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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange
aus dem Jahre 1924
BAND I
BAND II
BAND III
BAND IV
BAND V
BAND VI
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar,
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235)
Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27. April,
4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni 1924
(Bibliographie-Nr. 236)
Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung.
Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6,, 8., 11., 13. und 28. Juli, 1.,
3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237)
Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthroposo-
phischen Bewegung.
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19.,
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache» vom 28. September
1924 (Bibliographie-Nr. 238)
Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am 5. April,
in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni 1924
(Bibliographie-Nr. 239)
Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in
Zurich am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni, in
Arnheim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August, und
in London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240)
Zum Thema «Wiederverk6rperung und Karma» sei nocb auf folgende Bdnde der Rudolf
Steiner Gesamtausgabe hingewiesen:
«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissen-
schaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im Band
«Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe)
«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder-
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Menschheit»,
1909 (Bibliographie-Nr. 109/111)
«Die Offenbarungen des Karma», 1910 (Bibliographie-Nr. 120)
«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammen-
hange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte», 191 1
(Bibliographie-Nr. 126)
«"Wiederverkorperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur der
Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135)
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen
karmischer Zusammenhange
Sechster Band
Funfzehn Vortrage,
gehalten in Bern, Zurich, Stuttgart,
Arnheim, Torquay und London
zwischen dem 25. Januar und 27. August 1924
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1966
3. Auflage (erweitert um die Vortrage Bern, 25. Januar, 16. April;
Stuttgart, 9. April, 1. Juni 1924)
Gesamtausgabe Dornach 1977
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 240
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 309)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1961 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2401 -X
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muE gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, daft diese nicht
anders als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen durfe.
INHALT
Die Bedeutung der die Erde umgebenden Himmelskorper
fiir das Leben des Menschen
Erster Vortrag, Bern, 25. Januar 1924
Mond und Sonne als die beiden Tore der geistigen Welt. Vergangenheit
(Individualitat) und Zukunft (das Allgemein-Menschliche). Not-
wendigkeit und Freiheit: Kosmisches Monden- und Sonnendasein.
Urweisheit der Menschheit. Mond und Sonne bei der schicksalhaften
Begegnung zweier Menschen. Mond: Vergangenheit - Notwendigkeit;
Sonne: Zukunft - Freiheit. Die Empfindung des kosmischen Schicksals.
Impulse der Weihnachtstagung.
Zweiter Vortrag, Bern, 16. April 1924
Der neue esoterische Impuls in der anthroposophischen Bewegung.
Praktische Karmafragen. Die geschichtliche Entwickelung der Mensch-
heit. Naturwissenschaft und Arabismus. Vater-, Sohn- und Geistes-
mysterien der Alten. Der Impuls der Freiheit im Christentum, Gegen-
impuls im Mohammedanismus. Der Hof Harun al Raschids. Die
«Pansophia» des Amos Comenius. Conrad Ferdinand Meyer und
Heinrich Pestalozzi.
Dritter Vortrag, Zurich, 28. Januar 1924 (unvollstandig) . . . .
Das Tor der Sonne und das Tor des Mondes. Urlehrer auf dem Monde
fiihren Buch iiber vergangene menschliche Taten. Hohere Hierarchien
auf der Sonne bereiten menschliche Zukunft. Menschen, mit denen wir
karmisch verbunden sind, im Gegensatz zu solchen, bei denen dies
nicht der Fall ist, im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Die
Weihnachtstagung.
Vierter Vortrag, Stuttgart, 6. Februar 1924
Mond und Sonne, zwei Tore in die geistige Welt. Das Mondenhafte
wirkt aus der Vergangenheit, das Sonnenhafte in die Zukunft. Die
Notwendigkeit des Leibes und das Schicksal sind mit dem Monden-
haften, die Freiheit mit dem Sonnenhaften verbunden. Kann der
Mensch die Krafte der Erdenumgebung nicht verwandeln, entsteht
Krankheit. - Der Impuls der Weihnachtstagung soil sich als Realitat des
anthroposophischen Lebens und der Geistlebendigkeit auswirken.
Karmische Betrachtungen
im geschichtlichen Werden der Menschheit
Erster Vortrag, Stuttgart, 9. April 1924 101
Harun al Raschid und sein Ratgeber: Baco von Verulam und Come-
nius. Garibaldi, Eingeweihter der irischen Mysterien, als politischer
Visionar im 19. Jahrhundert. Lord Byron und der Geometrielehrer.
Das Palladium. Marx und Engels. Muavija, Wilson.
Zweiter Vortrag, Stuttgart, 1 . Juni 1 924 119
Wach- und Schlafzustand des Menschen. Der Riicklauf des Lebens
nach dem Tode und die negativen Abbilder der Erdenereignisse. Die
Urlehrer. Das Durchleben des Kosmos und der erste Keim zum Karma.
Die Gemeinschaft mit den Seelen der Gestorbenen und den Hierar-
chien. Die Arbeit mit den Wesenheiten des Planetensystems am Karma.
Konkrete Beispiele: Schiller, Goethe, Heine, Eliphas Levi.
Das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft
und der Inhalt der anthroposophischen Bewegung
Erster Vortrag, Arnheim, 18. Juli 1924 141
Die Vorbestimmung fur die anthroposophische Bewegung. Das fruhere
Zusammenwirken im Geistigen. Die Pflege eines ubersinnlichen Kultus
in machtigen Imaginationen als Vorklang der Michael-Lehre auf Erden.
Michael-Stromung und neues Christentum. Die zwei Gruppen der
Christus-miiden und Christus-sehnsiichtigen Seelen. Auseinanderset-
zung zwischen Platonikern und Aristotelikern.
Zweiter Vortrag, Arnheim, 19. Juli 1924 162
Einiges uber die Entwickelung der mit der Menschheit zusammenhan-
genden geistigen Wesenheiten. Die Michael-Zeitalter. Himmlische
Intellektualitat und Eigendenken. Die von der Sonne entfallene Intelli-
genz. Arabismus und Naturwissenschaft. Harun al Raschid und Baco
von Verulam. Schule von Chartres und Scholastik. Die Vorbereitungen
in der geistigen Welt zur Spiritualisierung der auf die Erde gefallenen
Inteiligenz. Der Widerstand der damonisch-ahrimanischen Gewalten.
Dritter Vortrag, Amheim, 20. Juli 1924 184
Die iibersinnliche Schule des Michael vom 15. bis ins 18. Jahrhundert.
Die ahrimanische Gegenschule. Die auf Erden zur Schlange gewordene
Intelligenz mufi von Michael erobert und spiritualisiert werden. Diesem
Ziele mufi in Wachsamkeit der anthroposophische Geist dienen.
Die Vertiefung des Christentums
durch die Sonnenkrafte Michaels
Erster Vortrag, Torquay, 12. August 1924 201
Begriifiung. Uber die Weihnachtstagung als lebendigen Geistimpuls.
Vertieftes Verstandnis fur geschichtliche Impulse durch die Lehre von
den wiederholten Erdenieben. Mafigebende Impulse unserer Zeit: Das
Christentum und die vom Christentum noch nicht durchdrungene Wis-
senschaft. Bacon, Darwin. Der Anbruch des Michael-Zeitalters und der
Ablauf des Kali Yuga. Gesellschaftliches. Uber Sektionen und Klassen.
Zweiter Vortrag, Torquay, 14. August 1924 219
Karl der Grofie, Harun al Raschid. Der Hof Haruns als Pflegestatte
machtiger geistig-kosmischer Kultur. Harun al Raschids weiser Ratge-
ber. Geistbegegnung zwischen Harun und seinem Ratgeber mit Aristo-
teles und Alexander in der ubersinnlichen Welt zur Zeit des achten
okumenischen Konzils 869. Ergreifen des michaelischen Impulses nach
einem vertieften Christentum durch Aristoteles und Alexander im Hin-
blick auf das neue Michaelzeitalter. Harun al Raschid und sein Ratgeber
wirken durch den Mohammedanismus.
Dritter Vortrag, Torquay, 21 . August 1924 235
Durch Michael dringen kosmische Sonnenkrafte in den physischen und
atherischen Leib des Menschen. Die kosmische Intelligenz, die Michael
friiher verwaltete, ist ihm entfallen. Sie stromt zunachst als Eigenintelli-
genz in die Seelen der Menschen. Michael mufi sie in den Herzen der
Menschen wiederfinden. In Tintagel, wo fruher die Artusburg stand,
lafk sich noch heute im Naturwalten Sonnenwirken im Erdenstoff
erschauen. Dieses war das Wesen der heidnischen Andacht. Die Zwolf-
heit der Artusritter kampfte fur die aufiere Zivilisation. Im Gegensatz
zur Artusstromung steht die Gralsstromung, welche das Geistige der
Sonne nur mehr in den Herzen der Menschen sucht. Die Schule von
Chartres stand zwischen Artus- und Gralsstromung. Begegnung der die
Erde verlassenden Lehrer von Chartres mit den zur Erde niedersteigen-
den Aristotelikern. Die Michaelschule in der geistigen Welt.
Das Karma im einzelnen Menschen
und in der Menschheitsentwickelung
Erster Vortrag, London, 24. August 1924 (ohne Schluft) .... 253
Die Anschauung des Karma war eine Bewufitseinsrealitat fiir die Men-
schen friiherer Zeiten. Verglimmen des Karmabewufkseins, es geht
iiber in Gelehrtheit, zum Beispiel in Alt-Agypten. Ubergang der
Astralanschauung zum Aufwachen und Einschlafen. Durch die neuere
Initiations wissenschaft kann man zum verlorenen Erkennen zuriick-
kehren.
Zweiter Vortrag, London, 24. August 1924 269
Schwierigkeiten der Karmaerforschung. Geschichtliches Karma. Byron,
Voltaire, Swedenborg, Laurence Oliphant. Marsgenien und Merkur-
genien. Kosmische Betrachtungen des menschlichen Willenslebens.
Dritter Vortrag, London, 27. August 1924 287
Die allmahiiche Entfaltung des Christentums im Zusammenhang mit
der anthroposophischen Bewegung. Tintagel und die irischen Myste-
rien. Vorchristliches Christentum: Christus als Sonnenheld - die Artus-
stromung. Christliches Christentum: Von Palastina aus durch das
Ereignis von Golgatha Blut und Herzen der Menschheit ergreifend -
Gralsstromung. Begegnung der beiden Stromungen in Europa - die
Michael- Stromung .
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 309
Hinweise zum Text 310
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 319
Die Bedeutung
der die Erde umgebenden Himmelskorper
fiir das Leben des Menschen
ERSTER VORTRAG
Bern, 25. Januar 1924
Der Mensch verdankt sein gegenwartiges Erdenleben - wir wissen ja,
dafi er wiederholte Erdenleben durchmacht - zum Teil der aufieren
Welt, und zwar der aufieren Welt im weiteren Sinne; nicht nur dem,
was unmittelbar auf der Erde in den verschiedenen Reichen der Natur
um ihn ist, sondern auch demjenigen, was ihm aus den Gestirnen, aus
den Weiten des Kosmos zukommt. Das aber ist nur der eine Teil der
Welt, dem der Mensch sein gegenwartiges Erdenleben verdankt; vor
alien Dingen verdankt er es auch dem anderen Teile, von dem er sich
aber in dieses Erdenleben nur innerlich die Ergebnisse, die Wirkungen
mitbringt; er verdankt es seinen friiheren Erdenleben selber. Wir glie-
dern ja den Menschen, wie Sie aus der anthroposophischen Literatur
wissen, zunachst in vier Glieder. Von seinem physischen Leib und von
seinem Atherleib, von diesen beiden trennt sich der Mensch jedesmal,
wenn er in Schlaf ubergeht; er trennt sich von seinem physischen und
Atherleib mit seinem astralischen Leib und mit seinem Ich. Nur unser
physischer Leib und unser Atherleib verdanken ihre ganze Wesenheit
der aufieren Welt, die sichtbar - oder wohl auch als Atherwelt unsicht-
bar - um uns ist. Dagegen, was der Mensch in sich tragt in seinem
astralischen Leib und in seinem Ich, das verdankt er im gegenwartigen
Erdendasein eigentlich durchaus der Vorzeit, verdankt er dem, was er
in friiheren Erdenleben mit der Welt durchgemacht hat.
Nun sind auch in der aufieren physischen Welt zwei Tore - lassen
Sie uns heute mit dieser kosmischen Betrachtung beginnen, um dann mit
einer recht menschlichen abzuschliefien es sind, sage ich, in der phy-
sischen Welt zwei Tore, durch die eigentlich das Menschenleben in seiner
Ganzheit hinausreicht aus dieser physischen Welt. Und diese zwei Tore
sind fur uns Erdenbewohner auf der einen Seite der Mond, auf der an-
deren Seite die Sonne.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja so, dafi die heutige aufiere
Wissenschaft wirklich nur das Allergeringste von den aufierirdischen
Himmelskorpern weifi. Sie weifi eben das Physische, das man durch
Redlining bestimmen oder durch Instrumente beobachten kann. Den-
ken Sie nur einmal daran, was etwa ein Marsbewohner von der Erde
wiifite, wenn er in derselben Art wie die Erdenbewohner vom Mars oder
gar von anderen Sternen seine Kenntnisse von der Erde erwerben wiirde.
Er wiirde eben auch von der Erde nur so viel wissen: sie ist ein glimmend
leuchtender Korper, der in den Weltenraum hinaus das von ihm zuriick-
geworfene Sonnenlicht strahlt. Er wiirde vielleicht allerlei Hypothesen
aufstellen, ob auf der Erde Wesen sind, oder nicht Wesen sind - wie es
ja der Mensch fiir den Mars macht und so weiter. Aber der Erden-
bewohner weifi ja natiirlich von der Erde selbst, dafi er mit Wesen seines-
gleichen, mit Wesen anderer Reiche zusammen die Erde bewohnt. Der-
jenige nun, der von den inneren geistigen Schicksalen der Erdenmensch-
heit seine Kenntnisse holen kann, der kommt eben aus geistigen Unter-
griinden heraus zu einer tieferen Erkenntnis dessen, was die anderen
Himmelskorper, was zum Beispiel der Mond und die Sonne innerhalb
der Welt eigentlich bedeuten.
Lassen wir einmal vor unsere Seele treten, was in dieser physisch-
seelisch-geistigen Bedeutung iiber das Mondendasein zu sagen ist. Ich
mufi an allerlei erinnern, das Sie nachlesen konnen in meiner «Geheim-
wissenschaft im Umrifi» und in verschiedenen Vortragszyklen, die
gedruckt sind. Wir wissen daraus, daft das Mondendasein einmal mit
dem irdischen Dasein verkniipft war. Das nimmt ja selbst heute die
aufiere Wissenschaft an, wenigstens in ihren wichtigeren Vertretern,
dafi der ganze physische Monden-Weltkorper sich einmal losgetrennt
hat von der Erde und sozusagen se.inen eigenen Ort im Weltenraum
gewahlt hat.
Aber die Geisteswissenschaft zeigt uns, daft nicht nur der physische
Mond sich von der Erde getrennt hat, sondern mit diesem Monde andere
Wesenheiten, die einmal gemeinsam mit dem Menschen die Erde
bewohnt haben,die allerdings viel geistigerer Art waren, als der Mensch
in seinem physischen Leibe es ist, aber die dennoch einen intensiven Ver-
kehr mit dem Menschen gehabt haben, wenn auch nicht auf die Weise,
wie der heutige menschliche Verkehr vermittelt wird.
Wer die Vorzeit der Erde, vielleicht auch zunachst nur aufierlich, in
ihren Geisteserzeugnissen studiert, der bekommt ja, wenn er zuriickgeht
in den verschiedenen Zivilisationen, eine grofte Ehrfurcht vor dem, was
einmal an Zivilisationen auf Erden vorhanden war. Allerdings, so
gescheit in unserem gegenwartigen Sinne, wie wir gegenwartigen Men-
schen uns diinken, so gescheit waren unsere Vorfahren, das heifit wir
selbst in friiheren Erdenleben, gewifi nicht. Aber gewu&t haben diese
Vorfahren mehr. Man erlangt Wissen eben nicht nur durch Gescheit-
heit. Gescheitheit kommt vom Verstande, und der Verstand ist eben
nur eine Fahigkeit der Menschen, wenn er auch gegenwartig nament-
lich von der Wissenschaft am allermeisten von alien Fahigkeiten
geschatzt wird. Aber schiie^Kch, wenn wir heute die Welt anschauen,
wie sie sich in moralischer, in sozialer Beziehung namentlich in dem
gesegneten 20. Jahrhunderte entwickelt hat, dann brauchen wir auf
unsere Verstandeskultur eigentlich nicht besonders stolz zu sein. Diese
Verstandeskultur hat sich eben erst im Laufe der Zeit ergeben. Und wie
gesagtj wenn wir nur an Hand der aufieren Geschichte zuriickgehen
und wahrnehmen, was herriihrt, sagen wir zum Beispiel vom alten
Orient, dann kann uns eine grofte Ehrfurcht iiberkommen. Wir konnten
selbst manche Erzeugnisse sogenannter wilder Volker anfiihren; aber
bleiben wir bei den Erzeugnissen des indischen Orients, des persischen
Orients, sehen wir uns an, welch Wunderbares da hinter allem ist, in
der alten Dichtung, in der Vedendichtung, in der alten Philosophic, der
Vedantaphilosophie, der Jogaphilosophie. Wenn man das nicht ober-
flachlich auf sich wirken laftt, sondern wenn man es auf sich wirken
lafk mit all den Tiefen, die es birgt, dann bekommt man eine immer
grofiere Ehrfurcht vor dem, was alte Zeiten nicht auf dem Wege der
gewohnlichen Gescheitheit, sondern gewifi auf einem anderen Wege
hervorgebracht haben. Aber sie haben es eben hervorgebracht.
Nun zeigt uns Geisteswissenschaft, daft eigentlich dasjenige, was
sich durch aufterliche Dokumente erhalten hat, ja nur die Reste sind
einer wunderbaren Urweisheit der Menschheit, die allerdings viel mehr
dichterisch, kiinstlerisch aufgetreten ist als unser heutiges Wissen, die
aber dennoch eine wunderbare Urweisheit der Menschheit war. Diese
Urweisheit haben die Menschen eben erhalten durch Wesen, die weit
hinausragen iiber die eigene menschliche Entwickelung der Erde. Den-
ken, verstandig denken, das geschieht ja durch unseren physischen Leib.
Diese Wesenheiten haben nicht einen physischen Leib gehabt; daher
riihrt die Tatsache, dafi sie in einer mehr dichterischen, kiinstlerischen
Art ihr Urwissen der Menschheit iiberliefert haben.
Aber diese Wesenheiten sind nicht bei der Erde geblieben, sondern
sie bewohnen in ihrer Mehrzahl tatsachlich heute den Monden-Welten-
korper. Was die heutige Wissenschaft erkunden kann, das ist eben nur
das AuGerliche des Mondes. Der Mond ist der Trager hoher geistiger
Wesenheiten, die einmal die Aufgabe gehabt haben, die Erdenmensch-
heit mit der Urweisheit zu inspirieren, die sich dann zuriickgezogen
haben und gewissermafien diese Mondenkolonie im Weltenall zu
begriinden hatten. Schon das, was ich so sagen mufi von diesen Wesen-
heiten, die also eigentlich heute die Mondbewohner sind, das zeigt uns,
dafi unsere eigene menschliche Vergangenheit mit diesen Wesenheiten
verkniipft ist. Wir waren in fruheren Erdenleben die irdischen Genos-
sen dieser Wesenheiten. Und es zeigt sich sogleich unser Verkniipftsein
mit ihnen, wenn wir hinausschauen iiber dasjenige, was die aufiere
Erkenntnis und das auftere Leben dem Menschen geben kann. Denn
wenn wir auf all das schauen, was in uns bestimmend ist, aber was nicht
von unserem Verstande abhangt, sondern was gewissermaften iiber den
Verstand hinaus mit unserem tief eren Menschenwesen zusammenhangt,
dann finden wir, da£ auch heute noch diese Mondenwesenheiten, wenn
sie ihren Wohnplatz auch nicht mehr auf Erden haben, mit unserem
inneren Sein verkniipft sind. Denn bevor wir auf die Erde herabsteigen,
durch unsere Vorfahren einen physischen Leib bekommen, waren wir
oder sind wir ja in einer geistigen Welt in dem vorirdischen Dasein. In
diesem vorirdischen Dasein haben wir auch heute noch mit diesen alten
Genossen unseres Erdendaseins viel zu tun. Wir steigen sozusagen aus
den geistigen Welten herab in unser irdisches Dasein, indem wir die
Sphare des Mondes passieren, indem wir durchkommen durch das Mon-
dendasein. Und so wie einstmals diese Mondenwesen auf der Erde selbst
hier fur uns Menschen tief bestimmend waren, so sind sie heute noch
bestimmend fiir die Erdenmenschen, indem sie dem menschlichen Ich
und dem menschlichen astralischen Leib dasjenige einpragen, was sich
dann iibertragt in den physischen Leib, wenn der Mensch physischer
Erdenmensch wird.
Nicht wahr, man kann ja nicht beschlieften, ein Talent zu sein, auch
nicht ein Genie zu sein. Man kann nicht einmal beschliefien, so ohne
weiteres ein guter Mensch zu sein. Dennoch, es gibt Talente, es gibt
Genies,es gibt sozusagen durch dieGeburtguteMenschen. Das ist etwas,
was der Verstand nicht machen kann, was mit dem inneren tiefen Wesen
des Menschen zusammenhangt, wovon er sich ein gut Teil mitbringt,
indem er durch die Geburt aus einem vorirdischen Dasein in das
irdische eintritt. Dieses seinem Ich und seinem astralischen Leib einzu-
pragen, was dann sozusagen in sein Blut, in seine Nerven schieflt als
Talent, als Begabung, als der Wille zum Guten oder zum Bosen, dieses
ihm einzupragen, das ist die Aufgabe der Mondwesen, wenn der Mensch
in seinem vorirdischen Dasein die Mondensphare passiert. Und nicht
nur, wenn in den bekannten poetischen Stimmungen Liebende im Mon-
denschein spazieren gehen, ist der Mond von Einflufi auf das, was
tiefer im Menschen, was mehr unter dem Bewufitsein webt und lebt,
sondern bei alledem ist dieses Mondendasein wirksam, was eben aus
den Tiefen des Menschen heraufkommt und ihn eigentlich unter seinem
Verstande zu dem macht, was er im Erdenleben eigentlich ist. Und so
hangen heute noch diese Mondenwesen dadurch mit unserer Vergangen-
heit zusammen, dafi sie es sind, die nach unseren friiheren Erdenleben
uns pragen, sozusagen im vorirdischen Dasein, damit wir als dieser
bestimmte Mensch im irdischen Dasein auftreten konnen.
Blicken wir also zuriick in unserem Leben, da wo sozusagen unser
Leben aus dem irdischen Bereich hinausgeht in das eigentlich Geistige
hinein, in jenes Geistige hinein, aus dem heraus wir dann bestimmt sind
nach unseren innersten Fahigkeiten, nach unserem Temperament, sogar
nach dem innersten Wesen unseres Charakters, blicken wir zuriick, so
finden wir in dem Monde das eine Tor aus der physischen Welt hinaus
in die geistige. Er ist das Tor, durch das die Vergangenheit in unser
Menschenleben hereinzieht, und er ist dasjenige, was uns eigentlich die
Individuality gibt, was uns zu diesem bestimmten individuellen Men-
schen macht.
Das andere Tor ist die Sonne. Aber der Sonne verdanken wir nicht
unser individuelles Leben. Die Sonne leuchtet nicht nur iiber Gute und
Bose in gleicher Weise, sondern die Sonne leuchtet auch iiber Genies
und Dummkopfe in gleicher Weise. Die Sonne kennt zunachst fiir das
irdische Leben nichts, was mit der Individualitat unmittelbar zusam-
menhangt. Es ist ja nur eines, das von der Sonne her mit der irdischen
Individualitat zusammenhangt. Und das konnte nur dadurch eintreten,
daft in einem bestimmten Zeitpunkte der Erdenentwickelung ein hohes
Sonnenwesen, der Christus, eben nicht auf der Sonne geblieben ist, son-
dern von der Sonne aus auf die Erde herabgestiegen ist, in einem Men-
schenleibe Erdenmensch geworden ist und dadurch sein eigenes Welten-
schicksal mit dem Erdenschicksal der Menschheit vereinigt hat. Da-
durch, daft der Christus aus einem Sonnenwesen ein Erdenwesen gewor-
den ist, dadurch hat er den Zugang bekommen zu den einzelnen mensch-
lichen Individualitaten. Die anderen Sonnenwesen, die in der Sonne
geblieben sind, haben nicht den Zugang zu den einzelnen menschlichen
Individualitaten, sondern nur zu dem Allgemeinen der Menschheit.
Dem Christus ist sogar etwas davon geblieben, aber etwas, was fiir
unsere Erdenmenschheit unendlich segensreich ist: was ihm geblieben
ist, das ist, daft sein Wirken nicht irgendeine menschliche Differen-
zierung kennt. Der Christus ist nicht der Christus dieser oder jener
Nation, nicht der Christus dieses oder jenes Standes, nicht dieser oder
jener Klasse, der Christus ist der Christus fiir alleMenschen ohneUnter-
schied von Klasse, Rasse, Nation und so weiter. Der Christus ist auch
insofern nicht der Christus der Individualitaten, als er in seiner Wirk-
samkeit dem Genie und dem Toren in gleicher Weise innerlich Hilfe
leistet. Es hat der Christus-Impuls Zugang zu der Individualitat des
Menschen, und gerade er muft im tiefsten Inneren wirken, wenn er
iiberhaupt im Menschen zur Wirksamkeit kommen soil. Nicht die Ver-
standeskrafte, sondern die tiefsten Seelen- und Herzenskrafte sind es,
die den Christus-Impuls aufnehmen miissen; wenn er aber dann auf-
genommen wird, wirkt er nicht im Sinne des Individuell-Menschlichen,
sondern ganz im Sinne des Allgemein-Menschlichen. Dieses allgemein-
menschliche Wirken, das eignet dem Christus, weil er ein Sonnen-
wesen ist.
Aber sehen Sie, indem wir zuriickblicken und uns in diesem Zuruck-
blicken verbunden fuhlen mit dem Mondendasein, wissen wir ja, daft
wir etwas in uns tragen, das wir nicht der Gegenwart verdanken, das
eigentlich ein Stuck nicht nur irdischer, sondern sogar kosmischer Ver-
gangenheit ist. Wir Menschen verbinden es eben in unserem gegen-
wartigen Erdendasein mit der Gegenwart, dieses Stuck Vergangenheit.
Man bedenkt gewohnlich nicht, was eigentlich alles in diesem Stuck
Vergangenheit steckt. Wir waren als Menschen nicht viel, wenn nicht
diese Vergangenheit in uns steckte. Das, was wir uns aneignen, unmittel-
bar wenn wir heruntersteigen aus dem vorirdischen Dasein in das
irdische, das hat eigentlich sogar etwas Automatisches, das Automa-
tische unseres physischen und unseres Atherleibes. Dasjenige, was in
bestimmter Weise uns zu diesem oder jenem Menschen macht, das ist
innig zusammenhangend mit unserer Vergangenheit und damit mit dem
Mondendasein. Aber ebenso wie wir durch unser Mondendasein mit der
Vergangenheit zusammenhangen, so hangen wir durch das Sonnen-
dasein mit unserer Zukunft zusammen. Fur den Mond sozusagen,
namentlich auch mit Bezug auf die Wesen, die sich auf ihn zuriick-
gezogen haben, waren wir reif in fruheren Zeiten; fiir die Sonne, die
heute nur das Allgemein-Menschliche impulsiert, werden wir erst in
viel spateren Zeiten reif werden, wenn noch viel Entwickelung vor sich
gegangen ist. Die Sonne kann heute nur an unser Aufteres heran. An
unsere Individuality, an unser Inneres wird sie erst in kiinftigen Zeiten
heran konnen. Wenn die Erde nicht mehr als Erde vorhanden sein wird,
wenn sie in eine ganz andere Metamorphose iibergegangen sein wird, da
werden wir erst fiir das Sonnendasein reif sein. Der Mensch ist so stolz
auf seinen Verstand; aber der Verstand, wie er gerade in der gegen-
wartigen Menschheit ist, ist so ein richtiges Erdenprodukt, denn er ist
eigentlich an das Gehirn gebunden, und das Gehirn ist dasjenige, was
am meisten physisch wird im Menschen, wenn man es auch sonst nicht
glaubt.
