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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER ERZIEHUNG
2.u den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
verdffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufl gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Nahere Angaben zum Kurs
und zu den Textunterlagen finden sich am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Die gesunde Entwickelung
des Menschenwesens
Eine Einfiihrung
in die anthroposophische
Padagogik und Didaktik
Weihnachtskurs fiir Lehrer
gehalten in Dornach vom 23. Dezember 1921
bis 7. Januar 1922
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hans Rudolf Niederhauser
Die Durchsicht der 4. Auflage besorgte Walter Kugler
1 . Auflage (erste Buchausgabe) unter dem Titel
«Die gesunde Entwickelung des Leiblich-Physischen
als Grundlage der freien Entfaltung des Seelisch-Geistigen»
Dornach 1949
2. Auflage, erweitert um die Fragenbeantwortungen
vom 1., 3. und 5. Januar 1922,
Gesamtausgabe Dornach 1969
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
4. Auflage, unter dem Titel
«Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens.
Eine Einfuhrung in die anthroposophische Padagogik und Didaktik»
Gesamtausgabe Dornach 1987
Friihere und Zeitschriften-Veroffentlichungen
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 303
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von J. Schaffler
Auf Seite 110 Wiedergabe der Tafelzeichnung Rudolf Steiners
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3031-1
INHALT
(Ausfiihrliche Inhaltsangaben am Schlufi des Bandes)
Erster Vortrag, Dornach, 23. Dezember 1921 7
Aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung
Zweiter Vortrag, 24. Dezember 1921 23
Menschenerkenntnis als Grundlage der Padagogik und Didaktik I
Dritter Vortrag, 25. Dezember 1921 41
Menschenerkenntnis als Grundlage der Padagogik und Didaktik II
Vierter Vortrag, 26. Dezember 1921 60
Menschenerkenntnis als Grundlage der Padagogik und Didaktik III
Funfter Vortrag, 27. Dezember 1921 81
Die fur den Padagogen notwendige Gesundheits-
und Krankheitslehre I
Sechster Vortrag, 28. Dezember 1921 100
Die fur den Padagogen notwendige Gesundheits-
und Krankheitslehre II
Siebenter Vortrag, 29. Dezember 1921 120
Das Kind vor dem siebenten Jahre
Achter Vortrag, 30. Dezember 1921 138
Die Einrichtung der Waldorfschule
Neunter Vortrag, 31. Dezember 1921 157
Das Kind vom siebenten bis zehnten Jahre: Padagogik und Didaktik
Zehnter Vortrag, 1. Januar 1922 177
Das Kind im zehnten Lebensjahre: Padagogik und Didaktik
Fragenbeantwortung vom 1. Januar 1922 312
Elfter Vortrag, 2. Januar 1922 197
Das Kind vom zehnten bis vierzehnten Lebensjahre:
Padagogik und Didaktik I
Zwolfter Vortrag, 3. Januar 1922 215
Das Kind vom zehnten bis vierzehnten Lebensjahre:
Padagogik und Didaktik II
Fragenbeantwortung vom 3. Januar 1922 321
Dreizehnter Vortrag, 4. Januar 1922 235
Jiinglinge und Jungfrauen nach dem vierzehnten Jahre:
Padagogik und Didaktik
Vierzehnter Vortrag, 5. Januar 1922 253
Die asthetische Erziehung im besonderen
»
Fragenbeantwortung vom 5. Januar 1922 340
Funfzehnter Vortrag, 6. Januar 1922 272
Die korperliche Erziehung im besonderen
Sechzehnter Vortrag, 7. Januar 1922 293
Die ethische und religiose Erziehung im besonderen
Fragenbeantwortungen vom 1., 3. und 5. Januar 1922 . . . 312
Einladung und Programm des Kurses 361
Hinweise 365
Personenregister 371
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 373
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 383
ERSTER VORTRAG
Dornach, 23. Dezember 1921
Das erste Wort, das ich ausspreche, soli ein Wort der herzlichen Freude
und der innigen Befriedigung sein iiber Ihren Besuch, meine Damen
und Herren. Derjenige, welcher fiir die Bewegung, welche von dem
Goetheanum hier ihren Ausgangspunkt nehmen mochte, am intensiv-
sten enthusiasmiert ist, der mufi gegeniiber einem Interesse, das sich in
einer so aufterordentlichen Weise durch Ihren Besuch zeigt, eben tiefst
erfreut und innigst befriedigt sein. Und aus dieser Freude und dieser
Befriedigung heraus gestatten Sie mir, daft ich Sie hier heute im Beginne
dieses einleitenden Vortrages in der herzlichsten Weise begriifte.
Insbesondere darf ich Frau Professor Mackenzie begriiften, deren
Bemiihungen es gelungen ist, diesen Kursus zu inaugurieren, und der
ich deswegen im Namen der anthroposophischen Bewegung ganz be-
sonderen Dank schulde. Aber Sie alle begriifte ich auf das herzlichste
aus dem ganzen Geist und dem Sinn unserer Bewegung heraus. Und,
meine Damen und Herren, es ist ja hier so, daft nicht nur eine einzelne
Personlichkeit Sie begriiftt, sondern daft Sie vor alien Dingen hier der
Bau, das Goetheanum selber begriiftt.
Es ist mir durchaus begreiflich, daft der eine oder der andere von
Ihnen an diesem Goetheanum als Bau, als Kunstwerk, manches auszu-
setzen haben wird. Allein, alles dasjenige, was in dieser Weise in die
Welt tritt, unterliegt selbstverstandlich der Kritik, und jeder Wider-
spruch, der aus guter Meinung heraus kommt, wird insbesondere mir
selbst durchaus willkommen sein. Aber dennoch begriiftt Sie dieses
Goetheanum, dessen Form und dessen kunstlerische Ausgestaltung Sie
ja darauf hinweisen wird, daft es sich hier nicht allein darum handelt,
ein einzelnes Gebiet der menschlichen Lebenspraxis zu inaugurieren,
auch nicht etwa in einseitiger Weise bloft das erzieherische Unterrichts-
gebiet. Der ganze Geist dieses Baues und das Dasein dieses Baues kann
Ihnen anzeigen, daft es sich hier um eine aus dem Geist unserer Zeit
heraus gedachte und heraus gewollte Bewegung fiir unsere ganze Zivi-
lisation handelt. Und insoferne Erziehung und Unterricht wesentliche
Teile der menschlichen Zivilisation sind, miissen insbesondere auch Er-
ziehung und Unterricht von hier aus ihre besondere Pflege finden.
Die intimen Beziehungen zwischen dem anthroposophischen Wol-
len und den Erziehungs- und Unterrichtsfragen werden uns ja in den
nachsten Tagen in ausfiihrlicher Weise vor die Seele treten kdnnen.
Heute aber gestatten Sie mir, daft ich zu dem herzlichsten Grufte, den
ich Ihnen darbringe, etwas hinzufiige, was gewissermafien auf dem
Boden einer ja auch gesellschaftlichen Bewegung sich in gewissem Sinne
selbst versteht.
Sie sind gewissermaften hierhergekommen, um sich zu informieren,
wie es stent mit den Bewegungen, die vom Goetheanum in Dornach
ausgehen. Indem ich Sie in herzlicher Weise in diesem Goetheanum
als willkommene Gaste begriifie, fuhle ich mich aber verpflichtet, wie
das ja sonst auch im gesellschaftlichen Verkehre der Menschen durch-
aus in ahnlichem Falle Pflicht ist, Ihnen vor alien Dingen die Bewe-
gung, die von hier aus ihren Ausgangspunkt f indet, einmal vorzustellen.
Dasjenige, was mit dieser anthroposophischen Bewegung schon seit
ihrem Anfang vor zwanzig Jahren gewollt worden ist, das kommt
eigentlich erst jetzt langsam zur Offenbarung. Im Grunde genom-
men - Sie werden das aus den folgenden Vortragen ersehen - war diese
Bewegung von vorneherein als dasjenige gedacht, als was sie heute im
zustimmenden Sinne, und vor alien Dingen auch im ablehnenden Sinne,
von der Welt genommen wird. Heute erst beginnt man von dieser an-
throposophischen Bewegung so zu sprechen, wie sie urspriinglich ge-
dacht war. Allein diese anthroposophische Bewegung hat die verschie-
densten Phasen durchgemacht, und an diesen Phasen werde ich Ihnen
am leichtesten diese Bewegung zunachst einmal rein aufierhch vor-
stellen konnen.
Zunachst wurde die anthroposophische Bewegung von dem kleinen
Kreise, der sich zu ihr bekannte, wie eine Art im engeren Sinne reli-
gioser Weltanschauung genommen. Menschen, die sich wenig bekiim-
merten um wissenschaftliche Fundierung, die sich wenig bekiimmerten
um kiinstlerische Ausgestaltungen und um die Konsequenzen der an-
throposophischen Lebenspraxis fur das gesamte soziale Leben, solche
Menschen kamen zunachst an diese anthroposophische Bewegung heran.
Menschen, die vor alien Dingen sich unbefriedigt fiihlten innerhalb
der gegenwartigen traditionell religiosen Bekenntnisse, Menschen, die
dasjenige suchten, was aus den tiefsten menschlichen Sehnsuchten heraus
kommt in bezug auf die grofien Fragen der menschlichen Seele und des
menschlichen Geistes, Menschen, die sich in bezug auf diese Fragen
von den traditionellen Vorstellungen vorhandener Religionsbekennt-
nisse tief unbefriedigt fiihlten, kamen an diese Bewegung heran, und
sie nahmen zunachst diese Bewegung auf mit ihrem Gefiihl, mit ihrer
Empfindung.
Fur mich selbst war es oftmals erstaunlich, zu sehen, wie dasjenige,
was ich iiber Anthroposophie auszusprechen hatte, eigentlich in bezug
auf seine Fundierung auch von den Anhangern durchaus nicht durch-
schaut worden ist, wie aber dieser anthroposophischen Bewegung aus
schlichten und elementaren menschlichen Empfindungen Sympathie
und Anhangerschaft entgegengebracht worden ist. Aus dem, was von
Anfang an im Grunde genommen eine wissenschaftliche Orientierung
hatte, horten diese ersten Anhanger dasjenige heraus, was zu ihren
Herzen sprach, was zu ihrem unmittelbaren Gefiihle, zu ihrer Empfin-
dung sprach. Und man kann sagen, es war dieses die ruhigste Zeit -
obwohl Ruhe nach dieser Richtung nicht immer erwiinscht ist es
war dieses die ruhigste Zeit der anthroposophischen Bewegung.
Weil dies so war, konnte diese anthroposophische Bewegung in ihrer
ersten Phase durchaus zunachst aufgenommen werden und mitgehen -
rein aufierlich allerdings, in bezug auf das blofi administrative Mit-
gehen - mit derjenigen Bewegung, die Sie vielleicht kennen als die Be-
wegung der Theosophischen Gesellschaft.
Menschen, welche in der geschilderten Art aus ihrem schlichten Her-
zen heraus nach den Fragen des Ewigen in der menschlichen Natur
suchen, sie finden zuletzt, wenn sie manches Wesentliche und Funda-
mental eben ubersehen, gleichmaftig ihre Befriedigung in der theo-
sophischen Bewegung und in der anthroposophischen Bewegung. Allein
die theosophische Bewegung war von vorneherein nach einer gewissen
bloft theoretischen Seite hin orientiert. Die theosophische Bewegung
will eine Lehre sein, wie sie sich in Worten ausspricht, welche eine Kos-
mologie, eine Philosophic und eine Religion umfafit, und insofern man
die Kosmologie, Philosophic und Religion durch Worte verkiindigen
kann, will sich die theosophische Bewegung ausleben. Menschen, die
in bezug auf die iibrigen Verhaltnisse des Lebens eigentlich in ihrer Le-
benslage zufrieden sind und nur etwas anderes iiber die Fragen des
Ewigen horen wollen, als die traditionellen Religionsbekenntnisse lie-
fern konnen, solche Menschen finden in gleicher Weise oftmals ihre
Befriedigung in der einen und in der anderen Bewegung. Und erst als
sich zeigte, trotzdem es damals wenig bemerkt worden ist, dafi Anthro-
posophie etwas sein will, was nicht blofi theoretisch sich ergehen will
iiber Kosmologie, Philosophie und Religion, sondern was gemafi den
Forderungen des gegenwartigen Zeitgeistes in die wirkliche Lebens-
praxis auf alien Gebieten einzugreifen hat, da stellte sich allmahlich
durch innere Griinde die Unmoglichkeit heraus, dafi anthroposophische
Bewegung weiter zusammen wirke mit der theosophischen Bewegung.
Denn heute - auch das wird sich uns in den weiteren Vortragen zeigen -
artet jede Art von Bewegung, die sich auf diese drei Gebiete, auf Kos-
mologie, auf Philosophie und Religion in einem mehr theoretischen
Sinne beschrankt, es artet jede solche Bewegung in ein zuletzt uner-
tragliches Dogmengezanke aus. Und ein Dogmengezanke, das sich im
Grunde genommen in Nichtigkeiten bewegte, war es, was dann aufier-
lich die Abtrennung der anthroposophischen Bewegung von der theo-
sophischen bewirkte.
Es ist selbstverstandlich fur jeden vernunftigen, mit der Bildung der
abendlandischen Welt ausgeriisteten Menschen, dasjenige, was dazumal
als Dogmen auftrat innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, als die
Anthroposophische Gesellschaft von ihr abgetrennt wurde, es ist ein
solches Dogmengezanke iiber die Praponderanz indischer Weltanschau-
ung oder abendlandischer Weltanschauung, eine Diskussion, die so ge-
f iihrt wird, wie sie damals gef iihrt wurde, und vor alien Dingen der Dog-
menstreit iiber einen Inderknaben als zukiinftigen Christus, etwas, was
nicht ernst zu nehmen ist, was durchaus keinen seriosen Charakter tragen
kann, sondern im Grunde genommen auf Nichtigkeiten hinauslauft.
Anthroposophische Bewegung aber ist ihren ursprunglichen Anla-
gen nach nicht dazu angetan, in theoretischen Streitigkeiten sich zu
erschopfen, sondern sie will unmittelbar in das Leben eintreten, sie
will im Leben wirken. Und daher ergab sich die innerliche Trennung
von der Theosophischen Gesellschaft, als die Notwendigkeit auftrat,
aus den Grundbedingungen anthroposophischer Bewegung heraus all-
mahlich zu kiinstlerischer, zu sozialer, zu wissenschaftlicher und vor
alien Dingen auch zu padagogischer Wirksamkeit iiberzugehen. Nicht
gleich trat das hervor; aber im Grunde genommen war alles dasjenige,
was innerhalb der anthroposophischen Bewegung nach dem Jahre 1912
geschehen ist, nur Dokument dafiir, dafi diese Bewegung sich ihre
selbstandige Stellung in der Welt als eine lebenspraktische Bewegung
erringen mufite.
Das erste wichtige Aper9u, das sich mir ergab fur eine Unmoglichkeit
eines innerlichen Zusammengehens mit einer blofien theosophischen
Bewegung, das war mir 1907 vor Augen getreten, als von der Theoso-
phischen Gesellschaft ein Kongrefi in Munchen veranstaltet worden
ist. Die Dinge festzustellen, die zum Programm dieses Kongresses ge-
horten, das oblag ja dazumal mir und meinen Freunden von der Deut-
schen Sektion der theosophischen Bewegung. Wir f iigten den traditionel-
len Programmen, die innerhalb der theosophischen Bewegung f igurier-
ten, ein eine Vorstellung eines Mysterienspieles von Edouard Schure:
«Das heilige Drama von Eleusis». Damit vollzogen wir den Obergang
von einer blofien theoretisch-religiosen Bewegung zu einer umfassen-
deren Weltbewegung, die auch das Kunstlerische als einen notwendigen
Faktor in sich aufnehmen muE.
Wir hatten, das stellte sich sehr bald heraus, insofern wir auf an-
throposophischem Boden standen, die Auffiihrung des Dramas von
Eleusis als etwas Kunstlerisches genommen. Von den Personlichkeiten,
welche innerhalb der Bewegung nur die Befriedigung . eligioser Ge-
fiihle, die manchmal sehr egoistisch sein konnen, suchten, wurde auch
dasjenige, was als ein erster kiinstlerischer Versuch auftrat, nur im
Sinne einer Vorlage fur theoretische Interpretation genommen. Man
fragte sich daher: Was bedeutet die eine Personlichkeit des Dramas?
Was bedeutet die andere Personlichkeit? Und man brachte das ganze
Drama, man war froh, wenn man das konnte, zuletzt auf eine Art
blotter Terminologie.
Nun, eine Bewegung, die sich in so einseitiger Weise entwickelt,
dafi sie nicht die voile Lebenspraxis in sich aufnehmen kann, und die
sich auf das charakterisierte Gebiet erstreckt, mufi notwendigerweise
durch sich selbst eine sektiererische Bewegung werden, mu$ eine Sek-
tenbewegung werden. Anthroposophische Bewegung war vom Anfange
an eben nicht dazu veranlagt, eine Sektenbewegung zu werden, denn
in ihren Anlagen liegt alles, was zum Gegenteil einer Sektenbewegung
fiihren mull. In ihrer Anlage liegt alles dasjenige, was diese Bewegung
zu einer ganz allgemeinen menschlich lebenspraktischen machen mu£.
Und im Grunde genommen war es das Herausarbeiten aus dem Sek-
tiererischen, was nun mit der zweiten Phase der anthroposophischen
Bewegung eintrat, die ich das Hineinarbeiten in das Kiinstlerische nen-
nen mochte.
Allmahlich kam es dann dazu, dafi bei einer grofieren Anzahl der
nun hinzukommenden Anhanger das Bediirfnis entstand, dasjenige, was
nur gedacht wird als Philosophic, als Kosmologie, als religioser Inhalt,
auch vor der unmittelbaren Anschauung zu haben. Das kann aber nur,
wenn es letztlich befriedigend auftreten soil, in kiinstlerischer Weise
geschehen. Und so trat denn an mich die Notwendigkeit heran, in mei-
nen Mysteriendramen auf kiinstlerische Weise, zunachst dichterisch,
dasjenige zum Ausdrucke zu bringen, was man eigentlich innerhalb
solcher Bewegungen bis dahin nur theoretisch zu horen gewohnt war.
Diese Mysteriendramen diirfen nicht abstrakt theoretisch interpre-
tiert werden. Sie gelten der unmittelbaren kiinstlerischen Anschauung.
Und um diese unmittelbare kiinstlerische Anschauung unter unseren
Anthroposophen zu pflegen, wurden diese Mysterien vom Jahre 1910
bis zum Jahr 1913 in Munchen in der Umrahmung von gewohnlichen
Theatern aufgefiihrt. Aus alldem heraus entstand dann das Bediirfnis,
der anthroposophischen Bewegung ein eigenes Haus zu bauen. Und
die verschiedenen Verhaltnisse, die es dann untunlich erscheinen lie-
flen, dieses Haus in Munchen aufzufiihren, brachten uns zuletzt hier
herauf auf den Dornacher Hiigei, wo dieses Goetheanum erstand, um
allmahlich eine der anthroposophischen Bewegung entsprechende Statte
zu werden.
Aber gerade dabei zeigte sich, wie diese anthroposophische Bewe-
gung ihrer ganzen Anlage nach als etwas Allgemein-Menschliches auf-
gefafit und gewollt werden mufi. Was ware geschehen, wenn irgend-
eine andere, theoretische religiose Bewegung genotigt gewesen ware,
sich ein eigenes Haus zu bauen? Diese Bewegung, das kann man ja
in einem solchen Falle leider nicht umgehen, hatte selbstverstandlich
zunachst Gelder gesammelt bei ihren Freunden, dann hatte man sich
an einen Baumeister gewandt, der im antiken oder im Renaissance-,
im gotischen oder im Barockstil oder in einem ahnlichen Baustil, der
eben traditionell gewesen ware, einen Bau ausgefiihrt hatte.
Dies erschien mir in dem Augenblicke, als die anthroposophische
Bewegung so glucklich war, zu einem eigenen Haus zu kommen, eine
vollige Unmoglichkeit. Denn dasjenige, was innerlich organisch lebens-
voll ist, setzt sich niemals aus zwei heterogenen oder aus mehreren
heterogenen Stiicken zusammen. Was hatte das Wort, das aus anthro-
posophischem Geiste heraus gesprochen worden ware, in einem Barock-,
in einem antiken oder einem Renaissancebau mit den Formen zu tun
gehabt, welche einen dann ringsherum umgeben hatten? Eine theore-
tische Bewegung ist eben nur imstande, sich durch Ideen, durch Ab~
straktionen auszusprechen. Eine lebensvolle Bewegung wirkt in alle
Zweige des Lebens mit ihren charakteristischen Impulsen hinein. Und
was Anthroposophie als Lebens-, Seelen- und Geistespraxis ist, das er-
fordert, daft die Form, die einem bei der Umhullung entgegentritt,
daft das Malerische, das einem von der Wand entgegenleuchtet, daft
die Saulen, die einem entgegentreten, daft alle diese Formen und Far-
ben dieselbe Sprache sprechen, welche theoretisch in Ideen, in abstrak-
ten Gedanken gesprochen wird. Jede solche lebensfahige Bewegung,
die in der Welt auftrat, war in dieser Weise umfassend. Die antike
Baukunst steht nicht als etwas der antiken Kultur Fremdes gegeniiber.
Sie ist herausgewachsen aus demjenigen, was im iibrigen Theorie und
Lebenspraxis war. Ebenso die Renaissance, und ganz besonders zum
Beispiel die Gotik, auch das Barock.
Sollte die Anthroposophie nicht etwas Sektiererisches, etwas Theo-
retisches bleiben, so muftte sie zu ihrem eigenen Bau-, zu ihrem eigenen
Kunststil kommen. Diesen Bau-, diesen Kunststil, ich sagte es schon,
man kann ihn heute noch ungenugend finden oder vielleicht sogar
paradox, aber die Tatsache besteht, daft Anthroposophie ihrer ganzen
Veranlagung nach merit anders konnte, als sich ihre eigene, fiir sie
charakteristische Umhullung schaffen. Lassen Sie mich einen Vergleich
gebrauchen, der scheinbar trivial ist, der aber das Wesentliche aus-
spricht. Nehmen Sie eine Nuft. Sie haben den Kern der Nuft, Sie haben
die Schale. Es ist unmoglich, daft bei dem organischen Gebilde der Nuft
die Schale aus anderen Kraften hervorgehe als der Kern. Dieselben
Krafte, die den Kern bilden, sie bilden auch die Schale, denn Schale
und Kern sind ein Ganzes. So aber ware es gewesen, wenn von einem
fremden Baustile das anthroposophische Wollen eingehullt worden
ware. Es ware, wie wenn die Nuft in einer ihr fremden Schale auf-
treten wiirde. Dasjenige, was naturhaft ist, und das ist anthroposophi-
sche Anschauungsweise, das bringt Kern und Schale hervor, und beides
spricht das gleiche aus. So muftte es hier geschehen. So muftte unmittel-
bar, nicht in eine Symbolik, nicht in eine Allegorie, sondern in unmit-
telbares kunstlerisches Schaffen das anthroposophische Wollen einflie-
ften. Wenn hier in Gedanken gesprochen wird, so sollen diese Gedanken
keinen anderen Stil haben als dasjenige, was als Bau- und Kunststil
am Goetheanum vorhanden ist. So wuchs wie von selbst anthroposo-
phische Bewegung in kunstlerische Bestrebungen hinein.
Es war dies nicht ganz leicht, denn ganz stark machen sich die
sektiererischen Tendenzen gerade heute geltend, gerade bei dem nach
religiosen Aufschlussen verlangenden Menschenherzen. Jene innere
Freiheit und Offenheit der Seele, die es als selbstverstandlich findet,
den Ubergang zu suchen von demjenigen, was der Seelenorganismus als
religiose Befriedigung anstrebt, zur aufteren, auch kiinstlerischen Of-
fenbarung des Geistigen und Seelischen, diese Gesinnung ist vielleicht
gerade bei denen wenig zu finden, die in ganz aufrichtiger und inniger
Weise in der charakterisierten Art ihre Seelenbefriedigung suchen. Aber
anthroposophische Bewegung richtet sich nicht nach den Sympathien
und Antipathien dieser oder jener Menschen, sondern anthroposophi-
sche Bewegung kann sich nur nach dem richten, was in ihren eigenen
Anlagen liegt, die aber allerdings innig zusammenhangen mit den Be-
diirfnissen und Sehnsuchten des Zeitgeistes, wie wir wohl auch in den
nachsten Tagen naher sehen werden.
Und so waren wir daran, in dasjenige praktische Gebiet Anthro-
posophie hineinzufuhren, das uns zunachst zuganglich war. Ich habe
in der Zeit, in der wir uns also in die Kunst hineinarbeiteten, manch-
mal innerhalb des Kreises der Anhanger der anthroposophischen Be-
wegung ein paradoxes Wort ausgesprochen. Ich habe gesagt: Anthro-
posophie will auf alien Gebieten in das praktische Leben hinein. - Man
lafk uns heute zunachst nicht in die Welt hinein mit der Lebenspraxis,
sondern nur in diejenigen Gebiete, die die Welt bedeuten, auf die Buhne
oder hochstens in die Kunst, obwohl man da auch vieleTiiren zuschlieflt.
Aber ich sagte: Am liebsten wiirde ich aus anthroposophischem Geiste
heraus Banken griinden. - Das mag paradox geklungen haben; es sollte
nur in seiner paradoxen Art andeuten, wie mir Anthroposophie als das
erschien, was nicht nur theoretische oder einseitig religiose sektiere-
rische Bewegung sein soil, sondern was in alle Gebiete des Lebens be-
fruchtend hineinwirken soli und nach meiner Uberzeugung auch kann.
Damit waren wir an diejenige Zeit herangekommen, welche aus dem
allgemeinen katastrophalen Menschenchaos heraus ganz besondere Be-
diirfnisse fur die gegenwartige Menschheit zeitigte, wir waren heran-
gelangt bis zu der furchtbaren Kriegskatastrophe. 1913, im September,
hatten wir den Grundstein zu diesem Bau gelegt. 1914 waren wir mit
seinem Anf ange beschaftigt, als die Kriegskatastrophe iiber die Mensch-
heit hereinbrach. In diesem Zusammenhange will ich nur sagen, dafi
in der Zeit, in der Europa in nationale Aspirationen gespalten war, die
wenig und immer weniger Beruhrungspunkte miteinander hatten, dafl
es uns in dieser Zeit hier in Dornach gelungen ist, immerdar wahrend
des ganzen Kriegsverlaufes eine Statte zu haben, in der sich Person-
lichkeiten aller Nationalitaten begegnen konnten und in ausgiebigem
Mafie auch wirklich zum Zusammenwirken in Frieden und im Geiste
sich zusammenfanden. Das war etwas, was von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus mit tiefer Befriedigung erfullen konnte, daft hier im
Goetheanum eine Statte war, wo, wahrend die Nationen sich sonst zer-
fleischten und verbluteten, sich Angehorige aus alien europaischen Na-
tionen zu friedwartigem geistigem Zusammenarbeiten fanden. Damit
habe ich Ihnen die zweite Phase unserer anthroposophischen Bewegung
charakterisiert.
Wahrend der Kriegsdauer war ja das au^ere Wirken der anthroposo-
phischen Bewegung vielfach gelahmt. So viel innerhalb ihrer geleistet
werden konnte, wurde aber versucht. Ganz abgesehen aber von diesen
aufieren Vorgangen konnte man durch die ganze Kriegsdauer hindurch
sehen, wie innerhalb weiter Menschheitskreise das Bediirfnis nach sol-
chen Erkenntnissen wuchs, wie sie nach meiner Oberzeugung durch
die Anthroposophie gegeben werden konnen. Und man kann sagen,
nachdem die Kriegskatastrophe zunachst 1918 einen aufterlichen Ab-
schlufS gefunden hatte, war in einem unbegrenzten Mafie das Interesse
fur eine solche Bewegung, wie sie die anthroposophische sein will,
gewachsen. Dann aber, als der Herbst 1918 hereinbrach und das Friih-
jahr 1919, da kamen zunachst eine Anzahl von Freunden aus Deutsch-
land zu mir, speziell aus Stuttgart, und die Aspirationen dieser Freunde
leiteten eigentlich die dritte Phase unserer anthroposophischen Bewe-
gung ein. Denn aus diesen Aspirationen heraus war die anthroposo-
phische Bewegung genotigt, gewissermafien ihre Impulse nun auch in
das soziale Leben der Menschheit im weitesten Umfange hineinzu-
strahlen.
