Document text
RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE ZUR GESCHI CHTE
DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEfEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
DAS LEBENDIGE WESENDER ANTHROPOSOPHIE
UND SEINE PFLEGE
Bis 1990 erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft
Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. Zur Dom-
acher Krise vom Sommer 1915. 7 Vortrage, Dornach, 10. bis 16. September,
2 Ansprachen, Dornach, 21 . und 22. August 1915, und eine Dokumentation (GA 253)
Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur.
13 Vortrage, Dornach, 10. Oktober bis 7. November 1915 (GA 254)
Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach,
Januar bis Marz 1923 (GA 257)
Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Ver-
haltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesinnung.
8 Vortrage, Dornach, 10. bis 17. Juni 1923 (GA 258)
Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. An-
sprachen, Versammlungen und Dokumente, Januar bis Dezember 1923 (GA 259)
Die Weihnachtstagungzur Begrundung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenberatung,
Jahresausklang und Jahreswende 1923/24 (GA 260)
Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien
Hochschule fur Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goetheanum. Gesam-
melte Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Dokumente, Januar 1924 bis
Marz 1925 (GA 260a)
Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 1906 bis 1924
(GA 261)
Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901 - 1925
(GA 262)
Rudolf Steiner / Edith Maryon: Briefe - Spruche ~ Skizzen 1912- 1924 (GA 263/ 1 )
Zur Geschichte und aus den Inhalten der Ersten Abteilung der Esoterischen Schule
von 1904 bis 1914. Briefe, Rundbriefe, Dokumente, Vortrage (GA 264)
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoteri-
schen Schule von 1904 bis 1914. Briefe, Dokumente, Vortrage (GA 265)
RUDOLF STEINER
EDITH MARYON
Briefwechsel
Briefe - Spriiche - Skizzen
1912 - 1924
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/ SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Mitschriften der Vortrage wurden vom Vortragenden
nicht selbst durchgesehen
Die Herausgabe besorgte Konrad Donat
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990
Bibliographie-Nr. 263/1
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner,
Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1990 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz und Druck: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany
ISBN 3-7274-2631-4
INHALT
Vorbemerkungen des Herausgebers 7
Briefe 1912 bis 1922 (Nr. 1 bis 118) 11
Briefe 1923 und 1924 (Nr. 119 bis 182) 113
Rudolf Steiner: Spriicheund Niederschrif ten fur Edith Mary on. . . 171
Rudolf Steiner: Humoristische Verse und Skizzen fur Edith Maryon 187
Briefe zum Tode Edith Maryons 201
Rudolf Steiner uber Edith Maryon 207
Anhang
Zum Lebensgang Edith Maryons 243
Edith Maryon: Testament und letzter Wille 251
Chronologische Angaben zum Leben Edith Maryons 253
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 257
Hinweise zum Text 258
Nachweis der Handschriften und Abbildungen 287
Verzeichnis der Briefe 289
Namenregister der in den Briefen erwahnten Personen 295
Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 299
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
Mit diesem Band wird die Herausgabe der Briefe Rudolf Steiners innerhalb
der Gesamtausgabe fortgesetzt. Bereits liegen vor: Briefe 1881 -1890 und
1890-1925 (GA 38 und 39), sowie Rudolf Steiner / Marie Steiner-von
Sivers, Briefwechsel und Dokumente 1901 - 1925 (GA 262).
Von den Briefen, die Rudolf Steiner an Mitglieder der Theosophischen
bzw. Anthroposophischen Gesellschaft schrieb, ist ein grofier Teil an die
englische Bildhauerin Edith Maryon gerichtet. Sie sind, zusammen mit
deren Briefen an ihn, in vorliegendem Band veroffentlicht.
Edith Maryon hatte schon von England aus im Jahre 1912 mit Rudolf
Steiner schriftlich Kontakt aufgenommen und ihm im Januar 1914 ihre
kunstlerischen Fahigkeiten fur den damals in Angriff genommenen Bau
des ersten Goetheanums zur Verfugung gestellt. Im Fruhjahr 1914 kam
sie nach Dornach und wurde vom Herbst dieses Jahres an Rudolf Steiners
personliche Mitarbeiterin bei der Ausfuhrung seiner Konzeption fur die
neuneinhalb Meter hohe Holzskulptur «Der Menschheitsreprasentant zwi-
schen Luzifer und Ahriman», die im ersten Goetheanum an zentraler Stelle
aufgestellt werden sollte. Auch kam die erste Initiative zur Schaffung der
sogenannten Eurythmiefiguren von ihr.
Sowohl aus den Briefen wie auch aus Aufierungen Rudolf Steiners anlafi-
lich ihres Hinscheidens wird seine aufierordentliche Wertschatzung fur
Edith Maryon deutlich. Zu dem besonderen Vertrauensverhaltnis diirfte
nicht zuletzt beigetragen haben, dafi sie ihn einmal vor einem schweren,
vielleicht lebensbedrohenden Unfall bewahrt hatte. Naheres dariiber in der
Lebensubersicht im Anschlufi an die Briefe.
Erlauterungen zur Herausgabe dieses Briefwechsels, der dem Interessier-
ten manches bisher Unbekannte aus dem Wirken Rudolf Steiners vermittelt,
sind in den Hinweisen enthalten.
Briefe aus den Jahren
1912 bis 1922
1. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] 58, Grove Park Terrace
Chiswick London 16.10.1912
Dear Dr. Steiner,
Dr. R.W. Felkin (F. R,) hat mir gesagt, dafi ich Ihnen schreiben soil und
Sie bitten, mir eine Unterredung zu gewahren. Wenn ich es einrichten
kann, hoffe ich, einige Wochen in Koln zuzubringen, und wenn Sie mir
schreiben wiirden, wann Sie in Koln sind, werde ich versuchen, gleichzeitig
dort zu sein. Ich mufi zuerst irgendetwas finden, wo ich «au pair» wohnen
und englischen Unterricht geben konnte.
Ich kann nur sehr wenig Deutsch, vielleicht konnten wir uns aber auf
franzosisch unterhalten.
Hochachtungsvoll
Ihre
(Miss) L.Edith C. Maryon
2. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] 58, Grove Park Terrace
Chiswick London 15. 1 1. 12
Dear Dr. Steiner,
ich erlaube mir, wieder an Sie zu schreiben, da ich auf meinen Brief von
vor einem Monat keine Antwort erhalten habe. Auf Dr. Felkins (F. R.)
Bitte sandte ich Ihnen eine Photographie meines Werks «The Seeker of
Divine Wisdom». Ich bat auch um eine Unterredung, wenn Sie in Koln
sind. Ware es moglich, mich zu empfangen, und konnten Sie mich wissen
lassen, wann Sie dort sein werden? Ich komme eigens, um Sie zu sehen,
nach Deutschland und mufi vorher hier vieles regeln, so dafi ich dank-
bar ware fur eine baldige Nachricht. Dr. Felkin sagte auch, dafi Sie mir
wahrscheinlich eine Art Grad erteilen wiirden. Ich hoffe, dafi das moglich
sein wird.
Bitte entschuldigen Sie die Bemuhung.
Ich verbleibe Ihre ergebene
(Miss) L.Edith C. Maryon
1111
Edith Maryon
3. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung]
[Koln,] Baselerhof Hotel 1.1.13
Dear Dr. Steiner,
Ich nehme an, dafi Sie zu beschaftigt sind, um mir noch eine Unterredung
zu gewahren, aber ich mochte Ihnen zwei Fragen stellen, und darum schrei-
be ich.
Sie sagten gestern, dafi ich viel mehr okkult entwickelt bin als ich in
dieser Inkarnation zur Geltung bringen kann - ist das die Folge eines
Fehlers, den ich begangen habe, oder weil ich eine andere Art von Arbeit
zu vollbringen habe?
Schon seit einigen Jahren habe ich das Gefiihl, dafi es etwas Bestimmtes
fur mich zu tun gibt, und dafi ich irgendwann dem Meister begegnen werde,
der mir das sagen wird, und der mir erklaren wird, was mir so ratselhaft
erscheint. Ich habe lange Zeit gesucht, zuletzt dachte ich, Abdul Baha
mochte vielleicht die Person sein, aber als ich ihm begegnete - obwohl ich
ihn sehr gut mochte -, wufite ich, dafi er es nicht ist. Dann dachte ich, dafi
moglicherweise Sie es sein konnten, und als ich Sie in Berlin sah, da wufite
ich, dafi ich den richtigen Meister gefunden hatte; nun bleibt nur das zweite:
Gibt es wirklich etwas Bestimmtes fur mich zu tun, oder bilde ich mir das
blofi ein? Falls ja, diirfte ich jetzt wissen, worum es sich handelt? Mir
scheint, dafi die Zeit gekommen ist, um zu erfahren, ob meine Ahnung
zutrifft, aber ich bin sicher, dafi Sie es am besten wissen werden, ob meine
Wirrnisse zur Klarheit kommen oder ob ich weiter warten mufi.
Dear Dr. Steiner,
fur mich unerwartet ergibt sich, dafi es mir moglich sein wird, an Ihrem
Vortragskurs in Den Haag teilzunehmen. Darum werde ich, wenn ich
Ihnen dort wieder begegne, Sie erneut fragen, ob ich in die F. M. auf genom-
men werden kann, sofern Sie es fur angemessen halten.
Ihre aufrichtig ergebene
L.Edith C. Maryon
4. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung]
58, Grove Park Terrace
Chiswick London 25.2.13
Verzeihen Sie, dafi ich noch immer auf englisch schreiben mufi; ich habe
fast keine Zeit zum Lernen und mufi damit warten, bis ich wieder nach
Deutschland komme. Dort hoffe ich, Gelegenheit zum Erlernen der [deut-
schen] Sprache zu finden.
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
5. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] Prins Hendrik Straat 30
Den Haag 22.3. 13
Dear Dr. Steiner,
ich habe das Gefiihl, Ihnen schreiben zu mussen, um Ihnen zu danken
nicht nur fur die Freundlichkeit, mit der Sie mich heute zur F. M. zugelassen
haben, sondern fur alles, was Sie uns in so selbstloser und groftziigiger
Weise vermitteln. Ich bin Ihnen wirklich fur vieles dankbar; nicht langer
steht die Zukunft als Schrecken vor mir, wie ich sie lange Zeit empfunden
habe. Durch Ihren Unterricht hoffe ich eines Tages ein Wesen zu werden,
welches anderen ein wenig niitzlich sein kann; es ist hochste Zeit dafiir.
Wird es Ihnen moglich sein, mir, bevor ich nach England zuriickkehre, zu
sagen, ob ich Ihre Anweisungen, die Ubungen betreffend, richtig anwende?
Mit Dankbarkeit und in Briiderlichkeit
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
6. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] 58, Grove Park Terrace
Chiswick London 30.3.13
Dear Dr. Steiner,
ich denke, dafi ich Ihnen mitteilen sollte, dafi ich von mir aus entschlossen
bin, England im Mai fur immer zu verlassen und mit Ihrer Erlaubnis mein
Schicksal ganz mit der Anthroposophischen Gesellschaft zu verbinden.
Wenn ich etwas weiter bin, hoffe ich, dafi es mir moglich sein wird, in
diesen Zusammenhangen eine Arbeit zu leisten. Dr. Felkin kommt am 13.
April zuriick und ich werde ihm dann meinen Entschlufi mitteilen. Er war
sehr gut zu mir und ich furchte, er wird nicht sehr erfreut sein, da er
annimmt, dafi ich nur fur etwa ein Jahr fortgehe. Dieses mochte ich Ihnen
zuerst mitteilen, da er zweifellos darauf zu sprechen kommen wird, wenn
er Sie in London trifft. Die ersten paar Monate in Miinchen mochte ich
ganz dem Studium widmen, es stort mich furchtbar, nicht deutsch zu
verstehen, man hat das Gefiihl, anderen dadurch so lastig zu fallen. Wenn
ich dann nach Berlin gehe - leider verfuge ich nicht iiber Mittel, von denen
ich leben kann -, mufi ich mich nach einer Arbeit umsehen, aber deswegen
will ich mich nicht unnotig beunruhigen, denn ich habe das Gefiihl, den
richtigen Entschlufi gefafit zu haben, und dafi zur rechten Zeit auch eine
Arbeitsmoglichkeit sich ergeben wird.
Sie waren vielleicht etwas erstaunt, dafi ich letztlich nichts fur Nevill
Meakin getan habe, und ich mochte das erklaren. Dr. Felkin sagte mir
mehrmals, dafi er wahrend der ersten sechs Monate nicht erreichbar sei
und dafi jeder Versuch, an ihn zu gelangen, ihm Schaden zufiigen konnte.
Ich habe nicht verstanden, wie irgendetwas, was ich tate, fur ihn schadlich
sein konnte, aber in der Annahme, dafi Dr. Felkin viel mehr weifi als ich
- dafi er konkrete Kenntnisse hat habe ich mich zufrieden gegeben und
nichts weiter versucht, als ihm einige hilfreiche Gedanken und Gebete zu
senden - besonders an Freitagen. Ich glaube nicht, dafi Dr. Felkin mich
oder die Situation wirklich versteht, obwohl ich weifi, dafi er sie zu verste-
hen meint, und so werde ich nun das tun, was ich selbst fur richtig halte.
Moglicherweise haben Sie gedacht, dafi wir [Meakin und ich] verlobt seien,
das war aber nicht der Fall, und wir hatten nie geheiratet, obwohl ich es
auf seinen Wunsch hin getan hatte, weil ich dachte, er konnte langer leben,
wenn er jemanden hatte, der sich um ihn kiimmert.
Ich lese ihm nun jeden Tag vor, und habe ihm gesagt, dafi, wenn er
jemanden kennt, der zuhoren mochte, er ihn mitbringen konne, vorausge-
setzt, er konne mich verstehen; ich bin mir nicht ganz klar in bezug auf
die Moglichkeiten.
Ich vergafi Sie zu fragen, ob Sie meinen nach Banka-Straat gerichteten
Brief erhalten haben, er enthielt allerdings nichts aufier meinem Dank fur
alle Hilfe, die Sie mir zuteil werden liefien. Ich hatte Ihnen neulich gern
noch einiges gesagt, aber es war zu lang und zu schwierig, und ich mochte
es auch nicht vor anderen sagen. Der Gedanke, nach Deutschland zu kom-
men, macht mich sehr glucklich.
Auf Wiedersehen in England [auf deutsch]
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
Ich versuchte, durch Herrn Schure zu erfahren, was Sie damit meinten,
dafi «Erkenntnis eine Metamorphose des Todes» ist. Obwohl er recht
interessant sprach iiber die Begegnung zwischen dem hoheren und dem
niederen Selbst, gab er mir keine rechte Erklarung von dem Sinn Hires
Satzes, und mein eigenes Verstandnis davon ist zu vage.
7. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] Rhein-Hotel Koln, 12.5.13
Dear Dr. Steiner,
ich habe die Gedanken aufgeschrieben, die mir unmittelbar nach den Ubun-
gen kommen, weil Sie sagen, daft diese sehr wichtig sind. Ich bin immer
im Zweifel, ob ich Sie mit Resultaten der Ubungen belastigen darf oder
nicht, und welche ich auswahlen soil. Ich habe jedoch den Eindruck, von
irgendwoher eine ganze Menge ausgezeichneter Ratschlage erhalten zu
haben, und letzte Nacht glaubte ich (unter anderen Dingen) zu vernehmen:
«Deine Priifung ist beendet». Seitdem fiihle ich mich ganz anders, mein
bisheriges Leben und meine Ansichten sind verblafk und ich freue mich
auf eine neues, was es auch bringen moge. Vielleicht ist es das, was Sie von
mir zu erfahren wiinschen. Ist es das, was Sie erwarteten? Am Dienstag
reise ich mit dem 10-Uhr-Zug ab.
Turkenstrafie 27 II Munchen.
So auf Wiedersehen [auf deutsch].
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
8. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] TiirkenstrajSe 27 II
Munchen, 3.6. 13
Dear Dr. Steiner,
sehen Sie sich doch bitte den beiliegenden Ausschnitt aus der « Church
Times» an, welchen mein Vater mir soeben geschickt hat. Leider ist das
Datum abgeschnitten, aber ich nehme an, da£ es die Ausgabe vom letzten
Freitag ist. Diese Zeitung wird praktisch vom gesamten englischen Klerus
gelesen, sicher von der ganzen anglikanischen Kirche, und erreicht durch
die Geistlichen einen grofien Teil der Gemeindemitglieder. Dariiber hinaus
wird sie auch von vielen Nichttheologen gelesen. Die Sache scheint mir
daher von betrachtlicher Wichtigkeit und es sollte eine Antwort erfolgen
auf die vielen falschen Ansichten, die ausgesprochen werden. Wollen Sie
mir sagen, ob auch Sie finden, dafi eine Antwort angebracht ware?
Ich bin der Ansicht, dafi eine Antwort von einem englischen Autor
gegeben werden sollte, da nur ein Englander die englische Kirche kennen
und sie verstehen kann. Nur ein solcher konnte den Lesern der «Church
Times» ein anderes Verstandnis vermitteln. Die Antwort mufite von dem
fahigsten Denker geschrieben werden, den wir finden konnen.
Die geeignetste Person, die mir eingefallen ist, ist Mrs. (Professor) Mac-
kenzie. Ich glaube, Sie haben sie bei Dr. Felkin getroffen, sie ist seit 7 oder
8 Jahren Mitglied seines Ordens und Professor fur Erziehung an der Univer-
sitat von Cardiff (wo ihr Mann Philosophic lehrt). Beide sind Mitglieder
der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich bin mit ihr personlich befreun-
det, so dafi ich sie fragen konnte, ob sie eine Entgegnung schreiben wiirde,
aber natiirlich kann ich nicht in Ihrem Namen sprechen, auch weifi ich
nicht, ob Sie damit einverstanden waren, vielleicht haben Sie noch einen
besseren Vorschlag.
Aus dem anderen Ausschnitt ersehen Sie, dafi Mrs. Besant in London
einen Vortrag halt. Ich verstehe nicht, wie sie das wagen kann, nach dem,
wie der zweite Prozefi gegen sie ausgegangen ist. Wir hatten ein Telegramm
mit dem Urteilsspruch des Richters, aber bisher noch keinen Zeitungsbe-
richt (ich meine die Ehrverletzungsklage). Wenn eine Entgegnung erfolgen
soil, so meine ich, dafi es sobald wie moglich sein miifite; vielleicht lassen
Sie mich wissen, was Sie wiinschen, und in welcher Richtung die Antwort
gehen sollte - oder lassen Sie es durch jemanden an mich ausrichten.
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
Vielleicht ware Prof. Mackenzie einverstanden, es mit mir zusammen zu
machen; ich konnte ihr jedenfalls die Fakten liefern, die sie in einem Artikel
verarbeiten wiirde. Wenn sie annimmt, wird es gut gemacht, sie ist aufieror-
dentlich gescheit.
9. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] Tiirkenstrafie 27 II
Miinchen, 20.6.13
Dear Dr. Steiner,
einmal, wenn Sie zuriick sind und es Ihnen pafit, wiirden Sie mir eine Frage
beantworten? Wiirden Sie mir sagen, was ich am besten tun konnte nach
dem Ende des Zyklus? Nur bis zur 2. Septemberwoche kann ich weiter
studieren und nachdenken. Von diesem Datum an mu$ ich eine Arbeit
finden oder ich bin gezwungen, nach England zuriickzukehren. Ich habe
das Gefiihl, daft vielleicht hier etwas fur mich zu tun ware, zumal ich nicht
zuriickgehen mochte, ohne absolut dazu gezwungen zu sein. Sie werden
begreifen, dafi ich in bezug auf die Art von Tatigkeit, die ich wahrend des
Rests meines Lebens ausiibe, zu einem EntschlufS kommen mufi. Ich bmu-
che einen Rat, so wollen Sie meine Bitte verzeihen. Wenn Sie mir sagen,
was Sie fur gut halten, so werde ich in jeder Weise versuchen, es zu tun,
wenn es nur irgend moglich ist.
Ihre Schulerin
L. Edith C. Maryon
10. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung] Schnorrstrafie 10
Miinchen, 12.9.13
Verehrter lieber Lehrer,
darf ich Ihnen iiber einige Ergebnisse meiner Ubungen berichten? Ich hatte
es am Sonntag vorgehabt, tat es aber dummerweise nicht, obwohl ich Ihnen
schon seit zwei Monaten einige Fragen stellen mochte, auf deren Beantwor-
tung ich nun bis Berlin warten mufi. Aufgrund einer Bemerkung von Ihnen
furchte ich, Sie meinten, dafi ich meine Ubungen nicht mache; ich mache
aber diese Ubungen besonders gern und versuche, soviel als moglich in sie
hineinzulegen, wenn auch nie genug. Ich habe Ihnen nichts gesagt, weil
ich meine, daf$ Sie alles sehen konnen, was Sie wollen, und meine Erfahrun-
gen vielleicht nicht wichtig genug sind, um dariiber zu reden.
1 . Ich fiihle Warme in der Region des Herzens, welche durch die Arme
und Hande herunterflieftt - ist das Kundalinifeuer? Wie kann es dirigiert
werden?
2. Es gibt alle moglichen sonderbaren Erfahrungen mit der Lotusblume
der Augen; wie kann man die Strome, die von ihr ausgehen, so dirigieren,
daf$ sie in Verbindung mit geistigen Wesenheiten [dies auf deutsch] kom-
men? Ich sehe jetzt oft auf den Bergen etwas, was ich fur mein «hoheres
Selbst» [auf deutsch] hake und ich dachte, dafi ich durch dieses vielleicht
weiterkommen konnte.
3. Dann fiihle ich, wie wenn etwas vor meinem Gesicht und meiner
Brust Gestalt annimmt, wie eine Art Organ: ich fiihle und sehe dann in
gewissem Sinne alle moglichen Rdhren, von denen eine um meinen Kopf
herum gelegen ist und die meine Kehle und meine Ohren verbindet; meine
Kehle scheint sich auszudehnen und es scheint etwas in ihr aufzusteigen.
Und dann gibt es noch alles mogliche andere, aber ich will Sie jetzt
nicht mit weiterem in Anspruch nehmen.
In Verehrung und Dankbarkeit [auf deutsch].
Ihre Schiilerin
L. Edith C. Maryon
11. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Berlin] Motzstrafle 17 II
19.11.13
Verehrter lieber Lehrer,
ich weifi, dafi ich Ihnen gestern eine Antwort geben sollte auf Ihre Frage,
aber es gibt eine gewisse Schwierigkeit, iiber diese Dinge zu sprechen, und
ich war zu feige -, aber das kommt nicht mehr vor, und wenn ich spater
die Gelegenheit habe, mit Ihnen noch einmal zu sprechen, dann will ich
das auch sagen und Ihre Hilfe erbitten.
In Verehrung und Dankbarkeit
Ihre Schiilerin
L. Edith C. Maryon
*}v*- e£*c t^d- j^e^t^i
/2t^**j . ^XjCi ^2cV/ X^-c^ * ^x^^C"
12. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Berlin] Motzstrafie 17 II
§ 24.12.13
[ohne Anrede]
Mit viel, viel Dankbarkeit, nicht nur fur Sie allein, aber auch fur Sie, fur
alles das, was durch Sie mir gegeben ist.
L. Edith C. Maryon
13. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Berlin] Motzstrafie 17 II
19.1.14
Verehrter lieber Lehrer,
ich denke, es ist unmoglich fur Sie, mit mir zu sprechen, denn ich weifi,
es gibt so viel Arbeit zu tun. Ich mochte nur sagen, dafi ich es habe
einrichten konnen, bis Ostern in Deutschland zu bleiben. Ich denke, dafi
die Zeit vielleicht gekommen ist, wo ich etwas anderes tun durfte, als nur
zu sitzen und fur mich selbst zu studieren; auch habe ich den groften
Wunsch, wenn es moglich ware, etwas fur die Theosophie zu tun und nicht
nur fur mich allein. Dariiber habe ich viel nachgedacht, um einen Weg zu
finden, aber ich weifi nicht, was ich leisten kann, oder was fur eine Arbeit
ich finden kann hier in Berlin. Herr Richter [Rychter] hat mir gesagt, er
brauche in Dornach 80 Kiinstler und dafi Sie noch nicht viele haben, und
so dachte ich, ich konnte vielleicht als Bildhauerin arbeiten, oder jemandem
mit etwas helfen?
Ich habe hier einige Photographien von Kunstwerken, die ich gemacht
habe, und die in diesen letzten 12 Jahren schon in Ausstellungen gezeigt
worden sind. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen diese Photographien zeigen.
Leider habe ich keine Bilder mehr von [anderen] Werken, die ich schon
gemacht habe.
Um Ostern mufi ich vielleicht einige Wochen in England arbeiten, aber
dann komme ich wieder zuriick, wenn ich das Gliick habe, etwas von
meinen Arbeiten in England zu verkaufen, aber naturlich davon kann ich
noch nicht wissen, was geschehen soil.
