Geschichtliche Symptomatologie

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Geschichtliche Symptomatolo| 



Neun Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 18. Oktober bis 3. November 1918 



1982 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung 

Die Herausgabe besorgten J. Waeger (f) und R. Friedenthal 



1. Auflage Dornach 1942 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962 

3., neu durchgesehene Auflage 
(photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1982 



Bibliographie-Nr. 185 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 
Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1850-8 



2» den Veroffentlicbungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, muli gegenuber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 18. Oktober 1918 9 

Das Heraufkommen des Bewufitseins-Impulses 

Zweiter Vortrag, 19. Oktober 1918 35 

Zur Symptomatologie der neueren Zeit 

Dritter Vortrag, 20. Oktober 1918 61 

Charakteristische Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome 

Vierter Vortrag, 25. Oktober 1918 83 

Die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denkweise 
als Symptom 

Funfter Vortrag, 26. Oktober 1918 105 

Das iibersinnliche Element in der Geschichtsbetrachtung 

Sechster Vortrag, 27. Oktober 1918 125 

Episodische Betrachtung zum Erscheinen der neuen Auflage der 
«Philosophie der Freiheit» 

Siebenter Vortrag, 1. November 1918 151 

Episodische Betrachtungen anlafilich der neuen Auflage von 
«Goethes Weltanschauung)) 

Achter Vortrag, 2. November 1918 179 

Religionsgeschichtliche Impulse des funften nachatlantischen 
Zeitraums 

Neunter Vortrag, 3. November 1918 198 

Der Zusammenhang tieferer europaischer Impulse mit den Impulsen 
der Gegenwart 

Hinweise 233 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 245 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 251 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 253 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 18. Oktober 1918 



Ich werde versudien, heute, morgen und iibermorgen einiges Bedeu- 
tungsvolle anzukniipfen an die Betrachtung, die ich in der vorigen 
Woche hier vor Ihnen angestellt habe. Was ich ankniipfen will an diese 
Dinge, die uns bis zu einer gewissen Tiefe hineingefiihrt haben in die 
Impulse, welche die neuere Menschheitsentwickelung beherrschen, das 
soli sich herausergeben aus allerlei Wendepunkten des neueren ge- 
schichtlichen Lebens. Wir wollen versuchen, dieses neuere geschichtliche 
Leben bis zu dem Punkte zu betrachten, an dem wir sehen konnen, 
wie die Menschenseele in der Gegenwart im Weltenzusammenhange 
drinnensteht, sowohl mit Bezug auf ihre Entwickelung im Kosmos, 
wie auf ihre seelische Entwickelung gegeniiber dem Gottlichen und 
ihre Ich-Entwickelung gegeniiber dem Geistigen. Aber ich mochte ein- 
mal diese Dinge an mehr oder weniger Alltagliches und Ihnen Bekann- 
tes ankniipfen. Deshalb lege ich heute zunachst - Sie werden morgen 
und iibermorgen sehen warum - jenen geschichtlichen Uberblick iiber 
die neuere Menschheitsentwickelung zugrunde, der auch gestern zum 
Teil der Betrachtung iiber neuere Geschichte zugrunde gelegen hat, die 
ich versuchte in meinem offentlichen Vortrage in Zurich zu geben. 

Wir wissen aus friiheren Vortragen, die ich iiber ahnliche Themata 
gehalten habe, dafi ich vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft 
aus das, was man gewohnlich Geschichte nennt, verwandelt sehen mufi 
in eine Symptomatologie. Das heifit von dem Gesichtspunkte, den ich 
hier meine: Dasjenige, was man gewohnlich empfangt als Geschichte, 
was verzeichnet wird in dem, was man schulmafiig Geschichte nennt, 
das sollte man nicht ansehen als das wirklich Bedeutungsvolle im Ent- 
wickelungsgange der Menschheit, sondern man sollte das nur ansehen 
als Symptome, die gewissermafien an der Oberflache ablaufen und 
durch die man durchblkken mufi in weitere Tief en des Geschehens, wo- 
durch sich dann enthiillt, was eigentlich die Wirklichkeit ist im Werden 
der Menschheit. Wahrend gewohnlich die Geschichte die sogenannten 
historischen Ereignisse in ihrer Absolutheit betrachtet, soil hier das, was 



man historische Ereignisse nennt, nur als etwas angesehen werden, was 
gewissermafien ein tiefer darunterliegendes, wahres Wirkliche erst ver- 
rat, und, wenn man es richtig betrachtet, offenbart. 

Man braucht ja nicht sehr tief zu denken, so wird man sehr bald 
darauf kommen, wie unsinnig zum Beispiel eine sehr haufig gemachte 
Bemerkung ist: dafi der Mensch der Gegenwart ein Ergebnis der Ver- 
gangenheit der Menschheit sei, und diese Bemerkung an die Betrach- 
tung desjenigen knupft, was dann die Geschichte von dieser Vergan- 
genheit gibt. Lassen Sie diese geschichtlichen Ereignisse, die Sie in der 
Schule als Geschichte vorgefuhrt bekommen haben, einmal Revue pas- 
sieren, und fragen Sie dann, wieviel davon Einflufi gewonnen haben 
kann, so wie es die Geschichte glaubt darstellen zu konnen, auf Ihr 
eigenes Gemiit, auf Ihre eigene seelische Struktur! - Aber die seelische 
Struktur zu betrachten, wie sie in der Gegenwart hineingestellt ist in 
die Entwickelung der Menschheit, das gehort ja zur wirklichen Selbst- 
erkenntnis des Menschen. Diese Selbsterkenntnis wird nicht gefordert 
durch die gewohnliche Geschichte. Manchmal wird allerdings ein Stuck 
Selbsterkenntnis gefordert, herbeigefiihrt, aber auf einem Umwege, 
zum Beispiel wie mir gestern ein Herr erzahlte, dafi er einmal in der 
Schule nicht wufite, wann die Schlacht von Marathon geschlagen wor- 
den ist und deswegen drei Stunden Arrest bekommen hatte. Das ist 
allerdings dann etwas, was auf die Seele des Menschen wirkt und 
was dann auf einem Umwege etwas beitragen konnte zu Impulsen, 
die zur Selbsterkenntnis fiihren! Aber die Art und Weise, wie die Ge- 
schichte von der Schlacht von Marathon spricht, wird wenig beitragen 
zur wirklichen Selbsterkenntnis des Menschen. Dennoch mufi audi eine 
symptomatologische Geschichte schon Rucksicht nehmen auf die aufie- 
ren Tatsachen, einfach aus dem Grunde, weil sich gerade durch die 
Betrachtung und Wertung der aufieren Tatsachen der Einblick gewin- 
nen lafk in dasjenige, was wirklich geschieht. 

Nun will ich zunachst nur gewissermafien ein Bild der neueren 
*nenschlichen Geschichtsentwickelung aufrollen, jener, die gewohnlich 
in der Schule dadurch betrachtet wird, dafi man mit der Entdeckung 
Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers - nun, Sie wissen ja 
das alles, nicht wahr - anfangt und sagt: Nun war das Mittelalter 



abgeschlossen, jetzt beginnt die neuereZeit.— Aber es handelt sich, wenn 
man eine solche Betrachtung fruchtbar fiir den Menschen anstellen 
will, darum, dafi man vor alien Dingen den Blick hinwendet auf die 
wirklichen Umschwiinge in der Menschheitsentwickelung selbst, auf 
diejenigen grofien Wendepunkte, in denen das Seelenleben des Men- 
schen aus einer gewissen Artung in eine andere Artung ubergegangen 
ist. Diese Ubergange bemerkt man sogar gewohnlich nicbt. Man be- 
merkt diese Obergange eben nicht, weil man sie iiber dem Gestriippe 
der Tatsachen iibersieht. Wir wissen ja aus rein geisteswissenschaft- 
licher Betrachtung, dafi der letzte grofie Wendepunkt in der mensch- 
lichen Kulturentwickelung in den Anfang des 15. Jahrhunderts fallt, 
wo der fiinfte nachatlantische Zeitraum beginnt. Wir wissen, daiR 747 
vor dem Mysterium von Golgatha der griechisch-lateinische Zeitraum 
begonnen hat und bis dahin dauerte, wo dann der neuere, fiinfte nach- 
atlantische Zeitraum begann, bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts. 
Nur darum, weil man die Dinge oberflachlich betrachtet, kommt fiir 
die gewohnliche Anschauung nicht heraus, dafi wirklich das ganze See- 
lenleben der Menschen sich geandert hat in dem betreffenden Zeit- 
punkt. Und es ist ein ganz gewohnlicher Unsinn, wenn man zum Bei- 
spiel das 16. Jahrhundert so vorstellt in der Geschichte, als ob es ein- 
fach sukzessive aus dem 11. oder 12. Jahrhundert hervorgegangen 
ware, und auslafk jenen betrachtlichen Umschwung, der gegen das 
15. Jahrhundert zu, dann auslaufend davon, sich zugetragen hat. Na- 
tiirlich ist ein soldier Zeitpunkt approximativ, annahernd; aber was 
ist denn nicht annahernd im wirklichen Leben? Bei all dem, wo ein 
Entwickelungsvorgang, der in sich in einer gewissen Weise zusammen- 
hangend ist, hiniiberdringt in eine andere Zeit, da miissen wir immer 
von «approximativ» sprechen. Wenn der Mensch geschlechtsreif wird, 
so kann man auch nicht genau den Tag in seinem Leben bestimmen, 
sondern es bereitet sich vor und lauft dann ab. Und so ist es natiirlich 
auch mit diesem Zeitpunkt 1413. Die Dinge bereiten sich langsam vor 
und nicht gleich tritt alles und iiberall in seiner vollen Starke auf. Aber 
man bekommt gar keinen Einblick in die Dinge, wenn man nicht den 
Zeitpunkt des Umschwunges ganz sachgemafi ins Auge f afit. 

Nun kann man nicht anders - wenn man, zuruckschauend hinter die 



Zeit des 15. Jahrhunderts, nach der wichtigsten Seelenverfassung der 
Menschheit riickblickend fragt und dann vergleichen will mit dem, was 
nach dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr in diese 
Seelenverfassung der Menschheit hineinkam - man kann nicht anders, 
als das Auge hinwenden zu jenem umfassenden Tatsachlichen, welches 
sich das ganze sogenannte Mittelalter hindurch iiber die europaische 
zivilisierte Menschheit ausbreitete, und das noch innig zusammenhing 
mit der ganzen Seelenkonstitution der griechisch-lateinischen Zeit: Es 
ist die Form, welche sich allmahlich im Laufe der Jahrhunderte aus 
dem Romischen Reiche heraus in dem an das romische Papsttum ge- 
bundenen Katholizismus herausgebildet hatte.DerKatholizismus kann 
ja nicht anders betrachtet werden bis zum grofien Wendepunkt der 
neueren Zeit, als da£ man ins Auge fafk, wie er ein Universalimpuls 
war, wie er als Universalimpuls sich ausbreitete. Sehen Sie, die Men- 
schen waren im Mittelalter gegliedert; sie war en gegliedert nach Stan- 
den, sie waren gegliedert nach Familienzusammenhangen, sie waren 
gegliedert in den Ziinften und so weiter. Aber durch all diese Gliede- 
rungen zog sich hindurch dasjenige, was der Katholizismus in dieSeelen 
traufelte, und er zog sich hindurch in jener Gewandung, welche das 
Christentum angenommen hatte unter mancherlei Impulsen, die wir 
noch kennenlernen werden in diesen Tagen, und unter jenen Impulsen, 
die ich Ihnen in den vorigen Vortragen angefiihrt habe. Es brekete 
sich der Katholizismus aus als jenes Christentum, das wesentliche Ein- 
fliisse in Rom von jenen Seiten empfangen hat, die ich eben charakteri- 
siert habe. 

Womit rechnete denn der von Rom ausgebende und sich in seiner 
Art durch die Jahrhunderte entwickelnde Katholizismus, der wirklich 
ein Universalimpuls war, der die tiefste Kraft war, welche in die Zivi- 
lisation Europas hineinpulsierte? Er rechnete mit einer gewissen Un- 
bewufitheit der menschlichen Seele, mit einer gewissen Suggestivkraft, 
die man auf die menschliche Seele ausiiben kann. Er rechnete mit jenen 
Kraften, welche die menschliche Seelenverfassung seit Jahrhunderten 
hatte, in welchen die menschliche Seele, die erst in unserem Zeitraume 
erwachte, noch nicht voll erwacht war. Er rechnete mit denen, die erst 
in der Gemiits- und Verstandesseele waren. Er rechnete damit, daft er 



ihnen in ihr Gemiit durch suggestives Wirken eintraufelte dasjenige, 
was er fur nutzlich hielt, und er redinete bei denen, welche die Gebil- 
deten waren - und das war ja zumeist der Klerus mit dem scharfen 
Verstand, der aber in sich noch nicht die Bewuikseinsseele geboren 
hatte. Die Entwickelung der Theologie bis ins 13., 14., 15. Jahrhundert 
ist so, da£ sie iiberall auf den denkbar scharfsten Verstand zahlte. Aber 
wenn Sie Ihre Kenntnisse iiber das, was der menschliche Verstand ist, 
von dem Verstande heute nehmen, so konnen Sie niemals eine richtige 
Vorstellung gewinnen von dem, was der Verstand bis ins 15. Jahr- 
hundert bei den Menschen war. Der Verstand bis ins 15. Jahrhundert 
hatte etwas Instinktives, er war noch nicht durchdrungen von der 
Bewuikseinsseele. Es war nicht ein selbstandiges Nachdenken in der 
Menschheit, das nur von der Bewufkseinsseele kommen kann, sondern 
es war da und dort ein ungeheuer groiKer Scharfsinn, wie Sie ihn ganz 
gewifi in vielen Auseinandersetzungen bis ins 15. Jahrhundert finden, 
denn gescheiter sind viele dieser Auseinandersetzungen als die der spa- 
teren Theologie. Aber es war nicht jener Verstand, der aus der Bewufit- 
seinsseele heraus wirkte, sondern es war jener Verstand, welcher, wenn 
man popular spricht, aus dem Gottlichen heraus wirkte, wenn man 
esoterisch spricht, aus dem Engel, aus dem Angelos heraus wirkte; also 
etwas, woriiber der Mensch noch nicht verfiigte. Das selbstandige Den- 
ken wurde erst moglich, als der Mensch auf sich selber gestellt war 
durch die Bewuikseinsseele. Wenn man auf solche Weise mit suggesti- 
ver Kraft einen Universalimpuls so ausbreitet, wie das geschehen ist 
durch das romische Papsttum und alles, was damit in der Kirchen- 
struktur verbunden war, dann trifft man viel mehr das Gemeinsame, 
das Gruppenseelenhafte der Menschen. Und das traf auch der Katho- 
lizismus. Und es brachten es - wir werden die Dinge schon von einem 
anderen Gesichtspunkte noch besprechen - gewisse Impulse der neueren 
Geschichte dahin, daft dieser Universalimpuls des sich ausbreitenden 
Katholizismus gewissermafien seinen Sturmbock f and an dem Romisch- 
Germanischen Imperium, und wir sehen, wie die Ausbreitung des uni- 
versellen romischen Katholizismus eigentlich unter fortwahrendem 
Zusammenprallen und Sich-Auseinandersetzen mit dem Romisch- 
Deutschen Imperium geschieht. Sie brauchen ja nur in den gebrauch- 



lichen Geschichtsbtichern die Zeit der Karolinger, die Zeit der Hohen- 
staufen zu studieren, und Sie werden da iiberall sehen, dafi es sich im 
wesentlichen darum handelt, daft in Europas Kultur einzieht der ka- 
tholische Universalimpuls, wie er von Rom aus gedacht wird. 

Wenn wir von dem Gesichtspunkt des Beginnes der Bewufitseins- 
seelenkultur die Sadie recht ansehen wollen, so miissen wir auf einen 
groften Wendepunkt hinblicken, durch den aufierlich symptomatisch 
sich zeigt, wie das, was durch das Mittelalter wirklich herrschend war 
in dem eben charakterisierten Sinne, aufhort so herrschend zu sein, 
wie es fruher war. Und dieser Wendepunkt in der neueren geschicht- 
lichen Entwickelung ist der, dafi 1309 von Frankreich aus der Papst 
einfach von Rom nach Avignon versetzt wird. Damit war etwas ge- 
tan, was fruher selbstverstandlich nicht hatte geschehen konnen, wor- 
innen sich zeigte: Jetzt beginnt das, wo die Menschheit anders wird 
als fruher, da sie sich beherrscht wulke von einem Universalimpuls. 
Man kann sich nicht vorstellen, daft es fruher einem Konig oder einem 
Kaiser einfach hatte einfallen konnen, den Papst von Rom irgendwo 
andershin zu versetzen. 1309 wurde kurzer Prozefi gemacht: der Papst 
wurde nach Avignon versetzt, und es beginnt jene Zankerei mit Pap- 
sten und Gegenpapsten, die eben an die Versetzung des Papsttums 
gebunden war. Und damit in Verbindung sehen wir dann, wie etwas, 
was allerdings in einem ganz anderen Zusammenhange mit dem Chri- 
stentum war, das in eine gewisse aufiere Verbindung mit dem Papst- 
tum gekommen war, mit betroffen wurde. Wahrend 1309 der Papst 
nach Avignon versetzt wird, sehen wir, dafi bald danach, 1312, der 
Tempelherren-Orden aufgehoben wird. Das ist solch ein Wendepunkt 
der neueren Geschichte. Man soli solch einen Wendepunkt nicht blofi 
hinsichtlich seines tatsachlichen Inhaltes betrachten, sondern als Sym- 
ptom, urn allmahlich zu finden, was fiir eine Wirklichkeit dahinterliegt. 

Nun wollen wir andere solche Symptome vor unserem Seelenauge 
voriiberziehen lassen. Wir haben sie, wenn wir die Zeit, in welcher 
dieser Wendepunkt lag, einmal vor unserer Seele auftreten lassen. Da 
haben wir, iiber Europa hinschauend, die Tatsache auffallig, dafi das 
europaische Leben mehr nach Osten hintiber doch radikal beeinflulk 
wird von jenen Ereignissen, die sich im geschichtlichen Leben, ich 



mochte sagen, wie Naturereignisse wirksam machen. Das sind die fort- 
wahrenden Wanderungen - mit den Mongolenwanderungen haben sie 
in der weiteren neueren Zeit begonnen -, die stattfinden von Asien 
nach Europa heriiber, und die ein asiatisches Element nadi Europa 
hereinbrachten. Sie miissen nur bedenken, dafi man, wenn man an ein 
solches Ereignis wie das von Avignon diese Tatsache anschliefit, man 
sehr bedeutsame Anhaltspunkte gewinnt fiir eine historische Sympto- 
matologie. Denn bedenken Sie das Folgende. Wenn Sie wissen wollen, 
welches die aufieren, nicht die inneren geistigen, sondern die aufieren 
menschlichen Veranlagungen und Wirkungen waren, welche sich an 
das Ereignis von Avignon kniipften und die zu ihm gefuhrt haben, 
dann werden Sie bei einem zusammenhangenden Komplex von mensch- 
lichen Entschliissen und Tatsachen stehenbleiben konnen. Das konnen 
Sie nicht, wenn Sie solche Ereignisse betrachten wie die heriiberziehen- 
den Mongolen, bis spater dann zu den Tiirken. Sondern indem Sie soldi 
ein historisches Ereignis, soldi einen Tatsachenkomplex ins Auge fassen, 
miissen Sie folgende Erwagungen anstellen, wenn Sie wirklich zu einer 
geschichtlichen Symptomatologie kommen wollen. 

Nehmen Sie einmal an: Da ist Europa, da ist Asien (s. Zeichng. S. 16), 
die Ziige gehen heriiber. Nun nehmen wir an, soldi ein Zug sei bis zu 
dieser Grenze vorgedrungen, dahinter seien meinetwillen die Mon- 
golen, spater die Tiirken, wer immer, davor seien die Europaer. Wenn 
Sie die Ereignisse von Avignon nehmen, so finden Sie einen Tatsachen- 
komplex von menschlichen Entschliissen, menschlichen Taten vor. Das 
haben Sie dort nicht. Dort miissen Sie zwei Seiten betrachten, die eine, 
die hier liegt, und die andere, die hier liegt (auf die Zeichnung deu- 
tend). Fiir die Europaer ist dieser Sturm, der da heruberkommt, ein- 
fach wie ein Naturereignis: man sieht nur die Auftenseite. Die kom- 
men heriiber und storen einfach, sie dringen ein. Dahinter aber liegt 
all diejenige Kultur, all die Seelenkultur, die sie selbst in sich tragen. 
Ihr eigenes seelisches Leben liegt dahinter. Das mag man wie immer 
beurteilen, aber es liegt dieses seelische Leben dahinter. Das wirkt gar 
nicht iiber die Grenze hiniiber. Die Grenze wird gewissermafien wie 
ein Sieb, durch das nur etwas wie elementarische Wirkungen durchgeht. 
Solche zwei Seiten - ein Inneres, das bei den Menschen bleibt, die 




hinter einer solchen Grenze stehen, und dasjenige, was nur zugewen- 
det wird dem anderen — finden Sie in dem Ereignis von Avignon 
natiirlich nicht; da ist alles in einem Komplex drinnen. Solche Ereig- 
nisse wie diese Wanderungen von Asien heriiber, die haben eine 
grofie Ahnlichkeit mit der Naturanschauung selber. Denken Sie sich, 
Sie schauen die Natur an, Sie sehen die Farben, Sie horen die Tone: 
Das ist ja alles Teppich, das ist ja alles Hiille. Dahinter liegt Geist, 
dahinter liegen die Elementarwesen, bis heran zu dem hier. Da haben 
Sie auch die Grenze. Sie sehen mit Ihren Augen, Sie horen mit Ihren 
Ohren, fuhlen mit Ihren Handen. Dahinter liegt der Geist, der kommt 
hier nicht durch. Das ist in der Natur so. Das ist ja da nicht ganz gleich, 
aber etwas Ahnliches. Was dahinter als Seelisches liegt, das dringt da 
nicht durch, das wendet nur die Aufienseite nach der anderen Ge- 
gend hin. 

Es ist aufierordentlich bedeutsam, dafi man dieses merkwiirdige 
Mittelgebilde ins Auge fafit, wo Volker oder Rassen aufeinander- 
prallen, die sich gewissermafien nur ihre Auftenseite zukehren, dieses 
merkwiirdige Mittelgebilde - welches auch unter den Symptomen auf- 
tritt - zwischen eigentlichem menschlich-seelischen Universalerleben, wie 



es also angeschaut werden mull, wenn man so etwas erblickt wie das 
Ereignis von Avignon, und zwischen riditigen Natureindrticken. All 
das historische Gerede, das in der neueren Zeit heraufgekommen ist, 
und das keine Ahming hat von dem Eingreifen eines solchen Mittel- 
dings, all das kommt zu keiner wirklichen Kulturgeschichte. Weder 
Buckle noch Ratzel konnten daher zu einer wirklichen Kulturgeschichte 
kommen. Ich nenne zwei weit auseinanderliegende kulturgeschichtliche 
Betrachter, weil sie von den Vorurteilen ausgingen: Nun, man muft 
halt dasjenige, was von zwei Ereignissen aufeinanderfolgt, so betrach- 
ten, da£ das spatere die Wirkung, das friihere die Ursache ist, und die 
Menschen so darinnen gestanden haben. 

Das ist also wiederum soldi ein Ereignis. Wenn man es als Symptom 
betrachtet im neueren "Werden der Menschheit, dann wird es, wie wir 
in diesen Tagen sehen werden, eine Briicke von den Symptomen hin- 
iiber zur Wirklichkeit. 