Ein anderes Gebiet als Deutschland und speziell Siiddeutschland,
Wiirttemberg, war ja der anthroposophischen Bewegung in diesem
Zeitraume nicht zuganglich. Aber man wollte innerhalb desjenigen
Gebietes wirken, innerhalb dessen sich eben wirken liefl. Und dieses
Wirken hatte selbstverstandlich in der Zeit seines Auftretens auf sozia-
lem Gebiete eine gewisse Farbnuance angenommen von dem, was ge-
rade in Siiddeutschland das damals Maftgebliche war. Und dieses Maft-
gebliche war eigentlich das soziale Chaos. Man kann schon sagen, ein
unbeschreibliches Elend auch in physisch-materieller Beziehung lastete
dazumal iiber Mitteleuropa. Aber selbst dieses unermefilich grofie phy-
sisch-materielle Elend war eigentlich fur den, der solche Dinge unbe-
fangen zu beobachten vermag, klein gegenuber der seelischen Not.
Diese seelische Not hatte ja auch die Menschheit gerade in bezug auf
das soziale Wollen in eine Art von Chaos auf diesem Gebiete geworfen.
Man fiihlte, in bezug auf das soziale Leben war die Menschheit vor die
allerurspriinglichsten Fragen der Menschheitsentwickelung uberhaupt
gestellt. Die Fragen, die einst Rousseau aufgeworfen hat, die Fragen,
welche dann eine auftere Gestaltung in der Franzosischen Revolution
erfahren haben, sie riihrten nicht so stark an die urspriinglichsten, ele-
mentarsten menschlichen Sehnsuchten und Bediirfnisse, wie die Fragen,
die eigentlich im Jahre 1919 auf den Gebieten da waren, auf denen
wir gerade zu wirken hatten.
Alles, was seit Jahrhunderten den sozialen Organismus, wie er sich
aus den verschiedenen Volkerschaften heraus gebildet hat, konstituierte,
das kam in Frage. Und aus dieser Stimmung heraus entstand sowohl
mein kurzer «Aufruf» iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus
«an das deutsche Volk und an die Kulturwelt», wie auch mein Buch
«Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der
Gegenwart und Zukunft», und aus dieser Stimmung heraus entstand
dann alles dasjenige, was zunachst innerhalb Siiddeutschlands an Be-
handlung der sozialen Frage unternommen worden ist. Damals war es
im Grunde genommen notwendig, aber ungeheuer schwierig, an die
Elementarsehnsuchten der menschlichen Herzen zu riihren. Die Men-
schen mufiten aus physischem und seelischem Elend heraus abstrakt
nach einem Grofken suchen, und nach der Verfassung der Zeit waren
sie unfahig dazu. Und gar mancher sagte mir am Schlusse dieser oder
jener Rede, die ich gehalten habe: Das mag alles schon sein, aber es
beschaftigt sich ja damit, wie es in der Zukunft unter den Menschen
ausschauen soli; wir sind so oft dem Tode gegeniibergestanden in den
letzten Jahren, daft uns das Denken uber die Zukunft gleichgiiltig ge-
worden ist. Warum sollten wir jetzt mehr Interesse der Zukunft ent-
gegenbringen, als wir ihr entgegenbringen durften, als die Kanonen
auf unsere Leiber gerichtet waren! - So ungefahr charakterisierte man
immer wi'ederum die durch das Elend und die Not gegebene Interesse-
losigkeit gegeniiber dem Notwendigsten in der Menschheitsentwicke-
lung.
Aus dem, was dazumal meiner Freunde Herzen und Seelen bewegte,
entstand dann, ich mochte es nennen ein Spezialgebiet sozialen Wir-
kens, indem man sich sagte: Fur die Zukunft kann man vielleicht nur
in der wirksamen Weise vorarbeiten, wenn man sich an die Jugend,
wenn man sich an die Kindheit der Menschheit wendet. - Und unser
Freund Emil Molt in Stuttgart, der selbst Fabrikant und Unternehmer
ist, trat in den Dienst gerade eines solchen Wollens. Er begriindete zu-
nachst mit den Kindern seiner Waldorf-Astoria-Fabrik die Waldorf-
schule in Stuttgart, und mir wurde zunachst die padagogisch-didak-
tische Durchftihrung des Waldorfschul-Planes ubertragen.
Man hatte in der Zeit, die der Kriegskatastrophe vorangegangen ist,
viel erlebt an allerlei Erziehungs- und padagogischen Versuchen. Hier
handelte es sich nicht um die Begriindung von Landerziehungsheimen,
nicht um die Begriindung irgendwelcher, aus Partialwiinschen hervor-
gehender Sonderschulbestrebungen, hier handelte es sich um etwas, was
im ganzen Rahmen des sozialen Menschheitsstrebens gelegen ist. Wir
werden ja iiber all diese Grundlagen einer Waldorfschul-Padagogik in
den nachsten Tagen zu sprechen haben. Hier will ich nur so viel an-
deuten, dafi Anthroposophie, wie sonst, so auch hier genotigt war, mit
der Realitat, mit der vollen Realitat zu rechnen. Wir konnten nicht
irgendwo in der schonen freien Waldnatur drauften ein Landerziehungs-
heim griinden, wo man alles dasjenige machen kann, was einem gefallt;
wir hatten ganz bestimmte reale Verhaltnisse zunachst. Wir hatten die
Kinder einer Kleinstadt, mufiten eine Schule in der Kleinstadt begrun-
den, waren angewiesen darauf , dasjenige, was durch diese Schule auch
vielleicht mit den sozial hochsten Zielen geleistet werden sollte, aus
rein padagogisch-didaktischer Fundierung heraus zu leisten. Wir konn-
ten uns weder Lokalitat noch Schiiler aussuchen etwa nach Standen
oder Klassen. Wir hatten fest gegebene Verhaltnisse und waren ange-
wiesen darauf, dasjenige, was wir tun konnten, aus dem Geiste heraus
zu tun. So entstand als eine ganz notwendige Konsequenz der anthro-
posophischen Bewegung ihr Wirken auf padagogisch-didaktischem Ge-
biete, das uns ja in den nachsten Tagen ganz besonders beschaftigen
soli.
Die Waldorfschule in Stuttgart, die nun langst nicht mehr das ist,
was sie im Anfang war, namlich eine Schulanstalt fiir die Kinder der
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, diese Waldorfschule ist schnell eine
Schule fiir alle Stande geworden, und von iiberallher strebt man heute
schon darnach, die Kinder in diese Waldorfschule zu bringen. Von hun-
dertvierzig Kindern, mit denen wir die Schule begriindet haben, ist sie
jetzt angewachsen zu sechshundert Kindern, und die Anmeldungen stel-
len sich jedesmal in erhohter Zahl ein. Wir haben in den letzten Tagen
den Grundstein zu einem Neubau fur diese Schule legen miissen und
hoffen, daft wir sie trotz aller Schwierigkeiten, die heute gerade einem
solchen Wirken gegenuberstehen, immerhin doch zu gewissen Entfal-
tungsmoglichkeiten bringen konnen.
Aber betonen mull ich, daft das Wesentliche dieser Schule in dem
Padagogisch-Didaktischen liegt, in der Anpassung dieses Padagogisch-
Didaktischen an die gegebenen realen Verhaltnisse des Lebens, in dem
Sich-Halten an die unmittelbare Lebenspraxis. Wenn man sich die
Klasse auswahlen kann, aus der man die Schiiler nimmt, wenn man sich
die Lokalitat der Schule auswahlen kann, so ist es eben ein leichtes,
damit eine eingebildete oder vielleicht auch eine wirkliche Schulreform
durchzufuhren; es stellt aber eben Aufgaben, welche wiederum zusam-
menhangen mit den Urimpulsen alles Menschlichen, wenn aus rein pad-
agogisch-didaktischer Fundierung eine solche Schule gegriindet und
weitergefuhrt werden soli.
Damit aber war wahrend der dritten Phase unserer anthroposo-
phischen Bewegung diese Bewegung ausgedehnt worden auf das soziale
und das padagogische Gebiet. Und wegen dieses letzteren sind Sie ja
hierher gekommen, und dieses padagogische Gebiet wird uns in den
nachsten Tagen ganz besonders zu beschaftigen haben. Es ist tatsach-
lich erst der Anfang gemacht worden damit, in der aufieren Wirklich-
keit auszubauen, was der anthroposophischen Bewegung durch ihre
Anlagen von allem Anfange an als ihr Fundament gegeben war.
Zu dem, was dann hinzugekommen ist, gehort, dafi eine grofte An-
zahl von Menschen in den letzten Jahren mit wissenschaftlicher Bil-
dung und mit wissenschaftlichen Aspirationen sich gefunden haben,
welche einsahen, dafi die anthroposophische Bewegung auch das un-
mittelbar wissenschaftliche Leben der Neuzeit befruchten kann. Me-
diziner fanden sich, welche durchdrungen waren davon, dafi die an
die aufiere Beobachtung und an das aufiere Experiment allein sich
haltende Naturwissenschaft den gesunden und kranken menschlichen
Organismus nicht in seiner Totalitat zu begreifen vermag. Arzte fanden
sich, welche die zu iiberwindenden Grenzen der heute geltenden Medi-
zin in dieser Art tief empfanden, vor alien Dingen die Kluft tief emp-
fanden, welche heute fiir die anerkannte Medizin besteht zwischen der
Pathologie und Therapie. Pathologie und Therapie stehen heute wie
unvermittelt nebeneinander. Anthroposophie, die ihre Erkenntnisse
nicht nur durch das auftere Experiment, durch die Beobachtung und
den kombinierenden Verstand sucht, sondern mit denjenigen Mitteln,
die ich in den nachsten Tagen charakterisieren werde, sie betrachtet
den Menschen nach Leib, Seele und Geist, und faftt den Geist in sei-
ner Lebendigkeit, nicht in seiner Abstraktion als eine Summe von Ge-
danken, wie das in der neueren Zeit iiblich geworden ist. Damit aber
konnte Anthroposophie den Aspirationen gerade solcher Menschen ent-
gegenkommen, die zum Beispiel aus der Medizin heraus eine Befruch-
tung ihres Gebietes heute dringend suchen. Und so kam es, daft ich
zwei Lehrkurse fiir akademische Mediziner und praktizierende Arzte
hier in Dornach zu halten hatte iiber dasjenige, was Anthroposophie fiir
Pathologie und Therapie zu leisten imstande ist. Sowohl hier in Dorn-
ach, in Arlesheim driiben, wie auch in Stuttgart, sind medizinisch-the-
rapeutische Institute entstanden, welche mit eigenen Heilmitteln ar-
beiten, welche vor alien Dingen das praktisch fruchtbar zu machen
versuchen, was aus Anthroposophie fiir die Menschenheilung, fiir Men-
schengesundheit und Krankheit kommen kann.
Und auch von anderer Seite haben die einzelnen Wissenschaften
die Befruchtung gesucht durch die Anthroposophie. Physikalische,
astronomische Kurse muftten gehalten werden. Nach den verschieden-
sten wissenschaftlichen Gebieten hin muftte von der Anthroposophie
heraus das geleistet werden, was eben aus einer wirklichen Geist-Er-
kenntnis fiir die heutige Wissenschaft geleistet werden kann.
Diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung charakterisiert
sich gerade dadurch, daft man da, wo man streng wissenschaftliche
Fundierung fordert, allmahlich, wenn das auch heute noch vielfach
angefochten ist, dennoch findet, daft diejenige Geisteswissenschaft, wie
sie hier gepflegt wird, jeder wissenschaftlichen Forderung nach Fun-
dierung geniigen kann, daft die Anthroposophie, die hier gemeint ist,
mit voller Strenge und im vollen Einklange mit jedem wissenschaft-
lichen Ernste arbeiten kann. Indem dieses immer mehr und mehr wird
eingesehen werden, wird man verstehen, was in der anthroposophischen
Bewegung eigentlich von vornherein vor zwanzig Jahren wenigstens
veranlagt war.
Daft die verschiedensten Gebiete befruchtet werden konnen durch
Anthroposophie, es zeigt sich ja auch dadurch, dafi wir in der Lage
waren, in unserer Eurythmie eine besondere Bewegungskunst zu be-
grunden, eine Kunst, welche sich des Menschen selber als ihres Aus-
drucksmittels, als ihres Instrumentes bedient, und welche gerade da-
durch zu ihren besonderen Wirkungen zu kommen sucht. — So versu-
chen wir auch auf anderen Gebieten, ich werde davon noch zu reden
haben im Laufe der nachsten Tage, zum Beispiel auf dem Gebiete der
Rezitations- und Deklamationskunst eine Befruchtung herbeizufuhren
durch dasjenige, was genannt werden darf nicht anthroposophische
Theorie, sondern anthroposophisches Leben.
Und so ist vielleicht doch diese letzte Phase der anthroposophischen
Bewegung mit ihrem padagogischen, medizinischen, ihrem kiinstle-
rischen Einschlage dasjenige, was am meisten fur Anthroposophie cha-
rakteristisch ist. Anhanger hat die Anthroposophie gefunden; Gegner,
wiitende Gegner hat sie gefunden; aber sie ist einmal in der Gegenwart
in dasjenige Stadium ihres Wirkens eingetreten, das sie eigentlich su-
chen mu!5. Und so war es fur mich befriedigend, dafi es wahrend mei-
nes Aufenthaltes in Kristiania vom 23. November bis zum 4. Dezember
dieses Jahres moglich war, das anthroposophische Leben zur Sprache zu
bringen innerhalb padagogischer Gesellschaften, innerhalb staatsoko-
nomischer Gesellschaften, innerhalb der Studentenschaft Norwegens
und auch innerhalb weitester Kreise, solcher Kreise, die durchaus ge-
willt sind, nicht bloft eine Theorie, ein religioses Sektiererisches entge-
genzunehmen, sondern schon dasjenige, was aus dem unmittelbaren
Geist unserer Zeit als eine grofie Menschheitsforderung heute innerhalb
der Welt sich offenbaren will.
Diese drei Phasen hat die anthroposophische Bewegung in ihrer
Entwickelung aufzuweisen. Indem ich sie kurz vor Ihnen skizzierte,
meine Damen und Herren, habe ich vielleicht in einer ausfuhrlicheren
Weise zunachst nur den Namen genannt fur die anthroposophische Be-
wegung. Allein das ist es ja, was ich wollte. Ich wollte Ihnen diese an-
throposophische Bewegung heute zunachst einleitungsweise vorstellen,
das heifit, vor Ihnen ihren Namen nennen, und ich werde mir erlauben,
auf unser eigentliches Thema von morgen ab vor Ihnen einzutreten.
Diese anthroposophische Bewegung als solche, insbesondere aber mit
ihren padagogisch-didaktischen Konsequenzen, sie ist es, welche Ihnen
aus tiefbef riedigter Seele iiber Ihren Besuch heute den ersten Grufi ent-
gegenbringen wollte.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 24. Dezember 1921
Die Erziehungs- und Unterrichtskunst, von der hier in diesen Vortra-
gen gesprochen werden wird, beruhtganz und gar auf Menschenerkennt-
nis. Eine Menschenerkenntnis im durchgreifenden Sinne ist aber nur
moglich aus einer umfassenden Welterkenntnis heraus, denn der Mensch
wurzelt mit alien seinen Fahigkeiten, mit all den Kraften, die er in sich
tragt, in der Welt im allgemeinen, und es kann im Grunde genommen
eine wirkliche Menschenerkenntnis nur geben, wenn sie aus einer Welt-
erkenntnis heraus entspringt. Man wird daher auch immer sagen, daft
ein Zeitalter iiber das Erziehungs- und Unterrichtswesen diejenigen
Ansichten und Ideen hat, welche sich aus seiner Welterkenntnis heraus
ergeben. Man wird daher auch nur dasjenige, was man iiber Erziehungs-
und Unterrichtskunst in der Gegenwart zu sagen hat, in der richtigen
Weise beurteilen konnen, wenn man die Erziehungs- und Unterrichts-
mafinahmen der Gegenwart an der allgemeinen Welterkenntnis der
Gegenwart priift. Und da muft es bedeutsam sein, den Blick gerade auf
einen Reprasentanten der Gegenwartsidee hinzurichten, auf eine Per-
sonlichkeit, welche ganz drinnensteht in dem Vorstellungsleben, in der
Weltansicht, wie sie sich im Laufe der letzten Jahrhunderte herausge-
bildet hat, wie sie der Menschheit in der Gegenwart zu eigen geworden
ist. Nun ist es ja aufter allem Zweifel, daft die Menschheit bis in die
Gegenwart herein ganz besonders stolz war und zum groften Teile
auch heute noch ist auf das, was sich unter dem Einfluft des Intellek-
tualismus, wenn wir es so nennen diirfen, in der neueren Zeit ergeben
hat.
Die gebildete Menschheit ist im Grunde genommen, wenn sie es
auch nicht immer zugestehen will, ganz intellektualistisch geworden.
Alles wird durch das Instrument des Intellektes in der Welt betrachtet.
Und gerade wenn man den Blick auf diejenigen Namen hinwendet, die
einem einfallen, wenn man von dem ersten Aufgang der neuzeitlichen
Denkweise spricht, so wird man auf Personlichkeiten hingelenkt, wel-
che durch den Glauben an den Intellekt die neuzeitliche Philosophic
und die neuzeitliche Lebensansicht begriindet haben. Man wird auf
Namen wie Galilei, Kopernikus, Giordano Bruno und andere gelenkt,
und kommt dadurch auf Vorstellungen, von denen man heute zwar
oftmals meint, sie leben nur in den wissenschaftlichen Kreisen; allein,
das 1st nicht richtig.
Wer heute wirklich mit unbefangenem Blicke zu beobachten ver-
mag, was in den weitesten Kreisen der Menschheit an maftgebenden
Lebensimpulsen vorhanden ist, der wird finden, daft iiberall eine Nu-
ance naturwissenschaftlichen Denkens darinnen ist; und in diesem na-
turwissenschaftlichen Denken lebt doch wiederum der Intellektualis-
mus. Man meint, daft man in Beziehung auf moralische Vorstellungen
und Impulse, in bezug auf religiose Ideen und Gefuhle unabhangig sein
konne von dem, was man naturwissenschaftlich denkt und empfindet.
Man wird aber sehr bald sehen, daft man, indem man sich in der Ge-
genwart einfach dem iiberlaftt, was durch alle Zeitungen und popularen
Werke von der Bildungsschichte in die breite Menschheit stromt, man
mit alledem sich doch Vorstellungen hingibt, welche so gestimmt sind,
daft der Ton einer naturwissenschaftlich gestimmten Satte immer hin-
einklingt.
Wer nicht durchgreifend versteht, daft sich der heutige Mensch mit
naturwissenschaftlichen Vorstellungen des Morgens zum Friihstiicks-
tisch hinsetzt und des Abends mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen
zu Bette geht, daft er seine Geschafte mit naturwissenschaftlichen Vor-
stellungen verrichtet, daft er seine Kinder mit naturwissenschaftlichen
Vorstellungen erzieht, der versteht das Leben nicht, denn er glaubt,
daft er ganz unabhangig vom naturwissenschaftlichen Denken dastehe
im Leben. Es ist aber nicht der Fall. Wir gehen sogar in die Kirche mit
naturwissenschaftlichen Vorstellungen, und wenn uns die altesten, kon-
servativsten Ansichten von der Kanzel herab verkiindet werden, wir
horen sie an mit einem Ohr, das naturwissenschaftlich gestimmt ist.
Die Naturwissenschaft aber lebt vom Intellektualismus.
Zwar betont sie bei jeder Gelegenheit, daft sie alles auf Beobach-
tung, auf das Experiment und die auftere Erf ahrung aufbaue. Aber das
seelische Instrument, dessen man sich bedient, indem man das Teles-
kop nach den Sternen lenkt, das Instrument, dessen man sich bedient,
wenn man im Laboratorium Versuche macht iiber Chemie, iiber Physik,
das ist ein Instrument, das eben das intellektualistische der mensch-
lichen Seele ist. Und dasjenige, was der Mensch aus der Natur macht,
macht er durch seinen Intellekt.
Nun liegt die Sache so, dafi die Menschheit des gebildeten Abend-
landes gerade in der neuesten Zeit ganz besonders entziickt geworden
ist von all den Ergebnissen, die fur die allgemeine Zivilisation durch
den Intellektualismus heraufgekommen sind. Man hat gelernt, nunmehr
so zu denken: Fruhere Epochen der Menschheit waren mehr oder we-
niger unintelligent, sie ergaben sich kindlichen Vorstellungen iiber die
Welt. Jetzt sind wir vorgeschritten zu einer intelligenten Auffassung
der Welt. - Und man ist dazu gelangt, diese intelligente Auffassung
der Welt als das anzusehen, was allein einen festen Boden hat. Man ist
in die Furcht verfallen, daft man ins Phantastische hineinkommt, wenn
man den Boden des Intellektualismus verlafit.
Derjenige, der im Geist der gegenwartigen Zeit denkt, der der Geist
namentlich auch der letzten Jahrhunderte war, der sagt sich: Zu einer
wirklichen Erfassung des Lebens komme ich nur, wenn ich mich an
das Intellektuelle hake; sonst laufe ich Gefahr, mich phantastischen
Ideen iiber die Natur und iiber das Leben hinzugeben. - Das ist auf der
einen Seite als eine feste Idee heraufgekommen in der neuesten Zeit.
Nun liegt etwas sehr Bemerkenswertes vor. Dasjenige, was man auf
der einen Seite als das Wertvollste anschaut, als das Bedeutsamste fiir
die ganze neuere Zivilisation, es ist auf der anderen Seite gerade in der
unmittelbaren Gegenwart zu einer Frage geworden, und am meisten
zu einer Frage derjenigen, die es mit der Erziehung und mit der Unter-
richtskunst der Menschen ernst meinen. Man hat auf der einen Seite
hinzuschauen, wie die Menschheit grofi geworden ist durch den In-
tellektualismus, und man sieht andererseits heute die Erziehungs-, die
Unterrichtsergebnisse des Intellektualismus und erklart: Wenn man die
Kinder nur intellektualistisch erzieht, verkiimmern ihre Fahigkeiten,
verkiimmern ihre menschlichen Krafte. - Und man sehnt sich darnach,
gerade in Erziehungs- und Unterrichtskunst etwas anderes an die Stelle
des Intellektualismus zu setzen. Man appelliert an das Gemiit, an den
Instinkt, man appelliert an die Moralimpulse, an die religiosen Impulse
des Kindes. Man will etwas haben, was abliegt vom Intellekt. Aber was
brauchte man, um das zu finden, was man da haben will? Man brauchte
eben eine durchgreifende Menschenerkenntnis, die wiederum nur sein
kann die Konsequenz einer durchgreifenden Welterkenntnis. Wie die
gegenwartige Welterkenntnis iiber die Erziehung denkt, das kann man
eben, wie ich eingangs bemerkte, bei einer reprasentativen Personlich-
keit ganz besonders ersehen. Und eine solche representative Person-
lichkeit scheint, wenn man alles erwagt, was dabei in Betracht kommt,
Herbert Spencer zu sein.
Ich fiihre Herbert Spencer nicht etwa deshalb an, weil ich glaube,
da£ seine Erziehungsansichten in erster Linie fur den Padagogen heute
in Betracht kommen; ich weift, wieviel man gegen sie einwenden kann,
und wie sehr man sie, indem sie einem gewissermafSen als etwas Laien-
haftes erscheinen, ausbauen mu!5. Aber auf der anderen Seite ist Her-
bert Spencer eine Personlichkeit, die mit ihrem ganzen Vorstellungs-
leben in all dem fuftt, was im Laufe der letzten Jahrhunderte an all-
gemeiner Menschheitsbildung heraufgekommen ist. Wenn Emerson von
reprasentativen Personlichkeiten gesprochen hat, und eine Reihe sol-
cher fur die Entwickelung der Menschheit reprasentativen Personlich-
keiten angefuhrt hat, in Swedenborg, in Shakespeare, in Goethe und
Dante, so mufi man sagen, fur die Gegenwart, fur dasjenige, was die
Gegenwart fiihlt, empfindet und denkt, ist gerade Herbert Spencer in
allererster Linie der representative Mensch. Und wenn auch bei den-
jenigen Menschen, die im Sinne der modernen Zivilisation denken,
dieses Denken je nach der Nationalist, eine franzosische, eine italie-
nische, eine russische Nuance hat: iiber diese Nuancen hinausgehend ist
dasjenige, was man bei Herbert Spencer an Art des Denkens findet,
mafigebend fur die ganze Gegenwart. Weniger sind die Ergebnisse
mafigebend, zu denen Herbert Spencer in seinen vielen Biichern fiir
die meisten Gebiete des Lebens gekommen ist, aber die Art, wie er denkt,
die lebt in einem ganz unermeftlichen Grade im Grunde genommen in
alien Gebildeten der Gegenwart, die von Wissenschaft beeinflufit sind
und die das Leben nach der Wissenschaft einrichten mochten. Deshalb
mull dem, der nicht vom eingeschrankten Schulstandpunkte aus, son-
dern vom weltmannischen Standpunkte aus die Stellung der heutigen
Gebildeten zu Padagogik und Didaktik beurteilen will, Herbert Spen-
cers Urteil als besonders mafigebend erscheinen.
Es wachst ja alles bei ihm heraus aus intellektualistischer Naturwis-
senschaft. Und welche Urteile wachsen aus dieser intellektualistischen
Naturwissenschaft bei ihm heraus? Herbert Spencer, der natiirlich den
Blick vor alien Dingen darauf gerichtet halt, wie sich aus niederen
Lebewesen allmahlich der Mensch herausgebildet hat, wie der Mensch
nun in seinem fertigen Zustande zu den niederen Lebewesen steht, er
fragt sich: Erzieht man heute die Kinder, die Jiinglinge und Jungfrauen
im Sinne dieser naturwissenschaftlichen Denkungsarten? - Und diese
Frage beantwortet er sich mit nein.
Er hat in seinem Essay iiber das Erziehungs- und Unterrichtswesen
die wichtigsten Fragen der heutigen Padagogik beriihrt, zum Beispiel
die Frage: Welche Erkenntnis ist die wertvollste? - Er stellt die Frage
nach der intellektuellen Bildung, nach der moralischen Bildung, die
Frage nach der physischen Entwickelung der Menschen. Aber wie im
Zentrum all dieser Betrachtungen steht eines, zu dem man, mochte ich
sagen, eigentlich nur als ein ganz im Sinne der Gegenwart denkender
Mensch kommen konnte. Er sagt: Wir erziehen heute unsere Kinder so,
daft sie ihren Korper in entsprechender Weise benutzen lernen, daft
sie ihn im Sinne seiner Einrichtungen im Leben benutzen konnen. Wir
erziehen die Menschen so, daft sie in ihr Gewerbe, in ihren Beruf hinein-
passen. Wir erziehen sie so, daft sie gute Staatsbiirger sein konnen. Wir
erziehen sie vielleicht auch nach unseren Anschauungen zu sittlichen,
zu religiosen Menschen, aber wir erziehen sie zu einem nicht: wir er-
ziehen sie nicht selber zu Erziehern.
Und das ist es, was Herbert Spencer an aller Padagogik und Didak-
tik heute vermiftt: daft im Grunde genommen die Menschen nicht zur
Kunst der Erziehung erzogen werden. Das driickt er so aus, daft er
sagt: Wir erziehen die Menschen dazu, daft sie sich physisch ihres Leibes
bedienen konnen, daft sie ihren Beruf ausfullen konnen, daft sie im
Staate ein wichtiges Glied sein konnen; aber wir erziehen sie nicht zu
Eltern und Erziehern.
