demselben
erweckt werden. Die Steigerung kommt den Erscheinungen zu, insofern wir sie geistig
denken. Sie kann beobachtet werden bei den Naturvorgangen, die unter die Idee der
Entwicklung fallen. Auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung zeigen diese
Vorgange die ihnen zu Grunde liegende Idee mehr oder weniger deutlich in ihrer aufieren
Erscheinung. In der Frucht ist die Idee der Pflanze, das vegetabilische Gesetz, nur
undeutlich in der Erscheinung ausgepragt. Die Idee, die der Geist erkennt, und die
Wahrnehmung sind einander unahnlich. «In den Bliiten tritt das vegetabilische Gesetz in
seine hochste Erscheinung, und die Rose ware nur wieder der Gipfel der Erscheinung. »
In der Herausarbeitung des Geistigen aus dem Materiellen durch die schaffende Natur
besteht das, was Goethe Steigerung nennt. Die Natur ist «in immerstrebendem
Aufsteigen» begriffen, heifit, sie sucht Gebilde zu schaffen, die, in aufsteigender
Ordnung, die Ideen der Dinge auch in der aufieren Erscheinung immer mehr zur
Darstellung [79] bringen. Goethe ist der Ansicht, dafi «die Natur kein Geheimnis habe,
was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt». Die
Natur kann Erscheinungen hervorbringen, von denen sich die Ideen fur ein grofies Gebiet
verwandter Vorgange unmittelbar ablesen lassen. Es sind die Erscheinungen, in denen die
Steigerung ihr Ziel erreicht hat, in denen die Idee unmittelbare Wahrheit wird. Der
schopferische Geist der Natur tritt hier an die Oberflache der Dinge; was an den grob-
materiellen Erscheinungen nur dem Denken erfafibar ist, was nur mit geistigen Augen
geschaut werden kann: das wird in den gesteigerten dem leiblichen Auge sichtbar. Alles
Sinnliche ist hier auch geistig und alles Geistige sinnlich. Durchgeistigt denkt sich
53
Goethe die ganze Natur. Ihre Formen sind dadurch verschieden, dafi der Geist in ihnen
mehr oder weniger auch aufierlich sichtbar wird. Eine tote geistlose Materie kennt Goethe
nicht. Als solche erscheinen diejenigen Dinge, in denen sich der Geist der Natur eine
seinem ideellen Wesen unahnliche aufiere Form gibt. Weil ein Geist in der Natur und im
menschlichen Innern wirkt, deshalb kann der Mensch sich zur Teilnahme an den
Produktionen der Natur erheben. «... vom Ziegelstein, der dem Dache entstiirzt, bis zum
leuchtenden Geistesblitz, der dir aufgeht und den du mitteilst», gilt fur Goethe alles im
Weltall als Wirkung, als Manifestation eines schopferischen Geistes. «Alle Wirkungen,
von welcher Art sie seien, die wir in der Erfahrung bemerken, hangen auf die stetigste
Weise zusammen, gehen ineinander iiber; sie undulieren von der ersten bis zur letzten.»
«Ein Ziegelstein lost sich vom Dache los: wir nennen dies im gemeinen Sinne zufdllig; er
trifft die Schultern eines Voriibergehenden doch wohl mechanisch; [80] allein nicht ganz
mechanisch, er folgt den Gesetzen der Schwere, und so wirkt er physisch. Die zerrissenen
Lebensgefafie geben sogleich ihre Funktion auf; im Augenblicke wirken die Safte
chemisch, die elementaren Eigenschaften treten hervor. Allein das gestorte organische
Leben widersetzt sich ebenso schnell und sucht sich herzustellen; indessen ist das
menschliche Ganze mehr oder weniger bewufitlos und psychisch zerriittet. Die sich
wiedererkennende Person fuhlt sich ethisch im tiefsten verletzt; sie beklagt ihre gestorte
Tatigkeit, von welcher Art sie auch sei, aber ungern ergabe der Mensch sich in Geduld.
Religids hingegen wird ihm leicht, diesen Fall einer hoheren Schickung zuzuschreiben,
ihn als Bewahrung vor grofierem Ubel, als Einleitung zu hoherem Guten anzusehen. Dies
reicht hin fur den Leidenden; aber der Genesende erhebt sich genial, vertraut Gott und
sich selbst und fuhlt sich gerettet, ergreift auch wohl das Zufallige, wendet's zu seinem
Vorteil, um einen ewig frischen Lebenskreis zu beginnen.» Als Modifikationen des
Geistes erscheinen Goethe alle Weltwirkungen, und der Mensch, der sich in sie vertieft
und sie beobachtet von der Stufe des Zufalligen bis zu der des Genialen, durchlebt die
Metamorphose des Geistes von der Gestalt, in der sich dieser in einer ihm unahnlichen
aufieren Erscheinung darstellt, bis zu der, wo er in seiner ihm ureigensten Form erscheint.
Einheitlich wirkend sind im Sinne der Goetheschen Weltanschauung alle schopferischen
Krafte. Ein Ganzes, das sich in einer Stufenfolge von verwandten Mannigfaltigkeiten
offenbart, sind sie. Goethe war aber nie geneigt, die Einheit der Welt sich als einformig
54
vorzustellen. Oft verfallen die Anhanger des Einheitsgedankens in den Fehler, die
Gesetzmafiigkeit, die sich auf einem Erscheinungsgebiete beobachten [81] lafit, auf die
ganze Natur auszudehnen. In diesem Falle ist z.B. die mechanistische Weltanschauung.
Sie hat ein besonderes Auge und Verstandnis fur das, was sich mechanisch erklaren lafit.
Deshalb erscheint ihr das Mechanische als das einzig Naturgemafie. Sie sucht auch die
Erscheinungen der organischen Natur auf mechanische Gesetzmafiigkeit zuriickzufuhren.
Bin Lebendiges ist ihr nur eine komplizierte Form des Zusammenwirkens mechanischer
Vorgange. In besonders abstofiender Form fand Goethe eine solche Weltanschauung in
Holbachs «Systeme de la nature» ausgesprochen, das ihm in Strafiburg in die Hande fiel.
Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit
dieser Bewegung rechts und links und nach alien Seiten, ohne weiteres, die unendlichen
Phanomene des Daseins hervorbringen. «Dies alles waren wir sogar zufrieden gewesen,
wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor unsern Augen
aufgebaut hatte. Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir: denn indem er
einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verlafit er sie sogleich, um dasjenige, was hoher
als die Natur, oder als hohere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren,
zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt
dadurch recht viel gewonnen zu haben. »(Dichtung und Wahrheit, II. Buch.) In ahnlicher
Weise hatte sich Goethe geaufiert, wenn er den Satz Du Bois-Reymonds («Grenzen des
Naturerkennens», S.13) hatte horen konnen: «Naturerkennen ... ist Zuriickfuhrung der
Veranderungen in der Korperwelt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren von der
Zeit unabhangige Zentralkrafte bewirkt werden, oder Auflosung der Naturvorgange in
Mechanik der [82] Atome.» Goethe dachte sich die Arten von Naturwirkungen
miteinander verwandt und ineinander iibergehend; aber er wollte sie nie auf eine einzige
Art zuruckfuhren. Er trachtete nicht nach einem abstrakten Prinzip, auf das alle
Naturerscheinungen zuruckgefuhrt werden sollen, sondern nach Beobachtung der
charakteristischen Art, wie sich die schopferische Natur in jedem einzelnen ihrer
Erscheinungsgebiete durch besondere Formen ihrer allgemeinen Gesetzmafiigkeit
offenbart. Nicht eine Gedankenform wollte er samtlichen Naturerscheinungen
aufzwangen, sondern durch Einleben in verschiedene Gedankenformen wollte er sich den
Geist so lebendig und biegsam erhalten, wie die Natur selbst ist. Wenn die Empfindung
55
von der grofien Einheit alles Naturwirkens in ihm machtig war, dann war er Pantheist.
«Ich fur mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an einer
Denkweise genug haben; als Dichter und Kiinstler bin ich Polytheist, Pantheist als
Naturforscher, und eines so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes fur meine
Personlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist dafur auch schon gesorgt.» (An Jacobi, 6. Jan.
1813.) Als Kiinstler wandte sich Goethe an jene Naturerscheinungen, in denen die Idee in
unmittelbarer Anschauung gegenwartig ist. Das Einzelne erschien hier unmittelbar
gottlich; die Welt als eine Vielheit gottlicher Individualitaten. Als Naturforscher mufite
Goethe auch in den Erscheinungen, deren Idee nicht in ihrem individuellen Dasein
sichtbar wird, die Krafte der Natur verfolgen. Als Dichter konnte er sich bei der Vielheit
des Gottlichen beruhigen; als Naturforscher mufite er die einheitlich wirkenden
Naturideen suchen. «Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der grofiten Freiheit,
nach seinen eigensten [83] Bedingungen, bringt das Objektiv-Schone hervor, welches
freilich wiirdige Subjekte finden mufi, von denen es aufgefafit wird.» Dieses Objektiv-
Schone im einzelnen Geschopf will Goethe als Kiinstler anschauen; aber als
Naturforscher will er «die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln
will». Polytheismus ist die Denkweise, die in dem Einzelnen ein Geistiges sieht und
verehrt; Pantheismus die andere, die den Geist des Ganzen erfafit. Beide Denkweisen
konnen nebeneinander bestehen; die eine oder die andere macht sich geltend, je nachdem
der Blick auf das Naturganze gerichtet ist, das Leben und Folge ist aus einem
Mittelpunkte, oder auf diejenigen Individuen, in denen die Natur in einer Form vereinigt,
was sie in der Regel iiber ein ganzes Reich ausbreitet. Solche Formen entstehen, wenn
z.B. die schopferischen Naturkrafte nach «tausendfaltigen Pflanzen», noch eine machen,
worin «alle iibrigen enthalten», oder «nach tausendfaltigen Tieren ein Wesen, das sie alle
enthalt: den Menschen»
*
Goethe macht einmal die Bemerkung: «Wer sie (meine Schriften) und mein Wesen
iiberhaupt verstehen gelernt, wird doch bekennen miissen, dafi er eine gewisse innere
Freiheit gewonnen.» (Unterhaltungen mit dem Kanzler von Miiller, . Jan. 1831.) Damit
hat er auf die wirkende Kraft hingedeutet, die sich in allem menschlichen
56
Erkenntnisstreben geltend macht. Solange der Mensch dabei stehen bleibt, die
Gegensatze um sich her wahrzunehmen und ihre Gesetze als ihnen eingepflanzte
Prinzipien zu betrachten, von denen sie beherrscht werden, hat er das Gefuhl, dafi sie ihm
als unbekannte Machte gegeniiberstehen, die auf ihn [84] wirken und ihm die Gedanken
ihrer Gesetze aufdrangen. Er fuhlt sich den Dingen gegeniiber unfrei; er empfindet die
Gesetzmafiigkeit der Natur als starre Notwendigkeit, der er sich zu fugen hat. Erst wenn
der Mensch gewahr wird, dafi die Naturkrafte nichts anderes sind als Formen desselben
Geistes, der auch in ihm selbst wirkt, geht ihm die Einsicht auf, dafi er der Freiheit
teilhaftig ist. Die Naturgesetzlichkeit wird nur so lange als Zwang empfunden, so lange
man sie als fremde Gewalt ansieht. Lebt man sich in ihre Wesenheit ein, so empfindet
man sie als Kraft, die man auch selbst in seinem Innern betatigt; man empfindet sich als
produktiv mitwirkendes Element beim Werden und Wesen der Dinge. Man ist Du und Du
mit aller Werdekraft. Man hat in sein eigenes Tun das aufgenommen, was man sonst nur
als aufieren Antrieb empfindet. Dies ist der Befreiungs-Prozefi, den im Sinne der
Goetheschen Weltanschauung der Erkenntnisakt bewirkt. Klar hat Goethe die Ideen des
Naturwirkens angeschaut, als sie ihm aus den italienischen Kunstwerken
entgegenblickten. Eine klare Empfindung hatte er auch von der befreienden Wirkung, die
das Innehaben dieser Ideen auf den Menschen ausiibt. Eine Folge dieser Empfindung ist
seine Schilderung derjenigen Erkenntnisart, die er als die der umfassenden Geister
bezeichnet. «Die Umfassenden, die man in einem stolzern Sinne die Erschaffenden
nennen konnte, verhalten sich im hochsten Sinne produktiv; indem sie namlich von Ideen
ausgehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen schon aus, und es ist gewissermafien
nachher die Sache der Natur, sich in diese Idee zu fugen. » Zu der unmittelbaren
Anschauung des Befreiungsaktes hat es aber Goethe nie gebracht. Diese Anschauung
kann nur derjenige haben, der sich selbst in seinem [85] Erkennen belauscht. Goethe hat
zwar die hochste Erkenntnisart ausgeiibt; aber er hat diese Erkenntnisart nicht an sich
beobachtet. Gesteht er doch selbst:
«Wie hast du's denn so weit gebracht?
