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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Geschichtliche Symptomatolo|
Neun Vortrage, gehalten in Dornach
vom 18. Oktober bis 3. November 1918
1982
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung
Die Herausgabe besorgten J. Waeger (f) und R. Friedenthal
1. Auflage Dornach 1942
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962
3., neu durchgesehene Auflage
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1982
Bibliographie-Nr. 185
Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel
ISBN 3-7274-1850-8
2» den Veroffentlicbungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, muli gegenuber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 18. Oktober 1918 9
Das Heraufkommen des Bewufitseins-Impulses
Zweiter Vortrag, 19. Oktober 1918 35
Zur Symptomatologie der neueren Zeit
Dritter Vortrag, 20. Oktober 1918 61
Charakteristische Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome
Vierter Vortrag, 25. Oktober 1918 83
Die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denkweise
als Symptom
Funfter Vortrag, 26. Oktober 1918 105
Das iibersinnliche Element in der Geschichtsbetrachtung
Sechster Vortrag, 27. Oktober 1918 125
Episodische Betrachtung zum Erscheinen der neuen Auflage der
«Philosophie der Freiheit»
Siebenter Vortrag, 1. November 1918 151
Episodische Betrachtungen anlafilich der neuen Auflage von
«Goethes Weltanschauung))
Achter Vortrag, 2. November 1918 179
Religionsgeschichtliche Impulse des funften nachatlantischen
Zeitraums
Neunter Vortrag, 3. November 1918 198
Der Zusammenhang tieferer europaischer Impulse mit den Impulsen
der Gegenwart
Hinweise 233
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 245
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 251
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 253
ERSTER VORTRAG
Dornach, 18. Oktober 1918
Ich werde versudien, heute, morgen und iibermorgen einiges Bedeu-
tungsvolle anzukniipfen an die Betrachtung, die ich in der vorigen
Woche hier vor Ihnen angestellt habe. Was ich ankniipfen will an diese
Dinge, die uns bis zu einer gewissen Tiefe hineingefiihrt haben in die
Impulse, welche die neuere Menschheitsentwickelung beherrschen, das
soli sich herausergeben aus allerlei Wendepunkten des neueren ge-
schichtlichen Lebens. Wir wollen versuchen, dieses neuere geschichtliche
Leben bis zu dem Punkte zu betrachten, an dem wir sehen konnen,
wie die Menschenseele in der Gegenwart im Weltenzusammenhange
drinnensteht, sowohl mit Bezug auf ihre Entwickelung im Kosmos,
wie auf ihre seelische Entwickelung gegeniiber dem Gottlichen und
ihre Ich-Entwickelung gegeniiber dem Geistigen. Aber ich mochte ein-
mal diese Dinge an mehr oder weniger Alltagliches und Ihnen Bekann-
tes ankniipfen. Deshalb lege ich heute zunachst - Sie werden morgen
und iibermorgen sehen warum - jenen geschichtlichen Uberblick iiber
die neuere Menschheitsentwickelung zugrunde, der auch gestern zum
Teil der Betrachtung iiber neuere Geschichte zugrunde gelegen hat, die
ich versuchte in meinem offentlichen Vortrage in Zurich zu geben.
Wir wissen aus friiheren Vortragen, die ich iiber ahnliche Themata
gehalten habe, dafi ich vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
aus das, was man gewohnlich Geschichte nennt, verwandelt sehen mufi
in eine Symptomatologie. Das heifit von dem Gesichtspunkte, den ich
hier meine: Dasjenige, was man gewohnlich empfangt als Geschichte,
was verzeichnet wird in dem, was man schulmafiig Geschichte nennt,
das sollte man nicht ansehen als das wirklich Bedeutungsvolle im Ent-
wickelungsgange der Menschheit, sondern man sollte das nur ansehen
als Symptome, die gewissermafien an der Oberflache ablaufen und
durch die man durchblkken mufi in weitere Tief en des Geschehens, wo-
durch sich dann enthiillt, was eigentlich die Wirklichkeit ist im Werden
der Menschheit. Wahrend gewohnlich die Geschichte die sogenannten
historischen Ereignisse in ihrer Absolutheit betrachtet, soil hier das, was
man historische Ereignisse nennt, nur als etwas angesehen werden, was
gewissermafien ein tiefer darunterliegendes, wahres Wirkliche erst ver-
rat, und, wenn man es richtig betrachtet, offenbart.
Man braucht ja nicht sehr tief zu denken, so wird man sehr bald
darauf kommen, wie unsinnig zum Beispiel eine sehr haufig gemachte
Bemerkung ist: dafi der Mensch der Gegenwart ein Ergebnis der Ver-
gangenheit der Menschheit sei, und diese Bemerkung an die Betrach-
tung desjenigen knupft, was dann die Geschichte von dieser Vergan-
genheit gibt. Lassen Sie diese geschichtlichen Ereignisse, die Sie in der
Schule als Geschichte vorgefuhrt bekommen haben, einmal Revue pas-
sieren, und fragen Sie dann, wieviel davon Einflufi gewonnen haben
kann, so wie es die Geschichte glaubt darstellen zu konnen, auf Ihr
eigenes Gemiit, auf Ihre eigene seelische Struktur! - Aber die seelische
Struktur zu betrachten, wie sie in der Gegenwart hineingestellt ist in
die Entwickelung der Menschheit, das gehort ja zur wirklichen Selbst-
erkenntnis des Menschen. Diese Selbsterkenntnis wird nicht gefordert
durch die gewohnliche Geschichte. Manchmal wird allerdings ein Stuck
Selbsterkenntnis gefordert, herbeigefiihrt, aber auf einem Umwege,
zum Beispiel wie mir gestern ein Herr erzahlte, dafi er einmal in der
Schule nicht wufite, wann die Schlacht von Marathon geschlagen wor-
den ist und deswegen drei Stunden Arrest bekommen hatte. Das ist
allerdings dann etwas, was auf die Seele des Menschen wirkt und
was dann auf einem Umwege etwas beitragen konnte zu Impulsen,
die zur Selbsterkenntnis fiihren! Aber die Art und Weise, wie die Ge-
schichte von der Schlacht von Marathon spricht, wird wenig beitragen
zur wirklichen Selbsterkenntnis des Menschen. Dennoch mufi audi eine
symptomatologische Geschichte schon Rucksicht nehmen auf die aufie-
ren Tatsachen, einfach aus dem Grunde, weil sich gerade durch die
Betrachtung und Wertung der aufieren Tatsachen der Einblick gewin-
nen lafk in dasjenige, was wirklich geschieht.
Nun will ich zunachst nur gewissermafien ein Bild der neueren
*nenschlichen Geschichtsentwickelung aufrollen, jener, die gewohnlich
in der Schule dadurch betrachtet wird, dafi man mit der Entdeckung
Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers - nun, Sie wissen ja
das alles, nicht wahr - anfangt und sagt: Nun war das Mittelalter
abgeschlossen, jetzt beginnt die neuereZeit.— Aber es handelt sich, wenn
man eine solche Betrachtung fruchtbar fiir den Menschen anstellen
will, darum, dafi man vor alien Dingen den Blick hinwendet auf die
wirklichen Umschwiinge in der Menschheitsentwickelung selbst, auf
diejenigen grofien Wendepunkte, in denen das Seelenleben des Men-
schen aus einer gewissen Artung in eine andere Artung ubergegangen
ist. Diese Ubergange bemerkt man sogar gewohnlich nicbt. Man be-
merkt diese Obergange eben nicht, weil man sie iiber dem Gestriippe
der Tatsachen iibersieht. Wir wissen ja aus rein geisteswissenschaft-
licher Betrachtung, dafi der letzte grofie Wendepunkt in der mensch-
lichen Kulturentwickelung in den Anfang des 15. Jahrhunderts fallt,
wo der fiinfte nachatlantische Zeitraum beginnt. Wir wissen, daiR 747
vor dem Mysterium von Golgatha der griechisch-lateinische Zeitraum
begonnen hat und bis dahin dauerte, wo dann der neuere, fiinfte nach-
atlantische Zeitraum begann, bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts.
Nur darum, weil man die Dinge oberflachlich betrachtet, kommt fiir
die gewohnliche Anschauung nicht heraus, dafi wirklich das ganze See-
lenleben der Menschen sich geandert hat in dem betreffenden Zeit-
punkt. Und es ist ein ganz gewohnlicher Unsinn, wenn man zum Bei-
spiel das 16. Jahrhundert so vorstellt in der Geschichte, als ob es ein-
fach sukzessive aus dem 11. oder 12. Jahrhundert hervorgegangen
ware, und auslafk jenen betrachtlichen Umschwung, der gegen das
15. Jahrhundert zu, dann auslaufend davon, sich zugetragen hat. Na-
tiirlich ist ein soldier Zeitpunkt approximativ, annahernd; aber was
ist denn nicht annahernd im wirklichen Leben? Bei all dem, wo ein
Entwickelungsvorgang, der in sich in einer gewissen Weise zusammen-
hangend ist, hiniiberdringt in eine andere Zeit, da miissen wir immer
von «approximativ» sprechen. Wenn der Mensch geschlechtsreif wird,
so kann man auch nicht genau den Tag in seinem Leben bestimmen,
sondern es bereitet sich vor und lauft dann ab. Und so ist es natiirlich
auch mit diesem Zeitpunkt 1413. Die Dinge bereiten sich langsam vor
und nicht gleich tritt alles und iiberall in seiner vollen Starke auf. Aber
man bekommt gar keinen Einblick in die Dinge, wenn man nicht den
Zeitpunkt des Umschwunges ganz sachgemafi ins Auge f afit.
Nun kann man nicht anders - wenn man, zuruckschauend hinter die
Zeit des 15. Jahrhunderts, nach der wichtigsten Seelenverfassung der
Menschheit riickblickend fragt und dann vergleichen will mit dem, was
nach dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr in diese
Seelenverfassung der Menschheit hineinkam - man kann nicht anders,
als das Auge hinwenden zu jenem umfassenden Tatsachlichen, welches
sich das ganze sogenannte Mittelalter hindurch iiber die europaische
zivilisierte Menschheit ausbreitete, und das noch innig zusammenhing
mit der ganzen Seelenkonstitution der griechisch-lateinischen Zeit: Es
ist die Form, welche sich allmahlich im Laufe der Jahrhunderte aus
dem Romischen Reiche heraus in dem an das romische Papsttum ge-
bundenen Katholizismus herausgebildet hatte.DerKatholizismus kann
ja nicht anders betrachtet werden bis zum grofien Wendepunkt der
neueren Zeit, als da£ man ins Auge fafk, wie er ein Universalimpuls
war, wie er als Universalimpuls sich ausbreitete. Sehen Sie, die Men-
schen waren im Mittelalter gegliedert; sie war en gegliedert nach Stan-
den, sie waren gegliedert nach Familienzusammenhangen, sie waren
gegliedert in den Ziinften und so weiter. Aber durch all diese Gliede-
rungen zog sich hindurch dasjenige, was der Katholizismus in dieSeelen
traufelte, und er zog sich hindurch in jener Gewandung, welche das
Christentum angenommen hatte unter mancherlei Impulsen, die wir
noch kennenlernen werden in diesen Tagen, und unter jenen Impulsen,
die ich Ihnen in den vorigen Vortragen angefiihrt habe. Es brekete
sich der Katholizismus aus als jenes Christentum, das wesentliche Ein-
fliisse in Rom von jenen Seiten empfangen hat, die ich eben charakteri-
siert habe.
Womit rechnete denn der von Rom ausgebende und sich in seiner
Art durch die Jahrhunderte entwickelnde Katholizismus, der wirklich
ein Universalimpuls war, der die tiefste Kraft war, welche in die Zivi-
lisation Europas hineinpulsierte? Er rechnete mit einer gewissen Un-
bewufitheit der menschlichen Seele, mit einer gewissen Suggestivkraft,
die man auf die menschliche Seele ausiiben kann. Er rechnete mit jenen
Kraften, welche die menschliche Seelenverfassung seit Jahrhunderten
hatte, in welchen die menschliche Seele, die erst in unserem Zeitraume
erwachte, noch nicht voll erwacht war. Er rechnete mit denen, die erst
in der Gemiits- und Verstandesseele waren. Er rechnete damit, daft er
ihnen in ihr Gemiit durch suggestives Wirken eintraufelte dasjenige,
was er fur nutzlich hielt, und er redinete bei denen, welche die Gebil-
deten waren - und das war ja zumeist der Klerus mit dem scharfen
Verstand, der aber in sich noch nicht die Bewuikseinsseele geboren
hatte. Die Entwickelung der Theologie bis ins 13., 14., 15. Jahrhundert
ist so, da£ sie iiberall auf den denkbar scharfsten Verstand zahlte. Aber
wenn Sie Ihre Kenntnisse iiber das, was der menschliche Verstand ist,
von dem Verstande heute nehmen, so konnen Sie niemals eine richtige
Vorstellung gewinnen von dem, was der Verstand bis ins 15. Jahr-
hundert bei den Menschen war. Der Verstand bis ins 15. Jahrhundert
hatte etwas Instinktives, er war noch nicht durchdrungen von der
Bewuikseinsseele. Es war nicht ein selbstandiges Nachdenken in der
Menschheit, das nur von der Bewufkseinsseele kommen kann, sondern
es war da und dort ein ungeheuer groiKer Scharfsinn, wie Sie ihn ganz
gewifi in vielen Auseinandersetzungen bis ins 15. Jahrhundert finden,
denn gescheiter sind viele dieser Auseinandersetzungen als die der spa-
teren Theologie. Aber es war nicht jener Verstand, der aus der Bewufit-
seinsseele heraus wirkte, sondern es war jener Verstand, welcher, wenn
man popular spricht, aus dem Gottlichen heraus wirkte, wenn man
esoterisch spricht, aus dem Engel, aus dem Angelos heraus wirkte; also
etwas, woriiber der Mensch noch nicht verfiigte. Das selbstandige Den-
ken wurde erst moglich, als der Mensch auf sich selber gestellt war
durch die Bewuikseinsseele. Wenn man auf solche Weise mit suggesti-
ver Kraft einen Universalimpuls so ausbreitet, wie das geschehen ist
durch das romische Papsttum und alles, was damit in der Kirchen-
struktur verbunden war, dann trifft man viel mehr das Gemeinsame,
das Gruppenseelenhafte der Menschen. Und das traf auch der Katho-
lizismus. Und es brachten es - wir werden die Dinge schon von einem
anderen Gesichtspunkte noch besprechen - gewisse Impulse der neueren
Geschichte dahin, daft dieser Universalimpuls des sich ausbreitenden
Katholizismus gewissermafien seinen Sturmbock f and an dem Romisch-
Germanischen Imperium, und wir sehen, wie die Ausbreitung des uni-
versellen romischen Katholizismus eigentlich unter fortwahrendem
Zusammenprallen und Sich-Auseinandersetzen mit dem Romisch-
Deutschen Imperium geschieht. Sie brauchen ja nur in den gebrauch-
lichen Geschichtsbtichern die Zeit der Karolinger, die Zeit der Hohen-
staufen zu studieren, und Sie werden da iiberall sehen, dafi es sich im
wesentlichen darum handelt, daft in Europas Kultur einzieht der ka-
tholische Universalimpuls, wie er von Rom aus gedacht wird.
Wenn wir von dem Gesichtspunkt des Beginnes der Bewufitseins-
seelenkultur die Sadie recht ansehen wollen, so miissen wir auf einen
groften Wendepunkt hinblicken, durch den aufierlich symptomatisch
sich zeigt, wie das, was durch das Mittelalter wirklich herrschend war
in dem eben charakterisierten Sinne, aufhort so herrschend zu sein,
wie es fruher war. Und dieser Wendepunkt in der neueren geschicht-
lichen Entwickelung ist der, dafi 1309 von Frankreich aus der Papst
einfach von Rom nach Avignon versetzt wird. Damit war etwas ge-
tan, was fruher selbstverstandlich nicht hatte geschehen konnen, wor-
innen sich zeigte: Jetzt beginnt das, wo die Menschheit anders wird
als fruher, da sie sich beherrscht wulke von einem Universalimpuls.
Man kann sich nicht vorstellen, daft es fruher einem Konig oder einem
Kaiser einfach hatte einfallen konnen, den Papst von Rom irgendwo
andershin zu versetzen. 1309 wurde kurzer Prozefi gemacht: der Papst
wurde nach Avignon versetzt, und es beginnt jene Zankerei mit Pap-
sten und Gegenpapsten, die eben an die Versetzung des Papsttums
gebunden war. Und damit in Verbindung sehen wir dann, wie etwas,
was allerdings in einem ganz anderen Zusammenhange mit dem Chri-
stentum war, das in eine gewisse aufiere Verbindung mit dem Papst-
tum gekommen war, mit betroffen wurde. Wahrend 1309 der Papst
nach Avignon versetzt wird, sehen wir, dafi bald danach, 1312, der
Tempelherren-Orden aufgehoben wird. Das ist solch ein Wendepunkt
der neueren Geschichte. Man soli solch einen Wendepunkt nicht blofi
hinsichtlich seines tatsachlichen Inhaltes betrachten, sondern als Sym-
ptom, urn allmahlich zu finden, was fiir eine Wirklichkeit dahinterliegt.
Nun wollen wir andere solche Symptome vor unserem Seelenauge
voriiberziehen lassen. Wir haben sie, wenn wir die Zeit, in welcher
dieser Wendepunkt lag, einmal vor unserer Seele auftreten lassen. Da
haben wir, iiber Europa hinschauend, die Tatsache auffallig, dafi das
europaische Leben mehr nach Osten hintiber doch radikal beeinflulk
wird von jenen Ereignissen, die sich im geschichtlichen Leben, ich
mochte sagen, wie Naturereignisse wirksam machen. Das sind die fort-
wahrenden Wanderungen - mit den Mongolenwanderungen haben sie
in der weiteren neueren Zeit begonnen -, die stattfinden von Asien
nach Europa heriiber, und die ein asiatisches Element nadi Europa
hereinbrachten. Sie miissen nur bedenken, dafi man, wenn man an ein
solches Ereignis wie das von Avignon diese Tatsache anschliefit, man
sehr bedeutsame Anhaltspunkte gewinnt fiir eine historische Sympto-
matologie. Denn bedenken Sie das Folgende. Wenn Sie wissen wollen,
welches die aufieren, nicht die inneren geistigen, sondern die aufieren
menschlichen Veranlagungen und Wirkungen waren, welche sich an
das Ereignis von Avignon kniipften und die zu ihm gefuhrt haben,
dann werden Sie bei einem zusammenhangenden Komplex von mensch-
lichen Entschliissen und Tatsachen stehenbleiben konnen. Das konnen
Sie nicht, wenn Sie solche Ereignisse betrachten wie die heriiberziehen-
den Mongolen, bis spater dann zu den Tiirken. Sondern indem Sie soldi
ein historisches Ereignis, soldi einen Tatsachenkomplex ins Auge fassen,
miissen Sie folgende Erwagungen anstellen, wenn Sie wirklich zu einer
geschichtlichen Symptomatologie kommen wollen.
Nehmen Sie einmal an: Da ist Europa, da ist Asien (s. Zeichng. S. 16),
die Ziige gehen heriiber. Nun nehmen wir an, soldi ein Zug sei bis zu
dieser Grenze vorgedrungen, dahinter seien meinetwillen die Mon-
golen, spater die Tiirken, wer immer, davor seien die Europaer. Wenn
Sie die Ereignisse von Avignon nehmen, so finden Sie einen Tatsachen-
komplex von menschlichen Entschliissen, menschlichen Taten vor. Das
haben Sie dort nicht. Dort miissen Sie zwei Seiten betrachten, die eine,
die hier liegt, und die andere, die hier liegt (auf die Zeichnung deu-
tend). Fiir die Europaer ist dieser Sturm, der da heruberkommt, ein-
fach wie ein Naturereignis: man sieht nur die Auftenseite. Die kom-
men heriiber und storen einfach, sie dringen ein. Dahinter aber liegt
all diejenige Kultur, all die Seelenkultur, die sie selbst in sich tragen.
Ihr eigenes seelisches Leben liegt dahinter. Das mag man wie immer
beurteilen, aber es liegt dieses seelische Leben dahinter. Das wirkt gar
nicht iiber die Grenze hiniiber. Die Grenze wird gewissermafien wie
ein Sieb, durch das nur etwas wie elementarische Wirkungen durchgeht.
Solche zwei Seiten - ein Inneres, das bei den Menschen bleibt, die
hinter einer solchen Grenze stehen, und dasjenige, was nur zugewen-
det wird dem anderen — finden Sie in dem Ereignis von Avignon
natiirlich nicht; da ist alles in einem Komplex drinnen. Solche Ereig-
nisse wie diese Wanderungen von Asien heriiber, die haben eine
grofie Ahnlichkeit mit der Naturanschauung selber. Denken Sie sich,
Sie schauen die Natur an, Sie sehen die Farben, Sie horen die Tone:
Das ist ja alles Teppich, das ist ja alles Hiille. Dahinter liegt Geist,
dahinter liegen die Elementarwesen, bis heran zu dem hier. Da haben
Sie auch die Grenze. Sie sehen mit Ihren Augen, Sie horen mit Ihren
Ohren, fuhlen mit Ihren Handen. Dahinter liegt der Geist, der kommt
hier nicht durch. Das ist in der Natur so. Das ist ja da nicht ganz gleich,
aber etwas Ahnliches. Was dahinter als Seelisches liegt, das dringt da
nicht durch, das wendet nur die Aufienseite nach der anderen Ge-
gend hin.
Es ist aufierordentlich bedeutsam, dafi man dieses merkwiirdige
Mittelgebilde ins Auge fafit, wo Volker oder Rassen aufeinander-
prallen, die sich gewissermafien nur ihre Auftenseite zukehren, dieses
merkwiirdige Mittelgebilde - welches auch unter den Symptomen auf-
tritt - zwischen eigentlichem menschlich-seelischen Universalerleben, wie
es also angeschaut werden mull, wenn man so etwas erblickt wie das
Ereignis von Avignon, und zwischen riditigen Natureindrticken. All
das historische Gerede, das in der neueren Zeit heraufgekommen ist,
und das keine Ahming hat von dem Eingreifen eines solchen Mittel-
dings, all das kommt zu keiner wirklichen Kulturgeschichte. Weder
Buckle noch Ratzel konnten daher zu einer wirklichen Kulturgeschichte
kommen. Ich nenne zwei weit auseinanderliegende kulturgeschichtliche
Betrachter, weil sie von den Vorurteilen ausgingen: Nun, man muft
halt dasjenige, was von zwei Ereignissen aufeinanderfolgt, so betrach-
ten, da£ das spatere die Wirkung, das friihere die Ursache ist, und die
Menschen so darinnen gestanden haben.
Das ist also wiederum soldi ein Ereignis. Wenn man es als Symptom
betrachtet im neueren "Werden der Menschheit, dann wird es, wie wir
in diesen Tagen sehen werden, eine Briicke von den Symptomen hin-
iiber zur Wirklichkeit.
Nun sehen wir etwas auftauchen aus dem Komplex von Tatsachen
heraus, was wir wiederum mehr symptomatisch betrachten wollen.
Wir sehen im Westen von Europa, anfangs noch wie ein mehr oder
weniger einheitliches Gebilde, dasjenige auftauchen, was spater zu
Frankreich und England wird. Denn zunachst konnen wir es - wie wir
auftauchen sehen in der Zeit, was spater zu diesen zwei Gebilden wird,
wenn wir nicht die aufierlichen Unterscheidungen wie den Kanal ins
Auge fassen, der aber doch nur etwas Geographisches ist - eigentlich
nicht unterscheiden. In England druben ist in den Zeiten, als die neuere
geschichtliche Entwickelung beginnt, uberall im Grunde franzosische
Kultur. Englische Herrschaft greift heniber nach Frankreich; die Mit-
glieder der einen Dynastie machen Anspruch auf den Thron im anderen
Lande und so weiter. Aber eines sehen wir, was da auftaucht, was das
ganze Mittelalter hindurch ebenfalls zu dem gehort hat, das gewisser-
mafien in die Unterordnung getrieben wurde durch den katholisch-
romischen Universalimpuls. Ich sagte schon, die Menschen hatten Ge-
meinschafben, sie hatten Blutsverwandtschaften in Familien, an denen
sie zah festhielten, sie hatten zunftliche Gemeinschaften, alles mogliche.
