Grenzen der Naturerkenntnis

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  UBER  NATURWISSENSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Grenzen  der  Naturerkenntnis 


Acht  Vortrage,  gehalten  in  Dornach 
vom  27.  September  bis  3.  Oktober  1920 


1981 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften, 
herausgcgeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  G.  A.  Balastdr  und  H.  Huber 


1.  Auflage  Dornach  1939 

2.  Auflage  Dresden  1940 

3.  Auflage  Stuttgart  1948 

4.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1969 

5.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1981 


Bibliographie-Nr.  322 

Zeichnungen  im  Text  nach  Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners, 
ausgefuhrt  von  Joseph  Schaffler 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  /Schweiz 
©  1969  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-3220-9 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Dornach,  27.  September  1920  

Naturwissenschaft  vermag  nichts  fur  das  soziale  Leben.  Ideal  der 
astronomischen  Naturerklarung.  Das  Ignorabimus  Du  Bois-Rey- 
monds  gegeniiber  Materie  und  Bewufitsein.  Bilden  und  Auf  losen  von 
Theorien  wie  in  der  Erzahlung  von  Penelope.  Notwendigkeit  mathe- 
matisch  klarer  Begriffe  fiir  das  Erwachen  des  Menschen.  Er  verliert 
darin  sich  selbst.  Die  sozialen  Forderungen  verlangen  ein  Hinaus- 
kommen  iiber  das  Ignorabimus. 

Zweiter  Vortrag,  28.  September  1920   

Hegel.  Das  Hegeltum  vermag  nichts  fiir  das  soziale  Leben.  Marx  und 
Stirner  am  Materie-  und  Bewufitseinspol.  Die  Durchsichtigkeit  der 
Begriffe  genugt  nicht,  wenn  mehr  als  ein  Phanomenalismus  gewollt 
wird.  Das  Fortrollen  mit  dem  Denken  hinter  den  Sinnesteppich. 
Goetheanismus  als  Gegensatz  dazu.  Primare  und  sekundare  Quali- 
taten  als  erste  Kardinalfrage. 

Dritter  Vortrag,  29.  September  1920   

Der  Gegensatz  des  Bewegungs-  und  Krafteparallelogramms  in  der 
Mechanik.  Woher  kommt  die  Mathematik?  Ernstnehmen  der  Quali- 
tat  der  Naturerkenntnis.  Lebenssinn,  Bewegungssinn,  Gleichgewichts- 
sinn.  Darin  ist  die  Mathematik  latent.  Oberwindung  ihres  prosaisch- 
abstrakten  Auftretens.  Novalis.  Inspiration.  Diese  lebt  in  der  Ma- 
thematik auf  einem  Teilgebiete.  Vedantaphilosophie.  Goethes  Ver- 
wandtschaft  zur  mathematischen  Atmosphare.  Er  bringt  Licht  in 
den  Materiepol.  Urphanomen  und  Axiom. 

Vierter  Vortrag,  30.  September  1920   

Der  Bewufitseinspol.  Mystische  Erlebnisse  und  die  vergessene  «Me- 
lodie  des  Leierkastens*.  Der  Weg  der  «Philosophie  der  Freiheit*.  Das 
reine  Denken  ergreift  an  einem  Punkt  das  Weltendasein.  Die  freien 
sittlichen  Antriebe.  Moralische  Phantasie.  Umwandlung  der  Begriffe 
Hegelscher  Art  in  Imagination.  Resignation  auf  das  Weiterspinnen 
der  Gedanken.  Die  Wirklichkeit  lebt  in  Bildern.  Das  instinktive  Ich 
wird  durch  die  Imagination  sozial.  Stirner.  Verhaltnis  zur  Assozia- 
tionspsychologie. 

Funfter  Vortrag,  1.  Oktober  1920   

Vom  Beweisen.  Der  Geistesforscher  hat  das  Beweisende  in  den  Weg 
eingebaut.  Experimentieren,  auf  sozialem  Felde  unverantwortiich. 
Inspiration  und  Imagination  als  das  richtige  Sich-Stellen  an  die 
beiden  Grenzen  des  gewohnlichen  Erkennens.  Gleichgewichts-,  Be- 
wegungs- und  Lebensempfindung  und  die  Inspiration.  Musikalisch- 
tonloses  Weben.  Wortlose  Wortoffenbarung.  Geistig-Wesenhaftes 


konturiert  sich  anstelle  der  metaphysierten  Welt  der  Atome.  Inspi- 
ration arbeitet  sich  herauf  aus  den  Tiefen  der  Menschheitsentwick- 
lung.  Der  pathologische  Skeptizismus  als  Symptom.  Nietzsche. 

Sechster  Vortrag,  2.  Oktober  1920,  vormittags  .  .  .  .  . 
Das  instinktive  Herausstreben  aus  dem  Leibe.  Verniinftiges  Begrei- 
fen  der  Geisteswissenschaft  als  Heilmittel  gegen  pathologische  Zu- 
stande.  Umwandlung  des  Gedachtnisses  in  Erkenntnis  der  wieder- 
holten  Erdenleben  durch  Inspiration.  Entwicklung  der  Seelenkrafte 
am  Bewufltseinspol.  Das  Erleben  des  bildhaften  Denkens.  Es  fiihrt 
tiefer  hinein  in  das  eigene  "Wesen.  Dahin  strebt  die  Entwicklung  auf 
der  andern  Seite,  bewuik  oder  unbewufit.  Pathologische  Zustande 
als  Symptome:  Astraphobie,  Klaustrophobie,  Agoraphobic  Imagi- 
nation. Kraft  der  Liebe.  Intuition.  Der  Arzt.  Kapital,  Arbeit,  Ware. 

Siebenter  Vortrag,  2.  Oktober  1920,  abends  

Sprachwahrnehmung,  Gedankenwahrnehmung,  Ich-Wahrnehmung 
und  das  freiwerdende  Geistig-Seelische.  Die  alt-orientalische  Schu- 
lung.  Mantren.  Fiihren  zu  den  Ichen  geistiger  Wesenheiten,  die 
Sprachwahrnehmung  zum  andern  Menschen.  Gefahren  der  Schu- 
lung.  Orientalische  Weisheit  und  abendlandische  Religionsbekennt- 
nisse.  Der  Geisteszug  vom  Osten  endet  im  Westen  in  Skeptizismus. 
Ihm  mufl  begegnen  ein  Zug  von  Westen  nach  Osten.  Morgenlan- 
discher  und  abendlandischer  Weg.  Reines  Denken  -  Wahrnehmen 
ohne  Denken.  Schwierigkeit,  die  eigentliche  Anthroposophie  auszu- 
driicken.  Imagination  als  Weg  der  abendlandischen  Zivilisation. 

Achter  Vortrag,  3.  Oktober  1920  

Der  Erkenntnisweg  fiir  den  Wissenschafter.  Sinn  der  «Philosophie 
der  Freiheit*.  Wahrnehmen  unter  Ausschlufi  des  Denkens,  mit  Hilfe 
der  Verbildlichung.  Kontemplation.  Durch  die  Sinneswelt  dringt 
das  Geistige  unbewuflt  in  uns  ein  und  organisiert  uns.  Emanzipation 
von  Gleichgewichtssinn,  Bewegungssinn,  Lebenssinn  beim  Kinde. 
Es  zieht  Geruchssinn,  Geschmackssinn  und  Tastsinn  in  sich  hinein. 
Der  zur  Imagination  Strebende  dringt  durch  Geruch,  Geschmack, 
Tasten  zu  Gleichgewicht,  Bewegung,  Leben  hindurch.  Dabei  ver- 
wandelt  sich  das  reine  Denken  in  Inspiration.  Intuition  als  Verbin- 
dung  von  Imagination  und  Inspiration.  Viele  Mystiker  kommen 
durch  Riechen,  Schmecken,  Tasten  nicht  hindurch.  Was  der  Orien- 
tale  durch  Atemubungen  erlebte.  Analog  den  Pendelschlag  von 
Wahrnehmungsprozefi  und  reinem  Denken  erleben.  Die  Sackgasse 
der  abendlandischen  Philosophic:  Schellings  und  Hegels  Naturphi- 
losophie. 

Hinweise  

Obersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  


ERSTER  VORTRAG 


Dornach,  27.  September  1920 


Das  Thema  dieses  Vortragszyklus  wurde  gewahlt  nicht  aus  irgend- 
einer  Tradition  des  philosophisch-akademischen  Studiums,  etwa  aus 
dem  Grunde,  weil  etwas  Erkenntnistheoretisches  oder  dergleichen  un- 
ter  unseren  Vortragen  vorkommen  sollte,  sondern  es  wurde  gewahlt 
aus  einer,  wie  ich  glaube,  unbefangenen  Beobachtung  der  Zeitbediirf- 
nisse  und  Zeitforderungen.  Wir  brauchen  fur  die  nachste  Entwicke- 
lung  der  Menschheit  Begriffe,  Vorstellungen,  iiberhaupt  Impulse  des 
sozialen  Lebens,  wir  brauchen  Ideen,  durch  deren  Verwirklichung  wir 
soziale  Zustande  herbeifiihren  konnen,  die  den  Menschen  aller  Stande, 
Klassen  und  so  weiter  ein  ihnen  menschenwiirdig  erscheinendes  Dasein 
geben  konnen.  Wir  sprechen  ja  heute  auch  schon  in  weitesten  Kreisen 
davon,  daft  die  soziale  Erneuerung  vom  Geiste  ausgehen  musse.  Aber 
man  stellt  sich  in  diesen  weitesten  Kreisen  nicht  uberall  etwas  Klares 
und  Deutliches  vor,  wenn  man  so  spricht.  Man  fragt  sich  nicht:  Wo- 
her  sollen  die  Vorstellungen,  die  Ideen  kommen,  durch  die  man  eine 
Sozialokonomie  begriinden  wollte,  die  dem  Menschen  ein  menschen- 
wiirdiges  Dasein  bietet?  Die  Menschheit  in  ihrem  gebildeten  Teile  ist 
ja  seit  den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderten,  insbesondere  aber  seit 
dem  19.  Jahrhundert  in  Vorstellungen,  in  Ideen  erzogen  -  insbeson- 
dere ist  das  diejenige  Menschheit,  die  durch  das  akademische  Studium 
gegangen  ist  -,  die  eigentlich  durchaus  herangebildet,  herangereift 
sind  an  der  neueren  naturwissenschaftlichen  Betrachtungsweise.  Man 
glaubt  nur  in  den  Kreisen,  in  denen  man  anderes  treibt  als  Natur- 
wissenschaft,  dafi  die  Naturwissenschaft  auf  dieses  Treiben  wenig  Ein- 
flufl  habe.  Allein  es  ist  leicht  nachzuweisen,  dafi  selbst  zum  Beispiel 
in  der  neueren,  fortgeschritteneren  Theologie,  in  der  Historie,  in  der 
Jurisprudenz  uberall  naturwissenschaftliche  Begriffe,  das  heifit  solche 
Begriffe,  wie  sie  in  den  naturwissenschaftlichen  Untersuchungen  der 
letzten  Jahrhunderte  heranerzogen  wurden,  hineingekommen  sind, 
dafi  die  althergebrachten  Begriffe  nach  diesen  neuen  in  einer  gewissen 
Weise  umgeformt  worden  sind.  Und  man  braucht  ja  zum  Beispiel  nur 


den  Gang  der  neuen  theologischen  Entwickelung  im  19.  Jahrhundert 
vor  seinem  geistigen  Auge  voriibergehen  zu  lassen,  so  wird  man  sehen, 
wie  zum  Beispiel  die  evangelische  Theologie  durchaus  zu  ihren  An- 
schauungen  iiber  die  Personlichkeit  Jesu,  iiber  das  Wesen  des  Christus 
dadurch  gekommen  ist,  dafi  sie  gewissermafien  iiberall  im  Hinter- 
grunde  hatte  die  naturwissenschaftlichen  Begriffe,  von  denen  sie  sich 
kritisiert  fuhlte,  die  naturwissenschaftlichen  Begriffe,  denen  sie  genii- 
gen  wollte,  an  denen  sie  sich  nicht  versiindigen  wollte.  Und  dann  kam 
das  andere:  Die  alten,  instinktiven  Zusammenhange  des  sozialen  Le- 
bens,  sie  verloren  allmahlich  ihre  Spannkraft  im  Menschendasein.  Es 
wurde  immer  mehr  und  mehr  notwendig  im  Laufe  des  19.Jahrhun- 
derts,  an  die  Stelle  jener  Instinkte,  durch  die  eine  Klasse  sich  den  An- 
ordnungen  der  andern  gefiigt  hat,  an  die  Stelle  der  Instinkte,  aus  de- 
nen auch  die  neueren  parlamentarischen  Einrichtungen  mit  ihren  Er- 
gebnissen  hervorgegangen  sind,  an  die  Stelle  dieser  Instinkte  mehr 
oder  weniger  bewufite  Begriffe  zu  setzen.  Es  bildete  sich  nicht  nur  in 
der  Stromung  des  Marxismus,  sondern  auch  in  vielen  andern  Stromun- 
gen  das  aus,  was  man  nennen  konnte  Umwandelung  der  alten  sozialen 
Instinkte  in  bewufite  Begriffe. 

Aber  was  war  da  in  die  Sozialwissenschaft,  ich  mochte  sagen,  in 
dieses  Lieblingskind  des  neueren  Denkens  hineingekommen?  Es  waren 
diejenigen  Begriffe,  namentlich  Begriffsformen,  hineingekommen,  die 
man  an  den  naturwissenschaftlichen  Studien  herangebildet  hatte.  Und 
heute  stehen  wir  vor  der  grofien  Frage:  Wie  weit  kommen  wir  mit 
einer  sozialen  Wirksamkeit,  die  von  solchen  Begriffen  ausgeht?  Und 
wenn  wir  das  Rumoren  der  Welt  betrachten,  wenn  wir  all  die  Aus- 
sichtslosigkeit  ins  Auge  fassen,  die  sich  ergibt  aus  den  verschiedenen 
Versuchen,  die  gemacht  werden,  aus  diesen  Ideen,  aus  diesen  Begriffen 
heraus,  wir  bekommen  ein  recht  schlimmes  Bild.  Da  entsteht  denn  die 
bedeutungsvolle  Frage:  Wie  ist  es  denn  uberhaupt  mit  den  Begriffen, 
die  wir  da  aus  der  Naturwissenschaft  heraus  gewonnen  haben,  und 
die  wir  jetzt  anwenden  wollen  im  Leben  und  die  uns  -  deutlich  zeigt 
sich  das  auf  vielen  Gebieten  bereits  -  vom  Leben  eigentlich  zuriick- 
gewiesen  werden?  Diese  Lebensfrage,  diese  brennende  Zeitfrage  ist 
es,  welche  mich  veranlafit  hat,  gerade  dieses  Thema  iiber  die  Grenzen 


des  Naturerkennens  zu  wahlen,  und  welche  mich  veranlassen  wird, 
dieses  Thema  gerade  so  zu  behandeln,  daft  man  eine  Ubersicht  be- 
kommen  kann,  was  Naturwissenschaft  vermag  oder  nicht  vermag, 
um  fur  eine  entsprechende  soziale  Ordnung  irgend  etwas  zu  tun, 
und  wohin  man  sich  zu  wenden  hat  im  wissenschaftlichen  Forschen, 
in  Weltanschauungsvorstellungen,  wenn  man  ernsthaft  sich  hinein- 
stellen  will  in  die  Forderungen  des  menschlichen  Daseins  gerade  in 
unserer  Zeit. 

Was  sehen  wir,  wenn  wir  den  Blick  werfen  auf  die  ganze  Art,  wie 
gedacht  wird  innerhalb  naturwissenschaftlicher  Kreise  und  wie  dann 
denken  gelernt  haben  alle  diejenigen,  die  eben  beeinfluftt  werden  von 
diesen  Kreisen,  was  sehen  wir  da?  Wir  sehen,  da  wird  zunachst  ange- 
strebt,  in  einer  durchsichtigen  Weise  mit  Hilfe  klarer  Begriffe  die 
Naturtatsachen  zu  erforschen,  zu  redigieren,  in  ein  System  zu  bringen. 
Wir  sehen,  wie  versucht  wird,  die  Tatsachen  der  leblosen  Natur  durch 
die  verschiedenen  Wissenschaften,  Mechanik,  Physik,  Chemie  und  so 
weiter,  in  systematischer  Weise  zu  ordnen,  aber  auch  mit  gewissen  Be- 
griffen  zu  durchdringen,  durch  die  sie  uns  in  einer  gewissen  Weise  er- 
klarlich  werden  sollen.  Man  strebt  gegeniiber  dieser  leblosen  Natur 
nach  moglichster  Klarheit,  nach  durchsichtigen  Begriffen.  Und  eine 
Folge  dieses  Strebens  nach  durchsichtigen  Begriffen  ist,  daft  man  ei- 
gentlich  am  liebsten  all  dasjenige,  was  man  da  auf  dem  Gebiete  der 
leblosen  Natur  in  der  Menschenumgebung  hat,  durchdringen  mochte 
alliiberall  mit  mathematischen  Formeln.  Man  mochte  die  Tatsachen 
der  Natur  in  die  klaren  mathematischen  Formeln,  in  die  durchsichtige 
Sprache  der  Mathematik  bringen. 

Es  war  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts,  da  glaubte  man 
schon  ganz  nahe  daran  zu  sein,  eine  mathematisch-mechanische  Na- 
turerklarung  geben  zu  konnen,  die  gewissermafien  iiberallhin  durch- 
sichtig  ist.  Es  blieb  einem,  ich  mochte  sagen,  nur  das  kleine  Piinktchen 
des  Atoms.  Man  hat  es  wollen  bis  zum  Kraftpunkt  verdunnen,  um 
seine  Lage,  seine  Bewegungskrafte  in  mathematische  Formeln  zu  brin- 
gen. Man  glaubte  dadurch  sich  sagen  zu  konnen:  Ich  blicke  in  die 
Natur;  in  Wirklichkeit  blicke  ich  da  in  ein  Gewebe  von  Kraftver- 
haltnissen  und  Bewegungen,  die  ich  durchaus  mathematisch  durch- 


schauen  kann.  -  Und  es  ist  ja  das  Ideal  der  sogenannten  astronomi- 
schen  Naturerklarung  entstanden,  das  im  wesentlichen  besagt:  So  wie 
man  etwa  in  mathematischen  Formeln  die  Verhaltnisse  unter  den  Him- 
melskorpern  zum  Ausdrucke  bringt,  so  soli  man  im  ganz  Kleinen,  ge- 
wissermafien  in  diesem  kleinen  Kosmos  der  Atome  und  Molektile, 
alles  in  durchsichtiger  Mathematik  berechnen  konnen.  Das  war  das 
Streben,  das  einen  gewissen  Hohepunkt  erlangte  -  jetzt  ist  schon  wie- 
der  dieser  Hohepunkt  iiberschritten  -  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahr- 
hunderts.  Allein,  diesem  Streben  nach  dem  mathematisch-durchsich- 
tigen  Weltenbilde  steht  etwas  ganz  anderes  gegeniiber,  und  das  tritt 
sogleich  hervor,  wenn  man  die  Ausdehnung  dieses  Strebens  auf  andere 
Gebiete  als  auf  die  der  leblosen  Natur  herausbekommen  will.  Sie  wis- 
sen,  man  hat  ja  auch  versucht  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts,  diese 
Anschauungsweise,  dieses  Streben  nach  durchsichtiger  mathematischer 
Klarheit  wenigstens  teilweise  hereinzubringen  in  die  Erklarung  des 
Lebendigen.  Und  wahrend  noch  Kant  gesagt  hat,  es  werde  sich  nie- 
mals  ein  Newton  f inden,  um  in  derselben  Weise  wie  in  die  unorganische 
Natur  auch  in  die  Natur  der  Lebewesen  Erklarung  nach  dem  Ursa- 
chenprinzip  hineinzubringen,  konnte  schon  Haeckel  sagen,  dafi  dieser 
Newton  in  Darwin  erstanden  sei,  dafi  da  wirklich  versucht  worden 
ist,  durch  das  Prinzip  der  Selektion  gewissermafien  in  durchsichtiger 
Weise  zu  zeigen,  wie  die  Lebewesen  sich  entwickeln.  Und  nach  einer 
ebensolchen  Durchsichtigkeit,  wenigstens  an  das  mathematische  Welt- 
bild  erinnernden  Durchsichtigkeit,  strebte  man  in  alien  Erklarungen, 
die  heraufgingen  bis  zum  Menschen.  Und  es  war  damit  etwas  erfullt, 
was  von  einzelnen  Naturforschern  so  ausgesprochen  wurde,  dafi  sie 
sagten:  Das  menschliche  Kausalitatsbediirfnis  gegeniiber  den  Erschei- 
nungen  ist  zunachst  erfullt,  wenn  man  zu  einer  solchen  durchsichtigen, 
klaren  Anschauung  kommt. 

Nun  steht  aber  eben  alldem  wieder  etwas  anderes  gegeniiber.  Ich 
mochte  sagen,  Theorien  iiber  Theorien  sind  ausgedacht  worden,  um 
ein  solches  Weltbild,  wie  ich  es  eben  jetzt  charakterisiert  habe,  zu 
gewinnen.  Und  immer  wieder  und  wiederum  trat  an  die  Seite  der- 
jenigen  -  manchmal  waren  es  dieselben,  die  sich  zu  gleicher  Zeit  ihre 
Opposition  selber  schufen  — ,  es  trat  an  die  Seite  derjenigen,  welche 


nach  einem  solchen  Weltbilde  strebten,  immer  die  andere  Partei,  die 
zeigte,  wie  ein  solches  Weltbild  niemals  wahre  Erklarungen  bringen 
konne,  wie  ein  solches  Weltbild  niemals  die  menschlichen  Erkenntnis- 
bediirfnisse  befriedigen  konne.  Auf  der  einen  Seite  wurde  immer  be- 
wiesen,  wie  notwendig  es  ist,  ein  Weltbild  in  mathematischer  Durch- 
sichtigkeit  zu  erhalten,  auf  der  andern  Seite  wurde  bewiesen,  dafi  ein 
solches  Weltbild  zum  Beispiel  ganz  aufierstande  ware,  auch  nur  das 
einfachste  Lebewesen  irgendwie  mit  mathematischer  Durchsichtigkeit 
gedanklich  zu  konstruieren,  ja  dafi  es  selbst  nicht  imstande  ware,  die 
organische  Substanz  irgendwie  verstandesmafiig  im  Bilde  zu  konstru- 
ieren. Man  mochte  sagen:  Immerfort  wurde  von  dem  einen  ein  Gewebe 
von  Ideen  gesponnen,  urn  die  Natur  zu  erklaren,  von  dem  andern, 
manchmal  von  demselben,  wurde  es  wiederum  aufgelost. 

Dieses  Schauspiel  —  denn  es  war  im  Grunde  genommen  fur  den, 
der  es  unbefangen  genug  beobachten  konnte,  eine  Art  Schauspiel  - 
konnte  man  insbesondere  in  den  letzten  fiinfzig  Jahren  innerhalb 
alles  wissenschaftlichen  Strebens  und  Arbeitens  verfolgen.  Man  kann 
gerade,  wenn  man  die  ganze  Last  der  Tatsache  empfunden  hat,  dafi 
gegeniiber  einer  so  ernsten  Angelegenheit  fortwahrend  ein  Weben  und 
Wiederauflosen  stattfand,  man  kann  demgegeniiber  die  Frage  auf- 
werfen:  Ja,  ist  vielleicht  nicht  iiberhaupt  alles  Streben  nach  einer  sol- 
chen begriff lichen  Erklarung  der  Tatsachen  etwas  Unnotiges?  Ist  nicht 
vielleicht  die  richtige  Antwort  auf  eine  Frage,  die  sich  aus  alledem 
ergibt,  diese,  dafi  man  einfach  die  Tatsachen  fiir  sich  sprechen  lassen 
soil,  dafi  man  beschreiben  soil,  was  vorgeht  in  der  Natur,  und  dafi 
man  auf  Einzelheitenerklarung  verzichten  soil?  Konnte  es  nicht  viel- 
leicht so  sein,  dafi  alle  solche  Erklarungen  iiberhaupt  nur  eine  Art 
Stecken-in-den-Kinderschuhen  der  Menschheitsentwickelung  ist,  dafi 
die  Menschheit  in  diesen  Kinderschuhen  wie  nach  einer  Art  Luxus 
hinstrebte,  dafi  aber  die  reifgewordene  Menschheit  sich  sagen  musse: 
Man  mufi  iiberhaupt  gar  nicht  streben  nach  solchen  Erklarungen,  man 
kommt  mit  solchen  Erklarungen  zu  nichts,  und  man  mufi  das  Erkla- 
rungsbediirfnis  einfach  ausrotten.  Es  bedeutet  die  Reife  des  mensch- 
lichen Anschauens,  solches  Erklarungsbediirfnis  auszurotten.  -  Warum 
denn  nicht?  Wir  gewohnen  uns  ja  im  spateren  Alter  auch  das  Spielen 


ab,  warum  sollte  man  sich  denn  nicht,  wenn  es  berechtigt  ware,  auch 
das  Naturerklaren  einfach  abgewohnen? 

Ich  mochte  sagen,  solch  eine  Frage  konnte  schon  auftauchen,  als 
in  einer  ganz  aufierordentlich  signifikanten  Weise  am  14.  August  1872 
in  der  zweiten  Allgemeinen  Sitzung  der  Versammlung  Deutscher  Na- 
turforscher  und  Arzte  Du  Bois-Reymond  seine  beriihmte,  heute  noch 
beriicksichtigenswerte  Rede  «Ober  die  Grenzen  des  Naturerkennens» 
hielt.  Trotzdem  uber  diese  Rede  Du  Bois-Reymonds,  des  bedeutenden 
Physiologen,  so  viel  geschrieben  worden  ist,  beachtet  man  nicht,  dafi 
mit  ihr  in  einer  gewissen  Weise  doch  etwas  gegeben  ist,  was  einen  Kno- 
tenpunkt  in  der  modernen  Weltanschauungsentwickelung  bedeutet. 

In  der  mittelalterlichen  Scholastik  war  alles  Denken,  alle  Ideen- 
bildung  der  Menschheit  hingeordnet  nach  der  Anschauung,  man  konne 
dasjenige,  was  im  weiten  Reiche  der  Natur  vorhanden  ist,  erklaren 
durch  gewisse  Begriffe,  aber  man  miisse  haltmachen  gegeniiber  dem 
Ubersinnlichen.  Das  Obersinnliche  miisse  Gegenstand  der  Offenbarung 
sein.  Das  Obersinnliche  soil  dem  Menschen  so  gegenuberstehen,  dafi 
er  in  dasselbe  gar  nicht  eindringen  wolle  mit  den  Begriffen,  die  er  sich 
uber  das  Reich  der  Natur  und  des  aufieren  Menschendaseins  mache. 
Da  war  eine  Grenze  gesetzt  dem  Erkennen  nach  der  Seite  des  Uber- 
sinnlichen hin.  Und  in  scharfer  Weise  betonte  man,  dafi  es  eine  solche 
Grenze  geben  miisse,  dafi  es  einfach  im  Menschenwesen  und  in  der 
Welteneinrichtung  liege,  dafi  eine  solche  Grenze  anerkannt  werde.  Von 
einer  ganz  andern  Seite  her  erneuerte  sich  dieses  Grenzesetzen  durch 
solche  Denker  und  Forscher  wie  Du  Bois-Reymond.  Sie  waren  nicht 
mehr  Scholastiker,  sie  waren  nicht  mehr  Theologen.  Aber  so  wie  der 
mittelalterliche  Theologe  aus  seiner  Denkweise  heraus  die  Grenze  ge- 
setzt hat  gegeniiber  dem  Ubersinnlichen,  so  standen  diese  Forscher 
und  Denker  vor  den  sinnlichen  Tatsachen.  In  erster  Linie  gegeniiber 
der  aufieren  Tatsachenwelt  wurde  diese  Grenze  geltend  gemacht. 

Zwei  Begriffe  waren  es,  die  vor  Du  Bois-Reymonds  geistigem  Blick 
standen  und  von  denen  er  sagt,  sie  geben  die  Grenze  an,  bis  an  welche 
die  Naturforschung  gelangen  kann,  uber  die  sie  aber  nicht  hinaus- 
kommen  konne.  Spater  hat  er  sie  um  fiinf  weitere  Begriffe  vermehrt  in 
seiner  Rede  iiber  «Die  sieben  Weltratsel»,  dazumal  aber  sprach  er  von 


den  beiden  Begriffen  Materie  und  Bewufitsein.  Er  sagte:  Indem  wir 
die  Naturtatsachen  iiberblicken,  sind  wir  gezwungen,  solche  Begriffe 
zu  verwenden  in  der  systematischen,  in  der  gedanklichen  Durchdrin- 
gung,  dafi  wir  zum  Schlufi  auf  die  Materie  kommen.  Aber  was  da 
eigentlich  im  Raume  spukt,  indem  wir  von  Materie  sprechen,  das  kon- 
nen  wir  niemals  irgendwie  erforschen.  Wir  miissen  einfach  den  Begriff 
der  Materie  als  einen  dunklen  Begriff  aufnehmen.  Wenn  wir  diesen 
dunklen  Begriff  der  Materie  aufnehmen,  dann  konnen  wir  unsere 
Rechnungsformeln  ansetzen,  dann  konnen  wir  die  Bewegung  der  Ma- 
terie in  diese  Rechnungsformeln  hineinbringen,  dann  wird  uns  die 
aufiere  Welt,  wenn  wir  nur  dieses,  ich  mochte  sagen,  dunkle  Piinktchen 
millionen-  und  aber  millionenmal  darinnen  haben,  dann  wird  uns  diese 
aufiere  Tatsachenwelt  durchschaubar.  Aber  wir  miissen  doch  anneh- 
men,  dafi  diese  materielle  Welt  auch  diejenige  ist,  die  uns  selbst  zunachst 
leiblich  aufbaut,  die  ihre  Wirksamkeit  in  uns  leiblich  entfaltet,  so  dafi 
durch  diese  leibliche  Wirksamkeit  in  uns  aufsteigt  dasjenige,  was  zu- 
letzt  Empfindung  und  Bewufitsein  wird.  Wir  stehen  auf  der  einen 
Seite  der  Tatsachenwelt  gegenuber,  die  uns  notigt,  den  Materiebegriff 
zu  konstruieren,  wir  stehen  auf  der  andern  Seite  uns  selbst  gegenuber, 
erfahren  die  Tatsache  des  Bewufitseins,  beobachten  die  Bewufitseins- 
erscheinungen,  konnen  ahnen,  dafi  dasjenige,  was  wir  in  Materie  an- 
nehmen,  auch  diesem  Bewufitsein  zugrunde  liegt;  aber  wie  aus  diesen 
Bewegungen  der  Materie,  wie  aus  diesen  ganz  leblosen,  toten  Bewe- 
gungen  herauskommt  dasjenige,  was  Bewufitsein  ist,  was  schon  die 
einfachste  Empfindung  ist,  das  ist  niemals  zu  durchdringen.  Das  ist 
der  andere  Pol  aller  Ungewifiheiten,  aller  Erkenntnisgrenzen,  das  Be- 
wufitsein, ja  schon  die  einfachste  Empfindung. 

In  bezug  auf  die  beiden  Fragen:  Was  ist  Materie?  Wie  entsteht  aus 
dem  materiellen  Geschehen  das  Bewufitsein?  miissen  wir  als  Natur- 
forscher  -  so  meinte  Du  Bois-Reymond  —  bekennen  ein  Ignorabimus, 
ein:  Wir  werden  niemals  wissen.  -  Das  ist  das  moderne  Gegenstiick 
der  mittelalterlichen  Scholastik.  Die  mittelalterliche  Scholastik  stand 
vor  der  Grenze  in  die  ubersinnliche  Welt  hinein,  die  modernere  Natur- 
wissenschaft  steht  vor  der  Grenze,  die  da  bezeichnet  wird  im  wesent- 
lichen  doch  durch  die  beiden  Begriffe:  Materie,  die  uberall  voraus- 


gesetzt  wird  im  Sinnlichen,  aber  in  diesem  Sinnlichen  nicht  gefunden 
werden  kann,  und  Bewufitsein,  von  dem  man  annehmen  will,  dafi  es 
aus  dem  Sinnlichen  entspringt,  von  dem  man  aber  niemals  begreifen 
kann,  wie  es  aus  diesem  Sinnlichen  entspringt. 

