Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 



VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Impulsierung 
^eltgeschichtlichen Geschehens 
durch geistige Machte 



Sieben Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 11. bis23.Marz 1923 



1989 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCH WEI Z 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg 



l.Auflage, Dornach 1942 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1966 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 



Dornach l6.Mjirz 1923: «Die Welt der Hierarchien 
und die Welt der Tone», Kunst im Lichte der 
Mysterienweisheit VI, Dornach 1928; 
in «Das Wesen des Musikalischen» 
GA 283, Dornach 1981 



Bibliographie-Nr. 222 

Zeichungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe Seite 127) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1976 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2220-3 



Xu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, muft gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge - 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafl 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 11. Marz 1923 



9 



Die zwei Lebensgeschichten des Menschen: des physischen und des Ather- 
leibes einerseits, des Astralleibes und des Ich andererseits. Die Bedeutung 
der Sprache fur die Seelenentwicklung der Menschheit. Die Nachwirkun- 
gen des Gesprochenen im Schlafe. Die Notwendigkeit einer Verstandi- 
gung mit Engeln und Erzengeln. Das Verhindern solcher Verstandigung 
durch den Materialismus. 1859: das Jahr der Schillerfeiern und das Sterbe- 
jahr des Idealismus. Die Empfindung fur das Fehlen von Idealen bei der 
alteren Generation und das Aufkommen der Jugendbewegung. 



Das Zusammensein von Ich und Astralleib mit den Elementarwesen und 
das Schauen der Hierarchien wahrend des Schlafes. Die Abschwachung 
des nachtlichen Zusammenseins mit der Geistwelt seit dem 15. Jahr- 
hundert. Goethes Flucht nach Italien als Folge seiner Sehnsucht nach 
einem richtigen Verhaltnis zur den Archai. Goethe als ganzer Mensch 
im Gegensatz zu den reinen Kopfmenschen seiner und unserer Zeit. Das 
Wissen vora Wirken der Elementarwesen bei Paracelsus und in der alteren 
Medizin. Die Tendenz zu Automatismus und Passivitat als Folge der 
heutigen Erziehung. Die Forderung nach Erziehung zu Aktivitat als 
Impuls der Jugendbewegung. 



Das Verwalten der kosmischen Gedankenkrafte durch die Hierarchie der 
Exusiai im griechischen Zeitalter. Der Ubergang dieser Verwakung an die 
Archai im vierten nachchristlichen Jahrhundert als Ursache fur den Be- 
wufitseinswandel in der Menschheit. Die Offenbarung der gottlichen 
Welt in der Septimen-Musik der atlantischen Zeit. Die Abschwachung 
dieses Erlebens in der Quinten-Musik und der Ubergang zum blofi 
menschlichen Erleben in der Terzen-Musik. Die None als Intervall der 
lemurischen Zeit und die oktavubergreifende grofie und kleine Terz als 
Ausdruck von Jubel und Klage der Gotter. 



Zweiter Vortrag, 12. Marz 1923 



24 



Dritter Vortrag, 16. Marz 1923 



43 



Vierter Vortrag , 17. Marz 1923 58 

Die Auseinandersetzung zwischen zuriickgebliebenen Geistern der Form 
und vorgeschrittenen Archai. Die Auswirkungen dieser Auseinander- 
setzung im Geschichtsleben des Mittelalters und der beginnnenden Neu- 
zeit, Der Seelenkampf des Augustinus vom iibersinnlichen Standpunkt 
aus betrachtet. Der geistige Einflufi von normal entwickelten und von 
zuriickgebliebenen Erzengeln, sich auswirkend in den religiosen Kampfen 
der Reformationszeit und im Dreiftigjahrigen Krieg. Die konkrete Er- 
kenntnis von der impulsierenden Kraft geistiger Machte als Aufgabe der 
Anthroposophie. 



Funfter Vortrag, 18. Marz 1923 74 

Das friihere Empfangen der Gedanken durch die Geister der Form und 
das selbstandige Erarbeiten von Gedanken und moralischen Impuisen mit 
Hilfe der Archai in unserer Zeit - die «Philosophie der Freiheit» als Aus- 
druck dieses gewandelten Bewufttseins. Das Festhalten an der alten Gei- 
stesart durch das Wirken der zuriickgebliebenen Geister der Form: ein 
Grundproblem unserer Zeit. Die theologischen Kampfe um die Schule 
von Ritschl. Das Verhangnisvolle der Vierzehn Punkte W. Wilsons, vom 
geistigen Standpunkt aus gesehen. Die Unfahigkeit heutiger Menschen, 
alt zu werden, und die daraus entspringende Unzufriedenheit der Jugend. 



Sechster Vortrag, 22. Marz 1923 91 

Unser Denken als Leichnam des vorgeburtlichen, lebendigen Denkens. 
Die Unfahigkeit solchen Denkens zum Erfassen der sinnlichen Umwelt - 
der Verlust des wirklichen Erkennens. Eduard von Hartmann iiber die 
erkenntnistheoretischen Fragen. Die Auflebeerfahrung der Menschen 
nach dem 28. Lebensjahr in friiheren Kulturepochen. Der Verlust dieser 
Erfahrung als Vorbedingung der Freiheit. Die heutige Notwendigkeit zur 
Neubelebung der Gedanken und zur Gewinnung neuer Erkenntnisse vom 
Lebendigen. Das Wirken der Nahrungspflanzen und der Giftpflanzen 
im Menschen. 



Siebenter Vortrag, 23. Marz 1923 108 

Der Mensch, erlebt als gottliche Imagination, sich offenbarend in der 
Physiognomie, wahrend der indischen Kulturepoche; als gottlicher Ge- 
danke, sich offenbarend durch die Wettererscheinungen bei der Geburt, 
wahrend der persischen; als kosmisches Wesen, erkannt durch Berechnung 



der Sternkonstellationen, wahrend der agyptisch-chaldaischen; als Erden- 
mensch, lebend im Blute, wahrend der griechischen Epoche. Das Cha- 
rakteristikum der gegenwartigen Epoche: Der Mensch wachst mit der Erde 
zusammen durch das Denken. Die Aufgabe unseres Zeitalters, darge- 
stellt im «Parzifal» des Wolfram von Eschenbach als der Seelenweg von 
der Dumpftieit iiber den Zweifel zur Seligkeit. Die moglichen Folgen der 
Intellektualisierung des menschlichen Denkens: Zerstorung der Warme- 
atmosphare, der Luftatmosphare und des Flussigkeitselements der Erde in 
der funften, sechsten und siebenten Kulturepoche. 

FaksimiledesSpruches<<IngegenwartigerErdemek...>> . . .125 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 127 

Hinweise zum Text 127 

Namenregister 131 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 133 



Uberskht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . .135 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 11. Marz 1923 

Aus unseren hier angestellten Betrachtungen wissen Sie, dafi die 
Menschheit seit dem 15. Jahrhundert in das Bewufitseinszeitalter ein- 
getreten ist. Und es ist ja in der Tat im heutigen Zeitalter dem Men- 
schen, der die Entwickelung der Menschheit wirklich miterleben will, 
notwendig, sich iiber gewisse Dinge aufzuklaren. Er kommt sonst mit 
dem Hineinstellen in den ganzen sozialen Zusammenhang des Lebens 
heute nicht mehr zurecht. Er erlebt an sich in seinem Verkehr mit den 
andern Menschen, an den verschiedenen Verhaltnissen, die sich im 
Leben herausbilden, namentlich aber im Verkehr mit den Nichtgleich- 
altrigen, als alterer Mensch mit der Jugend, als jiingerer Mensch mit 
dem Alter, Dinge, die unverstandlich bleiben, wenn er nicht eingehen 
kann auf dasjenige, was zum Verstandnis alles Menschlichen auf dieser 
Erde beigetragen werden kann durch die geisteswissenschaftliche Er- 
kenntnis. 

Nun wollen wir heute ein uns langst bekanntes Faktum im Men- 
schenleben naher betrachten: das Faktum, dafi der Mensch nur im 
wachenden Zustande seine fur das gewohnliche Betrachten zunachst 
auffalligen vier Glieder, physischen Leib, atherischen Leib, astralischen 
Leib und Ich, in einer unmittelbaren Verbindung hat, dafi er aber als 
schlafender Mensch auf der einen Seite den physischen Leib mit dem 
Atherleib in einer engeren Verbindung hat, und auf der andern Seite, 
getrennt von den beiden, wiederum das Ich und den astralischen 
Leib. 

Wenn wir den Menschen von aufien anschauen, so tritt er uns ja in 
seinem physischen Leib entgegen, in dem sich der Atherleib auspragt. 
Man kann schon sagen «auspragt», denn alles das, wodurch sich der 
Mensch dem andern Menschen offenbart, geschieht nicht blofi durch 
den physischen Leib, sondern durch die Betatigung des atherischen 
oder Bildekrafteleibes im physischen Leibe. Es ist also eigentlich, was 
im physischen und Atherleibe lebt, dasjenige, was sich auf der Erde 
unmittelbar an dem Menschen dem andern Menschen offenbaren will. 



Was aber in der Tiefe des Ich beschlossen ist und was im astralischen 
Leib lebt, das entzieht sich ja der aufieren Beobachtung, das tritt fiir 
den Menschen selbst in ein unbestimmtes Dunkel zwischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen. Das verhiillt sich fiir die Aufienanschauung 
in demjenigen, was sich durch den physischen und durch den Athe'r- 
leib darstellt. 

Diese Trennung seines Wesens, in die der Mensch im gewohnlichen 
Leben jeden Tag mindestens einmal eingeht, ist nun von einer tief- 
gehenden Bedeutung fiir sein ganzes Leben. Dasjenige, was sich als 
physischer Leib und Atherleib of fenbart, das sehen wir ja, durch aufiere 
Sinne und durch den aufieren Verstand betrachtet, von der Geburt bis 
zum Tode in einer Entwickelung. 

Von dem, was sich am Kinde zunachst in dem instinktiven Leben, 
in dem kindlichen Nachahmungsleben aufiert, und spater in dem- 
jenigen Leben, das sich unter der Autoritat des Alters ausbildet, von 
dem aus entwickelt sich dann der Mensch zu einem mehr selbstandigen 
Leben. Wir sehen also die verschiedensten Stadien in bezug auf das 
Wachstum, in bezug auf die aufiere Gestaltung des physischen Leibes, 
in bezug auf das, was sich darlebt in der Sprache, im Denken, also in 
dem, was allerdings durch den physischen Leib sich darstellt, was aber 
doch mehr den Aufierungen der Seele angehort; wir sehen da eine Ent- 
wickelung von der Geburt bis zum Tode hin. 

Nicht in derselben Weise zeigt sich jene andere Entwickelung, die 
aber auch vorhanden ist: die Entwickelung des Ich und des astralischen 
Leibes zwischen der Geburt und dem Tode. In bezug auf das Ich und 
den astralischen Leib ist es so, dafi zunachst, wenn der Mensch aus der 
geistigen Welt ins Erdenleben eintritt, er in sich noch vieles wirksam 
hat von den Kraften, die in der geistigen Welt in ihm wirksam waren. 
In dem Stadium des kindlichen Wachstums, in der Heranbildung des- 
sen, was sich ja korperlich so deutlich beim Kinde herausentwickelt, 
wirken iiberall noch diejenigen Krafte nach, die in ihrer vollen Bedeu- 
tung, in ihrer wahren Gestalt im vorirdischen Leben an der Seele, durch 
die Seele und im Geiste des Menschen wirken. Sie sind in einer Ab- 
schwachung vorhanden wahrend des kindlichen Lebens, aber sie sind 
im Wachstum, sind in alledem vorhanden, was sich als korperliche 



Aufierung des Seelischen allmahlich im Menschen heranentwickelt. 
Und korperliche Aufierung des Seelischen ist ja auch das, was in dem 
Leiblichen tief innerlich verborgen ist: zum Beispiel die Ausbildung 
des Gehirnes zu dem vollendeten Denkorgan, die Ausbildung des 
Gefa£systemes, das der Gefiihlsentwickelung zugrunde liegt und so 
weiter. 

Aber was so im Menschen als Nachklange der Krafte des vorirdi- 
schen Lebens wirkt, das wird immer schwacher und schwacher, und es 
erlangt einen gewissen Tiefpunkt, bei dem dann der Mensch in bezug 
auf seine vorirdischen Krafte sein ganzes ubriges Leben stehenbleibt. 
Dieser Tiefpunkt liegt allerdings erst in den zwanziger Jahren des 
irdischen Lebens, aber dann ist er eben vorhanden. Dann ergreifen die 
Menschenseele mehr diejenigen Krafte, die von dem ausgebildeten 
physischen Leib herriihren; dann ist der Mensch nicht mehr so hin- 
gegeben dem, was als Nachklang des vorirdischen Lebens wirkt, son- 
dern er ist mehr an alles das hingegeben, was sich der physische Leib 
angeeignet hat, und was von diesem physischen Leib wiederum zuriick- 
wirkt auf das Seelische. 

Nun aber wiirde man, wenn man ebenso klar diese Entwickelung 
des Ich und des astralischen Leibes beobachten wiirde, zu ebenso kon- 
kreten Anschauungen iiber diese Entwickelung kommen, wie man zu 
konkreten Anschauungen kommt iiber die Entwickelung des physi- 
schen und des Atherleibes von der Geburt bis zum Tode. Man wiirde 
sagen: Der Mensch hat im kindlichen Lebensalter einen so und so aus- 
sehenden Astralleib, ein so und so aussehendes Ich, und verandert dann 
das durch die Jahre seines Erdenlebens. - Man mufi dann allerdings 
betrachten, wie sich dasjenige umandert, was der Mensch im schlafen- 
den Zustande aus seinem physischen und Atherleib als sein eigentlich 
Geistig-Seelisches herauszieht. Wiirde man neben die Beobachtung, die 
man auf den Menschen wendet in der Zeit vom Aufwachen bis zum 
Einschiaf en, die andere setzen, die man auf die Betrachtung des Ich und 
des astralischen Leibes immer vom Einschlafen bis zum Aufwachen 
wenden konnte, dann wiirde man sozusagen zwei Lebensgeschichten 
des Menschen erhalten. Beide Lebensgeschichten sind fur das ganze 
Leben gleich wichtig, ja es ist sogar die schlafende Lebensentwickelung 



wichtiger als die wachende fiir gewisse Totalkrafte des menschlichen 
Wesens; aber es kann eben fiir das gewohnliche Anschauen die Be- 
trachtung des Ich und des astralischen Leibes nicht durchgefiihrt 
werden. 

Nun wollen wir heute einen besonders wichtigen Moment in dieser 
Entwickelung des Ich und des astralischen Leibes hervorheben. Dieser 
Moment ist gegeben durch die besondere Stellung, welche das Sprechen, 
die Sprache, nicht diese oder jene Sprache, sondern die Sprache iiber- 
haupt im menschlichen Leben einnimmt. 

Gewifi, es ist der ganze Mensch, der ganze wachende Mensch daran 
beteiligt, wenn gesprochen wird. Es ist der physische Leib beteiligt an 
dem Vibrieren unserer Stimmbander, an der Betatigung des ganzen 
Sprechapparates; es ist der atherische Leib daran beteiligt, der astra- 
lische Leib und das Ich. Aber verhaltnismafiig sind an dem Ganzen der 
Sprachtatigkeit eigentlich der physische Leib und das Ich am wenigsten 
beteiligt. Am starksten an der Sprache ist der Atherleib und ist der 
astralische Leib beteiligt. 

Dafi der Atherleib mehr beteiligt ist am Sprechen als der physische 
Leib, das konnte iiberraschend sein; aber es mufi gesagt werden, dafi 
der Mensch eben das, was im Atherleibe vorgeht, mit den gewohn- 
lichen Sinnen nicht beobachtet, dafi ihm daruber die gewohnliche Wis- 
senschaft nichts sagt, und dafi daher der Mensch also gewohnlich nur 
das ins Auge falk, was der physische Leib eben beim Sprechen tut, 
wahrend die viel mannigfaltigere, viel gestaltendere Tatigkeit des athe- 
rischen Leibes beim Sprechen, die sich sodann fortsetzt auf den astra- 
lischen Leib, in der gewohnlichen Sinnesanschauung nicht beachtet 
wird. Wichtig vor alien Dingen ist aber, wenn man die Stellung des 
Sprechens im Leben erkennen will, das, was beim Sprechen im atheri- 
schen Leibe und im astralischen Leibe vor sich geht. 

Aber bedenken Sie: Dadurch, dafi beim Sprechen hauptsachlich der 
atherische Leib und der astralische Leib beteiligt sind, hat das Sprechen 
zwei Seiten. Zunachst diejenige Seite, durch die der atherische Leib in 
Verbindung mit dem physischen Leibe das aufierlich wahrnehmbare, 
gehorte Sprechen zustande bringt. Aber indem wir sprechen, geht ja 
immer auch etwas in unsere Seele zuriick. Wir fiihlen in uns selbst das 



Gesprochene, wir leben das Gesprochene mit. Wahrend der andere, um 
unser Seelenleben wahrzunehmen, darauf angewiesen ist, durch den 
physischen Laut dieses unser Seelenleben an sich herankommen zu 
lassen, leben wir als der Sprechende selber auf eine innerliche Weise in 
unserem astralischen Leibe mit dasjenige, was wir in das Sprechen 
hineinlegen. Dadurch aber, daft wir den astralischen Leib im Schlafe 
aus unserem physischen Leib und Atherleib herausziehen, nehmen wir 
ja von der Sprache auch etwas mit hinuber, ein Wichtiges mit hiniiber 
in den schlafenden Zustand. 

Ja, es ist schon so: Was wir vomMorgen bis zum Abend von unserem 
Seelischen in unsere Worte hineinlegen, das vibriert nach, schwingt 
nach vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Es bleibt unbewuftt fiir den 
Menschen, aber ich mochte sagen: Alles bei Tag Gesprochene vibriert, 
allerdings in riickwartsgehender Ordnung, wahrend des schlafenden 
Zustandes nach. Nicht so, daft die Worte wirklich zuriick so erklangen, 
wie sie beim Tage durch unseren Mund erklingen, sondern es ist mehr 
dasjenige, was in dem Worte an auf- und absteigendem Gefiihl liegt, 
was in die Worte an Willensimpulsen hineingeflossen ist, was von 
Lustigkeit, von Traurigkeit, von Freude und Schmerz in der Kolorie- 
rung des Sprachlichen sich ausdriickt und offenbart. 

Aber das alles klingt im Schlafe nicht etwa bloft als ein unbestimm- 
ter Zustand nach, sondern es klingt so nach, daft tatsachlich bis in die 
Lautfolge hinein dasjenige, was die Seele erlebt, wieder erklingt in 
jenem unbewuftten Zustande, den der Mensch mit gewohnlichem Be- 
wufttsein vom Einschlafen bis zum Aufwachen durchmacht. 

Nun ist bis zum siebenten Lebensjahre das, was da vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen in der schlafenden Kindesseele nachklingt, aufter- 
ordentlich stark abhangig von der menschlichen Umgebung. Was Vater 
und Mutter, was die andere menschliche Umgebung als Gefiihls-, Wil- 
lens- und Denkleben in den Worten auslebt, die das Kind hort, das 
klingt nach in der Kindesseele vom Einschlafen bis zum Aufwachen, 
und diese Kindesseele ist ganz hingegeben an dasjenige, was aus dem 
Herzen, aus der Seele der menschlichen Umgebung in die Worte hinein- 
gelegt wird. Viel inniger verbinden sich da Gefiihle, die das Kind erlebt 
durch die Sprache der Alteren, viel inniger verbinden sich da Gefiihle 



und Willensimpulse und Gedanken mit den Lauten. Das Kind ist eben 
ganz hingegeben an alles, was es in der Umgebung erlebt. 

Schon weniger ist das der Fall in dem zweiten menschlichen Lebens- 
alter, vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre; doch ist es immer noch 
in einem hohen Grade der Fall. Aber mit der Geschlechtsreife, mit dem 
vierzehnten Jahre beginnt etwas ganz Besonderes: da wird das, was aus 
der Sprache nachlebt in der schlafenden Seele, durch seine eigene We- 
senheit so, dafi es eine Beziehung eingehen will zur geistigen Welt. 

Es ist also etwas hochst Merkwiirdiges. Man mochte sagen: Bis zum 
siebenten Lebens jahre will das Kind auch im Schlafe sich noch ver- 
standigen mit dem, was es von den Menschen seiner Umgebung hort; 
in gewissem Sinne auch noch vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, 
nur dafi es da mehr eingeht auf das eigentliche Seelenleben der Umge- 
bung, wahrend es bis zum siebenten Jahre mehr auf die Aufierlichkeiten 
des Lebens eingeht. Aber nach dem vierzehnten Lebensjahre, nach dem 
Einsetzen des Geschlechtslebens, tritt fur die schlafende Seele des Men- 
schen die Notwendigkeit ein, sich in dem, was da als Nachklang der 
Sprache im Schlafen weiterlebt, mit Wesen der geistigen Welt zu ver- 
standigen. Wie gesagt, es ist sehr merkwiirdig. Das wird ja den Men- 
schen fur das gewohnliche Leben nicht bewufit, aber es tritt im Schlafe 
die Notwendigkeit auf, dafi das Seelenleben das Sprachliche des Erden- 
lebens so nachklingen lafit, dafi die Erzengelwelt, die Archangeloi- 
welt an diesem nachklingenden Sprachleben ihr Wohlgefallen haben 
kann. 

Man kann schon sagen: Es tritt fur den Menschen die Notwendig- 
keit ein, sich mit der Erzengelwelt durch dasjenige Sprachliche zu ver- 
standigen, das ihm im schlafenden Zustand als Nachklang der aufieren 
Erdensprache bleibt. Da klingen die Worte des Tages nach in einer 
merkwiirdigen Weise: innerlich vertieft alles Vokalische, bis zur Gegen- 
standlichkeit von bewegten Formen gehend das Konsonantische. Das 
wird erlebt. Und die schlafenden Seelen wiirden sich ungliicklich 
fuhlen, wenn das, was da nachklingt, nicht eine Sprache ware, die nun 
ahnlich klange dem, was von der Sprache der Erzengel von der andern 
Seite her tont. Da kann eine Harmonie sein zwischen dem, was als 
Nachklang der Sprache in den Schlaf hineintont, und dem, was da von 



alien Seiten des Weltenalls aus dem Astralischen heraus die Erzengel- 
welt in ihrer Sprache ertonen laftt. 

Der Mensch entwickelt sich eben in seinem Ich und in seinem astra- 
lischen Leibe so, daft er ungefahr von seinem vierzehnten Lebensjahre 
an zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, wenn ich mich so 
ausdriicken darf, einen Umgang zu pflegen hat mit Engeln und Erz- 
engeln, daft er darauf angewiesen ist, wahrend dieses Umganges sich 
mit Engeln und Erzengeln zu verstandigen. Das ist ein tiefes Geheim- 
nis des Menschenlebens. 

Nun ist es eine Eigentumlichkeit unseres Zeitalters, daft es immer 
mehr und mehr Menschen gibt, welche im schlafenden Zustande zu 
keiner solchen Verstandigung kommen, welche sozusagen sich in den 
Schlaf hinein etwas von der Sprache mitnehmen, was diese Menschen- 
seelen so gestaltet, daft sie die Sprache der Erzengel nicht verstehen, 
und daft die Erzengel kein Wohlgefallen finden an dem, was da von 
der Sprache nachklingt in das schlafende Leben hinein. 

Es ist eben das Zeitalter eingetreten - man muft die Dinge irdisch 
ausdriicken, die natiirlich schwer in der irdischen Sprache auszudriik- 
ken sind -, in welchem die Wesen der geistigen Welt sich mit den schla- 
fenden Menschenseelen nicht mehr recht verstandigen konnen, wo 
immer Miftverstandnisse eintreten zwischen dem, was die Wesen der 
geistigen Hierarchien sagen, und dem, was die Menschenseelen sagen, 
wenn sie schlafen. Diskrepanzen, Disharmonien sind eingetreten. 

Das ist der Aspekt, der sich von der andern Seite des Lebens in 
unserem Zeitalter darstellt. Ein qualender Zustand des Miftverstehens, 
des Sich-gar-nicht-Verstehens ist fur den schlafenden Zustand zwischen 
Menschenseelen und Geisteswesen in unserem Zeitalter eingetreten. 
Und bedriickend muft fur denjenigen, der eine solche Tatsache des 
geistigen Lebens heute kennt, die Frage werden: Woher kommt denn 
dieser Zustand? 

Nun, unsere Worte, die wir aus dem Umfange der Sprache ent- 
nehmen, in die wir uns hineinleben, konnen, indem wir sie in der Kind- 
heit lernen, sich so ausbilden, daft diese Worte nur auf die physische 
Welt gerichtet sind. So ist es ja immer mehr und mehr in dem materia- 
listischen Zeitalter geworden. Die Menschen haben Worte, aber diese 



Worte drucken nur etwas Physisches aus. Bedenken Sie, wie es in frii- 
heren Zeitaltern war: Da lebte der Mensch sich in die Sprache so hin- 
ein, daft er viele Worte hatte, die ihn durch ihren Inhalt hinauftrugen 
in geistig idealische Welten. Es mufi schon gesagt werden, daft der reale 
Idealismus in unserem Zeitalter schwach geworden ist. Gerade bei den- 
jenigen, die unsere heutige intellektualistische Bildung in sich auf- 
nehmen, ist dieser Idealismus aufierordentlich schwach geworden. 

Es ist eben ein grofier Unterschied, ob der Mensch in der Sprache, 
in die er hineinwachst, auch Ideale verkorpert hat oder nicht. Heute 
erleben wir es ja, dafi Menschen, die studieren sollen, wohl noch ein 
Gefiihl haben fiir diejenigen Worte, die sich auf aufierlich - wenn ich 
so sagen darf - derb materiell Konkretes beziehen, dafi sie aber sofort 
aufhoren zu denken, dafi ihnen sofort die Gedankenfaden zerreifien, 
wenn sie sich in ein Denken erheben sollen, in welchem sie reine Ge- 
danken haben miissen, die etwas Geistiges wiedergeben. Gerade die 
heute dem Zeitalter gemafi Gebildeten haben das am meisten, dafi ihnen 
die Gedankenfaden reifien, wenn sie, sagen wir, idealistische, bedeu- 
tende Ideen des reinen Denkens aufnehmen sollen. Da werden ihnen 
die Worte zum blofien Schein. Ja, es ist so, dafi in unserem Zeitalter die 
Kinder sich hereinleben in eine Sprache, deren Worte nicht die Fliigel 
haben, die hinwegtragen vom irdischen Leben. 

In dem ersten Lebensalter, bis zum siebenten Jahre, ist immerhin der 
Mensch im schlafenden Zustande durch den Nachklang der Sprache 
noch in der Lage, etwas Geistiges zu erleben, wenn er die menschliche 
Umgebung miterlebt. Wenn diese Umgebung aus Materialismus das 
Geistige verleugnet, so verleugnet sie ja sich selbst, denn sie ist Seele 
und Geist. Also da hat der Mensch im Schlafe noch etwas Geistiges. 

Er hat es auch im zweiten Lebensalter, vom siebenten bis zum vier- 
zehnten Jahre. Aber wenn in den Worten, die der Mensch aufnimmt, 
gar nicht mehr idealistisch-spirituelle Bedeutung ist, wie in diesem 
materialistischen Zeitalter, in dem auch die religiosen Vorstellungen 
eigentlich ihre starke spirituelle Wirksamkeit auf die Menschenseelen 
verloren haben, dann wachst der Mensch nach dem vierzehnten Le- 
bensjahr mit dem Eintritt der Geschlechtsreife in ein Seelenleben hin- 
ein, das ihn im schlafenden Zustande an das Physische bannt. Die Seele 



kommt nicht von dem Physischen los zwischen dem Einschlafen und 
Aufwachen. Die Worte sind es, der Nachklang der Worte ist es, der sie 
hinzwingt und hinbannt an das Physische. Und es vibriert hinein in 
dasjenige, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
erlebt, das Getose der mineralischen Welt von alien Seiten, es vibriert 
hinein das Getose der vegetabilischen Welt in ihrer physischen Bedeu- 
tung. Das durchdringt mifitonend den Nachklang der Sprache zwi- 
schen dem Einschlafen und Aufwachen, und da kann die Seele nicht 
ausbilden, was sonst der Sprachgenius in die Sprache hineinversetzt, 
und was Verstandigung bringen kann zwischen der Menschenseele und 
den Wesenheiten der hoheren Hierarchien. 

