Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. Zur Dornacher Krise vom Jahre 1915

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 



SCHRIFTEN UND VORTRAGE 
2UR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG 
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



DAS LEBENDIGE WESEN DER ANTHROPOSOPHIE 

UND SEINE PFLEGE 

Bisher erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte 
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft 

Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. ZurDornacher 
Krise vom Sommer 1915. 7 Vortrage, Dornach 10. bis 16. September, 2 Ansprachen 
Dornach 2 1 . und 22. August 1915 und eine Dokumentation (Bibl.-Nr. 253) 

Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur. 
13 Vortrage, Dornach 10. Oktober bis 7. November 1915 (Bibl.-Nr. 254) 

Anthroposophische Gemeinschafishildung. 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach, 
Januar bis Marz 1923 (Bibl.-Nr. 257) 

Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhdltnis 
zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selhstbesinnung. 8 Vortrage, 
Dornach 10. bis 17. Juni 1923 (Bibl.-Nr. 258) 

Die Weihnachtstagung zur Begrundung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell- 
schaft 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenberatung, 
Jahresausklang und Jahreswende 1923/ 24 (Bibl.-Nr. 260) 

Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien 
Hochschule fur Geisteswissenschaft - Der Wiederaufhau des Goetheanum. Gesammelte 
Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Dokumente, Januar 1924 bis Marz 1925 

(Bibl.-Nr. 260a) 

Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 1906-1924 

(Bibl.-Nr. 261) 

Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901-1925 

(Bibl.-Nr. 262) 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der Ersten Ahteilung der Esoterischen Schule von 
1904 bis 1914. Briefe, Rundbriefe, Dokumente, Vortrage (Bibl.-Nr. 264) 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Ahteilung der Esoteri- 
schen Schule von 1904 bis 1914. Briefe, Dokumente und Vortrage (Bibl.-Nr. 265) 



RUDOLF STEINER 



Probleme des Zusammenlebens 
in der Anthroposophischen Gesellschaft 

Zur Dornacher Krise vom Jahre 1915 

Mit Streiflichtern auf Swedenborgs Hellsehergabe, 
Anschauungen der Freudschen Psychoanalyse und 
den Begriff der Liebe im Verhaltnis zur Mystik 

Sieben Vortrage, 
gehalten in Dornach vom 10. bis 16. September 1915, 
und eine Dokumentation 
mit zwei Ansprachen in Dornach am 21. und 22. August 1915 



1989 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung. 
Die Mitschriften der Vortrage wurden vom Vortragenden nicht 

selbst durchgesehen 

Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Ulla Trapp 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 
Nachweis friiherer Veroffentlichungen siehe Seite 191 



Bibliographie-Nr. 253 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, 
Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1989 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2530-X 



Tu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daf$ seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich 
an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft 
vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderhch, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 



I 

VON DEN LEBENSBEDINGUNGEN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 

Erster Vortrag, Dornach, 10. September 1915 

Voraussetzungen und Bedingungen des Zusammenlebens in der 
Anthroposophischen Gesellschaft 

Die Notwendigkeit, geisteswissenschafcliche Bestrebungen iiber eine Ge- 
sellschaft in die Welt zu bringen. Vom Unterschied zwischen einer anthro- 
posophischen Gesellschaft und anderen Gesellschaften oder Vereinen. Von 
den Schwierigkeiten des Zusammenlebens der Mitglieder. Gefahr, okkulte 
Impulse mit den Dingen des physischen Planes zu vermischen. 



Zweiter Vortrag, 11. September 1915 

Die Anthroposophische Gesellschaft als Lebewesen 

Lebewesen lassen, wenn sie sterben, einen Leichnam zuriick. Auch die Ge- 
sellschaft, wenn sie nominell aufgelost werden miifite, wiirde einen Leich- 
nam zuriicklassen: die (damals einzig) in den Handen der Mitglieder be- 
findlichen Zyklendrucke. Heilung eines krank gewordenen Lebewesens 
kann nur durch Aufrufen der Heilkrafte des ganzen Organismus eintreten. 
Ausschlufi von Mitgliedern - nur ein Bequemlichkeitsmittel. Eine Heil- 
kraft ist, Genauigkeit in alien Dingen zu uben. Die Bedeutung des Mitden- 
kens und Mitwirkens in Gesellschaftsangelegenheiten. Zuriickweisung 
jeder Sektiererei: Geisteswissenschaft ist keine religiose, sondern eine 
wissenschaftliche Sache. 



Drifter Vortrag, 12. September 1915 49 

Uber Schwierigkeiten des Eindringens in die geistigen Welten am 
Beispiel Swedenborgs 

Swedenborg als Wissenschaftler und als Seher. Seine Unfahigkeit, gewisse 
geistige Wesen verstehen zu konnen. Er war nicht fahig, das physische 
Wahrnehmungsbewufitsein des «Ich schaue an» fiir geistiges Wahrnehmen 
umzuwandeln in ein «Ich werde angeschaut» von den hoheren Hierar- 
chies Swedenborgs Steckenbleiben in Illusionen; er kann die Welt der 
Imagination nicht beurteilen. Aufforderung der Mitglieder, das Verhaltnis 
zur geistigen Welt unter Bemitzung der geisteswissenschaftlichen Literatur 
richtig auszugestalten. Warnung vor aller Vermischung der Gewohnheiten 
der physischen Welt mit den Eigentumlichkeiten der geistigen Welt. 



Vierter Vortrag, 13. September 1915 64 

Gedankengange und Methoden der Freudschen Psychoanalyse 

Gesichtspunkte zu dem zu behandelnden Krisenfall im Zusammenhang 
mit der psychoanalytischen Anschauung und Heilmethode Freuds. Deren 
Auffassung der Sexualitat als Auswuchs materialistischer Wissenschaft. Die 
der Menschheit dadurch drohende Gefahr. Notwendigkeit ihrer Bekamp- 
fung durch die anthroposophische Geisteswissenschaft. 



Funfter Vortrag, 14. September 1915 81 

Freudsche Psychoanalyse, Swedenborgs Sehergabe, Sexualitat und 
modernes Hellsehen 

Die Unterscheidung des bewufiten und unterbewufiten Seelenlebens als 
richtiger Ansatzpunkt in der Psychoanalyse. Ihr Steckenbleiben im Mate- 
rialismus. Swedenborgs Sehergabe und ihre Grenzen. Beim Aufsteigen in 
die geistigen Welten mu& zu einem emotionsfreien reinen Denken fortge- 
schritten und der daraus herausgeloste personliche Gemutsinhalt durch den 
gottlichen Inhalt der Hierarchien ersetzt werden. Swedenborgs begrenztes 
bildhaftes Hellsehen und die Krafte der Sexualitat. Grundbedingung fiir 
das Gedeihen der geisteswissenschaftlichen Bewegung ist das Freihalten 
des geistigen Gebietes von der Sphare der niederen Triebe und aller ego- 
istischen Mystik. 



SechsterVortrag, 15. September 1915 97 

Episodische Betrachtung iiber den Begriff der Liebe in seinem Ver- 
haltnis zum Begriff der Mystik 

Fritz Mauthners Abhandlungen iiber «Liebe» und «Mystik» in dessen 
«W6rterbuch der Philosophie». Das Herunterholen alles Geistigen in eine 
verfeinerte Erotik durch den modernen Materialismus. Der materialisti- 
sche Grundzug unserer Zeit: Ankniipfung des Mystik-Begriffes an den Be- 
griff der Erotik und Vermischung unklarer Mystik mit schwuler Erotik. 
Notwendigkeit, innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung die sub- 
jektiven Emotionen nicht in geistige Formeln einzukleiden. Die Stellung 
der Frau zu okkulten Bewegungen in alteren Zeiten und heute. 



Siebenter Vortrag, 16. September 1915 108 

Die psychoanalytische Weltanschauung im Lichte geisteswissen- 
schaftlicher Menschenerkenntnis 

Der Mensch als em bis zum physischen Leib herabsteigendes geistiges We- 
sen. Das Verhaltnis der heutigen physischen Menschennatur zu derjenigen 
der alten Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit. Die Organe des Menschen ste- 
hen auf verschiedenen Stufen des Herabgleitens aus dem Geistigen, die Se- 
xualorgane am tiefsten. Die Entstehung der Sexualitat durch Herabsinken 
eines Geistigen. Der daraus folgende Widersinn der psychoanalytischen 
Anschauung, alles aus der Sexualitat heraus erklaren zu wollen. 



DOKUMENTATION ZUR DORNACHER KRISE 

VOM JAHRE 1915 
MIT ZWEI ANSPRACHEN RUDOLF STEINERS 
zusammengestellt von Hella Wiesberger und Ulla Trapp 



Ansprache, Dornach, 21. August 1915 
Ansprache, Dornach, 22. August 1915 



137 
155 



Dokumente 
Alice Sprengel an Rudolf Steiner 

undatierter Brief, eingegangen 25. Dezember 1914 126 

Alice Sprengel an Rudolf Steiner 

Arlesheim, 3. Februar 1915 128 

Alice Sprengel an Marie Steiner 

undatierter Brief, eingegangen 2 1 . August 1915 131 

Mary Peet an Alice Sprengel 

Arlesheim, Oktober 1915 132 

Heinrich und Gertrud Goesch an Rudolf Steiner 

Dornach, 19. August 1915 137 

Brief der Dornacher Mitglieder an Rudolf Steiner 

Dornach, 21. August 1915 152 

Brief der Dornacher Mitglieder an Marie Steiner 

Dornach, 27. August 1915 183 

Brief des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft an 
Heinrich und Gertrud Goesch und Alice Sprengel (Ausschlufterkla- 
rung) 

Dornach, 23. September 1915 184 

Marie Steiners Ansprache bei der Frauenversammlung 

Dornach, 24. September 1915 184 

Brief Marie Steiners an Julia Wernicke 

Dornach, 29. September 1915 190 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 191 

Hinweise zum Text . 191 

Namenregister 201 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 203 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 205 



ZU DIESER AUSGABE 



Mit den Vortragen des vorliegenden Bandes aus der Reihe der Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe «Schriften und Vortrage zur Geschichte der anthroposophi- 
schen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft» nahm Rudolf 
Steiner Stellung zu einem Angriff, der im Sommer 1915 auf ihn erfolgt war. 
Aus dem Kreis von Mitgliedern, die sich um den damals «Johannesbau», 
spater «Goetheanum» genannten Bau geschart hatten, waren schwere An- 
schuldigungen gegen ihn erhoben worden. Eine schonungslose Klarung, 
die er fiir unerlafilich hielt, ergab eindeutig, dafi es sich um psychopatholo- 
gische Phantastereien handelte. (Naheres siehe im Zweiten Teil.) 

Im allgemeinen iibersah Rudolf Steiner die bei psychopathologischen Na- 
turen auftretenden «mystischen Verschrobenheiten», mit denen in geistigen 
Gemeinschaften nun einmal gerechnet werden muft. Er hielt sie fiir unschad- 
lich, solange sie von der Gemeinschaft richtig eingeschatzt wiirden. Aber er 
hatte schon mehrmals die Erfahrung machen miissen, dafi psychopathisch 
veranlagte Mitglieder in der Gesellschaft wie «Apostel», wie «Wesen hoherer 
Art», angesehen wurden. Der Fall vom Sommer 1915 war jedoch so schwer- 
wiegend, daft er sich zu dem Appell veranlafit sah: «Diirfen wir es denn dul- 
den, dafi durch allerlei Pathologisches die Existenz unserer Gesellschaft und 
unserer ganzen Bewegung fortwahrend gefahrdet wird?» (22. August 1915). 

Mit seinen in diesem Band zusammengefalken Ausfiihrungen wollte er 
Grundlagen zur Urteilsbildung vermitteln. Dazu schien es ihm notwendig, 
nicht nur die subjektiven Wurzeln des Vorfalles blofSzulegen, sondern ihn 
auch durch geisteswissenschaftliche Aspekte in einen objektiven Zusam- 
menhang hineinzustellen. Dadurch kommt den Ausfiihrungen neben der 
gesellschaftsgeschichtlichen auch eine grundsatzliche Bedeutung zu. Da 
sich die im Sommer ausgebrochene Krise jedoch schon seit Weihnachten 
1914 angebahnt und bis in den Herbst 1915 erstreckt hatte, stehen auch 
viele, ja nahezu alle Dornacher Vortrage des Jahres 1915, damit in einem 
gewissen inneren Zusammenhang. Siehe die Bande: 

«Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung kiinstlerischer Welt- 
anschauung*, GA 161; «Kunst- und Lebensfragen im Lichte der Geisteswis- 
senschaft», GA 162; «Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung», GA 163; 
«Der Wert des Denkens fiir eine den Menschen befriedigende Erkenntnis. 
Das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft», GA 164; 
«Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Welt- 
kultur», GA 254. 



I 



VON DEN 
LEBENSBEDINGUNGEN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN 
GESELLSCHAFT 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 10. September 1915 



Voraussetzungen und Bedingungen des Zusammenlebens in 
der Anthroposophischen Gesellschaft 

Meine lieben Freunde! Bewegungen wie unsere geisteswissenschaft- 
liche wurden immer so gepflegt, daft versucht wurde, dasjenige, was 
der Geisteskultur oder der Kultur iiberhaupt einzupragen war, zu- 
nachst auf dem Wege einer gesellschaftlichen Vereinigung, einer Ge- 
sellschaft zu pflegen. Und so wie eben einmal die Verhaltnisse im 
menschlichen Zusammenleben, in der menschlichen Entwickelung 
von althergebracht auch heute noch sind, liegt ja eine gewisse Not- 
wendigkeit vor, dasjenige, was wir als unsere geisteswissenschaftli- 
chen Bestrebungen anerkennen, auf dem Wege einer Gesellschaft zu 
pflegen. 

Nun ist es eine Erfahrung, die im Grunde genommen alle solche 
Gesellschaften gemacht haben, daft der Begriff der Gesellschaft, wie 
er zur Pflege gerade einer solchen Geistesstrdmung notwendig ist, 
nicht leicht, wenigstens praktisch nicht leicht verstanden wird. 
Denn immer wieder und wiederum erhalt man Beweise dafur, daft es 
sehr viele Menschen gibt - erst heute morgen erhielt ich zum Bei- 
spiel einen dahingehenden Brief -, die sagen: sie lieben es eigentlich 
nicht, sich einer solchen Gemeinschaft anzuschliefien, sie mochten 
das entsprechende Geistesgut lieber auf dem Wege der Lektiire oder 
durch Anhoren von freien, nicht an eine Gesellschaft gebundenen 
Vortragen oder auf andere Weise entgegennehmen; es sei ihnen un- 
behaglich, sich einer solchen Gesellschaft anzuschlieften. 

Oftmals sind die Grunde, die diese Menschen vorbringen, so, daft 
man schon etwas auf sie geben kann. Aber man muft doch immer 
wieder sagen: Wenn eine solche geistige Bewegung - die sich not- 
wendigerweise in ihren Impulsen, in ihrer ganzen Art des Denkens, 
Ftihlens und Wollens stark unterscheidet von dem Denken, Fiihlen 



und Wollen der Menschen der Umwelt - ohne eine solche Gesell- 
schaft in die Menschheit gebracht werden sollte, so ware dies unend- 
lich viel schwieriger als durch eine Gesellschaft, in der sich die Mit- 
glieder eben in einem entsprechenden Zusammenleben durch das 
fortwahrende Entgegennehmen der geisteswissenschaftlichen Begrif- 
fe und Vorstellungen vorbereiten konnen, um eine Art Instrument, 
eine Art Werkzeug fiir die Verbreitung einer solchen Geisteswissen- 
schaft, einer geistigen Stromung zu sein. Daraus aber folgt dann 
auch, daft der Begriff einer solchen Gesellschaft im hochsten Grade 
ernst zu nehmen ist, denn sie soli sich eben - und zwar praktisch - 
als ein Instrument fiir die betreffende geistige Stromung erweisen. 

Nun brauchen Sie, meine lieben Freunde, ja nur unsere Gesell- 
schaft als solche ins Auge zu fassen, und Sie werden an unserer Ge- 
sellschaft studieren konnen, wie verschieden sie als Gesellschaft von 
anderen Gesellschaften oder Vereinen ist, die ins Leben gerufen wer- 
den. Sie werden diesen Unterschied bemerken, namentlich dann, 
wenn Sie einen bestimmten Gedanken ins Auge fassen. 

Nehmen Sie einmal an, bestimmte Vorgange, wie sie ja in der 
letzten Zeit an unsere Seelen herangetreten sind, konnten uns in ir- 
gendeiner Weise den Gedanken nahelegen, die Anthroposophische 
Gesellschaft als solche aufzulosen. Nehmen wir als Hypothese an, 
man wolle, weil sich Miftstande in der Gesellschaft ergeben haben, 
die Gesellschaft auflosen. Nun, wenn die Anthroposophische Ge- 
sellschaft ein Verein wie viele Vereine ware, so konnte man sie 
selbstverstandlich ohne weiteres auflosen und irgend etwas anderes 
an die Stelle setzen, worin diese Mifistande abgeschafft waren. Aber 
in etwas Gewichtigem unterscheidet sich eben unsere Anthroposo- 
phische Gesellschaft von anderen Vereinen oder Gesellschaften, die 
sehr haufig gegriindet werden auf Grundlage eines Programms mit 
soundso vielen Programm- und Statutenpunkten. Eine solche Ge- 
sellschaft kann man in jedem Augenblick auflosen. Aber, meine lie- 
ben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflo- 
sen wurden, so ware sie gar nicht aufgelost. Wir haben gar nicht so 
wie andere Gesellschaften und Vereine die Moglichkeit, die Anthro- 
posophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulosen. Denn wir un- 



terscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesell- 
schaft fur eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen 
Gesellschaften gerade dadurch, daft wir nicht auf Programmpunkte, 
das heiftt nicht auf Irreales, bloft Gedachtes, sondern uns auf Reales 
begriinden, auf einer wirklichen Basis stehen. Und nehmen Sie nur 
die aufterste reale Basis, die darinnen besteht, daft jedes Mitglied der 
Anthroposophischen Gesellschaft berechtigt ist, unsere Zyklen zu 
beziehen, wahrend die anderen Menschen nicht dazu berechtigt 
sind, dann werden Sie sich sagen: In dem Augenblick, wo wir die 
Anthroposophische Gesellschaft nominell auflosen wiirden, hatten 
wir ja die Tatsache, daft soundso viele Menschen unsere Zyklen in 
Handen haben, nicht aus der Welt geschafft. 

Und ein weiteres Reales ist ja, daft soundso viele Menschen ein 
gewisses Weisheitsgut in ihren Kopfen haben. Ich weifi zwar nicht, 
wie hoch der Prozentsatz derjenigen ist, die die Dinge, die hier vor- 
getragen werden, in ihren Kopfen haben, zum Unterschied von den- 
jenigen, die sie nur in «Visionen» haben; aber das ist ja fur die Gesell- 
schaft nicht das Wesentliche. Ein anderes Reales also ist das, daft ein 
gewisses Weisheitsgut, einfach eine Summe von Dingen realer Art in 
den Herzen, in den Kopfen, in den Seelen derjenigen Menschen 
sind, die bisher zur Anthroposophischen Gesellschaft gehort haben. 
Das kann ihnen durch eine Auflosung der Gesellschaft nicht weg- 
genommen werden. 

Dadurch also unterscheidet sich die Anthroposophische Gesell- 
schaft von anderen Gesellschaften, daft sie in ihrem Gefuge kein 
Phantastisches duldet, sondern auf einer realen Basis errichtet ist, so 
daft die Maftnahme der Auflosung an dem realen Bestand, der da ist, 
augenblicklich nicht das Allergeringste andern wiirde. Das Schwer- 
wiegende der Tatsache, daft sich unsere Gesellschaft zu anderen Ge- 
sellschaften und Vereinen verhalt wie eine Realitat zu einem bloft 
Gedachten, miissen wir uns vor Augen fiihren, wenn wir den Be- 
griff unserer Gesellschaft in der richtigen Weise fassen wollen. Denn 
nur dadurch, meine lieben Freunde, daft eine grofte Anzahl von Mit- 
gliedern gerechnet haben - sei es mehr oder weniger bewuftt oder 
nur dem Gefiihle nach - mit dieser soliden, realen, nicht bloft auf 



Programmpunkten begriindeten Basis unserer Gesellschaft, ist dasje- 
nige zustande gekommen, was wir hier auf diesem Hiigel sich erhe- 
ben sehen: der Bau einer geisteswissenschaftlichen Hochschule, 
durch den wir des weiteren als an ein Reales in einer gewissen Weise 
gebunden sind. Nicht wahr, wenn sich eine Anzahl Phantasten zu- 
sammenfinden und beschlieften - ich will, damit niemand getroffen 
wird, ein Hypothetisches bloft annehmen -, keine Kragen und keine 
Schlipse zu tragen, vielleicht auch noch in einer anderen Weise das 
Leben zu vereinfachen, irgendwelche sonstigen sozialen Grundsatze 
oder - wie sie sie vielleicht nennen - «Vorurteile» nicht einzuhalten, 
nur in Sandalen zu gehen und dergleichen mehr, so konnte man ja 
jederzeit wieder auseinandergehen, ohne daft dadurch etwas Wesent- 
liches geandert wiirde. Aber wir wollen uns von einer Anzahl von 
Phantasten ja gerade dadurch unterscheiden, daft wir das ganze 
Schwerwiegende unserer realen Grundlage ins Auge fassen. 

Und noch ein weiteres, meine lieben Freunde, ist, daft wir - ohne 
dabei etwa in Wortklauberei zu verfallen - unterscheiden miissen 
den Begriff einer Gesellschaft, innerhalb welcher wir unser Geistes- 
gut pflegen wollen, von einem Verein. Und da muft wirklich gesagt 
werden, daft manchem von uns, wenn er nur uber die Bedingungen 
unseres gesellschaftlichen Daseins nachdenkt, sogleich der Gesell- 
schaftsbegriff entschliipft und der Vereinsbegriff vor seinem geisti- 
gen Auge steht. In einem Verein wird man in der Regel Paragra- 
phen, Bedingungen usw. aufstellen, die beobachtet werden miissen. 
In einer Gesellschaft wie der unsrigen geniigt das nicht. Sie kann 
sich nicht bloft dem Worte nach von einem Verein unterscheiden. 
In unserer Gesellschaft handelt es sich darum - und ich habe das 
schon einmal in den letzten Wochen auseinandergesetzt -, daft wirk- 
lich der Begriff der Gesellschaft ernst genommen wird. Das heiftt, 
daft jeder sich bewuftt ist, er gehort der Gesellschaft nicht nur inso- 
fern an, als er seine Mitgliedskarte erhalten hat und den Titel Mit- 
glied der Gesellschaft fuhrt, sondern daft er ein Glied der Gesell- 
schaft ist. Das begriindet aber wirklich durch den Begriff der Gesell- 
schaft selber etwas, was wie ein Unbestimmtes und doch sehr Be- 
stimmtes unter den Mitgliedern leben muft, so leben muft, daft der 



einzelne es bis zu einer bestiramten Verpflichtung fuhlt, dafi dieses 
Unbestimmte und doch Bestimmte lebt. Das heiftt, daft der einzelne 
wirklich ein Auge hat fiir das nahere oder fernere Wohl der anderen 
Mitglieder der Gesellschaft und daft derjenige, der ein erfahrenes 
Mitglied der Gesellschaft ist - was er ja nicht immer zu verraten 
braucht, nicht wahr, man kann das ganz bei sich behalten, denn es 
kommt auf die Art und Weise an, wie man die Erfahrungen anwen- 
det und auslebt - daft derjenige, der ein erfahrenes Mitglied der Ge- 
sellschaft ist, mit seiner Erfahrung den weniger Erfahrenen wirklich 
zur Seite steht. 

Es wird so oftmals das Wort «Vertrauen» gebraucht. Ich habe ja 
in einer Betrachtung, die ich Ihnen in den letzten Wochen geliefert 
habe, ausgefuhrt, dafi wir zur Lehre kein Vertrauen zu haben brau- 
chen, denn die Lehre wird versuchen, das Vertrauen zu rechtfertigen 
durch alles einzelne, was sie unternimmt; daft wir aber versuchen 
mussen, Vertrauen untereinander zu haben und zu rechtfertigen. 
Wir mussen versuchen, dafi wirklich ein reales Band von Mitglied zu 
Mitglied entsteht. Denken Sie nur, wenn ein erfahrenes Mitglied - 
ohne aufdringlich zu sein, ohne in Detektivmanieren zu verfallen, 
ohne dabei Spionage zu treiben, also ohne dem anderen zu nahe zu 
treten - wirklich ein Auge hat fiir Wohl und Wehe von nur zehn 
anderen, denen er dabei nicht zu sagen braucht, dafi er sie fiir uner- 
fahrener halt als sich selbst, dann wird schon unendlich viel an einer, 
ich mochte sagen, «idealen Aura» gearbeitet werden konnen, die in 
einer solchen Gesellschaft wie der unsrigen notwendig ist. Vertrau- 
en kann man gewifi niemals dekretieren. Vertrauen mufi erworben 
werden. Und die erfahreneren Mitglieder mulken sich bestreben, 
solches Vertrauen sich zu erwerben bei denjenigen, die erst kiirzere 
Zeit in unserer Gesellschaft sind. 

Solche Dinge wurden ja im Laufe unserer jetzt schon wirklich 
vieljahrigen Anstrengungen ofter ausgesprochen, aber sie waren nie 
so notwendig auszusprechen als hier an diesem Ort. Denn wenn wir 
als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Stadten ver- 
streut sind unter der anderen Bevolkerung, so ist das etwas ganz an- 
deres, als wenn wir hier auf einem Haufen beisammen leben und wie 



auf dem Prasentierteller der anderen Bevolkerung gegeniiberstehen. 
Da ist es notwendig, dafi wir die Grundbedingungen unseres gesell- 
schaftlichen Zusammenlebens wirklich in eindringlichster und ern- 
stester Weise ins Auge fassen. 

Das, was ich sage, meine lieben Freunde, wird selbstverstandlich 
ganz unabhangig sein mussen davon, dafi eine solche Gesellschaft 
wie die unsere es den aufierhalb der Gesellschaft lebenden Menschen 
niemals wird recht machen konnen, dafi sie niemals wird vermeiden 
konnen, daft sich die aufierhalb der Gesellschaft stehenden Men- 
schen in alien moglichen Verleumdungen, Verhohnungen, in unge- 
rechten Angriffen und so weiter ergehen. Aber darauf kommt es 
nicht an, sondern darauf, dafi die Mitglieder der Gesellschaft wirk- 
lich alles dasjenige tun, was in jedem einzelnen Falle die Angriffe 
von auften eben als ungerechtfertigt erscheinen laftt, was ihnen be- 
reits den Boden unter den Fiiften als einen berechtigten entzieht. 

Da mussen wir dann schon wirklich einzelnes ins Auge fassen, 
meine lieben Freunde. Es ist schon einmal notwendig, dafi man im 
aufieren Leben nicht immer blofi auf die Grofiigkeiten, sondern 
auch auf die Kleinigkeiten Riicksicht nimmt. Wenn zum Beispiel 
eine Anzahl von unseren Mitgliedern sich abends zwischen andere 
Menschen in einen Wagen der elektrischen Bahn setzen und von 
hier nach Basel hineinfahren und sich laut unterhalten iiber die ver- 
schiedenen Stiche, Zwickungen und Zwackungen in ihrem Ather- 
leib, so ist das, meine lieben Freunde, gewifi kein moralisches Ver- 
brechen. Jedem, der so etwas tadelt, kann selbstverstandlich einge- 
wendet werden: Ja, was ist denn schliefilich viel dahinter? - Nun, es 
ist wirklich sehr viel dahinter, wenn es sich um den Ernst und um die 
Wiirde unserer Bewegung handelt, und es sollte, trotzdem es keine 
Groftigkeit, sondern eine Kleinigkeit ist, vermieden werden. Wir 
sollten vor alien Dingen anfangen da an uns zu reformieren, wo die- 
se Reform reale Wirkungen haben kann. Wir sollten vor alien Din- 
gen uns klar dariiber sein, dafi wir in dem Augenblick, wo wir nur 
uns Verstandliches unter uns erortern, wenn andere zuhoren konnen, 
sich die anderen notwendig torichte Vorstellungen machen mussen 
von dem, was wir erzahlen. Denn nicht wahr, wenn wir vom Ather- 



leib sprechen - nun, nehmen wir an, wir wissen, von was wir reden, 
aber der, der zuhort, weift nicht, wovon wir reden. Der ist manch- 
mal in demselben Fall, meine lieben Freunde, wie ein Dienstmad- 
chen, das einige mir Naherstehende gut kennen und das, weil es 
unter anthroposophischen Leuten war, ein gewisses Interesse daran 
hatte zu wissen, was denn da eigentlich getrieben wird. Und so ging 
es in einen Vorbereitungskurs, der von einem unserer Mitglieder ge- 
halten wurde, und als es dann nach Hause kam, sagte es: Nun, jetzt 
habe ich gehort, daft ich nicht nur einen Leib habe, sondern daft ich 
vier Leiber habe. Aber ich habe ja nur ein so ganz schmales Kam- 
merchen und ein schmales Bett, und nun weift ich gar nicht, wie ich 
diese Leiber alle in meinem Bett unterbringen soil! - Es ist eine wah- 
re Geschichte, die in einem mir gar nicht so fernstehenden Hause 
passiert ist, meine lieben Freunde. Ja, sehen Sie, genauso mufi ein 
Mensch, der Ihnen zuhort, wenn Sie von dem Zwicken und 
Zwacken des Atherleibes sprechen, ganz notwendig denken, daft 
Sie von dem Atherleib reden wie von einem physischen Leib, und 
so fuhren Sie ihn im Grunde genommen irre und verriegeln ihm 
dadurch die Moglichkeit, iiberhaupt irgendwie der Bewegung naher- 
zukommen. 