Wenn  man  diesen  Entwickelungsgang  des  neueren  naturwissen- 
schaftlichen  Denkens  uberschaut,  mufi  man  sich  dann  nicht  sagen:  Die 
Naturforschung  spinnt  sich  ja  in  ein  gewisses  Gewebe  ein  -  aufier- 
halb  dieses  Gewebes  liegt  die  Welt.  Denn  da,  wo  Materie  im  Raume 
spukt,  da  ist  doch  schliefilich  die  aufiere  Welt.  Wenn  man  da  nicht  ein- 
dringen  kann,  so  hat  man  eben  keine  Vorstellungen,  die  das  Leben  ir- 
gendwie  beherrschen  konnen.  Im  Menschen  ist  dieBewufitseinstatsache. 
Kommt  man  mit  den  Erklarungen,  die  man  sich  an  der  aufieren  Natur 
bildet,  dieser  Bewufitseinstatsache  bei?  Man  macht  ja  gerade  vor  dem 
Menschenleben  halt  mit  alien  Erklarungen,  wie  soil  man  denn  dann 
zu  Begriffen  dariiber  kommen,  wie  der  Mensch  sich  menschenwiirdig 
ins  Dasein  hineinstellen  konne,  wenn  man  nicht  begreift  das  Dasein, 
wenn  man  nicht  begreift  das  Wesen  des  Menschen  nach  den  Annahmen, 
die  man  sich  iiber  dieses  Dasein  macht? 

Das  wird  uns  gerade  im  Laufe  dieses  Kurses,  wie  ich  glaube,  mit 
aller  Deutlichkeit  ersichtlich  werden,  dafi  es  die  Ohnmacht  der  mo- 
dernen  naturwissenschaf  tlichen  Denkweise  ist,  welche  uns  auch  so  ohn- 
machtig  vor  die  soziale  Begriffsbildung  hingestellt  hat.  Man  durch- 
schaut  heute  noch  nicht,  welch  wichtiger  und  wesentlicher  Zusammen- 
hang  da  besteht.  Man  durchschaut  heute  noch  nicht,  dafi,  als  am  14. 
August  1872  Du  Bois-Reymond  in  Leipzig  ausgesprochen  hat  sein 
Ignorabimus,  dieses  Ignorabimus  hingeworfen  worden  ist  auch  fur 
alles  soziale  Denken,  dafi  eigentlich  dieses  Ignorabimus  geheifien  hat: 
Wir  wissen  uns  nicht  zu  helfen  gegeniiber  dem  wirklichen  Leben,  wir 
haben  Schattenbegriffe,  keine  Wirklichkeitsbegriffe.  -  Und  jetzt, 
fast  fiinfzig  Jahre  danach,  verlangt  die  Welt  von  uns  solche  Begriffe. 
Wir  miissen  sie  haben.  Aus  den  Horsalen,  die  im  Grunde  genommen 
noch  immer  unter  der  Wirkung  dieses  Ignorabimus  arbeiten,  kon- 
nen uns  diese  Begriffe,  diese  Impulse  nicht  kommen.  Das  ist  die 
Kardinaltragik  der  Gegenwart.  Da  liegen  die  Fragen,  die  beantwortet 
werden  miissen. 


Wir  wollen  von  den  ersten  Elementen  zu  einer  solchen  Antwort 
ausgehen,  wollen  uns  vor  alien  Dingen  die  Frage  vorlegen:  Konnten 
wir  nicht  vielleicht  als  Menschen  uberhaupt  etwas  Gescheiteres  tun, 
als  die  Natur  erklaren,  wenn  wir  immer  nach  dem  Muster,  der  Art 
der  alten  Penelope,  in  den  Ietzten  fiinfzig  Jahren  namentlich,  auf  der 
einen  Seite  Theorien  gesponnen  haben,  auf  der  andern  Seite  sie  wie- 
derum  aufgelost  haben?  Ja,  wenn  wir  es  konnten,  wenn  wir  konnten 
ohne  Gedanken  dem  Laufe  der  Natur  gegeniiberstehen!  Das  konnen 
wir  aber  nicht,  insofern  wir  uberhaupt  Menschen  sind  und  Menschen 
bleiben  wollen.  Wir  mussen,  indem  wir  denkend  die  Natur  ergreifen, 
sie  mit  Begriffen  und  Ideen  durchziehen.  Warum  mussen  wir  das? 

Ja,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  das  mussen  wir,  weil  uber- 
haupt nur  daran  unser  Bewufitsein  erwacht,  weil  wir  nur  dadurch 
bewufite  menschliche  Wesen  werden.  Wie  wir  im  Grunde  genommen 
jeden  Morgen,  wenn  wir  die  Augen  aufschliefien,  das  Bewufitsein  wie- 
dererlangen  an  unseren  Wechselbeziehungen  mit  der  aufieren  Welt, 
so  war  es  auch  im  Entwickelungsgange  der  Menschheit.  An  dem  Ver- 
kehr  der  Sinne,  des  Denkens  mit  dem  aufieren  Gange  der  Natur  hat 
sich  erst  das  Bewufitsein  entziindet,  ist  erst  das  Bewufitsein  so  gewor- 
den,  wie  es  jetzt  ist.  Die  Tatsache  des  Bewufitseins  sehen  wir  einfach 
historisch  sich  entwickeln  an  dem  Sinnenverkehr  des  Menschen  mit  der 
aufieren  Natur.  Aus  dem  dumpfen,  schlafrigen  Kulturleben  der  Ur- 
weltzeiten  entziindete  sich  das  Bewufitsein  an  dem  menschlichen  Sin- 
nenverkehr mit  der  aufieren  Natur.  Aber  nun  mufi  man  dieses  Entziin- 
den  des  Bewufitseins,  diesen  Wechselverkehr  des  Menschen  mit  der 
aufieren  Natur  nur  einmal  unbefangen  beobachten,  und  man  wird  fin- 
den,  dafi  da  etwas  Eigentiimliches  im  Menschen  vorgeht.  Wenn  wir 
zuruckschauen  in  unser  Seelenleben,  was  da  ist,  entweder  indem  wir 
des  Morgens  aufwachen  und  vor  dem  Aufwachen  noch  drinnen  ver- 
harren  in  der  Dumpfheit  des  Traumbewufitseins,  oder  indem  wir  auf 
Urzustande  der  Menschheitsentwickelung,  auf  das  auch  fast  traum- 
hafte  Bewufitsein  dieser  Urzeiten  schauen,  wenn  wir  das  alles  ins  Auge 
f  assen,  was  gewissermafien  zuriickgeschoben  ist  in  unserem  Seelenleben 
hinter  der  an  der  Oberflache  liegenden  Bewufitseinstatsache,  die  aus 
dem  Sinnenverkehr  mit  der  aufieren  Natur  entsteht,  so  finden  wir 


eine  Vorstellungswelt,  wenig  intensiv,  bis  zu  Traumbildern  abge- 
schwacht,  mit  unscharfen  Konturen,  die  einzelnen  Bilder  ineinander 
verschwimmend.  Das  alles  kann  eine  unbefangene  Beobachtung  fest- 
stellen.  Diese  geringe  Intensitat  des  Vorstellungslebens,  diese  Ver- 
schwommenheit  in  den  Konturen,  dieses  Auseinanderschwimmen  der 
einzelnen  Vorstellungsbilder,  es  hort  nicht  anders  auf,  als  dafi  wir 
erwachen  zum  volligen  Sinnenverkehr  mit  der  aufleren  Natur.  Wir 
miissen,  um  zu  diesem  Erwachen,  das  heifit,  zum  vollen  Menschenda- 
sein  zu  kommen,  jeden  neuen  Morgen  erwachen  zum  Sinnenverkehr 
mit  der  Natur.  Aber  es  mufke  auch  die  ganze  Menschheit  vom  dump- 
fen,  traumhaften  Urweltanschauen  aus  zu  dem  jetzigen  klaren  Vor- 
stellen  aus  solcher  Seelenwelt  erst  erwachen. 

Das  heiik,  wir  erwerben  uns  jene  Klarheit  des  Vorstellens,  jene 
scharfkonturierten  Begriffe,  die  wir  brauchen,  um  wach  zu  sein  und 
mit  wacher  Seele  die  Umwelt  zu  verfolgen,  wir  brauchen  das  alles, 
um  im  vollen  Sinne  des  Wortes  Menschen  zu  sein.  Aber  wir  konnen 
es  nicht  aus  uns  selbst  herauszaubern.  Wir  konnen  es  zunachst  nur  aus 
unserem  Sinnenverkehr  mit  der  Natur  gewinnen.  Da  kommen  wir  zu 
klaren,  scharfkonturierten  Begriffen.  Da  entwickeln  wir  etwas,  was 
der  Mensch  entwickeln  muf5  um  seiner  selbst  willen,  sonst  wurde  sein 
Bewufitsein  nicht  erwachen.  Es  ist  also  nicht  ein  abstraktes  Erklarungs- 
bedurfnis,  nicht  dasjenige,  was  Menschen  wie  Du  Bois-Reymond  oder 
ahnliche  ein  Kausalbediirfnis  nennen,  sondern  es  ist  das  Bediirfnis, 
Mensch  zu  werden  an  der  Naturbeobachtung,  das  uns  hintreibt,  Er- 
klarungen  zu  suchen.  Wir  diirfen  daher  nicht  sagen,  wir  konnen  uns 
das  Erklaren  abgewdhnen,  wie  wir  uns  das  Kinderspielen  abgewohnen, 
denn  damit  wiirden  wir  bedeuten,  dafi  wir  nicht  wollen  im  vollen 
Sinn  des  Wortes  Menschen  werden,  dafi  heifit,  uns  so  zum  Erwachen 
bringen,  wie  wir  erwachen  miissen. 

Aber  dabei  stellt  sich  etwas  anderes  heraus.  Es  stellt  sich  heraus, 
daft  wir,  indem  wir  zu  solchen  klaren  Begriffen  kommen,  die  wir  an 
der  Natur  entwickeln,  wir  begrifflich,  innerlich  begrifflich  verarmen. 
Unsere  Begriffe  werden  klar,  aber  ihr  Umfang  wird  arm.  Und  wenn 
wir  uns  dann  besinnen,  was  wir  erreicht  haben  durch  diese  klaren  Be- 
griffe, so  ist  es  aufiere  mathematisch-mechanische  Klarheit.  Aber  wir 


finden  in  dem,  was  so  Klarheit  geworden  ist,  nichts,  was  uns  das  Leben 
begreiflich  erscheinen  lafit.  Wir  sind  gewissermafien  ins  Licht  gekom- 
men,  aber  wir  haben  den  Boden  unter  den  Fiifien  verloren.  Wir  finden 
keine  Begriffe,  die  uns  das  Leben,  die  uns  das  Bewufitsein  selber  irgend- 
wie  verbildlichen  liefien.  Mit  der  Klarheit,  die  wir  um  unserer  Mensch- 
lichkeit  willen  erringen  miissen,  geht  uns  das  Inhaltsvolle  desjenigen 
verloren,  wonach  wir  eigentlich  gestrebt  haben.  Und  wir  sehen  uns 
dann  mit  unseren  Begriffen  in  der  Natur  um.  Wir  bilden  klare  Begriffe, 
die  mechanistisch-mathematische  Naturordnung.  Wir  bilden  solche 
Begriffswelten  wie  die  Deszendenztheorie  und  dergleichen.  Wir  stre- 
ben  nach  Klarheit.  Wir  machen  uns  mit  dieser  Klarheit  ein  Weltbild. 
Aber  in  diesem  Weltbild  ist  keine  Moglichkeit,  den  Menschen,  uns 
selbst,  drinnen  zu  finden.  Wir  sind  an  unsere  Oberflache  gekommen 
mit  unseren  Begriffen  bis  zum  Verkehr  mit  der  Natur.  Wir  kommen 
zur  Klarheit,  aber  wir  haben  auf  dem  Wege  den  Menschen  verloren. 
Wir  gehen  durch  die  Natur,  wenden  die  mathematisch-mechanische 
Naturerklarung  an,  wir  wenden  die  deszendenztheoretische  Naturer- 
klarung an,  wir  bilden  allerlei  biologische  Begriffe  aus,  wir  erklaren 
die  Natur,  wir  formen  ein  Naturbild  -  der  Mensch  kann  nicht  drinnen 
sein.  Wir  haben  die  Vollinhaltlichkeit,  die  wir  zuerst  hatten,  verloren, 
und  wir  stehen  so  vor  demjenigen  Begriffe,  den  wir  mit  den,  ich  mochte 
sagen,  allerausgedorrtesten  Begriffen,  mit  den  klarsten,  aber  ausge- 
dorrtesten,  leblosesten  Begriffen  formen  konnen,  wir  stehen  vor  dem 
Materiebegriff.  Und  im  Grunde  genommen  ist  das  Ignorabimus  ge- 
geniiber  dem  Materiebegriff  einfach  das  Bekenntnis:  Ich  habe  mich 
zur  Klarheit  durchgerungen,  ich  habe  mich  zum  vollen  Erwachen  des 
Bewufitseins  durchgerungen,  aber  ich  habe  das  Wesen  des  Menschen 
dabei  in  meinem  Erkennen,  in  meinem  Erklaren,  in  meinem  Erfassen 
verloren. 

Und  wir  wenden  uns  dann  nach  innen.  Wir  wenden  uns  von  der 
Materie  ab  und  schauen  nun  nach  dem  Inneren  des  Bewufitseins.  Wir 
schauen,  wie  in  diesem  Inneren  des  Bewufitseins  Vorstellungen  ver- 
laufen,  Gefiihle  sich  abspielen,  wie  Willensimpulse  uns  durchzucken. 
Wir  beobachten  das  alles,  und  siehe  da,  wenn  wir  nun  versuehen, 
jene  Klarheit,  die  wir  uns  errungen  haben  an  der  aufieren  Natur,  da 


in  unserer  Selbstanschauung  zu  entfalten  -  es  geht  nicht.  Wir  schwim- 
men  gewissermafien  in  einem  Elemente,  das  wir  nicht  zu  wirklichen 
Konturen  bringen  konnen,  das  immer  fort  und  fort  verschwimmt.  Die 
Klarheit,  die  wir  gegeniiber  der  aufieren  Natur  erstreben,  sie  lafk  sich 
nicht  anwenden  auf  unser  Inneres.  Wir  sehen  in  den  modernsten  Be- 
strebungen,  die  auf  dieses  Innere  gehen,  in  der  englisch-amerikanischen 
Assoziations-Psychologie,  wie  man  dasjenige,  was  man  an  Klarheit 
gewonnen  hat  an  der  Beobachtung  der  aufieren  Natur,  das  Zusam- 
men-sich-Assoziieren  von  Dingen  und  Vorgangen,  wie  man  das  an- 
wenden will  nach  dem  Muster  von  Hume,  von  Mill,  von  James  und  so 
weiter  auf  das  Vorstellen,  auf  das  Empfinden.  Man  ubertragt  die 
aufiere  Klarheit  auf  das  Empfinden.  Es  geht  nicht.  Es  ist  so,  wie  wenn 
man  die  Gesetze  des  Fliegens  anwenden  wollte  beim  Schwimmen.  Man 
kommt  nicht  in  dem  Element  zurecht,  in  dem  man  sich  nun  zu  bewegen 
hat.  Die  Assoziations-Psychologie  kommt  nicht  zu  einem  wirklichen 
Konturieren,  zur  Klarheit  gegeniiber  der  Tatsache  des  Bewufitseins. 
Und  selbst  wenn  man  versucht,  mit  einer  gewissen  Nuchternheit,  wie 
Herbart,  das  Rechnen,  das  solche  Erfolge  bringt  im  aufieren  Natur- 
werden,  nun  auf  das  menschliche  Vorstellen,  auf  die  Seele  anzuwen- 
den:  Man  kann  rechnen,  aber  die  Rechnungen  schweben  in  der  Luft. 
Man  kann  keine  Ansatze  machen,  weil  die  Rechnungsformeln  nicht 
erfassen  konnen  dasjenige,  was  in  der  Seele  eigentlich  vorgeht.  Wah- 
rend  man  den  Menschen  verloren  hat  an  der  aufieren  Klarheit,  findet 
man  zwar  den  Menschen  -  das  ist  ja  selbstverstandlich,  dafi  man  den 
Menschen  findet,  wenn  man  ins  Bewufitsein  zuriickkommt  -,  aber  man 
kann  jetzt  mit  der  Klarheit  nichts  anfangen,  denn  man  schwimmt 
wesenlos  hin-  und  hergerissen  in  diesem  Bewufitsein  herum.  Man  fin- 
det den  Menschen,  aber  man  findet  kein  Bild  des  Menschen. 

Das  ist  dasjenige,  was  prazise  gefiihlt  worden  ist,  aber  weniger  pra- 
zise,  sondern  nur  aus  einem  gewissen  allgemeinen  Gefiihle  gegeniiber 
der  modernen  Naturforschung  ausgesprochen  worden  ist  im  August 
1872  von  Du  Bois-Reymond  mit  dem  Ignorabimus.  Im  Grunde  ge- 
nommen  will  dieses  Ignorabimus  sagen:  Wir  haben  uns  in  der  histo- 
rischen  Menschheitsentwickelung  auf  der  einen  Seite  zur  Klarheit  an 
der  Natur  gebracht  und  den  Materiebegriff  konstruiert.  Wir  haben  in 


diesem  Naturbilde  den  Menschen,  das  heifit,  uns  selbst  verloren.  Wir 
sehen  wiederum  zuriick  in  unser  Bewufitsein.  Wir  wollen  dasjenige, 
was  wir  uns  als  das  Bedeutsamste  fur  die  neuere  Naturerklarung  er- 
rungen  haben,  die  Klarheit,  da  drinnen  anwenden.  Das  Bewufitsein 
stofit  diese  Klarheit  wieder  aus.  Diese  mathematische  Klarheit  lafit 
sich  nicht  anwenden.  Wir  finden  zwar  den  Menschen,  aber  unser  Be- 
wufitsein ist  noch  nicht  stark  genug,  noch  nicht  intensiv  genug,  um 
diesen  Menschen  zu  erfassen. 

Man  mochte  wiederum  mit  einem  Ignorabimus  antworten.  Das 
darf  aber  nicht  sein,  denn  wir  brauchen  etwas  anderes  als  ein  Ignora- 
bimus gegeniiber  den  sozialen  Forderungen  der  modernen  Welt.  Nicht 
in  einer  Einrichtung  der  Menschennatur,  sondern  einfach  in  dem  gegen- 
wartigen  Stande  der  historischen  Menschheitsentwickelung  liegt  die 
Grenzbestimmung,  zu  der  am  14.  August  1872  Du  Bois-Reymond  mit 
seinem  Ignorabimus  gekommen  ist.  Wie  ist  iiber  dieses  Ignorabimus 
hinauszukommen?  Das  ist  die  grofie  Frage.  Sie  mufi  beantwortet  wer- 
den,  nicht  aus  einem  blofien  Erkenntnisbedurfnis  heraus,  sondern  aus 
einem  allgemeinsten  Menschheitsbediirfnisse  heraus.  Und  davon,  wie 
man  nach  einer  Antwort  streben  kann,  wie  man  das  Ignorabimus 
iiberwinden  kann  so,  wie  es  iiberwunden  werden  mufi  von  der  Mensch- 
heitsentwickelung, davon  soil  der  Kursus  in  seinem  weiteren  Verlaufe 
handeln. 


ZWEITER  VORTRAG 
Dornach,  28.  September  1920 


Fiir  alle  diejenigen,  welche  von  einem  Vortragszyklus,  der  einen  Titel 
tragt  wie  dieser,  verlangen,  dafi  gar  nichts  eingemischt  werde,  was  ge- 
wissermaflen  den  objektiv-unpersonlichen  Gang  der  Darstellung  unter- 
bricht,  mochte  ich,  da  ich  heute  vielfach  gerade  an  Personlichkeiten 
werde  anzukniipfen  haben,  bemerken,  dafi  in  dem  Augenblicke,  wo  es 
sich  darum  handelt,  die  Ergebnisse  menschlicher  Urteilsbildung  auch 
wirklich  in  ihrer  Beziehung  zum  Leben,  zum  vollen  menschlichen  Da- 
sein  darzustellen,  es  unausbleiblich  ist,  dafi  man  auf  gewisse  Person- 
lichkeiten hinweist,  von  denen  eine  solche  Urteilsbildung  ausgegangen 
ist,  dafi  man  sich  uberhaupt  auch  in  der  wissenschaftlichen  Darstel- 
lung etwas  an  diejenige  Region  halt,  wo  das  Urteil  entsteht,  an  die 
Region  des  menschlichen  Ringens,  des  menschlichen  Strebens  nach 
einem  solchen  Urteil.  Und  hier  soli  ja  vor  alien  Dingen  die  Frage  be- 
antwortet  werden:  Was  kann  aus  der  wissenschaftlichen  Urteilsbil- 
dung der  neueren  Zeit  herausgeholt  werden  fiir  das  soziale,  fiir  das 
lebendige  Denken,  das  die  Ergebnisse  des  Denkens  zu  Impulsen  des 
Lebens  machen  will?  -  Da  mufi  man  schon  auch  etwas  darauf  bedacht 
sein,  dafi  der  ganze  Gang  der  Betrachtung,  die  man  anstellt,  heraus- 
gerissen  sei  aus  der  Studierstube  und  aus  den  Lehrsalen  und  gewisser- 
maften  drinnensteht  im  lebendigen  Entwickelungsgange  der  Mensch- 
heit. 

Hinter  dem,  wovon  ich  gestern  ausging  als  dem  modernen  Streben 
nach  einer  mechanistisch-mathematischen  Weltanschauung  und  dem 
Auflosen  dieser  Weltanschauung,  hinter  dem,  was  dann  so  gipfelte  in 
der  beruhmten  Rede  von  1872  des  Physiologen  Du  Bois-Reymond  iiber 
die  Grenzen  des  Naturerkennens,  hinter  alldem  steht  aber  noch  Be- 
deutsameres;  Bedeutsameres,  das  sich  hereindrangt  in  unsere  Beobach- 
tung,  wenn  wir  gerade  sprechen  wollen  im  lebendigen  Sinne  iiber  die 
Grenzen  des  Naturerkennens. 

Eine  Gestalt  von  aufierordentlicher  philosophischer  Grofie  sieht  uns 
ja  heute  noch  mit  einer  gewissen  Lebendigkeit  aus  der  ersten  Halfte  des 


19.  Jahrhunderts  heraus  an,  es  ist  Hegel.  In  Lehrsalen,  in  der  philoso- 
phischen  Literatur  wird  ja  erst  wiederum  in  den  letzten  Jahren  Hegel 
mit  etwas  mehr  Achtung  genannt  als  unmittelbar  vorher.  Im  letzten 
Drittel  des  19.  Jahrhunderts  bekampfte  man  wohl  Hegel,  namentlich 
bekampf ten  ihn  Akademiker.  Allein  man  wird  wohl  ganz  wissenschaf t- 
lich  nachweisen  konnen,  daft  die  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen 
Jahrhunderts  von  Eduard  von  Hartmann  ausgesprochene  Behauptung, 
man  konne  beweisen,  daft  iiberhaupt  in  Deutschland  nur  zwei  Univer- 
sitatsdozenten  Hegel  gelesen  haben,  richtig  ist.  Man  hat  Hegel  be- 
kampft,  aber  man  hat  ihn  auf  philosophischem  Boden  nicht  gekannt. 
Aber  man  hat  ihn  in  einer  andern  Weise  gekannt,  und  in  einer  ge- 
wissen  Art  kennt  man  ihn  heute  noch.  Hegel,  so  wie  er  beschlossen  ist, 
oder  besser  gesagt,  wie  seine  Weltanschauung  beschlossen  ist  in  der 
groften  Anzahl  der  Bande,  die  als  Hegels  Werke  in  den  Bibliotheken 
stehen,  in  dieser  ihm  ureigenen  Gestalt  kennen  ihn  allerdings  wenige. 
Allein  in  gewissen  Verwandlungsformen  ist  er,  man  konnte  sagen,  ge- 
rade  der  popularste  Philosoph,  den  es  jemals  in  der  Welt  gegeben  hat. 
Wer  heute,  vielleicht  aber  noch  besser  wer  vor  einigen  Jahrzehnten 
eine  Proletarierversammlung  mitmachte  und  horte,  was  da  diskutiert 
wurde,  wer  eine  Wahrnehmung  dafiir  hatte,  woher  die  ganze  Art  der 
Gedankenbildung  in  einer  solchen  Proletarierversammlung  kam,  der 
wuftte,  wenn  er  wirkliche  Erkenntnis  der  neueren  Geistesgeschichte 
hatte,  daf5  diese  Gedankenbildung  durchaus  von  Hegel  ausgegangen 
ist  und  durch  gewisse  Kanale  in  die  breiteste  Masse  hineingeflossen  ist. 
Und  wer  Philosophic  und  Literatur  des  europaischen  Ostens  gerade  auf 
diese  Frage  hin  untersuchen  wurde,  der  wurde  f  inden,  daft  in  das  Gei- 
stesleben  Ruftlands  in  breitestem  Umfange  die  Gedankenformen  der 
Hegelschen  Weltanschauung  voll  eingewoben  sind.  Und  so  kann  man 
sagen:  Anonym  gewissermafien  ist  Hegel  vielleicht  einer  der  allerwirk- 
samsten  Philosophen  der  Menschheitsgeschichte  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten der  neueren  Zeit  geworden.  -  Allein  man  mochte  sagen,  wenn 
man  wiederum  kennenlernt  dasjenige,  was  da  in  den  breitesten  Schich- 
ten  der  neueren  Menschheit  als  Hegeltum  lebt,  man  werde  erinnert  an 
jenes  Bild,  das  von  einem  etwas  hafilichen  Manne  ein  wohlwollender 
Maler  gemalt  hat,  und  es  so  gemalt  hat,  daft  es  die  Familie  gerne  sah.  Als 


dann  ein  jiingerer  Sohn  herangewachsen  war,  der  vorher  das  Bild 
wenig  betrachtet  hatte,  und  es  sah,  da  sagte  er:  Aber  Vater,  wie  hast  du 
dich  verandert!  -  Man  mochte  sagen,  wenn  man  sieht,  was  Hegel  ge- 
worden  ist:  Aber  mein  Philosoph,  wie  hast  du  dich  verandert!  -  Und 
es  ist  ja  in  der  Tat  etwas  hochst  Eigentumliches  um  diese  Hegelsche 
Weltanschauung. 

Kaum  war  Hegel  selber  hinweggegangen,  so  zerfiel  seine  Schule. 
Und  man  konnte  sehen,  wie  diese  Hegelsche  Schule  ganz  die  Gestalt 
eines  neuen  Parlamentes  annahm.  Es  gab  da  eine  Linke,  eine  Rechte, 
eine  aufierste  Rechte,  eine  aufierste  Linke,  einen  radikalsten,  einen  kon- 
servativsten  Fliigel.  Es  gab  ganz  radikale  Menschen  mit  einer  radi- 
kalen  wissenschaftlichen,  mit  einer  radikalen  sozialen  Weltanschau- 
ung, die  sich  als  die  richtigen  geistigen  Abkommlinge  von  Hegel  fiihl- 
ten.  Es  gab  auf  der  andern  Seite  vollglaubige  positive  Theologen,  die 
nun  wiederum  ihren  theologischen  Urkonservativismus  auf  Hegel  zu- 
riickzufiihren  wufken.  Es  gab  das  Hegel-Zentrum  mit  dem  liebens- 
wiirdigen  Philosophen  Karl  Rosenkranz,  und  alle,  alle  diese  Person- 
lichkeiten,  sie  behaupteten  jeder  f  iir  sich,  sie  hatten  die  richtige  Hegel- 
sche Lehre. 

Was  liegt  denn  da  eigentlich  fur  ein  merkwiirdiges  weltgeschicht- 
liches  Phanomen  aus  dem  Gebiete  der  Erkenntnisentwickelung  vor? 
Das  liegt  vor,  dafi  einmal  ein  Philosoph  die  Menschheit  heraufzuheben 
versuchte  auf  die  hochste  Hohe  des  Gedankens.  Wenn  man  auch  noch 
so  sehr  Hegel  wird  bekampfen  wollen,  dafi  er  den  Versuch  einmal  ge- 
wagt  hat,  in  reinsten  Gedankengebilden  die  Welt  innerlich-seelisch  ge- 
genwartig  zu  machen,  das  wird  nicht  geleugnet  werden  konnen.  In 
eine  Atherhohe  des  Denkens  hob  Hegel  die  Menschheit  herauf.  Aber 
kurioserweise,  die  Menschheit  fiel  gleich  wieder  herunter  aus  dieser 
Atherhohe  des  Denkens.  Auf  der  einen  Seite  zog  sie  materialistische 
Konsequenzen,  auf  der  andern  Seite  positive  theologische  Konsequen- 
zen  daraus.  Und  selbst  wenn  man  das  Hegelsche  Zentrum  mit  Karl 
Rosenkranz  nimmt,  so  kann  man  nicht  sagen,  dafi  die  Hegelsche  Lehre 
so  geblieben  ist  in  dem  Iiebenswurdigen  Rosenkranz,  wie  Hegel  sie 
selber  gedacht  hat.  Da  also  liegt  der  Versuch  vor,  einmal  mit  dem  Wis- 
senschaftsprinzip  in  hochste  Hohen  hinaufzusteigen.  Aber  man  konnte 


sozusagen,  indem  man  nachher  Hegels  Gedanken  in  sich  selber  ver- 
arbeitete,  die  entgegengesetztesten  Urteile,  die  entgegengesetztesten  Er- 
kenntnisrichtungen  daraus  hervorgehen  lassen. 

Nun,  streiten  iiber  Weltanschauungen  laiSt  sich  in  der  Studierstube, 
la{5t  sich  innerhalb  der  Akademien,  lafSt  sich  zur  Not  auch  in  der  Lite- 
ratur,  wenn  nicht  gerade  an  die  literarischen  Streitigkeiten  sich  wiiste 
Klatscherei  und  wiistes  Cliquenwesen  anschliefk.  Aber  mit  dem,  was  in 
einer  solchen  Art  aus  der  Hegelschen  Philosophic  geworden  ist,  lafk 
sich  das  Urteil  nicht  loslosen  von  Studierstuben  und  Lehrsalen  und  hin- 
austragen,  so  dafi  es  Impuls  werde  fiir  das  soziale  Leben.  Man  kann 
denkerisch  streiten  iiber  entgegengesetzte  Weltanschauungen,  man  kann 
aber  nicht  gut  im  aufieren  Leben  mit  entgegengesetzten  Lebensan- 
schauungen  friedlich  sich  bekampfen.  Diesen  letzten  paradoxen  Aus- 
druck  miifke  man  geradezu  gebrauchen  fiir  ein  solches  Phanomen.  Und 
so  steht,  ich  mochte  sagen,  in  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts 
beangstigend  vor  uns  ein  Entwickelungsfaktor  des  Erkennens,  der  sich 
in  hohem  Grade  sozial  unbrauchbar  erwiesen  hat.  Und  auch  demgegen- 
iiber  muftten  wir  dann  die  Frage  aufwerfen:  Wie  kommen  wir  denn 
dazu,  unser  Urteil  so  zu  bilden,  dafi  es  brauchbar  werde  im  sozialen 
Leben?  Insbesondere  an  zwei  Erscheinungen  konnen  wir  diese  soziale 
Unbrauchbarkeit  des  Hegeltums  fiir  das  soziale  Leben  bemerken. 

Einer  derjenigen,  die  innerlich  am  energischsten  Hegel  studiert  ha- 
ben,  die  Hegel  ganz  in  sich  lebendig  gemacht  haben,  ist  Karl  Marx. 
Und  was  tritt  uns  in  Karl  Marx  entgegen?  Ein  merkwiirdiges  Hegel- 
tum!  Hegel  auf  dem  hochsten  Gipfel  des  Ideenbildes  droben,  auf  dem 
aufiersten  Gipfel  des  Idealismus  -  der  treue  Schiiler  Karl  Marx  das 
Bild  sogleich  ins  Gegenteil  wendend,  mit  derselben  Methode,  wie  er 
glaubt,  indem  er  gerade  dasjenige,  was  in  Hegel  die  Wahrheit  ist,  her- 
auszubilden  glaubte,  und  es  wird  daraus  der  historische  Materialismus, 
jener  Materialismus,  der  fiir  breite  Massen  diejenige  Weltanschauung 
oder  Lebensauffassung  sein  soil,  die  sich  nun  wirklich  hineintragen 
lassen  soil  in  das  soziale  Leben.  So  begegnet  uns  in  der  ersten  Halfte 
des  19.  Jahrhunderts  der  grofie  Idealist,  der  nur  im  Geistigen,  in  seinen 
Ideen  lebte,  Hegel;  so  begegnet  uns  in  der  zweiten  Halfte  des  19.  Jahr- 
hunderts sein  Schiiler  Karl  Marx,  der  nur  im  Materiellen  drinnen 


forschte,  der  nur  im  Materiellen  drinnen  eine  Wirklichkeit  sehen  wollte, 
der  in  alledem,  was  in  idealen  Hohen  lebte,  nur  Ideologic  sah.  Man 
sollte  nur  einmal  durchempf  inden  diesen  Umschlag  der  Welt-  und  Le- 
bensauffassungen  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts,  und  man  wird  die 
ganze  Starke  desjenigen  in  sich  fiihlen,  was  heute  dazu  treibt,  eine  sol- 
che  Naturerkenntnis  zu  gewinnen,  die,  wenn  wir  sie  haben,  in  uns  ein 
Urteil  loslost,  das  sozial  lebensfahig  ist. 