Die Sonne reifit uns aus diesem Gebundensein an das Irdische eigent-
lich fortwahrend heraus, denn die Sonne wirkt eigentlich nicht auf
unser Gehirn. Wir wiirden viel gescheitere Gedanken ausgehen lassen
aus unserem Gehirn, wenn die Sonne auf unser Gehirn wirken wiirde.
Die Sonne wirkt eigentlich auf unser Herz, wenn wir das Physische
betrachten. Und dasjenige, was vom Herzen ausstrahlt, meine lieben
Freunde, das ist Sonnenwirkung. Durch das Gehirn sind die Menschen
eigentlich egoistisch; dutch das Herz werden sie egoismusfrei, werden
sie erhoben zum Allgemein-Menschlichen. So dafi wir eigentlich durch
die Sonne mehr sind, als wir durch uns im heutigen Erdendasein sein
konnen. Nur mochte ich sagen: Der Christus gibt uns wiederum, wenn
wir wirklich zu ihm den Zugang finden, weil er ein Sonnenwesen ist,
mehr, als wir heute als Menschen sein konnen.
Die Sonne steht uns eben wirklich eigentlich am Himmel wie ein Zu-
kunftswesen, wahrend uns der Mond wie ein Vergangenheitswesen am
Himmel steht. Es ist das andere Tor, das in die geistige "Welt fiihrt, es ist
das Tor in die Zukunft hinein. Denn ebenso, wie wir gewissermajften
hereingeschoben werden ins irdische Dasein durch die Mondenwesen
und Mondenkrafte, so werden wir im Tod wiederum herausgeschoben
durch die Sonnenkrafte. Die Sonnenkrafte hangen mit demjenigen in
uns zusammen, was wir noch nicht bewaltigen, was uns sozusagen die
Gotter gegeben haben, damit wir nicht im Erdenleben verkiimmern,
sondern uber uns hinausreichen. Und so sind wirklich Mond und Sonne
die beiden Tore aus dem Weltenall heraus ins irdische und aus diesem
ins geistige Leben hinein. Der Mond ist bewohnt von Wesenheiten, mit
denen wir einmal verbunden waren in der Art, wie ich es gekennzeichnet
habe. Die Sonne ist bewohnt von Wesenheiten, mit denen wir - mit
Ausnahme des Christus - erst in der Zukunft unseres kosmischen
Daseins verbunden sein werden. Der Christus wird uns f uhren zu seinen
ehemaligen Genossen in der Sonne. Aber das ist durchaus fur den
Menschen die Zukunftswelt.
Und auch das, was da von der Sonne als Zukunftswelt wirkt aus
dem Geistigen herein, ist ebenso wirksam auf unseren physischen Leib
und auf unseren Atherleib, wie das, was vom Monde aus wirkt aus dem
Geistigen herein. Betrachten wir zum Beispiel unser Temperament. Da
sind schon Krafte in unserem Temperament, die durchaus in den phy-
sischen Leib, namentlich aber in den Atherleib hineinspielen: Das regelt
in uns das Zusammenwirken von Sonne und Mond. Derjenige, der
einen starken melancholischen Einschlag hat in seinem Temperament,
der ist stark beeinfluftt vom Mondenhaften. Wer einen starken san-
guinischen Zug in seinem Temperament hat, der ist stark beeinflufit
vom Sonnenhaften. Derjenige, in dem sich Sonnen- und Mondenhaftes
ausgleichen, neutralisieren, der wird dann ein Phlegmatiker. Da, wo
das Physische in uns hereinspielt und seelisch zum Vorschein kommt
wie in dem Temperament, da spielt im ganzen Wesen, das wir als Mensch
in uns tragen, das Sonnen- und Mondenhafte herein. Aber es erblickt
dieses Sonnen- und Mondenhafte der Mensch zunachst nur da, wo es in
seiner aufieren physischen Erscheinungsform ihm entgegentritt, wo
sozusagen sich ihm der Mond ankiindigt durch die aufiere Scheibe, die
sich ihm zeigt, ebenso die Sonne. Doch sind ja Wirkungen da, die weit
iiber dieses Physische hinausgehen; wir miissen durchaus von einem
Geistigen des Mondes und der Sonne sprechen. Und das konnen wir ja
wirklich leicht einsehen.
Sie brauchen zunachst nur, um sich das zu verdeutlichen, einen
menschlichen Korper anzusehen. Dieser menschliche Korper hat heute
nicht mehr dieselben Substanzen in sich, die er vor etwa zehn Jahren
gehabt hat. Sie stolen fortwahrend die aufieren physischen Substanzen
ab, ersetzen sie durch neue. Was bleibt, ist die geistige Form, die Gestalt
des Menschen: das sind die inneren Krafte. Wenn Sie vor zehn Jahren
hier gesessen haben - das Fleisch und Blut, das Sie dazumal in sich
gehabt haben als materielle Substanz, das bringen Sie heute nicht wieder
auf denselben Sessel: das Physische ist in einer fortwahrenden Stromung
von innen nach aufien, es stofit sich fortwahrend ab. Das bedenkt man
nicht immer, doch weift man es wenigstens heute in bezug auf die Erde.
Aber daft dies auch im Weltall der Fall ist, das weifi man nicht einmal,
denn die Menschen denken: Derselbe Mond, der heute herunterscheint,
das war auch der Mond, der auf den alten Casar oder Alcibiades oder
auf Buddha gestrahlt hat. Geistig ja, aber der physischen Materie nach
nicht! Und in bezug auf die Sonne, da rechnen die Physiker, die Astro-
physiker aus, wann sie im Weltenraum zerstaubt sein wird. Dafi sie zer-
staubt, das wissen sie allenfalls, aber sie rechnen da nach Millionen von
Jahren. Dasselbe kame namlich heraus, wenn man eine solche Rechnung
in bezug auf den Menschen anstellen wurde. Diese Rechnungen sind
todsicher richtig, es ist gar nichts einzuwenden - aber nur sind sie nicht
wahr. Sie sind ganz richtig, aber sie sind wie folgt: Wenn Sie heute ein
menschliches Herz priifen, nach fiinf Tagen wieder, nach weiteren fiinf
Tagen wieder, dann konnen Sie an den kleinen Veranderungen aus-
rechnen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren gestaltet war, und wie
es gestaltet sein wird nach dreihundert Jahren. Sie kriegen schon etwas
heraus, wenn Sie solche Rechnungen anstellen: nur war es just vor drei-
hundert Jahren nicht da und wird in dreihundert Jahren wieder nicht
da sein. So kann man heute auch mit der geologischen Wissenschaft aus-
rechnen, wie die Erde ausgesehen hat vor zwanzig Millionen Jahren.
So rechnen die Leute aus, wie sie ausgesehen hat, so rechnen sie heute
auch aus, wie sie aussehen wird nach zwanzig Millionen Jahren. Die
Rechnung ist ganz richtig; die Erde hat so ausgesehen nach einer ganz
richtigen Rechnung, wie man es ausrechnet, wird auch so aussehen nach
zwanzig Millionen Jahren. Aber dagewesen ist sie noch nicht vor zwan-
zig Millionen Jahren, und da sein wird sie wieder nicht nach zwanzig
Millionen Jahren! Die Rechnungen sind todsicher richtig, nur wahr
sind sie nicht! Ja, nicht einmal fur die engsten Zeitraume ist das im
Weltenraum drauften anders als beim Menschen. Wenn auch die
mineralischen Substanzen wesentlich langer dauern als die Gestal-
tungen der Substanzen in lebendigen Leibern, so ist doch auch fur die
Mineralsubstanzen das rein Physische, substantiell Physische, ein Vor-
ubergehendes. Und der Mond, der heute am Himmel steht, ist in seiner
physischen Zusammensetzung nicht mehr derselbe, der er war, als er
auf Casar heruntergeschienen hat oder auf Alcibiades oder auf den
Kaiser Augustus; denn der Mond hat seine Materie ebenso ausgetauscht,
wie ein physischer Menschenleib seine Materie austauscht. Dasjenige,
was da drauftenbleibt, ist eben auch durchaus das Geistige, wie beim
Menschen das, was von der Geburt bis zum Tode bleibt, das Geistige
ist, nicht die physische Materie.
So daft man eigentlich die Welt erst richtig anschaut, wenn man sie
so anschaut, daft man fur den Menschen sagt: Was da bleibt zwischen
Geburt und Tod, das ist seine Seele. Was da drauften an den Welten-
korpern bleibt, das sind die Wesenheiten; dort ist es eine Vielheit. Beim
Menschen ist es eine Einheit, eine Seele; da drauften eine Vielheit. Und
wenn wir sprechen von Mond und Sonne, so sollten wir eigentlich uns
bewuftt sein, daft wenn wir von der Wahrheit sprechen wollen, wir von
dem sprechen rmissen, was als Wesenheiten des Mondes und als Wesen-
heiten der Sonne existiert: als Wesenheiten des Mondes solche, die mit
unserer Vergangenheit verkntipft sind; als Wesenheiten der Sonne
solche, die mit unserer Zukunft verkniipft sein werden. Aber herein
wirken sie in unser gegenwartiges Dasem.
Und dasjenige, was sie am Menschen unmittelbar bewirken, das ist
das, was wir sein Karma nennen: das Ganze in dem Aufbau und in der
Entwickelung seines Schicksals. Indem sich Vergangenheit und Zukunft
ineinanderweben, wird des Menschen Schicksal bestimmt. Und indiesem
Weben des Schicksals, da wirken eben Mondenkrafte und Sonnen-
krafte, Mondenwesenheiten und Sonnenwesenheiten zusammen.
Man gelangt eigentlich erst zu einer wirklichen Unterlage fur eine
Betrachtung des menschlichen Karma, des menschlichen Schicksals,
wenn man den Menschen in dieser Weise hineinstellen kann in das
Ganze des Weltenalls.
Das Vergangene konnen wir mit dem besten Willen niemals anders
machen als es ist. Daher haben die Mondenkrafte, indem sie in unser
menschliches Wesen hineinwirken und hineingreifen, etwas von unab-
anderlicher Notwendigkeit. Alles, was uns vom Monde herkommt, hat
diesen Charakter einer unabanderlichen Notwendigkeit. Alles das, was
von der Sonne herkommt, und was in die Zukunft hineinweist, hat
etwas, wo unser Wille, ja wo unsere Freiheit eingreifen kann. So dafi
man auch sagen konnte: Wenn der Mensch nun wirklich wiederum ein
Gottliches sieht im Kosmos, nicht blo$ im allgemeinen schwarmerisch-
schwummelig spricht uber das Gottliche in der Welt, sondern wenn er
wiederum in bestimmter Weise uber das Gottliche sprechen wird, wie
es sich offenbart in den einzelnen Gliedern des Weltenalls, in den Him-
melskorpern, dann wird sich fur den Menschen, ich mochte sagen, eine
besondere Sprache ergeben, indem er aus dieser Herzens- und wirklichen
Menschenerkenntnis hinaufschaut zu den Himmelskorpern.
Was ware denn, wenn ein Mensch vor uns suinde mit seinen Handen,
Armen, seinem Kopf, seiner Brust, seinen Beinen und Fiiften und wir,
etwa in bezug auf seine Finger, auf die Frage «Was ist das?» antworten
wiirden: Das ist Menschliches! - Indem wir auf seine Fufie weisen: Das
ist Menschliches] - auf seine Nase; Menschliches! - Wenn wir nichts un-
terscheiden, sondern alles nur mit dem allgemeinen Ausdruck «Mensch-
liches» belegen, fangen wir ja an, im Unbestimmten herumzuschwim-
men. Ebenso schwimmen wir im Unbestimmten herum, wenn wir nur
hinausstarren ins Weltenall, Sonne, Mond und Sterne anschauen, und
nur vom Allgemein-Gottlichen sprechen. Wir miissen wiederum zu
einer bestimmten Anschauung des Gottlichen kommen. Wir kommen zu
einer bestimmten Anschauung des Gottlichen, wenn wir zum Beispiel
den tief en Zusammenhang des Mondes mit unserem vergangenenDasein
erkennen, ja mit dem Vergangenen der ganzen Erde. Da konnen wir
dann zum Monde hinaufblicken und konnen sagen : Du Weltensohn der
Notwendigkeit, ich fuhle - indem ich alles dasjenige, woriiber ich keinen
Willen habe, in mir selber anschaue ich fuhle mich dir, gottlicher
Weltensohn, innig verbunden. Da wird unsere Erkenntnis des Mondes
Gefiihl. Denn alles das, was uns aus der inneren Notwendigkeit heraus
empfindbar wird, wird uns mondenverwandt.
Und wenn wir in derselben Weise recht das Sonnensein erfuhlen,
nicht biofi errechnen, nicht blofi durch Instrumente anschauen, so fuhlen
wir es verwandt mit alldem, was in uns als Freiheit lebt, als das, was
durch uns selber fur die Zukunft geschehen kann. Und wie uns jeder
neue Morgen mit seinem Sonnendasein aufruft dazu, als Mensch zu
wirken, empfangt uns die Nacht mit unseren Traumen, die uns zeigen,
was wir waren, was in uns lebt und webt, was als Vergangenheit mit
uns verkniipft ist. Die vom Monde beherrschte Nacht zeigt uns unsere
Vergangenheit; jedes neue Morgendasein mit seinen Sonnenstrahlen
weist uns hin auf das, was aus unserer Freiheit kommen kann. - So
hangt in unserem gesamten Weltendasein unser Menschliches mit dem
Sonnendasein zusammen, und wir konnen, die Sonne ansprechend, so
fuhlen: O du Weltensohn der Freiheit, dich fiihle ich verwandt mit allem
in mir, was meinem eigenen Wesen die Freiheit und die Entschluftfahig-
keit fur die Zukunft gibt!
Mit solchen Empfindungen wurden wir wieder ankniipfen an
instinktive Weisheiten der Urmenschheit. Denn, was aus uralten Zivili-
sationen in wunderbarer Weise dichterisch strahlt, man versteht es nur
dann, wenn man so etwas auch heute noch in sich fiihlt, wie das Auf-
blicken zum Monde als zu der Notwendigkeit der Vergangenheit, das
Aufblicken zur Sonne als zur Freiheit der Zukunft. Und so wirken in
unserem Schicksal in seinem Weben, Notwendigkeit und Freiheit inein-
ander. Sprechen wir irdisch-menschlich, so sprechen wir von Notwen-
digkeit und Freiheit. Sprechen wir himmlisch-kosmisch, so sprechen wir
von Monden- und Sonnendasein.
Und nun suchen wir das Mondenhaf te und das Sonnenhafte in dem
Weben unseres Schicksals einmal auf. Wir begegnen im Leben einem
Menschen. Wir geben uns gewohnlich damit zufrieden, daft wir diesem
Menschen begegnen, denn wir beobachten ja nicht viel vom Leben, son-
dern nehmen das Leben zum groiSen Teil gedankenlos hin. Wenn man
aber einen tieferen Blick in das einzelne Menschenleben wirft, dann
erkundet man, dafi wenn zwei Menschen sich im Leben treffen, ihre
Wege wirklich in einer merkwurdigen Weise gelenkt wprden sind. Zwei
Menschen, die sich, sagen wir, der eine im fiinfundzwanzigsten, der
andere im zwanzigsten Jahre, treffen, sie konnen zuriickblicken auf
das, was sie bisher erlebt haben, und es wird ihnen wirklich sehr deut-
lich werden, wie bei dem Zwanzigjahrigen, aus einer ganz anderen
Weltenecke alle einzelnen Tatsachen seines Lebens ihn so hineingedrangt
haben, dafi er gerade dort zusammengetroffen ist mit dem anderen
Menschen, der ebenso seine fiinfundzwanzig Jahre uberblicken kann,
der wiederum aus einer ganz anderen Ecke kommt und mit ihm zusam-
mentrifft. Und was hangt nicht alles in der Bildung unseres Schicksals
da von ab, daft Menschen, die in zwei verschiedenen Weltenecken ihren
Ausgangspunkt nehmen, dann zusammentreffen wie hergeleitet mit
einer wirklich ehernen Notwendigkeit, die iiberall hinzielt nach diesem
Punkte, in dem sie sich treffen. Man fafk ja gar nicht in das Seelenauge
das Wunderbare, das sich in solchen Betrachtungen enthiillen kann! Das
menschliche Leben wird arm, wenn man es nicht so betrachtet, und es
wird unendlich reich, wenn man es so betrachtet. Man mufi dann schon
darauf aufmcrksam werden, wie man gegeniiber einem Menschen, dem
man scheinbar ganz zufallig begegnet, sich sagen mufi, wenn man auf
die ganze Art, wie man sich dann zu ihm verhalt, hinsieht: Man hat
ihn gesucht, gesucht seit man in diesem irdischen Dasein herinnen ist;
man konnte auch schon sagen: vorher, aber darauf will ich jetzt nicht
eingehen. Man braucht ja nur zu erwagen, wie man nicht auf diesen
Menschen aufgestofien ware, wenn man da oder dort in seinem ver-
gangenen Erdenleben nur ein wenig einen anderen Schritt nach links
oder rechts gemacht hatte und nicht dahin gegangen ware, wo man
gegangen ist. Wie gesagt, diese Betrachtungen werden nicht angestellt;
aber es ist ja ein unendlicher Hochmut des Menschen, wenn er glaubt,
daft dasjenige, woriiber er nicht Beobachtungen anstellt, auch nicht
vorhanden sei. Es ist eben da! Fangt man an mit der Beobachtung, so
enthiillt es sich schon. Und es ist nun ein sehr bedeutsamer Unterschied
zu bemerken zwischen alledem, was da vorgegangen ist, ehe sich zwei
Menschen treffen, und von dem Momente an, wo sie sich tref fen. Denn
ehe sie sich getroffen haben, ehe sie sich gefunden haben im Erden-
leben, haben sie aufeinander gewirkt, aber ohne daft sie etwas gewuftt
haben voneinander. Nunmehr, nachdem sie sich getroffen haben, wir-
ken sie aufeinander, indem sie wissen voneinander. Aber hier beginnt
nun wiederum etwas aufterordentlich Bedeutsames.
Wir treffen ja natiirlich auch sehr viele Menschen im Leben, auf
die wir sozusagen nicht zugegangen sind. Ich will nicht sagen, daft wir
sehr viele Menschen im Leben treffen, bei denen wir uns sagen, es ware
gescheiter, wenn wir sie nicht getroffen hatten; das will ich nicht sagen.
Aber wir treffen eben sehr viele Menschen, bei denen wir dies, was ich
eben jetzt auseinandergesetzt habe, daft wir unbedingt auf sie zuge-
gangen sind, nicht als eine Betrachtung anstellen konnen.
Sieht man das Ganze, was ich jetzt gesagt habe, im Lichte der Geistes-
wissenschaft, dann zeigt sich, daft all das, was sich zwischen zwei Men-
schen abspielt, ehe sie sich im Erdenleben kennenlernen, vom Monden-
haften bestimmt ist, daft alles, was sich zwischen ihnen abspielt, nach-
dem sie sich kennengelernt haben, vom Sonnenhaften bestimmt ist.
Daher kann das, was sich abspielt zwischen zwei Menschen, bevor sie
sich kennenlernen, nur im Lichte der ehernen Notwendigkeit gesehen
werden; dasjenige, was sich abspielt, nachdem sie sich kennenlernen,
im Lichte der Freiheit, im Lichte des gegenseitigen freien Verhaltens.
Es ist tatsachlich so, daft, wenn wir einen Menschen kennenlernen,
unsere Seele im Unterbewufttsein sich umschaut nach hinten und nach
vorne: Nach hinten nach dem geistigen Monde, nach vorn nach der
geistigen Sonne. Und damit hangt es zusammen, wie unser Karma, unser
Schicksal eigentlich gewoben wird.
Heute haben noch die wenigsten Menschen Empfindungsfahig-
keiten fur solche Dinge. Aber gerade deshalb gart in unserem Zeitalter
so viel, weil die Empfindungsfahigkeiten anfangen, fur solche Dinge
sich zu entwickeln. Sie sind schon in zahlreichen Menschen vorhanden,
nur wissen es diese Menschen nicht. Sie schreiben das allerlei anderen
Dingen zu. In Wirklichkeit wollen diese Empfindungsfahigkeiten her-
aus bei den Menschen, wollen so heraus, dafi die Menschen beobachten,
wenn sie einander kennenlernen, wieviel sie der ehernen Notwendigkeit,
dem Mondenhaften verdanken, wieviel ihnen obliegen wird im Lichte
der hellen Sonne, im Lichte der Freiheit. Das Schicksal so zu empfinden,
das ist selbst ein Weltenschicksal der Menschheit von der Gegenwart
in die Zukunft hinein! Denn wenn man einen Menschen in der Welt
trifft, dann kann man genau unterscheiden zwischen zwei Arten des
Verhaltens zu ihm. Den einen Menschen beurteilt man so, dafi alles,
was in der Beziehung zu ihm auftritt in uns, vom Willen ausgeht; den
anderen Menschen beurteilt man so, daft alles, was in der Beurteilung
von uns ausgeht, mehr oder weniger vom Verstande oder vom asthe-
tischen Sinn ausgeht.
Bedenken Sie nur einmal, wie fein verschieden die Menschen in ihrer
Menschenerkenntnis nach diesen Dingen sind, schon in der Jugend,
schon im Kindesalter: Den einen Menschen lieben wir vielleicht, oder
wir hassen ihn auch. Wenn es nicht bis zu der Starke kommt, dann
haben wir Sympathie oder Antipathie fur ihn; aber es geht nicht tief,
wir gehen an ihm voriiber und lassen ihn an uns voriibergehen.
Es wird ja nicht zu leugnen sein, dafi, sagen wir, die meisten unserer
in der Schule uns gegemibertretenden Lehrer so von uns aufgefafit wer-
den: Wir gehen an ihnen voriiber, sie gehen an uns voriiber. Es gehort
eben zum Gluck eines Menschen, wenn er einmal ein anderes erfahrt.
Aber es gibt ein anderes Verhaltnis, schon in der Kindheit. Das ist
das, wo es uns innerlich ergreift, wo wir sagen: Der Mensch tut etwas,
das miissen wir auch tun! - Da beurteilen wir gar nicht den Menschen
so, dajft wir ihn nur voriibergehen lassen konnen. Da kommt das von
selbst durch die Beziehung von ihm zu uns, dafi wir uns ihn als Helden
wahlen, dem wir die Wege zum Olymp hinauf uns nacharbeiten. Kurz,
es gibt Menschen, die wirken bloft auf den Verstand, auf die Ver-
standessympathie und -antipathie, hochstens noch auf die asthetische
Sympathie und Antipathie; andere Menschen wirken auf unseren
Willen.
Oder wenn wir mehr die andere Seite des Lebens betrachten: Wissen
Sie es denn nicht alle, meine lieben Freunde, dafi uns Menschen im Leben
begegnen, uns unter Umstanden durch die aufteren Verhaltnisse sogar
recht nahekommen konnen, aber es ist uns unmoglich, von ihnen zu
traumen? Wir traumen nicht von ihnen! Und andere begegnen uns ein
einziges Mai: Wir kommen nicht wieder los von ihnen, wir traumen
ewig von ihnen. Und wenn es uns dann in diesem Erdenleben nicht
gegonnt ist, mit ihnen in innigere Beziehung zu kommen, so miissen wir
uns halt das fur andere Erdenleben aufsparen. Aber es geht uns jene
Beziehung zum Menschen wirklich tiefer, wenn wir, kaum dafi wir
ihn kennengelernt haben, sogleich von ihm traumen, als wenn wir einen
Menschen kennenlernen, von dem wir iiberhaupt nicht traumen konnen.
Dann gibt es auch ein Wachtraumen. Dieses Wachtraumen spielt
sich allerdings fur die meisten Menschen heute noch in einer ziemlichen
Unbestimmtheit ab. Aber Sie wissen ja: Es gibt auch initiierte Men-
schen, die erleben das Leben doch anders noch! Treffen diese einen
Menschen, der auf ihren Willen wirkt, so wirkt er auch auf die
innere Sprache. Der spricht nicht nur, wenn er einem gegeniibersteht,
sondern der spricht aus uns heraus. Ist man eingeweiht in die Geheim-
nisse des Weltendaseins, so stellt sich die Beziehung des Menschen fol-
genderweise als eine zweifache dar: Man begegnet Menschen, denen
hort man zu. Man verlafk sie wieder: Man braucht ihnen dann nicht
mehr zuzuhoren, wenn man weit genug von ihnen ist. - Aber man
begegnet anderen Menschen, denen hort man zu; dann kann man von
ihnen weggehen und dann sprechen sie aus dem eigenen Inneren heraus:
Sie sind da, sie sprechen!
Nun, fur den Initiierten macht sich das so, wie ich es Ihnen eben
geschildert habe, daft er tatsachlich mit der vollen Stimmfarbung die
Menschen in sich tragt, die in dieser Weise auf ihn wirken. Fur die
anderen, nicht initiierten Menschen macht es sich mehr gefiihlsmafiig,
mehr empfindungsmafiig, aber es ist doch auch da, unterbewufk sehr
stark da. Man kann sagen: Es trifft jemand einen Menschen, und er
kommt zu anderen Menschen, die den auch kennen, und je nachdem er
diese oder jene Ausdrucksweise hat, sagt er: Er ist ein Prachtskerl! -
Vielleicht sagen einige andere auch: Ja, er ist ein Prachtskerl. - Das
heifit: er hat ihn betrachtet und gibt ein Urteil mit dem Verstande iiber
ihn ab.
Aber nicht so verhalten wir uns zu jedem Menschen, daft wir ihn
als einen Prachtskerl oder als einen Schubjack oder dergleichen auf-
fassen; sondern es gibt eben Menschen, die unseren Willen, der ja auch,
wie ich Ihnen oftmals auseinandergesetzt habe, eine Art von Schlaf-
dasein in uns fuhrt beim sonstigen Wachen, direkt zur Nachfolgeschaft
oder zum Widerstande unmittelbar bestimmen. Bei nicht initiierten
Menschen sprechen sie nicht, aber im Willen leben sie. Was ist das
eigentlich fvir ein Unterschied?
Nun, sehen Sie, wenn man zu Menschen kommt, an Menschen her-
ankommt, die nicht in unserem Willen leben, bei denen wir uns nicht
aufgefordert fuhlen, ihnen nachzuarbeiten oder ihnen zu widerstreben
im Willen, sondern die wir blofi beurteilen, so sind wir mit denen wenig
karmisch verkniipft, mit denen haben wir wenig zu tun gehabt in
vorigen Erdenieben. Menschen, die in unseren Willen hineingehen, so
daft sie uns nachgehen, so daft sich uns ihre Gestalt gleich einpragt,
daft wir sie behalten, daft wir auch wie wach noch traumen von ihnen,
das sind diejenigen Menschen, mit denen wir viel in vergangenen Erden-
ieben zu tun gehabt haben. Das sind die Menschen, mit denen wir sozu-
sagen kosmisch durch das Tor des Mondes verbunden sind, wahrend
wir im gegenwartigen Leben immer fur alles dasjenige, was nicht mit
der Notwendigkeit des Mondendaseins in uns lebt, verbunden werden
durch das Sonnendasein.