Daher ist es wichtig, daft wir an uns selber lernen, die Dinge, von 
denen wir reden, ernsthaft und genau zu nehmen, denn wenn sie 
auch an sich wirklich keine Groftigkeiten sind, so richten sie trotz- 
dem etwas wie eine Mauer von Vorurteilen um uns herum auf, die 
vermieden werden konnten und auch sollten. Also, daft wir lernen, 
wirklich genau zu sprechen, das ist etwas, was ganz notwendig ist in 
einer solchen Gesellschaft, wenn nicht nach und nach die Unmog- 
lichkeit sich ergeben soil, in der Gesellschaft das pflegen zu konnen, 
was in ihr gepflegt werden soli, 

Ich bin heute genotigt, eine ganze Anzahl von Dingen zu sagen, 
die wahrscheinlich den meisten von Ihnen als hochst iiberflussig 
vorkommen werden, aus dem einfachen Grunde, weil jeder sagt: 
Na, was soil denn das jetzt heiften, man soil genau sprechen. - Aber, 
meine lieben Freunde, machen Sie nur einmal die Augen auf, wenn 
da oder dort irgend etwas geschieht, irgend etwas gesprochen wird 



und einer es dem anderen weitererzahlt. Wenn Sie darauf achten 
wiirden, ob wirklich ganz genau geschildert worden ist, so wiirden 
Sie sehr leicht in unzahligen Fallen die Abweichung von der Genau- 
igkeit bemerken konnen. Wenn nun gar das, was erzahlt oder gese- 
hen worden ist, einem weiteren und wieder einem weiteren gesagt 
worden ist, dann entsteht zuweilen ein richtiges Ungetum von dem, 
was wirklich geschehen oder gesagt worden ist. Man kann wirklich 
gerade innerhalb unserer Gesellschaft darin Erfahrungen haben. 

Man muft bedenken, meine lieben Freunde, dafi man gerade in 
einer geisteswissenschaftlichen Bewegung fruchtbar doch nur wirken 
kann, wenn man sich Genauigkeit, ein reales genaues Erfassen der 
Dinge angewohnt, denn die Geisteswissenschaft zwingt Sie ja dazu, 
Ihren Geistesblick auf Dinge zu richten, die mit der aufieren physi- 
schen Welt nichts zu tun haben. Und um das richtige Verhaltnis da- 
zu zu gewinnen, mufi man ein Gegengewicht schaffen. Und das 
kann nur darin bestehen, daft man die Dinge auf dem physischen 
Plan so real als moglich nimmt. Genauigkeit ist eben ein Teil der 
Realitat. 

Ich habe vor einiger Zeit in Miinchen einen offentlichen Vortrag 
gehalten, iiber den einzelne Menschen aufierordentlich erstaunt wa- 
ren. Er handelte iiber das Wesen des B6sen. Ich habe da auseinander- 
gesetzt, wie die Krafte, die hier auf dem physischen Plan im Bosen 
waken, gewissermaften nur von hoheren Planen auf den physischen 
Plan herunterversetzte Krafte sind; dafi gewisse Krafte, die da oben 
in der geistigen Welt uns dazu fiihren konnen, Geistiges zu erken- 
nen, zu beherrschen, da unten in der physischen Welt zum Bosen 
werden konnen. Denn dieselbe Kraft, welche uns befahigt, Ver- 
standnis zu gewinnen fur die geistige Welt, und von der wir wissen, 
dafi wir in der geistigen Welt mit dieser Kraft des Verstandnisses ste- 
henbleiben miissen - dieselbe Kraft mulS Unfug, richtigen Unfug 
hervorrufen, wenn sie gedankenlos unmittelbar auf den physischen 
Plan ubertragen wird. Denn worin mufi das Wesen dieser Kraft be- 
stehen, meine lieben Freunde? Es mufi darin bestehen, sich in sei- 
nem Denken unabhangig zu machen vom physischen Plan. Wendet 
man aber diese Kraft des Sich-unabhangig-Machens vom physischen 



Plan auf den physischen Plan selber an, so heifk das lugen und verlo- 
gen sein. Deshalb sahen diejenigen, welch e Geisteswissenschaftliches 
zu verbreiten hatten, zu alien Zeiten solche Gefahren in der Verbrei- 
tung, weil das, was fur das Verstandnis der hoheren Plane notwen- 
dig ist, wenn es unmittelbar iibertragen wird in die physische Welt, 
zu Unfug fuhren wird. Daher mufi gegen dieses ein Gegengewicht 
herrschen. Es ist also notwendig, um die Verstandniskrafte fur die 
geistige Welt rein und schon und tauglich zu haben, dafi man fur 
den physischen Plan sein Wahrheitsgefuhl, das heilk auch sein Ge- 
nauigkeitsgefiihl, in der allerscharfsten Weise ausbildet. Denn bei 
allem, was nicht mit der Genauigkeit auf dem physischen Plan rech- 
net, vermischen sich innerhalb einer sogenannten okkulten Gesell- 
schaft sogleich in ungehoriger Weise gewisse Anlagen, die sich durch 
die Geisteswissenschaft selber ausbilden, mit dem Niedrigsten, dem 
Allerniedrigsten des physischen Planes. 

Meine lieben Freunde, nehmen Sie eine im weiteren Sinne ge- 
wohnliche materialistische Gesellschaft an. Wie Sie wissen oder 
vielleicht schon gehort haben, wenn Sie es nicht direkt wissen: Es 
gibt Gesellschaftskreise, in denen der sogenannte Klatsch oder 
Tratsch, oder wie man es nennt, herrscht. Wenigstens vom Horen- 
sagen werden manche von Ihnen etwas vom Klatsch oder Tratsch 
wissen, nicht wahr. Also in einer gewohnlichen materialistischen 
Philistergesellschaft herrscht der Tratsch und Klatsch. Er ist ja mei- 
stens nicht besonders gut, und es lafit sich manches dagegen einwen- 
den, aber es mischen sich doch wenigstens nicht okkulte Inhalte hin- 
ein. Wenn aber in einer okkulten Gesellschaft Klatsch und Tratsch 
herrscht, dann mischen sich sogleich am liebsten gerade okkulte 
Inhalte hinein. 

Man sollte solche Dinge, wie ich hoffe, in unserem Kreise wirk- 
lich besprechen konnen, denn es sollte auch dieses zu unserer Gesell- 
schaft gehoren, dafi man noch in der Lage ist, etwas zu sagen, was 
nicht gleich wieder aus der Gesellschaft hinausgetragen wird, um 
draufSen mifiverstanden zu werden. Auch darin haben wir ja hier 
keine guten Erfahrungen gemacht. Wenn wir solche weiterhin ma- 
chen miissen, dann mud das eben selbstverstandlich zu einer An- 



dersgestaltung unserer Gesellschaft fiihren. Das, was in der Gesell- 
schaft gesagt wird, mufi innerhalb der Gesellschaft im strengsten 
Sinne bleiben, denn man mull auch zuweilen irgendwelche Worte 
sagen konnen, die man nicht so ohne weiteres aufierhalb der Gesell- 
schaft sagen wiirde. 

Nun, in unserer Gesellschaft wird und muft selbstverstandlich sehr 
viel von karmischen Zusammenhangen der Menschen gesprochen 
werden. Die konnen ja ganz gut bestehen, bestehen auch selbstver- 
standlich, aber wenn sich ohne weiteres immer wieder und wieder die 
Anschauung iiber das Karma in die gewohnlichen Lebensbeziehungen 
hineinmischen, dann treiben wir Unfug. Wir treiben deshalb wirklich 
Unfug, weil wir den Wahrheitsbegriff nicht streng genug nehmen, 
der im allerintensivsten Mafie streng genommen werden mufi. 

Es gibt ja, ich kann schon sagen, zahlreiche Falle, sowohl in wie 
auch aufterhalb unserer Gesellschaft, in okkulten Kreisen, wo die 
subjektiven Dinge, die sich selbstverstandlich auf dem physischen 
Plan zutragen, verbramt, durchsetzt werden mit okkulten Wahrhei- 
ten. Ich will gleich einen radikalen Fall nehmen, der ja vielleicht in 
unserer Gesellschaft nicht sehr verbreitet ist, der aber wirklich eine 
und nur eine der Erfahrungen auf diesem Gebiet ist und unzahlige 
Male vorgekommen ist. Es haben Leute im Verlaufe ihres Lebens ge- 
hort, dafi es eine Wiederverkorperung gibt, und sie haben gehort, 
daft ein Christus gelebt hat. Nun, es ist mir wirklich selber nicht nur 
einmal vorgekommen, daft Frauen, die diese beiden Tatsachen der 
geistigen Welt - daft es eine Wiederverkorperung und daft es einen 
Christus gibt - in sich aufgenommen und nunmehr sich das sehr rea- 
le Ideal gebildet haben, sie muftten dazu ausersehen sein, den Chri- 
stus zu gebaren, und nun ihr Leben so eingerichtet haben, daft sie 
eben suchten, wie sie dazu kommen konnten, den Christus zu geba- 
ren. Ja, sehen Sie, solche Dinge beim Namen zu nennen, ist nicht 
schon; aber man mufi es einmal tun, weil ja die Gesellschaft ge- 
schiitzt werden mufi und sich nur dann selber schiitzt, wenn sie die 
Augen nicht verschlieftt vor dem Unfug, der mit okkulten Wahrhei- 
ten auf dem physischen Plan sehr leicht getrieben werden kann. 
Wahrhaftig, es ist dies ein radikaler Fall, aber es kommt nicht etwa 



nur einmal, sondern immer wieder und wieder vor. Ich habe ihn ra- 
dikal charakterisiert, weil er im Kleinen immer wieder vorkommt 
und es sich ja darum handelt, daft wir nicht immer bloft auf die Gro- 
ftigkeit zu sehen haben. Dies ist ja zwar eine Groftigkeit, weil es zu 
groftem Unfug fuhrt, wenn irgend jemand denkt, er musse den 
Christus gebaren; aber im Kleinen kommen diese Dinge eben immer 
wieder und wieder vor. 

Nicht wahr, im gewohnlichen, philistrosen biirgerlichen Leben 
verlieben sich die Menschen, verliebt sich ein Mann in ein Madchen. 
Man nennt's «Sichverlieben» und man sagt die Wahrheit. In einer 
okkulten Gesellschaft soli es auch vorkommen, daft sich ein Mann 
in ein Madchen verliebt. Es ist wirklich nicht ganz ausgeschlossen 
nach verschiedenen so moglichen Beobachtungen. Mancher von Ih- 
nen wird doch schon einmal gehort haben, daft es auch vorgekom- 
men ist. Aber man hort nicht immer in einer solchen Gesellschaft: 
der X hat sich in die Y verliebt. Bei den Bauern heiftt es, er geht mit 
ihr oder sie geht mit ihm. Das ist fur dasjenige, was sich dem aufte- 
ren Anblick darbietet, zumeist eine sehr genaue Darstellung der Sa- 
che. Aber innerhalb okkulter Gesellschaften kann man manchmal 
horen: Ich habe mein Karma durchforscht, und da ich mein Karma 
durchforscht habe, ist in dieses Karma hereingetreten eine andere 
Personlichkeit; da haben wir dann erkannt, daft wir durch das Karma 
fiireinander bestimmt sind, daft das Karma uns dazu bestimmt hat, 
in dieser oder jener Weise in das Schicksal der Welt einzugreifen. 

Man merkt da nicht, meine lieben Freunde, wieviel an Verlogen- 
heit, angefangen von der einfachen Tatsache des Sichverliebens bis 
zu dieser Behauptung hin, sich in die ganze Sache hineingemischt 
hat - an Verlogenheit, die der folgenden Tatsache entspricht. In ei- 
ner materialistischen Philistergesellschaft gilt es als etwas ganz Nor- 
males, daft zwei Leute sich ineinander verlieben. In einer okkulten 
Gesellschaft gilt es oftmals nicht als etwas Normales, sondern als et- 
was, dem gegeniiber man sich oft sogar ein biftchen schamt. Aber 
siehe da, das tut man nicht gern. Aus welchen Griinden heraus man 
keinen Willen zum Sichschamen hat, das braucht ja nicht unter- 
sucht zu werden, denn das konnen hunderterlei Griinde sein. Aber 



man schamt sich ja iiberhaupt nicht gern. Statt dessen sagt man: Das 
Karma hat gesprochen, und dem Karma mufi man gehorchen. - 
Selbstverstandlich ist man weit davon entfernt, aus bloftem Egois- 
mus, aus bloften Emotionen heraus dieses oder jenes zu tun, aber - 
dem Karma mufi man gehorchen! Wahr ware man, meine lieben 
Freunde, wenn man sich gestehen wiirde, man hat sich halt verliebt. 
Man wiirde dann namlich, wenn man sich die Wahrheit gestehen 
wiirde, einen viel sichereren Weg durchs Leben finden, als wenn 
man die Wahrheit mit allerhand karmischem Unfug verquickt. Denn 
der Grundunfug, die Dinge des personlichen Lebens mit okkulten 
Wahrheiten zu verbramen, fiihrt zu unzahligen anderen Unfugen; 
namentlich dadurch, daft man dann keinen innerlichen Gefiihlsmaft- 
stab mehr hat fur das Einhalten der Grenzen, die uns auferlegt sind 
dadurch, daft wir uns einer geisteswissenschaftlichen Weltanschau- 
ungsstromung zuwenden. 

Wir diirfen ja nicht eigentlich die schlechtesten Regeln der Phili- 
stergesellschaften in unsere Gesellschaft einfuhren. Es gibt ja gewisse 
Gesellschaftskreise, die sagen, der Mensch fangt erst mit dem Baron 
an. Nicht wahr, wir diirfen das nicht so verkehren, daft wir sagen, 
der Mensch fangt erst beim Geisteswissenschaftler oder beim An- 
throposophen an; beim «Antilopen» sagen die andern jetzt. Das diir- 
fen wir nicht, sondern wir miissen schon zugeben, daft wir, bevor 
wir Geisteswissenschaftler geworden sind, auch Menschen waren 
mit ganz bestimmten Anschauungen, die damals dies oder jenes 
getan und dies oder jenes unterlassen hatten. 

Nun habe ich ja schon in sehr friihen Zeiten unserer Bewegung 
darauf aufmerksam gemacht, daft es notwendig ist, durch unsere gei- 
steswissenschaftlichen Ansichten nicht unter das Niveau hinterzu- 
sinken, das wir vorher eingehalten haben, sondern daft wir iiber die- 
ses Niveau hinaufsteigen miissen in jeder Beziehung. Daher sagte ich 
schon vor vielen Jahren: Wir sind mit einem gewissen Fonds von 
moralischen Anschauungen, von Lebensusancen ausgeriistet gewe- 
sen, bevor wir in die Gesellschaft hineingekommen sind, und diese 
Lebensusancen sollten wir solange unangetastet lassen, bis uns 
nun wirklich eine deutliche, kontrollierbare innere Notwendigkeit 



zwingt, sie zu andern; und das wird in der Regel sehr spat sein. Es ist 
von groftem Schaden, wenn wir, nachdem wir gerade ein biftchen et- 
was gelernt haben aus der Geisteswissenschaft, dieses biftchen Ge- 
lernte irgendwie zu stark zu einer Verbramung des Lebens gebrau- 
chen. Man mufi sich schon iiber eines dabei klar sein, meine lieben 
Freunde: Die Einrichtung des aufteren Lebens ist wirklich auch 
durch eine Art von Karma entstanden. Und wie die Menschen in 
der Welt denken, wie sie sich auffiihren, das entspricht einem Karma. 

Nun, ich rede ja am liebsten immer von konkreten Fallen, weil 
diese am allerklarsten sprechen. Sehen Sie, mir ist zum Beispiel ein- 
mal folgendes passiert. Ich saft vor einiger Zeit einmal in einem Fri- 
seurladen - verzeihen Sie die Besprechung solcher Dinge, aber 
schlieftlich gar so indiskret, gar so sehr das Intimste beruhrend ist 
das, was ich erzahlen will, ja nicht. Ich saft vor dem Spiegel und 
konnte darin sehen, welche Leute hereinkamen. Da ging die Tiire 
auf, und es kam ein Mann herein, welcher eine bloft aus weichem 
Leder bestehende, nur so zusammengebundene Fuftbekleidung trug, 
dann trikotahnliche anliegende Beinkleider dariiber und eine Art 
von kokett geworfenem mantelartigem Uberwurf; aufterdem noch 
etwas wie ein Stirnband, die Haare kiihn riickwarts geschwungen. 
Der sogenannte Zufall wollte es, daft ich den Mann sehr gut kannte. 
Der Friseur hat mit seinem Rasiermesser, das er gerade an mich an- 
gesetzt hatte, eingehalten und dem Mann um fiinf Pfennige etwas 
abgekauft. Es war ein von diesem Mann selbstverfafttes Gedicht, das 
mir der Friseur, als der Mann wieder hinausgegangen war, gezeigt 
hat. Es war ein Scheusal von einem Gedicht, aber der Mann ging da- 
mit auf der Strafte und in den Laden herum und verkaufte es. Er 
ging in diesem Aufzug herum und bildete sich ein, unendlich erha- 
ben zu sein tiber alle anderen Menschen rings um ihn herum. Er bil- 
dete sich ein, einem groften Ideal nachzuhangen, aber in Wirklich- 
keit hangt er nur einer hochgesteigerten hysterischen Eitelkeit nach. 
Dasjenige, was bei den allerallereitelsten Damen, bei den auf die aller- 
auftersten Aufterlichkeiten gehenden Damen, Prinzip ist, das ist bei 
diesem Mann aufs allerhochste gesteigert, ist der Grundimpuls seines 
ganzen Auftretens, seiner ganzen Art. 



Wie viele aber, meine lieben Freunde, sind selbst unter den in un- 
serer Gesellschaft Lebenden vielleicht doch einmal ganz geneigt ge- 
wesen - ich will, um hoflich zu sein, nicht sagen, daft sie es heute 
noch sind -, zu sagen: Ja nun, der Mann will in seiner Art doch auch 
das Richtige. - Das ist ja zwar richtig, aber es ist trotzdem ein kolos- 
saler Unsinn, der das ganze Leben untergrabt, wenn man ihn zur Le- 
bensmaxime machen wiirde. Man raufi sich wirklich dariiber klar 
werden, welche unendlichen Eitelkeitsmotive in einem Menschen 
sitzen konnen und wie schwer man diese bemerkt. Und wenn wir 
dasjenige, was wir aus der Geisteswissenschaft gewinnen konnen, 
ernst und wiirdig nehmen, so mussen wir doch verstehen, daft in 
einem solchen Manne wirklich starke Krafte der Eitelkeit liegen. Wir 
machen dies oder jenes aus Eitelkeit - iiber andere Impulse will ich 
gar nicht sprechen -, und andere nehmen daran Anstoft, wenn auch 
aus ganz anderen Griinden. Deshalb ist aber doch ein Zusammen- 
hang zwischen uns und dem, was die anderen sagen. Und bei einer 
genauen Prufung konnten wir den Zusammenhang sehr leicht fin- 
den. Aber wir kommen iiber diese Dinge wirklich nur hinaus, wenn 
wir uns als Gegengewicht ein Genauigkeitsgefuhl, ein striktes Ge- 
nauigkeitsgefuhl aneignen. Und wir brauchen das zum Verstandnis 
der okkultistischen Wahrheiten. 

Sehen Sie, es ist ja eine Kleinigkeit, keine Groftigkeit, aber es ist 
gerade im Okkultismus ungeheuer wichtig, zu wissen und zu beach- 
ten: Wenn jemand etwas weitererzahlt, so ist es notwendig, daft man 
aus der Erzahlung immer genau erkennen kann, ob er die Sache sel- 
ber beobachtet hat, ob er also ein Recht hat, von einer Tatsache zu 
sprechen, oder ob es sich um eine Erzahlung handelt, die ihm ein 
anderer gegeben hat. Das muft man genau unterscheiden konnen. 
Nun kommt es aber in hunderten und hunderten von Fallen vor, 
daft sich eine Tatsache einfach so abspielt: Irgend jemand erzahlt 
einem andern etwas, und der andere erzahlt das wieder einem andern, 
aber so, daft der Dritte den Eindruck bekommt: Der hat es nicht er- 
zahlt bekommen, sondern hat es selber erlebt, also hat er die Berech- 
tigung, dariiber als von einer Tatsache zu sprechen. - Diese Unge- 
nauigkeiten sind in einer materialistischen Philistergesellschaft von 



einer geringeren Wichtigkeit als in unserer Gesellschaft. In einer ma- 
terialistischen Philistergesellschaft kann es eine Pedanterie sein, iiber 
die Dinge so genau zu reden; aber bei uns mul? strikter und genauer 
beobachtet werden als irgendwo anders. Und vor alien Dingen han- 
delt es sich darum, Genauigkeit gegen uns selber zu pflegen. 

Derjenige, der sich von der ganzen Tragweite dessen, was ich sa- 
gen will, eine richtige Uberzeugung verschaffen will, konnte ja zur 
Probe einmal das Folgende unternehmen. Er konnte sich ein Thema 
wahlen - nehmen wir zum Beispiel den Vegetarismus - und sich 
vornehmen, darauf zu achten, wie von gewissen Bekennern der Gei- 
steswissenschaft gegeniiber der Aufienwelt dieses Thema behandelt 
wird. Er konnte sich eine Tabelle anlegen, und immer, wenn er 
hort, wie ein Geisteswissenschaftler von sich sagt, warum er Vegeta- 
rier ist, konnte er sich notieren, warum der nach seiner eigenen An- 
schauung zu den anderen Leuten sagt, da$ er Vegetarier ist. Beim 
nachsten Fall wiederum, und so weiter. Da wiirde man sich iiberzeu- 
gen konnen, was fur hanebuchene Dinge zum Beispiel in bezug auf 
den Vegetarismus von Bekennern der Geisteswissenschaft der Au- 
fienwelt oftmals dargelegt werden. Und wenn dann die Aufienwelt 
zu dem Urteil kommt: Das ist eine Gesellschaft von Narren dann 
ist das nicht weiter verwunderlich. 

Wie oft habe ich es in unseren Kreisen erwahnt, dafi man iiber 
die Frage, warum man Vegetarier ist, eine ganz einfache Auskunft 
geben kann, wenn man mit seiner Umgebung zurechtkommen will. 
Nicht wahr, wenn man gefragt wird, aus welchem Grunde man Ve- 
getarier ist, und weifi, dafi man einem Menschen gegenubersteht, 
der sicherlich kein Pferdefleisch ilk, so stellt man ihm die Gegenfra- 
ge: Sieh einmal, warum ilk denn du kein Pferdefleisch? - Jetzt ist er 
gleich genotigt, sich nach und nach auf denselben Boden zu bege- 
ben, auf dem eine Verstandigung moglich sein wird. Er wird nam- 
lich, wenn er sagen soli, warum er kein Pferdefleisch ilk, gar nicht 
sehr theoretische Grunde angeben, sondern meist irgend etwas ahn- 
liches sagen wie: Mir graust davor. - Er wird es ja in verschiedener 
Weise sagen, aber er wird dies oder etwas ahnliches sagen. Nun kann 
man ihm darauf erwidern: Sieh, dasselbe Gefiihl, das du dem Pferde- 



fleisch gegeniiber hast, das habe ich allem Fleisch gegeniiber. - Und 
wenn man das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, nur in einer 
richtigen, konzilianten Form erortert, wird man nach und nach 
schon verstanden. Vor allem darf der Aufienstehende, der Fleisch 
iftt, ja nicht den Eindruck bekommen, daft man sich durch den 
Nichtgenuft des Fleisches als ein hoherer Mensch fiihlt. Man konnte 
noch dazufugen - aber man mufi sich diese Wahrheit zuerst selber 
gestehen -, daft man fur das Fleischessen zu schwach ist, daft man in 
bezug auf das Fleischessen eigentlich ein Kriippel ist. Es ist ja von 
mir ofter, wenn diese Frage aufgeworfen worden ist, gesagt worden: 
Wenn man kein Fleisch iftt, so hat man es fur manches nur beque- 
mer, man halt manches besser durch. Das Fleisch beschwert einen, 
und es ist namentlich dann, wenn man sein Gehirn in einer genauen 
Weise gebrauchen will, viel bequemer, kein Fleisch zu essen. Also es 
sind im Grunde genommen lauter Bequemlichkeitsgrunde. Wie oft 
habe ich betont, daft man sich nicht in die hoheren Welten hinauf- 
essen kann, weder dadurch, daft man dies oder jenes iftt, noch da- 
durch, daft man dies oder jenes zu essen unterlaftt. Das Hineinarbei- 
ten in die geistigen Welten ist eine geistige Angelegenheit, das Essen 
ist eine physische Angelegenheit, also auch das Unterlassen des Es- 
sens. Sonst konnte ja jemand auf den grotesken Gedanken kommen: 
Wenn man gewisse Speisen nicht iftt, so trete das und das ein, und 
wenn man gewisse Speisen iftt, so trete dies und jenes ein. Und er 
konnte auf den grotesken Gedanken kommen, acht Tage lang Salz 
zu essen und an den darauffolgenden acht Tagen kein Salz zu essen, 
um in den acht Tagen, in denen er Salz iftt, in die Tiefen der Elemen- 
tarwelt hinunterzusteigen und in den anderen acht Tagen, in denen 
er kein Salz iftt, hinaufzusteigen. Es konnte ja vorkommen, daft sich 
jemand solch eine Torheit in den Kopf setzt. Nun, zu solch groften 
Torheiten kann es ja selbstverstandlich in unserer Gesellschaft nicht 
kommen, meine lieben Freunde, aber zu Dingen, die diesem ahnlich 
sind, konnte es doch kommen. Also wenn wir moglichst bescheiden 
sind in den Erorterungen des Vegetarismus der Auftenwelt gegen- 
iiber, dann werden wir schon sehen, wie wenig uns nach und nach 
das iibelgenommen werden wird, daft wir Vegetarier sind; wenn wir 



aber den Vegetarismus uns als ein Verdienst zuschreiben, dann wird 
uns das die Aufienwelt nicht verzeihen. Und ein Verdienst ist es nicht, 
wenn man Vegetarier ist, sondern es ist ein Bequemlichkeitsmittel. 

Und so gibt es manches, meine lieben Freunde. Es ist wirklich not- 
wendig, dafS solche Dinge auch einmal besprochen werden, nicht um 
Moral zu predigen, sondern um gewisse Bedingungen eines Zusam- 
menlebens in einer okkulten Gesellschaft gegenuber der AuEenwelt 
darzulegen. Ja, meine lieben Freunde, alles lauft darauf hinaus, dafi wir 
Uberlegungen anstellen miissen iiber unseren Verkehr mit der Aufien- 
welt, und diese Uberlegungen miissen die Briicke, aber zu gleicher 
Zeit auch die schutzende Mauer gegenuber der Aufienwelt sein, gerade 
bei einer solchen Gesellschaft wie der unsrigen. Wenn es immer wie- 
der und wieder vorkommt, daft man zu Leuten in der Auftenwelt von 
mir zum Beispiel sagt: Der Doktor hat dies oder jenes gesagt -, ja, so 
versetze man sich einmal nicht in sein eigenes, sondern in das Gemut 
des anderen, der da zuhort! Wenn jemand zum Beispiel sagt - solche 
Dinge kommen vor und das sind nun solche, von denen ich nicht ein- 
mal scherzweise voraussetzen kann, dafi sie in unserer Gesellschaft 
nicht vorkommen -, also wenn jemand sagt: Der Doktor sorgt fur die 
geistige Entwickelung dieses oder jenes Menschen -, ja was soil sich 
denn ein Mensch draufien anderes darunter vorstellen, als dafi das eine 
Gesellschaft von narrischen Leuten ist, die sich einem einzigen Men- 
schen unterstellen. Und bedenken Sie doch nur, was das bedeutet, be- 
rechtigterweise bedeutet in der Auftenwelt! Wir miissen schon einmal 
iiber die Dinge von dem Gesichtspunkte aus sprechen, wie eine Gesell- 
schaft beschaffen sein mufi, in der eine solche geisteswissenschaftliche 
Bewegung herrschen soil, wie die unsrige es ist. Denn diese geisteswis- 
senschaftliche Bewegung miissen wir vor alien Dingen ernst nehmen, 
der gegenuber wir nichts tun diirfen, was sie in der Welt schadigt. 