Nun sehen wir etwas auftauchen aus dem Komplex von Tatsachen 
heraus, was wir wiederum mehr symptomatisch betrachten wollen. 
Wir sehen im Westen von Europa, anfangs noch wie ein mehr oder 
weniger einheitliches Gebilde, dasjenige auftauchen, was spater zu 
Frankreich und England wird. Denn zunachst konnen wir es - wie wir 
auftauchen sehen in der Zeit, was spater zu diesen zwei Gebilden wird, 
wenn wir nicht die aufierlichen Unterscheidungen wie den Kanal ins 
Auge fassen, der aber doch nur etwas Geographisches ist - eigentlich 
nicht unterscheiden. In England druben ist in den Zeiten, als die neuere 
geschichtliche Entwickelung beginnt, uberall im Grunde franzosische 
Kultur. Englische Herrschaft greift heniber nach Frankreich; die Mit- 
glieder der einen Dynastie machen Anspruch auf den Thron im anderen 
Lande und so weiter. Aber eines sehen wir, was da auftaucht, was das 
ganze Mittelalter hindurch ebenfalls zu dem gehort hat, das gewisser- 
mafien in die Unterordnung getrieben wurde durch den katholisch- 
romischen Universalimpuls. Ich sagte schon, die Menschen hatten Ge- 
meinschafben, sie hatten Blutsverwandtschaften in Familien, an denen 
sie zah festhielten, sie hatten zunftliche Gemeinschaften, alles mogliche. 
Aber durch das alles geht etwas durch, was machtiger, herrschender 
war, wodurch das andere in Unterordnung getrieben wird, wodurch 



dem anderen das Geprage aufgedriickt wurde: Das war eben der 
romisch geformte, der katholische Universalimpuls. Und dieser romisch- 
katholisdie Universalimpuls machte, wie er die Ziinfte oder die an- 
deren Gemeinschaften zu etwas Untergeordnetem machte, ebenso die 
nationale Zusammengehorigkeit zu etwas Untergeordnetem. Die natio- 
nale Zusammengehorigkeit wurde in der Zeit, als der romische Uni- 
versal-Katholizismus wirklich seine grofite impulsive Starke entwik- 
kelte, nicht fur das Wichtigste in der seelischen Struktur der Menschen 
angesehen. Aber das ging jetzt auf, das Nationale als etwas zu be- 
trachten, was wesentlich wird fur den Menschen, in unendlichem 
Grade viel wesentlicher als es fruher sein konnte, da der katholische 
Universalimpuls allherrschend war. Und bedeutsam sehen wir es ge- 
rade in dem Gebiete auf treten, das ich Ihnen eben bezeichnet habe. Aber 
wir sehen zu gleicher Zeit, wahrend dort die allgemeine Idee, sich als 
Nation zu fiihlen, auftaucht — wir werden noch iiber die Sache zu 
sprechen haben -, wie gestrebt wird, eine ganz wichtige, bedeutsame 
Differenzierung zu vollziehen. Wahrend wir sehen, wie durch die 
Jahrhunderte hindurch ein gewisser einheitlicher Impuls iiber Frank- 
reich und England sich ausbreitet, sehen wir, wie im 15. Jahrhundert 
Differenzierungen eintreten, fur die der wichtigste Wendepunkt das 
Auf treten der Jung f rau von Orleans 1429 ist, womit der Anstofi ge- 
geben wird - und wenn Sie in der Geschichte nachsehen, so werden Sie 
sehen, daft dieser Anstofi ein wichtiger, ein machtiger ist, der fort- 
wirkte — der Differenzierung zwischen dem Franzosischen einerseits, 
dem Englischen anderseits. 

So sehen wir das Auftauchen des Nationalen als Gemeinsamkeit 
Bildendem, und zu gleicher Zeit diese fiir die Entwickelung der neue- 
ren Menschheit symptomatisch bedeutsame Differenzierung, die ihren 
Wendepunkt 1429 in dem Auf treten der Jungfrau von Orleans hat. 
Ich mochte sagen: In dem Augenblicke, in dem der Impuls des Papst- 
tums die westliche europaische Bevolkerung aus seinen Fangen ent- 
lassen mufi, taucht die Kraft des Nationalen gerade im Westen auf 
und ist dort bildend. — Sie diirfen sich nicht tauschen lassen in einer 
solchen Sache. So wie Ihnen die Geschichte heute dargestellt wird, 
konnen Sie selbstverstandlich bei jedem Volk riickwartige Betrach- 



tungen anstellen und konnen sagen: Nun ja, da ist auch schon das 
Nationale gewesen! - Da legen Sie keinen Wert darauf , wie die Dinge 
wirksam sind. Sie konnen ja bei den Slawenvolkern nachsehen; die 
werden selbstverstandlich unter dem Eindruck der heutigen Ideen und 
Impulse ihre nationalen Gefiihle und Krafte moglichst weit zuriick- 
fiihren. Aber die nationalen Impulse waren zum Beispiel gerade in der 
Zeit, von der wir heute sprechen, in besonderer Art wirksam, so dafi 
Sie eine Epoche umwandelndster Impulse gegeben haben in den Ge- 
bieten, von denen wir eben gesprochen haben. Das ist es, worauf es 
ankommt. Man mufi sich zur Objektivitat durchringen, damit man 
die Wirklichkeit erfassen kann. Und eine solche symptomatisdie Tat- 
sache, die ebenso das Heraufkommen der Bewufitseinsseele ausdriickt, 
aufierlich ofFenbart, wie die angefiihrte, ist audi dieses eigentumliche 
Sich-Herausorganisieren eines italienischen Nationalbewufitseins aus 
dem nivellierenden, das Nationale zu einem Untergeordneten machen- 
den papstlichen Elemente, wie es iiber Italien bis dahin ausgegossen 
war. In Italien wird es gerade in dieser Zeit im wesentlichen der natio- 
nale Impuls, der die Leute auf der italienischen Halbinsel vom Papst- 
tum emanzipiert. Das alles sind Symptome, die in der Zeit da sind, 
als sich innerhalb Europas die Bewufitseinsseelenkultur aus der Ver- 
standes- und Gemiitsseelenkultur heraus entwickeln will. 

In derselben Zeit - natiirlich sehen wir da auf Jahrhunderte hin - 
sehen wir dann die Auseinandersetzung, die da beginnt zwischen 
Mittel- und Osteuropa. "Was sich herausentwickelt hat aus demjenigen, 
was ich als Sturmbock bezeichnet habe fur das Papsttum, aus dem 
Romisch-Germanischen Imperium, das gerat in eine Auseinanderset- 
zung mit den heranstiirmenden Slawen. Und wir sehen, wie durch die 
mannigfaltigsten historischen Symptome dieses Ineinanderspielen Mit- 
tel- und Osteuropas stattfindet. Man mufi den fiirstlichen Herrschaf- 
ten in der Geschichte nicht so weit die lure aufmachen, als es heute 
die Lehrer der Geschichte tun. Schliefilich mufi man schon der Wilden- 
bruch sein, wenn man den Leuten als grofie historische Ereignisse jenen 
Hokuspokus vormacht, der sich abgespielt hat zwischen Ludwig dem 
Frommen und seinen Sohnen und so weiter auf einem bestimmten 
Gebiete von Europa; man mufi der Wildenbruch sein, wenn man die- 



jenigen Ereignisse als historisch bedeutsame aufzahlt, die er in seinen 
Dramen, die gerade von diesen Ereignissen handeln, als historisdi be- 
deutsam hinstellt. Diese historischen Familienereignisse haben nicht 
mehr Bedeutung als sonstiger Familientratsch; diese Familienereignisse 
haben mit der Entwickelung der Menschheit nichts zu tun. Davon be- 
kommt man erst ein Gefuhl, wenn man Symptomatologie in der Ge- 
schichte treibt. Denn dann bekommt man einen Sinn fur das, was sich 
wirklich heraushebt, und fur das, was fur den Entwickelungsgang der 
Menschheit ziemlich bedeutungslos ist. Bedeutungsvoll in der neueren 
Zeit ist die allgemeine Auseinandersetzung zwischen der europaischen 
Mitte und dem europaischen Osten. Aber im Grunde genommen ist es 
nur wie eine Gebarde, was sich da abgespielt hat mit Ottokar und so 
weiter. Das weist eigentlich nur hin auf dasjenige, was in Wirklichkeit 
geschieht. Dagegen ist von grofier Bedeutung, dafi man nicht einseitig 
dieses Ereignis betrachtet, sondern so, dafi man sieht, wie, wahrend 
jene Auseinandersetzung fortwahrend stattgefunden hat, eine koloni- 
satorische Tatigkeit von Mktel- nach Osteuropa hiniiber die Bauern- 
bewegungen brachte, die spater Menschen vom Rhein bis hinunter nach 
Siebenbiirgen brachte, welche dann dort - und durch eine Mischung 
von Mittel- und Osteuropa trat das ein - das ganze Leben, wie es sich 
spater in diesen Gebieten entwickelte, im allertiefsten Sinne beein- 
flufiten. So dafi wir auf der einen Seite die herankommenden Slawen 
durcheinandergeraten sehen in ihrem Tun mit dem, was sich in Mittel- 
europa herausgebildet hat aus dem romisch-germanischen Imperium, 
fortwahrend durchzogen von mitteleuropaischen Kolonisatoren, die 
nach dem Osten hiniibergingen. Und aus diesem merkwiirdigen Gesche- 
hen steigt dasjenige auf, was dann in der Geschichte die Habsburgische 
Macht wird. Aber ein anderes, das da aus diesem Getriebe iiberall in 
Europa aufsteigt, wie ich es Ihnen charakterisiert habe, das ist die Bil- 
dung gewisser Zentren mit einer zentralen, eigenen Gesinnung, die sich 
innerhalb kleiner Gemeinschaften der Stadte ausbildet. Vom 13. bis 
15. Jahrhundert ist die Hauptzeit, wo die Stadte iiber ganz Europa 
hin mit ihrer eigenen Stadtgesinnung heraufkommen. Dasjenige, was 
ich vorher charakterisiert habe, spielt so durch diese Stadte hindurch. 
Aber Individualitaten bilden sich in diesen Stadten herauf. 



Nun ist es immerhin fur diese Zeit bemerkenswert und bedeutsam, 
wie nach der Differenzierung von Frankreich und England, zunachst 
in England, sidi langsam aber griindlich vorbereitet dasjenige, was 
dann spater in Europa zum Parlamentarismus wird. Aus langdauern- 
den Biirgerkriegen - Sie konnen das in der Geschichte nachlesen -, die 
von 1452 bis 1485 dauern, entwickelt sich unter mannigfaltigen aufie- 
ren Symptomen das historische Symptom des aufkeimenden Parla- 
mentarismus. Die Menschen wollen, als im 15. Jahrhundert das Zeit- 
alter der Bewufitseinsseele beginnt, ihre Angelegenheiten selbst in die 
Hand nehmen. Sie wollen mitreden, sie wollen parlamentarisieren, 
sich unterhalten iiber dasjenige, was geschehen soli, und wollen dann 
aus dem, woriiber sie sich unterhalten, die aufieren Geschehnisse for- 
men, oder wollen sich wenigstens manchmal einbilden, dafi sie die 
aufieren Geschehnisse formen. Und das entwickelt sich, aus ihren 
schweren Biirgerkriegen im 15. Jahrhundert, innerhalb Englands aus 
jener Konfiguration heraus, die in deutlicher Differenzierung, in deut- 
lichem Unterschiede ist von dem, was in Frankreich sich audi unter 
dem Einflufi des nationalen Impulses gebildet hatte. Dieser Parlamen- 
tarismus in England bildet sich aus dem nationalen Impuls heraus. So 
dafi man sich klar sein mufi dariiber: Durch ein solches Symptom wie 
die Herausbildung des Parlamentarismus aus dem englischen Biirger- 
krieg im 15. Jahrhundert sehen wir durcheinanderspielen, oder meinet- 
willen auch durcheinanderspiilen, auf der einen Seite die heraufkom- 
mende nationale Idee, und einen Impuls, der uns schon sehr deutlich 
hinfiihrt zu dem, was die Bewufkseinsseele will, die im Menschen 
rumort. Und aus Griinden, die sich schon noch ergeben werden, bricht 
sich der Impuls der Bewufkseinsseele just durch diese Ereignisse in 
England durch, nimmt aber den Charakter jenes nationalen Impulses 
an, den er eben gerade nur dort bekommen konnte; daher bekommt 
er diese Farbung, diese Nuance. Damit haben wir vieles von dem 
betrachtet, was Europa gerade im Anfange des Bewufkseinskultur- 
Zeitalters die Konfiguration gegeben hat. 

Hinter all dem, gleichsam im Hintergrunde wie ein halbes Ratsel 
fur Europa dastehend, entwickelt sich das, was spater zum russischen 
Gebilde wird, mit Recht als etwas Unbekanntes angesehen. Wir wis- 



sen, warum: weil es dasjenige, was es in sich tragt, als Keime fur die 
Zukunft in sich tragt. Aber es gebiert sich zunachst aus lauter Altem 
heraus, oder wenigstens aus solchem heraus, das nicht eigentlich aus 
der Bewufkseinsseele entspringt, iiberhaupt nicht aus der menschlichen 
Seele. Naturlich ist es einmal entsprungen, aber hier entsprang es nicht 
aus der menschlichen Seele heraus. Keines von den drei Elementen, das 
konfigurierend eingriff in das russische Gebilde, entsprang aus der 
russischen Seele heraus. Das eine der Elemente war dasjenige, was von 
Byzanz kam, aus byzantinischem Katholizismus, das zweite dasjenige, 
was eingeflossen war durch die normannisch-slawische Blutmischung, 
das dritte dasjenige, was von Asien heriiberkam. Alle drei sind nicht 
etwas, was produziert wurde aus dem Inneren der russischen Seele her- 
aus, es hat aber die ^Configuration gegeben dem, was sich da als ein 
ratselhaftes Gebilde hinter dem europaischen Geschehen im Osten 
ausbildete. 

Und nun suchen wir uns ein gemeinschaftliches Merkmal fur all die 
Dinge, die uns da als Symptome entgegengetreten sind. Ein solches 
gemeinschaftliches Merkmal gibt es, das sehr auff allig ist. Wir brauchen 
nur das, was ja die eigentlich treibenden Krafte sind, mit dem zu ver- 
gleichen, was friiher die eigentlich treibenden Krafte in der Mensch- 
heitsentwickelung waren, und wir finden einen bedeutsamen Unter- 
schied, der uns charakteristisch hinweisen wird auf das, was das Wesen- 
hafte in der Bewufitseinsseelenkultur ist, und auf das, was das Wesen- 
hafte in der Verstandes- und Gemutsseelenkultur ist. 

Wir konnen es ja, um uns die Sache recht deutlich zu machen, zu- 
nachst mit einem solchen Impuls vergleichen, wie es das Christentum 
ist: etwas, was bei jedem Menschen ganz aus dem ureigensten Innern 
heraus produziert werden mull, ein Impuls, der wirklich ins geschicht- 
liche Geschehen ubergeht, aber der aus dem Innern des Menschen her- 
aus produziert wird. Nun ist das Christentum der grofite Impuls von 
dieser Art in der Erdenentwickelung. Aber wir konnen ja kleinere 
Impulse nehmen. Wir brauchen nur dasjenige, was durch das Augu- 
steische Zeitalter in das Romertum hineingekommen ist, zu nehmen, 
wir brauchen nur auf die zahlreich aus der Menschenseele hervorspru- 
delnden Impulse im griechischen Leben zu blicken. Da sehen wir, wie 



iiberall wirklich aus der Menschenseele heraus produziertes Neues in 
die Menschheitsentwickelung eintritt. Diese Zeit der Bewufkseinsseelen- 
kultur bringt es in bezug auf so etwas zu keiner Naissance, sondern 
hochstens zur Renaissance, zu einer Wiedergeburt. In bezug auf das, 
was aus der menschlichen Seele herauskommt, kommt es hochstens zu 
einer Renaissance, zu einer Wiederauferstehung des Alten. Denn das 
alles, was da als Impulse eingreift, das 1st ja nichts, was aus der mensch- 
lichen Seele herauspulsiert. Das erste, was uns aufgefallen ist, ist ja die 
nationale Idee, wie man es oftmals nennt, man miiike sagen, der natio- 
nale Impuls. Der wird nicht aus der Menschenseele produktiv heraus- 
geboren, sondern der liegt in dem, was wir vererbt erhalten haben, der 
liegt in dem, was wir vorfinden. Es ist etwas ganz anderes, was, sagen 
wir, durch die zahlreichen geistigen Impulse im Griechentum auftritt. 
Dieser nationale Impuls, der ist ein Pochen auf etwas, was da ist wie 
ein Naturprodukt. Da produziert der Mensch nichts aus seinem Innern 
heraus, wenn er sich als Angehoriger einer Nationalist betrachtet, 
sondern er weist nur darauf hin, dafi er in einer gewissen Weise ge- 
wachsen ist, wie eine Pflanze wachst, wie ein Naturwesen wachst. Und 
ich habe Sie mit Absicht darauf hingewiesen, daft, was da aus Asien 
heruberkommt, indem es nur die eine Seite der europaischen Kultur 
zuwendet, etwas Naturhafles hat. Wiederum geschieht in Europa 
nichts, was aus der menschlichen Seele heraus produziert wird, dadurch 
daft die Mongolen, spater die Osmanen einbrechen in die europaischen 
Ereignisse, obwohl vieles unter diesem Impuls geschieht. Audi in Rut- 
land geschieht nichts, was aus der menschlichen Seele herauskommt, 
was dadurch besonders charakteristisch ist; das hat nur Byzantinis- 
mus und Asiatismus ausgebreitet, diese normannisch-slawische Blut- 
mischung. Es sind gegebene Tatsachen, Naturtatsachen, die hereinkom- 
men ins Menschenleben, aber es wird nichts wirklich aus der mensch- 
lichen Seele heraus produziert. Halten wir das einmal fest als Aus- 
gangspunkt fur spater. Der Charakter dessen, worauf der Mensch 
pocht, wird ein ganz anderer vom 15. Jahrhundert ab. 

Betrachten wir mehr innerliche Ereignisse. "Wir haben jetzt mehr so 
die aufierlichen geschichtlichen Tatsachen ins Auge gefafit; betrachten 
wir mehr innerliche Ereignisse, die schon mehr im Zusammenhang 



stehen mit dem die Rinde der menschlichen Seele durchbrechenden 
Bewufkseinsseelenimpuls. Da sehen wir, wenn wir den Blick zum Bei- 
spiel auf das Konstanzer Konzil hin richten, 1415, die Hinrichtung 
des Hus. In Hus sehen wir eine Personlichkeit, die, ich mochte sagen, 
heraufkommt wie einem Menschenvulkan ahnlich, in dieser bestimm- 
ten Art. 1414 beginnt das Konstanzer Konzil, das uber ihn richtet, 
mit Beginn des 15. Jahrhunderts, gerade mit dem Beginn der Bewuik- 
seinsseelenkultur. Wie stent dieser Hus drinnen im modernen Leben? 
Als ein machtiger Protest gegen die ganze suggestive Kultur des katho- 
lischen Universalimpulses. Es baumt sich in Hus die Bewufitseinsseele 
selbst auf gegen dasjenige, was die Verstandes- oder Gemiitsseele an- 
genommen hat durch den romischen Universalimpuls. Aber im Zu- 
sammenhange damit sehen wir - wir konnten auch hinweisen, wie sich 
das schon vorbereitet hat in den Albigenserkampfen und so weiter — , 
wie im Grunde genommen das nicht eine vereinzelte Erscheinung ist. 
Wir sehen ja, wie in Italien Savonarola auftritt, wir sehen, wie andere 
auftreten: das Aufbaumen der auf sich selbst gestellten menschlichen 
Personlichkeit ist es, die durch das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein auch zu 
ihrem religiosen Bekenntnis kommen will. Sie wendet sich gegen den 
suggestiven Universalimpuls des papstlichen Katholizismus. Und das 
findet seine Fortsetzung in Luther, das findet seine Fortsetzung in der 
Emanzipation der englischen Kirche von Rom, die so aufierordentlich 
interessant und bedeutsam ist, das findet seine Fortsetzung in dem 
Calvinischen Einflufi in gewissen Gegenden Europas. Das ist etwas, 
was wie eine Stromung durch die ganze zivilisierte europaische Welt 
geht, was mehr innerlich ist als die anderen Einfliisse, was mehr mit 
der Seele des Menschen schon zusammenhangt. 

Aber wie? Auch anders, als das friiher der Fall war. Im Grunde 
genommen, was bewundern wir an Calvin, an Luther, wenn wir sie 
eben als historische Erscheinungen nehmen? Was bewundern wir an 
denen, die das englische Kirchentum von Rom frei gemacht haben? 
Nicht neue produktive Ideen, nicht Neues, das aus der Seele heraus 
produziert wird, sondern die Kraft, mit der sie das Alte in eine neue 
Form gieJ&en wollten, so dafi, wahrend es friiher hingenommen wurde 
von der mehr unbewufk instinktiven Verstandes- oder Gemiitsseele, 



es jetzt hingenommen werden soli von der auf sich selbst gestellten 
Bewufkseinsseele des Menschen. Aber nicht neues Bekenntnis wird pro- 
duziert, nicht neue Ideen werden produziert. Es wird iiber alte Ideen 
gestritten, es wird nicht ein neues Symbolum gefunden. Denken Sie 
nur, wie reich die Menschheit in der Produktion von Symbolen war, 
je weiter wir zuruckgehen. Wahrhaftig soldi ein Symbolum wie das 
Altarsakrament- Symbol, es mufite einmal aus der menschlichen Seele 
heraus produziert werden. Im Zeitalter Luthers und Calvins konnte 
man nur dariiber streiten, ob so oder so. Aber soldi ein Impuls, der 
aus sick heraus, der ein fur sich Individuelles ist, der produziert wer- 
den muf5 aus der menschlichen Seele heraus, war nicht da, im ganzen 
weiten Umfange war er nicht da. Ein neues Verhaltnis zu diesen Din- 
gen bedeutet das Herankommen der Bewufkseinsseelenkultur, aber 
nicht neue Impulse. 

So dafi wir sagen konnen: Indem diese neue Zeit anbricht, wirkt 
in ihr die heraufkommende Bewufkseinsseele. Sie wirkt sich in ge- 
schichtlichen Symptomen aus. Und wir sehen, wie auf der einen Seite 
die nationalen Impulse wirken, wie auf der anderen Seite selbst bis 
in die Tiefen des religiosen Bekenntnisses hinein das Aufbaumen der 
Personlichkeit wirkt, die auf sich selbst gestellt sein will, weil eben die 
Bewufitseinsseele herausbrechen will aus ihren Hiillen. Und diese 
Krafte, diese zwei Krafte, die ich eben charakterisiert habe, die mufi 
man in ihren Wirkungen studieren, wenn man jetzt die weitere Fort- 
entwickelung der reprasentativen Nationalstaaten, Frankreich und 
England, ins Auge fafit. Die erstarken, aber so, daft sie in deutlicher 
Differenzierung zeigen, wie die zwei Impulse, der nationale und der 
Personlichkeitsimpuls, auf verschiedene Weise in Frankreich und in 
England miteinander in Wechselwirkung treten, und nichts menschlich 
produziertes Neues, aber Althergebrachtes in Umgestaltung alsGrund- 
lage fiir die geschichtliche Struktur Europas offenbaren. Man kann 
sagen: Dieses Erstarken des nationalen Elementes, es zeigt sich auf be- 
sondere Weise in England, wo das Personliche, das zum Beispiel in Hus 
nur als reHgioses Pathos wirkte, sich verbindet mit dem Nationalen 
und sich verbindet mit dem Personlichkeitsimpuls der Bewufttseins- 
seele und zum Parlamentarismus immer mehr und mehr wird, den 



Parlamentarismus immer mehr und mehr ausbildet, so dafi dort alles 
nach der politischen Seite hinschlagt. - Wir sehen, wie in Frankreich 
iiberwiegt - trotz des nationalen Elementes, das eben stark durch Tem- 
perament und durch sonstige Dinge wirkt - das Auf-sich-gestellt-Sein 
der Personlichkeit, und die andere Nuance gibt. Wahrend in England 
mehr die nationale Nuance die starkere Farbung gibt, gibt in Frank- 
reich mehr das Personlichkeitselement die nach aufien sichtbare und 
wirksame Nuance. Man raufi diese Dinge wirklich intim studieren. 

Dafi diese Dinge wirken, objektiv wirken, nicht aus der mensch- 
lichen Willkiir heraus, das sehen Sie ja da, wo der eine Impuls wirkt, 
aber nicht fruchtbar wird, steril bleibt, weil er aufierlich keine Forde- 
rung findet und weil der Gegenimpuls noch stark genug ist, um ihn zu 
verkummern. In Frankreich wirkt der nationale Impuls so stark, dafi 
er das franzosische Volk emanzipiert vom Papsttum. Daher war es 
auch Frankreich, das den Papst nach Avignon gezwungen hat. Daher 
wird da der Mutterboden bereitet fur die Emanzipation der Personlich- 
keit. In England wirkt stark der nationale Impuls, aber zu gleicher 
Zeit, wie angeboren, stark der Personlichkeitsimpuls: die Kultur wird 
bis zu einem hohen Grade von Rom emanzipiert durch die ganze 
Nation hindurch, die sich auch ihre eigene Bekenntnisstruktur gibt. In 
Spanien sehen wir, wie der Impuls zwar wirkt, aber weder durch die 
Natur des Nationalen durchwirken kann, noch wie die Personlichkeit 
aufkommen kann gegen das Suggestive. Da bleibt alles, ich mochte 
sagen, in den Eierschalen drinnen und kommt friiher in die Dekadenz 
hinein, als es sich entwickeln kann. 

Die aufieren Dinge sind wirklich nur Symptome fur dasjenige, was 
wir durch die aufieren Symptome hindurch suchen. Und ich mochte 
sagen: Es ist handgreiflich, wenn man nur schauen will, wie das, was 
man gewohnlich historische Tatsachen nennt, nur Symptome sind. 1476 
war auf dem heutigen Schweizerboden eine bedeutungsvolle Schlacht, 
Das, was dazumal in den Menschenseelen gelebt hat, als Karl der Kiihne 
bei Murten besiegt worden ist, das tritt uns symptomatisch am bedeut- 
samsten entgegen in dieser Schlacht bei Murten 1476: die Austilgung 
beginnt des mit dem romischen Papsttum innig verbundenen Ritter- 
tums, des Ritterwesens. Aber es ist wieder ein Zug, der durch die 



ganze damals zivilisierte Welt geht, der sich gewissermafien da nur 
in einer ganz reprasentativen Erscheinung an die Oberflache bringt. 

