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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Inneres Wesen des Menschen
und Leben
zwischen Tod und neuer Geburt
Ein Zyklus von sechs Vortragen
gehalten zu Ostern in Wien vom 9. bis 14. April 1914
Mit zwei vorangehenden offentlichen Vortragen
Wien, 6. und 8. April 1914
und einer Ansprache in Wien am 14. April 1914
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vorttagenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hans W. Zbinden
1. Auflage (Zyklus 32) Berlin 1914
2. Auflage (Zyklus 32, Zweitdruck) Berlin 1928
3. Auflage Dornach 1935
4. Auflage, erweitert um zwei Vortrage und eine Ansprache,
Gesamtausgabe Dornach 1959
5., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographic -Nr. 153
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff nach einem Motiv von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1530-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert sich
in die drei gr oBen Abteilungen: Schriften - Vortrage — Kiinstlerisches Wet k
(siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendi-
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt benicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Offentlicher Vortrag, Wien, 6. April 1914
Aufgabe und Ziel der Geisteswissenschaft und das geistige
Suchen in der Gegenwart.
Die neue Erkenntnisart der Geisteswissenschaft, vergleichbar der sei-
nerzeit neuen des Kopernikanismus. Die Methodik der Geisteswissen-
schaft, durch Steigerung von gewdhnlichen Seelenkraften zu innerer
Erkraftung zu kommen: von Aufmerksamkeit zur Imagination, von
Sprachkraft zur Inspiration, von Aufrichtekraft zur Intuition. Die
Moglichkeit aller Menschen zum Begreifen geistiger Tatsachen durch
vorurteilsfreies Aufnehmen. Spiritismus als materialistischer Aberglau-
be. Die Notwendigkeit, zur Aktivitat der Seele zuruckzufinden, urn die
Konsequenz des Materialismus zu iiberwinden, daB der Mensch, als
bloC hoher entwickeltes Tier, zwischen Gut und Bose nicht unterschei'
den konne.
Offentlicher Vortrag, Wien, 8. April 1914
Was hat die Geisteswissenschaft iiber Leben, Tod und Un-
sterblichkeit der Menschenseele zu sagen?
Innere Vorbereitung des Geistesforschers; sein «Ankommen an der
Pforte des Todes». Das Auftauchen geistiger Tatsachen und Vorgange
jenseits des Gedachtnisses in der Imagination. Die Bildung eines See-
lenkeimes, der sich erst im nachsten Leben entwickelt, im hinter dem
Gedachtnis liegenden «Ubergedachtnis». Unsterblichkeit der Seele. Das
Auftauchen des Lebenstableaus nach dem Tode. Das darauffolgende
Sich-Herausarbeiten aus dem, was als Unerfiilltes, Unerledigtes aus
dem letzten Leben zuriickgeblieben ist. Das Ubergehen zur seelischen
Schopferkraft, die der Seele die geistigen Wesen und Vorgange be-
leuchtet. Die Seligkeit. Wechsel geistiger Geselligkeit und Einsamkeit.
Die Mitternacht des geistigen Daseins. Der Blick auf die vergangenen
Erdenleben und die aktive Sehnsucht, dafiir Ausgleich in einem neuen
Leben zu schaffen. Die Bildung des geistigen Urbildes des neuen Er-
denlebens und die Hinwendung zum neuen Elternpaar. Das. Durchor-
ganisieren des neuen Leibes aus dem Geistigen in der Kindheit. Ver-
brecher als geistige Fnihgeburten. — Starkung der Intelligenzkrafte
durch friihes Sterben aufgrund eines Ungliickes, der Willenskrafte auf-
grund des Sterbens durch Krankheit. Zeitangaben fur die Erlebnisse
zwischen Tod und neuer Geburt.
INNERES WESEN DES MENSCHEN
UND LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Erster Vortrag, Wien, 9. April 1914 73
Die vier inneren Spharen des menschlichen Seelenlebens: Wahrneh-
men, Denken, Fiihlen und Wollen. Die geistigen Erfahrangen durch
ihr Erkraften im Raume auBerhalb des Leibes.
Zweiter Vortrag, 10. April 1914 91
Das Heraustreten aus dem Leibe durch das Erstarken der Erinnerungs-
kraft; Erleben des rein Zeitlichen vor der Inkarnation. Religiositat,
Versuchung, Erziehung im vorgeburtlichen Zeitstrom.
Dritter Vortrag, 11. April 1914 106
Bildung von Phantomen bei den Sinnesempfindungen. Die Schatten-
bilder des Denkens; der Gedachtnisschatz. Das Ungeborene in Gefuhl
und Wille. Lebendiges Wahrnehmen und inneres Schauen in vorchrist-
licher Zeit. Das Wirken des Christus.
Vierter Vortrag, 12. April 1914 124
Der Unterschied des Erlebens in der geistigen Welt und auf dem phy-
sischen Plan. Die Umwandlung der Weisheit in Lebenskrafte; die
schopferische Kraft des fuhlenden Wollens; das Gefragtwerden von
den Dingen. Vorbereitung im Irdischen auf die Impulsierung des Le-
bens im Geistigen.
Funfter Vortrag, 13. April 1914 144
Vorgange zwischen Tod und Weltenmitternacht. Der imaginative Blick
auf die verlassenen Hullen. Entfaltung des Bewufitseins in der geistigen
Welt: Herauslosen der im Irdischen gebundenen Seelenkrafte Erinne-
rung, Fiihlen und Wollen, schopferisches Seelenlicht. Geselligkeit und
Vereinsamung im Geistigen. Die Weltenmitternacht. Das Sich-neu-
Ergreifen im Weltensein.
Sechster Vortrag, 14. April 1914 163
Das Erleben der Seele von der Weltenmitternacht an: die uberzeitliche
Wirkung der Vergangenheit als geistige AuBenwelt. Verwandlung von
vergangenen Ereignissen und Taten in Fabigkeiten. Karzinom-Bildung
im sozialen Leben. Gesichtspunkte bei der Schaffung eines geistig-
atherischen Urbildes fiir das nachste Erdenleben. Der geistige Krafte-
iiberschuC durch das Wirken des Christus-Impulses.
Ansprache, 14. April 1914 . .
Uber den Johannesbau in Dornach
181
Progr amm der Wiener Vortrags-Veranstaltungen 1 84
Hinweise
Tax dieser Ausgabe 186
Hinweise zum Text 187
Namenregister 191
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 193
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 195
OFFENTLICHER VORTRAG
Wien, 6. April 1914
A.ujgabe und Ziel der Geisteswissenschaft
und das geistige Suchen in der Gegenwart
Wer derjenigen Form geisteswissenschaftlicher Weltanschauung, von
der ich mir gestatten werde heute und ubermorgen zu sprechen, einen
gewissen Wert beimessen will, wird sich schon einmal bekannt machen
miissen mit dem eigentumlichen, in der Menschheitsentwickelung ge-
legenen Widerspruch, daB eine geistige Stromung, ein geistiger Impuls
von einem gewissen hoheren Gesichtspunkt aus im eminentesten Sinn
zeitgemaB sein kann und daB dieses also ZeitgemaBe dennoch zunachst
von der Zeitgenossenschaft scharf zuriickgewiesen wird, zuriickgewie-
sen in einer, man mochte sagen, durchaus begreif lichen Weise.
ZeitgemaB war der Impuls zu einer neuen Anschauung vom Welten-
all des Raumes, den Kopernikus in der Morgenrote der neuen Zeit ge-
geben hat, zeitgemaB zweifellos von dem Gesichtspunkt aus, daB die
Entwickelung der Menschheit gerade zu der Zeit des Kopernikus not-
wendig machte, daB dieser Impuls kam. UnzeitgemaB erwies sich die-
ser Impuls durchaus noch fur lange Zeiten, insofern als gegen ihn
Front gemacht wurde von all denen, die an den alten Denkgewohn-
heiten, an jahrhundert- und jahrtausendalten Vorurteilen festhalten
wollten. ZeitgemaB in einem solchen Sinne erscheint den Bekennern
der hier gemeinten Geisteswissenschaft diese geisteswissenschaftliche
Weltanschauung, und unzeitgemaB ist sie von dem Gesichtspunkt aus,
von dem sie noch von vielen unserer Zeitgenossen beurteilt werden
muB. Dennoch glaube ich, im Laufe des heutigen und ubermorgigen
Vortrages zeigen zu konnen, daB in unterbewuBten Seelentiefen der
gegenwartigen Menschheit etwas wie eine Sehnsucht nach dieser gei-
steswissenschaftlichen Weltanschauung besteht und etwas wie eine
HofFnung nach ihr lebt.
So wie sie sich zunachst darstellt, diese Geisteswissenschaft, will sie
sein eine echte Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Geistesarbeit,
wie sie in den letzten Jahrhunderten geleistet worden ist. Und ganz
unrichtig ware es, wenn man glauben wollte, dafi diese Geisteswissen-
schaft irgendwie von sich selbst aus eine Gegnerschaft entfaltete gegen
die groBen Triumphe, gegen die unermeBlichen Errungenschaften und
die weitblickenden Wahrheiten, welche das natarwissenschaftliche
Denken der letzten Jahrhunderte gebracht hat. Im Gegenteil, das-
jenige, was Naturwissenschaft war und ist fur die Erkenntnis der
auBeren Welt, das will diese Geisteswissenschaft sein fur die Erkennt-
nis der geistigen Welt. So konnte sie geradezu ein Kind der natur-
wissenschaftlichen Denkweise genannt werden, obwohl dies noch in
weitesten Kreisen heute bezweifelt werden wird.
Um eine Vorstellung, nicht einen Beweis, sondern zunachst eine
Vorstellung, die Verstandigung hervorrufen soil, anzufiihren, sei iiber
das Verhaltnis der hier gemeinten Geisteswissenschaft zur naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung das Folgende gesagt : Blicken wir auf die
groBe, gewaltige Entwickelung naturwissenschaftlicher Erkenntnis in
den letzten drei bis vier Jahrhunderten, so sagen wir uns, daB sie auf
der einen Seite unermeBliche Wahrheiten iiber den weiten Horizont
menschlicher Erkenntnis gebracht hat, daB auf der anderen Seite dieses
Denken eingeflossen ist in das praktische Leben. Uberall sehen wir
uns entgegenleuchten auf dem Gebiete des Technischen, Kommer-
ziellen, das, was uns die in die Lebenspraxis hineingeflossenen Gesetze
und Erkenntnisse der Naturwissenschaft gebracht haben. Will man
sich nun eine Vorstellung davon machen, wie zu diesen Fortschritten
die hier gemeinte Geisteswissenschaft steht, so kann man zunachst
einen Vergleich geben. Man kann hinblicken auf den Bauern, der sein
Feld bestellt, der einerntet die Friichte des Feldes. Der groBte Teil
dieser Friichte des Feldes wird hereingenommen in das menschliche
Leben, zur Nahrung der Menschen verwendet; ein kleiner Teil nur
bleibt iibrig. Er wird verwendet zur neuen Fruchtaussaat. Nur von
diesem letzteren Teile kann man sagen, daB er folgen darf den Trieb-
kraften, den inneren Lebe- und Bildekraften, die im aufsprossenden
Korn, in der aufsprossenden Frucht selber liegen. Das, was in die
Scheunen gefiihrt wird, wird zumeist abgebracht von seinem in den
eigenen Bildungsgesetzen liegenden Fortschritt, wird gleichsam in
eine Seitenstromung gefiihrt, zur menschlichen Nahrung verwendet,
setzt nicht fort in unmittelbarer Weise das, was in den Keimen liegt,
was die eigenen Triebkrafte sind.
So erscheint der Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ungefahr
das, was die Naturwissenschaft an Erkenntnissen gebracht hat in den
letzten Jahrhunderten. Der weitaus groBte Teil ist mit Recht dazu ver-
wendet worden, Einsicht zu gewinnen in die auBeren, sinnlich-raum-
lichen Tatsachen, ist dazu verwendet worden, in den menschlichen
Nutzen einzugehen. Aber zuriickbleiben kann gerade von den Ideen,
welche die Betrachtung der Natur in den letzten Jahrhunderten ge-
liefert hat, in der menschlichen Seele etwas, das nun nicht verwendet
wird, um das oder jenes zu begreifen in der sinnlichen AuBenwelt, was
nicht verwendet wird, Maschinen zu bauen oder Industrien zu pfle-
gen sondern das lebendig gemacht wird, so daB es erhalten wird in
seiner eigenen Richtung wie das Korn, das wieder zur Aussaat ver-
wendet wird und seinen Bildungsgesetzen folgen darf. Gerade wenn
sich der Mensch also durchdringt mit dem, was uns an herrlichen Er-
kenntnisfriichten Naturwissenschaft gezeitigt hat, wenn er dieses leben
laBt in seiner Seele, wenn er ein Gefuhl hat dafur zu fragen: Wie laBt
sich das seelische Leben durchleuchten und erkennen an den BegrifTen
und an den Ideen, welche die Naturwissenschaft geliefert hat, wie laBt
sich mit diesen Ideen leben, wie laBt sich von ihnen aus begreifen, wo
die Haupttriebkrafte des menschlichen Seelenlebens liegen? - wenn
die menschliche Seele ein Gefuhl dafiir hat, mit dem errungenen
Geistesschatz diese Fragen aufzuwerfen - aufzuwerfen nicht in der
Theorie, sondern mit der ganzen Fulle des seelischen Lebens -, dann
erscheint das, was erst in unserer Zeit, da eine Weile die Naturwissen-
schaft sozusagen auf ihrem eigenen Boden gepflegt worden ist, in die
menschliche Kultur iibergehen kann.
Und auch in anderer Beziehung ist diese Geisteswissenschaft viel-
fach ein Kind der naturwissenschaftlichen Denkweise zu nennen, nur
muB der Geist in einer anderen Weise erforscht werden als die Natur.
Gerade wenn man auf ebenso sicherer, methodischer, wissenschaft-
licher Basis dem Geiste gegeniiberstehen will, wie die Naturwissen-
schaft der Natur gegeniiber, so muB man das naturwissenschaftliche
Denken umformen und es so pragen, daB es ein taugliches Werkzeug
fur die Erkenntnis des Geistes wird. Wie das werden kann, davon soli
in diesen Vortragen einiges mitgeteilt werden. Gerade wenn man so
recht fest steht auf dem Boden der Naturwissenschaft, dann sieht man
ein, daB mit den Mitteln, mit denen sie arbeitet, eine geistige Erkennt-
nis sich nicht gewinnen laBt. Immer wieder und wiederum ist von er-
leuchteten Geistern davon gesprochen worden, daB, von dem sicheren
Boden der Naturwissenschaft ausgehend, der Mensch einsehen muB,
daB seine Erkenntniskraft begrenzt sei. Naturwissenschaft und Kantia-
nismus - um nur diese zu nennen - haben dazu beigetragen, den Glau-
ben heraufzubringen, daB die Erkenntniskrafte des menschlichen Gei-
stes begrenzt seien, daB der Mensch nicht eindringen konne durch
sein Wissen in die Gebiete, wo der Quell Uegt, mit dem sich die Seele
verbunden fiahlen muB ; wo der Mensch einsieht, daB nicht nur herein-
wirken die Krafte, die mit Naturwissenschaft iiberschaut werden kon-
nen, sondern andere Krafte. Da gibt Geisteswissenschaft der Natur-
wissenschaft vollig recht. Gerade fur die Erkenntnisfahigkeiten, die
die Naturwissenschaft groB gemacht haben, auf denen die Natur-
wissenschaft auch stehenbleiben muB als solche, fur sie gibt es keine
Moglichkeit, einzudringen in das geistige Gebiet.
Aber in der menschlichen Seele schlummern andere Erkenntnis-
fahigkeiten, Erkenntnisfahigkeiten, die im Alltag und im Getriebe
der gewohnlichen Wissenschaft nicht verwendet werden konnen, die
aber hervorgeholt werden konnen aus dieser menschlichen Seele und
die, wenn sie hervorgeholt werden, wenn sie gleichsam aus den unter-
grundlichen Tiefen der Menschenseele herausgeholt werden, dann aus
dem Menschen etwas anderes machen : die ihn durchkraften mit einer
neuen Erkenntnisart, mit einer solchen Erkenntnisart, die eindringen
kann in Gebiete, welche der bloBen Naturwissenschaft verschlossen
sind. Es ist - ich lege auf den Ausdruck keinen besonderen Wert, aber
er verdeutlicht die Sache - eine Art geistiger Chemie, durch die man
in die geistigen Gebiete desDaseins eindringen kann, aber eine Chemie,
die allerdings nur in bezug auf sichere Logik und methodisches Den-
ken Ahnlichkeit hat mit der auBeren Chemie: es ist die Chemie des
menschlichen Seelenlebens selber. - Und von diesem Gesichtspunkte
aus, um uns zu verstandigen, sei wiederum von mir vergleichsweise
das Folgende gesagt: Wenn wir Wasser vor uns haben, so hat dieses
Wasser gewisse Eigenschaften. Der Chemiker kommt und zeigt, daB
in diesem Wasser Wasserstoff und Sauerstoff darinnen sind. Nehmen
wir den Wasserstoff : er brennt, er ist gasformig, er ist ganz anders als
das Wasser. Wiirde jemand jemals, wenn er nichts von Chemie wiiBte,
dem Wasser ansehen konnen, daB in ihm Wasserstoff ist? Wasser ist
fhissig, brennt nicht, loscht sogar das Feuer. Wasserstoff brennt, ist ein
Gas, kurz: Wiirde jemand dem Wasser ansehen konnen, daB in ihm
Wasserstoff enthalten ist? - Dennoch kommt der Chemiker und trennt
ab von dem Wasser den Wasserstoff. Mit dem Wasser laBt sich ver-
gleichen der Mensch, wie er im Alltag vor uns stent, wie er vor der
gewohnlichen Wissenschaft steht. In ihm sind vereinigt Physisch-
Leibliches und Geistig-Seelisches. Die auBere Wissenschaft und die
Weltanschauung, die sich auf ihr auf baut, sie haben vollig recht, wenn
sie sagen: Ja, diesem Menschen, der uns da gegeniibersteht, kann man
nicht ansehen, daB in ihm ein Geistig-Seelisches ist; und begreiflich
ist es, wenn eine Weltanschauung dieses Seelisch-Geistige vollig ab-
leugnet. Aber das ist gerade so, wie wenn man die Natur des Wasser-
stoffes ableugnen wiirde.
Allerdings die Notwendigkeit fiir einen Beweis liegt vor, daB das
Geistig-Seelische wirklich abgetrennt von der menschlichen Wesen-
heit, abgesondert von dem Physisch-Leiblichen in seelisch-geistiger
Chemie dargestellt werden konne. Dieses kann sein. DaB es eine solche
geistig-seelische Chemie gibt, das ist es, was Geisteswissenschaft heute
der Menschheit zu sagen hat, so wie der Kopernikanismus der dadurch
iiberraschten Menschheit zu sagen hatte, daB die Erde nicht still steht,
sondern in rasendem Tempo um die Sonne sich bewegt, die Sonne
aber still steht. Und wie noch bis in das 19. Jahrhundert herein Koper-
nikanische Schriften auf dem Index standen, so werden in gewisser
Beziehung lange die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft auf dem
Index anderer Weltanschauungen stehen, jener Weltanschauungen, die
sich nicht losmachen konnen von dem, was jahrhundertealte Vor-
urteile sind, was Denkgewohnheiten sind. Und daB diese Geistes-
wissenschaft dennoch bis zu einem gewissen Grad jetzt schon Herzen
und Seelen ergreifen kann, daB sie nicht gerade auBerhalb des Suchens
unserer Zeit liegt, dafur haben wir ja einen kleinen Beweis, dessen ich
mich nicht riihmen will, der aber erwahnt werden darf als ein Zeugnis
fur das, ich mochte sagen, in den Seelen verborgene ZeitgemaBe der
Geisteswissenschaft. Sind wir ja in der Lage, bereits in unserer Zeit
dieser Geisteswissenschaft eine freie Hochschule auf freiem schweize-
rischem Boden zu bauen; und konnen wir doch erblicken durch das
Verstandnis der Freunde dieser Geistesstromung das Wahrzeichen
derselben in dem auch dem Baustil nach neuen, doppelkuppeligen
Rundbau, welcher von Dornachs Hohen, bei Basel, als ein erstes auBe-
res Denkmal sich erheben soil fur das, was diese Geisteswissenschaft
der modernen Kultur einzuverleiben hat. DaB dieser Bau schon im
Aufrichten ist, daB sich die Formen seiner Kuppeln schon uber den
Rundbau erheben, das lafit uns heute mit noch viel mehr HofHiung
und innerer Befriedigung von Geisteswissenschaft sprechen, trotz all
der Gegnerschaft, trotz all des Unverstandnisses, das ihr begegnet und
begegnen muB heute noch in weiten Kreisen.
Das, was ich als geistige Chemie bezeichnet habe, ist allerdings
nichts, was erreicht werden kann durch auBere Methoden, die man
mit den Augen ansehen kann, die durch auBere Verrichtungen herbei-
gefuhrt werden. Das, was geistige Chemie genannt werden kann, voll-
zieht sich lediglich an der menschlichen Seele selber, und Verrich-
tungen sind es intimer seelisch-geistiger Art, Verrichtungen, welche
die Seele nicht so lassen, wie sie im alltaglichen Leben ist, sondern
welche wirken auf diese Seele so, daB sie sich umartet, daB sie zu einem
ganz anderen Erkenntniswerkzeug wird, als sie gewohnlich ist. Und
nicht sind es irgendwelche, man mochte sagen, wunderbare Verrich-
tungen, irgendwelche vom Aberglauben hergenommenen Verrich-
tungen, die also in geis tiger Chemie angewendet werden, sondern es
sind durchaus innere, geistig-seelische Verrichtungen, welche sich auf-
bauen auf dem, was auch im alltaglichen Leben vorhanden ist : Krafte
der Seele, die immer da sind, die wir im alltaglichen Leben brauchen,
die aber in diesem alltaglichen Leben, ich mochte sagen, nur nebenher
verwendet werden, die aber unermeBlich gesteigert werden mussen,
ins Unbegrenzte sich erkraften mussen, wenn der Mensch wirklich
zum geistigen Erkenner werden soil.
Die eine Kraft, die in unserem ganzen seelischen Leben sich be-
tatigt mehr nebenher, aber unermeBlich gesteigert werden muB, wir
konnen sie nennen: die Aufmerksamkeit. Was ist Aufmerksamkeit?
Nun, wir lassen das Leben, das an der Seele voriiberflutet, nicht so,
wie es sich selbst gestaltet, voriiberfluten; wir raffen uns im Inneren
auf, um den geistigen Blick auf dieses oder jenes hinzurichten. Ein-
zelne Dinge greifen wir heraus, stellen sie in das Blickfeld unseres
BewuBtseins, konzentrieren die Seelenkrafte auf diese Einzelheiten.
Und wir diirfen sagen: Nur dadurch ist unser seelisches Leben, das
Aktivitat braucht, auch im Alltag moglich, daB wir entwickeln konnen
ein solches Interesse, das heraushebt einzelne Ereignisse und Tat-
sachen und Wesenheiten aus dem voriiberflutenden Strom des Da-
seins. Diese Aufmerksamkeit, sie ist im gewohnlichen Leben durchaus
notwendig. Man wird immer mehr und mehr einsehen, gerade wenn
auch Geisteswissenschaft ein wenig in die Seelen eindringt, daB im
Grunde genommen das, was die Menschen die Gedachtnisfrage nen-
nen, nur eine Aufmerksamkeitsfrage ist, und das wird wichtige Ge-
sichtspunkte werfen selbst auf alle Erziehungsfragen. Man kann ge-
radezu sagen, je mehr man sich bemiiht, schon beim heranwachsenden
und auch beim spateren Menschen die Seele immer wieder und wieder-
um in die Tatigkeit der Aufmerksamkeit zu versetzen, desto mehr wird
das Gedachtnis verstarkt. Nicht allein, daB es besser wirkt fur die
Dinge, auf die wir aufmerksam gewesen sind, sondern je ofter wir
diese Aufmerksamkeitstatigkeit ausiiben konnen, desto mehr wachst
unser Gedachtnis heran, desto intensiver gestaltet es sich. Und ein
anderes noch: Wer hatte heute nicht gehort von jener traurigen Seelen-
erscheinung, die man die Diskontinuitat des BewuBtseins nennen
konnte. Es gibt heute Menschen, die kein voiles Zuriickschauen haben
auf ihr seitheriges Leben, wo sie hinterher nicht wissen : Du warst mit
deinem Ich in diesem oder jenem Erlebnisse; die nicht wissen, was sie
durchgemacht haben. Vorkommen kann es, daB solche Menschen ihr
Heim verlassen, weil sie die Folgerichtigkeit in ihrem seelischen Er-
leben verloren haben; daB sie ihr Heim verlassen ohne Sinn und Ver-
stand, daB sie wie mit Verlust ihres eigenen Ichs durch die Welt gehen,
so daB sie erst nach Jahren wieder finden ihr Ich und ankniipfen kon-
nen an das, was da ihr Ich erlebt hat. Niemals wiirden solche Erschei-
nungen zu jener Tragik fuhren konnen, zu der sie oftmals fuhren,
wenn man wiiBte, daB auch diese Integritat, dieses In-sich-voll-bewuBt-
Halten des BewuBtseins abhangt von einer regelrechten Entwickelung
der Aufmerksamkeitsbetatigung.