Ich werde morgen noch etwas tiefer darauf eingehen, und Sie 
werden sehen, wie innig das alles wirklich mit gewissen geistes- 
wissenschaftlichen Impulsen selber zusammenhangt. Ich will nicht 
blofie Moralpauken halten, sondern ich will den Zusammenhang 
mit den innersten Impulsen der Geisteswissenschaft gerade an diesen 
Dingen einmal erortern. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 11. September 1915 

Die Anthroposophische Gesellschaft als Lebewesen 



Meine lieben Freunde! Ich machte Sie gestern auf den prinzipiellen 
Unterschied aufmerksam, der zwischen einer solchen Gesellschaft, 
wie die unsrige es ist, und einer anderen Gesellschaft oder einem 
Verein besteht. Und ich sprach davon, daft unsere Gesellschaft mit 
Bezug auf ihr Wesen sich nicht als erschopft ansehen kann dadurch, 
daft sie Statuten, daft sie Programmpunkte hat, und daft auch durch 
eine Vermehrung oder Verminderung der Statuten und Programm- 
punkte dem Wesen desjenigen, was unsere Gesellschaft sein soil, 
nichts Bedeutsames hinzugefugt oder weggenommen wird. Ich 
machte Sie auch darauf aufmerksam, wodurch sich unsere Gesell- 
schaft zunachst auf das Anschaulichste von einem gewohnlichen 
Programm- Verein oder einer Programm-Gesellschaft unterscheidet. 
Ich sagte: eine Gesellschaft oder ein Verein, der sich auf Programm- 
punkte stiitzt, der Statuten hat, kann sich jeden Augenblick auflosen 
oder kann aufgelost werden. Nehmen wir aber an, daft es notwendig 
wiirde, unsere Gesellschaft aufzulosen, und daft sie wirklich aufge- 
lost wiirde, so anderte diese Tatsache an den realen Verhaltnissen 
gar nichts. Denn unsere Gesellschaft unterscheidet sich von anderen 
eben dadurch, daft sie nicht auf die Phantasterei und Illusion von 
Programm- und Statutenpunkten, sondern auf Realitaten begrundet 
ist. Und als eine der Realitaten haben wir zunachst nur die herausge- 
hoben, daft in den Handen unserer samtlichen Mitglieder sich die 
Zyklen befinden und daft sich an dieser Tatsache gar nichts andern 
wiirde, wenn sich die Gesellschaft aufloste oder aufgelost wiirde. 
Und so ware es noch mit vielen anderen Realitaten, auf welche 
unsere Gesellschaft gegriindet ist. 

Daraus geht hervor, daft es wirklich notwendig ist, sich mit den 
Lebensbedingungen unserer Gesellschaft recht genau bekannt zu 



machen und sich in bezug auf diese Lebensbedingungen keinen Illu- 
sionen hinzugeben. Ich habe gestern einiges zunachst in aufier- 
licher Weise iiber diese Lebensbedingungen auseinandergesetzt und 
mochte das jetzt etwas vertiefen. 

Sehen Sie, unter mancherlei materialistischen Auseinanderset- 
zungen, die es iiber das Wesen des Lebens heute gibt, findet man ja 
diese und jene Definition, diese und jene Erklarung iiber das, was ein 
lebendiges Wesen ist. Ich glaube, zu Ihnen ist aus der Geisteswissen- 
schaft heraus schon geniigend gesagt worden, aus dem erkennbar ist, 
dafi alle solche Erklarungen, alle solche Definitionen nur ganz ein- 
seitig sein konnen. Der grofie Irrtum, die grofie Illusion der materia- 
listisch gesinnten Menschen ist eben der, daft sie glauben, mit einer 
Definition oder mit einer Erklarung das Wesen der Sache zu er- 
schopfen. Ich habe Sie, um Ihnen das Groteske dieses Glaubens zu 
illustrieren, ofter schon darauf aufmerksam gemacht, dafi in einer 
griechischen Philosophenschule einmal die Definition fur den Men- 
schen gesucht wurde und man dann endlich gefunden hat, daft ein 
Mensch so zu definieren sei, dafi er zwei Beine und keine Federn ha- 
be. - Nun, das ist ganz zweifellos richtig; man kann sagen, es ist dies 
eine absolut richtige Definition. Am nachsten Tage brachte einer, 
der die Definition verstanden hatte, einen gerupften Hahn mit und 
sagte: Das ist ein Wesen, das zwei Beine und keine Federn hat, also 
mufi das ein Mensch sein. 

So sind wirklich die Definitionen, die haufig gegeben werden, und 
man mufi wissen, daft Definitionen eben so sind. Und so gibt es also 
auch eine materialistische Definition des Lebendigen, die ein beriihm- 
ter Zoologe gegeben hat und die auch richtig und brauchbar ist in den 
Grenzen, in denen sie anwendbar ist. Diese materialistische Definition 
des Lebendigen besagt: Ein Lebendiges ist dasjenige, welches unter 
gewissen Bedingungen einen Leichnam zuriicklafit; alles dasjenige, 
was es bei seiner Vernichtung zuriicklafk, ist also kein Lebendiges. 

Selbstverstandlich, meine lieben Freunde, ist diese Definition nur 
eine Definition fur die aufiersten Auslaufer des physischen Planes. 
Aber dafiir ist diese Definition, dafi ein Lebendiges bei seinem Un- 
tergange einen Leichnam zuriicklalk, giiltig. Eine Maschine, wenn 



sie zerstort wird, laftt keinen Leichnam zuriick, und man weift, daft 
man parabolisch spricht, wenn man sagt, eine Uhr laftt einen Leich- 
nam zuriick. Aber im allerrealsten Sinne des Wortes ware dies tat- 
sachlich der Fall, wenn unsere Gesellschaft aufgelost wiirde oder 
sich selbst auflosen wiirde. Sie liefte einen realen Leichnam zuriick. 

Worin besteht denn das Wesen des realen Leichnams? Es besteht 
darin, daft der Leichnam, wenn er von seiner Seele verlassen ist, 
nicht mehr denselben Gesetzen folgt wie zu der Zeit, in der er mit 
ihr vereint war. Er beginnt, den physikalischen Gesetzen der Erden- 
elemente zu folgen. Nun, in dem Augenblick, wo unsere Gesell- 
schaft aufgelost wiirde, wiirde mit dem Leichnam unserer Gesell- 
schaft dasselbe der Fall sein. Hinzu kame noch das, was der Trager 
unserer Gesellschaft ist: die Zyklen. Zu dem Leichnam gehorten al- 
so auch alle in den Handen der Mitglieder befindlichen Zyklen. 

Nun kann dieser Vergleich auch noch wirklich sachgemaft und 
wissenschaftlich richtig fortgesetzt werden. Dem Leichnam gegen- 
iiber besteht die Notwendigkeit, wenn er nicht schadlich, nicht ver- 
derblich auf die Umgebung wirken soli, ihn zu verbrennen oder zu 
bestatten. Ubertragen Sie sich nur einmal diese absolut richtige 
Wahrheit auf den Leichnam, der von unserer Gesellschaft, wenn sie 
aufgelost wiirde, zweifellos zuriickbleiben wiirde. Das heiftt, wir 
werden in dem Augenblicke, wo wir uns dessen bewuftt werden, 
was unsere Gesellschaft ist, gewahr, daft wir eine Verantwortung ha- 
ben gegeniiber ihren realen Grundlagen. Eine Gesellschaft oder ein 
Verein, der auf Statuten und Programmpunkte aufgebaut ist, gleicht 
einer Maschine, die, wenn man sie zerschlagt, nichts anderes zuriick- 
laftt als Stiicke; wahrend unsere Gesellschaft, weil sie ein Organis- 
mus, ein Lebewesen ist, wirklich einen realen Leichnam zuriicklie- 
fte, wenn sie aufgelost wiirde, etwas zuriickliefte, das als Leichnam 
gedacht und behandelt werden miiftte. 

Es ist schon notwendig, meine lieben Freunde, daft wir iiber die 
Lebensbedingungen unserer Gesellschaft nachdenken. Wenden Sie 
den Blick einmal von dem, ich mochte sagen, ganz Aufterlichen der 
Zyklen hin zu dem, was in den Zyklen darinnen steht und was, wie 
ich gestern gesagt habe, in eine Anzahl von Kopfen hineingegangen 



ist. Ich meine damit nicht nur diejenigen Kopfe, in die es sachgemafi 
und harmonisch hineingegangen ist, sondern vielleicht auch - selbst- 
verstandlich sind die Anwesenden aus Hoflichkeit ausgenommen - 
diejenigen, in die es verkehrt hineingegangen ist und die jetzt allerlei 
Verkehrtes reden. Das alles ist auch da; das alles lebt in der Gesell- 
schaft. Denken Sie sich, wie das als der Leichnam der Gesellschaft 
wirken mtifke, wenn sich die Gesellschaft auflosen wiirde. 

Es wird uns also eine Verantwortung auferlegt, iiber die Lebens- 
bedingungen unserer Gesellschaft zu wachen. Deshalb richtete ich 
gestern nach verschiedenen Richtungen hin an Sie den Appell, iiber 
diese Lebensbedingungen wirklich zu wachen. 

Nun, ich sagte vorhin, daft von der Gesellschaft, wenn sie aufge- 
lost wiirde, ein Leichnam zuriickbleiben wiirde und daft wir daran 
erkennen konnten, dafi sie etwas im wirklichen Sinne Lebendiges 
ist. Sie ist dies aber auch noch dadurch, daft sie ein anderes Charakte- 
ristikon des Lebendigen tragt, das darin besteht, dafi ein Lebendiges 
krank werden kann. Ich sagte, ein Verein, der auf Programmpunkte 
und Statuten gegriindet ist, gleicht einer Maschine, einem Mechanis- 
mus, und wenn ein Mitglied etwas nicht mit der Maschine Uberein- 
stimmendes macht, so scheidet man es aus. Der Ausschlufi von Mit- 
gliedern aus einem Verein, der aufgrund von Statuten gegriindet ist, 
ist ja immer eine «liebevoll» gehandhabte Regel. Aber, meine lieben 
Freunde, wenn man es nun nicht mit einem Mechanismus, sondern 
wie bei unserer Gesellschaft mit einem Organismus zu tun hat, dann 
wird ja die Operation des Ausschliefiens eines Mitgliedes in den al- 
lerseltensten Fallen eine grofte Bedeutung haben. In den allermeisten 
Fallen wird dadurch an dem, worum es sich handelt, nicht sehr viel 
verbessert. In den meisten Fallen wird es bei uns, wenn wir ein Mit- 
glied, das etwas ausgefressen hat, ausschliefien, ein Bequemlichkeits- 
mittel sein. Man kann sich dessen bedienen, dariiber will ich jetzt 
nicht sprechen, aber man muft sich dariiber klar sein, dafi es viel 
mehr darauf ankommt, den Organismus unserer Gesellschaft so ge- 
sund zu erhalten, dafi er als Ganzes wie der Heiler auftritt gegemiber 
den einzelnen Auswiichsen. Darin besteht ja in den allermeisten Fal- 
len die Heilung eines Organismus, dafi die Heilkrafte des ganzen 



Organismus aufgerufen werden, wenn irgendein einzelnes Glied er- 
krankt. Es handelt sich also darum, daft wir den Prozeft des Krank- 
sein-Konnens innerhalb unserer Gesellschaft einsehen und uns 
bewuftt werden miissen, daft die Heilkrafte wirklich des ganzen 
Organismus aufgerufen werden miissen. 

Nun habe ich schon gestern darauf aufmerksam gemacht, daft ei- 
ne wichtige Heilkraft darin liegt, sich gegeniiber den Erscheinungen 
des physischen Planes an absolute Genauigkeit zu gewohnen, Wahr- 
heit in der Genauigkeit, Genauigkeit in der Wahrheit. Es kommt 
wirklich im aufteren exoterischen Leben nicht so viel darauf an, 
wenn eine Mitteilung von dem einen zu dem andern geht und sie 
durch Klatsch und Tratsch oder durch Ungenauigkeit verandert 
wird, als wenn wir innerhalb unserer Gesellschaft dies Usus werden 
lassen wiirden. Zu den dringendsten Bediirfnissen gehort also, im- 
mer daran zu denken bei dem, was wir sprechen und tun, Genauig- 
keit in bezug auf alles waken zu lassen. 

Nun ist es ja selbstverstandlich, daft man fragen kann: Was ist 
denn das, was man eigentlich zu tun hat, wodurch man der Gesell- 
schaft aufhilft? - Und da mufi gesagt werden: Vor alien Dingen ist 
vonnoten, daft jeder einzelne sich wirklich und in richtiger Weise 
als ein Glied der Gesellschaft fiihlt, daft er die Gesellschaft als einen 
Organismus auffaftt und sich in diesem darinnen fiihlt. Das ist aber 
nur moglich, wenn die Angelegenheiten der Gesellschaft wirklich 
Angelegenheiten eines jeden einzelnen von uns werden, wenn wir 
mit der Gesellschaft mitdenken. Um die Angelegenheiten der Ge- 
sellschaft zu wissen und zu wissen suchen, das ist etwas, was von 
prinzipieller, von ganz grundlegender Bedeutung ist. Dazu ist natiir- 
lich ein gewisses Interesse an der Gesellschaft als solcher notwendig. 
Und damit wir wiederum dieses Interesse an der Gesellschaft als sol- 
cher gewinnen, miissen wir ganz ernst nehmen das Wissen davon, 
daft die Gesellschaft ein Organismus ist, was viel mehr ist als ein 
Vergleich. Dazu miissen wir zum Beispiel folgendes wissen, meine 
lieben Freunde. 

Nicht wahr, wir haben drei Punkte gewissermaften als Statuten- 
punkte. Daft aber Statuten fur uns nur eine nebensachliche Bedeu- 



tung haben, geht aus dem hervor, was ich gesagt habe; aber sie sind 
da und miissen da sein. Nehmen wir diese drei Statutenpunkte, so 
konnen wir sie am besten dadurch bezeichnen, wenn wir sagen, sie 
stellen unsere Arbeit dar. Es ist wirklich so, daft sie die Arbeit unse- 
rer Gesellschaft darstellen. Wenn aber jemand bei einem Menschen 
liber das Verhaltnis der Arbeit zum Menschen nachdenkt, wird er 
folgendes herauskriegen: Durch die Arbeit ermudet der Mensch; sie 
niitzt ihn ab. Aber die Arbeit kann nicht das sein, worin sich das 
Wesen des Menschen erschopft. Ebensowenig kann jemand mit ge- 
sunder Vernunft sagen, in der Arbeit mit diesen drei Programm- 
punkten erschopfe sich das Wesen unserer Gesellschaft. Die Gesell- 
schaft wird aber dadurch abgeniitzt, daft sie diese Arbeit der drei 
Punkte verrichtet. Das heiftt also, daft unsere Gesellschaft, so wie 
der Mensch, aufter der Arbeit noch der Pflege bedarf. Wie der Orga- 
nismus des Menschen noch die Pflege braucht, so braucht sie als Ge- 
sellschaft auch die Pflege ihres Organismus. Und es geniigt nicht zu 
glauben, man sei ein Mitglied der Gesellschaft, wenn man die Gesell- 
schaft bloft benutzt als den Ort, an dem man dasjenige pflegt, was in 
den drei Programmpunkten ausgedriickt ist, sondern man muft auch 
ein Interesse haben fur die Fiihrung der Gesellschaft als solche. Hat 
man das nicht, dann denkt man in Wirklichkeit, daft man mit dem 
Bestande der Gesellschaft nicht einverstanden ist. Dadurch also, daft 
man sich bloft fur dasjenige interessiert, was die Gesellschaft arbei- 
tet, interessiert man sich noch nicht fur die Gesellschaft als solche. 
Wenn wir aber eine Gesellschaft brauchen als Basis fur die Arbeit, so 
muft Interesse da sein fur die Gesellschaft als solche, fur den Orga- 
nismus der Gesellschaft. Das heiftt, ein gewisses Prinzip des Zusam- 
menlebens, des Miteinanderlebens muft in der Gesellschaft gepflegt 
werden. 

Ich habe schon gestern gesagt, daft es einmal notwendig ist, daft 
manche Dinge hier beim rechten Namen genannt werden und daft 
sie wirklich ganz radikal so bezeichnet werden, wie sie bezeichnet 
werden miissen, und auch, daft es zum Wesen unserer Gesellschaft 
gehort, sicher sein zu konnen, daft die Dinge nicht gleich hinausge- 
tragen werden. Nicht wahr, ich habe gestern an dem grotesken Bei- 



spiel des Mannes, der in den Rasierladen hineingegangen ist und 
durch die Lebensgewohnheiten, die er sich beilegte, zusammenstiefi 
mit den Lebensgewohnheiten der Umgebung, anschaulich machen 
wollen, daft solchen Zusammenstoften oftmals ein ganz anderes Mo- 
tiv zugrunde liegt als dasjenige, was man vorgibt. Ich habe gezeigt, 
daft es bei dem betreffenden Mann hysterische Eitelkeit war. 

Sehen Sie, das Karma hat uns mit unserem Bau hierher in diese Ge- 
gend gefuhrt und wir sind in Lebensbedingungen darinnen, die wahr- 
haftig nicht gerade - ich will sagen - einwandfrei nach alien Seiten hin 
sind. Ich habe das schon dadurch ausgedriickt, daft ich gesagt habe, es 
konnte vorkommen, daft jeder unter uns musterhaft ware und man 
wurde dann erst recht ungeheuer viel an Verleumdungen und so 
weiter uber uns ausbreiten, auch wenn sich die Mitglieder innerhalb 
der Einwohnerschaft ganz musterhaft benehmen. Daraus sehen Sie 
schon, daft es mir nicht darauf ankommt, zu sagen, man muft alien 
Vorurteilen Rechnung tragen, sondern daft wir vielmehr die notwen- 
digen Lebensbedingungen fur unsere Gesellschaft ins Auge fassen. 

Nicht wahr, wir sprechen auch bei unserem menschlichen We- 
sen von dem physischen Leibe; wir wissen, daft dieser den aufteren 
Lebensbedingungen angepaftt werden raufi, weil er diese braucht, 
und daft das eine fortwahrende Wechselwirkung zwischen der Au- 
ftenwelt und unserem physischen Organismus bedingt. So ist es 
auch mit dem aufteren Organismus unserer Gesellschaft. Der muft 
sich innerhalb des sozialen Lebensrahmens entwickeln, in den wir 
einmal durch unser Karma hereingestellt worden sind. Und da ist es 
nun wirklich notwendig, daft die Mitglieder beachten, welches die 
Lebensbedingungen unserer Gesellschaft sind. Es wird von mir ja 
wirklich von Zeit zu Zeit immer wieder auf diese Lebensbedingun- 
gen unserer Gesellschaft hingewiesen. 

Als ein hiesiger Pfarrer einen Artikel gegen unsere Gesellschaft 
schrieb, da hatte ich eine Entgegnung geschrieben. Ein wichtiger 
Punkt darin war der, daft ich ausdriicklich darauf hinwies, daft unse- 
re Gesellschaft als solche mit der Religion unmittelbar nichts zu tun 
hat. Es kommt nicht bloft darauf an, daft man immer das Richtige 
sagt, sondern daft man im gegebenen Falle das Notwendige sagt. 



Darauf kommt es an. Nun gehort es wirklich zu dem Allernotwen- 
digsten fur das Gedeihen unserer ganzen Bewegung, daft endlich die 
Auftenwelt den Gedanken einsieht, wie ich ihn suche zu verdeutli- 
chen, indem ich immer wieder und wieder sage: So wenig die koper- 
nikanische Weltanschauung, als sie aufgekommen ist, etwas zu tun 
hatte mit einer religiosen Gemeinschaft, so wenig hat unsere Bewe- 
gung etwas mit der Religion zu tun. Daft sich die religiosen Gemein- 
schaften dazumal gegen die kopernikanische Weltanschauung aufge- 
lehnt haben, das ist ihre Sache, nicht Sache der kopernikanischen 
Weltanschauung. Aber wir miissen uns streng auf den Standpunkt 
stellen, daft wir nicht eine Sekte, nicht eine religiose Bewegung griin- 
den wollen. Ich wurde sogar an einem Orte einmal richtig unange- 
nehm, weil - wenn auch aus dem besten Willen heraus - Artikel 
uber unseren Bau geschrieben wurden, in denen dieser Bau mit dem 
Namen «Tempel» belegt worden war. Das schadet uns ungeheuer, 
weil wir dadurch hingestellt werden wie in Konkurrenz stehend mit 
religiosen Gesellschaften, was nicht zu sein braucht. Daher wurden 
ja die Mitglieder immer wieder ermahnt, den Titel «Hochschule fur 
Geisteswissenschaft» popular zu machen. 

Es kommt wirklich darauf an, daft die Leute immer wieder zu 
horen bekommen, daft wir es nicht mit einer religiosen Sekte, nicht 
mit der Begriindung einer neuen Religion und dergleichen zu tun 
haben. Ungeheuer viel sundigen gerade die Mitglieder unserer Ge- 
sellschaft nach dieser Richtung, indem sie in den Auskunften, die sie 
geben, nicht darauf aufmerksam machen, daft unsere Gesellschaft 
nichts zu tun hat mit einer Religionsstiftung, ja nicht nur, daft sie 
darauf nicht geniigend aufmerksam machen, sondern sogar passiv 
vieles dazu tun, unsere Bestrebung in das Licht einer Religionsstif- 
tung zu stellen. Und da handelt es sich darum, daft man dies sogar in 
Nebensachen berucksichtigt, daft man den Leuten immer wieder in 
ihre harten Schadel hineinbleut, daft man es nicht mit einem Tem- 
pel, nicht mit einer Kirche zu tun hat, sondern mit etwas, das wis- 
senschaftlichen Zwecken gewidmet ist. 

Es liegt manchmal, meine lieben Freunde, nicht nur daran, was 
gesprochen wird, sondern auch an der Art und Weise, wie gespro- 



chen wird. Wir sollten uns klar sein, daft es drauften immer den Ein- 
druck machen wird, daft es sich um eine Sekten- oder um eine Reli- 
gionsstiftung handelt, wenn wir nur zu reden wissen in Aus- 
driicken, die man bezeichnen kann, wie es einmal jemand bezeich- 
net hat - nun, es ist keine schone Bezeichnung, aber eine treffende -, 
daft man alles, was in unserer Bewegung geschieht, betrachte mit ei- 
nem «Gesicht bis ans Bauch». Das heifk, es wird alles mit langen Ge- 
sichtern betrachtet, aber nur, weil sich manche Menschen vorstel- 
len, daft man nur so Gefiihle charakterisieren konne, die sich auf das 
religiose Leben beziehen. Aber unser Bestreben mufi sein, abzustrei- 
fen von unserer Bewegung das Vorurteil, daft wir eine Kirche, eine 
Religion oder eine Sekte stiften wollen, und immer popularer zu 
machen, daft wir es mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu 
tun haben, die sich so in die Welt hineinstellt, wie das kopernikani- 
sche System sich in die Welt hineingestellt hat, so daft alles sehen 
kann, daft das Unrecht auf der anderen Seite ist. Als die Kirche die 
kopernikanische Lehre abgelehnt hat, da hat sie sich ins Unrecht ge- 
setzt, denn sie hat sie spater doch annehmen miissen. Und so wird es 
auch mit unserer Bewegung sein; die Kirche wird sie annehmen 
miissen, diese Bewegung. 

Das ist ein Beispiel dafiir, daft wir uns angewohnen miissen, ge- 
nau zu sprechen. Das ist als ein Lebensnerv der Gesellschaft gegen- 
iiber der Auftenwelt zu beachten. Das ist einer der Punkte, wo wir 
fur unsere Gesellschaft wirklich viel Nutzbringendes leisten kon- 
nen. Wer bloft Interesse am Zyklenlesen hat - was selbstverstandlich 
sehr nutzlich ist und ohne das man nicht sein kann - und kein Inter- 
esse hat an der Fiihrung der Gesellschaft als solcher - namentlich da, 
wo Sie, wie hier, in engen Zusammenhangen auftreten -, wer dieses 
Interesse nicht entwickeln will, der erklart sich mit der Gesellschaft 
als solcher nicht einverstanden, wie ich schon sagte. Interesse fur die 
Gesellschaft mufi man entwickeln! Nicht bloft da sein, um das, was 
die Gesellschaft zu arbeiten hat, in irgendeiner Weise mitzuma- 
chen, sondern Interesse fur die Gesellschaft als soiche entwickeln, 
darauf kommt es an. Das heiftt aber: die Angelegenheiten der Ge- 
sellschaft als eines Lebewesens zu seinem eigenen Bewufttseinsin- 



halt zu machen. Und je weniger man dazu Statuten braucht, desto 
besser ist es. 

Sehen Sie, es ist ganz zweifellos notwendig, daft immer mehr und 
mehr die Moglichkeit geschaffen wird, daft wir uns, wenn wirklich 
jemand von drauften das oder jenes iiber unsere Gesellschaft sagt, fest 
auf unsere zwei Beine stellen und sagen konnen, wir konnen dafiir 
eintreten, daft so etwas in unserer Gesellschaft nicht moglich ist. 
Wir miissen die Moglichkeit haben, darauf zu bauen, daft in den 
weitaus meisten Fallen - selbstverstandlich, Ausnahmen konnen 
iiberall vorkommen - die Verleumdungen, die ausgestreut worden 
sind, verlogen sind. Dazu gehort aber dieses wirklich lebendige In- 
teresse an den Angelegenheiten der Gesellschaft. Denn, nehmen wir 
einmal an, es kame vor, daft bei irgend etwas eine Unvorsichtigkeit 
geschieht. Nehmen wir meinetwillen an - hypothetisch kann man 
so etwas annehmen -, irgendein Mann und ein Madchen hatten die 
Unvorsichtigkeit begangen, an einem schonen Maiennachmittag ir- 
gend etwas drauften in der freien Natur zu zeigen, was nicht gezeigt 
werden soli, so daft es die Leute der Umgebung haben sehen kon- 
nen. Nehmen wir an, so etwas ware aus Unvorsichtigkeit einmal 
vorgekommen. Was ware da das Naturliche in der Gesellschaft, 
wenn sie so besteht, wie es die unsrige verlangen muft? Das Naturli- 
che ware doch, daft demjenigen, dem so etwas passiert ist, in den 
nachsten Tagen aufgeht, daft er ein alteres Mitglied aufsuchen und 
ihm sagen miisse: Mir ist das und das passiert, was kann man tun? - 
Das wiirde dann bedeuten, daft er seine Angelegenheit zur Angele- 
genheit der Gesellschaft macht. 

Merken Sie wohl, was ich fur eine Angelegenheit als Beispiel ge- 
wahlt habe. Sie ist nicht eine solche, in die man sich als in eine Pri- 
vatangelegenheit des einzelnen nicht hineinmischt, sondern eine sol- 
che, die der Gesellschaft furchtbar schadet. Da muft der Grundsatz 
bestehen, daft das Knie nicht sagt, ich habe meine eigenen Angele- 
genheiten, sondern daft das Knie sich als Teil des ganzen Organis- 
mus fuhlt. Selbstverstandlich muft aber fur solche Dinge auch entge- 
genkommendes Interesse da sein. Man muft solche Angelegenheiten 
als eine Angelegenheit der Gesellschaft betrachten, so daft auch im- 



mer jemand da sein mu8, der nicht nur dasjenige weift, was ihn zu- 
nachst interessiert, sondern der auch vieles aus der Gesellschaft weift 
und dadurch an den fortlaufenden Gedeihensbedingungen der Ge- 
sellschaft mitwirken kann. Das heilk, wir miissen uns vollstandig 
erheben konnen iiber den Standpunkt: Ich habe jemanden meines 
engeren Bekanntenkreises, ich habe vielleicht sogar das Verdienst, 
diesen engeren Bekanntenkreis selber in die Gesellschaft hinein- 
gebracht zu haben, und dieser Bekanntenkreis interessiert mich. 
Daft jemand Freundschaften und Beziehungen entwickelt, das kann 
selbstverstandlich keinen Gegenstand der Kritik bilden; das geht die 
Gesellschaft nichts an. Was aber die Gesellschaft sofort beriihrt, das 
ist das, dafi er die Gesellschaft als solche nur so betrachtet, in der er 
eben darinnen ist. Wir miissen aber die Angelegenheiten der Gesell- 
schaft zu den unsrigen machen; es mu8 die Moglichkeit vorliegen, 
daft es ganz ausgeschlossen ist, dafi, wenn irgend etwas vorgekom- 
men ist, was aufierlich Argernis gegeben hat, man innerhalb der 
Gesellschaft erst dadurch von dem Argernis erfahrt, dafi es einem 
von der Aufienwelt erzahlt wird. Dem ist sofort abgeholfen, wenn 
Interesse am gesellschaftlichen Leben vorhanden ist. 