Und dann tritt jener eigentumliche Zustand ein, dafi die Seele etwas 
erlebt - sie kann es dann nicht aussprechen, weil sie es ja nicht in be- 
wufitem Zustande erlebt, aber es ist vorhanden -, dafi die Seele etwas 
erlebt, was man etwa in der folgenden Weise charakterisieren kann: 
Der Mensch kommt im schlafenden Zustande, nachdem er geschlechts- 
reif geworden ist, in die geistige Welt hinein. Die Erzengelwelt tut sich 
vor ihm auf. Er spurt diese Erzengelwelt. Allein, es gehen keine Ge- 
dankenfaden von der Erzengelwelt in seine Seele und von seiner Seele 
zur Erzengelwelt. Und er kommt unter diesem furchtbaren Mangel 
beim Aufwachen in den physischen Leib zuriick. 

Dieser Zustand ist tatsachlich fur einen grofien Teil der Menschheit 
eingetreten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Und im Un- 
bewufiten, hinter dem, was dem Menschen bewufit ist, liegt heute bei 
vielen Seelen etwas, was sie so aufwachen lafit, dafi sie eben unbewufit 
sich sagen: Wir sind hineingeboren in eine Welt, die uns nicht in der 
richtigen Weise schlafend eintreten lafit in das geistige Dasein. — Und 
sagen mochten dann solche Seelen, die diesen Zustand erleben: Uns hat 
eine Menschenwelt aufgenommen als Kinder, die uns in den Worten 
das Geistige versagt hat. — Das alles lebt aber in den Empf indungen, die 
heute vielfach die Jugend dem Alter entgegenbringt. Das ist die geistige 
Seite der Empf indungen, die durch die Jugendbewegung auftreten. 

Was will heute der junge Mensch gegeniiber dem alten? Er kann es 
nicht aussprechen, weil sein Bewufitsein durch das, was er als Erbe 
empfangt in seinem Bildungsgange, durch das Alter eher zuriickge- 



halten als geoffnet wird. Er kann es nicht aussprechen, aber er empfin- 
det es, er fiihlt es im unbestimmtesten Dunkel des inneren Seelenlebens: 
Ich mufi ja als Kind mich hineinfinden in das, was mir durch die 
alteren Generationen iibergeben wird. Diese alteren Generationen miis- 
sen mich auch erziehen, aber sie versagen mir die Moglichkeit, mich da, 
wo es notig ist, mit der geistigen Welt zu verstandigen. - In demselben 
Mafie, in dem der Materialismus sich auf alien Gebieten des Lebens - 
auf dem Erkenntnisgebiete, auf dem kiinstlerischen Gebiete, auf dem 
religiosen Gebiete - weiter ausbilden wird, in demselben Mafie wird 
sich zu gleicher Zeit Jugend mit Alter nicht verstehen konnen, weil die 
Jugend empfindet, sie raufi dem Alter das Gefiihl entgegenbringen, dafi 
das Alter ihr den Idealismus der Sprache versagt hat, die Bedeutung in 
den Worten, die nach einem spirituellen Leben hinweist. Materialismus 
der Zivilisation trennt Jugend und Alter. Und der eigentliche Quell des 
Nicht- Verstehens von Jugend und Alter liegt in dem, was durch das 
Angefressensein der Sprache von dem Materialismus einen ungesunden 
Zustand des schlafenden seelischen Lebens des jungen Menschen her- 
vorruft, 

Gewisse Zivilisationserscheinungen kann man heute eben niemals 
verstehen, wenn man nicht auf die geistige Seite des Lebens eingehen 
kann; denn wir leben im Bewufitseinszeitalter, und da mufi man sich 
bewufit werden dessen, was im Geiste den Menschen bildet und werden 
lafk. Und ein Verstandnis zwischen Jugend und Alter wird erst wieder- 
um moglich sein, wenn unsere Menschensprachen wieder so werden, 
dafi die Worte Fliigel bekommen, jene Fliigel, die sie verloren haben, 
durch die das Wort aus dem Gebiete des derb materiell Konkreten sich 
in das Erleben der Ideale hinaufhebt. 

Die mitteleuropaische Menschheit hat 1859 Schillers Andenken ge- 
f eiert. Aber es war zu gleicher Zeit in gewissem Sinne gerade das Sterbe- 
jahr des eigentlichen Idealismus. Und auch das, was die Jugend heute 
an Schiller erlebt, und was sie oftmals verachtet, weil sie eben nicht 
den eigentlichen Schiller erlebt, das ist ja nur ein aufierlicher Worte- 
rauseh-und Wortetaumel, das ist nicht das, was in Schiller wirklich 
gelebt hat, weil die Worte nicht mehr jene Fliigel haben, die sie in der 
Schiller-Zeit hatten, und die in das Reich der Ideale hinaustragen. Und 



wenn wir mit den heutigen philistros-prosaischen Wortbedeutungen 
Schiller an die Jugend heranbringen, so wird das viel eher zum Ballast 
der Seele, als zu einer Bef reiung des seelischen Lebens. 

Man kann auch auf keine aufierliche Weise der Seele wiederum das 
geben, was sie haben soli, auch nicht durch die nebulosen sogenannten 
Idealismen, die nur Scheinidealismen sind, und die aus dem Materialis- 
raus unserer Zeit da und dort gutwillig, aber im Grunde genommen 
falschdenkend auftreten. Man kann der Seele das, was sie haben soli, 
nur geben, wenn man durch eine wirkliche Geist-Erkenntnis der Spra- 
che ihre Schwungkraft wieder gibt, so dafi sie wiederum hinfuhren 
kann zu dem Sprachgenius. 

So wie die Sprache heute ist, gilt sie eigentlich mehr oder weniger 
nur als ein Verstandigungsmittel auf dem physischen Plan; in bezug 
auf Deklamation und Rezitation haben wir es ja sogar durchgemacht, 
dafi der Prosagehalt pointiert wird. Dasjenige, was die Sprache zur 
Bildhaftigkeit, zum Rhythmus, zum Takt, zum Melodios-Dramati- 
schen fiihrt, was also zuriickfiihrt in das Seelische, und im Seelischen 
sich wiederum durch das Musikalisch-Imaginative hinauferhebt in die 
geistige Welt - wir haben erlebt, dafi man es abgestreift und so, ich 
mochte sagen, dem Materialismus der Sprache eine weitere Konzession 
gemacht hat. 

Die Sprache, wie sie heute unter alien zivilisierten Volkern beschaf- 
fen ist, diese Sprache fesselt die Seele vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen an das blofi physische Raunen der mineralischen Welt, an das 
Gezische und Gesausel des blofi physischen Inhaltes der vegetabilischen 
Welt, und eroffnet der Seele fur den Schlaf nicht die helle Sprache der 
Angeloi, und die laute Posaunensprache der Archangeloiwelt mit ihrer 
kosmischen, tiefen Bedeutung. 

Eigentlich sollte der Mensch heute vom geschlechtsreifen Alter an 
sich aus der Sprache etwas mitbringen, was sein Gehirn wahrend des 
Wachlebens so prapariert, dafi er im gewohnlichen physischen Leben 
mit den Worten den Ideengehalt der Dinge versteht. JEr sollte jsich - 
weil die Sprache der Erzengel vom Einschlafen bis zum Aufwachen zu 
seiner Seele sprechen kann — dasjenige mitbringen, was seinen Blut- 
kreislauf befahigt, die spirituellen Tiefen des Weltgeschehens wenig- 



stens zu ahnen. Und er bringt, wenn er nicht eine spirituelle Erkenntnis 
heute aufnehmen kann, wenn unsere Schulbildung nicht spirituell ver- 
tieft ist, er bringt sich statt dessen die Schabe- und Wetztone, die Roll- 
und Streichtone der physischen mineralischen Welt mit, er bringt sich 
die zischenden, sauselnden, schlagenden und tropfig-klopfenden Tone 
des physischen Teiles der vegetabilischen Welt mit herein in sein 
Blut. 

Dadurch ist er angewiesen, dieses blofi mineralisch vom Schlafe her- 
ein aufgepeitschte, disharmonisch gemachte Gehirn, und den von dem 
charakterisierten Gezische und Gesausel durchwellten Blutsystems- 
prozefi dem konventionell Sprachlichen entgegenzustellen und eigent- 
lich auch durch die Sprache nur in der irdischen Sphare zu leben, 
wahrend ihn sonst die Sprache hinaustragen konnte iiber das blofi 
irdische Erleben in ein hoheres Erleben. 

Wie konnten die Menschen, die durch die heutige materialistische 
Bildung gegangen sind, noch aus den Tiefen ihrer Seelen heraus das 
Wort aussprechen: «Mein unermefilich Reich ist der Gedanke, und mein 
geflugelt Werkzeug ist das Wort»? - Fiir die Menschen der heutigen Bil- 
dung ist der Gedanke nicht ein unermefilich Reich, sondern das aller- 
nachste Reich, das im wesentlichen nur die physisch-sinnlichen Dinge 
umfaftt, die man unmittelbar in seiner Sinnesumgebung gesehen hat. 
Und es ist das Wort kein geflugeltes Werkzeug, sondern ein Werkzeug, 
durch das wir ein unbestimmtes Seelenleben von Mund zu Ohr stam- 
meln, aber so, dafi nicht viel spirituell ubersinnliche Bedeutung in die- 
sem Stammeln liegt. Und wahrend die Sprache durch eine spirituelle 
Weltanschauung ein seelisches Meer sein konnte, in das des Menschen 
Inneres sich versenkt und das die Menschenseele immer hoher und 
hoher tragen wiirde, wird sie gerade zu dem, was den Menschen an die 
Erde bannt, was ihn bannt an die irdisch eingeschranktesten Verhalt- 
nisse. 

Das aber lebt sich heute auch in dem Schicksal des ganzen Men- 
schengeschlechts aus. Wir sehen, wie heute das Zivilisationsleben sich 
auf das stiitzt, was an Menschenunterscheidungen iiber die Erde hin in 
den Sprachen gegeben ist. Man will neue Kultureinteilungen herbei- 
fuhren nach der Sprache. Aber durch das, was die Sprache geworden 



ist, ist ja ohne weiteres ersichtlich, dafi diese Kultureinteilungen, diese 
Kulturideen nur im rein Materiellen leben, dafi sie gewissermafien die 
Decke bilden, die als Zivilisationsgehalt iiber die Volker der Erde hin- 
gebreitet werden soil, um diese Volker der Erde abzuschliefien von der 
geistigen, von der spirituellen Welt. Und dieses nach oben hin ma- 
teriellste Vermauern des menschlichen Seelenlebens sehen wir heute 
iiberall tatig sein. Das" ist dasjenige, was den Materialismus der Gesin- 
nung, den Materialismus des Denkens und Fuhlens auch hineintragt in 
das aufiere menschliche Leben. Das ist es, was den Menschen allmahlich 
vergessen lafit, daft er innerhalb des Menschengeschlechtes in etwas 
lebt, das aus den Spharen herein bestimmt ist, das aber, wenn der 
Mensch abgeteilt ist zu Nationen, zu Volkern und so weiter, ihm immer 
mehr und mehr den Glauben, einen blinden Glauben beibringt, dafi er 
verharren miisse in etwas rein Materialistischem. 

Und so sehen wir in das Erdenleben im grofien als Zivilisations- und 
Kulturleben jenes Element einziehen, welches als innerer Materialismus 
dasErkenntnisleben,das kiinstlerische und das religiose Leben ergriffen 
hat. Wir konnen heute geradezu in den Volkergebilden, die auf der 
Erde entstehen, erkennen, wie an ihnen nicht - wie einstmals - schopfe- 
risch wirkt, was aus den Weiten des Weltenalls konfigurierend in das 
Erdenleben eingreift, sondern was aus den Tiefen der Erde selbst her- 
auswachst. Wir sehen formlich immer mehr und mehr den Menschen 
auch innerhalb eines Volksganzen mit dem blofi Materiellen des irdi- 
schen Wesens zusammenwachsen. 

Konnte man sich dazu entschliefien, die Aufmerksamkeit zu richten 
auf das, was ja dem heutigen Zeitalter vielfach ganz paradox klingt: 
dafi der Mensch auch fur sein Ich und fur seinen astralischen Leib eine 
Lebensgeschichte hat, die sich in ihren einzelnen Phasen immer vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen darstellt, ebenso wie das aufiere phy- 
sische Leben in seiner Entwickelung von der Geburt bis zum Tode sich 
vom Aufwachen bis zum Einschlafen darstellt, dann wiirde man sehen, 
woher vieles kommt, was in unserer heutigen Zivilisation lebt und von 
dem man sagen mufi: So kann es nicht weitergehen! - Wenn man aber 
stehenbleibt bei dem blofi Aufierlichen der Sinnesbeobachtung, so wird 
man gerade das Wichtigste, das Allerwichtigste von dem, was getan 



werden mufi, um den heutigen Niedergang in einen Aufgang in die 
Zukunft hinein zu verwandeln, nicht sehen. 

Will man das Leben heute wirklich so betrachten, dafi der Mensch 
etwas anfangen kann mit dieser Betrachtung, dafi diese Betrachtung 
auch lebenspraktisch werden kann, dann mufi man in ein geistiges Er- 
kennen des Menschenlebens eintreten, und dann braucht man eben die 
geisteswissenschaftliche Anschauung. 

Und diese geisteswissenschaftliche Anschauung mufi deshalb das 
ganze Bildungsleben so durchdringen, dafi das Kind, ebenso wie es 
heute einen Wortschatz aufnimmt, dessen einzelnen Worten alle Fliigel 
genommen sind, nun wiederum, indem es den Geist aufnimmt und vom 
Geiste geleitet wird, mit dem Wortschatz schon dasjenige mit auf- 
nimmt, durch das es hinaufgetragen wird in die geistigen Welten, in 
denen der Mensch doch seinem wahren Wesen nach urstandet. Mit dem 
physischen Leben konnen wir den Geist verleugnen. Mit unserem 
geistigen Teil, der den physischen und den Atherleib ablegen mufi 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, konnen wir den Geist nicht 
verleugnen. Und verleugnen wir von der physischen Seite aus diesen 
Geist, dann wachen wir jeden Tag so auf, dafi wir als erwachsene Men- 
schen das Leben nicht mehr verstehen, und dafi sich dieses Mifiver- 
stehen, dieses Nichtverstehen des Lebens, in all unser Denken, Fiihlen 
und Wollen hineinmischt. Und es wachst die herankommende Genera- 
tion so auf, dafi sie dem Erbe, das ihr iibermacht wird von den Alteren, 
mit Vorwurf begegnen mufi, weil dieses Erbe ihr etwas gibt, was sie in 
einen Abgrund hineinstofit da, wo sie nicht materialistisch sein kann, 
wo sie geistig werden mufi, wenn sie in ihrem blofien Ich und in ihrem 
astralischen Leibe ist. 

Die alteren Sprachen der Menschheit sind Sprachen gewesen, deren 
andere Seite mit hineingenommen werden konnte in die geistige Welt, 
und zur Verstandigung fiihren konnte mit den geistigen Wesenheiten, 
mit denen der Mensch verkehren mufi, wenn er leibfrei ist. Die Fort- 
entwickelung der Sprache zu ihrem heutigen Zustande ist dahin ge- 
gangen, dafi sie den Menschen, wenn er mit den geistigen Wesen ver- 
kehren soli, in eine Verfassung bringt, dafi er geistig stumm und taub 
bleiben mufi fiir die geistige Welt, und nur alles dasjenige aufnehmen 



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kann, was ihn herunterbringt, was im Physischen des Mineral- und 
Pflanzenreiches lebt. 

So mufi man, um das Leben heute zu verstehen - wenn ich mich des 
trivialen Ausdruckes bedienen darf -, hinter die Kulissen dieses Lebens 
schauen. Das aber ist nur moglich durch wirkliche und echte Geistes- 
wissenschaft. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 12.Marz 1923 



Aus den gestrigen Betrachtungen werden Sie ersehen haben, dafi, wenn 
man die menschlichen Schicksale verstehen will, auch das Zusammen- 
leben der Menschen verstehen will, man nicht stehenbleiben kann bei 
den abstrakten Naturkraften, von denen eigentlich heute einzig und 
allein die Rede ist in der gebrauchlichen Wissenschaft. Man mufi - das 
haben Sie gestern gesehen - sich zu jenen geistigen Machten wenden, 
welche gewissermajKen nach oben hin die Fortsetzung dessen bilden, 
was wir hier im sinnlichen Leben die Naturreiche nennen. Wir sprechen 
von den Naturreichen: von dem mineralischen Reiche, dem pflanz- 
lichen, dem tierischen Reiche, miissen auch den Menschen, insofern er 
ein physisches Wesen ist, als ein viertes Naturreich betrachten; aber 
wir miissen dann einf ach aufwartssteigen und uber dem Menschen das 
Reich der Angeloi, dariiber das Reich der Archangeloi, das Reich der 
Urkrafte und so weiter annehmen. 

Diese letzteren Reiche sind ja fur die aufiere Anschauung, fur die 
Sinnes- und Verstandesanschauung zunachst nicht erreichbar, aber am 
menschlichen Leben sind sie wesentlich beteiligt. 

Und nun habe ich Ihnen gestern deren Beteiligung auseinander- 
gesetzt fiir jenen Wechsel im menschlichen Leben, der dadurch eintritt, 
dafi der Mensch abwechselnd im wachen Zustande und im Schlafzu- 
stande ist. Ich mochte heute zu dieser Betrachtung eine andere hmzu- 
fiigen: jene Betrachtung, welche auf den Menschen hinsieht, insofern er 
ein Wesen ist, das einenTeil seines Gesamtlebens innerhalb der geistigen 
Welt zubringt, aus der es heruntersteigt zu seinem irdischen Dasein, 
in die es wieder hinaufsteigt, wenn es durch die P forte des Todes ge- 
schritten ist. 

Nun wissen Sie ja aus dem Kursus, den ich hier gehalten habe im 
vorigen Jahre iiber Philosophic, Kosmologie und Religionserkenntnis, 
dafi der Mensch, bevor er auf die Erde herabsteigt, ein ganz bestimmt 
konfiguriertes Wesen ist, das nur eben nicht von einem physischen 
Leibe umkleidet ist, nicht mit den physischen Kraften der Erde in 



einem Zusammenhange steht, das aber von einem Geistig-Seelischen, 
man konnte auch sagen, umkleidet ist, das mit den geistig-seelischen 
Kraften in Beziehung steht, geradeso wie wir durch den physischen 
Leib mit den physischen Naturkraften. 

Nun bringt sich der Mensch, wenn er aus dem vorirdischen Dasein 
heruntersteigt in das physische Erdendasein, in einem gewissen Sinne 
noch die Nachwirkungen der Krafte mit, die er in sich tragt im vor- 
irdischen Dasein. Denn im Kind wirkt eben durchaus ein Geistiges, das 
eine Nachwirkung ist derjenigen Krafte, die in uns waren, bevor wir 
zur Erde heruntergestiegen sind. Indem das Kind wachst, indem das 
Kind aus unbestimmteren Formen seine bestimmten menschlichen For- 
men herausbildet, steht es noch immer unter der Nachwirkung der 
iiberirdischen Krafte, in denen es war, bevor es zur Erde hinunter- 
gestiegen ist. Und das dauert eigentlich im Grunde genommen, obwohl 
es mit dem Zahnwechsel schon schwacher wird, bis zur Geschlechts- 
reife fort. 

Der Mensch bildet ja namentlich seinen physischen Leib in den 
ersten sieben Jahren seines Lebens aus, seinen atherischen oder Bilde- 
krafteleib in den zweiten sieben Jahren. Wahrend er diese beiden Werk- 
zeuge seines irdischen Daseins ausbildet, wirken die charakterisierten 
Krafte aus der geistigen Welt nach. 

Nun habe ich schon gestern gesagt: Der Mensch ist nicht nur das- 
jenige Wesen, als das er sich fiir die auftere Sinnesanschauung und fur 
den Verstandesgebrauch offenbart, sondern er ist auch wahrend seines 
Erdendaseins jenes iibersinnlich-unsichtbare Wesen, das aus dem Ich 
und dem astralischen Leibe besteht, und das wahrend des Schlafzu- 
standes getrennt ist vom physischen Leib und Atherleib. Jede Nacht 
geht auch beim Erwachsenen das Ich und der astralische Leib aus dem 
physischen und dem Atherleibe heraus. Bei dem Kinde ist ja, insbeson- 
dere in der ersten Zeit des physischen Erdenlebens, ein unbestimmtes 
Zusammen- und Auseinandergehen der vier Glieder der menschlichen 
Wesenheit. Das Kind ist noch wenig wach in der ersten Zeit seines 
Lebens. Das heifit, jener feste Zusammenhalt, der zwischen Ich, astra- 
lischem Leib, atherischem Leib und physischem Leib ist, der ist nur 
kurze Zeit vorhanden. Es ist ein viel loserer Zusammenhang zwischen 



diesen vier Gliedern der menschlichen Wesenheit beim Kind als beim 
erwachsenen Menschen. Und so miissen wir durchaus ins Auge fassen 
nicht nur diejenige Lebensgeschichte des Menschen, die sich abspielt 
vor dem aufieren Auge, vor dem berechnenden Verstande, sondern wir 
miissen auch die andere Lebensgeschichte ins Auge fassen, welche das 
Ich und der astralische Leib immer im schlafenden Zustande durch- 
machen. Wenn auch beim Erwachsenen der schlafende Zustand der 
Zeit nach kiirzer ist, so ist er fur die Gesamtverfassung des mensch- 
lichen Wesens, vor alien Dingen aber auch fur die Gesundung und 
Gesundheit des ganzen menschlichen Wesens, und damit fur das Er- 
denleben uberhaupt, eigentlich von einer viel grofieren Bedeutung im 
Gesamthaushalt des Kosmos als das aufiere physische Leben. 

Durch das aufiere physische Leben lebt der Mensch auf der Erde 
zusammen mit den drei sichtbaren Reichen der aufieren Natur und 
ihren Kraften. Wenn er schlaft, sind sein Ich und sein astralischer Leib 
nicht unter diesen Kraften, sondern gewissermafien in einer iibersinn- 
lichen Welt, die aber die sinnliche Erdenwelt durchsetzt, die mit der 
sinnlichen Erdenwelt verbunden ist. Also unterscheiden wir wohl: Es 
gibt eine iibersinnliche Welt zunachst, in welcher der Mensch zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt ist; die macht er durch. Man kann sie 
beschreiben als ein vorirdisches oder nachirdisches Dasein. Er behalt 
einen Rest der Krafte fur sein irdisches Dasein, welcher wirkt - beim 
Kinde sehr stark, spater immer schwacher und schwacher. Aber das 
Ich und der astralische Leib sind wahrend der Schlafenszeit in einer 
ubersinnlichen Welt, die eine andere ist als diese iibersinnliche Welt des 
vorirdischen Daseins. Die iibersinnliche Welt des vorirdischen Daseins 
hat eigentlich mit der Erdenwelt selbst, so wie sie sich aufierlich zeigt, 
nicht viel zu tun. Diejenige iibersinnliche Welt, in der vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen zunachst der astralische Leib und das Ich sein 
miissen, die hat sehr viel mit dem Erdenwesen zu tun, sehr viel mit 
den drei Reichen, mit denen der Mensch auf der Erde zusammen ist, 
zu tun. 

Diese iibersinnliche Welt besteht aus den drei sogenannten Elemen- 
tarreichen, die Sie in meinem Buche «Theosophie» beschrieben finden. 
Also aufier dem, was ich gestern gesagt habe - daft das Ich und der 



astralische Leib sich einfinden in die Welt, in welcher Angeloi, Arch- 
angeloi sind — , miissen Ich und astralischer Leib vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen noch in einer iibersinnlichen Welt leben, die als solche 
nicht unmittelbar etwas zu tun hat mit jener iibersinnlichen Welt, in 
welcher der Mensch ist, wenn er entkorpert ist, in welcher Angeloi und 
Archangeloi sind, sondern die die Welt der elementarischen Reiche ist, 
jener elementarischen Reiche, in denen sich Wesen f inden, welche nicht 
so hoch stehen wie der Mensch, wenn er Erdenmensch ist, welche einen 
physischen Leib unmittelbar nicht haben, aber dennoch nicht blofi 
ubersinnlicher Natur sind. Diese Wesenheiten der Elementarreiche be- 
wohnen gewissermafien die andern, nach aufien hin sich of fenbarenden 
drei irdischen Reiche. 

Der Mensch lebt mit dem, was sich von den irdischen Reichen nach 
aufien offenbart, wenn er wachend ist; er lebt, wenn er schlaft, hin- 
sichtlich seines Ich und seines astralischen Leibes, mit den unsichtbaren 
ubernatiirlichen Wesen der elementarischen Reiche. 

Der Schauplatz, den gewissermafien der Mensch um sich hat, der ist 
in beiden Fallen ein anderer, aber er ist ein irdischer zunachst. Und das, 
was ich gestern beschrieben habe, das Verhaltnis, in das der Mensch im 
schlafenden Zustande zu den Angeloi, namentlich zu den Archangeloi 
kommt, das ftigt sich dem, ich mochte sagen, mehr ubernatiirlichen 
Verhaltnis zu den Elementarreichen hinzu. Geradeso wie der Mensch 
innerhalb der physischen Welt im wachenden Zustande fur seinen 
physischen Leib und fur seinen Atherleib die Nahrungsmittel der 
Reiche der Natur zu sich nimmt, so stromen in ihn ein vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen die Krafte der drei elementarischen Reiche. Das 
ist dann sein Schauplatz. In diesen drei elementarischen Reichen hat 
man es ja, wie Sie wissen, mit lebend webendem Farbenfluten zu tun, 
man hat es mit webender Tonwelt zu tun. Man hat es zu tun mit dem- 
jenigen, was hier in der physischen Welt gewissermafien an den aufieren 
festen stofflichen Dingen haftet, was in der elementarischen Welt frei 
schwebend und webend ist, weil in diesem f reien Schweben und Weben, 
in diesem Stromen und Fliefien eben das flutende Geistige sich so aus- 
driickt, wie hier der Stoff in der physischen Farbe, in dem physischen 
Ton. Aber wie der physische Stoff in festen aufieren Konturen, mochte 



ich sagen, festhalt die Farben, so tragt in Stromungen, in Wellungen 
das Geistige der Elementarreiche die flutenden Farben frei in mannig- 
faltig wechselndem Spiel dahin. 

Jenes Leben bleibt allerdings zunachst fur den Erdenmenschen in 
unserer gegenwartigen Entwickelungsphase unbewufit oder unterbe- 
wufit. Aber es ist deshalb doch so vorhanden, dafi man auch in dieser 
Beziehung ebensogut eine Lebensgeschichte des Ich und des astralischen 
Leibes zwischen Geburt und Tod schildern konnte, wie man die aufiere 
physische Lebensgeschichte zwischen Geburt und Tod fiir den Men- 
schen schildert, insofern er im physischen Leibe und im Atherleibe ist. 

Nun besteht fiir dieses Ich und diesen astralischen Leib etwas ganz 
Bestimmtes in dem Erdenleben zwischen Geburt und Tod. Dieses Be- 
stimmte, das verwandelt sich namlich, wenn der Mensch die Ge- 
schlechtsreife erlangt. Geradeso wie im physischen Erdenbereich der 
Mensch gewissermafien auf Erden steht, die Reiche um sich her wahr- 
nimmt, aber auch hinausschaut in die Weiten des Kosmos, draufien die 
Sterne, also dasjenige wahrnimmt, was aufierirdisch ist und sich phy- 
sisch offenbart, so durchlebt ja das Ich und der astralische Leib in der 
elementarischen Welt zunachst dasjenige, was als elementarische Reiche 
diese iibersinnliche Wesenheit vom Einschlafen bis zum Aufwachen 
umgibt. Aber es sieht der Mensch aus dieser elementarischen Welt auf, 
und er erblickt nicht blofi tote, leuchtende Sterne, er sieht in der Tat 
die Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Und er kommt mit diesen 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien eben in einen solchen Zusammen- 
hang, wie ich einen davon gestern in der sprachlichen Beziehung aus- 
gedriickt habe. Also der Mensch ist vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen in der elementarischen Welt, erlebt dort dasjenige, was ich in 
dem schon genannten Kursus dargestellt habe, und er schaut hinaus aus 
dieser elementarischen Welt in die Weiten der iiberelementarischen 
Welt und nimmt wahr Angeloi, Archangeloi und Archai. 

In dieser Beziehung aber hat sich der Mensch ganz wesentlich ge- 
andert, zuletzt geandert seit der Zeit, da er in die fiinfte nachatlan- 
tische Kulturperiode eingetreten ist, also seit dem 15. Jahrhundert. Seit 
jener Zeit, da der Mensch jene intensive Intellektualitat ausgebildet 
hat, die friiher eigentlich nicht da war, wird es ihm als schlafendem 



Menschen nicht mehr so leicht wie friiher, das rechte Verhaltnis zu 
finden zwischen Schlafen und Wachen. 