Und so wird unser Schicksal gewoben. Und so konnen wir sagen:
Der Mensch ist ja ein polarisches Wesen. Auf der einen Seite hat er sein
isoliertes Kopfdasein - das hat ja eine grofte Selbstandigkeit. Dieses
Kopfdasein hebt sich eigentlich fortwahrend heraus aus dem all-
gemeinen Weltendasein des Menschen, schon physisch: Das Gehirn ist
im Durchschnitt tausendfiinfhundert Gramm schwer. Bei einem solchen
Gewichte muftte es eigentlich alle Adern, die darunter sind, zerdriicken.
Denken Sie sich, tausendfiinfhundert Gramm Gewicht auf den feinen
Adern! Aber das tut es nicht. Warum denn nicht? Nun ja, weil es im
Gehirnwasser eingebettet ist. Und wenn Sie Physik gelernt haben, wis-
sen Sie, dafi ein jeder Korper im Wasser so viel von seinem Gewicht ver-
liert, als das Gewicht des verdrangten Wassers betragt - das sogenannte
Archimedische Prinzip. Real zwanzig Gramm etwa - das andere ist
nicht da, weil das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. So da$ in Wahr-
heit unser Gehirn im menschlichen Leib nur mit zwanzig Gramm nach
unten gezogen wird, gar nicht mit seinen tausendfiinfhundert Gramm.
Das Gehirn ist isoliert, hat sein eigenes Dasein, hat in bezug auf viele
andere Dinge noch sein eigenes Dasein.
Das Gehirn ist wirklich so, daft wenn wir in der Welt herumgehen,
es gleich einem Menschen ist, der in seinem Auto sitzt. Der Mensch
selbst bewegt sich nicht im Auto: das Auto bewegt sich und er sitzt still.
So ist es schon. Das Gehirn als Trager unseres Verstandes hat ein iso-
liertes Dasein. Deshalb ist der Verstand eigentlich so unabhangig von
unserer Individuality. Wir haben doch nicht jeder einen eigenen Ver-
stand. Wir wiirden uns sehr schlecht verstandigen konnen, wenn wir
jeder einen eigenen Verstand hatten! Wir konnen uns nur dadurch
verstandigen, dafi jeder denselben Verstand hat, wenn auch im grofieren
oder geringeren Mafie - das sind dann Gradunterschiede -, aber der
Verstand hat etwas Allgemeines. Deshalb verstandigen sich die Men-
schen durch den Verstand, der ist unabhangig von unseren Qualitaten.
Und was im Menschenschicksal auftritt als unmittelbar Gegenwartiges,
also auch das Zusammentreffen zweier Menschen, das wirkt auf den
Verstand und diejenigen Gefuhlsimpulse, die an den Verstand sich an-
gliedern. Da sprechen wir von dem «Prachtskerl», von dem uns nichts
weiter interessiert, als daft er eben auf unseren Verstand wirkt. Alles,
was nicht karmisch ist an uns, wirkt auf unseren Verstand; alles was
karmisch ist an uns, was uns bindet als Menschen im Sinne dessen,
was wir mit den menschlichen Individualitaten, die in den Leibern uns
entgegentreten, durchgemacht haben, das wirkt durch unseren Willen,
das wirkt durch die Tiefen des menschlichen Wesens, die im Willen
sind. Und auch so ist es: Bevor wir einem Menschen, mit dem wir kar-
misch verbunden sind im Leben, nun auch von Angesicht zu Angesicht
entgegentreten, wirkt der Wille. Der Wille ist ja nicht immer vom Ver-
stand erhellt. Denken Sie nur, wieviel Dunkles im Willen wirkt! Das
dunkelste ist dasjenige, was das Karma tragt, das zwei Menschen 2usam-
menfiihrt, so dafi sie dann an der Art und Weise, wie ihr Wille erfafit
wird, merken, dafi da das Karma wirkt. In dem Momente, wo sie sich
von Angesicht zu Angesicht kennenlernen, beginnt der Verstand zu
wirken. Und was vom Verstande dann gewoben wird, das kann ja
wieder Grundlage fur ein nachstes Karma sein. Aber man kann schon
sagen: Im wesentlichen hat das Karma - im wesentlichen, nicht ganz -,
hat das Karma sich ausgewirkt fiir zwei Menschen, die karmisch ver-
bunden sind, wenn sie sich begegnet sind. Nur was sie dann noch tun
als Fortsetzung des Unbewuftten, das wirkt weiter im Sinne des Karma.
Aber es wird dann in das Schicksal vieles, vieles hineingewoben, was
eben nur auf den Verstand und seine Sympathien und Antipathien
wirkt. Und da gliedert sich Vergangenheit und Zukunft, Mondendasein
und Sonnendasein ineinander. Der Faden des Karmas, der in die Ver-
gangenheit reicht, wird zusammengewoben mit dem Faden, der in die
Zukunft reicht.
Wir konnen ganz genau hineinschauen in das Weltendasein. - Denn
schauen wir hinaus, wenn wir des Morgens die Sonne aufgehen sehen,
wenn wir in der Nacht den Mond betrachten, so haben wir in diesem
gegenseitigen Zusammenwirken, das wir da ahnen, zunachst ein Bild
dessen, wie in unserem eigenen Menschenwesen Notwendigkeit und
Freiheit im Schicksale ineinander wirken. Und haben wir dann eine
wirkliche Idee von diesem Zusammenwirken von Notwendigkeit und
Freiheit im menschlichen Schicksal, schauen wir mit dieser Erkenntnis
wiederum zuriick, dann beginnen Sonne und Mond ihre eigene Geistig-
keit uns zu enthiillen. Und dann reden wir nicht biofi wie der einfaltige
Physiker, der da sagt, wenn er den Mond anschaut: Der strahlt das
Sonnenlicht zuriick -, sondern dann reden wir, indem wir gewahr
werden dieses Riickstrahlen des Mondenlichtes, welches dasselbe ist wie
das Sonnenlicht, von dem Weben und Regen des kosmischen Schicksals.
Und dann lernen wir durch unser eigenes Menschenschicksal das
kosmische Schicksal kennen! Dann verweben wir erst unser Menschen-
dasein so recht mit dem kosmischen Dasein. Und so mufi der Mensch
wiederum hineinwachsen in ein Sich-im-Kosmos-Fuhlen. Wie der
Finger des Menschen das, was er ist, nur so lange ist, als er am mensch-
lichen Leibe ist - schneidet man ihn ab, ist er kein Finger mehr, er hat
ein Fingersein nur, so lange er am menschlichen Leib ist -, ebenso hat der
Mensch ein Sein nur, indem er ein Stuck des Kosmos ist. Nur ist der
Mensch hochmiitig, und der Finger wiirde wahrscheinlich bescheidener
sein, wenn er in derselben Weise Bewufttsein hatte wie der Mensch.
Aber er wiirde vielleicht auch nicht mehr bescheiden sein, wenn er
sich immer losreiften konnte und am Menschen herumspazieren
konnte - nur miiftte er auch in der Sphare des Menschen bleiben, urn
ein Finger zu bleiben! Und es mufi der Mensch, so wie er einmal ein
Erdenmensch ist, in der Sphare der Erde bleiben, um Mensch zu sein. -
Er ist etwas ganz anderes, er ist in seinem ewigen Wesen, wenn er aufter-
halb der Erdensphare ist im vorirdischen Dasein, im nachirdischen
Dasein. Aber auch diese lernen wir nur kennen, wenn wir uns als Glied
des Weltenalls kennenlernen. Das konnen wir nicht, indem wir einfach
phantasieren von unserem Zusammenhang mit dem Weltenall; sondern
das konnen wir nur dann, wenn wir in einer solchen Weise, wie es heute
wieder geschehen ist, uns allmahlich ganz einfiihlen lernen in die ein-
zelnen konkreten Gestaltungen des Weltenalls. Dann fiihlen wir aber,
wie unser Schicksal wirklich ein Abbild der Sternenwelt ist, des Sonnen-
und Mondenhaften. Dann lernen wir hinausschauen in das Weltenall
und lernen unser Menschenleben abzulesen von dem Leben des groften
Weltenalls. Und wiederum lernen wir hineinschauen in unsere eigene
Seele und lernen die Welt verstehen aus unserer eigenen Seele. Denn
niemand versteht den Mond, der nicht die Notwendigkeit im mensch-
lichen Schicksal versteht; niemand versteht die Sonne, der nicht die
Freiheit im menschlichen Wesen versteht. So hangen die Dinge zusam-
men von Notwendigkeit und Freiheit.
Daft dieses, was in solcher Weise als eine wirklich esoterische An-
schauung in unsere Herzen, in unsere Gemiiter einziehen kann, in der
Zukunft noch in wirksamerer Weise leben konne in der Welt, dazu
haben wir mit der Weihnachtstagung am Goetheanum die Impulse zu
geben versucht. Und ich hoffe, daft, was auf dieser Weihnachtstagung
sich abgespielt hat, immer mehr und mehr ins Bewufttsein unserer
Freunde, unserer lieben Mitglieder einziehen wird. Und ich mochte
nach dieser Richtung besonders darauf aufmerksam machen, daft ja
jetzt zu Handen eines jeden Mitgliedes jenes Nachrichtenblatt kommen
kann, das den Titel tragt «Was in der Anthroposophischen Gesell-
schaft vorgeht» und das seit unserer Weihnachtstagung jede Woche
erscheint. Durch dieses Nachrichtenblatt und durch vieles andere, was
sich in der Anthroposophischen Gesellschaft entwickelt, soli nun in der
Zukunft wirklich diese Anthroposophische Gesellschaft jenes leben-
digen Lebens teilhaftig sein, das aus der Anthroposophie kommen kann.
Die Isoliertheit unserer Zweige soli etwas aufhoren. Dadurch wird die
Anthroposophische Gesellschaft erst ein Ganzes, daft derjenige, der in
einem Anthroposophischen Zweige in Neuseeland ist, weift, was in
einem Anthroposophischen Zweige in Bern oder in Wien vorgeht; der-
jenige, der in einem Anthroposophischen Zweige in Bern ist, weift, was
in Neuseeland oder in New York oder in Wien vorgeht. Dafiir wird
eine Moglichkeit da sein. Und unterden vielenDingen,die wir schaffen,
oder wenigstens unter den mannigfaltigen Dingen, die wir schaffen
wollen im Anschlufi an diese Weihnachtstagung, wird eben dieses sein,
daft in diesem Nachrichtenblatt tatsachlich ein Vermittlerorgan da
sein wird fur alles, was in der Welt anthroposophisch vorgeht. Es wird
nur notig sein, ein wenig Einsicht zu nehmen von diesem Nachrichten-
blatt, dann wird man ja auch wissen, was man nun wiederum zum
Gedeihen dieses Nachrichtenblattes tun soli.
Wahrend ich hier spreche, wird eben druben in Dornach die dritte
Nummer dieses Nachrichtenblattes ausgegeben, in dem ich ausgefuhrt
habe, wie jedes einzelne Mitglied wirken kann dazu, daft dieses Nach-
richtenblatt wirklich in entsprechender Weise ein Spiegelbild des an-
throposophischen Schaffens in der anthroposophischen Bewegung ist.
Nur weil ich glaube, daft das Leben in der Anthroposophischen Gesell-
schaft reger werden muft, als es gewesen ist, nur weil ich glaube, daft
dazu notwendig ist, daft wirklich mehr Anthroposophie in der Anthro-
posophischen Gesellschaft gepflegt wird, als es bisher geschehen ist -
ich meine nicht mehr an Stoff, sondern mehr an Intensitat und an
Enthusiasmus und Liebe deshalb habe ich mich entschlossen, wahrend
ich nach den sonstigen Usancen in der Welt reichlich ein Recht dazu
hatte, mich pensionieren zu lassen - es ist ja so das Lebensalter, in dem
man das tut -, nur weil ich das meine, habe ich mich dazu entschlossen,
wieder anzufangen. Nachdem ich ja schon 1912 die personliche Leitung
der Anthroposophischen Gesellschaft abgegeben hatte, habe ich mich
entschlossen, wieder anzufangen und mir einzubilden, ich ware wieder
jung und konnte eben durchaus wirken. Und ich mochte, dafi auch
wirklich in diesem Sinne, meine lieben Freunde, verstanden wird, dafi
ein gewisses regeres Interesse kommen mochte fur ein regeres Leben
in der Anthroposophischen Gesellschaft. Das ist dasjenige, wovon ich
mochte - Sie konnen es ja im «Goetheanum» und Nachrichtenblatt
lesen, diejenigen, die nicht in Dornach waren -, dafi aus dem, was in
der Weihnachtstagung geschehen ist, als geistiges Wort wirklich zu
jedem einzelnen Mitgliede etwas dringen moge. Und dadurch wird das
erreicht werden, dafi wieder wirkliches esoterisches Leben einzieht.
Denn dazu ist die Hochschule fur Geisteswissenschaft zu Weihnachten
gegrundet worden: dafi wiederum esoterisches Leben einziehen moge in
unsere Anthroposophische Gesellschaft. Das wird kommen konnen.
Ich wollte die Worte, die ich heute zu Ihnen gesprochen habe, meine
lieben Freunde, eben so gesprochen haben, daft sie zu gleicher Zeit aus-
driicken sollen: Es moge wiederum solches esoterisches Leben unter uns
einziehen, in der Weise, wie es zu Ihnen immer mehr und mehr wird
gesagt werden, und wie es dann wird verwirklicht werden konnen
durch dasjenige, was in der Zukunft von Dornach als dem Orte der all-
gemeinen, zu Weihnachten gegriindeten Gesellschaft ausgehen kann.
Moge die liebe Mitgliedschaft dieses Berner Zweiges recht viel bei-
tragen konnen zu dem, was wir gern von Dornach aus fur die anthro-
posophische Bewegung leisten mochten nach den Kraften, die wir
eben haben.
ZWEITER VORTRAG
Bern, 16. April 1924
Es ist schon einmal hier in den Kreisen unserer Berner anthropo-
sophischen Freunde ausgesprochen worden, wie die Weihnachtstagung
am Goetheanum dazu bestimmt war, einen neuen Zug in die anthropo-
sophische Bewegung hineinzubringen. Es kann das Bewufitsein von
diesem neuen Zug nicht oft genug eingescharft werden. Denn es handelt
sich ja darum, dafi vor dieser Weihnachtstagung - wenigstens in der
Praxis, wenn vielleicht auch nicht uberall - die Auffassung so war, dafi
die Anthroposophische Gesellschaft eine Art Verwaltungsgesellschaft
fiir das darstellte, was Anthroposophie als Inhalt und als Lebensimpuls
hat. Das hat sich ja im wesentlichen so herausgestellt, seit die Anthropo-
sophische Gesellschaft sich aus der Theosophischen Gesellschaft heraus
verselbstandigt hat.
Und die Entwickelung dieser Anthroposophischen Gesellschaft ist
ja nicht so gegangen, wie sie gerade hatte gehen konnen unter der Vor-
aussetzung, dafi ich selbst nicht irgendeine Vorstandsstelle oder der-
gleichen inne hatte, sondern gewissermafien in einer vollig freien
Position innerhalb der Gesellschaft stand. Dennoch hat man eigentlich
wenig Notiz genommen von alldem, was unter dieser Voraussetzung
sich hatte entwickeln konnen. Und so ist es denn gekommen, dafi etwa
vom Jahre 1919 ab - nachdem ja wahrend der Kriegsjahre die Fiihrung
der Anthroposophischen Gesellschaft schwierig war - allerlei Bestre-
bungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft aufgetreten
sind, Bestrebungen, hervorgegangen aus den und jenen Ambitionen
innerhalb des Mitgliederkreises, welche im Grunde der eigentlichen
anthroposophischen Sache gegeniiber abtraglich gewirkt haben, abtrag-
lich in dem Sinne, dafi dadurch gerade, ich mochte sagen, die Feind-
seligkeit der Aufienwelt in besonderem Mafie hervorgetreten ist. Es ist
ja ganz naturgemafi, meine lieben Freunde, dafi, wenn solche Bestre-
bungen innerhalb einer Gesellschaft auftreten, die auf einem okkulten
Boden steht, man zuletzt - aus der Esoterik heraus - diese Dinge ent-
stehen lassen mull. Denn denken Sie sich, wenn all dasjenige, was da
sich bilden wollte, von Anfang an von mir verwehrt worden ware, so
wiirden heute die meisten der Beteiligten sagen: Ja, wenn das oder jenes
nur geschehen ware, wiirde es zu etwas Gunstigem gefiihrt haben! -
Nun kann man schon sagen: die Stellung der anthroposophischen Bewe-
gung wiirde in der Welt dadurch immer schwieriger und schwieriger.
Einzelheiten will ich nicht erwahnen, sondern auf das Positive mehr
hinarbeiten; will nur sagen, daft eben notwendig geworden ist, all dem
Negativen, das in der Gesellschaft nach und nach aufgetreten ist, das
Positive gegeniiberzusetzen. Eine solche positive Griindung - ich muftte
das oftmals vor der Weihnachtstagung am Goetheanum erwahnen -
wie die anthroposophische Bewegung, die eigentlich eine geistige Stro-
mung ist, geleitet von geistigen Machten und geistigen Kraften aus
der iibersinnlichen Welt, die ihre Erscheinung nur haben hier in der
physischen Welt, durfte nicht zusammengeworfen werden mit der
Anthroposophischen Gesellschaft, die eben eine Verwaltungsgesell-
schaft ist - so weit sie das vermag - zur Pf lege des anthroposophischen
Impulses.
Nun, seit der Weihnachtstagung am Goetheanum ist das durchaus
anders geworden. Und nur unter dem Gesichtspunkte des Anderswer-
dens hatte es einen Sinn, daft ich selber — mit einem Vorstande zusam-
men, mit dem als einem einheitlichen Organismus ganz intensiv f iir die
anthroposophische Bewegung gearbeitet werden kann und muft - den
Vorsitz ubernahm. Diese Voraussetzung ist diejenige, daft nunmehr die
anthroposophische Bewegung eins werde mit der Anthroposophischen
Gesellschaft. Was also nicht wahr war vor der Weihnachtstagung, ist
griindlich verandert seit der Weihnachtstagung. Es muft nunmehr zu-
sammenfallen die Anthroposophische Gesellschaft mit der anthropo-
sophischen Bewegung, wie sie sich in der Welt darstellt. Dadurch aber
ist notwendig geworden, daft der esoterische Impuls, welcher durch die
anthroposophische Bewegung fliefit, auch wirklich in der ganzen Ver-
fassung der Anthroposophischen Gesellschaft zum Vorschein kommt.
Daher muft seit dieser Weihnachtstagung in Dornach unbedingt aner-
kannt werden, daft die Einsetzung des Dornacher Vorstandes selber ein
Esoterisches ist, daft es sich darum handelt, daft wahre esoterische Stro-
mung durch die Gesellschaft geht und daft die Einsetzung des Vor-
standes als esoterische Tat anzusehen ist. Unter dieser Voraussetzung
ist der Vorstand gebildet worden.
Ferner muft festgehalten werden, daft nunmehr die Anthropo-
sophische Gesellschaft nicht bloft als Verwaltungsgesellschaft fiir die
Anthroposophie da sein kann, sondern daft nunmehr Anthroposophie
selber getan werden muft in alldem, was in der Anthroposophischen
Gesellschaft geschieht. Das Tun selber mull anthroposophisch sein. Das
ist dasjenige, was, wie es scheint, recht schwer sich in das Bewufttsein
einlebt. Aber es miiftte sich nach und nach diese griindliche Umwand-
lung in das Bewufttsein unserer lieben Freunde einleben.
Und zunachst ist ja versucht worden, in dem dem «Goetheanum»
beigegebenen Mitteilungsblatt, das in die Gesellschaft hineinzubringen,
was dieser Gesellschaft eine einheitliche Substanz geben kann, was sozu-
sagen einen einheitlichen Gedankenzug bringen kann, der dem Stromen
des Geistigen durch die Bewegung dienen kann; was einen einheitlichen
Gedankenzug moglich macht, insbesondere durch die wochentliche For-
mulierung von Leitsatzen, die sozusagen der Grundkeim sein sollen fiir
das, was in den einzelnen Zweigen geschieht. Es ist ja merkwiirdig, wie
verkannt noch wird, was mit der anthroposophischen Bewegung da ist.
Ich bekam vor einiger Zeit einen Brief von einem jiingeren Mitglied
der Anthroposophischen Gesellschaft. Dieser Brief verbreitete sich iiber
die Eingliederung - fiir hier, fiir die Schweiz, hat das keine Bedeutung,
aber ich erwahne es als Beispiel iiber die Eingliederung der Gemein-
schaft fiir christliche Erneuerung in die Anthroposophische Gesell-
schaft. Ich habe nun in einem gewissen Zeitpunkt vom Goetheanum in
Dornach aus betont, wie diese Gemeinschaft fiir christliche Erneuerung
aufzufassen ist im Verhaltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft.
Ich habe dazumal betont, daft ich nicht aus der Anthroposophischen
Gesellschaft heraus irgendwie als Begriinder der Christengemeinschaft
aufgefafit werden kann, sondern daft diese Christengemeinschaft neben
der Anthroposophischen Gesellschaft durch mich - ich brauchte dazu-
mal den Ausdruck «als Privatmann» - gebildet worden ist. An diesen
Ausdruck «Privatmann» kniipft nun dieser Brief an, nachdem gesagt
wird, daft eine religiose Erneuerung nicht durch einen Menschen gesche-
hen konne, sondern einzig und allein dadurch, daft ein geistiger Impuls
aus den oberen Spharen in die Erdenimpulse wieder einfliefit: Nur von
gottlich-geistigen Machten selber kann eine religiose Erneuerung erhof ft
werden. Das ist ganz richtig. Aber eines wird dabei vielleicht vergessen-
und notwendig ist, daft dieses eine vollstandig begriffen werde in der
AnthroposophischenGesellschaft. Was begriffen werden muft, ist dieses:
daft die anthroposophische Bewegung als solche - und in ihr liegen
auch die Quellen fiir die christliche Erneuerungsbewegung - ja nicht
einem blofi menschlichen Impulse ihren Ursprung verdankt, sondern
daft sie eben gerade dasjenige ist, was unter dem Einflusse und aus dem
Impuls von geistig-gottlichen Machten heraus in die Welt gesetzt ist.
Wenn man in der Anthroposophie selber ein geistig Eingesetztes sieht,
das esoterisch durch die Zivilisation flieftt, dann nur wird man auch,
wenn aus den Quellen der Anthroposophie etwas anderes entsteht, die
richtige Ansicht haben konnen, und ein solcher Einwand wie der in dem
Brief kann sich nicht ergeben. Das Bewufttsein raufi da sein, daft f erner-
hin vom Goetheanum aus die Anthroposophische Gesellschaft esoterisch
geleitet wird.
Damit steht in Verbindung, daft ein vollig neuer Zug durch alles das-
jenige geht, was nunmehr als anthroposophische Bewegung aufgefaftt
wird. Deshalb ist es, daft Sie auch bemerken werden, meine lieben
Freunde, wie anders seit jener Zeit gesprochen werden kann, als das
vorher der Fall war. Es kommt in der Zukunft auf gar nichts weiteres
an, als daft bei alien Maftnahmen der anthroposophischen Bewegung,
die identisch ist mit der Anthroposophischen Gesellschaft, kiinftighin
eben die Verantwortlichkeit vorliegt gegeniiber den geistigen Machten
selber. Aber das muft richtig verstanden werden. Und so muft nament-
lich aufgefaftt werden, daft schon die Uberschrift «Allgemeine Anthro-
posophische Gesellschaft* nicht gebraucht werden darf fiir irgendeine
Veranstaltung, ohne daft man sich mit dem Dornacher Vorstand erst
verstandigt; daft nicht irgend etwas, was vonDornach inauguriert wird,
irgend weiterverwendet werden kann, ohne sich mit dem Dornacher
Vorstand in entsprechendes Verhaltnis zu setzen. Ich muft das erwahnen,
weil immer solche Dinge vorgehen, daft zum Beispiel Vortrage gehalten
werden unter dem Titel der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft, ohne daft in Dornach angef ragt wird. Es werden Dinge, die eso-
terischen Grundzug haben, wie Formeln und dergleichen, verwendet,
ohne das durch eine Verstandigung mit dem Vorstand zu begriinden,
was durchaus notwendig ist, denn wir haben es mit Realitaten zu tun,
nicht mit irgendwelchen Verwaltungsmaftnahmen oder Formalien. So
ist also fur alle diese und ahnliche Dinge eine Verstandigung zu suchen
oder eine Anfrage zu richten an den Schrif tfiihrer des Dornacher Vor-
standes. Wenn die Verstandigung nicht vorliegt, wird die betreffende
Veranstaltung als nicht von der anthroposophischen Bewegung aus-
gehend angesehen. Das wiirde in irgendeinerWeise zutagetreten miissen.
Es ist nun so, dafi alles irgend Biirokratische, formal Verwaltungs-
mafiige aus der Anthroposophischen Gesellschaft in Zukunft ausschei-
den mufL Das Verhaltnis, das besteht innerhalb der Anthropo-
sophischen Gesellschaft, ist ein rein menschliches, alles auf das Mensch-
liche abstellendes. Vielleicht darf ich auch hier erwahnen, dafi dieses
schon dadurch zutage tritt, daft nunmehr alle die zwolftausend Mit-
gliederzertifikate, die ausgestellt werden, von mir personlich unter-
schrieben werden. Ich habe auch den Rat bekommen, ich solle einen
Stempel machen lassen und aufdriicken, Ich tue das nicht. Es ist nur
eine kleine Maftregel, aber es ist etwas anderes, wenn ich mein Auge
habe ruhen lassen auf dem Namen eines Mitgliedes und dadurch das,
wenn auch abstrakte, so doch immerhin personliche Verhaltnis einge-
treten ist. Wenn es auch eine Aufterlichkeit ist, so soli es doch anzeigen,
daft in Zukunft angestrebt wird, die Verhaltnisse zu personlichen, zu
menschlichen zu machen. Daher muftte zum Beispiel neulich in Prag,
als gefragt wurde, ob die bohmischeLandesgesellschaftMitglied werden
konne der Anthroposophischen Gesellschaft, dahingehend entschieden
werden, daft sie das nicht konne: es konnen nur einzelne Menschen
Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft werden; die konnen
sich dann zusammenschliefien zu irgendwelchen Gruppen, Aber als
einzelne Menschen werden sie Mitglieder und tragen das Zertifikat als
einzelne Menschen. Juristische Personen, also nichtmenschliche Per-
sonlichkeiten, werden das nicht haben. Ebenso sind die Statuten nicht
Feststellungen, sondern eine einfache Erzahlung desjenigen, was der im
esoterischen Sinne auf zufassende Vorstand in Dornach aus seiner Initia-
tive heraus fur die anthroposophische Bewegung tun will. Alle diese
Dinge miissen in der Zukunft mit dem hdchsten Ernste genommen
werden; nur dadurch wird es moglich sein, in der Anthroposophischen
Gesellschaft dasjenige zu schaffen, ohne dessen Schopfung es mir un-
moglich gewesen ware, die Leitung der Anthroposophischen Gesell-
schaft selber zu ubernehmen.
Nun soil auch durchaus in all unser Wirken und Schaffen durch die
Weihnachtstagung ein neuer Zug kommen. Und deshalb wird in der
Zukunft ganz aus dem Geistigen heraus auch gesprochen werden,
gesprochen werden so, daft Dinge, wie sie sich zugetragen haben durch
dasjenige, was eben in der letzten Zeit geschehen ist, sich nicht mehr
zutragen konnen. Sehen Sie, ein grofter Teil der Feindseligkeiten ist zum
Beispiel entstanden durch manches, was provozierend war in der Gesell-
schaft. Gewift, dazu kommen alle moglichen unlauteren Dinge, aber in
Zukunft wird man gar nicht mehr so zu den Feindseligkeiten sich stellen
konnen wie in der Vergangenheit. Denn die Zyklen sind so, daft sie fiir
jeden zu haben sind, daft sie vom Philosophisch-Anthroposophischen
Verlag zu beziehen sind. Wir werden sie nicht im Buchhandel anpreisen
lassen, die Freigabe ist auch nicht so aufzufassen, daft sie dem Buch-
handel eingefiigt werden, aber sie werden jedem zuganglich sein. Schon
dadurch ist die Behauptung weggeschaf ft, daft die Anthroposophische
Gesellschaft eine Geheimgesellschaft sei mit Geheimschriften. Aber es
wird in Zukunft gar manches durch die anthroposophische Bewegung
fliefien, demgegenuber man gar kexn Verhaltnis zu irgendeiner feind-
lichen Auftenwelt gewinnen kann. Vieles von dem, was in die Lehren
der Anthroposophischen Gesellschaft in Zukunft einflieften wird, wird
so sein, daft es die selbstverstandliche Feindseligkeit hervorrufen wird
derjenigen, die draufien stehen, aber eine Feindseligkeit, urn die man
sich nicht kummern wird, weil sie eine selbstverstandliche ist.