Es kommt beispielsweise vor, dafi man drei, vier, fiinf Menschen 
bei uns fragen kann, ob der oder jener in den letzten Wochen hier 
bei unseren Vortragen war, und daft alle die drei, vier, fiinf Men- 
schen es nicht wissen. Das kommt durchaus bei uns vor. Gewifi, 
wenn einer nichts weifi davon, so ist das begreiflich; wenn aber uber- 
haupt nichts herausgefunden werden kann durch Herumfragen - 
ich meine bei solchen, von denen man voraussetzt, dafi sie es wissen 
sollten -, dann ist das ein Mangel an Interesse und zeigt an, daft unse- 
re Gesellschaft ein Mechanismus und kein Organismus ist; dafi man 
kein Interesse hat an ihrem lebendigen Leben. Aber gerade das ist es, 
was ich immer wieder betonen mochte, dieses notwendige Interesse 
an dem lebendigen Leben unserer Gesellschaft. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, man wird zuweilen in der Ge- 
sellschaft von Ereignissen iiberrascht, von denen man nicht iiber- 
rascht zu werden brauchte, wenn die Mitglieder - ich will jetzt wirk- 
lich das Wort gebrauchen - ihre «Verpflichtungen» in der Hinsicht 



fuhlten, daft sie mitdenken, mitfiihlen, mitwollen wiirden mit der 
Gesellschaft als einem Organismus. Dazu ist notwendig, daft in be- 
zug auf dasjenige, was zu den Lebensbedingungen der Gesellschaft 
gehort, jeder den Willen hat, es nicht als seine personliche Angele- 
genheit zu behandeln, und zweitens, dafi jeder, der so etwas will, ei- 
nen andern findet, bei dem er Geneigtheit und Gehor findet. Wenn 
Sie jetzt, wo wir in einer Krisis desjenigen Teiles der Gesellschaft 
sind, der um den Dornacher Bau verkehrt, noch soviel Paragraphen 
beschliefien, noch so viele neu formulieren, so werden Sie damit in 
der Gesellschaft doch nicht zurechtkommen und nicht verhindern 
konnen, daft wir nach einiger Zeit den angedeuteten Leichnam haben 
werden. Verhindern konnen Sie das nur dadurch, daft Sie anfangen, 
interessevoll mit den Angelegenheiten der Gesellschaft zu leben, 
das heilk, dafi Sie nicht nur einmal einen, ich will sagen, «scharf- 
sinnigen» Verstand einsetzen, um moglichst gute Paragraphen zu 
formulieren, um moglichst gute Tribunalien einzusetzen fur dieses 
oder jenes «Verbrechen», sondern wenn Sie fortwahrend die Gesell- 
schaft als Objekt Ihres Interesses im lebendigen Zusammenhang 
betrachten. Aber vor alien Dingen ist notwendig, daft wir die 
Unbequemlichkeit des Denkens wirklich nicht scheuen. 

Ich habe schon erwahnt, nicht wahr, dafi wir jetzt in einer - hof- 
fentlich wird das bald zu Ende gehen - abnormen Zeit des europai- 
schen Lebens leben. In solchen Zeiten - ich rede nicht von Privatan- 
gelegenheiten, sondern von Dingen, die sich auf die Gesellschaft 
beziehen - ist es notwendig einzusehen, dafi man nicht alles, was 
einem einf allt - wenn es auch nicht unrichtig oder anstofiig ist -, iiber 
die Grenzen zu schicken und zu schreiben braucht. Aber es ist wirk- 
lich so, meine lieben Freunde, dafi eine grofie Anzahl der Mitglieder 
gar nicht den Willen hat, auch nur soviel dariiber nachzudenken, 
was jetzt in diesem Augenblick gerade opportun oder nicht oppor- 
tun ist. Gewifi, die Dinge sind nichts Unrechtes, ich will auch nichts 
Tadelndes aussprechen, sondern nur auffordern zu denken und zu 
iiberlegen, bevor man etwas tut. Nicht wahr, wir wissen, dalS ein 
Aufnahmeschein, ein Aufnahmeansuchen ein unschuldiges Doku- 
ment ist, das niemals Veranlassung zu Maftnahmen von einem Lan- 



de zum andern geben kann. Anders aber werden diese Sachen von 
den kriegfiihrenden Landern angesehen. Warum also schicken denn 
dann die Mitglieder Aufnahmescheine iiber die Grenzen? Der eine 
vielleicht aus Gedankenlosigkeit, der andere vielleicht aus Eigen- 
sinn, weil er damit etwas demonstrieren will. Aber unmoglich kann 
die Gesellschaft weiterbestehen, wenn derlei Dinge in grofierem 
Umfange weiterhin vorkommen, weil man alles mogliche vermutet, 
das nicht dahinter ist. Unsere Mitglieder sollten sich doch gerade 
dadurch auszeichnen, da$ sie denken! Darauf aber gerade miiftte 
geachtet werden, sonst konnen wir die Gesellschaft wirklich nicht 
weiter fortsetzen. 

Ich muft manchmal auf alte Sachen zuriickkommen. Zum Bei- 
spiel war bei uns immer das Bestreben, bei der Aufnahme von Mit- 
gliedern in die Gesellschaft nicht nur das zu befolgen, dafi die Mit- 
glieder aufgenommen werden, weil sie so hervorragende Menschen 
sind, dafi sie sich von der ganzen iibrigen Menschheit durch ihre 
hervorragenden Eigenschaften unterscheiden - diese Ansicht haben 
zwar viele, aber sie ist nicht richtig; manche haben die Ansicht, daft 
derjenige, der in die Gesellschaft aufgenommen worden ist, sich in 
nichts von alien anderen Menschen unterscheidet -, sondern man 
nahm auch Leute auf, um ihnen zu helfen, damit sie gesunden. Da 
ist es dann moglich geworden, daft so ein Mensch, der hatte gesun- 
den sollen, aufgenommen worden ist - was ist aber passiert? Passiert 
ist, daft die Mitglieder in ihm einen solchen gesehen haben, der un- 
sere Gesellschaft gesund machen soil, daft er wie ein Apostel an- 
gesehen worden ist. 

Warum kann so etwas stattfinden, meine lieben Freunde? Weil 
man nicht beachtet die Mittel und Wege, die an die Hand gegeben 
werden, um solche Fehler nicht zu machen. Denken Sie doch nur 
einmal zuriick an manches, was geschehen ist! Und wir mussen den- 
ken, wenn wir eine okkulte Bewegung aufrechterhalten wollen! 
Denken Sie zuriick: Wenn eine charakteristische Tatsache geschah, 
wurde in Vortragen gewohnlich dasjenige, was man zur Beurteilung 
braucht, herbeigeschaffen, es wurde gesagt. Sie brauchten nur darauf 
zu achten, gerade wenn Gefahr vorhanden ist. Dazu ist aber erfor- 



derlich, daft man wirklich griindlich auf die betreffenden Vortrage, 
die in jener Zeit gehalten worden sind, eingeht. Wir brauchen nicht, 
um das Richtige zu tun, in den Fehler des Persdnlichen zu verfallen, 
sondern wir konnen uns an das Objektive halten. Aber es mufi das 
Objektive in jedem einzelnen Fall verstanden werden. 

So konnte man schon sagen: Es ist notwendig, namentlich fur 
den Teil unserer Gesellschaft, der sich um den Johannesbau grup- 
piert, daft etwas ganz Grundliches und Radikales geschieht. Aber es 
ist jetzt im Grunde genommen die hochste Zeit, daft dieses Griindli- 
che und Radikale nicht wiederum auf falschen Wegen gesucht wird 
dadurch, daft man glaubt, mit einigen Dingen, einigen Prinzipien, 
einigen Feststellungen und Festsetzungen sei alles gemacht. Damit 
ist wirklich gar nichts griindlich gemacht und gar nichts griindlich 
geheilt. 

Ich muft gestehen, meine lieben Freunde, daft es mir gar nicht 
leicht wird, diese Dinge so wie gestern und heute auseinanderzuset- 
zen, aus dem einfachen Grunde, weil ich selbstverstandlich lieber 
von anderen Dingen sprechen wiirde und weil ich weift, daft eine 
grofte Anzahl von Mkgliedern da sind, die das gar nicht horen wol- 
len, weil sie sich sagen, wir sind doch da, um allerlei okkulte Wahr- 
heiten zu horen. Aber, meine lieben Freunde, wenn die Gefahr vor- 
handen ist, wie sie wirklich vorhanden ist, daft die «Unm6glichkeit» 
an uns herantreten konnte, sagen zu mxissen: Ja, wenn die Gesell- 
schaft sich so wenig bewahrt, wie einzelne in der letzten Zeit das ge- 
zeigt haben, dann ist es absolut ausgeschlossen, in der Welt Geistes- 
wissenschaft durch die Gesellschaft einzufiihren. - Denken Sie sich 
doch nur einmal, was schon fur eine Diskrepanz besteht zwischen 
dem, was ich eben gesagt habe, und dem, was ich oftmals hier in den 
letzten Wochen habe sagen miissen, daft das, was wir als Geisteswis- 
senschaft anerkennen, der groftte Impuls unserer Zeit sein muft, der 
reformatorisch gegeniiber den anmaftendsten aufteren Erkenntnis- 
sen, scheinbaren Erkenntnissen und wissenschaftlichen Bestrebun- 
gen, als ein grundliches Vorwarts in der Menschheit sich geltend ma- 
chen muft, und daft man es dann notwendig hat, iiber allerlei Dinge, 
die eigentlich selbstverstandlich sein sollten, zu sprechen und noch 



dazu unter der Gefahr, daft man gerade in bezug auf diese Dinge im- 
merfort miftverstanden wird. Denn das ist doch ein durchgangiges 
Prinzip, daft im Grunde genommen jeder den Sunder in dem andern 
sieht und sich nicht aufraffen will, so etwas, wie unsere Gesellschaft 
als einen wirklichen Organismus aufzufassen, zu tun, das heifit, sich 
als Glied eines solchen Organismus zu fuhlen. 

Gewift, meine lieben Freunde, bei eben eingetretenen Mitglie- 
dern mag es vorkommen, daft Irrtumer begangen werden. Aber ich 
frage: Wozu sind denn manche Mitglieder viele Jahre lang Mitglie- 
der, wenn sie nicht etwas dazu tun, daft bei neu eintretenden Mit- 
gliedern nicht Irrtumer eintreten? Es miifite doch geradezu Grund- 
satz sein, daft keiner bei uns eintritt, der nicht von den alteren Mit- 
gliedern in der allerersten Zeit wirklich bemerkt wird und dem man 
mit Rat und Tat zur Seite steht und ihn davor behiitet, daft er Tor- 
heit fur Weltenweisheiten halt. 

Es liegt in der Natur einer okkulten Gesellschaft, meine lieben 
Freunde, daft schon einmal Torheiten darin vorkommen konnen. 
Aber es muft eine moglichst grofie Anzahl von MitgHedern da sein, 
die die Torheiten durchschauen und dafur sorgen, daft sie nicht 
durchgefuhrt werden. Dazu gehort auch das, was in dem Briefe von 
Dr. Goesch enthalten ist.'" Er behauptet ja, daft Versprechen gegeben 
und nicht gehalten werden, und fragt an bei einem Mitglied, von 
dem er glaubt oder vermutet, daft ihm ein Versprechen gegeben 
worden sei. Wenn dieses Mitglied ihm sagt, daft das nicht der Fall 
ist, dann sagt nun aber Dr. Goesch nicht, er habe sich geirrt, 
sondern er sagt, da habe man wieder einen Beweis dafiir, daft Magie 
darin liege, wenn ich jemandem die Hand gegeben habe; in dem 
Gedachtnis dieser Leute sei das Versprechen ausgeloscht worden. - 
Das ist ja einer der hauptsachlichsten Anklagepunkte in der Schrift 
des Dr. Goesch. 

Man kann ja bemerken, meine lieben Freunde, daft Dr. Goesch 
diese Dinge nicht nur geschrieben, sondern auch zu einzelnen gesagt 
hat. Das lebendige Interesse an den Gesellschaftsangelegenheiten 



Siehe im Anhang. 



hatte nun wirklich erfordert, daft jemand moglichst schnell zu 
einem alteren erfahrenen Mitglied hingegangen und dies bekannt 
gemacht hatte. Es ist wahrlich unbegreiflich, wie es passieren kann, 
daft jemand unbeanstandet den Dr. Goesch etwas Unmogliches sa- 
gen lassen kann wie: «Wenn einer sagt, mir ist kein Versprechen 
gegeben worden, so schliefte ich daraus nicht, daft ihm wirklich 
kein Versprechen gegeben wurde, sondern ich nehme an, daft dem 
Betreffenden die Erinnerung an das Versprechen absuggeriert wor- 
den ist.» - Wenn solche Dinge unbeanstandet passieren konnen, 
dann ist die Gesellschaft wirklich nicht lebensfahig und man kann 
nicht in sie okkulte Wahrheiten hineingiefien. 

Zweierlei, meine lieben Freunde, steht mir vor Augen. Das eine 
ist das: Ich muft es nach alien meinen Erkenntnissen als eine drin- 
gende Notwendigkeit ansehen, daft die Geisteswissenschaft den 
Menschen gebracht werden muft. Das andere aber steht mir ebenso 
vor Augen: daft das Instrument, das dazu gegriindet worden ist, sich 
in einer Krisis befindet. Und deshalb konnte ich schon nicht anders, 
als Sie gewissermaften zu «qualen» mit dem, was ich gestern und 
heute zu sagen hatte, denn es ist Ihnen ja angekiindigt worden, daft 
Zusammenkunfte stattfinden, um Abhilfe fur dieses oder jenes zu 
schaffen. Wenn diese Zusammenkunfte wiederum so vorubergehen 
wie manche friiheren in ahnlichen Fallen, dann werden wir nicht 
weiterkommen. 

Bedenken Sie nur, meine lieben Freunde, daft mit der einfachen 
Maftregel des Ausschlieftens niemals irgend etwas erreicht werden 
kann. Das Ausschlieften entscheidet ja gar nichts iiber irgendeine 
Angelegenheit der Gesellschaft. Nicht wahr, wir haben vor vielen 
Jahren den Dr. Hugo Vollrath ausgeschlossen. Alles, alles, was 
durch den Mann spater bewirkt worden ist, wurde bewirkt, trotz- 
dem er ausgeschlossen worden war. Und so wird es in ahnlichen Fal- 
len sein. Man kann ja ausschlieften, aber man kann sich nicht mit 
der Ausschlieftung beruhigen. 

Wenn Sie, meine lieben Freunde, die «Theosophie» aufschlagen - 
das ist also das allererste Buch, das ich in der theosophischen Bewe- 
gung zur Theosophie selber geschrieben habe -, und darin das Kapi- 



tel «Der Pfad der Erkenntnis» nehmen, so werden Sie darin Dinge 
finden, mit Hilfe derer, wenn Sie sie durchdenken, Sie sich alles, was 
ich gestern und heute ausgefiihrt habe, mit Leichtigkeit selber sagen 
konnten. Denn das steht alles in diesem Kapitel. Aber es geht daraus 
auch hervor, daft schon dieses allererste Buch nicht verstanden wor- 
den ist, denn sonst hatten viele Dinge, die in den letzten Zeiten ge- 
schehen sind, nicht geschehen konnen. 

Wir miissen also dafiir sorgen, dafi wir mit moglichst groftem 
Ernste und moglichst grofier Wiirde solche Dinge ins Auge fassen, 
wie wir sie morgen bei der Ersatz-Generalversammlung ins Auge 
fassen wollen/'" Denn wir miissen uns fragen, ob wir es bis zu dem 
angedeuteten Punkte kommen lassen wollen, dafi eine Zeit kommt, 
wo wir sagen miissen: Auf dem Wege einer solchen Gesellschaft lafk 
sich die Geisteswissenschaft nicht verbreiten. Wir miifken dann ver- 
suchen, wenn es durch die Gesellschaft unmoglich gemacht wird, 
das, was als Leichnam iibrigbleibt, auf eine andere Weise zu pflegen, 
und das wiirde merklich viel schwieriger sein . . 

Ich habe nicht fur das Programm morgen zu sorgen. Da aber die 
Art und Weise, wie das Programm morgen erledigt werden wird, 
mit entscheidend sein wird, ob die Anthroposophische Gesellschaft 
auch kiinftig moglich sein wird oder nicht, so begnuge ich mich da- 
mit, Ihnen dringend ans Herz zu legen, alles mit der groftten Verant- 
wortlichkeit ins Auge zu fassen und nicht leichten Herzens iiber 
Dinge hinwegzugehen, die fur die ganze Menschheitskultur die 
grofke Bedeutung haben. 

Morgen werden wir um halb elf Eurythmiedarstellung haben 
und dann Vortrag. 



Vgl. im Anhang, Seite 183. 

Hier folgen im Stenogramm noch einige Zeilen, die keinen zusammenhangenden Sinn 
ergeben. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 12. September 1915 



Uber Schwierigkeiten des Eindringens in die geistigen Welten 

am Beispiel Swedenborgs 



Meine lieben Freunde, heute mochte ich einiges ausfiihren iiber die 
Schwierigkeiten des Eindringens in die geistigen Welten und den 
Ausgangspunkt zu diesem Thema zunachst anhand eines Beipieles 
nehmen. Sie alle haben schon von dem Seher Swedenborg gehort. Ich 
habe selbst schon ofter auf ihn aufmerksam gemacht und betont, 
daft man solch eine Personlichkeit wie Swedenborg nicht auf der 
einen Seite mit leichten Redensarten abtun kann, daft man aber auf 
der anderen Seite auch, wenn man wirklich eindringen will in die 
Beschaffenheit der Wege in die geistigen Welten, gerade am Beispiel 
eines solchen Sehers ersehen kann, wie sich der Mensch, trotzdem er 
in der geistigen Welt ist, doch noch alien moglichen Illusionen hin- 
geben kann, weil er doch nicht durchdringt durch die Welt der Tau- 
schung, wenn auch die geistige Welt in einer gewissen Weise fur ihn 
offen ist. 

Swedenborg darf man, sagte ich, nicht leicht nehmen. Sweden- 
borg war nicht ein Seher, der leichten Herzens, ohne viel vom Le- 
ben und der Welt zu kennen, sich der Sehergabe ergeben hat, son- 
dern Swedenborg war ein tiefer, bedeutender Gelehrter, einer der 
groftten, wenn nicht gar der groftte seiner Zeit. Er umfaftte mit sei- 
ner Gelehrsamkeit alles dasjenige, was die damalige Wissenschaft 
dem Menschen geben konnte. Und ein grofter Beweis fur Sweden- 
borgs gut begriindete Wissenschaftlichkeit und fur sein Erkenntnis- 
streben ist, daft nun nicht etwa fur seine als Seher hinterlassenen 
Werke, sondern fur seine rein wissenschaftlichen Werke, die noch 
nicht veroffentlicht sind, eine ganze Kommission von Gelehrten 
sich gebildet hat, um sie herauszugeben. 



Also wir haben es in Swedenborg mit einem Menschen zu tun, 
der in seiner vorseherischen Zeit, bevor ihm die Zugange zur geisti- 
gen Welt eroffnet waren, so weit war, daft er die Summe seines Wis- 
sens - vielleicht gar nicht einmal die Summe, sondern nur ein Teil 
seines Wissens - in einer groften Anzahl von Manuskripten nieder- 
legte, die heute nicht ein Gelehrter herausgeben kann, sondern wo- 
zu eine ganze Kommission von Gelehrten notwendig ist. Es handelt 
sich dabei also um die Schriften, die ganz feme stehen allem Seher- 
tum; denn erst als Swedenborg schon auf der Hohe weltlicher Wis- 
senschaft stand, ging ihm der Sehersinn auf, erst dann waren fur ihn 
die geistigen Welten of fen geworden. So erscheint er uns als das Bei- 
spiel eines Mannes, der nicht aus dem gewohnlichen vulgaren Leben 
heraus sich eines Tages zum Seher ernennt, sondern der auf der 
Grundlage ernster und gewissenhafter Wissenschaftlichkeit zur 
Stufe des Sehers aufsteigt. 

Wenn wir aber auf der anderen Seite die ganze Natur der Seher- 
seele Swedenborgs ins Auge fassen, dann finden wir, wie der Seher 
auf einer Stufe, die ihn doch nicht zu den letzten Erkenntnissen 
fiihrt, stehenbleiben kann. 

Gerade an einer so hervorragenden Erkenntnis- und Seherper- 
sonlichkeit ergibt sich ein gutes Beispiel, wie tief gewissenhaft vorge- 
gangen werden mufi, wenn vom Betreten der geistigen Welten und 
davon, daft dieses oder jenes aus den geistigen Welten herausgeholt 
wird, die Rede ist. Nicht genug kann man betonen, daft man es in 
Swedenborg auf der einen Seite mit einer iiberragend wissenschaft- 
lichen Personlichkeit zu tun hat und auf der anderen Seite mit einer 
Entwickelung des Sehertums, nachdem dieser Mann die Summe des 
Wissens seiner Zeit nicht nur umfaftt hat, sondern - wie sich schon 
herausgestellt hat und bei Herausgabe seines Nachlasses sich zweifel- 
los noch mehr herausstellen wird - die Wissenschaft durch zahlrei- 
che wissenschaftliche Entdeckungen bereichert hat. Er war ein wis- 
senschaftlicher Entdecker allerersten Ranges vor seiner Seherzeit. 

Nun erzahlt Swedenborg von den Ergebnissen seines Sehertums 
ja das Mannigfaltigste. Interessant ist es insbesondere, daft er dann, 
wenn er mit seiner Seele sich aufschwang, in die geistigen Welten 



hineinzuschauen, sich immer wie umgeben fuhlte nicht nur von sei- 
ner eigenen Aura, sondern in diese eingebettet fuhlte eine Anzahl 
geistiger Wesenheiten. Dies ist etwas ganz Charakteristisches, etwas 
ganz Bedeutsames. Wenn also in Swedenborg die Sehergabe erwach- 
te, dann fuhlte er sich sogleich nicht allein, sondern fuhlte sich mit 
seiner Seele erweitert zur Aura und schaute darin - gewissermafien 
aus seinen eigenen Organen heraus gehend - geistige elementarische 
Wesenheiten, die sich, wahrend er schaut, unter sich beraten und 
sich auch mit ihm, mit seiner Seele beraten. 

So also ist er von Anfang an beraten von den geistigen Wesenheiten, 
die in jedem Menschen darinnen sind, die nur ihm, als sein Sehertum 
erwachte, vor das Bewufitsein traten. Zu diesen inneren Wesenheiten, 
die zu dem festen Bestande einer jeden menschlichen Wesenheit ge- 
horen, traten andere Wesenheiten, die er zumeist erkannte aus dem, 
was aus deren Beratung mit den aus ihm selber herausgekommenen 
elementarischen Wesenheiten hervorging; andere, gleichsam an ihn 
heranfliegende Wesenheiten erkannte er als Wesenheiten der aufieren 
elementarischen Welt, auch als Wesenheiten, die ihre Heimat auf 
anderen zur Erdensphare gehorigen Planeten haben. 

Und so erkannte er denn einmal, indem er sich mit seinen eige- 
nen elementarischen Wesenheiten beraten hatte, gewisse Wesenhei- 
ten in seiner Umgebung, die eine Eigentumlichkeit ihm zeigten. Er 
war bis dahin gewohnt, nicht nur die Sprache zu verstehen, welche 
diejenigen elementarischen Wesenheiten sprachen, die aus ihm sel- 
ber kamen, sondern er war auch gewohnt, immer gleich zu verste- 
hen - bis zu einem gewissen Punkte seiner Seherwahrnehmung - die 
anderen Wesenheiten, die von Venus, Merkur, Sonne und so weiter 
zu ihm kamen. Er war daran gewohnt, zu glauben, dafi die Geister 
eine gemeinsame Sprache haben, die man versteht. Diese Sprache ist 
ja die Sprache der Idee, die Sprache des inneren Webens der lebendig 
gewordenen Ideen. Von diesen lebendig gewordenen Ideen habe ich 
Ihnen in den letzten Vortragen erzahlt. Diese Sprache zu verstehen, 
war Swedenborg gewohnt. 

Aus dieser Sprache heraus soil ja auch unsere Eurythmie gepflo- 
gen werden. Wenn der Mensch mit seiner Lautsprache spricht, so ist 



auf die Organe, die seinen Kehlkopf und dessen Anhangsorgane bil- 
den, konzentriert dasjenige, was an Kraftsystemen existiert, urn die 
Sprache auszutonen. Es ist gleichsam der ganze Mensch befreit von 
dem Mittun mit seiner Sprache. Dadurch wird das innere Gefuge 
der Sprache unbewufk und unterbewufit, wird zu etwas ganz Irdi- 
schem. Durch die Eurythmie soil der ganze Mensch wiederum an 
der Sprache beteiligt werden. Doch iiber diesen tieferen Sinn der 
Eurythmie ein anderesmal, meine lieben Freunde. Ich will jetzt nur 
darauf hinweisen, wie Swedenborg sich in der Lage fuhlte, die Spra- 
che der geistigen Wesenheiten zu verstehen, bis ihm zu einem gewis- 
sen Zeitpunkte auffiel, daft gewisse Geister an ihn herankamen, die 
zwar auch durch allerlei Gebarden - wie ja iiberhaupt Geister spre- 
chen -, durch Bewegungen ihrer Glieder oder durch Bewegungen 
ihrer eigenen Form sprachen. Diese Gebardensprache der Geister zu 
verstehen, war Swedenborg, wie gesagt, gewohnt. Aber es kamen 
einmal Geister an ihn heran, bei denen er wohl sah, daft sie gewisse 
Bewegungen machten, aber er konnte sie nicht verstehen; es drang 
keine Bedeutung, kein Sinn von diesen Bewegungen in seine Seele 
ein. Es war das fur ihn uberraschenderweise so, wie wenn wir einem 
Menschen gegeniiberstunden und sehen wiirde, daft er die Lippen 
bewegt und spricht, wir aber nichts horen wiirden. 

Daraus hat Swedenborg zunachst fur sich eine sehr bedeutsame 
Lehre gezogen. Er hat diese Lehre gezogen, nachdem er erkannt hat- 
te, daft diese Wesen, die er also nicht verstand, gewisse Marsbewoh- 
ner sind, daft es wirklich Marsbewohner gibt, die so sprechen kon- 
nen, daft man sie nicht versteht, wahrend man gewohnt ist, die Spra- 
che der geistigen Wesenheiten sonst zu verstehen - wie gesagt, ich 
rede von den Erlebnissen Swedenborgs. Und weil er diese Dinge 
nicht willkiirlich sich auslegte, sondern studierte, wurde ihm nun 
nach und nach klar, warum er diese Marswesenheiten, diese Mars- 
seelen nicht verstehen konnte. Er konnte sie aus dem Grunde nicht 
verstehen, weil sie zu einer Kategorie von Weltwesenheiten gehor- 
ten, welche die Gabe erlangt hatten, alle ihre Gefiihle und Willens- 
impulse zu verbergen, nichts in die Worte ausfliefien zu lassen von 
dem, was sie fuhlten. Und daran, daft sie ihren ganzen Gemutsinhalt 



verbergen, bei sich behalten konnten, erkannte Swedenborg, dafi, 
wenn man eine Sprache versteht, man nicht blofi die Worte hort 
und die Gebarden sieht, sondern dafi etwas iiberfliefit von dem Ge- 
mutsinhalt des Sprechenden, dafi also das Verstehen einer Sprache 
eigentlich beruht auf dem Uberfliefien des Gemutsinhaltes. Und er 
erkannte, dafi diese Marswesenheiten die Gabe erlangt hatten, ihre 
Gefiihle zu verbergen und daher auch den Sinn ihres Sprechens 
nicht zu verraten, trotzdem sie sprachen. 

Nun machte er darauf gleich eine andere Erfahrung. Er hatte ein 
anderes Erlebnis, das ihm zu einer weiteren Erkenntnis wurde. Er 
drang namlich durch zu der Erkenntnis, dafi diese Marswesenheiten 
von den Wesen der Hierarchie der Angeloi aber nun doch verstan- 
den wurden. Von ihm und auch von den aus seinem Leib heraus- 
kommenden Geistern wurden sie nicht verstanden, aber von den 
Wesenheiten aus der Kategorie der Angeloi wurden sie verstanden. 
Das bemerkte er, und das war fur ihn eine aufierordentlich bedeut- 
same, eine tiefgehende Erfahrung. Denn fur ihn war es jetzt klar, 
dafi er mit seiner Sehergabe in bezug auf die Wahrnehmung der gei- 
stigen Welt begrenzt ist, dafi er etwas nicht verstehen kann, was 
aber die Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi wohl verstehen 
konnen. 

