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Seitennummern der Originalausgabe in eckigen Klammern. [ ]
Anmerkungen, angegeben in runden Klammern ( ), stehen jeweils am Ende eines Kapitels.
Steiner, Rudolf:
Die Philosophic der Freiheit.
Gnmdzuge einer modernen Weltanschauung.
Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.
Dornach(CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1958.
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INHALT
Vorrede zur Neuausgabe 1918
I. Teil: Wissenschaft der Freiheit
Das bewusste menschliche Handeln
Der Grundtrieb zur Wissenschaft
Das Denken im Dienste der Weltauffassung
Die Welt als Wahrnehmung
Das Erkennen der Welt
Die menschliche Individualitat
Gibt es Grenzen des Erkennens
II. Teil: Die Wirklichkeit der Freiheit
Die Faktoren des Lebens
Die Idee der Freiheit
Freiheitsphilosophie und Monismus
Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus)
Individualitat und Gattung
Die letzten Fragen - Die Konsequenzen des Monismus
Erster Anhang (Zusatz zur Neuausgabe 1918)
Zweiter Anhang (Vorrede zur 1. Auflage von 1884)
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Vorrede zur Neuausgabe 1918
[7] Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen hingeordnet
ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soil. Die eine ist, ob es eine
Moglichkeit gibt, die menschliche Wesenheit so anzuschauen, dafi diese Anschauung sich
als Stutze erweist fur alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den
Menschen herankommt, wovon er aber die Empfindung hat, es konne sich nicht selber
stiitzen. Es konne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich des Ungewissen
getrieben werden. Die andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als wollendes Wesen
die Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine blofie Illusion, die in ihm entsteht,
weil er die Faden der Notwendigkeit nicht durchschaut, an denen sein Wollen ebenso
hangt wie ein Naturgeschehen? Nicht ein kiinstliches Gedankengespinst ruft diese Frage
hervor. Sie tritt ganz naturgemafi in einer bestimmten Verfassung der Seele vor diese hin.
Und man kann fTihlen, es ginge der Seele etwas ab von dem, was sie sein soil, wenn sie
nicht vor die zwei Moglichkeiten: Freiheit oder Notwendigkeit des Wollens, einmal mit
einem moglichst grofien Frageernst sich gestellt sahe. In dieser Schrift soil gezeigt
werden, dafi die Seelenerlebnisse, welche der Mensch durch die zweite Frage erfahren
mufi, davon abhangen, welchen Gesichtspunkt er gegeniiber der ersten einzunehmen
vermag. Der Versuch wird gemacht, nachzuweisen, dafi es eine Anschauung iiber die
menschliche Wesenheit gibt, welche die iibrige Erkenntnis stiitzen kann; und der weitere,
darauf hinzudeuten, dafi mit dieser Anschauung fur die Idee der Freiheit des Willens eine
voile Berechtigung gewonnen wird, wenn nur erst das [8] Seelengebiet gefunden ist, auf
dem das freie Wollen sich entfalten kann.
Die Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden Fragen die Rede ist, stellt sich
als eine solche dar, welche, einmal gewonnen, ein Glied lebendigen Seelenlebens selbst
werden kann. Es wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man, einmal
erworben, blofi als vom Gedachtnis bewahrte Uberzeugung mit sich tragt. Fur die
Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt, ware eine solche Antwort nur eine
scheinbare. Nicht eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf
ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere
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Seelentatigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf, die Frage
erneut lebendig beantwortet. Wer das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich
diese Fragen entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes
dasjenige, was er fur diese beiden Lebensratsel braucht, um mit dem Errungenen das
ratselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in die ihn zu
wandeln Bediirfnis und Schicksal veranlassen. - Eine Erkenntnis, die durch ihr
Eigenleben und durch die Verwandtschaft dieses Eigenlebens mit dem ganzen
menschlichen Seelenleben ihre Berechtigung und Geltung erweist, scheint damit
aufgezeigt zu sein.
So dachte ich iiber den Inhalt dieses Buches, als ich ihn vor funfundzwanzig Jahren
niederschrieb. Auch heute muB ich solche Satze niederschreiben, wenn ich die
Zielgedanken der Schrift kennzeichnen will. Ich habe mich bei der damaligen
Niederschrift darauf beschrankt, nicht mehr zu sagen als dasjenige, was im engsten Sinne
mit den gekennzeichneten beiden Wurzelfragen zusammenhangt. Wenn jemand
verwundert [9] dariiber sein sollte, dafi man in diesem Buche noch keinen Hinweis findet
auf das Gebiet der geistigen Erfahrungswelt, das in spateren Schriften von mir zur
Darstellung gekommen ist, so moge er bedenken, dafi ich damals eben nicht eine
Schilderung geistiger Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage erbauen
wollte, auf der solche Ergebnisse ruhen konnen. Diese «Philosophie der Freiheit» enthalt
keine solchen speziellen Ergebnisse, ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche
Ergebnisse enthalt; aber was sie enthalt, wird derjenige nach meiner Meinung nicht
entbehren konnen, der Sicherheit fur solche Erkenntnisse anstrebt. Was in dem Buche
gesagt ist, kann auch fur manchen Menschen annehmbar sein, der aus irgend welchen
ihm geltenden Griinden mit meinen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen
nichts zu tun haben will. Demjenigen aber, der diese geisteswissenschaftlichen
Ergebnisse als etwas betrachten kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch wichtig sein
konnen, was hier versucht wurde. Es ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene
Betrachtung, die sich blofi iiber die beiden gekennzeichneten fur alles Erkennen
grundlegenden Fragen erstreckt, zu der Anschauung fuhrt, dafi der Mensch in einer
wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt. In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des
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Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige Erfahrung zu rechtfertigen. Und diese
Rechtfertigung ist so unternommen, daB man wohl nirgends bei diesen Ausfiihrungen
schon auf die spater von mir geltend gemachten Erfahrungen hinzuschielen braucht, um,
was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn man auf die Art dieser Ausfiihrungen
selbst eingehen kann oder mag.
So scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine [10] von meinen eigentlich
geisteswissenschaftlichen Schriften vollig abgesonderte Stellung einzunehmen; und auf
der andern Seite doch auch aufs allerengste mit ihnen verbunden zu sein. Dies alles hat
mich veranlafit, jetzt, nach fiinfundzwanzig Jahren, den Inhalt der Schrift im wesentlichen
fast ganz unverandert wieder zu veroffentlichen. Nur langere Zusatze habe ich zu einer
ganzen Reihe von Abschnitten gemacht. Die Erfahrungen, die ich iiber mifiverstandliche
Auffassungen des von mir Gesagten gemacht habe, liefien mir solche ausfiihrliche
Erweiterungen notig erscheinen. Geandert habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt
gesagt schien, was ich vor einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen. (Aus dem so
Geanderten wird wohl nur ein Ubelwollender sich veranlafit finden zu sagen, ich habe
meine Grundiiberzeugung geandert.)
Das Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft. Trotzdem, wie aus dem eben Gesagten
hervorgeht, mir scheint, dafi heute ebenso noch ausgesprochen werden soil, was ich vor
fiinfundzwanzig Jahren iiber die gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe, zogerte
ich durch lange Zeit mit der Fertigstellung dieser Neuauflage. Ich fragte mich immer
wieder, ob ich nicht miisse an dieser oder jener Stelle mich mit den zahlreichen seit dem
Erscheinen der ersten Auflage zutage getretenen philosophischen Anschauungen
auseinandersetzen. Dies in der mir wiinschenswerten Weise zu tun, verhinderte mich die
Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen in der letzten
Zeit. Allein ich habe mich nun nach moglichst griindlicher Umschau in der
philosophischen Arbeit der Gegenwart davon iiberzeugt, dafi, so verlockend eine solche
Auseinandersetzung an sich ware, sie fur das, was durch mein Buch gesagt [11] werden
soil, nicht in dasselbe aufzunehmen ist. Was von dem in der «Philosophie der Freiheit»
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eingenommenen Gesichtspunkt aus iiber neuere philosophische Richtungen mir notig
schien, gesagt zu werden, findet man im zweiten Bande meiner «Ratsel der Philosophies
April 1918
Rudolf Steiner
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I. Teil: Wissenschaft der Freiheit
I. Das bewusste menschliche Handeln
[15] 1st der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen oder stent er
unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit? Auf wenige
Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden als auf diese. Die Idee der Freiheit des
menschlichen Willens hat warme Anhanger wie hartnackige Gegner in reicher Zahl
gefunden. Es gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden fur einen beschrankten
Geist erklaren, der eine so offenkundige Tatsache wie die Freiheit zu leugnen vermag.
Ihnen stehen andere gegeniiber, die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit
erblicken, wenn jemand die Gesetzmafiigkeit der Natur auf dem Gebiete des
menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird
hier gleich oft fur das kostbarste Gut der Menschheit wie fur die argste Illusion erklart.
Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklaren, wie sich die menschliche
Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch angehort, vertragt.
Nicht geringer ist die Miihe, mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht
wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen konnen. Dafi man es hier mit einer der
wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der Wissenschaft zu tun hat,
das fuhlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil von Griindlichkeit der hervorstechendste Zug
seines Charakters ist. Und es gehort zu den traurigen Zeichen der Oberflachlichkeit
gegenwartigen Denkens, dafi ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung
einen «neuen Glauben» pragen will (David Friedrich Straufi, Der alte und der neue
Glaube), iiber diese Frage [16] nichts enthalt als die Worte: «Auf die Frage nach der
Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns hiebei nicht einzulassen. Die
vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophic, die des Namens wert
war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der
menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberiihrt.»
Nicht weil ich glaube, dafi das Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat,
fuhre ich diese Stelle hier an, sondern weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint,
bis zu der sich in der fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden
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Zeitgenossen aufzuschwingen veraiag. Dafi die Freiheit darin nicht bestehen konne, von
zwei moglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wahlen,
scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen
Kinderschuhen entwachsen zu sein. Es ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter
Grund vorhanden, warum man von mehreren moglichen Handlungen gerade eine
bestimmte zur Ausfiihrung bringt.
Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe
der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt doch Herbert Spencer, der in
Ansichten lebt, die mit jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der
Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882):
«Dafi aber Jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren konne, was der
eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebensosehr
durch die Analyse des Bewufitseins, als durch den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der
Psychologie) verneint.» Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie
den [17] Begriff des freien Willens bekampfen. Im Keime finden sich alle
diesbeziiglichen Ausfiihrungen schon bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen die
Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzahlige Male wiederholt, nur
eingehiillt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen Lehren, so dafi es schwer wird, den
schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen. Spinoza schreibt in
einem Briefe vom Oktober oder November 1674: «Ich nenne namlich die Sache frei, die
aus der blofien Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich
die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise
bestimmt wird. So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur
aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und
alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, dafi er alles
erkennt. Sie sehen also, dafi ich die Freiheit nicht in ein freies Beschliefien, sondern in
eine freie Notwendigkeit setze.
Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche samtlich von aufiern
Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken. Um
dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhalt
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zum Beispiel ein Stein von einer aufieren, ihn stofienden Ursache eine gewisse Menge
von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stofi der aufiern Ursache aufgehort hat,
notwendig fortfahrt, sich zu bewegen. Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung
ist deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch den Stofi einer aufiern
Ursache definiert werden muB. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern
einzelnen Sac he, und mag sie noch so zusammengesetzt und [18] zu vielem geeignet
sein, namlich, dafi jede Sache notwendig von einer aufiern Ursache bestimmt wird, in
fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.
Nehmen Sie nun, ich bitte, an, dafi der Stein, wahrend er sich bewegt, denkt und weifi, er
bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines
Strebens sich bewufit ist und keineswegs gleichgultig sich verhalt, wird glauben, dafi er
ganz frei sei und dafi er aus keinem andern Grunde in seiner Bewegung fort fahre , als
weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten
und die nur darin besteht, dafi die Menschen ihres Begehrens sich bewufit sind, aber die
Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. So glaubt das Kind, dafi es die
Milch frei begehre und der zornige Knabe, dafi er frei die Rache verlange, und der
Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt der Betrunkene, dafi er nach freiem Entschlufi dies
spreche, was er, wenn er niichtern geworden, gern nicht gesprochen hatte; und da dieses
Vorurteil alien Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien.
Denn wenn auch die Erfahrung geniigend lehrt, dafi die Menschen am wenigsten ihr
Begehren mafiigen konnen und dafi sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt,
das Bessere einsehen und das Schlechtere tun, so halten sie sich doch fur frei und zwar,
weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die
Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»
Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch leicht,
den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So notwendig, wie der Stein auf einen
Anstofi hin eine bestimmte Bewegung ausfuhrt, ebenso notwendig [19] soil der Mensch
eine Handlung ausfiihren, wenn er durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird. Nur
weil der Mensch ein Bewufitsein von seiner Handlung hat, halte er sich fur den freien
Veranlasser derselben. Er iibersehe dabei aber, dafi eine Ursache ihn treibt, der er
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unbedingt folgen muB. Der Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza
und alle, die denken wie er, iibersehen, dafi der Mensch nicht nur ein Bewufitsein von
seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen er
geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, dafi das Kind unfrei ist, wenn es die Milch
begehrt, dafi der Betrunkene es ist, wenn er Dinge spricht, die er spater bereut. Beide
wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus tatig sind, und unter
deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt, Handlungen dieser
Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines
Handelns bewufit ist, sondern auch der Griinde, die ihn veranlassen? Sind die
Handlungen der Menschen denn von einerlei Art? Darf die Tat des Kriegers auf dem
Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes
in verwickelten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe
gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es wahr, dafi
man die Losung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist.
Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermogen endlose Verwirrung
gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weifi, warum ich etwas
tue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunachst scheint das eine ganz selbstverstandliche
Wahrheit zu sein. Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach gefragt, [20]
ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, fur mich in
gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozefi, der das Kind
veranlafit, nach Milch zu schreien.
Eduard von Hartmann behauptet in seiner «Phanomenologie des sittlichen Bewufitseins»
(S. 451), das menschliche Wollen hange von zwei Hauptfaktoren ab: von den
Beweggriinden und von dem Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich oder
doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von aufien
bestimmt, namlich durch die Umstande, die an sie herantreten. Erwagt man aber, dafi
verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns
machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung zu
einer Begehrung veranlafit wird, so erscheint der Mensch von innen bestimmt und nicht
von aufien. Der Mensch glaubt nun, weil er, gemafi seinem Charakter, eine ihm von
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aufien aufgedrangte Vorstellung erst zum Beweggrund machen mufi: er sei frei, das heifit
unabhangig von aufieren Beweggriinden. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von
Hartmann, daB: «Wenn aber auch wir selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben,
so tun wir dies doch nicht willkurlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer
charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als frei,. Auch hier bleibt der
Unterschied ohne alle Beriicksichtigung, der besteht zwischen Beweggriinden, die ich
erst auf mich wirken lasse, nachdem ich sie mit meinem Bewufitsein durchdrungen habe,
und solchen, denen ich folge, ohne dafi ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
Und dies fTihrt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die Sache angesehen
werden soil. Darf die [21] Frage nach der Freiheit unseres Willens iiberhaupt einseitig fur
sich gestellt werden? Und wenn nicht: mit welcher andern muB sie notwendig verkniipft
werden?
Ist ein Unterschied zwischen einem bewufiten Beweggrund meines Handelns und einem
unbewufiten Antrieb, dann wird der erstere auch eine Handlung nach sich ziehen, die
anders beurteilt werden mufi als eine solche aus blindem Drange. Die Frage nach diesem
Unterschied wird also die erste sein. Und was sie ergibt, davon wird es erst abhangen,
wie wir uns zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
Was heifit es, ein Wissen von den Griinden seines Handelns haben? Man hat diese Frage
zu wenig beriicksichtigt, weil man leider immer in zwei Teile zerrissen hat, was ein
untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den Handelnden und den Erkennenden
unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur der, auf den es vor alien andern
Dingen ankommt: der aus Erkenntnis Handelnde.
Man sagt frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner Vernunft stehe und
nicht unter der der animalischen Begierden. Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und
Handeln nach Zwecken und Entschlussen bestimmen zu konnen.
Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das ist ja eben die
Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschliisse in gleicher Weise auf den Menschen
einen Zwang ausiiben wie animalische Begierden. Wenn ohne mein Zutun ein
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verniinftiger Entschlufi in mir auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger
und Durst, dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine
Illusion. [22] Eine andere Redewendung lautet: Freisein heifit nicht wollen konnen, was
man will, sondern tun konnen, was man will. Diesen Gedanken hat der Dichterphilosoph
Robert Hamerling in seiner «Atomistik des Willens» in scharf- umrissenen Worten
gekennzeichnet: «Der Mensch kann allerdings tun, was er will - aber er kann nicht
wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! - Er kann nicht wollen,
was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal naher an. Ist ein verniinftiger Sinn
darin? Freiheit des Willens miifite also darin bestehen, dafi man ohne Grund, ohne Motiv
etwas wollen konnte? Aber was heifit denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies
lieber zu tun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen, hiefie
etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs
unzertrennlich verkniipft. Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres
Vermogen: erst durch das Motiv wird er tatig und reell. Es ist also ganz richtig, dafi der
menschliche Wille insofern nicht «frei» ist, als seine Richtung immer durch das starkste
der Motive bestimmt ist. Aber es mufi andererseits zugegeben werden, dafi es absurd ist,
dieser «Unfreiheit» gegeniiber von einer denkbaren «Freiheit» des Willens zu reden,
welche dahin ginge, wollen zu konnen, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2.
Band S. 213 f.)
Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den Unterschied
zwischen unbewufiten und bewufiten Riicksicht zu nehmen. Wenn ein Motiv auf mich
wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es sich als das «starkste» unter
seinesgleichen erweist, dann hort der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie
soil es fur mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas tun kann [23] oder nicht, wenn ich
von dem Motive gezwungen werde, es zu tun? Nicht darauf kommt es zunachst an: ob ich
dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur
solche Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen
mufi, dann ist es mir unter Umstanden hochst gleichgultig, ob ich es auch tun kann. Wenn
mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner Umgebung herrschenden
Umstande ein Motiv aufgedrangt wird, das sich meinem Denken gegeniiber als
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unverniinftig erweist, dann miifite ich sogar froh sein, wenn ich nicht konnte, was ich
will.
Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaBten Entschlufi zur Ausfiihrung bringen
kann, sondern wie der Entschlufi in mir entsteht.
Was den Menschen von alien andern organischen Wesen unterscheidet, ruht auf seinem
verniinftigen Denken. Tatig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein. Nichts ist
damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes fur das Handeln des
Menschen nach Analogien im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt
solche Analogien. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem menschlichen
Verhalten Ahnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste Frage der
Wissenschaft vom Menschen beriihrt zu haben. Zu welchen Mifiverstandnissen diese
Meinung fuhrt, zeigt sich zum Beispiel in dem Buche: «Die Illusion der Willensfreiheit»
von P. Ree, 1885, der (S. 5) iiber die Freiheit folgendes sagt: «Dafi es uns so scheint, als
ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht notwendig ware, ist
leicht erklarlich.
Die Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draufien und sichtbar, Die Ursachen
aber, vermoge deren der Esel [24] will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen uns und
der Statte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Man sieht die kausale
Bedingtheit nicht, und meint daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklart man, sei
zwar die Ursache der Umdrehung (des Esels), selbst aber sei es unbedingt; es sei ein
absoluter Anfang., Also auch hier wieder wird iiber Handlungen des Menschen, bei
denen er ein Bewufitsein von den Griinden seines Handelns hat, einfach hinweggegangen,
denn Ree erklart: «Zwischen uns und der Statte ihrer Wirksamkeit befindet sich die
Hirnschale des Esels. » Dafi es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der
Menschen gibt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewufit gewordene Motiv
liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schliefien, Ree keine Ahnung. Er beweist
das einige Seiten spater auch noch durch die Worte: «Wir nehmen die Ursachen nicht
wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei iiberhaupt nicht
ursachlich bedingt.»
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Doch genug der Beispiele, welche beweisen, dafi viele gegen die Freiheit kampfen, ohne
zu wissen, was Freiheit iiberhaupt ist.
Dafi eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Tater nicht weifi, warum er sie
vollbringt, ist ganz selbstverstandlich. Wie verhalt es sich aber mit einer solchen, von
deren Griinden gewufit wird? Das fuhrt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und
die Bedeutung des Denkens? Denn ohne die Erkenntnis der denkenden Betatigung der
Seele ist ein Begriff des Wissens von etwas, also auch von einer Handlung nicht moglich.
Wenn wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch leicht sein,
klar dariiber zu werden, was fur eine Rolle das Denken [25] beim menschlichen Handeln
spielt. «Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste»,
sagt Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln
sein eigentiimliches Geprage geben.
Keineswegs soil behauptet werden, dafi all unser Handeln nur aus der nuchternen
Uberlegung unseres Verstandes fliefie. Nur diejenigen Handlungen als im hochsten Sinne
menschlichen hinzustellen, die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz
fern. Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein
animalischer Begierden, sind unsere Beweggriinde immer von Gedanken durchsetzt.
Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht in kalte
Verstandesbegriffe auflosen lassen. Man sagt das Herz, das Gemiit treten da in ihre
Rechte. Ohne Zweifel. Aber das Herz und das Gemiit schaffen nicht die Beweggriinde
des Handelns. Sie setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren Bereich auf. In
meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in meinem Bewufitsein die Vorstellung
einer mitleiderregenden Person aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den
Kopf. Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die blofie Aufierung
des Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem
geliebten Wesen machen. Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto
beseligender ist die Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefuhles. Man sagt:
die Liebe mache blind fur die Schwachen des geliebten Wesens. Die Sache kann auch
umgekehrt angefafit werden und behauptet: die Liebe offne gerade fur dessen Vorziige
das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen [26] Vorziigen vorbei, ohne sie zu
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bemerken. Der eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was
hat er anderes getan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere
keine haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
Wir mogen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer muB es werden, dafi die
Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die andere voraussetzt nach dem
Urspriinge des Denkens. Ich wende mich daher zunachst dieser Frage zu.
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II. Der Grundtrieb zur Wissenschaft
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine halt, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
(Faust I, 1112-1117)
[27] Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur begriindeten
Charakterzug aus. Nicht ein einheitlich organisiertes Wesen ist der Mensch. Er verlangt
stets mehr, als die Welt ihm freiwillig gibt. Bediirfnisse hat die Natur uns gegeben; unter
diesen sind solche, deren Befriedigung sie unserer eigenen Tatigkeit iiberlafit. Reichlich
sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren. Wir scheinen
zur Unzufriedenheit geboren. Nur ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser
Erkenntnisdrang. Wir blicken einen Baum zweimal an. Wir sehen das eine Mai seine
Aste in Ruhe, das andere Mai in Bewegung. Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht
zufrieden. Warum stellt sich uns der Baum das eine Mai ruhend, das andere Mai in
Bewegung dar? So fragen wir. Jeder Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von
Fragen. Mit jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben.
Jedes Erlebnis wird uns zum Ratsel. Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ahnliches
Wesen hervorgehen; wir fragen nach dem Grunde dieser Ahnlichkeit. Wir beobachten an
einem Lebewesen Wachstum und Entwickelung bis zu einem bestimmten Grade der [28]
Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen dieser Erfahrung. Nirgends sind wir
mit dem zufrieden, was die Natur vor unseren Sinnen ausbreitet. Wir suchen uberall nach
dem, was wir Erkldrung der Tatsachen nennen.
Der Uberschufi dessen, was wir in den Dingen suchen, iiber das, was uns in ihnen
unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile; wir werden uns
unseres Gegensatzes zur Welt bewufit. Wir stellen uns als ein selbstandiges Wesen der
Welt gegeniiber. Das Universum erscheint uns in den zwei Gegensatzen: Ich und Welt.
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Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald das Bewufitsein in
uns aufleuchtet. Aber niemals verlieren wir das Gefuhl, dafi wir doch zur Welt gehoren,
dafi ein Band besteht, das uns mit ihr verbindet, dafi wir nicht ein Wesen aufierhalb,
sondern innerhalb des Universums sind.
Dieses Gefuhl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu iiberbriicken. Und in der
Uberbriickung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das ganze geistige Streben
der Menschheit. Die Geschichte des geistigen Lebens ist ein fortwahrendes Suchen der
Einheit zwischen uns und der Welt. Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen
gleichermafien dieses Ziel. Der Religios-Glaubige sucht in der Offenbarung, die ihm Gott
zuteil werden lafit, die Losung der Weltratsel, die ihm sein mit der blofien
Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgibt. Der Kiinstler sucht dem Stoffe die Ideen
seines Ich einzubilden, um das in seinem Innern Lebende mit der Aufienwelt zu
versohnen. Auch er fiihlt sich unbefriedigt von der blofien Erscheinungswelt und sucht
ihr jenes Mehr einzuformen, das sein Ich, iiber sie hinausgehend, birgt. Der Denker sucht
nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt [29] denkend zu durchdringen, was er
beobachtend erfahrt. Erst wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt gemacht
haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelost
haben. Wir werden spater sehen, dafi dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des
wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefafit wird, als dies oft geschieht.
Das ganze Verhaltnis, das ich hier dargelegt habe, tritt uns in einer weltgeschichtlichen
Erscheinung entgegen: in dem Gegensatz der einheitlichen Weltauffassung oder des
Monismus und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus. Der Dualismus richtet den
Blick nur auf die von dem Bewufitsein des Menschen vollzogene Trennung zwischen Ich
und Welt. Sein ganzes Streben ist ein ohnmachtiges Ringen nach der Versohnung dieser
Gegensatze, die er bald Geist und Materie, bald Subjekt und Objekt, bald Denken und
Erscheinung nennt. Er hat ein Gefuhl, dafi es eine Briicke geben muB zwischen den
beiden Welten, aber er ist nicht imstande, sie zu finden. Indem der Mensch sich als «Ich»
erlebt, kann er nicht anders als dieses «Ich» auf der Seite des Geistes denken; und indem
er diesem Ich die Welt entgegensetzt, muB er zu dieser die den Sinnen gegebene
Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle Welt Dadurch stellt sich der Mensch selbst in
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den Gegensatz Geist und Materie hinein. Er muB dies um so mehr tun, als zur materiellen
Welt sein eigener Leib gehort. Das «Ich gehort so dem Geistigen als ein Teil an; die
materiellen Dinge und Vorgange, die von den Sinnen wahrgenommen werden, der
«Welt». Alle Ratsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muB der Mensch in dem
Grundratsel seines eigenen Wesens wiederfinden. Der Monismus richtet den Blick allein
auf die Einheit und sucht die einmal [30] vorhandenen Gegensatze zu leugnen oder zu
verwischen. Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den
Tatsachen nicht gerecht. Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei
grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen, wie beide
aufeinander wirken konnen. Wie soil der Geist wissen, was in der Materie vorgeht, wenn
ihm deren eigentiimliche Natur ganz fremd ist? Oder wie soil er unter diesen Umstanden
auf sie wirken, so dafi sich seine Absichten in Taten umsetzen? Die scharfsinnigsten und
die widersinnigsten Hypothesen wurden aufgestellt, um diese Fragen zu losen. Aber auch
mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser. Er hat sich bis jetzt in einer
dreifachen Art zu helfen gesucht: Entweder er leugnet den Geist und wird zum
Materialismus; oder er leugnet die Materie, um im Spiritualismus sein Heil zu suchen;
oder aber er behauptet, dafi auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist
untrennbar verbunden seien, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte, wenn in
dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends getrennt sind.
Der Materialismus kann niemals eine befriedigende Welterklarung liefern. Denn jeder
Versuch einer Erklarung muB damit beginnen, dafi man sich Gedanken iiber die
Welterscheinungen bildet. Der Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem
Gedanken der Materie oder der materiellen Vorgange. Damit hat er bereits zwei
verschiedene Tatsachengebiete vor sich: die materielle Welt und die Gedanken iiber sie.
Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, dafi er sie als einen rein materiellen Prozefi
auffafit. Er glaubt, dafi das Denken im Gehirne etwa so zustande komme, wie die
Verdauung in den animalischen Organen. So wie er [31] der Materie mechanische und
organische Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fahigkeit bei, unter bestimmten
Bedingungen zu denken. Er vergifit, dafi er nun das Problem nur an einen andern Ort
verlegt hat. Statt sich selbst, schreibt er die Fahigkeit des Denkens der Materie zu. Und
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damit ist er wieder an seinem Ausgangspunkte. Wie kommt die Materie dazu, iiber ihr
eigenes Wesen nachzudenken? Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden und nimmt
ihr Dasein hin? Von dem bestimmten Subjekt, von unserem eigenen Ich hat der
Materialist den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes, nebelhaftes Gebilde ist er
gekommen. Und hier tritt ihm dasselbe Ratsel entgegen. Die materialistische Anschauung
vermag das Problem nicht zu losen, sondern nur zu verschieben.
Wie steht es mit der spiritualistischen? Der reine Spiritualist leugnet die Materie in ihrem
selbstandigen Dasein und fafit sie nur als Produkt des Geistes auf. Wendet er diese
Weltanschauung auf die Entratselung der eigenen menschlichen Wesenheit an, so wird er
in die Enge getrieben. Dem Ich, das auf die Seite des Geistes gestellt werden kann, steht
unvermittelt gegeniiber die sinnliche Welt. Zu dieser scheint ein geistiger Zugang sich
nicht zu eroffnen, sie muB durch materielle Prozesse von dem Ich wahrgenommen und
erlebt werden. Solche materielle Prozesse findet das «Ich» in sich nicht, wenn es sich nur
als geistige Wesenheit gelten lassen will. Was es geistig sich erarbeitet, in dem ist nie die
Sinneswelt drinnen. Es scheint das «Ich» zugeben zu miissen, dafi ihm die Welt
verschlossen bliebe, wenn es nicht sich auf ungeistige Art zu ihr in ein Verhaltnis setzte.
Ebenso miissen wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hilfe der
materiellen Stoffe und Krafte in Wirklichkeit umsetzen. [32] Wir sind also auf die
Aufienwelt angewiesen. Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, der durch den
absoluten Idealismus sich als extremer Spiritualist darstellende Denker ist Johann
Gottlieb Fichte. Er versuchte das ganze Weltgebaude aus dem «Ich» abzuleiten. Was ihm
dabei wirklich gelungen ist, ist ein grofiartiges Gedankenbild der Welt, ohne alien
Erfahrungsinhalt. So wenig es dem Materialisten moglich ist, den Geist, ebensowenig ist
es dem Spiritualisten moglich, die materielle Aufienwelt wegzudekretieren.
Weil der Mensch, wenn er die Erkenntnis auf das «Ich» lenkt, zunachst das Wirken
dieses «Ich» in der gedanklichen Ausgestaltung der Ideenwelt wahrnimmt, kann sich die
spiritualistisch gerichtete Weltanschauung beim Hinblicke auf die eigene menschliche
Wesenheit versucht fuhlen, von dem Geiste nur diese Ideenwelt anzuerkennen. Der
Spiritualismus wird auf diese Art zum einseitigen Idealismus. Er kommt nicht dazu,
durch die Ideenwelt eine geistige Welt zu suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst die
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geistige Welt. Dadurch wird er dazu getrieben, innerhalb der Wirksamkeit des «Ich»
selbst, wie festgebannt, mit seiner Weltanschauung stehen bleiben zu miissen.
Eine merkwiirdige Abart des Idealismus ist die Anschauung Friedrich Albert Langes, wie
er sie in seiner vielgelesenen «Geschichte des Materialismus» vertreten hat, er nimmt an,
daB der Materialismus ganz recht habe, wenn er alle Welterscheinungen, einschliefilich
unseres Denkens, fur das Produkt rein stofflicher Vorgange erklart; nur sei umgekehrt die
Materie und ihre Vorgange selbst wieder ein Produkt unseres Denkens. «Die Sinne geben
uns ... Wirkungen der Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst. Zu [33]
diesen blofien Wirkungen gehoren aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn und den in
ihm gedachten Molekularbewegungen.» Das heifit, unser Denken wird von den
materiellen Prozessen erzeugt und diese von dem Denken des «Ich». Langes Philosophie
ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte Geschichte des wackeren
Munchhausen, der sich an seinem eigenen Haarschopf frei in der Luft festhalt.
Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen (Atom) bereits
die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt sieht. Damit ist aber auch nichts
erreicht, als dafi die Frage, die eigentlich in unserem Bewufitsein entsteht, auf einen
anderen Schauplatz versetzt wird. Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in einer
zweifachen Weise zu aufiern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
Allen diesen Standpunkten gegeniiber muB geltend gemacht werden, dafi uns der Grund-
und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewufitsein entgegentritt. Wir sind es selbst,
die wir uns von dem Mutterboden der Natur loslosen, und uns als «Ich» der «Welt»
gegeniiberstellen. Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz «Die Natur» aus, wenn
auch seine Art zunachst als ganz unwissenschaftlich gelten mag: «Wir leben mitten in ihr
(der Natur) und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhorlich mit uns und verrat uns ihr
Geheimnis nicht.» Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: «Die Menschen sind alle in ihr
und sie in alien. »
So wahr es ist, dafi wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist es, dafi wir fuhlen:
wir sind in ihr und gehoren zu ihr. Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns
lebt. [34] Wir miissen den Weg zu ihr zuriick wieder finden. Eine einfache Uberlegung
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kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir
miissen doch etwas mit heriibergenommen haben in unser eigenes Wesen. Dieses
Naturwesen in uns miissen wir aufsuchen, dann werden wir den Zusammenhang auch
wieder finden. Das versaumt der Dualismus. Er halt das menschliche Innere fur ein der
Natur ganz fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein
Wunder, dafi er das Bindeglied nicht finden kann. Wir konnen die Natur aufier uns nur
finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird
uns der Fiihrer sein. Damit ist uns unsere Bahn vorgezeichnet. Wir wollen keine
Spekulationen anstellen iiber die Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen aber
hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene Elemente zu finden,
die wir herubergerettet haben bei unserer Flucht aus der Natur.
Die Erforschung unseres Wesens muB uns die Losung des Ratsels bringen. Wir miissen
an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen konnen: Hier sind wir nicht mehr blofi «Ich»,
hier liegt etwas, was mehr als «Ich» ist.
Ich bin darauf gefafit, dafi mancher, der bis hierher gelesen hat, meine Ausfiihrungen
nicht «dem gegenwartigen Stande der Wissenschaft, gemafi findet. Ich kann dem
gegeniiber nur erwidern, dafi ich es bisher mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu
tun haben wollte, sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in
seinem eigenen Bewufitsein erlebt. Dafi dabei auch einzelne Satze iiber
Versohnungsversuche des Bewufitseins mit der Welt eingeflossen sind, hat nur den
Zweck, die eigentlichen Tatsachen zu verdeutlichen. Ich habe deshalb auch keinen Wert
[35] darauf gelegt, die einzelnen Ausdriicke, wie «Ich», «Geist», «Welt», «Natur» und so
weiter in der prazisen Weise zu gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie
iiblich ist. Das alltagliche Bewufitsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft
nicht, und um eine Aufnahme des alltaglichen Tatbestandes handelte es sich bisher blofi.
Nicht wie die Wissenschaft bisher das Bewufitsein interpretiert hat, geht mich an, sondern
wie sich dasselbe stiindlich darlebt.
