Rudolf Steiner / Edith Maryon: Briefwechsel

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF   STEINER  GES AMTAUSG ABE 


SCHRIFTEN  UND  VORTRAGE  ZUR  GESCHI CHTE 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  BEfEGUNG 
UND  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSG ABE 


DAS  LEBENDIGE  WESENDER  ANTHROPOSOPHIE 

UND  SEINE  PFLEGE 


Bis  1990  erschienene  Bande  der  Schriften  und  Vortrage  zur  Geschichte 
der  anthroposophischen  Bewegung  und  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 

Probleme  des  Zusammenlebens  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Zur  Dom- 
acher  Krise  vom  Sommer  1915.  7  Vortrage,  Dornach,  10.  bis  16.  September, 
2  Ansprachen,  Dornach,  21 .  und  22.  August  1915,  und  eine  Dokumentation  (GA  253) 

Die  okkulte  Bewegung  im  19.  Jahrhundert  und  ihre  Beziehung  zur  Weltkultur. 
13  Vortrage,  Dornach,  10.  Oktober  bis  7.  November  1915  (GA  254) 

Anthroposophische  Gemeinschaftsbildung.  10  Vortrage,  Stuttgart  und  Dornach, 
Januar  bis  Marz  1923  (GA  257) 

Die  Geschichte  und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Ver- 
haltnis  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Eine  Anregung  zur  Selbstbesinnung. 
8  Vortrage,  Dornach,  10.  bis  17.  Juni  1923  (GA  258) 

Das  Schicksalsjahr  1923  in  der  Geschichte  der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  An- 
sprachen, Versammlungen  und  Dokumente,  Januar  bis  Dezember  1923  (GA  259) 

Die  Weihnachtstagungzur  Begrundung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft 1923/24.  Grundsteinlegung,  Vortrage  und  Ansprachen,  Statutenberatung, 
Jahresausklang  und  Jahreswende  1923/24  (GA  260) 

Die  Konstitution  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  und  der  Freien 
Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  -  Der  Wiederaufbau  des  Goetheanum.  Gesam- 
melte  Aufsatze,  Aufzeichnungen  und  Ansprachen,  Dokumente,  Januar  1924  bis 
Marz  1925  (GA  260a) 

Unsere  Toten.  Ansprachen,  Gedenkworte  und  Meditationsspriiche  1906  bis  1924 

(GA  261) 

Rudolf  Steiner  /  Marie  Steiner-von  Sivers:  Briefwechsel  und  Dokumente  1901  - 1925 

(GA  262) 

Rudolf  Steiner  /  Edith  Maryon:  Briefe  -  Spruche  ~  Skizzen  1912- 1924     (GA  263/ 1 ) 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  Ersten  Abteilung  der  Esoterischen  Schule 
von  1904  bis  1914.  Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente,  Vortrage  (GA  264) 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskultischen  Abteilung  der  Esoteri- 
schen Schule  von  1904  bis  1914.  Briefe,  Dokumente,  Vortrage  (GA  265) 


RUDOLF  STEINER 
EDITH  MARYON 


Briefwechsel 

Briefe  -  Spriiche  -  Skizzen 

1912  -  1924 


1990 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/  SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die  Mitschriften  der  Vortrage  wurden  vom  Vortragenden 
nicht  selbst  durchgesehen 

Die  Herausgabe  besorgte  Konrad  Donat 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1990 


Bibliographie-Nr.  263/1 

Zeichen  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner, 
Schrift  von  Benedikt  Marzahn 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlalSverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1990  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz  und  Druck:  Kooperative  Diirnau,  Diirnau 
Printed  in  Germany 

ISBN  3-7274-2631-4 


INHALT 


Vorbemerkungen  des  Herausgebers   7 

Briefe  1912  bis  1922  (Nr.  1  bis  118)   11 

Briefe  1923  und  1924  (Nr.  119  bis  182)   113 

Rudolf  Steiner:  Spriicheund  Niederschrif ten  fur  Edith  Mary  on.  .  .  171 

Rudolf  Steiner:  Humoristische  Verse  und  Skizzen  fur  Edith  Maryon  187 

Briefe  zum  Tode  Edith  Maryons   201 

Rudolf  Steiner  uber  Edith  Maryon   207 

Anhang 

Zum  Lebensgang  Edith  Maryons   243 

Edith  Maryon:  Testament  und  letzter  Wille   251 

Chronologische  Angaben  zum  Leben  Edith  Maryons   253 

Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe   257 

Hinweise  zum  Text   258 

Nachweis  der  Handschriften  und  Abbildungen   287 

Verzeichnis  der  Briefe   289 

Namenregister  der  in  den  Briefen  erwahnten  Personen   295 

Ubersicht  liber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   299 


VORBEMERKUNGEN  DES  HERAUSGEBERS 


Mit  diesem  Band  wird  die  Herausgabe  der  Briefe  Rudolf  Steiners  innerhalb 
der  Gesamtausgabe  fortgesetzt.  Bereits  liegen  vor:  Briefe  1881  -1890  und 
1890-1925  (GA  38  und  39),  sowie  Rudolf  Steiner  /  Marie  Steiner-von 
Sivers,  Briefwechsel  und  Dokumente  1901  -  1925  (GA  262). 

Von  den  Briefen,  die  Rudolf  Steiner  an  Mitglieder  der  Theosophischen 
bzw.  Anthroposophischen  Gesellschaft  schrieb,  ist  ein  grofier  Teil  an  die 
englische  Bildhauerin  Edith  Maryon  gerichtet.  Sie  sind,  zusammen  mit 
deren  Briefen  an  ihn,  in  vorliegendem  Band  veroffentlicht. 

Edith  Maryon  hatte  schon  von  England  aus  im  Jahre  1912  mit  Rudolf 
Steiner  schriftlich  Kontakt  aufgenommen  und  ihm  im  Januar  1914  ihre 
kunstlerischen  Fahigkeiten  fur  den  damals  in  Angriff  genommenen  Bau 
des  ersten  Goetheanums  zur  Verfugung  gestellt.  Im  Fruhjahr  1914  kam 
sie  nach  Dornach  und  wurde  vom  Herbst  dieses  Jahres  an  Rudolf  Steiners 
personliche  Mitarbeiterin  bei  der  Ausfuhrung  seiner  Konzeption  fur  die 
neuneinhalb  Meter  hohe  Holzskulptur  «Der  Menschheitsreprasentant  zwi- 
schen  Luzifer  und  Ahriman»,  die  im  ersten  Goetheanum  an  zentraler  Stelle 
aufgestellt  werden  sollte.  Auch  kam  die  erste  Initiative  zur  Schaffung  der 
sogenannten  Eurythmiefiguren  von  ihr. 

Sowohl  aus  den  Briefen  wie  auch  aus  Aufierungen  Rudolf  Steiners  anlafi- 
lich  ihres  Hinscheidens  wird  seine  aufierordentliche  Wertschatzung  fur 
Edith  Maryon  deutlich.  Zu  dem  besonderen  Vertrauensverhaltnis  diirfte 
nicht  zuletzt  beigetragen  haben,  dafi  sie  ihn  einmal  vor  einem  schweren, 
vielleicht  lebensbedrohenden  Unfall  bewahrt  hatte.  Naheres  dariiber  in  der 
Lebensubersicht  im  Anschlufi  an  die  Briefe. 

Erlauterungen  zur  Herausgabe  dieses  Briefwechsels,  der  dem  Interessier- 
ten  manches  bisher  Unbekannte  aus  dem  Wirken  Rudolf  Steiners  vermittelt, 
sind  in  den  Hinweisen  enthalten. 


Briefe  aus  den  Jahren 
1912  bis  1922 


1.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  58,  Grove  Park  Terrace 

Chiswick  London  16.10.1912 

Dear  Dr.  Steiner, 

Dr.  R.W.  Felkin  (F.  R,)  hat  mir  gesagt,  dafi  ich  Ihnen  schreiben  soil  und 
Sie  bitten,  mir  eine  Unterredung  zu  gewahren.  Wenn  ich  es  einrichten 
kann,  hoffe  ich,  einige  Wochen  in  Koln  zuzubringen,  und  wenn  Sie  mir 
schreiben  wiirden,  wann  Sie  in  Koln  sind,  werde  ich  versuchen,  gleichzeitig 
dort  zu  sein.  Ich  mufi  zuerst  irgendetwas  finden,  wo  ich  «au  pair»  wohnen 
und  englischen  Unterricht  geben  konnte. 

Ich  kann  nur  sehr  wenig  Deutsch,  vielleicht  konnten  wir  uns  aber  auf 
franzosisch  unterhalten. 

Hochachtungsvoll 
Ihre 

(Miss)  L.Edith  C.  Maryon 


2.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  58,  Grove  Park  Terrace 

Chiswick  London  15. 1 1. 12 

Dear  Dr.  Steiner, 

ich  erlaube  mir,  wieder  an  Sie  zu  schreiben,  da  ich  auf  meinen  Brief  von 
vor  einem  Monat  keine  Antwort  erhalten  habe.  Auf  Dr.  Felkins  (F.  R.) 
Bitte  sandte  ich  Ihnen  eine  Photographie  meines  Werks  «The  Seeker  of 
Divine  Wisdom».  Ich  bat  auch  um  eine  Unterredung,  wenn  Sie  in  Koln 
sind.  Ware  es  moglich,  mich  zu  empfangen,  und  konnten  Sie  mich  wissen 
lassen,  wann  Sie  dort  sein  werden?  Ich  komme  eigens,  um  Sie  zu  sehen, 
nach  Deutschland  und  mufi  vorher  hier  vieles  regeln,  so  dafi  ich  dank- 
bar  ware  fur  eine  baldige  Nachricht.  Dr.  Felkin  sagte  auch,  dafi  Sie  mir 
wahrscheinlich  eine  Art  Grad  erteilen  wiirden.  Ich  hoffe,  dafi  das  moglich 
sein  wird. 

Bitte  entschuldigen  Sie  die  Bemuhung. 

Ich  verbleibe  Ihre  ergebene 


(Miss)  L.Edith  C. Maryon 


1111 


Edith  Maryon 


3.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 
[Ubersetzung] 


[Koln,]  Baselerhof  Hotel  1.1.13 


Dear  Dr.  Steiner, 

Ich  nehme  an,  dafi  Sie  zu  beschaftigt  sind,  um  mir  noch  eine  Unterredung 
zu  gewahren,  aber  ich  mochte  Ihnen  zwei  Fragen  stellen,  und  darum  schrei- 
be  ich. 

Sie  sagten  gestern,  dafi  ich  viel  mehr  okkult  entwickelt  bin  als  ich  in 
dieser  Inkarnation  zur  Geltung  bringen  kann  -  ist  das  die  Folge  eines 
Fehlers,  den  ich  begangen  habe,  oder  weil  ich  eine  andere  Art  von  Arbeit 
zu  vollbringen  habe? 

Schon  seit  einigen  Jahren  habe  ich  das  Gefiihl,  dafi  es  etwas  Bestimmtes 
fur  mich  zu  tun  gibt,  und  dafi  ich  irgendwann  dem  Meister  begegnen  werde, 
der  mir  das  sagen  wird,  und  der  mir  erklaren  wird,  was  mir  so  ratselhaft 
erscheint.  Ich  habe  lange  Zeit  gesucht,  zuletzt  dachte  ich,  Abdul  Baha 
mochte  vielleicht  die  Person  sein,  aber  als  ich  ihm  begegnete  -  obwohl  ich 
ihn  sehr  gut  mochte  -,  wufite  ich,  dafi  er  es  nicht  ist.  Dann  dachte  ich,  dafi 
moglicherweise  Sie  es  sein  konnten,  und  als  ich  Sie  in  Berlin  sah,  da  wufite 
ich,  dafi  ich  den  richtigen  Meister  gefunden  hatte;  nun  bleibt  nur  das  zweite: 
Gibt  es  wirklich  etwas  Bestimmtes  fur  mich  zu  tun,  oder  bilde  ich  mir  das 
blofi  ein?  Falls  ja,  diirfte  ich  jetzt  wissen,  worum  es  sich  handelt?  Mir 
scheint,  dafi  die  Zeit  gekommen  ist,  um  zu  erfahren,  ob  meine  Ahnung 
zutrifft,  aber  ich  bin  sicher,  dafi  Sie  es  am  besten  wissen  werden,  ob  meine 
Wirrnisse  zur  Klarheit  kommen  oder  ob  ich  weiter  warten  mufi. 


Dear  Dr.  Steiner, 

fur  mich  unerwartet  ergibt  sich,  dafi  es  mir  moglich  sein  wird,  an  Ihrem 
Vortragskurs  in  Den  Haag  teilzunehmen.  Darum  werde  ich,  wenn  ich 
Ihnen  dort  wieder  begegne,  Sie  erneut  fragen,  ob  ich  in  die  F.  M.  auf genom- 
men  werden  kann,  sofern  Sie  es  fur  angemessen  halten. 


Ihre  aufrichtig  ergebene 
L.Edith  C.  Maryon 


4.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 
[Ubersetzung] 


58,  Grove  Park  Terrace 
Chiswick  London  25.2.13 


Verzeihen  Sie,  dafi  ich  noch  immer  auf  englisch  schreiben  mufi;  ich  habe 
fast  keine  Zeit  zum  Lernen  und  mufi  damit  warten,  bis  ich  wieder  nach 
Deutschland  komme.  Dort  hoffe  ich,  Gelegenheit  zum  Erlernen  der  [deut- 
schen]  Sprache  zu  finden. 

Ihre  ergebene 
L.  Edith  C.  Maryon 

5.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  Prins  Hendrik  Straat  30 

Den  Haag  22.3. 13 

Dear  Dr.  Steiner, 

ich  habe  das  Gefiihl,  Ihnen  schreiben  zu  mussen,  um  Ihnen  zu  danken 
nicht  nur  fur  die  Freundlichkeit,  mit  der  Sie  mich  heute  zur  F.  M.  zugelassen 
haben,  sondern  fur  alles,  was  Sie  uns  in  so  selbstloser  und  groftziigiger 
Weise  vermitteln.  Ich  bin  Ihnen  wirklich  fur  vieles  dankbar;  nicht  langer 
steht  die  Zukunft  als  Schrecken  vor  mir,  wie  ich  sie  lange  Zeit  empfunden 
habe.  Durch  Ihren  Unterricht  hoffe  ich  eines  Tages  ein  Wesen  zu  werden, 
welches  anderen  ein  wenig  niitzlich  sein  kann;  es  ist  hochste  Zeit  dafiir. 
Wird  es  Ihnen  moglich  sein,  mir,  bevor  ich  nach  England  zuriickkehre,  zu 
sagen,  ob  ich  Ihre  Anweisungen,  die  Ubungen  betreffend,  richtig  anwende? 
Mit  Dankbarkeit  und  in  Briiderlichkeit 

Ihre  ergebene 
L.  Edith  C.  Maryon 

6.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  58,  Grove  Park  Terrace 

Chiswick  London  30.3.13 

Dear  Dr.  Steiner, 

ich  denke,  dafi  ich  Ihnen  mitteilen  sollte,  dafi  ich  von  mir  aus  entschlossen 
bin,  England  im  Mai  fur  immer  zu  verlassen  und  mit  Ihrer  Erlaubnis  mein 
Schicksal  ganz  mit  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zu  verbinden. 
Wenn  ich  etwas  weiter  bin,  hoffe  ich,  dafi  es  mir  moglich  sein  wird,  in 
diesen  Zusammenhangen  eine  Arbeit  zu  leisten.  Dr.  Felkin  kommt  am  13. 
April  zuriick  und  ich  werde  ihm  dann  meinen  Entschlufi  mitteilen.  Er  war 
sehr  gut  zu  mir  und  ich  furchte,  er  wird  nicht  sehr  erfreut  sein,  da  er 
annimmt,  dafi  ich  nur  fur  etwa  ein  Jahr  fortgehe.  Dieses  mochte  ich  Ihnen 


zuerst  mitteilen,  da  er  zweifellos  darauf  zu  sprechen  kommen  wird,  wenn 
er  Sie  in  London  trifft.  Die  ersten  paar  Monate  in  Miinchen  mochte  ich 
ganz  dem  Studium  widmen,  es  stort  mich  furchtbar,  nicht  deutsch  zu 
verstehen,  man  hat  das  Gefiihl,  anderen  dadurch  so  lastig  zu  fallen.  Wenn 
ich  dann  nach  Berlin  gehe  -  leider  verfuge  ich  nicht  iiber  Mittel,  von  denen 
ich  leben  kann  -,  mufi  ich  mich  nach  einer  Arbeit  umsehen,  aber  deswegen 
will  ich  mich  nicht  unnotig  beunruhigen,  denn  ich  habe  das  Gefiihl,  den 
richtigen  Entschlufi  gefafit  zu  haben,  und  dafi  zur  rechten  Zeit  auch  eine 
Arbeitsmoglichkeit  sich  ergeben  wird. 

Sie  waren  vielleicht  etwas  erstaunt,  dafi  ich  letztlich  nichts  fur  Nevill 
Meakin  getan  habe,  und  ich  mochte  das  erklaren.  Dr.  Felkin  sagte  mir 
mehrmals,  dafi  er  wahrend  der  ersten  sechs  Monate  nicht  erreichbar  sei 
und  dafi  jeder  Versuch,  an  ihn  zu  gelangen,  ihm  Schaden  zufiigen  konnte. 
Ich  habe  nicht  verstanden,  wie  irgendetwas,  was  ich  tate,  fur  ihn  schadlich 
sein  konnte,  aber  in  der  Annahme,  dafi  Dr.  Felkin  viel  mehr  weifi  als  ich 
-  dafi  er  konkrete  Kenntnisse  hat  habe  ich  mich  zufrieden  gegeben  und 
nichts  weiter  versucht,  als  ihm  einige  hilfreiche  Gedanken  und  Gebete  zu 
senden  -  besonders  an  Freitagen.  Ich  glaube  nicht,  dafi  Dr.  Felkin  mich 
oder  die  Situation  wirklich  versteht,  obwohl  ich  weifi,  dafi  er  sie  zu  verste- 
hen  meint,  und  so  werde  ich  nun  das  tun,  was  ich  selbst  fur  richtig  halte. 
Moglicherweise  haben  Sie  gedacht,  dafi  wir  [Meakin  und  ich]  verlobt  seien, 
das  war  aber  nicht  der  Fall,  und  wir  hatten  nie  geheiratet,  obwohl  ich  es 
auf  seinen  Wunsch  hin  getan  hatte,  weil  ich  dachte,  er  konnte  langer  leben, 
wenn  er  jemanden  hatte,  der  sich  um  ihn  kiimmert. 

Ich  lese  ihm  nun  jeden  Tag  vor,  und  habe  ihm  gesagt,  dafi,  wenn  er 
jemanden  kennt,  der  zuhoren  mochte,  er  ihn  mitbringen  konne,  vorausge- 
setzt,  er  konne  mich  verstehen;  ich  bin  mir  nicht  ganz  klar  in  bezug  auf 
die  Moglichkeiten. 

Ich  vergafi  Sie  zu  fragen,  ob  Sie  meinen  nach  Banka-Straat  gerichteten 
Brief  erhalten  haben,  er  enthielt  allerdings  nichts  aufier  meinem  Dank  fur 
alle  Hilfe,  die  Sie  mir  zuteil  werden  liefien.  Ich  hatte  Ihnen  neulich  gern 
noch  einiges  gesagt,  aber  es  war  zu  lang  und  zu  schwierig,  und  ich  mochte 
es  auch  nicht  vor  anderen  sagen.  Der  Gedanke,  nach  Deutschland  zu  kom- 
men, macht  mich  sehr  glucklich. 

Auf  Wiedersehen  in  England  [auf  deutsch] 

Ihre  ergebene 
L.  Edith  C.  Maryon 


Ich  versuchte,  durch  Herrn  Schure  zu  erfahren,  was  Sie  damit  meinten, 
dafi  «Erkenntnis  eine  Metamorphose  des  Todes»  ist.  Obwohl  er  recht 
interessant  sprach  iiber  die  Begegnung  zwischen  dem  hoheren  und  dem 
niederen  Selbst,  gab  er  mir  keine  rechte  Erklarung  von  dem  Sinn  Hires 
Satzes,  und  mein  eigenes  Verstandnis  davon  ist  zu  vage. 


7.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  Rhein-Hotel  Koln,  12.5.13 

Dear  Dr.  Steiner, 

ich  habe  die  Gedanken  aufgeschrieben,  die  mir  unmittelbar  nach  den  Ubun- 
gen  kommen,  weil  Sie  sagen,  daft  diese  sehr  wichtig  sind.  Ich  bin  immer 
im  Zweifel,  ob  ich  Sie  mit  Resultaten  der  Ubungen  belastigen  darf  oder 
nicht,  und  welche  ich  auswahlen  soil.  Ich  habe  jedoch  den  Eindruck,  von 
irgendwoher  eine  ganze  Menge  ausgezeichneter  Ratschlage  erhalten  zu 
haben,  und  letzte  Nacht  glaubte  ich  (unter  anderen  Dingen)  zu  vernehmen: 
«Deine  Priifung  ist  beendet».  Seitdem  fiihle  ich  mich  ganz  anders,  mein 
bisheriges  Leben  und  meine  Ansichten  sind  verblafk  und  ich  freue  mich 
auf  eine  neues,  was  es  auch  bringen  moge.  Vielleicht  ist  es  das,  was  Sie  von 
mir  zu  erfahren  wiinschen.  Ist  es  das,  was  Sie  erwarteten?  Am  Dienstag 
reise  ich  mit  dem  10-Uhr-Zug  ab. 

Turkenstrafie  27  II  Munchen. 

So  auf  Wiedersehen  [auf  deutsch]. 

Ihre  ergebene 
L.  Edith  C.  Maryon 


8.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  TiirkenstrajSe  27  II 

Munchen,  3.6. 13 

Dear  Dr.  Steiner, 

sehen  Sie  sich  doch  bitte  den  beiliegenden  Ausschnitt  aus  der  « Church 
Times»  an,  welchen  mein  Vater  mir  soeben  geschickt  hat.  Leider  ist  das 
Datum  abgeschnitten,  aber  ich  nehme  an,  da£  es  die  Ausgabe  vom  letzten 


Freitag  ist.  Diese  Zeitung  wird  praktisch  vom  gesamten  englischen  Klerus 
gelesen,  sicher  von  der  ganzen  anglikanischen  Kirche,  und  erreicht  durch 
die  Geistlichen  einen  grofien  Teil  der  Gemeindemitglieder.  Dariiber  hinaus 
wird  sie  auch  von  vielen  Nichttheologen  gelesen.  Die  Sache  scheint  mir 
daher  von  betrachtlicher  Wichtigkeit  und  es  sollte  eine  Antwort  erfolgen 
auf  die  vielen  falschen  Ansichten,  die  ausgesprochen  werden.  Wollen  Sie 
mir  sagen,  ob  auch  Sie  finden,  dafi  eine  Antwort  angebracht  ware? 

Ich  bin  der  Ansicht,  dafi  eine  Antwort  von  einem  englischen  Autor 
gegeben  werden  sollte,  da  nur  ein  Englander  die  englische  Kirche  kennen 
und  sie  verstehen  kann.  Nur  ein  solcher  konnte  den  Lesern  der  «Church 
Times»  ein  anderes  Verstandnis  vermitteln.  Die  Antwort  mufite  von  dem 
fahigsten  Denker  geschrieben  werden,  den  wir  finden  konnen. 

Die  geeignetste  Person,  die  mir  eingefallen  ist,  ist  Mrs.  (Professor)  Mac- 
kenzie. Ich  glaube,  Sie  haben  sie  bei  Dr.  Felkin  getroffen,  sie  ist  seit  7  oder 
8  Jahren  Mitglied  seines  Ordens  und  Professor  fur  Erziehung  an  der  Univer- 
sitat  von  Cardiff  (wo  ihr  Mann  Philosophic  lehrt).  Beide  sind  Mitglieder 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Ich  bin  mit  ihr  personlich  befreun- 
det,  so  dafi  ich  sie  fragen  konnte,  ob  sie  eine  Entgegnung  schreiben  wiirde, 
aber  natiirlich  kann  ich  nicht  in  Ihrem  Namen  sprechen,  auch  weifi  ich 
nicht,  ob  Sie  damit  einverstanden  waren,  vielleicht  haben  Sie  noch  einen 
besseren  Vorschlag. 

Aus  dem  anderen  Ausschnitt  ersehen  Sie,  dafi  Mrs.  Besant  in  London 
einen  Vortrag  halt.  Ich  verstehe  nicht,  wie  sie  das  wagen  kann,  nach  dem, 
wie  der  zweite  Prozefi  gegen  sie  ausgegangen  ist.  Wir  hatten  ein  Telegramm 
mit  dem  Urteilsspruch  des  Richters,  aber  bisher  noch  keinen  Zeitungsbe- 
richt  (ich  meine  die  Ehrverletzungsklage).  Wenn  eine  Entgegnung  erfolgen 
soil,  so  meine  ich,  dafi  es  sobald  wie  moglich  sein  miifite;  vielleicht  lassen 
Sie  mich  wissen,  was  Sie  wiinschen,  und  in  welcher  Richtung  die  Antwort 
gehen  sollte  -  oder  lassen  Sie  es  durch  jemanden  an  mich  ausrichten. 

Ihre  ergebene 

L.  Edith  C.  Maryon 

Vielleicht  ware  Prof.  Mackenzie  einverstanden,  es  mit  mir  zusammen  zu 
machen;  ich  konnte  ihr  jedenfalls  die  Fakten  liefern,  die  sie  in  einem  Artikel 
verarbeiten  wiirde.  Wenn  sie  annimmt,  wird  es  gut  gemacht,  sie  ist  aufieror- 
dentlich  gescheit. 


9.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  Tiirkenstrafie  27  II 

Miinchen,  20.6.13 

Dear  Dr.  Steiner, 

einmal,  wenn  Sie  zuriick  sind  und  es  Ihnen  pafit,  wiirden  Sie  mir  eine  Frage 
beantworten?  Wiirden  Sie  mir  sagen,  was  ich  am  besten  tun  konnte  nach 
dem  Ende  des  Zyklus?  Nur  bis  zur  2.  Septemberwoche  kann  ich  weiter 
studieren  und  nachdenken.  Von  diesem  Datum  an  mu$  ich  eine  Arbeit 
finden  oder  ich  bin  gezwungen,  nach  England  zuriickzukehren.  Ich  habe 
das  Gefiihl,  daft  vielleicht  hier  etwas  fur  mich  zu  tun  ware,  zumal  ich  nicht 
zuriickgehen  mochte,  ohne  absolut  dazu  gezwungen  zu  sein.  Sie  werden 
begreifen,  dafi  ich  in  bezug  auf  die  Art  von  Tatigkeit,  die  ich  wahrend  des 
Rests  meines  Lebens  ausiibe,  zu  einem  EntschlufS  kommen  mufi.  Ich  bmu- 
che  einen  Rat,  so  wollen  Sie  meine  Bitte  verzeihen.  Wenn  Sie  mir  sagen, 
was  Sie  fur  gut  halten,  so  werde  ich  in  jeder  Weise  versuchen,  es  zu  tun, 
wenn  es  nur  irgend  moglich  ist. 

Ihre  Schulerin 
L.  Edith  C.  Maryon 


10.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ubersetzung]  Schnorrstrafie  10 

Miinchen,  12.9.13 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

darf  ich  Ihnen  iiber  einige  Ergebnisse  meiner  Ubungen  berichten?  Ich  hatte 
es  am  Sonntag  vorgehabt,  tat  es  aber  dummerweise  nicht,  obwohl  ich  Ihnen 
schon  seit  zwei  Monaten  einige  Fragen  stellen  mochte,  auf  deren  Beantwor- 
tung  ich  nun  bis  Berlin  warten  mufi.  Aufgrund  einer  Bemerkung  von  Ihnen 
furchte  ich,  Sie  meinten,  dafi  ich  meine  Ubungen  nicht  mache;  ich  mache 
aber  diese  Ubungen  besonders  gern  und  versuche,  soviel  als  moglich  in  sie 
hineinzulegen,  wenn  auch  nie  genug.  Ich  habe  Ihnen  nichts  gesagt,  weil 
ich  meine,  daf$  Sie  alles  sehen  konnen,  was  Sie  wollen,  und  meine  Erfahrun- 
gen  vielleicht  nicht  wichtig  genug  sind,  um  dariiber  zu  reden. 

1 .  Ich  fiihle  Warme  in  der  Region  des  Herzens,  welche  durch  die  Arme 
und  Hande  herunterflieftt  -  ist  das  Kundalinifeuer?  Wie  kann  es  dirigiert 
werden? 


2.  Es  gibt  alle  moglichen  sonderbaren  Erfahrungen  mit  der  Lotusblume 
der  Augen;  wie  kann  man  die  Strome,  die  von  ihr  ausgehen,  so  dirigieren, 
daf$  sie  in  Verbindung  mit  geistigen  Wesenheiten  [dies  auf  deutsch]  kom- 
men?  Ich  sehe  jetzt  oft  auf  den  Bergen  etwas,  was  ich  fur  mein  «hoheres 
Selbst»  [auf  deutsch]  hake  und  ich  dachte,  dafi  ich  durch  dieses  vielleicht 
weiterkommen  konnte. 

3.  Dann  fiihle  ich,  wie  wenn  etwas  vor  meinem  Gesicht  und  meiner 
Brust  Gestalt  annimmt,  wie  eine  Art  Organ:  ich  fiihle  und  sehe  dann  in 
gewissem  Sinne  alle  moglichen  Rdhren,  von  denen  eine  um  meinen  Kopf 
herum  gelegen  ist  und  die  meine  Kehle  und  meine  Ohren  verbindet;  meine 
Kehle  scheint  sich  auszudehnen  und  es  scheint  etwas  in  ihr  aufzusteigen. 

Und  dann  gibt  es  noch  alles  mogliche  andere,  aber  ich  will  Sie  jetzt 
nicht  mit  weiterem  in  Anspruch  nehmen. 

In  Verehrung  und  Dankbarkeit  [auf  deutsch]. 

Ihre  Schiilerin 
L.  Edith  C.  Maryon 

11.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Berlin]  Motzstrafle  17  II 
19.11.13 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  weifi,  dafi  ich  Ihnen  gestern  eine  Antwort  geben  sollte  auf  Ihre  Frage, 
aber  es  gibt  eine  gewisse  Schwierigkeit,  iiber  diese  Dinge  zu  sprechen,  und 
ich  war  zu  feige  -,  aber  das  kommt  nicht  mehr  vor,  und  wenn  ich  spater 
die  Gelegenheit  habe,  mit  Ihnen  noch  einmal  zu  sprechen,  dann  will  ich 
das  auch  sagen  und  Ihre  Hilfe  erbitten. 

In  Verehrung  und  Dankbarkeit 
Ihre  Schiilerin 


L.  Edith  C.  Maryon 


*}v*-  e£*c  t^d-  j^e^t^i 

/2t^**j  .   ^XjCi    ^2cV/     X^-c^      *  ^x^^C" 





12.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Berlin]  Motzstrafie  17  II 
§  24.12.13 

[ohne  Anrede] 

Mit  viel,  viel  Dankbarkeit,  nicht  nur  fur  Sie  allein,  aber  auch  fur  Sie,  fur 
alles  das,  was  durch  Sie  mir  gegeben  ist. 

L.  Edith  C.  Maryon 


13.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Berlin]  Motzstrafie  17  II 

19.1.14 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  denke,  es  ist  unmoglich  fur  Sie,  mit  mir  zu  sprechen,  denn  ich  weifi, 
es  gibt  so  viel  Arbeit  zu  tun.  Ich  mochte  nur  sagen,  dafi  ich  es  habe 
einrichten  konnen,  bis  Ostern  in  Deutschland  zu  bleiben.  Ich  denke,  dafi 
die  Zeit  vielleicht  gekommen  ist,  wo  ich  etwas  anderes  tun  durfte,  als  nur 
zu  sitzen  und  fur  mich  selbst  zu  studieren;  auch  habe  ich  den  groften 
Wunsch,  wenn  es  moglich  ware,  etwas  fur  die  Theosophie  zu  tun  und  nicht 
nur  fur  mich  allein.  Dariiber  habe  ich  viel  nachgedacht,  um  einen  Weg  zu 
finden,  aber  ich  weifi  nicht,  was  ich  leisten  kann,  oder  was  fur  eine  Arbeit 
ich  finden  kann  hier  in  Berlin.  Herr  Richter  [Rychter]  hat  mir  gesagt,  er 
brauche  in  Dornach  80  Kiinstler  und  dafi  Sie  noch  nicht  viele  haben,  und 
so  dachte  ich,  ich  konnte  vielleicht  als  Bildhauerin  arbeiten,  oder  jemandem 
mit  etwas  helfen? 