So ist Aufmerksamkeitsbetatigung etwas, was wir im gewohnlichen
Leben durchaus brauchen. Der Geistesforscher muB ankniipfen an sie,
muB sie entwickeln zu besonderer innerer Seelenerkraftung, muB sie
vertiefen zu dem, was man nennen konnte Meditation, Konzentration.
Das sind die technischen Ausdriicke fur die Sache. So wie wir im ge-
wohnlichen Leben, veranlaBt durch das Leben selber, dem oder jenem
Gegenstand die Aufmerksamkeit zuwenden, so wendet der Geistes-
forscher aus innerer Seelenmethodik heraus alle Seelenkrafte auf eine
Vorstellung, ein Bild, eine Empfindung, einen Willensimpuls, eine
Gemutsstimmung, die er iiberschauen kann, die ganz klar vor seiner
Seele ist, und auf die er alle Seelenkrafte konzentriert; aber so konzen-
triert, daB er, wie nur sonst im tiefen Schlaf, alle Sinnentatigkeit unter-
druckt hat, die sich auf AuBeres richtet, daB er alles Denken und
Trachten, alle Sorgen und AfFekte des Lebens so zum Stillstand ge-
bracht hat, wie sonst nur im tiefen Schlaf. In bezug auf das gewohn-
liche Leben wird in der Tat der Mensch so, wie sonst im tiefen Schlaf;
nur daB er sein BewuBtsein nicht verliert, daB er es vollig wach erhalt.
Aber alle Krafte der Seele, die sonst zerstreut sind auf das auBere Er-
leben, auf die Sorgen und Bekiimmernisse des Daseins, die sind kon-
zentriert auf die eine, durch Willkiir in den Mittelpunkt des mensch-
lichen Seelenlebens gestellte Vorstellung, Empfindung oder sonstiges.
Dadurch drangen sich die Seelenkrafte zusammen und das, was sonst
nur schlummert, nur wie zwischen den Zeilen des Lebens fur dieses
Leben mitwirkt, das kraftet sich heraus, pragt sich heraus aus der
menschlichen Seele; und es tritt tatsachlich ein, daB durch diese innere
Erkraftung der menschlichen Seele in der konzentrierten Tatigkeit, in
der ins UnermeBliche gesteigerten Aufmerksamkeit, diese Seele sich
so in sich erleben lernt, daB sie fahig wird, sich bewuBt herauszureiBen
aus dem physisch-sinnlichen Leib, wie der Wasserstoff durch die che-
mische Methode herausgelost wird aus dem Wasser.
Allerdings, es ist eine innere seelische Erarbeitung, die durch Jahre
geht, wenn der Geistesforscher seine Seek dutch solche Aufmerksam-
keits-, durch solche Konzentrationsbetatigung dazu befahigen will,
sich herauszureiBen aus dem physischen Leib. Dann aber kommt die
Zeit, wo der Geistesforscher einen Sinn zu verbinden weiB mit dem
Worte, oh, mit dem der heutigen Welt so paradox klingenden Worte,
mit dem dieser Welt so phantastisch erscheinenden Worte : Ich erlebe
mich als geistig seelisches Wesen auBerhalb meines Leibes und ich
weiB, daB dieser Leib auBerhalb meiner Seele sich befindet - nun, wie
der Tisch sich auBerhalb meines Leibes befindet. Ich weiB, daB die
Seele, innerlich erkraftet, sich so erleben kann, auch wenn sie den Leib
wie ein fremdes Objekt vor sich hat, diesen Leib mit all seinen Schick-
salen, die er im gewohnlichen auBeren Leben durchlauft. Der Mensch
wird sich in dem, was er sonst ist, vollstandig auBere Wesenheit, und
er erlebt sich als geistig-seelisches Wesen in Absonderung von seinem
Leib, und dieses geistig seelische Wesen zeigt dann ganz andere Eigen-
schaften, als es zeigt, wenn es mit dem physisch-sinnlichen Leibe ver-
bunden ist und sich des an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient.
Zunachst lost sich die Denkkraft los von dem physischen Erleben. -
Da ich nicht in Abstraktionen sprechen will, sondern von wirklichen
Tatsachen berichten mochte, so stoBen Sie sich nicht daran, daB ich
ungeschminkt, vorurteilsfrei schildern mochte das, was heute noch so
paradox klingt. — Wenn der Geistesforscher anfangt einen Sinn zu ver-
binden mit dem Wort: Du lebst jetzt in deiner Seele, du weiBt, daB
deine Seele ein wirklich geistiges Wesen ist, in dem du dich erlebst,
wenn du auBerhalb deiner Sinne und des Gehirns bist, dann erfuhlt er
sich zunachst mit seinem Denken wie auBerhalb seines Gehirns, seinen
Kopf umwebend und umlebend. Ja, er weiB, da man, solange man im
physischen Leib zwischen der Geburt und dem Tode steht, immer
wieder und wieder in den Leib zuriickkehren muB -, es weiB der
Geistesforscher genau den Moment zu beobachten, wo er, nachdem
er mit dem rein Geistig-Seelischen gelebt hat, wiederum zuruckkehrt
mit seinem Denken in sein Gehirn. Er erlebt es, wie dieses Gehirn
einen Widerstand bietet, fiihlt, wie er gleichsam mit den Wellen des
friiheren, rein geistigen Lebens untertaucht und dann hineinschliipft
in sein physisches Gehirn, das jetzt in seiner eigenen Betatigung
wiederum dem folgt, was das Geistig-Seelische vollbringt. Dieses Er-
leben auBerhalb des Leibes und dieses wiederum Untertauchen in den
Leib, es gehort zu den erschutterndsten Erlebnissen des Geistes-
forschers.
Aber dieses rein in sich selber sich erlebende Denken, das auBerhalb
des Gehirns verlauft, stellt sich anders dar, als das gewohnliche Den-
ken. Die gewohnlichen Gedanken sind schattenhaft gegen die Ge-
danken, die nunmehr wie eine neue Welt dastehen vor dem Geistes-
forscher, wenn er auBerhalb seines Leibes ist. Es durchdringen sich
die Gedanken rnit innerer Bildhaftigkeit. Deshalb nennen wir das, was
sich da hinstellt vor das geistige Auge: Imaginationen - aber nicht
deshalb, weil wir glauben, daB diese nur etwas Phantastisches, Er-
dachtes enthalten, sondern weil das, was da wahrgenommen wird, tat-
sachlich bildhaft erlebt wird, imaginiert wird; aber diese Imagination
ist ein Untertauchen in die Dinge selbst, man erlebt die Dinge und
Vorgange der geistigen Welt, und die Dinge und Vorgange der gei-
stigen Welt stellen sich in Imaginationen vor die Seele hin. - So kann
das Denken abgesondert werden von dem physisch-leiblichen Leben,
und der Geistesforscher kann sich wissen in einer Welt geistiger Vor-
gange und Wesenheiten.
Aber auch andereKrafte des Menschen konnen abgelost werden von
dem rein Leiblich-Physischen. Wenn das Denken abgelost wird, dann
erlebt der Geistesforscher zunachst nach all dem, was jetzt geschildert
worden ist, sich selber in seiner rein geistig-seelischen Wesenheit; aber
es ist das, was er da mit den Dingen und Vorgangen in der geistigen
Welt erlebt, eine ganz andere Art und Weise des Wahrnehmens als das
gewohnliche Wahrnehmen. Wenn man gewohnlich die Dinge wahr-
nimmt, sind sie dort, und man selber ist bier; sie stehen einem gegen-
iiber. So ist es nicht von dem Augenblick an, wo man im geistig-
seelischen Erleben eine geistige Welt um sich hat, die wirklich mit der-
selben Notwendigkeit aufsteigt, wie um den Blindgeborenen herum
Farben und Licht sich erheben, wenn er operiert worden ist. Nein, so
wie die auBere Welt erlebt man die geistige Welt nicht. Dieses Erleben
ist ein solches, daB man die Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt
nicht bloB vor sich hat, sondern daB man mit seinem ganzen Wesen
untertaucht in sie. Dann weiB man : Du nimmst die Dinge und Wesen-
heiten wahr, indem du mit deinem Wesen in sie ausgeflossen bist und
das, was in ihnen ist, so wahrnimmst, daB sie sich in den Bildernnach-
bilden, die du schaust. Man fiihlt, daB alle Wahrnehmung eine Nach-
bildung ist. Man fiihlt sich in fortwahrender Tatigkeit. Deshalb konnte
man nennen dieses Aufleben der imaginativen Gedankenwelt eine
geistige Mimik, ein geistiges Mienenspiel. Man reiBt sich aus dem
Leiblichen mit seinem Seelisch-Geistigen heraus ; aber dieses Seelisch-
Geistige ist in fortwahrender Tatigkeit und taucht unter in die Vor-
gange der geistigen Welt und ahmt nach, was in ihnen als ihre eigenen
Krafte lebt; und man fiihlt sich so mit den Wesen verbunden, daB man
vergleichen kann dieses Untertauchen damit, wie wenn jemand einem
Menschen gegeniiberstunde, erraten konnte, was in diesem lebt, und
ein solches inneres Miterleben hatte, daB er in seinem eigenen Mienen-
spiel den Ausdruck der Trauer zeigen miiBte, wenn der andere traurig
ware, und in seinem eigenen Mienenspiel den Ausdruck der Freude
zeigen miiBte, wenn der andere freudig ware. So erlebt man geistig-
seelisch mit, was andere erleben; man wird selber der Ausdruck da-
von. In der geistigen Miene driickt man selbst das Wesen der Dinge
aus. Ein aktives Wahrnehmen ist es, zu dem man getrieben wird. Man
darf sagen : Geistesforschung stellt ganz andere Anforderungen an die
menschliche Seele als auBere Forschung, die die Dinge passiv hin-
nimmt, die Anforderungen, daB die Seele in innerer Regsamkeit ist
und untertauchen kann in die Dinge und Wesenheiten und zum Selbst-
ausdruck desjenigen wird, was die Dinge ihr darbieten.
So wie nun die Denkkraft als Geistig-Seelisches eben in geistiger
Chemie herausgesondert werden kann aus dem Physisch-Leiblichen,
so kann auch eine andere Kraft, die der Mensch sonst nur im Leibe
verwendet, die sich sozusagen hineingieBt in den Leib, aus diesem
Leib herausgesondert werden. So sonderbar das klingt: Diese andere
Kraft ist die Sprachkraft, die Kraft, die wir sonst im gewohnlichen
Leben im Sprechen anwenden.
Wie ist es denn, wenn wir sprechen? Unsere Gedanken leben in uns,
unsere Gedanken lassen mitvibrieren unser Gehirn; dieses hat seine
Verbindung mit dem Sprachapparat, Muskeln werden in Bewegung
gesetzt; was wir innerlich erleben, flieBt aus in die Worte und lebt in
den Worten. Konnen wir nicht sagen — und gerade von dem Gesichts-
punkt der Geisteswissenschaft aus miissen wir das sagen—: In dem Spre-
chen ergieBen wir, was in unserer Seele ist, in leiblich-physische Organe
hinaus. - Dadurch, daB der Mensch die Aufmerksamkeit also steigert,
wie es geschildert worden ist, und noch etwas anderes hinzufiigt -
wiederum eine solche Betatigung, die gewohnlich schon vorhanden
ist und auch ins Unbegrenzte gesteigert werden muB -, entsteht die
Loslosung der Sprachkraft von dem physisch-sinnlichen Leibe. Diese
Kraft ist die Hingabe.
Wir kennen sie in den Momenten, wo wir religios fiihlen, wo wir in
Liebe diesem oder jenem Wesen hingegeben sind, wo wir in strenger
Forschung den Dingen und ihren Gesetzen folgen konnen, wo wir
uns selbst vergessen konnen mit all unseren Empfindungen und Ge-
danken. Wir kennen sie, diese Hingabe. Sie verflieBt eigentlich nur
zwischen den Zeilen des gewohnlichen Lebens. Der Geistesforscher
muB diese Kraft ins Unendliche steigern; unbegrenzt muB er sie er-
kraften. Er muB in der Tat dem Strom des Daseins so hingegeben sein
konnen, wie er sonst nur hingegeben ist diesem Strom des Daseins -
ohne selbst etwas dazu zu tun zu dem, was er erlebt - im tiefen Schlaf,
wenn alle Regsamkeit seiner Glieder ruht, wenn alle Sinne schweigen,
wenn der Mensch nur ganz hingegeben ist und nichts tut; aber dann
ist er im Schlaf in die BewuBtlosigkeit verfallen. Wenn sich aber der
Mensch durch innere Willkiir dazu aufraffen kann, immer wieder und
wiederum es als Ubung seiner Seele zu machen, daB er alle Sinnes-
tatigkeit unterdriickt, daB er alle Regsamkeit der Glieder unterdriickt,
daB er sein physisch-sinnliches Leben versetzt in einen Zustand, wie
es sonst nur im tiefen Schlafe ist, dabei aber wach bleibt, vollstandig
sein inneres Bewufitsein licht erhalt und das Gefiihl, die Empfindung
entwickelt, eingegossen zu sein dem Strom des Daseins, nichts zu
wollen als das, was die Welt mit einem will: wenn er dieses Gefiihl
immer wieder und wiederum hervorruft, wenn er es aber hervorruft
abgesondert von der Aufmerksamkeit, dann erkraftet sich die Seele
gerade immer mehr und mehr.
Nur miissen die beiden Obungen - die mit der Aufmerksamkeit und
die mit der Hingabe - abgetrennt voneinander gemacht werden; denn
sie widersprechen einander. Hat die Aufmerksamkeit erfordert hochste
Anspannung, Konzentration nach einem Objekte hin — die vertiefte
Meditation -, so erfordert Hingabe, passive Hingabe an den Strom des
Daseins, unermeBliche Steigerung desjenigen Gefuhls, das wir finden
im religiosen Erleben oder in sonstiger Hingabe an ein geliebtes We-
sen. Die Friichte, die der Mensch aus soldi unermeBlicher Steigerung
der Hingabe und der Aufmerksamkeit schopft, sind eben, daB er sein
geistig-seelisches Leben heraussondert aus dem Physisch-Leiblichen.
Und so kann die Kraft, die sonst in das Wort sich ausgieBt, die da-
durch sich betatigt, daB sie nicht in sich stehen bleibt, sondern die
Nerven in Bewegung versetzt, diese Kraft kann abgetrennt werden
von der auBeren Sprachbetatigung, kann im Seelisch-Geistigen in sich
selber bleiben. Da wird die Sprachkraft - so konnen wir sie nennen -
aus ihrem Sinnlich-Physischen herausgerissen, und der Mensch erlebt
dasjenige, was man mit einem Goetheschen Wort das geistige Gehor,
das geistige Horen nennen kann.
Wiederum ist es so, daB der Mensch sich erlebt aufierhalb seines
Leibes, aber jetzt so, daB er untertaucht in die Dinge und das innere
Wesen der Dinge wahrnirnmt; aber auch so wahrnimmt, daB er es in
sich selber nachbildet, wie mit einer inneren Gebarde, nicht bloB wie
mit einer Miene, sondern mit innerer Gebarde, wie mit einer inneren
Geste. Das aus dem Leib herausgerissene Seelisch-Geistige betatigt
sich so, wie wenn wir versucht sind, durch eine besondere Anlage in
bezug auf unser Nachahmungstalent, das durch unsere Geste auszu-
driicken, was uns beschaftigt. Was da nur durch besondere Anlagen
gemacht wird, das macht die aus dem Leib herausgerissene Seele, um
wahrzunehmen. Sie taucht unter in die Dinge, und was fur Krafte da
drinnen spielen, das bildet sie aktiv nach. All dieses Wahrnehmen in
der geistigen Welt ist ein Sich-Betatigen, und indem man die Tatigkeit
wahrnimmt, in die man sich versetzen muB, weil man nachbildet das
innere Weben und Wesen der Dinge, nimmt man diese Dinge wahr.
In der auBeren sinnlichen Welt ist das Horen passiv, wir horen zu. -
Sprechen und Horen flieBen wie zusammen im geistigen Horen. Wir
tauchen unter in das Wesen der Dinge ; wir horen ihr inneres Weben.
Was Pythagoras die Spharenmusik genannt hat, ist etwas, was der
Geistesforscher wirklich erreichen kann. Er taucht unter in die Dinge
und Wesen der geistigen Welt und hort, aber hort, indem er aus-
spricht. Ein sprechendes Horen, ein horendes Sprechen im Unter-
tauchen in das Wesen der Dinge ist das, was man erlebt. Die wahre
Inspiration ist es, die sich also ergibt.
Und eine dritte innere Betatigung, eine dritte Art inneren Erlebens
kann iiber den Geistesforscher kommen, wenn er die gesteigerte Auf-
merksamkeit und Hingabe immer weiter entwickelt. Was da an und
in dem Geistesforscher auftritt, indem er sich auBerhalb seines Leibes
erlebt, ich mochte es in der folgenden Weise besprechen.
Betrachten wir das Kind. Es ist des Menschen Eigentumlichkeit -
ich kann nicht ausfiihrlich dariiber sprechen, ich will nur das andeuten,
was zum Zweck des heutigen Vortrags wichtig ist -, es ist eine Eigen-
tumlichkeit des heranwachsenden Menschen, daB er sich seine Rich-
tung im Raume, daB er sich die Art und Weise, in den Raum hinein-
gestellt zu sein, selber geben muB im Laufe des Kindheitslebens. Der
Mensch wird geboren, indem er nicht gehen, nicht stehen kann, indem
er sich anfangs, wie man hier in Osterreich zu sagen pflegt, aller Viere
bedienen muB. Dann entwickelt er jene inneren Krafte, die ich Auf-
richtekrafte nennen mochte, und dadurch tritt im Menschen das her-
vor, was so viele tiefere Geister in seiner Bedeutung gefuhlt haben,
indem sie sagten: dadurch, daB sich der Mensch in die vertikale Rich-
tung erheben kann, weiB er den Blick hinauszurichten in die Weiten
des Himmelsraumes, haftet sein Blick nicht bloB an dem Irdischen.
Aber das Wesentliche ist, daB der Mensch durch innere Krafte, durch
inneres Erkraften und Erleben sich herausentwickelt sozusagen aus
seinem hilf losen horizontalen Leben in das aufrechte vertikale Leben
hinein. Der Naturwissenschafter wird schon einsehen, daB das, was da
an innerer Betatigung des Menschen vorhanden ist, etwas ganz anderes
ist als die Vererbungskrafte, die dem Tiere seine Richtekrafte geben
in der Welt. Ganz anders wirken die Krafte im Tier, die das Tier in
diese oder jene Richtung zur Vertikalen bringen, als im Menschen,
in welchem eine Summe von Kraften wirkt, die ihn herausreiBt aus
seiner hilflosen Lage, und die innerlich wirkt, um ihm anzuweisen
diejenige Raumesrichtung, durch die er eigentlich im wahren Sinn des
Wortes Erdenmensch ist, durch die er erst wird, was er als Mensch
auf der Erde ist. Diese Krafte wirken sehr im Verborgenen. Man
kommt ihnen nur bei, wenn man sich schon ein wenig in Geistes-
wissenschaft vertieft hat; aber es ist ein ganzes System, eine groBe
Summe von Kraften. Sie werden nicht alle verbraucht in der kindli-
chen Zeit des Menschen, wo er stehen und gehen lernt. Es schlum-
mern gerade Krafte von dieser Art noch im Menschen drinnen; aber
sie bleiben unbemitzt im auCeren Sinnesleben und im aufieren Wis-
senschaftsleben.
Durch das, was die Seele an Ubungen gesteigerter Aufmerksam-
keit und Hingabe verrichtet, wird der Mensch innerlich gewahr, wie
in ihm sitzen diese Krafte, die ihn aufgerichtet haben als Kind. Er
wird geistiger Richtekrafte, geistiger Bewegungskrafte sich bewuBt
und die Folge davon ist, daB er zu der inneren Mimik, zu dem inneren
Mienenspiel, zu der inneren Gebardenfahigkeit, zu der inneren Geste,
auch innere Physiognomie seines Geistig-Seelischen hinzuzufugen ver-
mag. Wenn das Geistig-Seelische so heraus ist aus dem Physisch-Leib-
lichen, wenn der Mensch anfangt als Geistesforscher einen Sinn ver-
binden zu konnen mit dem Wort: Du erlebst dich im Geistig-Seeli-
schen dann kommt auch die Zeit, wo er sich der Krafte bewuBt
wird, die ihn aufgerichtet haben, die ihn als physisch-sinnliches We-
sen vertikal auf die Erde gestellt haben. Diese Krafte verwendet er
jetzt im rein Geistig-Seelischen, und dadurch kommt er in die Lage,
diese Krafte anders zu verwenden als sonst im Leben; er gelangt dazu,
diesen Kraften andere Richtungen zu geben, aus sich selber eine andere
Gestalt zu machen als er gemacht hat im physischen Erleben wahrend
seiner Kindheit. Er weiB jetzt innere Bewegungen zu entwickeln,
weiB sich alien Richtungen anzupassen, er weiB seinem Geistigen
andere Physiognomien zu geben denn als Erdenmensch; er gelangt
dazu, hinunterzutauchen in andere geistige Vorgange und Wesen; er
weiB sich so zu verbinden, daB er die Krafte, die ihn sonst vom krie-
chenden Kinde zum aufrechten Menschen wandeln, daB er diese wan-
delt im Inneren der geistigen Dinge und Wesenheiten, so daB er diesen
Dingen und Wesenheiten ahnlich wird und sie so selber ausdriickt und
dadurch wahrnimmt. Das ist die reale Intuition. Denn das wirkliche
Wahrnehmen geistiger Wesenheiten und Vorgange ist ein Untertau-
chen in dieselben, ist ein Annehmen ihrer eigenen Physiognomie. Wah-
rend man das, was Vorgange in den Wesen sind, erlebt durch innere
Mimik, wahrend man die Beweglichkeit der geistigen Wesen erlebt
dadurch, daB man ihre Gesten nachzubilden vermag; vermag man sich
nun selber in die Dinge und Vorgange zu verwandeln, vermag man
die eigene Gestalt des Geistigen anzunehmen, dadurch nimmt man es
wahr, daB man es sozusagen selbst geworden ist.
Ich habe Ihnen nicht in allgemein philosophischen Ausdriicken
schildern wollen die Art und Weise, wie sich der Geistesforscher hin-
einlebt in die geistigen Welten, ich habe Ihnen moglichst konkret
schildern wollen, wie dieses geistig-seelische Erleben vom Leiblichen,
vom physisch-sinnlichen Wahrnehmen sich losreiBt und untertaucht
in die geistige Welt, indem es aktiv wahrnehmend in derselben wird.
Das aber ist ersichtlich geworden, daB jeder Schritt in die geistige
Welt hinein von Aktivitat begleitet werden muB, daB wir bei jedem
Schritte wissen miissen, daB die Dinge uns nicht ihr Wesen entgegen-
tragen, sondern daB wir nur das wissen konnen von den Dingen und
Vorgangen der geistigen Welt, was wir nachzubilden, nachzuschaffen
imstande sind, indem wir uns aktiv wahrnehmend verhalten konnen.
Das ist der groBe Unterschied der Geisteserkenntnis von der gewohn-
lichen auBeren Erkenntnis, daB diese auBere Erkenntnis sich passiv
hingibt den Dingen, daB die Geisteserkenntnis in fortwahrender Akti-
vitat leben muB, daB der Mensch werden muB zu dem, was er wahr-
nehmen will.
