Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 


Aus  dem  mitteleuropaischen 
Geistesleben 


Fiinfzehn  offentliche  Vortrage 
gehalten  zwischen  dem  2.  Dezember  1915 
und  dem  15.  April  1916 
im  Ar chit ektenh aus  zu  Berlin 


2000 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Wolfram  Groddeck  und  Paul  Jenny 


1.  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung, 
Gesamtausgabe  Dornach  1992 

2.,  durchgesehene  Auflage, 
Gesamtausgabe  Dornach  2000 


Friihere  Veroffentlichungen 
siehe  zu  Beginn  der  «Hinweise» 


Bibliographie-Nr.  65 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  2000  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-0650-X 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesaratausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925) 
gliedert  sich  in  die  drei  grofien  Abteilungen:  Schriften  - 
Vortrage  -  Kiinstlerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am 
Schlufi  des  Bandes). 

Urspriinglich  wollte  Rudolf  Steiner  nicht,  dafi  seine  frei 
gehaltenen  Vortrage  -  sowohl  die  offentlichen  als  auch  die 
fur  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposo- 
phischen  Gesellschaft  -  schriftlich  festgehalten  wurden,  da 
sie  von  ihm  als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte 
Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend 
unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefer- 
tigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlafk,  das  Nach- 
schreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
fierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die 
Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf 
Steiner  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst 
korrigiert  hat,  mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentli- 
chungen  sein  Vorbehalt  berucksichtigt  werden:  «Es  wird 
eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi  in  den  von  mir 
nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde 
gemafi  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  er- 
forderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunter- 
lagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Ausfiihrliche  Inhaltsangaben  siehe  Seite  721 


Zu  dieser  Ausgabe   8 

I.  Goethe  und  das  Weltbild  des  deutschen 
Idealismus 

Berlin,  2.  Dezember  1915   9 

II.  Die  ewigen  Krafte  der  Menschenseele 

Berlin,  3.  Dezember  1915  51 

III.  Bilder  aus  Osterreichs  Geistesleben 
im  neunzehnten  Jahrhundert 

Berlin,  9.  Dezember  1915  89 

IV.  Menschenseele  und  Menschengeist 

Berlin,  10.  Dezember  1915  144 

V.  Fichtes  Geist  mitten  unter  uns 

Berlin,  16.  Dezember  1915  186 

VI.  Fausts  Weltwanderung  und  seine  Wieder- 
geburt  aus  dem  deutschen  Geistesleben 

Berlin,  3.  Februar  1916  232 

VII.  Gesundes  Seelenleben  und  Geistesforschung 
Berlin,  4.  Februar  1916  275 

VIII.  Osterreichische  Personlichkeiten  in  den 
Gebieten  der  Dichtung  und  Wissenschaft 

Berlin,  10.  Februar  1916  315 


IX.  Wie  werden  die  ewigen  Krafte  der 
Menschenseele  erforscht? 

Berlin,  11.  Februar  1916  364 

X.  Ein  vergessenes  Streben  nach  Geistes- 
wissenschaft  innerhalb  der  deutschen 
Gedankenentwickelung 

Berlin,  25.  Februar  1916  407 

XL  Warum  mifiversteht  man  die  Geistes- 
forschung? 

Berlin,  26.  Februar  1916  458 

XII.  Nietzsches  Seelenleben  und  Richard 
Wagner.  Zur  deutschen  Weltanschauungs- 
entwickelung  der  Gegenwart 

Berlin,  23.  Marz  1916  497 

XIII.  Die  Unsterblichkeitsfrage  und  die  Geistes- 
forschung 

Berlin,  24.  Marz  1916  543 

XIV.  Die  deutsche  Seele  in  ihrer  Entwickelung 
Berlin,  13.  April  1916  591 

XV.  Leib,  Seele  und  Geist  in  ihrer  Entwickelung 
durch  Geburt  und  Tod  und  ihre  Stellung  im 
Weltall 

Berlin,  15.  April  1916  636 

Hinweise   683 

Personenregister   715 

Ausfiihrliche  Inhaltsangaben   721 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  741 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Die  Vortrage  dieses  Bandes  eehoren  dem  Teil  von  Rudolf  Steiners  Vor- 
tragswerk  an,  mit  dem  er  sich  an  die  Offentlichkeit  wandte.  «Berlin  war 
der  Ausgangspunkt  fiir  diese  offentliche  Vortragstatigkeit  gewesen.  Was 
in  anderen  Stadten  mehr  im  einzelnen  behandelt  wurde,  konnte  hier  in 
einer  zusammenhangenden  Vortragsreihe  zum  Ausdruck  gebracht  werden, 
deren  Themen  ineinander  iibergriffen.  Sie  erhielten  dadurch  den  Charakter 
einer  sorgfaltig  fundierten,  methodischen  Einfuhrung  in  die  Geisteswis- 
senschaft  und  konnten  auf  ein  regelmafiig  wiederkehrendes  Publikum 
rechnen,  dem  es  darauf  ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich  erschliefienden 
Wissensgebiete  einzudringen,  wahrend  den  neu  Hinzukommenden  die 
Grundlagen  fiir  das  Verstandnis  des  Gebotenen  immer  wieder  gegeben 
wurden.»  (Marie  Steiner,  aus  einer  Vorrede,  die  sie  zu  sechs  Architekten- 
hausvortragen  1911/1912  gab  und  die  1940  im  Verlag  Emil  Heises  Buch- 
handlung  unter  dem  Titel  «Wendepunkte  des  Geisteslebens*  erschienen 
sind.) 

Die  vorliegenden  fiinfzehn  Ende  1915/Anfang  1916  gehaltenen  Vortrage 
bilden  die  zwolfte  der  offentlichen  Vortragsreihen,  welche  Rudolf  Steiner 
in  Berlin  im  Architektenhaus  seit  1903  regelmafiig  durchfuhrte. 

Zu  der  Zeit,  in  der  Rudolf  Steiner  die  hier  folgenden  Vortrage  hielt,  war 
der  erste  Weltkrieg  vom  Stellungskrieg  gepragt.  Es  gab  keine  Aussicht  auf 
ein  baldiges  Ende.  Der  Militarismus  wurde  immer  starker  zum  Selbst- 
zweck.  Dennoch  sah  Rudolf  Steiner  immer  noch  die  Moglichkeit  eines 
Wandels  zum  Bewufitwerden  eines  wahren  deutschen  Wesens.  Er  brachte 
seinen  Horern  die  Verflechtung  osterreichischen  Kulturlebens  mit  dem 
Deutschtum  nahe.  Die  iibernationale  menschheitliche  Sendung  des 
Deutschtums  -  wie  in  der  Klassik  und  in  der  idealistischen  Philosophic 
-  lafit  Rudolf  Steiner  in  seinen  Vortragen  immer  wieder  erkennen. 

Auffallig  ist  die  Lange  der  Vortrage,  und  wie  umfassend  die  Themen 
behandelt  werden.  Im  Schnitt  sind  es  fundundvierzig  Druckseiten! 

In  der  etwa  zur  selben  Zeit  herausgegebenen  Schritt  «Vom  Menschen- 
ratsel*  (GA  20)  sagt  er  uber  jene  Vortrage:  «Aus  Anschauungen,  die  sich 
im  Laufe  von  funfundzwanzig  Jahren  in  mir  iiber  Gedankenwelten  einer 
Reihe  deutscher  und  osterreichischer  Personlichkeiten  gebildet  haben, 
legte  ich  einiges  Vortragen  zu  Grunde,  die  ich  in  dieser  schicksaltragenden 
Zeit  in  mitteleuropaiscnen  Stadten  zu  halten  hatte.  Von  solchen  Person- 
lichkeiten wollte  ich  reden,  in  deren  Gedanken  die  drangenden  Lebens- 
fragen  nach  Losung  suchen  und  in  deren  geistigem  Ringen  zugleich  das 
Wesen  der  deutschen  Volkheit  sich  offenbart». 

Aber  nach  dem  Kriege,  im  August  1919,  stellt  er  als  Riickblick  auf  die 
Wirkung  dieser  Vortrage  fest:  «Was  fiir  Mitteleuropa  gilt,  es  ist  ja  von  mir 
seit  vielen  Jahren  in  offentlichen  Vortragen  gesagt  worden.  Als  das  wurde 
es  eben  nicht  genommen,  als  das  es  hatte  genommen  werden  sollen»  («Die 
Erziehungsfrage  als  soziale  Frage»,  GA  296,  Vortrag  vom  17.  8.  1919). 

Und  jetzt,  zur  Jahrhundert-  bzw.  Jahrtausendwende,  sind  die  Ausfiih- 
rungen  Rudolf  Steiners  ebenso  aktuell  wie  zu  Zeiten  dieser  Vortrage,  zur 
Jahreswende  1915/1916. 


GOETHE  UND 
DAS  WELTBILD  DES  DEUTSCHEN  IDEALISMUS 


Berlin,  2.  Dezember  1915 


Die  Vortrage  auf  dem  Gebiete  der  Geisteswissenschaft,  die 
idi  nun  schon  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  von  dieser 
Stelle  aus  innerhalb  der  Winterjahreszeit  halten  durfte, 
versuchte  ich  immer  zu  beginnen  mit  einer  Betrachtung  iiber 
den  Zusammenhang  jener  besonderen  Anschauung  iiber  die 
geistige  Welt,  die  innerhalb  dieser  Geisteswissenschaft,  wie 
sie  hier  gemeint  ist,  vertreten  wird,  mit  dem  allgemeinen 
Geistesleben.  Und  schon  im  vorigen  Winter  versuchte  ich  - 
was  ganz  besonders  in  unserer  gegenwartigen  schicksal- 
tragenden  Zeit  naheliegen  mufi  -  aus  den  Empfindungen 
heraus,  die  gegenwartig  innerhalb  des  deutschen  Volkes 
leben,  den  Blick  hinzulenken  auf  diejenige  Zeit  deutscher 
Geistesentwickelung,  in  welcher  aus  dem  Ureigensten  des 
deutschen  Wesens  heraus  gesucht  wurde  in  einer  im  eigent- 
lichsten  Sinne  idealistischen  Form  ein  Zusammenhang,  ein 
Zusammenleben  mit  der  geistigen  Welt.  In  unserer  Zeit, 
in  welcher  das  deutsche  Volk  sich  gegen  eine  Welt  von 
Gegnern  erhalten  muft  in  seinem  Dasein,  in  seinen  Daseins- 
hoffnungen,  mufi  es  ja  besonders  naheliegen,  hinzubhcken 
auf  diejenige  Zeit,  von  der  einer  der  volkstiimlichsten  Ge- 
schichtsschreiber  des  deutschen  Volkes  sagt:  es  sei  die  Zeit, 
in  welcher  die  idealistischen  Geister  dieses  deutschen  Volkes 
gezeigt  haben,  daft  deutsches  Wesen  audi  in  der  Zeit  der 
aufiersten  Bedrangnis,  in  der  Zeit  der  aufiersten  Befein- 
dung,  diejenige  Grofie  zu  retten  vermag,  welche  gerettet 


werden  kann  durch  Pflege  des  geistigen  Lebens,  so  wie  es 
eingeboren  erscheint  gerade  den  tiefsten  Charaktereigen- 
tiimlichkeiten  dieses  Volkes.  Wir  brauchen  dabei  nicht  in 
den  Fehler  unserer  Gegner  zu  verf alien,  die  heute  in  einer 
so  merkwiirdigen,  in  einer  so  absonderlichen  Weise  glau- 
ben,  die  Bedeutung  des  eigenen  Volkes  dadurch  besonders 
charakterisieren  zu  miissen,  dafi  sie  das  Wesen  der  Gegner 
herabsetzen.  Man  braucht  nicht  in  den  Fehler  zum  Beispiel 
derjenigen  zu  verfallen,  von  denen  wir  jetzt  horen,  dafi  die 
deutsche  Weltanschauung  selber  dazu  verfiihren  miisse,  das 
deutscheVolk  in  das  wiisteste  Kriegstreiben  hineinzuleiten. 
Wir  konnen  vielmehr,  ohne  in  den  Fehler  der  Herabset- 
zung  der  Gegner  zu  verfallen,  den  Blick  hinwenden  auf 
dasjenige,  was  das  deutsche  Volk  glaubt,  glauben  muiS  nach 
seinem  ganzen  Wesen:  dafi  seine  weltgeschichtliche  Auf- 
gabe  aus  der  tiefsten  Innerlichkeit  seiner  Natur  heraus  be- 
griindet  ist.  Und  man  braucht  auch  nicht,  was  heute  so  viele 
von  Deutschlands  Gegnern  tun,  aus  dem  unmittelbaren 
Haft  und  der  Antipathie  der  Gegenwart  heraus  sich  die 
Anschauung  liber  das  Volkstumliche,  sei  es  des  eigenen,  sei 
es  des  anderen  Volkes,  zu  bilden. 

Und  deshalb  sei  der  Ausgangspunkt  genommen  zur  heu- 
tigen  Betrachtung  von  einer  Anschauung,  einer  Idee,  die  in 
einer  Zeit,  die  weit  hinter  der  unseren  so  schicksaltragen- 
den  Zeit  zuriickliegt,  ein  hervorragender  Geist  aus  verhalt- 
nismaftiger  Seelenruhe  heraus  sich  damals  bilden  konnte 
iiber  das,  was  innerhalb  der  Volksgemeinschaften  der 
neueren  Zeit  das  Wesen  des  deutschen  Volkes  ausmacht,  - 
Schillers  grower  Freund  Wilbelm  von  Humboldt,  der  sich 
in  so  wunderbarer  Weise  vertiefen  konnte  in  das  Wesen 
der  Entwickelung  der  Menschheit,  der  in  so  feinsinniger 
Art  des  Menschen  Bediirfnis  innerhalb  der  weltgeschicht- 
lichen  Entwickelung  darzustellen  wufite.  Im  Jahre  1830, 


als  Wilhelm  von  Humboldt  einen  Blick  zuriickwarf  auf 
das,  was  ihm  Sdiillers  Freundschaft  war,  was  aber  audi 
Schillers  Bedeutung  fiir  die  Entwickelung  des  deutschen 
Volkes  war,  was  Schillers  ganze  geistige  Entwickelung 
war,  sprach  er  sich  in  der  folgenden  Art  iiber  das  deutsche 
Wesen  aus: 

«Die  Kunst  nun  und  alles  asthetische  Wirken  von  ihrem 
wahren  Standpunkte  aus  zu  betrachten,  ist  keiner  neueren 
Nation  in  dem  Grade  als  der  deutschen  gelungen,  audi 
denen  nicht,  welche  sich  der  Dichter  riihmen,  die  alle  Zeiten 
fiir  grofi  und  hervorragend  erkennen  werden.  Die  tiefere 
und  wahrere  Richtung  im  Deutschen  liegt  in  seiner  gro- 
fteren  Innerlichkeit,  die  ihn  der  Wahrheit  der  Natur  naher 
erhalt,  in  dem  Hange  zur  BeschafKgung  mit  Ideen  und  auf 
sie  bezogenen  Empfindungen  und  in  allem,  was  hieran  ge- 
kniipft  ist.  Dadurch  unterscheidet  er  sich  von  den  meisten 
neueren  Nationen  und,  in  naherer  Bestimmung  des  Begrif- 
fes  der  Innerlichkeit,  wieder  audi  von  den  Griechen.  Er 
sucht  Poesie  und  Philosophic,  er  will  sie  nicht  trennen,  son- 
dern  strebt  sie  zu  verbinden;  und  solange  dies  Streben  nach 
Philosophic,  audi  ganz  reiner,  abgezogener  Philosophic, 
das  audi  sogar  unter  uns  nicht  selten  in  seinem  unentbehr- 
lichen  Wirken  verkannt  und  gemiftdeutet  wird,  in  der 
Nation  fortlebt,  wird  audi  der  Impuls  fortdauern  und 
neue  Krafte  gewinnen,  den  machtige  Geister  in  der  letzten 
Halfle  des  vorigen  Jahrhunderts  unverkennbar  gegeben 
haben.» 

So  weist  einer,  der  sich  viel  mit  den  Empfindungen,  die 
dazu  gehoren,  um  dies  zu  wissen,  beschafHgt  hat,  auf  das- 
jenige  hin,  wo  von  er  glauben  mufite,  daft  es  in  der  Auf- 
gabe,  in  der  unmittelbaren  Bestimmung  des  deutschen  Vol- 
kes selber  liegt. 

Und  wenn  wir  hinblicken  auf  dasjenige,  was  dem  deut- 


schen  Wesen  von  der  geistigen  Seite  aus  das  Geprage  ge- 
geben  hat  in  der  grofien  Zeit,  in  der  der  deutsche  Idealis- 
mas  das  Deutschtum  auf  den  Schauplatz  der  Gedanken 
gehoben  hat;  und  wenn  wir  hindeuten  auf  das  Ende  des 
achtzehnten,  auf  denAnfangdesneunzehnten  Jahrhunderts 
mit  alledem,  was  sich  entwickelt  hat  bis  in  die  unmittel- 
bare  Entwickelungsphase  unserer  Zeit  herein,  dann  er- 
blicken  wir  etwas,  was  sich  nicht  etwa  umfassen  lafit  mit 
dem  ja  gewifi  bedeutungsvollen,  aber  nicht  eben  sehr  hohen 
Begriff,  sagen  wir,  der  Internationalist  der  Wissenschaft 
und  dergleichen,  die  sich,  insofern  sie  die  Wissenschaft  be- 
trifft,  ja  von  selber  versteht.  Aber  was  in  Deutschlands 
grb'fiten  Zeiten  in  bezug  auf  die  Geistesentwickelung  so  ge- 
waltig  hervortrat,  das  war,  dafi  damals  durch  diejenigen 
Geister,  die  gerade  damals  sich  so  innig  verbunden  fiihlten 
mit  dem  deutschen  Volkstum,  wie  zum  Beispiel  Fichte,  her- 
vorgetreten  ist  die  Frage  nach  der  ganzen  Bedeutung  des 
Wissens,  desjenigen,  was  der  Mensch  durch  das  Wissen,  das 
er  sich  als  Wissenschaft  entwickelt,  erreichen  kann;  nach 
dem  Verhaltnis  dieses  Wissens  zu  dem  Geheimnis  der  Welt, 
zum  Ewig-Wirkenden,  Ewig-Geistigen  in  der  Welt  selber. 
Dafi  das  Wissen  in  Frage  gestellt  worden  ist,  dafi  das  Wis- 
sen selber  zum  Ratsel  geworden  ist  und  daft  der  Mensch 
gerade  durch  diesen  Zug  nach  der  Ratselhaftigkeit  des 
Wissens  hin  die  Angelegenheit  dieses  Wissens  zu  einem  per- 
sonlichen  und  dennoch  objektiven  und  sachlichen  Mensch- 
heitsinter esse  machen  muftte,  das  ist  das  ungeheuer  Bedeu- 
tungs voile.  Warm  sich  verbunden  fiihlen  in  jeder  Faser 
seines  Wesens  mit  dem,  was  der  Mensch  durch  ein  Ideelles 
in  seinem  Streben,  durch  das  Wissensstreben  erreichen  kann; 
lichtvoll  nach  Wissenschaft  streben  und  dabei  dennoch  die 
Frage  aufwerfen  konnen:  Kann  man  iiber  dieses  Wissen 
oder  vielmehr  mufi  man  sogar  iiber  dieses  Wissen  hinaus- 


sdireiten,  wenn  man  zu  dem  Tiefsten  kommen  will,  was 
den  Menschen  mit  den  ewigen  Quellen  des  Daseins  ver- 
bindet?  Und  der  Grand,  warum  dieses  Ratsel  in  einer  be- 
sonders  intensiven  Weise  sich  vor  die  deutsche  Seele  in 
ihren  besten  Geistern  hinstellen  konnte,  liegt  darin,  dafi 
sich  innerhalb  der  Zeit  des  deutschen  Idealismus  das  Stre- 
ben  geltend  machte,  das  Wissen  nicht  nur  als  etwas  zu 
haben,  was  einen  in  BegrifFen  iiber  die  Welt  unterrichtet, 
als  etwas,  dem  man  kiihl  gegeniibersteht,  indem  man  die 
Erscheinungen  der  Welt  zergliedern  will,  sondern  das  Wis- 
sen zu  haben  als  etwas,  das  in  der  ganzen  Seele  lebt,  das 
den  Menschen  tragt.  Gerade  aus  der  Sehnsucht  nach  der 
Lebendigkeit  desWissens,  aus  dem  innigen  Sich-verbunden- 
Fiihlen  mit  dem  Wissen  entstanden  ja  audi  die  grofien  Rat- 
selfragen  des  Wissens.  Es  scheint,  als  ob  man  ein  Wissen  nur 
haben  wolle,  eine  Wissenschaft  nur  pflegen  wolle,  wenn 
diese  Wissenschaft  auch  wirklich  so  leben  konne,  da£  man 
in  dem  Erleben  des  Wissens  auch  den  Weg  finden  konne  zu 
den  Quellen  des  Daseins. 

Es  ist  reizvoll  zu  sehen,  wie  deutsche  Geister  in  ihrem 
Wissen,  in  ihrer  Wissenschaft  in  einem  viel  hoheren  Sinne 
leben  wollen,  als  das  gewohnlich  gemeint  ist,  wenn  man 
von  dem  Zusammenhange  des  Lebens  mit  der  Wissenschaft 
spricht.  Ich  habe  im  vorigen  Winter  in  einem  ahnKchen 
Zusammenhange  Fichtes  Eigenart  zu  charakterisieren  ver- 
sucht,  dieses  edlen  deutschen  Geistes,  der  in  einer  der  schwer- 
sten  Zeiten  der  Entwickelung  des  deutschen  Volkes  sein 
Geistesstreben  ganz  in  den  Dienst  seines  Volkes  gestellt  hat, 
der  aus  der  Vertiefung  seines  Geistes  die  wunderbarsten 
Kraftworte  zur  Befliigelung  der  deutschen  Begeisterung  ge- 
funden  hat.  Es  gehort  zu  dem,  was  Fichte  seinem  Volke 
sein  konnte,  dazu  die  Art,  wie  er  sich  mit  Wissensstreben 
verbunden  fiihlte,  wie  er  sich  zum  deutschen  Idealismus  zu 


erheben  bestrebt  war.  Ein  Bild,  das  uns  erhalten  ist,  kann 
uns  das  in  schoner  Weise  veranschaulichen.  Forberg,  der 
Fichte  reden  gehort  hat,  wenn  dieser  versuchte,  aus  der 
Tiefe  seines  Weisheitsstrebens  heraus  lebendig  zu  ma- 
chen,  was  er  als  seine  Verbindung  mit  dem  webenden, 
waltenden  Weltengeist  ansah,  sagte  iiber  Fichtes  Art,  iiber 
geisuge  Angelegenheiten  zu  sprechen,  die  folgenden  schonen 
Worte: 

«Fichtes  offentlicher  Vortrag  . . .  rauscht  daher  wie  ein 
Ge witter,  das  sich  seines  Feuers  in  einzelnen  Schlagen  ent- 
ladet.  Er  riihrt  nicht . . . ,  aber  er  erhebet  die  Seele  . . . ;  er 
will  grofie  Menschen  machen.  Fichtes  Auge  ist  strafend, 
und  sein  Gang  ist  trotzig.  Fichte  will  durch  seine  Philo- 
sophic den  Geist  des  Zeitalters  leiten  Seine  Phantasie 

ist  nicht  bliihend,  aber  energisch  und  machtig.  Seine  Bilder 
sind  nicht  reizend,  aber  kiihn  und  grofi.  Er  dringt  in  die 
innersten  Tiefen  seines  Gegenstandes  ein  und  schaltet  im 
Reiche  der  Begriffe  mit  einer  Unbef angenheit  herum,  welche 
verrat,  daft  er  in  diesem  unsichtbaren  Lande  nicht  nur 
wohnt,  sondern  herrscht.» 

Und  wenn  man  Fichtes  deutsche  Art  charakterisieren 
will,  mufi  man  hinweisen  darauf,  wie  er,  indem  er  also  in 
dem  Reich  der  Begriffe  herrschen  wollte,  innerhalb  dieses 
Reiches  der  Begriffe  etwas  suchte,  was  mehr  war  als  das- 
jenige,  was  man  oftmals  Begriffe  und  Ideen  nennt,  was  ein 
Auf  leben  derjenigen  Krafte  der  menschlichen  Seele  war,  die 
eins  sind  mit  den  schopferischen  Kraften  des  ganzen  Da- 
seins,  jenen  schopferischen  Kraften,  die  draufien  in  der 
Natur  leben,  die  den  Menschen  selber  in  die  Natur  herein- 
gestellt  haben,  die  das  geschichtliche  Leben  leiten  und  len- 
ken,  die  alles  Dasein  durchweben  und  durchwallen.  Um 
aber  solche  Anschauung  in  voller  Lebendigkeit  zu  gewinnen, 
konnte  Fichte  nicht  stehen  bleiben  bei  der  Abstraktheit  der 


Begriffe,  bei  Begriffen,  die  nur  Anschauung  sind.  Dazu 
brauchte  er  Begriffe,  die  unmittelbar  durchlebt  und  durch- 
seelt  waren  von  einem  Wirkenselement,  das  der  mensch- 
lichen  Seele  so  nicht  nur  aufleuchtet,  sondern  aufkraftet,  so 
daft  diese  menschliche  Seele,  indem  sie  sich  zunachst  von 
der  aufieren  Welt  abzieht,  gerade  dem  Innersten  der  Wirk- 
lichkeit  sich  verbunden  fiihlt.  Und  so  lenkte  denn  Johann 
Gottlieb  Fichte  seine  Betrachtung  hin  auf  ein  Lebendiges, 
im  Willen  Sich-Erkraftendes  in  der  menschliclien  Seele.  Und 
was  er  da  erfuhlte  als  in  seinen  Willen  hereinstromend,  das 
erlebte  er  so,  als  ob  die  gottlich-geistigen  Krafte,  welche 
durch  die  Welt  wallen  und  weben,  hereinkommen  wiirden 
in  die  Seele,  und  die  Seele  selber  sich  ruhen  fiihlte  innerhalb 
des  gottlichen  Erlebens.  Will  man  diesen  Zug  bei  Johann 
Gottlieb  Fichte  einen  mystischen  nennen,  so  mu£  man  von 
diesem  Ausdruck  nur  alles  entfernen,  was  irgendwelche 
Nebelhaftigkeit  in  die  Weltanschauung  hineinbringt;  man 
mufi  diesen  Begriff  dann  mit  alledem  zusammenbringen, 
was  gerade  hochste  Erkenntnisenergie  in  Fichtes  ganzem 
Streben  ist.  Dann  erscheint  einem  gerade  deutscher  Idealis- 
mus  wie  zusammengedrangt  in  einem  Brennpunkte,  nicht 
nur  dann,  wenn  Fichte  iiber  deutsches  Volkstum  spricht, 
sondern  dann  gerade  am  allerbesten,  wenn  er  spricht  von 
den  hochsten  Angelegenheiten,  denen  sich  sein  Denken  und, 
man  konnte  sagen,  sein  inneres  Erleben  zuwendet.  Indem  er 
den  waltenden  Willen  in  der  eigenen  Seele  sich  zu  vergegen- 
wartigen  versucht,  ihn  lebendig  werden  lassen  will  vor 
denen,  zu  denen  er  spricht,  spricht  er  iiber  diesen  Willen  so, 
als  ob  er  sich  bewufit  ware,  dafi  in  diesem  Willen  dasjenige 
lebt,  was  das  innerste  Wesen  der  ganzen  Welt  ist.  So  spricht 
er,  als  ob  er  den  erhabenen  Weltenwillen  selber  in  dem 
eigenen  Willen  der  menschlichen  Seele  pulsierend  fiihlt, 
wenn  diese  menschliche  Seele  durch  ihr  Erkenntnisstreben 


auf  das  innerste  Abflieften  und  Tatigsein  des  Willens  selber 
zuriickgeht.  Wunderbare  Worte  spricht  da  Fichte: 

« Jener  erhabene  Wille  geht  sonach  nicht  abgesondert  von 
der  iibrigen  Vernunftwelt  seinen  Weg  fiir  sidi.  Es  ist  zwi- 
schen  ihm  und  alien  endlichen  verniinftigen  Wesen  ein  gei- 
stiges  Band,  und  er  selbst  ist  dieses  geistige  Band  innerhalb 
der  Vernunftwelt. . . .  Ich  verhiille  vor  dir  mein  Angesicht 
und  lege  die  Hand  auf  den  Mund.  Wie  du  fiir  dich  selbst 
bist  und  dir  selbst  erscheinest,  kann  ich  nie  einsehen,  so  ge- 
wifi  ich  nie  du  selbst  werden  kann.  Nach  tausendmal  tau- 
send  durchlebten  Geist-Erleben  werde  ich  doch  noch  eben- 
sowenig  begreifen  als  jetzt,  in  dieser  Hiitte  von  Erde.  -  Was 
ich  begreife,  wird  durch  mein  blofies  Begreifen  zum  End- 
lichen;  und  dieses  lafit  auch  durch  unendliche  Steigerung 
und  Erhdhung  sich  nie  ins  Unendliche  umwandeln.  Du  bist 
vom  Endlichen  nicht  dem  Grade,  sondern  der  Art  nach  ver- 
schieden.  Sie  machen  dich  durch  jene  Steigerung  nur  zu 
einem  grofieren  Menschen  und  immer  zu  einem  grofieren; 
nie  aber  zum  Gotte,  zum  Unendlichen,  der  keines  Maftes 
fahig  ist.» 

So  spricht  Fichte  dasjenige  an,  was  er  als  den  Welten- 
willen  erfiihlt,  indem  er  sein  Erkenntnisstreben  vertieft,  auf 
dafi  es  Rnden  konne,  was  im  Innersten  der  Seele  diese  Seele 
mit  den  Quellen  des  Daseins  zusammenhalt;  dasjenige,  aus 
dem  die  Seele  heraus  schaffen  mufi,  wenn  sie  sich  so  fiihlen 
will,  dafi  sie  mit  ihrem  Schaffen  in  Einklang  steht  mit  den 
geschichtlichen  und  mit  den  ewigen  Machten,  die  alles 
Dasein  selber  leiten.  Dafi  Wissenschaft  durch  eine  idea- 
listische  Betrachtung  des  Lebens  zu  einer  solchen  Erf  as- 
sung  der  menschlichen  Innerlichkeit  fiihren  miisse,  dafi  in 
dieser  Innerlichkeit  zugleich  umgriffen  wird  das  Innerste 
des  Weltendaseins  im  menschlichen  Streben,  das  ist  der 
Grundzug  des  deutschen  Idealismus.  Und  mit  solchem 


Idealismus  stehen  im  Grunde  genommen  audi  die  philo- 
sophischen  Genossen  Fichtes  vor  den  grofien  Ratselfragen 
des  Daseins. 

Von  einem  gewissen  Gesichtspunkte  aus  versuchte  ich  im 
vorigen  Winter  gerade  diesen  Schauplatz  der  Gedanken 
innerhalb  des  deutschen  Idealismus  und  das  Weltbild  dieses 
deutschen  Idealismus  darzustellen.  Ich  unternahm  es  damals 
zu  zeigen,  wie  Fichte  versuchte,  das  Weltendasein  durch  das 
Erleben  der  innersten  Natur  des  menschlichen  Willens  selber 
zu  erfassen,  indem  er  die  menschliche  Seele  dort  ergreifen 
wollte,  wo  sich  der  Wille  in  ihr  vertiefen  kann.  Ich  wollte 
zeigen,  wie  Fichte,  indem  er  bis  zum  menschlichen  Ich  in 
seiner  Wesenheit  vorzudringen  versuchte,  nicht  davon  be- 
friedigt  sein  konnte,  dieses  Ich  im  Sein  zu  erfassen  oder  im 
blofien  Denken  zu  erfassen,  etwa  im  Sinne  des  Descartes  mit 
seinem  «Ich  denke,  also  bin  ich»,  sondern  wie  Fichte  das  Ich, 
das  innerste  Wesen  der  Menschenseele,  so  erfassen  wollte, 
dafi  in  ihm  etwas  liegt,  was  sein  Dasein  aus  dem  Grunde 
nie  verlieren  kann,  weil  es  dieses  Dasein  in  jedem  Augen- 
blicke  neu  schafTen  kann.  Den  lebendigen,  immer  schopfe- 
rischen  Willen  als  Ursprungsquelle  des  menschlichen  Ich 
wollte  Fichte  aufzeigen;  nicht  durch  einUrteil  etwa  der  Art: 
Ich  denke,  das  ist  etwas,  also  bin  ich  -  nicht  dadurch  wollte 
Fichte  das  Wesen  des  Ich  finden,  sondern  dadurch,  dafi  er 
aufzeigte:  Nun,  wenn  dieses  Ich  auchinirgendeinem  Augen- 
blicke  nicht  ware,  oder  wenn  man  von  ihm  sagen  miifite  aus 
irgendwelchen  Anzeichen,  daft  es  nicht  ware,  so  ware  dieses 
Urteil  ungiiltig  aus  dem  Grunde,  weil  dieses  Ich  ein  schop- 
ferisches  ist,  weil  es  in  jedem  Augenblick  aus  den  Tiefen 
dieses  Ich  heraus  sein  Dasein  wiedererzeugen  kann.  In  die- 
sem  fortwahrenden  Wiedererzeugen,  in  diesem  Fortdauern 
des  Schopferischen,  in  diesem  Zusammenhange  mit  dem 
Schopferischen  der  Welt  versuchte  Fichte  das  Wesen  des  Ich 


im  Willen  zu  erkennen,  es  im  Willen  zu  erhalten,  lebendig 
das  Erkenntnisstreben  zu  gestalten. 