Ich  habe  hier  einige  Photographien  von  Kunstwerken,  die  ich  gemacht 
habe,  und  die  in  diesen  letzten  12  Jahren  schon  in  Ausstellungen  gezeigt 
worden  sind.  Wenn  Sie  wollen,  kann  ich  Ihnen  diese  Photographien  zeigen. 
Leider  habe  ich  keine  Bilder  mehr  von  [anderen]  Werken,  die  ich  schon 
gemacht  habe. 

Um  Ostern  mufi  ich  vielleicht  einige  Wochen  in  England  arbeiten,  aber 
dann  komme  ich  wieder  zuriick,  wenn  ich  das  Gliick  habe,  etwas  von 
meinen  Arbeiten  in  England  zu  verkaufen,  aber  naturlich  davon  kann  ich 
noch  nicht  wissen,  was  geschehen  soil. 

Ihre  Schiilerin 


L.  Edith  C.  Maryon 


14.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 
[Ubersetzung] 

[Ohne  Anrede] 


[Ohne  Absendeort, 
vermutlich  Friihjahr  1914] 


Sonntag 

Uber  die  wichtigste  Sache,  die  ich  im  Sinne  hatte,  sagte  ich  nichts,  namlich: 
Gibt  es  irgend  etwas,  um  das  Mysterium  von  Golgatha  besser  zu  verstehen? 
Wenn  ich  es  konnte,  dann  wiirde  ich  das  Leben  und  die  Einsamkeit  [auf 
deutsch]  nicht  so  hart  finden  wie  jetzt  und  dariiber  nicht  so  dumme  und 
schwachliche  Gedanken  haben. 

Wenn  ich  dazu  vielleicht  irgend  etwas  tun  konnte,  konnten  Sie  mir 
morgen  zwei  Worte  sagen,  da  ich  ohnehin  zu  Frl.  von  Sivers  gehen  werde, 
um  einiges  nachzufragen.  Sofern  ich  aber  blofi  weiterhin  zuwarten  und  die 
erhaltenen  Ubungen  weitermachen  soli,  so  wollen  Sie  bitte  die  Sache  als 
erledigt  betrachten. 

Ihre  Schulerm 
L.  Edith  C.  Maryon 


15.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

58,  Grove  Park  Terrace 
Chiswick  London,  4.4.14 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  fuhle,  dafi  ich  ein  Wort  sagen  muiS,  weil  vielleicht  sehr  lange  Zeit 
vergehen  kann,  bevor  es  mir  moglich  ist,  wieder  nach  Dornach  zu  kommen. 
Es  gibt  nichts,  was  ich  tun  kann,  und  auch  das  Deutsch  fehlt  mir,  um  in 
Worte  zu  kleiden  die  viele,  viele  Dankbarkeit,  die  ich  fur  meinen  Lehrer 
fuhlen  mufi;  aber  es  ist  ein  Gefuhl,  das  immer  da  ist  und  einmal  will  ich 
es  sagen. 

Am  letzten  Abend  haben  Sie  mich  gefragt,  ob  ich  nicht  sehr  viel  auf 
dem  Herzen  hatte  und  meine  Antwort  «nein»  war  nicht  wahr,  ich  meinte 
nur,  es  ware  nicht  der  Moment,  um  die  Frage  zu  stellen. 

Dr.  Felkin  ist  nicht  in  London,  aber  ich  habe  ihm  geschrieben,  was  Sie 
gesagt  haben;  es  ist  nur,  was  ich  schon  manchmal  gesagt  habe,  dafi  Sie  so 
wenig  Zeit  haben  fur  Briefe,  aber  vielleicht,  wenn  man  nicht  in  Deutschland 
wohnt,  versteht  man  es  nicht  so  gut. 


Ich  hoffe,  dafi  mein  Karma  mir  erlauben  wird,  ein  bifichen  mehr  fur 
den  Bau  zu  arbeiten  als  bis  zu  dieser  Zeit. 

Empfangen  Sie  bitte  die  besten  Griifie  von         Ihrer  Schulerin 

L.  Edith  C.  Maryon 


16.  Edith  Maryon  an  Marie  von  Sivers 
[Ubersetzung] 

An  Fraulein  von  Sivers 
bei  Dr.  Alfred  Zeiflig 
Wien  III,  Untere  Viaduktgasse  17  1 
Vienna 

Liebes  Fraulein  von  Sivers, 

irgendwie  konnte  ich  mich  bei  meinem  letzten  Aufenthalt  in  Miinchen  von 
Ihnen  nicht  verabschieden,  aber  es  ist  auch  unerfreulich,  Menschen  «Good- 
bye»  zu  sagen,  denen  ich  lieber  «Auf  Wiedersehen»  sagen  mochte.  Ich 
hoffe,  dafi  dieses  [Wiedersehen]  recht  bald  in  Dornach  sein  moge  -  wann 
allerdings,  weifi  ich  einstweilen  noch  nicht. 

Ich  bin  heute  sehr  neidisch  auf  Mr.  Collison.  Er  reist  gerade  nach  Wien. 
Sein  neues  Haus  fur  den  Zweig  ist  weit  ansprechender  als  das  vorherige 
und  hat  auch  viel  mehr  Platz.  B.Walleen  tragt  dort  drei  Mai  wochentlich 

V°n  Mit  freundlichen  Griifien 

L.  Edith  Maryon 


[Postkarte] 
58,  Grove  Park  Terrace 

Chiswick  London,  5.4.1914 


1 7.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

58,  Grove  Park  Terrace 
Chiswick,W.  London,  18.4.14 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

am  Ostersonntag  habe  ich  Ihnen  einen  Brief  geschrieben,  aber  durch  Miss 
Wilson  nach  Dornach  geschickt,  weil  ich  nicht  sicher  war,  wo  Sie  sind. 
Vielleicht  sind  Sie  jetzt  in  Berlin,  so  schreibe  ich  einige  Worte,  denn  viel- 
leicht  habe  ich  nicht  [mehr]  viel  Zeit.  Herr  Dr.  Felkin  sagt,  daJS,  als  ich  in 


Dornach  so  krank  war,  ich  ganz  nahe  der  Pforte  des  Todes  war  und  davon 
ist  jetzt  mein  Herz  sehr,  sehr  schwach  geworden  u.s.w.  Das  habe  ich  schon 
in  Dornach  mehr  oder  weniger  gewufit,  und  in  meinem  Brief  habe  ich 
gefragt,  was  ich  tun  diirfte  nach  dem  1.  Mai,  wenn  meine  Arbeit  hier 
geleistet  ist.  Nach  einer  Meditation  und  am  Morgen  fuhle  ich,  dafi  es 
vielleicht  noch  etwas  Arbeit  fur  mich  gibt,  wenn  mein  physischer  Korper 
gerettet  werden  kann,  aber  das  ist  die  Sache,  ich  bin  so  viel  schwacher 
geworden  als  ich  in  Dornach  war,  alle  meine  Umgebung  hier  ist  so  schwer, 
ich  fuhle  mich  als  eine  Pflanze  ohne  Licht  und  Wasser.  So  bitte  ich  Sie, 
mir  ein  Wort  zu  schicken,  ich  brauche  etwas  mehr  Kraft,  um  weiter  zu 
gehen,  oder  durch  die  Pforte  des  Todes  zu  gehen.  Ohne  Sie  ist  es  so  sehr 
schwer,  aber  ich  wunsche  das  zu  tun,  was  mein  Schicksal  ist,  wenn  ich  es 
finden  kann.  Einmal  hatte  ich  die  Hoffnung,  spater  ein  bifichen  zu  helfen, 
aber  diese  Hoffnung  verschwindet  jetzt. 

Auf  Wiedersehen,  mein  lieber  Lehrer.  Von  Ihrer  Schiilerin 

L.  Edith  C.  Maryon 

Eine  Zeile  ist  genug  fur  mich,  wenn  Sie  so  viel  zu  tun  haben. 
Herr  Dr.  Felkin  bittet  mich,  zu  fragen,  ob  ich  Fleisch  essen  diirfte.  Ich 
will  [wissen],  ob  es  notig  ist. 


18.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

[Ab]  morgen  ist  meine  Adresse 
The  Grange,  Goudhurst  Kent. 


58,  Grove  Park  Terrace, 
Chiswick,  W.  London 
[vermutlich  nach  dem  18.  April  1914] 


Sonntag 

Verehrter  lieber  Lehrer, 

verzeihen  Sie,  da!5  ich  Ihnen  noch  einmal  schreibe,  ich  gedachte  es  nicht 
zu  tun,  aber  Herr  Dr.  Felkin  weifi  gar  nicht,  was  er  mir  als  Behandlung 
geben  darf,  bis  Sie  gesagt  haben,  was  Sie  denken,  dafi  am  besten  zu  tun 
sei.  Wir  wollen  nicht  Ihre  Mafinahmen  storen,  und  ich  selbst  denke,  da!5 
Sie  wissen,  was  ich  tun  diirfte,  und  wenn  es  Ihnen  erlaubt  ist,  mir  Ihren 
Rat  zu  geben,  so  konnte  es  eine  grofie  Hilfe  sein  fur  Herrn  Dr.  Felkin  und 
auch  fur  mich.  Meine  Gesundheit  ist  durch  diese  Arbeit  (sie  ist  schwer) 


etwas  schlechter  geworden  und  so  gehe  ich  morgens  zu  Freunden  auf  dem 
Lande  bis  4.  Mai. 

Auf  esoterischem  Gebiet  habe  ich  in  diesen  letzten  Tagen  etwas  gelernt 
und  heute  ein  Erlebnis  gehabt,  und  jetzt  habe  ich  nicht  mehr  Finsternis  in 
der  Seele,  und  von  dieser  Seite  konnte  ich  mit  Geduld  eine  Antwort  erwar- 
ten,  aber  ich  fuhle  mich  verpflichtet,  zu  fragen,  was  am  besten  unter  diesen 
Umstanden  [circumstances]  zu  tun  ist  fur  Dr.  Felkin,  meine  Familie,  und 
auch  mich  selbst. 

Mit  der  okkulten  Seite  der  Sache  fiihlen  wir  uns  nicht  ganz  sicher,  um 
den  richtigen  Weg  zu  finden.  Es  ist  immer  gegen  mein  Gefuhl,  wenn  ich 
Sie  etwas  frage,  weil  es  immer  mehr  Arbeit  fur  Sie  ist,  aber  was  kann  ich 
anderes  tun?  Und  dieses  ist  wirklich  wichtig. 

Darum  bitte  ich  Sie,  mir  ein  Telegramm  zu  schicken,  oder  an  Herrn 
Dr.  Felkin;  seine  telegraphische  Adresse  ist  Felskamm,  London. 

Miss  Wilson  kann  Ihnen  weiteres  sagen,  es  geht  so  viel  schneller  auf 
Englisch! 

Ich  hoffe,  es  kann  «Auf  Wiedersehen»  sein,  mein  lieber  Lehrer!  Wie 

kann  ich  Ihnen  danken?  T1     «  *  ..,  . 

Ihre  Scnulenn 

L.  Edith  C.  Maryon 

(Heute  hat  Herr  Dr.  Felkin  gesagt,  dafi  er  alles  Notwendige  iiber  meine 
Gesundheit  schon  gesagt  hat.) 


19.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Berlin,  24.  Mai  1918 

Liebes  Fraulein  Maryon! 

Fur  die  Ubersendung  der  Abbilder  unserer  Bildhauerarbeiten  danke 
ich  Ihnen  herzlichst.  Nur  bitte  ich,  dieselben  noch  etwas  behalten 
zu  diirfen;  ich  sende  sie  spater  zuriick. 

In  Dornach  mochten  wir  im  Juli  sein.  Vorlaufig  hoffe  ich,  dafi  die 
Arbeit  ohne  mich  noch  weiter  gehen  kann. 

Herzlichste  Griifie 

Berlin  W  Motzstrafie  17.  Dr.  Rudolf  Steiner 


20.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Rosenau 
Arlesheim  bei  Basel,  29.  April  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

Frau  von  Heydebrand  hat  zwei  Aufnahmen  gemacht  von  der  Christus- 
Figur,  und  sobald  ich  einige  Exemplare  bekomme,  werde  ich  sie  nach  Berlin 
schicken.  Vorlaufig  geht  alles  im  Atelier  verniinftig,  obwohl  ziemlich  lang- 
sam  vorwarts.  Die  Vorbemerkungen,  das  1 .  Kapitel  und  den  Aufruf  habe 
ich  schon  in  der  Ubersetzung  nach  England  geschickt  und  bitte  Sie  jetzt, 
das  Blatt  (mitgeschickt)  zu  korrigieren. 

Das  Wetter  in  Dornach  ist  schauderhaft,  Schnee,  Regen  und  Kalte,  im 
Atelier  nur  2  Grad  Warme. 

Frau  Stein  hat  mir  heute  einen  Brief  von  ihrem  Mann  aus  Stuttgart 
vorgelesen,  es  war  hochst  interessant,  etwas  von  der  Arbeit  doit  zu  horen, 
hier  schlafen  wir  wieder  ein  bifichen  ein! 

Mit  herzlichem  Grufi 
L.E.C.  Maryon 

21.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Rosenau 
Arlesheim  bei  Basel,  6.  Mai  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

hiermit  sende  ich  Ihnen  drei  Bilder  von  der  Christus-Figur,  sie  sind  leider 
nicht  sehr  schon,  bei  dem  einen  ist  sogar  durch  die  Perspektive  (weil  der 
Apparat  schrag  gestellt  war),  der  Kopf  zu  klein  u.s.w.  Der  grofie  Kopf  ist 
auch  nicht  gut  beleuchtet,  die  Nuancen  zu  hart.  Frau  von  Heydebrand  hat 
mich  gebeten,  die  Bilder  von  Daffy  de  Jaager  mitzuschicken,  weil  sie  so 
niedlich  aussieht. 

Es  mufi  jetzt  sehr,  sehr  interessant  in  Stuttgart  sein!  Frau  Stein  liest  uns 
Ausziige  von  den  Brief  en  ihres  Mannes  vor,  aber  ich  mochte  mehr  wissen! 
Im  Atelier  ist  es  sehr  ruhig,  Pozzo  und  Bugaieff  malen,  Stuten  und  van 
der  Pals  sind  abgereist,  der  erstere  nach  Holland,  wohin  Fraulein  Waller 
und  Brunier  am  Samstag  auch  hinreisen  sollen. 

Mit  herzlichsten  Griifien 


L.  Edith  C.  Maryon 


22.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  10.  Mai  1919 

Mein  liebes  Fraulein  E.  Maryon! 

Vielen  herzlichen  Dank  fur  den  Brief.  Ich  bin  hier  in  solcher  Uberar- 

beit  darinnen,  dafi  ich  das  mitgeschickte  Blatt,  wenn  es  sorgfaltig 

geschehen  soil,  erst  in  einigen  Tagen  durchsehen  und  zuriicksenden 

kann.  Jeden  Tag  wenigstens  einen  Vortrag  mit  dran  sich  schliefiender 

Diskussion  zu  halten,  mutet  dem  alten  Organismus  viel  zu,  und  ich 

ware  froh,  wenn  ich  dazwischen  an  unserer  kunstlerischen  Arbeit  in 

Dornach  auch  noch  andere  Korperglieder  anstrengen  konnte  als  hier 

nur  den  Kehlkopf.  Doch  das  alles  mufi  eben  sein.  Und  seit  vorgestern 

scheint  es,  als  ob  man  mich  besser  verstehen  wiirde  als  vorher.  Aber 

das  kann  immer  anders  werden.  Ich  denke  naturlich  viel  an  die  Arbeit 

in  Dornach  und  werde  befriedigt  sein,  wenn  die  Verhaltnisse  mir 

wieder  gestatten  werden,  mitzuarbeiten.  Die  Arbeit  hier  wird  noch 

einige  Zeit  dauern.  ,a 

rur  neute  nerzlichste  Grulse 

Rudolf  Steiner 

Stuttgart,  Landhausstrafie  70  (bei  Kinkel) 


23.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Rosenau 
Arlesheim  bei  Basel,  21.  Mai  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

zwei  Tage  habe  ich  in  Zurich  verbracht.  Am  Samstag  bei  dem  Frauen- 
Kongrefi.  Herr  Dr.  Boos  schickte  mir  ein  dringendes  Telegramm,  um  zu 
sagen,  dafi  meine  Anwesenheit  in  Zurich  dringend  notwendig  sei  zwecks 
Besprechung  mit  den  Delegierten.  Eine  Dame  habe  ich  gefunden,  die  so 
freundlich  war,  zu  versprechen,  Papiere  mitzunehmen,  so  habe  ich  ihr  zwei 
«Die  Kernpunkte  usw.»  gegeben,  die  Briefe  und  die  Ubersetzung  von  dem 
ersten  Kapitel  des  Buches  -,  es  ist  zu  hoffen,  daft  sie  gut  ankommen  werden. 
(Ich  hatte  namlich  keine  Nachricht  von  den  friiheren  Briefen  bekommen.) 
Fur  mich  war  es  hochst  interessant,  die  Reden  zu  horen;  sie  senden  eine 
Deputation  nach  Paris,  um  gegen  die  Blockade  und  die  Friedensbedingun- 


gen  zu  protestieren.  Sie  konnen  recht  gut  und  verniinftig  reden,  aber  ich 
furchte,  da  wird  recht  wenig  zu  erreichen  sein. 

Ein  ganz  netter  Brief  von  Collison  ist  angekommen  -  er  ist  jetzt  in 
Kalifornien.  Der  Aufruf  war  ihm  nach  New  York  nachgeschickt  worden 
und  er  hat  da  und  auch  in  England  Gebrauch  davon  gemacht. 

Die  vier  Ubersetzungen  von  den  Dramen  werden  jetzt  gedruckt,  und 
er  hofft,  Ihnen  spatestens  im  Herbst  Exemplare  zu  senden.  Leider  -  sagt 
er  weiter  -  kosten  sie  immer  so  furchtbar  viel,  dafi  ich  nie  etwas  habe 
[librig  bleibt]  unserem  lieben  Lehrer  zu  senden.  Die  Ubersetzung  von 
«Soziale  Frage»  sollte  geschickt  werden  an  einen  Dr.  Connor  in  Chicago, 
sagt  er;  aber  das  mufi  warten,  bis  alles  fertig  und  gut  durchgearbeitet  ist, 
weil  es  rasend  schwer  ist! 

Im  Atelier  geht  alles  langsam  vorwarts,  es  sehnt  sich  sehr  nach  Korrektur 
und  Mitarbeit  und  hofft,  dafi  die  Zeit  dafur  bald  kommen  wird?  Mich 
wurde  es  sehr  freuen,  zu  horen,  dafi  nur  jeden  zweiten  Tag  Vortrage  notig 
sind,  und  nicht  taglich. 

Mit  herzlichstem  Grufi 
L.  Edith  C.  Maryon 

24.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  4.  Juni  1919 

Liebes  Fraulein  E.  Maryon! 

Vielen  Dank  fur  den  Brief.  Langst  ist  es,  dafi  ich  antworten  wollte, 
aber  viele  Arbeit  lastet  auf  mir.  Und  Arbeit,  bei  der  wirklich  alles 
lange  bedacht  sein  will.  Hatte  man  nicht  zu  allem  iibrigen  noch 
immerfort  die  entstehenden  Mifiverstandnisse  gegen  sich,  so  ware 
natiirlich  alles  leichter.  Allein  alles  was  man  sagt,  wird  sogleich  zu 
etwas  ganz  anderem,  wenn  es  wieder  erzahlt  wird.  Man  sieht,  dafi 
einen  die  Leute  bekampfen  von  alien  Seiten,  weil  sie  falsch  berichtet 
werden.  Die  Menschen  haben  das  Bestreben,  alles  in  eine  Parteischa- 
blone  hineinzuschieben,  und  wenn  es  eben  etwas  ist,  was  mit  gar 
keiner  Parteischablone  zu  tun  hat,  dann  machen  sie  etwas  ganz  ande- 
res  daraus.  Das  tun  nicht  nur  Gegner,  das  tun  auch  Menschen,  die 
wohlwollend  sich  zu  der  Sache  verhalten,  die  ich  vertrete.  Und  so 
ist  alle  wirkliche  Arbeit  sehr  schwer. 


Mit  grofier  Befriedigung  hore  ich,  dafi  die  Bildhauerarbeiten  in 
Dornach  weitergehen  und  es  wird  mir  sehr  lieb  sein,  wenn  ich  wieder 
fern  dem  augenblicklichen  Tagesgetriebe  dort  kiinstlerisch  arbeiten 
kann.  Aber  der  Zeitnotwendigkeit  mufi  eben  gedient  sein.  Man  darf 
sich  keiner  Pflicht  entziehen.  Wie  ich  hore,  ist  jetzt  mein  Buch  iiber 
die  soziale  Frage  auch  in  der  Schweiz  erschienen;  ich  hoffe,  dafi  man 
daraus  sieht,  was  ich  wirklich  will  und  dafi  manches  sich  vielleicht 
beruhigt,  was  doch  nur  aus  dem  Geschwatze  von  Gegnern  und  auch 
Anfangern  stammt. 

Ich  bin  aber  befriedigt,  dafi  es  doch  noch  Menschen  gibt,  die  mich 
richtig  verstehen  und  aus  diesem  Gedanken  heraus 

griifit  herzlich  in  unveranderlicher  Gesinnung 

Dr.  Rudolf  Steiner 

Stuttgart,  Landhausstrasse  70,  (bei  Kinkel) 


25.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Rosenau  Arlesheim 
Pfingsten  Morgen,  [8.  Juni  1919] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

Ihr  Brief  ist  mir  sehr  willkommen,  obwohl  der  Inhalt  mir  leid  tut:  [namlich] 
zu  horen,  mit  wieviel  Hindernissen  und  Mi£verstandnissen  man  kampfen 
mufi,  damit  die  so  schwere  Arbeit  vorwarts  kommen  kann.  Ich  kann  nur 
jedermann  empfehlen,  das  Buch  griindlich  zu  studieren,  man  hat  es  dann 
nicht  notig,  alles  mogliche  hineinzubringen,  was  gar  nicht  mit  der  Sache 
zu  tun  hat.  Ich  werde  mit  der  Ubersetzung  zuende  kommen  diese  Woche, 
das  heiftt,  das  erste  Mai;  es  mufi  dann  kritisch  durchgearbeitet  werden.  Ich 
habe  noch  nichts  zu  berichten  iiber  das  Drucken,  vorlaufig  bin  ich  nur  in 
Korrespondenz  mit  Fraulein  Franklin  (der  Boden  mufite  zuerst  ein  bifichen 
vorbereitet  sein),  ich  hoffe  aber,  dafi  es  jetzt  so  weit  ist,  dal5  sie  den  Verlag 
besuchen  will  in  dieser  Woche.  Es  scheint,  Papier  ist  jetzt  sehr  teuer,  und 
der  Preis  von  Biichern  sehr  in  die  Hohe  gestiegen;  sie  denkt  auch,  dafi  das 
Buch  schwer  zu  verstehen  ist.  So  weilS  ich  nicht,  wieweit  es  uns  gliicken 
wird.  Von  Miss  Hughes  habe  ich  eine  giinstige  Kritik  von  dem  ersten 


Kapitel  erhalten,  von  dem  Professor  noch  nicht.  Das  letzte  Buch  mochte 
ich  gern  lesen,  wenn  ein  Exemplar  zu  haben  ware,  aber  vielleicht  mufi  man 
warten,  bis  es  nicht  mehr  gefahrlich  ist,  es  zu  senden.  Gibt  es  Hoffnung, 
dafi  die  Arbeit  in  Stuttgart  Ende  dieses  Monats  so  weit  ist,  dafi  Sie  die 
Arbeit  hier  wieder  aufnehmen  konnen?  Es  riickt  alles  langsam  vorwarts, 
auf  der  Siidseite  des  Goetheanums  hat  man  zwischen  den  Saulen  und 
Fenstern  das  Geriist  entfernt,  so  dafi  die  Gewolbe  und  Sauien  frei  stehen, 
die  Kapitale  sind  zu  sehen,  und  es  ist  wirklich  wunderbar  schon  und  lalk 
ahnen,  wie  es  wirken  wird,  wenn  es  ganz  befreit  sein  wird  von  dem  Walde 
der  Geriiststangen.  Ich  habe  den  Kopf  (Plastilin)  des  2.  Ahriman  im  grofien 
Atelier  abgiefien  lassen,  so  dafi,  wenn  man  den  holzernen  Kopf  im  kleinen 
Atelier  ausarbeitet,  das  Modell  daneben  stehen  kann.  Aber  das  Original 
wird  natiirlich  verdorben  sein;  darf  ich  es  machen  lassen,  oder  haben  Sie 
es  lieber,  wenn  wir  eine  Weile  warten  damit? 

Ich  hoffe,  der  Brief  iiber  Collison  und  die  Photographien  kam  gut  an? 
Sonst  ist  alles  unverandert  hier. 

Mit  herzlichem  Grufi 
L.  Edith  Maryon 

26,  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  28.  Juni  1919 

Mein  liebes  Fraulein  E.  Maryon! 

Briefe  und  Bildsendung  habe  ich  zu  meiner  grofien  Befriedigung 
erhalten.  Hier  mufi  die  Arbeit  noch  einige  Zeit  fortgehen.  Aber  ich 
glaube,  dafi  es  fur  diesmal  nicht  mehr  allzulange  sein  wird.  Sehr  sehne 
ich  mich  nach  der  Arbeit  im  Bildhaueratelier  in  Dornach.  Und  es 
wird  wohl  so  sein,  dafi  ich  nach  einiger  Zeit  wieder  dort  sein  kann, 
um  dann  noch  einmal  hieher  zuriickzukommen  zur  Einrichtung  einer 
Schule,  die  fur  Stuttgart  projektiert  ist.  Doch  ist  heute  noch  iiber  die 
nachste  Zeiteinteilung  Sicheres  nicht  zu  sagen.  Die  Zeitverhaltnisse 
lassen  solche  Sicherheit  nicht  zu. 

Es  ist  sehr  schwierig,  Verstandnis  zu  finden  gerade  fur  das,  was 
in  diesen  Zeitverhaltnissen  das  Allernotwendigste  ist.  Aus  einem  gei- 
stigen  Untergrunde  heraus  dieses  Notwendige  zu  verstehen,  wird 
den  Menschen  unserer  Zeit  schwer.  Sie  haben  sich  unter  dem  Einflufi 


der  materialistischen  Denkgewohnheiten  entfernt  von  dem  Verste- 
hen,  wie  das  Geistige  auch  im  Materiellen  wirkt.  Sie  glauben,  dafi 
Materielles  nur  durch  Materielles  gebessert  werden  kann.  Und  so 
sehen  sie  nicht  ein,  dafi  jeder  Versuch,  Materielles  durch  blofi  Mate- 
rielles zu  bessern,  weiter  in  die  Verwirrung  hineinfuhren  mufi.  Mein 
Buch  ist  manchem  unverstandlich,  blofi  deshalb,  weil  es  anderes 
enthalt,  als  was  er  bisher  zu  denken  gewohnt  war.  Und  wenn  sich 
die  Menschen  schon  anderer  Gewohnheiten  schwer  entledigen:  bei 
den  Denkgewohnheiten  tun  sie  es  am  allerschwersten.  Und  doch:  es 
wird  kein  Heil  fur  unsere  Zeit  geben  als  allein  durch  Umdenken, 
Umlernen. 

Viel  denke  ich  an  unsere  Arbeit  im  Dornacher  Bildhaueratelier 
und  ware  gerne  dabei.  Allein  die  pflichtgemafie  Arbeit  mufi  getan 
sein  und  nur  die  Gedanken  konnen  dort  sein. 

Mit  herzlichstem  GrujS 

Dr.  Rudolf  Steiner 

z.Z.  Stuttgart,  Landhausstrafie  70 
(bei  Kinkel) 


27.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Rosenau 
Arlesheim  bei  Basel,  6.  Juli  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  sende  Ihnen  hiermit  die  letzte  Photographie  des  Christus-Kopfes,  sie 
ist  auch  bis  jetzt  die  beste.  Dann  mochte  ich  gerne  wissen,  ob  ich  den  Titel 
des  Buches  «The  roots  of  the  social  questions  in  the  vital  needs  of  the 
present  and  future»  nennen  darf.  «Germs»  gefallen  nicht,  sie  klingen  eben 
etwas  humoristisch  und  niemand  ist  damit  zufrieden.  Ich  warte  jetzt  auf 
eine  Antwort  von  Messrs.  Routledge  (statt  National  Labour  Press,  diese 
haben  kein  Biiro  in  London,  und  Miss  Franklin  hat  sich  an  den  anderen- 
Verlag  gewendet.) 

Es  tut  mir  wirklich  sehr  leid,  dalS  die  Arbeit  so  sehr  erschwert  ist  durch 
so  wenig  Verstandnis.  Herr  Dr.  Boos  war  heute  hier  und  scheint  mit  dem 
Fortschritt  in  der  Schweiz  sehr  zufrieden.  Ein  sehr  netter  Brief  ist  von 


einer  Dame  in  England  gekommen,  sie  scheint  Verstandnis  fur  die  Sache 
zu  haben  und  bietet  sich  an,  die  Ubersetzung  zu  machen.  Eine  Amerikane- 
rin,  jetzt  Englanderin,  ist  mir  heute  vorgestellt  worden  durch  Herrn  Dr. 
Boos  und  sie  verspricht  Mittel  und  sonstige  Hilfe.  Sie  war  sehr  nett.  Sie 
mochte  Bernard  Shaw  und  Wells  gewinnen  fur  die  Sache,  wenn  sie  konnte, 
die  konnten  vieles  leisten  fur  die  Sache.  Im  Atelier  kommen  diese  Woche 
die  letzten  Blocks  hinein,  alles  wird  dann  arrangiert  sein,  nur  sehnt  sich 
die  Arbeit  sehr  nach  dem  ersten  Bildhauer,  besonders  bei  der  Christus- 
Figur. 

Eine  schreckliche  Wohnungsnot  ist  ausgebrochen,  viele  Hauser  sind 
verkauft  worden.  Eine  reiche  Schweizerin  hat  fur  das  Zimmer  von  Frl. 
Clason  das  Doppelte  angeboten,  mehr  als  das  Dreifache  fur  die  Bedienung 
usw.,  so  ist  Frl.  C.  jetzt  auf  der  Strafie.  Mein  Leben  hier  wird  wohl  auch 
kurz  sein,  das  Doppelte  wird  schon  fur  Heizung  verlangt  usw.,  und  schon 
bin  ich  gefragt  worden,  ob  es  nicht  besser  ware,  andere  Zimmer  zu  finden! 
Aber  ich  bleibe  (noch)  ein  bifichen  langer.  Mit  Herrn  Bay  habe  ich  jetzt 
viel  dariiber  gesprochen,  ob  es  moglich  ware,  kleine  Hauser  zu  bauen  und 
Zimmer  um  30-35  frs.  abzugeben,  und  jetzt  beschaftigt  er  sich  mit  der 
Frage.  Ich  meinte,  vielleicht  konnte  meine  Mutter  mir  das  Geld  fur  eine 
Drei-Zimmer-Wbhnung  leihen,  falls  man  Land  mieten  konnte  in  der  Nahe 
der  Kantine  oder  des  Biiros  (wegen  Wasserleitung  etc.).  Herr  Bay  denkt, 
einige  reiche  Berner  Mitglieder  wiirden  gerne  solche  Hauser  bauen.  Ich 
aber  warte  erst  Ihre  Meinung  ab,  bis  Sie  kommen.  Der  Plan  ist  fur  2 
Zimmer,  2  Kuchen,  aber  ich  mochte  3  Zimmer  und  1  Kuche,  und  dachte, 
es  ware  vielleicht  etwas  fur  Kisseleff,  Clason  und  mich,  falls  der  Preis  im 
Rahmen  der  Mdglichkeit  liegt.  Auch  Ihre  Meinung  mufi  ich  erst  wissen 
dariiber;  wir  warten,  bis  Sie  kommen,  hoffen  nur,  dafi  das  Warten  nicht 
mehr  lange  dauern  wird.  Die  letzte  Korrektur  des  Buches  geht  sehr  langsam 
voran,  der  Kopf  ist  etwas  miide  geworden,  wie  es  scheint! 

In  England  wird  ein  kleines  Comite  gebildet  fur  die  Arbeiten  an  der 
sozialen  Frage.  Herr  Dr.  Boos  schlagt  vor,  ich  sollte  nach  England  reisen 
und  Lichtbilder-Vortrage  halten  iiber  das  Goetheanum!! 

Es  gibt  auch  viel  Arbeit  hier,  Stuttgart  hat  schon  sehr  viel  gehabt. 

Mit  herzlichsten  Griifien 


L.  Edith  C.  Maryon 


28.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon  Stuttgart,  25.  Juli  1919 

Mein  liebes  Fraulein  Edith  Maryon! 

