Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Inneres  Wesen  des  Menschen 
und  Leben 
zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 


Ein  Zyklus  von  sechs  Vortragen 
gehalten  zu  Ostern  in  Wien  vom  9.  bis  14.  April  1914 
Mit  zwei  vorangehenden  offentlichen  Vortragen 

Wien,  6.  und  8.  April  1914 
und  einer  Ansprache  in  Wien  am  14.  April  1914 


1997 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vorttagenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Hans  W.  Zbinden 


1.  Auflage  (Zyklus  32)  Berlin  1914 

2.  Auflage  (Zyklus  32,  Zweitdruck)  Berlin  1928 

3.  Auflage  Dornach  1935 

4.  Auflage,  erweitert  um  zwei  Vortrage  und  eine  Ansprache, 
Gesamtausgabe  Dornach  1959 

5.,  neu  durchgesehene  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1978 

6.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1997 


Bibliographic -Nr.  153 

Einbandzeichnung  von  Assja  Turgenieff  nach  einem  Motiv  von  Rudolf  Steiner 
Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1997  by  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1530-4 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861—1925)  gliedert  sich 
in  die  drei  gr oBen  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  —  Kiinstlerisches  Wet k 
(siehe  die  Ubersicht  am  SchluB  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fur  die 
Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft 
zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen  hatte  Rudolf  Steiner 
urspriinglich  nicht  gewollt,  daB  sie  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie 
von  ihm  als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  ge- 
dacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veran- 
laBt,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Herausgabe  notwendi- 
ge  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz 
wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  muB  gegen- 
iiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  benicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  daB  in  den  von 
mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  auBert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wordaut  ist  am  SchluB 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermaBen  auch 
fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen  begrenz- 
ten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmer- 
kreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemaB  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  be- 
gonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamt- 
ausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Offentlicher  Vortrag,  Wien,  6.  April  1914  

Aufgabe  und  Ziel  der  Geisteswissenschaft  und  das  geistige 
Suchen  in  der  Gegenwart. 

Die  neue  Erkenntnisart  der  Geisteswissenschaft,  vergleichbar  der  sei- 
nerzeit  neuen  des  Kopernikanismus.  Die  Methodik  der  Geisteswissen- 
schaft, durch  Steigerung  von  gewdhnlichen  Seelenkraften  zu  innerer 
Erkraftung  zu  kommen:  von  Aufmerksamkeit  zur  Imagination,  von 
Sprachkraft  zur  Inspiration,  von  Aufrichtekraft  zur  Intuition.  Die 
Moglichkeit  aller  Menschen  zum  Begreifen  geistiger  Tatsachen  durch 
vorurteilsfreies  Aufnehmen.  Spiritismus  als  materialistischer  Aberglau- 
be.  Die  Notwendigkeit,  zur  Aktivitat  der  Seele  zuruckzufinden,  urn  die 
Konsequenz  des  Materialismus  zu  iiberwinden,  daB  der  Mensch,  als 
bloC  hoher  entwickeltes  Tier,  zwischen  Gut  und  Bose  nicht  unterschei' 
den  konne. 

Offentlicher  Vortrag,  Wien,  8.  April  1914  

Was  hat  die  Geisteswissenschaft  iiber  Leben,  Tod  und  Un- 

sterblichkeit  der  Menschenseele  zu  sagen? 

Innere  Vorbereitung  des  Geistesforschers;  sein  «Ankommen  an  der 
Pforte  des  Todes».  Das  Auftauchen  geistiger  Tatsachen  und  Vorgange 
jenseits  des  Gedachtnisses  in  der  Imagination.  Die  Bildung  eines  See- 
lenkeimes,  der  sich  erst  im  nachsten  Leben  entwickelt,  im  hinter  dem 
Gedachtnis  liegenden  «Ubergedachtnis».  Unsterblichkeit  der  Seele.  Das 
Auftauchen  des  Lebenstableaus  nach  dem  Tode.  Das  darauffolgende 
Sich-Herausarbeiten  aus  dem,  was  als  Unerfiilltes,  Unerledigtes  aus 
dem  letzten  Leben  zuriickgeblieben  ist.  Das  Ubergehen  zur  seelischen 
Schopferkraft,  die  der  Seele  die  geistigen  Wesen  und  Vorgange  be- 
leuchtet.  Die  Seligkeit.  Wechsel  geistiger  Geselligkeit  und  Einsamkeit. 
Die  Mitternacht  des  geistigen  Daseins.  Der  Blick  auf  die  vergangenen 
Erdenleben  und  die  aktive  Sehnsucht,  dafiir  Ausgleich  in  einem  neuen 
Leben  zu  schaffen.  Die  Bildung  des  geistigen  Urbildes  des  neuen  Er- 
denlebens  und  die  Hinwendung  zum  neuen  Elternpaar.  Das.  Durchor- 
ganisieren  des  neuen  Leibes  aus  dem  Geistigen  in  der  Kindheit.  Ver- 
brecher  als  geistige  Fnihgeburten.  —  Starkung  der  Intelligenzkrafte 
durch  friihes  Sterben  aufgrund  eines  Ungliickes,  der  Willenskrafte  auf- 
grund  des  Sterbens  durch  Krankheit.  Zeitangaben  fur  die  Erlebnisse 
zwischen  Tod  und  neuer  Geburt. 


INNERES  WESEN  DES  MENSCHEN 
UND  LEBEN  ZWISCHEN  TOD   UND   NEUER  GEBURT 


Erster  Vortrag,  Wien,  9.  April  1914  73 

Die  vier  inneren  Spharen  des  menschlichen  Seelenlebens:  Wahrneh- 
men,  Denken,  Fiihlen  und  Wollen.  Die  geistigen  Erfahrangen  durch 
ihr  Erkraften  im  Raume  auBerhalb  des  Leibes. 

Zweiter  Vortrag,  10.  April  1914   91 

Das  Heraustreten  aus  dem  Leibe  durch  das  Erstarken  der  Erinnerungs- 
kraft;  Erleben  des  rein  Zeitlichen  vor  der  Inkarnation.  Religiositat, 
Versuchung,  Erziehung  im  vorgeburtlichen  Zeitstrom. 

Dritter  Vortrag,  11.  April  1914  106 

Bildung  von  Phantomen  bei  den  Sinnesempfindungen.  Die  Schatten- 
bilder  des  Denkens;  der  Gedachtnisschatz.  Das  Ungeborene  in  Gefuhl 
und  Wille.  Lebendiges  Wahrnehmen  und  inneres  Schauen  in  vorchrist- 
licher  Zeit.  Das  Wirken  des  Christus. 

Vierter  Vortrag,  12.  April  1914  124 

Der  Unterschied  des  Erlebens  in  der  geistigen  Welt  und  auf  dem  phy- 


sischen  Plan.  Die  Umwandlung  der  Weisheit  in  Lebenskrafte;  die 
schopferische  Kraft  des  fuhlenden  Wollens;  das  Gefragtwerden  von 
den  Dingen.  Vorbereitung  im  Irdischen  auf  die  Impulsierung  des  Le- 
bens  im  Geistigen. 

Funfter  Vortrag,  13.  April  1914  144 

Vorgange  zwischen  Tod  und  Weltenmitternacht.  Der  imaginative  Blick 
auf  die  verlassenen  Hullen.  Entfaltung  des  Bewufitseins  in  der  geistigen 
Welt:  Herauslosen  der  im  Irdischen  gebundenen  Seelenkrafte  Erinne- 
rung,  Fiihlen  und  Wollen,  schopferisches  Seelenlicht.  Geselligkeit  und 
Vereinsamung  im  Geistigen.  Die  Weltenmitternacht.  Das  Sich-neu- 
Ergreifen  im  Weltensein. 

Sechster  Vortrag,  14.  April  1914  163 

Das  Erleben  der  Seele  von  der  Weltenmitternacht  an:  die  uberzeitliche 
Wirkung  der  Vergangenheit  als  geistige  AuBenwelt.  Verwandlung  von 
vergangenen  Ereignissen  und  Taten  in  Fabigkeiten.  Karzinom-Bildung 
im  sozialen  Leben.  Gesichtspunkte  bei  der  Schaffung  eines  geistig- 
atherischen  Urbildes  fiir  das  nachste  Erdenleben.  Der  geistige  Krafte- 
iiberschuC  durch  das  Wirken  des  Christus-Impulses. 


Ansprache,  14.  April  1914  .  . 

Uber  den  Johannesbau  in  Dornach 


181 


Progr amm  der  Wiener  Vortrags-Veranstaltungen   1 84 

Hinweise 

Tax  dieser  Ausgabe   186 

Hinweise  zum  Text   187 

Namenregister   191 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   193 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe    .    .    .    .  195 


OFFENTLICHER  VORTRAG 
Wien,  6.  April  1914 


A.ujgabe  und  Ziel  der  Geisteswissenschaft 
und  das  geistige  Suchen  in  der  Gegenwart 

Wer  derjenigen  Form  geisteswissenschaftlicher  Weltanschauung,  von 
der  ich  mir  gestatten  werde  heute  und  ubermorgen  zu  sprechen,  einen 
gewissen  Wert  beimessen  will,  wird  sich  schon  einmal  bekannt  machen 
miissen  mit  dem  eigentumlichen,  in  der  Menschheitsentwickelung  ge- 
legenen  Widerspruch,  daB  eine  geistige  Stromung,  ein  geistiger  Impuls 
von  einem  gewissen  hoheren  Gesichtspunkt  aus  im  eminentesten  Sinn 
zeitgemaB  sein  kann  und  daB  dieses  also  ZeitgemaBe  dennoch  zunachst 
von  der  Zeitgenossenschaft  scharf  zuriickgewiesen  wird,  zuriickgewie- 
sen  in  einer,  man  mochte  sagen,  durchaus  begreif  lichen  Weise. 

ZeitgemaB  war  der  Impuls  zu  einer  neuen  Anschauung  vom  Welten- 
all  des  Raumes,  den  Kopernikus  in  der  Morgenrote  der  neuen  Zeit  ge- 
geben  hat,  zeitgemaB  zweifellos  von  dem  Gesichtspunkt  aus,  daB  die 
Entwickelung  der  Menschheit  gerade  zu  der  Zeit  des  Kopernikus  not- 
wendig  machte,  daB  dieser  Impuls  kam.  UnzeitgemaB  erwies  sich  die- 
ser  Impuls  durchaus  noch  fur  lange  Zeiten,  insofern  als  gegen  ihn 
Front  gemacht  wurde  von  all  denen,  die  an  den  alten  Denkgewohn- 
heiten,  an  jahrhundert-  und  jahrtausendalten  Vorurteilen  festhalten 
wollten.  ZeitgemaB  in  einem  solchen  Sinne  erscheint  den  Bekennern 
der  hier  gemeinten  Geisteswissenschaft  diese  geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung,  und  unzeitgemaB  ist  sie  von  dem  Gesichtspunkt  aus, 
von  dem  sie  noch  von  vielen  unserer  Zeitgenossen  beurteilt  werden 
muB.  Dennoch  glaube  ich,  im  Laufe  des  heutigen  und  ubermorgigen 
Vortrages  zeigen  zu  konnen,  daB  in  unterbewuBten  Seelentiefen  der 
gegenwartigen  Menschheit  etwas  wie  eine  Sehnsucht  nach  dieser  gei- 
steswissenschaftlichen  Weltanschauung  besteht  und  etwas  wie  eine 
HofFnung  nach  ihr  lebt. 

So  wie  sie  sich  zunachst  darstellt,  diese  Geisteswissenschaft,  will  sie 
sein  eine  echte  Fortsetzerin  der  naturwissenschaftlichen  Geistesarbeit, 
wie  sie  in  den  letzten  Jahrhunderten  geleistet  worden  ist.  Und  ganz 


unrichtig  ware  es,  wenn  man  glauben  wollte,  dafi  diese  Geisteswissen- 
schaft irgendwie  von  sich  selbst  aus  eine  Gegnerschaft  entfaltete  gegen 
die  groBen  Triumphe,  gegen  die  unermeBlichen  Errungenschaften  und 
die  weitblickenden  Wahrheiten,  welche  das  natarwissenschaftliche 
Denken  der  letzten  Jahrhunderte  gebracht  hat.  Im  Gegenteil,  das- 
jenige,  was  Naturwissenschaft  war  und  ist  fur  die  Erkenntnis  der 
auBeren  Welt,  das  will  diese  Geisteswissenschaft  sein  fur  die  Erkennt- 
nis der  geistigen  Welt.  So  konnte  sie  geradezu  ein  Kind  der  natur- 
wissenschaftlichen  Denkweise  genannt  werden,  obwohl  dies  noch  in 
weitesten  Kreisen  heute  bezweifelt  werden  wird. 

Um  eine  Vorstellung,  nicht  einen  Beweis,  sondern  zunachst  eine 
Vorstellung,  die  Verstandigung  hervorrufen  soil,  anzufiihren,  sei  iiber 
das  Verhaltnis  der  hier  gemeinten  Geisteswissenschaft  zur  naturwissen- 
schaftlichen  Weltanschauung  das  Folgende  gesagt :  Blicken  wir  auf  die 
groBe,  gewaltige  Entwickelung  naturwissenschaftlicher  Erkenntnis  in 
den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderten,  so  sagen  wir  uns,  daB  sie  auf 
der  einen  Seite  unermeBliche  Wahrheiten  iiber  den  weiten  Horizont 
menschlicher  Erkenntnis  gebracht  hat,  daB  auf  der  anderen  Seite  dieses 
Denken  eingeflossen  ist  in  das  praktische  Leben.  Uberall  sehen  wir 
uns  entgegenleuchten  auf  dem  Gebiete  des  Technischen,  Kommer- 
ziellen,  das,  was  uns  die  in  die  Lebenspraxis  hineingeflossenen  Gesetze 
und  Erkenntnisse  der  Naturwissenschaft  gebracht  haben.  Will  man 
sich  nun  eine  Vorstellung  davon  machen,  wie  zu  diesen  Fortschritten 
die  hier  gemeinte  Geisteswissenschaft  steht,  so  kann  man  zunachst 
einen  Vergleich  geben.  Man  kann  hinblicken  auf  den  Bauern,  der  sein 
Feld  bestellt,  der  einerntet  die  Friichte  des  Feldes.  Der  groBte  Teil 
dieser  Friichte  des  Feldes  wird  hereingenommen  in  das  menschliche 
Leben,  zur  Nahrung  der  Menschen  verwendet;  ein  kleiner  Teil  nur 
bleibt  iibrig.  Er  wird  verwendet  zur  neuen  Fruchtaussaat.  Nur  von 
diesem  letzteren  Teile  kann  man  sagen,  daB  er  folgen  darf  den  Trieb- 
kraften,  den  inneren  Lebe-  und  Bildekraften,  die  im  aufsprossenden 
Korn,  in  der  aufsprossenden  Frucht  selber  liegen.  Das,  was  in  die 
Scheunen  gefiihrt  wird,  wird  zumeist  abgebracht  von  seinem  in  den 
eigenen  Bildungsgesetzen  liegenden  Fortschritt,  wird  gleichsam  in 
eine  Seitenstromung  gefiihrt,  zur  menschlichen  Nahrung  verwendet, 


setzt  nicht  fort  in  unmittelbarer  Weise  das,  was  in  den  Keimen  liegt, 
was  die  eigenen  Triebkrafte  sind. 

So  erscheint  der  Geisteswissenschaft,  die  hier  gemeint  ist,  ungefahr 
das,  was  die  Naturwissenschaft  an  Erkenntnissen  gebracht  hat  in  den 
letzten  Jahrhunderten.  Der  weitaus  groBte  Teil  ist  mit  Recht  dazu  ver- 
wendet  worden,  Einsicht  zu  gewinnen  in  die  auBeren,  sinnlich-raum- 
lichen  Tatsachen,  ist  dazu  verwendet  worden,  in  den  menschlichen 
Nutzen  einzugehen.  Aber  zuriickbleiben  kann  gerade  von  den  Ideen, 
welche  die  Betrachtung  der  Natur  in  den  letzten  Jahrhunderten  ge- 
liefert  hat,  in  der  menschlichen  Seele  etwas,  das  nun  nicht  verwendet 
wird,  um  das  oder  jenes  zu  begreifen  in  der  sinnlichen  AuBenwelt,  was 
nicht  verwendet  wird,  Maschinen  zu  bauen  oder  Industrien  zu  pfle- 
gen  sondern  das  lebendig  gemacht  wird,  so  daB  es  erhalten  wird  in 
seiner  eigenen  Richtung  wie  das  Korn,  das  wieder  zur  Aussaat  ver- 
wendet wird  und  seinen  Bildungsgesetzen  folgen  darf.  Gerade  wenn 
sich  der  Mensch  also  durchdringt  mit  dem,  was  uns  an  herrlichen  Er- 
kenntnisfriichten  Naturwissenschaft  gezeitigt  hat,  wenn  er  dieses  leben 
laBt  in  seiner  Seele,  wenn  er  ein  Gefuhl  hat  dafur  zu  fragen:  Wie  laBt 
sich  das  seelische  Leben  durchleuchten  und  erkennen  an  den  BegrifTen 
und  an  den  Ideen,  welche  die  Naturwissenschaft  geliefert  hat,  wie  laBt 
sich  mit  diesen  Ideen  leben,  wie  laBt  sich  von  ihnen  aus  begreifen,  wo 
die  Haupttriebkrafte  des  menschlichen  Seelenlebens  liegen?  -  wenn 
die  menschliche  Seele  ein  Gefuhl  dafiir  hat,  mit  dem  errungenen 
Geistesschatz  diese  Fragen  aufzuwerfen  -  aufzuwerfen  nicht  in  der 
Theorie,  sondern  mit  der  ganzen  Fulle  des  seelischen  Lebens  -,  dann 
erscheint  das,  was  erst  in  unserer  Zeit,  da  eine  Weile  die  Naturwissen- 
schaft sozusagen  auf  ihrem  eigenen  Boden  gepflegt  worden  ist,  in  die 
menschliche  Kultur  iibergehen  kann. 

Und  auch  in  anderer  Beziehung  ist  diese  Geisteswissenschaft  viel- 
fach  ein  Kind  der  naturwissenschaftlichen  Denkweise  zu  nennen,  nur 
muB  der  Geist  in  einer  anderen  Weise  erforscht  werden  als  die  Natur. 
Gerade  wenn  man  auf  ebenso  sicherer,  methodischer,  wissenschaft- 
licher  Basis  dem  Geiste  gegeniiberstehen  will,  wie  die  Naturwissen- 
schaft der  Natur  gegeniiber,  so  muB  man  das  naturwissenschaftliche 
Denken  umformen  und  es  so  pragen,  daB  es  ein  taugliches  Werkzeug 


fur  die  Erkenntnis  des  Geistes  wird.  Wie  das  werden  kann,  davon  soli 
in  diesen  Vortragen  einiges  mitgeteilt  werden.  Gerade  wenn  man  so 
recht  fest  steht  auf  dem  Boden  der  Naturwissenschaft,  dann  sieht  man 
ein,  daB  mit  den  Mitteln,  mit  denen  sie  arbeitet,  eine  geistige  Erkennt- 
nis sich  nicht  gewinnen  laBt.  Immer  wieder  und  wiederum  ist  von  er- 
leuchteten  Geistern  davon  gesprochen  worden,  daB,  von  dem  sicheren 
Boden  der  Naturwissenschaft  ausgehend,  der  Mensch  einsehen  muB, 
daB  seine  Erkenntniskraft  begrenzt  sei.  Naturwissenschaft  und  Kantia- 
nismus  -  um  nur  diese  zu  nennen  -  haben  dazu  beigetragen,  den  Glau- 
ben  heraufzubringen,  daB  die  Erkenntniskrafte  des  menschlichen  Gei- 
stes begrenzt  seien,  daB  der  Mensch  nicht  eindringen  konne  durch 
sein  Wissen  in  die  Gebiete,  wo  der  Quell  Uegt,  mit  dem  sich  die  Seele 
verbunden  fiahlen  muB ;  wo  der  Mensch  einsieht,  daB  nicht  nur  herein- 
wirken  die  Krafte,  die  mit  Naturwissenschaft  iiberschaut  werden  kon- 
nen,  sondern  andere  Krafte.  Da  gibt  Geisteswissenschaft  der  Natur- 
wissenschaft vollig  recht.  Gerade  fur  die  Erkenntnisfahigkeiten,  die 
die  Naturwissenschaft  groB  gemacht  haben,  auf  denen  die  Natur- 
wissenschaft auch  stehenbleiben  muB  als  solche,  fur  sie  gibt  es  keine 
Moglichkeit,  einzudringen  in  das  geistige  Gebiet. 

Aber  in  der  menschlichen  Seele  schlummern  andere  Erkenntnis- 
fahigkeiten, Erkenntnisfahigkeiten,  die  im  Alltag  und  im  Getriebe 
der  gewohnlichen  Wissenschaft  nicht  verwendet  werden  konnen,  die 
aber  hervorgeholt  werden  konnen  aus  dieser  menschlichen  Seele  und 
die,  wenn  sie  hervorgeholt  werden,  wenn  sie  gleichsam  aus  den  unter- 
grundlichen  Tiefen  der  Menschenseele  herausgeholt  werden,  dann  aus 
dem  Menschen  etwas  anderes  machen :  die  ihn  durchkraften  mit  einer 
neuen  Erkenntnisart,  mit  einer  solchen  Erkenntnisart,  die  eindringen 
kann  in  Gebiete,  welche  der  bloBen  Naturwissenschaft  verschlossen 
sind.  Es  ist  -  ich  lege  auf  den  Ausdruck  keinen  besonderen  Wert,  aber 
er  verdeutlicht  die  Sache  -  eine  Art  geistiger  Chemie,  durch  die  man 
in  die  geistigen  Gebiete  desDaseins  eindringen  kann,  aber  eine  Chemie, 
die  allerdings  nur  in  bezug  auf  sichere  Logik  und  methodisches  Den- 
ken  Ahnlichkeit  hat  mit  der  auBeren  Chemie:  es  ist  die  Chemie  des 
menschlichen  Seelenlebens  selber.  -  Und  von  diesem  Gesichtspunkte 
aus,  um  uns  zu  verstandigen,  sei  wiederum  von  mir  vergleichsweise 


das  Folgende  gesagt:  Wenn  wir  Wasser  vor  uns  haben,  so  hat  dieses 
Wasser  gewisse  Eigenschaften.  Der  Chemiker  kommt  und  zeigt,  daB 
in  diesem  Wasser  Wasserstoff  und  Sauerstoff  darinnen  sind.  Nehmen 
wir  den  Wasserstoff :  er  brennt,  er  ist  gasformig,  er  ist  ganz  anders  als 
das  Wasser.  Wiirde  jemand  jemals,  wenn  er  nichts  von  Chemie  wiiBte, 
dem  Wasser  ansehen  konnen,  daB  in  ihm  Wasserstoff  ist?  Wasser  ist 
fhissig,  brennt  nicht,  loscht  sogar  das  Feuer.  Wasserstoff  brennt,  ist  ein 
Gas,  kurz:  Wiirde  jemand  dem  Wasser  ansehen  konnen,  daB  in  ihm 
Wasserstoff  enthalten  ist?  -  Dennoch  kommt  der  Chemiker  und  trennt 
ab  von  dem  Wasser  den  Wasserstoff.  Mit  dem  Wasser  laBt  sich  ver- 
gleichen  der  Mensch,  wie  er  im  Alltag  vor  uns  stent,  wie  er  vor  der 
gewohnlichen  Wissenschaft  steht.  In  ihm  sind  vereinigt  Physisch- 
Leibliches  und  Geistig-Seelisches.  Die  auBere  Wissenschaft  und  die 
Weltanschauung,  die  sich  auf  ihr  auf  baut,  sie  haben  vollig  recht,  wenn 
sie  sagen:  Ja,  diesem  Menschen,  der  uns  da  gegeniibersteht,  kann  man 
nicht  ansehen,  daB  in  ihm  ein  Geistig-Seelisches  ist;  und  begreiflich 
ist  es,  wenn  eine  Weltanschauung  dieses  Seelisch-Geistige  vollig  ab- 
leugnet.  Aber  das  ist  gerade  so,  wie  wenn  man  die  Natur  des  Wasser- 
stoffes  ableugnen  wiirde. 

Allerdings  die  Notwendigkeit  fiir  einen  Beweis  liegt  vor,  daB  das 
Geistig-Seelische  wirklich  abgetrennt  von  der  menschlichen  Wesen- 
heit,  abgesondert  von  dem  Physisch-Leiblichen  in  seelisch-geistiger 
Chemie  dargestellt  werden  konne.  Dieses  kann  sein.  DaB  es  eine  solche 
geistig-seelische  Chemie  gibt,  das  ist  es,  was  Geisteswissenschaft  heute 
der  Menschheit  zu  sagen  hat,  so  wie  der  Kopernikanismus  der  dadurch 
iiberraschten  Menschheit  zu  sagen  hatte,  daB  die  Erde  nicht  still  steht, 
sondern  in  rasendem  Tempo  um  die  Sonne  sich  bewegt,  die  Sonne 
aber  still  steht.  Und  wie  noch  bis  in  das  19.  Jahrhundert  herein  Koper- 
nikanische  Schriften  auf  dem  Index  standen,  so  werden  in  gewisser 
Beziehung  lange  die  Erkenntnisse  der  Geisteswissenschaft  auf  dem 
Index  anderer  Weltanschauungen  stehen,  jener  Weltanschauungen,  die 
sich  nicht  losmachen  konnen  von  dem,  was  jahrhundertealte  Vor- 
urteile  sind,  was  Denkgewohnheiten  sind.  Und  daB  diese  Geistes- 
wissenschaft dennoch  bis  zu  einem  gewissen  Grad  jetzt  schon  Herzen 
und  Seelen  ergreifen  kann,  daB  sie  nicht  gerade  auBerhalb  des  Suchens 


unserer  Zeit  liegt,  dafur  haben  wir  ja  einen  kleinen  Beweis,  dessen  ich 
mich  nicht  riihmen  will,  der  aber  erwahnt  werden  darf  als  ein  Zeugnis 
fur  das,  ich  mochte  sagen,  in  den  Seelen  verborgene  ZeitgemaBe  der 
Geisteswissenschaft.  Sind  wir  ja  in  der  Lage,  bereits  in  unserer  Zeit 
dieser  Geisteswissenschaft  eine  freie  Hochschule  auf  freiem  schweize- 
rischem  Boden  zu  bauen;  und  konnen  wir  doch  erblicken  durch  das 
Verstandnis  der  Freunde  dieser  Geistesstromung  das  Wahrzeichen 
derselben  in  dem  auch  dem  Baustil  nach  neuen,  doppelkuppeligen 
Rundbau,  welcher  von  Dornachs  Hohen,  bei  Basel,  als  ein  erstes  auBe- 
res  Denkmal  sich  erheben  soil  fur  das,  was  diese  Geisteswissenschaft 
der  modernen  Kultur  einzuverleiben  hat.  DaB  dieser  Bau  schon  im 
Aufrichten  ist,  daB  sich  die  Formen  seiner  Kuppeln  schon  uber  den 
Rundbau  erheben,  das  lafit  uns  heute  mit  noch  viel  mehr  HofHiung 
und  innerer  Befriedigung  von  Geisteswissenschaft  sprechen,  trotz  all 
der  Gegnerschaft,  trotz  all  des  Unverstandnisses,  das  ihr  begegnet  und 
begegnen  muB  heute  noch  in  weiten  Kreisen. 

Das,  was  ich  als  geistige  Chemie  bezeichnet  habe,  ist  allerdings 
nichts,  was  erreicht  werden  kann  durch  auBere  Methoden,  die  man 
mit  den  Augen  ansehen  kann,  die  durch  auBere  Verrichtungen  herbei- 
gefuhrt  werden.  Das,  was  geistige  Chemie  genannt  werden  kann,  voll- 
zieht  sich  lediglich  an  der  menschlichen  Seele  selber,  und  Verrich- 
tungen sind  es  intimer  seelisch-geistiger  Art,  Verrichtungen,  welche 
die  Seele  nicht  so  lassen,  wie  sie  im  alltaglichen  Leben  ist,  sondern 
welche  wirken  auf  diese  Seele  so,  daB  sie  sich  umartet,  daB  sie  zu  einem 
ganz  anderen  Erkenntniswerkzeug  wird,  als  sie  gewohnlich  ist.  Und 
nicht  sind  es  irgendwelche,  man  mochte  sagen,  wunderbare  Verrich- 
tungen, irgendwelche  vom  Aberglauben  hergenommenen  Verrich- 
tungen, die  also  in  geis  tiger  Chemie  angewendet  werden,  sondern  es 
sind  durchaus  innere,  geistig-seelische  Verrichtungen,  welche  sich  auf- 
bauen  auf  dem,  was  auch  im  alltaglichen  Leben  vorhanden  ist :  Krafte 
der  Seele,  die  immer  da  sind,  die  wir  im  alltaglichen  Leben  brauchen, 
die  aber  in  diesem  alltaglichen  Leben,  ich  mochte  sagen,  nur  nebenher 
verwendet  werden,  die  aber  unermeBlich  gesteigert  werden  mussen, 
ins  Unbegrenzte  sich  erkraften  mussen,  wenn  der  Mensch  wirklich 
zum  geistigen  Erkenner  werden  soil. 


Die  eine  Kraft,  die  in  unserem  ganzen  seelischen  Leben  sich  be- 
tatigt  mehr  nebenher,  aber  unermeBlich  gesteigert  werden  muB,  wir 
konnen  sie  nennen:  die  Aufmerksamkeit.  Was  ist  Aufmerksamkeit? 
Nun,  wir  lassen  das  Leben,  das  an  der  Seele  voriiberflutet,  nicht  so, 
wie  es  sich  selbst  gestaltet,  voriiberfluten;  wir  raffen  uns  im  Inneren 
auf,  um  den  geistigen  Blick  auf  dieses  oder  jenes  hinzurichten.  Ein- 
zelne  Dinge  greifen  wir  heraus,  stellen  sie  in  das  Blickfeld  unseres 
BewuBtseins,  konzentrieren  die  Seelenkrafte  auf  diese  Einzelheiten. 
Und  wir  diirfen  sagen:  Nur  dadurch  ist  unser  seelisches  Leben,  das 
Aktivitat  braucht,  auch  im  Alltag  moglich,  daB  wir  entwickeln  konnen 
ein  solches  Interesse,  das  heraushebt  einzelne  Ereignisse  und  Tat- 
sachen  und  Wesenheiten  aus  dem  voriiberflutenden  Strom  des  Da- 
seins.  Diese  Aufmerksamkeit,  sie  ist  im  gewohnlichen  Leben  durchaus 
notwendig.  Man  wird  immer  mehr  und  mehr  einsehen,  gerade  wenn 
auch  Geisteswissenschaft  ein  wenig  in  die  Seelen  eindringt,  daB  im 
Grunde  genommen  das,  was  die  Menschen  die  Gedachtnisfrage  nen- 
nen, nur  eine  Aufmerksamkeitsfrage  ist,  und  das  wird  wichtige  Ge- 
sichtspunkte  werfen  selbst  auf  alle  Erziehungsfragen.  Man  kann  ge- 
radezu  sagen,  je  mehr  man  sich  bemiiht,  schon  beim  heranwachsenden 
und  auch  beim  spateren  Menschen  die  Seele  immer  wieder  und  wieder- 
um  in  die  Tatigkeit  der  Aufmerksamkeit  zu  versetzen,  desto  mehr  wird 
das  Gedachtnis  verstarkt.  Nicht  allein,  daB  es  besser  wirkt  fur  die 
Dinge,  auf  die  wir  aufmerksam  gewesen  sind,  sondern  je  ofter  wir 
diese  Aufmerksamkeitstatigkeit  ausiiben  konnen,  desto  mehr  wachst 
unser  Gedachtnis  heran,  desto  intensiver  gestaltet  es  sich.  Und  ein 
anderes  noch:  Wer  hatte  heute  nicht  gehort  von  jener  traurigen  Seelen- 
erscheinung,  die  man  die  Diskontinuitat  des  BewuBtseins  nennen 
konnte.  Es  gibt  heute  Menschen,  die  kein  voiles  Zuriickschauen  haben 
auf  ihr  seitheriges  Leben,  wo  sie  hinterher  nicht  wissen :  Du  warst  mit 
deinem  Ich  in  diesem  oder  jenem  Erlebnisse;  die  nicht  wissen,  was  sie 
durchgemacht  haben.  Vorkommen  kann  es,  daB  solche  Menschen  ihr 
Heim  verlassen,  weil  sie  die  Folgerichtigkeit  in  ihrem  seelischen  Er- 
leben  verloren  haben;  daB  sie  ihr  Heim  verlassen  ohne  Sinn  und  Ver- 
stand,  daB  sie  wie  mit  Verlust  ihres  eigenen  Ichs  durch  die  Welt  gehen, 
so  daB  sie  erst  nach  Jahren  wieder  finden  ihr  Ich  und  ankniipfen  kon- 


nen  an  das,  was  da  ihr  Ich  erlebt  hat.  Niemals  wiirden  solche  Erschei- 
nungen  zu  jener  Tragik  fuhren  konnen,  zu  der  sie  oftmals  fuhren, 
wenn  man  wiiBte,  daB  auch  diese  Integritat,  dieses  In-sich-voll-bewuBt- 
Halten  des  BewuBtseins  abhangt  von  einer  regelrechten  Entwickelung 
der  Aufmerksamkeitsbetatigung. 

