Die soziale Frage als Bewusstseinsfrage

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die soziale Frage 
als BewuBtseinsfrage 



Acht Vortrage, gehalten in Dornach 
zwischen dem 15. Februar und 16. Marz 1919 



1980 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe dieser Auflage besorgten Caroline Wispier und Robert Friedenthal 



1. Auflage Basel 1946 

2. Auflage Dornach 1957 

3., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1980 



Bibliographie-Nr. 189 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner. Schrift von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1980 by Poidolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Graphische Anstalt Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1890-7 



Zu den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
biJden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daE seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horemachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTER VORTRAG, Dornach, 15. Februar 1919 

Pariser Friedenskonferenz und Berner Sozialistenkongreft; die soziale 
Frage: Tat- und Ereignisfrage, deren Losung auf viel tieferen Grund- 
lagen beruhen mufi. Das Problem der Bequemlichkeit im Denken; 
das Urteilen aus Gedankenmumien; Notwendigkeit des Verstand- 
nisses fiir das Neue. Der Aufruf «An das deutsche Volk und an die 
Kulturwelt» ; Unterschriftensammlungen. Der Charakter seines Inhalts: 
nicht Programm, sondern Hinweis auf Krafte der Wirklichkeit in der 
neueren Entwickelung. Weil diese bei der Reichsgriindung von 1871 
nicht als Aufgabe ergriffen worden waren, war die Kriegskatastrophe 
iiberhaupt moglich. Die Verbindung von Schwarmgeisterei und Prak- 
tikertum (Ludendorff) mufi iiberwunden werden durch das Ergreifen 
der Wirklichkeit. 



ZWEITER VORTRAG, 16. Februar 1919 

Notwendigkeit sozialen Verstandnisses. Der Unterschied zwischen 
dem Proletariat und seinen Fiihrern, die die Erben der biirgerlichen 
Lebensauffassung sind. Wirklichkeit erfassende Begriffe sind notig. 
Die Dreigliederung: kein System, sondern aus der Beobachtung der 
tieferen Willensrichtung der Menschheit gewonnen. Reale Fundamen- 
talbegriffe; z. B. Bodenrente und Existenzminimum. Geistesleben, 
Staatsleben und Wirtschaftsleben und ihr Verhaltnis zu vorgeburt- 
lichem, irdischem und nachtodlichem Leben. Gotteserkenntnis und 
Christus-Erkenntnis. Harnack. Zwei Wege zu Christus: Toleranz im 
Denken; selbsterworbener Idealismus im Willen. Wilsons Freiheits- 
definition. Notwendige Oberwindung der biirgerlichen Trennung von 
abstrakter Kultur und realem Leben. 



DRITTER VORTRAG, 21. Februar 1919 

Notwendiges soziales Verstandnis aus neuem, geisteswissenschaft- 
lichem Denken. Die heutige mumienhafte, programmatische Urteils- 
bildung im Sozialen. Die Gedankenformung bei Marx: Analyse der 
entstandenen Verhaltnisse, aber keine produktiven Vorstellungen fiir 
die Zukunft; Zu-Ende-Fiihren vorhandener Gedankenbildungen. Radi- 
kalisierung dieser Gedankenform bei Lenin: der burgerliche Staat, vom 
Proletariat iibemommen und vollendet, wird absterben. Der an der ge- 



wordenen Wirklichkeit gebildete Gedanke fiihrt ins Nichts. In bezug 
auf die Zukunft: «Soziales Ignorabimus.» Die zwei Phasen in der Marx- 
Leninschen sozialen Neugestaltung. Der Aberglaube in bezug auf die 
Erneuerung des Menschen aus der Organisation des Wirtschaftslebens; 
Verkennung des Geistigen. Notwendige Oberwindung alles Sektiere- 
rischen in der Geisteswissenschaft. Der sozialistische Glaube an die 
heutige Wissenschaft; ihre notwendige Befreiung aus dem engen biir- 
gerlichen Horizont. 

VlERTER VORTRAG, 1. Marz 1919 

Der Gegensatz zwischen dem Streben an der Oberflache des Bewufk- 
seins und dem in den Tiefen der Seele: Materialistische Geschichtsauf- 
fassung, Klassenkampftheorie und Mehrwertlehre gegenuber der 
Sehnsucht nach Geisteswissenschaft, Gedankenfreiheit und wahrem 
Sozialismus. Materialistische Geschichtsauffassung: Konsequenz aus 
dem Materialismus biirgerlicher Wissenschaft, Kunst und Religion. Die 
eigentlichen geistigen Quellen der fiinf nachatlantischen Kultur- 
epochen. Klassenbewufksein: Konsequenz aus der biirgerlichen Auto- 
ritatsglaubigkeit gegenuber dem Staat; antistaatlich, international, aber 
uniformiert; kein individuelles Bewulksein aus Gedankenfreiheit. 
Mehrwertlehre: Konsequenz aus dem antisozialen biirgerlichen Egois- 
mus. Zum Verstandnis des Mehrwerts als Grundlage des Kulturlebens 
ist echte Teilnahme des Proletariats am Geistesleben notig. Dem tieferen 
Streben der Menschheit entspricht die Dreigliedrigkeit des sozialen 
Organismus. Geisteswissenschaft darf nicht burgerlich-sektiererisch 
werden. Der Goetheanumbau. 

FUNFTER VORTRAG, 2. Marz 1919 

Die Verkehrung des eigentlichen Strebens in der proletarischen Bewe- 
gung. J. G. Fichte als bolschewistischer Denker in seinem «Geschlos- 
senen Handelsstaat». Das rein aus dem Ich geborene Denken kann 
nicht die soziale Wirklichkeit erfassen und gestalten. Fichtes «Wissen- 
schaftslehre» : notwendige Stufe zur Erkraftung des individuellen Den- 
kens vor dem Eintritt in spirituelles Erleben; auf die sinnliche Wirk- 
lichkeit angewendet wird es zerstdrerisch. Das Bose als versetztes 
Gutes. Im Sozialen: Wirksam werden lassen von verborgenen Imagi- 
nationen. Mehrwerttheorie; die maskierte Unwahrhaftigkeit im Ver- 
haltnis zwischen Arbeiter und Unternehmer; der Begriff der Ware. 
Das Wirtschaftsleben und sein Verhaltnis zur Natur grundlage einer- 
seits, zum Rechtsleben andererseits. Der wahre Arbeitsvertrag. Einzel- 
heiten im Verhaltnis von Wirtschafts- und Rechtsleben. Steuergesetz- 
gebung. Das Geistesleben mufi auch in bezug auf die Abgaben dafur 
auf Vertrauen und Freiheit gegriindet sein. 



SECHSTER VORTRAG, 7. Marz 1919 114 

Kurt Eisner. Die Notwendigkeit, die Wirklichkeit aus geistorientiertem 
Denken zu durchschauen. F. Mauthner; die Schwierigkeit, positive 
Begriffe vom Staat zu bilden; seine Verhaltnisse als Umkehrung von 
solchen der seelisch-geistigen Welt. Das irdische Geistesleben als 
Fortsetzung des Vorgeburtlichen aus iibriggebliebenen Antipathien. 
Das Wirtschaftsleben als Veranlagung nachtodlicher Sympathien. - 
Der heutige Verlust des Zusammenhangs mit dem real Geistigen. Die 
antisoziale Trennung von materiellem Leben und dem dekadent und 
luxurios gewordenen burgerlichen Geistesleben. Ausgeschlossensein 
des Arbeiters. Notwendigkeit eines allgemein-menschlichen Bildungs- 
lebens, einer neuen Sprache auf alien Gebieten. Der Goetheanumbau. 
Notwendiger Riickgriff auf die Urgedanken. Das Wesen des Geldes, 
dessen Verwaltung ins Wirtschaftsleben gehort. Hereinwirken des 
Geisteslebens in das Wirtschaftsleben: das Kapital. Das gesunde Ver- 
haltnis von Arbeit und Kapital: im Zusammenstimmen von freier 
Unternehmerinitiative und freiem Verstandnis des Arbeiters in einem 
beiden gemeinsamen geistigen Leben. 



SlEBENTER VORTRAG, 15. Marz 1919 137 

Die heutige Unbelehrbarkeit des Denkens durch die geschichtliche 
Wirklichkeit. J. Ude auf der Volkerbunds-Konferenz. Heutiges Den- 
ken erfaik nur das Leblose. Aufhebung des Kapitalismus bedeutet 
Vernichtung des sozialen Organismus. Das auf Lebendiges sich rich- 
tende Denken mufi die Zeit einbeziehen. Kapitalbildung und spatere 
-umbildung durch den dreigegliederten sozialen Organismus. Wirk- 
lichkeitsgemafie Ideen durch den bewulken Aufschwung zu Imagina- 
tionen. Organisierung des Hauptes durch die Krafte des iibrigen Leibes 
aus der vorigen Inkarnation; Tendenzen, die dadurch im Denken der 
Gegenwart wirksam sind. Wirklichkeitsfremdes Denken; z. B. Wilsons 
Volkerbunds-Idee von 1917 nach dem Weltkrieg; Pazifist Schiicking: 
Oberparlament nach Weimarer Muster. Grundlage fur soziale Er- 
neuerung: ein sich selbst tragendes Geistesleben. Notwendige Be- 
freiung der Wissenschaften von der Staatsaufsicht; dadurch auch Ver- 
wandlung des Kapitalismus. 



ACHTER VORTRAG, 16. Marz 1919 153 

Wilsons Bedingung fur einen Volkerbund. - Notwendige Verwand- 
lung des Denkens; seme Oberfuhrung ins Soziale, aber nicht ohne 
Vergeistigung. Das Hervorgehen des sozialistischen Denkens aus dem 
Denken der Neuzeit. Fichte. Hegels objektiver Idealismus: Logik - 



Natur - Geist; Organismus abstrakter Ideen, die sich aber nur auf 
Sinnliches beziehen und das real Geistige (Gott, Vorgeburtlichkeit, 
Nachtodlichkeit) ausschliefien. Umschlag bei K. Marx; Anwendung 
des Dreiklangs von Thesis - Antithesis - Synthesis auf die materielle 
und okonomische Wirklichkeit. Heute andere Dreiheit notig: der 
Mensch zwischen Luzifer und Ahriman; der menschliche Ausgleich 
zwischen Spiritualismus und Materialismus. Die «Philosophie der 
Freiheit»; der Weg zum wirklichen Geist. Die Notwendigkeit eines 
Zeitbewufttseins heute. Sozialisierung des Denkens: Miterleben mit 
der ganzen Menschheit. Kardinal Rauscher; Pobedonoszew. «Histori- 
scher Eigensinn» und der notwendige EntschluE zum Umdenken im 
Sinne dessen, was unterbewuifk in der heutigen Zeit bereits lebt. 



Hinweise 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



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ERSTER VORTRAG 
Dornach, 15. Februar 1919 



Unter den Vortragen, die ich in der letzten Zeit hier gehalten habe, 
waren eine Anzahl liber die jetzt drangende, brennende soziale Frage. 
Dafi das, was man soziale Frage seit langem auch in der Gegenwart 
nennt, etwas im sozialen Leben der ganzen Menschheit Drangendes 
und Brennendes ist, das kann ja heute jeder wissen, der nicht wie ein 
seelisch Schlafender die Ereignisse, in die sein eigenes Dasein hinein 
versponnen ist, beobachtet. Inwiefern in den Lebensnotwendigkeiten 
der modernen Menschheit, und inwiefern in der ganzen neueren Ent- 
wickelung der Menschheit die soziale Frage eine bestimmte Gestaltung 
- die Gestaltung, die heute so einschneidend fur das Leben ist - ange- 
nommen hat, das kann aus den Vortragen ersehen werden, die ich 
hier gehalten habe, und die ich auch, wenigstens in ihrem Extrakt, an 
einzelnen Orten der Schweiz offentlich gehalten habe. So ist unter uns, 
die wir in die anthroposophische Bewegung hinein verstrickt sind, 
gewissermafien das Bediirfnis gekommen, auch von unserem Gesichts- 
punkte aus iiber die Schicksale der Menschheit, namentlich auch mit 
Bezug auf die soziale Frage, irgendwie zu einem Urteil zu kommen, 
das durch die uns mogliche Weise in die Wirklichkeit umgesetzt wer- 
den konnte. 

Langere Zeit schon haben sich Mitglieder von uns bemuht, ihre 
Kraft in den Dienst unserer so schwierigen Zeit zu stellen. Mancherlei 
ist dabei bedacht, mancherlei in Aussicht genommen worden. Selbst- 
verstandlich, meine lieben Freunde, kann ja jeder nur in der Weise in 
die Ereignisse eingreifen wollen, in der er durch sein Schicksal, durch 
sein Karma, durch seine, sagen wir, Menschheitsposition vorbestimmt 
ist, die ihm vorgezeichnet ist. Nun, aus den verschiedenerlei Aspira- 
tionen, die aus unserer Mitte herausgekommen sind, ergab sich dann 
das Folgende: die drei Herren, welche es sich zur besonderen Auf- 
gabe gesetzt haben, in Stuttgart zu arbeiten in einem Sinne, der den 
Lebensnotwendigkeiten der gegenwartigen Zeit angemessen ist, diese 
drei Herren, die Sie ja gut kennen - Herr Molt, Herr Dr. Boos, Herr 



KUhn -, erschienen bei mir im Beginne des Februar, und es entstand 
die Absicht, dasjenige, was wir aus unserer Weltauffassung und Le- 
bensanschauung gewinnen konnen, so gut es zunachst geht und wie es 
zunachst zweckmafiig erscheint, gewissermafien praktisch zu machen. 
Nun, meine lieben Freunde, wenn es sich nicht um Betrachtungen, 
sondern wenn es sich um Wirklichkeiten handelt, dann kann ja immer 
nur die Rede davon sein, was in einem ganz bestimmten Zeitpunkte 
das Angemessene, das Entsprechende ist; was geeignet ist, in einer 
gewissen Beziehung einen Anfang zu machen. Wer nicht einen Anfang, 
einen angemessenen Anfang machen will, sondern gleich, wie man 
sagt, mit der Tiir ins Haus fallen will, wird in der Regel nichts Beson- 
deres erreichen. 

Nach den Antezedenzien, die da vorlagen, handelte es sich uns 
darum, zunachst irgend etwas zu tun, was uns im gegenwartigen Zeit- 
punkt richtig scheinen kann gerade mit Bezug auf das schwergeprufte 
deutsche Volk. Wenn man den Blick auf die gegenwartigen Ereig- 
nisse wirft, dann stellt sich ja als zunachst bedeutsamste Erscheinung 
die heraus - ich habe sie oftmals hier charakterisiert -, dafi eine Kluft, 
ein Abgrund ist zwischen den Menschenklassen: auf der einen Seite 
alles, was die bisher die Geschicke der Menschheit mehr oder weniger 
leitenden Kreise waren - und auf der anderen Seite das eben gerade 
mit den realen Forderungen der sozialen Frage heraufruckende Prole- 
tariat. Das Proletariat kommt allerdings fur den Einsichtigen in zwei 
Gestalten in Betracht: das Proletariat als solches und die Fiihrer des 
Proletariats. Ich habe oftmals hier auseinandergesetzt, wie alle die 
Gedanken, Empfindungen, die Aspirationen, die Impulse, welche die 
Fiihrer des Proletariats in ihren Kopfen haben, und von denen aus sie 
ihren Einflufi gewinnen innerhalb des Proletariats, im Grunde die 
Erbschaft des bourgeoisen Denkens der letzten Jahrhunderte sind. 
Nun, dariiber haben wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus 
hier ja gesprochen und die Dinge zu erharten versucht. 

Also eine der bedeutsamsten Erscheinungen aber blieb doch diese, 
daft eine tiefe Kluft zwischen diesen beiden, sagen wir, Menschen- 
gruppen ist. In den letzten Tagen konnte ja jedem, der die Zeitge- 
schichte miterlebt, diese Kluft deutlich vor Augen treten: auf der 



einen Seite Paris, wo von einem gewissen Gesichtspunkte aus, der 
eben derjenige der bisher leitenden Kreise der Menschheit ist, diese 
Geschicke der Menschheit und der Gegenwart in die Hand genommen 
werden — auf der anderen Seite Bern mit einer Versammlung, in der 
alles dasjenige lebt, was durch eine tiefe Kluft geschieden ist von dem 
anderen. Wer aufmerksam verfolgt hat, was von Paris ausgeht, wer 
aufmerksam verfolgt hat, was in Bern versucht worden ist auf dem 
sozialistischen Kongreft, der wird nicht umhin konnen, sich zu geste- 
hen, daft das Wesentliche, das, was bedeutsam, dauernd eingreifen 
wird in die Menschheitsentwickelung, zunachst wohl gar nicht dasje- 
nige ist, was in Paris, in Bern gedacht und gewollt wird, sondern das 
Wesentliche ist, daft an diesen zwei Orten zwei ganz verschiedene 
soziale Sprachen gesprochen werden. Und wenn man innerlich ehr- 
lich ist, so kann man nicht anders, als sich gestehen: das sind zwei 
total voneinander verschiedene Sprachen, in denen man sich vorlaufig 
nicht verstehen kann. 

Das ist eine so fundamental wichtige Erscheinung, eine so bedeut- 
same Erscheinung, daft gerade bei gehoriger Betrachtung jedem die 
Richtigkeit dessen auffallen kann, was ich hier oftmals gesagt habe: 
daft das Aufsuchen viel tieferer Grundlagen notig ist, um diese Dinge 
zu verstehen, um an den Losungsmoglichkeiten dieser Dinge mitzuar- 
beiten, als die Grundlagen sind, die auf der einen oder anderen Seite 
heute noch gesucht werden. Es kommt einem immer wiederum so vor, 
wie ich vorgestern im offentlichen Vortrage in Basel gesagt habe: da 
ist heute die soziale Frage, die soziale Bewegung liber einen groften 
Teil der zivilisierten Menschheit schon als eine Tatfrage, als eine Ereig- 
nisfrage von so einschneidender Bedeutung im geschichtlichen Leben 
der Menschheit da, daft wohl kaum in diesem geschichtlichen Leben 
je etwas so tief Einschneidendes fur die ganze Menschheit der Erde da 
war; denn so laftt es sich fur jeden Einsichtigen an. Die Grundlagen 
muss en tiefer sein. Und wie oft habe ich hier darauf aufmerksam 
gemacht: die tieferen Grundlagen findet man nur in jener Wirklich- 
keitsbetrachtung, von der hier in der geisteswissenschaftlichen Bewe- 
gung, in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, auch fur 
die soziale Betrachtung des Lebens und der Dinge ausgegangen wird. 



Ich habe gerade bei unserer Silvesterbetrachtung auf etwas Bedeut- 
sames, wie ich glaube, hingewiesen, darauf, daft es heute moglich ist, 
ganz und gar in bezug auf die Menschheit pessimistisch zu sein, pessi- 
mistisch zu sein nicht auf Grundlage irgendeines emotionellen Urtei- 
les, sondern auf Grundlage wirklicher sozialer Rechnung. Ich habe 
Ihnen dazumal einen Aufsatz vorgelesen von einem Manne, der wirk- 
lich so sozial rechnen kann. Und ich habe Ihnen gesagt: es ist nur 
nuchtern, so pessimistisch zu denken, wenn man nicht auf der anderen 
Seite das voile Bewufttsein noch haben kann, daft das Sich-Wenden an 
den Geist noch helfen kann. Aber dieses Bewufttsein sollte sich immer 
weiter und weiter verbreiten, daft nur Grund ist zum Glauben an zer- 
storerische Krafte, die furchtbar wirken werden in den nachsten Jahr- 
zehnten, wenn die Menschen sich nicht an das, was fiir die Wirklich- 
keitsbetrachtung aus der Geisteswissenschaft folgt, wenden wollen. 
Selbstverstandlich sind nicht die Dogmen der einen oder anderen gei- 
steswissenschaftlichen Richtung gemeint, sondern gemeint ist iiber- 
haupt ein Appellieren an die Geisteskrafte, welche in diesem bedeut- 
samen Wendepunkte der Entwickelung der Menschheit die einzig 
heilsamen und helfenden Krafte sein konnen. 

So wird in einer gewissen Weise diese anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft, weil sie ja nicht aus einer Willkur hervorgegan- 
gen ist, sondern aus der Beobachtung der Zeitenkrafte, zugleich in 
einem ihrer Glieder im eminentesten Sinne ein Zeitheilmittel. Sie ist 
ja wirklich nicht aus der Willkiir entsprungen. Sie ist ja wirklich nicht 
ein Programm eines Einzelnen oder einzelner Individuen, sondern sie ist 
hervorgegangen aus der Beobachtung dessen, was die geistige Welten- 
lenkung selber diktiert als notwendig zum Hereinkommen in den gegen- 
wartigen Menschheitsverlauf. Deshalb nur kann man von anthroposo- 
phisch orientierter Geisteswissenschaft so sprechen, sonst ware solches 
Sprechen ja selbstverstandlich eine Anmaftung. Aber was seinem Ur- 
sprunge nach aus ehrlicher Bescheidenheit hervorgeht, braucht, wenn es 
sich geltend machen will, nicht vor dem Vorwurf zuriickzuschrecken, 
den die Torheit machen kann, dafi es sich um eine Anmafiung handelt. 

Man kann sagen, von Paris strahlt aus alles dasjenige, was auf den 
Schwingen einer Lebensauffassung stromte, welche deutlich zeigt, daft 



sie sich in den letzten viereinhalb Jahren ad absurdum gefiihrt hat. 
Von Bern stromte aus, was eine Anzahl von Menschen fur ein Heil- 
mittel halt, was aber aus einem nicht geniigend tiefen Quell geschopft 
ist. Von Paris stromt aus, wovor sich fast die ganze Menschheit fiirch- 
tet; von Bern wollte dasjenige ausstromen, worauf eine grofie Anzahl 
von Menschen glaubt hoffen zu konnen. Und diese beiden Dinge 
sprechen heute noch eine ganz verschiedene Sprache. Man kann sich 
hiniiber und heriiber iiber den Abgrund nicht verstandigen. Man wird 
sich erst verstandigen, wenn man den inneren Appell der Seele an die 
Geisteswissenschaft wird stellen wollen. 

Aus solchen Impulsen heraus entstand der Gedanke, zunachst zum 
Verstandnis wenigstens eines Teiles der Menschen zu sprechen. Denn 
auf Verstandnis kommt es an. Das habe ich immer wieder und wie- 
derum betont: wir kommen nicht weiter im sozialen Chaos, wenn es 
uns nicht gelingt, bevor die Instinkte allzu ziigellos werden, bei einer 
geniigend grofien Anzahl von Menschen der zivilisierten Welt Ver- 
standnis hervorzurufen. Das ist ja auch dasjenige, was dem Geiste 
meiner Vortrage jetzt zugrunde gelegen hat in Zurich, Bern und Ba- 
sel. Mit den verschiedenen Menschen, mit denen ich gesprochen habe 
in dieser Zeit, konnte immer wieder und wiederum die Frage erortert 
werden: Wie kann man den Zugang zum Verstandnisse finden -, 
oder: Ist es denn iiberhaupt noch moglich, bevor ein vollstandiges 
Debakel hereinbricht, den Weg zum Verstandnis der Menschen zu 
finden? - Nun, die letztere Frage kann ja fur einen in der Wirklich- 
keit denkenden Menschen nicht aufgeworfen werden. Denn ein in der 
Wirklichkeit denkender Mensch stellt nicht Hypothesen auf iiber das- 
jenige, was moglich oder unmoglich ist, sondern er greift zu dem, von 
dem er fur notwendig halt, daft es getan werde. Wenn man einen Weg 
geht, dann handelt es sich darum, den ersten Schritt zu machen. Und 
man soil ja nicht glauben, wenn der erste Schritt anders ausschaut als 
das, was man als Ziel ansehen will, daft deshalb dieser erste Schritt 
unzweckmaftig sein konnte. Der erste Schritt eines weiten Weges kann 
sich ja immer nur erstrecken iiber eine sehr kleine Strecke dieses 
Weges. Es handelt sich nur darum, daft, wenn man nach einem be- 
stimmten Ziele geht, man erstens nicht nach der entgegengesetzten 



Richtung oder nach links oder nach rechts von dem Ziele geht, und 
zweitens handelt es sich darum, dafi man den Willen hat, wenn man 
die Wegrichtung einmal angetreten hat, bei dieser Wegrichtung auch 
zu verbleiben, sich nicht durch alles mogliche nach links und rechts 
stofien zu lassen. Aufierdem mull man bei Zeitereignissen ankniipfen 
an dasjenige, was da ist, nicht in die Luft hinein bauen, wenn man 
sich auf einen gewissen Wirklichkeitsstandpunkt stellen will. Der Ge- 
danke mu£ an irgend etwas ankniipfen, was gewissermafien gezeigt hat, 
daft sich nach einer Richtung hin eine reale Stromung ergiefit. Manch- 
mal kann es auch scheinen, als ob der erste Schritt etwas hochst Un- 
gliickseliges ware, Dafi er es nicht ist, kann sich vielleicht erst nach 
einiger Zeit herausstellen. 

Als nun die drei genannten Herren, Herr Molt, Herr Dr. Boos und 
Herr Kiihn, mit mir verhandeln wollten iiber die Sache, so konnte es 
sich zunachst einmal darum handeln - da es sich ja um einen geisti- 
gen Anhub handeln mufke, um einen Appell an das Verstandnis der 
Menschen -, die Frage aufzuwerfen: Wo hat man gesehen, dafi zunachst 
auf die Gedanken der Menschen etwas wirkte? Da erinnern Sie sich 
einmal an jenen Aufruf an die Kulturwelt, sogenannte Kulturwelt, 
welchen einmal - es waren grofitenteils, glaube ich, Professoren - 
neunundneunzig deutsche Personlichkeiten erlassen haben. Man kann 
vielleicht gar nicht einmal, wenn man nicht aus Emotionen heraus, 
sondern wieder aus der Wirklichkeit heraus urteilt, ein anderes Urteil 
fallen, als dafi dieser Aufruf an die Kulturwelt reichlich ungeschickt 
war. Na, es waren Professoren zum grofien Teil. Aber er hat Eindruck 
gemacht, er hat den Weg zu den Gedanken in einer recht ungluckse- 
ligen Weise gefunden. Und er spukt heute noch immer. Er war in 
einem gewissen Sinne eine Wirklichkeit, gerade eine Wirklichkeit, die 
zum Unheil des deutschen Volkes mehr beigetragen hat als manches 
andere, denn er hat Wellen geschlagen. 

Und so konnte man denken: Wie ware es, wenn man dieser Summe 
von Gedanken, die dazumal zur Unzeit erlassen worden ist - losge- 
lassen worden ist auf die Menschheit aus Vorstellungen heraus, die 
ihre Antiquiertheit an der Stirne trugen wie ware es, wenn man jetzt, 
wo alles drangt und brennt, um etwas zu tun zur Verstandigung, wenn 



man jetzt einen aus den wirklichen Lebensverhaltnissen der gegen- 
wartigen Menschheit herausgeholten Appell an die Menschheit richten 
wiirde; zunachst, wie sich aus der Sache selbst ergibt, gerade an das 
deutsche Volk, welches ja das Schicksal erlebt hat, seine vermeint- 
liche Aufgabe in einem gewissen Staatsrahmen dadurch verloren zu 
sehen, daft dieser Staatsrahmen einfach weggefegt ist, wenn man zu- 
nachst an dieses deutsche Volk appelliert, es aufmerksam macht 
darauf, daft ja die Tatsachen zu ihm sprechen, nicht bloft irgendwel- 
che Worte, nicht bloft irgendwelche Urteile, irgendwelche Gedanken, 
sondern die Tatsachen. Wahrend einem groften Teile der Menschheit 
gegeniiber vielleicht ein solches Wort noch deshalb vergeblich ist, weil 
die alten Rahmen noch da sind, wird vielleicht doch das deutsche 
Volk horen - so kann man wohl denken -, weil der alte Rahmen ihm 
einfach entzogen ist, weil es nicht mehr auf dem Boden des Alten 
stehenbleiben kann, sondern einen neuen Boden fur seine Lebens- 
aufgabe notwendig suchen muft. Die Menschen sind ja einmal so: 
solange das Alte nur ein biftchen halt - wenn es nicht gerade Rocke 
sind halten sie am Alten unbedingt fest und verschlafen alles, was 
sagt, daft es unmoglich ist, an diesem Alten noch festzuhalten. Man 
glaubt gar nicht, welche Rolle Bequemlichkeit im innersten Leben 
des Menschen eigentlich spielt. 