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III. Das Denken im Dienste der Weltauffassung
Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestofien wird, ihre Bewegung auf eine
andere iibertragt, so bleibe ich auf den Verlauf dieses beobachteten Vorganges ganz ohne
Einfiufi. Die Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die
Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt. Solange ich mich blofi als Beobachter
verhalte, weifl ich iiber die Bewegung der zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn
dieselbe eingetreten ist. Anders ist die Sache, wenn ich iiber den Inhalt meiner
Beobachtung nachzudenken beginne. Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem
Vorgange Begriffe zu bilden. Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in
Verbindung mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen
Umstande in Erwagung, die in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche also zu
dem Vorgange, der sich ohne mein Zutun abspielt, einen zweiten hinzuzufiigen, der sich
in der begrifflichen Sphare vollzieht. Der letztere ist von mir abhangig. Das zeigt sich
dadurch, dafi ich mich mit der Beobachtung begniigen und auf alles Begriffe suchen
verzichten kann, wenn ich kein Bediirfnis danach habe. Wenn dieses Bediirfnis aber
vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich die Begriffe: Kugel, Elastizitat,
Bewegung, Stofi, Geschwindigkeit usw. in eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu
welcher der beobachtete Vorgang in einem bestimmten Verhaltnisse steht. So gewifi es
nun ist, dafi sich der Vorgang unabhangig von mir vollzieht, so gewifi ist es, dafi sich der
begriffliche Prozefi ohne mein Zutun nicht abspielen kann. [37] Ob diese meine Tatigkeit
wirklich der Ausflufi meines selbstandigen Wesens ist, oder ob die modernen
Physiologen recht haben, welche sagen, dafi wir nicht denken konnen, wie wir wollen,
sondern denken miissen, wie es die gerade unserem Bewufitsein vorhandenen Gedanken
und Gedankenverbindungen bestimmen (vergleiche Ziehen, Leitfaden der
physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand einer spateren
Auseinandersetzung sein. Vorlaufig wollen wir blofi die Tatsache feststellen, dafi wir ans
fortwahrend gezwungen fuhlen, zu den ohne unser Zutun uns gegebenen Gegenstanden
und Vorgangen Begriffe sind Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer
gewissen Beziehung stehen. Ob dies Tun in Wahrheit unser Tun ist, oder ob wir es einer
unabanderlichen Notwendigkeit gemafi vollziehen, lassen wir vorlaufig dahingestellt.
23
Dafi es uns zunachst als das unsrige erscheint, ist ohne Frage. Wir wissen ganz genau,
dafi uns mit den Gegenstanden nicht gleich deren Begriffe mitgegeben werden. Dafi ich
selbst der Tatige bin, mag auf einem Schein beruhen; der unmittelbaren Beobachtung
stellt sich die Sache jedenfalls so dar. Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, dafi
wir zu einem Vorgange ein begriffliches Gegenstiick hinzufinden?
Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich fur mich die Teile eines
Vorganges zueinander verhalten vor und nach der Auffindung der entsprechenden
Begriffe. Die blofie Beobachtung kann die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem
Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von Begriffen
dunkel. Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und mit einer
bestimmten Geschwindigkeit gegen die 'weite sich bewegen; was nach erfolgtem Stofi
geschieht, [38] muB ich abwarten und kann es dann auch wieder nur mit den Augen
verfolgen. Nehmen wir an, es verdecke mir im Augenblicke des Stofies jemand das Feld,
auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin ich - als blofier Beobachter - ohne Kenntnis,
was nachher geschieht. Anders ist das, wenn ich fur die Konstellation der Verhaltnisse
vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden habe. In diesem Falle kann ich
angeben, was geschieht, auch wenn die Moglichkeit der Beobachtung aufhort. Ein blofi
beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergibt aus sich selbst nichts iiber seinen
Zusammenhang mit anderen Vorgangen oder Gegenstanden. Dieser Zusammenhang wird
erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem Denken verbindet.
Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte fur alles geistige Streben des
Menschen, insoferne er sich eines solchen bewufit ist. Die Verrichtungen des gemeinen
Menschenverstandes und die verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf
diesen beiden Grundsaulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von verschiedenen
Urgegensatzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung
und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und
Stoff, Bewufites und Unbewufites. Es lafit sich aber leicht zeigen, dafi alien diesen
Gegensatzen der von Beobachtung und Denken, als der fur den Menschen wichtigste,
vorangehen muB.
24
Was fur ein Prinzip wir auch aufstellen mogen: wir mussen es irgendwo als von uns
beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens, der von jedem anderen
nachgedacht werden kann, aussprechen. Jeder Philosoph, der anfangt iiber seine
Urprinzipien zu sprechen, muB sich der [39] begriffiichen Form, und damit des Denkens
bedienen. Er gibt damit indirekt zu, dafi er zu seiner Betatigung das Denken bereits
voraussetzt. Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der
Weltentwickelung ist, dariiber werde hier noch nichts ausgemacht. Dafi aber der
Philosoph ohne das Denken kein Wissen dariiber gewinnen kann, das ist von vornherein
klar. Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag das Denken eine Nebenrolle
spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht dariiber kommt ihm aber sicher eine
Hauptrolle zu.
Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation, dafi wir derselben
bediirfen, Unser Denken iiber ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die
fur uns getrennt auftreten. Und dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung
zuganglich. So wenig wir durch das blofie Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von
demselben machen konnen, ebensowenig sind wir imstande, durch blofies Denken einen
entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus. Denn auch das Denken mussen
wir erst durch Beobachtung kennenlernen. Es war wesentlich die Beschreibung einer
Beobachtung, als wir am Eingange dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an
einem Vorgange entziindet und iiber das ohne sein Zutun Gegebene hinausgeht. Alles
was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die Beobachtung erst
gewahr. Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen, die GefTihle,
Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen, samtliche
Illusionen und Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben. [40] Nur
unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch wesentlich von alien andern
Dingen. Die Beobachtung eines Tisches, eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese
Gegenstande auf dem Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen. Das Denken aber iiber
diese Gegenstande beobachte ich nicht gleichzeitig. Den Tisch beobachte ich, das
Denken iiber den Tisch fTihre ich aus, aber ich beobachte es nicht in demselben
25
Augenblicke. Ich muB mich erst auf einen Standpunkt aufierhalb meiner eigenen
Tatigkeit versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken iiber den Tisch
beobachten will. Wahrend das Beobachten der Gegenstande und Vorgange und das
Denken dariiber ganz alltagliche, mein fortlaufendes Leben ausfiillende Zustande sind, ist
die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand. Diese Tatsache mufl in
entsprechender Weise beriicksichtigt werden, wenn es sich darum handelt, das Verhaltnis
des Denkens zu alien anderen Beobachtungsinhalten zu bestimmen. Man muB sich klar
dariiber sein, daB man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren
anwendet, das fur die Betrachtung des ganzen iibrigen Weltinhaltes den normalen
Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen Zustandes fur das Denken selbst
nicht eintritt.
Es konnte jemand den Einwand machen, dafi das gleiche, was ich hier von dem Denken
bemerkt habe, auch von dem Fiihlen und den iibrigen geistigen Tatigkeiten gelte. Wenn
wir zum Beispiel das Gefiihl der Lust haben, so entziinde sich das auch an einem
Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen Gegenstand, nicht aber das Gefiihl der Lust.
Dieser Einwand beruht aber auf einem Irrtum. Die Lust steht durchaus nicht in demselben
Verhaltnisse zu ihrem Gegenstande [41] wie der Begriff, den das Denken bildet. Ich bin
mir auf das bestimmteste bewufit, dafi der Begriff einer Sache durch meine Tatigkeit
gebildet wird, wahrend die Lust in mir auf ahnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt
wird, wie zum Beispiel die Veranderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande
bewirkt, auf den er auffallt. Fur die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise
gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang. Ein gleiches gilt nicht vom Begriffe. Ich
kann firagen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei mir das Gefiihl der Lust? Aber
ich kann durchaus nicht firagen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte
Summe von Begriffen? Das hatte einfach keinen Sinn. Bei dem Nachdenken iiber einen
Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich. Ich kann dadurch nichts
iiber mich erfahren, dafi ich fur die beobachtete Veranderung, die ein gegen eine
Fensterscheibe geworfener Stein in dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
Aber ich erfahre sehr wohl etwas iiber meine Personlichkeit, wenn ich das Gefiihl kenne,
das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt. Wenn ich einem beobachteten Gegenstand
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gegenuber sage: dies ist eine Rose, so sage ich iiber mich selbst nicht das geringste aus;
wenn ich aber von demselben Dinge sage: es bereitet mir das Gefuhl der Lust, so habe
ich nicht nur die Rose, sondern auch mich selbst in meinem Verhaltnis zur Rose
charakterisiert.
Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fiihlen der Beobachtung gegenuber kann
also nicht die Rede sein. Dasselbe liefie sich leicht auch fur die andern Tatigkeiten des
menschlichen Geistes ableiten. Sie gehoren dem Denken gegenuber in eine Reihe mit
anderen beobachteten Gegenstanden und Vorgangen. Es gehort eben zu der
eigentiimlichen [42] Natur des Denkens, dafl es eine Tatigkeit ist, die blofl auf den
beobachteten Gegenstand gelenkt ist und nicht auf die denkende Personlichkeit. Das
spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken iiber eine Sache zum
Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefiihlen oder Willensakten. Wenn ich einen
Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht
sagen: ich denke iiber einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich
sagen: ich freue mich iiber den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht
darauf an, auszusprechen, dafi ich zu dem Tisch in ein Verhaltnis trete; in dem zweiten
Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhaltnis. Mit dem Ausspruch: ich denke
iiber einen Tisch, trete ich bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo
etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tatigkeit
immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
Das ist die eigentiimliche Natur des Denkens, dafi der Denkende das Denken vergifit,
wahrend er es ausiibt. Nicht das Denken beschaftigt ihn, sondern der Gegenstand des
Denkens, den er beobachtet.
Die erste Beobachtung, die wir iiber das Denken machen, ist also die, dafi es das
unbeobachtete Element unseres gewohnlichen Geisteslebens ist.
Der Grund, warum wir das Denken im alltaglichen Geistesleben nicht beobachten, ist
kein anderer als der, dafi es auf unserer eigenen Tatigkeit beruht. Was ich nicht selbst
hervorbringe, tritt als ein Gegenstandliches in mein Beobachtungsfeld ein. Ich sehe mich
ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenuber; es tritt an mich heran; ich
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mufi es als die Voraussetzung meines Denkprozesses hinnehmen. [43] Wahrend ich iiber
den Gegenstand nachdenke, bin ich mit diesem beschaftigt, mein Blick ist ihm
zugewandt. Diese Beschaftigung ist eben die denkende Betrachtung. Nicht auf meine
Tatigkeit, sondern auf das Objekt dieser Tatigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet.
Mit anderen Worten: wahrend ich denke, sehe ich nicht auf mein Denken, das ich selbst
hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens, das ich nicht hervorbringe.
Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmezustand eintreten lasse, und iiber
mein Denken selbst nachdenke. Ich kann mein gegenwartiges Denken nie beobachten;
sondern nur die Erfahrungen, die ich iiber meinen Denkprozefi gemacht habe, kann ich
nachher zum Objekt des Denkens mac hen. Ich miifite mich in zwei Personlichkeiten
spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem Denken selbst
zusieht, wenn ich mein gegenwartiges Denken beobachten wollte. Das kann ich nicht. Ich
kann das nur in zwei getrennten Akten ausfuhren. Das Denken, das beobachtet werden
soil, ist nie das dabei in Tatigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem
Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen friiheren Denken mache, oder ob ich
den Gedankenprozefi einer anderen Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen
Falle mit der Bewegung der Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozefi voraussetze,
darauf kommt es nicht an.
Zwei Dinge vertragen sich nicht: tatiges Hervorbringen und beschauliches
Gegeniiberstellen. Das weifi schon das erste Buch Moses. An den ersten sechs Welttagen
lafit es Gott die Welt hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die Moglichkeit vorhanden,
sie zu beschauen: «Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war
sehr [44] gut.» So ist es auch mit unserem Denken. Es mufi erst da sein, wenn wir es
beobachten wollen.
Der Grund, der es uns unmoglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwartigen
Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer
erkennen lafit als jeden andern Prozefi der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen,
kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht
kommende Geschehen vollzieht. Was in den iibrigen Beobachtungsspharen nur auf
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mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und
das Verhaltnis der einzelnen Gegenstande, das wissen wir beim Denken auf ganz
unmittelbare Weise. Warum fur meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weifi
ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit dem des Blitzes
verbindet, weifi ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden Begriffe. Es kommt natiirlich
gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der
Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und zwar durch sie selbst.
Diese durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozefi ist ganz unabhangig von
unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des Denkens. Ich spreche hier von dem
Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung unserer geistigen Tatigkeit ergibt. Wie
ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern veranlafit oder beeinflufit, wahrend
ich eine Gedankenoperation ausfuhre, kommt dabei gar nicht in Betracht. Was ich am
Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang in meinem Gehirne den Begriff des Blitzes
mit dem des Donners verbindet, sondern, was mich veranlafit, die beiden Begriffe in ein
bestimmtes Verhaltnis [45] zu bringen. Meine Beobachtung ergibt, dafi mir fur meine
Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner
Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgangen in meinem Gehirn richte ich mich. Fur
ein weniger materialistisches Zeitalter als das unsrige ware diese Bemerkung natiirlich
vollstandig uberfliissig. Gegenwartig aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir
wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muB doch gesagt
werden, dafi man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in
Kollision zu treten. Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff des Denkens
in seiner Reinheit zu fassen. Wer der Vorstellung, die ich hier vom Denken entwickelt
habe, sogleich den Satz des Cabanis entgegensetzt: «Das Gehirn sondert Gedanken ab
wie die Leber Galle, die Speicheldriise Speichel usw.», der weifi einfach nicht, wovon ich
rede. Er sucht das Denken durch einen blofien Beobachtungsprozefi zu finden in
derselben Art, wie wir bei anderen Gegenstanden des Weltinhaltes verfahren. Er kann es
aber auf diesem Wege nicht finden, weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da
der normalen Beobachtung entzieht. Wer den Materialismus nicht iiberwinden kann, dem
fehlt die Fahigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand herbeizufuhren, der ihm
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zum Bewufitsein bringt, was bei aller andern Geistestatigkeit unbewufit bleibt. Wer den
guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem konnte man iiber
das Denken so wenig wie mit dem Blinden iiber die Farbe sprechen. Er moge nur aber
nicht glauben, dafi wir physiologische Prozesse fur Denken halten. Er erklart das Denken
nicht, weil er es iiberhaupt nicht sieht. [46] Fur jeden aber, der die Fahigkeit hat, das
Denken zu beobachten - und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch -
, ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er beobachtet
etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunachst fremden
Gegenstande, sondern seiner eigenen Tatigkeit gegeniiber. Er weifi, wie das zustande
kommt, was er beobachtet. Er durchschaut die Verhaltnisse und Beziehungen. Es ist ein
fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begriindeter Hoffnung nach der Erklarung
der iibrigen Welterscheinungen suchen kann.
Das Gefuhl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlafite den Begriinder der neueren
Philosophic, Renatus Cartesius, das ganze menschliche Wissen auf den Satz zu griinden:
Ich denke, also bin ich. Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da; ich
weifi nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum. Nur eines weifi ich ganz
unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu seinem sichern Dasein: mein Denken. Mag
es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben, mag es von Gott oder anderswoher
kommen; dafi es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen bin ich
gewifi. Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte Cartesius zunachst keine
Berechtigung. Nur dafi ich mich innerhalb des Weltinhaltes in meinem Denken als in
meiner ureigensten Tatigkeit erfasse, konnte er behaupten. Was das daran gehangte: also
bin ich heifien soil, dariiber ist viel gestritten worden. Einen Sinn kann es aber nur unter
einer einzigen Bedingung haben. Die einfachste Aussage, die ich von einem Dinge
machen kann, ist die, dafi es ist, dafi es existiert. Wie dann dieses Dasein naher zu
bestimmen ist, das ist bei [47] keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse
eintritt, sogleich im Augenblicke zu sagen. Es wird jeder Gegenstand erst in seinem
Verhaltnisse zu andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu konnen, in welchem Sinne
von ihm als einem existierenden gesprochen werden kann. Ein erlebter Vorgang kann
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eine Summe von Wahrnehmungen, aber auch ein Traum, eine Halluzination und so
weiter sein. Kurz, ich kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert.
Das werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen konnen, sondern ich werde es
erfahren, wenn ich ihn im Verhaltnisse zu andern Dingen betrachte. Da kann ich aber
wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhaltnisse zu diesen Dingen steht. Mein
Sue hen kommt erst auf einen festen Grund, wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den
Sinn seines Daseins aus ihm selbst schopfen kann. Das bin ich aber selbst als Denkender,
denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt der denkenden
Tatigkeit. Nun kann ich von da ausgehen und fragen: Existieren die andern Dinge in dem
gleichen oder in einem andern Sinne?
Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fugt man zu dem iibrigen
beobachteten Weltinhalte etwas dazu, was sonst der Aufmerksamkeit entgeht; man andert
aber nicht die Art, wie sich der Mensch auch den andern Dingen gegeniiber verhalt. Man
vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des Beobachtens.
Wahrend wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in das Weltgeschehen - zu dem
ich jetzt das Beobachten mitzahle - ein ProzeB, der iibersehen wird. Es ist etwas von
allem andern Geschehen verschiedenes vorhanden, das nicht mitberiicksichtigt wird.
Wenn ich aber mein [48] Denken betrachte, so ist kein solches unberiicksichtigtes
Element vorhanden. Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder nur das
Denken. Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tatigkeit, die sich
auf ihn richtet. Und das ist wieder eine charakteristische Eigentumlichkeit des Denkens.
Wenn wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen, dies mit
Hilfe eines Oualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern wir konnen in demselben Element
verbleiben.
Wenn ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in mein Denken einspinne, so
gehe ich iiber meine Beobachtung hinaus, und es wird sich darum handeln: was gibt mir
ein Recht dazu? Warum lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf
welche Weise ist es moglich, dafi mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat?
Das sind Fragen, die sich jeder stellen mufi, der iiber seine eigenen Gedankenprozesse
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nachdenkt. Sie fallen weg, wenn man iiber das Denken selbst nachdenkt. Wir fiigen zu
dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben uns also auch iiber ein solches Hinzufugen
nicht zu rechtfertigen.
Schelling sagt: Die Natur erkennen, heifit die Natur schaffen. - Wer diese Worte des
kiihnen Naturphilosophen wortlich nimmt, wird wohl zeitlebens auf alles Naturerkennen
verzichten miissen. Denn die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mai zu schaffen,
muB man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Fur die Natur, die man
erst schaffen wollte, miifite man der bereits bestehenden die Bedingungen ihres Daseins
abgucken. Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen miifite, ware aber das
Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen
ganz unterbliebe. Nur eine noch [49] nicht vorhandene Natur konnte man schaffen, ohne
sie vorher zu erkennen.