Und  Schelling,  Fichtes  philosophischer  Genosse,  der  dann 
in  vieler  Beziehung  so  weit  iiber  ihn  hinausgegangen  ist,  er 
stellte  sidi  vor  die  Natur  so  hin,  daft  ihm  diese  Natur  nicht 
war,  was  sie  sonst  in  vieler  Beziehung  der  aufteren  Wissen- 
schaft  ist:  eine  Summe  von  Erscheinungen,  die  man  zerglie- 
dert;  sondern  die  Natur  war  fur  Schelling  das,  was  dem 
Menschengeiste  ahnlich  in  seiner  Wesensart  ist,  nur  dafi  der 
menschliche  Geist  in  der  Gegenwart  dasteht,  sich  selber 
erlebt,  die  Natur  aber  diesen  Geist  durchlebt  hat,  so  daft 
er  in  ihr  nun  verzaubert  ruht,  so  daft  er  hinter  ihrem  Schleier 
sich  verbirgt  und  durch  ihre  aufteren  Erscheinungen  sich 
offenbart.  Wie  man  einen  Menschen  betrachtet  in  bezug  auf 
seine  Physiognomie,  so  daft  man  diese  Physiognomie  nicht 
nur  der  Form  nach  wie  eine  Bildsaule  beschreibt,  sondern 
daft  man  durch  die  Physiognomie  hindurchblickt  auf  das, 
was  lebendig  seelisches  Leben  ist,  was  durchblickt  durch  die 
physiognomischen  Ziige,  was  durchgeistigt  und  durchwarmt 
die  auftere  Form  -  so  wollte  Schelling  durch  die  aufteren 
Erscheinungen  der  Natur,  durch  die  aufteren  Offenbarungen 
wie  durch  die  Physiognomie  der  Natur  auf  das,  was  in  der 
Natur  geistig  ist,  zuruckgehen,  den  Geist  in  der  Seele  ver- 
einigen  mit  dem  Geist  in  der  Natur.  Und  daraus  entsprang 
ihm  jene  einseitige,  aber  kiihne  Art  des  Erkenntnisstrebens, 
die  sich  in  Schellings  Wort  ausdruckt:  «Die  Natur  begreif en, 
heifit  die  Natur  schaffen!»  Daft  in  der  menschlichen  Seele 
etwas  sein  konnte,  was  sich  selber  nurinsschopferisch  leben- 
dige  Dasein  aufzuraffen  braucht,  und  indem  es  also  schafft, 
zwar  nicht  die  aufteren  Erscheinungen  der  Natur  schafft, 
aber  Bilder  schafft,  welche  gleich  sind  demjenigen,  was  hin- 
ter der  Natur  schafft,  das  lebt  in  den  Worten:  «Die  Natur 
verstehen,  heifit  die  Natur  schaffen!»  Man  braucht  heute 


wahrlich  nicht  diese  Philosophic  des  deutschen  Idealismus 
dogmatisch  zu  nehmen;  man  braucht  nicht  ihr  Anhanger  zu 
sein,  darauf  kommt  es  nicht  an.  Sondern  worauf  es  an- 
kommt,  das  ist:  die  Kraft,  die  innere  Seelenart  kennenzu- 
lernen,  aus  der  solche  Richtung  des  geistigen  Lebens  ent- 
springt.  Und  so  konnte  jemand  im  vollsten  Sinne  des  Wor- 
tes  ein  Gegner  der  Dogmen  des  deutschen  Idealismus  sein, 
aber  etwas  unverwiistlichLebendiges,  etwas  Zukunfttragen- 
des  finden  in  der  Art,  wie  dazumal  die  menschliche  Seele 
eindringen  wollte  in  die  tiefsten  Geheimnisse  des  Daseins. 

Und  auf  Hegel  darf  dabei  hingewiesen  werden,  den 
Dritten  in  dieser  Reihe,  der  sich  nicht  scheute,  in  die  kalte- 
sten  Gefilde  des  reinen  Denkens  hinaufzusteigen.  Denn 
Hegel  glaubte,  wenn  die  Seele  sich  abziehe  von  aller  Warme 
der  aufteren  Anschauung,  von  allem  unmittelbaren  Ruhen 
im  Naturdasein,  wenn  sie  ganz  allein  bei  den  Begriffen  sei, 
die  so  in  der  Seele  leben,  dafi  diese  Seele  gar  nicht  mehr  mit 
ihrer  Willkur  bei  dem  Denken  der  Begriffe  dabei  ist,  son- 
dern die  Seele  sich  iiberlafk  dem  Vorgang,  wie  ein  Begriff 
aus  dem  andern  hervorgeht,  wie  Begriffe  in  ihr  walten,  ohne 
dafi  sie  sich  irgendwie  auf  etwas  anderes  als  auf  diese  wal- 
tenden  reinen,  kristallklaren  und  durchsichtigen  Begriffe 
wendet,  die  sie  in  ihr  so  walten  und  weben  lafit,  wie  sie 
selber  wollen,  nicht  wie  die  Seele  will,  -  dann  liege,  so 
glaubte  Hegel,  in  diesem  Ablaufen,  in  diesem  Hineinfliefien 
der  Begriffe  eine  Vereinigung  der  Seele  mit  dem  waltenden 
Weltengeist  selber,  der  sich  in  Begriffen  auslebt,  der  durch 
die  Jahrmillionen  hindurch,  indem  er  durch  die  Unendlich- 
keit  hindurch  seine  Begriffe  befehlend  sandte,  aus  der  Ver- 
dichtung  dieser  Begriffe  die  aufiere  Welt  hervorgehen  liefi 
und  dann  den  Menschen  hineinstellte  so,  daft  der  Mensch  in 
seiner  Seele  erwecken  kann  diese  Begriffe,  aus  denen  die 
Welt  selber  hervorgegangen  ist. 


1st  es  gewift  wieder  einseitig,  wie  Hegel  sich  also  in  die 
Daseinswelt  vertieft,  indem  er  durch  das  Auspressen  aller 
iibrigen  Wirklichkeit  aus  der  reinen  Begr iff s welt  zu  den 
Quellen  des  Daseins  vorzudringen  versucht;  ist  es  einseitig 
dadurch,  dafi  damit  der  Weltengeist,  der  durch  die  Welt 
walk  und  webt,  wie  zu  einem  bloEen  Logiker  gemacht 
wird,  der  aus  blofter  Logik  heraus  die  Welt  zaubert,  so  zeigt 
doch  audi  dieses  Streben,  das  unmittelbar  urstandet  im 
deutschen  Wesen  und  deutscher  Art,  wie  der  deutsche  Geist 
aus  seinem  Erkenntnisstreben  heraus  seiner  Art  nach  die 
Verbindung  suchen  will  dessen,  was  in  der  Seele  lebt,  was 
in  der  Seele  unmittelbar  in  ihrer  Innerlichkeit  angeschaut 
werden  kann  und  was,  indem  es  so  angeschaut  wird,  zu 
gleicher  Zeit  den  in  der  Welt  flutenden  Geist  ergreift.  Er- 
greifen  des  Weltengeistes  durch  den  Geist,  den  man  in  der 
Seele  entwickelt,  das  ist  der  Grundzug  dieses  Strebens.  Und 
mag  die  rechte  Art,  also  sich  zu  dem  Weltenleben  und  sei- 
ner Erkenntnis  zu  stellen,  erst  in  fernster,  fernster  Zukunfk 
von  der  Menschenseele  in  einigermafien  befriedigender  Art 
gelost  werden,  die  Art  und  Weise,  wie  sie  innerhalb  des 
deutschen  Idealismus  versucht  worden  ist,  diese  Weise,  den 
Weltengeist  zu  suchen,  sie  ist  so  innig  zusammenhangend 
mit  dem  deutschen  Wesen  und  ist  zu  gleicher  Zeit  die  Art, 
wie  in  unserer  Zeit  das  Ewige  in  der  zeitlichen  Menschen- 
seele gesucht  werden  mull, 

Man  sieht,  wie  innig  verwoben  dem  deutschen  Streben 
gerade  diese  Art  des  Erkennens  ist,  wenn  man  im  Aufgang 
des  neueren  Geistesstrebens  sich  ansieht,  wie  zwei  Erschei- 
nungen  einander  gegenuberstehen  am  Ende  des  sechzehnten, 
am  Anfang  des  siebzehnten  Jahrhunderts;  das  ist  ja  die 
Zeit,  in  der  sich  diejenigen  Krafte  zuerst  herausbilden,  die 
der  neueren  Weltanschauung  die  Impulse  gegeben  haben 
fur  die  europaische  Entwickelung.  Man  sieht  in  interessan- 


ter  Weise,  wie  sich  die  deutsche  Seele  zu  dieser  Morgenrote 
des  geistigen  Lebens  stellt,  wenn  man  zum  Beispiel  im  Bilde 
nebeneinander  stellt,  eben  am  Ende  des  sechzehnten,  An- 
f  ang  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  auf  der  einen  Seite  -  man 
mag  sich  sonst  zu  diesem  merkwiirdigen  Geist  stellen  wie 
man  will,  wir  wollen  ihn  heute  nur  im  Zusammenhang  der 
Entwickelungdes  neuerenGeistesstrebensbetrachten~,wenn 
man  hinstellt  Jakob  Bohme  und  ihn  vergleicht  mit  einem  un- 
gefahr  gleichzeitigStrebenden  imWestenEuropas,  mit  einem 
Geist,  der  auch  charakteristisch  ist  fiir  sein  Volk,  wie  Jakob 
Bohme  charakteristisch  ist  fiir  sein  Volk,  mit  Montaigne. 

Montaigne,  er  steht  ebenfalls  da  grofi,  bedeutsam,  aus- 
driickend  eines  der  Elemente,  die  da  heraufkommen  in  der 
Morgenrote  des  neueren  Geisteslebens.  Er  ist  der  grofie 
Zweifler.  Er  ist  derjenige,  der  aus  der  franzosischen  Kultur 
heraus  etwa  den  folgenden  Impuls  bekommt:  Da  schauen 
wir  die  Welt  an.  Sie  offenbart  uns  durch  unsere  Sinne  ihre 
Geheimnisse.  Wir  versuchen  durch  unser  Denken,  diese  Ge- 
heimnisse  zu  enthullen.  Allein  wer  kann  irgendwie  sagen, 
so  meint  Montaigne,  dafi  die  Sinne  nicht  triigen;  dafi  das- 
jenige,  was  den  Sinnen  sich  offenbart  aus  den  Tiefen  der 
Welt  heraus,  irgendwie  einen  Zusammenhang,  der  sich  einem 
vergegenwartigen  kann,  haben  konne  mit  den  Quellen  des 
Daseins.  Und  wer  kann  verkennen,  so  meint  dieser  grofte 
Zweifler,  dafi,  wenn  man  nun  sich  zwar  nicht  auf  die  Sinne 
verlafit,  aber  auf  das  Urteil,  auf  das  Denken,  wenn  man 
sich  Beweise  sucht  und  jeder  Beweis  wiederum  nach  einem 
Beweiseverlangt,  und  der  neue  Beweis  wiederum  nach  einem 
anderen  Beweise,  dafi  man  dann  so  fortgehen  kann  an  der 
Kette  von  Beweisen  und  auch  fortgehen  mufi,  weil  all  das, 
was  man  bewiesen  zu  haben  glaubt,  wiederum  fliichtig  er- 
scheint,  wenn  man  es  genauer  betrachtet.  Weder  das  Denken 
noch  das  sinnliche  Anschauen  kann  irgendeine  Gewifiheit 


geben.  Daher  ist  ein  Weiser  derjenige,  so  meint  Montaigne, 
der  nach  einer  soldien  Gewiftheit  gar  nicht  sudit;  der  mit 
einer  innerlichen  Ironie  zu  den  Erscheinungen  der  Welt 
und  zu  den  Erkenntnissen  der  Quellen  des  Daseins  stent; 
der  weifi,  dafi  man  zwar  iiber  alle  Dinge  nachdenken  und 
sie  anschauen  kann,  aber  dafi  man  dadurch  nur  ein  Wissen 
erlangt,  das  man  ebensogut  zugeben  wie  ablehnen  kann, 
ohne  dafi  man  irgendwie  eine  Hoffnung  haben  konnte, 
etwas  anderes  durch  gelstiges  Streben  zu  erlangen,  als  eben 
ein  solches,  zu  welchem  man  sich  nur  zweifelnd  und  ironisch 
verhalten  kann. 

Gleichzeitig  steht  innerhalb  des  deutschen  Wesens  Jakob 
Bohme,  der  den  Gang  unternimmt,  durch  blofie  innere  Ent- 
wickelung  von  Seelenkraften,  durch  bloftes  Hineintauchen 
in  das,  was  die  Seele  aus  ihren  Tiefen  heraufholen  kann, 
den  Gang  unternimmt  in  die  Untergriinde  der  menschlichen 
Seele.  Und  dadurch,  dafi  er  diese  Untergriinde  der  mensch- 
lichen Seele  so  findet,  wie  er  eben  glaubt,  sie  finden  zu 
konnen,  war  er  sich  klar  daruber,  war  er  uberzeugt,  daft, 
indem  er  da  hinuntersteigt  in  die  Tiefen  der  menschlichen 
Seele,  er  in  diesen  Tiefen  zugleich  hereinfluten  vernimmt 
die  Quellen  alles  Daseins,  des  natiir lichen  und  des  geistigen, 
des  ganzen  umfanglichen  Daseins.  Hinunter  in  die  Tiefe 
der  Seele  bedeutet  zugleich  fur  Jakob  Bohme  ein  Hinaus 
in  das  waltende  gottliche  Geistesleben  der  Welt.  Und  so 
suchte  Jakob  Bohme  diesen  Weg;  daft  auf  diesem  Wege  von 
einem  Zweifel,  von  einer  ironischen  Stimmung  im  Mon- 
taigneschen  Sinne  uberhaupt  nicht  die  Rede  sein  kann,  well 
Jakob  Bohme  in  seiner  Art  sich  klar  daruber  ist,  daE  er  im 
Geiste  lebt,  weil  man  nicht  zweifeln  kann  an  demjenigen, 
in  dem  man  lebt,  an  dem  man  mitschafft,  indem  man  sich 
hinein  vertieft.  Und  man  mochte  sagen:  Nur  ein  Wieder- 
aufleben  dieses  Bestrebens  Jakob  Bohmes  in  einer  hoheren 


Form  liegt  in  dem,  was  auf  dem  Schauplatz  des  deutschen 
Idealismus  durch  die  eben  genannten  Geister  lebt.  Und 
diese  eben  genannten  Geister  wenden  im  Grunde  alle  wie- 
derum  den  Blick  hin  auf  eine  Personlichkeit,  die  -  wie  sehr 
man  das  audi  von  einem  engherzigen  Standpunkte  zuwei- 
len  sogar  bezweifelt  hat  -  in  ihrem  ganzen  Wesen,  in  ihrer 
ganzen  Art  aus  der  tiefsten  Volkstumlichkeit  der  Deutsch- 
heit  hervorgegangen  ist,  auf  Goethe.  Und  Fichte,  der  nur 
nach  Klarheit  ringende  Philosoph,  der  nie  zufrieden  war, 
wenn  er  das,  was  er  auszusprechen  hatte,  nicht  in  BegrifFen 
mit  scharfen  Umrissen  aussprechen  konnte,  Fichte,  der 
gelten  konnte  als  ein  trockener,  nuchterner  Erkenntnis- 
mensch  -  so  war  nicht  seine  Art,  aber  so  ist  dasjenige,  was 
sein  Streben  charakterisiert  der  weit,  weit  mit  der  Eigen- 
art  seines  Wesens  von  Goethe  entfernt  gedacht  werden 
konnte,  -  Fichte  hat  die  schonen  Worte  an  Goethe  gerich- 
tet,  in  denen  er  aussprechen  wollte,  wie  er  sich  mit  dem 
Hochsten,  das  er  aus  sich  hervorzubringen  strebte,  in  Ein- 
klang  zu  stelien  versuchte  mit  dem,  was  Goethe  durch  seine 
Natur  war.  Als  Fichte  die  erste,  die  abstrakteste  Gestalt, 
man  mochte  sagen  die  kalteste,  geschichtlichste  Gestalt  sei- 
ner «Wissenschaflslehre»  zumDruck  gebracht  hatte,  da  legte 
er  das  Buch  Goethe  vor  und  schrieb  an  Goethe: 

«Ich  betrachte  Sie  und  habe  Sie  immer  betrachtet,  als  den 
Reprasentanten  (der  reinsten  Geistigkeit  des  Gefiihls)  auf 
der  gegenwartig  errungenen  Stufe  der  Humanitat.  An  Sie 
wendet  mit  Recht  sich  die  Philosophie.  Ihr  Gefiihl  ist  der- 
selben  Probierstein!» 

Worte,  die  jeder  der  anderen  Genannten  in  derselben 
Weise  an  Goethe  hatte  rich  ten  konnen,  ja  die  jeder  der- 
selben sogar  in  der  einen  oder  anderen  Art  geschichtlich 
nachweislich  an  Goethe  gerichtet  hat. 

Und  als  Schiller  versucht  hatte,  in  seinen,  wie  ich  im 


vorigen  Winter  mir  audi  hier  zu  charakterisieren  erlaubte, 
viel  zu  wenig  gewiirdigten  «Briefen  iiber  die  asthetische 
Erziehung  des  Menschen»,  aus  den  Tiefen  der  Kantischen 
Philosophic  heraus  sich  die  Frage  zu  beantworten:  Wiemuft 
die  menschliche  Seele  streben,  damit  sie  in  dem  harmoni- 
schen  Zusammenwirken  aller  ihrer  Krafte  wirklich  zu  einem 
Zusammenleben  mit  demWeltengeiste  inFreiheit  kommt?- 
und  als  Schiller  seinen  Blick  auf  Goethe  richtete,  da  erschien 
ihm  in  Goethe  auch  so  etwas,  wie  der  deutsche  Geist  in 
einem  seiner  Mittelpunkte,  der  da  sucht,  aus  der  tiefsten 
Innerlichkeit  seines  Wesens  heraus  das  Hochste,  zu  dem  er 
kommen  wollte,  vor  die  Welt  hinzustellen.  Schiller  bewun- 
derte  an  dem  Streben  der  alten  Griechen  die  reine  freie 
Menschlichkeit,  jene  reine  freie  Menschlichkeit,  die  auf  der 
einen  Seite  sich  wenden  darf  zu  der  aufieren  Natur,  die 
aber  diese  Natur  nicht  mit  einer  solchen  aufieren  Not- 
wendigkeit  auf  sich  wirken  lalk,  wie  das  neuere  Geistes- 
streben,  bei  dem  der  Mensch  in  semem  Streben  unfrei  wird 
gegeniiber  dem  Zusammenhange  der  Natur.  Diese  grie- 
chische  Natur,  die  auf  der  anderen  Seite  wiederum  ihrer 
selbst  im  tiefsten  Seelenhaften  sich  so  gewahr  wurde,  daft 
sie  sich  erfiihlte  wie  die  Natur  selber,  auch  in  ihrem  Innern, 
dieses  Griechentum,  das  vor  Schillers  Seele  stand  wie  ein 
Muster  alles  menschheitlichen  Strebens  und  Sichauslebens, 
das  sah  Schiller  neuer dings  in  Goethes  Art  und  Leben  auf- 
leuchten  vor  dem  neueren  Volkergeiste.  Und  das  charakte- 
risiert  Schiller  ungefahr  in  derselben  Zeit,  in  welcher  Fichte 
die  eben  angefiihrten  Worte  an  Goethe  schrieb,  in  einem 
Brief e  an  Goethe  mit  den  folgenden  Worten: 

«Lange  schon  habe  ich,  obgleich  aus  ziemlicher  Feme, 
dem  Gang  ihres  Geistes  zugesehen  und  den  Weg,  den  Sie 
sich  vorgezeichnet  haben,  mit  immer  erneuerter  Bewunde- 
rung  bemerkt.  Sie  suchen  das  Notwendige  der  Natur,  aber 


Sie  suchen  es  auf  dem  schwersten  Wege,  vor  welchem  jede 
schwachere  Kraft  sidi  wohl  huten  wird.  Sie  nehmen  die 
ganze  Natur  zusammen,  um  iiber  das  Einzelne  Licht  zu  be- 
kommen,  in  der  Allheit  lhrer  Ersdieinungsarten  suchen  Sie 
den  Erklarungsgrund  fiir  das  Individuum  auf.  Von  der  ein- 
fachen  Organisation  steigen  Sie,  Schritt  vor  Schritt,  zu  den 
mehr  verwickelten  hinauf ,  um  endlich  die  verwickeltste  von 
alien,  den  Menschen,  genetisch  aus  den  Materialien  des  gan- 
zen  Naturgebaudes  zu  erbauen.  Dadurch,  dafi  Sie  ihn  in  der 
Natur  gleichsam  nacherschafFen,  suchen  Sie  in  seine  ver- 
borgene  Technik  einzudringen.  Eine  grofie  und  wahrhaft 
heldenmafiige  Idee,  die  zur  Geniige  zeigt,  wie  sehr  Ihr  Geist 
das  reiche  Ganze  seiner  Vorstellungen  in  einer  schonen  Ein- 
heit  zusammenhalt.  Sie  konnen  niemals  gehofft  haben,  dafi 
Ihr  Leben  zu  einem  solchen  Ziele  zureichen  werde,  aber 
einen  solchen  Weg  auch  nur  einzuschlagen,  ist  mehr  wert, 
als  jeden  anderen  zu  endigen  -  und  Sie  haben  gewahlt,  wie 
Achill  in  der  I  lias,  zwischen  Phthia  und  der  Unsterblichkeit. 
Waren  Sie  als  ein  Grieche,  ja  nur  als  ein  Italiener  geboren 
worden,  und  hatte  schon  von  der  Wiege  an  eine  auserlesene 
Natur  und  eine  idealisierende  Kunst  Sie  umgeben,  so  ware 
Ihr  Weg  unendlich  verkiirzt,  vielleicht  ganz  iiberflussig 
gemacht  worden.  Schon  in  die  erste  Anschauung  der  Dinge 
hatten  Sie  dann  die  Form  des  Notwendigen  aufgenommen, 
und  mit  ihren  ersten  Erfahrungen  hatte  sich  der  grofie  Stil 
in  Ihnen  entwickelt.  Nun,  da  Sie  ein  Deutscher  geboren 
sind,  da  Ihr  griechischer  Geist  in  diese  nordische  Schopfung 
geworfen  wurde,  so  blieb  Ihnen  keine  andere  Wahl,  als 
entweder  selbst  zum  nordischen  Kunstler  zu  werden,  oder 
lhrer  Imagination  das,  was  ihr  die  Wirklichkeit  vorent- 
hielt,  durcli  Nachhilfe  der  Denkkraft  zu  ersetzen,  und  so 
gleichsam  von  innen  heraus  und  auf  einem  rationalen  Wege 
ein  Griechenland  zu  gebaren.» 


Das  Schopferische  aus  der  tiefsten  Innerlidikeit  heraus, 
das  nicht  nur  das  Gegenwartige  schafft,  das  selbst  das  Ver- 
gangene  neu  aus  dem  eigenen  Wesen  wieder  herausgebiert: 
den  Goethe-Geist.  Wunderbar  charakterisiert  ihn  Schiller 
selbstlos  in  diesem  Brief,  in  dem  er  so  recht  die  Grundlage 
zu  der  Freundschaft  dieser  beiden  Geister,  Goethe  und 
Schiller,  gelegt  hat;  wunderbar  charakterisiert  Schiller  diese 
Innerlichkeit  des  Schaffens  des  Goetheschen  Geistes.  Und 
wahrhafKg,  so  erscheint  Goethe  mit  seinem  ganzen  Streben 
im  Bilde  des  deutschen  Idealismus. 

Deshalb  konnte  aus  dem  Streben  der  Goetheschen  Per- 
sonlichkeit  heraus  eine  dichterische  Gestalt  erstehen,  die  - 
ich  glaube  nicht,  dafi  man  vorurteilsvoll  sein  mufi,  um  das 
zu  sagen  -  in  ganz  einzigartiger  Weise  eben  in  die  Welt- 
dichtung  und  uberhaupt  in  das  ganze  Schopfen  der  Welt 
sich  hineinstellt,  die  Figur,  die  Gestalt  des  Faust.  Wie  steht 
er  da,  dieser  Faust?  Als  der  hochste  Reprasentant  des  mensch- 
lichen  Strebens,  aber  doch  -  er  ist  ja  im  Grunde  genommen 
Universitatsprofessor  -  als  Reprasentant  des  Erkenntnis-, 
des  Wissensstrebens  steht  er  da!  Und  gleich  im  Beginn  des 
«Faust»,  was  wird  da  zum  Ratsel,  was  wird  da  zur  grofien 
Frage?  Das  Wissen  selber,  das  Erkenntnisstreben  wird  zur 
Frage!  Zwei  Elemente  leben  sich  aus  in  dieser  Faust-Dich- 
tung,  Und  auf  dieses  Ausleben  der  zwei  Elemente  mufi  man 
hinweisen,  wenn  man  auf  der  einen  Seite  den  Grundcharak- 
ter  der  Goetheschen  Faust-Dichtung  verstehen  will  und  auf 
der  anderen  Seite  ihren  Zusammenhang  mit  der  innersten 
Natur  des  deutschen  Geistesstrebens. 

Gewifi,  beliebt  ist  heute  nicht  gerade  der  Ausdruck  Ma- 
gie  und  alles  dasjenige,  was  damit  zusammenhangt.  Aber 
Goethe  hat  notwendig  gefunden,  seinen  Faust  hinzustellen 
vor  die  Magie,  nachdem  diesem  Faust  das  Wissen,  die  Er- 
kenntnis zur  Frage,  zum  Ratsel  geworden  ist.  Und  dafi 


man  heute  imstande  ist,  alles,  was  im  iiblichen  Sinne  mit 
dem  Begriffe  Magie  zusammenhangt,  von  einem  tieferen 
geistigen  Streben  zu  trennen,  das  wird  ja  insbesondere 
meine  Aufgabe  sein,  morgen  in  dem  Vortrage,  wo  ich  spre- 
chen  will  iiber  die  ewigen  Krafle  der  menschlichen  Seele, 
zu  zeigen.  Allein  man  kann  die  Art  und  Weise,  wie  Goethe 
seinen  Faust  zur  Magie  greifen  lafk,  vielleicht  doch  sich  ganz 
getrennt  denken  von  allem,  was  an  wustem  Aberglauben, 
was  an  nebulosem  Streben  mit  dem  Worte  Magie  und  mit 
dem  magischen  Streben  iiberhauptverbunden  ist.  Man  kann 
schon  uber  Nebendinge  hinwegsehen  und  einmal  auf  die 
Hauptsache,  namlich  auf  den  Grundzug  menschlichen  Stre- 
bens,  wie  er  sich  im  Faust  ausdriickt,  selber  hinsehen. 

Warum  mufi  sich  Faust,  der  sich  wirklich  in  alien  mensch- 
lichen Wissenschaften  umgetan  hat,  bei  alien  menschlichen 
Wissenschaften  sich  Klarheit  hat  verschaff  en  wollen  iiber  das- 
jenige,  was  dem  Dasein  als  Quelle  zugrunde  liegt,  warum 
mufi  sich  Faust  zur  Magie  wenden,  zu  einer  ganz  anderen 
Art,  mit  der  Natur  in  Zusammenhang  treten,  als  es  die  Art 
des  gewohnlichen  Wissensstrebens  ist?  Warum?  Aus  dem 
Grunde,  weil  Faust  dasjenige  erlebt  hat,  was  man  an  Wis- 
sensstreben  erleben  kann;  weil  er  erlebt  hat,  was  der  Mensch 
fiihlen  kann,  der  eine  Sehnsucht  nach  den  Tiefen  des  Wel- 
tenwesens  hat;  was  der  Mensch  fiihlen  kann,  wenn  er  in 
sich  lebendig  f Unit,  was  die  aufiere  Wissenschafl  umfassen 
kann.  Diese  Wissenschafl:  vergegenwartigt  die  Gesetze  der 
Natur  in  BegrifTen,  in  Ideen.  Aber  stehe  ich  mit  diesen 
BegrifFen  in  dem  Dasein  drinnen,  oder  habe  ich  in  diesen 
Begriffen  nur  etwas,  was  sich  als  ein  Gespenst  fortwebt  in 
meiner  eigenen  Seele  und  was  vielleicht  mit  Bezug  auf 
dieses  Bild  klar,  nicht  aber  mit  Bezug  auf  sein  Leben  klar, 
einen  unmittelbaren  Zusammenhang  mit  den  Quellen  des 
Daseins  hat?  Was  sich  in  dieser  Art  als  Frage  in  die  Seele 


hereindrangt,  man  kann  es  in  verschiedenartiger  Weise 
empfinden.  Man  kann  es  schwach,  aber  man  kann  es  audi 
stark  empfinden,  so  daft  das  Ratsel,  das  sich  durch  diese 
Empfindungen  in  die  Seele  hineinlebt,  wie  ein  Alpdruck 
wird,  von  dem  diese  menschliche  Seele  sich  erlosen  will. 
Denn  die  Seele  kann  sich  sagen:  All  dieses  Wissen  ist  ja  nur 
etwas,  was  man  sich  auf  Grund  des  Daseins  bildet.  All 
dieses  "Wissen  ist  ja  etwas,  was  vom  Dasein  abgezogen  ist. 
Aber  ich  mufi  doch  mit  dem,  was  ich  in  mir  erlebe,  in  das 
Dasein  hinuntersteigen. 

Dasjenige  was,  man  mochte  sagen,  Schelling  in  seiner 
Vermessenheit  glaubte,  Faust  kann  es  eben  nicht  glauben: 
dal$,  indem  man  in  BegrifFen  lebt,  man  in  der  Natur  drin- 
nen  schafft.  Er  will  vielmehr  hinuntersteigen  in  die  Natur. 
Er  will  die  Natur  aufsuchen  da,  wo  sie  im  Schaff  enden  lebt. 
Er  will  eine  Tatigkeit  entfalten,  die  so  ist,  dafi  die  mensch- 
liche Seele  sie  vollbringt,  die  aber,  indem  diese  Tatigkeit 
in  der  Seele  drinnen  ist,  Naturschaffen  und  Seelenschaffen 
zugleich  ist.  Weil  Faust  das  auf  keine  andere  Weise  vermag, 
versucht  er  es,  indem  er  in  sich  zu  beleben  sucht  den  Weg, 
den  alte  Magier  versucht  haben.  Faust  versucht  etwas  in 
seiner  Seele  zu  haben,  was  nicht  blofi  die  Natur  in  Begrif- 
fen  in  ihm  abbildet,  sondern  was  ihm  erscheint  in  dem,  was 
hinter  den  Erscheinungen  lebt  und  hinter  den  Erscheinun- 
gen  schafft.  Das  Geistige  in  dem  Naturschaffen,  das  durch 
die  Welt  flutet  und  webt,  das  in  Lebensfluten,  im  Taten- 
sturm  auf-  und  abwallt,  das  sucht  er  nicht  bloft  ins  Wissen 
hereinzubringen,  sondern  er  sucht  sich  mit  ihm  lebendig  zu 
verbinden.  Er  sucht  den  Weg  zu  ihm  so,  dafi  das  geistige 
Schaffen  der  Natur  neben  ihm  steht,  wie  Menschenseele 
neben  Menschenseele  verkorpert  hier  im  physischen  Dasein 
darinnen  steht,  so  dafi  man  das  Dasein  erlebt,  nicht  blofi 
da  von  weifl. 


Und  damit  steht  Faust  in  der  Tat  so  der  Natur  gegen- 
iiber,  wie  -  man  braucht  eben  nur  auf  einen  Geist  wie  Jakob 
Bohme,  auf  seine  Art,  hinzuweisen,  man  braucht  nur  auf 
dasjenige  hinzusehen,  was  zugrunde  liegt  dem  deutschen 
philosophischen  Streben  der  idealistischen  Zeit  da  steht 
Faust,  sehnsiichtig  Erkenntnisse  erwartend  von  gewissen 
Verrichtungen,  zu  denen  er  sich  aufschwingen  will,  so  der 
Natur  gegenuber,  so  neben  der  Natur,  wie  es  dem  innersten 
Leben  und  Weben  gerade  des  deutschen  Geistes  angemessen 
ist:  sich  in  der  Seele  die  Natur  zu  erschaffen  und  zur  leben- 
digen  Wissenschaft,  zur  lebendigen  Erkenntnis  werden  zu 
lassen.  Deshalb  mu&  Goethe  seinen  Faust  mit  der  Magie 
zusammenbringen. 

