Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewusstseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Erdensterben und Weltenleben 

Anthroposophische Lebensgaben 

Bewufitseins-Notwendigkeiten 
fur Gegenwart und Zukunft 



Einundzwanzig Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 22. Januar bis 6. August 1918 



1991 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Paul Jenny, 
die der 3. Auflage R. Friedenthal und S. Lotscher 



1. Auflage (Zyklus 48, 49, 50), Berlin 1922 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Bibliographie-Nr. 181 

Zeichen auf dem Einband von Assja Turgenieff nach einem Motiv Rudolf Steiners 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Kooperative Diirnau, Diirnau 

ISBN 3-7274-1810-9 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mulS gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gema£ 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INH ALT 



(Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 469 ff.) 



ERDENSTERBEN UND WELTENLEBEN 

Erster Vortrag, Berlin, 22. Januar 1918 11 

Das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zu den Aufgaben der Zeit 

Zweiter Vortrag, 29. Januar 1918 . 29 

Die aufiere menschliche Gestalt und das innere Wesen des Menschen 

Dritter Vortrag, 5. Februar 1918 50 

Die Bedeutung von Wachen und Schlafen im Menschenleben. Uber 
das Zusammensein der Lebenden mit den Toten. 

Vierter Vortrag, 5. Marz 1918 68 

Die Verbindung der Lebenden mit den Toten. Wirklichkeitsgemafies 
Denken 

Funfter Vortrag, 12. Marz 1918 88 

Vom Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt. Schicksal 
und Unterbewufksein 

Sechster Vortrag, 19. Marz 1918 106 

Gemeinsamkeitsgefiihl und Dankbarkeitsempfinden, eine Briicke zu 
den Toten 

Siebenter Vortrag, 26. Marz 1918 125 

Vertrauen zum Leben und seelische Verjiingung, eine Briicke zu den 
Toten 

ANTHROPOSOPHISCHE LEBENSGABEN 

Achter Vortrag, Berlin, 30. Marz 1918 145 

Die Volkerseelen und das Mysterium von Golgatha 

Neunter Vortrag, 1. April 1918 162 

Die Relativitat der Erkenntnis und geistige Kosmologie . 



Zehnter Vortrag, 2. April 1918 180 

Gedanken iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt 

Elfter Vortrag, 9. April 1918 202 

Das Ewige und das Unvergangliche 

Zwolfter Vortrag, 16. April 1918 217 

Gedanken iiber Leben und Tod 

Dreizehnter Vortrag, 14. Mai 1918 235 

Geisteswissenschaft, Lebenspraxis und Seelenbestimmungen 

Vierzehnter Vortrag, 21. Mai 1918 256 

Pfingstvortrag 

BEWUSSTSEINS-NOTWENDIGKEITEN 
FUR GEGENWART UND ZUKUNFT 

Funfzehnter Vortrag, Berlin, 25. Juni 1918 279 

Bewufitseinszustande 

Sechzehnter Vortrag, 3. Juli 1918 296 

Der Dornacher Bau 

Siebzehnter Vortrag, 9. Juli 1918 320 

Osten und Westen 

ACHTZEHNTER VORTRAG, 16. Juli 1918 339 

Geschichte und wiederholte Erdenleben 

Neunzehnter Vortrag, 23. Juli 1918 359 

Menschenwesen und Menschenentwickelung 

Zwanzigster Vortrag, 30. Juli 1918 383 

Zeitprobleme I 

Einundzwanzigster Vortrag, 6. August 1918 408 

Zeitprobleme II 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 433 

Hinweise zum Text 434 

Textanderungen 1991 gegeniiber der Ausgabe von 1967 .... 461 

Namenregister 465 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 469 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 477 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 479 



ERDENSTERBEN 

UND 
WELTENLEBEN 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 22.Januar 1918 



Meine lieben Freunde, ich brauche wohl nicht zu sagen, daB es mir eine 
groBe Freude sein muB, daB ich in dieser schweren, priifungsreichen 
Zeit wieder hier mit Ihnen zusammen sein darf. Und da wir jetzt hier 
nach langer Zeit zum ersten Male wieder uns iiber Gegenstande der 
Geisteswissenschaft besprechen konnen, so wird es uns besonders 
naheliegen, in dieser schweren Zeit zu gedenken, wie Geisteswissen- 
schaft fern sein soli davon, bloBe Theorie zu sein, wie sie vielmehr 
sein soli ein substantieller, fester Halt, der da zusammenbindet die 
Seelen der Menschen, zusammenbindet nicht nur die Seelen derjenigen 
Menschen, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern mit diesen 
auch die Seelen derjenigen, die in den geistigen Welten leben. Dies 
liegt uns so nahe, besonders in dieser Zeit, da ungezahlte Seelen den 
physischen Plan verlassen haben unter Umstanden, von denen wir so 
oft gesprochen haben, in dieser Zeit, da so viele Seelen drauBen den 
schwersten Priifungen, die vielleicht die Weltgeschichte bisher iiber- 
haupt Menschen auferlegt hat, ausgesetzt sind. Absehend von den 
allgemeinen Vorstellungen, welche durch unsere Seelen am Beginne 
dieser Vortrage hier und an andern Orten fliefien, sei es heute einmal 
in individueller Form versucht, unsere Gefiihle, unsere Empfindungen 
hinzulenken zu denjenigen, die drauBen stehen, wie auch zu den- 
jenigen, die schon in dieser Ereignisse Folge durch des Todes Pforte 
gegangen sind. 

Die Ihr wachet iiber Erdenseelen, 

Die Ihr webet an den Erdenseelen, 

Geister, die Ihr iiber Menschenseelen schiitzend 

Aus der Weltenweisheit liebend wirkt, 

Horet unsre Bitte, 

Schauet unsre Liebe, 

Die mit Euren helfenden Kraftestrahlen 

Sich einen mochten 

Geist-ergeben, Liebe sendend! 



Und mit Bezug auf die, welche in dieser Zeit bereits durch die Todes- 
pforte gegangen sind : 

Die Ihr wachet iiber Spharenseelen, 

Die Ihr webet an den Spharenseelen, 

Geister, die Ihr iiber Seelenmenschen schiitzend 

Aus der Weltenweisheit liebend wirkt, 

Horet unsre Bitte, 

Schauet unsre Liebe, 

Die mit Euren helfenden Kraftestromen 

Sich einen mochten 

Geist-erahnend, Liebe strahlend! 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch die Jahre schon 
durch die von uns angestrebte Geist-Erkenntnis, der zu der Erde Heil, 
zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium 
von Golgatha gehen wollte, Er sei mit Euch und Euren schweren 
Pflichten ! 



Die vorangehenden Gedenkworte wurden wahrend des Krieges in dieser oder ahn- 
licher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen 
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Landern gesprochen. 



Vielleicht wird die schwere Zeit der Priifungen, in denen die 
Menschheit steht, doch eine solche sein, welche immer mehr und mehr 
die Bedeutung geistiger Vertiefung den Menschenseelen nahelegt; 
dann wird diese schwere Zeit der Priifungen nicht umsonst an dieser 
Gegenwart und fur die Zukunft fur die Menschheit voriibergegangen 
sein. Man hat nur heute das Gefiihl - und diese Dinge werden ja nicht 
ausgesprochen, um irgendeine Kritik zu iiben an irgend jemandem, 
sondern gerade um zu appellieren an die rechten und richtigen Ge- 
fuhle man hat das Gefiihl, daB die Zeit noch nicht gekommen ist, 
in der die Menschen von der Schwere der gegenwartigen Zeitereig- 
nisse geniigend gelernt haben. Man hat das Gefiihl, daB immer noch 
deutlicher und deutlicher aus dem Geiste der Zeit heraus zu den 
Menschenseelen, zu den Menschenherzen gesprochen werden muB. 
Denn es sind ja nicht Menschenstimmen allein, die heute sprechen 
konnen; es sind die Stimmen, die geheimnisvoll herausklingen aus den 
schwerwiegenden und auBer ihrem Schwerwiegenden so bedeutungs- 
vollen Tatsachen. 

Es steht mir das Ganze, das ich heute, ich mochte sagen, wie stam- 
melnciund ungeniigend zu Ihnen sprechen kann, insbesondere deshalb 
vor Augen, weil mir die diesmalige schweizerische Reise gar manches 
gerade mit Bezug auf das Verhaltnis unserer Geistesbewegung zu den 
Aufgaben der Zeit gezeigt hat. Wer jenen Vortragszyklus aufmerksam 
gelesen hat, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe iiber die 
Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt 
und iiber dasjenige, was dort an Beziehungen zum menschlichen 
Leben iiberhaupt auseinandergesetzt werden konnte, der weiB, wie 
damals vor dem Kriege auf die tieferen Ursachen, die tieferen Grund- 
lagen der nachher so furchtbar sich auslebenden Zeitereignisse hin- 
gewiesen worden ist. Und man darf sagen, alles was man so zwischen 
den Zeilen des Lebens jetzt erfahren kann, ist eigentlich nach auBen 
hin als ein lebendiger Beweis fur die Richtigkeit des damals Gesagten 
aufzufassen. Mit einem radikalen Wort wurde damals, ich mochte 
sagen, die allgemeine Krankheit der Zeit bezeichnet, wie Sie wissen. 
Man merkt schon hie und da, daB nun einiges von den groBen Ereig- 
nissen gelernt worden ist. Allein, man merkt andererseits auch klar 



und deutlich, gerade wenn man Einzelheiten scheinbar unbedeutender 
Dinge im Zusammenhange betrachtet, wie unbeweglich im Laufe der 
letzten Jahrhunderte das menschliche Denken auf dem physischen 
Plan geworden ist, wie langsam die Menschen in irgendwelche Ent- 
schlusse, in irgendwelche MaBnahmen, die sie treffen sollen, hinein- 
kommen. Ich mdchte heute einleitungsweise von einigem zu Ihnen 
sprechen, das gerade im Laufe dieser Schweizer Reise erlebt werden 
konnte, weil es, wie mich diinkt, notwendig ist, daB diejenigen, die 
sich fur unsere Bewegung interessieren, auch im Bilde ihres ganzen 
Zusammenhanges ein wenig drinnenstehen konnen. Nur einzelnes 
aber, aphoristisch, soli vorgebracht werden. 

Als ein besonders befriedigendes Ereignis durfte es betrachtet wer- 
den, daB wahrend meiner diesmaligen Anwesenheit in der Schweiz 
sich aus den Kreisen j lingerer Akademiker der Ziircher Hochschule 
Leute gefunden haben, die einen Vortragszyklus von mir in Zurich 
gerade so gestalten wollten, daB er die Faden zieht zu den verschiede- 
nen akademischen Wissenschaften. Ich habe dann vier Vortrage in 
Zurich gehalten, von denen der erste das Verhaltnis der anthropo- 
sophischen Geisteswissenschaft zur Psychologie, zur Seelenwissen- 
schaft behandelte, der zweite das Verhaltnis dieser Geisteswissenschaft 
zur Geschichte, der dritte das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zur 
Naturwissenschaft, und der vierte ihr Verhaltnis zur Sozialwissen- 
schaft, zu den groBen sozialen, juristischen Volkerproblemen unserer 
Zeit. Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man - zwar selbstverstand- 
lich in weitem Abstande von demjenigen, was man gerne wiinschen 
mochte - damals doch ein gewisses Interesse fur dieses Fadenziehen 
zu den akademischen Wissenschaften sehen konnte. Es konnte 
ja gezeigt werden, daB die akademischen Wissenschaften iiberall 
auf diejenige Erganzung warten, man konnte auch sagen, auf die- 
jenige Erfiillung warten, die nur von seiten der anthroposophisch 
orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, und daB die Teil- 
wissenschaften der Gegenwart Halbheiten, vielleicht sogar Viertel- 
heiten bleiben, wenn sie diese Erganzung nicht haben konnen. Nir- 
gends, wo es mir gestattet war, in der Schweiz Vortrage zu halten, 
habe ich versaumt, iiberall durchblicken zu lassen, was eigentlich 



nach dieser Richtung hin unserer Gegenwart fehlt, und was diese 
unsere Gegenwart erlangen muB, um es den Tendenzen, die sie in eine 
richtige Zukunft hinuberfuhren, einzuverleiben. Man kann sagen, daB 
man immerhin empfinden konnte, daB, nachdem in der Schweiz an- 
fanglich ein starker, kudos starker Widerstand gegen unsere Be- 
strebungen vorhanden war, in der letzten Zeit allmahlich - und gewiB 
ist der Widerstand nicht geringer geworden, ist sogar starker ge- 
worden - neben dem Widerstande sich ein regeres Interesse ent- 
wickelte; und es konnte schon sein, da ja das Karma unseren Bau in 
die Schweiz gebracht hat, daB gerade das Wirken in diesem Lande 
eine groBe Bedeutung haben konnte. Insbesondere wenn es so ge- 
staltet wird, wie ich mich bemiihte, es zu gestalten : daB unser Wirken 
Zeugnis ablegt auch zugleich fur jene Quellen geisteswissenschaft- 
licher Forschungen, die in vieler Beziehung leider ungehoben und 
unbeachtet gerade im deutschen Geistesleben verborgen sind. Dies ist 
ein Gefiihl, das einen heute auf der einen Seite sogar mit einer gewissen 
Wehmut und in tragischer Weise beriihrt, auf der andern Seite auch 
gewiB mit tiefer Befriedigung. Man kann ja sagen: Wer das ganze 
Gewicht der Tatsache ins Auge faBt, daB mit allem iibrigen auch 
dieses deutsche Geistesleben gegenwartig von vierFiinfteln der Welt - 
wie sie sich selbst bnisten - verketzert, wirklich verketzert wird, wer 
sich das ganze Schwerwiegende dieser Tatsache vor Augen halt - 
was man nicht immer tut -, der wird auf der einen Seite wehmutige, 
auf der andern Seite befriedigende Hoffnungen darauf setzen konnen, 
daB vielleicht gerade von seiten der anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft auch nach dem AuBen der Welt wieder die Mog- 
lichkeit geboten sein wird, diesem deutschen Geistesleben jene Stimme 
zu verschaffen, die es haben muB, wenn nicht der Entwickelung der 
Erde Schaden geschehen soil. Man findet und wird immer finden die 
Moglichkeit, zu alien Menschen, ohne Unterschied der Nationalist, 
zu sprechen, wenn man den Menschen im wahren Sinne vom Geist 
spricht, das heiBt, wenn man von den wahren Quellen des Geistes- 
lebens zu ihnen spricht. 

Wehmiitig konnte es auch stimmen, daB, indem man auf der einen 
Seite sieht, daB diese geisteswissenschaftlichen Bestrebungen einigen 



Boden gewinnen, auf der andern Seite deutlich zutage tritt, wie auch 
ein solches Land wie die Schweiz es immer schwieriger und schwieri- 
ger hat, sich noch aufrecht2uerhalten gegeniiber dem, was heute an- 
sturmt. Es ist nicht leicht, gegeniiber dem Druck von vier Fiinfteln 
der Welt sich irgendein freies Urteil zu gestalten; und es ist nicht 
leicht, selbst die Worte zu finden, um in einem solchen Lande - das 
zwar ein neutrales ist, in dem aber die vier Funftel der Welt doch eine 
bedeutende Rolle spielen - alles das zu sagen, was gesagt werden muB. 
Die Verhaltnisse der Welt haben sich eben sehr zugespitzt. 

Nun kommt uns auf diesem Boden allerdings zugute, daB das bloBe 
Wort, die bloBe Lehre dort gerade unterstutzt wird durch die Formen 
und Schopfungen unseres Dornacher Baues, der ja auch vor das auBere 
Auge das hinstellt, was unsere Geisteswissenschaft will, und damit 
zeigen kann, daB diese Geisteswissenschaft schon da, wo man sie ins 
praktische Leben eingreifen laBt, wo man sie nicht brutal zuriickweist, 
fahig ist, das Leben, das in der Gegenwart so groBe Anforderungen 
an den Menschen stellt, zu meistern und zu handhaben. 