Nun sagt er als echter naturwissenschaftlicher Denker: wie in der
naturlichen Entwickelung des Menschen der Abschluft dieser ist, daft
der Mensch Nachkommen erhalt, daft er fortpflanzungsfahig wird, so
miiftte auch in der Erziehung der Abschluft der sein, daft der Mensch
die Fahigkeit eriangt, die aufwachsenden Kinder in der richtigen Weise
zu erziehen und anzuleiten. - Das ist im Sinne eines Gegenwartsmen-
schen ganz richtig gedacht.
Aber zu welchen Urteilen kommt nun Herbert Spencer, indem er
den Blick auf die Erziehungspraxis der Gegenwart hinlenkt? Er driickt
das durch ein drastisches Bild aus, von dem ich glaube, daft es sehr
gut ist. Er sagt: Wir haben groftartige Erziehungsforderungen, Erzie-
hungsideale - und Herbert Spencer wird diesen Erziehungsidealen, die-
sen Erziehungsforderungen, diesen Regeln voll gerecht; er wird zum
Beispiel auch Pestalozzi voll gerecht -, aber er fragt nun nicht: Sind
theoretisch diese Erziehungsprinzipien, diese Erziehungsmaximen schon,
sympathisch? - Sondern er fragt: Wie ist die Erziehungspraxis, wie
geht es in der Schule zu? - Und dafiir findet er nun ein drastisches Bild.
Er sagt: Man nehme nun einmal einen zukunftigen, sagen wir, in fiinf
bis sechs Jahrhunderten lebenden Archaologen, der das, was in unserer
Gegenwart geschieht, aus den Dokumenten, Archiven ausgrabt, wie
unsere Archaologen gewohnt sind, das auszugraben, was in fruheren
Epochen war; diesem Archaologen kame eine Beschreibung der heuti-
gen Schulpraxis in die Hande. Er wird da sehen: Ja, die Kinder wer-
den durch die Grammatik angeleitet, in die Sprache sich hineinzuleben.
Aber was sie in der Grammatik lernen, das sieht man ja, das tragt gar
nichts dazu bei, die Sprache im Leben zu handhaben. Und dann findet
man: eine grofte Anzahl dieser Kinder mufi Griechisch und Latein ler-
nen, muE andere Sprachen lernen, die langst tot sind. Also ist das Er-
ziehungsreglement eines Volkes, das keine eigene Literatur hat, das
nicht viel lernen kann und erfahren kann, wenn es sich mit der eigenen
Literatur befaftt; es mu(S sich daher mit alten Literaturen befassen.
Und wenn auch viel geredet wird, daft die Erziehung ins Leben fiihren
soil, man sieht an allem, was in der Schule getrieben wird, wie wenig
diese Schule fiir das Leben eigentlich vorbereitet. Ah - denkt sich die-
ser Archaologe — , das kann nicht die allgemeine Schulpraxis dieser
Generation gewesen sein! Da ist mir zufallig - dem Archaologen fallen
ja naturlich die Dokumente zufallig von dem einen oder dem anderen
in die Hande da ist mir zufallig die Schulpraxis fur einen heranzu-
bildenden Monchsorden in die Hande gefallen!
So drastisch driickt sich immerhin ein Weltmann der Gegenwart
iiber dasjenige aus, was ihm als Eindruck kommt, wenn er die Schul-
praxis ins Auge fafit. Und er sagt, natiirlich von seinem Gesichtspunkte
aus, dafi sich nun die also gebildeten Menschen dann, wenn sie erwach-
sen sind, dem Leben gegenuber nicht wie lebensfremde Monche beneh-
men, das riihrt einzig und allein davon her, dafi das Leben eben seine
grausamen Forderungen stellt. Aber ungeschickt benehmen sie sich doch
in ihm, weil sie eigentlich als Monche erzogen sind und nun in der
Welt zurechtkommen sollen. Man kann da schon hineinblicken in den
Eindruck, den nun die Lehr- und die Erziehungspraxis gerade auf ein
solches weltmannisches Menschenwesen macht.
Man kann auf das, was unsere moderne Anschauung, auf die wir so
stolz geworden sind, dem Menschen fur seine eigene Erkenntnis geben
kann, am besten kommen, wenn man sich dieFrage eben lebenspraktisch
beantwortet, wenn man sich fragt: Was kommt nun fur den Menschen
zustande in bezug auf die Auffassung seines eigenen Lebenswertes, wenn
er alliiberall von Vorstellungen umgeben ist, die aus der intellektuali-
stisch-naturwissenschaftlichen Erfassung des Lebens hervorgehen? -
Man braucht sich ja nur einmal vor die Seele zu fuhren, welche Welter-
kenntnis dadurch zustande kommt, und man wird fiihlen und empfin-
den, welche Menschenerkenntnis dadurch zustande kommen kann.
Wir konnen in grofiartiger Weise das, was in der leblosen Natur
vorhanden ist, durch unsere Naturgesetze zusammenfassen. Wir geben
uns ja wohl auch den Illusionen hin, dafi wir dadurch auch Verstandnis
gewinnen fur das Lebendige, fur den Organismus. Nun, ich will heute
nicht iiber diese Illusionen sprechen; aber das gilt, dafi wir eigentlich
in GemaSheit der heutigen Zivilisation uns vorzugsweise Vorstellungen
hingeben, welche iiber das Aufschlufi geben, was aufierhalb des Men-
schen liegt. Wir bilden uns grofiartige physikalisch-chemische Vorstel-
lungen, und wir konnen dann doch nicht anders, als diese Vorstellun-
gen auszudehnen, wenn auch zunachst nur hypothetisch, iiber die
ganze Welt. Gewift, es gibt heute schon viele Menschen, welche die Be-
rechtigung bestreiten, das, was wir im Laboratorium lernen, was uns
durch das Teleskop iiberliefert wrrd und durch das Mikroskop, fiir eine
allgemeine Welt vorstel lung anzuwenden. Aber der Mensch kann eben
nicht anders, als zu einer solchen Anwendung kommen. Und er kann
auch nicht anders, als eine solche Anwendung dann auf sein Gefiihl,
auf seine Empfindungen wirken zu lassen. Und dehnt man dann, wenn
auch, wie gesagt, nur hypothetisch, die im Laboratorium und auf der
Sternwarte gewonnenen Vorstellungen auf Erden- und Weltenanfang,
auf Erden- und Weltenende aus, wozu kommt man?
Nun, wenn auch heute die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie
vielfach modifiziert ist, das Allgemeine gilt doch: man kommt zu einem
Anfangszustande von Erde und Welt, der in dem bekannten Urnebel
besteht. Der Urnebel lafk sich aber doch nur nach aeromechanischen
Gesetzen begreifen. Und wir verfahren ja auch so. Wir sehen auf einen
Anfangszustand der Welt oder der Erde hin, der sich nur begreifen
lafk nach dem, was wir durch die Aeromechanik gelernt haben. Da
ist mchts Seelisches, da ist nichts Geistiges darinnen. Wenn dann Men-
schen nach ihren Herzens- und Seelenbediirfnissen sich etwas anderes
vorstellen miissen, dann kommen sie zu allerlei seelisch-gottlichen,
geistig-gottlichen Wesen, welche auch noch da waren aufter dem, was
aeromechanisch angenommen wird, und welche eine, ich mochte sagen,
kosmische Geschicklichkeit besitzen, um dasjenige plastisch zu gestal-
ten, oder in anderer Weise zu formen, was da als ein Urnebel vorhanden
ist. Der Mensch, namentlich der Mensch mit seinen seelisch-geistigen
Kraf ten und Fahigkeiten, ist nicht in diesem Urnebel drinnen enthalten,
er wird gewissermaften aus dem herausgeworfen, was mit dieser Welt-
anschauung und Weltphilosophie umfafk wird. Derjenige, der sich
dann ganz eingewbhnt hat in den Gedanken, daft nur die intellektua-
listische Naturwissenschaft Gewifiheit gibt, wird natiirlich doch in
herbe Zweifel hineinkommen, wenn er aufier dem, wozu er sich nach
den Gesetzen der Aeromechanik berechtigt glaubt, noch Seelen- oder
Geisteswesen in den Beginn des Erdenanfangs oder des Weltanfangs
setzen mufi.
Wenn der Mensch also hypothetisch auf Erdenende und Welten-
ende hinblickt dann mufi er nach den physikalischen Gesetzen verfah-
ren. Und da tritt vor seine Seele hin der sogenannte zweite Haupt-
satz der mechanischen Warmetheorie, der besagt, daft alle lebendigen
Krafte ineinander umgewandelt werden, daft aber, wenn sie in Warme
umgewandelt werden, oder Warme in sie umgewandelt wird, der Ge-
samtvorgang immer der ist, daft Warme iibrigbleibt, so daft zuletzt
fur die gesamten Prozesse der Erde sich der Zustand ergeben muft, daft
alles, was sonst an lebendigen Kraften vorhanden ist, sich in Warme-
krafte umgewandelt hat. Es wird nichts mehr an Kraften bleiben, als:
Differenzen von Warmezustanden. Der sogenannte Warmetod wird
alles ergreifen. Wir schauen dann auf das Erdenende hin als auf einen
groften Friedhof, in dem alles begraben liegt, was die Menschen jemals
aus ihrem Seelischen hervorgebracht haben an intellektuellen, an mora-
lischen Idealen, an religiosen lmpulsen. Das alles enthullt sich als Illu-
sion, die wie ein Nebel, ja weniger als ein Nebel auftaucht in dem
Menschen, der hineingestellt ist zwischen einen Erdenanfang, der nichts
Menschliches enthalt, und ein Erdenende, das wiederum nichts Mensch-
liches enthalt. Es enthullt sich alles dasjenige, was der Mensch ist, vor
diesem intellektualistisch-naturwissenschaftlichen Blicke als eine Illu-
sion.
Nun, in der Theorie nimmt sich dieses ja zunachst so aus, als ob
man dariiber hinwegkommen konnte, als ob man sich sagen konnte:
Das ist eben Theorie. - Allein, wenn auch die Menschen heute noch
nicht alle Etappen durchmachen, die von dieser Theorie zu den Lebens-
empfindungen hin vorhanden sind, in den allgemeinen Lebensempfin-
dungen der heutigen Menschheit lebt doch die Konsequenz dieser Vor-
aussetzungen. Wir denken iiber das Leben so, als wenn die Erde mit
dem menschenleeren Urnebel begonnen hatte, als ob sie dem Zustande
des Warmetodes entgegenginge, wo wiederum alles Menschliche be-
graben sein wird. Man hat nicht den Mut, sich klarzumachen, wo der
Anfang dieser heutigen Empfindungen liegt. Aber diese Empfindun-
gen sind es, die auch fur den einfachsten Menschen heute dadurch maft-
gebend werden, daft sie durch unsere Journal- und Buchliteratur auf
manchmal recht undefinierbarem Wege bis in die breiteste Menschheit
hineinfliefien.
Und aus diesem Empfinden heraus erziehen wir unsere Kinder. Wir
erziehen sie ja allerdings auch zuweilen durch religiose Vorstellungen,
aber da kommen wir erst recht an einen Abgrund heran. Denn wenn
wir gegeniiber dem Anfang, den wir in der Vorstellung iiber das Leben
haben miissen, der auch in unseren Empfindungen weiterlebt, wenn
wir neben diesem Anfang nun mit religiosen Vorstellungen kommen,
dann werden wir ja unwahr, und das Unwahre racht sich nicht etwa
blofl auf eine Weise, die man aufterlich intellektualistisch begreifen
kann, das Unwahre racht sich durch seine eigene Innenkraft. Eine Un-
wahrheit, auch wenn sie nicht zutage tritt, wenn sie sich nicht offen-
baren kann, wenn sie auch nur im Unbewuftten bleibt, wirkt zerstorend
auf das Leben.
Wir kommen in die Unwahrheit hinein, wenn wir nicht daran-
gehen, uns vollige Klarheit iiber diesen Anfang unserer heutigen Emp-
findungen zu verschaffen. Diese Klarheit liefert uns nichts anderes, als
dafi wir mit den modernen Vorstellungen eine Welterkenntnis gewin-
nen konnen, in der der Mensch keinen Platz hat.
Sehen wir auf dasjenige, was uns ja mit Recht als naturwissen-
schaftliche Erkenntnis stolz macht: Wir verfolgen die Entwickelungs-
reihe der Lebewesen von dem einfachsten, unvollkommensten durch
vollkommenere bis herauf zum Menschen, den wir als das Vollkom-
menste ansehen. Aber wenn wir uns dann die Frage stellen: Was ist der
Mensch seinem Wesen nach? - so beantworten wir uns diese Frage da-
mit, dafi wir uns sagen: Der Mensch ist eben der Schlufipunkt der Tier-
reihe, er ist das vollkommenste Tier. Wir gehen nicht ein auf das We-
sen des Menschen. Wir antworten nur: Inwiefern ist der Mensch das
vollkommenste Tier? - Und gerade in der Anerkennung solcher Ein-
sichten hat es die moderne Menschheit am allerweitesten gebracht. Von
diesen Einsichten hat sie ihre Empfindungen am tiefsten beeinflussen
lassen.
Wiederum darf ich auf diesem Gebiete Herbert Spencer anfiihren,
weil sein ganzes Empfinden charakteristisch ist fur das, was man iiber-
all auf dem Erziehungs-, auf dem padagogischen Gebiete gerade dann
wirksam sieht, wenn die Leute heute anfangen, im Sinne der modernen
Gedanken reformieren zu wollen. Sie reformieren ja in der Regel aus
diesen Vorstellungen heraus, die menschenfremd sind. Herbert Spencer
ist da wiederum reprasentativ fiir dasjenige, was die Lebenspraxis uns
heute auf Schritt und Tritt liefert. Herbert Spencer sagt zum Beispiel:
Man miiftte die heute iibliche Beeinflussung der Kinder durch die Er~
wachsenen, durch Eltern oder Erzieher abschaffen. Aus alteren Zeiten
sei uns die Unart geblieben, daft, wenn ein Kind etwas Unrechtes tut,
wir zornig werden, wir es strafen, wir ihm bemerklich machen, daft
wir uns daruber argern. Mit einem Worte: wir tun etwas, was in gar
keinem Zusammenhange steht mit dem, was das Kind getan hat. Das
Kind hat sich vielleicht dazu herbeigelassen, im Zimmer alle moglichen
Gegenstande herumliegen zu lassen. Wir sehen das als Erzieher, werden
zornig, wir priigeln vielleicht das Kind, ich will gleich das Drastische
sagen. Welcher Kausalzusammenhang - und der Naturforscher muft
ja nach dem Kausalzusammenhang fragen -, welcher Kausalzusam-
menhang besteht zwischen den Priigeln, die hier als eine Wirkung auf-
treten, und dem Unordnungmachen? Nicht der geringste!
Herbert Spencer sagt daher: Wir miissen uns zu Missionaren der
kausalen Naturvorgange machen, wenn wir Kinder in der richtigen
Weise erziehen wollen. Wir miissen zum Beispiel, wenn wir einen Kna-
ben sehen, der neugierig ist, wie kleine Papierschnitzelchen an einer
Flamme brennen, wir miissen uns dann sagen: dieser Kabe ist wiftbe-
gierig. Wir diirfen uns nicht daruber argern, daft er eventuell sich selbst
beschadigt, oder uns vielleicht das ganze Zimmer anziindet, sondern
wir miissen uns zunachst klar daruber werden, daft er wiftbegierig ist,
und miissen versuchen, ihn moglichst gelinde dazu zu bringen, daft
er sich einmal verbrennt; dann wird er in dem, was er erlebt, den rich-
tigen Kausalzusammenhang haben. So sollen wir iiberall sorgen, daft
der richtige Kausalzusammenhang eintritt und uns zu Missionaren des
Kausalzusammenhanges in der Natur machen.
Man wird heute iiberall horen, gerade wo man reformieren will, daft
diese Maxime die einzig mogliche ist. Und derjenige, der unbefangen
ist, wird sagen: Ja, sie ist die einzig mogliche, wenn unsere intellektua-
listisch-naturwissenschaftlicheGrundempfindung die einzig richtige ist.
Es gibt gar keine andere Moglichkeit, als so zu denken iiber das Erzie-
hen und Unterrichten, wenn die naturwissenschaftlich-intellektualisti-
sche Richtung das Wahre ist.
Aber wozu kommt man dann mit aller Erziehungs- und Unterrichts-
kunst, wenn man bis ins Extrem hin so vorgeht, wenn man ganz wahr
wird in diesem Erziehen und Unterrichten? Man spannt ja den Men-
schen ganz und gar ein mit all seinemEmpfinden,mit all seinemDenken
in dasjenige, was im Laufe der Natur sich vollzieht. Und, was er denkt
und empfindet, das ist gewissermafien nichts weiter mehr als dasjenige,
was in der Natur geschieht, was ganz von selbst geschieht, was ge-
schieht, wenn der Mensch eben moglichst unbewulk an der Natur sich
nur beteiligt. Der Mensch wird dadurch in die aufiere Natur ganz ein-
gespannt, er wird nicht herausgehoben aus der aufleren Natur, er wird
gewissermafien zu einem Gliede in der Kette der Naturnotwendigkei-
ten gemacht.
Da sehen Sie das Umgekehrte von dem, was ich vorhin zu erwahnen
hatte. Ich habe vorhin gesagt, der Mensch wird durch die moderne
Naturphilosophie aus der Welt herausgeworfen. Man kennt ihn nur
noch als das letzte Glied der Naturentwickelung, aber nicht mehr als
Menschen. Er wird herausgeworfen, weil man nichts iiber ihn weifi;
weil man nichts iiber ihn selber aussagen kann, stellt man ihn wiederum
hinein in die Natur. Und er soil auch praktisch nicht aus der Natur
herausgehoben werden, er soli in die Naturordnung, in die Naturnot-
wendigkeit hineingefugt werden. Er soli ganz und gar zu einem solchen
Wesen werden, welches den Kausalzusammenhang verwirklicht.
Die Anschauung, die Gedanken iiber die Natur werfen den Men-
schen heraus. Die Erziehungs- und Unterrichtskunst stellt den Men-
schen in das Aufiermenschliche hinein. Man verliert ganz und gar den
Menschen. Man macht sich das nur nicht klar, weil man nicht den Mut
dazu hat, Aber wir sind heute an einem Weltenwendepunkte, wo man
den Mut dazu haben mul5, bis in diese Urimpulse der Menschheitsent-
wickelung hineinzuschauen, denn der Mensch mu£ dasjenige, was er
vorstellt, zuletzt auch empfinden.
Nun ist das ja heute eine Tatsache, daft uns Menschen entgegen-
treten, welche mit glaubigem Gemiite auf dasjenige hinschauen, was
naturwissenschaftliche Voraussetzung ist, und sich sagen: Man darf
eben einfach iiber die Welt keine anderen Vorstellungen haben als diese:
Erdenanfang = durch Aeromechanik zu begreifender Nebel; Erden-
ende = Warmetod, Friedhof, In der Mitte: der Mensch, der zu seiner
eigenen Illusion herauswachst aus dem Aufiermenschlichen, in dem
aufsteigen, um ihn zu betriigen, die Illusionen von moralischen Ideen,
von religiosen Impulsen, von allerlei sonstigen Idealen, und der sich
zuletzt um all dieses betrogen sieht, weil alles das doch auslaufen mufi
in den allgemeinen Friedhof.
Eine tragische Stimmung kommt dann iiber solche Menschen. Sie
sind aber nur diejenigen, die das in besonders drastischer Weise aus-
leben mussen, was eigentlich im Unterbewufiten im grofiten Teil der
heutigen Menschheit abgelagert ist. Und aus dieser Stimmung heraus
erwachst dasjenige, was wir heute in der allgemeinen Zivilisation sehen.
Mit dieser Stimmung konnen wir nicht erziehen, denn diese Stim-
mung ermangelt einer Welterkenntnis, die so stark in sich ist, dafi sie
zur Menschenerkenntnis vorschreiten kann, zu einer solchen Menschen-
erkenntnis, in der der Mensch seinen Wert und sein Wesen findet, so
wie er es empfinden mufi, wenn er sich wirklich in der Welt als Mensch
wissen soil. Wir konnen heute den Menschen nach Naturnotwendig-
keit erziehen. Wir konnen ihn aber dann nicht zum freien, zum wirklich
freien Menschen machen. Wenn wir ihn zum wirklich freien Menschen
heranwachsen sehen, so geschieht das, im Grunde genommen, trotzdem
wir ihn falsch ausbilden, nicht weil wir ihn richtig ausbilden.
Man kann heute nicht iiber die Welt nur denken. Man mufi heute
so iiber die Welt denken, dafi das Denken allmahlich iibergeht in eine
allgemeine Weltempfindung. Denn aus Empfindungen heraus entste-
hen die Impulse zur Reform, zum Weiterarbeiten. Anthroposophie will
eine solche Welterkenntnis sein, die nicht im Abstrakten bleibt, die in
die Empfindung sich hineinlebt und die dadurch zu einer Grundlage
fur Padagogik und Didaktik werden kann.
Was wir im Vorstellungsleben durch lange Zeiten begriindet haben,
tritt uns im aufieren Leben gegenwartig bereits historisch entgegen.
Der Mensch ist durch die Ideen iiber die Welt, durch seine Welterkla-
rung, aus der Welt herausgeworfen worden. Auf dasjenige, was sich da
als Vorstellung in den Oberschichten der menschlichen Zivilisation her-
ausgebildet hat, antwortet heute das Echo aus den Impulsen von Millio-
nen und aber Millionen des Proletariervolkes. Und die zivilisierte Welt
will nicht einsehen den Zusammenhang zwischen dem, was sie denkt,
und dem, was heute aus den Gemutern der Proletarier darauf antwor-
tet. Dasjenige, was als eine Empfindung in dem einzelnen Menschen
wie eine tragische Stimmung leben kann, dafi er sich sagt: Was aus
dem Menschen herauskommt an moralischen Idealen, an religiosen Im-
pulsen, das sind im Grunde genommen Illusionen, eingezwangt zwi-
schen dem nebulosen Erdenanfang und dem Warmetod der Erde, das
tritt uns in der Lebensphilosophie von Millionen und Millionen Pro-
letariern heute entgegen. In dieser Lebensphilosophie wird als das ein-
zige Reale dasjenige aufgefaftt, was der Mensch im wirtschaftlichen
Leben arbeitet und erfahrt.
Wie durch die verschiedenen Epochen der Menschheitsentwickelung
hindurch gewirtschaftet worden ist, wie gearbeitet worden ist im wirt-
schaftlichen Leben, wie produziert worden ist, wie gekauft, verkauft
worden ist, wie durch dieses Produzieren, durch dieses Kaufen und
Verkaufen die Lebensbediirfnisse befriedigt worden sind, das soil nach
dieser proletarischen Weltanschauung, nach dieser proletarischen Welt-
philosophie die einzige Wirklichkeit sein. Dagegen alles dasjenige, was
im wirtschaftenden Menschen aufsteigt als moralische Anschauung, als
religiose Ideale, als kunstlerische Impulse, als Staatsideale, das ist eine
Ideologic, das ist etwas im Grunde Illusionares, das ist ein unwirklicher
Oberbau iiber dem einzig Wirklichen der Produktionsprozesse. In die-
ser Form ist das, was sich in den Oberschichten der Menschen mehr
wie eine theoretische, hochstens noch wie eine religiose Oberzeugung
erhalten hat, in den proletarischen Schichten praktische Lebensweis-
heit nicht nur, sondern Lebensrealitat geworden; das ist dasjenige ge-
worden, wonach gehandelt wird.
In dieses Leben ist der Mensch hineingestellt. Aus diesem Leben
heraus will er erziehen und mull er erziehen. Aber er mufi dieses Le-
ben, wenn er erziehen will, wenn er unterrichten will, unbefangen an-
schauen konnen.
Es ist ein Eigentiimliches, dafi gerade der Intellektualismus mit seinem
Gefolge der naturalistischen Lebensauffassung eigentlich den Men-
schen nicht tiefer in die Wirklichkeit hineingebracht hat, sondern aus
der Wirklichkeit herausgebracht hat. Verfolgen Sie friihere Lebens-
philosophien von diesem Gesichtspunkte aus: Sie werden iiberall Le-
bensgedanken finden, die geeignet sind, an das Leben irgendwo an-
zukniipfen, denen gegeniiber es dem Menschen ja nicht einfallen wiirde,
sie als blofie Ideologie anzusehen. Die Menschen wurzelten eben im
Leben, und sie konnten deshalb nicht daran denken, dafi ihre Gedan-
ken nur wie ein Rauch waren, der aus dem Leben aufsteigt. Heute ist
diese Anschauung iiber einen grofSen Teil der gebildeten Welt hin Le-
benspraxis geworden. Und die Menschheit seufzt unter den Folgen
desjenigen, was da geworden ist. Aber die Menschheit will noch nicht
einsehen, daft, was in Rutland geschieht und immer weiter geschehen
wird in der Welt, das Ergebnis dessen ist, was an unseren Universitaten
gelehrt, was in unseren Schulen heranerzogen wird. Es wird gelehrt, es
wird herangezogen - in der einen Lokalitat hat man nicht den Mut,
die Konsequenzen zu ziehen, in der anderen Lokalitat geht man bis
zu den aufiersten Konsequenzen. Man wird das rollende Rad nicht
aufhalten konnen, wenn man nicht bis zur Klarheit gerade auf diesem
Gebiet drangt, hier wirklich Ursache und Wirkung einzusehen, wenn
man nicht einsieht, dafi der Mensch in eine Wirklichkeit hineingestellt
ist, innerhalb welcher er sich unmoglich wird bewegen konnen, wenn
er sie blofi intellektualistisch erfafk. Der Intellektualismus hat als ein
Instrument keine Kraft, in die Wirklichkeit einzugreifen.
Ich kannte einmal einen Dichter, der sich schon vor Jahrzehnten
die bittersten Vorstellungen gemacht hat iiber das, was aus dem Men-
schen werden miisse, wenn er nur immer mehr in den Intellektualismus
hineintreibt. In der Gegend, in der dieser Dichter lebte, hat man eine
drastische Vorstellung von intelligenten, intellektualistischen Leuten.
Man nennt sie dort namlich «groftkopfet», das heifit, man meint, sie
haben grofie Kopfe, geistig aufgefaftt. Dieser Dichter setzte sich das
in ein recht drastisches Bild um. Er sagte: Die Menschheitsentwickelung
lauft intellektualistisch; das muft dazu kommen, dafi die Menschen end-
lich immer grofiere und grofiere Kopfe bekommen und die andere Leib-
lichkeit nur noch wie rudimentare Organe daran hangt, rudimentare
Arme, ganz kleine Handchen, rudimentare Beine, ganz kleine Fiifi-
chen, und dann werden die Menschen so fortrollen. Man hat es mit
grofien Kugeln zu tun, an denen Bein- und Armansatze als rudimen-
tare Organe sein werden. - In recht pessimistische Stimmung kam dieser
Dichter iiber dasjenige, wozu es die Menschen bringen miissen, wenn
sie weiter auf der Bahn des Intellektualismus so bis zum Rollen sich
fortbewegen.
Man kann sagen, das, was da als Intellektualismus uns erscheint,
es entfernt den Menschen von sich selbst, es stellt eben den Menschen
aus der Wirklichkeit heraus. Daher wird ihm zu der einzigen Wirklich-
keit dasjenige, was der Proletarier als solche anerkennt, dasjenige, was
man nicht hinwegleugnen kann, weil man entweder darauf stofk und
dann nach unserem Erziehungssystem, auch wenn es reformistisch sein
will, die Folge tragt im Kausalzusammenhang und sich Beulen schlagt,
oder aber man wird hungrig - wiederum tragt man die Folge im Kau-
salzusammenhang. Da sieht man, spiirt man, empf indet man das Reale
genau. Aber man dringt nicht mehr in dieses Reale hinein.
Und der Mensch wird merkwiirdigerweise in sich immer robuster,
indem er sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernt. Er wird
schon, wenn auch bildlich gesprochen, so ist das doch wahr, diese rol-
lende Kugel. Man wird einsehen miissen, wie man auf Universitaten
und in Schulen dasjenige zuchtet, wovor man zuriickbebt, wenn es
dann als Lebenswirklichkeit, als Lebenspraxis einem entgegentritt, wie
das heute schon in hohem Mafie der Fall ist. Die Menschen kritisieren
dasjenige, was ihnen entgegentritt, sie wissen aber nicht, daft sie es ge-
pflanzt haben. Die westlichen Menschen sehen auf Rufiland hin und
finden es furchtbar. Sie wissen nicht, daft ihre Lehrer im Westen das
erst gepflanzt haben.