Es war fiir den Menschen, der bis zum 15. Jahrhundert gelebt hat - 
fiir uns alle gilt das also, fiir unsere friiheren Erdenleben -, es war fiir 
den Menschen, der bis zum 15. Jahrhundert gelebt hat, so, daft er im 
wachenden Zustande noch nicht durchsetzt war von der abstrakten 
Intellektualitat. Dadurch lebte er viel intensiver in seinem physischen 
und in seinem Atherleib, wenn er wach war, und er brachte sich eine 
gewisse Kraft aus diesem physischen und aus diesem Atherleib auch in 
den schlafenden Zustand hinein, lebte intensiv die elementarische Welt 
mit, lebte auch intensiv mit dasjenige, was er schauen konnte bezie- 
hungsweise was er erleben konnte in dem Reiche der Angeloi, Arch- 
angeloi und Archai. Der Mensch bekam namlich in jenen alteren Zeiten 
der Menschheitsentwickelung aus dem vorirdischen Dasein etwas mit, 
was ihn fiir den Zustand zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
starker machte als heute. Und so konnte sich auch der Mensch wieder- 
um aus der elementarischen und uberelementarischen Welt, die er im 
schlafenden Zustand erlebte, beim Aufwachen etwas hereinbringen, 
was ihm in seinem Atherleib und in seinem physischen Leib einen 
griindlichen Halt gab. Der Mensch war bis in das 15. Jahrhundert her- 
ein eine mehr geschlossene Wesenheit, als er heute ist. Heute geht es 
namlich dem Menschen so: Er hat ja durch die Erbschaft, die er sich 
aus dem vorirdischen Dasein in das Erdenleben hereinbringt, allerdings 
genug Krafte aus der geistigen Welt, um als Kind zu wachsen, um die 
andern Entwickelungsmomente, die er braucht, bis zu der Geschlechts- 
reife in sich aufzunehmen. Allein, der Mensch hat heute in diesem 
jetzigen Stadium seiner Entwickelung nicht unmittelbar geniigende 
Krafte, um das Ich und den astralischen Leib wahrend des Schlafens 
in der richtigen Weise in die elementarische Welt hineinzustellen, wenn 
er nicht spirituelle Erkenntnis wahrend des Wachens in sich aufnimmt. 

Es ist einfach so, dafi der Mensch dasjenige, was er friiher auf natiir- 
liche Weise mitbekommen hat aus der geistigen Welt, und was ihm als 
Schlafendem auch noch nach der Geschlechtsreife in der elementari- 
schen Welt dienlich war, heute aus der elementarischen Welt nicht mit- 
bekommt. Das hangt damit zusammen, dafi er ein freies Wesen werden 



soil. Er fiihlt sich eigentlich, wenn er nicht wahrend seiner Kindheit 
durch Unterricht und Erziehung Kenntnisse erhalt von der geistigen 
Welt, als schlafender Mensch in der elementarischen Welt wie ver- 
kiimmert. Und es tritt nicht nur jener Zustand gegeniiber der Sprache 
auf , den ich Ihnen gestern geschildert habe, sondern es tritt noch etwas 
ganz anderes auf. Es tritt das auf, dafi der Mensch nun im Ober- 
elementarischen die Archangeloi zwar erlebt, aber sich mit ihnen nicht 
verstandigen kann. Was er aber nicht mehr oder wenigstens nur sehr 
sparlich, kummerlich erlebt, das sind die Archai, das sind die Urkraf te. 
Und das ist seit dem 15. Jahrhundert menschliche Eigentiimlichkeit, 
einfach menschliche Entwickelungseigentumlichkeit geworden, dafi des 
Menschen Ich und astralischer Leib im schlafenden Zustande gewisser- 
mafien schnappen nach einer Verbindung mit den Archai, mit den Ur- 
kraften, mit den Urbeginnen, aber sie nicht erreichen konnen, gewisser- 
maJSen ihnen gegeniiber ohnmachtig sich fiihlen. 

Nun sind aber die Urkrafte, die Archai notwendig, damit der 
Mensch im Aufwachen intensiv genug in seinen Atherleib untertauche. 
Also verstehen Sie mich recht, gestern setzte ich Ihnen auseinander, 
dafi wenn der Mensch keine solche spirituelle Erkenntnis aufnimmt, er 
auch nicht einmal ansichtig wird der Archai im schlafenden Zustande, 
wahrend er doch das lebendigste Bediirfnis hat, in diesem schlafenden 
Zustande zu den Archai ein so lebendiges Verhaltnis gewinnen zu kon- 
nen, wie er hier auf Erden im physischen Zustande ein lebendiges Ver- 
haltnis zur Sonne gewinnt. Das ist aufierordentlich wichtig. Und das 
ist etwas, was man sogar, wenn man die Dinge richtig anschaut, an 
charakteristischen Erscheinungen historisch bemerken kann. 

Menschen, die mit der Vollkraft des Menschlichen in unserem intel- 
lektualistischen Zeitalter geboren sind, denen kann es unter dem Ein- 
flufi solcher Dinge, wie ich sie geschildert habe, so gehen, wie zum Bei- 
spiel Goethe. Ihm ist es eigentumlich gegangen. Er hatte einen Vater, 
der nun so recht ein Reprasentant des intellektualistischen Zeitalters 
war, ganz und gar ein guter Reprasentant dieses intellektualistischen 
Zeitalters. Diesem Vater gegeniiber, der ja viel an seiner Erziehung 
mitwirkte, empfand natiirlich Goethe: Da fliefit nichts Spirituelles, 
da kommt nichts Spirituelles an mich heran. 



Die Mutter - Sie konnen das fuhlen, wenn Sie die Biographic der 
alten Frau Rat, der Mutter Goethes, studieren - war noch nicht so 
hereingewachsen in das intellektualistische Zeitalter; von der hatte 
Goethe, wie er ja selbst sagt, «die Lust zum Fabulieren». Die war also 
noch nicht so hereingewachsen in das Intellektuelle; aber auf der an- 
dern Seite konnte sie ihm doch wieder nicht so viel geben, als er eben 
brauchte. 

Und so lebte er eigentlich heran mit einem unbewuftten Gefuhl: Du 
mufitest eigentlich von andern Leuten abstammen. - Sie mussen mich 
nicht mifiverstehen, Goethe war natiirlich nicht ein schlechter Sohn 
oder so etwas; in seinem Bewufitsein war er schon ganz ordentlich. 
Aber in seinem Unterbewufiten lebte etwas von dem, dafi seine Seele 
sich sagte: Du miifkest eigentlich ganz andere Eltern haben. - Hatte 
Goethe irgendwie aufierlich schon spirituelle Wissenschaft aufnehmen 
konnen, so wiirde er vielleicht dieses Gefuhl so lebendig nicht gehabt 
haben. Aber spirituelle Wissenschaft gab es ja noch nicht. So bildete 
sich in seinem Unterbewufitsein das so aus: Ich miifite eigentlich Eltern 
haben, die nicht jetzt leben, die friiher gelebt haben, ganz viel fruher. 
Da haben einem die Eltern durch die lebendige Atmosphare, in der ihre 
Sprache, die Handhabung ihres ganzen Lebens drinnengestanden hat, 
noch dasjenige iiberliefert, was man brauchte, um im schlafenden Zu- 
stande so in der elementarischen Welt zu leben, dafi man richtig den 
Atherleib ergreifen kann. 

Goethe hat ja alles mogliche gemacht - es gibt Mappen von Zeich- 
nungen, die er gemacht hat, und auch sonst hat er alles mogliche ver- 
sucht -, aber es ist ihm eigentlich immer nicht gelungen, in der richtigen 
Weise mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib den Atherleib 
anzuf assen und zu gebrauchen. Schauen Sie sich die Goetheschen Zeich- 
nungen an, da haben Sie unmittelbar das Gefuhl: Das zeichnet ein Ich 
und ein astralischer Leib, und da ist es genial; aber es ist nichts drinnen 
von richtigem Zeichnerischem, von dem, was man sich aneignen mufi, 
indem man sich in der richtigen Weise des physischen und des Ather- 
leibes bedient. 

Und derjenige, der nun nicht ein Goethe-Philister ist, sondern ein 
offener, freier Mensch, der wird auch den Jugenddichtungen Goethes 



das ansehen: Da ist uberall das darinnen, dafi er eigentlich nicht recht 
heran kann mit seinem Ich und seinem astralischen Leib an den Ather- 
leib und an den physischen Leib. Das kann er nicht. Und mit dem 
wachst er nun heran; das wird besonders stark, als er ein Jiingling ist. 
Die Leipziger Professoren konnten ihm erst recht nicht das verschaf- 
fen, dafi er nun aus dem physischen Leben hineingenommen hatte in 
die elementarische Welt das, was ihn dann in den ordentlichen Besitz 
seines Atherleibes gesetzt hatte. 

Und so lebte dieses unbestimmte Gefuhl, dieses unbewufite Gefuhl 
fort: Du miifitest eigentlich von ganz andern Eltern einer ganz andern 
Zeit geboren sein, auch in einer ganz andern Umgebung! - Und weil 
dieses Unbestimmte in seiner Seele lebte, konnte er es zuletzt nicht 
mehr aushalten. Er bekam dann eines schonen Tages, wiederum nicht 
ganz vollbewufk, aber deshalb nicht weniger intensiv das Gefuhl: Ja, 
hatten dich Griechen geboren, da warest du ein richtiger Kerl gewor- 
den; einen griechischen Vater, eine griechische Mutter miifitest du 
haben! 

Das veranlalke ihn, seine italienische Reise zu machen, um wenig- 
stens noch in Italien eine lebendige Beziehung zu einer andern Eltern- 
schaft, zu einer andern Vorfahrenschaft zu bekommen, als er sie in 
seiner Umgebung hat bekommen konnen. Er suchte sich gewissermafien 
auf eine ganz abnorme Weise andere Ahnen. Griechische Ahnen suchte 
er sich. Denn fiir ihn wirkte das nicht gut, was da seit der Griechenzeit 
sich allmahlich hineingeschlangelt hatte in die intellektualistische Welt. 
Und als er dann nach Italien kam, da fuhlte er in der Tat so, als ob ihn 
Griechen geboren hatten. Und das, was er sah, das fiihrte ihn eben zu 
dem auch oft von mir zitierten Ausspruch: Nach dem, was ich hier 
sehe, ist es mir, als ob ich hinter die Ratsel der griechischen Kunst ge- 
kommen ware; die Griechen schaffen nach denselben Gesetzen, nach 
denen die Natur schafft, und denen ich auf der Spur bin - und so wei- 
ter. Da fuhlte er, dafi ihm die Kraft kam, die er brauchte, um seinen 
Atherleib richtig in seine Gewalt zu bekommen. 

Da nahm er sich so etwas vor wie die «Iphigenie», die er friiher 
schon auf das Papier hingeworfen hatte. Aber das geniigte ihm nicht, 
denn es war aus dem Ich und dem astralischen Leib heraus, nicht aus 



dem atherischen Leib heraus. Da dichtete er die «Iphigenie» in Italien 
um. 

Wir haben bei den Rezitationsvortragen ofters diese zwei, die deut- 
sche und die italienische «Iphigenie» Ihnen vorgefiihrt, um zu zeigen, 
wie gewissermafien Goethe in seiner Entwickelung da einen Sprung 
gemacht hat. Dieser Sprung besteht eben darin, daft er durch dasjenige, 
was als Eindruck sich ihm ergab von den Nachwirkungen der grie- 
chischen Kunst in der italienischen Kunst, jene Kraft in sich aufnahm, 
die ihn in der richtigen Weise als schlafenden Goethe mit den Ur- 
kraften in Beziehung brachte, so daft die Urkrafte ihm nun mitgeben 
konnten, was ihn in der richtigen Weise zusammenschweifite mit sei- 
nem atherischen Leibe und mit seinem physischen Leibe. 

Dadurch wurde Goethe ein anderer, als die Menschen des materia- 
listischen Zeitalters sonst sind. Es ist ja merkwiirdig, diese Menschen 
des materialistischen Zeitalters reden von der Materie, reden von der 
physischen Welt, wahrend ihre Krankheit darin besteht, dafi sie ihren 
physischen und Atherleib gar nicht ordentlich haben. Gerade dadurch 
wird man Materialist, dafi man nicht an den physischen und Atherleib 
herankommt, dafi der Geist zu schwach ist, um den Leib in der rich- 
tigen Weise zu ergreifen. 

Goethe arbeitet eigentlich in der ganzen ersten Halfte seines Lebens 
daran, seinen Atherleib in der richtigen Weise zu erfassen. Und wah- 
rend wir verhaltnismafiig, ich mochte sagen, ein zutragliches Leben 
fuhren konnen, wenn wir wahrend des Schlafes in ein gewisses Ver- 
haltnis zu der Welt der Angeloi und Archangeloi kommen, miissen uns 
die Archai helf en, schlafendes und wachendes Leben richtig zusammen- 
zufuhren. Wachendes Leben fur sich fuhren physischer Leib und Ather- 
leib durch die Naturkrafte, die aufierlich sichtbar sind, die in den drei 
Reichen sind. Das schlafende Leben wird in der richtigen Weise ge- 
fiihrt, wenn der Mensch in den elementarischen Reichen in der rich- 
tigen Weise zwischen dem Einschlafen und Aufwachen lebt, und aus 
diesen elementarischen Reichen heraus ein Verhaltnis zu Angeloi und 
Archangeloi gewinnt. Aber es ist dem Menschen ein weiteres notwendig. 

Schematisch kann man das so zeichnen: Physischer Leib, Atherleib Tafel 1* 
miissen im wachenden Zustande ein richtiges Verhaltnis gewinnen zu 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 127. 



33 



Tafel 1 



i 4*'* 

< % 7 



V \ 



den drei Reichen der Natur (siehe Zeichnung). Der schlafende Mensch, 
Ich und astralischer Leib miissen ein richtiges Verhaltnis gewinnen zu 
den drei Elementarreichen, aber auch zu den Reichen der Angeloi und 
Archangeloi. Aber hat man nur zu diesen Reichen ein entsprechendes 
Verhaltnis, so kommt das richtige Ineinander nicht zustande. Es ist 
kein richtiges Verhaltnis zwischen Schlafen und Wachen. Damit in der 
richtigen Weise das Ich und der astralische Leib aus dem physischen 
und dem Atherleib herauskommen und hereinkommen, mufi der 
Mensch aufierdem noch das rechte Verhaltnis haben zu dem Reiche der 
Archai (mittlerer Pfeil), zu dem Reiche der Urbeginne oder Urkrafte. 

Goethes Tendenz nach Italien war einfach eine solche nach einem 
richtigen Verhaltnis zu den Archai, zu den Urkraften. Diese Urkrafte 
haben es mit dem ganzen Menschen zu tun, insofern dieser ganze 
Mensch abwechselnd ein wachendes und ein schlafendes Wesen sein 
mufi. Und es gibt einfach nicht der Schlaf die richtige Starke, und es 
wird einfach nicht aus dem Leben auf Erden alles gezogen, was daraus 
gezogen werden soil, wenn nicht das richtige Verhaltnis zu den Ur- 



kraften dadurch eintritt, dalS der Mensch jene starken inneren Krafte 
entwickelt, welche notwendig sind, wenn man die spirituelle Wissen- 
schaft begreifen soil. 

Um das, was heute offizielle Wissenschaft ist, zu begreifen, dazu ist 
ein Verhaltnis zu den Urkraften nicht notig, denn das begreift man 
eigentlich mit dem blofien Kopf. Dazu braucht man gar nicht seinen 
iibrigen Organismus dem Xtherleib nach voll zu ergreifen. Will man 
aber den ganzen Menschen durchsetzen mit seinem menschlichen gei- 
stigen Wesen, dann mufi man ein Verhaltnis zu den Urkraften haben. 

Dieses Verhaltnis zu den Urkraften war auf atavistische Weise in 
alten Zeiten vorhanden. Da haben die Urkrafte noch so viel im vor- 
irdischen Leben auf den Menschen gewirkt, da$ er sich die notige 
Starke, in sich zu leben, mitgebracht hat. Aber gerade dadurch ist unser 
Zeitalter charakterisiert, daft sich diese Urkrafte mehr oder weniger 
beim Ubergange des Menschen aus der geistigen Welt in die Erdenwelt 
zuriickziehen, dafi sie gewissermafien den Menschen diinner herab- 
steigen lassen auf die Erde, als er friiher herabgestiegen ist, und dafi der 
Mensch hier auf Erden aus seiner eigenen Kraft heraus das Spirituelle 
suchen mufi, damit er wiederum in ein Verhaltnis zu den Urkraften 
komme. 

Sie konnen, wenn Sie eine Empfindung haben fur so etwas, wie die 
geistigen Offenbarungen Goethes sind, den Unterschied zwischen 
Goethe und einem blofien Kopfmenschen sehr leicht sich vor das See- 
lenauge stellen. Ein blofier Kopfmensch sagt Ihnen allerlei Vorstel- 
lungen; es kann aufierordentlich logisch sein, was er sagt. Wenn er aber 
iiber das hinausgehen soil, was sich mit blofier Logik umfassen lalk, 
dann mufi er auf seine Instinkte zuriickgehen, das heifit auf sein 
Tierisches, da wird er zuweilen hochst unlogisch. Sie werden ja viel- 
leicht einige Erfahrungen dariiber haben, dafi es heute Leute gibt, die 
ganz gut logische Biicher schreiben konnen; wenn man aber im tag- 
lichen Umgang mit ihnen ist, und es sich nicht um das Tradieren einer 
Wissenschaft handelt, wo sie logisch darinnen sind, sondern um das- 
jenige, was das alltagliche Leben ist, da kann es zum Verzweifeln mit 
ihnen sein, denn da spielen in der unlogischsten Weise die gewohnlich- 
sten Emotionen, die gewohnlichsten Instinkte. Man konnte schon 



sagen: Dem Kopfe nach kann man sogar au£erordentlich schone 
Theorien entwickeln, sie brauchen mit dem ganzen Menschen nichts zu 
tun zu haben. — Sie brauchen sich ja nur zu erinnern an jene Geschichte, 
die ja typisch ist - sie ist iiberall vorgekommen -, dafi ein Lehrer in 
einer Schule ist, der aufierordentlich gute padagogische Theorien dar- 
iiber hat, wie im Kinde heranerzogen werden mufi das Beherrschen der 
Emotionen, das Beherrschen der Leidenschaften und so weiter, das 
predigt er den Schiilern. Da kommt es vor, dafi ein Schuler, weil er 
etwas nichtsnutz ist, das Tintenfafi umschiittet. Und da schreit der 
Lehrer: Was, du hast jetzt deinen Leidenschaften freien Lauf gelassen! 
Denn warst du logisch, verniinftig gewesen, so hattest du das Tinten- 
fafi nicht umgeschmissen. Ich . . . ! - Und er ergreift den Stuhl und 
schlagt los. Indem er gerade die Moderierung der Leidenschaft theo- 
retisch aus dem Kopfe heraus auflerordentlich gut erklart, schlagt er 
los, zerbricht vielleicht ein Stuhlbein oder so etwas. Es ist natiirlich 
allerdings ein radikal extremer Fall, aber so ahnlich kommen ja die 
Dmge immerfort vor. 

Also nehmen Sie einen solchen Kopfmenschen auf der einen Seite 
und Goethe auf der andern Seite, iiberall werden Sie sehen, in alien 
Einzelheiten seines Lebens, aber auch in seinen hochsten geistigen Lei- 
stungen: Es ist der ganze Mensch, nicht blofi der Kopf-Goethe, es ist 
der ganze Mensch Goethe drinnen. 

Bei sehr vielen Geistesgrdfien der Menschheitsentwidkelung kann 
man den Menschen vergessen. Man hat das Gefiihl, dafi eigentlich nur 
der Kopf da ist. Nicht wahr, was interessiert einen in der Tat an 
Newton als der Kopf! In der Geschichte lebt eigentlich Newton nur 
als Kopf fort. Goethe als blofier Kopf ware nicht denkbar. Bei Goethe 
weifi man, dafi er iiberall, in seinen kleinsten Begriffen, als ganzer 
Mensch drinnen ist. Man sieht es, ich mochte sagen, ganz besonders 
dem zweiten Teil des «Faust» an, aber auch dem «Wilhelm Meister», 
gerade den interessantesten Dichtungen Goethes sieht man es an. Wenn 
Goethe sich niedergesetzt hat, dann machte er den Eindruck eines 
grofien Menschen, wenn er aufgestanden ist, dann machte er den Ein- 
druck eines kleinen Menschen. Goethe war eine Sitzgrofie, wie man das 
nennt. Er hatte namlich kurze Beine und einen grolSen Oberkorper. 



Aber das sieht man, wenn man daftir ein Gefuhl hat, auch seinen gei- 
stigen Leistungen an: Es ist eben der ganze Mensch dadrinnen. 

Und das ist dasjenige, was unser Zeitalter wieder braucht: aus den 
Kopfen ganze Menschen zu machen. Bei den Menschen der Gegenwart 
ist es zufallig, dafi am Kopfe noch etwas dranhangt. Denn was sie fur 
das aufiere Leben leisten, das leisten sie ja mit dem Kopfe. Die Arme 
zum Beispiel sind eigentlich blofie Werkzeuge. Bedenken Sie, manche 
Menschen haben heute schon eine Handschrift, die sich ganz richtig, 
auch durch irgendwelche federnden Maschinen, die man an den Kopf 
anhinge, kiinstlich herbeifiihren liefie. Wenn der Mensch ein Gefuhl 
dafur hatte: Geistigkeit lebt auch in seinen Armen und Handen, und 
die Schrift entsteht durch die Arme und Hande -, ja, wenn das der 
Fall ware, dann konnte man uberhaupt den Schreibunterricht, der 
heute elementarisch gegeben wird, nicht geben, denn dieser Schreib- 
unterricht ist lediglich ein Kopfunterricht, der sich nur der Arme und 
Hande als aufierer Werkzeuge bedient, wie Maschinen. 

Es ist in der Tat das, was am Kopfe dranhangt, beim heutigen 
Menschen mehr oder weniger zur Maschine geworden. Das ist, weil 
jenes - wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf - Fluidum oder 
jene Fluidalkraft, durch welche der geistig-seelische Mensch seinen 
physischen und Atherleib ergreift, nur dann sich in der richtigen Weise 
entwickeln kann, wenn der Mensch das rechte Verhaltnis zu den Ur- 
kraften, zu den Archai erlangt. Lesen Sie in meiner «Geheimwissen- 
schaft im Umrifi», Sie werden finden, dafi die Archai die ersten waren, 
schon wahrend der alten Saturnzeit, die an die Menschheitsentwicke- 
lung herangetreten sind als uberirdische Wesenheiten. Dann sind die 
Archangeloi, dann die Angeloi hinzugekommen, dann erst ist der 
Mensch geworden. Sie sind auch wiederum die ersten, die sich zunachst 
zuriickzuziehen haben aus dem Unterbewufiten des Menschen, und die 
der Mensch wiederum erreichen mufi aus seinem Bewufitsein heraus. 

Das aber konnen wir nur, wenn wir eben wahrend unseres Wach- 
lebens die starken Krafte entwickeln, welche zum Verstehen der spiri- 
tuellen Erkenntnis notwendig sind. Dann werden wir aber auch in die 
Lage kommen, Herz und Sinn dafur zu haben, dafi da in der Natur 
draufien, in der wir als physischer Erdenmensch leben, noch etwas 



anderes ist, als was wir im wachenden Zustande fiir das normale Be- 
wufitsein erleben. 

Gehen Sie zuriick in die Zeiten der alteren Medizin. Da hat kein 
Mensch daran gedacht, der mit Medizin etwas zu tun hatte, blofi die 
aufteren abstrakten Naturkrafte und Naturstoffe zu untersuchen. Da 
arbeiteten die Leute in ihrem Laboratorium - wenn man ihre Anstalten 
so nennen kann - so, dafi ihnen aus den Vorgangen der Natur iiberall 
die Wirkungsweisen der elementarischen Krafte entgegenleuchteten. 
Eigentlich haben ja die Menschen immer gefragt: Wie nimmt sich das- 
jenige, was irgend so ein Schwefel- oder anderer Prozefi ist mit einem 
andern Stoffe zusammen, wie nimmt sich das aus hinter der blofien 
sinnlichen Erscheinung? Wie wirken da die Wesen der elementarischen 
Reiche drinnen? - Die Menschen machten ihre Experimente, um ge- 
wissermafien bei so einer Verwandlung, welche ein Stoff durchmacht, 
indem er sich mit einem andern verbindet, oder indem er aus einem 
andern hervorkommt, zu erlauschen, wie da namentlich in dem Uber- 
gange, bei dem Farbenwechsel eines Stoffes, herauslugt aus dem ele- 
mentarischen Reiche in die sinnliche Welt herein dasjenige, was Wesen 
der elementarischen Reiche sind. Noch Paracelsus, wenn er Sulfur, 
Salz, Merkur beschrieben hat, hat nicht diese gewohnlichen physischen 
Stoffe beschrieben, sondern das, was ihm, wenn diese Stoffe Verwand- 
lungen durchmachten, aus dem elementarischen Reiche herauslugte. 
Man kann daher nirgends den Paracelsus verstehen, wenn man seine 
Ausdriicke so nimmt, wie sie heute in der Chemie gebraucht werden, 
weil er iiberall eigentlich dasjenige meint, was eben in der geschilderten 
Weise da aus der elementarischen Welt herauslugt. Das aber sind auch 
die heilenden Krafte. Es sind die wirklichen heilenden Krafte. An dem, 
was Sie an irgendeiner Pflanze sehen, an dem, was Ihnen, sagen wir, 
dieHerbstzeitlose aufierlich zeigt, sehen Sie nicht die charakteristischen 
heilenden Krafte der Herbstzeitlose. Wenn Sie die charakteristischen 
heilenden Krafte der Herbstzeitlose sehen wollen, da miissen Sie sich 
die Herbstzeitlose anschauen im Verbliihen, wenn sie diese eigentiim- 
liche freche Farbenveranderung durchmacht. Da macht sich namlich 
das elementarische Wesen davon und bewirkt die Farbenanderung 
durch einen ahnlichen Prozefi - nun, Sie wissen ja, wenn sich der Teufel 



davonmacht, lafit er einen Gestank hinter sich, und die elementarischen 
Wesen machen sich da durch ihre Frechheit in der Farbengebung geltend. 

Da mufi man an diesen Ubergangen erkennen, wie dem ein Prozefi 
in der elementarischen Welt zugrunde liegt. Aber in diesem elemen- 
tarischen Prozesse drinnen lebt eben auch die menschliche Seele, Ich 
und astralischer Leib, vom Einschlaf en bis zum Aufwachen. Da lebt sie 
darinnen. Und wenn Sie zu Hilfe kommen wollen einem Naturprozefi 
im Menschen, so dafi ein Heilungsprozefi entsteht, der notwendig ge- 
worden ist, dann geht eigentlich f olgendes vor: Wenn Sie den Menschen 
lassen wie er ist, dann geht er in unregelmafiiger Weise aus einem schla- 
fenden Zustand in den wachenden Zustand, und wiederum aus dem 
wachenden in den schlafenden Zustand hinuber. Geben Sie ihm irgend- 
einen Stoff, eine Substanz, sagen wir, aus der Pflanzenwelt, die zu 
einer ganz bestimmten elementarischen Wesenheit eine Beziehung hat, 
so nimmt der Mensch hier in seinem Leibe etwas auf, was seinem astra- 
lischen Leibe in die elementarische Welt hinein eine bestimmte Kraft 
mitgibt, so dafi er dort zu den bestimmten elementarischen Wesen nun 
als seelisch-geistiges Wesen ein Verhaltnis gewinnen kann. Das bringt 
er sich wieder mit beim Aufwachen, und das wirkt dann eigentlich 
gesundend. Gesundend wirkt eigentlich nicht der Stoff, gesundend 
wirkt der Zustand, in den man den Menschen bringt durch den Stoff, 
indem der Stoff seine Beziehung zur elementarischen Welt hat und 
diese Beziehung zur elementarischen Welt auf den Menschen ubertragt. 
Eigentlich konnen Sie bei einer grofien AnzahlvonKrankheiten fragen: 
"was mull sich andern an dem Menschen, damit er in einer andern Weise, 
als er es als Kranker gewohnt ist, in den Schlaf hineinkommt und wie- 
der zuruckkommt, damit er gesund wird? Zum grofiten Teile ist das 
Studium der Heilungsprozesse ein Studium der Zustandsanderungen, 
die der Mensch durchmacht zwischen der Aufierung in der physisch- 
sinnlichen Welt, und der Aufierung in der elementarischen Welt. 