So mochte ich aus diesem Geiste heraus einiges zu Ihnen sprechen,
mochte namentlich daruber sprechen, wie das Begreifen der geschicht-
lichen Entwickelung der Menschheit ein ganz anderes Licht bekommt,
wenn man Ernst macht mit der Betrachtung der Karmaverhaltnisse im
Weltenwerden.
Sehen Sie, ich habe bei der allerersten Versammlung, die in Berlin
zur Begriindung der damaligen Deutschen Sektion der Theosophischen
Gesellschaft war, fiir einen Vortrag, den ich damals halten wollte,
einen bestimmten Titel gewahlt. Der Titel hieft: «Praktische Karma-
Obungen». Ich wollte damals dasjenige einleiten, was jetzt geschehen
soil. Ich will Ernst machen mit der Betrachtung des Karma.
Dazumal waren in der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesell-
schaft einzelne altere Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft; die
fingen an formlich zu beben davor, daft ich die Absicht hatte, in einer
so esoterischen Weise anzufangen. Und in der Tat war keine Stimmung
dazu da. Man konnte konstatieren, wie wenig vorbereitet die Seelen
fiir so etwas waren. Es konnte in der Form, wie es damals beabsichtigt
war, das Thema «Praktische Karma-0bungen» uberhaupt nicht zur
Geltung kommen. Die Verhaltnisse machten es dazumal notwendig, daft
eigentlich in einer viel exoterischeren Weise gesprochen wurde, als es
damals beabsichtigt war. Aber es muft einmal mit dem wirklichen Eso-
terischen begonnen werden, nachdem mehr als zwei Jahrzehnte vor-
bereitender Arbeit geschehen ist. So konnte die Weihnachtstagung in
Dornach stattfinden, wo das Esoterische in die Gesellschaft hineinkam,
und so kann eigentlich jetzt dort angekniipft werden, wo damals beab-
sichtigt war, diesen esoterischen Zug in die Gesellschaft hineinzutragen.
Geschichtliche Entwickelung der Menschheit, was ist sie eigentlich,
wenn wir hinschauen auf dasjenige, was sich enthiillt fiir den Menschen
als wiederholte Erdenleben? Bedenken Sie doch, meine lieben Freunde,
wenn irgendeine Personlichkeit irgendwie leitend, fuhrend in der Ent-
wickelung der Menschheit auftritt, miissen wir sagen: diese Personlich-
keit tragt in sich eine seelische Individuality, die oftmals schon da war
im Erdenleben und die in dieses Erdenleben hineinbringt die Impulse
aus friiheren Erdenleben. Wir verstehen sie in Wirklichkeit nur, wenn
wir sie aus ihrem friiheren Erdenleben heraus begreifen, Wir sehcn
daraus zugleich, wie dasjenige, was in friiheren Epochen der Weltge-
schichte wirkte, heriibergetragen wird aus friiheren Epochen der Welt-
geschichte durch die Menschen selber. Dasjenige, was in der heutigen
Civilisation lebt, ist herausgewachsen aus den Menschen der weiteren
Gegenwart. Diese Menschen der weiteren Gegenwart aber s'md ja die-
selben Seelen, die in friiheren Epochen da waren, die das aufgenommen
haben, was fruhere Zivilisationsepochen gebracht haben. Das haben
diese Menschen selber heriibergetragen in die Gegenwart. Und so ahn-
lich ist es fur die anderen Epochen. So daft man dieses Fortstromen der
Zivilisationsimpulse nur begreifen kann, wenn man eingehen kann auf
dasjenige, was durch die Seelen aus einer Zeitepoche in die andere her-
iibergebracht wird. Dann ergibt sich aber eine konkrete Geschichte
gegeniiber der abstrakten. Sonst spricht man nur immer davon, dafi
Ideen in der Weltgeschichte wirken oder moralischer Wille, iiberhaupt
Moraiimpulse, welche die Dinge von einem Zeitraum in den anderen
hiniibertragen. Die Trager dessen, was aus anderen Kulturepochen
stammt, sind die Menschenseelen selber, denn sie verkorpern sich immer
von neuem. Nur dann auch begreift man, wie man selber geworden ist,
wie man hereingetragen hat dasjenige, was zugrunde liegt dem Schick-
sal des Leibes, dem Schicksal im Guten wie im Bosen, wenn man zu-
nachst einmal hinschaut auf die Art und Weise, wie das, was Geschichte
geworden ist, von den Menschen selbst, die in wiederholten Erdenleben
gelebt haben, von einer Epoche in die andere getragen worden ist. Dann
enthiillen sich erst die Geheimnisse, die grofien Ratself ragen des geschicht-
lichen Werdens.
Nun mochte ich einmal heute an drei Beispielen zeigen, wie Karma
durch konkrete Personlichkeiten wirkt: ein Beispiel, das mehr auf den
groften Schauplatz der Geschichte fiihrt, und zwei weitere Beispiele,
die mehr die Wiederverkorperungen von einzelnen Menschen ins Auge
fassen.
Sehen Sie, in unserer modernen Zivilisation ist sehr viel von dem
drin, was eigentlich heute nicht ganz zum Christentum, zur christlichen
Entwickelung stimmt: die neuere Naturwissenschaft mit alldem, was
von ihr aus schon bis in die Volksschule hineingetragen wird, so da!5 die
Menschen, die auch nichts von Naturwissenschaft wissen, ein im Sinne
der Naturwissenschaft gehaltenes Denken haben. Diese Impulse sind
eigentlich nicht christlich. Woher stammen sie?
Nun, Sie alle wissen, daft sich etwa ein halbes Jahrtausend nach der
Begrundung des Christentums der Arabismus, inspiriert durch Moham-
med, ausgebreitet hat. Zunachst verfolgt man diesen Arabismus so, dafi
Mohammed eine Lehre begriindete, die sich in einem gewissen Sinne
dem Christentum entgegenstellte. Inwiefern dem Christentum ent-
gegenstellte? Sehen Sie, es gehort schon einmal zum Christentum, dai$
in dem Kern des Christentums leben die drei Formen des Gottlichen:
der Vater, der Sohn und der Geist. Das fiihrt zuriick auf die alten
Mysterien, die den Menschen hinauf gef iihrt haben durch vier Vorstuf en,
dann durch die drei oberen Stufen. Wenn der Mensch die fiinfte Stufe
erreicht hat, erscheint er als der Reprasentant des Geistes, in der sechsten
als der Reprasentant des Christus, in der siebenten, der hochsten, als
der Reprasentant des Vaters. Das will ich nur erwahnen.
Diese Trinitat macht es moglich, daft in der Entwickelung des
Christentums der Impuls der Freiheit liegt. Da schaut man hinauf zum
Vatergott. Was hat man da? Wenn man hinauf schaut zum Vatergott,
so ist der Vatergott jene Geistigkeit, die in all den Kraften des Welten-
alls lebt, die fur das Erdensein vom Monde ausgehen. Nun gehen inner-
halb des Erdenseins vom Monde alle diejenigen Krafte aus, die es mit
den Impulsen der physischen Keimung, also beim Menschen der phy-
sischen Menschwerdung zu tun haben. Natiirlich mull man sich immer
klar sein dariiber, da$ diese physische Menschwerdung ihre geistige
Seite hat. Wir steigen herunter vom vorirdischen Dasein, das ein geistig-
seelisches ist, in das irdische Dasein, wir vereinigen uns mit dem phy-
sischen Leib. Aber alles, was da geschieht, was den Menschen von der
Geburt aus ins Erdenleben hineinstellt, ist Vatergott-Schopfung, ist fur
die Erde Schopfung durch Mondenkrafte. Dadurch ist der Mensch,
indem er durch ein Erdenleben hindurch den Mondenkraften unter-
worfen ist, schon vorher bestimmt, wenn er in die Erdentwickelung
hereintritt, ganz bestimmten Impulsen unterworfen zu sein. Daher ist
auch zum Beispiel eine Mondreligion, eine ausgesprochene Vater-
religion - wie es die hebraisch-judische des Altertums war durchaus
darauf aus, nur dasjenige im Menschen gelten zu lassen, was in ihm
veranlagt ist durch die Vatergott-Krafte, durch die Mondkrafte. Als
nun aber das Christentum begriindet wurde, waren in der Umgebung
des Christus durchaus noch alte Mysterienwahrheiten vorhanden, die
zum Beispiel zuriickgewiesen haben auf ganz bestimmte Einrichtungen,
die in der altesten Zeit der nachatlantischen Kulturentwickelung bestan-
den haben, Einrichtungen, die heute dem Menschen ganz grotesk
erscheinen, die aber in der Menschennatur begriindet waren.
Sehen Sie, wenn der Mensch in der ersten nachatlantischen Kultur-
periode, die wir die urindische genannt haben, so dreiftig Jahre alt
geworden war, trat mit ihm eine ganz radikale Umwandlung, eine
Metamorphose im Erdenleben ein. Eine so radikale Umwandlung, daft,
in heutiger, moderner Form ausgesprochen, folgendes passieren konnte:
Der Mensch, der das dreifiigste Lebensjahr iiberschritten hatte, begeg-
nete einem anderen, den er sehr gut kannte, mit dem er vielleicht bef reun-
det war, und der noch nicht das dreiftigste Lebensjahr iiberschritten
hatte. Der redet ihn an, will ihn begriiften. Der das dreiftigste Jahr iiber-
schritten hat, versteht gar nicht, was er will: Er hat alles auf der Erde
Erfahrene mit dem dreiftigsten Lebensjahr vergessen! Und dasjenige,
was in ihm weiter im Leben als Impuls wirkt, das wurde ihm durch die
Mysterien verliehen. So war es in den altesten Zeiten der Entwickelung
nach der atlantischen Katastrophe. Um das, was er vorher erlebt hatte,
zu erfahren, muftte er sich erst erkundigen: das muftte er erst aus der
kleinen Gemeinde, die da war, erfahren. Mit dreiftig Jahren wurde die
Seele so umgewandelt, daft der Mensch ein ganz neuer Mensch war. Er
fing ein neues Dasein an, so wie er als Kind mit der Geburt angefangen
hatte. Damals war ihm ganz klar: Bis zum dreiftigsten Lebensjahr
wirken die Jugendkrafte; dann muftten die Mysterien, die reale Impulse
in sich schlossen, dafiir sorgen, daft der Mensch weiter in seiner Seele
Menschendasein hatte. Das taten die Mysterien, weil sie Besitzer des
Sohnesgeheimnisses waren.
Der Christus lebte nun schon in einer Zeit, in der die Sohnesgeheim-
nisse, wie ich sie hier nur andeuten kann, vollstandig zerstoben waren,
nur in kleinen Kreisen noch gewuftt wurden. Der Christus konnte sich
aber offenbaren durch sein Erlebnis im dreiftigsten Lebensjahr dahin,
daft er nun als der letzte den Sohnesimpuls, und zwar vom Weltenall
unmittelbar empfangen hatte, wie man ihn empfangen muft, um nach
dem dreiftigsten Jahr ebenso von den Sonnenkraften abhangig zu sein
wie vorher von den Mondenkraften. Christus hat begreiflich gemacht
denMenschen: die Sohneswesenheit in ihm ist jene Sonnenwesenheit, die
einstmals in den Mysterien erwartet worden war, aber als etwas, was
nicht auf der Erde war. Damit ist die Menschheit hingewiesen worden,
so wie man in den alten Mysterien in die Geheimnisse der Sonnenkraft
hineingeschaut hat, so jetzt auf den Christus, um zu sagen, dafi nun das
Sonnengeheimnis in den Menschen eingetreten ist. Das ist ja dann in den
ersten christlichen Jahrhunderten vollstandig ausgerottet worden.
Sternenweisheit, kosmische Weisheit ist ausgerottet worden, ynd einc
materialistische Auffassung des Mysteriums von Golgatha hat sich all-
mahlich gebildet, die den Christus nur kennt als etwas, was ailerdings
in Jesus gelebt hat, im iibrigen aber von dem ganzen Zusammenhang
nichts wissen will.
Nun konnten diejenigen, die das wufiten, in den ersten christlichen
Jahrhunderten sagen: Neben dem Vatergott bestehtder Sohnes-oder der
Christus-Gott. Der Vatergott ist der Regierer dessen, was in den Men-
schen fatalistisch veranlagt ist, weil es mit ihm geboren ist und in ihm
wirkt wie Naturkrafte. So ist auch die hebraische Religion konstituiert.
Das Christentum setzt die Sohneskraft daneben, die wahrend des
menschlichen Lebenslaufes einzieht als ein Schopfer in seine Seele, die
ihn frei macht und ihn vor sich selbst wiedergeboren werden lalk, dafi
er etwas im Erdenleben werden kdnne, was noch nicht vorherbestimmt
ist mit der Geburt durch die Mondenkrafte. Das war der Hauptimpuls
des Christentums in den ersten Jahrhunderten.
Gegen diesen Impuls hat sich der Mohammedanismus aufgelehnt mit
seinem Satze, der weithin wirkt: Da ist kein Gott aufter Gott, den da
Mohammed zu verkiinden hat. - Es ist ein Zuriickgehen auf Vorchrist-
liches, nur in der Erneuerung, wie es eintreten muike, weil es eintrat ein
halbes Jahrtausend nach der Begrundung des Christentums. Damit war
der Naturgott, der Vatergott zu dem alleinigen gemacht, nicht ein
Freiheitgott, ein die Menschen zur Freiheit fuhrender Gott. Das be-
giinstigt innerhalb des Arabismus, wo sich der Mohammedanismus aus-
breitet, eine Wiedererneuerung alter Kulturen. Eine Wiedererneuerung
uralter Kulturen mit Ausschluft des Christentums findet in der Tat in
grandioser Weise statt in verschiedenen Zivilisationszentren des
Orientes. Es breitete sich zugleich mit den kriegerischen Stromungen
des Arabismus aus von Osten nach Westen, in Af rika, ich mochte sagen,
das Christentum umf angend, ein Zug von Wiedererneuerung alter Kul-
tur im Arabismus.
Eine glanzende Statte fiir diesen Arabismus war in Asien driiben am
Hofe des Harun al Raschid, so in dem Zeitalter, in dem in Europa Karl
der Grofie herrschte. Aber wahrend Karl der Grofie kaum dariiber
hinauskam, schreiben und lesen zu konnen, die primitivsten Anfange
der Kultur zu entfalten, lebte eine hochst grofiartige Kultur am Hofe
Harun al Raschids. Harun war vielleicht kein ganz guter, aber ein um-
fassender Geist, ein eindringlicher, genialer Geist, im besten Sinne des
Wortes ein universeller Geist. Er versammelte am Hofe alle diejenigen
Weisen, welche Trager waren desjenigen, was dazumal gewuflt werden
konnte: Dichter, Philosophen, Mediziner, Theologen, Architekten, alles
das lebte, hergefiihrt von seinem grofien Geiste, am Hofe Harun al
Raschids.
Nun lebte an diesem Hofe Harun al Raschids ein ganz eminenter,
bedeutsamer Geist, ein Geist, der - nicht dazumal in der Inkarnation
am Hofe Harun al Raschids, sondern in einer friiheren Inkarnation -
ein wirklicher Eingeweihter gewesen war. Sie werden sich fragen:
Bleibt denn ein Eingeweihter, durch die Inkarnationen gehend, nicht
ein Eingeweihter? Man kann ein tief Eingeweihter in einer friiheren
Epoche gewesen sein, und man mufi in einer neuen Epoche denjenigen
Korper beniitzen, man muft diejenige Erziehung durchmachen, welche
aus dieser Epoche herauskommen kann. Dann mufi man die Krafte,
die zunachst aus der friiheren Inkarnation kommen, im Unterbewufk-
sein halten. Es mufi sich dasjenige, was der entsprechenden Zivilisation
gemafi ist, in einem Menschen dann entwickeln. So leben durchaus Men-
schen, die aufierlich eben wie Ergebnisse ihrer Zivilisation erscheinen;
aber durch die Art, wie sie drauften leben, sieht man tiefere Impulse in
ihnen: Sie waren friiher Eingeweihte, verlieren das auch nicht, handeln
auch in ihrem Unterbewufitsein darnach; sie konnen aber nicht anders,
als sich anpassen dem, was das Leben der Kultur eben gewahrt.
So war die Persdnlichkeit, von der die Oberlieferung sagt, daft sie
groftartige Einrichtungen fur alle die Wissenschaften am Hofe Harun
al Raschids getroffen hat, dazumal eben nur einer der groflten Weisen
seiner Zeit, mit einem im Geiste so uberragenden Organisationstalent,
daft viel von dem, was am Hofe Harun al Raschids gewirkt hat, von
diesem Geiste ausging.
Nun breitete sich der Arabismus durch Jahrhunderte aus. Wir wis-
sen ja von den Kriegen, die Europa gefiihrt hat, um den Arabismus in
seine Schranken zuriickzuweisen. Damit war es nicht abgetan: Die
Seelen, die gewirkt haben im Arabismus, gehen durch die Pforte des
Todes, entwickeln sich durch die geistige Welt weiter und bleiben in
einer gewissen Art bei ihrem Wirken. So ist es bei den zwei Indivi-
dualitaten des Harun al Raschid und seines weisen Ratgebers, der an
seinem Hofe gelebt hat.
Folgen wir zunachst Harun al Raschid. Er geht durch die Pforte des
Todes, entwickelt sich durch die geistige Welt weiter. Die aufiere Form
des Arabismus wird zuriickgedrangt; das Christentum pflanzt seinen
exoterischen Charakter, den es allmahlich angenommen hat, Mittel-
und Westeuropa ein. Aber so wenig es moglich ist, in der alten Form
des Mohammedanismus, des Arabismus in Europa weiterzuwirken, so
sehr wird es moglich, daft die Seelen derjenigen, die am Hofe des Harun
al Raschid in dieser glanzenden Zivilisation einmal gelebt und den
Impuls empfangen haben, darin weiterzuwirken, eben weiterwirken.
So sehen wir, daft Harun al Raschid selber wiederverkorpert wird
in der vielgenannten Personlichkeit des Baco von Verulam, jenes eng-
lischen fiihrenden Geistes, von dem die ganze moderne wissenschaft-
liche Denkweise und damit vieles von dem, was jetzt in den Menschen
lebt, beeinfluftt ist. Harun al Raschid konnte nicht von London, von
England aus eine im strengen Sinne des Arabismus geformte Kultur
und Zivilisation verbreiten, diese Seele muftte sich der Form bedienen,
die im westlichen Abendlande moglich war. Aber der ganze Grand-
zug, der Grundduktus desjenigen, was Baco von Verulam uber die eu-
ropaische Denkweise ergossen hat, das ist der alte Arabismus in der
neuen Form. Und so lebt gerade in dem, was naturwissenschaftliche
Denkweise heute ist, der Arabismus, weil Baco von Verulam der
wiederverkorperte Harun al Raschid war.
Der Weise, der an seinem Hofe gelebt hat, er ging ebenfalls durch
die Pforte des Todes; aber er ging einen anderen Weg. Er konnte nicht
untertauchen in eine solche materialistisch gesinnte Geistesstromung,
in die Baco untertauchen konnte, er muftte bei einer mehr spirituellen
Geistesstromung bleiben. Und so kam es denn, daft in dem Zeitalter, in
dem auch Baco von Verulam wirkte, ein anderer Geist - aber jetzt in
Mitteleuropa - wirkte, der sich gewissermaften der Seele nach begegnete
mit dem, was ausging von der Seele des wiedergeborenen Harun al
Raschid. Wir sehen gewissermaften die Baco-Stromung von England
gegen Mitteleuropa heruber sich ergiefteri, von Westen nach Osten.
Dadurch, daft die Seele, ich mochte sagen, von Spanien und Frankreich
heruber zuriickgebracht hat diese Anschauung des Arabismus, dadurch
ist schon zu begreifen, daft sie einen anderen Inhalt bekam als jene
Seele, die durch die Pf orte des Todes geht, den Blick wahrend des Durch-
gangs durch die geistige Welt gerichtet hat auf das, was in Ost- und
Mitteleuropa war, und in Mitteleuropa wiedergeboren wurde als Amos
Comenius. Er hat dasjenige, was er ausgelebt hat am Hofe Harun al
Raschids aus orientalischer Weisheit heraus, wieder erneuert dadurch,
daft er dann im 17. Jahrhundert diejenige Personlichkeit war, welche
ganz energisch den Gedanken vertreten hat: Ein Geistiges, ein geglie-
dertes Geistiges geht durch die Menschheitsentwickelung. - Trivial sagt
man oftmals, Comenius habe geglaubt an das «Tausendjahrige Reich».
Das ist trivial gesprochen. In Wahrheit bedeutet das, daft Comenius
an Epochen in der Menschheitsentwickelung geglaubt hat, daft er eine
geistige, von der geistigen Welt aus gegliederte weltgeschichtliche Ent-
wickelung angenommen hat. Er will zeigen, daft ein Geistiges die ganze
Natur durchwallt und durchwebt: er schreibt eine «Pansophia», eine
Allweisheit. Es ist eigentlich ein tiefer geistiger Zug in dem, was Amos
Comenius wirkte. Dabei ist er ein Erneuerer des Erziehungswesens. Das
ist bekannt: er strebte nach Anschaulichkeit; aber nach einer anderen
Anschaulichkeit als der Materialismus, nach einer durch und durch
geistigen Anschaulichkeit. Ich kann das nicht in Einzelheiten ausein-
andersetzen, ich kann nur hinweisen, wie Arabismus in westlicher Form,
Arabismus in orientalischer Form, ausgeflossen ist von dem, was in
Mitteleuropa aus dem Zusammenstromen dieser beiden Geistesimpulse
entstanden, hervorgegangen ist.
Wir begreifen vieles von dem, was in der Zivilisation Mitteleuropas
lebt, nur, wenn wir so sehen, wie Geister, die am Hofe Harun al Ra-
schids lebten, selber - in der Form, wie es erneuert werden konnte - her-
iibertragen aus Asien das, was aus dem Arabismus fliefit. So sehen wir,
wie im geschichtlichen Werden die Individuality des Menschen wirkt.
Und wir konnen dann, wenn wir hinblicken auf solche signifikante
Beispiele, an diesen lernen, wie Karma durch die Inkarnationen wirkt.
Dann kann es schon, wie ich das bei verschiedenen Gelegenheiten
besprach, angewendet werden auf das, was unsere eigene Inkarnation
ist. Aber zunachst miissen wir konkrete Beispiele haben.
Nun betrachten wir zunachst ein solches Beispiel - und da ist wohl
vor alien Dingen Interesse dazu vorhanden hier in diesem Lande -,
betrachten wir den schweizerischen Dichter Conrad Ferdinand Meyer.
Wenn wir aufier auf seine Dichtungen noch auf die Personlichkeit
Conrad Ferdinand Meyers blicken, so kann er schon ein grofies Interesse
erwecken. Er ist eine merkwurdige Personlichkeit, dieser Conrad Fer-
dinand Meyer. Es ist eigentlich bei ihm immer so gewesen: Wenn er
seine in wunderbaren Rhythmen einherschreitenden Dichtungen kom-
ponierte, sieht man, wenn man diese Dinge beobachten kann, wie seine
Seele in jedem Augenblick etwas Neigung dazu hatte, aus dem Korper
herauszutreten. Es hat schon etwas rein Seelisches, was in den wunder-
baren Formen der Dichtungen, auch den Prosadichtungen Conrad Fer-
dinand Meyers lebt. Er hat auch wiederholt in seinem Leben unter dem
Schicksal zu leiden gehabt, dafi, wenn diese Trennung vom Geistig-
Seelischen und Physisch-Leiblichen zu stark wurde, eine Triibung in
seinem Erdenleben eintrat. Aber dieses nur lose Ineinanderwirken des
Geistig-Seelischen und des physischen Leibes - man merkt es, wenn man
sich mit den Dichtungen oder der Personlichkeit des Conrad Ferdinand
Meyer beschaftigt. Diese Individuality, die in der Conrad Ferdinand
Meyer-Inkarnation nur lose in dem physischen Leibe drinnen lebt, die
mufi - so sagt man sich zunachst - in f ruheren Erdenleben ganz Beson-
deres durchgemacht haben.
Nun sind Forschungen in bezug auf friihere Erdenleben wahr-
haftig nicht immer leicht. Man mufi die mannigfaltigsten Ent-
tauschungen, das mannigfaltigste Zuriickgeworfenwerden in bezug auf
das, was man geistig durchdringen will, durchmachen. Zur Bef riedigung
des Sensationswiitigen ist darum das, was ich sage iiber die Wiederver-
korperungen, durchaus nicht da, sondern um immer tiefer in das ge-
schichtliche Werden hineinzuleuchten.
Wenn man Conrad Ferdinand Meyers Leben verfolgt, gerade wenn
man ausgeht von dieser losen Verbindung des Geistig-Seelischen mit
dem Physisch-Leiblichen, dann wird man zuriickgeleitet zu einer sehr
friihen Inkarnation, einer Inkarnation im 6. nachchristlichen Jahr-
hundert. Da wird man auf eine Individualitat gefiihrt, bei der man zu-
nachst mit der geistigen Intuition, mit der man solche Dinge verfolgt,
nicht ganz zurechtkommt. Man wird eigentlich geistig von dieser In-
dividualitat, die in Italien lebte, in Italien sich hineinfindet in die da-
mals sich ausbreitende Form des Christentums, wiederum abgebracht.
Man kann nicht recht an sie heran, und man wird dann auf die Conrad
Ferdinand Meyer-Inkarnation zurikkgeworfen, so dafi man eigentlich
bei dieser Untersuchung einer friiheren Inkarnation, wenn man schon
glaubt, in dieser Inkarnation des 6. Jahrhunderts angekommen zu sein,
wieder zuriick mufi zu dem spateren Conrad Ferdinand Meyer und jetzt
den Zusammenhangzwischen diesen beiden Inkarnationen nicht ordent-
lich versteht, bis man darauf kommt, was des Ratsels Losung ist. Man
merkt, in Conrad Ferdinand Meyer lebt ein Gedanke, der einen beirrt,
ein Gedanke, der auch kunstlerisch geworden ist, ein Gedanke, der iiber-
gegangen ist in seine Erzahlung «Der Heilige», in welcher Thomas
Becket, der Kanzler-Bischof von Canterbury im 12. Jahrhundert am
Hofe Heinrichs von England, behandelt wird.
Aber nun, wenn man dasjenige verfolgt, was an Gedanken- und
Empfindungszusammenhangen in Conrad Ferdinand Meyer lebte, in-
dem er an dieser Erzahlung schrieb, dann kommt man erst so recht
hinein in die Art und "Weise, wie Conrad Ferdinand Meyers Geist wirkte.