Es  ist  schon,  dafi  ich  die  beiden  Briefe  und  das  Bild  unserer  kunstleri- 
schen  Arbeit  miterhalten  habe.  Leider  mufi  ich  horen,  dafi  dort  sich 
fur  das  Wohnen  solche  Schwierigkeiten  ergeben.  Vielleicht  lafit  sich 
doch  etwas  ordnen,  wodurch  diese  Schwierigkeiten  geringer  werden. 
Meine  Arbeit  hier  ist  nicht  weniger  geworden.  Zum  Beispiel  in  den 
letzten  Tagen  hielt  ich  Sonntag  Vortrag  hier,  Montag  in  Heilbronn, 
Dienstag  in  Ulm,  Mittwoch  hier,  Donnerstag  sprach  ich  zur  Euryth- 
mie  hier,  heute  hat[te]  ich  viele  Konferenzen  und  so  weiter.  Dazwi- 
schen  vieles  zu  besprechen,  zu  schreiben. 

Wie  gerne  ware  ich  wieder  bei  unserer  kunstlerischen  Arbeit: 
Vorlaufig  besteht  die  Absicht,  dafi  wir  in  der  ersten  Halfte  August 
nach  Dornach  gehen.  Aber  es  ist  in  der  jetzigen  Zeit  alles  ungewifi. 
Ich  hoffe  aber  bestimmt,  dafi  sich  dieses  verwirklicht.  Dann  mufite 
ich  aber  zweite  Halfte  August  wieder  in  Stuttgart  sein,  wo  ich  einen 
Kursus  zu  halten  habe  fur  die  Lehrer  einer  in  meinem  Sinne  zu 
griindenden  Schule.  Aber  ich  ware  doch,  wenn  alles  so  geht,  wie  ich 
jetzt  denken  mufi,  eine  kurze  Zeit  wieder  bei  der  Arbeit  im  Bildhauer- 
atelier.  -  Boos  hat  mittlerweile  in  der  Schweiz  gute  Arbeit  geleistet. 

Verstanden  wird  die  Ideenrichtung  doch  wenig.  Gewifi  Wenige 
sind,  die  Verstandnis  zeigen.  Doch  ist  viel  Mifiverstandnis,  und  man 
kommt  fur  die  Zeitverhaltnisse  viel  zu  langsam  vorwarts.  Auch  Sie 
haben  ja  mit  der  Ubersetzung  meines  Buches  Schwierigkeiten.  Es 
wird  aber  von  einer  grofien  Bedeutung  sein,  dafi  diese  Ubersetzung 
in  die  Welt  kommt. 

In  der  letzten  Zeit  habe  ich  zu  den  andersartigen  Vortragen  auch 
anthroposophische  hinzu  gehalten.  Man  kann  sogar  sagen,  dafi  fur 
diese  mehr  Entgegenkommen  jetzt  ist  als  fur  die  andern. 

Ich  denke  in  den  Zeiten,  die  mir  bleiben  von  meiner  Arbeit,  viel 

an  die  Bildhauerarbeit  in  unserem  Atelier.  Befriedigend  wird  mir 

sein,  wieder  dort  zu  sein.  Wir  wollen  sehen,  ob  dies  in  der  ersten 

Halfte  August  sein  wird.  -c-   l       l     t  i  -n 

°  rur  heute  nerzhcnste  CjruiSe  von 

Stuttgart,  Landhausstrafie  70  Rudolf  Steiner 


29.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Atelier  Villa  Rosenau 

Sonntag  Arlesheim,  [vermutlich  Juli  1919] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  habe  jetzt  die  Nachricht  erhalten,  dafi  Messrs.  Routledge  das  Buch 
lieber  nicht  annehmen  mochten,  weil  sie  nicht  einverstanden  sind  mit  sol- 
chen  Fragen.  Wenn  sie  es  herausbringen  sollten,  so  ware  es  nur  auf  unser 
Risiko,  und  die  Kosten  [waren]  £  100  -  1000  Exemplare,  nachher  £  12  - 
£13  per  1000.  Mr.  Courtney  ging  zur  National  Labour  Press  und  von 
dort  schickte  man  ihn  an  einen  sehr  bekannten  Labour-Mann,  der  mit 
einem  Verlag  zu  tun  hat;  er  spricht  sehr  giinstig  iiber  das  Buch,  und  wird 
uns  eine  Antwort  geben  binnen  einer  Woche.  Sie  arbeiten  mit  Messrs. 
Allen  und  Unwin  und  geben  alle  die  Fabian-Literatur  heraus.  Es  scheint, 
wir  haben  doch  keine  Zeit  verloren,  weil  jetzt  Ferienzeit  und  es  sehr  ungiin- 
stig  fur  Bucher  ist;  diejenigen,  die  jetzt  herausgegeben  werden,  gehen  fast 
ausnahmslos  fehl.  Das  Buch  konnte  erscheinen  im  Oktober  und  die  beste 
Zeit  ist  vom  1.  Okt.  bis  Weihnacht,  sagt  man. 

Ein  kleines  Comite  ist  jetzt  gebildet  worden  in  England  fur  die  Arbeit 
an  der  sozialen  Frage,  und  Mr.  Kaufmann  hat  4  Vortrage  gehalten  iiber 
das  Buch  fur  Mitglieder  und  Freunde,  er  hat,  wie  es  scheint,  sehr  gut 
gesprochen,  und  sein  Publikum  war  sehr  begeistert  und  zeigte  grofies  Inter- 
esse  fur  die  Ideen.  Er  meinte,  es  ware  gut,  einen  Artikel  zu  schreiben  fur 
eine  Zeitschrift,  als  Vorbote  fur  das  Buch.  Was  meinen  Sie? 

Bitte  mir  Brief e  an  das  Atelier  zu  adressieren;  nach  dem  1 .  Aug.  werde 
ich  nicht  mehr  [in  Villa]  Rosenau  sein  -  man  hat  mein  Zimmer  fur  einen 
viel  hoheren  Preis  an  jemand  anders  vermietet.  Ich  habe  bis  1.  Okt.  das 
Zimmer  von  Miss  Maquet  bekommen,  nachher  unbestimmt. 

Ich  habe  vieles  zu  fragen  -  und  hoffe,  dafi  Sie  bald  wieder  kommen 
konnen,  es  ist  jetzt  sehr  lang,  dafi  Sie  fort  sind.  Donnerstag  haben  wir 
Richtfest  gefeiert  fur  die  Gruppe;  der  letzte  Block  war  oben  an  seinen  Platz 
gesetzt  und  wir  haben  uns  photographieren  lassen  auf  dem  Gipfel,  das 
heifk,  einige  von  den  Arbeitern  und  Schnitzern  -  als  Mitarbeiter  waren  Sie 
auch  dabei,  im  Bilde  nur,  leider!  Ich  weifi  noch  nicht,  wie  es  herauskommen 
wird,  weil  Frau  v.  Heydebrand  mit  ihrem  Apparat  fast  in  der  Luft  schweben 
mufite! 

Heute  ist  ein  Konzert  in  der  Kirche  in  Arlesheim  zugunsten  der  Ferien- 
kinder  von  Miinchen,  Herr  Schuurman  spielt  mit,  so,  glaube  ich,  werden 


viele  von  uns  hingehen,  trotz  der  Tatsache,  dafi  das  Geld  viel  wichtiger  ist 
als  unsere  Anwesenheit. 

Ich  hoffe  auf  eine  Antwort  auf  meinen  letzten  Brief! 

Mit  herzlichsten  Griifien 
L.  Edith  C.  Maryon 

Das  Buch  mochte  ich  gerne  einem  Deutschen  zu  lesen  geben,  damit  alle 
Sinn-Fehler  entdeckt  werden,  aber  wem?  Wenn  Sie  baldigst  wiederkom- 
men,  vielleicht  Frau  Dr.? 


30.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner  Villa  St.  Georg 

Arlesheim  bei  Basel,  24.  August  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  sende  Ihnen  hiermit  einen  Brief  von  meinem  Schwager,  seine  Kritik 
iiber  die  Ubersetzung  Ihres  Buches  «Die  Kernpunkte  der  sozialen  Frage» 
habe  ich  mit  rotem  Bleistift  angemerkt;  bis  jetzt  ist  die  andere  Ubersetzung 
noch  nicht  angekommen.  Von  Frl.  Sharp  habe  ich  erfahren,  dafi  die  Dame, 
die  es  ubersetzt  hat,  diejenige  ist,  die  sich  Herrn  Dr.  Boos  fur  diese  Arbeit 
angeboten  hat,  und  ich  habe  ihr  die  Adresse  gegeben  von  Mr.  Drury-Lavin, 
Nachher  ist  meine  Ubersetzung  angekommen.  Sie  war  damit  unzufrieden 
und  hat  dann  eine  eigene  gemacht  mit  Hilfe  von  Herrn  Kaufmann  und 
diese  mit  meiner  Satz  fur  Satz  verglichen.  Frl.  Sharp  sagt  ferner,  man  war 
nicht  ganz  zufrieden,  dafi  ich  mich  an  eine  Freundin  gewendet  habe,  start 
an  die  Mitglieder,  aber  ich  kannte  eigentlich  nur  Collison;  Drury-Lavin 
und  Cull  sah  ich  ein  paar  Mai  bei  Vortragen  1913  in  Miinchen,  von  der 
Existenz  von  Herrn  Kaufmann  wufite  ich  iiberhaupt  nichts! 

Ich  habe  die  Rampe  fertig  modelliert,  sie  sollte  morgen  abgegossen 
werden.  Das  Atelier  scheint  sehr  leer  und  still  jetzt.  Ich  bin  ganz  neidisch 
auf  Frl.  Waller,  dafi  ich  nicht  auch  helfen  darf  bei  der  Arbeit  in  Stuttgart! 
Diese  Woche  fange  ich  wieder  an  zu  schnitzen  an  dem  Ahr[iman]kopf  und 
der  Hand  von  Luzifer,  ich  halte  mich  dadurch  im  Gleichgewicht.  Herr  K. 
Ballmer  hat  einen  Artikel  iiber  das  Goetheanum  geschrieben  fur  das  Arles- 
heimer  Blatt,  ich  sende  ein  Exemplar  -  es  ist  eine  Erwiderung  auf  eine 
Kritik  iiber  die  Kunstformen  im  Goetheanum. 

Mit  herzlichsten  Grufien 
L.  Edith  C.  Maryon 


31.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Montag-Abend  [1.  September  1919] 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  schreibe  Ihnen  gleich,  weil,  als  ich  eine  Kopie  machte  von  den  Titeln 
Ihrer  Vortrage  fur  Oxford,  ich  die  Empfindung  hatte,  dafi  mit  «Der  Mensch 
innerhalb  der  sozialen  Ordnung.  Das  Individuum  und  die  Gemeinschaft» 
(=  commonwealth)  Sie  eigentlich  im  Sinne  haben  «community».  Common- 
wealth hat  mehr  mit  dem  Staate  zu  tun,  community  jedoch  mit  den  Men- 
schen  als  solchen  in  ihren  Verhaltnissen  zueinander  und  als  Gesamtheit. 
Wenn  Sie  mir  sagen  kdnnten,  mit  welchem  Wort  Sie  es  am  liebsten  iibersetzt 
haben  wiirden,  schicke  ich  eine  Postkarte  an  Mrs.  Mackenzie.  Ich  habe 
schon  eine  Bemerkung  in  dem  Brief e  gemacht. 

Dienstag.  Hoffentlich  geht  es  jetzt  gesundheitlich  besser?  Ich  hoffe,  daf? 
die  Eroffnungsfeier  in  der  Schule  recht  schon  wird,  in  Gedanken  werde 
ich  dabei  sein. 

Morgen  Nachmittag  photographieren  wir  wieder  ein  paar  Toneuryth- 
miekinder,  in  der  Hoffnung,  einige  tadellose  Bilder  zu  bekommen  fiir 
«  Anthroposophy  » . 

Sonst  ist  nicht  besonderes  heute  zu  sagen. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


32.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  4.  September  1919 

Mein  liebes  Fraulein  E.  Maryon! 

Den  Brief  habe  ich  erhalten  und  mich  dariiber  gefreut.  Ich  denke 
viel  an  die  dortige  Arbeit  in  der  Bildhauerwerkstatte  und  werde  froh 
sein,  wenn  ich  auch  wieder  daran  teilnehmen  kann.  Hier  ist  viel 
Arbeit  fiir  die  Einrichtung  der  Schule  zu  tun.  Jeden  Morgen  beginnen 
wir  9  Uhr  mit  Vortrag  iiber  allgemeine  Padagogik,  dem  dann  folgt, 


nach  einer  viertelstundigen  Pause,  ein  zweiter  Vortrag  iiber  spezielle 
Methodik  und  Didaktik.  Dann  ist  es  nach  diesen  beiden  Vortragen 
111/2.  Nachmittag  beginnt  das  Seminar  von  3-6.  Dann  sind  noch 
zumeist  irgendwelche  Sitzungen.  Es  ist  also  sozusagen  jetzt  den  gan- 
zen  Tag  Vortrag.  Dazwischen  denke  ich  an  die  Dornacher  Arbeit, 
besonders  an  unsre  Bildhauergruppe. 

Beziiglich  der  Ubersetzung  meines  Buches  wird  ja  doch  das  gelten, 
dafi  der  Eine  gut  findet,  was  dem  Andern  weniger  gut  scheint;  und 
wir  werden  wohl  nur  entscheiden  konnen,  wenn  eine  andre  Uberset- 
zung uns  vorliegt.  Das  Urteil  iiber  die  gemachte  Ubersetzung  ist 
eigentlich  schon  geniigend.  So  wird  ja  doch  nur  das  herauskommen, 
dafi  die  Veroffentlichung  der  Ubersetzung  verzogert  wird,  wie  das 
schon  oft  bei  meinen  Biichern  der  Fall  war,  bei  denen  immer  der 
eine  Ubersetzer  mit  dem  andern  unzufrieden  war.  Man  sollte  mit 
der  von  uns  schon  gemachten  Ubersetzung,  bei  der  ich  doch  dabei 
war,  zufrieden  sein  und  ihre  Veroffentlichung  durch  die  Kommission 
besorgen,  statt  sie  zu  viel  zu  kritisieren.  Doch  werden  wir  sehen, 
was  wird,  wenn  ich  wieder  in  Dornach  sein  werde. 

Sonntag  ist  hier  die  Eroffnung  der  Schule.  In  dieser  Woche  sollen 
die  vorbereitenden  Vortrage  und  Seminarubungen  beendet  werden. 
Dann  mochte  ich  Dienstag  oder  Mittwoch  nachste  Woche  nach  Berlin 
gehen;  vom  18.  bis  21.  September  soil  ich  Vortrage  halten  in  Dresden; 
dann  am  24.  September  noch  einmal  hier  und  bald  darnach  soli  es 
wieder  nach  Dornach  gehen. 

Es  wird  dann  fur  mich  sehr  befriedigend  sein,  wieder  selbst  in 
Dornach  zu  arbeiten  und  im  Bildhaueratelier  wieder  sein  zu  konnen. 

Mit  herzlichen  Griifien 

Rudolf  Steiner 

z.Z.  Stuttgart,  Landhausstrafie  70 


33.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Villa  St.  Georg 
Arlesheim  bei  Basel,  14.  September  1919 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

die  zweite  Ubersetzung  des  1.  und  2.  Kapitels  Ihres  Buches  ist  endlich 
angekommen,  aber  ich  finde  es  unendlich  schwierig,  ein  Urteil  dariiber  zu 
bilden.  Zuerst  habe  ich  die  zwei  Kapitel  gelesen  rein  von  dem  Standpunkt 
eines  englischen  Buches,  und  habe  gefunden,  daf5  es  gut  geschrieben  ist,  in 
ganz  modernem  treffendem  Englisch,  die  Bilder  ganz  im  englischen  Sinn, 
keine  Spur  von  dem  deutschen  Ursprung  (wie  bei  meiner  armen  Schop- 
fung!).  Nur  da  und  dort  habe  ich  einen  Satz  gefunden,  der  mir  wie  moderner 
«Slang»  erschien,  aber  wahrscheinlich  wird  das  im  jetzigen  England  nicht 
so  empfunden.  Es  liest  sich  fliefiend  und  interessant,  ich  konnte  wohl 
denken,  dafi,  falls  es  richtig  herausgegeben  ist,  es  sogar  ein  populares  Buch 
werden  konnte.  Die  eine  Ubersetzerin  ist  schon  eine  geiibte  und  bekannte 
Verfasserin,  und  hat  in  diesen  Kreisen  schon  viel  Einflufi,  und  konnte 
wesentlich  dazu  beitragen,  dafi  das  Buch  von  der  National  Labour  Press 
herausgegeben  wird. 

Dann  habe  ich  es  gelesen  und  verglichen  mit  dem  Original.  Hier  stellte 
es  sich  heraus,  dafi  die  zwei  Ubersetzer  sich  viel  Freiheit  erlaubt  haben 
mit  der  Satzverteilung,  [und  zwar]  nach  meiner  Meinung,  mit  Ausnahme 
von  ein  oder  zwei  Stellen,  ohne  triftigen  Grund  dafiir  zu  haben.  Ich  meine 
sie  haben  aus  einem  Satz  zwei  oder  drei  gebildet,  aus  zwei  Satzen  einen 
usw.  Dies  geschieht  durchschnittlich  zweimal  oder  mehr  pro  Seite.  Man 
konnte  aber  dieses  schnell  korrigieren  und  wieder  gut  machen;  ich  meine, 
es  ware  wunschenswert,  weil  eine  andere  Nuance  herauskommt. 

Dann  haben  sie  drei  Viertel  von  den  Worten,  die  im  Original  dick 
geschrieben  sind,  gewohnlich  geschrieben,  so  dafi  das  betonte  Wort  nur 
die  gleiche  Valeur  hat  wie  die  iibrigen.  Ich  meine  auch,  sie  haben  oftmals 
zu  frei  iibersetzt,  das  heiftt,  sie  haben  versucht,  den  Sinn  zu  verstehen  und 
dann  frei  auf  ihre  eigene  Weise  wiederzugeben,  so  dafi  es  ein  bifichen  ist, 
als  ob  man  ein  blaues  Bild  gesehen  und  aus  der  Erinnerung  heraus  ein 
grimes  gemacht  hatte!  Mit  den  Paragraphen  geht  es  ebenso,  sie  machen 
ganz  neue,  in  willkiirlicher  Weise. 

Zuletzt  habe  ich  das  1.  Kapitel  von  den  zwei  Ubersetzungen  verglichen 
und  finde,  die  andere  liest  sich  mehr  fliefiend,  als  Ganzes  betrachtet,  was 
sich  gut  begreifen  lafit,  weil  die  eine  Ubersetzerin  schon  viel  geschrieben 


hat  und  ich  nicht!  Ich  finde  meine  Satze  oftmals  ungeschickter,  aber  viel- 
leicht treuer  -  in  einiger  Hinsicht  -  zum  Original;  andere  sind  doch  sogar 
wie  eine  andere  Version,  manche  besser.  (1st  das  unbescheiden?)  Aber  am 
Ende  finde  ich,  daft  das  beste  fur  die  Sache  doch  ware,  die  andere  Uberset- 
zung  zu  nehmen,  weil  die  Leute  Einflufi  in  England  haben  und  ich  keinen, 
und  sie  miissen  doit  arbeiten  und  werden  mehr  Interesse  dafur  haben, 
wenn  sie  ihre  eigenen  Werkzeuge  schaffen  konnen.  Nur  wiirde  ich  darauf 
bestehen,  dafi  die  betonten  Worte  auch  im  Englischen  betont  werden  soil- 
ten,  und  dafi  man  nicht  willkiirlich  eine  andere  Satzverteilung  einfiihren 
sollte.  Wenn  die  Zeit  nicht  allzusehr  drangt  und  die  anderen  es  erlauben 
(was  sie  vielleicht  nicht  tun  werden,  weil  sie  fest  iiberzeugt  sind,  ihre 
Ubersetzung  sei  ganz  getreu  dem  Original),  so  wiirde  ich  gerne  einiges 
etwas  anders  sehen.  Dieses  Urteil  ist  von  dem  ersten  Kapitel  gebildet,  ich 
habe  nur  fluchtig  das  zweite  gelesen,  aber  meine  Kritik  ist  ungefahr  die 
gleiche.  Ich  werde  die  Sache  weiter  studieren  in  den  nachsten  Tagen,  aber 
wahrscheinlich  nicht  wesentlich  anders  denken. 

So  schreibe  ich  jetzt,  damit  man  vielleicht  ein  wenig  Zeit  sparen  kann. 
Die  Dame  und  Herr  Kaufmann  haben  vor,  Ende  September  in  Dornach 
zu  sein.  Die  Frage  ist,  ob  man  der  National]  Lab[our]  Press  sofort  eine 
Ubersetzung  geben  sollte,  damit  wir  eine  Antwort  bekommen  konnen? 

Wenn  die  anderen  kommen  und  es  mir  erlauben,  wiirde  ich  gerne  die 
Arbeit  durchgehen  und  vergleichen,  man  konnte  sie  vielleicht  etwas  verbes- 
sern,  aber  das  wiirde  Zeit  in  Anspruch  nehmen,  vielleicht  ist  es  besser  und 
wichtiger,  jetzt  schnell  einen  Anfang  zu  machen?  Uber  alles  erwarte  ich 
Ihr  Urteil  und  habe  nichts  davon  den  zwei  Personen  gesagt. 

Ich  habe  verschiedene  Briefe  von  der  Kommission  usw.  Ihnen  spater 
vorzulegen. 

Es  ware  mir  sehr  lieb  gewesen,  auch  in  dieser  Sache  mitzuarbeiten,  allein 
es  scheint  mir,  daft  das  Leben  mich  hierbei  herausschmeifien  will  und  der 
Sache  wegen  mufi  ich  es  geschehen  lassen. 

Es  wird  so  schon  sein,  wenn  Sie  wieder  hier  arbeiten  konnen,  die  Zeiten 
sind  doch  recht  schwierig  und  die  Wochen  sehr  lang.  Den  Brief  habe  ich 
gut  erhalten,  und  habe  mich  dariiber  sehr  gefreut. 

Mit  herzlichsten  Griifien 


L.  Edith  C.  Maryon 


34.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 


Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach,  21.  Dez.  1919 


es  ist  ein  ganz  anderes  Leben  hier  geworden,  meine  Zeit  verteilt  sich  zwi- 
schen  dem  grofien  und  kleinen  Lucifer,  (es  ist  dabei  zu  hoffen,  dafi  man 
dadurch  nicht  allerlei  phantastische  Gedanken  und  Qualitaten  entwickelt?) 
Der  Kopf  des  kleinen  Lucifer  ist  so  stark  nach  vorn  geneigt,  dafi  er  sich 
schwer  schnitzen  lafit,  ich  habe  ihm  schon  fast  ein  Stuck  zuviel  von  der 
Nase  weggeschlagen  -  es  lafit  sich  aber  ausbessern.  Unser  Atelier  sieht  sehr 
leer  und  verlassen  aus,  als  ob  man  seit  einem  Monat  dort  nicht  gearbeitet 
hatte. 

Mit  Mrs.  Wedgwood  hatte  ich  ein  langes  Gesprach  iiber  die  angetroffe- 
nen  Menschen  -  sie  urteilt  viel  weniger  scharf  wie  ich  und  sagt,  dafi,  wenn 
man  es  selbst  nicht  mitgemacht  hat,  man  kaum  eine  Vorstellung  haben 
kann,  wie  unglaublich  hafilich  und  schwierig  es  war  in  dem  jetzigen  Eng- 
land, und  dafi  die  paar  hundert  Menschen,  die  mehr  oder  weniger  durch- 
schaut  haben,  was  in  Wirklichkeit  dieser  Krieg  fur  eine  Bedeutung  hat, 
wirklich  eine  schauderhafte  Zeit  durchgemacht  haben.  Die  ganze  Luft  dort 
ist  vergiftet  und  verpestet  mit  Lxigen,  und  Menschen,  die  sich  aufrecht  zu 
halten  hatten  in  solch  einer  Atmosphare  ohne  irgendwelche  Unterstiitzung 
oder  Hilfe,  mitten  drinnen  unter  einer  Menge  Menschen,  die  sich  feindlich 
zeigten,  sobald  bekannt  geworden  war,  dafi  jemand  Pazifist  ist  -  und  sich 
niedergedriickt  zu  fiihlen  durch  die  Empfindung  von  der  Abscheulichkeit 
gerade  dieses  Krieges  -,  hatten  wirklich  eine  schreckliche  Zeit  durchzuma- 
chen.  Sie  meinte,  viele  hatten  nicht  aushalten  konnen,  wenn  sie  alles  durch- 
schaut  hatten.  Dadurch  hat  sie  Hoffnung  fur  diese  Leute,  die  wenigstens 
horen  wollen,  wahrend  die  anderen  blind,  taub  und  feindlich  gesinnt  sind 
alien  anderen  Gedanken  gegenuber.  Ich  meine  trotzdem,  dafi  man  ganz 
gut  begreifen  kann,  wie  es  dort  aussah,  auch  ohne  gerade  dort  zu  sein. 

22.  Dez.  Heute  war  ich  bei  der  Kernpunkte-Arbeitsgruppe  in  dem 
Lesezimmer.  Es  war  eigentlich  ziemlich  interessant,  hauptsachlich  eine 
kleine  Rede  von  Mrs.  W[edgwood],  die  klar  ausgedriickt  war,  ein  bifichen 
Humor  dabei  usw.  Thema:  Kapital.  Die  Fragen  waren  manchmal  amiisant. 
Mr.  Monges  wollte  wissen,  ob  nicht  ein  Zahnarzt  seine  Arbeit  in  genau 
derselben  Weise  verkauft  wie  die  Tagesarbeiter  und  [der]  konnte  kaum 
den  Unterschied  begreifen,  und  meinte,  er  mufite  sich  doch  wie  ein  Sklave 
fiihlen. 


Mrs.  Drury-Lavin  sprach  von  der  Zufriedenheit  und  Frommigkeit,  die 
man  in  England  findet  bei  den  Arbeitern  auf  dem  Lande  und  konnte  nicht 
ganz  einsehen,  dafi  sie  eigentlich  einem  vergangenen  Zeitalter  angehoren, 
das  sich  nicht  weiter  fortsetzen  kann.  Beide  Fragen  waren  sehr  charakteri- 
stisch  gestellt  worden. 

Ich  freue  mich  auf  die  offentlichen  Vortrage  in  Basel. 

Mit  herzlichen  Griifien 
Edith  Maryon 


35.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  24.  Dezember  1919 

Mein  liebes  Fraulein  E.  Maryon, 

in  unsere  Bildhauerarbeitsstatte  sende  ich  die  herzlichsten  Weih- 
nachtsgedanken.  Es  ist  selbstverstandlich,  dafi  ich  mit  diesen  Gedan- 
ken  gerne  dort  ware. 

Die  Waldorf schule  hat  sich  bis  jetzt  gut  entwickelt.  Es  herrscht 
da  ein  guter  Geist.  Die  Kinder  gehen  gerne  dahin.  Und  fragt  man 
sie:  geht  ihr  gerne  in  die  Schule,  so  antworten  sie  begeistert  «ja». 

Ich  hatte  am  ersten  Tag  meines  Hierseins  Vortrag;  dann  in  den 
beiden  ersten  Tagen  Schulbesuch  vom  Morgen  bis  Abend;  dazwi- 
schen  Besprechungen.  Sonnabend  27.  Dezember  und  Dienstag  30. 
Dezember  sind  noch  offentliche  Vortrage  in  Stuttgart;  aufierdem 
findet  in  der  Waldorf  schule  ein  improvisierter  Kursus  iiber  Naturwis- 
senschaft  statt.  Dann  noch  ein  kleinerer  anderer  Kursus.  Dazu  kom- 
men  eine  Anzahl  Zweigvortrage.  Also  zu  tun  ist  in  der  kurzen  Zeit 
genug.  Denn  zwischen  den  Vortragen  sind  die  Besprechungen. 

Die  Ruckfahrt  wird  am  4.  Januar  sein.  Nochmals  die  herzlichsten 
Weihnachtsgedanken 

Rudolf  Steiner 


z.Z.  Stuttgart,  LandhausstrafSe  70 


36.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach,  2.  Marz  1920 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

leider  ist  der  Gipser  nicht  gekommen,  so  dafi  die  Arbeit  an  dem  Wesen 
eben  erst  nachste  Woche  ausgefuhrt  werden  kann,  indessen  modelliere  ich 
die  Beleuchtungskorper;  was  aber  gar  nicht  so  leicht  zu  machen  ist. 

Der  Baumeister  Kefiler  besuchte  das  Atelier  am  Sonntag  und  versprach, 
heute  ein  Preisangebot  zu  senden;  er  sagte,  dafi  das  Modell  ihm  jetzt  besser 
begreiflich  sei.  Ich  habe  ihm  vorgeschlagen,  dafi  man  in  unserer  Werkstatt 
samtliche  Tiiren  und  Fenster  ausfuhren  sollte,  und  diese  Idee  hat  ihm  sehr 
gut  gefallen  und  wurde  eine  wesentliche  Anderung  im  Preis  bedeuten,  weil 
er  sagt,  dafi  seine  Arbeiter  die  neuen  Formen  nicht  begreifen  und  gut 
ausfuhren  konnen. 

Sonst  ist  nicht  viel  zu  melden,  es  ist  etwas  langweilig  hier  und  man 
wunscht,  es  ware  moglich,  die  Kurse  in  Stuttgart  mitzumachen  und  die 
Stadt  wiederzusehen,  statt  verniinftig  hier  weiter  zu  arbeiten! 

Ich  denke  an  Stuttgart  und  hoffe,  dafi  alles  gut  vorwarts  geht  in  gut 


Mein  liebes  Fraulein  Edith  Maryon! 

Bis  jetzt  ist  hier  alles  den  Umstanden  entsprechend  gegangen.  Die 
Abprufung  der  Waldorf-Schule  hat  Erf reuliches  ergeben.  Der  Unter- 
richt  hat  die  Lebendigkeit,  die  er  haben  soil.  Es  waren  zwei  offentliche 
Vortrage  und  werden  noch  zwei  in  der  nachsten  Woche  sein,  der 
naturwissenschaftliche  Kurs  und  alles,  was  fur  die  Einrichtungen  der 
nachsten  Zeit  notwendig  ist. 

Ich  schreibe  dies  zwischen  einer  Kremation,  von  der  ich  eben 
komme  und  einer  Lehrerkonferenz,  bei  der  ich  eigentlich  schon  sein 
sollte.  Daher  kann  ich  wirklich  nichts  Ausfiihrliches  berichten.  Ich 
bin  in  Gedanken  in  unserem  Bildhaueratelier  und  sende  dahin  die 
besten  herzlichsten  Griifie 


gemessenem  Tempo. 


Mit  herzlichen  Griifien 


Edith  Maryon 


37.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


Stuttgart,  6.  Marz  1920 


Stuttgart,  Landhausstrafie  70 


Rudolf  Steiner 


38.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  St.  George 
Arlesheim,  7.  Marz  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ein  Brief  ist  bis  jetzt  [nicht]  angekommen,  es  dauert  lang  von  Stuttgart  - 
vielleicht  kommt  er  morgen. 

Gestern  haben  wir  Besuch  gehabt  aus  Dornach,  der  Gerichtsprasident 
und  sieben  oder  acht  andere  hohe  Tiere.  Sie  waren  freundlich  und  hatten 
etwas  Verstandnis  fiir  die  Sache,  nachher  haben  sie  verschiedene  Biicher 
gekauft.  Einige  haben  sogar  am  grofien  Lucifer  etwas  geschnitzt,  was  sie 
sehr  spafiig  fanden.  Die  Hausmodelle  haben  ihnen  gut  gefallen,  ich  sagte 
ihnen,  es  sei  ein  Versuch,  die  Wohnungsnot  zu  mildern,  und  dafi  gemeint 
sei,  die  Hauser  sehr  einfach  auszufiihren,  ohne  Luxus,  aber  in  der  Architek- 
tur  etwas  angepafk  an  den  Bau.  Sie  waren  sehr  interessiert.Wir  haben  alle 
versucht,  einen  guten  Eindruck  zu  machen.  Der  Gerichtsprasident  schien 
mir  besonders  wohlwollend,  wenn  es  echt  war. 

Heute  hat  das  Wetter  umgeschlagen,  es  ist  kalt  und  regnet,  wenig  Besu- 
che  am  Bau. 

Der  Gipser  ist  endlich  gekommen,  aber  wir  werden  kaum  fertig  mit 
dem  Umbau,  bis  Sie  wiederkommen. 