Aber durch das alles geht etwas durch, was machtiger, herrschender
war, wodurch das andere in Unterordnung getrieben wird, wodurch
dem anderen das Geprage aufgedriickt wurde: Das war eben der
romisch geformte, der katholische Universalimpuls. Und dieser romisch-
katholisdie Universalimpuls machte, wie er die Ziinfte oder die an-
deren Gemeinschaften zu etwas Untergeordnetem machte, ebenso die
nationale Zusammengehorigkeit zu etwas Untergeordnetem. Die natio-
nale Zusammengehorigkeit wurde in der Zeit, als der romische Uni-
versal-Katholizismus wirklich seine grofite impulsive Starke entwik-
kelte, nicht fur das Wichtigste in der seelischen Struktur der Menschen
angesehen. Aber das ging jetzt auf, das Nationale als etwas zu be-
trachten, was wesentlich wird fur den Menschen, in unendlichem
Grade viel wesentlicher als es fruher sein konnte, da der katholische
Universalimpuls allherrschend war. Und bedeutsam sehen wir es ge-
rade in dem Gebiete auf treten, das ich Ihnen eben bezeichnet habe. Aber
wir sehen zu gleicher Zeit, wahrend dort die allgemeine Idee, sich als
Nation zu fiihlen, auftaucht — wir werden noch iiber die Sache zu
sprechen haben -, wie gestrebt wird, eine ganz wichtige, bedeutsame
Differenzierung zu vollziehen. Wahrend wir sehen, wie durch die
Jahrhunderte hindurch ein gewisser einheitlicher Impuls iiber Frank-
reich und England sich ausbreitet, sehen wir, wie im 15. Jahrhundert
Differenzierungen eintreten, fur die der wichtigste Wendepunkt das
Auf treten der Jung f rau von Orleans 1429 ist, womit der Anstofi ge-
geben wird - und wenn Sie in der Geschichte nachsehen, so werden Sie
sehen, daft dieser Anstofi ein wichtiger, ein machtiger ist, der fort-
wirkte — der Differenzierung zwischen dem Franzosischen einerseits,
dem Englischen anderseits.
So sehen wir das Auftauchen des Nationalen als Gemeinsamkeit
Bildendem, und zu gleicher Zeit diese fiir die Entwickelung der neue-
ren Menschheit symptomatisch bedeutsame Differenzierung, die ihren
Wendepunkt 1429 in dem Auf treten der Jungfrau von Orleans hat.
Ich mochte sagen: In dem Augenblicke, in dem der Impuls des Papst-
tums die westliche europaische Bevolkerung aus seinen Fangen ent-
lassen mufi, taucht die Kraft des Nationalen gerade im Westen auf
und ist dort bildend. — Sie diirfen sich nicht tauschen lassen in einer
solchen Sache. So wie Ihnen die Geschichte heute dargestellt wird,
konnen Sie selbstverstandlich bei jedem Volk riickwartige Betrach-
tungen anstellen und konnen sagen: Nun ja, da ist auch schon das
Nationale gewesen! - Da legen Sie keinen Wert darauf , wie die Dinge
wirksam sind. Sie konnen ja bei den Slawenvolkern nachsehen; die
werden selbstverstandlich unter dem Eindruck der heutigen Ideen und
Impulse ihre nationalen Gefiihle und Krafte moglichst weit zuriick-
fiihren. Aber die nationalen Impulse waren zum Beispiel gerade in der
Zeit, von der wir heute sprechen, in besonderer Art wirksam, so dafi
Sie eine Epoche umwandelndster Impulse gegeben haben in den Ge-
bieten, von denen wir eben gesprochen haben. Das ist es, worauf es
ankommt. Man mufi sich zur Objektivitat durchringen, damit man
die Wirklichkeit erfassen kann. Und eine solche symptomatisdie Tat-
sache, die ebenso das Heraufkommen der Bewufitseinsseele ausdriickt,
aufierlich ofFenbart, wie die angefiihrte, ist audi dieses eigentumliche
Sich-Herausorganisieren eines italienischen Nationalbewufitseins aus
dem nivellierenden, das Nationale zu einem Untergeordneten machen-
den papstlichen Elemente, wie es iiber Italien bis dahin ausgegossen
war. In Italien wird es gerade in dieser Zeit im wesentlichen der natio-
nale Impuls, der die Leute auf der italienischen Halbinsel vom Papst-
tum emanzipiert. Das alles sind Symptome, die in der Zeit da sind,
als sich innerhalb Europas die Bewufitseinsseelenkultur aus der Ver-
standes- und Gemiitsseelenkultur heraus entwickeln will.
In derselben Zeit - natiirlich sehen wir da auf Jahrhunderte hin -
sehen wir dann die Auseinandersetzung, die da beginnt zwischen
Mittel- und Osteuropa. "Was sich herausentwickelt hat aus demjenigen,
was ich als Sturmbock bezeichnet habe fur das Papsttum, aus dem
Romisch-Germanischen Imperium, das gerat in eine Auseinanderset-
zung mit den heranstiirmenden Slawen. Und wir sehen, wie durch die
mannigfaltigsten historischen Symptome dieses Ineinanderspielen Mit-
tel- und Osteuropas stattfindet. Man mufi den fiirstlichen Herrschaf-
ten in der Geschichte nicht so weit die lure aufmachen, als es heute
die Lehrer der Geschichte tun. Schliefilich mufi man schon der Wilden-
bruch sein, wenn man den Leuten als grofie historische Ereignisse jenen
Hokuspokus vormacht, der sich abgespielt hat zwischen Ludwig dem
Frommen und seinen Sohnen und so weiter auf einem bestimmten
Gebiete von Europa; man mufi der Wildenbruch sein, wenn man die-
jenigen Ereignisse als historisch bedeutsame aufzahlt, die er in seinen
Dramen, die gerade von diesen Ereignissen handeln, als historisdi be-
deutsam hinstellt. Diese historischen Familienereignisse haben nicht
mehr Bedeutung als sonstiger Familientratsch; diese Familienereignisse
haben mit der Entwickelung der Menschheit nichts zu tun. Davon be-
kommt man erst ein Gefuhl, wenn man Symptomatologie in der Ge-
schichte treibt. Denn dann bekommt man einen Sinn fur das, was sich
wirklich heraushebt, und fur das, was fur den Entwickelungsgang der
Menschheit ziemlich bedeutungslos ist. Bedeutungsvoll in der neueren
Zeit ist die allgemeine Auseinandersetzung zwischen der europaischen
Mitte und dem europaischen Osten. Aber im Grunde genommen ist es
nur wie eine Gebarde, was sich da abgespielt hat mit Ottokar und so
weiter. Das weist eigentlich nur hin auf dasjenige, was in Wirklichkeit
geschieht. Dagegen ist von grofier Bedeutung, dafi man nicht einseitig
dieses Ereignis betrachtet, sondern so, dafi man sieht, wie, wahrend
jene Auseinandersetzung fortwahrend stattgefunden hat, eine koloni-
satorische Tatigkeit von Mktel- nach Osteuropa hiniiber die Bauern-
bewegungen brachte, die spater Menschen vom Rhein bis hinunter nach
Siebenbiirgen brachte, welche dann dort - und durch eine Mischung
von Mittel- und Osteuropa trat das ein - das ganze Leben, wie es sich
spater in diesen Gebieten entwickelte, im allertiefsten Sinne beein-
flufiten. So dafi wir auf der einen Seite die herankommenden Slawen
durcheinandergeraten sehen in ihrem Tun mit dem, was sich in Mittel-
europa herausgebildet hat aus dem romisch-germanischen Imperium,
fortwahrend durchzogen von mitteleuropaischen Kolonisatoren, die
nach dem Osten hiniibergingen. Und aus diesem merkwiirdigen Gesche-
hen steigt dasjenige auf, was dann in der Geschichte die Habsburgische
Macht wird. Aber ein anderes, das da aus diesem Getriebe iiberall in
Europa aufsteigt, wie ich es Ihnen charakterisiert habe, das ist die Bil-
dung gewisser Zentren mit einer zentralen, eigenen Gesinnung, die sich
innerhalb kleiner Gemeinschaften der Stadte ausbildet. Vom 13. bis
15. Jahrhundert ist die Hauptzeit, wo die Stadte iiber ganz Europa
hin mit ihrer eigenen Stadtgesinnung heraufkommen. Dasjenige, was
ich vorher charakterisiert habe, spielt so durch diese Stadte hindurch.
Aber Individualitaten bilden sich in diesen Stadten herauf.
Nun ist es immerhin fur diese Zeit bemerkenswert und bedeutsam,
wie nach der Differenzierung von Frankreich und England, zunachst
in England, sidi langsam aber griindlich vorbereitet dasjenige, was
dann spater in Europa zum Parlamentarismus wird. Aus langdauern-
den Biirgerkriegen - Sie konnen das in der Geschichte nachlesen -, die
von 1452 bis 1485 dauern, entwickelt sich unter mannigfaltigen aufie-
ren Symptomen das historische Symptom des aufkeimenden Parla-
mentarismus. Die Menschen wollen, als im 15. Jahrhundert das Zeit-
alter der Bewufitseinsseele beginnt, ihre Angelegenheiten selbst in die
Hand nehmen. Sie wollen mitreden, sie wollen parlamentarisieren,
sich unterhalten iiber dasjenige, was geschehen soli, und wollen dann
aus dem, woriiber sie sich unterhalten, die aufieren Geschehnisse for-
men, oder wollen sich wenigstens manchmal einbilden, dafi sie die
aufieren Geschehnisse formen. Und das entwickelt sich, aus ihren
schweren Biirgerkriegen im 15. Jahrhundert, innerhalb Englands aus
jener Konfiguration heraus, die in deutlicher Differenzierung, in deut-
lichem Unterschiede ist von dem, was in Frankreich sich audi unter
dem Einflufi des nationalen Impulses gebildet hatte. Dieser Parlamen-
tarismus in England bildet sich aus dem nationalen Impuls heraus. So
dafi man sich klar sein mufi dariiber: Durch ein solches Symptom wie
die Herausbildung des Parlamentarismus aus dem englischen Biirger-
krieg im 15. Jahrhundert sehen wir durcheinanderspielen, oder meinet-
willen auch durcheinanderspiilen, auf der einen Seite die heraufkom-
mende nationale Idee, und einen Impuls, der uns schon sehr deutlich
hinfiihrt zu dem, was die Bewufkseinsseele will, die im Menschen
rumort. Und aus Griinden, die sich schon noch ergeben werden, bricht
sich der Impuls der Bewufkseinsseele just durch diese Ereignisse in
England durch, nimmt aber den Charakter jenes nationalen Impulses
an, den er eben gerade nur dort bekommen konnte; daher bekommt
er diese Farbung, diese Nuance. Damit haben wir vieles von dem
betrachtet, was Europa gerade im Anfange des Bewufkseinskultur-
Zeitalters die Konfiguration gegeben hat.
Hinter all dem, gleichsam im Hintergrunde wie ein halbes Ratsel
fur Europa dastehend, entwickelt sich das, was spater zum russischen
Gebilde wird, mit Recht als etwas Unbekanntes angesehen. Wir wis-
sen, warum: weil es dasjenige, was es in sich tragt, als Keime fur die
Zukunft in sich tragt. Aber es gebiert sich zunachst aus lauter Altem
heraus, oder wenigstens aus solchem heraus, das nicht eigentlich aus
der Bewufkseinsseele entspringt, iiberhaupt nicht aus der menschlichen
Seele. Naturlich ist es einmal entsprungen, aber hier entsprang es nicht
aus der menschlichen Seele heraus. Keines von den drei Elementen, das
konfigurierend eingriff in das russische Gebilde, entsprang aus der
russischen Seele heraus. Das eine der Elemente war dasjenige, was von
Byzanz kam, aus byzantinischem Katholizismus, das zweite dasjenige,
was eingeflossen war durch die normannisch-slawische Blutmischung,
das dritte dasjenige, was von Asien heriiberkam. Alle drei sind nicht
etwas, was produziert wurde aus dem Inneren der russischen Seele her-
aus, es hat aber die ^Configuration gegeben dem, was sich da als ein
ratselhaftes Gebilde hinter dem europaischen Geschehen im Osten
ausbildete.
Und nun suchen wir uns ein gemeinschaftliches Merkmal fur all die
Dinge, die uns da als Symptome entgegengetreten sind. Ein solches
gemeinschaftliches Merkmal gibt es, das sehr auff allig ist. Wir brauchen
nur das, was ja die eigentlich treibenden Krafte sind, mit dem zu ver-
gleichen, was friiher die eigentlich treibenden Krafte in der Mensch-
heitsentwickelung waren, und wir finden einen bedeutsamen Unter-
schied, der uns charakteristisch hinweisen wird auf das, was das Wesen-
hafte in der Bewufitseinsseelenkultur ist, und auf das, was das Wesen-
hafte in der Verstandes- und Gemutsseelenkultur ist.
Wir konnen es ja, um uns die Sache recht deutlich zu machen, zu-
nachst mit einem solchen Impuls vergleichen, wie es das Christentum
ist: etwas, was bei jedem Menschen ganz aus dem ureigensten Innern
heraus produziert werden mull, ein Impuls, der wirklich ins geschicht-
liche Geschehen ubergeht, aber der aus dem Innern des Menschen her-
aus produziert wird. Nun ist das Christentum der grofite Impuls von
dieser Art in der Erdenentwickelung. Aber wir konnen ja kleinere
Impulse nehmen. Wir brauchen nur dasjenige, was durch das Augu-
steische Zeitalter in das Romertum hineingekommen ist, zu nehmen,
wir brauchen nur auf die zahlreich aus der Menschenseele hervorspru-
delnden Impulse im griechischen Leben zu blicken. Da sehen wir, wie
iiberall wirklich aus der Menschenseele heraus produziertes Neues in
die Menschheitsentwickelung eintritt. Diese Zeit der Bewufkseinsseelen-
kultur bringt es in bezug auf so etwas zu keiner Naissance, sondern
hochstens zur Renaissance, zu einer Wiedergeburt. In bezug auf das,
was aus der menschlichen Seele herauskommt, kommt es hochstens zu
einer Renaissance, zu einer Wiederauferstehung des Alten. Denn das
alles, was da als Impulse eingreift, das 1st ja nichts, was aus der mensch-
lichen Seele herauspulsiert. Das erste, was uns aufgefallen ist, ist ja die
nationale Idee, wie man es oftmals nennt, man miiike sagen, der natio-
nale Impuls. Der wird nicht aus der Menschenseele produktiv heraus-
geboren, sondern der liegt in dem, was wir vererbt erhalten haben, der
liegt in dem, was wir vorfinden. Es ist etwas ganz anderes, was, sagen
wir, durch die zahlreichen geistigen Impulse im Griechentum auftritt.
Dieser nationale Impuls, der ist ein Pochen auf etwas, was da ist wie
ein Naturprodukt. Da produziert der Mensch nichts aus seinem Innern
heraus, wenn er sich als Angehoriger einer Nationalist betrachtet,
sondern er weist nur darauf hin, dafi er in einer gewissen Weise ge-
wachsen ist, wie eine Pflanze wachst, wie ein Naturwesen wachst. Und
ich habe Sie mit Absicht darauf hingewiesen, daft, was da aus Asien
heruberkommt, indem es nur die eine Seite der europaischen Kultur
zuwendet, etwas Naturhafles hat. Wiederum geschieht in Europa
nichts, was aus der menschlichen Seele heraus produziert wird, dadurch
daft die Mongolen, spater die Osmanen einbrechen in die europaischen
Ereignisse, obwohl vieles unter diesem Impuls geschieht. Audi in Rut-
land geschieht nichts, was aus der menschlichen Seele herauskommt,
was dadurch besonders charakteristisch ist; das hat nur Byzantinis-
mus und Asiatismus ausgebreitet, diese normannisch-slawische Blut-
mischung. Es sind gegebene Tatsachen, Naturtatsachen, die hereinkom-
men ins Menschenleben, aber es wird nichts wirklich aus der mensch-
lichen Seele heraus produziert. Halten wir das einmal fest als Aus-
gangspunkt fur spater. Der Charakter dessen, worauf der Mensch
pocht, wird ein ganz anderer vom 15. Jahrhundert ab.
Betrachten wir mehr innerliche Ereignisse. "Wir haben jetzt mehr so
die aufierlichen geschichtlichen Tatsachen ins Auge gefafit; betrachten
wir mehr innerliche Ereignisse, die schon mehr im Zusammenhang
stehen mit dem die Rinde der menschlichen Seele durchbrechenden
Bewufkseinsseelenimpuls. Da sehen wir, wenn wir den Blick zum Bei-
spiel auf das Konstanzer Konzil hin richten, 1415, die Hinrichtung
des Hus. In Hus sehen wir eine Personlichkeit, die, ich mochte sagen,
heraufkommt wie einem Menschenvulkan ahnlich, in dieser bestimm-
ten Art. 1414 beginnt das Konstanzer Konzil, das uber ihn richtet,
mit Beginn des 15. Jahrhunderts, gerade mit dem Beginn der Bewuik-
seinsseelenkultur. Wie stent dieser Hus drinnen im modernen Leben?
Als ein machtiger Protest gegen die ganze suggestive Kultur des katho-
lischen Universalimpulses. Es baumt sich in Hus die Bewufitseinsseele
selbst auf gegen dasjenige, was die Verstandes- oder Gemiitsseele an-
genommen hat durch den romischen Universalimpuls. Aber im Zu-
sammenhange damit sehen wir - wir konnten auch hinweisen, wie sich
das schon vorbereitet hat in den Albigenserkampfen und so weiter — ,
wie im Grunde genommen das nicht eine vereinzelte Erscheinung ist.
Wir sehen ja, wie in Italien Savonarola auftritt, wir sehen, wie andere
auftreten: das Aufbaumen der auf sich selbst gestellten menschlichen
Personlichkeit ist es, die durch das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein auch zu
ihrem religiosen Bekenntnis kommen will. Sie wendet sich gegen den
suggestiven Universalimpuls des papstlichen Katholizismus. Und das
findet seine Fortsetzung in Luther, das findet seine Fortsetzung in der
Emanzipation der englischen Kirche von Rom, die so aufierordentlich
interessant und bedeutsam ist, das findet seine Fortsetzung in dem
Calvinischen Einflufi in gewissen Gegenden Europas. Das ist etwas,
was wie eine Stromung durch die ganze zivilisierte europaische Welt
geht, was mehr innerlich ist als die anderen Einfliisse, was mehr mit
der Seele des Menschen schon zusammenhangt.
Aber wie? Auch anders, als das friiher der Fall war. Im Grunde
genommen, was bewundern wir an Calvin, an Luther, wenn wir sie
eben als historische Erscheinungen nehmen? Was bewundern wir an
denen, die das englische Kirchentum von Rom frei gemacht haben?
Nicht neue produktive Ideen, nicht Neues, das aus der Seele heraus
produziert wird, sondern die Kraft, mit der sie das Alte in eine neue
Form gieJ&en wollten, so dafi, wahrend es friiher hingenommen wurde
von der mehr unbewufk instinktiven Verstandes- oder Gemiitsseele,
es jetzt hingenommen werden soli von der auf sich selbst gestellten
Bewufkseinsseele des Menschen. Aber nicht neues Bekenntnis wird pro-
duziert, nicht neue Ideen werden produziert. Es wird iiber alte Ideen
gestritten, es wird nicht ein neues Symbolum gefunden. Denken Sie
nur, wie reich die Menschheit in der Produktion von Symbolen war,
je weiter wir zuruckgehen. Wahrhaftig soldi ein Symbolum wie das
Altarsakrament- Symbol, es mufite einmal aus der menschlichen Seele
heraus produziert werden. Im Zeitalter Luthers und Calvins konnte
man nur dariiber streiten, ob so oder so. Aber soldi ein Impuls, der
aus sick heraus, der ein fur sich Individuelles ist, der produziert wer-
den muf5 aus der menschlichen Seele heraus, war nicht da, im ganzen
weiten Umfange war er nicht da. Ein neues Verhaltnis zu diesen Din-
gen bedeutet das Herankommen der Bewufkseinsseelenkultur, aber
nicht neue Impulse.
So dafi wir sagen konnen: Indem diese neue Zeit anbricht, wirkt
in ihr die heraufkommende Bewufkseinsseele. Sie wirkt sich in ge-
schichtlichen Symptomen aus. Und wir sehen, wie auf der einen Seite
die nationalen Impulse wirken, wie auf der anderen Seite selbst bis
in die Tiefen des religiosen Bekenntnisses hinein das Aufbaumen der
Personlichkeit wirkt, die auf sich selbst gestellt sein will, weil eben die
Bewufitseinsseele herausbrechen will aus ihren Hiillen. Und diese
Krafte, diese zwei Krafte, die ich eben charakterisiert habe, die mufi
man in ihren Wirkungen studieren, wenn man jetzt die weitere Fort-
entwickelung der reprasentativen Nationalstaaten, Frankreich und
England, ins Auge fafit. Die erstarken, aber so, daft sie in deutlicher
Differenzierung zeigen, wie die zwei Impulse, der nationale und der
Personlichkeitsimpuls, auf verschiedene Weise in Frankreich und in
England miteinander in Wechselwirkung treten, und nichts menschlich
produziertes Neues, aber Althergebrachtes in Umgestaltung alsGrund-
lage fiir die geschichtliche Struktur Europas offenbaren. Man kann
sagen: Dieses Erstarken des nationalen Elementes, es zeigt sich auf be-
sondere Weise in England, wo das Personliche, das zum Beispiel in Hus
nur als reHgioses Pathos wirkte, sich verbindet mit dem Nationalen
und sich verbindet mit dem Personlichkeitsimpuls der Bewufttseins-
seele und zum Parlamentarismus immer mehr und mehr wird, den
Parlamentarismus immer mehr und mehr ausbildet, so dafi dort alles
nach der politischen Seite hinschlagt. - Wir sehen, wie in Frankreich
iiberwiegt - trotz des nationalen Elementes, das eben stark durch Tem-
perament und durch sonstige Dinge wirkt - das Auf-sich-gestellt-Sein
der Personlichkeit, und die andere Nuance gibt. Wahrend in England
mehr die nationale Nuance die starkere Farbung gibt, gibt in Frank-
reich mehr das Personlichkeitselement die nach aufien sichtbare und
wirksame Nuance. Man raufi diese Dinge wirklich intim studieren.
Dafi diese Dinge wirken, objektiv wirken, nicht aus der mensch-
lichen Willkiir heraus, das sehen Sie ja da, wo der eine Impuls wirkt,
aber nicht fruchtbar wird, steril bleibt, weil er aufierlich keine Forde-
rung findet und weil der Gegenimpuls noch stark genug ist, um ihn zu
verkummern. In Frankreich wirkt der nationale Impuls so stark, dafi
er das franzosische Volk emanzipiert vom Papsttum. Daher war es
auch Frankreich, das den Papst nach Avignon gezwungen hat. Daher
wird da der Mutterboden bereitet fur die Emanzipation der Personlich-
keit. In England wirkt stark der nationale Impuls, aber zu gleicher
Zeit, wie angeboren, stark der Personlichkeitsimpuls: die Kultur wird
bis zu einem hohen Grade von Rom emanzipiert durch die ganze
Nation hindurch, die sich auch ihre eigene Bekenntnisstruktur gibt. In
Spanien sehen wir, wie der Impuls zwar wirkt, aber weder durch die
Natur des Nationalen durchwirken kann, noch wie die Personlichkeit
aufkommen kann gegen das Suggestive. Da bleibt alles, ich mochte
sagen, in den Eierschalen drinnen und kommt friiher in die Dekadenz
hinein, als es sich entwickeln kann.
Die aufieren Dinge sind wirklich nur Symptome fur dasjenige, was
wir durch die aufieren Symptome hindurch suchen. Und ich mochte
sagen: Es ist handgreiflich, wenn man nur schauen will, wie das, was
man gewohnlich historische Tatsachen nennt, nur Symptome sind. 1476
war auf dem heutigen Schweizerboden eine bedeutungsvolle Schlacht,
Das, was dazumal in den Menschenseelen gelebt hat, als Karl der Kiihne
bei Murten besiegt worden ist, das tritt uns symptomatisch am bedeut-
samsten entgegen in dieser Schlacht bei Murten 1476: die Austilgung
beginnt des mit dem romischen Papsttum innig verbundenen Ritter-
tums, des Ritterwesens. Aber es ist wieder ein Zug, der durch die
ganze damals zivilisierte Welt geht, der sich gewissermafien da nur
in einer ganz reprasentativen Erscheinung an die Oberflache bringt.