Ihre Schiilerin
L. Edith C. Maryon
14. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ubersetzung]
[Ohne Anrede]
[Ohne Absendeort,
vermutlich Friihjahr 1914]
Sonntag
Uber die wichtigste Sache, die ich im Sinne hatte, sagte ich nichts, namlich:
Gibt es irgend etwas, um das Mysterium von Golgatha besser zu verstehen?
Wenn ich es konnte, dann wiirde ich das Leben und die Einsamkeit [auf
deutsch] nicht so hart finden wie jetzt und dariiber nicht so dumme und
schwachliche Gedanken haben.
Wenn ich dazu vielleicht irgend etwas tun konnte, konnten Sie mir
morgen zwei Worte sagen, da ich ohnehin zu Frl. von Sivers gehen werde,
um einiges nachzufragen. Sofern ich aber blofi weiterhin zuwarten und die
erhaltenen Ubungen weitermachen soli, so wollen Sie bitte die Sache als
erledigt betrachten.
Ihre Schulerm
L. Edith C. Maryon
15. Edith Maryon an Rudolf Steiner
58, Grove Park Terrace
Chiswick London, 4.4.14
Verehrter lieber Lehrer,
ich fuhle, dafi ich ein Wort sagen muiS, weil vielleicht sehr lange Zeit
vergehen kann, bevor es mir moglich ist, wieder nach Dornach zu kommen.
Es gibt nichts, was ich tun kann, und auch das Deutsch fehlt mir, um in
Worte zu kleiden die viele, viele Dankbarkeit, die ich fur meinen Lehrer
fuhlen mufi; aber es ist ein Gefuhl, das immer da ist und einmal will ich
es sagen.
Am letzten Abend haben Sie mich gefragt, ob ich nicht sehr viel auf
dem Herzen hatte und meine Antwort «nein» war nicht wahr, ich meinte
nur, es ware nicht der Moment, um die Frage zu stellen.
Dr. Felkin ist nicht in London, aber ich habe ihm geschrieben, was Sie
gesagt haben; es ist nur, was ich schon manchmal gesagt habe, dafi Sie so
wenig Zeit haben fur Briefe, aber vielleicht, wenn man nicht in Deutschland
wohnt, versteht man es nicht so gut.
Ich hoffe, dafi mein Karma mir erlauben wird, ein bifichen mehr fur
den Bau zu arbeiten als bis zu dieser Zeit.
Empfangen Sie bitte die besten Griifie von Ihrer Schulerin
L. Edith C. Maryon
16. Edith Maryon an Marie von Sivers
[Ubersetzung]
An Fraulein von Sivers
bei Dr. Alfred Zeiflig
Wien III, Untere Viaduktgasse 17 1
Vienna
Liebes Fraulein von Sivers,
irgendwie konnte ich mich bei meinem letzten Aufenthalt in Miinchen von
Ihnen nicht verabschieden, aber es ist auch unerfreulich, Menschen «Good-
bye» zu sagen, denen ich lieber «Auf Wiedersehen» sagen mochte. Ich
hoffe, dafi dieses [Wiedersehen] recht bald in Dornach sein moge - wann
allerdings, weifi ich einstweilen noch nicht.
Ich bin heute sehr neidisch auf Mr. Collison. Er reist gerade nach Wien.
Sein neues Haus fur den Zweig ist weit ansprechender als das vorherige
und hat auch viel mehr Platz. B.Walleen tragt dort drei Mai wochentlich
V°n Mit freundlichen Griifien
L. Edith Maryon
[Postkarte]
58, Grove Park Terrace
Chiswick London, 5.4.1914
1 7. Edith Maryon an Rudolf Steiner
58, Grove Park Terrace
Chiswick,W. London, 18.4.14
Verehrter lieber Lehrer,
am Ostersonntag habe ich Ihnen einen Brief geschrieben, aber durch Miss
Wilson nach Dornach geschickt, weil ich nicht sicher war, wo Sie sind.
Vielleicht sind Sie jetzt in Berlin, so schreibe ich einige Worte, denn viel-
leicht habe ich nicht [mehr] viel Zeit. Herr Dr. Felkin sagt, daJS, als ich in
Dornach so krank war, ich ganz nahe der Pforte des Todes war und davon
ist jetzt mein Herz sehr, sehr schwach geworden u.s.w. Das habe ich schon
in Dornach mehr oder weniger gewufit, und in meinem Brief habe ich
gefragt, was ich tun diirfte nach dem 1. Mai, wenn meine Arbeit hier
geleistet ist. Nach einer Meditation und am Morgen fuhle ich, dafi es
vielleicht noch etwas Arbeit fur mich gibt, wenn mein physischer Korper
gerettet werden kann, aber das ist die Sache, ich bin so viel schwacher
geworden als ich in Dornach war, alle meine Umgebung hier ist so schwer,
ich fuhle mich als eine Pflanze ohne Licht und Wasser. So bitte ich Sie,
mir ein Wort zu schicken, ich brauche etwas mehr Kraft, um weiter zu
gehen, oder durch die Pforte des Todes zu gehen. Ohne Sie ist es so sehr
schwer, aber ich wunsche das zu tun, was mein Schicksal ist, wenn ich es
finden kann. Einmal hatte ich die Hoffnung, spater ein bifichen zu helfen,
aber diese Hoffnung verschwindet jetzt.
Auf Wiedersehen, mein lieber Lehrer. Von Ihrer Schiilerin
L. Edith C. Maryon
Eine Zeile ist genug fur mich, wenn Sie so viel zu tun haben.
Herr Dr. Felkin bittet mich, zu fragen, ob ich Fleisch essen diirfte. Ich
will [wissen], ob es notig ist.
18. Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Ab] morgen ist meine Adresse
The Grange, Goudhurst Kent.
58, Grove Park Terrace,
Chiswick, W. London
[vermutlich nach dem 18. April 1914]
Sonntag
Verehrter lieber Lehrer,
verzeihen Sie, da!5 ich Ihnen noch einmal schreibe, ich gedachte es nicht
zu tun, aber Herr Dr. Felkin weifi gar nicht, was er mir als Behandlung
geben darf, bis Sie gesagt haben, was Sie denken, dafi am besten zu tun
sei. Wir wollen nicht Ihre Mafinahmen storen, und ich selbst denke, da!5
Sie wissen, was ich tun diirfte, und wenn es Ihnen erlaubt ist, mir Ihren
Rat zu geben, so konnte es eine grofie Hilfe sein fur Herrn Dr. Felkin und
auch fur mich. Meine Gesundheit ist durch diese Arbeit (sie ist schwer)
etwas schlechter geworden und so gehe ich morgens zu Freunden auf dem
Lande bis 4. Mai.
Auf esoterischem Gebiet habe ich in diesen letzten Tagen etwas gelernt
und heute ein Erlebnis gehabt, und jetzt habe ich nicht mehr Finsternis in
der Seele, und von dieser Seite konnte ich mit Geduld eine Antwort erwar-
ten, aber ich fuhle mich verpflichtet, zu fragen, was am besten unter diesen
Umstanden [circumstances] zu tun ist fur Dr. Felkin, meine Familie, und
auch mich selbst.
Mit der okkulten Seite der Sache fiihlen wir uns nicht ganz sicher, um
den richtigen Weg zu finden. Es ist immer gegen mein Gefuhl, wenn ich
Sie etwas frage, weil es immer mehr Arbeit fur Sie ist, aber was kann ich
anderes tun? Und dieses ist wirklich wichtig.
Darum bitte ich Sie, mir ein Telegramm zu schicken, oder an Herrn
Dr. Felkin; seine telegraphische Adresse ist Felskamm, London.
Miss Wilson kann Ihnen weiteres sagen, es geht so viel schneller auf
Englisch!
Ich hoffe, es kann «Auf Wiedersehen» sein, mein lieber Lehrer! Wie
kann ich Ihnen danken? T1 « * .., .
Ihre Scnulenn
L. Edith C. Maryon
(Heute hat Herr Dr. Felkin gesagt, dafi er alles Notwendige iiber meine
Gesundheit schon gesagt hat.)
19. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Berlin, 24. Mai 1918
Liebes Fraulein Maryon!
Fur die Ubersendung der Abbilder unserer Bildhauerarbeiten danke
ich Ihnen herzlichst. Nur bitte ich, dieselben noch etwas behalten
zu diirfen; ich sende sie spater zuriick.
In Dornach mochten wir im Juli sein. Vorlaufig hoffe ich, dafi die
Arbeit ohne mich noch weiter gehen kann.
Herzlichste Griifie
Berlin W Motzstrafie 17. Dr. Rudolf Steiner
20. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau
Arlesheim bei Basel, 29. April 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Frau von Heydebrand hat zwei Aufnahmen gemacht von der Christus-
Figur, und sobald ich einige Exemplare bekomme, werde ich sie nach Berlin
schicken. Vorlaufig geht alles im Atelier verniinftig, obwohl ziemlich lang-
sam vorwarts. Die Vorbemerkungen, das 1 . Kapitel und den Aufruf habe
ich schon in der Ubersetzung nach England geschickt und bitte Sie jetzt,
das Blatt (mitgeschickt) zu korrigieren.
Das Wetter in Dornach ist schauderhaft, Schnee, Regen und Kalte, im
Atelier nur 2 Grad Warme.
Frau Stein hat mir heute einen Brief von ihrem Mann aus Stuttgart
vorgelesen, es war hochst interessant, etwas von der Arbeit doit zu horen,
hier schlafen wir wieder ein bifichen ein!
Mit herzlichem Grufi
L.E.C. Maryon
21. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau
Arlesheim bei Basel, 6. Mai 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
hiermit sende ich Ihnen drei Bilder von der Christus-Figur, sie sind leider
nicht sehr schon, bei dem einen ist sogar durch die Perspektive (weil der
Apparat schrag gestellt war), der Kopf zu klein u.s.w. Der grofie Kopf ist
auch nicht gut beleuchtet, die Nuancen zu hart. Frau von Heydebrand hat
mich gebeten, die Bilder von Daffy de Jaager mitzuschicken, weil sie so
niedlich aussieht.
Es mufi jetzt sehr, sehr interessant in Stuttgart sein! Frau Stein liest uns
Ausziige von den Brief en ihres Mannes vor, aber ich mochte mehr wissen!
Im Atelier ist es sehr ruhig, Pozzo und Bugaieff malen, Stuten und van
der Pals sind abgereist, der erstere nach Holland, wohin Fraulein Waller
und Brunier am Samstag auch hinreisen sollen.
Mit herzlichsten Griifien
L. Edith C. Maryon
22. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 10. Mai 1919
Mein liebes Fraulein E. Maryon!
Vielen herzlichen Dank fur den Brief. Ich bin hier in solcher Uberar-
beit darinnen, dafi ich das mitgeschickte Blatt, wenn es sorgfaltig
geschehen soil, erst in einigen Tagen durchsehen und zuriicksenden
kann. Jeden Tag wenigstens einen Vortrag mit dran sich schliefiender
Diskussion zu halten, mutet dem alten Organismus viel zu, und ich
ware froh, wenn ich dazwischen an unserer kunstlerischen Arbeit in
Dornach auch noch andere Korperglieder anstrengen konnte als hier
nur den Kehlkopf. Doch das alles mufi eben sein. Und seit vorgestern
scheint es, als ob man mich besser verstehen wiirde als vorher. Aber
das kann immer anders werden. Ich denke naturlich viel an die Arbeit
in Dornach und werde befriedigt sein, wenn die Verhaltnisse mir
wieder gestatten werden, mitzuarbeiten. Die Arbeit hier wird noch
einige Zeit dauern. ,a
rur neute nerzlichste Grulse
Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstrafie 70 (bei Kinkel)
23. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau
Arlesheim bei Basel, 21. Mai 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
zwei Tage habe ich in Zurich verbracht. Am Samstag bei dem Frauen-
Kongrefi. Herr Dr. Boos schickte mir ein dringendes Telegramm, um zu
sagen, dafi meine Anwesenheit in Zurich dringend notwendig sei zwecks
Besprechung mit den Delegierten. Eine Dame habe ich gefunden, die so
freundlich war, zu versprechen, Papiere mitzunehmen, so habe ich ihr zwei
«Die Kernpunkte usw.» gegeben, die Briefe und die Ubersetzung von dem
ersten Kapitel des Buches -, es ist zu hoffen, daft sie gut ankommen werden.
(Ich hatte namlich keine Nachricht von den friiheren Briefen bekommen.)
Fur mich war es hochst interessant, die Reden zu horen; sie senden eine
Deputation nach Paris, um gegen die Blockade und die Friedensbedingun-
gen zu protestieren. Sie konnen recht gut und verniinftig reden, aber ich
furchte, da wird recht wenig zu erreichen sein.
Ein ganz netter Brief von Collison ist angekommen - er ist jetzt in
Kalifornien. Der Aufruf war ihm nach New York nachgeschickt worden
und er hat da und auch in England Gebrauch davon gemacht.
Die vier Ubersetzungen von den Dramen werden jetzt gedruckt, und
er hofft, Ihnen spatestens im Herbst Exemplare zu senden. Leider - sagt
er weiter - kosten sie immer so furchtbar viel, dafi ich nie etwas habe
[librig bleibt] unserem lieben Lehrer zu senden. Die Ubersetzung von
«Soziale Frage» sollte geschickt werden an einen Dr. Connor in Chicago,
sagt er; aber das mufi warten, bis alles fertig und gut durchgearbeitet ist,
weil es rasend schwer ist!
Im Atelier geht alles langsam vorwarts, es sehnt sich sehr nach Korrektur
und Mitarbeit und hofft, dafi die Zeit dafur bald kommen wird? Mich
wurde es sehr freuen, zu horen, dafi nur jeden zweiten Tag Vortrage notig
sind, und nicht taglich.
Mit herzlichstem Grufi
L. Edith C. Maryon
24. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 4. Juni 1919
Liebes Fraulein E. Maryon!
Vielen Dank fur den Brief. Langst ist es, dafi ich antworten wollte,
aber viele Arbeit lastet auf mir. Und Arbeit, bei der wirklich alles
lange bedacht sein will. Hatte man nicht zu allem iibrigen noch
immerfort die entstehenden Mifiverstandnisse gegen sich, so ware
natiirlich alles leichter. Allein alles was man sagt, wird sogleich zu
etwas ganz anderem, wenn es wieder erzahlt wird. Man sieht, dafi
einen die Leute bekampfen von alien Seiten, weil sie falsch berichtet
werden. Die Menschen haben das Bestreben, alles in eine Parteischa-
blone hineinzuschieben, und wenn es eben etwas ist, was mit gar
keiner Parteischablone zu tun hat, dann machen sie etwas ganz ande-
res daraus. Das tun nicht nur Gegner, das tun auch Menschen, die
wohlwollend sich zu der Sache verhalten, die ich vertrete. Und so
ist alle wirkliche Arbeit sehr schwer.
Mit grofier Befriedigung hore ich, dafi die Bildhauerarbeiten in
Dornach weitergehen und es wird mir sehr lieb sein, wenn ich wieder
fern dem augenblicklichen Tagesgetriebe dort kiinstlerisch arbeiten
kann. Aber der Zeitnotwendigkeit mufi eben gedient sein. Man darf
sich keiner Pflicht entziehen. Wie ich hore, ist jetzt mein Buch iiber
die soziale Frage auch in der Schweiz erschienen; ich hoffe, dafi man
daraus sieht, was ich wirklich will und dafi manches sich vielleicht
beruhigt, was doch nur aus dem Geschwatze von Gegnern und auch
Anfangern stammt.
Ich bin aber befriedigt, dafi es doch noch Menschen gibt, die mich
richtig verstehen und aus diesem Gedanken heraus
griifit herzlich in unveranderlicher Gesinnung
Dr. Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstrasse 70, (bei Kinkel)
25. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau Arlesheim
Pfingsten Morgen, [8. Juni 1919]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Ihr Brief ist mir sehr willkommen, obwohl der Inhalt mir leid tut: [namlich]
zu horen, mit wieviel Hindernissen und Mi£verstandnissen man kampfen
mufi, damit die so schwere Arbeit vorwarts kommen kann. Ich kann nur
jedermann empfehlen, das Buch griindlich zu studieren, man hat es dann
nicht notig, alles mogliche hineinzubringen, was gar nicht mit der Sache
zu tun hat. Ich werde mit der Ubersetzung zuende kommen diese Woche,
das heiftt, das erste Mai; es mufi dann kritisch durchgearbeitet werden. Ich
habe noch nichts zu berichten iiber das Drucken, vorlaufig bin ich nur in
Korrespondenz mit Fraulein Franklin (der Boden mufite zuerst ein bifichen
vorbereitet sein), ich hoffe aber, dafi es jetzt so weit ist, dal5 sie den Verlag
besuchen will in dieser Woche. Es scheint, Papier ist jetzt sehr teuer, und
der Preis von Biichern sehr in die Hohe gestiegen; sie denkt auch, dafi das
Buch schwer zu verstehen ist. So weilS ich nicht, wieweit es uns gliicken
wird. Von Miss Hughes habe ich eine giinstige Kritik von dem ersten
Kapitel erhalten, von dem Professor noch nicht. Das letzte Buch mochte
ich gern lesen, wenn ein Exemplar zu haben ware, aber vielleicht mufi man
warten, bis es nicht mehr gefahrlich ist, es zu senden. Gibt es Hoffnung,
dafi die Arbeit in Stuttgart Ende dieses Monats so weit ist, dafi Sie die
Arbeit hier wieder aufnehmen konnen? Es riickt alles langsam vorwarts,
auf der Siidseite des Goetheanums hat man zwischen den Saulen und
Fenstern das Geriist entfernt, so dafi die Gewolbe und Sauien frei stehen,
die Kapitale sind zu sehen, und es ist wirklich wunderbar schon und lalk
ahnen, wie es wirken wird, wenn es ganz befreit sein wird von dem Walde
der Geriiststangen. Ich habe den Kopf (Plastilin) des 2. Ahriman im grofien
Atelier abgiefien lassen, so dafi, wenn man den holzernen Kopf im kleinen
Atelier ausarbeitet, das Modell daneben stehen kann. Aber das Original
wird natiirlich verdorben sein; darf ich es machen lassen, oder haben Sie
es lieber, wenn wir eine Weile warten damit?
Ich hoffe, der Brief iiber Collison und die Photographien kam gut an?
Sonst ist alles unverandert hier.
Mit herzlichem Grufi
L. Edith Maryon
26, Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 28. Juni 1919
Mein liebes Fraulein E. Maryon!
Briefe und Bildsendung habe ich zu meiner grofien Befriedigung
erhalten. Hier mufi die Arbeit noch einige Zeit fortgehen. Aber ich
glaube, dafi es fur diesmal nicht mehr allzulange sein wird. Sehr sehne
ich mich nach der Arbeit im Bildhaueratelier in Dornach. Und es
wird wohl so sein, dafi ich nach einiger Zeit wieder dort sein kann,
um dann noch einmal hieher zuriickzukommen zur Einrichtung einer
Schule, die fur Stuttgart projektiert ist. Doch ist heute noch iiber die
nachste Zeiteinteilung Sicheres nicht zu sagen. Die Zeitverhaltnisse
lassen solche Sicherheit nicht zu.
Es ist sehr schwierig, Verstandnis zu finden gerade fur das, was
in diesen Zeitverhaltnissen das Allernotwendigste ist. Aus einem gei-
stigen Untergrunde heraus dieses Notwendige zu verstehen, wird
den Menschen unserer Zeit schwer. Sie haben sich unter dem Einflufi
der materialistischen Denkgewohnheiten entfernt von dem Verste-
hen, wie das Geistige auch im Materiellen wirkt. Sie glauben, dafi
Materielles nur durch Materielles gebessert werden kann. Und so
sehen sie nicht ein, dafi jeder Versuch, Materielles durch blofi Mate-
rielles zu bessern, weiter in die Verwirrung hineinfuhren mufi. Mein
Buch ist manchem unverstandlich, blofi deshalb, weil es anderes
enthalt, als was er bisher zu denken gewohnt war. Und wenn sich
die Menschen schon anderer Gewohnheiten schwer entledigen: bei
den Denkgewohnheiten tun sie es am allerschwersten. Und doch: es
wird kein Heil fur unsere Zeit geben als allein durch Umdenken,
Umlernen.
Viel denke ich an unsere Arbeit im Dornacher Bildhaueratelier
und ware gerne dabei. Allein die pflichtgemafie Arbeit mufi getan
sein und nur die Gedanken konnen dort sein.
Mit herzlichstem GrujS
Dr. Rudolf Steiner
z.Z. Stuttgart, Landhausstrafie 70
(bei Kinkel)
27. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau
Arlesheim bei Basel, 6. Juli 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sende Ihnen hiermit die letzte Photographie des Christus-Kopfes, sie
ist auch bis jetzt die beste. Dann mochte ich gerne wissen, ob ich den Titel
des Buches «The roots of the social questions in the vital needs of the
present and future» nennen darf. «Germs» gefallen nicht, sie klingen eben
etwas humoristisch und niemand ist damit zufrieden. Ich warte jetzt auf
eine Antwort von Messrs. Routledge (statt National Labour Press, diese
haben kein Biiro in London, und Miss Franklin hat sich an den anderen-
Verlag gewendet.)
Es tut mir wirklich sehr leid, dalS die Arbeit so sehr erschwert ist durch
so wenig Verstandnis. Herr Dr. Boos war heute hier und scheint mit dem
Fortschritt in der Schweiz sehr zufrieden. Ein sehr netter Brief ist von
einer Dame in England gekommen, sie scheint Verstandnis fur die Sache
zu haben und bietet sich an, die Ubersetzung zu machen. Eine Amerikane-
rin, jetzt Englanderin, ist mir heute vorgestellt worden durch Herrn Dr.
Boos und sie verspricht Mittel und sonstige Hilfe. Sie war sehr nett. Sie
mochte Bernard Shaw und Wells gewinnen fur die Sache, wenn sie konnte,
die konnten vieles leisten fur die Sache. Im Atelier kommen diese Woche
die letzten Blocks hinein, alles wird dann arrangiert sein, nur sehnt sich
die Arbeit sehr nach dem ersten Bildhauer, besonders bei der Christus-
Figur.
Eine schreckliche Wohnungsnot ist ausgebrochen, viele Hauser sind
verkauft worden. Eine reiche Schweizerin hat fur das Zimmer von Frl.
Clason das Doppelte angeboten, mehr als das Dreifache fur die Bedienung
usw., so ist Frl. C. jetzt auf der Strafie. Mein Leben hier wird wohl auch
kurz sein, das Doppelte wird schon fur Heizung verlangt usw., und schon
bin ich gefragt worden, ob es nicht besser ware, andere Zimmer zu finden!
Aber ich bleibe (noch) ein bifichen langer. Mit Herrn Bay habe ich jetzt
viel dariiber gesprochen, ob es moglich ware, kleine Hauser zu bauen und
Zimmer um 30-35 frs. abzugeben, und jetzt beschaftigt er sich mit der
Frage. Ich meinte, vielleicht konnte meine Mutter mir das Geld fur eine
Drei-Zimmer-Wbhnung leihen, falls man Land mieten konnte in der Nahe
der Kantine oder des Biiros (wegen Wasserleitung etc.). Herr Bay denkt,
einige reiche Berner Mitglieder wiirden gerne solche Hauser bauen. Ich
aber warte erst Ihre Meinung ab, bis Sie kommen. Der Plan ist fur 2
Zimmer, 2 Kuchen, aber ich mochte 3 Zimmer und 1 Kuche, und dachte,
es ware vielleicht etwas fur Kisseleff, Clason und mich, falls der Preis im
Rahmen der Mdglichkeit liegt. Auch Ihre Meinung mufi ich erst wissen
dariiber; wir warten, bis Sie kommen, hoffen nur, dafi das Warten nicht
mehr lange dauern wird. Die letzte Korrektur des Buches geht sehr langsam
voran, der Kopf ist etwas miide geworden, wie es scheint!
In England wird ein kleines Comite gebildet fur die Arbeiten an der
sozialen Frage. Herr Dr. Boos schlagt vor, ich sollte nach England reisen
und Lichtbilder-Vortrage halten iiber das Goetheanum!!
Es gibt auch viel Arbeit hier, Stuttgart hat schon sehr viel gehabt.
Mit herzlichsten Griifien
L. Edith C. Maryon
28. Rudolf Steiner an Edith Maryon Stuttgart, 25. Juli 1919
Mein liebes Fraulein Edith Maryon!
Es ist schon, dafi ich die beiden Briefe und das Bild unserer kunstleri-
schen Arbeit miterhalten habe. Leider mufi ich horen, dafi dort sich
fur das Wohnen solche Schwierigkeiten ergeben. Vielleicht lafit sich
doch etwas ordnen, wodurch diese Schwierigkeiten geringer werden.
Meine Arbeit hier ist nicht weniger geworden. Zum Beispiel in den
letzten Tagen hielt ich Sonntag Vortrag hier, Montag in Heilbronn,
Dienstag in Ulm, Mittwoch hier, Donnerstag sprach ich zur Euryth-
mie hier, heute hat[te] ich viele Konferenzen und so weiter. Dazwi-
schen vieles zu besprechen, zu schreiben.