Mit  etwas  anderem  bringt  Goethe  seinen  Faust  noch  zu- 
sammen,  mit  etwas,  was  vielleicht  noch  mehr  als  das  magi- 
sche  Element,  das  uns  in  den  ersten  Szenen  entgegentritt 
und  dann  mehr  in  einer,  ich  mochte  sagen,  unmittelbar  dra- 
matischen  Weise  fortgeht,  wahrend  es  sich  als  magisches 
Element  verliert  -  was  vielleicht  noch  mehr  als  dieses  magi- 
sche  Element  als  wunderbar  erscheint  fur  diese  Goethesche 
Faust-Dichtung,  was  nun  auch  innig  verwoben  ist  gerade 
mit  dem  Geistesstreben  des  deutschen  Volkes. 

Versuchen  wir  -  wie  gesagt,  ohne  uns  dogmatisch  oder 
irgendwie  uber  den  Wert  auszusprechen  -  uns  zu  Jakob 
Bohme  zu  stellen;  versuchen  wir  gerade  eine  der  Seiten  des 
Jakob  Bohmeschen  Strebens  vor  unserer  Seele  lebendig  zu 
machen.  Eine  grofie  Frage  steht  vor  Jakob  Bohme  in  bezug 
auf  die  Ratsel  des  Daseins,  die  Frage,  die  aus  der  Welten- 
betrachtung  entsteht,  wenn  man  sagt:  Die  Welt  wird  durch- 
waltet  von  dem  Weltengeiste  in  seiner  Giite,  in  seiner 
Weisheit.  Derjenige,  der  sich  in  den  Weltengeist  zu  vertiefen 
vermag,  empfindet  das  Fluten  der  Weisheit  der  Welt,  das 
Fluten  auch  der  Giite  der  Welt.  Aber  da  stellt  sich  hinein 


das  Bose,  das  Bose  in  der  Form  des  Leidens,  das  Bose  in  der 
Form  der  menschlichen  Taten.  Wenn  man  nun  nicht  auf  die 
Abstraktion  des  Gedankens  sieht,  sondern  wenn  man  sieht 
auf  ein  empfindungs-  und  gefiihlsmafiiges  Erkenntnisstre- 
ben,  auf  ein  Erkenntnisstreben,  das  den  ganzen  Menschen 
ergreift,  so  stent  man  bewundernd  vor  der  Art  und  Weise, 
wie  sich  Jakob  Bohme  die  Frage  nach  dem  Ursprung  des 
Bosen  aufwirft.  Er  kann  iiberhaupt  nicht  umhin,  sich  zu 
sagen:  Den  Weltengeist,  den  gottlichen  Weltengeist,  man 
mu£  ihn  verbunden  denken  mit  den  Quellen  des  Lebens; 
aber  man  findet  nicht  den  Ursprung  des  Bosen,  wenn  man 
sich  also  in  den  Weltengeist  vertieft.  Und  das  Bose  ist  doch 
da.  -  Mit  einer  ungeheuren  Intensitat  ersteht  vor  dem  Er- 
kenntnisstreben Jakob  Bohmes  die  Frage  nach  dem  Ur- 
sprung des  Bosen.  Er  sucht  sie  dadurch  zu  beantworten, 
dafi  er  nach  dem  Bosen  fragt,  wie  man  etwa  fragt  nach  dem 
Ursprung  der  Taten  des  Lichtes.  Das,  was  Jakob  Bohme 
tiefsinnig  entwickelt  hat,  es  kann  der  Kurze  der  Zeit  halber 
nur  durch  diesen  Vergleich  hier  anschaulich  gemacht  wer- 
den.  Wie  man  namlich  niemals  aus  dem  Licht  heraus  das- 
jenige  ableiten  kann,  was  sich  als  die  Taten  des  Lichtes 
zeigt,  sondern  dazu  immer  die  Finsternis  braucht;  wie  man 
aber  die  Finsternis,  mit  der  das  Licht  zusammen  erscheinen 
mufi,  niemals  aus  dem  Licht  selber  ableiten  kann,  wie  man 
vielmehr  zu  diesem  Urgrund  des  Lichtes  gehen  muft,  wenn 
man  die  Taten  des  Lichtes  in  der  aufteren  Natur  priifen 
will,  so  versucht  Jakob  Bohme,  auch  nicht  im  Gottlichen, 
sondern  in  dem,  was  sich  neben  das  Gottliche  hinstellt,  wie 
der  Schatten,  wie  die  Finsternis  neben  das  Licht,  die  man 
nicht  im  Lichte  sucht,  fur  die  man  aber  auch  nicht  in  der- 
selben  Weise  Griinde  braucht,  wie  fur  das  Licht  selber,  -  so 
versucht  Jakob  Bohme  das  Wesenhafte,  nicht  bloft  das  Prin- 
zipielle  des  Bosen  zu  finden.  Er  sucht  es  dadurch  zu  finden, 


daft  er  eben  den  vorher  charakterisierten  Gang  in  die  Un- 
tergriinde  des  Seelischen  unternimmt  und  im  Seelischen  zu- 
gleich  das  Weltendasein  an  seinen  Quellen  zu  ergreifen 
versucht.  So  stellt  er  sich  dem  Bosen  gegeniiber  nicht  wie 
etwas,  das  man  im  Begriffe  erkennt,  sondern  wie  etwas,  das 
er  in  seiner  Realitat,  in  seiner  Wirklichkeit  zu  erf  assen  ver- 
sucht. In  seiner  Art  sich  zum  Bosen  als  zu  etwas  zu  stellen, 
das  man  nicht  dem  Begriff,  sondern  der  Wirklichkeit  nach 
erfassen  will,  folgt  wiederum  Schelling  in  seiner  so  bedeu- 
tungsvollen  Abhandlung  «Philosophische  Untersuchungen 
iiber  das  Wesen  der  menschlichen  Freiheit  und  die  damit 
zusammenhangenden  Gegenstande»,  1809.  So  folgt  Schel- 
ling Jakob  Bohme  bewuftt  in  dem  Aufsuchen  des  Bosen. 

Goethe  hat  aus  der  Tiefe  des  deutschen  Wesens  heraus 
noch  in  einer  ganz  anderen  Art  diese  Ratselfrage  nach  dem 
Bosen  empfunden.  Man  denke  nur,  welcheKlippe  es  eigent- 
lich  war,  in  einer  solchen  Weise  eine  Dichtung  zu  schaffen, 
wie  Goethe  sie  in  seiner  Faust-Dichtung  geschaffen  hat.  Auf 
der  einen  Seite  muftte  Goethe  ein  rein  innerliches  Streben 
darstellen,  das  ja  im  Grunde  genommen,  wie  man  glauben 
konnte,  nur  zum  Ausdruck  zu  bringen  war,  wenn  man 
einen  Menschen  hinstellt,  der  lyrisch  sich  zur  Welt  stellt. 
Goethe  sucht  es  dramatisch  zu  beleben,  wie  Faust  vor  der 
Welt  steht.  Er  sucht  es  allerdings  dadurch,  daft  er  das,  was 
in  der  Seele  lebt,  zugleich  so  auf leuchten  laftt,  daft  es  inner- 
lich  in  der  Seele  lebendig,  daft  es  ein  Aufterliches  wird.  Das 
Dramatische  stellt  den  Menschen  nicht  nur  so  in  die  Welt 
hinein,  wie  er  lyrisch  in  derselben  steht,  sondern  wie  er 
tatig  in  derselben  steht.  Dadurch  ist  Goethe  in  der  Lage, 
wie  er  es  als  Dramatiker  muft,  den  Menschen  aus  der  Sub- 
jektivitat,  aus  der  blofien  Innerlichkeit  des  Wesens  in  die 
auftere  Welt  zu  fuhren.  Aber  man  versuche  sich  vorzu- 
stellen,  welche  Klippe  in  dem  lag,  was  man  in  der  folgen- 


den  Art  charakterisieren  kann.  Nun  soil  Faust  streben,  wie 
der  Mensch,  wenn  er  die  Ratsel  des  Daseins  auf  sich  wirken 
laftt,  vor warts  geht  in  der  Welt,  ein  Kampf  er  wird  in  der 
Welt.  Und  dennoch,  solche  Kampfe,  die  aus  Ratselfragen 
der  Erkenntnis  hervorgehen,  sind  innere  Kampfe.  Da  stent 
der  Mensch  in  der  Regei  allein,  damit  ist  in  der  Regel  nichts 
Dramatisches  verbunden.  Dramen  verlaufen  anders  als  so, 
daft  man  einf  ach  das  Innere  der  menschlichen  Seele  abrollen 
lafk,  Wodurch  ist  denn  Goethe  eigentlich  in  die  Lage  ver- 
setzt  worden,  dasjenige,  was  im  Grunde  nur  eine  innere 
Angelegenheit  der  menschlichen  Seele  ist,  zum  lebendig- 
dramatischen  Bilde  werden  zu  lassen?  Allein  dadurch,  daft 
er  ebenso,  wie  er  auf  der  einen  Seite  durch  die  Magie  das 
Innere  des  Menschen  hinausfiihrt  in  die  Natur,  auf  der  an- 
deren  Seite  dieses  Innere  des  Menschen  hinausfiihrt  in  die 
grofte  Welt,  indem  er  zu  zeigen  versucht,  daft,  wenn  man 
das  Bose  aufsucht  und  es  in  seiner  Wirklichkeit  erfahren 
will,  man  es  nicht  bloft  als  inneres  Prinzip  auffassen  kann 
und  fiir  es  eine  innere  Erklarung  suchen  soil,  sondern  daft 
man  gerade  heraustreten  muft  in  das  Leben,  so  wie  es  einem 
lebensvoll  entgegentritt.  Daher  kann  Goethe  nicht  denBlick 
auf  das  Bose  hinlenken  so,  daft  er  in  ihm  etwas  findet,  was 
blofte  Philosophie  ist,  sondern  er  muft  auf  Wesenhaftes  den 
Blick  lenken,  auf  einen,  der  den  Faust  bekampft,  auf  einen, 
der  die  Verkorperung  des  Bosen  ist,  der  so  lebendig  ist  als 
Prinzip  des  Bosen,  wie  der  Mensch  hier  in  seinem  physi- 
schen  Leibe  lebendig  ist.  Und  er  muft  empfinden  konnen, 
muft  zeigen  konnen,  daft  der  Kampf  mit  dem  Bosen  nicht 
bloft  ein  abstraktes  innerliches  Kampfen  ist,  sondern  daft 
es  ein  Kampf  ist,  der  stiindlich,  augenblicklich  gef uhrt  wird, 
in  dem  der  Mensch  lebt.  In  alledem,  was  er  tut,  trifft  er 
wesenhaft  das  Bose.  So  wurde  diese  Klippe  uberbriickt.  So 
wurde  wirklich  ins  unmittelbare  Dasein,  ins  wesenhafte 


Dasein  hinaus  geschaffen,  was  sonst  abstraktes  philosophi- 
sdies  Prinzip  ist.  Zum  Gehen,  zum  Wandeln,  zum  Handeln, 
zum  Kampfen  wurde  gebracht,  woriiber  man  sonst  spricht, 
Aus  diesen  Griinden  mufke  auf  der  einen  Seite  das  magische 
Element  auf  leben  in  dem  Faust,  indem  Faust  die  Hiille  der 
Natur  zu  durchdringen  versudit.  Nadi  der  andern  Seite 
mulke  das  Bose  als  wesentlich  Faust  gegeniibergestellt  wer- 
den,  als  etwas,  was  viel  mehr  ist  als  das,  was  man  gewohn- 
lidi  Idee  und  BegrifF  nennt;  was  man  gewohnlich  so  auf- 
falk,  als  ob  es  nur  im  Innern  der  Seele  lebt,  das  mufite,  sich 
verkorpernd,  in  die  Welt  hinaus  gestellt  werden.  Und  damit 
mufke  in  der  Dichtung  eben  zu  jener  Vertiefung  in  der 
Auffassung  des  Bosen  gegriffen  werden,  die  wir  als  einen 
so  wunderbaren  Grundzug  des  deutschen  Geistesstrebens 
finden,  von  Jakob  Bohme  herauf  durch  alle  tieferen  deut- 
schen Geister,  die  sich  nicht  befriedigen  konnen,  indem  sie 
das  Bose  nur  aufsuchen  in  philosophischen  Begriffen,  son- 
dern  die  hinauswollen  in  die  Welt.  Und  indem  sie  hinaus- 
gehen  in  die  Welt,  begegnen  sie  dem  Bosen,  so  wie  man 
leibhaftig  einem  anderen  Menschen,  der  physischen  Welt 
begegnet.  Um  das  Innere  geistig  zu  erschlieften,  muiSte  sich 
das  Streben  verbinden  einer  solchen  Anschauung  des  Bosen. 
Das  heifit:  Wie  auf  der  einen  Seite  die  Natur  durch  die 
Magie  bis  zu  ihren  Quellen  erfiihlt  werden  soli,  so  soil  das 
geistige  Leben  dadurch,  daft  das  Bose  selber  als  ein  geistig 
wirksames  Wesen  auf gezeigt  wird,  in  das  menschliche  Leben 
hineingestellt  werden.  So  erhebt  Goethe  als  Dichter  den 
Menschen  auf  den  Schauplatz  des  Ideals,  aber  des  leben- 
digen  Ideals. 

Und  er  war  noch  in  einer  andern  Weise  damit  vor  eine 
Klippe  gestellt,  er,  der  grofie  Kiinstler,  von  dem  Schiller 
sagte,  dafi  er  ein  Griechenland  aus  seiner  eigenen  Innerlich- 
keit  heraus  gebaren  konne.  Er  war  noch  in  einer  anderen 


Weise  vor  eine  Klippe  gestellt,  vor  eine  Klippe,  die  man 
viellexcht  erst  nach  und  nach  in  ihrer  vollen  Bedeutung 
sehen  wird.  Da  steht  in  Faust  der  strebende  Mensch  vor 
uns.  Es  ist  von  vielen  Faust-Erklarern  hervorgehoben  wor- 
den,  daft  Goethe  ein  Groftes  dadurch  getan  habe,  daft  er 
den  Faust  erlost  werden  laftt,  daft  Faust  nicht,  wie  das  in 
friiheren  Faust-Darstellungen  der  Fall  war,  etwa  unter- 
geht,  sondern  daft  Goethe  ihn  erlost  sein  laftt,  weil  man  ja 
in  Gemaftheit  der  neueren  Weltanschauung  annehmen  muft, 
daft  im  Menscheninnern  die  Krafte  liegen,  die  den  Sieg  iiber 
das  Bose  erlangen  konnen.  Ja,  was  das  eigentlich  fur  eine 
Folge  hat  fiir  die  Anschauung  der  ganzen  Faust-Dichtung, 
das  bedenkt  man  gewohnlich  nicht.  Man  sagt  so  vor  sich 
hin:  Der  Goethesche  Faust  konnte  nur  das  werden,  was  er 
geworden  ist,  wenn  Goethe  eben  von  vorneherein  den  Ge- 
danken  hatte,  die  inner ste  Menschennatur  so  zu  beriicksich- 
tigen,  daft  der  Faust  erlost  werden  konne.  Man  denkt  sich 
ein  Drama,  man  denkt  sich  iiberhaupt  ein  Kunstwerk,  das 
in  der  Zeit  verlauft  und  das  groft  sein  soil,  so,  daft  man  von 
Anfang  an  weift,  was  zuletzt  herauskommen  muft.  Und  das 
miiftte  eigentlich  sein.  Denn  von  den  hochsten  Lebensratseln 
muft  ja  der  Mensch,  wie  man  so  meint,  seine  Uberzeugung 
mitbringen.  Eigentlich  wird  damit  nichts  mehr  und  nichts 
weniger  ausgesprochen,  als  daft  der  « Faust » schon  seiner  au- 
fteren  Natur  nach  die  langweiligste  Dichtung  von  der  Welt 
sein  miiftte.  Denn  schlieftlich  weift  jeder  Pedant  heute,  oder 
glaubt  es  wenigstens  zu  wissen,  daft  der  Mensch,  wenn  er 
richtig  strebt,  zuletzt  erlost  werden  soil.  Und  nun  soli  einer 
der  groft  ten  Dichter  eine  grandiose  Weltendichtung  auf- 
fiihren,  um  diese  selbstverstandliche  Wahrheit  durch  alle 
moglichenGestaltungenzuzeigen!  Und  dennoch,  Goethe  ist 
es  gelungen,  nun  nicht  in  irgendeiner  abstrakten  Weise  den 
eben  ausgesprochenen  Gedanken  zu  verkorpern,  sondern 


lebendiges  Leben  vor  uns  hinzustellen  durch  eine  lange, 
lange  Bilderreihe.  Warum?  Einfach  aus  dem  Grunde,  weil 
er  gezeigt  hat,  wie  dasjenige,  was  in  abstrakte  Gedanken 
inner lich  gefa£t  eben  eine  Trivialitat,  eine  Selbstverstand- 
lichkeit  ware,  in  ganz  anderer  Art  ins  Leben  sich  hinein- 
stellt;  weil  er  versucht,  das  Leben  zu  erweitern  auf  der 
einen  Seite  nach  der  magischen,  auf  der  andern  Seite  nach 
der  spirituellen,  nach  der  geistigen  Seite  hin;  weil  ihm  das 
Naturstreben  kein  Wissens-  sondern  ein  magisches  Streben 
ist;  weil  das  Streben  nach  dem  Bosen  oder  das  Erkennen 
des  Bosen  nicht  blofi  eine  philosophische  Sache  sondern 
eine  Lebenssache  ist.  Wie  wird  das  eine  Lebenssache,  was 
sonst  nur  inneres  abstraktes  Streben  der  Seele  ist?  So  wird 
es  eine  Lebenssache,  daf5  der  Mensch,  wenn  er  nun  in  dem 
Sinne  der  Natur  gegeniibersteht,  wie  Faust  im  Sinne  seines 
Strebens  der  Natur  gegeniibersteht,  ja  iiber  das  abstrakte 
Wissen  hinaus  will.  Dasjenige,  was  da  nur  im  BegrifFe 
drinnen  leben  kann,  was  sich  so  als  Ideen,  als  Begriffe  fort- 
spinnt,  iiber  das  will  Faust  hinaus.  Er  will  hinein  in  die 
Sphare  der  Natur,  wo  schaffendes  Leben  ist,  mit  dem  sich 
das  eigene  schaffende  Leben  der  Seele  verbindet,  um  mit 
dem  Schaffen  der  Natur  iiber  das  blofi  abstrakte  Begriffs- 
leben  hinauszukommen. 

Da  kommt  man  aber,  wenn  man  die  Sache  im  vollen 
Leben  ergreift,  in  dasjenige  im  Menschen  hinein,  woraus 
der  Mensch  wiederum  herauskommt  dadurch,  da£  er  sich 
eben  ein  Bewulksein  in  seinen  Begriffen  erwerben  kann. 
Man  braucht  ja  nur  zuruckzugehen  zu  dem,  was  zum 
Beispiel  aus  einem  ernsten  Erkenntnisstreben  heraus  die 
griechischen  Stoiker  wollten.  Sie  wollten  eine  die  Welt 
abglattende,  die  Welt  uberschauende  Weisheit,  die  nicht 
irgendwie  noch  etwas  zu  tun  hat  mit  menschlicher  Leiden- 
schaft.  Der  Mensch  sollte  leidenschaftslos  werden,  leiden- 


schaftslos  sein,  um  im  ruhigen  begriff lichen  Erfassen  der  die 
Welt  durdiwallenden  Weisheit  selber  seine  Seele  aufgehen 
zu  fiihlen.  Warum  wollten  denn  das  die  Stoiker?  Weil  sie 
fiihlten:  Man  kommt  aus  einem  gewissen  Rausch  des  Lebens, 
aus  einem  halb  unbewufiten  Untergetauchtsein  in  das  Le- 
ben  heraus  dadurch,  daft  man  zu  dem  leidenschaftslosen 
Begriff  kommt.  Der  Stoizismus  besteht  gerade  in  dem  Suchen 
eines  rauschfreien  Lebens. 

Nun  steht  durch  den  Gang  der  Menschheitsentwickelung 
diejenige  Personlidikeit,  die  in  Faust  reprasentiert  werden 
soli,  vor  der  Natur  so,  daft  das  Wissen  fiir  sie  zur  Frage 
wird,  dasjenige,  wodurch  sich  der  Mensch  zu  retten  ver- 
sucht  aus  dem  Rausche  des  Lebens  heraus.  Er  kann  hinein- 
kommen  in  den  Rausch  des  Lebens;  indem  er  mit  den 
Schaff  enskraften  der  Seele  untertaucht,  nimmt  er  eben  nicht 
diejenigen  Krafte  auf,  mit  denen  er  sich  gerade  erhoben  hat, 
sondern  er  taucht  unter,  sucht  Untergrunde  der  Seele  mit 
den  Untergriinden  der  Natur  zu  verbinden.  Daraus  ent- 
steht  aber  dasjenige,  was  nun  derlrrtum  des  Faust  im  ersten 
Teil  der  Dichtung  ist,  das  Untertauchen  in  die  Sinnlichkeit, 
in  das  sinnliche  Leben,  sogar  ins  auftere  triviale  Leben,  das 
er  durchmachen  mufi  in  der  eigenen  Personlidikeit,  weil  er 
das,  was  in  der  eigenen  Personlidikeit  lebt,  was  in  den  Tie- 
fen  der  Seele  lebt,  verbinden  soli  mit  dem,  was  in  den 
Tiefen  des  Weltdaseins  lebt.  Lebensvoll  den  Irrtum,  durch 
den  der  Mensch  in  seiner  Seele  gepriifl  werden  kann,  dar- 
zustellen,  das  wird  dieAufgabe  des  ersten  Teiles  des  «Faust» 
und  auch  noch  eines  grofien  Stiickes  im  zweiten  Teil  des 
«Faust». 

Inwiefern  der  Mensch,  indem  er  die  Welt  personlich,  die 
Welt  in  ihrer  Macht  durch  das  Wissen  ergreifen  will,  der 
Gefahr  sich  aussetzt,  in  das  Personliche  unterzutauchen  und 
in  den  Strudel  des  Lebens  hereingerissen  zu  werden,  das 


wird  im  «Faust»  dargestellt.  Und  das  hangt  nicht  ab  von 
irgendeiner  abstrakten  Lehre,  sondern  davon,  wie  dieser 
Faust  im  Willen,  in  seinem  Charakter  ist.  Dadurch  wird 
die  Dichtung  eigentlich  erst  zur  Dichtung.  Und  auf  der 
andern  Seite:  indem  der  Mensch  nach  einer  wirklichen  Er- 
kenntnis  des  Bosen  strebt  und  nidit  zufrieden  ist  mit  einer 
prinzipiellen,  mit  einer  begrifflichen  Auf f assung  des  Bosen, 
muS  er  ja  dasjenige,  was  das  gewohnliche  Seelenleben  ist, 
durchbrechen;  denn  da  findet  er  nur  Begriffe,  Ideen,  Emp- 
fmdungen.  Er  mufi  hindurch  durch  dieses  Seelenleben,  er 
mufi  dahin,  wo  der  Mensdi,  ohne  durch  die  Sinne  das 
Wesenhaft-Wirkliche  zu  sehen,  durch  die  reinen  Seelen- 
erlebnisse  ein  Wesenhaft-Wirkliches  wahrnimmt,  aus  dem 
Geiste  heraus  ein  Wesenhaft-Wirkliches  wahrnimmt.  Das 
wird  die  Aufgabe  desjenigen,  der  das  Bose  in  seiner  Wirk- 
lichkeit  erlebend  erkennen  will.  Das  wird  die  Aufgabe  des 
Faust  gegeniiber  dem  Mephistopheles.  Aber  der  Mensch 
kann  ja  gar  nicht  so,  wie  er  zunachst  ist,  an  dieses  Bbse 
herankommen.  Es  ist  geradezu  eine  Unmoglichkeit,  an  das 
Bose  heranzukommen,  so  wie  der  Mensch  zunachst  ist;  denn 
die  Welt  muft  man  erkennen,  und  man  kann  sie  nur  er- 
kennen, indem  man  sie  in  der  Seele  erkennt.  Man  mufi  sich 
Begriffe  machen.  Man  mufi  das,  was  in  der  Seele  erlebt 
werden  kann,  in  der  Seele  haben.  Man  kann  ja,  wie  neuere 
Phllosophen  so  recht  und  so  unrecht  zugleich  versichert 
haben,  sein  Bewufksein  nicht  uberschreiten.  Aber  wenn  man 
im  Bewufitsein  bieibt,  so  bleibt  das  Bose  nur  abstrakter 
Begriff,  tritt  nicht  wesenhaft  auf. 

Faust  steht  vor  einer  grofien,  sozusagen  unmoglichen 
Aufgabe.  Doch  grofi  ist,  wie  es  im  «Faust»  selber  heifk, 
«der  Unmogliches  begehrt».  Faust  steht  vor  der  geradezu 
unmoglichen  Aufgabe,  das,  was  allein  Quell  seines  Bewufk- 
seins  ist,  zu  uberschreiten,  aus  dem  Bewufitsein  herauszu- 


gehen.  Das  wird  sein  weiterer  Weg,  der  Weg  aus  dem 
gewohnlichen  Bewufksein  der  Seele  heraus.  Wir  werden 
morgen  von  dem  Erkenntnisweg  sprechen  aus  dem  gewohn- 
lidien Bewufksein  zu  denjenigen  Gefilden  hin,  wo  der  Geist 
unmittelbar  als  Geist  ergriffen  wird.  Vor  Faust  steht  dies 
als  eine  Aufgabe.  Das  Bose  wesenhaft  kann  er  nicht  finden 
auf  dem  Felde,  auf  welches  das  Bewufksein  zunachst  gerich- 
tet  ist.  Daher  mufi  er  wiederum,  und  jetzt  nicht  in  allge- 
meiner  trivialer  abstrakter  Weise,  dazu  kommen,  die  Ver- 
sohnung  des  Menschen  mit  dem  Dasein  zu  finden,  sondern 
so,  wie  er  es  als  individueller  Mensch  vermag.  Es  mufi  ge- 
zeigt  werden,  wie  er  aus  dem  gewohnlichen  Bewufksein 
herausfindet  zu  einer  Erfassung  des  Lebens,  die  nun  aus 
tieferen  Kraften  des  Seelischen  stammt. 

So  sehen  wir  Faust  hingehen,  indem  er,  ich  mochte  sagen, 
uberall  das  Weltendasein  angreift  und  betastet,  innerlich 
betastet,  um  zu  sehen,  wo  er  die  Pforte  findet,  urn  durch  die 
Hiille  ins  Innere  zu  kommen.  So  sehen  wir,  wie  er  sich  auf- 
schwingt  so  weit,  dafi  er,  indem  er  die  Seele  umgewandelt 
und  immer  mehr  umgewandelt  hat,  im  Erleben  wirklich  in 
diejenigen  Tiefen  heruntersteigt,  nach  denen  Jakob  Bohme 
strebte  und  die  uns  im  zweiten  Teile  des  «Faust»  dann 
dadurch  angedeutet  werden,  dafi  Faust  ein  Weitestes,  ein 
Grofttes,  ein  Hochstes  und  zugleich  Tiefstes,  das  er  schon 
in  seinem  Gang  zu  den  Muttern  angestrebt  hat,  findet,  in- 
dem ihm  die  Sinne  schwinden,  indem  er  erblindet  und  in 
seinem  Innern  nun  inneres  helles  Licht  auflebt.  Aus  dem 
gewohnlichen  Bewufksein  heraus  zu  einem  anderen  Be- 
wufitsein,  zu  einem  Bewulksein,  das  in  den  Tiefen  der 
Seele  schlummert,  wie  die  Tiefe  der  Quellen  der  Natur 
unter  der  Hiille  der  Natur  schlummert,  die  man  mit  den 
aufieren  Sinnen  sieht,  zu  einem  tieferen  Bewufksein,  das 
den  Menschen  zwischen  Geburt  und  Tod  immerdar  be- 


gleitet,  das  aber  im  gewohnlidien  Bewufkseinsfelde  nicht 
vorhanden  ist,  dazu  raufi  Faust  gefiihrt  werden.  In  zwie- 
facher  Weise  mu$  Faust  gefiihrt  werden  durch  die  Erkraf- 
tung  des  ideellen  Lebens  zu  den  Pforten,  die  aus  der  Ab- 
straktheit  der  Idee  in  das  Lebendige  des  geistigen  Daseins 
selber  hinfiihren:  Als  Magier  klopft  Faust  an  die  Pforte 
zum  Dasein,  die  aus  der  bloften  Betrachtung  der  Natur 
zum  Mitschopfen  an  der  Natur  fiihrt;  in  seinem  Umgang, 
im  lebendigen,  dramatischen  Umgang  mit  Mephistopheles 
und  mit  alledem,  was  sich  daran  gliedert,  klopft  Faust  an 
die  andere  Pforte,  an  jene  andere  Pforte,  die  aus  dem  ge- 
wohnlidien Bewufksein  der  Seele  hinausfiihrt  zu  einem 
Oberbewufksein,  zu  einem  ubersinnlichen  Bewufksein,  das 
eine  geistige  Welt,  aus  der  audi  das  Bose  wirklich  stammt, 
hinter  dem  gewohnlidien  Seelendasein  so  erschliefk,  wie  die 
aufiere  natiirliche  Offenbarung  eben  nur  der  Ausdruck  ist 
desjenigen,  was  ganz  in  der  Natur  lebt  und  webt. 

Durch  die  Verbindung  mit  dem,  was,  man  kann  sagen, 
dem  deutschen  Volksgeiste  ureigentiimlich  ist,  hat  Goethe 
eine  Dichtung  geschaffen,  die  eigentlich  im  allerschwierig- 
sten  Sinne  nur  eine  Dichtung  werden  konnte.  Denn  das 
Unsinnlichste,  das  dem  Sinnlichen  ganz  Feme,  das  rein 
Innerliche,  sollte  dramatisch  gestaltet  werden.  Aber  dieses 
Innerliche  wird  nur  dramatisch,  wenn  man  es  erweitert 
nach  zwei  Grenzen  hin.  Und  Goethe  hat  die  Notwendig- 
keit  dieses  Erweiterns  nach  zwei  Grenzen  hin  empfunden. 
Damit  hat  er  sich  die  Moglichkeit  geschaffen,  diese  einzig- 
artige  Dichtung,  auf  die  gewissermaften  innerhalb  eines 
anderen  Volkes  gar  keiner  in  derselben  Weise  gekommen 
ist,  in  die  Weltenentwickelung  hineinzustelien. 