Wenn man heute iiber das Verhaltnis zwischen der anthroposo- 
phisch orientierten Geisteswissenschaft und dem andern Wissen und 
Wollen der Welt spricht, so handelt es sich ja darum, daB man wirklich 
ganz neue, ungewohnte Vorstellungen an die Menschen heranbringen 
muB. Die Menschen sind im allgemeinen in den Untergriinden ihres 
BewuBtseins ganz dunkel davon iiberzeugt, daB von da oder dort 
irgend etwas Neues kommen miisse. Aber sie sind auch unerhort un- 
elastisch in bezug auf ihr Denken, unerhort langsam im Aufnehmen. 
Man kann schon sagen: Ein Grundzug ist in unserer schnellebigen 
Zeit der, daB die Menschen so furchtbar langsam denken. In Kleinig- 
keiten tritt einem das entgegen. In Zurich ist es zustande gekommen, 
daB die Faden anthroposophischer Geisteswissenschaft zu den akade- 
mischen Wis sens chaften gezogen werden konnten. In Basel habe ich 
offentlich friiher gesprochen als in Zurich. Kurze Zeit, bevor ich von 
der Schweiz wieder abreisen muBte, kam auch von Basel die Auf- 
forderung an mich heran, ganz innerhalb eines akademischen Zu- 
sammenhanges iiber die Beziehungen der anthroposophischen Geistes- 
wissenschaft zu den andern Wissenschaften zu sprechen. Aber es war 



natiirlich zu spat, so daB der Sache nicht mehr nahergetreten werden 
konnte. - Ich erwahne dies aus zwei Griinden: erstens, weil es eine 
groBe Wichtigkeit gehabt hatte, unmittelbar in einem nur der akade- 
mischen Wissenschaft gewidmeten Raume, veranstaltet von der Basler 
Studentenschaft, von unserer Geisteswissenschaft zu sprechen; auf 
der andern Seite erwahne ich es deshalb, weil die Leute so langsam 
waren, daB sie erst vor ToresschluB kamen. Es ist ein Charakteristikon, 
daB die Menschen immer vor ToresschluB sich zu dem entschlieBen, 
wozu Elastizitat des Denkens, die Fahigkeit, schnell aufzunehmen, 
friiher fiihren konnte. Es ist ja notwendig, diese Dinge unter uns zu 
besprechen, damit wir uns nach ihnen richten konnen. Man braucht 
heute nur eines dieser Themen ins Auge zu fassen, von denen ich in 
der letzten Zeit gesprochen habe, so wird man das Bedeutsame, das zu 
geschehen hat, schon sehen. 

Ich habe in Zurich unter anderem auch gesprochen iiber die Faden, 
die zu ziehen sind zwischen der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft und der Geschichtswissenschaft, dem geschichtlichen 
Leben der Menschheit. Wir haben ja heute eine Geschichte. Sie wird 
gelehrt, wird gelehrt den Kindern, wird gelehrt den Akademikern. 
Aber was ist diese Geschichte? Sie ist etwas, was nicht einmal eine 
Ahnung hat von den Kraften, die im geschichtlichen Leben der 
Menschheit walten, aus dem einfachen Grunde, weil das ganze intellek- 
tuelle Leben von heute darauf ausgeht, den Verstand des Menschen 
in Bewegung zu setzen; die gewohnlichen, sogenannten vollbewuBten 
Begriffe und Ideen in Bewegung zu setzen und von da aus alles zu ver- 
stehen. 

Ja, so kann man die auBere sinnenfallige Natur verstehen, so 
kann man jenes Denken verstehen, das so groBe Triumphe auf dem 
naturwissenschaftlichen Felde erlebte; aber indem man dieses Denken 
auf die Geschichte anwandte, hat man die Geschichte zu einer Natur- 
wissenschaft machen wollen. Man hat sich im 19. Jahrhundert bemuht, 
die Geschichte so zu betrachten, wie man in der Naturwissenschaft die 
sinnenfalligen Dinge betrachtet. Das ist jedoch eine Unmoglichkeit, 
aus dem einfachen Grunde, weil die geschichtlichen Tatsachen zum 
Leben in einem ganz andern Verhaltnisse stehen als die naturwissen- 



schaftlichen. Was halten die Menschen im geschichtlichen Leben sich 
vor Augen? Welches sind die geschichtlichen Impulse? 

Wer da glaubt, die geschichtlichen Impulse mit jenem Verstande 
auffassen zu konnen, der in der Naturwissenschaft ganz gut an- 
gewendet werden kann, der trifft nie die geschichtlichen Impulse, 
denn diese wirken in der menschlichen Entwickelung so wie die 
Traume in unserem eigenen Traumleben. Die geschichtlichen Impulse 
wirken nicht herein in das gewohnliche BewuBtsein, mit dem wir den 
Alltag oder die Naturwissenschaft beherrschen; sondern was in der 
Geschichte geschieht, das wirkt als solche Impulse, wie das, was nur 
in unser Traumleben hereinspielt. Man kann sagen, geschichtliches 
Werden ist ein groBer Traum der Menschheit. Aber was in die Traume 
hineinspielt als hinhuschende Bilder, es wird klar und deutlich in den 
Imaginationen der Geisteswissenschaft. Daher gibt es keine Ge- 
schichte, die nicht eine Geisteswissenschaft ist; und die Geschichte, die 
heute gelehrt wird, ist keine Geschichte. 

Herman Grimm ist es aufgefallen, daB der Geschichtsschreiber 
Gibbon, als er die ersten Zeiten der christlichen Zeitrechnung schildert, 
nur den Untergang des Romischen Reiches schildert, nicht das all- 
mahliche Heraufkommen des Christentums, sein Wachsen und Ge- 
deihen. Aber Herman Grimm wuBte natiirlich den Grund nicht, wes- 
halb ein guter Geschichtsschreiber jedenfalls einen Verfall gut schil- 
dern kann, nicht aber ein Wachsen und Werden. Der Grund ist der, 
daB auf die Art, wie man heute geschichtlich begreifen will, nur das 
begriffen werden kann, was zugrunde geht, nicht das, was wird, nicht 
das, was wachst. Das lebt in die Menschenentwickelung sich so hin- 
ein, wie sich sonst Traume in das individuelle Leben hineinleben. 
Daher kann es nur von dem geschildert werden, der Imaginationen 
haben kann. Und wer nicht Imaginationen haben kann, der mag ein 
Ranke, der mag ein Lamprecht sein : er schildert nur den Leichnam der 
Geschichte, nicht das Wirkliche des geschichtlichen Werdens. Denn 
die Impulse des geschichtlichen Werdens werden vom BewuBtsein 
nur getraumt; und versucht es das gewohnliche BewuBtsein, das, was 
geschichtlich wird, aufzufassen, so kann es dies nur auffassen, wenn 
es schon im UnterbewuBtsein ist. 



Auch die neuere Zeit bietet uns interessante Beispiele dafiir. Wer 
diese neuere Zeit verfolgte, hat gesehen, wie in den letzten Jahr- 
zehnten das Interesse der Menschen fur groBe Fragen des Welt- 
zusammenhanges mehr oder weniger ganz erstorben oder verakademi- 
siert worden ist - was fast gleichbedeutend mit Ersterben ist -, ver- 
schulmaBigt worden ist, ja, verschulmaBigt worden ist. Es ist ein 
tiefer Zusammenhang zwischen dem VerschulmaBigen der Zeit und 
der Tatsache, daB ein Schulmeister gegenwartig an der Spitze der be- 
deutendsten Republik die Parole fur die Menschheit ausgeben will. - 
Wenn man sich fragt: Wo war in den letzten Jahrzehnten Sinn fur 
groBe Menschheitszusammenhange, fur Ideen, welche, man mochte 
sagen, eine Art religiosen Charakter hatten, wenn auch einen brutal 
religiosen Charakter, wahrend alles andere mehr oder weniger im 
Sterben war, wo war so etwas ? - so kann man doch sagen, wenn man 
die Verhaltnisse richtig durchschaut: Es war beim Sozialismus. - Da 
waren Ideen, aber Ideen, die sich niemals auf das geistige Leben 
richteten, die sich nur auf das brutal materielle Leben richteten. Aber 
es stand leider diesen Ideen keine andere Welt von Ideen gegeniiber. 
Kennt man nun das, was da an Ideen des Sozialismus an die Ober- 
flache getreten ist, so findet man: Es sind gewissermaBen geschicht- 
liche Ideen, es sind Traume der Menschheit. Aber was fur Traume? 
Man muB einen Sinn haben fur dieses Getraumtwerden der geschicht- 
lichen Ereignisse der Menschheit. Ich versuchte es in den Vortragen 
in der Schweiz in der Weise den Leuten klarzumachen, daB ich sagte : 
Man versuche nur einmal, diejenigen Leute, die sehr gescheit sind, 
die aber gar nicht Verstandnis haben fur das, was ich jetzt Traum- 
impulse nenne, zu lenkenden und fiihrenden Personlichkeiten zu 
machen; man wird sehen, wie weit man kommt. - Man versuche es 
nur einmal damit, die Frage praktisch zu beantworten : Wie kann man 
ein Gemeinwesen - so sagte ich, auch im offentlichen Vortrage - so 
schnell als moglich systematisch zugrunde richten? - Man ordne die 
Sache so an, daB man ein Parlament liber dieses Gemeinwesen setzt 
und in dieses Parlament lauter Gelehrte und Professoren hineinbringt : 
das ist ein sicheres Mittel, um ein Gemeinwesen systematisch zu- 
grunde zu richten. Es brauchen nicht angestellte Professoren zu sein, es 



konnen auch sozialistische Fiihrer sein, unter denen ja die Bewegung 
gemigend Professoren hat. Man muB fur solche Dinge eine Emp- 
findung haben, dann wird man sich sagen: Wie ist eigentlich diese 
ganze umfassende Theorie des Sozialismus gekommen? Wollte man 
die sozialistischen Theorien - vielleicht wird die Menschheit heute 
einen traurigen Beweis dafiir im Osten erleben konnen, wenn sie 
nicht fruher auf hort und versucht, sie weiterzufuhren ~ in die Wirk- 
lichkeit uberfuhren, so wiirden sie nur zerstoren konnen. Wie ist 
es gekommen, daft diese sozialistischen Ideen in den Kopfen der 
Menschen Platz gegriffen haben? Was sind sie eigentlich, diese 
Theorien? 

Wer dies wissen will, der muB von innen heraus die Geschichte der 
vier letzten Jahrhunderte kennen, insbesondere aber die des 18. und 
des 19. Jahrhunderts. Er muB wissen, daB das, was Geschichte der 
letzten vier Jahrhunderte ist, etwas ganz anderes ist als dasjenige, was 
in den Geschichtsbiichern stent; er muB wissen, daB die Geschichte 
der vier letzten Jahrhunderte, und namentlich die der zwei letzten, wirk- 
lich ein Bild menschlicher Klassen- und Standeskampfe ist. Und 
Karl Marx zum Beispiel hat nichts anderes getan als dasjenige, was die 
Menschheit im Laufe der vier oder der zwei letzten Jahrhunderte 
getraumt hat, was wirklich da war, was aber jetzt ausgetraumt ist und 
einer neuen Zeit Platz machen muB, in dem Moment, als es schon aus- 
getraumt war, als Theorie aufzustellen. Der Sozialismus, der in seinen 
Theorien aufgestellt wurde in dem Augenblick, als die Tatsache 
bereits vertraumt war, zeigt, daB der Verstand das schon Zugrunde- 
gegangene, das schon Leichnam Gewordene braucht, wenn er sich 
mit denjenigen Erkenntnismitteln an die Sache macht, die zum Bei- 
spiel in der Naturwissenschaft ganz gut gelten konnen. Man wird 
gerade aus solchen Erkenntnissen heraus einsehen miissen, daB jetzt 
die Welt an einem Zeitenwendepunkte wirklich steht, wo sie in der 
Auffassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit - und die 
Gegenwart ist ja auch geschichtlich geworden, und wenn man in die 
Zukunft hineinlebt, lebt man auch in geschichtliches Werden hinein - 
umlernen muB ; man wird einsehen miissen, daB dieses geschichtliche 
Werden nicht anders zu verstehen ist, als daB man es geisteswissen- 



schaftlich versteht. Man bekommt ja nicht einmal ein richtiges Bild 
der allerjiingsten Ereignisse, wenn man die Geisteswissenschaft auBer 
acht laBt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das ich in der letzten Zeit 
ofter angefuhrt habe. 

Ein wichtiges Ereignis, das zwischen den Zeilen des europaischen 
Lebens im Mittelalter sich zugetragen hat - wir sind ja hier unter uns, 
konnen daher solche Sachen sagen, trotzdem die drauBen stehende 
Menschheit ofter uber derartiges lacht; aber sie wird nicht immer 
lachen ist dasjenige, daB im Laufe des Mittelalters die Kunde, das 
Wissen vom westlichen Weltteil der europaischen Menschheit ver- 
lorengegangen ist. Es waren ja immer Verbindungen vorhanden, be- 
sonders zwischen Irland und England und demjenigen Gebiete, das 
man heute Amerika nennt. Von Irland und England aus sind immer 
gewisse Verbindungen nach Westen gepflogen worden, und erst in 
dem Jahrhunderte, in dem dann die sogenannte Entdeckung Amerikas 
erfolgt ist, ist noch durch eine papstliche Urkunde verboten worden, 
sich mit Amerika zu beschaftigen. Naturlich hat es damals nicht 
« Amerika » geheiBen. Der Zusammenhang mit Amerika ist eigentlich 
erst in dem Zeitpunkt geschwunden, als die sogenannte Entdeckung 
Amerikas durch die Spanier erfolgt ist ; aber die auBere Geschichte ist 
so undeutlich, daB eigentlich heute die Menschen das Gefiihl haben, 
man habe in Europa vor dem Jahre 1492 Amerika iiberhaupt nicht 
gekannt. Das glauben ja fast alle Leute. Und ahnliche Tatsachen, 
welche die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus geltend 
machen muBte, konnten viele angefuhrt werden. Wir stehen heute 
eben vor einem Zeitenwendepunkt, in dem gerade das geschichtliche 
Leben unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft betrachtet 
werden muB. Man wird nun vielleicht sagen: Da aber Geisteswissen- 
schaft, so wie wir sie betrachten, doch eigentlich erst in unserer Zeit 
aufgehen kann, wie steht es denn dann mit fniheren Zeiten? 

Wenn wir in fruhere Zeiten zuriickgehen, dann finden wir etwas 
anderes, das gewissermaBen sich schon messen kann mit dem, was wir 
heute die Imaginationen der Geisteswissenschaft nennen; wir finden 
den Mythos, die Sagen, und aus der Kraft des Mythos, aus der Kraft 
der Sage, die Bilder waren, konnten wahrhaftig realere, wirklich- 



keitsgemaBere - auch politische - Impulse genommen werden als aus 
den abstrakten Lehren der heutigen Geschichte oder Sozialokonomie 
bder dergleichen. Denn was Menschen zusammenhalt, was das Zu- 
sammenleben der Menschen bedingt, es braucht nicht in abstrakten 
Begriffen aufgefaBt zu werden. Im Mythos wurde es friiher zum Aus- 
druck gebracht. Nun, wir konnen heute nicht wieder Mythen dichten, 
wir miissen eben zu Imaginationen kommen und mit Imaginationen 
das geschichtliche Leben erfassen und daraus wieder politische Im- 
pulse pragen, die wahrhaftig anders sein werden als die phantastischen 
Impulse, von denen heute so viele Menschen traumen, oder wie wir 
sagen wollen: als die schulmeisterlichen Impulse. 

Es ist heute gewiB schwierig, den Menschen noch zu sagen: Das 
geschichtliche Leben ist etwas, was eigentlich dem gewohnlichen Vor- 
stellen gegeniiber im UnterbewuBtsein verlauft. Aber auf der andern 
Seite pocht dieses dem Menschen verborgene Leben gar sehr an die 
Pforten der Ereignisse, an die Pforte der menschlichen Impulse iiber- 
haupt. Man kann sagen - gerade bei den Zurcher Vortragen hat sich 
das gezeigt man mochte heute iiberall zusammenkommen mit den- 
jenigen Erkenntnisbestrebungen, die auch zum Geiste hinwollen, aber 
mit lauter unzulanglichen Mitteln. In Zurich macht man ja ins- 
besondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefahig geworde- 
nen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und 
gerade an meine Vortrage haben sich die merkwiirdigsten Aus- 
einandersetzungen iiber die Beziehungen der anthroposophisch orien- 
tierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die 
Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen 
an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, konnen sich nicht in sie 
hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die lure desjenigen, was 
heute den Menschen erschlossen werden soil. 

Da ist zum Beispiel in Zurich ein Professor Jung, der erst jungst 
wieder eine Broschure iiber Psychoanalyse geschrieben hat - er hat 
viele Schriften dariiber verfaBt - und der manches Problem darin 
beruhrt; aber er zeigt damit gerade, daB er alles nur mit unzulang- 
lichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anfiihren, aus 
deren Erwahnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung fiihrt 



ein Beispiel an, das iiberhaupt viel von den Psychoanalytikern an- 
gefiihrt wird. 

Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer 
Gesellschaft eingeladen, sie soil in einem Hause zum Abend bleiben. 
Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soil gleich, nachdem das 
Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz 
gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des 
Hauses fahrt ab, die Gaste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gaste 
geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie 
man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesell- 
schaft kommt, nicht auf dem sogenannten Biirgersteig, sondern sie 
gingen auf der Mitte der StraBe. Da kommt auf einmal eine Droschke 
um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den 
Burgersteigen hin aus, aber jene erwahnte Dame nicht. Sie lief mitten 
auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der 
Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis 
sie an eine Briicke kam, die iiber einen FluB fiihrte. Da beschloB sie, 
um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich iiber die Briicke 
in den FluB zu stiirzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der 
Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden. 
Und weil es nun fur die Gesellschaft das Nachstliegende war, wurde 
sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen, 
zurtickgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame 
und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen. 

Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulanglichen Mitteln 
alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann, 
wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht, 
jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unter- 
richten, daB die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein 
Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhangt, so daB die 
Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der 
Droschkenpferde jenes friihere Erlebnis aus dem UnterbewuBtsein 
heraufrief, dadurch so perplex gemacht worden ist, daB sie nicht zur 
Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird fur den 
Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammen- 



hanges gegenwartiger Erlebnisse mit «ungelosten Seelenratseln» aus 
dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Ver- 
folgen der Dinge mit unzulanglichen Mitteln, weil der betreffende 
Psychoanalytiker nicht weiB, daB dieses im Menschen waltende Unter- 
bewuBte wesenhafter ist, als er annimmt, daB es sogar auch viel raffi- 
nierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem be- 
wuBten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kiihner ist oft dieses 
UnterbewuBtsein. Denn der Psychoanalytiker weiB nur nicht, daB ein 
Damon in der Seele jener Frau saB, die weggegangen, ich konnte 
ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewuBten Ge- 
danken, allein 2u sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein 
wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des 
UnterbewuBtseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem 
BewuBtsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen 
einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt 
sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker 
nicht, weil er nicht voraussetzt, daB es uberall eine geistig-seelische 
Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung 
ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt 
er, daB die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Be- 
ziehung steht. Aber er muB doch Materialist sein, denn sonst ware er 
doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also? 
Er sagt: Uberall steht die Menschenseele - man sieht das an den 
Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen - in Beziehung zu auBer- 
seelischen geistigen Tatsachen. - Diese gibt es aber doch nicht ! Also 
wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Korper, der von 
andern Korpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt 
es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, daB die 
Seele vererbungsgemaB alles das nachlebt, was man an Verhaltnissen 
zum Beispiel zu den heidnischen Gottern erlebt hat. Das steckt noch 
in einem, durch Vererbung steckt es in einem, und das werden 
«isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden miis- 
sen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es 
sogar ein, daB es der Menschenseele ein Bediirfnis ist, dazu eine Be- 
ziehung zu haben, und daB sie das Nervensystem ruinieren, wenn es 



nicht heraufgeholt wird ins BewuBtsein. Daher spricht er den Satz 
aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus : 
Die Menschenseele kann nicht, ojhne daB sie innerlich zugrunde geht, 
ohne Beziehung zu einem gottlichen Wesen sein. Dies ist ebenso 
sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, daB es ja ein gottliches 
Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des mensch- 
lichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes 
nicht das geringste zu tun. 

So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich 
vorliegt : Es wird wissenschaftlich konstatiert, daB die Menschenseele 
sich ein Verhaltnis zu Gott konstruieren muB, daB es aber ebenso 
sicher ist, daB es tdricht ware, einen Gott anzunehmen; also ist die 
Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vor- 
zulugen. Luge dir vor, daB es einen Gott gibt, sonst wirst du krank ! - 
das steht eigentlich in dem Buch. 

Man sieht aber daraus, daB die groBen Ratselprobleme an die Pfor- 
ten pochen, und daB sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge 
stemmt. Wiirde man mutig genug sein, so wiirde auf Schritt und Tritt 
heute etwas ahnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug ! 
Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge 
zu flicken, sondern weil ich glaube, daB er in seinem Denken schon 
mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muB nach den 
Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind 
noch weniger mutig. 

Diese Dinge muB man alle bedenken, wenn man so recht ins Auge 
fassen will, was es eigentlich heiBt, die Geisteswissenschaft kommt mit 
einer solchen Wahrheit wie dieser : Was im geschichtlichen Leben der 
Menschheit und folglich auch im Leben der politischen Impulse ge- 
schieht, das hat nichts zu tun mit dem gewohnlichen BewuBtsein, 
kann nichts zu tun haben mit dem gewohnlichen BewuBtsein; sondern 
wirklich verstanden und gehandhabt kann es nur werden, wenn das 
imaginative BewuBtsein eintreten kann. Man konnte auch mit Be- 
ziehung auf den charakteristischsten Vertreter der - wie ich in der 
letzten Zeit ofter sagte - antisozialen Geschichtsauffassung in der 
Politik sagen, daB der Wilsonianismus ersetzt werden muB durch ein 



imaginatives Erkennen der Wirklichkeit. Nur ist der Wilsonianismus 
sehr verbreitet, und manche Menschen sind Wilsonianer, ohne daB sie 
es ahnen. Es kommt nicht auf Namen an, sondern auf die Tatsachen, 
die unter den Menschen leben. Ich kann ja in gewisser Beziehung un- 
befangener iiber Wilson sprechen, weil ich immer betonen kann, daB 
ich in dem schon vor dem Kriege gehaltenen Zyklus in Helsingfors 
ein Urteil iiber Wilson abgegeben habe und nicht notig hatte, durch 
Woodrow Wilson erst wahrend des Krieges belehrt zu werden, wes 
Geistes Kind auf dem Throne von Amerika sitzt. - Man konnte aber 
recht gut nachweisen die lobhudelnden Stimmen, die es uberall iiber 
Woodrow Wilson gegeben hat und die erst seit gar nicht so langer 
Zeit verklungen sind. Jetzt weiB man gar viel. Jetzt weiB man sogar, 
daB dieser Herr, der auf dem Throne von Amerika sitzt, zur Ab- 
fassung seiner wirksamsten republikanischen Urkunden sich alte Bot- 
schaften des seligen Kaisers Dom Pedro von Brasilien vom Jahre 1864 
nimmt und die darin enthaltenen Satze einfach abschreibt, nur daB er 
an den Stellen, wo Dom Pedro sagte: Ich muB fur die Interessen Siid- 
amerikas eintreten -, jetzt dafiir setzt: Ich muB fur die Interessen der 
Vereinigten Staaten von Amerika eintreten - und so weiter, mit der 
gehorigen Umformung. 

Als auch in unserem Territorium seinerzeit die beiden Biicher 
Wilsons «Die neue Freiheit» und «Nur Literatur» erschienen sind, da 
waren der lobhudelnden Stimmen nicht weniger; es ist noch nicht 
lange her, nur so fiinf, sechs Jahre. Auf diesem Gebiete des Wil- 
sonianismus haben ja die Menschen einiges gelernt. Aber mit Bezug 
auf viele andere Dinge ware es schon notwendig, daB gelernt und 
gelernt wiirde von den so tief, tief einschneidenden Ereignissen der 
Gegenwart. Dazu ist allerdings notwendig, daB manche Dinge sehr 
ernst genommen wiirden, die gerade auf dem Grund und Boden der 
geisteswissenschaftlichen Erkenntnis nur erbluhen konnen. Man klagt 
ja auch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sehr 
leicht an, daB sie theoretisch sei, und halt ihr vor, wie andere Rich- 
tungen unmittelbar zu Werke gehen, wie sie nicht die Menschen damit 
plagen, Weltenentwickelungen begreifen zu sollen, sondern wie sie 
den Menschen von Liebe sprechen, von allgemeiner Menschenliebe, 



was man lieben und wie man lieben soil. Nun, Jahrtausende ist In 
dieser Weise von der Liebe gesprochen worden, wie es auch jetzt 
wieder viele Leute haben wollen; trotzdem lebt sich die Liebe so aus, 
wie sie sich jetzt auslebt. Lassen Sie erst einmal eine viel kiirzere Zek 
Geisteswissenschaft die menschlichen Seelen ergreifen, dann werden 
Sie sehen, daB diese Geisteswissenschaft, wenn sie die menschlichen 
Seelen wirklich ergreift, in den menschlichen Herzen schon als Liebe 
aufgehen wird. Denn Liebe kann nicht gepredigt werden. Liebe kann 
allein wachsen, wenn sie richtig gepflegt wird. Aber dann wachst sie. 
Und sie ist ein Kind des Geistes. Sie ist auch beim Menschen ein Kind 
des wirklichen Erkennens, jenes Erkennens, das nicht auf die bloBe 
Materie geht, sondern das auf den Geist geht. 

Damit habe ich heute in einem einleitenden Vortrage nichts anderes 
tun wollen, als auf einige Empfindungen hinzudeuten, die uns gerade 
in dieser Zeit vielleicht bedeutsam sein werden. Aber ich habe an- 
gedeutet, wie ich es in den nachsten Zweigvortragen hier halten will. 
Ich habe gerade alles das zu besprechen, was in der Menschenseele 
heute Kraft und Mut und HofFnung erwecken kann. Ich mochte von 
alledem sprechen, was Geisteswissenschaft anderes der Menschheit 
geben kann, als was ihr Jahrhunderte gegeben haben, und ich mochte 
von der Geisteswissenschaft als von etwas Lebendigem sprechen, das 
in uns nicht Theorie ist, sondern das in uns einen zweiten, einen 
geistigen Menschen gebiert, der den andern tragt und halt in der Welt. 
Und das glaube ich vor alien Dingen, daB es die Gegenwart braucht. 
Es gab im Mittelalter eine Zeit, Sie kennen sie alle, wo viele Menschen 
den manchmal sehr phantastischen Drang hatten, Gold zu machen. 
Warum wollten sie Gold machen? Sie wollten damit etwas, was sich 
unter den gewohnlichen irdischen Verhaltnissen nicht realisieren laBt. 
Warum? Weil sie einsahen, daB die gewohnlichen irdischen Verhalt- 
nisse, ohne durchgeistigt zu sein, ohne von den geistigen Impulsen 
durchzogen zu sein, den Menschen nicht eine wahre Befriedigung 
geben konnen. Das ist ja schlieBlich auch der Inhalt der Lehre des 
Evangeliums. Nur sehen die Menschen gewohnlich an dem Wichtig- 
sten vorbei, sie kritisieren die Anschauung der Evangelien, daB das 
Reich Gottes herabgekommen ist. Ja, aber ist es nicht da? Es ist da! 



Es ist nur nicht in den auBeren Gebarden. Es muB innerlich ergriffen 
werden. Es muB nur nicht verleugnet werden, wie es in unserer Zeit 
verleugnet wird. Und auch von diesem Herabkommen des Reiches 
des Geistes wollen wir in der nachsten Zeit sprechen. 

So wollte ich heute nur, ich mochte sagen, einen Grundton an- 
schlagen. Unsere Zeit ist auch darauf angewiesen - die Zahl der- 
jenigen, die jetzt durch die Todespforte gegangen sind, zahlt ja nach 
Millionen -, die Briicke zu bauen zu dem Reich, in welchem die Toten 
leben. Sie leben unter uns, und wir konnen sie flnden. Wie wir sie 
finden konnen, auch davon wollen wir wieder in einer erneuerten 
Weise sprechen. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 29.Januar 1918 



Es ist ofter im Zusammenhange unserer Betrachtungen aufmerksam 
gemacht worden auf den durch die Zeiten leuchtenden, an dem grie- 
chischen Apollotempel stehenden Spruch «Erkenne dich selbst!». 
Vieles, unendlich vieles von Aufforderung, nach Menschenweisheit 
und damit nach Weltenweisheit zu streben, liegt in diesem Spruch. 
Der Spruch hat allerdings eine bedeutsame Erneuerung, eine Ver- 
tiefung erfahren durch den Impuls, den das Mysterium von Golgatha 
gegeben hat. Von alien diesen Dingen werden wir vielleicht, wenn die 
Zeiten es gestatten, im Verlaufe dieses Winters noch zu sprechen 
haben. Wir werden versuchen, den Weg zu finden gerade zu solchen 
Zielen, die damit angedeutet sind. 

Da mochte ich denn heute ausgehen von einer scheinbar auBer- 
lichen Betrachtung des Menschen, also gewissermaBen von einer 
auBerlichen Form der menschlichen Selbsterkenntnis, die aber nur 
scheinbar eine auBerliche ist, die trotzdem eine erste, gewichtige Kraft 
ist, wenn man sich ihrer bemachtigt, um auch in das innere Wesen des 
Menschen einzudringen. Ich mochte ausgehen, aber eigentlich doch 
nur scheinbar ausgehen von der auBeren menschlichen Gestalt. 

Eine Betrachtung dieser auBeren menschlichen Gestalt findet man 
heute in dem, was als Wissenschaft anerkannt ist, eigentlich nur mehr 
in einem Sinne, der fur eine hohere Geistbetrachtung ziemlich un- 
befriedigend ist. Man darf schon sagen: Wer heute den Menschen als 
Menschen erkennen will, findet wenig Anregung zu solcherMenschen- 
erkenntnis in der Wissenschaft, allerdings in der Wissenschaft, so wie 
sie eben in der Gegenwart getrieben wird. Denn, was diese Wissen- 
schaft schon hervorgebracht hat, was vorliegt, das konnen Sie wieder- 
um aus den verschiedenen Andeutungen meines letzten Buches «Von 
Seelenratseln» ersehen. Dieses Buch gibt wichtige, bedeutungsvolle 
Bausteine zu einer weitausblickenden Erkenntnis des menschlichen 
Wesens. Aber diese Bausteine werden eben gegenwartig nicht ge- 
sucht. Und was heute Anatomie, Physiologie und so weiter bieten, 



gibt sehr wenig dem Fragenden, der ernsthaft in das Wesen des Men- 
schen aus einer Erkenntnis der auBeren physischen Menschengestalt 
eindringen will. Da gibt heute im Grunde genommen viel mehr das- 
jenige, was kiinstlerische Betrachtungsweise ist. Man darf schon 
sagen: Vieles laBt heute die Wissenschaft unbefriedigt. Und wenn 
jemand sich nur entschlieBen kann, im Goetheschen Sinne auch in der 
Kunst, namentlich in der kiinstlerischen Betrachtung der Welt wirk- 
liche, substantielle Wahrheit zu suchen, so flndet er vielleicht heute 
mehr Wahrheit auf diese Weise, als bei dem, was anerkannte Wissen- 
schaft ist. Es wird in der Zukunft eine Weltanschauung geben, welche 
gerade die aus der Geisteswissenschaft hervorgegangene sein wird, 
so wenig man das heute noch durchschauen kann. Eine Weltan- 
schaung wird es geben, die aus einem gewissen menschlichen Er- 
kenntnisbedurfhis wissenschaftliches Empfinden der Welt und kiinst- 
lerisches Empfinden der Welt in einer hoheren Synthese und Har- 
monie vereinigen wird. Darin wird dann viel mehr Hellsehen sein als 
in jenem Hellsehen, von dem heute mancher Mensch traumt, aber 
eben nur traumt. 

Wenn wir an die menschliche Gestalt herantreten, so konnen wir 
zunachst etwas Wichtiges an ihr wahrnehmen, wenn wir unseren Blick 
richten - was Sie gewiB mehr oder weniger alle schon getan haben - 
auf diesen Grundstock der menschlichen Gestalt, der uns im Skelett 
entgegentritt. Sie alle haben gewiB schon ein menschliches Skelett ge- 
sehen und die Differenzierung bemerkt, welche zwischen dem Kopf- 
teil und der ubrigen Menschengestalt besteht. Sie werden dabei be- 
merkt haben, daB der Kopf, das Haupt, in einer gewissen Weise eine 
abgeschlossene Ganzheit ist, die eigentlich wie auf einer Saule auf 
alledem aufsitzt, was das Gliedsystem, was den ubrigen menschlichen 
Organismus ausmacht. Man kann sehr leicht beim Skelett den auf dem 
ubrigen menschlichen Organismus ruhenden Kopf abheben. Wenn 
Sie in dieser Weise die oberflachlichste Differenzierung ins Auge fas- 
sen, kann Ihnen auffallen, daB der Kopf, das Haupt, eigentlich mehr 
oder weniger annahemd kugelformig gestaltet ist; es ist keine voll- 
kommene Kugelform, aber es ist die Kugelform veranlagt im mensch- 
lichen Haupt. Nun muB man als geisteswissenschaftlkher Forscher 



sogar davor warnen, auBere oberflachliche Analogien einer Er- 
kenntnisbestrebung zugrunde zu legen. Aber die Anschauung des 
menschlichen Hauptes als der Kugelform sich annahernd ist keine 
oberflachliche Betrachtung der Form des menschlichen Hauptes ; denn 
der Mensch ist wirklich eine Art Zweiheit zunachst, und die Kugel- 
gestalt seines Hauptes ist keineswegs etwas Zufalliges. Man muB nur 
ins Auge fassen, was man eigentlich an dem menschlichen Haupt vor 
sich hat, Erste Andeutungen zu dem, was ich hier meine, wurden ge- 
geben innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen in 
der Schrift, die ich benannt habe «Die geistige Fuhrung des Menschen 
und der Menschheit», worin ich schon angedeutet habe, wie in der Tat 
das menschliche Haupt ein Abbild darstellt des ganzen Universums, 
des gerade uns auBerlich als Raumkugel, als Hohlkugel entgegen- 
tretenden Universums. 