Sie sagen, du habest es gut vollbracht!»
Mein Kind! Ich hab' es klug gemacht;
57
Ich habe nie iiber das Denken gedacht.
Aber so wie die schopferischen Naturkrafte «nach tausendfaltigen Pflanzen» noch eine
machen, worin « alle iibrigen enthalten» sind, so bringen sie auch nach tausendfaltigen
Ideen noch eine hervor, worin die ganze Ideenwelt enthalten ist. Und diese Idee erfafit der
Mensch, wenn er zu der Anschauung der andern Dinge und Vorgange auch diejenige des
Denkens fiigt. Eben weil Goethes Denken stets mit den Gegenstanden der Anschauung
erfullt war, weil sein Denken ein Anschauen, sein Anschauen ein Denken war: deshalb
konnte er nicht dazu kommen, das Denken selbst zum Gegenstande des Denkens zu
machen. Die Idee der Freiheit gewinnt man aber nur durch die Anschauung des Denkens.
Den Unterschied zwischen Denken iiber das Denken und Anschauung des Denkens hat
Goethe nicht gemacht. Sonst ware er zur Einsicht gelangt, dafi man gerade im Sinne
seiner Weltanschauung es wohl ablehnen konne, iiber das Denken zu denken, dafi man
aber doch zu einer Anschauung der Gedankenwelt kommen konne. An dem
Zustandekommen aller iibrigen Anschauungen ist der Mensch unbeteiligt. In ihm leben
die Ideen dieser Anschauungen auf. Diese Ideen wiirden aber nicht da sein, wenn in ihm
nicht die produktive Kraft vorhanden ware, sie zur Erscheinung zu bringen. Wenn auch
die Ideen der Inhalt dessen [86] sind, was in den Dingen wirkt; zum erscheinenden
Dasein kommen sie durch die menschliche Tatigkeit. Die eigene Natur der Ideenwelt
kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tatigkeit anschaut. Bei jeder anderen
Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt
als Wahrnehmung aufierhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes
und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozefi restlos in
seinem Innern gegenwartig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee
hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich
selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des
Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee
dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst. Die sonst
erlebte Einheit von Anschauung und Idee ist hier Erleben der anschaulich gewordenen
Geistigkeit der Ideenwelt. Der Mensch, der diese in sich selbst ruhende Tatigkeit
anschaut, fuhlt die Freiheit. Goethe hat diese Empfindung zwar erlebt, aber nicht in der
58
hochsten Form ausgesprochen. Er iibte in seiner Naturbetrachtung eine freie Tatigkeit;
aber sie wurde ihm nie gegenstandlich. Er hat nie hinter die Kulissen des menschlichen
Erkennens geschaut und deshalb die Idee des Weltgeschehens in dessen ureigenster
Gestalt, in seiner hochsten Metamorphose nie in sein Bewufitsein aufgenommen. Sobald
der Mensch zur Anschauung dieser Metamorphose gelangt, bewegt er sich sicher im
Reich der Dinge. Er hat in dem Mittelpunkte seiner Personlichkeit den wahren
Ausgangspunkt fur alle Weltbetrachtung gewonnen. Er wird nicht mehr nach
unbekannten Griinden, nach aufier [87] ihm liegenden Ursachen der Dinge forschen; er
weifi, dafi das hochste Erlebnis, dessen er fahig ist, in der Selbstbetrachtung der eigenen
Wesenheit besteht. Wer ganz durchdrungen ist von den Gefuhlen, die dieses Erlebnis
hervorruft, der wird die wahrsten Verhaltnisse zu den Dingen gewinnen. Bei wem das
nicht der Fall ist, der wird die hochste Form des Daseins anderswo suchen, und, da er sie
in der Erfahrung nicht finden kann, in einem unbekannten Gebiet der Wirklichkeit
vermuten. Seine Betrachtung der Dinge wird etwas Unsicheres bekommen; er wird sich
bei der Beantwortung der Fragen, die ihm die Natur stellt, fortwahrend auf ein
Unerforschliches berufen. Weil Goethe durch sein Leben in der Ideenwelt ein Gefuhl
hatte von dem festen Mittelpunkt, innerhalb der Personlichkeit, ist es ihm gelungen,
innerhalb bestimmter Grenzen im Naturbetrachten zu sicheren Begriffen zu kommen.
Weil ihm aber die unmittelbare Anschauung des innersten Erlebnisses abging, tastet er
aufier halb dieser Grenzen unsicher umher. Er redet aus diesem Grunde davon, dafi der
Mensch nicht geboren sei, die « Probleme der Welt zu losen, wohl aber zu suchen, wo
das Problem angeht, und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten». Er sagt:
«Kant hat unstreitig am meisten geniitzt, indem er die Grenzen zog, wie weit der
menschliche Geist zu dringen fahig sei, und dafi er die unaufloslichen Probleme liegen
liefi.» Hatte ihm die Anschauung des hochsten Erlebnisses Sicherheit in der Betrachtung
der Dinge gegeben, so hatte er auf seinem Wege mehr gekonnt als «durch geregelte
Erfahrung zu einer Art von bedingter Zuverlassigkeit gelangen». Statt geradewegs durch
die Erfahrung durchzuschreiten in dem Bewufitsein, dafi das Wahre nur eine Bedeutung
hat, insoweit es von der [88] menschlichen Natur gefordert wird, gelangt er doch zu der
Uberzeugung, dafi « ein hdherer Einflufi die Standhaften, die Tatigen, die Verstandigen,
die Geregelten und Regelnden, die Menschlichen, die Frommen» begiinstige, und dafi
59
sich «die moralische Weltordnung» am schonsten da zeige, wo sie «dem Guten, dem
wacker Leidenden mittelbar zu Hilfe kommt».
*
Weil Goethe das innerste menschliche Erlebnis nicht kannte, war es ihm unmoglich, zu
den letzten Gedanken iiber die sittliche Weltordnung zu gelangen, die zu seiner
Naturanschauung notwendig gehoren. Die Ideen der Dinge sind der Inhalt des in den
Dingen Wirksamen und Schaffenden. Die sittlichen Ideen erlebt der Mensch unmittelbar
in der Ideenform. Wer zu erleben imstande ist, wie in der Anschauung der Ideenwelt das
Ideelle sich selbst zum Inhalt wird, sich mit sich selbst erfullt, der ist auch in der Lage,
die Produktion des Sittlichen innerhalb der menschlichen Natur zu erleben. Wer die
Naturideen nur in ihrem Verhaltnis zu der Anschauungswelt kennt, der wird auch die
sittlichen Begriffe auf etwas ihnen Aufieres beziehen wollen. Er wird eine ahnliche
Wirklichkeit fur diese Begriffe suchen, wie sie fur die aus der Erfahrung gewonnenen
Begriffe vorhanden ist. Wer aber Ideen in ihrer eigensten Wesenheit anzuschauen
vermag, der wird bei den sittlichen gewahr, dafi nichts Aufieres ihnen entspricht, dafi sie
unmittelbar im Geist-Erleben als Ideen produziert werden. Ihm ist klar, dafi weder ein nur
aufierlich wirkender gottlicher Wille, noch eine solche sittliche Weltordnung wirksam
sind, um diese Ideen zu erzeugen. Denn es ist in ihnen nichts von einem Bezug auf solche
Gewalten zu bemerken. Alles was [89] sie aussprechen, ist in ihrer geistig erlebten reinen
Ideenform auch eingeschlossen. Nur durch ihren eigenen Inhalt wirken sie auf den
Menschen als sittliche Machte. Kein kategorischer Imperativ steht mit der Peitsche hinter
ihnen und drangt den Menschen, ihnen zu folgen. Der Mensch empfindet, dafi er sie
selbst hervorgebracht hat und liebt sie, wie man sein Kind liebt. Die Liebe ist das Motiv
des Handelns. Die geistige Lust am eigenen Erzeugnis ist der Quell des Sittlichen.
Es gibt Menschen, die keine sittlichen Ideen zu produzieren vermogen. Sie nehmen
diejenigen anderer Menschen durch Uberlieferung in sich auf. Und wenn sie kein
Anschauungsvermogen fur Ideen als solche haben, erkennen sie den im Geiste erlebbaren
Ursprung des Sittlichen nicht. Sie suchen ihn in einem ubermenschlichen, ihnen
aufierlichen Willen. Oder sie glauben, dafi eine aufierhalb der menschlich erlebten
60
Geistwelt bestehende objektive sittliche Weltordnung bestehe, aus der die moralischen
Ideen stammen. In dem Gewissen des Menschen wird oft das Sprachorgan dieser
Weltordnung gesucht. Wie iiber gewisse Dinge seiner iibrigen Weltanschauung ist
Goethe auch in seinen Gedanken iiber den Ursprung des Sittlichen unsicher. Auch hier
treibt sein Gefiihl fur das Ideengemafie Satze hervor, die den Forderungen seiner Natur
gemafi sind. «Pflicht: wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.» Nur wer die Grande
des Sittlichen rein in dem Inhalt der sittlichen Ideen sieht, sollte sagen: «Lessing, der
mancherlei Beschrankung unwillig fiihlte, lafit eine seiner Personen sagen: niemand mufi
mussen. Ein geistreicher, frohgesinnter Mann sagte: Wer will, der mufi. Ein dritter,
freilich ein Gebildeter, fiigte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte [90] man
den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Miissens abgeschlossen zu haben. Aber im
Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein
Tun und Lassen; deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu
sehen.» Dafi in Goethe ein Gefiihl fur die echte Natur des Sittlichen herrscht, welches
sich nur nicht zur klaren Anschauung erhebt, zeigt folgender Ausspruch: «Der Wille
mufi, um vollkommen zu werden, sich im Sittlichen dem Gewissen, das nicht irrt ... fugen
... Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist alles gegeben; es hat nur mit der
innern eigenen Welt zu tun.» Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, kann nur heifien: der
Mensch findet in sich keinen sittlichen Inhalt ursprunglich vor; er gibt sich ihn selbst.
Diesen Ausspriichen stehen andere gegeniiber, die den Ursprung des Sittlichen in ein
Gebiet aufierhalb des Menschen verlegen:
«Der Mensch, wie sehr ihn auch die Erde anzieht mit ihren tausend und abertausend
Erscheinungen, hebt doch den Blick sehnend zum Himmel auf... weil er es tief und klar
in sich fiihlt, dafi er ein Burger jenes geistigen Reiches sei, woran wir den Glauben nicht
abzulehnen, noch aufzugeben vermogen.» «Was gar nicht aufzulosen ist, iiberlassen wir
Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen.»