Naturlich ist, indem sich so etwas an die Oberflache bringen will, der 
Gegendruck des Alten da. Neben dem normalen Fortgang, wissen Sie 
ja, ist immer alles mogliche Luziferische und Ahrimanische da, das von 
zuriickgebliebenen Impulsen herriihrt. Das sucht sich zur Geltung zu 
bringen. Dasjenige, was als normaler Impuls in die Menschheit eintritt, 
das mujS kampfen gegen das, was in der luziferisch-ahrimanischen 
Weise hereinkommt. Und so sehen wir, daiS gerade der Impuls, der 
anschaulich in Wiclif, Hus, Luther, Calvin hervortritt, zu kampfen hat. 
Ein Symptom fur diesen Kampf sehen wir in dem Aufstand der Ver- 
einigten Niederlande gegen die luziferisch-ahrimanische spanische Per- 
sonlichkeit desPhilipp. Und wir sehen einen der bedeutendsten Wende- 
punkte der neueren Zeit - aber nur als Symptom konnen wir ihn auf- 
fassen - 1588, als die spanische Armada besiegt wird, und damit alles 
dasjenige zuriickgeschlagen wird, was von Spanien her als der starkste 
Widerstand gegen das Aufkommen der emanzipierten Personlichkeit 
sich entwickelt hat. In den niederlandischen Freiheitskampfen und der 
Besiegung der Armada sind aufiere Symptome gegeben. Es sind nur 
auftere Symptome, denn die Wirklichkeit erreichen wir nur, wenn wir 
langsam den Weg zum Inneren gehen wollen. Aber indem so die 
Wellen aufgeworfen werden, zeigt sich immer mehr das Innere. Diese 
Welle 1588, als die Armada geschlagen wurde, die zeigt eben, wie die 
sich emanzipierende Personlichkeit, welche die Bewufitseinsseele in sich 
entwickeln will, sich aufbaumte gegen dasjenige, was in starrster Form 
geblieben war aus der Verstandes- oder Gemu tsseele. 

Es ist ein Unsinn, die geschichtliche Entwickelung der Menschheit 
so zu betrachten: Das Spatere ist eine Folge des Friiheren; Ursache - 
Wirkung, Ursache - Wirkung und so weiter. Das ist ja riesig bequem. 
Besonders ist es dann bequem, professorale Geschichtsbetrachtung an- 
zustellen. Es ist ja riesig bequem, so - nun, so fortzuhumpeln von 
Schritt zu Schritt von einer historischen Tatsache zu der anderen histo- 
rischen Tatsache. Aber wenn man nicht blind ist und nicht schlaft, 
sondern offenen Auges die Dinge ansieht, so zeigen die historischen 
Symptome selbst, wie unsinnig soldi eine Betrachtung ist. 



Nehmen Sie ein historisches Symptom, das nun wirklich aufier- 
ordentlich einleuchtend ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus. All 
das, was da heraufkam seit dem 15. Jahrhundert und was diese Im- 
pulse hatte, von denen ich schon Andeutungen gemacht habe: natio- 
naler Impuls, Personlichkeitsimpuls und so weiter, all das brachte 
Gegensatze hervor, die dann zum Dreiftigjahrigen Krieg fiihrten. Die 
Betrachtung des Dreiftigjahrigen Krieges, wie er so geschichtlich dar- 
gestellt wird, die ist ja besonders wenig vom Standpunkte der Sym- 
ptomatologie angestellt. Man kann ihn nicht gut nach der Methode 
des Kaffeeklatsches betrachten, denn schlieftlich hat es fur die euro- 
paischen Geschicke doch keine grofte Bedeutung gehabt, ob gerade der 
Martinitz und Slawata und der Fabricius aus dem historischen Fenster 
zu Prag herausgeschmissen worden sind, und wenn nicht just ein Mist- 
haufen darunter gewesen ware, waren sie tot gewesen; da sie aber auf 
einen Misthaufen - er soil nur aus Papierschnitzeln bestanden haben, 
welche die Bedienten vom Hradschin hingeworfen und nicht weg- 
geschafft haben, bis sie endlich zu einem Papiermisthaufen geworden 
sind - gefallen waren, sind sie am Leben geblieben. Das ist ja eine 
ganz niedliche Anekdote fur den Kaffeeklatsch, aber daft sie in irgend- 
einer inneren Beziehung zusammenhangt mit der Entwickelung der 
Menschheit, das wird man doch nicht behaupten konnen. 

Wichtig ist jedenfalls, daft, wenn man beginnt den Dreiftigjahrigen 
Krieg zu studieren - ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daft er 1618 
begonnen hat er entspringt aus reinen Bekenntnisgegensatzen, aus 
dem, was sich gegen den alten Katholizismus, gegen den alten katho- 
lischen Impuls herausentwickelt hat. Wir sehen iiberall, wie sich die 
schweren Kampfe aus diesen Gegensatzen der neueren Personlichkeit 
zum alten suggestiven Katholizismus herausgebildet hatten. Aber 
wenn wir dann bis zum Ende studieren und bis zum Jahre 1648 kom- 
men, wo bekanntlich der Westfalische Friede dem Treiben ein Ende 
gemacht hat, dann konnen wir uns folgende Frage vorlegen: Was ist 
denn eigentlich geschehen? - Wenn wir uns namlich fragen: Wie stand 
es 1648 mit den protestantischen und katholischen Gegensatzen? Was 
war aus ihnen geworden im Lauf der dreiftig Jahre? Wie hat sich das 
entwickelt? - Nun, es gibt nichts, was einem bedeutsamer ins Auge 



fallen kann, als dafi es mit Bezug auf die Gegensatze zwischen Prote- 
stantismus und Katholizismus und allem, was damit zusammenhing, 
1648 genau so stand wie 1618, und zwar ganz genau so. Wenn audi 
zwischendurch das eine oder andere ein bifichen verandert hatte das- 
jenige, um das man angefangen hatte sich herumzuzanken, war, wenig- 
stens in ganz Mitteleuropa, es dann noch genau so wie beim Ausbruch. 
Blofi was sich da hineingemischt hat, was gar nicht in den Ursachen 
von 1618 lag, all dasjenige, was, nachdem da ein gewisses Feld ge- 
schafTen war, sich hineingemischt hat, das hat dann den politischen 
Kraften in Europa eine ganz andere Struktur gegeben. Der politische 
Horizont derjenigen, die sich hineingemischt haben, der ist ein ganz 
anderer geworden. Aber was da beim Westfalischen Frieden heraus- 
gekommen ist, was sich wirklich verandert hat gegemiber dem Fruhe- 
ren, das hat nicht das Geringste mit den Ursachen von 1618 zu tun. 

Gerade beim Dreifiigjahrigen Krieg ist diese Tatsache von aufier- 
ordentlicher Wichtigkeit und bezeugt uns, wie unsinnig es ist, die Ge- 
schichte nach dem Gesichtspunkte von Wirkung und Ursache zu be- 
trachten, wie man es gewohnlich tut. Jedenfalls hat sich aus dem, was 
sich da entwickelt hatte, gerade das ergeben, dafi die fiihrende Stellung 
von England und Frankreich, wie sie sie in Europa erlangt haben, 
mehr oder weniger aus diesem Kriege hervorgegangen ist, mit dieser 
Entwickelung des Krieges zusammenhangt. Aber sie hangt wahrhaftig 
nicht mit den Ursachen, die zu ihm gefiihrt haben, irgendwie zusam- 
men. Und gerade das ist nun das Wichtigste im Gang der neueren Zeit- 
geschichte, dafi sich anschliefiend an den Dreifiigjahrigen Krieg die 
nationalen Impulse im Verein mit den anderen Impulsen, die ich 
charakterisiert habe, dazu entwickeln, dafi Frankreich und England die 
reprasentativen Nationalstaaten werden. Wenn vom nationalen Prin- 
zip im Osten heute so viel geredet wird, so darf man dabei nicht ver- 
gessen, dafi das nationale Prinzip himibergezogen ist vom Westen nach 
dem Osten. Das ist wie die Passatstromung auf der Erde: so ist die 
Stromung des nationalen Impulses vom Westen nach dem Osten ge- 
gangen. Das mufi man sich nur vollstandig klar vor Augen halten. 

Nun ist es interessant, wie dasselbe, nationaler Impuls im Verein 
mit der Emanzipation der Personlichkeit, in den zwei differenzierten 



Gebilden, wo sie, wie wir gesehen haben, 1429 deutlich anfingen sich 
zu differenzieren, sich ganz verschieden ausnimmt. In Frankreich 
nimmt sich die Nuance der Emanzipation der Personlichkeit innerhalb 
des Nationalen so aus, dafi sie vor allem nach innen umschlagt. Ich 
mochte sagen: Wenn das Nationale (siehe Zeichnung, rot) diese Linie 
ist und auf der einen Seite vom Nationalen der Mensch liegt, auf der 
anderenSeite vom Nationalen die Menschheit, die Welt, liegt, so nimmt 
in Frankreich die Entwickelung vom Nationalen die Richtung zum 
Menschen hin, in England die Richtung zur Menschheit hin. Frankreich 




verandert das Nationale innerhalb des Nationalstaates so, dafi es hin- 
tendiert zur Umanderung des Menschen in sich, dafi es darauf hin- 
tendiert, den Menschen zu etwas anderem zu machen. In England 
nimmt aus dem Nationalen heraus das Personliche den Charakter an, 
dafi es sich hineintragen will in alle Welt, dafi es die ganze Welt so 
machen will, dafi iiberall die Personlichkeit aufwachst. Der Franzose 
will mehr zum Erzieher des Personlichen in der Seele werden, der 
Englander will zum Kolonisator der ganzen Menschheit werden mit 
Bezug auf die Einpflanzung der Personlichkeit. Zwei ganz verschie- 
dene Richtungen; der Mutterboden ist das Nationale. Einmal schlagt 
es nach der Seele, nach innen, das andere Mai schlagt es nach aufien, 
nach der Seele der Menschheit. So dafi wir zwei parallelgehende Stro- 
mungen haben in Frankreich und in England mit zwei sehr stark sich 
unterscheidenden Nuancen. Daher konnte audi nur in Frankreich, wo 
das Innere der Personlichkeit ergriffen wurde, das Gebilde, das sich da 
jetzt, so wie ich es charakterisiert habe, entwickelte, iiber Ludwig XIV. 
und so weiter dann nur zur Revolution hinfiihren. In England fuhrte 
es zum ruhigen Liberalismus, weil es sich nach aufien entlud, in Frank- 
reich nach innen, nach dem Innern des Menschen. 



Dies tritt merkwiirdigerweise audi geographisch zutage, und es zeigt 
sich ganz besonders, wenn wir wiederum einen Wendepunkt in der 
neueren Geschichte als Symptom betracliten, an dem "Wendepunkt, wo 
der aus der Revolution herausgeborene Napoleon 1805 die Schlacht 
von Trafalgar an die Englander verliert. Denn was offenbart sich da? 
Napoleon, als allerdings eigenartige, aber immerhin als Reprasentanz 
des franzosischen Wesens, bedeutet die Wendung nach dem Innern 
audi geographisch, nach dem Kontinente von Europa hinein. Wenn 
Sie Europa sich als dieses Gebilde vorstellen (siehe Zeichnung), so wird 



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Napoleon gerade durch die Schlacht von Trafalgar nach Europa her- 
eingedrangt (Pfeil), England nach der ganzen Welt hinaus, in ent- 
gegengesetzter Richtung. Dabei miissen wir nicht vergessen, wie diese 
Differenzierung natiirlich audi ihre Auseinandersetzung braucht. Sie 
braucht ihre Auseinandersetzung, es raufi sich gewissermafien das eine 
an dem andern abreiben. Das geschieht in dem Kampfe urn die Herr- 
schaft in Amerika. Es geht das schon etwas hervor aus diesem Wende- 
punkt von 1805. Aber wir sehen, indem wir den Buck auf ein paar 
Jahrzehnte vorher wenden, wie das, was gerade die Nuance im Fran- 
zosentum bewirkt hat, der Romanismus, fiir die Welt zuruckgeschlagen 
wird vom Angelsachsentum in Nordamerika. 

So spiiren Sie, wenn Sie nur wollen, was da waltet und wirkt. So 



sehen Sie, wie dieser Bewufitseinsimpuls durch seine Kraft gewisser- 
mafien wie der Zauberlehrling nationale Impulse heraufruft, die sich 
in der verschiedensten Weise in die Menschheit hineinverpflanzen und 
hineinnuancieren. Man kann an diese Dinge nur herankommen, wenn 
man in allem den Bewufitseinsimpuls studiert, aber es vermeidet, pe- 
dantisch zu werden, sondern sich den Blick frei halt fur Bedeutsames 
und Unbedeutsames, fur Charakteristisches und Uncharakteristisches, 
mehr oder weniger Charakteristisches audi, so dafi man dann dadurch 
aus den aufieren Symptomen zum inneren Gang der Wirklichkeit vor- 
dringen kann. Denn das AujRere widerspricht eben oftmals sogar ganz 
dem, was eigentlich als Impuls in der Personlichkeit drinnenliegt. Und 
besonders in emer Zeit, in welcher die Personlichkeit auf sich selber 
gestellt wird, da widerspricht das Aufiere gar sehr dem, was eigentlich 
in der Personlichkeit als ein Impuls drinnenliegt. 




Auch das zeigt sich, wenn man symptomatisch diese Entwickelung 
der neueren Geschichte der Menschheit verfolgt. Es ist iiberall so: Da 
geht die Stromung (rot schraffiert), da geht die Oberflache - und die 
Schullehrer erzahlen als Geschichte die Unwirklichkeit. Aber es gibt 
Punkte, da kommt in die geschichtlichen Ereignisse hinein so wie Wo- 
gen, die da heraufspiilen, manchmal ganz vulkanisch, das durch, was 
da drunter ist. Wiederum an anderen Punkten, da guckt es, ich mochte 
sagen, heraus, und einzelne historische Ereignisse verraten das, was 
drunter ist. Die sind dann als Symptome besonders charakteristisch. 
Aber manchmal sind es gerade Symptome, wo man, indem man hin- 
schaut auf die symptomatische Tatsache, iiber das Xufiere sehr stark 
hinwegsehen mufi. 



Nun, besonders charakteristisdi fiir das Aufkeimen des Bewulk- 
seinsseelenimpulses im Westen Europas ist eine Personlichkeit sowohl 
durch ihre personliche Entwickelung, wie durch ihr ganzes Hinein- 
gestelltsein in das neuere geschichtliche Leben. Sie stellte sich im Be- 
ginne des 17. Jahrhunderts gerade hinein in dieses DirTerenzieren des 
franzosischen und englischen Impulses mit seiner ganzen Wirkung, die 
es damals schon entfacht hat auf das iibrige Europa. Im 17. Jahrhun- 
dert, da hatte es schon eine langere Zeit gewirkt, hatte sich schon aus- 
gebreitet. Es war die Personlichkeit, die sich da hineinstellte, eine 
merkwiirdige Personlichkeit, die man in der folgenden Weise schildern 
kann. Man kann sagen: Diese Personlichkeit war aufierordentlich 
freigebig, erfullt von einem wirklichen, tiefen Dankbarkeitsgefiihl fiir 
alles dasjenige, was sie empfangen hat, erkenntlich im hochsten Grade, 
in mustergiiltiger Weise fur alles dasjenige, was ihr als Giite von der 
Menschheit entgegenschlug, eine Personlichkeit, sehr gelehrt, fast die 
Gelehrsamkeit der ganzen Zeit in sich vereinigend, eine Personlichkeit, 
aufierordentlich friedliebend, abgeneigt den Weltenhandeln als Herr- 
scher, nur von dem Ideal erfullt, dafi in der Welt Friede sein soli, 
geradezu weise mit Bezug auf Entschliisse und Willensimpulse, von 
einer auEerordentlich tiefen Neigung zu freundschaftlichem Verhalten 
zu den Menschen erfullt. - So konnte man diese Personlichkeit schil- 
dern. Man braucht nur ein bifichen einseitig zu sein, so kann man sie 
so schildern, wenn man sie aufierlich, wie sie sich darstellt in der Ge- 
schichte, ansieht. 

Man kann sie auch in der folgenden Weise schildern, wenn man nur 
wieder ein bifichen einseitig wird. Man kann sagen: Das war ein furcht- 
barer Verschwender, der gar keine Ahnung davon hatte, was er aus- 
geben konnte oder nicht, das war ein Pedant, so ein richtiger Profes- 
sorengeist, der iiberall ins Abstrakte und Pedantische seine Gelehr- 
samkeit hineintrug. Man kann schildern: Das war ein kleinmutiger 
Mensch, ein kleinmutiger Charakter, der iiberall, wo es gait, irgend 
etwas wacker, tapfer zu verteidigen, kleinmiitig sich zuriickzog und 
den Frieden vorzog aus Kleinmut. Man kann sagen: Das war ein ver- 
schlagener Mensch, der sich durch das Leben so durchschlangelte, indem 
er iiberall klugerweise dasjenige wahlte, wodurch er in allem durch- 



kam, und so weiter. Man kann sagen: Das war ein Mensch, der Be- 
ziehungen zu anderen Menschen suchte, wie Kinder zu anderen Men- 
schen ihre Beziehungen suchen. Er hatte in seinen Freundschaften ein 
Element, das geradezu kindisch war, und das ins Phantastisch-Roman- 
tische umschlug im Verehren von anderen Menschen und Sich-verehren- 
Lassen von anderen Menschen. — Man braucht nur ein bilkhen einseitig 
zu sein, dann kann man das eine oder das andere sagen. Und tatsachlich 
gab es Menschen, die das eine sagten, die das andere sagten; manche 
sagten beides. Und mit alledem hatte man die aufiere historische Per- 
sonlichkeit von Jakob I. betrachtet, wie sie sich darlebte, als er von 
1603 bis 1625 regierte. Man konnte so reden, wie ich zuerst geredet 
habe, man konnte so reden, wie ich dann geredet habe, und es wird 
beides gut fur Jakob I. passen. Man kennt gar nicht, weder was in sei- 
nem Innern in Wirklichkeit lebte, noch was in ihm lebte als Angehori- 
ger der Menschheitsentwickelung der neueren Zeit, wenn man das eine 
oder das andere schildert. Und doch schlagt gerade in der Zeitperiode, 
da Jakob I. in England regierte, so etwas wie von unten herauf, und es 
werden dazumal die Symptome stark charakteristisch fur dasjenige, 
was als Wirklichkeit vorgeht. 

Nun, von diesen Dingen wollen wir dann morgen weitersprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 19. Oktober 1918 



Gestern habe ich versucht, Ihnen in grofien Ziigen ein Bild der Sym- 
ptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu 
geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von 
Symptomen - den wir zunachst nicht sdion so verfolgten, dafi wir 
iiberall auf dasjenige etwa geschaut hatten, was er offenbart, das wer- 
den wir audi nodi tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charak- 
terisiert haben - die merkwiirdige Ersdieinung Jakob I. von England. 
Er steht da zu Beginn des 1 7. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher 
in England eigentlidi wie eine Art Ratselgestalt, ungef ahr urn die Mitte 
desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des funften 
nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entsdieidung brin- 
gende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht - das kann spater ge- 
schehen - meine Aufgabe sein, iiber mandies Geheimnis, das mit der 
Personlidikeit Jakob I. verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das 
noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich mufi schon heute darauf hin- 
weisen, wie merkwtirdig, wiederum symptomatisch merkwurdig dieser 
Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man mochte 
sagen: Ein Mensch, der wirklich nach alien Seiten so widerspruchsvoll 
charakterisiert werden konnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus 
versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Obelste, je nach- 
dem man es farbt, iiber ihn sagen. 

Man kann vor alien Dingen aber von diesem Jakob I. sagen, 
daft er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich heraus- 
entwickelt hat aus all den Verhaltnissen, die ich Ihnen ge- 
schilderthabe und auf dem sichbesonders entwickelt ein Staatsgedanke, 
der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das ent- 
wickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens 
dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, dafi 
auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie 
ein Wesen, das nicht so recht zusammenhangt mit diesem Boden. 
Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen funften 



nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der 
Seite der Geburt der Bewufttseinsseele, dann wird es schon in einer 
gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daft 
er die Personlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt, 
der so leicht verbunden ist mit Personlichkeiten aus der Zeit des Be- 
wufttseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewufttseinszeit- 
alters, da verliert die Personlichkeit denjenigen Wert, den sie friiher 
kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daft sie eigentlich als 
selbstbewuftte Personlichkeit nicht ausgebildet war. Die Personlichkeit 
lebte sich dar in friiheren Zeitaltern, man mochte sagen, mit elemen- 
tarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten - man wird mich 
nicht miftverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv 
lebte sich die Personlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem 
Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie 
sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich 
gerade fiir die Personlichkeit ein ganz merkwiirdiger Widerspruch. Auf 
der einen Seite wird alles das, was friiher da war fiir das individuell- 
personliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelahmt, 
und im Innern der Seele soil sich das Zentrum des Personlichen all- 
mahlich gestalten. Die Seele soli vollinhaltliche Kraft gewinnen. 

Daft ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor alien Dingen 
an dem, was ich schon gestern sagte. Wahrend man friiher, in den 
Zeitaltern, in denen die Personlichkeit noch nicht geboren war als 
selbstbewuftte Personlichkeit, der Kulturentwickelung ganz pro- 
duktive Krafte einverleibt hat, hort das jetzt auf. Die Seele wird 
steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen, 
denn darinnen besteht das Personliche, daft die Seele sich auf sich selbst, 
in den Mittelpunkt der Personlichkeit der Menschenwesenheit stellt. 
So daft solche iiberragenden Personlichkeiten, wie sie dem Altertum 
eigen waren, Augustus, Julius Casar, Perikles - wir konnten alle mog- 
lichen nennen - nicht mehr moglich werden. Gerade das Elementare 
der Personlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich 
spater demokratische Gesinnung nennt, die die Personlichkeit nivel- 
liert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will 
die Personlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch! 



Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I. 
stand gerade auf dem Posten des Herrschers. GewijR, in der Zeit der 
Perserkonige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeit- 
alter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan L, die hei- 
lige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Personlichkeit etwas in 
einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hinein- 
gehorig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, audi in seiner 
Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewande 
drinnensteckt, von dem ihm aber audi gar nichts pafit. Man kann 
sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drin- 
nensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewande, das ganz und gar 
nicht pafke. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann 
spater zur anglikanischen Kirche iibergegangen, allein im Grunde ge- 
nommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgiiltig wie die anglika- 
nische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm 
nicht pafite. Er war berufen, im herannahenden Zei taker des parlamen- 
tarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte, 
als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit 
den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte, 
denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatho- 
lischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den 
Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie 
sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja 
jener sonderbare Plan, der so merkwurdig in der Welt dasteht, 1605, 
nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katho- 
lizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, moglichst viel Pul- 
ver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem ge- 
eigneten Augenblicke sollten samtliche Parlamentsmitglieder in die 
Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschworung. Die 
Sadie ist nur dadurch verhindert worden, dafi ein Katholik, der davon 
wufite, die Sache verraten hatte, sonst wiirde sich iiber diesem Jakob I. 
das Schicksal abgespielt haben, dafi er mit seinem ganzen Parlamente 
eines Tages in die Luft geflogen ware. In nichts palke er hinein, denn 
er war eine Personlichkeit, und die Personlichkeit hat etwas Singulares, 
etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist. 



Aber im Zeitalter der Personlichkeit will jeder eine Personlichkeit 
sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter 
der Personlichkeit, das miissen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der 
Personlidikeit ist es nicht so, daft man zum Beispiel die Konigs-Idee 
oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daft kein 
Papst oder kein Konig da sei. Nur mochte, wenn schon ein Papst 
oder ein Konig da ist, jeder ein Papst und jeder Konig sein, dann 
waren gleichzeitig Papsttum, Konigtum und Demokratie erfullt. Alle 
diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwiirdige Personlich- 
keit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge fafit, denn er war durch 
und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit alien 
Widerspriichen der Personlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt. 
Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakteri- 
sierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die 
ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine 
eigenen Biicher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber 
schrieb, fiihrt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in 
seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrach- 
tet, wie ein grofies Ratsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf 
einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das 
Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte. 

Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge 
eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe ge- 
sprochen von der DifFerenzierung des englischen, des franzosischen 
Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert. Der 
Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans, 
1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in Eng- 
land die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift mit der Aspi- 
ration, die Personlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frank- 
reich die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift - auf beiden 
Boden aus der nationalen Idee heraus entspringend - mit der Aspi- 
ration, moglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf 
sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunachst, also im Beginne des 
17. Jahrhunderts, eine Personlichkeit, die wie der Reprasentant aller 
Widerspruche des Personlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome 



charakterisiert, mufi man niemals pedantisch fertig werden wollen, 
sondern immer einen unaufgelosten Rest lassen, sonst kommt man 
nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob I. keineswegs so, dafi 
Sie ein schones geschlossenes Bildchen haben, sondern so, dafi Sie etwas 
daran zu denken, vielleicht audi zu ratseln haben. 

Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied 
zwischen dem englischen Wesen und dem franzosischen Wesen. Gerade 
im franzosischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Drei&g- 
jahrigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man 
nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn 
man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an 
dem Beispiele - aber das Beispiel ist ziemlich singular - der Entste- 
hung, des Hinaufkommens zu hohem Glanze und des Herabsteigens 
wiederum des franzosischen Nationalstaates tun, an Ludw'ig XIV. und 
so weiter. Wir sehen, wie dann im Schofie dieses Nationalstaates die 
Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Per- 
sonlichkeit, die mit der Franzosischen Revolution gegeben ist. 

Diese Franzosische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann 
sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Bruder- 
liche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei 
einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der 
eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Franzosischen Re- 
volution diese Dreiheit auftrat: Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. 
Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von 
diesen dreien, von Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht spre- 
chen, ohne dafi man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern 
der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben 
der Menschen mufi die Menschheit allmahlich gerade im Zeitalter der 
Bewufkseinsseele aufsteigen zu einem bruderlichen Element. Es wiirde 
einfach ein unsagbares Ungluck und eine Zuriickwerfung sein in der 
Entwickelung, wenn am Ende des f iinf ten nachatlantischen Zeitraumes, 
des Zeitalters der Bewufitseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem 
hohen Grade unter den Menschen die Briiderlichkeit ausgebildet ware. 
Aber die Briiderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie 
angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu Men- 



schenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen, 
dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum 
drinnen leben, wenn man glaubt, dafi sich Freiheit irgendwie realisieren 
laiSt im aufteren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele 
lalk sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen 
als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Briiderlichkeit, 
Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muJR wissen, dafi der 
Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und mufi wissen: Zur 
Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden 
wollen. Und gleich sein konnen die Menschen nur in bezug auf den 
Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist fur jeden derselbe. 
Er wird angestrebt dadurch, dafi der funfte Zeitraum, die Bewufk- 
seinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist, 
nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie, 
eigentlich zusammenhangend mit dieser Gleichheit des Geistes, das 
Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. - Aber wenn 
man nicht verteilt auf diese drei difFerenzierten Seelenglieder Briider- 
lichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durch- 
einanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soli bruderlich leben auf 
derErde, frei sein und gleich sein- dann fuhrt das nur zur Verwirrung. 

Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Franzosische Re- 
volution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Franzosi- 
sche Revolution aufierordentlich interessant. Sie stellt dar, gewisser- 
mafien in Schlagworten zusammengedrangt und mischmaschartig auf 
den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit 
alien Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeit- 
alters der Bewufitseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum 
Jahre 3573, allmahlich entwickelt werden muiK. Das ist die Aufgabe 
dieses Zeitraumes, dafi fur die Leiber die Briiderlichkeit, fur die Seelen 
die Freiheit, fur die Geister die Gleichheit erworben werden wahrend 
dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durch- 
einanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des funflen nachatlan- 
tischen Zeitraumes schlagwortartig in der Franzosischen Revolution 
auf. Es steht unverstanden da die Seele des funflen nachatlantischen 
Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunachst keinen 



aufteren sozialen Leib gewinnen, fiihrt im Grunde genommen zu Ver- 
wirrung iiber Verwirrung. Es kann keinen aufieren sozialen Leib ge- 
winnen, stent aber da wie die fordernde Seele, aufierordentlich bedeut- 
sam. Man mochte sagen: Alles Innere, was dieser fiinfte nacliatlantische 
Zeitraum haben soli, steht unverstanden da und hat kein Aufieres. 
Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf . 

Sehen Sie, so etwas, wo das, was iiber den ganzen nachsten Zeit- 
raum ausgedehnt werden soli, am Anfange fast tumultuarisch zutage 
tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in 
welcher sich die Menschheit entwickeln soil, von den Kraften, die den 
Menschen eingeboren sind dadurch, dafi sie mit ihren ureigenen Hier- 
archien zusammenhangen. Der Waagebalken schlagt sehr stark ein- 
seitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Franzosische Revo- 
lution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich 
nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man 
spricht so, ich mochte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht ima- 
ginativ, aber Sie miissen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und 
mussen vor alien Dingen nicht die Sache wortwortlich nehmen: In dem, 
was in der Franzosischen Revolution auftrat, ist gewissermafien die 
Seele des f iinften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Korper, 
ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloJS seelenhaft, strebt nach Leib- 
lichkeit; aber das soli erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden 
selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der 
Entwickelung so ausschlagt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was 
erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Franzosischen 
Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhyth- 
mus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite 
ausschlagt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz - und zwar 
jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahri- 
manisch-luziferisch - dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem un- 
personlichen Fordern der Personlichkeit. In Napoleon stellt sich hinter- 
her der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen 
Personlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite, 
gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung - ich habe es schon einmal auf- 
gezahlt - fiir sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz, 



Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er 
nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa nodi einmal zu beunruhi- 
gen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal 
sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus yon sieben zu sieben 
Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend. 

Ich habe rmr wirklich viel Miihe gegeben - manche wissen, wie ich 
da oder dort daruber eine Andeutung gegeben habe -, die Seele Napo- 
leons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien konnen in der mannig- 
faltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemadit werden. 
Sie erinnern sich, wie Novalis' Seele in fruheren Verkorperungen ge- 
sucht worden ist. Ich habe mir redlich Miihe gegeben, Napoleons Seele, 
zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgend- 
wie zu suchen - ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht, 
dafi ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird 
wohl das Ratsel dieses Napoleon-Lebens sein, das ablauft wie eine 
Uhr, sogar nach dem siebenjahrigen Rhythmus, das audi am besten 
verstanden werden kann, wenn man es als das voile Gegenteil eines 
solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil 
der Abstraktion der Franzosischen Revolution: die Revolution ganz 
Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie 
zusammengebraut ist aus alien Widerspriichen des Zeitalters. Es ver- 
birgt sich eines der grofiten Ratsel der neuzeitlichen Entwickelungssym- 
ptome, sagen wir, in dieser merkwiirdigen Zusammenstellung Revo- 
lution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkorpern wollte 
auf der Welt und korperlos erschien, und unter den Revolutionaren 
des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinenKorper finden konnte, 
und nur aufierlich ihr ein Korper sich genahert hatte, der wiederum 
keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr 
als etwa blofi geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisie- 
rungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen 
Werdens. Allerdings miissen die Dinge symptomatisch betrachtet wer- 
den. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaft- 
lichen Forschung. Aber selbstverstandlich, das, was ich jetzt zu Ihnen 
gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bifichen anders 
wahlt, iiberall sonst sagen. 



Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren 
Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhaltnismafiig ruhig, wirklich 
wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sicli fortentwik- 
keln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum 
Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmafiig, ich mochte sagen, in 
einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu auspragend. 
Es entwickelt sich das franzosische Wesen etwas tumultuarischer, so 
dafi man eigentlich, wenn man die Ereignisse der franzosischen Ge- 
schichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weift: wie kam eigent- 
lich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? - un- 
motiviert, mochte man sagen. Das ist der hauptsachlichste Grundzug 
der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmoti- 
viert. Es ist kein Tadel — ich spreche ganz ohne Sympathie und Anti- 
pathie -, sondern nur eine Charakteristik. 

Nun wird man niemals hineinsehen konnen in dieses ganze Sym- 
ptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf 
wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr aufierlich - oder 
auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne aufierlich, 
wie ich gestern erwahnt habe - sich abspielt, wiederum etwas anderes 
wirkt. Das mochte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfmdet schon 
in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses funfte nachatlantische 
Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewufitseins- 
seele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und 
sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es 
kommt das Zeitalter, in dem die Personlichkeit sich emanzipieren soli, 
das aber in einer gewissen Beziehung zunachst unproduktiv sein wird, 
nichts selbst wird hervorbringen konnen, das mit Bezug gerade auf die 
geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben iibergehen 
soil, vom Althergebrachten wird leben miissen. 

Das ist ja der tiefere Impuls fiir die Kreuzziige, die dem Zeitalter 
des Bewufitseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die 
Leute hiniiber nach dem Oriente? Warum streben sie hiniiber nach dem 
heiligen Grabe? Weil sie nicht streben konnen und nicht streben wollen 
nach einer neuen Mission, nach einer neuen urspriinglichen speziellen 
Idee im Bewufttseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte 



in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden: 
Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere 
Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt 
hat. - Mit den Kreuzziigen ahnt man, dafi heraufkommt das Zeitalter 
der Bewufitseinsseele mit seiner Unproduktivitat, die es zunachst ent- 
faltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzziigen entsteht der Tem- 
pelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der 
Konig Philipp der Schdne den Garaus gemacht hat. Und mit dem 
Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orien- 
talischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europaischen Geistes- 
kultur. Der Konig von Frankreich, Philipp - ich habe das im Laufe 
der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert -, konnte zwar 
die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber 
die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanale in das 
europaische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten 
fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exote- 
rische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden 
konnen, daiK man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Oppo- 
sition gegeniiber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann 
mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere 
Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusam- 
menhangend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen 
mufite, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und 
empfunden wird. 

Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, dafi 
man gegeniiber dem, was von Rom ausstromte, gegeniiber diesem 
suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, 
orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte 
nahm, die man einimpfte dem europaischen Wesen? Betrachten wir ein- 
mal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls 
fiihren konnen. 

Die Bewufkseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren 
gegeniiber der Bewulkseinsseele - und bewahrt es bis heute - die sugge- 
stive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen 
zuruckzuhalten vom Ubergehen zum Bewufitseinsseelenzustand, welche 



geeignet sein soil, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes- 
oder Gemiitsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf , den Rom 
gegen den Fortgang der Welt fiihrt, dafi es beharren will, dieses Rom, 
bei etwas, was fur die Verstandes- oder Gemiitsseele taugt, wahrend 
die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewufit- 
seinsseele. 

Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fort- 
schritt in die Bewufitseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche 
Lage, die fiir weitaus die meisten Menschen zunachst in den ersten 
Jahrhunderten des Bewufitseinszeitalters und bis heute unbequem 
empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soli sich auf sich selbst 
stellen, der Mensch soli als Personlichkeit sich emanzipieren. Das ver- 
langt von ihm das Zeitalter der Bewufttseinsseele. Er mufi heraus aus 
all den alten Stiitzen. Er kann sich nicht mehr blofS suggerieren lassen 
dasjenige, an was er glauben soil, er soil selbsttatig teilnehmen an der 
Erarbeitung dessen, was er glauben soli. Das empfand man, insbeson- 
dere als dieses Zeitalter der Bewufitseinsseele heraufstieg, als eine Ge- 
fahr fiir den Menschen. Instinktiv fiihlte man: Der Mensch verliert 
seinen alten Schwerpunkt; er soil einen neuen suchen. — Aber auf der 
anderen Seite sagte man sich audi: Wenn man gar nichts tut, was sind 
dann die Moglichkeiten des Geschehens? - Die eine Moglichkeit besteht 
darinnen, dafi man einfach den Menschen hinausfahren lafit auf das 
offene Meer des Suchens nach der Bewufitseinsseele, ihn gewissermafien 
freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die 
andere Moglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, dafi 
Rom dann eine grofie Bedeutung gewinnt, eine grofie Wirkung iiben 
kann, wenn es ihm gelingt, abzudampfen das Streben nach der Be- 
wulkseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele. Dann wurde das erreicht werden, dafi der 
Mensch nicht aufsteigt zu der Bewufkseinsseele, dafi der Mensch nicht 
zum Geistselbst kommt, dafi der Mensch seine zukiinftige Entwickelung 
verliert. Es ware das nur eine von den Nuancen, durch welche die zu- 
kiinftige Entwickelung verloren werden konnte. 

Die dritte Moglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler 
vor, man versucht sein Streben ganz abzutoten, damit der Mensch 



nicht in diese pendelnde Sdiwingung kommt zwischen dem Streben 
nach der Bewufitseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt. 
Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt, 
untergrabt man sein Streben vollstandig, nodi radikaler als Rom. Das 
tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der 
Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken lafk. Vom 
Oriente hatte man es mitgebraclit, allerdings urspriinglich bei den 
esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nach- 
dem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempel- 
herrenorden zunachst so behandelt worden war, wie er eben von 
Philipp dem Schonen, dem Konig von Frankreich, behandelt worden 
ist, da war geblieben, was man so heriibergebracht hatte aus Asien an 
Kultur. Aber es war ihm zunachst die Spitze abgebrochen, in der Histo- 
rik, nicht bei einzelnen Personlichkeiten, aber in der historischen "Welt. 
Durch zahlreiche Kanale, wie ich gesagt habe, war eingetraufelt das, 
was die Templer heriibergebracht haben, aber der eigentliche spiri- 
tuelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es 
denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen 
Zeit. Die Katholizitat brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige, 
woraus der Geist ausgeprefit war wie der Safl aus einer Zitrone, was 
sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder 
Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esote- 
rismus der englischsprechenden Bevolkerung, das ist die ausgeprelke 
Zitrone, die daher, nachdem sie ausgeprefit ist, die Geheimnisse des 
dritten nachatlantischen, des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes ent- 
halt, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das 
Leben der Bewufitseinsseele. 

Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bosesten Sinne ahnlich 
sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soil. Denn erinnern Sie 
sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe 
Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeitraumen 
(siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Kata- 
strophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, drit- 
ten, vierten, funften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht 
so, dafi der vierte fur sich allein dasteht, gewissermafien die Mitte 



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bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wieder- 
um, nur auf einer hoheren Stufe, im fiinften. Was im zweiten charak- 
teristisch war, tritt wiederum auf einer hoheren Stufe auf im sechsten. 
Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint 
wiederum im siebenten. Solche Obergreifungen finden statt. Erinnern 
Sie sich, wie ich gesagt habe, dafi es einzelne Geister gibt, die sich be- 
wufit sind dieses tJbergreifens, wie in Kepler - als er versuchte, in 
seiner Art im fiinften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im 
Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklaren, indem er 
sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefafie der Agypter und so wei- 
ter - das Bewufitsein auftaucht, dafi wiederersteht im Menschen des 
fiinften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten 
nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also 
etwas Ahnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man 
den Esoterismus, die Kulte des agyptisch-chaldaischen Zeitalters, her- 
iibernimmt. Aber man kann das, was man da heriibernimmt, dazu 
beniitzen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewufitseinsseele 
die Selbstandigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende 
Kraft der Bewufitseinsseele abzudampfen, zu lahmen. Und das ist von 
dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschlafern die Bewufitseinsseele, 
die heraufkommen soli. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen. 
Rom - ich spreche jetzt bildlich - braucht den Weihrauch und schla- 



fert die Leute halb ein, indem es ihnen Traume verursacht. Diejenige 
Bewegung, die ich jetzt meine, die schlafert die Leute, das heilk die 
Bewulkseinsseele, vollstandig ein. Das sickerte audi in die Entwicke- 
lung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie 
auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch 
Bruderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen 
Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fiinften 
nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brii- 
derlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen. 
Denn das konnen sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewulkseinsseele 
zur rechten Selbsterkenntnis verwenden konnen, wenn sie aufwachen 
in der Bewulkseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewulkseins- 
seele, so fiihlen sie sich zunachst im Leibe, in der Seeie und im Geiste. 
Das aber soli gerade eingeschlafert werden. So dafi wir diese zwei 
Stromungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen 
Seite will man, nun der Impuls nach der Bewulkseinsseele da ist, 
chaotisch Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite 
ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszuloschen das Auf- 
wachen in der Bewulkseinsseele, damit einzelne Individualitaten dieses 
Aufwachen in der Bewulkseinsseele fur sich beniitzen konnen. Diese 
zwei Stromungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschicht- 
lichen Lebens der Neuzeit. 

Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahr- 
hundert hineinstiirmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis 
ungefahr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunachst stark ein An~ 
hub nach der Emanzipation der Personlichkeit da, weil, wenn so viele 
Stromungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache 
nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir 
sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus, 
die ich Ihnen fur den Westen von Europa charakterisiert habe, wie 
sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Personlich- 
keit, was aus der Nationalist heraus und ins Allgemein-Menschliche 
hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbstandig entwickeln, 
weil immer die Gegenstrorriung ist von jenen Orden, die, insbesondere 
in England, furchtbar das ganze ofFentliche Leben infizieren, viel mehr 



als die auftere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und 
so sehen wir, wie so merkwtirdige Personlichkeiten auftreten wie 
Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich 
erf alk sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Personlichkeit, 
nach der Oberwindung des Nationalen durch die Personlichkeit tiber 
die ganze Erde hin, die so weit kamen, dafi sie an etwas tippten, was 
politisch von grofiter Bedeutung sein konnte, wenn es sich einmal hin- 
einwagen wiirde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber diffe- 
renziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natiirlich haben es 
die Leute nur fiir ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nicht- 
intervention in andere Angelegenheiten von seiten des Inselreiches als 
Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber 
es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Be- 
streben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zekraumes 
heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts 
von Westen her dasjenige entsteht, was man gewohnlich Liberalismus 
nennt, liberale Gesinnung — bald nennt man es freisinnig -, nun, so 
wie es einem gerade gefallt. Sie wissen aber, ich meine diejenige An- 
schauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgepragt 
hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklarung, im 19. Jahrhundert 
als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische 
Streben nannte, und das so allmahlich versickerte und ausstarb im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel iiberall noch 
als liberales Element auftrat, trat ja allmahlich im wirklichen Leben 
ganz zuruck. Dafiir trat etwas anderes ein. Da nahern wir uns bedeut- 
samen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mulke nun 
geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stofi der Bewufitseins- 
seele so, dafi er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende 
Flut (s. Zeichng. S. 50, rot). Aber was so ausschlagt nach der einen Seite, 
schlagt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so dafi wir 
auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der 
Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeii abwarts). Stellen wir uns nur 
die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, dafi sich die 
Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich mochte sagen, so recht fafi- 




ten, so recht in die Hand nahmen und anstiirmten gegen die Fangarme 
der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los, 
liefien sich nicht kapern, wenn ich. den trivialen Ausdruck gebrauchen 
darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfafit. Aber 
das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und 
brachte allmahlich diese sehr diinn vertretenen sogenannten liberalen 
Ideen zu sich hiniiber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aus- 
sichtslos, denn diejenigen, die spater noch liberale Ideen vertraten, 
machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden 
des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der spateren Zeit waren 
so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was 
aus jenen Orden und Geheimgesellschaften des Westens heraus kam: 
die Einschlaferung, Einlulhmg der Bewufitseinsseele als solcher. Dann 
wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunachst 
nur dasjenige, was in der aufieren sinnlich-physischen Welt da ist. Und 
das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
als der seiner selbst bewufite Sozialismus in alien moglichen Formen. 

Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen 
werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der blofien 
Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer 
solchen toten Wissenschaft hat zunachst Lassalle gerungen, aber Marx 
und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bil- 
dete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu 
werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf 
dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutend- 



sten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Mensch- 
heit heraus. Wir miissen schon einige charakteristische Dinge dieses 
Sozialismus vor unsere Seele hinstellen. 

Es sind ja drei Oberzeugungen oder Oberzeugungsteile, besser ge- 
sagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fufit erstens 
auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der An- 
schauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaft- 
lichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassen- 
kampfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Men- 
schen heute als Uberzeugung erfiillt iiber die Erde hin, was sich in 
diesen drei Dingen zusammenfassen lalk: Theorie der Klassenkampfe, 
volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes, 
materialistische Geschichtstheorie. 

Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome, 
die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau fur das, was wir 
eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische 
Geschichtsauffassung? - Materialistische Geschichtsauffassung meint: 
Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht 
nur aus aufieren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen miissen 
essen, miissen trinken, die Menschen miissen das, was sie zu essen und 
zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie miissen also mit- 
einander handeln, sie miissen das erzeugen, was die Natur nicht selbst 
erzeugt. Aber das ist dasjenige, was iiberhaupt menschliche Entwicke- 
lung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing 
auftritt - ich will einen bekannten Namen wahlen ~, warum tritt Les- 
sing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem 
16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch 
die Einfiihrung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und 
so weiter eine starke Scheidung entstanden - sie war im Entstehen -, 
die sich da vorbereitet hat zwischen Burgertum und dem nachriicken- 
den Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war 
gewissermafien schon glimmend unter der Oberflache des sozialen Da- 
seins. Aber gegeniiber den friiheren Standen war im Verlauf des wirt- 
schaftlichen Lebens der Neuzeit der Biirgerstand erstarkt. Durch die 
Art und Weise, wie man als Burger lebt, so dafi man den Arbeiter 



unter sich hat, dafi man nicht mehr recht anerkennt die friiheren 
Stande, dafi man es dazu gebracht hat, die Giitererzeugung, die Giiter- 
verarbeitung, die Giiterverteilung so zu machen, wie es eben der Bur- 
ger madit, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts 
anderes ist also ein ideologischer Oberbau fiir die Art, wie das Biirger- 
tum Giiter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, dafi 
man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Burger 
ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der 
Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologic, 
wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er 
Giiter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Burger denkt dadurch, 
dafi er in Stadten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er 
lost sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zu- 
sammenhang fiir ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklarter, der so im 
Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die 
Folge davon, dafi er Giiter erzeugt. - Ich spreche die Sache etwas kraft 
aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. - Dadurch, dafi man in 
einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Giiter verarbeitet und 
verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer beson- 
deren Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repra- 
sentant des auf seiner Hohe stehenden Biirgertums, hinter dem das 
Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. ~ So ahnlich ist Herder, 
Goethe und so weiter zu erklaren. All das ist ein Oberbau; wirklich 
ist fiir die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was 
aus der Giitererzeugung, Guterverarbeitung, aus dem Giiterverhan- 
deln kommt. 

Das ist materialistische Geschichtsauf f assung. Will man das Christen- 
tum erklaren, so hat man zu erklaren, wie in der Zeit, als unsere Zeit- 
rechnung begonnen hat, die Handelsverhaltnisse zwischen dem Orient 
und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklaren, wie 
die Ausbeutung der Sklaven, die Verhaltnisse der Herren zu den Skla- 
ven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklaren, wie sich iiber 
all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt: 
das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Not- 
wendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was 



sie zum Essen verhandeln sollen, als das friiher der Fall war, deshalb 
haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher 
Umsdiwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat audi jener 
radikale Umsdiwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Chri- 
stentum diarakterisiert. - Das ist der erste Teil jener Uberzeugungen, 
die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Mil- 
lionen Herzen Bahn gebrochen haben. 

Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich 
keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese 
Anschauung ist. Gewifl, die Professoren, die von den Ideen der Ge- 
schichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die 
haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich ein- 
zelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gef uhlt. 
Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das 
ist aber im Zeitalter der Bewufkseinsseele, und der Impuls der Bewulk- 
seinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen 
lafit. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschlafern; von der 
anderen Seite verlangen sie aber, ich mochte sagen, mitten im Schlafe, 
wieder auf zu wachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung 
des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialisti- 
sche Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentiimlichen 
Symptome: Einer der edelsten, liberaisten Geister, Schiller, wurde 
lange gefeiert, wurde aufierlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur 
Jubelfeier seiner Geburt uberall Denkmaler errichtet. In meiner Ju- 
gend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hiefi er, der bemiihte 
sich, in einer sehr schonen Schrift die Menschen einzufiihren in wirk- 
liche Ideengange Schillers, in seine Ideengange, die er niedergelegt hat 
in den Brief en uber die asthetische Erziehung des Menschen. Die ganze 
Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser 
Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, dafi er beruhrt wurde, 
glaube ich, von einem voruberfahrenden Wagen - kurz, er fiel um auf 
der Strafie, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden - ob- 
wohl es ein leichter Beinbruch war -, weil er so unterernahrt war, dafi 
man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht iiberstehen. 
Das ist nur ein Symptom fur die Art und Weise, wie das 19. Jahrhun- 



dert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verstandlich 
machen wollen, die die grofSen Ideen Schillers haben einfiihren wollen in 
das allgemeine Zeitbewufitsein. Gewifi werden Sie sagen, oder werden 
andere sagen: Gibt es denn nicht schone Bestrebungen auf alien Gebie- 
ten? - Die gibt es schon, wir werden audi davon noch im Lauf e der Zeit 
sprechen, aber sie fiihren alle zum grofien Teile in Sackgassen hinein. 

Das ist das eine Glied der sozialistischen Oberzeugung. Das zweite 
ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem 
charakterisieren, dafi man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es 
dahin gebracht, dafi derjenige, welcher verwendet werden mufi, um 
Giiter zu erzeugen, um Guter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft 
zur Arbeitskraft machen mufi, die dann ebenso eine Marktware wird 
wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Men- 
schen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die 
Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben 
die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Pro- 
duktionsmitteln gehort. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Ar- 
beitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da; 
die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den 
Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daft dieser Gegensatz 
besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daft dem Un- 
ternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitz- 
lose Arbeiter gegeniibersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt 
bringen kann, dadurch ist es moglich, die Entschadigungen fur die 
Ware Arbeit - Ware Arbeit! - auf ein Minimum herabzudriicken, und 
alles iibrige fliefit dem Besitzer der Produktionsmittel, das heifit dem 
Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was 
produziert wird fur den Markt und fur die Menschheit, also fur den 
Konsum, im ganzen so, dafi der Arbeiter nur Entschadigungen be- 
kommt, ein Minimum; das andere fliefit als Mehrwert dem Unter- 
nehmertum zu. - Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Ober- 
zeugung wiederum von Millionen Menschen. - Und dies ist lediglich 
durch dieganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigefiihrt, welche 
das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das fiihrt zuletzt 
dazu, dafi es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt. 