So  ist  Aufmerksamkeitsbetatigung  etwas,  was  wir  im  gewohnlichen 
Leben  durchaus  brauchen.  Der  Geistesforscher  muB  ankniipfen  an  sie, 
muB  sie  entwickeln  zu  besonderer  innerer  Seelenerkraftung,  muB  sie 
vertiefen  zu  dem,  was  man  nennen  konnte  Meditation,  Konzentration. 
Das  sind  die  technischen  Ausdriicke  fur  die  Sache.  So  wie  wir  im  ge- 
wohnlichen Leben,  veranlaBt  durch  das  Leben  selber,  dem  oder  jenem 
Gegenstand  die  Aufmerksamkeit  zuwenden,  so  wendet  der  Geistes- 
forscher aus  innerer  Seelenmethodik  heraus  alle  Seelenkrafte  auf  eine 
Vorstellung,  ein  Bild,  eine  Empfindung,  einen  Willensimpuls,  eine 
Gemutsstimmung,  die  er  iiberschauen  kann,  die  ganz  klar  vor  seiner 
Seele  ist,  und  auf  die  er  alle  Seelenkrafte  konzentriert;  aber  so  konzen- 
triert,  daB  er,  wie  nur  sonst  im  tiefen  Schlaf,  alle  Sinnentatigkeit  unter- 
druckt  hat,  die  sich  auf  AuBeres  richtet,  daB  er  alles  Denken  und 
Trachten,  alle  Sorgen  und  AfFekte  des  Lebens  so  zum  Stillstand  ge- 
bracht  hat,  wie  sonst  nur  im  tiefen  Schlaf.  In  bezug  auf  das  gewohn- 
liche  Leben  wird  in  der  Tat  der  Mensch  so,  wie  sonst  im  tiefen  Schlaf; 
nur  daB  er  sein  BewuBtsein  nicht  verliert,  daB  er  es  vollig  wach  erhalt. 
Aber  alle  Krafte  der  Seele,  die  sonst  zerstreut  sind  auf  das  auBere  Er- 
leben,  auf  die  Sorgen  und  Bekiimmernisse  des  Daseins,  die  sind  kon- 
zentriert auf  die  eine,  durch  Willkiir  in  den  Mittelpunkt  des  mensch- 
lichen  Seelenlebens  gestellte  Vorstellung,  Empfindung  oder  sonstiges. 
Dadurch  drangen  sich  die  Seelenkrafte  zusammen  und  das,  was  sonst 
nur  schlummert,  nur  wie  zwischen  den  Zeilen  des  Lebens  fur  dieses 
Leben  mitwirkt,  das  kraftet  sich  heraus,  pragt  sich  heraus  aus  der 
menschlichen  Seele;  und  es  tritt  tatsachlich  ein,  daB  durch  diese  innere 
Erkraftung  der  menschlichen  Seele  in  der  konzentrierten  Tatigkeit,  in 
der  ins  UnermeBliche  gesteigerten  Aufmerksamkeit,  diese  Seele  sich 
so  in  sich  erleben  lernt,  daB  sie  fahig  wird,  sich  bewuBt  herauszureiBen 
aus  dem  physisch-sinnlichen  Leib,  wie  der  Wasserstoff  durch  die  che- 
mische  Methode  herausgelost  wird  aus  dem  Wasser. 


Allerdings,  es  ist  eine  innere  seelische  Erarbeitung,  die  durch  Jahre 
geht,  wenn  der  Geistesforscher  seine  Seek  dutch  solche  Aufmerksam- 
keits-,  durch  solche  Konzentrationsbetatigung  dazu  befahigen  will, 
sich  herauszureiBen  aus  dem  physischen  Leib.  Dann  aber  kommt  die 
Zeit,  wo  der  Geistesforscher  einen  Sinn  zu  verbinden  weiB  mit  dem 
Worte,  oh,  mit  dem  der  heutigen  Welt  so  paradox  klingenden  Worte, 
mit  dem  dieser  Welt  so  phantastisch  erscheinenden  Worte :  Ich  erlebe 
mich  als  geistig  seelisches  Wesen  auBerhalb  meines  Leibes  und  ich 
weiB,  daB  dieser  Leib  auBerhalb  meiner  Seele  sich  befindet  -  nun,  wie 
der  Tisch  sich  auBerhalb  meines  Leibes  befindet.  Ich  weiB,  daB  die 
Seele,  innerlich  erkraftet,  sich  so  erleben  kann,  auch  wenn  sie  den  Leib 
wie  ein  fremdes  Objekt  vor  sich  hat,  diesen  Leib  mit  all  seinen  Schick- 
salen,  die  er  im  gewohnlichen  auBeren  Leben  durchlauft.  Der  Mensch 
wird  sich  in  dem,  was  er  sonst  ist,  vollstandig  auBere  Wesenheit,  und 
er  erlebt  sich  als  geistig-seelisches  Wesen  in  Absonderung  von  seinem 
Leib,  und  dieses  geistig  seelische  Wesen  zeigt  dann  ganz  andere  Eigen- 
schaften,  als  es  zeigt,  wenn  es  mit  dem  physisch-sinnlichen  Leibe  ver- 
bunden  ist  und  sich  des  an  das  Gehirn  gebundenen  Verstandes  bedient. 

Zunachst  lost  sich  die  Denkkraft  los  von  dem  physischen  Erleben.  - 
Da  ich  nicht  in  Abstraktionen  sprechen  will,  sondern  von  wirklichen 
Tatsachen  berichten  mochte,  so  stoBen  Sie  sich  nicht  daran,  daB  ich 
ungeschminkt,  vorurteilsfrei  schildern  mochte  das,  was  heute  noch  so 
paradox  klingt.  —  Wenn  der  Geistesforscher  anfangt  einen  Sinn  zu  ver- 
binden mit  dem  Wort:  Du  lebst  jetzt  in  deiner  Seele,  du  weiBt,  daB 
deine  Seele  ein  wirklich  geistiges  Wesen  ist,  in  dem  du  dich  erlebst, 
wenn  du  auBerhalb  deiner  Sinne  und  des  Gehirns  bist,  dann  erfuhlt  er 
sich  zunachst  mit  seinem  Denken  wie  auBerhalb  seines  Gehirns,  seinen 
Kopf  umwebend  und  umlebend.  Ja,  er  weiB,  da  man,  solange  man  im 
physischen  Leib  zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode  steht,  immer 
wieder  und  wieder  in  den  Leib  zuriickkehren  muB  -,  es  weiB  der 
Geistesforscher  genau  den  Moment  zu  beobachten,  wo  er,  nachdem 
er  mit  dem  rein  Geistig-Seelischen  gelebt  hat,  wiederum  zuruckkehrt 
mit  seinem  Denken  in  sein  Gehirn.  Er  erlebt  es,  wie  dieses  Gehirn 
einen  Widerstand  bietet,  fiihlt,  wie  er  gleichsam  mit  den  Wellen  des 
friiheren,  rein  geistigen  Lebens  untertaucht  und  dann  hineinschliipft 


in  sein  physisches  Gehirn,  das  jetzt  in  seiner  eigenen  Betatigung 
wiederum  dem  folgt,  was  das  Geistig-Seelische  vollbringt.  Dieses  Er- 
leben  auBerhalb  des  Leibes  und  dieses  wiederum  Untertauchen  in  den 
Leib,  es  gehort  zu  den  erschutterndsten  Erlebnissen  des  Geistes- 
forschers. 

Aber  dieses  rein  in  sich  selber  sich  erlebende  Denken,  das  auBerhalb 
des  Gehirns  verlauft,  stellt  sich  anders  dar,  als  das  gewohnliche  Den- 
ken.  Die  gewohnlichen  Gedanken  sind  schattenhaft  gegen  die  Ge- 
danken, die  nunmehr  wie  eine  neue  Welt  dastehen  vor  dem  Geistes- 
forscher,  wenn  er  auBerhalb  seines  Leibes  ist.  Es  durchdringen  sich 
die  Gedanken  rnit  innerer  Bildhaftigkeit.  Deshalb  nennen  wir  das,  was 
sich  da  hinstellt  vor  das  geistige  Auge:  Imaginationen  -  aber  nicht 
deshalb,  weil  wir  glauben,  daB  diese  nur  etwas  Phantastisches,  Er- 
dachtes  enthalten,  sondern  weil  das,  was  da  wahrgenommen  wird,  tat- 
sachlich  bildhaft  erlebt  wird,  imaginiert  wird;  aber  diese  Imagination 
ist  ein  Untertauchen  in  die  Dinge  selbst,  man  erlebt  die  Dinge  und 
Vorgange  der  geistigen  Welt,  und  die  Dinge  und  Vorgange  der  gei- 
stigen  Welt  stellen  sich  in  Imaginationen  vor  die  Seele  hin.  -  So  kann 
das  Denken  abgesondert  werden  von  dem  physisch-leiblichen  Leben, 
und  der  Geistesforscher  kann  sich  wissen  in  einer  Welt  geistiger  Vor- 
gange und  Wesenheiten. 

Aber  auch  andereKrafte  des  Menschen  konnen  abgelost  werden  von 
dem  rein  Leiblich-Physischen.  Wenn  das  Denken  abgelost  wird,  dann 
erlebt  der  Geistesforscher  zunachst  nach  all  dem,  was  jetzt  geschildert 
worden  ist,  sich  selber  in  seiner  rein  geistig-seelischen  Wesenheit;  aber 
es  ist  das,  was  er  da  mit  den  Dingen  und  Vorgangen  in  der  geistigen 
Welt  erlebt,  eine  ganz  andere  Art  und  Weise  des  Wahrnehmens  als  das 
gewohnliche  Wahrnehmen.  Wenn  man  gewohnlich  die  Dinge  wahr- 
nimmt,  sind  sie  dort,  und  man  selber  ist  bier;  sie  stehen  einem  gegen- 
iiber.  So  ist  es  nicht  von  dem  Augenblick  an,  wo  man  im  geistig- 
seelischen  Erleben  eine  geistige  Welt  um  sich  hat,  die  wirklich  mit  der- 
selben  Notwendigkeit  aufsteigt,  wie  um  den  Blindgeborenen  herum 
Farben  und  Licht  sich  erheben,  wenn  er  operiert  worden  ist.  Nein,  so 
wie  die  auBere  Welt  erlebt  man  die  geistige  Welt  nicht.  Dieses  Erleben 
ist  ein  solches,  daB  man  die  Dinge  und  Wesenheiten  der  geistigen  Welt 


nicht  bloB  vor  sich  hat,  sondern  daB  man  mit  seinem  ganzen  Wesen 
untertaucht  in  sie.  Dann  weiB  man :  Du  nimmst  die  Dinge  und  Wesen- 
heiten  wahr,  indem  du  mit  deinem  Wesen  in  sie  ausgeflossen  bist  und 
das,  was  in  ihnen  ist,  so  wahrnimmst,  daB  sie  sich  in  den  Bildernnach- 
bilden,  die  du  schaust.  Man  fiihlt,  daB  alle  Wahrnehmung  eine  Nach- 
bildung  ist.  Man  fiihlt  sich  in  fortwahrender  Tatigkeit.  Deshalb  konnte 
man  nennen  dieses  Aufleben  der  imaginativen  Gedankenwelt  eine 
geistige  Mimik,  ein  geistiges  Mienenspiel.  Man  reiBt  sich  aus  dem 
Leiblichen  mit  seinem  Seelisch-Geistigen  heraus ;  aber  dieses  Seelisch- 
Geistige  ist  in  fortwahrender  Tatigkeit  und  taucht  unter  in  die  Vor- 
gange  der  geistigen  Welt  und  ahmt  nach,  was  in  ihnen  als  ihre  eigenen 
Krafte  lebt;  und  man  fiihlt  sich  so  mit  den  Wesen  verbunden,  daB  man 
vergleichen  kann  dieses  Untertauchen  damit,  wie  wenn  jemand  einem 
Menschen  gegeniiberstunde,  erraten  konnte,  was  in  diesem  lebt,  und 
ein  solches  inneres  Miterleben  hatte,  daB  er  in  seinem  eigenen  Mienen- 
spiel den  Ausdruck  der  Trauer  zeigen  miiBte,  wenn  der  andere  traurig 
ware,  und  in  seinem  eigenen  Mienenspiel  den  Ausdruck  der  Freude 
zeigen  miiBte,  wenn  der  andere  freudig  ware.  So  erlebt  man  geistig- 
seelisch  mit,  was  andere  erleben;  man  wird  selber  der  Ausdruck  da- 
von.  In  der  geistigen  Miene  driickt  man  selbst  das  Wesen  der  Dinge 
aus.  Ein  aktives  Wahrnehmen  ist  es,  zu  dem  man  getrieben  wird.  Man 
darf  sagen :  Geistesforschung  stellt  ganz  andere  Anforderungen  an  die 
menschliche  Seele  als  auBere  Forschung,  die  die  Dinge  passiv  hin- 
nimmt,  die  Anforderungen,  daB  die  Seele  in  innerer  Regsamkeit  ist 
und  untertauchen  kann  in  die  Dinge  und  Wesenheiten  und  zum  Selbst- 
ausdruck  desjenigen  wird,  was  die  Dinge  ihr  darbieten. 

So  wie  nun  die  Denkkraft  als  Geistig-Seelisches  eben  in  geistiger 
Chemie  herausgesondert  werden  kann  aus  dem  Physisch-Leiblichen, 
so  kann  auch  eine  andere  Kraft,  die  der  Mensch  sonst  nur  im  Leibe 
verwendet,  die  sich  sozusagen  hineingieBt  in  den  Leib,  aus  diesem 
Leib  herausgesondert  werden.  So  sonderbar  das  klingt:  Diese  andere 
Kraft  ist  die  Sprachkraft,  die  Kraft,  die  wir  sonst  im  gewohnlichen 
Leben  im  Sprechen  anwenden. 

Wie  ist  es  denn,  wenn  wir  sprechen?  Unsere  Gedanken  leben  in  uns, 
unsere  Gedanken  lassen  mitvibrieren  unser  Gehirn;  dieses  hat  seine 


Verbindung  mit  dem  Sprachapparat,  Muskeln  werden  in  Bewegung 
gesetzt;  was  wir  innerlich  erleben,  flieBt  aus  in  die  Worte  und  lebt  in 
den  Worten.  Konnen  wir  nicht  sagen  —  und  gerade  von  dem  Gesichts- 
punkt  der  Geisteswissenschaft  aus  miissen  wir  das  sagen—:  In  dem  Spre- 
chen  ergieBen  wir,  was  in  unserer  Seele  ist,  in  leiblich-physische  Organe 
hinaus.  -  Dadurch,  daB  der  Mensch  die  Aufmerksamkeit  also  steigert, 
wie  es  geschildert  worden  ist,  und  noch  etwas  anderes  hinzufiigt  - 
wiederum  eine  solche  Betatigung,  die  gewohnlich  schon  vorhanden 
ist  und  auch  ins  Unbegrenzte  gesteigert  werden  muB  -,  entsteht  die 
Loslosung  der  Sprachkraft  von  dem  physisch-sinnlichen  Leibe.  Diese 
Kraft  ist  die  Hingabe. 

Wir  kennen  sie  in  den  Momenten,  wo  wir  religios  fiihlen,  wo  wir  in 
Liebe  diesem  oder  jenem  Wesen  hingegeben  sind,  wo  wir  in  strenger 
Forschung  den  Dingen  und  ihren  Gesetzen  folgen  konnen,  wo  wir 
uns  selbst  vergessen  konnen  mit  all  unseren  Empfindungen  und  Ge- 
danken.  Wir  kennen  sie,  diese  Hingabe.  Sie  verflieBt  eigentlich  nur 
zwischen  den  Zeilen  des  gewohnlichen  Lebens.  Der  Geistesforscher 
muB  diese  Kraft  ins  Unendliche  steigern;  unbegrenzt  muB  er  sie  er- 
kraften.  Er  muB  in  der  Tat  dem  Strom  des  Daseins  so  hingegeben  sein 
konnen,  wie  er  sonst  nur  hingegeben  ist  diesem  Strom  des  Daseins  - 
ohne  selbst  etwas  dazu  zu  tun  zu  dem,  was  er  erlebt  -  im  tiefen  Schlaf, 
wenn  alle  Regsamkeit  seiner  Glieder  ruht,  wenn  alle  Sinne  schweigen, 
wenn  der  Mensch  nur  ganz  hingegeben  ist  und  nichts  tut;  aber  dann 
ist  er  im  Schlaf  in  die  BewuBtlosigkeit  verfallen.  Wenn  sich  aber  der 
Mensch  durch  innere  Willkiir  dazu  aufraffen  kann,  immer  wieder  und 
wiederum  es  als  Ubung  seiner  Seele  zu  machen,  daB  er  alle  Sinnes- 
tatigkeit  unterdriickt,  daB  er  alle  Regsamkeit  der  Glieder  unterdriickt, 
daB  er  sein  physisch-sinnliches  Leben  versetzt  in  einen  Zustand,  wie 
es  sonst  nur  im  tiefen  Schlafe  ist,  dabei  aber  wach  bleibt,  vollstandig 
sein  inneres  Bewufitsein  licht  erhalt  und  das  Gefiihl,  die  Empfindung 
entwickelt,  eingegossen  zu  sein  dem  Strom  des  Daseins,  nichts  zu 
wollen  als  das,  was  die  Welt  mit  einem  will:  wenn  er  dieses  Gefiihl 
immer  wieder  und  wiederum  hervorruft,  wenn  er  es  aber  hervorruft 
abgesondert  von  der  Aufmerksamkeit,  dann  erkraftet  sich  die  Seele 
gerade  immer  mehr  und  mehr. 


Nur  miissen  die  beiden  Obungen  -  die  mit  der  Aufmerksamkeit  und 
die  mit  der  Hingabe  -  abgetrennt  voneinander  gemacht  werden;  denn 
sie  widersprechen  einander.  Hat  die  Aufmerksamkeit  erfordert  hochste 
Anspannung,  Konzentration  nach  einem  Objekte  hin  —  die  vertiefte 
Meditation  -,  so  erfordert  Hingabe,  passive  Hingabe  an  den  Strom  des 
Daseins,  unermeBliche  Steigerung  desjenigen  Gefuhls,  das  wir  finden 
im  religiosen  Erleben  oder  in  sonstiger  Hingabe  an  ein  geliebtes  We- 
sen.  Die  Friichte,  die  der  Mensch  aus  soldi  unermeBlicher  Steigerung 
der  Hingabe  und  der  Aufmerksamkeit  schopft,  sind  eben,  daB  er  sein 
geistig-seelisches  Leben  heraussondert  aus  dem  Physisch-Leiblichen. 
Und  so  kann  die  Kraft,  die  sonst  in  das  Wort  sich  ausgieBt,  die  da- 
durch  sich  betatigt,  daB  sie  nicht  in  sich  stehen  bleibt,  sondern  die 
Nerven  in  Bewegung  versetzt,  diese  Kraft  kann  abgetrennt  werden 
von  der  auBeren  Sprachbetatigung,  kann  im  Seelisch-Geistigen  in  sich 
selber  bleiben.  Da  wird  die  Sprachkraft  -  so  konnen  wir  sie  nennen  - 
aus  ihrem  Sinnlich-Physischen  herausgerissen,  und  der  Mensch  erlebt 
dasjenige,  was  man  mit  einem  Goetheschen  Wort  das  geistige  Gehor, 
das  geistige  Horen  nennen  kann. 

Wiederum  ist  es  so,  daB  der  Mensch  sich  erlebt  aufierhalb  seines 
Leibes,  aber  jetzt  so,  daB  er  untertaucht  in  die  Dinge  und  das  innere 
Wesen  der  Dinge  wahrnirnmt;  aber  auch  so  wahrnimmt,  daB  er  es  in 
sich  selber  nachbildet,  wie  mit  einer  inneren  Gebarde,  nicht  bloB  wie 
mit  einer  Miene,  sondern  mit  innerer  Gebarde,  wie  mit  einer  inneren 
Geste.  Das  aus  dem  Leib  herausgerissene  Seelisch-Geistige  betatigt 
sich  so,  wie  wenn  wir  versucht  sind,  durch  eine  besondere  Anlage  in 
bezug  auf  unser  Nachahmungstalent,  das  durch  unsere  Geste  auszu- 
driicken,  was  uns  beschaftigt.  Was  da  nur  durch  besondere  Anlagen 
gemacht  wird,  das  macht  die  aus  dem  Leib  herausgerissene  Seele,  um 
wahrzunehmen.  Sie  taucht  unter  in  die  Dinge,  und  was  fur  Krafte  da 
drinnen  spielen,  das  bildet  sie  aktiv  nach.  All  dieses  Wahrnehmen  in 
der  geistigen  Welt  ist  ein  Sich-Betatigen,  und  indem  man  die  Tatigkeit 
wahrnimmt,  in  die  man  sich  versetzen  muB,  weil  man  nachbildet  das 
innere  Weben  und  Wesen  der  Dinge,  nimmt  man  diese  Dinge  wahr. 
In  der  auBeren  sinnlichen  Welt  ist  das  Horen  passiv,  wir  horen  zu.  - 
Sprechen  und  Horen  flieBen  wie  zusammen  im  geistigen  Horen.  Wir 


tauchen  unter  in  das  Wesen  der  Dinge ;  wir  horen  ihr  inneres  Weben. 
Was  Pythagoras  die  Spharenmusik  genannt  hat,  ist  etwas,  was  der 
Geistesforscher  wirklich  erreichen  kann.  Er  taucht  unter  in  die  Dinge 
und  Wesen  der  geistigen  Welt  und  hort,  aber  hort,  indem  er  aus- 
spricht.  Ein  sprechendes  Horen,  ein  horendes  Sprechen  im  Unter- 
tauchen  in  das  Wesen  der  Dinge  ist  das,  was  man  erlebt.  Die  wahre 
Inspiration  ist  es,  die  sich  also  ergibt. 

Und  eine  dritte  innere  Betatigung,  eine  dritte  Art  inneren  Erlebens 
kann  iiber  den  Geistesforscher  kommen,  wenn  er  die  gesteigerte  Auf- 
merksamkeit  und  Hingabe  immer  weiter  entwickelt.  Was  da  an  und 
in  dem  Geistesforscher  auftritt,  indem  er  sich  auBerhalb  seines  Leibes 
erlebt,  ich  mochte  es  in  der  folgenden  Weise  besprechen. 

Betrachten  wir  das  Kind.  Es  ist  des  Menschen  Eigentumlichkeit  - 
ich  kann  nicht  ausfiihrlich  dariiber  sprechen,  ich  will  nur  das  andeuten, 
was  zum  Zweck  des  heutigen  Vortrags  wichtig  ist  -,  es  ist  eine  Eigen- 
tumlichkeit des  heranwachsenden  Menschen,  daB  er  sich  seine  Rich- 
tung  im  Raume,  daB  er  sich  die  Art  und  Weise,  in  den  Raum  hinein- 
gestellt  zu  sein,  selber  geben  muB  im  Laufe  des  Kindheitslebens.  Der 
Mensch  wird  geboren,  indem  er  nicht  gehen,  nicht  stehen  kann,  indem 
er  sich  anfangs,  wie  man  hier  in  Osterreich  zu  sagen  pflegt,  aller  Viere 
bedienen  muB.  Dann  entwickelt  er  jene  inneren  Krafte,  die  ich  Auf- 
richtekrafte  nennen  mochte,  und  dadurch  tritt  im  Menschen  das  her- 
vor,  was  so  viele  tiefere  Geister  in  seiner  Bedeutung  gefuhlt  haben, 
indem  sie  sagten:  dadurch,  daB  sich  der  Mensch  in  die  vertikale  Rich- 
tung  erheben  kann,  weiB  er  den  Blick  hinauszurichten  in  die  Weiten 
des  Himmelsraumes,  haftet  sein  Blick  nicht  bloB  an  dem  Irdischen. 
Aber  das  Wesentliche  ist,  daB  der  Mensch  durch  innere  Krafte,  durch 
inneres  Erkraften  und  Erleben  sich  herausentwickelt  sozusagen  aus 
seinem  hilf  losen  horizontalen  Leben  in  das  aufrechte  vertikale  Leben 
hinein.  Der  Naturwissenschafter  wird  schon  einsehen,  daB  das,  was  da 
an  innerer  Betatigung  des  Menschen  vorhanden  ist,  etwas  ganz  anderes 
ist  als  die  Vererbungskrafte,  die  dem  Tiere  seine  Richtekrafte  geben 
in  der  Welt.  Ganz  anders  wirken  die  Krafte  im  Tier,  die  das  Tier  in 
diese  oder  jene  Richtung  zur  Vertikalen  bringen,  als  im  Menschen, 
in  welchem  eine  Summe  von  Kraften  wirkt,  die  ihn  herausreiBt  aus 


seiner  hilflosen  Lage,  und  die  innerlich  wirkt,  um  ihm  anzuweisen 
diejenige  Raumesrichtung,  durch  die  er  eigentlich  im  wahren  Sinn  des 
Wortes  Erdenmensch  ist,  durch  die  er  erst  wird,  was  er  als  Mensch 
auf  der  Erde  ist.  Diese  Krafte  wirken  sehr  im  Verborgenen.  Man 
kommt  ihnen  nur  bei,  wenn  man  sich  schon  ein  wenig  in  Geistes- 
wissenschaft  vertieft  hat;  aber  es  ist  ein  ganzes  System,  eine  groBe 
Summe  von  Kraften.  Sie  werden  nicht  alle  verbraucht  in  der  kindli- 
chen  Zeit  des  Menschen,  wo  er  stehen  und  gehen  lernt.  Es  schlum- 
mern  gerade  Krafte  von  dieser  Art  noch  im  Menschen  drinnen;  aber 
sie  bleiben  unbemitzt  im  auCeren  Sinnesleben  und  im  aufieren  Wis- 
senschaftsleben. 

Durch  das,  was  die  Seele  an  Ubungen  gesteigerter  Aufmerksam- 
keit  und  Hingabe  verrichtet,  wird  der  Mensch  innerlich  gewahr,  wie 
in  ihm  sitzen  diese  Krafte,  die  ihn  aufgerichtet  haben  als  Kind.  Er 
wird  geistiger  Richtekrafte,  geistiger  Bewegungskrafte  sich  bewuBt 
und  die  Folge  davon  ist,  daB  er  zu  der  inneren  Mimik,  zu  dem  inneren 
Mienenspiel,  zu  der  inneren  Gebardenfahigkeit,  zu  der  inneren  Geste, 
auch  innere  Physiognomie  seines  Geistig-Seelischen  hinzuzufugen  ver- 
mag.  Wenn  das  Geistig-Seelische  so  heraus  ist  aus  dem  Physisch-Leib- 
lichen,  wenn  der  Mensch  anfangt  als  Geistesforscher  einen  Sinn  ver- 
binden  zu  konnen  mit  dem  Wort:  Du  erlebst  dich  im  Geistig-Seeli- 
schen dann  kommt  auch  die  Zeit,  wo  er  sich  der  Krafte  bewuBt 
wird,  die  ihn  aufgerichtet  haben,  die  ihn  als  physisch-sinnliches  We- 
sen  vertikal  auf  die  Erde  gestellt  haben.  Diese  Krafte  verwendet  er 
jetzt  im  rein  Geistig-Seelischen,  und  dadurch  kommt  er  in  die  Lage, 
diese  Krafte  anders  zu  verwenden  als  sonst  im  Leben;  er  gelangt  dazu, 
diesen  Kraften  andere  Richtungen  zu  geben,  aus  sich  selber  eine  andere 
Gestalt  zu  machen  als  er  gemacht  hat  im  physischen  Erleben  wahrend 
seiner  Kindheit.  Er  weiB  jetzt  innere  Bewegungen  zu  entwickeln, 
weiB  sich  alien  Richtungen  anzupassen,  er  weiB  seinem  Geistigen 
andere  Physiognomien  zu  geben  denn  als  Erdenmensch;  er  gelangt 
dazu,  hinunterzutauchen  in  andere  geistige  Vorgange  und  Wesen;  er 
weiB  sich  so  zu  verbinden,  daB  er  die  Krafte,  die  ihn  sonst  vom  krie- 
chenden  Kinde  zum  aufrechten  Menschen  wandeln,  daB  er  diese  wan- 
delt  im  Inneren  der  geistigen  Dinge  und  Wesenheiten,  so  daB  er  diesen 


Dingen  und  Wesenheiten  ahnlich  wird  und  sie  so  selber  ausdriickt  und 
dadurch  wahrnimmt.  Das  ist  die  reale  Intuition.  Denn  das  wirkliche 
Wahrnehmen  geistiger  Wesenheiten  und  Vorgange  ist  ein  Untertau- 
chen  in  dieselben,  ist  ein  Annehmen  ihrer  eigenen  Physiognomie.  Wah- 
rend  man  das,  was  Vorgange  in  den  Wesen  sind,  erlebt  durch  innere 
Mimik,  wahrend  man  die  Beweglichkeit  der  geistigen  Wesen  erlebt 
dadurch,  daB  man  ihre  Gesten  nachzubilden  vermag;  vermag  man  sich 
nun  selber  in  die  Dinge  und  Vorgange  zu  verwandeln,  vermag  man 
die  eigene  Gestalt  des  Geistigen  anzunehmen,  dadurch  nimmt  man  es 
wahr,  daB  man  es  sozusagen  selbst  geworden  ist. 

Ich  habe  Ihnen  nicht  in  allgemein  philosophischen  Ausdriicken 
schildern  wollen  die  Art  und  Weise,  wie  sich  der  Geistesforscher  hin- 
einlebt  in  die  geistigen  Welten,  ich  habe  Ihnen  moglichst  konkret 
schildern  wollen,  wie  dieses  geistig-seelische  Erleben  vom  Leiblichen, 
vom  physisch-sinnlichen  Wahrnehmen  sich  losreiBt  und  untertaucht 
in  die  geistige  Welt,  indem  es  aktiv  wahrnehmend  in  derselben  wird. 
Das  aber  ist  ersichtlich  geworden,  daB  jeder  Schritt  in  die  geistige 
Welt  hinein  von  Aktivitat  begleitet  werden  muB,  daB  wir  bei  jedem 
Schritte  wissen  miissen,  daB  die  Dinge  uns  nicht  ihr  Wesen  entgegen- 
tragen,  sondern  daB  wir  nur  das  wissen  konnen  von  den  Dingen  und 
Vorgangen  der  geistigen  Welt,  was  wir  nachzubilden,  nachzuschaffen 
imstande  sind,  indem  wir  uns  aktiv  wahrnehmend  verhalten  konnen. 
Das  ist  der  groBe  Unterschied  der  Geisteserkenntnis  von  der  gewohn- 
lichen  auBeren  Erkenntnis,  daB  diese  auBere  Erkenntnis  sich  passiv 
hingibt  den  Dingen,  daB  die  Geisteserkenntnis  in  fortwahrender  Akti- 
vitat leben  muB,  daB  der  Mensch  werden  muB  zu  dem,  was  er  wahr- 
nehmen will. 