Es wird einem heute noch, oder man konnte auch sagen, heute
schon wiederum verziehen, wenn man im allgemeinen von einer gei-
stigen Welt spricht. Das lassen sich die Leute noch gefallen. Das aber
wirkt noch auf unsere Zeit paradox, daB jemand sagen kann: Der
Mensch kann sich loslosen von allem Sehen, Horen, alien sinnlichen
Wahrnehmungen, allem Denken, das an Nerven und Gehirn gebun-
den ist, und kann sich dann, indem vor ihm ganz verschwindet alles,
was erlebt wird im physischen Dasein, umgeben fiihlen, umgeben wis-
sen von einer ganz neuen konkreten Welt, ja, von einer Welt, in der
Vorgange und Wesen rein geistiger Art sind, so wie hier in der phy-
sischen Welt Vorgange und Wesen physischer Art sind. Nicht ein ver-
schwommener Pantheismus, nicht eine allgemeine Sauce des geistigen
Lebens ist es, wovon Geisteswissenschaft zu sprechen hat. Der Gei-
steswissenschaft gegeniiber ist es, wenn man nur von einem pantheisti-
schen Geisteswesen spricht, so, wie wenn man sagte: Ich fuhre dich
auf eine Wiese, da spriefit etwas auf, das ist Natur; dann fiihrt man
ihn in ein Laboratorium und sagt: Das ist Natur, Pan-Natur! Alle Blu-
men und Kaferchen und Baume und Straucher, alle chemischen und
physikalischen Vorgange: Pan-Natur! Die Leute wiirden wenig zu-
frieden sein mit solcher Pan-Natur; denn sie wissen, man kommt nur
zurecht, wenn man das Einzelne wirklich verfolgen kann. Ebenso-
wenig wie die auBereWissenschaft von Pan-Natur spricht, ebensowenig
spricht Geisteswissenschaft von einer allgemeinen Geistessauce; sie
spricht von wirklichen, wahrnehmbaren, konkreten geistigen Vor-
gangen und Wesenheiten. Sie darf sich nicht scheuen, herauszufordern
die Zeit, indem sie sagt: Geradeso wie wir, wenn wir in der physischen
Welt stehen, zunachst die Menschen als physische Wesen um uns sehen
unter den, man konnte sagen, Hierarchien der physischen Wesen, der
Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen -, so schwindet das um uns
herum aus unserem geistigen Horizont, wenn wir uns hineinleben
in die geistige Welt; aber auf tauchen geistige Reiche, geistige Hier-
archien: Wesen, die zunachst dem Menschen gleich sind, Wesen, die
hoher sind als der Mensch; und so wie vom Menschen nach unten
gehen die Tiere, Pflanzen und Mineralien in der physischen Welt, so
sind da Wesen und Geschopfe hinaufsteigend vom Menschen in
hohere Reiche des Daseins, einzelne, individuelle geistige Wesen-
heiten und Geschopfe.
Wie die Menschenseele sich selber hineinstellt in die geistige Welt,
wie ihr Leben ist innerhalb dieser geistigen Welt nach der Geistes-
forschung, die im Prinzip heute angedeutet worden ist; wie die Men-
schenseele zu leben hat in dieser geistigen Welt, wenn sie den physi-
schen Leib beim Tode ablegt, wenn sie den Gang durchmiBt, nach-
dem sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, in einer rein geisti-
gen Welt, davon soil dann iibermorgen die Rede sein. Uber einzelne
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft iiber dieses Leben nach dem Tod
soli der iibermorgige Vortrag handeln.
Das, was Geisteswissenschaft so schon als ihre Methode ausbildet -
nun, man merkt es sofort -, es unterscheidet sich sehr wesentlich von
dem, was unsere Zeitgenossen als solches noch zugeben konnen aus
den Denkgewohnheiten heraus, die sich einmal gebildet haben im
Laufe der Jahrhunderte und die ebenso festsitzen gegeniiber dieser
Geisteswissenschaft, wie die Denkgewohnheiten vergangener Jahr-
hunderte festgesessen sind gegeniiber dem kopernikanischen Welt-
system. Aber, wie muB Geisteswissenschaft denken gegeniiber dem
Suchen der Zeit, wenn sie sich recht verstehen will und wenn sie sich
recht verhalten will gegeniiber diesem Suchen der Zeit?
Der erste Einwand, der aus unserer Zeit heraus so leicht gemacht
werden kann, ist der, daB man sagt: Ja, der Geisteswissenschafter
spricht also davon, daB die Seele erst besondere Krafte entwickeln
soil; dann kann sie hineinschauen in die geistige Welt. Derjenige, der
diese Krafte noch nicht entwickelt hat, der es noch nicht gebracht
hat zum geistigen Bilderbilden, zum Trennen des Denkens, zum Ab-
trennen der Sprachkrafte, zum Abtrennen der Raumesrichtekrafte, der
Wesenrichtekrafte, den ginge also die geistige Welt gar nichts an! Sol-
cher Einwand ist gerade so wie der, der sagen wiirde: Derjenige, der
nicht malen kann, den gehen Bilder nichts an. - Das ware schlimm.
Malen kann Bilder nur derjenige, der malen gelernt hat. Aber es ware
traurig, wenn derjenige nur Bilder begreiflich und verstandlich finden
konnte, der malen konnte. Malen kann es freilich nur der Maler; wenn
aber das Bild vor dem Menschen stent, dann ist es so, daB die Men-
schenseele die ganz naturgemaBen Krafte in sich hat, das Bild zu ver-
stehen, auch wenn sie nicht vermag, es zu malen. Und die mensch-
liche Seele hat eine Sprache in sich, die sie mit der lebendigen Kunst
verbindet. So ist es mit der Geisteswissenschaft. Auf finden die Tat-
sachen und Vorgange und Wesenheiten der geistigen Welt und sie
schildern, das kann nur der, der selber zum Geistesforscher geworden
ist ; wenn aber der Geistesforscher sich bemiiht - wie es zum Beispiel
in bezug auf die geisteswissenschaftliche Methode heute versucht wor-
den ist -, das, was er in der geistigen Welt erforscht, in die Worte
der gewohnlichen Gedanken und Ideen zu kleiden, dann ist das, was er
so gibt, begreiflich jeder Seele, audi wenn sie kein Geistesforscher ge-
worden ist; wenn sie nur hinwegzuraumen vermag all das, was aus der
zeitgenossischen Bildung, was aus der Bildung kommt, die sich so
gibt, als ob sie auf dem festen Boden der Naturwissenschaft stiinde,
die in Wahrheit aber durchaus nicht auf ihm steht, sondem es nur
glaubt. Wenn sich die Seele nur aller Vorurteile begibt, wenn sie sich
nur wirklich unbefangen wie der Betrachtung eines Bildes hingibt
demjenigen, was der Geistesforscher zu kiinden weiB, dann ist das Er-
gebnis der Geistesforschung fur jede Seele verstandlich. Die menschli-
chen Seelen sind auf Wahrheit und auf Wahrheitsempnndung veran-
lagt, nicht auf die Empfindung der Unwahrheit und des Unrichtigen,
wenn sie nur hinwegraumen alien Schutt, der sich aus Vorurteilen an-
sammelt. Tief ist in den Menschenseelen eine geheime intime Sprache,
die Sprache, durch die jeder auf jeder Bildungs- und Entwickelungs-
stufe den Geistesforscher verstehen kann, wenn er nur will.
Das ist es aber, was gerade der Geisteswissenschafter in dem Suchen
unserer Zeit findet. In verflossenen Jahrhunderten haben die Men-
schen einzig und allein geglaubt, iiber die geistige Welt etwas wissen
zu konnen durch die Glaubensvorstellungen; in der letzten Zeit haben
diese Seelen glauben konnen, daB ein sicheres Wissen sich nur auf den
auBeren Tatsachen aufbauen lasse; in unserer Zeit wissen es die Seelen
nur noch nicht in ihrem OberbewuBtsein, wie man sagen kann - bei
dem, was sie sich deutlich machen konnen in BegrifFen und Vorstel-
lungen und Gefuhlen, sitzt es noch nicht aber fur den Geistesfor-
scher ist es klar: Wir leben in einer Zeit, in der sich in den Tiefen
der menschlichen Seelen, in jenen Tiefen, von denen diese Seelen sel-
ber noch nicht viel wissen, vorbereitet Sehnsucht nach der Geistes-
wissenschaft, HofFnung auf diese Geisteswissenschaft Immer mehr
und mehr wird man erkennen, daB alte Vorurteile schwinden miis-
sen. Namentlich in bezug auf das Denken wird man dann so manches
erkennen. So wird es heute noch viele Menschen geben - gerade die-
jenigen, die glauben auf einem festgefiigten philosophischen Boden
zu stehen -, die da sagen: Hat es nicht Kant bewiesen, hat es nicht
die Physiologie bewiesen, daB der Mensch hinter die Sinneswelt nicht
hinuntertauchen kann mit seinem Wissen? Und nun kommt da eine
solche Geisteswissenschaft und will Kant bekampfen, will zeigen, daB
das nicht richtig sei, was die moderne Physiologie so klarlich zeigt! -
Ja, Geisteswissenschaft will gar nicht zeigen, daB das unrichtig sei,
was Kant von seinem Standpunkt aus sagt und was die moderne Phy-
siologie von ihrem Standpunkt aus sagt; aber die Zeit, das heute noch
im Geheimen wirkende Suchen der Zeit, wird lernen, daB es noch
einen anderen Gesichtspunkt gegeniiber richtig und unrichtig gibt als
den, an den man sich gewohnt hat. Nehmen wir, wie sich die wirk-
liche Lebenspraxis - die Lebenspraxis, die die fruchtbare ist -, wie
sich die zu diesen Dingen verhalt.
Es konnte jemand durch strikte Beweise erharten, daB der Mensch
mit seinen Augen unfahig ist, zum Beispiel Zellen zu sehen. Solch ein
Beweisgang konnte ganz richtig sein, so richtig wie der Kantsche Be-
weis, daB der Mensch mit den Fahigkeiten, die Kant kennt, nicht ein-
dringen kann in das Wesen der Dinge. Nehmen wir an, es gabe noch
keine mikroskopische Forschung, und es sei bewiesen, der Mensch
konne nicht kleinste Teile sehen; das kann richtig sein. Der Beweis
kann in jeder Beziehung absolut Happen und nichts konnte einzu-
wenden sein gegen den strengen Beweis, daB der Mensch mit seinen
Augen zunachst die kleinsten Teilorganismen der groBen Organismen
nicht sehen kann. Aber darauf kam es nicht an im wirklichen Fort-
gang der Forschung; da kam es darauf an, trotz der Richtigkeit dieses
Beweises zu zeigen, daB physische Werkzeuge gefunden werden kon-
nen, Mikroskop, Teleskop und andere, um das zu erreichen, was ganz
beweisbar nicht erreicht werden kann, wenn die Fahigkeiten unbe-
wafFnet bleiben, die der Mensch hat. Recht haben die, die da sagen:
Die menschlichen Fahigkeiten sind begrenzt; aber die Geisteswissen-
schaft widerspricht ihnen nicht, sie zeigt nur, dafi es ebenso eine gei-
stige Erkraftung und Verstarkung der menschlichen Erkenntniskrafte
gibt, wie es eine physische Erkraftung gibt, und daB trotz der Rich-
tigkeit des entgegengesetzten Gedankenganges die fruchtbare Geistes-
forschung sich gerade jenseits eines solchen Richtigen und Unrichti-
gen stellen muB. Die Menschen werden lernen, nicht mehr zu pochen
auf das, was sich mit den beschrankten Mitteln der Beweiskrafte, die
man hat, eben beweisen laBt; sie werden einsehen, daB das Leben
andere Anforderungen an die Menschheitsentwickelung stellt als das,
was man manchmal so unmittelbar logisch sicher nennt.
Und ein anderes muB gesagt werden, wenn das wirkliche, nicht
bloB das eingebildete Suchen der Zeit in Beziehung gebracht werden
soil zu demjenigen, was Geistesforschung wirklich als Aufgabe, als
Ziel hat. Noch einmal darf da hingewiesen werden auf die wahrhaft
gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft. Es ist nicht zu ver-
wundern gegeniiber diesen groBen, gewaltigen Fortschritten der Na-
turwissenschaft, daB es heute Geister gibt, die da glauben, auf dem
festen Boden der Naturwissenschaft ein Weltgebaude aufrichten zu
konnen, das allerdings nicht auf solche Krafte reflektiert, wie sie heute
besprochen worden sind. Es gibt heute eine schon weitverbreitete,
ich mochte sagen, materialistisch gefarbte Geistesrichtung; aber sie
nennt sich etwas nobler, weil der Ausdruck materialistisch in MiB-
klang gekommen ist, die monistische Geistesstromung: diese moni-
stische Geistesstromung, deren Oberhaupt der ganz gewiB auf seinem
naturwissenschaftlichen Gebiet bedeutende Ernst Haeckel und deren
Feldmarschall Wilhelm Ostwald ist. Diese Geistesanschauung, sie ver-
sucht durch einen Ausbau dessen, was an Einsichten bloB aus der Na-
turerkenntnis heraus gewonnen werden kann, eine Weltanschauung
aufzubauen. Das Suchen der Zeit wird gegeniiber einem solchen Ver-
such zu dem folgenden Ergebnis kommen : Solange die Naturwissen-
schaft dabei stehenbleibt, die Gesetze des auBeren Sinnesdaseins zu er-
forschen, die Zusammenhange in diesem auBeren Sinnesdasein der
Seele zu vergegenwartigen, so lange steht Naturwissenschaft auf
festem Boden. Und sie hat wahrhaftig ein GroBes geleistet; sie hat
das GroBe geleistet, daB sie alten Vorurteilen das Lebenslicht griind-
lich ausgeblasen hat. So wie noch Faust selbst vor der Natur gestan-
den hat und zu einer auBeren, materiellen Magie gegriffen hat, so kann
heute der, der die Naturwissenschaft versteht, nicht mehr zu einer sol-
chen materiellen Magie greifen. — Aber etwas anderes ist es, daB das
geistige Leben selber, auf den Wegen, die charakterisiert worden sind,
eine innere Magie der Seele auferlegt. - Gegen alle jene aberglaubi-
schen Geistesstromungen, gegen alles das, was die auBere Natur so
erklaren will, wie wir etwa eine Uhr erklaren, wenn wir sagen: Da
sind drinnen kleine Geisterchen; gegeniiber aller Naturerklarung, die
hinter den Naturerscheinungen diese und jene Wesen findet, hat die
Naturwissenschaft ihr GroBes geleistet in der Negation, auch als Welt-
anschauung. Und schauen wir uns einmal an, wie die sogenannte
naturwissenschaftliche Naturanschauung wirkt, solange sich die Gei-
ster damit beschaftigen konnen, die alten, ungesunden BegrifTe von
allerlei geistigen Wesen, die hinter der Natur erdichtet werden, zu be-
seitigen. Solange Front gemacht werden kann gegen solches Geistes-
streben, so lange lebt eine naturwissenschaftliche Weltanschauung von
der Bekampfung desjenigen, was bekampft werden mufite.
Aber dieser Kampf, er hat in gewisser Beziehung seinen Hohepunkt
schon iiberschritten, hat sein Gutes bereits geleistet; und heute geht
das Suchen der Zeit dahin, zu fragen: Mit welchen Mitteln konnen
wir uns ein Weltbild auf bauen, in dem die menschliche Seele drinnen
Platz hat? Da versagt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung,
dieser Haeckel-Ostwaldsche Materialismus vollig, wenn sich der
Mensch richtig versteht. Immer klarer und klarer wird es dem Suchen
der Zeit werden, man mochte sagen, daB als Soldaten die Bekenner
der rein materialistischen Weltanschauung im Bekampfen alten Aber-
glaubens grofi sind, dafi sie aber sind wie Krieger, die ihren Dienst
getan und nun kein Talent haben, die Kiinste des Friedens zu ent-
wickeln, Industrien zu entwickeln, Ackerbau zu treiben. Der Natur-
wissenschaft soli nicht ihre Grofie genommen werden, wenn sie Welt-
anschauung wird, um zu bekampfen aberglaubische Vorstellungen.
Solange solche Weltanschauungsdenker stehenbleiben konnen beim
Kampf, da haben sie noch etwas am Kampf in der Seele, was sie auf-
recht erhalt, wenn aber der Mensch sich dann ein wirkliches Weltbild
aufbauen will, in welchem die Seele einen Platz hat, dann ist er wie
der Krieger, der fur die Kiinste des Friedens kein Talent hat. Da steht
er gegeniiber der Frage seiner Seele, sagen wir, in Friedenszeiten des
Weltlebens, und es baut sich ein Weltenbild nicht auf.
Solche Stimmung wird sich immer mehr und mehr geltend machen
in den Seelen; diese Stimmungen kann der Geistesforscher schon
schauen in den Untergriinden der Seelen. Da wo diese Seelen noch
nichts davon wissen, da walten die Sehnsuchten nach dem, was die
Geistesforschung der Welt bringen will. Das ist das Geheimnis der
heutigen Zeit. Aber wenn sie so von einem hoheren Gesichtspunkt
aus, man mochte sagen, durchaus zeitgemaB ist, diese geistesforsche-
rische Weltanschauung, so ist sie unzeitgemaB vor vielen Zeitgenos-
sen, die noch nicht tief hineinschauen in das, was sie eigentlich selber
wollen. Daher bringt diese Geisteswissenschaft zunachst ein Weltbild,
das man so ansieht, als ob es nicht auf festem wissenschaftlichem
Boden stiinde. Das andere Weltbild, das des sogenannten Monismus,
es will blofi auf Grundlage der aufieren Wissenschaft auferbaut sein.
Dieses Weltbild, man konnte an seiner Kehrseite heute sehen, wohin
es fiihren muB, wenn die Seele wirklich ihre Hoffhungen, ihre Sehn-
suchten erfullt sehen will. In jener Aktivitat der Geistesforschung,
von der gesprochen worden ist, ergibt sich fur die Seele das, was diese
Seele wirklich hinaufhebt zur geistigen Gemeinschaft, ergibt sich die
geistige Welt in wahrnehmbarer Aktivitat, in aktiver Wahrnehmung.
Durch die Geisteswissenschaft kann der Mensch wiederum wissen von
der wahren Geisteswelt, von der geistigen Wirklichkeit. Davon weiB
das sogenannte monistische Weltbild nichts zu sagen dem geistigen
Suchen der Zeit.
Dieses Suchen der Zeit, dieses Suchen der menschlichen Seelen, es
laBt sich aber nicht unterdriicken, und so hat sich ein Teil unserer
Zeitgenossen schon daran gewohnt, die Gedanken iiber Geistiges
in sich selber gleichsam so zu stellen, daB diese Gedanken wie die
naturwissenschaftlichen Gedanken laufen: daB AuBeres angeschaut
wird in passiver Hingabe. Was ist geworden? Das ist geworden, daB
ein Teil unserer Zeitgenossen - die sich damit beschaftigen, die wis-
sen es - im Grunde genommen darauf verfallen ist, das Geistige so
ansehen zu wollen, wie man das Sinnliche anschaut. Ich sage nicht,
daB nicht auf diesem Wege manches durchaus Wahre zustande kom-
men kann; aber die Methode eines solchen Vorgehens ist eine andere
als die der Geisteswissenschaft. Das, was man Spiritismus nennt, das
will auBerlich, ohne aktive innere Wahrnehmung, ohne sich in die gei-
stigen Welten zu erheben, geistige Wesenheiten und Vorgange an-
schauen auBerlich passiv, wie man anschaut physisch-sinnliche Vor-
gange. Wessen Kind ist der rein auBerliche, wir diirfen sagen mate-
rialistische Spiritismus? Er ist das Kind derjenigen Geistesstromung,
die auf dem sogenannten monistischen Standpunkt steht und dem
Aberglauben des Materialismus, der bloBen Wirksamkeit auBerer Na-
turgesetze sich hingibt. Was - so wird mancher Zeitgenosse sagen -
der Spiritismus, ein Kind des echten Haeckelschen Monismus ? — Das
Suchen der Zeit wird sich davon uberzeugen, daB es eben mit diesem
Kind so geht wie mit anderen Kindern. Mancher Vater, manche Mut-
ter hat die schonsten Gedanken iiber all das, was sich am Kind ent-
wickeln soil, und es kann doch ein rechter Balg manchmal entstehen.
Von dem, was als ein wahres Kulturkind der Monismus traumt, auf
das kommt es nicht an; auf das kommt es an, was wirklich entsteht.
Der bloBe Glaube an das Materielle wird den Glauben erzeugen, daB
auch die Geister sich materiell allein betatigen und offenbaren konnen.
Und je mehr wachsen wiirde der reine monistische Materialismus,
desto mehr wiirden Spiritistengesellschaften und spiritistische An-
schauungen iiberall auf bliihen als das notwendige Gegenbild. Je mehr
es den blinden Bekennern Haeckel- und Ostwaldscher Richtung ge-
lingen wird, in Weltanschauungsfragen gelingen wird, zuruckzudran-
gen wahre Geisteswissenschaft, desto mehr werden sie sehen, daB sie
ziichten werden den Spiritismus, die Kehrseite wahrer Geistesfor-
schung. So sicher der Geistesforscher steht auf dem Boden des er-
forschbaren, des erkennbaren, des wiBbaren Geisteslebens, so wenig
kann er der Methode folgen, die den Geist materialisieren will und
sich passiv an das hingeben wTill, was Geist ist, wahrend man es nur
im Aktiven erleben kann.
Ich will aber doch auch das Suchen unserer Zeit, das sich noch nicht
innerlich verstehen kann in bezug auf ein anderes charakterisieren.
Ein Mann, der als Philosoph eine gewisse Schatzung verdient, hat
einen sonderbaren Aufsatz in einer viel gelesenen Zeitschrift geschrie-
ben. Darin schreibt er zum Beispiel, daB Spinoza und Kant fur man-
chen Menschen recht schwer zu lesen sind. Man Best sich hinein in
sie; aber da wandeln und wirbeln die Begriffe nur so herum -; nun,
es soli durchaus nicht abgeleugnet werden, daB es fur viele Men-
schen so ist, wenn sie sich in Kant oder Spinoza hineinleseri wollen,
daB ihnen da die Begriffe durcheinanderwirbeln. Aber jener Philosoph
gibt einen Ratschlag, wie man das gemafi dem Suchen unserer Zeit
anders gestalten konne. Er sagt: Wir haben ja heute eine Einrichtung,
einen technischen Fortschritt, durch den das, was in den bloB abstrak-
ten Kantschen und Spinozaschen Gedanken vor die Seele gestellt, diese
Seelen verwirrt, recht anschaulich vor die Seelen gebracht werden
kann, so daB man sich ihm passiv in der Wahrnehmung hingeben
kann. Der Philosoph will in einer Art von Kinematographen zeigen,
wie Spinoza dasitzt, zunachst Glas schleift, wie dann der Gedanke
der Ausdehnung iiber ihn kommt ~ das wird gezdgt in wechselnden
Bildern. Das Bild der Ausdehnung verwandelt sich in das Bild des
Denkens und so weiter. Und so konnte die ganze Ethik und Welt-
anschauung Spinozas anschaulich aufgebaut werden auf kinematogra-
phische Weise. Dem auBeren Suchen der Zeit ware so Rechnung
getragen. Merkwiirdig, daB der Herausgeber der betrefFenden Zeit-
schrift sogar die Anmerkung gemacht hat: So konnte dem uralten
metaphysischen Bedurfnis des Menschen durch eine Erfindung, die
manchen als Spielerei erscheint, abgeholfen werden, die durchaus zeit-
gemaB ist.
Nun konnte es vielleicht von einer gewissen Seite her ganz dem
Suchen unserer Zeit, aber nur dem auBeren, angemessen sein, wenn
man vor dem Kinematographen lesen konnte: Spinozas « Ethik » oder
Kants «Kritik der reinen Vernunft». Warum denn nicht? Es ware
Rechnung getragen dem passiven Hingeben, das man heute liebt. Man
liebt es so, daB man nicht glauben kann, daB das Geistige eine
Realitat haben muB, in das man sich nur so hineinfinden kann, daB
man jeden Schritt mittut. DaB man an sich selber, in seinem Geistig-
Seelischen, das ausdnickt, was das Wesen der Dinge ist, das liebt
unsere Zeit noch nicht. Sehen wir uns einmal eine Anschlagsaule an!
Versuchen wir die Gedanken zu erraten der Menschen, die davor ste-
hen. Zu einem Vortrag, bei dem keine Lichtbilder gegeben werden,
sondern wo bloB darauf reflektiert wird, dafi die Seelen miterzeugen
die Gedanken, die vorgebracht werden, werden nicht so viel Men-
schen hineingehen als zu einem Vortrag, wo Geistig-Seelisches an-
geblich in Lichtbildern demonstriert wird, wo man sich nur passiv hin-
zugeben braucht.
Wer hineinschaut in das Suchen unserer Zeit, wo es seine tiefsten,
noch unbewuBten HofFnungen und Sehnsuchten geltend macht, der
weifi, daB in den Tiefen der Seelen doch ruht der Trieb nach Aktivi-
tat; der Trieb, sich wieder zu finden als Seele in voller Aktivitat. Frei,
mit sicherem innerem Halt bedacht, kann die Menschenseele nur sein,
wenn sie innere Aktivitat entwickeln kann. Im Leben sich zurecht-
flnden und orientieren kann die menschliche Seele nur dadurch, daB sie
sich bewufit wird, daB sie nicht nur das ist, was ihr von der Welt
passiv geschenkt wird, sondern wenn sie weiB, daB sie dabei ist bei
dem, was sie in Tatigkeit zu erleben vermag ; und von der geistigen
Welt vermag sie nur das einzusehen, dessen sie sich in Tatigkeit zu be-
machtigen vermag. Im Nachdenken dessen, was die Geisteswissen-
schaft gibt, wird das Auffassen ein Mittun, eine Mittatigkeit entwik-
keln miissen; dadurch aber wird Geisteswissenschaft zu einer Befriedi-
gung der tiefsten, der unterbewuBten Triebe in den Seelen der Gegen-
wart, dadurch kommt sie entgegen dem intimsten Suchen unserer Zeit.