Wie gerne ware ich wieder bei unserer kunstlerischen Arbeit:
Vorlaufig besteht die Absicht, dafi wir in der ersten Halfte August
nach Dornach gehen. Aber es ist in der jetzigen Zeit alles ungewifi.
Ich hoffe aber bestimmt, dafi sich dieses verwirklicht. Dann mufite
ich aber zweite Halfte August wieder in Stuttgart sein, wo ich einen
Kursus zu halten habe fur die Lehrer einer in meinem Sinne zu
griindenden Schule. Aber ich ware doch, wenn alles so geht, wie ich
jetzt denken mufi, eine kurze Zeit wieder bei der Arbeit im Bildhauer-
atelier. - Boos hat mittlerweile in der Schweiz gute Arbeit geleistet.
Verstanden wird die Ideenrichtung doch wenig. Gewifi Wenige
sind, die Verstandnis zeigen. Doch ist viel Mifiverstandnis, und man
kommt fur die Zeitverhaltnisse viel zu langsam vorwarts. Auch Sie
haben ja mit der Ubersetzung meines Buches Schwierigkeiten. Es
wird aber von einer grofien Bedeutung sein, dafi diese Ubersetzung
in die Welt kommt.
In der letzten Zeit habe ich zu den andersartigen Vortragen auch
anthroposophische hinzu gehalten. Man kann sogar sagen, dafi fur
diese mehr Entgegenkommen jetzt ist als fur die andern.
Ich denke in den Zeiten, die mir bleiben von meiner Arbeit, viel
an die Bildhauerarbeit in unserem Atelier. Befriedigend wird mir
sein, wieder dort zu sein. Wir wollen sehen, ob dies in der ersten
Halfte August sein wird. -c- l l t i -n
° rur heute nerzhcnste CjruiSe von
Stuttgart, Landhausstrafie 70 Rudolf Steiner
29. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Atelier Villa Rosenau
Sonntag Arlesheim, [vermutlich Juli 1919]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich habe jetzt die Nachricht erhalten, dafi Messrs. Routledge das Buch
lieber nicht annehmen mochten, weil sie nicht einverstanden sind mit sol-
chen Fragen. Wenn sie es herausbringen sollten, so ware es nur auf unser
Risiko, und die Kosten [waren] £ 100 - 1000 Exemplare, nachher £ 12 -
£13 per 1000. Mr. Courtney ging zur National Labour Press und von
dort schickte man ihn an einen sehr bekannten Labour-Mann, der mit
einem Verlag zu tun hat; er spricht sehr giinstig iiber das Buch, und wird
uns eine Antwort geben binnen einer Woche. Sie arbeiten mit Messrs.
Allen und Unwin und geben alle die Fabian-Literatur heraus. Es scheint,
wir haben doch keine Zeit verloren, weil jetzt Ferienzeit und es sehr ungiin-
stig fur Bucher ist; diejenigen, die jetzt herausgegeben werden, gehen fast
ausnahmslos fehl. Das Buch konnte erscheinen im Oktober und die beste
Zeit ist vom 1. Okt. bis Weihnacht, sagt man.
Ein kleines Comite ist jetzt gebildet worden in England fur die Arbeit
an der sozialen Frage, und Mr. Kaufmann hat 4 Vortrage gehalten iiber
das Buch fur Mitglieder und Freunde, er hat, wie es scheint, sehr gut
gesprochen, und sein Publikum war sehr begeistert und zeigte grofies Inter-
esse fur die Ideen. Er meinte, es ware gut, einen Artikel zu schreiben fur
eine Zeitschrift, als Vorbote fur das Buch. Was meinen Sie?
Bitte mir Brief e an das Atelier zu adressieren; nach dem 1 . Aug. werde
ich nicht mehr [in Villa] Rosenau sein - man hat mein Zimmer fur einen
viel hoheren Preis an jemand anders vermietet. Ich habe bis 1. Okt. das
Zimmer von Miss Maquet bekommen, nachher unbestimmt.
Ich habe vieles zu fragen - und hoffe, dafi Sie bald wieder kommen
konnen, es ist jetzt sehr lang, dafi Sie fort sind. Donnerstag haben wir
Richtfest gefeiert fur die Gruppe; der letzte Block war oben an seinen Platz
gesetzt und wir haben uns photographieren lassen auf dem Gipfel, das
heifk, einige von den Arbeitern und Schnitzern - als Mitarbeiter waren Sie
auch dabei, im Bilde nur, leider! Ich weifi noch nicht, wie es herauskommen
wird, weil Frau v. Heydebrand mit ihrem Apparat fast in der Luft schweben
mufite!
Heute ist ein Konzert in der Kirche in Arlesheim zugunsten der Ferien-
kinder von Miinchen, Herr Schuurman spielt mit, so, glaube ich, werden
viele von uns hingehen, trotz der Tatsache, dafi das Geld viel wichtiger ist
als unsere Anwesenheit.
Ich hoffe auf eine Antwort auf meinen letzten Brief!
Mit herzlichsten Griifien
L. Edith C. Maryon
Das Buch mochte ich gerne einem Deutschen zu lesen geben, damit alle
Sinn-Fehler entdeckt werden, aber wem? Wenn Sie baldigst wiederkom-
men, vielleicht Frau Dr.?
30. Edith Maryon an Rudolf Steiner Villa St. Georg
Arlesheim bei Basel, 24. August 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sende Ihnen hiermit einen Brief von meinem Schwager, seine Kritik
iiber die Ubersetzung Ihres Buches «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
habe ich mit rotem Bleistift angemerkt; bis jetzt ist die andere Ubersetzung
noch nicht angekommen. Von Frl. Sharp habe ich erfahren, dafi die Dame,
die es ubersetzt hat, diejenige ist, die sich Herrn Dr. Boos fur diese Arbeit
angeboten hat, und ich habe ihr die Adresse gegeben von Mr. Drury-Lavin,
Nachher ist meine Ubersetzung angekommen. Sie war damit unzufrieden
und hat dann eine eigene gemacht mit Hilfe von Herrn Kaufmann und
diese mit meiner Satz fur Satz verglichen. Frl. Sharp sagt ferner, man war
nicht ganz zufrieden, dafi ich mich an eine Freundin gewendet habe, start
an die Mitglieder, aber ich kannte eigentlich nur Collison; Drury-Lavin
und Cull sah ich ein paar Mai bei Vortragen 1913 in Miinchen, von der
Existenz von Herrn Kaufmann wufite ich iiberhaupt nichts!
Ich habe die Rampe fertig modelliert, sie sollte morgen abgegossen
werden. Das Atelier scheint sehr leer und still jetzt. Ich bin ganz neidisch
auf Frl. Waller, dafi ich nicht auch helfen darf bei der Arbeit in Stuttgart!
Diese Woche fange ich wieder an zu schnitzen an dem Ahr[iman]kopf und
der Hand von Luzifer, ich halte mich dadurch im Gleichgewicht. Herr K.
Ballmer hat einen Artikel iiber das Goetheanum geschrieben fur das Arles-
heimer Blatt, ich sende ein Exemplar - es ist eine Erwiderung auf eine
Kritik iiber die Kunstformen im Goetheanum.
Mit herzlichsten Grufien
L. Edith C. Maryon
31. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Montag-Abend [1. September 1919]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich schreibe Ihnen gleich, weil, als ich eine Kopie machte von den Titeln
Ihrer Vortrage fur Oxford, ich die Empfindung hatte, dafi mit «Der Mensch
innerhalb der sozialen Ordnung. Das Individuum und die Gemeinschaft»
(= commonwealth) Sie eigentlich im Sinne haben «community». Common-
wealth hat mehr mit dem Staate zu tun, community jedoch mit den Men-
schen als solchen in ihren Verhaltnissen zueinander und als Gesamtheit.
Wenn Sie mir sagen kdnnten, mit welchem Wort Sie es am liebsten iibersetzt
haben wiirden, schicke ich eine Postkarte an Mrs. Mackenzie. Ich habe
schon eine Bemerkung in dem Brief e gemacht.
Dienstag. Hoffentlich geht es jetzt gesundheitlich besser? Ich hoffe, daf?
die Eroffnungsfeier in der Schule recht schon wird, in Gedanken werde
ich dabei sein.
Morgen Nachmittag photographieren wir wieder ein paar Toneuryth-
miekinder, in der Hoffnung, einige tadellose Bilder zu bekommen fiir
« Anthroposophy » .
Sonst ist nicht besonderes heute zu sagen.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
32. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 4. September 1919
Mein liebes Fraulein E. Maryon!
Den Brief habe ich erhalten und mich dariiber gefreut. Ich denke
viel an die dortige Arbeit in der Bildhauerwerkstatte und werde froh
sein, wenn ich auch wieder daran teilnehmen kann. Hier ist viel
Arbeit fiir die Einrichtung der Schule zu tun. Jeden Morgen beginnen
wir 9 Uhr mit Vortrag iiber allgemeine Padagogik, dem dann folgt,
nach einer viertelstundigen Pause, ein zweiter Vortrag iiber spezielle
Methodik und Didaktik. Dann ist es nach diesen beiden Vortragen
111/2. Nachmittag beginnt das Seminar von 3-6. Dann sind noch
zumeist irgendwelche Sitzungen. Es ist also sozusagen jetzt den gan-
zen Tag Vortrag. Dazwischen denke ich an die Dornacher Arbeit,
besonders an unsre Bildhauergruppe.
Beziiglich der Ubersetzung meines Buches wird ja doch das gelten,
dafi der Eine gut findet, was dem Andern weniger gut scheint; und
wir werden wohl nur entscheiden konnen, wenn eine andre Uberset-
zung uns vorliegt. Das Urteil iiber die gemachte Ubersetzung ist
eigentlich schon geniigend. So wird ja doch nur das herauskommen,
dafi die Veroffentlichung der Ubersetzung verzogert wird, wie das
schon oft bei meinen Biichern der Fall war, bei denen immer der
eine Ubersetzer mit dem andern unzufrieden war. Man sollte mit
der von uns schon gemachten Ubersetzung, bei der ich doch dabei
war, zufrieden sein und ihre Veroffentlichung durch die Kommission
besorgen, statt sie zu viel zu kritisieren. Doch werden wir sehen,
was wird, wenn ich wieder in Dornach sein werde.
Sonntag ist hier die Eroffnung der Schule. In dieser Woche sollen
die vorbereitenden Vortrage und Seminarubungen beendet werden.
Dann mochte ich Dienstag oder Mittwoch nachste Woche nach Berlin
gehen; vom 18. bis 21. September soil ich Vortrage halten in Dresden;
dann am 24. September noch einmal hier und bald darnach soli es
wieder nach Dornach gehen.
Es wird dann fur mich sehr befriedigend sein, wieder selbst in
Dornach zu arbeiten und im Bildhaueratelier wieder sein zu konnen.
Mit herzlichen Griifien
Rudolf Steiner
z.Z. Stuttgart, Landhausstrafie 70
33. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Villa St. Georg
Arlesheim bei Basel, 14. September 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
die zweite Ubersetzung des 1. und 2. Kapitels Ihres Buches ist endlich
angekommen, aber ich finde es unendlich schwierig, ein Urteil dariiber zu
bilden. Zuerst habe ich die zwei Kapitel gelesen rein von dem Standpunkt
eines englischen Buches, und habe gefunden, daf5 es gut geschrieben ist, in
ganz modernem treffendem Englisch, die Bilder ganz im englischen Sinn,
keine Spur von dem deutschen Ursprung (wie bei meiner armen Schop-
fung!). Nur da und dort habe ich einen Satz gefunden, der mir wie moderner
«Slang» erschien, aber wahrscheinlich wird das im jetzigen England nicht
so empfunden. Es liest sich fliefiend und interessant, ich konnte wohl
denken, dafi, falls es richtig herausgegeben ist, es sogar ein populares Buch
werden konnte. Die eine Ubersetzerin ist schon eine geiibte und bekannte
Verfasserin, und hat in diesen Kreisen schon viel Einflufi, und konnte
wesentlich dazu beitragen, dafi das Buch von der National Labour Press
herausgegeben wird.
Dann habe ich es gelesen und verglichen mit dem Original. Hier stellte
es sich heraus, dafi die zwei Ubersetzer sich viel Freiheit erlaubt haben
mit der Satzverteilung, [und zwar] nach meiner Meinung, mit Ausnahme
von ein oder zwei Stellen, ohne triftigen Grund dafiir zu haben. Ich meine
sie haben aus einem Satz zwei oder drei gebildet, aus zwei Satzen einen
usw. Dies geschieht durchschnittlich zweimal oder mehr pro Seite. Man
konnte aber dieses schnell korrigieren und wieder gut machen; ich meine,
es ware wunschenswert, weil eine andere Nuance herauskommt.
Dann haben sie drei Viertel von den Worten, die im Original dick
geschrieben sind, gewohnlich geschrieben, so dafi das betonte Wort nur
die gleiche Valeur hat wie die iibrigen. Ich meine auch, sie haben oftmals
zu frei iibersetzt, das heiftt, sie haben versucht, den Sinn zu verstehen und
dann frei auf ihre eigene Weise wiederzugeben, so dafi es ein bifichen ist,
als ob man ein blaues Bild gesehen und aus der Erinnerung heraus ein
grimes gemacht hatte! Mit den Paragraphen geht es ebenso, sie machen
ganz neue, in willkiirlicher Weise.
Zuletzt habe ich das 1. Kapitel von den zwei Ubersetzungen verglichen
und finde, die andere liest sich mehr fliefiend, als Ganzes betrachtet, was
sich gut begreifen lafit, weil die eine Ubersetzerin schon viel geschrieben
hat und ich nicht! Ich finde meine Satze oftmals ungeschickter, aber viel-
leicht treuer - in einiger Hinsicht - zum Original; andere sind doch sogar
wie eine andere Version, manche besser. (1st das unbescheiden?) Aber am
Ende finde ich, daft das beste fur die Sache doch ware, die andere Uberset-
zung zu nehmen, weil die Leute Einflufi in England haben und ich keinen,
und sie miissen doit arbeiten und werden mehr Interesse dafur haben,
wenn sie ihre eigenen Werkzeuge schaffen konnen. Nur wiirde ich darauf
bestehen, dafi die betonten Worte auch im Englischen betont werden soil-
ten, und dafi man nicht willkiirlich eine andere Satzverteilung einfiihren
sollte. Wenn die Zeit nicht allzusehr drangt und die anderen es erlauben
(was sie vielleicht nicht tun werden, weil sie fest iiberzeugt sind, ihre
Ubersetzung sei ganz getreu dem Original), so wiirde ich gerne einiges
etwas anders sehen. Dieses Urteil ist von dem ersten Kapitel gebildet, ich
habe nur fluchtig das zweite gelesen, aber meine Kritik ist ungefahr die
gleiche. Ich werde die Sache weiter studieren in den nachsten Tagen, aber
wahrscheinlich nicht wesentlich anders denken.
So schreibe ich jetzt, damit man vielleicht ein wenig Zeit sparen kann.
Die Dame und Herr Kaufmann haben vor, Ende September in Dornach
zu sein. Die Frage ist, ob man der National] Lab[our] Press sofort eine
Ubersetzung geben sollte, damit wir eine Antwort bekommen konnen?
Wenn die anderen kommen und es mir erlauben, wiirde ich gerne die
Arbeit durchgehen und vergleichen, man konnte sie vielleicht etwas verbes-
sern, aber das wiirde Zeit in Anspruch nehmen, vielleicht ist es besser und
wichtiger, jetzt schnell einen Anfang zu machen? Uber alles erwarte ich
Ihr Urteil und habe nichts davon den zwei Personen gesagt.
Ich habe verschiedene Briefe von der Kommission usw. Ihnen spater
vorzulegen.
Es ware mir sehr lieb gewesen, auch in dieser Sache mitzuarbeiten, allein
es scheint mir, daft das Leben mich hierbei herausschmeifien will und der
Sache wegen mufi ich es geschehen lassen.
Es wird so schon sein, wenn Sie wieder hier arbeiten konnen, die Zeiten
sind doch recht schwierig und die Wochen sehr lang. Den Brief habe ich
gut erhalten, und habe mich dariiber sehr gefreut.
Mit herzlichsten Griifien
L. Edith C. Maryon
34. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach, 21. Dez. 1919
es ist ein ganz anderes Leben hier geworden, meine Zeit verteilt sich zwi-
schen dem grofien und kleinen Lucifer, (es ist dabei zu hoffen, dafi man
dadurch nicht allerlei phantastische Gedanken und Qualitaten entwickelt?)
Der Kopf des kleinen Lucifer ist so stark nach vorn geneigt, dafi er sich
schwer schnitzen lafit, ich habe ihm schon fast ein Stuck zuviel von der
Nase weggeschlagen - es lafit sich aber ausbessern. Unser Atelier sieht sehr
leer und verlassen aus, als ob man seit einem Monat dort nicht gearbeitet
hatte.
Mit Mrs. Wedgwood hatte ich ein langes Gesprach iiber die angetroffe-
nen Menschen - sie urteilt viel weniger scharf wie ich und sagt, dafi, wenn
man es selbst nicht mitgemacht hat, man kaum eine Vorstellung haben
kann, wie unglaublich hafilich und schwierig es war in dem jetzigen Eng-
land, und dafi die paar hundert Menschen, die mehr oder weniger durch-
schaut haben, was in Wirklichkeit dieser Krieg fur eine Bedeutung hat,
wirklich eine schauderhafte Zeit durchgemacht haben. Die ganze Luft dort
ist vergiftet und verpestet mit Lxigen, und Menschen, die sich aufrecht zu
halten hatten in solch einer Atmosphare ohne irgendwelche Unterstiitzung
oder Hilfe, mitten drinnen unter einer Menge Menschen, die sich feindlich
zeigten, sobald bekannt geworden war, dafi jemand Pazifist ist - und sich
niedergedriickt zu fiihlen durch die Empfindung von der Abscheulichkeit
gerade dieses Krieges -, hatten wirklich eine schreckliche Zeit durchzuma-
chen. Sie meinte, viele hatten nicht aushalten konnen, wenn sie alles durch-
schaut hatten. Dadurch hat sie Hoffnung fur diese Leute, die wenigstens
horen wollen, wahrend die anderen blind, taub und feindlich gesinnt sind
alien anderen Gedanken gegenuber. Ich meine trotzdem, dafi man ganz
gut begreifen kann, wie es dort aussah, auch ohne gerade dort zu sein.
22. Dez. Heute war ich bei der Kernpunkte-Arbeitsgruppe in dem
Lesezimmer. Es war eigentlich ziemlich interessant, hauptsachlich eine
kleine Rede von Mrs. W[edgwood], die klar ausgedriickt war, ein bifichen
Humor dabei usw. Thema: Kapital. Die Fragen waren manchmal amiisant.
Mr. Monges wollte wissen, ob nicht ein Zahnarzt seine Arbeit in genau
derselben Weise verkauft wie die Tagesarbeiter und [der] konnte kaum
den Unterschied begreifen, und meinte, er mufite sich doch wie ein Sklave
fiihlen.
Mrs. Drury-Lavin sprach von der Zufriedenheit und Frommigkeit, die
man in England findet bei den Arbeitern auf dem Lande und konnte nicht
ganz einsehen, dafi sie eigentlich einem vergangenen Zeitalter angehoren,
das sich nicht weiter fortsetzen kann. Beide Fragen waren sehr charakteri-
stisch gestellt worden.
Ich freue mich auf die offentlichen Vortrage in Basel.
Mit herzlichen Griifien
Edith Maryon
35. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 24. Dezember 1919
Mein liebes Fraulein E. Maryon,
in unsere Bildhauerarbeitsstatte sende ich die herzlichsten Weih-
nachtsgedanken. Es ist selbstverstandlich, dafi ich mit diesen Gedan-
ken gerne dort ware.
Die Waldorf schule hat sich bis jetzt gut entwickelt. Es herrscht
da ein guter Geist. Die Kinder gehen gerne dahin. Und fragt man
sie: geht ihr gerne in die Schule, so antworten sie begeistert «ja».
Ich hatte am ersten Tag meines Hierseins Vortrag; dann in den
beiden ersten Tagen Schulbesuch vom Morgen bis Abend; dazwi-
schen Besprechungen. Sonnabend 27. Dezember und Dienstag 30.
Dezember sind noch offentliche Vortrage in Stuttgart; aufierdem
findet in der Waldorf schule ein improvisierter Kursus iiber Naturwis-
senschaft statt. Dann noch ein kleinerer anderer Kursus. Dazu kom-
men eine Anzahl Zweigvortrage. Also zu tun ist in der kurzen Zeit
genug. Denn zwischen den Vortragen sind die Besprechungen.
Die Ruckfahrt wird am 4. Januar sein. Nochmals die herzlichsten
Weihnachtsgedanken
Rudolf Steiner
z.Z. Stuttgart, LandhausstrafSe 70
36. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach, 2. Marz 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
leider ist der Gipser nicht gekommen, so dafi die Arbeit an dem Wesen
eben erst nachste Woche ausgefuhrt werden kann, indessen modelliere ich
die Beleuchtungskorper; was aber gar nicht so leicht zu machen ist.
Der Baumeister Kefiler besuchte das Atelier am Sonntag und versprach,
heute ein Preisangebot zu senden; er sagte, dafi das Modell ihm jetzt besser
begreiflich sei. Ich habe ihm vorgeschlagen, dafi man in unserer Werkstatt
samtliche Tiiren und Fenster ausfuhren sollte, und diese Idee hat ihm sehr
gut gefallen und wurde eine wesentliche Anderung im Preis bedeuten, weil
er sagt, dafi seine Arbeiter die neuen Formen nicht begreifen und gut
ausfuhren konnen.
Sonst ist nicht viel zu melden, es ist etwas langweilig hier und man
wunscht, es ware moglich, die Kurse in Stuttgart mitzumachen und die
Stadt wiederzusehen, statt verniinftig hier weiter zu arbeiten!
Ich denke an Stuttgart und hoffe, dafi alles gut vorwarts geht in gut
Mein liebes Fraulein Edith Maryon!
Bis jetzt ist hier alles den Umstanden entsprechend gegangen. Die
Abprufung der Waldorf-Schule hat Erf reuliches ergeben. Der Unter-
richt hat die Lebendigkeit, die er haben soil. Es waren zwei offentliche
Vortrage und werden noch zwei in der nachsten Woche sein, der
naturwissenschaftliche Kurs und alles, was fur die Einrichtungen der
nachsten Zeit notwendig ist.
Ich schreibe dies zwischen einer Kremation, von der ich eben
komme und einer Lehrerkonferenz, bei der ich eigentlich schon sein
sollte. Daher kann ich wirklich nichts Ausfiihrliches berichten. Ich
bin in Gedanken in unserem Bildhaueratelier und sende dahin die
besten herzlichsten Griifie
gemessenem Tempo.
Mit herzlichen Griifien
Edith Maryon
37. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 6. Marz 1920
Stuttgart, Landhausstrafie 70
Rudolf Steiner
38. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa St. George
Arlesheim, 7. Marz 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ein Brief ist bis jetzt [nicht] angekommen, es dauert lang von Stuttgart -
vielleicht kommt er morgen.
Gestern haben wir Besuch gehabt aus Dornach, der Gerichtsprasident
und sieben oder acht andere hohe Tiere. Sie waren freundlich und hatten
etwas Verstandnis fiir die Sache, nachher haben sie verschiedene Biicher
gekauft. Einige haben sogar am grofien Lucifer etwas geschnitzt, was sie
sehr spafiig fanden. Die Hausmodelle haben ihnen gut gefallen, ich sagte
ihnen, es sei ein Versuch, die Wohnungsnot zu mildern, und dafi gemeint
sei, die Hauser sehr einfach auszufiihren, ohne Luxus, aber in der Architek-
tur etwas angepafk an den Bau. Sie waren sehr interessiert.Wir haben alle
versucht, einen guten Eindruck zu machen. Der Gerichtsprasident schien
mir besonders wohlwollend, wenn es echt war.
Heute hat das Wetter umgeschlagen, es ist kalt und regnet, wenig Besu-
che am Bau.
Der Gipser ist endlich gekommen, aber wir werden kaum fertig mit
dem Umbau, bis Sie wiederkommen.
Mrs. Drury-Lavin hat geschrieben, sie hat meinen Bruder besucht, und
er hat ihr sehr gefallen, nachsten Sonntag sollten er und Miss Word (die
Verlobte) Mrs. D. L. besuchen, und dann wird sie sehen, ob es moglich
sein wird, einen Vortrag an der Universtitat zu halten. Heute mufite sie
in der Gruppe in London Nachricht geben. Die alte G. hat leider £ 1000
gegeben, urn eine Britische Gesellschaft oder (ein Britisches) Zentrum zu
griinden, sie hat es der Myrdin-Gruppe gegeben. Collison wird bald nach
Ostern in London sein. Die vier Mysteriendramen erscheinen in London
im Mai oder Juni, ich habe einen Brief von Putnams', weil ich die Titel
wissen wollte fiir die Plakette.
Mrs. Drury-Lavin schreibt, sie fuhlt sich, als ob sie just die geistige
Welt verlassen und sich noch nicht an diese Inkarnation gewohnt hat; die
Zeit in Dornach war zu schon, sie hat dort frischen Mut zum Leben
geschopft und ist dafur unendlich dankbar. Ich habe ihr heute geschrieben.