Auf solche Aufierungen in der elementarischen Welt konnte man 
fruher, da noch die Archai, die Urkrafte zu dem Menschen in einer 
lebendigen Beziehung standen, hinweisen; heute kann man das nicht 
mehr, wenn man nur das gewohnliche Bewufitsein anwendet und sich 
nicht einlafit auf die geistige Erkenntnis. Man mufi sich einlassen auf 



die geistige Erkenntnis, claim bekommt man allmahlich wiederum, 
zunachst einf ach durch den gesunden Menschenverstand, eine Einsicht, 
wie man einrichten mufi diesen Wechselzustand von Wachen und 
Schlafen zwischen der aufieren physischen Welt und der elementari- 
schen Welt, urn Heilungsprozesse herbeizufiihren. 

Also Sie sehen, notwendig ist es nicht allein, dafi der Mensch inner- 
halb des Sprachlichen - wie ich es gestern ausgefiihrt habe - wiederum 
in ein richtiges Verhaltnis zu den Archangeloi komme, sondern es ist 
notwendig, daj& der Mensch durch jene starkere Willensentfaltung, die 
es braucht, um Geisteswissenschaft zu begreifen, auch wiederum in ein 
intensiveres Verhaltnis zu den Archai, zu den Urkraften kommt. Dann 
wird ihm eine ganz andere Art von Erkenntnis selbstverstandlich sein, 
als diejenige ist, die heute an ihn herangebracht wird. Das ist ja das, 
was die Leute heute so scheuen. Um Geisteswissenschaft zu studieren, 
dazu gehort Willensentwickelung. Die Begriffe, die man in der Geistes- 
wissenschaft bekommt, diese Ideen, die mufi man mit innerer Willens- 
entwickelung, mit innerer Aktivitat aufnehmen. Das lieben die Men- 
schen heute nicht. Sie mochten eigentlich innerlich den Willen ganz 
ruhig lassen und die Erkenntnis so an sich vorbeirollen lassen, durch 
die Augen hereinkommen lassen, ohne dafi man was dazu tut, dann das 
Gehirn in Schwingungen bringen, damit das auch so von selber mit- 
lauft. Und am liebsten mochten eigentlich heute schon viele Leute, dafi 
man statt der Vortrage blofi eine Art Film vorfiihrt, wo man nicht 
mehr mitzudenken braucht mit dem, was einem iibermittelt wird, son- 
dern wo man ganz ohne innere Aktivitat sich hingeben mochte und 
alles so vorbeiziehen lafit. Dann stofit es an die Augen an, erzeugt da 
Bilder, die drucken sich wieder im Gehirn ab, und dann wird das mog- 
lichst oft gemacht, so dafi es sich intensiv eindriickt, und nun hat man 
es aufgenommen. Dadurch aber wird man so ein richtiger Automat, 
Geistesautomat: man braucht dasjenige, was einem geistig vorgefiihrt 
wird, innerlich nicht in Aktivitat umzusetzen, sondern es pragt sich 
einem ein. Man wird ein Geistesautomat, man braucht zum Beispiel gar 
nicht den menschlichen Organismus zu erkennen; denn um ihn zu er- 
kennen, dazu gehort unbedingt innere Aktivitat. Man kann den Men- 
schen nicht verstehen, wenn man nicht an den Menschen herankommt 



mit innerer Aktivitat, wenn man nicht auch solche Ideen aufnimmt 
wie diejenigen, die Ihnen heute entwickelt worden sind. Aber, nun ja, 
man kann ja ohne innere Aktivitat probieren, wenn man zum Beispiel 
Antipyrin nimmt, wie das auf den menschlichen Organismus wirkt. 
Man probiert es aus, da braucht man nichts zu verstehen vom Men- 
schen, sondern man sieht, wie es aufterlich wirkt; das pragt sich dann 
dem Menschen ein. Wenn es sich geniigend oft eingepragt hat, so kann 
man es auf ein Rezept schreiben, und man wird auf diese Weise, ohne 
die Erkenntnis des Menschen, ein Geistesautomat. Ein grofier Teil des 
heutigen Lebens lauft namlich so ab. 

Aber die Zeit ruft uns wiederum auf zur inneren Aktivitat, zur 
innerlichen Willensentf altung. Das ist, was Jugend vom Alter will. Die 
Jugend will: Das Alter soli uns wiederum etwas iiberliefern, wodurch 
wir in die richtige Sprachbeziehung zu den Archangeloi kommen. Aber 
das Alter soli uns auch so erziehen, dafi wir in die richtige Beziehung 
zu den Archai kommen. Denn - so sagt die Jugend - bis wir das notige 
Alter erreicht haben, ist es notwendig, dafi wir uns der Erziehung der 
Alten ubergeben. Aber in der Erziehung der Alten liegt dieses Hin- 
drangen zu dem Filmhaften, zu der Inaktivitat. 

Das ist die andere Seite der Jugendbewegung, innerlich angesehen, 
die eine habe ich Ihnen gestern dargestellt. Alles ruft den Menschen 
heute auf, ein ganzer Mensch zu sein, nicht nur passiven Ideen, die von 
der Aufienwelt ihm zufliefien, sich hinzugeben, sondern innerliche Ak- 
tivitat zu entwickeln, auch das ideelle, auch das gedankliche Leben mit 
innerlicher Aktivitat zu erleben, mit dem Willen zu erleben. 

Aber dazu ist die menschliche Natur heute in vieler Beziehung viel 
zu schwachmiitig, um nicht zu sagen, zu feige. Denn der Mensch denkt 
gleich, wenn er seinen Willen auf irgendeinen Ideenzusammenhang 
anwendet: Das ist nicht objektiv, das bin ja ich, da mache ich ja mir 
die Ideen -, weil der Mensch es scheut, zuerst seinen Willen so zu ge- 
stalten, dafi der Wille Objektives in der geistigen Welt erleben kann. 
Man kann eben ohne den Willen in der geistigen Welt nichts erleben, 
also auch nichts Objektives. Natiirlich, der blofi emotionelle Wille, 
der Wille, der blofi abhangig ist von dem physischen Leib oder hoch- 
stens noch von dem Atherleib, der kann iiberhaupt nicht in eine geistige 



Welt hineinkommen, der kann den Menschen nur zu einem Kopfwesen 
werden lassen. Denn der Kopf ist imstande — geradeso wie er selbst 
nicht geht, er lafit sich ja tragen -, sich passiv hinzugeben an das, was 
fiknartig in der Welt abrollt. 

Mittatig sein in der Welt, um zum Spirituellen zu kommen, mufi der 
ganze Mensch. Das ist es, was aus alien einzelnen Betrachtungen immer 
wieder und wiederum hervorgeht, und was man eigentlich heute scharf 
ins Seelenauge fassen muE. Davon werde ich dann am nachsten Freitag 
weitersprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 16.Marz 1923 



In der letzten Zeit hatte ich wiederholt darauf aufmerksam zu machen, 
dafi man ebensogut eine Lebensbeschreibung des Menschen geben 
konnte fur die Zeit, die er immer zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen zubringt, wie man eine solche gibt fiir die Zeit zwischen dem 
Aufwachen und Einschlafen. Alles, was der Mensch erlebt zwischen 
dem Aufwachen und Einschlafen, erlebt er durch seinen physischen 
und atherischen Leib. Dadurch, dafi er in dem physischen und atheri- 
schen Leib entsprechend ausgebildete Sinnesorgane besitzt, ist es ja so, 
daiS ihm diese Welt bewufit wird, die als seine Umgebung mit dem 
physischen und Atherleib verbunden ist, sozusagen eines mit ihm ist. 
Weil er in seinem gegenwartigen Entwickelungszustand in seinem Ich 
und astraiischen Leib nicht in ahnlicher Weise geistseelische Organe 
ausgebildet hat, die gewissermafien - wenn ich den paradoxen Aus- 
druck gebrauchen darf - iibersinnliche Sinnesorgane waren, kann er 
das, was er zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, nicht zu 
seinem Bewufitsein bringen. So dafi also nur ein geistiges Anschauen 
dasjenige iiberblicken konnte, was gewissermafien die Biographie dieses 
Ich und astraiischen Leibes enthalten wiirde, parallel der Biographie, 
die mit Hilfe des physischen und atherischen Leibes zustande kommt. 

Nun, wenn man von den Erlebnissen des Menschen in der Zeit zwi- 
schen dem Aufwachen und Einschlafen spricht, so gehort ja notwendig 
zu diesen Erlebnissen dasjenige, was mit ihm zusammen, von ihm erlebt 
und durch ihn bewirkt, in seiner physisch-atherischen Umgebung vor- 
geht. Man mufi deshalb sprechen von einer physisch-atherischen Um- 
gebung, einer physisch-atherischen Welt, in welcher der Mensch zwi- 
schen dem Aufwachen und Einschlafen ist. Ebenso ist er aber in einer 
Welt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, nur ist das eine Welt, 
die ganz anders geartet ist als die physisch-atherische Welt. Und es 
besteht die Moglichkeit fiir das iibersinnliche Anschauen, von dieser 
Welt zu sprechen, die geradeso unsere Umgebung ist, wenn wir schla- 
fen, wie die physische Welt, wenn wir wachen, unsere Umgebung ist. 



43 



Und wir wollen in diesen Vortragen einiges vor unsere Seele treten 
lassen, was diese Welt beleuchten kann. Dazu sind ja die Elemente 
gegeben in dem, was Sie zum Beispiel beschrieben finden in meiner 
«Geheimwissenschaft im Umrifi». Da finden Sie in einer gewissen 
Weise, wenn auch skizzenhaft beschrieben, wie sich die Reiche der 
physisch-atherischen Welt, das mineralische, pflanzliche, tierische, 
menschliche Reich, hinauf fortsetzen in die Reiche der hoheren Hier- 
archien. Wir wollen uns das heute einmal ein wenig vorhalten. 

Wir wollen uns sagen: Wenn wir unsere Augen oder die andern 
Sinnesorgane im wachenden Zustand hinauswenden in unsere physisch- 
atherische Umgebung, dann nehmen wir die drei Reiche der Natur 
Tafel 2 beziehungsweise vier Reiche wahr: das mineralische, das pflanzliche, 
das tierische und das menschliche Reich. Gehen wir nun weiter hinauf 
in diejenigen Regionen, die nur dem Obersinnlichen zuganglich sind, 
so haben wir gewissermaften die Fortsetzung dieser Reiche: das Reich 
der Angeloi, der Archangeloi, der Archai, der Exusiai, Dynamis, Ky- 
riotetes und so weiter (siehe Schema, Seite 47). 

Wir haben also zwei Welten, die sich gegenseitig durchdringen: die 
physisch-atherische Welt und die iibersinnliche Welt. Und wir wissen 
schon, dafi wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in dieser 
iibersinnlichen Welt wirklich drinnen sind und mit ihr Erlebnisse 
haben, trotzdem diese Erlebnisse wegen der fehlenden geistseelischen 
Organe eben zu dem gewohnlichen Bewufitsein nicht kommen. 

Nun handelt es sich darum, dafi genauer begriffen werden kann, 
was der Mensch in dieser iibersinnlichen Welt erlebt, wenn man, ich 
mochte sagen, eine Art Beschreibung von dieser iibersinnlichen Welt 
in derselben Weise gibt, wie man sie durch Naturwissenschaft, durch 
Geschichte, von der physisch-atherischen Welt gibt. Man mufi fiir eine 
solche, sagen wir, iibersinnliche Wissenschaft des tatsachlichen Ver- 
laufes in der Welt, in der wir als schlafende Menschen sind, natiirlich 
zunachst einzelnes herausgreifen. Und ich werde heute zunachst ein 
Ereignis herausgreifen, das von einer tiefgehenden Bedeutung fiir die 
ganze Entwickelung der Menschheit in den letzten Jahrtausenden ist. 

Von einer Seite namlich, von der Seite der physisch-atherischen 
Welt und ihrer Geschichte, haben wir dieses Ereignis schon des ofteren 



besprochen. Wir wollen es heute gewissermafien von der andern Seite 
besprechen, von der Seite, die sich zeigt, wenn man den Gesichtspunkt 
nicht in der physisch-atherischen Welt, sondern in der iibersinnlichen 
Welt nimmt. Das Ereignis, das ich meine und das ich von dem einen 
Gesichtspunkte aus ofter geschildert habe, ist dasjenige, das in das 
4. nachchristliche Jahrhundert hineinfallt. 

Ich habe ja beschrieben, wie die ganze Verfassung der Menschen- 
seele des Abendlandes eine andere wird in diesem 4. nachchristlichen 
Jahrhundert, wie das tatsachlich so ist, daft man ohne ein geisteswissen- 
schaftliches Eingehen auf die Sache iiberhaupt nicht mehr versteht, wie 
die Menschen in der Zeit gefiihlt und empfunden haben, die dem 
4. nachchristlichen Jahrhundert vorangegangen ist. Aber wir haben ja 
dieses Empfinden, diese Seelenverfassung des ofteren geschildert. Wir 
haben mit andern Worten geschildert, was die Menschen im Laufe des 
Zeitraumes erlebt haben, in den dieses 4. nachchristliche Jahrhundert 
hineinfallt. Wir wollen nun heute ein wenig Rucksicht darauf nehmen, 
was in jener Zeit diejenigen Wesenheiten erlebt haben, die diesem iiber- 
sinnlichen Reiche angehoren. Wir wollen gewissermaften uns auf die 
andere Seite des Lebens wenden, wir wollen den Gesichtspunkt im 
Obersinnlichen nehmen. 

Es ist ja ein Vorurteil der gegenwartigen sogenannt aufgeklarten 
Menschheit, daft ihre Gedanken nur in den Kopfen drinnenstecken. 
Wir wiirden nichts von den Dingen durch Gedanken erfahren, wenn 
diese Gedanken nur in den Kopfen der Menschen waren. Derjenige, 
der da glaubt, daft die Gedanken nur in den Kopfen der Menschen 
seien, der unterliegt, so paradox das klingt, demselben Vorurteil, wie 
einer, der glaubt, daft der Schluck Wasser, mit dem er sich den Durst 
loscht, auf seiner Zunge entstanden ist und nicht aus dem Wasserkrug 
in seinen Mund hineingeflossen ist. Es ist im Grunde genommen ebenso 
lacherlich zu behaupten, die Gedanken entstehen im Menschenkopfe, 
wie es lacherlich ist zu sagen - wenn ich meinen Durst mit einem Trunk 
Wasser losche, den ich im Krug habe -, das Wasser sei in meinem Mund 
entstanden. Die Gedanken sind eben durchaus in der Welt ausgebreitet. 
Die Gedanken sind die in den Dingen waltenden Krafte. Und unser 
Denkorgan ist eben nur etwas, was aus dem kosmischen Reservoir der 

45 



Gedankenkrafte schopft, was die Gedanken in sich hereinnimmt. Wir 
miissen also von Gedanken nicht so sprechen, als ob sie etwas waren, 
das nur dem Menschen angehort. Wir miissen von Gedanken so spre- 
chen, dafi wir uns bewufit sind: Gedanken sind die weltbeherrschenden 
Kraf te, die iiberall im Kosmos ausgebreitet sind. Aber diese Gedanken 
f liegen deshalb doch nicht f rei herum, sondern sie sind immer getragen, 
bearbeitet von irgendwelchen Wesenheiten. Und, was das Wichtigste 
ist, sie sind nicht immer von denselben, nicht immer von den gleichen 
Wesenheiten getragen. 

Wenn wir uns an die ubersinnliche Welt wenden, dann finden wir 
durch die ubersinnliche Forschung, dafi die Gedanken, durch die sich 
die Menschen die Welt begreiflich machen, draufien im Kosmos ge- 
tragen wurden - ich konnte auch sagen: ausgestromt wurden; irdische 
Ausdriicke passen wenig fur diese erhabenen Vorgange und Wesen- 
haftigkeiten -, dafi also diese Gedanken getragen, ausgestromt waren 
bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert von den Wesen jener Hierar- 
chies die wir als Exusiai oder Formwesen bezeichnen (siehe Schema 
Seite 47). 

Wenn ein alter Grieche aus der Wissenschaft seiner Mysterien her- 
aus sich hat Rechenschaft geben wollen dariiber, woher er eigentlich 
seine Gedanken hat, so hat er das in der Art tun miissen, dafi er sich 
sagte: Ich wende meinen geistigen Blick hinauf zu jenen Wesen, von 
denen mir geoffenbart wird durch die Mysterienwissenschaft als den 
Wesen der Form, als den Formkraften, Formwesen. Das sind die Tra- 
ger der kosmischen Intelligenz, das sind die Trager der kosmischen 
Gedanken. Sie lassen die Gedanken durch die Weltenereignisse stromen, 
und sie geben diese menschlichen Gedanken an die Seele ab, die sich 
diese Gedanken erlebend vergegenwartigt. - Wer etwa durch eine be- 
sondere Initiation sich in jenen alten Zeiten des griechischen Lebens in 
die ubersinnliche Welt eingelebt hatte und bis zum Erleben dieser Form- 
wesen gekommen war, der schaute diese Formwesen, und er mulke, um 
sich von ihnen das rechte Bild, die richtige Imagination zu machen, 
ihnen etwa als ein Attribut beigeben die durch die Welt stromenden, 
leuchtenden Gedanken. Er sah als alter Grieche diese Formwesen etwa 
wie von ihren Gliedern ausgehen lassend leuchtende Gedankenkrafte, 



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Tafei 2 



die dann in die Weltenprozesse hineingehen und da als die weltschopfe- 
rischen Intelligenzmachte weiter wirken. Er sagte etwa: Die Krafte der 
Form, die Exusiai, sie haben im Weltenall, im Kosmos, den Beruf, die 
Gedanken durch die Weltenvorgange zu ergiefien. - Und so wie die 
sinnliche Wissenschaft das Tun der Menschen beschreibt, indem sie dies 
oder jenes notifiziert, was die Menschen einzeln oder miteinander tun, 
so miifite eine iibersinnliche Wissenschaft beschreiben, wenn sie die 
Tatigkeit der Formkrafte fiir das charakterisierte Zeitalter ins Auge 
fafit, wie sich diese iibersinnlichen Wesen gegenseitig die Gedanken- 
krafte zustromen lassen, wie sie voneinander sie empfangen, und wie 
in diesem Zustromenlassen und in diesem Empfangen eingegliedert sind 
jene Weltenvorgange, die dann nach aufien sich dem Menschen als die 
Naturerscheinungen darstellen. 

Nun kam in der Entwickelung der Menschheit eben jenes 4. nach- 
christliche Jahrhundert heran. Und das brachte fiir diese iibersinnliche 
Welt das aufierordentlich bedeutsame Ereignis, dafi die Exusiai - die 
Krafte, die Wesenheiten der Form - ihre Gedankenkrafte abgaben an 
die Archai, an die Urkrafte oder Urbeginne (siehe Schema). 



Es traten damals die Urbeginne, die Archai, in den Beruf ein, den 
friiher die Exusiai ausgeiibt hatten. Solche Vorgange gibt es eben in der 
ubersinnlichen Welt. Das war ein ganz hervorragend wichtiges kos- 
misches Ereignis. Die Exusiai, die Formwesen, behielten sich von jener 
Zeit an lediglich die Aufgabe zuriick, die aufieren Sinneswahrnehmun- 
gen zu regeln, also mit besonderen kosmischen Kraften alles das zu 
beherrschen, was in der Welt der Farben, der Tone und so weiter vor- 
handen ist. So daft derjenige, der in diese Dinge hineinschaut, fiir das 
Zeitalter, das nun nach dem 4. nachchristlichen Jahrhundert herauf- 
kam, sagen mu!5: Er sieht, wie die weltbeherrschenden Gedanken iiber- 
geben werden an die Archai, an die Urbeginne, und wie das, was Augen 
sehen, Ohren horen, in seiner mannigfaltigen Weltgestaltung, in seiner 
standigen Metamorphosierung das Gewebe ist, das da weben die Exu- 
siai, die friiher den Menschen die Gedanken gegeben haben, die also 
jetzt ihnen die Sinnesempfindungen geben, wahrend ihnen die Ur- 
beginne jetzt die Gedanken geben. 

Und diese Tatsache der ubersinnlichen Welt spiegelte sich hier unten 
in der sinnlichen Welt so, dafi eben in jener alteren Zeit, in welcher zum 
Beispiel die Griechen lebten, die Gedanken objektiv in den Dingen 
wahrgenommen worden sind. So wie wir heute glauben, das Rot oder 
das Blau an den Dingen wahrzunehmen, so fand der Grieche einen 
Gedanken nicht blofi mit seinem Kopfe erfafit, sondern hervorstrah- 
lend, herausstrahlend aus den Dingen, wie eben das Rot oder das Blau 
herausstrahlt. 

Das habe ich ja in meinem Buche «Die Ratsel der Philosophie» be- 
schrieben, was diese andere, ich mochte sagen, die menschliche Seite 
der Sache ist. Wie sich dieser wichtige Vorgang der ubersinnlichen Welt 
spiegelt in der physisch-sinnlichen Welt, das finden Sie durchaus in 
meinem Buche «Die Ratsel der Philosophie» beschrieben. Da gebraucht 
man dann philosophische Ausdrucke, weil die Philosophensprache eine 
Sprache fiir die materielle Welt ist, wahrend man, wenn man den Ge- 
sichtspunkt in der ubersinnlichen Welt bespricht, eben auch von der 
ubersinnlichen Tatsache zu sprechen hat, dafi der Beruf der Exusiai 
iibergegangen ist an die Archai. 

Solche Dinge bereiten sich in der Menschheit durch ganze Epochen 



hindurch vor. Solche Dinge sind mit griindlichen Umwandlungen der 
Menschenseelen verkniipft. Ich sage, dafi diese iibersinnliche Tatsache 
sich zugetragen hat im 4. nachchristlichen Jahrhundert; doch ist das ja 
nur annahernd gesagt, derm das ist sozusagen nur ein mittlerer Zeit- 
punkt, wahrend diese Ubergabe eben lange Zeiten hindurch gespielt 
hat. Sie hat sich schon in den vorchristlichen Zeiten vorbereitet und 
war erst vollendet im 12., 13., 14. nachchristlichen Jahrhundert. Das 
4. Jahrhundert ist sozusagen nur der mittlere Zeitpunkt, den man an- 
gegeben hat, um auf etwas Bestimmtes im geschichtlichen Werden der 
Menschheit hinzudeuten. 

Nun, damit sind wir gleichzeitig in jenem Zeitpunkt der Mensch- 
heitsentwickelung, in dem sich fur den Menschen iiberhaupt der Aus- 
blick in die iibersinnliche Welt vollig zu verdunkeln beginnt. Es hort 
das BewuEtsein der Seele auf, iibersinnlich zu schauen, wahrzunehmen, 
indem sich diese Menschenseele hingibt der Welt. Es wird das vielleicht 
noch intensiver vor Ihre Seele treten, wenn wir es von einer andern 
Seite her beleuchten. 

Worin besteht denn eigentlich das, worauf ich so intensiv hinweisen 
will? Es besteht darin, dafi die Menschen immer mehr und mehr sich 
in ihrer Individuality fiihlen. Indem die Gedankenwelt iibergeht von 
den Formwesen zu den Urbeginnen, von den Exusiai zu den Archai, 
empfindet der Mensch die Gedanken seiner eigenen Wesenheit mehr, 
weil die Archai um eine Stufe naher dem Menschen leben als die Exu- 
siai. Und wenn der Mensch beginnt, iibersinnlich zu schauen, dann hat 
er den folgenden Eindruck. Dann sagt er: Nun ja, da ist diese Welt, 
die ich als die sinnliche iiberschaue. Sagen wir, das Gelbe (siehe Schema 
Seite 50) ist die meinen Sinnen zugewendete Seite, das Rote ist die Tafel 3 
schon verborgene, von den Sinnen abgewendete Seite. 

Das gewohnliche Bewulksein weifi von den hier in Betracht kom- 
menden Verhaltnissen iiberhaupt nichts. Aber das iibersinnliche Be- 
wufitsein hat durchaus die Empfindung: Wenn hier der Mensch ist 
(siehe Schema S. 50), dann sind zwischen dem Menschen und denSinnes- 
eindnicken Angeloi, Archangeloi und Archai; die sind eigentlich dies- 
seits der sinnlichen Welt. Man sieht sie nur nicht mit den gewohnlichen 
Augen, aber sie liegen eigentlich zwischen dem Menschen und dem 



Tafel 3 |^ 

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ganzen Sinnesteppich. Und die Exusiai, Dynamis, Kyriotetes sind 
eigentlich erst jenseits; die werden zugedeckt durch den Sinnesteppich. 
So daft also der Mensch, der ein iibersinnliches Bewufitsein hat, die Ge- 
danken, nachdem sie an die Archai ubergeben sind, als an sich heran- 
kommend empfindet. Er empfindet sie so, als ob sie jetzt mehr in seiner 
Welt lagen, wahrend sie friiher hinter den Farben, dem Roten, dem 
Blauen, das an den Dingen ist, drinnen waren, gewissermafien durch 
das Rote, das Blaue, oder auch durch das Cis oder durch das G heran- 
kamen. Er fiihlt sich seit dieser "Obergabe in einem freieren Verkehr 
mit der Gedankenwelt. Das ruft ja auch die Illusion hervor, als ob der 
Mensch die Gedanken selber machte. 

Der Mensch hat sich aber auch erst im Laufe der Zeit dazu ent- 
wickelt, gewissermafien in sich hereinzunehmen, was sich ihm friiher 
als objektive aufiere Welt darbot. Das ist erst nach und nach in der 
Menschheitsentwickelung so gekommen. Wenn wir jetzt einmal recht 
weit zuriickgehen in der Menschheitsentwickelung, wenn wir hinter die 
atlantische Katastrophe in die alte atlantische Zeit zuriickgehen, da 
bitte ich Sie, sich das Menschengebilde in der atlantischen Zeit so 



vorzustellen, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft» oder in den 
Abhandlungen «Aus der Akasha-Chronik» beschrieben habe. Diese 
Menschen waren ja, wie Sie wissen, ganz anders gestaltet. Ihre Leibes- 
substanz war von grofierer Feinheit, als sie dann spater, in der nach- 
atlantischen Zeit, geworden ist. Dadurch war aber auch das Seelen- 
hafte - es ist ja das alles in den Buchern beschrieben - in einem ganz 
andern Verhaitnis zur Welt, und diese Atlantier haben die Welt ganz 
anders erlebt. Ich will nur eines angeben von dieser besonderen Art 
des Erlebens. Diese Atlantier konnten zum Beispiel keine Terz erleben, 
nicht einmal eine Quinte. Sie konnten eigentlich das musikalische Er- 
leben erst beginnen, indem sie die Septime empfanden.Und dann haben 
sie weitergehende Intervalle empfunden, deren kleinstes eben die Sep- 
time war. Terzen, Quinten, haben sie iiberhort; die gab es nicht fur sie. 

Dadurch aber war das Erleben der Tongebilde iiberhaupt ein ganz 
anderes, die Seele hatte ein ganz anderes Verhaitnis zu den Tongebil- 
den. Wenn man ohne die Zwischenintervalle musikalisch eben nur in 
Septimen lebt, und in so naturlicher Weise in Septimen lebt, wie die 
Atlantier in Septimen gelebt haben, dann nimmt man iiberhaupt das 
Musikalische nicht als etwas wahr, was an einem oder in einem als 
Mensch vorgeht, sondern man ist in dem Augenblicke, in dem man 
iiberhaupt musikalisch wahrnimmt, aus seinem Leibe draufien, man 
lebt im Kosmos draufien. Und so war es bei den Atlantiern. Bei den 
Atlantiern war es so, dafi ihnen das musikalische Erlebnis zusammen- 
fiel mit einem unmittelbar religiosen Erlebnis. Ihr Septimenerlebnis 
gab sich ihnen so, dafi sie nicht etwa sagen konnten, sie haben selbst 
etwas zu tun mit der Entstehung der Septimenintervalle, sondern sie 
empfanden, wie Gotter, die durch die Welt wallten und webten, sich 
in Septimen offenbarten. Sie hatten gar keinen Sinn damit verkniipfen 
konnen: Ich mache Musik. - Sie konnten nur einen Sinn damit ver- 
binden, wenn sie sagten: Ich lebe in der von den Gottern gemachten 
Musik. 

Nun, in einer wesentlichen Abschwachung war dieses musikalische 
Erleben auch noch in der nachatlantischen Zeit vorhanden, in derjeni- 
gen Zeit, in der im wesentlichen in Quintenintervallen gelebt wurde. 
Sie diirfen das nicht vergleichen mit der heutigen Empfindung der 



Quinten durch den Menschen. Heute empfindet der Mensch die Quinte 
etwa so, dafi sie ilim den Eindruck eines nicht erfiillten Aufieren gibt. 
Sie hat fiir ihn etwas Leeres, im besten Sinne des Wortes, aber etwas 
Leeres. Sie ist leer geworden, weil sich die Gotter von den Menschen 
zurikkgezogen haben. 