Der Intellektualismus, sagte ich, ist kein Instrument, mit dem man
die Wirklichkeit anfassen kann. Im Erziehen mufi man die Wirklich-
keit des Menschen anfassen. Wenn der Intellektualismus kein Instru-
ment ist, womit man die Wirklichkeit anfassen kann, so entsteht die
grofie Frage: Konnen wir iiberhaupt auf intellektualistische Weise in
der Erziehung etwas anfangen?
Diese grofie Frage steht am Ausgangspunkte unseres Vortragskur-
sus vor uns. Wir miissen nach anderen Mitteln greifen als nach denen,
die uns der Intellektualismus in die Hand gibt. Und dazu konnen wir
uns doch am besten aufschwingen, wenn wir wiederum das einzelne
Gebiet aus dem ganzen Lebenszusammenhang heraus erfassen.
Worinnen ist denn eigentlich die heutige Menschheit besonders groft,
und wovon ist sie am meisten entziickt? Nun, von Kongressen im of-
fentlichen Leben. Nicht davon, ruhig sich mit dem Wesen einer Sache
bekanntzumachen, sondern auf Kongresse zu gehen und dort iiber die
Dinge zu diskutieren. Denn zum Diskutieren gehort zuletzt der Intel-
lektualismus. Man geht nicht ein auf das Wesen. Man hat das Wesen
schon und diskutiert daruber. Man kommt zusammen und diskutiert
iiber alies mogliche. Die Kongreftusance, die diskutieren mull, das
ist das, was aus dem Intellektualismus folgt, und was auf der anderen
Seite zur Weltfremdheit fiihrt. Und so kann man schon das Gefiihl
haben, daft im Grunde genommen unsere Kongresse alle als etwas
Illusorisches iiber der Wirklichkeit schweben. Da unten im Leben, da
geht allerlei vor, und auf Kongressen wird schon daruber gesprochen,
auch geistreich daruber gesprochen. Ich kritisiere die Kongresse gar
nicht im abfalligen Sinn. Ich finde, auf den Kongressen ist es so, daft
sehr viel aufterordentlich Geistreiches gesprochen wird. Es ist in der
Regel so, daft man mit dem, was der A sagt, einverstanden sein kann
und mit dem, was der B sagt, einverstanden sein kann, auch wenn es
das Entgegengesetzte ist, man kann von einem gewissen Gesichtspunkte
aus wiederum damit einverstanden sein. Ebenso mit dem C. Man kann
eigentlich immer auf Kongressen von einem gewissen Gesichtspunkte
aus mit allem einverstanden sein. Warum? Weil alles im Intellektualis-
mus schwingt und der Intellektualismus nichts iiber die Wirklichkeit
aussagt. Und so konnte eigentlich unsere heutige Wirklichkeit so ver-
laufen, wie sie verlauft, auch ohne daft Kongresse da sind. Man konnte
durchaus entbehren, was auf Kongressen geredet wird, trotzdem man
seine aufrichtigste, wahrhaftigste Freude haben kann an all der Geist-
reichigkeit, die da entfaltet wird, denn alles ist im Grunde genommen
gut.
Wir haben im Laufe der letzten fiinfzig bis sechzig Jahre auf den
verschiedensten Gebieten die groftartigsten theoretischen Ausfuhrun-
gen erlebt und haben oftmals mit unbefangenem Sinn das Leben iiber-
blicken konnen und sehen konnen, wie dieses Leben im entgegengesetz-
ten Sinne verlaufen ist. Zum Beispiel: als in einzelnen Landern vor ei-
niger Zeit die Frage nach der Goldwahrung fliissig geworden ist, da
wurde wirklich iiber die Goldwahrung Wunderbares geredet. Man
kann nur sagen, in Handelskammern, in Parlamenten, ich rede wirk-
lich nicht ironisch, ich meine es ganz ernst, wurden die allergeschei-
testen Reden gehalten iiber die heilsamen Folgen der Goldwahrung.
Insbesondere haben ganz riesig scharfsinnige, gescheite Leute und auch
Praktiker bewiesen: wenn die Goldwahrung kommt, mufi der Frei-
handel kommen; das eine ist die Konsequenz des anderen. Und siehe
da: in den meisten Landern, wo die Goldwahrung gekommen ist, ist
ein unertragliches Wesen von Zollschranken, das heiftt, die Unfreiheit
des Handels gekommen! Das hat die Wirklichkeit, das Leben gesagt.
Die Gescheitheit, die aus der Intellektualitat hervorgewachsen ist, die
hat, aber jetzt auf gescheite Weise, ohne es jetzt ironisch zu meinen, das
Gegenteil gesagt. Man mufi sich eben klar sein, daft der Intellektualis-
mus aus dem Leben herauswachst, den Menschen grofikopfig macht.
Das ist dasjenige, was aus der Menschenerkenntnis hmausfuhrt, was
uns dem Menschen entfremdet, und was daher niemals die Grundlage
fur eine Padagogik und Didaktik abgeben kann. Denn das padago-
gische, das didaktische Verhaltnis ist doch ein menschliches Verhaltnis,
das Verhaltnis des Lehrers, des Erziehers zum Kinde, zum Schiller. Aus
diesem menschlichen Verhaltnisse heraus mufi Padagogik und Didak-
tik gewonnen werden. Das kann nur durch eine wirkliche Menschen-
erkenntnis geschehen, und eine solche wirkliche Menschenerkenntnis
mochte Anthroposophie geben.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 25. Dezember 1921
Wenn man die Betrachtungen, von denen ich gestern hier gesprochen
habe, immer mehr und mehr ausdehnt, so wird man bemerken, daft
in der Tat die moderne Welterklarung vor dem menschlichen Wesen
stillstehen mu!5, daft sie ohnmachtig wird gegeniiber der Erklarung des
Menschenwesens selber. Und man wird das, was ich ja hier nur an-
deuten konnte, gerade durch eine Verfolgung ins einzelne hinein uber-
all bestatigt finden. Man wird gerade dann, wenn man auf die einzelnen
Lebensfragen ganz besonders exakt eingeht, immer mehr finden, wie
das gilt, was ich in dieser Weise habe aussprechen miissen.
Nun steht aber dieser eigentumlichen Tatsache, daft die gegenwar-
tige Welterklarung an den Menschen nicht herankommen kann, diese
Welterklarung selber in einer eigenartigen Weise gegeniiber; sie will
sich diese Tatsache nicht in ihrer vollen Bedeutung gestehen. Sie will
nicht zugeben, da£ auf diesem Gebiete eine Unvollkommenheit der
modernen Weltanschauung vorliegt. Aber gerade in der Einsicht in
diese Unvollkommenheit gewinnt man auch die Einsicht in die Be-
rechtigung der anthroposophischen Forschung.
Besonders charakteristisch tritt uns das, was ich sagte, dann ent-
gegen, wenn wir representative Beispiele betrachten. Ich habe nicht,
um etwas zu beweisen, aber um die Denkweise der Gegenwart zu ver-
anschaulichen, Herbert Spencer angefiihrt.
Nun, Herbert Spencer hatte seine wichtigsten, seine grundlegenden
Ideen bereits ausgebildet, bevor der eigentliche Darwinismus aufge-
treten war. Man sieht aber gerade an dem Auftreten dieses eigentlichen
Darwinismus, wie naturwissenschaftlich-intellektualistische Vorstel-
lungsart sich denjenigen Fragen und Problemen gegenuberstellt, die
doch einer tiefen Sehnsucht des menschlichen Gemutes ihren Ursprung
verdanken.
Man kann schon sagen, daft mit dem Werke von Charles Darwin,
das 1859 erschienen ist, «Die Entstehung der Arten», etwas mafigeb-
liches innerhalb des modernen Geisteslebens getan war. Die ganze Art
und Weise, wie beobachtet worden ist, wie die Beobachtungen durch
Schlufifolgerungen verkniipft worden sind, wie dann das Ganze, Be-
obachten und in Schlufifolgerungen sich ergehen, in das Werk iiber
«Die Entstehung der Arten durch naturliche Zuchtwahl» gebracht wor-
den ist, das ist fur die moderne Vorstellungsart mustergiiltig. Man kann
sagen, aufierordentlich treu ist Charles Darwin in bezug auf sinnliche
Beobachtungen, und in einem ganz hervorragenden Mafte sucht er
innerhalb dessen, was er sinnlich beobachtet, Gesetze, welche die Be-
obachtungen miteinander verkniipfen. Er sucht so nach Gesetzen, wie
man das tut, wenn man alles das beriicksichtigt, was uns die Beob-
achtung selbst fur unseren Verstand lehrt. Er tut es so, wie man es zu
tun gewohnt wird, wenn man sich nicht durch allerlei Subjektives ver-
leiten lalk, iiber die Au£enwelt zu denken, sondern wenn man in der
Auftenwelt selber lernt fur sein Verstandes-Ich, flir die Art und Weise,
wie der Verstand, der Intellekt im Leben wirken soil.
Durch eine solche Art der Lebensbetrachtung kommt Darwin wirk-
lich in mustergultiger Weise darauf, eine Verbindung zu schaffen zwi-
schen den einfachsten, unvollkommensten Organismen und dem hoch-
sten Erdenorganismus, dem Menschen. Die ganze Reihe, vom ersten
bis zum letzten, wird in intellektualistisch-naturwissenschaftlicher Art
durchsichtig betrachtet. Aber es ist das Aufiermenschliche, was da be-
trachtet wird. Es ist dasjenige, worinnen weder das Wesen des Men-
schen selber schon beschlossen ist, noch auch dasjenige, was der Mensch
als seine Sehnsucht nach dem Ubersinnlichen erlebt.
Es ist aufierordentlich charakteristisch, wie Darwin bis an eine
Grenze gelangt, und besonders, wie er sich an dieser Grenze verhalt. Er
sagt namlich, nachdem er die ausgezeichneten Schlufifolgerungen in
seinem Buche angefiihrt hat: Warum sollte es dem gottlichen Schopfer-
wesen weniger gefallen haben, einmal eine kleine Anzahl verhaltnis-
mafiig unvollkommener Urformen des Organischen zu schaffen und
sie dann nach und nach in immer Vollkommenere umzuwandeln, oder
sich umwandeln zu lassen, als gleich im Beginne die ganze Fiille und
Mannigfaltigkeit der organischen Formen in die Welt hineinzuzaubern?
Was bedeutet ein solches Stehenbleiben an einer gewissen Grenze?
Es bedeutet, dafi man die intellektualistisch-naturalistischen Gedan-
ken in sich aufnimmt, sie so weit fuhrt, als ein inneres Gefiihl, eine
innere Empfindung einem das gestattet, und daft man dann an einer
gewissen Grenze stehenbleibt, nicht weiter griibelt, ob man eine Grenze
hat, oder ob man eventuell diese Grenze auch uberschreiten konne,
sondern wie selbstverstandlich an dieser Grenze stehenbleibt und an
dieser Grenze dasjenige aufnimmt, was von alten Zeiten traditionell
sich erhalten hat.
Man fuhrt also innerhalb des aufiermenschlichen Gebietes die mo-
derne intellektualistisch-naturalistische Forschungsweise durch, und an
der Grenze, zu der man da kommt, nimmt man das Traditionelle, das
alte Religionsbekenntnisse geben, herein. Diese Art der Weltbetrach-
tung ist auch nicht viel anders geworden in dem Werke, das dann Dar-
win hat nachfolgen lassen, und das den Titel tragt: «Die Abstammung
des Menschen». In bezug auf das eben Charakterisierte ist eigentlich
bei Darwin selbst nichts dazugekommen.
Nun ist das, was ich eben angefiihrt habe, nicht nur an sich cha-
rakteristisch, sondern es ist auch charakteristisch durch die Art, wie es
je nach den verschiedenen nationalen Gesichtspunkten mehr von den
westlichen, namentlich den anglo-amerikanischen Volkern aufgenom-
men wird und wie in Mitteleuropa. Man kann, wenn man das mo-
derne Dasein lebensvoll betrachten will, gerade auch in Beziehung auf
diese nationalen Nuancen viel lernen.
Man hat es in Deutschland gesehen, daft man dem Darwinismus
enthusiastisch entgegengekommen ist. Aber in zweierlei Art hat man
den Darwinismus aufgenommen. Da war erstens vor alien Dingen Ernst
Haeckel, der sich mit jugendlicher Begeisterung die ganze Anschau-
ungsweise Darwins angeeignet hat, aber aus der national-deutschen
Nuance heraus nicht in so selbstverstandlicher Weise an der Grenze
stehen blieb wie Darwin; der nicht haltmachte vor den traditionellen
Religionsbekenntnissen und von einem Schopfer sprechen wollte, der
einige unvollkommene Urformen geschaffen hat. Ernst Haeckel nahm
vielmehr dasjenige, was in so ausgezeichneter Weise fur das Aufter-
menschliche gilt, auf und konstruierte daraus auch eine neue Religion,
dehnte dasjenige, was sich als so pragnant erwiesen hat fur das aufter-
menschliche Gebiet, auch auf das Menschliche und Gottliche aus. Er
machte also nicht halt an der Grenze, sondern er iiberschritt diese
Grenze, aber mit denselben Mitteln, mit denen Darwin nur innerhalb
des auftermenschlichen Gebietes arbeiten wollte.
In einer anderen Weise hat Du Bois-Reymond den Darwinismus
aufgegriffen. Er sagte: Es ist so, daft man mit der naturalistisch-intel-
lektualistischen Denkweise nur innerhalb des auftermenschlichen Ge-
bietes stehen kann. Aber man mu8 da auch stehenbleiben. Er machte
nicht in einer selbstverstandlich gefuhlsmaftigen Weise halt, sondern
das Haltmachen selber machte er zur Theorie. Da wo, ich mochte
sagen, ein unbestimmtes Auslaufen da war bei Darwin, dahin setzte
Du Bois-Reymond ein aut-aut, ein Entweder-Oder, und er konstatierte
seinerseits: Ja, es ist so: wenn wir in die Auftenwelt hineinschauen, da
tritt uns die Materie entgegen. In das Wesen der Materie konnen wir
nicht eindringen - eine Grenze unseres Erkennens. Wenn wir in das
eigene Innere hineinschauen, da tritt uns das Bewufttsein entgegen.
Wir konnen mit der gewohnlichen naturalistisch-intellektualistischen
Anschauungsweise das Bewufttsein nicht erkennen - die andere Grenze.
Wir konnen also nicht zu einem Obersinnlichen aufsteigen. - Das macht
Du Bois-Reymond zu einer Theorie. Er sagt: Man miifite aufsteigen
zu dem Supranaturalismus. Allein, wo der Supranaturalismus anfangt,
hort Wissenschaft auf. Daher iiberlaftt er alles dasjenige, was iiber
das sinnliche Gebiet hinausgeht, den Religionen, spricht aber alldem,
wozu man da kommen kann, die Wissenschaftlichkeit ab und gestat-
tet es dem Menschen bloft, in freier, mystisch-phantastischer Weise,
oder auch durch Aufnahme desjenigen, was uns traditionell iiber-
kommen ist, sich sein Erkenntnisgebiet durch das Glaubensgebiet zu
erganzen.
Es ist uberhaupt der charakteristische Unterschied zwischen den
mitteleuropaischen Menschen und den westlandischen Menschen, daft
die westlandischen Menschen das allerdings mehr praktische Gebaren
haben, die Gedanken so zu fassen, daft sie in einer gewissen Weise ins
Unbestimmte auslaufen, wie das Leben selbst ins Unbestimmte auslauft.
In Mitteleuropa ist man mehr zu dem Unpraktischen, aber theoretisch
Konsequenteren veranlagt, die Gedanken bis zu dem Entweder-Oder
zu bringen. Und das sehen wir ganz besonders da, wo solche Lebens-
grundlagen sich geltend machen mit Bezug auf die hochsten Fragen
des menschlichen Daseins.
Nun aber liegt von Darwin noch ein drittes Buch vor, das dem, der
sich im Ernste mit Seelenfragen befafit, eigentlich viel bedeutungsvol-
ler erscheint als sowohl «Die Entstehung der Arten durch natiirliche
Zuchtwahl» wie auch «Die Abstammung des Menschen». Und das ist
das Werk iiber die Gemiitsbewegungen. Wenn man dieses Werk mit
seinen feinen Beobachtungen iiber den Ausdruck menschlicher See-
lenregungen, menschlicher Gemiitsbewegungen auf sich wirken lafit,
dann geht man eigentlich von diesem Werk sehr befriedigt fort, und
man sagt sich zuletzt: Durch dasjenige, was man sich durch dieBeobach-
tung, die im naturalistisch-intellektualistischen Sinne gehalten ist, her-
anschult, kommt man schon zu Fahigkeiten, die sehr geeignet sind, auch
das menschliche Seelen- und Geistesleben zu beobachten. Darwin kam
selbstverstandlich nur so weit, als ihm das durch seine Instinkte gege-
ben war. Aber gerade die Feinsinnigkeit dieser Beobachtung liefert den
Beweis, daft es jener Gewohnung, jener Schulung, die man sich aneignet
an den naturwissenschaftlichen und intellektualistischen Beobachtun-
gen, gelingt, auch in das Seelenleben einzudringen.
Und auf dieser Tatsache beruht nun die Hoffnung der anthropo-
sophischen Forschung. Diese anthroposophische Forschung mochte bei
keinem ihrer Schritte die streng exakte Schulung durch die moderne
naturalistisch-intellektualistische Denkungsart verleugnen. Aber sie
mochte zu gleicher Zeit zeigen, wie man diese Vorstellungsart weiter
ausbilden und dadurch dazu kommen kann, die Grenze, welche von
Darwin in mehr praktischer Weise statuiert, von Haeckel kiihnlichst
mit dem Naturalismus iiberschritten, von Du Bois-Reymond theore-
tisch festgelegt worden ist, in sachlich exakter Weise zu uberschrei-
ten und wie man in eine iibersinnliche Welt hineingelangen kann, damit
auf diese Weise eine wirkliche Menschenerkenntnis zustande kommt.
Der erste Schritt nun, der in dieser Beziehung gemacht wird, ist
nicht gleich auf dem Gebiet gelegen, das uns in den nachsten Tagen
vorzugsweise beschaftigen wird, sondern er ist bemiiht, von den ge-
wohnlichen modernen Vorstellungen und Empfindungen eine Briicke
zu schlagen zu der ubersinnlichen Erkenntnis. Und diese Briicke kann
geschlagen werden, wenn man bloft mit den Mitteln zunachst, die gar
nicht auf dem Gebiete iibersinnlicher Forschung liegen, sich klarmacht,
worinnen das Wesen der naturalistisch-sensualistischen Ansicht von der
Welt eigentlich beruht.
Um von diesem Wesen sprechen zu konnen, mochte ich zweierlei
hypothetisch vor Ihre Seele hinstellen. Nehmen Sie einmal an, wir
wiichsen von Kindheit auf so heran, daft das ganze Gebiet des ma-
teriellen Daseins lichtvoll vor uns aufgeschlossen wird. Nehmen Sie an,
die Materie ware aufter uns nicht als etwas Dunkles gelegen, bis zu
dem unser Blick dringt, das wir aber nicht durchschauen konnen, son-
dern alles materielle Dasein ware fur den aufteren Blick und den kom-
binierenden Verstand restlos zu durchschauen, so daft wir uns durch
die blofie naturalistisch-intellektualistische Anschauung von der Welt
dazu bringen konnten, daft wir Gedanken haben von alledem, was in-
nerlichst die Materie ist. Nehmen wir also an, die Materie lage nicht
undurchsichtig vor uns, sondern ganz durchsichtig. Wir wiirden das,
was uns als Materielles im Mineral entgegentritt, wie ganz von in-
nerem Gedankenlicht durchdrungen, voll verstehen konnen. Wir wiir-
den dann aber auch alles das voll verstehen konnen, was uns zum Bei-
spiel als Mensch materiell vor Augen steht. Wir wiirden in dem Men-
schenwesen nicht ein unbestimmtes Materielles vor unserem sinnlichen
Auge haben, sondern w ir wiirden voll hineinschauen in das ganz durch-
sichtige Menschenwesen, insofern es materiell ist.
Wenn Sie einen Augenblick hypothetisch annehmen, daft Ihnen
die Welt so entgegentritt, dann miissen Sie sich etwas hinwegdenken,
ohne das das Leben, in dem unser gewohnliches Bewufttsein sich ent-
wickelt, gar nicht gedacht werden kann, Sie miissen sich aus diesem
Leben alles dasjenige hinwegdenken, was wir mit dem Worte Liebe
umfassen. Denn worauf beruht die Liebe, die wir zu einem anderen
Menschen, auch nur in allgemeiner Menschenliebe vielleicht, oder zu
noch anderen Wesen in der Welt haben? Sie beruht darauf, daft wir
zunachst noch mit anderen Kraften, als den durchsichtig machenden
Gedanken, uns dem anderen Menschen, dem anderen Wesen gegen-
iiberstellen. Wenn in demselben Augenblicke, wo wir uns dem anderen
Wesen gegenuberstellen, sogleich der abstrakte, helle Gedanke auf-
leuchten wiirde, der uns dieses Wesen voll durchsichtig machte - jede
Liebe erstiirbe schon in ihrem allerersten Keime; wir konnten nicht
lieben. Sie brauchen sich nur zu erinnern, wie fiir das gewohnliche Le-
ben die Liebe aufhort, wenn der abstrakte Gedanke in seiner Hellig-
keit beginnt. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, wie berechtigt es
ist, von der Kalte der abstrakten Gedankenwelt zu sprechen, wie alle in-
nere Warme aufhort, wenn wir uns dem Gedanken nahern. So wiirde
diese Warme, die in der Liebe sich offenbart, gar nicht entstehen kon-
nen, wenn wir dem aufieren materiellen Leben mit vollem intellektua-
listischen Verstandnisse gegeniiberstehen konnten. Es ware also die
Liebe ausgeloscht aus unserer Welt.
Und jetzt nehmen Sie fiir einen Augenblick hypothetisch an, dafi
Sie ganz hineinschauen konnten in das eigene menschliche Wesen, daft
Sie dann, wenn Sie den Blick von der Aufienwelt abwenden und ihn
zuruckwenden nach dem eigenen Inneren, gewissermaften die Krafte
und Stoffe des eigenen Inneren heraufleuchten sehen wiirden, so wie
Ihnen die Erscheinungen der Aufienwelt entgegenleuchten in den Far-
ben, entgegentonen in den Tonen. In dem Augenblicke, wo das der
Fall ware, wiirden Sie ja immer das eigene innere Wesen gegenwartig
haben konnen. Allein Sie miiftten sich wiederum etwas wegdenken,
ohne das das personliche menschliche Wesen in der gewohnlichen Welt
gar nicht bestehen konnte. Denn, was leuchtet Ihnen denn da in der
gewohnlichen Welt aus dem Inneren entgegen, wenn Sie diese Selbst-
schau suchen? Da leuchten Ihnen die erinnerungsgemafien Vorstellun-
gen an das entgegen, was sie in der Aufienwelt durchgemacht haben.
Da leuchtet Ihnen gar nicht das Wesen Ihres eigenen Inneren entgegen,
sondern die Spiegelbilder, die Erinnerungsbilder desjenigen, was aufie-
res Erlebnis ist, das leuchtet Ihnen entgegen.
Wenn Sie bedenken, daft ohne dieses Erinnerungsvermogen, ohne
dieses Gedachtnis das personliche Leben gar nicht moglich ware, dafi
Sie sich dieses Erinnerungsmaftige hinwegdenken muftten, wenn Sie die
voile Selbstschau hatten im gewohnlichen Leben, dann werden Sie sich
sagen: Hier kommen wir in einer Weise an eine hohere Grenze, die sich
einfach aus der Notwendigkeit der menschlichen Organisation heraus
erklart. - Eine Erkenntnis, welche das Wesen der Materie immer mehr
enthiillt hatte, setzte einen Menschen voraus, der liebelos ware. Eine
Erkenntnis, welche das innere Wesen fortwahrend enthiillen wiirde,
setzte einen Menschen voraus, der sein Erinnerungsvermogen nicht als
eine ureigene menschliche Fahigkeit ausgebildet hatte.
Und so gehen wir davon aus, zu erkennen, dafi fiir das gewohn-
liche Leben und gewohnliche Erkennen, das ja in diesem Leben stehen-
bleiben will, diese beiden Grenzen einfach durch die menschliche Na-
tur notwendig sind. Weil Liebe sein mufi fiir das soziale Aufienleben,
weil Erinnerung sein mull fiir das personliche Innenleben, miissen zwei
Grenzen des Erkennens da sein. Und die Frage ist nur diese, ob man
in der Lage sein kann, ein Gebiet zu betreten, welches uns zwar in die
iibersinnliche Welt hineinfuhrt, welches aber nicht das soziale und das
personliche Leben zerstort.
Anthroposophie hat den Mut, zu gestehen, daft man eben mit na-
turalistisch-intellektualistischer Erkenntnis nicht zum Obersinnlichen
kommt. Aber sie hat auch den Mut, danach zu fragen, ob es Mittel
gibt, welche mit ebensolcher Strenge, wie die intellektualistisch-natu-
ralistischen Mittel in die Sinnenwelt hineinfiihren, hinauffuhren in die
iibersinnliche Welt. Anthroposophie will den Mut haben, nicht zu sa-
gen: Wo Supranaturalismus anfangt, hort Wissenschaft auf -, sondern
sie will die Wege eroffnen, welche uns auf ebenso exakte Weise, wie
man durch naturalistische, intellektualistische Anschauungsweise in die
Sinneswelt eindringt, in die iibersinnliche Welt eindringen lassen. Da-
durch ist Anthroposophie in Wahrheit eine echte Fortsetzerin des mo-
dernen Weges, des ganzen modernen Lebens. Sie will nicht ein Rebell
sein, sie will gerade dasjenige geben, was dieses moderne Leben aus
seiner eigenen Grundlage heraus braucht, aber mit den eigenen Mitteln
sich nicht geben kann.
Dasjenige, was man an Ansicht gewinnen kann iiber das notwen-
dige Aufsteigen in eine iibersinnliche Welt aus solchen Betrachtungen
heraus, wie sie eben angestellt worden sind, kann aber nun erganzt
werden durch zwei andere, wie mir scheint, bedeutungsvolle Gesichts-
punkte, die sich aus dem modernen Leben heraus ergeben, und die
auch ein bedeutsames Schlaglicht gerade auf das Erziehungs- und Un-
terrichtswesen werfen.
Man mufi namlich sagen, daft die intellektualistisch-naturalistische
Denkweise des modernen Lebens, so sehr sie darnach strebt, lichtvolle
Klarheit in den Zusammenhang der sinnlichen Erscheinungen zu brin-
gen, doch auf der anderen Seite wiederum in viel Unbewufltes hinein-
fiihrt, das in diesem modernen Leben vorhanden ist. Ich mochte an
zwei Beispielen dieses Hineinsegeln in das Ungewisse, in das Instink-
tive des modernen Lebens veranschaulichen.