*
Fur die Betrachtung der innersten Menschennatur, fur die Selbstbeschauung fehlt Goethe
das Organ. «Hierbei bekenne ich, dafi mir von jeher die grofie und so bedeutend
61
klingende Aufgabe: erkenne dich selbst, immer verdachtig vorkam, als eine List geheim
verbundeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren [91]
und von der Tatigkeit gegen die Aufienwelt zu einer inneren falschen Beschaulichkeit
verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur
in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schliefit
ein neues Organ in uns auf» Davon ist gerade das Umgekehrte wahr: der Mensch kennt
die Welt nur, insofern er sich kennt. Denn in seinem Innern offenbart sich in ureigenster
Gestalt, was in den Aufiendingen nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol als Anschauung
vorhanden ist. Wovon der Mensch sonst nur als von einem Unergrundlichen,
Unerforschlichen, Gottlichen sprechen kann: das tritt ihm in der Selbstanschauung in
wahrer Gestalt vor Augen. Weil er in der Selbstanschauung das Ideelle in unmittelbarer
Gestalt sieht, gewinnt er die Kraft und Fahigkeit, dieses Ideelle auch in aller aufieren
Erscheinung, in der ganzen Natur aufzusuchen und anzuerkennen. Wer den Augenblick
der Selbstanschauung erlebt hat, denkt nicht mehr daran, hinter den Erscheinungen einen
«verborgenen» Gott zu suchen: er ergreift das Gottliche in seinen verschiedenen
Metamorphosen in der Natur. Goethe bemerkte in Beziehung auf Schelling: «Ich wiirde
ihn ofters sehen, wenn ich nicht noch auf poetische Momente hoffte, und die Philosophic
zerstort bei mir die Poesie, und das wohl deshalb, weil sie mich ins Objekt treibt, indem
ich mich nie rein spekulativ erhalten kann, sondern gleich zu jedem Satze eine
Anschauung suchen muB und deshalb gleich in die Natur hinaus fliehe.» Die hochste
Anschauung, die Anschauung der Ideenwelt selbst, hat er eben nicht finden konnen. Sie
kann die Poesie nicht zerstoren, denn sie befreit den Geist nur von alien Vermutungen,
dafi in der Natur ein Unbekanntes, Unergriindliches sein konne. Dafur [92] aber macht sie
ihn fahig, sich unbefangen ganz den Dingen hinzugeben; denn sie gibt ihm die
Uberzeugung, dafi aus der Natur alles zu entnehmen ist, was der Geist von ihr nur
wiinschen kann.
Die hochste Anschauung befreit aber den Menschengeist auch von allem einseitigen
Abhangigkeitsgefuhl. Er fiihlt sich durch ihren Besitz souveran im Reiche der sittlichen
Weltordnung. Er weifi, dafi die Triebkraft, die alles hervorbringt, in seinem Innern als in
seinem eigenen Willen wirkt, und dafi die hochsten Entscheidungen iiber Sittliches in ihm
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selbst liegen. Denn diese hochsten Entscheidungen fliefien aus der Welt der sittlichen
Ideen, bei deren Produktion die Seele des Menschen anwesend ist. Mag der Mensch im
einzelnen sich beschrankt fuhlen, mag er auch von tausend Dingen abhangig sein; im
ganzen gibt er sich sein sittliches Ziel und seine sittliche Richtung. Das Wirksame aller
iibrigen Dinge kommt im Menschen als Idee zur Erscheinung; das Wirksame im
Menschen ist die Idee, die er selbst hervorbringt. In jeder einzelnen menschlichen
Individualist vollzieht sich der Prozefl, der im Ganzen der Natur sich abspielt: die
Schopfung eines Tatsachlichen aus der Idee heraus. Und der Mensch selbst ist der
Schopfer. Denn auf dem Grunde seiner Personlichkeit lebt die Idee, die sich selbst einen
Inhalt gibt. Uber Goethe hinausgehend, muB man seinen Satz erweitern, die Natur sei «in
dem Reichtum der Schopfung so grofi, nach tausendfaltigen Pflanzen eine zu machen,
worin alle iibrigen enthalten sind, und nach tausendfaltigen Tieren ein Wesen, das sie alle
enthalt, den Menschen». Die Natur ist in ihrer Schopfung so grofi, dafi sie den Prozefi,
durch den sie frei aus der Idee heraus alle Geschopfe hervorbringt, in jedem
Menschenindividuum [93] wiederholt, indem die sittlichen Handlungen aus dem ideellen
Grunde der Personlichkeit entspringen. Was der Mensch auch als objektiven Grund
seines Handelns empfindet, es ist alles nur Umschreibung und zugleich Verkennung
seiner eigenen Wesenheit. Sich selbst realisiert der Mensch in seinem sittlichen Handeln.
In lapidaren Satzen hat Max Stirner diese Erkenntnis in seiner Schrift «Der Einzige und
sein Eigentum» ausgesprochen. «Eigner bin ich meiner Gewalt, und ich bin es dann,
wenn ich mich als Einzigen weifi. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein
schopferisches Nichts zuriick, aus welchem er geboren wird. Jedes hohere Wesen liber
mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwacht das Gefiihl meiner Einzigkeit und erbleicht
erst vor der Sonne dieses Bewufitseins. Stell' ich auf mich, den Einzigen, meine Sache,
dann steht sie auf dem verganglichen, dem sterblichen Schopfer seiner, der sich selbst
verzehrt, und ich darf sagen: ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt.» Aber zugleich darf
der Mensch zu diesem Stirnerschen Geist, wie Faust zu Mephistopheles sagen: «In
deinem Nichts hoff ich das All zu finden», denn in meinem Innern wohnt in individueller
Bildung die Wirkungskraft, durch welche die Natur das All schafft. So lange der Mensch
in sich diese Wirkungskraft nicht geschaut hat, wird er sich ihr gegeniiber erscheinen wie
Faust dem Erdgeist gegeniiber. Sie wird ihm stets die Worte zurufen: «Du gleichst dem
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Geist, den du begreifst, nicht mir!» Erst die Anschauung des tiefsten Innenlebens zaubert
diesen Geist hervor, der von sich sagt:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her! [94]
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» darzustellen versucht, wie die Erkenntnis,
dafi der Mensch in seinem Tun auf sich selbst gestellt ist, hervorgeht aus dem innersten
Erlebnis, aus der Anschauung der eigenen Wesenheit. Stirner hat 1844 die Ansicht
verteidigt, dafi der Mensch, wenn er sich wahrhaft versteht, nur in sich selbst den Grund
fur seine Wirksamkeit sehen konne. Bei ihm geht aber diese Erkenntnis nicht aus der
Anschauung des innersten Erlebnisses, sondern aus dem Gefuhle der Freiheit und
Ungebundenheit gegeniiber alien Zwang heischenden Weltmachten hervor. Stirner bleibt
bei der Forderung der Freiheit stehen; er wird auf diesem Gebiete zu der denkbar
schroffsten Betonung der auf sich selbst gestellten Menschennatur gefuhrt. Ich versuche
auf breiterer Basis das Leben in der Freiheit zu schildern, indem ich zeige, was der
Mensch erblickt, wenn er auf den Grund seiner Seele sieht. Goethe ist bis zu der
Anschauung der Freiheit nicht gekommen, weil er eine Abneigung gegen die
Selbsterkenntnis hatte. Ware das nicht der Fall gewesen, so hatte die Erkenntnis des
Menschen als einer freien, auf sich selbst gegriindeten Personlichkeit die Spitze seiner
Weltanschauung bilden miissen. Die Keime zu dieser Erkenntnis treten uns bei ihm
iiberall entgegen; sie sind zugleich die Keime seiner Naturansicht. [95] Innerhalb seiner
eigentlichen Naturstudien spricht Goethe nirgends von unerforschlichen Griinden, von
verborgenen Triebkraften der Erscheinungen. Er begniigt sich damit, die Erscheinungen
64
in ihrer Folge zu beobachten und sie mit Hilfe derjenigen Elemente zu erklaren, die sich
den Sinnen und dem Geiste bei der Beobachtung offenbaren. Am 5. Mai 1786 schreibt er
in diesem Sinne an Jacobi, dafi er den Mut habe, sein «ganzes Leben der Betrachtung der
Dinge zu widmen, die er reichen» und von deren Wesenheit er sich « eine adaquate Idee
zu bilden hoffen kann», ohne sich im mindesten zu bekummern, wie weit er kommen
werde und was ihm zugeschnitten ist. Wer sich dem Gottlichen in dem einzelnen
Naturdinge zu nahern glaubt, der braucht sich nicht mehr eine besondere Vorstellung von
einem Gotte zu bilden, der aufier und neben den Dingen existiert. Nur wenn Goethe das
Gebiet der Natur verlafit, dann halt auch sein Gefuhl fur die Wesenheit der Dinge nicht
mehr stand. Dann fuhrt ihn der Mangel an menschlicher Selbsterkenntnis zu
Behauptungen, die weder mit seiner ihm angeborenen Denkweise, noch mit der Richtung
seiner Naturstudien zu vereinigen sind. Wer Neigung hat, sich auf solche Behauptungen
zu berufen, der mag annehmen, dafi Goethe an einen menschenahnlichen Gott und eine
individuelle Fortdauer derjenigen Lebensform der Seele geglaubt hat, die an die
Bedingungen der physischen Leibesorganisation gebunden ist. Mit Goethes Naturstudien
steht ein solcher Glaube im Widerspruch. Sie hatten nie die Richtung nehmen konnen,
die sie genommen haben, wenn sich Goethe bei ihnen von diesem Glauben hatte
bestimmen lassen. Im Sinne seiner Naturstudien liegt es durchaus, das Wesen der
menschlichen Seele so zu denken, dafi diese nach der Ablegung [96] des Leibes in einer
iibersinnlichen Daseinsform lebt. Diese Daseinsform bedingt, dafi ihr durch die andern
Lebensbedingungen auch eine andere Bewufitseinsart eigen wird als die ist, die sie durch
den physischen Leib hat. So fuhrt die Goethesche Metamorphosenlehre auch zu der
Anschauung von Metamorphosen des Seelenlebens. Aber man wird diese Goethesche
Unsterblichkeitsidee nur recht ins Auge fassen konnen, wenn man weifi, dafi Goethe zu
einer unmetamorphosierten Fortsetzung desjenigen Geisteslebens, das durch den
physischen Leib bedingt ist, durch seine Weltanschauung nicht hat gefuhrt werden
konnen. Weil Goethe in dem hier angedeuteten Sinn eine Anschauung des
Gedankenlebens nicht versuchte, wurde er auch im Fortgang seiner Lebensfuhrung nicht
dazu veranlafit, diejenige Unsterblichkeitsidee besonders auszugestalten, welche die
Fortsetzung seiner Metamorphosengedanken ware. Diese Idee aber ware in Wahrheit
dasjenige, was in Bezug auf dieses Erkenntnisgebiet aus seiner Weltanschauung folgte.
65
Was er im Hinblick auf die Lebensansicht dieses oder jenes Zeitgenossen, oder aus
anderer Veranlassung als Ausdruck einer personlichen Empfindung gab, ohne dabei an
den Zusammenhang mit seiner an den Naturstudien gewonnenen Weltanschauung zu
denken, darf nicht als charakteristisch fur Goethes Unsterblichkeitsidee angefuhrt
werden.