Aus diesem Gedanken heraus, meine lieben Freunde, habe ich nun 
eine Art Manifest verfaftt, von dem ich mir denke, daft es gehort wer- 
den konnte von den Seelen, die heute fur eine Verstandigung auf ei- 
nem gesunden Boden der Wirklichkeit in bezug auf unsere eigentiim- 
liche Kulturfrage zu gewinnen sind; daft es verstanden werden kann 
zunachst von den verstandigen Menschen des deutschen Volkes, an 
das es unmittelbar gerichtet ist. Ich meine aber, daft es auch von den 
Feinden des deutschen Volkes gelesen werden sollte als etwas, was 
angemessen gefunden wird in der Gegenwart, von diesem deutschen 
Volke bedacht und in die Wirklichkeit umgesetzt zu werden. Ich 
dachte: neunundneunzig haben dazumal unterschrieben; wenn man 
wiederum neunundneunzig findet aus den Reihen der Deutschen 
Deutschlands, des ehemaligen Deutschlands, des ehemaligen Oster- 
reichs und vielleicht diese neunundneunzig vermehren kann um eine 



kleine Anzahl von Personlichkeiten, die fur ein Verstandnis der gegen- 
wartigen Lebensnotwendigkeiten in neutralen Landern, namentlich in 
der Schweiz, zu gewinnen sind, so ware etwas Positives getan im Ge- 
gensatze zu dem damals von den neunundneunzig unternommenen 
Negativen. 

Also ich bitte, mich richtig zu verstehen: Der Appell ist zunachst an 
das deutsche Volk gerichtet. Es ist aber gewollt, daft das, was inner- 
halb des deutschen Volkes dergestalt besprochen wird, in der ganzen 
Kulturwelt gehort werde. Ich werde nun diesen Appell hier zur Ver- 
lesung bringen, meine lieben Freunde. Die Gedanken werden Ihnen ja 
bekannt und vertraut sein, weil wir sie oftmals besprochen haben. 
Natiirlich, in aller Kiirze kann auch nur alles ganz kurz sein. Dasje- 
nige, was gewollt wird, ist ja nicht, jemanden zu belehren, sondern 
etwas zu sagen, was die Menschen aufmerksam darauf machen kann, 
dafi es einen Weg gibt, und was sie aufmerksam darauf machen soli, 
den rechten Zugang zu diesem Wege zu finden. Gewifi, man kann 
Anstoft nehmen an der Kiirze der Darstellung. Aber es handelt sich ja 
nicht um ein Schulbuch, sondern es handelt sich darum, etwas zu sagen 
als Hinweis darauf, daft innerhalb der Menschheit etwas da ist, was 
helfen kann. Also der Aufruf heiftt: 



An das deutsche Volk und an die Kulturwelt! 



Sicher gefugt fur unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen 
vor einem halben Jahrhundert aufgefuhrten Reichsbau. Im August 
1914 meinte es, die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich 
gestellt sah, werde diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann 
es nur auf dessen Trummer blicken. Selbstbesinnung muE nach sol- 
chem Erlebnis eintreten. Denn dieses Erlebnis hat die Meinung eines 
halben Jahrhunderts, hat insbesondere die herrschenden Gedanken 
der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum erwiesen. Wo 
liegen die Griinde dieses verhangnisvollen Irrtums? Diese Frage mufi 
Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes trei- 



ben. Ob jetzt die Kraft zu soldier Selbstbesinnung vorhanden ist, 
davon hangt die Lebensmoglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen 
Zukunft hangt davon ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu 
stellen vermag: Wie bin ich in meinen Irrtum verf alien? - Stellt es sich 
diese Frage heute, dann wird ihm die Erkenntnis aufleuchten, daft es 
vor einem halben Jahrhundert ein Reich gegriindet, jedoch unterlas- 
sen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt der deutschen Volk- 
heit entspringende Aufgabe zu stellen. - Das Reich war gegriindet. 
In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemiiht, seine inneren 
Lebensmoglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte 
Traditionen und neue Bedurfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ord- 
nung zu bringen. Spater ging man dazu liber, die in materiellen Kraf- 
ten begriindete auftere Machtstellung zu festigen und zu vergrofiern. 
Damit verband man MaEnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit 
geborenen sozialen Anforderungen, die zwar manchem Rechnung tru- 
gen, was der Tag als Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein 
groftes Ziel fehlte, wie es sich hatte ergeben sollen aus einer Erkennt- 
nis der Entwickelungskrafte, denen die neuere Menschheit sich zu- 
wenden mufi. So war das Reich in den Weltenzusammenhang hinein- 
gestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung. 
Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses in trauriger Weise geof- 
fenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die aufierdeutsche Welt 
in dem Verhalten des Reiches nichts sehen konnen, was ihr die Mei- 
nung hatte erwecken konnen: die Verwalter dieses Reiches erfullen 
eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden darf. 
Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat not- 
wendig die Meinung in der aulterdeutschen Welt erzeugt, die fur den 
wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches 
ist. 

Unermefilich vieles hangt nun fur das deutsche Volk an seiner unbe- 
fangenen Beurteilung der Sachlage. Im Ungliick miilke die Einsicht 
auftauchen, welche sich in den letzten fiinfzig Jahren nicht hat zeigen 
wollen. An die Stelle des kleinen Denkens iiber die allernachsten For- 
derungen der Gegenwart miifite jetzt ein grower Zug der Lebensan- 
schauung treten, welcher die Entwickelungskrafte der neueren Mensch- 



heit mit starken Gedanken zu erkennen strebt, und der mit mutigem 
Wollen sich ihnen widmet. Aufhoren miifite der kleinliche Drang, der 
alle diejenigen als unpraktische Idealisten unschadlich macht, die 
ihren Blick auf diese Entwickelungskrafte richten. Aufhoren mufite 
die Anmafiung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker diinken, 
und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Un- 
gliick herbeigefuhrt haben. Beriicksichtigt miifite werden, was die als 
Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker iiber 
die Entwickelungsbediirfnisse der neuen Zeit zu sagen haben. 

Die «Praktiker» aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen 
ganz neuer Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten 
diesen Forderungen innerhalb des Rahmens altiiberlieferter Denkge- 
wohnheiten und Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben 
der neueren Zeit hat die Forderungen hervorgebracht. Ihre Befrie- 
digung auf dem Wege privater Initiative schien unmoglich. Uberlei- 
tung des privaten Arbeitens in gesellschaftliches drangte sich der einen 
Menschenklasse auf einzelnen Gebieten als notwendig auf; und sie 
wurde verwirklicht da, wo es dieser Menschenklasse nach ihrer Le- 
bensanschauung als erspriefilich schien. Radikale Uberfiihrung aller 
Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das Ziel einer anderen Klasse, 
die durch die Entwickelung des neuen Wirtschaftslebens an der Erhal- 
tung der iiberkommenen Privatziele kein Interesse hat. 

Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren Mensch- 
heitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames zugrunde. 
Sie drangen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen dabei 
auf die Ubernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, 
Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit 
den neuen Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit 
neueren Gemeinschaften (z. B. Genossenschaften), die nicht voll im 
Sinne dieser neuen Forderungen entstanden sind, sondern die aus 
iiberlieferten Denkgewohnheiten heraus den alten Formen nachgebil- 
det sind. 

Die Wahrheit ist, dafi keine im Sinne dieser alten Denkgewohnhei- 
ten gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufge- 
nommen wissen will. Die Krafte der Zeit drangen nach der Erkennt- 



nis einer sozialen Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge 
faftt, als was heute gemeiniglich ins Auge gefafit wird. Die sozialen 
Gemeinschaften haben sich bisher zum groftten Teil aus den sozialen 
Instinkten der Menschheit gebildet. Ihre Krafte mit vollem Bewufit- 
sein zu durchdringen, wird Aufgabe der Zeit. 

Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natiirliche. Und wie 
der natiirliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht 
durch die Lunge besorgen raufi, so ist dem sozialen Organismus die 
Gliederung in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des 
anderen ubernehmen kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selb- 
standigkeit mit den anderen zusammenwirken mulS. 

Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selb- 
standiges Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kraften 
und Gesetzen sich ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung 
in sein Gefiige bringt, daft es sich von einem anderen Gliede des so- 
zialen Organismus, dem politisch wirksamen, aufsaugen laftt. Dieses 
politisch wirksame Glied mulS vielmehr in voller Selbstandigkeit neben 
dem wirtschaftlichen bestehen, wie im natiirlichen Organismus das 
Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr heilsames Zusammen- 
wirken kann nicht dadurch erreicht werden, daft beide Glieder von 
einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt 
werden, sondern daft jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwal- 
tung hat, die lebendig zusammenwirken. Denn das politische System 
muE die Wirtschaft vernichten, wenn es sie ubernehmen will; und das 
wirtschaftliche System verliert seine Lebenskrafte, wenn es politisch 
werden will. 

Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muft in voller 
Selbstandigkeit und aus seinen eigenen Lebensmoglichkeiten heraus 
gebildet ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch 
der geistige Anteil der beiden anderen Gebiete gehort, der ihnen von 
dem mit eigener gesetzmaftiger Regelung und Verwaltung ausgestat- 
teten dritten Gliede uberliefert werden muft, der aber nicht von ihnen 
verwaltet und anders beeinflufit werden kann, als die nebeneinander 
bestehenden Gliedorganismen eines natiirlichen Gesamtorganismus 
sich gegenseitig beeinflussen. 



Man kann schon heute das hier iiber die Notwendigkeiten des so- 
zialen Organismus Gesagte in alien Einzelheiten vollwissenschaftlich 
begriinden und ausbauen. In diesen Ausfiihrungen konnen nur die 
Richtlinien hingestellt werden, fur alle diejenigen, welche diesen Not- 
wendigkeiten nachgehen wollen. 

Die deutsche Reichsgriindung fiel in eine Zeit, in der diese Notwen- 
digkeiten an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat 
nicht verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick 
auf diese Notwendigkeiten. Dieser Blick hatte ihm nicht nur das rechte 
innere Gefiige gegeben; er hatte seiner auiSeren Politik auch eine be- 
rechtigte Richtung verliehen. Mit einer solchen Politik hatte das deutsche 
Volk mit den aufierdeutschen Volkern zusammenleben konnen. 

Nun miilke aus dem Ungliick die Einsicht reifen. Man mufke den 
Willen zum moglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein 
Deutschland, das nicht mehr da ist, rmiftte der Aufienwelt gegeniiber- 
treten, sondern ein geistiges, politisches und wirtschaftliches System in 
ihren Vertretern miifiten als selbstandige Delegationen mit denen 
verhandeln wollen, von denen das Deutschland niedergeworfen wor- 
den ist, das sich durch die Verwirrung der drei Systeme zu einem 
unmoglichen sozialen Gebilde gemacht hat. 

Man hort im Geiste die Praktiker, welche iiber die Kompliziertheit 
des hier Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, iiber das Zu- 
sammenwirken dreier Korperschaften auch nur zu denken, weil sie 
nichts von den wirklichen Forderungen des Lebens wissen mogen, 
sondern alles nach den bequemen Forderungen ihres Denkens gestal- 
ten wollen. Ihnen mufi klar werden: entweder man wird sich beque- 
men, mit seinem Denken den Anforderungen der Wirklichkeit sich zu 
fiigen, oder man wird vom Ungliicke nichts gelernt haben, sondern 
das herbeigefuhrte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte ver- 
mehren. 

Mit diesem Aufrufe sind nun die drei genannten Herren nach 
Deutschland gereist, und in der Zeit, wahrend ich meine Zurcher, 
Basler und Berner Vortrage hielt, haben sie sich bemiiht, das in Wirk- 
lichkeit iiberzufiihren, was wir uns vorgenommen hatten: etwa gegen 



hundert Unterschriften zu finden. Herr Stein hat die Aufgabe fur 
Osterreich iibernommen, andere Herren haben sich hier in der Schweiz 
bemiiht. 

Nun, es war ja bisher nur kurze Zeit, aber immerhin, wir, die wir ja 
einen ersten Schritt machen wollten, konnen voll damit zufrieden sein, 
was sich bis jetzt ergeben hat, denn einen solchen Aufruf, der unter- 
stiitzt ist in der gleichen Weise, wie es der ungliickselige Aufruf von 
dazumal war, den haben wir. Bei meinen letzten Vortragen in Zu- 
rich - die ja ganz absichtlich in Zurich gehalten wurden, weil gewis- 
sermaften jetzt die Schweiz der Drehpunkt ist fur alle Verhaltnisse der 
zivilisierten Welt -, bestand fur mich die Absicht, schon darauf hin- 
weisen zu konnen, daft da oder dort Menschen sich finden, bei denen 
das Verstandnis angreift. Und so war es natiirlich darum zu tun, das 
Ergebnis kennenzulernen vor dem letzten Ziircher Vortrage. Und es 
ergab sich das sehr Erfreuliche, daft mir schon am 11. gemeldet wer- 
den konnte: bis jetzt ungefahr hundert Namen, exklusive Schweiz und 
Wien, beisammen. Das wurde mir von Deutschland gemeldet, wo sich 
unsere Freunde nach alien Richtungen hin auf die Striimpfe gemacht 
haben, um diese Sache in der entsprechenden Weise in Wirklichkeit 
umzusetzen. Von Wien bekam ich das Telegramm an demselben Tage: 
Haben derzeit, 11. mittags, dreiundsiebzig Unterschriften, morgen 
sicher mehr. - Und am folgenden Tage: Gesamtresultat dreiundneun- 
zig Unterschriften. - Das konnte Herr Stein melden. Dann ergaben 
sich noch eine weitere Anzahl von Unterschriften, die nachtraglich 
gemeldet worden sind. Es sind also die Resultate bisher durchaus in 
befriedigender Weise zu verzeichnen. Und es ware zu wiinschen, da 
wir ja jetzt so weit sind, daft eine Anzahl von Menschen, und darauf 
kommt es ja bei einer solchen Aktion immer an, unter denen immer- 
hin auch solche sind, die bekannt sind, auf die man etwas geben wird, 
daft eine Anzahl von Menschen einen solchen Aufruf, wo es nur sein 
kann, veroffentlichen, so daft er gesehen, gelesen wird, damit er vor 
die Augen derer kommt, die es angeht. Eigentlich geht er alle Men- 
schen in der Gegenwart an. Man kann schon sagen: in den Untergriin- 
den der menschlichen Seelen gibt es etwas, was die Menschen dazu 
aufruft, sich an das Verstandnis einer solchen Sache zu machen. 



Ich habe Ihnen ja im Laufe der Vortrage erzahlt, wie die Idee, die 
jetzt in dieser Form zutage tritt, ja durchaus bei mir nicht neu ist, son- 
dern in der Zeit, in der die kriegerische Katastrophe in eine entschei- 
dende Wendung eingetreten war, habe ich mich bemiiht, diesem not- 
wendigen Impuls an den Stellen, die fur mich in Betracht kamen, zur 
Wirksamkeit zu verhelfen. Ich habe Ihnen geschildert, wie das gesche- 
hen ist. Ich sagte dazumal Leuten, die fiir die Sache in Betracht 
kamen: Es ist nicht ein Programm, nicht ein Ideal, sondern es ist das- 
jenige, was beobachtet ist als Entwickelungskrafte der neueren 
Menschheit, was sich unbedingt in den nachsten zehn, zwanzig, dreis- 
sig Jahren verwirklichen will und verwirklichen wird. Nicht darum 
kann es sich handeln, ob es sich verwirklicht oder nicht, sondern ledig- 
lich darum, wie es sich verwirklicht. Und gar manchem, auf den es 
dazumal ankam, sagte ich: Sie haben nun die Wahl, entweder Vernunft 
anzunehmen und durch Vernunft so etwas zu verwirklichen - oder 
soziale Kataklysmen und Revolutionen zu erleben. Uberzeugen konn- 
ten sich die Leute nur zu bald, daft das letztere keine falsche Prophe- 
zeiung war. Aber schwer findet der heutige bequeme Mensch den Weg 
von einem gewissen Verstandnis zu dem Lebensmut, der notwendig 
ist, um so, wie es ihm nach seiner Position moglich ist, die Sache in 
die Wirklichkeit uberzufiihren. 

Hier in der Schweiz sind ja auch schon einzelne Unterschriften ge- 
leistet worden. Man hat hier immer das Bedenken, daft ja im ersten 
Teile dieses Aufrufes einiges gesagt ist iiber die notwendige Selbstbe- 
sinnung des deutschen Volkes und iiber den Irrtum, in dem das deut- 
sche Volk befangen war. Da sagt man darin, man habe als Schweizer 
doch nicht die Moglichkeit, dem deutschen Volke Lehren zu geben 
iiber die Grenzen hiniiber. Ich glaube, meine lieben Freunde, so sollte 
man heute nicht mehr sprechen. Solche Dinge mogen als alte Gedan- 
kenmumien eine gewisse Bedeutung gehabt haben vor dem Jahre 1914; 
aber in der Gegenwart haben diese Dinge keine Bedeutung mehr. In 
der Gegenwart sollte auch die Engherzigkeit, die aus einer solchen 
nationalen Beurteilungsweise kommt, aufhoren. Das sollte namlich 
das Ungliick der letzten viereinhalb Jahre die Menschen gelehrt haben. 
Man sollte schon heute anders denken konnen - verzeihen Sie - auch 



in der Schweiz, als man vor viereinhalb Jahren gedacht hat; man sollte 
das. Denn man sollte auch hier einiges gelernt haben, so daft es ent- 
spricht dem, was einen da iiberkommt, wenn man mit einiger Einsicht 
die letzten viereinhalb Jahre verfolgt hat. Sie erscheinen einem dann 
wirklich wie Jahrhunderte, die sich iiber die Menschheit ergossen 
haben. Und hochst merkwiirdig erscheint es einem, wenn aus den alten 
nationalen und sonstigen Vorurteilen heraus, die nun wirklich mit 
dem Jahre 1914 ihren Abschluft gefunden haben sollten, wenn aus 
diesen nationalen Vorurteilen oder aus Gedankenmumien heraus die 
Leute heute eine neue Weltordnung gestalten wollen, eine neue euro- 
paische Karte gestalten wollen. Dieses europaische Kartengebaude, 
das wird schnellstens umgeworfen durch die anderen Krafte, die die 
allein machtigen sind in der Gegenwart, die die einzigen bestimmen- 
den sind fur das, was man Politik genannt hat: die sozialen Fakto- 
ren. Denn alles iibrige ist heute Maske. Das aber ist die Wirklich- 
keit. Und die Europaer werden sich sehr tauschen, wenn sie aus 
den alten Gedankenmumien heraus urteilen und auch ihre Einwande 
machen. 

Natiirlich kann man sagen - ich konnte Ihnen namlich sehr leicht 
ein Vademecum aller Widerlegungen geben -, natiirlich kann jemand 
sagen: Ja, aber das ist ja gewissermaften eine Angabe der Impulse fur 
alle Staaten, das konnte ja erst werden, wenn alle Staaten den Anfang 
damit machen. Nein, meine lieben Freunde, ein einziger sogenannter 
Staat kann damit den Anfang machen; es ist dazu geeignet, daft ein 
einziger den Anfang machen kann. Und wenn einer den Anfang 
macht, dann hat er etwas getan fur die ganze Menschheit. Das ist ja 
eben gerade das Ungliick fur das deutsche Volk, daft seine Reichs- 
grundung in die Zeit der neueren Geschichte hineingefallen ist, in der, 
wenn ein neues Reich gegriindet wurde, schon die Notwendigkeit vor- 
handen war, dieses Reich anzufullen mit dieser Aufgabe. Und weil es 
dieses Reich nicht anfiillte mit dieser Aufgabe, hat man nicht verstan- 
den, wozu es iiberhaupt in der Welt da ist. Ware es angefullt gewesen 
mit dieser Aufgabe, so waren alle Ereignisse anders verlaufen, denn 
man hatte seine Daseinsbedingungen ad oculus gesehen, oder seine 
Daseinsberechtigung eingesehen. 



Heute urteilen ja die Leute aus Gedankenmumien heraus. Sehen 
Sie, es gibt auch eine Menge von Leuten in Europa, die nicht von ihren 
alten europaischen Gedankenmumien loskommen und die aber doch 
die Allerweltspersonlichkeit Wilson heute aus einem gewissen Schreck 
heraus - ich weift nicht, wie ich es sagen soli - wie einen Erloser 
betrachten. Aber die Leute miissen sich doch sagen: Sehen wir jetzt 
ganz ab von einer Beurteilung Wilsons, stellen wir aber die Tatsa- 
chenfrage: Wodurch ist denn dieser Wilson in seinem Lande der ein- 
fluftreiche Mensch geworden, der er ist? - Dadurch, daft er gegen alle 
anderen Parteien diejenige Politik getrieben hat, aus einem gesunden 
amerikanischen Instinkt heraus, die genau entgegengesetzt ist dem, wo- 
hinein jetzt ein grofter Teil von Europa segeln will. Ein grofter Teil von 
Europa will hineinsegeln in eine Gemeinschaft, in eine gesellschaft- 
liche Gemeinschaftspolitik, in der die freiheitlichen, individuellen 
Krafte des einzelnen Menschen untergehen. Wilson verdankt seine 
Wahl, seinen Einfluft, einzig und allein dem Umstande, daft er als 
amerikanischer Demokrat zur Entfesselung derjenigen Krafte beige- 
tragen hat, die als individuelle Krafte im Wirtschaftsleben drinnen- 
steckten. Nehmen wir einmal hypothetisch an: Europa erreicht die 
Ideale des Bolschewismus, erreicht die Ideale der Berner Sozialdemo- 
kratie, das heiftt der Sozialdemokratie des sozialistischen Kongresses. 
Nehmen wir an, das werde verwirklicht; die Leute erreichten das, 
wovon sie traumen. Dann wiirde Europa ein Gebilde, aus dem - trotz 
aller nationalen Vorurteile - nach dem freien Amerika himiber, in 
dem Wilson gerade durch das Entgegengesetzte groft geworden ist, 
alle freien Krafte notwendigerweise abfluten wiirden. Eine furchtbare 
Konkurrenz zwischen Europa und Amerika miiftte sich entspinnen, bei 
der unmoglich anderes geschehen kann, als daft Europa in Pauperis- 
ms verfallt und Amerika reich wiirde, nicht aus einem Unrecht her- 
aus, sondern aus einer Torheit der europaischen Sozialpolitik heraus. 
Denn die Dinge wiirden sich so gestalten, wenn nicht die sozialen 
Krafte, die zu entwickeln geradezu die Aufgabe der europaischen 
Menschheit ist, wenn nicht diese sozialen Krafte so gedacht und ver- 
wirklicht wiirden, daft sie dem gesunden sozialen Organismus entspre- 
chen. 



Wir haben es in diesem Aufrufe nicht etwa bloft mit etwas zu tun, 
was ausgedacht ist, sondern mit etwas, das auf Krafte verweist, die 
iiberall in der Wirklichkeit vorhanden sind, die verwirklicht werden 
miissen, ohne deren Verwirklichung wahrhaftig nicht nur das Schick- 
sal Deutschlands und Osterreichs, sondern das Schicksal von ganz 
Europa das sein mufi, der Verarmung, der Verelendung und der Un- 
geistigkeit zu verf alien. 

Wir leben eben in einer ernsten Zeit, in der sich mit kleinen Gedan- 
ken nicht auskommen laftt. In den Leuten lebt auch etwas, was sie 
hinzieht zu dem, was in diesem Aufrufe ausgesprochen ist. Man kann 
das schon beobachten. Und weil das so ist, weil man hoffen kann, 
doch den Zugang zu den Seelen, zu den Herzen der Menschen zu fin- 
den, ist nun versucht worden, das, was wahrend der kriegerischen Ka- 
tastrophe in der damals notwendigen Form versucht worden ist, wie 
ich es Ihnen erzahlt habe, so umzugestalten, wie es fur die heutigen 
Verhaltnisse notwendig ist. 

Ich mochte nur hoffen, daft niemand denke, daft so eine Sache eine 
absolute Bedeutung hat. Ich habe einem Herrn, auf den es spater 
ankam, im Januar 1918 in der Form, in der es dazumal verfaftt war, 
von dieser Sache gesprochen, aber so, daft ich sagte: Diese Sache kann 
natiirlich nach den Zeitverhaltnissen immer andere und andere For- 
men annehmen, denn es handelt sich nicht um eine Theorie, nicht um 
ein Programm, nicht um ein Ideal, sondern es handelt sich um etwas, 
was aus der Wirklichkeit heraus gedacht ist. - Und ich habe weiter 
gesagt: Weil es aus der Wirklichkeit heraus gedacht ist, so handelt es 
sich mir gar nicht darum, worum es sich vielen Utopisten handelt. Die 
Utopisten, die Programme aufstellen, denken sich, daft alles schlecht 
ist, wenn diese Dinge nicht so verwirklicht werden, wie sie sie in ihren 
Programmen formulieren. Mir kommt es darauf uberhaupt nicht an. 
Es konnte zum Beispiel sein, daft eine solche Sache in die Seelen ein- 
schlagt, daft man sie, weil sie praktisch gedacht ist, beginnt, in das 
praktische Leben umzusetzen. Es kann auf jedem Gebiete heute schon 
ganz klar gesagt werden, wie man es anzufangen hat, um es auf einem 
Gebiete ins praktische Leben umzusetzen. Aber ich konnte mir denken, 
daft dann von dem, was hier gesagt ist, was auch in meinen Vortra- 



gen in Zurich, Bern und Basel gesagt worden ist, kein Stein bleibt, 
sondern sich alles anders gestaltet. Wer wirklichkeitsgemafi denkt, 
dem kommt es nicht darauf an, dafi seine Formeln, seine Satze sich 
verwirklichen, sondern dafi irgendwo in der Wirklichkeit angefalk 
wird. Man wird dann schon sehen, was herauskommt. Darauf kommt 
es an; vielleicht wird alles anders - das will ich durchaus als eine Mog- 
lichkeit andeuten -, dafi aber dasjenige herauskommen mufi, was den 
Verhaltnissen angemessen ist, das ist sicher. Denn es ist nicht irgend- 
ein abstraktes Ideal, nicht irgendein Programm aufgestellt, sondern es 
sind einfach die Wirklichkeitskrafte angefafit. So weit als moglich ent- 
fernt von aller Phantasterei, von aller Schulmeisterei soil dasjenige 
sein, um was es sich jetzt handelt. Daher war ich so erstaunt, als mir 
eine vielgenannte Personlichkeit, von der die Voraussetzung gemacht 
wurde durch einen der drei Herren, die ich genannt habe, dafi sie 
auch diesen Aufruf unterschreiben konnte, als mir diese vielgenannte 
Personlichkeit sagen liefi: Ja, er hatte geglaubt, dafi gerade ich, wenn 
ich einen solchen Aufruf machte, mehr an den Geist der Menschheit 
appellierte und sagte, daft jetzt nur ein Heil in die Menschheit kom- 
men kann, wenn die Menschheit den Weg wiederum zum Geist findet. 

Also die Leute wollen, daft man die Phrase vom Geist immer wieder 
und wiederum wiederholt: Geist, Geist und Geist! Aber darum han- 
delt es sich nicht; sondern darum, dafi sich der Geist zeigt, daft der 
Geist sich imstande erweist, die Tatsachen wirklich zu gestalten. Das 
sind die grofiten Schadlinge im Grunde, die fortwahrend vom Geiste 
reden, ohne irgendwie auf die Wirklichkeit dieses Geistes hindeuten 
zu wollen. Denn sie reden eigentlich nur im Sinne einer Ideologic - 
und nicht vom Geiste. Und es ist dankenswert, meine lieben Freunde, 
dafi sich aus dem Schofie unserer Gesellschaft heraus Personlichkei- 
ten gefunden haben, welche Verstandnis haben - aber Tatverstandnis, 
so dafi sie auch wirklich etwas tun -, Tatverstandnis haben fur das- 
jenige, was hier gewollt wird. Und immerhin zeigen sich ja die Echos. 