Nun,  sehen  wir  nach  einer  andern  Seite  hin,  nach  etwas,  was  zwar 
nicht  so  sehr  betont  hat,  dafi  es  aus  Hegel  stammt,  was  aber  nichts- 
destoweniger  historisch  ganz  gut  auf  Hegel  zuriickgefiihrt  werden 
kann,  so  finden  wir  den  Ich-Philosophen  noch  aus  der  ersten  Halfte 
des  19.  Jahrhunderts,  aber  heriiberragend  in  die  zweite  Halfte,  wir  fin- 
den Max  Stirner.  Wahrend  Karl  Marx  den  einen  Pol  des  menschlichen 
Anschauens,  auf  den  wir  gestern  hingewiesen  haben,  die  Materie  zur 
Grundlage  seiner  Betrachtung  macht,  geht  Stirner,  der  Ich-Philosoph 
Max  Stirner,  aus  von  dem  andern  Pole,  von  dem  Bewufitseinspol.  Und 
gerade  deshalb,  weil  die  neuere  Weltanschauung,  indem  sie  nach  dem 
materiellen  Pol  hinzielt,  das  Bewufitsein  nicht  aus  ihm  heraus  finden 
kann,  wie  wir  gestern  an  dem  Beispiel  Du  Bois-Reymonds  gesehen  ha- 
ben, so  wird  auf  der  andern  Seite  die  Folge  sein,  dafi  eine  Personlich- 
keit,  die  sich  nun  ganz  nur  auf  das  Bewufitsein  stellt,  die  materielle 
Welt  nicht  finden  kann.  Und  so  ist  es  bei  Max  Stirner.  Fur  Max  Stirner 
gibt  es  im  Grunde  genommen  kein  materielles  Weltall  mit  Naturge- 
setzen.  Fur  Max  Stirner  gibt  es  nur  eine  Welt,  die  einzig  und  allein 
bevolkert  ist  von  menschlichen  Ichen,  von  menschlichen  Bewufitsei- 
nen,  die  ganz  und  gar  nur  sich  ausleben  wollen.  «Ich  nab'  mein  Sach> 
auf  nichts  gestellt»,  das  ist  so  eine  der  Losungen  Max  Stirners.  Und 
von  diesem  Gesichtspunkte  aus  lehnt  sich  Max  Stirner  selbst  gegen  eine 
gottliche  Weltenfiihrung  auf.  Er  sagt  zum  Beispiel:  Da  fordern  ge- 
wisse  Ethiker,  gewisse  Sittenlehrer,  wir  sollen  nicht  aus  Selbstsucht 
irgendeine  Tat  begehen,  sondern  wir  sollen  sie  begehen,  weil  sie  Gott 
gefallt;  wir  sollen  auf  Gott  hinschauen,  indem  wir  eine  Tat  begehen, 
auf  das,  was  ihm  gefallt,  was  er  anordnet,  was  ihm  sympathisch  ist. 
Warum  sollte  ich  das  -  meint  Max  Stirner  -,  der  ich  meine  Sache  ledig- 
lich  auf  die  Spitze  des  Ich-Bewufitseins  stellen  will,  warum  sollte  ich 


zugeben,  daft  Gott  nun  der  grofte  Egoist  sei,  der  verlangen  kann  von 
der  Welt,  der  Menschheit,  daft  alles  so  gemacht  werde,  wie  es  ihm 
gefallt!  Ich  will  nicht  um  des  grofien  Egoismus  willen  meinen  person- 
lichen  Egoismus  aufgeben.  Ich  will  die  Dinge  tun,  die  mir  gefallen. 
Was  geht  mich  ein  Gott  an,  wenn  ich  nur  mich  habe. 

Das  ist  das  Sich-Verwickeln,  Sich-Verwirren  in  das  Bewufttsein, 
das  dann  nicht  mehr  aus  sich  herauskann.  Ich  habe  gestern  darauf  auf- 
merksam  gemacht,  wie  wir  auf  der  einen  Seite  zu  klaren  Ideen  kom- 
men  kdnnen,  indem  wir  erwachen  an  dem  aufteren  physisch-sinnlichen 
Dasein,  wie  wir  aber,  wenn  wir  wiederum  dann  hinuntersteigen  in 
unser  Bewufttsein,  zu  traumhaften  Ideen  kommen,  die  sich  wie  trieb- 
artig  in  die  Welt  hineinstellen  und  aus  denen  wir  nicht  wieder  heraus- 
kommen.  Zu  klaren  Ideen,  man  mochte  sagen,  zu  iiberklaren  Ideen 
ist  schon  Karl  Marx  gekommen.  Und  das  war  das  Geheimnis  seines 
Erfolges.  Die  Ideen  von  Marx  sind  so  klar,  daft,  trotzdem  sie  kompli- 
ziert  sind,  sie  eben  fur  die  weitesten  Kreise,  wenn  sie  recht  zugerichtet 
werden,  verstandlich  sind.  Da  hat  die  Klarheit  zur  Popularitat  verhol- 
fen.  Und  solange  nicht  bemerkt  wird,  daft  eben  innerhalb  einer  solchen 
Klarheit  die  Menschheit  verloren  ist,  so  lange  wird  man  sich,  wenn 
man  konsequent  sein  will,  eben  an  diese  Klarheit  halten. 

Neigt  man  aber  seiner  ganzen  Anlage  nach  zu  dem  andern  Pol,  zu 
dem  Bewufttseinspol,  ja  dann,  dann  geht  man  mehr  nach  der  Stir- 
nerschen  Seite  hiniiber.  Dann  verachtet  man  diese  Klarheit,  dann  fiihlt 
man,  daft,  sozial  angewendet,  diese  Klarheit  den  Menschen  zwar  zu 
einem  klaren  Rade  in  der  mathematisch-mechanisch  gedachten  sozialen 
Ordnung  macht,  aber  eben  zu  einem  Rad.  Ist  man  dann  nicht  dazu  ver- 
anlagt,  dann  revoltiert  der  Wille,  dann  revoltiert  dieser  Wille,  der  auf 
dem  untersten  Grunde  des  menschlichen  Bewufttseins  tatig  ist.  Und 
dann  lehnt  man  sich  auf  gegen  alle  Klarheit.  Dann  spottet  man,  wie 
Stirner  gespottet  hat,  aller  Klarheit.  Dann  sagt  man:  Was  geht  mich 
irgend  etwas  anderes  an,  was  geht  mich  selbst  die  Natur  an,  ich  stelle 
mein  Ich  aus  mir  heraus  und  sehe,  was  daraus  wird.  -  Wir  werden  noch 
sehen,  wie  es  im  hdchsten  Grade  charakteristisch  ist  fur  die  ganze 
neuere  Menschheitsentwickelung,  daft  solche  Extreme,  solche  scharf 
ausgesprochenen  Extreme  gerade  im  19.  Jahrhundert  aufgetreten  sind, 


denn  sie  sind  das  Wetterleuchten  desjenigen,  was  wir  jetzt  als  soziales 
Chaos  erleben,  als  Gewitter.  Diesen  Zusammenhang,  den  mufl  man 
verstehen,  wenn  man  heute  iiberhaupt  liber  Erkenntnis  reden  will. 

Wir  sind  gestern  dazu  gekommen,  hinzuweisen  auf  der  einen  Seite 
auf  das,  was  der  Mensch  vollzieht,  indem  er  sich  in  Wechselbeziehung 
versetzt  mit  der  natiirlich-sinnlichen  Aufienwelt.  Sein  Bewufitsein  er- 
wacht  zu  klaren  Begriffen,  aber  es  verliert  sich  selbst,  es  verliert  sich  so 
selbst,  daft  der  Mensch  nur  inhaltlich  leere  Begriffe,  wie  den  Begriff 
der  Materie  hinpfahlen  kann,  Begriffe,  vor  denen  er  dann  so  steht, 
dafi  sie  ihm  zum  Ratsel  werden.  Aber  wir  kommen  eben  nicht  anders, 
als  indem  wir  uns  so  selbst  verlieren,  zu  solchen  klaren  Begriffen,  die 
wir  brauchen  zur  Entwickelung  unseres  vollen  Menschentums.  Wir 
miissen  uns  eben  in  einer  gewissen  Weise  zunachst  verlieren,  damit  wir 
uns  wieder  finden  konnen  durch  uns  selbst.  Aber  heute  ist  die  Zeit  ge- 
kommen, wo  man  an  diesen  Phanomenen  etwas  lernen  soil.  Und  was 
kann  man  an  diesen  Phanomenen  lernen?  Man  kann  dasjenige  lernen, 
dafi  zwar  die  ganze  Klarheit  der  Begriffe,  die  ganze  Durchsichtigkeit 
des  Vorstellungslebens  an  dem  Verkehr  mit  der  aufieren  sinnlich-natiir- 
lichen  Welt  fiir  den  Menschen  gewonnen  werden  kann,  dafi  aber  in 
dem  Augenblicke  diese  Klarheit  der  Begriffe  unbrauchbar  wird,  wenn 
wir  mehr  erhalten  wollen  in  der  Naturwissenschaft  als  einen  blofien 
Phanomenalismus,  namlich  jenen  Phanomenalismus,  den  Goethe  als 
Naturforscher  pflegen  wollte,  wenn  wir  mehr  wollen  als  Naturwissen- 
schaft, namlich  den  Goetheanismus. 

Was  heifit  das?  Nun,  wenn  wir  an  den  Wechsel verkehr  zwischen 
unserem  Inneren  und  der  Aufienwelt,  der  sinnlich-physischen  Aufien- 
welt  herankommen,  dann  konnen  wir  unsere  Begriffe,  die  wir  uns  her- 
anbilden  an  der  Natur,  noch  gebrauchen,  um  nicht  in  der  erscheinen- 
den  Natur  stehenzubleiben,  sondern  noch  hinter  diese  erscheinende 
Natur  dahinter  zu  denken.  Das  tun  wir,  wenn  wir  nicht  blofi  sagen, 
im  Spektrum  erscheint  neben  der  gelben  Farbe  die  grime  Farbe  und  auf 
der  andern  Seite  beginnt  das  Blauliche,  wenn  wir  nicht  blofi  die  Phano- 
mene,  die  Erscheinungen  aneinandergliedern  mit  Hilfe  des  Mittels  un- 
serer  Begriffe,  sondern  wenn  wir  diesen  Sinnesteppich  gleichsam  mit 
unseren  Begriffen  durchstechen  wollen  und  hinter  ihm  durch  unsere 


Begriffe  noch  etwas  konstruieren  wollen.  Das  tun  wir,  wenn  wir  sagen: 
Ich  bilde  mir  aus  den  klar  gewonnenen  Begriffen  heraus  Atome,  Mole- 
kiile,  dasjenige,  was  hinter  den  Erscheinungen  der  Natur  sein  soli,  Be- 
wegungen  innerhalb  der  Materie.  Da  geschieht  namlich  etwas  Merk- 
wiirdiges.  Da  geschieht  das,  dafi  wenn  ich  hier  als  Mensch  bin  (siehe 
Zeichnung),  den  Sinneserscheinungen  gegeniiberstehe,  ich  meine  Be- 
griffe nicht  allein  dazu  gebrauche,  um  fur  mich  eine  Erkenntnisordnung 
in  dieser  Sinneswelt  zu  begrunden,  sondern  ich  durchstofie  die  Grenze 
der  Sinneswelt  und  konstruiere  dahinter  Atome  und  dergleichen.  Ich 
kann  gewissermafien  nicht  stillstehen  mit  meinen  klaren  Begriffen  bei 
der  Sinneswelt.  Ich  bin  gewissermaften  ein  Schuler  der  tragen  Materie, 
die  immer  noch  fortrollt,  wenn  sie  an  einem  One  angekommen  ist, 
auch  wenn  die  Kraft  des  Fortrollens  schon  nachgelassen  hat.  Meine  Er- 
kenntnis  kommt  bis  an  die  Sinneswelt  heran,  und  ich  bin  trage,  ich 
habe  ein  gewisses  Beharrungsvermogen,  ich  rolle  mit  meinen  Begriffen 
hinter  die  Sinneswelt  noch  hinunter  und  konstruiere  mir  da  eine  Welt, 
an  der  ich  dann  wiederum  zweifle,  wenn  ich  merke,  dafS  ich  nur  meiner 
Tragheit  gefolgt  bin  mit  meinem  ganzen  Denken. 


Es  ist  interessant,  dafi  ein  grofier  Teil  der  Philosophic,  die  sich  ja 
nicht  im  Sinnlichen  bewegt,  im  Grunde  genommen  auch  nichts  ande- 
res  ist  als  ein  solches  Fortrollen  in  der  Tragheit  hinter  dasjenige,  was 
eigentlich  in  der  Welt  wirklich  vorliegt.  Man  kann  nicht  stillestehen. 
Man  will  noch  hinten  weiter,  weiter,  weiter  denken  und  konstruiert 
Atome  und  Molekiile,  konstruiert  unter  Umstanden  auch  manches 
andere,  was  die  Philosophen  dahinter  konstruiert  haben.  Kein  Wunder, 
dafi  man  dieses  Selbstgespinst,  das  man  aus  Beharrungsvermogen  in 
der  Welt  aufgerichtet  hat,  dann  wiederum  auflosen  mufi. 

Gegen  dieses  Tragheitsgesetz  lehnte  sich  Goethe  auf.  Er  wollte  ein 
solches  Fortrollen  des  Denkens  nicht,  er  wollte  stehenbleiben,  streng 
stehenbleiben  an  dieser  Grenze  (siehe  Zeichnung:  dicker  Strich),  und 
er  wollte  innerhalb  der  Sinneswelt  die  Begriffe  anwenden.  So  dafi  er 
sich  sagte:  Im  Spektrum  erscheint  mir  Gelb,  im  Spektrum  erscheint  mir 
Blau,  Rot,  Indigo,  Violett.  Wenn  ich  aber  diese  verschiedenen  Farben- 
erscheinungen  mit  meiner  Begriffswelt  durchdringe  und  innerhalb  der 
Phanomene  bleibe,  so  stellen  sich  mir  die  Phanomene,  die  Erscheinun- 
gen  selbst  zusammen,  und  ich  bekomme  aus  der  Tatsache  des  Spek- 
trums  heraus:  Wenn  sich  dunklere  Farben  oder  uberhaupt  Dunkelheit 
hinter  hellere  Farben  oder  uberhaupt  hinter  die  Helligkeit  stellen,  so 
bekomme  ich  dasjenige,  was  gegen  das  Blau  des  Spektrums  zu  liegt. 
Umgekehrt:  Wenn  ich  das  Helle  hinter  das  Dunkle  stelle,  bekomme  ich, 
was  gegen  das  Rot  des  Spektrums  zu  liegt. 

Was  wollte  Goethe  eigentlich?  Goethe  wollte  aus  den  komplizier- 
ten  Phanomenen  einfache  heraussuchen,  aber  durchaus  solche,  mit 
denen  er  innerhalb  dieser  Grenze  (siehe  Zeichnung)  stehenblieb,  durch 
die  er  nicht  hineinrollte  in  ein  Gebiet,  in  das  man  nur  durch  trages 
Fortrollen,  durch  ein  gewisses  geistiges  Beharrungsvermogen  hinein- 
kommt.  So  wollte  Goethe  innerhalb  des  Phanomenalismus  stehenblei- 
ben. Wenn  man  so  innerhalb  des  Phanomenalismus  stehenbleibt,  und 
wenn  man  sein  ganzes  Denken  daraufhin  einrichtet,  so  stehenzubleiben, 
nicht  dem  Beharrungsvermogen,  das  ich  charakterisiert  habe,  zu  fol- 
gen,  dann  tritt  in  einer  neuen  Weise  die  alte  Frage  auf :  Welche  Bedeu- 
tung  hat  nun  in  dieser  Welt,  die  ich  so  phanomenal  betrachte,  dasjenige, 
was  ich  aus  Mechanik  und  Mathematik  hineinbringe,  was  ich  hinein- 


bringe  an  Zahl,  an  Mafi,  an  Gewicht  oder  an  Zeitverhaltnissen?  Was 
hat  denn  das  fur  eine  Bedeutung? 

Sie  wissen  ja  vielleicht,  dafi  eine  neuere  Auf  f  assung  dahin  ging,  das- 
jenige,  was  zunachst  in  den  Phanomenen  des  Tones,  der  Farbe,  der 
Warme  und  so  weiter  lebt,  das  gewissermafien  nur  subjektiv  anzu- 
schauen,  dagegen  die  sogenannten  primaren  Qualitaten  der  Dinge,  das 
Raumliche,  das  Zeitliche,  das  Gewicht,  als  etwas  nicht  Subjektives, 
sondern  Objektives,  den  Dingen  Inharierendes  anzuschauen.  Diese  An- 
schauung,  sie  geht  im  wesentlichen  auf  den  englischen  Philosophen 
Locke  zuriick,  und  sie  beherrscht  bis  zu  einem  hohen  Grade  auch  die 
philosophischen  Grundlagen  des  modernen  naturwissenschaftlichen 
Denkens.  Aber  im  Grunde  genommen  ist  die  Frage:  Welche  Stellung 
nimmt  in  unserem  ganzen  Wissenschaftssystem  der  aufieren  Natur  ge- 
geniiber  die  Mathematik,  nimmt  die  Mechanik,  die  wir  ja  eigentlich  aus 
uns  selber  herausspinnen  -  so  sieht  sich  die  Sache  wenigstens  zunachst 
an  -,  welche  Stellung  nehmen  sie  ein?  Wir  werden  noch  auf  diese  Frage 
zuriickkommen  miissen,  indem  wir  die  besondere  Gestaltung,  die  diese 
Frage  durch  den  Kantianismus  angenommen  hat,  werden  ins  Auge  fas- 
sen  miissen.  Aber  ohne  dafi  wir  auf  Historisches  unmittelbar  dabei  ein- 
gehen,  konnen  wir  doch  betonen,  daft  wir  ja  instinktiv  iiberzeugt  da- 
von  sind,  wenn  wir  die  Dinge  messen  oder  zahlen,  oder  wenn  wir  ihr 
Gewicht  bestimmen,  dafi  wir  dann  etwas  wesentlich  anderes  von  der 
Auflenwelt  statuieren,  als  wenn  wir  die  andern  Qualitaten  der  Aufien- 
welt  den  Dingen  zuschreiben. 

Es  lafit  sich  ja  doch  nicht  leugnen,  daft  Licht,  Farben,  Tone,  Ge- 
schmacksempfindungen  in  einer  andern  Beziehung  zu  uns  stehen  als 
dasjenige,  was  wir  in  der  Aufienwelt  so  darstellen  konnen,  dafi  es  den 
mathematisch-mechanischen  Gesetzen  unterliegt.  Denn  es  ist  doch 
immerhin  eine  bemerkenswerte  Tatsache,  die  schon  ins  Auge  gefafit 
werden  mufi,  dafi  -  Sie  wissen,  Honig  schmeckt  siifi,  aber  wenn  einer 
gelbsuchtig  ist,  schmeckt  er  fur  ihn  bitter  -,  so  dafi  wir  also  sagen 
konnen,  wir  stehen  schon  in  einer  merkwiirdigen  Weise  gegenuber  die- 
sen  Qualitaten  der  Welt  in  dieser  Welt  darinnen,  wahrend  wir  nicht 
gut  sagen  konnen,  dafi  irgendwie  ein  normaler  Mensch  ein  Dreieck  fiir 
ein  Dreieck  ansieht  und  ein  Gelbsiichtiger  es  etwa  fiir  ein  Viereck  an- 


sehen  wiirde!  Also  Unterscheidungen  sind  schon  da,  und  an  diesen 
Unterscheidungen  raufi  gelernt  werden,  aber  es  miissen  nicht  absurde 
Folgerungen  daraus  gezogen  werden.  Und  in  einer  merkwurdig  unge- 
klarten  Weise  steht  bis  zum  heutigen  Tage  philosophisches  Denken  die- 
sen  Fundamentaltatsachen  aller  Erkenntnisentwickelung  gegenuber. 
Da  gewahren  wir  zum  Beispiel,  wie  ein  neuerer  Philosoph,  der  Professor 
Koppelmann,  in  seinen  «Weltanschauungsfragen»  den  Kant  noch  iiber- 
kantet,  indem  er  zum  Beispiel  sagt  -  Sie  konnen  das  auf  Seite  33  von 
Koppelmanns  «Weltanschauungsfragen»  lesen  Alles  dasjenige,  was 
sich  auf  den  Raum  und  die  Zeit  bezieht,  wir  miissen  es  innerlich  erst  mit 
dem  Verstand  konstruieren,  wahrend  wir  Farben  und  Geschmacke  un- 
mittelbar  in  uns  aufnehmen.  Wir  konstruieren  das  Tetraeder,  das  Ok- 
taeder,  das  Dodekaeder  und  so  weiter,  wir  konnen  nur  vermoge  unserer 
Verstandeseinrichtung  die  gewohnlichen  regularen  Korper  konstru- 
ieren. Was  Wunder  -  meint  Koppelmann  -,  dafi  uns  in  der  Welt  nur 
diejenigen  regularen  Korper  entgegentreten  konnen,  die  wir  durch  un- 
seren  Verstand  konstruieren  konnen.  -  Und  so  finden  Sie  fast  wortlich 
bei  Koppelmann  den  Satz:  Es  ist  ausgeschlossen,  dafi  einmal  ein  Geologe 
kommt  und  einen  Kristall  dem  Geometer  gibt,  welcher  von  sieben 
gleichseitigen  Dreiecken  begrenzt  ist,  einfach  aus  dem  Grunde  -  meint 
Koppelmann  -,  weil  ein  solcher  Kristall  eine  Gestalt  hatte,  die  in  un- 
seren  Kopf  nicht  hineinginge.  -  Das  ist  «iiberkanten»  des  Kantianismus. 
Und  da  wiirde  man  sagen  konnen,  in  der  Welt  des  Dinges  an  sich  konn- 
ten  also  unter  Umstanden  allerdings  solche  Kristalle  eventuell  existie- 
ren,  die  von  sieben  regularen  Dreiecken  begrenzt  waren,  aber  in  unseren 
Kopf  gehen  sie  nicht  herein,  daher  gehen  wir  an  ihnen  vorbei,  sie  sind 
fur  uns  nicht  da. 

Solche  Denker  vergessen  nur  das  eine,  sie  vergessen  -  und  das  ist 
es,  worauf  wir  scharf  mit  aller  Beweiskraft  im  Verlaufe  dieser  Vor- 
trage  hinweisen  wollen  -,  sie  vergessen,  dafl  unser  Kopf  aus  denselben 
Gesetzmafiigkeiten  des  aufieren  Daseins  heraus  konstruiert  ist,  aus 
denen  wir  die  regularen  Polyeder  und  so  weiter  konstruieren,  und  dafi 
unser  Kopf  daher  aus  dieser  seiner  Konstruktion  heraus  keine  andern 
Polyeder  konstruiert  als  diejenigen,  die  draufien  auch  vorkommen. 
Denn,  sehen  Sie,  das  ist  einer  der  Grundunterschiede  zwischen  den  soge- 


nannten  subjektiven  Qualitaten  Ton,  Farbe,  Warme,  auch  den  verschie- 
denen  Qualitaten  des  Tastsinnes  und  so  weiter,  und  demjenigen,  was  uns 
in  dem  mechanisch-mathematischen  Weltbilde  entgegentritt.  Das  ist  der 
Grundunterschied:  Ton,  Farbe,  sie  lassen  uns  selbst  aufier  uns;  wir 
mussen  sie  erst  aufnehmen,  wir  miissen  sie  erst  wahrnehmen.  Wir  ste- 
hen  als  Menschen  aufier  Ton,  Farbe,  Warme  und  so  weiter.  Mit  der 
Warme  ist  es  nicht  ganz  so,  das  werde  ich  morgen  zu  besprechen  haben, 
aber  in  einem  gewissen  Grade  ist  es  auch  mit  der  Warme  so.  Sie  lassen 
uns  zunachst  aufier  uns,  und  wir  mussen  sie  wahrnehmen.  Das  ist  bei 
Gestalt-,  bei  Raumverhaltnissen,  bei  Zeitverhaltnissen,  bei  Gewichts- 
verhaltnissen  nicht  der  Fall.  Wir  nehmen  die  Dinge  raumlich  wahr, 
aber  wir  sind  selbst  in  demselben  Raume  und  in  die  gleiche  Gesetz- 
mafiigkeit  hineingestellt,  in  der  die  Dinge  aufier  uns  stehen.  Wir  ste- 
hen  in  der  Zeit  drinnen  wie  die  aufieren  Dinge.  Wir  beginnen  unser 
physisches  Leben  in  einem  gewissen  Zeitpunkte,  enden  es  in  einem 
Zeitpunkte.  In  Raum  und  Zeit  stehen  wir  so  drinnen,  dafi  diese  Dinge 
gleichsam  durch  uns  hindurchgehen,  ohne  dafi  wir  sie  erst  wahrneh- 
men. Die  andern  Dinge  mussen  wir  erst  wahrnehmen.  Bezuglich  des 
Gewichtes,  nun  ja,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  da  werden  Sie 
auch  zugeben,  dafi  das  mit  der  Wahrnehmung,  die  ja  ein  wenig  der 
Willkiir  unterliegt,  nicht  viel  zu  tun  hat,  denn  sonst  wiirde  mancher, 
der  durch  seine  Beleibtheit  zu  einem  ihm  unerwiinschten  Gewichte 
kommt,  dieses  vermeiden  durch  die  blofie  Erkenntnis,  durch  das  blofie 
Wahrnehmungsvermogen.  Meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  auch  in 
unseren  Gewichtsverhaltnissen  werden  wir  schon  ganz  objektiv  von 
der  Welt  aufgenommen,  ohne  dafi  wir  durch  dieselbe  Organisation  et- 
was  dagegen  machen  konnen,  durch  die  wir  uns  verbinden  mit  Farbe, 
Ton,  Warme  und  so  weiter. 

Und  so  mussen  wir  vor  alien  Dingen  heute  die  Frage  vor  uns  hin- 
stellen:  Wie  kommt  das  mathematisch-mechanische  Urteil  iiberhaupt 
an  uns  heran?  Wie  kommen  wir  zu  einer  Mathematik,  zu  einer  Mecha- 
nik,  und  wie  kommt  es,  dafi  diese  Mathematik  und  diese  Mechanik 
anwendbar  ist  auf  die  aufiere  Natur,  und  wie  kommt  es,  dafi  ein  Unter- 
schied  ist  zwischen  <len  mathematisch-mechanischen  Qualitaten  der 
Dinge  der  Aufienwelt  und  zwischen  dem,  was  uns  als  die  sogenannten 


Sinnesqualitaten  sogenannter  subjektiver  Natur  entgegentritt,  Ton, 
Farbe,  Warmequalitaten  und  so  weiter? 

Nun,  diese  Kardinalfrage,  sie  steht  an  dem  einen  Ende.  Eine  andere 
werden  wir  morgen  noch  entdecken.  Dann  werden  wir  die  zwei  Aus- 
gangspunkte  des  Wissenschaftlichen  haben.  Wir  werden  uns  dann  wei- 
terbewegen  und  an  dem  andern  Ende  die  Bildung  des  sozialen  Urteils 
finden. 


DRITTER  VORTRAG 
Dornach,  29.  September  1920 


Wir  haben  gesehen,  dafl  der  Mensch  gewissermaflen  zu  zwei  Grenz- 
scheiden  kommt,  wenn  er  versucht,  von  sich  aus  entweder  tiefer  in  die 
Naturerscheinungen  einzudringen,  oder  aber  wenn  er  versucht,  von 
dem  Gesichtspunkte  seines  gewohnlichen  Bewufitseins  tiefer  hinabzu- 
dringen  in  sein  eigenes  Wesen,  um  gerade  dadurch  auch  das  eigentliche 
Wesen  des  Bewufitseins  aufzufinden.  Wir  haben  schon  gestern  darauf 
hingedeutet,  was  an  der  einen  Grenze  unseres  Erkennens  geschieht.  Wir 
haben  gesehen,  daft  der  Mensch  erwacht  zum  vollen  Bewufitsein  an 
seinem  Wechselverkehr  mit  der  aufieren  physisch-sinnlichen  Natur. 
Der  Mensch  wiirde  mehr  oder  weniger  ein  verschlafenes  Wesen  sein, 
ein  Wesen  mit  schlafriger  Seele,  wenn  er  nicht  an  der  aufieren  Natur 
erwachen  konnte.  Und  im  Grunde  genommen  geschieht  im  Laufe  der 
geistigen  Entwickelung  der  Menschheit  nichts  anderes,  als  daft  sich  all- 
mahlich  vollzieht  in  dem  Erringen  von  Wissen  liber  die  auftere  Natur 
dasjenige,  was  sich  jeden  Morgen  vollzieht,  wenn  wir  aus  dem  Schlafe 
oder  aus  dem  schlafenden  Traumen  uns  an  der  Aufienwelt  entzunden 
zum  vollen,  wachen  Bewulksein.  Im  letzteren  Falle  haben  wir  es  ge- 
wissermafien  mit  einem  Augenblick  des  Erwachens  zu  tun.  Im  Laufe 
der  Menschheitsentwickelung  hatten  wir  es  zu  tun  mit  einem  allmah- 
lichen  Erwachen,  gewissermaften  mit  einem  Auseinandergezogensein 
des  Erwachensmomentes. 

Nun  haben  wir  gesehen,  dafi  da  sehr  leicht  an  dieser  Grenze  eine 
Art  Tragheitskraft  der  Seele  sich  betatigt,  dafi  wir  gewissermafien 
da,  wo  wir  anstofien  an  die  ausgebreitete  Welt  der  Phanomene,  nicht 
wie  der  Phanomenalismus  im  Goetheschen  Sinne  das  tun  will,  aufien 
stehenbleiben  und  die  Phanomene  nur  nach  unseren  errungenen  klaren 
Vorstellungen,  Begriffen  und  Ideen  gewissermafien  zusammenfassen, 
systematisierend  rationell  beschreiben  und  so  weiter,  sondern  dafi  wir 
noch  eine  Weile  fortrollen  hinter  die  Phanomene  mit  unseren  Begriffen 
und  Ideen  und  dadurch  zur  Statuierung  einer  Welt  kommen,  zum  Bei- 
spiel  einer  Welt  von  hinterphysischen  Atomen,  Molekiilen  und  so  wei- 


ter,  die  dann  im  wesentlichen,  wenn  sie  so  errungen  wird,  eine  ausge- 
dachte  Welt  ist,  eine  Welt,  hinter  der  sich  sogleich  der  Zweifel  ein- 
schleicht,  so  dafi  wir  wiederum  auflosen,  was  wir  erst  als  ein  theore- 
tisches  Gewebe  gesponnen  haben.  Und  wir  haben  gesehen,  daft  es  mog- 
lich  ist,  im  reinen  Durcharbeiten  der  Phanomene  selbst,  im  Phanome- 
nalismus  uns  zu  bewahren  vor  einem  solchen  Oberschreiten  der  Grenze 
unseres  Naturerkennens  nach  dieser  Seite  hin.  Aber  wir  haben  auch 
darauf  aufmerksam  machen  miissen,  dafi  an  dieser  Stelle  unseres  Er- 
kennens  auftaucht  etwas,  was  sich  dem  Gebrauche  mit  einer  unmittel- 
baren  Lebensnotwendigkeit  anbietet,  das  ist  die  Mathematik  und  das- 
jenige,  was  zum  Beispiel  in  der  Mechanik  ohne  Empirismus  begriffen 
werden  kann,  also  der  ganze  Umfang  der  sogenannten  analytischen 
Mechanik. 

Wenn  wir  ins  Auge  fassen  alles  dasjenige,  was  Mathematik  umfafit, 
was  analytische  Mechanik  umfafit,  dann  kommen  wir  zu  den  sicher- 
sten  Begriffssystemen,  mit  denen  wir  in  die  Phanomene  hineinarbeiten 
konnen.  Allein,  man  kann  sich  doch  nicht  verhehlen  -  ich  habe  gestern 
schon  darauf  hingewiesen  dafi  die  ganze  Art  und  Weise,  wie  wir  uns 
mathematische  Vorstellungen  ausbilden  und  wie  wir  auch  ausbilden 
Vorstellungen  der  analytischen  Mechanik,  dafi  diese  innere  Seelenar- 
beit  eine  durchaus  andere  ist  als  diejenige,  die  wir  vollziehen,  wenn  wir 
aus  der  Erfahrung  heraus,  aus  der  Sinneserfahrung  heraus  experimen- 
tieren  oder  beobachten  und  die  Tatsachen  der  Experimente  oder  die 
Ergebnisse  der  Beobachtungen  zusammenfassen,  eben  das  aufiere  Er- 
fahrungswissen  sammeln.  Man  sollte  sich,  damit  man  in  diesen  Dingen 
zur  volligen  Klarheit  kommt,  stark  besinnen,  denn  einen  andern  Weg 
zur  Klarheit  gibt  es  auf  diesem  Felde  nicht  als  den  des  starken  Be- 
sinnens. 