Man wird gewissermaflen von einer Verdunkelung des Bewufitseins in
die Erhellung gefiihrt und wieder zuriick. Man sagt sich zuletzt: Mit
diesem Gedanken in Conrad Ferdinand Meyers Erzahlung hat es eine
ganz besondere Bewandtnis; der ist nicht so ohne weiteres erklarbar,
er mufi eigentlich tief sitzen. Dann kommt man darauf, dafi er hervor-
geht aus einem Impuls in einem friiheren Erdenleben, in welchem die
Individualitat des Conrad Ferdinand Meyer in Italien war, an einem
kleineren Hofe gelebt hat, innerhalb der christlichen Entwickelung
eine grofie Rolle gespielt hat: da hat diese Individualitat etwas Beson-
deres erlebt. Man kommt allmahlich darauf, daft diese Individualitat
mit einer christlichen Mission von Italien ausgeschickt worden ist nach
England. Diese Mission hat dazumal das Erzbistum von Canterbury
gegrundet. Die Individuality, die spater zu Conrad Ferdinand Meyer
geworden ist, war auf der einen Seite tief beriihrt von jener Kunst, die
ausgestorben ist, die im 4., 5. Jahrhundert in Italien vorhanden war, die
dann in den Mosaiken Italiens ihre weitere Ausgestaltung gefunden hat.
In dem wirkte die Individuality Conrad Ferdinand Meyers darinnen.
Dann ging sie, impulsiert vom damaligen Christentum, mit der Mission
nach England. Nachdem sie dann das Erzbistum von Canterbury mit-
begriindet hatte, wurde sie von einem angelsachsischen Hauptling unter
merkwurdigen Umstanden ermordet.
Dieser Umstand lebte als Impuls in der Seele weiter. Und als diese
Seele als Conrad Ferdinand Meyer geboren wurde, lebte im Unter-
bewufitsein dieses Schicksal von dazumal: Das Ermordetwerden in
England - es hat etwas zu tun mit dem Erzbistum von Canterbury! So
wie manchmal ein Erinnerungsimpuls heraufgeholt wird, wenn ein
Wort anklingt, so wirkt dieser Impuls «ich habe einmal etwas zu tun
gehabt mit Canterbury* nach, und das treibt Conrad Ferdinand Meyers
Seele dahin, nicht sein Schicksal zu schildern - das bleibt im Unter-
bewufitsein -, aber das ahnliche Schicksal des Thomas Becket, des
Kanzlers Heinrichs von England, der zu gleicher Zeit Erzbischof von
Canterbury war.
Dieses merkwiirdige seelische Leiden des Conrad Ferdinand Meyer
bewirkt auch das Heniberrutschen des eigenen Schicksals in das andere,
das er als Conrad Ferdinand Meyer aus der Geschichte kennenlernt.
In der Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges, wo so viele chaotische Ver-
haltnisse in Mitteleuropa herrschten, wurde diese Individuality
wiedergeboren, und zwar als Frau. Und als weibliche Personlichkeit
wirkte nun das Chaotische im Zeitalter des Dreifiigjahrigen Krieges
ganz besonders tief auf diese Individualist. Diese Frau verheiratete
sich mit einer Personlichkeit, die eigentlich etwas ungeschliffen war,
ein Haudegen, der den deutschen Verhaltnissen entfloh ins Grau-
biindner Land in der Schweiz. So verbrachte dieses Ehepaar - die
Frau empfanglich fur die gewaltigen Eindriicke der Gegenwart, die
zwar chaotisch waren, der Mann mehr philistros -, so verbrachten sie
die Zeit im Graubtindner Lande.
Da wurde aufgenommen aus den weltwirkenden Vorgangen der Zeit
das, was wieder hervorzusprieilen sucht in «Jurg Jenatsch». Also die
Gedanken und Empfindungen leben wiederum auf bei Conrad Fer-
dinand Meyer aus demjenigen, was er erlebt hat in dieser Weise. Das
Schwierige ist, dafi Conrad Ferdinand Meyer diese Eindrlicke in die
Seele aufnahm, aber sie zur Verwandlung treiben mufite, aus dem
Grunde, weil er in der Welt so lebte, daft eigentlich sein Geistig-See-
lisches immer Impulse aufnahm, die dann bewirkten, dafi in der Con-
rad Ferdinand Meyer-Inkarnation es nur in loser Weise mit dem Leib-
lich-Physischen verbunden war.
Nun, Sie sehen darin etwas, woran man zeigen kann, wie in das
Denken, Fiihlen, Empfinden und kiinstlerische Schaffen einer Per-
sonlichkeit die alten Impulse heruberwirken auf eine ganz merkwiirdige
Weise. Durch Spekulation, durch Nachdenken auf irgendeine intel-
lektuelle Weise ergibt sich die Wahrheit dariiber ganz gewifi nicht, son-
dern wirklich nur in der geistigen Anschauung.
Von ganz besonderem Interesse mit Bezug auf ihre wiederholten
Erdenleben sind dann Personlichkeiten, die in irgendeinem Erdenleben
den Blick anziehen. Sehen Sie, da ist eine Personlichkeit, die ja ganz
besonders hier den Menschen lieb und wert ist und die so recht hinein-
schauen lafit in die Art und Weise, wie Seelen durch die Erdenleben
durchgehen. Lernt man diese Dinge wirklich kennen, so nehmen sie sich
anders aus, als man eigentlich voraussetzt.
Da haben wir eine Seele - ich konnte sie zuerst treffen in einer Art
priesterlicher Funktion innerhalb alter Mysterien. In einer Art priester-
licher Mission; nicht gerade ein an erster Stelle leitender Priester, aber
ein Priester, der durch seine Position innerhalb der Mysterien die Seelen
in hohem Grade bilden konnte. Eine edle Personlichkeit voller Gute in
der damaligen Inkarnation, wie sie durch die Mysterien eben einmal
herangewachsen ist.
Diese Personlichkeit hatte nun das Schicksal, in dem ersten Jahr-
hundert vor der Begriindung des Christentums, also etwa hundert Jahre
vor Christi Geburt, durch Sitten, wie sie damals iiblich waren, einem
Sklavenhandler zu dienen, unter einer ziemlich grausamen Personlich-
keit Fiihrer zu sein einer Schar von Sklaven, die hart arbeiten mulSten
und die eben nicht anders behandelt werden konnten, als sie behandelt
wurden nach den Sitten der damaligen Zeit. Diese Personlichkeit mufi
man nun nicht verkennen, nicht mifiverstehen. Man mufi die Zusam-
menhange in alten Kulturen anders auffassen als in unseren. Man mufi
durchaus verstehen, dafS eine solch edle Personlichkeit, wie diejenige
war, von der ich spreche, wiederverkorpert werden konnte etwa hun-
dert Jahre vor der Begriindung des Christentums als eine Art Sklaven-
halter fiir ein grofies Sklavenheer. Sie konnte nicht viel aus eigenem
Impuls heraus handeln, das war ihr schweres Schicksal. Aber zu gleicher
Zeit hatte sie ein eigentiimliches Verhaltnis begriindet zu den Seelen,
die in den Sklaven waren, die hart arbeiten mufiten. Sie gehorchte,
diese Personlichkeit, eben jener mehr grausamen Personlichkeit, von
der ich gesprochen habe - heute wurden wir sagen: ihrem Vorgesetzten.
Aber in solchen Dingen, solchen Zusammenhangen bilden sich Anti-
pathien und Sympathien. Und als dann diese Personlichkeit, die manch-
mal mit schwerem, blutendem Herzen dasjenige getan hat, was ihr zu
tun oblag nach den Befehlen, die sie erhalten hatte, durch die Pforte
des Todes ging, traf sie dort zusammen mit den Seelen, die auch auf
diese Personlichkeit einen gewissen Hafi geworfen hatten. Das lebte
sich dann aus in dem Leben zwischenTod und neuer Geburt und begriin-
dete so seelisch-geistige Zusammenhange, die dann als Impulse vor-
bereitend wirkten fiir das nachste Erdenleben.
Nun bilden sich natiirlich zwischen alien Menschen, die mitein-
ander zu tun haben, karmische Zusammenhange. Es ist schon auch em-
mal schicksalsgemalS, daft diese Individuality, von der ich hier spreche,
die eine Art Sklavenfuhrer und karmisch verbunden war mit ihrem
Vorgesetzten, dessen Befehlen sie gehorchen mufite, sich auch in einer
gewissen Weise schuldig machte - ich mochte sagen: unschuldig-schul-
dig - alles desjenigen, was die Grausamkeit des Vorgesetzten bewirkt
hat. Sie tat eben mit, wenn auch aus keinem urspriinglichen Impulse
heraus, so doch durch die Sitten und den ganzen Zusammenhang ver-
anlaftt, und so bestand ein karmisches Band zwischen den beiden. Das
bereitete sich so zu in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, dafi
diese Personlichkeit, die da Sklavenfuhrer war, wiedergeboren wurde
im 9. nachchristlichen Jahrhundert als Frau. Sie wurde die Frau jenes
grausamen Vorgesetzten und erlebte in dieser Gemeinschaf t mancherlei,
was ein karmischer Ausgleich war fiir das, was ich als eine Art Un-
schuldig-Schuldigwerden an den begangenen Grausamkeiten bezeichnet
habe. Aber was erlebt wird, vertieft die Seele weiter: Manches von dem
tauchte wieder auf, was in der alten Priesterinkarnation da war, aber
mit einer tiefen Tragik tauchte es wieder auf. Die Verhaltnisse im
9. Jahrhundert brachten es dazu, daft dieses Ehepaar in Zusammenhang
kam mit vielen Menschen, welche die wiederverkorperten Seelen waren
derer, die mit ihnen gelebt hatten als die Sklavenseelen und die jetzt
auch wiedergeboren wurden. Menschenseelen werden ja in der Regel
im gleichen Zeitalter zusammen wiedergeboren. Und es entstand wieder-
um auf Erden ein Lebensverhaltnis.
Die Seelen, die zusammengehalten wurden einstmals von dem Skla-
venfiihrer, lebten in einer mehr oder weniger groften Gemeinde jetzt
raumlich zusammen. Der Gemeindediener, mochte man sagen - aber
Diener in einem etwas hoheren Sinne - war jener grausame Mann. Und
da er mit alien Bewohnern zu tun hatte, erlebte er nur Schlimmes von
dieser Gemeinde, deren Vorsteher er nicht war, aber fiir die er viele
Dinge zu besorgen hatte. Die Frau lebte dies immer mit. So sehen wir,
wie eine Anzahl Menschen zusammenwachsen mit diesen beiden Per-
sonlichkeiten. Aber das Karma, das nun die beiden Personlichkeiten,
den einstigen Vorgesetzten und den Sklavenfiihrer, verbunden hatte,
dieses karmische Band ist damit erfullt. An diese Personlichkeit war
jene alte Priesterindividualitat nicht mehr gebunden; aber mit den an-
deren blieb sie verbunden, weil eben doch vieles vorgekommen ist mit
diesen Seelen, fiir das diese Individuality wenigstens das Werkzeug
war in der Verkorperung etwa hundert Jahre vor Christus. Als Frau
brachte sie nur Segen durch ihreTaten, als die Gemeinde versorgt wurde,
allerdings in vieler Gutmutigkeit, aber in einer Gutmutigkeit, die doch
vereinbar war damit, daft die Frau wiederum unendlich Tragisches litt.
Alles das, was als ein Gemeinsames entstand, was da karmische
Faden kniipfte, all das setzte sich fort, und beim weiteren Durch-
schreiten des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt, jetzt nach dem
9. Jahrhundert bis in die neuere Zeit herauf, bildeten sich wiederum
Impulse, die diese Menschen zusammenhielten. Und sie wurden jetzt,
zwar nicht in irgendeiner aufieren Gemeinschaft, aber doch so wieder-
geboren, daft die, die einstmals Sklavenseelen und dann in einer Dorf-
gemeinde verbunden waren, wenigstens in der gleichen Zeit wieder-
geboren wurden, so daft die Moglichkeit da war, wieder in eine Be-
ziehung zu treten zu der gleichzeitig geborenen Priesterindividualitat
aus der alten Mysterienstatte, der Sklavenftihrerindividualitat in dem
Zeitalter hundert Jahre vor Christus, der Frauenindividualitat im
9. nachchristlichen Jahrhundert. Denn wiedergeboren wurde diese In-
dividualist als Pestalozzi. Diejenigen, die auch ungefahr gleichzeitig
wiedergeboren wurden, urn das Karma zu erfullen, diese Seelen, die ein
so geartetes Verhaltnis zu ihm batten, wie ich es jetzt geschildert habe,
die muftten die Schiiler, die Zoglinge werden, denen Pestalozzi in Erfiil-
lung seines Karma jetzt so ungeheure Wohltaten zukommen lieft.
Nun, meine lieben Freunde, es ist wirklich so: Wenn man das Leben
betrachtet, und hinter dem Leben, wie es einem entgegentritt, sieht das
Wirken der Seelen von Inkarnation zu Inkarnation - gewift, es muft
bestiirzen, mufi iiberraschen, denn es ist immer anders, als es der Ver-
stand haben mochte. Aber dennoch, es bekommt das Leben etwas von
einer ungeheuren Vertiefung seines Inhaltes, wenn man es in diesem
Zusammenhang betrachtet. Und ich denke, der Mensch hat schon etwas
gewonnen dadurch, daft er solche Zusammenhange betrachtet. Werden
sie hervorgeholt - manchmal auf eine recht schwierige Weise - aus den
geistigen Hintergriinden, und weist man, wie ich heute nur skizzenhaft
tun konntej auf dasjenige hin, was dann im offenbaren Dasein da ist,
dann zeigt sich allerdings, wie Karma durch die menschlichen Leben
hindurch wirkt. Damit gewinnt schon, wenn man eine solche Betrach-
tung hort, das Leben ernste Hintergriinde, und man kann eine solche
Betrachtung verstehen, wenn man das im Aufierlichen sich Darbietende
wirklich unbefangen ins Auge f afit.
Anthroposophie ist nicht da, um blofi Theorien von wiederholten
Erdenleben zu entwickeln und allerlei Schemata zu geben, sondern um
die ganz konkreten geistigen Untergriinde des Lebens zu zeigen. Die
Menschen werden ganz anders in die Welt blicken, wenn wir diese
Dinge zur Enthiillung bringen. Wenn es einmal sein soil, werden wir
darauf hinzuweisen haben, wie das nun auch in die Taten der Menschen
eingreifen kann. Wenn Sie solches wissen, wird sich schon zeigen, dafi
derlei wirkliche praktische Karmabetrachtungen dasjenige sind, was
unsere Zivilisation als Einschlag, als Vertiefung braucht. Heute wollte
ich Ihnen nur diese praktischen Karmabeispiele ans Herz legen. Be-
trachten Sie die Personlichkeiten, die bekannt sind, genauer, Sie werden
schon manches von dem, was ich ausgesprochen habe, bewahrheitet
finden.
DRITTER VORTRAG
Zurich, 28. Januar 1924
(nach einer unvollstandigen Nachschrift)
Wenn wir als Menschen die Welt urn uns herum betrachten, dann fin-
den wir als menschliche Umgebung zunachst alles dasjenige, was auf
der Erde ist: die Wesen der verschiedenen Reiche der Erde, des minera-
lischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, wir finden das Men-
schenreich, zu dem wir selber gehoren, und wir finden alles dasjenige,
was zu diesen Reichen hinzugehort, was aus ihnen gebildet wird: Berge,
Fliisse, Wolken. Richten wir dann den Blick weiter hinaus in das Welt-
all, dann finden wir das Weltall iibersat mit Sternen, Fixsternen, Pla-
neten, und es wird wohl auch klar durch die anthroposophische Be-
trachtung, dafi diese verschiedenen Sterne, ebenso wie unsere Erde, ihre
Bewohner haben. Aber der Mensch findet, indem er zunachst seinen
Blick sowohl in seine irdische Umgebung wie auch hinaus in die Weiten
des Weltalls wendet, in dieser raumlichen Umgebung Wesenheiten, die
nur mit einem Teil seines Selbstes etwas zu tun haben. Wir wissen ja aus
den anthroposophischen Betrachtungen, dafi wir Menschen gegliedert
sind in einen physischen Leib, einen Atherleib, einen Astralleib und ein
Ich. Wir wissen, dafi wir im Schlaf mit dem Ich und dem Astralleib uns
trennen von dem physischen Leib und Atherleib. Aber alles, was wir
mit unseren Augen sehen, mit unseren Sinnen in der Welt wahrnehmen
konnen, steht nur in Beziehung mit unserem physischen und unserem
Atherleib. Es steht zunachst in keiner Beziehung zu unserem Astralleib
und zu unserem Ich. Nur zwei Sterne machen da von eine Ausnahme;
die Sonne und der Mond. Die Sonne und der Mond sind ja ebenso von
geistig-seelischen Wesenheiten bewohnt wie die Erde mit dem Men-
schen selbst. Aber auch die anderen Sterne des weiten Weltenalls sind
von geistig-seelischen Wesenheiten bewohnt, nur hat der Mensch zu
dem eigentlich Geistig-Seelischen der weiten Sterne zunachst nur eine
sehr indirekte Beziehung wahrend seines Lebens zwischen Geburt und
Tod. Nur die beiden genannten Sterne, Sonne und Mond, machen da von
eine Ausnahme. Sie sind gewissermaften fiir uns Menschen die zwei
Tore, durch die wir auch schon wahrend des physischen Erdenlebens
im Zusammenhang stehen mit der geistigen Welt. Und sie selbst, Sonne
und Mond, stehen mit uns in Beziehung, und zwar so, daft die Sonne in
Beziehung stent mit unserem Ich, der Mond mit unserem Astralleib.
Wir werden uns nahern dem Verstandnis desjenigen, was ich eben ge-
sagt habe, wenn wir ein wenig auf dasjenige hinschauen, was wir in den
Buchern und verschiedenen Zyklen ausgefiihrt finden.
Aus ihnen wissen Sie, daft der Mond, der heute als Begleiter der Erde,
aber frei, durch den Weltenraum wandelt, einmal mit der Erde in Ver-
bindung war, daft er mit der Erde einen einzigen Korper dargestellt hat,
daft er sich zu einem gewissen Zeitpunkte losgerissen hat von der Erde,
hinausgegangen ist in das Weltall und nun im Weltall eine Art Kolonie
der Erde bildet. Aber das ist nicht nur der Fall in bezug auf dasjenige,
was als Erscheinung des Physischen des Mondes herunterschaut von
ihm zu uns, es ist auch der Fall mit den Wesenheiten, die ihn bewohnen.
Auch das wissen Sie, daft die Erde einmal bewohnt war nicht nur von
Menschen, sondern von einer Art hoherer Wesenheiten, welche die
ersten groften Lehrer der Menschheit waren. Diese Wesenheiten waren
nicht, wie die Menschen jetzt, in einem physischen Leibe, sondern nur
in einem feinen atherischen Leibe. Aber es gab doch einen Verkehr zwi-
schen den Menschen und diesen Wesenheiten noch bis in die atlantische
Zeitepoche hinein. Dieser Verkehr bestand darin, daft die Menschen
dieser Urzeiten der Erde angehalten wurden, in einer gewissen Weise
Stille in ihrem Gemiite walten zu lassen, nichts aus ihrer physischen
Umgebung wahrzunehmen, sondern nur mit ruhiger Seele in vollstan-
diger Gemutsruhe zu verharren. Und dann war es diesen Menschen der
Urzeiten - uns selber, denn wir waren ja alle m unseren vorigen Erden-
leben auf unserer Erde -, als ob von innen heraus diese Wesenheiten
sprechen wurden, und die Menschen fiihlten und empfanden das als die
Inspiration. Nicht so, wie wir einander Dinge mitteilen, teilten diese
vorgeriickten Wesenheiten den Menschen das mit, was sie ihnen mitzu-
teilen hatten, sondern auf die Art, wie ich es Ihnen angegeben habe. Die
Menschen machten aus alledem die Werke einer wunderbaren Urweis-
heit. Der Mensch der Gegenwart ist ja im Grunde genommen so furcht-
bar hochmiitig, er diinkt sich so grenzenlos gescheit. Er ist es ja auch im
Vergleich mit dem Urmenschen, aber Gescheitheit allein fiihrt eben
nicht zur Weisheit, fiihrt nicht zum Wissen. Gescheitheit kommt aus
dem Verstande, und der Verstand ist nicht das einzige Werkzeug, das
zum Wissen fiihrt. Es waren tiefere Kraf te der Seele, welche in den Ur-
zeiten die Menschen zum Wissen fiihrten, das sie auch nicht in Ver-
standesf ormeln, nicht einmal in unserer philistrosen Grammatik - denn
alle Grammatik ist philistros - zum Ausdruck brachten, sondern in halb
dichterischen Werken. Diese Urweisen, welche die Menschheit lehrten
durch Inspiration dieser vorgeriickten Wesenheiten, drvickten aus in
Werken, welche halbe Dichtung waren, in grenzenlos schonen, bild-
haften Darstellungen dasjenige, was an aufieren Dokumenten bis auf
unsere heutigen Zeiten erhalten geblieben ist. Nehmen wir die Veden-
literatur der Inder, die Jogaphilosophie, die Vedantaphilosophie, die
persischen Urkunden, die agyptischen Urkunden, alles das bewundern
wir, und wir sind Toren, wenn wir es nicht bewundern. Je mehr man
sich in die Dinge einlebt, je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr
sagt man sich: Ja, wir sind heute gescheit, und diese alten Menschen
waren nicht so gescheit, aber dasjenige, was sie als Wissen in einer wun-
derbar schonen poetischen Form dargestellt haben, ist tief, fiihrt tief
hinein in die Geheimnisse der Welt. Und die aufieren Dokumente, die
wir schon so sehr bewundern, von denen wir erschiittert werden, wenn
wir das Herz auf dem rechten Fleck haben, sie sind nur die letzten
Reste desjenigen, was einmal durch mundliche Oberlieferung in der
Menschheit vorhanden war, was nur noch die Geisteswissenschaft er-
grunden kann an wunderbarer, uralter Urweisheit. Aber die Menschen
sind sozusagen herausgewachsen aus dieser Urweisheit. Sie waren un-
miindig geblieben und nicht zur Freiheit eines Wissens durch eigene
Kraft gekommen, wenn sie bei der Urweisheit stehengeblieben waren.
Damit aber hatten jene grofien Urlehrer auch keine Aufgabe mehr
auf der Erde. Sie verliefien die Erde. Geradeso wie das Physische des
Mondes in die Weiten des Weltalls hinausgegangen ist, so gingen mit
dem Monde hinaus die grofien Urlehrer. Sie bilden heute eine Art Wel-
tenkolonie auf dem Monde, und derjenige, der mit Initiationswissen-
schaft denMond betrachtet, findet ihn bevolkert von denjenigen weisen
Wesenheiten, die einmal Genossen der Menschheit waren. Diese Wesen-
heiten, man kann ihre Weisheit noch ergrunden, wenn man durch eine
hohere Fortbildung dessen, was ich beschrieben habe in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dazu gelangt, sich mit diesen
Mondwesen zu verstandigen. Dann aber erf ahrt man etwas ganz Beson-
deres: Man erf ahrt von ihnen, dafS sie heute, trotzdem sie nicht auf der
Erde sind, fur die Erde eine bedeutsame Aufgabe haben. Es ist schwer,
mit irdischen Worten, die nicht dafiir gebildet sind, auszudriicken,
welche fur die Menschheit so bedeutsame Aufgabe diese Mondwesen
haben. Sie fiihren gewissermafien Buch iiber die ganze Menschheits-
vergangenheit, iiber jeden einzelnen Menschen. Nicht solche Biicher,
wie wir sie in unseren Bibliotheken haben, aber doch etwas, was wir
Biicher nennen konnen, und in diesen Biichern ist fur jeden einzelnen
Menschen dasjenige verzeichnet, was in seinen aufeinanderfolgenden
Erdenleben von ihm erlebt worden ist. Den Mond kennenlernen heifit,
die menschliche Vergangenheit kennenlernen. Wenn wir aus dem vor-
geburtlichen Dasein, in dem wir sind zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt, aus den Weltenweiten hinuntersteigen auf die Erde, dann gehen
wir durch die Mondensphare hindurch und dann werden wir innerlich
beruhrt von demjenigen, was in der groften Buchhaltung der Mond-
weisen iiber unsere Vergangenheit aufgezeichnet ist. Diese unsere Ver-
gangenheit wird, bevor wir heruntersteigen auf die Erde, unserem
astralischen Leibe eingepragt. In unserem astralischen Leibe, den wir
herunterbringen in das irdische Dasein, f inden wir die Einzeichnungen
dieser Mondenwesen. Das geht unter gewohnlichen Verhaltnissen nicht
bis in unseren Kopf herein. Der Kopf ist fur die meisten Dinge wahrend
seiner Erdenzeit uberhaupt kein so aufierordentlich wichtiges Organ.
Er ist es fur die aufteren materiellen Begriffe und Ideen. Dasjenige, was
von den Mondenwesen eingezeichnet wird in die menschliche Wesen-
heit in der letzten Stufe ihres Heruntersteigens vom Weltenall auf die
Erde, das ist sogar - der Mensch mag es glauben oder nicht - eingezeich-
net in denjenigen Teil unseres menschlichen Wesens, den wir die geistige
Seite unseres Gliedmafien-Stoffwechselmenschen nennen. Ganz im Un-
terbewufitsein ruht es daher, aber es ist da, geht in das Wachstum iiber,
geht in die Gesundheit iiber, und namentlich geht es iiber in dasjenige,
was ich nennen mochte die Heilbarkeit eines Menschen, wenn er auf
der Erde erkrankt. Es ist ja natiirlich eine wichtige Angelegenheit,
kennenzulernen, was das Wesen der Krankheit ist, aber eine viel wich-
tigere Angelegenheit ist es, kennenzulernen, wie man heilt. Nun ist
schon iibersinnliche Erkenntnis ein wesentliches Hilfsmittel beim Er-
kennen der Wesenheit der Krankheit; das ist aber die Kenntnis des-
jenigen, was auf diese Art in Wachstum, in den Ernahrungskraften, in
den Atmungskraften eingezeichnet liegt aus der Akasha-Chronik der
Mondwesen. Das ist dasjenige, was macht, dafi der Mensch grofleren
oder geringeren Widerstand einer Heilung fiir irgendeine Krankheit
entgegensetzt. Der eine Mensch wird leichter, der andere schwerer ge-
heilt. Das hangt ganz davon ab, wie aus seinem Karma heraus, aus
seinem vorigen Erdenleben, diese Einzeichnungen getroffen werden.
Sehen Sie, wenn wir hinschauen auf dasjenige, was der Mond da
draufien mit seinen Bewohnern fiir uns Erdenmenschen ist, so kommen
wir darauf, zu sagen: Er hangt innig zusammen mit allem demjenigen,
was unsere Vergangenheit ist, die zuriickreicht auf die vorhergehenden
Erdenleben. Das Mondendasein richtig verstehen, wie es da draufien in
den Weiten des Weltalls existiert, heifit, auf der Erde fiihlen und emp-
finden die Vergangenheit der Menschen. Nun setzt sich das mensch-
liche Schicksal zusammen aus demjenigen, was wir herubertragen aus
dem vorigen Erdenleben, also aus unserer Vergangenheit, und dem, was
wir wahrend unseres Lebens in der Gegenwart erfahren konnen. Und
aus demjenigen, was in der Gegenwart erfahren werden kann, zusam-
men mit unserer Vergangenheit, bildet sich das Schicksal weiter in die
Zukunft hinein in die folgenden Erdenleben. Kosmisch betrachtet, er-
scheint uns also der Mond mit seinen Wesenheiten als dasjenige, was
unsere Vergangenheit in unserem Schicksal zimmert.