Was bei der Natur unmoglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim Denken
vollbringen wir es. Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann
kamen wir nie dazu. Wir miissen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der
Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen. Der Beobachtung des
Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt. Fur das Vorhandensein aller anderen
Objekte ist ohne unser Zutun gesorgt worden.
Leicht konnte jemand meinem Satze: wir miissen denken, bevor wir das Denken
betrachten konnen, den andern als gleichberechtigt entgegenstellen: wir konnen auch mit
dem Verdauen nicht warten, bis wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Das
ware ein Einwand ahnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete,
man konne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich. Ganz gewifi muB ich auch
resolut verdauen, bevor ich den physiologischen Prozefi der Verdauung studiert habe.
Aber mit der Betrachtung des Denkens liefie sich das nur vergleichen, wenn ich die
Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern essen und verdauen wollte. Das
ist doch eben auch nicht ohne Grund, dafi das Verdauen zwar nicht Gegenstand des
Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des Denkens werden kann.
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Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen an einem Zipfel, wo
wir dabei sein miissen, wenn etwas zustandekommen soil. Und das ist doch gerade das,
worauf es ankommt. Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so ratselhaft
gegeniiberstehen: dafi ich an ihrem [50] Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie
einfach vor; beim Denken aber weifi ich, wie es gemacht wird. Daher gibt es keinen
urspriinglicheren Ausgangspunkt fur das Betrachten alles Weltgeschehens als das
Denken.
Ich mochte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwahnen, der in bezug auf das
Denken herrscht. Er besteht darin, dafi man sagt: das Denken, so wie es an sich selbst ist,
ist uns nirgends gegeben. Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen
verbindet und mit einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe,
wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenstanden der Beobachtung
herausschalen und zum Gegenstande unserer Betrachtung machen. Was wir erst
unbewufit in die Dinge hineinweben, sei ein ganz anderes, als was wir dann mit
Bewufitsein wieder herauslosen.
Wer so schliefit, der begreift nicht, dafi es ihm auf diese Art gar nicht moglich ist, dem
Denken zu entschliipfen. Ich kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich
das Denken betrachten will. Wenn man das vorbewufite Denken von dem nachher
bewufiten Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht vergessen, dafi diese
Unterscheidung eine ganz aufierliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun hat.
Ich mache eine Sache dadurch iiberhaupt nicht zu einer andern, dafi ich sie denkend
betrachte. Ich kann mir denken, dafi ein Wesen mit ganz anders gearteten Sinnesorganen
und mit einer anders funktionierenden Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere
Vorstellung habe als ich, aber ich kann mir nicht denken, dafi mein eigenes Denken
dadurch ein anderes wird, dafi ich es beobachte. Ich beobachte selbst, was ich selbst
vollbringe. Wie mein Denken sich fur eine andere Intelligenz ausnimmt als die meine,
davon [51] ist jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich fur mich ausnimmt.
Jedenfalls aber kann das Bild meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein
wahreres sein als mein eigenes. Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen ware,
sondern das Denken mir als Tatigkeit eines mir fremdartigen Wesens gegenubertrate,
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konnte ich davon sprechen, dafi mein Bild des Denkens zwar auf eine bestimmte Weise
auftrete; wie das Denken des Wesens aber an sich selber sei, das konne ich nicht wissen.
Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt aber vorlaufig
fur mich nicht die geringste Veranlassung vor. Ich betrachte ja die ganze iibrige Welt mit
Hilfe des Denkens. Wie sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen?
Damit betrachte ich fur geniigend gerechtfertigt, wenn ich in meiner Weltbetrachtung von
dem Denken ausgehe. Als Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er mit seiner
Hilfe den ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu konnen, wenn er nur einen Punkt
fande, wo er sein Instrument aufstiitzen konnte. Er brauchte etwas, was durch sich selbst,
nicht durch anderes getragen wird. Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich
selbst besteht. Von hier aus sei es versucht, die Welt zu begreifen. Das Denken konnen
wir durch es selbst erfassen. Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas
anderes ergreifen konnen.
Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Trager, das menschliche
Bewufitsein, Riicksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir
einwenden: bevor es ein Denken gibt, muB es ein Bewufitsein geben. Deshalb sei vom
Bewufitsein und nicht [52] vom Denken auszugehen. Es gebe kein Denken ohne
Bewufitsein. Ich muB dem gegeniiber erwidern: Wenn ich dariiber Aufklarung haben will,
welches Verhaltnis zwischen Denken und Bewufitsein besteht, so muB ich dariiber
nachdenken. Ich setze das Denken damit voraus. Nun kann man darauf allerdings
antworten: Wenn der Philosoph das Bewufitsein begreifen will, dann bedient er sich des
Denkens; er setzt es insoferne voraus; im gewohnlichen Verlaufe des Lebens aber
entsteht das Denken innerhalb des Bewufitseins und setzt also dieses voraus. Wenn diese
Antwort dem Weltschopfer gegeben wiirde, der das Denken schaffen will, so ware sie
ohne Zweifel berechtigt. Man kann natiirlich das Denken nicht entstehen lassen, ohne
vorher das Bewufitsein zustande zu bringen. Dem Philosophen aber handelt es sich nicht
um die Weltschopfung, sondern um das Begreifen derselben. Er hat daher auch nicht die
Ausgangspunkte fur das Schaffen, sondern fur das Begreifen der Welt zu suchen. Ich
finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, dafi er sich vor alien
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andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber sogleich um die
Gegenstande bekummert, die er begreifen will. Der Weltschopfer mufite vor allem
wissen, wie er einen Trager fur das Denken findet, der Philosoph aber muB nach einer
sichern Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was frommt
es uns, wenn wir vom Bewufitsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung
unterwerfen, wenn wir vorher iiber die Moglichkeit, durch denkende Betrachtung
Aufschlufi iiber die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
Wir miissen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein denkendes Subjekt
oder ein gedachtes Objekt betrachten. Denn in Subjekt und Objekt haben wir [53] bereits
Begriffe, die durch das Denken gebildet sind. Es ist nicht zu leugnen: Ehe anderes
begriffen werden kann, mufi es das Denken werden. Wer es leugnet, der iibersieht, dafi er
als Mensch nicht ein Anfangsglied der Schopfung, sondern deren Endglied ist. Man kann
deswegen behufs Erklarung der Welt durch Begriffe nicht von den zeitlich ersten
Elementen des Daseins ausgehen, sondern von dem, was uns als das Nachste, als das
Intimste gegeben ist. Wir konnen uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt
versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir miissen von dem
gegenwartigen Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Spateren zu dem
Friiheren aufsteigen konnen. Solange die Geologie von erdichteten Revolutionen
gesprochen hat, um den gegenwartigen Zustand der Erde zu erklaren, solange tappte sie
in der Finsternis. Erst als sie, ihren Anfang damit machte, zu untersuchen, welche
Vorgange gegenwartig noch auf der Erde sich abspielen und von diesen zuriickschlofi auf
das Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen. Solange die Philosophic alle
moglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille,
Unbewufites, wird sie in der Luft schweben.
Erst wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein Erstes ansehen wird, kann er zum
Ziele kommen. Dieses absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung gebracht hat, ist
aber das Denken.
Es gibt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder nicht, konnen wir aber
doch nicht mit Sicherheit feststellen. Insoferne bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls
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ein zweifelhafter. Das ist gerade so verniinftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt,
ob ein Baum an sich richtig sei oder nicht. Das Denken ist eine Tatsache; und iiber die
Richtigkeit [54] oder Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos. Ich kann hochstens
dariiber Zweifel haben, ob das Denken richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob
ein gewisser Baum ein entsprechendes Holz zu einem zweckmafiigen Gerat gibt. Zu
zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige oder falsche
ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein. Ich kann es verstehen, wenn jemand Zweifel
hegt, dafi durch das Denken iiber die Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist
mir unbegreiflich, wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
Zusatz zur Neuauflage (1918).
In den vorangehenden Ausfuhrungen wird auf den bedeutungsvollen Unterschied
zwischen dem Denken und alien andern Seelentatigkeiten hingewiesen als auf eine
Tatsache, die sich einer wirklich unbefangenen Beobachtung ergibt. Wer diese
unbefangene Beobachtung nicht anstrebt, der wird gegen diese Ausfuhrungen versucht
sein, Einwendungen zu machen wie diese: wenn ich iiber eine Rose denke, so ist damit
doch auch nur ein Verhaltnis meines «Ich» zur Rose ausgedriickt, wie wenn ich die
Schonheit der Rose fuhle. Es bestehe geradeso ein Verhaltnis zwischen «Ich» und
Gegenstand beim Denken, wie zum Beispiel beim Fiihlen oder Wahrnehmen. Wer diesen
Einwand macht, der zieht nicht in Erwagung, dafi nur in der Betatigung des Denkens das
«Ich» bis in alle Verzweigungen der Tatigkeit sich mit dem Tatigen als ein Wesen weifi.
Bei keiner andern Seelentatigkeit ist dies restlos der Fall. Wenn zum Beispiel eine Lust
gefuhlt wird, kann eine feinere Beobachtung sehr wohl unterscheiden, inwieferne das
«Ich» sich mit einem Tatigen eins weifi und inwiefern in ihm ein Passives vorhanden ist,
so dafi die Lust fur das [55] «Ich» blofi auftritt. Und so ist es auch bei den andern
Seelenbetatigungen. Man sollte nur nicht verwechseln: «Gedankenbilder haben» und
Gedanken durch das Denken verarbeiten. Gedankenbilder konnen traumhaft, wie vage
Eingebungen in der Seele auftreten. Ein Denken ist dieses nicht. - Allerdings konnte nun
jemand sagen: wenn das Denken so gemeint ist, steckt das Wollen in dem Denken
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drinnen, und man habe es dann nicht blofi mit dem Denken, sondern auch mit dem
Wollen des Denkens zu tun. Doch wiirde dies nur berechtigen zu sagen: das wirkliche
Denken muB immer gewollt sein. Nur hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie
sie in diesen Ausfiihrungen gemacht ist, nichts zu schaffen. Mag es das Wesen des
Denkens immerhin notwendig machen, dafi dieses gewollt wird: es kommt darauf an, dafi
nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos als seine
eigene, von ihm iiberschaubare Tatigkeit erscheint. Man muB sogar sagen, wegen der hier
geltend gemachten Wesenheit des Denkens erscheint dieses dem Beobachter als durch
und durch gewollt. Wer alles, was fur die Beurteilung des Denkens in Betracht kommt,
wirklich zu durchschauen sich bemiiht, der wird nicht umhin konnen, zu bemerken, dafi
dieser Seelenbetatigung die Eigenheit zukommt, von der hier gesprochen ist.
Von einer Personlichkeit, welche der Verfasser dieses Buches als Denker sehr
hochschatzt, ist ihm eingewendet worden, dafi so, wie es hier geschieht, nicht iiber das
Denken gesprochen werden konne, weil es nur ein Schein sei, was man als tatiges
Denken zu beobachten glaube. In Wirklichkeit beobachte man nur die Ergebnisse einer
nicht bewufiten Tatigkeit, die dem Denken zugrunde liegt. Nur weil diese nicht bewufite
Tatigkeit eben nicht beobachtet werde, entstehe [56] die Tauschung, es bestehe das
beobachtete Denken durch sich selbst, wie wenn man bei rasch aufeinanderfolgender
Beleuchtung durch elektrische Funken eine Bewegung zu sehen glaubt. Auch dieser
Einwand beruht nur auf einer ungenauen Anschauung der Sachlage. Wer ihn macht,
beriicksichtigt nicht, dafi es das «Ich» selbst ist, das im Denken drinnen stehend seine
Tatigkeit beobachtet. Es miifite das «Ich» aufier dem Denken stehen, wenn es so
getauscht werden konnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch
elektrische Funken. Man konnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich macht, der
tauscht sich gewaltsam etwa wie jemand, der von einem in Bewegung begriffenen Licht
durchaus sagen wollte: es wird an jedem Orte, an dem es erscheint, von unbekannter
Hand neu angeziindet. - Nein, wer in dem Denken etwas anderes sehen will als das im «
Ich» selbst als iiberschaubare Tatigkeit Hervorgebrachte, der mufi sich erst fur den
einfachen, der Beobachtung vorliegenden Tatbestand blind machen, um dann eine
hypothetische Tatigkeit dem Denken zugrunde legen zu konnen. Wer sich nicht so blind
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macht, der muB erkennen, dafi alles, was er in dieser Art zu dem Denken «hinzudenkt»,
aus dem Wesen des Denkens herausfuhrt. Die unbefangene Beobachtung ergibt, dafi
nichts zum Wesen des Denkens gerechnet werden kann, was nicht im Denken selbst
gefunden wird. Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man
den Bereich des Denkens verlafit.
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IV. Die Welt als Wahrnehmung
Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist, kann nicht mit
Worten gesagt werden. Worte konnen nur den Menschen darauf aufmerksam machen,
dafi er Begriffe habe. Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine
Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstiick hinzu, und er betrachtet
den Gegenstand und das ideelle Gegenstiick als zusammengehorig. Wenn der Gegenstand
aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstiick davon
zuriick. Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung
erweitert, desto grofier wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber
durchaus nicht vereinzelt da. Sie schliefien sich zu einem gesetzmafiigen Ganzen
zusammen. Der Begriff «Organismus» schlieflt sich zum Beispiel an die andern:
«gesetzmafiige Entwickelung, Wachstum» an. Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe
fallen vollig in eins zusammen. Alle Begriffe, die ich mir von Lowen bilde, fallen in den
Gesamtbegriff «L6we» zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen
Begriffe zu einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat.
Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhaltsvollere,
gesattigtere und umfangreichere Begriffe. Ich muB einen besonderen Wert darauf legen,
dafi hier an dieser Stelle beachtet werde, dafi ich als meinen Ausgangspunkt das Denken
bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen
werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was ich in bezug auf die
in sich selbst ruhende, durch [58] nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht
einfach auf die Begriffe iibertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdriicklich, weil hier
meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprungliches.)
Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht schon aus dem
Umstande hervor, dafi der heranwachsende Mensch sich langsam und allmahlich erst die
Begriffe zu den Gegenstanden bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der
Beobachtung hinzugefiigt.
Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert den geistigen
Prozefi, den wir gegeniiber der Beobachtung vollziehen, folgendermafien: «Wenn wir an
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einem Septembertag durch die Felder wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Gerausch
horen und an der Seite des Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in
Bewegung sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren,
was das Gerausch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annaherung flattert ein
Rebhuhn in den Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir
eine Erklarung der Erscheinungen nennen. Diese Erklarung lauft, wohlgemerkt, auf
folgendes hinaus: weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, dafi eine Stoning der
ruhigen Lage kleiner Korper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Korper
begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Storungen und solchen
Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Stoning fur erklart,
sobald wir finden, dafi sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet.» Genauer
besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist. Wenn ich ein
Gerausch hore, so suche ich zunachst den [59] Begriff fur diese Beobachtung. Dieser
Begriff erst weist mich iiber das Gerausch hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hort
eben das Gerausch und gibt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir
klar, dafi ich ein Gerausch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich den Begriff
der Wirkung mit der Wahrnehmung des Gerausches verbinde, werde ich veranlafit, iiber
die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen. Der Begriff der
Wirkung ruft den der Ursache hervor, und ich suche dann nach dem verursachenden
Gegenstande, den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und
Wirkung, kann ich aber niemals durch blofie Beobachtung, und erstrecke sie sich auf
noch so viele Falle, gewinnen. Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst
dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschliefien.
Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft» fordert, dafi sie ihren Inhalt nur
der Beobachtung entnehme, so muB man zugleich fordern, dafi sie auf alles Denken
verzichte. Denn dieses geht seiner Natur nach iiber das Beobachtete hinaus.
Nun ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende Wesen iiberzugehen. Denn
durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung verbunden. Das menschliche
Bewufitsein ist der Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo
sie miteinander verkmipft werden. Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewufitsein
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zugleich charakterisiert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung.
Insoferne der Mensch einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als gegeben,
insoferne er denkt, erscheint er sich selbst als tatig. Er betrachtet den Gegenstand [60] als
Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt. Weil er sein Denken auf die Beobachtung
richtet, hat er Bewufitsein von den Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er
Bewufitsein seiner selbst oder Selbstbewufitsein. Das menschliche Bewufitsein muB
notwendig zugleich Selbstbewufitsein sein, weil es denkendes Bewufitsein ist. Denn wenn
das Denken den Blick auf seine eigene Tatigkeit richtet, dann hat es seine ureigene
Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.
Nun darf aber nicht iibersehen werden, dafi wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt
bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen konnen. Deshalb darf das Denken
niemals als eine blofi subjektive Tatigkeit aufgefafit werden. Das Denken ist jenseits von
Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir
als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so diirfen wir diese
Beziehung nicht als etwas blofi Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches
die Beziehung herbeifuhrt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es
Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die
Tatigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausiibt, ist also keine blofi subjektive,
sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine iiber diese beiden
Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, dafi mein individuelles Subjekt denkt;
dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element,
das mich iiber mein Selbst hinausfiihrt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt
mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegeniiberstellt.
Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt [61] und umschliefit damit sich
selbst und die iibrige Welt; aber er muB sich mittels des Denkens zugleich als ein den
Dingen gegeniiberstehendes Individuum bestimmen.
Das nachste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das andere Element, das wir bisher
blofi als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich mit dem Denken im
Bewufitsein begegnet, in das letztere?
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Wir mussen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem Beobachtungsfelde alles
aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn
unser jeweiliger Bewufitseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten
Weise durchsetzt.