Unser Freund Dr. Boos hat dann, nachdem mein letzter Vortrag in 
Zurich geschlossen war und ich hingewiesen hatte auf das Ergebnis 
und auf diesen Aufruf, seinerseits seinen Appell erlassen, daft sich 
gleich aus der Versammlung heraus eine Anzahl von Menschen mel- 



den sollten und ihre Adressen abgeben sollten, die gewillt waren, 
praktisch an der Sache mitzuarbeiten. Und auch da war das Ergebnis 
ein fur diesen Abend ja aufierordentlich befriedigendes. Gewift, es 
sind auch Einwendungen gemacht worden. Ich kann die Einwendun- 
gen gut verstehen. Aber diese Einwendungen sind so, daft man eben 
daraus sieht: die Leute stehen heute nicht in der Wirklichkeit, sind 
Schwarmgeister. Wirklich, es sind ja gerade diejenigen, die man bis 
heute fur die grofken Praktiker gehalten hat, eigentlich Schwarmgei- 
ster. Deshalb habe ich in Zurich bei einem Vortrage gesagt: Was ist so 
recht ein Beispiel fur einen Schwarmgeist der Gegenwart, fiir einen 
Schwarmer? - Der General Ludendorff! Das ist der Typus, der Repra- 
sentant eines Schwarmgeistes; ein Mensch, der sich meinetwillen gut 
oder schlecht - aber meiner Meinung nach schlecht - auf Strategic 
verstanden hat, aber in bezug auf alles andere ganz fern allem Leben 
gestanden hat, zum Unheil einen grofien Einflufi gehabt hat, ganz 
fern aller Wirklichkeit gestanden hat, nichts ahnte von den Bedingun- 
gen der Wirklichkeit, in der er tatig sein sollte, ein so abstrakter Idea- 
list war, wie nur irgendein sozialistischer Utopist abstrakter Idealist 
ist. Man sollte endlich diesen verruchten Begriff des «Praktikers», der 
so unendliches Unheil iiber die Menschheit gebracht hat, einmal ganz 
tuchtig ins Auge fassen. Diese Praxis, die bisher gegolten hat, die 
nichts anderes ist, als durch Brutalitat in Wirklichkeit umgesetzte 
Schwarmgeisterei, unwirkliche Denkungsweise, die ist es, die vor alien 
Dingen verschwinden muE. Darauf kommt es an, meine lieben 
Freunde. Und aus solchem Geiste heraus ist dasjenige, was kommen 
mul5 gerade aus anthroposophisch orientierter geisteswissenschaftli- 
cher Bewegung. 

Das habe ich Ihnen heute als etwas, was ja immerhin auch aus dem 
Schofie unserer Bewegung hervorgegangen ist, mitteilen wollen in die- 
sem episodisch sich in unsere Vortragsreihe einreihenden Abend. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 16. Februar 1919 



Was ich immer wieder betonen mochte und jetzt auch in Ankniipfung 
an das gestern im Zusammenhange mit unserem Aufruf Gesagte, ist, 
dafi es mir als das Nachste in der heutigen Lebenslage der Mensch- 
heit darauf ankommt, in moglichst vielen Menschen richtiges soziales 
Verstandnis hervorzurufen. Sie miissen nicht vergessen, dafi die Le- 
bensverhaltnisse, wie sie sich in der neueren Zeit entwickelt haben, 
iiber einen groften Teil der zivilisierten Welt eine Art von Chaos her- 
vorgebracht haben; ein Chaos, dem nur beizukommen sein wird von 
den Menschenseelen selbst aus. Aufiere Mittel - seien sie nun gesetz- 
geberisch gedacht oder in Form einer bloft aufieren Ordnung des Wirt- 
schaftslebens - werden, so wie die Lage nun einmal gekommen ist, 
nicht in durchgreifender Weise der Menschheit helfen konnen. Gewi$, 
es kann in einzelnen Territorien noch eine Weile gehen, aber es ware 
heute falsch zu glauben, dafi damit irgendwelche Verhaltnisse vorlie- 
gen, die fur Einzelterritorien auf die Dauer bleiben konnen inmitten 
der sozialen Welle, die sich als eine die ganze Menschheit umfassende 
entwickeln mufi. Von anderswoher als aus dem sozialen Verstandnis, 
aus den Begriffen der Menschenseelen gegeniiber den sozialen Ver- 
haltnissen, von anderswoher kann keine Hilfe kommen. 

Man kann das, was ich jetzt etwas komplizierter gesagt habe, ja 
auch einfacher sagen. Man kann sagen: es wird dasjenige, was jetzt in 
Unordnung hineinstrebt, nicht wieder in eine Ordnung streben, wenn 
die Menschen sich nicht geeignet erweisen, diese Ordnung zu machen. 
Und sie werden sich nur geeignet erweisen, diese Ordnung zu machen, 
wenn sie wirkliches soziales Verstandnis erwerben, von dem die heu- 
tige Menschheit - man kann sagen, die heutige Menschheit aller Par- 
teirichtungen - so weit als nur irgend moglich entfernt ist. Dieses so- 
ziale Verstandnis zu verbreiten, das ist es, woran man zuerst denken 
mufi. Die Tatsache ist von durchgreifender Wichtigkeit, dafi es etwas 
ganz anderes ist, was in den Seelen der Millionen und aber Millionen 
Proletarier selbst lebt, als das, was in deren Fiihrern lebt. Die Fiihrer 



tragen in sich zum groften Teil die Erbschaft der biirgerlichen Lebens- 
auffassung, die sie anwenden wollen — nur in einer etwas agitatori- 
schen Form - auf die Lebensverhaltnisse des Proletariats. 

Dies ist eine durchgreifende Tatsache. Und man tragt dieser Tat- 
sache nur Rechnung, wenn man sich entschlieftt, zunachst auf soziales 
Verstandnis hinzuwirken. Selbst wenn man sich gestehen muE, daft die 
aufteren Verhaltnisse zunachst noch verworrener werden, als sie schon 
sind, so wurde man doch von einer falschen Voraussetzung ausgehen, 
wenn man glauben wollte, daft man durch irgendwelches Pfuschen da 
oder dort etwas erreichen konne. Was den Menschen heute fehlt, das 
ist ja soziales Verstandnis. Aus dem Grunde fehlt es den Menschen, 
weil die ganze Entwickelung des Denkens, die ganze Entwickelung 
des Fiihlens und Wollens der Menschheit in der neueren Zeit es sich 
nicht hat angelegen sein lassen, soziales Verstandnis wirklich herbeizu- 
fuhren. Das soziale Verstandnis ist auch bei vielen derjenigen Personen, 
in denen der soziale Impuls heute machtig ist, aufterordentlich gering. 

Fassen Sie das nicht so auf, als ob es besonderer, weitgehender 
Kenntnisse, weitmaschiger Wissenschaft bediirfe, um soziales Ver- 
standnis zu entwickeln. Nicht daran liegt es, sondern es liegt daran, 
daft einfach die elementarsten Richtlinien nach dem sozialen Ver- 
standnis hin der heutigen Menschheit fehlen. Die Menschen denken 
an ganz andere Dinge, als an diejenigen, an die gedacht werden raufi, 
wenn es sich um die Erwerbung des primitivsten sozialen Verstand- 
nisses handelt. Und auf dieses primitivste soziale Verstandnis kommt 
es zunachst an. Es ist ganz richtig, wenn man heute vor alien Dingen 
seine Aufmerksamkeit darauf richtet, den Weg zu finden von den 
abstrakten, schwarmgeistigen Begriffen, bei denen sich viele Men- 
schen heute beruhigen; die Menschen glauben, daft die heutige Zeit 
die Moglichkeit habe, von irgendeinem ethischen oder religiosen 
Standpunkte aus das, was das soziale Problem ist, zu ordnen. Das ist 
nicht der Fall. Man kann heute den Leuten noch so gute religiose, 
ethische Lehren predigen; die konnen das Gemiit erwarmen und haben 
manche Wirkung - gerade in einem egoistischen Sinne. Es mussen 
die Begriffe fahig gemacht werden, einzugreifen in das soziale Getriebe 
der Menschen. 



Also auf die Erwerbung des Verstandnisses kommt unendlich viel 
heute an. Ich sagte: die Menschen, in denen auch der soziale Impuls 
heute machtig wogt und spriiht, haben vielfach primitive Begriffe. 
Nicht wahr, es gibt ja noch viele Menschen - auf der einen Seite den 
leitenden Kreisen angehorig, auf der anderen Seite der proletarischen 
Welt angehorig -, die sich vorstellen, dafi eine einfache Umschich- 
tung eine wirkliche Anderung bringen konne. Also zum Beispiel, wenn 
diejenigen, die bisher oben waren, die Minister und Staatssekretare, 
herunterpurzeln und die anderen, die bisher in irgendwelchen Prole- 
tarierpositionen waren, hinaufsteigen, wenn also einfach eine Um- 
schichtung stattfindet; dafi dadurch die Dinge anders werden konn- 
ten, das ware eine ganz irrtiimliche Vorstellung. Es werden manche 
Leute ablehnen, dafi sie eine solche Vorstellung haben. Und dennoch 
haben sie sie eigentlich. Sie sind nur umnebelt von allerlei Parteian- 
schauungen, und dadurch kommt ihnen nicht zum Bewufitsein, dafi 
sie eigentlich solche Vorstellungen haben, wie ich sie jetzt angedeutet 
habe. Worum es sich handelt, ist, da!5 in wirklich einfacher Weise die 
Menschen sich ein Verstandnis erwerben fur das, was ich Ihnen jetzt 
ofter hier und auch in offentlichen Vortragen vorgebracht habe; ein 
Verstandnis erwerben fur die notwendige Dreigliederung des sozialen 
Organismus; dafi alle Einzelheiten in den sozialen Mafinahmen sich so 
entwickeln, dafi Rechnung getragen werde der Notwendigkeit, die in 
dieser Dreigliederung liegt - darauf kommt es an. Ob man nun die 
Maftnahmen zu treffen hat mit Bezug auf, sagen wir, den Bau einer 
Eisenbahn, die einer Privatgesellschaft oder dem Staate iibertragen 
werden soil, oder ob man zu entscheiden hat iiber die Art und Weise, 
wie man bei irgendeiner Gelegenheit Leistungen entlohnt - ich sage 
nicht Arbeitskrafte, sondern Leistungen -, bei alien diesen Dingen 
kommt es darauf an, dafi man seinen Mafinahmen die Richtung gibt 
nach dieser Dreigliederung, nach der Verselbstandigung des geistigen 
Lebens, des rechtlichen Lebens - dem Staate, dem eigentlichen poli- 
tischen Leben - und des wirtschaftlichen Lebens. 

Sie konnen dann gewi£ die Frage aufwerfen: Wie soli das eine oder 
das andere geschehen? Das sind zum grofien Teil falsch aufgeworfene 
Fragen in dem Stadium, in dem heute die Sache steht. Der Geist des- 



jenigen, was in dieser Dreigliederung lebt, der lafit sich etwa in der 
foJgenden Weise umschreiben. Nicht wahr, es gibt zum Beispiel, um 
etwas herauszugreifen, das beste Besteuerungssystem. Nun handelt es 
sich heute gar nicht darum, dieses beste Besteuerungssystem auszu- 
denken, sondern es handelt sich darum, hinzuarbeiten auf die Drei- 
gliederung. Und wenn diese Dreigliederung sich immer mehr und 
mehr verwirklicht, so wird durch die Tatigkeit dieser Dreigliederung 
des sozialen Organismus das beste Steuersystem entstehen. Es han- 
delt sich darum, die Bedingungen herzustellen, unter denen die besten 
sozialen Einrichtungen entstehen konnen. Denn daft irgendeiner den 
Gedanken hat, das Beste auszuspintisieren, darum kann es sich gar 
nicht handeln, das hat gar keinen Wirklichkeitswert. Bedenken Sie 
doch nur einmal, Sie waren - irgendeiner von Ihnen — ein so grofies 
Genie, wie es noch gar nicht dagewesen ist in der menschheitlichen 
Entwickelung, und dadurch, daft Sie ein so grofies Genie waren, wiir- 
den Sie in der Lage sein, das beste Steuersystem auszudenken. Wenn 
Sie da nun aber allein in der Welt stehen mit ihrem Gedanken des 
besten Steuersystems, und die anderen wollen das nicht, sie wollen 
vielleicht das falsche, aber sie wollen das Ihrige nicht - das ist es, 
worauf es ankommt. Nicht darauf kommt es an, das Beste zu den- 
ken, sondern dasjenige zu finden, auf Grund dessen die Menschheit 
in ihrer Gesamtheit das Beste tun wird. Nun, so konnen Sie aller- 
dings sagen: Ja, aber irgendwo mufi man doch anfangen. Man mufi 
die Dreigliederung einrichten, auch wenn die Menschen sie nicht wol- 
len! 

Das ist etwas anderes, meine lieben Freunde; denn da handelt es 
sich nicht um etwas, was so wie irgendein Steuersystem die Menschen 
wollen konnen oder nicht wollen konnen, sondern da handelt es sich 
um etwas, was eigentlich im Grunde genommen alle Menschen wollen, 
wenn sie es nur verstehen. Das ist dasjenige, was Sie den Menschen, 
wenn Sie den richtigen Weg finden, wirklieh zum Verstandnis bringen 
konnen, weil die Menschen im Unterbewufiten wollen, dafi es sich 
eben realisieren soil in den nachsten Jahrzehnten des Lebens der 
Menschheit iiber die zivilisierte Welt hin. Das ist nicht ausgedacht, 
sondern das ist beobachtet, was die Menschen wollen. Und nicht des- 



halb weisen es heute noch zahlreiche Menschen zuriick, weil sie es 
nicht wollen, sondern nur, weil sie voller Vorurteile noch sind und 
eigentlich gegen die Sache arbeiten, die sich durchaus realisieren will. 
Das andere ergibt sich als Konsequenz. Sie miissen auf das Primare 
gehen. Das Primare ist dasjenige, wofiir - mag es nun kiirzer oder 
langer dauern - Verstandnis wird erweckt werden konnen, wenn nur 
erst einiges von dem, was heute noch dieses Verstandnis hindert, 
beseitigt sein wird. Es sind ja natiirlich noch immer gewisse Fiihrer- 
personlichkeiten da, die sich in den Weg stellen. Diese Fiihrerperson- 
lichkeiten werden nicht zu uberzeugen sein; die miissen erst selbst ihre 
Kopfe blutig schlagen an den Widerstanden, die sich ihnen bieten wer- 
den. Und solche Widerstande wird es viele geben. Deshalb darf die 
Sache auch nicht, wenn sie heute nicht gleich auf den ersten Anhieb 
so geht, wie man es sich vorstellt, als eine vergebliche bezeichnet wer- 
den. Die Sache mu& vorbereitet sein. Sie mufi da sein, wenn im Le- 
ben das, was sich jetzt realisiert - falsch realisiert -, sich selbst ad 
absurdum gefuhrt haben wird, wenn vieles von dem, was jetzt in die 
Welt tritt, ebensowenig mehr da sein wird, wie die deutschen Fiirsten 
zum Beispiel jetzt noch da sind, die auch noch 1913 sich nicht trau- 
men liefien, daft sie 1919 nicht mehr da sein wiirden. Wenn das weg 
ist, was jetzt die Leute oftmals noch bejubeln, dann mufi wenigstens 
etwas da sein in den Kopfen, in den Herzen der Leute, auf das zuriick- 
gegriffen werden kann. Es muS vorbereitet werden, der Boden mufi 
geschaffen werden. Das ist es, woran Sie bei diesen Dingen denken 
miissen, meine lieben Freunde. Sie werden, wenn Sie einmal gemigend 
lange und geniigend griindlich auf diese Dreigliederung in Geistesle- 
ben, in politisches Leben, in wirtschaftliches Leben eingedrungen sind, 
dann schon das Bediirfnis haben, weiter in den Sachen ein gewisses 
Verstandnis sich zu entwickeln. Dieses Verstandnis ist eben durchaus 
notwendig, sonst redet man iiber die Dinge so, dafi man ja alien guten 
Willen in seine Rede hineinversetzen kann, aber es kann keine Reali- 
tat daraus werden. Der soziale Organismus ist ebenso bestimmten 
Gesetzen unterworfen wie der naturliche menschliche Organismus. 
Handeln Sie gegen diese Gesetze des sozialen Organismus mit den 
allerschonsten Prinzipien, so konnen Sie nichts erreichen. Sie konnen 



hochstens die Menschen in eine Sackgasse hineinfiihren. - Das ist es, 
worauf es ankommt. 

Sagen Sie nun nicht: Ja, was ist dann die Freiheit des Menschen, 
wenn der Mensch hineingestellt sein soli in einen sozialen Organis- 
mus, der bestimmte Gesetze hat? - Die Frage ist nicht klug; denn 
dieselbe Frage konnten Sie auf einem anderen Gebiete so stellen: 
Kann denn der Mensch frei sein, wenn er tagiich gezwungen ist zu 
essen? - Es steht ihm gar nicht frei, zu essen. Die Dinge, die in der 
Welt einer gewissen Gesetzmaftigkeit unterliegen, auch wenn der 
Mensch hineingestellt ist in diese Gesetzmaftigkeit, die haben schlieft- 
lich mit dem Problem der Freiheit nicht das geringste zu tun, gerade- 
sowenig wie es mit dem Problem der Freiheit zu tun hat, daft wir nicht 
den Mond herunterfassen konnen. Aber etwas anderes hat zu tun mit 
dem, was notwendig ist als soziales Verstandnis. Das ist, daft man sich 
in die Lage versetzt, auf das Fundamentale, auf das Primare zuriick- 
zugehen und nicht von dem Sekundaren oder Tertiaren, von dem, was 
nur Folgeerscheinung ist, sein soziales Verstandnis abhangig macht. 
Nicht wahr, man kann aus einer gewissen Lebenslage heraus sagen: 
innerhalb dieser Lebenslage braucht der Mensch im Minimum so und 
so viel an Werten - also sagen wir, an Geld, weil wir schon einmal die 
Werte in Geld umgesetzt haben -, um sein Leben versorgen zu kon- 
nen. Man kann von einem Existenzminimum reden in einer bestimm- 
ten Lebenslage. Aber man kann von diesem Existenzminimum so 
reden, daft man auf der einen Seite etwas scheinbar hochst Selbstver- 
standliches und auf der anderen Seite einen volligen Unsinn sagt. Das 
will ich Ihnen an einem Beispiel versuchen, klarzumachen. 

Wenn Sie die gegebenen Lebensverhaltnisse auf irgendeinem Terri- 
torium nehmen, so konnen Sie vielleicht schon aus der Empfindung 
heraus, aus der instinktiven Empfindung heraus sagen: Derjenige, der 
einfach arbeitet, handarbeitet, der braucht so und so viel als Existenz- 
minimum, sonst kann er nicht leben in dieser Gemeinschaft. Das kann 
ein scheinbar ganz selbstverstandlicher Gedanke sein. Aber bedenken 
Sie, mag der Gedanke auch noch so selbstverstandlich sein, wenn er 
aber so, wie Sie ihn ausdenken miissen, nach den Voraussetzungen, 
die ich eben angegeben habe, sich nicht verwirklichen laftt innerhalb 



des sozialen Organismus, in dem irgend jemand lebt; wenn ihn zu ver- 
wirklichen eine Unmoglichkeit ist - was dann? Das ist es, was Sie sich 
vor alien Dingen beantworten miissen: was dann, wenn das zu ver- 
wirklichen unmoglich ist? 

Es ist das eben, wenn man so uberlegt, wie ich es jetzt eben darge- 
stellt habe, nicht ein primarer Gedanke. Man geht nicht an die funda- 
mentalen Dinge zuriick, sondern man kniipft an etwas Sekundares an, 
an etwas, was bloft eine Folgeerscheinung ist. Man mufi immer in der 
Lage sein, zu seinem sozialen Verstandnis an die fundamentalen Dinge 
anzukniipfen. So ist eine fundamental Sache, daft man sich eine An- 
sicht verschaffen kann, eine lebenfordernde Ansicht, wie gerade nach 
den Lebensbedingungen des sozialen Organismus das Existenzmini- 
mum sein kann; und mit Leben-fordernd meine ich in diesem Falle 
eine solche Ansicht, daft eine mogliche soziale Lage und ein mogliches 
soziales Zusammenleben der Menschen daraus folgt. Das ist das Pri- 
mare. Und nun kommt man da allerdings auf gewisse Vorstelhmgen, 
die der heutigen Menschheit zum groften Teil recht unbequem sind, 
weil versaumt worden ist in den letzten Jahrhunderten, die primitive 
Schulbildung, die auf solche Dinge hingehen soli, nach solchen Din- 
gen wirklich hinzuleiten. Es diirfte heute schon bald den Menschen 
klarwerden, daft man nicht bloft wissen soli, um ein halbwegs gebilde- 
ter Mensch zu sein, daft drei mal neun siebenundzwanzig ist, sondern 
daft man auch wissen sollte, was denn eigentlich zum Beispiel das 
Ding ist, das man «Grundrente» nennt. Nun frage ich Sie, wieviele 
Menschen heute eine deutliche Vorstellung haben von dem, was Grund- 
rente ist. Ohne aber den sozialen Organismus in bezug auf solche 
Dinge zu uberblicken, laftt sich iiberhaupt eine gedeihliche Fortent- 
wickelung der Menschheit nicht herbeifuhren. 

Diese Dinge sind allmahlich in grofte Verwirrung gekommen. Und 
die verworrenen Verhaltnisse, die fiihren heute die Menschen zu ihren 
Vorstelhmgen, nicht dasjenige, was wahre Verhaltnisse auf diesem 
Gebiete sind. Sehen Sie, die Grundrente, die man irgendwie bewer- 
ten kann nach der Produktivitat, die auf irgendeinem Territorium ein 
Stuck Boden hat, diese Grundrente, die ergibt nun, sagen wir, eine 
bestimmte Summe fur ein staatlich begrenztes Territorium. Der Bo- 



den ist nach seiner Produktivitat, das heiftt, nach der Art oder nach 
dem Grade der rationellen Ausnutzung gegeniiber der Gesamtwirt- 
schaft so und so viel wert. Fur die Menschen ist es heute sehr schwie- 
rig, diesen einfachen Bodenwert in klaren Begriffen zu denken, weil 
sich im heutigen kapitalistischen Wirtschaftsleben der Kapitalzins 
oder das Kapital iiberhaupt konfundiert hat mit der Bodenrente, weil 
der wirkliche volkswirtschaftliche Wert der Bodenrente zu einem 
Truggebilde gemacht worden ist durch das Hypothekenrecht, durch 
das Pfandbriefwesen, durch das Obligationenwesen und dergleichen. 
Dadurch ist alles im Grunde genommen in unmogliche, unwahre Vor- 
stellungen hineingetrieben worden. Es ist natiirlich nicht moglich, im 
Handumdrehen wirklich eine Vorstellung von dem zu bekommen, 
was eigentlich Grundrente ist. Aber denken Sie einfach als Grund- 
rente den volkswirtschaftlichen Wert des Grund und Bodens eines 
Territoriums, des Grund und Bodens als solchem, aber mit Bezug auf 
seine Produktivitat. Nun besteht ein notwendiges Verhaltnis zwischen 
dieser Grundrente und dem, was ich vorhin als Existenzminimum des 
Menschen angegeben habe. Nicht wahr, es gibt heute manche Sozial- 
reformer und Sozialrevolutionare, die traumen von einer Abschaffung 
der Grundrente iiberhaupt, die glauben, dafi zum Beispiel die Grund- 
rente abgeschafft ist, wenn man den gesamten Grund und Boden, wie 
sie sagen, verstaatlicht oder vergesellschaftet. Dadurch, dafi man 
etwas in eine andere Form bringt, ist aber die Sache nicht abgeschafft. 
Ob nun die ganze Gemeinschaft den Grund und Boden besitzt, oder 
ob ihn so und so viele besitzen, das andert gar nicht das Vorhanden- 
sein der Grundrente. Sie maskiert sich nur, sie nimmt andere Formen 
an. Grundrente so definiert, wie ich es vorhin definiert habe, ist eben 
immer da. Wenn Sie auf einem bestimmten Territorium die Grund- 
rente nehmen, sie dividieren durch die Einwohnerzahl des betreffen- 
den Territoriums, so bekommen Sie einen Quotienten heraus, und 
dieser Quotient ergibt das allein mogliche Existenzminimum. Das ist 
ein Gesetz, das, wie meinetwillen das Boyle-Mariottesche Gesetz in 
der Physik ein ganz bestimmtes Gesetz ist, das nicht anders sein kann. 
Das ist aber eine primare Tatsache, das ist etwas Fundamentals, dalS 
eigentlich niemand in Wirklichkeit mehr verdient in irgendeinem sozia- 



len Organismus, als die gesamte Grundrente dividiert durch die Ein- 
wohnerzahl. Was sonst mehr verdient wird, wird verdient durch Koa- 
litionen und durch Assoziationen, wodurch Verhaltnisse geschaffen 
werden, durch die auf eine Personlichkeit mehr Werte kommen als auf 
die andere Personlichkeit. Aber wahrhaftig, in den mobilen Besitz 
eines einzigen Menschen ubergehen kann gar nichts mehr als dasje- 
nige, was ich jetzt bezeichnete. Und aus diesem Minimum, das iiberall 
wirklich existiert, wenn auch die realen Verhaltnisse es zudecken, 
geht alles wirtschaftliche Leben, insofern dieses wirtschaftliche Leben 
sich bezieht auf dasjenige, was man als einzelner an mobilem Besitz 
hat, hervor. Von dieser fundamentalen Tatsache muE ausgegangen 
werden. Darauf kommt es an, dafi man nicht von einer sekundaren, 
sondern von dieser primaren Tatsache ausgeht. Sie konnen diese pri- 
mare Tatsache vergleichen mit irgendeiner anderen primaren Tat- 
sache, sagen wir zum Beispiel mit der primaren Tatsache, die auch fur 
das Wirtschaftsleben eine solche ist, daft auf einem bestimmten Ter- 
ritorium nur eine bestimmte Menge eines Rohproduktes ist. Da konn- 
ten Sie es naturlich auch als wunschenswert bezeichnen, wenn dieses 
Rohprodukt mehr vorhanden ware, und konnten ausrechnen, wieviel 
man dann mehr haben wiirde auf diesem Territorium. Aber das Roh- 
produkt konnen Sie nicht vermehren. Das ist eine primare Tatsache. 
Ebenso ist es eine primare Tatsache, daft in Wirklichkeit in einem 
sozialen Organismus niemand mehr verdient - man verdient nicht 
durch Arbeit, auch wenn man noch so viel arbeitet - als dasjenige, 
was dieser Quotient, den ich angefuhrt habe, ergibt. Alles iibrige ist 
durch Koalitionen und so weiter unter den Menschen bewirkt. 

Gegen eine solche Tatsache konnen die sozialen, konnen die poli- 
tischen Einrichtungen handeln. Sie konnen dagegen verstofien. Darum 
handelt es sich, dafi man das ganze organisierende Denken in die 
Richtung bringt, in der die Tatsachen laufen. Darauf kommt es an. 
Zufriedenheit unter Menschen kann nur dadurch entstehen, dafi solche 
Dinge eingesehen werden. Denn bringt man das ordnende, das in die 
Wirklichkeit sich umsetzende Denken in solche Richtungen, die die 
Natur des sozialen Organismus fordert, dann richtet sich das andere 
danach, dann kann es gar nicht eintreten, dafi der eine sich benach- 



teiligt glaubt gegenuber dem anderen. Das ist dasjenige, was als ein 
Gesetz dem sozialen, dem wirklichen Leben des sozialen Organismus 
zugrunde liegt. Aber in der richtigen Weise konnen Sie iiber solche 
Dinge nur denken - ich habe Ihnen dieses Beispiel von der Beziehung 
des Existenzminimums zu der Grundrente angegeben -, iiber solche 
Dinge konnen Sie nur Begriffe bekommen, die in die Wirklichkeit 
eingreifen, wenn Sie ausgehen von der Dreigliederung, die wir als das 
Fundamental haben. Denn nur unter dem Einflusse dieser Dreiglie- 
derung ist es moglich, dafi die Menschen solche Maftnahmen treffen, 
dafi nun wirklich das Zusammenleben der Menschen liber ein Terri- 
torium sich in der produktivsten Weise entwickelt. In der produktiv- 
sten Weise wird sich namlieh das Leben entwickeln, wenn es in der 
Richtung der Gesetzma&igkeit verlauft, nicht gegen diese Gesetz- 
mafiigkeit; also im Sinne des sozialen Organismus leben, das ist es, 
worauf es ankommt. 