Man  kann,  wenn  man  diese  Gedanken  hat,  noch  viel- 
leicht  die  Frage  aufwerfen:  Ja,  aber  hat  damit  Goethe 
nicht  eigentlich  eine  Dichtung  geschaffen,  zu  deren  Ver- 


standnis  man  viel,  viel  Vorbereitung  braudit?  Es  scheint 
fast  so.  Denn  die  Kommentare,  welche  die  Gelehrten,  die 
deutschen  und  auEerdeutschen  Gelehrten,  iiber  Goethes 
«Faust»  geschrieben  haben,  fiillen  mehrere  Bibliotheken, 
nicht  blofi  eine.  Aber  wenn  man  danach  audi  glauben 
konnte,  es  gehore  viel  Vorbereitung  dazu,  die  Faust-Dich- 
tung  zu  verstehen,  dann  muft  doch  wiederum  der  Gedanke 
vor  einem  aufleuchten:  Woraus  hat  denn  Goethe  diese 
Faust-Dichtung  eigentlich  gemacht?  Aus  einem  abgezoge- 
nen  philosophischen  Streben  heraus?  Aus  Spekulation  iiber 
die  magischen  Grundlagen  der  Natur?  Oder  aus  Speku- 
lation iiber  die  Quellen,  iiber  die  Urspriinge  des  Bosen? 
Nein,  wahrhaftig  nicht!  Das Puppenspiel hater gesehen,  eine 
reine  Volksdarstellung,  das  Volksschauspiel  von  dem  Faust, 
das  den  einfachsten  Gemutern  vorgefiihrt  wurde,  hat  er  ge- 
sehen, und  was  darinnen  lebt  und  webt,hat  er  umgeschaffen 
in  seinem  Sinn.  Gerade  die  Faust-Dichtung  stellt  uns  daher 
im  besten  Sinne  ein  Kunstwerk  und  ein  Geisteswerk  dar, 
das,  wenn  man  nur  auf  das  Allerallgemeinste  der  Ent- 
stehung  sieht,  zeigt,  wie  dieser  Gipfel  deutschen  Geistes- 
lebens  aus  dem  unmittelbarsten  Volkstum,  das  heiftt  aus 
dem  Elementarsten  des  Volksgeistes  hervorgequollen  ist, 
wie  zusammenhangt  deutsches  idealistisches  Geistesstreben 
mit  dem  Wesen  des  deutschen  Volksgeistes.  Audi  historisch 
ist  es  nachweisbar  an  dem  Hervorgehen  der  hochsten  Dich- 
tung  der  Menschheit  aus  dem  einfachsten  Volksschauspiel. 
Dies  ist  ein  bedeutungsvolles  welthistorisches  Schauspiel, 
dafi  ein  Geist,  der  sich  so  tief  einsenken  kann  in  seinem 
innern  Arbeiten  in  das  Volkstum  wie  Goethe,  der  aus  dem 
primitivsten  Volkstum  heraus  ein  Allerhochstes  zu  schaffen 
vermag,  ein  Allerhochstes,  das,  wie  wir  zeigen  konnten, 
zusammenhangt  audi  mit  dem  bedeutsamsten  philosophi- 
schen Streben,  mit  dem  philosophischen  idealistischen  Stre- 


ben  in  Deutschlands  grofier  Geisteszeit.  Man  sieht  im 
Faust  -  wie  gesagt,  die  Dinge  diirfen  nicht  dogmatisch  ge- 
nommen  werden  -  den  strebenden  Fichte.  Inwiefern?  Fidite 
sucht  nicht  wie  Descartes,  wie  Cartesius,  durch  das  Sich- 
zum-Bewufksein-Bringen  des  Denkens  das  Sein,  das  Ich  zu 
ergreifen,  sondern  Fichte  sucht  das  Sein,  das  Ich  zu  ergrei- 
fen,  indem  er  sich  zusammenstellt  mit  den  weltschopfe- 
rischen  Kraften,  die  in  das  Innere  der  Seele  hereinspielen, 
so  dafi  das  Ich  sich  in  jedem  Augenblick  selber  schafft.  Wir 
sehen  dies,  nur  in  das  dramatische  Wollen,  ins  unmittelbar 
Lebendige  umgesetzt,  in  Faust  wiederum  auf  leuchten.  Faust 
ist  nicht  zufrieden  mit  dem  Selbst,  das  ihm  iiberliefern 
konnte  das  menschliche  Wissensstreben,  sondern  er  will  das 
eigene  Selbst  in  der  Geisteswelt  unmittelbar  erleben.  Der 
ganze  Fortgang  der  drama tischen  Handlung  im  « Faust » 
besteht  ja  darin,  dafi  das  Ich  in  seinem  Umgang  mit  der 
Welt  sich  neu  schafft,  sich  immer  erhoht.  Fichte  lebt  in  dem 
Goetheschen  Faust;  auch  Schelling  lebt  in  dem  Goetheschen 
Faust,  indem  Faust  auf  der  einen  Seite  versucht,  das  Wahre 
der  Magie  mit  seiner  Seele  zu  vereinigen,  aber  auch  das 
wahre  Streben  in  die  Untergriinde  der  Seele  sucht;  indem 
er  dasjenige,  was  in  dem  gewohnlichen  Seelenleben,  in  Den- 
ken,  Fiihlen  und  Wollen  nicht  gefunden  werden  kann,  in 
seinem  Umgang  mit  dem  Reprasentanten  des  Bosen,  als 
eines  unmittelbaren  Geistes,  zu  finden  sucht.  Faust  sucht 
wahrhaftig  die  Natur  da  auf,  wo  sie  im  Schaffen  lebt. 
Schelling  hatte  sie,  ich  mochte  sagen,  in  einer  vermessenen 
Weise  erklart,  als  er  sagte:  Die  Natur  verstehen,  heifk  die 
Natur  schaffen!-  Fichte  steht  auf  gesunderemBoden,  indem 
er  sagt:  Die  Natur  verstehen  heifk,  sich  mit  seinem  eigenen 
Schaffen  in  das  Schaffen  der  Natur  hineinzuleben.  -  Aber 
man  sieht,  wie  die  Kraft  nach  einem  tieferen  Erkenntnis- 
streben,  nach  den  Quellen  des  Daseins  auch  in  Fichte  lebt. 


Hegel  strebte  nach  dem  niichternen  Gedanken,  und  man 
kann  nicht  niichterner  sein  als  HegeL  Der  Weltengeist,  mit 
dem  sich  die  Seele  in  der  Hegelschen  Philosophic  zu  ver- 
einigen  versucht,  wird  zum  bloften  Logiker.  Den  gottlichen 
Weltengeist  sich  zu  denken  als  eine  logische  Seele,  weiche 
die  Welt  nur  logisch  aufbaut!  Man  darf  es  nicht  dogmatisch 
nehmen,  aber  nehmen  muft  man  es  als  Ausdruck  des  Stre- 
bens,  das  selbst  noch  in  der  aufiersten  Logik  mystisch  bleibt, 
das  nach  einer  Vereinigung  des  Tiefsten  der  Seele  mit  dem 
Gipfel  des  ganzen  Weltendaseins  selber  in  Natur  und  Ge- 
schichte  sucht.  So  muft  auch  Hegel  genommen  werden,  daft 
man  das  eigene  Selbst  nicht  finden  kann  in  dem,  was  uns 
die  Sinne  liefern,  sondern  allein  in  dem,  was  die  Menschen- 
seele  in  sich  erreichen  kann,  wenn  sie  aus  der  Sinnenwelt 
herauskommt.  Das  ist  auch  bei  Hegels  Philosophic  ange- 
strebt.  Und  Faust,  nachdem  ihm  das  Augenlicht  erloschen 
ist,  leuchtet  im  Innern  helleres  Licht.  Was  Hegel  auf  dem 
rechten  Wege  sucht,  nur  nicht  als  rechtesZiel  gewahr  werden 
kann,  das  sucht  Faust:  das  eigene  Selbst  ruhend  aufgehen 
zu  lassen  im  Welten-Selbst,  sich  mit  diesem  zu  vereinigen, 
um  so  das  Welten-Selbst  im  eigenen  Selbst  zu  erleben. 

Kann  man  nicht  sagen,  wie  Wilhelm  von  Humboldt 
gesagt  hat,  dieses  deutsche  Streben  hat  auch  in  einer  schonen 
Weise  nicht  nur  versucht,  den  Zusammenklang  zwischen 
Philosophic  -  wenn  man  das  Streben  nach  einer  Welt- 
anschauung so  nennen  will  -  und  der  Poesie,  der  Kunst 
iiberhaupt,  herzustellen,  sondern  der  deutsche  Geist  hat 
dieses  Streben  auch  im  Faust  in  einer  ganz  einzigartigen 
Weise  zur  aufkren  Ausgestaltung,  zum  aufteren  Ausdruck 
gebracht?  Charakterisiert  sich  nicht  gerade  das,  wasDeutsch- 
tum  ist,  in  diesem  harmonischen  Zusammenklingen  desjeni- 
gen,  was  die  Phantasie  schafft,  und  desjenigen,  was  der 
Wahrheitssinn  sucht?  Findet  man  nicht  sonst  in  der  Welt  zu 


allermeist  die  Anschauung,  die  Phantasie  schafFe  eben  in 
Freiheit,  aber  in  Unwirklichkeit?  Der  Wahrheitssinn  schafft 
zwar  nach  dem  Notwendigen  des  Daseins,  aber  er  kommt 
dadurch  nicht  zu  einem  wirklichen  Leben,  nur  zu  einer  Ver- 
gegenstandlichung,  zu  einem  Reprasentieren  des  Erlebens. 
Die  Phantasie  aus  ihrer  Unwirklichkeit  herauszuholen  und 
das,  was  sie  zu  schafFen  vermag,  so  zu  beleben,  daft  das  Ge- 
schaffene  mit  dem  lebendigen  Geist  zusammenlebt,  so 
daft  Einklang,  harmonischer  Einklang  zwischen  Poesie 
und  Philosophie  audi  einmal  in  einem  Werke  der  Kunst 
dastehen  kann,  -  das  versucht  Goethe  aus  der  ganzen 
Ursprunglichkeit  und  dem  wahrhaftig  gar  nicht  Philo- 
sophischen  seines  Wesens  heraus.  Und  hat  er  es,  dieses 
Harmonisierende  zwischen  Poesie  und  Philosophie,  zwi- 
schen Phantasie  und  Weltanschauung  erreicht,  indem  er 
sich  verbunden  hat  mit  den  Quellen  des  Allervolkstum- 
lichsten  des  deutschen  Wesens,  so  darf  man  sagen:  So  wie 
dieses  Goethesche  SchafFen  -  man  konnte  es  audi  an  an- 
deren  seiner  Werke  zeigen,  aber  es  zeigt  sich  am  klarsten, 
am  ausdrucklichsten  an  seinem  «Faust»  -  sich  da  zeigt  im 
Zusammenhang  mit  dem,  was  wiederum  die  idealistische 
deutsche  Weltanschauung  gesucht  hat;  da  ist  es  zwar,  so  wie 
es  jetzt  vor  uns  steht,  scheinbar  das  Geistesgut  von  Weni- 
gen,  die  sich  besonders  dazu  vorbereiten.  Man  kann  audi 
den  Blick  darauf  werf  en,  dafi  im  Grunde  genommen  An- 
hanger  und  Gegner  im  weiteren  VerlauF  des  deutschen 
Geisteslebens  bis  in  unsere  Zeit  herein  sich  auseinander- 
zusetzen  versuchten  mit  den  Wegen,  die  dazumal  in  der 
Goethe-,  Schiller-,  Schelling-,  Hegel-Zeit  genommen  wor- 
den  sind.  Unendliche  Muhe  hat  man  aufgewendet,  um  so 
recht  zu  verstehen,  was  dazumal  an  Wegen  genommen 
wurde,  auf  denen  man  die  Quellen  des  Daseins  finden  kann. 
Wer  sich  tieFer  einlafit  auF  dasjenige,  was  auF  dem  Schau- 


platz  des  deutschen  Idealismus  gelebt  hat,  der  wird  viel- 
leicht  aber  zu  der  Anschauung  kommen,  daft  dasjenige,  was 
da  ausgestaltet  worden  ist,  doch  nicht  das  Gut  nur  Weni- 
ger,  nur  Einzelner  zu  bleiben  br audit.  Gewift,  wenn  man 
sich  heute,  so  wie  Fichte,  Sdielling,  Hegel  selber  ihre  Welt- 
anschauung dargestellt  haben,  darein  vertiefen  will,  wenn 
man  sich  auf  ihre  Biicher  einlafit,  so  schlagt  man  in  begreif- 
licher  Weise  die  Biicher  bald  wieder  zu,  wenn  man  nicht  ein 
besonderes  Studium  daraus  machen  will.  Denn  begreif- 
licherweise  kann  man  sagen:  Dieses  alles  ist  ja  ganz  unver- 
standlich.  Daran  soil  auch  weiter  gar  nicht  Kritik  geiibt 
werden  gegeniiber  denjenigen,  die  das  Unverstandliche  und 
Unverdauliche  davon  behaupten.  Aber  es  gibt  eine  Mog- 
lichkeit,  und  diese  Moglichkeit  ist  durch  die  menschliche 
Entwickelung  eigentlich  geboten,  daft  das,  was  so  scheinbar 
ein  unverdauliches  Gut  fiir  wenige  ist,  ganz  popular  werden 
kann,  wirklich  Eingang  finden  kann  in  das  ganze  geistige 
Kulturleben  der  Menschheit.  Daft  man  einmal  das  Welten- 
streben  des  Menschen  in  solcher  Weise  erfaftt,  wie  es  im 
deutschen  Idealismus  erfaftt  worden  ist,  dazu  war  notwen- 
dig,  daft  einige  einmal  sich  ganz  und  gar  der  besonderen 
Ausgestaltung  von  Begriffen,  von  Ideen  widmeten,  daft  sie 
das  in  einer  Einsamkeit  des  geistigen  Lebens  versuchten, 
die  eben  als  solche  einzig  dasteht. 

Aber  dabei  braucht  es  nicht  zu  bleiben.  Moglich  ist  es, 
dasjenige,  was  in  Fichte  in  so  abstrakten,  so  abstrusen,  wie 
viele  von  ihrem  Standpunkte  aus  mit  Recht  vielleicht  sagen 
werden,  vertrackten  Gedanken  lebt,  so  popular  darzu- 
stellen  -  ich  weift,  daft  ich  damit  fiir  viele  etwas  Paradoxes 
sage,  aber  die  Zeit  wird  lehren,  daft  es  richtig  ist  wenn 
man  sich  in  den  Geist,  in  die  Art  hineinlebt,  so  darzustellen, 
daft  man  es  dem  Knaben,  dem  Madchen  in  f riihester  Jugend 
unmittelbar  beibringen  kann;  daft  es  eingesehen  werden 


kann  so,  wie  man  etwas  einsieht,  was  ganz  in  der  Natur  des 
menschlichen  Lebens  liegt,  wenn  man  dieses  menschliche 
Leben  ergreifen  will.  Und  so  mit  all  den  anderen  dieser 
Geisteshelden!  Geradeso  kann  man  das,  wie  man  das  bei 
den  Grimmschen  Marchen  kann.  Es  gehort  nicht  mehr  gei- 
stige  Regsamkeit  der  Seele  dazu,  Goethe,  Fichte,  Schelling, 
Hegel  in  dem  Tiefsten  ihrer  Schb'pfungen  zu  erkennen,  zu 
erf  iihlen,  zu  empfinden,  als  zum  richtigen  phantasiema£igen 
Erfassen  eines  Marchens  gehort,  wie  es  in  den  Grimmschen 
Marchen  steht.  Aber  der  Weg  wird  den  Menschen  erst  dazu 
fuhren  miissen,  so  mit  etwas  zu  leben,  was  zum  Hochsten 
gehort,  das  die  Menschheit  an  Erkenntnis-  und  an  Dich- 
tungswesen  durchgemacht  hat.  Und  das  ist  die  Bedeutung 
dieses  idealistischen  Strebens  des  deutschen  Geistes.  Wenn 
man  einmal  zeigen  wird,  wie  man  in  einfacher  Weise  das 
Wesen  der  Seele  erfassen  kann,  indem  man  appelliert  an 
die  schopferischen  Krafte,  die  jedem  aufgehen  werden, 
wenn  man  ihn  nur  in  der  rechten  Weise  hinweist,  dann 
wird  man  dasjenige  in  einfacher  Weise,  in  elementarer 
Weise,  in  unmittelbarer  Weise  an  den  Menschen  heran- 
bringen,  wozu  Fichte,  um  es  zum  erstenmal  zu  finden,  aller- 
dings  eine  besondere  Hohe  des  Geistes  brauchte.  So  ist  es 
audi  fur  das  andere.  Aber  ist  das  gar  so  unerhort,  was  ich 
da  sage?  Ich  glaube  nicht,  dafi  es  derjenige  so  unerhort 
finden  wird,  der  sich  daran  erinnert,  wie  er  in  der  Schule 
begreifen  gelernt  hat  den  pythagoraischen  Lehrsatz.  Aber 
er  ist  deshalb  doch  wohl  nicht  aufgelegt,  sich  fur  einen 
Pythagoras  zu  halten,  obwohl  die  geistige  Stufe,  die  Gei- 
steskraft  des  Pythagoras  dazu  notwendig  war,  um  damit 
den  pythagoraischen  Lehrsatz  zuerst  zu  finden.  Ein  inten- 
siver  Strom  geistigen  Weltenerlebens  wird  gehen  von  dem, 
was  allerdings  in  einsamen  abstrusen  Gedanken  innerhalb 
des  deutschen  Idealismus  beste  deutsche  Geister  gesucht 


haben,  bis  herunter  in  das  gewohnlichste  Streben  und  Leben 
des  Menschen. 

Und  vieles,  unendlich  vieles  wird  dieses  gewohnliche 
Streben  des  Menschen  haben,  wenn  es  sich  in  richtiger  Weise 
zu  stellen  vermag  zu  dem  immer  Schopferischen  und  bis  in 
sein  bewulkes  Stehen  im  Unendlichen  hinein  Sich-schopfe- 
risch-Fuhlen  des  menschlichen  Ich.  In  diesem  Aufgehen  in 
der  schaffenden  Natur  wird  die  Menschenseele  erst  die  gro- 
fien  Schonheiten  der  sich  offenbarenden  Natur  erleben  und 
fuhlen  konnen.  Und  in  ahnlicher  Weise  gilt  das  fiir  die 
andern  Elemente  dieses  deutschen  Geisteslebens. 

Man  mufi  dies  fuhlen,  dann  uberkommt  einen  das  rechte 
Empflnden  von  dem  Zusammenhang  des  deutschen  Stre- 
bens  mit  dem  gesamten  Weltenstreben.  Und  diese  Empfm- 
dung  in  unseren  Tagen  auf leben  zu  lassen,  es  erscheint  unse- 
rer  schicksaltragenden  Zeit  gegeniiber  gewift  angemessen. 
Und  es  gehort  schon  zu  dem,  worin  die  deutsche  Seele  ihre 
Kraft  findet.  Dafiir  zum  SchJusse  ein  Beispiel. 

Noch  bevor  aus  den  Weltenzusammenhangen  heraus,  aus 
der  Geschichte  heraus,  die  Einheitsgestaltung  des  deutschen 
Volkes,  der  deutsche  neue  Staat  entstanden  ist,  schreibt  ein 
unbekannt  gebliebener  Geist  in  derBetrachtung  desGoethe- 
schen  «Faust»  schone  Worte  hin.  1865  war  es.  Ich  fiihre 
diese  Worte  eines  sonst  ganz  unbekannten  «Faust»-Erklarers 
nur  an,  weil  sie  das  aussagen,  was  unzahlige  andere  auch 
genauso  gefuhlt  haben.  Unzahlige  der  besten  deutschen 
Geister  haben,  seit  es  jene  Erhebung  im  deutschen  Idealis- 
mus  gegeben  hat,  von  der  wir  auch  heute  wieder  gesprochen 
haben,  den  Zusammenhang  gefuhlt  zwischen  den  Wegen, 
welche  die  Idee,  die  der  Idealismus  nimmt  in  den  Geist  der 
Natur  und  in  die  tief  eren  Grundlagen  des  Seelisch-Geistigen 
selber.  Sie  haben  gefuhlt,  dafi  es  einen  Zusammenhang  gibt 
zwischen  dem,  was  der  deutsche  Geist  auf  seiner  Hohe  fiir 


den  Gedanken  geschaffen  hat,  was  er  als  Summe  von  Ge- 
danken  und  kiinstlerisdien  Schopfungen  der  Menschheit 
iibergeben  hat,  einen  Zusammenhang  zwischen  all  diesem 
und  dem,  was  an  Kraften  auch  leben  kann  in  der  deutschen 
Tat,  in  dem,  was  nun  das  deutsche  Volk  zu  tun  hat,  wenn 
es  auf  anderem  Schauplatze  als  auf  dem  des  Gedankens 
seine  Weltenkampfe  auszufiihren  hat.  Den  Zusammenhang 
zwischen  dem  deutschen  Geistesleben  und  der  deutschen 
Tat  haben  gerade  diejenigen  am  tiefsten  empfunden,  die 
den  deutschen  Gedanken  und  das  deutsche  idealistische 
Schaffen  am  hochsten  in  ihrer  Art  zu  stellen  wufiten.  Und 
aus  der  Betrachtung  der  Vergangenheit  des  deutschen  Idea- 
lismus  mit  seiner  Erhebung  zu  den  Hohen,  wo  der  Gedanke 
in  das  Leben  des  Geistes  einfuhrt,  -  aus  der  Betrachtung 
dieser  Sphare  des  deutschen  Idealismus  ist  immerdar  her- 
vorgegangen  die  schonste  Hoffnung  dafiir,  daft  das  deut- 
sche Volk  aus  demselben  Urquell  heraus  den  Impuls  zur 
Tat  fmden  werde,  wenn  es  ihn  braucht. 

Was  an  vielen  gezeigt  werden  konnte,  an  einem  -  und 
gerade  absichtlich  an  einem  ganz  wenig  Bekanntgeworde- 
nen,  Kreyssig,  einem  «Faust»-Erklarer,  sei  das  zum  Schlusse 
angefuhrt.  Kreyssig,  indem  er  eine  Schrift  iiber  den  Goethe- 
schen  « Faust »  geschrieben  hat,  in  der  er  sich  klar  zu  werden 
versuchte  in  seiner  Art,  1865,  was  Goethe  mit  seinem 
« Faust »  eigentlich  gewollt  hat,  er  schliefk  mit  den  Worten: 

«Und  so  wiifken  wir  denn  auch  den  Gesamteindruck,  den 
die  Betrachtung  dieses  immerhin  unvollendet  und  Bruch- 
stiick  gebliebenen  Riesendenkmals  unserer  groften  Bildungs- 
epoche  [hinterla^t],  hier  nicht  besser  zusammenzufassen  als 
in  die  einfache  Erinnerung  an  eine  Stelle  aus  dem  beriihm- 
ten  Vermachtnisse  des  damals  75 jahrigen  Dichtergreises  an 
die  fiir  das  Auftreten  in  neuen  Bahnen  sich  riistende  jun- 
gere  Welt.» 


Goethes  Gedanken  selber  fiihrt  Kreyssig  an,  da  wo  er 
ins  Auge  falk  die  Art,  wie  Goethe  bis  ins  hohe  Alter  den 
Weg  in  die  geistige  Welt  hinein  gesucht  hat.  Kreyssig  sagt 
aus,  wie  ihm  die  Kraft,  die  in  diese  geistige  Welt  hinein- 
fiihrt,  zusammenzuhangen  scheint  mit  jener  Kraft,  die  die 
deutsche  Tat  schafFen  soil  in  fernen,  fernen  Zeiten,  die 
Goethe  als  Greis  nur  ahnen  konnte: 

Der  ernste  Stil,  die  hohe  Kunst  der  Alten, 

Das  Urgeheimnis  ewiger  Gestalten, 

Es  ist  vertraut  mit  Menschen  und  mit  Gottern, 

Es  wird  in  Felsen  wie  in  Biichern  blattern. 

Denn  was  Homer  erschuf  und  Scipionen, 

Wird  nimmer  im  gelehrten  Treibhaus  wohnen! 

Sie  wollten  in  das  Treibhaus  uns  verpflanzen; 

Allein  die  deutsche  Eiche  wuchs  zum  Ganzen! 

Ein  Sturm  des  Wachstums  ist  ihr  angekommen, 

Sie  hat  das  Glas  vom  Treibhaus  mitgenommen. 

Nun  wachs,  o  Eich',  erwachs  zum  Weltvergniigen. 

Schon  seh  ich  neue  Sonnenaare  fliegen. 

Und  wenn  sich  meine  grauen  Wimpern  schliefien, 

So  wird  sich  noch  ein  mildes  Licht  ergieflen, 

Von  dessen  Wider  schein  von  jenen  Sternen 

Die  spaten  Enkel  werden  sehen  lernen, 

Und  in  prophetisch  hoheren  Gesichten 

Von  Welt  und  Menschheit  Hoh'res  zu  verrichten. 

Und  der  «Faust»-Erklarer  fiigt  hinzu  - 1865  -: 
«Fugen  wir  noch  den  Wunsch  hinzu,  daft  das  des  von  bes- 
seren  Sternen  mit  mildem  Lichte  auf  uns  herabblickenden 
Meisters  Wort  in  Erfiillung  gehen  moge  an  seinem  in  Dun- 
kel,  Verwirrung  und  Drang,  aber,  so  Gott  will,  mit  unver- 
wiistlicher  Kraft  seinen  Weg  zur  Klarheit  suchenden  Volke, 
und  dafi  <in  jenen  hoheren  Berichten  von  Gott  und  Mensch- 


heit>,  welche  der  Dicliter  des  «Faust»  von  den  kommenden 
Jahrhunderten  erwartet,  audi  die  deutsdie  Tat  nicht  mehr 
als  symbolisches  Schemen,  sondern  in  schoner,  lebenfreu- 
diger  Wirklichkeit  neben  dem  deutschen  Gedanken  und  dem 
deutschen  Gefiihle  einst  ihre  Stelle  und  ihre  Verherrlichung 
finde!» 

So  dachte  eine  deutsche  Personlichkeit  1865  den  deut- 
schen Gedanken  im  Zusammenhang  mit  der  erhofften  deut- 
schen Tat.  Wie  mogen  die  entkorperten  Seelen  solcher  Per- 
sonlichkeiten hinblicken  auf  das  Feld,  auf  dem  heute  die 
deutsche  Tat  zu  ihrer  Verwirklichung  aufgerufen  ist! 

Aber  das  darf  gerade  im  Zusammenhang  mit  dem  Glau- 
ben,  Lieben  und  Hoffen  solcher  Personlichkeiten  gesagt 
werden,  und  vor  allem  auch  der  Personlichkeiten,  die  ent- 
weder  schaffend  oder  verstehend  innerhalb  des  Weltbildes 
des  deutschen  Idealismus  gestanden  haben,  es  darf  gesagt 
werden:  Der  Deutsche  braucht  nicht,  wenn  er  erkennen 
will  die  Impulse,  die  ihn  beseelen  sollen,  irgend  welchen 
Gegner  herabzusetzen.  Er  braucht  sich  blofi  zu  besinnen  auf 
das,  wovon  er  glauben  muE,  dafi  es  nach  dem  Innersten 
seines  Wesens  seine  Weltaufgabe  ist.  Er  braucht  sich  also 
darauf  zu  besinnen,  dafi  er  hinaufblickt  zu  der  Art  und 
Weise,  wie  es  die  Vater,  die  Vorfahren,  bis  in  seine  Zeit 
heruntergeschickt  haben;  wie  es  Kraft  geworden  ist  fur  die 
Gegenwart,  und  wie  aus  dieser  Kraft,  die  ihm  vor  Augen 
steht,  die  ihm  in  der  Seele  lebt,  aus  der  Gegenwart  die 
Hoffnung  in  die  Zukunft  erquillen  darf. 

Wahrhaftig,  so  kann  man  im  Zusammenhang  der  Gegen- 
wart mit  dem  deutschen  Idealismus  aus  innerstem  Fiihlen 
heraus  sagen:  Indem  der  Deutsche  auf  die  Vergangenheit 
des  Gedankens  oder  dessen,  was  er  aulSerhalb  des  Ge- 
dankens  erstrebt  hat,  hinblickt,  erfiihlt  er  seine  Weltauf- 
gabe; er  darf  sie  fiihlen  in  dieser  schicksaltragenden  Zeit,  er 


darf  sie  fuhlen  aus  seiner  Liebe  zu  seiner  Vergangenheit, 
und  aus  dem  Glauben  an  die  Kraft  der  Gegenwart,  die  ihm 
wird,  wenn  er  die  rechte  Liebe  zu  dem  hat,  was  ihm  die 
Vergangenheit  gebracht  hat.  Und  aus  dieser  Liebe  und  aus 
diesem  Glauben,  aus  diesem  Doppelverhaltnis  zwischen 
Vergangenheit  und  Gegenwart,  wird  in  der  rechten  Weise 
erspriefien,  was  uns  iiber  Blut  und  Schmerzen  hinweg  doch 
eine  beseligende  Gegenwart  erscheinen  lafit:  die  deutsche 
HorTnung  auf  die  Zukunft.  So  kann  zu  einem  Dreiklang 
gerade  durch  eine  Vertiefung  in  das  Idealistische  des  deut- 
schen  Wesens  entstehen  die  Liebe  zur  deutschen  Vergangen- 
heit, der  Glaube  an  die  deutsche  Gegenwart,  die  HorTnung 
auf  die  deutsche  Zukunft. 


DIE  EWIGEN  KRAFTE  DER  MENS CHENSEELE 


Berlin,  3.  Dezember  1915 


Betrachtungen  iiber  die  ewigen  Krafte  der  Menschenseele 
vom  Gesichtspunkte  der  Geisteswissenschaft,  wie  diese  Gei- 
steswissensdiafl  hier  gemeint  ist,  sind  in  unserer  Zeit  natur- 
gemaft,  man  mochte  sagen,  ganz  selbstverstandlich  Mifiver- 
standnissen  ausgesetzt.  Und  ganz  selbstverstandlich  ist  es, 
von  diesem  oder  jenem  Gesichtspunkte  aus,  der  zweifellos 
von  einer  gewissen  Seite  her  berechtigt  ist,  widerlegt  zu 
werden.  Bei  solchen  Widerlegungen  findet  nun  das  Folgende 
statt:  Derjenige,  der  solche  Ergebnisse  der  Geisteswissen- 
schaft zu  widerlegen  vermeint,  bringt  diese  oder  jeneGriinde 
vor  und  meint  dann,  dasjenige  sei  getroffen,  was  er  getroffen 
haben  will,  und  mit  seinen  Griinden  konne  der  Geistes- 
wissenschafter  ganz  und  gar  nicht  einverstanden  sein.  Ge- 
rade  eine  solche  Betrachtung,  wie  sie  heute  hier  aus  den  Er- 
gebnissen  der  Geisteswissenschaft  heraus  angestellt  werden 
soli,  ist  den  angedeutetenMifi verstandnissen  ausgesetzt,  denn 
die  Sache  liegt  gewohnlich  so  -  ja,  man  kann  sagen,  in  den 
Fallen,  die  zutage  getreten  sind,  liegt  die  Sache  immer  so  -, 
dafi  derjenige,  der  widerlegt,  Dinge  vorbringt,  mit  denen 
der  Geisteswissenschafter  durchaus  einverstanden  ist,  ab- 
solut  einverstanden  ist.  Nur  daft  Geisteswissenschaft  etwas 
zu  sagen  hat,  was  von  solchen  Einwanden  gar  nicht  beriihrt 
wird,  von  solchen  Einwanden,  die  der  Geisteswissenschafter 
oftmals  in  einem  viel  weiteren  Umfange  gelten  lafk  als  der- 
jenige, der  die  Einwande  macht. 

Dies  gilt  namentlich  in  bezug  auf  die  Frage,  die  heute 


gestellt  werden  soil,  und  fiir  das,  was  von  seiten  natur- 
wissenschaftlicher  Weltanschauung  oftmals  dazu  vorgebracht 
wird.  Der  Geisteswissenschafter,  ich  habe  das  oftmals  von 
dieser  Stelle  aus  betont,  aber  ich  mufi  heute  einleitungsweise 
doch  noch  einmal  darauf  hinweisen,  der  Geisteswissenschaf- 
ter steht  keineswegs  in  irgendeinem  Gegensatz  zu  der  auf 
die  grofien  Errungenschaften  der  neueren  Zeit  begriindeten 
naturwissenschaftlichen  Weltanschauung,  insbesondere  dann 
nicht,  wenn  es  sich  um  Fragen  des  menschlichen  Seelenlebens 
handelt.  Gewi£,  es  wird  von  mancher  Seite,  die  in  einem 
heute  noch  giiltigen  Sinne  Psychologie,  Seelenkunde  treiben 
will,  mancherlei  vorgebracht  iiber  den  Ewigkeitscharakter 
eines  menschlichen  Seelenkernes.  Dann  kommt  der  Natur- 
wissenschafter,  und  ich  sage  ausdriicklich,  oftmals  mit  vol- 
lem  Rechte,  und  sagt:  Da  sehen  wir  die  menschlichen  Seelen- 
aufierungen,  des  Menschen  Denken,  des  Menschen  Fiihlen, 
des  Menschen  Wollen,  wie  sie  sich  aufiern  von  der  Geburt 
oder  von  dem  Zeitpunkte  an,  da  der  Mensch  bewulke  Vor- 
stellungen  entwickeln  kann,  bis  zum  Tode  hin.  Blicken  wir 
dieses  Seelenleben  an  -  so  mufi  der  Vertreter  der  natur- 
wissenschaftlichen Weltanschauung  sagen  — ,  dann  erscheint 
es  im  engsten  Sinne  gebunden  an  die  korperlichen  Vor- 
gange;  und  man  kann  aufzeigen,  wie  es  gebunden  ist  an  die 
korperlichen  Vorgange,  wie  die  korperlichen  Verrichtungen 
sich  vom  zartesten  Kindesalter  an  nach  und  nach  entwickeln 
und  wie  sich  mit  diesen  korperlichen  Vorgangen,  indem  sie 
sich,  wie  man  sagt,  vervollkommnen,  die  Fahigkeiten  des 
Denkens,  des  Wahrnehmens,  des  verstandigen  Wahrneh- 
mens  ganz  parallel  entwickeln.  Man  kann  wiederum  sehen, 
wie  mit  dem  Hinschwinden  der  physischen  Verrichtungen 
des  Menschen  audi  die  seelischen  Verrichtungen  allmahlich 
in  den  Hintergrund  treten,  allmahlich  zuruckgehen,  ab- 
fluten.  Ja,  man  kann  noch  mehr  zeigen.  Man  kann  zeigen, 


wie  bei  Krankheit  oder  dergleichen,  durch  Ausschaltung 
irgendeiner  Gehirntatigkeit,  irgendeines  Teiles  des  Nerven- 
systemes  Teile  des  geistigen  Lebens  verschwinden;  wie  Un- 
fahigkeit  an  Stelle  der  Fahigkeit  tritt,  wenn  organisdie 
Funktionen  ausgeschaltet  werden.  Man  konnte,  was  an- 
gefuhrt  worden  ist,  nodi  ins  Unendliche  vermehren.  So 
kann  man  mit  Redit  sagen:  Ist  denn  nicht  alles,  was  der 
Mensch  mit  seinem  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  entwickelt, 
an  die  physischen  Verrichtungen  gebunden,  die  allmahlich 
durch  die  Naturwissensdiaft  entdeckt  werden,  wie  die 
Flamme  gebunden  ist  an  das  Brennmaterial  der  Kerze? 
Und  in  der  Tat,  manche  sogenannte  Beweise,  die  fur  den 
Bestand  eines  Seelenkernes  innerhalb  des  gewohnlichen 
Denkens,  Fiihlens  und  Wollens  vorgebracht  werden,  sie 
gleichen  wirklich  etwa  einer  Vorstellung,  die  man  sich  bil- 
den  wiirde  von  der  Art,  daft  man  sagt,  man  fande  etwas 
in  der  Flamme,  das  doch  nicht  vergehen  konne,  wenn  das 
Material  der  Kerze  irgendwie  der  Flamme  entzogen  werde. 
Man  kann  sagen:  Vieles  in  der  gewohnlichen  Seelenlehre  ist 
den  Griinden,  den  Beweisarten  nach  so  aufgebaut,  dafi  es 
ganz  genau  dem  Gedanken  entspricht,  den  man  haben 
wiirde,  um  zu  beweisen,  dafi  das,  was  in  der  Flamme  lebt, 
nicht  verschwinden  konne,  wenn  man  der  Flamme  das 
Brennmaterial  wegnimmt. 