Fur die Wertung eines Goetheschen Ausspruches im Gesamtbilde seiner Weltanschauung
kommt auch in Betracht, dafi die Stimmung seiner Seele in seinen verschiedenen
Lebensaltern solchen Ausspriichen besondere Nuancen gibt. Dieses Wandels in der
Ausdrucksform seiner Ideen war er sich voll bewufit. Als Forster die Ansicht aussprach,
die [97] Losung des Faust-Problems werde sich aus dem Worte ergeben: «Ein guter
Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewufit» entgegnete
Goethe: «Das ware ja Aufklarung: Faust endet als Greis, und im Greisenalter werden wir
Mystiker» (aus Forsters Nachlafi, S.216). Und in den Prosaspriichen lesen wir: «Jedem
Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als Realist;
denn es findet sich so iiberzeugt von dem Dasein der Birnen und Apfel als von dem
seinigen. Der Jiingling, von inneren Leidenschaften bestiirmt, muB auf sich selbst
merken, sich vorfuhlen, er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker zu
werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum
Zwecke gewahlt hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln hat er alle
Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten, damit er nicht nachher sich fiber eine
falsche Wahl zu betriiben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus
bekennen; er sieht, dafi so vieles vom Zufall abzuhangen scheint; das Unvernfinftige
gelingt, das Verniinftige schlagt fehl, Gliick und Ungliick stellen sich unerwartet ins
gleiche; so ist es, so war es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da
war und der da sein wird» (Kiirschner, Band 36,2 S. 454).
Ich habe in dieser Schrift die Weltanschauung Goethes im Auge, aus der seine Einsichten
in das Leben der Natur hervorgewachsen sind und welche die treibende Kraft in ihm war
von der Entdeckung des Zwischenknochens beim Menschen bis zur Vollendung der
Farbenlehre. Und ich glaube gezeigt zu haben, dafi diese Weltanschauung vollkommener
der Gesamtpersonlichkeit Goethes entspricht, als die Zusammenstellung von
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Ausspriichen, bei denen man [98] vor allem Riicksicht nehmen miifite, wie solche
Gedanken gefarbt sind, durch die Stimmung seiner Jugend- oder seiner Altersepoche. Ich
glaube, Goethe hat in seinen Naturstudien, wenn auch nicht geleitet von einer klaren,
ideengemafien Selbsterkenntnis, so doch von einem richtigen Gefiihle, eine freie, aus dem
wahren Verhaltnis der menschlichen Natur zur Aufienwelt fliefiende Verfahrungsweise
beobachtet. Goethe ist sich selbst dariiber klar, dafi in seiner Denkweise etwas
Unvollendetes liegt: «Ich war mir edler, grofier Zwecke bewufit, konnte aber niemals die
Bedingungen begreifen, unter denen ich wirkte; was mir mangelte, merkte ich wohl, was
an mir zu viel sei, gleichfalls; deshalb unterliefi ich nicht mich zu bilden, nach aufien und
von innen. Und doch blieb es beim alten. Ich verfolgte jeden Zweck mit Ernst, Gewalt
und Treue; dabei gelang mir oft, widerspenstige Bedingungen vollkommen zu
uberwinden, oft aber auch scheiterte ich daran, weil ich nachgeben und umgehen nicht
lernen konnte. Und so ging mein Leben hin unter Tun und Geniefien, Leiden und
Widerstreben, unter Liebe, Zufriedenheit, Hafi und Mififallen anderer. Hieran spiegele
sich, dem das gleiche Schicksal geworden.»
67
Die Metamorphosenlehre
[101] Man kann Goethes Verhaltnis zu den Naturwissenschaften nicht verstehen, wenn
man sich blofi an die Einzelentdeckungen halt, die er gemacht hat. Ich sehe als leitenden
Gesichtspunkt fur die Betrachtung dieses Verhaltnisses die Worte an, die Goethe am 18.
August 1787 von Italien aus an Knebel gerichtet hat: «Nach dem, was ich bei Neapel, in
Sizilien von Pflanzen und Fischen gesehen habe, wiirde ich, wenn ich zehn Jahre jiinger
ware, sehr versucht sein, eine Reise nach Indien zu machen, nicht um etwas Neues zu
entdecken, sondern um das Entdeckte nach meiner Art anzusehen.» Auf die Art, wie
Goethe die ihm bekannten Naturerscheinungen in einer seiner Denkungsart gemafien
Naturansicht zusammengefafit hat, scheint es mir anzukommen. Wenn alle die
Einzelentdeckungen, die ihm gelungen sind, schon vor ihm gemacht gewesen waren, und
er uns nichts als seine Naturansicht gegeben hatte, so schmalerte dies die Bedeutung
seiner Naturstudien nicht im geringsten. Ich bin mit Du Bois-Reymond einer Meinung
dariiber, dafi « auch ohne Goethe die Wissenschaft iiberhaupt so weit ware, wie sie ist»,
dafi die ihm gelungenen Schritte fruher oder spater andere getan hatten. (Goethe und kein
Ende, S.l) Ich kann diese Worte nur nicht, wie es Du Bois-Reymond tut, auf den ganzen
Umfang von Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten beziehen. Ich beschranke sie auf
die in ihrem Verlaufe gemachten Einzelentdeckungen. Keine einzige derselben wiirde
uns wahrscheinlich heute fehlen, wenn Goethe sich nie mit Botanik, mit Anatomie usw.
beschaftigt hatte. Seine Naturansicht aber ist ein Ausflufi seiner Personlichkeit; kein
anderer hatte zu ihr kommen konnen. Ihn interessierten [102] auch nicht die
Einzelentdeckungen. Sie drangten sich ihm wahrend seiner Studien von selbst auf, weil
iiber die Tatsachen, die sie betreffen, zu seiner Zeit Ansichten Geltung hatten, die
unvereinbar mit seiner Art, die Dinge zu betrachten, waren. Hatte er mit dem, was die
Naturwissenschaft ihm iiberlieferte, seine Anschauung aufbauen konnen: so wiirde er
sich nie mit Detailstudien beschaftigt haben. Er mufite ins Einzelne gehen, weil das, was
ihm iiber das Einzelne von den Naturforschern gesagt wurde, seinen Forderungen nicht
entsprach. Und nur wie zufallig ergaben sich bei diesen Detailstudien die
Einzelentdeckungen. Ihn beschaftigte zunachst nicht die Frage: ob der Mensch wie die
iibrigen Tiere einen Zwischenkieferknochen in der oberen Kinnlade habe. Er wollte den
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Plan entdecken, nach dem die Natur die Stufenfolge der Tiere und auf der Hohe dieser
Stufenfolge den Menschen bildet. Das gemeinsame Urbild, das alien Tiergattungen und
zuletzt in seiner hochsten Vollkommenheit auch der Menschengattung zu Grunde liegt,
wollte er finden. Die Naturforscher sagten ihm: es besteht ein Unterschied im Bau des
tierischen und des menschlichen Korpers. Die Tiere haben in der oberen Kinnlade den
Zwischenknochen, der Mensch habe ihn nicht. Seine Ansicht war, dafi sich der
menschliche physische Bau nur dem Grade der Vollkommenheit nach von dem tierischen
unterscheiden konne, nicht aber in Einzelheiten. Denn, wenn das letztere der Fall ware,
konnte nicht ein gemeinsames Urbild der tierischen und der menschlichen Organisation
zu Grunde liegen. Er konnte mit der Behauptung der Naturforscher nichts anfangen.
Deshalb suchte er nach dem Zwischenknochen bei dem Menschen und fand ihn.
Ahnliches ist bei alien seinen Einzelentdeckungen [103] zu beobachten. Sie sind ihm nie
Selbstzweck. Sie miissen gemacht werden, um seine Vorstellungen iiber die
Naturerscheinungen als berechtigt erscheinen zu lassen.
Im Gebiete der organischen Naturerscheinungen ist das Bedeutsame in Goethes Ansicht
die Vorstellung, die er vom Wesen des Lebens aus bildete. Nicht auf die Betonung der
Tatsache, dafi Blatt, Kelch, Krone usw. Organe an der Pflanze sind, die miteinander
identisch sind, und sich aus einem gemeinschaftlichen Grundgebilde entwickeln, kommt
es an. Sondern darauf, welche Vorstellung Goethe von dem Ganzen der Pflanzennatur als
einem Lebendigen hatte und wie er sich das Einzelne aus diesem Ganzen hervorgehend
dachte. Seine Idee von dem Wesen des Organismus ist seine ureigenste zentrale
Entdeckung im Gebiete der Biologie zu nennen. Dafi sich in der Pflanze, in dem Tiere
etwas anschauen lasse, was der blofien Sinnenbeobachtung nicht zuganglich ist, war
Goethes Grundiiberzeugung. Was das leibliche Auge an dem Organismus beobachten
kann, scheint Goethe nur die Folge zu sein des lebendigen Ganzen durcheinander
wirkender Bildungsgesetze, die dem geistigen Auge allein zuganglich sind. Was er mit
dem geistigen Auge an der Pflanze, an dem Tier erschaut, das hat er beschrieben. Nur
wer ebenso wie er zu sehen fahig ist, kann seine Idee von dem Wesen des Organismus
nachdenken. Wer bei dem stehen bleibt, was die Sinne und das Experiment liefern, der
kann Goethe nicht verstehen. Wenn wir seine beiden Gedichte lesen «Die Metamorphose
69
der Pflanzen» und «Die Metamorphose der Tiere», so scheint es zunachst, als ob die
Worte uns nur von einem Glied des Organismus zum andern fuhrten, als ob blofi
aufierlich Tatsachliches verkniipft werden sollte. Wenn wir uns aber [104] durchdringen
mit dem, was Goethe als Idee des Lebewesens vorschwebt, dann fuhlen wir uns in die
Sphare des Lebendig-Organischen versetzt, und aus einer zentralen Vorstellung wachsen
die Vorstellungen iiber die einzelnen Organe hervor.
*
Als Goethe anting, selbstandig iiber die Erscheinungen der Natur nachzusinnen, nahm
vor allem andern der Begriff des Lebens seine Aufmerksamkeit in Anspruch. In einem
Briefe aus der Strafiburger Zeit vom 14. Juli 1770 schreibt er von einem Schmetterling:
«Das arme Tier zittert im Netz, streift sich die schonsten Farben ab; und wenn man es ja
unversehrt erwischt, so steckt es doch endlich steif und leblos da; der Leichnam ist nicht
das ganze Tier, es gehort noch etwas dazu, noch ein Hauptstiick, und bei der Gelegenheit,
wie bei jeder andern, ein sehr hauptsachliches Hauptstiick: das Leben.-» DaB ein
Organismus nicht wie ein totes Naturprodukt betrachtet werden kann, dafi noch mehr
darin steckt als die Krafte, die auch in der unorganischen Natur leben, war Goethe von
vornherein klar. Wenn Du Bois-Reymond meint, dafi «die rein mechanische
Weltkonstruktion, welche heute die Wissenschaft ausmacht, dem Weimarschen
DichterfTirsten nicht minder verhafit gewesen ware, als einst Friederikens Freund das
<systeme de la nature>», so hat er unzweifelhaft Recht; und nicht minder hat er Recht mit
den andern Worten: von dieser Weltkonstruktion, die «durch die Urzeugung an die Kant-
Laplace'sche Theorie grenzt, von der Entstehung des Menschen aus dem Chaos durch das
von Ewigkeit zu Ewigkeit mathematisch bestimmte Spiel der Atome, von dem eisigen
Weltende - von diesen Bildern, welche unser Geschlecht so unfuhlend ins [105] Auge
fafit, wie es an die Schrecknisse des Eisenbahnfahrens sich gewohnte - hatte Goethe sich
schaudernd abgewandt» (Goethe und kein Ende, S.35 f.). Gewifi hatte er sich schaudernd
abgewandt, weil er einen hoheren Begriff des Lebendigen suchte und ihn auch fand als
den eines komplizierten, mathematisch bestimmten Mechanismus. Nur wer unfahig ist,
einen solchen hohern Begriff zu fassen und das Lebendige mit dem Mechanischen
identifiziert, weil er am Organismus nur das Mechanische zu sehen vermag, der wird sich
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fur die mechanische Weltkonstruktion und ihr Spiel der Atome erwarmen und unfuhlend
die Bilder ins Auge fassen, die Du Bois-Reymond entwirft. Wer aber den Begriff des
Organischen im Sinne Goethes in sich aufnehmen kann, der wird iiber seine
Berechtigung ebensowenig streiten wie iiber das Vorhandensein des Mechanischen. Man
streitet ja auch nicht mit dem Farbenblinden iiber die Farbenwelt. Alle Anschauungen,
welche das Organische sich mechanisch vorstellen, verfallen dem Richterspruch, den
Goethe seinen Mephistopheles sagen lafit:
Wer will was Lebendig's erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in der Hand.