Uber eine solche Erzahlung, wie sie da Swedenborg gibt, darf 
nicht hinweggelesen werden, sondern sie gehort zu dem, was wirk- 
lich im tiefsten Sinne einfiihren kann in gewisse Geheimnisse der 
geistigen Welten. 

Um den Zusammenhang zu verstehen, erinnern wir uns nun an 
so manches, was ich schon auseinandergesetzt habe. Ich habe Ihnen 
beschrieben, wie das regulare Sehertum beginnt, wie bei dem regula- 
ren, bei dem guten Seher eine ganz andere Art im Verhaltnisse des 
Sichstellens zur geistigen als wie zur physischen Welt eintreten miis- 
se. Ich sagte, wenn wir auf dem physischen Plane den Wesen und 
Gegenstanden draufien gegenuberstehen, so sind sie fur unser Be- 
wulksein aufier uns. Wir stehen den Gegenstanden gegeniiber und 
nehmen gleichsam in unserem Wahrnehmen etwas von den Gegen- 
standen in uns herein. Unser Ich weifi von den Gegenstanden, unser 



Ich stellt sich die Gegenstande vor. Und das ist ja das Grunderlebnis 
alles Erkennens und Wahrnehmens auf dem physischen Plan, daft 
ich die Gegenstande auf dem physischen Plan vorstelle, daft ich sie 
erkenne. 

Ich sagte, daft sich dieses Grunderlebnis andert, sobald man in die 
geistigen Welten hinaufsteigt. Da tritt an die Stelle dieses Grunder- 
lebnisses ein anderes Grunderlebnis: Da wird man selber Objekt. So 
wie die Gegenstande zu dem Ich gestanden haben, so stent jetzt das 
Ich zu den Wesenheiten der hoheren Welten, man nimmt nicht 
mehr wahr, sondern man erlebt, daft man wahrgenommen wird, 
daft einen die geistigen Wesenheiten der hoheren Hierarchien an- 
schauen. Dieses Erlebnis: ich werde wahrgenommen, mich schauen 
die Angeloi, die Archangeloi und so weiter an - das ist eine vollstan- 
dige Umkehrung in dem ganzen Verhaltnis zur Welt. Und man er- 
langt dann das Bewufttsein: du hast dein Wesen ausgedehnt iiber die 
Sphare der Hierarchien und die Hierarchien wirken in dir und 
schauen dich an, so wie du auf dem physischen Plan die Gegenstande 
anschaust. 

Ohne dieses Grunderlebnis ist alles Verhaltnis zur geistigen Welt 
verkehrt, wie ohne das Grunderlebnis «ich stelle die Gegenstande 
vor» alles Verhaltnis zur physischen Welt verkehrt ware. «Ich 
schaue an» ist richtig fur die physische Welt; «ich werde angeschaut» 
ist letzten Endes richtig fur die geistige Welt. 

Nun gibt es an der Schwelle, beim Ubertritt in die geistige Welt, 
gewissermaften eine Region, eine Stromung, in der man die ganze 
Konfiguration, die ganze Eigentumlichkeit des Verhaltnisses zur 
physischen Welt beibehalt. Man kommt nicht los von dem «Ich 
schaue an», man kann nicht aufsteigen zu dem «Ich werde ange- 
schaut». Aus einem griindlich in sich eingelebten Gewohnten ver- 
langt man von der geistigen Welt, daft sie im Grunde genommen nur 
eine Kopie, ein verfeinerter Abdruck der physischen Welt sei. Und 
es gibt nicht wenige Menschen, die haben die Vorstellung: geradeso, 
wie sie hier in diesem Saale unter physischen Menschen stehen, so 
konnten sie auch eine Geisterversammlung betreten, und in dieser 
Geisterversammlung seien die Geister nun genau ebenso versammelt 



- nur etwas diinner, so dafi man durch sie durchgreifen kann - wie 
auf dem physischen Plan die Menschen. Weil man die Gewohnheit 
des Wahrnehmens auf dem physischen Plan mitbringt in die geistige 
Welt, deshalb bleibt als eine Illusion, als eine Tauschung dieses 
Grunderlebnis vorhanden, «ich schaue die Weltwesen an», und des- 
halb kann man sich nicht aufschwingen zu dem anderen Grunder- 
lebnis: «Ich werde von den Weltwesen angeschaut.» 

Nun, sehen Sie, in dieser Illusion blieb der Seher Swedenborg 
ganz und gar, solange er in dieser Inkarnation, von der die Rede ist, 
war. Er konnte sich nie aufschwingen zu dem Erlebnis: «Ich werde 
angeschaut.» - Lesen Sie nur alles das, was von Swedenborg als Seher 
herruhrt, so werden Sie sehen, daft er die hoheren Welten wirklich 
so beschreibt, als wenn sie nichts weiter waren als ein feiner Dunst 
von der physischen Welt, feine dunstartige Gestalten, die aber im 
iibrigen ganz ahnlich sind der physischen Welt. 

Gewift, damit beschreibt Swedenborg die Welt der Imagination 
in einer ganz zutreffenden Weise; aber beurteilen kann er sie nicht, 
weil er iiber die ganze geistige Welt eben den Schleier seiner Ge- 
wohnheiten von der physischen Welt her wirft. Und so kommt es, 
daft ihm alle Wesen der geistigen Welten nur dasjenige zeigen, was 
sie auch einkleiden konnen und wollen in die Form der Imagina- 
tionen, die man von den Anschauungen der physischen Welt mit- 
bringt. Das heiftt, Swedenborg sieht nur so viel von der geistigen 
Welt, als ihm in seine von den Gewohnheiten der physischen Welt 
angekrankelten Imaginationen eingekleidet wird. Gewift sieht er 
darinnen hochgeistige, bedeutende geistige Wesenheiten, aber eben 
immer in dem Kleid, das nicht ihr eigenes ist, sondern ihnen iiber- 
geworfen wird von ihm selber. Kommt er aber in eine Region hinein, 
in der die Geister gerade anstreben, ihr Inneres zu verbergen, da 
kann er sie nicht mehr verstehen, da sind sie ihm ratselhaft, wie die- 
se Marsbewohner, die gelernt haben, ihr Innenleben zu verbergen, 
es nicht iiberflieften zu lassen in ihre Sprachweise. Das ist es, was 
dem, was da Swedenborg sehr gewissenhaft schildert, zugrunde liegt 
und was man erkennen mufi, um zu verstehen, welcher Art die 
Seherwelt Swedenborgs war. 



Es handelt sich also darum, dafi derjenige, der wirklich eintreten 
will in die geistige Welt, suchen mufi, sein eigenes Selbst mit den 
Dingen zunachst so zu identifizieren - es ist das ja schon in dem letz- 
ten Kapitel meiner «Theosophie» geschildert, da sind im Grunde ge- 
nommen alle Angaben schon gemacht -, dafi er sich angewohnt, 
von sich loszukommen, indem er die hohere Welt betrachtet. Und 
wenn er sich das angewohnt, wird er allmahlich in das andere Erle- 
ben hineinkommen, das man sich allerdings nicht erwerben kann, 
nur den Weg dazu, denn dieses andere Erleben uberkommt einen 
wie durch eine Gnade der geistigen Welt: «Du wirst jetzt von den 
geistigen Wesenheiten der hoheren Hierarchien angeschaut, sie 
schauen dich an.» - Aber sie schauen einen dann nicht blofi an, son- 
dern man wird ebenso zur Wahrnehmung, zur Vorstellung, zum 
Gedanken der Wesenheiten der hoheren Welten so wie fur uns die 
Gegenstande des physischen Planes. 

Hatte Swedenborg das gekonnt, sich daran zu gewohnen, dafi die 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien einen anschauen und vorstel- 
len, dann hatte er nicht bloft erfahren: diese Marsbewohner verstehe 
ich nicht, aber oben die Angeloi verstehen sie. Er konnte nicht mit 
dem Wahrnehmen der Angeloi selber erkennen, sondern nur mit 
seinem Erkennen. Das mufi man aber konnen. Man mufi nicht bloft 
vorstellen, sondern man mufi Vorstellung werden; man mufi nicht 
bloft denken, sondern man mufi Gedanke werden, ein Gedanke, den 
die Wesen der hoheren Hierarchien denken. So wie der Gedanke 
sich zu uns verhalt, so miissen wir uns zu den Wesen der hoheren 
Hierarchien verhalten lernen. Das konnte Swedenborg nicht. Hatte 
er es gekonnt, so hatte er gesagt: Ja, solange ich in mir bleibe, solange 
kann ich diese Marsbewohner nicht verstehen; in dem Augenblick 
aber, wo ich aufier mich gehe und ein Objekt, ein Gedanke, eine 
Idee der Angeloi werde, da verstehe ich in meinem erweiterten 
Selbst die Angeloi und die Kategorie der Marsbewohner. - Und 
dann ware in seinem Bewufitsein das Verstandnis aufgetreten, das 
die Angeloi von dem Wesen dieser Marsbewohner gehabt haben. 
Dazu konnte er sich nicht aufschwingen, weil er immer in seinem 
Bewufitsein drinnen blieb und nicht bis dahin kam, angeschaut zu 



werden, das heiftt, so angeschaut zu werden, daft die Angeloi in ihm 
ihr Anschauen erleben und er nur das Blickfeld wird fiir die Angeloi. 
Was die Angeloi wissen, weift er dann auch, denn man weift, daft 
die hoheren Geister, die Geister der hoheren Hierarchien in einem 
wissen, und dadurch weift man von den hoheren Welten. 

Das ist das Bedeutsame, was man festhalten mu£: Der Mensch 
kann in dieser Epoche der Entwickelung, weil er so organisiert ist, 
eben nur diejenigen Welten erkennen, die fiir seine Auffassungsorga- 
ne zuganglich sind. Will er weiter erkennen - lesen Sie alles, was 
uber die Initiation von mir geschrieben ist, so werden Sie darauf 
kommen, daft alles schon darin enthalten ist -, will er weiter kom- 
men, so muE er das Bewufttsein der uber ihm stehenden geistigen 
Wesenheiten in sich aufnehmen, und das, was die geistigen Wesen- 
heiten erleben, muft Gegenstand seines eigenen Bewufttseins wer- 
den. Er muft sich in dem Chor der geistigen Wesenheiten darinnen 
fiihlen. Das ist das Wesentliche. 

So also sehen wir gerade an einer so bedeutsamen Personlichkeit 
wie Swedenborg, daft das Aufsteigen in die geistigen Welten ohne 
das Durchdrungensein mit dem wirklichen Herausgehen aus dem 
Physischen-Plan-Bewufttsein zu Illusionen fiihrt. Man bekommt 
nur eine illusionare Welt. Und Sie konnen nun, meine lieben Freun- 
de, die ganze vorliegende Literatur von Sehern durchgehen und 
deren Beschreibungen von der geistigen Welt lesen, so werden Sie 
zumeist lauter solche Illusionen lesen. Man darf sich nicht tauschen 
lassen von diesen Illusionen; denn sich tauschen lassen von den 
Illusionen an der Schwelle zur geistigen Welt ist viel schlimmer, 
als sich tauschen zu lassen von den Tauschungen der physischen 
Welt. 

Es handelt sich fiir uns also darum, die bei uns zur Verfiigung ste- 
hende Literatur wirklich so zu beniitzen, daft wir uns allmahlich an- 
gewdhnen, in verniinftiger Weise uns in das ganze Verhaltnis des 
Menschen zur geistigen Welt hineinzufinden. Dazu ist, ich mochte 
sagen, in einer doppelten Weise Gelegenheit geboten. Erstens da- 
durch, daft wir eine solche Literatur haben, zweitens dadurch, daft 
diese Literatur nicht gelesen werden kann, ohne daft man sich dabei 



geistig anstrengt. Dafiir wird schon gesorgt, auch wenn mir oftmals 
nahegelegt worden ist, dafi die Schriften popularer sein sollten. Ich 
habe mich immer dagegen gestraubt, weil es eben im wesentlichen 
dazu gehort zu dem, wie sie sein sollen, daft sie nicht popular sind. 
Wenn man dasjenige, was in unserer geisteswissenschaftlichen Lite- 
ratur geboten wird, in allerlei verschwommene Formen gieften und 
diese dann - angeblich, weil sie viel popularer sind - unter das Publi- 
kum bringen will, so wird nur auf der einen Seite der Bequemlich- 
keit gedient und auf der anderen Seite Unfug getrieben. Denn es 
wird immer Unfug entstehen, wenn das Streben auftritt, auf eine 
leichte, gedankenlose Weise geistestrachtig zu werden. Die Arbeit, 
die wir verrichten, indem wir etwas Schwergeschriebenes verstehen 
lernen, ist eine innere Trainierung, ist etwas, was dazu beitragt, daft 
wir in der richtigen Weise unser Verhaltnis zur geistigen Welt aus- 
gestalten. Und so gehort oder sollte zu dem Wesentlichen unserer 
Literatur das gehoren, daft Sie wirklich in der umfassendsten Weise 
bei dem Aufnehmen der Sache denken, Ihre Gedanken in Tatigkeit 
versetzen; alles dasjenige, was Ihnen zur Verfugung steht aus Ihrer 
vorherigen Erkenntnis, aus Ihrer vorherigen Lektiire, in Verbindung 
bringen mit dem, was die anthroposophischen Schriften enthalten. 
Ich will Ihnen jetzt etwas vordenken, um Ihnen gewissermaften ein 
Beispiel zu geben, wie man anhand anthroposophischer Schriften 
denkend diese Schriften studieren kann. 

Da gibt es einen Zyklus, in dem die Rede ist von der Wirkungs- 
weise der Elohim. Dieser Zyklus wurde einmal in Miinchen gehal- 
ten iiber die Schopfungsgeschichte, mit dem Hinweis auf die Bibel. 
Das ist etwa das Thema dieses Zyklus. Der Zyklus wird gelesen, und 
viele glauben, wenn sie ihn gelesen und nach ihrer Art intus haben, 
dann sei damit etwas besonderes getan. Aber darum allein kann es 
sich nicht handeln. Zuerst muft es sich selbstverstandlich darum 
handeln, daft sich eine innere Seelenarbeit an einen solchen Zyklus 
anschlieften muli. Und da kann zum Beispiel sich jemand sagen: Ja, 
also bei diesen Elohim - an deren Spitze dann dasjenige Wesen ist, 
das sich spater umwandelt zu dem Christus selber -, da habe ich es 
zu tun mit einer Kategorie von Wesenheiten, die wahrend desjeni- 



gen planetarischen Daseins, welches von uns als das Sonnendasein 
bezeichnet wird, etwas besonderes zu tun haben. Der Hauptnerv 
der Entwickelung dieser Wesenheken fallt in die Zeit des Sonnen- 
daseins. Und durch das Verbundensein dieser Wesenheiten mit dem 
Sonnendasein miissen wir ja auch Christus selber als eine Sonnenwe- 
senheit ansprechen. Und man wird ja dann viel denken konnen 
dariiber, wie die Elohim sonnenverwandt, richtig sonnenverwandt 
sind. Der ganze Tenor des Vortragszyklus wird Ihnen verraten, dafi 
auf dieses Sonnenverwandte der Elohim immer Bezug genommen 
ist; man fuhlt sozusagen dieses Sonnenverwandte darinnen. 

Jetzt wird man sich - nicht in den Tiefen des Schlafes, aber nach 
griindlicher Meditation - klarmachen, wie man sich eigentlich nun 
den Charakter der Elohim vorzustellen hat. Man wird sich hinein- 
versenken in den Charakter der Elohim, und wenn man das wirklich 
geduldig tut, dann wird man erleben, dafi nach einiger Zeit, ganz wie 
aus dem Unbestimmten heraus, ein Gedanke an einen herantritt. Es 
fallt einem etwas ein. Ach, fallt einem zum Beispiel ein - es ist nur ein 
Beispiel — , in der Bibel wird ja gesagt, dafi ein Gebot des Jahve, also 
einer der Elohim, ist: nicht zu essen von dem Baum der Erkenntnis, 
und dafi, als die luziferische Verfiihrung stattgefunden hatte und ge- 
gessen worden war von dem Baum der Erkenntnis, der Mensch ver- 
hindert wurde, zu essen auch von dem Baum des Lebens. - Merk- 
wiirdig, die Elohim sprechen also von Baumen! 

Nun habe ich schon ofter gesagt, die Sprache einer solchen Ur- 
kunde wie der Bibel soli man nicht leicht nehmen. Wenn da von 
Baumen gesprochen wird, wenn die Elohim von Baumen sprechen, 
so bedeutet das etwas, so ist damit etwas Wesentliches gemeint. Se- 
hen Sie, schon von Homer wird gesagt, daft er den Ausspruch tat, je- 
des Ding habe zweierlei Namen: den einen in der Sprache der Got- 
ter, den andern in der Sprache der gewohnlichen Menschen. Wenn 
man sich daran erinnert, dann kann man sich sagen: Ja, vielleicht 
hangt das doch etwas zusammen mit der Gottersprache, dafi die 
Gotter von Baumen sprechen. Wenn man nun etwas weiter ein- 
dringt in die Sache, so wird man sich fragen: Ja, von was reden ei- 
gentlich die Elohim, wenn sie von dem Baum der Erkenntnis und 



von dem Baum des Lebens sprechen? Von was reden sie eigentlich? 
Was meinen sie damit? 

Meine lieben Freunde, wenn Sie unsere ganze Lehre zusammen- 
nehmen, werden Sie sich sagen konnen: Dieser Baum des Lebens und 
dieser Baum der Erkenntnis mull mit dem Menschenwesen selbst et- 
was zu tun haben. Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis zu es- 
sen, das heiftt ja - das werden Sie zuletzt herausbekommen dafi die 
Seele des Menschen nicht Erkenntnis suchen soli, die am physischen 
Leib haftet; daraus ist ja die jetzige sinnliche Anschauung entstan- 
den. «Essen von dem Baum der Erkenntnis» heifk, eben so sich ver- 
binden mit dem physischen Leib, daft dadurch die jetzige - und ich 
habe sie ja neulich geschildert - von Luzifer bewirkte Art von Er- 
kenntnis entstanden ist. Also meinten die Elohim etwas am Men- 
schenwesen selber, indem sie vom Baum der Erkenntnis sprachen. 

Und wiederum miissen sie etwas am Menschenwesen selber mei- 
nen, wenn sie vom Baum des Lebens sprechen. Da muE man sich 
fragen: Ja, wodurch sieht denn der Mensch so, wie er heute sieht? 
Wodurch nimmt er denn so wahr? Indem sein Geistig-Seelisches, 
durchtrankt von Luzifers Wesenheit, eingebettet ist in den physi- 
schen Leib und an diesem zehrt. Dies war nicht von vornherein be- 
stimmt, da£ die Seele so wie jetzt eingebettet ist in den physischen 
Leib. Dieser physische Leib ist der Baum der Erkenntnis, und der 
Baum des Lebens ist der Atherleib. Die Menschen sollten, nachdem 
sie sich von Luzifer haben verfuhren lassen, ihren physischen Leib 
zu der uns gewohnten Erkenntnis beniitzen, nun wenigstens nicht 
auch noch dazu haben die Erkenntnis durch den Atherleib. Es wird 
ihnen dies verwehrt. 

Wenn man wirklich denkt, meine lieben Freunde, so kann man 
zu solchen Gedankengangen kommen. Und dann mufi man sich fra- 
gen: Warum aber nennen denn nun die Gotter in ihrer Sprache den 
physischen Leib den Baum der Erkenntnis? Warum sprechen sie 
von einem Baum? Und warum nennen sie denn den Atherleib den 
Baum des Lebens? Warum sprechen sie denn von Baumen? 

Nun, man kann leicht begreifen, was in der Sprache der Gotter 
gemeint ist, wenn man bedenkt, dafi die Gotter, von denen die Rede 



ist, ihre besondere Evolution wahrend der Sonnenzeit hatten, also 
gerade vom Sonnenwesen etwas Wesentliches aufgenommen haben. 
Nun uberlegen Sie sich einmal: alte Saturnzeit - alles stent auf dem 
Standpunkt des Mineralischen; alte Sonnenzeit - alles stent auf der 
Stufe des Pflanzlichen. Wenn die Gotter, die wir die Elohim nen- 
nen, sich den Charakter ihrer Sprache also wahrend der Sonnenzeit 
angeeignet haben, so werden sie, wenn sie sich aussprechen, nicht 
von dem sprechen, was man erst auf dem Mond und auf der Erde er- 
leben kann, sondern von dem, wozu sich der Kosmos bis zur Son- 
nenzeit entwickelt hat, namlich dem Pflanzenhaften. Deshalb spre- 
chen sie, wenn sie in ihrer Sprache sprechen, von Baumen, weil sie 
in der Sonnensprache sprechen. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, zu solchem kann man kom- 
men, wenn man nichts anderes tut als das, was in den Zyklen und 
Biichern gegeben ist, in der richtigen Weise zu durchdenken; wenn 
man nicht bloft liest und liest und liest und das Gelesene dann kom- 
biniert, sondern wenn man weiterdenkt und die Dinge, wie sie sich 
durch ihre eigene Natur verraten, zusammenbringt. Aber indem 
man das tut, tut man noch etwas: Man strengt sich wirklich an, 
und diese Anstrengung hat einen Erfolg, namlich den Erfolg, dafi die 
Seele selbstandig gemacht wird, dafi man wirklich jetzt durch eigene 
innere Anstrengung den Weg findet, die Seele selbstandig zu ma- 
chen. Aber Arbeit, wirkliche richtige Arbeit ist dazu erforderlich. 
Und immer wieder mufi es betont werden: Nicht blofi im passiven 
Sichhingeben, sondern im wirklich tatigen Erarbeiten aus den 
eigenen Seelenkraften heraus lost man die geistige Welt von der 
physischen los. 

Also das tatige Sicherarbeiten der geistigen Welt ist es, worauf es 
ankommt. Man darf sich eben nicht scheuen, wenn man wirklich in 
die geistige Welt hineinkommen will, das, was vorliegt, durchzuarbei- 
ten und mit allem, was man vom Leben her hat, in Zusammenhang 
zu bringen. Sonst konnte ja wirklich eine solche Torheit geschehen, 
dafi irgend jemand die Meinung hatte, er ware der wiederverkorper- 
te Homer, aber er brauchte nichts zu tun, um zu zeigen, dafi etwas 
von Homers Genie in ihm sprudeJt; sondern er konnte wirklich die 



Meinung haben, na, damals hat Homer gewacht, und jetzt ent- 
wickelt er eine Inkarnation, wo er sich hiibsch aufs Faulbett des my- 
stischen Schlafens legt. - Wenn man versucht, aktiv, tatig sich 
durchzuarbeiten durch das, was vorliegt, dann wird man nicht, ich 
mochte sagen, auf allerlei mystisches Allotria gefiihrt werden, son- 
dern man wird zu jenem Punkt gefiihrt, von dem aus man ein richti- 
ges Verhaltnis gewinnt, wie die Wahrheit in der geistigen Welt fur 
den Menschen in tieferem Sinne gemeint ist. Und dann wird man se- 
hen, dafi man so stark als moglich sich bestreben mufi, die Gewohn- 
heiten, die Denk-, Gefiihls- und Empfindungsgewohnheiten des 
physischen Planes nicht mit den Eigentiimlichkeiten der geistigen 
Welt zu vermischen. 

Diese Gesinnung ist es, um die es sich handelt. Und diese Gesin- 
nung, wenn wir sie wirklich haben, meine lieben Freunde, sie bringt 
uns los von allem Unfugtreiben gegeniiber dem Eindringen in die 
geistige Welt. Nicht wahr, anstrengen braucht man sich nicht son- 
derlich, wenn man eine Woche Salz ifk, um hinunterzusteigen in die 
unterirdischen Welten, und eine andere Woche kein Salz ifit, um 
hinaufzusteigen in die hoheren elementarischen Welten. Dazu 
braucht man keine Anstrengung; aber man erlangt auch nichts da- 
durch, als hochstens die allerschlimmsten Illusionen. Erlangen kann 
man in der geistigen Welt nur wirklich etwas durch innere Arbeit. 
Und innere Arbeit, wenn sie wirklich vorhanden ist, ist schon durch 
sich selbst so beschaffen, dafi sie einen nicht dazu verleitet, Unfug zu 
treiben gegeniiber der geistigen Welt, sondern sie bringt einen auf 
richtige Gedanken. Sonst aber kommen wirklich die mystischen und 
verkehrten Gedanken, und man kann mit Recht iiber uns lachen. 

Einmal schrieb mir zum Beispiel ein Mann, der eben auf diesem 
Gebiete gesund dachte, daft er als Mitglied einen unserer Zweige 
besucht habe, und da hatte man, trotzdem es furchtbar heifi war 
und keine Veranlassung war, alle Fenster zuzuschliefien, die Fenster 
zugemacht. Nun, ich sage nichts gegen das Fenster-Zumachen, be- 
sonders wenn drauften alles mogliche gehort werden kann; das ware 
ja ein verniinf tiger Grund, nicht wahr. Aber man hat ihm diesen 
Grund nicht gesagt, sondern man hat gesagt: Ja, der Dr. Steiner hat 



uns ausdriicklich darauf aufmerksam gemacht, dafi, wenn in unse- 
rem Zweig vorgetragen wird, man die Fenster zumachen mulS, da- 
mit nicht die Damonen hereinkommen konnen. - Dazu schrieb mir 
dieser Mann, der in diesem Falle mystisch unverbildet war: Ja, aber 
konnen denn Geister nicht auch durch zugemachte Fenster herein? 
Das mufi ein sonderbarer Lehrer der Geisteswissenschaft sein, der 
seinen Schiilern sagt, man muft die Fenster zumachen, damit die 
Damonen nicht hereinkommen! - Sie sehen, wie in einem solchen 
gedankenlosen Reden wirklich die Verwechslung des physischen 
Planes mit der hoheren Welt vorliegt. Auf dem physischen Plan 
konnen allerdings nicht die Wesen durch die zugemachten Fenster 
herein, wenn sie sie nicht einschlagen; aber die Geister wird man 
schwerlich abhalten dadurch, daft man die Fenster schliefit! Es han- 
delt sich wirklich darum, daft man sich geniigend ernste Vorstellun- 
gen iiber die geistigen Welten und physischen Welten macht. 

Und ein solches Beispiel wie das von dem gewissenhaften, energi- 
schen, in seiner Art grofiartigen Seher Swedenborg kann uns, wenn 
wir iiber die Sache nachdenken, manche Vorstellungen, die wir ha- 
ben und die grundirrtumlich sind, verbessern. 

Davon morgen eben weiter. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 13. September 1915 



Gedankengange und Methoden der Freudschen Psychoanalyse 

Meine lieben Freunde! Ich mufi annehmen, daft innerhalb der Ver- 
handlungen, die jetzt gepflogen werden, die Kopfe augenblicklich 
weniger bereit sein konnten, einen Vortrag entgegenzunehmen, der 
sich mit dem Thema befaftt, das als Fortsetzung des gestern ange- 
schlagenen zu gelten hat. Ich werde darum fiir diejenigen, die daran 
teilnehmen wollen, diesen Vortrag morgen halten und mochte heu- 
te iiber etwas sprechen, was in der einen oder anderen Weise in Zu- 
sammenhang stehen wird mit den Angelegenheiten, die die Gemii- 
ter jetzt unmittelbar ja beschaftigen und beschaftigen miissen.' 

Zunachst mochte ich in ganz bestimmter Weise die Frage auf- 
werfen: Was liegt uns denn eigentlich in dem Falle Goesch-Sprengel 
in Wirklichkeit vor? Wie kann sich uns dasjenige ergeben, von dem 
ich gerade in den Vortragen der letzten Wochen ofter gesprochen 
habe, namlich daft es wichtig ist, einer Sache gegeniiber den richti- 
gen Gesichtspunkt zu finden. Also die Frage mochte ich aufwerfen: 
Wie kann man allmahlich durch ein ganz objektives Studium dieses 
Falles zu einem richtigen Gesichtspunkt dariiber kommen? 

Wenn man einen solchen Fall objektiv behandeln will, dann 
muft man ihn erstens aus seinem personlichen Zusammenhang her- 
auslosen und zweitens ihn in einen etwas grofteren Zusammenhang 
hineinstellen. Und wenn sich dann, wie ich glaube, ergibt, daft gera- 
de dieser groftere Zusammenhang das Wichtigste fiir uns ist, inso- 
fern wir von uns als unserer Bewegung sprechen, dann obliegt es uns 
geradezu, ich mochte sagen, zu unserer Belehrung, um der Geistes- 
wissenschaft selber willen, einen solchen Fall zu studieren. Nun 
steht der ganze Fall allerdings in einem grofteren Zusammenhang 



Siehe im Anhang. 



darinnen; inwiefern, das kann sich ergeben, wenn man den Brief, 
den Herr Dr. Goesch am 19. August 1915 geschrieben hat, in bezug 
auf seine Hauptbeweggriinde, in bezug auf seine Hauptargumente 
einmal ins Auge faftt. 