Es sind im wesentlichen diese Kategorien, nut denen, seit der Mitte 
des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sek- 
ten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen 
gewonnen werden fiir die Anschaimng einer rein wirtschaftlichen 
Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu 
der Oberzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen, 
die icb Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, dafi man sagt: Also ist 
der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der 
sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel miissen Gemeingut 
werden. Alle, die arbeiten, miissen die Produktionsmittel zusammen 
verwalten konnen. - Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal 
des Arbeiterstandes geworden. 

Dies ist sehr wichtig, dafi man erstens nicht bei den eingerosteten, 
eben keine Wirklichkeit trefTenden Vorstellungen stehenbleibt, welche 
viele Menschen noch haben, die dem Biirgertum angehorig geblieben 
sind und sich so durchgeschlafen haben iiber die neuzeitliche Entwicke- 
lung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete 
Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich 
geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vor- 
stellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen 
teilen, die wollen, dafi alles gemeinschaftlich wird und so weiter. — 
Diese Leute miifiten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie horen, dafi 
eine sorgfaltig ausgebaute, scharfsinnige Anscliauung, wie es werden 
soil und werden mufi, unter Millionen und Millionen von Menschen 
ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch iiberwunden werden 
kann, dafi die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der 
heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachlauft 
dem sozialistischen Agitator, lacht natiirlich den Angehorigen der Bour- 
geoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozial- 
demokraten wollen, denn der versteht, dafi es sich urn die Sozialisie- 
rung, das heilk um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel 
handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz 
der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil 
derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der 
die Produktionsmittel hat. 



So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neuerenZeit einKampf 
um die Produktionsmittel, und Kampf mufi sein, denn das ist die dritte 
Oberzeugung der Sozialdemokratie, dafi sich alles, was sich entwickelt 
hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekom- 
men, indem sie den Adelsstand uberwunden hat. Das Proletariat wird 
heraufkommen und wird sich die Verwaltung iiber die Produktions- 
mittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die 
Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf 
der Klassen. In der Oberwindung der einen Klasse durch die andere 
liegt der Fortschritt der Menschheit. 

Diese dreifache Anschauung: erstens, dafi dasjenige, was die Mensch- 
heit vorwarts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse 
sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, dafi der 
eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur uberwunden werden 
kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und 
drittens, dafi eine Moglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich 
zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu iiberwinden, wie die 
Bourgeoisie den alten Adel uberwunden hat - das ist es, was sich all- 
mahlich als die sogenannte sozialistische Bewegung iiber die zivilisierte 
Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschicht- 
liches Symptom der allerjiingsten Jahre audi dieses, dafi sowohl die 
Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der geblie- 
benen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, hochstens Schlag- 
worte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun, 
diejenigen Schlagworte, iiber die manchmal ganz hinten in den Ge- 
schichtsbiichern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht 
iiberhaupt etwas drinnen dariiber! Das also wurde verschlafen, was 
wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, dafi, aufier- 
ordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhaltnisse, unter 
dem Einflusse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben, 
auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekum- 
mert die Leute weitergeschlafen hatten, wenn die letzten vier Jahre 
nicht eingetreten waren, wie unbekiimmert darum, dafi mit jedem 
Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden fiir diese sozia- 
listischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und 



dafi endlidi die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem, 
sich zu gestehen, dafi man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute ver- 
meiden es, sich klar zu machen, dafi sie auf einem Vulkan tanzen. Aber 
der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf 
ihm tanzen, zu verschiitten. 

Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte 
charakterisiert. Denn sie gehort zu den Symptomen der neueren Ge- 
schichte, diese sozialistische Oberzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist 
nicht blofi irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das 
Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natiirlich 
einen grofien Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Men- 
schen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch er- 
kennen konnen aus den drei Punkten, die ich angefiihrt habe. Das aber 
ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich 
Ihnen als eine gewisse Grundlage beimAusgang der neueren Geschichte 
gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt. 
Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl 
Marx zunachst das Programm dieses Proletariats veroffentlichte, das 
im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angefiihrt habe, es 
wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Lander, vereinigt 
euch!» Und fast keine Versammlung iiber die ganze Erde hin unter 
diesen Leuten wurde geschlossen, ohne dafi sie geschlossen wurde mit 
einem Hoch auf die internationale revolutionare Sozialdemokratie, 
auf die repubKkanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales 
Prinzip. Und so tritt neben die romische Internationale mit ihrer Uni- 
versalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache, 
denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig, 
dafi man das ins Auge f afit. 

Um morgen wenigstens vorlaufig diese Symptomatologie der neueren 
Zeit zu kronen, miissen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der 
uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einiger- 
mafien zeigen: da konnen wir durchbrechen und in die Wirklichkeit 
hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben ge- 
radezu unlosbare Probleme - Sie miissen empfinden, wie die Dinge 
verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen - unlosbare Probleme. Wir 



sehen, wie sidi im 19. Jahrhundert verhaltnismafiig ruhig die liberali- 
sierende parlamentarisdie Richtung in England entwickelt; tumul- 
tuarisdi, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach 
Osten gehen, desto mehr miissen wir sagen: Das Nationale wird hin- 
iibergetragen, hiniibergeleitet, so wie ich das gestern schon erwahnt 
habe. Aber dabei entstehen unlosbare historische Probleme. Und das 
ist audi ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht 
nachdenken, die halten alles fur losbar, die glauben, man kann alles 
losen. 

Ein solches unlosbares Problem — ich meine jetzt nicht fur den ab- 
strakten Verstand, da ist es selbstverstandlich losbar, aber ich meine 
Wirklichkeiten - wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und 
Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsassische Problem. Selbstverstand- 
lich, die gescheiten Menschen, die konnen es losen. Entweder erobert 
der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die 
Sache gelost, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsafi von 
der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man 
das nicht will, stimmt man ab unter der Bevolkerung. Das geht sehr 
leicht, die Majoritat entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es, 
so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirk- 
lichkeit stehen, die nicht blofi einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern 
die da sehen, wie die Zeit xiberhaupt ein realer Faktor ist, und wie 
man nicht, was im Lauf e der Zeit sich entwickeln mu!5, in einem kurzen 
Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann - kurz, die Men- 
schen, die in der Wirklichkeit stehen, die wufiten schon, dafi dies ein 
unlosbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzu- 
schauen versuchten in den Gang der europaischen Entwickelung, iiber 
dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sag- 
ten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was 
da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaf- 
fen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen 
Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wufiten: Das 
slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, da$ man im 
Westen die Sache anders wird losen wollen als in Mitteleuropa. - Ich 
will nur hindeuten darauf , wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf , 



dafi es em solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern 
den Dreifiigjahrigen Krieg vorgefiihrt habe, urn Ihnen zu zeigen, dafi 
man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorher- 
gehenden zeigen kann. Gerade der Dreifiigjahrige Krieg zeigt: Das, 
womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das 
ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden 
ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die 
Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, eben- 
so an dem Elsassischen Problem. Fur viele Fragen der neueren Zeit 
konnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen, 
fiihren aber nicht zu einer Losbarkeit, sondern zu einer Unlosbarkeit, 
zu immer neuen Konflikten, fiihren in Sackgassen des Lebens. Das ist 
wichtig, daft man das ins Auge fafit. Sie fiihren so in Sackgassen des 
Lebens, dafi man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, dafi der 
eine eine andere Meinung haben mufi als der andere, einfach wenn er 
an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehort das 
zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, dafi die 
Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlosbare 
Probleme sind. 

Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Din- 
gen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive, 
das Heraufdammern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein 
Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so wei- 
ter. Dazwischen doch das fortwahrende Ansturmen der Bewufitseins- 
seele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen, 
iiberall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein grofier Teil dessen, 
was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist 
ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches: 
die Bestrebung, sich abzudampfen das Bewufitsein fur dasjenige, was 
gerade als Bewufitsein entwickelt werden soli. Denn es gibt nichts Cha- 
rakteristischeres als das Abdampfen des Bewufitseins bei der heutigen 
sogenannten gebildeten Schichte der Bevolkerung iiber die wahren Zu- 
stande in dem sogenannten Proletariat. Alles schlaft namlich gegeniiber 
den wahren Zustanden im Proletariat. Man sieht hochstens das Aufier- 
liche. Die Hausfrauen schimpfen iiber die Dienstmadchen, dafi sie nicht 



mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu 
bekiimmern, dafi heute nun nicht blofl die Fabrikarbeiter, sondern 
audi schon die Dienstmadchen von marxistischer Theorie erfiillt sind. 
Man redet allmahlich von allem moglichen Allgemein-Menschlichen. 
Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich fiir den 
einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kum- 
mert. Dann mufi man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der 
Menschheitsentwickelung, dann mufi man sidti wirklich einlassen auf 
die Dinge. 

"Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale Theorie vorzutragen, son- 
dern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzu- 
stellen, habe ich neuerlich audi dieses eine Symptom des Sozialismus 
vor Ihre Seele hinstellen miissen. Wir wollen morgen dann mit unseren 
Betrachtungen weiterfahren, um das zu kronen und an einzelnen Stel- 
len, ich mochte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 20. Oktober 1918 



Wir haben einige der symptomatischen Krafte kennengelernt, welche 
in der Entwickelung der neuzeitlichen Geschichte spielen. Selbstver- 
standlich nur einige; es wiirde sehr, sehr weit fuhren, wenn man alle 
Krafte - denn das sind selbstverstandlich unendlich viele, sobald man 
in Einzelheiten geht - bespredien wollte. Aber audi nur die wichtig- 
sten, wenn man sie bespredien wollte, wiirde zu weit fuhren. Es scheint 
ein Wunsch vorhanden zu sein, dafi noch besonders berucksichtigt wer- 
den sollten spezielle Impulse symptomatischer Art. Das kann ein nach- 
stes Mai geschehen, so dafi ich an einem der Tage der nachsten Woche 
gerne sprechen will iiber solche Symptome, die sich insbesondere auf 
die Schweiz beziehen. Da wollen wir also einmal versuchen, ein Ta- 
bleau Schweizer Geschichte vor unsere Seele zu stellen, ura dies audi 
zu haben. 

Heute aber wollen wir versuchen, wenigstens ein Stuck weiterzu- 
kommen von den Ausgangspunkten aus, auf die wir unsere Betrach- 
tung erstreckt haben. Ich habe Ihnen gestern zuietzt ein Bild, wenn 
audi ein sehr diirftiges, davon gegeben, wie eines der bedeutsamsten 
Symptome neuerer Geschichtsentwickelung, der Sozialismus, sich hin- 
einstellt in die Entwickelung der neueren Zeit. Nun hat fur viele Men- 
schen,welche bestrebt sind, wirkliche Motive der Entwickelung kennen- 
zulernen, diese soziale, sagen wir besser, sozialistische Bewegung alles 
iiberstrahlt, und sie sind nicht recht dazugekommen, etwas anderes 
daneben gelten zu lassen. So da/5 auf den ganz bedeutenden Einfluft 
von etwas, was sich mehr den Blicken entzieht, die Aufmerksamkeit 
der neueren Zeit nicht intensiv genug gelenkt worden ist. Auch da, wo 
man wirklich suchte nach neueren Motiven. Es ist nicht die Aufmerk- 
samkeit verwendet worden auf etwas, was geistiger Art ist. Nicht wahr, 
diejenigen Personlichkeiten, welche im Sinne des gestern Besprochenen 
die neuere Entwickelung mehr verschliefen - namentlich im Laufe des 
19. Jahrhunderts und als dieses zu Ende ging, und im 20. Jahrhundert 
ja erst recht -, die Personlichkeiten, die den Kreisen angehorten, welche 



sich wenig bekiimmerten um die in der Zeitentwickelung liegenden 
Impulse, die kommen ja von vornherein wenig in Betracht, wenn man 
fragt: Was ist den Menschen vor Augen getreten an symptomatischen 
Impulsen der neueren Entwickelung? - Die Historiker haben, insofern 
sie den alten Standen angehorten, sich darauf beschrankt, weiter die 
Genealogie der Herrscherhauser, die Geschichte der Kriege, hochstens 
noch einiges, was sich rund um diese Dinge heranreihen lafit, zu ver- 
zeichnen. Man hat wohl audi Kulturgeschichte geschrieben, aber diese 
Kulturgeschichten, ich mochte sagen, von Buckle bis Ratzel, sie halten 
sich ziemlich feme von den wirklich treibenden Kraften. Neben all 
dem war allerdings im Proletariat aufierordentlich viel neueres Bil- 
dungsstreben nach derjenigen Richtung hin, die ich gestern charakteri- 
siert habe, ein sich immer weiter und weiter ausbreitendes Bildungs- 
streben, welches die drei Fragen stellte, von denen ich gestern gespro- 
chen habe. Aber innerhalb dieses Proletariats war kein Wille, in die 
feineren Zusammenhange des geschichtlichen Werdens hineinzublicken. 
Und so ist denn bis jetzt gar nicht stark genug hervorgetreten die 
geschichtliche, die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen 
Denkweise als geschichtliches Symptom. 

Man kann natiirlich uber die naturwissenschaftliche Denkweise in 
ihrem Inhalte, man kann iiber sie mit Bezug auf die Umgestaltung des 
modernen Denkens sprechen. Aber es ist wichtig, dafi man auch noch 
von dem Gesichtspunkte aus spricht, inwiefern diese naturwissen- 
schaftliche Denkweise ein geschichtliches Symptom geworden ist wie 
die anderen, die ich aufgezahlt habe, wie der nationale Impuls, wie das 
Auftiirmen von unlosbaren politischen Problemen und so weiter. Denn 
in der Tat hat sich seit dem Beginne des Bewufitseinszeitalters die 
naturwissenschaftliche Denkweise in weitesten Kreisen immer mehr 
und mehr herausgebildet. Und es ist eben falsch, wenn man glaubt, 
dafi nur diejenigen naturwissenschaftlich denken, welche etwas von 
Naturwissenschaft wissen. Das ist ganz falsch. Das Umgekehrte ist 
richtig. Die Leute, die Naturwissenschafter sind, denken so naturwis- 
senschaftlich, wie man heute naturwissenschaftlich denkt, weil die groffe 
Masse der zivilisierten Menschheit heute nach dieser Richtung hinneigt, 
weil man so denkt auch im alleralltaghchsten Handeln, weil so der 



Bauer denkt, wenn er draufien arbeitet, der Arbeiter in der Fabrik, 
wenn er seine Arbeit verrichtet, der Finanzmann, wenn er seine Finanz- 
unternehmungen macht. Da iiberall drinnen ist naturwissenschaftliches 
Denken, und deshalb hat audi die Naturwissenschaft selbst nach und 
nach dieses naturwissenschaflliche Denken angenommen. Also man 
mufi eine Sache, die in der Einbildung der Menschen nach dieser Rich- 
tung auf dem Kopf gestanden ist, wiederum auf die Beine stellen. Man 
mufi nicht hinsehen auf die Denkweise der Naturwissenschafter oder 
gar der monistischen Phantasten, sondern man raufi heute hinsehen 
auf die Denkweise des grofien Publikums. Denn die Naturwissenschaft 
bildet keinen hinreichenden Impuls zur Opposition gegen den romisch- 
katholischen Universalimpuls, aber das allgemeine, nach der Natur 
hin, nach der Naturordnung hin geordnete Denken der zivilisierten 
Menschheit, das bildet den Oppositionsimpuls. Und diesen Impuls 
mufi man als Symptom in Zusammenhang betrachten mit der ganzen 
iibrigen Entwickelung des neuzeitlichen Menschen. 

Sehen Sie, die Schulgeschichte, die beginnt von ihrem Gesichtspunkte 
aus, der hauptsachlich ein gedankenloser ist, gewohnlich die Neuzeit 
mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers, 
mit der Erfindung der Buchdruckerkunst und ahnlichen Dingen. Wer 
aber sich darauf einlafit, den Gang der neueren Geschichte zu betrach- 
ten, der kommt diesen Symptomen gegeniiber - Entdeckung Amerikas, 
Erfindung der Buchdruckerkunst und so weiter - darauf, dafi sie eigent- 
lich zwar die Menschen hinausfuhren in die weite Welt auf die Ent- 
deckungsreisen, dafi sie das alte Wissen, welches die Menschheit gehabt 
hat, ungeheuer popular machen und verbreiten, dafi sie aber im Grunde 
genommen das inhaltliche Bild der europaischen Zivilisation in den 
nachsten Jahrhunderten nach ihrem Auftreten gar nicht gleich beson- 
ders andern. Man kommt darauf, dafi die alten politischen Impulse, 
welche in den verschiedenen Landern audi sich regeneriert haben, aber 
welche doch die alten politischen Impulse in dem Sinne geblieben sind, 
wie ich das gestern und vorgestern ausgefiihrt habe, gar nicht in der 
Lage waren, irgend etwas Erhebliches zum Beispiel mit den Entdek- 
kungsfahrten zu machen. Sie haben hochstens die Moglichkeit gehabt, 
in diesen Landern, die entdeckt worden sind, Eroberungen zu machen, 



so wie man friiher in anderen Gegenden Eroberungen gemacht hat, sie 
haben die Moglichkeit gehabt, das Gold von dort herzuholen und da- 
durch einigeBereicherung zu erzielen. Sie haben die Moglichkeit gehabt, 
auf dem Gebiete der Buchdruckerkunst nach und nach immer mehr 
und mehr die Zensurverhaltnisse anzuspannen. Aber irgend etwas, was 
man nennen kann einen durchgreifenden Impuls, haben die alten poli- 
tischenKrafte nicht herausziehen konnen aus dem, womit man gewohn- 
lich die neuere Geschichte beginnen lafit. Erst aus der Verbindung der 
naturwissenschaftlichen Denkweise - als diese naturwissenschaftliche 
Denkweise zu einigen Ergebnissen gefiihrt hatte - mit dem, was als 
Erfindungen und Entdeckungen da aufgetreten ist, ohne dafi die neuere 
Naturwissenschaft schon drinnen war, ist das gekommen, was nach 
dieser Richtung hin ein wirklich bedeutsamer, wichtiger Impuls der 
neueren Zeit ist. Man kann sich namlich nicht denken, dafi die Koloni- 
sationsbestrebungen, insoferne sie von den verschiedensten Landern 
in der neueren Zeit ausgegangen sind, ohne die modernen naturwissen- 
schaftlichen Errungenschaften sich vollzogen hatten; und nur was Na- 
turwissenschaft in Technik umgesetzt schaffen konnte, das fuhrte zu 
den modernen Kolonisationsbestrebungen. Nur naturwissenschaftliche 
Ergebnisse konnten die Erde so erobern, wie sie erobert werden mufite 
imVerlauf der modernen Kolonisationsbestrebungen. Und daher sehen 
wir diese Kolonisationsbestrebungen im Grunde genommen erst im 
18. Jahrhundert richtig einsetzen, als die Naturwissenschaft anfing, sich 
umzusetzen in technische Ergebnisse. 

Damit beginnt aber audi das Maschinenzeitalter. Das Maschinen- 
zeitalter beginnt, als die Naturwissenschaft sich umsetzt in technische 
Ergebnisse. Und damit beginnt ein neues Zeitalter des Kolonisierens, 
das allmahlich seine Krafte iiber die ganze Erde ausspannt, Damit be- 
ginnt ein aufierordentlich wichtiger Impuls der neuzeitlichen Entwicke- 
lung in der Bewufitseinsseele. Denn derjenige, der die Verhaltnisse, die 
hier in Betracht kommen, durchschaut, der weifi, dafi gerade jene Im- 
pulse, die im Kolonisieren liegen, in dem Kolonisieren, das die ganze 
Erde umspannt, dafi jene Bewegungen und Bestrebungen gerade dem 
Zeitalter der Bewufitseinsseele angehoren. Und dieses Zeitalter der 
Bewufitseinsseele, von dem Sie ja wissen, dafi es im vierten Jahrtausend 



sein Ende finden und in das Zeitalter des Geistselbstes eingehen wird, 
wird iiber die ganze Erde hin eine andere Konfiguration der Mensch- 
heit bringen. Diese Konfiguration wird hervorgehen aus den Kolonisa- 
tionsbestrebungen. Nicht wahr, das Bewulkseinsseelenzeitalter hat ge- 
funden sogenannte zivilisierte, hochst zivilisierte und ganz wilde Men- 
schen - so wild, dafi sich in ihre Wildheit der Rousseau verliebt hat und 
eine ganze Theorie von dem Ideal des wilden Menschen aufgestellt hat. 
Diese ganze Differenzierung der Menschen wird aufhoren im Verlauf e 
des Zeitalters der Bewulkseinsseele. Wie sie aufhoren wird, auf die 
Einzelheiten, darauf konnen wir naturlich heute nicht eingehen. Aber 
es gehort zu den Impulsen der Bewulkseinsseele, diese Differenzierung, 
die althergebracht ist, im wesentlichen aufzuheben. 

Dann, wenn man das weifi, stellen sich in die neuzeitlichen Bestre- 
bungen solche Kriege wie der zwischen den Nord- und Siidstaaten Ame- 
rikas und so weiter erst in den rechten Zusammenhang hinein, und dann 
erst, wenn man die Dinge so ansieht, wenn man die Wichtigkeit der 
Kolonisationsbestrebungen fur den Bewulkseinszeitraum ins Auge f afit, 
gewinnt man einen Einblick indie ganze Bedeutung von einzelnen Sym- 
ptomen, die auf diesem Gebiete auf treten. Und diese Bestrebungen, die 
sind undenkbar, ohne dafi die Menschheit naturwissenschaftlich denkt. 

Nun, naturwissenschaftlich denken, da liegt gerade dasjenige, was 
man so recht ins Auge fassen mufi, wenn man gewissermafien vom 
Gesichtspunkte des fiinften nachatlantischen Zeitraums, des Bewufit- 
seinsseelenzeitalters, einbrechen will in die wahre Wirklichkeit der 
menschlichen Entwickelung. Diese neuere naturwissenschaftliche Denk- 
weise hat das Eigentiimliche — ich habe es jetzt hinlanglich hier charak- 
terisiert — , da£ sie nur das Tote, das Gespenstische fassen kann von der 
"Wirklichkeit, dafi sie uberall auf das Tote geht. Seien wir uns ganz 
klar iiber diese wichtige Tatsache. Die neuere naturwissenschaftliche 
Denkweise strebt von der Beobachtung zum Experiment. Auf alien 
Gebieten wird von der Beobachtung zum Experiment gestrebt. Es ist 
ein wichtiger Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und jener 
Erkenntnis, die durch das Experiment erwiesen wird. Die Natur- 
beobachtung war, so oder so nuanciert, alien Zeiten eigen. Aber wenn 
der Mensch die Natur beobachtet, da ist er mit der Natur verbunden, 



da lebt er sich in die Natur ein, er lebt das Leben der Natur mit. Da 
tritt das Eigentiimliche ein, dafi ihn sein Zusammenleben mit der Na- 
tur in einer gewissen Weise betaubt. Man kann nicht mit der Natur 
leben und zu gleicher Zeit im neueren Sinne der Bewulkseinsseele er- 
kennen. Man kann nicht beides, geradesowenig, wie man zugleich 
wachen und schlafen kann. Will man mit der Natur zusammenleben, 
so mulS man sich von der Natur in einem gewissen Sinne betauben 
lassen. Daher kann auch die Naturbeobachtung nicht eindringen in die 
Geheimnisse der Natur, denn indem der Mensch die Natur beobachtet, 
wird er ein biftchen eingeschlafert, wird er betaubt. Dadurch fallt aus 
seiner Erkenntnis das Geheimnis der Natur heraus. Er raufi aufwachen 
auf dem Gebiete des Obersinnlichen, wenn er in die Geheimnisse der 
Natur eindringen will. 

Aber wenn man betaubt ist, kann man nicht zur Bewufitseinsseele 
kommen. Daher strebt die neuere Naturbetrachtung ganz instinktiv 
danach, die Beobachtung allmahlich zu iiberwinden und durch das Ex- 
periment alles zu gewinnen. Man sucht ja auch auf dem Gebiete der 
Biologie, auf dem Gebiete der Anthropologic zu experimentieren. Aber 
wenn man experimentiert, ist die Hauptsache dabei, dafi man das Ex- 
periment zusammenstellt, dafi man die Ordnung bestimmt, in welcher 
man beobachtet. Wie die Dinge selbst angeordnet sind, wenn man zum 
Beispiel Embryo logie experimentell treibt, das ist nicht durch die Natur 
bestimmt, sondern das ist durch den menschhchen Intellekt, durch den 
menschlichen Verstand bestimmt, das ist durch das bestimmt, von dem 
ich Ihnen gesagt habe, daft es sich von der Natur entfernt, um gerade 
in dem Menschen innerlich zu sein. Wir ertoten die Natur, um sie er- 
kennen zu lernen im Experiment. Aber nur das, was wir durch das 
Experiment gewinnen, konnen wir technisch anwenden. Naturerkennt- 
nis wird erst reif zur technischen Anwendung, wenn sie auf dem Um- 
wege durch das Experiment sich reif dazu macht. Was vorher Einftih- 
rung der Naturerkenntnis ist in das soziale Leben, ist noch nicht 
Technik. Es ware sogar barbarisch, von Technik zu sprechen, wenn 
man es nicht zu tun hat mit der reinen Umsetzung eines Experimentes 
in die soziale Ordnung oder in diejenigen Dinge, die im Dienste der 
sozialen Ordnung stehen. 