Naturlich ist, indem sich so etwas an die Oberflache bringen will, der
Gegendruck des Alten da. Neben dem normalen Fortgang, wissen Sie
ja, ist immer alles mogliche Luziferische und Ahrimanische da, das von
zuriickgebliebenen Impulsen herriihrt. Das sucht sich zur Geltung zu
bringen. Dasjenige, was als normaler Impuls in die Menschheit eintritt,
das mujS kampfen gegen das, was in der luziferisch-ahrimanischen
Weise hereinkommt. Und so sehen wir, daiS gerade der Impuls, der
anschaulich in Wiclif, Hus, Luther, Calvin hervortritt, zu kampfen hat.
Ein Symptom fur diesen Kampf sehen wir in dem Aufstand der Ver-
einigten Niederlande gegen die luziferisch-ahrimanische spanische Per-
sonlichkeit desPhilipp. Und wir sehen einen der bedeutendsten Wende-
punkte der neueren Zeit - aber nur als Symptom konnen wir ihn auf-
fassen - 1588, als die spanische Armada besiegt wird, und damit alles
dasjenige zuriickgeschlagen wird, was von Spanien her als der starkste
Widerstand gegen das Aufkommen der emanzipierten Personlichkeit
sich entwickelt hat. In den niederlandischen Freiheitskampfen und der
Besiegung der Armada sind aufiere Symptome gegeben. Es sind nur
auftere Symptome, denn die Wirklichkeit erreichen wir nur, wenn wir
langsam den Weg zum Inneren gehen wollen. Aber indem so die
Wellen aufgeworfen werden, zeigt sich immer mehr das Innere. Diese
Welle 1588, als die Armada geschlagen wurde, die zeigt eben, wie die
sich emanzipierende Personlichkeit, welche die Bewufitseinsseele in sich
entwickeln will, sich aufbaumte gegen dasjenige, was in starrster Form
geblieben war aus der Verstandes- oder Gemu tsseele.
Es ist ein Unsinn, die geschichtliche Entwickelung der Menschheit
so zu betrachten: Das Spatere ist eine Folge des Friiheren; Ursache -
Wirkung, Ursache - Wirkung und so weiter. Das ist ja riesig bequem.
Besonders ist es dann bequem, professorale Geschichtsbetrachtung an-
zustellen. Es ist ja riesig bequem, so - nun, so fortzuhumpeln von
Schritt zu Schritt von einer historischen Tatsache zu der anderen histo-
rischen Tatsache. Aber wenn man nicht blind ist und nicht schlaft,
sondern offenen Auges die Dinge ansieht, so zeigen die historischen
Symptome selbst, wie unsinnig soldi eine Betrachtung ist.
Nehmen Sie ein historisches Symptom, das nun wirklich aufier-
ordentlich einleuchtend ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus. All
das, was da heraufkam seit dem 15. Jahrhundert und was diese Im-
pulse hatte, von denen ich schon Andeutungen gemacht habe: natio-
naler Impuls, Personlichkeitsimpuls und so weiter, all das brachte
Gegensatze hervor, die dann zum Dreiftigjahrigen Krieg fiihrten. Die
Betrachtung des Dreiftigjahrigen Krieges, wie er so geschichtlich dar-
gestellt wird, die ist ja besonders wenig vom Standpunkte der Sym-
ptomatologie angestellt. Man kann ihn nicht gut nach der Methode
des Kaffeeklatsches betrachten, denn schlieftlich hat es fur die euro-
paischen Geschicke doch keine grofte Bedeutung gehabt, ob gerade der
Martinitz und Slawata und der Fabricius aus dem historischen Fenster
zu Prag herausgeschmissen worden sind, und wenn nicht just ein Mist-
haufen darunter gewesen ware, waren sie tot gewesen; da sie aber auf
einen Misthaufen - er soil nur aus Papierschnitzeln bestanden haben,
welche die Bedienten vom Hradschin hingeworfen und nicht weg-
geschafft haben, bis sie endlich zu einem Papiermisthaufen geworden
sind - gefallen waren, sind sie am Leben geblieben. Das ist ja eine
ganz niedliche Anekdote fur den Kaffeeklatsch, aber daft sie in irgend-
einer inneren Beziehung zusammenhangt mit der Entwickelung der
Menschheit, das wird man doch nicht behaupten konnen.
Wichtig ist jedenfalls, daft, wenn man beginnt den Dreiftigjahrigen
Krieg zu studieren - ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daft er 1618
begonnen hat er entspringt aus reinen Bekenntnisgegensatzen, aus
dem, was sich gegen den alten Katholizismus, gegen den alten katho-
lischen Impuls herausentwickelt hat. Wir sehen iiberall, wie sich die
schweren Kampfe aus diesen Gegensatzen der neueren Personlichkeit
zum alten suggestiven Katholizismus herausgebildet hatten. Aber
wenn wir dann bis zum Ende studieren und bis zum Jahre 1648 kom-
men, wo bekanntlich der Westfalische Friede dem Treiben ein Ende
gemacht hat, dann konnen wir uns folgende Frage vorlegen: Was ist
denn eigentlich geschehen? - Wenn wir uns namlich fragen: Wie stand
es 1648 mit den protestantischen und katholischen Gegensatzen? Was
war aus ihnen geworden im Lauf der dreiftig Jahre? Wie hat sich das
entwickelt? - Nun, es gibt nichts, was einem bedeutsamer ins Auge
fallen kann, als dafi es mit Bezug auf die Gegensatze zwischen Prote-
stantismus und Katholizismus und allem, was damit zusammenhing,
1648 genau so stand wie 1618, und zwar ganz genau so. Wenn audi
zwischendurch das eine oder andere ein bifichen verandert hatte das-
jenige, um das man angefangen hatte sich herumzuzanken, war, wenig-
stens in ganz Mitteleuropa, es dann noch genau so wie beim Ausbruch.
Blofi was sich da hineingemischt hat, was gar nicht in den Ursachen
von 1618 lag, all dasjenige, was, nachdem da ein gewisses Feld ge-
schafTen war, sich hineingemischt hat, das hat dann den politischen
Kraften in Europa eine ganz andere Struktur gegeben. Der politische
Horizont derjenigen, die sich hineingemischt haben, der ist ein ganz
anderer geworden. Aber was da beim Westfalischen Frieden heraus-
gekommen ist, was sich wirklich verandert hat gegemiber dem Fruhe-
ren, das hat nicht das Geringste mit den Ursachen von 1618 zu tun.
Gerade beim Dreifiigjahrigen Krieg ist diese Tatsache von aufier-
ordentlicher Wichtigkeit und bezeugt uns, wie unsinnig es ist, die Ge-
schichte nach dem Gesichtspunkte von Wirkung und Ursache zu be-
trachten, wie man es gewohnlich tut. Jedenfalls hat sich aus dem, was
sich da entwickelt hatte, gerade das ergeben, dafi die fiihrende Stellung
von England und Frankreich, wie sie sie in Europa erlangt haben,
mehr oder weniger aus diesem Kriege hervorgegangen ist, mit dieser
Entwickelung des Krieges zusammenhangt. Aber sie hangt wahrhaftig
nicht mit den Ursachen, die zu ihm gefiihrt haben, irgendwie zusam-
men. Und gerade das ist nun das Wichtigste im Gang der neueren Zeit-
geschichte, dafi sich anschliefiend an den Dreifiigjahrigen Krieg die
nationalen Impulse im Verein mit den anderen Impulsen, die ich
charakterisiert habe, dazu entwickeln, dafi Frankreich und England die
reprasentativen Nationalstaaten werden. Wenn vom nationalen Prin-
zip im Osten heute so viel geredet wird, so darf man dabei nicht ver-
gessen, dafi das nationale Prinzip himibergezogen ist vom Westen nach
dem Osten. Das ist wie die Passatstromung auf der Erde: so ist die
Stromung des nationalen Impulses vom Westen nach dem Osten ge-
gangen. Das mufi man sich nur vollstandig klar vor Augen halten.
Nun ist es interessant, wie dasselbe, nationaler Impuls im Verein
mit der Emanzipation der Personlichkeit, in den zwei differenzierten
Gebilden, wo sie, wie wir gesehen haben, 1429 deutlich anfingen sich
zu differenzieren, sich ganz verschieden ausnimmt. In Frankreich
nimmt sich die Nuance der Emanzipation der Personlichkeit innerhalb
des Nationalen so aus, dafi sie vor allem nach innen umschlagt. Ich
mochte sagen: Wenn das Nationale (siehe Zeichnung, rot) diese Linie
ist und auf der einen Seite vom Nationalen der Mensch liegt, auf der
anderenSeite vom Nationalen die Menschheit, die Welt, liegt, so nimmt
in Frankreich die Entwickelung vom Nationalen die Richtung zum
Menschen hin, in England die Richtung zur Menschheit hin. Frankreich
verandert das Nationale innerhalb des Nationalstaates so, dafi es hin-
tendiert zur Umanderung des Menschen in sich, dafi es darauf hin-
tendiert, den Menschen zu etwas anderem zu machen. In England
nimmt aus dem Nationalen heraus das Personliche den Charakter an,
dafi es sich hineintragen will in alle Welt, dafi es die ganze Welt so
machen will, dafi iiberall die Personlichkeit aufwachst. Der Franzose
will mehr zum Erzieher des Personlichen in der Seele werden, der
Englander will zum Kolonisator der ganzen Menschheit werden mit
Bezug auf die Einpflanzung der Personlichkeit. Zwei ganz verschie-
dene Richtungen; der Mutterboden ist das Nationale. Einmal schlagt
es nach der Seele, nach innen, das andere Mai schlagt es nach aufien,
nach der Seele der Menschheit. So dafi wir zwei parallelgehende Stro-
mungen haben in Frankreich und in England mit zwei sehr stark sich
unterscheidenden Nuancen. Daher konnte audi nur in Frankreich, wo
das Innere der Personlichkeit ergriffen wurde, das Gebilde, das sich da
jetzt, so wie ich es charakterisiert habe, entwickelte, iiber Ludwig XIV.
und so weiter dann nur zur Revolution hinfiihren. In England fuhrte
es zum ruhigen Liberalismus, weil es sich nach aufien entlud, in Frank-
reich nach innen, nach dem Innern des Menschen.
Dies tritt merkwiirdigerweise audi geographisch zutage, und es zeigt
sich ganz besonders, wenn wir wiederum einen Wendepunkt in der
neueren Geschichte als Symptom betracliten, an dem "Wendepunkt, wo
der aus der Revolution herausgeborene Napoleon 1805 die Schlacht
von Trafalgar an die Englander verliert. Denn was offenbart sich da?
Napoleon, als allerdings eigenartige, aber immerhin als Reprasentanz
des franzosischen Wesens, bedeutet die Wendung nach dem Innern
audi geographisch, nach dem Kontinente von Europa hinein. Wenn
Sie Europa sich als dieses Gebilde vorstellen (siehe Zeichnung), so wird
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Napoleon gerade durch die Schlacht von Trafalgar nach Europa her-
eingedrangt (Pfeil), England nach der ganzen Welt hinaus, in ent-
gegengesetzter Richtung. Dabei miissen wir nicht vergessen, wie diese
Differenzierung natiirlich audi ihre Auseinandersetzung braucht. Sie
braucht ihre Auseinandersetzung, es raufi sich gewissermafien das eine
an dem andern abreiben. Das geschieht in dem Kampfe urn die Herr-
schaft in Amerika. Es geht das schon etwas hervor aus diesem Wende-
punkt von 1805. Aber wir sehen, indem wir den Buck auf ein paar
Jahrzehnte vorher wenden, wie das, was gerade die Nuance im Fran-
zosentum bewirkt hat, der Romanismus, fiir die Welt zuruckgeschlagen
wird vom Angelsachsentum in Nordamerika.
So spiiren Sie, wenn Sie nur wollen, was da waltet und wirkt. So
sehen Sie, wie dieser Bewufitseinsimpuls durch seine Kraft gewisser-
mafien wie der Zauberlehrling nationale Impulse heraufruft, die sich
in der verschiedensten Weise in die Menschheit hineinverpflanzen und
hineinnuancieren. Man kann an diese Dinge nur herankommen, wenn
man in allem den Bewufitseinsimpuls studiert, aber es vermeidet, pe-
dantisch zu werden, sondern sich den Blick frei halt fur Bedeutsames
und Unbedeutsames, fur Charakteristisches und Uncharakteristisches,
mehr oder weniger Charakteristisches audi, so dafi man dann dadurch
aus den aufieren Symptomen zum inneren Gang der Wirklichkeit vor-
dringen kann. Denn das AujRere widerspricht eben oftmals sogar ganz
dem, was eigentlich als Impuls in der Personlichkeit drinnenliegt. Und
besonders in emer Zeit, in welcher die Personlichkeit auf sich selber
gestellt wird, da widerspricht das Aufiere gar sehr dem, was eigentlich
in der Personlichkeit als ein Impuls drinnenliegt.
Auch das zeigt sich, wenn man symptomatisch diese Entwickelung
der neueren Geschichte der Menschheit verfolgt. Es ist iiberall so: Da
geht die Stromung (rot schraffiert), da geht die Oberflache - und die
Schullehrer erzahlen als Geschichte die Unwirklichkeit. Aber es gibt
Punkte, da kommt in die geschichtlichen Ereignisse hinein so wie Wo-
gen, die da heraufspiilen, manchmal ganz vulkanisch, das durch, was
da drunter ist. Wiederum an anderen Punkten, da guckt es, ich mochte
sagen, heraus, und einzelne historische Ereignisse verraten das, was
drunter ist. Die sind dann als Symptome besonders charakteristisch.
Aber manchmal sind es gerade Symptome, wo man, indem man hin-
schaut auf die symptomatische Tatsache, iiber das Xufiere sehr stark
hinwegsehen mufi.
Nun, besonders charakteristisdi fiir das Aufkeimen des Bewulk-
seinsseelenimpulses im Westen Europas ist eine Personlichkeit sowohl
durch ihre personliche Entwickelung, wie durch ihr ganzes Hinein-
gestelltsein in das neuere geschichtliche Leben. Sie stellte sich im Be-
ginne des 17. Jahrhunderts gerade hinein in dieses DirTerenzieren des
franzosischen und englischen Impulses mit seiner ganzen Wirkung, die
es damals schon entfacht hat auf das iibrige Europa. Im 17. Jahrhun-
dert, da hatte es schon eine langere Zeit gewirkt, hatte sich schon aus-
gebreitet. Es war die Personlichkeit, die sich da hineinstellte, eine
merkwiirdige Personlichkeit, die man in der folgenden Weise schildern
kann. Man kann sagen: Diese Personlichkeit war aufierordentlich
freigebig, erfullt von einem wirklichen, tiefen Dankbarkeitsgefiihl fiir
alles dasjenige, was sie empfangen hat, erkenntlich im hochsten Grade,
in mustergiiltiger Weise fur alles dasjenige, was ihr als Giite von der
Menschheit entgegenschlug, eine Personlichkeit, sehr gelehrt, fast die
Gelehrsamkeit der ganzen Zeit in sich vereinigend, eine Personlichkeit,
aufierordentlich friedliebend, abgeneigt den Weltenhandeln als Herr-
scher, nur von dem Ideal erfullt, dafi in der Welt Friede sein soli,
geradezu weise mit Bezug auf Entschliisse und Willensimpulse, von
einer auEerordentlich tiefen Neigung zu freundschaftlichem Verhalten
zu den Menschen erfullt. - So konnte man diese Personlichkeit schil-
dern. Man braucht nur ein bifichen einseitig zu sein, so kann man sie
so schildern, wenn man sie aufierlich, wie sie sich darstellt in der Ge-
schichte, ansieht.
Man kann sie auch in der folgenden Weise schildern, wenn man nur
wieder ein bifichen einseitig wird. Man kann sagen: Das war ein furcht-
barer Verschwender, der gar keine Ahnung davon hatte, was er aus-
geben konnte oder nicht, das war ein Pedant, so ein richtiger Profes-
sorengeist, der iiberall ins Abstrakte und Pedantische seine Gelehr-
samkeit hineintrug. Man kann schildern: Das war ein kleinmutiger
Mensch, ein kleinmutiger Charakter, der iiberall, wo es gait, irgend
etwas wacker, tapfer zu verteidigen, kleinmiitig sich zuriickzog und
den Frieden vorzog aus Kleinmut. Man kann sagen: Das war ein ver-
schlagener Mensch, der sich durch das Leben so durchschlangelte, indem
er iiberall klugerweise dasjenige wahlte, wodurch er in allem durch-
kam, und so weiter. Man kann sagen: Das war ein Mensch, der Be-
ziehungen zu anderen Menschen suchte, wie Kinder zu anderen Men-
schen ihre Beziehungen suchen. Er hatte in seinen Freundschaften ein
Element, das geradezu kindisch war, und das ins Phantastisch-Roman-
tische umschlug im Verehren von anderen Menschen und Sich-verehren-
Lassen von anderen Menschen. — Man braucht nur ein bilkhen einseitig
zu sein, dann kann man das eine oder das andere sagen. Und tatsachlich
gab es Menschen, die das eine sagten, die das andere sagten; manche
sagten beides. Und mit alledem hatte man die aufiere historische Per-
sonlichkeit von Jakob I. betrachtet, wie sie sich darlebte, als er von
1603 bis 1625 regierte. Man konnte so reden, wie ich zuerst geredet
habe, man konnte so reden, wie ich dann geredet habe, und es wird
beides gut fur Jakob I. passen. Man kennt gar nicht, weder was in sei-
nem Innern in Wirklichkeit lebte, noch was in ihm lebte als Angehori-
ger der Menschheitsentwickelung der neueren Zeit, wenn man das eine
oder das andere schildert. Und doch schlagt gerade in der Zeitperiode,
da Jakob I. in England regierte, so etwas wie von unten herauf, und es
werden dazumal die Symptome stark charakteristisch fur dasjenige,
was als Wirklichkeit vorgeht.
Nun, von diesen Dingen wollen wir dann morgen weitersprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 19. Oktober 1918
Gestern habe ich versucht, Ihnen in grofien Ziigen ein Bild der Sym-
ptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu
geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von
Symptomen - den wir zunachst nicht sdion so verfolgten, dafi wir
iiberall auf dasjenige etwa geschaut hatten, was er offenbart, das wer-
den wir audi nodi tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charak-
terisiert haben - die merkwiirdige Ersdieinung Jakob I. von England.
Er steht da zu Beginn des 1 7. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher
in England eigentlidi wie eine Art Ratselgestalt, ungef ahr urn die Mitte
desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des funften
nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entsdieidung brin-
gende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht - das kann spater ge-
schehen - meine Aufgabe sein, iiber mandies Geheimnis, das mit der
Personlidikeit Jakob I. verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das
noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich mufi schon heute darauf hin-
weisen, wie merkwtirdig, wiederum symptomatisch merkwurdig dieser
Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man mochte
sagen: Ein Mensch, der wirklich nach alien Seiten so widerspruchsvoll
charakterisiert werden konnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus
versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Obelste, je nach-
dem man es farbt, iiber ihn sagen.
Man kann vor alien Dingen aber von diesem Jakob I. sagen,
daft er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich heraus-
entwickelt hat aus all den Verhaltnissen, die ich Ihnen ge-
schilderthabe und auf dem sichbesonders entwickelt ein Staatsgedanke,
der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das ent-
wickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens
dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, dafi
auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie
ein Wesen, das nicht so recht zusammenhangt mit diesem Boden.
Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen funften
nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der
Seite der Geburt der Bewufttseinsseele, dann wird es schon in einer
gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daft
er die Personlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt,
der so leicht verbunden ist mit Personlichkeiten aus der Zeit des Be-
wufttseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewufttseinszeit-
alters, da verliert die Personlichkeit denjenigen Wert, den sie friiher
kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daft sie eigentlich als
selbstbewuftte Personlichkeit nicht ausgebildet war. Die Personlichkeit
lebte sich dar in friiheren Zeitaltern, man mochte sagen, mit elemen-
tarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten - man wird mich
nicht miftverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv
lebte sich die Personlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem
Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie
sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich
gerade fiir die Personlichkeit ein ganz merkwiirdiger Widerspruch. Auf
der einen Seite wird alles das, was friiher da war fiir das individuell-
personliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelahmt,
und im Innern der Seele soil sich das Zentrum des Personlichen all-
mahlich gestalten. Die Seele soli vollinhaltliche Kraft gewinnen.
Daft ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor alien Dingen
an dem, was ich schon gestern sagte. Wahrend man friiher, in den
Zeitaltern, in denen die Personlichkeit noch nicht geboren war als
selbstbewuftte Personlichkeit, der Kulturentwickelung ganz pro-
duktive Krafte einverleibt hat, hort das jetzt auf. Die Seele wird
steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen,
denn darinnen besteht das Personliche, daft die Seele sich auf sich selbst,
in den Mittelpunkt der Personlichkeit der Menschenwesenheit stellt.
So daft solche iiberragenden Personlichkeiten, wie sie dem Altertum
eigen waren, Augustus, Julius Casar, Perikles - wir konnten alle mog-
lichen nennen - nicht mehr moglich werden. Gerade das Elementare
der Personlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich
spater demokratische Gesinnung nennt, die die Personlichkeit nivel-
liert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will
die Personlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch!
Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I.
stand gerade auf dem Posten des Herrschers. GewijR, in der Zeit der
Perserkonige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeit-
alter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan L, die hei-
lige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Personlichkeit etwas in
einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hinein-
gehorig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, audi in seiner
Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewande
drinnensteckt, von dem ihm aber audi gar nichts pafit. Man kann
sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drin-
nensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewande, das ganz und gar
nicht pafke. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann
spater zur anglikanischen Kirche iibergegangen, allein im Grunde ge-
nommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgiiltig wie die anglika-
nische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm
nicht pafite. Er war berufen, im herannahenden Zei taker des parlamen-
tarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte,
als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit
den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte,
denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatho-
lischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den
Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie
sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja
jener sonderbare Plan, der so merkwurdig in der Welt dasteht, 1605,
nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katho-
lizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, moglichst viel Pul-
ver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem ge-
eigneten Augenblicke sollten samtliche Parlamentsmitglieder in die
Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschworung. Die
Sadie ist nur dadurch verhindert worden, dafi ein Katholik, der davon
wufite, die Sache verraten hatte, sonst wiirde sich iiber diesem Jakob I.
das Schicksal abgespielt haben, dafi er mit seinem ganzen Parlamente
eines Tages in die Luft geflogen ware. In nichts palke er hinein, denn
er war eine Personlichkeit, und die Personlichkeit hat etwas Singulares,
etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist.
Aber im Zeitalter der Personlichkeit will jeder eine Personlichkeit
sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter
der Personlichkeit, das miissen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der
Personlidikeit ist es nicht so, daft man zum Beispiel die Konigs-Idee
oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daft kein
Papst oder kein Konig da sei. Nur mochte, wenn schon ein Papst
oder ein Konig da ist, jeder ein Papst und jeder Konig sein, dann
waren gleichzeitig Papsttum, Konigtum und Demokratie erfullt. Alle
diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwiirdige Personlich-
keit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge fafit, denn er war durch
und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit alien
Widerspriichen der Personlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt.
Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakteri-
sierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die
ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine
eigenen Biicher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber
schrieb, fiihrt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in
seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrach-
tet, wie ein grofies Ratsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf
einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das
Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte.
Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge
eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe ge-
sprochen von der DifFerenzierung des englischen, des franzosischen
Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert. Der
Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans,
1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in Eng-
land die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift mit der Aspi-
ration, die Personlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frank-
reich die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift - auf beiden
Boden aus der nationalen Idee heraus entspringend - mit der Aspi-
ration, moglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf
sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunachst, also im Beginne des
17. Jahrhunderts, eine Personlichkeit, die wie der Reprasentant aller
Widerspruche des Personlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome
charakterisiert, mufi man niemals pedantisch fertig werden wollen,
sondern immer einen unaufgelosten Rest lassen, sonst kommt man
nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob I. keineswegs so, dafi
Sie ein schones geschlossenes Bildchen haben, sondern so, dafi Sie etwas
daran zu denken, vielleicht audi zu ratseln haben.
Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied
zwischen dem englischen Wesen und dem franzosischen Wesen. Gerade
im franzosischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Drei&g-
jahrigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man
nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn
man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an
dem Beispiele - aber das Beispiel ist ziemlich singular - der Entste-
hung, des Hinaufkommens zu hohem Glanze und des Herabsteigens
wiederum des franzosischen Nationalstaates tun, an Ludw'ig XIV. und
so weiter. Wir sehen, wie dann im Schofie dieses Nationalstaates die
Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Per-
sonlichkeit, die mit der Franzosischen Revolution gegeben ist.
Diese Franzosische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann
sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Bruder-
liche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei
einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der
eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Franzosischen Re-
volution diese Dreiheit auftrat: Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit.
Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von
diesen dreien, von Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht spre-
chen, ohne dafi man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern
der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben
der Menschen mufi die Menschheit allmahlich gerade im Zeitalter der
Bewufkseinsseele aufsteigen zu einem bruderlichen Element. Es wiirde
einfach ein unsagbares Ungluck und eine Zuriickwerfung sein in der
Entwickelung, wenn am Ende des f iinf ten nachatlantischen Zeitraumes,
des Zeitalters der Bewufitseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem
hohen Grade unter den Menschen die Briiderlichkeit ausgebildet ware.
Aber die Briiderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie
angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu Men-
schenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen,
dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum
drinnen leben, wenn man glaubt, dafi sich Freiheit irgendwie realisieren
laiSt im aufteren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele
lalk sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen
als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Briiderlichkeit,
Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muJR wissen, dafi der
Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und mufi wissen: Zur
Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden
wollen. Und gleich sein konnen die Menschen nur in bezug auf den
Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist fur jeden derselbe.
Er wird angestrebt dadurch, dafi der funfte Zeitraum, die Bewufk-
seinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist,
nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie,
eigentlich zusammenhangend mit dieser Gleichheit des Geistes, das
Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. - Aber wenn
man nicht verteilt auf diese drei difFerenzierten Seelenglieder Briider-
lichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durch-
einanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soli bruderlich leben auf
derErde, frei sein und gleich sein- dann fuhrt das nur zur Verwirrung.
Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Franzosische Re-
volution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Franzosi-
sche Revolution aufierordentlich interessant. Sie stellt dar, gewisser-
mafien in Schlagworten zusammengedrangt und mischmaschartig auf
den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit
alien Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeit-
alters der Bewufitseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum
Jahre 3573, allmahlich entwickelt werden muiK. Das ist die Aufgabe
dieses Zeitraumes, dafi fur die Leiber die Briiderlichkeit, fur die Seelen
die Freiheit, fur die Geister die Gleichheit erworben werden wahrend
dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durch-
einanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des funflen nachatlan-
tischen Zeitraumes schlagwortartig in der Franzosischen Revolution
auf. Es steht unverstanden da die Seele des funflen nachatlantischen
Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunachst keinen
aufteren sozialen Leib gewinnen, fiihrt im Grunde genommen zu Ver-
wirrung iiber Verwirrung. Es kann keinen aufieren sozialen Leib ge-
winnen, stent aber da wie die fordernde Seele, aufierordentlich bedeut-
sam. Man mochte sagen: Alles Innere, was dieser fiinfte nacliatlantische
Zeitraum haben soli, steht unverstanden da und hat kein Aufieres.
Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf .
Sehen Sie, so etwas, wo das, was iiber den ganzen nachsten Zeit-
raum ausgedehnt werden soli, am Anfange fast tumultuarisch zutage
tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in
welcher sich die Menschheit entwickeln soil, von den Kraften, die den
Menschen eingeboren sind dadurch, dafi sie mit ihren ureigenen Hier-
archien zusammenhangen. Der Waagebalken schlagt sehr stark ein-
seitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Franzosische Revo-
lution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich
nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man
spricht so, ich mochte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht ima-
ginativ, aber Sie miissen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und
mussen vor alien Dingen nicht die Sache wortwortlich nehmen: In dem,
was in der Franzosischen Revolution auftrat, ist gewissermafien die
Seele des f iinften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Korper,
ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloJS seelenhaft, strebt nach Leib-
lichkeit; aber das soli erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden
selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der
Entwickelung so ausschlagt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was
erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Franzosischen
Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhyth-
mus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite
ausschlagt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz - und zwar
jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahri-
manisch-luziferisch - dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem un-
personlichen Fordern der Personlichkeit. In Napoleon stellt sich hinter-
her der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen
Personlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite,
gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung - ich habe es schon einmal auf-
gezahlt - fiir sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz,
Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er
nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa nodi einmal zu beunruhi-
gen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal
sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus yon sieben zu sieben
Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend.
Ich habe rmr wirklich viel Miihe gegeben - manche wissen, wie ich
da oder dort daruber eine Andeutung gegeben habe -, die Seele Napo-
leons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien konnen in der mannig-
faltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemadit werden.
Sie erinnern sich, wie Novalis' Seele in fruheren Verkorperungen ge-
sucht worden ist. Ich habe mir redlich Miihe gegeben, Napoleons Seele,
zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgend-
wie zu suchen - ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht,
dafi ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird
wohl das Ratsel dieses Napoleon-Lebens sein, das ablauft wie eine
Uhr, sogar nach dem siebenjahrigen Rhythmus, das audi am besten
verstanden werden kann, wenn man es als das voile Gegenteil eines
solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil
der Abstraktion der Franzosischen Revolution: die Revolution ganz
Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie
zusammengebraut ist aus alien Widerspriichen des Zeitalters. Es ver-
birgt sich eines der grofiten Ratsel der neuzeitlichen Entwickelungssym-
ptome, sagen wir, in dieser merkwiirdigen Zusammenstellung Revo-
lution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkorpern wollte
auf der Welt und korperlos erschien, und unter den Revolutionaren
des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinenKorper finden konnte,
und nur aufierlich ihr ein Korper sich genahert hatte, der wiederum
keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr
als etwa blofi geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisie-
rungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen
Werdens. Allerdings miissen die Dinge symptomatisch betrachtet wer-
den. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaft-
lichen Forschung. Aber selbstverstandlich, das, was ich jetzt zu Ihnen
gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bifichen anders
wahlt, iiberall sonst sagen.
Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren
Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhaltnismafiig ruhig, wirklich
wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sicli fortentwik-
keln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmafiig, ich mochte sagen, in
einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu auspragend.
Es entwickelt sich das franzosische Wesen etwas tumultuarischer, so
dafi man eigentlich, wenn man die Ereignisse der franzosischen Ge-
schichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weift: wie kam eigent-
lich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? - un-
motiviert, mochte man sagen. Das ist der hauptsachlichste Grundzug
der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmoti-
viert. Es ist kein Tadel — ich spreche ganz ohne Sympathie und Anti-
pathie -, sondern nur eine Charakteristik.
Nun wird man niemals hineinsehen konnen in dieses ganze Sym-
ptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf
wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr aufierlich - oder
auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne aufierlich,
wie ich gestern erwahnt habe - sich abspielt, wiederum etwas anderes
wirkt. Das mochte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfmdet schon
in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses funfte nachatlantische
Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewufitseins-
seele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und
sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es
kommt das Zeitalter, in dem die Personlichkeit sich emanzipieren soli,
das aber in einer gewissen Beziehung zunachst unproduktiv sein wird,
nichts selbst wird hervorbringen konnen, das mit Bezug gerade auf die
geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben iibergehen
soil, vom Althergebrachten wird leben miissen.
Das ist ja der tiefere Impuls fiir die Kreuzziige, die dem Zeitalter
des Bewufitseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die
Leute hiniiber nach dem Oriente? Warum streben sie hiniiber nach dem
heiligen Grabe? Weil sie nicht streben konnen und nicht streben wollen
nach einer neuen Mission, nach einer neuen urspriinglichen speziellen
Idee im Bewufttseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte
in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden:
Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere
Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt
hat. - Mit den Kreuzziigen ahnt man, dafi heraufkommt das Zeitalter
der Bewufitseinsseele mit seiner Unproduktivitat, die es zunachst ent-
faltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzziigen entsteht der Tem-
pelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der
Konig Philipp der Schdne den Garaus gemacht hat. Und mit dem
Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orien-
talischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europaischen Geistes-
kultur. Der Konig von Frankreich, Philipp - ich habe das im Laufe
der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert -, konnte zwar
die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber
die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanale in das
europaische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten
fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exote-
rische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden
konnen, daiK man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Oppo-
sition gegeniiber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann
mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere
Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusam-
menhangend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen
mufite, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und
empfunden wird.
Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, dafi
man gegeniiber dem, was von Rom ausstromte, gegeniiber diesem
suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe,
orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte
nahm, die man einimpfte dem europaischen Wesen? Betrachten wir ein-
mal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls
fiihren konnen.
Die Bewufkseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren
gegeniiber der Bewulkseinsseele - und bewahrt es bis heute - die sugge-
stive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen
zuruckzuhalten vom Ubergehen zum Bewufitseinsseelenzustand, welche
geeignet sein soil, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes-
oder Gemiitsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf , den Rom
gegen den Fortgang der Welt fiihrt, dafi es beharren will, dieses Rom,
bei etwas, was fur die Verstandes- oder Gemiitsseele taugt, wahrend
die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewufit-
seinsseele.
Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fort-
schritt in die Bewufitseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche
Lage, die fiir weitaus die meisten Menschen zunachst in den ersten
Jahrhunderten des Bewufitseinszeitalters und bis heute unbequem
empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soli sich auf sich selbst
stellen, der Mensch soli als Personlichkeit sich emanzipieren. Das ver-
langt von ihm das Zeitalter der Bewufttseinsseele. Er mufi heraus aus
all den alten Stiitzen. Er kann sich nicht mehr blofS suggerieren lassen
dasjenige, an was er glauben soil, er soil selbsttatig teilnehmen an der
Erarbeitung dessen, was er glauben soli. Das empfand man, insbeson-
dere als dieses Zeitalter der Bewufitseinsseele heraufstieg, als eine Ge-
fahr fiir den Menschen. Instinktiv fiihlte man: Der Mensch verliert
seinen alten Schwerpunkt; er soil einen neuen suchen. — Aber auf der
anderen Seite sagte man sich audi: Wenn man gar nichts tut, was sind
dann die Moglichkeiten des Geschehens? - Die eine Moglichkeit besteht
darinnen, dafi man einfach den Menschen hinausfahren lafit auf das
offene Meer des Suchens nach der Bewufitseinsseele, ihn gewissermafien
freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die
andere Moglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, dafi
Rom dann eine grofie Bedeutung gewinnt, eine grofie Wirkung iiben
kann, wenn es ihm gelingt, abzudampfen das Streben nach der Be-
wulkseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Ver-
standes- oder Gemiitsseele. Dann wurde das erreicht werden, dafi der
Mensch nicht aufsteigt zu der Bewufkseinsseele, dafi der Mensch nicht
zum Geistselbst kommt, dafi der Mensch seine zukiinftige Entwickelung
verliert. Es ware das nur eine von den Nuancen, durch welche die zu-
kiinftige Entwickelung verloren werden konnte.
Die dritte Moglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler
vor, man versucht sein Streben ganz abzutoten, damit der Mensch
nicht in diese pendelnde Sdiwingung kommt zwischen dem Streben
nach der Bewufitseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt.
Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt,
untergrabt man sein Streben vollstandig, nodi radikaler als Rom. Das
tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der
Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken lafk. Vom
Oriente hatte man es mitgebraclit, allerdings urspriinglich bei den
esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nach-
dem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempel-
herrenorden zunachst so behandelt worden war, wie er eben von
Philipp dem Schonen, dem Konig von Frankreich, behandelt worden
ist, da war geblieben, was man so heriibergebracht hatte aus Asien an
Kultur. Aber es war ihm zunachst die Spitze abgebrochen, in der Histo-
rik, nicht bei einzelnen Personlichkeiten, aber in der historischen "Welt.
Durch zahlreiche Kanale, wie ich gesagt habe, war eingetraufelt das,
was die Templer heriibergebracht haben, aber der eigentliche spiri-
tuelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es
denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen
Zeit. Die Katholizitat brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige,
woraus der Geist ausgeprefit war wie der Safl aus einer Zitrone, was
sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder
Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esote-
rismus der englischsprechenden Bevolkerung, das ist die ausgeprelke
Zitrone, die daher, nachdem sie ausgeprefit ist, die Geheimnisse des
dritten nachatlantischen, des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes ent-
halt, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das
Leben der Bewufitseinsseele.
Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bosesten Sinne ahnlich
sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soil. Denn erinnern Sie
sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe
Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeitraumen
(siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Kata-
strophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, drit-
ten, vierten, funften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht
so, dafi der vierte fur sich allein dasteht, gewissermafien die Mitte
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bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wieder-
um, nur auf einer hoheren Stufe, im fiinften. Was im zweiten charak-
teristisch war, tritt wiederum auf einer hoheren Stufe auf im sechsten.
Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint
wiederum im siebenten. Solche Obergreifungen finden statt. Erinnern
Sie sich, wie ich gesagt habe, dafi es einzelne Geister gibt, die sich be-
wufit sind dieses tJbergreifens, wie in Kepler - als er versuchte, in
seiner Art im fiinften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im
Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklaren, indem er
sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefafie der Agypter und so wei-
ter - das Bewufitsein auftaucht, dafi wiederersteht im Menschen des
fiinften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten
nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also
etwas Ahnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man
den Esoterismus, die Kulte des agyptisch-chaldaischen Zeitalters, her-
iibernimmt. Aber man kann das, was man da heriibernimmt, dazu
beniitzen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewufitseinsseele
die Selbstandigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende
Kraft der Bewufitseinsseele abzudampfen, zu lahmen. Und das ist von
dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschlafern die Bewufitseinsseele,
die heraufkommen soli. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen.
Rom - ich spreche jetzt bildlich - braucht den Weihrauch und schla-
fert die Leute halb ein, indem es ihnen Traume verursacht. Diejenige
Bewegung, die ich jetzt meine, die schlafert die Leute, das heilk die
Bewulkseinsseele, vollstandig ein. Das sickerte audi in die Entwicke-
lung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie
auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch
Bruderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen
Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fiinften
nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brii-
derlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen.
Denn das konnen sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewulkseinsseele
zur rechten Selbsterkenntnis verwenden konnen, wenn sie aufwachen
in der Bewulkseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewulkseins-
seele, so fiihlen sie sich zunachst im Leibe, in der Seeie und im Geiste.
Das aber soli gerade eingeschlafert werden. So dafi wir diese zwei
Stromungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen
Seite will man, nun der Impuls nach der Bewulkseinsseele da ist,
chaotisch Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite
ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszuloschen das Auf-
wachen in der Bewulkseinsseele, damit einzelne Individualitaten dieses
Aufwachen in der Bewulkseinsseele fur sich beniitzen konnen. Diese
zwei Stromungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschicht-
lichen Lebens der Neuzeit.
Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahr-
hundert hineinstiirmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis
ungefahr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunachst stark ein An~
hub nach der Emanzipation der Personlichkeit da, weil, wenn so viele
Stromungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache
nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir
sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus,
die ich Ihnen fur den Westen von Europa charakterisiert habe, wie
sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Personlich-
keit, was aus der Nationalist heraus und ins Allgemein-Menschliche
hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbstandig entwickeln,
weil immer die Gegenstrorriung ist von jenen Orden, die, insbesondere
in England, furchtbar das ganze ofFentliche Leben infizieren, viel mehr
als die auftere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und
so sehen wir, wie so merkwtirdige Personlichkeiten auftreten wie
Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich
erf alk sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Personlichkeit,
nach der Oberwindung des Nationalen durch die Personlichkeit tiber
die ganze Erde hin, die so weit kamen, dafi sie an etwas tippten, was
politisch von grofiter Bedeutung sein konnte, wenn es sich einmal hin-
einwagen wiirde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber diffe-
renziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natiirlich haben es
die Leute nur fiir ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nicht-
intervention in andere Angelegenheiten von seiten des Inselreiches als
Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber
es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Be-
streben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zekraumes
heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
von Westen her dasjenige entsteht, was man gewohnlich Liberalismus
nennt, liberale Gesinnung — bald nennt man es freisinnig -, nun, so
wie es einem gerade gefallt. Sie wissen aber, ich meine diejenige An-
schauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgepragt
hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklarung, im 19. Jahrhundert
als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische
Streben nannte, und das so allmahlich versickerte und ausstarb im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel iiberall noch
als liberales Element auftrat, trat ja allmahlich im wirklichen Leben
ganz zuruck. Dafiir trat etwas anderes ein. Da nahern wir uns bedeut-
samen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mulke nun
geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stofi der Bewufitseins-
seele so, dafi er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende
Flut (s. Zeichng. S. 50, rot). Aber was so ausschlagt nach der einen Seite,
schlagt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so dafi wir
auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der
Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeii abwarts). Stellen wir uns nur
die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, dafi sich die
Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich mochte sagen, so recht fafi-
ten, so recht in die Hand nahmen und anstiirmten gegen die Fangarme
der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los,
liefien sich nicht kapern, wenn ich. den trivialen Ausdruck gebrauchen
darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfafit. Aber
das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und
brachte allmahlich diese sehr diinn vertretenen sogenannten liberalen
Ideen zu sich hiniiber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts
waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aus-
sichtslos, denn diejenigen, die spater noch liberale Ideen vertraten,
machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden
des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der spateren Zeit waren
so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was
aus jenen Orden und Geheimgesellschaften des Westens heraus kam:
die Einschlaferung, Einlulhmg der Bewufitseinsseele als solcher. Dann
wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunachst
nur dasjenige, was in der aufieren sinnlich-physischen Welt da ist. Und
das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
als der seiner selbst bewufite Sozialismus in alien moglichen Formen.
Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen
werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der blofien
Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer
solchen toten Wissenschaft hat zunachst Lassalle gerungen, aber Marx
und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bil-
dete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu
werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf
dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutend-
sten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Mensch-
heit heraus. Wir miissen schon einige charakteristische Dinge dieses
Sozialismus vor unsere Seele hinstellen.
Es sind ja drei Oberzeugungen oder Oberzeugungsteile, besser ge-
sagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fufit erstens
auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der An-
schauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaft-
lichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassen-
kampfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Men-
schen heute als Uberzeugung erfiillt iiber die Erde hin, was sich in
diesen drei Dingen zusammenfassen lalk: Theorie der Klassenkampfe,
volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes,
materialistische Geschichtstheorie.
Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome,
die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau fur das, was wir
eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische
Geschichtsauffassung? - Materialistische Geschichtsauffassung meint:
Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht
nur aus aufieren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen miissen
essen, miissen trinken, die Menschen miissen das, was sie zu essen und
zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie miissen also mit-
einander handeln, sie miissen das erzeugen, was die Natur nicht selbst
erzeugt. Aber das ist dasjenige, was iiberhaupt menschliche Entwicke-
lung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing
auftritt - ich will einen bekannten Namen wahlen ~, warum tritt Les-
sing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem
16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch
die Einfiihrung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und
so weiter eine starke Scheidung entstanden - sie war im Entstehen -,
die sich da vorbereitet hat zwischen Burgertum und dem nachriicken-
den Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war
gewissermafien schon glimmend unter der Oberflache des sozialen Da-
seins. Aber gegeniiber den friiheren Standen war im Verlauf des wirt-
schaftlichen Lebens der Neuzeit der Biirgerstand erstarkt. Durch die
Art und Weise, wie man als Burger lebt, so dafi man den Arbeiter
unter sich hat, dafi man nicht mehr recht anerkennt die friiheren
Stande, dafi man es dazu gebracht hat, die Giitererzeugung, die Giiter-
verarbeitung, die Giiterverteilung so zu machen, wie es eben der Bur-
ger madit, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts
anderes ist also ein ideologischer Oberbau fiir die Art, wie das Biirger-
tum Giiter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, dafi
man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Burger
ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der
Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologic,
wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er
Giiter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Burger denkt dadurch,
dafi er in Stadten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er
lost sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zu-
sammenhang fiir ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklarter, der so im
Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die
Folge davon, dafi er Giiter erzeugt. - Ich spreche die Sache etwas kraft
aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. - Dadurch, dafi man in
einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Giiter verarbeitet und
verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer beson-
deren Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repra-
sentant des auf seiner Hohe stehenden Biirgertums, hinter dem das
Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. ~ So ahnlich ist Herder,
Goethe und so weiter zu erklaren. All das ist ein Oberbau; wirklich
ist fiir die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was
aus der Giitererzeugung, Guterverarbeitung, aus dem Giiterverhan-
deln kommt.
Das ist materialistische Geschichtsauf f assung. Will man das Christen-
tum erklaren, so hat man zu erklaren, wie in der Zeit, als unsere Zeit-
rechnung begonnen hat, die Handelsverhaltnisse zwischen dem Orient
und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklaren, wie
die Ausbeutung der Sklaven, die Verhaltnisse der Herren zu den Skla-
ven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklaren, wie sich iiber
all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt:
das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Not-
wendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was
sie zum Essen verhandeln sollen, als das friiher der Fall war, deshalb
haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher
Umsdiwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat audi jener
radikale Umsdiwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Chri-
stentum diarakterisiert. - Das ist der erste Teil jener Uberzeugungen,
die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Mil-
lionen Herzen Bahn gebrochen haben.
Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich
keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese
Anschauung ist. Gewifl, die Professoren, die von den Ideen der Ge-
schichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die
haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich ein-
zelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gef uhlt.
Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das
ist aber im Zeitalter der Bewufkseinsseele, und der Impuls der Bewulk-
seinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen
lafit. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschlafern; von der
anderen Seite verlangen sie aber, ich mochte sagen, mitten im Schlafe,
wieder auf zu wachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung
des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialisti-
sche Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentiimlichen
Symptome: Einer der edelsten, liberaisten Geister, Schiller, wurde
lange gefeiert, wurde aufierlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur
Jubelfeier seiner Geburt uberall Denkmaler errichtet. In meiner Ju-
gend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hiefi er, der bemiihte
sich, in einer sehr schonen Schrift die Menschen einzufiihren in wirk-
liche Ideengange Schillers, in seine Ideengange, die er niedergelegt hat
in den Brief en uber die asthetische Erziehung des Menschen. Die ganze
Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser
Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, dafi er beruhrt wurde,
glaube ich, von einem voruberfahrenden Wagen - kurz, er fiel um auf
der Strafie, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden - ob-
wohl es ein leichter Beinbruch war -, weil er so unterernahrt war, dafi
man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht iiberstehen.
Das ist nur ein Symptom fur die Art und Weise, wie das 19. Jahrhun-
dert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verstandlich
machen wollen, die die grofSen Ideen Schillers haben einfiihren wollen in
das allgemeine Zeitbewufitsein. Gewifi werden Sie sagen, oder werden
andere sagen: Gibt es denn nicht schone Bestrebungen auf alien Gebie-
ten? - Die gibt es schon, wir werden audi davon noch im Lauf e der Zeit
sprechen, aber sie fiihren alle zum grofien Teile in Sackgassen hinein.
Das ist das eine Glied der sozialistischen Oberzeugung. Das zweite
ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem
charakterisieren, dafi man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es
dahin gebracht, dafi derjenige, welcher verwendet werden mufi, um
Giiter zu erzeugen, um Guter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft
zur Arbeitskraft machen mufi, die dann ebenso eine Marktware wird
wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Men-
schen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die
Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben
die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Pro-
duktionsmitteln gehort. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Ar-
beitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da;
die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den
Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daft dieser Gegensatz
besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daft dem Un-
ternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitz-
lose Arbeiter gegeniibersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt
bringen kann, dadurch ist es moglich, die Entschadigungen fur die
Ware Arbeit - Ware Arbeit! - auf ein Minimum herabzudriicken, und
alles iibrige fliefit dem Besitzer der Produktionsmittel, das heifit dem
Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was
produziert wird fur den Markt und fur die Menschheit, also fur den
Konsum, im ganzen so, dafi der Arbeiter nur Entschadigungen be-
kommt, ein Minimum; das andere fliefit als Mehrwert dem Unter-
nehmertum zu. - Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Ober-
zeugung wiederum von Millionen Menschen. - Und dies ist lediglich
durch dieganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigefiihrt, welche
das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das fiihrt zuletzt
dazu, dafi es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt.
Es sind im wesentlichen diese Kategorien, nut denen, seit der Mitte
des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sek-
ten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen
gewonnen werden fiir die Anschaimng einer rein wirtschaftlichen
Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu
der Oberzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen,
die icb Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, dafi man sagt: Also ist
der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der
sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel miissen Gemeingut
werden. Alle, die arbeiten, miissen die Produktionsmittel zusammen
verwalten konnen. - Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal
des Arbeiterstandes geworden.