Montag. Tiefer Schnee!
Mit herzlichen Griifien
Edith Maryon
39. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 12. Marz 1920
Meine liebe Edith Maryon!
Herzlichsten Dank sage ich fur die Briefe, die mir sehr erfreulich
waren. Alles was ich von dort horen kann ist mir wichtig in der Zeit,
in der ich selbst nicht dort arbeiten kann in unserem Bildhaueratelier.
Hier habe ich viel Arbeit gehabt; aber sie ist notwendig. Und ich
habe sie diesmal besser iiberstanden als fruher. Die Mitteilungen, die
ich gerne machen wxirde, kann ich allerdings nicht ausfuhrlich ma-
chen, da die Zeit fehlt. Ich mufi gleich nachher wieder in die Schule
hinauf. Mittwoch und heute sind offentliche Vortrage gewesen; da-
zwischen gibt es jetzt sehr viel Tatigkeit. Und so kann ich, zu den
herzlichsten Gedanken, die ich sende, nur hinzufugen, dafi beabsich-
tigt ist, Montag von hier abzufahren und Dienstag in Dornach anzu-
kommen. Ob diese Absicht noch geandert werden mufi, weifi ich
noch nicht. Jedenfalls mufi ich Mittwoch in Zurich sein.
Viele Griifie von
z.Z. Stuttgart, Landhausstrafie 70 Rudolf Steiner
40. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach, 10. Juni 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ein Brief ist gerade von Baron Rosenkrantz angekommen. Er schreibt unter
anderem, daft ein gutes Datum fur den Besuch der Kiinstler der 10. oder
15. August ware, und ob es nicht besser ware, zehn Tage fur den Aufenthalt
hier zu sagen, statt vier oder funf? Vier oder fiinf seien etwas kurz nach
einer so langen Reise. Was meinen Sie? Kann man die Vortrage, Eurythmie
usw. so lang ausdehnen? Weiter fragt er, ob es erlaubt sei, die Einladung
auf nichtpraktizierende Kiinstler auszudehnen, weil er meint, es gibt viele
Leute, die nicht eigentlich Kiinstler sind, aber die schon sehr interessiert
sind an einer spirituellen Bewegung in der Kunst, und die viel Verstandnis
fur die Arbeit in Dornach haben wiirden. Ich habe ihm geantwortet, dafi
ich nicht glaube, da$ etwas im Wege stiinde, die Einladung auf solche
Menschen auszudehnen, aber dafi ich direkt fragen wurde. Er schreibt:
Viele werden fiir die Eurythmie grofies Interesse zeigen. In England gibt
es jetzt viele Bewegungen fiir die Forderung der dramatischen Kunst, eine
Wiederbelebung von allerlei alten Gebrauchen (kann man das sagen ?) und
ein Auftauchen von alten Mysterien-Spielen; mystische Dinge sind beliebt,
mehr als etwas Okkultes, weil dieses letztere zu viel Anspriiche macht an
die intellektuelle Anstrengung. Denken Sie, es ware moglich, (wenn ge-
niigend Leute vorhanden sind, selbstverstandlich), ein kleines Stuck von
den Mysterien vorzufuhren? Oder vom Faust, falls das erste unmoglich
erscheint.
Dann schreibt Mrs. Drury-Lavin ganz begeistert von der Walleen-Idee
und sagt, dafi man es wohl zustandebringen werde, dafi er kommen kann;
sie hat auch direkt an Sie geschrieben. Sie hat das Gefuhl, dafi im Interesse
des Baues nicht genug geschieht in England, man leidet dort unter grofiem
Mangel an Menschen, die fahig sind, Vortrage zu halten, und unter den
zweien, die sie haben, ist die eine, Mrs. P., vielleicht zu sehen, aber die
Schwester steht vorlaufig nicht tief genug in der Sache drinnen.
Mit meinem Aufsatz sind die Leute wieder nicht zufrieden, weil sie
lieber selbst etwas schreiben mochten. Sie will weiter dariiber schreiben in
einigen Tagen.
Gestern habe ich Herrn Hamel besucht, es gibt wenig Anderung in
seinem Befinden, man hat dort nicht grofie Hoffnung auf eine voile Gene-
sung. Sonst sind sein Zimmer und Essen gut, die Krankenschwester nett.
Dr. Boos sagt, es gibt nicht wesentlich Neues. Der Vortrag gestern war
recht lang, nachher hat ein Aufienstehender gesprochen. Nach Herrn
Schremps Vortrag hat eine rege Diskussion stattgefunden. Sonst ist nichts
Neues zu melden.
Ich strebe nach Weise-werden in der Einsamkeit hier und mache mir
manche Vorwiirfe.
Ich hoffe, die Vortrage vorgestern und heute waren gut besucht; und
dafi die Dinge in Ruhe verlaufen? Ich bin noch angstlich wegen der Er-
eignisse in Deutschland.
Mit herzlichen Griifien
Edith Maryon
41. Rudolf Steiner an Edith Mary on
Stuttgart, 15. Juni 1920
Meine Hebe Edith Maiyon!
Gerne hatte ich langst geschrieben; aber es war eben doch bis jetzt
aufierordentlich viel zu tun; und da ich auch heute abend off entlichen
Vortrag habe, kann ich nur ein paar Zeilen schreiben. Fur den empf an-
genen Brief danke ich herzlichst. Ich denke, die Sache mit Baron
Rosenkrantz lafit sich so anordnen, wie er es meint. Auch die Person-
lichkeiten, die nicht praktizierende Kunstler sind, mogen doch kom-
men. Ob wir etwas von den Mysterien-Spielen bieten konnen, wird
von der Moglichkeit abhangen; versuchen konnen wir es ja.
Uber alles andere schreibe ich morgen oder iibermorgen. Ich habe
aufier den andern Vortragen hier auch noch einen Lichtbilder- Vor-
trag uber den Bau am letzten Sonnabend gehalten.
Fur heute noch allerherzlichste Griifie und die Versicherung, dafi
alle Angstlichkeit unbegriindet ist. Montag werde ich wohl noch
nicht zuriick sein; aber bald darauf.
Allerherzlichsten Grufi
Stuttgart, Landhausstrafie 70 Rudolf Steiner
42. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Meine liebe Edith Maryon!
Stuttgart, 18. Juni 1920
Es ist leider immer hier unmoglich, viel zu schreiben. Deshalb nur
diese Zeilen, die sagen sollen, dafi ich vor Donnerstag oder Freitag
den 25. die nachste Woche wohl nicht zuriick reisen kann. Die Arbeit
macht anderes unmoglich.
Hoffentlich geht dort die Arbeit weiter, bei der ich schon wieder
gerne dabei ware. Aufier dem Lichtbildervortrag war hier noch ein
offentlicher Vortrag und gestern auch ein Vortrag vor den Studenten
der hiesigen Hochschule. Diese Zeilen schreibe ich in der Waldorf-
schule, von der aus ich allerherzlichste GriiJSe sende
Rudolf Steiner
43. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 19. Juni 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
fiir den empfangenen Brief besten Dank. Baron Rosenkrantz schreibt, er
wird jetzt zur Tat schreiten und eine vorlaufige Ankiindigung machen,
und sobald er ein mehr definitives Programm bekommt, eine weitere ausge-
ben. Hiermit sende ich Ihnen seine Vorschlage, er bittet urn Korrektur
und Kritik.
Er meint, die Eurythmie wird grofies Interesse erwecken gerade in der
spirituellen Form, wie sie gelehrt wird in Dornach. Die Dalcroze-Methode
ist bloft emotionell und leicht aufregend, aber sie hat jetzt grofien Erfolg.
Ware es vielleicht moglich, dafi gewisse Mitglieder ein paar der besten
Eurythmie-Kinder von Stuttgart einladen fiir diese zwei Wochen, um un-
sere Krafte etwas zu verstarken in dieser Richtung?
Sollte man blofi an die britischen Kiinstler denken, oder die Einladung
auf andere Lander ausdehnen?
Mrs. Drury-Lavin schreibt, dafi man £ 150 fiir Walleen gesammelt hat
und Miss Pethick meint, man sollte ihre Ankunft in Dornach abwarten,
um ihm endgiiltig zu schreiben. Sie wollte ihn fiir Okt. und Nov. einladen,
damit sie Ende Sept. in London Vorbereitungen machen kann. Ich mochte
aber, dafi er Anfang August kommen konnte (falls wir jemand finden
konnen, ihn als Gast einzuladen), damit wir einen kompetenten Dolmet-
scher haben fiir die Vortrage im August.
Mit allerherzlichsten Griifien und der Hoffnung, dafi Sie recht bald
wiederkommen
griifSe ich Sie herzlichst
Edith Maryon
Anlage zum Brief Nr. 43
Provisorisches Programm
10.-20. August 1920
1. ) Eine Serie von 3 oder mehr Vortragen von Herrn Dr. Steiner iiber
Kunst (Anzahl und Thema anzufragen, damit wir annoncieren konnen).
2. ) Sagen wir ungefahr 3 Eurythmie- Auffiihrungen.
A. Eine Auffiihrung urn den ganzen Umkreis der Eurythmie zu de-
monstrieren.
B. Auffiihrung von Faust oder irgend etwas anderem schon Ausgear-
beitetem.
C. Eine Auffiihrung von einem Teil der Mysterien.
3. ) Konnte Frl. Vreede, sagen wir, 3 Vortrage halten iiber Geisteswissen-
schaft, Zweck des Baues (verschiedene Arbeitszweige) oder sonst ein
von Herrn Dr. Steiner und Frl. Vreede angegebenes Thema?
4. ) Konnte ich Bau und Atelier zeigen und erklaren? (Antwort: Ich glaube,
Sie werden dieses tun).
5. ) Wenn das Programm noch langer sein sollte, konnte man die drei
Lichtbilder- Vortrage halten?
44. Rudolf Steiner an Edith Mary on
Stuttgart, 23. Juni 1920
Meine liebe Edith Mary on!
Wie die Verhaltnisse sich gestaltet haben, kann ich vor Sonntag nicht
in Dornach sein. Mir ist das gar nicht recht; aber es geht nicht anders,
Beziiglich des Programmes, das Baron Rosenkrantz vorschlagt,
kann ich nur sagen, dafi ich mir alle Miihe geben werde, es so zu
machen. Selbstverstandlich bin ich bereit, den Besuchern selbst den
Bau und das Atelier eingehend zu zeigen und zu besprechen.
Nun kann ich ja von hier kaum etwas anderes sagen, als dafi ich
trotz allem viel ungetane Arbeit hier zuriicklassen werde. Woran es
fehlt, das sind zielbewufite, fachtiichtige Leute; und die sind heute
kaum zu finden. Eine so grofie Arbeit, wie die hier angefangene,
lastet eben schwer auf der Seele; und gegemiber solcher Last kommt
wenig in Betracht, ob man etwas mehr oder weniger mude wird.
Gewisse Dinge miifiten eben geschehen.
In unserem Atelier wieder zu arbeiten, sehne ich mich sehr. Nun,
es wird bald sein.
Fur heute allerherzlichste Griifie
z.2. Stuttgart, Landhausstrafie 70
Rudolf Steiner
45. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 25. Juli 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es scheint mittwochs einen direkten Zug zu geben iiber Lille, Calais, so
dafi man Paris vermeiden kann. Das Pafi- Visum habe ich ohne irgendwelche
Schwierigkeiten bekommen, der Vize-Konsul hat mir sogar das zweite
Visum vom Franzosischen Konsul selbst geholt, wofiir ich wirklich dankbar
war, weil ungefahr 30 Leute schon auf der Strafie warteten, unter der
brennenden Sonne. Die Arlesheimer Gemeinde hat auch sofort eine Riick-
reise-Bewilligung ausgestellt, so wenn nichts Besseres (oder weniger
Schlimmes!) geschieht, sollte man Mittwoch Abend 10.50 fahren (4. Aug.).
Zwei Englanderinnen und drei Englander sind angekommen; sie erzah-
len, Rosenkrantz habe bis jetzt wenig Erfolg gehabt fiir unseren Kunst-
Kursus, und dafi die Menschen dort einfach einschlafen, obwohl es viele
gibt, die gerne nehmen wurden, was wir zu geben haben; aber sie nehmen
es nicht wahr, und niemand kann es begreiflich machen. Heute besuchen
sie die Gruppe.
Dorothy Pethick ist in Linthal, Glarus, und iibersendet eine Kopie eines
Briefes von Mrs. Drury-Lavin an Walleen mit der Bitte, ihn zu iibergeben,
falls der Brief nach Kopenhagen nicht angekommen sei. Sie verspricht, den
Aufenthalt hier zu bezahlen usw.
Ich hoffe sehr, dafi Dr. Boos' Vortrag Dienstag ruhig verlaufen wird
und dafi er keine [Stoning] erfahrt.
Der Tag ist hier ruhig verlaufen, obwohl man von morgens friih bis
spat abends immer noch Karussell-Musik hort. Viele Besucher waren im
Bau, aber sie haben sich gut benommen.
Ich hoffe, daft die Arbeit in Stuttgart bald fertig sein wird, so daft Sie
Samstag ankommen konnen in Dornach. Wir haben jetzt einen Teil der
Gruppe abgeriistet (Lucifer).
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
46. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 26. Juli 1920
Meine liebe Edith Maryon!
Gleich nachher werden wir eine langere Verwaltungsratssitzung ha-
ben; daher will ich nur ein paar Zeilen absenden, bevor ich morgen
nach Dischingen hinaus zu unseren bekannten Versuchen fahre. Es
ist bisher alles nicht Amtliche gut gegangen. Das letztere aber macht
immer mehr Sorgen. Geschaftstuchtigkeit, die wir jetzt so notig hat-
ten, ist leider heute nur wenig vorhanden. Die paar Menschen, die
wir haben, sind iiberlastet. Andere sind gar nicht zu finden. Der
Gottinger Vortrag kann gar nicht zustande kommen, da die dortigen
Widerstande zu grofie sind.
Ich werde das Konzert fur die Leute um Baron Rosenkrantz erst
arrangieren, wenn ich zuruckkomme. Es ist dann reichlich Zeit, und
es ware mir lieb, wenn davon vorher gar nichts gesagt wiirde.
Lieb wird es mir sein, wieder in unserm Dornacher Atelier zu
sein und zu arbeiten. Ich werde zur festgesetzten Zeit zuriickkom-
men. Fur heute
allerherzlichste Griifie
Stuttgart, Landhausstrafie 70 Rudolf Steiner
47. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Dornach, 9. August 1920
Meine liebe Edith Maryon!
Baron Rosenkrantz hat an Frau Doktor geschrieben, dafi er keinen
Erfolg hatte mit seinen Bemuhungen. So scheint es, als ob der Dorn-
acher Besuch der Kunstler nicht zu stande kommen konnte. Es ist
schade. Wir werden auf das nachste Jahr vertrostet. Wenn es mit
allem so geht, konnte es leicht zu spat werden.
Diese Zeilen schreibe ich von dem verwaisten Bildhaueratelier aus,
das sich nach seiner Leiterin sehnt, aber mochte, dafi diese ihren
Aufenthalt nicht bis zur Unbequemlichkeit abkiirzt.
Vorgefallen ist hier aufier der Absage Rosenkrantz nichts besonde-
res. Die Vortrage liefen programmafiig ab. Es ist alles gut bis auf die
gewohnten Entstellungen unserer Sache. So habe ich weiter vorlaufig
nichts zu melden
als herzlichste Griifie von
Rudolf Steiner
48. Edith Maryon an Rudolf Steiner [Postkarte]
48, Norfolk Road, Seven Kings
Ilford, Essex. England
Montag. [9. August 1920]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich schreibe diese paar Zeilen an einem hochst unbequemen Postschalter!
Ich bin ganz gut angekommen, ohne zuviel Ermudung. Bitte das kleine
Fenster in unserem Atelier nachts zu offnen, sonst ist die Luft zu schlecht.
Ich schreibe morgen oder iibermorgen einen Brief. Jetzt nur Auf Wiederse-
hen. Ich sehne mich schon nach Dornach, und finde London scheufilich!
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
49. Edith Maryon an Rudolf Steiner
48, Norfolk Road, Seven Kings
Ilford, Essex, England
10. August 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
viele Zeit habe ich auf dem franzosischen Konsulat sitzen miissen, endlich
bekam ich das Visum, dann bestellte ich mir meinen Platz auf dem Zug
fur Dienstag und kaufte das Billet, so dafi jetzt die Riickreise in Ordnung
ist, wenn nur nicht Krieg und Generalstreik dazwischen kommen, beide
werden hier als wahrscheinlich angesehen fur die allernachste Zeit. Diese
Adresse wird giiltig sein fur meinen ganzen Aufenthalt in England, nicht
Bassett Road.
Meine Mutter sieht natiirlich viel alter aus. In der Nacht weckte mich
meine Schwester, meine Mutter hatte eine zweite Attacke bekommen, aber
leichter als die vor fxinf Wochen. Wir haben einen Arzt gerufen und der
meint, der Blutdruck sei fur dieses Alter zu hoch; sonst geht es ihr jetzt
besser und sie ist nicht in Gefahr. Ich hoffe nur, dafi sie morgen nicht zu
erregt sein wird, weil wir dann einen Besuch erwarten von meinem Bruder
mit seiner neuen Frau.
Ich sehne mich sehr nach Dornach, London gefallt mir nicht mehr.
Hoffentlich geht alles gut im Atelier, und [ich hore] dafi der Christus noch
nicht fertig ist; ich mochte selber sehen, wie er wachst.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
50. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Auf der Riickreise in Thun
(am Thuner-See)
Samstag morgens [13. August 1920]
Meine liebe Edith Maryon,
Schonsten Dank fur die Nachricht vom Montag, den 9. August. Ich
schreibe dieses auf der Riickreise von der Stock- und Schirmfabrik
in Bonigen, die ich besuchen mufite fur die Futurum A.G. Ich konnte
damit verbinden iiber [den] Briinig zu fahren, wo Herr Molt, Frau
Doktor und Waller ein paar Tage waren. Heute werde ich wieder
zu Dornach sein. Im Atelier ist alles in Ordnung; ich war nur 11/2
Tage weg und habe gesorgt, dafi keine Unordnung geschieht, was
allerdings nicht ohne Aufregung bei Fraulein Geek abgegangen ist.
Nun aber mochte ich doch recht bitten, trotzdem sich das Atelier
nach seiner Leiterin sehnt, nicht zu eilen, wenn es wiinschenswert
ware, den Auf enthalt dort ein paar Tage zu verlangern. Man bekommt
Sorge, wenn man denkt, dafi die weite, ermiidende Reise nur wegen
der wenigen Tage gemacht wird. Also bitte, wenn notig, sich dort
noch ein paar Tage gonnen. Man mufi in solchen Dingen verminftig
sein. Das Molt'sche Auto wird bald iiber Bern nach Dornach zuriick-
fahren. Ich habe es benutzt, um den Besuch in Bonigen zu machen;
ich werde mit Molt noch eine geschaftliche Sache in Bern zu machen
haben und so sende ich nur noch
die herzlichsten Griifie
Rudolf Steiner
14. August 1920
Wegen der Geschaftsreise habe ich gestern Freitag in Dornach keinen
Vortrag halten konnen.
51. Edith Maiyon an Rudolf Steiner
Villa St. George
Arlesheim bei Basel, 17. Sept. 1920
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es ist nicht sehr viel hier geschehen. Aufier, daft eine Theosophin angekom-
men ist mit zwei Freundinnen. Ich glaube, sie ist nicht sehr zu empfehlen.
Mrs. Wedgwood hat sich entschuldigt und das Gesagte zuriickgenom-
men; das Unbefriedigende dabei ist aber, dafi sie von dem ganzen gar nichts
versteht, und nichts davon horen will, aber sagt, es sei alles eine Sache
zwischen ihr und Herrn Dr. St. Mir scheint, als ob sie immer noch glaubt,
ich hatte sie angeschwarzt!
Ich werde sehr froh sein, wenn die Arbeit hier Ende nachste Woche
weiter fortgesetzt wird, die Stimmung hier ist etwas traurig, und ich hatte
gestern einen schlechten Traum.
Sonst geht die Arbeit hier vorwarts und ich beschaftige mich mit den
Rippen von Lucifer!
Ich hoffe sehr, die Arbeit in Deutschland ist ganz ruhig gelaufen.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
52. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Berlin, 18. September 1920
Meine Hebe Edith Maryon!
Aus vieler Arbeit heraus kann ich nur diese paar Zeilen schreiben.
Der Zeit nach ist alles programming gut abgelaufen; sachlich sind
jetzt gerade viele Schwierigkeiten zu uberwinden. Und ich weifi gar
nicht, wie die nachsten Tage in Stuttgart f ertig werden. Gerne werde
ich wieder im Atelier sein; hoff[entlich] haben die Differenzen der
letzten Tage keine Fortsetzung dort erfahren. Mir ware das lieb. Ich
mufi ja diesmal zur rechten Zeit in Dornach sein. Einstweilen
herzlichsten Grufi
Rudolf Steiner
53. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 9. Nov. 1920
Sehr geehrter lieber Lehrer,
alles geht ordnungsgemafi vorwarts hier, nur sieht das Atelier sehr wiist
und leer aus. Ich habe an Lucifer geschnitzt, und mit grofier Miihe die 3
Eurythmie-Plaketten fertiggestellt, obwohl erst im letzten Moment - als
Miss Melland abreisen mufite.
Ein Mr. Gaze ist heute angekommen [und] zu mir geschickt [worden]
- von Mrs. Cull, und es scheint, Frl. Vreede sollte ihm den Weg bahnen,
fur einige Tage nach Stuttgart zu reisen. Er sagte mir, er sollte die Biicher
von Courtney iibernehmen, wahrscheinlich will er daruber sprechen, wenn
ihm eine Gelegenheit geboten wird.
Felkin ist gut angekommen und hat jetzt gute Nachrichten von der
Mutter bekommen. Sie schreibt, sie bemiiht sich, ihren Bekannten Dreiglie-
derung zu predigen und sagt, dafi, wenn sie es den Leuten auseinandersetzt,
sie viel besser begreifen, was die Sache bedeutet, wie sie selbst, und meint,
sie verstehen durch den Intellekt, weil sie nur durch Intuition versteht. Ist
das nicht ein bifichen lustig? Sonst ist es nicht gerade heiter hier.
Ich hoffe sehr, dafi die Affaren in Stuttgart sich gut ordnen lassen, mehr
nach Wunsch, wie fruher, und dafi Sie sich nicht allzusehr iiberarbeiten.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
54. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 12. November 1920
Landhausstrafte 70
Meine liebe Edith Maryon!
Herzlichen Dank fur den eben angekommenen Brief; es ist mir lieb,
dafi es dem Atelier gut geht. Hoffentlich geht es so weiter. Meine
Arbeit hier ist diesmal vielleicht aufierlich weniger anstrengend -
dafur gebe ich acht - aber erfordert viel Nachdenken, urn manches
in Ordnung zu bringen, was eben in Unordnung ist. Wenn die Men-
schen doch wirklich menschlich gut zusammenarbeiten konnten; al-
lein daran fehlt es am meisten. Das gibt so viel zu tun, dafi ich sogar
heute zum ersten Male habe an einem Unterrichts-Vormittag in der
Schule teilnehmen konnen. Da aber scheint es gut zu gehen.
Mittwoch war ein sehr gut besuchter offentlicher Vortrag, Diens-
tag soil ein zweiter sein. Dann soli Donnerstag Vortrag in Freiburg,
ein offentlicher Vortrag und Freitag eine Eurythmie-Auffuhrung
sein. Am 21. hoffe ich in Dornach zu sein. Denn ich werde alles tun,
um vor Donnerstag hier fertig zu werden. Ganz gewifi ist das wohl
nicht; aber es konnte ja sicher nicht mehr als zwei Tage Verzogerung
geben. Es ist eben schwer, die Dinge in Ordnung zu bringen, die
hier in Unordnung sind.
Fur heute herzlichste Griifie
von
Dr. Rudolf Steiner
55. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 14. Nov. 1920
ich sende hiermit eine Kritik der «Threefold State» von einer angesehenen
Zeitung in Nord-England, und weil es mir ziemlich gut scheint, habe ich
auch einige Extra-Kopien bestellt.
Mr. Gaze konnte wegen der Kiirze der Zeit keinen Pafi bekommen und
ist schon abgereist. Er sagt, dafi man wahrscheinlich eine zweite Auflage
der «Threefold State» im Friihling erscheinen lassen muE und meinte, man
konnte es vereinen mit alien oder einigen Aufsatzen aus «In Ausfiihrung
der Dreigliederung des sozialen Organismus». Ich habe ihm gesagt, am
besten ware es, dieses dem Verfasser direkt zu schreiben und nach seinen
Wtinschen zu fragen. Heute habe ich Sharps (Herrn und Frau) besucht
und feierlich gratuliert, Donnerstag war die Heirat. Freitag werde ich das
Schmiedelchen besuchen, ein Bild vom ersten Geburtstag (8 Tage) hat der
stolze Papa schon herumgezeigt.