Welcher  Unterschied  ist  zwischen  dem  Sammeln  eines  Erfahrungs- 
wissens  etwa  im  Baconschen  Sinne  und  zwischen  der  innerlich  die 
Dinge  ergreifenden  Art,  wie  es  in  der  Mathematik  und  in  der  analy- 
tischen Mechanik  der  Fall  ist?  Man  kann  fur  die  letztere  geradezu  eine 
scharfe  Grenze  ziehen  gegeniiber  dem,  was  nicht  auf  solch  innere 
Weise  erfafit  ist,  wenn  man  sich  einfach  den  Begriff  des  Bewegungs- 
parallelogramms  und  dann  den  Begriff  des  Kraf teparallelogramms  klar 


bildet.  Daft  sich  aus  zwei  voneinander  unter  einem  Winkel  abweichen- 
den  Bewegungen  eine  resultierende  Bewegung  ergibt,  das  ist  ein  Satz 
der  analytischen  Mechanik.  Daft  sich,  wenn  hier  (a)  eine  Kraft  wirkt 


gungsparallelogramm  gehort  im  strengen  Sinne  der  analytischen  Me- 
chanik an,  denn  es  laftt  sich  innerlich  beweisen  wie  irgendein  Satz  der 
Mathematik,  wie  zum  Beispiel  der  pythagoreische  Lehrsatz  oder  ir- 
gendein anderer.  Daft  es  das  Krafteparallelogramm  gibt,  kann  nur  ein 
Ergebnis  der  Erfahrung,  des  Experimentes  sein.  Da  bringen  wir  in  das- 
jenige,  was  wir  innerlich  verarbeiten,  etwas  hinein,  die  Kraft,  die  uns 
nur  aufterlich  durch  Erfahrung,  durch  Empirie  gegeben  sein  kann.  Da 
also  haben  wir  es  schon  zu  tun  mit  der  Erfahrungsmechanik,  nicht  mehr 
mit  der  rein  analytischen  Mechanik.  Sie  sehen,  da  kann  man  streng 
die  Grenze  ziehen  zwischen  dem,  was  im  eigentlichen  Sinn  noch  mathe- 
matisch  ist,  so  wie  man  Mathematik  heute  noch  aufzufassen  hat,  und 
dem,  was  in  die  gewohnliche  Sinnesempirie  hinuberfiihrt. 

Nun  steht  man  vor  dieser  Tatsache  der  Mathematik  als  solcher.  Wir 
fassen  die  mathematischen  Wahrheiten  auf .  Wir  bringen  die  mathema- 
tischen  Erscheinungen  auf  gewisse  Axiome  zuriick.  Wir  bauen  uns 
dann  das  ganze  Gewebe  der  Mathematik  aus  diesen  Axiomen  auf,  und 
wir  stehen  gewissermaften  vor  einer  im  Anschauen,  aber  inneren  An- 
schauen  ergriffenen  Architektonik.  Und  wir  miissen,  wenn  wir  im- 


von  einer  bestimmten  angebbaren  Starke  und  hier  (b)  eine  Kraft  wirkt 
von  einer  bestimmten  angebbaren  Starke,  sich  eine  resultierende  Kraft 
ergibt,  die  auch  nach  diesem  Parallelogramm  feststellbar  ist,  das  sind 
zwei  voneinander  ganz  verschiedene  Vorstellungsinhalte.  Das  Bewe- 


stande  sind,  durch  starke  Besinnung  eine  scharfe  Grenze  zu  ziehen 
gegenuber  allem  aufierlich  Erfahrbaren,  in  diesem  mathematischen 
Gewebe  etwas  sehen,  was  durch  eine  ganz  andere  Seelentatigkeit  zu- 
stande  kommt,  als  diejenige  ist,  durch  welche  wir  auflerlich  sinnlich 
erfahren  und  auffassen.  Dafi  wir,  ich  mochte  sagen,  wiederum  durch 
eine  innerliche  Erfahrung  diesen  Unterschied  genau  machen  konnen, 
davon  hangt  im  Grunde  genommen  ungeheuer  viel  fur  ein  befriedi- 
gendes  Weltbegreifen  ab.  Wir  miissen  also  fragen:  Woher  kommt  uns 
die  Mathematik?  Und  diese  Frage,  die  wird  eben  gegenwartig  noch 
immer  nicht  scharf  genug  gestellt.  Man  fragt  nicht:  Wie  ist  verschieden 
diese  innere  Seelentatigkeit,  die  wir  in  der  Mathematik,  im  Aufbau 
der  Mathematik,  in  dieser  wunderbaren  Architektonik  brauchen,  wie 
ist  verschieden  diese  Seelenfahigkeit  von  derjenigen  Seelenfahigkeit, 
durch  die  wir  durch  aufiere  Sinne  die  physisch-sinnliche  Natur  auf- 
fassen? Und  man  stellt  und  beantwortet  diese  Frage  nicht  in  genugen- 
dem  Mafie  heute,  weil  es  die  Tragik  der  materialistischen  Weltan- 
schauung ist,  dafi  sie,  wahrend  sie  auf  der  einen  Seite  zur  sinnlich-phy- 
sischen  Erfahrung  hindrangt,  auf  der  andern  Seite  wiederum  hinge- 
trieben  wird,  ohne  dafi  sie  es  weifi,  in  einen  abstrakten  Intellektualis- 
mus,  in  ein  abstraktes  Wesen,  durch  das  man  gerade  entfernt  wird  von 
einem  wirklichen  Ergreifen  der  Tatsachen  der  materiellen  Welt. 

Was  ist  es  denn,  was  wir  als  eine  Fahigkeit  ausbilden,  indem  wir 
mathematisieren?  Diese  Frage  wollen  wir  einmal  stellen.  Es  mufi,  wenn 
man  diese  Frage  beantworten  will,  eines,  glaube  ich,  ganz  in  uns  als 
Verstandnis  aufgegangen  sein.  Das  ist  auf  der  einen  Seite:  Wir  miissen 
es  auch  im  Menschenleben  mit  dem  Begriff  des  Werdens  ernst  nehmen, 
das  heiflt,  wir  miissen  ausgehen  von  dem,  was  gerade  im  hohen  Grade 
disziplinierend  ist  an  der  modernen  Naturwissenschaft,  wir  miissen 
uns  an  dem  erziehen  und  miissen  gewissermafien  das,  was  wir  an  stren- 
ger  Methode,  an  wissenschaftlicher  Disziplin  uns  anerzogen  haben  in 
der  Naturwissenschaft  der  neueren  Zeit,  wir  miissen  das  iiber  diese 
Naturwissenschaft  selber  hinauszutreiben  wissen,  so  daft  wir  in  hohere 
Gebiete  aufsteigen  mit  derselben  Gesinnung,  die  wir  in  der  Naturwis- 
senschaft haben,  aber  mit  Ausdehnung  der  Methoden  auf  ganz  andere 
Gebiete.  Ich  glaube  deshalb  auch  nicht  und  sage  das  ganz  unumwun- 


den,  dafi  zu  einem  wirklichen  geisteswissenschaftlichen  Erkennen  der- 
jenige  kommen  kann,  der  nicht  im  strengen  Sinne  des  Wortes  eine  na- 
turwissenschaftliche  Disziplin  sich  erworben  hat,  der  nicht  forschen 
und  denken  gelernt  hat  in  den  Laboratorien  und  durch  die  Methode 
der  neueren  Naturwissenschaft.  Am  allerwenigsten  hat  Geisteswissen- 
schaft  Veranlassung,  diese  neuere  Naturwissenschaft  zu  unterschatzen. 
Im  Gegenteil,  sie  weift  sie  vollig  zu  schatzen.  Und  mir  selber  -  wenn 
ich  diese  personliche  Bemerkung  machen  darf  -  nehmen  es  ja  viele 
Leute  reichlich  iibel,  daft  ich,  bevor  ich  eigentlich  Geisteswissenschaft- 
liches  veroffentlicht  habe,  zunachst  manches  geschrieben  habe  gerade 
iiber  naturwissenschaftliche  Probleme  in  derjenigen  Beleuchtung,  die 
mir  notwendig  zu  sein  schien.  Also  es  handelt  sich  darum,  dafi  wir  uns 
auf  der  einen  Seite  diese  naturwissenschaftliche  Gesinnung  aneignen, 
damit  sie  fortwirkt,  wenn  wir  iiber  die  Grenzen  des  Naturerkennens 
hinauskommen.  Und  zweitens  miissen  wir  uns  sogar  die  Qualitat  dieses 
Naturerkennens  beziehungsweise  der  Ergebnisse  dieses  Naturerken- 
nens recht  sehr  ernst  werden  lassen. 

Sehen  Sie,  wenn  wir  die  ganz  einfache  Erscheinung  nehmen,  dafi  wir 
einen  Korper  mit  einem  andern  reiben  und  Warme  zum  Vorschein 
kommt,  so  sagen  wir  in  der  Naturwissenschaft  gegeniiber  einem  solchen 
vorliegenden  Teilphanomen  nicht:  Diese  Warme  ist  aus  dem  Nichts  her- 
aus  entstanden,  oder  diese  Warme  ist  einfach  da  -,  sondern  wir  suchen 
nach  den  Bedingungen,  unter  denen  diese  Warme  latent  gewesen  ist  vor- 
her  und  dann  durch  die  Korper  gewissermaflen  zum  Vorschein  gekom- 
men  ist.  Wir  gehen  da  von  einer  Erscheinung  zur  andern  iiber  und 
nehmen  das  Werden  ernst.  So  miissen  wir  es  auch  machen,  wenn  wir 
einen  Begriff  in  die  Geisteswissenschaft  hineinbringen  wollen.  Und 
so  miissen  wir  uns  zunachst  fragen:  Ist  denn  dasjenige,  was  Mathema- 
tisieren  ist,  im  Menschen  immer  da,  insofern  er  sein  Dasein  durchlebt 
zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode?  -  Nein,  es  ist  nicht  immer  da. 
Das  Mathematisieren  erwacht  erst.  Und  zwar  konnen  wir  -  und  dabei 
bleiben  wir  auch  noch  innerhalb  der  Empirie  gegeniiber  der  aufieren 
Welt  stehen  -  ganz  genau  beobachten,  wie  allmahlich  diejenigen  See- 
lenfahigkeiten  gewissermafien  aus  dem  dunklen  Untergrunde  des 
menschhchen  Bewufkseins  heraus  erwachen,  die  sich  dann  gerade  im 


Mathematisieren  und  in  Ahnlichem,  was  wie  das  Mathematisieren  ist, 
von  dem  wir  gleich  nachher  sprechen  wollen,  aufiern.  Dieser  Zeit- 
punkt,  wenn  man  ihn  nur  genau  und  ordentlich  ins  Auge  zu  fassen  ver- 
mag,  wenn  man  ihn  nur  so  behandelt,  wie  die  Naturforschung  zum 
Beispiel  die  Erscheinung  des  Schmelzpunktes  oder  des  Siedepunktes 
behandelt,  dieser  Zeitpunkt  liegt  etwa  in  derjenigen  Lebensepoche,  in 
der  das  Kind  die  Zahne  wechselt,  in  der  aus  den  Milchzahnen  die  zwei- 
ten  Zahne  werden.  Man  mufi  nur  solch  einen  Lebensentwickelungs- 
punkt  aus  derselben  Gesinnung  heraus  ins  Auge  fassen,  wie  man  zum 
Beispiel  in  der  Physik  gelernt  hat,  den  Schmelzpunkt  oder  den  Siede- 
punkt  zu  behandeln.  Man  mufi  sich  die  Fahigkeit  erwerben,  ins  Kom- 
plizierte  des  Menschenlebens  hinein  diese  strenge  innere  Disziplin  zu 
tragen,  die  man  sich  aus  den  einfachen  physikalischen  Phanomenen, 
indem  man  sie  im  Sinne  der  neueren  Wissenschaft  beobachtet,  erwer- 
ben kann.  Und  wenn  man  das  tut,  dann  sieht  man,  daft  in  der  mensch- 
lichen  Entwickelung  von  der  Geburt  an,  oder  sagen  wir  besser  von  der 
Empfangnis  an,  bis  zu  diesem  Punkte  des  Zahnwechsels  sich  zwar  all- 
mahlich  aus  der  Organisation  heraus arbeiten  die  Seelenfahigkeiten, 
die  dann  mathematisieren,  aber  sie  sind  eben  noch  nicht  da.  Und  so  wie 
wir  sagen,  dafi  die  Warme,  die  latent  ist  in  einem  KSrper  und  in  einem 
bestimmten  Zustande  zum  Vorschein  kommt,  friiher  in  dem  Korper, 
in  der  inneren  Struktur  des  Korpers  gearbeitet  hat,  so  mussen  wir  uns 
klar  sein  dariiber,  dafi  dasjenige,  was  als  Fahigkeit  des  Mathematisie- 
rens  in  der  Zeit  des  Zahnwechsels  besonders  stark,  allmahlich  aber  in 
gewissem  anderem  Sinne  zum  Vorscheine  kommt,  dafi  das  friiher  in 
der  Organisation  des  Menschen  drinnen  gearbeitet  hat.  Und  so  be- 
kommen  wir  einen  merkwixrdigen,  bedeutsamen  Begriff  iiber  dieses 
Mathematisieren,  im  weitesten  Sinne  natiirlich.  Wir  bekommen  den 
Begriff,  dafi  dasjenige,  was  wir  als  Seelenfahigkeit  nach  dem  Zahn- 
wechsel  als  Menschen  anwenden,  dafi  das  vorher  in  uns  organisierend 
wirkt.  Ja,  in  dem  Kinde  bis  zum  siebenten  Jahre  ungefahr  ist  eine 
innere  Mathematik,  eine  innere  Mathematik,  die  nun  nicht  so  abstrakt 
ist  wie  unsere  aufiere,  sondern  die  kraftdurchsetzt  ist,  die,  wenn  ich 
diesen  Ausdruck  Platos  gebrauchen  darf,  nicht  nur  angeschaut  werden 
kann,  sondern  die  lebensvoll  tatig  ist.  Es  existiert  in  uns  etwas  bis  zu 


diesem  Zeitpunkte,  das  mathematisiert,  das  uns  innerlich  durchmathe- 
matisiert. 

Wenn  wir  zunachst,  ich  mochte  sagen,  ganz  oberflachlich  fragen 
nach  dem,  was  uns  da  empirisch  zutage  tritt,  wenn  wir  gewissermafien 
auf  die  latente  Mathernatik  sehen  in  dem  jugendlichen  Kindeskorper, 
dann  werden  wir  gefuhrt  auf  drei  Dinge,  die  nach  innen  zu  sinnes- 
ahnlich  sind.  Wir  werden  noch  im  Laufe  der  Vortrage  sehen,  dafi  wir 
wirklich  da  auch  von  Sinnen  sprechen  konnen.  Heute  will  ich  nur 
dieses  andeuten,  dafi  wir  auf  etwas  kommen,  was  nach  innen  zu  ein 
solches  Wahrnehmungsvermogen  entwickelt,  das  uns  nur  in  den  ersten 
Jahren  unbewufit  bleibt,  wie  die  Augen,  die  Ohren  nach  aufien  ein 
Wahrnehmungsleben  entwickeln.  Und  wir  konnen,  wenn  wir  da  in 
unser  Inneres,  aber  in  das  Innere  der  Organisation  sehen,  nicht  nach 
dem  Muster  der  nebulosierenden  Mystiker,  sondern  mit  voller  Macht 
und  Erkenntnis  hinschauen  auf  dieses  menschliche  Innere,  dann  kon- 
nen wir  drei  sinnesahnliche  Funktionen,  mochte  ich  sagen,  finden, 
durch  die  eine  Tatigkeit  ausgeiibt  wird,  in  gewissem  Sinne  mathemati- 
sierend,  gerade  in  den  ersten  Lebensjahren.  Das  ist  erstens  dasjenige, 
was  ich  den  Lebenssinn  nennen  mochte.  Dieser  Lebenssinn,  er  aufiert 
sich  im  spateren  Leben  als  eine  Gesamtempfindung  unseres  Inneren. 
Wir  fiihlen  uns  in  einer  gewissen  Weise  wohl  oder  nicht  wohL  Wir 
fiihlen  uns  behaglich  oder  unbehaglich,  geradeso  wie  wir  ein  Wahr- 
nehmungsvermogen durch  die  Augen  nach  aufien  haben,  so  haben  wir 
ein  Wahrnehmungsvermogen  nach  innen.  Nur  ist  dieses  Wahrneh- 
mungsvermogen gewissermafien  auf  den  ganzen  Organismus  gerichtet, 
ist  dadurch  dumpf  und  dunkel,  aber  es  ist  da.  Wir  werden  dariiber 
noch  einiges  zu  sprechen  haben.  Jetzt  will  ich  nur  Spateres  voraus- 
nehmend  sagen,  dafi  dieser  Lebenssinn  -  wenn  ich  die  Tautologie  ge- 
brauchen  darf  -  in  der  Vitalitat  des  Kindes  ganz  besonders  tatig  ist  bis 
zum  Zahnwechsel  hin. 

Und  ein  Zweites,  auf  das  wir  Riicksicht  nehmen  miissen,  wenn 
wir  so  ins  Innere  des  Menschen  hineinschauen,  das  ist  dasjenige,  was 
ich  den  Bewegungssinn  nennen  mochte.  Wir  miissen  uns  von  diesem 
Bewegungssinn  eine  klare  Vorstellung  bilden.  Wenn  wir  unsere  Glie- 
der  bewegen,  so  wissen  wir  davon  nicht  nur  dadurch,  dafi  wir  uns 


etwa  aufierlich  anschauen,  sondern  wir  haben  ein  innerliches  Wahrneh- 
men  von  der  Bewegung  der  Glieder.  Auch  wenn  wir  gehen,  so  haben 
wir  nicht  nur  ein  Bewufitsein  von  unserem  Gehen  dadurch,  dafi  wir 
an  den  Gegenstanden  voriibergehen  und  sich  uns  der  Anblick  der 
Auftenwelt  verandert,  sondern  wir  haben  eine  innerliche  Wahrneh- 
mung  von  der  Bewegung  der  Glieder,  von  Veranderungen  in  uns,  in- 
dem  wir  uns  bewegen.  Wir  achten  nur  gewohnlich  nicht  darauf,  weil 
wir  durch  die  Starke  der  Eindriicke  der  Aufienwelt  dasjenige,  was  da 
innerlich  parallel  geht  an  innerem  Erleben,  an  innerem  Wahrnehmen, 
nicht  beachten,  so  wie  ein  kleines  Licht  in  seiner  Starke  durch  ein  gro- 
fies  Licht  ausgeloscht  wird. 

Und  ein  Drittes,  nach  innen  Gehendes,  ist  der  Gleichgewichtssinn. 

1 .  Lebenssinn 

2.  Bewegungssinn 

3.  Gleichgewichtssinn 

Dieser  Gleichgewichtssinn,  er  ist  in  uns  dasjenige,  wodurch  wir  uns 
in  einer  gewissen  Weise  in  die  Welt  hineinstellen,  nicht  umfallen,  in 
einer  gewissen  Weise  wahrnehmen,  wie  wir  uns  in  Harmonie  bringen 
mit  den  Kraften  unserer  Umgebung.  Und  dieses  In-Harmonie-Bringen 
mit  den  Kraften  unserer  Umgebung  nehmen  wir  innerlich  wahr.  So 
dafi  wir  wirklich  sagen  konnen,  wir  tragen  in  uns  diese  drei  inneren 
Sinne:  Lebenssinn,  Bewegungssinn,  Gleichgewichtssinn.  Sie  sind  in 
ganz  besonderem  Mafie  in  dem  kindlichen  Alter  tatig  bis  zum  Zahn- 
wechsel  hin.  Es  verglimmt  ihre  Tatigkeit  gegen  den  Zahnwechsel  hin. 
Aber  beobachten  Sie  -  nur  um  ein  Beispiel  herauszugreifen  -  den 
Gleichgewichtssinn,  beobachten  Sie,  wie  das  Kind,  indem  es  sein  Leben 
beginnt,  noch  gar  nichts  hat,  was  ein  Ergreifen  der  Gleichgewichtslage, 
die  es  braucht  fur  das  Leben,  darbieten  wiirde.  Bedenken  Sie,  wie  das 
Kind  sich  allmahlich  erfangt,  wie  es  zuerst  auf  alien  vieren  kriechen 
lernt,  wie  es  erst  allmahlich  durch  den  Gleichgewichtssinn  dahin 
kommt,  zu  stehen,  zu  gehen,  wie  es  dahin  kommt,  sich  selber  im  Gleich- 
gewichte  zu  erfassen. 

Wenn  Sie  nun  diesen  ganzen  Umfang  desjenigen,  was  vorgeht  zwi- 
schen  der  Empfangnis  und  dem  Zahnwechsel,  erfassen,  so  sehen  Sie 


darinnen  ein  starkes  Arbeiten  dieser  drei  inneren  Sinne.  Und  wenn  Sie 
dann  durchschauen  dasjenige,  was  da  geschieht,  dann  merken  Sie,  dafi 
im  Gleichgewichtssinn  und  im  Bewegungssinn  sich  nichts  anderes  ab- 
spielt,  als  ein  lebendiges  Mathematisieren.  Und  damit  es  lebendig  ist, 
deswegen  ist  eben  der  Lebenssinn  dabei,  der  es  durchlebendigt.  So  sehen 
wir  innerlich  gewissermaften  latent  eine  ganze  Mathematik  an  dem 
Menschen  tatig  sein,  die  dann  nicht  etwa  ganz  abstirbt  mit  dem  Zahn- 
wechsel,  aber  die  wesentlich  weniger  deutlich  wird  fur  das  spatere 
Leben.  Das,  was  da  innerlich  im  Menschen  tatig  ist  durch  Gleichge- 
wichtssinn, durch  Bewegungssinn,  durch  Lebenssinn,  das  wird  f  rei.  Die 
latente  Mathematik  wird  eine  freie,  wie  die  latente  Warme  eine  freie 
Warme  werden  kann.  Und  wir  sehen  dann,  wie  dasjenige,  was  als 
Seelisches  zunachst  den  Organismus  durchwoben  hat,  durchseelt  hat, 
wie  das  als  Seelenleben  frei  wird,  wie  die  Mathematik  aufsteigt  als 
Abstraktion  aus  dem  Zustande,  in  dem  sie  zuerst  konkret  im  mensch- 
lichen  Organismus  gearbeitet  hat.  Und  wir  gehen  dann  von  dieser  Ma- 
thematik, weil  wir  ja  den  raumlichen  und  den  Zeitverhaltnissen  nach 
als  Mensch  ganz  eingespannt  sind  in  das  Gesamtdasein,  wir  gehen  dann, 
nachdem  wir  freigemacht  haben  diese  Mathematik,  mit  ihr  an  die 
Auftenwelt  heran  und  erfassen  die  Aufienwelt  mit  demjenigen,  was  bis 
zum  Zahnwechsel  in  uns  gearbeitet  hat.  Sie  sehen,  es  ist  nicht  ein  Ver- 
leugnen  der  Naturwissenschaft,  es  ist  nur  ein  Weiterfiihren  der  Natur- 
wissenschaft,  was  da  zustande  kommt,  wenn  man  recht  betrachtet  das- 
jenige, was  in  Geisteswissenschaft  als  Gesinnung  und  als  Wille  leben 
soil. 

Und  nun  tragen  wir  also  iiber  die  Grenze  der  sinnlichen  Wahrneh- 
mung  hinaus  dasjenige,  was  aus  uns  selber  kommt.  Werdend  betrachten 
wir  den  Menschen.  Wir  betrachten  nicht  einfach  Mathematik  auf  der 
einen  Seite,  sinnliche  Erfahrung  auf  der  andern  Seite,  sondern  wir  be- 
trachten das  Entstehen  der  Mathematik  in  dem  werdenden  Menschen. 
Und  jetzt  komme  ich  allerdings  zu  dem,  was  dann  im  eigentlichen 
Sinne  ins  Geisteswissenschaftliche  hineinfiihrt.  Sehen  Sie,  wir  miissen 
sagen,  es  wird  zuletzt  eine  Abstraktion,  was  wir  da  aus  dem  Inneren 
herausarbeiten,  dieses  Mathematisierende.  Allein  es  braucht  nicht  eine 
Abstraktion  fur  unser  Erleben  zu  bleiben.  In  unserer  Zeit  ist  aller- 


dings  wenig  Gelegenheit  dazu  vorhanden,  das  Erleben  des  Mathemati- 
schen  in  einem  rechten,  wahren  Lichte  zu  sehen.  Aber  an  einer  bedeut- 
samen  Stelle  unserer  abendlandischen  Zivilisation  tritt  doch  zutage 
etwas  von  diesem  Spiiren  eines  besonderen  Geistes  in  der  Mathematik. 
Das  ist  da,  wo  Novalis,  der  Dichter  Novalis,  der  ja  wahrend  seiner 
akademischen  Bildung  eine  gute  mathematische  Schulung  sich  ange- 
eignet  hatte,  wo  er  -  Sie  konnen  es  nachlesen  in  seinen  Fragmenten  - 
iiber  Mathematik  redet.  Er  nennt  die  Mathematik  ein  grofies  Gedicht, 
ein  wunderbares,  grofies  Gedicht. 

Man  muft  einmal  nachempfunden  haben,  was  einen  von  dem  ab- 
strakten  Erfassen  der  geometrischen  Formen  treiben  kann  zu  dem  be- 
wundernden  Empfinden  der  inneren  Harmonie,  die  in  diesem  Mathe- 
matisieren  liegt.  Man  mufi  die  Moglichkeit  gehabt  haben,  von  jener 
kalten,  nuchternen  Tatigkeit,  die  viele  sogar  an  der  Mathematik  has- 
sen,  sich  hindurchgerungen  zu  haben,  ich  mochte  sagen  in  Novalisscher 
Weise,  zu  dem  Bewundern  der  inneren  Harmonie  und  -  wenn  ich  den 
Ausdruck  gebrauchen  darf ,  den  Sie  ja  jetzt  hier  ofter  aus  einem  ganz 
andern  Gebiete  heraus  gehort  haben  -  des  Melos  der  Mathematik. 

Da  mischt  sich  in  das  mathematische  Erleben  etwas  Neues  hinein. 
Da  mischt  sich  in  das  mathematische  Erleben,  das  sonst  rein  intellek- 
tualistisch  ist,  bildlich  gesprochen  blofi  unseren  Kopf  interessiert,  da 
mischt  sich  etwas  hinein,  was  nun  den  ganzen  Menschen  in  Anspruch 
nimmt  und  was  im  Grunde  genommen  bei  solch  jugendlich  gebliebe- 
nen  Geistern  wie  Novalis  nichts  anderes  ist  als  ein  Fiihlen  der  Tatsache: 
Was  du  da  als  mathematische  Harmonien  erschaust,  womit  du  die 
Phanomene  des  Weltenalls  durchwebst,  das  ist  ja  im  Grunde  genom- 
men nichts  anderes,  als  was  dich  gewoben  hat  wahrend  der  ersten 
Zeit  deiner  kindlichen  Entwickelung  hier  auf  der  Erde.  -  Das  heilk 
konkret  fiihlen  den  Zusammenhang  des  Menschen  mit  dem  Kosmos. 
Und  wenn  man  sich  so  durcharbeitet  durch  ein  inneres  Erleben,  das 
manche  fur  ein  bloltes  Phantasiegebilde  halten,  weil  sie  es  eben  nicht 
in  Wirklichkeit  durchgemacht  haben,  wenn  man  sich  so  durchringt 
durch  ein  solches  Erleben,  dann  bekommt  man  einen  Begriff  von  dem, 
was  der  Geistesforscher  erlebt,  wenn  er  sich  durch  jene  innere  Entwik- 
kelung,  von  der  ich  auch  noch  Andeutungen  geben  werde,  die  Sie  im 


Ganzen  geschildert  finden  in  meinem  Buche  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten?»,  wenn  er  sich  durch  eine  solche  innere 
Empfindung  erhebt  zu  einer  weiteren  inneren  Erfassung  dieses  Mathe- 
matisierens.  Denn  dann  geht  die  Seelenfahigkeit,  die  sich  in  diesem 
Mathematisieren  aufiert,  in  eine  viel  umfassendere  iiber.  Dann  wird  sie 
etwas,  was  so  exakt  bleibt  wie  das  mathematische  Denken,  was  aber 
nun  nicht  mehr  aus  der  Intellektualitat  oder  aus  dem  intellektuellen 
Anschauen  allein  heraus  kommt,  sondern  was  aus  dem  ganzen  Men- 
schen  heraus  kommt.  Dann  lernt  man  auf  diesem  Wege,  aber  immer 
innerlich  arbeitend,  an  einer  harteren  inneren  Arbeit,  als  diejenige  ist, 
die  im  Laboratorium  oder  auf  der  Sternwarte  oder  in  einer  andern 
wissenschaftlichen  Statte  verrichtet  wird,  dann  lernt  man  dasjenige 
erkennen,  was  der  Mathematik,  diesem  einfachen  menschlichen  Seelen- 
gewebe  zugrunde  liegt,  was  aber  erweitert  werden  kann  und  etwas  viel 
Umfassenderes  werden  kann.  Man  lernt  an  der  Mathematik  erkennen, 
was  Inspiration  ist.  Man  lernt  erkennen,  worauf  der  Unterschied  be- 
ruht  zwischen  dem,  wie  Mathematik  in  uns  lebt,  und  wie  die  aufiere 
Empirie  in  uns  lebt.  Bei  der  aufieren  Empirie  haben  wir  die  Sinnesein- 
driicke,  die  uns  die  leeren  Begriffe  mit  Inhalt  erfullen.  Bei  der  Inspi- 
ration haben  wir  ein  inneres  Geistiges,  das  schon  die  Mathematik 
durchzieht,  wenn  wir  diese  Mathematik  nur  richtig  erfassen,  das  lebt, 
das  uns  wahrend  unserer  kindlichen  Jahre  als  Geistiges  organisierend 
durchlebt  und  durchwebt.  Es  bleibt  das  im  Menschen.  Aber  wir  er- 
fahren  es  dadurch,  daf5  wir  mathematisieren,  auf  einem  Teilgebiete. 
Wir  lernen  auffassen,  dafi  die  Art,  wie  wir  uns  der  Mathematik  be- 
machtigen,  auf  einer  Inspiration  beruht,  und  wir  konnen  dann  in  gei- 
stesforscherischer  Entwickelung  diese  Inspiration  selbst  erleben.  Wir 
bekommen  Inhalt  auf  eine  andere  Weise  als  durch  aufiere  Erf  ahrung  in 
unsere  Vorstellungen,  in  unsere  Begriffe  hinein.  Wir  konnen  uns  in- 
spirieren  mit  demjenigen  aus  der  geistigen  Welt,  das  in  uns  arbeitet 
wahrend  unserer  kindlichen  Jahre.  Das,  was  da  in  uns  arbeitet  wah- 
rend unserer  kindlichen  Jahre,  ist  Geist.  Aber  es  steckt  im  mensch- 
lichen Leibe,  und  es  mufi  durch  den  menschlichen  Leib  am  Menschen 
angeschaut  werden.  Es  kann  in  seiner  reinen,  freien  Gestalt  angeschaut 
werden,  wenn  man  sich  durch  das  inspirierende  Vermogen  nicht  nur 


erwirbt  zu  denken  in  mathematischen  Begriffen,  sondern  anzuschauen 
dasjenige,  was  da  lebt  als  ein  Reales,  indem  es  uns  durchorganisiert 
bis  zu  unserem  siebenten  Jahre.  Und  es  kann  -  wie  gesagt,  ich  werde 
von  den  geisteswissenschaftlichen  Methoden  noch  sprechen  -  das  an- 
geschaut  werden,  was  auf  einem  Teilgebiete  in  der  Mathematik  lebt, 
was  an  einem  viel  weiteren  Gebiete  uns  sich  offenbart  durch  Inspira- 
tion. Man  erwirbt  sich  dann  nicht  nur  neue  Ergebnisse  zu  den  alten 
Erkenntniskraften,  wenn  man  zu  dieser  Inspiration  aufriickt,  sondern 
man  erwirbt  sich  dabei  die  Moglichkeit,  neu  anzuschauen.  Man  er- 
wirbt sich  neue  inspirierende  Erkenntnisse.  Die  Menschheitsentwicke- 
lung  ist  so,  dafl  diese  inspirierenden  Erkenntniskrafte  im  Laufe  der 
Zeit  etwas  zuriickgetreten  sind,  nachdem  sie  innerhalb  der  mensch- 
lichen  Entwickelung  schon  in  einem  sehr  hohen  Mafie  einmal  vorhan- 
den  gewesen  sind.  Wenn  man  namlich  erkennen  gelernt  hat,  wie  ent- 
steht  im  inneren  Menschenwesen  dasjenige,  was  Inspiration  ist,  was 
uns  Abendlandern  in  einem  gewissen  Sinne,  nur  bis  zum  Intellektualis- 
mus  verdiinnt,  in  der  Mathematik  geblieben  ist,  was  aber  erweitert 
werden  kann,  wenn  man  dieses  vollstandig  innerlich  durchschaut,  dann 
erst  versteht  man,  was  gelebt  hat  in  jener  Weltanschauung,  deren  Reste 
uns  eigentlich  nur  aus  dem  Oriente  heruberkommen,  deren  Reste  fur 
den  Abendlander  so  schwer  verstandlich  sind,  was  gelebt  hat  in  der 
Vedantaphilosophie  und  in  den  andernPhilosophien  des  Orients.  Denn, 
was  war  denn  eigentlich  dasjenige,  das  in  diesen  Philosophien  des 
Orients  gelebt  hat?  Es  war  etwas,  was  durch  Seelenf  ahigkeiten  mathe- 
matischer  Art  zustande  gekommen  ist.  Es  war  eine  Inspiration.  Es  war 
nur  nicht  Mathematik,  sondern  es  war  etwas,  was  nach  dem  Muster 
des  Mathematisierens  innerlich  seelisch  errungen  worden  ist.  Deshalb 
mochte  ich  sagen:  Die  mathematische  Atmosphare,  die  ausfliefit  aus 
dem,  was  die  Gedanken  der  Vedantaphilosophie  und  ahnlicher  phi- 
losophischer  Weltanschauungs-Vorstellungen  des  alten  Orients  sind, 
die  man  aber  eben,  um  das  zu  erkennen,  erfassen  mui5  von  dem  Ge- 
sichtspunkte  aus,  den  man  sich  erwirbt,  wenn  man  selber  wiederum 
in  die  Inspiration  einmundet,  wenn  man  dasjenige,  was  unbewufit  im 
Mathematisieren  und  in  der  mathematisierenden  Naturwissenschaft 
getrieben  wird,  in  sich  lebendig  macht  und  es  auf  ein  weiteres  Gebiet 


bringen  kann,  diese  mathematischeAtmosphare  schwebte  Goethe  vor.  - 
Goethe  hat  bescheiden  gestanden,  dafi  er  im  gewohnlichen  Sinne  eine 
mathematische  Kultur  nicht  habe.  Goethe  hat  seine  Beziehung  zur  Ma- 
thematik  in  sehr  interessanten  Abhandlungen,  die  Sie  in  seinen  natur- 
wissenschaftlichen  Schriften  lesen  konnen  in  der  Aufsatzreihe  «Ver- 
haltnis  zur  Mathematik»,  behandelt.  Aufierordentlich  interessant!  Denn 
trotzdem  Goethe  bescheiden  gesteht,  dafi  er  ein  eigentliches  mathema- 
tisches,  geschicktes  Handhaben  der  mathematischen  Begriffe  und  An- 
schauungen  nicht  hat,  sich  nicht  erworben  habe,  so  verlangt  er  doch 
eines,  er  verlangt  einen  Phanomenalismus,  wie  er  ihn  geiibt  hat  in  sei- 
nen naturwissenschaftlichen  Betrachtungen.  Er  verlangt  zuriickzu- 
gehen  von  den  sekundaren  Erscheinungen,  die  uns  zunachst  in  der  Au- 
fienwelt  entgegentreten,  zu  dem  Urphanomen.  Aber  was  fur  ein  Zu- 
riickgehen  verlangt  er?  Er  verlangt  ein  solches  Zuruckgehen  zu  den 
Urphanomenen,  wie  es  der  Mathematiker  iibt,  wenn  er  von  den  kom- 
plizierteren  Gebilden  des  aufieren  Anschauens  zu  dem  Axiom  zuriick- 
geht.  Die  Urphanomene  sollen  die  empirischen  Axiome,  die  erfahr- 
baren  Axiome  sein. 