Man konnte ja sagen, wenn man in soicher Weise zu Darwin hin-
blickt, wie wir das eben getan haben: Nun ja, wenn es eben so sein
mufi, dafi man mit der sicheren Wissenschaftlichkeit stehenbleibt auf
dem physisch-sinnlichen Gebiete, und wenn man an das Obersinnliche
herankommen will, zu dem Traditionellen des Glaubens fortschreiten
mufi, dann miisse das eben hingenommen werden, dann konne man
eben nichts dagegen machen. Aber man miifke ja dann etwas hin-
nehmen, was ganz und gar nicht zum Heile der Menschheit ware. Der-
jenige, der mit ein wenig psychologischem Blick die Geschichte ver-
folgt, der findet namlich, daft in alten Zeiten die religiosen Vorstellun-
gen nicht als Glaubensvorstellungen gegolten haben, das sind sie erst
in der neueren Zeit geworden, sondern durchaus als Erkenntnis, die
ebenso wissenschaftlich genommen wurde, wie die Erkenntnis der
aufieren Sinneswelt. Nur die neuere Zeit hat das Wissen eingeschrankt
auf die Sinneswelt. Daher kommt es, dafi sie kein Wissen iiber die
ubersinnliche Welt erreicht; sie nahm das ubersinnliche Wissen in der
alten traditionellen Form heruber und erzeugte kein neues. Und aus der
Illusion, in der man in dieser Richtung lebt, entstand die Meinung, daft
man dem Ubersinnlichen gegeniiber uberhaupt nur zu Glaubensvor-
stellungen kommen kann. Aber wenn man die Art uberblickt, wie das
Ubersinnliche in den alten Religionen gelebt hat, dann sieht man zu-
gleich, dafi diese Art des inneren Erfassens des Ubersinnlichen eine
Starkung des Menschen bedeutet, daft im religiosen Leben erkenntnis-
mafiig drinnenstehen den Menschen innerlich bis ins Physische mit
Kraft durchtrankt; und man sieht, daft die moderne Zivilisation dem
Menschen diese Kraft, die aus dem Religiosen in der alten Art an den
Menschen herankam, nicht geben kann. Denn wenn das Religiose zur
Glaubensvorstellung herabgedampft wird, dann ist es keine starke
Kraft mehr, dann wirkt es nicht bis in das Physische hinein. Das wird
wohl instinktiv gefiihlt in der neueren Zeit, aber nicht in seiner ganzen
Bedeutung durchschaut. Und aus dem instinktiven Fuhlen dieser Sache
ist die Hinleitung der modernen Menschheit zu etwas entstanden, das
man instinktiv sucht, dessen Hineinstellen in die moderne Zivilisation
man eigentlich gar nicht versteht, und das ist alles dasjenige, was mit
dem Sport zusammenhangt.
Die Religion hat die innerliche Kraft, das Physische des Menschen
zu starken, verloren. Daher ist der Instinkt entstanden, auf aufterliche
Weise sich diese Kraft zuzufiihren. Und wie alles im Leben polarisch
wirkt, so haben wir hier die Tatsache, daft, was der Mensch auf dem
Gebiete der Religion verloren hat, er sich instinktiv auf auflerliche
Weise zufiihren will. Nun, ich will ganz sicher keine Philippika gegen
das Sportwesen halten, will gar nicht das Geringste gegen die Berech-
tigung des Sportwesens sagen, bin auch iiberzeugt davon, dafi es sich
schon in gesunder Weise weiterentwickeln wird. Aber es wird in der
Zukunft eine andere Stelle im Menschenleben einnehmen, wahrend es
heute ein Religionsersatz ist. Solche Dinge erscheinen einem paradox,
wenn sie heute ausgesprochen werden. Aber gerade die Wahrheit er-
scheint heute paradox, weil wir in so vieles in der modernen Zivilisation
hineingeraten sind.
Und ein anderes ist es noch, was als ein Charakteristisches auftritt
in der naturalistisch-intellektualistischen Zivilisation, das ist, daft sie
iiberall nicht ins Lebensvolle, sondern in Widerspruche hineinfiihrt, die
das Leben zerstoren. Der Intellektualismus verstrickt sich, kommt zu
allerlei Gedankennetzen, deren Verstricktheit, deren Verworrenheit,
deren chaotische Beschaffenheit er nicht durchschaut. Er wird einfach
nicht darauf aufmerksam.
So steht der moderne naturalistische Intellektualismus bewundernd
vor der Tatsache, dafi das Kind heute gewissermafien die Wiederholung
des wilden, barbarischen Zustandes der gesamten Menschheit ist. Die
Menschheit ist vorgeschritten aus alteren Zeiten zu den jetzigen, von
der Wildheit, der Barbarei zu der Zivilisation. Das Kind wiederholt
in seinem ganzen Wesen wiederum etwas von der Barbarei, von der
Wildheit. Der moderne naturalistische Denker sieht das Kind ja nur so
an: er sieht die Nase des Kindes an mit den etwas aufgestiilpten Nasen-
lochern, die Augenstellung - die Augen sind noch weiter auseinander
als im spateren Leben -, er sieht die Stirnbildung an mit ihrer eigen-
tumlichen Wolbung, die Mundbildung: alles erinnert ihn an den wil-
den, barbarischen Zustand. Das Kind ist ein Barbar, ein Wilder.
Aber auf der anderen Seite rumort in einem sehr eigenen Wider-
spruche mit dem eben Angefiihrten doch wiederum etwas Rousseausches
in dem modernen Zivilisationsmenschen. Er mochte den Menschen wie-
derum zu dem Naturgemafien in der physischen, in der moralischen
Erziehung bringen. Aber er steckt doch im Intellektualismus drinnen,
dieser moderne Mensch. Und dieser Intellektualismus, er fiihrt im Den-
ken zur Logik. Nun sieht der moderne Mensch viel Unlogisches in der
Erziehung, und er will nun die Logik in die Erziehung hineinbringen.
Er will die Erziehung logisch gestalten. Das greift nicht an gegenuber
dem Kindeswesen. Er findet es naturgema/5, dafi die Dinge logisch sich
entwickeln. Es greift nicht an beim Kindeswesen. Und doch, wenn er
in die barbarische Zeit, in die wilde Zeit zuriickblickt, deren Wieder-
holung sich im Kinde darstellen soil, dann kann man nicht sagen, daft
uns die Archaologen lehren, daft die Barbaren, die Wilden in unserem
Sinne besonders logisch denken.
Und so glaubt der moderne Mensch zum Naturgemaften zu kom-
men, indem er gerade etwas an das Kind heranbringen will, was das
Kind nicht haben kann, wenn es ein wirklicher Wilder, ein wirklicher
Barbar ist. Der Rousseauismus kommt in einen merkwurdigen Wider-
spruch mit dem Intellektualismus. Das Streben nach Natur laftt sich
nicht ganz anpassen der Richtung zum Intellektualismus. Und erst
wenn es zu der Willenserziehung kommt, dann findet sich der moderne
intellektualistische Denker erst recht nicht zurecht. Da findet er aus
seiner Denkweise heraus, der Mensch miisse vor alien Dingen nach
dem Niitzlichen streben. Das Kind schon miisse zum Niitzlichen er-
zogen werden. Und nicht miide wird dieser moderne intellektualistische
Denker, zu finden, daft die Menschen sich unbequeme Kleider anziehen,
die nicht niitzlich sind, daft sie sich allerlei Verrichtungen im Leben
hingeben, die nicht niitzlich sind. Er findet, man muE, um zum Natur-
gemaften zu kommen, das Niitzliche so recht heranerziehen. Insbeson-
dere die Madchenerziehung wird von den padagogischen Reformisten
gerade von diesem Gesichtspunkte aus ganz besonders getadelt.
Nun steht man aber wiederum vor dem Ratsel: die Wilden, die
Barbaren, die in den Kindern sich wiederholen sollen - haben die das
Nutzliche angestrebt? Ganz gewifi nicht. Der moderne intellektuelle
Denker sieht sich auf der einen Seite gedrangt, in den Vorstellungen
nach dem Logischen hinzustreben, nach der anderen Seite auf dem
Gebiete des Willens nach dem Niitzlichen. Und die Barbaren, die Wil-
den, deren Wiederholung doch die Kinder sein sollen, die haben, wie
uns die Archaologie lehrt, bei ihrem Denken wenig um Logik, wenig
um das Nutzliche gestrebt, das sie, soweit es nur allernotdurftigst fiir
sie war, aus den Instinkten heraus befriedigten.
Aber nach was haben sie gestrebt? Nach dem Schmuck. Die Klei-
dung ist nicht aus dem Befriedigen der Bediirfnisse des Menschen ent-
standen, sondern aus der Sehnsucht, sich zu schmiicken. Alles das, was
sich der Wilde anzieht, oder namentlich, was er sich nicht anzieht, was
er sich nur aufmalt auf den Korper, was ja ebenfalls gerade nicht zu
dem Niitzlichen gerechnet werden kann: alles das zeigt, dafi man nicht
von dem Logisch-Wahren oder dem Logisch-Richtigen, nicht von dem
Niitzlichen, sondern von dem Schmiickenden, von dem Schonen eigent-
lich in dem Sinne, wie es verstanden wird, ausgegangen ist.
Das sieht man im Grunde eigentlich auch bei den Kindern. Da
kommt man dann, wenn man einerseits intellektualistisch denkt, wo-
durch man zu dem Logisch-Richtigen und zu dem Lebensvoll-Nutz-
lichen gedrangt wird, und wenn man nun auf der anderen Seite rous-
seauisch fiihlt und zuriick will zur Natur, da kommt man in einen selt-
samen Widerspruch hinein. Man will eigentlich das dem Kind auf-
drangen, was man als Erwachsener in seinem Intellektualismus als das
Logische, Nutzliche, Richtige hat. Die Kinder, die streben aber tat-
sachlich, nur in einer anderen Weise als in der rousseauischen Weise
zuriick, namlich zu dem Schmiicken, zu dem, was fiir sie weder der
Ausdruck des Guten auf der einen Seite noch des Niitzlichen auf der
anderen Seite, sondern das Schone ist.
Wer das Unvollkommene und auch Widerspruchsvolle des moder-
nen Lebens in dieser Art durchschaut, der wird schon dazu getrieben
werden konnen, die Frage aufzuwerfen: Woran liegt denn eigentlich
dieses Unvollkommene und dieses Widerspruchsvolle? - Wenn wir
auf diese Frage unbefangen hinschauen, werden wir immer mehr und
mehr dazu getrieben, einzusehen, wie einseitig die intellektualistisch-
naturalistische Denkweise den Menschen selbst betrachten muE, Sie
betrachtet ja wirklich nicht den ganzen Menschen, das ganze Men-
schenleben, sondern nur eine Seite des menschlichen Lebens. Sie be-
trachtet namlich nur das wache Tagesleben und kommt nicht dazu,
einzusehen, daft das ganze menschliche Leben in der Tat ebenso das-
jenige umfafit, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen geschieht, wie
dasjenige, was vom Aufwachen bis zum Einschlafen geschieht. Man
kann ja allerdings sagen, die moderne intellektualistisch-naturalistische
Denkweise betrachte auch das Schlafesleben, und es gibt mancherlei
interessante Hypothesen iiber das Wesen des Schlafes, iiber das Wesen
des Traumes; aber das alles ist ja nur vom Gesichtspunkte des Wachen-
den erkannt.
Der Mensch, indem er wacht, erkennt ja nicht nur, er erlebt, er steht
im Dasein drinnen. Im Schlafleben steht der Mensch zunachst nicht
bewufit darinnen. Er kann es in der Perspektive betrachten, in der es
in das wache Leben hereinscheint; aber er kann nicht unmittelbar mit
dem gewohnlichen Bewufksein drinnenstehen. Eine vollige Lebensbe-
trachtung erfordert, dafi man nicht nur etwas abstrakt erkennt, son-
dern daft man in dem Erkannten voll darinnenstehen kann. Und so
steht man als moderner intellektualistischer Denker vor dem Schlafes-
leben, dafi einem, wenn man unbefangen und serios genug dazu ist,
allerdings viel Verwunderungswurdiges und Erstaunenerregendes aus
diesem Schlafesleben entgegenleuchtet, dafi man aber iiber das Erstau-
nen und die Verwunderung nicht in der Art hinauskommt, wie es die
griechische Philosophic zum Beispiel fur eine Lebensanschauung iiber-
haupt gefordert hat. Alles in der Lebensanschauung, so sagte die grie-
chische Philosophic, beginnt mit der Verwunderung iiber die Welt, mit
dem Erstaunen iiber die Tatsachen, die einem entgegentreten. Aber es
muft dann eben weitergehen. Man mufi vorschreiten von Verwunde-
rung und Erstaunen zum Erkennen.
Das kann zunachst der moderne Mensch mit seinen Mitteln gegen-
iiber dem Schlafes- und Traumleben nicht. Und der erste Schritt, der
in die ubersinnliche Welt hinein gemacht werden soil, darf nicht darin-
nen bestehen, daft man gleich die ubersinnliche Erkenntnis selbst an-
strebt, sondern daft man eben eine Briicke baut von der gewohnlichen
sinnlich-physischen Erkenntnis hinuber zu der iibersinnlichen Erkennt-
nis. Das kann dadurch erreicht werden, daft man die Schulung, die man
sich durch die Beobachtung der sinnlich-physischen Welt angeeignet
hat, lebensvoll ausdehnt iiber dasjenige, was aus Schlaf und Traum in
das gewohnliche Leben hereinragt. Beobachten kann allerdings der
moderne Mensch; aber das Beobachten allein macht es nicht aus, son-
dern es kommt darauf an, daft man nach gewissen Richtungen hin
beobachtet, wenn sich einem das Wesen der Dinge ergeben soil. Es
kommt auf das an, wie man beobachtet.
Einige Beispiele sollen Ihnen zeigen, wie man die Beobachtung ver-
anlagen soil gegenuber dieser anderen Seite des Lebens, die in das Tag-
leben hereinragt, die aber nicht von demselben Gesichtspunkte aus ge-
wohnlich beobachtet wird wie das gewohnliche, wache Alltagsleben.
Es gibt Menschen, die nehmen den Unterschied zwischen dem wa-
chen Alltagsleben und dem Schlafleben allerdings wahr, aber nur in
einer ganz beschrankten Weise. Aber man kann doch sagen, in man-
chem naiven Gemiite ist ein Bewufttsein vorhanden, daft der Mensch
etwas anderes ist im wachen Tagesleben als im Schlafleben. Deshalb
sagen solche naiven Gemiiter oftmals, wenn man ihnen die Wertlosig-
keit zum Beispiel des Schlafes darlegen will, daft es faul sei, trage vom
Menschen, wenn er zuviel verschlaft: Solange man schlaf t, siindigt
man nicht, man ist da kein siindiger Mensch. - Und damit wollen sie
ausdriicken, daft der Mensch das, was er vom Aufwachen bis zum Ein-
schlafen ist, ein siindiges Wesen, radikal nicht ist vom Einschlafen bis
zum Aufwachen. Es liegt ein sehr guter Instinkt in dieser naiven An-
schauung drinnen.
Aber dasjenige, was eigentlich auf diesem Gebiete vorliegt, wird
man doch nur kennenlernen, wenn man die Beobachtung in entspre-
chender Weise ausbildet. Und da mochte ich zum Beispiel das Folgende
sagen: Es wird gewift einige unter Ihnen geben, vielleicht sind es alle,
die Traume von der Art gehabt haben, welche ihrem Inhalte nach
deutlich Reminiszenzen des aufierlich physisch-sinnlichen Lebens dar-
stellen. Man kann zum Beispiel traumen, man werde an einen Flufl ge-
fiihrt, man miisse hiniiber iiber diesen Fluft. Man sucht sich im Traume
ein Boot. Man hat die ganze Miihe des Bootsuchens im Traume. Dann
hat man das Boot gefunden - man kann das alles traumen man mufi
sich nun anstrengen, jeden einzelnen Ruderschlag zu machen. Man
fiihlt wahrend des Traumens die Anstrengung, die man mit den Ruder-
schlagen macht, und endlich kommt man mit aller Miihe hiniiber, wie
man es im Alltagsleben etwa auch tun wiirde.
Viele solcher Traume sind vorhanden. Sie stellen sich als Traume
dar, die wenigstens ihrem Inhalte nach klare Reminiszenzen des phy-
sisch-sinnlichen Lebens sind. Andere Traume stellen sich nicht als sol-
che Reminiszenzen des physisch-sinnlichen Lebens dar. Auch solche
Traume werden Sie kennen. Es kann zum Beispiel jemand traumen, er
werde an einen Fluft gefiihrt, er soil hiniiber; er iiberlegt sich das im
Traume, kurz und gut, er breitet seine Fliigel aus, fliegt hiniiber und
kommt am anderen Ufer an. Man kann nicht sagen, dafi das eine Re-
miniszenz aus dem physisch-sinnlichen Leben ist, denn so viel mir be-
kannt ist, pflegen die allermeisten Menschen nicht auf diese Art im
physisch-sinnlichen Leben einen Fluft zu iibersetzen; wir haben es also
da im Traum mit etwas zu tun, was der Mensch im physisch-sinnlichen
Leben wirklich nicht ausfiihrt.
Nun tritt aber etwas sehr Eigentiimliches ein, das einem erst auf-
fallt, wenn man den Zusammenhang wirklich betrachtet zwischen dem
Schlafesleben, dem Traumesleben und dem aufierlich sinnlich-wirk-
lichen Leben im Wachzustande. Wer auf diesem Gebiete exakt beob-
achtet, wiirde namlich das Folgende sehen. Er wiirde wahrnehmen,
wenn er einen solchen Traum oder solche Traume gehabt hat, die ihm
all die Plackerei und Miihen des Alltagslebens im Traume auferlegen,
die Reminiszenzen des physisch-sinnlichen Lebens sind, daft er ermii-
det aufwacht. Die Glieder sind schwer, wenn er aufwacht, und er bleibt
den ganzen Tag in dieser ermiideten Stimmung. Man wacht also so auf
aus einem Traume, der der sinnlich-physischen Wirklichkeit nachge-
bildet ist, daft man im Alltagsleben, im Wachleben, geschwacht ist. Be-
obachten Sie, wie ein Traum wirkt, der nicht eine Reminiszenz des phy-
sisch-sinnlichen Lebens ist: wenn Sie einmal geflogen sind, so mit rech-
ter Begeisterung, mit Leichtigkeit geflogen sind im Traume, kurz und
gut mit Ihren Fliigeln, die Sie ja im physischen Leben gar nicht haben,
einen Flufi iibersetzt haben, wachen Sie frisch und munter auf, Ihre
Glieder sind leicht. Solche Unterschiede in der Wirkung des Traumes-
lebens und des Wachlebens raufi man exakt beobachten, wie man sonst
gewohnt ist, in der Mathematik oder Physik zu beobachten. Wiirde
man da nicht exakt beobachten, kame man auch nicht zu Resultaten.
Aber in dieser Weise stellt man eben auf den besprochenen Gebieten die
Beobachtungen nicht an; daher kommt man eben auch nicht zu Ergeb-
nissen, die einen befriedigen konnen, noch zu Impulsen fur ein weiter-
gehendes Erkennen und Leben.
Und es ist nicht etwa so, dafi man nur einzelne Aperc,us hinstellen
kann, die dann das, was ich eben angedeutet habe, scheinbar bestatigen,
sondern je weiter man auf die Tatsachen eingeht, desto mehr zeigt sich,
dafi ein solcher Zusammenhang, den man ja ahnen kann, zwischen dem,
was vorgeht im Schlafesleben und dem wachen Leben, besteht. Es gibt
ja Traume, die verlaufen zum Beispie! so, dafi man recht sympathische
Speisen vor sich hat und im Traume ilk, mit riesigem Appetit und viel.
Sie werden nun in der Regel wahrnehmen, wenn Sie im Traume geges-
sen haben, daft Sie appetitlos aufwachen, dafi Sie irgendwie einen ver-
dorbenen Magen haben, dafi Sie den ganzen Tag nicht recht essen kon-
nen. Haben Sie aber im Traume mit einem Engel gesprochen, und ha-
ben Sie sich so recht hineinversetzt in diese Sprache mit dem Engel,
dann werden Sie sehen, dafi das in aufierordentlich anregender Weise
auf ihren Appetit wahrend des Tages wirkt. Ich brauche wohl nicht
ausdriicklich zu sagen, oder etwa sogar einen exakten Beweis zu liefern,
dafi das Essen im Traume eine Reminiszenz an das physisch-sinnliche
Leben ist, denn in der iibersinnlichen Welt ifit man und trinkt man
nicht. Das werden Sie mir wohl auch ohne Beweise zugeben. Es ist also,
wenn man im Traume ifit und trinkt, der Trauminhalt Reminiszenz
an das physisch-sinnliche Leben, und es ist, wenn man mit einem Engel
spricht - das kommt ja auch fur die wenigsten Menschen im physisch-
sinnlichen Leben vor -, ein Ereignis, das seinem Inhalte noch nicht eine
Reminiszenz aus dem physisch-sinnlichen Leben sein kann.
Schon wenn man mehr abstrakt denkt, sieht man daraus, dafi mit
dem Menschen irgend etwas zunachst ganz Unbekanntes vorgeht zwi-
schen dem Einschlafen und Aufwachen, was heriiberspielt in das wache
Gebiet, in das Leben zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Und
man kann nicht sagen, dafi man nicht eigentlich ganz differenzierte
Vorstellungen auf diesem Gebiete gewinnen konnte. Denn es ist doch
etwas ganz Differenziertes, wenn man sagen mufi: Traumen wir von
dem, was im physisch-sinnlichen Leben die Wirklichkeit ist, wird der
Traum zu dem, was eine Zeitlang die naturalistischen Dichter oder
naturalistischen Kiinstler anstrebten, die nur immer das Leben nach-
ahmen wollten, die nicht irgend etwas aus dem Obersinnlichen heraus
in das Leben hineinstellen wollten -, wird der Traum solch ein Natura-
list, dann wirkt er auf das wache Leben ungesund ein. Er wirkt Krank-
heit erzeugend. Wenn man also das gewohnliche Sinnesleben im Traume
heraustragt in den Schlaf hinein, so wirkt es krankmachend, ungesund
zuriick. Und auf der anderen Seite, wenn man dasjenige, was nicht real
ist in der physisch-sinnlichen Welt, was der steife Philister fiir Phan-
tastisches halt, fiir ein Mystisches, fiir ein Zeug, das ein verniinftiger
Mensch, ein richtiger Intellektualist nicht geistig auffassen mochte,
wenn es im Traume auftritt, so ist es gerade dasjenige, was einen dann
munter, frisch und gesund macht. - So kann man ein eigentiimliches
Hereinspielen desjenigen beobachten, was zwischen dem Einschlafen
und Aufwachen mit dem Menschen vorgeht, in das gewohnliche wache
Leben.
Und da die Dinge differenziert sind, so kann man schon sagen: es
mufi etwas mit dem Menschen geschehen, was unabhangig ist von der
Leiblichkeit, denn es driickt sich in seiner Wirkung in der Leiblichkeit
aus, wahrend der Mensch schlaft. Und der Traum ist dasjenige, was
zunachst fiir das gewohnliche Bewufttsein zur Verwunderung und zum
Erstaunen hereinspielt, dasjenige, was da der Mensch in einem aufier-
gewohnlichen Zustande fiir sein gewohnliches Bewulksein nicht erlebt,
sondern unbewulk durchmacht. Je mehr Sie versuchen werden, Bei-
spiele zu sammeln, desto mehr werden Sie finden, dafi in der Tat ein
solcher realer Zusammenhang zwischen dem Wach- und Schlafleben
existiert.
Aber sehen Sie sich jetzt den Traum einmal an. Er unterscheidet
sich ganz wesentlich von dem Seeleninhalte des wachen Tageslebens.
Dem wachen Tagesleben stehen wir so gegeniiber, daft wir durch un-
seren Willen Vorstellung mit Vorstellung verbinden, Vorstellung von
Vorstellung trennen. Das alles konnen wir im Traume nicht. Das Bild
des Traumes webt sich, wie sich objektive Erscheinungen weben, ohne
unseren Willen. Die Aktivitat der Seele, die im wachen Tagesleben sich
betatigt, ist herabgelahmt, sie geht in eine Passivitat iiber gegeniiber
dem Traum.
Und wenn wir dann den Traum von einem ganz besonderen Ge-
sichtspunkte aus studieren, wird er wiederum ein merkwiirdiger Ver-
rater geheimer Seiten unseres Menschenwesens. Beobachten Sie nur,
wie Sie manchmal einem Menschen im Leben gegeniiberstehen, den
Sie beurteilen, nun, aus den Rucksichten des Lebens heraus. Sie ge-
statten sich nicht, Ihre ganze voile Innerlichkeit in dieses Urteil ein-
fliefien zu lassen. Sie urteilen so, dafi Sie noch immer darauf Riicksicht
nehmen, daft der Betreffende zum Beispiel einen Titel hat, daft der-
jenige, der einen solchen Titel hat, gewohnlich in einer gewissen Art
angesehen werden mufi, oder daft er sonst irgendwie im gesellschaft-
lichen Leben drinnensteht, kurz, Sie kommen zu einem gewissen Urteil
im wachen Tagesleben. Im Schlafesleben passiert Ihnen zuweilen aber
das Folgende: Sie sehen sich diesem Menschen gegeniiber und fangen
an, ihn tiichtig durchzupriigeln, was von dem Urteil abweicht, das Sie
im wachen Tagesleben ausgebildet haben, was Sie aber hinweist auf
tiefer in Ihnen liegende Sympathien und Antipathien, die Sie sich im
wachen Tagesleben nicht gestatten und die der Traum im Bilde vor
Ihre Seele zaubert. Also etwas, was der Mensch sich nicht gesteht im
wachen Tagesleben, was er aber in sich tragt, das wird in bildhafter
Weise durch unterbewufite Imagination durch das Traumesleben vor
die Seele hingestellt. Das ist noch verhaltnismaftig leichter zu beachten.
Aber wiirde man auf der anderen Seite auf manches, was im wachen
Tagesleben an Verstimmungen, an Launen oder auch an einer uner-
klarlichen Munterkeit, die aus den Erscheinungen des Lebens heraus
nicht zu verstehen sind, eingehen, so wiirde man finden, wenn man die
Traume nicht vergessen hatte, die da waren: sie haben einen entweder
zu dieser Verstimmung oder zu dieser Munterkeit gebracht; ins Unbe-
wufke, ins Stimmungsgemafie schiebt sich dasjenige hinein, was vom
Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt wird und was der Traum ent-
hiillen kann. Man kann iiberhaupt das Leben in seiner Totalitat nicht
verstehen, wenn man diese andere Seite des Lebens, die zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen verlauft, nicht in exakter Weise in Rech-
nung zieht.
Aber das alles verlauft ja ohne das menschliche Zutun. Man kann
nun aber auch dasjenige, was da auf unbewufke Weise unwillkurlich
verlauft, zu einer vollbewufiten Tatigkeit erheben, zu einer so vollbe-
wuftten Tatigkeit, wie nur die Tatigkeit ist zum Beispiel im Mathema-
tisieren, im wissenschaftlichen Forschen. Und wenn man das tut, steigt
man auf von dem Unbestimmten, das man anschauen kann, wenn man
das Schlafesleben auf das wache Leben bezieht, zu dem, was einem
dann an bewufk ausgebildeter Imagination, Inspiration und Intuition
entgegentreten kann.
Durch diese aber wird dann erst wahre Menschenerkenntnis mog-
lich. Dasjenige, worauf also, ich mochte sagen, die Welt stammelnd
hindeutet, indem sie uns das Schlafesleben vorfuhrt, das wird in be-
wufiter Weise in den Methoden ausgebildet, welche zu einer wirklichen
Welt- und Menschenerkenntnis durch Anthroposophie angestrebt wer-
den.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 26. Dezember 1921
Bei alien gegenwartigen Betrachtungen, die ja dann ihren Ausdruck
auf dem Erkenntnisgebiete und auch in der Lebenspraxis durch die
intellektualistisch-naturalistische Welterklarung finden, legt man ei-
gentlich eine Beobachtung desjenigen zugrunde, was dem Menschen
im gegenwartigen Augenblicke vorliegt. Aus Auflerlichkeiten konnte
das anders erscheinen. Allein im weiteren Verlaufe dieser Darstellun-
gen wird schon ersichtlich sein, daft es sich da eben doch um Aufter-
lichkeiten handelt. Wir untersuchen den Menschen seiner Organisation
nach durch die gewohnliche Methode der Biologie, der Physiologie, der
Anatomie, und wir machen uns da eigentlich immer mit demjenigen
zu tun, was uns der gegenwartige Augenblick bedeutet. Allerdings, es
sieht zunachst anders aus. Wir untersuchen zum Beispiel die Lunge
eines Kindes, die Lunge eines reifen Menschen, die Lunge eines Greises
und stellen den augenblicklichen Befund fest. Dann ziehen wir unsere
Schluflfolgerungen fur den menschlichen Lebenslauf . Aus den Verande-
rungen der Lunge von der Kindheit bis zur Greisenhaftigkeit schlie-
fien wir etwas iiber die menschliche Entwickelung. Aber dasjenige,
was wir da fur den eigentlichen Verlauf tun, ist nicht ein Hineinleben
in den zeitlichen Verlauf, sondern es ist doch ein Stehenbleiben bei dem
Raumlichen, und den zeitlichen Verlauf schlieflen wir nur aus den
raumlichen Veranderungen. Wir machen es ja so, wie wir es etwa bei
unserer Beobachtung der Uhr machen. Wir beobachten die Uhr, sagen
wir am Morgen, in ihrer Zeigerstellung und orientieren uns aus einem
Raumlichen iiber die Zeit. Wir beobachten die Uhr dann am Mittag,
orientieren uns wiederum aus einem Raumlichen iiber die Zeit. Wir
schlieften vom Raumlichen auf die Zeit. Diese Art, sich ins Leben hin-
einzustellen, ist iiberhaupt unsere gewohnliche geworden. Wir beob-
achten den Augenblick, den wir erleben. Wir erleben ihn an dem Raum-
lichen. Aber nicht in der gleichen Weise erleben wir das innere Werden
der Zeit. Nur dadurch kann man das Wesen des menschlichen Lebens-
laufes zwischen Geburt und Tod richtig beurteilen, dafi man sich eben-
so lebendig in die Zeit versetzen kann, wie wir es gewohnt worden sind,
uns in den Raum zu versetzen. Ich will das durch einige Beispiele erlau-
tern, gerade mit Bezug auf das Menschenleben, was ich soeben theore-
tisch ausgesprochen habe. Denn gerade fur denjenigen, der Erziehungs-
und Unterrichtskunst iiben will, ist dieses Sich-Einleben in den zeit-
lichen Verlauf von ganz besonderer Wichtigkeit. Das sieht man aus
solchen Beispielen.