Es  wird  einem  heute  noch,  oder  man  konnte  auch  sagen,  heute 
schon  wiederum  verziehen,  wenn  man  im  allgemeinen  von  einer  gei- 
stigen Welt  spricht.  Das  lassen  sich  die  Leute  noch  gefallen.  Das  aber 
wirkt  noch  auf  unsere  Zeit  paradox,  daB  jemand  sagen  kann:  Der 
Mensch  kann  sich  loslosen  von  allem  Sehen,  Horen,  alien  sinnlichen 
Wahrnehmungen,  allem  Denken,  das  an  Nerven  und  Gehirn  gebun- 
den  ist,  und  kann  sich  dann,  indem  vor  ihm  ganz  verschwindet  alles, 
was  erlebt  wird  im  physischen  Dasein,  umgeben  fiihlen,  umgeben  wis- 


sen  von  einer  ganz  neuen  konkreten  Welt,  ja,  von  einer  Welt,  in  der 
Vorgange  und  Wesen  rein  geistiger  Art  sind,  so  wie  hier  in  der  phy- 
sischen  Welt  Vorgange  und  Wesen  physischer  Art  sind.  Nicht  ein  ver- 
schwommener  Pantheismus,  nicht  eine  allgemeine  Sauce  des  geistigen 
Lebens  ist  es,  wovon  Geisteswissenschaft  zu  sprechen  hat.  Der  Gei- 
steswissenschaft gegeniiber  ist  es,  wenn  man  nur  von  einem  pantheisti- 
schen  Geisteswesen  spricht,  so,  wie  wenn  man  sagte:  Ich  fuhre  dich 
auf  eine  Wiese,  da  spriefit  etwas  auf,  das  ist  Natur;  dann  fiihrt  man 
ihn  in  ein  Laboratorium  und  sagt:  Das  ist  Natur,  Pan-Natur!  Alle  Blu- 
men  und  Kaferchen  und  Baume  und  Straucher,  alle  chemischen  und 
physikalischen  Vorgange:  Pan-Natur!  Die  Leute  wiirden  wenig  zu- 
frieden  sein  mit  solcher  Pan-Natur;  denn  sie  wissen,  man  kommt  nur 
zurecht,  wenn  man  das  Einzelne  wirklich  verfolgen  kann.  Ebenso- 
wenig  wie  die  auBereWissenschaft  von  Pan-Natur  spricht,  ebensowenig 
spricht  Geisteswissenschaft  von  einer  allgemeinen  Geistessauce;  sie 
spricht  von  wirklichen,  wahrnehmbaren,  konkreten  geistigen  Vor- 
gangen  und  Wesenheiten.  Sie  darf  sich  nicht  scheuen,  herauszufordern 
die  Zeit,  indem  sie  sagt:  Geradeso  wie  wir,  wenn  wir  in  der  physischen 
Welt  stehen,  zunachst  die  Menschen  als  physische  Wesen  um  uns  sehen 
unter  den,  man  konnte  sagen,  Hierarchien  der  physischen  Wesen,  der 
Mineralien,  Pflanzen,  Tiere  und  Menschen  -,  so  schwindet  das  um  uns 
herum  aus  unserem  geistigen  Horizont,  wenn  wir  uns  hineinleben 
in  die  geistige  Welt;  aber  auf  tauchen  geistige  Reiche,  geistige  Hier- 
archien: Wesen,  die  zunachst  dem  Menschen  gleich  sind,  Wesen,  die 
hoher  sind  als  der  Mensch;  und  so  wie  vom  Menschen  nach  unten 
gehen  die  Tiere,  Pflanzen  und  Mineralien  in  der  physischen  Welt,  so 
sind  da  Wesen  und  Geschopfe  hinaufsteigend  vom  Menschen  in 
hohere  Reiche  des  Daseins,  einzelne,  individuelle  geistige  Wesen- 
heiten und  Geschopfe. 

Wie  die  Menschenseele  sich  selber  hineinstellt  in  die  geistige  Welt, 
wie  ihr  Leben  ist  innerhalb  dieser  geistigen  Welt  nach  der  Geistes- 
forschung,  die  im  Prinzip  heute  angedeutet  worden  ist;  wie  die  Men- 
schenseele zu  leben  hat  in  dieser  geistigen  Welt,  wenn  sie  den  physi- 
schen Leib  beim  Tode  ablegt,  wenn  sie  den  Gang  durchmiBt,  nach- 
dem  sie  durch  die  Pforte  des  Todes  geschritten  ist,  in  einer  rein  geisti- 


gen  Welt,  davon  soil  dann  iibermorgen  die  Rede  sein.  Uber  einzelne 
Erkenntnisse  der  Geisteswissenschaft  iiber  dieses  Leben  nach  dem  Tod 
soli  der  iibermorgige  Vortrag  handeln. 

Das,  was  Geisteswissenschaft  so  schon  als  ihre  Methode  ausbildet  - 
nun,  man  merkt  es  sofort  -,  es  unterscheidet  sich  sehr  wesentlich  von 
dem,  was  unsere  Zeitgenossen  als  solches  noch  zugeben  konnen  aus 
den  Denkgewohnheiten  heraus,  die  sich  einmal  gebildet  haben  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  und  die  ebenso  festsitzen  gegeniiber  dieser 
Geisteswissenschaft,  wie  die  Denkgewohnheiten  vergangener  Jahr- 
hunderte festgesessen  sind  gegeniiber  dem  kopernikanischen  Welt- 
system.  Aber,  wie  muB  Geisteswissenschaft  denken  gegeniiber  dem 
Suchen  der  Zeit,  wenn  sie  sich  recht  verstehen  will  und  wenn  sie  sich 
recht  verhalten  will  gegeniiber  diesem  Suchen  der  Zeit? 

Der  erste  Einwand,  der  aus  unserer  Zeit  heraus  so  leicht  gemacht 
werden  kann,  ist  der,  daB  man  sagt:  Ja,  der  Geisteswissenschafter 
spricht  also  davon,  daB  die  Seele  erst  besondere  Krafte  entwickeln 
soil;  dann  kann  sie  hineinschauen  in  die  geistige  Welt.  Derjenige,  der 
diese  Krafte  noch  nicht  entwickelt  hat,  der  es  noch  nicht  gebracht 
hat  zum  geistigen  Bilderbilden,  zum  Trennen  des  Denkens,  zum  Ab- 
trennen  der  Sprachkrafte,  zum  Abtrennen  der  Raumesrichtekrafte,  der 
Wesenrichtekrafte,  den  ginge  also  die  geistige  Welt  gar  nichts  an!  Sol- 
cher  Einwand  ist  gerade  so  wie  der,  der  sagen  wiirde:  Derjenige,  der 
nicht  malen  kann,  den  gehen  Bilder  nichts  an.  -  Das  ware  schlimm. 
Malen  kann  Bilder  nur  derjenige,  der  malen  gelernt  hat.  Aber  es  ware 
traurig,  wenn  derjenige  nur  Bilder  begreiflich  und  verstandlich  finden 
konnte,  der  malen  konnte.  Malen  kann  es  freilich  nur  der  Maler;  wenn 
aber  das  Bild  vor  dem  Menschen  stent,  dann  ist  es  so,  daB  die  Men- 
schenseele  die  ganz  naturgemaBen  Krafte  in  sich  hat,  das  Bild  zu  ver- 
stehen, auch  wenn  sie  nicht  vermag,  es  zu  malen.  Und  die  mensch- 
liche  Seele  hat  eine  Sprache  in  sich,  die  sie  mit  der  lebendigen  Kunst 
verbindet.  So  ist  es  mit  der  Geisteswissenschaft.  Auf finden  die  Tat- 
sachen  und  Vorgange  und  Wesenheiten  der  geistigen  Welt  und  sie 
schildern,  das  kann  nur  der,  der  selber  zum  Geistesforscher  geworden 
ist ;  wenn  aber  der  Geistesforscher  sich  bemiiht  -  wie  es  zum  Beispiel 
in  bezug  auf  die  geisteswissenschaftliche  Methode  heute  versucht  wor- 


den  ist  -,  das,  was  er  in  der  geistigen  Welt  erforscht,  in  die  Worte 
der  gewohnlichen  Gedanken  und  Ideen  zu  kleiden,  dann  ist  das,  was  er 
so  gibt,  begreiflich  jeder  Seele,  audi  wenn  sie  kein  Geistesforscher  ge- 
worden  ist;  wenn  sie  nur  hinwegzuraumen  vermag  all  das,  was  aus  der 
zeitgenossischen  Bildung,  was  aus  der  Bildung  kommt,  die  sich  so 
gibt,  als  ob  sie  auf  dem  festen  Boden  der  Naturwissenschaft  stiinde, 
die  in  Wahrheit  aber  durchaus  nicht  auf  ihm  steht,  sondem  es  nur 
glaubt.  Wenn  sich  die  Seele  nur  aller  Vorurteile  begibt,  wenn  sie  sich 
nur  wirklich  unbefangen  wie  der  Betrachtung  eines  Bildes  hingibt 
demjenigen,  was  der  Geistesforscher  zu  kiinden  weiB,  dann  ist  das  Er- 
gebnis  der  Geistesforschung  fur  jede  Seele  verstandlich.  Die  menschli- 
chen  Seelen  sind  auf  Wahrheit  und  auf  Wahrheitsempnndung  veran- 
lagt,  nicht  auf  die  Empfindung  der  Unwahrheit  und  des  Unrichtigen, 
wenn  sie  nur  hinwegraumen  alien  Schutt,  der  sich  aus  Vorurteilen  an- 
sammelt.  Tief  ist  in  den  Menschenseelen  eine  geheime  intime  Sprache, 
die  Sprache,  durch  die  jeder  auf  jeder  Bildungs-  und  Entwickelungs- 
stufe  den  Geistesforscher  verstehen  kann,  wenn  er  nur  will. 

Das  ist  es  aber,  was  gerade  der  Geisteswissenschafter  in  dem  Suchen 
unserer  Zeit  findet.  In  verflossenen  Jahrhunderten  haben  die  Men- 
schen  einzig  und  allein  geglaubt,  iiber  die  geistige  Welt  etwas  wissen 
zu  konnen  durch  die  Glaubensvorstellungen;  in  der  letzten  Zeit  haben 
diese  Seelen  glauben  konnen,  daB  ein  sicheres  Wissen  sich  nur  auf  den 
auBeren  Tatsachen  aufbauen  lasse;  in  unserer  Zeit  wissen  es  die  Seelen 
nur  noch  nicht  in  ihrem  OberbewuBtsein,  wie  man  sagen  kann  -  bei 
dem,  was  sie  sich  deutlich  machen  konnen  in  BegrifFen  und  Vorstel- 
lungen  und  Gefuhlen,  sitzt  es  noch  nicht  aber  fur  den  Geistesfor- 
scher ist  es  klar:  Wir  leben  in  einer  Zeit,  in  der  sich  in  den  Tiefen 
der  menschlichen  Seelen,  in  jenen  Tiefen,  von  denen  diese  Seelen  sel- 
ber  noch  nicht  viel  wissen,  vorbereitet  Sehnsucht  nach  der  Geistes- 
wissenschaft,  HofFnung  auf  diese  Geisteswissenschaft  Immer  mehr 
und  mehr  wird  man  erkennen,  daB  alte  Vorurteile  schwinden  miis- 
sen.  Namentlich  in  bezug  auf  das  Denken  wird  man  dann  so  manches 
erkennen.  So  wird  es  heute  noch  viele  Menschen  geben  -  gerade  die- 
jenigen,  die  glauben  auf  einem  festgefiigten  philosophischen  Boden 
zu  stehen  -,  die  da  sagen:  Hat  es  nicht  Kant  bewiesen,  hat  es  nicht 


die  Physiologie  bewiesen,  daB  der  Mensch  hinter  die  Sinneswelt  nicht 
hinuntertauchen  kann  mit  seinem  Wissen?  Und  nun  kommt  da  eine 
solche  Geisteswissenschaft  und  will  Kant  bekampfen,  will  zeigen,  daB 
das  nicht  richtig  sei,  was  die  moderne  Physiologie  so  klarlich  zeigt!  - 
Ja,  Geisteswissenschaft  will  gar  nicht  zeigen,  daB  das  unrichtig  sei, 
was  Kant  von  seinem  Standpunkt  aus  sagt  und  was  die  moderne  Phy- 
siologie von  ihrem  Standpunkt  aus  sagt;  aber  die  Zeit,  das  heute  noch 
im  Geheimen  wirkende  Suchen  der  Zeit,  wird  lernen,  daB  es  noch 
einen  anderen  Gesichtspunkt  gegeniiber  richtig  und  unrichtig  gibt  als 
den,  an  den  man  sich  gewohnt  hat.  Nehmen  wir,  wie  sich  die  wirk- 
liche  Lebenspraxis  -  die  Lebenspraxis,  die  die  fruchtbare  ist  -,  wie 
sich  die  zu  diesen  Dingen  verhalt. 

Es  konnte  jemand  durch  strikte  Beweise  erharten,  daB  der  Mensch 
mit  seinen  Augen  unfahig  ist,  zum  Beispiel  Zellen  zu  sehen.  Solch  ein 
Beweisgang  konnte  ganz  richtig  sein,  so  richtig  wie  der  Kantsche  Be- 
weis,  daB  der  Mensch  mit  den  Fahigkeiten,  die  Kant  kennt,  nicht  ein- 
dringen  kann  in  das  Wesen  der  Dinge.  Nehmen  wir  an,  es  gabe  noch 
keine  mikroskopische  Forschung,  und  es  sei  bewiesen,  der  Mensch 
konne  nicht  kleinste  Teile  sehen;  das  kann  richtig  sein.  Der  Beweis 
kann  in  jeder  Beziehung  absolut  Happen  und  nichts  konnte  einzu- 
wenden  sein  gegen  den  strengen  Beweis,  daB  der  Mensch  mit  seinen 
Augen  zunachst  die  kleinsten  Teilorganismen  der  groBen  Organismen 
nicht  sehen  kann.  Aber  darauf  kam  es  nicht  an  im  wirklichen  Fort- 
gang  der  Forschung;  da  kam  es  darauf  an,  trotz  der  Richtigkeit  dieses 
Beweises  zu  zeigen,  daB  physische  Werkzeuge  gefunden  werden  kon- 
nen,  Mikroskop,  Teleskop  und  andere,  um  das  zu  erreichen,  was  ganz 
beweisbar  nicht  erreicht  werden  kann,  wenn  die  Fahigkeiten  unbe- 
wafFnet  bleiben,  die  der  Mensch  hat.  Recht  haben  die,  die  da  sagen: 
Die  menschlichen  Fahigkeiten  sind  begrenzt;  aber  die  Geisteswissen- 
schaft widerspricht  ihnen  nicht,  sie  zeigt  nur,  dafi  es  ebenso  eine  gei- 
stige  Erkraftung  und  Verstarkung  der  menschlichen  Erkenntniskrafte 
gibt,  wie  es  eine  physische  Erkraftung  gibt,  und  daB  trotz  der  Rich- 
tigkeit des  entgegengesetzten  Gedankenganges  die  fruchtbare  Geistes- 
forschung  sich  gerade  jenseits  eines  solchen  Richtigen  und  Unrichti- 
gen  stellen  muB.  Die  Menschen  werden  lernen,  nicht  mehr  zu  pochen 


auf  das,  was  sich  mit  den  beschrankten  Mitteln  der  Beweiskrafte,  die 
man  hat,  eben  beweisen  laBt;  sie  werden  einsehen,  daB  das  Leben 
andere  Anforderungen  an  die  Menschheitsentwickelung  stellt  als  das, 
was  man  manchmal  so  unmittelbar  logisch  sicher  nennt. 

Und  ein  anderes  muB  gesagt  werden,  wenn  das  wirkliche,  nicht 
bloB  das  eingebildete  Suchen  der  Zeit  in  Beziehung  gebracht  werden 
soil  zu  demjenigen,  was  Geistesforschung  wirklich  als  Aufgabe,  als 
Ziel  hat.  Noch  einmal  darf  da  hingewiesen  werden  auf  die  wahrhaft 
gewaltigen  Fortschritte  der  Naturwissenschaft.  Es  ist  nicht  zu  ver- 
wundern  gegeniiber  diesen  groBen,  gewaltigen  Fortschritten  der  Na- 
turwissenschaft, daB  es  heute  Geister  gibt,  die  da  glauben,  auf  dem 
festen  Boden  der  Naturwissenschaft  ein  Weltgebaude  aufrichten  zu 
konnen,  das  allerdings  nicht  auf  solche  Krafte  reflektiert,  wie  sie  heute 
besprochen  worden  sind.  Es  gibt  heute  eine  schon  weitverbreitete, 
ich  mochte  sagen,  materialistisch  gefarbte  Geistesrichtung;  aber  sie 
nennt  sich  etwas  nobler,  weil  der  Ausdruck  materialistisch  in  MiB- 
klang  gekommen  ist,  die  monistische  Geistesstromung:  diese  moni- 
stische  Geistesstromung,  deren  Oberhaupt  der  ganz  gewiB  auf  seinem 
naturwissenschaftlichen  Gebiet  bedeutende  Ernst  Haeckel  und  deren 
Feldmarschall  Wilhelm  Ostwald  ist.  Diese  Geistesanschauung,  sie  ver- 
sucht  durch  einen  Ausbau  dessen,  was  an  Einsichten  bloB  aus  der  Na- 
turerkenntnis  heraus  gewonnen  werden  kann,  eine  Weltanschauung 
aufzubauen.  Das  Suchen  der  Zeit  wird  gegeniiber  einem  solchen  Ver- 
such  zu  dem  folgenden  Ergebnis  kommen :  Solange  die  Naturwissen- 
schaft dabei  stehenbleibt,  die  Gesetze  des  auBeren  Sinnesdaseins  zu  er- 
forschen,  die  Zusammenhange  in  diesem  auBeren  Sinnesdasein  der 
Seele  zu  vergegenwartigen,  so  lange  steht  Naturwissenschaft  auf 
festem  Boden.  Und  sie  hat  wahrhaftig  ein  GroBes  geleistet;  sie  hat 
das  GroBe  geleistet,  daB  sie  alten  Vorurteilen  das  Lebenslicht  griind- 
lich  ausgeblasen  hat.  So  wie  noch  Faust  selbst  vor  der  Natur  gestan- 
den  hat  und  zu  einer  auBeren,  materiellen  Magie  gegriffen  hat,  so  kann 
heute  der,  der  die  Naturwissenschaft  versteht,  nicht  mehr  zu  einer  sol- 
chen materiellen  Magie  greifen.  —  Aber  etwas  anderes  ist  es,  daB  das 
geistige  Leben  selber,  auf  den  Wegen,  die  charakterisiert  worden  sind, 
eine  innere  Magie  der  Seele  auferlegt.  -  Gegen  alle  jene  aberglaubi- 


schen  Geistesstromungen,  gegen  alles  das,  was  die  auBere  Natur  so 
erklaren  will,  wie  wir  etwa  eine  Uhr  erklaren,  wenn  wir  sagen:  Da 
sind  drinnen  kleine  Geisterchen;  gegeniiber  aller  Naturerklarung,  die 
hinter  den  Naturerscheinungen  diese  und  jene  Wesen  findet,  hat  die 
Naturwissenschaft  ihr  GroBes  geleistet  in  der  Negation,  auch  als  Welt- 
anschauung. Und  schauen  wir  uns  einmal  an,  wie  die  sogenannte 
naturwissenschaftliche  Naturanschauung  wirkt,  solange  sich  die  Gei- 
ster  damit  beschaftigen  konnen,  die  alten,  ungesunden  BegrifTe  von 
allerlei  geistigen  Wesen,  die  hinter  der  Natur  erdichtet  werden,  zu  be- 
seitigen.  Solange  Front  gemacht  werden  kann  gegen  solches  Geistes- 
streben,  so  lange  lebt  eine  naturwissenschaftliche  Weltanschauung  von 
der  Bekampfung  desjenigen,  was  bekampft  werden  mufite. 

Aber  dieser  Kampf,  er  hat  in  gewisser  Beziehung  seinen  Hohepunkt 
schon  iiberschritten,  hat  sein  Gutes  bereits  geleistet;  und  heute  geht 
das  Suchen  der  Zeit  dahin,  zu  fragen:  Mit  welchen  Mitteln  konnen 
wir  uns  ein  Weltbild  auf  bauen,  in  dem  die  menschliche  Seele  drinnen 
Platz  hat?  Da  versagt  diese  naturwissenschaftliche  Weltanschauung, 
dieser  Haeckel-Ostwaldsche  Materialismus  vollig,  wenn  sich  der 
Mensch  richtig  versteht.  Immer  klarer  und  klarer  wird  es  dem  Suchen 
der  Zeit  werden,  man  mochte  sagen,  daB  als  Soldaten  die  Bekenner 
der  rein  materialistischen  Weltanschauung  im  Bekampfen  alten  Aber- 
glaubens  grofi  sind,  dafi  sie  aber  sind  wie  Krieger,  die  ihren  Dienst 
getan  und  nun  kein  Talent  haben,  die  Kiinste  des  Friedens  zu  ent- 
wickeln,  Industrien  zu  entwickeln,  Ackerbau  zu  treiben.  Der  Natur- 
wissenschaft soli  nicht  ihre  Grofie  genommen  werden,  wenn  sie  Welt- 
anschauung wird,  um  zu  bekampfen  aberglaubische  Vorstellungen. 
Solange  solche  Weltanschauungsdenker  stehenbleiben  konnen  beim 
Kampf,  da  haben  sie  noch  etwas  am  Kampf  in  der  Seele,  was  sie  auf- 
recht  erhalt,  wenn  aber  der  Mensch  sich  dann  ein  wirkliches  Weltbild 
aufbauen  will,  in  welchem  die  Seele  einen  Platz  hat,  dann  ist  er  wie 
der  Krieger,  der  fur  die  Kiinste  des  Friedens  kein  Talent  hat.  Da  steht 
er  gegeniiber  der  Frage  seiner  Seele,  sagen  wir,  in  Friedenszeiten  des 
Weltlebens,  und  es  baut  sich  ein  Weltenbild  nicht  auf. 

Solche  Stimmung  wird  sich  immer  mehr  und  mehr  geltend  machen 
in  den  Seelen;  diese  Stimmungen  kann  der  Geistesforscher  schon 


schauen  in  den  Untergriinden  der  Seelen.  Da  wo  diese  Seelen  noch 
nichts  davon  wissen,  da  walten  die  Sehnsuchten  nach  dem,  was  die 
Geistesforschung  der  Welt  bringen  will.  Das  ist  das  Geheimnis  der 
heutigen  Zeit.  Aber  wenn  sie  so  von  einem  hoheren  Gesichtspunkt 
aus,  man  mochte  sagen,  durchaus  zeitgemaB  ist,  diese  geistesforsche- 
rische  Weltanschauung,  so  ist  sie  unzeitgemaB  vor  vielen  Zeitgenos- 
sen, die  noch  nicht  tief  hineinschauen  in  das,  was  sie  eigentlich  selber 
wollen.  Daher  bringt  diese  Geisteswissenschaft  zunachst  ein  Weltbild, 
das  man  so  ansieht,  als  ob  es  nicht  auf  festem  wissenschaftlichem 
Boden  stiinde.  Das  andere  Weltbild,  das  des  sogenannten  Monismus, 
es  will  blofi  auf  Grundlage  der  aufieren  Wissenschaft  auferbaut  sein. 
Dieses  Weltbild,  man  konnte  an  seiner  Kehrseite  heute  sehen,  wohin 
es  fiihren  muB,  wenn  die  Seele  wirklich  ihre  Hoffhungen,  ihre  Sehn- 
suchten erfullt  sehen  will.  In  jener  Aktivitat  der  Geistesforschung, 
von  der  gesprochen  worden  ist,  ergibt  sich  fur  die  Seele  das,  was  diese 
Seele  wirklich  hinaufhebt  zur  geistigen  Gemeinschaft,  ergibt  sich  die 
geistige  Welt  in  wahrnehmbarer  Aktivitat,  in  aktiver  Wahrnehmung. 
Durch  die  Geisteswissenschaft  kann  der  Mensch  wiederum  wissen  von 
der  wahren  Geisteswelt,  von  der  geistigen  Wirklichkeit.  Davon  weiB 
das  sogenannte  monistische  Weltbild  nichts  zu  sagen  dem  geistigen 
Suchen  der  Zeit. 

Dieses  Suchen  der  Zeit,  dieses  Suchen  der  menschlichen  Seelen,  es 
laBt  sich  aber  nicht  unterdriicken,  und  so  hat  sich  ein  Teil  unserer 
Zeitgenossen  schon  daran  gewohnt,  die  Gedanken  iiber  Geistiges 
in  sich  selber  gleichsam  so  zu  stellen,  daB  diese  Gedanken  wie  die 
naturwissenschaftlichen  Gedanken  laufen:  daB  AuBeres  angeschaut 
wird  in  passiver  Hingabe.  Was  ist  geworden?  Das  ist  geworden,  daB 
ein  Teil  unserer  Zeitgenossen  -  die  sich  damit  beschaftigen,  die  wis- 
sen es  -  im  Grunde  genommen  darauf  verfallen  ist,  das  Geistige  so 
ansehen  zu  wollen,  wie  man  das  Sinnliche  anschaut.  Ich  sage  nicht, 
daB  nicht  auf  diesem  Wege  manches  durchaus  Wahre  zustande  kom- 
men  kann;  aber  die  Methode  eines  solchen  Vorgehens  ist  eine  andere 
als  die  der  Geisteswissenschaft.  Das,  was  man  Spiritismus  nennt,  das 
will  auBerlich,  ohne  aktive  innere  Wahrnehmung,  ohne  sich  in  die  gei- 
stigen Welten  zu  erheben,  geistige  Wesenheiten  und  Vorgange  an- 


schauen  auBerlich  passiv,  wie  man  anschaut  physisch-sinnliche  Vor- 
gange.  Wessen  Kind  ist  der  rein  auBerliche,  wir  diirfen  sagen  mate- 
rialistische  Spiritismus?  Er  ist  das  Kind  derjenigen  Geistesstromung, 
die  auf  dem  sogenannten  monistischen  Standpunkt  steht  und  dem 
Aberglauben  des  Materialismus,  der  bloBen  Wirksamkeit  auBerer  Na- 
turgesetze  sich  hingibt.  Was  -  so  wird  mancher  Zeitgenosse  sagen  - 
der  Spiritismus,  ein  Kind  des  echten  Haeckelschen  Monismus  ?  —  Das 
Suchen  der  Zeit  wird  sich  davon  uberzeugen,  daB  es  eben  mit  diesem 
Kind  so  geht  wie  mit  anderen  Kindern.  Mancher  Vater,  manche  Mut- 
ter hat  die  schonsten  Gedanken  iiber  all  das,  was  sich  am  Kind  ent- 
wickeln  soil,  und  es  kann  doch  ein  rechter  Balg  manchmal  entstehen. 
Von  dem,  was  als  ein  wahres  Kulturkind  der  Monismus  traumt,  auf 
das  kommt  es  nicht  an;  auf  das  kommt  es  an,  was  wirklich  entsteht. 
Der  bloBe  Glaube  an  das  Materielle  wird  den  Glauben  erzeugen,  daB 
auch  die  Geister  sich  materiell  allein  betatigen  und  offenbaren  konnen. 
Und  je  mehr  wachsen  wiirde  der  reine  monistische  Materialismus, 
desto  mehr  wiirden  Spiritistengesellschaften  und  spiritistische  An- 
schauungen  iiberall  auf  bliihen  als  das  notwendige  Gegenbild.  Je  mehr 
es  den  blinden  Bekennern  Haeckel-  und  Ostwaldscher  Richtung  ge- 
lingen  wird,  in  Weltanschauungsfragen  gelingen  wird,  zuruckzudran- 
gen  wahre  Geisteswissenschaft,  desto  mehr  werden  sie  sehen,  daB  sie 
ziichten  werden  den  Spiritismus,  die  Kehrseite  wahrer  Geistesfor- 
schung.  So  sicher  der  Geistesforscher  steht  auf  dem  Boden  des  er- 
forschbaren,  des  erkennbaren,  des  wiBbaren  Geisteslebens,  so  wenig 
kann  er  der  Methode  folgen,  die  den  Geist  materialisieren  will  und 
sich  passiv  an  das  hingeben  wTill,  was  Geist  ist,  wahrend  man  es  nur 
im  Aktiven  erleben  kann. 

Ich  will  aber  doch  auch  das  Suchen  unserer  Zeit,  das  sich  noch  nicht 
innerlich  verstehen  kann  in  bezug  auf  ein  anderes  charakterisieren. 
Ein  Mann,  der  als  Philosoph  eine  gewisse  Schatzung  verdient,  hat 
einen  sonderbaren  Aufsatz  in  einer  viel  gelesenen  Zeitschrift  geschrie- 
ben.  Darin  schreibt  er  zum  Beispiel,  daB  Spinoza  und  Kant  fur  man- 
chen  Menschen  recht  schwer  zu  lesen  sind.  Man  Best  sich  hinein  in 
sie;  aber  da  wandeln  und  wirbeln  die  Begriffe  nur  so  herum  -;  nun, 
es  soli  durchaus  nicht  abgeleugnet  werden,  daB  es  fur  viele  Men- 


schen  so  ist,  wenn  sie  sich  in  Kant  oder  Spinoza  hineinleseri  wollen, 
daB  ihnen  da  die  Begriffe  durcheinanderwirbeln.  Aber  jener  Philosoph 
gibt  einen  Ratschlag,  wie  man  das  gemafi  dem  Suchen  unserer  Zeit 
anders  gestalten  konne.  Er  sagt:  Wir  haben  ja  heute  eine  Einrichtung, 
einen  technischen  Fortschritt,  durch  den  das,  was  in  den  bloB  abstrak- 
ten  Kantschen  und  Spinozaschen  Gedanken  vor  die  Seele  gestellt,  diese 
Seelen  verwirrt,  recht  anschaulich  vor  die  Seelen  gebracht  werden 
kann,  so  daB  man  sich  ihm  passiv  in  der  Wahrnehmung  hingeben 
kann.  Der  Philosoph  will  in  einer  Art  von  Kinematographen  zeigen, 
wie  Spinoza  dasitzt,  zunachst  Glas  schleift,  wie  dann  der  Gedanke 
der  Ausdehnung  iiber  ihn  kommt  ~  das  wird  gezdgt  in  wechselnden 
Bildern.  Das  Bild  der  Ausdehnung  verwandelt  sich  in  das  Bild  des 
Denkens  und  so  weiter.  Und  so  konnte  die  ganze  Ethik  und  Welt- 
anschauung Spinozas  anschaulich  aufgebaut  werden  auf  kinematogra- 
phische  Weise.  Dem  auBeren  Suchen  der  Zeit  ware  so  Rechnung 
getragen.  Merkwiirdig,  daB  der  Herausgeber  der  betrefFenden  Zeit- 
schrift  sogar  die  Anmerkung  gemacht  hat:  So  konnte  dem  uralten 
metaphysischen  Bedurfnis  des  Menschen  durch  eine  Erfindung,  die 
manchen  als  Spielerei  erscheint,  abgeholfen  werden,  die  durchaus  zeit- 
gemaB  ist. 

Nun  konnte  es  vielleicht  von  einer  gewissen  Seite  her  ganz  dem 
Suchen  unserer  Zeit,  aber  nur  dem  auBeren,  angemessen  sein,  wenn 
man  vor  dem  Kinematographen  lesen  konnte:  Spinozas  « Ethik »  oder 
Kants  «Kritik  der  reinen  Vernunft».  Warum  denn  nicht?  Es  ware 
Rechnung  getragen  dem  passiven  Hingeben,  das  man  heute  liebt.  Man 
liebt  es  so,  daB  man  nicht  glauben  kann,  daB  das  Geistige  eine 
Realitat  haben  muB,  in  das  man  sich  nur  so  hineinfinden  kann,  daB 
man  jeden  Schritt  mittut.  DaB  man  an  sich  selber,  in  seinem  Geistig- 
Seelischen,  das  ausdnickt,  was  das  Wesen  der  Dinge  ist,  das  liebt 
unsere  Zeit  noch  nicht.  Sehen  wir  uns  einmal  eine  Anschlagsaule  an! 
Versuchen  wir  die  Gedanken  zu  erraten  der  Menschen,  die  davor  ste- 
hen.  Zu  einem  Vortrag,  bei  dem  keine  Lichtbilder  gegeben  werden, 
sondern  wo  bloB  darauf  reflektiert  wird,  dafi  die  Seelen  miterzeugen 
die  Gedanken,  die  vorgebracht  werden,  werden  nicht  so  viel  Men- 
schen hineingehen  als  zu  einem  Vortrag,  wo  Geistig-Seelisches  an- 


geblich  in  Lichtbildern  demonstriert  wird,  wo  man  sich  nur  passiv  hin- 
zugeben  braucht. 