Wenn man diese Dinge bespricht, muB man auf etwas aufmerksam 
machen, was dem heutigen Menschen fur die wichtigste Art der Be- 
trachtung noch fern liegt, was er auf einem Gebiete immer anwendet, 
was er aber gerade da nicht anwenden will, wo es von ungeheurer 
Tragweite ist. Niemandem, der einen KompaB, eine Magnetnadel in 
die Hand nimmt, und wenn diese Magnetnadel mit einem Ende nach 
dem magnetischen Nordpol, mit dem andern nach dem magnetischen 
Sudpol gerichtet ist, wird es heute einfallen, die Ursachen dafiir, daB 
diese Magnetnadel sich gerade so richtet, bloB in der Magnetnadel 
selbst zu suchen; sondern der Physiker wird sich gedrangt fuhlen, die 
Magnetnadel und die von dem magnetischen Nordpol der Erde aus- 
gehende magnetische Kraft als ein Ganzes anzusehen, indem diese 
magnetische Kraft das eine Ende der Nadel nach dem Nordpol richtet 
und das andere nach dem Sudpol. Da sucht man die Veranlassung zu 
dem, was in der Magnetnadel im kleinsten Raume geschieht, in dem 
groBen Universum. Dasselbe macht man jedoch nicht, wo man es 
auch machen sollte, wo es aber sehr darauf ankommen wiirde, daB 
man es machte. Wenn jemand heute wahrnimmt - und zwar gerade als 
Wissenschafter — , daB sich in einem Lebewesen ein anderes Lebewesen 
bildet, also zum Beispiel, wenn jemand wahrnimmt, daB sich im Huhn 
das Ei bildet, so geschieht auch etwas im kleinsten Raume; da aber 



fallt es dem Menschen gewohnlich nicht ein, das, was er sich bei der 
Magnetnadel sagen muB, jetzt auch anzuwenden und zu sagen: Es 
liegt nicht im Huhn, sondern im ganzen Kosmos, daB sich im Huhn- 
korper der Eikeim bildet. - Gerade so aber, wie an der Magnetnadel 
das groBe Universum beteiligt ist, so ist im Huhnkorper, im Mutter- 
huhn - trotz aller Vorgange, die daran mitbeteiligt sind - der ganze 
Kosmos in seiner Spharengestalt, in seiner Kugelgestalt beteiligt. Die- 
jenigen Vorgange, die in der Vererbungslinie zuruckfuhren zu den 
Vorfahren, wirken bloB mit, wenn sich im Mutterorganismus der Ei- 
keim bildet. Das ist heute noch eine Ketzerei gegeniiber der offiziellen 
Wissenschaft, aber doch eine Wahrheit. Und in der verschiedensten 
Weise wirken die Krafte des Kosmos mit. Und so wahr es ist, daB sich 
in der Tat beim Menschen - das, was ich sage, beweist die empirische 
Embryologie - das Haupt, in seiner Keimanlage zunachst, aus dem 
ganzen Universum herausbildet, so wahr es ist, daB das menschliche 
Haupt zuerst im Mutterorganismus entsteht, so wahr ist es auf der 
andern Seite, daB die ursachlichsten Krafte zu dieser Entstehung aus 
dem ganzen Kosmos heraus wirken und daB der Mensch in seinem 
Haupte ein Abbild ist des ganzen Kosmos. Nur das, was am Haupte 
hangt, das Skelett, kann man sagen - wenn man es nur besonders 
beachtet das ist eigentlich in seiner Konfiguration, in seiner For- 
mung mehr zusammenhangend mit dem, was in der Vererbungslinie 
liegt, was mit Vater und Mutter, GroBvater und GroBmutter zu- 
sammenhangt, als mit dem, was im Kosmos drauBen ist. So ist auch 
in bezug auf seine Entstehung, in bezug auf seine Entwickelung der 
Mensch ein Doppelwesen, zunachst. Er ist seiner Gestalt nach auf der 
einen Seite aus dem Kosmos herausgebildet, und das kommt in der 
Kugelgestalt seines Hauptes zum Vorschein; er ist auf der andern 
Seite herausgebildet aus der ganzen Vererbungsstromung, und das 
kommt in dem ganzen iibrigen Organismus, der am Kopfe hangt, zum 
Vorschein. Die ganze auBere Formung des Menschen zeigt ihn uns 
als ein Zwitterwesen, zeigt uns, daB er einen doppelten Ursprung 
hat. 

Eine solche Betrachtungs weise hat nicht nur die Bedeutung, daB 
wir durch sie etwas wissen lernen, sondern noch eine ganz andere. Wer 



heute nach der Anleitung der gewohnlichen offlziellen Wissenschaft 
den Menschen betrachtet, wer zum Beispiel ins Mikroskop hinein- 
schaut und den Keim sich entwickeln sieht, und nur das sieht, was 
dadrinnen ist - so wie man an der Magnetnadel etwa sehen wollte, 
warum diese die Fahigkeit hat, sich so in der Richtung von Nord 
nach Siid einzustellen -, der lebt in einem Gedankenmassiv, das ihn 
unbeweglich macht und unbrauchbar fur das auBere Leben, besonders 
wenn man so vorgeht wie in der auBeren Wissenschaft. Und wendet 
man solche Gedanken auf die Sozialwissenschaft an, so geniigen sie 
nicht, oder sie fiihren zur Weltenschulmeisterei, die man mit einem 
andern Worte auch «Wilsonianismus» nennen kann. Es handelt sich 
also darum, welches Denken in uns herangezogen wird, welche For- 
men in unseren Gedanken entstehen, indem wir uns gewissen Ge- 
danken hingeben. Zu wissen iiber die Dinge, ist das, was noch die 
geringere Bedeutung hat. Was in uns die bestimmte Art des Wissens 
macht, welche Brauchbarkeit sie mit sich bringt, das ist es, worauf es 
ankommt. Und wenn man einen offenen Sinn dafur hat, den Menschen 
in Zusammenhang mit dem Weltenganzen anzuschauen, dann werden 
in uns auch diejenigen Gedanken erweckt, welche in die ethische 
Weltbetrachtung, in die juristische Weltbetrachtung hineinfuhren, die 
in Wirklichkeit die hochste sein soil, die aber heute eben etwas ganz 
Sonderbares ist. Sie sehen also, es gibt gewisse andere Impulse noch, 
um ein solches Wissen, wie es hier gemeint ist, aufzusuchen, als die 
Befriedigung, ich will nicht sagen, der Neugier, sondern der bloBen 
WiBbegierde. 

So steht der Mensch vor uns als ein Doppelwesen, als ein Zwitter- 
wesen. Das hat eine viel tiefere Bedeutung noch. Und ich mochte 
heute nur die Grundtone anschlagen, die uns beschaftigen sollen, um 
in Ihren Seelen ein Gefiihl von der Wichtigkeit dessen, was wir be- 
trachten, hervorzurufen. 

Bleiben wir dabei stehen, daB das Haupt im weiteren Verlaufe 
unseres Lebens - das Haupt, das uns jetzt entgegentritt als ein Abbild 
der ganzen Welt - im wesentlichen der Vermittler ist fur unser Er- 
kennen, ich will nicht sagen das Werkzeug, denn ich wiirde damit 
etwas nicht ganz Richtiges aussprechen. Aber nicht das Haupt allein 



ist der Vermittler fur unser Erkennen - bleiben wir beim Erkennen, 
beim Wahrnehmen der Welt das Haupt vermittelt es, aber auch der 
ubrige Mensch. Und da der ubrige Mensch, sogar seinem Ursprunge 
nach, von dem Haupte ganz verschieden ist, etwas anderes ist, so 
besteht der Mensch, auch insofern er Erkennender ist, aus dem Kopf- 
menschen und - ich nenne ihn so, wie ich ihn schon friiher genannt 
habe - dem Herzensmenschen, weil sich im Herzen das andere alles 
konzentriert. Wir sind in der Tat zwei Menschen : ein Kopfmensch, 
der wahrnehmend zu der Welt in Beziehung steht, und ein Herzens- 
mensch. Der Unterschied ist der, daB der Mensch, so sehr er manch- 
mal auf die Welt schimpft, lediglich seinen Kopf benutzt zur Er- 
kenntnis. Was liegt dem eigentlich zugrunde? Wenn man Parallelen 
Ziehen wiirde zwischen der Kopferkenntnis und der Herzens- 
erkenntnis, so wiirde nicht viel dabei herauskommen. Es wiirde der, 
welcher mit dem Herzen zu erfassen vermag, was der Kopf erkennt, 
warmer sein in seiner Erkenntnis als der andere. Es wiirde eine Diffe- 
renzierung unter den Menschen geben, aber der Unterschied wiirde 
nicht sehr groB sein. Wenn man aber nun mit der geisteswissenschaft- 
lichen Erfahrung an die Dinge herantritt, so stellt sich etwas ganz 
anderes heraus. Erkenntnisse, Wahrnehmungen eignet man sich ja an. 
Nach und nach geschieht es, daB die Wahrnehmungen, die Erkennt- 
nisse an uns herankommen. So ist denn das Folgende der Fall. Wie 
wir uns mit dem Kopfe zur Welt verhalten, wie wir da wahrnehmen 
und erkennen, das geschieht in einer gewissen Beziehung schnell; 
und wie wir uns mit dem iibrigen Organismus zur Welt erkennend 
verhalten, das geschieht langsam. Zu all dem iibrigen an Differenzie- 
rungen, was ich schon im vorigen Winter in bezug auf die Entwicke- 
lung der Welt und der Menschen angefiihrt habe, kommt noch hinzu, 
daB unser Kopf mit seinem Erkennen eilt, der ubrige Organismus 
nicht eilt. Das hat eine ungeheuer tiefe Bedeutung. Wenn wir schul- 
maBig erzogen werden, sieht man eigentlich nur auf die Kopferzie- 
hung. Die Menschen werden heute nur fur den Kopf erzogen; das 
konnen sie schulmaBig machen. Denn der Kopf schlieBt im auBersten 
Falle, wenn er sich lange an der Erkenntnisentwickelung beteiligt - 
aber bei den meisten Menschen geht es nicht so weit -, in den Zwan- 



zigerjahren des Lebens ab. Dann ist der Kopf fertig mit seinem Er- 
kennen, mit seinem Aneignen der Welt. Der iibrige Organismus 
braucht dafur die ganze Zeit bis zum Tode. Und man kann schon 
sagen: Der Kopf geht in dieser Beziehung ungefahr dreimal so schnell 
wie der iibrige Organismus ; der iibrige Organismus hat Zeit, er geht 
dreimal langsamer, er macht ein ganz anderes Tempo. Daher ist es fur 
den, der die Gabe hat, solche Dinge durch Erkenntnis zu beobachten, 
klar, daB er, wenn er irgend etwas ergriffen hat durch den Kopf, 
warten muB, bis er es mit dem ganzen Menschen vereinigt hat. Um 
etwas als etwas Lebensvolles aufzunehmen, muB man wirklich, wenn 
das Aufnehmen durch den Kopf etwa einen Tag gedauert hat, drei 
bis vier Tage warten, bis man es voll aufgenommen hat. Der ge- 
wissenhafte Geistesforscher wird nie das erzahlen, was er nur mit dem 
Kopfe aufgenommen hat, sondern nur das, was er mit seinem ganzen 
Menschen begriffen hat. Das hat eine auBerordentliche, weit- und 
tiefgehende Bedeutung. 

Wir konnen heute eigentlich unseren Kindern nach den bestehenden 
Einrichtungen nur eine Art von Kopfwissen geben, wir geben ihnen 
nicht ein Wissen, das der iibrige Organismus vertriigt. Es bleibt beim 
Kopfwissen, bei einem Wissen, das schon so prapariert ist, daB es 
schnell aufgenommen werden muB durch den Kopf, und daB man 
sich spater daran erinnern kann. Zwar bei Gegenstanden, wo es sich 
um den Unterricht handelt, erinnert man sich spater nicht mehr daran, 
da ist man froh, wenn man die Dinge nur bald nach dem letzten 
Examen wieder weg hat. Ein Wissen, das ganz von dem iibrigen 
Organismus verarbeitet werden kann, es wiirde unter alien Um- 
standen spater, wenn man sich wieder daran erinnerte, Liebe, Freude, 
Herzlichkeit dafur entwickeln. Mit den tiefsten Geheimnissen der 
Mysterien der Menschheit hangt es zusammen, wie man den Unter- 
richt gestalten soil, damit der Mensch spater zeitlebens, wenn er auf 
seine Unterrichtszeit zuriicksieht, sich mit Herzlichkeit, mit Freude, 
mit einer gewissen Beseligung danach zuriicksehnen kann. 

Auf diesem Gebiete ist ungeheuer viel zu tun. Denn wer mit den 
einschlagigen Dingen bekannt ist, der weiB, daB alles, was wir heute 
insbesondere an Kinder heranbringen, schon von vorneherein so 



prapariert ist, daft der iibrige Organismus es nicht annimmt, daB es 
spater keine Freude macht. Damit hangt aber zusammen, daB die 
Menschen in unserer Zeit verhaltnismaBig friih seelisch altern. Denn 
das ist ja das Geheimnis des Menschen: Wenn der Kopf 2um Beispiel 
achtundzwanzig Jahre ist, so ist der iibrige Organismus, der in seiner 
Entwickelung nachlauft, erst ein Drittel oder ein Viertel dieser Zeit. 
Der iibrige Organismus halt ein Tempo ein, das dreimal, viermal 
langsamer ist. Andere Beziehungen werden wir noch kennenlernen. 
Also der Mensch konnte, wenn man padagogisch diesen Mysterien 
entgegenkommen wiirde, etwas aufnehmen, was so fruchtbar, so ge- 
deihlich ist, daB es ausreichen wiirde bis zu der Zeit, wo er stirbt. 
Denn, wenn er bis zum fiinfundzwanzigsten Jahre solche Dinge auf- 
genommen hat und fur sie nur dreimal langere Zeit zum Verarbeiten 
braucht, so wiirde sie der iibrige Organismus bis zum funfundsiebzig- 
sten Jahre verarbeiten konnen. Fur den Menschen aber in seiner ge- 
samten Wesenheit hat das Wissen, das sich der Kopf aneignet, nicht 
eine umfassende Bedeutung, sondern nur dasjenige innerlich wissent- 
liche Erleben, das sich der ganze Mensch in seiner ganzen Wesenheit 
aneignet. Aber demgegeniiber ist sogar heute das offentliche Leben 
abgeneigt; es will nur das aufnehmen, was Kopfweisheit ist. Denn 
denken Sie einmal - Sie konnen sich an den Fingern herzahlen die 
ganze Bedeutung dessen, was ich jetzt meine: Jemand konnte bis zu 
seinem fiinfzehnten Jahre so viel mit dem Kopfe aufnehmen, daB er, 
wenn er diese Begriffe verarbeitete und wenn diese Begriffe sich zum 
Beispiel auf die Verwaltung der offentlichen Angelegenheiten beziehen 
wiirden, er mit fiinfundvierzig Jahren reif sein wiirde, in eine Stadt- 
verwaltung, in ein Parlament gewahlt zu werden; denn da muB er 
sich als ein ganzer Mensch hineinstellen. Denn man muB sagen : Wenn 
man dem Menschen bis zum fiinfzehnten Jahre solche Begriffskrafte 
beibringen kann, daB sie mit seinem ganzen Lebenswesen verarbeitet 
werden konnten, so wird er mit dem funfundvierzigsten Jahre reif 
sein, um in eine Stadtverordnetenversammlung oder in ein Parlament 
gewahlt zu werden. Und den Anschauungen der Alten, die noch ein 
lebendiges Wissen von diesen Dingen aus den Mysterien hatten, lagen 
solche Dinge noch zugrunde. Heute dagegen gehen die Bestrebungen 



dahin, die Altersgrenze moglichst herabzusetzen, denn heute ist jeder 
mit zwanzig Jahren ebenso reif, wie es sonst jemand mit achtzig war. 
Aber nicht begierdliche Forderungen konnen darin entscheiden, son- 
dern nur eine richtige Erkenntnis. 