Man nehme an, ein Kind entwickle eine ganz besondere Ehrfurcht
fur Erwachsene. Ein gesundes Empfinden wird gerade das beim Kind
als etwas Gesundes ansehen, was eben das Kind zu einer solchen selbst-
verstandlichen Ehrfurcht vor dem Erwachsenen fiihrt, wenn diese Ehr-
furcht durch die Eigenschaft des Erwachsenen berechtigt ist, und das
soil ja so sein. Wir werden davon in den weiteren Vortragen gerade im
Sinne einer Erziehungs- und Unterrichtskunst zu sprechen haben. Jetzt
will ich das nur als Beispiel anfiihren.
Nun beschrankt man sich gewohnlich darauf, dafi man sagt: Es gibt
Kinder, die entwickeln eine solche Ehrfurcht. - Man schreibt das ge-
wissen Eigentumlichkeiten gewisser kindlicher Wesen zu, und man be-
gniigt sich mit dem Augenblick. Man gelangt niemals zu einer Erkennt-
nis der ganzen Bedeutung dieser Ehrfurcht, wenn man nicht das ganze
menschliche Leben betrachtet. Man wird dann allmahlich in die Lage
kommen, den oder jenen Menschen in einem spaten, vielleicht sehr
spaten Lebensalter zu beobachten, und man wird finden, dafi es Men-
schen gibt, welche die Eigentumlichkeit haben, in selbstverstandlicher
Art andere, die einen Trost brauchen, zu trosten, anderen, die eine
Erbauung brauchen aus der Not des Lebens heraus, eine solche Er-
bauung zu geben. Oftmals ist es wahrhaftig nicht einmal der Inhalt
desjenigen, was solche trostenden, erhebenden Menschen sagen; es
liegt im Timbre, im Klang der Stimme; es ist die Art und Weise,
wie sie sprechen. Geht man dann im Lebenslaufe solcher Menschen
auf das Kindesalter zuriick, dann findet man: das sind Menschen,
die in ihrem Kindesalter ganz besonders der Ehrfurcht beflissen wa-
ren, der Hochachtung vor dem Erwachsenen. Dieses ehrfiirchtige
Sich-Verhalten zu den Erwachsenen, das verschwindet dann im
Laufe der Zeit, lebt in den Untergrunden des Lebenslaufes und tritt
im reifen Alter in der Gabe, Erbauung, Erhebung zu bieten, wie-
derum auf.
Man kann das in einer gewissen Weise Geschilderte auch in der
folgenden Art aussprechen. Man kann sagen: Wenn ein Kind so richtig
aus dem Inneren heraus hat beten lernen, die Betstimmung hat ent-
wickeln lernen, so geht diese Betstimmung in der angedeuteten Weise
wahrend des mittleren Stadiums des Lebens in die Untergriinde des
Lebens hinein und kommt in sehr spaten Lebensaltern wieder heraus
und auftert sich dann als eine gewisse Gabe des Segnens, die von an-
deren Menschen empfunden wird. Aber gerade bei solchen Menschen,
deren Dasein im spateren Alter segnend wirkt fur den Mitmenschen,
wird man wiederum finden: sie haben die betende Stimmung in ihrer
Kindheit zu eigen gehabt. - Solche Dinge findet man nur, wenn man
ebenso mit der Zeit leben lernt, wie wir das mit dem Raume gewohnt
geworden sind. Und es mufi schon ein Wissen geben, das in der Zeit
ebenso lebt wie im Raume, namlich unmittelbar, nicht durch Schlufi-
folgerungen aus dem Raumlichen, wie wir es mit der Uhr machen.
Das, was ich Ihnen da, ich mochte sagen, fur das moralisch-inner-
liche Leben durch ein paar Beispiele veranschaulicht habe, das mufi
aber, wenn es zu einer wirklichen Erziehungs- und Unterrichtskunst
kommen soil, schon in den Anfangen der allgemeinen Menschenbe-
trachtung durchaus auch angewendet werden. Und das kann in der
folgenden Weise geschehen.
Wenn wir den Menschen, wie er uns als Ganzes im Leben entgegen-
tritt, mit dem Tiere vergleichen, dann finden wir, daft das Tier, ins-
besondere das hohere Tier, gleich so geboren wird, dafi es die ihm im
Leben notwendigen Geschicklichkeiten besitzt. Das auskriechende
Hiihnchen ist schon ganz seiner Umgebung angepafk, braucht nicht
mehr zu lernen; seine Organe besitzen eine so feststehende Plastizitat,
wie das betreffende Tier nach seiner besonderen Art sie eben notig hat.
Das ist beim Menschen ja nicht der Fall. Der Mensch wird hilflos ge-
boren, er mull erst durch die Auftenwelt seine besondere Geschick-
lichkeit auf gewissen Gebieten erwerben. Das verdankt der Mensch
dem Umstande, daft das Wichtigste in seinem irdischen Lebenslaufe
eine mittlere Etappe ist zwischen der Kindheit und dem Greisenalter
im weiteren Sinne. Diese mittlere Etappe, diese Zeit der Reife ist fur
das Leben des Menschen auf der Erde hier das Allerwichtigste. Da
paftt er seine Organisation durch Erwerbung der Geschicklichkeit dem
aufteren Leben an. Da tritt er mit der aufteren Welt in erfahrungs-
gemafte Beziehung. Diese mittlere Etappe, in der die Organe noch ihre
labile Plastizitat haben, fehlt eigentlich dem Tier vollstandig. Das Tier
wird schon so in das Leben hineingeboren, wie wir Menschen im Grunde
erst als Greise werden, wo unsere Formen fest werden, wo unseren
Formen eine feststehende Plastizitat eigen ist. Will man die Animalitat
verstehen in ihrer Beziehung zur Welt, so versteht man sie eigentlich
nur richtig, wenn man sie mit der menschlichen Greisenhaftigkeit ver-
gleicht.
Es kann aber dann die Frage auftauchen: Auftert sich nicht das
Tier auch in seinen seelischen Eigenschaften sogleich in Greisenhaftig-
keit? - Das ist nicht der Fall, weil ein anderer Pol noch da ist im Tiere,
der diesem Greisigen entgegenwirkt, und das ist die Fortpflanzungs-
fahigkeit. Die Fortpflanzungsfahigkeit ist zugleich fiir den Menschen,
der sie tragt oder fiir das Wesen, das sie tragt, ein Verjiingendes. Und
indem das Tier auf der einen Seite die Greisenhaftigkeit entwickelt, auf
der anderen Seite aber in diese Greisenhaftigkeit die Fortpflanzungs-
fahigkeit hineinflieftt, bleibt es in einer gewissen Weise doch bewahrt
vor dem zu friihen Ergreisen, bis es fortpflanzungsfahig wird.
Konnen Sie aber ein Tier oder eine Tierart unbefangen betrachten,
dann werden Sie sich sagen: in dem Momente, wo das Tier bei der
Fahigkeit anlangt, Nachkommenschaft zu erzeugen, ist es eigentlich
schon in die Greisenhaftigkeit hineingekommen. Das ist gerade das
Eigentiimliche beim Menschen, daft sowohl Greisenhaftigkeit wie Kind-
haftigkeit - denn wahrend der Kindhaftigkeit entwickelt sich langsam
die Fortpflanzungsfahigkeit -an die Enden des Lebens gestellt sind, und
in der Mitte die organisch-plastische Etappe drinnen liegt, die sich
durch die Beziehung mit der Auftenwelt an diese Auftenwelt anpassen
kann. Und man kann es in einem gewissen Sinne das Normale des Men-
schenlebens nennen, daft diese mittlere Etappe in der richtigen Weise
bei dem Menschen vorhanden ist. Dann werden gewissermaften in der
richtigen Zeit die Menschen Kinder sein, aufhoren in der richtigen
Zeit, Kinder zu sein, ins Reifealter eintreten, und sie werden audi in
der richtigen Zeit aus dem Reifealter in das Greisenalter eintreten.
Wenn man diesen ganzen Lebensweg des Menschen mit einem Sich-
Hineinversetzen in das Zeitliche betrachtet, dann kommt man gerade
von da aus auch zu der Betrachtung der Abnormitaten. Man kann nam-
lich bei gewissen menschlichen Individuen sehen, wie sie es, wenn ich so
sagen darf, nicht verstehen, die Greisenhaftigkeit lange genug zuriick-
zuhalten. Ich denke jetzt gar nicht an diejenige Greisenhaftigkeit, die
gleich graue Haare oder friihzeitig kahlen Schadel bekommt, diese
Greisenhaftigkeit meine ich nicht, denn man kann lange, wenn man
einen kahlen Schadel bekommen hat, noch ein Kindskopf geblieben
sein, aber ich meine diejenige Greisenhaftigkeit, die sich mehr inner-
lich, organisch aufiert, und die auch nur einer inneren Lebensbeob-
achtung, einer intimen Lebensbeobachtung gegeniiber sichtbar wird:
die seelische, wenn wir sie so nennen diirfen, Greisenhaftigkeit, die dann
in das Leben hereinspielt, wenn dieses Leben au£erlich durchaus in der
plastischen Etappe ist.
Es kann aber auch das Umgekehrte eintreten: der Mensch kann in
seinem Lebenslauf nicht in der rechten Zeit die Kindhaftigkeit verlas-
sen. Dann spielt die Kindhaftigkeit in das mittlere Lebensalter hinein;
dann tragt er dasjenige, was er eigentlich nur innerlich-seelisch als Kind
haben sollte, in das mittlere Alter hinein. Und durch dieses entsteht im
menschlichen Lebenslaufe ganz besonders Eigentiimliches, das wir
heute skizzenhaft zu betrachten haben werden.
Betrachtet man das menschliche Leben von diesem Gesichtspunkie
aus in seinem zeitlichen Verlaufe, so kann man von dem sogenannten
normalen Menschenleben zu den verschiedenen Abnormitaten dieses
Menschenlebens kommen. Indem wir als Mensch der Greisenhaftigkeit
entgegengehen, verliert ja insbesondere unsere Kopf-, unsere Hauptes-
organisation die innere Beweglichkeit, die bewegliche Plastik. Wir
werden steifer, unplastischer in bezug auf die Hauptesorganisation,
wenn es gegen das Lebensende zugeht. Und alle diejenigen Fahigkeiten,
die wir uns im Leben erworben haben, werden im Greisenalter seeli-
scher, geistiger. Aber das geschieht auf Kosten einer Animalisierung
unserer Hauptesorganisation. Wir werden physisch so, wie das Tier
vom Anfange an ist. Wir werden gewissermaflen animalisiert. Dadurch
erkaufen wir uns dasjenige, was wir, wenn die Erziehung richtig ist,
vielleicht fiir das ganze Leben noch haben konnen an geistig-seelischem
Zusammenhang mit dem Leben, wir erkaufen uns das dadurch, dafi in
diesem spateren Lebensalter gewissermaften das, was wir geistig-see-
lisch mit der Welt erleben, nicht mehr so recht in unsere Organisation
hineingeht. Der Schadel ist zu steif, plastisch zu fest geworden. Wir
hantieren in dem Greisenalter daher mehr mit dem, was uns seelisch-
geistig mit der Aufienwelt verbindet. Wir nehmen nicht mehr in gleich
starkem Mafie wie friiher dasjenige, was wir an der Aufienwelt erfah-
ren, in unsere Innerlichkeit hinein. Eine Animalisierung unserer oberen
Organisation tritt ein.
Diese Animalisierung unserer oberen Organisation, die kann nun
tatsachlich deplaciert schon in dem friihen Reifealter eintreten, in der
innerlichen Weise, wie ich das auseinandergesetzt habe. Weil aber der
Mensch selbstverstandlich noch immer Mensch bleibt, also auch, wenn
er gewissermafien seiner Kopforganisation nach animalisiert ist, doch
Mensch ist, so tritt uns das, was hier in Betracht kommt, nicht in aufter-
lichen Merkmalen entgegen, sondern eben in innerlich-seelischen Eigen-
ttimlichkeiten. Das geschieht so: Wenn diese besondere Art, mit der
Auftenwelt in Verbindung zu kommen, die der Greis oder die Greisin
hat, zu friih eintritt, sie kann sogar schon im Kindesalter eintreten, so
tritt diese - weil ja dann doch natiirlich die Plastizitat im iibrigen Men-
schen noch iiberwiegt - zuruck in die physische Organisation und man
erlebt dasjenige, was man in einem gesunden Verhaltnis zur Auften-
welt erlebt, wenn man verstanden hat, in der richtigen Zeit Greis zu
werden, auf innerliche Art friiher. Man verbindet es mit seinem Phy-
sischen. Man nimmt es auf in seine physische Organisation, und es kom-
men dadurch Eigenschaften zustande, die dem Animalischen, dem Tier-
haften ahnlicher werden, als sie sonst bei normalen Menschen sind.
Das Tier hat, man kann sagen, wenn man will, vor dem Menschen
einen gewissen Instinkt voraus, der es mit seiner Umgebung in einem
hoheren Mafie verbindet, als der Mensch im normalen Zustande mit
seiner Umgebung verbunden ist. Es ist keineswegs eine Legende, son-
dern entspricht durchaus den Eigentumlichkeiten des tierischen Lebens,
daft gewisse Tiere, wenn Naturereignisse herannahen, die ihrem Le-
ben gefahrlich werden, von diesen Orten, wo die Gefahr eintreten
konnte, wegziehen. Tiere haben eine gewisse instinktive, prophetische
Gabe, wenn es sich um die Bewahrung ihres Lebens handelt. Es ist
auch durchaus richtig geschildert, wenn man sagt, das Tier empfinde
in einem viel hoheren Mafie als der Mensch den Lauf der Jahreszeiten
mit. Das Tier empfindet das Herannahen jener Zeit, in der es fort-
fliegen mufi, wenn es ein Wandertier ist, um andere Orte aufzusuchen.
Das Tier hat also eine intime instinktive Beziehung zur Umgebung.
Und konnte man in das hineinschauen, was da im tierischen Seelen-
leben vor sich geht, so wiirde man, zwar ganz eingekleidet in das Unbe-
wuftte, aber doch sehen, wie das Tier eine instinktive Lebensweisheit
hat, die sich als ein Zusammenleben mit dem ganzen Naturverlaufe
auflert.
Wenn der Mensch in der angedeuteten Weise friihzeitig die Greisen-
haftigkeit in sein Leben hereinbekommt, dann tritt, nun allerdings
nicht gleich wie beim Tier, weil beim Menschen alles in das Menschliche
heraufgehoben wird, aber es tritt doch dieses instinktive Erleben der
Umwelt auf. Und dasjenige, was man heute kennt, vielfach richtig,
vielfach auch falsch beschreibt als niederes Hellsehen, als Telepathic,
als Teleplastie, als Telekinesie, Dinge also, die abnorm im Menschen-
leben auftreten, das ist nichts anderes als ein Hereinspielen der Greisen-
haftigkeit in das friihere Erleben des Menschen. Man kann die Greisen-
haftigkeit eben zur richtigen Zeit erleben, dann erlebt man sie als ge-
sunder Mensch. Wenn man die Greisenhaftigkeit schon mit zwanzig
Jahren erlebt, wird man im niederen Sinne ein Hellseher. Es auftern
sich eben die Dinge, die als Offenbarung der friihzeitigen Greisen-
haftigkeit auftreten und Abnormitaten des Lebens darstellen, nicht so
sehr in den aufieren als in den inneren Merkmalen. Man wiirde in das,
was als niederes Hellsehen, als Telepathie, Telekinesie, Teleplastie vor-
handen ist, was ja bis zu gewissen Graden schon sehr gut erforscht ist,
viel tiefere Blicke hinein tun, wenn man den Gesichtspunkt in der rich-
tigen Weise wiirdigen konnte, daft man es da mit einem friihzeitigen
innerlichen Vergreisen zu tun hat.
Aber man mufi dann zu einer wirklichen Lebensbetrachtung vor-
schreiten. Man mufi im gegenwartigen Augenblicke nicht nur dasjenige
sehen, was raumlich vor einem steht, sondern man mufi ihn so inter-
pretieren konnen, daft man weifi: wenn man den Menschen im gegen-
wartigen Augenblicke betrachtet und er diese und jene Eigentiimlich-
keiten zeigt, so riihrt das davon her, daft dasjenige, was eigentlich spiiter
sein soli, in ein Friiheres hereinspielt.
Wir werden in den nachsten Tagen sehen, wie gerade Heilprozesse
durch ein solches Hineinschauen in die menschliche Natur in einer
exakten Weise zustande kommen konnen. Es ist durchaus also eine Art
Animalisierung des Menschen moglich, die sich dann aber nicht in
einem aufierlichen Greisenhaftwerden aufiert, sondern dadurch, daft
die sonst im tierischen Instinkt auf tierhafte Art auftretenden Bezie-
hungen zur Umwelt ins Menschliche, aber ins Niedrig-Menschliche her-
auf ubersetzt werden.
Fur die unbefangene Weltbetrachtung verlieren ja natiirlich die
Eigentiimlichkeiten der Telepathie, Telekinesie, Teleplastie nicht das
Bedeutungsvolle, wenn man sie in dieser Weise nicht als eine Aufterung
eines Obersinnlichen betrachtet, sondern als dasjenige, was sich ergibt
durch das Hereinspielen eines Spateren in das friihere menschliche Le-
ben. Man lernt dadurch gerade auch die menschliche Wesenheit in
ihrem Grundcharakter erkennen, daft man sie so zeitlich betrachtet;
denn zeitlich betrachten heiftt eben: nicht aus den verschiedenen Augen-
blicken des Lebens Schliisse ziehen iiber Lebensverlaufe, sondern inner-
lich mitleben mit der Zeit und auch sehen konnen, wie das Spatere,
statt spater zum Vorschein zu kommen, sich friiher auslebt. Zeitlich
anschauen, heiftt: die Zeit iiberblicken in der Anschauung, und im ge-
genwartigen Augenblicke Vergangenheit und Zukunft sehen konnen.
Sie werden selber fiihlen, wie eigentlich unserer gegenwartigen Be-
trachtung, wenn das auch aufterlich anders aussieht, diese innerliche,
der Zeit und ihrem Verlauf gemafte Anschauungsweise durchaus fern-
liegt. Daher kommen dann die ungenugenden Interpretationen desje-
nigen, was im Leben auftritt. Und von diesen ungenugenden Interpre-
tationen ist ja heute das sogenannte wissenschaftliche Erkennen und die
Wirkung des wissenschaftlichen Erkennens auf das Leben voll.
Aber auch der umgekehrte Fall kann eintreten: es kann das Kind-
hafte in das spatere, reife Leben des Menschen hineinspielen. Das
Kindhafte besteht darinnen, daft nicht nur in instinktiver Weise durch
die Kopforganisation die Verhaltnisse der Umwelt erlebt werden, son-
dern die Kopforganisation lebt im Stoffwechsel intensiv dasjenige mit,
was sein Verhaltnis zur Auftenwelt ist. Wenn das Kind Farben sieht,
so geschehen in ihm lebhafte Stoffwechselvorgange. Das Kind konsu-
miert gewissermaften die aufieren Eindriicke auch bis in seinen Stoff-
wechsel hinein. Man kann durchaus sagen, ohne bildlich, sondern ganz
real zu sprechen: die Magenfunktion des Kindes richtet sich nicht nur
nach den Speisen wegen des Geschmackes und ihrer Verdaulichkeit,
sondern auch nach den Farbeneindriicken der Umgebung. Sie richtet
sich nach dem, was das Kind aus der Umgebung herein erlebt. So dafi
man sagen kann: Bei dem Greise haben wir eine Animalisierung des
Lebens in physischer Beziehung; bei dem Kinde haben wir das ganze
Leben erfullt von einer Sensitivitat des vegetativ-organischen Pro-
zesses.
Der vegetativ-organische Prozefi, nicht der animalisch-organische,
sondern der vegetativ-organische Prozefi erlebt bei dem Kinde mit
alles, was es in der Auftenwelt erfahrt. Das geht eben durchaus bis in
die seelischen Eigenschaften hinein. So daft wir bei dem Kinde niemals
zu einer vollstandigen Erkenntnis kommen, wenn wir uns nicht auch
fragen: Wie konsumiert das Kind bis in seinen Stoffwechsel hinein seine
Eindriicke? - Darin besteht ja das sogenannte normale Menschenleben,
daft der Mensch dann im spateren, reifen Alter seinen Stoffwechsel
mehr sich selbst tiberlaftt, daft er das Leben mit der Auftenwelt wie-
derum in einer selbstandigeren Weise erlebt, daft der Mensch dasjenige,
was er seelisch-geistig mit der Auftenwelt erlebt, nicht so wie das Kind
hinunterlafit in den Stoffwechsel, daft nicht immer von einer so leben-
digen, innerlichen Driisenabsonderung, wie es beim Kinde der Fall
ist, alle aufteren Beziehungen zur Aufienwelt begleitet werden.
Das Kind konsumiert dasjenige, was es in der Auftenwelt erlebt, ich
mochte sagen, wie eine Nahrung. Und der spatere, reife Mensch iiber-
lafit seinen Stoffwechsel sich selber. Er ist nur dadurch eben ein reifer
Mensch im normalen Leben, daft die Dinge nicht so tief in seine vege-
tativ-organischen Prozesse hineingehen. Aber es kann das bei gewissen
Individuen bleiben. Gewisse Individuen konnen die Kindhaftigkeit
in das spatere Leben hineintragen. Dann behalten sie eben diese Eigen-
schaft, daft sie das auftere Erleben mit ihren organischen Prozessen ver-
binden, daft sie auch Seelisches noch mit ihren organisch-vegetativen
Prozessen verbinden.
Nehmen wir ein Beispiel: jemand, der schon ein gewisses Reifealter
erlangt hat, entfaltet eine besondere Liebe, nun, sagen wir, zu einem
Hund. Solche intensive Hundelieben gibt es ja. Und gerade solche
Lieben sind oftmals mit einer starken Intensitat des Erlebens verbun-
den. Wenn dann bei einem solchen Menschen das vorliegt, daft er etwas
von der Kindhaftigkeit in das spatere reife Alter hineingetragen hat,
oder auch, daft er in der Kindheit die Kindhaftigkeit in einem gestei-
gerten Mafte erlebt, dann bleibt es bei dieser Liebe nicht allein bei dem
seelischen Bezug zur Auftenwelt, sondern diese Liebe ruft organische,
vegetative Prozesse hervor. Der Organismus erlebt diese Liebe mit.
Es geschieht immer etwas, wenn diese Liebe lebhaft empfunden wird,
auch in den Stoffwechselvorgangen. Die Stoffwechselvorgange gewoh-
nen sich dann, nicht nur dem normalen Verdauen, dem normalen Her-
umgehen in der Welt, dem sonstigen normalen Leben zu dienen, son-
dern ein gewisses Gebiet, eine gewisse Provinz des Stoffwechsels ge-
wdhnt sich auch daran, solche Absonderungen und wiederum Regene-
rationen zu haben, wie es diesem besonderen Falle der lebhaften Emp-
findung dieser Hundeliebe entspricht. Eine gewisse Provinz der Orga-
nisation bedarf dieser besonderen Veranderung, die da innerlich rein
organisch-vegetativ eintritt im Gefolge der Hundeliebe.
Und nun nehmen Sie an, der Hund stirbt. Die auftere Lebensbe-
ziehung kann sich nicht mehr entwickeln, sie ist nicht mehr da. Der
Hund ist gestorben; aber eine innere Provinz des Vegetativ-Organi-
schen hat sich gewohnt, solche Prozesse zu entwickeln. Es kommt beim
Menschen dazu, daft dieser Organprozeft, der jetzt nicht mehr seine
Befriedigung hat, dem die auftere Anschauung fehlt, weiter funktio-
niert, aber eben nicht mehr befriedigt wird, weil sein aufteres Korre-
lat nicht mehr da ist. Solche organische Prozesse haben ihre innere Trag-
heit; sie setzen sich fort. Das rumort im Inneren des Menschen. Und
es konnen die sonderbarsten Storungen zunickbleiben, wenn zum Bei-
spiel eine Hundeliebe so in die Organ-Vegetativprozesse aufgenommen
ist und der Hund dann stirbt.
1st ein verniinftiger Mensch da, der auch einige Lebenspraxis hat,
was wird dieser Mensch tun? Nun, er wird sich wahrscheinlich darum
bemuhen, daft ein anderer Hund gekauft wird und dann Sorge dafiir
tragen, dafi der betreffende friihere Hundebesitzer diesen neuen Hund
ebenso liebgewinnen kann. Wenn er das erreicht hat, dann hat er eigent-
lich eine heilsame Handlung vollzogen; denn jetzt kann sich der innere
organische Prozeft wiederum an dem aufteren Erleben befriedigen. Wir
werden allerdings im Laufe dieser Vortrage sehen, daft es auch noch
gescheitere Behandlungsmethoden gibt, aber ich meine, ein mittelver-
niinf tiger Mensch wird so ungefa.hr handeln.
Nun gibt es ja aber allerdings solche Erlebnisse der Auftenwelt, die
nicht so drastisch sind wie gerade eine Hundeliebe. Unzahliges konnen
wir an der Auftenwelt erleben. Und wenn dann das erlebende Indivi-
duum die Kindhaftigkeit, das heiftt, dieses Konsumieren der Auften-
welt in sich lebendig erhalten hat, dann wird bei einem solchen Indi-
viduum etwas vom Rumoren im vegetativen Organismus zuriickblei-
ben, wenn ihm das Erleben entzogen wird, wenn es also das, woran
sich innere Prozesse entwickelt haben, nicht mehr aufterlich erleben
kann. Diese Dinge gibt es im menschlichen Leben, wo man aufsuchen
mufi, woher ein solcher innerer Zustand kommt, der unerklarlich aus
den menschlichen Tiefen aufsteigt. Der Mensch wird dadurch unbefrie-
digt, moros, hypochondrisch, bekommt alle moglichen Folgezustande.
Geht man dem nach, so findet man, daft ihm irgend etwas durch das
Leben oder durch Sonstiges entzogen ist, was eigentlich schon in den
vegetativ-organischen Prozessen sein Korrelat gefunden hat. Wenn ein
solcher Mensch mit seinem Bewufttsein auf die Auftenwelt hinschaut,
kann er sich nicht mehr die Befriedigung verschaffen fur das, was in
seinem Organismus drinnen rumort. Es geht etwas in seinem Organis-
mus vor, was eigentlich auften angeschaut oder wenigstens gedacht sein
will, und was er nicht denken kann, weil die Veranlassung dazu nicht
da ist.