Sie sehen daraus, wie wenig die gegenwartige Erkenntnis weifi von
dem, was eigentlich die Weltenkorper draufien sind. Die physikalische
Erkenntnis des Mondes, an die wir heute gewohnt sind, ist im Grunde
eigentlich gar keine Erkenntnis. Derjenige, der den Mond heute physi-
kalisch beschreibt, der denkt sich, dafi das, was er auf den Mondkarten
als Gebirge abgebildet findet, immer schon dagewesen sei. Es ist naiv,
das zu glauben. Die Mondenwesen waren immer da, das Geistig-
Seelische des Mondes war da, nicht aber die physische Materie. Sie wer-
den es sich klarmachen konnen, wenn Sie auf den Menschen selber
schauen. Der Mensch tauscht im Laufe seines Erdenlebens seine physi-
schen Stoffe fortwahrend aus. Nach sieben bis acht Jahren haben wir
nichts mehr von dem Stoff lichen, was wir in uns tragen, in uns. Es ist
alles ersetzt. Was in uns geblieben ist, ist das Geistig-Seelische, und so
ist es auch bei den Weltenkorpern. Sie konnen heute auf den Mond
hinauf schauen: Sein Stoff, wenn er auch langer dauernd ist als der
menschliche Stoff, ist im Laufe der Zeiten ein ganz anderer geworden;
nur das Geistig-Seelische bleibt. Man bekommt eben, wenn man diese
Dinge ins Auge faftt, eine ganz andere Ansicht iiber das Weltall, als
man sie hat aus dem, was heute materielle Erkenntnis ist. Diese mate-
rielle Erkenntnis ist ja aufierordentlich klug, gescheit und verstandig,
sie kann vor alien Dingen rechnen, und sie rechnet todsicher. Die Rech-
nungen sind immer richtig, aber sie sind nicht wahr. Sehen Sie, es rechne
heute einer aus die Struktur des Herzens. Er beobachtet sie heute, und
in einem Monat beobachtet er sie wieder: Sie hat sich verandert, nicht
viel. In einem weiteren Monat auch wieder nicht viel, und dann schaut
er nach, wieviel sich das Herz verandert hat in einem Jahr. Er braucht
nur zu multiplizieren, so hat er es fiir zehn Jahre. Er kann ausrechnen,
wie das Herz vor dreihundert Jahren war, wie es in dreihundert Jahren
sein wird, und die Rechnung wird sicher stimmen. Nur war das Herz
vor dreihundert Jahren nicht da und wird in dreihundert Jahren nicht
da sein. So wird es auch in bezug auf andere Dinge gemacht. Die Rech-
nungen stimmen immer, aber sie stimmen nicht mit der Wirklichkeit
iiberein. So ist es auch in bezug auf das aufiere Substantielle der Him-
melskorper. Sie wechseln ihre Substanz, aber das Geistig-Seelische
bleibt. Und fiir den Mond ist dieses Geistig-Seelische dasjenige, was
durch die grofien Registratoren unseres vergangenen Lebens in unser
Schicksal einverwoben wird, was eben zusammenhangt mit einem Teil
dieses unseres Schicksalgewebes als Mensch.
So ist der Mond in der Tat das eine der Tore, die den Menschen hin-
weisen in die geistige Welt, aus der heraus sein Schicksal gewoben wird
von Wesenheiten, welche einmal unsere weisen Genossen auf der Erde
waren in jener Zeit, wo die Menschen aus einem Instinkt heraus sich
selbst ihr Schicksal gewoben haben. Jetzt ist das Weben des Schicksals
ganz im Unterbewufiten. Wir werden nachher noch weiter dariiber
horen.
Es gibt noch ein anderes Tor hiniiber in die geistige Welt: das ist die
Sonne. Wenn man durch Initiationswissenschaft die Sonne kennen-
lernt, dann trifft man nicht Wesenheiten, welche zusammenhangen mit
unserer Erde seiber wie die Mondwesenheiten; man trifft nicht Wesen-
heiten in der Sonne, die einmal die Erde bewohnt haben. Man trifft die-
jenigen Wesenheiten, die Sie bezeichnet finden in meiner «Geheim-
wissenschaft» als Angeloi und die hoheren Wesenheiten in den Hierar-
chies Wenn ich sage «in der Sonne», so miissen Sie sich natiirlich solche
in der ganzen Sphare der Sonne, in der ganzen Lichtflut, die von der
Sonne ausgeht, vorstellen. Die Sonne ist der Wohnsitz der Angeloi,
Engel, jener Wesenheiten, von denen je eine immer zusammenhangt mit
einem Menschenindividuum. Und wir Menschen hangen schon einmal
mit Bezug auf unser Ich mit diesen hoheren Individuen zusammen, und
wir hangen durch das Sonnendasein mit diesen hoheren Individuen zu-
sammen. Die Angeloi sind gewissermaften die kosmischen Vorbilder des
Menschen, denn der Mensch wird einmal die Rangstufe der Angeloi
erreichen. Auf der Sonne leben diejenigen Wesenheiten, denen wir uns
hinsichtlich ihrer Beschaffenheit seiber nahern. Daraus werden Sie
schon entnehmen, dafi ebenso, wie mit dem Mondendasein unsere Ver-
gangenheit, so mit dem Sonnendasein unsere Zukunft zusammenhangt.
Mond und Sonne stellen eine Welt unserer Vergangenheit und unserer
Zukunft dar, und wenn wir auf der einen Seite sehen, daft die Monden-
wesen die Buchhalter unserer Vergangenheit sind, dafi gewissermafien
unsere vergangenen Erdenleben auf den Blattern ihrer Bucher einge-
zeichnet sind, so wird uns durch die Initiationswissenschaft klar, dafi
wir zu den Angeloi, Engeln, hinschauen miissen, wenn wir uns um
unsere Zukunft kummem. Wir tun ja fortwahrend etwas, vielleicht
nicht alle, aber die meisten Menschen miissen ja etwas tun. Geradeso
wie dasjenige, was wir in der Vergangenheit getan haben, in unser
gegenwartiges Leben hineinwirkt, so miissen diejenigen Dinge, die wir
in der Gegenwart tun, in die Zukunft hineinwirken. Sie konnen aber
nur dadurch in die Zukunft hineinwirken, dafi gewissermafien die
Angeloi hinlenken ihre Seelenblicke auf dasjenige, was der Mensch in
der Gegenwart tut, und es zur Wirkung bringen in der Zukunft. Es ist
eine sehr gute Empfindung, wenn man mit diesem Berufe der Angeloi
in der Welt rechnet. Wir vollbringen ja manches, was in der Zukunft
Friichte tragen soil. Die Gegenwartsmenschheit ist in bezug auf solche
Dinge furchtbar gedankenlos geworden. Sie sollte solche Dinge ins
Auge fassen, und wenn der Mensch irgend etwas tut, so soil er an seinen
Angelos denken, etwa so: «Mein schutzender Geist empfange dasjenige,
was meine Tat ist, als eine Wurzel und bringe Friichte daraus hervor.»
Je bildlicher, je anschaulicher ein Mensch also ankniipft eine solche
Ansprache an seinen Angelos fur Taten, die in der Zukunft Friichte
tragen sollen, desto mehr wird von diesen Friichten in der Zukunft vor-
handen sein konnen. - So also, wie die Mondenwesen unser vergangenes
Schicksal aufbewahren, so weben fortwahrend die Sonnenwesen neues
Schicksal in die Zukunft hinein. In Wahrheit wird nicht nur das auflere
physische Sonnenlicht von der Sonne auf die Erde hinuntergeschickt,
nicht nur der aufiere Mondenschein; sondern wenn wir mit geistigen
Blicken hinschauen zu Sonne und Mond, so wissen wir, dafi der Mond
in Zusammenhang steht mit unserem astralischen Leibe. Durch diese
Beziehung zu unserem astralischen Leibe ist der Mond der Ausgangs-
punkt fur alles dasjenige, was aus unserer Vergangenheit heraus in
unser Schicksal hineinverwoben wird. Die Sonne steht in Zusammen-
hang mit unserem Ich, und durch die Wesenheiten, die uns ein Vorbild
sind fur unsere kosmische Zukunft, steht die Sonne in Beziehung zu
dem, was unser zukunftiges Schicksal ist. So weben sich in Sonne und
Mond, die miteinander aufierlich in Lichtwirkung stehen, im Bilde in
der Wechselbeziehung von Sonne und Mond die himmlischen Spiegel-
bilder unseres Schicksals.
Die Initiationswissenschaft lief ert in dieser Beziehung eine wirkliche
Erklarung dieses Tatbestandes. Wenn derjenige, der wirklich so weit
gekommen ist, wie es notig ist - ich habe es in meinem Buch « Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben -, den Vollmond
betrachtet, dann sieht er nicht nur das, was das menschliche Bewulksein
sieht, sondern er sieht vor alien Dingen im mitgeteilten Lichte sein ver-
gangenes Schicksal, den Inhalt seines vergangenen Erdenlebens. Und
wenn er den entsprechenden Geistesblick gescharft hat und er schaut
hin an eine Stelle, wo der Neumond ist, den man nicht sieht mit dem
physischen Auge, dann wird ihm dasjenige, was ihm jetzt aus dem
dunklen Neumond entgegenf instert, entgegenschattet, der grofie Man-
ner aus seinem Schicksal heraus, der ihm zuruft, wie er sich gegenuber
Dingen seiner Vergangenheit im vorigen Erdenleben zu verhalten hat,
um sie wieder auszugleichen in der karmischen Entwickelung.
In einer ahnlichen Beziehung kann der Mensch zur Sonne stehen.
Auch da kann er dasjenige, was ihm winkt an kunftigen Schicksals-
bestimmungen, wenigstens im allgemeinen, wenn auch nicht im speziel-
len, ahnen. Wenn wir jetzt vom Kosmischen absehen und hinschauen
auf den Menschen selber, dann finden wir ja das menschliche Schicksal
wirklich in wunderbarer Weise aus zwei Elementen heraus gewoben.
Wenn zwei Menschen, sagen wir der eine in seinem f unf undzwanzig-
sten, der andere in seinem dreifiigsten Jahre, einander begegnen, so
kann der Fall eintreten - er wird es nicht immer dafi, wenn der eine
oder der andere zuriickblickt auf sein bisheriges Erdenleben, ihm ganz
klar wird: sie haben ihre Lebenswege so durchgemacht, als ob sie ein-
ander gesucht hatten. Es ist nur eine Gedankenlosigkeit, wenn wir auf
solche Dinge nicht aufmerksam werden. Schon das Kind hat die Rich-
tung des Weges genommen, der es dahin fiihren mufite, wo es den
anderen Menschen trifft, und der andere Mensch hat auch diesen Weg
genommen, und alles dasjenige, bis zum gemeinsamen Treffpunkt, es
hat sich im Unterbewuftten vollzogen. Aber was hat denn im Unter-
bewufiten gewirkt? Wenn der eine der A ist und der andere der B, so ist
der A hinuntergestiegen durch die Mondensphare, bevor er das Erden-
leben betreten hat. Die Mondenwesen haben in die Bucher, auch in den
astralischen Leib dasjenige eingezeichnet, was er gemeinsam hatte im
vergangenen Erdenleben mit dem B, und diese Eintragungen in die
Akasha-Mondchronik, die haben den Weg beeinflufk, ebenso bei dem B.
Von dem Momente an, wo sich die beiden Menschen treffen, hort das
Unterbewufite auf, die alleinige Bedeutung zu haben, denn dann wer-
den die Menschen einander ansichtig. Sie machen auf einander einen
Eindruck. Sie werden einander sympathisch oder antipathisch. Es wirkt
nicht mehr eine Konservierung des Vergangenen, es wirkt nun die
Gegenwart. Es treten die Angeloi ein und fiihren die Menschen dann
weiter. Da tritt das Sonnendasein in seine Kraft, so dafi wirklich im
Inneren des Menschen Sonne und Mond zusammen das Schicksal des
Menschen weben. Das ist ja, im Grunde genommen, recht genau wahr-
zunehmen, wenn man nur sinnig auf das Menschenleben hinschaut.
Nehmen Sie einmal zwei Menschen, die sich irgendwo begegnen. Der
Eindruck, den sie aufeinander machen, kann sehr verschiedenartig sein.
Es gibt Falle, wo zwei Menschen sich treffen, und es ist wirklich so, dafi
der eine Mensch den anderen ganz in seinen Willen, in sein Gemut auf-
nimmt. Dieses Aufnehmen ins Gemut, das ist in einem hohen Grade
unbeeinflufit von dem personlichen Eindruck. Blofie Verstandlinge
haben eben nicht viel Verstandnis fur dasjenige, was da innerlich vor-
handen ist, denn es gehort ja wirklich zum Wunderbarsten, wenn man
einmal sieht, wie ein Mensch dem anderen gegenubertritt. Einmal
nimmt wirklich der A den B so in seinen Willen auf, daft er sagt: Ich
mochte es selber ausfiihren, was der B tut: Wie es ihm gefallt, so gefallt
es auch mir. Nun ist aber der B haftlich, und man kann nicht begreifen,
dafi der B dem A gefallt. Sehen Sie, die Anziehung von B zum A wird
nicht gebildet durch den Verstand, auch nicht durch die Sinnesein-
driicke, sondern durch die tiefen seelischen Krafte: durch den Willen
und dasjenige, was vom Willen ins Gemiit geht. Da mag der andere
noch so haftlich sein, die Hafilichkeit hat er erst im gegenwartigen
Erdenleben bekommen. Dasjenige, was die beiden verbindet, hat seinen
Ursprung in demjenigen, was sie gemeinsam durchlebt haben im vor-
herigen Erdenleben. Beim aufieren Anblick meint man, die beiden Men-
schen passen doch gar nicht zusammen; aber dasjenige, was sie in ihrem
Unterbewufitsein haben, das fuhrt ihre Willen zusammen. Das zeigt
sich oftmals schon in der Kindheit. Wie sehr ist man als Kind schon
darauf aus, so zu sein wie «er», so zu wollen wie «er», so zu fiihlen wie
«er». Dann ist eine karmische Beziehung vorhanden.
Dies ist eine Art, wie Menschen im Leben einander begegnen, und
wiirde man auf diese Art recht aufmerksam sein, wie man es einmal in
einer gar nicht f ernen Zukunft sein wird, wo man wieder mehr auf das
Innere des Menschen sehen wird, dann wiirde in diesen Fallen, in der
Art und Weise, wie ein Wille pulsiert, zu erkennen sein, dafi man schon
mit Menschen vergangene Erdenleben durchgemacht hat, und unter-
bewufite Seelenkrafte sagen etwas daruber aus, was man mit einem
Menschen im vergangenen Erdenleben durchgemacht hat.
Der andere Fall ist der, dafi man irgendeinen Menschen trifft, bei
dem sich kein solches Verhaltnis zwischen den Willen einstellt, sondern
gerade ein solches, wo der asthetische oder der Verstandeseindruck das
Mafigebende ist. Wie oft kommt es vor, dafi ein A einen B kennenlernt
und dann nicht im Tone jener Begeisterung oder des Abscheus von ihm
redet, in dem man redet von einem Menschen, mit dem man f riiher kar-
misch verbunden war. Man lobt vielleicht einen solchen Menschen, mit
dem man nicht karmisch verbunden ist, findet ihn nett, einen Prachts-
kerl, aber er geht nicht in den Willen hinein, sondern nur in den Ver-
stand, in den asthetischen Sinn.
Das ist die zweite Art, wie man mit Menschen zusammentrif f t. Geht
dasjenige, was zwei Menschen als Wirkung aufeinander ausiiben, bis in
den Willen, in das Gemiit, in den Charakter hinein, dann liegt eine kar-
mische Zusammengehorigkeit vor, dann sind die beiden Menschen zu-
sammengefuhrt durch gemeinsame Erlebnisse im vergangenen Erden-
leben. Geht von einem Menschen ein Impuls aus, der nur bis in den
Verstand, den asthetischen Sinn hineinreicht, so dafi uns der Mensch
nur gefallt, nur mififallt, dann liegt nicht etwas vor, was der Mond
gemacht hat, sondern was die Sonne erst gegenwartig macht und was
erst eine Fortsetzung in der Zukunft finden wird. So dafi man also
durch ein sinniges Betrachten des Menschen dazu kommen kann, zu
empfinden, wo karmische Beziehungen vorliegen.
Nun sehen Sie, dasjenige, was ich Ihnen erzahlt habe, ist eben etwas,
was an Erkenntnis der Welt gewonnen werden kann durch Anthropo-
sophie, und geradeso wie man keinesfalls selbstKunstler zu sein braucht,
um ein Bild schon zu finden, so wenig braucht man selbst Initiierter zu
sein, um die Dinge zu verstehen. Man kann die Dinge verstehen, weil
die Ideen miteinander zusammenstimmen. Es gibt Leute, die sagen:
Was geht uns die ganze geistige Welt an, man kann sie erst verstehen,
wenn man darin ist. - Das sagen die Leute aus dem Grunde, weil sie
heute gewohnt sind, einen Beweis nur dasjenige zu nennen, was sich
sinnlich-handgreiflich beweisen lafit. Solche Menschen gleichen Toren,
die sagen: Alles, was in der Welt ist, mufi gestiitzt werden, sonst fallt
es zur Erde. Es konnte ja einer kommen und sagen: Die Erde, der Mond,
die Sonne sind im Weltenraum draufien, aber sie miissen doch eine
Stiitze haben, damit sie nicht herabfallen. Er weifi nicht, dafi die Wel-
tenkorper keine Stiitze brauchen, weil sie sich gegenseitig stiitzen. Auf
solches Verstandnis ist die Anthroposophie angewiesen. Bei ihr konnen
die Ideen nicht gestiitzt werden durch aufterliche Handgreiflichkeiten,
aber gegenseitig stiitzen sie sich. Lesen Sie zunachst ein einziges anthro-
posophisches Buch, dann kann es vorkommen, weil Sie gewohnt sind,
alles handgreiflich bewiesen zu sehen, dafi Sie es weglegen, weil darin
nichts bewiesen ist. Lesen Sie aber immer mehr und mehr, so werden Sie
finden, dafi die Ideen sich gegenseitig stiitzen und halten wie die Welten-
korper. Man kann schon die Dinge verstehen, auch wenn man nicht ein
Initiierter ist, aber durch die Initiationswissenschaft werden die Dinge
noch wesentlich dichter. Sie werden in einer anderen Weise erlebt.
Daher kann derjenige, der weit genug gekommen ist, auch noch in einer
anderen Form sprechen iiber dieses aus Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft Gewobene des menschlichen Schicksals. Derjenige, der die
Initiation auf einer gewissen Stufe durchgemacht hat, bei dem werden
die Erlebnisse viel konkreter. Vor Ihnen steht ein Mensch, er spricht zu
Ihnen, er erzahlt Ihnen etwas, Sie horen es. Der Initiierte kann, wie das
Auftere gehort wird, auch das Innere horen, die geistige Sprache, die
nicht minder deutlich ist als die menschliche Sprache. Mit aller Deut-
lichkeit, wie Menschen zu Ihnen sprechen, spricht fiir den Initiierten
der Mensch, mit dem er karmisch in der Vergangenheit verbunden war
und den er im gegenwartigen Leben trif ft. Er hort eine innere Sprache.
Sie werden sagen, dann hat ja der Initiierte ein ganzes Biindel von
Menschen in sich, von denen der eine mehr, der andere weniger deut-
lich zu ihm spricht. Das ist auch der Fall. Aber es ist das zu gleicher Zeit
der anschauliche Beweis fiir die Art und Weise, wie man das vorherige
Erdenleben zugebracht hat. Ich sagte, die grofien Registratoren, die
Mondwesen tragen das Schicksal ein; aber in dem Augenblick, wo der
Initiierte einen anderen Menschen, mit dem er im vorherigen Erden-
leben karmisch verbunden war, trifft, wird er wie vom Vollmondslicht
beschienen von den Eintragungen des anderen Menschen, mit dem er
karmisch verbunden ist. Was wir gegenwartig denken und tun, das
spricht nicht zu uns, aber nach einer gewissen Zeit, nach einer gar nicht
so langen Zeit, wird dasjenige, was wir getan haben, was auf dem
Monde registriert ist, sprechend und lebendig. Die Akashabilder sind
Lebensbilder: trifft man auf den Inhalt eines vergangenen Erdenlebens,
lernen Sie sich selber kennen und lernen einen anderen Menschen ken-
nen. Das Gemeinsame des vergangenen Erdenlebens lebt wieder auf,
daher ist es kein Wunder, daft man dieses Wiederauflebende auch im
anderen Menschen von innen heraus sprechen hort. Man ist innig mit
demjenigen zusammen, mit dem man im vorherigen Erdenleben zusam-
men war. Das wird der Weg der Menschen in die Zukunft hinein sein:
Die Menschen werden sich zunachst ein feines Gefuhl dafixr aneignen
miissen, damit ihr Wille erlebt wird im Treffen eines anderen Men-
schen, so dafi sie diesen Menschen fiihlen. In einem Zeitraum, der etwa
sieben- bis neuntausend Jahre in der Zukunft liegt, werden die Men-
schen aile auf der Erde die anderen Menschen, mit denen sie karmisch
verbunden sind, in ihrem Inneren sprechen horen.
Trifft man nun mit einem Menschen zusammen, mit dem man nicht
karmisch verbunden ist, dem man das erste Mai begegnet, so stellt sich
auch dies nach Empfang der Initiation anders dar. Der Initiierte kann
natiirlich auch Menschen in seinem Leben treffen, mit denen er nicht
karmisch verbunden ist. Dennoch wird seine Beziehung eine andere sein
als diejenige, die fur das gewohnliche Bewufitsein vorhanden ist. Er
fiihlt mit einer gewissen Feinheit neue Tatsachen im kosmischen Men-
schen.
Man sieht durch einen Menschen, den man zum ersten Mai im Kos-
mos trifft, tiefer in die Welt hinein. Es ist auch ein Gluck, einen Men-
schen zum ersten Mai zu treffen, und diese Tatsache, daft man durch
einen Menschen, den man zum ersten Mai trifft, die Welt besser kennen-
lernt, mufi sich wiederum als ein feines Gefuhl entwickeln. Der In-
itiierte hat sofort, wenn er einen Menschen trifft, mit dem er nicht
karmisch verbunden ist, dem er sozusagen das erste Mai im Kosmos
gegeniibertritt, diesem Menschen gegeniiber eine Aufgabe: Er hat gleich
die Aufgabe, sich mit dem Schutzgeist aus der Sphare der Angeloi zu
verbinden, der diesem Menschen besonders schiitzend gegeniibersteht.
Er darf nicht nur den Menschen kennenlernen, er mufi den Schutzgeist
des Menschen kennenlernen. Der Engel dieses Menschen spricht auch
wieder mit grofier Deutlichkeit aus dem eigenen Inneren heraus, und
wenn der Initiierte mit verschiedenen Menschen zusammentrifft, mit
denen er nicht karmisch verbunden ist, dann hort er von innen heraus
laut und deutlich sprechen. Er vernimmt die Worte des Angelos dieser
Menschen in seinem Inneren. Das gibt dem Initiierten in seinem Urn-
gang mit den Menschen einen gewissen Charakter. Er nimmt selber
etwas an, was der Angelos dem Menschen sagen will, den er kennen-
lernt: er verwandelt sich in seinen Angelos. Dadurch wird dasjenige,
was zu den Menschen gesprochen werden kann, aus einem anderen
Grunde in timer, als es fur das gewohnliche Bewufksein wird. Daher
kommt es auch, dafi der Initiierte fur jeden Menschen, der ihm zum
ersten Mai im Kosmos entgegentntt, im Grunde ein anderer ist, er ist
jeweils etwas von dem Angelos dieser Menschen. Darauf beruht die
Verwandlungsfahigkeit derjenigen Menschen, die mit der Kraft der
Initiation den anderen Menschen gegeniibertreten. Jetzt haben ja die
Menschen wirklich nur eine sehr geringe Empfindungsfahigkeit fur
solche Dinge. Aber es liegen die Jahrhunderte noch gar nicht so lange
hinter uns, da hatte die Menschheit noch viel mehr Empfindungsfahig-
keit dafiir. Da konnte vorkommen, dafi ein weiser Mensch einer Reihe
von anderen Menschen gegeniiberstand, und jeder hat ihn anders be-
schrieben. Geht man philistros vor, dann wird man finden: Irgendeine
interessante Personlichkeit ist von zwanzig Menschen beschrieben wor-
den, von jedem anders, also hat ihn keiner genau gesehen. Vielleicht
aber haben ihn alle zwanzig Menschen gesehen. Er hat sich fur jeden
verwandelt, indem er sich in Beziehung setzte mit dem Angelos jedes
dieser Menschen. Sehen Sie, in dieser Beziehung herrscht wirklich ein
Abgrund zwischen demjenigen, was in der Gegenwart unter Menschen
Sitte und iiblich ist, und demjenigen, was vor einer kurzen Vergangen-
heit Sitte und iiblich war. Man lernt heute viel, aber man lernt ganz
anders, als man es friiher gelernt hat. Die hohere Schulung, vor verhalt-
nisma&g noch gar nicht so weit zunickliegender Zeit, gab Anweisung,
wie diejenigen, die als Priester oder Lehrer andere Menschen zu flihren
und zu leiten hatten, die Fahigkeit erreichen konnten, sich mit dem
Angelos eines Menschen zu verbinden. Die Menschen haben sogar die
Erinnerung daran vergessen. Die Engellehre war eine Wissenschaft fur
diejenigen, die Ftihrer der Menschheit werden wollten, damit sie die
Verwandlungsfahigkeit erlangten.
Noch ein anderes: Es wird Ihnen aufterordentlich auf fallen - und
ich habe ja dariiber in meinem «Christentum als mystische Tatsache»
gesprochen wie die Biographien ausschauen, die erhalten sind von
alten Initiierten; es gleicht eine der anderen! Versuchen Sie es nur ein-
mal, die Initiierten-Biographien zu studieren, es gleicht eine der an-
deren, denn die grolkn Initiierten haben in bezug auf ihr Seelenleben
ahnliche Biographien erlebt, Aber das sind nicht die Biographien, die
von Menschen geschrieben sind, denn die gleichen einander nicht. Wenn
alle diejenigen, die, sagen wir, den Zarathustra erlebt haben, eine Cha-
rakteristik des Zarathustra geschrieben hatten, jeder hatte sie anders
geschrieben, weil Zarathustra sich jedem Menschen gegeniiber verwan-
delte. Dasjenige, was die Welt wissen sollte iiber die Initiierten, es war
eine von hoheren Geistern inspirierte Biographic
So kann man sagen: Derjenige, der mit der Kraft der Initiation
einem Menschen gegeniibertritt, mit dem er karmisch verbunden ist,
nimmt dessen Vergangenheit als sein Eigenes wahr, er lernt sie kennen
durch das Geistig-Seelische der Mondwesenheiten.
Derjenige, der mit der Kraft der Initiation einem Menschen gegen-
iibertritt, dem er zum ersten Mai im Kosmos begegnet, der bekommt die
Aufgabe, sich mit dessen Angelos zu verbinden. Da lernt er vieles von
der aufieren Welt kennen. Zwar sprechen die Angeloi im Inneren, und
wir sind ja eine Welt draufSen. Man kann in Wirklichkeit andere Men-
schen mit geistigen Kraften gar nicht tiefer kennenlernen, ohne ein
Heer von Engeln kennenzulernen. Es ist ganz unmoglich, wirkliche
Menschenerkenntnis zu erringen, ohne Engelkenntnis zu haben. Gerade-
so wie ich sagen mufite, daft schon das gewohnliche Feinfiihlen, wenn es
mit Menschen zusammenkommt, die nicht karmisch verbunden sind,
die Umwelt kennenlernt, so lernt der Initiierte erst recht die eigent-
liche Aufienwelt, die Engelwelt kennen. Dadurch bekommt er Vermitt-
ler fiir die hoheren Hierarchien.
Man kann auch noch durch anderes darauf aufmerksam werden, wie
man mit einem Menschen karmisch verbunden ist. Man trifft einen
Menschen im Leben, man trifft einen anderen. Man braucht nur auf-
merksam zu werden: Man kann einen Menschen treffen, mit ihm viel
zu tun haben, mit ihm arbeiten und so weiter, aber man kann nicht
traumen von ihm. Man kann nicht traumen von ihm, weil er nicht mit
unserem astralischen Leibe, sondern nur mit unserem Ich verbunden ist.
Andere Menschen trifft man, man hat sie nur fluchtig gesehen, und
sie folgen einem bis in die Traume nach, auch bis in die wachen Traume.