Denn in bezug auf die hier mitberuhrten Dinge ist unsere Zeit eine
Zeit des Ubergangs. Oh, es ist leicht zu sagen, ist sogar trivial zu
sagen: Wir leben in einer tjbergangszeit; denn jede Zeit ist eine LJber-
gangszeit. Daher ist es immer richtig, zu sagen, wir leben in einer Ober-
gangszeit. Aber wenn man es betont, daB man in einer Ubergangszeit
lebe, so kommt es vielmehr darauf an, worin irgendeine Zeit in einem
Obergang sich befinde. Will man nun unsere Zeit in ihrem Obergang
schildern, so muB man sagen : Es war notwendig - denn nur dadurch
konnten die Naturwissenschaften und was durch sie grofi geworden
ist, zu ihren Errungenschaften kommen daB einmal durch Jahrhun-
derte hindurch die Menschheit durch eine Erziehung zur Passivitat
gegangen ist; denn nur so, durch die Hingebung an die materialisti-
schen Wahrheiten, konnte erreicht werden, was erreicht werden muBte
gerade auf naturwissenschaftlichem Boden. Aber es ist so, daB sich
das Leben rhythmisch abspielt. Wie ein Pendel aufschwingt und wie-
der abwarts schwingt und auf die entgegengesetzte Seite ausschlagt,
so muB die Menschenseele, wenn sie in berechtigter Weise eine Zeit-
kng erzogen worden ist zu treuer, passiver Hingabe, sich wieder auf-
raffen, um sich selbst wieder zu finden; urn sich in sich zu ergreifen,
muB sie sich aufraffen zur Aktivitat. Denn was ist sie durch die Passi-
vitat geworden? Nun, das, was sie geworden ist durch die Passivitat,
ich will es aussprechen ungescheut mit einem radikal klingenden Satze,
der fur viele gewiB viel zu paradox klingen wird. Aber auf der anderen
Seite zeigt gerade das Sich-Einleben in die Geisteswissenschaft, wie es
eigentlich nur die Tatsache ist, daB man sich nicht zu den Konsequen-
zen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung aufrafft, wenn man
dieses radikale Ergebnis nicht betont. Man hat nicht den Mut, die
wirklichen Konsequenzen zu ziehen, auch diejenigen nicht, die vor-
geben, einzig und allein auf dem Boden dessen zu stehen, was wahre
Naturwissenschaft ergibt. Hatte man diese Konsequenz, dann wiirde
man merkwiirdige Worte raunen horen durch das Suchen der Zeit.
Am Ausgangspunkt der alttestamentlichen Urkunden stehen Worte
- ich will heute iiber ihre innere Bedeutung nicht sprechen; jeder
mag die Worte nehmen als das, wofur er sie nehmen kann; mag sie
der eine fur ein Bild, der andere fur den Ausdruck einer Tatsache hal-
ten: in dem, was ich iiber diese Worte zu sagen habe, konnen alle
ubereinstimmen -, die Worte heiBen: «Ihr werdet sein wie Gott und
erkennen - oder unterscheiden - das Gute und das B6se!» Es klingt
uns heriiber, das Wort, aus dem Anfang des Alten Testamentes. Wie
man es auch nehmen will : das wird man zugeben miissen, daB es ein
Bedeutungsvolles ausdriickt fur die Menschennatur und die Men-
schenseele. Dem Versucher wird es zugeschrieben, der sich heran-
naht an den Menschen und ihm ins Ohr raunt: «Wenn du mir folgst,
wirst du sein wie ein Gott und unterscheiden das Gute und das
B6se.» Das wird man ahnen konnen, daB die Hinneigung nicht nur
zu dem Guten nicht ohne diese Versuchung sich im Menschen aus-
driicken wiirde; daB ohne diese Versuchung die Hinneigung nur zum
Guten entstanden ware, so daB alle menschliche Freiheit in gewisser
Weise mit dem zusammenhangt, was diese Worte ausdriicken. Aber
sie driicken aus, daB der Mensch gewissermaBen aufgefordert wurde
durch den Versucher, iiber sich hinaus sich als ein anderes Wesen
anzuschauen, als er ist : wie ein Gott sich zu verhalten zu dem Guten
und zu dem Bosen. Wie gesagt: Mag man uber diese Worte und den
Versucher denken wie man will, ich fordere ja heute wirklich nicht,
daB man ihn gleich hinnimmt als ein wirkliches Wesen - obwohl es
sich recht gut bewahrheitet fur den, der die Dinge durchschaut, das
Wort: «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie beim
Kragen hatte.» Der, der das Suchen der Zeit ein wenig zu belauschen
vermag, der hort heute in diesem Suchen der Zeit doch sein Raunen
wieder. Er naht sich. Nenne man es nun eine Stimme der Seele oder
wie man will : da ist er - ohne alien Aberglauben mag es gesagt wer-
den. Und fur diejenigen, die den Mut haben, die letzten Konsequen-
zen einer rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu Ziehen,
bringt er Worte von einer groBen Eigentumlichkeit, von einer son-
derbaren Weisheit hervor. Es haben nur nicht die Menschen, die da
vorgeben auf dem Boden rein naturwissenschaftlicher Grundlage zu
stehen, den Mut zur letzten Konsequenz. Sie nehmen auf in ihr Fuhlen
und Denken doch den Glauben an eine Unterscheidung von Gut und
Bose, den sie eigentlich ableugnen muBten, wenn sie rein auf dem
Boden der Naturwissenschaft stehen wollten. Es ist doch so, daB, so-
bald man sich auf den Boden der bloBen Naturwissenschaft stellt, daB
nicht nur die Sonne iiber Gute und Bose in gleicher Weise scheint,
sondern daB nach der NaturgesetzmaBigkeit aus der menschlichen
Natur heraus das Bose gerade so verrichtet wird als das Gute. Und
so raunt er, der Versucher, die Konsequenz ziehend, den Menschen
zu: Seht ihr es nicht, ihr seid ja bloB wie hoherentwickelte Tiere.
Ihr seid wie die Tiere und konnt nicht unterscheiden zwischen dem
Guten und Bosen. - Das ist es, was unsere Zeit zu einer Ubergangs-
zeit macht, daB der Versucher mit der entgegengesetzten Stimme als
jener, mit der er nach dem Alten Testament gesprochen hat, in unserer
Zeit wieder spricht: Ihr seid ja nur entwickelte Tiere und diirft also,
wenn ihr euch selbst versteht, keinen Unterschied machen zwischen
Gut und Bose.
Hatte man den Mut zu dieser Konsequenz, so ware sie der Aus-
fluB einer reinen, in Passivitat hingegebenen Weltanschauung. DaB die
Zeit bewahrt bleibe vor dieser Stimme - es sei das bloB bildlich ge-
sprochen -, daB in das Suchen der Zeit hineingebracht werde ein Wis-
sen vom geistigen Leben: das ist die Aufgabe, das ist das Ziel der
Geisteswissenschaft. Diejenigen, die diese Geisteswissenschaft heute
noch bekampfen vom Standpunkt irgendeiner Wissenschaft, sie war-
den sich iiberzeugen mussen, daB es sich mit diesem Kampf so ver-
halt wie mit dem Kampf gegen den Kopernikanismus. Jetzt, wo wir
durch den Bau unserer freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft in
Dornach auch in der Welt mehr beachtet werden, die uns friiher nicht
beachtet hat, mehren sich die Stimmen der Gegner. Und als ich in der
letzten Zeit darauf einwendete in der Schrift: «Was soil die Geistes-
wissenschaft und wie wird sie von ihren Gegnern behandelt?», da8 die
Gegner der Geisteswissenschaft heute auf demselben Standpunkt ste-
hen, auf dem die Gegner des Kopernikus gestanden haben, da sagte
einer, der sich betroffen fiihlte mit Recht: Ja, der Unterschied ware
nur der, daB das, was Kopernikus gesagt hat, Tatsachen sind, wah-
rend die Geisteswissenschaft nur Behauptungen vorbringt. Er merkt
gar nicht, der Arme, daB fiir die Leute seines Geistes die Tatsachen
des Kopernikanismus damals auch nichts anderes waren als Behaup-
tungen, leere Behauptungen, und er merkt nicht, daB er heute leere
Behauptungen nennt, was vor der wirklichen Forschung eben Tat-
sachen, allerdings Tatsachen des geistigen Lebens sind. Und so kann
man sowohl von der Wissenschaft als von seiten des religiosen Le-
bens Einwande iiber Einwande gerade gegen diese Geisteswissenschaft
erhoben finden. Wie die Menschen zur Zeit des Kopernikus gesagt
haben : An die Umdrehung der Erde um die Sonne konnen wir nicht
glauben, denn sie steht nicht in der Bibel -, so sagen die Leute heute :
An das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, glauben wir nicht, denn
es steht nicht in der Bibel. - Es werden aber die Menschen mit dem
zurechtkommen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, wie sie zu-
rechtgekommen sind mit dem, was Kopernikus zu sagen hatte.
Und immer wieder und wiederum muB erinnert werden an einen zu-
gleich tief gelehrten Mann und Priester, der an der hiesigen Universi-
tat gewirkt hat und der, als er seine Rektorrede gehalten hat iiber
Galilei, die schonen Worte gesprochen hat: Damals, da standen die
Leute, die da glaubten, an religiosen Vorstellungen werde geriittelt,
die standen gegen Galilei; heute aber - so sagte dieser Gelehrte beim
Antritt seines Rektorats -, heute weiB der wahrhaft religiose Mensch,
daB durch jede neue Wahrheit, die erforscht wird, ein Stiick hinzu-
gefiigt wird zur UrofFenbarung der gottlichen Weltenlenkung und zu
der Herrlichkeit der gottlichen Weltordnung. - So mochte man die
Gegner der Geisteswissenschaft auf etwas aufmerksam machen, was
wohl hatte sein konnen, wenn es auch nicht wirklich war. Nehmen
wir an, vor Kolumbus ware jemand hingetreten und hatte gesagt : Die-
ses neue Land - das er dann entdeckt hat - diirfen wir nicht ent-
decken, wir leben im alten Land gut, da scheint die Sonne so schon
herein. Wissen wir derm, ob in dem neu zu entdeckenden Lande auch
die Sonne scheint? - So kommen dem Geisteswissenschafter seinen
religiosen Vorstellungen gegeniiber diejenigen vor, die ihre religiosen
Empfindungen gestort glauben durch die Entdeckungen der Geistes-
wissenschaft. Der muB eine wankende religiose Vorstellung, einen
schwachmutigen Glauben haben, der da glauben kann, daB die Sonne
seines religiosen Empfindens nicht bescheinen werde jedes neu ent-
deckte Land, auch auf dem geistigen Gebiete, so wie die Sonne, die
die alte Welt bescheint, auch die neue Welt bescheint. Und sicher sein
konnte der, welcher die Tatsachen unbefangen ins Auge faBt, daB das
so ist. Die Zeit aber in ihrem Suchen, wenn sie sich immer mehr und
mehr durchdringen wird mit der Geisteswissenschaft, sie wird von ihr
so beruhrt werden, wie mancher sich heute noch nicht ertraumen laBt.
Die Geisteswissenschaft hat noch viele Gegner, begreif licherweise.
Aber im Einklang fiihlt man sich doch in dieser Geisteswissenschaft
mit all denjenigen Geistern der Menschheit, welche, wenn sie auch
noch nicht Geisteswissenschaft gehabt haben, geahnt haben jene Zu-
sammenhange der menschlichen Seele mit den geistigen Welten, die
eben durch Geisteswissenschaft aufgeschlossen werden. So fiihlt man
sich gerade mit Bezug auf das, was iiber das neue Wort des Versu-
chers gesagt worden ist, im Einklang gerade zum Beispiel mit Schiller
und seinem Ahnen gegeniiber der geistigen Welt. Aus seinen eigenen
naturwissenschaftlichen Studien heraus hat Schiller durchaus den Ein-
druck bekommen, daB er den Menschen herauszuheben hat aus der
bloBen Tierheit, und daB die menschliche Seele Anteil hat an einer
geistigen Welt. Wie eben in tiefem Einklang mit einem fuhrenden
Geist der neueren Weltanschauungsentwickelung fiihlt man sich auf
dem Boden der Geisteswissenschaft, wenn man zusammenfassen kann
wie in ein Gefiihl, was heute mit breiteren Satzen hat ausgefiihrt
werden wollen, zusammenfassen kann mit den Schillerschen Worten:
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwolkte Stirn!
Und der erhab'ne Fremdling, der Gedanke,
Sprang aus dem staunenden Gehirn!
Bekraftigend, daft die Tierheit wich, und der Mensch einer geistigen
Welt angehort, bekraftigend solche Satze, steht die Geisteswissen-
schaft heute vor dem Suchen unserer Zeit.
Und erinnert - ganz am Schlufi - darf werden an einen Geist, der
hier in Osterreich gewirkt hat, indem er in seiner tief innerlich leben-
den Seele gefiihlt hat wie einen dunklen Drang das, was Geisteswis-
senschaft zur GewiBheit zu erheben hat. Gefiihlt hat er es, man mochte
sagen, mit seinem Denken und Sehen einsam dastehend, an geistigen
Ausblicken festhaltend, trotzdem er als Arzt voll auf dem Boden der
Naturwissenschaft stehen kann. Mit ihm, mit Ernst Freiherrn von
Feuchtersleben, ihm, dem Seelenpfleger und Seelenpadagogen, sei es als
ein Bekenntnis der Geisteswissenschaft ausgesprochen, sei zusammen-
gefaBt das, was im heutigen Vortrag vorgebracht worden ist, zusam-
mengefaBt eben mit den Worten Feuchterslebens, in denen etwas er-
klingt von dem, was die Seele als ihre hochste Kraft erfiihlen kann;
erfuhlen kann aber nur dann, wenn sie sich gewiB ist ihres Zusam-
menhangs mit der geistigen Welt. Ernst von Feuchtersleben sagt -
was man wie ein Motto zu aller Geisteswissenschaft vorbringen kann :
«Die menschliche Seele kann sich nicht verhehlen, daB sie zuletzt ihr
wahres Gliick doch nur durch die Erweiterung ihres innersten Be-
sitzes und Wesens ergreifen kann.»
Die Erweiterung, die Befestigung, die Sicherung dieses innersten
Wesens, dieses geistigen inneren Wesens der Seele soil dem Suchen
der Zeit durch die Geisteswissenschaft dargeboten werden.
Offentlicher vortrag
Wien, 8. April 1914
Was hat die Geisteswissenschaft iiber Leben, Tod und Unsterblichkeit
der Menschensede %u sagen?
Wenn es schon in einer gewissen Beziehung schwierig ist, sich iiber
die Grundlagen der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, so
auseinanderzusetzen, wie es im Vortrag von vorgestern geschehen ist,
so darf wohl gesagt werden, daB die Mitteilungen in bezug auf die-
jenigen Forschungsergebnisse, die den Gegenstand des heutigen Vor-
trags bilden sollen, in gewisser Beziehung eigentlich ein Wagnis sind
gegeniiber den Vorstellungsarten und Denkgewohnheiten der Gegen-
wart. Denn wird man in dem, was der Vortrag von vorgestern aus-
druckte, schon manches Paradoxe finden miissen von diesen Vor-
stellungsarten und Denkgewohnheiten aus, so wird man von einem
solchen Gesichtspunkte aus ganz gewifi und begreiflicherweise es nicht
leicht haben, in dem, was heute zu sagen ist, ernstes Forschen zu
sehen. Man wird viel eher in weiten Kreisen der Gegenwart geneigt
sein, darin nur zu sehen die Schwarmereien eines sonderbaren Phan-
tasten. Dessen muB man sich voll bewuBt sein, wenn man iiber diese
Dinge redet; bewuBt sein dessen, daB alles das, was in einer spateren
Zeit in das allgemeine BewuBtsein iibergeht, vieles sogar von dem,
was dann spater eine Selbstverstandlichkeit wird, in der Zeit, in der
es zuerst auftritt, etwas Paradoxes, etwas Phantastisches ist.
Dies mochte ich nur vorausschicken, um zu charakterisieren, wie
sehr sich der Geistesforscher dessen bewuBt ist, was alles begreif-
licherweise empfunden werden kann, wenn er seine fur die heutige
Zeit durchaus noch paradox erscheinenden Forschungsresultate mit-
zuteilen sich gestattet.
Bevor ich auf diese Forschungsergebnisse zu sprechen komme,
mochte ich in ein paar einleitenden Worten die Grundstimmung der
Seele des Geistesforschers charakterisieren. Diese Grundstimmung ist
ja eine ganz andere als die Stimmung gegeniiber einem anderen For-
schungsfelde. Wahrend man in seiner Erkenntnis dem auBeren Leben
gegeniiber und auch der gewohnlichen Wissenschaft gegeniiber heute
mit einem gewissen Rechte das Gefuhl hat, man habe die Er kenntnis-
krafte in sich, man brauche sie nur sozusagen in Wirksamkeit xiber-
zufiihren, dann konne man urteilen iiber alles das, was die Natur
selbst und was der Forscher aus der Natur darbietet - wahrend man
bei dieser Forschung alle Miihe darauf verwendet, um eben zu for-
schen, um eben die Dinge zu beobachten und durch den Verstand ihre
Gesetze zu erkennen, ist die Stimmung des Geistesforschers gegen-
iiber der Wahrheit, gegeniiber allem Erkenntnisstreben doch eine ganz
andere. Da bekommt man, indem man sich in diese Geistesforschung
hineinarbeitet, immer mehr und mehr das Bedurfnis, alle Arbeit der
Seele, alles innere Streben zunachst auf die Vorbereitung zu ver-
wenden; und immer mehr und mehr bekommt man das Gefuhl : Wenn
man sich irgendeiner Wahrheit aus diesem oder jenem Gebiet nahern
will, so mochte man eigentlich immer noch warten, immer noch weiter
und weiter sich vorbereiten, weil man das BewuBtsein hat: Je mehr
Miihe und Arbeit man auf jenen Weg der Seele verwendet, der zuriick-
gelegt werden muB, bevor man forscht, desto mehr macht man sich
reif, die Wahrheit zu empfangen. Denn ein Empfangen der Wahrheit,
das ist es, um was es sich bei der eigentlichen, wirklichen Geistes-
wissenschaft handelt. Und so stark kommt dieses Gefuhl, diese Stim-
mung iiber die Seele, daB man eine heilige Scheu empfindet, die Dinge
an sich herankommen zu las sen und daB man immer wieder und wie-
derum gegeniiber wichtigen, wesentlichen Erkenntnissen der Geistes-
forschung lieber wartet, als daB man die Dinge zu friih in das Be-
wuBtsein hereinkommen laBt. Das bedingt eine ganz besondere Stim-
mung in dem Geistesforscher selber, jene Stimmung, die all die Arbeit,
von der vorgestern als einer inneren Seelenarbeit in Ubungen ge-
sprochen worden ist, allmahlich durchdringt, die beim Geistesforscher
herbeifiihrt eine gewisse Stellung gegeniiber der Wahrheit, eben die
Stellung von heiliger Scheu gegeniiber der Wahrheit.
Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, mochte ich nun, ich mochte
sagen, unbefangen auf dasjenige eingehen, was iiber das wichtige,
bedeutungsvolle, jeder Seele so naheliegende Thema des heutigen
Abends zu sagen sein wird. GewiB, es sind nicht die schlechtesten
Gemuter in unserer Gegenwart, die noch immer festhalten an der
Meinung, daB die Wahrheiten des Glaubens besondere seien und die
Wahrheiten des Wissens auch besondere seien, und die da glauben,
daB alles das, was der Mensch sich vorstellen kann als iiber Geburt
und Tod hinausgehend, daB alles das nur ein Gegenstand des Glau-
bens, nicht streng beweisbarer Wissenschaft sei. Gerade diese strenge
Trennung zwischen Glauben und Wissen, sie wird durch die Geistes-
wissenschaft aufgehoben. Und man fiihlt sich doch im Einklang mit
dem, was langst herein wollte in das moderne Geistesstreben, wenn
man in dem Sinne die Wahrheiten, die jenseits des Todes liegen, ent-
wickelt, wie es hier geschehen soli; man fiihlt sich im Einklang damit,
wenn man sich immer wieder und wiederum so etwas vor Augen
halt, daB der grofie Lessing doch mit einer der Hauptwahrheiten dieser
Geisteswissenschaft sich auseinandersetzte, auseinandersetzte noch in
jener Schrift, die er wie sein geistiges Testament kurz vor seinem Tod
als reife Frucht seines Denkens und Sinnens verfaBt hat: in seiner
«Erziehung des Menschengeschlechts». Es scheut Lessing nicht davor
zuriick, zu sagen, daB die Anschauung von den wiederholten Erden-
leben nicht deshalb ein Irrtum zu sein brauche, weil sie auftrat gleich-
sam als etwas Erstes, worauf das Menschengeschlecht kam, bevor die
Vorurteile der Schule und der Philosophen noch etwas wie einen
triiben Schleier gebreket haben iiber das, was als vom Jenseits des
Todes die Menschheit im Beginn ihrer Kulturentwickelung wuBte. -
So fiihlt man sich dann im Einklang — es konnten noch viele Geister
angefiihrt werden - mit den besten Personlichkeiten, die ihr Streben
eingefiigt haben in die Kulturentwickelung der Menschheit, gerade
wenn man auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht.
Gesagt worden ist nun vorgestern, daB die Dinge des geistigen
Lebens, die Vorgange desselben nur erforscht werden konnen dann,
wenn wirklich der Mensch durch das vorgestern Geschilderte dazu
kommt, in seiner Seele die in ihr schlummernden Krafte so zu er-
starken, so zu erkraften, daB diese Seele die Moglichkeit findet - es
wurde gesagt vergleichsweise : Wie durch den Chemiker der Wasser-
stofT sich aus dem Wasser herauszieht -, daB so die Seele des Geistes-
forschers die Moglichkeit findet, durch die Seeleniibungen sich heraus-
zuziehen aus dem Physisch-Leiblichen, und sich zu erleben abgeson-
dert von dem Physisch-Leiblichen, so daB sie dann einen Sinn ver-
binden kann mit dem Worte: Ich erlebe mich als seelisch-geistiges
Wesen auBerhalb meines Leibes, und mein Leib mit allem, was in der
Sinneswelt zu ihm gehort, steht vor mir wie ein auBerer Gegenstand
vor uns steht, wenn wir ihn mit den Augen anschauen, mit den Handen
beriihren. - Und schon als ich das letzte Mai hier einige offentliche
Vortrage halten durfte, konnte ich aufmerksam machen auf den be-
deutungsvollen Augenblick, der im Leben des Geistesforschers ein-
tritt, wenn wirklich dieser Geistesforscher, durch die vorgestern er-
wahnten Ubungen, reif geworden ist. - Wer weiteres iiber diese
Ubungen wissen will, der findet es in meinem Buche «Wie erlangt
man Erkertntnisse der hoheren Welten?» und in meiner «Geheim-
wissenschaft im UmriB». Auch hier soli nur prinzipiell hingewiesen
werden auf das, was der Geistesforscher erlebt. Wenn er seine Seele
dahin gebracht hat, daB sie heraustreten kann aus ihrem Leibe, dann
kommt dies Erlebnis eines Tages, man konnte auch sagen eines
Nachts; denn beides ist moglich: mitten in den gewohnlichen Vor-
gangen des Tages, mitten in der Nacht, und es wird, wenn es richtig
vorbereitet ist, weder das eine noch das andere storen. Es kann in
hundertfach verschiedener Weise auftreten, ich mochte nur den typi-
schen Charakter schildern. Es kann auftreten so oder so, es wird immer
in einer typischen Art auftreten, was ich jetzt anfuhre: Da kommt es,
daB der Mensch wie aufwacht aus dem Schlafe; er weiB: etwas geht
vor, was nicht ein Traum ist. Er ist entriickt allem auBeren Wahr-
nehmen, alien Bekummernissen, alien Leidenschaften, all dem, was
ihn mit dem Tag verbindet. Oder mitten im Tage tritt das Ereignis
ein, wo man mit seinem Vorstellen stillstehen muB, wo etwas ganz
anderes in das Vorstellen, in das BewuBtsein hereintritt. Das, was dann
hereintritt, das kann so sein - es wird immer ahnlich sein dem, wie
ich es schildere; ich mochte moglichst konkret schildern, wie sich
dieses erschiitternde Ereignis fur den Geistesforscher wirklich zu-
tragen kann -, da kann man das Gefiihl haben: Du bist jetzt wie in
einem Haus, in das der Blitz eingeschlagen hat. Deine Umgebung zer-
fallt wie ein Haus, in das der Blitz eingeschlagen hat. Der Blitz geht
durch dich selber durch. Man fuhlt, wie alles, womit man materiell
verbunden ist, wie durch die Elemente von einem abgetrennt wird,
so fuhlt man sich aus sich herausgelost, sich aufrechthaltend als ein
geistiges Wesen. Es ist das der denkbar tiefste, erschiitterndste Ein-
druck. Von diesem Momente an, oder von einem ahnlichen, weiB man,
was es heiBt, auBer seinem Leibe in der Seele selber sich erleben. Und
die Geistesforscher aller Zeiten, sie haben einen Ausdruck gebraucht
fur dieses Erlebnis, der voll zutreffend erscheint demjenigen, der dieses
Erlebnis kennt. Denn es hat zu alien Zeiten, eben so, wie es die ver-
schiedenen Kulturen bedingten, eine Art von Geistesforschung ge-
geben. Die heutige ist verschieden von denjenigen der fruheren Zei-
ten; sie ist angemessen den Fortschritten der modernen Naturwissen-
schaft. Aber das, was durch sie erreicht wird, wurde auch erreicht
durch die Methoden, die durch die verschiedenen Kulturen moglich
geworden waren. So haben die Geistesforscher der verschiedensten
Zeiten das eben angedeutete Erlebnis mit den Worten belegt : man sei
als Mensch angekommen an der Pforte des Todes. — Und tatsachlich, was
man sich zunachst vorstellen kann als erlebbar durch den Tod,
das tritt ein. Es tritt nicht ein unmittelbar als eine Wirklichkeit; denn
der Geistesforscher kehrt ja wieder in seinen Leib zuriick und alles
ist wie friiher; er nimmt wieder die auBere Welt wahr. Alles das aber,
was er erlebt, das ist das Bild von demjenigen, was sich wirklich zu-
tragt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wenn
das auBere, physische Leben aufhort und das Leben nach dem Tode
beginnt.