Auch noch in der nachatlantischen Zeit erlebte der Mensch bei sei- 
nen Quintenintervallen, dafi in diesen Quinten eigentlich die Gotter 
lebten. Und erst als spater innerhalb des Musikalischen die Terz auf- 
trat, die grofie und die kleine Terz, da war es so, dafi nun das Musi- 
kalische gewissermafien untertauchte in das menschliche Gemiit, dafi 
der Mensch mit dem musikalischen Erleben nicht mehr entriickt war. 
Im richtigen Quintenzeitalter war der Mensch mit dem musikalischen 
Leben durchaus noch entriickt. Im Terzenzeitalter, das, wie Sie wissen, 
erst verhaltnismafiig spat heraufgezogen ist, ist der Mensch mit dem 
musikalischen Erleben in sich selbst darinnen. Er nimmt das Musika- 
lische an seine Leiblichkeit heran. Er verwebt das Musikalische mit 
seiner Leiblichkeit. Daher tritt mit dem Terzenerlebnis der Unterschied 
zwischen Dur und Moll auf, und man erlebt auf der einen Seite das, 
was man eben beim Dur erleben kann, auf der andern Seite dasjenige, 
was mit dem Moll erlebt werden kann. An die menschlichen gehobenen, 
freudigen, an die deprimierten, schmerzvollen, leidvollen Stimmungen, 
die der Mensch als der Trager seines physischen und atherischen Leibes 
erlebt, kniipft sich das musikalische Erleben mit der Entstehung der 
Terz, mit dem Hereinkommen von Dur und Moll in das Musikalische. 
Der Mensch nimmt gewissermafien sein Welterleben aus dem Kosmos 
heraus, verbindet sich selber mit seinem Welterleben. In alteren Zeiten 
hatte er sein wichtigstes Welterleben so - und das war durchaus noch 
der Fall in der Quintenzeit, aber in einem hoheren Mafie in der Sep- 
timenzeit, wenn ich mich dieser Ausdriicke bedienen darf -, dafi es ihn 
unmittelbar entriickte, dafi er sagen konnte: Die Welt der Tone zieht 
mein Ich und meinen astralischen Leib aus meinem physischen und 
Atherleib unmittelbar heraus. Ich verwebe mein irdisches Dasein mit 
der gottlich-geistigen Welt, und es ertonen die Tongebilde als etwas, 
auf dessen Fliigeln die Gotter durch die Welt wallen, deren Wallen ich 
miterlebe, indem ich die Tone wahrnehme. 



Sie sehen also auf diesem besonderen Gebiete, wie gewissermaflen 
das kosmische Erleben an den Menschen herankommt, wie der Kosmos 
in den Menschen hineindringt, wie wir gewissermafien, wenn wir in 
alte Zeiten zuriickgehen, das wichtigste Menschenerleben im Obersinn- 
lichen suchen miissen, und wie dann die Zeit heraufkommt, wo der 
Mensch als sinnlich-irdische Erscheinung, ich mochte sagen, mitgenom- 
men werden mufi, wenn die wichtigsten Weltereignisse beschrieben 
werden. 

Das geschieht in jenem Zeitalter, das eintritt, nachdem die Gedan- 
ken von den Formwesen an die Urbeginne abgegeben sind. Das driickt 
sich auch dadurch aus, daft das alte Quintenzeitalter - das schon friiher 
war als jene Ubergabe - ubergeht in das Terzenzeitalter, in das Erleben 
von Dur und Moll. 

Nun ist es besonders interessant, wenn gerade mit diesem Erleben 
in eine noch altere Zeit als die atlantische zuriickgegangen wird, also 
in eine Zeit der menschlichen Erdenentwickelung, die in grauester, 
fernster Vergangenheit fur die Riickschau verschwimmt, deren An- 
schauung aber hervorgeholt werden kann durch das ubersinnliche 
Schauen. Da kommen wir sogar zu einem Zeitalter - Sie finden es in 
meiner «Geheimwissenschaft» als das lemurische Zeitalter beschrie- 
ben -, wo der Mensch iiberhaupt das Musikalische nicht mehr so wahr- 
nehmen kann, dafi ihm innerhalb einer Oktave ein Intervall bewufit 
werden kann, sondern da kommen wir in eine Zeit, in welcher der 
Mensch ein Intervall nur wahrnimmt, indem das Intervall die Oktave 
iibergreift, also etwa so: 



so dafi der Mensch nur dieses Intervall c d wahrnimmt, das heifit das d 
der nachsten Oktave. 

Im lemurischen Zeitalter haben wir also durchaus ein musikalisches 
Erleben, das sich gar nicht abspielen kann im Anhoren eines Intervalls 
innerhalb einer Oktave, sondern da geht das Intervall iiber die Oktave 




Taf el 3 



hinaus, bis zum ersten Ton der folgenden Oktave, und dann geht es bis 
zum folgenden Ton der zweitnachsten Oktave. Und da erlebt der 
Mensch etwas, was schwer zu benennen ist; aber man kann sich viel- 
leicht eine Vorstellung davon machen, wenn ich sage: Es erlebt der 
Mensch die Sekund der nachsten Oktave und die Terz der zweitnach- 
sten Oktave. Er erlebt eine Art objektiver Terz, und da auch wiederum 
die zwei Terzen, namlich die grofte und die kleine Terz. Nur dafi die 
Terz - dasjenige, was er da erlebt - natiirlich in unserem Sinne keine 
Terz ist, denn nur, wenn ich die Prim in derseiben Oktave annehme, 
ist der Ton, den ich in bezug auf die zweitnachste Prim meine, die Terz. 
Aber indem der Mensch unmittelbar die Intervalle erleben konnte, die 
fur uns heute so sind, dafi wir sagen: Prim in einer Oktave, Sekund in 
der nachsten Oktave, Terz in der dritten Oktave — , nahm dieser altere 
Mensch dasjenige wahr, was eine Art objektiven Durs und objektiven 
Molls ist, ein nicht mehr in sich erlebtes Dur und Moll, sondern ein Dur 
und Moll, das als der Ausdruck des seelischen Erlebens der Gotter 
empfunden wurde. Die Menschen des lemurischen Zeitalters erlebten, 
man kann jetzt nicht sagen Freude und Leid, Erhebung und Deprimie- 
rung, sondern man mufi sagen: Die Menschen erlebten durch dieses 
besondere musikalische Empfinden in der lemurischen Zeit, indem sie 
ganz aufier sich entriickt waren in dem Wahrnehmen dieser Intervalle, 
die kosmischen Jubelklange der Gotter und die kosmischen Klagen der 
Gotter. - Und wir konnen zuriickschauen auf ein irdisches, von den 
Menschen wirklich erlebtes Zeitalter, in dem sozusagen hinausproji- 
ziert war in das Weltenall dasjenige, was der Mensch heute erlebt bei 
Dur und Moll. Was er heute innerlich erlebt, es war hinausprojiziert 
in das Weltenall. Was ihn heute durchwellt in seinem Gemiite, in seiner 
Empfindung, das vernahm er in Entriickung von seinem physischen 
Leibe als Erlebnis der Gotter draufien. Was wir heute als innerliches 
Durerlebnis charakterisieren miifiten, nahm er in der Entriickung von 
seinem Leibe draufien als den kosmischen Jubelgesang, als die kosmische 
Jubelmusik der Gotter wie den Ausdruck der Freude iiber ihr Welt- 
schaffen wahr. Und was wir heute als innerliche Mollerlebnisse haben, 
nahm einstmals der Mensch in der lemurischen Zeit als die ungeheure 
Klage der Gotter wahr iiber die Moglichkeit, dafi die Menschen ver- 



54 



fallen konnen in das, was dann in der biblischen Geschichte als der 
Siindenfall, als der Abfall von den gottlich-geistigen Machten, von den 
guten Machten, geschildert worden ist. 

Das ist etwas, was uns heriibertont aus jener wunderbaren, von 
selbst in das Kiinstlerische iibergehenden Erkenntnis der alten Myste- 
rien, daft wir vernehmen, wie nicht nur etwa abstrakt geschildert wird, 
daft einstmals die Menschen durch die luziferische und ahrimanische 
Verfiihrung und Versuchung gegangen sind und dies oder jenes er- 
fahren haben, sondern daft die Menschen gehort haben, wie in uralten 
Erdenzeiten die Gotter jubelnd musiziert haben im Kosmos aus der 
Freude ihres Weltenschaf f ens heraus, und wie sie gleichsam prophetisch 
schon hingeschaut haben auf den Abfall der Menschen von den gott- 
lich-geistigen Machten, und dieses Hinschauen in der kosmischen Klage 
zum Ausdrucke brachten. 

Dieses kiinstlerische Erfassen von etwas, was spater immer intellek- 
tualistischere Formen angenommen hat, das ist etwas, was aus den 
alten Mysterien heraustont, und aus dem wir die so tiefe Oberzeugung 
gewinnen konnen, daft es eine Quelle ist, aus der Erkenntnis, Kunst, 
Religion gef lossen sind. Und daraus mufi uns die Oberzeugung werden, 
dal$ wir wieder zuriick mussen zu jener menschlichen Seelenverfassung, 
die wiederum entstehen wird, wenn die Seele erkennt, indem sie religios 
durchwellt, kunstlerisch durchstromt wird; zu jener Seelenverfassung, 
die wiederum tief lebensvoll das versteht, was schon Goethe gemeint 
hat mit dem Worte: Das Schone ist eine Manifestation geheimer Natur- 
gesetze, die ohne dessen Erscheinung ewig verborgen geblieben waren. - 
Das Geheimnis der Menschheitsentwickelung innerhalb des Erden- 
seins, innerhalb des Erdenwerdens, das verrat uns selbst diese inner- 
liche Einheit alles dessen, was der Mensch erkennend religios und 
kunstlerisch mit der Welt zusammen durchmachen mufi, damit er mit 
dieser Welt zusammen seine Gesamtentfaltung erleben kann. 

Und es ist schon so, daft jetzt die Zeit gekommen ist, wo diese Dinge 
den Menschen wiederum zum Bewufitsein kommen mussen, weil sonst 
einfach die menschliche Natur in ihrer Seelenhaftigkeit verfallen 
miifite. Der Mensch miifite heute und in die nachste Zukunft hinein 
durch die intellektualistisch werdende einseitige Erkenntnis seelisch 



vertrocknen, er miifke durch die einseitig gewordene Kunst seelisch 
stumpf werden und durch die einseitig gewordene Religion tiberhaupt 
seelenlos werden, wenn er nicht den Weg finden konnte, der ihn zur 
inneren Harmonie und Einheit dieser drei f iihren konnte, wenn er nicht 
den Weg finden konnte, auf eine bewulkere Art, als es einmal der Fall 
war, aus sich herauszukommen und das Obersinnliche wiederum mit 
dem Sinnlichen zusammen zu schauen und zusammen zu horen. 

Gerade wenn man mit Geisteswissenschaft hinblickt auf die alteren, 
tieferen Personlichkeiten der werdenden griechischen Kukur, auf jene 
Personlichkeiten, als deren Nachkommen sich dann ein Aschylos, ein 
Heraklit entwickelt haben, dann findet man, dafi diese Personlich- 
keiten, insofern sie in die Mysterien eingeweiht waren, alle ein gleiches 
Gefiihl hatten aus ihrer Erkenntnis heraus und aus ihren kiinstlerischen 
Schopferkraften, die sie eben noch so fiihlten, wie ja auch Homer - 
«Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden Achilleus» - nicht als etwas 
personlich in ihnen Waltendes, sondern als etwas, was sie in ihrem 
religiosen Empfinden in Gemeinsamkeit mit der geistigen Welt ver- 
richteten, und wodurch sie sich sagten: Die Menschen haben in uralten 
Zeiten sich eigentlich als Menschen erlebt, indem sie durch die wichtig- 
sten menschlichen Betatigungen - wie ich es Ihnen fur das Musikalische 
gezeigt habe, aber auch bei dem Gedankenfassen war es so - aus sich 
herausgingen und mit den Gottern zusammen erlebten. Das, was sie da 
erlebten, das haben die Menschen verloren. 

Diese Stimmung des Verlustes eines uralten Erkenntnis- und kiinst- 
lerischen und religiosen Besitzes der Menschheit, die lastete durchaus 
auf den tieferen griechischen Seelen. 

t)ber den neueren Menschen mufi etwas anderes kommen. Uber den 
neueren Menschen mufi kommen, dafi er durch Entfaltung der rechten 
Krafte seines seelischen Erlebens dahin gelangt, das, was einstmals ver- 
loren worden ist, wieder zu finden. Ich mochte sagen: Der Mensch 
mufi ein Bewufitsein davon entwickeln - wir leben ja im Bewufitseins- 
zeitalter -, wie das, was nun inner lich geworden ist, wiederum den Weg 
nach aufien zu dem Gottlich-Geistigen findet. Und solches wird sich 
vollziehen konnen - ich habe es angedeutet auf eine Frage hin, die im 
Goetheanum beim ersten Hochschulkursus gestellt worden ist -, solches 



wird sich auf einem Gebiete zum Beispiel ereignen, wenn der innerliche 
Reichtum der Empfindungen, der in der Melodie erlebt wird, einmal 
auf den einzelnen Ton iibergehen wird, wenn der Mensch das Geheim- 
nis des einzelnen Tones erfahren wird, wenn, mit andern Worten, der 
Mensch nicht nur Intervalle erleben wird, sondern wirklich audi mit 
innerlichem Reichtum, mit innerlicher Mannigfaltigkeit des Erlebens 
den einzelnen Ton wie eine Melodie wird erleben konnen. Davon ist 
heute noch kaum eine Vorstellung vorhanden. 

Aber Sie sehen, wie die Dinge fortgehen: von der Septime zur 
Quinte, von der Quinte zur Terz, von der Terz zur Prim herunter, bis 
zum einzelnen Ton, und dann weiter fort. So dafi dasjenige, was einst- 
mals ein Verlieren des Gottlichen war, sich wandeln mufi fur die 
Menschheitsentwickelung, wenn die Menschheit auf Erden sich weiter- 
bilden und nicht untergehen will, sich wandeln raufi fur die Erden- 
menschheit in ein "Wiederfinden des Gottlichen. 

Wir verstehen die Vergangenheit nur richtig, wenn wir ihr das 
rechte Ebenbild fur unsere Entwickelung in die Zukunft hinein ent- 
gegenzustellen vermogen, wenn wir ganz tief, erschiitternd tief das 
empfinden konnen, was noch in uralter Griechenzeit ein tieferer 
Mensch empfunden hat: Ich habe die Gegenwart der Gotter verloren -, 
und wenn wir dem entgegensetzen konnen wiederum aus erschutterter, 
aber intensiv und innigst strebender Seele: Wir wollen den Geist, der 
im Keim in uns ist, zum Bliihen und Fruchten bringen, damit wir die 
Gotter wiederfinden konnen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 17.Marzl923 



Gestern versuchte ich, an einem bedeutsamenPunkte der weltgeschicht- 
lichen Entwickelung, den wir schon seit einiger Zeit als einen solchen 
kennengelernt haben, an dem Punkte des 4. nachchristlichen Jahrhun- 
derts, zu zeigen, wie man diese Menschheitsentwickelung eigentlich erst 
dann voll verstehen kann, wenn man nicht nur das ins Auge fafit, was 
sich sozusagen vor den Kulissen der Weltgeschichte abspielt, sondern 
auch dasjenige, was hinter diesen Kulissen liegt. Und ich sagte Ihnen 
gestern, dafi wir als einen mittleren Zeitpunkt, annahernd im 4. Jahr- 
hundert - denn die Sache dauert viele hundert Jahre lang -, zu ver- 
zeichnen haben die t)bergabe der kosmischen Gedankenwelt von den 
Geistern der Form an die sogenannten Archai, Urbeginne oder Ur- 
krafte. Und damit ist in Verkniipfung - weil ja der Mensch in seinen 
Gedanken von ganz andern geistigen Wesenheiten abhangig wird -, 
dafi er nun zu seinen Gedanken ganz anders steht als vorher. 

Sie miissen sich vergegenwartigen, wie die aufiere Weltgeschichte, 
sowohl das aufiere geschichtliche Geschehen wie auch die Geistesge- 
schichte der Menschheit in diesen Jahrhunderten spielt, und wie in 
dieses geschichtliche Geschehen emschlagt eben diese ubersinnliche Tat- 
sache. Wahrend also friiher die Geister der Form - diejenigen Wesen- 
heiten also, welche die Bibel zum Beispiel die Elohim nennt - die Ge- 
danken der Welt verwaltet haben, so da£ der Mensch unbewuiSt sich 
an diese Geister der Form wenden mulke, wenn er Gedanken iiber die 
Dinge f assen wollte, ging das Gedankenleben nun iiber an die Urkraf te, 
die dem Menschen viel naherstehen. Ich habe Ihnen dieses Naher- 
stehen gestern dadurch verbildlicht, dafi ich folgendes gesagt habe: 
Wir stellen uns vor, hier sei die Grenze, welche die Sinneswelt darstellt. 
Also alles, was wir in der Sinneswelt sehen und wahrnehmen, Farben, 
Tone, Warmeempfindungen, sei durch diese Linie versinnbildlicht 
(siehe Zeichnung Seite 59). Was nun hinter den Sinnesempfindungen 
liegt, das ist das Feld, in dem sich, wie ich gestern gesagt habe, die 
Geister der Form finden, welche die Bibel die Elohim nennt, dann die 



\iyiotet^ \. Tafel4 

P y rv o i ^ * /. • 

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'4- M<?n^ 



sogenannten Dynamis, hohere Geister, dann die Kyriotetes und so wei- 
ter. Das sind also die drei Reiche, welche hinter der Sinneswelt liegen. 

Die neuere Physik, wenn sie zur Naturphilosophie wird, phanta- 
siert davon, daft hinter der Sinneswelt die wirbelnden Atome sind. 
Das ist aber eine phantastische materialistische Vorstellung. In Wahr- 
heit spielen sich dort farbige, tonende Vorgange ab; sie spielen sich 
dadurch ab, daft diese Geister der hoheren Hierarchien in den Farben, 
in den Tonen und so weiter da waken. 

Vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert walteten nun die Geister 
der Form nicht nur in den Eindrucken der Sinneswelt, sondern vor 
alien Dingen auch in den Gedanken. Diese Gedanken sind nun iiber- 
gegangen an die Archai, an dieUrbeginne. Die sind aber dem Menschen 
naher als die Geister der Form, denn sie sind vor der Sinneswelt. Sie 
sind zwischen dem Menschen und dem, was der Mensch sinnlich wahr- 
nimmt; nur, weil sie iibersinnlicher Natur sind, bemerkt sie der Mensch 



nicht. Darin kommen die Archangeloi, dann sind die Angeloi da, und 
dann der Mensch selbst, dann die Tiere, Pflanzen, Mineralien. 

So dafi also in dieser Zeit, die ich angedeutet habe, hinter den Ku- 
lissen der Weltgeschichte diese grofie, umfassende, gewaltige Tat liegt: 
dafi die Gedanken, die in den Dingen sind, und die der Mensch aus den 
Dingen heraus schopft, nicht mehr sozusagen nur Besitz der Elohim, 
sondern der Besitz der Urbeginne, der Archai sind. 

Nun ist es aber in der Entwickelung des Weltenalls so, dafi immer 
mit dem Fortschreiten der geistigen Wesenheiten einzelne geistig-kos- 
mische Wesenheiten zuriickbleiben. Also indem die geistigen Wesen- 
heiten im allgemeinen fortschreiten, bleiben gewisse geistige Wesen- 
heiten zuriick. Und so sind auch in diesem Zeitraume, also in den ersten 
christlichen Jahrhunderten, Geister der Form zuriickgeblieben. 

Was heifit das: damals sind Geister der Form zuriickgeblieben? Das 
heifit, gewisse Geister der Form haben sich nicht dazu entschliefien 
konnen, die Gedankenwelt an die Urbeginne, an die Archai abzugeben, 
sie haben sie fur sich behalten. Und so haben wir unter den geistigen 
Wesenheiten, die iiber dem Menschengeschehen walten, die richtig ent- 
wickelten Urkrafte mit dem Besitz der Gedankenwelt, und wir haben 
zuriickgebliebene Geister der Form, zuriickgebliebene Elohimwesen- 
heiten, welche nun auch noch die Gedankenwelt verwalten. Dadurch 
entsteht in der geistigen Stromung, die iiber der Menschheit waltet, ein 
Zusammenwirken von Urkraften, von Archai, und von Geistern der 
Form, von elohistischen Wesenheiten. Die Menschen sind dann dem 
Folgenden ausgesetzt: Der eine, der durch sein Karma richtig dazu ge- 
eignet ist, der empfangt die Impulse seines Denkens durch die Archai. 
Dadurch wird sein Denken, obwohl es objektiv bleibt, sein person- 
licher Besitz. Er arbeitet immer mehr und mehr die Gedanken als seinen 
personlichen Besitz aus. Andere kommen nicht dazu, die Gedanken als 
ihren personlichen Besitz auszuarbeiten. Sie iibernehmen die Gedanken 
entweder durch die Vererbungsverhaltnisse von ihren Eltern und Vor- 
eltern, oder sie iibernehmen sie als konventionelle Gedanken, die inner- 
halb ihrer Volksgemeinschaft, Stammesgemeinschaft und so weiter 
herrschen. 

Auf diese ubersinnliche Tatsache, die ich Ihnen geschildert habe, ist 



zuriickzufiihren das ganze Ineinanderspielen von einzelnen individuel- 
len Personlichkeiten, die immer mehr und mehr herauf kommen in die- 
sem Zeitalter des ausgehenden Altertums, des beginnenden Mittelalters, 
und derjenigen Gedankenstromungen, die ganze Menschengruppen er- 
greifen. Das aber wiederum gliedert sich auf der Erde, ich mochte 
sagen, in geographischer Weise. Zunachst werden ergriffen von den 
Impulsen, die von den Archai, von denUrkraften als Gedankenimpulse 
ausgehen, gewisse geistige Personlichkeiten, die im vorderen Asien sind, 
die der arabischen Kultur angehoren. Und insbesondere breitet sich das, 
was in diesen Gedankenimpulsen liegt, iiber Afrika aus heniber nach 
Spanien, nach ganz Westeuropa. Wir finden gewissermaften diesen 
grofien Gedankenzug durch Afrika gehend, durch Spanien, auch Sud- 
italien ergreifend, nach dem Westen Europas herauf (siehe Zeichnung 
Seite 67, Pfeil). Wir haben einen grofien Anregungsstrom von Gedan- Tafel 4 
ken, der auf die charakterisierten Impulse zuruckgeht. Von dieser Ge- 
dankenstromung ist dasjenige ergriffen, was sich als arabisch-spanische 
Kultur entwickelt, was dann in der viel spateren Zeit noch grofien Ein- 
f lufi gewinnt auf solche Geister, wie etwa Spinoza, was aber auch noch 
in der Naturwissenschaft weiterlebt, was wir noch beobachten konnen 
in den Gedankenimpulsen des Galilei, des Kopernikus und so weiter. 
Wahrend in solchen Gedankenstromungen und in dem, was aus diesen 
Gedankenstromungen Weltgeschichte wird, die Impulse der Archai 
leben, sehen wir uberall sich hineindrangen in das Weltgeschehen auch 
dasjenige, was mehr unter dem Einflusse der zuriickgebliebenen Geister 
der Form steht, die nun auch ihrerseits die Menschen mit Impulsen 
durchsetzen. Und wir sehen wiederum einen andern Strom des Ge- 
dankenlebens und des Weltgeschehens etwas mehr nordlich von Asien 
gegen Europa heriiber sich bewegen. Dieser Gedankenstrom hat seinen 
besonderen extremen Ausdruck spater erst gefunden, als von Asien her- 
iiber sich die Tiirkenmassen walzten. 

So dafi wir das europaische Geschichtsleben von dieser Zeit, vom 
4. Jahrhundert an durchsetzt sehen, ich mochte sagen, von einem f ort- 
wahrenden geistigenKampfe.Es kampfen um ihr in dem Weltgeschehen 
ihnen zugefallenes rechtma&ges Gut die Archai mit den zuriickgeblie- 
benen Exusiai, mit den Geistern der Form. Alles, was da im Mittelalter 



geschieht in westostlicher Richtung und in ostwestlicher Richtung, was 
da an Volkerziigen durcheinander walk und webt, was sich da gegen- 
seitig bekampft, von den Hunnenkampfen bis zu den Turkenkampfen, 
von der Volkerwanderung bis zu den Kreuzzugen, wo alles immer eine 
west-ostliche oder ost-westliche Richtung hat, alles das ist das sinnlich- 
physische, das geschichtliche Abbild eines Geisteskampfes, wie ich ihn 
eben charakterisiert habe, der sich hinter den Kulissen der Weltge- 
schichte abspielt. Man begreift eben das geschichtliche Geschehen auf 
der Erde erst dann in seiner Wirklichkeit, wenn man in ihm ein Abbild 
sieht von dem, was in der ubersinnlich-geistigen Welt zwischen den 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien sich abspielt. 

Wir konnen zunachst, wenn wir die eine Seite dieser Tatsache ins 
Auge fassen, sagen: Wir haben zwei Stromungen. Die eine, welche ich 
Tafel 4 Ihnen zunachst hier (siehe Zeichnung Seite 67, gelb) skizziert habe, sie 
bewirkt die mannigfaltigsten Bewegungen wiederum von Westen nach 
Osten; die andere Stromung dringt vor, dringt auch wiederum zuriick, 
so dafi diese beiden Stromungen immer ineinandergehen. Wir sehen in 
einem Abbilde das, was da in der geistigen Welt sich vollzieht in jenen 
Kampfen, die wir aus der Volkerwanderung kennen, in jenen Kampfen, 
in denen alte Kultur zum Teil zerstort wird, in denen aber auch alte 
Kultur mit menschlicher Individualist durchsetzt wird. 

Man kann sich der folgenden Betrachtung hingeben. Man kann 
sagen: Was ware aus dem europaischen Zivilisationsleben geworden, 
wenn nicht, von Asien nach Europa hiniibersturmend und in Europa 
sich vielfach niederlassend, die verschiedenen Volkerschaften ihre 
Wanderungen begonnen hatten, und manchmal in wilder Art inner- 
halb dieser Wanderungen die menschliche Personlichkek ihr Indivi- 
duelles geltend gemacht hatte? 

Wir sehen ja innerhalb dieser Volkerwanderung, wie ganze Stamme 
ergriffen werden von einem Gemeingeist. Aber wenn wir die Ge- 
schichte durchgehen: uberall zeigt sich uns auch, wie innerhalb dieser 
einzelnen zusammengehorigen Stamme, die von einem Gemeingeist 
durchsetzt sind - Ostgoten, Westgoten, Langobarden, Heruler, Fran- 
ken, Markomannen, und so welter wie innerhalb dieser Stamme ein- 
zelne Personlichkeiten von den individuellen Impulsen ergriffen wer- 



den. Man mochte sagen: Oberall spielt sich das ab, was auf der einen 
Seite den fortlaufenden Strom der Impulse der alten, eigentlich nicht 
mehr berechtigten Geister der Form darstellt, auf der andern Seite das 
berechtigte Auftreten der Geister der Personlichkeit, der Urkrafte oder 
Urbeginne. 

Wenn die Geschichte genauer schildern wiirde, mehr Riicksicht 
nehmen wiirde auf das, was sich als geistige Krafte geltend macht in 
dem, was zumeist nur als Volkerkampf geschildert wird, dann wiirde 
man sehen, wie diese zweifache Artung der Gedankenimpulse inner- 
halb der Menschheit eigentlich gerade in den Volkerwanderungszeiten 
das europaische Leben beherrscht. 

Man kann, sagte ich, die Betrachtung anstellen: Was ware die euro- 
paische Zivilisation geworden, wenn nicht diese zum Teil barbarischen 
Volkerschaften von Osten nach Westen sich heriibergewalzt und mit 
der jugendfrischen Personlichkeit ihrer einzelnen Menschheitsglieder 
sich hinunterergossen hatten nach der altgewordenen, griechisch- 
romischen Zivilisation? 

Aber man kann auch auf der andern Seite fragen: Was hatten diese 
halbbarbarischen Volkerschaften fur eine europaische Zivilisation be- 
griinden konnen, wenn in sie nicht eingeflossen ware, was in der grie- 
chisch-romischen Zivilisation war, was durch die Geister der Person- 
lichkeit, durch die Archai ubernommen worden war? 