Wiederum finden wir lebenspraktische Leute, die haben die Eigen-
tiimlichkeit, daft sie instinktiv solche Dinge aus dem Menschen heraus-
wittern, wenn er sie hat, und dann finden sie die Moglichkeit, allerlei
zu ihm zu sprechen, was diese Dinge aus den unbestimmten Tiefen
des Vegetativ-Organischen heraufbringt und sie ins Gedankenleben,
ins Vorstellungsleben erhebt, so daft der Mensch das denken kann, vor-
stellen kann, was er eigentlich zu denken, vorzustellen begehrt. Wer
das Leben beobachten kann, wird unzahlige solche Zuspruche im Le-
ben finden, wo einfach ein vegetativ-organischer Inhalt, der aus friihe-
rer Enttauschung, aus einem friiheren Entziehen eines Lebensinhaltes
herriihrt, dadurch geheilt, abgeleitet wird, daft man wenigstens in dem
Eindringlichen der menschlichen Zusprache an den Menschen heran-
tritt und auch in sein Bewufttseinsleben einfuhrt, was er braucht.
Da es in der Gegenwart durch die besondere Artung unserer Zivi-
lisation wirklich recht viele Individuen gibt, welche ihr Kindhaftes in
ihr Reifealter hereinspielen haben, so hat man das, was ich jetzt an-
fiihrte, in leichten und schweren Fallen viel bemerkt. Wahrend man
im gewohnlichen Leben nicht viel Aufsehens damit macht, von Zu-
spruch spricht, der in liebevoller Hingabe der einen Person an die
andere manches Heilsame bewirken kann, hat man das auch einflieften
lassen, in vieler Beziehung mit Recht einflieften lassen in die wissen-
schaftlich-psychologische Betrachtungsweise. Man hat solche Menschen
vor sich, die ein solches innerliches Rumoren haben. Wir wissen jetzt,
es riihrt dieses innerliche Rumoren von zuriickgebliebenen, aus Lebens-
enttauschungen und dergleichen zuriickgebliebenen vegetativ-organi-
schen Prozessen her. Man hat solche Menschen vor sich. Man muft
sich dann, wenn man die Sache ins wissenschaftliche Gebiet uberfiihrt,
natiirlich auch wissenschaftlich ausdnicken. Man untersucht dann den
betreffenden Menschen. Und aus seinem bisherigen Lebenslauf, den
man durch Beichten oder durch die Traume, die er hat, oder durch
sonst etwas auskundschaftet, findet man, was notig ist, urn dem Men-
schen dasjenige ins Bewufttsein iiberzufuhren, was eben vom unter-
bewuftten Vegetativ-Organischen begehrt wird. Man nennt das dann
analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Man spricht dann, selbst-
verstandlich wissenschaftlich sich ausdriickend, von «verborgenen See-
lenprovinzen». Es sind nicht «verborgene Seelenprovinzen», sondern
es sind vegetativ-organische Prozesse, die in der geschilderten Weise zu-
ruckbleiben, die nach Erfiillung von aufien begehren. Und man sucht
nach dem, was man dem Menschen als eine solche Erfiillung bieten
kann. Man sagt: Man sorgt fur die Abreagierung solcher verhaltener
Prozesse. — Sehen Sie, in dem, was ich eben angedeutet habe, liegt das
Berechtigte der sogenannten analytischen Psychologie oder der Psycho-
analyse.
Anthroposophie ist immer solchen Dingen gegeniiber, die ja auf
ihrem Gebiete durchaus als berechtigt auftreten, in einer besonderen
Lage. Anthroposophie ist eigentlich gar nicht von sich aus streitsiichtig.
Sie anerkenntgern all das, was innerhalb desjenigen Horizontes auftritt,
in dem es berechtigt ist. So wird sie innerhalb des Horizontes, in dem
sie berechtigt ist, selbstverstandlich auch die Psychoanalyse anerken-
nen. Aber Anthroposophie mufi die Dinge aus der menschlichen Voli-
natur und aus einer totalen Welterklarung heraus suchen, mufi also
gewissermafien die kleinen Kreise, die in etwas dilettantenhafter, laien-
hafter Art auch heute von Wissenschaftern getrieben werden, in gro-
fiere Kreise einbeziehen. Sie hat deshalb keine Veranlassung zu streiten.
Sie schliefit nur das, was einseitig erklart wird, in den grofien Kreis ein.
Sie fangt daher in der Regel von sich aus nicht zu streiten an. Aber die
anderen streiten, denn die wollen bei ihrem kleinen Kreise bleiben.
Die sehen in ihrer Art nur das, was in diesem kleinen Kreise ist. Und
weil sie dasjenige, was von einem grofieren Horizont ist und sie eigent-
lich im Grunde genommen fordert, gar nicht besonders verlockt, weisen
sie es wiitend ab. So dafi in der Regel Anthroposophie nur genotigt ist,
sich gegen die Einseitigkeiten zu wehren, die sie attackieren. Das ist
etwas, was besonders gegeniiber solchen Zeitstromungen, wie der psy-
choanalytischen, gesagt werden mufi.
Das besonders Eigentiimliche ist ja dieses, dafi wir also sehen: wenn
der Mensch dazu kommt, sein Lebensende zu stark in die rnittlere Le-
bensetappe hereinzuziehen, dann entstehen die abnormen Beziehungen
zu der Aufienwelt, Telepathie, Hellsehen im niederen Sinne. Der
Mensch erweitert in instinktiver Weise seinen Horizont iiber seine Le-
benskreise hinaus. Wenn der Mensch nach der umgekehrten Richtung
geht, wenn er das, was an seinen Lebensanfang in die Kindhaftigkeit
hineingehort, in die spateren Lebensepochen hineinschiebt, dann dringt
er mit seinem Wesen zu tief in sein Organisches hinein, dann wirft das
Organische Wogen herauf, dann entstehen Abnormitaten nach dem
Inneren; er tritt gewissermafien mit seinem eigenen organischen Inne-
ren in eine zu nahe Beziehung. Und diese Beziehungen stellen sich eben
dann so heraus, wie sie von der analytischen Psychologie beschrieben
werden, die aber eigentlich hinuntergehen miifite in die Organologie,
damit sie wirklich erfalk werden.
Zu einer vollstandigen Menschenerkenntnis ist eben durchaus das
Hereinziehen des zeitlichen Lebensverlaufes zwischen Geburt und Tod
notwendig. Und eine solche vollstandige Menschenerkenntnis ist daher
darauf angewiesen, gerade alles Augenmerk auf den zeitlichen Verlauf
des Lebens hinzulenken, den zeitlichen Verlauf des Lebens mitzuer-
leben. Gerade deshalb muft Anthroposophie, indem sie durch ihre be-
sondere Methode ins Obersinnliche und dadurch in eine vollstandige
Menschenerkenntnis eindringen will, sie mufi sich an das Einleben im
Zeitlichen halten konnen. Der Mensch beachtet eben im Sinne der
heutigen Zivilisation dieses Zeitliche nicht. Imagination, Inspiration,
Intuition, welches die besonderen Erkenntnismethoden der Anthropo-
sophie sind, miissen durchaus auf einem zeitlichen Erleben des Daseins
aufgebaut sein.
Imagination, Inspiration und Intuition soil nun nicht etwas sein,
was sich als ein ganz Fremdes ins Menschenleben hineinstellt und als
Fremdes zur ubersinnlichen Erkenntnis fiihren soil, sondern etwas, was
durchaus in der Fortsetzung der gewohnlichen menschlichen Fahigkei-
ten liegt. Es wird also von Anthroposophie nicht behauptet, daft irgend-
welche besondere Begnadigungen vorliegen mulken, um zu Imagina-
tion, Inspiration, Intuition zu kornmen, sondern daft der Mensch sich
gewisser tiefer in ihm liegenden Fahigkeiten bewufit werden konne,
die er ganz sachgemafi entwickeln kann. Aufgestiegen werden muft
durchaus von jener Art von Erkenntnis, die wir uns im gewohnlichen
Leben im heutigen wissenschaftlichen Erkennen und in der heutigen
Lebenspraxis aneignen.
Wie verfahren wir denn da eigentlich, indem wir erkennende Men-
schen werden? Ich meine jetzt erkennende Menschen eben nicht nur
als wissenschaftlich erkennende Menschen, sondern erkennende Men-
schen durchaus nur in dem Sinne, wie wir es sein miissen, um unser
Leben in praktischer Weise durchzufiihren. Wir haben dasjenige um
uns herum, was wir nennen m&chten den Sinnesteppich: die Farben-
welt, die Tonwelt, die Welt der Warmeverhaltnisse und so weiter, alles
dasjenige, was auf unsere Sinnesorgane Eindruck macht. Wir geben
uns diesem Sinneseindrucke hin und verweben diese Sinneseindriicke
mit demjenigen, was wir denken, mit den Gedanken. Wenn Sie sich
iiberlegen, was, wenn Sie sich Ihrem eigenen inneren Leben etwas er-
innernd hingeben, was da den Inhalt dieses Seelenlebens ausmacht: es
sind Sinneseindriicke, die in die Gedanken hineingewoben sind. Wir
leben ganz und gar dadurch, daft wir in unser Seelisches ein solches
Gewebe von Sinneseindriicken und Gedanken hereinnehmen.
Was geht da eigentlich vor? Nun, betrachten Sie in dieser sche-
matischen Zeichnung diese Linie a bis b als den Sinnesteppich, als
die sich um uns herum ausbreitenden Farben, Tone, Geriiche und
so weiter. Der Mensch gibt sich seiner Beobachtung, diesem Sinnes-
teppich hin, und er verwebt die Eindrucke durch seine Gedanken,
die ich hier als die rote Schlangenlinie zeichne. Der Mensch verbin-
det, indem er sich dem Sinnesleben hingibt, gedanklich alles, was er
in dieser Sinneswelt erlebt. Er interpretiert die Sinneswelt durch seine
Gedanken. Dadurch, daft er gewissermaflen alles, was er an Gedanken
entwickelt, in diese Sinneswelt hineinlegt, bildet diese Sinneswelt fiir
ihn eine Grenze, eine Wand, durch die er nicht durchkommen kann.
Er zeichnet gewissermaften alle seine Gedanken auf dieser Wand auf,
aber er durchstolk die Wand nicht im heutigen normalen Bewufksein.
Die Gedanken machen halt an dieser Wand und zeichnen auf dieser
Wand.
Hinaus kommt man iiber dieses Haltmachen an der Wand dadurch,
daft man zunachst die imaginative Erkenntnis ausbildet durch das, was
man Meditation in systematisch-regelmafiiger Weise nennen kann.
Diese Meditation kann als eine innerliche Forschungsmethode ebenso
ausgebildet werden, wie die aufierliche chemische oder astronomische
Versuchsmethode ausgebildet werden kann. Sie konnen sich aus mei-
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und
aus dem zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» sogar
iiberzeugen, dafi die Methoden, sich in dieser Meditation zu bewegen,
keineswegs einfach und weniger iangwierig sind, als die Methoden, die
man sich aneignen mufi, um ein Astronom oder ein Chemiker zu wer-
den, wenn man bis zu den letzten Konsequenzen eben kommen will.
Es ist allerdings ein verhaltnismafiig leichtes, die Lekture solcher Werke
zu pflegen, welche Anleitungen zu den entsprechenden Obungen geben,
und dann so weit zu kommen, dafi man mit Zuhilfenahme des gesun-
den Menschenverstandes auch wirklich sich inner! ich von der Wahr-
heit dessen iiberzeugen kann, was von anthroposophischen Forschun-
gen gesagt wird. Man braucht es nicht auf Autoritat hinzunehmen.
Auch wenn man es nicht selber erforschen kann, so kann man es prii-
fen, wenn man nur auf die Eigentumlichkeit der Forschungsmethode
eingeht.
Nun, dieses ganze t)ben beruht ja darauf, daft man von einem
Eingehen auf die Sinneseindriicke absieht. Den Sinneseindriicken gibt
man sich nicht hin im Meditieren, man gibt sich allein dem Gedanken-
leben hin. Dieses Gedanken leben aber mul5, durch ein festes Ruhen auf
gewissen leicht iiberschaubaren Gedanken, zu einer solchen Lebendig-
keit, zu einer solchen Intensitat gebracht werden, wie es sonst nur das
aufiere Sinnesleben hat. Sie wissen ja, es ist etwas ganz anderes, wenn
wir den aufteren Sinneseindriicken hingegeben sind, als wenn wir mit
dem gewohnlichen Bewufksein nur unserer blassen, unlebendigen Ge-
dankenwelt hingegeben sind. Die Sinneseindriicke wirken lebendig,
intensiv auf uns. Wir sind an sie hingegeben. Die Gedanken verblassen,
sie werden abstrakt, sie werden kalt. Aber darin besteht gerade das
Wesen des Meditierens, dafi wir es durch Obung dahin bringen, in dem
blofien Gedankenweben mit einer solchen Intensitat und Lebhaftig-
keit darinnen zu leben wie sonst im aulSeren Sinnesleben. Wenn man
einen Meditationsgedanken in einer solchen inneren Lebendigkeit er-
fassen kann, wie sie sonst vorhanden ist, wenn man sich einer Farbe
hingibt, dann hat man den Meditationsgedanken in der richtigen Weise
ins Leben hereingestellt. Alles das aber mufl mit einer solchen inneren
Freiheit geschehen, wie eben das normale Gedankenweben und das
sinnliche Wahrnehmen geschieht. Wie wir uns da nicht nebulosen Stim-
mungen, mystischen Vertraumtheiten hingeben, wenn wir die auflere
Welt beobachten, wie wir da nicht zum Schwarmer werden, so diirfen
wir es auch nicht, wenn wir in dieser Weise richtig meditieren. Genau
dieselbe Stimmung mufi in diesem Meditieren enthalten sein, wie sonst
im aufierlichen, sinniichen Wahrnehmen.
Das ist das Eigentumliche der anthroposophischen Methode, daft sie
die Sinneswahrnehmung geradezu zum Muster nimmt. Sonstige nebu-
lose Mystiker findet man ja, die sagen: Sinneswahrnehmungen - etwas
sehr Minderwertiges! Die muft man verlassen. Man mufi ins Traum-
hafte, ins Mystische, ins Sinnesabgewandte sich versetzen! - Dadurch
kommt natiirlich nur ein halber Schlaf zustande, nicht ein wirkliches
Meditieren. Die Anthroposophie verfolgt den entgegengesetzten Weg:
Sie nimmt sich das Sinneswahrnehmen geradezu zum Muster in bezug
auf seine Qualitat, Intensitat, in bezug auf seine Lebhaftigkeit. So dafi
sich der Mensch in diesem Meditieren so frei bewegt, wie er sich in
der Sinneswahrnehmung sonst bewegt. Er furchtet sich dabei gar nicht,
dafi er zum trockenen Nuchterling wird. Die Dinge, die er auf diese
Weise in aller Objektivitat erlebt, die halten inn schon von der trocke-
nen Philistrositat ab und er hat nicht notig, wegen der Objekte, die er
erlebt, um der Oberwindung der Alltaglichkeit willen sich in traum-
hafte Nebulositaten zu erheben.
Indem der Mensch also richtig meditiert, gelangt er dazu, sich in
Gedanken frei zu bewegen. Dadurch aber werden die Gedanken selber
befreit von ihrem vorherigen abstrakten Charakter, sie werden bildhaft.
Und das tritt jetzt beim vollen Wachbewufttsein ein, mitten unter dem
anderen gesunden Denken. Das darf man namlich nicht verlieren. Der
Halluzinant, der Schwarmer, der ist in dem Momente, wo er halluzi-
niert, schwarmt, ganz Halluzinant, ganz Schwarmer, da setzt er den
gesunden Menschenverstand ganz weg; das darf derjenige, der die hier
beschriebenen Methoden befolgt, nicht. Der hat immer den gesunden
Menschenverstand neben sich. Den nimmt er durch all dasjenige mit,
was er da im bildhaften Gedankenleben erlebt. Und was tritt dadurch
ein? Ja, sehen Sie: bei vollem Wachzustande tritt dasjenige ein, was
sonst nur das unbewuftte Leben formt an der Bildhaftigkeit des Trau-
mes. Aber das ist gerade der Unterschied der Imagination gegeniiber
dem Traume: beim Traume wird alles in uns gemacht; dann dringt es
aus unerkannten Tiefen herein in das Wachleben, und wir konnen es
nur hinterher beobachten. Bei der Imagination, bei der Vorbereitung
zur Imagination, beim meditativen Inhalt machen wir das selbst, was
sonst in uns gemacht wird. Wir werfen uns auf zu Schopfern von Bil-
dern, die nicht blofte Phantasiebilder sind, sondern an Intensitat, an
Lebendigkeit sich von den Phantasiebildern ebenso unterscheiden wie
die Traumbilder von den bloften Phantasiebildern. Aber wir machen
das alles selbst, und darauf kommt es an. Und indem wir es selbst
machen, sind wir auch von einer griindlichen Illusion befreit, die nam-
lich darinnen besteht, daft man dasjenige, was man so selber macht,
als eine Kundgebung aus der objektiven Auftenwelt ansehen konnte.
Das wird man nie, denn man ist sich bewuftt, daft man dieses ganze
Bildgewebe selber macht. Der Halluzinant, der halt seine Halluzina-
tionen fur Wirklichkeit. Er halt Bilder fur Wirklichkeit, weil er sie ja
nicht selber macht, weil er weift, daft sie gemacht werden. Dadurch
entsteht fur ihn die Tauschung, daft sie Wirklichkeit seien. Derjenige,
der sich durch Meditation fiir die Imagination vorbereitet, kann gar
nicht in den Fall kommen, das, was er da selber ausbildet, fiir wirkliche
Bilder zu halten. Eine erste Stufe zur ubersinnlichen Erkenntnis wird
gerade darinnen bestehen, daft man illusionsfrei wird dadurch, daft
man das ganze Gewebe, das man jetzt als die innere Fahigkeit, Bilder
von solcher Lebendigkeit, wie sonst die Traumbilder sind, hervorzu-
rufen, daft man das in vollig freier Willkiir gestaltet. Und man miiftte
selbstverstandlich ja jetzt verruckt sein, wenn man das fur Wirklich-
keit hielte!
Nun, die nachste Etappe in diesem Meditieren besteht darinnen,
daft man sich wiederum die Fahigkeit erwirbt, diese Bilder, die etwas
Faszinierendes haben, und die, wenn der Mensch sie nicht in vollstan-
diger Freiheit wie beim Meditieren entwickelt, tatsachlich sich wie die
Parasiten festsetzen, daft man diese Bilder aus dem Bewufttsein wie-
derum ganz verschwinden lassen kann, daft man auch die innere Will-
kiir erhalt, diese Bilder, wenn man will, wiederum vollig verschwinden
zu lassen. Diese zweite Etappe ist so notwendig wie die erste. So wie
im Leben gegenuber dem Erinnern das Vergessen notwendig ist - sonst
wiirden wir immer mit der ganzen Summe unserer Erinnerungen her-
umgehen -, so ist auf dieser ersten Stufe des Erkennens das Abwerfen
der imaginativen Bilder so notwendig als das Weben, das Gestalten
dieser imaginativen Bilder.
Aber, indem man das alles durchgemacht hat, durchgeiibt hat, hat
man etwas mit dem Seelischen vollzogen, was man vergleichen konnte
damit, wenn man einen Muskel immerfort gebraucht, wenn man ihn
immerfort iibt, so wird er stark. Man hat jetzt eine Ubung in der Seele
dadurch vollzogen, daft man Bilder weben, Bilder gestalten lernt, und
sie wiederum unterdriickt, und daft das alles vollstandig in dem Be-
reich unseres freien Will ens steht. Sehen Sie, man ist dadurch, daft man
die Imagination ausgebildet hat, zu der bewuftten Fahigkeit gekom-
men, Bilder zu gestalten, wie sie sonst das unbewuftte Leben des Traums
gestaltet, da driiben in der Welt, die man sonst mit seinem gewohn-
lichen Bewufttsein nicht iiberblickt, die in die Zustande zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen hineinverlegt sind. Jetzt entfaltet man
diese selbe Tatigkeit bewuftt heriiber. Man entfaltet also in jener Me-
ditation, die abzielt auf das imaginative Erkennen, den Willen, die
Fahigkeit zu erringen, bewuftt Bilder zu schaffen, und wiederum die
Fahigkeit, bewuftt Bilder aus dem Bewufttsein wegzuschaffen. Dadurch
kommt eine andere Fahigkeit.
Diese Fahigkeit ist eine solche, die sonst unwillkiirlich vorhanden
ist nicht wahrend des Schlafens, sondern im Momente des Aufwachens
und Einschlafens. Der Moment des Aufwachens und Einschlafens kann
sich so gestalten, daft man das, was man vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen erlebt hat, in den Traumresten heriibernimmt, dann von dort-
her dasjenige, was driiben ist, beurteilt. Es kann uns aber auch das-
jenige, dem wir uns offnen beim Aufwachen, gleich so uberraschen,
dafi alle Erinnerung an den Traum hinuntersinkt. Im allgemeinen kann
man sagen: In den Traumen ragt etwas Chaotisches, etwas wie erra-
tische Gebilde von einem aufter dem gewohnlichen Wachleben Liegen-
den in das Wachleben herein. Es ragt dadurch herein, daft der Mensch
wahrend des Schlafens die bildhafte, die Imaginationen schaffende
Tatigkeit entwickelt. Entwickelt er im Wachleben die Imaginationen
schaffende Tatigkeit und die Imaginationen wegschaffende Tatigkeit,
kann er also aus seiner Vorbereitung zur Imagination zu einem bewufk-
seinsleeren Zustand kommen: dann ist es so wie ein Aufwachen, und
dann dringen von jenseits des Sinnesteppichs - was ich jetzt hier in der
Zeichnung mit einem roten Kreis bezeichnet habe — , da dringen dann
auf den durch die Meditation entwickelten Gedankenbahnen diejeni-
gen Wesenhaftigkeiten durch den Sinnesteppich durch in uns ein, die
jenseits dieses Sinnesteppichs sind. Wir durchstoften den Sinnesteppich,
wenn wir nach den gemachten Bildern mit leerem Bewufksein verhar-
ren; dann kommen die Bilder herein durch Inspiration aus dem Jen-
seits der Sinneswelt. Wir treten in diejenige Welt ein, die jenseits der
Sinneswelt liegt. Wir bereiten uns durch das imaginative Leben zur
Inspiration vor. Und die Inspiration besteht darinnen, dafi wir be-
wufit so etwas erleben konnen wie sonst unbewufit den Moment des
Aufwachens. Wie im Moment des Aufwachens in unser waches Seelen-
leben etwas von jenseits des wachen Seelenlebens hereinkommt, so
kommt dann, wenn wir durch die Imagination unser Seelenleben so
ausgebildet haben, wie ich es geschildert habe, etwas von jenseits des
Bewufkseins des Sinnesteppichs herein.
Wir erleben auf diese Weise die geistige Welt, die hinter der Sinnes-
welt ist. Es ist durchaus das, was als solche Fahigkeiten zur iibersinn-
lichen Erkenntnis angeeignet wird, eine Fortsetzung desjenigen, was
der Mensch schon im gewohnlichen Leben als Fahigkeit hat. Und dar-
auf beruht Anthroposophie, dafi solche Fahigkeiten weiter ausgebildet
werden. Sie mufi sich aber dabei ganz und gar auf dasjenige stiitzen,
was sich der Mensch durch ein zeitliches Erfassen der Lebens- und
Daseinslaufe aneignet.
Wenn Sie daher das durchlesen, was Sie als vorbereitende Obungen
fur Imagination, Inspiration und Intuition in meinem Buche: «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? » oder in meiner «Ge-
heimwissenschaft» finden und mit unbefangenem Blicke bet.rachten,
so werden Sie sehen, dafi alles das auf eines hinauslauft, darauf hinaus-
lauft, den Zeitenverlauf erleben zu konnen. Der Mensch lebt sonst in
seinem Leben nacheinander im kindlichen Erfassen der Welt, im rei-
fen Erfassen der Welt, im greisenhaften Erfassen der Welt, oder er er-
lebt abnorm das Hereindringen des einen oder des anderen. Nicht die
Imagination selbst, aber dasjenige, was in regelrechter Weise dazu vor-
bereitet, das mufi darauf hinarbeiten, dafi alles Leben aus dem vollen
Menschen herauskommt; dafi der Mensch aus dem ganzen Lebenslauf
heraus sich der Welt hingibt; dafi also dasjenige harmonisiert wird,
was an dem Kinde besonders fiir die Welt geeignet ist, was im Reife-
alter besonders fiir die Welt geeignet ist, und dasjenige, was im Greisen-
alter besonders fiir die Welt geeignet ist; das mufi in der Weltanschau-
ung, die zum Ubersinnlichen kommt, zusammenfliefien und mufi har-
monisiert werden. Der ganze Mensch auch als Zeitorganismus mufi ge-
geniiber der Welt wirken. Der Mensch mufi gewissermafien die Frische
und Munterkeit des Kindesalters fiir die iibersinnliche Anschauung mit-
bringen; er mufi die Klarheit der Gedanken des reifen Alters mitbrin-
gen, und er mufi die ja in einem richtigen Menschenleben im Greisen-
alter erlangte Hingabe an das Leben, die liebevolle Hingabe an das Le-
ben mitbringen. Und das alles: Frische und Munterkeit in der Auf-
fassung, Klarheit in der Beurteilung und liebevolle Hingabe an die Er-
scheinungen, das mufi der Mensch als Vorbereitung mitbringen, damit
sich Imagination, Inspiration und Intuition in entsprechender Weise
entwickeln konnen.
FONFTER vortrag
Dornach, 27. Dezember 1921
Nach den Schilderungen, die ich bisher gegeben habe, wird die soge-
nannte imaginative Erkenntnis dadurch erlangt, daft man dasjenige,
was im Traume unterbewufit als unwillkiirliche Tatigkeit ausgeiibt
wird, in das voile Bewufksein heraufhebt. Wenn ich mich also genauer
ausdriicken soil, so mufi ich dann sagen: nicht das Traumen mit seinem
Trauminhalte wird heraufgehoben in das Bewufttsein - dadurch wiirde
man ja nur zu Unwirklichem kommen -, sondern die Tatigkeit, die
etwas weiter jetzt nicht zu Definierendes auf unbewuftte Art ausiibt,
wenn wir traumen, die wird heraufgehoben zu einer voll willkiirlichen
Tatigkeit, die im Lichte des Bewufkseins ausgeiibt wird und die da-
durch zur Grundlage wird fiir die imaginative Erkenntnis. Diese Ta-
tigkeit unterscheidet sich ganz wesentlich von der blofien Traumtatig-
keit. Bei der bloften Traumtatigkeit halten wir ja dasjenige, was vor
unser Bewufitsein hintritt, fiir aufiere Wirklichkeit, weil wir eben nicht
aktiv in der Tatigkeit drinnenstecken. Wenn wir aber die traumerzeu-
gende Tatigkeit ins Bewufitsein heraufholen, dann wissen wir zunachst,
daft das erste, zu dem wir gelangen, von uns selbst gemachte Bilder
sind. Wir werden sie also, wie ich schon angedeutet habe, niemals in dieser
Form fiir eine Wirklichkeit halten, sonst wiirden wir nicht anthroposo-
phische Forscher, sondern Halluzinanten sein. Es muE nun zu dieser als
Meditation ausgeiibten Tatigkeit, die dazu fuhrt, in solchen Bildern
zu leben, die andere kommen, die nun diese Bilder wiederum unter-
driicken kann, die also das Bewufksein von diesen Bildern leer machen
muli. Eignet man sich diese Tatigkeit an und gelangt man, nachdem
man im Bildergestalten und im Bildervernichten die Seelenkrafte ge-
steigert hat, dazu, dann mit vollem Bewufitsein zu leben, dann steht
man eben in der geistigen Welt drinnen. Man iibt eine Tatigkeit, welche
geistig-seelisch ist, unabhangig vom Leibe aus. Man nimmt also nicht
durch Leibesorgane wahr. Man denkt nicht mit dem Leib, man denkt
mit dem Geistig-Seelischen und hat doch einen Bewulkseinsinhalt; der
ist dann ein geistiger.