Will man nun verstehen, wie der Geistesforscher zu den Dingen
kommt, von denen hier die Rede ist, so muB man sich vergegen-
wartigen, daB er durch die sorgfaltige Vorbereitung seiner Seele, von
der gesprochen worden ist, dahin gelangt, ganz anders wahrzunehmen
als man mit den auBeren Sinnen wahrnimmt; daB er wirklich hinein-
schauen kann in diejenigen Spharen des Daseins, von denen gespro-
chen werden soli.
Das erste, wozu der Geistesforscher kommt, wenn er einen solchen
Moment uberwunden hat, durch den man an der Pforte des Todes
steht, das erste konnte man in einem gewissen Sinn nennen: Man
gelangt jenseits des menschlichen Gedachtnisses. Das menschliche Ge-
dachtnis, die menschliche Erinnerungskraft, ist ja etwas, was gewisser-
maBen in unserer Seele lebt als der Anfang, mdchte man sagen, von
einem Geistigen. Das sehen selbst schon auBere philosophische For-
scher, die nichts von der Geisteswissenschaft wissen, ein. Der zu so
glanzenden Erfolgen gekommene franzosische Forscher Bergson sieht
schon in dem Gedachtnis des Menschen etwas rein Geistiges, das mit
biologischen oder physiologischen Vorgangen nichts zu tun hat. Und
wenn erst die Vorurteile der Naturwissenschaft, die heute noch fast
an jedem haften, voriiber sein werden, dann wird man einsehen, wie
in dem Schatz unseres Gedachtnisses fur die Menschenseele schon
etwas vorliegt, was gleichsam der Anfang ist zu einem Ubergehen
dessen, was an Sinne und Gehirn gebunden ist, zu einem rein Geistig-
Seelischen. Indem wir gleichsam unsere Vorstellungen zuriickschieben
in das Gedachtnis, bewahren wir sie nicht auf durch irgendwelche
korperlichen Vorgange, sondern rein in der Seele. Das kann ich nur
andeuten. Die naturwissenschaftliche Rechtfertigung dessen, was eben
gesagt worden ist, wiirde sehr viel Zeit und besondere Vortrage in
Anspruch nehmen. So nun, wie man im gewohnlichen Leben Erinne-
rungsbilder wahrnimmt, die aus dem Schatze unserer Seele herauf-
kommen, die so, wie sie auftreten, nichts haben, was uns verleiten
konnte, sie etwa zu einer Illusion oder Halluzination zu machen, so
treten, aber jetzt nicht aus dem Seelenschatze herauf, sondern aus
geistigen Welten heraus, vor die Seele des Geistesforschers die gei-
stigen Vorgange und geistigen Tatsachen; und man merkt dann, daB
hinter dem, was wir den Gedachtnisschatz nennen, die menschliche
Seele noch etwas anderes erleben kann. Der Geistesforscher sieht dann
gleichsam das Folgende: Nun bist du aus deinem Leibe mit deiner
Seele herausgezogen; nun kannst du erst recht iiberblicken, weil es
wie ein auBeres Objekt geworden ist, dasjenige, was du dir durch die
Sinneswelt erworben hast: den Schatz des Gedachtnisses. Aber dieser
Schatz des Gedachtnisses ist wie ein Schleier, der etwas zudeckt, was
immer in der Seele, nur unbewuBt, lebt, was immer in ihr ist; was
aber durch Erinnerung und Gedachtnis zugedeckt wird, verschleiert
wird. Ja, in diesen menschlichen Seelentiefen ist etwas unten, das
immer in ihnen lebt; aber indem der Mensch seine Erinnerungen aus-
breitet in seiner Seele, deckt er dieses unterbewuBte Geistig-Seelische
zu. Indem der Geistesforscher in das Geistig-Seelische sich herein er-
hebt, hat er allerdings, man mochte sagen, wie den Kometenschweif
seines geistig-seelischen Wesens anhangen seine Erinnerungen, aber
er kann durch diese Erinnerungen durchschauen auf etwas, was man
nennen konnte: Krafte hoherer Art als die Krafte sind, die uns die
Erinnerungen aufbewahren. Wenn der Ausdruck nicht so verpont
ware - aber es ist schwierig, fur diese Gebiete, die nichts mit der
Sinnenwelt zu tun haben, gehorige Ausdriicke zu finden -, so konnte
man den Ausdruck anwenden: Man steigt zu einem Ubergedachtnis
auf von dem Gedachtnis. Man kommt allmahlich in das hinein, was
vorgestern imaginatives Vorstellen genannt worden ist. Wahrend man
bei dem Gedachtnis immer das Gefuhl hat: Die Bilder des Gedacht-
nisses steigen herauf, sie stellen sich vor die Seele hin, indem du dich
ihnen passiv hingibst taucht man nun unter in das, was hinter dem
Gedachtnis ist und weiB, daB man aktiv mit hervorbringen muB das,
was dann als Imagination, als Inhalt eines tJbergedachtnisses herauf-
strebt. Aber man weiB auch durch die zu diesen Dingen vorbereitete
Seele, daB das, was sich da offenbart als hinter dem Gedachtnis lie-
gend, immer da war, daB es nur zugedeckt war durch das Gedachtnis,
und man weiB, indem man es erkennt in seiner Wesenheit, daB das,
was sich da hinunterschiebt in die Griinde, die unter dem Gedachtnis-
schatze liegen, selber etwas ist, was nun an unserem physischen Orga-
nismus arbeitet, was tatig ist an ihm. Man macht noch eine ganz
andere Entdeckung. Man macht die folgende Entdeckung - und diese
Entdeckung ist aufierordentlich bedeutungsvoll fur das Verhaltnis der
Geistesforschung zur Naturforschung. Die Naturforschung tritt uns
heute entgegen, indem sie sagt: Alles das, was der Mensch empfindet,
denkt und will, ist gebunden an Vorgange seines Nervensystems.
Recht hat sie damit; aber sie kann mit ihren Mitteln nicht die Art, wie
das Seelenleben an das Nervensystem gebunden ist, wie zum Beispiel
das Denken an das Gehirn gebunden ist, herausbekommen. Man muB
zu viel tieferen Grundlagen des Seelenlebens gehen. Wenn man mit
der Geistesforschung kommt, da merkt man: Ja, es ist fur das ge-
wohnliche Vorstellen des Alltags, auch fur die wissenschaftliche Ar-
beit, durchaus richtig, daB alle Gedanken, die wir uns bilden, auch alle
Empfindungen zum Beispiel, an das Gehirn gebunden sind; aber wie
sind sie an das Gehirn gebunden? Das tiefere Seelische, von dem das
gewohnliche Bewufitsein gar nichts weiB, das erst durch Geistesfor-
schung entdeckt wird, das bearbeitet erst, sagen wir, eine gewisse Ge-
hirnpartie, das sendet erst seine Arbeitskrafte hinein in Sinne und
Gehirn; und dadurch, daB dieses «hinterbewufite» Seelische das Ner-
vensystem bearbeitet, wird dieses zum Spiegel, um das, was im ge-
wohnlichen Leben auftritt, zu spiegeln. Was im gewohnlichen Leben
auftritt, ist das Spiegelbild des Seelisch-Geistigen. Geradeso, wie
wenn ein Spiegel hier hinge und Sie, wenn Sie sich ihm nahern wiir-
den, dann nicht sich sehen wiirden, sondern bloB Ihr Spiegel-
bild, geradeso verhalten Sie sich, indem Sie Ihr alltagliches Den-
ken, Fuhlen und Wollen entwickeln. Das tiefere Seelische arbeitet
speziell am Nervensystem und Gehirn, und was es da erarbeitet, das
macht, daB etwas wahrgenommen werden kann. So ist es das Seelisch-
Geistige, das das Auge bearbeitet, und was im Auge gewisse Vor-
gange hervorruft. Wenn diese Vorgange hervorgerufen sind, dann
spiegelt das Auge in das Geistig-Seelische dasjenige zuriick, was wir
die Farbe nennen. So ist es das tiefere Seelisch-Geistige, was im Leibe
arbeitet. Und dazu wird die Geistesforschung die Menschheit fiihren:
zu erkennen, daB wir es selbst sind, die im Inneren unserer Vor-
stellungen leben, und die mit ihrem tieferen Wesen erst selber den
Leib zubereiten, daB er zum Spiegelungsapparat dafiir wird, was dann
die Seele erlebt. So ist es im gewohnlichen, auBeren, raumlichen Le-
ben. In dem Augenblick aber, wo unsere Vorstellungen zu Erinne-
rungsbildern werden, muB noch etwas anderes vorgehen; wir miissen,
wenn nicht die Vorstellungen wie Traume an uns voriiberhuschen
sollen, damit sie Erinnerung werden, Aufmerksamkeit verwenden.
Alles, was zur Erinnerung werden soil, was uns bleiben soli in der
Seele, auf das miissen wir uns langer hinkonzentrieren, als notwendig
ist, sagen wir, zum bloBen Vorstellungsbilde. Ein Farbeneindruck
wiirde uns nicht in der Erinnerung bleiben, wenn wir ihn nur gerade
so lange anschauten, als es notwendig ist, daB die Farbe hervorgerufen
wird. Schauen wir ihn langer an, so appellieren wir an jene Kraft, wel-
che alles das in unserer Seele als Erinnemng erhalt. Wir schieben
gleichsam zuriick unsere Seelentatigkeit in ein tieferes Wesen und
dieses stellt sich heraus nicht als der physische Leib, sondern als etwas,
was feiner, atherischer ist als der physische Leib ; und was man in der
Geistesforschung eben mit dem allerdings verponten, heute gar nicht
beliebten Ausdruck «atherisch» bezeichnen kann - doch hat das Wort
nicht den Sinn, den man gewohnlich damit verbindet -, er stellt sich
dar als ein atherischer Leib, der schon geistiger Art ist.
Aber nicht nur so wirkt unsere Seele, daB sie diese Erinnerungs-
bilder s chant, sondern sie wirkt viel mehr durch ihren Verkehr mit
der AuBenwelt im Leben zwischen Geburt und Tod in sich hinein.
Und da entdeckt der Geistesforscher das Merkwiirdige, daB unsere
Erinnerungen nur deshalb Vorstellungen bleiben, weil sie aufgehalten
werden vom Atherleib, nicht in den physischen Leib hineingelassen
werden. Wurden sie in den physischen Leib hineinrinnen, wurden sie
darin zur Tatigkeit werden, diese Vorstellungen, so wurden sie iiber-
gehen in die Bildungskrafte, in die Lebekrafte des physischen Leibes,
wurden dies en durchorganisieren. Dadurch, daB wir unsere Vorstel-
lungen Vorstellungen sein lassen, sie nicht in organische Krafte iiber-
gehen zu lassen brauchen, behalten sie den Charakter der Erinnerung,
erhalten wir sie in ihrer Vorstellungskraft. Sie konnen Erinnerungen
bleiben.
Aber die Seele entwickelt auch im Leben viel starkere Krafte als
diejenigen sind, die die Erinnerungen entwickeln, und diese starkeren
Krafte werden nun ebenfalls zunachst in der Seele bewahrt. Aber sie
liegen wie ein Obergedachtnis hinter dem gewohnlichen Gedachtnis-
schatz; sie sind in uns. Das ist das, was nun der Geistesforscher er-
lebt, wenn er durch das Gedachtnis hindurchschaut auf diesen uber-
gedachtnismaBigen Schatz, daB er weiB : Da lebt in deiner Seele etwas,
was nicht hineinwirken kann in deinen physischen Leib, was unter der
Oberflache des Gedachtnis ses liegt, aber auch nicht zur Wirksamkeit
kommt in deinem physischen Leibe, jetzt, wie er ist zwischen Geburt
und Tod. Da ist etwas, was nicht Vorstellung bleibt, was doch aber
nicht zur organisch wirksamen Kraft wird. Der Geistesforscher erlebt
dieses, indem er auBerhalb seines Leibes ist. Aber er erlebt zugleich das
andere, das er ausdriicken kann, wenn er sich iiber die Tatsache klar-
werden wkd, damit, daB er sagt: Ja, so erlebe ich etwas in meiner
Seele, was in ihr ist, was gewissermaBen keine Anwendung findet, weil
es nicht hinein kann in den Leib, der gebildet ist seit der Geburt oder,
sagen wir, der Empfangnis, weil es darin keine Unterkunft findet. Und
indem sich nun der Geistesforscher hineinvertieft in dies, was ich hier
angedeutet habe, erlebt er es so, daB er es erkennen kann, wie man er-
kennt den Keim, der in einer Pflanze ist. Die Pflanze entwickelt sich
von der Wurzel bis 2ur Frucht, in welcher der Keim ist. Der Keim ist
aber schon veranlagt in der ganzen Pflanze. Das, was Keim ist, hat fur
diese Pflanze keinen Sinn, es kann seine Krafte nicht in diese Pflanze
hineinsenken; es ist aber darinnen, es ist die Anlage zu einer folgenden
Pflanze, sagen wir, des nachsten Jahres. Indem der Geistesforscher
hinuntertaucht, taucht er ein in etwas, was in ihm ein Seelenkern, ein
Seelenkeim ist, von dem er weiB, er wird gebildet in diesem Leben
zwischen der Geburt und dem Tode, aber er entwickelt seine Krafte
nicht in diesem Leben; er taucht da unter in die tieferen Schichten
der Seele und liegt bereit fur ein folgendes Leben, wie in der Pflanzen-
frucht der Keim bereitliegt fur die folgende Pflanze, die sich nicht ohne
die vorhergehende entwickeln konnte.
So kommt man zu der Einsicht des Einklanges der menschlichen
aufeinanderfolgenden Erdenleben mit aller auBeren Natur, wenn
man so unterzutauchen versteht in das Seelische. Das, was wichtig
ist, ist nur, daB der Geistesforscher nie aus den Augen verliert:
Das, was du da erleben muBt, das kann nur ein solches sein, bei
dem du immer wieder und wiederum dir deiner eigenen Tatigkeit be-
wuBt wirst; derm ist man das nicht, iiberschaut man nicht, wie das
entstanden ist, dann wird es zur Illusion, Halluzination oder zur bloBen
Phantasie. Es ist vollig ein Irrtum, wenn eingewendet wird: Ja, wie
kann der Geistesforscher wissen, daB das, was er so entdeckt, keine
Halluzination, keine Illusion, nicht Phantasie ist? Es konnte ja eine
selbst suggerierte Halluzination sein. Wenn der Geistesforscher sich so
stellen wiirde zu dem, was er so erlebt, wie es geschildert worden ist,
wie sich das krankhafte Gemut zu einer Halluzination stellt, dann
wiirde dieser Einwand voll berechtigt sein. Denn sie stellt sich gegen-
iiber im Gemiit wie eine auBere Wahrnehmung, man durchschaut sie
nicht. Das aber lernt der Geistesforscher genau kennen durch die rich-
tigen Vorber eitungen - wie Sie sie in meiner Schrift «Wie erlangt man
Erkenntnisse det hoheren Welten?» lesen konnen daB er unter-
scheiden kann das, was nur Reminiszenz ist der AuBenwelt, und was
Phantasie und Hallucination ist, zu dem er sich passiv verhalt, daB
er dies unterscheiden muB von dem, was sich so hinstellt, daB er es
ebenso erkennt, wie man von einem Buchstaben oder einem Worte
weiB : Das, was da auf dem Papier stent, das bedeutet nicht sich selbst,
sondern etwas anderes. Denn so verwendet der Geistesforscher das Er-
schaute nicht, wie man Halluzinationen verwendet, sondern so, daB
man es vergleichen kann mit einem geistigen Lesen in einer Schrift
von Imaginationen, die sich vor ihn hinstellen. Erst wenn man lernt,
in freier Weise in seinem Gemiit das, was man da durch eigene Aktivi-
tat hinstellt, so zu verwenden, daB man darin lebt, wie man in den
Schriftzugen lebt, durch die man hindurchsieht auf das, was sie be-
deuten; erst indem man sich in so innerlich erkrafteter Weise zu dem
erhebt, was da in das Seelenschauen tritt, kann man dahin gelangen,
wirklich zu erschauen, was Vorgange und Wesenheiten der geistigen
Welt sind. Dann aber kommt man, weil man dadurch sich allmahlich
einlebt in das Element unserer Seele, das nicht mit dem Leib einerlei
ist, hinein in das Wesen, von dem man sagen kann, daB die Eigen-
schaft der Unsterblichkeit ihm zukommt.
Geisteswissenschaft ist nicht eine spekulative Philosophic, worin
man nachdenkt, welche Griinde konnen sich ergeben far die Unsterb-
lichkeit der Seele : Geisteswissenschaft zeigt, wie man zur Seele selber
kommt und von dieser wahrhaftigen Seele zeigt sie, was sie wirklich
ist. Sie legt gleichsam die Seele bloB; und dann stellt sich heraus, daB
das, was als die Seele bloBgelegt wird, nicht ein Ergebnis der auBeren
Leiblichkeit ist, daB vielmehr diese Leiblichkeit das Ergebnis dessen
ist, was man da entdeckt. Denn wenn man auf der einen Seite ent-
deckt in sich den Seelenkern, dem man es anfiihlt, aus dem man her-
auserlebt, daB er der Keim zu einem nachsten Erdenleben ist, so erlebt
man in diesem iiber dem Gedachtnisschatz Hegenden BewuBtseins-
inhalt audi das, was in den Menschen als das menschliche Leiblich-
Physische hereingezogen ist, bevor er als physisches Wesen sein Da-
sein begonnen hat mit der Geburt oder, sagen wir, der Empfangnis.
Geradeso wie die Seele selbst es ist, die raumlich, wenn wir wahr-
nehmen, ihr Gehirn zubereitet, damit dieses ihren Inhalt spiegelt, so
erlebt man, daB das Geistig-Seelische, zu man vorgedrungen ist,
vor der Geburt, vor der Empfangnis in einer geistigen Welt vorhan-
den war und in dieser sich die Krafte erworben hat, urn sich zu ver-
binden mit dem, was an physischer Substantialitat gegeben wird von
Vater und Mutter, um sich zu durchdringen mit dieser Substantialitat,
diese sich anzuorganisieren. Man etlebt, daB der Mensch, so wie er in
die Welt hereinzieht, nicht bloB das Ergebnis ist von Vater und Mut-
ter, sondern dafi sich verbindet das Geistige mit dem Materiellen, mit
dem, was von Vater und Mutter gegeben wird; das Geistige, das aus
geistigen Welten herunterkommt, wo es gelebt hat zwischen dem letz-
ten Tod und dieser Empfangnis. Und der Geistesforscher kann, indem
man also kennenlernt dasjenige in der Seele, was jenseits des Gedacht-
nisses liegt, er kann dadurch auch erkennen lernen, wie die Seele sich
verhalt, wenn nicht mehr das Leibliche sozusagen die Tatigkeit dieses
Geistig-Seelischen zuriickhalt, wenn der Tod liber den Menschen ge-
kommen ist. Wenn der Tod iiber den Menschen gekommen ist, dann
lebt die Seele zunachst - das ist die Tatsache, die sich der Geistes-
forschung darbietet - in dem, was wahrend des Lebens nicht physisch-
leiblich geworden ist; sie lebt in ihrem Gedachtnisschatz. In der ersten
Zeit nach dem Tode breitet sich aus vor der Seele ein weites Erinne-
rungsbild von alledem, was der Mensch erlebt hat zwischen Geburt
und Tod. Auch alle diejenigen Ereignisse kommen herauf, welche ver-
gessen worden sind im Leben. Dieses Erleben seiner ganzen Erinne-
rung dauert nur wenige Tage. Der Geistesforscher kann das durch-
schauen, was da als das erste Erlebnis nach dem Tode auftritt, weil
er ja kennenlernt die Natur des Gedachtnisses. Wenn die Seele aus
dem Leibe heraus ist, dann wird wirklich fur den Geistesforscher so
etwas zum BewuBtseinsinhalt, wie es fur den Toten wird, wenn er
durch die Pforte des Todes geschritten ist. Vor dem Geistesforscher
tritt auch dasjenige auf, sobald er auBer dem Leibe ist, was sein ge-
samter Gedankeninhalt ist, aber jetzt so wie eine Welt; wie man sonst
Berge und Wolken und Sterne und Sonne und Mond und Fliisse und
Stadte um sich hat, so hat man auBer seinem Leibe zunachst ein Tableau
desjenigen, was man erlebt hat, vor sich; nur kann man dieses Tableau
durchschauen, man kann seine Wirkungskraft ersehen. Indem man -
um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen - sich hingewohnt hat,
wirklich auBerleiblich diese Dinge zu durchschauen, gelangt man auch
allmahlich dazu, wirklich den Blick bewuBt hinwerfen zu konnen auf
das, was die Seele nach dem Tode durchlebt, was sie durchlebt hat
nach dem letzten Tode, was ihr bevorsteht nach dem Tode, der da
kommen wird. Erst ist es dieses Erinnerungsbild, das breitet sich aus,
die Gedanken, die sich angesammelt haben. Aber hinter dem tritt eine
andere Seelenkraft auf. Jetzt, da der Tod voriibergegangen ist, ist diese
Seelenkraft nicht mehr durch den Leib gehemmt, jetzt wirkt sie so,
daB dieses Erinnerungsbild nach einigen Tagen verschwindet aus der
Umgebung des Menschen.
Man kommt ja, wie schon eingangs gesagt, auf gewagte Dinge,
wenn man iiber das Thema des heutigen Vortrags sprechen will, aber
man kann doch nicht umhin, diese Dinge zu beruhren, wenn man nicht
in allgemeinen Redensarten sich ergehen will. Ich habe versucht dar-
zustellen, was der Geistesforschung sich ergeben hat iiber die Dauer
dieses ersten Erlebnisses nach dem Tode. Da hat sich ergeben, daB
diese Riickschau auf die Gedankenbilder der Erlebnisse des letzten
Lebens fur die verschiedenen Menschen verschieden lang dauert, fur
den einen Menschen langer, fur den anderen kiirzer; aber im allge-
meinen ungefahr so lange, als die Kraft dauern kann wahrend des Le-
bens, durch die sich der Mensch wach erhalten kann, wenn er ver-
hindert ist, einzuschlafen. Der eine Mensch kann kaum eine Nacht
sich wach erhalten, ohne daB ihn der Schlaf iibermannt, ein anderer
viele Nachte. Diese innere Kraft, den Schlaf zu bekampfen, die ist der
MaBstab fiir die Zahl der Tage, nach denen diese Riickerinnerung nach
dem Tode dauert. Dann verschwindet diese, und etwas anderes tritt
auf.