Dann aber schafft die moderne Menschheit in die soziale Ordnung 
hinein Ergebnisse der Experimentierkunde als Technik: Totes. Und 
das ist das Wesentliche: Totes schaffen wir hinein in die Kolonisations- 
bestrebungen, Totes schaffen wir hinein, wenn wir fur die Industrie 
unsere Maschinen bauen. Aber nicht nur dann, sondern wenn wir un- 
sere Arbeiter in einer gewissen sozialen Ordnung zu diesen Maschinen 
hinzubringen. Totes schaffen wir hinein in unsere neuere geschichtliche 
Ordnung, indem wir unsere Finanzwirtschaft iiber kleinere oder gro- 
fiere Territorien ausbilden. Totes schaffen wir hinein, wenn wir eine 
soziale Ordnung iiberhaupt nach dem Muster der modernen Natur- 
wissenschaft aufbauen wollen, wie es instinktiv die moderne Mensch- 
heit getan hat. Totes schaffen wir iiberall hinein in das menschliche 
Zusammenleben, wenn wir Naturwissenschaft hineinschaffen in dieses 
menschliche Zusammenleben, Totes, sich selbst Ertotendes. 

Das ist eines der wichtigsten Symptome. Wir konnen sehr aufrich- 
tige und ehrliche Deklamationen anstellen — ich meine jetzt nicht blofi 
rhetorische Deklamationen, sondern eben ehrlich gemeinte Dekla- 
mationen - iiber die groften Errungenschaften der neueren Zeit, iiber 
all dasjenige, was Naturwissenschaft ausgebildet hat, was sie der Tech- 
nik einverleibt und dann dem sozialen Leben einverleibt hat. Aber 
wir sagen nur eine halbe Wahrheit, wenn wir von diesen Errungen- 
schaften sprechen, denn alle diese Errungenschaften haben das Wesent- 
liche in sich, dafi sie ein unbedingt Totes, das durch sich selber nicht 
entwickelungsf ahig ist, in das moderne Leben hineinstellen. Das Grolke, 
was seit Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert hineingestellt wor- 
den ist in die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit, ist 
ein solches, das, wenn es sich selbst iiberlassen wird, sich selber zum 
Tode fiihrt. Und das muftte sein. Denn man kann die Frage aufwerfen: 
Wenn moderne Technik Keim des Todes nur ist, wie sie es auch ist 
und sein muft, warum trat diese moderne Technik in Erscheinung? — 
Wahrhaftig nicht trat die moderne Technik in Erscheinung im Lauf e der 
Zeit, weil den Menschen das Schauspiel der Maschine und der Industrie 
gegeben werden sollte, sondern die moderne Technik trat in Erschei- 
nung aus einem ganz anderen Grunde. Sie trat in Erscheinung gerade 
wegen ihres zum Tode fiihrenden Charakters, weil nur dann, wenn 



der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch 
den Gegenschlag die Bewufitseinsseele entwickeln kann. Solange der 
Mensch hineingestellt war in ein Zusammenleben mit der Natur, ohne 
dafi die Maschinen hineingestellt waren, solange wurde er geneigt ge- 
macht zu einer gewissen suggestiven Behandlung, weil er bis zu einem 
gewissen Grade betaubt wurde. Man konnte nicht ganz auf sich selbst 
sich stellen, als man noch nicht in den Tod hineingestellt war. Auf sich 
selbst gestelltes Bewufitsein und Todbringendes ist innig miteinander 
verwandt. Das habe ich in den verschiedensten Formen schon versucht, 
den Menschen klarzumachen. Ich habe versucht, den Menschen klar- 
zumachen: Wenn sie vorstellen und erkennen, so ist das nicht gebunden 
an die spriefienden, sprossenden Krafte des Menschen, sondern gerade 
an den Abbau des Organismus. Ich habe versucht, den Menschen klar- 
zumachen, dafi es Riickbildung des Organismus ist, dafi es die Abbau- 
und Sterbeprozesse sind, die uns befah igen, im selbstbewufiten Sinne 
zu denken. Konnten wir nicht Gehirnhunger entwickeln, das heifit 
Abbauprozesse, Zersetzungsprozesse, Zerstorungsprozesse in uns, wir 
konnten keine gescheiten Menschen sein, sondern konnten nur hintau- 
melnde Menschen sein, schlafende, traumende Menschen. Gescheite 
Menschen sind wir durch die Abbauprozesse in unserem Gehirn. Und 
das Zeitalter der Bewufitseinsseele mufite dem Menschen die Gelegen- 
hek geben, den Abbau in seiner Umgebung zu haben. Nicht dadurch 
wurde das moderne, selbstbewufke Denken grofi, dafi bliihende Lebens- 
prozesse hereingestellt wurden, sondern dadurch wurde gerade das 
Innerste im Menschen, das selbstbewulke Denken groft, dafi Todes- 
prozesse m der modernen Technik, in der modernen Industrie, im 
modernen finanziellen Zusammenhang in dieses Leben hereingestellt 
wurden. Denn das forderte dieses Leben in der Bewufitseinsseele. 

Das zeigt sich audi auf anderen Gebieten. Nehmen Sie die Impulse 
selbst, die wir ins Auge gefafit haben. Fangen wir einmal an bei Eng- 
land, wo wir gesehen haben, wie der Parlamentarismus sich bildet 
durch die Jahrhunderte als eine gewisse Nuance, wie die auf sich selbst 
gestellte Personlichkeit sich realisieren will. Nicht wahr, die Person- 
lichkeit will sich emanzipieren, sie will sich auf sich selbst stellen. Das 
heifit aber, indem sie zu gleicher Zeit soziale Personlichkeit sein will, 



will sie sich geltend machen als Personlichkeit. Der Parlamentarismus 
ist nur ein Weg, sich geltend zu machen als Personlichkeit. Aber indem 
derjenige, der teilnimmt am Parlamentarismus, sich geltend macht, ver- 
nichtet er seine Personlichkeit in dem Augenblicke, wo aus seinem 
Wollen die Abstimmung wird. Die Personlichkeit hort auf in dem 
Augenblicke, wo aus dem Wollen die Abstimmung wird. Und richtig 
studiert bedeutet das Heranreifen des Parlamentarismus in der eng- 
lischen Geschichte in den Jahrhunderten, seit dem Biirgerkriege im 
15. Jahrhundert, nichts anderes als dieses. Wir erblicken beim Aus- 
gangspunkt dieses parlamentarischen Lebens, dieses nach dem Parla- 
mentarismus hintendierenden Lebens Stande, verschiedenste Stande. 
Diese Stande wollen sich nicht als Stande blofi geltend machen, son- 
dern als Votum; sie wollen reden, indem sie sich geltend machen als 
Stande. Nun, reden konnten sie. Aber die Leute sind nicht zufrieden 
mit dem Reden und Sich-Verstandigen, sondern sie wollen dann ab- 
stimmen. Indem man abstimmt, indem man die Rede ausflie^en lafit 
in die Abstimmung, ertotet man dasjenige, was in der Seele lebt, auch 
noch so lange man redet. Und so redet sich jede Parlamentarisierung 
hinein in das absolute Menschheitsnivellement. Sie geht hervor aus der 
Geltendmachung der Personlichkeit und endet mit der Ausloschung der 
Personlichkeit. Es gibt keine andere Moghchkeit auf diesem Gebiete, 
als dafi die Tendenz hervorsprielk aus der Geltendmachung der Per- 
sonlichkeit und endet mit der Ausloschung der Personlichkeit. Es ist 
ein vollstandiger Kreislaufprozefi, wie das Menschenleben selbst. Es 
beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Nur ist beim Men- 
schen das auf zwei Zeitpunkte verteilt; im historischen Leben greift 
das eine unmittelbar in das andere ein, ist Geburt und Tod mitein- 
ander vermischt. Das ist es, was man ins Auge fassen raufi. 

Fassen Sie ja das, was ich gesagt habe, nicht etwa auf wie eine Kritik 
des Parlamentarismus. Denn wenn Sie es auffassen wiirden wie eine 
Kritik des Parlamentarismus, dann wiirden Sie mir insinuieren, dafi 
ich sagte: Der Mensch wird geboren - das ist ein Unsinn, denn er stirbt 
wieder, also, da er wieder stirbt, so sollte er nicht geboren werden. 
Man sollte der Welt diese Torheit nicht zumuten, daft sie den Men- 
schen geboren werden lafit, wenn sie den Menschen wieder sterben 



lafit. - Icli bitte, insinuieren Sie mir nidit, dafi ich sage: Der Parlamen- 
tarismus ist ein Unsinn, weil die Personlichkeit ihn gebiert und ihn, 
aus deren Impuls er hervorgeht, selbst wieder vernicbtet. - Ich stelle 
den Parlamentarismus ja nur aus der Rhetorik ins unmittelbare Leben 
hinein. Ich stelle ihn hinein in dasjenige, was allem Leben eigen ist: in 
Geburt und Tod, und zeige ihn daher gerade als etwas der Wirklich- 
keit Angehoriges, zeige Ihnen damit aber auch das Charakteristikon 
aller aufieren Erscheinungen solcher Art im Zeitalter der Bewuikseins- 
seele, denn sie alle stehen in diesem Zeichen von Geburt und Tod, das 
ich eben jetzt angefuhrt habe. 

Nun, unendlich oft ist es ausgesprochen worden in kleinen Kreisen 
der okkulten Logen der englischsprechenden Welt, wenn man unter 
sich war: Klaren wir die Welt ja nicht auf iiber das Geheimnis von 
Geburt und Tod! Denn wenn wir sie auf klaren iiber das Geheimnis 
von Geburt und Tod, klaren wir sie iiber das jetzige Zeitalter auf. 
Wir iiberliefern ihnen ein Wissen, das wir nicht aus der Hand geben 
wollen. — Daher wurde es als erste Regel geltend gemacht, ja nicht zu 
sprechen im aufieren Leben iiber das Geheimnis von Geburt und Tod, 
dafi das in allem, und zwar zunachst in den historischen Erscheinun- 
gen, drinnensteckt. Denn dadurch wird dem modernen Leben der tra- 
gische Stempel aufgedriickt und dieses moderne Leben nach und nach 
zu etwas gezwungen, zu dem es sich gar nicht leicht zwingen lassen 
will. Es wird dieses moderne Leben gezwungen, von dem Ergebnis 
der Arbeit die Blicke hinwegzulenken und zur Arbeit selbst hinzu- 
schauen. Man mulS Freude haben am Arbeiten, indem man sich sagt: 
Was man in diesem Zeitalter an Aufierem erarbeiten kann, das er- 
arbeitet man fur den Tod und nicht fur das Geborenwerden. — Und 
will man nicht fiir den Tod arbeiten, so kann man nicht im modernen 
Sinne arbeiten, denn man mufi im modernen Zeitalter maschinenmafiig 
arbeiten. Und wer das nicht will, will einfach zuruckftthren in friihere 
Zeitalter. 

Sie konnen dann die franzosische Geschichte studieren, wie versucht 
wird, die Emanzipation der Personlichkeit nach innen zu treiben. Es 
fiihrt zu jener furchtbaren Aufhebung der Personlichkeit, die die 
Schlufiepisode der Revolution und das Aufkommen des Napoleonis- 



mus zeigt. Und betrachten Sie die Sache gar in Italien. Woraus schopfte 
das neuere Italien jene impulsive Kraft, mit der dort das nationale 
Element bis zum sogenannten «sacro egoismo», bis zura heiligen Egois- 
mus sich geltend machte, woraus schopfte dieses neue Italien diese 
Kraft? Die Dinge, die den Erscheinungen der Welt zugrunde liegen, 
mul? man oft in Tiefen suchen. Gehen Sie zuriick bis zu jenem wich- 
tigen Zeitpunkt, der vor dem Aufkommen des Bewufkseinszeitalters 
liegt: Diese Kraft ist in alien ihren Seiten geschopft aus dem, was das 
romische Papsttum dem italienischen Wesen eingepflanzt hat. Dieses 
romische Papsttum hat sich fiir Italien gerade dadurch in seiner Bedeu- 
tung gezeigt, dafi es sein Wesen in die italienische Seele hineingetrau- 
felt hat; und daraus ist entsprungen, wie es oftmals dem Zauber- 
lehrling so geht, dasjenige, was nicht gewollt worden ist: die Abkehr 
von dem Papsttum selber mit aller Intensitat im modernen Italien. 
Da sehen Sie am besten zusammenstoften dasjenige, was angestrebt 
wird und was sich zu gleicher Zeit selber aufhebt. Nicht die Gedanken, 
wohl aber die Empfindungskrafte und die Begeisterungskrafte, auch 
diejenigen, die in Garibaldi gesteckt haben, sie sind die Reste der alten 
katholischen Begeisterung; aber indem sie sich umgekehrt haben, haben 
sie sich gegen den Katholizismus gewendet. 

Die Menschen werden ihr eigenes heutiges Zeitalter nur verstehen, 
wenn sie diese Dinge im rechten Zusammenhange fassen. Ich habe 
Ihnen gesagt: In Europa tragen sich jene verschiedenen symptomati- 
schen Ereignisse zu, die ich vor Ihre Seele hingestellt habe. Wie im 
Hintergrunde ist im Osten das russische Gebilde, zusammengeschweilk 
aus den Resten byzantinisch-religioser Struktur, aus normannisch- 
slawischemBlutimpuls, aus dem Asiatismus, wie er sich in der verschie- 
densten Weise iiber den Osten von Europa ergossen hat. Das alles aber 
ist unproduktiv, diese Dreiheit ist ja nichts, was aus der russischen Seele 
selbst hervorgeht. Diese Dreiheit ist auch dasjenige, was nicht bezeich- 
nend ist fiir das, was in der russischen Seele lebt. — Welches ist der 
grolke, der allergrolke denkbare Gegensatz zu der Emanzipation der 
Personlichkeit? Das byzantinische Element. Es gibt eine grofie Person- 
lichkeit in der neueren Zeit, die unterschatzt wird, es ist PobjedonoszeWy 
der ein bedeutender Mensch war, aber ein Mensch, welcher ganz das 



byzantinische Element in sich trug. Er war ein Mensch, der das Gegen- 
teil von dem nur wollen konnte, was das Zeitalter des Bewufitseins 
will und auf naturgemafie Weise aus dem Menschen hervorbringt. Man 
konnte sich denken, dafi selbst noch intensiver das byzantinische Ele- 
ment in der russischen Orthodoxie sich weiter ausgebreitet hatte, dal5 
dieser Tod alles Individuell-Personlichen noch viel intensiver gewirt- 
schaftet hatte, es wiirde doch nichts anderes hervorgegangen sein als 
der starkste Drang nach Emanzipation der Personlichkeit. Sie konnen 
die neuere russische Geschichte durchlesen: Wenn Sie nicht das in dieser 
neueren russischen Geschichte lesen, was sich abspielt so, dafi dessen 
Verzeichnung immer verboten worden ist, dann haben Sie nicht das- 
jenige, was eigentlich russische Geschichte ist, das hetfk das wirk- 
lich bewegende Element. Wenn Sie aber dasjenige in der russischen 
Geschichte lesen, was die herrschenden Machte bisher erlaubt haben als 
Geschichte zu verzeichnen, dann haben Sie alles dasjenige, was als tod- 
bringendes Element iiber das russische Leben sich ausbreitet. Da tritt 
es am allercharakteristischesten hervor, weil im russischen Leben am 
meisten Zukunft liegt. Weil geradezu die Keime zur Entwickelung des 
Geistselbstes im russischen Leben liegen, deshalb ist dasjenige, was 
aufierlich aufgetreten ist im Zeitalter der Bewufitseinsseele bis jetzt, 
lauter Todbringendes, lauter Verwesungsduftendes, aber etwas, was 
da sein mulke, gerade weil dasjenige, was sich herausbilden will als 
Geistleben, den Untergrund des Todes braucht. 

Das mufi man einsehen fur die Entwickelung des Zeitalters der Be- 
wufitseinsseele, sonst wird man niemals eindringen in die wirklichen 
Bediirfnisse der Gegenwart. Man wird auch kein Bild sich machen 
konnen von dem, was so zerstorerisch heraufgezogen ist iiber die 
Menschheit, wenn man nicht wissen wird, dafi in diesen vier letzten 
Jahren sich nur wie in einem grofien Resume zusammenfafit dasjenige, 
was verbreitet war iiber das menschliche Leben als Tod seit dem Be- 
ginne des Bewufitseinszeitalters. 

Es ist charakteristisch, dafi gerade die Todnatur der naturwissen- 
schaftlichen Denkungs weise in einer merkwurdigen Weise gewirkt hat 
fiir eine der prophetischesten Personlichkeiten der neueren Zeit. Ganz 
denkwiirdig wird das folgende kleine symptomatische Ereignis immer 



dastehen in der neueren Geschichtsentwickelung: 1830, in Weimar, 
kommt Soret tax Goethe. Goethe empfangt ihn mit einer gewissen Auf- 
regung, ich meine Aufregung in der Facon des Benehmens, nicht etwa 
in leidenschaftlicher Aufregung. Er sagt: Nun ist sie endlich herein- 
gebrochen, die Bewegung, alles stent in Flammen! - Und einige andere 
Satze sagte Goethe noch, so dafi Soret glaubte, Goethe rede von der 
1830 in Paris ausgebrochenen Revolution und antwortete auch in die- 
sem Sinne. Aber Goethe redete gar nicht von dieser Revolution. Er 
sagte: Ach, das meine ich gar nicht, das ist fur mich nicht so besonders 
wichtig. Dagegen wichtig ist, was in der Akademie in Paris verhandelt 
wird zwischen Cuvier und Geoff roy de Sctint-Hilaire. - Da ist Cuvier, 
der Vertreter der alten Naturanschauung, derjenigen Naturanschau- 
ung, dienur dieLebewesen nebeneinanderstellt, eben derjenigen Natur- 
anschauung, die vor allem in die Technik hineingeht, miissen wir sagen, 
und Geoffroy de Saint-Hilaire, derjenige, der Leben hineinbringt in 
diesen ganzen Verlauf des Lebens selbst. In Geoffroy de Saint-Hilaire 
sah Goethe den Anfuhrer eines naturwissenschaftlichen Denkens der 
neueren Zeit, das nicht mehr in dem Sinne der blo£en Kopernikus, 
Kepler, Galilei naturwissenschaftlich sein will. Der Vertreter dieses 
Zeitalters ist Cuvier; dagegen ist Geoffroy de Saint-Hilaire der Ver- 
treter desjenigen naturwissenschaftlichen Anschauens, das die Beweg- 
lichkeit des Lebens selbst hineintragt in die Naturanschauung. Darum 
sah Goethe den Aufgang eines ganz neuen Zeitalters, indem sich 
Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Gedanken ein naturwissenschaft- 
liches Denken zurechtlegte, welches iibergehen mufi, wenn es sich wirk- 
lich entwickelt, in ubersinnliche Aufklarung iiber die Natur, welches 
gar nicht anders kann, als endlich in ubersinnliche Erkenntnisse, in 
hellseherische Erkenntnisse iiberzugehen. Darin sah Goethe die Revo- 
lution von 1830, nicht in dem, was politisch in Paris vorgeht. Darin 
bewies Goethe sich als einer der intensivsten prophetischen Geister 
seiner Zeit. Er bewies, dafi er fiihlte und empfand, um was es sich 
in dieser neueren Zeit handelt. 

Man mufi in dieser neueren Zeit Mut haben, wirklich hineinzu- 
schauen in die Verhaltnisse. Diesen Mut brauchten alte Zeitalter noch 
nicht. In die Verhaltnisse des Geschehens mufi man den Mut haben 



hineinzuschauen, denn es wird wichtig, dafi die Bewulkseinsseele ent- 
wickelt werden kann. Ja, in friiheren Zeitaltern war die Entwickelung 
dieser Bewufkseinsseele noch nicht wichtig. Dadurch, dafi die Bewufk- 
seinsseele gerade das Bedeutungsvolle in diesem Zeitalter wird, da- 
durch mufi alles im Wachen vor sich gehen, was der Mensch fiir das 
soziale Leben entwickelt; dadurch kann er nicht die alten Instinkte 
in das soziale Leben hereintragen. Und er kann nicht allein herein- 
tragen in das soziale Leben das, was Ergebnis der Naturwissenschaft 
ist, denn das ist das Tote und kann das Leben nicht beleben, kann das 
Leben nur mit toten Produkten durchsetzen und in solche zerstorenden 
Dinge hineinfuhren, wie sie die letzten vier Jahre gebracht haben. 
Denn in diesem Zeitalter wird folgendes wichtig. 

Nicht wahr, die Menschen miissen auch schlafen. Wenn sie wachen, 
haben sie ihren gewohnlichen freien Willen - nun, den konnen sie zu 
noch allerlei, das ihnen auf ahrimanisch-luziferischem Wege zukommt, 
verwenden, um Richtkrafle zu entwickeln. Aber wenn sie einschlafen, 
dann hort dieser freie, sogenannte freie Wille auf; dann denken die 
Menschen, ohne dafi sie es wissen. Aber es ist nicht minder wirksam. 
Dann denken die Menschen durchaus auch. Man hort nicht auf zu den- 
ken, indem man einschlaft; man denkt, bis man aufwacht. Man vergifk 
dies nur in dem Moment, wo man aufwacht. Daher weift man nicht, 
welche Gewalt diejenigen Gedanken haben, die in die menschliche 
Seele hineinspielen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber beden- 
ken wir, dafi fiir das Zeitalter der Bewufkseinsseele die Gotter ver- 
lassen haben die menschliche Seele wahrend des Schlafens. In friiheren 
Zeitaltern haben die Gotter vom Einschlafen bis zum Aufwachen hin- 
eingetraufelt in die Seele das, was sie wollten. Der Mensch ware nicht 
frei geworden, wenn sie es weiter hineintraufelten. Dadurch aber ist 
der Mensch zuganglich alien moglichen anderen Einfliissen vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen. Ja, wir konnen zur Not wachen und zur 
Not leben, aber wir konnen nicht schlafen und sterben mit der Natur- 
wissenschafl und mit dem, was aus der Naturwissenschafl folgt. Denn 
naturwissenschaftlich denken kann man nur vom Aufwachen bis zum 
Einschlafen. In dem Augenblicke, wo Sie einschlafen, wo Sie im Schlafe 
sind, hat das naturwissenschaftliche Denken ungefahr so viel Sinn, wie 



wenn Sie in einem Lande, wo kem Mensch Franzosisch versteht, iiber- 
all Franzosisch sprechen wiirden. Da hat nur die Sprache Bedeutung, 
die man durch die iibersinnliche Erkenntnis sich aneignet, die aus dem 
Ubersinnlichen kommt. Die iibersinnliche Erkenntnis mufi an die Stelle 
desjenigen treten, was die Gotter friiher in die Instinkte hineinver- 
pflanzt haben. Das ist der Sinn des Bewufkseinszeitalters, dafi der 
Mensch aufsteigen mufi zu ubersinnlichen Impulsen und durchdringen 
muE zur Erkenntnis. Wenn man glaubt, alles das, was das Zeitalter 
hervorgebracht hat und noch hervorbringt ohne iibersinnliche Impulse, 
sei etwas Lebendiges und nicht etwas Todbringendes, gibt man sich der 
gleichen Illusion hin, wie wenn man glauben wiirde, ein Weib der 
modernen Zeit konnte gebaren ohne zu empfangen. Ein Weib der 
modernen Zeit bleibt unfruchtbar und stirbt ohne Nachkommenschaft, 
wenn sie nicht empfangt. Die moderne Kultur, wie sie sich im Zeit- 
alter der Naturwissenschaft seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ent- 
wickelt hat gerade in den grolken modernen Errungenschaften, bleibt 
steril und unfruchtbar, wenn sie nicht befruchtet wird von jetzt ab 
durch Impulse aus der ubersinnlichen Welt. Tod mufi werden alles 
dasjenige, was nicht befruchtet wird von der ubersinnlichen Welt. 
Fiihren Sie ein in diesem Zeitalter der Bewulkseinsseele Demokratie, 
Parlamentarismus, Technik, modernes Finanzwesen, modernes Indu- 
striewesen, fiihren Sie ein das nationale Prinzip uber die ganze Welt, 
fiihren Sie ein all diejenigen Gesichtspunkte, die die Menschen jetzt 
zugrunde legen dem, was sie Neuordnung der Welt nennen und mit 
dem sie reden wie Trunkene, die nicht wissen, wovon sie reden - Sie 
fordern dann den Tod, wenn Sie nicht all das befruchten wollen durch 
die Impulse der ubersinnlichen Welt. Dann allein hat dasjenige, was 
wir schaffen miissen, das Todbringende auf alien Gebieten, einen Wert, 
wenn wir es zu befruchten wissen durch die Errungenschaften des Ober- 
sinnlichen. Es bringt nur Tod liber die Menschheit, wenn wir es nicht 
zu befruchten wissen durch die Impulse des Ubersinnlichen. 