Das ist ja ungeheuer interessant. Wenn man namlich nach den Grie- 
chen, ja noch nach den Romern hinblickt, dann sieht man ganz genau: 
die bekommen ihre Gedanken, ihre wissenschaftlichen, ihre kiinstle- 
rischen, ihre politischen, ihre sozialen Gedanken durchaus durch jene 
Einstromungen, die von den Geistern der Form, von den Exusiai kom- 
men. Man braucht nur einmal nicht mit dem groben Blick, den die 
heutige Geschichtsschreibung hat, sondern mit einem etwas feineren 
Sinn auf solche Geister wie Perikles, wie Alkibiades oder wiederum 
wie Sulla, ja selbst wie Hannibal - obwohl der stark den Typus der 
Personlichkeit tragt -, aber auch dann auf Casar, auf alle diese Geister 
hinweisen, so wird man schon finden: in ihnen walten die Gedanken 
noch wie Weltenmachte, wie etwas Instinktives. 

Das kommt eben davon her, dafi sie ihre Gedanken von den Geistern 



der Form haben. Dann tritt eine solche Personlichkeit auf, welche mit- 
tendrinnen stent mit ihrer Seele in dem Kampfe zwischen den neu- 
berechtigten Geistern der Personlichkeit und den unberechtigt gewor- 
denen Geistern der Form: Diese Personlichkeit, die mit der Seele hin- 
einverstrickt ist in jenen Kampf, das ist Augustinus, der katholische 
Kirchenvater. Ich habe Ihnen seinen Seelenkampf von den verschie- 
densten Seiten her geschildert. Wenn man aber diesen Seelenkampf als 
das irdische Abbild eines kosmisch-ubersinnlichen Geschehens ansieht, 
dann merkt man in diesem Geist, der sich in der Jugend zu dem Mani- 
chaertum hinneigt, der dann im strengsten Sinne romisch-katholisch 
glaubig wird, man sieht in diesem Hin- und Hergerissensein einer Seele 
das irdische Abbild, den irdischen Abglanz von etwas, was sich kos- 
misch hinter der Menschheitsentwickelung abspielt. Augustinus neigt 
zu den Manichaern in der Zeit, als er noch verstrickt ist mit seiner Seele 
in die Impulse der Geister der Form. Sie bringen ihm alles Gute aus 
friiheren Zeiten in die Seele hinein, doch es pafit nicht mehr fiir Seelen 
seiner Zeit. Aber durch das, was er durch die zuruckgebliebenen Geister 
der Form erhalten hat an guten, an vorziiglichen alten Kulturgutern, 
ist er behindert, mit voller Entfaltung seiner Einzelpersonlichkeit die 
neue Form der Gedanken zu ubernehmen, wie sie ubermittelt werden 
kann durch die nun fiir die Gedanken berechtigt gewordenen Geister 
der Personlichkeit, die Archai. Und er kann das nur ubernehmen, 
indem er sich ganz und gar dem Dogma der Kirche iibergibt. 

Man kann eine solche Personlichkeit, wie Augustinus es ist, immer 
von zwei Seiten her charakterisieren. Man kann sich auf den Gesichts- 
punkt des Erdendaseins stellen und dann blofi auf die einzelne Person- 
lichkeit hinschauen und sehen, wie da die Seelenmachte miteinander 
ringen. Aber man kann auch den Fall von jenseits des Erdendaseins 
betrachten und darauf Rikksicht nehmen, wie eine solche Personlich- 
keit gelenkt und geleitet wird von den gottlich-geistigen Machten der 
hoheren Hierarchien. Dann lernt man das eine Mai, wenn man den 
irdischen Standpunkt einnimmt, eben eine menschliche Personlichkeit 
kennen, nun, wie sie sich eben darlebt auf der Erde selber. Wenn man 
den andern Standpunkt, den ubersinnlichen Standpunkt einnimmt, 
lernt man erkennen, in welcher Art solch eine Personlichkeit ein Send- 



bote der geistigen Welt ist. Das ist eigentlich der Mensch immer. Der 
Mensch ist hier auf der Erde ein Erdenwesen und kann in geschlossener 
Weise als Erdenwesen betrachtet werden. Es behindert die Freiheit 
dieses seines irdischen Seins gar nicht, dafi er zu gleicher Zeit von den 
Kraften der iiberirdischen Welt impulsiert wird, nicht gelenkt und 
geleitet, aber impulsiert wird, und dafi er so zu gleicher Zeit ein Send- 
bote der iibersinnlichen Machte ist. 

Und wieder in anderer Form tritt uns entgegen dieses Ineinander- 
wirken der zuriickgebliebenen Geister der Form, die sich vorzugsweise 
in Asien driiben, ich mochte sagen, ihre Kerntruppen suchen und sie 
immer gegen Europa schieben, und der berechtigt gewordenen Geister 
der Personlichkeit, der Archai, die schon mehr gegen Westen vorge- 
riickt sind und immer wiederum zuriickschieben wollen, was von den 
zuriickgebliebenen Geistern der Form kommt. 

In spaterer Zeit tritt uns dieses west-ostliche und ost-westliche 
Durcheinanderwogen der irdischen Abbilder hoherer geistiger Impulse 
in den Kreuzziigen entgegen. Studieren Sie die Kreuzzuge. Studieren 
Sie, wie zunachst aus einem gewissen Impuls heraus, der durchaus mit 
dem Wesen der Geister der Personlichkeit, der Archai, zusammen- 
hangt, die Kreuzzuge sich entwickeln, wie gewaltige Absichten den 
Kreuzziigen zugrunde liegen. Studieren Sie dann, wie die Kreuzfahrer 
immer mehr und mehr Massenurteilen unterliegen, wie die Massen- 
urteile immer suggestiver wirken. Ich mochte sagen: Je weiter die 
Kreuzfahrer sich von Westen nach Osten bewegen, desto mehr wird 
der Einzelne eingefangen in die Massenurteile. - Und als dann die 
Kreuzfahrer hinuberkommen in die Sphare des asiatischen Lebens, da 
breiten sich iiber das, was von einzelnen Individualitaten in einzelne 
Individualitaten hineingesenkt worden ist, Massenimpulse aus. 

Wir sehen, wie die Menschen ihre Personlichkeit verlieren. Wir 
sehen, wie die europaischen Kreuzfahrer im Orient in bezug auf ihre 
Seeleneigenschaften verfallen. Die guten moralischen Impulse, die sie 
mitgenommen haben, konnen sie nicht entfalten unter den Massen- 
suggestionen, in die sie hineinfallen. Sie werden moralisch dekadent. 
Und unter dieser moralischen Dekadenz gutmeinender Menschen, die 
von Westen nach Osten gezogen sind, gewinnen wiederum an Herr- 



schaft die von Osten nach Westen strebenden Impulse, welche in dem 
muselmanischen, in dem tiirkischen Menschen leben. 

Und so sehen wir in den Kreuzzugen das zweite weltgeschichtliche 
Hin- und Herwogen eines Kampfes von Osten nach Westen und von 
Westen nach Osten, eines Kampfes, der das Abbild ist des andern, des 
geistigen Kampfes zwischen zuriickgebliebenen Geistern der Form und 
richtig fortgeschrittenen Geistern der Personlichkeit. 

Das Ganze wiirde sich mit der Zeit so gestaltet haben, daft - wenn 
wir auf Europa schauen - im Westen sich, wenn auch einseitig, immer 
mehr und mehr ausgebreitet hatten die Impulse der Geister der Person- 
Tafel 4 lichkeit (siehe Zeichnung Seite 67, blau schraffiert), im Osten immer 
mehr und mehr die Impulse der zuriickgebliebenen Geister der Form 
(violett schraffiert). Sie konnen das, was ich Ihnen heute schildere, 
zusammennehmen mit andern Gesichtspunkten, die ich iiber diese Kul- 
turstromungen vor Zeiten hier schon entwickelt habe, denn im "Ober- 
sinnlichen spielen eben die Dinge durchaus ineinander, und man kann 
die Dinge nur allmahlich verstehen, indem man sich in die verschieden- 
sten Impulse einlaftt. 

Aber so ist es nicht geblieben. Wenn wir allerdings zuriickgehen in 
sehr friihe Zeiten des Mittelalters, bis zur Kreuzzugszeit, so konnen wir 
sagen: Fur diese Zeiten gilt das in der Weise, wie ich es hier gezeichnet 
habe. Aber immer mehr und mehr spielt ein anderes Moment hinein - 
ich meine jetzt im Ubersinnlichen und das ist, daft ja nicht nur 
zuruckgeblieben sind die Geister der Form, nicht nur vorwartsgekom- 
men sind die Archai, die Urbeginne, sondern immer geschieht es in den 
Hierarchien der ubersinnlichen Welt so, daft gewisse geistige Wesen- 
heiten zuriickbleiben, gewisse geistige Wesenheiten ihren normalen 
Fortschritt machen, daft gewisse Wesenheiten aber auch iiber das Ziel 
hinausschieften. 

Und so sehen wir, daft im Westen, und zwar vom Siiden herauf, in 
die ganze Bewegung eingreifen zuruckgebliebene Erzengelwesen (roter 
Pfeil links), zuruckgebliebene Archangeloi. So daft wir also gewisser- 
maften hier (oben) Archaiwesen haben in berechtigter Weise, aber hier 
(unten) Archangeloiwesen, welche auf friiheren Stufen zuruckgeblieben 
sind, die eigentlich zuruckgebliebene Wesenheiten fruherer Stufen dar- 




Tafel 4 



stellen, die Archangeloi geblieben sind, die schon Archai sein kdnnten, 
aber Archangeloi geblieben sind. Das ist das Wesen dieser Geister. 

Und so sehen wir, dafi im Westen Europas immer mehr und mehr - 
wenn ich mich dieses pedantisch-phiKstrosen Ausdrucks bedienen darf- 
normale Archai mit anormalen Archangeloi zusammenwirken. 

Wenn wir die Sache geographisch nehmen, haben die Archangeloi 
eine Siid-Nordrichtung, wahrend die Archai und zunickgebliebenen 
Exusiai die west-ostliche und ost-westliche Richtung haben. Auf diese 



"Weise bekommt man die historisch geographischen Verhaltnisse, die 
sich auf der Erde abspielen, als Abbilder der Kampfe und des Zusam- 
menwirkens hoherer geistiger Wesenheiten heraus. 

Alles, was im Westen Europas geschieht, man darf wohl sagen, was 
bis zum heutigen Tage geschieht, alles das kann verstanden werden als 
Abbild des Zusammenwirkens solcher normaler Archai mit abnormen 
Archangeloi, abnormen Archaiwesen, welche vor alien Dingen, weil sie 
den Menschen sehr nahestehen, sie in starker Weise impulsieren, ihnen 
vor alien Dingen ein emotionelles Verhaltnis zu ihren Sprachen bei- 
bringen, jenes emotionelle Verhaltnis, das ja - wie Sie sich denken 
konnen nach einem Vortrage, den ich vor kurzem hier gehalten habe - 
fur diese Menschen eine grofie Bedeutung hat. Es bestimmt das ganze 
Wesen der Menschen aufierordentlich stark dieses Einwirken der 
namentlich fur das Verhaltnis des Menschen zur Sprache so wichtigen 
Archangeloi wesen. Das, was gerade durch die Sprache die Menschen 
zusammenhalt, sie in fanatlscher Weise im Zusammenhalt durch die 
Sprache erscheinen lafit, das wird als irdisch abbildliches Geschehen 
erklarlich, wenn man die dahinterstehenden ttbersinnlichen Tatsachen 
kennt. 

Nun ist in den verschiedenen Zeitepochen die Sache schwacher oder 
starker, von der einen oder der andern Seite. Da haben wir im Westen 
ein Oberwiegen der normalen Archai, haben im Siiden ein Uberwiegen 
der Impulse der abnormen Archangeloiwesen. Es ist durchaus mogHch, 
das geschichtliche Leben der Menschen und Volker von dem Gesichts- 
punkte des Obersinnlichen aus zu charakterisieren. 

Weiter mufi man sagen: Dasjenige, was im Osten geschehen wiirde, 
wird wesentlich modifiziert dadurch, dafi die zuriickgebliebenen Gei- 
ster der Form, die ja eine grofie Macht haben, stark beeinflufit werden 
durch die - ich darf jetzt schon sagen, da Sie ihre Bedeutung wissen -, 
durch die von Norden nach Siiden wirkenden normal entwickelten 
Tafel 4 Archangeloiwesen. Es schiebt sich gewissermafien (Pfeil, gelb) in jenes 
wilde Gewoge und Getriebe, welches namentlich durch die von den 
zuriickgebliebenen Formgeistern, von elohistischen Wesenheiten be- 
herrschten Tiirken, Mongolen und ahnliche Gewalten entsteht, es 
mischt sich von Norden herunter da hinein etwas, das - wenn ich mich 



des Ausdrucks bedienen darf - von guten Archangeloiwesen kommt, 
die dem Menschen sehr nahestehen, die in jedes einzelne Menschen- 
gemiit etwas hineingiefien, was da jenen Gemeingeist iibertont, der 
eigentlich doch von zuriickgebliebenen Geistern der Form herriihrt. 

Wiederum ist es so, dafi auch hier fiir verschiedene Epochen der 
Weltgeschichte bald das Gewoge eines furchtbaren, unpersonlichen, 
unindividuellen Gemeingeistes waltet, in andern Epochen die Indivi- 
dualitaten vorherrschend werden. Wenn jemand einmal die merkwiir- 
dige russische Geschichte in dieser Weise als ein Abbild des Zusammen- 
wirkens hoherer geistiger Wesenheiten der oberen Hierarchien dar- 
stellen wiirde, so wiirden ungeheure Lichter fallen auf das, was in den 
einzelnen Epochen dieser Geschichte vorfallt. 

Nun haben wir also (siehe Zeichnung Seite 67) im Westen eine Stro- Tafel 4 
mung von Siiden nach Norden, die sich mit der west-ostlichen Rich- 
tung vermischt, hier eine Stromung von Norden nach Siiden, die sich 
auch mit der west-ostlichen Stromung vermischt. Aber diese Stro- 
mungen breiten sich wieder aus, und wir haben in der spateren Zeit 
eine sud-nordliche Stromung, die fortwahrend, ich mochte sagen, in 
Schwingungen, in Zickzackschwingungen (siehe Zeichnung Seite 67) 
versetzt wird durch die westostlichen Impulse. Und wir haben damit 
zusammenwirkend, in sie hineinwirkend die nord-siidliche Stromung, 
die wiederum in Zickzackschwingungen durch die west-ostlichen Im- 
pulse versetzt wird (orange). Dieses Zusammenziehen der zwei an sich 
schon zusammengesetzten Stromungen, das tritt in einer spateren Zeit 
der europaischen Entwickelung auf, das tritt auf in der Zeit, als die 
Reformationskampfe beginnen. 

Da sehen wir, wie eine nord-siidliche Stromung, die aber immer mit 
west-ostlicher vermischt ist, stark in sich tragend die normalen Archai- 
krafte, wie diese Stromung hineinstrebt in dasjenige, was zuruckge- 
blieben war von den friiheren, von Asien heruberflutenden Impulsen 
der zuriickgebliebenen Geister der Form. Und es tritt, weil es etwas mit 
den Geistern der Form zu tun hat, in elementarer Weise etwas auf, was 
aber zugleich auf normale Impulse der Menschheitsentwickelung geht. 

Studieren Sie alles dasjenige, was auf der einen Seite aus dem reinen 
Gedanken des Evangelisch-Protestantischen von Norden nach Siiden 



sich walzt, was aber dann in die wildesten kriegerischen Verwicklungen 
hineinwirkt, und studieren Sie dasjenige, was als Gegenstromungen von 
Siiden heraufkommt, was wiederum zu den kriegerischen Verwicklun- 
gen fiihrt. Studieren Sie zum Beispiel die evangelisch-protestantische 
Richtung mit einer nord-siidlichen Hauptrichtung und die katholisch- 
jesuitische Stromung mit ihrer siid-nordlichen Hauptrichtung: da wer- 
den Sie das Ineinanderspielen, das komplizierte Ineinanderspielen des- 
jenigen studieren konnen, was auf der Erde sich abspielt als ein Bild 
der hoheren Geisteskampfe des Obersinnlichen. 

Und dadurch kommt etwas heraus, was Sie eigentlich als Anthropo- 
sophen schatzen miifiten. Nach den heutigen Darstellungen - die 
Schiller nur ein biftchen zurechtgerichtet hat, namentlich fur den An- 
fang der Vorgange -, nach den heutigen Darstellungen des Dreifiig- 
jahrigen Krieges weift man, wie aus dem Religionskampf in Prag jenes 
Ereignis sich entwickelt hat, wo die aufgeregten Leute in das Prager 
Rathaus gedrungen sind, die zwei Staatsmanner Martinitz und Slawata 
und dann auch den Geheimschreiber Fabricius zum Fenster hinaus- 
geworfen haben, denen dann, wie Sie ja wissen, nicBts geschehen ist, 
weil sie auf einen Misthaufen, das heifk auf einen Haufen gefallen sind, 
der aus lauter hinuntergeworfenen Papierschnitzeln bestand. Es war 
nicht, was man im gewohnlichen Leben einen Misthaufen nennt, son- 
dern es war ein Haufen aus Papierschnitzeln, denn in der damaligen 
Zeit war es so Sitte, dafi man nicht einen Papierkorb verwendete, 
sondern die Papierschnitzel zum Fenster hinauswarf , und nachher warf 
die aufgeregte Menge ihnen jene Politiker nach. Wenn man da anfangt 
und nachher die Sache weiter verfolgt: Es ist ein so wiistes Herum- 
fahren auf der Karte von Europa; bald siegt der, bald der andere, bald 
fallt jenem Kurfiirsten etwas ein, dann wieder nimmt dieser Feldherr 
jene Richtung und so weiter. Es ist wie ein Herumfahren auf der Karte 
von Europa, ganz gleichgiiltig, ob man dieses Herumfahren zeichnet, 
oder ob man es blo£ schildert. In der Schule kommt man gerade bei 
solchen Darstellungen von so eminent wichtigen Erscheinungen wie 
dem Dreifiigjahrigen Krieg immer in Verlegenheit, weil man nach den 
gewohnlichen geschichtlichen Darstellungen ja uberhaupt nur so er- 
zahlen mufi, dafi die Schiiler es doch bald wieder vergessen, denn das 



wirbelt alles durcheinander! Da ist ja nichts drinnen, was den einzelnen 
Gedankenstromungen Richtung gibt. Aber sieht man auf das Wahr- 
haftige in der Sache, dann sieht man eben hinter dem aufieren Abbild 
diese nord-siidlichen, stidlich-nordlichen Stromungen, die fortwahrend 
auch von west-ostlichen durchkreuzt werden. 

Man sieht in dem, was von Wallenstein kommt, was dann von Nor- 
den herunterkommt, von Gustav Adolf und so weiter, man sieht in 
allem, wie dasjenige, was aufierlich in der Geschichte vorgeht, gewisser- 
mafien - ich sage wieder nicht geleitet und gelenkt, aber impulsiert 
wird von den iibersinnlichen Kraften, die dahinterstehen. Die Men- 
schen sind trotzdem darinnen freie Wesen, der Mensch ist ja ein freies 
Wesen, obwohl auch naturliche Impulse seine Taten lenken. Nicht 
wahr, man kann nicht sagen, man werde dadurch unf rei, dafi man, weil 
man zum Fenster hinausschaut und sieht, dafi es regnet, seinen Regen- 
schirm mitnimmt und ihn draufien aufspannt; man fiigt sich eben in 
die natiirlichen Krafte hinein. So steht der Mensch durchaus mit seinen 
seelisch-geistigen Wirkungen in den geistigen Impulsen, in dem gei- 
stigen Kraftezusammenhange darinnen; er bleibt deshalb doch ein 
freies Wesen. 

Aber das, was sich auf dem Plane der grofien Weltgeschichte ab- 
spielt, begreift man eben erst dann, wenn man es aus dem Ubersinn- 
lichen heraus begreift, das dahintersteht. Und damit kommt man dann 
an die konkrete Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens 
durch geistige Machte, wahrend man, wenn man nur von einem ab- 
strakt Gottlichen spricht, nicht irgendwie zu einer Anschauung kom- 
men kann. 

Derjenige, der blofi von einem abstrakt Gottlichen spricht, der 
miifite doch eigentlich, da er das Gottliche uberall wirksam denken 
mufi, dieses abstrakt Gottliche, sagen wir bei einer Turkenschlacht des 
Mittelalters, bei den Tiirken suchen, und auch bei denen, welche die 
Tiirken bekampfen! Das heifit, das abstrakt Gottliche ist da mit sich 
selber im Kampf, in einem Selbstkonflikt drinnen, wenn man es nur 
als abstrakt Gottliches anschaut. 

In dem Augenblick, wo man an die konkreten geistigen Wesenheiten 
kommt, die ihre gegenseitigen Verhaltnisse dadurch haben, dafi in einer 



solchen Weise, wie ich es geschildert habe, gewisse Aufgaben von der 
einen Gruppe auf die andere ubergehen, dafi aber gewisse Gruppen 
zuriickbleiben, andere auf normale Stufen kommen, andere im Sturm 
vorwartsschreiten, in dem Augenblick, wo man erkennt, dafi da tat- 
sachlich in der geistigen Welt eine Vielheit ist von Wesen, die sich be- 
kampfen, die sich aber auch gegenseitig helfen konnen, bekommt man 
erst die Moglichkeit, wirklich das, was hinter den Kulissen der Welt- 
geschichte im Ubersinnlichen des Kosmos geschieht, mit menschlichen 
Begriffen zu durchdringen, ohne dafi man sich unerlaubter Wider- 
spriiche schuldig macht. 

Denn sehen Sie, da treten dann konkrete Begriffe ein. Man sieht, 
wie im Westen unberechtigte Archangeloi in ein berechtigtes Tun von 
Archai eingreifen, wie also da ein Beeintrachtigen, ein Verschlimmern 
des Guten in den sich abspielenden Kampfen fortwahrend stattfindet. 
Wir sehen, wie im Osten gut wirkende Archangeloi als helfende, als 
schiitzende Geister ausgleichen, was sonst durch die zuruckgebliebenen 
Geister der Form in einer nicht dem vollen Menschlichen entsprechen- 
den Weise ausgestaltet wiirde. Und wir sehen dann, wie, indem sich 
diese beiden Stromungen zusammenschieben, innerhalb Mitteleuropas 
jene fortwahrenden Verwirrungen eintreten von Reformation und 
Gegenreformation, in jenem AusmaiSe, das diese Krafte im Dreifiig- 
jahrigen Krieg angenommen haben, und noch in den folgenden Kamp- 
fen, die sich da abgespielt haben. 

Zweierlei mufi uns vor der Seele stehen: Wir betrachten den einzel- 
nen Menschen; aber wir betrachten ihn nicht so, wie ihn die heutige 
offizielle Wissenschaft betrachtet, die nur sieht: da hat er diesen Mus- 
kel, da jenen Muskel, da diesen Knochen, da diesen Nerv -, sondern 
wir betrachten den ganzen Menschen seiner physischen Bildung nach 
als ein Abbild des Ubersinnlichen, und wissen, dafi ja der physische 
Mensch, wie er auf der Erde steht, zunachst in seinem Gedankenplane, 
zwischen dem Tode und einem neuen Leben, von dem Menschen selbst, 
der sich auf Erden verkorpert, im Zusammenhange mit den Geistern 
der hoheren Hierarchien bewirkt wird, erarbeitet wird. Und so be- 
trachten wir den einzelnen Menschen als ein Abbild einer ubersinn- 
lichen Menschenurform. 



Aber so betrachten wir auch zweitens dasjenige, was in der Ge- 
schichte geschieht, als Abbild eines Geschehens hinter den Kulissen der 
Geschichte, eines Geschehens, das sich eben abspielt in der iibersinn- 
lichen Welt, in jener Welt, wo ganze Heerscharen von iibersinnlichen 
Wesenheiten ebenso - wenn ich sie mit irdischen Namen bezeichnen 
soil - soziale Verhaltnisse miteinander eingehen wie die Menschen auf 
Erden. Nur dafi die Handlungen dieser iiberirdischen sozialen Wesen- 
heiten so sind, dafi ihre Impulse hereinspielen auf die Erde und sich in 
den Handlungen der Menschen ausdnicken. 

Es ist insbesondere fiir den Menschen der Gegenwart wichtig, ira 
einzelnen einzusehen, wie auf der einen Seite der Mensch ein Abbild 
des Ubersinnlichen ist, auf der andern Seite die geschichtlichen Ereig- 
nisse Abbilder des Ubersinnlichen sind. Und auf keinem andern als auf 
diesem Wege kann der Mensch wiederum zuriickfinden zu der gottlich- 
geistigen Welt. Mit den blofien Abstraktionen von einem Gottlichen 
kann heute noch auf diejenigen gewirkt werden, die nicht angefangen 
haben, im Sinne des modernen Geisteslebens erkennen und denken zu 
wollen. Aber deren Zahl wird immer geringer werden, und diejenigen, 
die erkennen und denken wollen, werden in immer groflerer Zahl vor- 
handen sein. Die miissen wiederum zum religiosen Leben zunickge- 
fiihrt werden. Sie konnen es nur, wenn man ihnen die konkreten realen 
Vorgange der geistigen Welt vor das Seelenauge stellt und nicht sie 
abfertigt mit einem blofien abstrakten allgemeinen Gedanken von 
einem Gottlichen, iiber das man eigentlich nichts aussagen will, sondern 
das man nur wie ein alles ubergreifendes Wort anfuhrt, ohne dafi man 
die Einzelheiten versteht. 

Damit, meine lieben Freunde, ist wiederum von einem andern Ge- 
sichtspunkte aus hingewiesen auf eine der Aufgaben, welche anthropo- 
sophische Erkenntnis in der Gegenwart hat und haben soil. 



FttNFTER vortrag 



Dornach, 18.Marzl923 



Indem wir auf dasjenige zuriickblicken, was in den letzten Betrach- 
tungen Ihnen vorgefiihrt wurde in bezug auf das Geschehen, die Tat- 
sachen und Handlungen in den iibersinnlichen Welten - es war ja das 
alles mehr oder weniger eine Erganzung meines Schriftchens «Die 
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» -, werden Sie 
verstehen, dafi es in unserer Zeit im wesentlichen darauf ankommt, 
einzusehen, dafi sich das grofie, gewaltige Ereignis auswirkt, von dem 
ich sagte, daft es in der Hauptsache dem 4. nachchristlichen Jahrhun- 
dert angehort, und dafi es die Obergabe der Verwaltung der Welt- 
gedanken von seiten der Geister der Form an die Geister der Person- 
lichkeit oder Urkrafte ist. Wenn wir den ganzen Sinn, den kosmischen 
Sinn dieses bedeutsamen Ereignisses ins Auge fassen, so konnen wir 
sagen: Er besteht durchaus darin, der Menschheit im Verlaufe ihrer 
Entwickelung dasjenige zu geben, was sie bekommen soil in unserem 
gegenwartigen fiinften nachatlantischen Zeitraum, in dem Zeitraum 
der Bewufitseinsseelenentwickelung, namlich die innere menschliche 
Freiheit, die MogHchkeit fur den einzelnen Menschen, aus sich selbst 
heraus zu handeln. Wir wissen ja, daft im wesentlichen die menschliche 
Erdenentwickelung eine Art Vorbereitung war fur diesen Zeitraum, 
dafi in dem Menschen erst die Naturgrundlage geschaffen werden 
mufite, damit er innerhalb dessen, was er geworden ist durch diese 
Naturgrundlage, dann sein Seelisches in sich zur Freiheit entwickeln 
kann. Wie hangt dies nun zusammen mit jenem charakterisierten iiber- 
sinnlichen Ereignisse? 

Wenn wir in grofien Ziigen dieses Ereignis uns vor die Seele stellen, 
so konnen wir sagen: Wir iiberblicken auf der einen Seite die geistige 
Welt so, dafi die hauptsachlichsten geistigen Fiihrer der Menschheit 
diejenigen Wesenheiten sind, die wir ansprechen miissen als Geister der 
Personlichkeit, als Archai; aber solche Geister der Personlichkeit, sol- 
che Archai, welche die Verwaltung der Weltgedanken aus den Handen 
der Exusiai, der Geister der Form, erhalten haben. Diese Archai, denen 



also gewissermaflen die Menschheit in ihrer Entwickelung die Moglich- 
keit verdankt, durch eigene innere Seelenarbeit zu Gedanken zu kom- 
men, werden beeintrachtigt in ihrer Wirksamkeit durch jene Wesen- 
heiten, die als Exusiai, als Geister der Form zuruckgeblieben waren auf 
einer friiheren Entwickelungsstufe, von solchen Wesenheiten, die ge- 
wissermafien als Geister der Form die Verwaltung der kosmischen 
Gedanken nicht abgetreten haben. Und der Mensch wird nun einmal 
in diesem Bewufitseinsseelenzeitraum, in dem wir seit dem 15.Jahr- 
hundert drinnen leben, vor die grofie Wahl gestellt, in irgendeiner seiner 
Inkarnationen vor die grofie Wahl gestellt, sich wirklich zur Freiheit 
zu entscheiden, oder, was dasselbe ist, die Moglichkeit dieser Freiheit 
durch seine Hinwendung zu den richtigen Archai zu erhalten. 