Wir mussen uns vorstellen, dafi ein Wesen mit vollkommen entwickelter menschlicher
Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt gegeniibertrete. Was es da gewahr
wiirde, bevor es das Denken in Tatigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die
Welt zeigte dann diesem Wesen nur das blofie zusammenhanglose Aggregat von
Empfindungsobjekten: Farben, Tone, Druck-, Warme-, Geschmacks- und
Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefuhle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der
reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegeniiber stent das Denken, das bereit ist,
seine Tatigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt
bald, daB er sich findet. Das Denken ist imstande, Faden zu ziehen von einem
Beobachtungselement zum andern. Es verkniipft mit diesen Elementen bestimmte
Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhaltnis. Wir haben oben bereits gesehen, wie
ein uns begegnendes Gerausch mit einer anderen Beobachtung dadurch verbunden wird,
dafi wir das erstere als Wirkung der letzteren bezeichnen. [62] Wenn wir uns nun daran
erinnern, dafi die Tatigkeit des Denkens durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen
ist, so werden wir auch nicht versucht sein zu glauben, dafi solche Beziehungen, die
durch das Denken hergestellt sind, blofi eine subjektive Geltung haben.
Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Uberlegung die Beziehung zu suchen,
die der oben angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewufiten
Subjekt hat.
Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, dafi ich mich mit
meinem Leser iiber den Gebrauch eines Wortes verstandige, das ich im folgenden
anwenden muB. Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich oben genannt
habe, insoferne das bewufite Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt,
Wahrnehmungen nennen. Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt
dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
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Ich wahle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der Physiologie eine bestimmte
Bedeutung hat, die enger ist als die meines Begriffes von Wahrnehmung. Ein Gefiihl in
mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im
physiologischen Sinne bezeichnen. Auch von meinem Gefuhle erhalte ich dadurch
Kenntnis, dafl es Wahrnehmung fur mich wird. Und die Art, wie wir durch Beobachtung
Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine solche, dafi wir auch das Denken in
seinem ersten Auftreten fur unser Bewufitsein Wahrnehmung nennen konnen.
Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie sie ihm
unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz unabhangiges Dasein haben.
Wenn er [63] einen Baum sieht, so glaubt er zunachst, dafi dieser in der Gestalt, die er
sieht, mit den Farben, die seine Teile haben usw., dort an dem Orte stehe, wohin der
Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe am
Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung,
dafi das alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie er es beobachtet. Er halt
so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet, die jenen
widersprechen. Das Kind, das noch keine Erfahrungen iiber Entfernungen hat, greift nach
dem Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein fur wirklich gehalten
hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch
befindet. Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen notigt mich, mein Bild
der Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im taglichen Leben ebenso wie in der
Geistesentwickelung der Menschheit. Das Bild, das sich die Alten von der Beziehung der
Erde zu der Sonne und den andern Himmelskorpern machten, mufite von Kopernikus
durch ein anderes ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die fruher unbekannt
waren, nicht zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte
dieser, dafi er sich vor seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein
ganz anderes Bild von der Grofie der Gegenstande gemacht habe. Er mufite seine
Tastwahrnehmungen durch seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
Woher kommt es, dafi wir zu solchen fortwahrenden Richtigstellungen unserer
Beobachtungen gezwungen sind?
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Eine einfache Uberlegung bringt die Antwort auf diese Frage. Wenn ich an dem einen
Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Baume an dem andern, von mir entfernten
[64] Ende kleiner und naher aneinandergeriickt als da, wo ich stehe. Mein
Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort andere, von dem aus ich meine
Beobachtungen mache. Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhangig
von einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hangt, sondern die mir, dem
Wahrnehmenden, zukommt. Es ist fur eine Allee ganz gleichgultig, wo ich stehe. Das
Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abhangig. Ebenso ist es fur die
Sonne und das Planetensystem gleichgultig, dafi die Menschen sie gerade von der Erde
aus ansehen. Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen
ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abhangigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem
Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist. Schwieriger wird
die Sache schon, wenn wir die Abhangigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer
leiblichen und geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns, daB
innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall horen, Schwingungen der Luft
stattfinden, und dafi auch der Korper, in dem wir den Ursprung des Schalles suchen, eine
schwingende Bewegung seiner Teile aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als
Schall wahr, wenn wir ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne ein solches bliebe uns
die ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns dariiber, dafi es Menschen gibt,
die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt. Ihr
Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und Dunkel auf Andere nehmen nur eine
bestimmte Farbe, zum Beispiel das Rot, nicht wahr. Ihrem Weltbilde fehlt dieser
Farbenton, und es ist daher tatsachlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen.
Ich mochte die Abhangigkeit meines [65] Wahrnehmungsbildes von meinem
Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine qualitative
nennen. Durch jene werden die Grofienverhaltnisse und gegenseitigen Entfernungen
meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die Qualitat derselben. Dafi ich eine rote
Flache rot sehe - diese qualitative Bestimmung - hangt von der Organisation meines
Auges ab. Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunachst subjektiv. Die Erkenntnis von
dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln dariiber
fuhren, ob iiberhaupt etwas Objektives denselben zum Grunde liegt. Wenn wir wissen,
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dafi eine Wahrnehmung, zum Beispiel die der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones
nicht moglich ist ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu
dem Glauben kommen, dafi dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven Organismus,
keinen Bestand habe, dafi sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist,
keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in George Berkeley einen klassischen
Vertreter gefunden, der der Meinung war, dafi der Mensch von dem Augenblicke an, wo
er sich der Bedeutung des Subjekts fur die Wahrnehmung bewufit geworden ist, nicht
mehr an eine ohne den bewufiten Geist vorhandene Welt glauben konne. Er sagt «Einige
Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, dafi man nur die Augen zu offnen
braucht, um sie zu sehen. Fur eine solche halte ich den wichtigen Satz, dafi der ganze
Chor am Himmel und alles, was zur Erde gehort, mit einem Worte alle die Korper, die
den gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz aufierhalb des Geistes
haben, dafi ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkanntwerden besteht, dafi sie
folglich, solange sie nicht [66] wirklich von mir wahrgenommen werden oder in meinem
Bewufitsein oder dem eines anderen geschaffenen Geistes existieren, entweder iiberhaupt
keine Existenz haben oder in dem Bewufitsein eines ewigen Geistes existieren.» Fur diese
Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr iibrig, wenn man von dem
Wahrgenommenwerden absieht. Es gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton,
wenn keiner gehort wird. Ebensowenig wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung,
Gestalt und Bewegung aufierhalb des Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends blofie
Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von
unserer Subjektivitat abhangigen Eigenschaften verkniipft. Wenn die letzteren mit
unserer Wahrnehmung verschwinden, so muB das auch bei den ersteren der Fall sein, die
an sie gebunden sind.
Dem Einwand, dafi, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine andere Existenz als die
innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge geben miisse, die ohne das
Bewufitsein da sind und denen die bewufiten Wahrnehmungsbilder ahnlich seien,
begegnet die geschilderte Ansicht damit, dafi sie sagt: eine Farbe kann nur ahnlich einer
Farbe, eine Figur ahnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen konnen nur unseren
Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ahnlich sein. Auch was wir einen
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Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer
bestimmten Weise verbunden sind. Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung,
Farbe usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr
iibrig. Diese Ansicht fuhrt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung: Die Objekte meiner
Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und zwar nur [67] insoferne und
solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und haben keinen
Sinn ohne dieses. Aufier meinen Wahrnehmungen weifi ich aber von keinen
Gegenstanden und kann von keinen wissen.
Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich blofi im allgemeinen
den Umstand in Betracht ziehe, dafi die Wahrnehmung von der Organisation meines
Subjektes mitbestimmt wird. Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn wir
imstande waren, anzugeben, welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim
Zustandekommen einer Wahrnehmung ist. Wir wiifiten dann, was an der Wahrnehmung
wahrend des Wahrnehmens geschieht, und konnten auch bestimmen, was an ihr schon
sein mufi, bevor sie wahrgenommen wird.
Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das Subjekt
derselben abgeleitet. Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme mich
selbst wahr. Die Wahrnehmung meiner selbst hat zunachst den Inhalt, dafi ich das
Bleibende bin gegeniiber den immer kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern.
Die Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewufitsein stets auftreten, wahrend ich
andere Wahrnehmungen habe. Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen
Gegenstandes vertieft bin, so habe ich vorlaufig nur von diesem ein Bewufitsein. Dazu
kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten. Ich bin mir nunmehr nicht blofi des
Gegenstandes bewufit, sondern auch meiner Personlichkeit, die dem Gegenstand
gegeniiber steht und ihn beobachtet. Ich sehe nicht blofi einen Baum, sondern ich weifi
auch, dafi ich es bin, der ihn sieht. Ich erkenne auch, dafi in mir etwas vorgeht, wahrend
ich den Baum beobachte. Wenn der Baum [68] aus meinem Gesichtskreise verschwindet,
bleibt fur mein Bewufitsein ein Riickstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes.
Dieses Bild hat sich wahrend meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden. Mein
Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in sich aufgenommen. Dieses
46
Element nenne ich meine Vorstellung von dem Baume. Ich kame nie in die Lage, von
Vorstellungen zu sprechen, wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung meines Selbst
erlebte. Wahrnehmungen wiirden kommen und gehen; ich liefie sie voriiberziehen. Nur
dadurch, dafi ich mein Selbst wahrnehme und merke, dafi mit jeder Wahrnehmung sich
auch dessen Inhalt andert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes
mit meiner eigenen Zustandsveranderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner
Vorstellung zu sprechen.
Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne, wie Farbe, Ton usw.
an andern Gegenstanden. Ich kann jetzt auch den Unterschied machen, dafi ich diese
andern Gegenstande, die sich mir gegeniiberstellen, Aufienwelt nenne, wahrend ich den
Inhalt meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung des
Verhaltnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die grofiten Mifiverstandnisse in der
neueren Philosophie herbeigefuhrt. Die Wahrnehmung einer Veranderung in uns, die
Modifikation, die mein Selbst erfahrt, wurde in den Vordergrund gedrangt und das diese
Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man hat gesagt: wir
nehmen nicht die Gegenstande wahr, sondern nur unsere Vorstellungen. Ich soil nichts
wissen von dem Tische an sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von
der Veranderung, die mit mir selbst vorgeht, wahrend ich den [69] Tisch wahrnehme.
Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwahnten Berkeleyschen verwechselt
werden. Berkeley behauptet die subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er
sagt nicht, dafi ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann. Er schrankt mein Wissen
auf deine Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, dafi es keine Gegenstande aufierhalb
des Vorstellens gibt. Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht mehr
vorfanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte. Deshalb lafit Berkeley
meine Wahrnehmungen unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen
Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher keine
anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was wir Welt nennen, ist
nur innerhalb der meister vorhanden. Was der naive Mensch Aufienwelt, korperliche
Natur nennt, ist fur Berkeley nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende
Kantsche gegeniiber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere
47
Vorstellungen einschrankt, weil sie uberzeugt ist, dafi es auBer diesen Vorstellungen
keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, dafi wir nur von den
Veranderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese Veranderungen
veranlassenden Dingen an sich erfahren konnen. Sie folgert aus dem Umstande, dafi ich
nur meine Vorstellungen kenne, nicht, dafi es keine von diesen Vorstellungen
unabhangige Existenz gibt, sondern nur, dafi das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in
sich aufnehmen, die nicht anders als durch das «Medium seiner subjektiven Gedanken
imaginieren, fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann» (O.
Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, Seite 28). Diese Anschauung glaubt etwas [70]
unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar einleuchtet.
«Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu deutlichem Bewufitsein zu
bringen hat, besteht in der Erkenntnis, dafi unser Wissen sich zundchst auf nichts weiter
als auf unsere Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir
unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie unmittelbar erfahren,
deswegen vermag uns auch der radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht zu
entreifien. Dagegen ist das Wissen, das iiber unser Vorstellen - ich nehme diesen
Ausdruck hier iiberall im weitesten Sinne, so dafi alles psychische Geschehen darunter
fallt - hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschiitzt. Daher muB zu Beginn des
Philosophierens alles iiber die Vorstellungen hinausgehende Wissen ausdrucklich als
bezweifelbar hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein Buch iiber «Immanuel Kants
Erkenntnistheorie». Was hiermit so hingestellt wird, als ob es eine unmittelbare und
selbstverstandliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer
Gedankenoperation, die folgendermafien verlauft: Der naive Mensch glaubt, dafi die
Gegenstande, so wie er sie wahrnimmt, auch aufierhalb seines Bewufitseins vorhanden
sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu lehren, dafi zu unseren
Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, dafi wir folglich von nichts wissen
konnen, als von dem, was unsere Organisation uns von den Dingen iiberliefert. Unsere
Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich.
Den hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der Tat als
denjenigen charakterisiert, der zur Uberzeugung von dem Satze fuhren mufi, dafi wir ein
direktes Wissen nur von [71] unseren Vorstellungen haben konnen (vergleiche dessen
48
«Grundproblem der Erkenntnistheorie», S. 16-40). Weil wir aufierhalb unseres
Organismus Schwingungen der Korper und der Luft finden, die sich uns als Schall
darstellen, so wird gefolgert, dafi das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine
subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in der Aufienwelt. In
derselben Weise findet man, dafi Farbe und Warme nur Modifikationen unseres
Organismus seien. Und zwar ist man der Ansicht, dafi diese beiden Wahrnehmungsarten
in uns hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgangen in der Aufienwelt, die
von dem, was Warmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist, durchaus verschieden sind. Wenn
solche Vorgange die Hautnerven meines Korpers erregen, so habe ich die subjektive
Wahrnehmung der Warme, wenn solche Vorgange den Sehnerv treffen, nehme ich Licht
und Farbe wahr. Licht, Farbe und Warme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf
den Reiz von aufien antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstande der
Aufienwelt, sondern nur meine eigenen Zustande. Im Sinne der modernen Physik konnte
man etwa denken, dafi die Korper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekiilen bestehen,
und dafi diese Molekule nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse
Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen ihnen der leere Raum. Durch diese
wirken sie aufeinander mittelst anziehender und abstofiender Krafte. Wenn ich meine
Hand einem Korper nahere, so beriihren die Molekule meiner Hand keineswegs
unmittelbar diejenigen des Korpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen
Korper und Hand, und was ich als Widerstand des Korpers empfinde, das ist nichts weiter
als die Wirkung der abstofienden [72] Kraft, die seine Molekule auf meine Hand ausiiben.
Ich bin schlechthin aufierhalb des Korpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen
Organismus wahr.
Erganzend zu diesen Uberlegungen tritt die Lehre von den sogenannten spezifischen
Sinnesenergien, die J. Mtiller (1801-1858) aufgestellt hat. Sie besteht darin, dafi jeder
Sinn die Eigentumlichkeit hat, auf alle aufieren Reize nur in einer bestimmten Weise zu
antworten. Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeiibt, so entsteht Lichtwahrnehmung,
gleichgiiltig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen, oder ob ein
mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den Nerv einwirkt. Andrerseits
werden in verschiedenen Sinnen durch die gleichen aufieren Reize verschiedene
49
Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus scheint hervorzugehen, dafi unsere Sinne nur das
uberliefern konnen, was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Aufienwelt. Sie
bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
Die Physiologie zeigt, dafi auch von einem direkten Wissen dessen keine Rede sein kann,
was die Gegenstande in unseren Sinnesorganen bewirken. Indem der Physiologe die
Vorgange in unserem eigenen Leibe verfolgt, findet er, dafi schon in den Sinnesorganen
die Wirkungen der aufieren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeandert
werden. Wir sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte
Organe, die den aufieren Reiz wesentlich verandern, ehe sie ihn zum entsprechenden
Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon veranderte
Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier erst miissen wieder die Zentralorgane erregt
werden. Daraus wird geschlossen, dafi der aufiere Vorgang eine Reihe [73] von
Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum Bewufitsein kommt. Was da im Gehirne sich
abspielt, ist durch so viele Zwischenvorgange mit dem aufieren Vorgang verbunden, dafi
an eine Ahnlichkeit mit demselben nicht mehr gedacht werden kann. Was das Gehirn der
Seele zuletzt vermittelt, sind weder aufiere Vorgange, noch Vorgange in den
Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb des Gehirnes. Aber auch die letzteren
nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr. Was wir im Bewufitsein zuletzt haben, sind
gar keine Gehirnvorgange, sondern Empfindungen. Meine Empfindung des Rot hat gar
keine Ahnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot
empfinde. Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele auf und wird nur
verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb sagt Hartmann (Grundproblem der
Erkenntnistheorie, 3. 37): «Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur
Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustande und nichts anderes.» Wenn ich die
Empfindungen habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich als
Dinge wahrnehme. Es konnen mir ja nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn
vermittelt werden. Die Empfindungen der Harte und Weichheit werden mir durch den
Tast-, die Farben- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt. Doch
finden sich dieselben an einem und demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung
muB also erst von der Seele selbst bewirkt werden. Das heifit, die Seele setzt die
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einzelnen durch das Gehirn veraiittelten Empfindungen zu Korpern zusammen. Mein
Gehirn iiberliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast- und Gehorempfindungen, und zwar
auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die Seele zu der Vorstellung Trompete
zusammensetzt. [74] Dieses Endglied (Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es,
was fur mein Bewufitsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts mehr von
dem zu finden, was auBer mir ist und urspriinglich einen Eindruck auf meine Sinne
gemacht hat. Der aufiere Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn
zur Seele vollstandig verlorengegangen.
Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebaude in der Geschichte des menschlichen
Geisteslebens zu finden, das mit grofierem Scharfsinn zusammengetragen ist, und das bei
genauerer Priifung doch in nichts zerfallt. Sehen wir einmal naher zu, wie es zustande
kommt. Man geht zunachst von dem aus, was dem naiven Bewufitsein gegeben ist, von
dem wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, dafi alles, was an diesem Dinge sich
findet, fur uns nicht da ware, wenn wir keine Sinne hatten. Kein Auge: keine Farbe. Also
ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst
durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser ist also farblos. Aber
auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da ist ein chemischer oder
physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird,
und da einen andern auslost. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch
den Hirnprozefi in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer nicht ins
Bewufitsein, sondern wird erst durch die Seele nach aufien an einen Korper verlegt. An
diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen. Wir haben einen vollstandigen Kreisgang
durchgemacht. Wir sind uns eines farbigen Korpers bewufit geworden. Das ist das Erste.