Fassen wir das nur im vollen Ernste auf, erheben wir uns, gerade 
aus einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit, 
zu dem Gedanken: Da stellen sich herein in die menschliche Entwicke- 
lung seit dem 15. Jahrhundert diejenigen Dinge, welche die Menschheit 



verzeichnet als die grolke Errungenschaft: die moderne Naturwissen- 
schaft, die moderne Soziologie, das moderne technische Leben, das mo- 
derne industrielle Leben, das moderne finanzielle Leben. Die stellen 
sich herein. Sie sind todbringend, wenn sie nicht befruchtet werden 
durch Obersmnliches. Sie sind allein befahigt, die Menschheit weiter- 
zubringen dahin, wohin sie gehen mufi, wenn sie befruchtet werden 
durch Impulse des Obersinnlichen. Dann sind sie gut. Sie sind nicht 
an sich gut. Nichts ist an sich gut von dem, was die moderne Mensch- 
heit heute in einem gewissen t)bermut und Hochmut als ihre grofiten 
Errungenschaften hinstellt. Erst dann wird es gut, wenn es durch- 
geistigt wird. 

Das ist nicht eine Lehre, welche in willkUrlicher Weise vor Sie hin- 
gestellt wird, das ist eine Lehre, die dann, wenn man die moderne 
Geschichtsentwickelung symptomatologisch betrachtet, sich aus dieser 
modernen Geschichtsentwickelung selber ergibt. Und die Zeit ist da, 
wo wir das Bewufitsein entwickeln miissen. Aber wir miissen audi 
wissen, was wir diesem Bewufitsein zumuten diirfen. In dem Augen- 
blicke, wo wir audi nur innerhch unbewuik Dogmatiker sein wollen, 
konnen wir das Bewufitsein nicht mehr entwickeln. Daher mufi ich 
immer wiederum, wie ich es erst vor kurzem vor Ihre Seele hingestellt 
habe, erinnern an solche Dinge wie das Folgende: Ich habe einmal in 
einer Stadt Vortrage gehalten iiber Bibel und Weisheit. Da waren 
audi zwei katholische Geistliche drinnen - die meisten von Ihnen wis- 
sen das kleine Faktum schon — , die kamen, da ich nichts Sonderliches 
gesagt habe, was anfechtbar war fur einen katholischen Geistlichen, 
und da es nicht gerade Jesuiten waren, die sorgfaltig alles studieren und 
die Aufgabe haben, in alles ihreNase hineinzustecken, sondern katholi- 
sche Durchschnittspfarrer, die kamen heran: Ja, wir haben das Purga- 
torium. Sie sprechen auch von einer solchen Priifungszeit nach dem Tode. 
Wir haben das Paradies. Sie sprechen von dem Geist-Erleben, und 
man kann eigentlich gegen die Sache inhaltlich nicht viel haben. - 
Sie wiirden schon geniigend dagegen haben, wenn sie weiter eingedrun- 
gen waren, aber in einem Vortrage fanden sie das naturlich nicht! — 
Dann sagten sie weiter: Wissen Sie, der Unterschied ist der; Wie Sie 
reden, so reden Sie nur zu einer gewissen Schicht der Bevolkerung, 



welche die Vorbedingungen sich dazu geschaffen hat, eine gewisse Bil- 
dung sich angeeignet hat, gewisse Vorstellungen sich angeeignet hat, 
und wir sprechen zu alien Menschen. Daher finden wir eben die Worte 
fiir alle Menschen, und das ist daher das Richtige, fiir alle Menschen 
zu sprechen. - Darauf sagte ich zu ihnen: «Hochwiirden» - selbstver- 
standlich, einen katholischen Geistlichen spricht man mit Hochwiirden 
an, ich bin immer fiir Beibehaltung der aufieren Titulatur - «Hoch- 
wiirden, sehen Sie, darauf kommt es nicht an, was Sie jetzt sagen. 
Ich will gar nicht daran zweifeln, dafi Sie glauben, Sie sprechen fiir 
alle Menschen, daft Sie meinen, Ihr Reden so einrichten zu konnen, 
als ob Sie fiir alle Menschen sprechen. Aber das ist eine subjektive Mei- 
nung, nicht wahr, sie ist dasjenige, was man in der Regel hat, um iiber- 
haupt sein Reden vor sich selber zu rechtfertigen. Aber es kommt nicht 
darauf an, ob wir diesen Glauben haben oder nicht haben, daft wir 
fiir alle Menschen sprechen, sondern auf die Tatsachen, auf die Wirk- 
lichkeit kommt es an. Und da frage ich Sie jetzt nicht theoretisch- 
logisch: Welches sind die Griinde, warum ich nicht fur alle Leute reden 
sollte, wahrend Sie fiir alle Leute reden - da wiirden wir natiirlich 
unendlich viel finden, was fiir Sie sprechen wiirde. Aber ich frage Sie 
nach den Tatsachen: Gehen alle Leute heute noch zu Ihnen in die 
Kirche herein, fiir die Sie glauben, zu ihnen sprechen zu konnen? - 
Sehen Sie, das ist die Tatsache.» Da konnten sie natiirlich nicht sagen, 
daft alle Leute heute noch zu ihnen in die Kirche gehen! «Sehen Sie», 
sagte ich ihnen, «und ich rechne mit den Tatsachen, ich rede fiir die- 
jenigen, die heraus bleiben, die aber auch ein Recht haben, zu dem 
Christus gefiihrt zu werden. Fiir die rede ich. Ich sehe, dafi da Men- 
schen sind, die die Sache so und so horen wollen. Das ist eine Tatsache, 
und auf die Tatsache kommt es an, auf die subjektiven Meinungen 
kommt es gar nicht an.» 

Das ist vor alien Dingen gesund, dafi man lernt, von der Wirklich- 
keit sich die Ansicht zu bilden, nicht aus sein em Subjektiven heraus, 
denn nichts ist gefahrlicher, als gerade im Zeitalter der Bewufitseins- 
seele sich Subjektivitaten hinzugeben, mit Vorliebe hinzugeben. Damit 
wir die BewujRtseinsseele entwickeln, diirf en wir nicht im Unbewufiten 
Dogmatiker werden, sondern wir miissen alles das, was wir zu Trieb- 



federn unseres Handelns und Denkens machen, uns von der Tatsachen- 
welt diktieren lassen. Darauf kommt es gerade an. Und darin besteht 
ein wesentlicher Kampf in der neueren Zeit unter der Oberflache des 
geschichtlichen Werdens, ein wesentlicher Kampf zwischen dem An- 
nehmen dessen, was man fur richtig halt, und dem Diktat der Tat- 
sachen. Und bei der Geschichtsbetrachtung wird das ganz besonders 
wichtig. Denn man wird niemals die Geschichte richtig betrachten, 
wenn man sie nicht zu gleicher Zeit als die grofie wirkliche Lehrmeiste- 
rin kennenlernt. Dann darf man aber nicht die Tatsachen, so wie man 
sie will, hineintragen in die Geschichte, sondern dann mufi man wirk- 
lich die Geschichte sprechen lassen konnen. In den letzten vier Jahren 
wurde iiber die ganze Welt hin gerade mit Bezug auf dieses Sprechen- 
lassen der Geschichte unendlich viel verlernt. Es spricht sozusagen 
kaum leicht noch die Tatsache irgendwie, sondern dasjenige, was man 
fur die Tatsache halt. Nun, es wird noch lange so sein, dafi man nicht 
lernen wird, die Tatsachen sprechen zu lassen, aber ebenso lange wird 
man auch noch nicht bei derjenigen Kraft angelangt sein, die die 
Menschheit wirklich hinausfuhrt zu einem unbefangenen Auffassen der 
Wirklichkeit. Und auf ein unbefangenes Auffassen der Wirklichkeit 
und auf das Erringen einer unbefangenen Stellung zur Wirklichkeit 
kommt es auf alien Gebieten des Lebens gerade im Zeitalter der Be- 
wufitseinsseele an. 

Was wird erfordert - wenn ich das noch anfugen darf wenn wir so 
aus den Symptomen der Geschichte allmahlich vordrmgen wollen - 
wir werden in den nachsten Vortragen weiter davon sprechen - zur 
Wirklichkeit? Es wird erfordert, dafi man gerade in diesem Zeitalter 
auf das hinschauen kann, was von der ubersinnlichen Welt her dem 
Menschen wieder Produktivitat gibt. Denn das Ersterben der Produk- 
tivitat haben wir als das Charakteristischeste in alien Erscheinungen 
hereinkommen sehen. Der Mensch mufi seine Sinne der ubersinnlichen 
Welt eroffnen, damit in sein Ich hereingeht dasjenige, was sein Geist- 
selbst vorbereitet, sonst wiirde er sich die Wege zum Geistselbst voll- 
standig abschneiden. Das bedeutet, dafi der Mensch Bekanntschaft 
machen mufi mit dem reinen Geistigen, mit dem, was gewissermafien 
nur in das Zentrum seines Seelischen hinein kann. Wird er einmal ge- 



neigt sein, in dieses Zentrum seines Seelischen durch eine vernunftige 
symptomatologische Geschichtsbetrachtung hineinzuschauen, dann wird 
er audi geneigt werden, dasjenige, was jetzt nicht Mittelpunkt, son- 
dern Peripherie ist, unbefangener zu betrachten. 

Der Mensch hat schon einmal diesen Gegensatz: Seelisches Zentrum 
und aufiere Peripherie. Indem er immer mehr seelisch-geistig in sich 
selbst eindringt, kommt er zum Zentrum. In diesem Zentrum mufi er 
aufnehmen diejenigen Impulse, die ich Ihnen als historische charakteri- 
siert habe. Da wird er nach Geistigerem und immer Geistigerem stre- 
ben, wenn er die geschichtliche Wirklichkeit kennenlernen will. Dafur 
wird er aber audi einen Sinn bekommen, an der Peripherie nach dem 
entgegengesetzten Pol zu streben. Er wird einen Sinn bekommen fur 
dasjenige, was nach der Peripherie dringt, sein Leibliches. Mufi die Ge- 
schichte den Weg flnden, den ich vorgezeichnet habe durch die Sym- 
ptomatologie nach dem Inneren zu, so mufi die Medizin zum Beispiel 
und die Hygiene und das Sanitatswesen den Weg finden zur Sympto- 
matologie nach auften. Geradesowenig, wie die neuere Geschichte an 
die Wirklichkeiten dringt, so wenig dringt die neuere Medizin, das 
neuere Sanitatswesen, die neuere Hygiene zu den Symptomen nach 
aufien durch. Und ich habe es immer wieder betont: Der einzelne kann 
dem einzelnen nicht helfen, und wenn er noch so griindlich die Dinge 
durchschaute, weil es sich darum handelt, da$ heute gerade diese Dinge 
in den Handen derjenigen sind, die nach der falschen Richtung hin 
ziehen. Es mulS wirklich in die Verantwortung derjenigen gegeben 
werden, die nach der richtigen Richtung hin ziehen. Gewiift, die aufie- 
ren Tatsachen sind ebenso wahr, wie wahr ist, nun ja, dafi schliefilich 
Jakob I. so oder so ausgesehen hat, wie ich Ihnen das charakterisiert 
habe; so sind naturlich auch die aufieren Tatsachen wahr, dafi die oder 
jene Bazillenart etwas zu tun hat, sagen wir, mit der Grippe, die jetzt 
so verbreitet ist. Aber wenn es wahr ist, dafi zum Beispiel fur die Ver- 
breitung einer gewissen epidemischen Krankheit die Ratten Krank- 
heitstrager sind - ich will jetzt nur den Gedanken nehmen -, so kann 
man doch nicht sagen, daft von den Ratten diese Krankheit kommt, 
sondern man hat sich immer vorgestellt, dafi die Ratten diese Krank- 
heit verbreiten. An sich haben naturlich die Bazillen mit alledem, was 



die Krankheit ist, in Wirklichkeit nichts zu tun. Dasjenige, um was es 
sich bei soldien Dingen handelt, das ist, dafi geradeso, wie wir es hinter 
den Symptomen der Geschichte mit geistig-seelischen Ereignissen zu 
tun haben, so haben wir es hinter den Symptomen der aufieren Korper- 
lichkeit mit kosmologischen Ereignissen zu tun bei einer solchen Er- 
scheinung. Bei anderen naturlich ist wieder anderes der Fall, nicht 
wahr. Was besonders wichtig ist in einem solchen Falle, ist der rhyth- 
mische Gang der kosmischen Ereignisse. Der mufi studiert werden. Es 
mufi gefragt werden: In welcher kosmischen Konstellation lebten wir, 
als in den achtziger Jahren die heutige Grippe in der milderen Form 
der Influenza auftrat? In welcher Konstellation kosmischer Natur 
leben wir jetzt? Wie vollzieht sich der kosmische Rhythmus, da die 
damalige Influenza in der etwas harteren Form der Grippe auftritt? - 
So wie Rhythmus gesucht werden mufi hinter der historischen Sym- 
ptomenreihe, so raufi ein gewisser Rhythmus gesucht werden hinter 
dem Auftreten gewisser epidemischer Krankheiten. 

Es gibt Gegenden der Erde, Sie brauchen nur einen Papierfetzen an- 
zuziinden und von der Erde kommen alle moglichen Dampfe herauf; 
es sind die Solfatare-Gegenden in Italien. Das beweist Ihnen, daft Sie 
etwas iiber der Erde vollziehen konnen, und die Erde sendet Ihnen im 
Zusammenhang der Naturwirkungen diese Dinge herauf. Ja, halten 
Sie es fur unmoglich, daft an der Sonne etwas geschieht - da doch die 
Sonnenstrahlen jeden Tag zur Erde fallen -, was eine Bedeutung hat 
fur dasjenige, was aus der Erde aufsteigt und mit dem Leben des Men- 
schen im Zusammenhange stent, und daft das wiederum sich verschie- 
den konfiguriert, je nach den verschiedenen Gegenden der Erde? Glau- 
ben Sie denn, daft man wirklich iiber diese Dinge etwas erkennen 
wird, bevor man sich herbeilaftt, durch eine geistig-seelische Erkenntnis 
zu einer richtigen Kosmologie iiberzugehen? Gewift, man hat es als 
eine Narrheit aufgef aftt - in dieser Weise ist es eine Narrheit -, daft die 
Leute gesagt haben: Mit den Sonnenfleckenperioden hangt die Neigung 
der Menschen zu Kriegen zusammen. - Aber es gibt einen Punkt, wo 
selbst das nicht mehr eine reine Narrheit ist, wo das Auftreten gewisser 
pathologischer Impulse im Temperamentenleben selbst zusammenhangt 
mit solchen kosmologischen Erscheinungen wie den rhythmisch auf- 



tretenden Sonnenfleckenperioden. Und wenn dann diese kleine Gesell- 
schaft, diese winzigen Herrschaften - Bazillen, Ratten dasjenige, was 
einen kosmologischen Zusammenhang hat, wirklich von einem Men- 
schen zum anderen tragen, dann ist das nur etwas Sekundares, das 
leicht bewiesen werden kann, das selbstverstandlich dadurch ein gropes 
Publikum findet; aber die Hauptsache ist es nicht. Und vor alien Din- 
gen, hinter die Hauptsache kommt man nicht, wenn man nicht den 
Willen hat, wirklich auch die Peripheriesymptome zu studieren. 

Daher glaube ich nicht, da$ die Menschen verniinftigere Anschau- 
ungen iiber die Geschichte bekommen werden, wenn sie nicht geschicht- 
Hche Symptomatologie mit dem Hintergrunde der iibersinnlichen Er- 
kenntms, wie es so notwendig ist fur die moderne Menschheit, treiben, 
sondern ich mufi sagen: Die Menschen werden auch dadurch erst auf 
dem Gebiete des Sanitatswesens, der Hygiene, der Medizin zu etwas 
kommen, wenn sie auf diesem Gebiete nunmehr eine kosmologische, 
nicht eine historische, aber eine kosmologische Symptomatologie trei- 
ben. Denn dasjenige, was auf der Erde als Krankheiten lebt, das wird 
uns vom Himmel heruntergeschickt. - Nur mufi man natiirlich dann 
nicht in dem Vorurteil leben, in dem die moderne Menschheit lebt. 
Diese moderne Menschheit hat es sich sehr bequem gemacht: Ein Gott 
lebt iiberall. - Nun ja, dann ist sie nur nicht in der Lage, diese moderne 
Menschheit, indem sie den Gott in der Geschichte anerkennt, auch alle 
moglichen retardierenden und schadlichen Vorgange in der Geschichte 
zu erklaren. Und wenn solche Jahre eintreten wie die letzten vier, 
dann wird diese Sache mit dem Gott in der Geschichte, mit dem Einheits- 
gott in der Geschichte, wirklich recht, recht stark sengerig, denn dann 
bekommt dieser Gott in der Geschichte einen sonderbaren Trieb nach 
Vermehrung, und ein jeder verteidigt dann auf seinem Terrain seinen 
Gott in der Geschichte, argert den anderen damit. Und erst, wenn man 
zur Kosmologie iibergehen soil und zugleich bei dem bequemen Ein- 
heitsgotte bleibt, dann schickt dieser Gott die Krankheiten! Aber wenn 
man zu der Trinitat aufzusteigen weifi: Gott, Luzifer, Ahriman, wenn 
man diese Trinitat weift in dem Obersinnlichen hinter den historischen 
Betrachtungen, hinter den historischen Symptomen, wenn man diese 
Trinitat weifi draulkn im kosmischen Weltall, dann hat man nicht 



notig, auf den guten Gott sich zu berufen, wenn man sagt: Die Krank- 
heiten sendet uns der Himmel, indem er mit der Erde zusammen- 
wirkt, - so wie idi nur durch ein Blatt Papier auf einem Schwef elboden 
Schwef eldampfe in die Hohe bringe. Erst dann aber kann mit der 
Wahrheit geholfen werden, wenn die Menschen die Wahrheit aner- 
kennen im Zeitalter der Bewufitseinsseele. Daher kommt alles doch 
auf das eine an: die Wahrheit zu suchen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornadi, 25. Oktober 1918 



Bevor ich zu anderem ubergehe, mufi ich. nodi sprechen von gewissen 
umfassenderen Gedanken, die sich ergeben aus dem, was wir iiber die 
neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung betrachtet haben. Wir 
haben versucht, diese neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung 
ins Auge zu fassen vom Gesichtspunkte einer Symptomatologie, das 
heifit, wir haben entschieden den Versuch unternommen, dasjenige, 
was man gewohnhch historische Tatsachen nennt, nicht als das zu be- 
trachten, was das Wesentliche in der geschichtlichen Wirklichkeit ist, 
sondern diese historischen Tatsachen so hinzustellen, dafi sie bildhafte 
OfFenbarungen desjenigen darstellen, was eigentlich hinter ihnen als 
die wahre Wirklichkeit liegt. Diese wahre Wirklichkeit ist damit wenig- 
stens auf dem Gebiete des geschichtlichen Werdens der Menschheit her- 
ausgehoben aus dem, was blofi aufierlich in der sinnenfalligen Welt 
wahrgenommen werden kann. Denn das, was aufierlich in der sinnen- 
falligen Welt wahrgenommen werden kann, das sind eben die soge- 
nannten historischen Tatsachen. Und erkennt man die sogenannten 
historischen Tatsachen nicht als die wahre Wirklichkeit an, sondern 
sucht in ihnen als in Symptomen von der wahren Wirklichkeit OfFen- 
barungen eines hinter ihnen Stehenden, dann kommt man ganz selbst- 
verstandlich zu einem iibersinnlichen Elemente. 

Es ist im ganzen gerade bei der Betrachtung der Geschichte vielleicht 
nicht so leicht, vom Obersinnlichen in seinem wahren Charakter zu 
sprechen, weil viele glauben, wenn sie irgendwelche Gedanken oder 
Ideen in der Geschichte flnden, oder einfach wenn sie geschichtliche Er- 
eignisse notifizieren, dann hatten sie schon etwas Ubersinnliches. Wir 
miissen uns ganz klar sein dariiber, dafi wir zum Ubersinnlichen iiber- 
haupt nicht rechnen konnen, was uns, sei es fur die Sinne, sei es fur den 
Verstand, sei es fur das Empfindungsvermogen, innerhalb der sinnen- 
falligen Welt entgegentritt. Daher mufi uns alles, was eigentlich im 
gewohnlichen Sinne als Geschichte erzahlt wird, zum Sinnenfalligen 
gehoren. Man wird natiirlich, wenn man so historisch Symptomato- 



logie treibt, die Symptome nicht immer gleicliwertig nehmen diirfen, 
sondern man wird aus der Betrachtung selbst erkennen, daft das eine 
Symptom von ganz besonderer Wichtigkeit ist, urn hinter die Ereig- 
nisse auf die Wirklichkeit zu kommen; andere Symptome sind vielleicht 
ganz bedeutungslos, wenn man den Weg einschlagen will in die wahre 
iibersinnliche Wirklichkeit. 

Nun, ich mochte, nachdem ich Ihnen eine grofiere Anzahl von mehr 
oder weniger wichtigen Symptomen aus jenem Zeitraume aufgezahlt 
habe, der seit dem Eintritt der Menschheit in die Bewufitseinsseelen- 
kultur verflossen ist, jetzt versuchen, Ihnen nach und nach einiges zu 
charakterisieren von dem dahinterstehenden Ubersinnlichen. Einiges 
haben wir ja schon charakterisiert. Denn natiirlich, ein wesentlicher 
Grundzug, der im t)bersinnlichen pulsiert, ist ja das Eintreten der 
Menschheit in die Bewufkseinsseelenkultur selbst, das heifk das An- 
eignen der Organe fiir die Entwickelung der Bewufitseinsseele. Das 
ist das Wesentliche. Aber wir haben schon neulich erkannt, dafi ge- 
wissermafien der andere Pol, die Erganzung zu diesem innerlichen 
Erarbeiten der Bewufkseinsseele, sein mufi die Hinneigung zu einer 
Offenbarung aus der geistig-ubersinnlichen Welt heraus. Diese Ge- 
sinnung mufi die Menschen durchdringen, dafi sie fortan nicht werden 
weiterkommen konnen, ohne der neuen Art von Offenbarung der uber- 
smnlichen Welt entgegenzugehen. 

Diese zwei Pole der Menschheitsentwickelung mussen wir zunachst 
sehen, Sie sind bis zu einem gewissen Grade schon heraufgekommen 
in den Jahrhunderten seit 1413, seit die Menschheit in das Bewufkseins- 
zeitalter eingetreten ist. Sie werden sich als zwei machtige Impulse 
weiterentwickeln mussen, werden in den verschiedenen Epochen bis 
ins vierte Jahrtausend die verschiedensten Formen annehmen, werden 
iiber die Menschen die mannigfaltigsten Schicksale bringen. Das alles 
wird sich nach und nach fiir die einzelnen Menschenseelen eben ent- 
hiillen. Aber gerade mit dem Hinblick auf die beiden Impulse werden 
wir dann belehrt dariiber, wie Wesentliches verlaufen ist seit diesem 
15. Jahrhundert. Und wir konnen sagen: Man ist heute schon imstande, 
darauf aufmerksam zu machen, wie Wesentliches verlaufen ist. Sehen 
Sie, im 18. Jahrhundert zum Beispiel, audi im Beginne des 19.Jahr- 



hunderts, ware es nodi nicht moglich gewesen, strikte aus aufieren Er- 
scheinungen auf die Wirksamkeit der beiden genannten Impulse hinzu- 
deuten. Sie waren noch nicht lange genug wirksam, urn sich intensiv 
genug zu zeigen. Sie sind nun intensiv genug wirksam gewesen, um 
sich auch schon in den au&erlichen Erscheinungen zu zeigen. 

Eine wesentliche Tatsache, die heute schon signifikant hervortritt, 
wollen wir zunachst einmal vor unsere Seele hinstellen. Man kann 
sagen: Wenn friihere Erscheinungen nur fiir den mehr oder weniger 
Eingeweihten das sichtbar machten, was ich jetzt meine - die russische 
Revolution in ihrer letzten Phase, namentlich vom Oktober 1917 bis 
zu den sogenannten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, diese 
ungeheuer interessante Entwickelung, die ja iibersichtlich ist, weil sie 
nur durch wenige Monate lauft, sie hat fiir denjenigen, der nun wirk- 
lich ernsthaftig aus den geschichtlichen Symptomen lernen will - denn 
auch diese Entwickelung ist selbstverstandlich nur ein geschichtliches 
Symptom -, eine ungeheuer grofie Bedeutung. Alles das, was da ge- 
schehen ist, ist ja zuletzt zusammengeflossen aus den Impulsen, von 
denen wir als den tieferen Impulsen der neuzeitlichen Entwickelung 
gesprochen haben. Man kann sagen, es handelt sich gerade bei dieser 
Revolution um neue Ideen. Denn um neue Ideen kann es sich heute 
nur handeln, wo man von wirkhcher Entwickelung der Menschheit 
spricht. Alles andere unterliegt, wie wir spater noch horen werden 
und neulich schon andeuteten, gewissermaften den Todessymptomen. 
Um das Wirksammachen neuer Ideen handelt es sich. Diese neuen 
Ideen - Sie werden das ja entnehmen konnen aus den mancherlei Aus- 
fuhrungen, die ich gerade iiber dieses Thema im Laufe von jetzt schon 
Jahrzehnten gemacht habe — mussen in die ganze breite Bevolkerung 
der osteuropaischen Bauernschaft einfliefien konnen. Selbstverstand- 
lich hat man es da mit einem seelisch wesentlich passiven Elemente zu 
tun, aber mit einem Elemente, das aufnahmefahig ist gerade fiir Mo- 
dernstes, aus dem einfachen Grunde, weil, wie Sie ja wissen, in diesem 
Volkselemente der Keim liegt zur Entwickelung des Geistselbstes. 
Wahrend die andere Bevolkerung der Erde im wesentlichen den Impuls 
zur Entwickelung der Bewufitseinsseele in sich tragt, tragt die breite 
Masse der russischen Bevolkerung, mit einigen Anhangseln noch, den 



Keim in sich fur die Entwickelung des Geistselbstes im sechsten nach- 
atlantischen Kulturzeitraum. Das bedingt natiirlich ganz besondere 
Verhaltnisse. Aber fur dasjenige, was wir jetzt betrachten wollen, ist 
es weiter nichts als eben significant. 