Wer  hineinschaut  in  das  Suchen  unserer  Zeit,  wo  es  seine  tiefsten, 
noch  unbewuBten  HofFnungen  und  Sehnsuchten  geltend  macht,  der 
weifi,  daB  in  den  Tiefen  der  Seelen  doch  ruht  der  Trieb  nach  Aktivi- 
tat; der  Trieb,  sich  wieder  zu  finden  als  Seele  in  voller  Aktivitat.  Frei, 
mit  sicherem  innerem  Halt  bedacht,  kann  die  Menschenseele  nur  sein, 
wenn  sie  innere  Aktivitat  entwickeln  kann.  Im  Leben  sich  zurecht- 
flnden  und  orientieren  kann  die  menschliche  Seele  nur  dadurch,  daB  sie 
sich  bewufit  wird,  daB  sie  nicht  nur  das  ist,  was  ihr  von  der  Welt 
passiv  geschenkt  wird,  sondern  wenn  sie  weiB,  daB  sie  dabei  ist  bei 
dem,  was  sie  in  Tatigkeit  zu  erleben  vermag ;  und  von  der  geistigen 
Welt  vermag  sie  nur  das  einzusehen,  dessen  sie  sich  in  Tatigkeit  zu  be- 
machtigen  vermag.  Im  Nachdenken  dessen,  was  die  Geisteswissen- 
schaft  gibt,  wird  das  Auffassen  ein  Mittun,  eine  Mittatigkeit  entwik- 
keln  miissen;  dadurch  aber  wird  Geisteswissenschaft  zu  einer  Befriedi- 
gung  der  tiefsten,  der  unterbewuBten  Triebe  in  den  Seelen  der  Gegen- 
wart,  dadurch  kommt  sie  entgegen  dem  intimsten  Suchen  unserer  Zeit. 
Denn  in  bezug  auf  die  hier  mitberuhrten  Dinge  ist  unsere  Zeit  eine 
Zeit  des  Ubergangs.  Oh,  es  ist  leicht  zu  sagen,  ist  sogar  trivial  zu 
sagen:  Wir  leben  in  einer  tjbergangszeit;  denn  jede  Zeit  ist  eine  LJber- 
gangszeit.  Daher  ist  es  immer  richtig,  zu  sagen,  wir  leben  in  einer  Ober- 
gangszeit.  Aber  wenn  man  es  betont,  daB  man  in  einer  Ubergangszeit 
lebe,  so  kommt  es  vielmehr  darauf  an,  worin  irgendeine  Zeit  in  einem 
Obergang  sich  befinde.  Will  man  nun  unsere  Zeit  in  ihrem  Obergang 
schildern,  so  muB  man  sagen :  Es  war  notwendig  -  denn  nur  dadurch 
konnten  die  Naturwissenschaften  und  was  durch  sie  grofi  geworden 
ist,  zu  ihren  Errungenschaften  kommen  daB  einmal  durch  Jahrhun- 
derte  hindurch  die  Menschheit  durch  eine  Erziehung  zur  Passivitat 
gegangen  ist;  denn  nur  so,  durch  die  Hingebung  an  die  materialisti- 
schen  Wahrheiten,  konnte  erreicht  werden,  was  erreicht  werden  muBte 
gerade  auf  naturwissenschaftlichem  Boden.  Aber  es  ist  so,  daB  sich 
das  Leben  rhythmisch  abspielt.  Wie  ein  Pendel  aufschwingt  und  wie- 
der abwarts  schwingt  und  auf  die  entgegengesetzte  Seite  ausschlagt, 
so  muB  die  Menschenseele,  wenn  sie  in  berechtigter  Weise  eine  Zeit- 


kng  erzogen  worden  ist  zu  treuer,  passiver  Hingabe,  sich  wieder  auf- 
raffen,  um  sich  selbst  wieder  zu  finden;  urn  sich  in  sich  zu  ergreifen, 
muB  sie  sich  aufraffen  zur  Aktivitat.  Denn  was  ist  sie  durch  die  Passi- 
vitat  geworden?  Nun,  das,  was  sie  geworden  ist  durch  die  Passivitat, 
ich  will  es  aussprechen  ungescheut  mit  einem  radikal  klingenden  Satze, 
der  fur  viele  gewiB  viel  zu  paradox  klingen  wird.  Aber  auf  der  anderen 
Seite  zeigt  gerade  das  Sich-Einleben  in  die  Geisteswissenschaft,  wie  es 
eigentlich  nur  die  Tatsache  ist,  daB  man  sich  nicht  zu  den  Konsequen- 
zen  der  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung  aufrafft,  wenn  man 
dieses  radikale  Ergebnis  nicht  betont.  Man  hat  nicht  den  Mut,  die 
wirklichen  Konsequenzen  zu  ziehen,  auch  diejenigen  nicht,  die  vor- 
geben,  einzig  und  allein  auf  dem  Boden  dessen  zu  stehen,  was  wahre 
Naturwissenschaft  ergibt.  Hatte  man  diese  Konsequenz,  dann  wiirde 
man  merkwiirdige  Worte  raunen  horen  durch  das  Suchen  der  Zeit. 

Am  Ausgangspunkt  der  alttestamentlichen  Urkunden  stehen  Worte 
-  ich  will  heute  iiber  ihre  innere  Bedeutung  nicht  sprechen;  jeder 
mag  die  Worte  nehmen  als  das,  wofur  er  sie  nehmen  kann;  mag  sie 
der  eine  fur  ein  Bild,  der  andere  fur  den  Ausdruck  einer  Tatsache  hal- 
ten:  in  dem,  was  ich  iiber  diese  Worte  zu  sagen  habe,  konnen  alle 
ubereinstimmen  -,  die  Worte  heiBen:  «Ihr  werdet  sein  wie  Gott  und 
erkennen  -  oder  unterscheiden  -  das  Gute  und  das  B6se!»  Es  klingt 
uns  heriiber,  das  Wort,  aus  dem  Anfang  des  Alten  Testamentes.  Wie 
man  es  auch  nehmen  will :  das  wird  man  zugeben  miissen,  daB  es  ein 
Bedeutungsvolles  ausdriickt  fur  die  Menschennatur  und  die  Men- 
schenseele.  Dem  Versucher  wird  es  zugeschrieben,  der  sich  heran- 
naht  an  den  Menschen  und  ihm  ins  Ohr  raunt:  «Wenn  du  mir  folgst, 
wirst  du  sein  wie  ein  Gott  und  unterscheiden  das  Gute  und  das 
B6se.»  Das  wird  man  ahnen  konnen,  daB  die  Hinneigung  nicht  nur 
zu  dem  Guten  nicht  ohne  diese  Versuchung  sich  im  Menschen  aus- 
driicken  wiirde;  daB  ohne  diese  Versuchung  die  Hinneigung  nur  zum 
Guten  entstanden  ware,  so  daB  alle  menschliche  Freiheit  in  gewisser 
Weise  mit  dem  zusammenhangt,  was  diese  Worte  ausdriicken.  Aber 
sie  driicken  aus,  daB  der  Mensch  gewissermaBen  aufgefordert  wurde 
durch  den  Versucher,  iiber  sich  hinaus  sich  als  ein  anderes  Wesen 
anzuschauen,  als  er  ist :  wie  ein  Gott  sich  zu  verhalten  zu  dem  Guten 


und  zu  dem  Bosen.  Wie  gesagt:  Mag  man  uber  diese  Worte  und  den 
Versucher  denken  wie  man  will,  ich  fordere  ja  heute  wirklich  nicht, 
daB  man  ihn  gleich  hinnimmt  als  ein  wirkliches  Wesen  -  obwohl  es 
sich  recht  gut  bewahrheitet  fur  den,  der  die  Dinge  durchschaut,  das 
Wort:  «Den  Teufel  spurt  das  Volkchen  nie,  und  wenn  er  sie  beim 
Kragen  hatte.»  Der,  der  das  Suchen  der  Zeit  ein  wenig  zu  belauschen 
vermag,  der  hort  heute  in  diesem  Suchen  der  Zeit  doch  sein  Raunen 
wieder.  Er  naht  sich.  Nenne  man  es  nun  eine  Stimme  der  Seele  oder 
wie  man  will :  da  ist  er  -  ohne  alien  Aberglauben  mag  es  gesagt  wer- 
den.  Und  fur  diejenigen,  die  den  Mut  haben,  die  letzten  Konsequen- 
zen  einer  rein  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung  zu  Ziehen, 
bringt  er  Worte  von  einer  groBen  Eigentumlichkeit,  von  einer  son- 
derbaren  Weisheit  hervor.  Es  haben  nur  nicht  die  Menschen,  die  da 
vorgeben  auf  dem  Boden  rein  naturwissenschaftlicher  Grundlage  zu 
stehen,  den  Mut  zur  letzten  Konsequenz.  Sie  nehmen  auf  in  ihr  Fuhlen 
und  Denken  doch  den  Glauben  an  eine  Unterscheidung  von  Gut  und 
Bose,  den  sie  eigentlich  ableugnen  muBten,  wenn  sie  rein  auf  dem 
Boden  der  Naturwissenschaft  stehen  wollten.  Es  ist  doch  so,  daB,  so- 
bald  man  sich  auf  den  Boden  der  bloBen  Naturwissenschaft  stellt,  daB 
nicht  nur  die  Sonne  iiber  Gute  und  Bose  in  gleicher  Weise  scheint, 
sondern  daB  nach  der  NaturgesetzmaBigkeit  aus  der  menschlichen 
Natur  heraus  das  Bose  gerade  so  verrichtet  wird  als  das  Gute.  Und 
so  raunt  er,  der  Versucher,  die  Konsequenz  ziehend,  den  Menschen 
zu:  Seht  ihr  es  nicht,  ihr  seid  ja  bloB  wie  hoherentwickelte  Tiere. 
Ihr  seid  wie  die  Tiere  und  konnt  nicht  unterscheiden  zwischen  dem 
Guten  und  Bosen.  -  Das  ist  es,  was  unsere  Zeit  zu  einer  Ubergangs- 
zeit  macht,  daB  der  Versucher  mit  der  entgegengesetzten  Stimme  als 
jener,  mit  der  er  nach  dem  Alten  Testament  gesprochen  hat,  in  unserer 
Zeit  wieder  spricht:  Ihr  seid  ja  nur  entwickelte  Tiere  und  diirft  also, 
wenn  ihr  euch  selbst  versteht,  keinen  Unterschied  machen  zwischen 
Gut  und  Bose. 

Hatte  man  den  Mut  zu  dieser  Konsequenz,  so  ware  sie  der  Aus- 
fluB  einer  reinen,  in  Passivitat  hingegebenen  Weltanschauung.  DaB  die 
Zeit  bewahrt  bleibe  vor  dieser  Stimme  -  es  sei  das  bloB  bildlich  ge- 
sprochen -,  daB  in  das  Suchen  der  Zeit  hineingebracht  werde  ein  Wis- 


sen  vom  geistigen  Leben:  das  ist  die  Aufgabe,  das  ist  das  Ziel  der 
Geisteswissenschaft.  Diejenigen,  die  diese  Geisteswissenschaft  heute 
noch  bekampfen  vom  Standpunkt  irgendeiner  Wissenschaft,  sie  war- 
den sich  iiberzeugen  mussen,  daB  es  sich  mit  diesem  Kampf  so  ver- 
halt  wie  mit  dem  Kampf  gegen  den  Kopernikanismus.  Jetzt,  wo  wir 
durch  den  Bau  unserer  freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  in 
Dornach  auch  in  der  Welt  mehr  beachtet  werden,  die  uns  friiher  nicht 
beachtet  hat,  mehren  sich  die  Stimmen  der  Gegner.  Und  als  ich  in  der 
letzten  Zeit  darauf  einwendete  in  der  Schrift:  «Was  soil  die  Geistes- 
wissenschaft und  wie  wird  sie  von  ihren  Gegnern  behandelt?»,  da8  die 
Gegner  der  Geisteswissenschaft  heute  auf  demselben  Standpunkt  ste- 
hen,  auf  dem  die  Gegner  des  Kopernikus  gestanden  haben,  da  sagte 
einer,  der  sich  betroffen  fiihlte  mit  Recht:  Ja,  der  Unterschied  ware 
nur  der,  daB  das,  was  Kopernikus  gesagt  hat,  Tatsachen  sind,  wah- 
rend  die  Geisteswissenschaft  nur  Behauptungen  vorbringt.  Er  merkt 
gar  nicht,  der  Arme,  daB  fiir  die  Leute  seines  Geistes  die  Tatsachen 
des  Kopernikanismus  damals  auch  nichts  anderes  waren  als  Behaup- 
tungen, leere  Behauptungen,  und  er  merkt  nicht,  daB  er  heute  leere 
Behauptungen  nennt,  was  vor  der  wirklichen  Forschung  eben  Tat- 
sachen, allerdings  Tatsachen  des  geistigen  Lebens  sind.  Und  so  kann 
man  sowohl  von  der  Wissenschaft  als  von  seiten  des  religiosen  Le- 
bens Einwande  iiber  Einwande  gerade  gegen  diese  Geisteswissenschaft 
erhoben  finden.  Wie  die  Menschen  zur  Zeit  des  Kopernikus  gesagt 
haben :  An  die  Umdrehung  der  Erde  um  die  Sonne  konnen  wir  nicht 
glauben,  denn  sie  steht  nicht  in  der  Bibel  -,  so  sagen  die  Leute  heute : 
An  das,  was  Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat,  glauben  wir  nicht,  denn 
es  steht  nicht  in  der  Bibel.  -  Es  werden  aber  die  Menschen  mit  dem 
zurechtkommen,  was  die  Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat,  wie  sie  zu- 
rechtgekommen  sind  mit  dem,  was  Kopernikus  zu  sagen  hatte. 

Und  immer  wieder  und  wiederum  muB  erinnert  werden  an  einen  zu- 
gleich  tief  gelehrten  Mann  und  Priester,  der  an  der  hiesigen  Universi- 
tat  gewirkt  hat  und  der,  als  er  seine  Rektorrede  gehalten  hat  iiber 
Galilei,  die  schonen  Worte  gesprochen  hat:  Damals,  da  standen  die 
Leute,  die  da  glaubten,  an  religiosen  Vorstellungen  werde  geriittelt, 
die  standen  gegen  Galilei;  heute  aber  -  so  sagte  dieser  Gelehrte  beim 


Antritt  seines  Rektorats  -,  heute  weiB  der  wahrhaft  religiose  Mensch, 
daB  durch  jede  neue  Wahrheit,  die  erforscht  wird,  ein  Stiick  hinzu- 
gefiigt  wird  zur  UrofFenbarung  der  gottlichen  Weltenlenkung  und  zu 
der  Herrlichkeit  der  gottlichen  Weltordnung.  -  So  mochte  man  die 
Gegner  der  Geisteswissenschaft  auf  etwas  aufmerksam  machen,  was 
wohl  hatte  sein  konnen,  wenn  es  auch  nicht  wirklich  war.  Nehmen 
wir  an,  vor  Kolumbus  ware  jemand  hingetreten  und  hatte  gesagt :  Die- 
ses neue  Land  -  das  er  dann  entdeckt  hat  -  diirfen  wir  nicht  ent- 
decken,  wir  leben  im  alten  Land  gut,  da  scheint  die  Sonne  so  schon 
herein.  Wissen  wir  derm,  ob  in  dem  neu  zu  entdeckenden  Lande  auch 
die  Sonne  scheint?  -  So  kommen  dem  Geisteswissenschafter  seinen 
religiosen  Vorstellungen  gegeniiber  diejenigen  vor,  die  ihre  religiosen 
Empfindungen  gestort  glauben  durch  die  Entdeckungen  der  Geistes- 
wissenschaft. Der  muB  eine  wankende  religiose  Vorstellung,  einen 
schwachmutigen  Glauben  haben,  der  da  glauben  kann,  daB  die  Sonne 
seines  religiosen  Empfindens  nicht  bescheinen  werde  jedes  neu  ent- 
deckte  Land,  auch  auf  dem  geistigen  Gebiete,  so  wie  die  Sonne,  die 
die  alte  Welt  bescheint,  auch  die  neue  Welt  bescheint.  Und  sicher  sein 
konnte  der,  welcher  die  Tatsachen  unbefangen  ins  Auge  faBt,  daB  das 
so  ist.  Die  Zeit  aber  in  ihrem  Suchen,  wenn  sie  sich  immer  mehr  und 
mehr  durchdringen  wird  mit  der  Geisteswissenschaft,  sie  wird  von  ihr 
so  beruhrt  werden,  wie  mancher  sich  heute  noch  nicht  ertraumen  laBt. 

Die  Geisteswissenschaft  hat  noch  viele  Gegner,  begreif  licherweise. 
Aber  im  Einklang  fiihlt  man  sich  doch  in  dieser  Geisteswissenschaft 
mit  all  denjenigen  Geistern  der  Menschheit,  welche,  wenn  sie  auch 
noch  nicht  Geisteswissenschaft  gehabt  haben,  geahnt  haben  jene  Zu- 
sammenhange  der  menschlichen  Seele  mit  den  geistigen  Welten,  die 
eben  durch  Geisteswissenschaft  aufgeschlossen  werden.  So  fiihlt  man 
sich  gerade  mit  Bezug  auf  das,  was  iiber  das  neue  Wort  des  Versu- 
chers  gesagt  worden  ist,  im  Einklang  gerade  zum  Beispiel  mit  Schiller 
und  seinem  Ahnen  gegeniiber  der  geistigen  Welt.  Aus  seinen  eigenen 
naturwissenschaftlichen  Studien  heraus  hat  Schiller  durchaus  den  Ein- 
druck  bekommen,  daB  er  den  Menschen  herauszuheben  hat  aus  der 
bloBen  Tierheit,  und  daB  die  menschliche  Seele  Anteil  hat  an  einer 
geistigen  Welt.  Wie  eben  in  tiefem  Einklang  mit  einem  fuhrenden 


Geist  der  neueren  Weltanschauungsentwickelung  fiihlt  man  sich  auf 
dem  Boden  der  Geisteswissenschaft,  wenn  man  zusammenfassen  kann 
wie  in  ein  Gefiihl,  was  heute  mit  breiteren  Satzen  hat  ausgefiihrt 
werden  wollen,  zusammenfassen  kann  mit  den  Schillerschen  Worten: 

Jetzt  fiel  der  Tierheit  dumpfe  Schranke, 
Und  Menschheit  trat  auf  die  entwolkte  Stirn! 
Und  der  erhab'ne  Fremdling,  der  Gedanke, 
Sprang  aus  dem  staunenden  Gehirn! 

Bekraftigend,  daft  die  Tierheit  wich,  und  der  Mensch  einer  geistigen 
Welt  angehort,  bekraftigend  solche  Satze,  steht  die  Geisteswissen- 
schaft heute  vor  dem  Suchen  unserer  Zeit. 

Und  erinnert  -  ganz  am  Schlufi  -  darf  werden  an  einen  Geist,  der 
hier  in  Osterreich  gewirkt  hat,  indem  er  in  seiner  tief  innerlich  leben- 
den  Seele  gefiihlt  hat  wie  einen  dunklen  Drang  das,  was  Geisteswis- 
senschaft zur  GewiBheit  zu  erheben  hat.  Gefiihlt  hat  er  es,  man  mochte 
sagen,  mit  seinem  Denken  und  Sehen  einsam  dastehend,  an  geistigen 
Ausblicken  festhaltend,  trotzdem  er  als  Arzt  voll  auf  dem  Boden  der 
Naturwissenschaft  stehen  kann.  Mit  ihm,  mit  Ernst  Freiherrn  von 
Feuchtersleben,  ihm,  dem  Seelenpfleger  und  Seelenpadagogen,  sei  es  als 
ein  Bekenntnis  der  Geisteswissenschaft  ausgesprochen,  sei  zusammen- 
gefaBt  das,  was  im  heutigen  Vortrag  vorgebracht  worden  ist,  zusam- 
mengefaBt  eben  mit  den  Worten  Feuchterslebens,  in  denen  etwas  er- 
klingt  von  dem,  was  die  Seele  als  ihre  hochste  Kraft  erfiihlen  kann; 
erfuhlen  kann  aber  nur  dann,  wenn  sie  sich  gewiB  ist  ihres  Zusam- 
menhangs  mit  der  geistigen  Welt.  Ernst  von  Feuchtersleben  sagt  - 
was  man  wie  ein  Motto  zu  aller  Geisteswissenschaft  vorbringen  kann : 
«Die  menschliche  Seele  kann  sich  nicht  verhehlen,  daB  sie  zuletzt  ihr 
wahres  Gliick  doch  nur  durch  die  Erweiterung  ihres  innersten  Be- 
sitzes  und  Wesens  ergreifen  kann.» 

Die  Erweiterung,  die  Befestigung,  die  Sicherung  dieses  innersten 
Wesens,  dieses  geistigen  inneren  Wesens  der  Seele  soil  dem  Suchen 
der  Zeit  durch  die  Geisteswissenschaft  dargeboten  werden. 


Offentlicher  vortrag 

Wien,  8.  April  1914 


Was  hat  die  Geisteswissenschaft  iiber  Leben,  Tod  und  Unsterblichkeit 

der  Menschensede  %u  sagen? 

Wenn  es  schon  in  einer  gewissen  Beziehung  schwierig  ist,  sich  iiber 
die  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft,  wie  sie  hier  gemeint  ist,  so 
auseinanderzusetzen,  wie  es  im  Vortrag  von  vorgestern  geschehen  ist, 
so  darf  wohl  gesagt  werden,  daB  die  Mitteilungen  in  bezug  auf  die- 
jenigen  Forschungsergebnisse,  die  den  Gegenstand  des  heutigen  Vor- 
trags  bilden  sollen,  in  gewisser  Beziehung  eigentlich  ein  Wagnis  sind 
gegeniiber  den  Vorstellungsarten  und  Denkgewohnheiten  der  Gegen- 
wart.  Denn  wird  man  in  dem,  was  der  Vortrag  von  vorgestern  aus- 
druckte,  schon  manches  Paradoxe  finden  miissen  von  diesen  Vor- 
stellungsarten und  Denkgewohnheiten  aus,  so  wird  man  von  einem 
solchen  Gesichtspunkte  aus  ganz  gewifi  und  begreiflicherweise  es  nicht 
leicht  haben,  in  dem,  was  heute  zu  sagen  ist,  ernstes  Forschen  zu 
sehen.  Man  wird  viel  eher  in  weiten  Kreisen  der  Gegenwart  geneigt 
sein,  darin  nur  zu  sehen  die  Schwarmereien  eines  sonderbaren  Phan- 
tasten.  Dessen  muB  man  sich  voll  bewuBt  sein,  wenn  man  iiber  diese 
Dinge  redet;  bewuBt  sein  dessen,  daB  alles  das,  was  in  einer  spateren 
Zeit  in  das  allgemeine  BewuBtsein  iibergeht,  vieles  sogar  von  dem, 
was  dann  spater  eine  Selbstverstandlichkeit  wird,  in  der  Zeit,  in  der 
es  zuerst  auftritt,  etwas  Paradoxes,  etwas  Phantastisches  ist. 

Dies  mochte  ich  nur  vorausschicken,  um  zu  charakterisieren,  wie 
sehr  sich  der  Geistesforscher  dessen  bewuBt  ist,  was  alles  begreif- 
licherweise empfunden  werden  kann,  wenn  er  seine  fur  die  heutige 
Zeit  durchaus  noch  paradox  erscheinenden  Forschungsresultate  mit- 
zuteilen  sich  gestattet. 

Bevor  ich  auf  diese  Forschungsergebnisse  zu  sprechen  komme, 
mochte  ich  in  ein  paar  einleitenden  Worten  die  Grundstimmung  der 
Seele  des  Geistesforschers  charakterisieren.  Diese  Grundstimmung  ist 
ja  eine  ganz  andere  als  die  Stimmung  gegeniiber  einem  anderen  For- 
schungsfelde.  Wahrend  man  in  seiner  Erkenntnis  dem  auBeren  Leben 


gegeniiber  und  auch  der  gewohnlichen  Wissenschaft  gegeniiber  heute 
mit  einem  gewissen  Rechte  das  Gefuhl  hat,  man  habe  die  Er kenntnis- 
krafte  in  sich,  man  brauche  sie  nur  sozusagen  in  Wirksamkeit  xiber- 
zufiihren,  dann  konne  man  urteilen  iiber  alles  das,  was  die  Natur 
selbst  und  was  der  Forscher  aus  der  Natur  darbietet  -  wahrend  man 
bei  dieser  Forschung  alle  Miihe  darauf  verwendet,  um  eben  zu  for- 
schen,  um  eben  die  Dinge  zu  beobachten  und  durch  den  Verstand  ihre 
Gesetze  zu  erkennen,  ist  die  Stimmung  des  Geistesforschers  gegen- 
iiber der  Wahrheit,  gegeniiber  allem  Erkenntnisstreben  doch  eine  ganz 
andere.  Da  bekommt  man,  indem  man  sich  in  diese  Geistesforschung 
hineinarbeitet,  immer  mehr  und  mehr  das  Bedurfnis,  alle  Arbeit  der 
Seele,  alles  innere  Streben  zunachst  auf  die  Vorbereitung  zu  ver- 
wenden;  und  immer  mehr  und  mehr  bekommt  man  das  Gefuhl :  Wenn 
man  sich  irgendeiner  Wahrheit  aus  diesem  oder  jenem  Gebiet  nahern 
will,  so  mochte  man  eigentlich  immer  noch  warten,  immer  noch  weiter 
und  weiter  sich  vorbereiten,  weil  man  das  BewuBtsein  hat:  Je  mehr 
Miihe  und  Arbeit  man  auf  jenen  Weg  der  Seele  verwendet,  der  zuriick- 
gelegt  werden  muB,  bevor  man  forscht,  desto  mehr  macht  man  sich 
reif,  die  Wahrheit  zu  empfangen.  Denn  ein  Empfangen  der  Wahrheit, 
das  ist  es,  um  was  es  sich  bei  der  eigentlichen,  wirklichen  Geistes- 
wissenschaft  handelt.  Und  so  stark  kommt  dieses  Gefuhl,  diese  Stim- 
mung iiber  die  Seele,  daB  man  eine  heilige  Scheu  empfindet,  die  Dinge 
an  sich  herankommen  zu  las  sen  und  daB  man  immer  wieder  und  wie- 
derum  gegeniiber  wichtigen,  wesentlichen  Erkenntnissen  der  Geistes- 
forschung lieber  wartet,  als  daB  man  die  Dinge  zu  friih  in  das  Be- 
wuBtsein hereinkommen  laBt.  Das  bedingt  eine  ganz  besondere  Stim- 
mung in  dem  Geistesforscher  selber,  jene  Stimmung,  die  all  die  Arbeit, 
von  der  vorgestern  als  einer  inneren  Seelenarbeit  in  Ubungen  ge- 
sprochen  worden  ist,  allmahlich  durchdringt,  die  beim  Geistesforscher 
herbeifiihrt  eine  gewisse  Stellung  gegeniiber  der  Wahrheit,  eben  die 
Stellung  von  heiliger  Scheu  gegeniiber  der  Wahrheit. 

Nachdem  ich  dies  vorausgeschickt  habe,  mochte  ich  nun,  ich  mochte 
sagen,  unbefangen  auf  dasjenige  eingehen,  was  iiber  das  wichtige, 
bedeutungsvolle,  jeder  Seele  so  naheliegende  Thema  des  heutigen 
Abends  zu  sagen  sein  wird.  GewiB,  es  sind  nicht  die  schlechtesten 


Gemuter  in  unserer  Gegenwart,  die  noch  immer  festhalten  an  der 
Meinung,  daB  die  Wahrheiten  des  Glaubens  besondere  seien  und  die 
Wahrheiten  des  Wissens  auch  besondere  seien,  und  die  da  glauben, 
daB  alles  das,  was  der  Mensch  sich  vorstellen  kann  als  iiber  Geburt 
und  Tod  hinausgehend,  daB  alles  das  nur  ein  Gegenstand  des  Glau- 
bens, nicht  streng  beweisbarer  Wissenschaft  sei.  Gerade  diese  strenge 
Trennung  zwischen  Glauben  und  Wissen,  sie  wird  durch  die  Geistes- 
wissenschaft  aufgehoben.  Und  man  fiihlt  sich  doch  im  Einklang  mit 
dem,  was  langst  herein  wollte  in  das  moderne  Geistesstreben,  wenn 
man  in  dem  Sinne  die  Wahrheiten,  die  jenseits  des  Todes  liegen,  ent- 
wickelt,  wie  es  hier  geschehen  soli;  man  fiihlt  sich  im  Einklang  damit, 
wenn  man  sich  immer  wieder  und  wiederum  so  etwas  vor  Augen 
halt,  daB  der  grofie  Lessing  doch  mit  einer  der  Hauptwahrheiten  dieser 
Geisteswissenschaft  sich  auseinandersetzte,  auseinandersetzte  noch  in 
jener  Schrift,  die  er  wie  sein  geistiges  Testament  kurz  vor  seinem  Tod 
als  reife  Frucht  seines  Denkens  und  Sinnens  verfaBt  hat:  in  seiner 
«Erziehung  des  Menschengeschlechts».  Es  scheut  Lessing  nicht  davor 
zuriick,  zu  sagen,  daB  die  Anschauung  von  den  wiederholten  Erden- 
leben  nicht  deshalb  ein  Irrtum  zu  sein  brauche,  weil  sie  auftrat  gleich- 
sam  als  etwas  Erstes,  worauf  das  Menschengeschlecht  kam,  bevor  die 
Vorurteile  der  Schule  und  der  Philosophen  noch  etwas  wie  einen 
triiben  Schleier  gebreket  haben  iiber  das,  was  als  vom  Jenseits  des 
Todes  die  Menschheit  im  Beginn  ihrer  Kulturentwickelung  wuBte.  - 
So  fiihlt  man  sich  dann  im  Einklang  —  es  konnten  noch  viele  Geister 
angefiihrt  werden  -  mit  den  besten  Personlichkeiten,  die  ihr  Streben 
eingefiigt  haben  in  die  Kulturentwickelung  der  Menschheit,  gerade 
wenn  man  auf  dem  Boden  dieser  Geisteswissenschaft  steht. 

Gesagt  worden  ist  nun  vorgestern,  daB  die  Dinge  des  geistigen 
Lebens,  die  Vorgange  desselben  nur  erforscht  werden  konnen  dann, 
wenn  wirklich  der  Mensch  durch  das  vorgestern  Geschilderte  dazu 
kommt,  in  seiner  Seele  die  in  ihr  schlummernden  Krafte  so  zu  er- 
starken,  so  zu  erkraften,  daB  diese  Seele  die  Moglichkeit  findet  -  es 
wurde  gesagt  vergleichsweise :  Wie  durch  den  Chemiker  der  Wasser- 
stofT  sich  aus  dem  Wasser  herauszieht  -,  daB  so  die  Seele  des  Geistes- 
forschers  die  Moglichkeit  findet,  durch  die  Seeleniibungen  sich  heraus- 


zuziehen  aus  dem  Physisch-Leiblichen,  und  sich  zu  erleben  abgeson- 
dert  von  dem  Physisch-Leiblichen,  so  daB  sie  dann  einen  Sinn  ver- 
binden  kann  mit  dem  Worte:  Ich  erlebe  mich  als  seelisch-geistiges 
Wesen  auBerhalb  meines  Leibes,  und  mein  Leib  mit  allem,  was  in  der 
Sinneswelt  zu  ihm  gehort,  steht  vor  mir  wie  ein  auBerer  Gegenstand 
vor  uns  steht,  wenn  wir  ihn  mit  den  Augen  anschauen,  mit  den  Handen 
beriihren.  -  Und  schon  als  ich  das  letzte  Mai  hier  einige  offentliche 
Vortrage  halten  durfte,  konnte  ich  aufmerksam  machen  auf  den  be- 
deutungsvollen  Augenblick,  der  im  Leben  des  Geistesforschers  ein- 
tritt,  wenn  wirklich  dieser  Geistesforscher,  durch  die  vorgestern  er- 
wahnten  Ubungen,  reif  geworden  ist.  -  Wer  weiteres  iiber  diese 
Ubungen  wissen  will,  der  findet  es  in  meinem  Buche  «Wie  erlangt 
man  Erkertntnisse  der  hoheren  Welten?»  und  in  meiner  «Geheim- 
wissenschaft  im  UmriB».  Auch  hier  soli  nur  prinzipiell  hingewiesen 
werden  auf  das,  was  der  Geistesforscher  erlebt.  Wenn  er  seine  Seele 
dahin  gebracht  hat,  daB  sie  heraustreten  kann  aus  ihrem  Leibe,  dann 
kommt  dies  Erlebnis  eines  Tages,  man  konnte  auch  sagen  eines 
Nachts;  denn  beides  ist  moglich:  mitten  in  den  gewohnlichen  Vor- 
gangen  des  Tages,  mitten  in  der  Nacht,  und  es  wird,  wenn  es  richtig 
vorbereitet  ist,  weder  das  eine  noch  das  andere  storen.  Es  kann  in 
hundertfach  verschiedener  Weise  auftreten,  ich  mochte  nur  den  typi- 
schen  Charakter  schildern.  Es  kann  auftreten  so  oder  so,  es  wird  immer 
in  einer  typischen  Art  auftreten,  was  ich  jetzt  anfuhre:  Da  kommt  es, 
daB  der  Mensch  wie  aufwacht  aus  dem  Schlafe;  er  weiB:  etwas  geht 
vor,  was  nicht  ein  Traum  ist.  Er  ist  entriickt  allem  auBeren  Wahr- 
nehmen,  alien  Bekummernissen,  alien  Leidenschaften,  all  dem,  was 
ihn  mit  dem  Tag  verbindet.  Oder  mitten  im  Tage  tritt  das  Ereignis 
ein,  wo  man  mit  seinem  Vorstellen  stillstehen  muB,  wo  etwas  ganz 
anderes  in  das  Vorstellen,  in  das  BewuBtsein  hereintritt.  Das,  was  dann 
hereintritt,  das  kann  so  sein  -  es  wird  immer  ahnlich  sein  dem,  wie 
ich  es  schildere;  ich  mochte  moglichst  konkret  schildern,  wie  sich 
dieses  erschiitternde  Ereignis  fur  den  Geistesforscher  wirklich  zu- 
tragen  kann  -,  da  kann  man  das  Gefiihl  haben:  Du  bist  jetzt  wie  in 
einem  Haus,  in  das  der  Blitz  eingeschlagen  hat.  Deine  Umgebung  zer- 
fallt  wie  ein  Haus,  in  das  der  Blitz  eingeschlagen  hat.  Der  Blitz  geht 


durch  dich  selber  durch.  Man  fuhlt,  wie  alles,  womit  man  materiell 
verbunden  ist,  wie  durch  die  Elemente  von  einem  abgetrennt  wird, 
so  fuhlt  man  sich  aus  sich  herausgelost,  sich  aufrechthaltend  als  ein 
geistiges  Wesen.  Es  ist  das  der  denkbar  tiefste,  erschiitterndste  Ein- 
druck.  Von  diesem  Momente  an,  oder  von  einem  ahnlichen,  weiB  man, 
was  es  heiBt,  auBer  seinem  Leibe  in  der  Seele  selber  sich  erleben.  Und 
die  Geistesforscher  aller  Zeiten,  sie  haben  einen  Ausdruck  gebraucht 
fur  dieses  Erlebnis,  der  voll  zutreffend  erscheint  demjenigen,  der  dieses 
Erlebnis  kennt.  Denn  es  hat  zu  alien  Zeiten,  eben  so,  wie  es  die  ver- 
schiedenen  Kulturen  bedingten,  eine  Art  von  Geistesforschung  ge- 
geben.  Die  heutige  ist  verschieden  von  denjenigen  der  fruheren  Zei- 
ten; sie  ist  angemessen  den  Fortschritten  der  modernen  Naturwissen- 
schaft.  Aber  das,  was  durch  sie  erreicht  wird,  wurde  auch  erreicht 
durch  die  Methoden,  die  durch  die  verschiedenen  Kulturen  moglich 
geworden  waren.  So  haben  die  Geistesforscher  der  verschiedensten 
Zeiten  das  eben  angedeutete  Erlebnis  mit  den  Worten  belegt :  man  sei 
als  Mensch  angekommen  an  der  Pforte  des  Todes. — Und  tatsachlich,  was 
man  sich  zunachst  vorstellen  kann  als  erlebbar  durch  den  Tod, 
das  tritt  ein.  Es  tritt  nicht  ein  unmittelbar  als  eine  Wirklichkeit;  denn 
der  Geistesforscher  kehrt  ja  wieder  in  seinen  Leib  zuriick  und  alles 
ist  wie  friiher;  er  nimmt  wieder  die  auBere  Welt  wahr.  Alles  das  aber, 
was  er  erlebt,  das  ist  das  Bild  von  demjenigen,  was  sich  wirklich  zu- 
tragt,  wenn  der  Mensch  durch  die  Pforte  des  Todes  schreitet,  wenn 
das  auBere,  physische  Leben  aufhort  und  das  Leben  nach  dem  Tode 
beginnt. 