Samstag haben wir einen Vortrag von Dr. Boos im Bernoullianum.
Aus Stuttgart kommt keine Nachricht, ich kann nur hoffen, dafi alles
gut vorwarts geht und sende . , _
° herzlicnste Grulse
Edith Maryon
Wird Dr. Unger die Of en fur die Hauser bekommen konnen?
56. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Fraulein Edith Maryon
Bildhaueratelier Goetheanum
Dornachbrugg bei Basel
[Telegramm]
[Poststempel]
Dornach 22. XI. 1920
von Stuttgart No. 379/4
Reisen erst Mittwoch oder Donnerstag moglich. Grufi
Rudolf Steiner
57. Rudolf Steiner an Edith Mary on
Stuttgart, 7. [8.] Januar 1921
Meine Hebe Edith Mary on!
Herzlichen Dank fur den Brief. Hoffentlich geht es bald besser. Dazu
sende ich allerbeste Wiinsche und Gedanken.
Hier habe ich doch recht viel zu tun. Aber gerade diesmal ohne
alle Ermudung oder sonstiges. Die beiden offentlichen Vortrage sind
mit dem gestrigen voriiber. Heute nachmittag soli ich vor einem
Kreise Industrieller sprechen. Abends ist dann der Kursus-Vortrag.
Ich hoffe, daft ich so ohne alle Stimmermudung die Sache diesmal
durchbringe. Sonst ist alles das Gleiche aufier, daft die Angriffe auf
hier immer hafilicher werden.
Nochmals herzlichste Gedanken
von
Dr. Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstrafie 70
58. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Haus Grosheintz, Dornach bei Basel
[vermutlich Anfang Februar 1921]
Montag Abend
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sende hiermit zwei Zeitungsausschnitte. Meine Gesundheit geht wirk-
lich besser. Ich habe eine Moglichkeit gefunden, mich zu ernahren, ohne
Medizin zu nehmen. Es besteht meistens aus Kindermehl, geschlagenen
Eiern, Milch usw. (ohne weiteres Erbrechen). Ich mufi recht langsam gehen
und diese Methode eine Weile fortsetzen. Ich wurde gestern geimpft, und
Frau Dr. Wegman kommt wieder morgen. Ich bin noch etwas kurzatmig.
Das Herz klopft ein bifichen, wenn ich eine Anstrengung machen mufi.
Aber ich denke immer sehr daran, acht zu geben, Sie? Ich hoffe, die
Dinge gehen gut in Stuttgart, ich denke recht viel daran, und hoffe, es gibt
keine Nacht-Sitzungen. Uber die angesetzten Vortrage habe ich natiirlich
nichts gehort.
Herr Vreede hat mich besucht und mir frische Eier gebracht, Frl. v.
Blommestein brachte mir eine Blume und sagte, dafi ihr Haus jetzt bald
fertig sein wiirde, dafi viele Menschen es besucht und sehr schon gefunden
haben. Dies hat mir wirklich Freude gemacht, dafi die Leute zufrieden sind
mit dem, was man versucht.
Frl. Kucerova pflegt mich treulich.
Ich denke viel [daran], wie die Arbeit in Schlesien geht, usw.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
59. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
16. Feb. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
jetzt bin ich wieder bei der Arbeit, drei Tage blieb ich zu Hause, um
endlich die Erkaltung loszuwerden, und jetzt ist sie wesentlich besser
geworden, auch habe ich das Essen etwas besser arrangiert.
Ich hoffe, Sie haben sich nicht erkaltet? Viel denke ich an die Arbeit in
Deutschland und sende meine besten Wunsche, dafi recht viel Gutes erreicht
wird - auch in Holland hoffe ich auf guten Erfolg. Neidisch bin ich aber
auf diejenigen, die gestern dorthin gereist sind! So gerne ware ich auch
mitgefahren.
Heute ist man fertig mit den elektrischen Arbeiten (etwas spat an der
Zeit, diese Anderung), und die Halfte der Geriiste ist schon niedergerissen,
es gibt eine Menge Schmutz, aber schon sieht man Lucifer und das Wesen
recht gut vom Boden aus.
Man sagt mir, es ist schrecklich kalt in Holland, kein warmes Wasser
im Zimmer, nur 2 Decken auf dem Bette, ungeheizte Zimmer und Gange,
Vortragssaal usw., so daft man recht sehr aufpassen mufi, sich nicht zu
erkalten. Ich hoffe, Sie haben das Eucalyptus mitgenommen?
Mit besten Griiflen
Edith Maryon
18. Erst jetzt kann ich den Brief auf der Post abschicken.
60, Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 17. Februar 1921
Meine liebe Edith Maryon!
Unmittelbar vor der Abreise schreibe ich diesen Brief als herzliche
Grufisendung. Es ist alles gut gegangen, nur eben mit der Ausnahme,
dafi so viele Arbeit ist, dafi nicht alles getan werden konnte. Gerne
ware ich in Dornach in dem Atelier; aber es kann eben nur nach
einiger Zeit wieder sein. Von der Schule, die mir so stark auf dem
Herzen liegt, konnte ich leider nur die erste, dritte, vierte, achte und
neunte Klasse besuchen. Daraus ersieht man, wie besetzt die Tage
waren. Und weil noch gleich in letzter Stunde eine Besprechung auf
mich wartet, kann ich nur noch anfiigen die Hoffnung, daft die
Gesundung dort recht gute Fortschritte mache und die
herzlichsten Griifie
Rudolf Steiner
61. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
26. Febr. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich habe von Miss Felkin einen Brief erhalten mit der Bitte, Ihnen zu
schreiben und mitzuteilen, dafi nachsten Dienstag um 6 Uhr abends eine
Versammlung ihrer Freunde stattfindet, und die Sache scheint recht schwie-
rig zu gehen, es scheint sich aufzuldsen - und sie mochte, dafi man an sie
denkt zu dieser Zeit. (Sie kommt wieder her fur kurze Zeit.)
Es ware wahrscheinlich gerade gut, wenn es zu Ende ginge, nicht wahr?
Diese Woche hat man eine recht unerfreuliche Nachricht bekommen
von einer dramatischen Skizze, ausgefiihrt von Studenten, abends im Casino
Basel, eine Karikatur (unter Decknamen selbstverstandlich), der Anthropo-
sophischen Gesellschaft, es ging in alle Details, ohne Witz, aber sehr, sehr
gemein, an Stellen ging es sogar iiber in Blasphemie. Es war aber ganz nach
Basler Geschmack, grower Beifall, grofies Publikum. Einige Dinge waren
recht raffiniert und teuflisch gedacht. (Herr Ith, Frau Dr. Boos, Beatrice
und andere waren anwesend. Ich hoffe, Sie bringen bessere Nachricht
zuriick aus Holland, und dafi die Menschen dort weniger grob sind wie
die hiesigen.)
Ich beschaftige mich mit einer Kiste voll Piippchen und Plaketten fur
St. Gallen.
Ich denke an Ihren Geburtstag morgen und sende wieder viele gute
Griifie
Edith Maryon
Von Frl. Geek Griifie fiir morgen.
62. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
[vermutlich kurz vor dem 27. Februar 1921]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich schreibe diesen Brief als herzliche und beste Grufi-Sendung fiir den
27., alles Gute wiinsche ich Ihnen.
Hier geht die Arbeit vorwarts, in dem grofien Atelier ist alles jetzt
wieder in Ordnung, und Lucfifer] und das Wesen sehen wirklich recht
schon aus vom Boden unten gesehen, obwohl sie natiirlich zu sehr in
Perspektive sind. In dem zweiten Atelier sind heute die Arbeiter, und ich
beschaftige mich vorlaufig mit dem Giefien von Plaketten.
Es wird erst nachste Woche werden, bevor man einziehen kann in die
kleinen Hauser, die Arbeiter sind noch nicht fertig.
Wann denken Sie wieder hierher zu kommen? Werden Sie hier sein
Sonntag in 8 Tagen? Bis jetzt hat niemand Nachricht aus Holland bekom-
men, ich hoffe sehr, dajR die Arbeit dort recht erfreulichen Erfolg hat.
Mit der Gesundung geht es jetzt besser.
Ich hoffe, Sie haben sich nicht erkaltet?
Mit herzlichsten Griifien und Wiinschen
Edith Maryon
63. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Amsterdam, 28. Februar 1921
Meine Hebe Edith Maryon!
Herzlichen Dank fur den Grufi zum 27. Februar. Ich stehe hier
mitten in der Vortragstatigkeit drinnen. 19. abends sprach ich in
Amsterdam, dann jeden Tag programmafiig. Gestern und heute wa-
ren hier Mrs. Drury-Lavin, M. Woolley, Mr. Neel, Mr. Kaufmann,
Mr. u. Mrs. Franklin und heute auch Mr. Collison. Wenn so viel zu
besprechen ist und so viele Vortragstatigkeit, dann bleibt nur wenig
Zeit zum Zu-Sich-Kommen.
Aufier dem Programmafiigen war am 25. in Delft ein Vortrag in
der technischen Hochschule vor den Dozenten und Studenten und
heute abends werde ich hier in der Hochschule zu sprechen haben.
Morgen wird der offentliche Vortrag in Rotterdam sein; am 3.
Maerz soil ich noch aus ganz besonders wichtigen Griinden in Henge-
lo sprechen; am 4. fahre ich nach Stuttgart und hoffe am 6. oder 7.
in Dornach zu sein. Ich freue mich ganz herzlich auf die Dornacher
Atelierzeit.
Hier ist Einiges recht gut gegangen; anderes hatte besser gehen
konnen. Uns fehlen doch eben die eigentlich praktischen Menschen.
Zweigvortrag habe ich nur einen halten konnen im Haag am 27.
Februar. An diesem Tage war dann Nachmittag Eurythmievorstel-
lung und abends der offentliche Vortrag.
Mit der Stimme bin ich bis jetzt ausgekommen. Ich habe sehr acht
gegeben. Aber muhsam ist es doch, allzuoft sprechen zu miissen.
Heute ist nur der Abendvortrag.
Herzlichste Gedanken und Griifie
von
Rudolf Steiner
64. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
19. Marz 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich hoffe, dafi Sie wahrend Ihrer Anwesenheit in Stuttgart die Sache etwas
ordnen konnen? Ich denke sehr viel daran und hoffe, dafi man am richtigen
Orte durchschauen wird, wie furchtbar gemein diese Attacken auf Sie sind,
und wie sie gegen alle Wahrheit verstofien. Unglaublich ekelhaft sind sie,
man fragt sich wirklich, wo die wahrhaft einsichtigen Menschen in Deutsch-
land stecken, und ob es ganzlich fehlt an solchen mit einem breiten Hori-
zont.
Einen Brief habe ich von Mrs. Drury-Lavin erhalten. Erinnern Sie sich,
sie hat einmal iiber einen Admiral geschrieben? Derjenige, der viele Jahre
Ihre Biicher studiert hat, ohne zu wissen, dafi Sie noch leben; und auf der
Briicke seiner Schiffe, als er die Wache halten mufite, trug er in der Tasche
immer Ausziige von Biichern zum Lesen. Jetzt ist er Mitglied geworden,
kommt zum Kursus an Ostern, und bringt seine junge Tochter mit, weil
er sagt, sie sollte wenigstens etwas Vernunftiges horen, bevor die Welt
allerlei Unsinn in ihren Kopf hineinredet! Auch fur sie hat er ein Buch
geschaffen - Ausziige aus Ihren Biichern, und dieses liest sie jeden Abend.
Er hofft auf einige Minuten Gesprach mit Ihnen, nur um zu danken fur
alles, was er gelernt hat durch die Anthroposophie.
Ich hoffe, dafi es mit der Stimme gut geht? Und dafi Sie nicht ubermiidet
sind?
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
65. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 21. Marz 1921
Meine liebe Edith Maryon!
Es ist bisher alles gut von statten gegangen. Die Zeit mufi aber doch
wieder sehr ausgefiillt werden. Das war so von der ersten Stunde
meines Hierseins an. Deswegen konnte ich auch noch nicht schreiben.
Und auch jetzt sind mir nur diese wenigen Zeilen moglich. Im Ganzen
nimmt die anwesende Studentenschaft die Sachen bisher gut auf. Man
hat nur immer das Gefiihl: man kann in so kurzer Zeit den Menschen
so wenig geben, dafi es ihnen doch recht schwierig wird, ein eigenes
Urteil sich zu bilden. Und darauf kommt es ja doch an. Die Schwierig-
keiten, die entgegenstehen sind aber ungeheure. Und gegemiber die-
sen Schwierigkeiten bleibt es eben doch durchaus wahr, dafi wir
wenig, ja zu wenig tun konnen. Man hatte ja so viel damit zu tun,
den Menschen zu zeigen, wie die Gegnerschaft ist. Und das ist ohne
die Aufwendung einer fast unbegrenzten Arbeit gar nicht moglich.
Meine Stimme hat bisher gut durchgehalten. Ich lebe zwischen
den Arbeiten immer wieder in Gedanken an unser Bildhaueratelier.
Das mufi so sein, denn das starkt. Ich werde auch froh sein, wenn
ich wieder dort sein kann.
Nach den Vortragen, die am 23. schliefien, werde ich wohl noch
hier 2 Tage zu tun haben, dann reise ich zuriick.
Allerherzlichste Griifie
Rudolf Steiner
66. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
14. Juni 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sitze eigentlich noch zu Hause, wahrend ein Arbeiter die «Stink-Rohre»
in Ordnung bringt, es ist eine sehr langweilige Arbeit, die man hatte vermei-
den sollen. Ich werde wohl heute die Skizze Herrn Bay geben konnen.
Das Wetter ist kalt und unfreundlich. Gestern hat Frl. Vreede einen
Vortrag gehalten iiber Entwicklung und Geschichte der Mathematik - ganz
interessant. Nachher haben Wachsmuth, Storrer, Pfeiffer und Herr Stadtlin
Fragen gestellt. Wachsmuth hat iiber Klangfiguren gesprochen, Pfeiffer
wollte wissen, inwief ern die alten Agypter ihre Astronomie auf Mathematik
gebaut haben. Er spricht nicht schlecht, aber zu monoton. Von den Mitglie-
dern waren ziemlich viele anwesend, trotz einem starken Regenwetter, von
Aufienstehenden leider nur drei oder vier vielleicht. Dr. Boos war nicht
dabei, ich habe ihn uberhaupt nicht gesehen; bei dem Vortrag Samstag
waren seine Mutter und seine Frau anwesend, Nachricht habe ich keine.
Ich habe einen Brief von Miss Franklin erhalten, sie ladt mich wieder
auf eine kleine Reise ein, vielleicht ware das die billigste Art fur mich, ein
wenig Ferien zu haben, wenn man es nur arrangieren konnte, wahrend
Sie nicht hier sind.
Rosenkrantz hat mir geschrieben und das Sommerprogramm geschickt;
ich habe Ihnen davon drei weitere geschickt und hoffe, Sie haben sie schon
in Handen. Die Preise in England fur elektro-galvanische Abbilder sind
noch teurer als in der Schweiz, so werde ich probieren, wie der Mann in
Locle arbeitet. Die Muster, die ich gesehen habe, waren |adellos, aber sehr
billig doch nicht.
Ich denke viel an die Arbeit in Stuttgart und wiinsche, dafi ich mitmachen
konnte. Hoffentlich ist die Eurythmie-Auffuhrung dort gut aufgenommen
worden? Ich bin sehr interessiert zu wissen, wie die Dinge weitergehen
dort, die Arbeit und die feindlichen Attacken, ich hoffe, dafi durch Ihren
offentlichen Vortrag die Situation sich etwas gebessert hat, solch ein Erf olg
sollte doch eine Anzahl Menschen gewinnen.
Wenn Sie nur nicht notig hatten, sich zuviel anzustrengen, daran
denke ich.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
67. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel [vermutlich Ende Juli 1921]
Sonntag Abend
Sehr verehrter lieber Lehrer,
das Atelier scheint mir sehr leer, es nimmt einen anderen Charakter an,
seitdem Sie abgereist sind. Heute haben die Prinzessin Mallandani und ich
den ganzen Nachmittag damit verbracht, unsere neue Clientele zu besu-
chen. Es war eben amusant zu sehen, wie jede ihr Zimmer ganz anders
eingerichtet hatte, manchmal in sehr charakteristischer Weise. Alle waren
sehr freundlich. Wir wollten namentlich die Anzahl Lampen, Steckkontakte
usw. kontrollieren, weil «Fa. Elektra Birseck» doch mehrere Fehler gemacht
hat in den rosa Heftchen, welche sie uns iibergeben hat, z.B. hat sie das
Badezimmer nach dem Mittelhaus verlegt, statt es in unserem Haus zu
belassen, wo es in Wirklichkeit zu finden ist. Frau Kisseleff war die einzige,
die gleich ihre Miete bezahlt hat. Jede hat sich bemiiht, uns zu iiberzeugen,
wie wenig elektrisches Licht sie benutzten - da werden wir gewifi unsere
ersten Schwierigkeiten erleben, wenn die Zeit kommt, den gebrauchten
Strom auszurechnen und die Kosten zu verteilen.
Nach so vielen Besuchen waren wir miide und gingen Tee trinken in
Herrn Rauchs Speisehalle; nachher besuchten wir die drei neuen Hauser
- sie sind wirklich schrecklich, kein Zimmer hat eine gute Form, fast jedes
hat allerlei Ecken abgebissen und so viel iiberfliissige Eckchen und Winkel-
chen uberall - das Haus ist noch viel schlimmer, auch aufierlich, wie die
anderen. Schade.
Sonst habe ich verschiedenes getan, eine zweite Schokoladen-Dame-
Skizze gemacht - aber sie verursachte mir viel Kummer. Die Entwiirfe
konnten fur eine Wohltatigkeits-Arbeit benutzt werden oder als Dekora-
tion fur eine Schule, aber der Inhalt ist so inhaltlos; was kann man aus
einer Dame, die Schokolade schenkt, machen?
Ich hoffe, dafi Sie keine anderen Schwierigkeiten und Unannehmlichkei-
ten gefunden haben bei Ihrer Ankunft? Ich hoffe, dafi Sie den Eucalyptus
taglich gebrauchen? Und daf5 die Stimme gut aushalt fur Mittwoch; ich
werde angstlich sein, bis ich weifi, dafi dieser Abend gliicklich voriiber ist,
auch dafi Sie nicht zu miide sind. Ich werde sehr viel dariiber denken.
Mit bestem Grufi
Edith Maryon
68. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 30. August 1921
Meine Hebe Edith Maryon!
Es ist mir nur moglich zu schreiben, dafi bis jetzt alles gut gegangen
ist. Die Handwunde heilt regelmafiig ab und der Stimme geht es so
ziemlich. Leider kann ich nur noch Griifie anfugen, denn ich muf?
so gleich zu einem Vortrag.
Herzlichsten Grufi
Rudolf Steiner
69. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Samstag nachmittag auf dem Berg
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Hotel San Salvatore
San Salvatore, Lugano
[vermutlicji Ende August 1921]
ich habe heute keine Nachricht von Stuttgart erhalten und mochte gerne
wissen, wie es jetzt stent mit der Handwunde und mit der Stimme? Es ist
unsicher, ob wir hier bleiben iiber nachsten Mittwoch hinaus oder nicht,
jedenfalls werde ich an der Post dafiir sorgen, dafi ich Brief e richtig bekom-
me. Wenn wir Sonntag oder Montag nichts Besseres finden, dann bleiben
wir hier. Das Essen ist ausgezeichnet, bessere vegetarische Kiiche habe ich
nirgendwo gefunden.
Mrs. Mackenzie schreibt mir von London allerlei Dank fiir Sie fur die
Gastfreundschaft usw. Dr. Mackenzie spricht sich sehr enthusiastisch aus
iiber seinen Dornacher Aufenthalt, er wird auch Ihnen schreiben in 14
Tagen, zu Ihrer Ankunft in Dornach, und ein Buch schicken. Sie fuhlen
sich beide in Leib und Seele schon erholt. Jetzt bereitet sie ihre Weihnachts-
plane vor.
Miss Franklin scheint jetzt auch wieder mehr Interesse zu bekommen
fiir Dornach, sie macht momentan einen langen Spaziergang in der Umge-
bung, wahrend ich schreibe und an den Stuttgarter Ausflug heute denke.
Wir wollen dann Tee trinken im Freien, aber ich weifi nicht, was sie sagen
wird, wenn sie zuriickkommt und entdeckt, dafi wir beide das Wasser fiir
Tee vergessen haben. Ich wage nicht, zu dem Hotel zu gehen und Wasser
zu holen, weil die Kiihe herumspazieren und sicher unsere Kuchen fressen
werden.
Mrs. Mackenzie hat einige Reden von Hegel iibersetzt, sie stehen am
Ende ihres Buches. Auch hat sie Fichtes Rede iibersetzt und wollte sie
drucken lassen anfangs des Krieges, damals aber haben alle Leute gesagt,
das wiirde niemand lesen, so hat sie damit gewartet, und jetzt wird es
wahrscheinlich endlich gedruckt: Es scheint, sie hat meine Ubersetzung
doch lieber wie die von Wedgwood, sie findet letztere eher eine Wiedergabe
eines Buches, das man gelesen hat, als eine eigentliche Ubersetzung, so war
die meine vielleicht doch nicht so schrecklich! Obwohl ich natiirlich nicht
meine, dafi sie erstklassig ware, ich weifi zu gut, dafi das nicht sein kann.
Ich hoffe, dafi keine Plane gemacht worden sind fiir die Zeit des Theolo-
gischen Kursus und des Weihnachtskursus und dafi Sie Ferien fiir die
Stimme nehmen vom 7. Sept. an??? Es wird sicher notwendig sein. Wie
geht es jetzt mit der Stimme? Und, ist man zu miide? Oder versuchen Sie
vielleicht, taglich ein bifichen auszuruhen?
Auf Wiedersehen! Herzlichste Griifie
Edith Maryon
70. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Eugenia, Ruvigliano
Presso Lugano (bis Mittwoch, dann Dornach)
[vermutlich nach dem 30. August 1921 J
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es befriedigt mich zu horen, da& die Handwunde geheilt ist, und ich sende
alle guten Wiinsche fiir die Stimme. Ich freue mich, dafi Sie nicht abgehalten
werden von der Arbeit in Dornach durch die vielen Forderungen nach
Vortragen, die werden immer endlos, und man mufi dock Zeit dazwischen
bewahren, wo man auf atmen kann, besonders nach solch einer anstrengen-
den Arbeit, wie sie die letzten drei Wochen hindurch stattgefunden hat;
sonst wird die Stimme wirklich ganzlich ruiniert.
Gestern haben wir unsere Wohnung gewechselt, die Aussicht von hier
ist ebenso schon, es liegt nicht so hoch und ist etwas weniger grandios,
aber doch wunderbar. Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach
[Ponte] Tresa mit dem Dampfer; heute ist warmes und sonniges Wetter,
es sollte recht angenehm auf dem See sein. Ich erhole mich recht gut! Es
gibt in Lugano sehr wenig Fremde, die «Saison» scheint recht schlecht mit
Ausnahme von Monte Generoso, wohin hunderte von Gasten sich gefliich-
tet haben vor der grofien Hitze im Juli- August, jetzt sind sie aber alle fort.
Bis jetzt habe ich gute Nachricht von Dornach, hoffentlich geht es so
weiter bis ich wiederkomme, gestern schickte ich Bergblumen an Geek
und Kucerova.
Miss Franklin ist sehr guter Laune und scheint sich zu freuen und zu
amiisieren hier. Sie wird wohl nie Anthroposoph werden, obwohl ich mich
bemiihe, zu erklaren, wo ich kann und wo es geht, ihre Aussicht ist noch
zu begrenzt und kleinlich. Schade! Denn sie arbeitet gut, wo sie etwas
versteht.
Ich hoffe, dafi dieser Brief zur rechten Zeit ankommen wird in Stuttgart,
weil ich annehme, Sie reisen spatestens Samstag Morgen nach Berlin. Sonst
werden Sie wohl gar keine Zeit haben fur die Korrektur, und ich weifi,
wie dringend das ist!
Ich sende herzlichste Gedanken
Edith Maryon
71. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 5. September 1921
Meine Hebe Edith Maryon!
Gerne hatte ich fruher geschrieben. Aber die Zeit ist doch voll besetzt.
Die vielen Menschen haben natiirlich alle moglichen Wunsche. Die
Veranstaltungen selbst laufen programmafiig ab. Man braucht aber
mehr Mitarbeiter fiir die Sache. Das lehrt jede Stunde. Ich mufite
jetzt, was mir leid tut, eine ganze Reihe von Vortragen, zu denen
ich so wie zu dem Berliner auf gefordert worden bin, ablehnen. Denn
ich will zu der Zeit, die vorgesetzt war, wieder in Dornach sein. Es
wird mir dann befriedigend sein, wieder im Bildhaueratelier zu sein.
Hier werde ich wohl nach dem Kongrefi ein paar Tage noch sein.
Dann in Berlin. Es wird da wohl doch einige Tage geben, an denen
ich die so notwendigen Bucherkorrekturen endlich aufarbeiten kann.