Nun mufi man allerdings sich folgendes klarmachen. Aus der aufte- 
ren Beobachtung des Lebens gewinnen Sie nicht die Einsicht in das 
Fundamentale der Dreigliederung, geradesowenig wie Ihnen - wiirden 
Sie noch so viele rechtwinklige Dreiecke betrachten - der pythago- 
raische Lehrsatz aufginge; aber wenn Sie ihn einmal haben, dann ist 
er iiberall anwendbar, wo ein rechtwinkliges Dreieck ist. So ist das 
mit diesen fundamentalen Gesetzen. Sie sind iiberall anwendbar, wenn 
man sie einmal in der richtigen Weise wirklichkeitsgemafi erfalk hat. 
Und Sie, meine lieben Freunde, haben ja noch Gelegenheit, die Not- 
wendigkeit dieser Dreigliederung aus den Fundamenten der Geistes- 
wissenschaft heraus zu begreifen. Sie haben auch folgende Moglich - 
keit noch. Bedenken Sie, was als diese Dreigliederung angegeben 
wird. Wenn ich so sagen darf, das Leben der irdischen Geistigkeit: 
Kunst, Wissenschaft, Religion und, wie ich gesagt habe, auch Privat- 
und Strafrecht, das ist das eine Gebiet. Das zweite Gebiet ist das poli- 
tische Zusammenleben der Menschen, das sich bezieht auf das Ver- 
haltnis von Mensch zu Mensch. Das dritte ist das wirtschaftliche Le- 
ben, das sich bezieht auf das Verhaltnis des Menschen zu dem, was 
gewissermafSen untermenschlich ist, was der Mensch braucht, damit er 
sich erheben kann zu seiner eigentlichen Menschlichkeit. Diese drei 



Gebiete sind diejenigen, die angefiihrt werden, wenn von der Drei- 
gliederung gesprochen wird. Gemafi diesen drei Gliedern soil der 
Mensch hineingestellt sein in den sozialen Organismus. Er mufi so 
hineingestellt sein, denn diese drei Glieder haben alle drei einen ganz 
anderen Ursprung in der menschlichen Wesenheit als solcher. 

Alles was irdisches Geistesleben ist, das ist gewissermafien der 
Nachklang desjenigen - was ich jetzt sage, gilt fur unseren Zeitraum -, 
was der Mensch erlebt hat in dem Leben vor dem Heruntersteigen 
durch die Geburt ins physische Dasein. Da lebte der Mensch als gei- 
stige Individuality in geistigem Zusammenhange mit den hoheren 
Hierarchien, in geistigem Zusammenhange mit den entkorperten 
Seelen, die eben in der geistigen Welt sind, die nicht augenblicklich 
auf Erden verkorpert sind. Dasjenige, was der Mensch hier als Gei- 
stesleben entwickelt - sei es, dalS er religios tatig ist oder religioser 
Obung sich hingibt, in religioser Gemeinschaft lebt; sei es, dafi er 
kiinstlerisch tatig ist; sei es, dafi er als Richter iiber einen, der irgendwie 
das Gesetz iibertreten hat, oder der einem Menschen ein Unrecht zuge- 
fiigt hat, zu urteilen hat -, das alles, was in diesem Geistesleben sich 
auslebt, riihrt von den Krarten her, die sich der Mensch angeeignet hat in 
dem Zusammenleben in der geistigen Welt, bevor er heruntergestiegen ist 
durch die Geburt ins physische Dasein. Da miissen Sie unterscheiden 
zwischen dem Zusammenleben mit anderen Menschen gemafi dem Ein- 
zelschicksal, und dem Zusammenleben mit anderen Menschen gemafi 
dem, was ich jetzt eben charakterisiert habe. Wir Menschen im irdischen 
Dasein kommen mit dem einen oder mit dem anderen Menschen in indi- 
viduelle Verhaltnisse hinein. Die sind abhangig von unserem individuellen 
Karma; die fiihren zuriick in fruhere Erdenleben oder weisen hin auf 
spatere Erdenleben. Aber von diesen individuellen Beziehungen zwi- 
schen Mensch und Mensch miissen Sie andere unterscheiden. Das sind 
diejenigen, in die Sie kommen, wenn Sie zum Beispiel einer gewissen 
religiosen Gemeinschaft angehoren. Da denken Sie oder fiihlen Sie 
mit einer Anzahl von anderen Menschen innerhalb dieser religiosen 
Gemeinschaft gleich. Oder nehmen Sie an, ein Buch erscheine. Die 
Menschen lesen das Buch, nehmen gleiche Gedanken durch das Buch 
auf - das ist auch eine Gemeinschaft, die man hier eingeht. Und in 



solchem besteht ja eigentlich das irdische Geistesleben, ob es sich nun 
auf Erziehung und Unterricht oder auf anderes bezieht, daft man zu 
Menschen in Beziehung tritt, mit Menschen Gemeinschaften ent- 
wickelt, urn durch diese Gemeinschaft selber im Geiste weiterzukom- 
men. Das alles aber ist ein Ausleben von Verhaltnissen, in denen man 
in ganz anderer Form drinnensteckte, bevor man herunterstieg in das 
irdische Geistesleben. Das hat nichts zu tun mit dem individuellen 
Karma, sondern das hat zu tun mit dem, was sich vorbereitete in der 
in der geistigen Welt erlebten Zeit zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt. So daft man die Quelle fur dasjenige, was ich im Speziellen 
bezeichnet habe als das geistige Gebiet, zu suchen hat in dem Leben 
schon, das der Mensch durchgemacht hat, bevor er sich anschickte, 
durch die Geburt ins irdische Dasein herunterzusteigen. 

Dann gibt es etwas, was man durchmacht bloft dadurch, daft man 
hier auf der Erde lebt zwischen Geburt und Tod. In dieses Leben 
wachst man allmahlich erst hinein. Tritt man durch die Geburt ins 
Dasein, ist man Kind, dann tragt man noch viel - wenn ich mich eines 
recht torichten Vergleiches bedienen darf, denn es ist ja nicht hart, was 
man tragt - von den Eierschalen der geistigen Welt. Das Kind ist sehr 
geistig, trotzdem es gerade den physischen Leib am meisten auszubil- 
den hat. Aber in seiner Aura hat es viel Geistiges; was es mitbringt, 
ist sehr verwandt mit dem, was das irdische Geistesleben ist. Allmah- 
lich tritt man aber immer mehr und mehr ein in das Leben, das nur 
angehort der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode. In diesem Le- 
ben, das zunachst auf nichts im Geistigen hinweist, da liegen die Quel- 
len zu dem Leben des politischen Staates. Der politische Staat hat es 
nur zu tun mit demjenigen, was der Mensch durchlebt zwischen Ge- 
burt und Tod. Daher soli sich auch in das politische Staatsleben nichts 
hineinmischen, was etwas anderes angeht als das Verhaltnis von 
Mensch zu Mensch, insofern wir Wesen sind zwischen Geburt und 
Tod. Mischt sich irgendetwas anderes hinein - breitet zum Beispiel 
der Staat seine Fittiche aus iiber das geistige Leben, iiber Kirche und 
Schule -, so unterliegt das dem Urteil, das an den Orten, wo man iiber 
solche Dinge urteilsfahig war, die Leute so fallten, daft sie gesagt 
haben: Mischt sich der Staat in irgend etwas hinein, was sich auf etwas 



anderes bezieht, als auf das offentliche Rechtsleben zwischen Geburt 
und Tod, so herrscht der widerrechtliche Fiirst dieser Welt. In all das- 
jenige, was Gegenstand staatlicher Organisation ist, gehort eben nichts 
anderes hinein als dasjenige, was sich auf das Leben zwischen Geburt 
und Tod bezieht. 

Das dritte Glied ist dasjenige, was ich als das wirtschaftliche bezeich- 
net habe. Dieses wirtschaftliche Leben, welches wir fuhren miissen 
dadurch, daf? wir essende und trinkende Menschen sein miissen, daf? 
wir uns kleiden miissen und so weiter, dieses wirtschaftliche Leben 
zwingt uns Menschen, dafi wir in das Untermenschliche hinuntertau- 
chen. Das fesselt uns Menschen an etwas, was eigentlich unter dem 
Niveau unseres Vollmenschentums steht. Indem wir uns beschaftigen 
miissen mit dem Wirtschaftsleben, indem wir untertauchen miissen in 
das Wirtschaftsleben, leben wir etwas aus, was sozial betrachtet mehr 
in sich hat, als man gewohnlich meint. Indem man im Wirtschaftsle- 
ben drinnensteht und das Wirtschaftsleben treibt, kann man nicht 
dem Geistigen, kann man nicht einmal dem Rechte leben, sondern 
man mull untertauchen in ein Untermenschliches. Aber gerade 
dadurch, dafi man in ein Untermenschliches untertaucht, entwickelt 
sich etwas in uns, was nur dadurch Gelegenheit hat, sich zu entwik- 
keln. Wahrend wir das wirtschaftliche Leben organisieren, wahrend 
wir im wirtschaftlichen Leben betatigt sind und die hoheren Gedan- 
ken schweigen miissen, auch das Verhaltnis von Mensch zu Mensch 
nur hereinspielt aus einem anderen Gebiete, arbeitet sich in unserem 
Unterbewufitsein dasjenige aus, was wir dann durch die Pforte des 
Todes durchtragen in die geistige Welt hinein. Wahrend wir im irdi- 
schen Geistesleben den Nachklang dessen ausleben, was wir geistig 
durchlebt haben, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind, wah- 
rend wir im Rechtsleben des politischen Staates nur ausleben, was 
zwischen Geburt und Tod liegt, lebt sich, wahrend wir im Wirtschafts- 
leben stehen, wo wir nicht untertauchen konnen mit unserem hoheren 
Menschen, etwas aus, bereitet sich etwas vor, was auch geistig ist, was 
wir durchtragen durch die Pforte des Todes. So sehr die Menschen 
mochten, dafi das Wirtschaftsleben nur fur die Erde da sei, es ist es 
nicht, sondern gerade deshalb, weil wir untertauchen in das Wirt- 



schaftsleben, bereitet sich fiir uns als Menschen etwas vor, was wie- 
derum auf die iibersinnliche Welt Beziehung hat. Daher sollte nie- 
mand darauf verfallen, die Organisierung des Wirtschaftslebens fur 
sehr gering zu halten. Gerade dieses aufiere materielle Leben hat einen 
gewissen Bezug auf das nachtodliche Leben, so sonderbar und para- 
dox das erscheint. So dafi tatsachlich die drei Gebiete fiir den Kenner 
des Menschen auseinanderf alien: Das rein geistige Gebiet weist auf 
das vorgeburtliche Leben; das politische Staatsgebiet weist auf das 
Leben zwischen Geburt und Tod; und das Wirtschaftsleben weist auf 
das Leben nach dem Tode. Wir entwickeln die Briiderlichkeit im 
Wirtschaftsleben wahrhaftig nicht umsonst. In all dem, was sich auf dem 
Grunde des Wirtschaftslebens an Briiderlichkeit entwickelt, liegen 
Antezedenzien, Vorbedingungen fiir das Leben, das wir entwickeln 
nach dem Tode. Ich deute Ihnen dadurch nur skizzenhaft zunachst 
an - wir wollen davon spater weitersprechen -, wie sich auch aus der 
dreifachen Gliederung der Menschennatur in dieser Beziehung gerade 
fiir den Geisteswissenschafter Lichter ergeben, welche eben das soziale 
Leben notwendig in drei voneinander verschiedene Gebiete gliedern. 

Das ist das Eigentumliche der Geisteswissenschaft: lalk man sich 
auf sie ein, so wird sie unmittelbar praktisch. Sie beleuchtet das Leben 
um uns herum, und in der heutigen Zeit haben die Menschen keine 
andere Moglichkeit, das Leben wirklich in seinen realen Verhaltnissen 
zu beleuchten, als auf das Geisteswissenschaftliche irgendwie einzuge- 
hen. Daher ware es wiinschenswert, dafi gerade von denjenigen, die 
sich fiir diese geisteswissenschaftliche Bewegung interessieren, Ver- 
standnis ausstrahlen wiirde auf die anderen; denn der Geisteswissen- 
schafter hat es verhaltnisma&g leichter, diese Dinge zu durchschauen. 
Er kennt so etwas wie vorgeburtliches und nachtodliches Leben von 
einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, und ihm ergibt 
sich die Notwendigkeit der Dreigliederung des Lebens von diesem 
Gesichtspunkte aus. Man kann die Notwendigkeit der Dreigliederung 
schon heute einsehen. Aber griindlicher, umfassender wird man einen 
Einblick in sie gewinnen, wenn man auch noch so etwas hat, wie die 
geisteswissenschaftlichen Fundamente, von denen ich hier gesprochen 
habe. 



Sehen Sie, wieviel ist im Laufe der letzten Jahrhunderte in schwarm- 
geistiger Art gesprochen worden, indem man von einer allgemeinen 
Sittenlehre und dergleichen gesprochen hat, indem man das Religiose 
moglichst getrennt hat von dem aufieren, alltaglichen Leben. Wir ste- 
hen jetzt einmal in diesem Zeitpunkt, wo wir Begriffe auszubilden 
haben, welche untertauchen konnen in das alltagliche Leben, welche 
nicht blofi reichen bis zu der Verheifiung der Erlosung, bis zu der 
Forderung der Notwendigkeit: «Kindlein, liebet einander!» - sie tun 
es ja doch nicht, wenn sie es nicht miissen oder wenn nicht etwas 
anderes vorliegt! Die Begriffe, die wir in diesen Regionen entwickeln, 
miissen auch wirklich Trag- und Stofikraft genug haben, um das heute 
so kompliziert gewordene Wirtschaftsleben wirklich zu verstehen. Also 
einfach durch die Erkenntnis der Menschennatur ist die Notwendigkeit 
der Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus gegeben. 

Das mitfke heute als die allererste Grundlage zu einem Neuaufbau 
moglichst vielen Menschen eben klarwerden. Dies blofie Reden vom 
Geiste, auf das ich schon gestern hingewiesen habe, das ist heute viel- 
leicht schadlicher als der Materialismus, der in der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts angefangen hat und sich bis heute weiter verbreitet hat. 
Denn das blofie Reden vom Geiste, das blolSe Hinseufzen zum Gei- 
ste, das blolk Anbeten des Geistes, das ist heute nicht mehr unserer 
Epoche entsprechend. Unserer Epoche entsprechend ist es, dafi wir 
den Geist realisieren, dafi wir dem Geiste die Moglichkeit geben, 
unter uns zu leben. Es geniigt heute nicht, dafi die Menschen an den 
Christus glauben, sondern es ist heute notwendig, dafi die Menschen den 
Christus in ihrem Handeln, in ihrem Wirken verwirklichen. Darauf 
kommt es an. Denn wenn die Menschen in dieser Beziehung auf die- 
sem Gebiete gesundes Denken und Empfinden entwickeln, dann 
fliefit dieses gesunde Denken und Empfinden auch in anderes ein. 

Vergessen Sie niemals, so etwas wie das Folgende zu beachten: Ein 
grofier Teil der heutigen offiziellen Vertreter dieses oder jenes christ- 
lichen Bekenntnisses redet von dem Christus. Ich habe diese Tatsache 
von anderen Gesichtspunkten auch schon hier beruhrt, allein wir miis- 
sen von verschiedenen Gesichtspunkten immer wiederum auf diese 
Dinge zuriickkommen. Die Leute reden von dem Christus, wenn man 



sie aber fragt: warum ist das der Christus, was sie als den Christus 
bezeichnen, da konnen sie eigentlich nur eine scheinbare Antwort 
geben und bewegen sich eigentlich in einer inneren Luge. Eine grofte 
Anzahl der heutigen Theologen redet, weil die Evangelien allmahlich 
mehr oder weniger zerzaust worden sind von der sogenannten For- 
schung, redet von dem Christus - allein, wenn man sie fragen wiirde: 
Wodurch unterscheidet sich das, was Sie in Ihren Begriffen haben als 
das Christus-Wesen von dem Jahve-Gotte, von dem einfachen Gotte, 
der die Welt durchwest und durchwellt? - sie wiirden keine Ant- 
wort geben konnen. Der grofte Theologe Harnack in Berlin hat ein 
Buch geschrieben iiber «Das Wesen des Christentums», aber das, was 
er da als das Wesen des Christus schildert, das ist der alttestament- 
liche Jahve, denn der hat gerade diese Eigenschaften. Und deshalb ist 
es eine innere Luge, den Jahve als den Christus zu bezeichnen. Und 
so ist es bei Hunderten und aber Hunderten, bei Tausenden von den- 
jenigen, die heute das Christentum predigen, daft sie eigentlich nur 
den Gott im allgemeinen predigen, den Gott, von dem man sagen 
kann «Ex deo nascimur». Den Christus hat man erst gefunden, wenn 
man eine Art innerer Wiedergeburt erlebt hat. Von dem Gotte, auf 
den man hinweist, wenn man sagt: «Ex deo nascimur», muft man 
reden, wenn man einfach gesund ist in seinem ganzen Menschenwe- 
sen. Atheist sein heiftt in Wirklichkeit krank sein. Aber von dem 
Christus kann man nur reden, wenn man eine Art Wiedergeburt des 
seelischen Lebens erlebt hat - was nicht einfach dadurch da ist, dafi 
man als Mensch geboren ist -, wenn man eine solche Wiedergeburt 
des seelischen Lebens gerade im Sinne des gegenwartigen Mensch- 
heitszyklus erlebt hat. 

Man kann das, wenn man sich sagt: Heute ist der Mensch einmal so, 
wie er geboren wird, notwendig mit Vorurteilen behaftet. Wir werden 
gar nicht anders geboren, als daft wir mit Vorurteilen behaftet sind. 
Das ist das Wesen des heutigen Menschen. Und bleibt der Mensch 
so, wie er heute geboren ist, dann tragt er die Vorurteile durch das 
ganze Leben hindurch. Er lebt einseitig. Man kann sich heute nur 
retten, wenn man innere Toleranz hat, wenn man einzugehen vermag 
auf die Meinungen - selbst wenn man sie fur Irrtiimer halt - anderer 



Menschen. Wenn man Verstandnis, innigstes Verstandnis hat fiir die 
Meinungen anderer Seelen, auch wenn man sie fiir Irrtiimer halt, 
wenn man liebevoll dasjenige, was der andere denkt und fiihlt, ebenso 
aufnehmen kann, wie dasjenige, was man selbst denkt und fiihlt - eig- 
net man sich diese Fahigkeit, diese innere Toleranz an, dann kommt 
man allmahlich iiber die uns heute in unserem Menschheitszyklus 
angeborenen Vorurteile hinaus. Und man lernt sich sagen: Was du 
verstanden hast in einem der geringsten meiner Briider, das hast du 
von mir verstanden — denn der Christus hat nicht nur in der Zeit 
gesprochen zu den Menschen, als das Christentum entstanden ist, der 
Christus hat sein Wort wahr gemacht: «Ich bin bei euch alle Tage bis 
ans Ende der Erdenzeiten.» Und er offenbart sich auch immer. Nicht 
nur hat er einmal gesagt: «Was ihr einem der geringsten meiner Brii- 
der getan habt, das habt ihr mir getan», sondern heute sagt er zu dem 
Menschen: Was du in einem der geringsten deiner Briider mit innerer 
Toleranz verstehst, auch wenn es ein Irrtum ist, das hast du von mir 
verstanden, und ich werde dich die Vorurteile uberwinden lassen, 
wenn du diese deine Vorurteile abschleifst an dem toleranten Auf- 
nehmen desjenigen, was der andere denkt und fiihlt. - Das ist das 
eine. Das ist mit Bezug auf das Denken der Weg, zu dem Christus zu 
kommen: dafi der Christus einzieht, dafi wir nicht nur Gedanken iiber 
den Christus haben, sondern dafi der Christus in unseren Gedanken 
lebt. Nur auf diese Weise wird er in unseren Gedanken leben, wie ich 
es jetzt eben geschildert habe. 

Das zweite hat Bezug auf den Willen. In der Jugend ist der Mensch 
zuweilen idealistisch. Es ist angeborener Idealismus. Den haben wir 
einfach dadurch, dafi wir als Menschen geboren sind. Heute geniigt er 
nicht in unserem Menschheitszyklus, dieser Menschheitsidealismus. 
Heute brauchen wir noch einen anderen Idealismus, einen solchen, 
den wir uns selbst anerziehen, den wir nicht einfach dadurch, da£ wir 
Menschen sind, haben - zu dem wir uns hinbandigen. Solch einen 
Idealismus brauchen wir. Wir brauchen einen Idealismus, den wir uns 
selber erworben haben. Das ist dann der Idealismus, der auch nicht 
mit den Jugendjahren verschwindet, sondern der durch das ganze 
Leben uns jung und idealistisch erhalt. Eignen wir uns einen solchen 



Idealismus an, den wir uns selber anerziehen, dann liegt in einem solchen 
Idealistnus auf Grund eines jetzt nicht logischen, sondern Wirklich- 
keitsgesetzes, daft wir die Stoftkraft aufbringen, nicht blofi als einzelne 
egoistische Menschen zu handeln, sondern uns hineinzustellen in den 
sozialen Organismus, um in diesem sozialen Organismus drinnen zu 
handeln. Keiner, der sich heute nicht herbeilafk oder der nicht erzo- 
gen wird zum selbsterworbenen Idealismus, wird wirkliches soziales 
Verstandnis erwerben. 

Das «Ex deo nascimur» erwerben wir uns dadurch, daft wir gebo- 
ren werden. Der Weg zu Christus geht auf der einen Seite durch iiber- 
sinnliche Gedanken, auf der anderen Seite durch den Willen. Durch 
den Gedanken, indem wir von vornherein iiberzeugt sind: wir werden 
heute geboren als vorurteilsvolle Menschen, wir miissen uns die Vor- 
urteile durch das tolerante Abschleifen unserer Vorurteile an den 
Meinungen anderer erwerben. In bezug auf den Willensweg miissen 
wir sagen: unser Wille erhalt heute nur das richtige soziale Feuer, 
wenn wir selbsterworbenen Idealismus haben, Idealismus, den wir in 
uns hineingetrieben haben durch eigene Tatigkeit. Das gibt Wieder- 
geburt. Und was wir so gefunden haben, indem wir es uns als Mensch 
erworben haben, das fiihrt erst zum Christus. Nicht der Gott, dem 
gegeniiber wir sagen: «Ex deo nascimur», darf als Christus bezeichnet 
werden, denn das ist eine innere Unwahrheit. Den Gott konnte auch 
das Alte Testament haben. Der Gott, der zu uns spricht, wenn wir 
uns als Menschen wahrend unseres Lebens nach diesen zwei Richtun- 
gen, die ich bezeichnet habe, umgewandelt haben, der Gott wird von 
uns deutlich als ein anderer empfunden als der blofie Vatergott - das 
ist der Christus. - Von diesem Christus spricht die moderne Theologie 
eigentlich sehr wenig. Dieser Christus rauE als ein sozialer Impuls in 
die Menschheit hineinkommen. Von dem Christus sprechen heute viele 
Menschen so, daft ihre Rede nichts weiter ist als eine innere Luge. 

Nun sind solche Dinge ja nicht so einzusehen, wie man heute spin- 
tisierend die Dinge einsehen will, daft sich so logisch Glied an Glied 
gliedert. Ich habe Ihnen neulich einmal gesagt: Es gibt ein Wirklich- 
keitsverstandnis, das ein anderes Verstandnis ist als ein bloft aufteres, 
logisches. Aber wenn der Mensch so etwas in sich entwickelt, wie ich 



es jetzt als eine Wiedergeburt bezeichnet habe, dann wird heute sein 
Denken in die Christus-Nahe gebracht, und er lernt so denken und 
empfinden, wie er denken und empfinden muE, wenn er sich heute 
zum Heile der Menschheit in die menschliche Gesellschaft hineinstel- 
len soil. Er lernt namlich dann auch iiber andere Sachen richtig zu 
denken und zu empfinden, wenn er iiber dieses Fundamental richtig 
denkt und empfindet. Davon ist aber gerade das geistige Leben der 
neueren Menschheit furchtbar weit abgekommen. Und der Grund ist 
vielfach der, dafi dieses geistige Leben der neueren Menschheit auf- 
gesogen worden ist von dem politischen Staatsleben. Befreit werden 
mufi das geistige Leben der Menschheit von dem politischen Staats- 
leben, damit es wieder fruchtbar und impulsiv werden kann fur die 
menschliche Entwickelung. Sonst werden alle Gedanken verrenkt, und 
nach den verrenkten Gedanken falsche Wirklichkeiten geschaffen. 

Ich habe schon einmal angefiihrt, wie Wilson die Freiheit definiert. 
Gewifi, es ist nicht besonders bedeutsam, wie heute ein Staatsmann 
die Freiheit definiert, wenn man auf Philosophic halt. Aber es ist 
bedeutsam als Symptom, was da lebt in einem Menschen, wenn er 
diese oder jene Gedanken iiber die Freiheit hat. Wilson sagt: Das- 
jenige, was sich innerhalb gewisser Verhaltnisse so anpafit, dafi es 
sich frei bewegen kann, von dem sagen wir, es ist frei. Also in einer 
Maschine, wenn sich ein Korb frei bewegen kann, wenn er nicht da 
und dort anstofit, sondern sich frei bewegen kann, sagen wir, der Korb 
lauft frei; oder ein Schiff, das so konstruiert ist, dafi es mit der Wind- 
richtung lauft, bewegt sich frei vorwarts. Wiirde es gegen die Wind- 
richtung laufen, wiirde es gefesselt sein, wiirde es nicht frei sein. So 
ist auch der Mensch frei, wenn er an die Verhaltnisse angepafit ist im 
sozialen Mechanismus. - Da kann man ja dann nur von sozialem 
Mechanismus sprechen. 

Es hat nicht so sehr eine Bedeutung, dafi solche Gedanken in einem 
Kopfe leben und realisiert werden, sondern dafi das, was realisiert ist, 
in solchen Gedanken sich auslebt. Daran erkennt man, ob es gesund 
ist, oder ob es wider das Gesunde lauft. Der Gedanke ist ganz ver- 
renkt. Und warum? Sie brauchen sich jetzt nur einmal mit den Emp- 
findungen, die Sie sich aus der Geisteswissenschaft nehmen, das Fol- 



gende zu uberlegen: Wenn Sie angepafk sind - Sie konnen ganz gut 
angepaftt sein an die aufteren Lebensverhaltnisse, Ihr Leben lauft im 
Sinne dieser Anpassung an die Verhaltnisse, nirgends stolen Sie an -, 
so sind Sie frei; wie ein Schiff, das mit dem Winde lauft, sind Sie 
frei. - Aber so stent der Mensch nicht in der ganzen Welt darinnen, 
er stent etwas anders in dieser Welt drinnen. Wenn namlich das 
Schiff in der Windrichtung lauft, so lauft es frei - aber es muE auch 
einmal stehenbleiben konnen. Das ist gerade das, was fur den Men- 
schen sehr wichtig ist, daft er sich auch einmal umdrehen kann, um 
sich gegen die Windrichtung zu stellen, damit er nicht nur den Ver- 
haltnissen angepalk ist, sondern seinem eigenen Inneren angepaftt 
werden kann. Man kann sich nichts toller Unrichtiges denken, als die 
Definition der Freiheit, die Wilson versuchte; denn sie widerspricht 
der Menschnatur, sie sagt das Gegenteil von dem, was der wirklichen 
Freiheit des Menschen zugrunde liegt. Wenn man den Menschen mit 
einem Schiff vergleichen will, das frei im Winde lauft, so mul5 man 
ihn vergleichen mit einem solchen Schiff, das, wenn es genug gelaufen 
ist, sich auch umdrehen kann, sich gegen den Wind stellen kann, 
damit es nun nicht weiter zu laufen braucht. Denn wenn der Mensch 
immer und immer den aufieren Verhaltnissen nachlaufen mufi, dann 
ist er natiirlich frei fur die Verhaltnisse, aber er ist nicht fur sich frei. 
Man hat den Menschen ganz verloren in der heutigen Weltbetrach- 
tung und Lebensauffassung. Man kann gar nicht mehr auf den Men- 
schen bauen. Der Mensch ist herausgefallen aus der Welt- und Le- 
bensauffassung. Er mufi wieder hineingestellt werden in die Welt. 

Das, was ich jetzt gesagt habe, hat seine sehr, sehr ernsten Seiten; 
es ist nur symptomatisch erfafit, aber es hat sehr ernste Seiten. Denn 
der Mensch steht heute im sozialen Organismus so drinnen, dafi er 
eigentlich nur lauft wie das Schiff mit dem Winde, und die kapitalisti- 
sche Wirtschaftsordnung, die hat es insbesondere iiber den Proletarier 
verhangt, daft er nur mit dem Winde laufen kann und sich niemals 
einstellen kann, auch stehenzubleiben und gegen den Wind sich zu 
stellen, damit er Ruhe haben kann. Ich habe im offentlichen Vortrag 
in Basel gesagt: innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung 
braucht der Kapitalist blofi die Arbeitskraft des Arbeiters. In dem 



gesunden sozialen Organismus mufi die Sache so veranlagt sein, daft 
der Kapitalist auch die Ruhe des Arbeiters braucht, dafi er angewiesen 
ist auf die Ruhe. Das abstrakt-kapitalistische Kapital braucht nur die 
Arbeitskraft - dasjenige Kapital, das durch die Dreigliederung zuriick- 
gegeben wird der rein menschlichen Stofikraft, das wird auch die Ruhe 
des Arbeiters brauchen, das wird die Ruhe aller Menschen brauchen. 
Denn das wird sich sozial hineinstellen miissen in den sozialen Orga- 
nismus, wird wissen, wie es von dem sozialen Organismus getragen 
wird und ihn wieder tragen muft. 