Es ist eine vom Inneren heraus geformte Darstellung, die mit dem
Xufiern des Menschen gar nichts zu tun hat, weil man mit dem Men-
schen karmisch verbunden ist. Man trifft einen Menschen, mit dem
man karmisch verbunden war, und man ist gleich genotigt, sich ein Bild
von diesem Menschen zu machen. Ist der Betreffende ein Maler, dann
konnte es vorkommen, dafi er ein Bild von ihm malt, das ein philistroser
Mensch ganz unahnlich findet, wahrend der Initiierte eine vorherige
Inkarnation des Menschen findet, den er gemalt hat. Man lernt wirk-
Hch in den Tiefen seines Wesens, wenn auch im Unbewuflten, den
anderen Menschen kennen, mit dem man karmisch verbunden ist.
Durch diejenigen Menschen, mit denen man nicht karmisch verbunden
war, die man zum ersten Mai im Leben trifft, lernt man die Menschheit
im allgemeinen kennen. Die Menschen verhalten sich auch danach.
Kommen Sie bei einem Five o'clock tea oder sonstigen ahnlichen An-
lassen mit Menschen zusammen, so versuchen Sie einmai hinzuhoren
auf das Leben: Wenn ein Mensch einen anderen Menschen getroffen
hat, mit dem er karmisch verbunden ist, so sagt er nicht sehr viel iiber
die anderen Menschen, aber iiber diesen Menschen sagt er irgend etwas
Bedeutsames. Er weist auf irgend etwas Bedeutsames hin, besonders
dann, wenn er in solchen Dingen noch unbewufit ist. Merken Sie auf
das Leben: Sie kommen bei einem Funf-Uhr-Tee mit irgend jemandem
in ein Gesprach, mit dem Sie nicht karmisch verbunden sind. Er interes-
siert Sie doch nur aufierlich, er erzahlt Ihnen so, als ob er der Reprasen-
tant der ganzen Five-o'clock-Teegesellschaft ware. Das ist eine kurz-
weilige Gesellschaft, man hort da viel von Weltangelegenheiten, von
Leuten, die grofte Politiker sind - Sie horen nur diesen einzigen Men-
schen, und nach diesem Menschen beurteilen Sie die ganze Gesellschaft
vielleicht falsch. Man lernt das andere der Welt kennen durch Men-
schen, mit denen man nicht karmisch verbunden ist. Ein Reisender, der
einmal urn Mitternacht die Station Konigsberg passiert hat und sich
dort einen Kaffee geben liefi, wurde von dem Kellner, den er gerufen
hatte und der rote Haare hatte und verschlafen war, furchtbar grob
angefahren. Darauf schrieb der betreffende Reisende in sein Tagebuch:
Die Konigsberger haben rote Haare, sind verschlafen und grob. Nach
diesem mitternachtlichen Kellner, mit dem er nicht karmisch verbun-
den war, beurteilte der betreffende Reisende die Konigsberger.
Sehen Sie, durch solche Betrachtungen erwirbt man sich Lebens-
werte, kommt den Menschen naher, lernt auf eine andere Art, mit ihnen
verbunden zu sein. Man lernt aber nicht nur das Menschenleben ken-
nen, und das soil ja gerade das Wesentliche der Anthroposophie sein,
dafi sie in das Leben wirklich eingreift, man lernt auch fiihlen, empfin-
den und kennen das kosmische Leben. Sonne und Mond verlieren alles
Abstrakte und werden zu etwas Wesenhaftem, auf das man hinschaut
im Kosmos und das zu dem kleinen Menschenschicksal hier auf der
Erde das entsprechende Grofte im Weltenall ist.
So ist Sonnenwirksamkeit mit der Mondenwirksamkeit in unserem
Leben vereint. Alles dasjenige, was uns vom Monde herunter scheint,
hangt zusammen mit unserer kosmischen Vergangenheit, und die Sonne
hangt zusammen mit unserer kosmischen Zukunft.
Auf diese lebenswichtige Seite der Anthroposophie, diese Seite, die
Lebenswerte liefert, wollte unsere Weihnachtstagung, die die Anthro-
posophische Gesellschaft neu begriindet hat, in besonderem Mafie hin-
weisen. Da sollte gesagt werden und ist gesagt worden, dafi wiederum
Esoterik im wahren Sinne des Wortes unter uns leben soil. Daher sollte
diese Weihnachtstagung nicht etwa eine Festlichkeit sein, an der sich
eine Anzahl Anthroposophen getroffen haben, sie sollte fortdauern in
ihrer Wirksamkeit und in ihren Impulsen. Es wird die neue Einrichtung
eines Mitteilungsblattes geplant - sie ist schon da und die ersten drei
Nummern sind bereits erschienen. Ein Mitteilungsblatt zunachst iiber
die Vorgange in der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft, iiber das,
was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Sie mufi in dieser
Weise etwas werden wie ein lebendig geistiger Organismus. Mir ist
immer wieder auf meinen Reisen entgegengetreten, dafi zum Beispiel
die Leute in Den Haag gesagt haben: Ja, wir wissen ja nicht, was mit
den Leuten in Wien vorgeht, und wir gehoren doch zu einer anthropo-
sophischen Gesellschaft! Wie viele konnte ich hier fragen, die mir
sagen konnten, was zum Beispiel im anthroposophischen Zweig in Leip-
zig oder in Hamburg vorgeht? Aber das mufi in Zukunft der Fall sein.
Es mufi so weit gehen, dafi derjenige, der Mitglied des Zweiges Neusee-
land ist, wirklich eine Vorstellung davon hat, was in Wien vorgeht. Es
werden die Mitglieder gut tun, dasjenige, was sie innerhalb und aufler-
halb der Anthroposophischen Gesellschaft erleben, der Redaktion des
Mitteilungsblattes mitzuteilen. Das wird dann verarbeitet, und man
wird immer lesen, was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht.
Ich habe vor, in der Zukunft in jeder Nummer kleine, kurze Aphoris-
men zu bringen, welche wichtige Lebensinhalte kurz zusammenfassen,
so dafi man solche Aphorismen wirdverwenden konnen in den Zweigen
oder bei anderen Gelegenheiten.
Durch alles das soil wirkliches Leben, pulsierendes Leben in die
Anthroposophische Gesellschaft hineinkommen. Das wollte unsere
Weihnachtstagung. Dessen sollte sich jedes einzelne Mitglied bewufit
werden. Und nur, weil das so sein soil und eigentlich so sein mull, wenn
Anthroposophie selbst in der richtigen Weise ihre Vergangenheit und
Zukunft haben soil, habe ich es unternommen, nachdem ich mich jahre-
lang zuriickgezogen hatte, Verwaltung und Vorsitz selbst zu iiber-
nehmen, mit einem Vorstand, von dem ich weifi, dafi er vom Goethe-
anum aus fruchtbar arbeiten wird. Ich hatte wahrhaftig in meinem
Alter mir nicht vorgenommen, wiederum so zu tun, wie man als ganz
junger Kerl getan hat, wieder neu anzufangen, wenn nicht die absolute
Notwendigkeit dagewesen ware. Zu gleicher Zeit mochte ich an jedes
Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft appellieren, mitzu-
helfen, dafi diese Weihnachtstagung im Herzen unserer Mitglieder den
Grundstein des anthroposophischen Lebens legen moge und nicht auf-
hore, wirklich als ein Lebenskeim sich immer weiter und weiter zu ent-
wickeln, so dafi ein immer regeres und regeres Leben in der Anthropo-
sophischen Gesellschaft eintritt. Dann wird die Anthroposophische
Gesellschaft auch hinauswirken in die Welt.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 6. Februar 1924
Gestatten Sie, dafi ich mit einer anthroposophischen Auseinanderset-
zung beginne, urn dann am Schlufi mit einigen wenigen Worten zuriick-
zukommen auf dasjenige, was mit der Weihnachtstagung gemeint war.
Sie kennen aus den verschiedenen anthroposophischen Darstellun-
gen die Bedeutung der die Erde umgebenden Himmelskorper fur das
Leben und Dasein des Menschen. Ober ein besonderes Kapitel aus die-
sem Gebiete mochte ich heute zu Ihnen sprechen. Wenn wir den Blick
umherschweifen lassen hier wahrend unseres Erdendaseins auf alles
dasjenige, was uns auf der Erde umgibt, und auch auf das, was uns im
Weltenumkreise der Erde umgibt, so sehen wir eigentlich mit den phy-
sischen Sinnen, auch dann, wenn diese physischen Sinne zu den Sternen
heraufschweifen, nur dasjenige, was zusammenhangt mit jenem Teile
unserer menschlichen Wesenheit, den wir mit dem Tode ablegen. Wir
wissen ja aus den verschiedenen anthroposophischen Darsteliungen,
dafi der menschliche physische Leib seine Krafte, auch seine substan-
tielle Zusammensetzung aus demjenigen holt, was uns auf der Erde
umgibt. Wir wissen ferner, dafi wir aufier dem physischen Leib in uns
tragen einen Atherleib und dafi in gleicher Weise, wie der physische
Leib seine Krafte, seine substantiellen Bestandstiicke der Erde ent-
nimmt, so dieser Atherleib seine Bestandstiicke, seine Krafte den Wei-
ten des aufierirdischen Weltenalls, der atherischen Welt. Und diese
atherische Welt ist es ja, welche die Erde in den Raumesweiten umgibt,
diese atherische Welt ist es, in welche die Sterne eingebettet sind, aus
der das Licht aus dem Weltenall auf die Erde herniederstromt. So ver-
danken wir unser physisches und unser atherisches Dasein demjenigen,
was wir entweder in unserer Erdenumgebung oder in derWeltumgebung
der Erde schauen konnen, offenbar werden sehen. Aber innerhalb des-
jenigen, was uns als die Atherumgebung der Erde im Weltenall umhullt,
sehen wir zunachst zwei Weltenkorper, die wir geradezu bezeichnen
konnen als Tore in die geistigeWelt hinein. Wir sehen die beiden Welten-
korper, den Mond und die Sonne. Diesen beiden Weltenkorpern, dem
Monde und der Sonne, wurde von jeher von alien denjenigen, die mit
ihrer Einsicht tiefer hineinschauen konnen in das Gefuge des Welt-
ganzen, die denkbar grofite Bedeutung fiir das menschliche Leben und
Dasein beigelegt.
Wenn wir den Menschen im anthroposophischen Sinne betrachten,
so konnen wir ja wissen, wie aufier dem physischen Leib und dem
Atherleib die astralische Wesenheit des Menschen und die Ich-Wesen-
heit in ihm vorhanden sind. Allem, wenn wir auf diese astralische und
Ich- Wesenheit hinschauen, wir finden iiberall in den Weiten, die wir
beobachten konnen mit den aufieren Sinnen - auch wenn wir, wie ge-
sagt, den Blick in die Sternenwelt hinaufschweifen lassen -, nichts, was
zunachst fiir die aufiere Beobachtung ahnlich ist dem astralischen
Wesen und dem Ich-Wesen des Menschen. "Wir finden eben nur das-
jenige, was ahnlich ist dem physischen und dem Atherwesen. Nichts im
sichtbar und offenbar werdenden, fiir unsere Sinne, fiir den Verstand
offenbar werdenden wei ten Weltenall, nichts liefert fiir den astralischen
Leib und fiir die Ich- Wesenheit Bestandstiicke, Krafte. Aber eben in
Mond und Sonne haben wir dennoch etwas, was wie Tore sich aus-
nimmt in diejenige Welt hinein, aus der unser astralischer Leib und
unsere Ich- Wesenheit stammen.
Sie haben ja verfolgt, wie in meiner «Geheimwissenschaft» und an-
deren Schriften auf einen Zeitpunkt hingewiesen worden ist, in dem
sich der physische Mond losgetrennt hat von der Erde. Es ist darauf
hingewiesen worden, wie der physische Mond mit der Erde einstmals
einen Korper im Weltenall bildete, wie dann sich dieser physische Mond
von der Erde abgetrennt hat. Allein diese physische Abtrennung oder
auch atherische Abtrennung, die ist nicht alles, was uns mit Beziehung
auf das Mondendasein und auf das menschliche Leben beschaftigen soil,
sondern wir haben es in der Abtrennung des Mondes zugleich zu tun
mit einer bedeutungsvollen geistigen Tatsache. Und auf diese geistige
Tatsache wollen wir einmal das Augenmerk lenken.
Auch darauf habe ich ja ofter hingewiesen, wie in uralten Erden-
zeiten der Mensch eine sogenannte Urweisheit besessen hat. Wir sind
heute stolz auf unsere Verstandeseinsicht, auf unser sogenanntes Ver-
standes- und Beobachtungswissen. Nun ja, gewifi, dasjenige, was wir
heute in dieser Art wissen, das hat eine altere Menschheit nicht gewufit,
dazu mufite die Erde erst erne gewisse Entwickelung durchmachen und
der Mensch mit ihr. Erst durch diese Entwickelung konnte er seinen
physischen, zum Nervensystem verfeinerten Leib so weit beniitzen, daft
er eben Verstandeswissen erwerben kann. Das uralte Wissen der Mensch-
heit war ein instinktives, kam auch in anderer Art zum Vorschein als
zumeist das heutige Wissen. In machtig einherrollenden dichterischen
Formen pragte sich dasjenige aus, was in uralten Zeiten die Menschheit
iiber die Geheimnisse der Welt wufite. Und in demjenigen, was traditio-
nell erhalten ist, was man heute in den Dokumenten verfolgen kann, in
dem ist eigentlich nur ein Nachklang vorhanden von dem Grofiartigen,
Gewaltigen der Urweisheit, welche die Menschheit einmal auf der Erde
besessen hat. Wir konnen aber heute in tiefes Erstaunen verfallen, wenn
wir so etwas wie die morgenlandischen Veden oder die Vedantaphiloso-
phie auf uns wirken lassen. Wir bewundern die herrlichen Verse der
Bhagavad Gita, wir sehen in all dem etwas Grofies. Allein wir mussen
uns bewufit sein: das sind doch nur die letzten Auslaufer von etwas viel
Grofierem, von etwas viel Gewaltigerem, das einmal fur die Menschheit
da war. Und dieses Grofie, Gewaltige, das einmal da war, die Mensch-
heit verdankte es der Tatsache, daft sie damals mit Wesenheiten in
Genossenschaft lebte, die in ihrem Dasein hoher standen als die heutige
Menschheit und auch naturlich als die damalige Menschheit, Wesen-
heiten, die nicht nach Art des heutigen Menschenleibes einen physischen
Leib an sich trugen, Wesen, die nur im atherischen Leibe auf der Erde
herumwandelten, die aber dennoch ein mit den iibrigen Menschen ge-
meinsames Leben fuhrten.
Da diese Wesen keinen physischen Leib hatten, konnten sie naturlich
nicht in der Art mit den Menschen sprechen, wie wir es heute gewohnt
sind, dafi von einem Menschen zum anderen gesprochen wird. Aber in
gewissen Bewufitseinszustanden fuhlten die Menschen der Urzeiten
- und schliefilich waren wir das ja alle selber in unseren friiheren Erden-
leben -, wir also, kann ich sagen, fuhlten in den Urzeiten der Erden-
entwickelung in besonderen Bewufitseinszustanden, wie innerlich Emp-
findungen, Gedanken auftauchten, von denen man wulke: sie stammen
nicht von dem Menschen selber, der sie hegt, ebensowenig wie das von
uns selber heute stammt, was wir durch sprachliche Mitteilung von
einem anderen horen. Auf geistige Art wurde von den auf der Erde
herumwandelnden atherischen Obermenschen, konnte man sagen, ein-
inspiriert den Menschen das viel hohere, viel gewaltigere Wissen, das
diese Wesenheiten hatten. Umgang also mit Wesenheiten nicht physi-
scher Art hatten wir in f rtiheren Erdenleben in den irdischen Urzeiten.
Diese Wesenheiten, sie sind heute nicht mehr da. Sie sind schon seit
langen Zeiten nicht mehr innerhalb des irdischen Lebens. Sie haben sich
von dem Umgang mit den Menschen zuriickgezogen, und die Mensch-
heit hat sparliche Uberreste von dem, was sie einstmals durch diese
Urzeitwesen von Geheimnissen des Weltenalls erfahren hatte, sparliche
Oberreste hat die Menschheit aufbewahrt in den verschiedenen Doku-
menten. Und eigentlich kann man sagen, dafi sie diese sparlichen Uber-
reste auch kaum mehr versteht.
Wohin haben sich diese Wesen der Urweltzeiten zuriickgezogen?
Sehen Sie, geradeso wie der physische Mond sich von der Erde ab-
getrennt hat, so haben sich in Gemeinschaft mit diesem physischen
Weltenkorper des Mondes diese Wesenheiten hinaus in das weite Wel-
tenall zuriickgezogen. Ich habe ja iiber etwas Ahnliches schon gespro-
chen. Wir wollen heute ein Weiteres iiber diese Wesenheiten kennen-
lernen, so daft - wenn wir den Blick hinauflenken auf diesen Welten-
korper des Mondes - wir uns sagen konnen: Der wird bewohnt von
Wesenheiten, die einstmals die Genossen der Menschheit auf der Erde
waren und die sich in diese Mondenkolonie zuriickgezogen haben. Mit
dem aufieren Menschen, der in seinem physischen Leibe auf der Erde
lebt, haben diese Wesenheiten zunachst scheinbar keinen Zusammen-
hang; aber sie haben ihn doch. Und eben auf diesen Zusammenhang
wollen wir einmal hinweisen. Dafi diese Wesenheiten in irgendeiner Art
mit der menschlichen Vergangenheit zusammenhangen, konnen wir ja
schon daraus entnehmen, da£ sie in vergangenen Zeiten eben die Ge-
nossen der Menschheit auf Erden waren, Und sie sind mit der Ver-
gangenheit des Menschen verkniipft geblieben.
Wenn wir den Menschen betrachten, wie er sein Leben innerhalb des
physischen Leibes auf der Erde hier vollendet, dann finden wir, dafi
sich in dieses Leben hineinwebt dasjenige, was wir das Schicksal nennen.
Dieses Schicksal, das man gewohnt worden ist mit dem orientalischen
Namen Karma zu bezeichnen, es nimmt sich als etwas recht Geheimnis-
volles im menschlichen Leben aus. Aber man betrachtet dieses Geheim-
nisvolle nicht immer in seinen bedeutungsvollen Zusammenhangen.
Denken Sie einmal: In einem bestimmten Alter treffen aufeinander
zwei Menschen. Sie haben sich vorher nicht gesehen. Von dem Zeit-
punkte an, da sie aufeinandertreffen, tritt in ihr Leben etwas ein, das
mit ihrer Gemeinsamkeit zusammenhangt. Sie erkennen einander sozu-
sagen, und sie wissen, daft sie nun viel miteinander zu tun haben wer-
den. Wenn aber solche Menschen dann zuriickschauen auf das Leben,
das sie auf der Erde seit ihrer Kindheit vollbracht haben, dann nimmt
sich, wenn sie nur vorurteilslos genug die Sache ansehen, alles das, was
sie getan haben bis zu dem Zeitpunkte, wo sie sich getroffen haben,
aufierordentlich sinnvoll in der Richtung aus, dafi es ihnen sich zeigt,
wie sie eigentlich jeden Schritt ihres Lebens seit ihrer Kindheit so an-
geordnet haben, als ob sie den Weg bis zu dem Orte hin von Anfang an
hatten nehmen wollen, bis zu dem Orte, an dem sie sich dann treffen.
Man blickt zuriick von diesem Momente, wo man einen anderen ge-
troffen hat, mit dem man dann Gemeinsamkeit pflegt, man blickt zu-
riick -, und das vorangegangene Erdenleben, es nimmt sich wirklich
oftmals so aus, dafi man sich sagen kann: Da ist mein Ausgangspunkt
in einer fernen Kindheit, aber ich habe jeden Schritt so gemacht, dafi
mein Weg mich zuletzt dahin fiihren mufke, wo ich den anderen treffe.
Alles dasjenige, was ich in so sinnvoller Weise getan habe, alles das ist
ja ganz unbewufit geschehen; dasjenige, was bewufit geschah, tritt erst
ein nach dem Treffen, aber das Unbewufite schiiefit sich in einer wun-
derbaren Weise mit dem Bewulken in eins zusammen, Und es ist ein
grofier Unterschied in dem Weben des Schicksales mit Bezug auf das-
jenige, was wir so unbewufk als unseren Erdenweg angeordnet haben,
um den anderen zu treffen, und dasjenige, was wir dann vollbringen,
wenn wir ihn getroffen haben. Da ist er vor uns, da sehen wir ihn, da
verstehen wir dasjenige, was er spricht, da richten wir unsere Hand-
lungen nach dem ein, wie er sich aufiert, wie er uns im aufteren Leben
entgegentritt, da fiihren wir mit ihm ein gemeinsames Leben, das zu-
ganglich ist unseren Sinnen, unserem Verstande. Aber wir werden
sehen, wie sich in dieses gemeinsame, nun unseren Sinnen und unserem
Verstande zugangliche Leben doch eben unbewufit wieder hineinmischt
auch dasjenige, wie wir gegangen sind bis zu dem Zeitpunkte, wo wir
uns getroffen haben. Wir konnen fragen: Was wirkt und lebt in all die-
sen Richtungen, in all diesen Kraften, mit denen wir uns zu dem an-
deren hinbewegen?
Es kann auch irgendein Ereignis sein, zu dem wir uns hinbewegen.
Alles Schicksalsmafiige kommt dabei in Betracht. Wir werden finden,
dafi da ein grofier Unterschied ist im Erleben zwischen der einen Sorte
von Erlebnissen und der anderen. Wir konnen namlich auf zweifache
Art im Leben einem Menschen gegeniibertreten. Bei der einen Art be-
kommen wir sogleich die Empfindung - oder wir bekommen sie, nach-
dem wir nachher Bekanntschaf t geschlossen haben mit einem Menschen
oder dem Ereignis -, die Empfindung, die wir in unseren Willen auf-
nehmen. Wir lernen den Menschen kennenj das, was er ist, was er mit
uns nun gemeinsam tut, es ist so, dafi wir es willenshaft in uns selber
empfinden. Dafi wir vor alien Dingen so denken wollen, wie er denkt,
so fuhlen, wie er fiihlt, so wollen, wie er will. Ja, wir fuhlen: Dieser
Mensch beginnt in uns selber zu kraften. Wir fuhlen ihn im Inneren.
Er riittelt etwas auf in unserem Inneren, das von ihm kommt, das aber
doch in unserem Willen lebt, das vom Willen aus unser Gemiit durch-
zieht. Wir lernen sogar uns selber auf diese Art besser kennen, indem
wir unserem Wollen und dem tiefer mit dem Willen zusammenhangen-
den Gefiihl das anempfinden: der Mensch ist eigentlich nicht nur da,
um auf uns von aufien zu wirken, wenn wir ihn anschauen, sondern der
riihrt und riittelt etwas in uns auf, was in uns selber ist. Das ist die eine
Art, wie wir Menschen schicksalsmafiig im Leben entgegentreten.
Die andere Art ist diese, wo weniger in uns selber aufgeruttelt wird
bei der Bekanntschaf t mit den Menschen, wo wir den Menschen mehr
von aufien anschauen, wo wir ihn beurteilen nach dem Verstandes-
eindruck, den er auf uns macht, nach dem asthetischen Eindruck, den er
auf uns macht. Bedenken Sie, was fur ein grofier Unterschied ist zwi-
schen diesen beiden Arten, mit anderen Menschen bekannt zu werden.
Denken Sie sich nur: Sie werden mit dem einen oder anderen Men-
schen bekannt, kommen dann irgendwo anders hin, und Sie sind ver-
sucht zu reden iiber diese Ihre Bekanntschaf t, beziehungsweise iiber den
anderen Menschen, mit dem Sie bekannt geworden sind. Diese Art, wie
man da redet, die unterscheidet sich ganz betrachtlich ftir unsere Men-
schenbekanntschaften im Leben. Das eine Mai reden wir so, daft jeder
merkt, wir sind bei unseren Worten dabei, wir geben etwas von uns
selber, indem wir von dem anderen Menschen reden - und wir reden
Dinge, die den anderen Menschen gar nicht verstandlich sind. Wir
reden in schonen Worten von dem anderen Menschen, aber er ist hafi-
lich, und da sind Menschen in der Umgebung, die konnen das gar nicht
begreifen, daft wir so reden, denn auf sie macht der Mensch den Ein-
druck des Haft lichen. Sie konnen nicht fassen, wie wir in Hymnen iiber
einen Menschen reden, den sie fur hafilich ansehen. Aber uns geht das
gar nichts an, was die anderen nach einem aufierlich-asthetischen Ein-
druck als hafilich an ihm finden, wir reden nicht von dem, was den
Eindruck wiedergibt, den er von aufien macht. Wir reden von dem, was
er in uns aufgeriihrt und aufgeruttelt hat, was von uns ist, und was wir
von diesem Menschen reden, braucht nicht zu stimmen mit dem Ein-
druck, den andere Menschen haben.
Bei anderen Menschen wieder ist es anders. Da haben wir ein gutes
Gesicht dafiir, ob sie schon oder hafilich sind. Da reden wir so, daft man
sieht: der Verstandeseindruck, der Sinneseindruck, der asthetische Ein-
druck sind maftgebend. Wir reden so, daft wir vielleicht sagen: Das ist
ein Prachtskerl! Sie wissen, es gibt im Leben Bekanntschaf ten, wo es
uns gar nicht einf allt, in dieser aufier lichen Weise iiber einen Menschen
zu reden. Wir reden auch so, daft die anderen die Sache sogleich ver-
stehen konnen, wenn sie den Menschen auch kennen oder wenn sie ihn
kennenlernen.
Diese zwei Arten, das Zusammentreffen mit Menschen zu schildern,
iiberhaupt anzusehen, diese zwei Arten gibt es eben einfach. Nur ist die
erste Art diejenige, die zuriickweist darauf, daft beim Zusammentreffen
mit dem Menschen aufgeriihrt und aufgeruttelt wird in uns das weitere
Zusammenleben im friiheren Erdendasein. Daft etwas zuriickweist auf
friihere Inkarnationen, in denen wir gemeinsam mit diesem Menschen
gelebt haben, das ist es, was dann in dieser Weise empfindungsgemaft
zutage tritt bei der ersten Art der Beurteilung eines Menschen. Und bei
der zweiten Art ist es so, daft wir aufierlich urteilen, urteilen in einer
solchen Weise, wie es die anderen auch verstehen konnen, weil wir eben
nicht in friiheren Erdenleben mit diesem Menschen zusammen waren,
vielleicht erst in diesem Erdenleben das allerersteMalzusammentreffen.
Wenn man dann aber mit geistigerEinsicht priift, was diesem Schick-
salsmaftigen, das in dem ersten Fall in einer so charakteristischen Weise
auftritt, zugrunde liegt, dann finden wir, dafi dem Menschen einver-
woben wird, bevor er zum physischen Erdendasein heruntersteigt - in-
dem er sich vor diesem Heruntersteigen, nachdem er andere Spharen
durchgemacht hat, durch die Mondensphare bewegt -, einverpflanzt
wird in seinen astralischen Leib dasjenige, was sein gemeinsames Karma
mit anderen Menschen ist; einverpflanzt wird es ihm fur sein heutiges
Erdendasein von denjenigen Menschengenossen, welche einstmals auf
der Erde mit den Menschen gelebt haben, so wie ich es Ihnen vorher
geschildert habe, und welche sich zuruckgezogen haben nach dem Mon-
dendasein. Das sind die Wesenheiten, durch deren Sphare wir hindurch-
gehen, bevor wir heruntersteigen in das Erdendasein. Das sind die
Wesenheiten, die seit jener Zeit, seit sie die Erde, seit sie die Menschen-
genossenschaft verlassen haben, sich beschaftigen mit dem Aufzeichnen
des Schicksales, das die Menschen gemeinsam miteinander leben. Und
so ist es, dafi wir zurtickschauen konnen auf dasjenige, was in uns ist,
was da rumort, wenn wir auf die erste Art einen anderen Menschen
treffen, dafi wir dasjenige, was da in uns ist, zugleich finden in jenen
grofien Schicksalsbuchern, welche diese Mondenwesen mit ihrer Er-
kenntnis der menschlichen Erdenleben vollschreiben. Das sind Biicher,
die im Geistigen gefiihrt werden. Das sind Biicher, die alles enthalten,
was wir mit anderen Menschen gemeinsam durchlebt haben. Gemein-
sam lesen wir, indem wir die Mondensphare passieren, in diesen Bu-
chern dasjenige, was wir dann heruntertragen, und mit dem, was wir in
diesen Buchern gelesen haben, richten wir uns unseren Weg ein, den wir
hinorientieren - vielleicht fiinfundzwanzig bis dreifiig Jahre bis wir
denjenigen finden im Erdendasein, von dem geschrieben stand in den
Mondenbuchern, bevor wir heruntergestiegen sind auf die Erde, dafi
wir dieses oder jenes in vergangenen Erdenleben mit ihm durchgemacht
haben.