Nun  mufi  durchaus  betont  werden,  daft  in  bezug  auf  all 
das,  was  eben  angedeutet  worden  ist,  Geisteswissenschaft 
ganz  auf  dem  Boden  der  Naturwissenschaft  steht,  ja,  wie 
wir  gerade  durch  die  heutige  Betrachtung  sehen  wollen, 
intensiver,  starker  noch  sich  auf  diesen  Boden  der  Natur- 
wissenschaft stellen  mu6,  als  es  die  Naturwissenschaft  sel- 
ber  nach  dem  heutigen  Stand  ihres  Forschens  tun  kann. 
Geisteswissenschaft  steht  auch  in  methodischer  Beziehung, 
in  Beziehung  auf  die  Art  und  Weise  des  wissenschaftlichen 


Denkens  und  der  wissenschaftlichen  Gesinnung  durchaus 
so,  daft  sie  dieselhe  Richtung  verfolgt,  die  fur  das  mensch- 
liche  Forsdien  durch  die  neueren  Methoden  der  Natur- 
wissenschaft  angegeben  worden  ist.  Allein  so,  wie  diese 
neueren  Methoden  der  Naturwissenschaft  angewendet  wor- 
den sind  auf  das  Seelenleben,  zeigen  sie  durchaus,  daft  sie 
gerade  zu  denjenigen  Gebieten  nicht  hinfiihren,  auf  denen 
die  eigentlichen  Ratselfragen  des  menschlichen  Seelenlebens 
gefunden  werden. 

Um  nicht  bloft  aligemeine  Bemerkungen  zu  machen, 
mochte  ich  einen  konkreten  Fall  ins  Auge  fassen.  Einer  der- 
jenigen  neueren  Wissenschafter,  der  die  Seelenkunde  ganz 
auf  den  Boden  der  naturwissenschaftlichen  Denkweise  stel- 
len  wollte,  war  der  ja  auch  hier  in  diesen  Vortragen  schon 
b'fter  erwahnte  Psychologe  Franz  Brentano.  Er  fiel  mit  sei- 
nem  wissenschaftlichen  Streben  gerade  in  die  Zeit  der  zwei- 
ten  Halfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  in  welcher  mit 
Recht  die  naturwissenschaftliche  Denkweise  auf  die  Person- 
lichkeiten  dieses  Zeitalters  einen  groften,  einen  iiberwalti- 
genden  Eindruck  machte,  so  daft  man  sich  mit  keiner  Art 
wissenschaftlicher  Forschung  dem  entziehen  wollte,  was  in 
der  Fruchtbarkeit  naturwissenschaftlicher  Anschauung  lag. 
Und  eben  einer  derjenigen,  die  da  ganz  mitgegangen  sind 
und  etwa  gesagt  haben:  Wenn  streng  wissenschaftliche  Er- 
gebnisse  erreicht  werden  sollen,  so  mussen  sie  durch  eine 
Methode  erreicht  werden,  die  nach  dem  Muster  der  Natur- 
wissenschaft aufgebaut  wird,  sonst  sind  sie  keine  wirklich 
wissenschaftlichen  Ergebnisse,  -  eine  der  Personlichkeiten, 
die  so  sich  gestellt  haben  zur  Seelenforschung  wie  zur 
Naturforschung,  war  Franz  Brentano.  Seine  Thesen,  die  er 
auf  gestellt  hat  im  Beginn  seines  Lehramtes  in  Wiirzburg  in 
den  fiinfziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  lau- 
teten  etwa  so:  Die  Zukunft  der  Seelenforschung  hangt  ganz 


davon  ab,  dafi  sie  sich  in  denselben  Bahnen  bewegt  wie  die 
Naturforschung.  -  Nun  ist  gerade  mit  Bezug  auf  die  Hoff- 
nungen,  die  die  Seelenforschung  fur  unser  Zeitalter  und  die 
Zukunft  haben  kann,  Franz  Brentano  eine  charakteristische 
Personlichkeit.  Er  hat  begonnen,  eine  «Psychologie»  zu 
sdireiben,  ein  Buch,  das  im  engeren  Kreise  der  Seelenfor- 
scher  eine  gewisse  Beriihrntheit  erlangt  hat.  Er  hat  ver- 
sprochen,  als  der  erste  Band  seiner  Seelenkunde  erschien, 
noch  vor  Ablauf  des  Jahres,  in  dem  der  Band  erschienen 
ist  -  es  war  1874  werde  der  zweite  Band  und  dann  in 
rascher  Folge  der  dritte  Band  erscheinen.  Es  ist  nichts  bisher 
erschienen  aufier  dem  ersten  Band!  Und  das  ist  gerade  des- 
halb  charakteristisch,  weil  Franz  Brentano  eine  der  gewis- 
senhaftesten,  eine  der  energischsten  Denkerpersonlichkei- 
ten  ist. 

Franz  Brentano  begibt  sich  auf  den  Weg,  Seelenkunde  zu 
treiben  im  Geiste  der  neueren  Naturwissenschaft.  Er  kommt 
zunachst  dazu,  das  Seelenleben,  so  wie  es  sich  im  gewohn- 
lichen  Menschendasein  darstellt,  zu  priifen;  zu  untersuchen, 
wie,  indem  der  Mensch  innerhalb  der  gewohnlichen  physi- 
schen  Welt  lebt,  sich  Gedanke  an  Gedanke  reiht;  welches 
die  Gesetze  dafiir  sind,  dafi  ein  Gedanke  den  anderen  her- 
vorruft;  welches  die  Gesetze  dafiir  sind,  dafi  in  der  mensch- 
lichen  Seele  diese  oder  jene  Lustempfindung,  diese  oder  jene 
Schmerzempflndung  Platz  greift.  Kurz,  dieses  Seelenleben, 
das  da  ablauft  innerhalb  des  gewohnlichen  physischen  Da- 
seins  des  Menschen,  bemuhte  er  sich,  im  naturwissenschaft- 
lichen  Sinne  zu  untersuchen.  Das  Ziel  der  Seelenkunde  steht 
diesem  Seelenforscher  schon  vor  Augen,  allein  er  sieht  keine 
Moglichkeit,  irgend  etwas  zu  tun,  um  diesem  Ziel  audi  nur 
irgendwie  naher  zu  kommen.  Da  ist  charakteristisdi  ein 
Ausspruch  Franz  Brentanos,  der  in  folgender  Weise  lautet: 
«Fur  die  Hoffnungen  eines  Platon  und  Aristoteles,  uber 


das  Fortleben  unseres  besseren  Teiles  nach  der  Auflosung 
des  Leibes  Sicherheit  zu  gewinnen,  wiirden  dagegen  die  Ge- 
setze  der  Assoziation  von  Vorstellungen,  der  Entwickelung 
von  Oberzeugungen  und  Meinungen  und  des  Keimens  und 
Treibens  von  Lust  und  Liebe  alles  andere,  nur  nidit  eine 
wahre  Entschadigung  sein. . . .  Und  wenn  wirklich  . . .»  -  er 
meint  dieneuerenaturwissenschaftlicheDenkungsart-  «den 
Ausschlufi  der  Frage  nach  der  Unsterblichkeit  besagte,  so 
ware  [dieser  Verlust]  fur  die  Psychologie  ein  iiberaus  be- 
deutender  zu  nennen.» 

Ganz  charakteristisch  ist  Franz  Brentano  fiir  jene  Ver- 
treter  neuerer  Seelenkunde,  die  sich  zwar  auf  den  Boden 
der  neueren  Naturwissenschaft  stellen  wollen,  also  das 
Seelenleben  genau  so  beobachten  wollen,  wie  man  sonst  die 
aufteren  Naturerscheinungen  beobachtet,  denen  aber  gerade 
die  wichtigen,  die  bedeutungsvollen,  diemit  demMenschen- 
leben  innig  zusammenhangenden  Fragen  entschlupfen,  in- 
dem  sie  ihre  Betrachtungen  anstellen.  Wir  konnen,  so  sagt 
etwa  Brentano,  im  Sinne  der  neueren  Naturwissenschaft  zu 
einer  Anschauung  kommen,  wie  sich  Vorstellungen  verket- 
ten,  wie  sich  Meinungen  in  der  Menschenseele  festsetzen, 
wie  Lust  und  Leid  sich  gegenseitig  bedingen,  aber  man  kann 
zu  der  wichtigen  Frage,  welches  die  ewigen  Krafte  der  Men- 
schenseele sind,  aus  dem,  was  man  zunachst  durch  diese 
Methode  erreichen  will,  keine  Stellung  nehmen.  -  Und  so 
ist  denn  immer  mehr  und  mehr,  mufi  man  sagen,  aus  den 
Schriften,  aus  der  Literatur  iiber  Seelenkunde,  in  der  neue- 
ren Zeit  die  Frage  nach  den  ewigen  Kraften  des  Menschen- 
daseins  geschwunden.  Man  versuche  nur  einmal  die  Lite- 
ratur der  Seelenkunde  zu  durchblattern,  und  man  wird 
sehen,  wie  wahr  das  ist,  was  ich  eben  angedeutet  habe. 

Geisteswissenschafl  versucht  nun,  durchaus  aus  der  Ge- 
sinnung  naturwissenschaftlicher  Denkungsweise  heraus  den 


Weg  zu  finden  zu  den  Seelenratseln  des  Mensdien.  Aber  sie 
iiberzeugt  sich  davon,  dafi  die  Denkweise,  die  auf  der  einen 
Seite  so  fruchtbar  ist  fiir  die  Betrachtung,  fiir  die  Erfor- 
schung  der  Geheimnisse  der  aufieren  Natur,  verinnerlicht 
und  damit  ganz  und  gar  umgestaltet  werden  mufi,  wenn 
man  von  derselben  Gesinnung  aus  Geisteswissenschaft  trei- 
ben  will,  von  der  aus  man  Naturwissenschaft  treibt.  Gei- 
steswissenschaft zeigt,  daft  diejenigen  Verrichtungen  des 
Seelenlebens,  welcbe  im  gewohnlichen  Denken,  Fiihlen  und 
Wollen  zwisclien  Geburt  und  Tod  ablaufen,  wirklich  nichts 
enthalten,  was  nicht  so  an  den  physischen  Leib  gebunden 
ware,  wie  die  Flamme  an  den  Stoff  der  Kerze  gebunden  ist. 
Geisteswissenschaft  zeigt,  daft  man  eben  mit  denjenigen  Ver- 
richtungen des  Seelenlebens,  die  vollstandig  tauglich  sind 
fiir  das  gewohnliche  Leben,  audi  vollstandig  tauglich  sind 
fiir  das  gewohnliche  wissenschaftliche  Forschen,  nicht  heran- 
kommt  an  das,  was  als  Ewiges  in  der  Seele  vorhanden  ist. 
Geisteswissenschaft  zeigt,  dafi  die  Seele  des  Menschen,  so 
wie  sie  nun  einmal  im  Alltagsleben  und  in  der  gewohn- 
lichen wissenschaftlichen  Forschung  ist,  an  die  physischen 
Verrichtungen  des  Leibes  gebunden  ist,  und  dafi  man  das, 
was  ewig  in  der  Seele  ist,  erst  aufsuchen  mufi  dadurch,  dafi 
man  von  den  gewohnlichen  Seelenverrichtungen  aus  einen 
Weg  sucht  dahin,  wohin  diese  gewohnlichen  Seelenverrich- 
tungen gar  nicht  reichen,  wohin  sie  nicht  kommen,  wenn  sie 
nur  das  vollbringen,  was  im  alltaglichen  Leben  und  der  ge- 
wohnlichen "Wissenschaft  vollbracht  wird.  Ein  inneres  Ent- 
wickeln  der  Seelenfahigkeiten  zu  einem  Punkte  hin,  der  fiir 
das  gewohnliche  Leben  durchaus  uberfliissig  ist,  das  ist  not- 
wendig,  wenn  man  die  ewigen  Krafte  der  Menschenseele 
finden  will. 

Nun  habe  ich  in  friiheren  Vortragen  von  gewissen  Ge- 
sichtspunkten  aus  iiber  diese  Entwickelung  der  Seelenf ahig- 


keiten  des  Menschen  zu  einer  anderen  Anschauung  hin,  als 
es  die  alltagliche  ist,  schon  gesprochen.  Ich  will  heute  von 
einem  gewissen  anderen  Gesichtspunkte  aus  die  Frage  in 
ein  anderes  Licht  wiederum  stellen. 

Das,  was  man  gerade  als  das  Wichtigste  der  gewohn- 
lidien  Wissenschaft,  das  Wichtigste  des  gewohnlichenLebens 
zum  Beispiel  beim  Denken,  beim  Vorstellen  bezeichnet,  das 
kommt  in  einer  ganz  anderen  Weise  als  in  diesem  alltag- 
lichen  Leben  fur  die  Geistesforschung  in  Betracht.  Im  ge- 
wohnlichen Leben  handelt  es  sich  darum,  dafi  wir  etwas  er- 
kennen  dadurch,  daft  wir  uns  Gedanken  machen  iiber  irgend 
etwas,  was  von  aufien  zunachst  an  uns  herantritt.  Was  von 
aufien  herantritt,  wir  nehmen  es  wahr ;  audi  das  im  geschicht- 
lichen  Werden  stehende,  wir  nehmen  es  wahr,  wir  machen 
uns  Gedanken  dariiber,  erforschen  dadurch  die  Gesetze  der 
aufieren  Tatsachen  und  des  geschichtlichen  Werdens.  Der 
Gedanke  tritt  in  uns  auf,  und  gerade  dadurch,  dafi  wir  uns 
Gedanken  machen  konnen,  dafi  unsere  Gedanken  einen  ge- 
wissen Inhalt  haben,  wissen  wir  etwas  iiber  die  Aufienwelt. 
Und  so  ist  es  recht  fiir  das  Stehen  im  alltaglichen  Leben.  So 
ist  es  audi  recht  fiir  die  Verrichtungen  der  gewohnlichen 
Wissenschaft. 

Will  man  aber  das  Denken  in  einer  solchen  Art  fassen, 
wie  es  gefafit  werden  mufi,  um  zu  wahren  geisteswissen- 
schaftlichen  Ergebnissen  zu  kommen,  so  mufi  man  es  in  der 
folgenden  Art  erfassen.  Ich  will  durch  einen  Vergleich, 
den  ich  auch  hier  schon  einmal  gebraucht  habe,  zeigen, 
in  welch  ganz  anderer  Art  sich  der  Geistesforscher  zum 
Denken,  zum  Vorstellen  stellen  mufi,  als  sich  der  Mensch 
im  gewohnlichen  Leben  oder  in  der  gewohnlichen  Wissen- 
schaft dazu  stellt.  Ich  deutete  es  schon  einmal  an:  Wenn  wir 
unsere  Hande  gebrauchen  zu  irgendeiner  aufieren  Arbeit, 
so  kommt  es  darauf  an  zunachst,  dafi  wir  diese  aufiere 


Arbeit  verrichten,  dafi  die  Ergebnisse  dieser  aufteren  Arbeit 
da  seien.  Was  da  in  der  Aufienwelt  verwirklicht  ist  da- 
durch,  dafi  wir  arbeiten,  darauf  wird  gesehen.  Aber  das  ist 
nicht  das  einzige  Ergebnis  der  Arbeit.  Die  Aufienwelt  muft 
au£  dieses  Ergebnis  schauen,  und  sie  hat  ein  Recht,  darauf 
zu  schauen.  Aber  indem  der  Mensch  immer  wieder  und 
wiederum  dieses  oder  jenes  verrichtet,  macht  er  dabei  die 
Kraft  seiner  Hande,  seiner  Arme  zu  gleicher  Zeit  starker, 
und  nicht  nur  starker,  sondern  audi  geschickter,  dieses  oder 
jenes  zu  tun.  Man  kann  sagen  -  wenn  wir  das  Wort  ge- 
brauchen  diirfen,  das  natiirlich  nur  in  relativem  Sinne  rich- 
tig  ist  -:  Der  Mensch  macht  die  Geschicklichkeit  seiner 
Hande  und  seiner  Arme  vollkommener  dadurch,  dafi  er 
arbeitet.  Das  ist  in  bezug  auf  die  aufiere  Arbeit  vielleicht 
etwas  hochst  Geringf  iigiges,  wenn  nur  darauf  gesehen  wird, 
wodurch  sich  das  Ergebnis  der  Arbeit  in  den  Zusammen- 
hang  des  menschlichen  Lebens  hineinstellt.  In  bezug  darauf 
ist  es  ein  Nebenergebnis,  dafi  die  menschliche  Hand  und 
die  menschlichen  Arme  geschickter  werden.  Aber  fur  den 
Menschen  kommt  es  sehr  darauf  an.  Oder  selbst  wenn  man 
das  nicht  gelten  lassen  wollte,  es  ist  eben  dies  als  ein  Neben- 
ergebnis da!  Damit  konnen  wir  aber  dasjenige,  was  der 
Mensch  im  Vorstellen,  im  Denken  erreicht,  vergleichen.  Im 
gewohnlichen  Leben  und  in  der  gewohnlichen  Wissenschaft 
kommt  es  darauf  an,  dafi  man  sich  einen  gewissen  Inhalt 
der  Gedanken  bildet.  Gewifi,  so  ist  es  auch  ganz  recht.  Aber 
indem  man  sich  diesen  Inhalt  der  Gedanken  bildet,  indem 
man  also  denkt,  geschieht  wirklich  mit  dem  Denken  etwas 
Ahnliches,  wie  mit  der  Kraft  der  Hand  und  des  Armes  ge- 
schieht, wenn  man  arbeitet.  Das  Denken  macht  innerlich 
etwas  durch,  und  auf  dieses,  was  wirklich  nun  fur  das  ge- 
wohnliche  Leben  und  fur  die  gewohnliche  Wissenschaft, 
auch  in  bezug  auf  deren  Errungenschaften,  ein  ganz  Neben- 


sachliches  ist,  gerade  auf  dieses  mufi  nun  die  geisteswissen- 
schaftliche  Forschung  ihren  inneren  Blick  richten:  auf  das, 
was  im  Denken  geschieht.  Die  Seele  mufi  hingelenkt  wer- 
den  nicht  auf  den  Inhalt  der  Gedanken,  sondern  auf  die 
Tatigkeit.  Und  audi  nicht  auf  die  blofie  Tatigkeit,  sondern 
auf  das,  was  in  der  Tatigkeit  des  Denkens  -  wenn  ich  den 
Ausdruck,  der  nur  relative  Giiltigkeit  hat,  noch  einmal  ge- 
brauchen  darf  -  nach  der  Riditung  der  Vervollkommnung 
hin,  der  Ausbildung  des  Denkens  hin,  geschieht. 

Darauf  mufi  der  Seelenbiick  des  Menschen  eingestellt 
werden.  Und  moglich  mufi  es  sein,  um  in  Gebiete  zu  kom- 
men,  wo  sich  die  ewigen  Krafle  des  Seelenlebens  erschlie- 
fien,  abzusehen  von  dem,  was  Inhalt  des  Denkens  ist,  und 
den  Seelenbiick  hinzurichten  auf  die  Verrichtung,  auf  die 
Tatigkeit  des  Denkens,  auf  das,  was  man  tut,  indem  man 
denkt.  Systematisch,  methodisch  wird  das  erreicht  durch 
eine  intime  innere  Verrichtung,  die  man  auch  ein  intimes 
inneres  Seelenexperiment  nennen  kann,  und  die  ich  schon 
ofter  hier  mit  dem  Ausdruck  Meditation  bezeichnete. 
Man  mufi  das  Wort  Meditation  nur  in  dem  Umfange  neh- 
men,  in  dem  es  hier  gemeint  ist,  als  technischen  Ausdruck 
fur  das  Erstreben,  eine  solche  Fahigkeit  auszubilden,  durch 
die  der  Seelenbiick  hingerichtet  werden  kann  gerade  auf 
diese  Entwickelung  des  Denkens.  Und  man  kann  wirklich 
dieseEinstellung  der  inneren  Seelenkrafte  nach  dieser  Ridi- 
tung hin  erreichen  durch  das,  was  man  als  Meditation  be- 
zeichnet,  wenn  diese  Meditation  in  rechtem  Sinne  getrieben 
wird.  Ich  kann  hier  selbstverstandlich  immer  in  bezug  auf 
das,  was  Meditation  ist,  nur  das  Prinzipielle  angeben.  Das 
Genauere  ist  in  meinen  Buchern  zu  finden,  namentlich  in 
dem  Buche:  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?»,wo  im  einzelnen  die Seelenverrichtungen,  gleich- 
sam  die  inneren  Seelenexperimente  auseinandergesetzt  wer- 


den,  die  das  ganze  Seelenleben  auf  den  Weg  bringen,  der 
eben  prinzipiell  jetzt  hier  angedeutet  werden  soli.  Es  mufi 
das  Denken,  das  Vorstellen  ofter  in  eine  Moglichkeit  ge- 
bracht  werden,  so  daft  es  gleichsam  dasteht,  wie  aufiere 
Dinge  dastehen,  dafi  man  es  anschauen  kann,  dafi  man  es 
gleichsam  fester  halt,  im  inneren  Seelenvermogen  fester 
halt,  als  man  gewohnt  ist,  es  zu  halten,  wenn  man  das 
Denken  nur  so  verlaufen  lalk,  dafi  es  einem  zum  Ver- 
standnis  der  aufieren  Welt  dient.  Und  um  die  Seele  in  eine 
solche  Richtung  zu  bringen,  mufi  man  immer  wieder  und 
wiederum,  nun  aus  innerster  Freiheit  und  Willkiir  heraus, 
dem  Denken  eine  Richtung  geben,  die  man  ihm  nur  gibt, 
um  das  eben  Angedeutete  wirklich  innerlich  zu  verspiiren, 
innerlich  zu  erleben,  um  dieses  Denken  so  zu  erkraften, 
dafi  man  das  Angedeutete  innerlich  erleben  kann.  Dazu 
mufi  man  in  das  Denken,  in  das  Vorstellen  herein  Inhalte, 
Gedanken,  Vorstellungen  bringen,  auf  die  man  nun  sein 
ganzes  inneres  Seelenleben  zusammenzieht,  so  dafi  man 
wirklich  die  Welt  und  alles,  was  um  uns  herum  ist,  ver- 
gifit,  den  ganzen  Ablauf  des  iibrigen  Seelenlebens  aufier 
acht  lafit,  um  nach  einem  Punkte,  nach  einem  Gedanken- 
inhalt,  den  man  selber  in  den  Mittelpunkt  des  Vorstellens 
gestellt  hat,  alle  seine  Seelenkrafte  hinzukonzentrieren, 
hinzurichten.  Es  ist  eine  scheinbar  anspruchslose  Betati- 
gung  des  inneren  Seelenlebens,  aber  man  konnte  mit  Bezug 
auf  das,  was  hier  gemeint  ist,  wie  es  im  Goetheschen 
«Faust»  heifit,  sagen:  «Zwar  ist  es  leicht,  dodi  ist  das 
Leichte  schwer!»  Es  ist  leicht  im  allgemeinen,  dem  Denken 
eine  solche  Richtung  zu  geben,  wie  sie  hier  angedeutet  ist. 
Aber  um  wirklich  die  innere  Kraft  aufzubringen,  die  not- 
wendig  ist,  um  das  Denken  in  seinem  Tun  zu  betrachten, 
mufi  der  Vorgang  immer  und  immer  wiederholt  werden. 
Je  nach  der  Anlage  des  Menschen  dauert  es  wochen-,  mo- 


nate-,  jahrelang,  bis  irgendein  Ergebnis  erreicht  wird.  So 
dafi  allerdings  die  meisten  Menschen,  wenn  sie  einen  sol- 
chen  inneren  Weg  nehmen,  langst  die  Geduld  verloren 
haben,  wenn  es  zu  irgendeinem  Ergebnis  kommen  konnte. 

Dann  mufi  dabei  noch  dieses  beriicksichtigt  werden: 
Wenn  wir  aus  unserem  Seelenleben,  so  wie  es  uns  die  Er- 
innerung  etwa  darbieter,  irgendeinen  Gedanken  nehmen, 
so  kann  uns  dieser  Gedanke,  den  wir  ofter  gedacht  haben, 
der  an  das  oder  jenes  Aufkre  ankniipft,  zu  der  angedeute- 
ten  Verrichtung  nicht  viel  helfen.  Denn  wenn  der  Mensch 
aus  dem  Umfang  seines  Seelenlebens  einen  Gedanken  her- 
aufholt,  dann  verkniipft  sich  mit  diesem  Gedanken  eine 
Unsumme  von  mehr  oder  weniger  sonst  unbewufk  darin 
lebenden  Empfindungen  und  Empflndungsresten;  und  man 
erlebt  an  diesem  Gedanken  manches,  was  man  nur  dadurch 
erlebt,  dafi  sich  der  Gedanke  mit  vielem  anderen,  das  uns 
fiir  das  gewohnlicheLeben  nicht  bewufk  ist,  inZusammen- 
hang  gebracht  hat.  Man  kann  nicht  wissen,  ob  das,  was 
man  an  diesen  Gedanken  dann  erlebt,  nicht  irgendwie  eine 
Reminiszenz,  irgendeine  verborgene  Erinnerung  aus  dem 
gewohnlichen  Leben  ist.  Und  schliefilich,  wenn  man  einen 
Gedanken  nimmt,  der  an  irgend  etwas  Aufieres  ankniipft, 
so  kann  man  audi  nicht  so  ganz  sicher  sein.  Denn,  indem 
wir  uns  einen  Gedanken  an  der  aufieren  Welt  bilden,  geht 
dieser  Gedanke  allerdings  in  unser  Bewufksein  hinein,  aber 
wir  sind  uns  nie  vollig  klar  bewulk,  welchen  Eindruck  wir 
mehr  oder  weniger  unbewufk  noch  nebenher  bekommen. 
Man  kann  sich  meinetwillen  irgendeinen  Gedanken  von 
einem  aufieren  Gegenstand,  den  man  gesehen  hat,  in  das 
Bewufksein  versetzen.  Und  es  kann,  indem  man  nun  alle 
Seelenkraft  darauf  konzentriert,  ganz  gut  irgend  etwas, 
was  man  sich  nicht  in  einer  unmittelbaren  Anschauung 
zum  Bewufitsein  brachte,  dann  auftauchen,  und  man  kann 


glauben,  man  habe  das,  was  man  da  erlebt,  irgendwie  aus 
unbekannten  Welten  heraufgebracht,  wahrend  man  es  nur 
aus  der  eigenen  Seele,  aus  dem  Teile,  der  sonst  unbewulk 
bleibt,  heraufgebracht  hat.  Daher  ist  es  am  besten,  wenn 
man  solche  Vorstellungen  bildet,  die  man  gut  iiberschauen 
kann  und  bei  denen  man  nicht  der  Gefahr  ausgesetzt  ist, 
dafi  sie  irgend  etwas  aus  dem  Seelenleben  heraufholen  und 
uns  dann  ein  Erleben  vorgaukeln,  das  nichts  anderes  ist 
alsReminiszenzen  des  eigenen  unterbewufiten  Seelenlebens. 
Damit  das  nicht  stattfindet,  ist  es  gut,  sich  einen  Gedanken 
zu  bilden  oder  einen  Gedanken  aus  der  Literatur  der  Gei- 
steswissenschaft  zu  nehmen,  den  man  iiberschauen  kann,  an 
den  man  sozusagen  noch  keine  Gewohnheiten  gekniipft 
hat,  von  dem  man  wei$,  wie  sich  seine  einzelnen  Teile 
zusammensetzen,  von  dem  man  weift,  dafi  er  nicht  in 
unterbewufiter  Weise  etwas  heraufruft  aus  dem  Seelen- 
leben, das  sich  einem  dann  vor  Augen  stellt,  statt  dafi  man 
etwas  Neues  erlebt.  Ich  habe  daher  oftmals  gesagt:  Da  es 
gar  nicht  darauf  ankommt,  daft  man  durch  diese  Verrich- 
tungen  des  Seelenlebens,  die  man  Meditation  nennt,  irgend 
etwas  Aufieres  erkennt,  irgend  eine  aufiere  Wahrheit  sich 
vergegenwartigt,  so  ist  es  gut,  sinnbildliche  Vorstellungen 
zu  nehmen,  iiber  die  man  von  vorneherein  klar  ist:  sie 
drucken  nichts  Auflerliches  aus,  sie  werden  nur  in  den  Mit- 
telpunkt  des  Denkens  gestellt,  um  das  Denken  daran  zu 
betatigen,  um  das  Denken  daran  zu  erkraften.  Denn  es 
kommt  alles  darauf  an,  die  Verrichtungen  des  Denkens 
lebendig  zu  ergreifen,  indem  man  sie  verrichtet.  Aus  freier 
innerer  Betatigung  mufi  man  in  den  Mittelpunkt  des  See- 
lenlebens einen  Inhalt  stellen,  und  dann  sich  ganz  und  gar 
auf  diesen  Inhalt  beschranken.  Es  brauchen  nur  Minuten 
auf  den  einzelnen  Inhalt  fur  die  einzelne  "Obung  verwen- 
det  zu  werden,  denn  es  kommt  in  der  Regel  gar  nicht  auf 


die  Lange  der  Zeit  an,  sondern  darauf,  wie  weit  es  einem 
wirklich  gelingt,  die  Seelenkraft  so  zu  konzentrieren,  dafi 
sie  sich  auf  einen  Punkt  hinrichtet  und  dadurch  innerlich 
erkraftet,  innerlich  erstarkt,  so  dafi  diese  innere  Denk- 
tatigkeit  nicht  unbemerkt  bleibt,  sondern  eben  mit  soldier 
Starke  auftritt,  dafi  man  sie  innerlich  verspiiren,  dafi  man 
sie  innerlich  erleben  kann.  Wenn  man  nun  mit  geniigender 
Geduld  und  Ausdauer  und  Energie  immer  wieder  und 
wiederum  ein  solches  Seelenexperiment  macht,  so  kommt 
man  zuletzt  dazu,  das  Denken,  dasjenige,  was  sonst  sich 
entzieht  als  innerer  Denkprozeft,  wirklich  vor  seine  Seele 
hinzustellen,  wirklich  in  ganz  anderer  Weise  sich  zu  seiner 
Innerlichkeit  stellen  zu  konnen,  als  man  sich  sonst  zu  die- 
ser  Innerlichkeit  gestellt  hat.  Man  kommt  dazu,  etwas 
ganz  Neues  in  sich  zu  entdecken.  Neu  ist  es  aber  nur  fiir 
das  Bewufksein;  es  ist  immer  da  im  Menschen.  Die  Seelen- 
verrichtungen,  die  man  vollbracht  hat,  fiihren  blofi  dazu, 
es  zu  bemerken.  Es  ist  in  jedem  Menschen  immer  vorhan- 
den,  was  man  da  entdeckt.  Aber  wie  einen  neuen  Men- 
schen im  Menschen,  wie  etwas,  von  dem  wir  bemerken, 
daft  es  uns  audi  ausfullt,  was  wir  bisher  nicht  gewufit 
haben  — ,  einen  neuen  Menschen  im  Menschen  konnen  wir 
jetzt  umfassen  mit  der  Kraft,  die  wir  gewahr  worden  sind 
durch  die  Erfassung,  durch  die  innerliche  Erkraftung,  Er- 
starkung  des  Denkens.  Und  das  fuhrt  uns  nun,  wenn  wir 
es  geniigend  lange,  geniigend  intensiv  und  geduldig  trei- 
ben,  wirklich  iiber  die  Sphare  dessen  hinaus,  was  wir  im 
gewohnlichen  Denken  und  Vorstellen  haben,  fuhrt  uns  zu 
einer  ganz  anderen  Anschauungsweise  unserer  Seele,  als 
diejenige  ist,  an  die  wir  gewohnt  sind.  Aber  wir  bemerken 
zugleich  etwas,  was  allerdings  erst  an  einem  Punkt  bemerkt 
werden  kann,  der  da  liegt,  wo  der  Mensch  wirklich  bei 
einem  Ergebnis  ankommt.  Man  mufi  geduldig  abwarten, 


bis  eintritt,  was  jetzt  erzahlt  wird  als  ein  Ergebnis,  zu  dem 
man  eben  kommt.  Man  kommt  zu  einem  erschiitternden 
Ergebnis. 