Was jetzt auftritt, in das kann man sich nur vertiefen, wenn man es
auch schon kennt durch die aufierleiblichen Erlebnisse; aber es ist sehr
schwierig, Worte zu finden fur diese Erlebnisse der Seek, die ganz
andersgeartet sind als diejenigen, die man im Alltage erlebt. Unsere
Sprache ist ja fur die sinnliche Welt gepragt. Was auBerhalb der Sinnes-
welt liegt, erlebt die Seele ganz anders als hier in der Sinneswelt. Da-
her bitte ich Sie zu entschuldigen, wenn Ihnen manche Ausdrucke un-
gelenk, paradox vorkommen werden; aber Sie konnen versichert sein:
Wenn jemand sich anschickt, mit den ganz gewohnlichen Worten der
Sprache das zu schildern, wofiir sich nur schwer Worte finden lassen,
so wird er nicht unmittelbar aus den Erlebnissen der Seele heraus
schildern konnen dasjenige, was nach der Riickschau erlebt wird. —
Das, was nunmehr die Seele erlebt, was der Geistesforscher auBer
dem Leibe erlebt, das ist das, was ich nun eben mit dem Ausdruck be-
legen mochte - es ist namlich kein Fiihlen und ist kein Wollen, es ist
etwas zwischen dem Fiihlen und Wollen was ich nennen mochte
ein «wollendes Fiihlen », ein«fiihlendes Wollen ». Man hat diese Seelen-
kraft, die man innerlich entwickelt, gar nicht im gewohnlichen Leben.
Man kennt sie als Geistesforscher. Es ist, wie wenn der Wille mit uns
sich dahin bewegte, in der Welt; und wie wenn dieser Wille, ich
mochte sagen, indem er sich dahin bewegt, auf seinen Fliigeln oder
seinen Fluten tragt das, was uns nun als Gefiihl so entgegentritt, da8
es wie auBer uns ist, wie heranspielt auf den Wogen des Willens.
Wahrend wir sonst gewohnt sind, dieses Gefiihl als etwas zu empfin-
den, was innerlich verwachsen ist mit uns, wird das jetzt so wie
wogend und webend auf den Wellen des Willens; und wir wissen
dennoch, da wir uns bei diesem Erleben ausbreiten in die Welt, daB
wir in dem, was da drauBen ist als wollendes Fiihlen, als fiihlendes
Wollen, was drauBen ist wie die Farben- und Tonwahrnehmungen
der Sinneswelt, daB das von unserem Wesen durchdrungen ist. Ein
Fiihlen ist da drauBen, das wir wie Licht wahrnehmen; aber wir wis-
sen uns zugleich mit ihm verbunden.
Aber in der ersten Zeit nach der Riickschau erlebt dies der Mensch
so, daB seine einzige Welt, die er zunachst walirnimmt, im Grunde
diejenige ist, aus der er sozusagen mit dem Tode herausgegangen ist.
Nachdem sich das Erinnerungstableau abgedammert hat, entfaltet sich,
erkraftet sich in der Seele dieses fiihlende Wollen, wollende Fiihlen;
aber dieses driickt nur Dinge aus, die mit dem letzten Erdenleben noch
zusammenhangen; so daB wir diese Dinge, die wir da erleben, etwa
in der folgenden Art charakterisieren konnen: Das Erdenleben gibt
dem Menschen niemals in seine Erfahrung alles das, was es ihm geben
konnte. Eine Menge Dinge bleiben so, daB wir sagen konnen: Wir
haben nicht alles genossen, was hatte genossen werden konnen, was
Eindriicke hatte machen konnen zwischen Geburt und Tod. Es ist
immer sozusagen zwischen den Zeilen des Lebens etwas von Begier-
den, von Wunschen, von Liebe zu anderen Menschen und so weiter
zuriickgeblieben. Unerledigtes - um den trivialen Ausdruck zu brau-
chen - im letzten Leben, das ist das, auf das wir begehrend geistig
zuriickblicken, und zwar jetzt auf Jahre hin begehrend geistig zuriick-
blicken. In diesen Jahren ist es so, daB wir sozusagen unsere Welt
hauptsachlich in demjenigen haben, was wir gewesen sind. Wir
schauen in unser letztes Erdensein hinein, schauen in ihm das, was
unerledigt geblieben ist. Und erst dadurch, daB wir in einer Sphare
jahrelang leben, in der davon nichts befriedigt werden kann, wie es
auf Erden befriedigt wird, weil wir ja die leiblichen Organe dazu ab-
gelegt haben, arbeiten wir uns in der Seele heraus aus solchen Zu-
sammenhangen mit dem letzten Erdenleben.
Auch hier hat wiederum die Geisteswissenschaft die Lange dieser
Erlebnisse zu iiberblicken, und da kann das Folgende gesagt werden:
Die Zeit, die der Mensch durchlebt, in der allerersten Kindheit bis zu
dem Zeitpunkt, wo er sich zuruckerinnert, die hat keinen EinfluB auf
die Dauer der Erlebnisse, die jetzt geschildert worden sind. Ebenso
hat die Zeit, die wir nach dem funfundzwanzigsten, sechsundzwan-
zigsten, siebenundzwanzigsten Jahre weiter durchleben, keinen Ein-
fluB mehr. Die Jahre etwa vom vierten bis in die Zwanzigerjahre hin-
ein, die deuten auch die Lange an, in der man - so zusammenhangend
mit seinem letzten Erdenleben - Erfahrungen zu sammeln hat in der
geistigen Welt, sich herauszuziehen hat aus dem Erdenleben. Es stellt
sich heraus fur die geistige Beobachtung : So lange man gebraucht hat,
um nach dem vorigen geistigen Leben, nachdem man durch Empfang-
nis und Geburt gegangen ist, seinen Leib gleichsam mit den aufwarts-
strebenden Kraften aufzubauen, bis in die Mitte der Zwanzigerjahre
hinein, also so lange man gebraucht hat, um das Leben mit den kor-
perlichen, organisch-fruchtbaren Kraften zu durchsetzen, es zu dur ch-
setzen mit den Kraften, die im Leben begehren, genieBen, ungefahr
so lange dauert audi die Zeit, durch die man sich wiederum heraus-
finden muB aus dem letzten Erdenleben. So daB man, wenn man also
sagen wir, zwolf Jahre alt wird, vielleicht nur fiinf Jahre braucht, um
herauszukommen aus dem letzten Erdenleben, oder sieben Jahre;
wenn man aber, sagen wir, fiinfzig Jahre alt geworden ist, so tragen
die Jahre nach der Mitte der Zwanzigerjahre nichts mehr Sonderliches
bei an der Verlangerung der jetzt genannten Periode.
Von dieser Periode muB gesagt werden, daB in ihr schon in einer ge-
wissen Weise das eintritt, was man nennen kann : Der Mensch nimmt
wahr geistige Vorgange und geistige Wesen in seiner Umgebung. Ich
habe ja schon vorgestern angedeutet, daB, wenn der Geistesforscher
in seinem Geistig-Seelischen sich erlebt, er in einer wirklichen geisti-
gen Welt darinnen ist. In diese geistige Welt zieht ja der Tote ein;
aber er ist zunachst so beschaftigt mit seinen Zusammenhangen mit
seiner vorhergehenden Welt, in der Weise, wie wir es vorher bespro-
chen haben, daB er nur auf dem Umwege durch sein fruheres Leben
einen Zusammenhang gewinnen kann mit dem, was in seiner geisti-
gen Umgebung ist. Um ein Beispiel zu sagen: Nehmen wir an, je-
mand ist durch die Pforte des Todes gegangen. Die Riickschau ist
voriiber. Er lebt in dieser Zeit des Sich-HerausreiBens aus den Zu-
sammenhangen mit dem vorhergehenden Erdenleben. Jemand, den er
geliebt hat, ist noch im physischen Leibe. Derjenige, der noch in die-
sem Stadium des Erlebens ist, von dem wir eben sprechen, kann nicht
unmittelbar auf die Seele hinschauen, die noch auf der Erde ist; aber
es bildet sich gleichsam eine Art von Umschaltung : Im letzten Erden-
leben haben wir den Menschen geliebt, der zuruckgeblieben ist; auf
das Liebesgefiihl blicken wir, wenn wir in dem Stadium sind, das wir
jetzt besprechen. Die Gefuhle sind unsere AuBenwelt. Indem wir auf
sie hinblicken, finden wir den Weg zu der Seele, die noch auf der
Erde ist. Ebenso mussen wir iiber das Gefiihl den Weg finden auch
zu einer Seele, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist.
So kann man sagen: Der Mensch lebt mit den Menschenseelen als
Seele nach dem Tode, aber zunachst auf dem Umweg durch sein eige-
nes Leben.
Aber immer mehr und mehr entwickelt sich im Menschen eine
Kraft, eine seelische Kraft, die wiedenam nur der Geistesforscher
kennt, wenn er sich geistig-seelisch auBer dem Leibe erlebt. Fur diese
ist nun schon gar kein Ausdruck mehr da. Fur die andere Kraft kann
man wenigstens noch sagen: «Wollendes Fiihlen» oder «Fuhlendes
Wollen», weil sie etwas Ahnliches hat mit dem Wollen und dem Fuh-
len. Wenn auch das Wollen und Fiihlen objektiviert sind, sie haben
doch etwas Ahnliches, die Dinge, die da drauBen in Wollungen und
Fiihlungen herumwogen, etwas Ahnliches mit den Gefuhls- und Wil-
lensimpulsen, die wir sonst im Leben haben. Das aber, was nunmehr
die Seele erlebt, was als eine Kraft in ihr erwacht, je mehr sie sich
entfernt in der geschilderten Weise von dem letzten Erdenleben, das
kann ich nur bezeichnen mit einem Ausdruck, der ungeschickt klin-
gen mag in bezug auf die gewohnliche Sprache, der aber doch be-
zeichnend ist; ich kann es nur benennen: kreative seelische Kraft, see-
lische Schopferkraft. Es ist etwas, was die Seele jetzt unmittelbar er-
lebt. DaB man in eine Aktivitat iibergeht, das erlebt die Seele vollig;
aber zugleich, daB diese Schopferkraft wirklich sich entwickelt, wirk-
lich von der Seele ausstrahlt in die Umgebung und - wiederum ist es
ungeschickt, aber es muB eben, damit man sich verstandlich machen
kann, dieser Ausdruck gebraucht werden - es ist diese Kraft etwas,
was in die Umgebung wie ein geistiges Licht ausstrahlt, was die gei-
stigen Vorgange und Wesen ringsherum beleuchtet, so daB wir sie
sehen; wie, wenn die Sonne aufgeht, wir durch die Sonne die aufieren
Gegenstande sehen, so sehen wir durch die eigene innere Leuchte-
kraft, die sich hinergieBt, die geistigen Vorgange und Wesenheiten.
Jetzt tritt die Zeit ein, wo die Seele in dem MaBe in der geistigen
Umgebung ist, als in ihr diese kreative Kraft erwacht, diese Welt zu
beleuchten. Und hier haben die Religionen keinen unbedeutsamen
Ausdruck gebraucht, wenn sie sagen, urn das Leben nach dem Tode
zu bezeichnen: Dieses Sich-Fuhlen in der schopferischen Kraft, dieses
Sich-Einleben in eine geistige Umgebung, die dadurch sichtbar wird,
daB man seine eigene Schopferkraft hineinsendet, dieses Sich-Erleben
in dem AusgieBen des Lichtes ist ein Gefiihl von Seligkeit. Selbst die
Schmerzen werden so als Seligkeiten erlebt in dieser Welt. Da erlebt
die Seele nun ihr weiteres Leben.
Nun handelt es sich darum, daB die Seele nur in abwechselnden Zu-
standen dieses Erleben durchmachen kann, das eben beschrieben wor-
den ist. - Ich komme dabei allerdings in Gebiete, die fur ein ge-
wohnliches Leben ganz im Phantastischen schwimmen; aber nach den
vorbereitenden Mitteilungen, die nun gegeben sind, darf ich auch
diese Dinge auseinandersetzen; denn klar muB man sein, daB der Gei-
stesforscher niemals anderes behaupten wird, als daB nur dann ihm
solche Dinge aufgehen konnen, wenn er auBerleiblich erlebt. - Die
Seele erlebt also Wechselzustande. Nicht immer ist sie in dem Zu-
stand, daB sie ihre geistige Leuchtekraft seelisch ausstrahlt iiber die
Umgebung, so daB Menschenseelen und andere Wesenheiten nun um
sie herum sind und geistige Vorgange von ihr erlebt werden. Nicht
immer ist es so, daB die Seele also in der auBeren geistigen Welt
lebt, sondern dieser Zustand muB abwechseln mit dem Zustand, dafi
die Seele dieses Ausstrahlen der geistigen Leuchtekraft gleichsam sich
herabdumpfen fiihlt. Die Seele wird innerlich stumpf, sie kann nicht
mehr hinstrahlen ihr Licht auf die Umgebung, sie muB in sich selber
zusammennehmen ihr ganzes Sein. Und jetzt kommt derjenige Mo-
ment, wo in der Zwischenzeit zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt die Seele ein vollig einsames Leben lebt. Das dauert lange.
Wenn man es vergleichen will mit dem gewohnlichen Leben, so kann
man sagen : Wie im gewohnlichen Leben der Mensch abwechseln muB
zwischen Schlaf und Wachen, so muB er nach dem Tode abwechseln
zwischen einem Leben, das sich ausgieBt in die auBere Welt, und einem
Leben der inneren Einsamkeit. Wo hereingenommen ist alles, was man
friiher im Zustand der Verbreiterung erlebt hat, wo aber die Seele
weiB : Du bist jetzt ganz einsam mit dir. So wie man im Schlafe be-
wuBtlos wird, so zieht man sich hier in sich zuriick, wird aber nicht
bewuBtlos. Die Seele erlebt ein erstarktes BewuBtsein gerade in diesen
Zeiten der Einsamkeit, aber sie erlebt das so, daB sie weifi : Da drau-
Ben ist die geistige Welt, du aber bist mit dir allein, alles, was du er-
lebst, erlebst du in dir. - Was man in sich erlebt, sind die Nachklange
dessen, was man auBer sich erlebt hat. Nur dadurch kann die innere
Leuchtekraft wieder erstarken und aus der Seele wieder heraustreten.
Und dann wacht man geistig wiederum auf und erlebt wiederum den
anderen Zustand.
Es gehort zu den merkwiirdigsten Erlebnissen, wirklich einmal zu
lernen, einen Sinn zu verbinden mit den Worten, daB fur die Zeit
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Seele lebt in geistiger
Geselligkeit und Einsamkeit, daB fur dieses Abwechseln der Zustande
von geselligem Erleben und Einsamkeit in der geistigen Welt, aller-
dings durch viel langere Zeitraume als Tag und Nacht, daB es fur
dieses Nach-dem-Tode-Erleben etwas ahnliches bedeutet wie Schlafen
und Wachen fur das physische Erleben. Ich habe diese Verhaltnisse
angedeutet in meinem vorletzten Buche: «Die Schwelle der geistigen
Welt.» Aber die Seele erlebt so, indem sie weiterlebt zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, allmahlich ein Herabdumpfen, ein Ver-
glimmen ihrer Leuchtekraft. Man mochte sagen : Die Erlebnisse der
inneren Einsamkeit werden immer starker und starker. Sie werden
allmahlich so, daB der Mensch innerlich eine ganze Welt erlebt, man
mochte sagen einen ganzen Kosmos. Wahrhaftig, so wird sie, daB be-
rechtigt ist zu sagen: den Menschen iiberkommt etwas wie das Gefuhl
der Furcht vor sich selbst, wenn er entdeckt, was da alles unten ist
in den Untergriinden der Seele, und was jetzt herauskommt ungefahr
in der Mitte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Und dann kommt die Zeit heran, die ich versuchte darzustellen in
meinem vierten Mysteriendrama : «Der Seelen Erwachen», ich suchte
sie darzustellen, diese Zeit, wo der Mensch nur mehr vermag inner-
liche Erlebnisse zu haben ; wo die Nachte der Einsamkeit immer lan-
ger und langer werden; wo der Mensch nicht mehr aufwachen kann
geistig zu einem Bewufitsein, in dem er seine Leuchtekraft rings-
herum ausstrahlt. Ich habe versucht auszudnicken das, was dann der
Mensch erlebt, mit einem symbolischen Ausdruck, mit dem Ausdruck :
Die Mitternacht des geistigen Daseins zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Es ist die Zeit, in der der Mensch alles, was in den
Tiefen seiner Seele ist, als seine Welt erlebt, wo er nur weiB : Jenseits
der Ufer deiner Seele sind die geistigen Welten, in denen alles das ist,
was es von geistigen Wesen gibt, in denen alle Menschenseelen sind,
die entkorpert oder auch verkorpert sind, und in denen alle andeiren
Wesen sind; aber man weiB es nur, weil man die Nachklange davon
in sich hat. Und jetzt entsteht etwas in der Seele, was wieder nicht
mit einem gewohnlichen Wort bezeichnet werden kann. Nicht wahr,
die gewohnliche Sprache hat das Wort «Sehnsucht» fur das Passivste
in der Seele. Wenn wir sehnsiichtig sind im physischen Erleben, so
sind wir am passivsten. Wir ersehnen etwas, wir begehren etwas, was
wir nicht haben - und die Sehnsucht kann das gewiB nicht hervor-
bringen, was wir ersehnen. Wir konnen uns nur passiv verhalten. Aber
die Seelenkrafte gewinnen einen ganz anderen Charakter, wenn die
Seele auBerhalb des Leibes ist. Aus der Tiefe der Einsamkeit heraus,
aus dem, was die Seele in der geschilderten Weise in der Welten-
mitternacht des Geistes erlebt, bildet sich die Sehnsucht, wiederum
in die Welt sich hmeinzuleben, aus der man in seiner Einsamkeit her-
ausgerissen ist. Und die Sehnsucht wird jetzt aktiv, und aus ihr wird
etwas, was geistig real ist, eine organisierende Kraft. Sie wird wirk-
lich eine neue Wahrnehmungskraft. Diese geistige Sehnsucht gebiert
eine neue Seelenkraft, wiederum eine solche Kraft, die nun eine auBere
Welt wahrnehmen kann, aber eine Welt, die zugleich eine auBere und
eine innere ist: eine auBere, weil sie wirklich auBerhalb unseres Wesens
da ist; eine innere, weil wir auf sie schauen als diejenige Welt, die
wir im vorhergehenden Leben durchlebt haben, die Welt unserer frii-
heren Erdenverkorperung. Das wird jetzt aus unserer Sehnsucht her-
aus unsere AuBenwelt. Wir schauen hin auf all das, was unerledigt
geblieben ist im vorigen Leben, und in uns zimmert die Sehnsucht
Krafte, um Ausgleich zu schaffen fur das, was die Seele im vorher-
gehenden Erdenleben Schlechtes, Tdrichtes, Boses, HaBliches getan
hat, um Ausgleich zu schaffen dafur in einem neuen Leben.
Das ist die Zeit, in der jeder Mensch zuriickblicken kann auf seine
friiheren Erdenleben, die Zeit, wo wirklich zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt dem Menschen vor Augen stehen - vor dem gei-
stigen Auge stehen - all die Taten seiner friiheren Leben, und in ihm
erwacht die Tendenz, in einem neuen Erdenleben solche Ausgleiche
zu schaffen, daB die neuen Erdenerlebnisse ausleben und gutmachen,
was in friiheren Erdenleben erlebt worden ist. Ich habe schon Men-
schen kennengelernt, die sagten, sie haben mit dem einen Leben ge-
nug; sogar einen Menschen, der nahe daran war, etwas Verniinftiges
an diesen wiederholten Erdenleben zu finden -, dann hat er mir aber
von der nachsten Eisenbahnstation aus eine Karte geschrieben, daJ3 er
doch nichts wissen wolle von einem nachsten Erdenleben. Aber dar-
auf kommt es nicht an, daB wir uns von diesen wiederholten Erden-
leben eine Vorstellung bilden konnen, sondern darauf, daB jede Seele
in der Lage, die jetzt beschrieben worden ist, auf ihre friiheren Erden-
leben zuriickblickt und zugleich die Tendenz in sich aufnimmt, ein
neues Erdenleben zu erleben, das Ausgleich ist fur die friiheren Erden-
leben. Und man erlebt weiter, daB es Menschen gibt, denen man man-
ches schuldig geworden ist, oder die einem etwas schuldig wurden : das
tritt vor die Seele hin als Erganzung zum eigenen Erdenleben. Und die
Tendenz tritt auf, wiederum mit den Menschen zusammenzuleben,
denen man etwas schuldig geworden ist, um auszugleichen, was man
schuldig geworden ist. Und in anderen Menschen tritt die gleiche Ten-
denz auf. Dadurch treten Krafte auf in verschiedenen Menschen, die
friiher zu gleicher Zeit gelebt haben ; da werden geistige Krafte erregt,
welche zur Erde hinunter tendieren. Dadurch kommt es, daB in dem
neuen Erdenleben solche Menschen zusammenkommen, die friiher bei-
sammen gewesen waren. Es muB sich ausgleichen, was sich diese See-
len schuldig geblieben sind. Wie gesagt, die Tendenzen treten da zu-
sammen. Und dann erlebt man immer weiter und weiter dieses geistige
Leben zwischenTod und neuer Geburt : immer mehr und mehr pragen
sich ein, kraften sich ein die Tendenzen, von denen gesprochen wor-
den ist. Sie werden lebendige Tendenzen. Und der Mensch schafft sich
aus dem, was er also erfahren hat iiber friihere Erdenleben, das Urbild,
das geistige Urbild des neuen Erdenlebens.
Das schafft er nun selbst, indem die Zeit weiterriickt ; da schafft er
nun selbst, was sich verbindet mit der materiellen Substanz, die von
Vater und Mutter gegeben wird, um in ein neues Erdenleben einzu-
treten. Und je nachdem die vererbten Eigenschaften von Vater und
Mutter in der materiellen Substanz sein konnen und verwandt sind
mit dem geistigen Urbild, wird das geistige Urbild hingezogen zu dem
Materiellen vor der Empfangnis. So daB man sagen kann : Die Wahl-
verwandtschaft zwischen den ererbten Eigenschaften und dem Urbild,
die entscheidet, zu welchem Elternpaar die Seele sich wie magnetisch
hingezogen fiihlt, in welches Leben man sich hineinfindet. Dadurch
kommt det Mensch wiederum zur Etde zuriick, vereinigt sich wieder-
um mit einem irdischen Leibe. Und die Geistesforschung kann nun
sehen, was im Kinde, man mochte sagen, auf so mysteriose Weise -
wer ein Kindesleben zu beobachten versteht, wird sehen, es ist so -
sich herausbildet, indem von innen heraus die ausdrucksvollen Mie-
nen allmahlich treten, indem die geschickten Bewegungen aus den
ungeschickten sich entwickeln, indem das, was so ersichtlich aus dem
Inneren arbeitet, den Korper modelliert und plastiziert; in all dem
schaut der Geistesforscher dasjenige, was die Erlebnisse zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt durchgemacht hat, von denen jetzt
die Rede war, wie es sich da immer mehr und mehr mit dem Leib
verbindet - das schaut der Geistesforscher. Nunmehr sieht er ein,
warum zunachst keine Erinnerungen an diese Erlebnisse vor der Ge-
burt vorhanden sein konnen : Die Krafte, die zu Erinnerungskraften
werden konnten, die werden aufgebraucht, um den Leib zu organi-
sieren. Das Kind wiirde sich erirmern an alles Friihere, denn es hat
diese Krafte; aber die Krafte werden umgewandelt; ebenso wie die
Druckkrafte, die ich entwickle, wenn ich uber den Tisch fahre mit
dem Finger, sich in Warme verwandeln, so verwandeln sich diese
Erinnerungskrafte in organisierende Krafte. Was das Kind innerlich
durchorganisiert, was das Gehirn plastisch macht, so daB das Kind
spater denken kann, daB es im physischen Leibe Erinnerungskrafte
entwickeln kann: das ist umgewandelte, riickschauende Kraft; das
verschwindet in dieser Gestalt, in der es die Riickschau entwickeln
kann, und durchorganisiert den Leib. Und das Geistige, das den
Leib durchorganisiert, das ist das umgewandelte Seelische, das ist
hineingeflossen in den Leib. Und so begreifen wir das Leben, in dem
wir gerade stehen, indem wir verstehen, was auBerhalb des Lebens
jenseits des Todes vorging. Was da wirkt im Menschen im irdischen
Leben, hat sich seine Krafte angeeignet zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Die Krafte, die da rein geistig zutage treten, das sind
die Erinnerungskrafte, die sich umgewandelt haben, die in den Leib
hineinfliefien und ihn durchorganisieren.
Die Naturforscher werden einmal darauf kommen, wie die Krafte,
die rein in der Vererbung liegen, auch im Menschen eine Erschop-
fung erfahren in der Zeit, wo die Vererbungsfahigkeit auftritt. Ge-
wisse niedere Tiere sterben zugleich, indem sie zur Geburt eines ande-
ren Wesens reif werden; das, was der Mensch an Kraften entwickeln
muB, urn physische Nachkommen zu haben und auf sie etwas zu ver-
erben, das rnuB mit seiner Geschlechtsreife abgeschlossen sein; das
kann ich nur andeuten. Dariiber werden die Naturwissenschaft und die
Geisteswissenschaft zusammen wichtige Aufschliisse geben konnen.