Mrs.  Drury-Lavin  hat  geschrieben,  sie  hat  meinen  Bruder  besucht,  und 
er  hat  ihr  sehr  gefallen,  nachsten  Sonntag  sollten  er  und  Miss  Word  (die 
Verlobte)  Mrs.  D.  L.  besuchen,  und  dann  wird  sie  sehen,  ob  es  moglich 
sein  wird,  einen  Vortrag  an  der  Universtitat  zu  halten.  Heute  mufite  sie 
in  der  Gruppe  in  London  Nachricht  geben.  Die  alte  G.  hat  leider  £  1000 
gegeben,  urn  eine  Britische  Gesellschaft  oder  (ein  Britisches)  Zentrum  zu 
griinden,  sie  hat  es  der  Myrdin-Gruppe  gegeben.  Collison  wird  bald  nach 
Ostern  in  London  sein.  Die  vier  Mysteriendramen  erscheinen  in  London 
im  Mai  oder  Juni,  ich  habe  einen  Brief  von  Putnams',  weil  ich  die  Titel 
wissen  wollte  fiir  die  Plakette. 

Mrs.  Drury-Lavin  schreibt,  sie  fuhlt  sich,  als  ob  sie  just  die  geistige 
Welt  verlassen  und  sich  noch  nicht  an  diese  Inkarnation  gewohnt  hat;  die 
Zeit  in  Dornach  war  zu  schon,  sie  hat  dort  frischen  Mut  zum  Leben 
geschopft  und  ist  dafur  unendlich  dankbar.  Ich  habe  ihr  heute  geschrieben. 

Montag.  Tiefer  Schnee! 

Mit  herzlichen  Griifien 
Edith  Maryon 


39.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  12.  Marz  1920 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Herzlichsten  Dank  sage  ich  fur  die  Briefe,  die  mir  sehr  erfreulich 
waren.  Alles  was  ich  von  dort  horen  kann  ist  mir  wichtig  in  der  Zeit, 
in  der  ich  selbst  nicht  dort  arbeiten  kann  in  unserem  Bildhaueratelier. 
Hier  habe  ich  viel  Arbeit  gehabt;  aber  sie  ist  notwendig.  Und  ich 
habe  sie  diesmal  besser  iiberstanden  als  fruher.  Die  Mitteilungen,  die 
ich  gerne  machen  wxirde,  kann  ich  allerdings  nicht  ausfuhrlich  ma- 
chen,  da  die  Zeit  fehlt.  Ich  mufi  gleich  nachher  wieder  in  die  Schule 
hinauf.  Mittwoch  und  heute  sind  offentliche  Vortrage  gewesen;  da- 
zwischen  gibt  es  jetzt  sehr  viel  Tatigkeit.  Und  so  kann  ich,  zu  den 
herzlichsten  Gedanken,  die  ich  sende,  nur  hinzufugen,  dafi  beabsich- 
tigt  ist,  Montag  von  hier  abzufahren  und  Dienstag  in  Dornach  anzu- 
kommen.  Ob  diese  Absicht  noch  geandert  werden  mufi,  weifi  ich 
noch  nicht.  Jedenfalls  mufi  ich  Mittwoch  in  Zurich  sein. 

Viele  Griifie  von 

z.Z.  Stuttgart,  Landhausstrafie  70  Rudolf  Steiner 


40.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach,  10.  Juni  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ein  Brief  ist  gerade  von  Baron  Rosenkrantz  angekommen.  Er  schreibt  unter 
anderem,  daft  ein  gutes  Datum  fur  den  Besuch  der  Kiinstler  der  10.  oder 
15.  August  ware,  und  ob  es  nicht  besser  ware,  zehn  Tage  fur  den  Aufenthalt 
hier  zu  sagen,  statt  vier  oder  funf?  Vier  oder  fiinf  seien  etwas  kurz  nach 
einer  so  langen  Reise.  Was  meinen  Sie?  Kann  man  die  Vortrage,  Eurythmie 
usw.  so  lang  ausdehnen?  Weiter  fragt  er,  ob  es  erlaubt  sei,  die  Einladung 
auf  nichtpraktizierende  Kiinstler  auszudehnen,  weil  er  meint,  es  gibt  viele 
Leute,  die  nicht  eigentlich  Kiinstler  sind,  aber  die  schon  sehr  interessiert 
sind  an  einer  spirituellen  Bewegung  in  der  Kunst,  und  die  viel  Verstandnis 


fur  die  Arbeit  in  Dornach  haben  wiirden.  Ich  habe  ihm  geantwortet,  dafi 
ich  nicht  glaube,  da$  etwas  im  Wege  stiinde,  die  Einladung  auf  solche 
Menschen  auszudehnen,  aber  dafi  ich  direkt  fragen  wurde.  Er  schreibt: 
Viele  werden  fiir  die  Eurythmie  grofies  Interesse  zeigen.  In  England  gibt 
es  jetzt  viele  Bewegungen  fiir  die  Forderung  der  dramatischen  Kunst,  eine 
Wiederbelebung  von  allerlei  alten  Gebrauchen  (kann  man  das  sagen  ?)  und 
ein  Auftauchen  von  alten  Mysterien-Spielen;  mystische  Dinge  sind  beliebt, 
mehr  als  etwas  Okkultes,  weil  dieses  letztere  zu  viel  Anspriiche  macht  an 
die  intellektuelle  Anstrengung.  Denken  Sie,  es  ware  moglich,  (wenn  ge- 
niigend  Leute  vorhanden  sind,  selbstverstandlich),  ein  kleines  Stuck  von 
den  Mysterien  vorzufuhren?  Oder  vom  Faust,  falls  das  erste  unmoglich 
erscheint. 

Dann  schreibt  Mrs.  Drury-Lavin  ganz  begeistert  von  der  Walleen-Idee 
und  sagt,  dafi  man  es  wohl  zustandebringen  werde,  dafi  er  kommen  kann; 
sie  hat  auch  direkt  an  Sie  geschrieben.  Sie  hat  das  Gefuhl,  dafi  im  Interesse 
des  Baues  nicht  genug  geschieht  in  England,  man  leidet  dort  unter  grofiem 
Mangel  an  Menschen,  die  fahig  sind,  Vortrage  zu  halten,  und  unter  den 
zweien,  die  sie  haben,  ist  die  eine,  Mrs.  P.,  vielleicht  zu  sehen,  aber  die 
Schwester  steht  vorlaufig  nicht  tief  genug  in  der  Sache  drinnen. 

Mit  meinem  Aufsatz  sind  die  Leute  wieder  nicht  zufrieden,  weil  sie 
lieber  selbst  etwas  schreiben  mochten.  Sie  will  weiter  dariiber  schreiben  in 
einigen  Tagen. 

Gestern  habe  ich  Herrn  Hamel  besucht,  es  gibt  wenig  Anderung  in 
seinem  Befinden,  man  hat  dort  nicht  grofie  Hoffnung  auf  eine  voile  Gene- 
sung.  Sonst  sind  sein  Zimmer  und  Essen  gut,  die  Krankenschwester  nett. 

Dr.  Boos  sagt,  es  gibt  nicht  wesentlich  Neues.  Der  Vortrag  gestern  war 
recht  lang,  nachher  hat  ein  Aufienstehender  gesprochen.  Nach  Herrn 
Schremps  Vortrag  hat  eine  rege  Diskussion  stattgefunden.  Sonst  ist  nichts 
Neues  zu  melden. 

Ich  strebe  nach  Weise-werden  in  der  Einsamkeit  hier  und  mache  mir 
manche  Vorwiirfe. 

Ich  hoffe,  die  Vortrage  vorgestern  und  heute  waren  gut  besucht;  und 
dafi  die  Dinge  in  Ruhe  verlaufen?  Ich  bin  noch  angstlich  wegen  der  Er- 
eignisse  in  Deutschland. 

Mit  herzlichen  Griifien 
Edith  Maryon 


41.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Mary  on 

Stuttgart,  15.  Juni  1920 

Meine  Hebe  Edith  Maiyon! 

Gerne  hatte  ich  langst  geschrieben;  aber  es  war  eben  doch  bis  jetzt 
aufierordentlich  viel  zu  tun;  und  da  ich  auch  heute  abend  off entlichen 
Vortrag  habe,  kann  ich  nur  ein  paar  Zeilen  schreiben.  Fur  den  empf  an- 
genen  Brief  danke  ich  herzlichst.  Ich  denke,  die  Sache  mit  Baron 
Rosenkrantz  lafit  sich  so  anordnen,  wie  er  es  meint.  Auch  die  Person- 
lichkeiten,  die  nicht  praktizierende  Kunstler  sind,  mogen  doch  kom- 
men.  Ob  wir  etwas  von  den  Mysterien-Spielen  bieten  konnen,  wird 
von  der  Moglichkeit  abhangen;  versuchen  konnen  wir  es  ja. 

Uber  alles  andere  schreibe  ich  morgen  oder  iibermorgen.  Ich  habe 
aufier  den  andern  Vortragen  hier  auch  noch  einen  Lichtbilder- Vor- 
trag uber  den  Bau  am  letzten  Sonnabend  gehalten. 

Fur  heute  noch  allerherzlichste  Griifie  und  die  Versicherung,  dafi 
alle  Angstlichkeit  unbegriindet  ist.  Montag  werde  ich  wohl  noch 
nicht  zuriick  sein;  aber  bald  darauf. 

Allerherzlichsten  Grufi 
Stuttgart,  Landhausstrafie  70  Rudolf  Steiner 


42.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


Meine  liebe  Edith  Maryon! 


Stuttgart,  18.  Juni  1920 


Es  ist  leider  immer  hier  unmoglich,  viel  zu  schreiben.  Deshalb  nur 
diese  Zeilen,  die  sagen  sollen,  dafi  ich  vor  Donnerstag  oder  Freitag 
den  25.  die  nachste  Woche  wohl  nicht  zuriick  reisen  kann.  Die  Arbeit 
macht  anderes  unmoglich. 

Hoffentlich  geht  dort  die  Arbeit  weiter,  bei  der  ich  schon  wieder 
gerne  dabei  ware.  Aufier  dem  Lichtbildervortrag  war  hier  noch  ein 
offentlicher  Vortrag  und  gestern  auch  ein  Vortrag  vor  den  Studenten 
der  hiesigen  Hochschule.  Diese  Zeilen  schreibe  ich  in  der  Waldorf- 
schule,  von  der  aus  ich  allerherzlichste  GriiJSe  sende 


Rudolf  Steiner 


43.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel,  19.  Juni  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

fiir  den  empfangenen  Brief  besten  Dank.  Baron  Rosenkrantz  schreibt,  er 
wird  jetzt  zur  Tat  schreiten  und  eine  vorlaufige  Ankiindigung  machen, 
und  sobald  er  ein  mehr  definitives  Programm  bekommt,  eine  weitere  ausge- 
ben.  Hiermit  sende  ich  Ihnen  seine  Vorschlage,  er  bittet  urn  Korrektur 
und  Kritik. 

Er  meint,  die  Eurythmie  wird  grofies  Interesse  erwecken  gerade  in  der 
spirituellen  Form,  wie  sie  gelehrt  wird  in  Dornach.  Die  Dalcroze-Methode 
ist  bloft  emotionell  und  leicht  aufregend,  aber  sie  hat  jetzt  grofien  Erfolg. 

Ware  es  vielleicht  moglich,  dafi  gewisse  Mitglieder  ein  paar  der  besten 
Eurythmie-Kinder  von  Stuttgart  einladen  fiir  diese  zwei  Wochen,  um  un- 
sere  Krafte  etwas  zu  verstarken  in  dieser  Richtung? 

Sollte  man  blofi  an  die  britischen  Kiinstler  denken,  oder  die  Einladung 
auf  andere  Lander  ausdehnen? 

Mrs.  Drury-Lavin  schreibt,  dafi  man  £  150  fiir  Walleen  gesammelt  hat 
und  Miss  Pethick  meint,  man  sollte  ihre  Ankunft  in  Dornach  abwarten, 
um  ihm  endgiiltig  zu  schreiben.  Sie  wollte  ihn  fiir  Okt.  und  Nov.  einladen, 
damit  sie  Ende  Sept.  in  London  Vorbereitungen  machen  kann.  Ich  mochte 
aber,  dafi  er  Anfang  August  kommen  konnte  (falls  wir  jemand  finden 
konnen,  ihn  als  Gast  einzuladen),  damit  wir  einen  kompetenten  Dolmet- 
scher  haben  fiir  die  Vortrage  im  August. 

Mit  allerherzlichsten  Griifien  und  der  Hoffnung,  dafi  Sie  recht  bald 
wiederkommen 

griifSe  ich  Sie  herzlichst 
Edith  Maryon 

Anlage  zum  Brief  Nr.  43 

Provisorisches  Programm 
10.-20.  August  1920 

1.  )  Eine  Serie  von  3  oder  mehr  Vortragen  von  Herrn  Dr.  Steiner  iiber 

Kunst  (Anzahl  und  Thema  anzufragen,  damit  wir  annoncieren  konnen). 

2.  )  Sagen  wir  ungefahr  3  Eurythmie- Auffiihrungen. 


A.  Eine  Auffiihrung  urn  den  ganzen  Umkreis  der  Eurythmie  zu  de- 
monstrieren. 

B.  Auffiihrung  von  Faust  oder  irgend  etwas  anderem  schon  Ausgear- 
beitetem. 

C.  Eine  Auffiihrung  von  einem  Teil  der  Mysterien. 

3.  )  Konnte  Frl.  Vreede,  sagen  wir,  3  Vortrage  halten  iiber  Geisteswissen- 

schaft,  Zweck  des  Baues  (verschiedene  Arbeitszweige)  oder  sonst  ein 
von  Herrn  Dr.  Steiner  und  Frl.  Vreede  angegebenes  Thema? 

4.  )  Konnte  ich  Bau  und  Atelier  zeigen  und  erklaren?  (Antwort:  Ich  glaube, 

Sie  werden  dieses  tun). 

5.  )  Wenn  das  Programm  noch  langer  sein  sollte,  konnte  man  die  drei 

Lichtbilder- Vortrage  halten? 


44.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Mary  on 

Stuttgart,  23.  Juni  1920 

Meine  liebe  Edith  Mary  on! 

Wie  die  Verhaltnisse  sich  gestaltet  haben,  kann  ich  vor  Sonntag  nicht 
in  Dornach  sein.  Mir  ist  das  gar  nicht  recht;  aber  es  geht  nicht  anders, 

Beziiglich  des  Programmes,  das  Baron  Rosenkrantz  vorschlagt, 
kann  ich  nur  sagen,  dafi  ich  mir  alle  Miihe  geben  werde,  es  so  zu 
machen.  Selbstverstandlich  bin  ich  bereit,  den  Besuchern  selbst  den 
Bau  und  das  Atelier  eingehend  zu  zeigen  und  zu  besprechen. 

Nun  kann  ich  ja  von  hier  kaum  etwas  anderes  sagen,  als  dafi  ich 
trotz  allem  viel  ungetane  Arbeit  hier  zuriicklassen  werde.  Woran  es 
fehlt,  das  sind  zielbewufite,  fachtiichtige  Leute;  und  die  sind  heute 
kaum  zu  finden.  Eine  so  grofie  Arbeit,  wie  die  hier  angefangene, 
lastet  eben  schwer  auf  der  Seele;  und  gegemiber  solcher  Last  kommt 
wenig  in  Betracht,  ob  man  etwas  mehr  oder  weniger  mude  wird. 
Gewisse  Dinge  miifiten  eben  geschehen. 

In  unserem  Atelier  wieder  zu  arbeiten,  sehne  ich  mich  sehr.  Nun, 
es  wird  bald  sein. 

Fur  heute  allerherzlichste  Griifie 


z.2.  Stuttgart,  Landhausstrafie  70 


Rudolf  Steiner 


45.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel,  25.  Juli  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

es  scheint  mittwochs  einen  direkten  Zug  zu  geben  iiber  Lille,  Calais,  so 
dafi  man  Paris  vermeiden  kann.  Das  Pafi- Visum  habe  ich  ohne  irgendwelche 
Schwierigkeiten  bekommen,  der  Vize-Konsul  hat  mir  sogar  das  zweite 
Visum  vom  Franzosischen  Konsul  selbst  geholt,  wofiir  ich  wirklich  dankbar 
war,  weil  ungefahr  30  Leute  schon  auf  der  Strafie  warteten,  unter  der 
brennenden  Sonne.  Die  Arlesheimer  Gemeinde  hat  auch  sofort  eine  Riick- 
reise-Bewilligung  ausgestellt,  so  wenn  nichts  Besseres  (oder  weniger 
Schlimmes!)  geschieht,  sollte  man  Mittwoch  Abend  10.50  fahren  (4.  Aug.). 

Zwei  Englanderinnen  und  drei  Englander  sind  angekommen;  sie  erzah- 
len,  Rosenkrantz  habe  bis  jetzt  wenig  Erfolg  gehabt  fiir  unseren  Kunst- 
Kursus,  und  dafi  die  Menschen  dort  einfach  einschlafen,  obwohl  es  viele 
gibt,  die  gerne  nehmen  wurden,  was  wir  zu  geben  haben;  aber  sie  nehmen 
es  nicht  wahr,  und  niemand  kann  es  begreiflich  machen.  Heute  besuchen 
sie  die  Gruppe. 

Dorothy  Pethick  ist  in  Linthal,  Glarus,  und  iibersendet  eine  Kopie  eines 
Briefes  von  Mrs.  Drury-Lavin  an  Walleen  mit  der  Bitte,  ihn  zu  iibergeben, 
falls  der  Brief  nach  Kopenhagen  nicht  angekommen  sei.  Sie  verspricht,  den 
Aufenthalt  hier  zu  bezahlen  usw. 

Ich  hoffe  sehr,  dafi  Dr.  Boos'  Vortrag  Dienstag  ruhig  verlaufen  wird 
und  dafi  er  keine  [Stoning]  erfahrt. 

Der  Tag  ist  hier  ruhig  verlaufen,  obwohl  man  von  morgens  friih  bis 
spat  abends  immer  noch  Karussell-Musik  hort.  Viele  Besucher  waren  im 
Bau,  aber  sie  haben  sich  gut  benommen. 

Ich  hoffe,  daft  die  Arbeit  in  Stuttgart  bald  fertig  sein  wird,  so  daft  Sie 
Samstag  ankommen  konnen  in  Dornach.  Wir  haben  jetzt  einen  Teil  der 
Gruppe  abgeriistet  (Lucifer). 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


46.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  26.  Juli  1920 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Gleich  nachher  werden  wir  eine  langere  Verwaltungsratssitzung  ha- 
ben;  daher  will  ich  nur  ein  paar  Zeilen  absenden,  bevor  ich  morgen 
nach  Dischingen  hinaus  zu  unseren  bekannten  Versuchen  fahre.  Es 
ist  bisher  alles  nicht  Amtliche  gut  gegangen.  Das  letztere  aber  macht 
immer  mehr  Sorgen.  Geschaftstuchtigkeit,  die  wir  jetzt  so  notig  hat- 
ten,  ist  leider  heute  nur  wenig  vorhanden.  Die  paar  Menschen,  die 
wir  haben,  sind  iiberlastet.  Andere  sind  gar  nicht  zu  finden.  Der 
Gottinger  Vortrag  kann  gar  nicht  zustande  kommen,  da  die  dortigen 
Widerstande  zu  grofie  sind. 

Ich  werde  das  Konzert  fur  die  Leute  um  Baron  Rosenkrantz  erst 
arrangieren,  wenn  ich  zuruckkomme.  Es  ist  dann  reichlich  Zeit,  und 
es  ware  mir  lieb,  wenn  davon  vorher  gar  nichts  gesagt  wiirde. 

Lieb  wird  es  mir  sein,  wieder  in  unserm  Dornacher  Atelier  zu 
sein  und  zu  arbeiten.  Ich  werde  zur  festgesetzten  Zeit  zuriickkom- 
men.  Fur  heute 

allerherzlichste  Griifie 
Stuttgart,  Landhausstrafie  70  Rudolf  Steiner 


47.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Dornach,  9.  August  1920 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Baron  Rosenkrantz  hat  an  Frau  Doktor  geschrieben,  dafi  er  keinen 
Erfolg  hatte  mit  seinen  Bemuhungen.  So  scheint  es,  als  ob  der  Dorn- 
acher Besuch  der  Kunstler  nicht  zu  stande  kommen  konnte.  Es  ist 
schade.  Wir  werden  auf  das  nachste  Jahr  vertrostet.  Wenn  es  mit 
allem  so  geht,  konnte  es  leicht  zu  spat  werden. 

Diese  Zeilen  schreibe  ich  von  dem  verwaisten  Bildhaueratelier  aus, 
das  sich  nach  seiner  Leiterin  sehnt,  aber  mochte,  dafi  diese  ihren 
Aufenthalt  nicht  bis  zur  Unbequemlichkeit  abkiirzt. 


Vorgefallen  ist  hier  aufier  der  Absage  Rosenkrantz  nichts  besonde- 
res.  Die  Vortrage  liefen  programmafiig  ab.  Es  ist  alles  gut  bis  auf  die 
gewohnten  Entstellungen  unserer  Sache.  So  habe  ich  weiter  vorlaufig 
nichts  zu  melden 

als  herzlichste  Griifie  von 
Rudolf  Steiner 


48.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner  [Postkarte] 

48,  Norfolk  Road,  Seven  Kings 
Ilford,  Essex.  England 

Montag.  [9.  August  1920] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  schreibe  diese  paar  Zeilen  an  einem  hochst  unbequemen  Postschalter! 
Ich  bin  ganz  gut  angekommen,  ohne  zuviel  Ermudung.  Bitte  das  kleine 
Fenster  in  unserem  Atelier  nachts  zu  offnen,  sonst  ist  die  Luft  zu  schlecht. 
Ich  schreibe  morgen  oder  iibermorgen  einen  Brief.  Jetzt  nur  Auf  Wiederse- 
hen.  Ich  sehne  mich  schon  nach  Dornach,  und  finde  London  scheufilich! 

Mit  herzlichsten  Griifien 

Edith  Maryon 


49.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

48,  Norfolk  Road,  Seven  Kings 
Ilford,  Essex,  England 
10.  August  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

viele  Zeit  habe  ich  auf  dem  franzosischen  Konsulat  sitzen  miissen,  endlich 
bekam  ich  das  Visum,  dann  bestellte  ich  mir  meinen  Platz  auf  dem  Zug 
fur  Dienstag  und  kaufte  das  Billet,  so  dafi  jetzt  die  Riickreise  in  Ordnung 
ist,  wenn  nur  nicht  Krieg  und  Generalstreik  dazwischen  kommen,  beide 
werden  hier  als  wahrscheinlich  angesehen  fur  die  allernachste  Zeit.  Diese 
Adresse  wird  giiltig  sein  fur  meinen  ganzen  Aufenthalt  in  England,  nicht 
Bassett  Road. 


Meine  Mutter  sieht  natiirlich  viel  alter  aus.  In  der  Nacht  weckte  mich 
meine  Schwester,  meine  Mutter  hatte  eine  zweite  Attacke  bekommen,  aber 
leichter  als  die  vor  fxinf  Wochen.  Wir  haben  einen  Arzt  gerufen  und  der 
meint,  der  Blutdruck  sei  fur  dieses  Alter  zu  hoch;  sonst  geht  es  ihr  jetzt 
besser  und  sie  ist  nicht  in  Gefahr.  Ich  hoffe  nur,  dafi  sie  morgen  nicht  zu 
erregt  sein  wird,  weil  wir  dann  einen  Besuch  erwarten  von  meinem  Bruder 
mit  seiner  neuen  Frau. 

Ich  sehne  mich  sehr  nach  Dornach,  London  gefallt  mir  nicht  mehr. 
Hoffentlich  geht  alles  gut  im  Atelier,  und  [ich  hore]  dafi  der  Christus  noch 
nicht  fertig  ist;  ich  mochte  selber  sehen,  wie  er  wachst. 

Mit  herzlichsten  Griifien 

Edith  Maryon 


50.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Auf  der  Riickreise  in  Thun 
(am  Thuner-See) 
Samstag  morgens  [13.  August  1920] 

Meine  liebe  Edith  Maryon, 

Schonsten  Dank  fur  die  Nachricht  vom  Montag,  den  9.  August.  Ich 
schreibe  dieses  auf  der  Riickreise  von  der  Stock-  und  Schirmfabrik 
in  Bonigen,  die  ich  besuchen  mufite  fur  die  Futurum  A.G.  Ich  konnte 
damit  verbinden  iiber  [den]  Briinig  zu  fahren,  wo  Herr  Molt,  Frau 
Doktor  und  Waller  ein  paar  Tage  waren.  Heute  werde  ich  wieder 
zu  Dornach  sein.  Im  Atelier  ist  alles  in  Ordnung;  ich  war  nur  11/2 
Tage  weg  und  habe  gesorgt,  dafi  keine  Unordnung  geschieht,  was 
allerdings  nicht  ohne  Aufregung  bei  Fraulein  Geek  abgegangen  ist. 
Nun  aber  mochte  ich  doch  recht  bitten,  trotzdem  sich  das  Atelier 
nach  seiner  Leiterin  sehnt,  nicht  zu  eilen,  wenn  es  wiinschenswert 
ware,  den  Auf  enthalt  dort  ein  paar  Tage  zu  verlangern.  Man  bekommt 
Sorge,  wenn  man  denkt,  dafi  die  weite,  ermiidende  Reise  nur  wegen 
der  wenigen  Tage  gemacht  wird.  Also  bitte,  wenn  notig,  sich  dort 
noch  ein  paar  Tage  gonnen.  Man  mufi  in  solchen  Dingen  verminftig 
sein.  Das  Molt'sche  Auto  wird  bald  iiber  Bern  nach  Dornach  zuriick- 


fahren.  Ich  habe  es  benutzt,  um  den  Besuch  in  Bonigen  zu  machen; 
ich  werde  mit  Molt  noch  eine  geschaftliche  Sache  in  Bern  zu  machen 
haben  und  so  sende  ich  nur  noch 

die  herzlichsten  Griifie 
Rudolf  Steiner 

14.  August  1920 

Wegen  der  Geschaftsreise  habe  ich  gestern  Freitag  in  Dornach  keinen 
Vortrag  halten  konnen. 


51.  Edith  Maiyon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  St.  George 
Arlesheim  bei  Basel,  17.  Sept.  1920 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

es  ist  nicht  sehr  viel  hier  geschehen.  Aufier,  daft  eine  Theosophin  angekom- 
men  ist  mit  zwei  Freundinnen.  Ich  glaube,  sie  ist  nicht  sehr  zu  empfehlen. 

Mrs.  Wedgwood  hat  sich  entschuldigt  und  das  Gesagte  zuriickgenom- 
men;  das  Unbefriedigende  dabei  ist  aber,  dafi  sie  von  dem  ganzen  gar  nichts 
versteht,  und  nichts  davon  horen  will,  aber  sagt,  es  sei  alles  eine  Sache 
zwischen  ihr  und  Herrn  Dr.  St.  Mir  scheint,  als  ob  sie  immer  noch  glaubt, 
ich  hatte  sie  angeschwarzt! 

Ich  werde  sehr  froh  sein,  wenn  die  Arbeit  hier  Ende  nachste  Woche 
weiter  fortgesetzt  wird,  die  Stimmung  hier  ist  etwas  traurig,  und  ich  hatte 
gestern  einen  schlechten  Traum. 

Sonst  geht  die  Arbeit  hier  vorwarts  und  ich  beschaftige  mich  mit  den 
Rippen  von  Lucifer! 

Ich  hoffe  sehr,  die  Arbeit  in  Deutschland  ist  ganz  ruhig  gelaufen. 

Mit  herzlichsten  Griifien 


Edith  Maryon 


52.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Berlin,  18.  September  1920 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Aus  vieler  Arbeit  heraus  kann  ich  nur  diese  paar  Zeilen  schreiben. 
Der  Zeit  nach  ist  alles  programming  gut  abgelaufen;  sachlich  sind 
jetzt  gerade  viele  Schwierigkeiten  zu  uberwinden.  Und  ich  weifi  gar 
nicht,  wie  die  nachsten  Tage  in  Stuttgart  f ertig  werden.  Gerne  werde 
ich  wieder  im  Atelier  sein;  hoff[entlich]  haben  die  Differenzen  der 
letzten  Tage  keine  Fortsetzung  dort  erfahren.  Mir  ware  das  lieb.  Ich 
mufi  ja  diesmal  zur  rechten  Zeit  in  Dornach  sein.  Einstweilen 

herzlichsten  Grufi 

Rudolf  Steiner 


53.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel,  9.  Nov.  1920 

Sehr  geehrter  lieber  Lehrer, 

alles  geht  ordnungsgemafi  vorwarts  hier,  nur  sieht  das  Atelier  sehr  wiist 
und  leer  aus.  Ich  habe  an  Lucifer  geschnitzt,  und  mit  grofier  Miihe  die  3 
Eurythmie-Plaketten  fertiggestellt,  obwohl  erst  im  letzten  Moment  -  als 
Miss  Melland  abreisen  mufite. 

Ein  Mr.  Gaze  ist  heute  angekommen  [und]  zu  mir  geschickt  [worden] 
-  von  Mrs.  Cull,  und  es  scheint,  Frl.  Vreede  sollte  ihm  den  Weg  bahnen, 
fur  einige  Tage  nach  Stuttgart  zu  reisen.  Er  sagte  mir,  er  sollte  die  Biicher 
von  Courtney  iibernehmen,  wahrscheinlich  will  er  daruber  sprechen,  wenn 
ihm  eine  Gelegenheit  geboten  wird. 

Felkin  ist  gut  angekommen  und  hat  jetzt  gute  Nachrichten  von  der 
Mutter  bekommen.  Sie  schreibt,  sie  bemiiht  sich,  ihren  Bekannten  Dreiglie- 
derung  zu  predigen  und  sagt,  dafi,  wenn  sie  es  den  Leuten  auseinandersetzt, 
sie  viel  besser  begreifen,  was  die  Sache  bedeutet,  wie  sie  selbst,  und  meint, 
sie  verstehen  durch  den  Intellekt,  weil  sie  nur  durch  Intuition  versteht.  Ist 
das  nicht  ein  bifichen  lustig?  Sonst  ist  es  nicht  gerade  heiter  hier. 


Ich  hoffe  sehr,  dafi  die  Affaren  in  Stuttgart  sich  gut  ordnen  lassen,  mehr 
nach  Wunsch,  wie  fruher,  und  dafi  Sie  sich  nicht  allzusehr  iiberarbeiten. 

Mit  herzlichsten  Griifien 

Edith  Maryon 


54.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  12.  November  1920 
Landhausstrafte  70 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Herzlichen  Dank  fur  den  eben  angekommenen  Brief;  es  ist  mir  lieb, 
dafi  es  dem  Atelier  gut  geht.  Hoffentlich  geht  es  so  weiter.  Meine 
Arbeit  hier  ist  diesmal  vielleicht  aufierlich  weniger  anstrengend  - 
dafur  gebe  ich  acht  -  aber  erfordert  viel  Nachdenken,  urn  manches 
in  Ordnung  zu  bringen,  was  eben  in  Unordnung  ist.  Wenn  die  Men- 
schen  doch  wirklich  menschlich  gut  zusammenarbeiten  konnten;  al- 
lein  daran  fehlt  es  am  meisten.  Das  gibt  so  viel  zu  tun,  dafi  ich  sogar 
heute  zum  ersten  Male  habe  an  einem  Unterrichts-Vormittag  in  der 
Schule  teilnehmen  konnen.  Da  aber  scheint  es  gut  zu  gehen. 

Mittwoch  war  ein  sehr  gut  besuchter  offentlicher  Vortrag,  Diens- 
tag  soil  ein  zweiter  sein.  Dann  soli  Donnerstag  Vortrag  in  Freiburg, 
ein  offentlicher  Vortrag  und  Freitag  eine  Eurythmie-Auffuhrung 
sein.  Am  21.  hoffe  ich  in  Dornach  zu  sein.  Denn  ich  werde  alles  tun, 
um  vor  Donnerstag  hier  fertig  zu  werden.  Ganz  gewifi  ist  das  wohl 
nicht;  aber  es  konnte  ja  sicher  nicht  mehr  als  zwei  Tage  Verzogerung 
geben.  Es  ist  eben  schwer,  die  Dinge  in  Ordnung  zu  bringen,  die 
hier  in  Unordnung  sind. 

Fur  heute  herzlichste  Griifie 
von 


Dr.  Rudolf  Steiner 


55.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 


Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel,  14.  Nov.  1920 


ich  sende  hiermit  eine  Kritik  der  «Threefold  State»  von  einer  angesehenen 
Zeitung  in  Nord-England,  und  weil  es  mir  ziemlich  gut  scheint,  habe  ich 
auch  einige  Extra-Kopien  bestellt. 