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Die Moglichkeit, sich intimer mit dem Leben der Pflanzen zu beschaftigen, fand sich fur
Goethe, als ihm der Herzog Karl August am 21. April 1776 einen Garten schenkte. Auch
durch die Streifziige im Thiiringerwald, auf denen er die Lebenserscheinungen der
niederen Organismen beobachten konnte, wird Goethe angeregt. Moose und Flechten
[106] nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Am 31. Oktober bittet er Frau von
Stein um Moose von alien Sorten, womoglich mit den Wurzeln und feucht, damit er sie
benutzen konne, um die Fortpflanzung zu beobachten. Es ist wichtig, im Auge zu
behalten, dafi Goethe sich im Anfange seiner botanischen Studien mit den niederen
Pflanzenformen beschaftigte. Denn er hat spater bei der Konzeption seiner Idee der
Urpflanze nur die hoheren Pflanzen beriicksichtigt. Dies kann also nicht davon herriihren,
dafi ihm das Gebiet der niederen fremd war, sondern davon, dafi er die Geheimnisse der
Pflanzennatur an den hoheren deutlicher ausgepragt glaubte. Er wollte die Idee der Natur
da aufsuchen, wo sie sich am klarsten offenbart und dann von dem Vollkommenen zum
Unvollkommenen herabsteigen, um dieses aus jenem zu begreifen. Nicht das
Zusammengesetzte wollte er durch das Einfache erklaren; sondern jenes mit einem Blick
als wirkendes Ganzes iiberschauen und dann das Einfache und Unvollkommene als
einseitige Ausbildung des Zusammengesetzten und Vollkommenen erklaren. Wenn die
Natur fahig ist, nach unzahligen Pflanzenformen noch eine zu machen, die sie alle
71
enfhalt, so muB auch dem Geiste beim Anschauen dieser vollkommenen Form das
Geheimnis der Pflanzenbildung in unmittelbarer Anschauung aufgehen, und er wird dann
leicht das an dem Vollkommenen Beobachtete auf das Unvollkommene anwenden
konnen. Umgekehrt machen es die Naturforscher, die das Vollkommene nur als eine
mechanische Summe der einfachen Vorgange ansehen. Sie gehen von diesem Einfachen
aus und leiten das Vollkommene von demselben ab.
Als sich Goethe nach einem wissenschaftlichen Fiihrer fur seine botanischen Studien
umsah, konnte er keinen andern [107] finden als Linne. Wir erfahren von seiner
Beschaftigung mit Linne zuerst aus den Briefen an Frau von Stein vom Jahre 1782. Wie
ernst es Goethe mit seinen naturwissenschaftlichen Bestrebungen war, geht aus dem
Interesse hervor, das er an Linnes Schriften genommen hat. Er gesteht, dafi nach
Shakespeare und Spinoza auf ihn die grofite Wirkung von Linne ausgegangen ist. Aber
wie wenig konnte ihn Linne befriedigen. Goethe wollte die verschiedenen
Pflanzenformen beobachten, um das Gemeinsame, das in ihnen lebt, zu erkennen. Er
wollte wissen, was alle diese Gebilde zu Pflanzen macht. Und Linne hatte sich damit
begniigt, die mannigfaltigsten Pflanzenformen in einer bestimmten Ordnung
nebeneinander zu stellen und zu beschreiben. Hier stiefi Goethes naive, unbefangene
Naturbeobachtung in einem einzelnen Falle auf die durch einseitig aufgefafiten
Platonismus beeinflufite Denkweise der Wissenschaft. Diese Denkweise sieht in den
einzelnen Formen Verwirklichungen urspriinglicher, nebeneinander bestehender,
platonischer Ideen oder Schopfungsgedanken. Goethe sieht in dem einzelnen Gebilde nur
eine besondere Ausgestaltung eines ideellen Urwesens, das in alien Formen lebt. Jene
Denkweise will moglichst genau die einzelnen Formen unterscheiden, um die
Vielgliedrigkeit der Ideenformen oder des Schopfungsplanes zu erkennen; Goethe will
die Vielgliedrigkeit des Besonderen aus der urspriinglichen Einheit erklaren. Dafi vieles
in mannigfaltigen Formen da ist, ist fur jene Denkungsart ohne weiteres klar, denn schon
die idealen Urbilder sind fur sie das Mannigfaltige. Fur Goethe ist das nicht klar, denn
das Viele gehort nach seiner Ansicht nur zusammen, wenn sich Eines darin offenbart.
Goethe sagt deshalb, was Linne «mit Gewalt auseinander [108] zu halten suchte, mufite
nach dem innersten Bediirfnis meines Wesens zur Vereinigung anstreben». Linne nimmt
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die vorhandenen Formen einfach hin, ohne danach zu fragen, wie sie aus einer
Grundform geworden sind: «Spezies zahlen wir so viele, als verschiedene Formen im
Prinzip geschaffen worden sind »: dies ist sein Grundsatz. Goethe sucht im Pflanzenreich
das Wirksame, das durch Spezifizierung der Grundform das Einzelne schafft.
Ein naiveres Verhaltnis zur Pfianzenwelt als bei Linne fand Goethe bei Rousseau. Am i6.
Juni 1782 schreibt er an Karl August: «In Rousseaus Werken finden sich ganz allerliebste
Briefe iiber die Botanik, worin er diese Wissenschaft auf das fafilichste und zierlichste
einer Dame vortragt. Es ist recht ein Muster, wie man unterrichten soil und eine Beilage
zum Emil. Ich nehme daher Anlafi, das schone Reich der Blumen meinen schonen
Freundinnen aufs neue zu empfehlen.» In seiner «Geschichte meines botanischen
Studiums» legt Goethe dar, was ihn zu Rousseaus botanischen Ideen hingezogen hat:
«Sein Verhaltnis zu Pflanzenfreunden und -kennern, besonders zu der Herzogin von
Portland, mag seinen Scharfblick mehr in die Breite gewiesen haben, und ein Geist wie
der seinige, der den Nationen Ordnung und Gesetz vorzuschreiben sich berufen fuhlt,
mufite doch zur Vermutung gelangen, dafi in dem unermefilichen Pflanzenreiche keine so
grofie Mannigfaltigkeit der Formen erscheinen konnte, ohne dafi ein Grundgesetz, es sei
auch noch so verborgen, sie wieder sdmtlich zur Einheit zuruckbrdchte.» Ein solches
Grundgesetz, das die Mannigfaltigkeit zur Einheit zuriickbringt, von der sie ursprunglich
ausgegangen ist, sucht auch Goethe.
Zwei Schriften vom Freiherrn von Gleichen, genannt Rufiwurm, fielen damals in Goethes
geistigen Horizont. Sie [109] behandeln beide das Leben der Pflanze in einer Weise, die
fur ihn fruchtbar werden konnte: «Das Neueste aus dem Reiche der Pflanzen» (Niirnberg
1764) und «Auserlesene mikroskopische Entdeckungen bei den Pflanzen» (Niirnberg
1777-1781). Sie beschaftigen sich mit den Befruchtungsvorgangen der Pflanzen.
Bliitenstaub, Staubfaden und Stempel sind in ihnen sorgfaltig beschrieben, und in gut
ausgefuhrten Tafeln die Vorgange bei der Befruchtung dargestellt. Goethe macht nun
selbst Versuche, um die von Gleichen-Rufiwurm beschriebenen Ergebnisse mit eigenen
Augen zu beobachten. Er schreibt am 12. Januar 1785 an Jacobi: «Ein Mikroskop ist
aufgestellt, um die Versuche des v. Gleichen, genannt Rufiwurm, mit Fruhlingseintritt
nachzubeobachten und zu kontrollieren.» Zur selben Zeit studiert er die Wesenheit des
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Samens, wie aus einem Bericht an Knebel vom 2. April 1785 hervorgeht: «Die Materie
vom Samen habe ich durchgedacht, so weit meine Erfahrungen reichen.» Diese
Beobachtungen Goethes erscheinen erst im rechten Lichte, wenn man beriicksichtigt, daB
er schon dazumal nicht bei ihnen stehen geblieben ist, sondern eine Gesamtanschauung
der Naturvorgange zu gewinnen suchte, der sie zur Stiitze und Bekraftigung dienen
sollten. Am 8. April desselben Jahres meldet er Merck, dafi er nicht nur Tatsachen
beobachtet, sondern auch «hilbsche Kombinationen» iiber diese Tatsachen gemacht habe.
*
Von wesentlichem Einflufi auf die Ausbildung der Ideen Goethes iiber organische
Naturwirkungen war der Anted, den er an Lavaters grofiem Werke: «Physiognomische
Fragmente zur Beforderung der Menschenkenntnis und [110] Menschenliebe» nahm, das
in den Jahren 1775-1778 erschienen ist. Er hat selbst Beitrage zu diesem Werke geliefert.
In der Art, wie er sich in diesen Beitragen ausspricht, ist seine spatere Weise, das
Organische anzusehen, schon vorgebildet. Lavater blieb dabei stehen, die Gestalt des
menschlichen Organismus als Ausdruck der Seele zu behandeln. Er wollte aus den
Formen der Korper die Charaktere der Seelen deuten. Goethe fing bereits damals an, die
aufiere Gestalt um ihrer selbst willen zu betrachten, ihre eigene Gesetzmafiigkeit und
Bildungskraft zu studieren. Er beschaftigt sich zugleich mit den Schriften des Aristoteles
iiber die Physiognomik und versucht es, auf Grundlage des Studiums der organischen
Gestalt, den Unterschied des Menschen von den Tieren festzustellen. Er findet diesen in
dem durch das Ganze des menschlichen Baues bedingten Hervortreten des Kopfes, in der
vollkommenen Ausbildung des menschlichen Gehirns, zu dem alle Teile wie zu einem
Organ hindeuten, auf das sie gestimmt sind. Im Gegenteil ist bei dem Tiere der Kopf an
den Riickgrat blofi angehangt, das Gehirn, das Riickenmark haben nicht mehr Umfang als
zur Auswirkung der untergeordneten Lebensgeister und zur Leitung der blofi sinnlichen
Verrichtungen unbedingt notwendig ist. Goethe sucht schon damals den Unterschied des
Menschen von den Tieren nicht in irgend einem einzelnen, sondern in dem verschiedenen
Grade der Vollkommenheit, den das gleiche Grundgebilde in dem einen oder anderen
Falle erreicht. Es schwebt ihm bereits das Bild eines Typus vor, der sowohl bei den
Tieren wie beim Menschen sich findet, der bei den ersteren so ausgebildet ist, dafi der
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ganze Bau den animalischen Funktionen dient, wahrend bei letzterem der Bau das
Grundgeriiste fur die Entwicklung des Geistes abgibt. [Ill] Aus solchen Betrachtungen
heraus erwachst Goethes Spezialstudium der Anatomie. Am 22. Januar 1776 berichtet er
an Lavater: «Der Herzog hat mir sechs Schadel kommen lassen, habe herrliche
Bemerkungen gemacht, die Euer Hochwiirden zu Diensten stehen, wenn dieselben Sie
nicht ohne mich fanden.» Im Tagebuche Goethes lesen wir unter dem i Oktober 1781,
dafi er in Jena mit dem alten Einsiedel Anatomie trieb und in demselben Jahre fing er an,
sich von Loder in diese Wissenschaft genauer einfuhren zu lassen. Er erzahlt davon in
Briefen an Frau von Stein vom 29. Oktober 1781 und an den Herzog vom 4. November.