Und  so  verlangt  Goethe,  gerade  mit  echt  mathematischem  Geiste, 
ein  inneres  Hineintragen  der  Mathematik  in  die  Phanomene.  Und  er 
spricht  das  aus,  indem  er  sagt:  Wir  suchen  die  Urphanomene,  indem 
wir  uns  bewulk  sind,  dafi  wir  sie  so  suchen  miissen,  dafi  wir  im  streng- 
sten  Sinne  dem  Mathematiker  nach  seiner  Gesinnung  dafiir  Rechen- 
schaft  ablegen  konnen.  -  Was  Goethe  also  sucht,  das  ist  ein  modifizier- 
tes,  ein  metamorphosiertes  Mathematisieren,  ein  Hineintragen  des  Ma- 
thematisierens  in  die  Phanomene.  Dies  verlangt  er  als  eine  naturwissen- 
schaftliche  Tatigkeit. 

Damit  hat  Goethe  einiges  Licht  gebracht  in  den  einen  Pol,  der  sich 
sonst  so  finster  ausnimmt,  wenn  wir  den  blofien  Materiebegriff  statuie- 
ren.  Wir  werden  sehen,  wie  Goethe  an  diesen  einen  Pol  gekommen  ist, 
wie  wir  Moderne  aber  versuchen  miissen,  an  den  andern  Pol,  an  den 
Bewufitseinspol  zu  kommen.  Wir  werden  auf  der  andern  Seite  nun 
ebenso  suchen  miissen,  wie  Seelenfahigkeiten  sich  tatig  erweisen  in  der 
menschlichen  Wesenheit,  wie  sie  aus  der  Natur  des  Menschen  heraus- 
wachsen  und  sich  auBerlich  betatigen.  Wir  werden  das  suchen  miissen. 


Wir  werden  dann  sehen,  dafi  gegenubergestellt  werden  miifite  dem,  was 
Goethesche  Phanomenologie  ist  als  Erfassung  der  Auftenwelt,  ein  eben- 
solches  Erfassen  der  menschlichen  Bewufltseinswelt,  ein  Erfassen,  das 
nun  im  strengsten  Sinne  eine  solche  Rechenschaft  ablegen  will  wie 
Goethe  der  Mathematik  gegenuber,  ein  Erfassen,  wie  ich  es  in  beschei- 
dener  Weise  versucht  habe  in  meiner  «Philosophie  der  Freiheit>. 

So  stehen  am  Materienpole  diejenigen  Ergebnisse,  die  aus  dem  Goe- 
theanismus  stammen,  am  Bewufitseinspole  diejenigen  Ergebnisse,  die 
gefunden  werden  konnen  auf  dem  methodischen  Wege,  auf  dem  ich 
versuchte,  in  bescheidener  Weise  meine  «Philosophie  der  Freiheit»  auf- 
zubauen. 

Davon  wollen  wir  dann  morgen  weiter  sprechen. 


VIERTER  VORTRAG 


Dornach,  30.  September  1920 


Unsere  Betrachtungen  sind  gestern  darauf  hinausgelaufen,  daft  ein  ge- 
wisses  Verstehen  stattfinden  miisse  nach  der  einen  Grenze  des  Natur- 
erkennens  hin,  daft  wir  stehenzubleiben  haben  innerhalb  der  Phano- 
mene  und  diese  Phanomene  zu  durchsetzen  haben,  gewissermaften  zu 
lesen  haben  mit  demjenigen,  was  sich  in  unserem  Bewufitsein  an  diesen 
Phanomenen  entziindet,  mit  unseren  Begriffen,  Ideen  und  so  weiter. 
Es  hat  sich  uns  als  das  reinste,  in  sich  durchsichtigste  Gebiet  dieser 
Ideen  das  mathematische  und  das  der  analytischen  Mechanik  ergeben, 
und  wir  mufiten  zuletzt  unsere  Betrachtungen  darinnen  gipfeln  lassen, 
daft  eine  wirkliche  Selbstbesinnung  zeigte,  wie  alles  dasjenige,  was  in 
unserer  Seele  prasent  wird  als  mathematischer  Inhalt,  als  Inhalt  der 
analytischen  Mechanik,  im  wesentlichen  auf  Inspiration  beruht,  und 
wir  konnten  dann  hindeuten,  wie  die  Ausbreitung  dieses  Inspirations- 
impulses  zu  merken  ist  in  der  alten  orientalischen  Vedantaphilosophie, 
wie  aus  demselben  Geist  heraus,  aus  dem  eigentlich  bei  uns  nur  mehr 
die  Mathematik  und  die  analytische  Mechanik  entspringen,  die  so 
feingeistige  Anschauung  der  Vedantaphilosophie  gewonnen  ist.  Und 
wir  konnten  dann  darauf  hinweisen,  wie  Goethe  bei  der  Begriindung 
seiner  Art  des  Phanomenalismus  innerhalb  der  Phanomene  nach  Ur- 
phanomenen  strebt,  und  daft  sein  Gang  von  den  komplizierten  Pha- 
nomenen zu  den  Urphanomenen  seelisch  derselbe  Gang  ist  wie  der 
in  der  Mathematik  von  den  komplizierteren  Anschauungen  zu  den 
Axiomen  hin.  So  daft  Goethe,  der  von  sich  selbst  sagte,  er  habe  aufierlich 
keine  mathematische  Kultur,  das  Wesen  des  Mathematischen  doch 
so  klar  empfand,  daft  er  fur  seine  Phanomenologie  verlangte,  gegen- 
iiber  der  Statuierung  der  Urphanomene  so  vorzugehen,  daft  man  dem 
strengsten  Mathematiker  Rechenschaft  ablegen  konne.  Das  ist  ja  auch 
das  Anziehende  fur  einen  abendlandischen  Geist  an  der  Vedanta- 
philosophie, daft  sie  in  ihrem  innerlichen  Gefuge,  in  ihrem  Ubergehen 
von  Anschauung  zu  Anschauung  sich  so  offenbart,  wie  die  strenge 
innere  Notwendigkeit  auch  sich  offenbart  in  dem  Mathematischen 


und  in  dem  Analytisch-Mechanischen.  Dafl  diese  Dinge  nicht  so  recht 
innerhalb  unseres  offiziellen  Studiums  der  Vedantaphilosophie  zum 
Vorschein  kommen,  das  riihrt  einfach  davon  her,  dafi  es  in  unserer  Zeit 
nicht  genug  universell  gebildete  Menschen  gibt.  Diejenigen,  die  zu- 
meist  dasjenige  treiben,  was  sie  dann  in  die  orientalische  Philosophic 
hineinfuhrt,  die  haben  zu  wenig  Anschauung  -  wie  gesagt,  Goethe 
hatte  sie  -  von  dem  eigentlichen  Gefiige  des  Mathematischen.  Sie  kon- 
nen  daher  gar  nicht  begreifen,  welches  der  eigentliche  Lebensnerv  die- 
ser  orientalischen  Philosophic  ist.  Und  so  konnten  wir  nach  der  einen, 
nach  der  Materieseite  hinweisen,  wie  zunachst  das  Verhalten  des  See- 
lischen  sein  mufi,  wenn  wir  nicht  jenes  Penelope-Gewebe  erhalten  wol- 
len,  das  in  den  letzten  Jahrhunderten  als  naturwissenschaftliche  An- 
schauung gesponnen  wordcn  ist,  sondern  wenn  wir  etwas  erhalten 
wollen,  das  feststeht  in  sich  selber,  das  gewissermafien  seinen  Schwer- 
punkt  in  sich  selber  hat. 

Auf  der  andern  Seite  steht,  wie  ich  schon  gestern  andeutete,  das 
Bewufttseinsproblem.  Wenn  wir  durch  ein  einfaches  Hineinbriiten  in 
unser  seelisches  Inneres,  wie  es  die  nebulosierenden  Mystiker  tun,  die- 
ses Bewufltsein  in  seinem  Inhalt  erforschen  wollen,  dann  kommen  wir 
im  Grunde  genommen  auf  nichts  anderes  als  auf  die  Reminiszenzen 
innerhalb  dieses  Bewulkseins,  die  sich  angehauft  haben  im  Verlaufe 
unseres  Lebens  seit  der  Geburt,  seit  unserer  Kindheit.  Das  kann  empi- 
risch  leicht  gezeigt  werden.  Man  braucht  nur  daran  zu  denken,  wie 
ein  in  aufierer  Naturwissenschaft  gut  gebildeter  Mann  beschreibt,  ge- 
rade  um  das  Reminiszenzenhafte  dieses  sogenannten  Innenlebens  an- 
zudeuten,  wie  er  beschreibt,  daft  er  einmal  vor  einem  Bucherladen 
stand.  Er  sah  in  diesem  Bucherladen  ein  Buch.  Es  fiel  ihm  auf  durch 
seinen  Titel.  Es  handelte  iiber  niedere  Tiere.  Und  siehe  da,  er  mufite, 
indem  er  dieses  Buch  anschaute,  lacheln.  Nun  denke  man  sich,  wie  er 
selbst  erstaunt  sein  kann,  ein  ernster  Professor  der  Naturwissenschaft, 
der  einen  ernsten  Biichertitel  sieht  im  Bucherladen,  iiber  niedere  Tiere 
noch  dazu,  und  der  lacheln  mufi!  Da  kam  cr  auf  den  Gedanken,  woher 
dieses  Lacheln  denn  eigentlich  kommen  moge.  Er  konnte  auf  nichts 
kommen  zunachst.  Da  fiel  ihm  ein:  Ich  mache  die  Augen  zu.  -  Und 
siehe  da,  als  er  die  Augen  zumachte  und  es  finster  war  um  ihn  herum, 


da  horte  er  ganz  in  der  Feme  em  musikalisches  Motiv,  und  dieses  mu- 
sikalische  Motiv,  das  erinnerte  ihn  jetzt  erst  in  diesem  Augenblicke 
an  jene  Tanzmusik,  die  er  -  er  war  damals,  als  er  die  Beobachtung 
machte,  schon  ein  alter  Knabe  -  einmal  horte,  als  er  sein  erstes  Tanz- 
chen  auffiihrte.  Und  er  kam  dann  darauf,  wie  ja  selbstverstandlich 
jetzt  in  seinem  Unterbewufksein  nicht  nur  lebt  dieses  musikalische 
Motiv,  sondern  wohl  auch  ein  wenig  die  Partnerin,  mit  der  er  dazu- 
mal  herumgehopst  ist,  und  wie  das,  was  er  fur  sein  gewohnliches  Be- 
wufttsein  langst  vergessen  hatte,  was  er  iiberhaupt  niemals  so  stark 
aufgenommen  hatte,  dafi  es  fiir  das  ganze  Leben  hatte  nach  seiner  An- 
sicht  bestimmt  sein  konnen,  wie  das  Ganze  als  Vorstellungskomplex 
da  heraufkam.  Und  in  dem  Augenblicke,  wo  er  ein  ernstes  Buch  an- 
schaute,  kam  ihm  auch  nicht  zum  Bewufitsein,  dafl  ganz  in  der  Feme 
ein  Leierkasten  eben  tonte.  Selbst  die  Tone  dieses  Leierkastens  blieben 
ihm  in  diesem  Momente  noch  im  Unterbewufttsein.  Erst  als  er  die 
Augen  zumachte,  kamen  sie  herauf . 

Nun,  so  kommt  manches  herauf,  was  in  unserem  Bewufksein  blofi 
als  Lebensreminiszenz  vorhanden  ist.  Und  dann  kommen  manchmal 
die  nebulosierenden  Mystiker  und  erzahlen  uns,  wie  sie  in  ihrem  Inne- 
ren  einen  tiefen  Zusammenhang  mit  dem  gottlichen  Urprinzip  der 
Dinge  erkennen,  wie  aus  ihrem  Inneren  herauf  ein  hoheres  Erlebnis, 
eine  Wiedergeburt  der  menschlichen  Seele  ertont.  Und  da  werden 
mystische  Gewebe  gesponnen,  und  es  ist  nichts  anderes  als  die  ver- 
gessene  Melodie  des  Leierkastens.  Sie  konnen  eine  grofie  Prozentzahl 
der  mystischen  Literatur  auf  dieses  Konto  der  vergessenen  Melodie  des 
Leierkastens  setzen. 

Das  ist  gerade  dasjenige,  was  wir  brauchen  in  einer  wirklichen  Gei- 
steswissenschaft,  dafi  wir  Besonnenheit  und  Prazision  genug  dazu  ha- 
ben,  nicht  alles  Mogliche,  was  nur  als  Reminiszenz  aus  dem  Unterbe- 
wufitsein  heraufkommt,  als  Mystik  auszuposaunen,  als  irgend  etwas, 
welches  irgendeine  objektive  Geltung  beanspruchen  konne.  Gerade 
der  Geisteswissenschafter  braucht,  wenn  er  nach  dieser  Richtung  zu 
wirklich  fruchtbringenden  Resultaten  kommen  will,  im  hochsten  Mafie 
innerlich  Klarheit,  gerade  dann  braucht  er  innerlich  Klarheit,  wenn  es 
sich  darum  handelt,  hinunterzusteigen  in  die  Tiefen  des  BewufStseins, 


urn  da  herauszuholen  Anschauungen  dariiber,  was  eigentlich  dieses  Be- 
wufitsein  ist.  Es  mufi  schon  hinuntergestiegen  werden  in  die  Tiefen  die- 
ses Bewulkseins,  indem  man  zugleich  kein  Dilettant  ist  auf  diesem  Ge- 
biete,  sondern  voile  Sachkenntnis  hat  iiber  alles  dasjenige,  was  Psycho- 
pathologie,  was  Psychologie,  was  Physiologie  bis  heute  hervorgebracht 
haben,  damit  man  unterscheiden  konne  dasjenige,  was  unberechtigt 
zum  Anspruch  auf  geisteswissenschaftliche  Statuierung  ist,  von  dem- 
jenigen,  was  aus  derselben  Disziplin  hervorgeht,  wie  zum  Beispiel  die 
Mathematik  oder  die  analytische  Mechanik. 

Zu  diesem  Zwecke  versuchte  ich  bereits  im  vorigen  Jahrhundert  den 
andern  Pol  in  bescheidener  Weise  zu  charakterisieren,  den  Pol  des  Be- 
wufitseins  gegeniiber  dem  Materiepol.  Der  Materiepol  erforderte  eine 
Ausgestaltung  der  Goetheschen  Naturanschauung.  Der  Bewufkseins- 
pol  war  nicht  so  leicht  einfach  aus  dem  Goetheanismus  heraus  zu  er- 
reichen,  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  Goethe  kein  Trivialling  war, 
auch  kein  Gefiihlstrivialling  dann,  wenn  es  sich  darum  handelte,  zur 
Erkenntnis  vorzudringen,  sondern  weil  er  mitbrachte  all  diejenige 
Ehrfurcht,  welche  notwendig  ist,  wenn  man  sich  den  wirklichen  Quel- 
len  des  Erkennens  nahern  will.  Und  so  hat  denn  Goethe,  der  mehr  auf 
die  aufiere  Natur  hin  organisiert  war,  gerade  vor  dem  ein  gewisses  Zu- 
riickschrecken  gefiihlt,  was  hinunterleiten  soli  in  die  Tiefen  des  Be- 
wufttseins  selber,  vor  einem  bis  zu  seiner  hochsten,  reinsten  Ausgestal- 
tung getriebenen  Denken.  Goethe  schrieb  es  seinem  guten  Schicksal 
zu,  daft  er  niemals  iiber  das  Denken  gedacht  habe.  Diesen  Ausspruch 
mufi  man  verstehen,  denn  man  kann  eigentlich  in  Wirklichkeit  nicht 
iiber  das  Denken  denken.  Man  kann  das  Denken  ebensowenig  im 
Grunde  denken,  wie  man  das  Eisen  eisern  und  das  Holz  holzern  kann. 
Aber  man  kann  ein  anderes.  Man  kann  versuchen,  so  die  Wege  zu 
gehen,  die  gewiesen  werden  im  Denken,  die  gewiesen  werden,  indem 
das  Denken  immer  rationeller  und  rationeller  wird,  und  so  sie  weiter- 
zugehen,  wie  man  sie  beginnt  durch  die  Disziplin  des  mathematischen 
Denkens.  Wenn  man  dies  tut,  dann  kommt  man  einfach  durch  eine 
naturgemafle  innere  Wegleitung  in  jene  Region  hinein,  die  ich  ver- 
suchte in  meiner  «Philosophie  der  Freiheit»  zu  betrachten.  Da  kommt 
man  nicht  zu  einem  Denken  iiber  das  Denken.  Man  kann  hochstens 


bildlich  sprechen  dann  von  einem  Denken  iiber  das  Denken.  Aber  man 
kommt  zu  etwas  anderem,  man  kommt  zu  einem  Anschauen  des  Den- 
kens.  Um  aber  zu  diesem  Anschauen  des  Denkens  zu  kommen,  ist  es 
notig,  dafi  man  wirklich  vorher  sich  eine  intensive  Vorstellung  davon 
erworben  habe,  was  reines,  sinnlichkeitsfreies  Denken  ist.  Man  mufi 
die  innere  Arbeit  des  Denkens  so  weit  getrieben  haben,  daft  man  dann 
ankommt  bei  einem  Bewulkseinszustande,  wo  man  einfach  durch  das 
Ergreifen  der  sinnlichkeitsfreien  Gedanken,  durch  das  Anschauen  der 
sinnlichkeitsfreien  Gedanken  weift,  man  habe  es  jetzt  mit  sinnlich- 
keitsfreien Gedanken  zu  tun. 

Das  ist  der  Weg,  den  ich  versucht  habe  -  wie  gesagt,  in  bescheidener 
Weise  -  in  meiner  «Philosophie  der  Freiheit».  Ich  mochte  sagen,  es 
wurde  da  versucht,  das  Denken  so  hinzulegen  vor  das  Bewufttsein, 
nachdem  es  erst  sinnlichkeitsfrei  gemacht  worden  war,  wie  vor  dem 
Bewufttsein  liegt  das  Mathematisieren  oder  die  Seelenfahigkeiten  und 
Krafte  der  analytischen  Mechanik,  wenn  man  sich  mit  voller  Diszi- 
plin  diesen  Wissenschaften  hingibt. 

Ich  darf  vielleicht  hier  wieder  eine  personliche  Bemerkung  ein- 
fiigen.  Indem  ich  statuierte  dieses  sinnlichkeitsfreie  Denken,  indem  ich 
es  einfach  als  eine  Tatsache,  aber  als  eine  insofern  streng  erweisbare 
Tatsache  hinstellte,  daft  es  erzwungen  werden  kann  ebenso  wie  das 
mathematische  Gebilde  im  inneren  Erleben,  kam  ich  in  Widerspruch 
mit  alien  moglichen  Philosophen  der  achtziger  Jahre,  der  neunziger 
Jahre.  Mir  wurde  immer  wieder  und  wiederum  erwidert:  Ja,  mit  die- 
sem Denken  stehe  man  nicht  in  irgendeiner  Wirklichkeit.  -  Ich  aber 
muftte  schon  in  meinen  «Grundlinien  einer  Erkenntnistheorie  der  Goe- 
theschen  Weltanschauung*  in  der  ersten  Halfte  der  achtziger  Jahre 
hinweisen  auf  das  Ergreifen  dieses  reinen  Denkens,  in  dessen  Gegen- 
wart  man  einfach  weift:  Du  lebst  jetzt  in  einem  Elemente,  das  keine 
sinnlichen  Eindriicke  mehr  enthalt  und  dennoch  in  der  inneren  Akti- 
vitat  sich  offenbart,  daft  es  eine  Reaiitat  ist.  -  Ich  mufite  etwa  sagen 
von  diesem  Denken:  In  ihm  haben  wir  die  wahre  geistige  Kommunion 
des  Menschen,  die  Vereinigung  mit  der  wahren  Wirklichkeit.  Wir  fiih- 
len  gewissermafien  an  einem  Zipfel  des  Weltendaseins,  wie  wir  als 
Seele  mit  diesem  Weltendasein  zusammenhangen.  -  Ich  mufite  gewis- 


sermaften  energisch  protestieren  gegen  dasjenige,  was  dazumal  in  der 
Philosophic  heraufkam,  dem  Eduard  von  Hartmann  huldigte,  indem 
er  als  Motto  auf  seine  «Philosophie  des  Unbewuftten»  1869  schrieb: 
«Spekulative  Resultate  nach  induktiv  naturwissenschaftlicher  Metho- 
de.»  Das  war  eine  philosophische  Reverenz  gegeniiber  der  Naturwis- 
senschaft.  Ich  schrieb,  urn  zu  protestieren  gegen  das  Aufsuchen  einer 
wesenlosen  Metaphysik,  die  nur  dadurch  entsteht,  daft  wir  im  charak- 
terisierten  Sinne  aus  innerer  Tragheit  iiber  den  Sinnenschleier  hinaus 
das  Denken  fortrollen  lassen,  als  Motto  iiber  meine  «Philosophie  der 
Freiheit»:  «Seelische  Beobachtungsresultate  nach  naturwissenschaft- 
licher Methode.»  Ich  wies  darauf  hin,  daft  alles  dasjenige,  was  Inhalt 
einer  Philosophic  ist,  nicht  ersonnen  ist,  sondern  daft  es  im  strengsten 
Sinne  so  Beobachtungsresultat  nach  innen  hin  ist,  wie  Farbe  und  Ton 
Beobachtungsergebnisse  nach  auften  hin  sind.  Und  indem  man  in  die- 
sem,  allerdings  die  menschliche  Wesenheit  wie  erkaltenden  Elemente 
des  reinen  Denkens  lebt,  macht  man  eine  Entdeckung.  Man  macht  die 
Entdeckung,  daft  die  Menschen  zwar  instinktiv  von  Freiheit  reden 
konnen,  daft  im  Menschenwesen  Impulse  sind,  die  durchaus  nach  Frei- 
heit hintendieren,  die  aber  so  lange  unbewulk,  instinktiv  bleiben,  bis 
man  die  Freiheit  wieder  entdeckt,  indem  man  weift,  aus  dem  sinnlich- 
keitsfreien  Denken  heraus  konnen  Impulse  erflieften  fur  unser  sitt- 
liches  Handeln,  die,  weil  wir  ein  Denken  ergriffen  haben,  das  selbst 
keine  Sinnlichkeit  mehr  enthalt,  dann  selber  nicht  aus  der  Sinnlichkeit 
heraus  determiniert  sind,  sondern  aus  der  reinen  Geistigkeit  heraus 
determiniert  sind.  Und  man  erlebt  die  reine  Geistigkeit,  indem  man 
beobachtet,  rein  beobachtet,  wie  einflieftt  die  Kraft  des  Sittlichen  in 
das  sinnlichkeitsfreie  Denken.  Und  das  beste  Resultat,  das  man  aus  so 
etwas  erzielt,  das  ist  das,  daft  man  erstens  jedem  mystischen  Aber- 
glauben  Valet  sagen  kann,  denn  der  hat  etwas  zum  Ergebnis,  was  in 
irgendeiner  Weise  verhullt  ist  und  nur  auf  irgendeine  dunkle  Empfin- 
dung  hin  angenommen  wird.  Man  kann  ihm  Valet  sagen  aus  dem 
Grunde,  weil  man  jetzt  etwas  in  seinem  Bewufitsein  erlebt,  was  inner- 
lich  durchsichtig  ist,  was  nicht  mehr  von  auften  impulsiert  wird,  son- 
dern was  von  innen  her  sich  mit  Geistigkeit  erfiillt.  Man  hat  ergriffen 
in  einem  Punkt  das  Weltendasein,  indem  man  sich  selbst  nur  zum 


Schauplatz  des  Erkennens  gemacht  hat,  man  hat  ergriffen,  wie  das 
Weltendasein  verlauft  in  seiner  wahren  Gestalt  und  sich  -  wenn  wir 
uns  fiigen  diesem  inneren  Beobachten  -  uns  dann  ergibt.  Ich  mochte 
sagen:  In  einem  Punkt  nur  ergreifen  wir  dasjenige,  was  das  Wesen  des 
Weltendaseins  eigentlich  ist,  und  wir  ergreifen  es  als  eine  Realitat,  nicht 
als  ein  abstraktes  Denken,  indem  herein  impulsieren  in  die  Gewebe  des 
sinnlichkeitsfreien  Denkens  die  moralischen  Antriebe,  die  dadurch  als 
freie  erscheinen,  daft  sie  jetzt  leben  nicht  mehr  als  Instinkte,  sondern 
in  dem  Gewande  des  sinnlichkeitsfreien  Denkens.  Wir  erleben  die 
Freiheit,  allerdings  eine  Freiheit,  von  der  wir  dann  zugleich  wissen, 
daft  der  Mensch  sich  ihr  nur  nahern  kann  so,  wie  sich  die  Hyperbel  ihrer 
Asymptote  nahert,  aber  wir  wissen,  daft  diese  Freiheit  lebt  im  Men- 
schen,  insofern  das  Geistige  lebt.  Wir  ergreifen  zuerst  aus  dem  Ele- 
ments der  Freiheit  heraus  das  Geistige. 

Und  damit  kommen  wir  auf  etwas,  was  im  Innersten  des  Menschen 
zusammenwebt  den  Impuls  unseres  sittlich-sozialen  Handelns,  die  Frei- 
heit, mit  dem  Erkennen,  mit  demjenigen,  was  wir  wissenschaftlich  zu- 
letzt  doch  erringen.  Wir  erleben,  indem  wir  die  Freiheit  im  sinnlich- 
keitsfreien Denken  erfassen,  indem  wir  verstehen,  wie  dieses  Erfassen 
nur  in  der  wirklichen  Geistigkeit  sich  vollzieht,  wie  wir  in  der  Geistig- 
keit  drinnen  leben,  indem  wir  solches  vollziehen;  wir  erleben  ein  Er- 
kennen, das  sich  zu  gleicher  Zeit  als  ein  inneres  Tun  erweist,  das  als 
ein  Inneres  Aufienwelttun  werden  kann,  das  also  unbedingt  iiberstro- 
men  kann  in  das  soziale  Leben.  Ich  habe  dazumal  versucht,  mit  aller 
Scharfe  hinzuweisen  auf  zwei  Dinge.  Allein  es  ist  damals  noch  wenig 
verstanden  worden.  Ich  habe  vor  alien  Dingen  hinzuweisen  versucht 
darauf,  wie  das  Wesentliche  bei  einem  Verfolgen  eines  solchen  Er- 
kenntnisweges  die  innere  Erziehung  ist,  die  wir  uns  dadurch  ange- 
deihen  lassen.  Ja,  es  ist  schon  etwas,  wenn  man  diesen  Weg  zum  sinn- 
lichkeitsfreien Denken  geht.  Man  mufi  vieles  innerlich  durchmachen. 
Man  mufi  Oberwindungen  absolvieren,  von  denen  man  im  aufteren 
Leben  zumeist  keine  Ahnung  hat.  Und  indem  man  diese  Oberwindun- 
gen absolviert,  indem  man  zuletzt  in  einem  seelischen  Erlebnisse  ist, 
das  sich  kaum  festhalten  laftt,  weil  es  sich  so  leicht  wiederum  den  ge- 
wohnlichen  Kraften  des  Menschenwesens  entzieht,  indem  man  in  die- 


ses  Wesen  untertaucht,  taucht  man  nicht  in  unklar  nebuloser,  mysti- 
scher  Weise  unter,  sondern  man  taucht  in  eine  helle  Klarheit  unter,  aber 
man  taucht  in  Geistigkeit  unter.  Man  macht  Bekanntschaft  mit  der 
Geistigkeit.  Man  weifi,  was  Geist  ist,  und  man  weifi  es,  indem  man  den 
Geist  gefunden  hat  auf  dem  Wege,  den  die  andere  Menschheit  auch 
geht,  den  sie  nur  nicht  zu  Ende  geht,  der  aber  fur  die  Bediirfnisse 
unseres  gegenwartigen  Erkenntnis-  und  sozialen  Strebens  gegangen 
werden  mufi  von  all  denjenigen  Menschen,  die  in  der  Erkenntnis,  die 
im  sozialen  Leben  irgendwie  tatig  sein  wollen.  Das  ist  das  eine,  was 
ich  durchblicken  liefi  durch  meine  «Philosophie  der  Freiheit». 