Dies ist sehr wichtig, dafi man erstens nicht bei den eingerosteten,
eben keine Wirklichkeit trefTenden Vorstellungen stehenbleibt, welche
viele Menschen noch haben, die dem Biirgertum angehorig geblieben
sind und sich so durchgeschlafen haben iiber die neuzeitliche Entwicke-
lung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete
Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich
geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vor-
stellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen
teilen, die wollen, dafi alles gemeinschaftlich wird und so weiter. —
Diese Leute miifiten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie horen, dafi
eine sorgfaltig ausgebaute, scharfsinnige Anscliauung, wie es werden
soil und werden mufi, unter Millionen und Millionen von Menschen
ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch iiberwunden werden
kann, dafi die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der
heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachlauft
dem sozialistischen Agitator, lacht natiirlich den Angehorigen der Bour-
geoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozial-
demokraten wollen, denn der versteht, dafi es sich urn die Sozialisie-
rung, das heilk um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel
handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz
der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil
derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der
die Produktionsmittel hat.
So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neuerenZeit einKampf
um die Produktionsmittel, und Kampf mufi sein, denn das ist die dritte
Oberzeugung der Sozialdemokratie, dafi sich alles, was sich entwickelt
hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekom-
men, indem sie den Adelsstand uberwunden hat. Das Proletariat wird
heraufkommen und wird sich die Verwaltung iiber die Produktions-
mittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die
Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf
der Klassen. In der Oberwindung der einen Klasse durch die andere
liegt der Fortschritt der Menschheit.
Diese dreifache Anschauung: erstens, dafi dasjenige, was die Mensch-
heit vorwarts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse
sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, dafi der
eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur uberwunden werden
kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und
drittens, dafi eine Moglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich
zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu iiberwinden, wie die
Bourgeoisie den alten Adel uberwunden hat - das ist es, was sich all-
mahlich als die sogenannte sozialistische Bewegung iiber die zivilisierte
Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschicht-
liches Symptom der allerjiingsten Jahre audi dieses, dafi sowohl die
Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der geblie-
benen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, hochstens Schlag-
worte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun,
diejenigen Schlagworte, iiber die manchmal ganz hinten in den Ge-
schichtsbiichern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht
iiberhaupt etwas drinnen dariiber! Das also wurde verschlafen, was
wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, dafi, aufier-
ordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhaltnisse, unter
dem Einflusse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben,
auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekum-
mert die Leute weitergeschlafen hatten, wenn die letzten vier Jahre
nicht eingetreten waren, wie unbekiimmert darum, dafi mit jedem
Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden fiir diese sozia-
listischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und
dafi endlidi die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem,
sich zu gestehen, dafi man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute ver-
meiden es, sich klar zu machen, dafi sie auf einem Vulkan tanzen. Aber
der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf
ihm tanzen, zu verschiitten.
Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte
charakterisiert. Denn sie gehort zu den Symptomen der neueren Ge-
schichte, diese sozialistische Oberzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist
nicht blofi irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das
Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natiirlich
einen grofien Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Men-
schen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch er-
kennen konnen aus den drei Punkten, die ich angefiihrt habe. Das aber
ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich
Ihnen als eine gewisse Grundlage beimAusgang der neueren Geschichte
gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt.
Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl
Marx zunachst das Programm dieses Proletariats veroffentlichte, das
im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angefiihrt habe, es
wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Lander, vereinigt
euch!» Und fast keine Versammlung iiber die ganze Erde hin unter
diesen Leuten wurde geschlossen, ohne dafi sie geschlossen wurde mit
einem Hoch auf die internationale revolutionare Sozialdemokratie,
auf die repubKkanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales
Prinzip. Und so tritt neben die romische Internationale mit ihrer Uni-
versalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache,
denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig,
dafi man das ins Auge f afit.
Um morgen wenigstens vorlaufig diese Symptomatologie der neueren
Zeit zu kronen, miissen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der
uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einiger-
mafien zeigen: da konnen wir durchbrechen und in die Wirklichkeit
hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben ge-
radezu unlosbare Probleme - Sie miissen empfinden, wie die Dinge
verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen - unlosbare Probleme. Wir
sehen, wie sidi im 19. Jahrhundert verhaltnismafiig ruhig die liberali-
sierende parlamentarisdie Richtung in England entwickelt; tumul-
tuarisdi, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach
Osten gehen, desto mehr miissen wir sagen: Das Nationale wird hin-
iibergetragen, hiniibergeleitet, so wie ich das gestern schon erwahnt
habe. Aber dabei entstehen unlosbare historische Probleme. Und das
ist audi ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht
nachdenken, die halten alles fur losbar, die glauben, man kann alles
losen.
Ein solches unlosbares Problem — ich meine jetzt nicht fur den ab-
strakten Verstand, da ist es selbstverstandlich losbar, aber ich meine
Wirklichkeiten - wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und
Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsassische Problem. Selbstverstand-
lich, die gescheiten Menschen, die konnen es losen. Entweder erobert
der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die
Sache gelost, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsafi von
der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man
das nicht will, stimmt man ab unter der Bevolkerung. Das geht sehr
leicht, die Majoritat entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es,
so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirk-
lichkeit stehen, die nicht blofi einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern
die da sehen, wie die Zeit xiberhaupt ein realer Faktor ist, und wie
man nicht, was im Lauf e der Zeit sich entwickeln mu!5, in einem kurzen
Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann - kurz, die Men-
schen, die in der Wirklichkeit stehen, die wufiten schon, dafi dies ein
unlosbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzu-
schauen versuchten in den Gang der europaischen Entwickelung, iiber
dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sag-
ten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was
da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaf-
fen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen
Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wufiten: Das
slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, da$ man im
Westen die Sache anders wird losen wollen als in Mitteleuropa. - Ich
will nur hindeuten darauf , wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf ,
dafi es em solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern
den Dreifiigjahrigen Krieg vorgefiihrt habe, urn Ihnen zu zeigen, dafi
man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorher-
gehenden zeigen kann. Gerade der Dreifiigjahrige Krieg zeigt: Das,
womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das
ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden
ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die
Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, eben-
so an dem Elsassischen Problem. Fur viele Fragen der neueren Zeit
konnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen,
fiihren aber nicht zu einer Losbarkeit, sondern zu einer Unlosbarkeit,
zu immer neuen Konflikten, fiihren in Sackgassen des Lebens. Das ist
wichtig, daft man das ins Auge fafit. Sie fiihren so in Sackgassen des
Lebens, dafi man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, dafi der
eine eine andere Meinung haben mufi als der andere, einfach wenn er
an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehort das
zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, dafi die
Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlosbare
Probleme sind.
Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Din-
gen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive,
das Heraufdammern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein
Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so wei-
ter. Dazwischen doch das fortwahrende Ansturmen der Bewufitseins-
seele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen,
iiberall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein grofier Teil dessen,
was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist
ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches:
die Bestrebung, sich abzudampfen das Bewufitsein fur dasjenige, was
gerade als Bewufitsein entwickelt werden soli. Denn es gibt nichts Cha-
rakteristischeres als das Abdampfen des Bewufitseins bei der heutigen
sogenannten gebildeten Schichte der Bevolkerung iiber die wahren Zu-
stande in dem sogenannten Proletariat. Alles schlaft namlich gegeniiber
den wahren Zustanden im Proletariat. Man sieht hochstens das Aufier-
liche. Die Hausfrauen schimpfen iiber die Dienstmadchen, dafi sie nicht
mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu
bekiimmern, dafi heute nun nicht blofl die Fabrikarbeiter, sondern
audi schon die Dienstmadchen von marxistischer Theorie erfiillt sind.
Man redet allmahlich von allem moglichen Allgemein-Menschlichen.
Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich fiir den
einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kum-
mert. Dann mufi man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der
Menschheitsentwickelung, dann mufi man sidti wirklich einlassen auf
die Dinge.
"Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale Theorie vorzutragen, son-
dern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzu-
stellen, habe ich neuerlich audi dieses eine Symptom des Sozialismus
vor Ihre Seele hinstellen miissen. Wir wollen morgen dann mit unseren
Betrachtungen weiterfahren, um das zu kronen und an einzelnen Stel-
len, ich mochte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 20. Oktober 1918
Wir haben einige der symptomatischen Krafte kennengelernt, welche
in der Entwickelung der neuzeitlichen Geschichte spielen. Selbstver-
standlich nur einige; es wiirde sehr, sehr weit fuhren, wenn man alle
Krafte - denn das sind selbstverstandlich unendlich viele, sobald man
in Einzelheiten geht - bespredien wollte. Aber audi nur die wichtig-
sten, wenn man sie bespredien wollte, wiirde zu weit fuhren. Es scheint
ein Wunsch vorhanden zu sein, dafi noch besonders berucksichtigt wer-
den sollten spezielle Impulse symptomatischer Art. Das kann ein nach-
stes Mai geschehen, so dafi ich an einem der Tage der nachsten Woche
gerne sprechen will iiber solche Symptome, die sich insbesondere auf
die Schweiz beziehen. Da wollen wir also einmal versuchen, ein Ta-
bleau Schweizer Geschichte vor unsere Seele zu stellen, ura dies audi
zu haben.
Heute aber wollen wir versuchen, wenigstens ein Stuck weiterzu-
kommen von den Ausgangspunkten aus, auf die wir unsere Betrach-
tung erstreckt haben. Ich habe Ihnen gestern zuietzt ein Bild, wenn
audi ein sehr diirftiges, davon gegeben, wie eines der bedeutsamsten
Symptome neuerer Geschichtsentwickelung, der Sozialismus, sich hin-
einstellt in die Entwickelung der neueren Zeit. Nun hat fur viele Men-
schen,welche bestrebt sind, wirkliche Motive der Entwickelung kennen-
zulernen, diese soziale, sagen wir besser, sozialistische Bewegung alles
iiberstrahlt, und sie sind nicht recht dazugekommen, etwas anderes
daneben gelten zu lassen. So da/5 auf den ganz bedeutenden Einfluft
von etwas, was sich mehr den Blicken entzieht, die Aufmerksamkeit
der neueren Zeit nicht intensiv genug gelenkt worden ist. Auch da, wo
man wirklich suchte nach neueren Motiven. Es ist nicht die Aufmerk-
samkeit verwendet worden auf etwas, was geistiger Art ist. Nicht wahr,
diejenigen Personlichkeiten, welche im Sinne des gestern Besprochenen
die neuere Entwickelung mehr verschliefen - namentlich im Laufe des
19. Jahrhunderts und als dieses zu Ende ging, und im 20. Jahrhundert
ja erst recht -, die Personlichkeiten, die den Kreisen angehorten, welche
sich wenig bekiimmerten um die in der Zeitentwickelung liegenden
Impulse, die kommen ja von vornherein wenig in Betracht, wenn man
fragt: Was ist den Menschen vor Augen getreten an symptomatischen
Impulsen der neueren Entwickelung? - Die Historiker haben, insofern
sie den alten Standen angehorten, sich darauf beschrankt, weiter die
Genealogie der Herrscherhauser, die Geschichte der Kriege, hochstens
noch einiges, was sich rund um diese Dinge heranreihen lafit, zu ver-
zeichnen. Man hat wohl audi Kulturgeschichte geschrieben, aber diese
Kulturgeschichten, ich mochte sagen, von Buckle bis Ratzel, sie halten
sich ziemlich feme von den wirklich treibenden Kraften. Neben all
dem war allerdings im Proletariat aufierordentlich viel neueres Bil-
dungsstreben nach derjenigen Richtung hin, die ich gestern charakteri-
siert habe, ein sich immer weiter und weiter ausbreitendes Bildungs-
streben, welches die drei Fragen stellte, von denen ich gestern gespro-
chen habe. Aber innerhalb dieses Proletariats war kein Wille, in die
feineren Zusammenhange des geschichtlichen Werdens hineinzublicken.
Und so ist denn bis jetzt gar nicht stark genug hervorgetreten die
geschichtliche, die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen
Denkweise als geschichtliches Symptom.
Man kann natiirlich uber die naturwissenschaftliche Denkweise in
ihrem Inhalte, man kann iiber sie mit Bezug auf die Umgestaltung des
modernen Denkens sprechen. Aber es ist wichtig, dafi man auch noch
von dem Gesichtspunkte aus spricht, inwiefern diese naturwissen-
schaftliche Denkweise ein geschichtliches Symptom geworden ist wie
die anderen, die ich aufgezahlt habe, wie der nationale Impuls, wie das
Auftiirmen von unlosbaren politischen Problemen und so weiter. Denn
in der Tat hat sich seit dem Beginne des Bewufitseinszeitalters die
naturwissenschaftliche Denkweise in weitesten Kreisen immer mehr
und mehr herausgebildet. Und es ist eben falsch, wenn man glaubt,
dafi nur diejenigen naturwissenschaftlich denken, welche etwas von
Naturwissenschaft wissen. Das ist ganz falsch. Das Umgekehrte ist
richtig. Die Leute, die Naturwissenschafter sind, denken so naturwis-
senschaftlich, wie man heute naturwissenschaftlich denkt, weil die groffe
Masse der zivilisierten Menschheit heute nach dieser Richtung hinneigt,
weil man so denkt auch im alleralltaghchsten Handeln, weil so der
Bauer denkt, wenn er draufien arbeitet, der Arbeiter in der Fabrik,
wenn er seine Arbeit verrichtet, der Finanzmann, wenn er seine Finanz-
unternehmungen macht. Da iiberall drinnen ist naturwissenschaftliches
Denken, und deshalb hat audi die Naturwissenschaft selbst nach und
nach dieses naturwissenschaflliche Denken angenommen. Also man
mufi eine Sache, die in der Einbildung der Menschen nach dieser Rich-
tung auf dem Kopf gestanden ist, wiederum auf die Beine stellen. Man
mufi nicht hinsehen auf die Denkweise der Naturwissenschafter oder
gar der monistischen Phantasten, sondern man raufi heute hinsehen
auf die Denkweise des grofien Publikums. Denn die Naturwissenschaft
bildet keinen hinreichenden Impuls zur Opposition gegen den romisch-
katholischen Universalimpuls, aber das allgemeine, nach der Natur
hin, nach der Naturordnung hin geordnete Denken der zivilisierten
Menschheit, das bildet den Oppositionsimpuls. Und diesen Impuls
mufi man als Symptom in Zusammenhang betrachten mit der ganzen
iibrigen Entwickelung des neuzeitlichen Menschen.
Sehen Sie, die Schulgeschichte, die beginnt von ihrem Gesichtspunkte
aus, der hauptsachlich ein gedankenloser ist, gewohnlich die Neuzeit
mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers,
mit der Erfindung der Buchdruckerkunst und ahnlichen Dingen. Wer
aber sich darauf einlafit, den Gang der neueren Geschichte zu betrach-
ten, der kommt diesen Symptomen gegeniiber - Entdeckung Amerikas,
Erfindung der Buchdruckerkunst und so weiter - darauf, dafi sie eigent-
lich zwar die Menschen hinausfuhren in die weite Welt auf die Ent-
deckungsreisen, dafi sie das alte Wissen, welches die Menschheit gehabt
hat, ungeheuer popular machen und verbreiten, dafi sie aber im Grunde
genommen das inhaltliche Bild der europaischen Zivilisation in den
nachsten Jahrhunderten nach ihrem Auftreten gar nicht gleich beson-
ders andern. Man kommt darauf, dafi die alten politischen Impulse,
welche in den verschiedenen Landern audi sich regeneriert haben, aber
welche doch die alten politischen Impulse in dem Sinne geblieben sind,
wie ich das gestern und vorgestern ausgefiihrt habe, gar nicht in der
Lage waren, irgend etwas Erhebliches zum Beispiel mit den Entdek-
kungsfahrten zu machen. Sie haben hochstens die Moglichkeit gehabt,
in diesen Landern, die entdeckt worden sind, Eroberungen zu machen,
so wie man friiher in anderen Gegenden Eroberungen gemacht hat, sie
haben die Moglichkeit gehabt, das Gold von dort herzuholen und da-
durch einigeBereicherung zu erzielen. Sie haben die Moglichkeit gehabt,
auf dem Gebiete der Buchdruckerkunst nach und nach immer mehr
und mehr die Zensurverhaltnisse anzuspannen. Aber irgend etwas, was
man nennen kann einen durchgreifenden Impuls, haben die alten poli-
tischenKrafte nicht herausziehen konnen aus dem, womit man gewohn-
lich die neuere Geschichte beginnen lafit. Erst aus der Verbindung der
naturwissenschaftlichen Denkweise - als diese naturwissenschaftliche
Denkweise zu einigen Ergebnissen gefiihrt hatte - mit dem, was als
Erfindungen und Entdeckungen da aufgetreten ist, ohne dafi die neuere
Naturwissenschaft schon drinnen war, ist das gekommen, was nach
dieser Richtung hin ein wirklich bedeutsamer, wichtiger Impuls der
neueren Zeit ist. Man kann sich namlich nicht denken, dafi die Koloni-
sationsbestrebungen, insoferne sie von den verschiedensten Landern
in der neueren Zeit ausgegangen sind, ohne die modernen naturwissen-
schaftlichen Errungenschaften sich vollzogen hatten; und nur was Na-
turwissenschaft in Technik umgesetzt schaffen konnte, das fuhrte zu
den modernen Kolonisationsbestrebungen. Nur naturwissenschaftliche
Ergebnisse konnten die Erde so erobern, wie sie erobert werden mufite
imVerlauf der modernen Kolonisationsbestrebungen. Und daher sehen
wir diese Kolonisationsbestrebungen im Grunde genommen erst im
18. Jahrhundert richtig einsetzen, als die Naturwissenschaft anfing, sich
umzusetzen in technische Ergebnisse.
Damit beginnt aber audi das Maschinenzeitalter. Das Maschinen-
zeitalter beginnt, als die Naturwissenschaft sich umsetzt in technische
Ergebnisse. Und damit beginnt ein neues Zeitalter des Kolonisierens,
das allmahlich seine Krafte iiber die ganze Erde ausspannt, Damit be-
ginnt ein aufierordentlich wichtiger Impuls der neuzeitlichen Entwicke-
lung in der Bewufitseinsseele. Denn derjenige, der die Verhaltnisse, die
hier in Betracht kommen, durchschaut, der weifi, dafi gerade jene Im-
pulse, die im Kolonisieren liegen, in dem Kolonisieren, das die ganze
Erde umspannt, dafi jene Bewegungen und Bestrebungen gerade dem
Zeitalter der Bewufitseinsseele angehoren. Und dieses Zeitalter der
Bewufitseinsseele, von dem Sie ja wissen, dafi es im vierten Jahrtausend
sein Ende finden und in das Zeitalter des Geistselbstes eingehen wird,
wird iiber die ganze Erde hin eine andere Konfiguration der Mensch-
heit bringen. Diese Konfiguration wird hervorgehen aus den Kolonisa-
tionsbestrebungen. Nicht wahr, das Bewulkseinsseelenzeitalter hat ge-
funden sogenannte zivilisierte, hochst zivilisierte und ganz wilde Men-
schen - so wild, dafi sich in ihre Wildheit der Rousseau verliebt hat und
eine ganze Theorie von dem Ideal des wilden Menschen aufgestellt hat.
Diese ganze Differenzierung der Menschen wird aufhoren im Verlauf e
des Zeitalters der Bewulkseinsseele. Wie sie aufhoren wird, auf die
Einzelheiten, darauf konnen wir naturlich heute nicht eingehen. Aber
es gehort zu den Impulsen der Bewulkseinsseele, diese Differenzierung,
die althergebracht ist, im wesentlichen aufzuheben.
Dann, wenn man das weifi, stellen sich in die neuzeitlichen Bestre-
bungen solche Kriege wie der zwischen den Nord- und Siidstaaten Ame-
rikas und so weiter erst in den rechten Zusammenhang hinein, und dann
erst, wenn man die Dinge so ansieht, wenn man die Wichtigkeit der
Kolonisationsbestrebungen fur den Bewulkseinszeitraum ins Auge f afit,
gewinnt man einen Einblick indie ganze Bedeutung von einzelnen Sym-
ptomen, die auf diesem Gebiete auf treten. Und diese Bestrebungen, die
sind undenkbar, ohne dafi die Menschheit naturwissenschaftlich denkt.
Nun, naturwissenschaftlich denken, da liegt gerade dasjenige, was
man so recht ins Auge fassen mufi, wenn man gewissermafien vom
Gesichtspunkte des fiinften nachatlantischen Zeitraums, des Bewufit-
seinsseelenzeitalters, einbrechen will in die wahre Wirklichkeit der
menschlichen Entwickelung. Diese neuere naturwissenschaftliche Denk-
weise hat das Eigentiimliche — ich habe es jetzt hinlanglich hier charak-
terisiert — , da£ sie nur das Tote, das Gespenstische fassen kann von der
"Wirklichkeit, dafi sie uberall auf das Tote geht. Seien wir uns ganz
klar iiber diese wichtige Tatsache. Die neuere naturwissenschaftliche
Denkweise strebt von der Beobachtung zum Experiment. Auf alien
Gebieten wird von der Beobachtung zum Experiment gestrebt. Es ist
ein wichtiger Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und jener
Erkenntnis, die durch das Experiment erwiesen wird. Die Natur-
beobachtung war, so oder so nuanciert, alien Zeiten eigen. Aber wenn
der Mensch die Natur beobachtet, da ist er mit der Natur verbunden,
da lebt er sich in die Natur ein, er lebt das Leben der Natur mit. Da
tritt das Eigentiimliche ein, dafi ihn sein Zusammenleben mit der Na-
tur in einer gewissen Weise betaubt. Man kann nicht mit der Natur
leben und zu gleicher Zeit im neueren Sinne der Bewulkseinsseele er-
kennen. Man kann nicht beides, geradesowenig, wie man zugleich
wachen und schlafen kann. Will man mit der Natur zusammenleben,
so mulS man sich von der Natur in einem gewissen Sinne betauben
lassen. Daher kann auch die Naturbeobachtung nicht eindringen in die
Geheimnisse der Natur, denn indem der Mensch die Natur beobachtet,
wird er ein biftchen eingeschlafert, wird er betaubt. Dadurch fallt aus
seiner Erkenntnis das Geheimnis der Natur heraus. Er raufi aufwachen
auf dem Gebiete des Obersinnlichen, wenn er in die Geheimnisse der
Natur eindringen will.
Aber wenn man betaubt ist, kann man nicht zur Bewufitseinsseele
kommen. Daher strebt die neuere Naturbetrachtung ganz instinktiv
danach, die Beobachtung allmahlich zu iiberwinden und durch das Ex-
periment alles zu gewinnen. Man sucht ja auch auf dem Gebiete der
Biologie, auf dem Gebiete der Anthropologic zu experimentieren. Aber
wenn man experimentiert, ist die Hauptsache dabei, dafi man das Ex-
periment zusammenstellt, dafi man die Ordnung bestimmt, in welcher
man beobachtet. Wie die Dinge selbst angeordnet sind, wenn man zum
Beispiel Embryo logie experimentell treibt, das ist nicht durch die Natur
bestimmt, sondern das ist durch den menschhchen Intellekt, durch den
menschlichen Verstand bestimmt, das ist durch das bestimmt, von dem
ich Ihnen gesagt habe, daft es sich von der Natur entfernt, um gerade
in dem Menschen innerlich zu sein. Wir ertoten die Natur, um sie er-
kennen zu lernen im Experiment. Aber nur das, was wir durch das
Experiment gewinnen, konnen wir technisch anwenden. Naturerkennt-
nis wird erst reif zur technischen Anwendung, wenn sie auf dem Um-
wege durch das Experiment sich reif dazu macht. Was vorher Einftih-
rung der Naturerkenntnis ist in das soziale Leben, ist noch nicht
Technik. Es ware sogar barbarisch, von Technik zu sprechen, wenn
man es nicht zu tun hat mit der reinen Umsetzung eines Experimentes
in die soziale Ordnung oder in diejenigen Dinge, die im Dienste der
sozialen Ordnung stehen.