Nun, nicht wahr, die Idee, die mehr oder weniger richtig, oder mehr 
oder weniger unrichtig, oder ganz unrichtig, aber als moderne Idee, 
als Idee von noch nicht Dagewesenem einfliefien sollte in diese breite 
Masse der Bevolkerung, konnte nur kommen von denjenigen, die Ge- 
legenheit haben imLeben, Ideen aufzunehmen, von fiihrenden Klassen. 

Nachdem der Zarismus gestiirzt war, sah man zuerst aufkommen 
ein Element, das im wesentlichen zusammenhangt mit einer vollig 
unfruchtbaren Klasse, mit der Grofibourgeoisie - weiter westlidi nennt 
man sie Schwerindustrie und so weiter -, mit einer vollig unfruchtbaren 
Klasse. Das konnte nur eine Episode sein. Das war ja selbstverstand- 
lich, dafi das nur eine Episode sein konnte. Von der braucht man eigent- 
lich im Grunde wirklich nicht zu reden, denn dasjenige, was aus dieser 
Klasse hervorgeht, das hat ja selbstverstandlich, mochte ich sagen, keine 
Ideen, es kann keine haben, als Klasse selbstverstandlich. Ich rede nie, 
wenn ich von diesen Dingen spreche, von den einzelnen menschlichen 
Personlichkeiten oder Individuen. 

Nun waren, nach links stehend, zunachst diejenigen Elemente, die 
aufgestiegen waren aus dem Biirgertum, mehr oder weniger vermischt 
mit arbeitenden Elementen. Es war die fiihrende Bevolkerung der so- 
genannten Sozialrevolutionare, zu denen sich audi die Menschewiki 
nach und nach geschlagen haben. Es sind diejenigen Menschen, die im 
wesentlichen, rein aufierlich nach ihrer Zahl gerechnet, sehr leicht eine 
fiihrende Rolle hatten spielen konnen innerhalb der weiteren Entwicke- 
lung der russischen Revolution. Sie wissen, es ist nicht so gekommen. 
Es sind die radikalen, nach links stehenden Elemente an die Fiihrung 
gekommen. Und als sie an die Fiihrung gekommen waren, da waren 
die Sozialrevolutionare, die Menschewiki und ihre Gesinnungsgenos- 
sen im Westen, selbstverstandlich davon iiberzeugt, dafi die ganze 
Herrlichkeit nur acht Tage dauern werde, dann werde alles kaputt 
gehen. Nun, es dauert jetzt schon langer als acht Tage, und Sie konnen 
ganz sicher iiberzeugt sein, meine Heben Freunde: Wenn manche Pro- 



pheten schlechte Propheten sind - diejenigen Mensdien, die heute 
historisdie Vorgange prophezeien aus den alten Weltanschauungen 
gewisser Mittelklassen heraus, sind ganz gewifi die sdileditesten Pro- 
pheten! - Nun, was Hegt da eigentlich zugrunde? Physikalisdi ge- 
sprochen mochte ich sagen: Dieses Problem der russischen Revolution 
vom Oktober, durch die nachsten Monate hindurch und bis heute, ist 
keinDruckproblem, physikalisch gesprochen, sondern ein Saugproblem. 
Und das ist wichtig, dafi man das wirklich den historischen Symptomen 
entnehmen kann, dafi es sich nicht um ein Druckproblem, sondern um 
ein Saugproblem handelt. Was meint man mit einem Saugproblem? 
Sie wissen ja (es wird gezeichnet), wenn man hier den Rezipienten einer 
Luftpumpe hat, die Luft herausgesaugt und im Rezipienten einen luft- 
leeren Raum geschaffen hat und ofTnet den Stopsel, so stromt pfeifend 
die Luft ein. Sie stromt ein, nicht weil die Luft dort hineinwill durch 
sich selber, sondern weil ein leerer Raum geschaffen ist. In diesen luft- 
leeren Raum stromt die Luft ein. Sie pf eift hinein, wo ein luftleerer 
Raum ist. 

So war es audi mit Bezug auf diejenigen Elemente, die gewisser- 
mafien in der Mitte standen zwischen der Bauernschaft und den Sozial- 
revolutionaren, den Menschewiki, und eben den weiter nach links 
stehenden, den radikalen Elementen, den Bolschewiki. Was ist denn 
eigentlich da geschehen? Nun, was geschehen ist, war das, dafi die so- 
zialrevolutionaren Menschewiki absolut ideenlos waren. Sie waren in 
der iiberwiegenden Mehrzahl, aber sie waren absolut ideenlos; sie 
hatten gar nichts zu sagen, was geschehen soil mit der Menschheit 
gegen die Zukunft hin. Sie hatten zwar allerlei ethische und sonstige 
Sentimentalitaten im Kopfe, aber mit ethischen Sentimentalitaten, wie 
ich Ihnen ofter auseinandergesetzt habe, kann man nicht die wirk- 
lichen Impulse, welche die Menschheit weiter treiben konnen, finden. 
So ist ein luftleerer Raum, das heilk ideenleerer Raum entstanden, 
und da pfiff selbstverstandlich dasjenige, was weiter nach links radikal 
steht, hinein. Man darf nicht glauben, dafi es gewissermafien durch ihr 
eigenes Wesen den radikalsten sozialistischen Elementen in Rufiland, 
die wenig mit Rufiland selbst zu tun haben, vorgezeichnet war, da 
besonders Fufi zu fassen. Sie hatten es nie gekonnt, wenn die Sozial- 



revolutionare und andere mit ihnen Verbundene - es gibt ja die ver- 
schiedensten Gruppen - irgendwelche Ideen gehabt hatten, urn Fiih- 
rende zu werden. Allerdings konnenSie fragen: Welche Ideen hatten sie 
denn haben sollen? - Und da kann nur derjenige eine fruchtbringende 
Antwort heute finden, der nicht mehr erschrickt und auch nicht mehr 
feige wird, wenn man ihm sagt: Es gibt fiir diese Schichten keine an- 
deren fruchtbaren Ideen als diejenigen, welche aus den geisteswissen- 
schaftlichen Ergebmssen kommen. Es gibt keine andere Hilfe. 

Aber dasWesentliche ist schliefilich - gewiiS, dieLeute sind mehr oder 
weniger radikal geworden und werden es heute verleugnen, dafi sie aus 
dem alten Burgertum hervorgegangen sind, viele wenigstens, aber sie 
sind es doch — , das Wesentlichste ist, dai$ diejenige Schichte der Bevol- 
kerung, aus welcher diese Leute, die denRaum luftleer, das heilk ideen- 
leer gemacht haben, bis jetzt, im Zeitalter der Bewufitseinsseelenent- 
wickelung, eben absolut nicht dazu zu bringen war, irgendwelche Ideen 
zu haben. Dies ist nun naturlich nicht blofi in Rufiland der Fall, son- 
dern diese russische Revolution in einer letzten, vorlaufig letzten Phase 
kann es eben nur fiir den, der die Sache studieren will, mit ganz beson- 
derer Deutlichkeit zeigen: Sie sehen Tag fiir Tag, wie diese Leute, die 
den Raum luftleer machen, zuriickgedrangt werden, und wie die an- 
deren hineinpfeifen, das heilk, sich an ihre Stelle setzen. Aber diese 
Erscheinung, sie ist heute iiber die ganze Welt verbreitet. Sie ist durch- 
aus iiber die ganze "Welt heute verbreitet. Denn das ist das Wesentliche, 
dafi diejenige Schichte der Bevolkerung, die gewissermafien heute zwi- 
schen rechts und links steht, sich seit langer Zeit ablehnend verhalten 
hat, wenn es sich darum handelte, eine fruchtbare Weltanschauung 
irgendwie anzustreben. Eine fruchtbare Weltanschauung kann in unse- 
rem Zeitalter der Bewufitseinsseelenentwickelung nicht anders sein 
als eine solche, die auch Impulse gibt fiir das Zusammenleben der 
Menschen. 

Ja, das war es, was von allem Anfange an unsere geisteswissenschaft- 
licheBewegung durchpulste: nicht sollte sie nur irgendeine sektiererische 
Bewegung sein, sondern angestrebt wurde, dafi sie wirklich mit dem 
Impulse unserer Zeit, mit all dem, was der Menschheit in unserer Zeit 
nach alien Richtungen hin wichtig und wesentlich ist, rechnet. Das 



wurde immer mehr angestrebt. Das ist allerdings dasjenige, was man 
heute am schwersten den Menschen zum Verstandnis bringen kann, aus 
dem einfachen Grunde, weil ja doch immer wieder und wiederum - 
selbstverstandlich nicht bei alien, sondern bei vielen - die Gesinnung 
durchschlagt, dafi sie audi in dem, was sie Anthroposophie nennen, 
doch nichts anderes haben wollen als so ein bifichen bessere Sonntag- 
naclimittagspredigt fiir dasjenige, was man so zu seiner privat-person- 
lichen Erbauung braucht, was man aber fernhalt von all den ernst- 
haften Angelegenheiten, die man abmacht im Parlament, im Bundesrat 
oder in der oder jener Korperschaft, oder audi nur am Biertisch. Daft 
wirklich alles Leben durchdrungen werden muft mit Ideen, die nur aus 
dem Geisteswissenschaftlichen heraus geholt werden konnen, das ist 
es, was eben eingesehen werden mufi. 

Der Interesselosigkeit dieser Schichte der Bevolkerung stand und 
stent audi noch heute das rege Interesse des Proletariats entgegen. 
Dieses Proletariat hat natiirlich, einfach durch die geschichtliche Ent- 
wickelung der neueren Zeit, nicht die Moglichkeit, iiber das blofS 
Sinnenfallige hinauszudringen. So kennt es nur sinnenfallige Impulse 
und will nur sinnenfallige Impulse in die Menschheitsentwickelung 
einfiihren. Aber wahrend dasjenige, was die burgerliche Bevolkerung, 
wenn wir so sagen diirfen, oftmals ihre Weltanschauung nennt, nur 
Worte, Phrasen oftmals sind - meistens sind, weil sie eigentlich nicht 
gehegt sind vom unmittelbaren Leben der Gegenwart, sondern weil 
sie heraufgebracht, iiberkommen sind aus alteren Zeiten, wahrend die 
burgerliche Bevolkerung in der Phrase lebt, lebt das Proletariat, weil 
es in einem wirklich neuen wirtschaftlichen Impuls drinnensteht, in 
Realitaten, aber nur in Realitaten sinnenf alliger Natur. 

Hier haben wir einen bedeutsamen Angelpunkt. Sehen Sie, das 
Leben der Menschheit hat sich schon seit wenigen Jahrhunderten ganz 
wesentlich geandert. Seit wenigen Jahrhunderten sind wir innerhalb 
dieses Zeitalters der Bewulkseinsseele ins Maschinenzeitalter eingetre- 
ten. Die burgerliche Bevolkerung und was iiber ihr ist wurde wenig 
beriihrt in ihren Lebensverhaltnissen von diesem Eintritt ins Ma- 
schinenzeitalter. Denn was die burgerliche Bevolkerung an besonders 
grofien neuen Impulsen in der letzten Zeit aufgenommen hat, das liegt 



ja schon vor dem eigentlichen Maschinenzeitalter - Einfiihrung des 
Kaffees und so weiter fiir den Kaffeeklatsch — , und dasjenige, was die 
biirgerliche Bevolkerung an neuen Bankusancen und dergleiclien ge- 
bracht hat, das ist so wenig angeraessen den neuzeitlichen Impulsen wie 
nur irgend denkbar. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Kompli- 
kation der ururaltesten Usancen, die man im kaufmannischen Leben 
gehabt hat. 

Diejenige Kaste oder Klasse der Menschen dagegen, die wirklich 
von einem neuzeitlichen Impulse aufierlich im sinnenfalligen Leben 
unmittelbar ergriffen ist, die gewissermafien durch die neuzeitlichen 
Impulse selber erst geschafFen ist, das ist das neuzeitliche Proletariat. 
Seit der Erfmdung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls 
im 18. Jahrhundert ist die gesamteVolkswirtschaft der Menschheit um- 
gewandelt, und es ist im wesentlichen erst durch diese Impulse des 
mechanischen Webstuhls und der Spinnmaschine das moderne Prole- 
tariat entstanden. Das ist also ein Geschopf der neuen Zeit, und das 
ist das Wesentliche. Der Burger ist kein Geschopf der neuen Zeit, aber 
der Proletarier ist ein Geschopf der neuen Zeit. Denn dasjenige, was 
friiher vorhanden war und verglichen werden konnte mit dem Prole- 
tariat der neuen Zeit, es war nicht ein Proletariat, es war irgendein 
Mitglied der alten patriarchalischen Ordnung, und die ist grundver- 
schieden von dem, was die Ordnung im Maschinenzeitalter ist. Aber 
damit war der Proletarier eben auch hineingestellt in dasjenige, was 
ganz von der lebendigen Natur herausgerissen ist: in das rein Mecha- 
nische. Er war ganz auf das sinnenfallige Tun gestellt, aber er durstete 
nach einer Weltanschauung, und er versuchte die ganze Welt sich so zu 
konstruieren, wie das konstruiert war, in dem er mit seinem Leib und 
mit seiner Seele drinnenstand. Denn die Menschen sehen schliefilich im 
Weltengebaude dasjenige zuerst, in dem sie selber drinnenstehen. Nicht 
wahr, der Theologe und das Militar, sie gehoren zusammen, wie ich 
Ihnen neulich angedeutet habe. Der Theologe und das Militar, sie sehen 
in vieler Beziehung im Weltengebaude Kampf, Kampf der guten und 
der bosen Machte und so weiter, ohne weiter auf die Dinge einzugehen. 
Der Jurist und der Beamte — sie gehoren wieder zusammen — und der 
Metaphysiker, sie sehen im Weltengebaude eine Realisierung abstrak- 



ter Ideen. Und kein Wunder, der moderne Proletarier sieht im Welten- 
gebaude eine grofie Masdiine, in die er selbst hineingestellt ist. Und so 
will er audi die soziale Ordnung gestalten als eine grofie Maschine. 

Aber es war doch eben ein gewaltiger Unterschied und ist heute nodi 
ein gewaltiger Unterschied zum Beispiel zwischen dem modernen 
Proletarier und dem modernen Burger, dem modernen Bourgeois- 
Leben. Von dem versinkenden Stande braucht man ja nicht zu reden. 
Es ist doch ein betrachtlicher Unterschied, dafi der moderne Bourgeois 
eben gar kein Interesse an irgendwelchen tiefergehenden Weltanschau- 
ungsfragen hat, wahrend der Proletarier ein brennendes Interesse fur 
Weltanschauungsfragen hat. Nicht wahr, der moderne Bourgeois dis- 
kutiert allerdings in zahlreichen Versammlungen, diskutiert mit Wor- 
ten zumeist. Der Proletarier diskutiert iiber dasjenige, in dem er leben- 
dig drinnensteht, uber dasjenige, was taglich die Maschinenkultur 
erzeugt. Man hat sogleich, wenn man heute aus einer biirgerlichen 
Versammlung in eine proletarische Versammlung gent, folgendes Ge- 
fiihl: In der biirgerlichen Versammlung, da wird diskutiert, wie schon 
es ware, wenn die Menschen Frieden hielten, wenn sie alle Pazifisten 
waren zum Beispiel, oder wie schon irgend etwas anderes ware. Aber 
das alles ist Dialektik von Worten zumeist, allerdings mit etwas Sen- 
timentalitat durchspickt, aber nicht ergriffen von dem Impuls, wirklich 
ins Weltengebaude hineinzuschauen, dasjenige, was man will, aus den 
Geheimnissen des Weltengebaudes heraus zu realisieren. Gehen Sie 
dann in die proletarische Versammlung, so merken Sie: Die Leute 
reden von Wirklichkeiten, wenn das audi die Wirklichkeiten des physi- 
schen Planes sind. Die Leute kennen Geschichte, das heifit, ihre Ge- 
schichte; sie kennen genau die Geschichte, an den Fingern konnen sie es 
herzahlen, von der Erfmdung des mechanischen Webstuhles und der 
Spinnmaschine an. Das wird jedem eingeblaut, was da angefangen 
hat, was sich da entwickelt hat, wie das Proletariat zu dem geworden 
ist, was es heute ist. Wie das geworden ist, das weifi jeder am Schnur- 
chen, der nur einigermafien nicht stumpfsinnig ist, sondern teilnimmt 
am Leben - und das sind ja nur wenige, es ist wenig Stumpfsinn eigent- 
lich gerade in dieser Klasse von Bevolkerung. 

Man konnte viele, viele charakteristische Momente aufzahlen fur die 



Stumpfheit gegeniiber Weltanschauungsfragen bei der heutigen Mittel- 
schichtsbevolkerung. Man braucht sich. nur daran zu erinnern, wie sich 
die Leute verhalten, wenn einmal ein Diditer - derjenige, der nicht ein 
Diditer ist, darf es schon gar nicht tun, denn dann wird er ein Phan- 
tast genannt oder dergleichen — , wenn irgendein Diditer Gestalten aus 
der Ubersinnlichen Welt meinetwegen auf die Biihne bringt oder sonst- 
wo hinbringt. Da lassen es sich die Leute so halb und halb gef alien, 
weil sie nicht daran zu glauben brauchen, weil sie kein Hauch der 
Wirklichkeit anweht, weil sie sich sagen konnen: Es ist blofi Dich- 
tung! - Dieses ist so geworden im Lauf der Entwickelung des Bewufit- 
seinsseelenzeitalters. So ist es, mochte ich sagen, die Sache raumlich be- 
trachtet, dafi sich herausgebildet hat eine Menschenklasse, die, wenn sie 
sich nicht besinnt, Gefahr laufl, immer mehr und mehr vollstandig in 
die Phrase hineinzulaufen. Aber man kann dieselbe Sache audi zeitlich 
betrachten, und auf gewisse wichtige Zeitpunkte habe ich ja wiederholt 
hingewiesen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. 

Sehen Sie, von diesem Zeitraum des Bewufitseinszeitalters, der 1413 
approximativ begonnen hat, war in den vierziger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts, ungefahr um das Jahr 1840 oder 45 herum, das erste Fiinftel 
abgelaufen. Das war ein wichtiger Zeitpunkt, diese vierziger Jahre, 
denn in diesem Zeitpunkte war gewissermafien vorgesehen durch die 
die Weltenentwickelung impulsierenden Machte eine Art von bedeut- 
samer Krisis. Aufien, im aufieren Leben, kam diese Krisis im wesent- 
lichen dadurch zum Vorschein, dafi die sogenannten liberalen Ideen 
der Neuzeit gerade in diesen Jahren ihre Bliite entwickelten. In den 
vierziger Jahren hatte es den Anschein, als ob auch in die aufiere politi- 
sche Welt der zivilisierten Menschheit der Impuls des Bewulkseins- 
zeitalters in Form von politischen Anschauungen hineinsturmen konnte. 
Zwei Dinge fielen zusammen in diesen vierziger Jahren. Das Prole- 
tariat war noch nicht vollstandig seiner historischen Grundlage ent- 
bunden, es existierte noch nicht mit vollem Selbstbewufitsein. Das 
Proletariat war erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts reif, 
bewulk einzutreten in die geschichtliche Entwickelung. Was vorher 
lag, ist nicht im modernen Sinne des Wortes proletarisches Bewulksein. 
Die soziale Frage war naturlich fruher da. Aber nicht einmal, dal$ die 



soziale Frage da ist, haben die Leute der Mittelschichte bemerkt. Ein 
osterreichischer Minister, der eine grofie Beruhmtheit erlangt hat, hat 
ja den beruhmten Ausspruch noch Ende der sechziger Jahre getan: Die 
soziale Frage hort bei Bodenbach auf . - Bodenbach liegt, wie Sie viel- 
leicht wissen, an der Grenze zwischen Sachsen und Bohmen. Das ist ein 
beriihmter Ausspruch eines burger lichen Ministers! 

Das proletarische Bewufitsein war also in den vierziger Jahren noch 
nicht da. Trager der politischen Zivilisation der damaligen Zeit war 
im wesentlichen das Burgertum, war im wesentlichen die Mittelschichte, 
von der ich eben gesprochen habe. Nun war das Eigentiimliche der 
Ideen, die dazumal in den vierziger Jahren hatten politisch werden 
konnen, ihre ganz intensive Abstraktheit. Sie alle kennen ja, ich hoffe, 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, was alles an - man nennt es 
revolutionaren Ideen, aber es war wirklich nur liberal - was dazumal 
in den vierziger Jahren an liberalen Ideen in die Menschheit einge- 
stromt ist und sich 1848 entladen hat. Sie kennen das und wissen ja 
wohl audi, dafi Trager dieser Ideen das Burgertum war, das ich Ihnen 
eben charakterisiert habe. Aber alle diese Ideen, die dazumal lebten, 
die so eindringen wollten in die geschichtliche Entwickelung der Mensch- 
heit, waren restlos intensiv abstrakte Ideen. Siewaren die allerabstrak- 
testen Ideen, manchmal blofie Worthulsen. Aber das schadete nichts, 
denn im Zeitalter der Bewulkseinsseele mufite man durch die Abstrakt- 
heit durch. Man mufite die leitenden Ideen der Menschheit einmal in 
dieser Abstraktheit fassen. 

Nun, der einzelne Mensch lernt nicht an einem Tag schreiben, nicht 
an einem Tag lesen, das wissen Sie, nicht wahr, von sich und anderen. 
Die Menschheit braucht audi eine gewisse Zeit, wenn sie mit irgend 
etwas eine Entwickelung durchmachen soli, sie braucht immer eine ge- 
wisse Zeit. Es war - wir werden auf diese Dinge noch genauer ein- 
gehen - der Menschheit Zeit gelassen bis zum Ende der siebziger Jahre. 
Wenn Sie 1845 nehmen, 33 Jahre dazurechnen, dann bekommen Sie 
1878; da erreichen sie ungefahr dasjenige Jahr, bis zu welchem der 
Menschheit Zeit gelassen war, sich hineinzufinden in die Realitat der 
Ideen der vierziger Jahre. Das ist in der historischen Entwickelung der 
neuzeitlichen Menschheit etwas aufierordentlich Wichtiges, dafi man 



diese Jahrzehnte ins Auge zu fassen vermag, die da liegen zwisdien 
den vierziger und den siebziger Jahren. Denn liber diese Jahrzehnte 
mufi sich der heutige Mensch vollig klarwerden. Er mufi sich klar- 
werden dariiber, daft in diesen Jahrzehnten, in den vierziger Jahren, 
begonnen hat, in abstrakter Form in die Menschenentwickelung einzu- 
flieften das, was man liberale Ideen nennt, und daft der Menschheit 
Zeit gelassen war bis zum Ende der siebziger Jahre, urn diese Ideen zu 
begreifen, diese Ideen an die Wirklichkeiten anzuhangen. 

Trager dieser Ideen war das Bourgeoistum. Aber das hat den An- 
schiuft versaumt. Es liegt etwas ungeheuer Tragisches iiber der Ent- 
wickelung dieses 19. Jahrhunderts. Es ist wirklich fiir denjenigen, der 
in den vierziger Jahren manchen hervorragenden Menschen - iiber die 
ganze zivilisierte Welt waren solche ausgebreitet - aus dem Burger- 
stande reden horte iiber das, was der Menschheit gebracht werden 
sollte auf alien Gebieten, in diesen vierziger, noch Anfang der funf- 
ziger Jahre manchmal etwas wie von einem kommenden Volkerfriih- 
ling. Aber aus den Eigenschaften heraus, die ich Ihnen charakterisiert 
habe fiir die Mittelschichte, wurde der Anschlufi versaumt. Als die 
siebziger Jahre zu Ende gingen, hatte der Biirgerstand die liberalen 
Ideen nicht begriffen. Es wurde von dieser Klasse, von den vierziger 
bis in die siebziger Jahre, dieses Zeitalter verschlafen. Und die Folge 
davon ist etwas, auf das man schon hinschauen mufi. Denn die Dinge 
mussen sich ja in auf- und absteigenden Wellen bewegen, und eine ge- 
deihliche Entwickelung der Menschheit in die Zukunft kann nur statt- 
finden, wenn man riickhaltlos auf dasjenige sieht, was sich da in der 
jiingsten Vergangenheit abgespielt hat. Man kann nur aufwachen im 
Zeitalter der Bewufitseinsseele, wenn man weift, daft man vorher ge- 
schlafen hat. Wenn man nicht weift, wann und 
…[truncated]