Diese Dinge haben also schon eine grundbedeutsame Anwendung 
fiir das Leben. Unser ganzes offentliches Leben ist darauf eingestellt, 
nur das zu beriicksichtigen, was die Menschen durch ihre Kopfe sind. 
Aber trotzdem es so ist, daB eigentlich heute die Menschen, indem sie 
miteinander sozial verkehren, weisheitsvoll nur mit den Kopfen ver- 
kehren, so ist dieser Kopfverkehr - denken Sie nur einmal nach: es ist 
der ganze soziale Verkehr nur ein Kopfverkehr! - ganz ungeeignet, 
um ein soziales Leben zu konfigurieren. Denn woher ist denn der 
Kopf ? Der Kopf des Menschen - wir haben das ausgefuhrt - ist nicht 
von dieser Erde, er ist gerade aus dem Kosmos heraus geschafTen. 
Will man mit dem Kopfe die Erdenangelegenheiten besorgen, so kann 
man es nicht. Mit dem Kopfe ist niemand ein Nationaler, mit dem 
Kopfe ist niemand ein solcher, der irgendeinem Teil der Erde an- 
gehort. Mit dem Kopfe sollen wir nur das entscheiden, was der ganzen 
Welt angehort. Um jedoch das entscheiden zu konnen, was der Erde 
angehort, miissen wir erst wahrend unseres ganzen Lebens mit dem- 
jenigen zusammenwachsen, was der Erde angehort und was uns zu 
einem Burger der Erde macht, nicht zu einem Burger des Himmels. 
Diese Dinge miissen so sein. Was dem offentlichen Urteile zugrunde 
liegen kann, das muB man aus den tieferen Erkenntnissen iiber den 
Menschen selbst hervorholen. Und wiederum muB man ins Auge 
fassen - ich will heute nur Faden zeichnen, die Dinge werden noch 
weiter ausgefuhrt werden: Was Goethe als Metamorphosegedanken 
auBerte, das hat eine tiefe Bedeutung, und das hat eine viel weitere 
Anwendung noch, als Goethe selbst zu seiner Zeit daraus machen 
konnte. 

Unser Haupt ist also herausgebildet aus dem Kosmos. Betrachten 
wir die Sache geisteswissenschaftlich, so miissen wir sagen: In der 
ganzen Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlauft, 
arbeiten wir vor - wir arbeiten ja da im Kosmos -, um unser Haupt 
zu bilden. Wir arbeiten an unserem Organismus, indem wir vorzugs- 



weise zwischen Tod und neuer Geburt an unserem Haupte arbeiten. 
Dieses Haupt ist in gewisser Beziehung das Grab der Seele, hinsicht- 
Hch dessen, wie die Seele war vor der Geburt oder, wenn wir sagen 
wollen, vor der Empfangnis. Da kommen jene Tatigkeiten zur Ruhe, 
die wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem geistigen 
Leben ausfuhren. Und zu demjenigen, was in gewisser Beziehung 
herausgeformt wird aus der geistigen Welt, wird dann dasjenige hin- 
zugefugt, was als angehangt daranhangt aus der Vererbungsstromung. 
Aber was ist das, was aus der Vererbungsstromung daranhangt? Das 
ist trotzdem etwas, was mit dem Haupte zusammenhangt. Ich habe 
schon friiher darauf aufmerksam gemacht: Dasjenige was am Men- 
schen ist aufier seinem Haupte, das ist die Anlage fur das Haupt in der 
nachsten Inkarnation. Der ganze iibrige Organismus ist etwas, was 
durch Metamorphose iibergehen kann zu dem Haupt der nachsten 
Inkarnation. Die Krafte, die wir wahrend des ganzen Lebens aus- 
bilden, entreiBen sich, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, 
dem ganzen iibrigen Organismus; aber sie bleiben in jenen For- 
mungen, die der iibrige Organismus wahrend des Lebens hatte; das 
tragt man durch die Zeit zwischen Tod und nachster Geburt und 
formt es um zum Haupte. In unserem Haupte haben wir also immer 
auch das, was Erbschaft ist aus der friiheren Inkarnation. Und in 
unserem iibrigen Organismus haben wir zu gleicher Zeit etwas, was 
bestimmend wirkt fur die Gestaltung unseres Hauptes in der kom- 
menden Inkarnation. In dieser Beziehung sind wir auch eine Zwie- 
natur. 

Denken Sie, wie man, wenn man so anschaut, daB der Mensch 
wirklich ganz hineingestellt ist in kosmische Zusammenhange, dann 
darauf kommt, daB er wirklich nicht bloB in dem Zeitenteil und 
Raumesteil entsteht und sich bildet, den man im auBeren physischen 
Anschauen vor sich hat, sondern daB er in einem ungeheuer groBen 
Zusammenhange drinnensteht. Es ist auBerordentlich reizvoll, nicht 
nur so, wie es schon Goethe gemacht hat, hinzuschauen auf einen 
Knochen der Wirbelsaule und dann auf die Kopf knochen, um sich zu 
sagen, die Kopf knochen sind nur umgeformte Wirbelknochen, son- 
dern es ist auBerordentlich reizvoll zu sehen, wie alles, was am Haupte 



ist, auch am iibrigen Organismus ist. Nur gehort eine auBerordentlich 
voruiteilslose Betrachtung dazu, urn nicht nur beispielsweise die Nase 
und alles, was am Haupte ist, als eine solche Umbildung zu erkennen, 
sondern auch alles, was am iibrigen Organismus, nur in einer jiingeren 
Metamorphose, ist; das alles wird umgebildet in einer alteren Meta- 
morphose zu dem, was uns dann am Haupte entgegentritt. 

Ich sagte: Padagogisch sind die Konsequenzen einer solchen An- 
schauung auBerordentlich wichtig, und wird sich einmal das Denken 
der Menschen dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zuwenden, 
dann werden ungeheuer bedeutungsvolle Forderungen fur so etwas, 
wie es zum Beispiel die praktische Padagogik ist, hervorgehen. 

Vor alien Dingen ist eines bedeutsam: Wir werden alt in unserem 
Leben. Aber eigentlich konnen wir nur sagen, unser physischer Leib 
wird alt. Denn so sonderbar es ist - ich habe das auch schon erwahnt -, 
unser Atherleib, der nachste geistige Teil unseres Wesens, wird immer 
jiinger. Je alter wir werden, desto jiinger wird unser atherischer Leib. 
Und wahrend wir Runzeln bekommen und kahlkopfig werden dem 
physischen Leibe nach, werden wir, oder konnen wir wenigstens dem 
atherischen Leibe nach immer pausbackiger und bliihender werden. 
Aber wir miissen allerdings - so wie schon die auBere Natur dafiir 
sorgt, daB der physische Leib alter wird - dafur sorgen, daB unser 
Atherleib Jugendkrafte zugefiihrt erhalt. Das konnen wir aber nur, 
wenn wir durch den Kopf solche geistige Vorstellungsnahrung ein- 
fiihren, daB sie ausreicht, um im ganzen Leben verarbeitet zu werden. 

Es kann einem geisteswissenschaftlichen Betrachter vorschweben, 
wie man Kinder in friihester Jugend dariiber unterrichtet, wie der 
Mensch ein Abbild ist des gesamten Universums, ein Abbild der gott- 
lichen weisen Weltenordnung, aber einer solchen gottlichen Welten- 
ordnung, daB es unmittelbar, elementar ergriffen wird, und nicht in- 
dem man dem Menschen unverstandene Bibelworte vorsagt. Das 
alles aber muB aus dem Geiste der Geisteswissenschaft geschaffen 
werden, dann wird es ein vollsaftigeres Kopfwissen geben als heute. 
Das aber wird fur den Menschen zeit seines Lebens ein Quell der 
Verjiingung sein, wahrend unser gegenwartiger Unterricht nicht ein 
solcher Quell der Verjiingung ist, sondern das Gegenteil. Und wenn 



wir heute in der gliicklichen Lage sind, wegen unseres friiheren 
Unterrichtes nicht die furchterlichsten Sauertopfe zu sein, so ist das 
nur deshalb, weil die heutige Art, fur den Kopf zu sorgen - die sich 
seit ungefahr vier Jahrhunderten vorbereitet hat und die heute auf 
ihren Gipfelpunkt gelangt ist -, noch nicht so viel hat ruinieren kon- 
nen von dem, was doch aus alten Zeiten als Erbkultur vorhanden ist. 
Aber wenn wir so fortfahren, daB wir bloB fur den Kopf unter- 
richten, dann sind wir auf dem besten Wege, wirklich Sauertopfe zu 
erziehen. Ich habe schon neulich gesagt - der Krieg hat ja die Sache 
unterbrochen-: GroB waren in den Jahren vor dem Kriege die Ziige 
nach den Sanatorien, groB waren die Mittel, [die der Mensch auf- 
wendete], urn seine Nervositat wegzubringen. 

Das alles hangt damit zusammen, daB dem Kopfe nicht das ge- 
geben wird, was der ganze Mensch braucht. Ich habe es auch erwahnt, 
wie wenig man findet, daB in der richtigen Art einiges fur diese Dinge 
gesorgt wird. Denn ich muB immer wieder daran denken, wie ich 
vor einigen Jahren einmal ein Sanatorium aufsuchte, um dort jeman- 
den zu besuchen. Wir kamen gerade hin, als Mittagszeit war. Die 
ganze Menge der Sanatoriumsgaste defilierte an uns vorbei. Es waren 
ja zum Teil recht merkwurdige Menschenkinder, die wirklich ihre 
Nervositat zum Teil auf ihrem Gesichte geschrieben hatten und ihr 
Hande- und FiiBegezappel hatten. Aber ich lernte dann den Aller- 
nervosesten, den Allerzappeligsten in jenem Sanatorium kennen, nam- 
lich den dirigierenden Arzt. Und es muB schon gesagt werden, daB ein 
dirigierender Arzt nicht die rechte Hand findet zur Kur fur seine 
Gaste, wenn er selbst derjenige ist, dem die Kur am meisten not tate. 
Sonst jedoch war er ein auBerordentlich liebenswiirdiger Mensch, aber 
er war ein Beispiel fur diejenigen Menschen, die in ihrer Jugend 
jedenfalls nicht das aufgenommen haben, was sie zeitlebens verjungt 
halten kann. Solche Dinge lassen sich nicht durch irgendwelche ver- 
einzelten Reformen andern und aus Verhaltnissen, in denen sie sind, 
in andere Verhaltnisse bringen; solche Dinge lassen sich nur ver- 
bessern, wenn der ganze soziale Organismus verbessert wird. Daher 
muB man seine Aufmerksamkeit auf den ganzen sozialen Organismus 
richten. Es ist schon durch die groBen Weltgesetze dafur gesorgt, 



daB der Mensch als einzelner auf solchem Gebiete seinen Egoismus 
nicht befriedigen kann, sondern daB er gewissermaBen sein Heil nur 
finden kann, wenn er es sucht in der Gemeinsamkeit mit den andern. 

So stelle ich mir vor - und jeder, der nicht bloB das, was im Sinn- 
lichen lebt, wie es heute iiblich ist, sich vorstellt, sondern der hinaus- 
zublicken vermag von dem Sinnlichen ins Ubersinnliche, aus dem die 
Krafte hereinkommen miissen zur Reformation der Welt fur die 
nachste Zukunft, kann sich das vorstellen -, so stelle ich mir vor, daB 
auf solchem Gebiete, aber auch noch auf andern, die Einfuhrung des 
Geisteswissenschaftlichen in das Leben geschehen kann, dadurch ge- 
schehen kann, daB man in ehrlicher, aufrichtiger Weise im Konkreten 
das ausarbeitet, wozu die Geisteswissenschaft die Impulse geben kann. 
Sie sehen, man braucht in dem Sinne, von dem wir ja oft gesprochen 
haben und immer wieder sprechen werden, nicht zu drangen nach 
visionarem Hellsehen, sondern man braucht nur sinnvoll den Men- 
schen als Ebenbild der Weltengeistigkeit zu erfassen, dann kommt 
einem schon die Geistigkeit. Man kann unmoglich den Menschen in 
seiner Ganzheit aufTassen und durchschauen, ohne daB man das, was 
als Geistiges dem Menschen zugrunde Hegt, durchschaut und ins Auge 
faBt. Aber eines ist notwendig, ich habe ofter darauf aufmerksam ge- 
macht: die Ablegung einer gegenuber alien Weltanschauungsfragen 
heute so furchtbar vorhandenen Untugend, die Ablegung der Er- 
kenntnisbequemlichkeit des Menschen. Unsere ganze geisteswissen- 
schaftliche Betrachtung zeigt uns ja, daB man Schritt fur Schritt vor- 
wartsgehen muB, daB man Neigung haben muB, auf Einzelheiten 
einzugehen, um ein Ganzes aus diesen Einzelheiten aufzubauen, daB 
man gewissermaBen vom sinnlich Nachstliegenden ausgehen muB, um 
ins Ubersinnliche aufzusteigen. Man kann an dem sinnlich Nachst- 
liegenden das Ubersinnliche fast mit Handen greifen. Denn wer in 
richtiger Weise das menschliche Haupt ins Auge fassen kann, der 
sieht in ihm das, was aus dem ganzen Weltenall herausgebildet ist, und 
er sieht in dem librigen Menschenorganismus dasjenige, was sich 
wieder hineinbildet ins Weltenall, um wieder zunickzukommen aus 
dem Weltenall in der nachsten Inkarnation. Man kann, wenn man 
richtig das auBere Sinnenfallige betrachtet, schon in ganz rechter Art 



zu dem Ubersinnlichen kommen. Aber man hat notig, die Unbequem- 
Hchkeit auf sich zu nehmen, den Menschen wenigstens so weit zu sei- 
nem Rechte kommen zu lassen, daB man ihm in bezug auf seine Er- 
kenntnis das zugesteht, was man beispielsweise der Uhr oder einem 
ganz gewohnlichen Dinge zugesteht. Jeder, wenn er nur ein biI3- 
chen gelernt hat, wie die Sachen mechanisch zusammenwirken, 
wird zugeben, eine Uhr nicht zu verstehen, ohne den Zusammenhang 
der Rader ins Auge zu fassen. Uber den Menschen jedoch redet 
jeder, ohne eine solche Anforderung zu stellen, und zwar glaubt 
jeder auch iiber das hochste Wesen des Menschen reden zu konnen, 
und beruft sich dann sehr haufig darauf, daB er sagt: Ja, die Wahr- 
heit muB eben «einfach» sein -, und dann jene Anklage gegen 
die Geisteswissenschaft zimmert, die immer darin besteht, daB 
die Geisteswissenschaft ja viel zu kompliziert sei. Die menschliche 
Begierde mag allerdings dahin gehen, in funf Minuten oder vielleicht 
in gar keiner Zek sich das anzueignen, was zur Erkenntnis des hoch- 
sten Wesens des Menschen notwendig ist. Aber der Mensch ist nun 
einmal ein kompliziertes Wesen. Gerade darin besteht seine GroBe im 
Weltenall, daB er ein kompliziertes Wesen ist, und man muB den Hang 
nach Bequemlichkeit der Erkenntnis uberwinden, wenn man wirklich 
in das Wesen des Menschen eindringen will. Fur unsere Zeit gibt es 
kein Verstandnis desjenigen, was not tut, wenn man sich nicht in die 
Lage versetzen will, die ganze Kompliziertheit der menschlichen 
Natur wenigstens ahnungsvoll zu durchdringen. Denn dadurch, daB 
wir nur Kopfwissen pflegen, daB wir nicht mit dem ganzen Menschen 
das, was das Haupt lernt, verarbeiten wollen, und schon dem Haupte 
nicht so etwas geben, was von dem ganzen Menschen verarbeitet 
werden kann, dadurch stellen wir den Menschen in die soziale Ord- 
nung so hinein, daB wir gewissermaBen das irdische Leben nicht zum 
Abbilde eines ubersinnlichen, geistigen Lebens machen wollen. Wir 
leiden an einem merkwiirdigen Zwiespalt. Das ist aber jetzt nicht ein 
Zwiespalt wie die andern Zwiespaltigkeiten, von denen ich jetzt ge- 
sprochen habe, sondern das ist ein schadlicher Zwiespalt, den wir 
uberwinden mussen. 

Das menschliche Leben hat sich im Laufe der Entwickelung ver- 



andert. Um das zu beobachten, braucht man nur vier Jahrhunderte 
zuriickgehen, ja nicht einmal so weit. Wer nicht aus der landlaufigen 
Literaturgeschichte, sondern wer aus der Geistesgeschichte das Leben 
aus seiner Wirklichkeit kennt, der weiB, wie unendlich verschieden das 
Leben und Denken noch des 18. Jahrhunderts von dem des 19.Jahr- 
hunderts ist. Wir brauchen nur etwas zuriickzugehen und werden 
sehen, wie seit vier Jahrhunderten das ganze menschliche Denken sich 
geandert hat. Das ganze menschliche Denken, das sich so geandert 
hat, ist allmahlich bis zum 20. Jahrhundert dazu gekommen, immer 
abstraktere Begriffe auszubilden. Es sind immer mehr KopfbegrifTe 
gekommen. Wenn wir die vollsaftigen Begriffe der Menschen im 
13., im 14. Jahrhundert nehmen, wenn wir die Naturwissenschaft die- 
ser Jahrhunderte ansehen: Es ist ein grandioser Unterschied gegen- 
iiber dem Abstrakten, gegeniiber der trockenen GesetzmaBigkeit der 
heutigen Naturwissenschaft! Es gibt ein sehr bekanntes Buch, das 
dem Basilius Valentinus zugeschrieben wird. Sehr interessante Dinge 
finden sich darin. Vor kurzem hat nun ein schwedischer Gelehrter ein 
Buch liber die «Materie» geschrieben und auch verschiedenes von 
Valentinus darin zitiert, und sein Urteil dariiber ist : Das verstehe, wer 
kann; man kann es eben nicht verstehen. - Wir glauben es sehr gern, 
daB er nichts von diesem Buche des Valentinus verstehen kann. Denn 
Valentinus gelesen mit den Begriffen, die man aus der Physik und Che- 
mie heute mitbringt, ist ganz unverstandlich ! Das hangt mit denselben 
Dingen zusammen, mit denen etwa die Tatsache zusammenhangt, daB 
sich die gute alte Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gott und Gold im 
Munde» umgewandelt hat im Laufe der Zeit in jene andere Lebensweis- 
heit «Morgenstunde hat Gold im Munde». Dadurch ist der gut euro- 
paische Ausspruch «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde» 
amerikanisch geworden: «Morgenstunde hat Gold im Munde.» 