Er hat auch die Absicht, den jungen Leuten an der Zeichenakademie «das Skelett zu
erklaren und sie zur Kenntnis des menschlichen Korpers anzufuhren». - «Ich tue es», sagt
er, «um meinet- und ihretwillen; die Methode, die ich gewahlt habe, wird sie diesen
Winter iiber vollig mit den Grundsaulen des Korpers bekannt machen. » Er hat, wie aus
dem Tagebuch zu ersehen, diese Vorlesungen auch gehalten. Auch mit Loder hat er in
dieser Zeit iiber den Bau des menschlichen Korpers manches Gesprach gefuhrt. Und
wieder ist es seine allgemeine Naturansicht, die als treibende Kraft und als eigentliches
Ziel dieser Studien erscheint. Er behandelt die« Knochen als einen Text, woran sich alles
Leben und alles Menschliche anhangen lafit» (Briefe an Lavater und Merck vom 14.
November 1781). Vorstellungen iiber das Wirken des Organischen, iiber den
Zusammenhang der menschlichen Bildung mit der tierischen beschaftigen damals seinen
Geist. Dafi der menschliche Bau nur die hochste Stufe des tierischen ist, und dafi er durch
diesen vollkommeneren Grad des Tierischen die sittliche Welt aus sich hervorbringt, ist
eine Idee, die bereits in der Ode «das Gottliche »vom Jahre 1782 niedergelegt ist. [112]
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von alien Wesen,
Die wir kennen.
Nach ewigen, ehrnen,
75
Grofien Gesetzen
Mussen wir alle
Unsers Daseins
Kreise vollenden.
Die «ewigen, ehrnen Gesetze» wirken im Menschen gerade so wie in der iibrigen
Organismenwelt; sie erreichen in ihm nur eine Vollkommenheit, durch die es ihm
moglich ist, «edel, hilfreich und gut» zu sein.
Wahrend in Goethe sich solche Ideen immer mehr festsetzten, arbeitete Herder an seinen
«Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit». Alle Gedanken dieses
Buches wurden von den beiden durchgesprochen. Goethe war von Herders Auffassung
der Natur befriedigt. Sie fiel mit seinen eigenen Vorstellungen zusammen. «Herders
Schrift macht wahrscheinlich, dafi wir erst Pflanzen und Tiere waren... Goethe griibelt
jetzt gar denkreich in diesen Dingen und jedes, was erst durch seine Vorstellung
gegangen ist, wird aufierst interessant», schreibt am 1. Mai 1784 Frau von Stein an
Knebel. Wie sehr man berechtigt ist, von Herders Ideen auf die Goethes zu schliefien,
zeigen die Worte, die Goethe am 8. Dez. 1783 an Knebel richtet: «Herder schreibt eine
Philosophie der Geschichte, wie Du Dir denken [113] kannst, von Grund aus neu. Die
ersten Kapitel haben wir vorgestern zusammen gelesen, sie sind kostlich.» Satze wie die
folgenden liegen ganz in Goethes Denkrichtung. «Das Menschengeschlecht ist der grofie
Zusammenflufi niederer organischer Krafte.» « Und so konnen wir den vierten Satz
annehmen: dafi der Mensch ein Mittelgeschopf unter den Tieren, d. i. die ausgearbeitete
Form sei, in der sich die Zuge aller Gattungen um ihn her im feinsten Inbegriff
sammeln.»
Mit solchen Vorstellungen war allerdings die Ansicht der damaligen Anatomen nicht zu
vereinigen, dafi der kleine Knochen, den die Tiere in der oberen Kinnlade haben, der
Zwischenkiefer, der die oberen Schneidezahne enthalt, dem Menschen fehle. Sommering,
einer der bedeutendsten Anatomen der damaligen Zeit, schrieb am 8. Oktober 1782 an
Merck: «Ich wiinschte, dafi Sie Blumenbach nachsahen, wegen des ossis intermaxillaris,
der ceteris paribus der einzige Knochen ist, den alle Tiere vom Affen an, selbst der
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Orang-Utang eingeschlossen, haben, der sich hingegen nie beim Menschen findet; wenn
Sie diesen Knochen abrechnen, so fehlt Ihnen nichts, um nicht alles vom Menschen auf
die Tiere transferieren zu konnen. Ich lege deshalb einen Kopf von einer Hirschkuh bei,
um Sie zu iiberzeugen, dafi dieses os intermaxillare (wie es Blumenbach) oder os
incisivum (wie es Camper nennt) selbst bei Tieren vorhanden ist, die keine
Schneidezahne in der oberen Kinnlade haben.» Das war die allgemeine Meinung der Zeit.
Auch der beriihmte Camper, fur den Merck und Goethe die innigste Verehrung hatten,
bekannte sich zu ihr. Der Umstand, dafi der Zwischenknochen beim Menschen links und
rechts mit den Oberkieferknochen verwachsen ist, ohne dafi bei einem normal gebildeten
Individuum eine deutliche Grenze zu [114] sehen ist, hat zu dieser Ansicht gefuhrt.
Hatten die Gelehrten recht gehabt mit derselben, dann ware es unmoglich, ein
gemeinsames Urbild fur den Bau des tierischen und menschlichen Organismus
aufzustellen; eine Grenze zwischen den beiden Formen miifite angenommen werden. Der
Mensch ware nicht nach dem Urbilde geschaffen, das auch den Tieren zu Grunde liegt.
Dieses Hindernis seiner Weltanschauung mufite Goethe hinwegraumen. Es gelang ihm
im Fruhling 1784 in Gemeinschaft mit Loder. Nach seinem allgemeinen Grundsatze,
«dafi die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen
Beobachter nackt vor die Augen stellt», ging Goethe vor. Er fand bei einzelnen abnorm
gebildeten Schadeln die Grenze zwischen Ober- und Zwischenkiefer wirklich vorhanden.
Freudig berichtet er von dem Fund am 27. Marz an Herder und Frau von Stein. An
Herder schreibt er: «Es soil Dich auch herzlich freuen, denn es ist wie der Schlufistein
zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da! Aber wie! Ich habe mirs auch in Verbindung mit
Deinem Ganzen gedacht, wie schon es da wird.» Und als Goethe die Abhandlung, die er
iiber die Sache geschrieben hat, im November 1784 an Knebel schickt, deutet er die
Bedeutung, die er der Entdeckung fur seine ganze Vorstellungswelt beilegt, mit den
Worten an: «Ich habe mich enthalten, das Resultat, worauf schon Herder in seinen Ideen
deutet, schon jetzt merken zu lassen, dafi man ndmlich den Unterschied des Menschen
vom Tier in nichts einzelnem finden kdnne.» Goethe konnte erst Vertrauen zu seiner
Naturansicht gewinnen, als die irrtumliche Ansicht iiber das fatale Knochelchen beseitigt
war. Er gewann allmahlich den Mut, seine Ideen iiber die Art, wie die Natur, mit einer
Hauptform gleichsam spielend, das mannigfaltige Leben hervorbringt, [115] «auf alle
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Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen». In diesem Sinne schreibt er im
Jahre 1786 an Frau von Stein.
Immer lesbarer wird Goethe das Buch der Natur, nachdem er den einen Buchstaben
richtig entziffert hat. «Mein langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkts auf
einmal und meine stille Freude ist unaussprechlich», schreibt er der Frau von Stein am
15. Mai 1785. Er halt sich jetzt auch bereits fur fahig, eine kleine botanische Abhandlung
fur Knebel zu schreiben. Die Reise, die er 1785 nach Karlsbad mit diesem zusammen
unternimmt, wird zu einer formlichen botanischen Studienreise. Nach der Riickkehr
werden mit Hilfe Linnes die Reiche der Pilze, Moose, Flechten und Algen
durchgegangen. Er teilt am 9. November der Frau von Stein mit: «Ich lese Linne fort,
denn ich muB wohl, ich habe kein anderes Buch. Es ist das die beste Art, ein Buch gewifi
zu lesen, die ich ofters praktizieren mufi, besonders da ich nicht leicht ein Buch auslese.
Dieses ist aber vorzuglich nicht zum Lesen, sondern zum Rekapitulieren gemacht und tut
mir nun treffliche Dienste, da ich iiber die meisten Punkte selbst gedacht habe.» Wahrend
dieser Studien bekommt auch die Grundform, aus welcher die Natur alle mannigfaltigen
Pflanzengebilde herausarbeitet, einzelne, wenn auch noch nicht deutliche Umrisse in
seinem Geiste. In einem Briefe an die Frau von Stein vom 9. Juli 1786 sind die Worte
enthalten: «Es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam
nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt.» [1 16] Im April und
Mai 1786 beobachtete Goethe durch das Mikroskop die niederen Organismen, die sich in
Aufgiissen verschiedener Substanzen (Pisangmark, Kaktus, Triiffeln, Pfefferkornern, Tee,
Bier usw.) entwickeln. Er notiert sorgfaltig die Vorgange, die er an diesen Lebewesen
beobachtet und verfertigt Zeichnungen dieser organischen Formen (vgl. Goethes
naturwissenschaftliche Schriften in der Sophien-Ausgabe, 2. Abteilung, Band 7, S.289-
309). Man kann auch aus diesen Notizen ersehen, dafi Goethe der Erkenntnis des Lebens
nicht durch solche Beobachtung niederer und einfacher Organismen naher zu kommen
sucht. Es ist ganz offenbar, dafi er die wesentlichen Ziige der Lebensvorgange an den
hoheren Organismen ebenso zu erfassen glaubt, wie an den niederen. Er ist der Ansicht,
dafi sich an dem Infusionstierchen dieselbe Art von Gesetzmafiigkeit wiederholt, die das
Auge des Geistes an dem Hund wahrnimmt. Die Beobachtung durch das Mikroskop lehrt
78
nur Vorgange kennen, die im Kleinen das sind, was das unbewaffnete Auge im Grofien
sieht. Sie bietet eine Bereicherung der sinnlichen Erfahrung. Einer hdheren Art des
Anschauens, nicht einer Verfolgung der den Sinnen zuganglichen Vorgange bis in ihre
kleinsten Bestandteile, offenbart sich das Wesen des Lebens. Goethe sucht dieses Wesen
durch die Betrachtung der hoheren Pflanzen und Tiere zu erkennen. Er wiirde diese
Erkenntnis ohne Zweifel in derselben Weise gesucht haben, auch wenn zu seiner Zeit die
Pflanzen- und Tieranatomie schon ebenso weit vorgeschritten gewesen ware, wie sie
gegenwartig ist. Wenn Goethe die Zellen, aus denen sich der Pflanzen- und Tierkorper
aufbaut, hatte beobachten konnen, so wiirde er erklart haben, dafi sich an diesen
elementaren organischen Formen dieselbe Gesetzmafiigkeit [117] zeigt, die auch am
Zusammengesetzten wahrzunehmen ist. Er hatte sich durch dieselben Ideen, durch die er
sich die Lebensvorgange der hoheren Organismen erklarte, auch die Erscheinungen an
diesen kleinen Wesen begreiflich gemacht.