Wer gesund denkt und dem geistigen Gebiete angehort, der weifl 
ganz gut, was das einzelne, das individuelle Leben ist; das ist eine 
Sache fur sich, das ist keine Sache fur den sozialen Organismus; er 
hat als solcher ein Einzelleben. Aber insofern der Mensch ein sozia- 
les Leben hat, hat er dasjenige, was er geistig ist, aus der menschlichen 
Gemeinschaft heraus, mull es ihr wieder zuriickgeben und wird das 
Bediirfnis haben, es ihr wieder zuriickzugeben. 

Das ist es, worauf es ankommt, daf? man ebenso den seine Arbeits- 
kraft ersparenden Proletarier braucht, um ihn an dem geistigen Leben 
teilnehmen zu lassen; daft man den Willen hat, dem Arbeiter so viel 
Ruhe zu geben, so viel ersparen zu lassen von seiner Arbeitskraft, 
da£ er herankommt, um an dem geistigen Leben teilzunehmen. Darauf 
kommt es an. Wahrend die biirgerliche Wirtschaftsordnung es allmah- 
lich dahin gebracht hat, daft eine tiefe Kluft entstanden ist, wie ich 
schon gestern angedeutet habe: die biirgerliche Wirtschaftsordnung 
produziert ein Geistiges, das nur fur diese biirgerliche Wirtschafts- 
ordnung gilt, und das gar keinen Zusammenhang hat mit dem prole- 
tarischen Leben. Dazu kann man sagen: der Kapitalismus hat es dahin 
gebracht, nur auf die Arbeitskraft angewiesen zu sein und nicht auf 
die Ruhe des Proletariers. Solche Dinge scheinen heute noch abstrakt 
zu sein. Sie werden es nicht mehr sein diirfen. Denn von dem richti- 
gen Verstandnis dieser Dinge hangt die heilsame Entwickelung der 
menschlichen Gegenwart und Zukunft ab. 

Nun, ich habe Ihnen heute wiederum einige Andeutungen gemacht 
gerade iiber eine Beziehung mancher geisteswissenschaftlicher Fun- 
damentalsatze zu dem sozialen Leben. Man mochte so gern, daft 



gerade eine geistige Bewegung, wie es die unsrige ist, auch in sich 
selbst als ein kleiner sozialer Organismus gesundete an dem Durch- 
dringen von praktischen Lebensbegriffen mit geisteswissenschaftlichen, 
geistig wissenschaftlichen Begriffen, damit jenes schrecklich Biirger- 
liche, was sich herausgebildet hat zum Unheil der Menschheit, diese 
Abtrennung des wirtschaftlichen, materiellen Lebens von dem geisti- 
gen Leben, damit diese ungesunde Abtrennung aufhore. Gliedern 
muE sich der soziale Organismus, damit es nicht mehr Menschen gibt, 
die auf der einen Seite ihre Coupons abschneiden und in dem Coupon- 
abschneiden nichts anderes als Sklavenhalter sind, weil fiir die Cou- 
pons, die sie abschneiden, so und so viel Leute ohne Zusammenhang 
mit ihnen schwere Arbeit verrichten miissen, und die nachher in die 
Kirche gehen und zu Gott beten um ihre Erlosung, oder auf die theo- 
retischen Versammlungen gehen, um da iiber alle moglichen schonen 
Dinge zu reden; die sich gar keine Begriffe dariiber machen, welcher 
Unsinn darin liegt, ein abstraktes Geistesleben zu fiihren, einen Zu- 
sammenhang mit einem Gott zu suchen, wahrend man auf der ande- 
ren Seite durch das Abschneiden der Coupons einfach teilnimmt am 
Sklavenhalten, an der Ausniitzung der Arbeitskraft. In ungesunder 
Weise trennen Sie die Dinge, wenn Sie nicht darauf eingehen, sie in 
gesunder Weise zu trennen. Das ist es, worum es sich handelt, was 
versaumt worden ist und korrigiert werden mufi: diese abstrakte 
Trennung, diese Installierung einer Kluft zwischen einer in Wolken- 
kuckucksheim schwebenden Religiositat und Ethik und dem aufieren 
Leben, das man gedankenlos nach der Struktur, die heute der unge- 
sunde soziale Organismus eingenommen hat, einfach weiter treibt. Es 
kommt darauf an, daft man diese Dinge in der Weise durchschaut und 
dafi man vor alien Dingen durchschaut, dafi das Ungliick der heutigen 
Zeit aus dieser burgerlichen Trennung des Abstrakten und des Kon- 
kreten gekommen ist. Man kann schon den Anfang machen gerade 
in einer solchen Bewegung, wie die unsrige ist, eine Art gesunden 
kleinen sozialen Organismus hervorzurufen, wenn man sich bestrebt, 
alles dasjenige, was gerade in einer solchen Bewegung als krankhafte 
Bildungen sich geltend macht, das Sektiererwesen, auszutreiben. Unter 
nichts hat man mehr zu leiden gehabt in dieser anthroposophisch 

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orientierten Geistesbewegung, als daran, dafi immer wieder und wie- 
der da und dort die Tendenzen zum Sektiererwesen, zu Sektenbil- 
dungen auftauchen; ohne dafi die Leute es merken, streben sie nach 
irgendeiner Sektiererei. Das Gegenteil von irgendwelcher Sektenbil- 
dung mufi anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein. Dann 
wird sie audi den unbewulken und unterbewufiten Forderungen der 
Gegenwart entgegenkommen, die wahrhaftig nicht darauf hinauslau- 
fen, neue Sekten zu bilden, sondern etwas auszubilden, was aus dem 
ganzen Menschen fur alle Menschen, und aus alien Menschen fur den 
ganzen Menschen sich entwickelt. 

Denken Sie nur einmal dariiber nach, wie Sie iiber das innerlich 
Sektiererische in Ihrer eigenen Seele hinauskommen, meine lieben 
Freunde. Sektiererisches lebt heute wie ein Atavismus, wie eine unge- 
sunde Erbschaft in zahlreichen Seelen. Und dieses Sektiererische 
beruht auf dem Unwillen, in die Verhaltnisse des aufieren Lebens das- 
jenige hineinzutragen, was wirkliches Geistesleben ist. Nur durch sol- 
che sektiererische Schwarmgeistigkeit konnte es geschehen, dafi also 
zum Beispiel diesem Aufruf, von dem ich Ihnen gestern gesprochen 
habe und den ich Ihnen vorgelesen habe, vorgeworfen wurde: gerade 
von dieser Seite hatte man erwartet, dafi auf den Geist hingewiesen 
werde. Das ist mir allerdings immer passiert, daft ich niemals in dem 
Sinne solcher Schwarmgeister auf den Geist habe hinweisen konnen. 
Als im Anfange der neunziger Jahre von Amerika heriiber sich die 
Adler-Unoldsche ethische Bewegung verbreitete, da habe ich mich 
mit aller Kraft dagegen gewendet, weil ja eine Bewegung fur ethische 
Kultur hatte gegriindet werden sollen, die auf gar nichts basierte und 
mit gar nichts im Leben zusammenhing, als eben nur damit, dafi man 
ethische Grundsatze verbreiten wollte. Lebensverstandnis, Verstandnis 
des Lebens aus dem Fundamentalen dieses Lebens heraus, das ist es, was 
der heutigen Menschheit not tut, nicht Phrasen-Dreschen, man solle die 
Dinge so oder so machen. Und mit Bezug auf den sozialen Organismus 
ist die Dreigliederung dasjenige, iiber das zunachst als iiber etwas 
Fundamentals nachgedacht, nachgeforscht, nachgesonnen werden 
mufi, was eigentlich eingehen miifite in die menschlichen Gemiiter, so 
daft sie es so beherrschen, wie man das Einmaleins beherrscht. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 21. Februar 1919 



Es wird Ihnen durchsichtig sein, wie dasjenige, was von mir hier und 
sonst vorgebracht worden ist gerade iiber das soziale Problem der Ge- 
genwart, doch durchaus flieftt aus geisteswissenschaftlichen Untergriin- 
den und wie versucht worden ist, in den Aufruf, von dem ich Ihnen 
neulich hier gesprochen habe, hineinlaufen zu lassen, was aus der tieferen 
Einsicht der gegenwartigen Weltenlage iiber das soziale Problem jetzt 
praktisch gedacht werden mufi. Wir sollten eigentlich nicht mude wer- 
den, uns immer wieder und wiederum die Hauptsache vor die Seele 
zu fiihren. Und diese Hauptsache besteht heute darin, daft Mittel und 
Wege gefunden werden zur Aufklarung, zur Moglichkeit, Verstand- 
nis hervorzurufen fur das, was als Tatenansatze, als Handlungen in 
die Menschheit hineinkommen mufi, wenn in der richtigen Art gedacht 
wird iiber das Wesen des sozialen Organismus. Nicht wahr, Sie haben 
ja begriffen, daft das Denken und Empfinden und damit auch das Wol- 
len der Menschheit radikal anders geworden ist seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts, und daft die Gesamtgeschichte wird revidiert wer- 
den miissen, wenn sie fruchtbar gemacht werden soil fur die Mensch- 
heit von dem Gesichtspunkte aus, der sich aus dieser radikalen Meta- 
morphose der Seelenverfassung der Menschheit fur den fiinften nach- 
atlantischen Zeitraum ergibt. Man raufi sich klar sein dariiber, daft 
gerade durch die Eigentiimlichkeit der Entwickelung in diesem unse- 
rem fiinften nachatlantischen Zeitraume bei den Menschen, die mit 
einem gewissen Wollen ausgestattet sind - ob wir dieses Wollen nun 
selbst fur ein richtiges oder unrichtiges, fur ein gutes oder schlechtes 
halten -, daft bei diesen Menschen das zugrunde liegende Denken 
bestimmte Formen annimmt. Und von diesem zugrunde liegenden 
Denken, das bestimmte Formen annimmt, ist ja im Grunde unsere 
ganze soziale Bewegung heute im wesentlichen gestaltet. Es liegen 
doch zugrunde die Gedanken der Menschen, die sie haben konnen 
gemaft dem Grundcharakter unseres Zeitalters. 



Nun erinnern Sie sich, dafi es bei der Dreiteilung, von der wir jetzt 
ofter gesprochen haben, und die auch ausgedriickt ist in dem Ihnen 
zur Kenntnis gebrachten Aufruf, daft bei dieser Dreiteilung der eigent- 
liche politische Staat, von dem die meisten Menschen heute glauben, 
er umfasse den gesamten sozialen Organismus, oder den die meisten 
Menschen heute mit dem sozialen Organismus verwechseln, gewisser- 
mafien nur ein Departement, ein Glied des dreigeteilten sozialen 
Organismus ist. Wenn Sie in der rechten Weise einerseits verstehen, 
worauf die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus hinauslauft, 
und wenn Sie auf der anderen Seite versuchen zu verstehen, wie sich 
die Einseitigkeit im modernen Leben herausgebildet hat, den sozialen 
Organismus ganz zu zentralisieren, gewissermafien den Staat alles yer- 
schlingen zu lassen, dann haben Sie in dem Zusammenhalten dieser 
beiden Dinge ein Wichtiges fur das Verstandnis der Sache gegeben. 
Und von einem ernsten Gesichtspunkte aus heute die soziale Bewe- 
gung zu verstehen ist das Allernotwendigste fur den gegenwartigen 
Menschen. Mit Bezug auf das, was an Handlungen zu geschehen hat, 
werden, wie das heute der Fall ist, die Menschen noch lange im Unbe- 
stimmten tappen. Das kann gar nicht anders sein. Aber worauf gese- 
hen werden mufi, worauf hingearbeitet werden mufi, das ist: soziales 
Verstandnis zu verbreiten; zu verbreiten die Moglichkeit, den sozialen 
Organismus wirklich zu verstehen. Es ist gerade von diesem Gesichts- 
punkte aus aufierordentlich interessant zu beobachten, welcher Art 
das Denken der gegenwartigen Menschen ist, die nach einer gewissen 
Richtung hin ihr soziales Wollen betatigen. Nicht wahr, uns muE es 
mehr darauf ankommen, die Artung, die Formung, die Gestaltung 
des Denkens der Menschen zu beobachten, weniger auf den Inhalt zu 
sehen; denn wir haben bei verschiedensten Gelegenheiten betonen 
miissen: was schliefilich die Menschen denken, darauf kommt es sehr, 
sehr viel weniger an, als wie die Menschen denken, wie das Denken 
orientiert ist. Schliefilich ist es fiir das Einschneidende und Durchgrei- 
fende der gegenwartigen Weltenbewegung gar nicht so sehr von Be- 
deutung, ob einer reaktionar im uraltesten Sinne ist, ob er liberal, ob 
er demokratisch, sozialistisch oder bolschewistisch ist. Wenn man 
blofi auf dasjenige sieht, was die Leute sagen, so ist das gar nicht so 



besonders wichtig, sondern besonders wichtig ist, wie die Menschen 
denken, in welcher Art die Gedanken der Menschen sich formen. 
Darauf kommt es an. Denn Sie werden heute die Erfahrung machen 
konnen, daft Sie schliefilich da oder dort eine Personlichkeit entdek- 
ken, die radikal sozialistisch denkt dem Inhalte nach, dem Programm 
nach, die aber eigentlich gar nicht anders in ihren Gedankenformen 
ist, als diejenigen Menschen, die iiber ein grofies Gebiet der Erde hin 
heute gestiirzt worden sind. 

Also wir mussen schon auf das Tiefere sehen, das sich geltend 
macht. Denn von den Programmen, die, wie ich neulich in Basel ge- 
sagt habe, heute wie Urteilsmumien unter uns herumwandeln, von 
diesen Programmen wird in der Zeitbewegung sehr, sehr wenig abhan- 
gen. Vieles wird davon abhangen, daft die Leute lernen, anders zu den- 
ken, die Gedanken anders zu formen, anders zu bilden. Gegenwartig 
gibt es ja noch nichts, was wirklich das Denken der Menschen in eine 
andere Richtung hinlenkt, als das geisteswissenschaf cliche Denken, das 
deshalb auch von den meisten fur phantastisch angesehen wird. Dabei 
sind die Leute, die sagen, es sei phantastisch, eben selber Phantasten, 
wenn auch vielfach materialistische Phantasten; aber sie sind Phantasten, 
sie sind Theoretiker und konnen sich nicht auf die Wirklichkeit einlassen. 
Das aber, was sich gestaltet, das wird aus der Artung des Denkens heraus 
sich entwickeln. Gerade mit Bezug auf das, was damit angedeutet ist, 
mochte ich Ihnen heute einiges auseinandersetzen. 

Wer hinsieht auf die Art und Weise, wie sich nach und nach die 
Anschauungen innerhalb der proletarischen Bewegung gebildet haben, 
und wie sie sich bis heute gestaltet haben, der sieht innerhalb der 
proletarischen Welt alle moglichen Anschauungen. Uns soil heute die 
eine Tatsache besonders interessieren, daft ja neben den vielen ande- 
ren sozialistischen Proletariern, die so oder so denken, weitaus die 
groftte Zahl unter diesen Proletariern sich ganz radikal zu dem 
urspriinglichen oder zu einem fortgebildeten Marxismus bekennt. Das 
ist ja das Eigentumliche, daft dieser Karl Marx ~ nachdem er die deut- 
sche Dialektik Hegels in sich aufgenommen hatte, nachdem er den 
franzosischen sozialen Positivismus kennengelernt hatte, dann von 
London aus sich die soziale Welt, das soziale Werden betrachtet hatte - 



von da aus seine aufierordentlich einschneidenden sozialistischen 
Theorien gebildet hat, die dann nach und nach die gesamte proletari- 
sche Welt ergriffen haben. Es war also eigentlich der marxistische 
Gedanke, der sich ausbreitete, der durch das Ziindfeuer der Kata- 
strophe der letzten Jahre sich so ausgewachsen hat, wie er heute schon 
ist, und der sich weiter auswachsen wird. Unter den Sozialisten selbst 
gibt es eine grofte Anzahl, die sich einfach so auf Karl Marx berufen, 
daft sie sagen, sie seien Marxisten. Nun, der eine behauptet, er stiinde 
ganz auf orthodox-marxistischem Standpunkt, der andere behauptet, 
er vertrete einen fortgeschrittenen Marxismus und so weiter. Aber 
alles geht auf Marx zuriick. 

Nun liegt ja ein Ausspruch von Karl Marx selbst vor, der auf gewisse 
Seiten dieser Sache recht tief blicken laflt. Karl Marx betonte einmal, 
als er iiber den Marxismus selber sprach, daft er, Karl Marx, jeden- 
falls kein Marxist sei. Das, meine lieben Freunde, sollte man insbe- 
sondere in der heutigen Zeit nicht aus dem Auge verlieren. Denn nur 
wenn man auf solche Dinge sieht, merkt man in der richtigen Weise, 
worauf es ankommt: eben darauf, wie sich die Gedanken formen, 
nicht was ausgesprochen wird. Die bequeme Art, auf Programme zu 
bauen, wird die Menschheit gerade in unserer schwerlebigen Zeit 
nicht haben konnen. Und ein Weg ist, wenn er audi noch so weit ist, 
der von Karl Marx zu Wladimir Lenin, der sich nun auch fur einen 
wirklichen, echten Marxisten halt. Und wenn man heute iiber Lenin 
spricht, so spricht man ja nicht iiber eine einzelne Personlichkeit, son- 
dern iiber eine Bewegung, die man meinetwillen in Grund und Boden 
kritisieren kann selbstverstandlich, die aber als Impuls schon weite, 
weite Kreise zieht, aber auch durch gewisse Methoden, die sie einge- 
schlagen hat, und von denen ihre Trager iiberzeugt sind, dafi sie 
eigentlich der wahre Marxismus sind. 

Nun kornmt man am leichtesten dem Problem, auf das ich hier 
deute, bei, wenn man gerade dies in den Mittelpunkt der Betrachtun- 
gen stellt, dafi die Einseitigkeit Platz gegriffen hat, alles gewissermaften 
dem Staate aufbuckeln zu wollen, wahrend man es im sozialen Orga- 
nismus mit einer Dreigliedrigkeit zu tun hat. Es ist schon interessant, 
die Gedankenformung, wie sie sich bei Karl Marx selbst vollzogen 



hat, zu verfolgen; einmal ganz abzusehen von dem, was Marx inhalt- 
lich gesagt hat, mehr auf seine Gedankenformung zu sehen. Sehen 
Sie, wer zum Beispiel an Karl Marx herangeht und seine Schriften 
liest mit der Meinung, er werde jetzt durch die Lektiire eine Vorstel- 
lung empfangen, wie der soziale Organismus sich gestalten werde, 
der wird sich sehr bedeutsam tauschen. Solche Angaben, wie Sie sie 
den Mitteilungen der Geisteswissenschaft iiber den sozialen Organis- 
mus entnehmen, die hier und anderswo von mir gemacht worden 
sind, werden Sie bei Karl Marx vergeblich suchen. Darum handelte es 
sich ihm nach seiner Gedankenformung eigentlich nirgends. Wenn 
Sie die nationalokonomischen Ansichten iiber die soziale Gestaltung, 
soweit sie Karl Marx selber aufgeschrieben hat, verfolgen, so konnen 
Sie sich sagen: Karl Marx hat eigentlich iiber den sozialen Organis- 
mus keine anderen Gedanken als diejenigen, die schon da waren. Ori- 
ginelle Gedanken, wie die Welt werden soil, die macht sich Karl Marx 
namlich nicht. Er verfolgt: Wie haben die Menschen gedacht, welche 
das moderne kapitalistische Zeitalter herbeigefuhrt haben, wie hat 
sich Lohnfrage, Kapitalfrage, Grundrentenfrage und so weiter ausge- 
bildet unter der kapitalistischen Herrschaft? - Und er zergliedert die 
Nationalokonomie der kapitalistischen Herrschaft. Im Grunde genom- 
men finden Sie wichtigste Vorstellungen, die Karl Marx dem Proleta- 
riat iiberliefert hat, schon bei Ricardo und bei anderen. Was tut Karl 
Marx? Karl Marx sagt: In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die 
sich allmahlich in der neueren Zeit heraufgebildet hat, haben die 
Menschen Meinungen gehabt, aus denen heraus sich gebildet haben 
die modernen Lohnverhaltnisse, die modernen Kapitalverhaltnisse, 
die modernen Grundrentenverhaltnisse und so weiter. Und jetzt ver- 
sucht er weiter zu denken. Nicht daft er sagt, was an die Stelle dieser 
sozialen Gliederung, wie sie sich unter dem Kapitalisirms herausge- 
bildet hat, treten soli, er zeigt nur, daft sich unter dieser kapitalisti- 
schen Herrschaft als eine besondere Menschenklasse das Proletariat 
hat ergeben miissen. Das ist da, das ist eine Realitat. Er zeigt nun, 
wohin die kapitalistische Herrschaft fuhrt. Er zeigt, daft sie sich selbst 
ad absurdum fuhrt, daft sie, wenn sie auf ihren Hohepunkt gekom- 
men ist, in ihr Gegenteil umschlagen muft. Immer mehr und mehr 



sammeln sich Kapitalien in den Handen einzelner, bis sie iibergehen 
auf den «einzelsten», der dann zu gleicher Zeit die Gememsamkeit 
ist; so sehr sich auch Marx und die Marxisten dagegen strauben, das 
dem Worte nach anzuerkennen, sie gehen iiber auf die staatliche Ord- 
nung, so dafi der Staat eigentlich der einzige Grofikapitalist wird. 
Aber er hat dann in seiner Vertretung alle am Staate teilnehmenden 
Menschen. 

Nun, gerade aus dieser Auseinandersetzung haben sich die ver- 
schiedensten sozialistischen Meinungen in der neueren Zeit gebildet. 
Karl Marx und sein Freund Engels haben ja lange Zeit gewirkt, haben 
viel im Laufe von Jahrzehnten dazu beigetragen, Gedanken, die sie 
ursprunglich geauftert haben, zu modifizieren, zu erweitern, zu begren- 
zen, wie das ja geschehen mufi bei jemandem, der nicht stehenbleibt, 
sondern der sich selber, die Welt beobachtend, weiterentwickelt. Nun 
entstand auf Grundlage des Marxismus, weil die Gedanken von Karl 
Marx, wie ich Ihnen wiederholt gezeigt habe, eben dem Proletariat in 
die Seele hinein sprachen, eine grolSe Bewegung, die fur die verschie- 
denen Lander die verschiedensten Formen angenommen hat. Man 
kann schon sagen: Sozialismus, der sich auf Grundlage des Marxismus 
gebildet hat, hat eine andere Nuance in England, in Frankreich, er hat 
die radikalste Nuance in Deutschland bekommen, die dann auf Rut- 
land ubergegangen ist. Das ist alles richtig, dafi er verschiedene Nuan- 
cen angenommen hat. Aber was eine ganz wesentliche Prinzipienfrage 
ist, das Verhaltnis der proletarischen Welt zum Staate, das ist eigent- 
lich mehr oder weniger in eine Art nebuloser Atmosphare eingelau- 
fen. Die Leute bildeten gerade dadurch viele Parteien innerhalb des 
Sozialismus, die sich bis aufs Messer bekampften, weil sie in der einen 
oder in der anderen Weise gerade das Verhaltnis des Proletariats zum 
Staate, wie er sich geschichtlich in dem Laufe der neueren Entwicke- 
lung gebildet hat, in der verschiedensten Art auffalken. Nun spielen 
ja da die verschiedensten Stromungen hinein, die wir heute nicht 
beriihren wollen. Allein den Weg wollen wir doch einmal kurz andeu- 
ten, der sich zieht von Karl Marx bis zu Lenin. Denn Lenin behauptet 
gerade, der echteste Marxist zu sein, der Karl Marx selbst am besten 
versteht, wahrend zahlreiche andere Sozialisten, die sich auch Marxi- 



sten nennen, von Lenin als Abtriinnige, als Verrater bezeichnet wer- 
den, mit den verschiedensten Namen belegt werden; manche werden 
wegen ihres Verhaltens wahrend des sogenannten Weltkrieges Sozial- 
Chauvinisten genannt und dergleichen. 

Wenn wir noch einmal zuriickblicken auf Karl Marx, so mufi uns 
die Gedankenformung interessieren, und Sie konnen ein Wesentliches 
schon entnehmen aus dem, was ich gesagt habe: es liegt kein positiver 
Gedanke vor, wie die Sache werden soli, es ist etwas Auflosendes in 
der Gedankenform. Karl Marx sagt einfach: Ihr kapitalistischen Den- 
ker habt es so gesagt und gemacht, daraus mufi euer eigener Unter- 
gang folgen, dann wird das Proletariat oben sein. Was das Proletariat 
macht, das weifi ich nicht, das wissen andere auch nicht, das wird sich 
schon zeigen. Das einzig Sichere ist, daft ihr euch durch eure eigenen 
Maftnahmen und durch das, was ihr aus der Welt gemacht habt, euren 
eigenen Untergang bereitet; wie es dann ist, wenn das Proletariat da 
ist, was das tun wird, das weift ich nicht, das wissen andere nicht, das 
wird sich schon zeigen. 

Wenn Sie diese Sache so nehmen, wie ich sie eben dargestellt habe, 
dann haben Sie die Gedankenform. Es wird einfach dasjenige, was in 
der Aufienwelt ringsherum sich zeigt, aufgenommen, wird durchge- 
dacht. Aber wenn man mit dem Gedanken zu Ende ist, dann vernich- 
tet sich der Gedanke, dann kommt er zu nichts, dann lauft er gewis- 
sermaften ins Nichts aus. Das ist es, was dem, der fur solche Sachen 
Empfindungen hat, so stark auffallt. Wenn man Karl Marx studiert, 
so findet man immer: man geht von gewissen Gedanken aus; die sind 
aber eigentlich nicht seine Gedanken, sondern die sind die Gedanken 
der neueren Zeit. Und dann treibt man in etwas hinein, was eigent- 
lich den Gedanken strudelt, was ihn verwirrt, und was ihn auslaufen 
laEt in das Zerstorerische, an das nichts angesetzt werden kann. 

Aufierordentlich interessant ist, wie diese bei Karl Marx schon ein- 
schlagende Gedankenform in hochster Potenz, man mochte sagen, 
bis zum Genialen potenziert bei Lenin sich zeigt. Lenin deutet Karl 
Marx so, daft Marx ein absoluter Gegner des Staates sei, daft er, Karl 
Marx, von dem Gedanken ausgegangen sei: wenn die Unterdriickung 
des Proletariats aufhoren solle, so mu£ der Staat, wie er sich histo- 



risch herausgebildet hat, beseitigt werden, muiS aufhoren. Das ist inter- 
essant, weil gerade diejenigen, die Lenin als Gegner betrachtet, 
eigentlich dem Staate, wie er sich historisch herausgebildet hat, alles 
aufbuckeln mochten. So dafi wir diese beiden Gegensatze in sozialen 
Kreisen heute drinnen haben: auf der einen Seite gerade die richtigen 
Staatsfanatiker, die alles verstaatlichen wollen, und auf der anderen 
Seite Lenin, den absoluten Gegner des Staates, der eigentlich das Heil 
der Menschheit nur sieht - nicht in der Abschaffung, das halt er fur 
einen Unsinn, fur eine Utopie -, aber in dem allmahlichen Abster- 
ben des Staates. Und gerade, wenn man betrachtet, wie er da denkt, 
kommt man auf die Gedankenform, die in ihm lebt; das ist interes- 
sant. 