Nun mochte ich Sie, da Sie vor wichtigen Verhandlungen stehen, 
nicht allzulange aufhalten und zunachst nur einige wesentliche 
Hauptpunkte herausheben. Ein solcher Hauptpunkt ist erstens der 
Vorwurf des Nichthaltens von Versprechen. Wenn Sie den Brief 
aufmerksam angehort haben, werden Sie bemerkt haben, daft das 
Schwergewicht nicht in dem bloften Vorwurf des Versprechenge- 
bens und -Nichthaltens liegt, sondern daft der Hauptvorwurf der ist, 
daft von mir geradezu eine Methode gesucht werde und darin gera- 
dezu systematisch vorgegangen wiirde, den Mitgliedern Verspre- 
chungen zu geben und diese nicht zu halten; und daft die Mitglieder - 
wenn sie merken, daft die Versprechungen nicht gehalten werden - 
dann in einen gewissen Geisteszustand versetzt wiirden, der ihnen 
auferlegt, sich zu demjenigen, der das Versprechen gegeben und 
nicht gehalten hat, in ein gewisses Verhaltnis zu setzen, und dadurch 
eine Akkumulation von Kraften entstehe, welche, indem sie sich in 
der Seele anhaufen, nach und nach zur Verblodung der Mitglieder 
fuhren musse. 

Das ist die erste Hypothese, die auf gestellt wird. Wir haben es al- 
so mit der Behauptung zu tun, daft systematisch versucht wird, die 
Verblodung, das heiftt die Umdusterung der Mitglieder herbeizu- 
fuhren, daft das absichtliche Geben und Nichthalten von Verspre- 
chungen ein Mittel sei, um den normalen Bewufttseinszustand der 
Mitglieder abzudampfen, so daft sie in eine Art von Verblodung und 
Vertrottelung hineingefuhrt wiirden. Das ist in dem Briefe als erstes 
ausgesprochen. 

Als zweites ist darin ausgesprochen, daft eines der Mittel, mit 
dem operiert werde, das sei: Handedriicke zu geben, freundliche Ge- 
sprache zu fuhren und dergleichen, kurz, eine gewisse Art von Be- 
riihrung mit den Mitgliedern herbeizufiihren, welche wiederum 
durch ihre besondere Artung und durch die Einflusse, die auf die 
Mitglieder damit ausgeiibt werden, geeignet ist, in den Seelen der 



Mitglieder etwas hervorzurufen, was eben beabsichtigt sei und was 
auf dem Wege der Beriihrung hervorgerufen werden soli, sei es 
durch Handedriicken, sei es durch das Gesprach. 

Als drittes, das ins Auge zu fassen ist - und das ist das tragende 
Geriist in dem ganzen Briefe des Herrn Dr. Goesch, das ihn so ganz 
durchzieht - das ist die Art des Verhaltnisses von Fraulein Sprengel 
zu Herrn Dr. Goesch. 

Diese drei Punkte, die vermehrt werden konnten, seien zuerst 
herausgehoben. 

Nun fragt es sich in erster Linie: Wie kommt Dr. Goesch dazu, 
auf Grundlage der zwei ersten Punkte eine so systematische Theorie 
aufzubaueh iiber die Art, wie Mittel verwendet werden, um die Mit- 
glieder in ihrem Bewufttseinszustand zu schadigen? Dem mufi man 
nachgehen und zu erfahren suchen: Woher kommt so etwas? Und 
da wird man bei Herrn Dr. Goesch gefuhrt auf sein jahrelanges Dar- 
innenstehen in der sogenannten Freudschen psychoanalytischen 
Theorie. Und wenn man sich mit dieser Theorie studierend beschaf- 
tigt, dann wird man bemerken, daft diese innig zusammenhangt mit 
der ganzen Art und Weise, wie sich das pathologische Bild in dem 
Briefe darlebt; daft man gewisse Faden ziehen muft von diesem pa- 
thologischen Bilde in bezug auf die zwei ersten Punkte zu dem Dar- 
innenstehen des Herrn Dr. Goesch in der Freudschen psychoanaly- 
tischen Weltanschauung. 

Nun bin ich selbstverstandlich nicht in der Lage, Ihnen in Kiirze 
ein umfassendes Bild der Freudschen psychoanalytischen Theorie 
geben zu konnen. Ich will nur einiges ausfiihren, was zur Aufkla- 
rung des Falles Goesch-Sprengel dienen kann. Aber ich darf sagen, 
daft ich mich in gewisser Beziehung berechtigt fiihle, auch iiber die 
Psychoanalyse zu sprechen, da einer derjenigen medizinischen Ge- 
lehrten, der an deren Ausgangspunkt, an deren Begriindung beteiligt 
war, der aber spater, nachdem die Entartung der Psychoanalyse im 
spateren Leben des Dr. Freud stattgefunden hatte, die psychoanaly- 
tische Theorie wieder verlassen hat, in friiheren Jahren in freund- 
schaftlicher Beziehung zu mir gestanden hat. 

Fassen Sie also das, was ich nun sagen werde, nicht als vollstandi- 



ge Charakterisierung der Freudschen psychoanalytischen Theorie 
auf, sondern nur als ein Herausheben einiger Punkte. 

Zunachst geht der Psychoanalytiker Freudscher Art davon aus, 
daft neben dem bewuftten noch ein unbewufttes Seelenleben vorhan- 
den ist, das heiftt, daft aufter dem Seelenleben des Menschen, das be- 
wulit ablauft, noch ein unbewufttes Seelenleben vorhanden ist, mit 
einem Inhalt, iiber den sich der Mensch im gewohnlichen Bewuftt- 
sein nicht klar ist. Nun bildet einen wichtigen Teil der Psychoanaly- 
se die Lehre, daft gewisse Erlebnisse, die ein Mensch im Laufe seines 
Lebens haben kann, auf ihn einen Eindruck machen konnen, aber 
so, daft der Eindruck aus dem Bewufttsein in das Unterbewufitsein 
verschwindet und dort fortlebt. So daft also nach der Anschauung 
des Psychoanalytikers nicht voll zum gegenwartigen Bewufttsein zu 
kommen braucht, was in das Unbewuftte hinuntergeht; daft zum 
Beispiel der Mensch wahrend seiner Kindheit irgendeinen Eindruck 
gehabt haben kann, der ihm nicht voll zum Bewufttsein kommt, 
aber doch so stark auf seine Seele wirkte, daft er ins Unbewuftte hin- 
unterging und da weiterwirkt. Die Wirkung bleibt vorhanden. So 
daft man also vor den Fall gestellt sein kann - ich will gleich, indem 
ich viele Mittelglieder auslasse, das Ergebnis der ganzen Sache kurz 
vor Augen fiihren -, daft die Wirkung spater zu einem gestorten 
Seelenleben gefuhrt hat und man sagen kann: Da raufi im Unterbe- 
wufttsein so etwas wie eine Art Seeleninsel drunten sein, das als 
Erlebnis in fruherer Zeit, meist in der Jugend, vorhanden war, was 
dann fortwuchert. Wenn man in der geschilderten psychoanalyti- 
schen, katechisierenden Weise den Dingen nachgeht, so kann man 
solche Seeleninseln, die im Unterbewufitsein wuchern, ins Bewufit- 
sein heraufheben. Und dadurch, daft man dieses Unterbewuftte in 
den Bewufttseinskomplex heraufhebt, zum Bewufttsein bringt, 
heilt man den Menschen in der Richtung, in der er einen solchen 
Seelendefekt hat. 

Am Ausgangspunkte der psychoanalytischen Bestrebung war, 
namentlich von Dr. Breuer, die Praxis befolgt worden, diese Katechi- 
sierung in der Hypnose vorzunehmen. Davon war aber abgegangen 
worden; die Freudsche Schule macht diese katechisierende Analyse 



jetzt beim Wachbewufttsein. Es sind also fortwuchernde Seelenin- 
seln vorhanden, die aber nicht im Bewufttsein sind. 

Nun hat sich diese psychoanalytische Weltanschauung nach und 
nach iiber alle moglichen Lebenserscheinungen verbreitet, und sie 
versucht, dafur Erklarungen zu geben vor allem auch in bezug auf 
die Traumerscheinungen des Menschen. Und da - ich habe das 
schon einmal in einem Vortrage vor unseren Freunden an irgend- 
einem Orte ausgefiihrt - ergeht sich die Freudsche Schule schon in 
den allergewagtesten Vorstellungen. Sie sagt, daft im Traume vor- 
zugsweise unerfiillte Wiinsche des Menschen eine Rolle spielen. 
Es sei ein sehr haufiger typischer Fall, daft der Mensch im Traume 
oftmals etwas aus dem Grunde erlebt, weil es ein unerfiillter 
Wunsch ist, ein Wunsch, der im aufteren Leben nicht erfullt werden 
kann. 

Nun kann es vorkommen - und das wiirde vom Standpunkte der 
psychoanalytischen Theoretiker das Bedeutsame sein -, daft ein sol- 
cher Wunsch, der in einer also unbewuftten Seeleninsel vorhanden 
ist, vom Traum heraufgehoben wird und eine Umkleidung sein 
kann von einem Impuls, der schon in fruher Jugend auf den Men- 
schen ausgeubt worden ist. 

Sie sehen, meine lieben Freunde, daft gerade in diesen Gedanken- 
gangen etwas hochst Eigentumliches liegt, namlich daft vorausge- 
setzt wird, daft der Mensch zum Beispiel als junger Bursche oder als 
junges Madchen ein Erlebnis gehabt hat, das ins Unterbewuftte hin- 
untergegangen ist und sich dann als Triibung des Bewufttseins, als 
Phantasie-Erlebnis auslebt. 

Nehmen Sie jetzt das Schema: Tageserlebnisse werden hinunter- 
gedriickt in das Unterbewuftte, sie leben da weiter und fuhren zu 
einem geschwachten Bewufttsein - dann haben Sie genau das Schema, 
das Dr. Goesch aufbaut in bezug auf das Versprechengeben und de- 
ren Nichthalten, das Weiterwirken im Unter bewufttsein, und daft 
damit beabsichtigt werde, im Unterbewufttsein etwas zu bewirken 
wie die Inseln der Freudschen psychoanalytischen Theorie, und 
daft jetzt in raffiniert-systematischer Weise operiert werde und ein 
Zustand der Verblodung hervorgebracht werde, wie sonst ihn in der 



Seele der Traum hervorbringt durch das, was durch die in das 
Unterbewufke hinuntergesunkenen Tageserlebnisse hervorgebracht 
wird. 

Eine vertrackte Theorie, die, wenn man in ihr lebt, gewisse Ge- 
dankenformen auslost, die sich dann auf das ganze Denken iibertra- 
gen. Mit dieser Theorie hangt es zusammen, warum bei Dr. Goesch, 
wie Sie finden konnen, ein so waghalsiger Gedanke iiberhaupt auf- 
treten kann. 

Weiter habe ich gesagt: Die Beriihrungsvorstellung spielt eine 
grofie Rolle. Meine lieben Freunde, ich will Ihnen nun einige Stellen 
aus einem der Biicher des Prof. Sigmund Freud vorlesen, bei denen 
ich Sie bitte, auf einiges achtzugeben. Ich mufi aber, bevor ich diese 
Stellen vorlese - sie sind aus einem Buche, in dem Freudsche Auf- 
satze aus der Freudschen Zeitschrift «Imago» gesammelt sind -, et- 
was anderes vorausschicken, weil es mit dem Fall Goesch-Sprengel 
zu tun hat. 

Erinnern Sie sich - diejenigen, die Fraulein Sprengel langere Zeit 
kennen, werden es wissen -, dafi bei ihr eine grofie Rolle die Tatsa- 
che spielt, dafi sie ihr Aufieres bewahrt haben will vor Leuten, die ei- 
nen Einflufi auf die Aura haben, dafi sie einen Horror hatte, einem 
die Hand zu geben und dergleichen. Die Vorstellung, dafi das Han- 
degeben ein Kapitalverbrechen sei in unserer Esoterik, das ist eine 
Vorstellung, die sie sich bildete schon zu einer Zeit, als Dr. Goesch 
noch nicht hier war. Zur Charakteristik der Sache will ich einen 
Vorgang schildern. Ich hatte in dem Laboratorium von Dr. Schmie- 
del etwas zu tun und traf darin auch Fraulein Sprengel. Ich gab ihr 
die Hand, und dies gab ihr die Veranlassung, zu sagen: So ist es im- 
mer bei ihm; er tut einem alles mogliche an, gibt einem dann die 
Hand, und dadurch wird alles vergessen gemacht. - Da haben Sie 
den Urkeim von der Theorie mit dem Handgeben. 

Gestern wurde Ihnen vorgelesen, was in Fraulein Sprengel, in ih- 
rer vertrackten Seelenkonstitution, aus dieser Theorie mit Hilfe von 
Dr. Goesch geworden ist: Er brachte ihr die Freudschen Theorien 
entgegen und konnte die Dinge systematisch mit den Freudschen 
Gedankenformen verbinden. 



Auf Seite 27 des genannten Buches von Freud befindet sich nun 
folgende Stelle: 

«Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so 
fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Verhal- 
ten des Individuums gegen das Objekt, vielmehr die eine Hand- 
lung an ihm, heifien konnte. (Nach einem trefflichen Ausdruck 
von Bleuler.) Es will diese Handlung - die Beriihrung - immer 
wieder ausfuhren, es sieht in ihr den hochsten Genufi, aber es 
darf sie nicht ausfuhren, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz 
der beiden Stromungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, 
weil sie - wir konnen nur sagen - im Seelenleben so lokalisiert 
sind, dal5 sie nicht zusammenstoften konnen. Das Verbot wird 
laut bewulk, die fortdauernde Beruhrungslust ist unbewufit, die 
Person weifi nichts von ihr. Bestiinde dieses psychologische Mo- 
ment nicht, so konnte eine Ambivalenz weder sich so lange er- 
halten, noch konnte sie zu solchen Folgeerscheinungen fuhren.» 

- Hier ist sehr viel geredet dariiber, wie die Beruhrungsangst eine 
gewisse Rolle spielt bei den Neurotikern. - 

«In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindrin- 
gen des Verbotes in so fruhem Kindesalter als das mafigebende 
hervorgehoben; fur die weitere Gestaltung fallt diese Rolle dem 
Mechanismus der Verdrangung auf dieser Altersstufe zu. Infolge 
der stattgehabten Verdrangung, die mit einem Vergessen - Am- 
nesie - verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewufk gewor- 
denen Verbotes unbekannt und miissen alle Versuche scheitern, 
es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht finden, an 
dem sie angreifen konnten. Das Verbot verdankt seine Starke - 
seinen Zwangscharakter - gerade der Beziehung zu seinem unbe- 
wufiten Gegenpart, der im Verborgenen ungedampften Lust, al- 
so einer inneren Notwendigkeit, in welche die bewufke Einsicht 
fehlt. Die Ubertragbarkeit und Fortpflanzungsfahigkeit des Ver- 
bots spiegelt einen Vorgang wider, der sich mit der unbewuftten 
Lust zutragt und unter den psychologischen Bedingungen des 



Unbewuftten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt 
sich bestandig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu 
entgehen, und sucht Surrogate fiir das Verbotene - Ersatzobjekte 
und Ersatzhandlungen - zu gewinnen. Darum wandert auch das 
Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verponten Regung 
aus. Jeden neuen Vorstoft der verdrangten Libido beantwortet 
das Verbot mit einer neuen Verscharfung. Die gegenseitige Hem- 
mung der beiden ringenden Machte erzeugt ein Bediirfnis nach 
Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, in wel- 
chem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen 
darf. Diese sind bei der Neurose deutliche Kompromifiaktionen, 
in der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemuhungen zur 
Suhne und dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatz- 
handlungen, welche den Trieb fiir das Verbotene entschadigen. 
Es ist ein Gesetz der neurotischen Erkrankung, dafi diese 
Zwangshandlungen immer mehr in den Dienst des Triebes tre- 
ten und immer naher an die ursprunglich verbotene Handlung 
herankommen. » 

Nehmen Sie diesen ganzen Zwangsvorstellungsprozefi der Be- 
riihrungsangst, und denken Sie sich, Fraulein Sprengel ware als sol- 
ches Objekt der Beruhrungsangst einem Psychoanalytiker gegen- 
iibergestellt worden und dieser hatte seine gewohnliche psychoana- 
lytische Praxis ausgeiibt, hatte sie katechisiert wegen der Beruh- 
rungsangst und hatte zu finden gesucht die Voraussetzung, die zu ih- 
rer Beruhrungsangst gefuhrt hat. 

Ein drittes Moment, das ich herausheben wollte, ist das Verhalt- 
nis von Fraulein Sprengel zu Herrn Goesch. Dieses Verhaltnis rmifl- 
te - nach psychoanalytischer Theorie - selbstverstandlich so ge- 
kennzeichnet werden, dafi da maskierte erotische Vorstellungen 
spielen. Ich meine das ganz objektiv. (...*) 

!f Bei der folgenden Ausfiihrung wurde offensichtlich die Verbindung vom Fall Goesch- 
Sprengel zur Psychoanalyse aufgezeigt. Der Stenograph konnte jedoch nur die Worte fest- 
halten: «Nun handelt es sich darum, wie wird eine Verbindung geschaffen . . . indem solche 
maskierten Triebe vorhanden . . . gerade zwischen zwei Personlichkeiten dieser Art . . .» 



Meine lieben Freunde, da miissen wir noch ein bifichen weiter in 
das ganze Gefiige der psychoanalytischen Weltanschauung hinein- 
schauen. Nach dem, wie ich sie Ihnen jetzt analysiert habe, werden 
also gewisse Seeleninseln aus dem Unterbewufksein heraufgeholt, 
und es wird vorausgesetzt, dafi alle diese Seeleninseln in weitaus 
iiberwiegendem Mafie sexueller Natur sind, so dafi die Aufgabe des 
Psychoanalytikers darin besteht, auf solche wahrend der ersten Zeit 
des Lebens geschehene und dann in das Unterbewufitsein hinunter- 
gegangene Erlebnisse zu kommen und sie zum Zwecke der Heilung 
wieder heraufzuholen. Die Heilung wird nach Freudscher Theorie 
gerade dadurch bewirkt, dafi man verborgene sexuelle Komplexe aus 
den unterbewufken Griinden des Seelenlebens ins Bewulksein her- 
aufholt. Wie viele Erfolge diese Methode, um Patienten zu heilen, ge- 
habt hat, das wird in den darauf beziiglichen Biichern viel erortert. 

Sie sehen, wie die Grundnuance des ganzen Denkens der Psy- 
choanalytiker vielfach ein von psychischer Sexualitat durchdrunge- 
nes ist. Das geht so weit, meine lieben Freunde, dafi die Psychoana- 
lyse auf alle moglichen anderen Erscheimmgen des Lebens ange- 
wandt wird. Das geht so weit, daft zum Beispiel die Mythologie, die 
Sagenkunde, von Anhangern Freuds und von Freud selber im psy- 
choanalytischen Sinne so gedeutet wird, daft immer - das ist in dem 
weitaus groftten Mafte der Fall - auf verborgene psychische Sexuali- 
tat geschlossen wird. Sie wollen zum Beispiel die Odipussage, das 
Odipusproblem erklaren. Der Inhalt der Odipussage ist ja kurz ge- 
sagt der, daft Odipus dazu gefiihrt wird, seinen Vater zu toten und 
seine Mutter zu heiraten. Nun fragt der Psychoanalytiker: Worauf 
beruht so etwas? - Und er sagt: Solche Dinge beruhen immer auf 
den in das unbewufite Seelenleben hinuntergedrangten sexuellen 
Komplexen, bei denen es sich gewohnlich um ein sexuelles Erlebnis 
handelt, das in der allerersten Kindheit stattgefunden hat. Und da 
das Verhaltnis des Kindes zum Vater und zu der Mutter schon von 
der Geburt an ein sexuelles ist - es ist dies eine feststehende Freud- 
sche Anschauung -, so ist das Kind, wenn es ein Knabe ist, 
unbewufk verliebt in seine Mutter und daher unbewufk, unterbe- 
wuftt, eifersiichtig auf den Vater. 



Sie sehen, meine lieben Freunde, hier beginnt die Theorie dasje- 
nige zu werden, was einen dazu verleiten kann zu sagen, diese Psy- 
choanalytiker sollten ihre Theorie, wenn sie an sie glauben, vor al- 
ien Dingen auf sich selber anwenden; sie sollten sie darauf anwen- 
den, dalS ihr Schicksal, ihre Anschauung davon herriihrt, daft sie in 
der Kindheit zu viele sexuelle Prozesse gehabt haben, die ins Seelen- 
leben hinuntergesenkt worden sind. Diese Theorie mufi vor alien 
Dingen auf Freud und seine Bekenner selber angewendet werden. 

Die Entstehung von so etwas wie die Odipussage wird also, wie 
gesagt, darauf zuruckgefiihrt, dafi im Grunde genommen die mei- 
sten Knaben, bei ihrer Geburt beginnend, ein unerlaubtes Verhalt- 
nis zu ihrer Mutter hatten und daher auf ihren Vater eifersiichtig 
seien. Der Vater wird ihr Feind, und die Folge davon ist, daft in der 
triiben Phantasie der Knaben der Vater in irgendeiner Weise als 
Feind fortwuchert. Weil aber spater durch den Verstand bewirkt 
wird, dafi man kein Verhaltnis zu der Mutter haben darf, so wird 
dieses Verhaltnis hinuntergedriickt in das Unterbewufke. Der Knabe 
geht dann durch das Leben mit etwas, was nie zu seinem Bewufitsein 
kommt, das aber ist etwas wie ein unerlaubtes Verhaltnis zu seiner 
Mutter und wie ein kontrares Verhaltnis zu seinem Vater, weil er 
ihn als Nebenbuhler empfindet. 

Also nach psychoanalytischer Theorie muE man bei defekten 
Seelen nach Seelenkomplexen suchen, und dann wird man finden, 
wenn sie ins Bewufitsein heraufgehoben werden, daft eine Heilung 
eintreten kann. Es ist schade, dafi ich die Dinge nicht weiter aus- 
fuhren kann, aber ich will versuchen, sie so genau als moglich anzu- 
deuten. In der Schrift, von der ich eben gesprochen habe, finden Sie 
zum Beispiel auf Seite 16 das Folgende: 

«Wir haben in den vorstehenden Ausfuhrungen wenig Gelegen- 
heit gehabt, zu zeigen, dafi die Tatsachen der Volkerpsychologie, 
durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtungen, in 
neuem Verstandnis gesehen werden konnen, denn die Inzest- 
scheu der Wilden ist langst als solche erkannt worden und bedarf 
keiner weiteren Deutung.» 



In diesem Aufsatz wird namlich ausgefiihrt, warum der Wilde 
das Verbot der Ehe mit Mutter und Schwester so strikt durchfiihrt, 
warum unerlaubte Verhaltnisse zu Mutter und Schwester bestraft 
werden. «Inzest» ist die Liebe zu Blutsverwandten, und einer der er- 
sten Aufsatze in diesem Buche heifit «Die Inzestscheu». Diese wird 
auf die Weise begriindet, dafi eigentlich ein Inzesthang, namentlich 
bei jedem mannlichen Individuum, vorhanden sei, weil ein gewisses, 
unerlaubtes Verhaltnis zur Mutter vorhanden sei. 

«Was wir zu ihrer Wiirdigung hinzufiigen konnen, ist die Aus- 
sage, sie sei ein exquisit infantiler Zug 

- das heifit, der Wilde behalt ihn das ganze Leben, beim Kinde ist er 
ins Unterbewufite hinuntergedriickt - 

und eine auffiillige Ubereinstimmung mit dem seelischen Leben 
des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daft die erste 
sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuose ist, den verpon- 
ten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die 
Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von 
der Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker reprasen- 
tiert uns aber regelmafiig ein Stuck des psychischen Infantilis- 
mus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen 
Verhaltnissen der Psychosexualitat zu befreien, oder er ist zu ih- 
nen zuriickgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) 
In seinem unbewufken Seelenleben spielen darum noch immer 
oder wiederum die inzestuosen Fixierungen der Libido eine 
Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen 
beherrschte Verhaltnis zu den Eltern fur den Kernkomplex der 
Neurose zu erklaren. 

- Der Kernkomplex der Neurose ist nach psychoanalytischer Theorie 
der unerlaubte Sexualhang des Knaben zu Mutter und Schwester. - 

Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests fur die Neurose 
stofit natiirlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachse- 
nen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z.B. auch den Ar- 



beiten von Otto Rank entgegentreten, die in immer grofierem 
Ausmafi dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des 
dichterischen Interesses steht und in ungezahlten Variationen 
und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genotigt 
zu glauben, daft solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tie- 
fen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der 
Verdrangung verfallenen Inzestwiinsche ist. Es ist uns darum 
nicht unwichtig, an den wilden Volkern zeigen zu konnen, daft 
sie die zur spateren Unbewufttheit bestimmten Inzestwiinsche 
des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der scharfsten 
Abwehrmaftregeln fur wiirdig halten.» 

Von diesem ausgehend, meine lieben Freunde, verbreitet sich ei- 
ne Atmosphare von sexuellen Vorstellungen iiber das ganze Gebiet 
der Psychoanalytiker. Sie leben und weben gleichsam in Sexualvor- 
stellungen. Daher hat nichts mehr als die Psychoanalyse dazu beige- 
tragen, daft die unglaublichste Verhohnung des Natiirlichen im 
Menschenleben wirklich sich nach und nach, ich mochte sagen, oh- 
ne daft es die Leute bemerken, in das Leben einschleicht. Und ich 
muft sagen, tief kann ich es nachfiihlen einem alten Herrn, der sein 
Leben lang sich bemuht hat, auch etwas beizutragen zum Herein- 
bringen von Moral in die Medizin, Moritz Benedikt, wenn er sagt: 
Wenn man Umschau halt, kann man bemerken, daft wir Arzte vor 
30 Jahren von gewissen sexuellen Abnormalitaten weniger gewuftt 
haben als die heutigen achtzehnjahrigen Pensionatsmadchen. - 
Nachfuhlen kann man dies diesem Manne, denn es entspricht der 
Wahrheit. Ich mochte dies insbesondere darum erwahnen, weil 
es aufierordentlich wichtig ist, gewisse Vorgange des Kindeslebens 
auf naturgemafie Weise anzuschauen und sie nicht unnotig sogleich 
unter dem Aspekte der Sexualitat zu sehen. 

Bei Kindern ist lange etwas eine unschuldige Handlung, was heu- 
te, aus vertrackten Theorien heraus, irgendwie als sexuelle Verir- 
rung angesehen wird. Und weiter braucht man in den meisten Fal- 
len nicht zu gehen, als die Dinge als nichts anderes denn als kindli- 
chen Unfug anzusehen. Ein paar Klapse auf eine gewisse Stelle des 



Korpers geniigen als hinreichende Kur. Die schlechteste Kur aber ist 
diese, wenn man viel redet iiber diese Dinge oder gar viel redet mit 
den Kindern selber und ihnen allerlei Theorien beibringt. Es ist 
schwierig, selbst mit Erwachsenen, iiber diese Dinge ganz deutlich 
zu sprechen. Aber dem, der oftmals Ratschlage in mannigfaltigster 
Beziehung zu geben hat, kommt es leider oft vor, daft Eltern mit 
Klagen kommen, mitunter ganz dummen Klagen, unter anderem 
auch mit der Klage, daft Kinder unter sexueller Verirrung leiden. 
Und was lag dem zu Grunde? Nur das lag dahinter, daft das Kind 
sich kratzte. Es war kein anderer Anlaft, als daft das Kind sich kratz- 
te. Und ebensowenig, wie das Kratzen am Arme ein sexueller Akt 
ist, ebensowenig ist das Kratzen an einer anderen Stelle ein sexueller 
Akt. Dr. Freud allerdings vertritt die Idee, daft jedes Kratzen, jede 
Beriihrung, die Beriihrung des Mundes mit dem Schnuller ein se- 
xueller Akt ist. Dr. Freud gieftt iiber das ganze Leben des Menschen 
die Aura der Sexualitat aus. Es ware wirklich gut, sich ein wenig mit 
diesen Dingen zu beschaftigen, um so die Auswiichse der materiali- 
stischen Wissenschaft kennenzulernen, sich also etwas zu beschafti- 
gen mit dem, was man die Freudsche Psychoanalyse nennt. So wird 
also alles in diese Atmosphare hineingefuhrt, gleichsam sub spezie 
dieser Dinge gesehen. 