Den losenden Gedanken des Ratsels, das ihm die organische Bildung und Umbildung
aufgegeben hat, findet Goethe erst in Italien. Am 3. September verlafit er Karlsbad, um
nach dem Siiden zu gehen. In wenigen, aber bedeutsamen Satzen schildert er in seiner
«Geschichte meines botanischen Studiums » (Kiirschner, Band 33, S. 61 ff.) die
Gedanken, welche die Beobachtung der Pflanzenwelt in ihm aufregt bis zu dem
Augenblicke, da ihm in Sizilien eine klare Vorstellung dariiber sich offenbart, wie es
moglich ist, dafi den Pflanzenformen «bei einer eigensinnigen, generischen und
spezifischen Hartnackigkeit eine gluckliche Mobilitat und Biegsamkeit verliehen ist, um
in so viele Bedingungen, die iiber dem Erdkreis auf sie einwirken, sich zu fiigen und
darnach bilden und umbilden zu konnen». Beim Ubergang iiber die Alpen, im
botanischen Garten von Padua und an anderen Orten zeigte sich ihm das «Wechselhafte
der Pflanzengestalten». «Wenn in der tiefern Gegend Zweige und Stengel starker und
mastiger waren, die Augen naher aneinander standen und die Blatter breit waren, so
wurden hoher ins Gebirge hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen riickten
auseinander, so dafi von Knoten zu Knoten ein grofierer Zwischenraum stattfand und die
Blatter sich lanzenformiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer Weide und einer
Gentiana und iiberzeugte mich, dafi es nicht etwa verschiedene Arten waren. Auch am
79
Walchensee bemerkte ich langere und schlankere Binsen, als im Unterland» (Italienische
Reise, 8. Sept.). [118] Am 8. Oktober findet er in Venedig am Meere verschiedene
Pflanzen, an denen ihm die Wechselbeziehung des Organischen zu seiner Umgebung
besonders anschaulich wird. «Sie sind alle zugleich mastig und streng, saftig und zah,
und es ist offenbar, dafi das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft ihnen
diese Eigenschaften gibt; sie strotzen von Saften wie Wasserpflanzen, sie sind fest und
zah wie Bergpflanzen; wenn ihre Blatterenden eine Neigung zu Stacheln haben, wie
Disteln tun, sind sie gewaltig spitz und stark. Ich fand einen solchen Busch Blatter; es
schien mir unser unschuldiger Huflattich, hier aber mit scharfen Waffen bewaffnet, und
das Blatt wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles mastig und fett»
(Italienische Reise). Im botanischen Garten zu Padua bekommt der Gedanke in Goethes
Geiste eine bestimmtere Gestalt, wie man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer
entwickeln konne (Italienische Reise, 27. Sept.); im November teilt er Knebel mit: «So
freut mich doch mein bifichen Botanik erst recht in diesen Landen, wo eine frohere,
weniger unterbrochene Vegetation zu Hause ist. Ich habe schon recht artige, ins
allgemeine gehende Bemerkungen gemacht, die auch Dir in der Folge angenehm sein
werden.» Am 25. Marz 1787 kommt ihm eine «gute Erleuchtung iiber botanische
Gegenstande». Er bittet Herdern zu sagen, dafi er mit der Urpflanze bald zustande sei.
Nur flirchtet er, «dafi niemand die iibrige Pflanzenwelt darin wird erkennen wollen »
(Italienische Reise). Am 7. April geht er mit dem «festen, ruhigen Vorsatz, seine
dichterischen Traume fortzusetzen, nach dem offentlichen Garten». Alle in ehe er sich's
versieht, erhascht ihn das Pflanzenwesen wie ein Gespenst. «Die vielen Pflanzen, die ich
sonst nur in Kiibeln [119] und Topfen, ja die grofite Zeit des Jahres nur hinter
Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel, und
indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfullen, werden sie uns deutlicher. Im
Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes, fiel mir die alte Grille wieder ein: ob
ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken konnte? Eine solche mufi es denn
doch geben! woran wtirde ich sonst erkennen, dafi dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze
sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wdren.» Er bemiiht sich, die
abweichenden Gestalten zu unterscheiden, aber immer wieder werden seine Gedanken zu
dem einen Urbild, das ihnen alien zu Grunde liegt, hingelenkt (Italienische Reise, 7. April
80
1787). Goethe legt sich ein botanisches Tagebuch an, in dem er alle wahrend der Reise
iiber das Pflanzenreich gemachten Erfahrungen und Reflexionen einzeichnet (vgl.
Sophien-Ausgabe, 2. Abt, Band 7, S.273 ff.). Diese Tagebuchblatter zeigen, wie
unermiidlich er damit beschaftigt ist, Pflanzenexemplare ausfindig zu machen, die
geeignet sind, auf die Gesetze des Wachstums und der Fortpflanzung hinzuleiten. Glaubt
er irgend einem Gesetze auf der Spur zu sein, so stellt er es zunachst in hypothetischer
Form auf, um es sich dann im Verlauf seiner weiteren Erfahrungen bestatigen zu lassen.
Die Vorgange der Keimung, der Befruchtung, des Wachstums notiert er sorgfaltig. DaB
das Blatt das Grundorgan der Pfianze ist, und daB die Formen aller iibrigen
Pflanzenorgane am besten zu verstehen sind, wenn man sie als umgewandelte Blatter
betrachtet, leuchtet ihm immer mehr ein. Er schreibt in das Tagebuch: «Hypothese: Alles
ist Blatt und durch diese Einfachheit wird die grofite Mannigfaltigkeit moglich.» Und am
,7. Mai teilt er Herder mit: « Ferner [120] muB ich Dir vertrauen, dafi ich dem Geheimnis
der Pflanzenzeugung und Organisation ganz nahe bin, und dafi es das Einfachste ist, was
nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann man die schonsten Beobachtungen
machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe ich ganz klar und zweifellos
gefunden; alles iibrige sehe ich auch schon im Ganzen und nur einige Punkte miissen
bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschopf von der Welt, um
welches mich die Natur selbst beneiden soil. Mit diesem Modell und dem Schliissel dazu
kann man alsdann noch Pflanzen ins unendliche erfinden, die konsequent sein miissen,
das heifit: die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren konnten, und nicht etwa
malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche
Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles iibrige
Lebendige anwenden lassen «Vorwarts und riickwarts ist die Pfianze immer nur Blatt,
mit dem kiinftigen Keime so unzertrennlich vereint, dafi man eins ohne das andere nicht
denken darf Einen solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn in der Natur aufzufinden,
ist eine Aufgabe, die uns in einen peinlich siifien Zustand versetzt» (Italienische Reise).
*
Goethe nimmt zur Erklarung der Lebenserscheinungen einen Weg, der ganzlich
verschieden ist von denen, welche die Naturforscher gewohnlich gehen. Diese scheiden
81
sich in zwei Parteien. Es gibt Verteidiger einer in den organischen Wesen wirkenden
Lebenskraft, die gegeniiber anderen Naturursachen eine besondere, hohere Krafteform
darstellt. Wie es Schwerkraft, chemische Anziehung und Abstofiung, [121] Magnetismus
usw. gibt, so soil es auch eine Lebenskraft geben, welche die Stoffe des Organismus in
eine solche Wechselwirkung bringt, dafl dieser sich erhalten, wachsen, nahren und
fortpflanzen kann. Die Naturforscher, welche dieser Meinung sind, sagen: in dem
Organismus wirken dieselben Krafte wie in der iibrigen Natur; aber sie wirken nicht wie
in einer leblosen Maschine. Sie werden von der Lebenskraft gleichsam eingefangen und
auf eine hohere Stufe des Wirkens gehoben. Den Bekennern dieser Meinung stehen
andere Naturforscher gegeniiber, welche glauben, dafi in den Organismen keine
besondere Lebenskraft wirke. Sie halten die Lebenserscheinungen fur komplizierte
chemische und physikalische Vorgange und geben sich der Hoffhung hin, dafi es einst
vielleicht gelingen werde, einen Organismus ebenso durch Zuruckfuhrung auf
unorganische Kraftwirkungen zu erklaren wie eine Maschine. Die erste Ansicht wird als
Vitalismus, die andere als Mechanismus bezeichnet. Von beiden ist die Goethesche
Auffassungsweise durchaus verschieden. Dafi in dem Organismus noch etwas anderes
wirksam ist, als die Krafte der unorganischen Natur, erscheint ihm selbstverstandlich. Zur
mechanischen Auffassung der Lebenserscheinungen kann er sich nicht bekennen.
Ebensowenig sucht er, um die Wirkungen im Organismus zu erklaren, nach einer
besonderen Lebenskraft. Er ist iiberzeugt, dafi zur Erfassung der Lebensvorgange eine
Anschauung gehort, die anderer Art ist als diejenige, durch welche die Erscheinungen der
unorganischen Natur wahrgenommen werden. Wer zur Annahme einer Lebenskraft sich
entschliefit, der sieht zwar ein, dafi die organischen Wirkungen nicht mechanisch sind,
aber es fehlt ihm zugleich die Fahigkeit, jene andere Art der Anschauung [122] in sich
auszubilden, durch die ihm das Organische erkennbar werden konnte. Die Vorstellung
der Lebenskraft bleibt dunkel und unbestimmt. Ein neuerer Anhanger des Vitalismus,
Gustav Bunge, meint: «In der kleinsten Zelle - da stecken schon alle Ratsel des Lebens
drin, und bei der Erforschung der kleinsten Zelle - da sind wir mit den bisherigen
Hilfsmitteln bereits an der Grenze angelangt» («Vitalismus und Mechanismus», Leipzig
1886, S. 7). Es ist durchaus im Sinne der Goetheschen Denkweise, darauf zu antworten:
Dasjenige Anschauungsvermogen, welches nur das Wesen der unorganischen
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Erscheinungen erkennt, ist mit seinen Hilfsmitteln an der Grenze angelangt, die
iiberschritten werden mufi, um das Lebendige zu erfassen. Dieses Anschauungsvermogen
wird aber nie innerhalb seines Bereiches Mittel finden, die zur Erklarung des Lebens
auch nur der kleinsten Zelle geeignet sein konnen. Wie zur Wahrnehmung der
Farbenerscheinungen das Auge gehort, so gehort zur Auffassung des Lebens die
Fahigkeit, in dem Sinnlichen ein Ubersinnliches unmittelbar anzuschauen. Dieses
Ubers innliche wird demjenigen immer entschliipfen, der nur die Sinne auf die
organischen Formen richtet. Goethe sucht die sinnliche Anschauung der
Pflanzengestalten auf eine hohere Art zu beleben und sich die sinnliche Form einer
iibersinnlichen Urpflanze vorzustellen (vgl.« Geschichte meines botanischen Studiums»
in Kiirschner, Band 33, S.80). Der Vitalist nimmt seine Zufiucht zu dem inhaltleeren
Begriff der Lebenskraft, weil er das, was seine Sinne im Organismus nicht wahrnehmen
konnen, uberhaupt nicht sieht. Goethe sieht das Sinnliche von einem iibersinnlichen so
durchdrungen, wie eine gefarbte Flache von der Farbe. [123] Die Anhanger des
Mechanismus sind der Ansicht, dafi es einmal gelingen konne, lebende Substanzen auf
kiinstlichem Wege aus unorganischen Stoffen herzustellen. Sie sagen, vor noch nicht
vielen Jahren wurde behauptet, dafi es im Organismus Substanzen gebe, die nicht auf
kiinstlichem Wege, sondern nur durch die Wirkung der Lebenskraft entstehen konnen.