Lenin denkt so: Das Proletariat ist die einzige Klasse, die, nachdem 
die anderen sich selber ad absurdum gefuhrt haben, sich zum Unter- 
gang reif gemacht haben, obenauf kommen kann. Diese proletarische 
Menschenklasse wird, so meint Lenin, dasjenige, was sich als Bour- 
geoisie- Staat herausgebildet hat, zur hochsten Vollkommenheit trei- 
ben. - Bitte, geben Sie acht auf die Gedankenform. - Also Lenin 
sagt nicht etwa, wie die Anarchisten: Schaffen wir den Staat ab; das 
fallt ihm gar nicht ein. Er ist ein Gegner des Anarchismus, sagt nicht: 
Schaffen wir den Staat ab; das wiirde er fur den grolken Unsinn hal- 
ten, sondern er sagt: Wenn die Entwickelung so fortgeht, wie die 
Bourgeoisie sie eingeleitet hat, dann ist die Bourgeoisie reif zum Un- 
tergang. Das Proletariat wird sich der Staatsmaschinerie, wie er sagt, 
bemachtigen; was die Bourgeoisie als ein Werkzeug zur Unterdriik- 
kung des Proletariats begriindet hat als Staat, das wird das Proletariat 
vervollkommnen, wird also gerade den vollkommensten Staat machen. 
Aber was ist die Eigentumlichkeit des vollkommensten Staates? - 
fragt jetzt Lenin. Und er glaubt echter Marxist zu sein, wenn er sagt: 
Die Eigentumlichkeit des vollkommenen Staates, wenn er entsteht - 
und er wird entstehen durch das Proletariat, wird als letzte Konse- 
quenz der Bourgeoisie entstehen -, die Eigentumlichkeit des voll- 
kommenen Staates ist diese, dafi er selber abstirbt. Der gegenwartige 
Staat kann eben nur als ein von der Bourgeoisieklasse geschaffener 
Staat existieren, weil er unvollkommen ist; wenn ihn das Proletariat 



vollkommen ausgestaltet, zu Ende fiihrt, was die Bourgeoisie ange- 
fangen hat, dann bekommt der Staat seine richtige Impulsivitat, die 
darin besteht, daft er stirbt, daft er von selber aufhort. 

Das ist nur die charakteristischste Gedankenform in dem Denken 
von Lenin. Sie sehen das potenziert, was bei Marx schon zu finden 
ist: der Gedanke, der gebildet wird und dann ins Nichts ablauft. Nur 
daft Lenin ein sehr realistischer Denker ist, der aus dem geschichtli- 
chen Hergang darauf kommt: der Staat muft gerade vervollkommnet 
werden; er stirbt gerade jetzt nicht, weil er unvollkommen ist; daraus 
hat er seine Lebenskraft. Wenn ihn das Proletariat vollkommen 
macht, dann hat es den Grund dazu gelegt, daft er allmahlich abstirbt. 

Sie sehen, aus der Wirklichkeit heraus wird eine Vorstellung ge- 
formt, und diese Vorstellung, die hat heute in einem groften Teile von 
Osteuropa die Tendenz, sich auszudehnen zur Realitat. Sie ist nicht 
eine blofte Vorstellung, sie geht in Wirklichkeit iiber, sie geht darauf 
hinaus, daft gesagt wird: Ihr Bourgeois habt diesen modernen Staat 
entstehen lassen; ihr habt ihn nur beniitzt als ein Instrument zur Un- 
terdriickung des Proletariats, ihr habt ihn unvollkommen gelassen, er 
ist der Staat der bevorzugten Klasse. Er dient euch dazu, die proleta- 
rische Klasse zu unterdriicken; dem verdankt er seine Lebensfahig- 
keit. Nun wird das Proletariat kommen, wird die Klassenherrschaft 
abschaffen, wird den Staat zum vollkommenen Wesen machen: dann 
stirbt er, dann kann er nicht leben. Und dann entsteht das, was ent- 
stehen soli, von dem kein Mensch, wie Lenin sagt, heute wissen kann, 
was es ist. Das soziale «Ignorabimus», das ist es, was aus diesem 
Sozialismus flieftt. Das ist nun sehr interessant. Denn die Denkweise, 
die heute das soziale Vorstellen ergriffen hat, die ist aus der Natur- 
wissenschaft heraus gebildet, und wie die Naturwissenschaft mit Recht 
von ihrem einseitigen Standpunkte zu dem Ignorabimus gekommen 
ist: «Wir konnen nichts wissen», so kommt das sozialistische Denken 
zu dem sozialistischen Ignorabimus. 

Diesen Zusammenhang sollte man richtig einsehen, meine lieben 
Freunde. Ohne alles das, was von den naturwissenschaftlichen Welt- 
anschauern auf den gut burgerlichen Universitaten gelehrt worden 
ist, ohne das gabe es keinen Sozialismus. Der Sozialismus ist ein Kind 



der Bourgeoisie. Auch der Bolschewismus ist ein Kind der Bourgeoi- 
sie. Das ist durchaus der tiefere Zusammenhang. Das mufi man vor 
alien Dingen verstehen. 

Nun kann man, wenn man sich diese Gedankenform erst klarge- 
macht hat, auf einige wichtige Punkte gerade mit Bezug auf die An- 
schauungsweise eines solchen Mannes wie Lenin hindeuten. Er legt 
zum Beispiel ein besonderes Gewicht darauf, da$ sich innerhalb des 
bourgeoisen Staates der Burokratismus herausgebildet hat, die mili- 
tarische Maschinerie, wie er sie nennt. Diese burokratische, militari- 
sche Maschinerie ist entstanden, weil sie gebraucht wird von den lei- 
tenden Klassen zur Unterdriickung eben der unterdriickten Klassen. 
Daher ist der radikalste Flugel des Sozialismus, der Bolschewismus, 
sich dariiber klar, dafi das, was er will, nur verwirklicht werden kann 
durch das bewaffnete Proletariat. Ohne Waffen ist aussichtslos, was 
auf dieser Seite gewollt wird. Und es wird dieses durch historische 
Beispiele belegt. Die franzosischen Rommunen konnten gerade so- 
lange wirken, als diejenigen, die da obenaufgekommen waren, Waf- 
fen hatten. In dem Augenblick, wo sie entwaffnet waren, ging es nicht 
mehr. Das ist einer der Punkte, dafi darauf gesehen werden mufi, das 
Proletariat als bewaffnete Arbeitermacht zu haben. Nun, was soli 
dann geschehen, was soil durch dieses Proletariat, das als bewaffnete 
Arbeitermacht auftritt, geschehen? Es geschieht ja heute zum Teil 
schon. Es geschieht in einer Weise, von der man glauben konnte, daft 
manche Menschen dariiber erwachen konnten aus dem tiefen sozia- 
len Schlafe, den die Menschen so lange Zeit getraumt haben. Was 
soli geschehen? Aufhoren soil vor alien Dingen der Staat als Klassen- 
staat. Dasjenige, was die Bourgeoisie begriindet hat als Klassenstaat, 
soil ubernommen werden von der bewaffneten Arbeiterschaft. 

Und nun ist es interessant, dafi mit klaren und deutlichen Worten 
gerade bei solchen Menschen, die bis zu einer gewissen Genialitat die 
Gedankenform des modernen sozialistischen Denkens ausgebildet 
haben, herauskommt, was eigentlich durch die Verhaltnisse, durch 
die geschichtliche Entwickelung in den Proletarierseelen veranlagt wor- 
den 1st. Lenin weist zum Beispiel darauf hin, daft an die Stelle der 
Beamten und militarischen Hierarchie eine Art Verwaltung treten 



miisse, die aber nur aus Gewahlten besteht, und er weist darauf hin, 
daft so, wie die Verhaltnisse heute liegen, man ja nichts anderes im 
Kopfe zu haben braucht, um die Dinge zu verwalten, die zu verwalten 
sind, als die heute eben ubliche allgemeine Schulbildung. Und er ge- 
braucht selber einen merkwiirdigen Ausdruck, der viel sagt. Lenin sagt, 
daft das, was heute Staat genannt wird, so umgewandelt werden soli, 
daft eigentlich eine grofte Fabrik mit allgemeiner Buchhaltung entsteht. 
Um das zu bewirken und um Kontrolle und sonstiges auszuiiben, kann 
man so ziemlich mit den vier Rechnungsarten, mit dem, was allgemeine 
Volksbildung sein kann, auskommen. 

Nun, meine lieben Freunde, man sollte iiber solche Dinge nicht ein- 
fach spotten, sondern man sollte sich klar dariiber sein, daft ja auch 
diese Anschauung nichts anderes ist als die letzte Konsequenz der 
bourgeoisen Entwickelung. So wie sich einmal rein wirtschaftlich das 
moderne soziale Gebilde ergeben hat, muft man sagen, daft gerade 
die kapitalkraftigen Menschen, die Kapital-dirigierenden Menschen 
zumeist nichts anderes im Kopfe haben als was Lenin verlangt, daft es 
die spateren Arbeiteraufseher haben sollten. 

Wiirde die Moglichkeit vorliegen, daft der Proletaries so wie er 
entstanden ist in der neueren Entwickelung, zu jemandem hinsehen 
konnte, an dessen besondere Fahigkeiten oder dergleichen er glauben 
konnte, zu dem er als zu einer gewissen berechtigten Autoritat hin- 
sehen konnte, dann wiirde sich die ganze Entwickelung anders erge- 
ben haben. Aber er kann ja nicht zu solchen Menschen hinsehen. Er 
kann ja nur auf diejenigen hinsehen, die ihm im Grande genommen an 
geistigen Qualitaten gleich sind, die nur das Kapital vor ihm voraus 
haben. Er findet keinen Unterschied zwischen sich und denjenigen, 
die dirigieren. Das tritt nur in streng theoretische Formeln gefaftt bei 
Lenin zutage. 

Also begreifen kann man gerade an den radikalen Formeln des 
Lenin, wie die Dinge sich ergeben haben. Nun wird Ihnen ja alien 
selbstverstandlich die Frage, mochte ich sagen, auf der Zunge liegen: 
Ja, aber es kommt doch so viel Schreckliches heraus bei der Sache, es 
ist doch alles so furchtbar. - Dennoch, es handelt sich darum, daft man 
den Dingen ganz offen ins Auge schaut, daft man sich schon die Unbe- 



quemlichkeit macht, auf die Gedanken der Menschen einzugehen. 
Nicht wahr, wenn so einfach zeitungsmaftig geschildert wird, was da 
oder dort durch die radikalen Sozialisten geschieht, so kann man biir- 
gerliche Entriistung haben, die ja heute schon vielfach in biirgerliche 
Angstmeierei ubergeht; aber der Drang, die Dinge zu verstehen, der 
ist ja heute noch nicht besonders grofi. 

Nun ist unbedingt notig, um zu verstehen, was schon geschieht, und 
namentlich was noch geschehen wird, folgendes zu bedenken: Gerade 
Lenin, der sich fur einen echten Marxisten halt, weist darauf hin, wie 
schon durch Marx eingeleitet worden ist eine bestimmte Anschauung 
iiber die Entwickelung der sozialen Ordnung in die neuere Zeit und 
in die Zukunft hinein. Eigentlich denken diese Leute, dafi sich die 
soziale Neugestaltung in zwei Phasen vollziehen mufi, nicht mit einem 
Anhub geschieht. Die erste Phase ist die, dafi einfach das Proletariat 
in die bourgeoise Staatsform einriickt, von der Lenin meint, dafi sie, 
wenn sie vollkommen sein wird, durch sich selber absterben werde. 
Das Proletariat wird einriicken, wird dasjenige zu Ende fiihren, was 
nach den Anschauungen und Impulsen des Proletariats aus dem bour- 
geoisen Staate werden kann. Schon von Marx selber ist ausgefuhrt wor- 
den, dafi das ja noch nicht zu irgendwelchen wunschenswerten Zu- 
standen fiihren kann. Wozu wird diese erste Phase der Sozialisierung 
im Sinne des Marx-Leninismus fiihren? Sie wird dazu fiihren, wenn 
man es banal darstellt - aber die Leute stellen es ja selbst so banal 
dar — , daft, wer nicht arbeitet, auch nicht essen kann; daft jeder eine 
bestimmte Arbeit zu verrichten hat und daft er dann durch diese Ar- 
beit Anspruch haben wird auf die Artikel, die zu seinem Lebensun- 
terhalt notwendig sind, sagen wir, aus den Staatsmaschinen und der- 
gleichen. Aber die Leute sind sich klar dariiber: dadurch wird nicht 
irgendeine Gleichheit unter den Menschen herbeigefiihrt, sondern 
dadurch wird die Ungleichheit nur fortgesetzt. Auch wird nicht etwa 
der Mensch dazu gebracht, das Ertragnis seiner Arbeit wirklich zu 
haben. Das betont Karl Marx, das betont auch Lenin. Es muft ja von 
der Gemeinsamkeit - also von dem Staat oder wie man es nennen 
will, was da iibrigbleiben wird von der bourgeoisen Weltordnung - 
alles das abgezogen werden, was notig ist fur das Schulwesen, was 



notig ist, urn gewissen Unternehmungen auf die Spriinge zu helfen 
und so weiter. Der alte Lassallesche Gedanke auf das Recht des vol- 
len Arbeitsbetrags, der mul5 natiirlich im Sinne dieses Sozialismus fal- 
lengelassen werden. Aber auch da kommt keine Gleichheit heraus. 
Denn, nicht wahr, die Menschen als solche werden, selbst wenn sie 
gleiche Arbeit leisten, verschiedene Anspriiche an das Leben haben, 
durch die Lebensverhaltnisse selbst. Das gibt natiirlich dieser Sozialis- 
mus durchaus zu. Dadurch ist gleich wieder eine Ungleichheit bedingt. 
Kurz, es ist die Anschauung dieser Sozialisten, daft sich in die erste 
Phase der sozialistischen Ordnung einfach die bourgeoise Ordnung 
hinein fortsetzt, dafi das Proletariat diese bourgeoise Ordnung be- 
sorgt. 

Sehr interessant ist, wie sich Lenin direkt iiber die Sache ausspricht; 
er sagt zum Beispiel an einer Stelle seines Werkes «Staat und Revolu- 
tion», daft etwas eintreten wiirde wie bourgeoise Ordnung, bourgeoiser 
Staat ohne die Bourgeoisie. Da sehen Sie in diesem Worte, das Lenin 
selber gebraucht - der bourgeoise Staat wird da sein ohne die Bour- 
geoisie -, da sehen Sie, was ich immer betone und was ich fur aufter- 
ordentlich wichtig hake, daft die Leute, die heute sozialistisch denken, 
nur die Erbschaft der Bourgeoisie angetreten haben. Die Gedanken 
sind die bourgeoisen Gedanken. Denn ein so die Gedankenform bis 
zur Genialitat fortbildender Mensch, wie Lenin, sagt, die nachste Phase 
ist diese: bourgeoiser Staat ohne die Bourgeoisie, die entweder totge- 
schlagen oder dienende Kaste sein wird. Da wird es keine Gleichheit 
geben, da wird nur das Proletariat oben sein; es wird, statt daft von 
Monarchen oder von sonstigen ahnlichen Gebilden ernannt und deko- 
riert wird, gewahlt werden. Das Proletariat wird verwaltend und ge- 
setzgebend zu gleicher Zeit. Aber es ist der bourgeoise Staat, nur 
ohne die Bourgeoisie. Jeder wird entlohnt nach seiner Arbeit, aber 
Ungleichheit gibt es da natiirlich. 

Das alles gibt keineswegs einen idealen Zustand. Wenn also jemand 
fragt: Was haben diese Leute gemacht aus der menschlichen gesell- 
schaftlichen Ordnung? - dann wird einfach Lenin antworten: Wir 
haben euch ja als erste Phase nichts anderes versprochen, als daft wir 
dasjenige, was ihr als bourgeoisen Staat begriindet habt, in seinen 



65 



Konsequenzen ausfiihren; nur haben jetzt wir es auszufiihren, als Pro- 
letarier werden wir es ausfiihren. Ihr habt es friiher gemacht, jetzt 
machen wir es. Aber wir machen dasselbe, was ihr gemacht habt: 
bourgeoiser Staat, nur ohne die Bourgeoisie. 

So sagt zum Beispiel Lenin: Dieser bourgeoise Staat ohne die Bour- 
geoisie, das wird zum Absterben des Staates fiihren. Der Staat wird 
dann vollig abgestorben sein konnen, wenn die Gesellschaft die Regel 
verwirklicht haben wird, die er als sein Ideal betrachtet, und wenn 
der enge biirgerliche Rechtshorizont aufgehort haben wird, der einen 
mit der Hartherzigkeit eines Shylock berechnen lalk, ob man am Ende 
nicht eine halbe Stunde langer gearbeitet oder etwas weniger bezahlt 
bekommen hat als der andere, Dieser enge Horizont wird erst am 
Ende der ersten Phase iiberschritten sein. Bis zum Ende der ersten 
Phase wird noch immer, und zwar dann natiirlich gerade gesteigert, 
der biirgerliche Rechtsstaat sein, der einen mit der Hartherzigkeit 
eines Shylock berechnen lafit, ob man am Ende nicht eine halbe 
Stunde langer gearbeitet oder etwas weniger bezahlt bekommen hat 
als der andere. Dieser biirgerliche Shylock-Standpunkt, der wird sich 
also in die erste Phase des Sozialismus hereinerstrecken. 

Da haben Sie das, was diese Leute zunachst einzig und allein ver- 
sprechen: Ihr habt es gemacht, ihr habt es zunachst fur eure Kaste 
gemacht; wir machen die Sache fur das Proletariat. Von Demokratie 
zu reden ist Unsinn, denn die Demokratie wiirde doch nur dazu fiih- 
ren, dafi die Minoritat unterdriickt wiirde. Das Proletariat wird alles 
so machen, wie ihr es gemacht habt. Dadurch aber wird sie das, was 
ihr zu einem Scheinleben erweckt habt, zum Absterben bringen. Dann 
kommt erst die zweite Phase. 

Auf diese zweite Phase des Sozialismus weist auch Karl Marx schon 
hin, weist Lenin wieder hin, aber in einer sehr merkwiirdigen Weise; 
und ich hake es fiir aufSerordentlich wichtig, da$ das ins Auge gefafit 
wird. Also stellen Sie sich vor: Marx in der Gestalt des Lenin - sie 
werden die bourgeoise Ordnung bis zu ihren letzten Konsequenzen 
treiben; dann wird das absterben, was Staat ist, und dann werden die 
Menschen die Gewohnheit haben, keinen Rechtsstaat mehr zu brau- 
chen, iiberhaupt keinen Staat mehr zu brauchen; der Staat wird auf- 



horen. Es wird ganz unnotig sein nach und nach, daft man einen Staat 
braucht, denn all das, was der Staat zu tun hat, wird nicht notig sein 
zu tun. Denn die Zeit, wo jeder nach dem Grundsatze entlohnt wird: 
Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen diese Zeit wird ja eben 
aufhoren. Sie ist die erste Phase des Sozialismus. Dann wird die Zeit 
kommen, wo jeder nach seinen Fahigkeiten und Bedurfnissen wird 
leben konnen, nicht nach seiner Arbeit. Und das wird die hohere 
Stufe sein, zu der all das, was jetzt zunachst angestrebt wird, nur der 
Ubergang ist. Da wird man nicht mehr fragen, ob einer eine halbe 
Stunde langer oder kiirzer gearbeitet hat. Da erst wird die Zeit gekom- 
men sein, wo man die Gleichwertigkeit geistiger und kunstlerischer 
Arbeit in der richtigen Weise taxieren wird. Da wird jeder an seinen 
Posten gestellt sein durch die naturgemafte soziale Ordnung und jeder 
nach seinen Fahigkeiten nicht nur arbeiten konnen, sondern wollen, 
weil die Menschen sich durch das Zivilisiertsein in der ersten Phase 
gewohnt haben, die Arbeit nicht als etwas zu betrachten, was sie aus 
Notwendigkeit tun, sondern sie werden sich dazu drangen. Und damit 
wird es sich ergeben, dafi jeder nach seinen Bedurfnissen auch seinen 
Lebensunterhalt finden wird. Da wird man nicht mehr nach der biir- 
gerlichen Rechtsordnung eine Shylock-Rechtsordnung haben und fra- 
gen, ob einer eine halbe Stunde langer oder kiirzer gearbeitet hat, 
sondern man wird einsehen, daE der eine, der eine bestimmte Arbeit 
hat, auch vielleicht zwei Stunden kiirzer arbeitet, daft jeder nach sei- 
nen Fahigkeiten und Bedurfnissen leben und arbeiten kann. Das ist 
die hohere Ordnung. Alles was die Ubergange bilden muE, weil nun 
einmal der bourgeoise Staat bis zu seinem Ende entwickelt werden 
muE, damit er abstirbt, alles das fuhrt dann zu dem, woriiber man auf 
der einen Seite sagt: «Ignorabimus» - wir wissen es alle nicht -, wovon 
man aber andererseits doch sagt, es wird sich als eine zweite, hohere 
Phase des Sozialismus entwickeln. 

Aber interessant ist, was gerade Lenin iiber diese hohere Phase des 
Sozialismus sagt. Ignoranz nennt er es, wenn man behauptet, sich vor- 
stellen zu konnen, die Menschen, wie sie heute sind, konnten dazu ge- 
bracht werden, in einer sozialen Ordnung zu leben, wo jeder nach seinen 
Fahigkeiten und seinen Bedurfnissen sich ausleben kann - Ignoranz. 



Denn keinem Sozialisten kann es in den Sinn kommen, zu verspre- 
chen, daft die hohere Entwickelungsphase des Kommunismus eintre- 
ten muft. Die Voraussicht der groften Sozialisten auf ein solches Zeit- 
alter setzt auch eine Produktivitat der Arbeit und einen Menschen- 
schlag voraus, der von dem heutigen weit entfernt ist - von diesem 
heutigen Menschen, der imstande ist, mir nichts dir nichts Magazine, 
Wascheladen zu pliindern und das Blaue vom Himmel zu verlangen. 
Das ist das aufterordentlich Interessante und Bedeutungsvolle - erste 
Phase: Sozialisierung mit den heutigen Menschen; letzte Konsequenz 
der bourgeoisen Weltordnung: ein Staat, der durch seine eigenen 
Qualitaten abstirbt; hohere Phase mit Menschen, die ganz anders 
geworden sind als heute, mit einem neuen Menschenschlag. 

Sehen Sie, das ist das abstrakte Ideal: die bourgeoise Ordnung zu 
ihrem sich selbst ad absurdum fuhrenden Ende zu bringen; den Staat 
zum Absterben zu bringen; durch diesen Prozeft einen neuen Men- 
schenschlag zu ziichten, dessen Menschen gewohnt sein werden, nach 
ihren Fahigkeiten zu arbeiten und daher nach ihren Bedixrfnissen 
leben zu konnen; wo es unmoglich sein wird, daft irgendeiner stiehlt, 
weil, geradeso wie wenn heute irgendwo eine Dame beschimpft wird, 
die anstandigen Leute sich dagegen auflehnen, dann die Anstandigen 
sich von selber auflehnen werden. Man wird nicht notig haben, daft da 
eine militarische oder biirokratische Kaste eingreife - aber ein ande- 
rer Menschenschlag. Und auf welchem Glauben beruht das, meine 
lieben Freunde? Das beruht auf dem Aberglauben gegeniiber der 
wirtschaftlichen Ordnung. Das muft man bedenken. Auf der einen 
Seite hat der Kapitalismus eine wirtschaftliche Ordnung erzeugt, der 
kein Geistesleben gegemibersteht, sondern nur eine Ideologic Diesen 
Zustand will der Sozialismus bis zur Spitze treiben: Alles weg, aufter 
Wirtschaftsleben! Aber er meint, daft das einen anderen Menschen- 
schlag hervorbringen werde. 

Sehen Sie, es ist aufterordentlich wichtig, daft man sich diesen Aber- 
glauben gegeniiber dem Wirtschaftsleben klarmacht, daft man sich 
davon iiberzeugt, wie heute eine ungeheure Anzahl von Menschen 
einfach glaubt, wenn das wirtschaftliche Leben in ihrem Sinne einge- 
richtet werde, dann entsteht nicht nur eine wiinschenswerte soziale 



Ordnung, sondern es wird dadurch sogar ein neuer Menschenschlag, 
der erst in eine wiinschenswerte soziale Ordnung hineinpaftt, geziichtet. 

Das alles ist die moderne Form des Aberglaubens, der sich nicht auf 
den Standpunkt stellen kann, daft hinter all der aufteren okonomi- 
schen und materiellen Wirklichkeit das Geistige mit seinen Impulsen 
waltet und vom Menschen als Geistiges aufgenommen werden mufi, 
die Verkennung des Geistigen. Soli die Menschheit gesunden, dann 
ist das nur auf geistigem Wege moglich, dann ist das nur dadurch 
moglich, daft die Menschen geistige Impulse als geistige Erkenntnis 
und als soziales Denken und soziales Fiihlen, das auf geisteswissen- 
schaftlichen Grundlagen gebaut ist, in sich aufnehmen. Durch wirt- 
schaftliche Evolutionen wird niemals der neue Mensch erzeugt, einzig 
und allein von innen heraus. Dann aber mul? das geistige Leben frei 
auf sich selber gestellt sein. Ein solches Geistesleben, wie es sich im 
Laufe der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, das fruher gefes- 
selt war von dem rein kameralistischen Staate, jetzt von dem Wirt- 
schaftsstaate, wird niemals imstande sein, den neuen Menschen wirk- 
lich zu gebaren. Deshalb mulS auf der einen Seite die Freiheit des 
Geisteslebens angestrebt werden dadurch, daft das geistige Leben 
sein Departement fur sich hat. Dann mufi auf der anderen Seite ange- 
strebt werden, daft der Mensch das Wirtschaftsleben rein als Wirt- 
schaftsleben fiihrt, daft der Staat, der es nur zu tun hat mit dem Ver- 
haltnisse von Mensch zu Mensch, nicht Wirtschafter ist. Denn das 
Wirtschaftsleben geht darauf aus, alles was in sein Gebiet drangt, zu 
verbrauchen. Insofern der Mensch selber im Wirtschaftsleben drin- 
nensteht, wird er verbraucht, und er muft sich fortwahrend vor dem 
Verbrauchtwerden retten. Das wird er, wenn er ein entsprechendes 
Verhaltnis von Mensch zu Mensch aufrichtet. Und das ist dann im 
regulierenden eigentlichen Staate verwirklicht. 

Wenn man solche Dinge unbefangen betrachtet, wie die sind, die 
wir heute wiederum betrachtet haben, so sieht man: gerade das ist das 
Wesentliche in den Impulsen, die sich durch die moderne soziale Be- 
wegung heraufgebildet haben, daft sie erfullt sind von einem Denken, 
das eigentlich ins Nichts hineingeht. Denken Sie doch nur einmal, 
wenn jemand als beste Erziehungsmaxime nach derselben Gedanken- 



form das Folgende aufstellen wiirde und sagte: Ich will die vollkom- 
menste Ausgestaltung der heutigen Erziehungsmethode ersinnen; 
dann gestalte ich sie so aus, daft man den Menschen dahin erzieht, 
daft er mdglichst viel aufnimmt vom Todesprinzip, daft er, wenn er 
erzogen ist, moglichst anfangt zu sterben. Das ware ein Gedanke, der 
sich als real erfaftter Gedanke in sich selbst vernichtet. Aber nun der 
Leninsche Gedanke vom Staat: Gerade wenn der Staat vollkommen 
ist, riistet er sich zum Absterben. Sie sehen schon daraus: liber nichts 
kann eigentlich das moderne Denken zu einer produktiven, fruchtba- 
ren Vorstellung kommen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens 
nicht, weil das geistige Leben zu einer bloften Ideologic geworden 
ist, blofte Gedanken umfaftt oder Naturgesetze, die auch nur Gedan- 
ken sind, und weil dieses Geistesleben aufterdem gefesselt ist von dem 
Wirtschaftsleben oder von dem politischen Leben. Das hat ja insbe- 
sondere diese Kriegskatastrophe gezeigt. Denken Sie sich doch, wie- 
viel von diesem geistigen Leben abhangig war. Da hat sich die Fesse- 
lung in der furchtbarsten Weise gezeigt, iiberall, liber die ganze Erde 
hin. - Dann auf dem Gebiete des Staatslebens sahen Sie es ja: Die 
Sozialisten, die die Halbgedanken der Biirgerlichen zu Ende denken, 
denken einen Staat aus, der gerade die Eigentiimlichkeit hat, daft er 
sich selber zum Absterben bringt. Und auf dem Gebiete des Wirt- 
schaftslebens geben sich alle dem Aberglauben hin, als ob dieses Wirt- 
schaftsleben, das uns in Wirklichkeit verbraucht und gegen dessen 
Verbrauchen wir gerade die beiden anderen Departemente haben 
miissen -, daft dieses Wirtschaftsleben den neuen Menschenschlag 
hervorbringen werde. 

Auf keinem Gebiete ist es dem modernen Denken gelungen, zu 
etwas zu kommen, was lebensfahige Zustande herbeifuhren kann. So 
daft man sagen kann: was auf dem Boden der Geisteswissenschaft auf 
diesem Gebiete gewollt wird, das ist eben gerade, aus todeswiirdigen 
lebens wiirdige Zustande herauszugestalten. Aber dann handelt es 
sich wirklich nicht darum, daft, wie das jetzt in der Gegenwart viele 
hoffen und wie es sich da oder dort auch schon vollzieht, daft diejeni- 
gen, die vorhin unten gewesen sind, jetzt oben sind, und jene unten 
sind, die vorhin oben gewesen sind. Die jetzt unten sind, haben fruher 



oben reaktionar oder bourgeois gedacht, die jetzt oben sind, denken 
sozialistisch. Aber die Gedankenformen sind im Grunde ganz diesel- 
ben. Denn nicht darauf kommt es an, was einer denkt, sondern wie 
einer denkt. Und sobald man dies versteht, hat man schon den Grund- 
impuls zum Verstehen gerade dieser Dreiteilung des sozialen Organis- 
mus, die eben auf die Wirklichkeit geht, darauf, was sich als die Ge- 
sundheit des sozialen Organismus herausentwickeln mufi. 