Nun hebt die Gedankenoperation an. Wenn ich keine Augen hatte, ware der Korper fur
mich farblos. Ich kann die Farbe [75] also nicht in den Korper verlegen. Ich gehe auf die
Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im Gehirne:
ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Korper
verbunden. Den farbigen Korper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der
Kreis ist geschlossen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen, was der
naive Mensch sich als draufien im Raume vorhanden denkt.
51
So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schonster Ordnung. Aber die Sache
muB noch einmal von vorne angefangen werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge
gewirtschaftet: mit der aufieren Wahrnehmung, von dem ich fruher, als naiver Mensch,
eine ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich war der Meinung: sie hatte so, wie ich sie
wahrnehme, einen objektiven Bestand. Nun merke ich, daB sie mit meinem Vorstellen
verschwindet, dafi sie nur eine Modifikation meiner seelischen Zustande ist. Habe ich nun
iiberhaupt noch ein Recht, in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von
ihr sagen, dafi sie auf meine Seele wirkt? Ich muB von jetzt ab den Tisch, von dem ich
friiher geglaubt habe, dafi er auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich
hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch
meine Sinnesorgane und die Vorgange in ihnen blofi subjektiv. Ich habe kein Recht, von
einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des Auges.
Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozefi und nicht weniger mit dem
Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos der mannigfaltigen
Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der
Richtigkeit des ersten Gedankenkreisganges die [76] Glieder meines Erkenntnisaktes
nochmals, so zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als
solche nicht aufeinander wirken konnen. Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des
Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung
geht die Vorstellung der Farbe hervor. Aber ich habe es auch
nicht notig. Denn sobald mir klar ist, dafi mir meine Sinnesorgane und deren Tatigkeiten,
mein Nerven- und Seelenprozefi auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
konnen, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen Unmoglichkeit. Es ist
richtig: fur mich ist keine Wahrnehmung ohne das entsprechende Sinnesorgan gegeben.
Aber ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner
Wahrnehmung des Tisches auf das Auge iibergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven,
die ihn tasten; aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung
erfahren. Und da bemerke ich denn bald, dafi in dem Prozefi, der sich im Auge vollzieht,
nicht eine Spur von Ahnlichkeit ist mit dem, was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann
meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, dafi ich den Prozefi im Auge
52
aufzeige, der sich wahrend dieser Wahrnehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich in
den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde nur neue
Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten, die der naive Mensch
aufierhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern
iiber.
Aufierdem enthalt die ganze Schlufifolgerung einen Sprung. Ich bin in der Lage, die
Vorgange in meinem Organismus bis zu den Prozessen in meinem Gehirne zu verfolgen,
wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer [77] werden, je mehr ich mich den
zentralen Vorgangen des Gehirnes nahere. Der Weg der aufieren Beobachtung hort mit
dem Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen wiirde,
wenn ich mit physikalischen, chemischen usw. Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn
behandeln konnte. Der Weg der inneren Beobachtung fangt mit der Empfindung an und
reicht bis zum Aufbau der Dinge aus dem Empfindungsmaterial. Beim Ubergang von
dem Hirnprozefi zur Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.
Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte des naiven
Bewufitseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen Idealismus bezeichnet,
macht den Fehler, dafi sie die eine Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert, aber die
andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive
Realismus tut. Sie will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen, indem
sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv gultige
Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch iibersieht, dafi sie zwei Beobachtungsgebiete
durcheinander wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung finden kann.
Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er selbst in
naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als objektiv existierend annimmt. In
demselben Augenblicke, wo er sich der vollstandigen Gleichartigkeit der
Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven Realismus als objektiv
existierend angenommenen Wahrnehmungen bewufit wird, kann er sich nicht mehr auf
die ersteren als auf eine sichere Grundlage stutzen. Er miifite auch seine subjektive
Organisation als [78] blofien Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber die
53
Moglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch die geistige
Organisation bewirkt zu denken. Man miifite annehmen, dafi die Vorstellung «Farbe» nur
eine Modifikation der Vorstellung «Auge» sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann
nicht bewiesen werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der
letztere wird nur dadurch widerlegt, dafi man dessen eigene Voraussetzungen auf einem
anderen Gebiete ungepriift gelten lafit.
Soviel ist hieraus gewifi durch Untersuchungen innerhalb des Wahrnehmungsgebietes
kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit die Wahrnehmung ihres objektiven
Charakters nicht entkleidet werden.
Noch weniger aber darf der Satz: «Die wahrgenommene Welt ist meine Vorstellung» als
durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises bedurftig hingestellt werden.
Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» mit den
Worten: «,Die Welt ist meine Vorstellung:, - dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung
auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das
reflektierte abstrakte Bewufitsein bringen kann: und tut er dies wirklich; so ist die
philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewifi,
dafi er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne
sieht, eine Hand, die eine Erde fiihlt; dafi die Welt, welche ihn umgibt, nur als
Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende,
welches er selbst ist. - Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann,
so ist es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen [79] Form aller moglichen und
erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner, als alle andern, als Zeit, Raum und
Kausalitat ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus ...» Der ganze Satz scheitert
an dem oben bereits von mir angefuhrten Umstande, dafi das Auge und die Hand nicht
weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man konnte im Sinne
Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen Satzen
entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht, und meine Hand, die die Erde fuhlt,
sind meine Vorstellungen gerade so wie die Sonne und die Erde selbst. Dafi ich damit
aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar. Denn nur mein wirkliches Auge und
meine wirkliche Hand konnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre
54
Modifikationen an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand. Nur von
diesen aber darf der kritische Idealismus sprechen.
Der kritische Idealismus ist vollig ungeeignet, eine Ansicht iiber das Verhaltnis von
Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen. Die auf Seite 66 f. angedeutete Scheidung
dessen, was an der Wahrnehmung wahrend des Wahrnehmens geschieht und was an ihr
schon sein mufi, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu muB
also ein anderer Weg eingeschlagen werden.
55
V. Das Erkennen der Welt
[80] Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt die Unmoglichkeit, durch
Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, dafi unsere
Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Beweis soil namlich dadurch erbracht
werden, dafi man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozefi in der Art erfolgt, wie man ihn
gemafi den naiv-realistischen Annahmen iiber die psychologische und physiologische
Konstitution unseres Individuums sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an
sich, sondern blofi mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu tun. Wenn nun der
naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten fTihrt, die das gerade Gegenteil
seiner Voraussetzungen darstellen, so miissen diese Voraussetzungen als ungeeignet zur
Begriindung einer Weltanschauung bezeichnet und fallen gelassen werden. Jedenfalls ist
es unstatthaft, die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen,
wie es der kritische Idealist tut, der seiner Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung,
den obigen Beweisgang zugrunde legt. (Eduard von Hartmann gibt in seiner Schrift «Das
Grundproblem der Erkenntnistheorie» eine ausfuhrliche Darstellung dieses
Beweisganges.)
Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes die
Uberzeugungskraft seiner Beweise. Wie es mit der ersteren steht, wird sich spater im
Zusammenhange unserer Ausfiihrungen ergeben. Die Uberzeugungskraft seines Beweises
ist aber gleich Null. Wenn man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten
Stockwerkes bricht das Erdgeschofi in sich zusammen, so stiirzt das erste Stockwerk mit.
[81] Der naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies
Erdgeschofi zum ersten Stockwerk.
Wer der Ansicht ist, dafi die ganze wahrgenommene Welt nur eine vorgestellte ist, und
zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine Seele, fur den geht die
eigentliche Erkenntnisfrage natiirlich nicht auf die nur in der Seele vorhandenen
Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres Bewufitseins liegenden, von uns
unabhangigen Dinge. Er firagt: Wieviel konnen wir von den letzteren mittelbar erkennen,
da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zuganglich sind? Der auf diesem
56
Standpunkt Stehende kummert sich nicht um den inneren Zusammenhang seiner
bewufiten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht mehr bewufite Ursachen, die ein von
ihm unabhangiges Dasein haben, wahrend, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen
verschwinden, sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet. Unser Bewufitsein wirkt,
von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von bestimmten Dingen
auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem seine spiegelnde Flache ihnen nicht
zugewandt ist. Wer aber die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der
muB aus dem Verhalten der letzteren iiber die Beschaffenheit der ersteren durch Schliisse
indirekt sich unterrichten. Auf diesem Standpunkte steht die neuere Naturwissenschaft,
welche die Wahrnehmungen nur als letztes Mittel benutzt, um Aufschlufi iiber die hinter
denselben stehenden und allein wahrhaft seienden Vorgange des Stoffes zu gewinnen.
Wenn der Philosoph als kritischer Idealist uberhaupt ein Sein gelten lafit, dann geht sein
Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein auf dieses Sein.
Sein Interesse iiberspringt die subjektive Welt der Vorstellungen [82] und geht auf das
Erzeugende dieser Vorstellungen los.
Der kritische Idealist kann aber so weit gehen, dafi er sagt ich bin in meine
Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht hinaus. Wenn ich ein Ding hinter
meinen Vorstellungen denke, so ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine
Vorstellung. Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen oder
wenigstens davon erklaren, dafi es fur uns Menschen gar keine Bedeutung habe, das ist,
so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm wissen konnen.
Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als ein Traum, dem
gegeniiber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos ware. Fur ihn kann es nur zwei
Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste fur
wirkliche Dinge halten, und Weise, die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen,
und die nach und nach alle Lust verlieren miissen, sich weiter darum zu bekummern. Fur
diesen Standpunkt kann auch die eigene Personlichkeit zum blofien Traumbilde werden.
Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild erscheint, so
tritt im wachen Bewufitsein die Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der
Aufienwelt hinzu. Wir haben im Bewufitsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur
57
unsere Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, dafi es Dinge gibt, oder wenigstens, dafi
wir von ihnen etwas wissen konnen: der mufi auch das Dasein beziehungsweise die
Erkenntnis der eigenen Personlichkeit leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der
Behauptung: ,Alle Realitat verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben,
von welchem getraumt wird, und [83] ohne einen Geist, dem da traumt; in einen Traum,
der in einem Traume von sich selbst zusammenhangt» (vergleiche Fichte, Die
Bestimmung des Menschen).
Gleichgiiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu erkennen glaubt,
hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob er seine Vorstellungen auf wirkliche
Dinge bezieht: das Leben selbst mufi fur ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren.
Wahrend aber fur denjenigen, der mit dem Traume das uns zugangliche All erschopft
glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird fur den andern, der sich befugt glaubt, von
den Vorstellungen auf die Dinge zu schliefien, die Wissenschaft in der Erforschung dieser
«Dinge an sich» bestehen. Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter
Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard
von Hartmann, transzendentalen Realismus. (1)
Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein, dafi sie Fufi in der
Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen. Sie konnen aber
innerhalb dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt finden.
Eine Hauptfrage fur den Bekenner des transzendentalen Realismus miifite sein: wie bringt
das Ich aus sich selbst die [84] Vorstellungswelt zustande? Fur eine uns gegebene Welt
von Vorstellungen, die verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Aufienwelt
verschliefien, kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwarmen, als sie das
Mittel ist, die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen. Wenn die Dinge
unserer Erfahrung Vorstellungen waren, dann gliche unser alltagliches Leben einem
Traume und die Erkenntnis des wahren Tatbestandes dem Erwachen. Auch unsere
Traumbilder interessieren uns so lange, als wir traumen, folglich die Traumnatur nicht
durchschauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr nach dem
inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den physikalischen,
58
physiologischen und psychologischen Vorgangen, die ihnen zum Grunde liegen.
Ebensowenig kann sich der Philosoph, der die Welt fur seine Vorstellung halt, fur den
inneren Zusammenhang der Einzelheiten in derselben interessieren. Falls er iiberhaupt
ein seiendes Ich gelten lafit, dann wird er nicht firagen, wie hangt eine seiner
Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was geht in der von ihm
unabhangigen Seele vor, wahrend sein Bewufitsein einen bestimmten Vorstellungsablauf
enthalt. Wenn ich traume, dafi ich Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf
verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt, Entstehung der
Traume, 1893), so hort im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, fur mich
ein Interesse zu haben. Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und
psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in dem
Traumbilde zum Ausdruck bringt. In ahnlicher Weise muB der Philosoph, sobald er von
dem Vorstellungscharakter der gegebenen Welt iiberzeugt ist, von dieser sofort auf [85]
die dahinter steckende wirkliche Seele iiberspringen. Schlimmer steht die Sache
allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet,
oder es wenigstens fur unerkennbar halt. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die
Beobachtung fuhren, dafi es dem Traumen gegeniiber zwar den Zustand des Wachens
gibt, in dem wir Gelegenheit haben, die Traume zu durchschauen und auf reale
Verhaltnisse zu beziehen, dafi wir aber keinen zu dem wachen Bewufitseinsleben in
einem ahnlichen Verhaltnisse stehenden Zustand haben. Wer zu dieser Ansicht sich
bekennt, dem geht die Einsicht ab, dafi es etwas gibt, das sich in der Tat zum blofien
Wahrnehmen verhalt wie das Erfahren im wachen Zustande zum Traumen. Dieses Etwas
ist das Denken.
Dem naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den hier gedeutet wird, nicht
angerechnet werden. Er gibt sich dem Leben hin und halt die Dinge so fur wirklich, wie
sie sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der erste Schritt aber, der iiber diesen
Standpunkt hinaus unternommen wird, kann nur in der Frage bestehen: wie verhalt sich
das Denken zur Wahrnehmung? Ganz einerlei, ob die Wahrnehmung in der mir
gegebenen Gestalt vor und nach meinem Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich
irgend etwas iiber sie aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen.
59
Wenn ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis eines
Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt nicht anwendbar ist,
so ist dieses Ergebnis ein Irrtum. Zwischen die Wahrnehmung und jede Art von Aussage
iiber dieselbe schiebt sich das Denken ein.
Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der [86] Dinge zumeist iibersehen
wird, haben wir bereits angegeben (vergleiche Seite 42 f.). Er liegt in dem Umstande, dafi
wir nur auf den Gegenstand, iiber den wir denken, nicht aber zugleich auf das Denken
unsere Aufmerksamkeit richten. Das naive Bewufitsein behandelt daher das Denken wie
etwas, das mit den Dingen nichts zu tun hat, sondern ganz abseits von denselben steht
und seine Betrachtungen iiber die Welt anstellt. Das Bild, das der Denker von den
Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas, was zu den Dingen gehort, sondern
als ein nur im Kopfe des Menschen existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses
Bild. Die Welt ist fix und fertig in alien ihren Substanzen und Kraften; und von dieser
fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild. Die so denken, muB man nur fragen: mit
welchem Rechte erklart ihr die Welt fur fertig, ohne das Denken? Bringt nicht mit der
gleichen Notwendigkeit die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die
Bliite an der Pflanze? Pflanzet ein Samenkorn in den Boden. Es treibt Wurzel und
Stengel. Es entfaltet sich zu Blattern und Bliiten. Stellet die Pflanze euch selbst
gegeniiber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten Begriffe. Warum
gehort dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze als Blatt und Bliite? Ihr saget: die
Blatter und Bliiten sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst,
wenn sich der Mensch der Pflanze gegeniiberstellt. Ganz wohl. Aber auch Bliiten und
Blatter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da ist, in die der Keim gelegt werden
kann, wenn Licht und Luft da sind, in denen sich Blatter und Bliiten entfalten konnen.
Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewufitsein an die
Pflanze herantritt.
Es ist ganz willkiirlich, die Summe dessen, was wir von [87] einem Dinge durch die
blofie Wahrnehmung erfahren, fur eine Totalitat, fur ein Ganzes zu halten, und dasjenige,
was sich durch die denkende Betrachtung ergibt, als ein solches Hinzugekommenes, das
mit der Sache selbst nichts zu tun habe. Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist
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das Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunachst ein abgeschlossenes.
Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich morgen ein ganz anderes Bild meines
Objektes erhalten, wenn ich me in Auge von der Rosenknospe nicht abwendet, So sehe
ich den heutigen Zustand in den morgigen durch unzahlige Zwischenstufen kontinuierlich
iibergehen. Das Bild, das sich mir in einem bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur ein
zufalliger Ausschnitt aus dem in einem fortwahrenden Werden begriffenen Gegenstande.
Setze ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von Zustanden nicht
zur Entwickelung, die der Moglichkeit nach in ihr lagen. Ebenso kann ich morgen
verhindert sein, die Bliite weiter zu beobachten und dadurch ein unvollstandiges Bild
haben.
Es ist eine ganz unsachliche, an Zufalligkeiten sich heftende Meinung, die von dem in
einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklarte: das ist die Sache.
Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale fur die Sache zu
erklaren. Es ware sehr wohl moglich, dafi ein Geist zugleich und ungetrennt von der
Wahrnehmung den Begriff mitempfangen konnte. Ein solcher Geist wiirde gar nicht auf
den Einfall kommen, den Begriff als etwas nicht zur Sache Gehoriges zu betrachten. Er
miifite ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.
Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen. [88] Wenn ich einen Stein in
horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich ihn nacheinander an
verschiedenen Orten. Ich verbinde diese Orte zu einer Linie. In der Mathematik lerne ich
verschiedene Linienformen kennen, darunter auch die Parabel. Ich kenne die Parabel als
eine Linie, die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmafiigen Art
bewegt. Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der geworfene Stein
bewegt, so finde ich, dafi die Linie seiner Bewegung mit der identisch ist, die ich als
Parabel kenne. Dafi sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der
gegebenen Bedingungen und folgt mit Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel
gehort zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht kommt.
Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens nehmen miifite, ware
nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an verschiedenen Orten gegeben,
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sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die parabolische Form der Wurflinie, die
wir erst durch Denken zu der Erscheinung hinzufugen.
Nicht an den Gegenstanden liegt es, dafi sie uns zunachst ohne die entsprechenden
Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen Organisation. Unsere totale
Wesenheit funktioniert in der Weise, dafi ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei
Seiten her die Elemente zufliefien, die fur die Sache in Betracht kommen: von seiten des
Wahrnehmens und des Denkens.
Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich organisiert bin, sie zu erfassen. Der
Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in dem Augenblicke vorhanden, wo
ich, der Betrachtende, den Dingen gegeniibertrete. Welche Elemente dem Dinge
angehoren und welche nicht, kann [89] aber durchaus nicht davon abhangen, auf welche
Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.
Der Mensch ist ein eingeschranktes Wesen. Zunachst ist er ein Wesen unter anderen
Wesen. Sein Dasein gehort dem Raum und der Zeit an. Dadurch kann ihm auch immer
nur ein beschrankter Teil des gesamten Universums gegeben sein. Dieser beschrankte
Teil schliefit sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie raumlich an anderes an. Ware
unser Dasein so mit den Dingen verkniipft, dafi jedes Weltgeschehen zugleich unser
Geschehen ware, dann gabe es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht.
Dann aber gabe es fur uns auch keine Einzeldinge. Da ginge alles Geschehen
kontinuierlich ineinander liber. Der Kosmos ware eine Einheit und eine in sich
beschlossene Ganzheit. Der Strom des Geschehens hatte nirgends eine Unterbrechung.
Wegen unserer Beschrankung erscheint uns als Einzelheit, was in Wahrheit nicht
Einzelheit ist. Nirgends ist zum Beispiel die Einzelqualitat des Rot abgesondert fur sich
vorhanden. Sie ist allseitig von anderen Qualitaten umgeben, zu denen sie gehort, und
ohne die sie nicht bestehen konnte. Fur uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse
Ausschnitte aus der Welt herauszuheben, und sie fur sich zu betrachten. Unser Auge kann
nur einzelne Farben nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand
nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhangenden Begriffssysteme erfassen. Diese
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Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch den Umstand, dafi wir nicht identisch
sind mit dem Weltprozefi, sondern ein Wesen unter anderen Wesen.
Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Wesens, das wir selbst sind, zu den
anderen Wesen zu bestimmen. Diese Bestimmung muB unterschieden werden von dem
[90] blofien Bewufitwerden unseres Selbst. Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie
das Bewufitwerden jedes anderen Dinges. Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe
von Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Personlichkeit zusammenfasse,
wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglanzend, hart usw. zu der Einheit «Gold»
zusammenfasse. Die Selbstwahrnehmung fuhrt mich nicht aus dem Bereiche dessen
hinaus, was zu mir gehort. Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem
denkenden Selbstbestimmen. Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Aufienwelt durch
das Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir selbst
gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozefi durch das Denken ein. Mein
Selbstwahrnehmen schliefit mich innerhalb bestimmter Grenzen ein; mein Denken hat
nichts zu tun mit diesen Grenzen. In diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen. Ich bin
eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das meiner Personlichkeit wahrnehme, aber ich
bin Trager einer Tatigkeit, die von einer hoheren Sphare aus mein begrenztes Dasein
bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden und Fiihlen. Es ist
universell. Es erhalt ein individuelles Geprage in jedem einzelnen Menschen nur dadurch,
dafi es auf sein individuelles Fiihlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese besonderen
Farbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen
voneinander. Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff Fur den Inhalt dieses Begriffes
ist es gleichgiiltig, ob ihn der menschliche Bewufitseinstrager A oder B fafit. Er wird aber
von jedem der zwei Bewufitseinstrager in individueller Weise erfafit werden.
Diesem Gedanken steht ein schwer zu iiberwindendes Vorurteil der Menschen
gegeniiber. Die Befangenheit kommt [91] nicht bis zu der Einsicht, dafi der Begriff des
Dreieckes, den mein Kopf erfafit, derselbe ist, wie der durch den Kopf meines
Nebenmenschen ergriffene. Der naive Mensch halt sich fur den Bildner seiner Begriffe.
Er glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grundforderung des
philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu iiberwinden. Der eine einheitliche Begriff
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des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer Vielheit, dafi er von vielen gedacht wird. Denn
das Denken der Vielen selbst ist eine Einheit.
In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere Individualist mit
dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschliefit. Indem wir empfinden und fuhlen
(auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir denken, sind wir das all-eine Wesen,
das alles durchdringt. Dies ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns
eine schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist, aber
wir lernen sie nicht bei ihrem Ausstromen aus dem Zentrum der Welt kennen, sondern in
einem Punkte der Peripherie. Ware das erstere der Fall, dann wiifiten wir in dem
Augenblicke, in dem wir zum Bewufitsein kommen, das ganze Weltratsel. Da wir aber in
einem Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte Grenzen
eingeschlossen finden, miissen wir das aufierhalb unseres eigenen Wesens gelegene
Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein in uns hereinragenden Denkens
kennen lernen.
Dadurch, dafi das Denken in uns iibergreift iiber unser Sondersein und auf das allgemeine
Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkenntnis. Wesen ohne Denken
haben diesen Trieb nicht. Wenn sich ihnen andere Dinge gegeniiberstellen, so sind
dadurch keine Fragen gegeben. [92] Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen
aufierlich. Bei denkenden Wesen stofit dem Aufiendinge gegeniiber der Begriff auf. Er ist
dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von aufien, sondern von innen empfangen. Den
Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente, des inneren und des aufieren, soil die
Erkenntnis liefern.
Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der
totalen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese
von Wahrnehmung und Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber
erst das ganze Ding aus.
Die vorangehenden Ausfuhrungen liefern den Beweis, dafi es ein Unding ist, etwas
anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen, als den ideellen Inhalt,
den uns das Denken darbietet. Alle Versuche miissen scheitern, die nach einer anderen
64
Welteinheit streben als nach diesem in sich zusammenhangenden ideellen Inhalt, welchen
wir uns durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht ein
menschlich-personlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose Wille
(Schopenhauers) konnen uns als eine universelle Welteinheit gelten. Diese Wesenheiten
gehoren samtlich nur einem beschrankten Gebiet unserer Beobachtung an. Menschlich
begrenzte Personlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Aufiendingen
wahr. Was den Willen betrifft, so kann er nur als die Tatigkeitsaufierung unserer
beschrankten Personlichkeit gelten. Schopenhauer will es vermeiden, das «abstrakte»
Denken zum Trager der Welteinheit zu machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm
unmittelbar als ein Reales darbietet. Dieser Philosoph glaubt, dafi wir der Welt
nimmermehr beikommen, wenn wir sie als Aufienwelt ansehen. [93] «In der Tat wiirde
die nachgeforschte Bedeutung der mir lediglich als meine Vorstellung
gegeniiberstehenden Welt, oder der Ubergang von ihr, als blofier Vorstellung des
erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch aufierdem sein mag, nimmermehr zu finden
sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein erkennende Subjekt (gefliigelter
Engelskopf ohne Leib) ware. Nun aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich namlich
in ihr als Individuum, das heifit sein Erkennen, welches der bedingende Trager der ganzen
Welt als Vorstellung ist, ist dennoch durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen
Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt
sind. Dieser Leib ist dem rein erkennenden Subjekt als solchem eine Vorstellung wie jede
andere, ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben sind ihm
insoweit nicht anders, als wie die Veranderungen aller anderen anschaulichen Objekte
bekannt, und waren ihm ebenso fremd und unverstandlich, wenn die Bedeutung
derselben ihm nicht etwa auf eine ganz andere Art entratselt ware. ... Dem Subjekt des
Erkennens, welches durch seine Identitat mit dem Leibe als Individuum auftritt, ist dieser
Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in verstandiger
Anschauung, als Objekt unter Objekten, und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann
aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise, namlich als jenes jedem unmittelbar
Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet. Jeder wahre Akt seines Willens ist sofort
und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann den Akt nicht wirklich
wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, dafi er als Bewegung des Leibes erscheint. Der
65
Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte [94] verschiedene
Zustande, die das Band der Kausalitat verkniipft, stehen nicht im Verhaltnis der Ursache
und Wirkung; sondern sie sind eines und dasselbe, nur auf zwei ganzlich verschiedene
Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der Anschauung fur den
Verstand.» Durch diese Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in
dem Leibe des Menschen die «Objektivitat» des Willens zu finden. Er ist der Meinung, in
den Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realitat, das Ding an sich in concreto zu
fuhlen. Gegen diese Ausfuhrungen mufi eingewendet werden, daB uns die Aktionen
unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen zum Bewufitsein kommen und als solche
nichts voraus haben vor anderen Wahrnehmungen. Wenn wir ihre Wesenheit erkennen
wollen, so konnen wir dies nur durch denkende Betrachtung, das heifit durch
Eingliederung derselben in das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.
Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewufitsein ist die Meinung: das
Denken sei abstrakt, ohne alien konkreten Inhalt. Es konne hochstens ein «ideelles»
Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa diese selbst.
Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die Wahrnehmung ohne den Begriff
ist. Sehen wir uns nur diese Welt der Wahrnehmung an: als ein blofies Nebeneinander im
Raum und Nacheinander in der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten
erscheint sie. Keines der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der
Wahrnehmungsbuhne, hat mit dem andern unmittelbar etwas zu tun, was sich
wahrnehmen lafit. Die Welt ist da eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen
Gegenstanden. Keiner spielt eine grofiere Rolle als der andere im Getriebe der Welt. Soil
uns klar werden, dafi diese oder jene Tatsache grofiere Bedeutung [95] hat als die andere,
so miissen wir unser Denken befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint uns
das rudimentare Organ des Tieres, das ohne Bedeutung fur dessen Leben ist, gleichwertig
mit dem wichtigsten Korpergliede. Die einzelnen Tatsachen treten in ihrer Bedeutung in
sich und fur die iibrigen Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Faden zieht
von Wesen zu Wesen. Diese Tatigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur durch
einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum die Schnecke auf einer
niedrigeren Organisationsstufe steht als der Lowe. Der blofie Anblick, die Wahrnehmung
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gibt mir keinen Inhalt, der mich iiber die Vollkommenheit der Organisation belehren
konnte.
Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt des
Menschen entgegen. Im Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von aufien
gegeben ist, erscheint der Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunachst
auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist fur das Denken, was die Beobachtung
fur die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer
Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegeniiber, so
lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der
Wahrnehmung fehlende Stuck der Wirklichkeit erganzt. Wer nicht die Fahigkeit hat, die
den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die voile Wirklichkeit
verschlossen. Wie der Farbenblinde nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitaten
sieht, so kann der Intuitionslose nur unzusammenhangende Wahrnehmungsfragmente
beobachten.
Ein Ding erkldren, verstdndlich machen heifit nichts anderes, [96] als es in den
Zusammenhang hineinversetzen, aus dem es durch die oben geschilderte Einrichtung
unserer Organisation herausgerissen ist. Ein von dem Weltganzen abgetrenntes Ding gibt
es nicht. Alle Sonderung hat blofi subjektive Geltung fur unsere Organisation. Fur uns
legt sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach, Ursache und
Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt und Subjekt usw. Was
uns in der Beobachtung an Einzelheiten gegenubertritt, das verbindet sich durch die
zusammenhangende, einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied fur Glied; und wir fugen
durch das Denken alles wieder in eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen
getrennt haben.
Die Ratselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem Sonderdasein. Diese ist aber von
uns hervorgerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben
werden.
Aufier durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben. Es entsteht nun die
Frage: wie steht es gemafi unseren Ausfuhrungen mit der Bedeutung der Wahrnehmung?
67
Wir haben zwar erkannt, daB der Beweis, den der kritische Idealismus fur die subjektive
Natur der Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfallt; aber mit der Einsicht in die
Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, dafi die Sache selbst auf einem
Irrtume beruht. Der kritische Idealismus geht in seiner Beweisfiihrung nicht von der
absoluten Natur des Denkens aus, sondern stiitzt sich darauf, dafi der naive Realismus,
konsequent verfolgt, sich selbst aufhebe. Wie stellt sich die Sache, wenn die Absolutheit
des Denkens erkannt ist?
Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, [97/ zum Beispiel Rot, in
meinem Bewufitsein auf. Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender Betrachtung in
Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen, zum Beispiel einer bestimmten
Figur, mit gewissen Temperatur- und Tastwahrnehmungen. Diesen Zusammenhang
bezeichne ich als einen Gegenstand der Sinnenwelt. Ich kann mich nun firagen: was findet
sich aufier dem angefiihrten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir obige
Wahrnehmungen erscheinen. Ich werde mechanische, chemische und andere Vorgange
innerhalb des Raumteiles finden. Nun gehe ich weiter und untersuche die Vorgange, die
ich auf dem Wege von dem Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich kann
Bewegungsvorgange in einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach nicht
das geringste mit den urspriinglichen Wahrnehmungen gemein haben. Das gleiche
Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom Sinnesorgane zum Gehirn
untersuche. Auf jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen; aber was als
bindendes Mittel sich durch alle diese raumlich und zeitlich auseinanderlegenden
Wahrnehmungen hindurchgeht, das ist das Denken. Die den Schall vermittelnden
Schwingungen der Luft sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall
selbst. Nur das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in
ihren gegenseitigen Beziehungen. Wir konnen nicht davon sprechen, dafi es aufier dem
unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes gibt, als dasjenige, was durch die ideellen
(durch das Denken aufzudeckenden) Zusammenhange der Wahrnehmungen erkannt wird.
Die iiber das blofi Wahrgenommene hinausgehende Beziehung der
Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also eine blofi ideelle, das heifit
nur [98] durch Begriffe ausdriickbare. Nur in dem Falle, wenn ich wahrnehmen konnte,
68
wie das Wahrnehmungsobjekt das Wahrnehmungssubjekt affiziert, oder umgekehrt,
wenn ich den Aufbau des Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten konnte,
ware es moglich, so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der auf sie gebaute
kritische Idealismus tun. Diese Ansicht verwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts
auf das Subjekt) mit einem Prozefi, von dem nur gesprochen werden konnte, wenn er
wahrzunehmen ware. Der Satz «Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge» kann
daher nicht die Bedeutung haben, dafi das Auge die Farbe hervorbringt, sondern nur die,
dafi ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht zwischen der
Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge. Die empirische Wissenschaft wird
festzustellen haben, wie sich die Eigenschaften des Auges und die der Farben zueinander
verhalten; durch welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben
vermittelt usw. Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere folgt, wie sie
raumlich mit andern in Beziehung steht; und dies dann in einen begriffiichen Ausdruck
bringen; aber ich kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem
Unwahrnehmbaren hervorgeht. Alle Bemiihungen, zwischen den Wahrnehmungen
andere als Gedankenbeziige zu suchen, miissen notwendig scheitern.
Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist, im allgemeinen gestellt, absurd. Die
Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte, als konkreter Inhalt auf. Dieser Inhalt
ist unmittelbar gegeben, und erschopft sich in dem Gegebenen. Man kann in bezug auf
dieses Gegebene nur fragen, was es aufierhalb der Wahrnehmung, das ist: fur [99] das
Denken ist. Die Frage nach dem «Was» einer Wahrnehmung kann also nur auf die
begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht. Unter diesem Gesichtspunkte kann die
Frage nach der Subjektivitat der Wahrnehmung im Sinne des kritischen Idealismus gar
nicht aufgeworfen werden. Als subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum
Subjekte gehorig wahrgenommen wird. Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und
Objektivem kommt keinem im naiven Sinn realen Prozefi, das heifit einem
wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken. Es ist also fur uns objektiv,
was sich fur die Wahrnehmung als aufierhalb des Wahrnehmungssubjektes gelegen
darstellt. Mein Wahrnehmungssubjekt bleibt fur mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der
soeben vor mir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die
69
Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veranderung in mir
hervorgerufen. Ich behalte die Fahigkeit zuriick, ein Bild des Tisches spater wieder zu
erzeugen. Diese Fahigkeit der Hervorbringung eines Bildes bleibt mit mir verbunden. Die
Psychologie bezeichnet dieses Bild als Erinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was
allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann. Es entspricht dies
namlich der wahrnehmbaren Veranderung meines eigenen Zustandes durch die
Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde. Und zwar bedeutet sie nicht die
Veranderung irgendeines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden «Ich an sich»,
sondern die Veranderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst. Die Vorstellung ist also
eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei
Anwesenheit des Gegenstandes im Wahrnehmungshorizonte. Das Zusammenwerfen
jener subjektiven mit dieser objektiven [100] Wahrnehmung fTihrt zu dem
Mifiverstandnisse des Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
Es wird sich nun zunachst darum handeln, den Begriff der Vorstellung naher zu
bestimmen. Was wir bisher iiber sie vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben,
sondern weist nur den Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist. Der genaue
Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch moglich machen, einen befriedigenden
Aufschlufi iiber das Verhaltnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen. Dies wird
uns dann auch iiber die Grenze fuhren, wo das Verhaltnis zwischen menschlichem
Subjekt und der Welt angehorigem Objekt von dem rein begrifflichen Felde des
Erkennens hinabgefiihrt wird in das konkrete individuelle Leben. Wissen wir erst, was
wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein leichtes sein, auch uns danach
einzurichten. Wir konnen erst mit voller Kraft tatig sein, wenn wir das der Welt
angehorige Objekt kennen, dem wir unsere Tatigkeit widmen.
Zusatz zur Neuauflage (1918). Die Anschauung, die hier gekennzeichnet ist, kann als
eine solche angesehen werden, zu welcher der Mensch wie naturgemafi zunachst
getrieben wird, wenn er beginnt, iiber sein Verhaltnis zur Welt nachzudenken. Er sieht
sich da in eine Gedankengestaltung verstrickt, die sich ihm auflost, indem er sie bildet.
Diese Gedankengestaltung ist eine solche, mit deren blofier theoretischer Widerlegung
nicht alles fur sie Notwendige getan ist. Man muB sie durchleben, um aus der Einsicht in
70
die Verirrung, in die sie fiihrt, den Ausweg zu finden. Sie muB in einer
Auseinandersetzung iiber das Verhaltnis des Menschen zur Welt erscheinen nicht darum,
weil man andere widerlegen will, von denen man glaubt, dafi sie iiber dieses Verhaltnis
[101] eine unrichtige Ansicht haben, sondern weil man kennen mufi, in welche
Verwirrung sich jedes erste Nachdenken iiber ein solches Verhaltnis bringen kann. Man
mufi die Einsicht gewinnen, wie man sich selbst in bezug auf dieses erste Nachdenken
widerlegt. Von einem solchen Gesichtspunkte aus sind die obigen AusfTihrungen
gemeint.