Dann aber schafft die moderne Menschheit in die soziale Ordnung
hinein Ergebnisse der Experimentierkunde als Technik: Totes. Und
das ist das Wesentliche: Totes schaffen wir hinein in die Kolonisations-
bestrebungen, Totes schaffen wir hinein, wenn wir fur die Industrie
unsere Maschinen bauen. Aber nicht nur dann, sondern wenn wir un-
sere Arbeiter in einer gewissen sozialen Ordnung zu diesen Maschinen
hinzubringen. Totes schaffen wir hinein in unsere neuere geschichtliche
Ordnung, indem wir unsere Finanzwirtschaft iiber kleinere oder gro-
fiere Territorien ausbilden. Totes schaffen wir hinein, wenn wir eine
soziale Ordnung iiberhaupt nach dem Muster der modernen Natur-
wissenschaft aufbauen wollen, wie es instinktiv die moderne Mensch-
heit getan hat. Totes schaffen wir iiberall hinein in das menschliche
Zusammenleben, wenn wir Naturwissenschaft hineinschaffen in dieses
menschliche Zusammenleben, Totes, sich selbst Ertotendes.
Das ist eines der wichtigsten Symptome. Wir konnen sehr aufrich-
tige und ehrliche Deklamationen anstellen — ich meine jetzt nicht blofi
rhetorische Deklamationen, sondern eben ehrlich gemeinte Dekla-
mationen - iiber die groften Errungenschaften der neueren Zeit, iiber
all dasjenige, was Naturwissenschaft ausgebildet hat, was sie der Tech-
nik einverleibt und dann dem sozialen Leben einverleibt hat. Aber
wir sagen nur eine halbe Wahrheit, wenn wir von diesen Errungen-
schaften sprechen, denn alle diese Errungenschaften haben das Wesent-
liche in sich, dafi sie ein unbedingt Totes, das durch sich selber nicht
entwickelungsf ahig ist, in das moderne Leben hineinstellen. Das Grolke,
was seit Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert hineingestellt wor-
den ist in die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit, ist
ein solches, das, wenn es sich selbst iiberlassen wird, sich selber zum
Tode fiihrt. Und das muftte sein. Denn man kann die Frage aufwerfen:
Wenn moderne Technik Keim des Todes nur ist, wie sie es auch ist
und sein muft, warum trat diese moderne Technik in Erscheinung? —
Wahrhaftig nicht trat die moderne Technik in Erscheinung im Lauf e der
Zeit, weil den Menschen das Schauspiel der Maschine und der Industrie
gegeben werden sollte, sondern die moderne Technik trat in Erschei-
nung aus einem ganz anderen Grunde. Sie trat in Erscheinung gerade
wegen ihres zum Tode fiihrenden Charakters, weil nur dann, wenn
der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch
den Gegenschlag die Bewufitseinsseele entwickeln kann. Solange der
Mensch hineingestellt war in ein Zusammenleben mit der Natur, ohne
dafi die Maschinen hineingestellt waren, solange wurde er geneigt ge-
macht zu einer gewissen suggestiven Behandlung, weil er bis zu einem
gewissen Grade betaubt wurde. Man konnte nicht ganz auf sich selbst
sich stellen, als man noch nicht in den Tod hineingestellt war. Auf sich
selbst gestelltes Bewufitsein und Todbringendes ist innig miteinander
verwandt. Das habe ich in den verschiedensten Formen schon versucht,
den Menschen klarzumachen. Ich habe versucht, den Menschen klar-
zumachen: Wenn sie vorstellen und erkennen, so ist das nicht gebunden
an die spriefienden, sprossenden Krafte des Menschen, sondern gerade
an den Abbau des Organismus. Ich habe versucht, den Menschen klar-
zumachen, dafi es Riickbildung des Organismus ist, dafi es die Abbau-
und Sterbeprozesse sind, die uns befah igen, im selbstbewufiten Sinne
zu denken. Konnten wir nicht Gehirnhunger entwickeln, das heifit
Abbauprozesse, Zersetzungsprozesse, Zerstorungsprozesse in uns, wir
konnten keine gescheiten Menschen sein, sondern konnten nur hintau-
melnde Menschen sein, schlafende, traumende Menschen. Gescheite
Menschen sind wir durch die Abbauprozesse in unserem Gehirn. Und
das Zeitalter der Bewufitseinsseele mufite dem Menschen die Gelegen-
hek geben, den Abbau in seiner Umgebung zu haben. Nicht dadurch
wurde das moderne, selbstbewufke Denken grofi, dafi bliihende Lebens-
prozesse hereingestellt wurden, sondern dadurch wurde gerade das
Innerste im Menschen, das selbstbewulke Denken groft, dafi Todes-
prozesse m der modernen Technik, in der modernen Industrie, im
modernen finanziellen Zusammenhang in dieses Leben hereingestellt
wurden. Denn das forderte dieses Leben in der Bewufitseinsseele.
Das zeigt sich audi auf anderen Gebieten. Nehmen Sie die Impulse
selbst, die wir ins Auge gefafit haben. Fangen wir einmal an bei Eng-
land, wo wir gesehen haben, wie der Parlamentarismus sich bildet
durch die Jahrhunderte als eine gewisse Nuance, wie die auf sich selbst
gestellte Personlichkeit sich realisieren will. Nicht wahr, die Person-
lichkeit will sich emanzipieren, sie will sich auf sich selbst stellen. Das
heifit aber, indem sie zu gleicher Zeit soziale Personlichkeit sein will,
will sie sich geltend machen als Personlichkeit. Der Parlamentarismus
ist nur ein Weg, sich geltend zu machen als Personlichkeit. Aber indem
derjenige, der teilnimmt am Parlamentarismus, sich geltend macht, ver-
nichtet er seine Personlichkeit in dem Augenblicke, wo aus seinem
Wollen die Abstimmung wird. Die Personlichkeit hort auf in dem
Augenblicke, wo aus dem Wollen die Abstimmung wird. Und richtig
studiert bedeutet das Heranreifen des Parlamentarismus in der eng-
lischen Geschichte in den Jahrhunderten, seit dem Biirgerkriege im
15. Jahrhundert, nichts anderes als dieses. Wir erblicken beim Aus-
gangspunkt dieses parlamentarischen Lebens, dieses nach dem Parla-
mentarismus hintendierenden Lebens Stande, verschiedenste Stande.
Diese Stande wollen sich nicht als Stande blofi geltend machen, son-
dern als Votum; sie wollen reden, indem sie sich geltend machen als
Stande. Nun, reden konnten sie. Aber die Leute sind nicht zufrieden
mit dem Reden und Sich-Verstandigen, sondern sie wollen dann ab-
stimmen. Indem man abstimmt, indem man die Rede ausflie^en lafit
in die Abstimmung, ertotet man dasjenige, was in der Seele lebt, auch
noch so lange man redet. Und so redet sich jede Parlamentarisierung
hinein in das absolute Menschheitsnivellement. Sie geht hervor aus der
Geltendmachung der Personlichkeit und endet mit der Ausloschung der
Personlichkeit. Es gibt keine andere Moghchkeit auf diesem Gebiete,
als dafi die Tendenz hervorsprielk aus der Geltendmachung der Per-
sonlichkeit und endet mit der Ausloschung der Personlichkeit. Es ist
ein vollstandiger Kreislaufprozefi, wie das Menschenleben selbst. Es
beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Nur ist beim Men-
schen das auf zwei Zeitpunkte verteilt; im historischen Leben greift
das eine unmittelbar in das andere ein, ist Geburt und Tod mitein-
ander vermischt. Das ist es, was man ins Auge fassen raufi.
Fassen Sie ja das, was ich gesagt habe, nicht etwa auf wie eine Kritik
des Parlamentarismus. Denn wenn Sie es auffassen wiirden wie eine
Kritik des Parlamentarismus, dann wiirden Sie mir insinuieren, dafi
ich sagte: Der Mensch wird geboren - das ist ein Unsinn, denn er stirbt
wieder, also, da er wieder stirbt, so sollte er nicht geboren werden.
Man sollte der Welt diese Torheit nicht zumuten, daft sie den Men-
schen geboren werden lafit, wenn sie den Menschen wieder sterben
lafit. - Icli bitte, insinuieren Sie mir nidit, dafi ich sage: Der Parlamen-
tarismus ist ein Unsinn, weil die Personlichkeit ihn gebiert und ihn,
aus deren Impuls er hervorgeht, selbst wieder vernicbtet. - Ich stelle
den Parlamentarismus ja nur aus der Rhetorik ins unmittelbare Leben
hinein. Ich stelle ihn hinein in dasjenige, was allem Leben eigen ist: in
Geburt und Tod, und zeige ihn daher gerade als etwas der Wirklich-
keit Angehoriges, zeige Ihnen damit aber auch das Charakteristikon
aller aufieren Erscheinungen solcher Art im Zeitalter der Bewuikseins-
seele, denn sie alle stehen in diesem Zeichen von Geburt und Tod, das
ich eben jetzt angefuhrt habe.
Nun, unendlich oft ist es ausgesprochen worden in kleinen Kreisen
der okkulten Logen der englischsprechenden Welt, wenn man unter
sich war: Klaren wir die Welt ja nicht auf iiber das Geheimnis von
Geburt und Tod! Denn wenn wir sie auf klaren iiber das Geheimnis
von Geburt und Tod, klaren wir sie iiber das jetzige Zeitalter auf.
Wir iiberliefern ihnen ein Wissen, das wir nicht aus der Hand geben
wollen. — Daher wurde es als erste Regel geltend gemacht, ja nicht zu
sprechen im aufieren Leben iiber das Geheimnis von Geburt und Tod,
dafi das in allem, und zwar zunachst in den historischen Erscheinun-
gen, drinnensteckt. Denn dadurch wird dem modernen Leben der tra-
gische Stempel aufgedriickt und dieses moderne Leben nach und nach
zu etwas gezwungen, zu dem es sich gar nicht leicht zwingen lassen
will. Es wird dieses moderne Leben gezwungen, von dem Ergebnis
der Arbeit die Blicke hinwegzulenken und zur Arbeit selbst hinzu-
schauen. Man mulS Freude haben am Arbeiten, indem man sich sagt:
Was man in diesem Zeitalter an Aufierem erarbeiten kann, das er-
arbeitet man fur den Tod und nicht fur das Geborenwerden. — Und
will man nicht fiir den Tod arbeiten, so kann man nicht im modernen
Sinne arbeiten, denn man mufi im modernen Zeitalter maschinenmafiig
arbeiten. Und wer das nicht will, will einfach zuruckftthren in friihere
Zeitalter.
Sie konnen dann die franzosische Geschichte studieren, wie versucht
wird, die Emanzipation der Personlichkeit nach innen zu treiben. Es
fiihrt zu jener furchtbaren Aufhebung der Personlichkeit, die die
Schlufiepisode der Revolution und das Aufkommen des Napoleonis-
mus zeigt. Und betrachten Sie die Sache gar in Italien. Woraus schopfte
das neuere Italien jene impulsive Kraft, mit der dort das nationale
Element bis zum sogenannten «sacro egoismo», bis zura heiligen Egois-
mus sich geltend machte, woraus schopfte dieses neue Italien diese
Kraft? Die Dinge, die den Erscheinungen der Welt zugrunde liegen,
mul? man oft in Tiefen suchen. Gehen Sie zuriick bis zu jenem wich-
tigen Zeitpunkt, der vor dem Aufkommen des Bewufkseinszeitalters
liegt: Diese Kraft ist in alien ihren Seiten geschopft aus dem, was das
romische Papsttum dem italienischen Wesen eingepflanzt hat. Dieses
romische Papsttum hat sich fiir Italien gerade dadurch in seiner Bedeu-
tung gezeigt, dafi es sein Wesen in die italienische Seele hineingetrau-
felt hat; und daraus ist entsprungen, wie es oftmals dem Zauber-
lehrling so geht, dasjenige, was nicht gewollt worden ist: die Abkehr
von dem Papsttum selber mit aller Intensitat im modernen Italien.
Da sehen Sie am besten zusammenstoften dasjenige, was angestrebt
wird und was sich zu gleicher Zeit selber aufhebt. Nicht die Gedanken,
wohl aber die Empfindungskrafte und die Begeisterungskrafte, auch
diejenigen, die in Garibaldi gesteckt haben, sie sind die Reste der alten
katholischen Begeisterung; aber indem sie sich umgekehrt haben, haben
sie sich gegen den Katholizismus gewendet.
Die Menschen werden ihr eigenes heutiges Zeitalter nur verstehen,
wenn sie diese Dinge im rechten Zusammenhange fassen. Ich habe
Ihnen gesagt: In Europa tragen sich jene verschiedenen symptomati-
schen Ereignisse zu, die ich vor Ihre Seele hingestellt habe. Wie im
Hintergrunde ist im Osten das russische Gebilde, zusammengeschweilk
aus den Resten byzantinisch-religioser Struktur, aus normannisch-
slawischemBlutimpuls, aus dem Asiatismus, wie er sich in der verschie-
densten Weise iiber den Osten von Europa ergossen hat. Das alles aber
ist unproduktiv, diese Dreiheit ist ja nichts, was aus der russischen Seele
selbst hervorgeht. Diese Dreiheit ist auch dasjenige, was nicht bezeich-
nend ist fiir das, was in der russischen Seele lebt. — Welches ist der
grolke, der allergrolke denkbare Gegensatz zu der Emanzipation der
Personlichkeit? Das byzantinische Element. Es gibt eine grofie Person-
lichkeit in der neueren Zeit, die unterschatzt wird, es ist PobjedonoszeWy
der ein bedeutender Mensch war, aber ein Mensch, welcher ganz das
byzantinische Element in sich trug. Er war ein Mensch, der das Gegen-
teil von dem nur wollen konnte, was das Zeitalter des Bewufitseins
will und auf naturgemafie Weise aus dem Menschen hervorbringt. Man
konnte sich denken, dafi selbst noch intensiver das byzantinische Ele-
ment in der russischen Orthodoxie sich weiter ausgebreitet hatte, dal5
dieser Tod alles Individuell-Personlichen noch viel intensiver gewirt-
schaftet hatte, es wiirde doch nichts anderes hervorgegangen sein als
der starkste Drang nach Emanzipation der Personlichkeit. Sie konnen
die neuere russische Geschichte durchlesen: Wenn Sie nicht das in dieser
neueren russischen Geschichte lesen, was sich abspielt so, dafi dessen
Verzeichnung immer verboten worden ist, dann haben Sie nicht das-
jenige, was eigentlich russische Geschichte ist, das hetfk das wirk-
lich bewegende Element. Wenn Sie aber dasjenige in der russischen
Geschichte lesen, was die herrschenden Machte bisher erlaubt haben als
Geschichte zu verzeichnen, dann haben Sie alles dasjenige, was als tod-
bringendes Element iiber das russische Leben sich ausbreitet. Da tritt
es am allercharakteristischesten hervor, weil im russischen Leben am
meisten Zukunft liegt. Weil geradezu die Keime zur Entwickelung des
Geistselbstes im russischen Leben liegen, deshalb ist dasjenige, was
aufierlich aufgetreten ist im Zeitalter der Bewufitseinsseele bis jetzt,
lauter Todbringendes, lauter Verwesungsduftendes, aber etwas, was
da sein mulke, gerade weil dasjenige, was sich herausbilden will als
Geistleben, den Untergrund des Todes braucht.
Das mufi man einsehen fur die Entwickelung des Zeitalters der Be-
wufitseinsseele, sonst wird man niemals eindringen in die wirklichen
Bediirfnisse der Gegenwart. Man wird auch kein Bild sich machen
konnen von dem, was so zerstorerisch heraufgezogen ist iiber die
Menschheit, wenn man nicht wissen wird, dafi in diesen vier letzten
Jahren sich nur wie in einem grofien Resume zusammenfafit dasjenige,
was verbreitet war iiber das menschliche Leben als Tod seit dem Be-
ginne des Bewufitseinszeitalters.
Es ist charakteristisch, dafi gerade die Todnatur der naturwissen-
schaftlichen Denkungs weise in einer merkwurdigen Weise gewirkt hat
fiir eine der prophetischesten Personlichkeiten der neueren Zeit. Ganz
denkwiirdig wird das folgende kleine symptomatische Ereignis immer
dastehen in der neueren Geschichtsentwickelung: 1830, in Weimar,
kommt Soret tax Goethe. Goethe empfangt ihn mit einer gewissen Auf-
regung, ich meine Aufregung in der Facon des Benehmens, nicht etwa
in leidenschaftlicher Aufregung. Er sagt: Nun ist sie endlich herein-
gebrochen, die Bewegung, alles stent in Flammen! - Und einige andere
Satze sagte Goethe noch, so dafi Soret glaubte, Goethe rede von der
1830 in Paris ausgebrochenen Revolution und antwortete auch in die-
sem Sinne. Aber Goethe redete gar nicht von dieser Revolution. Er
sagte: Ach, das meine ich gar nicht, das ist fur mich nicht so besonders
wichtig. Dagegen wichtig ist, was in der Akademie in Paris verhandelt
wird zwischen Cuvier und Geoff roy de Sctint-Hilaire. - Da ist Cuvier,
der Vertreter der alten Naturanschauung, derjenigen Naturanschau-
ung, dienur dieLebewesen nebeneinanderstellt, eben derjenigen Natur-
anschauung, die vor allem in die Technik hineingeht, miissen wir sagen,
und Geoffroy de Saint-Hilaire, derjenige, der Leben hineinbringt in
diesen ganzen Verlauf des Lebens selbst. In Geoffroy de Saint-Hilaire
sah Goethe den Anfuhrer eines naturwissenschaftlichen Denkens der
neueren Zeit, das nicht mehr in dem Sinne der blo£en Kopernikus,
Kepler, Galilei naturwissenschaftlich sein will. Der Vertreter dieses
Zeitalters ist Cuvier; dagegen ist Geoffroy de Saint-Hilaire der Ver-
treter desjenigen naturwissenschaftlichen Anschauens, das die Beweg-
lichkeit des Lebens selbst hineintragt in die Naturanschauung. Darum
sah Goethe den Aufgang eines ganz neuen Zeitalters, indem sich
Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Gedanken ein naturwissenschaft-
liches Denken zurechtlegte, welches iibergehen mufi, wenn es sich wirk-
lich entwickelt, in ubersinnliche Aufklarung iiber die Natur, welches
gar nicht anders kann, als endlich in ubersinnliche Erkenntnisse, in
hellseherische Erkenntnisse iiberzugehen. Darin sah Goethe die Revo-
lution von 1830, nicht in dem, was politisch in Paris vorgeht. Darin
bewies Goethe sich als einer der intensivsten prophetischen Geister
seiner Zeit. Er bewies, dafi er fiihlte und empfand, um was es sich
in dieser neueren Zeit handelt.
Man mufi in dieser neueren Zeit Mut haben, wirklich hineinzu-
schauen in die Verhaltnisse. Diesen Mut brauchten alte Zeitalter noch
nicht. In die Verhaltnisse des Geschehens mufi man den Mut haben
hineinzuschauen, denn es wird wichtig, dafi die Bewulkseinsseele ent-
wickelt werden kann. Ja, in friiheren Zeitaltern war die Entwickelung
dieser Bewufkseinsseele noch nicht wichtig. Dadurch, dafi die Bewufk-
seinsseele gerade das Bedeutungsvolle in diesem Zeitalter wird, da-
durch mufi alles im Wachen vor sich gehen, was der Mensch fiir das
soziale Leben entwickelt; dadurch kann er nicht die alten Instinkte
in das soziale Leben hereintragen. Und er kann nicht allein herein-
tragen in das soziale Leben das, was Ergebnis der Naturwissenschaft
ist, denn das ist das Tote und kann das Leben nicht beleben, kann das
Leben nur mit toten Produkten durchsetzen und in solche zerstorenden
Dinge hineinfuhren, wie sie die letzten vier Jahre gebracht haben.
Denn in diesem Zeitalter wird folgendes wichtig.
Nicht wahr, die Menschen miissen auch schlafen. Wenn sie wachen,
haben sie ihren gewohnlichen freien Willen - nun, den konnen sie zu
noch allerlei, das ihnen auf ahrimanisch-luziferischem Wege zukommt,
verwenden, um Richtkrafle zu entwickeln. Aber wenn sie einschlafen,
dann hort dieser freie, sogenannte freie Wille auf; dann denken die
Menschen, ohne dafi sie es wissen. Aber es ist nicht minder wirksam.
Dann denken die Menschen durchaus auch. Man hort nicht auf zu den-
ken, indem man einschlaft; man denkt, bis man aufwacht. Man vergifk
dies nur in dem Moment, wo man aufwacht. Daher weift man nicht,
welche Gewalt diejenigen Gedanken haben, die in die menschliche
Seele hineinspielen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber beden-
ken wir, dafi fiir das Zeitalter der Bewufkseinsseele die Gotter ver-
lassen haben die menschliche Seele wahrend des Schlafens. In friiheren
Zeitaltern haben die Gotter vom Einschlafen bis zum Aufwachen hin-
eingetraufelt in die Seele das, was sie wollten. Der Mensch ware nicht
frei geworden, wenn sie es weiter hineintraufelten. Dadurch aber ist
der Mensch zuganglich alien moglichen anderen Einfliissen vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen. Ja, wir konnen zur Not wachen und zur
Not leben, aber wir konnen nicht schlafen und sterben mit der Natur-
wissenschafl und mit dem, was aus der Naturwissenschafl folgt. Denn
naturwissenschaftlich denken kann man nur vom Aufwachen bis zum
Einschlafen. In dem Augenblicke, wo Sie einschlafen, wo Sie im Schlafe
sind, hat das naturwissenschaftliche Denken ungefahr so viel Sinn, wie
wenn Sie in einem Lande, wo kem Mensch Franzosisch versteht, iiber-
all Franzosisch sprechen wiirden. Da hat nur die Sprache Bedeutung,
die man durch die iibersinnliche Erkenntnis sich aneignet, die aus dem
Ubersinnlichen kommt. Die iibersinnliche Erkenntnis mufi an die Stelle
desjenigen treten, was die Gotter friiher in die Instinkte hineinver-
pflanzt haben. Das ist der Sinn des Bewufkseinszeitalters, dafi der
Mensch aufsteigen mufi zu ubersinnlichen Impulsen und durchdringen
muE zur Erkenntnis. Wenn man glaubt, alles das, was das Zeitalter
hervorgebracht hat und noch hervorbringt ohne iibersinnliche Impulse,
sei etwas Lebendiges und nicht etwas Todbringendes, gibt man sich der
gleichen Illusion hin, wie wenn man glauben wiirde, ein Weib der
modernen Zeit konnte gebaren ohne zu empfangen. Ein Weib der
modernen Zeit bleibt unfruchtbar und stirbt ohne Nachkommenschaft,
wenn sie nicht empfangt. Die moderne Kultur, wie sie sich im Zeit-
alter der Naturwissenschaft seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ent-
wickelt hat gerade in den grolken modernen Errungenschaften, bleibt
steril und unfruchtbar, wenn sie nicht befruchtet wird von jetzt ab
durch Impulse aus der ubersinnlichen Welt. Tod mufi werden alles
dasjenige, was nicht befruchtet wird von der ubersinnlichen Welt.
Fiihren Sie ein in diesem Zeitalter der Bewulkseinsseele Demokratie,
Parlamentarismus, Technik, modernes Finanzwesen, modernes Indu-
striewesen, fiihren Sie ein das nationale Prinzip uber die ganze Welt,
fiihren Sie ein all diejenigen Gesichtspunkte, die die Menschen jetzt
zugrunde legen dem, was sie Neuordnung der Welt nennen und mit
dem sie reden wie Trunkene, die nicht wissen, wovon sie reden - Sie
fordern dann den Tod, wenn Sie nicht all das befruchten wollen durch
die Impulse der ubersinnlichen Welt. Dann allein hat dasjenige, was
wir schaffen miissen, das Todbringende auf alien Gebieten, einen Wert,
wenn wir es zu befruchten wissen durch die Errungenschaften des Ober-
sinnlichen. Es bringt nur Tod liber die Menschheit, wenn wir es nicht
zu befruchten wissen durch die Impulse des Ubersinnlichen.