Gegenwartig ist man bereits imstande, einige dieser Substanzen kiinstlich im
Laboratorium zu erzeugen. Ebenso konne es dereinst moglich sein, aus Kohlensaure,
Ammoniak, Wasser und Salzen ein lebendiges Eiweifi herzustellen, welches die
Grundsubstanz der einfachsten Organismen ist. Dann, meinen die Mechanisten, werde
unbestreitbar erwiesen sein, dafi Leben nichts weiter ist, als eine Kombination
unorganischer Vorgange, der Organismus nichts weiter als eine auf natiirlichem Wege
entstandene Maschine.
Vom Standpunkte der Goetheschen Weltanschauung ist darauf zu erwidern: die
Mechanisten sprechen in einer Weise von Stoffen und Kraften, die durch keine Erfahrung
gerechtfertigt ist. Und man hat sich an diese Weise zu sprechen so gewohnt, dafi es sehr
schwer wird, diesen Begriffen gegeniiber die reinen Ausspriiche der Erfahrung geltend zu
machen. Man betrachte aber doch einen Vorgang der Aufienwelt unbefangen. Man
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nehme ein Quantum Wasser von einer bestimmten Temperatur. Wodurch weifi man
etwas von diesem Wasser? Man sieht es an und bemerkt, dafi es einen Raum einnimmt
und zwischen bestimmten Grenzen eingeschlossen ist. Man steckt den Finger oder ein
Thermometer hinein, und findet es mit einem bestimmten Grade von Warme behaftet.
Man driickt gegen seine Oberflache und erfahrt, dafi es fliissig ist. Das sind Ausspriiche,
welche die [124] Sinne iiber den Zustand des Wassers machen. Nun erhitze man das
Wasser. Es wird sieden und zuletzt sich in Dampf verwandeln. Wieder kann man sich
durch die Wahrnehmung der Sinne von den Beschaffenheiten des Korpers, des Dampfes,
in den sich das Wasser verwandelt hat, Kenntnis verschaffen. Statt das Wasser zu
erhitzen, kann man es dem elektrischen Strom unter gewissen Bedingungen aussetzen. Es
verwandelt sich in zwei Korper, Wasserstoff und Sauerstoff. Auch iiber die
Beschaffenheit dieser beiden Korper kann man sich durch die Aussagen der Sinne
belehren. Man nimmt also in der Korperwelt Zustande wahr und beobachtet zugleich, dafi
diese Zustande unter gewissen Bedingungen in andere iibergehen. Uber die Zustande
unterrichten die Sinne. Wenn man noch von etwas anderem als von Zustanden, die sich
verwandeln, spricht, so beschrankt man sich nicht mehr auf den reinen Tatbestand,
sondern man fugt zu demselben Begriffe hinzu. Sagt man, der Sauerstoff und der
Wasserstoff, die sich durch den elektrischen Strom aus dem Wasser entwickelt haben,
seien schon im Wasser enthalten gewesen, nur so innig miteinander verbunden, dafi sie in
ihrer Selbstandigkeit nicht wahrzunehmen waren, so hat man zu der Wahrnehmung einen
Begriff hinzugefugt, durch den man sich das Hervorgehen der beiden Korper aus dem
einen erklart. Und wenn man weitergeht und behauptet, Sauerstoff und Wasserstoff seien
Stoffe, was man schon durch die Namen tut, die man ihnen beilegt, so hat man ebenfalls
zu dem Wahrgenommenen einen Begriff hinzugefugt. Denn tatsdchlich ist in dem
Raume, der vom Sauerstoff eingenommen wird, nur eine Summe von Zustanden
wahrzunehmen. Zu diesen Zustanden denkt man den Stoff hinzu, an dem sie haften
sollen. Was man von [125] dem Sauerstoff und dem Wasserstoff in dem Wasser schon
vorhanden denkt, das Stoffliche, ist ein Gedachtes, das zu dem Wahmehmungsinhalt
hinzugefugt ist. Wenn man Wasserstoff und Sauerstoff durch einen chemischen Prozefi
zu Wasser vereinigt, so kann man beobachten, dafi eine Summe von Zustanden in eine
andere ubergeht. Wenn man sagt: es haben sich zwei einfache Stoffe zu einem
84
zusammengesetzten vereinigt, so hat man eine begriffliche Auslegung des
Beobachtungsinhaltes versucht. Die Vorstellung« Stoff» erhalt ihren Inhalt nicht aus der
Wahrnehmung, sondern aus dem Denken. Ein ahnliches wie vom «Stoffe» gilt von der
«Kraft». Man sieht einen Stein zur Erde fallen. Was ist der Inhalt der Wahrnehmung?
Eine Summe von Sinneseindriicken, Zustanden, die an aufeinanderfolgenden Orten
auftreten. Man sucht sich diese Veranderung in der Sinnenwelt zu erklaren, und sagt: die
Erde ziehe den Stein an. Sie habe eine «Kraft», durch die sie ihn zu sich hinzwingt.
Wieder hat unser Geist eine Vorstellung zu dem Tatbestande hinzugefiigt und derselben
einen Inhalt gegeben, der nicht aus der Wahrnehmung stammt. Nicht Stoffe und Krafte
nimmt man wahr, sondern Zustande und deren Ubergange in einander. Man erkldrt sich
diese Zustandsanderungen durch Hinzufugung von Begriffen zu den Wahrnehmungen.
Man nehme einmal an, es gebe ein Wesen, das Sauerstoff und Wasserstoff wahrnehmen
konnte, nicht aber Wasser. Wenn wir vor den Augen eines solchen Wesens den
Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser vereinigten, so verschwanden vor ihm die
Zustande, die es an den beiden Stoffen wahrgenommen hat, in nichts. Wenn wir ihm nun
die Zustande auch beschrieben, die wir am Wasser wahrnehmen: [126] es konnte sich
von ihnen keine Vorstellung machen. Das beweist, dafi in den Wahrnehmungsinhalten
des Sauerstoffes nichts liegt, aus dem der Wahrnehmungsinhalt Wasser abzuleiten ist.
Ein Ding besteht aus zwei oder mehreren anderen, heifit: es haben sich zwei oder mehrere
Wahrnehmungsinhalte in einen zusammenhangenden, aber den ersteren gegeniiber
durchaus neuen, verwandelt.
Was ware also erreicht, wenn es gelange, Kohlensaure, Ammoniak, Wasser und Salze
kiinstlich zu einer lebenden Eiweifisubstanz im Laboratorium zu vereinigen? Man wiifite,
dafi die Wahrnehmungsinhalte der vielerlei Stoffe sich zu einem Wahrnehmungsinhalt
vereinigen konnen. Aber dieser Wahrnehmungsinhalt ist aus jenen durchaus nicht
abzuleiten. Der Zustand des lebenden Eiweifies kann nur an diesem selbst beobachtet,
nicht aus den Zustanden der Kohlensaure, des Ammoniaks, des Wassers und der Salze
herausentwickelt werden. Im Organismus hat man etwas von den unorganischen
Bestandteilen, aus denen er aufgebaut werden kann, vollig verschiedenes vor sich. Die
sinnlichen Wahrnehmungsinhalte verwandeln sich bei der Entstehung des Lebewesens in
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sinnlich-iibersinnliche. Und wer nicht die Fahigkeit hat, sich sinnlich-ubersinnliche
Vorstellungen zu machen, der kann von dem Wesen eines Organismus ebensowenig
etwas wissen, wie jemand vom Wasser etwas erfahren konnte, wenn ihm die sinnliche
Wahrnehmung desselben unzuganglich ware.
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Die Keimung, das Wachstum, die Umwandlung der Organe, die Ernahrung und
Fortpflanzung des Organismus sich als sinnlich-iibersinnlichen Vorgang vorzustellen,
war [127] Goethes Bestreben bei seinen Studien iiber die Pflanzen- und die Tierwelt. Er
bemerkte, dafi dieser sinnlich-ubersinnliche Vorgang in der Idee bei alien Pflanzen
derselbe ist, und dafi er nur in der aufieren Erscheinung verschiedene Formen annimmt.
Dasselbe konnte Goethe fur die Tierwelt feststellen. Hat man die Idee der sinnlich-
iibersinnlichen Urpflanze in sich ausgebildet, so wird man sie in alien einzelnen
Pflanzenformen wiederfinden. Die Mannigfaltigkeit entsteht dadurch, dafi das der Idee
nach Gleiche in der Wahrnehmungswelt in verschiedenen Gestalten existieren kann. Der
einzelne Organismus besteht aus Organen, die auf ein Grundorgan zuriickzufuhren sind.
Das Grundorgan der Pflanze ist das Blatt mit dem Knoten, an dem es sich entwickelt.
Dieses Organ nimmt in der aufieren Erscheinung verschiedene Gestalten an: Keimblatt,
Laubblatt, Kelchblatt, Kronenblatt usw. «Es mag nun die Pflanze sprossen, bliihen oder
Friichte bringen, so sind es doch nur immer die selbigen Organe, welche in vielfaltigen
Bestimmungen und unter oft veranderten Gestalten die Vorschrift der Natur erfullen.»
Um ein vollstandiges Bild der Urpflanze zu erhalten, mufite Goethe die Formen im
allgemeinen verfolgen, welche das Grundorgan im Fortgang des Wachstums einer
Pflanze von der Keimung bis zur Samenreife durchmacht. Im Anfang ihrer Entwicklung
ruht die ganze Pflanzengestalt in dem Samen. In diesem hat die Urpflanze eine Gestalt
angenommen, durch die sie ihren ideellen Inhalt gleichsam in der aufieren Erscheinung
verbirgt. [128] Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hiille gebeugt,
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Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos
Trocken erhalt so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
(Kiirschner, Band 33, S.105)
Aus dem Samen entwickelt die Pflanze die ersten Organe, die Kotyledonen, nachdem sie
«ihre Hiillen mehr oder weniger in der Erde» zuriickgelassen und «die Wurzel in den
Boden » befestigt hat. Und nun folgt im weiteren Verlaufe des Wachstums Trieb auf
Trieb; Knoten auf Knoten tiirmt sich iibereinander, und an jedem Knoten findet sich ein
Blatt. Die Blatter erscheinen in verschiedenen Gestalten. Die unteren noch einfach, die
oberen mannigfach gekerbt, eingeschnitten, aus mehreren Blattchen zusammengesetzt.
Die Urpflanze breitet auf dieser Stufe der Entwicklung ihren sinnlich-ubersinnlichen
Inhalt im Raume als aufiere sinnliche Erscheinung aus. Goethe stellt sich vor, dafi die
Blatter ihre fortschreitende Ausbildung und Verfeinerung dem Lichte und der Luft
schuldig sind. «Wenn wir jene in der verschlossenen Samenhiille erzeugten Kotyledonen,
mit einem rohen Safte nur gleichsam ausgestopft, fast gar nicht oder nur grob organisiert
und ungebildet finden, so zeigen sich uns die Blatter der Pflanzen, welche unter dem
Wasser wachsen, grober organisiert als andere, der freien Luft ausgesetzte; ja, sogar
entwickelt die selbige Pflanzenart glattere und weniger verfeinerte Blatter, wenn sie in
tiefen, [129] feuchten Orten wachst, da sie hingegen, in hohere Gegenden versetzt, rauhe,
mit Haaren versehene, feiner ausgebildete Blatter hervorbringt.» (Kiirschner, Band
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