Wir sehen allerdings in unserem Zeitalter, wie die Menschen sich 
strauben, sich loszumachen von jenen geistigen Wesenheiten, die als 
Exusiai nicht die Gedankenentwickelung haben abtreten wollen. Wel- 
che Rolle diese Wesenheiten in der gegenwartigen Menschheitsentwik- 
kelung spielen, wir konnen es uns klarmachen, wenn wir sehen, welche 
Rolle die entsprechenden, in normaler Entwickelung begriffenen Exu- 
siai in alteren Zeiten mit Recht gehabt haben. 

In alteren Zeiten haben ja die Menschen nicht so ihre Gedanken ent- 
wickelt, wie sie das heute zu tun haben. Sie haben ihre Gedanken nicht 
in innerer Aktivitat, nicht in innerer Arbeit entwickelt. Sie haben ihre 
Gedanken entwickelt, indem sie sich hingegeben haben dem Anschauen 
der aufieren Natur, und so wie wir heute die Farben, die Tone wahr- 
nehmen, auch zu gleicher Zeit die Gedanken wahrgenommen. Aber in 
noch alteren Zeiten, in denen die Menschen dem instinktiven, unbe- 
wufiten Hellsehen sich hingegeben haben, haben sie mit den Bildern 
des unbewufiten Hellsehens zugleich die Gedanken als eine Gabe der 
gottlich-geistigen Welten empf angen. Die Menschen haben sich also die 
Gedanken nicht erarbeitet, die Menschen haben die Gedanken empf an- 
gen. Das mufiten sie in alteren Zeiten. 

Geradeso wie das Kind zuerst seine physische Natur entwickeln 
mu$, wie das Kind zunachst eine Grundlage schaffen mu!5 fur das- 
jenige, was es erst im spateren Leben lernen kann, so konnte die Mensch- 
heit als Ganzes zu der inneren aktiven Entwickelung einer Gedanken- 



welt nur dann kommen, wenn erst von aufien herein an der gesamten 
menschlichen Natur diese Gedankenwelt arbeitete. 

Diese Vorbereitungszeit muftte also durchgemacht werden. Aber in 
dieser Vorbereitungszeit konnte der Mensch eigentlich niemals sagen, 
dafi er dazu berufen sei, ein freies Wesen zu werden. Denn wie Sie aus 
meiner «Philosophie der Freiheit» ersehen konnen, ist die Grundbe- 
dingung der menschlichen Freiheit eben diese, daft der Mensch seine 
Gedanken in innerer Aktivitat selber entwickelt, und dafi er aus diesen 
selbst entwickelten Gedanken, die ich in meiner « Philosophic der Frei- 
heit» die reinen Gedanken genannt habe, auch die moralischen Impulse 
schopfen kann. 

Solche auf dem Grund des eigenen menschlichen Wesens erspriefien- 
den moralischen Impulse gab es nicht und konnte es nicht geben in den 
alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Da mufiten mit den Ge- 
danken, die gleichsam gottgegeben waren, wie Gebote, die absolut 
bindend waren und die den Menschen unfrei machten, zugleich die 
moralischen Impulse gegeben werden. Gerade diese Seite der Sache 
finden Sie in meiner «Philosophie der Freiheit» dargestellt: den Ober- 
gang der Menschheit von der Gebundenheit in den Geboten, welche 
die Freiheit ausschliefien, zu dem Handeln aus der sittlichen Intuition 
heraus, welche die Freiheit einschliefit. 

Nun ist es bei den Geistern der Form so, daft sie immer von aufien 
herein im Menschen etwas bewirken. Alles dasjenige, was der Mensch 
von aufien herein in seinem eigenen Wesen bewirkt hat, alles das ent- 
halt die Taten der Geister der Form. Und es war eben durchaus so, dafi, 
solange die Geister der Form den Menschen die kosmischen Gedanken 
eingepflanzt haben, die Gedanken etwas waren, was entweder, ich 
mochte sagen, aus Steinen, Pflanzen, Tieren den Menschen wie Wahr- 
nehmungen entgegenkam, oder aber von innen aufstieg aus den 
menschlichen Instinkten und Trieben herauf . Da schwamm der Mensch 
gewissermaften auf den Wogen des Lebens, und die Wogen des Lebens 
wurden aufgeworfen - aber auch beruhigt, insofern sie Gedanken auf- 
warfen - von den Geistern der Form. Von aufien kam also an den Men- 
schen dasjenige heran, was er in seinem Inneren dann ergriff. Daher 
fiihlte sich der Mensch auch in jenen alteren Zeiten seinen Gottern 



gegeniiber so, dafi er vorzugsweise nach den Gottern suchte als nach 
den Ursachen des Weltgeschehens und seiner selbst. Wenn der Mensch 
von den Gottern sprach, so sprach er so, dafi er in den Gottern die 
Ursache dessen suchte, was er auf Erden ist, was Naturerscheinungen 
auf der Erde sind. Der Mensch ging immer zu den Gottern als zu den 
Ursachen der Dinge zuriick: Woher kommt die Welt? Woher komme 
ich selbst? - Das waren die grofien religiosen Fragen der alteren 
Menschheit. 

Wenn Sie die alten Mythen durchgehen, so werden Sie immer fin- 
den, sogar bis in die biblische Schopfungsgeschichte herein: es sind 
Genesis-Mythen, auf die da hingewiesen wird, weil man nach dem Ur- 
sprung der Welt vorzugsweise zunachst suchte, aber auch bei diesem 
Suchen nach dem Ursprung der Welt im wesentlichen stehen blieb. 

Diese ganze Stimmung der Menschenseele, sie war dadurch gegeben, 
daft eben der Mensch in seiner Gedankenwelt von den Geistern der 
Form abhangig war. Bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert herein, 
und in den Nachwirkungen noch bis ins 15. Jahrhundert waren ge- 
wissermafien die Geister der Form in der Weltenordnung - wenn ich 
diesen Ausdruck gebrauchen darf - vollberechtigt, die ganze Gedan- 
kenregierung, die Gedankenverwaltung zu haben, und das Denken, 
die Gedankenentfaltung von aufien an den Menschen heranzubringen. 

Seit jener Zeit ist es anders geworden. Seit jener Zeit haben die 
Exusiai, die Geister der Form eben die Gedankenverwaltung an die 
Archai abgegeben. Aber wie verwalten die Archai diese Gedanken? 
Nun nicht mehr so, wenn sie selbst sie verwalten, dafi sie den Menschen 
sie einflofien, dafi sie den Menschen sie von aufien hineinlegen, sondern 
dafi sie den Menschen selber die Moglichkeit geben, diese Gedanken zu 
entwickeln. - Wie kann das sein? 

Das kann eben dadurch sein, dafi wir Menschen ja alle durch eine 
grofie Anzahl von Erdenleben durchgegangen sind. In jenen alteren 
Zeiten, in denen die Exusiai mit Recht die Gedanken von aufien heran- 
brachten, waren die Menschen noch nicht durch so viele Erdenleben 
gegangen wie in der jetzigen Zeit. Da konnten sie noch nicht in sich, 
wenn sie wirklich den Impuls dazu in sich rege machten, die eigene 
Aktivitat finden, um die Gedankenkraft in sich selber zu erzeugen. 



Wir leben heute, sagen wir, in der so und so vielten Erdeninkarnation. 
Und wenn wir nur den Willen dazu haben - denn auf den Willen 
kommt es an — , dann konnen wir in uns dasjenige finden, was Kraft ist, 
eine eigene Gedankenwelt aus uns heraus zu erzeugen, eine individuelle 
Gedankenwelt, wie ich es auch in der «Philosophie der Freiheit» aus- 
gefuhrt habe. 

Aber nehmen Sie nun diesen Gedanken vollig ernst! Denken Sie 
daran, daft wir in das Zeitalter eingetreten sind, in dem der Mensch aus 
seinem eigenen Inneren heraus beschaftigt ist, seine Gedanken sich zu 
erarbeiten, seine Gedanken zu formen. Er steht aber nun auch als ein- 
zelner in der Welt da. Diese Gedanken wiirden gewissermaften isoliert 
in der "Welt dastehen, keine Bedeutung fur den Kosmos haben, wenn 
nicht geistige Wesenheiten da waren, welche den Gedanken, den sich 
der Mensch in seiner Freiheit erarbeitet, nun in der rechten Weise als 
Kraft und Impuls dem Kosmos einfiigten. Und so haben wir den Fort- 
schritt, der gegeben ist von der Gedankenverwaltung durch die Geister 
der Form zu jener durch die Geister der Personlichkeit. 

Die Geister der Form haben gewissermafien aus dem allgemeinen 
kosmischen Reservoir der Gedanken diese Gedanken herausgeschopft, 
urn sie von aufien an den Menschen heranzubringen. Der Mensch hat 
die Weltengedanken in sich aufgenommen, mufite sich fiihlen als eine 
Art von Geschopf, das sich fortbewegt innerhalb der von den Geistern 
der Form im Kosmos erzeugten Fluten und Wellen. Da war die Ge- 
dankenwelt so im Kosmos darinnen, dafi sie ihre Harmonie auf den 
Menschen selber ubertrug. Aber der Mensch war ein unfreies Wesen 
innerhalb des Kosmos. Nun hat der Mensch die Freiheit erlangt, seine 
eigenen Gedanken sich zu erarbeiten; sie wiirden aber alle im Kosmos 
Gedanken-Eremiten bleiben, wenn sie nun nicht aufgenommen und in 
die kosmische Harmonie wiederum zuriickgetragen wiirden. Und das 
geschieht eben durch die Archai in unserem Zeitalter. 

Hier ist die Grundlage dafiir geschaffen, jenen ungeheuer bedeut- 
samen historischen Zwiespalt, der heraufgekommen ist in der neueren 
Zeit und der die Menschenseelen in so unendliche Verwirrung gebracht 
hat, zu losen. Sehen wir denn nicht diesen Zwiespalt? Ich habe Ihnen 
von andern Gesichtspunkten aus ofter erwahnt, wie der Mensch auf 



der einen Seite lernt, dafi der ganze Kosmos von einer Naturordnung 
durchzogen ist, dafi diese Naturordnung auch in die eigene mensch- 
liche Wesenheit hereinspielt, daft da einstmals ein Urnebelgebilde war, 
aus dem sich Sonne und Planeten herausgeballt haben, aus dem sich 
wieder der Mensch selber herausgeballt hat. Sehen wir nicht auf der 
einen Seite das System der kosmischen Naturgesetze, in das der Mensch 
sich eingespannt fiihlt? Und sehen wir nicht auf der andern Seite, wie 
der Mensch, um seine wirkliche Menschenwurde zu wahren, darauf 
angewiesen ist, indem er nun dasteht als naturgegebenes Wesen, in sich 
rege zu machen den Gedanken an eine moralische Weltenordnung, auf 
dafi seine moralischen Impulse nicht verfliegen im Weltenall, sondern 
Realitat haben? 

Ich mochte sagen, an einem gewissen philosophischen Spintisieren 
ist dieser Zwiespalt immer wieder und wiederum im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts angekommen. Sehen Sie sich innerhalb des Protestantismus 
jene religiosen Kampfe an, die sich zum Beispiel an die Ritschlsche 
Schule knupfen. Als solche religios-philosophisch-theologische Kampfe 
kennen sie ja die meisten Menschen nicht, denn sie haben sich im engen 
Rahmen der theologischen oder philosophischen Schulen abgespielt. 
Aber das, was sich in diesem engen Rahmen der theologischen oder 
philosophischen Schulen abspielt, bleibt ja nicht darinnen. Es kommt 
ja nicht darauf an, dafi Sie oder uberhaupt die Menschheit alle mit- 
einander wissen, was Ritschl iiber die moralisch-gottliche Welten- 
ordnung, iiber die Personlichkeit Jesu gedacht hat. Aber was solche 
Personlichkeiten im Laufe des 19. Jahrhunderts iiber die Personlichkeit 
Jesu gedacht haben, das rinnt hinunter und lebt schon in den Lehren, 
die den sechs- bis zwolf jahrigen Kindern beigebracht werden. Das wird 
ja allgemein menschliche Seelenverfassung, und ist allgemein mensch- 
liche Seelenverfassung geworden. Und wenn auch die Menschen sich 
das nicht zur vollen Klarheit bringen, es ist doch so, dafi es als un- 
bestimmte Gefiihle, als Unbef riedigtheit des Lebens in ihnen vorhanden 
ist, und dafi es dann in solch chaotisches Handeln ubergeht, das endlich 
ein solches chaotisches Zeitalter heraufbringen mufite, wie dasjenige ist, 
in dem wir leben. Das ist eben die grofie bange heutige Menschheits- 
frage, die dadurch entsteht, daft der Mensch sich sagen mufi: Da ist die 



naturgesetzliche Welt, ausgegangen von dem Urnebel, endend einmal 
im Warmetod, wo alles, was seelisch-geistig ist, in der nicht mehr in 
sich beweglichen, sondern in einem allgemeinen Warmezustand existie- 
renden Welt untergegangen sein wird, so dafi der grofie Friedhof da 
sein miifite. Alle moralischen Ideale, die aus der Individuality des ein- 
zelnen Menschen hervorgehen, wiirden erstorben sein. 

Der Mensch macht sich das heute nicht klar, weil er nicht ehrlich 
genug dazu ist. Aber alles, was er aus der heutigen Zivilisation ent- 
nimmt, miifite ihn dazu fuhren, an diesem ungeheuer bedeutsamen 
Zwiespalt in seiner Weltanschauung zu kranken - nur weifi er es 
nicht -, daran zu kranken, dafi eine naturliche Welt da ist, der er 
unterworfen ist, dafi er annehmen mufi eine sittliche Welt, und dafi er 
keine Moglichkeit hat aus seiner heutigen Anschauung heraus, den sitt- 
lichen Ideen eine Realitat zuzuschreiben. 

So war es nicht fur eine altere Menschheit. Eine altere Menschheit 
empfand, dafi sie ihre sittlichen Ideen von den Gottern hatte. Das war 
in der Zeit, als eben die Exusiai, die Geister der Form dem Menschen 
die Gedanken einflofiten, also auch die sittlichen Gedanken. Da wufite 
der Mensch, dafi wahrhaftig, moge auch die Erde dem Warmetod ver- 
fallen, in der Zukunft da sein werden die gottlich-geistigen Wesen- 
heiten, welche aus dem ganzen Kosmos heraus die Weltgedanken haben. 
So dafi der Mensch wufite: nicht er macht die Gedanken, sie sind so da, 
wie die aufieren Naturvorgange da sind; sie mufiten also eine immer- 
wahrende Existenz haben wie die aufieren Naturvorgange. 

Man mufi sich das nur ganz klarmachen, dafi heute viele Menschen 
eben immer mehr und mehr mit dem Leben nicht fertigwerden. Die 
einen gestehen sich das - es sind vielleicht noch die besten — , die andern 
gestehen sich das nicht, aber durch ihr Handeln entsteht das allgemeine 
Weltenchaos, in das wir hineingeraten sind. 

Aber alles, was heute als Weltenchaos, als Weltenunordnung da ist, 
das ist die tatsachliche Folge dieses inneren Zwiespaltes, dieses Nicht- 
wissens, inwiefern die moralische Weltenordnung eine Realitat hat. 
Es mochten sich die Menschen stumpf machen gegeniiber den grofien 
Weltfragen, da sie sich nicht aufraffen wollen, sich zu gestehen, wo 
der Zwiespalt eigentlich liegt. Sie mochten ihn am liebsten vergessen. 



Nun, mit dem, was man heute unsere aufiere Zivilisation nennt, lafk 
sich der Zwiespalt nicht losen. Er lafit sich allein losen auf demjenigen 
Boden einer geistigen Weltanschauung, der durch die Anthroposophie 
gesucht wird. Und da kommt man eben dazu, einzusehen, wie Archai 
da sind, welche nunmehr die Aufgabe im Kosmos, in der kosmischen 
Fiihrung erhalten haben, die Gedanken der Menschen, die nun isoHert, 
durch innere Arbeit in der Seele entstehen, wirklich iiberall anzu- 
kniipfen an die Weltenvorgange, sie iiberall einzuordnen. 

Und in einer grofiartigen, gewaltigen Weise findet der Mensch wie- 
derum den Boden fur die moralische Weltenordnung gerade auf diese 
Weise. Wie findet er ihn? Nun, der Mensch konnte nicht frei werden, 
wenn er nicht das Gefiihl entwickeln konnte: Du entfaltest deine Ge- 
danken aus deiner eigenen Individuality heraus; du bist der Erarbeiter 
deiner Gedanken. 

Aber damit reifien wir zu gleicher Zeit die Gedanken los vom Kos- 
mos. Es war gewissermafien in alten Zeiten so: Wenn ich hier das Meer 
der kosmischen Gedanken aufzeichne (siehe Zeichnung, gelb) und da 
die Menschen waren, die ich schematisch so zeichne (rot), dann miifite 
ich dasjenige, was in jedem Menschen als sein Teil der kosmischen 
Gedankenwelt hineinkame, so zeichnen (gelb). Der Mensch hing an 




der kosmischen Gedankenwelt, sie senkte sich in ihn hinein. Dafi es so 
sein konnte, ergab sich aus dem Wirken der Geister der Form. 

Das ist im Laufe der Menschheitsentwickelung anders geworden. 
Wir haben hier das Meer der kosmischen Gedanken (siehe Zeichnung, 




gelb), die Verwaltung ist ubergegangen an die Archai. Wenn ich 
nun da unten die einzelnen Menschen zeichne, so ist dasjenige abge- 
schniirt, was ihre Gedanken sind; es hangt nicht mehr mit den kos- 
mischen Gedanken zusammen. - Das mufi so sein. Denn niemals konnte 
der Mensch ein freies Wesen werden, wenn er nicht seine Gedanken- 
welt abrisse vom Kosmos. Er mufi sie abreifien, um ein freies Wesen zu 
werden; dann aber miissen sie wieder angekniipft werden. Was also 
notwendig ist, das ist die Verwaltung dieser Gedanken - die ja zu- 
nachst das menschliche Leben nicht unmittelbar angeht (griin), sondern 
den Kosmos angeht - durch die Archai, die Geister der Personlichkeit. 

Aber nun nehmen wir diesen Gedanken in moralischer Gesinnung, 
und fuhlen wir, wie dieser Gedanke in moralischer Gesinnung so wird, 
dafi wir uns sagen: Wir werden, wenn wir die geistige Welt betreten - 
sei es, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, sei es sonst- 
wo, oder in der Erdenzukunft -, zusammentreffen mit den Geistern 



der Personlichkeit, mit den Archai. Wir werden dann wahrnehmen 
konnen, was sie haben machen konnen mit unseren Gedanken, die zu- 
nachst urn unserer Freiheit willen in uns isoliert waren. Und da werden 
wir unseren Menschenwert und unsere Menschenwiirde an dem er- 
kennen, was die Archai, die Geister der Personlichkeit aus unseren 
Gedanken haben machen konnen. Und es wendet sich der kosmische 
Gedanke unmittelbar an moralische Gesinnung, an moralische Impul- 
sivitat. 

Es kann aus der richtig erfafiten Anthroposophie heute durchaus 
uberall die moralische Impulsivitat entspringen. Es mufi nur mit dem 
ganzen Menschen dasjenige erfafit werden, was Anthroposophie ist. 

Erfassen wir diesen Gedanken, den Gedanken der Verantwortlich- 
keit gegenuber den normal sich entwickelnden Archai, erfassen wir 
diese unsere geistige Beziehung im Kosmos richtig, dann leben wir uns 
auch richtig in unser Zeitalter herein, dann werden wir richtige Men- 
schen unseres Zeitalters. Und dann werden wir in der richtigen Weise 
hinschauen auf das, was uns ja immer umgibt: nicht nur eine sinnliche 
Welt, sondern auch eine geistige Welt. Wir werden hinschauen auf 
diese geistigen Wesenheiten, die Archai, denen gegenuber der Mensch 
verantwortlich werden soil, wenn er in der richtigen Weise wiirdig 
seine Menschheitsentwickelung durchmachen will im Laufe der Erden- 
zeiten. Wir werden sehen, wie in der heutigen Zeit dem, was einmal die 
notwendige Weltenordnung war, auch noch gegenubersteht alles das, 
was iibriggeblieben ist an solchen Geistern der Form, die noch immer 
die Gedanken in der alten Weise verwalten wollen. Und das ist der 
wichtigste Zivilisationseinschlag in unserer Zeit! Das sind die eigent- 
lichen tieferen Aufgaben des Menschen: durch seine richtige Stellung 
zu den Archai, zu den Geistern der Personlichkeit, frei zu werden, 
damit er auch die richtige Stellung zu den Geistern der Form gewinne, 
die heute mit der Gedankenverwaltung, die sie ebenso noch machen 
wollen wie friiher, nicht im Rechte sind, die aber einstmals in ihrem 
Rechte waren. Und wir werden auf der einen Seite dasjenige finden, 
was in der Welt heute das Leben schwierig macht, wir werden aber 
auch uberall die Wege aus den Schwierigkeiten der Welt heraus finden. 
Nur miissen wir diese Wege als freie Menschen suchen. Denn wenn wir 



keinen Willen haben zur freien Gedankenentwickelung, was sollen 
dann die Archai mit uns anfangen? 

Dasjenige, worauf es ankommt in unserem Zeitalter, das ist, daft der 
Mensch wirklich ein freies Wesen sein will. Meistens will er es ja zu- 
nachst noch nicht. Er mufi sich erst hineinfinden, es zu wollen. Dem 
Menschen wird es heute noch schwer, sich als freies Wesen zu wollen. 
Er mochte eigentlich am liebsten, dafi er das, was ihm gefallt, wiin- 
schen kann, und dafi dann die richtigen Geister da waren, die seine 
Wunsche auf eine unsichtbare ubersinnliche Art ausfuhren.Dann wiirde 
er sich vielleicht frei fiihlen, menschen wiirdig fiihlen! Wir brauchen 
nur ein paar Inkarnationen herankommen zu lassen, gar nicht einmal 
so lange Zeit, nur etwa das Jahr 2800 oder 3000, dann werden wir uns 
gar nicht mehr verzeihen konnen in einer nachsten Inkarnation - wo 
wir ja zuriickschauen werden auf die friihere Inkarnation -, dafi wir 
einmal menschliche Freiheit verwechselt haben mit Forderung der 
menschlichen Bequemlichkeit durch nachsichtige Gotter! 

Diese zwei Dinge verwechselt ja der Mensch heute: Freiheit, und 
Nachsicht von giitigen Gottern mit der menschlichen Bequemlichkeit, 
mit den bequemen menschlichen Wiinschen. Heute wollen das viele 
Menschen noch, dafi es giitige Gotter gibt, die ihnen ihre Wunsche ohne 
viel Zutun ausfiihren. Wie gesagt, wir brauchen nur das Jahr 2800 oder 
3000 herankommen zu lassen, in einer nachsten Inkarnation werden 
wir das dann sehr verachten. Aber gerade wenn wir heute richtige 
moralische Gesinnung entwickeln, so mufi sie auch verbunden sein mit 
einer gewissen moralischen Starke, welche die Freiheit wirklich will - 
die innere Freiheit zunachst; die auflere wird sich dann schon in der 
richtigen Weise entwickeln, wenn der Wille zur inneren Freiheit vor- 
handen ist. Dazu ist aber notwendig, dafi man nun in rechter Weise 
beobachten kann, wo denn diese unberechtigten Geister der Form iiber- 
all tatig sind. 

Nun, sie sind iiberall tatig. Ich konnte mir denken - der menschliche 
Intellekt hat ja solch einen luziferischen Hang — , daft es nun Menschen 
gabe, die da sagen: Ja, es ware doch viel verniinf tiger fur die gottliche 
Weltenordnung, wenn diese zuruckgebliebenen Geister der Form da 
nicht wirtschaften wiirden, gar nicht da waren! - Menschen, die so 



denken, denen rate ich, als verniinftiger Mensch auch zu denken, daft 
sie sich nahren konnten, ohne daft sich der Darm zu gleicher Zeit mit 
unangenehmen Stoffen anfullt. Das eine ist eben nicht moglich ohne 
das andere. Und so ist es in der Welt nicht moglich, daft die Dinge, die 
grofi und gewaltig die Wiirde des Menschen bedingen, da seien ohne 
ihre entsprechenden Korrelate. 

Wo sehen wir denn nun zuriickgebliebene Geister der Form tatig? 
In erster Linie sehen wir sie heute tatig in den nationalen Chauvinis- 
men, die iiber die ganze Welt sich verbreiten, da, wo die Gedanken der 
Menschen sich nicht aus unmittelbarer innerster menschlicher Zentrali- 
tat heraus entwickeln, sondern aus dem Blute heraus, aus dem, was aus 
den Instinkten auf flutet. 

In dieser Beziehung gibt es zweierlei Verhalten zu der Nationalitat. 
Das eine ist dieses: Man verachtet die normalen Archai und gibt sich 
einfach demjenigen hin, was die zuriickgebliebenen Geister der Form 
aus den Nationalitaten machen. Man wachst dann einfach aus der 
Nationalitat herauf , pocht in chauvinistischer Weise auf das, was man 
dadurch geworden ist, daft man aus dem Blute einer Nationalitat her- 
aus geboren ist. Man redet aus der Nationalitat heraus, seine Gedanken 
bekommt man mit der Sprache dieser Nationalitat; mit der besonderen 
Form dieser Sprache bekommt man auch seine Gedankenformen. Man 
steigt auf aus demjenigen, was die Geister der Form aus den Nationali- 
taten gemacht haben. 

Und wenn man nun nachgeben will diesen zuriickgebliebenen Gei- 
stern der Form und zu gleicher Zeit ein furchtbar ehrgeiziger Mensch 
ist, der durch das Schicksal an einen besonderen Posten gestellt ist, 
dann fabriziert man, gerade mit Rucksicht auf die nationalen Chau- 
vinismen der Welt, «Vierzehn Punkte» und findet dann Anhanger, 
welche diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons als dasjenige betrach- 
ten, was der Welt etwas Grofiartiges geben soli. 

In Wahrheit gesehen, was waren sie, diese vierzehn Punkte Woodrow 
Wilsons? Sie waren etwas, was der Welt hingeworfen werden sollte, 
damit sie fronen kann dem, was die zuriickgebliebenen Geister der 
Form ausgieften wollen iiber die verschiedenen Naturgrundlagen der 
Nationen. Sie waren unmittelbar von da her inspiriert. 



Man kann iiber alle diese Dinge reden von den verschiedensten 
Niveaus aus. Ganz dasselbe, was ich heute auf einem Niveau sage, das 
der Charakteristik von Archai und Exusiai entspricht, ganz dasselbe 
habe ich vor Jahren immer gesagt, um die Weltbedeutung dieser vier- 
zehn Punkte von Woodrow Wilson zu charakterisieren, durch welche, 
weil sie die Welt in Illusionen gewiegt haben, so ungeheuer viel Un- 
gliick und Chaos in die Welt gekommen ist. 

Ferner sehen wir heute, wie das, was von diesen zuruckgebliebenen 
Geistern der Form ausgeht, sich geltend macht in der einseitigen natur- 
wissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung, wo ein wahrer 
Horror vorhanden ist - besser gesagt, eine scheufiliche Angst davor 
besteht -, in die Aktivitat der Gedanken iiberzugehen. Man soil sich 
heute nur einmal vorstellen, was fiir einen furchtbaren Spektakel ein 
richtiger Professor machen wiirde, wenn irgendein Student im Labora- 
torium ins Mikroskop schaute und irgendeinen Gedanken hervor- 
bringen wollte. Das gibt es nicht! Da mufi man sorgfaltig nur dasjenige 
verzeichnen, was die aufiere sinnliche Beobachtung gibt, gar nicht 
wissend, daft die ja nur die Halfte der Wirklichkeit gibt, die andere 
Halfte der Wirklichkeit wird eben im eigenen menschlichen Schaffen 
von Gedanken erzeugt. Da mufi man aber wissen, was die gegenwar- 
tige Mission der richtig entwickeiten Archai ist. Es mufi in der Wissen- 
schaft, die verdorben wird durch die zuriickbleibenden Geister der 
Form, geltend gemacht werden die richtige Mission der Geister der 
Personlichkeit. Davor besteht heute die denkbar grofite Angst. 