Fassen wir das nur im vollen Ernste auf, erheben wir uns, gerade
aus einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit,
zu dem Gedanken: Da stellen sich herein in die menschliche Entwicke-
lung seit dem 15. Jahrhundert diejenigen Dinge, welche die Menschheit
verzeichnet als die grolke Errungenschaft: die moderne Naturwissen-
schaft, die moderne Soziologie, das moderne technische Leben, das mo-
derne industrielle Leben, das moderne finanzielle Leben. Die stellen
sich herein. Sie sind todbringend, wenn sie nicht befruchtet werden
durch Obersmnliches. Sie sind allein befahigt, die Menschheit weiter-
zubringen dahin, wohin sie gehen mufi, wenn sie befruchtet werden
durch Impulse des Obersinnlichen. Dann sind sie gut. Sie sind nicht
an sich gut. Nichts ist an sich gut von dem, was die moderne Mensch-
heit heute in einem gewissen t)bermut und Hochmut als ihre grofiten
Errungenschaften hinstellt. Erst dann wird es gut, wenn es durch-
geistigt wird.
Das ist nicht eine Lehre, welche in willkUrlicher Weise vor Sie hin-
gestellt wird, das ist eine Lehre, die dann, wenn man die moderne
Geschichtsentwickelung symptomatologisch betrachtet, sich aus dieser
modernen Geschichtsentwickelung selber ergibt. Und die Zeit ist da,
wo wir das Bewufitsein entwickeln miissen. Aber wir miissen audi
wissen, was wir diesem Bewufitsein zumuten diirfen. In dem Augen-
blicke, wo wir audi nur innerhch unbewuik Dogmatiker sein wollen,
konnen wir das Bewufitsein nicht mehr entwickeln. Daher mufi ich
immer wiederum, wie ich es erst vor kurzem vor Ihre Seele hingestellt
habe, erinnern an solche Dinge wie das Folgende: Ich habe einmal in
einer Stadt Vortrage gehalten iiber Bibel und Weisheit. Da waren
audi zwei katholische Geistliche drinnen - die meisten von Ihnen wis-
sen das kleine Faktum schon — , die kamen, da ich nichts Sonderliches
gesagt habe, was anfechtbar war fur einen katholischen Geistlichen,
und da es nicht gerade Jesuiten waren, die sorgfaltig alles studieren und
die Aufgabe haben, in alles ihreNase hineinzustecken, sondern katholi-
sche Durchschnittspfarrer, die kamen heran: Ja, wir haben das Purga-
torium. Sie sprechen auch von einer solchen Priifungszeit nach dem Tode.
Wir haben das Paradies. Sie sprechen von dem Geist-Erleben, und
man kann eigentlich gegen die Sache inhaltlich nicht viel haben. -
Sie wiirden schon geniigend dagegen haben, wenn sie weiter eingedrun-
gen waren, aber in einem Vortrage fanden sie das naturlich nicht! —
Dann sagten sie weiter: Wissen Sie, der Unterschied ist der; Wie Sie
reden, so reden Sie nur zu einer gewissen Schicht der Bevolkerung,
welche die Vorbedingungen sich dazu geschaffen hat, eine gewisse Bil-
dung sich angeeignet hat, gewisse Vorstellungen sich angeeignet hat,
und wir sprechen zu alien Menschen. Daher finden wir eben die Worte
fiir alle Menschen, und das ist daher das Richtige, fiir alle Menschen
zu sprechen. - Darauf sagte ich zu ihnen: «Hochwiirden» - selbstver-
standlich, einen katholischen Geistlichen spricht man mit Hochwiirden
an, ich bin immer fiir Beibehaltung der aufieren Titulatur - «Hoch-
wiirden, sehen Sie, darauf kommt es nicht an, was Sie jetzt sagen.
Ich will gar nicht daran zweifeln, dafi Sie glauben, Sie sprechen fiir
alle Menschen, daft Sie meinen, Ihr Reden so einrichten zu konnen,
als ob Sie fiir alle Menschen sprechen. Aber das ist eine subjektive Mei-
nung, nicht wahr, sie ist dasjenige, was man in der Regel hat, um iiber-
haupt sein Reden vor sich selber zu rechtfertigen. Aber es kommt nicht
darauf an, ob wir diesen Glauben haben oder nicht haben, daft wir
fiir alle Menschen sprechen, sondern auf die Tatsachen, auf die Wirk-
lichkeit kommt es an. Und da frage ich Sie jetzt nicht theoretisch-
logisch: Welches sind die Griinde, warum ich nicht fur alle Leute reden
sollte, wahrend Sie fiir alle Leute reden - da wiirden wir natiirlich
unendlich viel finden, was fiir Sie sprechen wiirde. Aber ich frage Sie
nach den Tatsachen: Gehen alle Leute heute noch zu Ihnen in die
Kirche herein, fiir die Sie glauben, zu ihnen sprechen zu konnen? -
Sehen Sie, das ist die Tatsache.» Da konnten sie natiirlich nicht sagen,
daft alle Leute heute noch zu ihnen in die Kirche gehen! «Sehen Sie»,
sagte ich ihnen, «und ich rechne mit den Tatsachen, ich rede fiir die-
jenigen, die heraus bleiben, die aber auch ein Recht haben, zu dem
Christus gefiihrt zu werden. Fiir die rede ich. Ich sehe, dafi da Men-
schen sind, die die Sache so und so horen wollen. Das ist eine Tatsache,
und auf die Tatsache kommt es an, auf die subjektiven Meinungen
kommt es gar nicht an.»
Das ist vor alien Dingen gesund, dafi man lernt, von der Wirklich-
keit sich die Ansicht zu bilden, nicht aus sein em Subjektiven heraus,
denn nichts ist gefahrlicher, als gerade im Zeitalter der Bewufitseins-
seele sich Subjektivitaten hinzugeben, mit Vorliebe hinzugeben. Damit
wir die BewujRtseinsseele entwickeln, diirf en wir nicht im Unbewufiten
Dogmatiker werden, sondern wir miissen alles das, was wir zu Trieb-
federn unseres Handelns und Denkens machen, uns von der Tatsachen-
welt diktieren lassen. Darauf kommt es gerade an. Und darin besteht
ein wesentlicher Kampf in der neueren Zeit unter der Oberflache des
geschichtlichen Werdens, ein wesentlicher Kampf zwischen dem An-
nehmen dessen, was man fur richtig halt, und dem Diktat der Tat-
sachen. Und bei der Geschichtsbetrachtung wird das ganz besonders
wichtig. Denn man wird niemals die Geschichte richtig betrachten,
wenn man sie nicht zu gleicher Zeit als die grofie wirkliche Lehrmeiste-
rin kennenlernt. Dann darf man aber nicht die Tatsachen, so wie man
sie will, hineintragen in die Geschichte, sondern dann mufi man wirk-
lich die Geschichte sprechen lassen konnen. In den letzten vier Jahren
wurde iiber die ganze Welt hin gerade mit Bezug auf dieses Sprechen-
lassen der Geschichte unendlich viel verlernt. Es spricht sozusagen
kaum leicht noch die Tatsache irgendwie, sondern dasjenige, was man
fur die Tatsache halt. Nun, es wird noch lange so sein, dafi man nicht
lernen wird, die Tatsachen sprechen zu lassen, aber ebenso lange wird
man auch noch nicht bei derjenigen Kraft angelangt sein, die die
Menschheit wirklich hinausfuhrt zu einem unbefangenen Auffassen der
Wirklichkeit. Und auf ein unbefangenes Auffassen der Wirklichkeit
und auf das Erringen einer unbefangenen Stellung zur Wirklichkeit
kommt es auf alien Gebieten des Lebens gerade im Zeitalter der Be-
wufitseinsseele an.
Was wird erfordert - wenn ich das noch anfugen darf wenn wir so
aus den Symptomen der Geschichte allmahlich vordrmgen wollen -
wir werden in den nachsten Vortragen weiter davon sprechen - zur
Wirklichkeit? Es wird erfordert, dafi man gerade in diesem Zeitalter
auf das hinschauen kann, was von der ubersinnlichen Welt her dem
Menschen wieder Produktivitat gibt. Denn das Ersterben der Produk-
tivitat haben wir als das Charakteristischeste in alien Erscheinungen
hereinkommen sehen. Der Mensch mufi seine Sinne der ubersinnlichen
Welt eroffnen, damit in sein Ich hereingeht dasjenige, was sein Geist-
selbst vorbereitet, sonst wiirde er sich die Wege zum Geistselbst voll-
standig abschneiden. Das bedeutet, dafi der Mensch Bekanntschaft
machen mufi mit dem reinen Geistigen, mit dem, was gewissermafien
nur in das Zentrum seines Seelischen hinein kann. Wird er einmal ge-
neigt sein, in dieses Zentrum seines Seelischen durch eine vernunftige
symptomatologische Geschichtsbetrachtung hineinzuschauen, dann wird
er audi geneigt werden, dasjenige, was jetzt nicht Mittelpunkt, son-
dern Peripherie ist, unbefangener zu betrachten.
Der Mensch hat schon einmal diesen Gegensatz: Seelisches Zentrum
und aufiere Peripherie. Indem er immer mehr seelisch-geistig in sich
selbst eindringt, kommt er zum Zentrum. In diesem Zentrum mufi er
aufnehmen diejenigen Impulse, die ich Ihnen als historische charakteri-
siert habe. Da wird er nach Geistigerem und immer Geistigerem stre-
ben, wenn er die geschichtliche Wirklichkeit kennenlernen will. Dafur
wird er aber audi einen Sinn bekommen, an der Peripherie nach dem
entgegengesetzten Pol zu streben. Er wird einen Sinn bekommen fur
dasjenige, was nach der Peripherie dringt, sein Leibliches. Mufi die Ge-
schichte den Weg flnden, den ich vorgezeichnet habe durch die Sym-
ptomatologie nach dem Inneren zu, so mufi die Medizin zum Beispiel
und die Hygiene und das Sanitatswesen den Weg finden zur Sympto-
matologie nach auften. Geradesowenig, wie die neuere Geschichte an
die Wirklichkeiten dringt, so wenig dringt die neuere Medizin, das
neuere Sanitatswesen, die neuere Hygiene zu den Symptomen nach
aufien durch. Und ich habe es immer wieder betont: Der einzelne kann
dem einzelnen nicht helfen, und wenn er noch so griindlich die Dinge
durchschaute, weil es sich darum handelt, da$ heute gerade diese Dinge
in den Handen derjenigen sind, die nach der falschen Richtung hin
ziehen. Es mulS wirklich in die Verantwortung derjenigen gegeben
werden, die nach der richtigen Richtung hin ziehen. Gewiift, die aufie-
ren Tatsachen sind ebenso wahr, wie wahr ist, nun ja, dafi schliefilich
Jakob I. so oder so ausgesehen hat, wie ich Ihnen das charakterisiert
habe; so sind naturlich auch die aufieren Tatsachen wahr, dafi die oder
jene Bazillenart etwas zu tun hat, sagen wir, mit der Grippe, die jetzt
so verbreitet ist. Aber wenn es wahr ist, dafi zum Beispiel fur die Ver-
breitung einer gewissen epidemischen Krankheit die Ratten Krank-
heitstrager sind - ich will jetzt nur den Gedanken nehmen -, so kann
man doch nicht sagen, daft von den Ratten diese Krankheit kommt,
sondern man hat sich immer vorgestellt, dafi die Ratten diese Krank-
heit verbreiten. An sich haben naturlich die Bazillen mit alledem, was
die Krankheit ist, in Wirklichkeit nichts zu tun. Dasjenige, um was es
sich bei soldien Dingen handelt, das ist, dafi geradeso, wie wir es hinter
den Symptomen der Geschichte mit geistig-seelischen Ereignissen zu
tun haben, so haben wir es hinter den Symptomen der aufieren Korper-
lichkeit mit kosmologischen Ereignissen zu tun bei einer solchen Er-
scheinung. Bei anderen naturlich ist wieder anderes der Fall, nicht
wahr. Was besonders wichtig ist in einem solchen Falle, ist der rhyth-
mische Gang der kosmischen Ereignisse. Der mufi studiert werden. Es
mufi gefragt werden: In welcher kosmischen Konstellation lebten wir,
als in den achtziger Jahren die heutige Grippe in der milderen Form
der Influenza auftrat? In welcher Konstellation kosmischer Natur
leben wir jetzt? Wie vollzieht sich der kosmische Rhythmus, da die
damalige Influenza in der etwas harteren Form der Grippe auftritt? -
So wie Rhythmus gesucht werden mufi hinter der historischen Sym-
ptomenreihe, so raufi ein gewisser Rhythmus gesucht werden hinter
dem Auftreten gewisser epidemischer Krankheiten.
Es gibt Gegenden der Erde, Sie brauchen nur einen Papierfetzen an-
zuziinden und von der Erde kommen alle moglichen Dampfe herauf;
es sind die Solfatare-Gegenden in Italien. Das beweist Ihnen, daft Sie
etwas iiber der Erde vollziehen konnen, und die Erde sendet Ihnen im
Zusammenhang der Naturwirkungen diese Dinge herauf. Ja, halten
Sie es fur unmoglich, daft an der Sonne etwas geschieht - da doch die
Sonnenstrahlen jeden Tag zur Erde fallen -, was eine Bedeutung hat
fur dasjenige, was aus der Erde aufsteigt und mit dem Leben des Men-
schen im Zusammenhange stent, und daft das wiederum sich verschie-
den konfiguriert, je nach den verschiedenen Gegenden der Erde? Glau-
ben Sie denn, daft man wirklich iiber diese Dinge etwas erkennen
wird, bevor man sich herbeilaftt, durch eine geistig-seelische Erkenntnis
zu einer richtigen Kosmologie iiberzugehen? Gewift, man hat es als
eine Narrheit aufgef aftt - in dieser Weise ist es eine Narrheit -, daft die
Leute gesagt haben: Mit den Sonnenfleckenperioden hangt die Neigung
der Menschen zu Kriegen zusammen. - Aber es gibt einen Punkt, wo
selbst das nicht mehr eine reine Narrheit ist, wo das Auftreten gewisser
pathologischer Impulse im Temperamentenleben selbst zusammenhangt
mit solchen kosmologischen Erscheinungen wie den rhythmisch auf-
tretenden Sonnenfleckenperioden. Und wenn dann diese kleine Gesell-
schaft, diese winzigen Herrschaften - Bazillen, Ratten dasjenige, was
einen kosmologischen Zusammenhang hat, wirklich von einem Men-
schen zum anderen tragen, dann ist das nur etwas Sekundares, das
leicht bewiesen werden kann, das selbstverstandlich dadurch ein gropes
Publikum findet; aber die Hauptsache ist es nicht. Und vor alien Din-
gen, hinter die Hauptsache kommt man nicht, wenn man nicht den
Willen hat, wirklich auch die Peripheriesymptome zu studieren.
Daher glaube ich nicht, da$ die Menschen verniinftigere Anschau-
ungen iiber die Geschichte bekommen werden, wenn sie nicht geschicht-
Hche Symptomatologie mit dem Hintergrunde der iibersinnlichen Er-
kenntms, wie es so notwendig ist fur die moderne Menschheit, treiben,
sondern ich mufi sagen: Die Menschen werden auch dadurch erst auf
dem Gebiete des Sanitatswesens, der Hygiene, der Medizin zu etwas
kommen, wenn sie auf diesem Gebiete nunmehr eine kosmologische,
nicht eine historische, aber eine kosmologische Symptomatologie trei-
ben. Denn dasjenige, was auf der Erde als Krankheiten lebt, das wird
uns vom Himmel heruntergeschickt. - Nur mufi man natiirlich dann
nicht in dem Vorurteil leben, in dem die moderne Menschheit lebt.
Diese moderne Menschheit hat es sich sehr bequem gemacht: Ein Gott
lebt iiberall. - Nun ja, dann ist sie nur nicht in der Lage, diese moderne
Menschheit, indem sie den Gott in der Geschichte anerkennt, auch alle
moglichen retardierenden und schadlichen Vorgange in der Geschichte
zu erklaren. Und wenn solche Jahre eintreten wie die letzten vier,
dann wird diese Sache mit dem Gott in der Geschichte, mit dem Einheits-
gott in der Geschichte, wirklich recht, recht stark sengerig, denn dann
bekommt dieser Gott in der Geschichte einen sonderbaren Trieb nach
Vermehrung, und ein jeder verteidigt dann auf seinem Terrain seinen
Gott in der Geschichte, argert den anderen damit. Und erst, wenn man
zur Kosmologie iibergehen soil und zugleich bei dem bequemen Ein-
heitsgotte bleibt, dann schickt dieser Gott die Krankheiten! Aber wenn
man zu der Trinitat aufzusteigen weifi: Gott, Luzifer, Ahriman, wenn
man diese Trinitat weift in dem Obersinnlichen hinter den historischen
Betrachtungen, hinter den historischen Symptomen, wenn man diese
Trinitat weifi draulkn im kosmischen Weltall, dann hat man nicht
notig, auf den guten Gott sich zu berufen, wenn man sagt: Die Krank-
heiten sendet uns der Himmel, indem er mit der Erde zusammen-
wirkt, - so wie idi nur durch ein Blatt Papier auf einem Schwef elboden
Schwef eldampfe in die Hohe bringe. Erst dann aber kann mit der
Wahrheit geholfen werden, wenn die Menschen die Wahrheit aner-
kennen im Zeitalter der Bewufitseinsseele. Daher kommt alles doch
auf das eine an: die Wahrheit zu suchen.
VIERTER VORTRAG
Dornadi, 25. Oktober 1918
Bevor ich zu anderem ubergehe, mufi ich. nodi sprechen von gewissen
umfassenderen Gedanken, die sich ergeben aus dem, was wir iiber die
neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung betrachtet haben. Wir
haben versucht, diese neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung
ins Auge zu fassen vom Gesichtspunkte einer Symptomatologie, das
heifit, wir haben entschieden den Versuch unternommen, dasjenige,
was man gewohnhch historische Tatsachen nennt, nicht als das zu be-
trachten, was das Wesentliche in der geschichtlichen Wirklichkeit ist,
sondern diese historischen Tatsachen so hinzustellen, dafi sie bildhafte
OfFenbarungen desjenigen darstellen, was eigentlich hinter ihnen als
die wahre Wirklichkeit liegt. Diese wahre Wirklichkeit ist damit wenig-
stens auf dem Gebiete des geschichtlichen Werdens der Menschheit her-
ausgehoben aus dem, was blofi aufierlich in der sinnenfalligen Welt
wahrgenommen werden kann. Denn das, was aufierlich in der sinnen-
falligen Welt wahrgenommen werden kann, das sind eben die soge-
nannten historischen Tatsachen. Und erkennt man die sogenannten
historischen Tatsachen nicht als die wahre Wirklichkeit an, sondern
sucht in ihnen als in Symptomen von der wahren Wirklichkeit OfFen-
barungen eines hinter ihnen Stehenden, dann kommt man ganz selbst-
verstandlich zu einem iibersinnlichen Elemente.
Es ist im ganzen gerade bei der Betrachtung der Geschichte vielleicht
nicht so leicht, vom Obersinnlichen in seinem wahren Charakter zu
sprechen, weil viele glauben, wenn sie irgendwelche Gedanken oder
Ideen in der Geschichte flnden, oder einfach wenn sie geschichtliche Er-
eignisse notifizieren, dann hatten sie schon etwas Ubersinnliches. Wir
miissen uns ganz klar sein dariiber, dafi wir zum Ubersinnlichen iiber-
haupt nicht rechnen konnen, was uns, sei es fur die Sinne, sei es fur den
Verstand, sei es fur das Empfindungsvermogen, innerhalb der sinnen-
falligen Welt entgegentritt. Daher mufi uns alles, was eigentlich im
gewohnlichen Sinne als Geschichte erzahlt wird, zum Sinnenfalligen
gehoren. Man wird natiirlich, wenn man so historisch Symptomato-
logie treibt, die Symptome nicht immer gleicliwertig nehmen diirfen,
sondern man wird aus der Betrachtung selbst erkennen, daft das eine
Symptom von ganz besonderer Wichtigkeit ist, urn hinter die Ereig-
nisse auf die Wirklichkeit zu kommen; andere Symptome sind vielleicht
ganz bedeutungslos, wenn man den Weg einschlagen will in die wahre
iibersinnliche Wirklichkeit.
Nun, ich mochte, nachdem ich Ihnen eine grofiere Anzahl von mehr
oder weniger wichtigen Symptomen aus jenem Zeitraume aufgezahlt
habe, der seit dem Eintritt der Menschheit in die Bewufitseinsseelen-
kultur verflossen ist, jetzt versuchen, Ihnen nach und nach einiges zu
charakterisieren von dem dahinterstehenden Ubersinnlichen. Einiges
haben wir ja schon charakterisiert. Denn natiirlich, ein wesentlicher
Grundzug, der im t)bersinnlichen pulsiert, ist ja das Eintreten der
Menschheit in die Bewufkseinsseelenkultur selbst, das heifk das An-
eignen der Organe fiir die Entwickelung der Bewufitseinsseele. Das
ist das Wesentliche. Aber wir haben schon neulich erkannt, dafi ge-
wissermafien der andere Pol, die Erganzung zu diesem innerlichen
Erarbeiten der Bewufkseinsseele, sein mufi die Hinneigung zu einer
Offenbarung aus der geistig-ubersinnlichen Welt heraus. Diese Ge-
sinnung mufi die Menschen durchdringen, dafi sie fortan nicht werden
weiterkommen konnen, ohne der neuen Art von Offenbarung der uber-
smnlichen Welt entgegenzugehen.
Diese zwei Pole der Menschheitsentwickelung mussen wir zunachst
sehen, Sie sind bis zu einem gewissen Grade schon heraufgekommen
in den Jahrhunderten seit 1413, seit die Menschheit in das Bewufkseins-
zeitalter eingetreten ist. Sie werden sich als zwei machtige Impulse
weiterentwickeln mussen, werden in den verschiedenen Epochen bis
ins vierte Jahrtausend die verschiedensten Formen annehmen, werden
iiber die Menschen die mannigfaltigsten Schicksale bringen. Das alles
wird sich nach und nach fiir die einzelnen Menschenseelen eben ent-
hiillen. Aber gerade mit dem Hinblick auf die beiden Impulse werden
wir dann belehrt dariiber, wie Wesentliches verlaufen ist seit diesem
15. Jahrhundert. Und wir konnen sagen: Man ist heute schon imstande,
darauf aufmerksam zu machen, wie Wesentliches verlaufen ist. Sehen
Sie, im 18. Jahrhundert zum Beispiel, audi im Beginne des 19.Jahr-
hunderts, ware es nodi nicht moglich gewesen, strikte aus aufieren Er-
scheinungen auf die Wirksamkeit der beiden genannten Impulse hinzu-
deuten. Sie waren noch nicht lange genug wirksam, urn sich intensiv
genug zu zeigen. Sie sind nun intensiv genug wirksam gewesen, um
sich auch schon in den au&erlichen Erscheinungen zu zeigen.
Eine wesentliche Tatsache, die heute schon signifikant hervortritt,
wollen wir zunachst einmal vor unsere Seele hinstellen. Man kann
sagen: Wenn friihere Erscheinungen nur fiir den mehr oder weniger
Eingeweihten das sichtbar machten, was ich jetzt meine - die russische
Revolution in ihrer letzten Phase, namentlich vom Oktober 1917 bis
zu den sogenannten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, diese
ungeheuer interessante Entwickelung, die ja iibersichtlich ist, weil sie
nur durch wenige Monate lauft, sie hat fiir denjenigen, der nun wirk-
lich ernsthaftig aus den geschichtlichen Symptomen lernen will - denn
auch diese Entwickelung ist selbstverstandlich nur ein geschichtliches
Symptom -, eine ungeheuer grofie Bedeutung. Alles das, was da ge-
schehen ist, ist ja zuletzt zusammengeflossen aus den Impulsen, von
denen wir als den tieferen Impulsen der neuzeitlichen Entwickelung
gesprochen haben. Man kann sagen, es handelt sich gerade bei dieser
Revolution um neue Ideen. Denn um neue Ideen kann es sich heute
nur handeln, wo man von wirkhcher Entwickelung der Menschheit
spricht. Alles andere unterliegt, wie wir spater noch horen werden
und neulich schon andeuteten, gewissermaften den Todessymptomen.
Um das Wirksammachen neuer Ideen handelt es sich. Diese neuen
Ideen - Sie werden das ja entnehmen konnen aus den mancherlei Aus-
fuhrungen, die ich gerade iiber dieses Thema im Laufe von jetzt schon
Jahrzehnten gemacht habe — mussen in die ganze breite Bevolkerung
der osteuropaischen Bauernschaft einfliefien konnen. Selbstverstand-
lich hat man es da mit einem seelisch wesentlich passiven Elemente zu
tun, aber mit einem Elemente, das aufnahmefahig ist gerade fiir Mo-
dernstes, aus dem einfachen Grunde, weil, wie Sie ja wissen, in diesem
Volkselemente der Keim liegt zur Entwickelung des Geistselbstes.