Mr.  Gaze  konnte  wegen  der  Kiirze  der  Zeit  keinen  Pafi  bekommen  und 
ist  schon  abgereist.  Er  sagt,  dafi  man  wahrscheinlich  eine  zweite  Auflage 
der  «Threefold  State»  im  Friihling  erscheinen  lassen  muE  und  meinte,  man 
konnte  es  vereinen  mit  alien  oder  einigen  Aufsatzen  aus  «In  Ausfiihrung 
der  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus».  Ich  habe  ihm  gesagt,  am 
besten  ware  es,  dieses  dem  Verfasser  direkt  zu  schreiben  und  nach  seinen 
Wtinschen  zu  fragen.  Heute  habe  ich  Sharps  (Herrn  und  Frau)  besucht 
und  feierlich  gratuliert,  Donnerstag  war  die  Heirat.  Freitag  werde  ich  das 
Schmiedelchen  besuchen,  ein  Bild  vom  ersten  Geburtstag  (8  Tage)  hat  der 
stolze  Papa  schon  herumgezeigt. 

Samstag  haben  wir  einen  Vortrag  von  Dr.  Boos  im  Bernoullianum. 

Aus  Stuttgart  kommt  keine  Nachricht,  ich  kann  nur  hoffen,  dafi  alles 

gut  vorwarts  geht  und  sende  .         ,  _ 

°  herzlicnste  Grulse 

Edith  Maryon 

Wird  Dr.  Unger  die  Of  en  fur  die  Hauser  bekommen  konnen? 


56.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Fraulein  Edith  Maryon 
Bildhaueratelier  Goetheanum 
Dornachbrugg  bei  Basel 


[Telegramm] 

[Poststempel] 

Dornach  22.  XI.  1920 

von  Stuttgart       No.  379/4 


Reisen  erst  Mittwoch  oder  Donnerstag  moglich.  Grufi 

Rudolf  Steiner 


57.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Mary  on 

Stuttgart,  7.  [8.]  Januar  1921 

Meine  Hebe  Edith  Mary  on! 

Herzlichen  Dank  fur  den  Brief.  Hoffentlich  geht  es  bald  besser.  Dazu 
sende  ich  allerbeste  Wiinsche  und  Gedanken. 

Hier  habe  ich  doch  recht  viel  zu  tun.  Aber  gerade  diesmal  ohne 
alle  Ermudung  oder  sonstiges.  Die  beiden  offentlichen  Vortrage  sind 
mit  dem  gestrigen  voriiber.  Heute  nachmittag  soli  ich  vor  einem 
Kreise  Industrieller  sprechen.  Abends  ist  dann  der  Kursus-Vortrag. 

Ich  hoffe,  daft  ich  so  ohne  alle  Stimmermudung  die  Sache  diesmal 
durchbringe.  Sonst  ist  alles  das  Gleiche  aufier,  daft  die  Angriffe  auf 
hier  immer  hafilicher  werden. 

Nochmals  herzlichste  Gedanken 
von 

Dr.  Rudolf  Steiner 
Stuttgart,  Landhausstrafie  70 


58.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Haus  Grosheintz,  Dornach  bei  Basel 
[vermutlich  Anfang  Februar  1921] 

Montag  Abend 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  sende  hiermit  zwei  Zeitungsausschnitte.  Meine  Gesundheit  geht  wirk- 
lich  besser.  Ich  habe  eine  Moglichkeit  gefunden,  mich  zu  ernahren,  ohne 
Medizin  zu  nehmen.  Es  besteht  meistens  aus  Kindermehl,  geschlagenen 
Eiern,  Milch  usw.  (ohne  weiteres  Erbrechen).  Ich  mufi  recht  langsam  gehen 
und  diese  Methode  eine  Weile  fortsetzen.  Ich  wurde  gestern  geimpft,  und 
Frau  Dr.  Wegman  kommt  wieder  morgen.  Ich  bin  noch  etwas  kurzatmig. 
Das  Herz  klopft  ein  bifichen,  wenn  ich  eine  Anstrengung  machen  mufi. 

Aber  ich  denke  immer  sehr  daran,  acht  zu  geben,  Sie?  Ich  hoffe,  die 
Dinge  gehen  gut  in  Stuttgart,  ich  denke  recht  viel  daran,  und  hoffe,  es  gibt 
keine  Nacht-Sitzungen.  Uber  die  angesetzten  Vortrage  habe  ich  natiirlich 
nichts  gehort. 


Herr  Vreede  hat  mich  besucht  und  mir  frische  Eier  gebracht,  Frl.  v. 
Blommestein  brachte  mir  eine  Blume  und  sagte,  dafi  ihr  Haus  jetzt  bald 
fertig  sein  wiirde,  dafi  viele  Menschen  es  besucht  und  sehr  schon  gefunden 
haben.  Dies  hat  mir  wirklich  Freude  gemacht,  dafi  die  Leute  zufrieden  sind 
mit  dem,  was  man  versucht. 

Frl.  Kucerova  pflegt  mich  treulich. 

Ich  denke  viel  [daran],  wie  die  Arbeit  in  Schlesien  geht,  usw. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


59.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 

16.  Feb.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

jetzt  bin  ich  wieder  bei  der  Arbeit,  drei  Tage  blieb  ich  zu  Hause,  um 
endlich  die  Erkaltung  loszuwerden,  und  jetzt  ist  sie  wesentlich  besser 
geworden,  auch  habe  ich  das  Essen  etwas  besser  arrangiert. 

Ich  hoffe,  Sie  haben  sich  nicht  erkaltet?  Viel  denke  ich  an  die  Arbeit  in 
Deutschland  und  sende  meine  besten  Wunsche,  dafi  recht  viel  Gutes  erreicht 
wird  -  auch  in  Holland  hoffe  ich  auf  guten  Erfolg.  Neidisch  bin  ich  aber 
auf  diejenigen,  die  gestern  dorthin  gereist  sind!  So  gerne  ware  ich  auch 
mitgefahren. 

Heute  ist  man  fertig  mit  den  elektrischen  Arbeiten  (etwas  spat  an  der 
Zeit,  diese  Anderung),  und  die  Halfte  der  Geriiste  ist  schon  niedergerissen, 
es  gibt  eine  Menge  Schmutz,  aber  schon  sieht  man  Lucifer  und  das  Wesen 
recht  gut  vom  Boden  aus. 

Man  sagt  mir,  es  ist  schrecklich  kalt  in  Holland,  kein  warmes  Wasser 
im  Zimmer,  nur  2  Decken  auf  dem  Bette,  ungeheizte  Zimmer  und  Gange, 
Vortragssaal  usw.,  so  daft  man  recht  sehr  aufpassen  mufi,  sich  nicht  zu 
erkalten.  Ich  hoffe,  Sie  haben  das  Eucalyptus  mitgenommen? 

Mit  besten  Griiflen 

Edith  Maryon 

18.  Erst  jetzt  kann  ich  den  Brief  auf  der  Post  abschicken. 


60,  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  17.  Februar  1921 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Unmittelbar  vor  der  Abreise  schreibe  ich  diesen  Brief  als  herzliche 
Grufisendung.  Es  ist  alles  gut  gegangen,  nur  eben  mit  der  Ausnahme, 
dafi  so  viele  Arbeit  ist,  dafi  nicht  alles  getan  werden  konnte.  Gerne 
ware  ich  in  Dornach  in  dem  Atelier;  aber  es  kann  eben  nur  nach 
einiger  Zeit  wieder  sein.  Von  der  Schule,  die  mir  so  stark  auf  dem 
Herzen  liegt,  konnte  ich  leider  nur  die  erste,  dritte,  vierte,  achte  und 
neunte  Klasse  besuchen.  Daraus  ersieht  man,  wie  besetzt  die  Tage 
waren.  Und  weil  noch  gleich  in  letzter  Stunde  eine  Besprechung  auf 
mich  wartet,  kann  ich  nur  noch  anfiigen  die  Hoffnung,  daft  die 
Gesundung  dort  recht  gute  Fortschritte  mache  und  die 

herzlichsten  Griifie 

Rudolf  Steiner 

61.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
26.  Febr.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  habe  von  Miss  Felkin  einen  Brief  erhalten  mit  der  Bitte,  Ihnen  zu 
schreiben  und  mitzuteilen,  dafi  nachsten  Dienstag  um  6  Uhr  abends  eine 
Versammlung  ihrer  Freunde  stattfindet,  und  die  Sache  scheint  recht  schwie- 
rig  zu  gehen,  es  scheint  sich  aufzuldsen  -  und  sie  mochte,  dafi  man  an  sie 
denkt  zu  dieser  Zeit.  (Sie  kommt  wieder  her  fur  kurze  Zeit.) 

Es  ware  wahrscheinlich  gerade  gut,  wenn  es  zu  Ende  ginge,  nicht  wahr? 

Diese  Woche  hat  man  eine  recht  unerfreuliche  Nachricht  bekommen 
von  einer  dramatischen  Skizze,  ausgefiihrt  von  Studenten,  abends  im  Casino 
Basel,  eine  Karikatur  (unter  Decknamen  selbstverstandlich),  der  Anthropo- 
sophischen  Gesellschaft,  es  ging  in  alle  Details,  ohne  Witz,  aber  sehr,  sehr 
gemein,  an  Stellen  ging  es  sogar  iiber  in  Blasphemie.  Es  war  aber  ganz  nach 
Basler  Geschmack,  grower  Beifall,  grofies  Publikum.  Einige  Dinge  waren 
recht  raffiniert  und  teuflisch  gedacht.  (Herr  Ith,  Frau  Dr.  Boos,  Beatrice 


und  andere  waren  anwesend.  Ich  hoffe,  Sie  bringen  bessere  Nachricht 
zuriick  aus  Holland,  und  dafi  die  Menschen  dort  weniger  grob  sind  wie 
die  hiesigen.) 

Ich  beschaftige  mich  mit  einer  Kiste  voll  Piippchen  und  Plaketten  fur 
St.  Gallen. 

Ich  denke  an  Ihren  Geburtstag  morgen  und  sende  wieder  viele  gute 
Griifie 

Edith  Maryon 

Von  Frl.  Geek  Griifie  fiir  morgen. 


62.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
[vermutlich  kurz  vor  dem  27.  Februar  1921] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  schreibe  diesen  Brief  als  herzliche  und  beste  Grufi-Sendung  fiir  den 
27.,  alles  Gute  wiinsche  ich  Ihnen. 

Hier  geht  die  Arbeit  vorwarts,  in  dem  grofien  Atelier  ist  alles  jetzt 
wieder  in  Ordnung,  und  Lucfifer]  und  das  Wesen  sehen  wirklich  recht 
schon  aus  vom  Boden  unten  gesehen,  obwohl  sie  natiirlich  zu  sehr  in 
Perspektive  sind.  In  dem  zweiten  Atelier  sind  heute  die  Arbeiter,  und  ich 
beschaftige  mich  vorlaufig  mit  dem  Giefien  von  Plaketten. 

Es  wird  erst  nachste  Woche  werden,  bevor  man  einziehen  kann  in  die 
kleinen  Hauser,  die  Arbeiter  sind  noch  nicht  fertig. 

Wann  denken  Sie  wieder  hierher  zu  kommen?  Werden  Sie  hier  sein 
Sonntag  in  8  Tagen?  Bis  jetzt  hat  niemand  Nachricht  aus  Holland  bekom- 
men,  ich  hoffe  sehr,  dajR  die  Arbeit  dort  recht  erfreulichen  Erfolg  hat. 

Mit  der  Gesundung  geht  es  jetzt  besser. 

Ich  hoffe,  Sie  haben  sich  nicht  erkaltet? 

Mit  herzlichsten  Griifien  und  Wiinschen 


Edith  Maryon 


63.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Amsterdam,  28.  Februar  1921 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Herzlichen  Dank  fur  den  Grufi  zum  27.  Februar.  Ich  stehe  hier 
mitten  in  der  Vortragstatigkeit  drinnen.  19.  abends  sprach  ich  in 
Amsterdam,  dann  jeden  Tag  programmafiig.  Gestern  und  heute  wa- 
ren  hier  Mrs.  Drury-Lavin,  M.  Woolley,  Mr.  Neel,  Mr.  Kaufmann, 
Mr.  u.  Mrs.  Franklin  und  heute  auch  Mr.  Collison.  Wenn  so  viel  zu 
besprechen  ist  und  so  viele  Vortragstatigkeit,  dann  bleibt  nur  wenig 
Zeit  zum  Zu-Sich-Kommen. 

Aufier  dem  Programmafiigen  war  am  25.  in  Delft  ein  Vortrag  in 
der  technischen  Hochschule  vor  den  Dozenten  und  Studenten  und 
heute  abends  werde  ich  hier  in  der  Hochschule  zu  sprechen  haben. 

Morgen  wird  der  offentliche  Vortrag  in  Rotterdam  sein;  am  3. 
Maerz  soil  ich  noch  aus  ganz  besonders  wichtigen  Griinden  in  Henge- 
lo  sprechen;  am  4.  fahre  ich  nach  Stuttgart  und  hoffe  am  6.  oder  7. 
in  Dornach  zu  sein.  Ich  freue  mich  ganz  herzlich  auf  die  Dornacher 
Atelierzeit. 

Hier  ist  Einiges  recht  gut  gegangen;  anderes  hatte  besser  gehen 
konnen.  Uns  fehlen  doch  eben  die  eigentlich  praktischen  Menschen. 

Zweigvortrag  habe  ich  nur  einen  halten  konnen  im  Haag  am  27. 
Februar.  An  diesem  Tage  war  dann  Nachmittag  Eurythmievorstel- 
lung  und  abends  der  offentliche  Vortrag. 

Mit  der  Stimme  bin  ich  bis  jetzt  ausgekommen.  Ich  habe  sehr  acht 
gegeben.  Aber  muhsam  ist  es  doch,  allzuoft  sprechen  zu  miissen. 

Heute  ist  nur  der  Abendvortrag. 

Herzlichste  Gedanken  und  Griifie 
von 

Rudolf  Steiner 


64.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
19.  Marz  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  hoffe,  dafi  Sie  wahrend  Ihrer  Anwesenheit  in  Stuttgart  die  Sache  etwas 
ordnen  konnen?  Ich  denke  sehr  viel  daran  und  hoffe,  dafi  man  am  richtigen 
Orte  durchschauen  wird,  wie  furchtbar  gemein  diese  Attacken  auf  Sie  sind, 
und  wie  sie  gegen  alle  Wahrheit  verstofien.  Unglaublich  ekelhaft  sind  sie, 
man  fragt  sich  wirklich,  wo  die  wahrhaft  einsichtigen  Menschen  in  Deutsch- 
land  stecken,  und  ob  es  ganzlich  fehlt  an  solchen  mit  einem  breiten  Hori- 
zont. 

Einen  Brief  habe  ich  von  Mrs.  Drury-Lavin  erhalten.  Erinnern  Sie  sich, 
sie  hat  einmal  iiber  einen  Admiral  geschrieben?  Derjenige,  der  viele  Jahre 
Ihre  Biicher  studiert  hat,  ohne  zu  wissen,  dafi  Sie  noch  leben;  und  auf  der 
Briicke  seiner  Schiffe,  als  er  die  Wache  halten  mufite,  trug  er  in  der  Tasche 
immer  Ausziige  von  Biichern  zum  Lesen.  Jetzt  ist  er  Mitglied  geworden, 
kommt  zum  Kursus  an  Ostern,  und  bringt  seine  junge  Tochter  mit,  weil 
er  sagt,  sie  sollte  wenigstens  etwas  Vernunftiges  horen,  bevor  die  Welt 
allerlei  Unsinn  in  ihren  Kopf  hineinredet!  Auch  fur  sie  hat  er  ein  Buch 
geschaffen  -  Ausziige  aus  Ihren  Biichern,  und  dieses  liest  sie  jeden  Abend. 
Er  hofft  auf  einige  Minuten  Gesprach  mit  Ihnen,  nur  um  zu  danken  fur 
alles,  was  er  gelernt  hat  durch  die  Anthroposophie. 

Ich  hoffe,  dafi  es  mit  der  Stimme  gut  geht?  Und  dafi  Sie  nicht  ubermiidet 
sind? 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 

65.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  21.  Marz  1921 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Es  ist  bisher  alles  gut  von  statten  gegangen.  Die  Zeit  mufi  aber  doch 
wieder  sehr  ausgefiillt  werden.  Das  war  so  von  der  ersten  Stunde 
meines  Hierseins  an.  Deswegen  konnte  ich  auch  noch  nicht  schreiben. 
Und  auch  jetzt  sind  mir  nur  diese  wenigen  Zeilen  moglich.  Im  Ganzen 
nimmt  die  anwesende  Studentenschaft  die  Sachen  bisher  gut  auf.  Man 


hat  nur  immer  das  Gefiihl:  man  kann  in  so  kurzer  Zeit  den  Menschen 
so  wenig  geben,  dafi  es  ihnen  doch  recht  schwierig  wird,  ein  eigenes 
Urteil  sich  zu  bilden.  Und  darauf  kommt  es  ja  doch  an.  Die  Schwierig- 
keiten,  die  entgegenstehen  sind  aber  ungeheure.  Und  gegemiber  die- 
sen  Schwierigkeiten  bleibt  es  eben  doch  durchaus  wahr,  dafi  wir 
wenig,  ja  zu  wenig  tun  konnen.  Man  hatte  ja  so  viel  damit  zu  tun, 
den  Menschen  zu  zeigen,  wie  die  Gegnerschaft  ist.  Und  das  ist  ohne 
die  Aufwendung  einer  fast  unbegrenzten  Arbeit  gar  nicht  moglich. 

Meine  Stimme  hat  bisher  gut  durchgehalten.  Ich  lebe  zwischen 
den  Arbeiten  immer  wieder  in  Gedanken  an  unser  Bildhaueratelier. 
Das  mufi  so  sein,  denn  das  starkt.  Ich  werde  auch  froh  sein,  wenn 
ich  wieder  dort  sein  kann. 

Nach  den  Vortragen,  die  am  23.  schliefien,  werde  ich  wohl  noch 
hier  2  Tage  zu  tun  haben,  dann  reise  ich  zuriick. 

Allerherzlichste  Griifie 

Rudolf  Steiner 

66.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 

14.  Juni  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  sitze  eigentlich  noch  zu  Hause,  wahrend  ein  Arbeiter  die  «Stink-Rohre» 
in  Ordnung  bringt,  es  ist  eine  sehr  langweilige  Arbeit,  die  man  hatte  vermei- 
den  sollen.  Ich  werde  wohl  heute  die  Skizze  Herrn  Bay  geben  konnen. 

Das  Wetter  ist  kalt  und  unfreundlich.  Gestern  hat  Frl.  Vreede  einen 
Vortrag  gehalten  iiber  Entwicklung  und  Geschichte  der  Mathematik  -  ganz 
interessant.  Nachher  haben  Wachsmuth,  Storrer,  Pfeiffer  und  Herr  Stadtlin 
Fragen  gestellt.  Wachsmuth  hat  iiber  Klangfiguren  gesprochen,  Pfeiffer 
wollte  wissen,  inwief  ern  die  alten  Agypter  ihre  Astronomie  auf  Mathematik 
gebaut  haben.  Er  spricht  nicht  schlecht,  aber  zu  monoton.  Von  den  Mitglie- 
dern  waren  ziemlich  viele  anwesend,  trotz  einem  starken  Regenwetter,  von 
Aufienstehenden  leider  nur  drei  oder  vier  vielleicht.  Dr.  Boos  war  nicht 
dabei,  ich  habe  ihn  uberhaupt  nicht  gesehen;  bei  dem  Vortrag  Samstag 
waren  seine  Mutter  und  seine  Frau  anwesend,  Nachricht  habe  ich  keine. 


Ich  habe  einen  Brief  von  Miss  Franklin  erhalten,  sie  ladt  mich  wieder 
auf  eine  kleine  Reise  ein,  vielleicht  ware  das  die  billigste  Art  fur  mich,  ein 
wenig  Ferien  zu  haben,  wenn  man  es  nur  arrangieren  konnte,  wahrend 
Sie  nicht  hier  sind. 

Rosenkrantz  hat  mir  geschrieben  und  das  Sommerprogramm  geschickt; 
ich  habe  Ihnen  davon  drei  weitere  geschickt  und  hoffe,  Sie  haben  sie  schon 
in  Handen.  Die  Preise  in  England  fur  elektro-galvanische  Abbilder  sind 
noch  teurer  als  in  der  Schweiz,  so  werde  ich  probieren,  wie  der  Mann  in 
Locle  arbeitet.  Die  Muster,  die  ich  gesehen  habe,  waren  |adellos,  aber  sehr 
billig  doch  nicht. 

Ich  denke  viel  an  die  Arbeit  in  Stuttgart  und  wiinsche,  dafi  ich  mitmachen 
konnte.  Hoffentlich  ist  die  Eurythmie-Auffuhrung  dort  gut  aufgenommen 
worden?  Ich  bin  sehr  interessiert  zu  wissen,  wie  die  Dinge  weitergehen 
dort,  die  Arbeit  und  die  feindlichen  Attacken,  ich  hoffe,  dafi  durch  Ihren 
offentlichen  Vortrag  die  Situation  sich  etwas  gebessert  hat,  solch  ein  Erf olg 
sollte  doch  eine  Anzahl  Menschen  gewinnen. 

Wenn  Sie  nur  nicht  notig  hatten,  sich  zuviel  anzustrengen,  daran 
denke  ich. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


67.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel  [vermutlich  Ende  Juli  1921] 

Sonntag  Abend 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

das  Atelier  scheint  mir  sehr  leer,  es  nimmt  einen  anderen  Charakter  an, 
seitdem  Sie  abgereist  sind.  Heute  haben  die  Prinzessin  Mallandani  und  ich 
den  ganzen  Nachmittag  damit  verbracht,  unsere  neue  Clientele  zu  besu- 
chen.  Es  war  eben  amusant  zu  sehen,  wie  jede  ihr  Zimmer  ganz  anders 
eingerichtet  hatte,  manchmal  in  sehr  charakteristischer  Weise.  Alle  waren 
sehr  freundlich.  Wir  wollten  namentlich  die  Anzahl  Lampen,  Steckkontakte 
usw.  kontrollieren,  weil  «Fa.  Elektra  Birseck»  doch  mehrere  Fehler  gemacht 
hat  in  den  rosa  Heftchen,  welche  sie  uns  iibergeben  hat,  z.B.  hat  sie  das 


Badezimmer  nach  dem  Mittelhaus  verlegt,  statt  es  in  unserem  Haus  zu 
belassen,  wo  es  in  Wirklichkeit  zu  finden  ist.  Frau  Kisseleff  war  die  einzige, 
die  gleich  ihre  Miete  bezahlt  hat.  Jede  hat  sich  bemiiht,  uns  zu  iiberzeugen, 
wie  wenig  elektrisches  Licht  sie  benutzten  -  da  werden  wir  gewifi  unsere 
ersten  Schwierigkeiten  erleben,  wenn  die  Zeit  kommt,  den  gebrauchten 
Strom  auszurechnen  und  die  Kosten  zu  verteilen. 

Nach  so  vielen  Besuchen  waren  wir  miide  und  gingen  Tee  trinken  in 
Herrn  Rauchs  Speisehalle;  nachher  besuchten  wir  die  drei  neuen  Hauser 
-  sie  sind  wirklich  schrecklich,  kein  Zimmer  hat  eine  gute  Form,  fast  jedes 
hat  allerlei  Ecken  abgebissen  und  so  viel  iiberfliissige  Eckchen  und  Winkel- 
chen  uberall  -  das  Haus  ist  noch  viel  schlimmer,  auch  aufierlich,  wie  die 
anderen.  Schade. 

Sonst  habe  ich  verschiedenes  getan,  eine  zweite  Schokoladen-Dame- 
Skizze  gemacht  -  aber  sie  verursachte  mir  viel  Kummer.  Die  Entwiirfe 
konnten  fur  eine  Wohltatigkeits-Arbeit  benutzt  werden  oder  als  Dekora- 
tion  fur  eine  Schule,  aber  der  Inhalt  ist  so  inhaltlos;  was  kann  man  aus 
einer  Dame,  die  Schokolade  schenkt,  machen? 

Ich  hoffe,  dafi  Sie  keine  anderen  Schwierigkeiten  und  Unannehmlichkei- 
ten  gefunden  haben  bei  Ihrer  Ankunft?  Ich  hoffe,  dafi  Sie  den  Eucalyptus 
taglich  gebrauchen?  Und  daf5  die  Stimme  gut  aushalt  fur  Mittwoch;  ich 
werde  angstlich  sein,  bis  ich  weifi,  dafi  dieser  Abend  gliicklich  voriiber  ist, 
auch  dafi  Sie  nicht  zu  miide  sind.  Ich  werde  sehr  viel  dariiber  denken. 

Mit  bestem  Grufi 

Edith  Maryon 


68.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  30.  August  1921 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Es  ist  mir  nur  moglich  zu  schreiben,  dafi  bis  jetzt  alles  gut  gegangen 
ist.  Die  Handwunde  heilt  regelmafiig  ab  und  der  Stimme  geht  es  so 
ziemlich.  Leider  kann  ich  nur  noch  Griifie  anfugen,  denn  ich  muf? 
so  gleich  zu  einem  Vortrag. 

Herzlichsten  Grufi 


Rudolf  Steiner 


69.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Samstag  nachmittag  auf  dem  Berg 
Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 


Hotel  San  Salvatore 
San  Salvatore,  Lugano 
[vermutlicji  Ende  August  1921] 


ich  habe  heute  keine  Nachricht  von  Stuttgart  erhalten  und  mochte  gerne 
wissen,  wie  es  jetzt  stent  mit  der  Handwunde  und  mit  der  Stimme?  Es  ist 
unsicher,  ob  wir  hier  bleiben  iiber  nachsten  Mittwoch  hinaus  oder  nicht, 
jedenfalls  werde  ich  an  der  Post  dafiir  sorgen,  dafi  ich  Brief e  richtig  bekom- 
me.  Wenn  wir  Sonntag  oder  Montag  nichts  Besseres  finden,  dann  bleiben 
wir  hier.  Das  Essen  ist  ausgezeichnet,  bessere  vegetarische  Kiiche  habe  ich 
nirgendwo  gefunden. 

Mrs.  Mackenzie  schreibt  mir  von  London  allerlei  Dank  fiir  Sie  fur  die 
Gastfreundschaft  usw.  Dr.  Mackenzie  spricht  sich  sehr  enthusiastisch  aus 
iiber  seinen  Dornacher  Aufenthalt,  er  wird  auch  Ihnen  schreiben  in  14 
Tagen,  zu  Ihrer  Ankunft  in  Dornach,  und  ein  Buch  schicken.  Sie  fuhlen 
sich  beide  in  Leib  und  Seele  schon  erholt.  Jetzt  bereitet  sie  ihre  Weihnachts- 
plane  vor. 

Miss  Franklin  scheint  jetzt  auch  wieder  mehr  Interesse  zu  bekommen 
fiir  Dornach,  sie  macht  momentan  einen  langen  Spaziergang  in  der  Umge- 
bung,  wahrend  ich  schreibe  und  an  den  Stuttgarter  Ausflug  heute  denke. 
Wir  wollen  dann  Tee  trinken  im  Freien,  aber  ich  weifi  nicht,  was  sie  sagen 
wird,  wenn  sie  zuriickkommt  und  entdeckt,  dafi  wir  beide  das  Wasser  fiir 
Tee  vergessen  haben.  Ich  wage  nicht,  zu  dem  Hotel  zu  gehen  und  Wasser 
zu  holen,  weil  die  Kiihe  herumspazieren  und  sicher  unsere  Kuchen  fressen 
werden. 

Mrs.  Mackenzie  hat  einige  Reden  von  Hegel  iibersetzt,  sie  stehen  am 
Ende  ihres  Buches.  Auch  hat  sie  Fichtes  Rede  iibersetzt  und  wollte  sie 
drucken  lassen  anfangs  des  Krieges,  damals  aber  haben  alle  Leute  gesagt, 
das  wiirde  niemand  lesen,  so  hat  sie  damit  gewartet,  und  jetzt  wird  es 
wahrscheinlich  endlich  gedruckt:  Es  scheint,  sie  hat  meine  Ubersetzung 
doch  lieber  wie  die  von  Wedgwood,  sie  findet  letztere  eher  eine  Wiedergabe 
eines  Buches,  das  man  gelesen  hat,  als  eine  eigentliche  Ubersetzung,  so  war 
die  meine  vielleicht  doch  nicht  so  schrecklich!  Obwohl  ich  natiirlich  nicht 
meine,  dafi  sie  erstklassig  ware,  ich  weifi  zu  gut,  dafi  das  nicht  sein  kann. 


Ich  hoffe,  dafi  keine  Plane  gemacht  worden  sind  fiir  die  Zeit  des  Theolo- 
gischen  Kursus  und  des  Weihnachtskursus  und  dafi  Sie  Ferien  fiir  die 
Stimme  nehmen  vom  7.  Sept.  an???  Es  wird  sicher  notwendig  sein.  Wie 
geht  es  jetzt  mit  der  Stimme?  Und,  ist  man  zu  miide?  Oder  versuchen  Sie 
vielleicht,  taglich  ein  bifichen  auszuruhen? 

Auf  Wiedersehen!  Herzlichste  Griifie 

Edith  Maryon 


70.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Villa  Eugenia,  Ruvigliano 
Presso  Lugano  (bis  Mittwoch,  dann  Dornach) 
[vermutlich  nach  dem  30.  August  1921 J 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

es  befriedigt  mich  zu  horen,  da&  die  Handwunde  geheilt  ist,  und  ich  sende 
alle  guten  Wiinsche  fiir  die  Stimme.  Ich  freue  mich,  dafi  Sie  nicht  abgehalten 
werden  von  der  Arbeit  in  Dornach  durch  die  vielen  Forderungen  nach 
Vortragen,  die  werden  immer  endlos,  und  man  mufi  dock  Zeit  dazwischen 
bewahren,  wo  man  auf atmen  kann,  besonders  nach  solch  einer  anstrengen- 
den  Arbeit,  wie  sie  die  letzten  drei  Wochen  hindurch  stattgefunden  hat; 
sonst  wird  die  Stimme  wirklich  ganzlich  ruiniert. 

Gestern  haben  wir  unsere  Wohnung  gewechselt,  die  Aussicht  von  hier 
ist  ebenso  schon,  es  liegt  nicht  so  hoch  und  ist  etwas  weniger  grandios, 
aber  doch  wunderbar.  Am  Nachmittag  machen  wir  einen  Ausflug  nach 
[Ponte]  Tresa  mit  dem  Dampfer;  heute  ist  warmes  und  sonniges  Wetter, 
es  sollte  recht  angenehm  auf  dem  See  sein.  Ich  erhole  mich  recht  gut!  Es 
gibt  in  Lugano  sehr  wenig  Fremde,  die  «Saison»  scheint  recht  schlecht  mit 
Ausnahme  von  Monte  Generoso,  wohin  hunderte  von  Gasten  sich  gefliich- 
tet  haben  vor  der  grofien  Hitze  im  Juli- August,  jetzt  sind  sie  aber  alle  fort. 
Bis  jetzt  habe  ich  gute  Nachricht  von  Dornach,  hoffentlich  geht  es  so 
weiter  bis  ich  wiederkomme,  gestern  schickte  ich  Bergblumen  an  Geek 
und  Kucerova. 

Miss  Franklin  ist  sehr  guter  Laune  und  scheint  sich  zu  freuen  und  zu 
amiisieren  hier.  Sie  wird  wohl  nie  Anthroposoph  werden,  obwohl  ich  mich 
bemiihe,  zu  erklaren,  wo  ich  kann  und  wo  es  geht,  ihre  Aussicht  ist  noch 


zu  begrenzt  und  kleinlich.  Schade!  Denn  sie  arbeitet  gut,  wo  sie  etwas 
versteht. 

Ich  hoffe,  dafi  dieser  Brief  zur  rechten  Zeit  ankommen  wird  in  Stuttgart, 
weil  ich  annehme,  Sie  reisen  spatestens  Samstag  Morgen  nach  Berlin.  Sonst 
werden  Sie  wohl  gar  keine  Zeit  haben  fur  die  Korrektur,  und  ich  weifi, 
wie  dringend  das  ist! 

Ich  sende  herzlichste  Gedanken 
Edith  Maryon 

71.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Stuttgart,  5.  September  1921 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Gerne  hatte  ich  fruher  geschrieben.  Aber  die  Zeit  ist  doch  voll  besetzt. 
Die  vielen  Menschen  haben  natiirlich  alle  moglichen  Wunsche.  Die 
Veranstaltungen  selbst  laufen  programmafiig  ab.  Man  braucht  aber 
mehr  Mitarbeiter  fiir  die  Sache.  Das  lehrt  jede  Stunde.  Ich  mufite 
jetzt,  was  mir  leid  tut,  eine  ganze  Reihe  von  Vortragen,  zu  denen 
ich  so  wie  zu  dem  Berliner  auf gefordert  worden  bin,  ablehnen.  Denn 
ich  will  zu  der  Zeit,  die  vorgesetzt  war,  wieder  in  Dornach  sein.  Es 
wird  mir  dann  befriedigend  sein,  wieder  im  Bildhaueratelier  zu  sein. 