Dieses  erschiitternde  Ergebnis  erinnert  immer  wiederum 
an  einen  Ausdruck,  der  oft  gebraudit  worden  ist  im  Laufe 
der  mensdilidien  Entwickelung.  Er  ist  gebraudit  worden 
innerhalb  derjenigen  Kreise,  die  etwas  davon  gewufk 
haben,  dafi  es  eine  solche  Erweiterung  des  Seelenlebens 
gibt  wie  diejenige  ist,  von  der  hier  gesprochen  wird.  Nun 
mufi  man  allerdings,  um  das  zu  erlautern,  was  hier  ge- 
meint  ist,  sagen:  Geisteswissenschaft  in  dieser  Art,  wie  sie 
hier  gemeint  ist,  ist  erst  in  unserem  Zeitalter  moglich.  Die 
Menschheit  ist  in  Entwickelung.  Was  in  einem  spateren 
Zeitalter  in  irgendeiner  Art  auftritt,  war  in  einem  friiheren 
Zeitalter  nicht  moglich.  Ist  doch  audi  die  neuere  Natur- 
wissenschaft,  wie  sie  sich  etwa  seit  den  Zeiten  des  Galilei, 
des  Kepler,  des  Kopernikus  entwickelt  hat,  in  alteren 
Epochen  der  Menschheitsentwickelung  nicht  moglich  ge- 
wesen.  Aber  diese  alteren  Epochen  mufken  vorangehen. 
Man  versuchte  sich  in  diesen  alteren  Epochen  in  ganz  an- 
derer  Weise  in  das  Innere  der  Natur  einzuleben,  als  das 
in  der  gegenwartigen  Epoche  der  Fall  ist.  Wie  die  Natur- 
wissenschaft  in  ihrer  neueren  Gestalt  zum  Beispiel  in  der 
griechisch-romischen  Zeit  noch  nicht  moglich  gewesen  ist  - 
rein  aufierlichen  Tatsachen  nach  nicht  moglich  gewesen  ist, 
nicht  nur  einem  Prinzip  nach  -,  so  ist  Geisteswissenschaft, 
wie  sie  hier  gemeint  ist  und  ihrer  Methode  nach  hier  ge- 
schildert  wird,  etwas,  was  in  unserer  Zeit  erst  auf dammern 
kann  innerhalb  der  Menschheitsentwickelung.  Aber  wie 
man  sich  auch  vor  der  gegenwartigen  Naturwissenschaft 
in  diese  Natur  vertieft  hat  nach  Art  derjenigen  Mensch- 
hekskrafte,  die  eben  dazumal  innerhalb  der  menschlichen 
Entwickelung  an  der  Oberflache  lagen,  so  hat  man  auch 


friiher  gesucht,  zu  den  ewigen  Kraften  der  Menschenseele 
zu  kommen  und  in  der  anderen  Art  der  Vorzeit  die 
menschlichen  Seelenkrafte  weiter  zu  entwickeln,  so  daft  sie 
in  alter  Art  dasjenige  schauen  konnten,  was  als  Ewiges  der 
menschlichen  Seelenentwkkelung  zugrunde  liegt.  Damals 
hat  man  schon  in  einem  viel  gebrauchten  Wort  darauf  hin- 
gewiesen,  wozu  man  kommt  durch  eine  Entwickelung  des 
inneren  Seelenlebens,  wie  sie  angedeutet  worden  ist;  man 
hat  gesagt,  der  Mensch  miisse,  urn  die  ewigen  Griinde 
seines  Seelenlebens  zu  erreichen,  an  die  Pforte  des  Todes 
herantreten.  Dieses  Wort:  «an  die  Pforte  des  Todes  heran- 
treten»,  man  lernt  es  in  seiner  vollen  Bedeutung  dadurch 
erkennen,  daft  man  es  wirklich  bis  zu  einem  gewissen 
Punkte  jenes  innerlichen  Erlebens  bringt,  das  eben  geschil- 
dert  worden  ist  als  Meditation.  Man  kommt  namlich  an 
einen  Punkt,  wo  man  zwar  in  sich  einen  wirklichen  zweiten 
Menschen  entdeckt,  einen  Menschen,  der  eben  nur  durch 
das  erkraftete  Denken  so  umfafit  werden  kann,  wie  man 
durch  das  gewohnliche  umfassende  Wollen,  durch  das,  was 
man  sonst  in  sich  betatigen  kann,  den  gewohnlichen  physi- 
schen  Menschen  erfaftt.  Man  kommt  zu  diesem  zweiten 
Menschen  in  sich,  der  innerlich  sozusagen  befiihlt  wird  von 
dem  sich  erkraftenden  Denken,  aber  man  kommt  zugleich 
dazu,  einzusehen,  durch  unmittelbares  Anschauen  einzu- 
sehen,  wie  dieser  zweite  Mensch  zusammenhangt,  jetzt 
nicht  mit  aufbauenden,  sondern  mit  abtragenden  Kraften 
unseres  menschlichen  Organismus.  Man  kommt  dazu  ein- 
zusehen, daft  man  im  Grunde  genommen  die  Bedingungen 
des  Todes  seit  der  Geburt  oder,  sagen  wir,  seit  der  Emp- 
fangnis  in  sich  tragt;  dafi  gewisse  Vorgange  im  Menschen 
real  sind,  die  sich  abspielen  und  die,  wenn  sie  an  einem 
gewissen  Punkte  angelangt  sind,  eben  zum  Tode  fiihren 
mussen.  Neben  dem,  was  den  Menschen  belebt,  neben  dem, 


was  der  aufsteigende  Lebensprozeft  ist,  den  man  ja  audi 
mit  den  gewohnlichen  Seelenkraften  nicht  anschauen  kann, 
steht  dasjenige,  was  abtragende  Seelenkrafte  sind,  was, 
ich  mochte  sagen,  zerstorende  Seelenkrafte  sind.  Und  mit 
der  hochsten  Bliite  dieser  zerstorenden  Seelenkrafte,  mit 
dem,  was  im  Menschen  waltet  und  webt  als,  man  kann 
sagen,  Todesursache,  als  fortdauernde  Todesursache,  sieht 
man  aufs  innigste  verbunden  dasjenige,  was  nun  dieser 
zweite  Mensch  ist,  den  man  gleichsam  innerlich  durchfiihlt 
mit  dem  Denken.  Wahrhaftig,  nur  durch  eine  innere  Er- 
fahrung  kann  man  dazu  kommen,  solches  zu  behaupten, 
was  ich  jetzt  behaupte.  Gerade  so  wenig,  wie  jemand,  der 
nicht  weifi,  daft  in  der  Elektrolyse  Wasser  in  Wasserstoff 
und  Sauerstoff  zerteilt  wird,  etwas  iiber  den  Wasserstoff 
oder  Sauerstoff  auszumachen  vermag,  gerade  so  wenig  ver- 
mag  man  aus  dem  gewohnlichen  Seelenleben  heraus  irgend 
etwas  auszumachen  iiber  das  Erlebnis,  das  jetzt  angedeutet 
worden  ist  und  das  eben  zu  alien  Zeiten  mit  den  Worten 
ausgesprochen  worden  ist:  man  trete  an  die  Pforte  des 
Todes  heran. 

Man  erlebt,  daft  ebenso  wie  im  Wasser  etwas  ist,  das 
man  auch  nicht  unmittelbar,  wenn  man  das  Wasser  be- 
schaut,  sehen  kann  als  Wasserstoff  und  Sauerstoff,  so  auch 
etwas  im  Menschen  ist,  was  mit  seinem  Denken,  zugleich 
aber  auch  mit  den  ihm  den  Tod  gebenden  Kraften  zusam- 
menhangt.  Man  sdiaut  in  sich  den  Menschen,  der  es  be- 
wirkt,  daft  man  gerade  das  reinste,  das  abstrakteste  Den- 
ken, dasjenige,  was  einen  fur  das  gewohnliche  Leben  am 
weitesten  bringt,  zwischen  Geburt  und  Tod  haben  kann, 
daft  man  es  aber  nicht  haben  konnte,  wenn  nicht  die  tod- 
gebenden  Krafte  im  Menschen  zu  ihrer  hochsten  Bliite 
kommen  wiirden.  Und  indem  man  gerade  durch  die  Er- 
kraftung  des  Denkens  das  in  sich  entdeckt,  was  den  Tod 


bringt,  gliedert  sich  unmittelbar  eine  Erfahrung  an,  ein 
inneres  Erfahrungswissen  -  man  kann  es  nicht  anders 
nennen,  als  ein  inneres  Erfahrungswissen  nicht  etwas, 
was  durch  einen  Vernunftschlufi  jemals  zu  erreichen  ware; 
ebensowenig  wie  wenn  man  das  Wasser  aufierlich  anschaut, 
durch  einen  Vernunftschlufi  zu  erreichen  ist,  dafi  daWasser- 
stoff  und  Sauerstoff  darinnen  ist.  Man  erlangt  die  Erfah- 
rung, dafi  man  sich  sagt:  Man  schaut  jetzt  hinaus  iiber  den 
Umfang  desjenigen,  was  das  gewohnliche  Bewufksein  iiber- 
schaut  und  lernt  in  sich  kennen  den  Menschen,  der  zwi- 
schen  Geburt  und  Tod  mit  den  todgebenden  Kraften  zu- 
sammenhangt.  Aber  man  lernt  ihn  zugleich  so  kennen, 
daft  man,  indem  man  ihn  durchschaut,  in  diesem  zweiten 
Menschen  dasjenige  kennen  lernt,  was  da  war  vom  Men- 
schen, bevor  er  durch  die  Geburt  oder  sagen  wir  die  Emp- 
fangnis  in  das  physische  Dasein  hereingetreten  ist.  Man 
lernt  von  diesem  Momente  an  wissen,  dafi  nicht  nur  die 
Vererbe-Krafte  von  den  Vorf  ahren,  von  Vater  und  Mutter, 
den  Menschen  in  das  Dasein  hereingestellt  haben,  sondern 
dafi  sich  verbunden  haben  mitdem,was  in  derVererbungs- 
stromung  liegt,  geistige  Krafle,  die  aus  einer  rein  geistigen 
Welt  heraus  gekommen  sind. 

Man  ist  gewohnt,  im  gewohnlichen  Leben  nur  dasjenige 
«Wissen»  zu  nennen,  wozu  man  dadurch  kommt,  dafi 
man  gewisse  Tatsachen  aufzeigt,  die  schon  vor  der  Erlan- 
gung  des  Wissens  da  sind.  Fur  die  geistigen  Tatsachen  ware 
diese  Denkweise  genau  dasselbe,  wie  wenn  man  sagen 
wiirde:  Ich  will  einem  anderen  etwas  mitteilen,  aber  ich 
spreche  es  nicht  aus,  denn  dadurch,  dafi  ich  es  ausspreche, 
ist  es  nicht  mehr  eine  objektive  Tatsache,  die  da  ist;  es 
mufi  sich  von  selber  machen.  -  So  wie  man  in  dem  Aus- 
sprechen  etwas  erzeugt,  was  sich  aber  doch  nicht  blofi  sei- 
nem  Inhalte  nach  in  dem  Ausgesprochenen  erschopft,  so  ist 


das  geisteswissenschaftliche  Erkennen  an  eine  Tatigkeit  ge- 
bunden,  in  der  dasjenige  erst  aufgeht,  was  Inhalt  des  Wis- 
sens  ist,  so  wie  sich  erst  im  Sprechen  das  erzeugt,  was  der 
Inhalt  des  Sprechens  ist.  Und  man  kommt  jetzt  wirklich 
dazu,  einzusehen,  dafi  auf  geistigen  Gebieten  in  einer  ho- 
lier en  Form  dasjenige  vorhanden  ist,  wozu  sich  die  Natur- 
wissenschaft  seit  ungefahr  der  Mitte  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  durchgerungen  hat:  das,  was  man  «Umwandlung 
der  Krafte»  nennt.  Umwandlung  der  Krafte  ist  es  zum 
Beispiel  -  nun  in  der  einfachsten  Form  -  :  Sie  driicken  auf 
den  Tisch,  und  die  Kraft  Ihres  Druckes,  die  Arbeit  Ihres 
Druckes  verwandelt  sich  in  Warme.  Ihre  Druckkraft  ist 
nicht  verlorengegangen,  sondern  sie  hat  sich  umgewandelt. 
Dieses  Gesetz  der  Umwandlung  der  Krafte  hat  ja  die 
naturwissenschaftliche  Gesinnung  ergriffen  und  dadurch 
eine  grofSe  Bedeutung  erlangt.  Derjenige,  der  als  Geistes- 
wissenschafter  sich  bis  zu  dem  Punkte  bringt,  den  ich  an- 
gedeutet  habe,  der  lernt  erkennen,  dafi  dasjenige,  was 
unserem  ganzen  Denken  zugrunde  liegt  und  was  ich  eben 
jetzt  «die  todbringenden  Krafte»  genannt  habe,  in  der  Tat 
ewige  Lebekrafte  sind,  aber  als  ewige  Lebekrafte  sich  nur 
betatigen  konnen,  wenn  sie  nicht  einen  Organismus,  einen 
physischen  Organismus  ergreifen.  Wenn  sie  vor  der  Geburt 
oder,  sagen  wir,  vor  der  Empfangnis,  in  der  rein  geistigen 
Welt  vorhanden  sind,  da  sind  sie  ewige  Lebekrafte.  Und 
sie  miissen  die  Form  der  ewigen  Lebekrafte  verlieren,  sie 
miissen  sich  umwandeln  in  solche  Krafte,  die  nun  zwischen 
Geburt  und  Tod .  das  Organ  des  physischen  Denkens  auf- 
bauen.  Sie  haben  damit  zu  tun,  dafi  sie  das  Organ  des 
physischen  Denkens  aufbauen.  Sie  konnen  also  erst  wie- 
derum  sich  in  ihrem  Geistcharakter  betatigen,  wenn  das 
Organ  des  physischen  Leibes,  das  Denkorgan,  abgebaut 
ist.  Daher  ist  es  wirklich  unmoglich,  innerhalb  des  physi- 


schen  Lebens  das  zu  finden,  von  dem  jetzt  gesprochen  wor- 
den  ist.  Denn  man  konnte  gar  nicht  im  gewohnlichen  Sinne 
denken,  wenn  man  das  finden  konnte,  wovon  gesprodien 
worden  ist.  Man  denkt  im  physischen  Leben  -  das  zeigt 
insbesondere  die  Geisteswissenschaft  -  mit  dem  Denkorgan. 
Nicht  das  Denken  ist  von  dem  ewigen  Wirken  und  von 
den  ewigen  Kraflen  der  menschlichen  Seele  geschaffen,  son- 
dern  das  Denkorgan;  das  muft  zunachst  immer  da  sein, 
damit  das  Denken  sich  betatigen  kann.  Dieses  gewohnliche 
physische  Denken  miiftte  also  aufhoren,  wenn  man  gerade 
das  anschauen  wollte,  worauf  es  ankommt.  Nicht  das  Den- 
ken kommt  aus  den  ewigen  Kraften,  sondern  das  Denk- 
organ, das  hinter  dem  Denken  verborgen  bleibt.  Und 
gerade  dieses  Denkorgan  muft  verborgen  bleiben,  damit 
das  Denken  zum  Vorschein  kommen  kann. 

Daher  macht  man  audi,  indem  man  in  dieser  eben  ange- 
deuteten  inneren  Seelenentwickelung  vorschreket,  eine  Er- 
fahrung,  die,  ich  mochte  sagen,  nicht  minder  erschiitternd 
ist  als  diejenige,  die  eben  bezeichnet  worden  ist  mit  dem 
hergebrachten  Ausdruck  «an  die  Pforte  des  Todes  heran- 
kommen».  Man  macht  die  Erfahrung:  Ja,  dein  Denken, 
das  erkraftest  du  also;  dein  Denken,  das  wird  in  sich  star- 
ker, so  daft  es  innerlich  fiihlen  kann  einen  zweiten  Men- 
schen,  der  in  dir  ist.  -  Aber  eines  gilt  vor  alien  Dingen  fur 
dieses  Denken.  All  das,  was  ich  sagte,  ist  nur  in  der 
Hauptsache  gemeint,  aus  dem  Grunde,  weil  ja,  indem  man 
sich  also  im  Innern  der  Seele  entwickelt,  immer  ein  Rest 
des  gewohnlichen  Denkens  bleibt,  sonst  wiirde  man  aus 
dem  gewohnlichen  Denken  herausspringen  und  in  das  an- 
dere  hineinspringen  miissen.  Es  ist  also,  was  ich  sage,  immer 
nur  vergleichsweise  gemeint,  das  heiftt  so,  daft  es  nicht  in 
vollem  Sinne,  sondern  nur  in  der  Hauptsache  gilt. 

Das,  was  als  besonders  charakteristisch,  als  besonders  be- 


deutsam  hervortritt,  indem  das  Denken  sich  erkraftet,  ist 
etwas,  was  gerade  eine  gewisse  Wichtigkeit  darstellt  f  iir  das 
gewohnliche  Seelenleben  und  jetzt  fiir  dieses  Seelenleben, 
das  sich  erkraftet  hat,  eigentlich  auf  hort.  Es  besteht  die 
Moglichkek,  durch  das  gewohnliche  Gedachtnis,  durch  das 
gewohnliche  Erinnerungsvermogen  das  zu  behalten,  was 
man  also  durch  das  Denken  erreicht.  Audi  die  Bequemlich- 
keit  des  gewohnlichen  Lebens  hort  auf,  daft  man  einfach 
seine  Gedanken  dem  Gedachtnis  ubermittelt  und  sie  dann 
hat  und  sich  nur  zu  erinnern  br audit;  audi  das  hort  eigent- 
lich auf.  Man  ist  also,  wenn  man  sein  Denken  erkraftet  hat, 
trotz  der  Erkraftung  zu  einem  Punkt  gelangt,  wo  man  fort- 
wahrend,  indem  man  sich  versetzt  in  dieses  erkraftete  Den- 
ken, vor  dem  Gefiihle  steht,  daft  sich  einem  dieses  Denken 
gleich  wieder  verliert,  indem  es  entsteht.  Und  das  ist  gerade 
die  Schwierigkeit,  die  da  macht,  daft  sehr  viele  Menschen 
die  Geduld  verlieren  und  gar  nicht  dazu  kommen,  solche 
inneren  Seelenkrafte  zu  entwickeln,  wie  sie  hier  gemeint 
sind.  Jemand,  der  Ubungen  wie  die  angedeuteten  macht, 
der  macht  sie  vielleicht  lange;  aber  er  beachtet  nicht,  daft 
man  das,  was  man  da  erzeugt,  eben  so  schwer  behalten 
kann,  wie  man  manchmal  einen  Traum  behalten  kann. 
Man  weift,  wenn  man  aufwacht,  ganz  genau:  Du  hast  die- 
ses oder  jenes  getraumt,  -  aber  man  kann  es  nicht  fest- 
halten,  es  entschwindet.  Und  so  ist  es  mit  dem,  was  man  da 
errungen  hat.  Es  kann  nur  mit  aufterordentlicher  Schwie- 
rigkeit dem  gewohnlichen  Gedachtnis  einverleibt  werden. 

Daher  ist  es  audi,  wenn  man  geisteswissenschaftliche 
Wahrheiten  vortragt,  so,  daft  man  sie  immer  erst  im  Mo- 
ment zu  erzeugen  hat;  so  sonderbar,  so  paradox  es  klingt, 
es  ist  eben  wahr,  daft  man  sie  nicht  aus  dem  gewohnlichen 
Gedachtnis  herausholen  kann.  Und  warum  ist  das  so?  Aus 
dem  Grunde,  weil  eben  der  Mensch,  wie  er  im  gewohn- 


lichen  Leben  steht,  fortwahrend  die  Tendenz  hat,  das,  was 
er  ja  eigentlich  erreicht  durch  die  Formung,  die  Bildung 
des  Organes  des  Denkens,  das,  was  aus  dem  Ewigen  her- 
auskommt,  in  das  Korperliche  hinunter  entschliipfen  zu 
lassen.  Indem  man  es  kaum  erlangt  hat,  was  einem  da  das 
Ewige  prasentiert,  entschliipft  es  einem  schon  in  das  ge- 
wohnliche Denkorgan  hinein.  Das  heifk,  es  geht  iiber  in 
das  gewohnliche  Seelenleben  und  verhert  damit  eben  seine 
Ewigkeitsform.  Fortwahrend  sieht  man  eigentlich,  dafi 
man  im  Entstehen  etwas  erfafk,  was  einem  sogleich  wieder 
entschliipft.  Und  erst  lange  Obung  ist  notwendig,  um  eini- 
germafien  zu  beobachten,  was  da  entsteht  und  gleich  wieder 
vergeht;  um  dasjenige,  was  da  entstehend  gleich  wieder 
vergeht,  in  der  Seele  zu  haben.  So,  merkt  man,  hat  man 
eigentlich  ein  ganz  anderes  Bewufksein  norig,  als  das  Be- 
wufksein ist,  das  eben  aus  dem  gewohnlichen  Denkorgan 
stammt.  Und  man  kommt  allmahlich  darauf  -  was  wie- 
derum  ein  erschiitterndes  Seelenerlebnis  ist  -:  Ja,  da  er- 
langst  du  etwas  durch  deine  Seelenentwickelung;  aber  mit 
dem  Bewufksein,  das  du  da  hast,  das  dir  gerade  in  der 
fruchtbarsten  Weise  dient  im  gewohnlichen  Leben,  kannst 
du  es  doch  nicht  festhalten.  Denn  dieses  gewohnliche  Be- 
wufksein ist  darauf  organisiert,  dafi  ihm  gerade  das  Ewige 
entschwindet,  damit  es  tiichtig  sei.  Da  kommt  zuletzt  die 
Oberzeugung  heraus:  Du  brauchst  ein  anderes  Bewufksein, 
du  brauchst  ein  Bewufksein,  das  iiber  dasjenige  Bewufitsein 
hinausgeht,  das  dir  fiir  das  gewohnliche  Leben  fruchtbar 
wird,  denn  mit  diesem  Bewufksein  kannst  du  das  Ewige 
nicht  festhalten. 

Daher  ist  es  notwendig,  dafi  solche  reinen  Gedanken- 
iibungen,  wie  sie  als  ein  Glied  des  meditativen  Lebens  be- 
zeichnet  worden  sind,  durch  andere  Ubungen  erganzt 
werden,  die  man  nun  Willensiibungen,  Willens-Gefuhls- 


iibungen  nennen  kann.  Es  genugt  nicht,  dafi  man  das  Den- 
ken,  das  Vorstellen,  in  der  angedeuteten  Weise  innerlich 
erkraftet,  denn  man  wiirde  gerade  durdi  dieses  innerliche 
Erkraften  dazu  kommen,  dafi  einem  das  Entstehende  fort- 
wahrend  vergeht.  Daher  mufi  die  Geisteswissenschaft  auch 
den  Rat  geben,  den  Willen  in  einer  anderen  Weise  zu  be- 
handeln,  als  er  im  gewohnlichen  Leben  behandelt  wird. 
Der  Wille  im  gewohnlichen  Leben  verlauft  so  im  Seelen- 
leben,  daft  eigentlich  die  Aufmerksamkeit  beim  Wollen 
verwendet  wird  auf  dasjenige,  was  geschehen  soil,  auf  das- 
jenige,  was  aus  dem  Willen  in  die  Tat  hinausflieftt,  selbst 
wenn  wir  innerlich  nur  wollen,  wenn  es  bei  der  Absicht 
bleibt  -  beim  innerlichen  Vorstellen  des  Wollens.  Es  wird 
immer  die  Aufmerksamkeit  auf  dasjenige  gerichtet,  in  das 
sich  der  Wille  auslebt,  in  das  der  Wille  einflieftt.  Wenn  man 
also  dieselbe  Miihe  auf  eine  innerliche  Willenskultur  ver- 
wendet, wie  sie  in  der  angedeuteten  Weise  verwendet  wer- 
den  kann  auf  die  Vorstellungs-,  auf  die  Denkkultur,  so 
kann  man  den  Willen  bis  zu  einem  Punkte  hin  bringen, 
durch  den  man  eine  Entwickelungsmoglichkeit  des  Willens 
erlangt,  die  notwendig  ist,  um  zu  den  ewigen  Kraften  der 
Menschenseele  heranzukommen.  Dazu  ist  allerdings  not- 
wendig, dafi  man  innerliche  Willensiibungen  so  vornimmt, 
dafi  man  wirklich  recht  intensive  Seelenruhe  herstellt,  das 
Auf-  und  Abwogen  der  Begehrungen,  das  Auf-  und  Ab- 
wogen  der  sonstigen  Wunschimpulse,  die  im  Leben  eine 
grofieRolle  spielen,  beruhigt,  daft  man  gewissermafien  voll- 
standige  Meeresstille  in  seinem  inneren  Seelenleben  her- 
stellt und  dann  sich  darauf  besinnt,  was  man  vielleicht  zu 
irgendeiner  Zeit  gewollt  hat.  All  die  Lebendigkeit,  in  die 
das  Wollen  versetzt  wird,  wenn  es  unmittelbar  gegenwar- 
tiges  Wollen  ist,  nimmt  man  sozusagen  dadurch  weg,  dafi 
man  erinnertes  Wollen  vor  sich  hinstellt,  dafi  man  etwa  am 


Abend  zurikkschaut  auf  das,  was  man  wahrend  des  Tages 
gewollt  hat,  und  jetzt  dieses  Wollen  so  auf  sich  wirken 
lafit,  daft  man  nicht  etwa  ein  innerlicher  Kritiker  wird, 
sondern  dafi  man  dieses  Wollen  anschaut;  dafi  man  es  an- 
schaut  jetzt,  wo  es  nicht  mehr  unmittelbar  dazu  verleitet, 
die  Aufmerksamkeit  allein  auf  die  aufteren  Taten  hinzu- 
lenken,  sondern  wo  man  nun  dadurch,  dafi  das  Wollen  sich 
im  inneren  Seelenleben  von  der  aufieren  Tatigkeit  losgelost 
hat,  wo  man  die  Aufmerksamkeit  auf  dasjenige  hinlenken 
kann,  was  das  Seelenleben  ist  und  was  es  im  Wollen  verrich- 
tet.  Man  kommt  auch  weiter  auf  diesem  Gebiete,  wenn 
man  sich  anstrengt,  ich  mochte  sagen,  wiederum  wie  ein  rein 
innerliches  Experiment,  dasjenige,  was  man  aus  diesem 
oder  jenem  Grunde  gut  fand  zu  wollen,  in  das  Innere  sei- 
nes Seelenlebens  zu  stellen,  und  dann  in  feiner,  in  intimer 
Weise  sich  vergegenwartigt:  Was  erlebst  du,  indemdu  deine 
Seele  hineinversetzest  in  die  Lage,  das  zu  wollen?  -  wobei 
man  ganz  absieht  von  dem,  was  mit  dem  Gewollten  selbst 
zusammenhangt,  sondern  sich  nur  versetzt  in  das,  was  die 
Seele  innerlich  erfiihlt,  indem  sie  das  Wollen  durchmacht. 

Wiederum  sind  lange  "Obungen  nach  jener  Richtung  hin 
notwendig,  wenn  man  zu  einem  Ergebnis  kommen  will; 
aber  man  kommt  zu  einem  Ergebnis:  man  entdeckt  nam- 
lich,  dafi  man  eigentlich  wahrend  des  Lebens  einen  unsicht- 
baren,  einen  unwahrnehmbaren  Zuschauer  f ortwahrend  mit 
sich  tragt.  Wiederum  einen  Menschen,  einen  neuen  Men- 
schen  entdeckt  man,  allerdings  einen  Menschen,  der  immer 
da  ist,  der  aber  nicht  beachtet  wird.  Ebensowenig,  wie  der 
vorhin  charakterisierte  innere  Mensch  im  Vorstellen,  im 
Denken  beachtet  wird,  wird  im  Wollen,  weil  die  Aufmerk- 
samkeit auf  etwas  ganz  anderes  gelenkt  wird,  dieser  innere 
Zuschauer  bemerkt.  Dieser  innere  Mensch  ist  aber  jetzt  tat- 
sachlich  ein  Bewufksein,  das  unbewufk  -  wenn  ich  den 


paradoxen  Ausdruck  gebrauchen  darf  -  immer  in  uns  ist, 
das  nicht  heraufgehoben  wird  in  das  gewohnliche  Bewufit- 
sein,  das  aber  doch  da  ist. 

Es  ist  schwierig,  iiber  diese  Dinge  zu  reden  aus  dem 
Grunde,  weil  man  iiber  Dinge  spricht,  die  zwar  Realitaten 
sind,  aber  dem  Menschen  eigentlich  ungewohnt  sind;  un- 
gewohnt  deshalb,  weil  sie  im  gewohnlichen  Leben  nicht 
zum  Bewufitsein  gebracht  werden.  Der  Geisteswissenschaf- 
ter  redet  von  nichts  Neuem.  Er  redet  von  nichts,  was  nicht 
vorhanden  ware.  Er  zeigt  nur  auf,  was  in  jedem  Menschen 
vorhanden  ist.  Aber  urn  es  aufzuzeigen,  ist  es  eben  not- 
wendig,  sich  ihm  so  zu  nahen,  daft  man  sich  ihm  tatig  naht; 
dafi  man  nicht  blofi  Tatsachen  aufzeigt,  die  ein  Sein  ver- 
biirgen  wollen,  sondern  fur  die  Beobachtung  erst  hervor- 
bringt,  was  ist,  was  aber  nur  durch  die  Tatigkeit  aufgezeigt 
werden  kann. 

Und  nun,  wenn  man  es  auf  diesem  Gebiete  bis  zu  einem 
gewissen  Punkt  gebracht  hat,  dann  geschieht  in  der  Seele 
wiederum  etwas,  was  einen  zur  tief sten  Erschutterung  brin- 
gen  kann.  Man  lernt  jetzt  in  umfanglichem  Mafie  etwas 
kennen,  das  man  ja  im  aufSeren  Leben  namentlich  inner- 
halb  der  Absichten,  der  Wunsche,  des  Willens,  die  man  in 
der  Seele  hat,  fortwahrend  erlebt,  aber,  ich  mochte  sagen, 
nur  seiner  AuEenseite  nach,  nur  stiickweise  erlebt.  Man 
erlebt  in  umfanglicher  Weise,  was  man  nennen  kann:  das 
unmittelbare  Anschauen,  das  unmittelbareErfuhlen  dessen, 
was  Leid,  was  Schmerz  ist.  Denn  es  ist  im  Grunde  genom- 
men  mit  jedem  Stuck  dieser  Erringung  des  sonst  unbewufk 
bleibenden  Bewufkseins  Entbehrung,  Schmerz  verbunden. 
Aber  die  beiden  Erlebnisse  gliedern  sich  nun  zusammen. 
Das  eine  Erlebnis,  das  einen  bis  zu  der  Wahrnehmung,  ich 
mochte  sagen,  der  Bliite  der  Sterbekraft  im  Menschen  ge- 
fiihrt  hat,  und  dasjenige  Erlebnis,  das  einen  gefiihrt  hat  bis 


zu  der  Wahrnehmung  eines  unbewufitenBewufitseins,  das  im 
Menschen  immer  vorhanden  ist,  das  dem  Menschen  immer 
als  Beobachter  zuschaut,  -  diese  beiden  Erlebnisse  gliedern 
sich  zusammen.  Von  dem  ersten  Erlebnis  merkt  man:  Das 
kann  im  Grunde  genommen  nicht  als  solches  Sein  bezeich- 
net  werden,  wie  sonst  irgend  ein  Seiendes  bezeichnet  wird. 
Das  kann  sich  nicht  halten  imSein,  wenn  es  nicht  von  einem 
Bewulksein  getragen  wird,  wenn  es,  mit  anderen  Worten, 
nicht  von  einem  gewissen  Bewulksein  erinnert  wird.  Und 
man  macht  eine  Entdeckung  -  eines  der  grofiartigsten,  ge- 
waltigsten  inneren  Erlebnisse,  die  man  zunachst  auf  dem 
Erkenntnisweg  haben  kann  man  macht  die  Entdeckung: 
Was  du  also  erzeugst  aus  einer  Erkraftung  deines  Denkens 
heraus,  es  ist  wie  ein  fliichtiger  Traum.  Es  kann  an  die 
Erinnerungsfahigkeit  des  gewohnlichen  Bewufitseins  nicht 
heran.  Wenn  du  aber  dasjenige,  was  im  Wollen  lebt,  als 
deine  Beobachtung,  als  dein  unterbewuikes  Bewulksein, 
wirklich  auch  in  dir  erkraftest,  so  ist  dies  jetzt  das  Bewufk- 
sein,  welches  das  andere  erfassen  kann,  das  sonst  nicht  zur 
Erinnerung  kommen  kann,  und  welches  es  halten  kann. 