Aber in all dem, was da als physische Krafte im Menschen wirkt, wirkt
Geistiges. Die geistigen Krafte sind es, die sich im physischen Leibe
betatigen so, daB sie diesen physischen Leib durchdringen. Der phy-
sische Leib ist gleichsam die Spiegelung des Geistigen. Und im Grunde
genommen sind es eigentlich Zerstorungsprozesse, die die vorhin er-
wahnte Spiegelung bewirken. Immer sind es Zerstorungsprozesse,
wenn wir Farben sehen, wenn wir Tone horen; auch wenn wir Er-
innerungsvorstellungen bilden, machen wir Zerstorungsprozesse in
uns. Darauf beruht die Notwendigkeit zu schlafen, damit der Mensch
die Zerstorungsprozesse nicht allein wirken laBt.
So leben wir, indem wir unseren Leib durchdringen und durch-
kraften mit den Kraften, die wir auBerhalb des Leibes erwerben, und
das Leben begreift sich nur, wenn wir das im Leben tatige Geistig-
Seelische ins Auge fassen. Geisteswissenschaft hat es nicht so gut wie
andere, daB sie von dem Tode bei Pflanzen und Tieren in der gleichen
Weise sprechen kann wie bei dem Menschen. Was ich jetzt gesagt
habe, gilt nur fur den Menschen. Auf diese Weise erweitert die Gei-
stesforschung den Blick iiber das hinaus, was zwischen der Geburt
und dem Tode liegt. Ja, auch Einzelheiten werden der Geistesfor-
schung erklarbar. Ich kann mir sehr gut denken, daB diejenigen der
verehrten Zuhorer, welche ein wenig etwas iibrig haben fiir diese
Ergebnisse der Geistesforschung, gerne iiber Einzelheiten horen wol-
len ; aber ich kann nur einzelne Beispiele anfiihren.
Zunachst sei ein Beispiel angefiihrt, das insbesondere den Geistes-
forscher selber, trotzdem es paradox klingt, wie ein rechtes Mysterium
des Lebens anmuten kann. Das ist das Dasein verbrecherischer Natu-
ren. Nicht wahr, die Geistesforschung steht durchaus nicht auf dem
Standpunkte, daB Verbrecher nur Mitleid verdienten, nicht bestraft
werden sollten. Es obliegt nicht dem Geistesforscher, sich in die
auBeren Angelegenheiten der Welt einzumischen; aber verstehen das,
was im Menschenleben uns entgegentritt, das will der Geistesforscher,
und er will es aus den Tiefen der geistigen Welt heraus. Da fragen
wir uns : Wie Hegt es denn mit einem Leben, das sich verbrecherisch
offenbart? Nun, leicht sind die Dinge gesagt, aber die Antworten auf
solche Fragen muB sich der Geistesforscher erst abringen, und ab-
ringen muB er sich im Grunde genommen auch, iiber diese Dinge zu
sprechen, weil sie gar so paradox erscheinen fur das Vorstellungsleben
der Gegenwart. Wenn der Verbrecher angeschaut wird, hellseherisch,
so stellt sich heraus, dafi verbrecherische Naturen eine Art geistiger
Friihgeburten sind. Es gibt fur jede Seele eine MogHchkeit, herunter-
zukommen aus den geistigen Welten, sich mit der physischen Mate-
rialitat zu verbinden, die gewissermaBen die normale ist; aber die
Tendenzen, die zu diesem Normalen hinfiihren, kreuzen sich mit ande-
ren Tendenzen, so daB die meisten Menschen - aber Verbrecher be-
sonders stark - viel friiher ins Erdenleben heruntergehen, als es nor-
malerweise geschehen sollte. Das stellt sich sonderbarerweise heraus.
Nun hat das etwas anderes im Gefolge. So richtig sich durchdringen
mit der ganzen Leiblichkeit, daB man in der Leiblichkeit der Erde
steht als ein Vollmensch, das kann man nur, wenn man wenigstens
annahernd zu dem normalen Zeitpunkt sich wieder verkorpert. Aber
wenn Grunde vorliegen durch vorhergehende Erdenleben, friiher her-
unterzukommen auf die Erde, so nimmt man etwas mit, was im Unter-
bewuBtsein lebt, wovon man gar kein BewuBtsein hat. Es lebt namlich
in den Tiefen der Seele etwas, was wie ein Leichtnehmen des Erden-
lebens ist, weil man nicht zu dem Zeitpunkt heruntergekommen ist,
wo man sich am vollkommensten hatte verbinden konnen mit dem
Physischen. So verbindet man sich nur oberflachlich. Aber man weiB
nichts davon. Das wird eine innere Seelenstimmung ; das Leben nicht
voll zu nehmen. Und so kann es sein, daB man in seinem gewohn-
lichen OberbewuBtsein sogar einen abnorm entwickelten Selbsterhal-
tungstrieb hat, so daB man mit Feindschaft der sozialen Welt gegen-
iibersteht, den starksten Egoismus entfaltet, so daB man Verbrecher
wird - und dennoch in seiner inneren Natur, die man nicht kennt, ein
gewisses Oberflachlichnehmen, ein Leichtnehmen des Lebens hat,
keinen Wert legen will auf dieses Leben. Das ist durch eine geistige
Friihgeburt bewirkt. Wenn das der Fall ist, dann tritt dieses Leben
auch so ins Dasein, daB der Mensch den uberhandnehmenden Selbst-
erhaltungstrieb anfeuern kann durch das, was er nicht kennt, was ein
Leichtnehmen des Lebens ist, und das sieht man aufsprieBen in Ver-
brecherseelen. Erst als ich wuBte, daB dies so ist, wurde mir ein ande-
res klar. Es gibt ein Lexikon der Gaunersprache. Man versteht inner-
lich die eigentumliche Art der Verbrechersprache, dieses Leichtneh-
men des Lebens in den Worten, die ja aus dem UnterbewuBten der
Seele herauskommen -, das versteht man erst, wenn man kennt, was
oben jetzt angedeutet worden ist. Es muB aber immer wieder darauf
hingedeutet werden, daB in der Gesamtheit der menschlichen Erden-
leben sich das wiederum ausgleicht, was ein Erdenleben verbricht, so
daB der Verbrecher gerade durch das, was er als Folge seiner Ver-
brechertaten zu erleben hat, zu anderen Erdenleben aufsteigt, in denen
ein Ausgleich eintritt.
Aber auch anderes wird verstandlich, wenn wir mit Geistesfor-
schung die Mysterien des Lebens betrachten. Da sehen wir Menschen,
welche meinetwillen durch ein Ungliick hinweggerafft werden. Merk-
wiirdigerweise stellt sich heraus, daB bei Menschen, die durch ein
Ungliick hinweggerafft werden in der Zeit, in der sie sonst die Erde
noch nicht zu verlassen hatten, also in einer Zeit, iiber die die irdisch-
physischen Krafte herausragen; wenn zum Beispiel jemand im fiinf-
unddreiBigsten Lebensjahre von einer Lokomotive uberfahren wird,
ohne daB er den Tod sucht, so stecken noch die Krafte in seinem
Leibe, die noch hatten wirken konnen. Indem man hinausgeht aus der
physischen Welt, gehen diese Krafte nicht in Nichts iiber, sondern
man sieht, wie das Seelisch-Geistige, die Intelligenzkrafte, die Krafte
des genaueren Denkens sich gerade durch einen solchen Ungliicksfall
verstarken konnen, so daB ein solcher Mensch mit starkeren Intelli-
genzkraften wiedergeboren werden kann als ein anderer , der eines na-
turHchen Todes stirbt. Man muB sich schon damit bekanntmachen,
daB Geistesforschung, indem sie das Leben von einem grofien Hori-
zont iiberbHckt, iiber manches anders reden muB, als man im gewohn-
Hchen Leben redet. Jemand, der in friiherer Zeit des Erdenlebens
stirbt, sagen wir, durch eine Krankheit, der vieles durchmacht durch
diese Krankheit, der bereitet durch dieses Kranksein seine Seele so,
daB seine Willenskrafte verstarkt werden konnen. Friihzeitiges Ster-
ben durch Krankheit verstarkt die Willenskraft.
Ja, es mag schon manches erscheinen wie reine Phantasterei; aber
ich bin mir auch bewufit - das darf ich wohl einflechten -, daB ich
eine gewisse Verantwortung habe, wenn ich diese Dinge bespreche,
und dafi ich sie nicht besprechen wiirde, wenn ich nicht die Mittel
der Geistesforschung kennte, mit denen diese Dinge mit ebensolcher
GewiBheit gewuBt werden konnen wie die Dinge der AuBenwelt ge-
wuBt werden konnen. Ich wiirde es als die groBte FrivoHtat empfin-
den, wenn diese Dinge gesagt wiirden, ohne daB in der Seele ein
Wissen Hegt, das von einer solchen Stimmung durchdrungen ist, wie
sie eben angedeutet worden ist.
So wird das Leben des Menschen gerade verstandlich durch das,
was auBerhalb des physischen Lebens Hegt; und so wie sich das Leben
zwischen Geburt und Tod entwickelt, ist es ein Ergebnis des Lebens,
das jenseits von Geburt und Tod Hegt. Fur manchen mag das erschei-
nen wie eine Entwertung des Lebens. Damit es den verehrten Zu-
horern nicht so erscheint, mochte ich etwas ganz kurz wiederholen.
Jemand kann sagen: Da werden wir aufmerksam gemacht, daB das,
was wir in einem Erdenleben erleben, wir uns selbst zubereitet haben.
Wahr ist es. Aber erleben wir ein Ungliick - wir erleben es, weil wir
vorher die Tendenz unserer Seele eingepflanzt haben, in dieses Un-
gliick hineinzusteigen. Wie die Alpenpflanze nicht in der Ebene ge-
deiht, sondern die Hohe aufsucht, so sucht sich die menschHche Seele
die Lage auf, wo ihr das Ungliick widerfahren kann; sie wachst hin-
ein in das, was sie als Schicksal erlebt. Wie das Schicksal selbstver-
standHch ist, in den Alpen zu leben fur jene Pflanze, so ist es selbst-
verstandHch fiir die menschHche Seele, sich ins Ungliick hineinzu-
sturzen, wenn sie in sich die Tendenz aufnimmt durch die Einsicht:
nur wenn du dieses Ungliick iiberwindest, kannst du vollkommener
werden in einer Beziehung, wo du unvollkommener bleiben miiBtest,
wenn dir das Ungliick nicht passierte. Wenn jemand sagt: so werden
wir doch zu Schmieden unseres eigenen Ungluckes gemacht; und
wenn gesagt wird, daB wir unser Ungliick nicht nur ertragen und er-
dulden sollen, sondern es in gewisser Weise uns sogar iiberirdisch
verdient haben: Das kann uns kein Trost werden! - so muB dem-
gegeniiber gesagt werden, was ich schon friiher durch einen Ver-
gleich klarmachte: Wenn jemand bis zu seinem achtzehnten Lebens-
jahre gelebt hat aus der Tasche seines Vaters im UberfluB und ohne
etwas gelernt zu haben, und sein Vater wird dann bankerott, dann
kann es, von auBen gesehen, ein groBes Ungliick sein, wenn jetzt das
Leben ihn hart anlaBt. Und er hat recht, wenn er jetzt das Leben
ungliicklich findet. Aber nehmen wir an, er ist fiinfzig Jahre alt ge-
worden und sieht sein Leben von einem anderen Gesichtspunkt aus
an, dann sagt er sich: Hatte mich das Ungliick nicht getroffen, ich
ware nicht geworden, was ich jetzt bin. Fur meinen Vater war es ein
Ungliick, fur mich war es ein Entwickelungsferment meines Lebens. -
So sind wir auch nicht immer in der Lage, den richtigen Gesichts-
punkt zu finden fur ein Ungliick in dem Zeitpunkt, in dem wir es er-
leben. Wir stehen vor der Geburt auf einem ganz anderen Gesichts-
punkte als nachher: auf demjenigen, daB das erlebt werden muB in
einem neuen Leben, was einen Ausgleich schant fur das, was friiher
geschehen ist. Da bereiten wir uns das Ungliick, das wir sparer mit
Recht selber leidensvoll erdulden, und iiber das wir mit Recht klagen,
weil wir es dann nur von dem Gesichtspunkte des physisch-irdischen
Erlebens aus betrachten.
Ich mochte noch ein Weniges sagen iiber die Zeit, die vernieBt
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die kurze Zeit der Riick-
schau nach dem Tode, die nur nach Tagen dauert, ich habe sie
schon angegeben; die Zeit, die nachher kommt, dauert linger, sie
dauert nach Jahrzehnten. Der Geistesforscher kommt etwa in der fol-
genden Weise darauf, wie lange diese Zeit dauert. Er muB sich fragen
zunachst, damit er iiberhaupt die Krafte, um so etwas einzusehen, in
sich entwickeln kann: Was in deiner Seele ist es denn, was dir, wenn
du dich auBer dem Leibe erlebst, was dir da so erscheint, daB es in
der Seele ist wie etwas, was von ihr durch den Tod getragen werden
kann? Und da erlebt man merkwiirdigerweise, daB man etwas aus dem
Leibe heraus nimmt, wahrend man sonst alles zuriicklaBt. Die Lei-
denschaften, Erinnerungen und so weiter laBt man zuriick als Geistes-
forscher, wenn man sich aus dem Leibe heraus begibt; aber mit nimmt
man seine t)berwindungen, mit nimmt man das, was man sich erst an-
eignen kann in einem Erdenleben, sagen wir, nach den Zwanziger-
jahren. Man wird das heute nicht gerne horen, weil heute die Leute
auch schon zu dem Hochsten reif gehalten werden vor dem zwanzig-
sten Lebensjahre. Das kann man ja sehen in den Zeitungen, iiber und
unter dem Strich schreiben ja heute vielfach Menschen, die nicht das
zwanzigste Jahr erreicht haben. Aber in Wahrheit ist es doch so : was
man so recht durch sich selbst erlebt, so erlebt, daB es wirklich auf-
gespeicherte Lebensweisheit wird, das geschieht dadurch, daB man
schon etwas erlebt hat und mit einem spateren Erlebnis auf das frii-
here zuriickblickt. Dieses innerliche Emporarbeiten durch seine Uber-
windungen, dieses innerliche Erleben der Seele ist das, was schon ein
Vorkeim ist - so stellt es sich heraus - zu dem, was dann die Seele
durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und so mufi in
fortwahrendem solchem tjberwinden, im Umwandeln von Kraften die
Seele leben. Normalerweise bleibt die Seele so lange in der geistigen
Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, als sie etwas umzu-
wandeln hat. Von der anderen Seite betrachtet, sei folgendes ange-
fuhrt: Wir leben uns in eine gewisse Zeit hinein; wir nehmen dies
oder jenes auf, erfahren dieses oder jenes, indem wir diesem oder
jenem Volksstamme angehoren. Indem wir durch den Tod gegangen
sind, haben wir aus dem heraus unsere Lebenserfahrungen gebildet.
Aber die Erde verandert sich. Nicht nur daB sich die physischen Ver-
haltnisse andern. Es mogen nur einmal die verehrten Zuhorer zuriick-
denken, wie sich etwa um die Begriindung des Christentums herum
die Gegenden hier, wo jetzt Wien liegt, ausgenommen haben. Aber
in noch kurzeren Zeitraumen verandert sich das Kulturantlitz der
Erde, des geistigen Inhalts unserer Umgebung, woraus wir unsere
Erinnerung, unseren Gedachtnisschatz nehmen. Nun kommt die Seele
normalerweise nicht friiher zuriick in ein neues Erdenleben, bis sie in
eine vollstandig neue geistige Umgebung treten kann. Das stellt sich
heraus, daB nicht ohne Sinn die Seele wiedergeboren wird, sondern so,
daB sie Neues erleben kann. Dazu muB sie alles andern, was sie im vor-
hergehenden Erdenleben erlebt hat, zum Beispiel die Fahigkeit, sich
in einer bestimmten Sprache auszudriicken. Das muB sie umwandeln;
sie muB sich andere Sprachfahigkeit aneignen. Das also ist die Zeit -
sie dauert nach Jahrhunderten. Sie umfaBt normalerweise etwas wie
ein bis eineinhalb Jahrtausende. Aber durch gewisse Verhaltnisse
konnen, wie gesagt, geistige Friihgeburten entstehen.
Die Zeit drangt; ich kann mich in der Ausmalung der besonderen
Verhaltnisse nicht weiter ergehen. Das mochte ich nur noch sagen,
daB derjenige der verehrten Zuhorer, der etwa heimgehen sollte mit
dem Gefiihl: Ja, das ist ja alles wirklich nicht zu glauben; wie soli
denn der Mensch daruber etwas wissen konnen! - der sei aufmerksam
gemacht auf das, was ich schon eingangs erwahnte, daB in der Tat
spatere Selbstverstandlichkeiten - Erkenntnisse, die in alle Seelen ein-
gedrungen sind - zuerst als paradox der Erdenkultur sich mitteilten.
Und derjenige, der heute Geisteswissenschaft pflegen will, muB sich
schon damit bekanntmachen, wie begreiflich es ist, daB alsPhantasterei
das hingenornmen werden kann, was sich so sicher in die Geister ein-
leben wird, wie sich die Kopernikanische Weltanschauung eingepragt
hat, nachdem sie zuerst als Phantasterei, als etwas Schadliches sogar von
vielen angesehen worden ist. Aber noch einmal darf ich auf das Bild auf-
merksam machen, das sich demGeistesforscher und demjenigen, der in
dem vorgestern erwahnten Sinn Geisteswissenschaft zu verstehen ver-
mag, hinstellt, um ihm das starke BewuBtsein zu geben von der Wahr-
heit, die sich allmahlich durchringen wird. Sollte sie sich auch durch-
driicken miissen durch die engsten Felsspalten, so daB auf sie drucken
die starksten Felsmassen der Vorurteile, sie wird sich doch durchdruk-
ken. Erstarken wird das BewuBtsein daran, wenn man hinblickt auf
Giordano Bruno; da hat man das Bild vor sich : Er trat vor die Mensch-
heit so, daB er jahrhundertealte Vorurteile zerbrach, indem er sagte:
Die Menschen haben geglaubt, wenn sie hinaufschauten in den weiten
Raum da oben, breite sich das blaue Himmelsgewolbe aus ; Sonne und
Planeten kreisten daran und das blaue Himmelsgewolbe ist eine Wand,
eine blaue Wand ! -Damals konnte Giordano Bruno sagen: DieseWand
erscheint euch nur deshalb, weil euer Wahrnehmungsvermogen nur
bis dahin reicht. Ihr baut euch diese Grenze selber auf; sie ist gar nicht
vorhanden. Unendlichkeiten des Raumes breiten sich aus. Und Un-
endlichkeiten des Raumes sind erfullt von unendlichen Welten.
Heute muB der Geistesforscher dieser Erweiterung des mensch-
lichen Blickes in die Unendlichkeiten des Raumes gedenken, er muB
daran denken, wie Giordano Bruno zuerst darauf aufmerksam machte,
da6 die Grenzen des Raumes im Himmelsgewolbe nur von der Be-
schranktheit des menschlichen Wahrnehmungsvermogens selbst ge-
macht sind; er muB hinweisen darauf, daB es auch fur die Zeit des
menschlichen Erlebens ein solches Firmament gibt. Indem man mit
den physischen Wahrnehmungsorganen und dem Verstand das
menschliche Leben iiberschaut, sieht man auf diese Grenzen, die Gren-
zen von Geburt und Tod, wie man einmal gesehen hat die Grenze des
Raumes im blauen Himmelsgewolbe, die aber in Wirklichkeit nicht
vorhanden ist. So ist auch die Grenze fur die Zeit des menschlichen
Erlebens zwischen Geburt, oder sagen wir Empfangnis und Tod nur
hingesetzt von der Beschranktheit des menschlichen Anschauungs-
vermogens. Und jenseits von Geburt oder Empfangnis und Tod brei-
tet sich aus die zeitliche Unendlichkeit und in diese zeitliche Unend-
lichkeit sind eingebettet die nach riickwarts und nach vorne verlau-
fenden Wiederholungen des menschlichen Erdenlebens und jener Le-
ben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verflieBen. Das
kann ich allerdings nicht ausfuhren, daB die ganzen Wiederholungen
einmal einen Anfang genommen haben, daB der Mensch aus dem
Geistigen geboren wurde und hier seinen Wohnplatz fand - dazumal
ist die Erde selber aus der geistigen Welt heraus entstanden -, und
daB der Mensch, nachdem er durch die Erdenwiederholungen ge-
gangen ist, wenn die Erde selbst abfallt von den menschlichen Seelen,
daB dann der Mensch in ein anderes, wieder vergeistigtes Leben uber-
tritt. Das kann nur angedeutet werden, dariiber findet man Genaueres
in meiner «Geheimwissenschaft».
Wenn man sich auch in der angedeuteten Weise mit den Erkennt-
nissen der Geisteswissenschaft in Widerspruch zu dem Denken der
heutigen Zeit befindet, so muB man doch sagen : In den Ahnungen
derer, die die Fiihrer der Menschheit waren - ich habe vorgestern in
derselben Weise die Betrachtung geschlossen -, findet man dennoch
das, was heute in der Geisteswissenschaft wiederum auf lebt. Geistes-
wissenschaft, wie sie hier gemeint ist, haben die Menschen nicht ge-
habt; denn sie ist ein Kind unserer Zeit, und wird aus der Bildung
unserer Zeit entstehen; aber diejenigen, die sich in ihrer Seele ver-
bunden wuBten mit dem Geist des Alls, der in alien Menschen wallt
und webt, die pragten in die Worte hinein dasjenige, wozu die Geistes-
wissenschaft in vollem Sinne Ja sagen kann. Geisteswissenschaft zeigt
uns, wie wir das Leben zwischen Geburt und Tod verstehen, indem
wir in diesem physischen Leib, im ganzen physischen Leben wirken
und weben sehen das, was unsterblich ist, das, was auch in einer gei-
stigen Welt leben kann. Geisteswissenschaft zeigt uns, daB wir das
Leben /^Leibe haben durch das Leben aufer dem Leibe, so daB niemand
das Leben zwischen Geburt und Tod verstehen kann, der nicht das Leben
auBerhalb des Leibes, im geistigen Firmament versteht. Das driickt Goe-
the mit den Worten aus — ahnend die spateren Erkenntnisse der Geistes-
wissenschaft—, mit Worten, die nicht nur Goethes Bekenntnis zu einem
unsterblichen Leben klar darlegen, sondern auch ausdriicken, wie er wuB-
te, daB der wirkliche Wert im Erkennen des gegenwartigen Lebens, im
Erleben des irdischen Daseins davon abhangt, daB man dieses irdische
Das ein durchgluht, durchleuchtet, durchwallt weiB von dem, was auBer-
irdisch, iiberirdisch, unsterblich ist. Deshalb sei gerade diese Erkenntnis
der Geisteswissenschaft, daB eine wahre innere Wesenheit des Sterbli-
chen durch das Unsterbliche erkannt wird, wie in einer Empfindung zu-
sammengefaBt in die Worte, in denen Goethe seine Uberzeugung einmal
ausdriickte: Denen gegeniiber, die sich gar nicht wollen aus der eigentiim-
lichen Wesenheit des gegenwartigen Lebens eine Anschauung bilden
iiber ein anderes Leben, denen gegeniiber mochte ich mit Goethe sagen:
«Ich mochte keineswegs das Gliick entbehren, an eine kiinftige Fortdauer
zu glauben; ja, ich mochte mit Lorenzo de Medici sagen, daB alle diejeni-
gen auch fur diesesLeben tot sind, die kein anderes ho££e.n.»
INNERES WESEN DES MENSCHEN
UND LEBEN
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
ERSTER VORTRAG
Wien, 9. April 1914
Dieser Vortragszyklus wird das Ziel haben, das menschliche Innen-
leben zu schildern im Zusammenhang mit dem Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, urn zu zeigen, wie innig diese beiden
Gebiete des Daseins zusarnmenhangen. Und er wird daneben das Ziel
haben, Richtlinien zu entwickeln aus der Erkenntnis des Angedeuteten
heraus, die den Menschen wirklich orientieren konnen in manchen
schwierigen Lebenslagen, die geeignet sind, in mancher Beziehung
einen sicheren Halt des Seelenlebens durch ein gewissermaBen griind-
liches Verstandnis dieses Seelenlebens zu geben. Dazu wird notwendig
sein, daB Sie sich, meine lieben anthroposophischen Freunde, durch
die ersten Vortrage, die ein Fundament, eine Grundlage aufrichten
sollen, hindurcharbeiten; sie werden in esoterisch wissenschaftliche
Gebiete fuhren, die vielleicht manchem zunachst abgelegen scheinen
konnten, weit weg von dem, was das menschliche Gemiit gerne un-
mittelbar ergreifen mochte. Aber wenn wir zu dem gelangen werden,
worin diese Vortrage eigentlich ihr Ziel erblicken, dann werden Sie
sehen, dafi dieses Ziel in einer sicheren Form doch nur zu erreichen
ist, wenn man sich zuerst durch die scheinbar endegenen esoterischen
Erkenntnisse, die geboten werden sollen, hindurcharbeitet.