Ich habe gestern gesagt, dafi das Vorbild fur die geistige Wahr-
nehmung des anthroposophischen Forschers nicht die traumerischen
Erlebnisse des Bewufkseins sind, sondern geradezu die freien, von der
Willkur durchdrungenen Erlebnisse der Sinneswahrnehmungen. Aller-
dings, im iibersinnlichen Erkennen nehmen wir nicht durch die Sinne
wahr; aber wir betrachten die Freiheit, mit der wir uns innerhalb des
Sinneswahrnehmens bewegen, die Unabhangigkeit von unserer Person-
lichkeit in der Sinneswahrnehmung, die betrachten wir als eine Fahig-
keit. Und das kann uns insbesondere vor die Seele treten, wenn man
gerade auf konkretes einzelnes eingeht.
Betrachten Sie dasjenige Organ der Sinneswahrnehmung, das am
charakteristischsten die Sinneswahrnehmungsfahigkeit darstellt, das
Auge. Dieses Auge kiindigt Ihnen zunachst seine verhaltnismaftige or-
ganische Selbstandigkeit schon dadurch an, daft es wie ein in sich Ab-
geschlossenes, nur durch geringfiigige Briicken mit dem librigen Orga-
nismus Verbundenes in der Augenhohle drinnensitzt. Wir konnen also
gewissermafien im Auge schon dem aufieren raumlichen Anblicke nach
etwas verhaltnismafiig Selbstandiges im menschlichen Organismus er-
blicken.
Sehen wir zunachst von dem Inneren der Sinneswahrnehmung beim
Auge ab und halten wir uns an etwas scheinbar Aufterliches. Das Auge
hat in seiner Nachbarschaft die Tranendriisen. Diese Tranendriisen
sondern fortwahrend die Fliissigkeit ab, die im wesentlichen aus Wasser
und Salz besteht. Diese Tranenfliissigkeit wird fortwahrend abgeson-
dert, wenn wir wachen. Sie umfliefit das Auge, sie umflieftt auch den-
jenigen Teil, der bei auseinandergespannten Augenlidern sich der
Aufienwelt exponiert. Dadurch wird das Auge fortwahrend durch die
Tranenfliissigkeit abgewaschen. Der Staub, der sich dem Auge von
auften nahert, wird durch diese Tranenfliissigkeit abgewaschen. Und
wenn die Tranenfliissigkeit diese hygienische Aufgabe absolviert hat,
wenn sie das Auge abgewaschen hat, dann ergiefk sie sich durch die
feinen Tranenkanalchen in die Nase und wird auf diese Weise abge-
sondert. Das ist etwas, was zu der normalen Betatigung des Augen-
organismus gehort. Aber Sie werden zugeben, dafi man im gewohn-
lichen Leben von dieser hygienischen Betatigung innerhalb des Auges
nicht viel Bewulksein hat, dafi sich das ganz im Unbewufiten vollzieht.
Man hat es also mit einer rein organischen Tatigkeit zu tun, die sinn-
voll, weisheitsvoll ist, die aber eine rein unbewufite organische Tatig-
keit ist.
Nun kann aber diese Tatigkeit gesteigert werden. Das kann da-
durch geschehen, dafi, sagen wir, ein Stofi auf das Auge ausgeiibt wird,
daft Kalte das Auge reizt. Es kann auch sogar dadurch herbeigefiihrt
werden, daft das Auge selbst oder der ganze iibrige Organismus ermudet
ist; dann wird reichlicher Tranenfliissigkeit abgesondert. Wenn Sie
sich iiberlegen, was da stattfindet, so miissen Sie sich sagen, da wird
schon der Reiz, der diese Tranenfliissigkeit absondert, mehr ins Be-
wufttsein heraufgehoben, da werden Sie schon etwas von dem Reiz
gewahr und auch etwas von den Folgen des Reizes, von der Absonde-
rung der Tranenfliissigkeit, Aber es kann diese ganze Tatigkeit noch
gesteigert werden, und das geschieht in dem Falle, wo sich der Mensch
bewuftt wird seines personlichen Verhaltnisses zu der Welt. Das ge-
schieht dann, wenn Moralisch-Seelisches, Trauriges, Schmerzhaftes vom
Menschen erlebt wird und er dadurch zum Weinen kommt, dann wird
diese Tranenfliissigkeit durch Moralisch-Seelisches abgesondert. Sie se-
hen, es ist eine Steigerung herauf ins Bewufttsein. Eine Tatigkeit, die
Absonderung der Tranenfliissigkeit, geschieht zuerst ganz in der Sphare
des Unbewuftten, sie wird dann immer mehr in die Sphare des Be-
wuftten heraufgehoben, man mochte sagen, in die Sphare des Seelisch-
Moralischen.
An dieser einfachen Tatsache, die sich an einem relativ selbstandigen
Teil des menschlichen Organismus abspielt, kann man sich veranschau-
lichen, was geschieht, wenn man sich durch Meditation zu leibfreiem
Seelen- und Geistesleben aufschwingt. Wenn Sie weinen, weil Sie einen
Brief bekommen, der sie traurig macht, so werden Sie sich sagen miis-
sen: Dasjenige, was da erlebt wird durch den Brief, das ist ziemlich
aufierhalb der Organisation des Auges, das steht zunachst nicht irgend-
wie innerlich mit der Organisation des Auges in Zusammenhang. Den-
noch wird eine Wirkung auf das Auge hervorgebracht. - Daft die Tra-
nen nicht blofi vom Lesen zu kommen brauchen, das konnen Sie ja
daraus ersehen, dafi Sie ebenso Tranen vergiefien, wenn Sie sich den
Brief vorlesen lassen. Also es handelt sich wirklich darum, daft man
nachweisen kann: hier ist etwas, was aufterlich vor sich geht und was
in einer von auften her geschehenden Wirkung einen organischen Pro-
zeft hervorruft. Allerdings, dieser organische Prozeft ist immer noch
so, daft etwas aufter ihm Stehendes ihn bewirkt.
Aber Sie konnen sich die Sache noch gesteigert denken. Sie konnen
sich namlich folgendes denken: Sie hatten sich trainiert, geiibt, nicht
immer gieich tranenselig zu sein, schwere Noterlebnisse das Daseins so
zu erleben, daft Ihr seelischer Schmerz nicht geringer ist als bei den-
jenigen, denen gieich die Tranen iiberquellen, aber daft dieser seelische
Schmerz rein in der Seele erlebt wird und es nicht zu Tranen kommt.
Sie brauchen deswegen wahrhaftig nicht kalter zu sein, aber sie erle-
ben auf eine geistig-seelischere Art, bei der sich dasjenige, was eben in
der Seele vorgeht, von dem phy sischen Organismus absondert. Es driickt
sich das, was in der Seele vorgeht, nicht gieich in den Organismus hin-
ein.
Wenn Sie das, was Sie hier an einem Beispiel aus dem Leben gewin-
nen konnen, auf das gesamte Erleben im imaginierenden, im inspi-
rierten Bewufttsein sich ausgedehnt denken, wenn Sie sich ein solches
selbstandiges geistseelisches Erleben denken, das gar nicht einen Ein-
druck auf den Organismus macht, das ganz aufterhalb des Organis-
mus verlauft - wie der Schmerz der Seele erlebt wird ohne Tranen,
ohne Uberflieften in den Augenorganismus -, dann haben Sie ein Bild
desjenigen Erlebens, das Sie in die geistige Welt hineinstellt. Sie sehen
daraus: Man kann, wenn man richtig vorgeht, das Erleben in der gei-
stigen Welt, in der Welt jenseits des Sinnesteppichs so schildern, daft
klar sich zeigt: dieses Erleben ist nur eine Fortsetzung desjenigen, was
in irgendeiner Weise schon beim normalen, gewohnlichen Menschen
vorhanden ist. Es miissen nur eben seelisch-geistige Obungen gemacht
werden, um in dieser Weise zur Unabhangigkeit vom Leiblichen zu
kommen.
Wenn Sie nun die Obungsrichtung so weit fortsetzen, daft Sie es bis
zur Unterdriickung der selbstgemachten Imagination gebracht haben,
bis zur Leerheit des Bewufttseins und dennoch realen geistig-seelischen
Inhalt erleben, dann wird das erste sein, was Sie erleben, ein Tableau
Ihres bisherigen Erdenlebens so ungefahr bis zur Geburt hin. Den phy-
sischen Leib sehen Sie dabei nicht. Der physische Leib entschwindet
einem, wenn man also zum leibfreien Wahrnehmen kommt. Aber alles
das bleibt vor der Seele stehen, was man erlebt hat, was sonst unbe-
wuftte Erinnerungsstromung ist, aus der die einzelnen Erinnerungen
auftauchen. Das tritt jetzt vor die Seele hin, aber nicht so wie in der
gewohnlichen Erinnerung, sondern so, daft es auf einmal da ist, daft es
gewissermaften ein Zeitorganismus ist, ein in sich beweglicher Zeitorga-
nismus.
Der Raumesorganismus, den wir an uns tragen, ist dadurch ein
Organismus, daft er in seinen einzelnen Gliedern Wechselwirkungen
hat und seine einzelnen Glieder voneinander abhangig sind, daft das
Ganze sich zu einer Totalitat zusammenfugt. Wie es im Magen zugeht,
davon hangt ab, wie es im Kopfe zugeht, und wie es im Kopfe zugeht,
davon hangt ab, wie es im Magen zugeht. Im Organismus ist alles von-
einander abhangig. So ist es auch in diesem Zeitorganismus: das Spa-
tere, das der Mensch erlebt hat, gliedert sich organisch zusammen mit
dem Vorhergehenden. Ein totales Tableau steht auf einmal vor unserer
Seele.
Wenn man jetzt durch die Steigerung derjenigen Kraft, durch die
man friiher selbstgemachte Imaginationen unterdriickt hat, es dahin
bringt, nun auch dieses Erinnerungstableau zu unterdriicken, also nicht
nur seinen eigenen Leib nicht mehr zu sehen, sondern das ganze Tableau
sich innerlich unsichtbar zu machen und dabei doch im Wachzustande
zu verharren, dann kommt man zu der Stufe der Erkenntnis, die einem
das Geistig-Seelische enthullt, das man vor der Geburt, oder sagen wir
vor der Konzeption, durchgemacht hat. Die geistig-seelische Welt, in
der man war, bevor man heruntergestiegen ist in das Erdendasein, die
tragt man wahrend des Erdendaseins in sich. Sie wirkt und lebt in uns,
aber sie wirkt und lebt so in uns, wie der Wasserstoff im Sauerstoff,
wenn Wasser da ist. Man kann gar nicht wahrend des Erdenlebens zwi-
schen der Geburt und dem Tod das Geistig-Seelische an sich unter-
suchen, so wenig man den Wasserstoff untersuchen kann, wenn er mit
dem Sauerstoff zusammen im Wasser gebunden ist. Es muft der Sauer-
stoff erst herauskommen aus dem Wasser; so muft das Geistig-Seelische
herauskommen. Dann versetzt es einen aber nicht in die Gegenwart,
sondern es versetzt einen gerade in das praexistente Dasein. Man nimmt
also dasjenige wirklich wahr, was sich zur irdischen Daseinsform her-
unterbegeben hat. Man bekommt auf diese Weise eine Anschauung von
demjenigen, in dem man gelebt hat, bevor man zur Erde gekommen ist.
Nun kann man ja natiirlich sagen, man wolle nicht Anstalten ma-
chen, auf diese Weise das Ewige im Menschen zu erforschen. Gewifi,
dem Menschen steht es frei, solches auch nicht zu wollen. Dann aber
irgendwie zu glauben, dafi man das Geistig-Seelische durch die gewohn-
liche Erkenntnis erfassen konne, das kame dem naiven Glauben gleich,
dafi man den Wasserstoff erforschen konne, wenn er ans Wasser ge-
bunden ist, ohne dafi man ihn erst absondert. Man wird schon zugeben
miissen, daft eben mit dem gewohnlichen Bewufttsein das Geistig-See-
lische einfach nicht zu erlangen ist. Will man also die Ergebnisse der
Geistesforschung nicht aufnehmen, so gibt es nichts anderes als Schwei-
gen iiber das Geistig-Seelische und sich bloft mit der materiellen Seite
des Daseins zu beschaftigen. Das mag manchen heutigen Menschen ver-
stimmen, aber es gibt eben Lebensnotwendigkeiten, denen man sich
fiigen mufi.
So gelangen wir allmahlich in das inspirierte Erkennen hinein. Denn
es ist ein inspiriertes Erkennen bereits, ein Inspiriertwerden von etwas,
das sonst nicht in unser Bewufttsein hineintritt, das uns aber so durch-
organisiert wie bei der Respiration oder durch die Respiration der
Sauerstoff, den wir auf materielle Weise aus der aufteren Luft auf-
nehmen. Wir werden gewissermaften von dieser inspirierten Erkennt-
nis erfullt, bewuftt erfullt von dem Inhalte unseres vorgeburtlichen,
unseres praexistenten Daseins, wie wir bei der Respiration von dem
materiellen Sauerstoff erfullt werden. Wir atmen unser Geistig-Seeli-
sches ein. Wir erheben uns zur Inspiration. Der Name ist nicht will-
kurlich, sondern durchaus aus den Eigentumlichkeiten heraus gewahlt,
die eben diese Erkenntnis hat.
Nun hat diese Erkenntnis aber noch ein Charakteristikon. Sie wer-
den auch daruber in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten?» Aufschlusse finden. Man mufi sich namlich noch
etwas aneignen, wenn man zu dieser inspirierten Erkenntnis kommen
will. Das ist Geistesgegenwart. Geistesgegenwart hat man, wenn man,
in irgendeine Lebenssituation gebracht, schnell handeln kann, nicht erst
nachklappt mit seinem Urteil, bis die Gelegenheit zum Handeln schon
voruber ist. Man muft gerade durch solche Dinge sich iiben, die einem
notwendig machen, schnell zu handeln, schnell zuzugreifen, weil nam-
lich dasjenige, was durch Inspiration auftritt, schnell voriiberhuscht;
im Status nascendi, im Momente des Entstehens entschwindet es auch
schon. Man mufi die Aufmerksamkeit schnell darauf werfen konnen.
Sie sehen daraus: wenn man der gewohnlichen aufieren Sinneswelt
gegeniibersteht, ist sie raumlich ausgedehnt. Steht man dem nachsten,
was einem entgegentritt, gegeniiber, dem eigenen Lebenstableau, dann
hat man die Zeit auf einmal vor sich, und jetzt, im inspirierten Erken-
nen, ist man aus der Zeit heraus. Man ist angewiesen, im Augenblick
wahrzunehmen. Man ist ganz heraus aus der Zeit. Die Zeit hat flir das-
jenige, was in inspirierter Erkenntnis gewonnen wird, gar keine innere
Bedeutung mehr.
Wenn man sich in dieses Lebenstableau hineinlebt, dann findet man:
in diesem Lebenstableau ist etwas viel realer als in der blofien Erinne-
rung. Die Erinnerungsvorstellungen sind neutrale, die keine innere
Kraft haben, die gewissermaften daliegen, die wir aufnehmen konnen,
die aber keine innere Kraft haben. Dasjenige, was im Lebenstableau
enthalten ist, hat innere Kraft und enthalt zugleich diejenigen Krafte,
die den Menschen bilden, die innerlich bildend wirken, die zum Bei-
spiel beim Kinde, wo das Gehirn zunachst noch nicht seine vollstandige
plastische Ausgestaltung hat, sondern erst im Laufe der ersten Lebens-
jahre ausgestaltet wird, als iibersinnliche Bildekrafte wirken. Diese
ubersinnlichen Bildekrafte lernt man jetzt kennen, \ndem sie in diesem
Lebenstableau drinnen enthalten sind. Man ergreift also nicht etwas
blofi abstrakt VorstellungsmafSiges, sondern man ergreift eine Realitat,
einen Zeitlauf, der krafterfiillt ist: und das ist der feinere Leib, von
dem wir sprechen, Atherleib, auch Bildekrafteleib genannt, der ein ab-
geschlossenes Bild im Raume nur gibt als ein augenblicklich Festge-
haltenes in einem fortwahrenden Stromen. Dieser Atherleib ist in fort-
wahrender Bewegung. Und wenn man versucht, ihn zu malen, so malt
man eigentlich etwas Unwirkliches auf, etwas, was nur einen Augen-
blick dauern konnte, denn der niichste Zustand ist schon gleich wieder
ein anderer und der friihere war ein anderer. Es ist eben durchaus ein
Zeitenleib, der aber als Krafteleib, als Bildekrafteleib dem Wachstum
und auch dem Stoffwechsel des menschlichen Organismus zugrunde
liegt, von dem wir als von einem feineren, atherischeren Leibe sprechen.
Das Wort atherisch darf uns dabei nicht an das erinnern, wie es in der
Physik gebraucht wird, sondern nur an dasjenige, was eben vorhin
charakterisiert und so genannt worden ist.
Wenn man nun in der imaginativen Erkenntnis so weit kommt, daft
man in der geistig-seelischen Auftenwelt drinnensteht und zunachst es
bis dahin gebracht hat, das eigene Lebenstableau, also den Ather- oder
den Bildekrafteleib wahrzunehmen, dann hat man eine gewisse Um-
anderung, eine Transformation c-s Erkenntnislebens erfahren. Was
man da im Erkennen dieses atherischen Wesens ausfiihrt, das ist ahn-
lich und doch wiederum sehr unahnlich nicht der gewohnlich natura-
listisch-abstrakten Erkenntnisweise, sondern der kiinstlerischen Betati-
gung. Man mufi vielmehr ein gestaltendes Denken entwickeln, ein Den-
ken, das in einer gewissen Beziehung schon an die besondere Vorstel-
lungsweise des Kiinstlers erinnert. Allerdings, es ist auch wiederum der
kiinstlerischen Vorstellungsweise sehr unahnlich. Denn dasjenige, was
der Kiinstler bildet, bleibt innerhalb des Wesens der P^antasie stehen.
Die phantasievoll bildende Tatigkeit ist im eminentesten Sinne an die
Leiblichkeit, an die Korperlichkeit gebunden, ist nicht eine Tatigkeit
frei von der Leiblichkeit. Die Tatigkeit, die man in der imaginativen
Erkenntnis ausiibt, ist frei von der Leiblichkeit, und deswegen ergreift
sie auch ein Reales. Die Schopfungen des Kiinstlers sind nicht so, daft
sie sich als Reales in die Welt hineinstellen konnen. Sie werden noch nie-
mals die Vorstellung gehabt haben von der Venus von Milo, daft sie
anfangt weiterzuschreiten und auf Sie zuzukommen. Dasjenige, was
der Kiinstler bildet, ist doch nicht Realitat. Ebensowenig werden Sie,
wenn Sie auf einem Gemalde einen Teufel gesehen haben, die Befurch-
tung haben hegen konnen, daft der Teufel, der da gemalt ist, Sie holen
konnte. Es ist die Art und Weise, wie der Kiinstler sich in die Realitat
hineinstellt, an die menschliche physische Realitat gebunden, taucht
aber nicht in die geistig-seelische Realitat hinein. Dasjenige, was in
imaginativer Erkenntnis erobert wird, das taucht in eine wirkliche
Realitat, in ein Geschehen ein.
Nun kann man ja allerdings sagen, man kc ;ne logisch, erkenntnis-
theoretisch beweisen, daft das Erkeniien vb rhaupt nicht bis zur kiinst-
lenschen Betatigung aufsteigen solle. Denn Erkennr~- 1 eifk, mit Hilfe
der diskursiven Begriffe von einem Begriff zum anderen logisch fort-
schreiten; und wenn man ebcw ins Kunstlerische iibergeht, so iiber-
schreitet man das Gebiet der erlaubten Erkenntnis. Man kann lange
genug, lange gut in dieser Art philosophieren, wie Erkenntnis beschaf-
fen sein solle oder nicht: wenn die Natur, wenn die Welt eine Kiinst-
lerin ist, so wird sie sich eben einem bloft logischen Erkennen nicht
ergeben. Man gelangt nicht an sie heran; sie entzieht sich einem blofi
logischen Erkennen, Daher kann es noch so bloft logisch gerechtfertigt
sein, dafi das Erkennen nicht kiinstlerisch sein soli: mit einem nicht-
kiinstlerischen Erkennen taucht man eben nicht in die atherische Wirk-
lichkeit hinunter. Es kommt darauf an, wie die Welt ist, nicht wie das
Erkennen sein soli, nicht dafi wir aus irgendwelchen logisch richtigen
Voraussetzungen etwas anerkennen. So mufi man sagen: Es tritt ein
kiinstlerisches Moment ein, wenn wir uns von der gewohnlichen, gegen-
standlichen Erkenntnis zu der imaginativen herauferheben.
Und wenn wir uns zur inspirierten herauferheben, dann werden
die Inspirationen, die wir in unserem Bewufksein tragen, so sein, dafi
wir sie wieder Erlebnissen vergleichen konnen, die ihnen ahnlich und
doch wiederum unahnlich sind; und das sind die moralischen Erlebnisse
und ist das Auffassen moralischer Ideen. Ahnlich sind die Inspira-
tionen aus der geistigen Welt den moralischen Ideen dadurch, dafi
man qualitativ dasselbe tut, wenn man die inspirierten Vorstellungen
erlebt, wie man tut, wenn man moralische Ideen und Ideale in seinem
Bewufitsein anwesend sein lafit. Diesem Qualitativen des innerlichen
Erlebens nach sind auch die Inspirationen dem moralischen Ideale-
Erleben ahnlich; aber sie sind wiederum total verschieden dadurch,
daft ja das moralische Ideal, das wir fassen, nicht die innerliche Aktivi-
tat hat, sich durch eigene Kraft zu verwirklichen. Unser moralisches
Ideal ist zunachst machtlos, ohnmachtig in der Welt. Wir miissen es
durch unsere physische Personlichkeit verwirklichen. Wir miissen es
auf dem Umwege durch unsere physische Personlichkeit in die Welt
hineinstellen. An sich bleibt das moralische Ideal ein blofter Gedanke.
Das ist die Inspiration nicht. Wir vollziehen sie so, daft sie qualitativ
ahnlich ist dem moralischen Vorstellen, dem moralischen Impuls; aber
sie erweist sich durch ihr Drinnenstehen in der Welt als ein Reales, als
ein Machtiges, als dasjenige, was so wirkt, wie Naturkrafte wirken.
Man taucht also in eine Welt ein, die man so zu denken hat, wie man
die moralische denkt, die aber eine von vornherein durch ihre eigene
Kraft reale ist.
Und wenn man in der Inspiration so weit gekommen ist, daft man
nun darinnensteht in einer geistig-seelischen Welt, daft einem die geistig-
seelische Welt einen Inhalt gibt, dann ist zum vollen Erleben dieser
geistig-seelischen Welt noch etwas notwendig. Dann muft man in diese
geistig-seelische Welt etwas hineintragen, was eben durchaus nicht in
unserer abstrakten Gedankenwelt ist. Man muft hineintragen die Hin-
gabe an das Objekt. Man lernt doch eine Wesenheit oder eine Kraft
in der geistig-seelischen Welt nicht voll kennen, wenn man nicht mit
dem eigenen Wesen in Liebe ganz hinubergehen, ganz einstromen kann
in das, was sich einem in der Inspiration darbietet. Die Inspiration ist
gewissermaften zunachst nur eine Offenbarung des Geistig-Seelischen.
Das innere Wesen enthiillt sich einem, wenn man sich selber in liebe-
voller Hingabe in dasjenige ausgieftt, wovon man inspiriert wird. Und
indem man in dieser Weise, lebensvoll erhoht, die geistig-seelische Rea-
litat erlebt, ist man in der Intuition darinnen.
Das ist die intuitive Erkenntnis. Schatten von der Intuition sind
ja auch schon im gewohnlichen Leben vorhanden, und die Schatten
der Intuition leben' sich im religiosen Empfinden, im religiosen Fiihlen
aus. Dasjenige, was im religiosen Fiihlen nur innerlich ist, ohne daft
man in einer besonderen Welt darinnensteht, das ist in der geistigen
Intuition voll erfiillt mit Realitat. So daft die geistige Intuition ahnlich
und wiederum ganz verschieden ist von dem bloft religiosen Empfin-
den. Das bloft religiose Empfinden bleibt subjektiv. Bei der geistigen
Intuition stromt das Innenwesen in die Objektivitat hiniiber, lebt in der
geistig-seelischen Realitat darinnen, so daft man sagen kann: Ahnlich
und unahnlich dem religiosen Vorstellen ist die intuitive Art der iiber-
sinnlichen Erkenntnis.
Will man also in einer gewissen Systematik diese Stufen der hoheren
Erkenntnis aneinanderreihen, so kann man sagen: Wir haben zuerst
die im gewohnlichen Leben stehende gegenstandliche Erkenntnis; die
ist naturalistisch. Wir kommen dann zu der Erkenntnis durch Ima-
gination; die ist kunstlerisch. Wir kommen dann zu der Erkenntnis
durch Inspiration; die ist moralisch. Und wir kommen dann zu der Er-
kenntnis durch Intuition; die ist religios, in dem Sinne also, wie ich das
charakterisiert habe.
Sie sehen: das, was da in Wirklichkeit zu ergreifen ist durch kunst-
ahnliche Vorstellungen, moralahnliche, religionsahnliche Vorstellun-
gen, das wirkt ja im Menschen, das ist in ihm darinnen. Es entzieht sich
nur dem gewohnlichen Bewufitsein. Daher kann man gerade dadurch,
dafi man diese Erlebnisse des iibersinnlichen Bewufttseins kennenlernt,
den vollen Menschen auffassen. Insbesondere, da ja dasjenige, was aus
der geistigen Welt sich in die physische Welt hereinlebt, im Kinde
machtig wirkt, kann man gerade die kindliche Natur kennenlernen,
wenn man die hoheren Glieder der menschlichen Wesenheit kennt:
dasjenige, was durch Imagination, durch Inspiration, durch Intuition
am Menschen erkennbar ist. Aber man mufi sich in das richtige Verhalt-
nis zu dem versetzen, wie dieses Obersinnliche zu dem Physisch-Leib-
lichen steht.
Man kann das an dem Beispiel des Gedachtnisses, der Erinnerung,
ganz besonders gut. Die Erinnerung ergreift ja in ihrer Tatigkeit durch-
aus das Leiblich-Physische. Der Leib, der Korper ist an unserer Erinne-
rungstatigkeit beteiligt. Das kann schon durch die ganz gewohnliche
Erfahrung nachgewiesen werden. Wenn wir heute eine Rolle oder ein
Gedicht lernen, und es will durchaus nicht recht in uns hinein und wir
schlafen dann eine Nacht dariiber, dann geht es am nachsten Tage
schnell, kommt wie von selbst. Der Leib hat sich durch seine Regene-
ration zubereitet, die Arbeit auszufuhren, die eben als eine leibliche im
Erinnern ausgefuhrt werden mufi.
Aber auch sonst kann man ja durch unsere gewohnliche Anatomie,
Physiologie wirklich im einzelnen nachweisen, wie gewisse Provinzen
des Nervensystems gelahmt, abgetrennt sein konnen, und wie dadurch
auch gewisse Provinzen des Gedachtnisses ausloschen. Kurz, man kann
durchaus die Gebundenheit des Gedachtnisses an die leibliche Organi-
sation durchschauen. Der Leib iibt eine Tatigkeit aus, wenn Gedacht-
nistatigkeit ausgeiibt wird. Diese Gedachtnistatigkeit aber, diese Erin-
nerungsfahigkeit ist nun, wie schon daraus hervorgeht, durchaus ver-
schieden von dem, was da in Imagination, in Inspiration, im hoheren
Bewufksein erlebt wird; denn das ist unabhangig von der Leiblich-
keit. Das darf nicht in die Leiblichkeit eingreifen, was da iibersinn-
lich erlebt wird. Und das zeigt sich bei diesen Erlebnissen auch: sie
konnen namlich nicht in der gewohnlichen Weise erinnert werden, sie
pragen sich der gewohnlichen Erinnerung nicht ein.
Bei demjenigen, der auf anthroposophische Weise forscht, mufi im-
mer die gewohnliche Erinnerung an die sonstigen Erlebnisse ganz
…[truncated]