Und  jetzt  ist  man  bei  dem  Erlebnis,  das  sich  in  bezug  auf 
die  wissenschaftliche  Gesinnung  ganz  mit  der  Art  verglei- 
chen  lafit,  wie  man  es  im  aufieren  Naturleben  macht,  wie 
man  das  auftere  Naturleben  beobachtet.  Man  sieht  die 
Pflanze  an.  Man  sieht,  wie  sie  es  bis  zum  Keime  bringt  in 
der  Bliite  und  wie  dieser  Keim,  wenn  er  in  die  Erde  gesenkt 
wird,  der  Anfang  einer  neuen  Pflanze  ist.  Das  Ende  bringt 
man  mit  dem  Anfang  zusammen,  um  einen  Zyklus,  einen 
Kreis  aufzustellen.  In  derselben  Weise,  allerdings  auf  einer 
hoheren  Stufe,  wird  Ende  und  Anfang  des  physischen 
Menschenlebens  erfaftt.  Man  weifi,  da£  dasjenige,  das  vor 
der  Geburt,  oder  sagen  wir  der  Empfangnis,  vorhanden 
war,  sich  aus  der  geistigen  Welt  heraus  vereinigt  hat  mit 


dem,  was  in  der  physischen  Vererbungslinie  liegt,  was  die- 
ses physisch  Organisierte  im  Menschen  durchwallt  und 
durchwebt.  Man  weift,  daft  dies  sich  so  auslebt,  daft  es  ein 
Organ  hervorbringt,  daft  dieses  Organ  es  zum  Denken 
bringt,  und  daft  dessen  auftersteAusgestaltung  es  bis  zurEr- 
innerung  bringt;  daft  es  aber  damit,  indem  es  aus  der  gei- 
stigen  Welt  herausgetreten  ist,  in  dieser  Umwandlung  eine 
Form  erreicht  hat,  die  sozusagen  eine  hochste  Bliite  ist,  die 
nun  von  einem  Bewufttsein  erf  aft  t  werden  muft,  das  ganz 
anderer  Art  ist  als  das,  durch  das  es  zunachst  aus  der  gei- 
stigen  Welt  herauskommt,  hervorgebracht  wird.  Dieses  Be- 
wufttsein liegt  wie  ein  Bewufttseins-Same,  wie  etwas,  was 
als  Wollen  zugrunde  liegt,  aber  im  gewohnlichen  Wollen, 
weil  die  Aufmerksamkeit  nicht  darauf  gerichtet  ist,  nicht 
zum  Bewufttsein  kommt.  Das,  was  als  todgebend  im  Men- 
schen liegt,  verbindet  sich,  wenn  der  Mensch  durch  die 
Pforte  des  Todes  schreitet,  mit  diesem  Bewufttseins-Samen, 
der  im  Wollen  liegt.  Und  das  gewohnliche  physische  Leben 
ist  nur  wie  ein  Auseinanderhalten  des  einen  und  des  an- 
deren.  Wir  leben  so  lange  physisch,  als  das  eine  und  das 
andere  auseinandergehalten  ist,  solange  als  wir  uns  mit 
unserem  Sein  dazwischen  stellen.  Im  Todeserlebnis  tritt  das 
ein,  daft  das  erste  von  dem  zweiten  erfaftt  wird,  daft  das 
Bewufttsein  das  erstere  erfaftt  und  hinaustragt  durch  die 
Pforte  des  Todes  wiederum  in  die  geistige  Welt  hinein. 

Ebenso,  wie  man  amPflanzensamen  in  der  Bliite  sieht,  daft 
er  den  Zyklus  wieder  beginnt,  wenn  er  durch  die  notigen 
Zwischenbedingungen  hindurchgeht,  ebenso  erlebt  man,  daft 
dasjenige,  was  vor  der  Geburt  vorhanden  war,  was  als  tod- 
gebend im  Menschen  liegt,  zu  einem  erneuerten  Erdenleben 
herabsteigt,  wenn  es  durch  geistige  Bedingungen  hindurch- 
gegangen  ist.  Man  verbindet  Ende  und  Anfang  ganz  im 
Sinne  der  naturwissenschaftlichen  Gesinnung  und  kommt 


dadurcli  zu  einer  Bekraftigung  dessen,  was  in  einer  der 
schonsten  Phasen  des  neuzeitlichen  Geisteslebens  hervor- 
getreten  ist  und  -  so  konnte  man  sagen  -  wie  aus  dem 
Denken  eines  tiefen  Denkers  hervorgesprungen  ist:  was 
durch  Lessing  hervorgetreten  ist,  als  er  seine  reifste  Schnifl: 
«Die  Erziehung  des  Menschengeschlechts»  abschloft  mit 
dem  Hinweis  auf  die  Denknotwendigkeit  von  den  wieder- 
holten  Erdenleben.  Damals  sprang  es  wie  aus  einem  Den- 
ken, das  sich  zu  einer  unabhangigen  Weltanschauung  durcli- 
gerungen  hatte.  Die  neuere  Geisteswissenschaft  strebt  an, 
das,  was  sich  so  in  Lessings  Denken  hereingestellt  hat,  diese 
Lehre  von  den  wiederholten  Erdenleben  wirklich  wissen- 
schaftlich,  aber,  wie  wir  sehen,  innerlich  wissenschaftlich  zu 
erharten!  Sie  wird  heute  ebenso  als  etwas  Phantastisch.es, 
als  etwas  Traumerisches  angesehen;  wie  zu  einer  gewissen 
Zeit,  die  gar  nicht  weit  hinter  uns  liegt,  die  Lehre  angesehen 
wurde:  Lebendiges  kann  nur  aus  Lebendigem  entstehen.  - 
Aber  wer  eine  solcheAnschauung  zu  vertreten  hat,  die  er  als 
Wahrheit  erkannt  hat,  der  weift  audi,  daft  die  Wahrheit 
einen  schwierigen  Weg  zu  gehen  hat  in  der  Menschheit, 
aber  daft  sie  diesen  Weg  auch  findet! 

Phantastisch,  traumerisch  war  es  fur  die  Mehrzahl  der 
Menschen,  als  die  neueren  naturwissenschaftlich  gesinnten 
Menschen  aufgetreten  sind  und  gesagt  haben:  Da  meint 
der  Mensch,  daft  ein  Firmament  oben  den  Raum  begrenzt, 
wahrend  doch  dieses  Firmament  nichts  anderes  ist  als  der 
Ausdruck  des  Endes  des  Schauvermogens  selber.  Was  ihr 
als  Firmament  anschaut,  das  wird  nur  hervorgerufen  durch 
euch  selber;  bis  dahin  dringt  eben  euer  Blick,  bis  dahin 
dringt  eben  euer  Schauen!  Das  ist  nicht  aufterlich  in  der 
Natur  da,  sondern  aufterlich  in  der  Natur  ist  die  Raumes- 
unendlichkeit  da,  in  die unzahlige  Welteneingebettet  sind!  - 
Auf  dem  Standpunkt,  auf  dem  man  dazumal  stand,  als  die 


alte  Vorstellung  des  Raumesfirmamentes  zu  iiberwinden 
war,  auf  diesem  Standpunkt  steht  Geisteswissenschafl  heute, 
idi  mochte  sagen,  mit  Bezug  auf  das  geistige  Firmament  der 
menschlichen  Seele  zwischen  Geburt  oder  Empfangnis  und 
Tod.  Der  Mensch  sieht  zunachst  nach  der  Empfangnis,  nach 
der  Geburt  hin  oder  bis  zu  einem  Punkte,  bis  zu  dem  hin 
eben  sein  Erinnerungsvermogen  reicht,  und  bis  zu  seinem 
Tode.  Aber  da  ist  nichts,  was  das  Leben  begrenzt,  eben- 
sowenig  wie  das  Firmament  den  Raum  begrenzt.  Sondern 
hinter  dem  dehnt  sich  aus,  was  der  Mensch  nicht  schaut, 
weil  er  nicht  versucht,  seinErkenntnisvermogen,  seinDenk- 
vermogen  iiber  dieses  Zeitenfirmament  hinaus  auszudeh- 
nen.  Da  draufien,  aufierhalb  dieses  Firmaments,  liegen 
die  wiederholten  Erdenleben  und  die  dazwischen  liegen- 
den  Leben,  in  denen  die  Seele  in  einer  rein  geistigen  Welt 
lebt. 

Es  ist  gewifi  vielleicht  noch  schwieriger,  sich  in  diejenigen 
Vorstellungsverlaufe  einzugewohnen,  die  notwendig  sind, 
um  zu  dieser  Hinwegraumung  des  geistigen  Firmamentes 
zu  kommen,  als  es  schwierig  war,  zur  Hinwegraumung  des 
physischen  Firmamentes  zu  kommen.  Aber  unsere  Zeit  ist 
durchaus  reif,  aus  naturwissenschaftlicher  Gesinnung  her- 
aus,  ich  mochte  sagen,  dasjenige,  was  die  au£erliche  Natur- 
wissenschaft  erreichen  kann,  selber  zu  uberschreiten.  Und 
daher  stehe  ich  audi  nicht  an,  wenn  das  auch  zu  noch  viel 
argeren  Mifiverstandnissen  fiihren  mufi  als  das  bisher  Ge- 
sagte,  die  konkrete  Anwendung,  die  besondere  Anwendung 
jener  Art  des  Geistesforschens,  die  ich  eben  charakterisiert 
habe,  in  einem  besonderen  Fall  zu  machen,  der  uns  ja  zu 
alien  Zeiten,  aber  insbesondere  in  unserer  schicksaltragen- 
den  Zeit  interessieren  kann. 

Man  spricht  und  wird  immer  mehr  sprechen  von  den 
unsterblichen  Kraften  der  Menschenseele,  wenn  man  wie- 


derum  zu  einer  wahren  Seelenkunde  kommt.  Aber  man 
wird  audi  wieder  spredien  lernen  von  dem,  was  unsichtbar 
in  dem  Sichtbaren  waltet,  was  unwahrnehmbar  fiir  die 
gewohnliche  Geschichtsbetrachtung  im  Verlauf  des  mensch- 
lichen  Lebens  waltet.  Wir  haben  im  Zusammenhang  mit 
den  ewigen  Kraften  der  Menschenseele  von  dem  Tode  ge- 
sprochen,  der  ja  eine  Ratselfrage  bildet,  nicht  nur  fiir  den- 
jenigen,  der  da  sagt,  er  begehre  ein  Leben  iiber  die  Pforte 
des  Todes  hinaus,  sondern  fiir  den  vor  alien  Dingen,  der 
das  Leben  selber  begreifen  mufi;  denn  vieles  zum  Begreifen 
des  Lebens  liegt  in  der  Entratselung  des  Geheimnisses  des 
Todes.  Aber  in  unserer  Gegenwart  tritt  der  Tod  noch  in 
einer  ganz  anderen  Weise  an  uns  heran,  mitten  unter 
Schmerz  und  Leid,  aber  allerdings  audi  unter  Zukunfts- 
hoffnung  und  Zukunftssicherheit.  Der  Tod  tritt  so  auf,  dafl 
er  bliihende  Menschenleben  erfafk,  jetzt  nicht  in  der  Weise, 
daft  gewissermaften  die  todgebenden  Krafte  im  Inneren  ab- 
laufen  -  je  nadidem  es  dem  Menschen  zugeteilt  ist;  das 
kann  heute  nicht  weiter  ausgefuhrt  werden,  konnte  aber 
audi  im  Sinne  der  Geisteswissenschaft  charakterisiert  wer- 
den -,  also  nicht  blofi  so  tritt  der  Tod  auf,  dafi  diese  tod- 
bringenden  Krafte  von  innen  heraus,  vom  Organischen 
heraus,  den  physischen  Leib  hinwegnehmen  von  dem,  was 
sich  dann  als  das  hohere  Bewufitsein  im  Willensleben  mit 
dem  Ewigen  verbindet,  was  todbringend  ist,  was  aber  mit 
dem  Ewigen  eins  ist  -,  nicht  blofi  so  tritt  der  Tod  an  uns 
heran,  sondern  so,  dafi  er  durch  gewaltsame  Eingriff e  von 
aufien,  sagen  wir,  durch  eine  Kugel  oder  sonst  wirkt  und 
den  physischen  Menschenleib  gewaltsam  hinwegnimmt  von 
dem  Seelischen  in  der  Bliite  des  Lebens.  Obwohl  ich  einiges 
Genauere  gerade  dariiber  in  acht  Tagen  in  dem  Vortrage 
iiber  «Menschenseele  und  Menschengeist»  angeben  werde, 
mochte  ich  es  wagen,  ein  Forschungsergebnis,  das  auf  dem 


Wege  liegt,  der  eben  charakterisiert  worden  ist,  hier  ein- 
fach  zu  erzahlen. 

Vollstandig  auseinanderzusetzen,  wie  ganz  derselbe  Weg, 
der  eben  fur  die  gewohnlichen,  einfachen  Ergebnisse  auf- 
gezeigt  worden  ist,  dahin  fiihrt,  audi  das  zu  erforschen, 
von  dem  jetzt  geredet  werden  soil,  das  wurde  ja  viel  Zeit 
in  Anspruch  nehmen.  Aber  es  ist  ganz  derselbe  Weg,  der  uns 
im  weiteren  Verlaufe  audi  zu  der  Erkenntnis  gerade  der 
grofkn  Lebenszusammenhange  fiihrt. 

Das  miissen  wir  uns  ja  vergegenwartigen:  verloren  geht 
keine  Kraft;  sie  bleibt  vorhanden,  sie  verwandeltsich.  Wenn 
nun  der  physische  Leib  durch  einen  aufieren  Einflufi,  sagen 
wir  durch  eine  Kugel,  in  der  Bliite  des  Menschenlebens 
hinweggenommen  wird,  so  sind  ja  aus  den  allgemeinen 
Menschenanlagen  heraus  solche  Krafte  vorhanden,  die  den 
Menschen  lange  noch  hatten  versorgen  konnen  in  bezug  auf 
sein  Leben  in  der  physischen  Welt.  Diese  Krafte  gehen  nicht 
verloren.  Der  Geistesforscher  mud  fragen:  Woher  kommen 
diese  Krafte,  wohin  gehen  sie?  Eine  bedeutungsvolle  Frage 
tritt  uns  da  vor  die  Seele.  In  einem  Vortrag  im  vorigen 
Winter  habe  ich  von  dem  Gesichtspunkte  aus,  wie  diese 
Kraft  in  der  Gegenwart  fortlebt,  gesprochen.  Jetzt  will  ich 
da  von  sprechen,  insof  ern  diese  Krafte  an  den  geschichtlichen 
Verlauf  der  Menschheit  geknupft  sind.  Der  Geistesforscher 
mufi  fragen:  Wo  treten  diese  Krafte,  die  da  aufhoren  in 
einem  Menschen  zu  wirken,  wenn  sein  Leib  gewaltsam  von 
ihm  genommen  ist,  anderswo  wieder  auf?  Gerade  so,  wie 
man  in  der  Naturwissenschaft  sucht,  wenn  irgendeine 
Kraft  verloren  geht,  wie  diese  Kraft,  in  andere  Formen 
verwandelt,  wieder  auftritt,  so  sucht  der  Geistesforscher 
in  den  geistigen  Welterscheinungen,  um  dasjenige,  was  auf 
der  einen  Seite  verloren  geht,  auf  der  anderen  Seite  wie- 
derzufinden.  Und  gerade  indem  man  dasjenige  sucht,  wo- 


von  hier  die  Rede  ist,  kommt  man  darauf,  sich  zu  sagen: 
Es  treten  in  der  Menschheitsentwickelung  Krafte  auf,  nun, 
die  wir  etwa  beobachten,  wenn  wir  einen  Menschen  er- 
ziehen.  Da  beobachten  wir,  wie  ein  Mensch  fahig  werden 
kann,  dieses  oder  jenes  zu  denken,  zu  tun  oder  zu  fiihlen. 
Da  leiten  wir  die  in  ihm  vorhandenen  Anlagen  so,  daft 
wir  wissen:  wir  tun  nichts  besonderes,  wenn  wir  allgemein 
menschliche  Fahigkeiten  entwickeln.  Wir  wissen,  wenn  er 
spater  dieses  oder  jenes  kann:  es  ist  dadurch  gekommen, 
daft  dieses  oder  jenes  in  ihm  entwickelt  worden  ist. 

Aber  daneben,  neben  alledem  treten  im  Menschenleben 
andere  Krafte  auf,  Krafte,  die  man  genialische  Krafte  nennt, 
Krafte,  die  erscheinen,  wahrend  man  einen  Menschen  er- 
zieht.  Man  kann  viel  diimmer  sein,  als  der,  den  man  er- 
zieht:  diese  genialischen  Krafte  kommen  doch  heraus.  Sie 
treten  zutage.  Man  spricht  von  einer  gottlichen  Begna- 
dung,  von  einem  Herauskommen  von  Kraften,  ohne  daft 
man  dazu  etwas  tun  kann.  Ich  meine  natiirlich  dabei  nicht 
bloft  die  Krafte,  die  die  hoheren  Genialitaten,  die  hoheren 
Genies  zeigen,  sondern  geniale  Krafte,  die  eben  in  jedem 
Menschen  sind.  Der  einfachste  Mensch  braucht  in  den  all- 
taglichsten  Verrichtungen,  um  wirklich  vorwarts  zu  kom- 
men, diese  oder  jene  Erfindungskrafte.  Es  ist  nur  ein  Grad- 
unterschied  zwischen  dem,  was  man  im  gewohnlichen  Leben 
braucht,  und  den  hochsten  genialen  Kraften.  Diese  genialen 
Krafte,  sie  treten,  man  mochte  sagen,  aus  dem  Dammer- 
dunkel  des  Werdens  heraus;  sie  treten  im  Menschen  auf  wie 
etwas,  was  ihm  durch  den  Weltengeist,  durch  den  die  Welt 
durchwaltenden  gottlichen  Geist,  verliehen  ist,  wie  man 
zunachst  sagt,  ohne  daft  man  behaupten  kann,  man  habe 
sie  erzogen,  man  habe  sie  durch  Erziehung  herausgepflegt. 
Und  da  stellt  sich  denn  das  merkwiirdige,  uberraschende 
Resultat  heraus,  daft  diese  Krafte,  die  also  als  erfindende, 


als  geniale  Krafte  zutage  treten,  umgewandelte  Krafte 
sind.  Umgewandelt  sind  diejenigen  Krafte  in  genialische 
Krafte,  die  verschwinden,  wenn  dem  Menschen  von  auften 
der  physische  Leib  genommen  wird,  den  er  im  gewohnlichen 
Verlauf,  ohne  daft  ihn  die  Kugel  getroffen  hatte,  noch 
hatte  behalten  konnen.EiniiberraschenderZusammenhang, 
der  sich  da  ergibt:  Die  Krafte,  die  der  Mensch  in  den  Tod 
hinein  tragt  dadurch,  daft  er  auf  gewaltsame  Weise  durch 
die  Pforte  des  Todes  geht,  daft  ihm  von  auften,  nicht  durch 
innere  organische  Vorgange  der  physische  Leib  genommen 
wird,  diese  Krafte  gehen  nicht  verloren;  diese  Krafte  treten 
auf,  und  zwar  nicht  bloft  im  spateren  Erdenleben  des  ein- 
zelnen  Menschen  -  das  zeigt  sich  in  ganz  anderer  Art  -, 
sondern  sie  treten  im  geschichtlichen  Verlauf e  auf,  sie  treten 
bei  ganz  anderen  Menschen  auf.  Sie  werden  gleichsam  - 
wenn  ich  den  trivialen,  den  philistrosen  Ausdruck  gebrau- 
chen  darf  -  in  das  geschichtliche  Werden  eingelagert.  Und 
was  Krafte  eines  gewaltsamen  Todes  sind  in  der  Vorzeit, 
das  verwandelt  sich  in  einer  friiheren  oder  spateren  Nach- 
zeit  in  geniale  Krafte,  die  innerhalb  der  Menschheitsent- 
wickelung  auftreten. 

Wenn  man  die  Geisteswissenschaft  bis  in  solche  Punkte 
hinein  verfolgt,  so  treten  fur  den,  der  Obung  hat  im  Den- 
ken,  ich  meine  innere  Obung  hat  in  dem,  welche  Wege  das 
Denken  nehmen  muft,  um  an  Realitaten  heranzukommen, 
wahrhaftig  Zusammenhange  auf,  die  in  der  geistigen  Welt 
zutage  treten  -  die  aber  nicht  wunderbarer  sind,  als  wenn 
geheimnisvolle  Naturzusammenhange  auftreten  — ,  Zu- 
sammenhange, die  eben  nur  in  einer  hoheren  Sphare  leben, 
und  weil  sie  in  einer  hoheren  Sphare  leben,  fur  die  Er- 
hohung  unseres  Lebens  um  so  wichtiger  sind,  wichtiger  sind 
als  das,  wie  die  Seele  sich  fiihlt  im  Dasein,  wie  die  Seele  sich 
audi  religios  durchdringen  kann  mit  dem  Weltenzusam- 


menhang,  wichtiger  sind  als  die  blofien  aufieren  Natur- 
erkenntnisse.  Geisteswissenschaft  will  nicht  irgendeine  Reli- 
gion ersetzen;  das  religiose  Gefuhl  hat  einen  ganz  anderen 
Ursprung.  Aber  Geisteswissenschaft  ist,  wenn  man  so  sagen 
kann,  geeignet,  diese  religiosen  Gefuhle  zu  vertiefen,  sie 
selbst  bei  denen  anzuregen,  die  durch  die  Einfliisse  der 
neueren  Naturwissenschaft  alles  religiose  Gefuhl  verloren 
haben.  Geisteswissenschaft  zeigt  Zusammenhange,  ganz  aus 
der  Gesinnung  naturwissenschaftlicher  Denkweise  heraus, 
innerhalb  des  geistigen  Lebens.  Nicht  als  ob  dadurch  alle 
Weltenratsel  gelost  wiirden,  aber,  was  sonst  sich  nur  als 
Tatsache  neben  Tatsache  stellt,  das  wird  innerlich  durch- 
leuchtet,  in  ahnlicher  Weise,  wie  die  Naturtatsachen  durch- 
leuchtet  werden,  wenn  man  sie  an  der  Kette  der  Ursachen 
und  Wirkungen  verfolgen  kann. 

Nun  mochte  ich  zum  Schlusse  etwas  sagen,  was  nicht  in 
einem  denklogischen  Zusammenhange  steht  als  Schlufi- 
betrachtung  mit  dem  eben  Ausgefuhrten  —  am  nachsten 
Freitag  werde  ich  weiter  dariiber  zu  sprechen  haben  -,  son- 
dern  etwas,  was  nur  wie  durch  eine  Empfindungslogik  da- 
mit  verbunden  ist,  eine  Empfindungslogik,  die  jedem  be- 
greiflich  sein  mufi,  der  mit  dem,  was  in  unserer  Zeit  uns 
alle  durchdringt,  uns  alle  bewegt,  zusammenhangt. 

Das  ist  es  ja  gerade,  dafi  wir  sehen  das  Volk  Mittel- 
europas  eingekreist,  bedrangt,  um  sein  Dasein  kampfend. 
Gestern  versuchte  ich  zu  zeigen,  was  innerhalb  dieses  Da- 
seinskreises  an  geistigen  Bestrebungen  vorhanden  ist.  Nun 
glaube  ich  wirklich  nicht  gewaltsam,  ich  mochte  sagen,  um 
der  Zeit  in  aufierlicher  Weise  zu  dienen,  das  herbeizerren 
zu  mussen,  was  ich  zu  sagen  habe.  Ich  habe  gestern  versucht 
zu  zeigen,  wie  im  deutschen  Geistesleben,  gerade  als  dieses 
deutsche  Geistesleben  seine  Erkenntniswege  durch  seine 
grofien  Philosophen  in  idealistischer  Weise  gesucht  hat,  ein 


Weg  liegt  in  die  geistigen  Welten  hinein.  Man  darf  es  nicht 
dogmatisch  nehmen  -  wie  ich  gestern  immer  wieder  betont 
habe  ~,  sondern  man  mufi  es  nach  der  Art  des  Suchens  neh- 
men, nach  der  Art  des  Strebens  nehmen.  Man  mull  die 
Richtung  priifen,  nach  welcher  sich  die  inneren  Seelenkrafte 
der  deutschen  idealistischen  Philosophen  bewegten.  Und 
wenn  man  dann  in  einer  Weise,  wie  ich  das  gestern  ausein- 
anderzusetzen  versuchte,  verfolgt,  wie  sich  in  Kant,  in 
Goethe,  in  Fichte,  in  Schelling,  in  Hegel,  auf  der  einen  Seite 
durch  abstraktes,  durch  niichternes  Denken,  auf  der  an- 
deren  Seite  durch  energische  Willensanschauungen,  wie  bei 
Fichte,  oder  durch  gewaltige  dichterische  Gestaltungskrafte, 
wie  bei  Goethe,  Deutschlands  idealistische  Weltanschau- 
ungswege  eroffneten,  so  hat  man  darinnen  etwas,  was  sich 
einem  darstellt,  wie  wenn  nun  die  Volksseele  selber,  diese 
deutsche  Volksseele  als  Ganzes,  in  Meditation  sich  versenkt 
hatte,  die  Meditation  einer  ganzen  Volksseele  in  der  idea- 
listischen Entwickeiung  vom  Ende  des  achtzehnten  Jahr- 
hunderts  in  das  erste  Drittel  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
herein!  Wer  in  der  Meditation,  in  der  besonderen  Ausbil- 
dung  des  Denkens,  des  Fuhlens,  des  Wollens  den  "Weg  sieht 
in  die  geistigen  Welten  hinein,  der  darf,  ohne  eine  solche 
Behauptung  irgendwie  gewaltsam  herbeizerren  zu  miissen, 
sagen,  was  wirklich  fur  denmodernenGeistesforscherinnig- 
ste  Oberzeugung  sein  kann:  Der  Fortschritt  in  der  Geistes- 
wissenschaft  kann  sich  darstellen  wie  die  Entwickeiung 
eines  Keimes,  der  in  der  deutschen  idealistischen  Philoso- 
phic versenkt  ist;  der  uberhaupt  im  ganzen  idealistischen 
deutschen  Geistesstreben  um  die  Wende  des  achtzehnten 
und  neunzehnten  Jahrhunderts  vorhanden  ist  und  so  fort- 
gewirkt  hat  bis  in  unsere  Tage  herein,  wie  ich  das  gestern 
versuchte  zu  charakterisieren.  WahrhafKg,  in  alledem,  was 
ich  seit  Jahren  hindurch  hier  in  diesen  Vortragen  habe  spre- 


chen  konnen,  war  immer  das  Bewufksein:  Es  ist  nichts  an- 
deres,  was  jetzt  als  Geisteswissenschafl;  gegeben  wird  — 
wenn  das  audi  ganz  paradox  klingen  wird  als  der  Goethe- 
anismus,  der  deutsche  Idealismus.  Idi  meine  diesen  kon- 
kreten  Idealismus,  wie  er  um  die  Wende  des  achtzehnten 
und  neunzehnten  Jahrhunderts  hervorgetreten  ist  im  deut- 
schen  Geiste,  in  unsere  Zeit  iibertragen;  nicht  einfach  histo- 
risch  angeschaut,  wie  er  dazumal  war,  sondern  lebendig 
erfaftt  in  unserer  Zeit!  Und  idi  war  mir  bewufit,  niemals 
im  Grunde  genommen  etwas  anderes  als  Goetheanismus 
vorzutragen,  indem  idi  Geisteswissensdiaft,  im  Sinne  wie 
sie  in  unserer  Zeit  sein  kann,  vortrug.  So  sonderbar  das 
audi  manchem  in  unserer  heutigen  Zeit  klingen  mag,  -  ge- 
rade  wenn  man  die  Sadie  so  ansehen  mu£,  dann  flndet  man 
fest  verankert  das  Streben  nach  der  geistigen  Welt  in  dem, 
wozu  sich  als  einem  hochsten  Gipfel,  als  einem  hochsten 
innerlichen  Gipfel  das  deutsche  Geistesstreben  einmal  er- 
hoben  hat. 

Und  wenn  man  diesen  Zusammenhang  in  seiner  Seele 
wirken  lafk,  so  kann  er  sich  in  unsere  schicksaltragenden 
Tage  so  hineinstellen,  dafi  nun  dasjenige,  was  auf  der  einen 
Seite  in  aufterster  Ausgestaltung  der  geistigen  Anstrengun- 
gen  vom  deutschen  Volke  gesucht  worden  ist,  nur  wie  eine 
andere  Seite  desjenigen  ist,  was  in  unserer  Zeit  wirken  mull, 
damit  die  geschichtHche,  dem  deutschen  Volke  in  unseren 
Tagen  gestellteAufgabe  auf  den  au/kren  Feldern  derTaten 
gelost  werden  konne.  Gerade  deshalb  findet  man  innig  ver- 
bunden  alles,  was  das  deutsche  Volk  vollbringt,  mit  dem 
tiefsten  Seelenleben,  mit  dem,  was  grofi  und  bedeutend  war 
in  einer  Zeit,  als  in  bezug  auf  die  Aufienwelt  dem  deutschen 
VolkegleichsamderBodenunterdenFufienweggezogenwar. 
Daher  darf  man  sagen:  Wenn  sich  jetzt  neben  dem  aufier- 
lichenKampfe,  den  die  Waffen  entscheiden  werden  und  iiber 


den  zu  reden  nicht  eigentlich  dem  Geistesbetrachter  ziemt, 
weil  Dinge  entschieden  werden,  iiber  die  nicht  Worte  ent- 
scheiden  werden,  sondern  die  Waff  en  wenn  sich  neben  die- 
sem  Kampfe  etwas  entwickelt  hat,  was  uns  so  merkwiirdig 
entgegentont  dadurch,  daft  dieses  deutsche  Geistesleben 
von  den  Gegnern  herabgesetzt  wird,  so  dafi  man  glauben 
konnte,  diese  Gegner  finden  nur  dadurch  die  Moglichkeit, 
ihr  eigenes  Geistesleben  in  besonderem  Licht  erglanzen  zu 
lassen,  dafi  sie  das  deutsche  Geistesleben  herabsetzen,  dann 
fiihrt  eine  Betrachtung  der  inneren  Bedeutung,  der  inneren 
Weltbedeutung  des  deutschen  Geisteslebens  gerade  dazu, 
zu  empfinden,  wie  wenig  es  der  Deutsche  notig  hat,  sein 
eigenes  Geistesleben  so  zu  betrachten,  dafi  in  einem  Ver- 
gleich  das  Geistesleben  der  anderen  etwa  herabgesetzt  wer- 
den miifke.  Der  Deutsche  darf  blofi  auf  die  ihm  aus 
dem  Innersten  des  Weltengeistes  heraus  gestellte  Aufgabe 
blicken,  um  zu  wissen,  was  er  in  der  Welt  zu  verrichten 
hat,  was  er  in  die  Zukunft  hiniiberzutragen  hat. 

Daher  darf  man  aus  dem  tiefsten  Bewufksein  heraus 
sagen:  Dieser  deutsche  Volksgeist,  der  in  der  Allheit  des 
deutschen  Lebens  waltet,  der  da  waltet  im  deutschen  Ge- 
danken,  in  der,  wie  ich  es  angedeutet  habe,  deutschen 
Meditation,  der  da  waltet  in  der  deutschen  Tat,  dieser 
deutsche  Volksgeist  darf  darauf  hinweisen,  wenn  ihm  jetzt 
in  solch  unverstandiger  Weise  von  da  und  dort  entgegen- 
gehalten  wird,  er  hatte  geradezu  eine  Weltanschauung 
hervorgebracht,  welche  auf  Gewalt  und  Macht  allein  aus- 
ginge,  -  er  darf  darauf  hinweisen,  wie  er  durch  seinen  Zu- 
sammenhang  mit  dem  Geistigen  dieses  sonderbare  Gerede 
widerlegen  kann.  Und  wenn  gar  da  von  gesprochen  wird, 
dafi  der  deutsche  Volksgeist  in  der  geschichtlichen  Ent- 
wickelung  seine  Rolle  ausgespielt  habe,  dann  darf  gerade 
aus  dem  Umstand,  dafi  der  Keim  zum  hochsten  Geistes- 


leben  in  der  angedeuteten  Meditation  des  deutschen  Volks- 
geistes  lebt,  dafi  man  sich  blofi  vorzustellen  braucht,  wie 
jene  Keime  Bluten  und  Friichte  werden,  aber  Bluten  und 
Friicbte  erst  in  der  Zukunft  werden  miissen,  -  dann  kann 
durch  das  echte  Bewufitsein,  das  aus  solchem  Denken,  aus 
solchem  Empfinden,  das  aus  solchem  Fiihlen  fliefk,  gesagt 
werden:  Denen,  die  da  heute  diesen  deutschen  Volksgeist 
herabsetzen  oder  ihm  gar  seine  geistig  fruchtbaren  Krafte 
fiir  die  Zukunft  weigern  wollen,  denen  halt,  aus  dem  Be- 
wulksein  seiner  geistigen  und  seiner  geschichtlichen  Taten 
undAufgaben  heraus,  dieser  deutsche  Volksgeist  dasSchick- 
salsbuch  entgegen,  das  er  durch  eine  Betrachtung  der  deut- 
schen Aufgabe  und  des  deutschen  Geisteswesens  in  rich  tiger 
Weise  zu  entziffern  glaubt.  Und  er  sagt  alien  denen,  die 
nicht  nur  mit  den  WafFen,  sondern  mit  Wortwaffen  glau- 
ben  gegen  das  deutsche  Geistesleben  auftreten  zu  mussen 
und  ihm  den  Untergang  prophezeien,  er  glaubt  diesen  aus 
einer  sicheren,  auf  die  Erkenntnis  des  Verlaufes  des  deut- 
schen Geisteslebens  gegriindeten  Oberzeugung  heraus  ent- 
gegenhalten  zu  konnen  eine  Seite  des  Schicksalsbuches  der 
Entwickelung  der  Menschheit.  Und  auf  dieser  einen  Seite 
steht  -  was  auch  gesagt,  was  audi  behauptet  werden  mag  -: 
die  Zukunft  des  deutschen  Geistes,  die  Zukunft  der  deut- 
schen Volksseele! 