Das  andere,  was  ich  da  durchblicken  liefi,  ist  das,  dafi,  wenn  wir 
nun  die  Freiheit  als  den  Trager  des  eigentlich  Sittlichen  im  sinnlich- 
keitsfreien  Denken  entdeckt  haben,  wir  dann  nicht  irgendwie  aus  Na- 
turerscheinungen,  gewissermafien  analogisierend,  sittliche  Moralbe- 
griffe,  sittliche  Gebote  ableiten  konnen,  daft  wir  aufgeben  miissen  alles 
dasjenige,  was  uns  auf  naturwissenschaftliche  Art  zu  einem  sittlichen 
Inhalte  fiihrt,  dafi  dieser  sittliche  Inhalt  frei  entstehen  musse,  im  iiber- 
sinnlichen  Erleben  entstehen  musse.  Und  ich  wagte  dazumal  einen 
Terminus,  der  wenig  verstanden  worden  ist,  der  aber  unbedingt  sta- 
tuiert  werden  mufi,  wenn  man  in  diese  Region  hineinkommt  und  wenn 
man  Freiheit  iiberhaupt  verstehen  will.  Ich  gebrauchte  den  Ausdruck: 
Die  sittliche  Welt  geht  uns  auf  in  unserer  moralischen  Phantasie.  - 
Und  ich  gebrauchte  mit  vollem  Bewufttsein  diesen  Ausdruck  «mora- 
lische  Phantasie»,  ich  gebrauchte  ihn  aus  dem  Grunde,  um  darauf  hin- 
zudeuten,  dafi  -  so  wie  bei  dem  Gebilde  der  Phantasie  -  die  geistige 
Arbeit,  die  dazugehort,  sich  abgesehen  vom  Aufieren  im  Inneren  des 
Menschen  vollzieht;  und  auf  der  andern  Seite,  um  darauf  hinzudeuten, 
dafi  sich  zunachst  dasjenige,  was  uns  die  Welt  sittlich-religids  wertvoll 
macht,  namlich  die  Sittengebote,  nur  ergreifen  lassen  auf  diesem  Ge- 
biete,  das  sich  frei  halt  von  den  aufieren  Eindrucken,  das  auf  innerer 
Menschenarbeit  selber  beruht.  Ich  wies  aber  zu  gleicher  Zeit  schon  in 
meiner  «Philosophie  der  Freiheit»  deutlich  darauf  hin,  dafi,  wenn  wir 
innerhalb  des  Menschlichen  stehenbleiben,  sich  uns  zwar  enthullt  der 
sittliche  Inhalt  als  Inhalt  der  moralischen  Phantasie,  dafi  aber  dann, 
wenn  wir  auf  diesen  Inhalt,  der  sich  uns  enthullt  als  dasjenige,  was 


wir  aus  einer  geistigen  Welt  heriibertragen,  naher  eingehen,  wir  uns  der 
aufieren  Sinneswelt  einfiigen. 

Sie  werden,  wenn  Sie  die  Philosophic  wirklich  studieren,  das  Tor 
genau  merken,  durch  das  durch  diese  Philosophic  der  Weg  in  die  Gei- 
stigkeit  hinein  geboten  wird,  nur  dafi  ich  in  dieser  Philosophic  so  vor- 
ging,  daft  ich  jedem  analytischen  Mechaniker  iiber  den  Gang  meiner 
Untersuchungen  hatte  Rechenschaf t  geben  konnen,  und  dafl  ich  gar  kei- 
nen  Wert  darauf  legte  auf  dasjenige,  was  etwa  an  Zustimmung  zu  einem 
Wege  in  die  Geistigkeit  hinein  kommen  konnte  durch  all  das  Geschwa- 
fel,  das  von  irgendwelcher  spiritistischen  oder  mystisch-nebulosen 
Seite  her  kommt.  Von  diesen  Seiten  her  kann  man  leicht  Zustimmung 
erlangen,  wenn  man  von  allerlei  Geistigem  redet,  aber  gerade  jenen 
Weg  vermeidet,  den  ich  dazumal  zu  gehen  versuchte.  Ich  suchte  Ge- 
wifiheit  und  Sicherheit  fiir  das  Geistige,  und  mir  war  hochst  gleich- 
giiltig  die  Zustimmung  all  der  Schwafler,  die  aus  irgendwelchen  ne- 
bulos-mystischen  Untergriinden  heraus  fiir  dieses  Geistige  eintreten. 
Aber  ein  anderes  war  damit  zugleich  gewonnen. 

Gerade  wenn  man  einging  auf  diese  zwei  Richtungen,  die  ich  da 
in  der  «Philosophie  der  Freiheit»  wies  als  wahre  Bewufitseinsbeob- 
achtungen,  gerade  dann  zeigte  sich,  wenn  man  noch  weiter  geht,  wenn 
man  den  nachsten  Schritt  macht  -  was  dann?  Wenn  man  angelangt  ist 
bei  jenen  inneren  Erlebnissen,  die  in  der  Sphare  des  reinen  Denkens 
stehen,  bei  jenen  inneren  Erlebnissen,  die  sich  als  das  Erlebnis  der  Frei- 
heit  zuletzt  enthiillen,  dann  gelangt  man  zu  einer  Metamorphose  des  Er- 
kennens  in  bezug  auf  die  innere  Bewufitseinswelt.  Dann  bleiben  die  Be- 
griffe  und  Ideen  nicht  Begriffe  und  Ideen,  dann  bleibt  nach  dieser  Seite 
hin  der  Hegelianismus  nicht  Hegelianismus,  dann  bleibt  die  Abstrakt- 
heit  nicht  Abstraktheit,  dann  geht  es  nach  dieser  Richtung  hin  zunachst 
in  das  reale  Gebiet  der  Geistigkeit  hinein.  Dann  ist  das  Nachste,  wo 
hinein  man  gelangt,  nicht  mehr  der  blofie  «Begriff»,  die  blofie  «Idee», 
nicht  mehr  etwas,  wie  es  den  ganzen  Inhalt  der  Hegelschen  Philosophic 
ausmacht,  nein,  dann  verwandelt  sich  Begriff  und  Idee  in  Bild,  in  Ima- 
gination. Man  entdeckt  sogleich  die  hohere  Stufe,  die  sich  zunachst  nur 
projiziert  hat  in  der  moralischen  Phantasie,  man  entdeckt  die  Erkennt- 
nisstufe  der  Imagination.  Wie  man  mit  der  Philosophic  noch  in  einer 


selbstgemachten  Wirklichkeit  drinnensteckt,  so  steckt  man  dann,  wenn 
man  sich  innerlich  hat  treiben  lassen  durch  den  Weg,  den  die  «Philo- 
sophie  der  Freiheit»  weist,  wenn  man  sich  iiber  diesen  Plan  der  Phan- 
tasie  herausbegeben  hat,  drinnen  in  einer  Welt  von  Ideen,  die  aber 
jetzt  nicht  Traumbilder  sind,  sondern  die  ebenso  auf  Realitaten,  aber 
auf  geistige  Realitaten  hinweisen,  wie  Farben  und  Tone  in  den  sinn- 
lichen  Realitaten  verankert  sind.  Jetzt  gelangt  man  in  das  Gebiet  des 
bildlichen,  des  imaginativen  Denkens  hinein.  Man  gelangt  zu  jenen 
Imaginationen,  die  real  sind,  durch  die  man  in  einer  Welt  steht,  nicht 
mehr  blofl  in  seinem  Inneren  steht;  man  gelangt  zu  der  Inspiration,  die 
sich  erleben  lafit,  wenn  man  im  richtigen  Sinne  mathematisiert,  wenn 
das  Mathematisieren  selbst  ein  Erleben  wird,  und  dann  gewissermalSen 
iiber  sich  hinauswachsen  kann  zu  dem,  was  sich  etwa  in  der  Vedanta- 
philosophie  gezeigt  hat.  Zu  dieser  Inspiration  tritt  auf  der  andern 
Seite  die  Imagination.  Und  durch  diese  Imagination  entdeckt  man 
dann  dasjenige,  was  erst  den  Menschen  begreiflich  macht.  Man  ent- 
deckt in  Imaginationen,  in  bildhaften  Vorstellungen,  in  Vorstellungen, 
die  einen  konkreteren  Inhalt  haben  als  abstrakte  Gedanken,  man  ent- 
deckt in  diesen  bildhaften  Vorstellungen  dasjenige,  was  einem  den 
Menschen  von  der  Bewulkseinsseite  her  begreiflich  macht.  Man  mufi 
die  Resignation  haben,  nicht  weitergehen  zu  wollen,  wenn  man  an  die- 
sem  Punkte  angelangt  ist,  nun  nicht  weitergehen  zu  wollen,  nicht  durch 
innere  Tragheit  einfach  das  sinnlichkeitsfreie  Denken  nun  weiterrol- 
len  zu  lassen  und  zu  glauben,  dafi  man  durch  dieses  sinnlichkeitsfreie 
Denken  in  die  Geheimnisse  des  Bewufitseins  hinuntergelange,  sondern 
man  mu&  eben  die  Resignation  haben,  nun  stehenzubleiben  und  sich  ge- 
wissermafien  von  der  Innenseite  aus  der  geistigen  Aufienwelt  gegen- 
iiberzustellen.  Dann  wird  man  nicht  hineinspinnen  Gedanken  in  das 
Bewufitsein,  die  es  doch  nicht  begreifen  konnen,  sondern  dann  wird 
man  empfangen  die  Imagination,  durch  die  das  Bewufitsein  nun  er- 
fafit  werden  kann.  So  wie  man  an  der  aufieren  Grenze  stehenbleiben 
muft  bei  dem  Phanomen  und  sich  einem  die  Gedanken  als  dasjenige 
erweisen,  was  in  der  Erkenntnis  diese  Phanomene  durchorganisieren 
kann,  so  wie  man  da  diese  Resignation  notwendig  hat  und  gerade  da- 
durch  zur  Geistigkeit  der  Intellektualitat  kommt,  so  mufi  man  nach 


innen  forschen,  die  Resignation  haben,  mit  den  Gedanken  stillezu- 
halten,  sie  gewissermafien  innerlich  zur  Reflexion  zu  bringen,  um  da- 
durch  an  die  Bilder  heranzukommen,  die  jetzt  erst  das  Innere  des  Men- 
schen  entrollen.  Ich  mochte  sagen,  wenn  ich  hier  (siehe  Zeichnung)  das 


menschliche  Innere  statuiere  und  mich  nahere  durch  Selbstbeschauung 
und  reines  Denken  diesem  Inneren,  dann  mufi  ich  nun  nicht  fortrollen 
wiederum  mit  meinem  Denken,  denn  da  komme  ich  in  ein  Gebiet,  wo 
das  reine  Denken  nichts  mehr  findet,  sondern  nur  anschauliche  oder 
iiberhaupt  Lebensreminiszenzen  hinstellen  kann.  Ich  mufi  die  Resigna- 
tion haben,  zurtickzukehren.  Dann  aber  wird  sich  mir  an  dem  Punkt 
der  Reflexion  die  Imagination  ergeben.  Dann  enthiillt  sich  mir  die 
innere  Welt  als  eine  imaginative  Welt. 

Sehen  Sie,  da  kommen  wir  innerlich  nun  an  zwei  Pole.  Wir  kom- 
men  an  den  Pol  der  Inspiration  gegen  die  Aufienwelt  zu,  an  den  Pol 
der  Imagination  gegenuber  der  Innenwelt.  Hat  man  nun  aber  diese 
Imagination  ergriffen,  dann  kann  man  aus  diesen  Imaginationen  zu- 
sammenstellen,  so  wie  man  in  der  aufieren  Natur  durch  die  Begriffe 
und  durch  Experimente  zusammenstellt  die  Naturerkenntnisse,  dann 


kann  man  zusammenstellen  innerlich  dasjenige,  was  real  ist,  was  sich 
zunachst  als  das  erweist,  was  nun  nicht  als  sinnlicher  Leib,  sondern 
als  atherischer  Leib  den  Menschen  durchzieht,  selbstverstandlich  sein 
ganzes  Leben,  aber  in  einer  besonders  intensiven  Weise  durchzieht  in 
seinen  ersten  sieben  Lebensjahren,  was  dann  beim  Zahnwechsel  in  eine 
andere  Gestalt  kommt,  wie  ich  Ihnen  das  gestern  dargestellt  habe.  Aber 
man  erwirbt  sich  dadurch  die  Fahigkeit  zu  beobachten,  wie  dieser 
atherische  oder  Lebensleib  im  physischen  menschlichen  Organismus 
arbeitet. 

Man  kann  nun  leicht  sagen  aus  irgendeiner  philosophischen  Er- 
kenntnistheorie  heraus:  Ja,  der  Mensch  mulS  eben,  wenn  er  in  klarer 
Logik  stehenbleiben  will,  dann  innerhalb  der  Begriffe  stehenbleiben, 
er  mufi  innerhalb  desjenigen  stehenbleiben,  was  sich  diskursiv  und  im 
gewohnlichen  Sinne  beweisend  rechtfertigen  laftt.  Schon.  Man  kann 
so  lange  fort  erkenntnistheoretisieren.  Aber  wenn  man  auch  noch  so 
starken  Glauben  an  ein  solches  erkenntnistheoretisches  Gewebe  hat, 
wenn  es  auch  noch  so  logisch  richtig  ist,  die  Wirklichkeit  ergibt  sich 
mir  nicht,  die  Wirklichkeit  lebt  nicht  in  dem,  was  wir  so  logisch  aus- 
bauen.  Die  Wirklichkeit  lebt  eben  in  Bildern.  Und  wenn  wir  uns  nicht 
entschliefien,  Bilder  oder  Imaginationen  zu  ergreifen,  dann  ergreifen 
wir  eben  die  Wirklichkeit  des  Menschen  nicht.  Und  es  handelt  sich  gar 
nicht  darum,  dafi  wir  aufierlich  aus  einer  gewissen  Vorliebe  heraus 
sagen,  wie  Erkenntnis  ausschauen  mufi,  damit  sie  echt  sei,  sondern  es 
handelt  sich  darum,  dafi  wir  die  Wirklichkeit  fragen,  durch  was  sie 
sich  uns  enthullen  will.  Da  kommen  wir  eben  auf  die  Imagination.  So 
erweist  sich  dann  dasjenige,  was  in  der  moralischen  Phantasie  lebt,  als 
ein  in  das  gewohnliche  Bewufitsein  Herunterprojiziertes  einer  hoheren 
geistigen  Welt,  die  wir  aber  ergreifen  konnen  in  den  Imaginationen. 

Und  so,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  habe  ich  Sie  gefiihrt, 
zu  fiihren  versucht  wenigstens  an  die  zwei  Pole  der  Inspiration  und 
der  Imagination,  die  wir  in  den  nachsten  Tagen  nun  auch  geisteswis- 
senschaftlich  noch  genauer  und  naher  kennenlernen  wollen.  Ich  mufite 
gewissermafien  erst  an  das  Tor  fiihren,  damit  Sie  sehen,  dafi  dieses  Tor 
im  gewohnlichen  wissenschaftlichen  Sinne  gut  fundiert  ist.  Denn  erst, 
wenn  wir  die  Fundierung  dieses  Tores  haben,  konnen  wir  auch  dann 


zur  Fundierung  des  Baues  kommen,  in  den  wir  eintreten  durch  dieses 
Tor,  des  Baues  der  Geisteswissenschaft  selber.  Allerdings,  indem  man 
diesen  ganzen  Weg  durchmacht,  den  ich  Ihnen  ja  heute  schildern 
mufite  als  einen,  ich  mochte  sagen,  sehr  schwierigen  erkenntnistheo- 
retischen  Weg,  gegeniiber  dem  mancher  sagen  kann,  er  sei  schwer  ver- 
standlich,  indem  man  diesen  Weg  macht,  mufi  man  den  Mut  haben, 
auch  eingehen  zu  konnen,  ich  mochte  sagen  auf  den  Anti-Hegel,  nicht 
blofi  auf  den  Hegel.  Man  mufi  verstehen,  nachdem  man  den  Hegelis- 
mus  so  geschildert  hat,  wie  ich  versuchte,  ihn  in  meinen  «Ratseln  der 
Philosophie»  zu  schildern,  auch  Stirner  gerecht  zu  werden,  ihn  zu 
schildern,  wie  ich  versucht  habe,  ihn  in  meinen  «Ratseln  der  Philo- 
sophie»  zu  schildern,  denn  in  Stirner  steht  da  dasjenige,  was  aus  dem 
Bewufitsein  herauf  als  das  Ich  sich  enthtillt.  Und  wenn  man  dieses  Stir- 
nersche  Ich,  das  aus  den  instinktiven  Erlebnissen  heraufkommt,  ein- 
fach  so  nimmt,  wie  es  ist,  wenn  man  es  nicht  durchdringt  mit  dem,  was 
zur  moralischen  Phantasie  und  zur  Imagination  kommt,  dann  bedeutet 
es  ein  Antisoziales.  Dasjenige  aber,  was  die  «Philosophie  der  Freiheit» 
setzt  an  die  Stelle  des  Stirnerianismus,  das  bedeutet,  wie  wir  gesehen 
haben,  in  Wahrheit  ein  Soziales.  Man  mufi  auch  jenen  Mut  haben, 
durch  das  instinktive  Ich  im  Stirnerschen  Sinn  hindurchzugehen,  um 
zur  Imagination  zu  kommen,  und  man  mufi  den  andern  Mut  haben, 
ins  Antlitz  zu  schauen  der  Assoziations-Psychologie,  die  von  Mill, 
von  ahnlichen  Geistern,  von  Spencer  und  so  weiter  herruhrt,  die  da 
mit  dem  blofien  Begriff  das  Bewufitsein  ergreifen  mochte,  aber  es  nicht 
kann.  Man  mufi  den  Mut  haben,  einzusehen,  dafi  der  entgegengesetzte 
Weg  heute  gegangen  werden  mufi.  Der  alte  Morgenlander  hat  einen 
heute  nicht  mehr  gehbaren  Weg  gehabt,  indem  er  das  Mathematisieren 
in  die  Vedantaphilosophie  hineingetragen  hat.  Der  Abendlander  hat 
diesen  Weg  nicht  mehr.  Die  Menschheit  ist  in  Entwickelung.  Sie  ist 
fortgeschritten.  Es  mufi  ein  anderer  Weg  gesucht  werden.  Der  ist  aber 
erst  in  seinem  Anfange,  und  sein  Anfang  zeigt  sich  am  besten,  wenn 
man  diese  Assoziations-Psychologie,  die  die  inneren  Vorstellungen  ge- 
setzmafiig  so  in  Verbindung  bringt,  wie  man  sonst  die  aufieren  Naturer- 
scheinungen  in  Verbindung  bringt,  wenn  man  diese  Assoziations-Psy- 
chologie zu  betrachten  weifi  als  dasjenige,  was  da  in  Tragheit  durch- 


stofien  will  und  eigentlich  ins  Nichts  kommt;  und  wenn  man  diese 
Assoziations-Psychologie  zunachst  aufzufassen  versteht,  dann  aber 
hineinzufuhren  versteht  durch  Schauung  in  das  Gebiet  der  Imagina- 
tion. Wie  der  Osten  einstmals  an  einem  urmathematischen  Denken  her- 
aufgehen  sah  die  Gedanken  der  Vedantaphilosophie,  den  Weg  hinein 
in  die  Geistigkeit  der  Auftenwelt,  so  miissen  wir  durch  unsere  Auf- 
gaben,  die  uns  heute  gestellt  sind,  indem  wir  nach  innen  sehen,  den 
Mut  haben,  von  den  bloften  Begriffen  und  Ideen  zu  den  Imaginationen, 
zu  den  Schauungen  zu  gehen,  und  dadurch  diese  Geistigkeit  zuerst 
in  unserem  Inneren  wieder  zu  entdecken.  Dann  werden  wir  sie  in 
die  aufiere  Welt  hineintragen  konnen.  Dann  werden  wir  haben  Gei- 
stigkeit, ergriffen  durch  des  Menschen  innere  Wesenheit,  mit  der  Mog- 
lichkeit,  sie  hinauszutragen  in  das  soziale  Dasein.  Dieses  Dasein  war- 
tet  in  Wirklichkeit  nicht  auf  etwas  anderes  als  auf  eine  solche  Er- 
kenntnis,  die  zugleich  sozial  sein  kann.  Dafi  das  der  Fall  ist,  werden 
wir  dann  in  den  nachsten  Stunden  sehen. 


FONFTER  VORTRAG 
Dornach,  1.  Oktober  1920 


Es  wird  heute  notig  sein,  verschiedene  Dinge  auseinanderzusetzen, 
die  eigentlich  nur  dann  begriffen  werden  konnen,  wenn  man  sich  iiber 
gewisse  Vorurteile  hinwegsetzt,  iiber  Vorurteile,  die  gerade  durch  eine 
lange  Erziehung  bis  in  die  Gegenwart  herein  der  Menschheit  intensiv 
eingepflanzt  worden  sind.  Es  wird  sich  darum  handeln,  manches,  was 
heute  gesagt  werden  mufi,  was  dann  morgen  weitere  Belege  finden 
wird,  gewissermafien  durch  eine  Art  sich  Emporreifien  zur  Anschauung 
der  geistigen  Dinge  zu  begreifen.  Sie  mussen  bedenken,  daft,  wenn 
gegeniiber  den  geisteswissenschaftlichen  Aussagen  die  Forderung  auf- 
tritt,  in  derselben  Art  zu  beweisen,  wie  bewiesen  wird  in  der  empiri- 
schen  Naturwissenschaft  oder  in  der  heutigen  Jurisprudenz,  wohl  auch 
in  der  heutigen,  aber  im  Grunde  fur  das  offentliche  Leben  unbrauch- 
baren  Sozialwissenschaft,  daft  man  mit  einem  solchen  Beweisen  eigent- 
lich nicht  sehr  weit  kommen  kann.  Denn  dieses  Beweisen,  das  mufi  der 
wirkliche  Geistesforscher  bereits  in  sich  tragen.  Er  muft  sich  heran- 
erzogen  haben  gerade  an  den  strengen  Methoden  der  heutigen  Natur- 
wissenschaft, auch  der  mathematisierenden  Naturwissenschaf t.  Er  mufi 
kennen,  wie  man  da  beweist,  und  er  mufi  wiederum  diese  Art  des  Be- 
weisens  in  den  ganzen  Gang  seines  Seelenlebens  auf  genommen  und  dar- 
innen  fur  eine  hohere  Stufe  des  Erkennens  ausgebildet  haben.  Daher 
ist  es  zumeist  so,  dafi,  wenn  gegeniiber  dem  Geistesforscher  die  Forde- 
rung des  gewohnlichen  Beweisens  auftritt,  er  im  Grunde  genommen  in 
der  Regel  dasjenige,  was  da  gefragt  wird,  sehr  gut  kennt,  dafi  er  die 
Einwande,  die  man  ihm  machen  kann,  langst  vorweggenommen  hat. 
Er  ist  sogar  nur  im  wahren  Sinne  des  Wortes  Geistesforscher,  so  wie  die 
Geistesforschung  gestern  hier  charakterisiert  worden  ist,  wenn  er  wirk- 
lich  eine  strenge  Disziplin  im  gegenwartigen  naturwissenschaftlichen 
Erkennen  durchgemacht  hat,  und  wenn  er  wenigstens  ihrem  Geiste 
nach  die  Resultate  der  gegenwartigen  Naturforschung  recht  gut  kennt. 
Das  mufi  ich  vorausschicken  und  noch  etwas  anderes.  Bleibt  man  nam- 
lich  stehen  innerhalb  derjenigen  Beweisform,  welche  namentlich  heute 


in  die  wissenschaftlichen  Gewohnheiten  eingezogen  ist  durch  die  Ex- 
perimentierkunst,  dann  kommt  man  niemals  zu  einer  solchen  Erkennt- 
nis,  die  sozial  anwendbar  ist.  Im  Experiment  geht  man  ja  -  auch  wenn 
man  sich  der  Illusion  hingibt,  daft  es  anders  ware  -  auch  so  vor,  daft 
man  eine  gewisse  Richtung  verfolgt  und  sich  gewissermafien  durch  die 
Erscheinungen  bestatigen  laftt  dasjenige,  was  in  den  Ideen  lebt,  die  man 
vielleicht  ^ben  zu  Naturgesetzen,  vielleicht  auch  rechnerisch  f  ormuliert. 

Aber  wenn  man  genotigt  ist,  sein  Erkennen,  den  Inhalt  seines 
Erkennens  einzufuhren  in  das  soziale  Urteil,  wenn  mit  andern  Wor- 
ten  Geltung  und  Bestand  haben  sollen  die  Ideen,  die  zu  Gesetz- 
mafiigkeiten  formulierten  Ideen,  die  man  sich  angeeignet  hat  etwa 
durch  die  heutige  Anthropologic  oder  Biologie  oder  durch  den  Dar- 
winismus,  wenn  er  auch  noch  so  fortgeschritten  ist,  wenn  man  diese 
Ideen  dann  einfuhren  will  in  ein  soziales  Wissen,  in  eine  soziale  Er- 
kenntnis,  die  praktisch  werden  kann,  dann  laftt  sich  mit  dieser  an  der 
Experimentierkunst  gewonnenen  Erkenntnis  nichts  anfangen,  einfach 
aus  dem  Grunde,  weil  man  nicht  so  im  Laboratorium  abwarten  kann, 
was  aus  unseren  Ideen  wird,  wenn  wir  sie  ins  soziale  Leben  Uberfuhren. 
Es  konnte  ja  leicht  vorkommen,  daft  durch  eine  solche  soziale  Experi- 
mentierkunst Tausende  und  aber  Tausende  von  Menschen  sterben  oder 
verhungern,  oder  in  anderer  Weise  ins  soziale  Elend  kommen.  Und  ein 
grofter  Teil  unseres  sozialen  Elends  ist  eben  gerade  dadurch  hervor- 
gerufen,  daft  unsere  Ideen  allmahlich  dadurch,  daft  sie  hervorgegan- 
gen  sind  aus  der  reinen  Experimentalanschauung,  zu  kurz  geworden 
sind,  zu  eng  geworden  sind,  um  in  Realitat  zu  leben,  wie  sie  in  Realitat 
leben  miissen,  wenn  wir  irgend  etwas,  was  soziale  Bedeutung  haben 
soil,  wirklich  uberfuhren  wollen  vom  Denken,  vom  Wissen  in  die  Pra- 
xis. Nun  habe  ich  Sie  hingewiesen  darauf,  wie  sich  der  Geistesforscher, 
um  ein  solches  Wissen,  das  zu  gleicher  Zeit  zuriick  die  Natur  beleuch- 
tet,  aber  vorwarts  weist  nach  dem  sozialen  Leben,  wie  der  Geistesfor- 
scher sich  stellen  muft  zu  den  beiden  Grenzen,  die  uns  im  Erkennen 
auftauchen,  zu  der  einen  Grenze,  die  dann  nach  dem  Materiellen  hin 
zu  finden  ist,  zu  der  andern  Grenze,  die  nach  dem  Bewufttsein  hin  zu 
finden  ist.  Und  ich  habe  Ihnen  gezeigt,  daft  nach  dem  Materiellen  hin, 
statt  daft  man  in  Tragheit  das  Erkennen  fortrollen  laftt,  um  allerlei 


mechanistische,  atomistische,  molekularistische  Weltbilder  ins  Meta- 
physische  hinein  auszudenken,  dafi  man  statt  dessen  an  dieser  Grenze 
stehenbleiben  mufi  und  entwickeln  mufi  etwas,  was  im  gewohnlichen 
Menschenleben  noch  nicht  vorhanden  ist  als  Erkenntnisfahigkeit,  daft 
man  da  entwickeln  raufi  die  Inspiration.  Auf  der  andern  Seite  habe  ich 
Ihnen  gezeigt,  dafi  man,  wenn  man  das  Bewufksein  erfassen  will,  nicht 
darf  mit  dem,  was  sich  einem  entziindet  hat  an  Begriffen  und  Ideen  in 
der  aufteren  Natur,  so  wie  es  etwa  die  englisch-amerikanischen  Assozia- 
tions-Psychologen  machen,  in  dieses  Bewufksein  eindringen  wollen. 
Man  mufl  sich  klar  dariiber  sein,  dafi  dieses  Bewufksein  so  geartet  ist, 
daft  wir  einf ach  mit  diesen  Ideen,  die  an  der  Auflenwelt  entziindet  sind, 
nicht  in  das  Bewufksein  hinunterdringen  konnen.  Da  miissen  wir  aus 
diesen  Ideen  erst  heraus,  miissen  erst  in  die  imaginative  Erkenntnis- 
welt  hinein.  Wir  miissen  also,  indem  wir  uns  selbst  erkennen  wollen, 
die  Begriffe  und  Ideen  erfullen  mit  Inhalt,  so  dafi  sie  zu  Bildern  wer- 
den.  Und  ehe  nicht  die  jetzt  die  ganze  Zivilisation  ergreifende  An- 
schauungsweise  iiber  den  Menschen,  wie  sie  namentlich  einen  west- 
lichen  Ursprung  hat,  ehe  nicht  diese  ubergeht  in  ein  imaginatives  Er- 
kennen, eher  konnen  wir  nicht  vorwartskommen  in  dem  richtigen 
Sich-Stellen  an  diese  zweite  Grenze  des  gewohnlichen  menschlichen 
Erkennens. 

Aber  man  kann  zu  gleicher  Zeit  sagen,  dafi  diese  gegenwartige 
Menschheit  durchaus  in  dem  Punkte  ihrer  Entwickelung  angekommen 
ist,  aus  andern,  historisch  gewordenen  Formen  heraus,  der  ein  solches 
Fortschreiten  verlangt  auf  der  einen  Seite  zur  Inspiration,  auf  der 
andern  Seite  zur  Imagination.  Und  derjenige,  der  zu  studieren  vermag 
dasjenige,  was  eigentlich  in  der  Gegenwart  mit  der  Menschheit  vor- 
geht,  was  sich  erst  in  den  Anfangssymptomen  zeigt,  der  weifi,  wie,  ich 
mochte  sagen,  aus  der  Tiefe  der  Menschenentwickelung  herauf  Krafte 
steigen,die  durchaus  darauf  hintendieren,  dafi  eingefuhrtwerde  in  diese 
Menschheitsentwickelung  Inspiration  und  Imagination  in  der  richti- 
gen Weise. 

Inspiration,  man  kann  sie  nicht  erreichen  anders,  als  daft  man  ringt 
mit  einem  gewissen  Vorstellen  in  der  Weise,  wie  ich  es  in  meinem 
Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  beschrie- 


ben  habe  und  wie  ich  es  des  ferneren  noch  wenigstens  andeutungsweise 
im  nachsten  Vortrage  beschreiben  werde.  Aber  dann,  wenn  man  durch 
eine  gewisse  innere  Selbstkultur,  durch  ein  systematisches  Sich-Schulen 
in  einem  bestimmten  Vorstellen,  durch  ein  Sich-Schulen  im  Leben  der 
Vorstellungs-  und  Ideen-  und  Begriffswelt,  wenn  man  darinnen  weit 
genug  gekommen  ist,  dann  lernt  man  innerlich  erkennen,  was  es  heifk, 
in  Inspiration  leben.  Denn  zunachst  ist  das  so,  dafi,  wenn  man  das- 
jenige,  was  sonst  in  unserem  Leben  in  den  ersten  sieben  Lebensjahren 
bis  zum  Zahnwechsel  hin  mathematisiert,  wenn  man  das  nicht  unbe- 
wufit,  wie  es  eben  im  gewohnlichen  Leben  und  auch  in  der  gewohn- 
lichen  Wissenschaft  geschieht,  ausiibt,  sondern  wenn  man  es  ausiibt 
in  voller  Bewufitheit,  wenn  man  sich  hineinstellt,  ich  mochte  sagen, 
in  eine  lebendige  Mathematik,  in  eine  lebendige  Mechanik,  wenn  man 
mit  andern  Worten  dasjenige,  was  sonst  in  uns  wirkt,  Gleichgewichts- 
sinn,  Bewegungssinn,  Lebenssinn,  aufnimmt  in  das  voile  Bewufitsein, 
wenn  man  gewissermafien  aus  sich  herausreiflt  dasjenige,  was  sonst  als 
Gleichgewichtsempfindung,  als  Bewegungsempfindung,  als  Lebens- 
empfindung  in  uns  lebt,  wenn  man  das  so  herausreifit,  dafi  man  mit 
den  mathematischen  Vorstellungen,  aber  mit  den  erweiterten  mathe- 
matischen  Vorstellungen  darinnen  lebt,  dann  ist  es  so,  als  ob  man 
einschliefe,  aber  nicht  hiniiberschliefe  in  die  Unbewufitheit  oder  in  das 
nebulose  Traumleben,  sondern  als  ob  man  hiniiberschliefe  in  eine  neue 
Bewufitheit,  die  ich  Ihnen  heute  -  wir  werden  morgen  hier  iiber  das 
alles  reden  -  zunachst  nur  beschreiben  mochte.  Man  wachst  hinuber  in 
die  Bewufitheit,  in  der  man  zunachst  etwas  empfindet  wie  ein  tonloses 
Weben,  ja,  ich  kann  es  nicht  anders  nennen,  wie  ein  tonloses  Weben 
in  einer  Weltmusik.  Man  wird  formlich,  so  wie  man  durch  sein  Ich  in 
den  Kindheitsjahren  sein  Leib  wird,  so  wird  man  zu  diesem  Weben  in 
einer  tonlosen  Weltmusik.  Dieses  Weben  in  einer  tonlosen  Weltmusik 
gibt  die  andere,  ganz  streng  zu  beweisende  Daseinsempfindung,  daft 
man  jetzt  mit  seinem  Seelisch-Geistigen  aufSerhalb  seines  Leibes  ist. 
Man  fangt  an  zu  wissen,  dafi  man  auch  sonst  im  Schlafe  aufierhalb 
seines  Leibes  mit  seinem  Seelisch-Geistigen  ist.  Aber  durch  das  Erleb- 
nis  des  Schlafes  vibriert  nicht  hindurch  dasjenige,  was  bei  solchem  be- 
wufiten  Herausgehen  aus  dem  Leibe  durch  die  eigene  Selbstandigkeit 


dann  hindurchvibriert,  und  man  erlebt  zunachst  etwas  wie  eine  innere 
Unruhe,  diese  innere  Unruhe,  die  einen  musikalischen  Charakter  an 
sich  tragt,  wenn  man  voll  bewufit  in  sie  untertaucht.  Die,  ich  mochte 
sagen,  hellt  sich  allmahlich  auf,  indem  aus  dem  Musikalischen,  das  man 
da  erlebt,  etwas  wird  wie  ein  wortloses  Wortoffenbaren  aus  dem  gei- 
stigen  Weltenall  heraus.  Gewifi,  die  Dinge  nehmen  sich  heute  grotesk 
und  paradox  aus  fur  denjenigen,  der  sie  zum  ersten  Male  hort.  Aber 
vieles  erschien  in  dem  Lauf  der  Weltenentwickelung,  indem  es  zum 
ersten  Male  auftrat,  eben  paradox  und  grotesk.  Es  ist  schon  so,  dafi 
man  nicht  weiterkommt  in  der  Menschheitsentwickelung,  wenn  man 
an  diesen  Erscheinungen  bewufitlos  oder  halbbewufit  voriibergehen 
mochte.  Zunachst  ist  es  nur  ein  Erleben,  ich  mochte  sagen,  ein  musi- 
kalisch-tonloses  Erleben.  Dann  aber  ist  es  etwas,  was  sich  herauser- 
hebt  aus  diesem  tonlosen  Erleben,  so  dafi  wir  imstande  sind,  mit  dem, 
was  wir  da  erleben,  ebenso  innerlich  sinnvollen  Inhalt  zu  bekommen, 
wie  wir  aufierlich  sinnvollen  Inhalt  vermittelt  bekommen,  wenn  wir 
einem  Menschen  zuhoren,  der  durch  sinnliche  Worte  zu  uns  spricht. 
Die  geistige  Welt  beginnt  einfach  zu  sprechen,  und  man  mufi  nur  von 
diesen  Dingen  sich  eine  Erfahrung  aneignen. 