Jene alte Zeit war in bezug auf die Beschreibung und die Auf- 
fassung der Natur durchdrungen von dem, was aus dem ganzen Men- 
schen kommt. Heute ist es Kopfwissen. Dadurch ist es auf der einen 
Seite abstrakt, trocken und fiillt den Menschen nicht sein ganzes 
Leben hindurch aus ; und auf der andern Seite ist es doch sehr geistig. 
Wir stehen vor dieser Zwienatur, daB wir das Geistigste eigentlich 



heute erzeugen; diese abstrakten Begriffe sind das Geistigste, was es 
geben kann, aber sie sind unfahig, den Geist zu begreifen. Es ist 
ungeheuer leicht einzusehen, in welchen Zwiespalt der Mensch hinein- 
kommt durch jene geistigen Begriffe, die er sich ausgebildet hat. Er 
ist gerade in diesen geistigen Begriffen merkwiirdigerweise Materia- 
list geworden. Aber wenn die Begriffe richtig sind, wiirde nie der 
Materialismus aus ihnen entstehen. Einfach das Vorhandensein der 
abstrakten Begriffe ist schon die erste Widerlegung des Materialismus. 
In diesem Zwiespalte leben wir drinnen. Wir haben uns seit vier Jahr- 
hunderten ungeheuer vergeistigt, und wir mussen in diesem Gei- 
stigen, das wir nur abstrakt haben, wieder das lebendige Geistige 
finden. Wir sind dazu aufgestiegen, nur gegenstandliche Begriffe zu 
haben, aber wir mussen wieder zur Imagination, zur Inspiration, zur 
Intuition kommen. Wir haben abgelegt, was aus friiherer uralter Erb- 
weisheit in Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen uns iiberkom- 
men war. Wir mussen es wiederbekommen, nachdem wir uns der Voll- 
saftigkeit des Wissens des ganzen Menschen soweit entauBert haben. 

Das ist etwas, was einen schon erfullen kann mit dem Ernst gegen- 
iiber dem Geisteswissenschaftlichen. Und wenn ich in diesen zwei 
Vortragen, die ich jetzt wieder vor Ihnen halten durfte, mehr ein- 
leitend gesprochen habe, so war meine Absicht, zu zeigen, wie aus 
der auBerlichsten Betrachtung des Menschen der Impuls hervorgehen 
kann, sich mit demjenigen zu beschaftigen, was der Welt geistig zu- 
grunde liegt. Es wird die Menschheit im Verfolgen dieser Impulse 
und Ideen auf etwas kommen, was ihr heute so ungeheuer abgeht: 
innere Wahrhaftigkeit. Man kann nicht wirklich fruchtbar nach dem 
Geist streben, wenn man nicht in innerer Wahrhaftigkeit strebt, und 
man wird niemals fehl gehen, wenn man sich durch Lebenserfahrung 
die Erkenntnis erwirbt, daft eine richtige Harmonie zwischen Kopf- 
wissen und Herzenswissen nur moglich ist, wenn man sich wahrhaftig 
in das Leben hineinstellt. Denn deshalb wollen gerade die Menschen 
der Gegenwart das Kopfwissen nicht in Herzenswissen iiberfuhren, 
weil das Herzenswissen nicht nur langer braucht, sondern weil es 
auch gegen das Kopfwissen reagiert, es zuriickstofit, wenn es unwahr 
ist. Der iibrige Mensch macht sich dann als eine Art Gewissen bemerk- 



bar. Davor furchtet sich die nur fiir den Kopf geneigte Menschheit 
der Gegenwart. 

Und jetzt zum Schlusse - weil es sich fur uns ja immer darum han- 
deln muB, wenn wir so unter uns zusammen sind, auch die Stellung 
unseres geisteswissenschaftlichen Strebens, das wir in solcher Art 
charakterisierten, wie es heute und das letzte Mai geschehen ist, in der 
ganzen Welt einzusehen zum Schlusse einige Bemerkungen, die 
sich fiir uns unmittelbar praktisch ergeben. 

Geisteswissenschaft kann auch nur gedeihen, wenn man mit ihr 
Ernst macht in der Wahrhaftigkeit; denn sie muB ja an tiefste Bediirf- 
nisse der Menschheit gerade in der Gegenwart herangehen. Sie muB 
sich jenen Gewissensqualen aussetzen, die sehr leicht entstehen kon- 
nen, wenn das Herz zum Kopfe Nein sagt. Denn immer sagt das Herz 
zum Kopfe Nein, wenn nicht Geistiges gesucht wird, oder wenn 
Wissen nur angestrebt wird aus einem bloBen Egoismus, aus Be- 
gierde, Ehrgeiz und so weiter. Aus diesem Grunde war es schon not- 
wendig, in dem Betriebe der Geisteswissenschaft nach keiner Seite 
hin auch nur leise Kompromisse aufkommen zu lassen. Geistes- 
wissenschaft muB aus sich selbst heraus positiv betrieben werden; man 
kann nicht Kompromisse schlieBen mit Halbheiten, Viertelheiten oder 
Achtelheiten ; es ist heute eine zu ernste Angelegenheit. Wir diirfen 
wohl, nachdem wir einiges einleitend gesagt haben, diese Bemerkun- 
gen folgen lassen, die nicht personlich gemeint sind, wenn sie auch an 
Personliches anschlieBen. Einen groBen Teil der Gegnerschaft gegen 
die Geisteswissenschaft kann man nur verstehen, wenn man ihn seiner 
Genesis nach, seinem Werden nach ins Auge faBt. Da oder dort tritt 
zum Beispiel jemand auf, der sich in der heftigsten Weise gegen die 
Geisteswissenschaft wendet. Es gibt auch andere Falle, als ich jetzt 
meine, aber in vielen Fallen geht die Gegnerschaft gegen Geistes- 
wissenschaft aus so etwas hervor, wie ich jetzt einen konkreten Fall 
anfuhren will. 

Ich war einmal in Frankfurt am Main, um Vortrage zu halten. Da 
telephonierte mich jemand an, daB ein Herr mich sprechen wollte. Ich 
hatte nichts dagegen und sagte, er konne mich dann und dann 
sprechen. Der Betreffende kam und sagte: «Ach, ich bin Ihnen eigent- 



lich seit langer Zeit immer so nachgereist, um zu sehen, ob ich Sie 
einmal sprechen konnte. » Ich konnte nichts dagegen haben, aber ich 
hatte auch nichts dafiir. Der Betreffende redete dann so um allerlei 
herum. Aber man kann schon nicht anders, als Geisteswissenschaft 
ernst zu nehmen, und wenn man das will, dann muB man manches, 
was sich aufspielt und als gelehrt erweisen will, abweisen. Man kann 
nicht mit allem Moglichen Kompromisse schlieBen. Ich war nicht un- 
hof lich gegen den Mann, aber ich lieB ihn ablaufen, lieB ihn merken, 
daB ich weiter keine Notiz von ihm nehmen wiirde. Es war meine 
tiefste Uberzeugung, daB der Mann hohles Zeug herumredete, aber 
daB er dabei Anlehnung suchte. Das trat ja wirklich in unzahligen 
Fallen hervor. - Was ich jetzt sage, spreche ich nicht aus Albernheit, 
sondern um eben gewisse Vorgange zu charakterisieren. - Also ich 
muBte diesen Mann ablaufen lassen. Es war vieles auBerordentlich 
schmeichelhaft, was der Mann sagte, aber es kam nur darauf an, ob an 
seinen «auch» geisteswissenschaftlichen Bestrebungen etwas Wahres 
sei. Bald darnach traten in der Schweiz Ankiindigungen dieses Mannes 
auf, aus denen hervorging, daB iiber das «Damonische», iiber das 
«Teuflische» der Steinerschen Geisteswissenschaft in Grund und 
Boden zu reden ware. - Ich konnte auch noch eine Nachgeschichte 
dieser Sache erzahlen, aber das will ich schon nicht. Es ist dies aber 
eine von den Arten, wie da oder dort Gegner auftreten. Es sind sehr 
haufig Menschen, welche eigentlich irgendwie Zusammenhang ge- 
sucht haben, und deren Suchen nach Zusammenhang eben aus be- 
stimmten Griinden ignoriert werden muBte. Vieles muBte ignoriert 
werden, um die Geisteswissenschaft rein zu erhalten. Das muBte man 
sich schon auferlegen. 

Nun will ich im Zusammenhang damit etwas anderes erwahnen. 
Unser sehr verehrter Freund Dr. Rittelmeyer hatte vor kurzem in der 
Zeitschrift «Die christliche Welt» iiber das Verhaltnis unserer Geistes- 
wissenschaft zur religiosen Frage gesprochen und dabei versucht, 
manches andere Vorurteil gegen unsere Geisteswissenschaft in einer 
auBerordentlich anerkennenswerten und dankenswertenWeise zuriick- 
zuweisen. Ich hoffe, daB sich alle von Ihnen mit dem Aufsatze, der von 
Dr. Rittelmeyer in der « Christlichen Welt» erschienen ist, bekannt- 



machen werden. Nun aber hat sich Dr. Johannes Miiller, der ja vielen 
bekannt ist, bemiiBigt gesehen, eine Reihe von Aufsatzen iiber drei 
Nummern in derselben «Christlichen Welt» gegen diese Abhandlung 
Dr. Rittelmeyers zu schreiben. Es ist wirklich nicht meine Absicht, 
irgendwie auf das einzugehen, was Dr. Johannes Miiller geschrieben 
hat. Denn seit einer langen Reihe von Jahren, die nach vorne keinen 
Anfang hat, war es im wesentlichen immer mein Bestreben, iiber 
Dr. Johannes Miiller nicht zu reden ; denn ich habe Griinde, die Gei- 
steswissenschaft von dilettantischen Bestrebungen freizuhalten, sie 
nicht irgendwie in Kompromisse zu verwickeln. Und ich glaube, daB 
dies am besten zu erreichen ist, wenn man sich um das nicht kiimmert, 
wenigstens nicht sprechend kiimmert, was ja angeblich durch seinen 
eigenen Wert wirken muB, wenn es wirken kann. Niemals habe ich 
Dr. Johannes Miiller in einem besonderen Zusammenhange erwahnt. 
Nun besteht ja in unserer Zeit nicht viel Gefiihl dafiir, was auf diesem 
Gebiete eigentlich in Wirklichkeit Wahrheit und Unwahrheit ist. 
Wenn Sie die Johannes Miillerschen Aufsatze jetzt durchgehen, so 
werden Sie finden, daB sie schon ein gut Stuck von dem enthalten, was 
man durch Leichtsinn bewirkte oder durch sonst etwas bewirkte 
objektive Unwahrheiten nennen muB. Sie strotzen davon. Solche 
Dinge muB man nahe ins Auge fassen. Ich hatte in einem Falle eine 
solche Unwahrheit zu charakterisieren: die Dessoirschen Unwahr- 
heiten in meinen «Seelenratseln». Ich bin nun sehr gespannt, denn auf 
das, wie dort dem Professor an der Berliner Universitat nachgewiesen 
ist zu schreiben, miiBte eigentlich etwas erfolgen. Man lese nur den 
Aufsatz, den ich als zweiten in meinem Buche «Von Seelenratseln» 
geschrieben habe iiber die Art, wie Professor Dessoir wirkt. Jeder 
naturlich, der nach diesem Aufsatze, der jetzt vorliegt, iiber das 
Dessoirsche Buch schreibt und diesen Aufsatz nicht beriicksichtigt, 
ist ein Mitschuldiger an diesen Dingen. Aber diese Sachen nimmt man 
heute nicht so, indem mancher sich heute ausredet: Ich habe es nicht 
gewuBt -, als ob nicht der, welcher etwas behauptet, die Dinge erst 
richtig ins Auge zu fassen hatte. - Nun, iiber derlei Kinkerlitzchen, 
daB meine Plakate «marktschreierisch» und so weiter waren, dariiber 
lasse ich lieber diejenigen urteilen, welche die Johannes Miillerschen 



Vortrage und Plakate kennen ; und daB bei meinen Vortragen auf die 
besondere Sensationsbediirftigkeit der Menschen spekuliert werden 
sollte, dariiber lasse ich ebenfalls andere urteilen. Es ist noch nicht 
lange her, da hat mir ein sehr geschatzter alter Herr, der sich wirklich 
ein sehr gewissenhaftes Urteil iiber diese Dinge bilden will, gesagt, er 
wundere sich eigentlich, daB in meine Vortrage so viele Menschen 
kamen, denn ich legte es gar nicht darauf an, daB sie leicht waren. 
Nun kann man sehr leicht beweisen, daB die Johannes Miillerschen 
Beschuldigungen unwahr sind. Denn auf die bloBe Ankiindigung hin 
kommen in einer Stadt, wo die Geisteswissenschaft noch nicht FuB 
gefaBt hat, gewohnlich nicht sehr viele Leute in meine Vortrage ; wo 
aber viele kommen, da kommt das daher, weil an solchem Orte wirk- 
lich darum geworben und gearbeitet worden ist. Ich will jedoch nicht 
weiter darauf eingehen, hochstens noch auf den letzten Abschnitt der 
Johannes Miillerschen Aussprache hinweisen, die sich darin ergeht, 
daB ich von dem « Drama Gottes» spreche, der durch den Menschen 
erlost werden soil und dergleichen, und wo Johannes Miiller andert- 
halb Spalten dadurch zustande bringt, daB er an einer beliebigen Stelle 
aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» einige 
Satze bringt, die er aus ihrem Zusammenhange herausreiBt, wie es ihm 
gerade einfallt. Aber durch das, was er vorher ausgelassen hat, wird 
alles, was er sagt, zum absolutesten Unsinn. In meinem Buche iiber 
das Christentum wird iiber das « Drama Gottes und seine Verzaube- 
rung» das Gegenteil gesagt. Johannes Miiller redet sich jedoch damit 
heraus, daB er aus meinen Schriften nicht hat klar werden konnen. 
Das glaube ich ihm ganz bestimmt! Aber ohne auch nur das geringste 
verstanden zu haben, macht sich Johannes Miiller iiber dieses Buch 
her. Ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht, daB dieses Buch in 
dem Mysterium von Golgatha - im Unterschiede von alien iibrigen 
Mysterien - den Hauptnerv sieht. Dafur hat Johannes Miiller keine 
Empflndung. Ich wiirde also niemals verlangen, daB er mein Buch 
verstehen sollte, glaube auch nicht, daB er dazu in der Lage ware, aber 
er kritisiert es. Und das Merkwiirdige ist dies : Im Jahre 1902 ist dieses 
Buch gedruckt worden; es lag also im Jahre 1906 vier Jahre lang vor. 
Man wuBte, ich habe gerade damals in der damaligen ersten Auf- 



lage mem Verhaltnis zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, zur 
Philosophic auf der andern Seite auseinandergelegt. Das « Christentum 
als mystische Tatsache» ist bekanntgeworden. Nun, wenn es Jo- 
hannes Miiller noch nicht bekanntgeworden ist, so ist das seine Sache. 
Aber ich erwahne, daB es 1906 bekannt war, und daB es ebenso mit 
meiner Gesamtweltauffassung verbunden war, wie zum Beispiel 
meine « Philosophic der Freiheit». Wer sich also im Jahre 1906 iiber 
mich eine Meinung bildete, der muBte mich vom Standpunkte meiner 
ganzen Weltanschauung aus nehmen und konnte im Grunde genom- 
men nicht Halbheiten nehmen. Also 1906 war die Tatsache da, daB 
das « Christentum » vier Jahre bereits erschienen war. 1906 aber wurde 
mir das Buch «Die Bergpredigt» von Johannes Miiller zugeschickt. 
Darin stand als Widmung: «Herrn Dr. R. Steiner in angenehmer 
Erinnerung an die < Philosophic der Freiheit>. Mainberg, 17. VIII. 06. » 
Diese Angelegenheit gehort zu denjenigen, wo ich in die Notwendig- 
keit versetzt war, zu ignorieren ; denn es war nicht moglich, Kompro- 
misse zu schlieBen nach jenen Richtungen, von denen ich gesprochen 
habe. Und ich betrachte es als mein gutes Recht, statt jemandem zu 
sagen : Ich sehe Ihre Dinge als dies und das an zu schweigen, wenn 
er in dieser Weise an mich herantritt. Aber daB man schweigt, argert 
unter Umstanden die Leute am allermeisten. Ich sagte, man miisse die 
Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft in den realen Verhalt- 
nissen suchen. Das ist den Leuten oft viel unangenehmer, wenn man 
die realen Verhaltnisse aufdeckt. Ich konnte noch unangenehmere 
Dinge erzahlen. Aber wer jetzt die Aufsatze von Dr. Johannes Miiller 
iiber unseren Freund Dr. Rittelmeyer liest, der wird vielleicht gut tun, 
nicht bloB in diesen Dingen die Gegnerschaft zu suchen, sondern in 
solchen Beitragen, von denen ich einen kleinen anfiihrte. Man muB 
iiberall nachgehen, ob man nicht viel wahrere Grunde als die an der 
Oberflache liegenden findet. Es wurmt, wenn jemand «in angenehmer 
Erinnerung an die < Philosophic der Freiheit>» herankommt und der 
andere nicht darauf eingeht und keine Antwort gibt. 