Wir diirfen uns wirklich auf unserem Gebiete sagen: es ist aus dem 
geisteswissenschaftlichen Erkennen das Wichtigste fiir die Zeit her- 
auszuholen, und wir miissen uns hiiten, diese tief, tief ernste und 
bedeutungsvolle Seite unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu 
verkennen. Wir verkennen sie aber, meine lieben Freunde, wenn wir 
uns iiberwaltigen lassen, gerade auf dem Gebiete des anthroposo- 
phisch orientierten Geisteswissens in irgendwelche Sektiererei zu ver- 
fallen. Es sollte schon jeder mit sich zu Rate gehen mit Bezug auf die 
Frage: wieviel steckt in mir noch Sektiererisches? Denn die moderne 
Menschheitsbewegung geht darauf aus, alles Sektiererische aus dieser 
Menschheitsentwickelung auszutreiben, nicht sektiererisch zu sein, 
nicht abstrakt zu sein, sondern menschenfreundlich zu sein, weite Ge- 
sichtspunkte zu gewinnen, nicht enge, sektiererische Gesichtspunkte 
zu gewinnen. Insofern von einer gewissen Seite her diese unsere Bewe- 
gung aus der theosophischen herausgewachsen ist, stecken in ihr die 
Keime eben zu sektiererischem Treiben. Aber diese Keime miissen 
erstickt werden. Das Sektiererische mufi ausgetrieben werden. Und 
die weiten Horizonte sind uns vor alien Dingen notig, das unbefan- 
gene Hinblicken auf die Wirklichkeit. 

Neulich habe ich gesagt: Wer Coupons abschneidet, soil sich klar 
sein, daft in diesen abgeschnittenen Coupons menschliche Arbeits- 
kraft steckt, und insofern menschliche Arbeitskraft versklavt ist in 
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, nimmt er mindestens Teil an 
der Versklavung. Darauf darf nicht erwidert werden: Das ist entsetz- 
lich! - oder dergleichen; denn diese Erwiderung: Das ist entsetzlich! - 
ist die furchtbarste Theorie, ist etwas, was einen sehr leicht gerade 
zu dem heutigen modernen sektiererischen Treiben verleiten kann. 
Ich habe dieselbe Sache oftmals in anderer Form gesagt. Da horen 



die Leute von Luzifer und Ahriman und sagen sich: um Gotteswillen, 
ja weit, weit weg - ich habe nichts zu tun mit Luzifer und Ahriman; 
ich habe nichts mit ihnen zu tun, ich bin nur beim guten Gotte! - Um 
so tiefer verfallen die Leute dem Luzifer und Ahriman, wenn sie so 
auf die abstrakte Weise herankommen. Man mufi schon die Aufrich- 
tigkeit und Ehrlichkeit haben, zu wissen, daft man drinnensteckt in 
dem gegenwartigen sozialen Prozefi und daft man nicht blofi durch 
irgendwelche Selbsttauschung herauskommen kann, sondern daft man 
sein Moglichstes tun soil, damit der soziale Prozeft zur Gesundung 
kommt im Ganzen. Der Einzelne kann sich nicht helfen, so wie heute 
die Menschheit entwickelt ist, sondern er mufi das Seinige dazu tun, 
um der armen Menschheit mitzuhelfen. Nicht darauf kommt es an, 
daft wir uns heute sagen: ich will ein guter Mensch sein, uns hinsetzen, 
Gedanken aussenden, die alle Menschen lieben und so weiter, son- 
dern darauf kommt es an, meine lieben Freunde, daft wir uns in 
diesem sozialen Prozesse drinnenstehend verstehen, daft wir das Ta- 
lent entwickeln, auch schlecht zu sein mit der schlechten Menschheit, 
nicht weil es gut ist, schlecht zu sein, sondern weil eine soziale Ord- 
nung, die iiberwunden werden mufi, die zu etwas anderem gebracht 
werden mufi, eben dazu zwingt, so zu leben. Nicht von der Illusion 
sollen wir leben wollen, wie brav, wie gut wir sind und uns die Finger 
ablecken, wie wir selber besser sind als die anderen; sondern wissen, 
wie wir drinnenstehen, das sollen wir, uns keinen Illusionen hingeben. 
Denn je weniger wir uns den Illusionen hingeben, desto mehr wird 
der Elan in uns Platz greifen, mitzuarbeiten an dem, was zur Gesun- 
dung des sozialen Organismus fiihrt, die Fahigkeiten uns zu erobern, 
aufzuwachen gegeniiber dem Schlafzustand, der die heutigen Men- 
schen so tief befangen hat. Und da kann nichts anderes helfen, als 
die Moglichkeit, die energischeren Gedanken, die eindringlicheren 
Gedanken zu fassen, die in der Geisteswissenschaft gegeben sind, 
gegeniiber den schwachen, lassigen, gelahmten Gedanken, die heute 
in der offiziellen Wissenschaft, im offiziellen Wissenschaftsbetrieb 
vorhanden sind. 

Ich mufi daran denken, wie ich vor vielleicht heute achtzehn, neun- 
zehn Jahren im Berliner Gewerkschaftshause einmal davon gespro- 



chen habe, wie die heutige, die Wissenschaft der Gegenwart, eine 
bourgeoise Wissenschaft ist und wie die Entwickelung darauf hinaus- 
laufen mufi, gerade die Gedanken, gerade die Wissenschaft zu befreien 
von dem bourgeoisen Elemente. Ja, das verstehen die Fiihrer des 
Proletariats heute durchaus nicht, denn die sind davon iiberzeugt, daft 
die burgerliche Wissenschaft, die sie ubernommen haben, etwas Ab- 
solutes ist. Was wahr ist, ist wahr. Dariiber denken die Sozialisten 
auch nicht nach, wie das zusammenhangt mit der bourgeoisen Ent- 
wickelung. Sie reden von den Impulsen, von den Emotionen des Pro- 
letariats, aber sie denken ganz bourgeois, ganz biirgerlich. - Nun wer- 
den gewijR viele von Ihnen selber sagen: Ja, aber was wahr ist, ist 
doch eben wahr. - Ja, meine lieben Freunde, gewift, eine gewisse 
Summe, sagen wir, von chemischen, von physikalischen Wahrheiten, 
von mathematischen Wahrheiten ist freilich wahr. Es kann nicht auf 
burgerliche Weise wahr sein und auf proletarische Weise wahr sein. 
Ganz gewifi ist der pythagoraische Lehrsatz nicht auf bourgeoise 
Weise wahr oder auf proletarische Weise wahr und so weiter, ganz 
selbstverstandlich. Darum handelt es sich aber nicht, sondern darum 
handelt es sich, dafi die Wahrheiten ein gewisses Feld umschliefien. 



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Bleibt man bei diesem Felde stehen, so kann das, was darin ist, ja gewifi 
wahr sein, aber es sind Wahrheiten, die gerade just den biirgerlichen 
Kreisen niitzlich und bequem und angemessen sind, wahrend aufier- 
halb (siehe Zeichnung) manches andere liegt, was man auch wissen 



kann, was einfach unberiicksichtigt bleibt von der Bourgeoisie. Also 
darauf kommt es nicht an, daft die chemischen, die mathematischen 
Wahrheiten wahr sind, sondern daft es aufter diesen Wahrheiten auch 
noch andere gibt, die erst das richtige Licht auf diese werfen, daft 
dadurch eine ganz andere Nuance herauskommt und die Wissenschaft 
auf einen breiteren wissenschaftlichen Horizont, der eben kein bour- 
geoiser sein kann, gestellt wird. Nicht ob die Sachen wahr sind oder 
nicht, sondern was man von der Wahrheit haben will, das ist es, worum 
es sich handelt. Und selbst auf die Qualitat der Wahrheit farbt die 
Sache ab. Gewift, die Chemieprofessoren werden an den Universita- 
ten nicht sonderliche Spriinge machen konnen, weil im Laboratorium 
der Chemieprofessor derjenige ist, der die Dinge kennt, der weift, daft 
er selber am wenigsten denkt: da denken die Methoden und so wei- 
ter; die werden nicht sonderliche Spriinge machen konnen. Aber 
sobald dasselbe Denken heriibergeht in die Geschichte, in die Litera- 
turgeschichte, in dasjenige, was iiberhaupt die Menschen heraushebt 
aus dem wirtschaftlichen Leben und erst in eine menschenwiirdige 
Sphare bringt, da geht es dann gleich los. Und die Geschichte ist 
nichts anderes, so wie sie dasteht, als eine burgerliche Fable conve- 
nue; ebenso die Philosophic und andere Wissenschaften. Nur ahnen 
das die Leute nicht, nehmen es als objektive Wissenschaft hin. 

Da kann nur gesundendes Leben Platz greifen, wenn der wissenschaft- 
liche Betrieb seiner Selbstverwaltung zuriickgegeben wird, kurz, wenn 
jene Dreigliedrigkeit eintritt, von der ich nun ofter gesprochen habe. 

Ich mufi noch eine kleine Korrektur anbringen. Ich sagte neulich, 
als ich darauf aufmerksam machte, daft sich in Stuttgart fur unseren 
Aufruf das deutsche Komitee gebildet hat, daft die Herren Dr. Boos, 
Molt und Kiihn dieses Komitee bilden; ich wurde aufmerksam ge- 
macht, daft in Stuttgart auch Dr. Unger, unser Freund, in wesentlicher 
Weise mitwirkt, und daft das nicht vergessen werden darf . 

Nun, meine lieben Freunde, habe ich heute gerade versucht, aus der 
Zeitgeschichte heraus Ihnen wiederum die Dinge zu beleuchten. Es 
liegt mir wirklich sehr auf dem Herzen, daft unsere Freunde gerade 
vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus immer tiefer und tie- 
fer versuchen einzudringen in das soziale Problem. Sie haben die 



Grundlagen dazu, urn es zu verstehen, und auf das Verstandnis kommt 
es zunachst an. Wer in die heutige Zeitgeschichte hineinschaut, ich 
habe das schon betont, der denkt nicht daran, daft man durch solch 
einen Aufruf und alles, was sich daranschlieftt, auf einen Erfolg von 
heute auf morgen rechnen kann. Die in Zurich gehaltenen Vortrage 
werden ja, erweitert und durch konkrete einzelne Fragen erganzt, 
demnachst als Buch erscheinen, so daft man dasjenige, was im Auf- 
rufe in ein paar lapidaren Satzen enthalten ist, in aller Ausfiihrlichkeit 
haben wird. - Was da kommt, das ist, daft sich die Bewegungen, die 
heute Raubbau treiben, wirklich erst ad absurdum fiihren, sich erst 
bis zur volligen Ratlosigkeit und bis zum Ungluck entwickeln miissen. 
Aber man muft in der rechten Zeit etwas schaffen, worauf dann 
zuriickgegriffen werden kann, wenn das Alte sich selbst ad absurdum 
gefuhrt hat. Deshalb ist es so unendlich notwendig, daft die Impulse, 
die einmal in Ihre Herzen gelegt sind, nicht wiederum fallengelassen 
werden, sondern daft Sie auch Ihrerseits - jeder, wo er nur kann - 
mitwirken an dem, was notwendig zu geschehen hat. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 1. Marz 1919 



Im Laufe dieser Betrachtungen habe ich darauf hingewiesen, wie im 
Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich zeigt, daft im Innersten 
der menschlichen Seele, in dem unbewuftten Inneren der menschli- 
chen Seele etwas ganz anderes vorgehen kann, als mehr an der Ober- 
flache dieser menschlichen Seele vorgeht. Der Mensch kann, wie wir 
ofter vernommen haben, glauben, er strebe diesem oder jenem nach, 
wahrend er in Wahrheit in den Tiefen seiner Seele Impulse hat, die 
ganz, ganz anderem nachstreben. Diese Wahrheit kommt insbeson- 
dere fur unsere Zeit in Betracht. Wir sehen heute eine ganze Men- 
schenklasse in einer bestimmten Artung eines Wollens, von der wir 
nun schon ofter gesprochen haben. Gerade da zeigt es sich aber, 
wie an der Seelenoberflache, da, wo sich im Bewufttseinszeitalter 
das Bewufttsein entwickelt, sich etwas ganz, ganz anderes bildet, als 
unten in den Seelentiefen, wo Impulse nach Verwirklichung streben, 
von denen heute eben im Bewufttsein noch nichts Wirkliches vorhan- 
den ist. 

Wenn wir uns das moderne Proletariat mit Bezug darauf ansehen, 
was ihm bewuftt ist, so finden wir in diesem Bewufttsein, was wir auch 
schon ofter erwahnt haben, drei Dinge; drei Dinge, von denen dieses 
proletarische Bewufksein heute ausgefullt wird. Es ist erstens die 
materialistische Geschichtsauffassung; zweitens die Anschauung, daft 
allem, was in der Welt vorgeht, in Wahrheit bis jetzt Klassenkampfe 
zugrunde gelegen haben, daft iiberall nur Klassenkampfe sind und das, 
wovon die Menschen glauben, daft es vorgeht, nur eine Spiegelung 
von Klassenkampfen sei; und das dritte ist, was ich Ihnen ja auch 
schon ofter charakterisiert habe, die Mehrwertlehre, die Lehre von 
dem Mehrwert, der durch die unbezahlte Arbeitskraft der Arbeiter 
geliefert wird, und der den Profit ausmacht, der von dem Arbeitgeber 
dem Arbeiter abgenommen wird, ohne daft der Arbeiter dafiir irgend- 
eine Entschadigung erhalt. Aus diesen drei Gliedern setzt sich im 
wesentlichen das zusammen, was im Bewufttsein des Proletariats die 



Impulse ausmacht, aus denen die moderne soziale Bewegung ihre so 
oder so zu beurteilenden Krafte schopft. 

Damit ist dasjenige bezeichnet, was im Bewufksein des Proletariats 
lebt. Im Bewufksein aber der gegenwartigen Menschheit, zu der im 
wesentlichen gerade die Gefiihle des Proletariats hindrangen, in den 
tieferen Seelenschichten auch des Proletariats leben drei andere Dinge. 
Nur weift von diesen drei anderen Dingen die Welt heute recht wenig. 
Die Welt strebt wenig nach Selbsterkenntnis, und daher weifi sie 
nichts von dem, was eigentlich in den Seelentiefen danach strebt, 
geschichtlich verwirklicht zu werden. Diese drei anderen Dinge sind: 
erstens eine der neueren Zeit angemessene Durchdringung des geisti- 
gen Lebens, dasjenige was man Geisteswissenschaft auf die eine oder 
andere Art nennen kann; das zweite ist Freiheit des Gedankenlebens, 
Gedankenfreiheit; das dritte ist im echten und wahren Sinne Sozialis- 
mus. Nach diesen drei Dingen strebt auch das Proletariat. Aber es 
weift nichts davon. Und seine Instinkte folgen den anderen drei Din- 
gen, von denen ich gesagt habe, dafi sie im Oberflachenteil des 
Seelenlebens, im eigentlichen Bewufitsein, tatig sind. 

Nun stellt sich gerade an diesem Unterschiede des bewufiten pro- 
letarischen Strebens und der unterbewuftten Impulse mit besonderer 
Deutlichkeit heraus, daft ein volliger Gegensatz zwischen diesen bei- 
den ist. Nehmen Sie die materialistische Geschichtsauffassung. Sie ist 
hervorgegangen aus dem Materialismus der neueren Zeit iiberhaupt, 
der seit vier Jahrhunderten in der Menschenentwickelung heraufge- 
stiegen ist. Dieser Materialismus hat bei den fuhrenden Klassen der 
Menschheit zuerst auf dem Felde der Naturwissenschaft sich geltend 
gemacht, hat sich dann iiber die Wissenschaft iiberhaupt ausgedehnt, 
und beim modernen Proletariat, das im Grunde genommen nur das 
Erbe der burgerlichen, wissenschaftlich orientierten Vorstellungsart 
angenommen hat, hat sich der Materialismus dann umgewandelt in 
die materialistische Geschichtsauffassung. Diese materialistische Ge- 
schichtsauffassung geht davon aus, daft eigentlich alles geistige Leben 
nur gewissermafien der Rauch ist, der aufsteigt aus den Vorgangen 
des Wirtschaftslebens, aus alldem, was sich im Gebiete des okono- 
mischen Lebens der Menschheit abspielt. Wirklich im geschichtlichen 



Verlaufe des Menschenlebens ist nur das, was eben im Gebiete der 
Warenerzeugung, der Produktion, des Handels, der Konsumtion vor- 
geht, und je nach dem die Menschen in der einen oder anderen Weise in 
einem Zeitalter gewirtschaftet haben, je nach dem haben sie dies oder 
jenes religios geglaubt, diese oder jene Kimstform gepflegt, das oder jenes 
als ihr Recht, als ihre Sittlichkeit angesehen. Das geistige Leben ist im 
wesentlichen eine Ideologic, das heilk, es hat keine in ihm selbst lie- 
gende Wirklichkeit, ist ein Spiegelbild desjenigen, was sich als Wirt- 
schaftskampfe draufien abspielt. Es kann wiederum zuriickwirken auf 
die Wirtschaftskampfe, was die Menschen in ihre Vorstellungen auf- 
genommen haben, was sie kiinstlerisch empfinden, was sie im sittli- 
chen Wollen zum Ausdruck bringen. Aber letzten Endes ist alles gei- 
stige Leben eine Spiegelung des au&eren wirtschaftlichen Lebens. 
Das ist im wesentlichen, was man materialistische Geschichtsauff as- 
sung nennt. Wenn auch das menschliche Leben nur eine Spiegelung 
von rein aufierlichen, materiellen wirtschaftlichen Kraften ist, und 
wenn hinzukommt, dafi die Welt uberhaupt nur Sinnliches ist, und die 
Gedanken der Menschen nur etwas sind, was das Sinnliche abspie- 
gelt, und wenn dann der Mensch nur in solchen Vorstellungen leben 
will, nur solches als wirklich empfinden will, was in der Sinnenwelt 
sich zeigt, sich offenbart - dann ist dies eine Abkehr von allem wirk- 
lichen Geistesleben, dann bedeutet das, dafi der Mensch darauf ver- 
zichtet, etwas als einen selbstandigen, in sich ruhenden Geist anzuer- 
kennen. 

So hat die neuere Zeit ihre Bemiihung darauf gerichtet, immer mehr 
und mehr Beweise dazu heranzutragen, um behaupten zu diirfen, daft 
es einen selbstandigen, im Ubersinnlichen lebenden Geist, ein Gei- 
stiges uberhaupt, nicht gibt. Das spielt sich ab an der Oberflache des 
menschlichen Seelenlebens. Das macht im wesentlichen den Inhalt 
des neueren Bewufkseins aus, nachdem die Menschheit in das Zeit- 
alter des Bewufttseins eingetreten ist. In den alleruntersten Griinden 
des Seelenlebens aber strebt gerade die neuere Menschheit nach dem 
Geist hin. Sie hat, man mochte sagen, ein innerstes, tiefstes Bediirf- 
nis nach Geist. Ein Blick auf die Entwickelung der Menschheitsge- 
schichte zeigt dieses. 



Wir blickten oftmals zuriick auf die besondere Geistesart der ersten 
nachatlantischen Kulturperiode, auf die besondere Geistesart der indi- 
schen Kulturperiode; nun haben wir von den verschiedensten Ge- 
sichtspunkten aus diese indische Kulturperiode charakterisiert. Das, 
was wir iiber sie kennengelernt haben, wird dem, der unbefangen die 
Dinge anzuschauen vermag, sagen konnen, daft eine solche Art, gei- 
stig zu leben, wie sie in der uralten, nur von der Geisteswissenschaft 
aufzufindenden indischen Kulturperiode liegt, daft eine solche Artung 
des Geisteslebens beruht auf den unbewuftten Intuitionen; wohl 
gemerkt auf unbewuftten Intuitionen, denn es war ja atavistisches 
Geistesleben. So daft wir sagen konnen: in dieser ersten nachatlanti- 
schen Kulturperiode haben wir unbewuftte Intuitionen als Quelle des 
Geisteslebens. 

Wenn wir dann weitergehen und uns das urpersische Geistesleben 
ansehen und wiederum fragen: Woraus flieftt es? - so werden wir fin- 
den, dieses urpersische Geistesleben, es fliefk aus unbewuftten Inspi- 
rationen. 

Das dritte, das agyptisch-chaldaische Geistesleben, fliefk aus unbe- 
wuftten Imaginationen. Dieses agyptisch-chaldaische Geistesleben 
ragt ja schon herein in die ersten historischen Zeiten, und man kann 
da schon, wenn man nur die Geschichte unbefangen genug betrachtet, 
darauf kommen, daft man es in der alten Wissenschaft der Agypter, 
in der alten Wissenschaft der Chaldaer mit unbewufken, aber im 
Seelenleben lebenden Imaginationen zu tun hatte. 

Nun kam das griechisch-lateinische Geistesleben. Im griechisch- 
lateinischen Geistesleben blieben schon noch die Imaginationen, aber 
die Imaginationen durchdrangen sich mit Begriffen, mit Ideen. Das 
war das Wesentliche, was das griechische Leben auszeichnete, daft die 
Griechen in der Menschheitsentwickelung als erste das hatten, was 
friiher nicht in dieser Menschheitsentwickelung als seelischer Impuls 
vorhanden war. Die Griechen hatten bereits Ideen, Begriffe. Das 
Genauere habe ich in meinen «Ratseln der Philosophie» dargestellt. 
Aber alle Begriffe der Griechen waren durchzogen von Bildlichkeit, 
von Imaginationen. - Das merkt man heute nicht, insbesondere in 
jenem sonderbaren Griechentum, von dem unsere Gymnasial- und 



Universitatsbildung spricht, merkt man das nicht. - Wenn der Grieche 
zum Beispiel das Wort «Idee» aussprach, so war das, was er dabei ins 
Seelenauge faSte, nicht etwas so abstrakt Begriffliches, wie es bei uns 
heute der Seele vorschwebt, wenn wir das Wort Idee aussprechen. 
Der Grieche hatte, wenn er das Wort Idee aussprach, die Vorstel- 
lung, daft vor ihm gewissermafien etwas Visionares schwebt, das aber 
doch deutlich in einen Begriff gefafit ist. Es war etwas Anschauliches. 
Idee ist zugleich Gesicht. Im Griechischen wiirde man von «Ideolo- 
gie» nicht eigentlich haben sprechen konnen, obwohl das Wort dem 
Griechischen nachgebildet ist; jedenfalls nicht so haben sprechen kon- 
nen, daft man dasselbe dabei empfunden hatte, was man heute emp- 
findet, wenn man von Ideologic spricht; denn dem Griechen waren 
seine Ideen etwas Wesenhaftes, etwas vom Bilde Durchzogenes. 

I. Urindische KvltUrperiode : 

Unbewvfitc Jntuitionen als Gtv/elte des Qeisteslcbcns 

H. Urpcrsische Kvltvrperiode: 

Unbewuflre Jnspirqtionen qI$ Quelle ies <jQ\5te$\ebQt)$ 

K. fl'gyptisch-chaldciische Kvlturpertode : 

ViibQWvjltt} Tmaginqtioncn q|s Quelle bai ^eisTeslebons 

E. (jriectysd)- /qfeinische Kultvr periods: 

Unbevi/uj3tc Jmaginqfionen mit B^riffen 

5T. Neve Zeif : 

Ue<jriffe^»e nach Imaginationcn streben 



Nun ist das Eigentiimliche, daft in unserer fiinften nachatlantischen 
Zeit zunachst die Imaginationen verlorengegangen sind und dafi die 
Begriffe fur die Bewufitseinsseele geblieben sind. Unser neueres Gei- 
stesleben ist so niichtern, so trocken, aus diesem Geistesleben ist alles 
Bildhafte herausgeprelk worden und geblieben ist die Abstraktion, 
die die Leute, die gebildet sein wollen, ganz besonders lieben. Die 
neuere Zeit lebt ja gewissermaflen von Abstraktion und will alles, 
alles auf irgendeinen abstrakten Begriff gebracht haben. Gerade in 



dem, was man burgerlich praktisches Leben nennt, gerade da herrscht 
der abstrakte Begriff im allerumfanglichsten Sinne. Aber schon macht 
sich wiederum geltend - und das charakterisiert gerade unsere Gegen- 
wart und wird die nachste Zukunft im besonderen Mafie charakteri- 
sieren -, schon macht sich wieder geltend, daft die Tiefen der mensch- 
lichen Seelen, die unterbewuftten Impulse der menschlichen Seelen 
wiederum nach Imaginationen streben. So daft man sagen kann: Be- 
griffe, die nach Imaginationen streben. 

Diesem Streben nach Imaginationen kommt unsere Geisteswissen- 
schaft entgegen. Aber eben der weitaus uberwiegende Teil der 
Menschheit weifi noch nichts von dem, was da in seiner Seele drun- 
ten ist. Daher sieht er dasjenige, was Geistesleben ist, in den bloften 
Begriffen, in den bloften Vorstellungen und ist mit diesen Vorstellun- 
gen ziemlich hilflos. Denn Begriff e als solche haben fur sich keinen 
eigentlichen Inhalt. Und es ist das Schicksal der leitenden Kreise bis- 
her gewesen, daft sie immer mehr und mehr eine gewisse Vorliebe fur 
rein begriffliches Denken entwickelt haben. Aber diese Vorliebe fur 
rein begriffliches Denken erzeugte etwas anderes. Hilflos ist dieses 
rein begriffliche Denken; es erzeugt das Streben nach einer Anleh- 
nung an diejenige Wirklichkeit, die man nicht ablehnen kann, weil 
sie sich eben den Sinnen anpafit: an die auftere sinnliche Wirklichkeit. 
Dieser Glaube an die bloft auftere sinnliche Wirklichkeit ist im wesent- 
lichen entstanden aus der begriffhchen Hilflosigkeit der modernen 
Menschheit. 

Auf alien Gebieten des geistigen Lebens driickt sich diese Hilflosig- 
keit des Begriff slebens aus. In der Wissenschaft will man vor alien 
Dingen experimentieren, damit durch das Experiment irgend etwas 
herauskomme, was der Sinnenwelt sonst nicht gegeben ist, weil, wenn 
man die Sinneswelt bloft vorstellungsgemaft verarbeitet, man iiber 
diese Sinneswelt nicht hinauskommt. Denn die Begriffe selbst enthal- 
ten keine Realitat. 

In der Kunst gewohnte man sich immer mehr und mehr, das Modell 
anzubeten, sich rein zu halten an dasjenige, was das auftere Objekt 
gibt. Und es ist im wesentlichen wiederum das Schicksal gewesen der 
bisher leitenden Kreise der Menschheit, in der Kunst immer mehr 



und mehr hinzutreiben nach einer Art blofien Studiums der aufieren 
sinnlichen Wirklichkeit. Man strebte immer mehr und mehr da hin, 
die auftere sinnliche Wirklichkeit aufzufassen. Etwas aus dem Geiste 
heraus zu schopfen und es durch die Mittel der Kunst hinzustellen, 
das ging immer mehr und mehr verloren. Man strebte nur nach Natu- 
ralismus, nach einer Nachahmung desjenigen, was die Natur als solche 
in der Auftenwelt darstellt, weil aus dem abstrakten Geistesleben 
nichts hervorquoll, was selbstandig fur sich gestaltet werden konnte. 