Hier  werde  ich  wohl  nach  dem  Kongrefi  ein  paar  Tage  noch  sein. 
Dann  in  Berlin.  Es  wird  da  wohl  doch  einige  Tage  geben,  an  denen 
ich  die  so  notwendigen  Bucherkorrekturen  endlich  aufarbeiten  kann. 
Meine  Hand  ist  gut.  Die  Stimme  geht  so  weit.  Ich  pflege  sie 
Nun  mufi  ich  zum  Vortrage  der  drei  heutigen  Morgenredner.  Ich 
sende  die  besten  herzlichsten  Gedanken  wie  immer 

Rudolf  Steiner 

Stuttgart,  Landhausstrafie  70 


72.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Hotel  Pension  San  Salvatore 
San  Salvatore  bei  Lugano 
[vermutlich  nach  dem  5.  September  1921] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

das  Briefchen  ist  angekommen,  und  es  freut  mich  sehr,  zu  horen,  dafi  die 
Handwunde  heilt  und  ich  hoffe,  bald  wieder  weitere  Nachricht  dariiber 
zu  horen.  Auch  wiinsche  ich  alles  Gute  fiir  die  Stimme;  macht  man  immer 
zweimal  taglich  Gebrauch  von  Eucalyptus?  Ich  wurde  gerne  wissen,  ob 
man  etwas  Weiteres  arrangiert  fiir  die  Weihnachtszeit  und  hoffe  insbeson- 
dere,  da£  dies  nicht  geschehen  wird  10  Tage  nach  dem  Lehrer-Kursus. 
Werden  Sie  Stuttgart  am  8.  verlassen?  Irgendwo  ein  bifichen  Erholung  fiir 
die  Stimme  [suchen]? 

Es  ist  herrlich  schon  hier,  ganz  oben  am  Gipfel,  mit  Sonne,  Warme, 
Ruhe  und  frischer  Luft  -  ich  fiihle  mich  schon  erholt.  In  Dornach  habe 
ich  ein  paar  kleine  Mafiregeln  getroffen,  die  vielleicht  ein  bifichen  beitragen 
konnten,  Ordnung  dort  zu  halten,  dafi  alles  gut  geht. 

Miss  Franklin  sendet  Ihnen  Griifie,  sie  ist  sehr  zufrieden  hier,  aber 
vielleicht  bleiben  wir  hier  blofi  eine  Woche,  und  dann  gehen  wir  irgendwo- 
hin  in  die  Umgebung.  Naheres  mit  Adresse  sende  ich  iibermorgen;  man 
kann  mir  aber  noch  ein-  oder  zweimal  Nachricht  schicken  hier. 

Gleich  gehen  wir  in  [mit  dem]  Funicolare  [Drahtseilbahn]  nach  Lugano 
und  machen  einen  Ausflug  nach  Tesserete,  um  Umschau  in  der  Stadt  zu 
machen.  Auf  Wiedersehen,  Ich  hoffe,  Sie  nehmen  sich  taglich  eine  kleine 
Zeit,  um  auszuruhen. 

Herzlichste  Griifie 
Edith  Maryon 


73.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Pension  Eugenia 
Ruvigliano,  Lugano,  12.  Sept.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

am  Mittwoch  reise  ich  wieder  nach  Dornach  zuriick,  ich  denke,  der  Aufent- 
halt  hier  hat  mir  wirklich  gut  getan,  auch  Jeannette  findet  ihre  Nerven 
gebessert.  Es  ist  wieder  recht  heifi  geworden,  aber  nicht  so  driickend  wie 


friiher.  Ich  habe  nicht  gehort,  warm  Sie  ankommen  in  Berlin,  aber  hoffe, 
es  ist  Sonntag,  wegen  der  Korrektur  usw.  Was  wird  das  Datum  Ihrer 
Ankunft  in  Dornach  sein,  wir  haben  Sie  sehr  notig  im  Atelier.  Von  Montag 
ab,  bevor  der  Theologische  Kursus  anfangt,  Weil  Sie  dann  so  in  Anspruch 
genommen  sein  werden,  daft  alles  andere  zuriicktreten  mufi.  Ich  werde  fiir 
Montag  vorbereiten,  in  der  Hoffnung,  Sie  kommen. 

Wir  haben  allerlei  kleine  Ausfliige  gemacht  in  die  Umgebung,  und  ich 
bin  recht  faul  gewesen,  ich  meinte,  das  sollte  eine  gute  Vorbereitung  sein 
fiir  viel  Arbeit  wahrend  des  Winters.  Mrs.  Mackenzie  schreibt  mir,  sie 
bereitet  ihre  Plane  vor  fiir  den  Lehrerkursus  zu  Weihnachten.  Wurde  etwas 
gesagt  oder  getan  in  Stuttgart  in  dieser  Beziehung?  Ich  bin  sehr  gespannt, 
ob  es  diesmal  gelingen  wird,  grofieres  Interesse  fiir  die  Sache  aufzubringen, 
etwas  Hoffnung  habe  ich  schon,  daift  dadurch  einige  geeignete  Mithelfer 
gefunden  werden  konnten,  wir  haben  sie  so  dringend  notig;  wenn  wir  sie 
dann  hatten,  konnten  die  Dinge  so  wie  ein  Schneeball  wachsen  und  sich 
ausbreiten. 

Ich  sende  allerlei  gute  Gedanken  und  Wiinsche  auf  Erfolg  fiir  Donners- 
tag  und  Besserung  fiir  die  Stimme. 

Jeannette  hat  einen  Freund,  der  verschiedene  interessante  Entdeckungen 
gemacht  hat,  unter  anderem  eine  Maschine,  [die]  den  Blinden  ermoglicht, 
gedruckte  Schriften  zu  horen:  sie  klingen.  Eine  andere  Maschine  klingelt, 
wenn  der  Schatten  eines  Menschen  auf  sie  fallt.  Sie  wird  mir  seine  Schrift 
schicken,  die  er  geschrieben  hat  iiber  die  erste  Maschine. 

Gibt  es  irgend  etwas  Gedrucktes  iiber  die  Forschungen  der  wissenschaft- 
lichen  Arbeit  in  Stuttgart,  das  ich  ihm  schicken  konnte? 

Mit  herzlichsten  Griifien 

Edith  Maryon 

74.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Berlin,  13.  September  1921 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

In  Berlin  eben  angekommen,  sende  ich  die  herzlichsten  Griifie.  Ich 
konnte  leider  nicht  eher  schreiben,  da  die  letzten  Stuttgarter  Tage 
sehr  besetzt  sein  mufiten.  Man  kann  ja  gut  sagen,  man  soli  das  nicht 


tun.  Aber  das  geht  eben  nicht,  denn  dann  versaumt  man  die  eiserne 
Pflicht.  Dabei  geht  es  mir  ja  aufierlich  ganz  gut;  Hand  und  Stimme 
sind  geheilt.  Innerlich  sind  aber  die  vielen  Sorgen.  Und  diese  Sorgen 
werden  immer  grofier.  Der  Kongreft  ist  wirklich  aufierordentlich  gut 
gelungen.  Man  konnte  solch  gutes  Gelingen  nicht  erwarten.  Aber 
dazu  kommt  nun  alles  Andre.  Dazu  brauchte  man  tiichtige  Leute. 
Solche,  die  Umsicht  haben  und  die  wirklich  fiihlten,  dafi  die  allgemei- 
nen  Angelegenheiten  ihre  eigenen  sind.  Die  aber  gibt  es  gerade  im 
Geschaftsleben  gar  nicht.  Die  Leute  beschaftigen  sich  damit,  unter 
einander  uneinig  zu  werden.  Man  kommt  nur  mit  den  Allerwenigsten 
vorwarts.  Und  diese  Wenigen  sind  eben  zu  wenig. 

Man  ladt  mich  jetzt  von  alien  Seiten  zu  Vortragen  ein;  ich  mufi 
alles  hier  ablehnen.  Zunachst  fahre  ich  Sonntag  abends  von  hier  ab, 
zuerst  nach  Stuttgart.  Dann  so  schnell  wie  moglich  von  dort  nach 
Dornach.  Es  drangt  mich  sehr  wieder  im  Bildhaueratelier  zu  arbeiten. 
Das  ist  begreiflich.  Am  26.  soil  doch  der  theologische  Kurs  beginnen. 

Bis  ich  ankomme,  schicke  ich  herzlichste  Griifie;  ich  hoffe,  dafi 
alles  gut  geht.  Dank  fur  die  Briefe. 

Auf  Wiedersehn 

z.Z.  Berlin  W,  Motzstrafie  17  Rudolf  Steiner 


75.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
16.  Nov.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  schreibe  nur  ein  paar  Zeilen,  bevor  ich  zur  Bank  nach  Basel  fahre. 

In  der  Nacht  traumte  ich  fortwahrend  von  Goethe,  ich  weifi  nicht 
warum,  bis  ich  gegen  4  Uhr  aufwachte  und  [nach-]dachte.  Heute  ist  es 
sehr  leer  im  Atelier,  man  hat  jetzt  Zeit  genug  zu  denken;  mir  scheint  es, 
als  ob  ich  fur  lange  Zeit  «Martha-Qualitaten»  nur  ausgebildet  habe  auf 
Kosten  der  «Maria-Qualitaten»,  und  dafi  ich  sehr  einer  geistigen  Vertiefung 
bediirfte,  in  vielen  Richtungen  hin.  Ich  werde  versuchen,  wahrend  Ihrer 
Abwesenheit  besser  in  dieser  Lime  zu  arbeiten  und  zu  meditieren.  So  viel 


Mangel  und  Unzulanglichkeiten,  auch  Ihnen  gegeniiber,  kommen  mir  im- 
mer  klarer  ins  Bewufitsein  hinein. 

Wenn  ich  nicht  zu  spat  kommen  will,  mufi  ich  gleich  gehen.  Ich  hoffe 
aber  auf  viel  Erfolg  am  Samstag  und  werde  viel  daran  denken,  bis  ich  weifi, 
dalS  alles  gut  verlaufen  ist  in  Berlin. 

Auch  hoffe  ich  sehr,  dafi  die  Reise  nach  Norwegen  ohne  Erkaltung 

verlauft,  aber  das  kann  man  wiinschen,  ohne  viel  Hoffnung  auf  Erfullung 

zu  haben.  .  ,  _ 

Mit  guten  besten  GruiSen 

Edith  Maryon 


76.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
18.  Nov.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  sende  Ihnen  eine  Kopie  des  Lehrerkursus-Programms  fur  den  Fall,  dafi 
Sie  noch  keines  bekommen  haben.  Mrs.  Mackenzie  hat  mir  heute  geschrie- 
ben,  dafi  sie  wenigstens  25  Leute  mitbringt,  einige  haben  sich  abgemeldet 
aus  verschiedenen  Griinden,  andere  aber  kommen;  man  wird  wohl  erst  im 
letzten  Moment  wissen,  wieviel  aus  England  kommen  konnen.  Sie  be- 
kommt  von  der  Bahn  Preisermafiigung  von  £  2.00  pro  Person  fur  eine 
Gruppe  von  25  Personen,  und  das  wird  helfen;  sie  sagt,  dafi  andere  wahr- 
scheinlich  kommen  konnen.  Sie  halt  einen  Vortrag  [iiber]  «Education  from 
a  Spiritual  Standpoint  fur  die  Anthroposophische  Gesellschaft  am  24. 
November  und  im  Bloomsbury  Club,  am  7.  Dezember  [iiber]  «Education 
as  a  Fine  Art». 

Ich  bin  sehr  beschaftigt  mit  Zimmer  bestellen,  Zimmer  ordnen  usw. 
Heute  besuchte  ich  Frau  Dr.  Grosheintz  wegen  Zimmern  und  fand  sie  im 
Bette,  mit  Erkaltung  (und  einem  sehr  unvorteilhaften  Ausschlag  im  Ge- 
sicht!),  sonst  sehr  freundlich  gestimmt. 

Mrs.  Mackenzie  schreibt,  Flossie  macht  gute  Arbeit  in  London  und 
wird  eine  kleine  Demonstration  halten  am  10.  Dezember. 

Sonst  ist  nicht  sehr  viel  zu  melden.  Wir  haben  immer  noch  nicht  die 
Ofen  im  Atelier. 

Ich  denke  sehr  an  Berlin,  und  bald  an  die  Reise  nach  Kristiania,  und 
wtinsche,  es  ware  mir  vergdnnt,  auch  dabei  zu  sein.  Ich  hoffe  sehr,  Sie 
werden  sich  nicht  erkalten  bei  der  grofien  Kalte.  Ich  werde  froh  sein,  wenn 


Berlin  voriiber  ist.  Hoffentlich  ist  es  nicht  notwendig,  Vortrage  in  Munchen 

zu  halten?  .  ,  _ 

Mit  besten  OrulSen 

Edith  Maryon 


77.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


Meine  liebe  Edith  Maryon! 


Berlin,  19.  November  1921 


Die  Reise  ist  bisher  gut  von  statten  gegangen.  Der  Stuttgarter  Aufent- 
halt  war  ganz  kurz  und  daher  mit  vieler  Arbeit  ausgefullt.  Erkaltet 
habe  ich  mich  nicht.  Heute  abend  wird  also  der  angekiindigte  Vortrag 
sein. 

Fur  den  Montag  friih  ist  die  Abreise  nach  Norwegen  festgesetzt. 
Ich  hoffe,  daft  in  unserem  Atelier  alles  gut  gehe.  Ich  werde  froh  sein, 
auch  wieder  dort  sein  zu  konnen.  Fur  heute  nur  diese  Zeilen  und 
herzlichen  Grufi 

^    i.   _ , ,  n  Rudolf  Steiner 

Berlin  W,  Motzstrafie  17 


78.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


Meine  liebe  Edith  Maryon! 


Berlin,  20.  November  1921 
Motzstrafie  17 


Der  offentliche  Vortrag  in  Berlin  ist  sehr  gut  voriibergegangen.  Es 
ist  eigentlich  ein  solcher  Vortrag  fiir  mich  nur  die  geringste  Anstren- 
gung.  Viel  anstrengender  sind  die  vielen  andern  Anforderungen.  Und 
diese  waren  bis  jetzt  nicht  wenig.  Aber  es  geht  ganz  gut.  Montag 
1/2  10  ist  die  Abfahrt  von  Berlin  nach  Kristiania.  Mittwoch  abends 
dort  der  erste  Vortrag. 

Ich  hoffe,  dafi  in  unserem  Bildhaueratelier  dort  alles  gut  geht.  Ich 
werde  wieder  gerne  nach  dieser  Reise  dort  sein. 

Einstweilen  allerherzlichste  Griifie 


Rudolf  Steiner 


79.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
21.  Nov.  1921 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

es  freut  mich  sehr,  dafi  alles  bis  jetzt  gut  gegangen  ist,  besonders,  dafi  Sie 
sich  nicht  erkaltet  haben,  hoffentlich  geht  es  auch  so  weiter.  Bis  jetzt  keine 
Nachricht  iiber  den  Verlauf  des  Vortrages  und  der  Eurythmie-Auffuhrun- 
gen,  ich  hoffe  auf  ruhigen,  groften  Erfolg. 

Beiliegende  Briefe  habe  ich  heute  von  Herrn  Fadum  erhalten,  es  scheint, 
dafi  ich  gar  nicht  die  richtige  Person  getroffen  habe,  die  Interesse  haben 
wiirde  am  Verkauf  der  Eurythmie-Souvenirs!  Ich  hatte  ihm  eines  geschickt 
und  zwolf  durch  Frl.  Clason,  vielleicht  ware  es  das  beste,  wenn  Frl.  C.  sie 
einfach  alle  zuriickbringt,  weil  niemand  von  unseren  Leuten  Zeit  hat,  sich 
damit  zu  befassen,  und  wenn  die  Norweger  keine  Lust  haben  ...!  Nach 
meiner  Meinung  waren  sie  fur  die  Norweger  geeignet,  aber  niemand  kann 
solche  Dinge  vorauswissen! 

Falls  Sie  nichts  dagegen  haben,  werden  zwei  Raume  in  der  Schule  nach 
dem  20.  Dezember  als  Raume  fur  die  Kursteilnehmer  arrangiert,  wo  sie 
sich  aufhalten  konnen  zwischen  den  verschiedenen  Veranstaltungen. 

Mit  herzlichem  Grufi 

Edith  Maryon 

80.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Kristiania,  24.  November  1921 

Oskarsgate  10 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Heute  will  ich  nur  herzlich  danken  fur  die  Briefe,  die  ich  erhalten 
habe,  auch  den  mit  dem  Programm.  Die  Reise  war  gut  und  hier  ist 
auch  alles  so  weit  in  Ordnung.  Hoffentlich  geht  dort  auch  alles  gut, 
trotz  der  Anstrengung  im  Wohnungsuchen  fur  den  Weihnachtskurs. 
Ich  hoffe  in  diesem  Kurse  noch  manches  Padagogische  weiter  auszu- 
bauen,  was  besonders  fur  die  Art  von  Zuhorern  wird  wichtig  sein, 
die  kommen.  Nun  noch  herzlichste  Griifie  in  unser  Atelier  von 

Wohnung  ist:  Kristiania  Oskarsgate  10  Rudolf  Steiner 

Anthroposofisk  Sels  Kap. 


81.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
[vermutlich  26.  November  1921] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  habe  gehort,  es  war  tiefer  Schneesturm  am  21.-22.  und  hoffe  sehr,  dafi 
Sie  gut  angekommen  sind  in  Kristiania,  ohne  sich  zu  erkalten?  Auch  hoffe 
ich,  die  Norweger  haben  nicht  einen  Vortrag  im  Wartesaal  des  Bahnhofes 
fur  Ihre  Ankunft  angesetzt,  sie  hatten  wohl  die  Zeit  ausgeniitzt,  falls  sie 
beizeiten  erfahren  haben,  dafi  Sie  einen  Tag  friiher  ankommen  wiirden! 

Der  Ofen  ist  heme  im  Atelier  angekommen,  er  heizt  recht  gut,  sieht 
aber  aus  wie  ein  Riesentier,  sonst  ist  er  nicht  unangenehm,  nachdem  man 
sich  erholt  hat  von  dem  ersten  Schock. 

In  den  Hausern  ist  immer  noch  viel  zu  tun,  ich  bin  jetzt  Schreiber, 
Hausmaler,  Naherin  und  sonstiges  geworden  und  werde  nicht  unzufrieden 
[sein],  wenn  ich  alles  in  Ordnung  habe  Ende  der  nachsten  Woche. 

Zwei  von  den  wichtigsten  Mannern  unter  den  Leuten,  die  Mrs.  Mac- 
kenzie mitbringen  wollte,  haben  zu  viel  Arbeit  zu  Weihnachten  und  konnen 
deshalb  dann  nicht  kommen,  kommen  aber  spater.  Ware  es  moglich,  einen 
anderen  Kursus  an  Ostern  oder  Pfingsten  zu  halten?  Ich  weifS  nicht,  wieviel 
Ferien  man  hat  in  England  zu  Pfingsten,  an  Ostern  ist  es  gewohnlich  von 
10  Tagen  bis  3  Wochen,  je  nachdem;  zu  Pfingsten  wohl  nicht  langer. 

Keine  Nachricht  von  Kristiania  ist  bis  jetzt  in  Dornach  angekommen. 

Ich  hoffe,  man  stellt  nicht  allzuviele  Anforderungen  dort? 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


82.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Kristiania,  3.  Dezember  1921 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Leider  war  doch  hier  so  viel  Arbeit,  dafi  ich  die  vergangenen  Tage 
hindurch  nicht  an  das  Schreiben  kam.  Aber  die  Tage  haben  mir  keinen 
Schaden  getan.  Die  Vortrage  waren  gut  besucht.  Und  man  kann  nach 
dieser  Richtung  sehr  zufrieden  sein.  Diesmal  hatte  ich  auch  keine 
Stimmermudung.  Die  Eurythmie  ist  vom  Publikum  gut,  von  der 


Zeitungskritik  ganz  schauderhaft  aufgenommen  worden.  Ein 
schreckliches  Geschimpfe  ging  da  los.  Nun,  das  macht  alles  nichts. 

Aufier  den  im  Verzeichnis  angegebenen  Vortragen  hielt  ich  noch 
einen  besonderen  Dienstag  Mittag  fur  den  theologischen  Studenten- 
verein  und  noch  einiges  fur  unsere  Mitglieder. 

Auch  mufite  man  hier  nach  Landesgebrauch  mit  den  Leuten  nach 
den  Vortragen  noch  etwas  zusammensein.  Mittwoch  mit  den  Staats- 
okonomen;  Donnerstag  bei  einem  Dozenten,  Freitag  bei  den  Stu- 
denten. 

Aber  wie  gesagt,  aufier  dem  Zeitungsgeschimpfe  ging  alles  gut, 
ohne  Erkaltung.  Ich  denke  viel  an  unser  Atelier  und  werde  froh  sein, 
wieder  dort  zu  sein.  Ich  denke,  es  wird  am  11.  sein.  Friiher  glaube 
ich,  wird  es  nicht  gehen.  Einstweilen  herzlichste  Griifie,  hoffentlich 
geht  es  gut 

Rudolf  Steiner 

Am  6.  Abends  Berlin.  7.  Dez.  Berlin  Zweigvortrag.  9.  Stuttgart 


83.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Sonntag  Nachmittag  Dornach  bei  Basel  [vermutlich  Januar  1922] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

gestern  habe  ich  die  2  vorgesehenen  Spaziergange  gemacht,  und  es  ist  gut 
gegangen,  Heute  bin  ich  5  Mai  um  das  Haus  herum  und  werde  wohl  heute 
um  4  1/2  das  gleiche  tun,  weil  auf  der  Strafie  allzu  viele  Sonntagspazier- 
ganger  spazieren. 

Heute  Morgen  haben  die  Vereine  der  Kantonalen  Feuerwehr  (Delegierte 
des  ganzen  Kantones)  den  Bau  besucht  unter  Leitung  von  Herrn  Aisenpreis. 
Sie  haben  nachher  herzlich  gedankt  und  gesagt,  dafi  sie  recht  zufrieden 
sind,  ordentlich  iiber  die  Sache  unterrichtet  zu  sein,  und  mochten  nur,  dafi 
viele  andere  dasselbe  auch  wissen  konnten.  Das  hat  mir  Frl.  Bauer  so 
erzahlt.  Weifi  nicht,  ob  es  wortlich  stimmt  oder  nicht.  Heute  Nachmittag 
haben  die  Leute  eine  Sitzung,  so  dafi  es  wertvoll  war,  dafi  sie  kamen. 


Das  Wetter  ist  immer  noch  herrlich.  Ich  denke  sehr  an  die  Stuttgarter 
Veranstaltungen,  besonders  im  Siegle-Haus  und  hoffe,  daft  man  recht  viel 
acht  gibt,  sich  nicht  wieder  zu  erkalten. 

Ich  hoffe,  daft  die  Reise  eine  recht  gute  war;  der  Sonnenuntergang  war 

sehr  schon.  Allerherzlichste  Griifie 

Edith  Maryon 


84.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Sonntag  Abend  Dornach  bei  Basel  [vermutlich  15.  Januar  1922] 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

morgen  Abend  sollte  der  Vortrag  in  Miinchen  stattfinden;  ich  werde  so 
zufrieden  sein,  wenn  ich  die  Nachricht  bekomme,  dafi  alles  gut  gegangen 
ist,  dafi  der  Vortrag  gliicklich  voriiber  ist,  und  dafi  Sie  die  Stadt  verlassen 
haben.  Bis  ich  Nachricht  bekomme,  mufi  ich  viel  daran  denken. 

Von  hier  ist  nicht  sehr  viel  zu  melden.  Man  iibt  sehr  viel  in  der  Schreine- 
rei,  ich  schnitze  fleifiig  (in  kleinen  Portionen)  an  dem  Christus-Kleid  und 
mache  dazwischen  andere  Arbeit.  Bis  jetzt  ist  keine  Nachricht  von  England 
gekommen.  Gestern  Abend  sind  6  Englander  abgereist,  darunter  Miss  Wil- 
son, die  telephonisch  bei  Mrs.  Mackenzie  anfragen  will,  ob  es  Nachricht 
gibt  und  dann  morgen  Mrs.  Drury-Lavin  telegraphieren  will.  Falls  eine 
Einladung  abgeschickt  worden  ist,  will  Mrs.  D.  L.  nach  Mannheim  fahren, 
um  dort  bei  Frau  Dr.  [Marie  Steiner]  Verschiedenes  zu  fragen.  Ich  glaube, 
in  bezug  auf  Wohnung  usw.  hat  Mrs.  Mackenzie  Sie  eingeladen,  falls  nichts 
anderes  von  den  Mitgliedern  arrangiert  ist.  Das  heifit,  sie  hat  mir  das  gesagt, 
als  Vorbereitung  nur. 

Ich  las  gerade  jetzt  den  Aufsatz  iiber  Steffen,  es  liest  sich  eben  noch  besser 
im  Druck,  vielleicht  weil  man  im  Druck  schneller  zusammenfassen  kann. 

Das  Wetter  heute  ist  wunderschon  gewesen,  mit  blauem  Himmel,  tiefem 
Schnee  und  Frost.  Ich  habe  viele  Leute  mit  Ski  und  Schlitten  gesehen,  die 
die  Zeit  auszuniitzen  gedenken.  Ich  hoffe  sehr,  das  Sie  sich  [nicht]  erkaltet 
haben  werden,  noch  die  Stimme  iibermudet?  Hier  ist  es  gut,  aber  langweilig! 

Mit  herzlichsten  Griifien 


Edith  Maryon 


85.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach  bei  Basel,  18.  Jan.  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

Mrs.  Dniry-Lavin  hat  mich  heute  im  Atelier  besucht.  Sie  sagt,  sie  habe 
soeben  ein  Telegramm  bekommen  mit  der  Nachricht,  dafi  man  Ihnen  eine 
Einladung  geschickt  hat.  Weitere  Details  gibt  es  vorlaufig  nicht.  Sie  war 
sehr  unsicher,  ob  sie  nach  Mannheim  fahren  sollte,  Verschiedenes  mit  Ihnen 
und  mit  Frau  Dr.  [Marie  Steiner]  zu  besprechen,  ist  aber  schliefilich  zu 
der  Ansicht  gekommen,  dafi  es  besser  ware,  sofort  nach  Hause  zu  fahren 
und  iiber  eine  mogliche  Zusammensetzung  eines  Programms  mit  Mrs. 
Mackenzie  zu  sprechen,  und  dann  zu  schreiben,  oder  falls  es  notwendig 
erscheinen  sollte,  wieder  hierher  zu  kommen  anfangs  Februar.  Ob  sie  das 
nach  weiterem  Nachdenken  wirklich  ausfuhrt,  weifi  ich  vorlaufig  nicht! 

Hier  ist  viel  Aufregung  wegen  Herrn  Stutens  Grippeanfall;  er  liegt  in 
der  Klinik,  aber  ich  glaube,  es  geht  ihm  nicht  schlecht,  aber  ob  er  baldigst 
spielen  kann  . . .  ? 

Wir  haben  viel  Schnee,  und  wechselweise  Fohnwind  und  mehr  Schnee, 
so  dafi  der  Ausblick  fast  immer  der  gleiche  ist,  iiber  eine  schneebedeckte 
Landschaft,  und  auf  das  Atelierdach  fallen  fortwahrend  die  Eiszapfen. 

Anwesend  war  ich  nicht  -  aber  ich  hore,  der  Vortrag  im  Bernoullianum 
ist  gut  besucht  gewesen,  mit  guter  anschliefiender  Diskussion;  es  wurden 
verniinftige  Fragen  gestellt,  und  beantwortet. 

Ich  bin  recht  dankbar,  dafi  alles  gut  gegangen  ist  in  Miinchen.  Frankfurt 
ist  mir  auch  unangenehm,  aber  ich  hoffe  sehr,  dafi  Sie  keine  Unannehmlich- 
keiten  hatten  dort.  Ich  hoffe  zu  horen,  dafi  alles  gut  gegangen  ist,  und  dafi 
Sie  weder  erkaltet  sind  noch  Stimmermiidung  haben?  Und  dafi  Sie  nicht 
iibermiidet  sind? 

Mir  geht  es  gut,  ich  denke  nur,  auf  welche  Weise  ich  Geld  fabrizieren 
sollte  -  aus  dem  Nichts  heraus,  um  mir  ein  Billet  usw.  nach  England  zu 
verschaffen!  Am  liebsten  ware  es  mir,  ein  altes  Kunstwerk  zu  verkaufen, 
und  auf  diese  Weise  meine  Kosten  zu  bestreiten;  aber  das  ist  nicht  so  leicht. 

Mit  besten  Griiflen 

Edith  Maryon 


86.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Mannheim,  19.  Januar  1922 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Vielen  Dank  fur  den  in  Stuttgart  empfangenen  Brief.  Bis  jetzt  ist 
alles  ganz  gut  gegangen,  sowohl  mit  den  Vortragen  wie  auch  mit  der 
Gesundheit.  Heute  ist  in  Mannheim  ein  Zweigvortrag,  morgen  der 
offentliche.  Sonntag  fahre  ich  nach  Koln.  Natiirlich  war  in  Stuttgart 
wieder  etwas  viel  zu  tun.  Aber  das  ist  ja  unter  den  gegenwartigen 
Verhaltnissen  doch  eine  Notwendigkeit.  Es  ist  so  viel  zu  ordnen. 
Die  Leute  haben  den  besten  Willen,  nicht  viele  Sitzungen  zu  halten; 
aber,  was  nicht  gemacht  wird,  fehlt  dann  doch. 

Ich  habe  auch  nun  noch  nichts  von  England  gehort.  Von  den 
Adressen  mochte  ich  angeben,  was  wenigstens  bestimmt  scheint. 
Koln  ist  Monopolhotel;  Hannover  Hotel  Bristol,  Bremen  Hotel  Al- 
berti,  Hamburg  Atlantic-Hotel,  Dresden  Hotel  Bellevue. 

Nun  kann  ich  nur  noch  sagen,  dafi  ich  besonders  viel  an  unser 
Atelier  denke;  bitte  sich  nicht  uberarbeiten;  ich  werde  befriedigt  sein, 
wenn  ich  wieder  im  Atelier  werde  arbeiten  konnen. 

Fur  heute  noch  die  herzlichsten  Griifie. 

Rudolf  Steiner 


87.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 

19.  Jan.  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

Heute  habe  ich  diesen  Brief  von  Mrs.  Mackenzie  erhalten.  (Bitte  mir  zu- 
riickgeben!)  Wiirden  Sie  bitte  so  freundlich  sein,  auf  folgende  Fragen  zu 
antworten? 

1.  )  Ob  Sie  und  Frau  Doktor  lieber  etwas  aufierhalb  von  Stratford  woh- 
nen  wollen,  bei  einflufireichen  Leuten  (Sie  werden  mit  Auto  hineingefahren 
nach  Stratford,  so  oft  Sie  wollen)  oder  mehr  einfach  in  der  Stadt  selber? 

2.  )  Welchen  von  den  4  Vorschlagen  fur  einen  Titel  fur  den  Sommer- 
Kurs  halten  Sie  fur  wiinschenswert?  (Die  Leute  in  England  plagen  sich 
sehr  mit  dieser  Frage.) 


3.  )  Was  soli  man  sagen  betreffend  Ubersetzung  Ihres  Vortrags?  Sollte 
man  vielleicht  abwarten?  Weil  es  nur  ein  Vortrag  in  Stratford  ist,  ist  der 
Ubersetzer  ziemlich  wichtig! 

4.  )  Welchen  Ort  finden  Sie  am  wiinschenswertesten  fur  den  Sommer? 
Durham  kenne  ich  nicht,  aber  es  ist  eine  schone  alte  Stadt,  mit  guter 

Schule.  Ich  habe  einen  Neffen  dort.  Oxford  und  Cambridge  kennen  Sie 
schon,  Oxford  ist  vielleicht  besser  als  Cambridge.  Southampton  -  der  Ort 
liegt  ein  bifichen  aufierhalb  von  der  Stadt  -  ich  kenne  die  Stadt  und  auch 
Menschen,  die  in  der  Gegend  wohnen,  einflufireiche  Leute,  sie  haben  ihr 
Schlofi  an  Kaiser  Wilhelm  geliehen,  als  er  6  Wochen  in  England  wohnte! ! 
Ich  habe  oft  auch  dort  gewohnt!  Aber  nicht  zu  gleicher  Zeit!  Da  stehen 
verschiedene  Bildhauerwerke  von  mir.  Ich  habe  die  ganze  Familie  viele 
Jahre  gekannt,  und  werde  sie  diesmal  in  London  aufsuchen,  falls  ich  zu 
Ostern  auch  mitfahren  kann.  Wenn  sie  nur  Interesse  haben  wiirden,  konn- 
ten  sie  der  Arbeit  in  England  viel  helfen.  Sie  alle  sprechen  Deutsch.  Der 
Schwager  sitzt  im  Volkerbund,  Sir  Rennell  Rodd  heifit  er;  ich  habe  Ihnen 
schon  manchmal  von  ihm  gesprochen. 