Meine Hand ist gut. Die Stimme geht so weit. Ich pflege sie
Nun mufi ich zum Vortrage der drei heutigen Morgenredner. Ich
sende die besten herzlichsten Gedanken wie immer
Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstrafie 70
72. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Hotel Pension San Salvatore
San Salvatore bei Lugano
[vermutlich nach dem 5. September 1921]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
das Briefchen ist angekommen, und es freut mich sehr, zu horen, dafi die
Handwunde heilt und ich hoffe, bald wieder weitere Nachricht dariiber
zu horen. Auch wiinsche ich alles Gute fiir die Stimme; macht man immer
zweimal taglich Gebrauch von Eucalyptus? Ich wurde gerne wissen, ob
man etwas Weiteres arrangiert fiir die Weihnachtszeit und hoffe insbeson-
dere, da£ dies nicht geschehen wird 10 Tage nach dem Lehrer-Kursus.
Werden Sie Stuttgart am 8. verlassen? Irgendwo ein bifichen Erholung fiir
die Stimme [suchen]?
Es ist herrlich schon hier, ganz oben am Gipfel, mit Sonne, Warme,
Ruhe und frischer Luft - ich fiihle mich schon erholt. In Dornach habe
ich ein paar kleine Mafiregeln getroffen, die vielleicht ein bifichen beitragen
konnten, Ordnung dort zu halten, dafi alles gut geht.
Miss Franklin sendet Ihnen Griifie, sie ist sehr zufrieden hier, aber
vielleicht bleiben wir hier blofi eine Woche, und dann gehen wir irgendwo-
hin in die Umgebung. Naheres mit Adresse sende ich iibermorgen; man
kann mir aber noch ein- oder zweimal Nachricht schicken hier.
Gleich gehen wir in [mit dem] Funicolare [Drahtseilbahn] nach Lugano
und machen einen Ausflug nach Tesserete, um Umschau in der Stadt zu
machen. Auf Wiedersehen, Ich hoffe, Sie nehmen sich taglich eine kleine
Zeit, um auszuruhen.
Herzlichste Griifie
Edith Maryon
73. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Pension Eugenia
Ruvigliano, Lugano, 12. Sept. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
am Mittwoch reise ich wieder nach Dornach zuriick, ich denke, der Aufent-
halt hier hat mir wirklich gut getan, auch Jeannette findet ihre Nerven
gebessert. Es ist wieder recht heifi geworden, aber nicht so driickend wie
friiher. Ich habe nicht gehort, warm Sie ankommen in Berlin, aber hoffe,
es ist Sonntag, wegen der Korrektur usw. Was wird das Datum Ihrer
Ankunft in Dornach sein, wir haben Sie sehr notig im Atelier. Von Montag
ab, bevor der Theologische Kursus anfangt, Weil Sie dann so in Anspruch
genommen sein werden, daft alles andere zuriicktreten mufi. Ich werde fiir
Montag vorbereiten, in der Hoffnung, Sie kommen.
Wir haben allerlei kleine Ausfliige gemacht in die Umgebung, und ich
bin recht faul gewesen, ich meinte, das sollte eine gute Vorbereitung sein
fiir viel Arbeit wahrend des Winters. Mrs. Mackenzie schreibt mir, sie
bereitet ihre Plane vor fiir den Lehrerkursus zu Weihnachten. Wurde etwas
gesagt oder getan in Stuttgart in dieser Beziehung? Ich bin sehr gespannt,
ob es diesmal gelingen wird, grofieres Interesse fiir die Sache aufzubringen,
etwas Hoffnung habe ich schon, daift dadurch einige geeignete Mithelfer
gefunden werden konnten, wir haben sie so dringend notig; wenn wir sie
dann hatten, konnten die Dinge so wie ein Schneeball wachsen und sich
ausbreiten.
Ich sende allerlei gute Gedanken und Wiinsche auf Erfolg fiir Donners-
tag und Besserung fiir die Stimme.
Jeannette hat einen Freund, der verschiedene interessante Entdeckungen
gemacht hat, unter anderem eine Maschine, [die] den Blinden ermoglicht,
gedruckte Schriften zu horen: sie klingen. Eine andere Maschine klingelt,
wenn der Schatten eines Menschen auf sie fallt. Sie wird mir seine Schrift
schicken, die er geschrieben hat iiber die erste Maschine.
Gibt es irgend etwas Gedrucktes iiber die Forschungen der wissenschaft-
lichen Arbeit in Stuttgart, das ich ihm schicken konnte?
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
74. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Berlin, 13. September 1921
Meine liebe Edith Maryon!
In Berlin eben angekommen, sende ich die herzlichsten Griifie. Ich
konnte leider nicht eher schreiben, da die letzten Stuttgarter Tage
sehr besetzt sein mufiten. Man kann ja gut sagen, man soli das nicht
tun. Aber das geht eben nicht, denn dann versaumt man die eiserne
Pflicht. Dabei geht es mir ja aufierlich ganz gut; Hand und Stimme
sind geheilt. Innerlich sind aber die vielen Sorgen. Und diese Sorgen
werden immer grofier. Der Kongreft ist wirklich aufierordentlich gut
gelungen. Man konnte solch gutes Gelingen nicht erwarten. Aber
dazu kommt nun alles Andre. Dazu brauchte man tiichtige Leute.
Solche, die Umsicht haben und die wirklich fiihlten, dafi die allgemei-
nen Angelegenheiten ihre eigenen sind. Die aber gibt es gerade im
Geschaftsleben gar nicht. Die Leute beschaftigen sich damit, unter
einander uneinig zu werden. Man kommt nur mit den Allerwenigsten
vorwarts. Und diese Wenigen sind eben zu wenig.
Man ladt mich jetzt von alien Seiten zu Vortragen ein; ich mufi
alles hier ablehnen. Zunachst fahre ich Sonntag abends von hier ab,
zuerst nach Stuttgart. Dann so schnell wie moglich von dort nach
Dornach. Es drangt mich sehr wieder im Bildhaueratelier zu arbeiten.
Das ist begreiflich. Am 26. soil doch der theologische Kurs beginnen.
Bis ich ankomme, schicke ich herzlichste Griifie; ich hoffe, dafi
alles gut geht. Dank fur die Briefe.
Auf Wiedersehn
z.Z. Berlin W, Motzstrafie 17 Rudolf Steiner
75. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
16. Nov. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich schreibe nur ein paar Zeilen, bevor ich zur Bank nach Basel fahre.
In der Nacht traumte ich fortwahrend von Goethe, ich weifi nicht
warum, bis ich gegen 4 Uhr aufwachte und [nach-]dachte. Heute ist es
sehr leer im Atelier, man hat jetzt Zeit genug zu denken; mir scheint es,
als ob ich fur lange Zeit «Martha-Qualitaten» nur ausgebildet habe auf
Kosten der «Maria-Qualitaten», und dafi ich sehr einer geistigen Vertiefung
bediirfte, in vielen Richtungen hin. Ich werde versuchen, wahrend Ihrer
Abwesenheit besser in dieser Lime zu arbeiten und zu meditieren. So viel
Mangel und Unzulanglichkeiten, auch Ihnen gegeniiber, kommen mir im-
mer klarer ins Bewufitsein hinein.
Wenn ich nicht zu spat kommen will, mufi ich gleich gehen. Ich hoffe
aber auf viel Erfolg am Samstag und werde viel daran denken, bis ich weifi,
dalS alles gut verlaufen ist in Berlin.
Auch hoffe ich sehr, dafi die Reise nach Norwegen ohne Erkaltung
verlauft, aber das kann man wiinschen, ohne viel Hoffnung auf Erfullung
zu haben. . , _
Mit guten besten GruiSen
Edith Maryon
76. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
18. Nov. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sende Ihnen eine Kopie des Lehrerkursus-Programms fur den Fall, dafi
Sie noch keines bekommen haben. Mrs. Mackenzie hat mir heute geschrie-
ben, dafi sie wenigstens 25 Leute mitbringt, einige haben sich abgemeldet
aus verschiedenen Griinden, andere aber kommen; man wird wohl erst im
letzten Moment wissen, wieviel aus England kommen konnen. Sie be-
kommt von der Bahn Preisermafiigung von £ 2.00 pro Person fur eine
Gruppe von 25 Personen, und das wird helfen; sie sagt, dafi andere wahr-
scheinlich kommen konnen. Sie halt einen Vortrag [iiber] «Education from
a Spiritual Standpoint fur die Anthroposophische Gesellschaft am 24.
November und im Bloomsbury Club, am 7. Dezember [iiber] «Education
as a Fine Art».
Ich bin sehr beschaftigt mit Zimmer bestellen, Zimmer ordnen usw.
Heute besuchte ich Frau Dr. Grosheintz wegen Zimmern und fand sie im
Bette, mit Erkaltung (und einem sehr unvorteilhaften Ausschlag im Ge-
sicht!), sonst sehr freundlich gestimmt.
Mrs. Mackenzie schreibt, Flossie macht gute Arbeit in London und
wird eine kleine Demonstration halten am 10. Dezember.
Sonst ist nicht sehr viel zu melden. Wir haben immer noch nicht die
Ofen im Atelier.
Ich denke sehr an Berlin, und bald an die Reise nach Kristiania, und
wtinsche, es ware mir vergdnnt, auch dabei zu sein. Ich hoffe sehr, Sie
werden sich nicht erkalten bei der grofien Kalte. Ich werde froh sein, wenn
Berlin voriiber ist. Hoffentlich ist es nicht notwendig, Vortrage in Munchen
zu halten? . , _
Mit besten OrulSen
Edith Maryon
77. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Meine liebe Edith Maryon!
Berlin, 19. November 1921
Die Reise ist bisher gut von statten gegangen. Der Stuttgarter Aufent-
halt war ganz kurz und daher mit vieler Arbeit ausgefullt. Erkaltet
habe ich mich nicht. Heute abend wird also der angekiindigte Vortrag
sein.
Fur den Montag friih ist die Abreise nach Norwegen festgesetzt.
Ich hoffe, daft in unserem Atelier alles gut gehe. Ich werde froh sein,
auch wieder dort sein zu konnen. Fur heute nur diese Zeilen und
herzlichen Grufi
^ i. _ , , n Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrafie 17
78. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Meine liebe Edith Maryon!
Berlin, 20. November 1921
Motzstrafie 17
Der offentliche Vortrag in Berlin ist sehr gut voriibergegangen. Es
ist eigentlich ein solcher Vortrag fiir mich nur die geringste Anstren-
gung. Viel anstrengender sind die vielen andern Anforderungen. Und
diese waren bis jetzt nicht wenig. Aber es geht ganz gut. Montag
1/2 10 ist die Abfahrt von Berlin nach Kristiania. Mittwoch abends
dort der erste Vortrag.
Ich hoffe, dafi in unserem Bildhaueratelier dort alles gut geht. Ich
werde wieder gerne nach dieser Reise dort sein.
Einstweilen allerherzlichste Griifie
Rudolf Steiner
79. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
21. Nov. 1921
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es freut mich sehr, dafi alles bis jetzt gut gegangen ist, besonders, dafi Sie
sich nicht erkaltet haben, hoffentlich geht es auch so weiter. Bis jetzt keine
Nachricht iiber den Verlauf des Vortrages und der Eurythmie-Auffuhrun-
gen, ich hoffe auf ruhigen, groften Erfolg.
Beiliegende Briefe habe ich heute von Herrn Fadum erhalten, es scheint,
dafi ich gar nicht die richtige Person getroffen habe, die Interesse haben
wiirde am Verkauf der Eurythmie-Souvenirs! Ich hatte ihm eines geschickt
und zwolf durch Frl. Clason, vielleicht ware es das beste, wenn Frl. C. sie
einfach alle zuriickbringt, weil niemand von unseren Leuten Zeit hat, sich
damit zu befassen, und wenn die Norweger keine Lust haben ...! Nach
meiner Meinung waren sie fur die Norweger geeignet, aber niemand kann
solche Dinge vorauswissen!
Falls Sie nichts dagegen haben, werden zwei Raume in der Schule nach
dem 20. Dezember als Raume fur die Kursteilnehmer arrangiert, wo sie
sich aufhalten konnen zwischen den verschiedenen Veranstaltungen.
Mit herzlichem Grufi
Edith Maryon
80. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Kristiania, 24. November 1921
Oskarsgate 10
Meine liebe Edith Maryon!
Heute will ich nur herzlich danken fur die Briefe, die ich erhalten
habe, auch den mit dem Programm. Die Reise war gut und hier ist
auch alles so weit in Ordnung. Hoffentlich geht dort auch alles gut,
trotz der Anstrengung im Wohnungsuchen fur den Weihnachtskurs.
Ich hoffe in diesem Kurse noch manches Padagogische weiter auszu-
bauen, was besonders fur die Art von Zuhorern wird wichtig sein,
die kommen. Nun noch herzlichste Griifie in unser Atelier von
Wohnung ist: Kristiania Oskarsgate 10 Rudolf Steiner
Anthroposofisk Sels Kap.
81. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
[vermutlich 26. November 1921]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich habe gehort, es war tiefer Schneesturm am 21.-22. und hoffe sehr, dafi
Sie gut angekommen sind in Kristiania, ohne sich zu erkalten? Auch hoffe
ich, die Norweger haben nicht einen Vortrag im Wartesaal des Bahnhofes
fur Ihre Ankunft angesetzt, sie hatten wohl die Zeit ausgeniitzt, falls sie
beizeiten erfahren haben, dafi Sie einen Tag friiher ankommen wiirden!
Der Ofen ist heme im Atelier angekommen, er heizt recht gut, sieht
aber aus wie ein Riesentier, sonst ist er nicht unangenehm, nachdem man
sich erholt hat von dem ersten Schock.
In den Hausern ist immer noch viel zu tun, ich bin jetzt Schreiber,
Hausmaler, Naherin und sonstiges geworden und werde nicht unzufrieden
[sein], wenn ich alles in Ordnung habe Ende der nachsten Woche.
Zwei von den wichtigsten Mannern unter den Leuten, die Mrs. Mac-
kenzie mitbringen wollte, haben zu viel Arbeit zu Weihnachten und konnen
deshalb dann nicht kommen, kommen aber spater. Ware es moglich, einen
anderen Kursus an Ostern oder Pfingsten zu halten? Ich weifS nicht, wieviel
Ferien man hat in England zu Pfingsten, an Ostern ist es gewohnlich von
10 Tagen bis 3 Wochen, je nachdem; zu Pfingsten wohl nicht langer.
Keine Nachricht von Kristiania ist bis jetzt in Dornach angekommen.
Ich hoffe, man stellt nicht allzuviele Anforderungen dort?
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
82. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Kristiania, 3. Dezember 1921
Meine liebe Edith Maryon!
Leider war doch hier so viel Arbeit, dafi ich die vergangenen Tage
hindurch nicht an das Schreiben kam. Aber die Tage haben mir keinen
Schaden getan. Die Vortrage waren gut besucht. Und man kann nach
dieser Richtung sehr zufrieden sein. Diesmal hatte ich auch keine
Stimmermudung. Die Eurythmie ist vom Publikum gut, von der
Zeitungskritik ganz schauderhaft aufgenommen worden. Ein
schreckliches Geschimpfe ging da los. Nun, das macht alles nichts.
Aufier den im Verzeichnis angegebenen Vortragen hielt ich noch
einen besonderen Dienstag Mittag fur den theologischen Studenten-
verein und noch einiges fur unsere Mitglieder.
Auch mufite man hier nach Landesgebrauch mit den Leuten nach
den Vortragen noch etwas zusammensein. Mittwoch mit den Staats-
okonomen; Donnerstag bei einem Dozenten, Freitag bei den Stu-
denten.
Aber wie gesagt, aufier dem Zeitungsgeschimpfe ging alles gut,
ohne Erkaltung. Ich denke viel an unser Atelier und werde froh sein,
wieder dort zu sein. Ich denke, es wird am 11. sein. Friiher glaube
ich, wird es nicht gehen. Einstweilen herzlichste Griifie, hoffentlich
geht es gut
Rudolf Steiner
Am 6. Abends Berlin. 7. Dez. Berlin Zweigvortrag. 9. Stuttgart
83. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Sonntag Nachmittag Dornach bei Basel [vermutlich Januar 1922]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
gestern habe ich die 2 vorgesehenen Spaziergange gemacht, und es ist gut
gegangen, Heute bin ich 5 Mai um das Haus herum und werde wohl heute
um 4 1/2 das gleiche tun, weil auf der Strafie allzu viele Sonntagspazier-
ganger spazieren.
Heute Morgen haben die Vereine der Kantonalen Feuerwehr (Delegierte
des ganzen Kantones) den Bau besucht unter Leitung von Herrn Aisenpreis.
Sie haben nachher herzlich gedankt und gesagt, dafi sie recht zufrieden
sind, ordentlich iiber die Sache unterrichtet zu sein, und mochten nur, dafi
viele andere dasselbe auch wissen konnten. Das hat mir Frl. Bauer so
erzahlt. Weifi nicht, ob es wortlich stimmt oder nicht. Heute Nachmittag
haben die Leute eine Sitzung, so dafi es wertvoll war, dafi sie kamen.
Das Wetter ist immer noch herrlich. Ich denke sehr an die Stuttgarter
Veranstaltungen, besonders im Siegle-Haus und hoffe, daft man recht viel
acht gibt, sich nicht wieder zu erkalten.
Ich hoffe, daft die Reise eine recht gute war; der Sonnenuntergang war
sehr schon. Allerherzlichste Griifie
Edith Maryon
84. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Sonntag Abend Dornach bei Basel [vermutlich 15. Januar 1922]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
morgen Abend sollte der Vortrag in Miinchen stattfinden; ich werde so
zufrieden sein, wenn ich die Nachricht bekomme, dafi alles gut gegangen
ist, dafi der Vortrag gliicklich voriiber ist, und dafi Sie die Stadt verlassen
haben. Bis ich Nachricht bekomme, mufi ich viel daran denken.
Von hier ist nicht sehr viel zu melden. Man iibt sehr viel in der Schreine-
rei, ich schnitze fleifiig (in kleinen Portionen) an dem Christus-Kleid und
mache dazwischen andere Arbeit. Bis jetzt ist keine Nachricht von England
gekommen. Gestern Abend sind 6 Englander abgereist, darunter Miss Wil-
son, die telephonisch bei Mrs. Mackenzie anfragen will, ob es Nachricht
gibt und dann morgen Mrs. Drury-Lavin telegraphieren will. Falls eine
Einladung abgeschickt worden ist, will Mrs. D. L. nach Mannheim fahren,
um dort bei Frau Dr. [Marie Steiner] Verschiedenes zu fragen. Ich glaube,
in bezug auf Wohnung usw. hat Mrs. Mackenzie Sie eingeladen, falls nichts
anderes von den Mitgliedern arrangiert ist. Das heifit, sie hat mir das gesagt,
als Vorbereitung nur.
Ich las gerade jetzt den Aufsatz iiber Steffen, es liest sich eben noch besser
im Druck, vielleicht weil man im Druck schneller zusammenfassen kann.
Das Wetter heute ist wunderschon gewesen, mit blauem Himmel, tiefem
Schnee und Frost. Ich habe viele Leute mit Ski und Schlitten gesehen, die
die Zeit auszuniitzen gedenken. Ich hoffe sehr, das Sie sich [nicht] erkaltet
haben werden, noch die Stimme iibermudet? Hier ist es gut, aber langweilig!
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
85. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 18. Jan. 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Mrs. Dniry-Lavin hat mich heute im Atelier besucht. Sie sagt, sie habe
soeben ein Telegramm bekommen mit der Nachricht, dafi man Ihnen eine
Einladung geschickt hat. Weitere Details gibt es vorlaufig nicht. Sie war
sehr unsicher, ob sie nach Mannheim fahren sollte, Verschiedenes mit Ihnen
und mit Frau Dr. [Marie Steiner] zu besprechen, ist aber schliefilich zu
der Ansicht gekommen, dafi es besser ware, sofort nach Hause zu fahren
und iiber eine mogliche Zusammensetzung eines Programms mit Mrs.
Mackenzie zu sprechen, und dann zu schreiben, oder falls es notwendig
erscheinen sollte, wieder hierher zu kommen anfangs Februar. Ob sie das
nach weiterem Nachdenken wirklich ausfuhrt, weifi ich vorlaufig nicht!
Hier ist viel Aufregung wegen Herrn Stutens Grippeanfall; er liegt in
der Klinik, aber ich glaube, es geht ihm nicht schlecht, aber ob er baldigst
spielen kann . . . ?
Wir haben viel Schnee, und wechselweise Fohnwind und mehr Schnee,
so dafi der Ausblick fast immer der gleiche ist, iiber eine schneebedeckte
Landschaft, und auf das Atelierdach fallen fortwahrend die Eiszapfen.
Anwesend war ich nicht - aber ich hore, der Vortrag im Bernoullianum
ist gut besucht gewesen, mit guter anschliefiender Diskussion; es wurden
verniinftige Fragen gestellt, und beantwortet.
Ich bin recht dankbar, dafi alles gut gegangen ist in Miinchen. Frankfurt
ist mir auch unangenehm, aber ich hoffe sehr, dafi Sie keine Unannehmlich-
keiten hatten dort. Ich hoffe zu horen, dafi alles gut gegangen ist, und dafi
Sie weder erkaltet sind noch Stimmermiidung haben? Und dafi Sie nicht
iibermiidet sind?
Mir geht es gut, ich denke nur, auf welche Weise ich Geld fabrizieren
sollte - aus dem Nichts heraus, um mir ein Billet usw. nach England zu
verschaffen! Am liebsten ware es mir, ein altes Kunstwerk zu verkaufen,
und auf diese Weise meine Kosten zu bestreiten; aber das ist nicht so leicht.
Mit besten Griiflen
Edith Maryon
86. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Mannheim, 19. Januar 1922
Meine liebe Edith Maryon!
Vielen Dank fur den in Stuttgart empfangenen Brief. Bis jetzt ist
alles ganz gut gegangen, sowohl mit den Vortragen wie auch mit der
Gesundheit. Heute ist in Mannheim ein Zweigvortrag, morgen der
offentliche. Sonntag fahre ich nach Koln. Natiirlich war in Stuttgart
wieder etwas viel zu tun. Aber das ist ja unter den gegenwartigen
Verhaltnissen doch eine Notwendigkeit. Es ist so viel zu ordnen.
Die Leute haben den besten Willen, nicht viele Sitzungen zu halten;
aber, was nicht gemacht wird, fehlt dann doch.
Ich habe auch nun noch nichts von England gehort. Von den
Adressen mochte ich angeben, was wenigstens bestimmt scheint.
Koln ist Monopolhotel; Hannover Hotel Bristol, Bremen Hotel Al-
berti, Hamburg Atlantic-Hotel, Dresden Hotel Bellevue.
Nun kann ich nur noch sagen, dafi ich besonders viel an unser
Atelier denke; bitte sich nicht uberarbeiten; ich werde befriedigt sein,
wenn ich wieder im Atelier werde arbeiten konnen.
Fur heute noch die herzlichsten Griifie.
Rudolf Steiner
87. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
19. Jan. 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Heute habe ich diesen Brief von Mrs. Mackenzie erhalten. (Bitte mir zu-
riickgeben!) Wiirden Sie bitte so freundlich sein, auf folgende Fragen zu
antworten?
1. ) Ob Sie und Frau Doktor lieber etwas aufierhalb von Stratford woh-
nen wollen, bei einflufireichen Leuten (Sie werden mit Auto hineingefahren
nach Stratford, so oft Sie wollen) oder mehr einfach in der Stadt selber?
2. ) Welchen von den 4 Vorschlagen fur einen Titel fur den Sommer-
Kurs halten Sie fur wiinschenswert? (Die Leute in England plagen sich
sehr mit dieser Frage.)
3. ) Was soli man sagen betreffend Ubersetzung Ihres Vortrags? Sollte
man vielleicht abwarten? Weil es nur ein Vortrag in Stratford ist, ist der
Ubersetzer ziemlich wichtig!
4. ) Welchen Ort finden Sie am wiinschenswertesten fur den Sommer?
Durham kenne ich nicht, aber es ist eine schone alte Stadt, mit guter
Schule. Ich habe einen Neffen dort. Oxford und Cambridge kennen Sie
schon, Oxford ist vielleicht besser als Cambridge. Southampton - der Ort
liegt ein bifichen aufierhalb von der Stadt - ich kenne die Stadt und auch
Menschen, die in der Gegend wohnen, einflufireiche Leute, sie haben ihr
Schlofi an Kaiser Wilhelm geliehen, als er 6 Wochen in England wohnte! !
Ich habe oft auch dort gewohnt! Aber nicht zu gleicher Zeit! Da stehen
verschiedene Bildhauerwerke von mir. Ich habe die ganze Familie viele
Jahre gekannt, und werde sie diesmal in London aufsuchen, falls ich zu
Ostern auch mitfahren kann. Wenn sie nur Interesse haben wiirden, konn-
ten sie der Arbeit in England viel helfen. Sie alle sprechen Deutsch. Der
Schwager sitzt im Volkerbund, Sir Rennell Rodd heifit er; ich habe Ihnen
schon manchmal von ihm gesprochen.