Will  man  nun  verstehen,  wie  der  Geistesforscher  zu  den  Dingen 
kommt,  von  denen  hier  die  Rede  ist,  so  muB  man  sich  vergegen- 
wartigen,  daB  er  durch  die  sorgfaltige  Vorbereitung  seiner  Seele,  von 
der  gesprochen  worden  ist,  dahin  gelangt,  ganz  anders  wahrzunehmen 
als  man  mit  den  auBeren  Sinnen  wahrnimmt;  daB  er  wirklich  hinein- 
schauen  kann  in  diejenigen  Spharen  des  Daseins,  von  denen  gespro- 
chen werden  soli. 

Das  erste,  wozu  der  Geistesforscher  kommt,  wenn  er  einen  solchen 
Moment  uberwunden  hat,  durch  den  man  an  der  Pforte  des  Todes 
steht,  das  erste  konnte  man  in  einem  gewissen  Sinn  nennen:  Man 


gelangt  jenseits  des  menschlichen  Gedachtnisses.  Das  menschliche  Ge- 
dachtnis, die  menschliche  Erinnerungskraft,  ist  ja  etwas,  was  gewisser- 
maBen  in  unserer  Seele  lebt  als  der  Anfang,  mdchte  man  sagen,  von 
einem  Geistigen.  Das  sehen  selbst  schon  auBere  philosophische  For- 
scher,  die  nichts  von  der  Geisteswissenschaft  wissen,  ein.  Der  zu  so 
glanzenden  Erfolgen  gekommene  franzosische  Forscher  Bergson  sieht 
schon  in  dem  Gedachtnis  des  Menschen  etwas  rein  Geistiges,  das  mit 
biologischen  oder  physiologischen  Vorgangen  nichts  zu  tun  hat.  Und 
wenn  erst  die  Vorurteile  der  Naturwissenschaft,  die  heute  noch  fast 
an  jedem  haften,  voriiber  sein  werden,  dann  wird  man  einsehen,  wie 
in  dem  Schatz  unseres  Gedachtnisses  fur  die  Menschenseele  schon 
etwas  vorliegt,  was  gleichsam  der  Anfang  ist  zu  einem  Ubergehen 
dessen,  was  an  Sinne  und  Gehirn  gebunden  ist,  zu  einem  rein  Geistig- 
Seelischen.  Indem  wir  gleichsam  unsere  Vorstellungen  zuriickschieben 
in  das  Gedachtnis,  bewahren  wir  sie  nicht  auf  durch  irgendwelche 
korperlichen  Vorgange,  sondern  rein  in  der  Seele.  Das  kann  ich  nur 
andeuten.  Die  naturwissenschaftliche  Rechtfertigung  dessen,  was  eben 
gesagt  worden  ist,  wiirde  sehr  viel  Zeit  und  besondere  Vortrage  in 
Anspruch  nehmen.  So  nun,  wie  man  im  gewohnlichen  Leben  Erinne- 
rungsbilder  wahrnimmt,  die  aus  dem  Schatze  unserer  Seele  herauf- 
kommen,  die  so,  wie  sie  auftreten,  nichts  haben,  was  uns  verleiten 
konnte,  sie  etwa  zu  einer  Illusion  oder  Halluzination  zu  machen,  so 
treten,  aber  jetzt  nicht  aus  dem  Seelenschatze  herauf,  sondern  aus 
geistigen  Welten  heraus,  vor  die  Seele  des  Geistesforschers  die  gei- 
stigen Vorgange  und  geistigen  Tatsachen;  und  man  merkt  dann,  daB 
hinter  dem,  was  wir  den  Gedachtnisschatz  nennen,  die  menschliche 
Seele  noch  etwas  anderes  erleben  kann.  Der  Geistesforscher  sieht  dann 
gleichsam  das  Folgende:  Nun  bist  du  aus  deinem  Leibe  mit  deiner 
Seele  herausgezogen;  nun  kannst  du  erst  recht  iiberblicken,  weil  es 
wie  ein  auBeres  Objekt  geworden  ist,  dasjenige,  was  du  dir  durch  die 
Sinneswelt  erworben  hast:  den  Schatz  des  Gedachtnisses.  Aber  dieser 
Schatz  des  Gedachtnisses  ist  wie  ein  Schleier,  der  etwas  zudeckt,  was 
immer  in  der  Seele,  nur  unbewuBt,  lebt,  was  immer  in  ihr  ist;  was 
aber  durch  Erinnerung  und  Gedachtnis  zugedeckt  wird,  verschleiert 
wird.  Ja,  in  diesen  menschlichen  Seelentiefen  ist  etwas  unten,  das 


immer  in  ihnen  lebt;  aber  indem  der  Mensch  seine  Erinnerungen  aus- 
breitet  in  seiner  Seele,  deckt  er  dieses  unterbewuBte  Geistig-Seelische 
zu.  Indem  der  Geistesforscher  in  das  Geistig-Seelische  sich  herein  er- 
hebt,  hat  er  allerdings,  man  mochte  sagen,  wie  den  Kometenschweif 
seines  geistig-seelischen  Wesens  anhangen  seine  Erinnerungen,  aber 
er  kann  durch  diese  Erinnerungen  durchschauen  auf  etwas,  was  man 
nennen  konnte:  Krafte  hoherer  Art  als  die  Krafte  sind,  die  uns  die 
Erinnerungen  aufbewahren.  Wenn  der  Ausdruck  nicht  so  verpont 
ware  -  aber  es  ist  schwierig,  fur  diese  Gebiete,  die  nichts  mit  der 
Sinnenwelt  zu  tun  haben,  gehorige  Ausdriicke  zu  finden  -,  so  konnte 
man  den  Ausdruck  anwenden:  Man  steigt  zu  einem  Ubergedachtnis 
auf  von  dem  Gedachtnis.  Man  kommt  allmahlich  in  das  hinein,  was 
vorgestern  imaginatives  Vorstellen  genannt  worden  ist.  Wahrend  man 
bei  dem  Gedachtnis  immer  das  Gefuhl  hat:  Die  Bilder  des  Gedacht- 
nisses  steigen  herauf,  sie  stellen  sich  vor  die  Seele  hin,  indem  du  dich 
ihnen  passiv  hingibst  taucht  man  nun  unter  in  das,  was  hinter  dem 
Gedachtnis  ist  und  weiB,  daB  man  aktiv  mit  hervorbringen  muB  das, 
was  dann  als  Imagination,  als  Inhalt  eines  tJbergedachtnisses  herauf- 
strebt.  Aber  man  weiB  auch  durch  die  zu  diesen  Dingen  vorbereitete 
Seele,  daB  das,  was  sich  da  offenbart  als  hinter  dem  Gedachtnis  lie- 
gend,  immer  da  war,  daB  es  nur  zugedeckt  war  durch  das  Gedachtnis, 
und  man  weiB,  indem  man  es  erkennt  in  seiner  Wesenheit,  daB  das, 
was  sich  da  hinunterschiebt  in  die  Griinde,  die  unter  dem  Gedachtnis- 
schatze  liegen,  selber  etwas  ist,  was  nun  an  unserem  physischen  Orga- 
nismus  arbeitet,  was  tatig  ist  an  ihm.  Man  macht  noch  eine  ganz 
andere  Entdeckung.  Man  macht  die  folgende  Entdeckung  -  und  diese 
Entdeckung  ist  aufierordentlich  bedeutungsvoll  fur  das  Verhaltnis  der 
Geistesforschung  zur  Naturforschung.  Die  Naturforschung  tritt  uns 
heute  entgegen,  indem  sie  sagt:  Alles  das,  was  der  Mensch  empfindet, 
denkt  und  will,  ist  gebunden  an  Vorgange  seines  Nervensystems. 
Recht  hat  sie  damit;  aber  sie  kann  mit  ihren  Mitteln  nicht  die  Art,  wie 
das  Seelenleben  an  das  Nervensystem  gebunden  ist,  wie  zum  Beispiel 
das  Denken  an  das  Gehirn  gebunden  ist,  herausbekommen.  Man  muB 
zu  viel  tieferen  Grundlagen  des  Seelenlebens  gehen.  Wenn  man  mit 
der  Geistesforschung  kommt,  da  merkt  man:  Ja,  es  ist  fur  das  ge- 


wohnliche  Vorstellen  des  Alltags,  auch  fur  die  wissenschaftliche  Ar- 
beit, durchaus  richtig,  daB  alle  Gedanken,  die  wir  uns  bilden,  auch  alle 
Empfindungen  zum  Beispiel,  an  das  Gehirn  gebunden  sind;  aber  wie 
sind  sie  an  das  Gehirn  gebunden?  Das  tiefere  Seelische,  von  dem  das 
gewohnliche  Bewufitsein  gar  nichts  weiB,  das  erst  durch  Geistesfor- 
schung  entdeckt  wird,  das  bearbeitet  erst,  sagen  wir,  eine  gewisse  Ge- 
hirnpartie,  das  sendet  erst  seine  Arbeitskrafte  hinein  in  Sinne  und 
Gehirn;  und  dadurch,  daB  dieses  «hinterbewufite»  Seelische  das  Ner- 
vensystem  bearbeitet,  wird  dieses  zum  Spiegel,  um  das,  was  im  ge- 
wohnlichen Leben  auftritt,  zu  spiegeln.  Was  im  gewohnlichen  Leben 
auftritt,  ist  das  Spiegelbild  des  Seelisch-Geistigen.  Geradeso,  wie 
wenn  ein  Spiegel  hier  hinge  und  Sie,  wenn  Sie  sich  ihm  nahern  wiir- 
den,  dann  nicht  sich  sehen  wiirden,  sondern  bloB  Ihr  Spiegel- 
bild, geradeso  verhalten  Sie  sich,  indem  Sie  Ihr  alltagliches  Den- 
ken,  Fuhlen  und  Wollen  entwickeln.  Das  tiefere  Seelische  arbeitet 
speziell  am  Nervensystem  und  Gehirn,  und  was  es  da  erarbeitet,  das 
macht,  daB  etwas  wahrgenommen  werden  kann.  So  ist  es  das  Seelisch- 
Geistige,  das  das  Auge  bearbeitet,  und  was  im  Auge  gewisse  Vor- 
gange  hervorruft.  Wenn  diese  Vorgange  hervorgerufen  sind,  dann 
spiegelt  das  Auge  in  das  Geistig-Seelische  dasjenige  zuriick,  was  wir 
die  Farbe  nennen.  So  ist  es  das  tiefere  Seelisch-Geistige,  was  im  Leibe 
arbeitet.  Und  dazu  wird  die  Geistesforschung  die  Menschheit  fiihren: 
zu  erkennen,  daB  wir  es  selbst  sind,  die  im  Inneren  unserer  Vor- 
stellungen  leben,  und  die  mit  ihrem  tieferen  Wesen  erst  selber  den 
Leib  zubereiten,  daB  er  zum  Spiegelungsapparat  dafiir  wird,  was  dann 
die  Seele  erlebt.  So  ist  es  im  gewohnlichen,  auBeren,  raumlichen  Le- 
ben. In  dem  Augenblick  aber,  wo  unsere  Vorstellungen  zu  Erinne- 
rungsbildern  werden,  muB  noch  etwas  anderes  vorgehen;  wir  miissen, 
wenn  nicht  die  Vorstellungen  wie  Traume  an  uns  voriiberhuschen 
sollen,  damit  sie  Erinnerung  werden,  Aufmerksamkeit  verwenden. 
Alles,  was  zur  Erinnerung  werden  soil,  was  uns  bleiben  soli  in  der 
Seele,  auf  das  miissen  wir  uns  langer  hinkonzentrieren,  als  notwendig 
ist,  sagen  wir,  zum  bloBen  Vorstellungsbilde.  Ein  Farbeneindruck 
wiirde  uns  nicht  in  der  Erinnerung  bleiben,  wenn  wir  ihn  nur  gerade 
so  lange  anschauten,  als  es  notwendig  ist,  daB  die  Farbe  hervorgerufen 


wird.  Schauen  wir  ihn  langer  an,  so  appellieren  wir  an  jene  Kraft,  wel- 
che  alles  das  in  unserer  Seele  als  Erinnemng  erhalt.  Wir  schieben 
gleichsam  zuriick  unsere  Seelentatigkeit  in  ein  tieferes  Wesen  und 
dieses  stellt  sich  heraus  nicht  als  der  physische  Leib,  sondern  als  etwas, 
was  feiner,  atherischer  ist  als  der  physische  Leib ;  und  was  man  in  der 
Geistesforschung  eben  mit  dem  allerdings  verponten,  heute  gar  nicht 
beliebten  Ausdruck  «atherisch»  bezeichnen  kann  -  doch  hat  das  Wort 
nicht  den  Sinn,  den  man  gewohnlich  damit  verbindet  -,  er  stellt  sich 
dar  als  ein  atherischer  Leib,  der  schon  geistiger  Art  ist. 

Aber  nicht  nur  so  wirkt  unsere  Seele,  daB  sie  diese  Erinnerungs- 
bilder  s  chant,  sondern  sie  wirkt  viel  mehr  durch  ihren  Verkehr  mit 
der  AuBenwelt  im  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  in  sich  hinein. 
Und  da  entdeckt  der  Geistesforscher  das  Merkwiirdige,  daB  unsere 
Erinnerungen  nur  deshalb  Vorstellungen  bleiben,  weil  sie  aufgehalten 
werden  vom  Atherleib,  nicht  in  den  physischen  Leib  hineingelassen 
werden.  Wurden  sie  in  den  physischen  Leib  hineinrinnen,  wurden  sie 
darin  zur  Tatigkeit  werden,  diese  Vorstellungen,  so  wurden  sie  iiber- 
gehen  in  die  Bildungskrafte,  in  die  Lebekrafte  des  physischen  Leibes, 
wurden  dies  en  durchorganisieren.  Dadurch,  daB  wir  unsere  Vorstel- 
lungen Vorstellungen  sein  lassen,  sie  nicht  in  organische  Krafte  iiber- 
gehen  zu  lassen  brauchen,  behalten  sie  den  Charakter  der  Erinnerung, 
erhalten  wir  sie  in  ihrer  Vorstellungskraft.  Sie  konnen  Erinnerungen 
bleiben. 

Aber  die  Seele  entwickelt  auch  im  Leben  viel  starkere  Krafte  als 
diejenigen  sind,  die  die  Erinnerungen  entwickeln,  und  diese  starkeren 
Krafte  werden  nun  ebenfalls  zunachst  in  der  Seele  bewahrt.  Aber  sie 
liegen  wie  ein  Obergedachtnis  hinter  dem  gewohnlichen  Gedachtnis- 
schatz;  sie  sind  in  uns.  Das  ist  das,  was  nun  der  Geistesforscher  er- 
lebt,  wenn  er  durch  das  Gedachtnis  hindurchschaut  auf  diesen  uber- 
gedachtnismaBigen  Schatz,  daB  er  weiB :  Da  lebt  in  deiner  Seele  etwas, 
was  nicht  hineinwirken  kann  in  deinen  physischen  Leib,  was  unter  der 
Oberflache  des  Gedachtnis  ses  liegt,  aber  auch  nicht  zur  Wirksamkeit 
kommt  in  deinem  physischen  Leibe,  jetzt,  wie  er  ist  zwischen  Geburt 
und  Tod.  Da  ist  etwas,  was  nicht  Vorstellung  bleibt,  was  doch  aber 
nicht  zur  organisch  wirksamen  Kraft  wird.  Der  Geistesforscher  erlebt 


dieses,  indem  er  auBerhalb  seines  Leibes  ist.  Aber  er  erlebt  zugleich  das 
andere,  das  er  ausdriicken  kann,  wenn  er  sich  iiber  die  Tatsache  klar- 
werden  wkd,  damit,  daB  er  sagt:  Ja,  so  erlebe  ich  etwas  in  meiner 
Seele,  was  in  ihr  ist,  was  gewissermaBen  keine  Anwendung  findet,  weil 
es  nicht  hinein  kann  in  den  Leib,  der  gebildet  ist  seit  der  Geburt  oder, 
sagen  wir,  der  Empfangnis,  weil  es  darin  keine  Unterkunft  findet.  Und 
indem  sich  nun  der  Geistesforscher  hineinvertieft  in  dies,  was  ich  hier 
angedeutet  habe,  erlebt  er  es  so,  daB  er  es  erkennen  kann,  wie  man  er- 
kennt  den  Keim,  der  in  einer  Pflanze  ist.  Die  Pflanze  entwickelt  sich 
von  der  Wurzel  bis  2ur  Frucht,  in  welcher  der  Keim  ist.  Der  Keim  ist 
aber  schon  veranlagt  in  der  ganzen  Pflanze.  Das,  was  Keim  ist,  hat  fur 
diese  Pflanze  keinen  Sinn,  es  kann  seine  Krafte  nicht  in  diese  Pflanze 
hineinsenken;  es  ist  aber  darinnen,  es  ist  die  Anlage  zu  einer  folgenden 
Pflanze,  sagen  wir,  des  nachsten  Jahres.  Indem  der  Geistesforscher 
hinuntertaucht,  taucht  er  ein  in  etwas,  was  in  ihm  ein  Seelenkern,  ein 
Seelenkeim  ist,  von  dem  er  weiB,  er  wird  gebildet  in  diesem  Leben 
zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode,  aber  er  entwickelt  seine  Krafte 
nicht  in  diesem  Leben;  er  taucht  da  unter  in  die  tieferen  Schichten 
der  Seele  und  liegt  bereit  fur  ein  folgendes  Leben,  wie  in  der  Pflanzen- 
frucht  der  Keim  bereitliegt  fur  die  folgende  Pflanze,  die  sich  nicht  ohne 
die  vorhergehende  entwickeln  konnte. 

So  kommt  man  zu  der  Einsicht  des  Einklanges  der  menschlichen 
aufeinanderfolgenden  Erdenleben  mit  aller  auBeren  Natur,  wenn 
man  so  unterzutauchen  versteht  in  das  Seelische.  Das,  was  wichtig 
ist,  ist  nur,  daB  der  Geistesforscher  nie  aus  den  Augen  verliert: 
Das,  was  du  da  erleben  muBt,  das  kann  nur  ein  solches  sein,  bei 
dem  du  immer  wieder  und  wiederum  dir  deiner  eigenen  Tatigkeit  be- 
wuBt  wirst;  derm  ist  man  das  nicht,  iiberschaut  man  nicht,  wie  das 
entstanden  ist,  dann  wird  es  zur  Illusion,  Halluzination  oder  zur  bloBen 
Phantasie.  Es  ist  vollig  ein  Irrtum,  wenn  eingewendet  wird:  Ja,  wie 
kann  der  Geistesforscher  wissen,  daB  das,  was  er  so  entdeckt,  keine 
Halluzination,  keine  Illusion,  nicht  Phantasie  ist?  Es  konnte  ja  eine 
selbst  suggerierte  Halluzination  sein.  Wenn  der  Geistesforscher  sich  so 
stellen  wiirde  zu  dem,  was  er  so  erlebt,  wie  es  geschildert  worden  ist, 
wie  sich  das  krankhafte  Gemut  zu  einer  Halluzination  stellt,  dann 


wiirde  dieser  Einwand  voll  berechtigt  sein.  Denn  sie  stellt  sich  gegen- 
iiber  im  Gemiit  wie  eine  auBere  Wahrnehmung,  man  durchschaut  sie 
nicht.  Das  aber  lernt  der  Geistesforscher  genau  kennen  durch  die  rich- 
tigen  Vorber eitungen  -  wie  Sie  sie  in  meiner  Schrift  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  det  hoheren  Welten?»  lesen  konnen  daB  er  unter- 
scheiden  kann  das,  was  nur  Reminiszenz  ist  der  AuBenwelt,  und  was 
Phantasie  und  Hallucination  ist,  zu  dem  er  sich  passiv  verhalt,  daB 
er  dies  unterscheiden  muB  von  dem,  was  sich  so  hinstellt,  daB  er  es 
ebenso  erkennt,  wie  man  von  einem  Buchstaben  oder  einem  Worte 
weiB :  Das,  was  da  auf  dem  Papier  stent,  das  bedeutet  nicht  sich  selbst, 
sondern  etwas  anderes.  Denn  so  verwendet  der  Geistesforscher  das  Er- 
schaute  nicht,  wie  man  Halluzinationen  verwendet,  sondern  so,  daB 
man  es  vergleichen  kann  mit  einem  geistigen  Lesen  in  einer  Schrift 
von  Imaginationen,  die  sich  vor  ihn  hinstellen.  Erst  wenn  man  lernt, 
in  freier  Weise  in  seinem  Gemiit  das,  was  man  da  durch  eigene  Aktivi- 
tat  hinstellt,  so  zu  verwenden,  daB  man  darin  lebt,  wie  man  in  den 
Schriftzugen  lebt,  durch  die  man  hindurchsieht  auf  das,  was  sie  be- 
deuten;  erst  indem  man  sich  in  so  innerlich  erkrafteter  Weise  zu  dem 
erhebt,  was  da  in  das  Seelenschauen  tritt,  kann  man  dahin  gelangen, 
wirklich  zu  erschauen,  was  Vorgange  und  Wesenheiten  der  geistigen 
Welt  sind.  Dann  aber  kommt  man,  weil  man  dadurch  sich  allmahlich 
einlebt  in  das  Element  unserer  Seele,  das  nicht  mit  dem  Leib  einerlei 
ist,  hinein  in  das  Wesen,  von  dem  man  sagen  kann,  daB  die  Eigen- 
schaft  der  Unsterblichkeit  ihm  zukommt. 

Geisteswissenschaft  ist  nicht  eine  spekulative  Philosophic,  worin 
man  nachdenkt,  welche  Griinde  konnen  sich  ergeben  far  die  Unsterb- 
lichkeit der  Seele :  Geisteswissenschaft  zeigt,  wie  man  zur  Seele  selber 
kommt  und  von  dieser  wahrhaftigen  Seele  zeigt  sie,  was  sie  wirklich 
ist.  Sie  legt  gleichsam  die  Seele  bloB;  und  dann  stellt  sich  heraus,  daB 
das,  was  als  die  Seele  bloBgelegt  wird,  nicht  ein  Ergebnis  der  auBeren 
Leiblichkeit  ist,  daB  vielmehr  diese  Leiblichkeit  das  Ergebnis  dessen 
ist,  was  man  da  entdeckt.  Denn  wenn  man  auf  der  einen  Seite  ent- 
deckt  in  sich  den  Seelenkern,  dem  man  es  anfiihlt,  aus  dem  man  her- 
auserlebt,  daB  er  der  Keim  zu  einem  nachsten  Erdenleben  ist,  so  erlebt 
man  in  diesem  iiber  dem  Gedachtnisschatz  Hegenden  BewuBtseins- 


inhalt  audi  das,  was  in  den  Menschen  als  das  menschliche  Leiblich- 
Physische  hereingezogen  ist,  bevor  er  als  physisches  Wesen  sein  Da- 
sein  begonnen  hat  mit  der  Geburt  oder,  sagen  wir,  der  Empfangnis. 
Geradeso  wie  die  Seele  selbst  es  ist,  die  raumlich,  wenn  wir  wahr- 
nehmen,  ihr  Gehirn  zubereitet,  damit  dieses  ihren  Inhalt  spiegelt,  so 
erlebt  man,  daB  das  Geistig-Seelische,  zu  man  vorgedrungen  ist, 
vor  der  Geburt,  vor  der  Empfangnis  in  einer  geistigen  Welt  vorhan- 
den  war  und  in  dieser  sich  die  Krafte  erworben  hat,  urn  sich  zu  ver- 
binden  mit  dem,  was  an  physischer  Substantialitat  gegeben  wird  von 
Vater  und  Mutter,  um  sich  zu  durchdringen  mit  dieser  Substantialitat, 
diese  sich  anzuorganisieren.  Man  etlebt,  daB  der  Mensch,  so  wie  er  in 
die  Welt  hereinzieht,  nicht  bloB  das  Ergebnis  ist  von  Vater  und  Mut- 
ter, sondern  dafi  sich  verbindet  das  Geistige  mit  dem  Materiellen,  mit 
dem,  was  von  Vater  und  Mutter  gegeben  wird;  das  Geistige,  das  aus 
geistigen  Welten  herunterkommt,  wo  es  gelebt  hat  zwischen  dem  letz- 
ten  Tod  und  dieser  Empfangnis.  Und  der  Geistesforscher  kann,  indem 
man  also  kennenlernt  dasjenige  in  der  Seele,  was  jenseits  des  Gedacht- 
nisses  liegt,  er  kann  dadurch  auch  erkennen  lernen,  wie  die  Seele  sich 
verhalt,  wenn  nicht  mehr  das  Leibliche  sozusagen  die  Tatigkeit  dieses 
Geistig-Seelischen  zuriickhalt,  wenn  der  Tod  liber  den  Menschen  ge- 
kommen  ist.  Wenn  der  Tod  iiber  den  Menschen  gekommen  ist,  dann 
lebt  die  Seele  zunachst  -  das  ist  die  Tatsache,  die  sich  der  Geistes- 
forschung  darbietet  -  in  dem,  was  wahrend  des  Lebens  nicht  physisch- 
leiblich  geworden  ist;  sie  lebt  in  ihrem  Gedachtnisschatz.  In  der  ersten 
Zeit  nach  dem  Tode  breitet  sich  aus  vor  der  Seele  ein  weites  Erinne- 
rungsbild  von  alledem,  was  der  Mensch  erlebt  hat  zwischen  Geburt 
und  Tod.  Auch  alle  diejenigen  Ereignisse  kommen  herauf,  welche  ver- 
gessen  worden  sind  im  Leben.  Dieses  Erleben  seiner  ganzen  Erinne- 
rung  dauert  nur  wenige  Tage.  Der  Geistesforscher  kann  das  durch- 
schauen,  was  da  als  das  erste  Erlebnis  nach  dem  Tode  auftritt,  weil 
er  ja  kennenlernt  die  Natur  des  Gedachtnisses.  Wenn  die  Seele  aus 
dem  Leibe  heraus  ist,  dann  wird  wirklich  fur  den  Geistesforscher  so 
etwas  zum  BewuBtseinsinhalt,  wie  es  fur  den  Toten  wird,  wenn  er 
durch  die  Pforte  des  Todes  geschritten  ist.  Vor  dem  Geistesforscher 
tritt  auch  dasjenige  auf,  sobald  er  auBer  dem  Leibe  ist,  was  sein  ge- 


samter  Gedankeninhalt  ist,  aber  jetzt  so  wie  eine  Welt;  wie  man  sonst 
Berge  und  Wolken  und  Sterne  und  Sonne  und  Mond  und  Fliisse  und 
Stadte  um  sich  hat,  so  hat  man  auBer  seinem  Leibe  zunachst  ein  Tableau 
desjenigen,  was  man  erlebt  hat,  vor  sich;  nur  kann  man  dieses  Tableau 
durchschauen,  man  kann  seine  Wirkungskraft  ersehen.  Indem  man  - 
um  einen  trivialen  Ausdruck  zu  gebrauchen  -  sich  hingewohnt  hat, 
wirklich  auBerleiblich  diese  Dinge  zu  durchschauen,  gelangt  man  auch 
allmahlich  dazu,  wirklich  den  Blick  bewuBt  hinwerfen  zu  konnen  auf 
das,  was  die  Seele  nach  dem  Tode  durchlebt,  was  sie  durchlebt  hat 
nach  dem  letzten  Tode,  was  ihr  bevorsteht  nach  dem  Tode,  der  da 
kommen  wird.  Erst  ist  es  dieses  Erinnerungsbild,  das  breitet  sich  aus, 
die  Gedanken,  die  sich  angesammelt  haben.  Aber  hinter  dem  tritt  eine 
andere  Seelenkraft  auf.  Jetzt,  da  der  Tod  voriibergegangen  ist,  ist  diese 
Seelenkraft  nicht  mehr  durch  den  Leib  gehemmt,  jetzt  wirkt  sie  so, 
daB  dieses  Erinnerungsbild  nach  einigen  Tagen  verschwindet  aus  der 
Umgebung  des  Menschen. 

Man  kommt  ja,  wie  schon  eingangs  gesagt,  auf  gewagte  Dinge, 
wenn  man  iiber  das  Thema  des  heutigen  Vortrags  sprechen  will,  aber 
man  kann  doch  nicht  umhin,  diese  Dinge  zu  beruhren,  wenn  man  nicht 
in  allgemeinen  Redensarten  sich  ergehen  will.  Ich  habe  versucht  dar- 
zustellen,  was  der  Geistesforschung  sich  ergeben  hat  iiber  die  Dauer 
dieses  ersten  Erlebnisses  nach  dem  Tode.  Da  hat  sich  ergeben,  daB 
diese  Riickschau  auf  die  Gedankenbilder  der  Erlebnisse  des  letzten 
Lebens  fur  die  verschiedenen  Menschen  verschieden  lang  dauert,  fur 
den  einen  Menschen  langer,  fur  den  anderen  kiirzer;  aber  im  allge- 
meinen ungefahr  so  lange,  als  die  Kraft  dauern  kann  wahrend  des  Le- 
bens, durch  die  sich  der  Mensch  wach  erhalten  kann,  wenn  er  ver- 
hindert  ist,  einzuschlafen.  Der  eine  Mensch  kann  kaum  eine  Nacht 
sich  wach  erhalten,  ohne  daB  ihn  der  Schlaf  iibermannt,  ein  anderer 
viele  Nachte.  Diese  innere  Kraft,  den  Schlaf  zu  bekampfen,  die  ist  der 
MaBstab  fiir  die  Zahl  der  Tage,  nach  denen  diese  Riickerinnerung  nach 
dem  Tode  dauert.  Dann  verschwindet  diese,  und  etwas  anderes  tritt 
auf. 