Und  eine  nachste  Stufe,  zu  der  man  sich  da  hindurchlebt,  ist  dann 
diese,  dafi  man  nicht  nur  webt  und  lebt  in  einem  tonlosen  Musikali- 
schen und  nicht  blofi  vernimmt  das  Sprechen  des  tibersinnlichen  Geisti- 
gen,  sondern  dafi  man  lernt  konturieren  dasjenige,  was  sich  ankiindigt 
aus  dem  tibersinnlichen  Geistigen,  in  Wesenhaftes,  dafi  sich  einem  ge- 
wissermafien  herausgliedern  aus  der  allgemeinen  Geistsprache,  die  man 
zunachst  lernt,  einzelne  ubersinnliche  Wesenheiten,  wie  wir,  indem  wir 
auf  einer  niedrigeren  Stufe  einem  Menschen  zuhoren,  allmahlich  das- 
jenige, was  sich  von  seiner  Seele  und  seinem  Geistigen  offenbart,  zum 
Wesenhaften  -  wenn  ich  mich  jetzt  des  Trivialausdruckes  bedienen 
darf  -  kristallisieren  oder  organisieren.  Wir  leben  uns  also  hinein  in  die 
Beobachtung  und  in  die  Erkenntnis  einer  wirklichen  geistigen  Welt. 
Diese  geistige  Welt  tritt  jetzt  anstelle  der  leeren,  ausgesogenen,  meta- 
physierten  Welt  der  Atome,  der  Molekiile,  sie  tritt  uns  als  dasjenige 
entgegen,  was  in  Wahrheit  hinter  den  Erscheinungen  der  physisch- 
sinnlichen  Welt  steht.  Wir  stehen  jetzt  nicht  mehr  so  an  der  Grenze 


nach  dem  Materiellen  hin,  wie  wir  stehen,  wenn  wir  nur  in  Tragheit 
fortrollen  lassen  wollen  unser  Begriffsspinnen,  wie  es  sich  erhellt,  ent- 
ziindet  hat  an  dem  Verkehr  mit  der  physisch-sinnlichen  Aufienwelt, 
sondern  wir  stehen  jetzt  an  dieser  Grenze  so,  dafi  uns  an  dieser  Grenze 
der  geistige  Inhalt  der  Welt  aufgeht.  Das  ist  nach  der  einen  Seite  hin. 

Und,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  die  Menschheit  drangt 
heute  dazu,  aus  sich,  aus  der  Leiblichkeit  so  herauszugehen,  und  man 
kann  sagen,  an  einzelnen  Menschenexemplaren  tritt  uns  ganz  deutlich 
diese  Tendenz  der  gegenwartigen  Menschheit  in  ihrem  jetzigen  Ent- 
wickelungsstadium  hervor,  dasjenige  aus  der  Leiblichkeit  herauszu- 
ziehen,  was  der  Geistesforscher  mit  voller  Bewufitheit  herauszieht, 
indem  er  es  eben  so  herauszieht,  wie  er  irgendwie  sich  verhalt,  wenn 
er  in  der  aufieren  Naturbeobachtung  die  im  Inneren  eroberten  Be- 
griffe  eben  ordnend,  systematisierend  anwendet.  Es  wird  ja,  wie  viel- 
leicht  einige  von  Ihnen  wissen,  seit  einer  gewissen  Zeit  eine  merkwiir- 
dige  Krankheit  beschrieben.  Diese  Krankheit,  man  nennt  sie  unter  Psych- 
iatern,  unter  Psychologen,  die  pathologische  Griibel-,  Zweifelsucht, 
man  nennt  sie  vielleicht  besser  den  pathologischen  Skeptizismus.  Diese 
Krankheit  tritt  einem  in  den  merkwiirdigsten  Formen  und  schon  in 
zahlreichen  Exemplaren  deutlich  entgegen,  und  es  ist  schon  notwendig, 
dafi  das  Studium  dieser  Krankheit  gepflegt  wird  aus  unseren  wirk- 
lichen  Kulturbedingungen  der  neuesten  Zeit  heraus.  Es  tritt  diese 
Krankheit  -  Sie  konnen  dariiber  in  der  psychiatrischen  Literatur  vieles 
erfahren  -  dadurch  zutage,  dafi  die  Menschen  von  einem  gewissen 
Lebensalter  an,  das  in  der  Regel  mit  der  Geschlechtsreife  oder  mit 
der  Vorbereitung  zur  Geschlechtsreife  zusammenhangt,  dafi  die  Men- 
schen da  anfangen,  der  Aufienwelt  gegeniiber,  die  sie  erleben,  keine 
rechte  Stellung  mehr  einnehmen  zu  konnen,  daft  sie  befallen  werden 
gegeniiber  ihren  Erfahrungen  in  der  Aufienwelt  von  einer  unbegrenz- 
ten  Zahl  von  Fragen.  Es  gibt  Personlichkeiten,  welche,  wenn  sie  von 
diesen  Krankheiten  zunachst  befallen  sind,  einfach,  trotzdem  sie  sonst 
vollstandig  vernunftig  sind,  trotzdem  sie  ihren  Obliegenheiten  in  ho- 
hem  Mafie  nachgehen  konnen,  trotzdem  sie  vollig  uberschauen  ihren 
Zustand,  wenn  sie  nur  ein  wenig  abgezogen  werden  von  dem,  was  sie 
an  die  aufiere  Welt  fesselt,  dafi  sie  dann  die  kuriosesten  Fragen  stellen 


miissen.  Diese  Fragen  treten  einfach  herein  in  das  Leben.  Diese  Fragen 
konnen  nicht  abgewiesen  werden.  Sie  treten  insbesondere  stark  bei  den- 
jenigen  auf,  die  mit  einer  gesunden,  sogar  mit  einer  vorwaltend  gesun- 
den  Organisation  -  aber  mit  einer  solchen  Organisation,  die  ein  of fenes 
Herz,  einen  offenen  Sinn  und  ein  gewisses  Verstandnis  gerade  hat  fiir 
die  Art  und  Weise,  wie  die  moderne  Wissenschaft  denkt  -  die  moderne 
Wissenschaft  erleben,  so  daft  sie  dann  gar  nicht  wissen,  wie  ihnenunter- 
bewuftt  aus  dieser  modernen  Wissenschaft  diese  Fragen  aufsteigen.  Ins- 
besondere treten  solche  Erscheinungen  bei  Damen  auf,  welche  weniger 
robuste  Naturen  haben  als  die  Manner,  welche  dann  auch  nicht  aus 
den  streng  disziplinierten  Literaturwerken,  sondern  mehr  aus  Laien- 
oder  Dilettantenwerken  die  moderne  Wissenschaft  aufnehmen,  wenn  sie 
sich  hineinversetzen  in  dasjenige,  was  die  Ergebnisse  des  modernen  Den- 
kens  sind.  Und  dann  namentlich,  wenn  eine  solche  Bekanntschaft  mit 
dem  modernen  Denken  in  intensiverem  Mafie  hineinfallt  in  die  Vorbe- 
reitung  zur  Geschlechtsreife  oder  in  das  Abfluten  des  Geschlechtsreif- 
werdens,  dann  treten  solche  Zustande  in  hohem  Mafie  bei  solchen  Per- 
sonlichkeiten  auf.  Siebestehen  darinnen,  daft  die  betreffendePersonlich- 
keit  fragen  mufi:  Ja,  woher  kommt  die  Sonne?  Und  wenn  man  ihr  noch 
so  gescheite  Antworten  gibt,  so  taucht  immer  aus  einer  Frage  eine  andere 
auf.  Woher  kommt  das  menschliche  Herz?  Warum  schlagt  das  mensch- 
liche  Herz?  Habe  ich  nicht  in  der  Beichte  zwei  oder  drei  Sim  den  verges- 
sen?  Was  ist  geschehen,  als  ich  das  Abendmahl  genommen  habe?  Sind 
da  nicht  vielleicht  einige  Broselchen  der  Hostie  heruntergef alien?  Habe 
ich  nicht  da  oder  dort  einen  Brief  einstecken  wollen  und  ihn  danebenge- 
worfen?  Und  ich  konnte  Ihnen  eine  ganze  lange  Litanei  von  solchen 
Fragen  aufzahlen  und  Sie  wiirden  sehen  daraus,  daft  alles  das  sehr  ge- 
eignet  ist,  in  f  ortwahrender  Unbehaglichkeit  den  Menschen  zu  erhalten. 

Wenn  der  Geistesforscher  diese  Sache  zu  uberschauen  hat,  so  mochte 
ich  sagen,  kennt  er  sich  darinnen  aus.  Es  ist  einfach  ein  Heraustreten 
desjenigen,  worinnen  sich  der  Geistesforscher  bewuftt  befindet,  wenn 
er  zum  musikalisch-tonlosen  Worterleben,  zum  Wesenserleben  durch 
Inspiration  kommt.  Aber  solche  mit  Zweifelsucht,  mit  Griibelsucht 
behaftete  Menschen,  die  kommen  hinein  in  diese  Region  auf  unbe- 
wuflte  Art.  Sie  haben  keine  Kulturerfahrung,  die  danach  ginge,  den 


Zustand,  in  den  sie  hineinkommen,  wirklich  zu  begreifen.  Der  Geistes- 
forscher  weifi,  daft  der  Mensch  die  ganze  Nacht,  vom  Einschlafen  bis 
zum  Aufwachen,  in  lauter  solchen  Fragen  drinnenlebt,  daft  da  in  ihm 
auftauchen  aus  dem  Schlafesleben  heraus  eine  Unsumme  von  Fragen, 
und  er  kennt  diesen  Zustand,  weil  er  ihn  eben  auch  in  der  angedeuteten 
Weise  bewuftt  erleben  kann.  Derjenige,  der  nur  vom  gewohnlichen  Be- 
wufttseinsstandpunkte  aus  diese  Dinge  beriihrt  und  zu  erkennen  strebt, 
der  wird  sich  vielleicht  allerlei  rationalistische  Erklarungsversuche  bil- 
den,  aber  er  kommt  doch  nicht  auf  das  Wahre,  weil  er  nicht  durch  In- 
spiration die  Sache  ergreifen  kann.  Er  sieht  zum  Beispiel,  wie  es  Men- 
schen  gibt,  die  gehen  abends  insSchauspiel,  sie  gehen  aus  demSchauspiel 
heraus,  sie  konnen  gar  nicht  anders,  als  daft  sie  sich  iiberfallen  lassen 
von  einer  unbegrenzten  Zahl  von  Fragen:  In  welchen  Beziehungen 
zur  aufieren  Welt  stent  diese  Schauspielerin?  Was  hat  in  einem  fru- 
heren  Jahre  jener  Schauspieler  getan?  Welches  Verhaltnis  besteht  zwi- 
schen  den  einzelnen  Schauspielern?  Wie  ist  zustande  gekommen  diese 
oder  jene  Kulisse?  Welcher  Maler  hat  diese  oder  jene  Kulisse  gemalt? 
und  so  weiter  und  so  weiter,  und  tagelang  stehen  solche  Menschen  unter 
der  Einwirkung  eines  solchen  inneren  Frageteufels.  Es  sind  das  patholo- 
gische  Zustande,  die  man  erst  zu  begreifen  anfangt,  wenn  man  weifi, 
diese  Menschen  kommen  in  jene  Region  hinein,  die  der  Geistesforscher 
in  Inspiration  erlebt,  indem  er  sich  eben  anders  verhalt,  als  diese  Men- 
schen in  dem  pathologischen  Zustand  sich  verhalten.  Diese  Menschen 
gehen  in  dieselbe  Region  hinein  wie  der  Geistesforscher,  aber  sie  neh- 
men  ihr  Ich  nicht  mit,  sie  verlieren  gewissermafien  beim  Hineintreten 
in  diese  Welt  ihr  Ich.  Und  dieses  Ich  ist  das  Ordnende.  Dieses  Ich  ist 
dasjenige,  was  in  diese  Welt  eine  ebensolche  Ordnung  hineinzubringen 
vermag,  wie  wir  in  die  Welt  der  sinnlich-physischen  Umgebung  Ord- 
nung hineinzubringen  vermogen.  Der  Geistesforscher  weifi,  daft  der 
Mensch  ja  vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen  in  dieser  selben  Re- 
gion lebt,  daft  jeden  Menschen,  der  aus  einem  Schauspiel  kommt,  in 
der  Nacht,  wenn  er  schlaft,  alle  diese  Fragen  wirklich  befallen,  aber 
durch  eine  gewisse  Gesetzmafiigkeit  im  normalen  Dasein  breitet  sich 
eben  der  Schlaf  iiber  diesen  Frageteufel  aus,  und  der  Mensch  ist  fertig 
mit  diesem  Frageteufel,  wenn  er  wiederum  aufwacht. 


Es  handelt  sich  darum,  dafi  wir  hineintragen  in  einer  wirklichen 
Geistesforschung  in  diese  Region  das  voile  Unterscheidungsvermogen, 
die  voile  Besonnenheit  und  die  voile  Kraft  des  menschlichen  Ich.  Dann 
leben  wir  darinnen  nicht  in  einem  Uberskeptizismus,  dann  leben  wir 
darinnen  ebenso  besonnen,  ebenso  sicher,  wie  wir  in  der  physisch-sinn- 
lichen  Welt  sicher  leben.  Und  im  Grunde  genommen  sind  alle  die- 
jenigen  Ubungen,  die  von  mir  angegeben  werden  in  dem  Buche  «Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»,  zu  einem  grofien 
Teile  auch  darauf  hinauslaufend,  dafl  der  Mensch  in  vollbewufiter, 
sein  Ich  bewahrender  Art,  in  strenger  Disziplinierung  diese  Region 
betritt.  Bei  den  Anleitungen  zur  Geistesforschung  handelt  es  sich  zum 
grofien  Teile  darum,  daft  der  Geistesforscher  auf  diesem  Wege  nicht 
verliere  den  inneren  Halt,  die  innere  Zucht  des  Ich. 

Und  das  glanzendste  Beispiel  eines  Menschen,  der  nicht  voll  vor- 
bereitet  in  diese  Region  in  der  neueren  Zeit  hineingegangen  ist,  das 
glanzendste  Beispiel  ist  dasjenige,  das  in  anderem  Zusammenhang 
von  Dr.  Husemann  hier  schon  charakterisiert  worden  ist.  Das  glan- 
zende  Beispiel  ist  Friedrich  Nietzsche.  Friedrich  Nietzsche  ist  ja  eine 
eigentumliche  Personlichkeit.  Er  ist  in  einer  gewissen  Weise  gar  kein 
Gelehrter.  Er  ist  kein  gewohnlicher  Wissenschafter.  Aber  er  hat  mit 
einer  ungeheuer  genialischen  Begabung,  aus  der  Geschlechtsreife  der  Ju- 
gend  herauswachsend,  in  die  wissenschaftlichen  Forschungen  hinein- 
wachsend,  er  hat  mit  einer  ungeheuer  genialischen  Begabung  dasjenige 
aufgenommen,  was  eine  gegenwartige  Wissenschaftlichkeit  bieten 
kann.  Dafi  er  mit  all  diesem  Aufnehmen  nicht  im  gewohnlichen  Sinne 
ein  Gelehrter  wurde,  das  zeigt  einfach  die  Tatsache,  wie  ihm  ein 
Mustergelehrter  der  heutigen  Zeit,  so  recht  ein  Mustergelehrter  der  heu- 
tigen  Zeit,  gleich  nach  seiner  ersten  Jugendpublikation  entgegengetre- 
ten  ist,  namlich  Wilamowitz.  Nietzsche  hatte  sein  Werk  erscheinen 
lassen  «Die  Geburt  der  Tragodie  aus  dem  Geiste  der  Musik»,  in  dem 
anklingt  diese  Bereitschaft,  hineinzukommen  in  die  Initiation,  hinein- 
zukommen  in  das  Musikalische,  Inspiratorische,  der  Titel  schon  tragt 
diese  Sehnsucht,  hineinzuwachsen  in  dasjenige,  was  ich  charakterisiert 
habe,  aber  es  war  nicht  da.  Es  gab  auch  in  der  Zeit  Nietzsches  keine 
bewufite  Geisteswissenschaft,  aber  indem  er  sein  Werk  betitelte:  «Die 


Geburt  der  Tragodie  aus  dem  Geiste  der  Musik»,  deutete  er  darauf 
hin,  dafl  er  aus  diesem  Geiste  der  Musik  heraus  eine  Erscheinung  wie 
zum  Beispiel  die  Wagnersche  Tragodie  begreifen  wollte.  Und  er  wuchs 
immer  mehr  und  mehr  hinein.  Also  ich  sagte,  es  trat  gleich  Wilamo- 
witz  auf,  der  gegen  dieses  Werk  «Die  Geburt  der  Trag6die»  dann  seine 
Broschure  schrieb,  in  der  er  vom  wissenschaftlichen  Standpunkte  aus 
dasjenige,  was  der  ungelehrte,  aber  nach  Erkenntnis  trachtende  Nietz- 
sche geschrieben  hat,  ganz  und  gar  abtat.  Vollstandig  berechtigt  vom 
Gesichtspunkte  der  modernen  Wissenschaft.  Und  im  Grunde  genom- 
men  versteht  man  doch  nicht,  wie  ein  so  ausgezeichneter  Mann  wie 
Erwin  Rohde  geglaubt  hat,  es  konne  ein  Kompromifi  zwischen  dieser 
modernen  Wilamowitzschen  Philologie  und  demjenigen,  was  als  ein 
noch  dunkles  Streben,  als  eine  Sehnsucht  nach  Initiation,  nach  Inspi- 
ration in  Nietzsche  lebte,  geschlossen  werden.  Das,  was  Nietzsche  so 
aufgenommen  hatte  in  sich  selber,  was  er  in  sich  selber  so  ausgebildet 
hatte,  das  wuchs  dann  hinein  in  die  andern  Bestande  des  gegenwarti- 
gen  Wissenschaftslebens.  Es  wuchs  hinein  in  den  Positivismus,  nament- 
lich  wie  er  von  dem  Franzosen  Comte,  von  dem  Deutschen  DUhring 
ausgegangen  ist.  Ich  habe  selbst  noch,  als  ich  Nietzsches  Bibliothek  ord- 
nete  in  den  neunziger  Jahren,  all  die,  ich  mochte  sagen,  gewissenhaft 
gemachten  Striche  Nietzsches  am  Rande  der  Duhringschen  Werke 
gesehen,  aus  denen  heraus  er  den  Positivismus  studiert  hatte,  in  sich 
aufgenommen  hatte,  ich  habe  selbst  noch  alle  diese  Werke  in  der 
Hand  gehabt.  Ich  lebte  gewissermafien  in  der  Art  und  Weise,  wie 
Nietzsche  den  Positivismus  aufnahm,  und  konnte  mir  eine  Vorstel- 
lung  machen,  wie  er  nun  wiederum  in  die  Region  des  aufierleiblichen 
Lebens  hineinkam  und  wie  er  da  den  Positivismus  wiederum  ohne  ge- 
horige  Durchdringung  dieser  Region  mit  dem  Ich  durchlebte,  so  dafi 
jetzt  solche  Werke  von  ihm  entstanden  wie  «Menschliches,  Allzu- 
menschliches»  und  dergleichen,  die  eine  fortwahrende  Vibrierung  zwi- 
schen dem  Nicht-sich-Bewegenkonnen  in  einer  Inspirationswelt  und 
dem  doch  Sich-Haltenwollen  in  der  Inspirationswelt  darstellen.  Ich 
mochte  sagen,  an  dem  aphoristischen  Gang  des  Nietzsche-Stiles  in 
diesen  Werken  merkt  man,  wie  Nietzsche  bestrebt  ist,  das  Ich  hinein- 
zubringen,  wie  es  aber  immer  wiederum  abreilk,  wie  er  es  daher  nicht 


zur  systematischen,  zur  kiinstlerischen  Darstellung  bringt,  sondern  nur 
zum  Aphorismus.  Gerade  an  dem  Immer-Abreifien  des  geistigen  Le- 
bens  im  Aphorismus  enthiillt  sich  das  Innerlich-Seelische  dieses  merk- 
wiirdigen  Geistes.  Und  dann  steigt  er  auf  zu  demjenigen,  was  ja  die 
grofiten  Ratsel  aufgegeben  hat  dem  neueren  Forschen,  der  neueren 
aufteren  Wissenschaft,  er  steigt  auf  zu  dem,  was  im  Darwinismus  lebt, 
was  in  der  Evolutionstheorie  lebt,  was  zeigen  will,  wie  aus  dem  einfach- 
sten,  primitivsten  Organismus  die  kompliziertesten  sich  allmahlich  ge- 
bildet  haben.  Er  lebt  sich  ein  in  diese  Welt,  in  diese  Welt,  in  die  ich 
versucht  habe,  in  bescheidener  Weise  -  in  meinen  Auseinandersetzun- 
gen  mit  Haeckel  konnen  Sie  das  genau  verfolgen  -  in  meinem  Buche 
«Die  Ratsel  der  Philosophie»  inneren  Halt  und  innere  Beweglichkeit 
hineinzubringen.  Nietzsche  lebt  sich  ein.  Aus  seiner  Seele  ringt  sich 
heraus,  ich  mochte  sagen,  der  Oberevolutionsgedanke.  Indem  er  ver- 
folgt  die  Evolution  bis  zum  Menschen,  sprengt  sich  diese  Evolutions- 
idee  und  sie  fiihrt  zu  seinem  Obermenschentum.  Indem  er  verfolgt 
dieses  Sich-Bewegen  der  evolutionierenden  Wesenheiten,  verliert  er,  weil 
er  durch  Inspiration  den  Inhalt  nicht  bekommen  kann,  diesen  Inhalt 
und  mufi  in  der  inhaltslosen  Idee  von  der  ewigen  Wiederkehr  leben. 

Es  ist  nur  die  innere  gediegene  Natur  Nietzsches  gewesen,  die  ihn 
nicht  hineintrieb  in  dasjenige,  was  der  Pathologe  die  Zweifelsucht 
nennt.  Es  ist  dasjenige,  was  in  Nietzsche  eben  lag,  eine  auf  dem  Grunde 
seiner  Krankheit  sich  abspielende  grofie  Gesundheit,  die  er  selber 
spiirte,  die  sich  geltend  machte,  was  ihn  nicht  hineinkommen  liefi  in 
den  volligen  Skeptizismus,  sondern  was  ihn  aussinnen  liefi  dasjenige, 
was  dann  der  Inhalt  gerade  seiner  begeisterndsten  Werke  ist.  Kein 
Wunder,  dafi  dieser  Gang  in  die  geistige  Welt  hinein,  dieses  Streben, 
aus  dem  Musikalischen  zum  inneren  Worte,  zur  inneren  Wesenheit  zu 
kommen,  indem  es  gipfelte  in  dem  Unmusikalischen  der  Wiederkehr 
des  Gleichen,  indem  es  gipfelte  in  dem  inhaltslos,  nur  lyrisch  zu  emp- 
findenden  Obermenschen,  kein  Wunder,  dafi  das  enden  mulke  in  dem- 
jenigen Zustande,  den  dann  zum  Beispiel  der  behandelnde  Arzt  ein- 
mal  als  einen  atypischen  Fall  der  Paralyse  bezeichnete. 

Ja,  derjenige,  der  nicht  kannte  das  innere  Leben  Nietzsches,  der 
es  nicht  zu  beurteilen  vermochte  vom  Standpunkte  des  Geistesfor- 


sellers,  der  wie  ein  blower  Psychiater  ohne  inneren  Anteil  vor  dieser 
Ideen-  und  Vorstellungswelt  und  Bilderwelt  Nietzsches  stand,  der 
sprach  hier  dem  konkreten  Fall  gegeniiber  etwas  aus,  was  eben  nur 
das  Abstrakte  ist  gegeniiber  dem  Konkreten,  Der  ganzen  Natur  gegen- 
iiber sprach  1872  Du  Bois-Reymond  «Ignorabimus».  Denjenigen  Fal- 
len gegeniiber,  die  ungewohnlich  sind,  spricht  der  Psychiater:  Paralyse, 
atypische  Paralyse.  Denjenigen  Fallen,  die  so  auftreten,  dafi  sie  ganz 
herausgerissen  sind  aus  unserer  gegenwartigen  Menschheitsentwicke- 
lung,  steht  der  Psychiater  gegeniiber  und  er  spricht  «Ignorabimus» 
im  konkreten  Falle,  oder  « Ignoramus ».  Es  ist  nur  die  Obersetzung 
desjenigen,  was  dann  in  die  Worte  gekleidet  wird:  atypischer  Fall  von 
Paralyse. 

Das  zerrifi  endlich  diesen  Leib  Nietzsches.  Das  brachte  dasjenige 
hervor,  was  das  Phanomen  Nietzsche  innerhalb  unserer  gegenwarti- 
gen Geisteskultur  ist.  Das  ist  die  andere  Form,  wie  bei  hochkultivier- 
ten  Menschen  die  psychiatrisch  zu  betrachtende  Zweifelsucht,  die  Grii- 
belsucht,  der  Hyperskeptizismus  auftreten.  Und  das  Phanomen  Nietz- 
sche -  ich  darf  da  eine  personliche  Bemerkung  einfugen  -  stand  mir 
in  dem  Augenblicke,  mich  erschauernd,  vor  Augen,  als  ich  einige  Jahre 
nach  Nietzsches  Erkrankung  in  Naumburg  in  Nietzsches  kleine  Stube 
eintrat,  wo  er  auf  dem  Sofa  lag,  wo  er  nach  dem  Essen  hinstierte,  nie- 
manden  aus  seiner  Umgebung  kannte,  wo  er  wie  ein  vollig  Bloder, 
aber  noch  mit  einem  Lichte  im  Auge,  das  von  der  ehemaligen  Geniali- 
tat  durchstrahlt  war,  einem  entgegenblickte. 

Wenn  man  nun  diesen  Nietzsche  anschaute  mit  all  dem,  was  man 
erleben  konnte  an  Nietzsches  Weltanschauung,  an  Nietzsches  innerer 
Vorstellung  und  Bilderwelt,  wenn  man  dann,  nicht  wie  der  blofie 
aufiere  Psychiater,  mit  diesem  Bilde  in  der  eigenen  Seele  vor  diesen 
Nietzsche,  vor  diese  Ruine,  vor  dieses  Wrack  in  bezug  auf  das  phy- 
sische  Leben  hintrat,  dann,  dann  wufite  man:  Dieses  Menschen wesen 
wollte  hineinschauen  in  die  Welt,  die  da  wird  durch  Inspiration.  Es 
drang  nichts  aus  dieser  Welt  ihm  entgegen.  Und  dasjenige,  was  hinein 
wollte  in  diese  Welt,  was  nach  der  Inspiration  verlangte,  es  loschte  sich 
zuletzt  aus,  es  erfiillte  als  ein  inhaltsloses  Seelisch-Geistiges  noch  jahre- 
lang  den  Organismus. 


Man  konnte  die  ganze  Tragik  unserer  modernen  Kultur,  ihr  Stre- 
ben  nach  der  geistigen  Welt,  ihr  Sich-Hinneigen  zu  dem,  was  aus  der 
Inspiration  kommen  kann,  an  einem  solchen  Anblick  lernen.  Das  war 
fiir  mich  -  ich  scheue  mich  eben  nicht,  dieses  Personliche  hier  anzu- 
fiihren  -  einer  derjenigen  Augenblicke,  die  man  auch  goethisch  deuten 
kann.  Goethe  sagt:  Die  Natur  hat  kein  Geheimnis  in  sich,  das  sie 
nicht  an  irgendeiner  Stelle  offenbar  machen  wiirde.  -  Nein,  die  ganze 
Welt  hat  kein  Geheimnis  in  sich,  das  sie  nicht  an  irgendeiner  Stelle 
offenbar  machen  wiirde.  Die  gegenwartige  Entwickelung  der  Mensch- 
heit  tragt  das  Geheimnis  in  sich,  daft  aus  dieser  Menschheit  heraus  sich 
einfach  ein  Streben  geltend  macht,  eine  Tendenz,  ein  Impuls  geltend 
macht,  der  rumort  in  unseren  sozialen  Umwalzungen,  die  durch  unsere 
Zivilisation  gehen,  der  hineinschauen  will  in  die  geistige  Welt  der  In- 
spiration. Und  Nietzsche  war  als  Menschenwesen  der  eine  Punkt,  wo 
die  Natur  ihr  offenbares  Geheimnis  enthullt,  wo  sich  einem  verraten 
konnte,  was  iiber  die  ganze  Menschheit  hin  heute  ein  Streben  ist,  was 
wir  wollen  miissen,  wenn  nicht  all  die  Menschen,  die  der  Bildung  ent- 
gegenstreben,  die  in  die  moderne  Wissenschaft  hineinstreben  -  und 
das  wird  nach  und  nach  die  ganze  zivilisierte  Menschheit  tun,  denn 
das  Wissen  mufi  popular  werden  -,  wenn  die  Menschen  nicht  ihr  Ich 
verlieren  sollen  und  Zivilisation  in  Barbarei  ubergehen  soli. 

Das  ist  die  eine  grofie  Kultursorge,  die  eine  grofie  Zivilisationssorge, 
die  demjenigen  sich  auflastet,  der  den  gegenwartigen  Gang  der  Mensch- 
heitsgeschichte  verfolgt  und  das  Ziel  hat,  zu  einem  sozialen  Denken 
zu  kommen.  Nach  der  andern  Seite  machen  sich  ahnliche  Erschei- 
nungen  geltend,  nach  der  Bewufitseinsseite.  Und  auch  nach  dieser  Be- 
wufitseinsseite  hin  werden  wir  wenigstens  kurz  diese  Erscheinungen 
zu  studieren  haben,  werden  sehen,  wie  auch  da  aus  dem  ganzen  Chaos 
des  gegenwartigen  Menschenlebens  heraustreten  die  andern  Erschei- 
nungen, die  pathologisch  uns  ebenso  entgegentreten,  die  seit  Westphal, 
Falret  und  andern  beschrieben  werden,  die  nicht  durch  Zufall  erst  in 
den  neueren  Dezennien  beschrieben  werden.  Es  treten  uns  auf  der 
andern  Seite,  gegen  die  BewufStseinsgrenze  hin,  ebenso  die  Erscheinun- 
gen der  Klaustrophobie,  der  Astraphobie,  der  Agoraphobie  entgegen, 
wie  uns  die  Zweifelsucht  entgegentritt  nach  der  Materieseite  hin.  Und 


ebenso  -  das  werden  wir  noch  zu  besprechen  haben  — ,  wie  die  patho- 
logische  Zweifelsucht  durch  das  Kultivieren  der  Inspiration  kultur- 
historisch  geheilt  werden  mufi,  wie  das  eine  der  grofien  sozialethischen 
Aufgaben  der  Gegenwart  ist,  so  ist  das  drohende  Hereinbrechen  der- 
jenigen  Erscheinungen,  die  ich  morgen  noch  werde  zu  besprechen  ha- 
ben, der  Klaustrophobie,  der  Astraphobie,  der  Agoraphobie,  das  an- 
dere,  das  storend  auftritt,  und  das  wir  durch  die  Imagination  werden 
bezwingen  konnen,  die  wir  der  modernen  Zivilisation  zum  sozialen 
Heile  der  Menschheit  werden  einzufiigen  haben. 