Ich  hoffe,  Sie  werden  Zeit  finden,  auf  meine  4  Fragen  zu  antworten? 
Obwohl  ich  weifi:  Fragen  sind  eine  Plage,  und  Sie  werden  damit  nie  in 
Ruhe  gelassen.  Aber  Mrs.  Mackenzie  und  die  anderen  werden  sehr  dankbar 
sein,  wenn  ich  Auskunft  geben  konnte. 

Dafi  der  Vortrag  in  Frankfurt  gut  gegangen  ist,  hoffe  ich  sehr  -  ohne 

Stimmermiidune  oder  Erkaltune?  ...  ,  _ 

°  °  Mit  besten  GrulSen 

Edith  Maryon 

Haben  Sie  die  Einladung  bekommen  -  oder  liegt  sie  in  Villa  Hansi? 

Mrs.  Mackenzie  sagt  kein  Wort  von  Eurythmie.  Ich  werde  noch  nach 
Moglichkeiten  dafur  fragen,  wenn  nicht  hier,  dann  in  London. 


88.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 

23.  Jan.  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  hatte  vor,  erst  morgen  zu  schreiben,  aber  Flossie  hat  einen  Brief  von 
Mrs.  Drury-Lavin  erhalten  mit  der  Bitte,  ihn  mir  zu  zeigen.  Es  scheint, 


dafi  sie  zu  Hause  angekommen  ist  und  dort  feststellen  mufite,  dafi  eine 
Sitzung  einberufen  worden  war  von  Mr.  Dunlop  und  Miss  Osmond,  ohne 
dafi  man  sie  vorher  benachrichtigt  hatte,  dafi  die  Sitzung  stattfinden  sollte. 
Einige  andere  waren  auch  dabei,  als  Mrs.  D.-L.  leise,  miide  und  schmutzig 
von  der  Reise,  angekommen  ist,  und  dabei  einen  grofien  Choc  erfuhr!  Sie 
haben  namlich  beschlossen,  dafi  Miss  Osmond  eine  Wohnung  fur  Sie  und 
Frau  Doktor  mieten  und  ihre  ganze  Zeit,  wahrend  Sie  in  England  sind, 
Ihnen  widmen  sollte.  Natiirlich  wurde  dann  das  Ganze  eine  theosophische 
Pragung  bekommen,  und  die  wissenschaftliche  und  erzieherische  Atmo- 
sphare,  die  man  mit  Miihe  geschaffen  hat,  ware  dann  einfach  weg! 

Mrs.  Drury-Lavin  hat  protestiert:  man  musse  wenigstens  Mrs.  Macken- 
zie konsultieren  und  hat  endlich  erreicht,  dafi  man  eine  Woche  abwartet. 

Ich  habe  Ihnen  schon  gesagt,  daiS  Mrs.  Mackenzie  Sie  aller  Wahrschein- 
lichkeit  nach  in  die  Barsell  Rd.  einladen  wird,  falls  nicht  die  anderen  Mitglie- 
der  zu  starke  Anspriiche  stellen.  Ich  hoffe,  sie  wird  jetzt  eine  offizielle 
Einladung  schicken,  wiirde  Ihnen  das  angenehm  sein?  Ich  habe  ihr  einen 
kleinen  Brief  geschrieben,  habe  aber  versucht,  sehr  vorsichtig  zu  schreiben. 
Das  ganze  sieht  aus  wie  ein  Coup  von  seiten  Miss  Osmonds  und  Mr. 
Dunlops;  er  erscheint  fast  nie  in  dem  Zweig  und  wollte  nur,  so  scheint 
mir,  die  Plane  von  Miss  Osmond  durchsetzen  gerade  dann,  wahrend  Mrs. 
Drury-Lavin,  M.  Kaufmann  und  die  anderen,  die  arbeiten,  alle  abgereist 
waren,  und  dies  hatten  sie  schon  erreicht,  wenn  nicht  Mrs.  Drury-Lavin 
gleich  nach  ihrem  Besuch  bei  mir  im  Atelier  abgereist  ware.  Miss  O.  [Os- 
mond] scheint  andere  nicht  sehr  wunschenswerte  Tatigkeiten  zu  entfalten, 
diesmal  auf  medizinischer  Seite;  Flossie  hat  mir  einen  Brief  an  Miss  O. 
gezeigt,  eine  Antwort  an  Mrs.  O.  iiber  die  Krankheit  Miss  Burnetts,  weil 
sie  wissen  wollte,  ob  sie  sich  richtig  ausgedriickt  hat  auf  Englisch.  Es  scheint 
mir,  als  ob  Miss  O.  den  Arzten  gegeniiber  nicht  auf  richtige  Weise  ein 
wahrheitsgetreues  Bild  geschaffen  hat  von  der  Art  und  Weise,  wie  Sie  nur 
im  Zusammenhang  mit  Berufsarzten  irgendwelchen  Rat  geben  konnen. 

Ich  glaube  Zeit  zu  haben,  um  Sie  in  Hannover  zu  erreichen.  Sonst  ist 
nicht  viel  zu  melden.  Hoffentlich  geht  es  mit  der  Gesundheit  gut?  Hier 
ist  es  leer  und  langweilig,  aber  [es  gibt]  genug  zu  tun. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 

Ich  dachte,  es  sei  besser,  obige  Geschichte  mitzuteilen;  es  sieht  wie  eine 
Intrige  aus,  was  natiirlich  unangenehm  ist. 


89.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier  Goetheanum 
Dornach,  25.  Januar  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  hoffe,  dafi  Sie  einen  Brief,  an  Hotel  Bristol,  Hannover,  adressiert, 
bekommen  haben? 

Ich  habe  weitere  Nachricht  aus  England,  aber  nicht  direkt;  es  scheint, 
dafi  nachdem  Flossie  an  Miss  Osmond  geschrieben  hat,  dafi  Leute,  die 
etwas  von  Ihnen  wollen,  direkt  an  Sie  schreiben  mussen.  (Ob  es  in  Wirklich- 
keit  damit  zusammenhangt,  weifi  ich  nicht,  weil  man  vorsichtig  damit  sein 
mufi,  was  Miss  Osmond  sagt!)  Vielleicht  hat  sie  mit  Prof.  Jack  doch  nichts 
zu  tun. 

Jedenfalls  erzahlt  mir  Flossie  jetzt,  dafi  Mrs.  Kaufmann  einen  Brief  von 
Miss  Beverley  bekommen  hat,  worinnen  steht,  dafi  Prof.  Jacks  vom  «Hib- 
bert  Journal»  Ihnen  geschrieben  hat,  um  Aufsatze  fur  das  Journal  zu  erbit- 
ten  -  auch  will  er  um  ein  « Interview*  mit  Ihnen  bitten  (ich  weifi  nicht  ob 
hier  oder  in  Deutschland),  weil  er  Sie  einladen  mochte,  in  Oxford  zu 
sprechen.  -  Flossie  denkt  -  ist  aber  nicht  ganz  sicher-  bei  einem  Hochschul- 
kurs,  der  dort  stattfinden  sollte.  Ich  erwahne  dieses  nur,  weil  es  doch 
interessant  ist,  und  die  Einkdung  wahrscheinlich  in  Villa  Hansi  mit  noch 
allerlei  anderem  liegt.  Falls  es  wahr  ist:  Etwas  besseres  konnte  man  nicht 
wiinschen!  Ich  dachte  vielleicht,  es  ware  gut,  dafi  Sie  dieses  jetzt  wissen 
wegen  der  Wahl  [der  Orte]  fur  den  Sommerkursus  in  England.  Vielleicht 
konnte  es  aber  auch  eine  Verwechslung  sein  mit  unserem  projektierten 
Kurs. 

Es  scheint,  dafi  Miss  Osmond  angibt,  dafi  sie  es  bewirkt  hat,  dafi  Prof. 
Jacks  den  Artikel  genommen  hat,  der  im  «Hibbert  Journal*  vom  Juli  er- 
schienen  ist,  aber  wie  Sie  wissen,  war  es  von  Anfang  an  meine  Idee,  und 
ich  habe  ein  «Hibbert-Journal»  von  England  kommen  lassen,  und  dafi  es 
dann  arrangiert  worden  ist,  durch  M.  Courtney.  Die  Nachricht,  dafi  der 
Artikel  akzeptiert  worden  ist,  hat  er  mitgeschickt.  Diese  beiden  Briefe 
besitze  ich  noch.  Es  scheint  mir,  dafi  Miss  O.  intrigiert. 

Ich  werde  wahrscheinlich  nur  noch  nach  Dresden  schreiben,  weil  ich 
hoffe,  bis  dann  Nachricht  zu  erhalten. 

Wann  denken  Sie  in  Dornach  anzukommen?  Kann  man  auf  Freitag 
nachster  Woche  hoffen?  Ich  hoffe  sehr,  dafi  die  Gesundheit  nicht  leidet 
unter  den  vielen  Anstrengungen?  Es  schneit  wieder  und  ist  ziemlich  kalt 


hier.  Ich  schnitze  was  ich  kann,  aber  vorsichtig,  mache  Ordnung  in  den 
Hausern  und  hier  und  flicke  alle  meine  alten  Kleider. 

Auch  lese  ich  die  religiosen  Vortrage,  die  hochst  interessant  sind,  und 
wiinsche,  dafi  es  schon  Februar  ware. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 

90.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Berlin,  27.  Januar  1922 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Leider  bin  ich  noch  nicht  in  den  Stand  gekommen,  die  vier  an  mich 
gestellten  Fragen  zu  beantworten.  Und  wenn  ich  noch  warte,  dann 
kommt  kein  Brief  zu  stande,  der  sagt,  daft  es  bis  jetzt  sehr  gut  mit 
allem  gegangen  ist.  Jetzt  habe  ich  2/3  der  Vortrage  hinter  mir;  meine 
Gesundheit  hat  sich  auch  gut  gehalten.  Von  Hamburg  aus,  wohin 
jetzt  die  Fahrt  geht,  beantworte  ich  dann  die  vier  Fragen.  Nur  das 
eine  mochte  ich  fur  heute  sagen,  dafi  das  Wohnen  auf  dem  Lande 
bei  vorhandenem  Auto  ja  ganz  gut  geht,  wenn  es  wegen  der  Leute, 
die  da  wohnen,  der  Sache  dienen  kann.  Mit  dem  Geschaftigmachen 
von  Osmond  etc.  wird  die  Sache  wohl  bestimmt  verdorben;  doch 
laftt  sich  dariiber  vielleicht  nur  mundlich  verhandeln.  Fl[ossy]  ist 
jedenfalls  auch  nicht  die  beste  Vermittlerin.  Fur  heute  nur  noch 
herzlichste  Griifie  von,  denn  die  Zeit  drangt  sehr 

Rudolf  Steiner 

91.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier,  Goetheanum 

27.  Jan.  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

ich  habe  keine  Nachricht  seit  Mannheim  und  hoffe  sehr,  dafi  alles  gut  geht 
mit  der  Gesundheit?  Es  ist  sehr  anstrengend  so  viel  zu  reisen  mit  taglichen 
Vortragen  und  sonstigem  ohne  Ruhepause.  Ich  wiinschte,  dafi  ich  wiifite, 
wie  alles  geht;  aber  Sie  haben  sicher  gar  keine  Zeit  fur  sich. 


Hier  geht  alles  verhaltnismafiig  gut,  aber  langweilig.  Ich  kann  aber  nicht 
viel  schnitzen  auf  einmal,  ich  konnte  viel  mehr  tun,  bekomme  aber  Schmer- 
zen  und  mufi  dann  aufhoren,  weil  es  dumm  ware,  etwas  kaputt  zu  machen, 
sonst  wurde  ich  es  riskieren. 

In  England  geht  es  ein  bifichen  toll  zu.  Statt  sich  zu  freuen,  dafi  Sie 
uberhaupt  kommen,  und  das  Wiinschenswerte  selber  zu  tun,  denken  sie 
nur  an  ihren  eigenen  Vorteil,  und  daran,  so  viel  wie  moglich  auszuniitzen, 
und  storen  alles,  was  vorbereitet  war  von  anderen  Menschen.  Statt  die 
Friichte  jetzt  an  sich  zu  reifien,  warum  haben  sie  nicht  friiher  bei  der  Arbeit 
geholfen?  Ich  bin  wirklich  etwas  emport.  Ich  schicke  eine  Kopie  von  einem 
Teil  eines  Briefes  von  Mrs.  Mackenzie,  der  heute  angekommen  ist. 

Vielleicht  mufi  man  die  Eurythmie  auslassen  bis  August.  Ich  habe  gera- 
ten,  dafi  Collison  hierher  kommen  sollte  im  Februar,  falls  er  dann  vernunftig 
sein  wird,  hat  man  doch  ein  bifichen  Zeit  vox  Ostern.  Ich  bin  eingeladen 
bei  Mrs.  Mackenzie  und  auch  bei  Mrs.  Drury-Lavin,  es  wird  aber  wohl 
nur  Platz  fur  mich  da  sein,  wo  Sie  nicht  sind!  Meine  Schwester  wird  wohl 
in  London  sein,  aber  nur  vor  Ostern.Alles  lauft  in  der  Unbestimmtheit! 

Mittlerweile  wunsche  ich,  es  ware  eine  Woche  spater!  Ich  hoffe,  dafi 

Sie  fertig  sind  mit  Stuttgart!  w  i     i-  i     ^  -  n 

°  Mit  herzlichen  Grulsen 

1  Brief  Hannover,  1  Brief  Bremen  Edith  Maryon 


92.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


Dresden,  31.  Januar  1922 


Meine  liebe  Edith  Maryon! 


Nun  schreibe  ich  doch  erst  von  hier  aus  statt  von  Hamburg.  Aber 
es  geht  eben  wegen  der  langen  Reisen  doch  nicht  leicht,  die  Zeit  zu 
finden.  Es  ist  bis  jetzt  alles  gut  gegangen:  mit  den  Vortragen  und  mit 
der  Gesundheit.  Alle  Sale  waren  sehr  grofi.  Es  ist  nun  der  Morgen 
nach  Dresden  und  heute  abends  Breslau.  Ich  will  nun  am  2.  Januar 
[Februar]  iiber  Stuttgart  zuriickfahren.  Hoffentlich  macht  der  Eisen- 
bahnerstreik  keine  Hindernisse.  Oft  bin  ich  mit  meinen  Gedanken 
in  dem  Atelier  und  sehne  mich  sehr  darauf,  es  wieder  aufierlich 
tatsachlich  zu  sein.  Es  wird  manche  Details  von  dieser  Reise  zu 


erzahlen  geben;  die  Aufnahme  war  bisher  durchaus  gut  von  seiten 
des  Publikums.  Natiirlich  kann  man  durch  einen  Vortrag  nicht  viel 
tun.  Man  kann  nur  eine  Anregung  geben.  Man  ist  eigentlich  immer 
im  Anfange  der  Arbeit. 

Und  nun  beziiglich  der  vier  Fragen:  die  erste  habe  ich  schon 
beantwortet.  Man  kann  ganz  gut  aufierhalb  der  Stadt  wohnen,  wenn 
ein  Auto  vorhanden  ist.  Beziiglich  des  Vortragstitels  scheint  mir  am 
besten:  Spirituelle  Werte  in  der  Erziehung.  Doch  ist  mir  jeder  andre 
auch  recht.  Besonders  auch  Erziehung  als  ein  Weltproblem. 

Was  den  Ubersetzer  betrifft,  so  sollten  das  doch  die  Leute  dort  ent- 
scheiden.  Es  wird  doch  kaum  jemand  besser  als  Kaufmann  ubersetzen. 

Der  Ort  fur  den  Sommer  sollte  nach  den  dortigen  Bediirfnissen 
festgestellt  werden;  ich  habe  dariiber  keine  Wiinsche. 

Es  scheint  nun,  dafi  man  auch  da  mit  sektiererischen  Neigungen 
zu  kampfen  hat.  Mir  ist  das  sehr  zuwider.  Es  sollte  doch  alles  unab- 
hangig  von  den  Gewohnheiten  der  theosophischen  Gesellschaft  ein- 
gerichtet  werden. 

Ich  habe  den  Brief  nach  Bremen  bekommen.  Und  danke  sehr 
dafiir.  Die  Sache  geht  allerdings  darauf  zuriick,  daft  ich  nicht  Flossy 
als  Vermittlerin  von  Briefen  wollte  und  ihr  einmal  sagte:  man  mufi 
mir  direkt  schreiben.  Nicht  wahr,  es  ist  dies  zu  verstehen;  es  bezieht 
sich  ja  alles,  was  ich  sage,  immer  auf  den  einen  konkreten  Fall.  Ich 
mochte  Genauigkeit  in  den  Sachen  haben,  und  die  Geschichte  mit 
dem  Artikel  in  Hibbert  Journal  beweist  dies.  Ich  sagte  also  dieses 
nur  fur  den  betreffenden  Fall. 

Auch  den  Brief  nach  Hannover  habe  ich  bekommen,  kann  aber 
jetzt  nur  noch  herzlichste  Griifie  anfugen,  denn  bald  geht  mein  Zug. 
Genau  zu  sagen,  wann  ich  ankomme,  ist  doch  von  hier  aus  nicht 
moglich.  Ich  komme  sobald  es  geht.  Wie  gesagt,  hoffentlich  macht 
nicht  ein  Eisenbahnerstreik  einen  Strich  durch  die  Rechnung.  Gestern 
wurde  mir  hier  schon  ein  Auto  fur  diesen  Fall  angeboten.  Nun  hof- 
fentlich brauche  ich  es  nicht,  denn  so  etwas  macht  sich  doch 
schwien.2. 

Auf  baldiges  Wiedersehen 


Rudolf  Steiner 


93.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier,  Goetheanum 

1.  Marz  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 

Olga  hat  mir  gerade  diesen  Brief  von  Mrs.  Mackenzie  heraufgebracht.  Ich 
habe  den  Brief  gelesen;  leider  ist  es  diesmal  mit  der  Eurythmie  aus,  aber 
weil  es  doch  nicht  hatte  richtig  durchgefuhrt  werden  konnen,  ist  es  vielleicht 
doch  besser,  Oxford  abzuwarten;  man  wird  dann  wirklich  etwas  ordentli- 
ches  zustande  bringen  konnen.  Es  tut  mir  doch  etwas  leid.  Sonst  ist  keine 
Nachricht  gekommen. 

Heute  haben  wir  den  Ahriman  herausgeschafft  und  angefangen  mit  der 
vorbereitenden  Arbeit,  urn  den  Luzif er  hiniiberzuschaff en  -  Geek  natiirlich 
hat  sich  dagegen  gestraubt  und  zuerst  an  Sonderegger  und  dann  an  Aisen- 
preis  appelliert,  aber  vergeblich,  weil  das,  was  ich  angeordnet  habe,  das 
einzig  richtige  war.  Sie  hat  sich  dann  gefiigt! 

Gestern  war  ich  in  Basel  und.  heute  gehe  ich  urn  5  Uhr  zur  Post,  und 
meine  Stiefel  bei  «Vater»  abholen! 

Das  Atelier  sieht  furchtbar  aus,  die  allergrofite  Unordnung  iiberall,  und 
4  Arbeiter  darinnen.  Es  wird  noch  eine  Weile  dauern. 

Ich  hoffe,  Sie  sind  nicht  allzu  miide?  Die  letzte  Zeit  war  wirklich  ganz 
schrecklich. 

Wenn  Sie  nur  recht  viele  Ferien  nehmen  in  Berlin!  Dann  wiirden  Sie 
vielleicht  Zeit  gewinnen,  um  einen  Aufsatz  fur  den  Hibbert  zu  schreiben? 
Aber  nur,  wenn  es  recht  viele  freie  Stunden  gibt.  Sonst  ware  es  schade  und 
keine  Freude. 

Ich  hoffe,  dafi  die  Vortrage  in  Halle  und  Leipzig  recht  gut  gegangen 
sind,  und  viel  besucht  wurden.  Auch  mochte  ich  gerne  wissen,  dafi  es  viel 
ruhige  Zeit  gibt  in  Berlin;  die  Leiter  von  Tag  zu  Tag  werden  wohl  nicht 
wieder  erscheinen,  sobald  ihr  eigener  Tag  voriiber  ist!  Vielleicht  werden 
sie  sogar  begraben. 

Mit  herzlichen  Griifien 


Edith  Maryon 


94.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier,  Goetheanum 

3.  Marz  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 

Hiermit  iibersende  ich  Ihnen  das  Programm  fur  Stratford.  Vorlaufig  gibt 
es  keinen  «chairman»  fiir  Sonntag,  weil  Mrs.  Mackenzie  auf  Lord  Haldane 
hofft.  Wir  werden  sehen.  Auch  lege  ich  das  vorbereitende  Programm  fur 
Oxford  bei.  Bitte  zuruckbringen,  sie  sind  meine  einzigen  Exemplare! 

Hat  Frau  Doktor  sich  entschlossen,  nach  Stratford  zu  gehen,  jetzt,  da 
es  keine  Euiythmie  gibt?  Ich  frage  wegen  der  Verteilung  der  Zimmer;  aber 
inoffiziell  selbstverstandlich. 

Meine  Schwester  schreibt  mir,  dafi  Frank  vielleicht  ein  Pfarrhaus  bei 
Oxford  haben  wird  fiir  August;  wir  werden  dann  auch  etwas  mitmachen 
konnen.  Es  ist  also  noch  nicht  sicher,  aber  ich  hoffe  darauf  (obwohl,  ob 
ich  anwesend  sein  kann,  sehr  unbestimmt  ist). 

Gestern  haben  wir  zehn  Arbeiter  im  Atelier  gehabt!  Heute  ist  der  zweite 
Luzifer-Block  glucklich  heruntergeholt  worden,  es  geht  aber  langsam  und 
vorsichtig,  weil  die  Arbeit  schwierig  ist. 

Miss  Lewis  mochte  das  ganz  kleine  Zimmer  von  Herrn  Imrie  mieten, 
es  mufi  gestrichen  werden,  weil  es  sehr  schmutzig  ist.  Ich  habe  dariiber 
nachgedacht  und  die  Arbeit  bestellt,  unter  der  Bedingung,  dafi,  falls  Sie 
unzufrieden  sind,  Miss  Lewis  die  Kosten  ubernimmt,  die  sich  auf  ungefahr 
90  Frs.  belaufen.  Sonst  ist  nichts  Besonderes  zu  melden.  Es  gibt  viel  Arbeit, 
auch  recht  viel  Schmutz;  ich  werde  recht  froh  sein,  wenn  alles  am  Platz 
steht,  und  Sie  wieder  hier  bei  der  Arbeit  sind.  Ich  arrangiere  die  Dinge  so, 
dafi  moglichst  viel  Platz  gewonnen  wird  im  Atelier  fiir  Ihre  Statue,  ich  bin 
darauf  sehr  gespannt. 

Ich  hoffe,  dafi  Sie  recht  viel  freie  Zeit  gewinnen  in  Berlin,  und  dafi  Sie 
es  nicht  notwendig  finden,  vielen  Vortragen  beizuwohnen,  Auch  hoffe  ich, 
dafi  es  der  Gesundheit  und  der  Stimme  gut  geht? 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 


Edith  Maryon 


95.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 
Meine  liebe  Edith  Maryon! 


Leipzig,  4.  Marz  1922 


Bisher  ist  alles  gut  gegangen  mit  meinen  Vortragen;  Halle  sowohl 
wie  gestern  in  Leipzig,  wo  die  Leute  wieder  Angst  hatten,  es  konnte 
zu  einer  Stoning  kommen.  Es  war  aber  alles  ganz  ordentlich.  Nur 
mufite  ich  die  Konzession  machen,  Fragen  zu  beantworten,  was  aber 
auch  ganz  gut  ging;  nur  eben  bis  11  Uhr  dauerte.  Ebenso  geht  es  mit 
der  Gesundheit  ganz  gut. 

Die  Eurythmie-Vorstellung  in  Leipzig  wurde  ja  allerdings  weniger 
gut  aufgenommen;  man  sieht  da  doch,  wieviel  Opposition  wir  haben. 

Es  tut  mir  leid,  dafi  im  Atelier  so  viel  Unordnung  und  folglich  so 
wenig  Ruhe  ist.  Herzlichen  Dank  fur  den  Brief  mit  der  Beilage  von 
Mackenzie.  Vielleicht  ist  alles  so  doch  am  besten,  wenn  die  Euryth- 
mie-Vorstellung hinausgeschoben  wird. 

Wir  wollen  sehen,  wie  bei  uns  alien  diese  Reise  im  April  wird. 

Heute  habe  ich  hier  noch  zu  Studenten  zu  sprechen,  dann  fahre 
ich  abends  nach  Halle  und  morgen  nach  Berlin.  Dort  werde  ich  ja 
natiirlich  nicht  alles  mitmachen.  Es  wird  auch  von  vielen  als  ein 
uberladenes  Programm  empfunden. 

Nun  noch  die  Versicherung,  daf$  ich  gerne  im  Atelier  ware  und 
herzlichste  Griifte 

Rudolf  Steiner 


96.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 


Bildhauer  Atelier,  Goetheamim 

8.  Marz  1922 


Ich  sende  hiermit  einen  theosophischen  Brief,  der  fur  Sie  gekommen  ist. 

Heute  ist  der  vierte  Luzifer-Block  hinubergebracht  worden,  und  bis 
morgen  Abend  hoffe  ich,  etwas  Ordnung  im  Atelier  wieder  herzustellen. 
Es  ware  doch  unmoglich  gewesen,  dafi  Sie  wahrend  dieser  Zeit  hier  hatten 
arbeiten  konnen.  Ihre  Ecke  mit  Tisch  und  allem  ist  vollstandig  geraumt 
gewesen,  und  man  hat  dort  eine  Art  Bahn  gebaut,  worauf  die  Blocke  fahren 
konnten;  und  wo  Ahriman  gestanden  hat,  steht  jetzt  ein  Wald  von  Balken 


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{f-ud^£     O^c*^  ,    SQ/L^.      A-i^l  iZ-lt^.  j^c^ii 

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^  A^T        ^A--  JT*7*~  ^  ^ 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:2  63a  Seite:91 


und  Stangen  usw.;  das  Mobiliar  vom  Atelier  und  die  Modelle  sind  alle 
aufgetiirmt  in  den  Ecken.  Es  ist  recht  ungemiitlich,  aber  notwendig.  Dazu 
kommen  von  vier  bis  zu  zehn  Arbeiter  -  (ich  helfe  mir  etwas  mit  Kolnisch 
Wasser,  um  die  Luft  zu  verbessern!).  Auch  sind  von  Zeit  zu  Zeit  alle  Tiiren 
offen.  Aber  bis  Ende  der  Woche  wird  alles  wieder  schon;  ich  rechne  auf 
nachsten  Dienstag,  oder  spatestens  Mittwoch.  Ich  bin  sehr  froh  zu  horen, 
dafi  alles  doch  gut  gegangen  ist  bei  den  Vortragen  in  Leipzig.  Ich  mochte 
weiteres  davon  horen  und  auch  etwas  iiber  die  Eurythmie  erfahren. 

Ich  hoffe,  dafi  Sie  nicht  viele  Vortrage  gehort  haben  von  diesem  Pro- 
gramm  ...  [siehe  Zeichnung,  Faksimile  S.  90],  und  dafi  Sie  dadurch  etwas 
Zeit  gewinnen  fur  andere  Dinge.  Ich  hoffe  sehr,  dafi  alles  gut  geht  mit  der 
Gesundheit,  und  dafi  Sie  wiederkommen  Dienstag  oder  Mittwoch?? 

Mit  herzlichsten  Griifien 

Edith  Maryon 


97.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 


Bildhauer  Atelier,  Goetheanum 

9.  Mai  1922 


es  scheint  mir  sehr  lang  bis  zum  24.!  Aber  ich  bin  sehr  fleifiig,  aufier  allerlei 
anderen  Sachen  habe  ich  einige  Skizzen  halb  fertig  gemacht  von  den  ver- 
mummten  Figuren  mit  Ahriman  und  Strader  aus  dem  Hiiter  der  Schwelle, 
es  ist  sehr  spafiig  zu  machen!  Ich  weifi  nicht,  was  Sie  dazu  sagen  werden. 
Dann  mache  ich  ein  Experiment  auf  einem  anderen  Gebiet  der  Kunst,  aber 
weil  es  mit  Farbe  zu  tun  hat,  wird  es  mir  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
nicht  gelingen. 

Mrs.  Mackenzie  hat  geschrieben:  sie  arbeitet  fur  Oxford  und  sendet 
Griifie.  Morgen  hat  sie  das  erste  Komitee-Meeting  fur  die  Kings  Langley 
Priory  School.  Sie  schickt  auch  einen  Brief  an  den  «Teacher's  World »  von 
Freeman,  er  scheint  mir  sehr  gut  zu  sein,  ich  iibersende  Ihnen  den  Brief. 

Jetzt  hoffe  ich,  Sie  geben  recht  viel  acht  in  Berlin,  in  Miinchen  aber  noch 
viel  mehr.  Bitte  mir  zu  sagen,  ob  Sie  wieder  Kopfweh  oder  Schwindel  haben? 

Ich  dachte  sehr  viel  nach,  gestern  und  heute.  Morgen  fahre  ich  nach 

Basel,  um  die  Uhr  zu  holen;  zur  Bank  usw.,  sonst  ist  nichts  Besonderes 

zu  melden.  _ ,.  .  _  - 

Mit  besten  Grmsen 


Edith  Maryon 


98-  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Berlin,  12.  Mai  1922 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Vielen  Dank  fur  den  lieben  Brief.  Bis  jetzt  war  iiberall  viel  zu  tun. 
Vortrage  habe  ich  zwei  hinter  mir,  in  Leipzig  der  Vortrag  vor  den 
Studenten,  der  mit  Ausnahme  einiger  ziemlich  minderwertiger  Ein- 
wande  gut  verlaufen  ist  und  dann  in  Berlin,  der  sehr  gut  verlaufen 
ist.  Bitte  doch  sicher  zu  sein,  dafi  ich  acht  gebe,  so  viel  nur  irgend 
mogHch  ist.  Uber  Miinchen  werde  ich  so  rasch  als  es  moglich  sein 
wird,  Nachricht  senden.  Aber  bitte  doch  ja  nicht  angstlich  zu  sein. 

Gerne  ware  ich  im  Atelier  und  werde  froh  sein,  wieder  dort  zu 
sein.  Fur  heute  nur  diese  Zeilen  und  noch  allerherzlichste  Griifie  von 

Rudolf  Steiner 


99.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier,  Goetheanum 

12.  Mai  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

wahrend  ich  schreibe,  sind  Sie  wahrscheinlich  in  Berlin  angekommen,  wo, 
ich  hoffe,  alles  gut  gehen  werde,  insbesondere  der  heutige  Vortrag,  und 
dafi  man  sehr  viel  acht  geben  werde. 

Mrs.  Mackenzie  schreibt  mir,  dafi  Frl.  v.  Heydebrand  eingeladen  wird 
nach  Oxford  und  wenn  sie  Geld  genug  haben,  noch  eine  zweite  von  der 
Lehrerschaft  der  Waldorfschule.  Ich  habe  Ihnen  eine  Nummer  des  «Man- 
chester  Guardian*  mit  «Interwiew»  geschickt  (nach  Miinchen)  -  es  scheint 
mir  besonders  gut.  -  Vielleicht  konnte  man  es  nachdrucken  in  Stuttgart? 
Ich  bekomme  eine  zweite  Kopie  fur  Sie. 

Gestern  war  ich  bei  der  Sitzung  bei  Frl.  Ruhlafi  wegen  Kanalisation 
usw.  Die  Sache  steht  vorlaufig  so:  die  Gemeinde  arbeitet  einen  Plan  aus, 
und  Herr  v.  Mutach  seinerseits  arbeitet  nun  [auch  einen]  aus  fur  uns,  auf 
der  Grundlage,  dafi  15  Mitglieder  sich  beteiligen  (darunter  auch  er,  so  dafi 
er  ein  personliches  Interesse  an  der  Sache  hat),  die  sich  zu  einer  kleinen 
Gesellschaft  zusammenschliefien  und  der  Gemeinde  einen  Beitrag  leihen 


mit  niedrigem  Zins,  vielleicht  4  Prozent  fur  eine  Anzahl  Jahre,  vielleicht 
5,  und  dafi  die  Gemeinde  dann  die  Kanalisation  selbst  ubernimmt.  Die  9 
Anwesenden  haben  zugesagt,  falls  der  Beitrag  nicht  zu  hoch  kommen  sollte; 
wieviel,  miissen  wir  abwarten,  bis  die  Gemeinde  den  Kostenvoranschlag 
bekanntmacht.  Ich  habe  gesagt,  ich  glaubte,  dafi  Sie  auch  zusagen  werden 
unter  denselben  Bedingungen.  Herr  v.  Mutach  wird  jetzt  die  anderen  fragen, 
ob  sie  mitmachen,  und  dann  an  die  neun  Aufienstehenden  herantreten  mit 
derselben  Frage. 