Wer sich eine Anschauung iiber das Verhaltnis des Menschen zur Welt erarbeiten will,
wird sich bewufit, dafi er mindestens einen Teil dieses Verhaltnisses dadurch herstellt,
dafi er sich iiber die Weltdinge und Weltvorgange Vorstellungen macht. Dadurch wird
sein Blick von dem, was draufien in der Welt ist, abgezogen und auf seine Innenwelt, auf
sein Vorstellungsleben gelenkt. Er beginnt sich zu sagen: ich kann zu keinem Ding und
zu keinem Vorgang eine Beziehung haben, wenn nicht in mir eine Vorstellung auftritt.
Von dem Bemerken dieses Tatbestandes ist dann nur ein Schritt zu der Meinung: ich
erlebe aber doch nur meine Vorstellungen; von einer Welt draufien weifi ich nur, insofern
sie Vorstellung in mir ist. Mit dieser Meinung ist der naive Wirklichkeitsstandpunkt
verlassen, den der Mensch vor allem Nachsinnen iiber sein Verhaltnis zur Welt einnimmt.
Von diesem Standpunkt aus glaubt er, er habe es mit den wirklichen Dingen zu tun. Von
diesem Standpunkt drangt die Selbstbesinnung ab. Sie lafit den Menschen gar nicht
hinblicken auf eine Wirklichkeit, wie sie das naive Bewufitsein vor sieh zu haben meint.
Sie lafit ihn blofi auf seine Vorstellungen blicken; diese schieben sich ein zwischen die
eigene Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie der naive Standpunkt glaubt
behaupten zu diirfen. Der Mensch kann nicht mehr durch die eingeschobene
Vorstellungswelt auf eine solche Wirklichkeit schauen. Er mufi annehmen er sei [102]
blind fur diese Wirklichkeit. So entsteht der Gedanke von einem fur die Erkenntnis
unerreichbaren «Ding an sich». - Solange man bei der Betrachtung des Verhaltnisses
stehenbleibt, in das der Mensch durch sein Vorstellungsleben mit der Welt zu treten
scheint, wird man dieser Gedankengestaltung nicht entgehen konnen. Auf dem naiven
Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht bleiben, wenn man sich dem Drang nach
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Erkenntnis nicht kiinstlich verschliefien will. Dafi dieser Drang nach Erkenntnis des
Verhaltnisses von Mensch und Welt vorhanden ist, zeigt, dafi dieser naive Standpunkt
verlassen werden muB. Gabe der naive Standpunkt etwas, was man als Wahrheit
anerkennen kann, so konnte man diesen Drang nicht empfinden. - Aber man kommt nun
nicht zu etwas anderem, das man als Wahrheit ansehen konnte, wenn man blofi den
naiven Standpunkt verlafit, aber - ohne es zu bemerken - die Gedankenart beibehalt, die
er aufnotigt. Man verfallt in einen solchen Fehler, wenn man sich sagt: ich erlebe nur
meine Vorstellungen, und wahrend ich glaube, ich habe es mit Wirklichkeiten zu tun,
sind mir nur meine Vorstellungen von Wirklichkeiten bewufit; ich muB deshalb
annehmen, dafi aufierhalb des Umkreises meines Bewufitseins erst wahre Wirklichkeiten,
«Dinge an sich» liegen, von denen ich unmittelbar gar nichts weifi, die irgendwie an mich
herankommen und mich so beeinflussen, dafi in mir meine Vorstellungswelt auflebt. Wer
so denkt, der setzt in Gedanken zu der ihm vorliegenden Welt nur eine andere hinzu; aber
er miifite bezuglich dieser Welt eigentlich mit seiner Gedankenarbeit wieder von vorne
beginnen. Denn das unbekannte «Ding an sich» wird dabei gar nicht anders gedacht in
seinem Verhaltnisse zur Eigenwesenheit des Menschen als das bekannte des naiven
Wirklichkeitsstandpunktes. [103] - Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die
kritische Besonnenheit in bezug auf diesen Standpunkt gerat, nur, wenn man bemerkt,
dafi es innerhalb dessen, was man innen in sich und aufien in der Welt wahrnehmend
erleben kann, etwas gibt, das dem Verhangnis gar nicht verfallen kann, dafi sich zwischen
Vorgang und betrachtenden Menschen die Vorstellung einschiebt. Und dieses ist das
Denken. Dem Denken gegeniiber kann der Mensch auf dem naiven
Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben. Tut er es nicht, so geschieht das nur deshalb, weil er
bemerkt hat, dafi er fur anderes diesen Standpunkt verlassen mufi, aber nicht gewahr
wird, dafi die so gewonnene Einsicht nicht anwendbar auf das Denken ist. Wird er dies
gewahr, dann eroffnet er sich den Zugang zu der anderen Einsicht, dafi im Denken und
durch das Denken dasjenige erkannt werden mufi, wofur sich der Mensch blind zu
machen scheint, indem er zwischen der Welt und sich das Vorstellungsleben einschieben
mufi. - Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschatzter Seite ist diesem der
Vorwurf gemacht worden, dafi er mit seiner Ausfuhrung iiber das Denken bei einem
naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher vorliege, wenn man die
72
wirkliche Welt und die vorgestellte Welt fur eines halt. Doch der Verfasser dieser
Ausfuhrungen glaubt eben in ihnen erwiesen zu haben, daB die Geltung dieses «naiven
Realismus» fur das Denken sich aus einer unbefangenen Beobachtung desselben
notwendig ergibt; und dafi der fur anderes nicht geltende naive Realismus durch die
Erkenntnis der wahren Wesenheit des Denkens iiberwunden wird.
Anmerkungen:
(1) Tranzendental wird im Sinne dieser Weltanschauung eine Erkenntnis genannt welche sich
bewuBt glaubt, daB iiber die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden konne, sondern
welche indirekt Schliisse von dem bekannten subjektiven auf das Unbekannte, jenseits des
subjektiven Liegende (Transzendente) macht. Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits
des Gebietes der uns unmittelbar erkennbaren Welt, d. i. transzendent. Unsere Welt kann aber auf
das Transzendente transzendental bezogen werden. Realismus heiBt Hartmanns Anschauung, weil
sie iiber das subjektive, Ideale hinaus, auf das Transzendente, Reale geht.
73
VI. Die menschliche Individualitat
[104] Die Hauptschwierigkeit bei der Erklarung der Vorstellungen wird von den
Philosophen in dem Umstande gefunden, dafi wir die aufieren Dinge nicht selbst sind,
und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen entsprechende Gestalt haben sollen. Bei
genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, dafi diese Schwierigkeit gar nicht besteht. Die
aufieren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehoren mit den aufieren Dingen zu ein
und derselben Welt. Der Ausschnitt aus der Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme,
wird von dem Strome des allgemeinen Weltgeschehens durchzogen. Fur mein
Wahrnehmen bin ich zunachst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen.
Aber was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehort zu dem Kosmos als einem
Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem Organismus und dem
Gegenstande aufier mir, ist es gar nicht notig, dafi etwas von dem Gegenstande in mich
hereinschliipfe oder in meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs.
Die Frage: wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir entfernt
steht, ist vollig schief gestellt. Sie entspringt aus der Anschauung, dafi meine
Leibesgrenzen absolute Scheidewande seien, durch die die Nachrichten von den Dingen
in mich hereinwandern. Die Krafte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die
gleichen wie die aufierhalb bestehenden. Ich bin also wirklich die Dinge; allerdings nicht
Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber Ich, insofern ich ein Teil innerhalb des
allgemeinen Weltgeschehens bin. Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in
[105] demselben Ganzen. Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Mafie dort
die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich. Ware ich
nicht Welterkenner, sondern Weltschopfer, so entstiinde Objekt und Subjekt
(Wahrnehmung und Ich) in einem Akte. Denn sie bedingen einander gegenseitig. Als
Welterkenner kann ich das Gemeinsame der beiden als zusammengehoriger Wesenseiten
nur durch Denken finden, das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die Sogenannten physiologischen
Beweise fur die Subjektivitat unserer Wahrnehmungen sein. Wenn ich einen Druck auf
die Haut meines Korpers ausfuhre, so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr.
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Denselben Druck kann ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen.
Einen elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Schall,
durch die Hautnerven als Stofi, durch das Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr. Was
folgt aus dieser Tatsache? Nur dieses: Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr
(respektive einen Druck) und darauf eine Lichtqualitat, oder einen Ton beziehungsweise
einen gewissen Geruch und so weiter. Wenn kein Auge da ware, so gesellte sich zu der
Wahrnehmung der mechanischen Erschutterung in der Umgebung nicht die
Wahrnehmung einer Lichtqualitat, ohne die Anwesenheit eines Gehororgans keine
Tonwahrnehmung usw. Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne
Wahrnehmungsorgane ware der ganze Vorgang nicht vorhanden? Wer von dem
Umstande, dafi ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zuriickschliefit also ist
das, was wir als Licht empfinden, aufier unserem Organismus nur ein mechanischer
Bewegungsvorgang, [106] der vergifit, dafi er nur von einer Wahrnehmung auf die andere
ubergeht und durchaus nicht auf etwas aufierhalb der Wahrnehmung. Ebensogut wie man
sagen kann: das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung
als Licht wahr, ebenso gut kann man behaupten: eine gesetzmafiige Veranderung eines
Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang wahrgenommen. Wenn ich auf den
Umfang einer rotierenden Scheibe ein Pferd zwolfmal male, und zwar genau in den
Gestalten, die sein Korper im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren
der Scheibe den Schein der Bewegung hervorrufen. Ich brauche nur durch eine Offnung
zu blicken und zwar so, dafi ich in den entsprechenden Zwischenzeiten die
aufeinanderfolgenden Stellungen des Pferdes sehe. Ich sehe nicht zwolf Pferdebilder,
sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
Die erwahnte physiologische Tatsache kann also kein Licht auf das Verhaltnis von
Wahrnehmung und Vorstellung werfen. Wir miissen uns auf andere Weise zurechtfinden.
In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte
auftaucht, betatigt sich durch mich auch das Denken. Ein Glied in meinem
Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der
Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet:
was bleibt zuriick? Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung,
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die sich im Momente des Wahrnehmens gebildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit ich dann
spater diese Beziehung mir wieder vergegenwartigen kann, das hangt von der Art ab, in
der mein geistiger und korperlicher Organismus funktioniert. [107] Die Vorstellung ist
nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff,
der einmal mit einer Wahrnehmung verkniipft war, und dem der Bezug auf diese
Wahrnehmung geblieben ist. Mein Begriff eines Lowen ist nicht aus meinen
Wahrnehmungen von Lowen gebildet. Wohl aber ist meine Vorstellung vom Lowen an
der Wahrnehmung gebildet. Ich kann jemandem den Begriff eines Lowen beibringen, der
nie einen Lowen gesehen hat. Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir
ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff. Und nun ist es uns erklarlich, dafi
fur uns die Dinge der Wirklichkeit durch Vorstellungen reprasentiert werden konnen. Die
voile Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus
dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung. Der Begriff erhalt durch eine
Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten
Wahrnehmung. In dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als
eine Eigentumlichkeit in sich tragt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des
betreffenden Dinges. Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff
verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehorig; treffen wir
dasselbe Ding ein zweites Mai wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht
nur iiberhaupt einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff mit
dem ihm eigentiimlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den
Gegenstand wieder.
Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff. Sie ist der bestimmte,
auf die Wahrnehmung deutende Begriff. [108] Die Summe desjenigen, woriiber ich
Vorstellungen bilden kann, darf ich meine Erfahrung nennen. Derjenige Mensch wird die
reichere Erfahrung haben, der eine grofiere Zahl individualisierter Begriffe hat. Ein
Mensch, dem jedes Intuitionsvermogen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu
erwerben. Er verliert die Gegenstande wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die
Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen soil. Ein Mensch mit gut
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entwickeltem Denkvermogen, aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht
funktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig Erfahrung sammeln konnen. Er kann
sich zwar auf irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt der
lebendige Bezug auf bestimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende und der in abstrakten
Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich unfahig, sich eine reiche Erfahrung zu
erwerben.
Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung die
subjektive Representation dieser Wirklichkeit dar. Wenn sich unsere Personlichkeit blofi
als erkennend aufierte, so ware die Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff
und Vorstellung gegeben. Wir begniigen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit
Hilfe des Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch auf unsere
besondere Subjektivitat, auf unser individuelles Ich. Der Ausdruck dieses individuellen
Bezuges ist das Gefuhl, das sich als Lust oder Unlust auslebt. Denken und Ftihlen
entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der wir schon gedacht haben. Das Denken
ist das Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos [109] mitmachen;
das Fuhlen das, wodurch wir uns in die Enge des eigenen Wesens zuriickziehen konnen.
Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fuhlen fahrt uns in uns selbst zuriick,
macht uns erst zum Individuum. Waren wir blofi denkende und wahrnehmende Wesen, so
miifite unser ganzes Leben in unterschiedloser Gleichgiiltigkeit dahinfliefien. Wenn wir
uns blofi als Selbst erkennen konnten, so waren wir uns vollstandig gleichgultig. Erst
dadurch, dafi wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefuhl, mit der Wahrnehmung der
Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen, deren Dasein
nicht mit dem Begriffsverhaltnis erschopft ist, in dem sie zu der iibrigen Welt stehen,
sondern die noch einen besonderen Wert fur sich haben.
Man konnte versucht sein, in dem Gefiihlsleben ein Element zu sehen, das reicher mit
Wirklichkeit gesattigt ist als das denkende Betrachten der Welt. Darauf ist zu erwidern,
dafi das Gefiihlsleben eben doch nur fur mein Individuum diese reichere Bedeutung hat.
Fur das Weltganze kann mein Gefiihlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefuhl,
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als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung tritt und sich auf
diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
Unser Leben ist ein fortwahrendes Hin- und Herpendeln zwischen dem Mitleben des
allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen Sein. Je weiter wir hinaufsteigen
in die allgemeine Natur des Denkens, wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als
Beispiel, als Exemplar des Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in uns der
Charakter des besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Personlichkeit. Je
weiter wir herabsteigen in die Tiefen des [110] Eigenlebens und unsere Gefuhle
mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Aufienwelt, desto mehr sondern wir uns ab
von dem universellen Sein. Eine wahrhafte Individualist wird derjenige sein, der am
weitesten hinaufreicht mit seinen Gefuhlen in die Region des Ideellen. Es gibt Menschen,
bei denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen, noch jene
besondere Farbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem Trager im
Zusammenhange zeigt. Andere existieren, deren Begriffe so ohne jede Spur einer
Eigentiimlichkeit an uns herankommen, als waren sie gar nicht aus einem Menschen
entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
Das Vorstellen gibt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles Geprage. Jedermann
hat ja einen eigenen Standort, von dem aus er die Welt betrachtet. An seine
Wahrnehmungen schlieflen sich seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art die
allgemeinen Begriffe denken. Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres
Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschliefienden
Wahrnehmungssphare .
Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer besonderen Organisation
abhangige. Unsere Organisation ist ja eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit. Wir
verbinden jeder besondere Gefuhle, und zwar in den verschiedensten Starkegraden mit
unseren Wahrnehmungen.
Dies ist das Individuelle unserer Eigenpersonlichkeit. Es bleibt als Rest zuriick, wenn wir
die Bestimmtheiten des Lebensschauplatzes alle in Rechnung gebracht haben.
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Ein vollig gedankenleeres Gefuhlsleben miifite allmahlich alien Zusammenhang mit der
Welt verlieren. Die Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf Totalitat angelegten
Menschen [111] Hand in Hand gehen mit der Ausbildung und Entwickelung des
Gefuhlslebens.
Das GefTihl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunachst konkretes Leben gewinnen.
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VII. Gibt es Grenzen des Erkennens?
[112] Wir haben festgestellt, dafi die Elemente zur Erklarung der Wirklichkeit den beiden
Spharen: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen sind. Unsere Organisation
bedingt es, wie wir gesehen haben, dafi uns die voile, totale Wirklichkeit, einschliefilich
unseres eigenen Subjektes, zunachst als Zweiheit erscheint. Das Erkennen iiberwindet
diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit: der Wahrnehmung
und dem durch das Denken erarbeiteten Begriff das ganze Ding zusammenfugt. Nennen
wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das Erkennen ihre rechte
Gestalt gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung
und Begriff einheitlich zusammengesetzten Wesenheit. Dann konnen wir sagen: Die Welt
ist uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet sie zur Einheit
(monistisch). Eine Philosophie, welche von diesem Grundprinzip ausgeht, kann als
monistische Philosophie oder Monismus bezeichnet werden. Ihr steht gegeniiber die
Zweiweltentheorie oder der Dualismus. Der letztere nimmt nicht etwa zwei blofi durch
unsere Organisation auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit an,
sondern zwei voneinander absolut verschiedene Welten. Er sucht dann
Erklarungsprinzipien fur die eine Welt in der andern.
Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was wir Erkenntnis nennen.
Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete, von denen jedes seine eigenen Gesetze hat,
und lafit diese Gebiete einander aufierlich gegeniiberstehen Einem solchen Dualismus
entspringt die durch Kant in [113] die Wissenschaft eingefuhrte und bis heute nicht
wieder herausgebrachte Unterscheidung von Wahrnehmungsobjekt und «Ding an sich».
Unseren Ausfuhrungen gemafi liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, dafi
ein besonderes Ding nur als Wahrnehmung gegeben sein kann. Das Denken iiberwindet
dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre gesetzmafiige Stelle im
Weltganzen anweist. Solange die gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen
bestimmt werden, folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
Subjektivitat. Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als den einen Teil
und stellen diesem dann einen zweiten in den «Dingen an sich» gegeniiber, so
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philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir haben es dann mit einem blofien Begriffsspiel
zu tun. Wir konstruieren einen kiinstlichen Gegensatz, konnen aber fur das zweite Glied
desselben keinen Inhalt ge
…[truncated]