Ich hoffe, Sie werden Zeit finden, auf meine 4 Fragen zu antworten?
Obwohl ich weifi: Fragen sind eine Plage, und Sie werden damit nie in
Ruhe gelassen. Aber Mrs. Mackenzie und die anderen werden sehr dankbar
sein, wenn ich Auskunft geben konnte.
Dafi der Vortrag in Frankfurt gut gegangen ist, hoffe ich sehr - ohne
Stimmermiidune oder Erkaltune? ... , _
° ° Mit besten GrulSen
Edith Maryon
Haben Sie die Einladung bekommen - oder liegt sie in Villa Hansi?
Mrs. Mackenzie sagt kein Wort von Eurythmie. Ich werde noch nach
Moglichkeiten dafur fragen, wenn nicht hier, dann in London.
88. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
23. Jan. 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich hatte vor, erst morgen zu schreiben, aber Flossie hat einen Brief von
Mrs. Drury-Lavin erhalten mit der Bitte, ihn mir zu zeigen. Es scheint,
dafi sie zu Hause angekommen ist und dort feststellen mufite, dafi eine
Sitzung einberufen worden war von Mr. Dunlop und Miss Osmond, ohne
dafi man sie vorher benachrichtigt hatte, dafi die Sitzung stattfinden sollte.
Einige andere waren auch dabei, als Mrs. D.-L. leise, miide und schmutzig
von der Reise, angekommen ist, und dabei einen grofien Choc erfuhr! Sie
haben namlich beschlossen, dafi Miss Osmond eine Wohnung fur Sie und
Frau Doktor mieten und ihre ganze Zeit, wahrend Sie in England sind,
Ihnen widmen sollte. Natiirlich wurde dann das Ganze eine theosophische
Pragung bekommen, und die wissenschaftliche und erzieherische Atmo-
sphare, die man mit Miihe geschaffen hat, ware dann einfach weg!
Mrs. Drury-Lavin hat protestiert: man musse wenigstens Mrs. Macken-
zie konsultieren und hat endlich erreicht, dafi man eine Woche abwartet.
Ich habe Ihnen schon gesagt, daiS Mrs. Mackenzie Sie aller Wahrschein-
lichkeit nach in die Barsell Rd. einladen wird, falls nicht die anderen Mitglie-
der zu starke Anspriiche stellen. Ich hoffe, sie wird jetzt eine offizielle
Einladung schicken, wiirde Ihnen das angenehm sein? Ich habe ihr einen
kleinen Brief geschrieben, habe aber versucht, sehr vorsichtig zu schreiben.
Das ganze sieht aus wie ein Coup von seiten Miss Osmonds und Mr.
Dunlops; er erscheint fast nie in dem Zweig und wollte nur, so scheint
mir, die Plane von Miss Osmond durchsetzen gerade dann, wahrend Mrs.
Drury-Lavin, M. Kaufmann und die anderen, die arbeiten, alle abgereist
waren, und dies hatten sie schon erreicht, wenn nicht Mrs. Drury-Lavin
gleich nach ihrem Besuch bei mir im Atelier abgereist ware. Miss O. [Os-
mond] scheint andere nicht sehr wunschenswerte Tatigkeiten zu entfalten,
diesmal auf medizinischer Seite; Flossie hat mir einen Brief an Miss O.
gezeigt, eine Antwort an Mrs. O. iiber die Krankheit Miss Burnetts, weil
sie wissen wollte, ob sie sich richtig ausgedriickt hat auf Englisch. Es scheint
mir, als ob Miss O. den Arzten gegeniiber nicht auf richtige Weise ein
wahrheitsgetreues Bild geschaffen hat von der Art und Weise, wie Sie nur
im Zusammenhang mit Berufsarzten irgendwelchen Rat geben konnen.
Ich glaube Zeit zu haben, um Sie in Hannover zu erreichen. Sonst ist
nicht viel zu melden. Hoffentlich geht es mit der Gesundheit gut? Hier
ist es leer und langweilig, aber [es gibt] genug zu tun.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
Ich dachte, es sei besser, obige Geschichte mitzuteilen; es sieht wie eine
Intrige aus, was natiirlich unangenehm ist.
89. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach, 25. Januar 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich hoffe, dafi Sie einen Brief, an Hotel Bristol, Hannover, adressiert,
bekommen haben?
Ich habe weitere Nachricht aus England, aber nicht direkt; es scheint,
dafi nachdem Flossie an Miss Osmond geschrieben hat, dafi Leute, die
etwas von Ihnen wollen, direkt an Sie schreiben mussen. (Ob es in Wirklich-
keit damit zusammenhangt, weifi ich nicht, weil man vorsichtig damit sein
mufi, was Miss Osmond sagt!) Vielleicht hat sie mit Prof. Jack doch nichts
zu tun.
Jedenfalls erzahlt mir Flossie jetzt, dafi Mrs. Kaufmann einen Brief von
Miss Beverley bekommen hat, worinnen steht, dafi Prof. Jacks vom «Hib-
bert Journal» Ihnen geschrieben hat, um Aufsatze fur das Journal zu erbit-
ten - auch will er um ein « Interview* mit Ihnen bitten (ich weifi nicht ob
hier oder in Deutschland), weil er Sie einladen mochte, in Oxford zu
sprechen. - Flossie denkt - ist aber nicht ganz sicher- bei einem Hochschul-
kurs, der dort stattfinden sollte. Ich erwahne dieses nur, weil es doch
interessant ist, und die Einkdung wahrscheinlich in Villa Hansi mit noch
allerlei anderem liegt. Falls es wahr ist: Etwas besseres konnte man nicht
wiinschen! Ich dachte vielleicht, es ware gut, dafi Sie dieses jetzt wissen
wegen der Wahl [der Orte] fur den Sommerkursus in England. Vielleicht
konnte es aber auch eine Verwechslung sein mit unserem projektierten
Kurs.
Es scheint, dafi Miss Osmond angibt, dafi sie es bewirkt hat, dafi Prof.
Jacks den Artikel genommen hat, der im «Hibbert Journal* vom Juli er-
schienen ist, aber wie Sie wissen, war es von Anfang an meine Idee, und
ich habe ein «Hibbert-Journal» von England kommen lassen, und dafi es
dann arrangiert worden ist, durch M. Courtney. Die Nachricht, dafi der
Artikel akzeptiert worden ist, hat er mitgeschickt. Diese beiden Briefe
besitze ich noch. Es scheint mir, dafi Miss O. intrigiert.
Ich werde wahrscheinlich nur noch nach Dresden schreiben, weil ich
hoffe, bis dann Nachricht zu erhalten.
Wann denken Sie in Dornach anzukommen? Kann man auf Freitag
nachster Woche hoffen? Ich hoffe sehr, dafi die Gesundheit nicht leidet
unter den vielen Anstrengungen? Es schneit wieder und ist ziemlich kalt
hier. Ich schnitze was ich kann, aber vorsichtig, mache Ordnung in den
Hausern und hier und flicke alle meine alten Kleider.
Auch lese ich die religiosen Vortrage, die hochst interessant sind, und
wiinsche, dafi es schon Februar ware.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
90. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Berlin, 27. Januar 1922
Meine liebe Edith Maryon!
Leider bin ich noch nicht in den Stand gekommen, die vier an mich
gestellten Fragen zu beantworten. Und wenn ich noch warte, dann
kommt kein Brief zu stande, der sagt, daft es bis jetzt sehr gut mit
allem gegangen ist. Jetzt habe ich 2/3 der Vortrage hinter mir; meine
Gesundheit hat sich auch gut gehalten. Von Hamburg aus, wohin
jetzt die Fahrt geht, beantworte ich dann die vier Fragen. Nur das
eine mochte ich fur heute sagen, dafi das Wohnen auf dem Lande
bei vorhandenem Auto ja ganz gut geht, wenn es wegen der Leute,
die da wohnen, der Sache dienen kann. Mit dem Geschaftigmachen
von Osmond etc. wird die Sache wohl bestimmt verdorben; doch
laftt sich dariiber vielleicht nur mundlich verhandeln. Fl[ossy] ist
jedenfalls auch nicht die beste Vermittlerin. Fur heute nur noch
herzlichste Griifie von, denn die Zeit drangt sehr
Rudolf Steiner
91. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
27. Jan. 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich habe keine Nachricht seit Mannheim und hoffe sehr, dafi alles gut geht
mit der Gesundheit? Es ist sehr anstrengend so viel zu reisen mit taglichen
Vortragen und sonstigem ohne Ruhepause. Ich wiinschte, dafi ich wiifite,
wie alles geht; aber Sie haben sicher gar keine Zeit fur sich.
Hier geht alles verhaltnismafiig gut, aber langweilig. Ich kann aber nicht
viel schnitzen auf einmal, ich konnte viel mehr tun, bekomme aber Schmer-
zen und mufi dann aufhoren, weil es dumm ware, etwas kaputt zu machen,
sonst wurde ich es riskieren.
In England geht es ein bifichen toll zu. Statt sich zu freuen, dafi Sie
uberhaupt kommen, und das Wiinschenswerte selber zu tun, denken sie
nur an ihren eigenen Vorteil, und daran, so viel wie moglich auszuniitzen,
und storen alles, was vorbereitet war von anderen Menschen. Statt die
Friichte jetzt an sich zu reifien, warum haben sie nicht friiher bei der Arbeit
geholfen? Ich bin wirklich etwas emport. Ich schicke eine Kopie von einem
Teil eines Briefes von Mrs. Mackenzie, der heute angekommen ist.
Vielleicht mufi man die Eurythmie auslassen bis August. Ich habe gera-
ten, dafi Collison hierher kommen sollte im Februar, falls er dann vernunftig
sein wird, hat man doch ein bifichen Zeit vox Ostern. Ich bin eingeladen
bei Mrs. Mackenzie und auch bei Mrs. Drury-Lavin, es wird aber wohl
nur Platz fur mich da sein, wo Sie nicht sind! Meine Schwester wird wohl
in London sein, aber nur vor Ostern.Alles lauft in der Unbestimmtheit!
Mittlerweile wunsche ich, es ware eine Woche spater! Ich hoffe, dafi
Sie fertig sind mit Stuttgart! w i i- i ^ - n
° Mit herzlichen Grulsen
1 Brief Hannover, 1 Brief Bremen Edith Maryon
92. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Dresden, 31. Januar 1922
Meine liebe Edith Maryon!
Nun schreibe ich doch erst von hier aus statt von Hamburg. Aber
es geht eben wegen der langen Reisen doch nicht leicht, die Zeit zu
finden. Es ist bis jetzt alles gut gegangen: mit den Vortragen und mit
der Gesundheit. Alle Sale waren sehr grofi. Es ist nun der Morgen
nach Dresden und heute abends Breslau. Ich will nun am 2. Januar
[Februar] iiber Stuttgart zuriickfahren. Hoffentlich macht der Eisen-
bahnerstreik keine Hindernisse. Oft bin ich mit meinen Gedanken
in dem Atelier und sehne mich sehr darauf, es wieder aufierlich
tatsachlich zu sein. Es wird manche Details von dieser Reise zu
erzahlen geben; die Aufnahme war bisher durchaus gut von seiten
des Publikums. Natiirlich kann man durch einen Vortrag nicht viel
tun. Man kann nur eine Anregung geben. Man ist eigentlich immer
im Anfange der Arbeit.
Und nun beziiglich der vier Fragen: die erste habe ich schon
beantwortet. Man kann ganz gut aufierhalb der Stadt wohnen, wenn
ein Auto vorhanden ist. Beziiglich des Vortragstitels scheint mir am
besten: Spirituelle Werte in der Erziehung. Doch ist mir jeder andre
auch recht. Besonders auch Erziehung als ein Weltproblem.
Was den Ubersetzer betrifft, so sollten das doch die Leute dort ent-
scheiden. Es wird doch kaum jemand besser als Kaufmann ubersetzen.
Der Ort fur den Sommer sollte nach den dortigen Bediirfnissen
festgestellt werden; ich habe dariiber keine Wiinsche.
Es scheint nun, dafi man auch da mit sektiererischen Neigungen
zu kampfen hat. Mir ist das sehr zuwider. Es sollte doch alles unab-
hangig von den Gewohnheiten der theosophischen Gesellschaft ein-
gerichtet werden.
Ich habe den Brief nach Bremen bekommen. Und danke sehr
dafiir. Die Sache geht allerdings darauf zuriick, daft ich nicht Flossy
als Vermittlerin von Briefen wollte und ihr einmal sagte: man mufi
mir direkt schreiben. Nicht wahr, es ist dies zu verstehen; es bezieht
sich ja alles, was ich sage, immer auf den einen konkreten Fall. Ich
mochte Genauigkeit in den Sachen haben, und die Geschichte mit
dem Artikel in Hibbert Journal beweist dies. Ich sagte also dieses
nur fur den betreffenden Fall.
Auch den Brief nach Hannover habe ich bekommen, kann aber
jetzt nur noch herzlichste Griifie anfugen, denn bald geht mein Zug.
Genau zu sagen, wann ich ankomme, ist doch von hier aus nicht
moglich. Ich komme sobald es geht. Wie gesagt, hoffentlich macht
nicht ein Eisenbahnerstreik einen Strich durch die Rechnung. Gestern
wurde mir hier schon ein Auto fur diesen Fall angeboten. Nun hof-
fentlich brauche ich es nicht, denn so etwas macht sich doch
schwien.2.
Auf baldiges Wiedersehen
Rudolf Steiner
93. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
1. Marz 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer!
Olga hat mir gerade diesen Brief von Mrs. Mackenzie heraufgebracht. Ich
habe den Brief gelesen; leider ist es diesmal mit der Eurythmie aus, aber
weil es doch nicht hatte richtig durchgefuhrt werden konnen, ist es vielleicht
doch besser, Oxford abzuwarten; man wird dann wirklich etwas ordentli-
ches zustande bringen konnen. Es tut mir doch etwas leid. Sonst ist keine
Nachricht gekommen.
Heute haben wir den Ahriman herausgeschafft und angefangen mit der
vorbereitenden Arbeit, urn den Luzif er hiniiberzuschaff en - Geek natiirlich
hat sich dagegen gestraubt und zuerst an Sonderegger und dann an Aisen-
preis appelliert, aber vergeblich, weil das, was ich angeordnet habe, das
einzig richtige war. Sie hat sich dann gefiigt!
Gestern war ich in Basel und. heute gehe ich urn 5 Uhr zur Post, und
meine Stiefel bei «Vater» abholen!
Das Atelier sieht furchtbar aus, die allergrofite Unordnung iiberall, und
4 Arbeiter darinnen. Es wird noch eine Weile dauern.
Ich hoffe, Sie sind nicht allzu miide? Die letzte Zeit war wirklich ganz
schrecklich.
Wenn Sie nur recht viele Ferien nehmen in Berlin! Dann wiirden Sie
vielleicht Zeit gewinnen, um einen Aufsatz fur den Hibbert zu schreiben?
Aber nur, wenn es recht viele freie Stunden gibt. Sonst ware es schade und
keine Freude.
Ich hoffe, dafi die Vortrage in Halle und Leipzig recht gut gegangen
sind, und viel besucht wurden. Auch mochte ich gerne wissen, dafi es viel
ruhige Zeit gibt in Berlin; die Leiter von Tag zu Tag werden wohl nicht
wieder erscheinen, sobald ihr eigener Tag voriiber ist! Vielleicht werden
sie sogar begraben.
Mit herzlichen Griifien
Edith Maryon
94. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
3. Marz 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer!
Hiermit iibersende ich Ihnen das Programm fur Stratford. Vorlaufig gibt
es keinen «chairman» fiir Sonntag, weil Mrs. Mackenzie auf Lord Haldane
hofft. Wir werden sehen. Auch lege ich das vorbereitende Programm fur
Oxford bei. Bitte zuruckbringen, sie sind meine einzigen Exemplare!
Hat Frau Doktor sich entschlossen, nach Stratford zu gehen, jetzt, da
es keine Euiythmie gibt? Ich frage wegen der Verteilung der Zimmer; aber
inoffiziell selbstverstandlich.
Meine Schwester schreibt mir, dafi Frank vielleicht ein Pfarrhaus bei
Oxford haben wird fiir August; wir werden dann auch etwas mitmachen
konnen. Es ist also noch nicht sicher, aber ich hoffe darauf (obwohl, ob
ich anwesend sein kann, sehr unbestimmt ist).
Gestern haben wir zehn Arbeiter im Atelier gehabt! Heute ist der zweite
Luzifer-Block glucklich heruntergeholt worden, es geht aber langsam und
vorsichtig, weil die Arbeit schwierig ist.
Miss Lewis mochte das ganz kleine Zimmer von Herrn Imrie mieten,
es mufi gestrichen werden, weil es sehr schmutzig ist. Ich habe dariiber
nachgedacht und die Arbeit bestellt, unter der Bedingung, dafi, falls Sie
unzufrieden sind, Miss Lewis die Kosten ubernimmt, die sich auf ungefahr
90 Frs. belaufen. Sonst ist nichts Besonderes zu melden. Es gibt viel Arbeit,
auch recht viel Schmutz; ich werde recht froh sein, wenn alles am Platz
steht, und Sie wieder hier bei der Arbeit sind. Ich arrangiere die Dinge so,
dafi moglichst viel Platz gewonnen wird im Atelier fiir Ihre Statue, ich bin
darauf sehr gespannt.
Ich hoffe, dafi Sie recht viel freie Zeit gewinnen in Berlin, und dafi Sie
es nicht notwendig finden, vielen Vortragen beizuwohnen, Auch hoffe ich,
dafi es der Gesundheit und der Stimme gut geht?
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
95. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Meine liebe Edith Maryon!
Leipzig, 4. Marz 1922
Bisher ist alles gut gegangen mit meinen Vortragen; Halle sowohl
wie gestern in Leipzig, wo die Leute wieder Angst hatten, es konnte
zu einer Stoning kommen. Es war aber alles ganz ordentlich. Nur
mufite ich die Konzession machen, Fragen zu beantworten, was aber
auch ganz gut ging; nur eben bis 11 Uhr dauerte. Ebenso geht es mit
der Gesundheit ganz gut.
Die Eurythmie-Vorstellung in Leipzig wurde ja allerdings weniger
gut aufgenommen; man sieht da doch, wieviel Opposition wir haben.
Es tut mir leid, dafi im Atelier so viel Unordnung und folglich so
wenig Ruhe ist. Herzlichen Dank fur den Brief mit der Beilage von
Mackenzie. Vielleicht ist alles so doch am besten, wenn die Euryth-
mie-Vorstellung hinausgeschoben wird.
Wir wollen sehen, wie bei uns alien diese Reise im April wird.
Heute habe ich hier noch zu Studenten zu sprechen, dann fahre
ich abends nach Halle und morgen nach Berlin. Dort werde ich ja
natiirlich nicht alles mitmachen. Es wird auch von vielen als ein
uberladenes Programm empfunden.
Nun noch die Versicherung, daf$ ich gerne im Atelier ware und
herzlichste Griifte
Rudolf Steiner
96. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Sehr verehrter lieber Lehrer!
Bildhauer Atelier, Goetheamim
8. Marz 1922
Ich sende hiermit einen theosophischen Brief, der fur Sie gekommen ist.
Heute ist der vierte Luzifer-Block hinubergebracht worden, und bis
morgen Abend hoffe ich, etwas Ordnung im Atelier wieder herzustellen.
Es ware doch unmoglich gewesen, dafi Sie wahrend dieser Zeit hier hatten
arbeiten konnen. Ihre Ecke mit Tisch und allem ist vollstandig geraumt
gewesen, und man hat dort eine Art Bahn gebaut, worauf die Blocke fahren
konnten; und wo Ahriman gestanden hat, steht jetzt ein Wald von Balken
Ju
{f-ud^£ O^c*^ , SQ/L^. A-i^l iZ-lt^. j^c^ii
T
^ u/ ^^^^
^ A^T ^A-- JT*7*~ ^ ^
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 63a Seite:91
und Stangen usw.; das Mobiliar vom Atelier und die Modelle sind alle
aufgetiirmt in den Ecken. Es ist recht ungemiitlich, aber notwendig. Dazu
kommen von vier bis zu zehn Arbeiter - (ich helfe mir etwas mit Kolnisch
Wasser, um die Luft zu verbessern!). Auch sind von Zeit zu Zeit alle Tiiren
offen. Aber bis Ende der Woche wird alles wieder schon; ich rechne auf
nachsten Dienstag, oder spatestens Mittwoch. Ich bin sehr froh zu horen,
dafi alles doch gut gegangen ist bei den Vortragen in Leipzig. Ich mochte
weiteres davon horen und auch etwas iiber die Eurythmie erfahren.
Ich hoffe, dafi Sie nicht viele Vortrage gehort haben von diesem Pro-
gramm ... [siehe Zeichnung, Faksimile S. 90], und dafi Sie dadurch etwas
Zeit gewinnen fur andere Dinge. Ich hoffe sehr, dafi alles gut geht mit der
Gesundheit, und dafi Sie wiederkommen Dienstag oder Mittwoch??
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
97. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Bildhauer Atelier, Goetheanum
9. Mai 1922
es scheint mir sehr lang bis zum 24.! Aber ich bin sehr fleifiig, aufier allerlei
anderen Sachen habe ich einige Skizzen halb fertig gemacht von den ver-
mummten Figuren mit Ahriman und Strader aus dem Hiiter der Schwelle,
es ist sehr spafiig zu machen! Ich weifi nicht, was Sie dazu sagen werden.
Dann mache ich ein Experiment auf einem anderen Gebiet der Kunst, aber
weil es mit Farbe zu tun hat, wird es mir aller Wahrscheinlichkeit nach
nicht gelingen.
Mrs. Mackenzie hat geschrieben: sie arbeitet fur Oxford und sendet
Griifie. Morgen hat sie das erste Komitee-Meeting fur die Kings Langley
Priory School. Sie schickt auch einen Brief an den «Teacher's World » von
Freeman, er scheint mir sehr gut zu sein, ich iibersende Ihnen den Brief.
Jetzt hoffe ich, Sie geben recht viel acht in Berlin, in Miinchen aber noch
viel mehr. Bitte mir zu sagen, ob Sie wieder Kopfweh oder Schwindel haben?
Ich dachte sehr viel nach, gestern und heute. Morgen fahre ich nach
Basel, um die Uhr zu holen; zur Bank usw., sonst ist nichts Besonderes
zu melden. _ ,. . _ -
Mit besten Grmsen
Edith Maryon
98- Rudolf Steiner an Edith Maryon
Berlin, 12. Mai 1922
Meine Hebe Edith Maryon!
Vielen Dank fur den lieben Brief. Bis jetzt war iiberall viel zu tun.
Vortrage habe ich zwei hinter mir, in Leipzig der Vortrag vor den
Studenten, der mit Ausnahme einiger ziemlich minderwertiger Ein-
wande gut verlaufen ist und dann in Berlin, der sehr gut verlaufen
ist. Bitte doch sicher zu sein, dafi ich acht gebe, so viel nur irgend
mogHch ist. Uber Miinchen werde ich so rasch als es moglich sein
wird, Nachricht senden. Aber bitte doch ja nicht angstlich zu sein.
Gerne ware ich im Atelier und werde froh sein, wieder dort zu
sein. Fur heute nur diese Zeilen und noch allerherzlichste Griifie von
Rudolf Steiner
99. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
12. Mai 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
wahrend ich schreibe, sind Sie wahrscheinlich in Berlin angekommen, wo,
ich hoffe, alles gut gehen werde, insbesondere der heutige Vortrag, und
dafi man sehr viel acht geben werde.
Mrs. Mackenzie schreibt mir, dafi Frl. v. Heydebrand eingeladen wird
nach Oxford und wenn sie Geld genug haben, noch eine zweite von der
Lehrerschaft der Waldorfschule. Ich habe Ihnen eine Nummer des «Man-
chester Guardian* mit «Interwiew» geschickt (nach Miinchen) - es scheint
mir besonders gut. - Vielleicht konnte man es nachdrucken in Stuttgart?
Ich bekomme eine zweite Kopie fur Sie.
Gestern war ich bei der Sitzung bei Frl. Ruhlafi wegen Kanalisation
usw. Die Sache steht vorlaufig so: die Gemeinde arbeitet einen Plan aus,
und Herr v. Mutach seinerseits arbeitet nun [auch einen] aus fur uns, auf
der Grundlage, dafi 15 Mitglieder sich beteiligen (darunter auch er, so dafi
er ein personliches Interesse an der Sache hat), die sich zu einer kleinen
Gesellschaft zusammenschliefien und der Gemeinde einen Beitrag leihen
mit niedrigem Zins, vielleicht 4 Prozent fur eine Anzahl Jahre, vielleicht
5, und dafi die Gemeinde dann die Kanalisation selbst ubernimmt. Die 9
Anwesenden haben zugesagt, falls der Beitrag nicht zu hoch kommen sollte;
wieviel, miissen wir abwarten, bis die Gemeinde den Kostenvoranschlag
bekanntmacht. Ich habe gesagt, ich glaubte, dafi Sie auch zusagen werden
unter denselben Bedingungen. Herr v. Mutach wird jetzt die anderen fragen,
ob sie mitmachen, und dann an die neun Aufienstehenden herantreten mit
derselben Frage.