Nehmen Sie die Entwickelung der neueren Kiinste, so werden Sie 
das iiberall bewahrheitet finden. Diese neueren Kiinste strebten, so- 
weit das nur irgend sein kann, immer mehr und mehr nach Naturalis- 
mus hin, nach einer Darstellung dessen, was man aufSerlich sieht und 
wahrnimmt. Das gipfelte zuletzt in dem, was man Impressionismus 
nannte. Diejenigen, die vor dem Impressionismus gestrebt haben 
nach Kiinstlerischem, versuchten, irgendein aufieres Objekt in der 
Kunst wiederzugeben. Aber da kamen diejenigen, die die letzten 
Konsequenzen aus alle dem zogen und sagten: Ja, wenn ich nun wirk- 
lich einen Menschen oder einen Wald vor mir habe und diesen Men- 
schen oder diesen Wald male, so gebe ich ja gar nicht das wieder, was 
mein Eindruck ist; denn ich stehe vor einem Wald, ich stehe vor 
einem Menschen - und in dem Augenblicke, wo ich vor dem Wald 
stehe, da bescheint ihn die Sonne in einer gewissen Weise, aber nach 
wenigen Augenblicken ist die Sonnenbeleuchtung eine ganz andere. 
Was soli ich denn dann eigentlich festhalten, wenn ich naturalistisch 
sein will? Ich kann ja gar nicht festhalten, was mir die Aufienwelt 
zeigt, denn diese Aufienwelt hat ja alle Augenblicke ein anderes Ge- 
sicht. Ich will einen Menschen malen, der lachelt - aber das nachste 
Mai macht er ein griesgramiges Gesicht! Was soil ich denn nun eigent- 
lich machen? Soil ich uber das lachelnde das griesgramige Gesicht 
dariibersetzen? Wenn ich darstellen will, was aufiere Objekte sind in 
ihrem Bleiben in der Zek, so miifite ich schon die Objekte selber 
zwingen. Naturobjekte lassen sich nicht zwingen, aber die menschli- 
chen Objekte miifite man schon zwingen, wenn sie Modell sitzen, 
moglichst die Pose des Ausdrucks zu behalten. Aber dann machen 
sie, wenn man versucht, die Natur nachzuahmen, den Eindruck, wie 



wenn sie vom Starrkrampf befallen waren, wenn man sie naturali- 
stisch machen will. So geht es also nicht. - Und so wurden sie Im- 
pressionisten, welche nur den unmittelbaren, voriibergehenden Ein- 
druck festlegen wollten. Dann mufi man aber nicht mehr ganz und 
gar naturalistisch sein, sondern mufi schon allerlei Mittel anwenden, 
wodurch man nicht die Natur nachahmt, sondern den Schein hervor- 
ruft, den die Natur in einem Augenblicke als Offenbarung auf einen 
macht. Und da entstand die Klippe; man wollte gerade, um recht 
naturalistisch zu sein, impressionistisch werden; und siehe da, man 
konnte im Impressionismus nicht mehr naturalistisch sein. Jetzt wen- 
dete sich das Ganze um. Jetzt versuchten einige nicht mehr Impressio- 
nen zu geben, nicht mehr den aufieren Eindruck festzuhalten, sondern 
gerade das, was in ihrem Inneren aufstieg, und sollte es noch so pri- 
mitiv sein; das Innere, das da aufsteigt, das suchten sie festzuhalten. 
Und diese wurden Express ionisten. 

Denselben Gang konnten wir auf dem Gebiete des sittlichen, ja 
sogar des Rechtslebens darlegen; iiberall dieses Streben aus der Vor- 
liebe fur das abstrakte Geistesleben heraus. Man mufi nur die Ent- 
wickelung der neueren Menschheit daraufhin in der richtigen Art 
ansehen, dann wird man schon darauf kommen, dafi iiberall dieses 
Streben nach Abstraktion drinnensteckt. Was ist beim modernen Pro- 
letariat daraus geworden? Dieses moderne Proletariat ist, als es an 
die Maschine gestellt wurde, eingespannt wurde in den modernen, 
seelenlosen Kapitalismus, eben mit seinem ganzen Schicksal nur im 
Wirtschaftsleben gewesen. Dieselbe Vorstellungsrichtung, welche die 
Angehorigen der biirgerlichen Kreise zum Naturalismus gebracht 
haben, haben das Proletariat zu der Lehre gebracht, die sich in der 
materialistischen Geschichtsauffassung ausdriickt. Uberall, wo man 
hinblickt, sieht man, dafi das Proletariat eben nur die letzten Konse- 
quenzen desjenigen gezogen hat, was sich innerhalb der biirgerlichen 
Kreise ausgebildet hat - die letzten Konsequenzen, vor denen dann 
diese biirgerlichen Kreise so furchtbar zuriickschaudern. 

Wie hat man es innerhalb der Biirgerkreise mit dem Religiosen 
gehalten? Mit dem Religiosen hat man es zum Beispiel auf einem Ge- 
biete in Biirgerkreisen so gehalten: Man hatte friiher wenigstens ata- 



vistisch dunkle Vorstellungen von dem Christus-Mysterium. Man 
hatte sich verschiedene Vorstellungen dariiber ausgebildet, wie in dem 
Jesus der Christus drinnen lebte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erst 
hat es sich herausgebildet, dafi man aus dem abstrakten Geistesleben 
heraus sich keine Vorstellung mehr machen konnte, wie in dem Jesus 
der Christus gelebt hat. So beschrankte man sich auf das, was sich 
innerhalb der Sinneswelt abgespielt hat im Beginne der christlichen 
Entwickelung, auf die blofie Jesulogie. Der Jesus wurde immer mehr 
und mehr als aufierer Mensch betrachtet. Der Christus, der der iiber- 
sinnlichen Welt angehort, verschwand immer mehr und mehr. Das 
abstrakte Seelenleben fand keinen Weg zu dem Christus, begniigte 
sich mit dem Jesus. Was machte daraus das proletarische Bewufitsein? 
Das proletarische Bewulksein sagte: Wozu brauchen wir dann iiber- 
haupt noch eine besondere religiose Anschauung iiber den Jesus? Die 
Burgerlichen haben ja den Jesus bereits zu dem schlichten Mann aus 
Nazareth gemacht. Der ist unseresgleichen selbstverstandlich, wenn 
er der schlichte Mann aus Nazareth ist. Wir sind abhangig vom Wirt- 
schaftsleben, warum soil der nicht vom Wirtschaftsleben abhangig 
gewesen sein? Hat noch irgend jemand ein Recht, ihm eine besondere 
andere Mission zuzuschreiben, ihn den Begriinder eines ganz neuen 
Menschheitszeitalters zu nennen, da er ja doch nur der schlichte Mann 
aus Nazareth war, der eben seinerzeit aus den wirtschaftlichen Vor- 
gangen heraus, in die er versetzt war, das behauptet hat, was er eben 
behauptet hat? - Die wirtschaftlichen Vorgange mufi man studieren 
in der Zeit, als das Christentum begonnen hat; und die Art und Weise, 
wie ein schlichter Handwerker, der dem Handwerk entlaufen ist und 
im Herumziehen allerlei Ideen entwickelt hat im Sinne der Wirt- 
schaftsordnung des damaligen Palastina, das mufS man studieren; 
daraus wird man dann ersehen, warum der Jesus gerade das behaup- 
tet hat, was er behauptet hat. Letzte Konsequenz der modernen pro- 
testantischen Theologie, das ist auch die materialistische Jesus-Lehre 
des modernen Proletariats, die eben keine den Menschen noch tra- 
gende Kraft mehr hat. 

Mit Bezug auf das zweite, auf die Gedankenfreiheit, die innerliche 
Gedankeninitiative, ist es wiederum das unterbewulke tiefere Seelen- 



innere der modernen Menschheit, was danach strebt. Dasjenige, was 
auf der Oberflache des Seelenlebens im Bewufttsein lebt, macht sich 
vor, daft es gerade nach dem Gegenteile zu streben habe, und strebt 
auch nach dem Gegenteile. Daher rumort das Unterbewuftte in einer 
radikalen Opposition, die eben in unseren furchtbaren Gegenwarts- 
kampfen zum Ausdrucke kommt. Autoritatsfrei wollten die leitenden 
Biirgerkreise der neueren Zeit werden. Sie sind hineingeplumpst in 
alle moglichen Arten von Autoritatsglauben. Vor alien Dingen sind 
sie hineingeplumpst in einen blinden Autoritatsglauben gegeniiber all 
dem, was irgendwie in die Sphare des Staates einbezogen ist, der die 
hochste Autoritat fiir das Biirgertum geworden ist. 

Was spielt eine groftere Rolle in diesem modernen Biirgertum als 
das «fachmannische Urteil»! Der Mensch fragt nach dem fachmanni- 
schen Urteil und fiihrt dieses Fragen nach dem fachmannischen Urteil 
eben auch in sein aufteres Leben ein. Derjenige, der abgestempelt mit 
dem Diplom der Universitat in das Leben hinaustritt, der weift die 
Dinge; den fragt man mit Bezug auf das, was Gott mit der Mensch- 
heit vorhat, wenn er ein Theologe ist. Man fragt ihn mit Bezug auf 
das, was im Menschenleben Recht ist, wenn er ein Jurist ist; man 
fragt ihn, was dem Menschen Heilung bringen kann, wenn er ein Me- 
diziner ist, und man fragt ihn iiber alle moglichen Dinge der Welt, 
wenn er aus irgendeiner Ecke der philosophischen Fakultat heraus 
kommt. Die moderne Menschheit, ein kleiner Kreis wenigstens, hat 
immer gelachelt, wenn der Blick auf ein Buch des ehrwiirdigen Philo- 
sophen der vorkantischen Zeit, Wolf, fiel. Und dieses Buch tragt den 
Titel so ungefahr: «0ber die Natur, iiber die Menschenseele, iiber 
den Staat, iiber die Geschichte und iiber alle vernunftigen Dinge 
iiberhaupt.» Uber ein solches Buch lachelt man. Aber daft in den gei- 
stigen Laboratorien, die der Staat aufgerichtet hat fiir die Menschen, 
alles dasjenige gebraut werde, was der Inhalt der Vernunft sein soil 
fiir die Menschen, daran glauben die leitenden Kreise in der neueren 
Zeit mit aller Festigkeit. Das heiftt, diese leitenden Kreise haben kei- 
neswegs danach gestrebt, daft jeder sein eigenes Bewufttsein habe, 
sondern sie haben danach gestrebt, das Bewufttsein zu uniformieren, 
es so einzurichten, daft es im Grunde im weitesten Sinne ein Staats- 



bewufksein ist. «Staatsbewufitsein» ist das moderne Bewufttsein viel 
mehr geworden, als die Menschen eigentlich glauben. Die Menschen 
denken sich den Staat als ihren Gott, der ihnen das gibt, was sie brau- 
chen. Sie brauchen sich nicht weiter mit den Dingen zu beschaftigen, 
denn der Staat sorgt ja dafiir, daft alle verniinftigen Zweige des Le- 
bens geregelt werden. 

Ausgeschlossen von dem Staatsleben war das Proletariat mit Aus- 
nahme der paar Gebiete, in die man es in das Staatsleben in demo- 
kratischen Staatsgebilden hineingelassen hat. Das Proletariat war 
ganz - selbst mit dem, was den ganzen Menschen nach sich zieht, mit 
seiner Arbeitskraft - in das Wirtschaftsleben eingespannt. Das Prole- 
tariat zog nun wiederum nur fur sein Leben die letzte Konsequenz. 
Der moderne biirgerliche Mensch hat ein Staatsbewufksein, wenn er 
das auch nicht immer zugibt, aber er macht sehr gerne Staat mit die- 
sem Staatsbewuiksein. Man braucht wahrhaftig nicht blofi auf seine 
Karten drucken zu lassen «Reserveleutenant und Professor», um 
mit dem Staatsbewufitsein Staat zu machen, man kann es in ganz an- 
derer Form machen. Aber das Proletariat hatte kein Interesse am 
Staat. Es war in das Wirtschaftsleben eingespannt. Daher fiihlte es 
nun wiederum so, dafi sein Fiihlen die letzte Konsequenz des biirger- 
lichen Fiihlens wurde, aber entsprechend seinem Leben. Sein Bewufit- 
sein wurde das Klassenbewufitsein des Proletariats. Und so sehen wir 
eigentlich, weil nun diese Klasse des Proletariats nichts zu tun hat mit 
dem Staate, dieses Klassenbewulksein auf Internationalismus gebaut. 
Also diese Dinge sind notwendig. Zu dem modernen Staate konnte 
nur der Biirgerliche hinneigen, weil der moderne Staat fur den Biir- 
gerlichen sorgt, und der Biirgerliche fur sich gesorgt haben will. Der 
Staat aber sorgte nicht fur den Proletarier. Der fiihlte sich nur in der 
Welt drinnenstehend, insofern er seiner Klasse angehorte. Und die 
proletarische Klasse ist iiberall in der gleichen Art vorgegangen durch 
alle Staaten durch. Daher bildete sich dieses internationale Proleta- 
riat heraus, dieses internationale Proletariat, welches sich fiihlte im 
bewufiten Gegensatz gegen alles dasjenige, was biirgerlich war, und 
was mit derselben Kraft des Bewufkseins nach dem Staate und nach 
den Staatsfaktoren hinstrebte. Und es gab eine aufierordentlich sugge- 



stive Ausbildung dieses Klassenbewufttseins im Proletariat in der 
modernen Zeit. Ich weifi nicht, wie viele von Ihnen proletarische Ver- 
sammlungen besucht haben. Wie schlossen diese proletarischen Ver- 
sammlungen denn immer? Sie schlossen immer damit, dafi man in pro- 
letarischer Konsequenz das nachgemacht hat, was so viele burger- 
liche Veranstaltungen aus ihren biirgerlichen Interessen heraus ange- 
geben haben. Womit schlofi man zum Beispiel in Mitteleuropa die 
biirgerlichen Versammlungen? Mit dem Kaiserhoch! Oder man be- 
gann damit. Jede Proletarier-Versammlung schloft: «Es lebe die 
internationale revolutionare Sozialdemokratie!» Man muE nur beden- 
ken, was fur eine ungeheure suggestive Kraft dieses von Woche zu 
Woche vom Proletarier gehorte Wort bedeutet, und wie das ein Ein- 
heitsbewulksein durch die Massen treibt, so dafi jede Gedankenfrei- 
heit selbstverstandlich ausgetrieben wird. Es safi das fest in der Seele. 
Es gab ja, wenn auch immer weniger, aber es gab in friiheren Zeiten 
von Biirgerlichen einberufene Versammlungen, zu denen auch Sozial- 
demokraten eingeladen wurden. Der Vorsitzende sagte dann am 
Schluft: Ich bitte die Herren Sozialdemokraten zuerst hinauszugehen, 
denn ich werde jetzt die Versammlung auffordern, sich von den Sit- 
zen zu erheben und das Kaiserhoch auszubringen. - Es hat in friihe- 
ren Zeiten proletarische Versammlungen gegeben, wobei Biirgerliche 
zu den Diskussionen zugelassen waren. Der proletarische Vorsitzende 
hat am Schlufi gesagt: Ich bitte die Herren der biirgerlichen Klasse 
jetzt sich hinauszubegeben, denn es wird das Hoch auf die interna- 
tionale revolutionare Sozialdemokratie ausgebracht. - So ist zusam- 
mengeschweifit worden, was die Seelen durchzog als das sie unifor- 
mierende Klassenbewufitsein. Das Gegenteil von dem, was gerade in 
den Herzen tiefer unten sitzt, das Gegenteil von der Sehnsucht nach 
individueller Gedankenfreiheit, nach einer individuellen Formung des 
Bewufitseins! Das ist das zweite. 

Das dritte, was in den Tiefen der modernen Seele drangt, sich zu 
verwirklichen, das ist der Sozialismus - der Sozialismus, der einfach 
dadurch zu kennzeichnen ist, dafi man sagt: Die moderne Seele strebt 
im Zeitalter des Bewufttseins dahin, dafi der einzelne sich fiihlen 
mochte in dem sozialen Organismus drinnen. Man will schon den 



sozialen Organismus als solchen begriinden, man will sich als Mensch 
als Glied dieses sozialen Organismus fiihlen, man will drinnenstehen 
in irgendeiner Weise. Das heilk, man will von einem solchen Bewuik- 
sein sich durchdringen, dafi man immer die Empfindung als Mensch 
hat: was ich tue, tue ich so, dafi ich weifi, wieviel Anteil an mir der 
soziale Organismus hat, und wie wiederum ich Anteil habe an dem 
sozialen Organismus. Der Mensch lebt ja im sozialen Organismus 
drinnen. Aber, wie gesagt, heute ist noch die Empfindung fur den 
sozialen Organismus nur in den unterbewufiten Seelenregionen vor- 
handen. 

Wenn heute ein Maler ein Bild malt, wird er mit Recht sagen: Die- 
ses Bild mufi mir bezahlt werden, denn ich habe meine Kunst in die- 
ses Bild hineingelegt. - Was ist seine Kunst? - Seine Kunst ist etwas, 
was die Gesellschaft, was der soziale Organismus ihm erst moglich 
gemacht hat. Gewifi, es hangt von seinem Karma, von seinen friiheren 
Erdenleben ab; aber daran glauben die Leute heute auch nicht, wobei 
sie sich freilich in Selbsttauschung befinden. Aber insofern wir nicht 
den Anteil betrachten, den unsere durch die Geburt aus hoheren 
Regionen herabsteigende Individuality uns an unserem Konnen gibt, 
insofern sind wir ja ganz abhangig, in dem was wir konnen, von dem 
sozialen Organismus. Aber der moderne Mensch beachtet das in sei- 
nem Bewufttsein nicht. Und so ist statt des sozialen Empfindens zu- 
nachst im Bewufksein seit vier Jahrhunderten immer mehr und mehr 
eine egoistische, eine antisoziale Denkart entstanden; die antisoziale 
Denkart, die sich namentlich darin ausdriickt, daft jeder eigentlich 
zunachst an sich denkt und so viel als moglich herauszubekommen ver- 
sucht aus dem sozialen Organismus. Das Gefiihl, alles wieder zuriick- 
geben zu miissen an den sozialen Organismus, was man von ihm 
bekommen hat, das haben heute wenige. Gerade in den leitenden 
biirgerlichen Kreisen ist mit Bezug auf das Geistesleben allmahlich 
der denkbar grofite Egoismus heraufgestiegen, der Egoismus, der den 
bloften geistigen Genufi als etwas besonders Berechtigtes fur den 
Menschen ansieht, der sich diesen geistigen Genuft verschaffen kann. 
Man hat aber keinen Anspruch auf geistigen Genufi, der einem durch 
den sozialen Organismus bereitet wird, wenn man nicht an dem Orte, 



an den man in der Welt gestellt ist, ein entsprechendes Aquivalent 
dem sozialen Organismus wiederum zuriickgeben will. Das mufi man 
sich klarmachen. 

Nun hat wiederum das Proletariat, das ja nicht hat teilnehmen diir- 
fen an dem geistigen Teil des sozialen Organismus, das im Wirtschafts- 
leben und in dem seelenlosen Kapitalismus eingespannt ist, es hat nur 
die letzte Konsequenz dieses burgerlichen Egoismus gezogen in der 
Mehrwertslehre. Der Arbeiter sieht, er produziert ja eigentlich das- 
jenige, was in der Fabrik, an der Maschine hergestellt wird, also will 
er auch haben, was dafiir einkommt. Er will nicht, dafi ein Teil davon 
abgezogen wird und woanders hingeht. Und weil er nichts anderes 
sieht als den Kapitalisten, der ihn an die Maschine stellt, so glaubt er 
selbstverstandlich, daft aller Mehrwert an den Kapitalisten geht, und 
mufi sich zunachst kampfend gegen den Kapitalisten wenden. Objek- 
tiv betrachtet steckt naturlich in dem, was dem sogenannten Mehr- 
wert entspricht, etwas ganz anderes noch. Was ist Mehrwert? Mehr- 
wert ist alles dasjenige, was durch Handarbeit produziert wird, ohne 
daft dafiir diese Handarbeit eine Entschadigung bekommt. Denken 
Sie sich, es gabe keinen Mehrwert, alles wiirde den Bediirfnissen des 
Handarbeiters zuflieften. Was gabe es dann nicht? Selbstverstandlich 
keine geistige Kultur, iiberhaupt keine wekere Kultur; es gabe nur 
Wirtschaftsleben, es gabe iiberhaupt nur, was durch Handarbeit zutage 
gefordert werden kann. Es kann sich gar nicht darum handeln, daft 
der Mehrwert der Handarbeit zuflieftt, sondern nur darum, daft der 
Mehrwert in einem Sinne, mit dem der Handwerker einverstanden 
sein kann, verwendet werde. Das wird aber nur geschehen, wenn man 
den Handwerker dazu heranzieht, Verstandnis zu haben fiir die Wege, 
die der Mehrwert nimmt. 

Hier beriihrt man den Punkt, wo am meisten gesiindigt worden ist 
von der burgerlichen Ordnung der neueren Zeit. Man hat die Maschi- 
nen, die Fabriken begriindet, man hat den Handel begriindet, das 
Kapital auch in Zirkulation gebracht, man hat den Arbeiter an die 
Maschine gestellt, in die kapitalistische Wirtschaftsordnung einge- 
spannt. Da hatte er arbeiten sollen. Aber man hat nicht darauf gese- 
hen, etwas anderes vom Arbeiter zu brauchen, als seine Arbeitskraft. 



In einem gesunden sozialen Organismus muE vom Arbeiter nicht nur 
die Arbeitskraft gebraucht werden, sondern auch die Ruhe, dasjenige, 
was an seiner Kraft iibrigbleibt, wenn er gearbeitet hat. Und nur die- 
jenigen Kapkalisten sind eigentlich berechtigt, welche ebenso Inter- 
esse haben an Ersparnis, an der notigen Ersparnis der Arbeitskraft 
des Proletaries, wie sie ein Interesse haben an der wirtschaftlichen 
Verwendung der Arbeitskraft. Diejenigen Kapitalisten haben nur 
eine Berechtigung, die dafur sorgen, dafi der Arbeiter nach einer 
bestimmten Arbeitszeit irgendwie an das herankommen kann, was 
allgemein menschliches geistiges und sonstiges Bildungsgut ist. 

Dazu mufi man dieses Bildungsgut erst haben. Die biirgerliche Ge- 
sellschaftsklasse hatte dieses Bildungsgut entwickelt; daher konnte 
sie gut allerlei populare Bildungsanstalten begriinden. Was hat man 
nicht alles getan an solchen Volkskiichen des geistigen Lebens! Was 
ist auf diesem Gebiete alles gegriindet worden. Aber zu welchem 
Bewufitsein konnte der Proletarier bei diesen Volkskiichen des geisti- 
gen Lebens kommen? Zu keinem anderen, als dafi ihm da die Biir- 
gerlichen etwas abgeben, was sie unter sich ausgekocht haben. Da 
hatte er natiirlich das Mifttrauen: Aha, die wollen mich biirgerlich 
machen, indem sie mir ihre Milch der frommen Denkungsart da in 
der Volkskiiche einfloften. Diese ganzen biirgerlichen Wohlfahrtsbe- 
wegungen, sie sind durch die Art, wie sie waren, vielfach Schuld an 
den Tatsachen, die heute so schreckhaft an dem Horizont des sozia- 
len Lebens auftauchen. Was heute auftritt, stammt eben aus viel 
ernsteren Untergriinden, als man gewohnlich meint. Den Mehrwert 
will ich haben! - das ist das egoistische Prinzip, das als letzte Konse- 
quenz des biirgerlichen Egoismus, der nun auch den Mehrwert haben 
wollte, erscheint. Wiederum zieht das Proletariat die letzte Konse- 
quenz. Und statt des Sozialismus, der in den Untergriinden der 
Seelen ist, erscheint auf der Oberflache des Seelenlebens im Bewufit- 
sein die Mehrwertslehre, die im eminentesten Sinne antisozial ist. 
Denn wenn jeder das einheimst, was der Mehrwert ist, so heimst er es 
ein fur seinen Egoismus. 

Und so haben wir heute, meine lieben Freunde, einen Sozialismus, 
der nicht sozialistisch ist, so wie wir heute ein Streben haben nach 



einem Bewufkseinsinhalt, der kein Bewufttseinsinhalt ist, sondern der 
das Ergebnis des wirtschaftlichen Zusammenhanges einer Menschen- 
klasse ist, und sich ausdnickt im Klassenbewufitsein des Proletariats. 
Und so haben wir heute ein Geistesstreben, welches den Geist ver- 
leugnet und seine letzte Konsequenz in der materialistischen Ge- 
schichtsauffassung gefunden hat. 

Diese Dinge miissen durchschaut werden, sonst versteht man nicht, 
was in der Gegenwart lebt. Und wie wenig waren die Biirgerkreise 
geneigt, nach dieser Richtung hin wirklich ein Durchschauen der Ver- 
haltnisse auszubilden, wie wenig sind sie heute noch, nachdem die 
Tatsachen so deutlich, so brennend sprechen, geneigt, sich dieses Be- 
wufttsein anzueignen. 

Es wird auf keinem anderen Wege moglich sein, statt des antiso- 
zialen Strebens im Proletariat von heute ein wirklich soziales Streben 
herauszubringen, als da!5 man versucht, das Wirtschaftsleben auf seine 
gesunde selbstandige Basis zu stellen als ein Glied des sozialen Orga- 
nismus, das seine eigene Gesetzgebung und seine eigene Verwaltung 
hat, in das sich nicht mehr der Staat hineinmischt. Mit anderen Wor- 
ten, es mufi angestrebt werden, daft der Staat auf keinem Gebiete 
selbst Wirtschafter ist. Dann kann sich das, was in den Tiefen der 
Menschenseelen ersehnt wird, wirklicher Sozialismus im Wirtschafts- 
leben ausbilden. Und es muE angestrebt werden, daft von diesem 
Wirtschaftsleben abgesondert ist das Leben des eigentlichen politi- 
schen Staates, der nun seinerseits weder einen Anspruch macht auf 
das Wirtschaftsleben noch auf das eigentliche Geistesleben, auf das 
Kulturleben, Schulleben und so weiter. Wenn dieses Staatsleben kei- 
nen Anspruch macht nach beiden Seiten hin, wenn es das blofie 
Rechtsleben verkorpert, dann bringt es das zum Ausdruck, was hier 
in der physischen Welt das Verhaltnis begriindet von Mensch zu 
Mensch, jenes Verhaltnis, das alle Menschen gleich vor dem Gesetze 
macht. Nur ein solches Staatsleben entwickelt eine wirkliche Freiheit 
des Gedankens. Und als ein drittes Glied des gesunden sozialen Or- 
ganismus mufi sich das auf sich gestellte Geistesleben ausbilden, das 
auch aus der Wirklichkeit des Geistes heraus schopfen kann, das zu 
wirklicher Geisteswissenschaft vordringen mul - Was in den Tiefen 



der Menschenseelen heute erstrebt wird, ist schon der gesunde soziale 
Organismus, der aber dreigliedrig sein mufi. 

So kann man auch die Dinge betrachten, wie wir sie heute betrach- 
tet haben. Und Geisteswissenschaft soil in diesem Sinne, wie ich oft 
betont habe, ernst und tief genommen werden, nicht als etwas, das 
man nur so wie eine Sonntagnachmittagspredigt hinnimmt; denn das 
ist burgerlich. Burgerlich ist es, neben seinem Wirtschaftsleben, das 
man zur Not nur fur den kleinen Kreis selbst besorgt, wenigstens 
selbst zu besorgen glaubt, und neben dem Staatsleben, fur das man 
den Staat sorgen laftt, auch so ein biftchen Geistesleben zu entwickeln, 
je nachdem man sich fur aufgeklart halt, indem man zum Pfarrer geht, 
oder indem man sich der Theosophie widmet oder dergleichen. Es ist 
gut burgerlich. Und eminent burgerlich hat gerade die theosophische 
Bewegung das Geistesleben in der neueren Zeit hingestellt. Man kann 
sich nichts Biirgerlicheres denken als diese moderne theosophische 
Bewegung. Sie ist so recht aus dem Bedurfnisse des Biirgertums als 
eine sektiererische Geistesbewegung hervorgewachsen. Das war der 
Kampf, seit wir versucht haben, aus dieser theosophischen Bewegung 
etwas herauszuarbeiten, was durchdrungen sein sollte vom modernen 
Menschheitsbewufitsein und als Bewegung in die Menschheit hinein- 
gestellt werden sollte. Immer war der Widerstand des biirgerlichen 
sektiererischen Elementes da, das tief verankert ist im Oberflachen- 
teil der menschlichen Seele. Aber man raulS dariiber hinauskommen. 
Das anthroposophische Streben mufi als ein solches erfaftt werden, 
welches von der Zeit gefordert wird, welches uns nicht kleine, sondern 
grofte Interessen geben soli, welches uns nicht bloft dazu anleitet, uns 
in kleinen Zirkeln zusammenzusetzen und Zyklen zu lesen. Es ist ja 
gut, wenn man Zyklen liest; ich bitte Sie, durchaus jetzt nicht daraus 
die Schluftfolgerung zu ziehen, daft nun keine Zyklen in der Zukunft 
gelesen werden sollen; aber man soil dabei nicht stehenbleiben. Man 
soil das, was in den Zyklen steht, wirklich ins Menschenleben einfiih- 
ren - aber nicht so, wie sich manche e
…[truncated]