SECHSTER  VORTRAG 


Dornach,  2.  Oktober  1920,  vormittags 


Wir  schlossen  gestern  damit,  dafi  wir  hinstellten  dasjenige,  was  sich 
an  der  einen  Grenze  des  menschlichen  Naturerkennens  fur  ein  wirk- 
liches,  wahrhaftes  Erkennen  ergibt,  wir  schlossen  damit,  dafi  die  Inspi- 
ration charakterisiert  wurde.  Ich  habe  Sie  darauf  aufmerksam  gemacht, 
wie  der  Mensch  durch  die  Inspiration  hineinwachst  in  eine  geistige 
Welt,  in  der  er  sich  dann  selber  darinnen  weifi,  in  der  er  sich  zugleich 
aufierhalb  seines  Leibes  weifi,  und  ich  habe  Ihnen  gezeigt,  wie  dieses 
Hineinwachsen  aus  einem  gewissermafien  tonlosen  musikalischen  Ele- 
mente  herauf  bis  zum  Hineinwachsen  in  ein  individualisiertes  wesen- 
haftes  Element  geschieht.  Es  ist  wohl  auch  aus  den  gestern  gemachten 
Bemerkungen  iiber  den  Hyperkritizismus  und  den  Hyperskeptizismus 
hervorgegangen,  dafi  pathologische  Zustande  beim  Menschen  entste- 
hen  konnen,  wenn  dieses  Herausgehen  des  Menschen  aus  seinem  Leibe 
gewissermafien  geschieht  ohne  die  Mitnahme  des  Ich,  wenn  der  Mensch 
nicht  sein  voiles  Bewufitsein,  sein  Ich-Bewufitsein  in  diejenigen  Zu- 
stande  mit  hineinverwebt,  die  er  wahrend  der  Inspiration  eben  durch- 
lebt.  Wenn  der  Mensch  dieses  sein  Ich  in  diese  Inspiration  hineinbringt, 
dann  ist  dieses  ein  gesunder,  ja  ein  notwendiger  Fortschritt  im  mensch- 
lichen Erkennen.  Wenn  der  Mensch  aber  in  einer  Kulturepoche,  wie 
die  gegenwartige  es  ist,  wo  einfach  die  menschliche  Wesenheit  nach 
diesem  Freiwerden  vom  Organismus  strebt,  wenn  er  instinktiv,  unbe- 
wufit,  krankhaft  die  Sache  iiber  sich  kommen  lafit,  dann  kommen  eben 
jene  krankhaften  Zustande  heraus,  von  denen  gestern  gesprochen  wor- 
den  ist.  Wir  haben  gewissermafien  in  unserer  menschlichen  Natur  die 
zwei  Pole.  Entweder  konnen  wir  auf  der  einen  Seite  hinsehen  zu  dem, 
was  uns  einen  freien  geistigen  Ausblick  in  hochste  Wirklichkeiten  bie- 
tet,  oder  wir  konnen,  indem  wir  es  vermeiden,  indem  wir  nicht  den 
Mut  dazu  aufbringen,  vollbewufit  in  diese  Region  hineinzudringen, 
sondern  uns  treiben  lassen  von  den  unbewufiten  Kraften  der  Menschen- 
natur,  wir  konnen  in  eine  Erkrankung  des  menschlichen  Organismus 
hinein  verfallen.  Und  schlimm  ware  es,  zu  glauben,  dafi  man  geschiitzt 


ware  vor  dieser  Erkrankung,  wenn  man  vermiede  das  Hineinstreben 
in  die  wirkliche  geistige  Welt,  Der  Krankheit  verfallt  man  sowieso, 
wenn  die  Instinkte  den  astralischen  Leib,  wie  wir  dann  sagen,  heraus- 
treiben  aus  der  menschlichen  Organisation.  Und  dasjenige,  was  erlebt 
wird  dadurch,  dafi  wir  -  wenn  wir  auch  nicht  selbst  forscherisch  hinein- 
kommen  in  diese  geistige  Welt,  die  charakterisiert  worden  ist  -  blofi 
durch  das  verniinftige  Begreifen  die  Ideen  der  Geisteswissenschaft 
aufnehmen,  das  schutzt  uns  voll,  insbesondere  in  der  gegenwartigen 
Zeit,  vor  dem  ungesunden  Verfallen  in  jene  pathologischen  Zustande, 
wenn  sie  auch  nur  seelisch  auftreten,  die  gestern  charakterisiert  wer- 
den  mufiten  nach  der  einen  Seite. 

Was  aber  tragen  wir  eigentlich  hinein  in  die  hohere  Welt,  wenn 
wir  das  voile  Bewufttsein  hineintragen?  Sie  brauchen  ja  nur  ein  wenig 
die  Entwickelung  des  Menschen  von  seiner  Geburt  an  zu  verfolgen  bis 
zum  Zahnwechsel  hin  und  iiber  den  Zahnwechsel  hinaus,  so  werden 
Sie  finden,  dafi  neben  der  Entwickelung  von  Sprache,  Denken  und 
so  weiter  ein  besonders  bedeutsames  Element  in  dieser  menschlichen 
Entwickelung  die  allmahliche  Entstehung  und  Umbildung  des  Ge- 
dachtnisses ist.  Und  wenn  Sie  dann  hinschauen  auf  das  menschliche 
Leben  in  seinem  Verlaufe,  so  werden  Sie  die  ganze  Wichtigkeit  des 
Gedachtnisses  fiir  ein  voiles  Menschendasein  begreifen.  Wenn  durch 
irgendwelche  krankhaften  Zustande  das  Gedachtnis  unterbrochen  ist, 
so  daft  wir  uns  an  gewisse  Erlebnisse,  die  wir  gehabt  haben,  nicht  er- 
innern,  dafi  gewissermafien  eine  Diskontinuitat  des  Gedachtnisses  ein- 
tritt,  dann  verfallen  wir  einer  schweren  Seelenkrankheit,  denn  wir 
fuhlen  gewissermaflen  den  Ich-Faden,  der  sonst  durch  unser  Leben 
geht,  abreiften.  Dieses  Gedachtnis  -  Sie  konnen  das  auch  in  meiner 
«Theosophie»  nachlesen  -  hangt  eng  an  dem  Ich.  Daher  diirfen  wir 
auch  nicht  verlieren  dasjenige,  was  sich  im  Gedachtnis  aufiert,  wenn 
wir  diesen  Weg,  den  ich  gestern  charakterisiert  habe,  zuriicklegen.  Wir 
miissen  gewissermafien  die  Kraft  in  unserer  Seele,  die  uns  mit  dem 
Gedachtnis  ausstattet,  mit  hinausnehmen  in  die  Welt  der  Inspiration. 

Aber,  wie  sich  in  der  Natur  alles  verandert,  wie  die  Pflanze  ihr 
grimes  Blatt,  indem  sie  emporwachst,  in  die  roten  Blumenblatter  ver- 
wandelt,  wie  in  der  Natur  alles  auf  Metamorphose  beruht,  so  ist  es 


auch  in  dem,  was  das  Menschenleben  durchlauft.  Wenn  wir  unter  dem 
Einflufi  des  vollen  Ich-Bewufttseins  die  Kraft  des  Gedachtnisses  wirk- 
lich  heraustragen  in  die  Welt  der  Inspiration,  so  verwandelt  es  sich, 
so  metamorphosiert  es  sich.  Daher  macht  man  auf  der  einen  Seite  die 
Erfahrung,  daft  man  in  demjenigen  Momente  seines  Lebens,  wo  man 
als  Geistesforscher  in  Inspiration  ist,  dafi  man  in  diesem  Momente 
seines  Lebens  das  gewohnliche  Gedachtnis  nicht  zu  seiner  Verfugung 
hat.  Dieses  gewohnliche  Gedachtnis  hat  man  nur  zu  seiner  Verfugung 
im  gesunden  Leben  im  Leibe;  in  dem  Leben  aufierhalb  des  Leibes  hat 
man  dieses  Gedachtnis  nicht  zur  Verfugung. 

Daraus  geht  eine  eigentiimliche  Tatsache  hervor,  die  Ihnen  viel- 
leicht,  indem  ich  sie  Ihnen  zum  ersten  Mai  vor  das  Seelenauge  fiihre, 
paradox  erscheinen  wird,  die  aber  doch  durchaus  auf  einer  Realitat 
beruht.  Derjenige,  der  wirklich  zum  Geistesforscher  geworden  ist,  der 
daher  durch  Inspiration  konkret  in  wahre  geistige  Wirklichkeit,  wie 
sie  in  meinen  Buchern  geschildert  wird,  eindringt,  der  mufi  sie  jedes- 
mal,  wenn  er  sie  im  BewufStsein  haben  will,  neu  erleben.  Wenn  daher 
jemand  aus  seiner  Inspiration  heraus  spricht  iiber  die  geistige  Welt, 
nicht  aus  blofien  Notizen  oder  aus  dem  blofien  Gedachtnis,  sondern 
wenn  er  unmittelbar  dasjenige  ausspricht,  was  sich  ihm  offenbart  in 
der  geistigen  Welt,  dann  mufi  er  jedesmal  die  Arbeit  der  geistigen 
Wahrnehmung  neu  vollziehen.  Die  Kraft  des  Gedachtnisses  hat  sich 
da  verwandelt.  Man  hat  nur  die  Kraft  behalten,  dasselbe  immer  wie- 
der  hervorzubringen.  Daher  hat  es  der  Geistesforscher  selbst  nicht  so 
leicht  als  der  blofie  Gedachtnismensch.  Er  kann  nicht  einfach  irgend- 
eine  Mitteilung  aus  dem  Gedachtnis  wieder  mitteilen,  sondern  er  mufi 
jedesmal  neu  produzieren,  was  sich  ihm  innerhalb  der  Inspiration  dar- 
bietet.  Und  es  ist  ja  damit  im  Grunde  genommen  nicht  anders,  als  wie 
es  ist  gegeniiber  der  gewohnlichen  physisch-sinnlichen  Wahrnehmung. 
Sie  konnen,  wenn  Sie  wirklich  wahrnehmen  wollen  in  der  physisch-sinn- 
lichen Welt,  nicht  von  den  wahrgenommenen  Dingen  weggehen  und 
an  einer  andern  Stelle  dieselbe  Wahrnehmung  haben.  Sie  miissen  wie- 
derum  zu  den  Dingen  zuriickkehren.  So  mufi  der  Geistesforscher  im 
Geistigen  wiederum  zu  demselben  geistigen  Bewufitseinsinhalte  zuriick- 
kehren.  Und  wie  man  bei  der  physischen  Wahrnehmung  lernen  mufi, 


im  Raume  sich  zu  bewegen,  damit  man  abwechselnd  das  eine  oder  das 
andere  wahrnehmen  kann,  so  mufi  der  Geistesforscher,  der  zur  Inspi- 
ration kommt,  dahin  gelangen,  frei  sich  zu  bewegen  im  Elemente  der 
Zeit.  Er  mufi  gewissermafien,  wenn  ich  mich  des  paradoxen  Ausdruckes 
bedienen  darf,  im  Elemente  der  Zeit  schwimmen  konnen.  Er  muft  mit 
der  Zeit  selber  mitgehen  lernen.  Und  wenn  er  dann  dieses  lernt,  dann 
findet  er,  daft  die  Kraft  des  Gedachtnisses  sich  in  ein  anderes  ver- 
wandelt  hat,  daft  eine  Metamorphose  eingetreten  ist  mit  der  Kraft  des 
Gedachtnisses.  Das,  was  das  Gedachtnis  in  der  gewohnlichen  physisch- 
sinnlichen  Welt  geleistet  hat,  das  muft  er  jetzt  durch  geistige  Wahr- 
nehmung  ersetzen.  Dasjenige  aber,  in  das  sich  das  Gedachtnis  ver- 
wandelt  hat,  das  gibt  ihm  die  Wahrnehmung  eines  umfassenderen  Ich. 
Jetzt  wird  zu  einer  Erkenntnistatsache  diejenige  der  wiederholten  Er- 
denleben.  Jetzt  wird  das  Ich  in  seiner  Erweiterung  erkannt.  Jetzt,  wo 
man  das  Gedachtnis,  das  zusammenhalt  die  Ich-Gewalt  zwischen  Ge- 
burt  und  Tod,  jetzt,  wo  man  dieses  Gedachtnis  verwandelt  hat,  jetzt 
sprengt  der  Inhalt  des  Ich  die  Hiille,  die  nur  ein  Leben  umfafit,  jetzt 
tritt  die  Erkenntnis  von  den  wiederholten  Erdenleben,  zwischen  denen 
ein  rein  geistiges  Dasein  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt 
absolviert  wird,  jetzt  tritt  sie  als  etwas  auf ,  was  tatsachlich  erkannt  wird. 

Nach  der  andern  Seite,  nach  der  Bewufitseinsseite,  ergibt  sich  nun 
ein  anderes,  wenn  man  versucht,  dasjenige  zu  vermeiden,  was  eine 
alte  Anschauung  des  Geistigen,  die  ich  Ihnen  ja  auch  schon  charakteri- 
siert  habe  als  diejenige  der  Vedantaphilosophien  etwa,  noch  nicht 
kannte.  Wir  im  Abendlande  fiihlen  auf  der  einen  Seite  die  Hohe  der 
geistigen  Anschauung,  wenn  wir  uns  in  die  alte  orientalische  Weisheit 
vertiefen.  Wir  fiihlen,  wie  da  die  Seele  hinaufgetragen  wurde  in  der 
Vedantaphilosophie  in  geistige  Regionen,  in  denen  sie  sich  bewegen 
konnte,  wie  sich  der  Abendlander  mit  dem  gewohnlichen  Bewufitsein 
nur  bewegen  kann  innerhalb  des  mathematischen,  des  geometrischen, 
des  analytisch-mechanischen  Denkens.  Aber  wenn  wir  hinuntergehen 
in  die  breiten  Regionen,  die  im  Oriente  dem  gewohnlichen  Bewuftt- 
sein  zuganglich  waren,  dann  finden  wir  etwas,  was  wir  Abendlander 
vermoge  unserer  vorgeriickteren  menschlichen  Entwickelungsstuf  e  nicht 
mehr  vertragen  konnen,  wir  finden  einen  weitgehenden  Symbolismus, 


ein  Allegorisieren  gegeniiber  der  aufieren  Natur.  Dieses  Symbolisieren, 
dieses  Allegorisieren,  dieses  Denken  der  aufieren  Natur  in  Bildern,  das 
ist  dasjenige,  wovon  wir  das  deutliche  Bewufltsein  haben,  es  fiihrt  uns 
von  der  wahren  Wirklichkeit,  von  dem  wahren  Hineinschauen  in  die 
Natur  weg.  Es  ist  iibergegangen  in  gewisse  Religionsbekenntnisse.  Ge- 
wisse  Religionsbekenntnisse  wissen  mit  dieser  in  die  Dekadenz  ge- 
kommenen  Symbolisierungskunst,  mit  dieser  Mythisierungskunst  nichts 
Rechtes  mehr  anzufangen.  Fur  uns  im  Abendlande  ist  dasjenige,  was 
der  Morgenlander  so  in  einer  illusionaren  Welt  unmittelbar  angewen- 
det  hat  auf  die  auftere  Natur,  womit  er  glaubte,  in  der  aufieren  Natur 
etwas  erkennen  zu  konnen,  fur  uns  ist  es  so  geworden,  dafi  es  nur  ei- 
nen  Wert  haben  darf ,  indem  wir  es  als  innerliche  Obung  zum  weiteren 
Geistesforschen  gebrauchen.  Wir  mussen  uns  aneignen  diejenige  See- 
lenkraft,  die  der  Morgenlander  verwendet  hat  zum  Symbolisieren, 
zum  Anthropomorphisieren.  Wir  mussen  diese  Kraft  innerlich  aus- 
iiben  und  uns  dabei  voll  bewufit  bleiben,  wir  verfallen  in  Aberglauben, 
wir  verfallen  in  Naturschwarmerei,  wenn  wir  mit  dieser  Kraft  etwas 
anderes  tun  als  unsere  Seele  selber  bilden.  Ich  werde  iiber  das  Genauere, 
das  Sie  iibrigens  auch  in  meinem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse 
der  hoheren  Welten?»  finden,  bei  einer  andern  Gelegenheit  noch  vor 
Ihnen  hier  zu  sprechen  haben. 

Aber  indem  man  diese  Kraft,  die  der  Morgenlander  nach  aufien 
wendet,  innerlich  als  Kraft  des  Obens  anwendet,  indem  man  das  bild- 
liche  Vorstellen  zunachst  in  einer  solchen  Weise  in  sich  ausbildet,  ge- 
langt  man  wirkKch  dazu,  nach  der  andern  Seite  hin,  nach  der  Be- 
wufitseinsseite,  Erkenntnisse  zu  entwickeln.  Man  gelangt  allmahlich 
dazu,  das  abstrakte,  das  blofi  ideenhafte  Denken  umzuwandeln  in 
bildhaftes  Denken.  Und  dann  tritt  etwas  ein,  was  ich  nur  nennen 
kann  ein  erlebendes  Denken.  Man  erlebt  das  bildhafte  Denken.  Wa- 
rum  erlebt  man  es?  Ja,  man  erlebt  ja  nichts  anderes  als  dasjenige,  was 
im  Leibe  selber  wirkt  in  den  ersten  Kinderjahren,  wie  ich  es  Ihnen 
beschrieben  habe.  Man  erlebt  nicht  den  im  Raume  ruhig  geformten 
und  seine  Form  nicht  andernden  menschlichen  Organismus,  sondern 
erlebt  dasjenige,  was  im  Menschen  innerlich  lebt  und  webt.  Man  er- 
lebt es  in  Bildern.  Man  ringt  sich  allmahlich  hindurch  zu  einer  An- 


schauung  des  wirklichen  Seelenlebens.  Da  entwickelt  sich  auf  der 
andern  Seite  zur  Erkenntnis  dasjenige,  was  im  Bewufitsein  drinnen 
ist,  das  imaginative  Vorstellen,  das  Leben  in  Imaginationen.  Und  ohne 
das  Vorriicken  in  dieses  Leben  der  Imaginationen  kommt  die  moderne 
Psychologie  nicht  weiter.  Einzig  und  allein  dadurch,  daft  zu  Imagina- 
tionen vorgeriickt  werden  wird,  wird  eine  Psychologie,  die  iiber  eine 
blofte  Wortklauberei  hinwegkommt,  wiederum  entstehen  konnen,  eine 
Psychologie,  die  wirklich  hineinschaut  in  den  Menschen, 

Und  ebenso  wie  jetzt  die  Zeit  da  ist,  daft  der  Mensch  sich  heraus- 
lebt  durch  die  allgemeinen  Kulturverhaltnisse  aus  seinem  physischen 
Leibe,  daft  er  entgegenstrebt  der  Inspiration,  wie  wir  das  an  dem 
Beispiel  Nietzsche  gesehen  haben,  ebenso  ist  jetzt  die  Zeit  da,  daft  der 
Mensch,  wenn  er  sich  selber  erkennen  will,  zur  Imagination  sich  hin- 
geleitet  fiihlen  mufi.  Der  Mensch  mufi  tiefer  in  sich  hinein,  als  er  es 
brauchte  gegeniiber  den  bisherigen  Kulturverlaufen.  Der  Mensch  mufi, 
wenn  die  Entwickelung  nicht  in  die  Barbarei  hineinkommen  soil,  zu 
einer  wahren  Selbstschau  kommen.  Und  das  kann  er  nur  durch  das 
Entgegennehmen  der  Erkenntnis  durch  Imagination.  Daft  der  Mensch 
in  dieser  Weise  in  sein  Inneres  hineinstrebt,  daft  er  tiefer  da  unter- 
tauchen  will  in  dem  Inneren,  als  das  im  bisherigen  Kulturverlauf  der 
Fall  ist,  das  zeigt  sich  uns  wiederum  an  demjenigen,  was  als  entste- 
hende  pathologische  Krankheitsbilder  in  der  besonderen  modernen 
Form  erst  in  jiingster  Zeit  beschrieben  wird  von  denjenigen,  die  solches 
vom  Gesichtspunkte  der  Psychiatrie  oder  der  Medizin  iiberhaupt  stu- 
dieren  konnen.  Das  zeigt  uns  vor  alien  Dingen  das  Erscheinen  der 
Agoraphobie,  das  Erscheinen  der  Astraphobie,  der  Klaustrophobie, 
Krankheitsformen,  die  in  unserer  Zeit  besonders  haufig  auftreten.  Und 
wenn  sie  in  der  Regel  auch  erst  in  ihrem  psychiatrisch  zu  nehmenden 
Zustande  beobachtet  werden,  dem  feineren  Beobachter  aber  ergibt 
sich  noch  etwas  ganz  anderes.  Er  sieht  Agoraphobie,  Astraphobie  und 
so  weiter  im  reinen  Seelischen  schon  herauftauchen  in  der  Menschheits- 
entwickelung,  wie  er  die  Inspiration  herauftauchen  sah  in  krankhafter 
Weise  bei  Friedrich  Nietzsche,  er  sieht  herauftauchen  vor  alien  Din- 
gen in  den  aufierlich  oftmals  noch  als  normal  angesehenen  Seelenzu- 
standen  dasjenige,  was  in  Agoraphobie,  in  der  Platzfurcht,  in  der 


Raumesfurcht  auftritt.  Er  sieht  herauftauchen  dasjenige,  was  herauf- 
taucht  in  der  Astraphobie,  wenn  die  Leute  etwas  innerlich  verspiiren 
und  nicht  recht  wissen,  wie  sie  damit  zurechtkommen,  wenn  dieses 
Innerlich- Verspiiren  so  weit  geht,  dafi  zum  Beispiel  ihre  Verdauungs- 
organe  ergriffen  werden  und  ihre  Verdauung  dadurch  gestort  wird. 
Er  lernt  erkennen  dasjenige,  was  man  nennen  konnte  Einsamkeits- 
furcht,  Klaustrophobie,  wenn  die  Menschen  nicht  allein  sein  konnen, 
wenn  sie  in  krankhafter  Weise  immer  und  iiberall  nur  sein  konnen, 
wenn  sie  dabei  Gesellschaft  um  sich  haben  und  dergleichen.  Diese 
Dinge  kommen  herauf .  Diese  Dinge  zeigen,  wie  die  Menschheit  gegen- 
wartig  nach  der  Imagination  hin  strebt,  und  wie  ein  Obel,  das  sonst 
ein  Kulturubel  werden  mufke,  nur  durch  die  Imagination  bekampft 
werden  kann.  Platzfurcht  -  sie  ist  ja  ein  Ubel,  das  sich  bei  manchen 
Menschen  in  einer  erschreckenden  Weise  zeigt.  Diese  Menschen  wach- 
sen  heran.  Von  einem  gewissen  Zeitpunkte  ihres  Lebens  zeigen  sich 
bei  ihnen  merkwurdige  Zustande.  Wenn  sie  aus  einer  Haustiire  heraus- 
treten  auf  einen  Platz,  der  vielleicht  menschenarm  ist,  so  befallt  sie 
eine  fiir  sie  unergrundliche  Angst.  Sie  furchten  sich  vor  etwas,  sie  ge- 
trauen  sich  nicht  einen  Schritt  weiter  zu  machen  auf  dem  leeren  Platze, 
und  wenn  sie  einen  Schritt  weiter  machen,  dann  kann  es  ihnen  passie- 
ren,  dafi  sie  in  die  Knie  sinken  oder  vielleicht  sogar  umfallen,  dafi  sie 
von  einer  Ohnmacht  befallen  werden.  In  dem  Augenblicke,  wo  nur 
ein  Kind  kommt,  ergreift  der  Betreffende  den  Arm  des  Kindes,  oder 
er  halt  nur  seine  Hand  an  den  Korper  des  Kindes  hin,  und  in  diesem 
Augenblick  fiihlt  er  sich  wiederum  innerlich  durchkraftet,  die  Agora- 
phobic geht  zuriick.  Ein  Fall,  der  in  der  medizinischen  Literatur  be- 
schrieben  ist,  ist  besonders  interessant.  Ein  junger  Mann,  der  sich  so- 
gar stark  genug  fiihlte,  Offizier  zu  werden,  wird  gerade  bei  einem 
Manover,  als  er  hinausgeschickt  wird,  irgendwo  eine  Gegend  aufzu- 
zeichnen,  von  Platzfurcht  befallen.  Seine  Finger  zittern,  er  kann  nicht 
zeichnen;  da,  wo  er  eine  Leere  um  sich  hat  oder  wenigstens  etwas,  was 
er  als  Leere  empfindet,  da  wird  er  von  einer  Angst  befallen,  die  er 
sogleich  als  etwas  Krankhaftes  empfindet.  Es  ist  in  der  Nahe  einer 
Muhle.  Er  muS  sich  immer,  damit  er  iiberhaupt  seine  Pflicht  erfiillen 
kann,  ein  kleines  Kind  neben  sich  hinstellen,  und  nur  dafi  es  dasteht, 


das  macht  es,  dafi  er  nun  wieder  zeichnen  kann.  Wir  fragen  uns:  Wo- 
her  solche  Erscheinungen?  Woher  zum  Beispiel  die  andern  Erschei- 
nungen,  dafi  es  Menschen  gibt,  die,  wenn  sie  des  Nachts  irgendwie 
vergessen  haben,  was  vielleicht  schon  einer  langeren  Gewohnheit  bei 
ihnen  entspricht,  die  Tiire  zu  offnen  zu  ihrem  Schlafzimmer,  aus  dem 
Schlafe  schweifltriefend  erwachen  und  nicht  anders  konnen,  als  auf- 
springen,  die  Tiire  aufzumachen;  denn  sie  konnen  nicht  in  einem 
Raume,  der  abgeschlossen  ist,  sein.  Es  gibt  solche  Menschen,  die  dazu 
kommen,  dafi  sie  alle  Fenster  und  alle  Tiiren  offen  haben  miissen,  dafi 
sie  sogar,  wenn  das  Haus  in  einem  Hof  ist,  das  Hoftor  offen  lassen 
miissen,  damit  sie  das  Bewufitsein  haben,  dafi  sie  Freiheit  haben,  je- 
derzeit  in  den  Raum  hinauszukommen.  Diese  Klaustrophobie,  das  ist 
etwas,  was  man  auch  schon  herauf kommen  sieht,  wenn  es  auch  nicht 
in  dieser  radikalen  Form  haufig  auftritt,  etwas,  was  man  herauf- 
kommen  sieht,  wenn  man  die  Seelenzustande  der  Menschen  genauer 
zu  beobachten  vermag. 

Und  dann  gibt  es  Menschen,  sie  fiihlen  bis  zu  physischen  Zustanden 
etwas  Unerklarliches  in  ihrem  Leibe.  Was  ist  es?  Es  ist  ein  heranna- 
hendes  Gewitter,  oder  es  sind  andere  atmospharische  Zustande.  Es  gibt 
heute  sonst  sehr  gescheite  Menschen  -  sie  miissen  die  Vorhange  her- 
unterlassen,  wenn  es  blitzt  oder  donnert,  sie  miissen  dann  in  einem 
dunklen  Raum  sein,  denn  dadurch  allein  konnen  sie  sich  schiitzen  ge- 
gen  dasjenige,  was  sie  erleben  von  den  atmospharischen  Kraften  her. 
Das  ist  die  Astraphobie.  Woher  kommen  diese  Zustande,  die  wir  im 
Seelenleben  von  heute  schon  sehr  deutlich  bemerken,  insbesondere  bei 
denjenigen  Menschen,  die  sich  lange  hingeben  einem  gewissen  Dog- 
matismus,  glaubig  hingeben;  bei  denen  bemerkt  man,  wenn  es  auch 
noch  nicht  ins  Physische  ubergeht,  seelisch  ganz  genau  diese  Zustande. 
Sie  sind  ja  im  Anfange.  Sie  treten  da  storend  auf  gegeniiber  einer  ru- 
higen,  gelassenen  Erfassung  des  Lebens,  sie  treten  auch  so  auf,  dafi  sie 
allerlei  krankhafte  Zustande  hervorrufen,  die,  weil  sich  das  physische 
Bild  der  Klaustrophobie  oder  der  Agoraphobie  oder  der  Astraphobie 
nicht  gleich  zeigt,  allem  moglichen  zugeschrieben  werden,  wahrend 
sie  in  Wahrheit  zuzuschreiben  sind  der  besonderen  Konfiguration  des 
Seelenlebens,  das  hereinbricht  in  den  Menschen. 


Woher  kommen  denn  solche  Zustande?  Sie  kommen  davon  her, 
dafi  wir  nicht  nur  miissen  unser  Seelenleben  leibfrei  empfinden  ler- 
nen,  sondern  wir  miissen  es  wiederum  zuriicktragen,  dieses  leibfrei 
empfundene  Seelenleben,  in  den  physischen  Organismus,  wir  miissen 
es  mit  Bewufitsein  untertauehen  lassen.  Geradeso  wie  sich  zwischen 
der  Geburt  und  dem  Zahnwechsel  aus  dem  Leibe  herausschalt  das- 
jenige,  was  ich  Ihnen  im  Laufe  dieser  Vortrage  schon  charakterisiert 
habe,  so  taucht  dasjenige,  was  aufien  erlebt  wird,  was  wir  astralisches 
Erlebnis  nennen  konnen,  wiederum  unter  in  den  menschlichen  phy- 
sischen Organismus  zwischen  dem  Zahnwechsel  und  der  Geschlechts- 
reife.  Und  dasjenige,  was  sich  im  Geschlechtsreifwerden  abspielt,  das 
ist  nichts  anderes  als  dieses  Untertauehen  zwischen  dem  etwa  siebenten 
und  etwa  vierzehnten  Lebensjahre.  Es  mufi  dasjenige,  was  der  Mensch 
unabhangig  als  Seelisch-Geistiges  hat,  wiederum  untertauehen  in  den 
Organismus.  Und  dasjenige,  was  dann  als  physische  Liebe  auftritt, 
was  als  Geschlechtstrieb  auftritt,  das  ist  nichts  anderes  als  das  Ergeb- 
nis  dieses  Untertauchens,  das  ich  Ihnen  beschrieben  habe.  Dieses  Un- 
tertauehen, das  mufi  man  genau  kennenlernen.  Durch  solche  Anlei- 
tungen,  wie  die  sind,  von  denen  ich  noch  bei  anderer  Gelegenheit  vor 
Ihnen  hier  sprechen  werde,  mufi  dieses  im  vollbewufiten,  gesunden 
Zustande  derjenige  bewirken  konnen,  der  nach  der  Bewufitseinsseite 
hin  eine  wahre  Erkenntnis  erringen  will,  das  heifit,  er  mufi  unter- 
tauehen lernen  in  den  Leib.  Dann  wird  man  dasjenige,  was  sich  da 
darbietet,  zunachst  als  imaginative  Vorstellung  des  Innerlichen  er- 
leben.  Und  das  geniigt  nicht,  dafi  man  ein  aufieres,  plastisch-raumliches 
Formvorstellen  hat,  es  geniigt  zu  diesem  Uben  erst,  wenn  man  ein  be- 
wegtes  Formvorstellen  hat,  wenn  man  allmahlich  iiberhaupt  alles 
Raumliche  iiberwinden  kann  in  dieser  Imagination  und  man  unter- 
tauehen kann  in  die  Vorstellung  eines  Intensiven,  eines  Aus-sich-her- 
aus-Wirkenden.  Kurz,  man  mufi  untertauehen,  so  dafi  man  dann  im 
Untertauehen  noch  genau  sich  unterscheiden  kann  von  seinem  Leibe. 
Denn  nur  dasjenige  kann  man  erkennen,  was  einem  Objekt  wird.  Was 
mit  einem  Subjektiven  verbunden  bleibt,  kann  man  nicht  erkennen. 
Kann  man  frei  halten  von  einem  unbewufiten  Untertauehen  in  den 
Leib  dasjenige,  was  man  aufierhalb  des  Leibes  erlebt,  dann  kommt 


man  hinunter  in  diesen  Leib,  und  man  erlebt  in  dem  Leib  dasjenige, 
was  das  Wesen  dieses  Leibes  bis  zum  Bewufitsein  herauf  ist,  in  Ima- 
gination, in  Bildern.  Derjenige  aber,  der  diese  Bilder  gew
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