Ein ungarischer Psychoanalytiker schreibt in einem Buche, das 
Dr. Freud anfiihrt, iiber einen fiinfjahrigen Knaben namens Arpad, 
iiber dessen Quelle seines Interesses fur das Treiben im Huhnerhof 
nach diesem ungarischen Psychoanalytiker Ferenczi kein Zweifel 
blieb: «Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und Henne, das Eier- 
legen und das Herauskriechen der jungen <Brut> befriedigten seine 
sexuelle Wiftbegierde, die eigentlich dem menschlichen Familien- 
leben gait. Nach dem Vorbild des Hiihnerlebens hatte er seine Ob- 
jektwiinsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: <Ich 
werde Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen 
und die Kochin, nein, statt der Kochin lieber die Mutter.»> 

Man mochte lieber die Zeiten zunicksehnen, wo man solche 
Dinge bei den Kindern anhoren konnte, ohne daft man zu sexuellen 
Theorien so vertrackter Art seine Zuflucht nehmen muftte. Ich 



mochte, meine lieben Freunde, dieses Thema nur andeuten, aber es 
wird in der nachsten Zeit gerade iiber diesen Punkt zur Beruhigung 
von Vatern und Miittern einmal gesprochen werden konnen. Denn 
ganz unvermerkt verbreitet sich stark und ohne daft die Leute es im- 
mer merken, die Freudsche Theorie, die allerdings nur ein Symptom 
dafur ist, daft ein solcher Trieb durch die Welt gent. Wenn Eltern 
mit der Klage kommen, daft ihre vier- bis funfjahrigen Sonne oder 
Tochter unter sexuellen Verirrungen leiden, so mufi man zumeist 
die Antwort geben: Die Verirrungen bestehen in der Hauptsache in 
der Art und Weise, wie Ihr iiber den Fall denkt. - Das ist zumeist die 
groftte Verirrung. 

Da haben Sie die Atmosphare, in der die Freudsche Psychoana- 
lyse platschert. Ich weift selbstverstandlich, daft Freudianer etwas 
hiergegen sagen konnen, wenn man so etwas in Kiirze darstellt. 
Aber der Ausdruck ist voll berechtigt, daft in diesen psychosexuellen 
Dingen die ganze Psychoanalyse platschert, ja sie trieft nur so da- 
von, wie dies in ihren Abhandlungen zutage tritt. 

Nun denken Sie sich aber einmal, meine lieben Freunde, daft bei 
jemandem die Voraussetzung, daft im menschlichen Unterbewuftt- 
sein psychosexuelle Inseln seien, wirklich zutrifft. Was kann da ein- 
treten? Es kann das eintreten, daft der betreffende Freudsche Theo- 
retiker sich den Betreffenden, bei dem er das voraussetzt, vornimmt 
und ihn katechisiert und dadurch ein neues Kapitel oder einen neuen 
Fall zu der Freudschen psychoanalytischen Theorie hinzubringt. Es 
hatte in dem uns beschaftigenden Fall eintreten konnen, daft Herr 
Dr. Goesch sich gesagt hatte, das werde ich einmal katechisieren, 
dann werde ich manches finden in diesen psychosexuellen Inseln, 
was mir dienlich ist, die Freudschen Theorien zu belegen. - Dazu 
hatte aber etwas gehort, was man nur so bezeichnen konnte, daft 
man sagte: Die Seele des Herrn Dr. Goesch hatte starker sein mus- 
sen. Sie erlag aber einer gewissen Art des Verhaltnisses zu seiner neu 
gewahlten Freundin, und fur das ganze Verhaltnis ist das Material, 
das vorliegt, das ausgezeichnetste. Wer dieses in der richtigen Weise 
verwendet, findet die Moglichkeit, das ganze Verhaltnis in der aller- 
ausgezeichnetsten Weise mit objektiv-klinischer Genauigkeit zu be- 



zeichnen. Und da es bei vielem nicht so sehr darauf ankommt, ob 
man es mit einem wichtigen oder mit einem unwichtigen Fall zu tun 
hat, sondern auf das, was man aus dem Fall lernen kann, so mufi ich 
sagen, daft schliefilich der Fall etwa zu einer soichen Betrachtung 
fiihren kann, wie ich sie geliefert habe im Jahre 1900 in einem Auf- 
satz in der «Wiener klinischen Rundschau» iiber «Die Philosophic 
Friedrich Nietzsches als psychopathologisches Problem*. Denn 
man mulke neben alledem, was die Genialitat Nietzsches der Welt 
gegeben hat, auch die Verpflichtung fiihlen, zu zeigen, wie die Welt 
sich falsch zu Friedrich Nietzsche stellt, wenn sie das Psychopatho- 
logische bei ihm nicht beriicksichtigt. Fur unser Gesellschaftsleben 
ist es wichtig, daft das Psychopathologische nicht uberhand nimmt, 
dafi es in den Gemutern ausgemerzt wird und im richtigen Lichte 
geschaut werden kann und dafi nicht der Psychopath als Wesen ho- 
herer Art angesehen wird. Daher ist es wichtig, auch solche Falle in 
richtiger Weise ins Auge zu fassen und von einem richtigen Stand- 
punkte aus zu beurteilen, um was es sich dabei handelt. 

Die Zeit ist schon zu weit vorgeschritten, als da£ ich ausfiihren 
konnte, wie das Unwetter nach und nach heraufgezogen ist. Als ich 
im Mai dieses Jahres in Wien, in Osterreich war, da schrieb mir 
eines unserer Mitglieder einen Brief, den ich, weil man jetzt Brief e 
nicht iiber die Grenze tragen kann, beim Zuriickkehren hierher zer- 
reifien mufke, in dem aber ungefahr dieselben Vorwiirfe erhoben 
worden sind, auch unter der Mitwirkung der Freudschen Psycho- 
analyse, so wie sie sich bei Dr. Goesch unter dem Einflufi von Frau- 
lein Sprengel ergeben haben. Die Vorwiirfe in jenem Brief kamen 
aus derselben Ecke; es ist sozusagen derselbe Wind. Manche Satze 
wiirden sogar, wenn ich sie Ihnen vorlesen konnte, wunderbar iiber- 
einstimmen mit dem, was Fraulein Sprengel in Dr. Goesch hinein- 
inspiriert hat. 

Was liegt nun aber eigentlich in dem Fall Goesch-Sprengel vor? 
Es liegt nicht nur das vor, dafi Dr. Goesch nicht der richtige Psycho- 
analytiker ge wesen ist, denn dazu hatte er ein objektives Verhaltnis, 
wie dasjenige eines Arztes zu dem Patienten, zu Fraulein Sprengel 
gebraucht. Sie wirkte aber zu uberwaltigend auf ihn, und daher wur- 



de nicht nur das Oberbewufitsein von Herrn Goesch zum Examina- 
tion Nach der Freudschen Theorie kam also alles das heraus, was in 
der Seele der Freundin, der «Siegelbewahrerin», lebte. Weil es aber 
ins Unbewufite hineinging, wurde es kaschiert durch eine ganze 
Theorie, die in dem Briefe von Dr. Goesch vorliegt. 

Mit dem Fall Goesch-Sprengel, der aus einem der grofken Irrtii- 
mer, der aus einer der schlimmsten materialistischen Theorien unse- 
rer Zeit entstanden ist, kommt man nur zurecht durch die Erkennt- 
nis, dafi beide Personlichkeiten iiber ihre menschlich-allzumensch- 
lichen Verhaltnisse ein mystisches Mantelchen geworfen haben, das 
im Wesentlichen - und diese Seite ist durch ausgezeichnete Doku- 
mente ja genugsam bezeugt - die Ummantelung eines menschlich- 
allzumenschlichen Verhaltnisses mit psychoanalytischen Theorien 
Freudscher Art ist. 

Wenn wir dann das Bestreben haben, solchen Menschen, die mit 
solchen vertrackten Seelenkonstitutionen zu uns kommen, zu hel- 
fen, dann, meine lieben Freunde, tritt sehr haufig das auf, dafi diese 
Menschen, die zuerst ziemlich wedelnde Anhanger waren, ihre An- 
hangerschaft spater in Feindschaft verwandeln. Das ist sogar auch et- 
was, was ganz psychoanalytisch erklart werden kann. Uns aber ist es 
dringend notig, uns um die Welt zu kummern. Denn geradeso, wie 
von dieser Seite, von Seite der von sexuellen Vorstellungen iiber- 
schwemmten psychoanalytischen Stromung, jeden Tag neue Feind- 
schaften uns erwachsen konnen, so kann uns von alien moglichen 
anderen Verirrungen in der Zeit, in die sich Menschliches-Allzu- 
menschliches hinein verrannt hat, Feindschaft entgegenkommen. 

Sie sehen, hier haben Sie auch ein Beispiel, wie wir es gar sehr no- 
tig haben, solche Falle zu studieren, die uns, weil unsere Gesellschaft 
schon einmal eine geistige Bewegung darstellt, voll interessieren 
miissen. 

Ich konnte noch lange fortreden, ich will und kann es aber heute 
nicht tun, weil Sie verhandeln miissen. Aber ich wollte die ersten 
tappenden Schritte des Weges andeuten, auf dem gesucht werden 
mufi, wenn man sehen will, wo die Gefahren fur unsere Bewegung 
liegen, und wie dringend notwendig es ist, dafi wir - jeder so viel wie 



er kann - arbeiten gegeniiber der Welt, damit die Welt drauften 
weifi, dafi sie keine furchtsamen Hasen vor sich hat, sondern Leute, 
die wissen, ihren Mann und - verzeihen Sie - auch die Frau zu stel- 
len. Wenn sich Dinge ergeben, die sich aufspielen in der Maske, wie 
es hier in diesem Briefe geschieht, so obliegt es uns, diesen Dingen 
die Maske herunterzureifien und zu zeigen, wo die Urspriinge lie- 
gen. Sie liegen viel tiefer, als man sie gewohnlich sucht; sie liegen in 
jener materialistischen Richtung unserer Zeit, die nicht nur wissen- 
schaftliche Richtung geworden ist, sondern unser ganzes Leben ver- 
pestet und zu deren Bekampfung unsere Bewegung eigentlich da ist, 
zu deren Bekampfung wir uns aber auch bereit machen miissen und 
nicht fortdosen diirfen in der Art, dafi wir nur die allernotwendig- 
sten Begriffe aufnehmen, sondern dafi wir die Augen auf machen 
und sehen, was in der Welt vorgeht, was die Leute, die zu uns kom- 
men, in der Welt gelernt haben und was sie von dem Gelernten zu 
uns hereintragen, wenn sie zu uns kommen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 14. September 1915 



Freudsche Psychoanalyse, Swedenborgs Sehertum, Sexualitat 

und modernes Hellsehen 



Meine lieben Freunde, als ich Ihnen gestern gewissermafien einfu- 
gend iiber das Thema Psychoanalyse sprach, weil es durch den uns 
alle beriihrenden Fall so nahe liegt, da werden Sie ja haben bemer- 
ken miissen, dai$ ich die Unterscheidung des Seelenlebens in BewulS- 
tes und Unbewufites durch die Psychoanalyse, oder besser gesagt 
durch die psychoanalytische Anschauung, als die eine Seite der psy- 
choanalytischen Anschauung charakterisiert habe; und indem ich 
dann weiter - wenigstens andeutend - ausgefiihrt habe, wie die gan- 
ze psychoanalytische Anschauung gewissermafSen «platschert» in 
Sexualismus, haben Sie sehen konnen, wie auf der anderen Seite ein 
wirklich trostloses, man mochte sagen, «grauenvolles» Element gera- 
de mit dieser psychoanalytischen Anschauung innerhalb unseres 
Geisteslebens aufgetaucht ist. Damit ist aber iiberhaupt auf etwas 
Charakteristisches in den geistigen Bestrebungen der Gegenwart 
hingewiesen. 

Mit der Unterscheidung eines unbewufken von einem bewufiten 
Seelenleben wird durch die psychoanalytische Weltanschauung ja 
ganz zweifellos etwas Richtiges unserem Geistesleben eingefiigt, und 
wir konnen vieles davon so betrachten, dafi wir sehen: da sind Leute 
auf eine gewisse Spur gekommen; da sind Leute dahinter gekom- 
men, dafi man das Seelische tiefer suchen mufi als in demjenigen, 
was das gewohnliche Menschenbewufksein umfaftt. Aber nun wird 
diese richtige Spur von Menschen verfolgt, welche ihren Materialis- 
mus so weit getrieben haben, dafi dieser nicht nur so wirkt, wie er 
etwa in dem jetzigen falschlich so genannten Monismus wirkt, dafi 
er die Gedankenrichtung umfafk, sondern der Materialismus des 
Psychoanalytikers wirkt so, dafi die niederen Menschentriebe in die 



Theorie hineingetragen werden und mit der Theorie bewirken, daft 
wirklich ein ganz subjektives, das subjektivste Element, das Element 
der sexuellen Triebe selber, zum inneren Impuls des wissenschaftli- 
chen Lebens gemacht wird. 

Gerade eine solche Erscheinung im Geistesleben der Gegenwart 
mufi besonders deutlich ins Auge gefaftt werden, aus dem Grunde, 
weil wir auf der einen Seite sehen, daft dasjenige, was - vom Men- 
schen unabhangig - die Menschen zwingt, ein hoheres Geistiges an- 
zuerkennen als das zunachst uns bewuftte, sogar die grobklotzigsten 
materialistischen Kopfe dazu zwingt, es eben anzuerkennen. Was 
sind denn diese Anhanger Freuds und der Freudschen Schule anderes 
als Leute, welche nicht nur in ihrem Verstande, sondern bis in ihre 
Triebe hinein auf grobklotzig materialistischem Boden stehen, aber 
durch die Objektivitat der Welt gezwungen sind, etwas iiber das ge- 
wohnliche Bewufttsein Hinausgehendes zu erforschen. Das ist die 
objektive Seite. Die andere, die subjektive Seite ist die, daft der 
Mensch so tief verstrickt ist mit dem Materialistischen, so daft damit 
zugleich - weil das so zu dem Materialistischen dazugehort wie die 
linke Hand zur rechten, das linke Auge zum rechten oder vielleicht 
wie Dinge, die noch mehr zusammengehoren -, so daft damit zu- 
gleich die niedersten, die subjektivsten Triebe in den Weltanschau- 
ungsbetrieb hineinkommen. Zu dem Stehenbleiben beim Materialis- 
mus gehort ganz notwendig, wenn man sich ganz gehen laftt, das 
Hineinfallen, ich mochte sagen «Hineinplumpsen» in die niedersten 
menschlichen Triebe. 

Und dennoch, meine lieben Freunde, diese ganze Anschauungs- 
weise, wie sie vor uns auftritt, sie kann dem Menschen nur dann 
ganz klar werden, wenn er hinter so manches Geheimnis der Welt- 
ordnung kommt. Es ist das Gefahrliche solcher Weltanschauungen, 
wie sie die psychoanalytische ist, daft die Leute im Richtigen tapsen 
und ihre unreinlichen Instinkte gerade in das Richtige hineinbrin- 
gen. Es ist viel weniger schadlich, wenn die unreinlichen Instinkte in 
den Irrtum, in den vollen Irrtum hineingetragen werden, als wenn 
sie in ein teilweise Richtiges hineingetragen werden. Und das Richti- 
ge der psychoanalytischen Weltanschauung besteht in der Anerken- 



nung der Tatsache, dafi eben im Menschenleben so unendlich viel 
Unbewufltes, richtig Unbewufites spielt. Und da kommen die Psy- 
choanalytiker wirklich auf sehr, sehr vieles, was wahr, was richtig 
ist. Sie werden auf richtige Spuren getrieben. 

Verfolgen wir einmal, wie so die Psychoanalytiker auf manche 
richtige Spur getrieben werden. In dem Buche, von dem ich Ihnen 
gestern gesprochen habe, bemiiht sich der Fiihrer der psychoanalyti- 
schen Schule, gewisse Brauche bei den wilden Volkern zu erklaren 
in Anlehnung an gewisse psychoanalytische Theorien, in Anleh- 
nung an Zusammenhange, die die Psychoanalyse annimmt zwischen 
dem kindlichen, dem infantilen Leben und dem spateren Zustande 
der Neurose des Menschen. 

Wir haben gestern gesehen, wie gerade in diese Theorien das se- 
xuelle Element hineinspielt. Nun vergleicht Freud in seinem Buche 
«Totem und Tabu», in dem Aufsatz iiber «Das Tabu und die Ambi- 
valenz der Gefuhlsregungen», gewisse Anschauungen, gewisse Vor- 
stellungen bei Wilden mit gewissen infantilen Eigenschaften der 
Kulturmenschen, die in der Neurose, in einer gewissen Art von Ner- 
venerkrankungen seelischer Art, in nervosen Seelenerkrankungen 
auftreten. Aus dem Gestrigen werden Sie ja erkennen, dafi vieles 
von den Psychoanalytikern so erklart wird, dafi im ganz jungen Le- 
ben auf den Menschen Impulse ausgeiibt werden, die sich dann zu- 
riickziehen in Seeleninseln und weiterwirken, aus dem Unterbe- 
wufksein heraufwirken. Dadurch aber wirkt gleichsam das infantile 
Leben im Kulturmenschen weiter, und darin besteht ja nach dieser 
Anschauung die Neurose oder eine gewisse Art der Neurose, dafi 
Menschen herumgehen, die mittlerweile 40 Jahre alt geworden sind, 
aber eine Seele haben, in der die allerersten Jugenderfahrungen, das 
heifit die infantilen Erfahrungen, besonders wirksam sind. 

Nun vergleicht Freud eben eine Vorstellung der Wilden mit Er- 
fahrungen in der Neurose. Er sagt zum Beispiel: «Ein Maorihaupt- 
ling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn sein geheilig- 
ter Atem wiirde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem Topf, 
der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird, die 
Speise der Person, die von ihr ilk, und so miifite die Person sterben, 



die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden 
im Feuer, in das geblasen der Hauptling mit seinem heiligen und ge- 
fahrlichen Hauch.» Nun vergleicht Freud die Scheu davor, in das 
Feuer zu hauchen, damit ein anderer dann nicht essen konne aus 
dem Topf, der in dem Feuer gestanden hatte, selbstverstandlich 
nicht mit den Lebensgewohnheiten derjenigen Personlichkeit, von 
der wir in diesen Tagen sprechen muftten - weil er sie und ihre 
Scheu, auf ihre Aura wirken zu lassen, nicht gekannt hat -, aber er 
vergleicht sie mit einer anderen Person, die ais Patientin zu ihm 
kam. Er sagt: «Die Patientin verlangte, dafi ein Gebrauchsgegen- 
stand, den ihr Mann vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt 
werde, er wiirde ihr sonst den Raum, in dem sie wohnt, unmoglich 
machen.» Also eine Patientin kommt zu dem Psychoanalytiker und 
erklart, dafi ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom Einkau- 
fen nach Hause brachte, entfernt werden musse, weil er ihr sonst 
den Raum, in dem sie wohnt, unmoglich machen wiirde. 

Nun konnte eine solche Patientin ja auch betrachtet werden von 
dem gesunden Sinn eines Geisteswissenschaftlers; der wird seine Ge- 
danken uber eine solche Patientin in allerlei Richtungen zu bringen 
haben. Aber auch von Psychoanalytikern konnte eine solche Patien- 
tin betrachtet werden, und sie kamen dabei vielleicht - vielleicht 
auch gar nicht - auf eine gewisse Spur. Allerdings ein Mystiker, der 
zu den verkehrten Mystikern gehort, der konnte tiefsinnige Be- 
trachtungen anstellen uber allerlei magische Einwirkungen, die auf 
diese Person geschehen sind oder die ausgehen von einer so feinen 
Personlichkeit, die auf einem so vorgeschrittenen Punkt der Evolu- 
tion oder Entwickelung ist, dafi gewisse Gegenstande nicht in dem 
von ihr bewohnten Raum sein diirfen! 

Nun, der Psychoanalytiker sagt von dieser Patientin: «Denn sie 
hat gehort, dafi dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, 
welcher in der, sagen wir, Hirschengasse liegt.» Das findet also der 
Psychoanalytiker heraus, daft sie gehort hat, daft der Gegenstand in 
einem Laden gekauft wurde, der in der Hirschengasse liegt. Die 
Mystik wird immer starker! Der Psychoanalytiker fahrt fort: «Aber 
Hirsch ist heute der Name einer Freundin, welche in einer fernen 



Stack lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem Madchennamen ge- 
kannt hat. Diese Freundin ist ihr heute <unmoglich>» - tabu - also 
etwas, das sie nicht beriihren will, «und der hier in Wien gekaufte 
Gegenstand ist ebenso tabu wie die Freundin selbst, mit der sie 
nicht in Beriihrung kommen will.* Also jetzt sehen wir, was der be- 
treffende Psychoanalytiker herausgebracht hat: Die Personlichkeit 
hat friiher eine Freundin gehabt, mit der sie etwas ausgefressen hat. 
Die Freundin hat Hirsch geheissen. Das lebt in der Seeleninsel wei- 
ter. Im Oberbewufitsein, im gewohnlichen Tagesbewufksein ist da- 
von nichts vorhanden, wohl aber im Unterbewulksein, jedoch so, 
daft das Zwischenglied ganz verborgen bleibt. Es lebt sich nur so 
aus, dafi der Name die Verbindung ist insofern, als die Freundin, die 
sie in der Jugend gehafit hat und in bezug auf welche der Haft im 
Unterbewufksein gebiieben ist, «Hirsch» heifit und der Gegenstand 
aus der «Hirschen»-gasse herstammt. Im Gleichklang des Namens 
Hirsch mit Hirschengasse haben wir die Verbindung. So wirkt das 
Unterbewufke in das Bewufite herauf. 

Es ist uberhaupt bei Menschen, die gerne iiber alles so etwas My- 
stisches hangen, vieles durch Namensanklange zu verstehen; die fin- 
den sehr leicht Namensanklange, die sie, ohne dafi sie es in ihr Ober- 
bewufitsein heraufholen, zu allerlei Mystischem verleiten. Es konn- 
te zum Beispiel vorkommen, daft eine Personlichkeit, die einmal die 
Persephone gespielt hat, sich als Persephone-Wiederverkdrperung 
betrachten zu konnen glaubt, weil sie einmal im Vorbeigehen von 
einer ihr unbekannten Person den Namen «Persephone» ihr zugeru- 
fen gehort haben will. Es konnte aber auch sein, daft nur jemand in 
ihrer Nahe gesagt hat, er habe eine Dame «am Telefon stehen 
sehen», und dafi sie aus diesen Tonen heraus «Persephone» verstan- 
den hat. Die betreffende Personlichkeit hat also «Persephone» nur 
da herausgehort, wo «Telefon» gesagt wurde, und nun spinnt sie 
ihren mystischen Faden weiter. - Das ist selbstverstandlich nur 
eine Hypothese, die aber durchaus reale Moglichkeiten auf diesem 
Gebiete wiedergibt. 

Ich konnte Ihnen noch mancherlei Beispiele anfiihren aus diesen 
oder vielen anderen Aufsatzen des Dr. Freud und seiner Schuler, die 



Ihnen zeigen wtirden, dafi die psychoanalytische Weltanschauung 
wirklich auf dem Wege ist, die Zusammenhange von Unbewulkem 
und Bewufitem zu suchen. Nur wird sie durch gewisse Neigungen 
unserer Zeit dahin gefuhrt, da unten in diesem Unbewufken eigent- 
lich nichts anderes als Sexuelles zu sehen, wie ich Ihnen das gestern 
ausgefuhrt habe. Nun, meine lieben Freunde, hier stehen wir wirk- 
lich vor einem Punkt, der als aufterordentlich wichtig ins Auge zu 
fassen ist. 

Ich habe Ihnen vorgestern von Swedenborg und seinem Hellse- 
hertum gesprochen. Wir haben es bei Swedenborg zu tun mit einem 
- auf dem Wege, auf dem er einmal war - aufierordentlich ausge- 
pragten und vorgeschrittenen Hellseher. Wir haben als charakteri- 
stisch bei ihm angefuhrt, dafi er die Schwelle nicht uberschreiten 
konnte, wo man zu dem anderen Bewufttseinszustand aufsteigt, so 
dafi man als Grundtatsache seines Bewufkseins nicht mehr sagt: Ich 
schaue an -, sondern: Ich werde angeschaut. - Er wollte immer sel- 
ber anschauen. Er schaute seine Imaginationen an. Er wurde nicht 
von der Sphare der Angeloi aus angeschaut, sondern er schaute sie 
an, mit derselben Bewulkseinsform, mit der man hier auf dem phy- 
sischen Plan anschaut. Fassen wir das noch einmal ganz genau ins 
Auge, um uns den regularen Aufstieg von dem physischen zu dem 
hoheren Plan deutlich zu machen. Auf dem physischen Plan - wir 
miissen uns das ganz deutlich machen - nimmt der Mensch verschie- 
dene Objekte wahr. Diese Objekte spiegeln sich, wie wir wissen, 
durch seinen physischen Leib und werden dadurch seine Vorstellun- 
gen. So gelangt er zu der wichtigen inneren Bewufitseinstatsache: 
Ich schaue die Objekte an. 

(Wahrend der folgenden Ausfiihrungen wurde an die Tafel gezeichnet. Die Origi- 
naltafelzeichnung ist nicht erhalten, doch hat Rudolf Steiner spater der Nachschrift 
von Franz Seiler die nachstehend faksimilierten Skizzen eingefugt.) 




Physischer Leib 
» Gegenstands-Impuls 




VtntUdLUZy f Vorstellung, 
O a Seele ist. 

idt^J** hoheres Wesen 

Mensch 



\ 49 At* -^ew****^ a ) unterbewufiter 

(^Awrv yy\e^Ur(^ A * Impuls des Menschen 



J^f^ 6 ^ 1 ZT/ auf hoheres Wesen 



{^jtXJitA b) Spirituelles 

Erlebnis des 



Wahrgenommenwerdens 
durch ein 
hoheres Wesen. 



In dem Augenblick aber, wo wir zu einem hoheren Bewufitsein 
aufsteigen, andert sich das ganz grundlegend. Jetzt miifke ich das 
Geistige zeichnen, das kann man selbstverstandlich nicht, also 
zeichne ich so: 




Da werden wir mit unserem Ich in Empfang genommen von Wesen- 
heiten hoherer Ordnung, und nun werden wir uns bewufit: Ich 
werde wahrgenommen, ich werde angeschaut. 

Swedenborg stellt nun noch einen dritten Zustand dar, den Zu- 
stand, wo er eine ganze Welt von Objekten hat, die nicht auf dem 
physischen Plan sind und dennoch von ihm so wahrgenommen wer- 
den, nur feiner, wie Gegenstande auf dem physischen Plan. Also 
Swedenborg nimmt geistige Objekte wahr, die ihm in Form von 
Imaginationen gegeben werden, genau so als wenn die geistige Welt 
nichts anderes ware als nur eine feinere Ausgestaltung der physi- 
schen Welt. Er sieht die geistige Welt so an, wie man im normalen 
Leben die physische Welt ansieht. 

Woher kommt das? Wir haben ja verfolgt, wozu Swedenborg auf 
diesem Wege gekommen ist. Er hat geistige Wesenheiten entdeckt, 
an denen ihm klar geworden ist, daft sie gewisse Marsbewohner wa- 
ren, die ihm aber unverstandlich waren, weil sie alle ihre Gemiits- 
bewegungen zuriickgehalten haben und sich nur in Gedanken- 



Gebarden ausdriickten. Er wulke, er konne diese Wesen - ich habe 
es Ihnen am Sonntag erzahlt - aus dem Grunde nicht verstehen, weil 
sie sich fahig gemacht hatten, ihr Seelenleben zu verbergen. Ware 
Swedenborg nun in die Lage gekommen, mit dem Bewufitsein der 
Angeloi selbst zu sehen - wie es hatte sein miissen, wenn er wirklich 
in die geistige Welt aufgestiegen ware, das heifk, wenn er auch sein 
Bewufksein hinaufgetragen hatte in die geistige Welt -, so wiirde er 
trotzdem diese Marsbewohner in ihrer Wesenhaftigkeit durchschaut 
haben. So aber stellte sich der Inhalt der Seele der Marsbewohner 
vor Swedenborg hin wie eine kalte Gedankenwelt. Sehr merkwiir- 
dig ist das. 