Bei  der  Gemeinde  ist  die  Arbeit  schon  beim  Weg  langs  der  Bahnstrecke 
angekommen,  in  Frage  kommt  eine  Fortsetzung  bis  zu  den  drei  Hausern. 
v.  Mutach  geht  aber  bis  zum  20.  nach  Beatenberg  und  kann  sich  erst  nach 
seiner  Riickkehr  mit  der  Ausarbeitung  der  Plane  beschaftigen.  Baronesse 
Rosenkrantz  ist  begeistert  von  der  Idee  einer  illustrierten  Doppelnummer 
der  «Anthroposophy»  -  Zeitschrift  fur  Oxford  -  und  ganz  besonders  freut 
sie,  dafi  Sie  etwas  Spezielles  fur  das  Blatt  geschrieben  haben.  Frau  Dr. 
Wegman  hat  zugesagt,  einen  illustrierten  Artikel  zu  schreiben  iiber  Klinik 
und  Laboratorium.  Darf  ich  ein  Bild  machen  lassen  von  der  Toneurythmie 
fur  Kinder  im  Glashaus  ?  Ich  glaube,  das  wiirde  sich  ganz  schon  reproduzie- 
ren  lassen  im  Zusammenhang  mit  der  Schule.  Bitte,  mir  dieses  zu  beantwor- 
ten,  damit  ich  alles  vorbereiten  kann.  Ihr  englischer  Aufsatz  im  «Goethea- 
num»  wird  iibersetzt  fur  die  nachste  Nummer  der  «Anthroposophy»,  als 
Vorbereitung  fur  Oxford.  Hoffentlich  sind  die  Vortrage  gut  gegangen  am 
12.,  13.,  14.?  Und  Sie  werden  recht  viel,  viel  acht  geben  in  Miinchen  -  nicht 
allein  ausgehen  usw.  Wie  steht  es  mit  der  Gesundheit?  Ich  bin  sehr  gespannt, 
alles  zu  wissen. 

Mit  allerbesten  Griiften 
Edith  Maryon 

100.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  15.  Mai  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 

Der  Brief  heute  morgen  war  mir  sehr  lieb  und  willkommen,  gerade  als  ich 
dachte,  schon  so  lange  und  immer  noch  keine  Nachricht,  wie  es  alles  geht, 
und  ob  man  zu  rmide  ist  -  das  mochte  ich  ganz  besonders  wissen  -  oder 
ob  man  Kopfweh  hat?  Ich  schicke  diese  paar  Zeilen  nach  Koln  ins  Hotel, 


und  dann  schreib'  ich  wahrscheinlich  noch  nach  Hamburg.  In  Leipzig  habe 
ich  keine  Adresse.  Werden  Sie  zuriicksein  am  24.?  Am  25.  ist  die  Kinderauf- 
fuhrung,  hoffentlich  werden  Sie  wenigstens  dann  angekommen  sein,  aber 
ich  hoffe  noch  auf  friiher!  Es  befriedigt  mich  sehr,  dafi  bis  jetzt  alles  so 
gut  gegangen  ist,  naheres  iiber  die  dummen  Fragen  in  Leipzig  werde  ich 
spater  horen.  Hier  ist  nichts  Besonderes,  ich  bin  sehr  fleifiig,  obwohl  ich 
nicht  viel  schnitzen  kann,  leider,  so  mache  ich  allerlei  anderes,  morgen 
fahre  ich  nach  Basel,  um  einiges  zu  besorgen.  Fahren  Sie  iiber  Stuttgart 
auf  der  Riickreise?  Ich  hoffe  nicht>  weil  Sie  dort  immer  aufgehalten  werden, 
und  ich  habe  so  viele  Dinge  zu  fragen  in  diesem  leeren  Atelier! 

Ich  denke  ganz  besonders  heute  an  den  Vortrag  und  schicke  alle  guten, 
guten  Wiinsche,  dafi  alles  gut  gehen  moge. 

Mit  herzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


101.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Edith  Maryon 

Goetheanum 

Dornachbrugg 

Miinchen  iiberstanden 


102.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 
Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 


[Telegramm] 

[Poststempel] 

Dornach  16.  V.  1922 

von  Mannheim     No.  3212 

Steiner 


Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  17.  Mai  1922 


Heute  Morgen  hat  mir  Ehrsam  das  Telegramm  gebracht  -  vielen  Dank! 
Nur  konnte  ich  daraus  nicht  entnehmen,  ob  der  Vortrag  gut  verlaufen  ist, 
ohne  irgendwelchen  Zwischenfall  -  weil  ich  mich  furchtete!  Jedenfalls  sind 
Sie  in  Mannheim  angekommen,  hoffentlich  ohne  verbrannte  Finger,  seelisch 
oder  physisch.  Ich  mahne  mich  zur  Geduld  bis  auf  weitere  Nachricht,  bin 
aber  doch  ungeduldig! 


Noch  immer  konnte  ich  nicht  nach  Basel,  heute  gibt  es  ein  Gewitter, 
und  es  scheint,  als  ob  ich  nochmals  verhindert  werde.  Hier  ist  nichts 
Besonderes  zu  melden,  viele  sind  ein  bifichen  krank,  Magengeschichten, 
aber  nicht  schlimm,  sagt  Wegman.  (Ich  nicht.)  Ljungquist,  Mitscher,  Grafin 
Lerchenfeld,  Donath  und  noch  ein  paar.  Stuten  sagte  mir  vor  ein  paar 
Tagen,  er  rmifite  nach  Amsterdam,  so  ist  er  wohl  jetzt  fort  -  ich  denke,  er 
ist  allein  gereist!  Kucerova  und  Geek  ruhen  sich  beide  aus,  auch  nichts 
Schlimmes.  Hier  ist  es  sehr  langweilig,  aber  [man  ist]  recht  fleifiig. 

Das  Gewitter  hat  aufgehort,  so  werde  ich  jetzt  doch  nach  Basel  fahren 
konnen. 

Ich  hoffe,  Sie  bekommen  einen  Brief  in  Koln  morgen,  an  das  Monopol- 
Hotel  adressiert,  ein  anderer  (mit  Zeitung)  wurde  nach  Miinchen  geschickt. 
Jetzt  ist  die  Halfte  der  Vortrage  voriiber  und  ich  freue  mich  auf  den  24.! 
Fahren  Sie  iiber  Stuttgart  oder  nicht? 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


103.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 
Abends 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer! 


Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  17.  Mai  1922 


Ich  bin  gerade  zuriick  aus  Basel  und  hore  von  dem  Radau  in  Miinchen  - 
es  ist  gerade,  was  ich  furchtete,  ich  konnte  nicht  denken,  warum  es  so 
finster  war  -  und  meinte,  Larm  und  Zwischenfalle  hatten  auch  stattgefun- 
den.  Ich  bin  sehr  froh,  dafi  Sie  abgereist  sind.  Aber  bis  jetzt  bin  ich  beunru- 
higt,  wie  die  anderen  Vortrage  verlaufen  werden,  weil  diese  Menschen 
vielleicht  mitfahren  werden,  bitte,  sehr  viel  acht  zu  geben;  uberall,  vielleicht 
extra  in  Leipzig.  Ich  hoffe,  dafi  andere  Herren  mit  Ihnen  fahren  werden, 
und  dafi  Sie  nicht  allein  spazieren  gehen.  Bitte,  recht  viel  acht  zu  geben. 
Ich  hoffe,  bald  Nachricht  zu  haben  vom  weiteren  Verlauf  der  Vortrage, 
jetzt  auf  Wiedersehen. 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 


Edith  Maryon 


104.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Mary  on 

Bremen,  19.  Mai  1922 

Meine  liebe  Edith  Mary  on! 

Eben  in  Bremen  angekommen,  sende  ich  diesen  Grufi  und  danke  fur 
den  angekommenen  Brief.  In  Mannheim  und  Koln  ist  es  ganz  gut 
gegangen;  Elberfeld  gabs  Unruhe,  aber  alles  ist  abgewehrt  worden. 
Uber  Miinchen  werde  ich  erzahlen.  Es  war  ja  nicht  gerade  erfreulich. 
Ich  bitte,  nicht  weiter  angstlich  zu  sein.  Mir  geht  es  gut;  nur  gibt  die 
Reise  fast  gar  keine  freie  Zeit,  da  die  Fahrten  meistens  sehr  weit  sind, 
und  die  Ziige  friih  am  Morgen  abfahren.  Hoffentlich  geht  es  auch 
dort  gut;  ich  sehne  mich,  wieder  im  Atelier  zu  sein,  und  sende  aller- 
herzlichste  Griifie 

Rudolf  Steiner 


105.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  2.  Juni  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

bis  jetzt  ist  keine  Nachricht  aus  Wien  in  Dornach  angelangt.  Ich  warte 
ungeduldig  darauf,  dafi  irgend  jemand  hierher  schreibt  mit  Nachrichten 
von  der  Reise  und  Bericht  gibt  iiber  die  Situation  (den  Kongrefi  betreffend), 
weil  ich  doch  hoffe,  dafi  vielleicht  alle  Zeitungsberichte  iiber  Dr.  Koliskos 
Vortrag  etwas  iibertrieben  worden  sind,  und  daft  wir  doch  nicht  so  gescha- 
digt  werden,  wie  man  bei  dem  ersten  Anblick  erwarten  konnte.  Auch 
mochte  ich  recht  gerne  wissen,  ob  irgendwas  zu  spiiren  ist  in  Wien  von 
den  feindlichen  Attacken,  die  in  Deutschland  stattgefunden  haben?  Oder 
bleibt  man  dort  verschont?  Es  wiirde  wirklich  recht  schon  [sein],  wenn 
die  Osterreicher  sich  wiirdiger  und  verniinftiger  zeigen  wiirden,  als  leider 
die  Deutschen  es  getan  haben;  man  konnte  dann  mehr  fur  die  Zukunft  der 
Mittelmachte  hoffen.  Von  Mrs.  Mackenzie  habe  ich  noch  keinen  Bericht. 
In  den  Hausern  gibt  es  viel  zu  tun,  eine  ganze  Anzahl  kleiner  Reparaturen 
und  Ausbesserungen. 

Herr  von  Heydebrand  hat  zwei  Aufnahmen  von  den  Kindern  im  Fort- 
bildungskursus  gemacht,  und  wird  nachste  Woche  die  Kinder  bei  der 


Toneurythmie  photographieren.  1st  es  Ihnen  jetzt  eingef alien,  was  Sie  sagen 
wollen  fur  «  Anthroposophy»  ?  Hoffentlich  geht  es  Ihnen  gut,  und  ist  der 
erste  Vortrag  gut  verlaufen?  Sind  recht  viele  Menschen  gekommen?  Ich 
wiinschte,  ich  konnte  auch  dabei  sein,  hier  ist  es  still,  schwer  und  langweilig, 
[man  ist]  auch  angsthch,  man  weifi  gar  nicht,  was  alles  geschehen  kann 
und  mochte  alles  mithoren,  miterleben!  Bitte,  recht  gut  acht  geben. 
Gestern  war  ein  Gewitter,  heute  auch  ein  bifichen,  beide  nicht  schlimm. 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 

106.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Wien,  3.  Juni  1922 

Meine  Hebe  Edith  Maryon! 

Heute  will  ich  zunachst  nur  mit  den  herzlichsten  Griifien  sagen,  dafi 
bisher  hier  alles  gut  gegangen  ist.  Der  Kolisko-Vortakt  hat  wohl  nur 
dazu  gefuhrt,  dafi  die  Mehrzahl  der  «Fachkreise»  weggeblieben  sind. 
Bei  den  Nachmittagsdiskussionen,  wo  deren  Mit-Diskutieren  in  Be- 
tracht  gekommen  ware,  war  ich  noch  nicht.  Aber  mir  wird  gesagt, 
dafi  eigentlich  niemand  bis  jetzt  diskutiert  hat. 

Ich  mochte  gerne  wieder  in  unserm  Atelier  arbeiten  und  sende 
fur  heute  dahin  die  allerherzlichsten  Grufie  von 

Rudolf  Steiner 

Wien  I,  Hotel  Imperial 


107.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Wien,  7.  Juni  1922 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Vielen  Dank  fur  den  Brief,  der  mich  sehr  gefreut  hat.  Hier  ist  bisher 
alles  gut  gegangen  mit  Ausnahme  davon  -  ich  habe  das  schon  ge- 
schrieben  -,  dafi  die  Folge  von  Kolisko's  Vortrag  die  wissenschaftli- 
chen  Kreise  ganz  weggeblieben  sind,  besonders  die  arztlichen.  Das 


bei  diesem  Vortrag  Geschehene  ist  nicht  tibertrieben  worden,  sondern 
-  diesmal  im  Gegenteil  von  den  Zeitungen  sogar  recht  milde  darge- 
stellt  worden.  Sonst  aber  ist  der  Verlauf  bisher  ein  recht  guter. 

Bei  den  Diskussionen  kann  ich  diesmal  nicht  sein.  Die  Arbeit  ist 
doch  dazu  zu  grofi.  Aber  mir  geht  es  auch  korperlich  gut,  und  ich 
hoffe,  dafi  dies  auch  dort  der  Fall  ist. 

Ich  werde  wirklich  sehr  froh  sein,  wieder  in  unserm  Atelier  zu 
sein.  -  Die  Serie  der  ersten  funf  Vortrage  ist  beendet.  Heute  beginnt 
die  zweite  mit  «Die  Zeit  und  ihre  sozialen  Forderungen». 

Auch  die  Eurythmievorstellung  ist  hier  gut  aufgenommen  wor- 
den. -  Man  richtet  viele  Fragen  an  mich  bezuglich  dessen,  ob  jemand 
dies  oder  jenes  tun  soil  zur  Veranstaltung  in  Oxford.  Ich  nehme  den 
Standpunkt  ein,  dafi  man  alles  dem  dortigen  Komitee  iiberlassen  soli 
und  nicht  etwa  hineinpantschen,  wie  man  es  zu  Weihnacht  in  Dor- 
nach  gemacht  hat.  Nach  solcher  Richtung  treten  uberhaupt  immer 
Tendenzen  auf,  die  nicht  gut  sind. 

Ich  schreibe  dies  zwischen  zwei  Vortragen  Bliimel  und  Baravalle 

und  kann  deshalb  nur  noch  die  n 

allerbesten  GruiSe  senden 

von 

Rudolf  Steiner 


108.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier 
Goetheamim,  9.  Juni  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

recht  vielen  Dank  fur  den  sehr  willkommenen  Brief.  Ich  beeile  mich  zu 
antworten  und  hoffe,  der  Brief  kommt  Montag  in  Wien  an.  Mich  erfreut 
es  sehr,  dafi  alles  so  gut  geht,  obwohl  leider  die  Wissenschaftler  wegbleiben, 
naheres  mochte  ich  spater  horen.  Ich  glaube,  Sie  haben  sehr  recht,  zu 
verhindern,  dafi  die  Leute  versuchen,  Dinge  dazwischenzuschieben  in  Ox- 
ford, es  wiirde  sicherlich  sehr  schlecht  gehen,  Mrs.  Mackenzie  weifi  sehr 
genau,  was  sie  dort  machen  kann.  Wenn  sie  im  Gegenteil  ein  bifichen  Geld 
zusammenkriegen  konnte  fur  die  dortigen  Veranstaltungen,  ware  es  gut, 
weil  sie  sich  in  dieser  Beziehung  etwas  beschranken  miissen,  z.  B.  werden 


Edith  Maryon  im  Bildhaueratelier 


sie  Frl.  v.  Heydebrand  einladen,  und  sollte  das  Geld  ausreichen,  dazu  auch 
Dr.  Stein;  mit  mehr  Geld  konnten  sie  naturlich  mehr  machen.  Aber  die 
Leute  konnten  auch  viel  Propaganda  machen,  damit  moglichst  viele  Leute 
nach  Oxford  kommen,  das  ware  naturlich  sehr  wunschenswert,  weil  wir 
auch  versuchen  miissen,  dort  Eindruck  zu  machen  durch  die  Leute,  die 
von  aus warts  kommen  -  besonders  wenn  es  nicht  lauter  Tanten  sind!  Ich 
habe  gerade  einen  langen  Brief  von  Mrs.  Mackenzie  erhalten,  naheres  wenn 
Sie  zuruckkommen.  Ich  habe  vorlaufig  keine  Ahnung,  wieviel  oder  wie 
wenig  Leute  in  Oxford  erscheinen  werden.  Es  ist  sehr  erfreulich,  dafi  alles 
gesundheitlich  gut  geht,  hier  waren  einige  Schmerzen,  aber  ich  behandle 
sie  jetzt  mit  Eucalyptusol  und  denke,  das  wird  helfen.  Sonst  arbeite  ich 
viel,  weifi  aber  noch  nicht,  ob  mit  besserem  Erfolg  als  das  letzte  Mai! 
Sonntag  werden  wir  die  Toneurythmie-Kinder  photographieren  fur 
«Anthroposophy».  Ein  Cliche  von  den  Fortbildungskursus-Kindern  ist 
in  Arbeit. 

Hoffentlich  haben  Sie  recht  viel  Erfolg  beim  zweiten  Vortragszyklus! 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


109.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 

Wien,  12.  Juni  1922 

Meine  liebe  Edith  Maryon! 

Seit  dem  ersten  Briefe  ist  noch  keine  Nachricht  aus  dem  Atelier 
eingetroffen.  Hier  geht  es  fortdauernd  gut  mit  allem,  in  das  sich  nicht 
der  Auftakt  Kolisko  fortsetzt.  Doch  das  bewegt  sich  unter  der  Ober- 
flache;  aufierlich  tritt  es  zunachst  nicht  hervor.  Man  mufi  froh  sein 
iiber  die  Aufnahme,  darf  sich  aber  keinen  Illusionen  hingeben.  Was 
wir  wollen  miissen,  kann  eben  doch  nur  einen  langsamen  Weg  ma- 
chen, aber  wir  miissen  auch  den  AugenbHck  beachten. 

Ich  werde  sehr  froh  sein,  wieder  im  Atelier  sein  zu  konnen,  nun 
wird  das  am  Samstag  erst  sein  konnen,  da  hier  ein  solches  Arbeits- 
quantum  ist,  dafi  ich  es  wahrend  der  anstrengenden  Vortragstage 
nicht  absolvieren  konnte,  sondern  morgen  Dienstag  noch  hier,  Mitt- 


woch  in  Horn  sein  mufi  und  erst  Donnerstag  abreisen  kann.  Das 
aber  wird  nicht  mehr  aufgeschoben. 

Allerherzlichste  Griifie 
von 

Rudolf  Steiner 

Eben  ist  Brief  angekommen;  danke  herzlichst,  mir  bitte  recht  sehr 
sich  zu  schonen  und  auf  die  Gesundheit  achtgeben.  Mir  geht  es  darin 
recht  gut. 


110.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Mary  on 

Stuttgart,  11.  Oktober  1922 
Landhausstrafie  70 

Meine  liebe  Edith  Maryon, 

dieses  Mai  lafit  sich  die  Arbeitsmenge  in  Stuttgart  nicht  verringern. 
Die  jungen  Leute,  die  sich  da  versammelt  haben,  um  in  der  Anthropo- 
sophie  zu  arbeiten,  wollen  alles  mogliche,  und  dazu  kommt  das  alte. 
Die  Schule  erfordert  besonders  in  diesem  Augenblicke  sehr  viel.  Die 
Affaire  mit  den  verschiedenen  Schlingeln  ist  von  den  Lehrern  mit 
unglaublicher  Torheit  behandelt  worden.  Ich  mag  dariiber  gar  nicht 
weiter  schreiben,  weil  die  Dinge  eigentlich  zu  albern  sind.  Aber  sie 
werden  der  Schule  immens  schaden. 

Dazu  kommt,  daft  auch  die  Stuttgarter  Herren  alien  Zusammen- 
hang  mit  der  anthroposophischen  Bewegung  verlieren.  Sie  sitzen  auf 
ihren  Stiihlen,  spielen  Vorstand,  und  die  Leute  wollen  nichts  von 
ihnen  wissen. 

Ein  Beispiel  ist  dieses.  Ich  hatte  schon  Montag  in  Stuttgart  sein 
sollen.  Da  ich  das  nicht  konnte,  telephonierte  ich  Uehli  -  er  solle 
den  jungen  Leuten  Montag  abends  einen  Vortrag  halten.  Sie  sagten: 
sie  wollen  von  ihm  keinen  Vortrag  haben. 

Und  so  besteht  zwischen  all  den  Leuten,  die  jetzt  hier  sind,  und 
der  Stuttgarter  Leitung  gar  kein  Zusammenhang.  Man  mull  alles 


selber  machen.  So  wachst  immer  Arbeit  zu;  aber  es  wachsen  keine 
Mitarbeiter  zu.  Deshalb  ist  es  auch  nicht  moglich,  irgend  etwas  zu 
tun  zur  Abwehr  von  Gegnerschaften.  Denn  man  kann  zu  solchen 
Dingen  gar  nicht  kommen.  Auch  daft  ich  so  lange  von  der  Schule 
abwesend  war,  hat  sich  bitter  geracht.  Die  Lehrer  haben  den  Kontakt 
mit  der  Schulerschaft  der  hoheren  Klassen  ganz  verloren.  Und  ich 
bebe  schon,  was  fur  einen  Bericht  Hartley  erstatten  werde.  Aber 
vielleicht  ist  er  ein  zu  grofier  Tor,  um  die  Schaden  zu  bemerken. 

Konnte  man  sagen:  die  Leute  haben  nicht  die  Fahigkeiten!  Nun 
ja.  Aber  daran  fehlt  es  nicht.  Es  fehlt  an  Enthusiasmus,  an  aktiver 
Arbeitshist.  Die  Leute  wollen  Trott,  Routine;  sie  wollen  eine  schwere 
Masse  sein,  nicht  ein  anfeuerndes  Element.  Im  Grunde  sind  sie  doch 
eben  trage. 

Besten  Dank  fur  die  Nachrichten.  Es  tut  mir  leid,  dafi  solch  ein 
Kuddel-Muddel  waltet.  Hoffen  wir,  dafi  die  Sachen  doch  gehen  wer- 
den.  Wir  werden  die  Beleuchtung  so  einrichten,  dafi  es  auch  ohne 
Rampenlicht  geht.  Ich  schreibe  diesen  Brief  rasch  jetzt  morgens  um 
1/2  7  Uhr,  damit  ich  doch  endlich  einige  Zeilen  in  unser  Atelier 
senden  kann,  in  dem  ich  so  gerne  wieder  sein  mochte.  Einstweilen 
sende  ich  dahin  die  allerherzlichsten  Griifie 


Rudolf  Steiner 


Abfahren  will  ich  am  15.  oder  16. 


111.  Rudolf  Steiner  an  Edith  Maryon 


[Telegramm] 


Edith  Maryon 

Bildhaueratelier  Goetheanum 
Dornachbrugg 


[Poststempel] 

Dornach,  11.  Oktober  1922 
von  Stuttgart  No.  764 


Alles  gut.  Grufi  Steiner 


112.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  11.  Oktober  1922 

Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

weil  der  Brief  immer  noch  nicht  angekommen  ist,  befiirchte  ich,  dafi  es 
allzuviel  Uberlastung  mit  Arbeit  bedeutet.  Ich  bin  deswegen  traurig!  Ich 
hatte  eine  leise  Hoffnung,  man  wiirde  etwas  auslassen  und  Vortrage  korri- 
gieren,  was  immer  noch  genug  Arbeit  gibt! 

Hier  ist  die  Zeit  ausgefiillt  mit  Telephonieren,  Briefe  beantworten  und 
recht  viel  Ordnung  machen  auf  alien  Gebieten!  Heute  aber,  weil  die  Sonne 
ein  bifichen  scheint,  fahre  ich  nach  Basel. 

Mrs.  Horegood  hat  mir  geschrieben,  einige  Fragen,  die  auf  Ihre  Ankunft 
warten  miissen,  und  mir  personlich  wegen  Susie,  sie  mochte  sie  namlich 
in  [die]  Villa  St.  Georg  schicken.  Hoffentlich  wird  es  sich  arrangieren  lassen, 
zur  Befriedigung  von  Susie  und  ihrer  Mutter. 

Admiral  Grafton  hat  mich  mehrmals  besucht.  Ich  hoffe,  es  steht  doch 
nicht  so  schlimm  mit  seiner  Tochter,  sie  will  nur  selber  das  Leben  ein 
biftchen  kennenlernen.  Sie  geht  in  drei  Wochen  auf  einige  Monate  zu  Rev. 
Lord  Victor  Seyman  wohnen.  Der  Admiral  erhofft  sehr  viel  davon,  weil 
er  ein  Pfarrer  und  ein  Lord  sei!!  Ich  hoffe  sehr,  er  wird  nicht  enttauscht! 
Er  redet  aber  verniinftig  dariiber  und  baut  einige  Hoffnung  auf  die  An- 
sichten  der  Tochter,  sie  scheint  mir  auch  nett  zu  sein. 

Herr  Steffen  kam  wieder  gestern  abend  und  war  sehr  befriedigt  zu 
horen,  dafi  der  5.  Vortrag  schon  unterwegs  sei.  Er  sagte  mir  weiter,  dafi 
Herr  Prof.  Biirgi  sich  wirklich  recht  viel  Miihe  gibt  und  ihm  viel  hilft. 

Sonst  habe  ich  keine  weitere  Nachricht  aus  London,  aber  der  Admiral 
will  heute  beim  Konsulat  anfragen,  und  falls  etwas  bekannt  ist  iiber  Ihr 
Visum,  werde  ich  Ihnen  das  gleich  schreiben. 

Weiter  mochte  ich  nur  alle  guten  Wiinsche  schicken  -  und  Hoffnung, 
dafi  Sie  kein  Kopfweh  haben?  Und  daft  alles  ruhig  ist  in  Stuttgart,  und  dafi 
man  recht  viel  acht  gibt. 

Mit  allerherzlichsten  Griifien 
Edith  Maryon 


113.  Edith  Mary  on  an  Rudolf  Steiner 

Bildhauer  Atelier 
Goetheanum,  14.  Okt.  1922 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 
Das  Programm  scheint  so: 


7  Nov. 

Hook  ab 

1- 

8  Nov. 

London  an. 

2- 

9  Don 

Probe 

Abends     Royal  Academy 

Dramatic  Art: 

3- 

10  Frei 

Probe 

cc                         a  « 

cc  cc 

4- 

HSam(l) 

Auffuhrung 

8  Uhr  30  " 

cc  cc 

5- 

12  Son 

Probe 

Abends 

cc  cc 

6- 

13  M.(2) 

Auffuhrung 

8  Uhr  30  (2  Programme) 

7- 

14  D. 

Probe 

Abends 

cc  cc 

8- 

15M.(3) 

Auffuhrung 

8  Uhr  30  " 

cc  cc 

9- 

16  D. 

«             «  « 

cc  cc 

10- 

17F.(1) 

Vortrag 

7  Uhr       Steinway  Hall. 

11- 

18S.(2) 

Vortrag 

3  Uhr 

12- 

19  S.(3) 

Vortrag 

3  Uhr 

13- 

20  M. 

14- 

21  D. 

England  ab. 

(wenn  gewunscht) 

Baron  Rosenkrantz  meint,  man  wird  vielleicht  Einladungen  bekommen 
von  Theatermanagern,  falls  die  Eurythmie  gefallt.  Mit  Miss  Wilson  hat 
man  schon  vierzehn  Leute,  schade,  dafS  man  den  Rattenfanger  nicht  ange- 
setzt  hat,  er  gefallt  immer,  und  Goethe  konnte  man  ruhig  geben,  besonders 
in  diesem  Lokal!  Vielleicht  ist  es  nicht  zu  spat  fur  die  erste  Auffuhrung? 
Die  Leute  beim  Konsulat  meinen,  es  wird  keine  Schwierigkeiten  geben, 
die  Passe  in  London  verlangern  zu  lassen,  falls  man  es  wunscht.  Weiteres 
iiber  die  Eurythmie-Erlaubnis  habe  ich  nicht,  aber  ich  habe  heute  wieder 
in  London  angefragt.  Nachste  Woche  mufi  man  vielleicht  etwas  energischer 
vorgehen  in  dem  Falle,  dafi  sie  immer  noch  nicht  kommen. 

Ich  werde  sehr  froh  sein,  wenn  Sie  zuriickkommen;  es  ist  hier  ruhig 
und  unruhig,  wenig  Menschen,  aber  viel  Ordnung  zu  machen,  und  dazwi- 
schen  immer  telephonieren  und  ewig  Briefe  schreiben,  ich  komme  eigent- 
lich  zu  nichts. 

Ich  befurchte,  dafi  wir  eine  etwas  schlechte  Zeit  haben  werden  in  Lon- 
don, es  scheint,  als  ob  allgemeine  Parlamentswahlen  vor  der  Tiire  stehen, 
dann  denken  und  reden  alle  Menschen  von  nichts  anderem  und  alles  steht 
auf  dem  Kopfe. 


Patrons  fur  England  sind  vorlaufig. 


Miss  Sybil  Thorndike 


A.  E. 


(Keine  Idee,  wer  A.  E.  ist!) 
Albert  Edward  ?? 
(adress.) 


Lady  Louisa  Lodor 
The  Duchess  of  Grafton 
The  Lady  St.  Helier 
Miss  Lena  Ashwell 
M.  Edmond  Holmes 

Miss  Manda  Royden  (Pfarrerin) 
Miss  L.  Bayley  (Polytechnic.)  Erziehung. 

Dieser  Prospekt  wird  herumgeschickt,  es  scheint  mir  nicht  schlecht  als 
Vorbereitung. 

Der  Brief  machte  mich  sehr  traurig,  es  ist  wirklich  schrecklich,  dafi  die 
Leute  so  wenig  Verstandnis  und  Enthusiasmus  haben,  und  ohne  diese  zwei 
[Dinge]  kommt  man  trotz  der  anstrengenden  und  iibermafiig  langen  und 
vielen  Arbeit  nicht  schnell  und  fest  genug  vorwarts.  Man  kann  doch  nicht 
iiberall  zu  gleicher  Zeit  sein,  man  mull  doch  zuverlassige  und  energische 
Mitarbeiter  haben.  Ich  denke,  Hartley  ist  zu  wenig  gescheit,  viel  bemerkt 
zu  haben.  Hier  bewundert  er  zumeist  Bliimels  Stunden  in  der  Schule. 

Den  Brief  mufi  ich  gleich  zur  Post  schicken,  so  sendet  nur  noch  allerherz- 
lichste  Griifie 


Sehr  verehrter  lieber  Lehrer, 

heute  morgen  ist  die  Einladung  fur  die  Eurythmisten  endlich  gekommen, 
und  ich  bin  beim  Konsulat  gewesen.  Es  war  recht  schwierig!  Er  sagte,  es 
lage  iiberhaupt  nicht  in  seinen  Moglichkeiten,  etwas  fur  Den  Haag  auszu- 
richten,  man  miisse  dort  Schritte  einleiten;  allerdings  konne  man  das  erst 
tun,  wenn  die  Damen  schon  da  seien,  und  das  ware  naturlich  zu  spat,  weil 
es  doch  ziemlich  lang  dauern  wiirde.  Er  gab  allerlei  gescheite  Ratschlage, 
dafi  die  Damen  von  Den  Haag  nach  Basel  kommen  sollten,  um  ihre  Visa 


Edith  Maryon 


114.  Edith  Maryon  an  Rudolf  Steiner 


Mittwoch 


Bildhauer  Atelier  Goetheanum, 
[vermutlich  nach  dem  14.  Oktober  1922] 


peronlich  zu  holen;  man  solle  die  Passe  durch  die  Post  schicken  usw.  Es 
dauerte  lang,  bis  ich  die  drei  Herren  umgestimmt  habe,  und  endlich  hat 
er  nach  Zurich  telephoniert  und  von  dort  die  Erlaubnis  bekommen,  die 
Papiere  dorthin  zu  schicken  und  die  Visa  nach  Haag,  wo  ich  sie  personlich 
holen  mufi.  (Die  Ihrigen  kommen  nach  Basel).  Die  Erlaubnis  des  Ministry 
of  Labour  ist  noch  nicht  hier,  und  ich  habe  versprochen,  es  ihm  gleich  zu 
senden,  und  auch,  dafi  ich  in  London  jemand  schicken  wiirde  zum  Ministe- 
rium  und  zum  Foreign
…[truncated]