Ich wollte Ihnen diesen kleinen Beitrag vielleicht auch zur Psycho- 
logic Johannes Miillers nicht vorenthalten, damit Sie auch dort klarer 
sehen, als Sie vielleicht bloB durch seine Aufsatze sehen wiirden. 



DRITTER VORTRAG 
Berlin, 5.Februar 1918 



Was wir wiederholt auseinandergesetzt haben, was wir hier ofter von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus besprochen haben: daB 
jener Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen eine tiefere Be- 
deutung im Menschenleben noch hat, als es fur die auBere Beobach- 
tung scheint - man sollte dieses fur eine Gesamtweltbetrachtung, fur 
ein im idealsten Sinne praktisches Stehen in der Welt wohl bedenken. 
Fiir die gewohnliche Beobachtung liegt ja die scheinbare Tatsache 
vor, daB der Mensch mit seinem BewuBtsein wechselt zwischen Wach- 
zustand und Schlafzustand. Wir wissen, daB dies nur eine scheinbare 
Tatsache ist. Denn wir haben es von den verschiedensten Gesichts- 
punkten aus oftmals besprochen, daB der sogenannte Schlafzustand 
nicht bloB dauert zwischen Einschlafen und Aufwachen, sondern daB 
er fur einen gewissen Teil unseres Wesens auch andauert in der Zeit 
vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir mussen schon sagen : Wir 
sind niemals vollstandig, durchgreifend mit unserem Gesamtwesen 
wach. Der Schlaf dehnt sich in unseren Wachzustand hinein aus. Mit 
einem Teile unseres Wesens schlafen wir fortwahrend. Wir konnen 
uns nun fragen : Mit welchem Teile unseres Wesens sind wir eigentlich 
fortdauernd wahrend des sogenannten Wachens wirklich wach? 

Wir sind wach mit Bezug auf unsere Wahrnehmungen, mit Bezug 
auf alles, was wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen aus der sinn- 
lichen Welt herein durch unsere Sinne wahrnehmen. Das ist ja gerade 
das Charakteristische des gewohnlichen Wahrnehmens, daB wir von 
einem Nichtverbundensein mit der auBeren Sinneswelt ubergehen 
beim Erwachen zu einem Verbundensein mit ihr, daB eben sehr bald 
unsere Sinne beginnen tatig zu sein, und dies reiBt uns heraus aus 
jenem dumpfen Zustand, den wir im gewohnlichen Leben als den 
Schlafzustand kennen. Also mit unseren. Smneswahrnehmungen sind 
wir im wahren Sinne des Wortes wach. Weniger wach schon - eine 
ordentliche Selbstbeobachtung kann das jedem ergeben, wir haben es 
auch ofter erwahnt, und Sie konnen Genaueres dariiber in meinem 



Buche «Von Seelenratseln» finden -, weniger wach, aber so, daB wir 
den Zustand als wirkliches Wachsein bezeichnen konnen, sind wir mit 
Bezug auf unser Vorstellungsleben. Wir miissen ja das Wahr- 
nehmungsleben von dem eigentlichen Denk- und Vorstellungsleben 
unterscheiden. Wenn wir abgezogen von der Sinneswahrnehmung, 
also nicht nach auBen gewandt, nachdenken, so sind wir bei diesem 
Nachdenken schon im gewohnlichen Sinn des Wortes und auch im 
hoheren Sinn des Wortes wach, wenn auch dieses Wachsein im 
bloBen Vorstellungsleben immerhin eine Nuance vom Traumerischen 
hat, beim einen Menschen mehr, beim andern weniger. Wenn sich 
auch bei manchen Menschen in das Vorstellungsleben gut Traume- 
risches hineinmischen kann, so konnen wir doch im groBen und gan- 
zen sagen: Wir sind wach, auch wenn wir vorstellen. 

Aber nicht wach sind wir, indem wir fuhlen. GewiB, die Gefuhle 
wogen herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelenleben, 
und dadurch, daB wir die Gefuhle vorstellen, daB sich immer Vor- 
stellungen, also wache Tatigkeiten hineinmischen in das Fuhlen, mei- 
nen wir, im Fuhlen seien wir auch wach. Das ist jedoch in Wirklich- 
keit nicht so. In Wirklichkeit ist die Regsamkeit unserer Seele im 
Fuhlen ganz genau dieselbe wie im gewohnlichen Traumen. Es be- 
steht eine tiefe Verwandtschaft zwischen dem Traumzustande und 
dem eigentlichen Gefuhlszustande. Wiirden wir jederzeit fahig sein, 
das, was wir traumen - der groBte Teil des Traumlebens geht uns ja 
verloren ebenso mit dem Vorstellen zu beleuchten, wie wir unser 
Gefiihlsleben beleuchten, so wiirden wir iiber das Traumleben ganz 
genau in demselben Grade Bescheid wissen wie iiber das Gefuhls- 
leben, denn die eigentlichen Gefuhle sind nicht anders in der Seele 
anwesend als die Traume. Gefuhle, Affekte, sogar in gewissem Sinne 
das Leidenschaftsleben ist in unserer Seele so anwesend wie das Trau- 
men. Kein Mensch kann durch sein Wachleben sagen, was sich eigent- 
lich da abspielt, wenn er fiihlt, oder in dem, was er fiihlt. Das wogt, 
wie gesagt, herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelen- 
leben, und das wird dann durch das Licht des Vorstellens beleuchtet. 
Aber es ist ein Traumleben. Diese Verwandtschaft des Affekt- und 
Gefiihlslebens mit dem Traumleben haben ja auch Nichtokkultisten 



gut erkannt, zum Beispiel der vorziigliche Asthetiker Friedrich Theodor 
Vischer, der oft betont hat, welche tiefe Verwandtschaft im Seelen- 
leben des Menschen besteht zwischen Fiihlen und Traumen. 

Noch weiter unten im Seelenleben liegt nun das eigentliche Willens- 
leben. Was weiB denn der Mensch daniber, was eigentlich in seinem 
Inneren vorgeht, wenn er sagt: Ich will ein Buch ergreifen -, und 
wenn der Arm sich ausstreckt und das Buch ergreift? Was sich da 
vollzieht zwischen Muskel und Nerv, was da im Organismus vor sich 
geht und was auch in der Seele vor sich geht, damit ein Willensimpuls 
in Bewegung, in Handlung iibergeht, das wird vom Menschen nicht 
starker gewuBt, als die Ereignisse des tiefen traumlosen Schlafes von 
ihm gewuBt werden. Es ist in der Tat so: Das eigentliche Wesen 
unseres Willenslebens wird wieder von unserem Vorstellungsleben 
beleuchtet. Dadurch erscheint es so, als wenn es uns bewuBt ware, 
aber das eigentliche Wesen des Willenslebens liegt in Wirklichkeit 
auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in einem vollstandigen 
Schlafzustande. 

Wir sehen also: Wirklich wach, im richtigen Sinne des Wortes 
wach sind wir nur in bezug auf unser Wahrnehmen in der Sinneswelt 
und unser Vorstellungsleben; schlafend, auch in bezug auf den Wach- 
zustand, sind wir mit Bezug auf das Gefuhlsleben, das wir eigentlich 
traumen, und gar erst mit Bezug auf unser Willensleben, das wir 
eigentlich fortwahrend verschlafen. So dehnt sich der Schlafzustand 
in den Wachzustand hinein aus. Stellen wir uns also vor, wie wir da 
durch die Welt schreiten: Was wir mit unserem BewuBtsein wachend 
durchleben, ist eigentlich nur die Wahrnehmung der Sinneswelt und 
unsere Vorstellungswelt; und eingebettet in dieses Erleben des Men- 
schen ist eine Welt, in der unsere Gefiihle und Willensimpulse schwim- 
men, eine Welt, die um uns herum ist, wie die Luft um uns herum ist, 
aber die in das gewohnliche BewuBtsein gar nicht hereintritt. Wer an 
die Sache so herantritt, wird wahrhaftig nicht sehr weit davon ent- 
fernt sein, um sich herum eine sogenannte iibersinnliche Welt an- 
zuerkennen. 

Nun hat das Ganze, was ich jetzt gesagt habe, aber bedeutsamere 
Konsequenzen. Hinter dem, was ich erwahnt habe, verstecken sich 



bedeutsame Tatsachen des Gesamtlebens. Wer das Leben kennen- 
lernt, welches die Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt fuhrt - Sie brauchen sich ja nur in mehr abstrakter Form mit 
diesem Leben bekanntzumachen durch den Vortragszyklus «Inneres 
Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», 
der im Friihling 1914 in Wien gehalten wurde und der gedruckt ist -, 
wer sich damit bekanntmacht, der wird sehen, daB wir in dieser Welt, 
die wir da schlafend durch wandeln, gemeinsam mit den sogenannten 
Toten leben. Die Toten sind ja fortwahrend da. Sie sind sich be- 
wegend, sich verhaltend in einer iibersinnlichen Welt da. Wir sind 
nicht von ihnen getrennt durch unsere Realitat, wir sind von ihnen 
nur getrennt durch den BewuBtseinszustand. Wir sind nicht anders 
von den Toten getrennt, als wir im Schlafe getrennt sind von den 
Dingen um uns herum: Wir schlafen in einem Raume, und wir sehen 
nicht Stiihle und vielleicht anderes nicht, das in dem Raume ist, trotz- 
dem es da ist. Wir schlafen im sogenannten Wachzustande mit Bezug 
auf Gefuhl und Willen mitten unter den sogenannten Toten - wir 
nennen es nur nicht so -, geradeso wie wir die physischen Gegen- 
stande nicht wahrnehmen, die um uns herum sind, wenn wir schlafen. 
Wir leben also nicht getrennt von der Welt, in der die Krafte der 
Toten waken; wir sind mit den Toten in einer gemeinsamen Welt. 
Getrennt von ihnen sind wir fur das gewohnliche BewuBtsein nur 
durch den BewuBtseinszustand. 

Dieses Wissen von dem Zusammensein mit den Toten wird einer 
der wichtigsten Bestandteile sein, welchen die Geisteswissenschaft 
dem allgemeinen MenschheksbewuBtsein, der allgemeinen Mensch- 
heitskultur fur die Zukunft einzupflanzen hat. Denn die Menschen, 
welche glauben, daB dasjenige, was vor sich geht, nur dadurch vor 
sich geht, daB die Krafte wirken, die man im Sinnesleben wahrnimmt, 
kennen eben nichts von der Wirklichkeit; sie wissen nicht, daB in das 
Leben, welches sich hier abspielt, die Krafte der Toten fortwahrend 
herein wirken, daB sie fortwahrend da sind. Und wenn Sie sich jetzt 
erinnern, was ich im ersten Vortrage gesagt habe, wo ich ausfiihrte, 
daB man im Grunde genommen heute in der materialistischen Zeit 
eine ganz falsche Ansicht iiber das geschichtliche Leben hat, daB wir 



die Geschichte in ihren wirklichen Impulsen eigentlich traumen oder 
verschlafen, so werden Sie sich auch eine Vorstellung davon bilden 
konnen, daB in dem, was wir vom geschichtlichen Leben vertraumen 
oder verschlafen, die Krafte der Toten leben konnen. Eine Geschichts- 
betrachtung wird in der Zukunft kommen, die mit den Kraften der- 
jenigen rechnen wird, welche durch des Todes Pforte gegangen sind 
und mit ihren Seelen in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt leben. Ein BewuBtsein mit der Gesamtmenschheit, auch mit 
der sogenannten toten Menschheit, wird der Menschheitskultur eine 
ganz neue Farbung zu geben haben. 

Die Betrachtungsweise, die sich dem Geistesforscher ergibt, der 
nun praktische Anwendung von dem eben Gesagten machen kann, 
zeigt manche konkrete Einzelheit iiber dieses Zusammenleben der 
sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten. Wiirde der 
Mensch bis in seine Gefuhle und bis in seine Willensimpulse ihrem 
Wesen nach mit seinem Vorstellen hinunterleuchten konnen, dann 
wiirde er ein fortwahrendes lebendiges BewuBtsein von dem Dasein 
der Toten haben. Das hat er nun allerdings nicht. Und das gewohn- 
liche BewuBtsein hat es nicht aus dem Grunde, well sich die Dinge 
merkwiirdig verteilen innerhalb unseres BewuBtseinslebens. Man 
konnte sagen: Fur das Begreifen eines hoheren Weltenzusammen- 
hanges ist eigentlich viel wichtiger als die Anschauung des Wach- 
zustandes und des Schlafzustandes etwas Drittes. Was ist dieses Dritte? 

Dieses Dritte ist, was dazwischen Hegt, was fur den gegenwartigen 
Menschen eigentlich immer nur ein Augenblick ist, an dem er so vor- 
beigeht: Es ist das Aufwachen und das Einschlafen. Der gegenwartige 
Mensch hat nicht viel Aufmerksamkeit fur das Aufwachen und das 
Einschlafen. Und dennoch: Aufwachen und Einschlafen sind im Ge- 
samtbewuBtsein des Menschen auBerordentlich wichtig. Wie wichtig 
sie sind, das ergibt sich, wenn man die von UnbewuBtheit durch- 
zogenen Erlebnisse des gewohnlichen BewuBtseins erhellt mit den 
Erlebnissen des hellseherischen BewuBtseins. Nachdem wir so viele 
Jahre Vorbereitungen fur so etwas gepflogen haben, konnen wir ja 
ganz unbefangen aus den iibersinnlichen Tatsachen heraus solche 
Dinge auch einmal beleuchten. 



Es gibt durchaus eine Moglichkeit fur das hellsichtige BewuBtsein, 
nicht nur im allgemeinen sich bekanntzumachen mit den Tatsachen 
der ubersinnlichen Welt, mit der Welt, in der wir uns zum Beispiel 
aufhalten zwischen Tod und neuer Geburt, sondem es gibt eine Mog- 
lichkeit fur das hellsichtige BewuBtsein - obwohl diese Moglichkeit 
nicht so leicht ist, wie die eben genannte und charakterisierte -, im 
einzelnen, wenn ich mich grob ausdriicken will, in Kontakt, in Korre- 
spondenz zu kommen mit der einzelnen entkorperten Seele. Das wissen 
Sie ja. Einfiigen will ich nur noch: Schwieriger - schwierig fur das 
allgemeine wissenschaftliche Begreifen der ubersinnlichen Verhalt- 
nisse - ist die Beobachtung nur aus dem Grunde, weil da viel mehr 
Hindernisse zu uberwinden sind. So wenig es in der Gegenwart vielen 
Menschen gelingt, allgemeine wissenschaftliche Resultate iiber die 
iibersinnliche Welt zu gewinnen, so kann man doch nicht sagen, daB 
dies auBerordentlich schwierig ist; denn es ist nicht etwas, was der 
gewohnlichen menschlichen Seelenfahigkeit so durchaus fern liegt. 
Aber schwieriger ist es, im einzelnen mit diesen Seelen in Verbindung 
zu kommen, aus dem einfachen Grunde, weil die reale, die konkrete 
einzelne Verbindung der hier im Leibe lebenden Menschenseele mit 
der entkorperten Seele voraussetzt, daB der, der solche Verbindung 
anstrebt, der in die Lage kommt, solche Verbindung zu haben, Kon- 
takt also mit einzelnen entkorperten Seelen zu haben, wirklich in 
einem gewissen hoheren MaBe in rein Geistigem leben kann, unbeirrt 
durch den Umstand, daB solches konkretes Leben im rein Geistigen 
sehr leicht gerade niedere Triebe des Menschen erwecken kann, aus 
Griinden, die ich oft angefiihrt habe : daB die hoheren Fahigkeiten der 
ubersinnlichen Wesenheiten mit niederen Trieben der Menschen - 
nicht mit hoheren Trieben der im Leibe verkorperten Menschen - 
Verwandtschaft haben, wie die niederen Triebe iibersinnlicher Wesen- 
heiten mit den hoheren, geistigen Eigenschaften der Menschen Ver- 
wandtschaft haben. Ich beschreibe es als ein bedeutendes Geheimnis 
im Verkehr mit der ubersinnlichen Welt, ein Geheimnis, an dessen 
Inhalt sehr leicht der eine oder der andere scheitern kann. Aber wenn 
diese Klippe iiberwunden wird, wenn der Mensch ubersinnlichen Ver- 
kehr haben kann, ohne daB er dadurch von der Welt geistiger Erleb- 



nisse abgelenkt wird, so ist ein solcher Verkehr durchaus moglich. 
Aber er gestaltet sich sehr, sehr verschieden von dem, was man ge- 
wohnt ist, hier in der sinnlichen Welt als Verkehr anzusehen. 