BILDER  AUS  OSTERREI CHS  GEISTESLEBEN 
IM  NEUN2EHNTEN  JAHRHUNDERT 

Berlin,  9.  Dezember  1915 


Betrachten  Sie  dasjenige,  was  den  Gegenstand  des  heutigen 
Vortrages  bilden  soli,  nur  wie  eine  Einschaltung  in  die  Vor- 
tragsfolge  dieses  Winters.  Sie  rechtfertigt  sich  vielleicht 
eben  gerade  aus  unserer  schicksaltragenden  Zeit  heraus,  in 
welcher  die  beiden  mitteleuropaischen  Reiche  so  eng  mit- 
einander  verbunden  den  grofien  Forderungen  des  geschicht- 
lichen  Werdens  in  unserer  Gegenwart  und  fur  die  Zukunft 
entgegengehen  miissen.  Audi  glaube  ich  mich  bereditigt, 
einiges  zu  sagen  gerade  iiber  das  Geistesleben  Osterreichs, 
da  ich  ja  bis  gegen  mein  dreiftigstes  Jahr  hin  mein  Leben 
in  Usterreich  zugebracht  habe  und  von  den  verschiedensten 
Seiten  nicht  nur  Gelegenheit,  sondern  die  Notwendigkeit 
hatte,  in  das  osterreichische  Geistesleben  mich  vollstandig 
hineinzufinden.  Andererseits  darf  gesagt  werden,  dafi  dieses 
osterreichische  Geistesleben  ganz  besonders,  ich  mochte 
sagen,  schwierig  fiir  die  Ideen,  den  BegrifF,  fiir  die  Vor- 
stellung  des  AufSenstehenden  zu  fassen  ist,  und  dafi  viel- 
leicht unsere  Zeit  gerade  es  immer  mehr  und  mehr  notwen- 
dig  machen  wird,  dafi  die  Eigentumlichkeiten  auch  dieses 
osterreichischen  Geisteslebens  einem  grofierenKreise  vor  das 
seelische  Auge  treten.  Nur  werde  ich  nicht  in  der  Lage  sein, 
wegen  der  Kiirze  der  Zeit,  etwas  anderes  zu  geben  als,  ich 
mochte  sagen,  zusammenhangloseBilder,  anspruchslose  Bil- 
der  aus  diesem  osterreichischen  Geistesleben  der  verschieden- 
sten SchichtenjBil der,  die  durchaus  keinen  Anspruch  darauf 


machen  sollen,  wiederum  ein  vollstandiges  Bild  zu  geben, 
sondern  die  nur  die  eine  oder  andere  Vorstellung  bilden  sol- 
len, die  etwa  Verstandnis  suchen  konnte  fur  das,  was  jenseits 
des  Inn  und  der  Erzberge  an  Geistesleben  vorhanden  ist. 

Im  Jahre  1861  trat  ein  aufter  seiner  Heimat  weniger 
genannter,  dem  osterreichischen  Geistesleben  lebendig  ver- 
wobener  Philosoph,  Robert  Zimmermann,  an  der  Wiener 
Universitat  sein  Lehramt  an,  das  er  dann  bis  in  die  neun- 
ziger  Jahre  des  neunzehnten  Jahrhunderts  hinein  verwal- 
tete.  Er  wirkte  nicht  nur  geistig  erweckend  fiir  viele,  die 
durch  die  Philosophic  auf  ihrem  Seelenwege  gefiihrt  wur- 
den,  sondern  er  wirkte  audi  auf  die  Seelen  derjenigen,  die 
in  Usterreich  zu  lehren  hatten,  dadurch,  daft  er  den  Vorsitz 
hatte  der  Real-  und  Gymnasialschul-Prufungskommission. 
Und  er  wirkte  vor  alien  Dingen  dadurch,  dafi  er  ein  liebes, 
giitiges  Herz  hatte  fiir  alles  dasjenige,  was  an  aufstreben- 
den  Personlichkeiten  vorhanden  war;  dafi  er  ein  verstand- 
nisvolles  Eingehen  hatte  fiir  alles,  was  sich  iiberhaupt  im 
geistigen  Leben  geltend  machte.  Als  Robert  Zimmermann 
im  Jahre  1861  sein  philosophisches  Lehramt  an  der  Wiener 
Universitat  antrat,  sprach  er  in  seiner  akademischen  An- 
trittsrede  Worte,  die  einen  Ruckblick  auf  die  Weltanschau- 
ungsentwickelung  inUsterreich  im  neunzehnten  Jahrhundert 
geben.  Sie  zeigen  in  aller  Kiirze,  was  es  dem  Dsterreicher 
in  diesem  Jahrhundert  schwierig  machte,  zu  einer  sich  selber 
tragenden  Weltanschauung  zu  kommen. 

Zimmermann  sagt:  «Jahrhundertelang  war  in  diesem 
Lande  der  driickende  Bann,  der  auf  den  Geistern  lag,  mehr 
als  der  Mangel  an  ursprunglicher  Anlage  imstande,  ein 
selbstandiges  Aufbltihen  der  Philosophie  nicht  nur,  sondern 
auch  den  werktatigen  Anschlufi  an  die  Bestrebungen  an- 
dererDeutschenzuriickzuhalten.  So  lange  die  Wiener  Hoch- 
schule  zum  grofken  Teil  in  Ordenshanden  sich  befand, 


herrschte  in  ihren  philosophischen  Horsalen  die  mittel- 
alterliche  Scholastik;  als  sie  mit  dem  Anbruch  einer  auf- 
geklarten  Zeit  ungefahr  nadi  der  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts  in  weltliche  Leitung  iiberging,  machte  das  von 
obenher  angeordnete  Mafiregelungs-  und  Bevormundungs- 
system  der  Lehrer,  Lehren  und  Lehrbiicher  die  unabhangige 
Entwickelung  eines  freien  Gedankenganges  unmoglich. 
Die  Wolff  sche  Philosophie»  -  also  etwas,  was  im  iibrigen 
Deutschland  durch  Kant  iiberwunden  war  -  «in  Federscher 
Abschwachung  mit  wenigen  Brocken  englisdien  Skeptizis- 
mus  versetzt,  wurde  die  geistige  Nahrung  der  wissensdur- 
stigen  Jugend  Usterreichs.  Wer  wie  jener  feingebildete 
Monch  von  St.  Michael  in  Wien  nach  Hoherem  Verlangen 
trug,  hatte  keine  andere  Wahl,  als  nach  abgestreiftem  Klo- 
sterkleid  heimlich  den  Weg  \iber  die  Grenze  in  Wielands 
gastfreundliclie  Freistatte  zu  suchen.  Dieser  Barnabiter- 
moncbj  den  die  Welt  unter  dem  biirgerlichen  Namen  Karl 
Leonhard  Reinbold  kennt,  und  jener  Klagenfurter  Herbert, 
der  einstige  Hausgenosse  Schillers,  sind  die  einzigen  offent- 
licbenZeugen  fiir  dieBeteiligung  der  verschlossenenGeister- 
welt  diesseits  des  Inn  und  der  Erzberge  an  dem  gewaltigen 
Umschwung,  von  weldiem  gegen  das  Ende  des  verflossenen, 
des  philosophischen  Jahrhunderts,  dieGeister  des  jenseitigen 
Deutschland  sich  ergriflen  fanden.» 

Man  kann  begreifen,  dafi  ein  Mann  so  spricht,  der  aus 
einem  begeisterten  Freiheitssinn  heraus  an  der  Achtund- 
vierziger-Bewegung  sich  beteiligt  hatte,  der  dann  in  einer 
vollstandig  unabhangigen  Weise  gedachte,  sein  philosophi- 
sches  Lehramt  auszufiillen.  Man  kann  sich  aber  audi  fragen: 
1st  nicht  vielleicht  dieses  Bild,  das  der  Philosoph  da  fast  in 
der  Mitte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  zeichnet,  doch 
von  einigem  Pessimismus,  einiger  Schwarzseherei  gefarbt? 
Diese  Schwarzseherei  tritt  bei  dem  Usterreicher  leicht  ein, 


wenn  er  sein  eigenes  Land  beurteilt,  durch  die  Aufgaben, 
die  gerade  Osterreich  zugewachsen  sind  dadurch,  daft  sich 
das  Reich  durch  die  historischen  Notwendigkeiten  -  ich 
sage  ausdriicklich:  durch  die  historischen  Notwendigkei- 
ten -  aus  einem  vielgestaltigen,  vielsprachigen  Volker- 
gemisch  zusammensetzen  und  seine  Aufgaben  innerhalb 
dieses  vielsprachigen  Volkergemisches  finden  mufite.  Und 
wenn  man  vielleicht  gerade  aus  gutem  osterreichischem  Be- 
wulksein  heraus  eine  solche  Frage  stellt,  da  kommen  einem 
allerlei  andere  Vorstellungen  in  den  Sinn. 

Da  kann  man  dann  zum  Beispiel  an  einen  deutschen  oster- 
reichischen  Dichter  denken,  der  so  recht  ein  Kind  der  oster- 
reichischen,  sogar  der  sudosterreichischenBerge  ist;  ein  Kind 
des  Karntnerlandes,  das  oben  hoch  in  den  Karntnerbergen 
geboren  ist  und  durch  einen  inneren  geistigen  Drang  sich  be- 
wogen  fuhlte,  herunterzusteigen  in  die  Bildungsstatten.  Ich 
meine  den  aufierordentlich  bedeutenden  Dichter  Fercber 
von  Steinwand.  Unter  Fercher  von  Steinwands  Dichtungen 
finden  sich  nun  sehr  merkwurdige  Darbietungen.  Nur  eine 
einzige  Probe  mochte  ich  als  ein  Bild  fiir  dieses  osterreichi- 
sche  Geistesleben  vor  Ihre  Seelen  stellen,  als  ein  Bild,  wel- 
ches sogleich  wachrufen  kann  etwas  von  dem,  wie  der 
Osterreicher  aus  seinem  innersten,  urspriinglichsten,  elemen- 
tarsten  Geistesdrang  heraus  mit  gewissen  Zeitideen  zusam- 
menhangen  kann.  Fercher  von  Steinwand,  der  so  wunder- 
bare  «Deutsche  Klange  aus  Osterreich»  zu  dichten  verstand, 
der  aus  so  innigemGemttt  heraus  alles  zu  gestalten  verstand, 
was  Menschenseelen  bewegt  und  bewegen  kann,  er  wufke 
sich  auch  zu  erheben  mit  seiner  Dichtung  in  die  Hohen,  wo 
der  Menschengeist  zu  erfassen  versucht,  was  im  innersten 
Weltenweben  lebt  und  wirkt.  So  zum  Beispiel  in  einem 
Gedicht,  das  lang  ist,  von  dem  ich  aber  nur  den  Anfang 
vorlesen  will,  und  das  da  heifit:  «Chor  der  Urtriebe.» 


In  den  unbegrenzten  Breiten, 
Unsrer  alten  Mutter  Nacht, 
Horch  -  da  scheint  mit  sich  zu  streken 
Die  geheimnisvollste  Macht! 
Horen  wir  die  Ahnung  schreiten? 
1st  die  Sehnsucht  aufgewacht? 
Ward  ein  Geistesblitz  entfacht? 
Gleiten  Traume  durch  die  Weiten? 

Wie  sich.  an  Kriiften  die  Krafte  berausch* 

Seliges  Tauschen! 

Plotzliches  Eilen, 

Stilles  Verweilen, 

Schwelgendes  Lauschen 

Wechselt  mit  Winken 

Staunenden  Bangens! 

Reiz  des  Erlangens 

Steigt,  um  zu  sinken, 

Sinkt,  um  zu  hassen, 

Weifi  vor  dem  blassen 

Bild  des  Umfangens 

Hafi  nicht  zu  fassen. 

Dunkle  Verzweigungen 

Sprieitender  Neigungen 

Suchen  nach  Ranken. 

Schwere  Gedanken 

Dammern  und  wanken 

Ober  den  Weiten, 

Scheinen  zu  raten 

Oder  zu  leiten. 

Was  sie  bereiten, 

Sind  es  die  Saaten 

Riesiger  Taten, 

Strahlender  Zeiten? 


Wer  das  Erwiihlte 
Schopferisch  fiihlte! 
Wer  es  durchirrte, 
Selig  genieftend, 
Oder  entwirrte, 
Hohes  erschlielknd! 

Droben  bewegt  sich's  wie  Geisterumarmung, 

Wir  in  Erwarmung, 

Wir  audi  gewinnen, 

Suchen  und  sinnen, 

Seh'n  uns  gehoben, 

Hochstem  Beginnen 

Glucklich  verwoben. 

Die  uns  umwehen, 

In  uns  erstehen: 

»Ihr  seid's,  Ideen!  — » 

Der  Dichter  sieht,  da  er  sidi  zu  vertiefen  sucht  in  den 
«Chor  der  Urtriebe»,  die  weltschopferisch  sind,  wie  Ideen 
zu  ihm  kommen.  Zu  jener  Welt  gerade  sucht  er  sich  auf- 
zuschwingen,  die  gelebt  hat  in  den  Geistern,  von  denen  ich 
mir  gestattete,  in  der  vorigen  Woche  zu  sprechen,  in  Fichte, 
Schelling  und  HegeL  Wir  fragen  uns  aber  vielleicht,  wie 
konnte  in  Fercher  von  Steinwands  Seele  jenes  innige  Band 
gewoben  werden,  das  ihn  doch  verkniipfen  mufke  -  und 
es  hat  ihn  wirklich  verkniipft  -  zwischen  dem  Drang  seiner 
Seele,  der  erwachte  in  dem  einfachen  Bauernbuben  aus  den 
karntnerischen  Bergen,  und  zwischen  dem,  was  in  der  Bliite 
deutscher  Weltanschauungsentwickelung  die  gro£ten  idea- 
iistischen  Philosophen  von  ihrem  Gesichtspunkte  aus  zu  er- 
streben  suchen.  Und  da  fragen  wir  denn:  Wo  konnte  Fercher 
von  Steinwand  das  finden,  da  nach  Robert  Zimmermanns 
Worten  Schiller,  Fichte,  Hegel  in  "Osterreich  gerade  in 


der  Jugendzeit  Ferdier  von  Steinwands  -  er  ist  geboren 
1828  -  nicht  vorgetragen  wurden,  da  sie  gerade  in  seiner 
Jugendzeit  dortzu  den  verbotenen  Friichten  gehorten?  Aber 
die  Wahrheit,  sie  dringt  iiberall  durch.  Als  Ferdier  von 
Steinwand  das  Gymnasium  absolviert  hatte  und,  mit  sei- 
nem  Gymnasialzeugnis  ausgeriistet,  nach  Graz,  nach  der 
Universitat  Graz  ging,  da  Heft  er  sich  in  Vorlesungen  ein- 
schreiben.  Und  da  war  eine  Vorlesung,  die  gerade  der  inn 
aufnehmende  Dozent  in  Naturrecht  las.  Er  liefi  sich  in  das 
Naturrecht  einschreiben  und  konnte  natiirlich  hoffen,  daft 
er  da  viel  von  allerlei  BegrifTen  und  Ideen  iiber  die  Rechte 
horen  werde,  die  dem  Menschen  von  der  Natur  angeboren 
sind,  und  so  weiter.  Aber  siehe  da!  Unter  dem  anspruchs- 
losen  Titel  «Naturrecht»  sprach  der  gute  Edlauer,  der  Gra- 
zer Universitatsprofessor,  der  Jurist,  das  ganze  Semester 
hindurch  von  nichts  anderem  als  von  Fichte,  Schelling  und 
Hegel.  Und  so  machte  denn  Fercher  von  Steinwand  seinen 
Kursus  Fichte,  Schelling,  Hegel  in  dieser  Zeit  durch,  ganz 
unabhangig  von  dem,  was  man  nach  einer  aufterlichen  Auf- 
f assung  des  osterreichischen  Geisteslebens  fiir  verboten  hal- 
ten  konnte,  was  vielleicht  auch  wirklich  verboten  war. 
Ganz  unabhangig  davon,  was  sich  an  der  Oberflache  ab- 
spielte,  lebte  sich  also  in  diesen  Zusammenhang  mit  hoch- 
stem  geistigen  Streben  eine  Personlichkeit  ein,  die  da  nach 
einem  Weg  in  die  geistigen  Welten  suchte. 

Nun,  gerade  wenn  man  sich  einlafk  darauf,  solchen  Weg 
eines  Usterreichers  zu  verf  olgen  in  die  geistigen  Welten  hin- 
ein,  so  mufi  man  beriicksichtigen  -  wie  gesagt,  ich  will  nichts 
begriinden,  sondern  nur  Bilder  geben  -,  daft  die  ganze 
Artung  dieses  osterreichischen  Geisteslebens  viele,  vieleRat- 
sel  demjenigen  bietet  —  ja,  ich  kann  nicht  anders  sagen 
der  nach  einer  Losung  von  Ratseln  sucht.  Wer  aber  gerne 
betrachtet,  wo  Gegensatze  so  nebeneinander  stehen  in  den 


menschlichen  Seelen,  der  wird  mandies  aufterordentlich  Be- 
deutungsvolle  gerade  an  der  Seele  des  O'sterreichers  finden. 
Schwieriger  als  in  anderen  Gegenden,  zum  Beispiel  in  deut- 
schen,  hat  es  der  osterreichische  Deutsche,  sich  heraufzu- 
arbeiten,  ich  mb'chte  sagen,  nicht  so  sehr  in  die  Bildung, 
sondern  in  die  Handhabung  der  Bildung,  in  das  Mitmachen 
der  Bildung.  Mag  es  pedantisch  ausschauen,  aber  ich  muft 
es  doch  sagen:  es  ist  schwierig  gemacht  dem  Osterreicher 
schon  durch  die  Sprache,  so  mitzutun  in  der  Handhabung 
seines  geistigen  Lebens.  Denn  dem  Osterreicher  ist  es  aufter- 
ordentlich  schwierig,  so  zu  reden,  wie  etwa  die  Reichs- 
deutschen  sprechen.  Er  wird  sehr  leicht  in  Versuchung  kom- 
men,  alle  kurzen  Vokale  lang,  alle  langen  Vokale  kurz  zu 
sagen.  Er  wird  sehr  haufig  in  die  Lage  kommen,  der  «Son» 
und  die  «Sohne»  zu  sagen,  statt  der  «Sohn»  und  die  «Sonne». 
Woher  kommt  so  etwas?  Das  kommt  daher,  daft  das  oster- 
reichische Geistesleben  notwendig  macht  -  es  soil  nicht  kri- 
tisiert,  sondern  nur  beschrieben  werden  daft  derjenige, 
der  sich,  ich  mochte  sagen,  aus  dem  Mutterboden  des  Volks- 
lebens  herauf  arbeitet  in  eine  gewisse  Bildungs-  und  Geistes- 
sphare,  einen  Sprung  iiber  einen  Abgrund  zu  machen  hat  - 
aus  der  Sprache  seines  Volkes  in  die  Sprache  der  gebildeten 
Welt  hinein.  Und  da  gibt  ihm  natiirlich  nur  die  Schule  die 
Handhabe.  Die  Mundart  sagt  uberall  richtig;  die  Mundart 
wird  nichts  anderes  sagen  als:  Der  «Suun»,  recht  lang,  fur 
der  «Sohn»,  D,«Sun»,  ganz  kurz,  fur  die  «Sonne».  Aber  in 
der  Schule  wird  es  einem  schwierig,  sich  hineinzufinden  in 
die  Sprache,  die  nun,  um  die  Bildung  zu  handhaben,  erlernt 
werden  muft.  Und  dieses  Oberspringen  des  Abgrundes,  das 
bewirkt  es,  dafi  es  eine  eigene  Schulsprache  gibt.  Diese 
Schulsprache  ist  es,  nicht  irgendeine  Mundart,  die  uberall 
verleitet,  die  langen  Vokale  kurz  und  die  kurzen  Vokale 
lang  zu  sprechen.  Daraus  ersehen  Sie,  daft  man  im  Geistes- 


leben  drinnenstehend  schon  tiberall  eine  Kluft  hat  gegen- 
iiber  dem  Volkstum.  Aber  dieses  Volkstum  wurzelt  wie- 
derum  so  tief  bedeutsam,  nicht  so  sehr  vielleicht  in  eines 
jeden  Bewufttsein,  sondern,  man  mochte  sagen,  in  eines 
jeden  Blut,  so  dafi  innerlich  erlebt  wird  die  angedeutete 
Kraft,  und  sogar  in  bedeutsamer,  tief  in  die  Seele  einschnei- 
dender  Weise  erlebt  werden  kann.  Und  da  kommen  dann 
Erscheinungen  zutage,  die  ganz  besonders  wichtig  sind  fur 
den,  der  betrachten  will  das  Hineinstellen  des  osterreichi- 
schen  hoheren  Geisteslebens  in  das  Geistesleben  des  oster- 
reichischen  Volkstums  und  den  Zusammenhang  zwischen 
beiden.  Indem  sich  der  "Osterreicher  in  die  Bildungssphare 
heraufarbeitet,  wird  er,  ich  mochte  sagen,  audi  in  bezug  auf 
manche  Pragung  des  Gedankens,  manche  Pragung  der  Ideen 
in  eine  Sphare  gehoben,  so  daft  wirklich  eine  Kluft  ist  zum 
Volkstum  hin.  Und  da  kommt  dann  das  zustande,  dafi 
mehr,  als  es  sonst  der  Fall  ist,  nach  dem  Volkstume  -  gerade 
in  dem  Osterreicher,  der  sich  in  das  Geistesleben  hinein- 
gefunden  hat  -  etwas  entsteht  von  einem  Sich-hingezogen- 
Fiihlen  zum  Volkstum,  das  nicht  ist  einHeimweh  nach  etwas, 
was  man  erst  vor  kurzer  Zeit  verlassen  hat,  sondern  ein 
Heimweh  nach  etwas,  von  dem  einen  doch  in  gewisser  Be- 
ziehung  eine  Kluft  trennt,  demgegenuber  man  aber  nicht 
umhin  kann,  aus  dem  Blut  heraus,  es  zu  erschaften,  sich  hin- 
einzufinden. 

Und  nun  denken  wir  uns  zum  Beispiel  einen  Geist  -  und 
er  kann  fiir  das  osterreichische  Geistesleben  ganz  typisch 
sein  der  durchgemacht  hat,  was  ihm  bieten  konnte  eine 
osterreichische  wissenschaftliche  Bildung.  Er  lebt  nun  dar- 
innen.  Er  ist  in  einer  gewissen  Weise  durch  diese  wissen- 
schaftliche Bildung  getrennt  von  etwas,  das  er  eben  nicht 
mit  gewohnlichem,  sondern  mit  einem  viel  tieferen  Heim- 
weh erreichen  kann,  yon  seinem  Volkstum.  Dann  tritt  audi 


unter  Umstanden  so  etwas  auf  wie  ein  inneres  Erleben  der 
Seele,  in  dem  sich  diese  Seele  sagt:  Ich  habe  mich  in  etwas 
hineingelebt,  das  ich  ja  anschauen  kann  mit  den  Begriffen, 
mit  den  Ideen,  das  von  dem  Standpunkte  der  Intelligenz 
aus  gewift  mich  da  oder  dort  hinfiihrt,  um  die  Welt  zu  ver- 
stehen  und  das  Leben  im  Zusammenhang  mit  der  Welt  zu 
verstehen;  aber  da  gibt  es  jenseits  eines  Abgrundes  etwas 
wie  eine  Volksphilosophie.  Wie  ist  doch  diese  Volksphilo- 
sophie?  Wie  lebt  sie  in  denen,  die  nichts  wissen  und  auch 
gar  keine  Sehnsucht  haben,  etwas  zu  wissen  von  dem,  in 
das  ich  mich  eingelebt  habe?  Wie  schaut  es  da  driiben,  jen- 
seits des  Abgrundes,  aus?  -  Ein  Usterreicher,  in  dem  so  leben- 
dig  geworden  ist  dieses  Heimweh,  das  viel  tiefer  ist,  als  es 
sonst  auftreten  kann,  dieses  Heimweh  nach  dem  Quell  des 
Volkstums,  aus  dem  man  herausgewachsen  ist,  ein  soldier 
'Osterreicher  ist  Joseph  Misson. 

Misson,  der  in  seiner  Jugend  in  einen  Orden  eintrat, 
nahm  diejenige  Bildung  auf,  auf  die  Robert  Zimmermann 
hingewiesen  hat,  lebte  in  dieser  Bildung  und  war  in  dieser 
Bildung  auch  tatig;  er  war  Lehrer  an  den  Gymnasien  in 
Horn,  in  Krems,  in  Wien.  Aber  mitten  in  dieser  Hand- 
habung  der  Bildung  entstand  ihm,  wie  in  einem  inneren 
Seelenbild,  durch  die  vertiefle  Heimatliebe  die  Philosophic 
seines  einfachen  Bauernvolkes  Niederosterreichs,  aus  dem 
er  herausgewachsen  ist.  Und  dieser  Joseph  Misson  im  Or- 
denskleid,  der  Gymnasiallehrer,  der  Lateinisch  und  Grie- 
chisch  zu  lehren  hatte,  vertiefte  sich  so  in  dieses  sein  Volks- 
tum,  wie  aus  der  Erinnerung  heraus,  dafi  dieses  Volkstum 
in  einer  lebendigen  Weise  dichterisch  sich  in  ihm  offenbart, 
so  sich  offenbart,  daft  dadurch  eine  der  schonsten,  der  herr- 
lichsten  Dialekt-Dichtungen,  die  es  iiberhaupt  gibt,  entstan- 
den  ist.  Ich  will  nur,  um  Ihnen  ein  Bild  vor  die  Seele  zu 
malen,  ein  kleines  Stuck  aus  dieser  Dialektdichtung  vor- 


tragen,  die  1850  nur  zum  Teil  erschienen  ist  -  sie  ist  dann 
nicht  vollendet  worden  — ,  gerade  dasjenige  Stiick,  in  dem 
Joseph  Misson  so  redit  die  Lebensphilosophie  des  nieder- 
b'sterreichischen  Bauern  zurDarstellung  bringt.  Das  Gedicht 
heifit:  «Da  Naaz,»  -  der  Ignaz  -  «a  niederosterreichischer 
Bauernbui,  geht  in  d*  Fremd».  Also,  der  Naaz  ist  heran- 
gewachsen  im  niederosterreichischen  Bauernhaus,  und  er  ist 
so  weit,  daft  er  nun  seinen  Weg  in  die  Welt  zu  machen  hat. 
Er  mufi  Vater  und  Mutter,  das  elterliche  Haus,  verlassen. 
Da  werden  ihm  die  Lehren  mitgegeben,  die  nun  so  recht 
eine  Lebensphilosophie  darstellen.  Man  mufi  nicht  die  ein- 
zelnen  Grundsatze,  die  der  Vater  zu  dem  Bub  en  sagt,  neh- 
men,  sondern  man  muft  sie  in  ihrem  geistigen  Zusammen- 
hang  nehmen;  wie  da  geredet  wird  iiber  die  Art  und  Weise, 
wie  man  sich  zum  Gliick,  wenn  es  kommt,  zum  Schicksal  zu 
verhalten  hat;  wie  man  sich  zu  verhalten  hat,  wenn  einem 
dieses  oder  jenes  zustofit;  wie  man  sich  zu  verhalten  hat, 
wenn  einem  jemand  Gutes  tut;  wie  man  sich  zu  verhalten 
hat  zu  freundlichen  Leuten  und  wie  zu  denen,  die  einem 
Leids  tun.  Und  ich  mochte  sagen:  Dem,  der  seine  philo- 
sophischen  Studien  durchmachte  bis  zu  dem  Grade,  dafi  er 
vollstandig  Theologe  geworden  ist,  dem  geht  jetzt  diese 
Bauernphilosophie  auf .  -  Der  Vater  sagt  also  zu  dem  Naaz, 
als  der  Naaz  in  d'  Fremd  geht: 


Aus  dem  ersten  Gesang. 
Lehr  vo  main  Vodern  auf  d'Roas. 

Naaz,  iazn  loos,  toos,  wos  a  ta  so,  toos  sockt  ta 
tai  Voda. 

Gootsnom,  wails  scho  soo  iis!  und  probiast  tai 
Gluck  6  da  Waiden. 


Muis  a  da  sogn  toos,  wo  a  da  so,  toos  los  der  aa 
gsackt  sai. 

Ih  unt  tai  Muida  san  olt  und  tahoam,  woast  as  ee, 

schaut  nix  aufta. 
Was  ma  sih  schint  und  rackert  und  plockt  und 

obi  ta  scheert  toos 
Tuit  ma  f iir  d'Kiner,  wos  tuit  ma  nod  oils,  bolds* 

nod  aus  der  Ort  schlog'n!  - 
I  is  ma  aamol  a  prefihafts  Leut  und  san  schwari 

Zaiden, 

Graif  an  s'am  aa,  ma  fint  toos  pai  ortlinga  recht- 

schoffan  Kinern, 
Gern  untern  Orm,  auf  taas  mer  d'Ergiibnus  laichter 

daschwingan.  - 
Keert  oppa  s  Gliick  pal  dia  ai,  soo  leeb  nod  alia 

Kawallaa, 

Plaib  pain  ann  gleicha,  Mittelstrofi  goldas  Mofi, 

nod  uwa  t'Schnua  haun. 
S'  Gliick  iis  ja  kugelrund,  kugelt  so  laicht  wida 

toni  wia  zuuaha. 
Geets  owa  gfalt  und  passiat  der  an  Ungluck,  socks 

nod  on  Leuden. 
Tui  nix  taglaicha,  lofi  s  goa  nod  mirka,  sai  nod 

goa  zu  kloanlaud. 
Klock's  unsan  Heagoot,  pitt'en,  iih  so  ders,  er 

mochts  wida  pessa! 
Mocka'r  und  hocka'r  und  pfnotten  und  trenzen 

mit  den  kimt  nix  aufia. 
Kopfhangad,  grod  ols  won  amt'  Heana  s  Prot 

haden  gfressa: 
Toos  mochts  schlimmi  nod  guit,  gidanka'r  6s  Guidi 

no  pessa! 


Schau  auf  tai  Soch,  wost  miit  host,  denk  a  wenk 

fiiri  aufs  kiinfti!  - 
Schenkt  ta  w'ea  wos,  so  gspraiz  ti  nod,  nimms 

und  so  dafiia:  gelts  Goot! 
Schau  Naaz,  mirk  ta  dos  fai:  weng  da  Hoflikeit 

iis  no  koans  gstroft  woan!  - 
Holt  ti  nea  ritterla,  Fremd  ziigelt  t'Leud,  is  a 

Sprichwoat,  a  Worwoat. 
Los  ti  no  glai  6  koan  Gspiil  ai,  keer  di  nod  fainl 

nochn  Tonzplotz. 
Los  ta  ka  Koatn  nod  aufschlogn,  suich  da  tai  Gliick 

nod  in  Trambuich. 
Gengan  zween  Wo  unt  tor  oani  is  naich,  so  gee 

du  en  olden. 
Geet  oana  schips,  wos  aa  oftas  iis,  so  gee  du  en 

groden  - 

Schau  auf  tain  Gsund,  ta  Gsund  iis  pai  olln  no 

allwail  tos  Pessa. 
So  mer,  wos  hat  tenn  aa  Oans  auf  da  Welt,  so- 

bolds  nod  on  Gsund  hod? 


Kimst  a  mol  hahm  und  tu  findst  6  ten  Stiibl  uns 

oldi  Leud  nimma, 
Oft  samma  zebn,  wo  tai  Aeln  und  Aanl  mit 

Freuden  uns  gewoaten, 
Unsari  Guittater  finten  und  unsa  vastoabani 

Freundschoft! 
Olli,  so  kenan  uns  glai  -  und  toos,  Naaz,  tb'os 

is  dos  Schoner! 


Wiedergabe: 

Eine  Lehre  von  meinem  Vater  fiir  die  Wanderschaft 


Ignaz,  nun  hor
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