Wenn man das menschliche Innenleben zunachst abstraktbetrachtet,
so tritt es einem in drei Formen entgegen, auf die wir oftmals auf-
merksam gemacht haben: in den Formen des Denkens, des Fiihlens
und des Wollens ; aber um dieses Innenleben vollstandig zu betrachten,
mu8 man noch ein Viertes dazurechnen. Eigentlich gehoren nicht nur
diese drei genannten Gebiete zum Innenleben des Menschen, sondern
es gehort auch schon das dazu, was er aus der bloBen Sinnesempfin-
dung macht. Wir lassen ja Farben und Tone, Warmeeindrucke und
dergleichen nicht nur vor unserem BewuBtsein voruberhuschen,
sondern wir fassen diese Eindrucke auf, wir machen sie zu unseren
Wahrnehmungen. Und die Tatsache, dafi wir uns an diese Eindrucke
erinnern konnen, daB wir sie behalten konnen, daB wir nicht nur
dann wissen : eine Rose ist rot, wenn wir der Rose unmittelbar gegen-
iiberstehen, sondern daB wir sozusagen die Rote der Rose mit uns
herumtragen konnen, die Farben als eine Erinnerungsvorstellung be-
wahren konnen, das bezeugt uns, daB das Empfindungsleben, das
Wahrnehmungsleben, durch das wir uns mit der AuBenwelt in Be-
riihrung bringen, auch schon zu unserem Innenleben gehort. So daB
wir sagen konnen: Zu unserem Innenleben miissen wir zahlen die
Wahrnehmung der AuBenwelt, insofern wir sie eben im Wahrnehmen
selber verinnerlichen. Ferner miissen wir die Gedankenwelt dazu-
zahlen, durch die wir uns zunachst Erkenntrdsse verschaffen von dem
Nachstliegenden und in der Wissenschaft von dem Fernerliegenden,
durch die wir in einem viel weiteren Sinn noch als durch die Wahr-
nehmung die AuBenwelt zu unserer Innenwelt machen. Wir leben ja
nicht nur in unseren Wahrnehmungen, wir denken iiber sie nach und
haben das BewuBtsein, daB wir durch unser Nachdenken etwas iiber
die Geheimnisse des Wahrgenommenen erfahren konnen.
Wir miissen dann zu unserem Innenleben rechnen unsere Gefuhle,
und wir sind mit den Gefuhlen sogleich in demjenigen Gebiete des
menschlichen Innenlebens, das sozusagen in sich alles einschlieBt, was
uns als Menschen selbst mit der Welt in eine der Menschenwiirde
entsprechende Beriihrung bringt. DaB wir iiber die Dinge fiihlen
konnen, daB wir uns freuen konnen an der Umgebung, das ist ja erst
die Grundlage unseres wahren Menschendaseins, in gewisser Bezie-
hung auch alles das, was unser Gliick und unser Leid ausmacht. Es
spielt sich ja das alles ab in auf und ab wogenden Gefuhlen : Gefuhle,
die unser Leben erhohen, in denen wir uns glucklich und zufrieden
finden, drangen sich herauf oder heran an uns, erstarken. Andere
Gefuhle drangen sich heran durch die Ereignisse des Lebens, durch
unser Schicksal, auch durch unser Innenleben, die unser Leid, unseren
Schmerz bedeuten. Und indem man das Wort «Gefiihl» ausspricht,
deutet man auf das Gebiet hin, das in der Tat eben Gliick und Leid
des Menschenlebens einschlieBt.
Wenn man auf das vierte hinweist, auf den Willen, so handelt es
sich um etwas, was uns wiederum wertvoll fur die Welt macht, was
uns so in die Welt hineinstellt, daB wir nicht nur erkennend, nicht nur
in uns fuhlend fur uns leben, sondern daB wir auf die Welt zuriick-
wirken konnen. Was ein Mensch will, wollen kann, und was vom
Willen in die Handlungen ausflieBt, das bildet seinen Wert fur die
Welt. Wir konnen uns also sagen: Indem wir auf das Gebiet des
Willens hinweisen, haben wir es mit jenem Elemente zu tun, das uns
den Menschen als ein Glied der Welt zeigt, und es ist unser Innenleben,
das da als ein Glied in die Welt einflieBt. Ob es die egoistischen, die
sozial feindlichen Affekte und Leidenschaften der verbrecherischen
Naturen sind, die in den Willen einflieBen und von da aus Glied der
Welt werden zum Verderben der Welt, oder ob es die hohen reinen
Ideale sind, die der Idealist herunterholt aus seiner Beriihrung mit
einer geistigen Weltenordnung und einflieBen laBt in sein Handeln,
einflieBen laBt vielleicht nur in Worte, welche, anfeuemd oder auch
Menschenwiirde zeigend, auf die Menschen wirken -, immer haben
wir es auf dem Gebiete des Willens mit dem zu tun, was dem Menschen
seinen Wert gibt. So daB der ganze Reichtum, den der Mensch eigent-
lich als Seelenwesen haben kann, sich ausdriickt, wenn man diese
vier Gebiete nennt: Wahrnehmung, Denken, Fiihlen, Wollen.
Fur denjenigen, der nun etwas tiefer eingeht auf eine Betrachtung
dieser vier, man mochte sagen inneren Spharen der menschlichen
Seelennatur, zeigt sich ein bedeutungsvoller Unterschied zwischen
zwei und zwei Gliedern dieser viergliedrigen menschlichen Wesenheit.
Aber im gewohnlichen Leben kommt dieser Unterschied eigentlich
den Menschen nicht so sehr zum BewuBtsein, er kommt hochstens
zum BewuBtsein, wenn wir in der folgenden Weise iiber diese vier
Spharen der Menschennatur nachdenken.
Wenn wir von der Wahrnehmung sprechen und iiber sie nachden-
ken, so konnen wir die Empfindung haben: mit der Wahrnehmung
stehen wir unmittelbar in einer gewissen Beziehung zur AuBenwelt.
Wir verinnerlichen durch die Wahrnehmung die AuBenwelt, sie liefert
etwas, was dannzuunserem Inneren gehort, wenn wir die Empfindung
verarbeiten. Aber wir haben das Gefiihl, wir miissen unsere Empfin-
dung so eingerichtet haben, daB sie uns in gewisser Beziehung treue
Abbilder der AuBenwelt gibt. Und jede Erkrankung des Wahrneh-
mungs-, des Empfindungslebens, jede Erkrankung der Sinne weist
uns ja darauf hin, daB durch eine solche Erkrankung unser Innenleben
verarmt, dadurch verarmt, daB wir eben armer werden an dem, was
wir von der AuBenwelt in uns hereinbekommen konnen.
Gehen wir von dem Wahrnehmen zum Denken iiber, dann konnen
wir gewahr werden, daB wir auch gegeniiber dem Denken die Emp-
findung haben: es kann uns nicht geniigen, wenn dieses Denken
bloB in sich selber wiihlt und sich in sich ergeht. Die Gedanken haben
letzten Endes doch nur einen Wert, wenn sie uns etwas Objektives,
auBer uns Befindliches in uns vergegenwartigen, wenn sie AufschluB
zu bringen vermogen von etwas, was auBer uns ist. Unser Nach-
denken konnte uns nicht befriedigen, wenn wir durch dieses Nach-
denken nicht etwas erfahren konnten iiber die AuBenwelt.
Wenn wir aber zu unserem Gefuhle vorschreiten und ein wenig
uber dieses Gefiihl nachdenken, dann werden wir finden, daB dieses
Gefuhl, oder besser gesagt das Gefiihlsleben, viel inniger zusammen-
hangt mit unserem unmittelbaren Innensein als Denken und Wahr-
nehmen. Wir haben die Vorstellung, daB wir uns selber, zunachst
rein aufierlich, auf dem physischen Plan entwickeln miissen, wenn wir
gewisse Feinheiten der AuBenwelt in richtiger Weise empfinden wol-
len, fuhlen wollen. Haben wir einen Gedanken und nennen wir
den Gedanken wahr, so sagen wir von einem solchen wahren Ge-
danken : er muB eigentlich fur alle unsere Mitmenschen gelten, und es
muB, wenn wir nur die richtigen Worte finden, den Gedanken auszu-
driicken, die Moglichkeit geben, von diesem Gedanken auch andere
zu iiberzeugen. Wenn wir einer Naturerscheinung oder aber, sagen
wir, einer menschlichen Kunstschopfung gegeniiberstehen und unser
Gefuhl daran entwickeln, so wissen wir, daB im Grunde genommen
zunachst unsere Menschennatur, so wie sie ist, uns nichts hilft, um
gleichsam vollig auszuschopfen, was uns da entgegentreten kann. Es
konnte sein, daB wir vollig stumpf bei einer musikalischen oder bei
einer malerischen Schopfung bleiben, einfach weil wir unser Gefuhl
nicht so erzogen haben, daB wir die Feinheiten wahrnehmen konnen.
Und wenn wir diesen Gedankengang verfolgen, dann finden wir, daB
dieses Gefiihlsleben etwas sehr Innerliches ist, daB wir es auch so,
wie wir es innerlich erleben, nicht gleich in Gedanken iibertragen
konnen auf andere Menschen. Wir sind in unserem Gefiihlsleben unter
alien Umstanden in gewissem Sinne allein, aber wir wissen gleichzeitig,
daB dieses Gefiihlsleben die Quelle eines ganz besonderen inneren
Reichtums, einer inneren Entwickelungstatsache gerade dadurch ist,
daB es etwas so Subjektives ist, daB es nicht unmittelbar so ins Objekt
hinausfliefien kann, wie es innerlich lebt.
Ein Gleiches miissen wir sagen in bezug auf den Willen. Wie sind
wk Menschen doch verschieden in bezug auf das, was wir wollen
konnen, auf das, was durch den Willen in unsere Handlungen hinaus-
flieBen kann! Nur dadurch kommt ja eigentlich die Mannigfaltigkeit
des menschlichen Handelns zustande, daB der eine dies, der andere
jenes wollen kann. Wenn wir beim Gefiihl uns freuen konnen, daB wir
etwa einen Genossen im Leben finden, der rein innerlich, subjektiv,
zu einem ebensolchen Gesichtspunkt des Fiihlens gekommen ist wie
wir selbst, der gewisse Feinheiten der AuBenwelt durch sein Gefuhl
so verinnerlichen kann, daB ein von uns unabhangiges und doch mit
uns zusammenhangendes Verstandnis vorhanden ist, dann fiihlen wir
unser Leben gehoben in solcher Genossenschaft. Wir miissen unser
Fiihlen jeder allein in uns entwickeln, aber wir konnen Menschen
finden, mit denen dieses Fiihlen zusammenklingen kann. Denn obzwar
das fiihlende Leben innerlich ist, so ist es doch moglich, daB die
Menschen in ihrem Fiihlen zusammenklingen. Zwei Willen, die sich
auf ein und dasselbe Objekt richten wiirden, zwei Menschen also, die
in demselben Zeitpunkt ein und dasselbe tun wollen, kann es nicht
geben. Die Willen konnen nicht in ein einziges Objekt zusammen-
flieBen. Die Kurbel selbst, die wir angreifen, durch die wir eine
Maschine drehen, sie konnen wir nur allein angreifen. Und selbst
wenn der andere uns hilft dabei, so ist der Teil der Arbeit, den wir
durch unseren Willen vollbringen, eben die Halfte der ganzen Arbeit,
wir machen unsere Halfte, der andere die andere Halfte. Zwei Willens-
impulse konnen nicht in einem Objekt zusammen sein. Obzwar wir
uns in gemeinsame Welten hineinstellen durch unseren Willen, sind
wir gerade durch diesen Willen so in die Welt hineingestellt, daB wir
jeder eine einzelne Individuality fur uns sind durch den Willen. So
werden wir gerade dadurch hingewiesen darauf, wie der Wille den
ganzen individuellen Wert des Menschen ausmacht, wie der Wille
sozusagen von diesem Gesichtspunkt aus das Innerste ist. Wir konnen
daraus entnehmen, daB Wahrnehmung und Gedanke mehr auBerlich
sind im Innenleben des Menschen, daB Gefiihl und Wille das Tiefste,
das eigentlich Innere ausmachen. Aber noch ein anderer Unterschied
ergibt sich durch eine ganz auBerliche, exoterische Betrachtungsweise
fur diese vier Kreise des menschlichen Seelenlebens.
Wenn wir mit unserem Wahrnehmen der Welt gegeniiberstehen,
dann sagen wir uns doch ganz gewiB : Dieses Wahrnehmen vermittelt
uns zwar die Welt, aber nur immer von einem einzelnen Gesichtspunkt
aus. Wie klein ist der Ausschnitt der Welt, den wir durch unser Wahr-
nehmen zu unserem Innenleben machen konnen ! Wir sind abhangig
von Ort und Zeit in diesem Wahrnehmen; wir miissen sagen, das
wenigste von dem, was wir erahnen in der Welt, kommt durch unsere
Wahrnehmung in unser Innenleben herein. - Und gegeniiber unseren
Gedanken haben wir das Gefuhl: wenn wir uns auch noch so sehr
bemiihen, es kann immer noch weitere Schritte geben, wir konnen
immer noch weiter dringen durch unsere Gedanken. - Kurz, wir
haben die Empfindung, die Welt liegt da drauBen und du bemachtigst
dich nur eines kleinen Stiickes dieser Welt durch dein Wahrnehmen,
durch dein Denken.
Anders ist es schon mit dem Fiihlen. Mit dem Fiihlen ist es so, daB
man sich sagt: Oh, was alles ware eigentlich an Moglichkeiten des
Fiihlens, an Gliicks- und Leidensmoglichkeiten in mir selber! Was
konnte ich aus den Tiefen meiner Seele alles herauf holen ! Und wenn
ich es herauf holte, wie viel feiner, wie viel hoher wiirde ich fiihlen
iiber die Dinge der Welt ! Wahrend man gegeniiber dem Wahrnehmen
und Denken die Empfindung hat: da drauBen ist viel in der Welt und
nur einen kleinen Teil kann man erleben in dem Wahrnehmen und
Denken, muB man dem Fiihlen gegeniiber die Empfindung haben:
da unten sind unendliche Tiefen; wiirde ich sie herauf bringen, so
wiirde mein Fiihlen reicher und immer reicher werden. Ich kann nur
den kleinsten Teil herauf bekommen und in mein wirkliches Fiihlen
verwandeln. Wahrend ich also durch mein Wahrnehmen und Denken
nur einen kleinen Teil der Welt zu meiner Innenwelt machen kann,
kann ich durch das Fuhlen in die Spharen des wirklichen Erlebens
nur einen Teil dessen wirklich zum Dasein bringen, was als Moglich-
keiten in mir runt.
Und in viel hoherem MaBe ist das beim Willen der Fall. Ich will
nur das eine andeuten. Wie sehr rmissen wir empfinden, daB wir
zuriickbleiben mit dem, was wir vollbringen, gegeniiber dem, was wir
tun konnten, was in uns veranlagt ist.
So empfinden wir, daB wir durch unser Wahrnehmen und Denken
nur einen Teil der AuBenwelt hereinbringen in unser Innenleben, und
wir empfinden, daB wir von dem, was da im tiefen Schacht der Seele
liegt, nur einen Teil heraufholen konnen durch unser Fuhlen und
unser Wollen. Dadurch gliedern sich sozusagen in zwei Partien die
vier Kreise unseres Seelenlebens : das Wahrnehmen und Denken auf
der einen Seite, das Fuhlen und Wollen auf der anderen Seite.
Ein noch ganz anderes Licht wird auf diese vier Kreise unseres
Innenlebens geworfen, wenn wir das, was sich so der Mensch durch
Nachdenken exoterisch klarlegen kann, nun esoterisch zu beleuchten
versuchen.
Sie wissen, meine lieben Freunde, in der Nacht, wenn der Mensch
schlaft, ist in einer gewissen Weise der Zusammenhang zwischen
seinem Ich, seinem astralischen Leibe auf der einen Seite und seinem
physischen Leibe, seinem Atherleibe auf der anderen Seite, ein anderer
als beim Tagwachen. Beim Tagwachen sind, man mochte sagen, in
normaler Weise zusammengekoppelt physischer Leib, Atherleib,
astralischer Leib und Ich. Dieser Zusammenhang ist beim Schlafe
gelockert, so gelockert, daB aus der Sphare der Sinne und aus der
Sphare des Denkens, also aus der ganzen Sphare der BewuBtseins-
werkzeuge, der astralische Leib und das Ich heraus sind, und daher
die Dunkelheit der Nacht sich zunachst iiber das normale BewuBtsein
ausbreitet: die Bewufidosigkeit. Wenn nun der Mensch durch seine
esoterischen Ubungen seine Seele so erstarkt, daB er in der geistig-
seelischen Wesenheit, die in der Nacht bewuBtlos auBerhalb des
Leibes ist, erkennend, wahrnehmend, also geistig erkennend und
wahrnehmend wird, wenn er das Geistig-Seelische wirklich erlebt als
sein Menschliches auBerhalb des Leibes, dann tritt fiir ihn eine neue
Welt auf, eine geistige Umwelt, so wie fur den Menschen eine physi-
sche Umwelt vorhanden ist, wenn er sich der Sinne und seines Gehirns
bedient, das ja dem Denken dient. Diese geistige Umwelt, die man
dann betrachten kann, ist durchaus nicht immer dieselbe. Der Mensch
kann sich sozusagen in die Lage des Geistesforschers versetzen zu
verschiedenen Zeiten, in verschiedener Weise. Und es wkkt eigentlich
immer auf das, was der Mensch geistig sieht, die Absicht mit - aber
die nicht eigentlich verstandesmaBige Absicht, sondern die in seinem
ganzen Seelenleben mehr unbewuBt instinktiv liegende Absicht — : was
er eigentlich erkennen will. Wenn der Mensch zum Beispiel aus seinem
Leibe herausgeht, um eine Beziehung zu finden zu einem verstorbenen
Menschen, dann wirkt diese Absicht auf sein ganzes geistiges BewuBt-
seinsfeld. Er ubersieht gleichsam alles, was nicht zu dieser Absicht
gehort. Er steuert, wenn ihm die Sache iiberhaupt gelingt, auf den
Toten los und dessen Geschick, um das zu erkennen, was er an dem
Toten eben erschauen will. Die iibrige geistige Welt bleibt gleichsam -
nun, der Ausdruck ist ungeschickt - unbeachtet, bleibt unaufgehellt,
und der Mensch erlebt eben dann nur den Zusammenhang mit dem
Toten. So hangt es von seinen Absichten ab, was der Mensch gerade
in der geistigen Welt sieht. Daher ist es begreiflich, daB das, was das
hellsichtige BewuBtsein beschreibt von dem, was es in der geistigen
Welt gesehen hat, in unendlicher Weise verschieden sein kann bei den
verschiedenen hellseherischen Individuen. Jeder kann ganz richtig
gesehen haben, was er eben sehen muBte nach der Tendenz, die in ihm
lag, als er sich mit seinem Seelisch-Geistigen aus dem Physisch-Leib-
lichen herausgebracht hatte.
Ich will nun heute, und in diesen Vortragen iiberhaupt, dasjenige
schildern, was das hellseherische BewuBtsein sieht, wenn es sich in die
geistige Welt begibt mit der Absicht, das menschliche Innenleben zu
erkennen, diese vier Seelenkreise des Wahrnehmens, des Denkens,
des Fiihlens, des Wollens, um dahinterzukommen, was eigentlich in
dieser Menschenseele auf und ab wogt und Gliick und Leid dieser
Menschenseele bewirkt.
Nehmen wir also an, ein hellseherisches BewuBtsein hatte es dahin
gebracht, mit dem Geistig-Seelischen wirklich aus dem Physisch-Leib-
lichen so herauszukommen, wie das der Mensch sonst nur im bewuBt-
losen Zustande im Schlafe tut, und er vollzieht dieses Herausbewegen
mit der entschiedenen Tendenz, mit dem Impuls, des Menschen
Innenleben erkennenzulernen, sich entgegentreten zu fuhlen das
menschliche Innenleben, dann wird sich ihm das ergeben, was ich
zu schildern versuchen werde.
Das nachste, was da dem hellseherischen BewuBtsein entgegentritt,
ist eigentlich eine vollstandige Umkehrung alles Weltanschauens. So-
lange wir im Leibe sind, schauen wir mit den Sinnen um uns herum,
denken mit unserem Verstande. Wir schauen eine Welt von Bergen,
Fliissen, Wolken, Sternen und so weiter um uns herum, und an einem
Punkte dieser Welt erblicken wir uns dann selber, man mochte sagen
als etwas Kleinstes gegeniiber dieser groBen Welt. Indem das hell-
seherische BewuBtsein aufier dem Leibe zu wirken beginnt, kehrt sich
dieses Verhaltnis geradezu um. Die Welt, die sich sonst ausbreitet vor
unseren Sinnen, iiber die wir nachdenken mit unserem an das Gehirn
gebundenen Verstand, diese Welt, sie entschwindet der Anschauung,
der Wahrnehmung. Sie gibt auch keine Gedanken her, wenn man
so sagen will. Aber man fuhlt sich wie in diese Welt ausgegossen,
man fuhlt wirklich, wenn man aus seinem Leibe herausgekommen
ist, so, daB dieses Erfiihlen in der richtigen Weise ausgesprochen
ist, wenn man sagt: Die Welt, die du friiher angeschaut hast, in die
bist du nun ausgegossen, in der bist du darinnen. Du erfullst bis zu
einer gewissen Grenze den ganzen Raum, und du webst selber in
der Zeit.
Es ist das eine Empfindung, an die man sich erst gewohnen muB.
Es ist eine Empfindung, die man auch so ausdriicken kann, daB man
sagt: Was friiher AuBenwelt war, ist jetzt Innenwelt geworden. Nicht
als ob man diese friihere AuBenwelt jetzt im Inneren triige, aber das
Gefiihl, die Empfindung ist da: Innenwelt ist es geworden. Du lebst
in dem Raum, in dem friiher deine Sinneswahrnehmungen ausgebreitet
waren, iiber dessen Dinge und Vorgange du dachtest, da lebst du
darinnen. - Und das kleine Wesen, das gleichsam im Mittelpunkt des
Sinneshorizontes gestanden hat, der Mensch, das wird, wenn man
in einer gewissen Weise das hellseherische BewuBtsein entwickelt,
eigentlich jetzt die Welt. Auf die schauen wir so hin, wie wir friiher
hingeschaut haben auf die ganze im Raum ausgebreitete und in der
Zeit verlaufende AuBenwelt. Wir sind uns gewissermaBen Welt ge-
worden.
Denken Sie nur, meine lieben Freunde, was das fur ein Umkehren
des menschlichen Welt-Erschauens ist, wenn das, was friiher so gar
nicht Welt war, wozu man Ich gesagt hat, wenn das da drauBen eigent-
lich jetzt die Welt ist, auf die alles hintendiert. Es ist, wie wenn man
von alien Punkten des Raumes nach einem einzigen Mittelpunkte
schauen wurde - und da sieht man sich selber. Es ist, wie wenn man
in der Zeit vor- und riickwarts schwimmen wiirde - und an einem
Punkte in einer Woge dieses Zeitstromes findet man sich selber. Man
ist sich selbst die Welt geworden.
Das ist der erste Eindruck, wenn man, ich sage es ausdrucklich
noch einmal, mit dieser Tendenz, das menschliche Innenleben kennen-
zulernen, das hellseherische Bewufitsein entfaltet. Dann ist dieses der
erste Eindruck. Merkwiirdig: Man geht aus dem Leibe heraus mit
der Tendenz, das menschliche Innenleben kennenzulernen, und das
erste, was einem entgegentritt, ist die menschliche Gestalt selber. Aber
wie verandert ist diese menschliche Gestalt! Man kann das nicht oft
genug sagen : Man muB mit der Absicht, das menschliche Innenleben
kennenzulernen, herausgehen aus dem Leibe. Dann tritt das alles
ein, was ich jetzt sagen werde. Es braucht deshalb beim Hellsehend-
werden natiirlich nicht immer einzutreten.
Diese Menschengestalt, wie anders stellt sie sich dar! Man weiB,
das, worauf man hinschaut, das, was man da schaut, das bist du. Ja,
du bist es, du, der du dich friiher von innen erfiihlt hast in deiner
Haut, in deinem Blut, du stehst drauBen. - Aber man sieht eigentlich
von dem, was da steht, zunachst nur, man mochte sagen, die auBere
Gestalt, jedoch verwandelt. Die Augen, das, was Auge war, leuchtet
gewissermaBen wie zwei Sonnen, aber innerliche, in Lichtglanz
vibrierende Sonnen, funkelnde, auffunkelnde und im Funkeln ab-
damrnernde Sonnen, die strahliges Licht verbreiten. So erscheinen an
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