So wunderbar sind die geheimnisvollen Zusammenhange im Welten-
all eingerichtet. Und so miissen wir mit einem vertieften Gefuhl, mit
einem durch Anthroposophie vertieften Gefuhl hinaufschauen zu dem
Mondendasein und nicht nur dasjenige ins Auge fassen, was uns eine
physische Wissenschaft beschreibt vom Monde, sondern dasjenige ins
Auge fassen, was eineGeisteswissenschaft uns iiber das Geistig-Seelische,
uber das Geistige des Mondes sagen kann. Wenn man doch nur einmal
bedachte, wie sich uberall die Gleichnisse finden fiir dasjenige, was ver-
standlich macht diese Weltensphare! Mit Bezug auf das irdische Gleich-
nis gibt es heute ein Wissen, das fiir das Leben ja nicht beachtet wird;
aber es ist immerhin als Wissen da.
Es wurde auch in unseren Reihen schon ofter betont: Der Mensch
wechselt seinen physischen Stoff alle sieben bis acht Jahre einfach aus.
Sie wissen ja, der Mensch stofk nach aufien den physischen Stoff an
seiner Haut ab, er schneidet sich die Nagel, die Haare. Das alles weist
uns darauf hin und es ist auch so, dafi der Mensch von dem Zentrum
seines Wesens den Stoff immer vorschiebt und immer Neues sich nach-
schiebt. Was Sie heute von Ihrem Nagel abschneiden, das war vor sie-
ben oder acht Jahren eine Substanz inmitten Ihres Organismus, das
schieben Sie sich vor, das geht dann weg. Physische Stoff lichkeit wird
erneuert. Ja, es ist so, fiir diejenigen, die schon dagesessen haben vor
zehn Jahren, ist es so, daft sie sich nicht einbilden dvirfen, dafi dieselben
Muskeln und dieselben substantiellen Bestandteile, die damals auf die-
sen Stiihlen safien, heute wieder dasitzen. Von alledem ist nichts vor-
handen; aber ihr Geistig-Seelisches ist vorhanden, das ist wieder da.
Ebenso ist es aber, wenn wir nach den Weltenkorpern hinausblicken.
Der physische Beobachter will nur nach der physischen Substanz hin-
sehen und redet so, als ob der Mond, der da oben ist, derselbe ware, der
sich einmal seiner physischen Substanz nach von der Erde getrennt hat.
Das ist geradeso ein Unsinn, wie wenn Sie glauben wiirden, dafi diese
Muskeln, diese physischen Bestandteile, die vor zehn Jahren auf diesen
Stiihlen safien, heute auch dasitzen wiirden. Es dauert allerdings langer
bei den Weltenkorpern, bis die Substanzen sich austauschen, aber sie
tauschen sich aus. Der physische Mond, von dem die physische Wissen-
schaft spricht, ist nicht etwas, von dem man so reden kann, wie man
gewohnlich redet. Was da geblieben ist, das sind die geist-seelischen
Wesenheiten, die auf der Erde Mitbewohner der Menschen waren.
Dasjenige, was das Mondendasein darstellt, auf dem sie leben, das hat
sich als physische Substanz ausgetauscht. Die Wesenheiten geistig-
seelischer Art, die eigentlich das Mondendasein in Wirklichkeit bilden
- so wie Ihr geistig-seelisches Dasein den Zusammenhang Ihres Wesens
von vor zehn Jahren mit heute bildet -, diese geistig-seelischen Wesen
sind diejenigen, die gewissermafien unsere Vergangenheit registrieren.
Dasjenige, was man in dieser Weise darstellen kann, das lafit sich
noch vertiefen, wenn man versucht, es mit der Initiationswissenschaft
darzustellen. Ich habe bisher es so dargestellt, dafi ich Sie darauf hin-
gewiesen habe, wie dasjenige, was in uns zu rumoren anfangt bei Be-
kanntschaf ten der ersten Art, das ist, was die Mondenwesenheiten uns
aus ihren Biichern haben lesen lassen, bevor wir zur Erde herabgestie-
gen sind. Der Initiierte, der nimmt dasjenige, was in dieser Art ihm im
Leben entgegentritt, noch auf eine ganz andere Art wahr. Auch er trifft
im Leben einen anderen Menschen: Wahrend fur das gewohniiche Be-
wufitsein nur die innerliche Empfindung da ist, dafi man den anderen
Menschen in den Willen aufnimmt, ihn nicht nach dem aufieren Ein-
druck beurteilt, tritt fiir den Initiierten das ein, dafi tatsachlich an-
schaubar fiir ihn wird dasjenige, was friihere Erdenleben der Person-
lichkeiten waren, die ihm da entgegentreten. Da tritt nicht nur dieser
physische Mensch auf mit seinem geistig-seelischen Inhalte, sondern
gewissermafien hinter ihm schattenhaft fniheres Erdenleben, vielleicht
mehrere friihere Erdenleben. Man lernt einen Menschen so kennen, dafi
einem gegeniibertritt aus dem geistig-seelischen Anschauen eine ganze
Reihe von Menschen. Man lernt zugleich mit einer Bekanntschaf t eine
ganze Reihe von Personen kennen, die so gegenstandlich sind, wie der
Mensch gegenstandlich ist, den man im Physischen vor sich hat. In
Zivilisationen, in denen man von solchen Dingen noch etwas geahnt
hat, hat man sogar solche Dinge gemalt. Denken Sie, es gibt doch alte
Bilder, wo Sie eine Menschengestalt haben, hinter ihr eine zweite etwas
erhoht, hinter ihr eine dritte etwas erhoht. Das ist dasjenige, was man
malerisch f esthalten wollte von dem Eindruck, den der Initiierte durch
eine Bekanntschaft hat, die so an ihn herantritt, dafi das betreffende
Menschenwesen ihm nicht nur das Anschauen aufgehen lafit, das es ihm
im gegenwartigen Erdenleben entgegenbringt, sondern das, was es ihm
entgegenbringt aus vergangenen Erdenleben. So daft dasjenige, was nur
eine Art Gefuhl und Empfindung ist fur das gewohnliche Bewuiksein,
auf tritt in heller Anschaulichkeit fiir das initiierte Bewufksein. Und es
darf im Sinne der. Geisteswissenschaft gesagt werden, dafi die Sache in
der Tat so ist: dasjenige, was da in einem Menschen karmisch mit ihm
verbunden ist und fiir den Initiierten als Anschauung auftritt, das tritt
als dunkles Gefuhl auf, wenn nicht die Initiation, sondern wenn das
gewohnliche Bewufksein da ist.
So konnen wir das, was aus unserer Vergangenheit wirkt und webt
in unserem Schicksal, das in uns befindliche Mondenhafte nennen. Wir
blicken zuriick auf unsere Erdenleben: das Mondenhafte wirkt in uns.
Es wirkt so, daft wir, indem wir Menschen gegeniibertreten, eigentlich
immer einem Vielfachen dann entgegentreten, wenn diese Menschen
mit uns karmisch verbunden sind. Fiir den Initiierten ist eine so geartete
Bekanntschaft gewissermafien eine solche mit mehreren Menschen in
ihm, wenigstens mehrerer Menschenleben in ihm. Denn diese Bekannt-
schaft mit den friiheren Leben ist zumindest eine ebenso lebendige wie
mit dem gegenwartigen Leben des anderen Menschen.
Nun betrachten wir einmal jene andere Art von Bekanntschaften,
wo wir den Menschen mehr beurteilen nach dem aufieren Eindruck,
mehr nach dem, was unser Verstand iiber ihn sagt, was unsere Sinne
iiber ihn sagen, was jeder gleich versteht, nach dem asthetischen Ein-
druck und so weiter. Da fiihrt, wenn man die Sache geisteswissenschaft-
lich betrachtet, nichts zuriick in die Vergangenheit, da sind keine
Wesen da, welche den Weg bis zu dieser Bekanntschaft hin im Erden-
leben vermitteln innerhalb der Mondensphare; da ist auch nichts ein-
geschrieben worden innerhalb der Mondensphare in den astralischen
Leib des Menschen. Aber da wirken eben andere Krafte. Da wirken die
Krafte, die als geistig-seelische Krafte nun mit dem Sonnendasein zu-
sammenhangen. Die Krafte, die geistig-seelischen Krafte des Sonnen-
daseins wirken herunter auf diese zweite Art der Bekanntschaft und
weben von einer anderen Seite her das Schicksal. Ja, fiir eine geistige
Betrachtung ist es schon so, als ob wir, ich mochte sagen, wie die ge-
heimnisvolle Nacht zunachst dasjenige erlebten, was uns zu Menschen
hinf iihrt, mit denen wir in vergangenen Erdenleben manches vollbracht
haben. Dann treten wir diesem Menschen selber entgegen: Jetzt richten
wir uns mehr nach dem, was er als Eindruck in uns hervorruft, jetzt ist
es, wie wenn an Stelle der geheimnisvollen Nacht die Tageshelle trate,
die Sonne auf trate. Es ist auch geistig so: jetzt tritt auf fur diejenigen,
die schon lange karmisch zusammengehoren, jetzt tritt auf fur sie nicht
nur die Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft. Das Schick-
sal wird weiter gewoben. Geistig-Sonnenhaftes tritt an den Menschen
heran.
Aber auch fur diejenigen, die nichts miteinander durchgemacht
haben in friiheren Erdenleben, auch fur die tritt dieses Geistig-Sonnen-
hafte auf fur das Weben der Schicksale in Gegenwart und Zukunft.
Und wiederum: derjenige, der mit der Initiationseinsicht so etwas be-
trachtet, lernt einen Menschen, mit dem er in friiheren Erdenleben
nicht beisammen war, sondern mit dem er das erste Mai oder ein erstes
Mai zusammenkommt, nicht so kennen, dafi er hinter ihm die schatten-
haften Erdenleben erblickt. Aber er erblickt, indem er dem Menschen
so entgegentritt, hinter diesem Menschen Wesenheiten der hoheren
Hierarchien, Wesenheiten von der Art, die der Mensch noch nicht er-
reicht hat. Angeloi, Archangeloi, die treten jetzt hinter dem Menschen
auf. Innerhalb der Initiationseinsicht ist es ein grower Unterschied, ob
man einem Menschen entgegentritt, mit dem man schon beisammen
war, oder ob man ihm zum ersten Male entgegentritt. War man mit ihm
viel zusammen, so erscheinen hinter ihm seine friiheren Erdenleben.
War man nicht mit ihm beisammen, dann erscheinen in seinem Hinter-
grunde Wesenheiten der nachsthoheren Hierarchien, namlich solche
Wesenheiten, welche mit den Sonnenstrahlen, mit dem Sonnenstrahlen-
leuchten zu uns auf die Erde niederdringen. Und ebenso wie die Mon-
denwesen das Karma, das vergangen ist, in unseren astralischen Leib
einverweben, wird von dieser Schar der Sonnenwesen in unsere Ich-
Organisation einverwebt - in die unterbewuftte Ich-Organisation der
Ich-Wesenheit des Menschen - dasjenige, was sich abspielt, nachdem
wir einen anderen Menschen hier auf der Erde getroffen haben: das,
was die Grundlage ist fur weiteres Karma in die Zukunft hinein. Gegen-
wart verwandelt sich ja fortwahrend in Zukunft. Was jetzt noch Ge~
genwart ist, ist fiir den vorhergehenden Augenblick die Zukunft ge-
wesen. So dafi eigentlich unsere Entwickelung von der Vergangenheit
in die Zukunft lauf t.
Dasjenige, was wir beim Menschen so fortschreitend sehen von der
Vergangenheit in die Zukunft, das sehen wir in seinem Gegenbilde im
Kosmos draufien, indem wir den iiber den Himmel schreitenden Mond
betrachten und dann in seinem Gefolge oder vorausgehend die Sonne.
Wie Sonne und Mond in ihrem Lauf um die Welt, so verhalten sich Ver-
gangenheit und Zukunft im Verlauf des menschlichen Lebens in dem
geheimnisvoll gewobenen Schicksal. Geradeso wie man sich mit der
Initiationswissenschaft beim Begegnen eines Menschen sagt, aus tief-
stem, bewegtem Gefuhl heraus sagt: Das, was du da hinter ihm schaust,
was die Mondenwesen in seinen astralischen Leib eingezeichnet haben,
das gehort dir ebenso an wie ihm, durch das bist du mit ihm zusammen-
gewachsen, so sagt man sich, wenn man mit der Initiationswissenschaft
einen Menschen in der Welt zum ersten Male trifft: Da stehen Angeloi,
Archangeloi hinter ihm. Jeder weist gewissermafien mit dem Finger auf
die Zukunft hin. - Viele Moglichkeiten treten da auf, ; Moglichkeiten
eines kommenden schicksalsgemafien Lebens.
Sehen Sie, wenn man in dieser Art den Blick hinausrichtet in die
Weltenweiten, dann erscheinen einem eben Mond und Sonne als die
beiden Tore in die geistige Welt hinein. Und man sagt sich: Dasjenige,
was in der physischen Erdenumgebung ist, es lebt in meinem physi-
schen Leibe augenblicklich; dasjenige, was in den weiten Atherspharen
ist, wo die Sterne sind, es lebt in meinem Atherleibe. Aber wenn ich zum
Mond hinaufblicke, zur Sonne, dann blicke ich auf zu dem, was weder
in meinem physischen Leibe ist, noch zu dem, was in meinem Ather-
leibe lebt, sondern zu dem, was in meinem Astralischen lebt und was
mein Ich durchkraftet. Da werden wir durch das Mondendasein aus
der physischen und Atherwelt hinaus in die geistige Welt hinein gefiihrt.
Und wiederum, wenn man zur Sonne hinaufschaut, so sagt man sich:
Da werde ich durch dasjenige, was als Geistig-Seelisches zur Sonne ge-
hort, durch ein Tor geleitet, das mich hineinweist in eine Welt, die
gleichartig ist mit meiner Ich-Wesenheit; nicht bloft in eine Welt, die
gleichwertig ist mit meinem physischen und astralischen Leibe, sondern
die gleichwertig ist sogar mit meiner Ich-Wesenheit, durch die ich als
bewufttes Wesen in der Welt auftrete mit demjenigen, was uns in unser
Schicksal wie eine Notwendigkeit gewoben erscheint, dem wir folgen,
weil wir diese oder jene physischen Anlagen, dieses oder jenes Tem-
perament, diesen oder jenen Charakter haben. Dies ist alles nur Aus-
druck fur unser Karma. - In allem, dem wir als der Notwendigkeit
unseres Leibes folgen, in all dem, was der Dichter ausspricht mit den
Worten: «So mufit du sein, dir kannst du nicht entfliehn» - in all dem
lebt die menschliche Vergangenheit des Mondendaseins, Und in
alledem, was als Freiheit in uns lebt, so daft wir eingreifen - wir wol-
len es aus unserer vollen Besonnenheit heraus da wirkt das Sonnen-
dasein.
So webt sich Naturdasein und moralisches Dasein vor einer geistigen
Betrachtung in eins zusammen. Wir haben vor einer solchen geistigen
Betrachtung nicht auf der einen Seite die Natur mit ihrer starren Not-
wendigkeit und auf der anderen Seite das Geistig-Seelische, das damit
keine Verbindung eingehen kann, sondern als eine abgezogene mora-
lische Weltordnung daliegt, nein, wir haben diesen Gegensatz nicht,
wir haben die Moglichkeit, in den Erscheinungen der Natur zu gleicher
Zeit das zu finden, was in uns moralisch lebt. Allerdings miissen wir
dann von den gewohnlichen Naturerscheinungen hinausschreiten zu
demjenigen, was sich uns darstellt im geistigen Sonnen- und Monden-
dasein.
Sehen Sie, vor einer solchen Betrachtung taucht uberhaupt auf diese
Moglichkeit, aus dem Naturdasein des Menschen aufzusteigen zum
geistig-seelischen Dasein. Wir blicken ja auch so in die Natur hinaus,
daft, indem wir hinausblicken - wenn wir das auch nicht zu durch-
schauen vermogen mit dem gewohnlichen Bewufttsein -, wir auf das-
jenige hinausblicken, was in unserer Erdenumgebung oder auch in der
Weltenumgebung uns die Krankheit bringt. Da ist es iiberall in unserer
Umgebung. Unser Organismus fur sich ist ja gesund, denn der ist aus
seinem gesunden Ich, aus seinem gesunden astralischen Leib und eigent-
lich auch aus dem gesunden Atherischen heraus geboren. Hier auf der
Erde kann uns krank machen nur irgend etwas, was von auften an den
Menschen herantritt und was der Mensch nicht in der Lage ist, gemafi
seinem inneren Wesen voll umzuwandeln. Bei den einfachsten Erschei-
nungen konnen Sie das beobachten. Nehmen Sie blofi an, Sie seien
irgendwie in einem so und so warmen Raum oder auch kalten Raum,
so nehmen Sie Warme oder Kalte auf . Die darf nicht durch Sie hin-
durchgehen wie durch ein Stuck Holz oder durch ein Stuck Stein. Sie
stellen sich in einen warmen oder kalten Raum nicht hinein wie ein
Stuck Holz oder Stein und werden dadurch auch wie das Holz oder
der Stein warm und kalt, sondern Sie verarbeiten die Warme, die aufier
Ihnen ist. Das Aufiere regt Sie nur an; die Warme, die Sie in sich tragen,
die erzeugen Sie in sich selber in Ihrer Organisation. Konnen Sie das
aber nicht, stellen Sie sich in Ihre Umgebung so hinein wie ein Stuck
Holz oder Stein und behandelt Sie Ihre Umgebung so wie ein Stuck
Holz oder Stein, dringt ein Aufteres in Sie ein, ohne dafi Sie es um-
wandeln konnen: sogleich werden Sie erkaltet. Der Mensch kann nicht
die Umgebung der Erde unverwandelt in sich aufnehmen, auch nicht
mit den Nahrungsmitteln. Das ist nur eine wissenschaftliche Phantasie,
wenn man das glaubt. Der Mensch verwandelt das Essen ebenso wie
alles, was in seiner Umgebung ist. Kann er es nicht, dann tritt die
Krankheit an ihn heran: das ist die physische Ursache der Krankheit.
Die Krankheit hat aber auch etwas Schicksalsmafiiges, sie stellt sich
hinein in sein Leben als etwas Schicksalsmafiiges.
Ja, sehen Sie, wenn wir in diesem einen Erdenleben zunachst so sind,
wie wir jetzt dastehen von irgendeinem Jahre im 19. oder 20. Jahrhun-
dert bis zum 6. Februar 1924, wenn wir in diesem einen Menschenleben
stehen, dieses nur betrachten, ja dann konnen wir schon sagen: Wir
miissen, wenn wir innerhalb dieses Lebens durch die Umgebung krank
werden wollen, die Umgebung robust auf uns einwirken haben. Minde-
stens Warme oder Kalte oder auch irgendwelche schadliche Luftarten
oder dergleichen miissen auf uns einwirken. Es mull etwas Robustes
sein, was von aufien kommt, das auf uns einwirkt und zur Krankheit
wird. Wenn man eine Tollkirsche bloft ansieht, so vergiftet man sich
nicht mit ihr. Wenn man irgendeine schadliche Luftart nur geniigend
weit von sich hat, so vergiftet man sich auch nicht mit ihr, macht sich
nicht krank. Kurz, wenn man blofi den Eindruck hat fur das Seelische,
so macht man sich nicht krank. Da mufi eine robustere Einwirkung
geschehen.
Aber nehmen Sie jetzt f olgendes an. In der Gegenwart gibt es so viele
Menschen, die ganz materialistisch leben, die auch nur materialistische
Eindrucke von der Umgebung haben wollen. Sie werden es in diesem
Leben verschmahen - auch mit Bezug auf gewisse Verrichtungen ihres
Leibes Materialisten zu sein: Sie essen das Geistige der Pflanze, das
Seelische der Tiere, das essen sie mit; denn wenn sie brave Materialisten
waren auch in bezug auf das Essen, mufiten sie nur Steine essen, das
Unorganische, das tot ist. Aber in ihr Seelisches nehmen sie nur Ideen,
Begriffe von Unlebendigem auf. Dasjenige, was da geistig-seelisch mit
der Seele des Menschen sich verbindet, das wird dann Krankheitskraft
fur nachste Erdenleben. Da wirken die Eindrucke hinein, da wandeln
sie sich um, so dafi sie physisch wirkende Krafte werden konnen. Das
Schicksalsmafiige der Krankheit, das tragen wir aus friiheren Erden-
leben deshalb in unser jetziges Erdenleben herein, weil wir empf anglich
werden fur Krankheiten dadurch, daft wir gewisse Eindrucke, die dem
Menschen nicht angemessen sind, in friiheren Erdenleben gehabt haben.
Diese Eindrucke wirken jetzt so, wie physisch-robuste Krankheits-
erzeuger in diesem Erdenleben wirken. Alles dasjenige, was in einem
Erdenleben blofi Idee, Empfindung, inneres seelisches Sein war, ver-
wandelt sich beim Durchgang durch die Zeit, die wir verleben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt, in Physisch- Wirkendes im Menschen-
leben, und wir tragen in uns vieles Physisch- Wirkende, das biofi ein
Seelisches war in friiheren Erdenleben. Auf diese Art miissen wir auch
in der Krankheit etwas Schicksalsmafiiges finden, miissen nicht etwa in
den Aberglauben verfallen, dafi man nur mit geistigen Mitteln Krank-
heiten heilen kann. Dazu braucht es physische, dem Physikalischen
ahnliche Mittel. Aber wenn wir mit vollem Verstandnis der Tatsache
gegeniiberstehen, dafi Physisch- Wirkendes der Gegenwart zuruckgeht
auf Seelisch-Wirkendes friiherer Erdenleben, so konnen wir uns sagen:
Dasjenige, was wir sonst von der Krankheit hiniiberschleppen wiirden
in das nachste Erdenleben, heilen wir fur ein folgendes Erdenleben,
indem wir die Gedanken von dem ablenken, was unvollkommen am
Menschen war, und hinlenken auf dasjenige, was vollkommen ist am
Menschen. Wenn wir zum Beispiel die Sicherheit haben, irgendeine
Krankheit sei im Zusammenhang mit einem materialistischen Seelen-
leben in einem fruheren Erdendasein, so konnen wir sicher sein, dafi
wir diese Krankheit nur dadurch entfernen konnen, daft wir aus spiri-
tuellen Anschauungen und Ideen die Krankheit behandeln. Alles das-
jenige, was in Anthroposophie wirkt, wirkt eben so, dafi es nicht blofie
Theorie ist, sondern daft es unmittelbar zusammenhangt mit dem Leben,
empfindungs-, gefiihlserzeugend fiir das Leben ist.
Und wie wird eigentlich dieser Sternenhimmel, die Erdenumgebung
fiir unser Anschauen, wenn wir sie in dem Lichte zu betrachten ver-
mogen, das Anthroposophie, wenn sie in der rechten Art gepf legt wird,
von sich ausstrahlt? "Wie verwandt werden uns Sonne und Mond, wenn
wir sie in dieser Weise als die aufteren kosmischen Bilder unserer eigenen
Vergangenheit und unserer eigenen Zukunft anschauen! Wie tief inten-
siv tragen wir dann das Bewufitsein unserer Verwandtschaft mit dem
Kosmos und der Welt in uns: Wir schauen in uns Vergangenheit und
Zukunft unser Schicksal weben; wir schauen hinaus, schauen Sonne
und Mond, schauen, wie uns in Sonne und Mond entgegentritt Welten-
schicksal, aufterlich sich of fenbarend. Wir fiihlen in unserer Vergangen-
heit etwas, was sich so hinstellt neben Gegenwart und Zukunft, wie sich
der Mond neben die Sonne im Weltenall hinstellt. Unsere Ehrfurcht,
unser Hingegebensein, unsere Opferfahigkeit fur das Weltenall wird
erhoht, wenn wir so unser eigenes Dasein hinauszuerweitern verstehen
zu dem Weltendasein, um im einzelnen die Verwandtschaft desjenigen,
was in uns lebt, mit dem, was im Weltenall webt, zu erschauen.
Sehen Sie, daft der Mensch so mit der Welt zusammenwachst, das ist
auch eine der Aufgaben, welche Anthroposophie in ihrem Wirken sich
stellt. Und ich hoffe, daft wir, die wir ja gerade in diesen Zweigen so
zahlreich versammelt sind, gerade durch solche Betrachtungen mit die-
ser Aufgabe der Anthroposophie, den Menschen nicht nur die Gedan-
ken, sondern die Empfindungen, das Herz zu vertiefen, immer mehr
und mehr zusammenwachsen. Und daft dies immer besser und immer
intensiver geschehen konne, dazu war eben die Weihnachtstagung da.
Diese Weihnachtstagung hat hingewiesen darauf, daft, wenn die An-
throposophische Gesellschaf t im weiteren ihre Wirksamkeit richtig ent-
falten soli, sie die Wege, die sie in den letzten zehn Jahren beschritten
hat, verlassen mufi; sie mufi aus dem aufieren Gesellschaftsmafiigen in
das innere Geistige hineingreifen. Sie mufi im ganzen einen esoterischen
Charakter annehmen. Dasjenige, was als Hochschule fiir Geisteswissen-
schaft in Dornach in der Zukunft bestehen wird, mufi eine Art esoteri-
schen Charakters tragen, und die ganze Institution der Gesellschaft mull
einen esoterischen Charakter tragen. Damit wird die Gesellschaft ihr
spirituelles Leben erhalten konnen, das sie braucht. Sie darf sich nicht
veraufierlichen, und die Veraufierlichung drohte ihr in den letzten zehn
Jahren.
Was haben wir erlebt in den zehn Jahren und schon vorher? Nehmen
Sie als Beispiel nur die Tatsache, dafi eine sehr wirksame Gegnerschaft,
die gerade jetzt sich sehr wirksam entfaltet, davon herriihrt, dafi diese
Gegnerschaft hinweisen kann auf nicht offentlich erhaltbare Zyklen,
Nachschriften von Vortragen. Nicht wahr, man wunschte, dafi es sol-
che Zyklen, solche nachgeschriebenen Vortrage gabe. Wie sehr mulke
man sich bisher solchen Wimschen fugen, trotzdem man wissen konnte:
Gerade dadurch wird fiir die Gegnerschaft das Eminenteste, was sie
braucht, gezimmert. Wir leben eben in einer Zeit, in der solche Dinge
unmoglich sind. Deshalb mufke bei der Weihnachtstagung die voile
Offentlichkeit fiir die Gesellschaft in Anspruch genommen werden.
Das wird durchaus nicht widersprechen der Tatsache, dafi sie auf der
anderen Seite um so mehr esoterisch wird. Aber es raufi ein intensiveres
Bewulksein in die ganze Fiihrung der Gesellschaft hineinkommen, es
mufi sozusagen die Gesellschaft in anthroposophischer Art gefiihrt wer-
den. Deshalb ist bei dem, was man auch Statuten nennen konnte, bei der
Weihnachtstagung ganz
…[truncated]