Was  jetzt  auftritt,  in  das  kann  man  sich  nur  vertiefen,  wenn  man  es 
auch  schon  kennt  durch  die  aufierleiblichen  Erlebnisse;  aber  es  ist  sehr 


schwierig,  Worte  zu  finden  fur  diese  Erlebnisse  der  Seek,  die  ganz 
andersgeartet  sind  als  diejenigen,  die  man  im  Alltage  erlebt.  Unsere 
Sprache  ist  ja  fur  die  sinnliche  Welt  gepragt.  Was  auBerhalb  der  Sinnes- 
welt  liegt,  erlebt  die  Seele  ganz  anders  als  hier  in  der  Sinneswelt.  Da- 
her  bitte  ich  Sie  zu  entschuldigen,  wenn  Ihnen  manche  Ausdrucke  un- 
gelenk,  paradox  vorkommen  werden;  aber  Sie  konnen  versichert  sein: 
Wenn  jemand  sich  anschickt,  mit  den  ganz  gewohnlichen  Worten  der 
Sprache  das  zu  schildern,  wofiir  sich  nur  schwer  Worte  finden  lassen, 
so  wird  er  nicht  unmittelbar  aus  den  Erlebnissen  der  Seele  heraus 
schildern  konnen  dasjenige,  was  nach  der  Riickschau  erlebt  wird.  — 
Das,  was  nunmehr  die  Seele  erlebt,  was  der  Geistesforscher  auBer 
dem  Leibe  erlebt,  das  ist  das,  was  ich  nun  eben  mit  dem  Ausdruck  be- 
legen  mochte  -  es  ist  namlich  kein  Fiihlen  und  ist  kein  Wollen,  es  ist 
etwas  zwischen  dem  Fiihlen  und  Wollen  was  ich  nennen  mochte 
ein  «wollendes  Fiihlen  »,  ein«fiihlendes  Wollen ».  Man  hat  diese  Seelen- 
kraft,  die  man  innerlich  entwickelt,  gar  nicht  im  gewohnlichen  Leben. 
Man  kennt  sie  als  Geistesforscher.  Es  ist,  wie  wenn  der  Wille  mit  uns 
sich  dahin  bewegte,  in  der  Welt;  und  wie  wenn  dieser  Wille,  ich 
mochte  sagen,  indem  er  sich  dahin  bewegt,  auf  seinen  Fliigeln  oder 
seinen  Fluten  tragt  das,  was  uns  nun  als  Gefiihl  so  entgegentritt,  da8 
es  wie  auBer  uns  ist,  wie  heranspielt  auf  den  Wogen  des  Willens. 
Wahrend  wir  sonst  gewohnt  sind,  dieses  Gefiihl  als  etwas  zu  empfin- 
den,  was  innerlich  verwachsen  ist  mit  uns,  wird  das  jetzt  so  wie 
wogend  und  webend  auf  den  Wellen  des  Willens;  und  wir  wissen 
dennoch,  da  wir  uns  bei  diesem  Erleben  ausbreiten  in  die  Welt,  daB 
wir  in  dem,  was  da  drauBen  ist  als  wollendes  Fiihlen,  als  fiihlendes 
Wollen,  was  drauBen  ist  wie  die  Farben-  und  Tonwahrnehmungen 
der  Sinneswelt,  daB  das  von  unserem  Wesen  durchdrungen  ist.  Ein 
Fiihlen  ist  da  drauBen,  das  wir  wie  Licht  wahrnehmen;  aber  wir  wis- 
sen uns  zugleich  mit  ihm  verbunden. 

Aber  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Riickschau  erlebt  dies  der  Mensch 
so,  daB  seine  einzige  Welt,  die  er  zunachst  walirnimmt,  im  Grunde 
diejenige  ist,  aus  der  er  sozusagen  mit  dem  Tode  herausgegangen  ist. 
Nachdem  sich  das  Erinnerungstableau  abgedammert  hat,  entfaltet  sich, 
erkraftet  sich  in  der  Seele  dieses  fiihlende  Wollen,  wollende  Fiihlen; 


aber  dieses  driickt  nur  Dinge  aus,  die  mit  dem  letzten  Erdenleben  noch 
zusammenhangen;  so  daB  wir  diese  Dinge,  die  wir  da  erleben,  etwa 
in  der  folgenden  Art  charakterisieren  konnen:  Das  Erdenleben  gibt 
dem  Menschen  niemals  in  seine  Erfahrung  alles  das,  was  es  ihm  geben 
konnte.  Eine  Menge  Dinge  bleiben  so,  daB  wir  sagen  konnen:  Wir 
haben  nicht  alles  genossen,  was  hatte  genossen  werden  konnen,  was 
Eindriicke  hatte  machen  konnen  zwischen  Geburt  und  Tod.  Es  ist 
immer  sozusagen  zwischen  den  Zeilen  des  Lebens  etwas  von  Begier- 
den,  von  Wunschen,  von  Liebe  zu  anderen  Menschen  und  so  weiter 
zuriickgeblieben.  Unerledigtes  -  um  den  trivialen  Ausdruck  zu  brau- 
chen  -  im  letzten  Leben,  das  ist  das,  auf  das  wir  begehrend  geistig 
zuriickblicken,  und  zwar  jetzt  auf  Jahre  hin  begehrend  geistig  zuriick- 
blicken.  In  diesen  Jahren  ist  es  so,  daB  wir  sozusagen  unsere  Welt 
hauptsachlich  in  demjenigen  haben,  was  wir  gewesen  sind.  Wir 
schauen  in  unser  letztes  Erdensein  hinein,  schauen  in  ihm  das,  was 
unerledigt  geblieben  ist.  Und  erst  dadurch,  daB  wir  in  einer  Sphare 
jahrelang  leben,  in  der  davon  nichts  befriedigt  werden  kann,  wie  es 
auf  Erden  befriedigt  wird,  weil  wir  ja  die  leiblichen  Organe  dazu  ab- 
gelegt  haben,  arbeiten  wir  uns  in  der  Seele  heraus  aus  solchen  Zu- 
sammenhangen mit  dem  letzten  Erdenleben. 

Auch  hier  hat  wiederum  die  Geisteswissenschaft  die  Lange  dieser 
Erlebnisse  zu  iiberblicken,  und  da  kann  das  Folgende  gesagt  werden: 
Die  Zeit,  die  der  Mensch  durchlebt,  in  der  allerersten  Kindheit  bis  zu 
dem  Zeitpunkt,  wo  er  sich  zuruckerinnert,  die  hat  keinen  EinfluB  auf 
die  Dauer  der  Erlebnisse,  die  jetzt  geschildert  worden  sind.  Ebenso 
hat  die  Zeit,  die  wir  nach  dem  funfundzwanzigsten,  sechsundzwan- 
zigsten,  siebenundzwanzigsten  Jahre  weiter  durchleben,  keinen  Ein- 
fluB mehr.  Die  Jahre  etwa  vom  vierten  bis  in  die  Zwanzigerjahre  hin- 
ein, die  deuten  auch  die  Lange  an,  in  der  man  -  so  zusammenhangend 
mit  seinem  letzten  Erdenleben  -  Erfahrungen  zu  sammeln  hat  in  der 
geistigen  Welt,  sich  herauszuziehen  hat  aus  dem  Erdenleben.  Es  stellt 
sich  heraus  fur  die  geistige  Beobachtung :  So  lange  man  gebraucht  hat, 
um  nach  dem  vorigen  geistigen  Leben,  nachdem  man  durch  Empfang- 
nis  und  Geburt  gegangen  ist,  seinen  Leib  gleichsam  mit  den  aufwarts- 
strebenden  Kraften  aufzubauen,  bis  in  die  Mitte  der  Zwanzigerjahre 


hinein,  also  so  lange  man  gebraucht  hat,  um  das  Leben  mit  den  kor- 
perlichen,  organisch-fruchtbaren  Kraften  zu  durchsetzen,  es  zu  dur ch- 
setzen  mit  den  Kraften,  die  im  Leben  begehren,  genieBen,  ungefahr 
so  lange  dauert  audi  die  Zeit,  durch  die  man  sich  wiederum  heraus- 
finden  muB  aus  dem  letzten  Erdenleben.  So  daB  man,  wenn  man  also 
sagen  wir,  zwolf  Jahre  alt  wird,  vielleicht  nur  fiinf  Jahre  braucht,  um 
herauszukommen  aus  dem  letzten  Erdenleben,  oder  sieben  Jahre; 
wenn  man  aber,  sagen  wir,  fiinfzig  Jahre  alt  geworden  ist,  so  tragen 
die  Jahre  nach  der  Mitte  der  Zwanzigerjahre  nichts  mehr  Sonderliches 
bei  an  der  Verlangerung  der  jetzt  genannten  Periode. 

Von  dieser  Periode  muB  gesagt  werden,  daB  in  ihr  schon  in  einer  ge- 
wissen  Weise  das  eintritt,  was  man  nennen  kann :  Der  Mensch  nimmt 
wahr  geistige  Vorgange  und  geistige  Wesen  in  seiner  Umgebung.  Ich 
habe  ja  schon  vorgestern  angedeutet,  daB,  wenn  der  Geistesforscher 
in  seinem  Geistig-Seelischen  sich  erlebt,  er  in  einer  wirklichen  geisti- 
gen  Welt  darinnen  ist.  In  diese  geistige  Welt  zieht  ja  der  Tote  ein; 
aber  er  ist  zunachst  so  beschaftigt  mit  seinen  Zusammenhangen  mit 
seiner  vorhergehenden  Welt,  in  der  Weise,  wie  wir  es  vorher  bespro- 
chen  haben,  daB  er  nur  auf  dem  Umwege  durch  sein  fruheres  Leben 
einen  Zusammenhang  gewinnen  kann  mit  dem,  was  in  seiner  geisti- 
gen  Umgebung  ist.  Um  ein  Beispiel  zu  sagen:  Nehmen  wir  an,  je- 
mand  ist  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen.  Die  Riickschau  ist 
voriiber.  Er  lebt  in  dieser  Zeit  des  Sich-HerausreiBens  aus  den  Zu- 
sammenhangen mit  dem  vorhergehenden  Erdenleben.  Jemand,  den  er 
geliebt  hat,  ist  noch  im  physischen  Leibe.  Derjenige,  der  noch  in  die- 
sem  Stadium  des  Erlebens  ist,  von  dem  wir  eben  sprechen,  kann  nicht 
unmittelbar  auf  die  Seele  hinschauen,  die  noch  auf  der  Erde  ist;  aber 
es  bildet  sich  gleichsam  eine  Art  von  Umschaltung :  Im  letzten  Erden- 
leben haben  wir  den  Menschen  geliebt,  der  zuruckgeblieben  ist;  auf 
das  Liebesgefiihl  blicken  wir,  wenn  wir  in  dem  Stadium  sind,  das  wir 
jetzt  besprechen.  Die  Gefuhle  sind  unsere  AuBenwelt.  Indem  wir  auf 
sie  hinblicken,  finden  wir  den  Weg  zu  der  Seele,  die  noch  auf  der 
Erde  ist.  Ebenso  mussen  wir  iiber  das  Gefiihl  den  Weg  finden  auch 
zu  einer  Seele,  die  schon  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen  ist. 
So  kann  man  sagen:  Der  Mensch  lebt  mit  den  Menschenseelen  als 


Seele  nach  dem  Tode,  aber  zunachst  auf  dem  Umweg  durch  sein  eige- 
nes  Leben. 

Aber  immer  mehr  und  mehr  entwickelt  sich  im  Menschen  eine 
Kraft,  eine  seelische  Kraft,  die  wiedenam  nur  der  Geistesforscher 
kennt,  wenn  er  sich  geistig-seelisch  auBer  dem  Leibe  erlebt.  Fur  diese 
ist  nun  schon  gar  kein  Ausdruck  mehr  da.  Fur  die  andere  Kraft  kann 
man  wenigstens  noch  sagen:  «Wollendes  Fiihlen»  oder  «Fuhlendes 
Wollen»,  weil  sie  etwas  Ahnliches  hat  mit  dem  Wollen  und  dem  Fuh- 
len.  Wenn  auch  das  Wollen  und  Fiihlen  objektiviert  sind,  sie  haben 
doch  etwas  Ahnliches,  die  Dinge,  die  da  drauBen  in  Wollungen  und 
Fiihlungen  herumwogen,  etwas  Ahnliches  mit  den  Gefuhls-  und  Wil- 
lensimpulsen,  die  wir  sonst  im  Leben  haben.  Das  aber,  was  nunmehr 
die  Seele  erlebt,  was  als  eine  Kraft  in  ihr  erwacht,  je  mehr  sie  sich 
entfernt  in  der  geschilderten  Weise  von  dem  letzten  Erdenleben,  das 
kann  ich  nur  bezeichnen  mit  einem  Ausdruck,  der  ungeschickt  klin- 
gen  mag  in  bezug  auf  die  gewohnliche  Sprache,  der  aber  doch  be- 
zeichnend  ist;  ich  kann  es  nur  benennen:  kreative  seelische  Kraft,  see- 
lische Schopferkraft.  Es  ist  etwas,  was  die  Seele  jetzt  unmittelbar  er- 
lebt. DaB  man  in  eine  Aktivitat  iibergeht,  das  erlebt  die  Seele  vollig; 
aber  zugleich,  daB  diese  Schopferkraft  wirklich  sich  entwickelt,  wirk- 
lich  von  der  Seele  ausstrahlt  in  die  Umgebung  und  -  wiederum  ist  es 
ungeschickt,  aber  es  muB  eben,  damit  man  sich  verstandlich  machen 
kann,  dieser  Ausdruck  gebraucht  werden  -  es  ist  diese  Kraft  etwas, 
was  in  die  Umgebung  wie  ein  geistiges  Licht  ausstrahlt,  was  die  gei- 
stigen  Vorgange  und  Wesen  ringsherum  beleuchtet,  so  daB  wir  sie 
sehen;  wie,  wenn  die  Sonne  aufgeht,  wir  durch  die  Sonne  die  aufieren 
Gegenstande  sehen,  so  sehen  wir  durch  die  eigene  innere  Leuchte- 
kraft,  die  sich  hinergieBt,  die  geistigen  Vorgange  und  Wesenheiten. 
Jetzt  tritt  die  Zeit  ein,  wo  die  Seele  in  dem  MaBe  in  der  geistigen 
Umgebung  ist,  als  in  ihr  diese  kreative  Kraft  erwacht,  diese  Welt  zu 
beleuchten.  Und  hier  haben  die  Religionen  keinen  unbedeutsamen 
Ausdruck  gebraucht,  wenn  sie  sagen,  urn  das  Leben  nach  dem  Tode 
zu  bezeichnen:  Dieses  Sich-Fuhlen  in  der  schopferischen  Kraft,  dieses 
Sich-Einleben  in  eine  geistige  Umgebung,  die  dadurch  sichtbar  wird, 
daB  man  seine  eigene  Schopferkraft  hineinsendet,  dieses  Sich-Erleben 


in  dem  AusgieBen  des  Lichtes  ist  ein  Gefiihl  von  Seligkeit.  Selbst  die 
Schmerzen  werden  so  als  Seligkeiten  erlebt  in  dieser  Welt.  Da  erlebt 
die  Seele  nun  ihr  weiteres  Leben. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  daB  die  Seele  nur  in  abwechselnden  Zu- 
standen  dieses  Erleben  durchmachen  kann,  das  eben  beschrieben  wor- 
den  ist.  -  Ich  komme  dabei  allerdings  in  Gebiete,  die  fur  ein  ge- 
wohnliches  Leben  ganz  im  Phantastischen  schwimmen;  aber  nach  den 
vorbereitenden  Mitteilungen,  die  nun  gegeben  sind,  darf  ich  auch 
diese  Dinge  auseinandersetzen;  denn  klar  muB  man  sein,  daB  der  Gei- 
stesforscher  niemals  anderes  behaupten  wird,  als  daB  nur  dann  ihm 
solche  Dinge  aufgehen  konnen,  wenn  er  auBerleiblich  erlebt.  -  Die 
Seele  erlebt  also  Wechselzustande.  Nicht  immer  ist  sie  in  dem  Zu- 
stand,  daB  sie  ihre  geistige  Leuchtekraft  seelisch  ausstrahlt  iiber  die 
Umgebung,  so  daB  Menschenseelen  und  andere  Wesenheiten  nun  um 
sie  herum  sind  und  geistige  Vorgange  von  ihr  erlebt  werden.  Nicht 
immer  ist  es  so,  daB  die  Seele  also  in  der  auBeren  geistigen  Welt 
lebt,  sondern  dieser  Zustand  muB  abwechseln  mit  dem  Zustand,  dafi 
die  Seele  dieses  Ausstrahlen  der  geistigen  Leuchtekraft  gleichsam  sich 
herabdumpfen  fiihlt.  Die  Seele  wird  innerlich  stumpf,  sie  kann  nicht 
mehr  hinstrahlen  ihr  Licht  auf  die  Umgebung,  sie  muB  in  sich  selber 
zusammennehmen  ihr  ganzes  Sein.  Und  jetzt  kommt  derjenige  Mo- 
ment, wo  in  der  Zwischenzeit  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Ge- 
burt  die  Seele  ein  vollig  einsames  Leben  lebt.  Das  dauert  lange. 
Wenn  man  es  vergleichen  will  mit  dem  gewohnlichen  Leben,  so  kann 
man  sagen :  Wie  im  gewohnlichen  Leben  der  Mensch  abwechseln  muB 
zwischen  Schlaf  und  Wachen,  so  muB  er  nach  dem  Tode  abwechseln 
zwischen  einem  Leben,  das  sich  ausgieBt  in  die  auBere  Welt,  und  einem 
Leben  der  inneren  Einsamkeit.  Wo  hereingenommen  ist  alles,  was  man 
friiher  im  Zustand  der  Verbreiterung  erlebt  hat,  wo  aber  die  Seele 
weiB :  Du  bist  jetzt  ganz  einsam  mit  dir.  So  wie  man  im  Schlafe  be- 
wuBtlos  wird,  so  zieht  man  sich  hier  in  sich  zuriick,  wird  aber  nicht 
bewuBtlos.  Die  Seele  erlebt  ein  erstarktes  BewuBtsein  gerade  in  diesen 
Zeiten  der  Einsamkeit,  aber  sie  erlebt  das  so,  daB  sie  weifi :  Da  drau- 
Ben  ist  die  geistige  Welt,  du  aber  bist  mit  dir  allein,  alles,  was  du  er- 
lebst,  erlebst  du  in  dir.  -  Was  man  in  sich  erlebt,  sind  die  Nachklange 


dessen,  was  man  auBer  sich  erlebt  hat.  Nur  dadurch  kann  die  innere 
Leuchtekraft  wieder  erstarken  und  aus  der  Seele  wieder  heraustreten. 
Und  dann  wacht  man  geistig  wiederum  auf  und  erlebt  wiederum  den 
anderen  Zustand. 

Es  gehort  zu  den  merkwiirdigsten  Erlebnissen,  wirklich  einmal  zu 
lernen,  einen  Sinn  zu  verbinden  mit  den  Worten,  daB  fur  die  Zeit 
zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  die  Seele  lebt  in  geistiger 
Geselligkeit  und  Einsamkeit,  daB  fur  dieses  Abwechseln  der  Zustande 
von  geselligem  Erleben  und  Einsamkeit  in  der  geistigen  Welt,  aller- 
dings  durch  viel  langere  Zeitraume  als  Tag  und  Nacht,  daB  es  fur 
dieses  Nach-dem-Tode-Erleben  etwas  ahnliches  bedeutet  wie  Schlafen 
und  Wachen  fur  das  physische  Erleben.  Ich  habe  diese  Verhaltnisse 
angedeutet  in  meinem  vorletzten  Buche:  «Die  Schwelle  der  geistigen 
Welt.»  Aber  die  Seele  erlebt  so,  indem  sie  weiterlebt  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt,  allmahlich  ein  Herabdumpfen,  ein  Ver- 
glimmen  ihrer  Leuchtekraft.  Man  mochte  sagen :  Die  Erlebnisse  der 
inneren  Einsamkeit  werden  immer  starker  und  starker.  Sie  werden 
allmahlich  so,  daB  der  Mensch  innerlich  eine  ganze  Welt  erlebt,  man 
mochte  sagen  einen  ganzen  Kosmos.  Wahrhaftig,  so  wird  sie,  daB  be- 
rechtigt  ist  zu  sagen:  den  Menschen  iiberkommt  etwas  wie  das  Gefuhl 
der  Furcht  vor  sich  selbst,  wenn  er  entdeckt,  was  da  alles  unten  ist 
in  den  Untergriinden  der  Seele,  und  was  jetzt  herauskommt  ungefahr 
in  der  Mitte  des  Lebens  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt. 

Und  dann  kommt  die  Zeit  heran,  die  ich  versuchte  darzustellen  in 
meinem  vierten  Mysteriendrama :  «Der  Seelen  Erwachen»,  ich  suchte 
sie  darzustellen,  diese  Zeit,  wo  der  Mensch  nur  mehr  vermag  inner- 
liche  Erlebnisse  zu  haben ;  wo  die  Nachte  der  Einsamkeit  immer  lan- 
ger  und  langer  werden;  wo  der  Mensch  nicht  mehr  aufwachen  kann 
geistig  zu  einem  Bewufitsein,  in  dem  er  seine  Leuchtekraft  rings- 
herum  ausstrahlt.  Ich  habe  versucht  auszudnicken  das,  was  dann  der 
Mensch  erlebt,  mit  einem  symbolischen  Ausdruck,  mit  dem  Ausdruck : 
Die  Mitternacht  des  geistigen  Daseins  zwischen  dem  Tod  und  einer 
neuen  Geburt.  Es  ist  die  Zeit,  in  der  der  Mensch  alles,  was  in  den 
Tiefen  seiner  Seele  ist,  als  seine  Welt  erlebt,  wo  er  nur  weiB :  Jenseits 
der  Ufer  deiner  Seele  sind  die  geistigen  Welten,  in  denen  alles  das  ist, 


was  es  von  geistigen  Wesen  gibt,  in  denen  alle  Menschenseelen  sind, 
die  entkorpert  oder  auch  verkorpert  sind,  und  in  denen  alle  andeiren 
Wesen  sind;  aber  man  weiB  es  nur,  weil  man  die  Nachklange  davon 
in  sich  hat.  Und  jetzt  entsteht  etwas  in  der  Seele,  was  wieder  nicht 
mit  einem  gewohnlichen  Wort  bezeichnet  werden  kann.  Nicht  wahr, 
die  gewohnliche  Sprache  hat  das  Wort  «Sehnsucht»  fur  das  Passivste 
in  der  Seele.  Wenn  wir  sehnsiichtig  sind  im  physischen  Erleben,  so 
sind  wir  am  passivsten.  Wir  ersehnen  etwas,  wir  begehren  etwas,  was 
wir  nicht  haben  -  und  die  Sehnsucht  kann  das  gewiB  nicht  hervor- 
bringen,  was  wir  ersehnen.  Wir  konnen  uns  nur  passiv  verhalten.  Aber 
die  Seelenkrafte  gewinnen  einen  ganz  anderen  Charakter,  wenn  die 
Seele  auBerhalb  des  Leibes  ist.  Aus  der  Tiefe  der  Einsamkeit  heraus, 
aus  dem,  was  die  Seele  in  der  geschilderten  Weise  in  der  Welten- 
mitternacht  des  Geistes  erlebt,  bildet  sich  die  Sehnsucht,  wiederum 
in  die  Welt  sich  hmeinzuleben,  aus  der  man  in  seiner  Einsamkeit  her- 
ausgerissen  ist.  Und  die  Sehnsucht  wird  jetzt  aktiv,  und  aus  ihr  wird 
etwas,  was  geistig  real  ist,  eine  organisierende  Kraft.  Sie  wird  wirk- 
lich  eine  neue  Wahrnehmungskraft.  Diese  geistige  Sehnsucht  gebiert 
eine  neue  Seelenkraft,  wiederum  eine  solche  Kraft,  die  nun  eine  auBere 
Welt  wahrnehmen  kann,  aber  eine  Welt,  die  zugleich  eine  auBere  und 
eine  innere  ist:  eine  auBere,  weil  sie  wirklich  auBerhalb  unseres  Wesens 
da  ist;  eine  innere,  weil  wir  auf  sie  schauen  als  diejenige  Welt,  die 
wir  im  vorhergehenden  Leben  durchlebt  haben,  die  Welt  unserer  frii- 
heren  Erdenverkorperung.  Das  wird  jetzt  aus  unserer  Sehnsucht  her- 
aus unsere  AuBenwelt.  Wir  schauen  hin  auf  all  das,  was  unerledigt 
geblieben  ist  im  vorigen  Leben,  und  in  uns  zimmert  die  Sehnsucht 
Krafte,  um  Ausgleich  zu  schaffen  fur  das,  was  die  Seele  im  vorher- 
gehenden Erdenleben  Schlechtes,  Tdrichtes,  Boses,  HaBliches  getan 
hat,  um  Ausgleich  zu  schaffen  dafur  in  einem  neuen  Leben. 

Das  ist  die  Zeit,  in  der  jeder  Mensch  zuriickblicken  kann  auf  seine 
friiheren  Erdenleben,  die  Zeit,  wo  wirklich  zwischen  dem  Tod  und 
einer  neuen  Geburt  dem  Menschen  vor  Augen  stehen  -  vor  dem  gei- 
stigen Auge  stehen  -  all  die  Taten  seiner  friiheren  Leben,  und  in  ihm 
erwacht  die  Tendenz,  in  einem  neuen  Erdenleben  solche  Ausgleiche 
zu  schaffen,  daB  die  neuen  Erdenerlebnisse  ausleben  und  gutmachen, 


was  in  friiheren  Erdenleben  erlebt  worden  ist.  Ich  habe  schon  Men- 
schen  kennengelernt,  die  sagten,  sie  haben  mit  dem  einen  Leben  ge- 
nug;  sogar  einen  Menschen,  der  nahe  daran  war,  etwas  Verniinftiges 
an  diesen  wiederholten  Erdenleben  zu  finden  -,  dann  hat  er  mir  aber 
von  der  nachsten  Eisenbahnstation  aus  eine  Karte  geschrieben,  daJ3  er 
doch  nichts  wissen  wolle  von  einem  nachsten  Erdenleben.  Aber  dar- 
auf  kommt  es  nicht  an,  daB  wir  uns  von  diesen  wiederholten  Erden- 
leben eine  Vorstellung  bilden  konnen,  sondern  darauf,  daB  jede  Seele 
in  der  Lage,  die  jetzt  beschrieben  worden  ist,  auf  ihre  friiheren  Erden- 
leben zuriickblickt  und  zugleich  die  Tendenz  in  sich  aufnimmt,  ein 
neues  Erdenleben  zu  erleben,  das  Ausgleich  ist  fur  die  friiheren  Erden- 
leben. Und  man  erlebt  weiter,  daB  es  Menschen  gibt,  denen  man  man- 
ches  schuldig  geworden  ist,  oder  die  einem  etwas  schuldig  wurden :  das 
tritt  vor  die  Seele  hin  als  Erganzung  zum  eigenen  Erdenleben.  Und  die 
Tendenz  tritt  auf,  wiederum  mit  den  Menschen  zusammenzuleben, 
denen  man  etwas  schuldig  geworden  ist,  um  auszugleichen,  was  man 
schuldig  geworden  ist.  Und  in  anderen  Menschen  tritt  die  gleiche  Ten- 
denz auf.  Dadurch  treten  Krafte  auf  in  verschiedenen  Menschen,  die 
friiher  zu  gleicher  Zeit  gelebt  haben ;  da  werden  geistige  Krafte  erregt, 
welche  zur  Erde  hinunter  tendieren.  Dadurch  kommt  es,  daB  in  dem 
neuen  Erdenleben  solche  Menschen  zusammenkommen,  die  friiher  bei- 
sammen  gewesen  waren.  Es  muB  sich  ausgleichen,  was  sich  diese  See- 
len  schuldig  geblieben  sind.  Wie  gesagt,  die  Tendenzen  treten  da  zu- 
sammen.  Und  dann  erlebt  man  immer  weiter  und  weiter  dieses  geistige 
Leben  zwischenTod  und  neuer  Geburt :  immer  mehr  und  mehr  pragen 
sich  ein,  kraften  sich  ein  die  Tendenzen,  von  denen  gesprochen  wor- 
den ist.  Sie  werden  lebendige  Tendenzen.  Und  der  Mensch  schafft  sich 
aus  dem,  was  er  also  erfahren  hat  iiber  friihere  Erdenleben,  das  Urbild, 
das  geistige  Urbild  des  neuen  Erdenlebens. 

Das  schafft  er  nun  selbst,  indem  die  Zeit  weiterriickt ;  da  schafft  er 
nun  selbst,  was  sich  verbindet  mit  der  materiellen  Substanz,  die  von 
Vater  und  Mutter  gegeben  wird,  um  in  ein  neues  Erdenleben  einzu- 
treten.  Und  je  nachdem  die  vererbten  Eigenschaften  von  Vater  und 
Mutter  in  der  materiellen  Substanz  sein  konnen  und  verwandt  sind 
mit  dem  geistigen  Urbild,  wird  das  geistige  Urbild  hingezogen  zu  dem 


Materiellen  vor  der  Empfangnis.  So  daB  man  sagen  kann :  Die  Wahl- 
verwandtschaft  zwischen  den  ererbten  Eigenschaften  und  dem  Urbild, 
die  entscheidet,  zu  welchem  Elternpaar  die  Seele  sich  wie  magnetisch 
hingezogen  fiihlt,  in  welches  Leben  man  sich  hineinfindet.  Dadurch 
kommt  det  Mensch  wiederum  zur  Etde  zuriick,  vereinigt  sich  wieder- 
um  mit  einem  irdischen  Leibe.  Und  die  Geistesforschung  kann  nun 
sehen,  was  im  Kinde,  man  mochte  sagen,  auf  so  mysteriose  Weise  - 
wer  ein  Kindesleben  zu  beobachten  versteht,  wird  sehen,  es  ist  so  - 
sich  herausbildet,  indem  von  innen  heraus  die  ausdrucksvollen  Mie- 
nen  allmahlich  treten,  indem  die  geschickten  Bewegungen  aus  den 
ungeschickten  sich  entwickeln,  indem  das,  was  so  ersichtlich  aus  dem 
Inneren  arbeitet,  den  Korper  modelliert  und  plastiziert;  in  all  dem 
schaut  der  Geistesforscher  dasjenige,  was  die  Erlebnisse  zwischen 
dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  durchgemacht  hat,  von  denen  jetzt 
die  Rede  war,  wie  es  sich  da  immer  mehr  und  mehr  mit  dem  Leib 
verbindet  -  das  schaut  der  Geistesforscher.  Nunmehr  sieht  er  ein, 
warum  zunachst  keine  Erinnerungen  an  diese  Erlebnisse  vor  der  Ge- 
burt vorhanden  sein  konnen :  Die  Krafte,  die  zu  Erinnerungskraften 
werden  konnten,  die  werden  aufgebraucht,  um  den  Leib  zu  organi- 
sieren.  Das  Kind  wiirde  sich  erirmern  an  alles  Friihere,  denn  es  hat 
diese  Krafte;  aber  die  Krafte  werden  umgewandelt;  ebenso  wie  die 
Druckkrafte,  die  ich  entwickle,  wenn  ich  uber  den  Tisch  fahre  mit 
dem  Finger,  sich  in  Warme  verwandeln,  so  verwandeln  sich  diese 
Erinnerungskrafte  in  organisierende  Krafte.  Was  das  Kind  innerlich 
durchorganisiert,  was  das  Gehirn  plastisch  macht,  so  daB  das  Kind 
spater  denken  kann,  daB  es  im  physischen  Leibe  Erinnerungskrafte 
entwickeln  kann:  das  ist  umgewandelte,  riickschauende  Kraft;  das 
verschwindet  in  dieser  Gestalt,  in  der  es  die  Riickschau  entwickeln 
kann,  und  durchorganisiert  den  Leib.  Und  das  Geistige,  das  den 
Leib  durchorganisiert,  das  ist  das  umgewandelte  Seelische,  das  ist 
hineingeflossen  in  den  Leib.  Und  so  begreifen  wir  das  Leben,  in  dem 
wir  gerade  stehen,  indem  wir  verstehen,  was  auBerhalb  des  Lebens 
jenseits  des  Todes  vorging.  Was  da  wirkt  im  Menschen  im  irdischen 
Leben,  hat  sich  seine  Krafte  angeeignet  zwischen  dem  Tod  und  einer 
neuen  Geburt.  Die  Krafte,  die  da  rein  geistig  zutage  treten,  das  sind 


die  Erinnerungskrafte,  die  sich  umgewandelt  haben,  die  in  den  Leib 
hineinfliefien  und  ihn  durchorganisieren. 