Nicht wahr, Sie kennen die bekannte Anekdote, wie nach den ver- 
schiedenen National-Naturgrundlagen Wissenschaft gemacht wird. So 
etwa wird gefragt: Wie geht es zu, wenn es sich heute darum handelt, 
in richtiger Zoologie ein Kamel kennenzulernen, wie machen das die 
verschiedenen Nation en? Der Englander macht eine Reise in die Wuste, 
beobachtet das Kamel. Er braucht ja dazu vielleicht zwei Jahre, bis er 
das Kamel in alien Lebenslagen beobachtet hat, aber er lernt auf diese 
Weise das Kamel in unmittelbarer Natur kennen, beschreibt es, lafit 
natiirlich alle Gedanken weg, aber er beschreibt alles, schafft nicht 
eigene Gedanken. Der Franzose geht in die Menagerie, wo ein Kamel 
ausgestellt ist, schaut sich in der Menagerie das Kamel an und be- 



schreibt das Kamel in der Menagerie. Er lernt nicht so wie der Eng- 
lander das Kamel in alien Naturlagen kennen, sondern er beschreibt 
es, wie es in der Menagerie ist. Der Deutsche geht weder in die Wiiste 
noch in die Menagerie, sondern er setzt sich in seine Gelehrtenstube, 
setzt a priori alle Gedanken zusammen, die er aus dem, was er gelernt 
hat, herausbringen kann, konstruiert a priori das Kamel und beschreibt 
aus diesem a priori Konstruierten heraus das Kamel. - So wird ge- 
wohnlich die Anekdote erzahlt. Sie stimmt ja auch fast, wirklich fast, 
denn man hat iiberall das Gefiihl, ob nun ein Kamel beschrieben wird 
oder ob der Mensch selber beschrieben wird oder dergleichen: es ist auf 
diese Weise die Beschreibung entstanden. Aber nur eines findet man 
nicht. Das wiirde, mochte ich sagen, erst das richtige Fazit, die richtige 
Antwort geben auf diese dreifach gestaltete Anekdote: Da ware irgend- 
wo der vierte, der - es kommt schon nicht darauf an, ob er nun in die 
Wiiste geht, oder ob er Biicher studiert, weil er gerade nicht Gelegen- 
heit hat, in die Wiiste oder in die Menagerie zu gehen, oder ob er 
schliefilich zu einem Tiermaler geht, dessen Bilder ansieht, auf denen 
mit genialer Kunst Kamele gemalt sind -, der imstande ist, aus dem, 
was sich ihm da ergibt, die Frage an die gottlich-geistige Weltenord- 
nung selber zu stellen: Was ist das Wesen des Kamels? - Derjenige 
namlich, der diese innere Arbeit leisten kann, der sieht dem Kamel, 
das in der Menagerie ist, noch an, wie es sich in der Wiiste verhalt; 
ja, der sieht es selbst dem noch an, was er sich durch Lektiire aus ver- 
schiedenen Bikhern bilden kann, vielleicht aus Biichern, in denen 
scheufilich karikierte, philistros-pedantische, schulmeisterliche Be- 
schreibungen stehen. Er kriegt doch heraus, wenn er in das Wesen des 
Kamels eindringen kann, selbst aus dem Schulmeisterlichen, aus allem 
moglichen a priori Konstruierten, er kriegt noch heraus, um was es sich 
handelt. 

Das ist es, was heute vor alien Dingen die Menschheit braucht, 
naturlich nicht mit Ausschlufi, sondern mit Einschlufi der aufieren 
Weltenerfahrung, mit Einschlufi der sinnlichen Weltenerfahrung: hin- 
zufinden den Weg zum Geistigen. 

Da haben wir wiederum dasjenige, was uns in jedem Gebiete unseres 
Erkenntnisstrebens dazu fuhren soil, in der richtigen Weise einzusehen, 



wie uns die zuriickgebliebenen Geister der Form verfuhren konnen, 
und wie uns das richtige Erkennen dessen, was die Mission der Geister 
der Personlichkeit ist, gerade als Menschen richtig hineinstellen kann 
in unser Zeitalter. Und am allerwichtigsten ist es, sich in dieser Weise 
orientieren zu konnen iiber die heranwachsenden Kinder, um zu einer 
wirklichen Erziehungskunst zu kommen. Denn das ist ja gerade etwas, 
was heute iiberall als ein ungeheurer Mangel aller Erziehungskunst vor- 
handen ist: Die Menschen halten fest an dem, was aus dem Menschen 
geworden ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung durch die un- 
richtigen Geister der Form, setzen voraus, daft das ganz richtig sei, dafi 
der Mensch so ist. 

Nun revoltiert dagegen - man kann sagen, Gott sei Dank - noch die 
kindliche Natur. Die laik sich das noch nicht gefallen. Der spatere 
Mensch lafit es sich ja sehr gerne gefallen; die kindliche Natur revol- 
tiert noch dagegen, insbesondere die jugendliche Natur revoltiert da- 
gegen. 

Wiederum haben wir einen der charakteristischen Punkte der heu- 
tigen Jugendbewegung und einen der charakteristischen Punkte, wo die 
heutige Padagogik, ich mochte sagen, hellsichtig werden mufi - oder 
wenigstens aus Hellsichtigkeit sich bef ruchten lassen mufi -, damit nun 
wirklich erkannt werde, wie mit dem Menschen, wenn er heute geboren 
wird, der Keim zu der inneren Aktivitat der Gedanken mitgeboren 
wird. Dann, wenn dieser Keim zur inneren Aktivitat der Gedanken da 
ist, dann lernen wir vor alien Dingen eines, was heute die Menschen 
meist nicht konnen. Wissen Sie, was die Menschen heute nicht konnen? 
Sie konnen namlich nicht alt werden. Und die Jugend, die mochte nam- 
lich zu Fiihrern altgewordene Menschen haben. Sie mochte nicht die 
Jugend selber zum Fiihrer haben - wenn sie es auch sagt, da tauscht sie 
sich — , sie mochte zu Fiihrern Leute haben, die richtig alt zu werden 
verstanden haben, die den lebendigen Keim der Gedankenentwicke- 
lung sich bis ins Alter mitfiihren. Wenn das die Jugend bemerken kann, 
dann f olgt sie namlich den Fiihrern, denn da weifi sie, es haben ihr die 
Leute etwas zu sagen, wenn sie verstanden haben, in der richtigen Weise 
alt zu werden. Aber was trifft denn heute die Jugend? Sie trifft da 
lauter - ihresgleichen! Die Menschen haben nicht verstanden, alt zu 



werden, sind Kindskopfe geblieben; sie wissen nicht mehr, als die 
Fiinfzehn-, Sechzehnjahrigen auch schon wissen. Da ist es ja kein Wun- 
der, dafi die Fiinfzehn-, Sechzehnjahrigen den Sechzig-, Siebzigjahrigen 
nicht mehr folgen wollen, weil die ja nicht alter geworden sind. Sie 
haben gar nicht die Aktivitat in den alten Korper hineinzutragen ver- 
standen. Die Jugend wiinscht richtig altgewordene Menschen, nicht 
blofi alt aussehende mit Runzeln und weifien Haaren und glatzigen 
Kopfen, die aber im Grunde genommen in alten Herzen so jung sind 
wie sie selber, sondern die Jugend will solche Menschenwesen, die ver- 
standen haben, alt zu werden, also zugenommen haben mit dem Alt- 
werden an Weisheit und Kraft. 

Die Jugendbewegungsfrage wiirde leicht gelost werden, wenn man 
sie eben in ihrer ganzen kosmischen Bedeutung erfassen wiirde, wenn 
man namlich einmal griindlich Vortrage hielte iiber das Thema: Wie 
ist es heute moglich in der Welt, kein Kindskopf bis ins hohe Greisen- 
alter zu bleiben? Das ist das Problem. 

Den Nichtkindskopfigen, den wirklich Altgewordenen, wird die 
Jugend sich tatsachlich in einer ganz selbstverstandlichen Weise an- 
schliefien, wird sich mit ihnen zusammenfinden. Aber von ihresgleichen 
kann sie nichts lernen; sondern es kommt dem jungen Menschen nur 
grotesk vor, wenn er nun selber vielleicht achtzehn Jahre alt ist, viel- 
leicht noch nicht so sehr viel gelernt hat - einiges hat er ja gelernt — , 
er hat noch voiles schwarzes oder blondes Haar auf dem Kopfe und 
noch keine Runzeln, hat noch ein pausbackiges Gesicht, hat noch nicht 
einmal einen Bart bekommen, schon, und nun, nicht wahr, soli er 
folgen einem andern, der innerlich gar nicht alter ist als er, aber der 
sieht so komisch aus, hat einen Glatzkopf, hat graue Haare, hat nicht 
mehr gelernt als er selber, aber das alles schaut anders aus! - Das ist im 
Grunde genommen der innerste Kern dieser Tatsache des Nichtzu- 
sammenfindens von Jugend und Alter. 

Sie miissen das, was ich jetzt in einer humoristischen Weise ver- 
suchte zu sagen, nur in seiner ganzen seriosen, in seiner ganzen ernsten 
Bedeutung nehmen, dann werden Sie auch manches, was in der heu- 
tigen Zivilisation als eine grofie, bedeutsame, brennende Frage daliegt, 
unmittelbar ins seelische Auge fassen konnen. 



Da ich es nicht gut iibers Herz bringen kann - die nachsten drei Vor- 
trage kar n ich ja nicht halten, weil ich am Freitag schon in Stuttgart 
sein soli \, hier abzubrechen, so werde ich mir erlauben, am Donners- 
tag um acht Uhr einen Vortrag zu halten, aber nur fiir diejenigen, die 
ihn horen wollen. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach, 22.Marz 1923 

Heute wollen wir uns zunachst einmal an die Angaben erinnern, die 
ich Ihnen uber die eigentliche Natur, iiber die Wesenheit des mensch- 
lichen Denkens gemacht habe. Wir haben ja in dieser Gegenwart, seit 
dem so oftmals angefiihrten Zeitpunkte im 15. Jahrhundert, ein wesent- 
lich abstraktes Denken, ein bildloses Denken, und die Menschheit ist ja 
stolz auf dieses bildlose Denken. Wir wissen, daft dieses bildlose Den- 
ken erst eingetreten ist in dem angedeuteten Zeitraume, dafi fruher ein 
bildhaftes und damit ein lebendiges Denken vorhanden war. 

Nun wollen wir uns heute daran erinnern, was eigentlich die Natur 
und Wesenheit dieses Denkens ist, wie wir es heute haben. Wir konnten 
sagen: Die lebendige Wesenheit dieses Denkens lebte in uns in der Zeit 
zwischen dem Tode und der Geburt, durch die wir heruntergestiegen 
sind aus den geistigen Welten in die physische Welt. Da ist gewisser- 
mafien die Lebendigkeit, die Wesenhaftigkeit des Denkens abgestreift 
worden, und wir tragen heute als Menschen des fiinften nachatlanti- 
schen Zeitraumes eigentlich ein totes Denken in uns, den Leichnam 
jenes lebendigen, wesenhaften Denkens, das uns eigen ist zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt. Gerade dadurch, dafi wir dieses tote, 
dieses unlebendige Denken in uns tragen, gerade dadurch sind wir ja 
als heutige Menschen durch das gewohnliche Bewufitsein so stark in 
die Moglichkeit versetzt, das Leblose zu unserer Befriedigung zu be- 
greifen, wahrend wir als heutige Menschen keine Anlage haben, die 
Welt unserer Umgebung als lebendig zu erfassen. 

Damit haben wir zwar als Menschen unsere Freiheit, unsere Selb- 
standigkeit errungen, aber wir haben uns gewissermafien auch gegen- 
iiber demjenigen in der Welt, was das fortlaufend Werdende ist, ganz 
abgeschlossen. Wir beobachten die Dinge um uns herum, die eigentlich 
nicht das fortlaufend Werdende sind, die nicht keimkraftig sind, son- 
dern die eigentlich nur eine Gegenwart haben. Gewifi, man kann ein- 
wenden, dafi der Mensch am Pflanzlichen, am Tierischen das Keim- 
kraftige betrachtet; aber da tauscht er sich nur. Er betrachtet dieses 



Keimkraftige auch nur, insofern es erfiillt ist von abgestorbenen Stof- 
fen, er betrachtet auch das Keimkraftige nur wie ein Totes, 

Wenn wir das besonders Eigentiimliche dieser Anschauungsweise 
uns vor die Seele stellen wollen, so ist es eben dieses, dafi in friiheren 
Zeitraumen derMenschheitsentwickelung die Mensch en iiberall in ihrer 
Umgebung ein Lebendiges, Keimkraftiges wahrgenommen haben, wah- 
rend sie heute iiberall nur das Tote aufsuchen und das Leben eigentlich 
auch nur aus dem Toten irgendwie begreifen wollen. Sie begreifen es 
ja doch nicht. 

Damit aber ist der Mensch eingetreten in eine ganz merkwiirdige 
Epoche seiner Entwickelung. Der Mensch betrachtet ja heute die Sin- 
neswelt, ohne dafi ihm - so wie ihm Farben, wie ihm Tone in der 
Sinneswelt gegeben sind — in ihr auch Gedanken gegeben waren. Sie 
wissen schon aus der Darstellung meiner «R'atsel der Philosophie», dafi 
dem Griechen ebenso Gedanken gegeben waren, wie uns heute die Tone, 
die Farben. "Wir nennen eine Rose rot; der Grieche nahm nicht nur die 
Rote der Rose wahr, sondern er nahm auch den Gedanken der Rose 
wahr, ein rein Geistiges nahm er wahr. Und dieses Wahrnehmen des 
rein Geistigen ist allmahlich eben hingestorben mit dem Heraufkom- 
men des abstrakten, des toten Denkens, das nur ein Leichnam ist des 
lebendigen Denkens, welches wir vor unserem Erdenleben gehabt haben. 

Nun aber fragt es sich: Wie kommen eigentlich diese zwei Dinge zu™ 
sammen? Wie kommen sie zusammen, wenn wir die Natur auffassen 
wollen, wenn wir uns eine Weltanschauung bilden wollen : draufien die 
Sinneswelt, in uns das tote Denken? - Das mufi man sich nur einmal 
ganz klarmachen, dafi wenn heute der Mensch der Welt gegeniiber- 
steht, er ihr mit einem toten Denken gegeniibersteht. Aber ist denn der 
Tod auch draufien in der Welt? Wenigstens ahnungsvoll mufke sich der 
Mensch heute sagen: Der Tod ist ja gar nicht draufien in der Welt, in 
den Farben, in den Tonen scheint ja zum mindesten iiberall Lebendiges 
sich anzukiindigen! - So dafi fur denjenigen, der die Sinne durchschaut, 
sich das ganz Merkwiirdige herausstellt, dafi ja der heutige Mensch, 
trotzdem er immerfort nur seine Aufmerksamkeit auf die Sinneswelt 
richtet, diese Sinneswelt denkend gar nicht begreifen kann, weil die 
toten Gedanken auf die lebendige Sinneswelt gar nicht anwendbar sind. 



Machen Sie sich das nur einmal restlos klar. Der Mensch steht heute 
vor der Sinneswelt und glaubt, nicht iiber die Sinneswelt hinausgehen 
zu sollen mit seinen Ansichten. Aber was heifk denn das iiberhaupt fiir 
den heutigen Menschen, nicht iiber die Sinneswelt hinausgehen zu wol- 
len? Das heifk, iiberhaupt verzichten auf alles Anschauen und alles 
Erkennen. Denn das Rote, das Tonende, das Warmende wird ja gar 
nicht begriffen durch den toten Gedanken. Der Mensch denkt also in 
einem ganz andern Elemente, als in demjenigen, worinnen er eigentlich 
lebt. 

Und so ist es merkwiirdig, dafi wir mit unserer Geburt in die Erden- 
welt eintreten, aber ein Denken haben, das der Leichnam dessen ist, 
was wir vor dem irdischen Dasein hatten. Und die zwei Dinge will 
heute der Mensch zusammenbringen: er will den Rest, das Obriggelas- 
sene des vorirdischen Lebens anwenden auf das irdische Leben. 

Und das ist es, was seit dem 15. Jahrhundert fortwahrend als alle 
moglichen Denk- und Erkenntniszweifel heraufgestiegen ist. Das ist es, 
was die grofien Verirrungen der Gegenwart ausmacht, das ist es, was 
den Skeptizismus, die Zweifelsucht in alle moglichen menschlichen 
Denkweisen hat einziehen lassen; das ist es, was macht, dafi heute der 
Mensch iiberhaupt nicht mehr einen Begrif f vom Erkennen hat. Es gibt 
ja nichts Unbefriedigenderes, als wenn wir im heutigen Stile gehaltene 
Erkenntnistheorien durchschauen. Die meisten Wissenschafter tun das 
gar nicht; sie iiberlassen das den einzelnen Philosophen. Da kann man 
ganz merkwurdige Erfahrungen machen. 

Ich besuchte einmal - es war im Jahre 1889 in Berlin - den jetzt 
schon lange verstorbenen Philosophen Eduard von Hartmann, und wir 
sprachen iiber erkenntnistheoretische Fragen. Im Verlauf des Gespra- 
ches sagte er: Erkenntnistheoretische Fragen sollte man nicht drucken 
lassen, die sollte man iiberhaupt nur hochstens mit der Maschine ver- 
vielf altigen oder auf irgendeine andere Weise vervielfaltigen, denn es 
gibt in Deutschland iiberhaupt hochstens sechzig Menschen, die mit 
erkenntnistheoretischen Fragen sich sachgemafi beschaftigen konnen. 

Also denken Sie sich: unter jeder Million einen! Natiirlich sind unter 
einer Million Menschen mehr als ein Wissenschafter oder wenigstens 
mehr als ein gebildeter Mensch. Aber mit Bezug auf das wirkliche Ein- 



gehen auf erkenntnistheoretische Fragen wird wahrscheinlich Eduard 
von Hartmann schon recht gehabt haben, denn wenn man absieht von 
den Kompendien, welche die Kandidaten an den Universitaten rasch 
durchhecheln mussen zu gewissen Priifungen, so wird man nicht viele 
Leser fur erkenntnistheoretische Schriften finden, wenn sie im heutigen 
Stile, aus der heutigen Denkweise heraus geschrieben sind. 

Und so wird eben, mochte man sagen, fortgewurstelt. Man treibt 
Anatomie, Physiologie, Biologie, Geschichte und so weiter, kiimmert 
sich nicht darum, ob man durch diese Wissenschaften auch wirklich das 
Reale erkennt, sondern man geht eben in dem Trott fort. Aber diese 
fundamental Tatsache, die miifite eigentlich einmal der Menschheit 
ganz klarwerden: dafi der Mensch in dem Denken, das gerade das 
abstrakte Denken ist, weil er es so lichtvoll hat, etwas im hochsten 
Sinne Uberirdisches in sich tragt, wahrend er im Erdenleben immer 
nur das Irdische um sich hat. Beide Dinge passen gar nicht zusammen. 

Nun konnen Sie die Frage aufwerfen: Paftten denn die Gedanken- 
bilder, die sich die Menschen f ruher gemacht haben, besser zu dem, was 
der Mensch innerlich hatte, wo er noch ein lebendiges Denken hatte? 
Und da mufi man sagen: Ja. - Und dafur will ich Ihnen den Grund 
angeben. 

Bei dem heutigen Menschen ist es doch so, dafi er von seiner Geburt 
bis zum siebenten Jahre in dem Ausgestalten seines physischen Leibes 
lebt, dafi er dann, indem er in dem Ausgestalten seines physischen Lei- 
bes lebt, bis zum siebenten Jahre dahin gekommen ist, nun auch seinen 
Atherleib immer mehr und mehr auszugestalten; das geschieht vom 
Tafel 7 siebenten bis zum vierzehnten Jahre. Dann gestaltet der Mensch sei- 
nen astralischen Leib aus, das geschieht vom vierzehnten bis einund- 
zwanzigsten Jahre. Dann gestaltet er seine Empfindungsseele aus bis 
zum achtundzwanzigsten Jahre, dann bis zum fiinfunddreifiigsten 
Jahre die Verstandes- oder Gemutsseele, dann die Bewu&tseinsseele. 
Dann kann man nicht mehr sagen, er gestaltet aus, aber er wird aus- 
gestaltet, indem das Geistselbst, das ja erst in zukiinftigen Zeiten ent- 
wickelt wird, aber dennoch an seiner Entwickelung jetzt schon Teil 
hat, vom zweiundvierzigsten Jahre an ausgebildet wird. Und dann 
geht es so weiter. 



Nun ist dies ein aufierordentlich wichtiger Zeitraum, vom achtund- 
zwanzigsten bis fiinfunddreifiigsten Lebensjahr. Dieser Zeitraum hat 
sich fur das menschliche Leben seit dem 15. Jahrhundert ganz wesent- 
lich geandert. Bis zum 15. Jahrhundert haben die Menschen in dieser 
Zeit immer noch Einfliisse von dem umgebenden Weltenather gehabt. 
Man kann sich heute schwer vorstellen - weil es eben ganz und gar 
nicht mehr der Fall ist -, wie die Menschen Einfliisse von dem um- 
gebenden Weltenather hatten. Sie hatten sie aber. Die Menschen mach- 
ten gewissermafien zwischen dem achtundzwanzigsten und fiinfund- 
dreifiigsten Jahre, ich mochte sagen, eine Art Auf lebe-Erfahrung in sich 
durch. Es war wie etwas, was sich neu belebte in ihnen. Mit diesen 
Wahrnehmungen hing ja das zusammen, dafi man eigentlich in diesen 
alteren Zeiten den Menschen im achtundzwanzigsten Jahre zurMeister- 
schaft kommen liefi in irgendeinem Fache, weil er mit diesem acht- 
undzwanzigsten Jahre erst in einer besonderen Weise - wenn auch 
natiirlich nicht stark, aber in einer besonderen, schwachen Weise - 
wiederum auflebte. Er bekam einen neuen Impuls. Das ist deshalb ge- 
wesen, weil die ganze universelle, umfassende Atherwelt, die ja uns 
alle aufier der physischen Welt umgibt, auf den Menschen wirkte. 

In den ersten sieben Lebensjahren, da wirkte sie durch die Vorgange, 
die sich im physischen Leibe abspielten, hindurch, nicht direkt wirkte 
sie auf den Menschen. Und so wirkte sie auch noch nicht bis zum vier- 
zehnten Jahre direkt, ja, nicht bis zum achtundzwanzigsten Jahre, wo 
sie noch das Empf indungsleben zu passieren hatte. Aber als der Mensch 
dann in das Verstandes- oder Bewufkseinsleben der damaligen Zeit ein- 
trat, da wirkte der Ather neu belebend auf ihn. 

Das haben wir verloren. Wir waren auch niemals zu der heutigen 
Selbstandigkeit des individuell-personlichen Menschen gekommen, 
wenn wir dieses nicht verloren hatten. Und mit diesem hangt es zu- 
sammen, dafi die ganze innere Seelenverf assung des Menschen seit jener 
Zeit eben eine andere geworden ist. 

Da miissen Sie schon einen Begrif f aufnehmen, der vielleicht fur das 
heutige Denken aufierordentlich schwierig ist, aber der trotzdem auch 
wiederum aufierordentlich wichtig ist. 

Nicht wahr, im physischen Leben, da sind wir uns ganz klar dar- 

95 



iiber: Dasjenige, was erst in der Zukunft geschieht, das ist heute noch 
nicht da. Das ist aber im atherischen Leben nicht so. Im atherischen 
Leben ist die Zeit gewissermafien eine Art Raum, und das, was einmal 
da sein wird, wirkt audi schon auf das Vorhergehende, wie auch auf 
das Nachfolgende. Aber das ist nicht wunderbar, denn das tut es im 
Physischen auch. 

Wenn man die Goethesche Metamorphosenlehre wirklich versteht, 
so wird man sich sagen: In der Wurzel wirkt schon die Bliite der 
Pflanze. - Das tut sie auch. Und so ist es fur alles, was im Atherischen 
ist. Da wirkt das Zukiinftige schon im Vorhergehenden. So ist es, dafi 
dieses Offensein des Menschen gegeniiber der atherischen "Welt schon 
im Vorhergehenden, zuriick bis zur Geburt noch, vorzugsweise auf die 
menschliche Gedankenwelt wirkt. Dadurch hatte der Mensch wirklich 
eine andere Gedankenwelt, als er sie in demjenigen Zeitraum hat, der 
der unsrige ist, wo eben nicht mehr dieses Tor zwischen dem achtund- 
zwanzigsten und fiinfunddreifiigsten Jahre offen ist, wo dieses Tor 
geschlossen ist. Der Mensch hatte lebendige Gedanken. Die machten 
ihn unfrei, aber sie machten zu gleicher Zeit, dafi er in einer gewissen 
Weise mit seiner ganzen Umgebung zusammenhing, dafi er sich leben- 
dig in der Welt fiihlte. 

Heute fiihlt sich der Mensch eigentlich nur in der toten Welt. Er 
mufi sich in der toten Welt fiihlen, weil die lebendige Welt, wenn sie 
in ihn hereinwirken wiirde, ihn unfrei machte. Nur dadurch, dafi die 
tote Welt, die nichts in uns will, nichts in uns bestimmen kann, nichts 
in uns verursachen kann, in uns hereinwirkt, sind wir freie Menschen. 

Aber auf der andern Seite mufi man sich auch dariiber klar sein, 
dafi der Mensch gerade durch dasjenige, was er jetzt in voller Freiheit 
in seinem Inneren hat, durch seine Gedanken, die aber tot sind, kein 
Verstandnis fur das umliegende Leben gewinnen kann, sondern nur fur 
den umliegenden Tod. 

Wenn nun in dieser Seelenverfassung keine Veranderung eintreten 
wiirde, dann wiirde die Kultur- und Zivilisationsmifistimmung, die ja 
so deutlich immer mehr und mehr heraufzieht, immer grofier und gro- 
fier werden miissen, und der Mensch wiirde eigentlich in bezug auf die 
innere Sicherheit und Festigkeit seiner Seelenverfassung immer mehr 



und mehr verflachen miissen. Das wiirde sich schon viel mehr zeigen, 
wenn die Menschen unmittelbar auf dasjenige achteten, was sie heute 
aus dem heraus wissen konnen, wovon man sagt, dafi es sicher ist. Aber 
sie achten noch nicht darauf. Sie beruhigen sich noch mit alten, tradi- 
tionellen religiosen Vorstellungen, die sie nicht mehr verstehen, die sich 
aber fortgepflanzt haben. Bis in die Wissenschaften hinein beruhigen 
sich die Menschen mit solchen Vorstellungen. Gewohnlich weifi man 
gar nicht, wenn man irgendeine Wissenschaft treibt, wie man im 
Grunde genommen da, wo man anfangt zu begreifen, noch an den 
alten, traditionellen Vorstellungen festhalt, wahrend die neueren Vor- 
stellungen, die nur abstrakte, tote Gedanken sind, iiberhaupt an das 
Lebendige gar nicht mehr herankommen. 

Der Mensch ist in der Tat f riiher dadurch, dafi der Ather in ihn her- 
eingewirkt hat, auch mit dem Lebendigen der Sinneswelt in Beziehung 
gekommen. In derjenigen Zeit, wo der Mensch noch an die geistigeWelt 
geglaubt hat, konnte er auch die Sinneswelt begreifen. Heute, wo er 
nur mehr an die Sinneswelt glaubt, ist gerade das Eigentiimliche, dafi 
seine Gedanken am allergeistigsten sind, wenn auch tot. Es ist eben 
toter Geist. Aber der Mensch ist sich dessen nicht bewufit, daft er 
eigentlich heute mit der Erbschaft dessen, was er vor dem irdischen 
Leben hatte, in die Welt hineinschaut. Hatte er noch lebendige Ge- 
danken, durch den Ather ringsherum belebt, so konnte er in das Le- 
bendige seiner Umgebung hineinschauen. Da er aber von seiner Um- 
gebung nichts mehr empfangt, sondern nur das hat, was er aus einer 
geistigen "Welt geerbt hat, kann er die umliegende physische Welt nicht 
mehr verstehen. 

Das ist wirklich eine scheinbar paradoxe, aber aufierordentlich 
wichtige Tatsache, die auf die Frage antwortet: Warum sind denn die 
heutigen Menschen Materialisten? - Sie sind deshalb Materialisten, weil 
sie zu geistig sind. Sie wtirden iiberall die Materie verstehen konnen, 
wenn sie das Lebendige, das in aller Materie lebt, erfassen konnten. Da 
sie aber mit ihrem toten Denken dem Lebendigen gegeniiberstehen, 
machen die Menschen dieses Lebendige selbst zum Toten, sehen iiberall 
den toten StoH; und weil sie zu geistig si
…[truncated]