Denken Sie doch nur, was fur eine scheufiliche Angst die Men- 
schen hier auf dem physischen Plan zumeist vor der kalten abstrak- 
ten Vers tandes welt haben. Wieviel Abfalliges hort man von dieser 
kalten abstrakten Gedankenwelt sagen, der die Leute zu entkom- 
men suchen, um nur ja, ja nicht in blofien Gedanken zu denken. 
Und wenn jemand den Menschen zumutet, sich bis zu dem reinen 
Gedanken aufzuschwingen, dann gilt der eben als ein lebensfremder, 
lebensfeindlicher Mensch. Das ist das Gefiihl, das die Menschen auf 
dem physischen Plan der abstrakten Gedankenwelt gegemiber ha- 
ben. Dieser Standpunkt ist sehr, sehr weit verbreitet. Und ich trete 
ja gewifi niemandem von Ihnen, meine lieben Freunde, allzu nahe - 
denn die Anwesenden sind immer ausgenommen -, wenn ich zum 
Beispiel das Folgende sage. Seit einer Reihe von Jahren lesen eine 
grofiere Anzahl von Personen meine «Philosophie der Freiheit» -ein 
reines Gedankenwerk. Es ist Anfang der neunziger Jahre erschie- 
nen. Es ware interessant, wenn sich einmal jemand die Miihe gabe, 
zu zahlen, wie viele von jenen Personlichkeiten innerhalb unserer 
Bewegung, die heute die «Philosophie der Freiheit» lesen, sie auch 
gelesen haben wiirden, wenn sie ihnen im Anfang der neunziger Jah- 
re, ohne von mir und unserer Bewegung etwas zu wissen, in die 
Hand gekommen ware, rein so als Buch. Es ware interessant zu er- 
fahren, wie viele sie dazumal gelesen hatten und wie viele von ihnen 
gesagt hatten: Nein, in so einem Gedankengespinst komme ich 
nicht durch, das hat gar keine Bedeutung! - 



Daraus ersehen Sie, meine lieben Freunde, wie viele - selbstver- 
standlich, die Anwesenden sind immer ausgeschlossen - aus rein per- 
sonlichen Griinden dieses Gedankenwerk lesen! Denn nur diejeni- 
gen lesen es aus unpersonlichen Griinden, die es auch gelesen haben 
wiirden, wenn sie mich niemals persdnlich kennengelernt hatten. 
Das muft man nur ganz trocken und niichtern ins Auge f ass en. Das ist 
der Horror vor dem angeblich Abstrakten auf dem physischen Plan. 

Nun, wenn der Swedenborg auf dem astralischen Plan Wesen 
sieht, diese besondere Kategorie der Marswesen, von denen ich ge- 
sprochen habe, so ist er - trotzdem er ein so grower Gelehrter ist - 
doch nicht dazu fahig, verstehen zu konnen, wenn in Seelen reine 
Gedanken leben, die ganz und gar von alien Emotionen frei sind. 
Das wiirde auf den physischen Plan vergleichsweise iibertragen das- 
selbe sein, wie wenn jemand von der «Philosophie der Freiheit» sa- 
gen wiirde: O, das ist ja Chinesisch, das ist iiberhaupt schon nicht 
mehr eine Sprache, die ein verniinf tiger Mensch lesen kann! - Das 
heifit, da£ man sie iiberhaupt fur unverstandlich hielte. Ganz genau 
so halt Swedenborg auf dem astralischen Plan diese Marsmenschen 
fur unverstandlich. 

Es kommt aber darauf an, dafi man wenigstens den guten Willen 
und das Bestreben haben mufi, bis zu jenem Denken fortzuschreiten, 
das emotionsfrei ist, zunachst von den Emotionen frei ist, die man 
eben so in der Welt im gewohnlichen Leben kennt. Derjenige ist zum 
Beispiel nicht zum reinen Denken gekommen, dem dasjenige, was 
in der «Philosophie der Freiheit» steht, deshalb gefallt, weil er aus 
seinem Gefiihl heraus nun zu einem mehr geistigen Weltanschauen 
hinneigt; sondern erst derjenige stellt sich in der richtigen Weise zur 
«Philosophie der Freiheit», der gerade das, was darinnen lebt, wegen 
der Art und Weise aufnimmt, wie die Gedanken folgerichtig immer 
auseinander herauswachsen und sich gegenseitig stiitzen. 

Swedenborg seinerseits hatte - trotzdem er ein so grofier Gelehr- 
ter war - gar keine Ahnung von einem solchen Hinneigen zu einer 
Gedankenwelt, die nur reine Gedankenwelt ist und die wirklich 
nichts mehr enthalt von den Motiven, die im Emotionsmafiigen, im 
Gefiihlsmafiigen liegen. Man mull einmal, meine lieben Freunde, 



versuchen zu durchschauen - und Mittel haben wir dafiir genug in 
unserer Literatur wie man im gewohnlichen Leben aus Gemiits- 
impulsen heraus, die einem auf dem physischen Plan karmisch oder 
erzieherisch oder sonstwie gegeben sind, sich fur die eine oder ande- 
re Wahrheit entscheidet. Das Subjektive hort erst dann auf, wenn 
man mit seinem eigenen Seelenleben wirklich in eine solche Sphare 
des Denkens aufriickt, wo die Gedanken sich gegenseitig selber tra- 
gen, wo aus den Gedanken der subjektive Inhalt heraus ist. 

Aber man mufi es noch zu etwas anderem bringen. Wenn man es 
einmal wirklich dazu gebracht hat, so denken zu konnen, dafi man 
den reinen Gedanken erfafk hat, dafi man in seinem Seelenleben ei- 
ne Folge von reinen Gedanken haben kann, dann ist das eigene Ge- 
miit, das subjektive Ich nicht mehr beteiligt. Daher auch das Stren- 
ge, das man fiihlt, wenn man beim reinen Denken angekommen ist. 
Man kann es nicht mehr biegen und brechen, so wie man es subjek- 
tiv haben wollte. Wenn man eine Gedankenfolge so nimmt, wie sie 
zum Beispiel in der «Philosophie der Freiheit» gegeben ist, ist es un- 
moglich, sie anders zu gestalten. Man kann sie nicht in einer beliebi- 
gen Weise meifieln und so weiter, sondern man mu£ sie so in sich 
wachsen lassen wie einen Organismus. Man ist wirklich mit seinem 
Ich unbeteiligt; das Denken selber denkt. Aber dadurch allein wird 
es reif, dafi nun das, was man herausgeleert hat - der eigene Ich- 
Inhalt -, durch ein anderes ersetzt wird: Statt unseres eigenen Ge- 
miitsinhaltes mufi jetzt der Germitsinhalt der Geister der hoheren 
Hierarchien in dieses emotionsfreie Denken hinein. Und wenn Sie 
es dahinbringen, daft Sie aus dem mit Ihren Emotionen angefullten 
Denken nach und nach diesen subjektiven Inhalt herausbringen, 
den ich hier punktiert gezeichnet habe (siehe Seite 88), und nur noch 
die reinen Begriffe als solche haben, dann kann der gottliche Inhalt 
hineinfliefien. Und nun haben Sie den Inhalt von oben. 

Das konnte Swedenborg nicht erreichen. Er brachte seine per- 
sonlichen Emotionen nicht aus dem, was er dachte, heraus, trotz- 
dem er ein grofier Gelehrter war. Er brachte es nicht dahin, dieses 
Denken ganz frei von seinen Emotionen zu haben. Da er nun auf 
den Astralplan aufgestiegen war, so war er mit dem Denken, das 



noch immer in seiner Personlichkeit befangen war, ganz fremd ge- 
geniiberstehend solchen Wesenheiten, die in reinem Denken dach- 
ten: namlich diesen betreffenden Marsbewohnern, die er nicht verste- 
hen konnte. Die sprachen fur ihn in ganz und gar unverstandlichen 
Gebarden. Woher kommt das, was liegt denn da eigentlich zugrun- 
de? Warum war Swedenborg wie mit einer Klammer abgeschlossen 
von der Welt eines hoheren Bewufitseins, warum kam er nicht hin- 
ein in die Welt eines hoheren Bewufkseins? Warum trug er die Art 
des Schauens, die man sonst auf dem physischen Plan hat, in die gei- 
stige Welt hinauf, in der er doch wirklich darinnen war, und warum 
blieben fur ihn die Worte, die Gebardenworte der Geister, die in rei- 
nen Gedanken denken konnten, die ihren subjektiven Gemiitsinhalt 
heraushalten konnten - aus welchem Grunde braucht man dabei 
nicht zu untersuchen, sie konnten ihn eben heraushalten -, warum 
blieben ihm diese unverstandlich? 

Diese Fragen beantworten sich uns, meine lieben Freunde, wenn 
wir fragen: Ja, wie war das denn nun eigentlich bei Swedenborg, was 
trug er denn da auf den astralischen Plan hinauf? Nicht wahr, er hat 
seinen geistigen Menschen nicht ganz aus dem physischen Men- 
schen herausgebracht; denn hatte er ihn herausbekommen, so hatte 
er in der Sphare des hoheren Bewulkseins sein Ich als Objekt ge- 
schaut. Sein Ich wiirde ihm wie ein Erinnerungsobjekt geworden 
sein, so wie die zerbrochenen Topfe in dem Vergleich, den ich vor 
einiger Zeit gebraucht habe. Er konnte sich nicht geniigend von sich 
losreiften. Aber nun ist das gerade das Charakteristische - das ging ja 
auch aus unserer ganzen Auseinandersetzung hervor -, dafi Sweden- 
borg nicht blofi Illusionen sah; er sah nicht blofi Maja, sondern er 
konnte doch zum Beispiel wirklich richtig die objektive Tatsache er- 
kennen, dafi er es mit so und so gearteten Marsbewohnern zu tun 
hatte. Das war ja richtig. Er sah nur die geistige Welt mit Maja- 
Charakter, sozusagen mit einem illusionaren Schleier. Er hatte ja 
wirkliche Marswesen vor sich, er konnte sie nur nicht verstehen, da 
er nun wirkliche geistige Wesen vor sich hatte. 

Nun, meine lieben Freunde, seien Sie nun fur einen Augenblick 
einmal recht schlau, so wie es die meisten derjenigen, die sich hell- 



seherisch entwickeln wollen, nicht sind. Nicht wahr, mit den ge- 
wdhnlichen Sinnen, mit der gewohnlichen Augenkraft konnte Swe- 
denborg diese Wesenheiten, die Marsbewohner sind, nicht sehen; er 
hat sie ja in der geistigen Welt gesehen. Also mit der Augenkraft 
konnte er sie nicht sehen, mit der Ohrenkraft nicht horen, mit all 
den sonstigen Sinneswerkzeugen, auch mit der gewohnlichen Denk- 
fahigkeit konnte er sie nicht erfassen. Denn ich habe Ihnen ausein- 
andergesetzt, da£ diese Denkfahigkeit eigentlich eine alte Monden- 
gabe war, also etwas, was entwickelt war vor der Marskraft ... 
[Liicke im Stenogramm]. Er hatte also unter den bekannten Er- 
kenntniskraften des Menschen keine Kraft, um diese Wesen zu er- 
kennen. So haben wir die eigentiimliche Tatsache vor uns, dafi Swe- 
denborg geistige Wesen vor sich hatte, die er unzweifelhaft erkann- 
te, aber er erkannte sie nicht mit hoheren Kraften; er sah sie mit et- 
was, mit was er sie eigentlich nicht hatte sehen konnen, weil er das 
Bewufksein nicht dazu hatte. Denn die gewohnlichen Bewufkseins- 
krafte des physischen Planes reichen nicht aus, um das zu erklaren, 
was er da sah. Was war es denn dann, womit er gesehen hat? Nun, 
Swedenborg war einfach nicht nur ein grofier Gelehrter, sondern 
auch ein reiner Mensch in seinem Leben; und umgewandelt hatte 
sich in ihm die Kraft, die der Mensch auf dem physischen Plan hat 
und die schon etwas Ahnliches ist wie die hellseherische Kraft, nur 
dafi sie auf dem physischen Plan eine andere Aufgabe hat, als die 
hellseherische Tatigkeit auszuiiben. Wodurch hat nun also Sweden- 
borg gesehen? 

Ja, sehen Sie, Swedenborg hat gesehen mit einer Kraft, die das 
Auftere wahrnimmt, ohne es anzugreifen, ohne es zu beriihren, die 
es wahrnimmt, ohne mit dem Auge zu wirken. Was ist das fur eine 
Kraft? Das ist auf der Erde, auf dem physischen Plan die Kraft, die 
sich im sexuellen Leben, im richtigen sexuellen Leben aufiert; jene 
geheimnisvolle Kraft, die die Menschen in der irdischen Liebe zu- 
sammentreibt, die sich unterscheidet von alien anderen Erkenntnis- 
kraften. Diese Kraft hatte Swedenborg konserviert, aufbewahrt, und 
in einem gewissen Alter wurde sie bei ihm umgewandelt, blieb aber 
gewissermafien sexuelle Kraft. Er sah die geistige Welt durch die se- 



xuelle Kraft. Das heifit, Swedenborgs Hellsehen ist wirklich ein sol- 
ches, dem die umgewandelte sexuelle Kraft zugrunde liegt. 

Daraus werden Sie nun den Schlufi Ziehen konnen, daft dem 
Menschen wahrend seiner Erdenentwickelung eben eine Kraft gege- 
ben ist, die sich wahrend der Erdenentwickelung als Sexualitat aus- 
lebt, die aber einmal in umgewandelter Form auftreten wird, wenn 
sie nicht mehr an das Physische gebunden sein wird. Aber Sie wer- 
den andererseits auch den Schluft daraus ziehen konnen, wie innig 
verwandt diejenigen Krafte sind, die zum bildhaften Hellsehen fuh- 
ren, mit dies en Kraften, die mit den gegenwartig niedersten Trieben 
der Menschennatur zusammenhangen, und wie sozusagen eine 
Sphare da von der anderen Sphare angezogen werden kann. 

Ja, meine lieben Freunde, daraus folgt, daft mit der Hellsichtig- 
keit nicht zu spielen ist. Gewift bezieht sich das, was ich jetzt sage, 
nicht auf die Geisteswissenschaft als solche, aber es bezieht sich auf 
jedes erhaschte, jedes ungerechtfertigt erstrebte und erworbene Hell- 
sehen. Es mufi dies wirklich ernst genommen werden, daft Hellsich- 
tigkeit nicht angestrebt werden soil so, daft bloft die umgewandelte 
Anschauungsform des physischen Planes hinaufgetragen wird, son- 
dern daft eine neue Art der Anschauung fur die hoheren Plane er- 
strebt wird, eine neue Anschauungsweise der geistigen Welt, die 
dann nichts zu tun hat mit der Sexualkraft, denn die ist physisch, die 
ist nur fur den physischen Plan da. Dieselbe Art der Anschauung 
wie im Physischen hinaufzutragen in die geistigen Welten, voraus- 
zusetzen, daft man sagen kann: Ich nehme wahr, wie man auf dem 
physischen Plan wahrnimmt - das bringt in dem Menschen den 
Hang hervor, die Verbindungsbnicke zu schlagen zwischen dem 
Hellsehen und den sexuellen Kraften. 

Man kann sich auf verschiedene Art davor retten, und wir stehen 
jetzt an einem wichtigen Punkte der Menschheitsentwickelung, wo 
man solche Dinge verstehen mufi. Das, was ich Ihnen jetzt gesagt 
habe, ist ja uralte Wahrheit. Die Menschen der Vorzeit haben sich 
auf folgende Weise geschiitzt. Sie haben gesagt: Wenn man den 
Menschen heranbringt an die geistige Welt, so ist zu beachten, daft 
der Mensch schwach ist, daft aber Starke des Charakters, Selbstzucht 



der Seele, Entfernung aller Ziigellosigkeit der seelischen Triebe not- 
wendig ist, um in die geistigen Welten richtig hinaufzukommen. Ja, 
der Mensch ist schwach, wird recht schwachlich, sagten die alten 
Wissenden, daher halte man ihm ferne die Moglichkeit, diese beiden 
Spharen zu mischen. - Nun, wie kann man denn das? Man sperrt 
ihn einfach ab vom anderen Geschlecht, wenn man ihm von wirk- 
lich geistigen Dingen redet, so dafi er zum anderen Geschlecht gar 
nicht hiniiberkommt. Das heifit, man lalk das weibliche Geschlecht 
iiberhaupt nicht teilnehmen an denjenigen Zusammenkiinften, wo 
man von geisteswissenschaftlichen Dingen spricht. Daher der Aus- 
schlufi der Frauen in alteren Zeiten von alien geisteswissenschaftli- 
chen Versammlungen, die man gehalten hat. Dadurch waren die 
Manner davor bewahrt, irgendwie die beiden Spharen miteinander 
zu vermischen; denn sie waren durch ein strenges Gelobnis gebun- 
den, au^erhalb der Loge iiberhaupt nicht zu sprechen von dem, was 
in den Logen vorging. Die Frauen konnten also von der Gemein- 
schaft mit der Geisteswissenschaft nichts anderes haben als die wei- 
fien Handschuhe, die ein bedeutsames Symbol waren fur diesen gan- 
zen Tatbestand. 

Uber diese Zeiten sind wir nun wirklich hinaus, und der Versuch 
sollte unternommen werden, durch solche Bewegungen, wie auch 
unsere geisteswissenschaftliche, diesen Zwang nicht mehr zu brau- 
chen. Dazu gehort aber das ganzliche Freihalten des geistigen Gebie- 
tes von der andern Sphare, auf die hingewiesen worden ist; wirkli- 
ches Freihalten, das heilk, es durfen beide Gebiete nicht miteinander 
vermischt werden. 

Nun haben wir in der letzten Zeit einen Fall furchtbarster Ver- 
mischung gesehen. Das heifit, wir haben gesehen, wie sexuelle Trie- 
be wirkten, die aber in ihrer Auslegung etwas anderes waren. In der 
Auslegung waren es allerlei mystische Dinge, in Wirklichkeit waren 
es sexuelle Triebe. Es ist wichtig, diese Tatsache ganz fest ins Auge 
zu fassen und aus dem Innern heraus zu verstehen, aus der inneren 
Natur des Weltgefiiges zu verstehen. Wirklich nur der hdchste Ernst 
und die hochste Wtirde, die man in dem geistigen Leben sieht, kon- 
nen das Egoistische innerhalb des geistigen Lebens von uns fernhal- 



ten; sobald das egoistische Mystische hineinkommt, ist man nicht 
mehr gerettet davor, die beiden charakterisierten Spharen miteinan- 
der in der iibelsten Weise zu vermischen. 

Ebenso sahen wir, wie bei Swedenborg eine zuriickgehaltene Se- 
xualitat ausfullte dasjenige, was sonst leer gewesen ware, seine Imagi- 
nationen, aber sie nur bis zu einem gewissen Grade ausfullen konn- 
te. Da wo er an Wesen stiefi, die selbst alle ihre Gefuhle herauslassen 
konnten aus ihren Gebarden, da konnte er nicht mehr die Sphare 
ausfullen, weil es nur eine Menschensphare war, die dadurch ent- 
stand, daft er seine Sexualitat ausbreitete iiber seine Imaginationen 
weg. 

So ist gerade Swedenborg ein starkes Beispiel dafiir, was gemie- 
den werden soil auf dem Wege zu den geistigen Welten hin in der 
neueren Zeit. Denn solches Streben, das irgendwelche Ahnlichkeit 
hat mit dem Swedenborgschen, das bringt den Menschen immer in 
Gefahr, daft - wahrend er das Hellsehen anstrebt - die Sexualsphare 
sich regt und die beiden Spharen sich miteinander vermischen. 

Man muft im geisteswissenschaftlichen Zusammenhang von die- 
sen Dingen selbstverstandlich sprechen konnen, meine liebe Freun- 
de. Es ware sehr schlimm, wenn man diese Dinge nicht objektiv wis- 
senschaftlich erortern konnte, denn es ist notwendig fur den, der 
ernstlich strebt, auch die Gefahren dieses Strebens kennenzulernen. 
Daher kommt es auch, dafi unreine Phantasie so leicht verkennen 
kann dasjenige, was als reines Geistesstreben angestrebt wird! Wir 
stehen jetzt an einem sehr, sehr bedeutungsvollen Punkt der geistes- 
wissenschaftlichen Mitteilungen, an einem hochst bedeutungsvollen 
Punkt, und ich wollte gewissermaflen so die Linien zeichnen, die zu 
diesem Punkte fuhren. 

Morgen werde ich um dieselbe Zeit, oder wie es sich eben ergibt, 
das konnen wir noch sagen, wenn wir heute auseinandergehen, diese 
Betrachtungen fortsetzen, aus dem Grunde, weil ich sehr griindlich 
zu Werke gehen mufi, wenn ich iiber diese Dinge zu Ihnen spreche. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach, 15. September 1915 

Episodische Betrachtung liber den Begriff der Liebe 
in seinem Verhaltnis zum Begriff der Mystik 

Meine lieben Freunde! Ich mochte heute noch einiges weitere aus- 
fiihren zu dem Thema, das ja in den Betrachtungen dieser Tage von 
mir angeschlagen worden ist. Heute mochte ich ausgehen von der 
Frage: Wie alt ist eigentlich die Liebe? 

Meine lieben Freunde, ich zweifle nicht daran, dafi wohl die 
weitaus meisten Menschen aus einer gewissen oberflachlichen An- 
schauung der Dinge sogleich antworten werden: Die Liebe ist so alt 
wie die Menschheit. - Aber wer gewohnt ist, aus der Kulturge- 
schichte heraus zu sprechen, die er als mit geistigen Impulsen durch- 
drungen erkennt, der wird Ihnen eine andere Antwort auf diese Fra- 
ge geben, weil er sich bemuht, die Dinge konkret und nicht in allge- 
meinen verschwommenen Begriffen ins Auge zu fassen. Die Liebe, 
meine lieben Freunde, ist hochstens 700 Jahre alt! Lesen Sie die gan- 
ze alte romische, die griechische Literatur und Dichtung, und Sie 
werden nirgends dasjenige finden, was man in der jetzigen Zeit mit 
dem Begriff der Liebe verbindet. Und wenn Sie Plutarch lesen, so 
werden Sie die beiden Begriffe Venus und Amor in sehr charakteri- 
stischer Weise deutlich voneinander unterschieden finden. Die Art 
und Weise, wie die Liebe in der Dichtung, namentlich in der Lyrik 
figuriert, wie sie den Mittelpunkt von soundso vielen lyrischen Er- 
gussen bildet, ist nicht alter als etwa 600 bis 700 Jahre. Das heifit, der 
Begriff von Liebe, mit der Bedeutung, wie sie heute dem Menschen 
gilt, wie man sie ihm heute beibringt, figuriert in den Gemiitern der 
Menschen erst seit 6 bis 7 Jahrhunderten. Friiher hat man nicht - 
auch nicht in annahernd ahnlicher Weise - von diesem Begriff der 
Liebe gesprochen. 

Das darf Sie nicht verwundern, nicht einmal theoretisch, nicht 
einmal erkenntnistheoretisch. Denn der Einwand, dafi die Men- 



schen ja immer Liebe geiibt haben, der gilt nicht. Das ist genau so, 
wie wenn man sagen wiirde, wenn die kopernikanische Weltan- 
schauung richtig ist, dafi die Erde sich um die Sonne bewegt, so hat 
sie sich so doch auch schon wahrend der lateinischen, griechischen, 
agyptischen Zeit, ja solange die Erde steht, bewegt. - Ja, gewifi, aber 
gesprochen haben die Leute nicht von der kopernikanischen Weltan- 
schauung. Der Einwand gilt also nicht, dafi dasjenige, was im Liebe- 
Begriff ausgedriickt ist, schon friiher, bevor der Liebe-Begriff selber 
da war, bestanden hat. Es bildeten eben die Erscheinungen, die Tat- 
sachen der Liebe einen Komplex von Lebenstatsachen, aber man 
sprach dariiber nicht. Aber in den vergangenen 600 bis 700 Jahren 
hat man es darin weit gebracht. Man hat es nicht nur dazu gebracht, 
dafi die Liebe fur viele heute als der Mittelpunkt alles Lebens gilt - 
ich meine jetzt in der Weltanschauung -, sondern man hat es sogar 
dazu gebracht, dafi es heute eine wissenschaftliche Theorie, die psy- 
choanalytische gibt, die, wie ich Ihnen gezeigt habe, ganz und gar in 
den ordinarsten Liebesbegriffen «platschert». Das ist der Gang der 
Entwickelung, gegen den wir uns, meine lieben Freunde, aufzuleh- 
nen haben, den wir in etwas anderes zu wandeln haben dadurch, dafi 
wir die geisteswissenschaftliche Weltanschauung pflegen. 

Ich wiirde mich eigentlich wundern, wenn viele oder alle unter 
Ihnen wirklich verwundert waren iiber den Ausspruch, dafi der Be- 
griff der Liebe erst 600 bis 700 Jahre alt ist, denn manche von Ihnen 
konnten wissen, dafi ich auch in friiheren Vortragen dieselben Din- 
ge ausgesprochen und ganz historisch charakterisiert habe. 

Nun, jenes Naheriicken des Begriffes der Liebe an alle moglichen 
Weltanschauungsbegriffe, wie das so abstofiend in der psychoanaly- 
tischen Weltanschauung hervortritt, das hat sich eben im Laufe der 
letzten Jahrhunderte langsam und allmahlich herangebildet, und wir 
wiirden lange zu tun haben, um diesen Dingen so recht auf den 
Grund zu kommen. Aber durch einige Betrachtungen, die ich ein- 
mal wie episodisch, wie aphoristisch anstellen werde, mochte ich 
Ihnen doch auf den Weg verhelfen. 

Nehmen Sie zum Beispiel einen Geist der heutigen Zeit, der so 
ganz in den Kulturbegriffen der heutigen Zeit darinnensteckt, davon 



ganz durchtrankt ist, der mit anderen Worten iiber die vermeintli- 
che Erkenntnis nicht hinwegkommt, dafi das aufiere, das sinnlich- 
physisch Reale doch das Einzige ist, wovon man vernunftigerweise 
sprechen kann. Ich habe Ihnen einen sehr ehrlichen Typus dieser 
Leute schon vorgefuhrt in Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache 
und Verfasser eines philosophischen Worterbuches. 

Sehen Sie, ein solcher Mensch ist in einer eigentiimlichen Lage. 
Fritz Mauthner ist Kritiker der Sprache; er weifi daher, dalS es we- 
nigstens das Wort «Mystik» in der Menschheitsentwickelung immer 
gegeben hat. Und da er Kritiker der Sprache ist, will er eine Ant- 
wort haben auf die Frage: Was steckt denn eigentlich hinter diesem 
Wort «Mystik», hinter den mystischen Bestrebungen? 

Nun bedenken Sie einmal, meine lieben Freunde, wie wir uns 
durch eine reiche Literatur hindurch bemuhen miissen, urn dahinter 
zu kommen, wie jene Beziehung der menschlichen Seele zu den 
iiberirdischen Welten ist, die verdient, mit dem Wort «Mystik» cha- 
rakterisiert zu werden. Bedenken Sie, wie ernst und wiirdig wir es 
mit solchen Auseinandersetzungen nehmen miissen, wie die sind in 
dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», 
um Einsicht zu bekommen, wie die Seele sich stimmen rau£, um 
den hoheren Welten so gegeniiberzustehen, dafi man sagen kann: 
Die betreffende Seele ist die eines Mystikers, eines Menschen, der 
seine Vereinigung gefunden hat mit dem, was geistig die hoheren 
Welten durchpulst und durchwellt. Also das raufi man sich erst ver- 
schaffen, in das mufi man sich erst hineinleben. Und eigentlich kann 
heute nur jemand wissen, was Mystik im Sinne der Gegenwart ist, 
der wirklich solche Erwagungen angestellt hat, wie sie in dem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» ausgespro- 
chen sind, also der dieses Buch wenigstens mit Aufmerksamkeit 
einige Male durchstudiert hat. 

Wenn nun ein Mann wie Fritz Mauthner solch ein Buch wie 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» in die Hand 
bekommt, so ist es fur ihn selbstverstandlich der barste Unsinn, 
denn er kann ja darin nichts lesen als Worte. Und er hat recht - er ist 
ja ehrlich -, wenn er Swedenborg gelesen hat und sagt: Der Sweden- 



borg redet von Marsbewohnern, die ihre inneren Impulse verbergen 
konnen - ich kann davon gar nichts verstehen. - Ebenso konnte er 
auch sagen: Wahrhaftig, wenn ich ein solches Buch lese wie «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», so ist da fur mich 
darin aber auch gar nichts zu finden; es konnte sein, daft Engel es 
verstehen konnten, aber ich kann es nicht verstehen. - So kann man 
urteilen, und ich bin iiberzeugt, daft Fritz Mauthner dieses Urteil als 
ehrlicher Mann fallen konnte. Man mufi einsehen, daft er ehrlicher- 
weise, wenn er bei der Wahrheit bleibt, ein solches Urteil schlieftlich 
fallen mufl, denn fur ihn entfallt der Begriff der Mystik ganz und 
gar; fur ihn ist nichts dahinter. Was in der «Theosophie» oder in 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» ausgefiihrt 
ist, das ist fur ihn alles nur Worte, Worte, Worte. Und wenn er auf 
seine Art ein faustisches Streben hat, so sagt er: Ich suche alle Wir- 
kenskraft und Samen in der physischen aufteren Welt und will nicht 
in Worten kramen. - In seiner Art ist das ganz richtig. 

Aber nun ist er nicht nur ehrlich, sondern auch griindlich, und 
so sagt er sich: Sollten die Menschen wirklich niemals in ihrer Seele 
so etwas gehabt haben wie Mystik? Sie haben doch immer von My- 
stik gesprochen. Also was ist denn in der Seele des Menschen, was 
ihn dazu verfiihrt hat, von Mystik zu sprechen? 

Sehen Sie, ich habe einmal als ganz junger Mann einen Theolo- 
gen gekannt - er ist jetzt schon tot -, der war ein hervorragender 
Theologe und auch ein philosophisch ganz durchgebildeter Mensch, 
der hat m
…[truncated]