Die  Naturforscher  werden  einmal  darauf  kommen,  wie  die  Krafte, 
die  rein  in  der  Vererbung  liegen,  auch  im  Menschen  eine  Erschop- 
fung  erfahren  in  der  Zeit,  wo  die  Vererbungsfahigkeit  auftritt.  Ge- 
wisse  niedere  Tiere  sterben  zugleich,  indem  sie  zur  Geburt  eines  ande- 
ren  Wesens  reif  werden;  das,  was  der  Mensch  an  Kraften  entwickeln 
muB,  urn  physische  Nachkommen  zu  haben  und  auf  sie  etwas  zu  ver- 
erben,  das  rnuB  mit  seiner  Geschlechtsreife  abgeschlossen  sein;  das 
kann  ich  nur  andeuten.  Dariiber  werden  die  Naturwissenschaft  und  die 
Geisteswissenschaft  zusammen  wichtige  Aufschliisse  geben  konnen. 
Aber  in  all  dem,  was  da  als  physische  Krafte  im  Menschen  wirkt,  wirkt 
Geistiges.  Die  geistigen  Krafte  sind  es,  die  sich  im  physischen  Leibe 
betatigen  so,  daB  sie  diesen  physischen  Leib  durchdringen.  Der  phy- 
sische Leib  ist  gleichsam  die  Spiegelung  des  Geistigen.  Und  im  Grunde 
genommen  sind  es  eigentlich  Zerstorungsprozesse,  die  die  vorhin  er- 
wahnte  Spiegelung  bewirken.  Immer  sind  es  Zerstorungsprozesse, 
wenn  wir  Farben  sehen,  wenn  wir  Tone  horen;  auch  wenn  wir  Er- 
innerungsvorstellungen  bilden,  machen  wir  Zerstorungsprozesse  in 
uns.  Darauf  beruht  die  Notwendigkeit  zu  schlafen,  damit  der  Mensch 
die  Zerstorungsprozesse  nicht  allein  wirken  laBt. 

So  leben  wir,  indem  wir  unseren  Leib  durchdringen  und  durch- 
kraften  mit  den  Kraften,  die  wir  auBerhalb  des  Leibes  erwerben,  und 
das  Leben  begreift  sich  nur,  wenn  wir  das  im  Leben  tatige  Geistig- 
Seelische  ins  Auge  fassen.  Geisteswissenschaft  hat  es  nicht  so  gut  wie 
andere,  daB  sie  von  dem  Tode  bei  Pflanzen  und  Tieren  in  der  gleichen 
Weise  sprechen  kann  wie  bei  dem  Menschen.  Was  ich  jetzt  gesagt 
habe,  gilt  nur  fur  den  Menschen.  Auf  diese  Weise  erweitert  die  Gei- 
stesforschung  den  Blick  iiber  das  hinaus,  was  zwischen  der  Geburt 
und  dem  Tode  liegt.  Ja,  auch  Einzelheiten  werden  der  Geistesfor- 
schung  erklarbar.  Ich  kann  mir  sehr  gut  denken,  daB  diejenigen  der 
verehrten  Zuhorer,  welche  ein  wenig  etwas  iibrig  haben  fiir  diese 
Ergebnisse  der  Geistesforschung,  gerne  iiber  Einzelheiten  horen  wol- 
len ;  aber  ich  kann  nur  einzelne  Beispiele  anfiihren. 

Zunachst  sei  ein  Beispiel  angefiihrt,  das  insbesondere  den  Geistes- 


forscher  selber,  trotzdem  es  paradox  klingt,  wie  ein  rechtes  Mysterium 
des  Lebens  anmuten  kann.  Das  ist  das  Dasein  verbrecherischer  Natu- 
ren.  Nicht  wahr,  die  Geistesforschung  steht  durchaus  nicht  auf  dem 
Standpunkte,  daB  Verbrecher  nur  Mitleid  verdienten,  nicht  bestraft 
werden  sollten.  Es  obliegt  nicht  dem  Geistesforscher,  sich  in  die 
auBeren  Angelegenheiten  der  Welt  einzumischen;  aber  verstehen  das, 
was  im  Menschenleben  uns  entgegentritt,  das  will  der  Geistesforscher, 
und  er  will  es  aus  den  Tiefen  der  geistigen  Welt  heraus.  Da  fragen 
wir  uns :  Wie  Hegt  es  denn  mit  einem  Leben,  das  sich  verbrecherisch 
offenbart?  Nun,  leicht  sind  die  Dinge  gesagt,  aber  die  Antworten  auf 
solche  Fragen  muB  sich  der  Geistesforscher  erst  abringen,  und  ab- 
ringen  muB  er  sich  im  Grunde  genommen  auch,  iiber  diese  Dinge  zu 
sprechen,  weil  sie  gar  so  paradox  erscheinen  fur  das  Vorstellungsleben 
der  Gegenwart.  Wenn  der  Verbrecher  angeschaut  wird,  hellseherisch, 
so  stellt  sich  heraus,  dafi  verbrecherische  Naturen  eine  Art  geistiger 
Friihgeburten  sind.  Es  gibt  fur  jede  Seele  eine  MogHchkeit,  herunter- 
zukommen  aus  den  geistigen  Welten,  sich  mit  der  physischen  Mate- 
rialitat  zu  verbinden,  die  gewissermaBen  die  normale  ist;  aber  die 
Tendenzen,  die  zu  diesem  Normalen  hinfiihren,  kreuzen  sich  mit  ande- 
ren  Tendenzen,  so  daB  die  meisten  Menschen  -  aber  Verbrecher  be- 
sonders  stark  -  viel  friiher  ins  Erdenleben  heruntergehen,  als  es  nor- 
malerweise  geschehen  sollte.  Das  stellt  sich  sonderbarerweise  heraus. 
Nun  hat  das  etwas  anderes  im  Gefolge.  So  richtig  sich  durchdringen 
mit  der  ganzen  Leiblichkeit,  daB  man  in  der  Leiblichkeit  der  Erde 
steht  als  ein  Vollmensch,  das  kann  man  nur,  wenn  man  wenigstens 
annahernd  zu  dem  normalen  Zeitpunkt  sich  wieder  verkorpert.  Aber 
wenn  Grunde  vorliegen  durch  vorhergehende  Erdenleben,  friiher  her- 
unterzukommen  auf  die  Erde,  so  nimmt  man  etwas  mit,  was  im  Unter- 
bewuBtsein  lebt,  wovon  man  gar  kein  BewuBtsein  hat.  Es  lebt  namlich 
in  den  Tiefen  der  Seele  etwas,  was  wie  ein  Leichtnehmen  des  Erden- 
lebens  ist,  weil  man  nicht  zu  dem  Zeitpunkt  heruntergekommen  ist, 
wo  man  sich  am  vollkommensten  hatte  verbinden  konnen  mit  dem 
Physischen.  So  verbindet  man  sich  nur  oberflachlich.  Aber  man  weiB 
nichts  davon.  Das  wird  eine  innere  Seelenstimmung ;  das  Leben  nicht 
voll  zu  nehmen.  Und  so  kann  es  sein,  daB  man  in  seinem  gewohn- 


lichen  OberbewuBtsein  sogar  einen  abnorm  entwickelten  Selbsterhal- 
tungstrieb  hat,  so  daB  man  mit  Feindschaft  der  sozialen  Welt  gegen- 
iibersteht,  den  starksten  Egoismus  entfaltet,  so  daB  man  Verbrecher 
wird  -  und  dennoch  in  seiner  inneren  Natur,  die  man  nicht  kennt,  ein 
gewisses  Oberflachlichnehmen,  ein  Leichtnehmen  des  Lebens  hat, 
keinen  Wert  legen  will  auf  dieses  Leben.  Das  ist  durch  eine  geistige 
Friihgeburt  bewirkt.  Wenn  das  der  Fall  ist,  dann  tritt  dieses  Leben 
auch  so  ins  Dasein,  daB  der  Mensch  den  uberhandnehmenden  Selbst- 
erhaltungstrieb  anfeuern  kann  durch  das,  was  er  nicht  kennt,  was  ein 
Leichtnehmen  des  Lebens  ist,  und  das  sieht  man  aufsprieBen  in  Ver- 
brecherseelen.  Erst  als  ich  wuBte,  daB  dies  so  ist,  wurde  mir  ein  ande- 
res  klar.  Es  gibt  ein  Lexikon  der  Gaunersprache.  Man  versteht  inner- 
lich  die  eigentumliche  Art  der  Verbrechersprache,  dieses  Leichtneh- 
men des  Lebens  in  den  Worten,  die  ja  aus  dem  UnterbewuBten  der 
Seele  herauskommen  -,  das  versteht  man  erst,  wenn  man  kennt,  was 
oben  jetzt  angedeutet  worden  ist.  Es  muB  aber  immer  wieder  darauf 
hingedeutet  werden,  daB  in  der  Gesamtheit  der  menschlichen  Erden- 
leben  sich  das  wiederum  ausgleicht,  was  ein  Erdenleben  verbricht,  so 
daB  der  Verbrecher  gerade  durch  das,  was  er  als  Folge  seiner  Ver- 
brechertaten  zu  erleben  hat,  zu  anderen  Erdenleben  aufsteigt,  in  denen 
ein  Ausgleich  eintritt. 

Aber  auch  anderes  wird  verstandlich,  wenn  wir  mit  Geistesfor- 
schung  die  Mysterien  des  Lebens  betrachten.  Da  sehen  wir  Menschen, 
welche  meinetwillen  durch  ein  Ungliick  hinweggerafft  werden.  Merk- 
wiirdigerweise  stellt  sich  heraus,  daB  bei  Menschen,  die  durch  ein 
Ungliick  hinweggerafft  werden  in  der  Zeit,  in  der  sie  sonst  die  Erde 
noch  nicht  zu  verlassen  hatten,  also  in  einer  Zeit,  iiber  die  die  irdisch- 
physischen  Krafte  herausragen;  wenn  zum  Beispiel  jemand  im  fiinf- 
unddreiBigsten  Lebensjahre  von  einer  Lokomotive  uberfahren  wird, 
ohne  daB  er  den  Tod  sucht,  so  stecken  noch  die  Krafte  in  seinem 
Leibe,  die  noch  hatten  wirken  konnen.  Indem  man  hinausgeht  aus  der 
physischen  Welt,  gehen  diese  Krafte  nicht  in  Nichts  iiber,  sondern 
man  sieht,  wie  das  Seelisch-Geistige,  die  Intelligenzkrafte,  die  Krafte 
des  genaueren  Denkens  sich  gerade  durch  einen  solchen  Ungliicksfall 
verstarken  konnen,  so  daB  ein  solcher  Mensch  mit  starkeren  Intelli- 


genzkraften  wiedergeboren  werden  kann  als  ein  anderer ,  der  eines  na- 
turHchen  Todes  stirbt.  Man  muB  sich  schon  damit  bekanntmachen, 
daB  Geistesforschung,  indem  sie  das  Leben  von  einem  grofien  Hori- 
zont  iiberbHckt,  iiber  manches  anders  reden  muB,  als  man  im  gewohn- 
Hchen  Leben  redet.  Jemand,  der  in  friiherer  Zeit  des  Erdenlebens 
stirbt,  sagen  wir,  durch  eine  Krankheit,  der  vieles  durchmacht  durch 
diese  Krankheit,  der  bereitet  durch  dieses  Kranksein  seine  Seele  so, 
daB  seine  Willenskrafte  verstarkt  werden  konnen.  Friihzeitiges  Ster- 
ben  durch  Krankheit  verstarkt  die  Willenskraft. 

Ja,  es  mag  schon  manches  erscheinen  wie  reine  Phantasterei;  aber 
ich  bin  mir  auch  bewufit  -  das  darf  ich  wohl  einflechten  -,  daB  ich 
eine  gewisse  Verantwortung  habe,  wenn  ich  diese  Dinge  bespreche, 
und  dafi  ich  sie  nicht  besprechen  wiirde,  wenn  ich  nicht  die  Mittel 
der  Geistesforschung  kennte,  mit  denen  diese  Dinge  mit  ebensolcher 
GewiBheit  gewuBt  werden  konnen  wie  die  Dinge  der  AuBenwelt  ge- 
wuBt  werden  konnen.  Ich  wiirde  es  als  die  groBte  FrivoHtat  empfin- 
den,  wenn  diese  Dinge  gesagt  wiirden,  ohne  daB  in  der  Seele  ein 
Wissen  Hegt,  das  von  einer  solchen  Stimmung  durchdrungen  ist,  wie 
sie  eben  angedeutet  worden  ist. 

So  wird  das  Leben  des  Menschen  gerade  verstandlich  durch  das, 
was  auBerhalb  des  physischen  Lebens  Hegt;  und  so  wie  sich  das  Leben 
zwischen  Geburt  und  Tod  entwickelt,  ist  es  ein  Ergebnis  des  Lebens, 
das  jenseits  von  Geburt  und  Tod  Hegt.  Fur  manchen  mag  das  erschei- 
nen wie  eine  Entwertung  des  Lebens.  Damit  es  den  verehrten  Zu- 
horern  nicht  so  erscheint,  mochte  ich  etwas  ganz  kurz  wiederholen. 
Jemand  kann  sagen:  Da  werden  wir  aufmerksam  gemacht,  daB  das, 
was  wir  in  einem  Erdenleben  erleben,  wir  uns  selbst  zubereitet  haben. 
Wahr  ist  es.  Aber  erleben  wir  ein  Ungliick  -  wir  erleben  es,  weil  wir 
vorher  die  Tendenz  unserer  Seele  eingepflanzt  haben,  in  dieses  Un- 
gliick hineinzusteigen.  Wie  die  Alpenpflanze  nicht  in  der  Ebene  ge- 
deiht,  sondern  die  Hohe  aufsucht,  so  sucht  sich  die  menschHche  Seele 
die  Lage  auf,  wo  ihr  das  Ungliick  widerfahren  kann;  sie  wachst  hin- 
ein  in  das,  was  sie  als  Schicksal  erlebt.  Wie  das  Schicksal  selbstver- 
standHch  ist,  in  den  Alpen  zu  leben  fur  jene  Pflanze,  so  ist  es  selbst- 
verstandHch  fiir  die  menschHche  Seele,  sich  ins  Ungliick  hineinzu- 


sturzen,  wenn  sie  in  sich  die  Tendenz  aufnimmt  durch  die  Einsicht: 
nur  wenn  du  dieses  Ungliick  iiberwindest,  kannst  du  vollkommener 
werden  in  einer  Beziehung,  wo  du  unvollkommener  bleiben  miiBtest, 
wenn  dir  das  Ungliick  nicht  passierte.  Wenn  jemand  sagt:  so  werden 
wir  doch  zu  Schmieden  unseres  eigenen  Ungluckes  gemacht;  und 
wenn  gesagt  wird,  daB  wir  unser  Ungliick  nicht  nur  ertragen  und  er- 
dulden  sollen,  sondern  es  in  gewisser  Weise  uns  sogar  iiberirdisch 
verdient  haben:  Das  kann  uns  kein  Trost  werden!  -  so  muB  dem- 
gegeniiber  gesagt  werden,  was  ich  schon  friiher  durch  einen  Ver- 
gleich  klarmachte:  Wenn  jemand  bis  zu  seinem  achtzehnten  Lebens- 
jahre  gelebt  hat  aus  der  Tasche  seines  Vaters  im  UberfluB  und  ohne 
etwas  gelernt  zu  haben,  und  sein  Vater  wird  dann  bankerott,  dann 
kann  es,  von  auBen  gesehen,  ein  groBes  Ungliick  sein,  wenn  jetzt  das 
Leben  ihn  hart  anlaBt.  Und  er  hat  recht,  wenn  er  jetzt  das  Leben 
ungliicklich  findet.  Aber  nehmen  wir  an,  er  ist  fiinfzig  Jahre  alt  ge- 
worden  und  sieht  sein  Leben  von  einem  anderen  Gesichtspunkt  aus 
an,  dann  sagt  er  sich:  Hatte  mich  das  Ungliick  nicht  getroffen,  ich 
ware  nicht  geworden,  was  ich  jetzt  bin.  Fur  meinen  Vater  war  es  ein 
Ungliick,  fur  mich  war  es  ein  Entwickelungsferment  meines  Lebens.  - 
So  sind  wir  auch  nicht  immer  in  der  Lage,  den  richtigen  Gesichts- 
punkt zu  finden  fur  ein  Ungliick  in  dem  Zeitpunkt,  in  dem  wir  es  er- 
leben.  Wir  stehen  vor  der  Geburt  auf  einem  ganz  anderen  Gesichts- 
punkte  als  nachher:  auf  demjenigen,  daB  das  erlebt  werden  muB  in 
einem  neuen  Leben,  was  einen  Ausgleich  schant  fur  das,  was  friiher 
geschehen  ist.  Da  bereiten  wir  uns  das  Ungliick,  das  wir  sparer  mit 
Recht  selber  leidensvoll  erdulden,  und  iiber  das  wir  mit  Recht  klagen, 
weil  wir  es  dann  nur  von  dem  Gesichtspunkte  des  physisch-irdischen 
Erlebens  aus  betrachten. 

Ich  mochte  noch  ein  Weniges  sagen  iiber  die  Zeit,  die  vernieBt 
zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Die  kurze  Zeit  der  Riick- 
schau  nach  dem  Tode,  die  nur  nach  Tagen  dauert,  ich  habe  sie 
schon  angegeben;  die  Zeit,  die  nachher  kommt,  dauert  linger,  sie 
dauert  nach  Jahrzehnten.  Der  Geistesforscher  kommt  etwa  in  der  fol- 
genden  Weise  darauf,  wie  lange  diese  Zeit  dauert.  Er  muB  sich  fragen 
zunachst,  damit  er  iiberhaupt  die  Krafte,  um  so  etwas  einzusehen,  in 


sich  entwickeln  kann:  Was  in  deiner  Seele  ist  es  denn,  was  dir,  wenn 
du  dich  auBer  dem  Leibe  erlebst,  was  dir  da  so  erscheint,  daB  es  in 
der  Seele  ist  wie  etwas,  was  von  ihr  durch  den  Tod  getragen  werden 
kann?  Und  da  erlebt  man  merkwiirdigerweise,  daB  man  etwas  aus  dem 
Leibe  heraus  nimmt,  wahrend  man  sonst  alles  zuriicklaBt.  Die  Lei- 
denschaften,  Erinnerungen  und  so  weiter  laBt  man  zuriick  als  Geistes- 
forscher,  wenn  man  sich  aus  dem  Leibe  heraus  begibt;  aber  mit  nimmt 
man  seine  t)berwindungen,  mit  nimmt  man  das,  was  man  sich  erst  an- 
eignen  kann  in  einem  Erdenleben,  sagen  wir,  nach  den  Zwanziger- 
jahren.  Man  wird  das  heute  nicht  gerne  horen,  weil  heute  die  Leute 
auch  schon  zu  dem  Hochsten  reif  gehalten  werden  vor  dem  zwanzig- 
sten  Lebensjahre.  Das  kann  man  ja  sehen  in  den  Zeitungen,  iiber  und 
unter  dem  Strich  schreiben  ja  heute  vielfach  Menschen,  die  nicht  das 
zwanzigste  Jahr  erreicht  haben.  Aber  in  Wahrheit  ist  es  doch  so :  was 
man  so  recht  durch  sich  selbst  erlebt,  so  erlebt,  daB  es  wirklich  auf- 
gespeicherte  Lebensweisheit  wird,  das  geschieht  dadurch,  daB  man 
schon  etwas  erlebt  hat  und  mit  einem  spateren  Erlebnis  auf  das  frii- 
here  zuriickblickt.  Dieses  innerliche  Emporarbeiten  durch  seine  Uber- 
windungen,  dieses  innerliche  Erleben  der  Seele  ist  das,  was  schon  ein 
Vorkeim  ist  -  so  stellt  es  sich  heraus  -  zu  dem,  was  dann  die  Seele 
durchlebt  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Und  so  mufi  in 
fortwahrendem  solchem  tjberwinden,  im  Umwandeln  von  Kraften  die 
Seele  leben.  Normalerweise  bleibt  die  Seele  so  lange  in  der  geistigen 
Welt  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  als  sie  etwas  umzu- 
wandeln  hat.  Von  der  anderen  Seite  betrachtet,  sei  folgendes  ange- 
fuhrt:  Wir  leben  uns  in  eine  gewisse  Zeit  hinein;  wir  nehmen  dies 
oder  jenes  auf,  erfahren  dieses  oder  jenes,  indem  wir  diesem  oder 
jenem  Volksstamme  angehoren.  Indem  wir  durch  den  Tod  gegangen 
sind,  haben  wir  aus  dem  heraus  unsere  Lebenserfahrungen  gebildet. 
Aber  die  Erde  verandert  sich.  Nicht  nur  daB  sich  die  physischen  Ver- 
haltnisse  andern.  Es  mogen  nur  einmal  die  verehrten  Zuhorer  zuriick- 
denken,  wie  sich  etwa  um  die  Begriindung  des  Christentums  herum 
die  Gegenden  hier,  wo  jetzt  Wien  liegt,  ausgenommen  haben.  Aber 
in  noch  kurzeren  Zeitraumen  verandert  sich  das  Kulturantlitz  der 
Erde,  des  geistigen  Inhalts  unserer  Umgebung,  woraus  wir  unsere 


Erinnerung,  unseren  Gedachtnisschatz  nehmen.  Nun  kommt  die  Seele 
normalerweise  nicht  friiher  zuriick  in  ein  neues  Erdenleben,  bis  sie  in 
eine  vollstandig  neue  geistige  Umgebung  treten  kann.  Das  stellt  sich 
heraus,  daB  nicht  ohne  Sinn  die  Seele  wiedergeboren  wird,  sondern  so, 
daB  sie  Neues  erleben  kann.  Dazu  muB  sie  alles  andern,  was  sie  im  vor- 
hergehenden  Erdenleben  erlebt  hat,  zum  Beispiel  die  Fahigkeit,  sich 
in  einer  bestimmten  Sprache  auszudriicken.  Das  muB  sie  umwandeln; 
sie  muB  sich  andere  Sprachfahigkeit  aneignen.  Das  also  ist  die  Zeit  - 
sie  dauert  nach  Jahrhunderten.  Sie  umfaBt  normalerweise  etwas  wie 
ein  bis  eineinhalb  Jahrtausende.  Aber  durch  gewisse  Verhaltnisse 
konnen,  wie  gesagt,  geistige  Friihgeburten  entstehen. 

Die  Zeit  drangt;  ich  kann  mich  in  der  Ausmalung  der  besonderen 
Verhaltnisse  nicht  weiter  ergehen.  Das  mochte  ich  nur  noch  sagen, 
daB  derjenige  der  verehrten  Zuhorer,  der  etwa  heimgehen  sollte  mit 
dem  Gefiihl:  Ja,  das  ist  ja  alles  wirklich  nicht  zu  glauben;  wie  soli 
denn  der  Mensch  daruber  etwas  wissen  konnen!  -  der  sei  aufmerksam 
gemacht  auf  das,  was  ich  schon  eingangs  erwahnte,  daB  in  der  Tat 
spatere  Selbstverstandlichkeiten  -  Erkenntnisse,  die  in  alle  Seelen  ein- 
gedrungen  sind  -  zuerst  als  paradox  der  Erdenkultur  sich  mitteilten. 
Und  derjenige,  der  heute  Geisteswissenschaft  pflegen  will,  muB  sich 
schon  damit  bekanntmachen,  wie  begreiflich  es  ist,  daB  alsPhantasterei 
das  hingenornmen  werden  kann,  was  sich  so  sicher  in  die  Geister  ein- 
leben  wird,  wie  sich  die  Kopernikanische  Weltanschauung  eingepragt 
hat,  nachdem  sie  zuerst  als  Phantasterei,  als  etwas  Schadliches  sogar  von 
vielen  angesehen  worden  ist.  Aber  noch  einmal  darf  ich  auf  das  Bild  auf- 
merksam machen,  das  sich  demGeistesforscher  und  demjenigen,  der  in 
dem  vorgestern  erwahnten  Sinn  Geisteswissenschaft  zu  verstehen  ver- 
mag,  hinstellt,  um  ihm  das  starke  BewuBtsein  zu  geben  von  der  Wahr- 
heit,  die  sich  allmahlich  durchringen  wird.  Sollte  sie  sich  auch  durch- 
driicken  miissen  durch  die  engsten  Felsspalten,  so  daB  auf  sie  drucken 
die  starksten  Felsmassen  der  Vorurteile,  sie  wird  sich  doch  durchdruk- 
ken.  Erstarken  wird  das  BewuBtsein  daran,  wenn  man  hinblickt  auf 
Giordano  Bruno;  da  hat  man  das  Bild  vor  sich :  Er  trat  vor  die  Mensch- 
heit  so,  daB  er  jahrhundertealte  Vorurteile  zerbrach,  indem  er  sagte: 
Die  Menschen  haben  geglaubt,  wenn  sie  hinaufschauten  in  den  weiten 


Raum  da  oben,  breite  sich  das  blaue  Himmelsgewolbe  aus ;  Sonne  und 
Planeten  kreisten  daran  und  das  blaue  Himmelsgewolbe  ist  eine  Wand, 
eine  blaue  Wand !  -Damals  konnte  Giordano  Bruno  sagen:  DieseWand 
erscheint  euch  nur  deshalb,  weil  euer  Wahrnehmungsvermogen  nur 
bis  dahin  reicht.  Ihr  baut  euch  diese  Grenze  selber  auf;  sie  ist  gar  nicht 
vorhanden.  Unendlichkeiten  des  Raumes  breiten  sich  aus.  Und  Un- 
endlichkeiten  des  Raumes  sind  erfullt  von  unendlichen  Welten. 

Heute  muB  der  Geistesforscher  dieser  Erweiterung  des  mensch- 
lichen  Blickes  in  die  Unendlichkeiten  des  Raumes  gedenken,  er  muB 
daran  denken,  wie  Giordano  Bruno  zuerst  darauf  aufmerksam  machte, 
da6  die  Grenzen  des  Raumes  im  Himmelsgewolbe  nur  von  der  Be- 
schranktheit  des  menschlichen  Wahrnehmungsvermogens  selbst  ge- 
macht  sind;  er  muB  hinweisen  darauf,  daB  es  auch  fur  die  Zeit  des 
menschlichen  Erlebens  ein  solches  Firmament  gibt.  Indem  man  mit 
den  physischen  Wahrnehmungsorganen  und  dem  Verstand  das 
menschliche  Leben  iiberschaut,  sieht  man  auf  diese  Grenzen,  die  Gren- 
zen von  Geburt  und  Tod,  wie  man  einmal  gesehen  hat  die  Grenze  des 
Raumes  im  blauen  Himmelsgewolbe,  die  aber  in  Wirklichkeit  nicht 
vorhanden  ist.  So  ist  auch  die  Grenze  fur  die  Zeit  des  menschlichen 
Erlebens  zwischen  Geburt,  oder  sagen  wir  Empfangnis  und  Tod  nur 
hingesetzt  von  der  Beschranktheit  des  menschlichen  Anschauungs- 
vermogens.  Und  jenseits  von  Geburt  oder  Empfangnis  und  Tod  brei- 
tet  sich  aus  die  zeitliche  Unendlichkeit  und  in  diese  zeitliche  Unend- 
lichkeit  sind  eingebettet  die  nach  riickwarts  und  nach  vorne  verlau- 
fenden  Wiederholungen  des  menschlichen  Erdenlebens  und  jener  Le- 
ben, die  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  verflieBen.  Das 
kann  ich  allerdings  nicht  ausfuhren,  daB  die  ganzen  Wiederholungen 
einmal  einen  Anfang  genommen  haben,  daB  der  Mensch  aus  dem 
Geistigen  geboren  wurde  und  hier  seinen  Wohnplatz  fand  -  dazumal 
ist  die  Erde  selber  aus  der  geistigen  Welt  heraus  entstanden  -,  und 
daB  der  Mensch,  nachdem  er  durch  die  Erdenwiederholungen  ge- 
gangen  ist,  wenn  die  Erde  selbst  abfallt  von  den  menschlichen  Seelen, 
daB  dann  der  Mensch  in  ein  anderes,  wieder  vergeistigtes  Leben  uber- 
tritt.  Das  kann  nur  angedeutet  werden,  dariiber  findet  man  Genaueres 
in  meiner  «Geheimwissenschaft». 


Wenn  man  sich  auch  in  der  angedeuteten  Weise  mit  den  Erkennt- 
nissen  der  Geisteswissenschaft  in  Widerspruch  zu  dem  Denken  der 
heutigen  Zeit  befindet,  so  muB  man  doch  sagen :  In  den  Ahnungen 
derer,  die  die  Fiihrer  der  Menschheit  waren  -  ich  habe  vorgestern  in 
derselben  Weise  die  Betrachtung  geschlossen  -,  findet  man  dennoch 
das,  was  heute  in  der  Geisteswissenschaft  wiederum  auf  lebt.  Geistes- 
wissenschaft, wie  sie  hier  gemeint  ist,  haben  die  Menschen  nicht  ge- 
habt;  denn  sie  ist  ein  Kind  unserer  Zeit,  und  wird  aus  der  Bildung 
unserer  Zeit  entstehen;  aber  diejenigen,  die  sich  in  ihrer  Seele  ver- 
bunden  wuBten  mit  dem  Geist  des  Alls,  der  in  alien  Menschen  wallt 
und  webt,  die  pragten  in  die  Worte  hinein  dasjenige,  wozu  die  Geistes- 
wissenschaft in  vollem  Sinne  Ja  sagen  kann.  Geisteswissenschaft  zeigt 
uns,  wie  wir  das  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  verstehen,  indem 
wir  in  diesem  physischen  Leib,  im  ganzen  physischen  Leben  wirken 
und  weben  sehen  das,  was  unsterblich  ist,  das,  was  auch  in  einer  gei- 
stigen  Welt  leben  kann.  Geisteswissenschaft  zeigt  uns,  daB  wir  das 
Leben  /^Leibe  haben  durch  das  Leben  aufer dem  Leibe,  so  daB  niemand 
das  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  verstehen  kann,  der  nicht  das  Leben 
auBerhalb  des  Leibes,  im  geistigen  Firmament  versteht.  Das  driickt  Goe- 
the mit  den  Worten  aus  —  ahnend  die  spateren  Erkenntnisse  der  Geistes- 
wissenschaft—, mit  Worten,  die  nicht  nur  Goethes  Bekenntnis  zu  einem 
unsterblichen  Leben  klar  darlegen,  sondern  auch  ausdriicken,  wie  er  wuB- 
te,  daB  der  wirkliche  Wert  im  Erkennen  des  gegenwartigen  Lebens,  im 
Erleben  des  irdischen  Daseins  davon  abhangt,  daB  man  dieses  irdische 
Das  ein  durchgluht,  durchleuchtet,  durchwallt  weiB  von  dem,  was  auBer- 
irdisch,  iiberirdisch,  unsterblich  ist.  Deshalb  sei  gerade  diese  Erkenntnis 
der  Geisteswissenschaft,  daB  eine  wahre  innere  Wesenheit  des  Sterbli- 
chen  durch  das  Unsterbliche  erkannt  wird,  wie  in  einer  Empfindung  zu- 
sammengefaBt  in  die  Worte,  in  denen  Goethe  seine  Uberzeugung  einmal 
ausdriickte:  Denen  gegeniiber,  die  sich  gar  nicht  wollen  aus  der  eigentiim- 
lichen  Wesenheit  des  gegenwartigen  Lebens  eine  Anschauung  bilden 
iiber  ein  anderes  Leben,  denen  gegeniiber  mochte  ich  mit  Goethe  sagen: 
«Ich  mochte  keineswegs  das  Gliick  entbehren,  an  eine  kiinftige  Fortdauer 
zu  glauben;  ja,  ich  mochte  mit  Lorenzo  de  Medici  sagen,  daB  alle  diejeni- 
gen auch  fur  diesesLeben  tot  sind,  die  kein  anderes  ho££e.n.» 


INNERES  WESEN  DES  MENSCHEN 
UND  LEBEN 
ZWISCHEN  TOD  UND  NEUER  GEBURT 


ERSTER  VORTRAG 
Wien,  9.  April  1914 


Dieser  Vortragszyklus  wird  das  Ziel  haben,  das  menschliche  Innen- 
leben  zu  schildern  im  Zusammenhang  mit  dem  Leben  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt,  urn  zu  zeigen,  wie  innig  diese  beiden 
Gebiete  des  Daseins  zusarnmenhangen.  Und  er  wird  daneben  das  Ziel 
haben,  Richtlinien  zu  entwickeln  aus  der  Erkenntnis  des  Angedeuteten 
heraus,  die  den  Menschen  wirklich  orientieren  konnen  in  manchen 
schwierigen  Lebenslagen,  die  geeignet  sind,  in  mancher  Beziehung 
einen  sicheren  Halt  des  Seelenlebens  durch  ein  gewissermaBen  griind- 
liches  Verstandnis  dieses  Seelenlebens  zu  geben.  Dazu  wird  notwendig 
sein,  daB  Sie  sich,  meine  lieben  anthroposophischen  Freunde,  durch 
die  ersten  Vortrage,  die  ein  Fundament,  eine  Grundlage  aufrichten 
sollen,  hindurcharbeiten;  sie  werden  in  esoterisch  wissenschaftliche 
Gebiete  fuhren,  die  vielleicht  manchem  zunachst  abgelegen  scheinen 
konnten,  weit  weg  von  dem,  was  das  menschliche  Gemiit  gerne  un- 
mittelbar  ergreifen  mochte.  Aber  wenn  wir  zu  dem  gelangen  werden, 
worin  diese  Vortrage  eigentlich  ihr  Ziel  erblicken,  dann  werden  Sie 
sehen,  dafi  dieses  Ziel  in  einer  sicheren  Form  doch  nur  zu  erreichen 
ist,  wenn  man  sich  zuerst  durch  die  scheinbar  endegenen  esoterischen 
Erkenntnisse,  die  geboten  werden  sollen,  hindurcharbeitet. 