Bei der Gemeinde ist die Arbeit schon beim Weg langs der Bahnstrecke
angekommen, in Frage kommt eine Fortsetzung bis zu den drei Hausern.
v. Mutach geht aber bis zum 20. nach Beatenberg und kann sich erst nach
seiner Riickkehr mit der Ausarbeitung der Plane beschaftigen. Baronesse
Rosenkrantz ist begeistert von der Idee einer illustrierten Doppelnummer
der «Anthroposophy» - Zeitschrift fur Oxford - und ganz besonders freut
sie, dafi Sie etwas Spezielles fur das Blatt geschrieben haben. Frau Dr.
Wegman hat zugesagt, einen illustrierten Artikel zu schreiben iiber Klinik
und Laboratorium. Darf ich ein Bild machen lassen von der Toneurythmie
fur Kinder im Glashaus ? Ich glaube, das wiirde sich ganz schon reproduzie-
ren lassen im Zusammenhang mit der Schule. Bitte, mir dieses zu beantwor-
ten, damit ich alles vorbereiten kann. Ihr englischer Aufsatz im «Goethea-
num» wird iibersetzt fur die nachste Nummer der «Anthroposophy», als
Vorbereitung fur Oxford. Hoffentlich sind die Vortrage gut gegangen am
12., 13., 14.? Und Sie werden recht viel, viel acht geben in Miinchen - nicht
allein ausgehen usw. Wie steht es mit der Gesundheit? Ich bin sehr gespannt,
alles zu wissen.
Mit allerbesten Griiften
Edith Maryon
100. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 15. Mai 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer!
Der Brief heute morgen war mir sehr lieb und willkommen, gerade als ich
dachte, schon so lange und immer noch keine Nachricht, wie es alles geht,
und ob man zu rmide ist - das mochte ich ganz besonders wissen - oder
ob man Kopfweh hat? Ich schicke diese paar Zeilen nach Koln ins Hotel,
und dann schreib' ich wahrscheinlich noch nach Hamburg. In Leipzig habe
ich keine Adresse. Werden Sie zuriicksein am 24.? Am 25. ist die Kinderauf-
fuhrung, hoffentlich werden Sie wenigstens dann angekommen sein, aber
ich hoffe noch auf friiher! Es befriedigt mich sehr, dafi bis jetzt alles so
gut gegangen ist, naheres iiber die dummen Fragen in Leipzig werde ich
spater horen. Hier ist nichts Besonderes, ich bin sehr fleifiig, obwohl ich
nicht viel schnitzen kann, leider, so mache ich allerlei anderes, morgen
fahre ich nach Basel, um einiges zu besorgen. Fahren Sie iiber Stuttgart
auf der Riickreise? Ich hoffe nicht> weil Sie dort immer aufgehalten werden,
und ich habe so viele Dinge zu fragen in diesem leeren Atelier!
Ich denke ganz besonders heute an den Vortrag und schicke alle guten,
guten Wiinsche, dafi alles gut gehen moge.
Mit herzlichsten Griifien
Edith Maryon
101. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Edith Maryon
Goetheanum
Dornachbrugg
Miinchen iiberstanden
102. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Sehr verehrter lieber Lehrer!
[Telegramm]
[Poststempel]
Dornach 16. V. 1922
von Mannheim No. 3212
Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 17. Mai 1922
Heute Morgen hat mir Ehrsam das Telegramm gebracht - vielen Dank!
Nur konnte ich daraus nicht entnehmen, ob der Vortrag gut verlaufen ist,
ohne irgendwelchen Zwischenfall - weil ich mich furchtete! Jedenfalls sind
Sie in Mannheim angekommen, hoffentlich ohne verbrannte Finger, seelisch
oder physisch. Ich mahne mich zur Geduld bis auf weitere Nachricht, bin
aber doch ungeduldig!
Noch immer konnte ich nicht nach Basel, heute gibt es ein Gewitter,
und es scheint, als ob ich nochmals verhindert werde. Hier ist nichts
Besonderes zu melden, viele sind ein bifichen krank, Magengeschichten,
aber nicht schlimm, sagt Wegman. (Ich nicht.) Ljungquist, Mitscher, Grafin
Lerchenfeld, Donath und noch ein paar. Stuten sagte mir vor ein paar
Tagen, er rmifite nach Amsterdam, so ist er wohl jetzt fort - ich denke, er
ist allein gereist! Kucerova und Geek ruhen sich beide aus, auch nichts
Schlimmes. Hier ist es sehr langweilig, aber [man ist] recht fleifiig.
Das Gewitter hat aufgehort, so werde ich jetzt doch nach Basel fahren
konnen.
Ich hoffe, Sie bekommen einen Brief in Koln morgen, an das Monopol-
Hotel adressiert, ein anderer (mit Zeitung) wurde nach Miinchen geschickt.
Jetzt ist die Halfte der Vortrage voriiber und ich freue mich auf den 24.!
Fahren Sie iiber Stuttgart oder nicht?
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
103. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Abends
Sehr verehrter lieber Lehrer!
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 17. Mai 1922
Ich bin gerade zuriick aus Basel und hore von dem Radau in Miinchen -
es ist gerade, was ich furchtete, ich konnte nicht denken, warum es so
finster war - und meinte, Larm und Zwischenfalle hatten auch stattgefun-
den. Ich bin sehr froh, dafi Sie abgereist sind. Aber bis jetzt bin ich beunru-
higt, wie die anderen Vortrage verlaufen werden, weil diese Menschen
vielleicht mitfahren werden, bitte, sehr viel acht zu geben; uberall, vielleicht
extra in Leipzig. Ich hoffe, dafi andere Herren mit Ihnen fahren werden,
und dafi Sie nicht allein spazieren gehen. Bitte, recht viel acht zu geben.
Ich hoffe, bald Nachricht zu haben vom weiteren Verlauf der Vortrage,
jetzt auf Wiedersehen.
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
104. Rudolf Steiner an Edith Mary on
Bremen, 19. Mai 1922
Meine liebe Edith Mary on!
Eben in Bremen angekommen, sende ich diesen Grufi und danke fur
den angekommenen Brief. In Mannheim und Koln ist es ganz gut
gegangen; Elberfeld gabs Unruhe, aber alles ist abgewehrt worden.
Uber Miinchen werde ich erzahlen. Es war ja nicht gerade erfreulich.
Ich bitte, nicht weiter angstlich zu sein. Mir geht es gut; nur gibt die
Reise fast gar keine freie Zeit, da die Fahrten meistens sehr weit sind,
und die Ziige friih am Morgen abfahren. Hoffentlich geht es auch
dort gut; ich sehne mich, wieder im Atelier zu sein, und sende aller-
herzlichste Griifie
Rudolf Steiner
105. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 2. Juni 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
bis jetzt ist keine Nachricht aus Wien in Dornach angelangt. Ich warte
ungeduldig darauf, dafi irgend jemand hierher schreibt mit Nachrichten
von der Reise und Bericht gibt iiber die Situation (den Kongrefi betreffend),
weil ich doch hoffe, dafi vielleicht alle Zeitungsberichte iiber Dr. Koliskos
Vortrag etwas iibertrieben worden sind, und daft wir doch nicht so gescha-
digt werden, wie man bei dem ersten Anblick erwarten konnte. Auch
mochte ich recht gerne wissen, ob irgendwas zu spiiren ist in Wien von
den feindlichen Attacken, die in Deutschland stattgefunden haben? Oder
bleibt man dort verschont? Es wiirde wirklich recht schon [sein], wenn
die Osterreicher sich wiirdiger und verniinftiger zeigen wiirden, als leider
die Deutschen es getan haben; man konnte dann mehr fur die Zukunft der
Mittelmachte hoffen. Von Mrs. Mackenzie habe ich noch keinen Bericht.
In den Hausern gibt es viel zu tun, eine ganze Anzahl kleiner Reparaturen
und Ausbesserungen.
Herr von Heydebrand hat zwei Aufnahmen von den Kindern im Fort-
bildungskursus gemacht, und wird nachste Woche die Kinder bei der
Toneurythmie photographieren. 1st es Ihnen jetzt eingef alien, was Sie sagen
wollen fur « Anthroposophy» ? Hoffentlich geht es Ihnen gut, und ist der
erste Vortrag gut verlaufen? Sind recht viele Menschen gekommen? Ich
wiinschte, ich konnte auch dabei sein, hier ist es still, schwer und langweilig,
[man ist] auch angsthch, man weifi gar nicht, was alles geschehen kann
und mochte alles mithoren, miterleben! Bitte, recht gut acht geben.
Gestern war ein Gewitter, heute auch ein bifichen, beide nicht schlimm.
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
106. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Wien, 3. Juni 1922
Meine Hebe Edith Maryon!
Heute will ich zunachst nur mit den herzlichsten Griifien sagen, dafi
bisher hier alles gut gegangen ist. Der Kolisko-Vortakt hat wohl nur
dazu gefuhrt, dafi die Mehrzahl der «Fachkreise» weggeblieben sind.
Bei den Nachmittagsdiskussionen, wo deren Mit-Diskutieren in Be-
tracht gekommen ware, war ich noch nicht. Aber mir wird gesagt,
dafi eigentlich niemand bis jetzt diskutiert hat.
Ich mochte gerne wieder in unserm Atelier arbeiten und sende
fur heute dahin die allerherzlichsten Grufie von
Rudolf Steiner
Wien I, Hotel Imperial
107. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Wien, 7. Juni 1922
Meine liebe Edith Maryon!
Vielen Dank fur den Brief, der mich sehr gefreut hat. Hier ist bisher
alles gut gegangen mit Ausnahme davon - ich habe das schon ge-
schrieben -, dafi die Folge von Kolisko's Vortrag die wissenschaftli-
chen Kreise ganz weggeblieben sind, besonders die arztlichen. Das
bei diesem Vortrag Geschehene ist nicht tibertrieben worden, sondern
- diesmal im Gegenteil von den Zeitungen sogar recht milde darge-
stellt worden. Sonst aber ist der Verlauf bisher ein recht guter.
Bei den Diskussionen kann ich diesmal nicht sein. Die Arbeit ist
doch dazu zu grofi. Aber mir geht es auch korperlich gut, und ich
hoffe, dafi dies auch dort der Fall ist.
Ich werde wirklich sehr froh sein, wieder in unserm Atelier zu
sein. - Die Serie der ersten funf Vortrage ist beendet. Heute beginnt
die zweite mit «Die Zeit und ihre sozialen Forderungen».
Auch die Eurythmievorstellung ist hier gut aufgenommen wor-
den. - Man richtet viele Fragen an mich bezuglich dessen, ob jemand
dies oder jenes tun soil zur Veranstaltung in Oxford. Ich nehme den
Standpunkt ein, dafi man alles dem dortigen Komitee iiberlassen soli
und nicht etwa hineinpantschen, wie man es zu Weihnacht in Dor-
nach gemacht hat. Nach solcher Richtung treten uberhaupt immer
Tendenzen auf, die nicht gut sind.
Ich schreibe dies zwischen zwei Vortragen Bliimel und Baravalle
und kann deshalb nur noch die n
allerbesten GruiSe senden
von
Rudolf Steiner
108. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheamim, 9. Juni 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
recht vielen Dank fur den sehr willkommenen Brief. Ich beeile mich zu
antworten und hoffe, der Brief kommt Montag in Wien an. Mich erfreut
es sehr, dafi alles so gut geht, obwohl leider die Wissenschaftler wegbleiben,
naheres mochte ich spater horen. Ich glaube, Sie haben sehr recht, zu
verhindern, dafi die Leute versuchen, Dinge dazwischenzuschieben in Ox-
ford, es wiirde sicherlich sehr schlecht gehen, Mrs. Mackenzie weifi sehr
genau, was sie dort machen kann. Wenn sie im Gegenteil ein bifichen Geld
zusammenkriegen konnte fur die dortigen Veranstaltungen, ware es gut,
weil sie sich in dieser Beziehung etwas beschranken miissen, z. B. werden
Edith Maryon im Bildhaueratelier
sie Frl. v. Heydebrand einladen, und sollte das Geld ausreichen, dazu auch
Dr. Stein; mit mehr Geld konnten sie naturlich mehr machen. Aber die
Leute konnten auch viel Propaganda machen, damit moglichst viele Leute
nach Oxford kommen, das ware naturlich sehr wunschenswert, weil wir
auch versuchen miissen, dort Eindruck zu machen durch die Leute, die
von aus warts kommen - besonders wenn es nicht lauter Tanten sind! Ich
habe gerade einen langen Brief von Mrs. Mackenzie erhalten, naheres wenn
Sie zuruckkommen. Ich habe vorlaufig keine Ahnung, wieviel oder wie
wenig Leute in Oxford erscheinen werden. Es ist sehr erfreulich, dafi alles
gesundheitlich gut geht, hier waren einige Schmerzen, aber ich behandle
sie jetzt mit Eucalyptusol und denke, das wird helfen. Sonst arbeite ich
viel, weifi aber noch nicht, ob mit besserem Erfolg als das letzte Mai!
Sonntag werden wir die Toneurythmie-Kinder photographieren fur
«Anthroposophy». Ein Cliche von den Fortbildungskursus-Kindern ist
in Arbeit.
Hoffentlich haben Sie recht viel Erfolg beim zweiten Vortragszyklus!
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
109. Rudolf Steiner an Edith Maryon
Wien, 12. Juni 1922
Meine liebe Edith Maryon!
Seit dem ersten Briefe ist noch keine Nachricht aus dem Atelier
eingetroffen. Hier geht es fortdauernd gut mit allem, in das sich nicht
der Auftakt Kolisko fortsetzt. Doch das bewegt sich unter der Ober-
flache; aufierlich tritt es zunachst nicht hervor. Man mufi froh sein
iiber die Aufnahme, darf sich aber keinen Illusionen hingeben. Was
wir wollen miissen, kann eben doch nur einen langsamen Weg ma-
chen, aber wir miissen auch den AugenbHck beachten.
Ich werde sehr froh sein, wieder im Atelier sein zu konnen, nun
wird das am Samstag erst sein konnen, da hier ein solches Arbeits-
quantum ist, dafi ich es wahrend der anstrengenden Vortragstage
nicht absolvieren konnte, sondern morgen Dienstag noch hier, Mitt-
woch in Horn sein mufi und erst Donnerstag abreisen kann. Das
aber wird nicht mehr aufgeschoben.
Allerherzlichste Griifie
von
Rudolf Steiner
Eben ist Brief angekommen; danke herzlichst, mir bitte recht sehr
sich zu schonen und auf die Gesundheit achtgeben. Mir geht es darin
recht gut.
110. Rudolf Steiner an Edith Mary on
Stuttgart, 11. Oktober 1922
Landhausstrafie 70
Meine liebe Edith Maryon,
dieses Mai lafit sich die Arbeitsmenge in Stuttgart nicht verringern.
Die jungen Leute, die sich da versammelt haben, um in der Anthropo-
sophie zu arbeiten, wollen alles mogliche, und dazu kommt das alte.
Die Schule erfordert besonders in diesem Augenblicke sehr viel. Die
Affaire mit den verschiedenen Schlingeln ist von den Lehrern mit
unglaublicher Torheit behandelt worden. Ich mag dariiber gar nicht
weiter schreiben, weil die Dinge eigentlich zu albern sind. Aber sie
werden der Schule immens schaden.
Dazu kommt, daft auch die Stuttgarter Herren alien Zusammen-
hang mit der anthroposophischen Bewegung verlieren. Sie sitzen auf
ihren Stiihlen, spielen Vorstand, und die Leute wollen nichts von
ihnen wissen.
Ein Beispiel ist dieses. Ich hatte schon Montag in Stuttgart sein
sollen. Da ich das nicht konnte, telephonierte ich Uehli - er solle
den jungen Leuten Montag abends einen Vortrag halten. Sie sagten:
sie wollen von ihm keinen Vortrag haben.
Und so besteht zwischen all den Leuten, die jetzt hier sind, und
der Stuttgarter Leitung gar kein Zusammenhang. Man mull alles
selber machen. So wachst immer Arbeit zu; aber es wachsen keine
Mitarbeiter zu. Deshalb ist es auch nicht moglich, irgend etwas zu
tun zur Abwehr von Gegnerschaften. Denn man kann zu solchen
Dingen gar nicht kommen. Auch daft ich so lange von der Schule
abwesend war, hat sich bitter geracht. Die Lehrer haben den Kontakt
mit der Schulerschaft der hoheren Klassen ganz verloren. Und ich
bebe schon, was fur einen Bericht Hartley erstatten werde. Aber
vielleicht ist er ein zu grofier Tor, um die Schaden zu bemerken.
Konnte man sagen: die Leute haben nicht die Fahigkeiten! Nun
ja. Aber daran fehlt es nicht. Es fehlt an Enthusiasmus, an aktiver
Arbeitshist. Die Leute wollen Trott, Routine; sie wollen eine schwere
Masse sein, nicht ein anfeuerndes Element. Im Grunde sind sie doch
eben trage.
Besten Dank fur die Nachrichten. Es tut mir leid, dafi solch ein
Kuddel-Muddel waltet. Hoffen wir, dafi die Sachen doch gehen wer-
den. Wir werden die Beleuchtung so einrichten, dafi es auch ohne
Rampenlicht geht. Ich schreibe diesen Brief rasch jetzt morgens um
1/2 7 Uhr, damit ich doch endlich einige Zeilen in unser Atelier
senden kann, in dem ich so gerne wieder sein mochte. Einstweilen
sende ich dahin die allerherzlichsten Griifie
Rudolf Steiner
Abfahren will ich am 15. oder 16.
111. Rudolf Steiner an Edith Maryon
[Telegramm]
Edith Maryon
Bildhaueratelier Goetheanum
Dornachbrugg
[Poststempel]
Dornach, 11. Oktober 1922
von Stuttgart No. 764
Alles gut. Grufi Steiner
112. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 11. Oktober 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
weil der Brief immer noch nicht angekommen ist, befiirchte ich, dafi es
allzuviel Uberlastung mit Arbeit bedeutet. Ich bin deswegen traurig! Ich
hatte eine leise Hoffnung, man wiirde etwas auslassen und Vortrage korri-
gieren, was immer noch genug Arbeit gibt!
Hier ist die Zeit ausgefiillt mit Telephonieren, Briefe beantworten und
recht viel Ordnung machen auf alien Gebieten! Heute aber, weil die Sonne
ein bifichen scheint, fahre ich nach Basel.
Mrs. Horegood hat mir geschrieben, einige Fragen, die auf Ihre Ankunft
warten miissen, und mir personlich wegen Susie, sie mochte sie namlich
in [die] Villa St. Georg schicken. Hoffentlich wird es sich arrangieren lassen,
zur Befriedigung von Susie und ihrer Mutter.
Admiral Grafton hat mich mehrmals besucht. Ich hoffe, es steht doch
nicht so schlimm mit seiner Tochter, sie will nur selber das Leben ein
biftchen kennenlernen. Sie geht in drei Wochen auf einige Monate zu Rev.
Lord Victor Seyman wohnen. Der Admiral erhofft sehr viel davon, weil
er ein Pfarrer und ein Lord sei!! Ich hoffe sehr, er wird nicht enttauscht!
Er redet aber verniinftig dariiber und baut einige Hoffnung auf die An-
sichten der Tochter, sie scheint mir auch nett zu sein.
Herr Steffen kam wieder gestern abend und war sehr befriedigt zu
horen, dafi der 5. Vortrag schon unterwegs sei. Er sagte mir weiter, dafi
Herr Prof. Biirgi sich wirklich recht viel Miihe gibt und ihm viel hilft.
Sonst habe ich keine weitere Nachricht aus London, aber der Admiral
will heute beim Konsulat anfragen, und falls etwas bekannt ist iiber Ihr
Visum, werde ich Ihnen das gleich schreiben.
Weiter mochte ich nur alle guten Wiinsche schicken - und Hoffnung,
dafi Sie kein Kopfweh haben? Und daft alles ruhig ist in Stuttgart, und dafi
man recht viel acht gibt.
Mit allerherzlichsten Griifien
Edith Maryon
113. Edith Mary on an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier
Goetheanum, 14. Okt. 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
Das Programm scheint so:
7 Nov.
Hook ab
1-
8 Nov.
London an.
2-
9 Don
Probe
Abends Royal Academy
Dramatic Art:
3-
10 Frei
Probe
cc a «
cc cc
4-
HSam(l)
Auffuhrung
8 Uhr 30 "
cc cc
5-
12 Son
Probe
Abends
cc cc
6-
13 M.(2)
Auffuhrung
8 Uhr 30 (2 Programme)
7-
14 D.
Probe
Abends
cc cc
8-
15M.(3)
Auffuhrung
8 Uhr 30 "
cc cc
9-
16 D.
« « «
cc cc
10-
17F.(1)
Vortrag
7 Uhr Steinway Hall.
11-
18S.(2)
Vortrag
3 Uhr
12-
19 S.(3)
Vortrag
3 Uhr
13-
20 M.
14-
21 D.
England ab.
(wenn gewunscht)
Baron Rosenkrantz meint, man wird vielleicht Einladungen bekommen
von Theatermanagern, falls die Eurythmie gefallt. Mit Miss Wilson hat
man schon vierzehn Leute, schade, dafS man den Rattenfanger nicht ange-
setzt hat, er gefallt immer, und Goethe konnte man ruhig geben, besonders
in diesem Lokal! Vielleicht ist es nicht zu spat fur die erste Auffuhrung?
Die Leute beim Konsulat meinen, es wird keine Schwierigkeiten geben,
die Passe in London verlangern zu lassen, falls man es wunscht. Weiteres
iiber die Eurythmie-Erlaubnis habe ich nicht, aber ich habe heute wieder
in London angefragt. Nachste Woche mufi man vielleicht etwas energischer
vorgehen in dem Falle, dafi sie immer noch nicht kommen.
Ich werde sehr froh sein, wenn Sie zuriickkommen; es ist hier ruhig
und unruhig, wenig Menschen, aber viel Ordnung zu machen, und dazwi-
schen immer telephonieren und ewig Briefe schreiben, ich komme eigent-
lich zu nichts.
Ich befurchte, dafi wir eine etwas schlechte Zeit haben werden in Lon-
don, es scheint, als ob allgemeine Parlamentswahlen vor der Tiire stehen,
dann denken und reden alle Menschen von nichts anderem und alles steht
auf dem Kopfe.
Patrons fur England sind vorlaufig.
Miss Sybil Thorndike
A. E.
(Keine Idee, wer A. E. ist!)
Albert Edward ??
(adress.)
Lady Louisa Lodor
The Duchess of Grafton
The Lady St. Helier
Miss Lena Ashwell
M. Edmond Holmes
Miss Manda Royden (Pfarrerin)
Miss L. Bayley (Polytechnic.) Erziehung.
Dieser Prospekt wird herumgeschickt, es scheint mir nicht schlecht als
Vorbereitung.
Der Brief machte mich sehr traurig, es ist wirklich schrecklich, dafi die
Leute so wenig Verstandnis und Enthusiasmus haben, und ohne diese zwei
[Dinge] kommt man trotz der anstrengenden und iibermafiig langen und
vielen Arbeit nicht schnell und fest genug vorwarts. Man kann doch nicht
iiberall zu gleicher Zeit sein, man mull doch zuverlassige und energische
Mitarbeiter haben. Ich denke, Hartley ist zu wenig gescheit, viel bemerkt
zu haben. Hier bewundert er zumeist Bliimels Stunden in der Schule.
Den Brief mufi ich gleich zur Post schicken, so sendet nur noch allerherz-
lichste Griifie
Sehr verehrter lieber Lehrer,
heute morgen ist die Einladung fur die Eurythmisten endlich gekommen,
und ich bin beim Konsulat gewesen. Es war recht schwierig! Er sagte, es
lage iiberhaupt nicht in seinen Moglichkeiten, etwas fur Den Haag auszu-
richten, man miisse dort Schritte einleiten; allerdings konne man das erst
tun, wenn die Damen schon da seien, und das ware naturlich zu spat, weil
es doch ziemlich lang dauern wiirde. Er gab allerlei gescheite Ratschlage,
dafi die Damen von Den Haag nach Basel kommen sollten, um ihre Visa
Edith Maryon
114. Edith Maryon an Rudolf Steiner
Mittwoch
Bildhauer Atelier Goetheanum,
[vermutlich nach dem 14. Oktober 1922]
peronlich zu holen; man solle die Passe durch die Post schicken usw. Es
dauerte lang, bis ich die drei Herren umgestimmt habe, und endlich hat
er nach Zurich telephoniert und von dort die Erlaubnis bekommen, die
Papiere dorthin zu schicken und die Visa nach Haag, wo ich sie personlich
holen mufi. (Die Ihrigen kommen nach Basel). Die Erlaubnis des Ministry
of Labour ist noch nicht hier, und ich habe versprochen, es ihm gleich zu
senden, und auch, dafi ich in London jemand schicken wiirde zum Ministe-
rium und zum Foreign
…[truncated]