Wahrend die andere Bevolkerung der Erde im wesentlichen den Impuls
zur Entwickelung der Bewufitseinsseele in sich tragt, tragt die breite
Masse der russischen Bevolkerung, mit einigen Anhangseln noch, den
Keim in sich fur die Entwickelung des Geistselbstes im sechsten nach-
atlantischen Kulturzeitraum. Das bedingt natiirlich ganz besondere
Verhaltnisse. Aber fur dasjenige, was wir jetzt betrachten wollen, ist
es weiter nichts als eben significant.
Nun, nicht wahr, die Idee, die mehr oder weniger richtig, oder mehr
oder weniger unrichtig, oder ganz unrichtig, aber als moderne Idee,
als Idee von noch nicht Dagewesenem einfliefien sollte in diese breite
Masse der Bevolkerung, konnte nur kommen von denjenigen, die Ge-
legenheit haben imLeben, Ideen aufzunehmen, von fiihrenden Klassen.
Nachdem der Zarismus gestiirzt war, sah man zuerst aufkommen
ein Element, das im wesentlichen zusammenhangt mit einer vollig
unfruchtbaren Klasse, mit der Grofibourgeoisie - weiter westlidi nennt
man sie Schwerindustrie und so weiter -, mit einer vollig unfruchtbaren
Klasse. Das konnte nur eine Episode sein. Das war ja selbstverstand-
lich, dafi das nur eine Episode sein konnte. Von der braucht man eigent-
lich im Grunde wirklich nicht zu reden, denn dasjenige, was aus dieser
Klasse hervorgeht, das hat ja selbstverstandlich, mochte ich sagen, keine
Ideen, es kann keine haben, als Klasse selbstverstandlich. Ich rede nie,
wenn ich von diesen Dingen spreche, von den einzelnen menschlichen
Personlichkeiten oder Individuen.
Nun waren, nach links stehend, zunachst diejenigen Elemente, die
aufgestiegen waren aus dem Biirgertum, mehr oder weniger vermischt
mit arbeitenden Elementen. Es war die fiihrende Bevolkerung der so-
genannten Sozialrevolutionare, zu denen sich audi die Menschewiki
nach und nach geschlagen haben. Es sind diejenigen Menschen, die im
wesentlichen, rein aufierlich nach ihrer Zahl gerechnet, sehr leicht eine
fiihrende Rolle hatten spielen konnen innerhalb der weiteren Entwicke-
lung der russischen Revolution. Sie wissen, es ist nicht so gekommen.
Es sind die radikalen, nach links stehenden Elemente an die Fiihrung
gekommen. Und als sie an die Fiihrung gekommen waren, da waren
die Sozialrevolutionare, die Menschewiki und ihre Gesinnungsgenos-
sen im Westen, selbstverstandlich davon iiberzeugt, dafi die ganze
Herrlichkeit nur acht Tage dauern werde, dann werde alles kaputt
gehen. Nun, es dauert jetzt schon langer als acht Tage, und Sie konnen
ganz sicher iiberzeugt sein, meine Heben Freunde: Wenn manche Pro-
pheten schlechte Propheten sind - diejenigen Mensdien, die heute
historisdie Vorgange prophezeien aus den alten Weltanschauungen
gewisser Mittelklassen heraus, sind ganz gewifi die sdileditesten Pro-
pheten! - Nun, was Hegt da eigentlich zugrunde? Physikalisdi ge-
sprochen mochte ich sagen: Dieses Problem der russischen Revolution
vom Oktober, durch die nachsten Monate hindurch und bis heute, ist
keinDruckproblem, physikalisch gesprochen, sondern ein Saugproblem.
Und das ist wichtig, dafi man das wirklich den historischen Symptomen
entnehmen kann, dafi es sich nicht um ein Druckproblem, sondern um
ein Saugproblem handelt. Was meint man mit einem Saugproblem?
Sie wissen ja (es wird gezeichnet), wenn man hier den Rezipienten einer
Luftpumpe hat, die Luft herausgesaugt und im Rezipienten einen luft-
leeren Raum geschaffen hat und ofTnet den Stopsel, so stromt pfeifend
die Luft ein. Sie stromt ein, nicht weil die Luft dort hineinwill durch
sich selber, sondern weil ein leerer Raum geschaffen ist. In diesen luft-
leeren Raum stromt die Luft ein. Sie pf eift hinein, wo ein luftleerer
Raum ist.
So war es audi mit Bezug auf diejenigen Elemente, die gewisser-
mafien in der Mitte standen zwischen der Bauernschaft und den Sozial-
revolutionaren, den Menschewiki, und eben den weiter nach links
stehenden, den radikalen Elementen, den Bolschewiki. Was ist denn
eigentlich da geschehen? Nun, was geschehen ist, war das, dafi die so-
zialrevolutionaren Menschewiki absolut ideenlos waren. Sie waren in
der iiberwiegenden Mehrzahl, aber sie waren absolut ideenlos; sie
hatten gar nichts zu sagen, was geschehen soil mit der Menschheit
gegen die Zukunft hin. Sie hatten zwar allerlei ethische und sonstige
Sentimentalitaten im Kopfe, aber mit ethischen Sentimentalitaten, wie
ich Ihnen ofter auseinandergesetzt habe, kann man nicht die wirk-
lichen Impulse, welche die Menschheit weiter treiben konnen, finden.
So ist ein luftleerer Raum, das heilk ideenleerer Raum entstanden,
und da pfiff selbstverstandlich dasjenige, was weiter nach links radikal
steht, hinein. Man darf nicht glauben, dafi es gewissermafien durch ihr
eigenes Wesen den radikalsten sozialistischen Elementen in Rufiland,
die wenig mit Rufiland selbst zu tun haben, vorgezeichnet war, da
besonders Fufi zu fassen. Sie hatten es nie gekonnt, wenn die Sozial-
revolutionare und andere mit ihnen Verbundene - es gibt ja die ver-
schiedensten Gruppen - irgendwelche Ideen gehabt hatten, urn Fiih-
rende zu werden. Allerdings konnenSie fragen: Welche Ideen hatten sie
denn haben sollen? - Und da kann nur derjenige eine fruchtbringende
Antwort heute finden, der nicht mehr erschrickt und auch nicht mehr
feige wird, wenn man ihm sagt: Es gibt fiir diese Schichten keine an-
deren fruchtbaren Ideen als diejenigen, welche aus den geisteswissen-
schaftlichen Ergebmssen kommen. Es gibt keine andere Hilfe.
Aber dasWesentliche ist schliefilich - gewiiS, dieLeute sind mehr oder
weniger radikal geworden und werden es heute verleugnen, dafi sie aus
dem alten Burgertum hervorgegangen sind, viele wenigstens, aber sie
sind es doch — , das Wesentlichste ist, dai$ diejenige Schichte der Bevol-
kerung, aus welcher diese Leute, die denRaum luftleer, das heilk ideen-
leer gemacht haben, bis jetzt, im Zeitalter der Bewufitseinsseelenent-
wickelung, eben absolut nicht dazu zu bringen war, irgendwelche Ideen
zu haben. Dies ist nun naturlich nicht blofi in Rufiland der Fall, son-
dern diese russische Revolution in einer letzten, vorlaufig letzten Phase
kann es eben nur fiir den, der die Sache studieren will, mit ganz beson-
derer Deutlichkeit zeigen: Sie sehen Tag fiir Tag, wie diese Leute, die
den Raum luftleer machen, zuriickgedrangt werden, und wie die an-
deren hineinpfeifen, das heilk, sich an ihre Stelle setzen. Aber diese
Erscheinung, sie ist heute iiber die ganze Welt verbreitet. Sie ist durch-
aus iiber die ganze "Welt heute verbreitet. Denn das ist das Wesentliche,
dafi diejenige Schichte der Bevolkerung, die gewissermafien heute zwi-
schen rechts und links steht, sich seit langer Zeit ablehnend verhalten
hat, wenn es sich darum handelte, eine fruchtbare Weltanschauung
irgendwie anzustreben. Eine fruchtbare Weltanschauung kann in unse-
rem Zeitalter der Bewufitseinsseelenentwickelung nicht anders sein
als eine solche, die auch Impulse gibt fiir das Zusammenleben der
Menschen.
Ja, das war es, was von allem Anfange an unsere geisteswissenschaft-
licheBewegung durchpulste: nicht sollte sie nur irgendeine sektiererische
Bewegung sein, sondern angestrebt wurde, dafi sie wirklich mit dem
Impulse unserer Zeit, mit all dem, was der Menschheit in unserer Zeit
nach alien Richtungen hin wichtig und wesentlich ist, rechnet. Das
wurde immer mehr angestrebt. Das ist allerdings dasjenige, was man
heute am schwersten den Menschen zum Verstandnis bringen kann, aus
dem einfachen Grunde, weil ja doch immer wieder und wiederum -
selbstverstandlich nicht bei alien, sondern bei vielen - die Gesinnung
durchschlagt, dafi sie audi in dem, was sie Anthroposophie nennen,
doch nichts anderes haben wollen als so ein bifichen bessere Sonntag-
naclimittagspredigt fiir dasjenige, was man so zu seiner privat-person-
lichen Erbauung braucht, was man aber fernhalt von all den ernst-
haften Angelegenheiten, die man abmacht im Parlament, im Bundesrat
oder in der oder jener Korperschaft, oder audi nur am Biertisch. Daft
wirklich alles Leben durchdrungen werden muft mit Ideen, die nur aus
dem Geisteswissenschaftlichen heraus geholt werden konnen, das ist
es, was eben eingesehen werden mufi.
Der Interesselosigkeit dieser Schichte der Bevolkerung stand und
stent audi noch heute das rege Interesse des Proletariats entgegen.
Dieses Proletariat hat natiirlich, einfach durch die geschichtliche Ent-
wickelung der neueren Zeit, nicht die Moglichkeit, iiber das blofS
Sinnenfallige hinauszudringen. So kennt es nur sinnenfallige Impulse
und will nur sinnenfallige Impulse in die Menschheitsentwickelung
einfiihren. Aber wahrend dasjenige, was die burgerliche Bevolkerung,
wenn wir so sagen diirfen, oftmals ihre Weltanschauung nennt, nur
Worte, Phrasen oftmals sind - meistens sind, weil sie eigentlich nicht
gehegt sind vom unmittelbaren Leben der Gegenwart, sondern weil
sie heraufgebracht, iiberkommen sind aus alteren Zeiten, wahrend die
burgerliche Bevolkerung in der Phrase lebt, lebt das Proletariat, weil
es in einem wirklich neuen wirtschaftlichen Impuls drinnensteht, in
Realitaten, aber nur in Realitaten sinnenf alliger Natur.
Hier haben wir einen bedeutsamen Angelpunkt. Sehen Sie, das
Leben der Menschheit hat sich schon seit wenigen Jahrhunderten ganz
wesentlich geandert. Seit wenigen Jahrhunderten sind wir innerhalb
dieses Zeitalters der Bewulkseinsseele ins Maschinenzeitalter eingetre-
ten. Die burgerliche Bevolkerung und was iiber ihr ist wurde wenig
beriihrt in ihren Lebensverhaltnissen von diesem Eintritt ins Ma-
schinenzeitalter. Denn was die burgerliche Bevolkerung an besonders
grofien neuen Impulsen in der letzten Zeit aufgenommen hat, das liegt
ja schon vor dem eigentlichen Maschinenzeitalter - Einfiihrung des
Kaffees und so weiter fiir den Kaffeeklatsch — , und dasjenige, was die
biirgerliche Bevolkerung an neuen Bankusancen und dergleiclien ge-
bracht hat, das ist so wenig angeraessen den neuzeitlichen Impulsen wie
nur irgend denkbar. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Kompli-
kation der ururaltesten Usancen, die man im kaufmannischen Leben
gehabt hat.
Diejenige Kaste oder Klasse der Menschen dagegen, die wirklich
von einem neuzeitlichen Impulse aufierlich im sinnenfalligen Leben
unmittelbar ergriffen ist, die gewissermafien durch die neuzeitlichen
Impulse selber erst geschafFen ist, das ist das neuzeitliche Proletariat.
Seit der Erfmdung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls
im 18. Jahrhundert ist die gesamteVolkswirtschaft der Menschheit um-
gewandelt, und es ist im wesentlichen erst durch diese Impulse des
mechanischen Webstuhls und der Spinnmaschine das moderne Prole-
tariat entstanden. Das ist also ein Geschopf der neuen Zeit, und das
ist das Wesentliche. Der Burger ist kein Geschopf der neuen Zeit, aber
der Proletarier ist ein Geschopf der neuen Zeit. Denn dasjenige, was
friiher vorhanden war und verglichen werden konnte mit dem Prole-
tariat der neuen Zeit, es war nicht ein Proletariat, es war irgendein
Mitglied der alten patriarchalischen Ordnung, und die ist grundver-
schieden von dem, was die Ordnung im Maschinenzeitalter ist. Aber
damit war der Proletarier eben auch hineingestellt in dasjenige, was
ganz von der lebendigen Natur herausgerissen ist: in das rein Mecha-
nische. Er war ganz auf das sinnenfallige Tun gestellt, aber er durstete
nach einer Weltanschauung, und er versuchte die ganze Welt sich so zu
konstruieren, wie das konstruiert war, in dem er mit seinem Leib und
mit seiner Seele drinnenstand. Denn die Menschen sehen schliefilich im
Weltengebaude dasjenige zuerst, in dem sie selber drinnenstehen. Nicht
wahr, der Theologe und das Militar, sie gehoren zusammen, wie ich
Ihnen neulich angedeutet habe. Der Theologe und das Militar, sie sehen
in vieler Beziehung im Weltengebaude Kampf, Kampf der guten und
der bosen Machte und so weiter, ohne weiter auf die Dinge einzugehen.
Der Jurist und der Beamte — sie gehoren wieder zusammen — und der
Metaphysiker, sie sehen im Weltengebaude eine Realisierung abstrak-
ter Ideen. Und kein Wunder, der moderne Proletarier sieht im Welten-
gebaude eine grofie Masdiine, in die er selbst hineingestellt ist. Und so
will er audi die soziale Ordnung gestalten als eine grofie Maschine.
Aber es war doch eben ein gewaltiger Unterschied und ist heute nodi
ein gewaltiger Unterschied zum Beispiel zwischen dem modernen
Proletarier und dem modernen Burger, dem modernen Bourgeois-
Leben. Von dem versinkenden Stande braucht man ja nicht zu reden.
Es ist doch ein betrachtlicher Unterschied, dafi der moderne Bourgeois
eben gar kein Interesse an irgendwelchen tiefergehenden Weltanschau-
ungsfragen hat, wahrend der Proletarier ein brennendes Interesse fur
Weltanschauungsfragen hat. Nicht wahr, der moderne Bourgeois dis-
kutiert allerdings in zahlreichen Versammlungen, diskutiert mit Wor-
ten zumeist. Der Proletarier diskutiert iiber dasjenige, in dem er leben-
dig drinnensteht, uber dasjenige, was taglich die Maschinenkultur
erzeugt. Man hat sogleich, wenn man heute aus einer biirgerlichen
Versammlung in eine proletarische Versammlung gent, folgendes Ge-
fiihl: In der biirgerlichen Versammlung, da wird diskutiert, wie schon
es ware, wenn die Menschen Frieden hielten, wenn sie alle Pazifisten
waren zum Beispiel, oder wie schon irgend etwas anderes ware. Aber
das alles ist Dialektik von Worten zumeist, allerdings mit etwas Sen-
timentalitat durchspickt, aber nicht ergriffen von dem Impuls, wirklich
ins Weltengebaude hineinzuschauen, dasjenige, was man will, aus den
Geheimnissen des Weltengebaudes heraus zu realisieren. Gehen Sie
dann in die proletarische Versammlung, so merken Sie: Die Leute
reden von Wirklichkeiten, wenn das audi die Wirklichkeiten des physi-
schen Planes sind. Die Leute kennen Geschichte, das heifit, ihre Ge-
schichte; sie kennen genau die Geschichte, an den Fingern konnen sie es
herzahlen, von der Erfmdung des mechanischen Webstuhles und der
Spinnmaschine an. Das wird jedem eingeblaut, was da angefangen
hat, was sich da entwickelt hat, wie das Proletariat zu dem geworden
ist, was es heute ist. Wie das geworden ist, das weifi jeder am Schnur-
chen, der nur einigermafien nicht stumpfsinnig ist, sondern teilnimmt
am Leben - und das sind ja nur wenige, es ist wenig Stumpfsinn eigent-
lich gerade in dieser Klasse von Bevolkerung.
Man konnte viele, viele charakteristische Momente aufzahlen fur die
Stumpfheit gegeniiber Weltanschauungsfragen bei der heutigen Mittel-
schichtsbevolkerung. Man braucht sich. nur daran zu erinnern, wie sich
die Leute verhalten, wenn einmal ein Diditer - derjenige, der nicht ein
Diditer ist, darf es schon gar nicht tun, denn dann wird er ein Phan-
tast genannt oder dergleichen — , wenn irgendein Diditer Gestalten aus
der Ubersinnlichen Welt meinetwegen auf die Biihne bringt oder sonst-
wo hinbringt. Da lassen es sich die Leute so halb und halb gef alien,
weil sie nicht daran zu glauben brauchen, weil sie kein Hauch der
Wirklichkeit anweht, weil sie sich sagen konnen: Es ist blofi Dich-
tung! - Dieses ist so geworden im Lauf der Entwickelung des Bewufit-
seinsseelenzeitalters. So ist es, mochte ich sagen, die Sache raumlich be-
trachtet, dafi sich herausgebildet hat eine Menschenklasse, die, wenn sie
sich nicht besinnt, Gefahr laufl, immer mehr und mehr vollstandig in
die Phrase hineinzulaufen. Aber man kann dieselbe Sache audi zeitlich
betrachten, und auf gewisse wichtige Zeitpunkte habe ich ja wiederholt
hingewiesen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus.
Sehen Sie, von diesem Zeitraum des Bewufitseinszeitalters, der 1413
approximativ begonnen hat, war in den vierziger Jahren des 19. Jahr-
hunderts, ungefahr um das Jahr 1840 oder 45 herum, das erste Fiinftel
abgelaufen. Das war ein wichtiger Zeitpunkt, diese vierziger Jahre,
denn in diesem Zeitpunkte war gewissermafien vorgesehen durch die
die Weltenentwickelung impulsierenden Machte eine Art von bedeut-
samer Krisis. Aufien, im aufieren Leben, kam diese Krisis im wesent-
lichen dadurch zum Vorschein, dafi die sogenannten liberalen Ideen
der Neuzeit gerade in diesen Jahren ihre Bliite entwickelten. In den
vierziger Jahren hatte es den Anschein, als ob auch in die aufiere politi-
sche Welt der zivilisierten Menschheit der Impuls des Bewulkseins-
zeitalters in Form von politischen Anschauungen hineinsturmen konnte.
Zwei Dinge fielen zusammen in diesen vierziger Jahren. Das Prole-
tariat war noch nicht vollstandig seiner historischen Grundlage ent-
bunden, es existierte noch nicht mit vollem Selbstbewufitsein. Das
Proletariat war erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts reif,
bewulk einzutreten in die geschichtliche Entwickelung. Was vorher
lag, ist nicht im modernen Sinne des Wortes proletarisches Bewulksein.
Die soziale Frage war naturlich fruher da. Aber nicht einmal, dal$ die
soziale Frage da ist, haben die Leute der Mittelschichte bemerkt. Ein
osterreichischer Minister, der eine grofie Beruhmtheit erlangt hat, hat
ja den beruhmten Ausspruch noch Ende der sechziger Jahre getan: Die
soziale Frage hort bei Bodenbach auf . - Bodenbach liegt, wie Sie viel-
leicht wissen, an der Grenze zwischen Sachsen und Bohmen. Das ist ein
beriihmter Ausspruch eines burger lichen Ministers!
Das proletarische Bewufitsein war also in den vierziger Jahren noch
nicht da. Trager der politischen Zivilisation der damaligen Zeit war
im wesentlichen das Burgertum, war im wesentlichen die Mittelschichte,
von der ich eben gesprochen habe. Nun war das Eigentiimliche der
Ideen, die dazumal in den vierziger Jahren hatten politisch werden
konnen, ihre ganz intensive Abstraktheit. Sie alle kennen ja, ich hoffe,
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, was alles an - man nennt es
revolutionaren Ideen, aber es war wirklich nur liberal - was dazumal
in den vierziger Jahren an liberalen Ideen in die Menschheit einge-
stromt ist und sich 1848 entladen hat. Sie kennen das und wissen ja
wohl audi, dafi Trager dieser Ideen das Burgertum war, das ich Ihnen
eben charakterisiert habe. Aber alle diese Ideen, die dazumal lebten,
die so eindringen wollten in die geschichtliche Entwickelung der Mensch-
heit, waren restlos intensiv abstrakte Ideen. Siewaren die allerabstrak-
testen Ideen, manchmal blofie Worthulsen. Aber das schadete nichts,
denn im Zeitalter der Bewulkseinsseele mufite man durch die Abstrakt-
heit durch. Man mufite die leitenden Ideen der Menschheit einmal in
dieser Abstraktheit fassen.
Nun, der einzelne Mensch lernt nicht an einem Tag schreiben, nicht
an einem Tag lesen, das wissen Sie, nicht wahr, von sich und anderen.
Die Menschheit braucht audi eine gewisse Zeit, wenn sie mit irgend
etwas eine Entwickelung durchmachen soli, sie braucht immer eine ge-
wisse Zeit. Es war - wir werden auf diese Dinge noch genauer ein-
gehen - der Menschheit Zeit gelassen bis zum Ende der siebziger Jahre.
Wenn Sie 1845 nehmen, 33 Jahre dazurechnen, dann bekommen Sie
1878; da erreichen sie ungefahr dasjenige Jahr, bis zu welchem der
Menschheit Zeit gelassen war, sich hineinzufinden in die Realitat der
Ideen der vierziger Jahre. Das ist in der historischen Entwickelung der
neuzeitlichen Menschheit etwas aufierordentlich Wichtiges, dafi man
diese Jahrzehnte ins Auge zu fassen vermag, die da liegen zwisdien
den vierziger und den siebziger Jahren. Denn liber diese Jahrzehnte
mufi sich der heutige Mensch vollig klarwerden. Er mufi sich klar-
werden dariiber, daft in diesen Jahrzehnten, in den vierziger Jahren,
begonnen hat, in abstrakter Form in die Menschenentwickelung einzu-
flieften das, was man liberale Ideen nennt, und daft der Menschheit
Zeit gelassen war bis zum Ende der siebziger Jahre, urn diese Ideen zu
begreifen, diese Ideen an die Wirklichkeiten anzuhangen.
Trager dieser Ideen war das Bourgeoistum. Aber das hat den An-
schiuft versaumt. Es liegt etwas ungeheuer Tragisches iiber der Ent-
wickelung dieses 19. Jahrhunderts. Es ist wirklich fiir denjenigen, der
in den vierziger Jahren manchen hervorragenden Menschen - iiber die
ganze zivilisierte Welt waren solche ausgebreitet - aus dem Burger-
stande reden horte iiber das, was der Menschheit gebracht werden
sollte auf alien Gebieten, in diesen vierziger, noch Anfang der funf-
ziger Jahre manchmal etwas wie von einem kommenden Volkerfriih-
ling. Aber aus den Eigenschaften heraus, die ich Ihnen charakterisiert
habe fiir die Mittelschichte, wurde der Anschlufi versaumt. Als die
siebziger Jahre zu Ende gingen, hatte der Biirgerstand die liberalen
Ideen nicht begriffen. Es wurde von dieser Klasse, von den vierziger
bis in die siebziger Jahre, dieses Zeitalter verschlafen. Und die Folge
davon ist etwas, auf das man schon hinschauen mufi. Denn die Dinge
mussen sich ja in auf- und absteigenden Wellen bewegen, und eine ge-
deihliche Entwickelung der Menschheit in die Zukunft kann nur statt-
finden, wenn man riickhaltlos auf dasjenige sieht, was sich da in der
jiingsten Vergangenheit abgespielt hat. Man kann nur aufwachen im
Zeitalter der Bewufitseinsseele, wenn man weift, daft man vorher ge-
schlafen hat. Wenn man nicht weift, wann und
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