Wenn  man  das  menschliche  Innenleben  zunachst  abstraktbetrachtet, 
so  tritt  es  einem  in  drei  Formen  entgegen,  auf  die  wir  oftmals  auf- 
merksam  gemacht  haben:  in  den  Formen  des  Denkens,  des  Fiihlens 
und  des  Wollens ;  aber  um  dieses  Innenleben  vollstandig  zu  betrachten, 
mu8  man  noch  ein  Viertes  dazurechnen.  Eigentlich  gehoren  nicht  nur 
diese  drei  genannten  Gebiete  zum  Innenleben  des  Menschen,  sondern 
es  gehort  auch  schon  das  dazu,  was  er  aus  der  bloBen  Sinnesempfin- 
dung  macht.  Wir  lassen  ja  Farben  und  Tone,  Warmeeindrucke  und 
dergleichen  nicht  nur  vor  unserem  BewuBtsein  voruberhuschen, 
sondern  wir  fassen  diese  Eindrucke  auf,  wir  machen  sie  zu  unseren 
Wahrnehmungen.  Und  die  Tatsache,  dafi  wir  uns  an  diese  Eindrucke 
erinnern  konnen,  daB  wir  sie  behalten  konnen,  daB  wir  nicht  nur 


dann  wissen :  eine  Rose  ist  rot,  wenn  wir  der  Rose  unmittelbar  gegen- 
iiberstehen,  sondern  daB  wir  sozusagen  die  Rote  der  Rose  mit  uns 
herumtragen  konnen,  die  Farben  als  eine  Erinnerungsvorstellung  be- 
wahren  konnen,  das  bezeugt  uns,  daB  das  Empfindungsleben,  das 
Wahrnehmungsleben,  durch  das  wir  uns  mit  der  AuBenwelt  in  Be- 
riihrung  bringen,  auch  schon  zu  unserem  Innenleben  gehort.  So  daB 
wir  sagen  konnen:  Zu  unserem  Innenleben  miissen  wir  zahlen  die 
Wahrnehmung  der  AuBenwelt,  insofern  wir  sie  eben  im  Wahrnehmen 
selber  verinnerlichen.  Ferner  miissen  wir  die  Gedankenwelt  dazu- 
zahlen,  durch  die  wir  uns  zunachst  Erkenntrdsse  verschaffen  von  dem 
Nachstliegenden  und  in  der  Wissenschaft  von  dem  Fernerliegenden, 
durch  die  wir  in  einem  viel  weiteren  Sinn  noch  als  durch  die  Wahr- 
nehmung die  AuBenwelt  zu  unserer  Innenwelt  machen.  Wir  leben  ja 
nicht  nur  in  unseren  Wahrnehmungen,  wir  denken  iiber  sie  nach  und 
haben  das  BewuBtsein,  daB  wir  durch  unser  Nachdenken  etwas  iiber 
die  Geheimnisse  des  Wahrgenommenen  erfahren  konnen. 

Wir  miissen  dann  zu  unserem  Innenleben  rechnen  unsere  Gefuhle, 
und  wir  sind  mit  den  Gefuhlen  sogleich  in  demjenigen  Gebiete  des 
menschlichen  Innenlebens,  das  sozusagen  in  sich  alles  einschlieBt,  was 
uns  als  Menschen  selbst  mit  der  Welt  in  eine  der  Menschenwiirde 
entsprechende  Beriihrung  bringt.  DaB  wir  iiber  die  Dinge  fiihlen 
konnen,  daB  wir  uns  freuen  konnen  an  der  Umgebung,  das  ist  ja  erst 
die  Grundlage  unseres  wahren  Menschendaseins,  in  gewisser  Bezie- 
hung  auch  alles  das,  was  unser  Gliick  und  unser  Leid  ausmacht.  Es 
spielt  sich  ja  das  alles  ab  in  auf  und  ab  wogenden  Gefuhlen :  Gefuhle, 
die  unser  Leben  erhohen,  in  denen  wir  uns  glucklich  und  zufrieden 
finden,  drangen  sich  herauf  oder  heran  an  uns,  erstarken.  Andere 
Gefuhle  drangen  sich  heran  durch  die  Ereignisse  des  Lebens,  durch 
unser  Schicksal,  auch  durch  unser  Innenleben,  die  unser  Leid,  unseren 
Schmerz  bedeuten.  Und  indem  man  das  Wort  «Gefiihl»  ausspricht, 
deutet  man  auf  das  Gebiet  hin,  das  in  der  Tat  eben  Gliick  und  Leid 
des  Menschenlebens  einschlieBt. 

Wenn  man  auf  das  vierte  hinweist,  auf  den  Willen,  so  handelt  es 
sich  um  etwas,  was  uns  wiederum  wertvoll  fur  die  Welt  macht,  was 
uns  so  in  die  Welt  hineinstellt,  daB  wir  nicht  nur  erkennend,  nicht  nur 


in  uns  fuhlend  fur  uns  leben,  sondern  daB  wir  auf  die  Welt  zuriick- 
wirken  konnen.  Was  ein  Mensch  will,  wollen  kann,  und  was  vom 
Willen  in  die  Handlungen  ausflieBt,  das  bildet  seinen  Wert  fur  die 
Welt.  Wir  konnen  uns  also  sagen:  Indem  wir  auf  das  Gebiet  des 
Willens  hinweisen,  haben  wir  es  mit  jenem  Elemente  zu  tun,  das  uns 
den  Menschen  als  ein  Glied  der  Welt  zeigt,  und  es  ist  unser  Innenleben, 
das  da  als  ein  Glied  in  die  Welt  einflieBt.  Ob  es  die  egoistischen,  die 
sozial  feindlichen  Affekte  und  Leidenschaften  der  verbrecherischen 
Naturen  sind,  die  in  den  Willen  einflieBen  und  von  da  aus  Glied  der 
Welt  werden  zum  Verderben  der  Welt,  oder  ob  es  die  hohen  reinen 
Ideale  sind,  die  der  Idealist  herunterholt  aus  seiner  Beriihrung  mit 
einer  geistigen  Weltenordnung  und  einflieBen  laBt  in  sein  Handeln, 
einflieBen  laBt  vielleicht  nur  in  Worte,  welche,  anfeuemd  oder  auch 
Menschenwiirde  zeigend,  auf  die  Menschen  wirken  -,  immer  haben 
wir  es  auf  dem  Gebiete  des  Willens  mit  dem  zu  tun,  was  dem  Menschen 
seinen  Wert  gibt.  So  daB  der  ganze  Reichtum,  den  der  Mensch  eigent- 
lich  als  Seelenwesen  haben  kann,  sich  ausdriickt,  wenn  man  diese 
vier  Gebiete  nennt:  Wahrnehmung,  Denken,  Fiihlen,  Wollen. 

Fur  denjenigen,  der  nun  etwas  tiefer  eingeht  auf  eine  Betrachtung 
dieser  vier,  man  mochte  sagen  inneren  Spharen  der  menschlichen 
Seelennatur,  zeigt  sich  ein  bedeutungsvoller  Unterschied  zwischen 
zwei  und  zwei  Gliedern  dieser  viergliedrigen  menschlichen  Wesenheit. 
Aber  im  gewohnlichen  Leben  kommt  dieser  Unterschied  eigentlich 
den  Menschen  nicht  so  sehr  zum  BewuBtsein,  er  kommt  hochstens 
zum  BewuBtsein,  wenn  wir  in  der  folgenden  Weise  iiber  diese  vier 
Spharen  der  Menschennatur  nachdenken. 

Wenn  wir  von  der  Wahrnehmung  sprechen  und  iiber  sie  nachden- 
ken, so  konnen  wir  die  Empfindung  haben:  mit  der  Wahrnehmung 
stehen  wir  unmittelbar  in  einer  gewissen  Beziehung  zur  AuBenwelt. 
Wir  verinnerlichen  durch  die  Wahrnehmung  die  AuBenwelt,  sie  liefert 
etwas,  was  dannzuunserem  Inneren  gehort,  wenn  wir  die  Empfindung 
verarbeiten.  Aber  wir  haben  das  Gefiihl,  wir  miissen  unsere  Empfin- 
dung so  eingerichtet  haben,  daB  sie  uns  in  gewisser  Beziehung  treue 
Abbilder  der  AuBenwelt  gibt.  Und  jede  Erkrankung  des  Wahrneh- 
mungs-,  des  Empfindungslebens,  jede  Erkrankung  der  Sinne  weist 


uns  ja  darauf  hin,  daB  durch  eine  solche  Erkrankung  unser  Innenleben 
verarmt,  dadurch  verarmt,  daB  wir  eben  armer  werden  an  dem,  was 
wir  von  der  AuBenwelt  in  uns  hereinbekommen  konnen. 

Gehen  wir  von  dem  Wahrnehmen  zum  Denken  iiber,  dann  konnen 
wir  gewahr  werden,  daB  wir  auch  gegeniiber  dem  Denken  die  Emp- 
findung  haben:  es  kann  uns  nicht  geniigen,  wenn  dieses  Denken 
bloB  in  sich  selber  wiihlt  und  sich  in  sich  ergeht.  Die  Gedanken  haben 
letzten  Endes  doch  nur  einen  Wert,  wenn  sie  uns  etwas  Objektives, 
auBer  uns  Befindliches  in  uns  vergegenwartigen,  wenn  sie  AufschluB 
zu  bringen  vermogen  von  etwas,  was  auBer  uns  ist.  Unser  Nach- 
denken  konnte  uns  nicht  befriedigen,  wenn  wir  durch  dieses  Nach- 
denken  nicht  etwas  erfahren  konnten  iiber  die  AuBenwelt. 

Wenn  wir  aber  zu  unserem  Gefuhle  vorschreiten  und  ein  wenig 
uber  dieses  Gefiihl  nachdenken,  dann  werden  wir  finden,  daB  dieses 
Gefuhl,  oder  besser  gesagt  das  Gefiihlsleben,  viel  inniger  zusammen- 
hangt  mit  unserem  unmittelbaren  Innensein  als  Denken  und  Wahr- 
nehmen.  Wir  haben  die  Vorstellung,  daB  wir  uns  selber,  zunachst 
rein  aufierlich,  auf  dem  physischen  Plan  entwickeln  miissen,  wenn  wir 
gewisse  Feinheiten  der  AuBenwelt  in  richtiger  Weise  empfinden  wol- 
len,  fuhlen  wollen.  Haben  wir  einen  Gedanken  und  nennen  wir 
den  Gedanken  wahr,  so  sagen  wir  von  einem  solchen  wahren  Ge- 
danken :  er  muB  eigentlich  fur  alle  unsere  Mitmenschen  gelten,  und  es 
muB,  wenn  wir  nur  die  richtigen  Worte  finden,  den  Gedanken  auszu- 
driicken,  die  Moglichkeit  geben,  von  diesem  Gedanken  auch  andere 
zu  iiberzeugen.  Wenn  wir  einer  Naturerscheinung  oder  aber,  sagen 
wir,  einer  menschlichen  Kunstschopfung  gegeniiberstehen  und  unser 
Gefuhl  daran  entwickeln,  so  wissen  wir,  daB  im  Grunde  genommen 
zunachst  unsere  Menschennatur,  so  wie  sie  ist,  uns  nichts  hilft,  um 
gleichsam  vollig  auszuschopfen,  was  uns  da  entgegentreten  kann.  Es 
konnte  sein,  daB  wir  vollig  stumpf  bei  einer  musikalischen  oder  bei 
einer  malerischen  Schopfung  bleiben,  einfach  weil  wir  unser  Gefuhl 
nicht  so  erzogen  haben,  daB  wir  die  Feinheiten  wahrnehmen  konnen. 
Und  wenn  wir  diesen  Gedankengang  verfolgen,  dann  finden  wir,  daB 
dieses  Gefiihlsleben  etwas  sehr  Innerliches  ist,  daB  wir  es  auch  so, 
wie  wir  es  innerlich  erleben,  nicht  gleich  in  Gedanken  iibertragen 


konnen  auf  andere  Menschen.  Wir  sind  in  unserem  Gefiihlsleben  unter 
alien  Umstanden  in  gewissem  Sinne  allein,  aber  wir  wissen  gleichzeitig, 
daB  dieses  Gefiihlsleben  die  Quelle  eines  ganz  besonderen  inneren 
Reichtums,  einer  inneren  Entwickelungstatsache  gerade  dadurch  ist, 
daB  es  etwas  so  Subjektives  ist,  daB  es  nicht  unmittelbar  so  ins  Objekt 
hinausfliefien  kann,  wie  es  innerlich  lebt. 

Ein  Gleiches  miissen  wir  sagen  in  bezug  auf  den  Willen.  Wie  sind 
wk  Menschen  doch  verschieden  in  bezug  auf  das,  was  wir  wollen 
konnen,  auf  das,  was  durch  den  Willen  in  unsere  Handlungen  hinaus- 
flieBen  kann!  Nur  dadurch  kommt  ja  eigentlich  die  Mannigfaltigkeit 
des  menschlichen  Handelns  zustande,  daB  der  eine  dies,  der  andere 
jenes  wollen  kann.  Wenn  wir  beim  Gefiihl  uns  freuen  konnen,  daB  wir 
etwa  einen  Genossen  im  Leben  finden,  der  rein  innerlich,  subjektiv, 
zu  einem  ebensolchen  Gesichtspunkt  des  Fiihlens  gekommen  ist  wie 
wir  selbst,  der  gewisse  Feinheiten  der  AuBenwelt  durch  sein  Gefuhl 
so  verinnerlichen  kann,  daB  ein  von  uns  unabhangiges  und  doch  mit 
uns  zusammenhangendes  Verstandnis  vorhanden  ist,  dann  fiihlen  wir 
unser  Leben  gehoben  in  solcher  Genossenschaft.  Wir  miissen  unser 
Fiihlen  jeder  allein  in  uns  entwickeln,  aber  wir  konnen  Menschen 
finden,  mit  denen  dieses  Fiihlen  zusammenklingen  kann.  Denn  obzwar 
das  fiihlende  Leben  innerlich  ist,  so  ist  es  doch  moglich,  daB  die 
Menschen  in  ihrem  Fiihlen  zusammenklingen.  Zwei  Willen,  die  sich 
auf  ein  und  dasselbe  Objekt  richten  wiirden,  zwei  Menschen  also,  die 
in  demselben  Zeitpunkt  ein  und  dasselbe  tun  wollen,  kann  es  nicht 
geben.  Die  Willen  konnen  nicht  in  ein  einziges  Objekt  zusammen- 
flieBen.  Die  Kurbel  selbst,  die  wir  angreifen,  durch  die  wir  eine 
Maschine  drehen,  sie  konnen  wir  nur  allein  angreifen.  Und  selbst 
wenn  der  andere  uns  hilft  dabei,  so  ist  der  Teil  der  Arbeit,  den  wir 
durch  unseren  Willen  vollbringen,  eben  die  Halfte  der  ganzen  Arbeit, 
wir  machen  unsere  Halfte,  der  andere  die  andere  Halfte.  Zwei  Willens- 
impulse  konnen  nicht  in  einem  Objekt  zusammen  sein.  Obzwar  wir 
uns  in  gemeinsame  Welten  hineinstellen  durch  unseren  Willen,  sind 
wir  gerade  durch  diesen  Willen  so  in  die  Welt  hineingestellt,  daB  wir 
jeder  eine  einzelne  Individuality  fur  uns  sind  durch  den  Willen.  So 
werden  wir  gerade  dadurch  hingewiesen  darauf,  wie  der  Wille  den 


ganzen  individuellen  Wert  des  Menschen  ausmacht,  wie  der  Wille 
sozusagen  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  das  Innerste  ist.  Wir  konnen 
daraus  entnehmen,  daB  Wahrnehmung  und  Gedanke  mehr  auBerlich 
sind  im  Innenleben  des  Menschen,  daB  Gefiihl  und  Wille  das  Tiefste, 
das  eigentlich  Innere  ausmachen.  Aber  noch  ein  anderer  Unterschied 
ergibt  sich  durch  eine  ganz  auBerliche,  exoterische  Betrachtungsweise 
fur  diese  vier  Kreise  des  menschlichen  Seelenlebens. 

Wenn  wir  mit  unserem  Wahrnehmen  der  Welt  gegeniiberstehen, 
dann  sagen  wir  uns  doch  ganz  gewiB :  Dieses  Wahrnehmen  vermittelt 
uns  zwar  die  Welt,  aber  nur  immer  von  einem  einzelnen  Gesichtspunkt 
aus.  Wie  klein  ist  der  Ausschnitt  der  Welt,  den  wir  durch  unser  Wahr- 
nehmen zu  unserem  Innenleben  machen  konnen !  Wir  sind  abhangig 
von  Ort  und  Zeit  in  diesem  Wahrnehmen;  wir  miissen  sagen,  das 
wenigste  von  dem,  was  wir  erahnen  in  der  Welt,  kommt  durch  unsere 
Wahrnehmung  in  unser  Innenleben  herein.  -  Und  gegeniiber  unseren 
Gedanken  haben  wir  das  Gefuhl:  wenn  wir  uns  auch  noch  so  sehr 
bemiihen,  es  kann  immer  noch  weitere  Schritte  geben,  wir  konnen 
immer  noch  weiter  dringen  durch  unsere  Gedanken.  -  Kurz,  wir 
haben  die  Empfindung,  die  Welt  liegt  da  drauBen  und  du  bemachtigst 
dich  nur  eines  kleinen  Stiickes  dieser  Welt  durch  dein  Wahrnehmen, 
durch  dein  Denken. 

Anders  ist  es  schon  mit  dem  Fiihlen.  Mit  dem  Fiihlen  ist  es  so,  daB 
man  sich  sagt:  Oh,  was  alles  ware  eigentlich  an  Moglichkeiten  des 
Fiihlens,  an  Gliicks-  und  Leidensmoglichkeiten  in  mir  selber!  Was 
konnte  ich  aus  den  Tiefen  meiner  Seele  alles  herauf  holen !  Und  wenn 
ich  es  herauf holte,  wie  viel  feiner,  wie  viel  hoher  wiirde  ich  fiihlen 
iiber  die  Dinge  der  Welt !  Wahrend  man  gegeniiber  dem  Wahrnehmen 
und  Denken  die  Empfindung  hat:  da  drauBen  ist  viel  in  der  Welt  und 
nur  einen  kleinen  Teil  kann  man  erleben  in  dem  Wahrnehmen  und 
Denken,  muB  man  dem  Fiihlen  gegeniiber  die  Empfindung  haben: 
da  unten  sind  unendliche  Tiefen;  wiirde  ich  sie  herauf bringen,  so 
wiirde  mein  Fiihlen  reicher  und  immer  reicher  werden.  Ich  kann  nur 
den  kleinsten  Teil  herauf  bekommen  und  in  mein  wirkliches  Fiihlen 
verwandeln.  Wahrend  ich  also  durch  mein  Wahrnehmen  und  Denken 
nur  einen  kleinen  Teil  der  Welt  zu  meiner  Innenwelt  machen  kann, 


kann  ich  durch  das  Fuhlen  in  die  Spharen  des  wirklichen  Erlebens 
nur  einen  Teil  dessen  wirklich  zum  Dasein  bringen,  was  als  Moglich- 
keiten  in  mir  runt. 

Und  in  viel  hoherem  MaBe  ist  das  beim  Willen  der  Fall.  Ich  will 
nur  das  eine  andeuten.  Wie  sehr  rmissen  wir  empfinden,  daB  wir 
zuriickbleiben  mit  dem,  was  wir  vollbringen,  gegeniiber  dem,  was  wir 
tun  konnten,  was  in  uns  veranlagt  ist. 

So  empfinden  wir,  daB  wir  durch  unser  Wahrnehmen  und  Denken 
nur  einen  Teil  der  AuBenwelt  hereinbringen  in  unser  Innenleben,  und 
wir  empfinden,  daB  wir  von  dem,  was  da  im  tiefen  Schacht  der  Seele 
liegt,  nur  einen  Teil  heraufholen  konnen  durch  unser  Fuhlen  und 
unser  Wollen.  Dadurch  gliedern  sich  sozusagen  in  zwei  Partien  die 
vier  Kreise  unseres  Seelenlebens :  das  Wahrnehmen  und  Denken  auf 
der  einen  Seite,  das  Fuhlen  und  Wollen  auf  der  anderen  Seite. 

Ein  noch  ganz  anderes  Licht  wird  auf  diese  vier  Kreise  unseres 
Innenlebens  geworfen,  wenn  wir  das,  was  sich  so  der  Mensch  durch 
Nachdenken  exoterisch  klarlegen  kann,  nun  esoterisch  zu  beleuchten 
versuchen. 

Sie  wissen,  meine  lieben  Freunde,  in  der  Nacht,  wenn  der  Mensch 
schlaft,  ist  in  einer  gewissen  Weise  der  Zusammenhang  zwischen 
seinem  Ich,  seinem  astralischen  Leibe  auf  der  einen  Seite  und  seinem 
physischen  Leibe,  seinem  Atherleibe  auf  der  anderen  Seite,  ein  anderer 
als  beim  Tagwachen.  Beim  Tagwachen  sind,  man  mochte  sagen,  in 
normaler  Weise  zusammengekoppelt  physischer  Leib,  Atherleib, 
astralischer  Leib  und  Ich.  Dieser  Zusammenhang  ist  beim  Schlafe 
gelockert,  so  gelockert,  daB  aus  der  Sphare  der  Sinne  und  aus  der 
Sphare  des  Denkens,  also  aus  der  ganzen  Sphare  der  BewuBtseins- 
werkzeuge,  der  astralische  Leib  und  das  Ich  heraus  sind,  und  daher 
die  Dunkelheit  der  Nacht  sich  zunachst  iiber  das  normale  BewuBtsein 
ausbreitet:  die  Bewufidosigkeit.  Wenn  nun  der  Mensch  durch  seine 
esoterischen  Ubungen  seine  Seele  so  erstarkt,  daB  er  in  der  geistig- 
seelischen  Wesenheit,  die  in  der  Nacht  bewuBtlos  auBerhalb  des 
Leibes  ist,  erkennend,  wahrnehmend,  also  geistig  erkennend  und 
wahrnehmend  wird,  wenn  er  das  Geistig-Seelische  wirklich  erlebt  als 
sein  Menschliches  auBerhalb  des  Leibes,  dann  tritt  fiir  ihn  eine  neue 


Welt  auf,  eine  geistige  Umwelt,  so  wie  fur  den  Menschen  eine  physi- 
sche  Umwelt  vorhanden  ist,  wenn  er  sich  der  Sinne  und  seines  Gehirns 
bedient,  das  ja  dem  Denken  dient.  Diese  geistige  Umwelt,  die  man 
dann  betrachten  kann,  ist  durchaus  nicht  immer  dieselbe.  Der  Mensch 
kann  sich  sozusagen  in  die  Lage  des  Geistesforschers  versetzen  zu 
verschiedenen  Zeiten,  in  verschiedener  Weise.  Und  es  wkkt  eigentlich 
immer  auf  das,  was  der  Mensch  geistig  sieht,  die  Absicht  mit  -  aber 
die  nicht  eigentlich  verstandesmaBige  Absicht,  sondern  die  in  seinem 
ganzen  Seelenleben  mehr  unbewuBt  instinktiv  liegende  Absicht — :  was 
er  eigentlich  erkennen  will.  Wenn  der  Mensch  zum  Beispiel  aus  seinem 
Leibe  herausgeht,  um  eine  Beziehung  zu  finden  zu  einem  verstorbenen 
Menschen,  dann  wirkt  diese  Absicht  auf  sein  ganzes  geistiges  BewuBt- 
seinsfeld.  Er  ubersieht  gleichsam  alles,  was  nicht  zu  dieser  Absicht 
gehort.  Er  steuert,  wenn  ihm  die  Sache  iiberhaupt  gelingt,  auf  den 
Toten  los  und  dessen  Geschick,  um  das  zu  erkennen,  was  er  an  dem 
Toten  eben  erschauen  will.  Die  iibrige  geistige  Welt  bleibt  gleichsam  - 
nun,  der  Ausdruck  ist  ungeschickt  -  unbeachtet,  bleibt  unaufgehellt, 
und  der  Mensch  erlebt  eben  dann  nur  den  Zusammenhang  mit  dem 
Toten.  So  hangt  es  von  seinen  Absichten  ab,  was  der  Mensch  gerade 
in  der  geistigen  Welt  sieht.  Daher  ist  es  begreiflich,  daB  das,  was  das 
hellsichtige  BewuBtsein  beschreibt  von  dem,  was  es  in  der  geistigen 
Welt  gesehen  hat,  in  unendlicher  Weise  verschieden  sein  kann  bei  den 
verschiedenen  hellseherischen  Individuen.  Jeder  kann  ganz  richtig 
gesehen  haben,  was  er  eben  sehen  muBte  nach  der  Tendenz,  die  in  ihm 
lag,  als  er  sich  mit  seinem  Seelisch-Geistigen  aus  dem  Physisch-Leib- 
lichen  herausgebracht  hatte. 

Ich  will  nun  heute,  und  in  diesen  Vortragen  iiberhaupt,  dasjenige 
schildern,  was  das  hellseherische  BewuBtsein  sieht,  wenn  es  sich  in  die 
geistige  Welt  begibt  mit  der  Absicht,  das  menschliche  Innenleben  zu 
erkennen,  diese  vier  Seelenkreise  des  Wahrnehmens,  des  Denkens, 
des  Fiihlens,  des  Wollens,  um  dahinterzukommen,  was  eigentlich  in 
dieser  Menschenseele  auf  und  ab  wogt  und  Gliick  und  Leid  dieser 
Menschenseele  bewirkt. 

Nehmen  wir  also  an,  ein  hellseherisches  BewuBtsein  hatte  es  dahin 
gebracht,  mit  dem  Geistig-Seelischen  wirklich  aus  dem  Physisch-Leib- 


lichen  so  herauszukommen,  wie  das  der  Mensch  sonst  nur  im  bewuBt- 
losen  Zustande  im  Schlafe  tut,  und  er  vollzieht  dieses  Herausbewegen 
mit  der  entschiedenen  Tendenz,  mit  dem  Impuls,  des  Menschen 
Innenleben  erkennenzulernen,  sich  entgegentreten  zu  fuhlen  das 
menschliche  Innenleben,  dann  wird  sich  ihm  das  ergeben,  was  ich 
zu  schildern  versuchen  werde. 

Das  nachste,  was  da  dem  hellseherischen  BewuBtsein  entgegentritt, 
ist  eigentlich  eine  vollstandige  Umkehrung  alles  Weltanschauens.  So- 
lange  wir  im  Leibe  sind,  schauen  wir  mit  den  Sinnen  um  uns  herum, 
denken  mit  unserem  Verstande.  Wir  schauen  eine  Welt  von  Bergen, 
Fliissen,  Wolken,  Sternen  und  so  weiter  um  uns  herum,  und  an  einem 
Punkte  dieser  Welt  erblicken  wir  uns  dann  selber,  man  mochte  sagen 
als  etwas  Kleinstes  gegeniiber  dieser  groBen  Welt.  Indem  das  hell- 
seherische  BewuBtsein  aufier  dem  Leibe  zu  wirken  beginnt,  kehrt  sich 
dieses  Verhaltnis  geradezu  um.  Die  Welt,  die  sich  sonst  ausbreitet  vor 
unseren  Sinnen,  iiber  die  wir  nachdenken  mit  unserem  an  das  Gehirn 
gebundenen  Verstand,  diese  Welt,  sie  entschwindet  der  Anschauung, 
der  Wahrnehmung.  Sie  gibt  auch  keine  Gedanken  her,  wenn  man 
so  sagen  will.  Aber  man  fuhlt  sich  wie  in  diese  Welt  ausgegossen, 
man  fuhlt  wirklich,  wenn  man  aus  seinem  Leibe  herausgekommen 
ist,  so,  daB  dieses  Erfiihlen  in  der  richtigen  Weise  ausgesprochen 
ist,  wenn  man  sagt:  Die  Welt,  die  du  friiher  angeschaut  hast,  in  die 
bist  du  nun  ausgegossen,  in  der  bist  du  darinnen.  Du  erfullst  bis  zu 
einer  gewissen  Grenze  den  ganzen  Raum,  und  du  webst  selber  in 
der  Zeit. 

Es  ist  das  eine  Empfindung,  an  die  man  sich  erst  gewohnen  muB. 
Es  ist  eine  Empfindung,  die  man  auch  so  ausdriicken  kann,  daB  man 
sagt:  Was  friiher  AuBenwelt  war,  ist  jetzt  Innenwelt  geworden.  Nicht 
als  ob  man  diese  friihere  AuBenwelt  jetzt  im  Inneren  triige,  aber  das 
Gefiihl,  die  Empfindung  ist  da:  Innenwelt  ist  es  geworden.  Du  lebst 
in  dem  Raum,  in  dem  friiher  deine  Sinneswahrnehmungen  ausgebreitet 
waren,  iiber  dessen  Dinge  und  Vorgange  du  dachtest,  da  lebst  du 
darinnen.  -  Und  das  kleine  Wesen,  das  gleichsam  im  Mittelpunkt  des 
Sinneshorizontes  gestanden  hat,  der  Mensch,  das  wird,  wenn  man 
in  einer  gewissen  Weise  das  hellseherische  BewuBtsein  entwickelt, 


eigentlich  jetzt  die  Welt.  Auf  die  schauen  wir  so  hin,  wie  wir  friiher 
hingeschaut  haben  auf  die  ganze  im  Raum  ausgebreitete  und  in  der 
Zeit  verlaufende  AuBenwelt.  Wir  sind  uns  gewissermaBen  Welt  ge- 
worden. 

Denken  Sie  nur,  meine  lieben  Freunde,  was  das  fur  ein  Umkehren 
des  menschlichen  Welt-Erschauens  ist,  wenn  das,  was  friiher  so  gar 
nicht  Welt  war,  wozu  man  Ich  gesagt  hat,  wenn  das  da  drauBen  eigent- 
lich jetzt  die  Welt  ist,  auf  die  alles  hintendiert.  Es  ist,  wie  wenn  man 
von  alien  Punkten  des  Raumes  nach  einem  einzigen  Mittelpunkte 
schauen  wurde  -  und  da  sieht  man  sich  selber.  Es  ist,  wie  wenn  man 
in  der  Zeit  vor-  und  riickwarts  schwimmen  wiirde  -  und  an  einem 
Punkte  in  einer  Woge  dieses  Zeitstromes  findet  man  sich  selber.  Man 
ist  sich  selbst  die  Welt  geworden. 

Das  ist  der  erste  Eindruck,  wenn  man,  ich  sage  es  ausdrucklich 
noch  einmal,  mit  dieser  Tendenz,  das  menschliche  Innenleben  kennen- 
zulernen,  das  hellseherische  Bewufitsein  entfaltet.  Dann  ist  dieses  der 
erste  Eindruck.  Merkwiirdig:  Man  geht  aus  dem  Leibe  heraus  mit 
der  Tendenz,  das  menschliche  Innenleben  kennenzulernen,  und  das 
erste,  was  einem  entgegentritt,  ist  die  menschliche  Gestalt  selber.  Aber 
wie  verandert  ist  diese  menschliche  Gestalt!  Man  kann  das  nicht  oft 
genug  sagen :  Man  muB  mit  der  Absicht,  das  menschliche  Innenleben 
kennenzulernen,  herausgehen  aus  dem  Leibe.  Dann  tritt  das  alles 
ein,  was  ich  jetzt  sagen  werde.  Es  braucht  deshalb  beim  Hellsehend- 
werden  natiirlich  nicht  immer  einzutreten. 

Diese  Menschengestalt,  wie  anders  stellt  sie  sich  dar!  Man  weiB, 
das,  worauf  man  hinschaut,  das,  was  man  da  schaut,  das  bist  du.  Ja, 
du  bist  es,  du,  der  du  dich  friiher  von  innen  erfiihlt  hast  in  deiner 
Haut,  in  deinem  Blut,  du  stehst  drauBen.  -  Aber  man  sieht  eigentlich 
von  dem,  was  da  steht,  zunachst  nur,  man  mochte  sagen,  die  auBere 
Gestalt,  jedoch  verwandelt.  Die  Augen,  das,  was  Auge  war,  leuchtet 
gewissermaBen  wie  zwei  Sonnen,  aber  innerliche,  in  Lichtglanz 
vibrierende  Sonnen,  funkelnde,  auffunkelnde  und  im  Funkeln  ab- 
damrnernde  Sonnen,  die  strahliges  Licht  verbreiten.  So  erscheinen  an 

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