Ich will ganz im Konkreten sprechen : Wenn Sie hier in der Sinnes- 
welt von Mensch zu Mensch reden, so reden Sie, der andere antwortet 
Ihnen. Sie wis sen, Sie erzeugen Ihre Worte durch Ihr Stimmorgan ; 
die Worte kommen aus Ihren Gedanken heraus. Sie fuhlen, Sie sind 
der Schopfer Ihrer Worte. Sie wissen, Sie horen sich, wahrend Sie 
sprechen, und wahrend der andere antwortet, horen Sie den andern, 
und Sie wissen dann: Sie sind still, den andern horen Sie jetzt. - 
Sehen Sie, man gewohnt sich tief ein in ein solches Verhaltnis dadurch, 
daB man sich nur bewuBt ist, in der physischen Welt mit andern 
Wesen zu verkehren. Der Verkehr mit den entkorperten Seelen ist 
aber nicht so. So merkwiirdig es klingt: Der Verkehr mit den ent- 
korperten Seelen ist genau umgekehrt. Wenn Sie selber Ihre Gedanken 
dem Entkorperten mitteilen, so sprechen nicht Sie, sondern es spricht 
er. Es ist genau so, wie wenn Sie mit jemandem sprechen wiirden, 
und das, was Sie denken, was Sie mitteilen wollen, sprechen nicht Sie 
aus, sondern das spricht der andere aus. Und was der sogenannte Tote 
Ihnen antwortet, kommt Ihnen nicht zu von auGen, sondern das steigt 
von Ihrem Inneren auf, das erleben Sie als Innenleben. Daran muB 
sich das hellsichtige BewuBtsein erst gewohnen, muB sich erst ge- 
wohnen, daB man selber in dem andern der Fragende ist, und daB der 
andere in einem der Antwortende ist. Diese vollstandige Umstulpung 
des Wesens ist notwendig. 

Wer bekannt ist mit solchen Dingen, der weiB, daB solche Um- 
stiilpung des Wesens nicht leicht ist. Denn sie widerspricht allem, was 
der Mensch gewohnt ist; denn die Gewohnheiten bilden sich im 
Laufe des Lebens aus; aber nicht nur das, sie widerspricht sogar 
allem, was dem Menschen angeboren ist. Denn zu glauben, daB man 
selber spricht, wenn man fragt, und daB der andere still ist, wenn man 
antwortet, das ist doch dem Menschen angeboren. Und dennoch ist 
das eben Gesagte der Fall im Verkehr mit den iibersinnlichen Wesen. 
Diese Umstulpung des Wesens, die das hellsichtige BewuBtsein er- 
fahrt, wird Sie aber darauf aufmerksam machen konnen, daB ein gut 



Teil von der Nichtwahrnehmbarkeit der Toten darauf beruht, daB 
sie eben mit den Lebenden in einer Weise verkehren, wie es den 
Lebenden nicht nur ungewohnt, sondern ganz unmoglich erscheint. 
Die Lebenden horen einfach nicht, was ihnen die Toten sagen aus der 
Tiefe ihres Wesens heraus; und die Lebenden achten nicht darauf, 
wenn ein anderer dasselbe sagt, was sie selbst denken, was sie selbst 
fragen wollen. 

Nun liegt aber die Sache so, daB von 2wei fur den gegenwartigen 
Menschen voriiberhuschenden BewuBtseins-Mittelzustanden - vom 
Aufwachen und Einschlafen - immer nur der eine geeignet ist fur das 
Fragen und der andere nur fur das Antworten. Das Eigentiimliche ist, 
daB, wenn wir einschlafen, dieser Moment des Einschlafens besonders 
giinstig ist fur das Fragenstellen an den Toten, das heiBt, fur das Horen 
der Fragen, die wir an den Toten stellen, von ihm aus. Wenn wir ein- 
schlafen, sind wir besonders dafur disponiert, aus dem Toten heraus- 
zuhoren, was wir fragen wollen. Nun schlafen wir aber im gewohn- 
lichen BewuBtsein gleich hinterher ein, und die Folge ist, daB wir 
tatsachlich Hunderte von Fragen an die Toten stellen, von Hunderten 
von Dingen zu den Toten im Einschlafen reden, daB wir aber nichts 
davon wissen, weil wir hinterher einschlafen. Dieser voriibergehende 
Moment des Einschlafens ist ein Moment von ungeheurer Bedeutung 
fur unseren Verkehr mit den Toten. Und wiederum der Moment des 
Aufwachens : Er disponiert uns ganz besonders dazu, die Antworten 
der Toten zu vernehmen. Wiirden wir nicht sogleich in das sinnliche 
Wahrnehmen iibergehen, sondern wiirden wir beim Momente des 
Aufwachens verweilen konnen, so wiirden wir in diesem Momente 
sehr geeignet sein, Botschaften von den Toten entgegenzunehmen. 
Nur wiirden diese Botschaften uns so erscheinen, als wenn sie aus 
unserem eigenen Inneren aufsteigen. 

Sie sehen, zwei Griinde gibt es fur das eine und fur das andere, 
warum das gewohnliche BewuBtsein nicht auf den Verkehr mit den 
Toten achtet. Der eine liegt darin, daB wir sogleich an das Aufwachen 
und an das Einschlafen einen Zustand anschlieBen, der geeignet ist 
auszuloschen, was wir in diesen Momenten erleben; der andere ist, 
daB die Dinge uns, sagen wir, ungewohnt oder eigentlich unmoglich 



vorkommen. Wenn wir einschlafen: Die hundert Fragen, die wir an 
die Toten richten konnen und auch wirklich richten, sie gehen im 
Schlafleben unter aus dem Grunde, weil wir ganz ungewohnt sind, 
das, was wir fragen, zu horen und nicht zu sagen. Und das wiederum, 
was uns der Tote beim Aufwachen sagt, beurteilen wir nicht so, als 
ob es von dem Toten kame, weil wir es nicht erkennen, wir halten es 
fur etwas, was aus uns selbst aufsteigt. Das ist der zweite Grund, 
warum sich der Mensch nicht hineinfindet in den Verkehr mit den 
Toten. 

Diese allgemeinen Erscheinungen werden allerdings doch zuweilen 
durchbrochen, und zwar in der folgenden Weise. Was der Mensch im 
Einschlafen erlebt als das Von-sich-aus-Fragenstellen an die Toten, 
setzt sich in einer gewissen Weise durch den Schlafzustand hindurch 
fort. Wir blicken, indem wir weiterschlafen, unbewuBt zuriick zu dem 
Moment des Einschlafens, und durch diese Tatsache konnen sich 
Traume einstellen. Solche Traume konnen tatsachlich Wiedergaben 
sein der Fragen, die wir an die Toten stellen. Das ist schon einmal so, 
daB wir in den Traumen viel mehr, als wir meinen, uns den Toten 
nahern, zu den Toten hinsprechen, wenn auch das, was im Traume 
erlebt wird, unmittelbar schon beim Einschlafen gesprochen war. 
Aber der Traum holt es herauf aus den undifferenzierten Tiefen der 
Seele. Doch der Mensch miBdeutet es leicht; er nimmt die Traume, 
wenn er sich dann spater an sie als Traume erinnert, meistens nicht 
als das, was sie sind. Traume sind eigentlich immer ein aus unserem 
Gefiihlsleben hervorgehendes Zusammenleben mit den Toten. Wir 
haben uns zu ihnen hinbewegt, und der Traum gibt uns eigentlich oft 
Fragen, die wir an Tote gestellt haben. Er gibt uns schon unser sub- 
jektives Erlebnis, aber so, als wenn es von auBen kommen wurde. Der 
Tote spricht zu uns, aber wir sprechen es eigentlich selber. Es scheint 
nur so, als wenn der Tote spricht. Es sind in der Regel nicht Bot- 
schaften, die von den Toten kommen, was uns in den Traumen ent- 
gegentritt, sondern der Traum, den wir von den Toten haben, ist der 
Ausdruck des Bediirfnisses dafur, daB wir mit den Toten zusammen 
sind, daB es uns gelungen ist, mit den Toten im Momente des Ein- 
schlafens zusammenzukommen. 



Der Moment des Aufwachens iiberbringt uns die Botschaften von 
den Toten. Dieser Moment des Aufwachens wird ausgeloscht durch 
das nachfolgende Sinnesleben. Aber es kommt doch auch die Tat- 
sache vor, daB wir im Aufwachen, wie aus dem Inneren der Seele 
heraufsteigend, irgend etwas haben, von dem wir, wenn wir nur eine 
genauere Selbstbeobachtung haben, sehr gut wissen konnen: Es 
kommt nicht aus unserem gewohnlichen Ich heraus. Das sind oftmals 
Botschaften der Toten. 

Sie werderi mit diesen Vorstellungen zurechtkommen, wenn Sie 
nicht schief denken liber ein Verhaltnis, das Ihnen ja jetzt vor die 
Seele getreten sein wird. Sie werden sagen: Dann ist der Moment des 
Einschlafens geeignet, um an den Toten Fragen zu stellen; der Mo- 
ment des Aufwachens ist geeignet, um von dem Toten die Antworten 
zu bekommen. Das liegt also auseinander. Sie werden dies nur richtig 
beurteilen, wenn Sie die Zeitverhaltnisse in der iibersinnlichen Welt 
richtig ins Auge fassen. Dort ist das wahr, was in einer merkwiirdigen 
Intuition Richard Wagner in dem Satz ausgesprochen hat: Die Zeit 
wird zum Raume. - Es wird wirklich in der iibersinnlichen Welt die 
Zeit zum Raume, so wie ein Raumpunkt dort ist, ein anderer dort. 
Also ist die Zeit nicht vergangen, sondern ein Raumpunkt ist nur in 
einer groBeren oder geringeren Entfernung. Die Zeit wird wirklich 
iibersinnlich zum Raume. Und der Tote spricht nur die Antworten, 
indem er etwas weiter von uns absteht. Das ist natiirlich wieder un- 
gewohnt. Aber das Vergangene ist nicht vergangen in der iibersinn- 
lichen Welt; das ist da, es bleibt da. Und mit Bezug auf das Gegen- 
wartige handelt es sich nur um das Sich-Gegeniiberstellen an einem 
andern Ort gegeniiber dem Vergangenen. Das Vergangene ist ebenso- 
wenig fort in der iibersinnlichen Welt, wie das Haus fort ist, aus dem 
Sie heute abend weggegangen sind, um hierher zu kommen. Das ist 
an seinem Orte, und so ist das Vergangene in der iibersinnlichen Welt 
nicht weg, es ist da. Und ob Sie nun nahe oder mehr entfernt sind von 
dem Toten, das hangt von Ihnen selbst ab, wie weit Sie mit dem Toten 
gekommen sind. Es kann sehr weit sein, kann aber auch sehr nahe sein. 

Wir sehen also : Dadurch, daB wir nicht nur schlafen und wachen, 
sondern aufwachen und einschlafen, stehen wir in einer fortwahrenden 



Korrespondenz, in einem fortwahrenden Kontakt mit den Toten. Sie 
sind immer unter uns, und wir handeln wirklich nicht nur unter dem 
EinfluB derjenigen, die als physische Menschen um uns herum leben, 
sondern wir handeln auch unter dem EinfluB derer, die durch des 
Todes Pforte gegangen sind und einen Zusammenhang mit uns haben. 

Ich mochte heute solche Tatsachen hervorheben, die uns immer 
tiefer und tiefer von einem gewissen Gesichtspunkte aus in die iiber- 
sinnliche Welt hineinfiihren. 

Nun konnen wir einen Unterschied machen zwischen verschiedenen 
Seelen, welche durch des Todes Pforte gegangen sind, wenn man ein- 
mal erfaBt hat, daB ein solcher Kontakt fortwahrend mit den Toten 
da ist. Wenn wir eigentlich immer durch das Feld der Toten gehen, 
entweder indem wir im Einschlafen Fragen stellen an die Toten, oder 
Antworten von ihnen bekommen im Aufwachen, dann wird es uns 
auch nahegehen, wie wir mit den Toten in Verbindung stehen, je 
nachdem die Toten durch des Todes Pforte gegangen sind als jiingere 
Menschen oder als altere. Die Tatsachen, die hier zugrunde liegen, 
zeigen sich allerdings nur dem hellsichtigen BewuBtsein. Aber das ist 
ja nur das Wissen davon, die Realitat findet fortwahrend statt. Jeder 
Mensch steht so mit den Toten in Verbindung, wie es eben durch das 
hellsichtige BewuBtsein ausgesprochen wird. Wenn jiingere Men- 
schen - Kinder oder Jugendliche - durch des Todes Pforte gehen, 
dann zeigt sich namentlich, daB ein gewisser Zusammenhang be- 
stehen bleibt zwischen den Lebendigen und diesen Toten, ein Zu- 
sammenhang, der anderer Art ist, als wenn altere Menschen in Frage 
kommen, die in der Abenddammerung ihres Lebens durch die Todes- 
pforte gegangen sind. Da ist ein durcbgreifender Unterschied, Wenn 
wir Kinder verlieren, wenn jugendliche Menschen von uns weggehen, 
ist es eigentlich so, daB sie im Grunde genommen gar nicht richtig 
von uns weggehen, sondern eigentlich bei uns bleiben. Das zeigt sich 
dem hellsichtigen BewuBtsein dadurch, daB die Botschaften, die beim 
Aufwachen uns zukommen, gerade lebendig, lebhaft sind, wenn es 
sich um Kinder oder jugendliche Personen handelt, die gestorben 
sind. Da ist eine Verbindung zwischen den Zuriickgebliebenen und 
den Verstorbenen vorhanden, die man schon so bezeichnen kann, daB 



man sagt: Ein Kind, einen jugendlichen Menschen hat man in Wirk- 
lichkeit gar nicht verloren; sie bleiben eigentlich da. - Und sie bleiben 
vor allem aus dem Grunde da, well sie nach dem Tode ein lebendiges 
Bediirfnis darnach zeigen, in unser Aufwachen hineinzuwirken, in 
unser Aufwachen hinein Botschaften zu senden. Es ist schon sehr 
merkwiirdig, aber es ist so, daB mit alledem, was mit dem Aufwachen 
zusammenhangt, das jugendlich verstorbene Menschenkind auBer- 
ordentlich viel zu tun hat. Dem hellsichtigen BewuBtsein wird es ganz 
besonders interessant, wie es eigentlich jugendlich friih verstorbenen 
Seelen zu danken ist, wenn die Menschen im auBeren physischen 
Leben eine gewisse Frommigkeit, eine gewisse Neigung zur Fromm- 
heit empfinden. Denn das sagen ihnen die friih verstorbenen Seelen. 
Ungeheuer viel wird mit Bezug auf Frommigkeit gewirkt durch die 
Botschaften der friih verstorbenen Seelen. 

Anders ist es, wenn Seelen im Alter, im physischen Alter dahin- 
gehen. Da konnen wir das, was sich dem hellsichtigen BewuBtsein 
zeigt, in einer andern Weise darstellen. Wir konnen sagen: Die ver- 
lieren uns nicht, denen bleiben wir mit unseren Seelen. - Merken Sie 
den Gegensatz: Die jugendlichen Seelen verlieren wir nicht, sie blei- 
ben unter uns; die alter verstorbenen Seelen verlieren uns nicht, die 
nehmen gewissermaBen etwas von unseren Seelen mit sich. - Es ist 
nur vergleichsweise gesprochen, wenn ich mich vergleichsweise aus- 
driicken darf. Die alter verstorbenen Seelen ziehen uns mehr zu sich 
hin, wahrend die jugendlich Verstorbenen sich mehr zu uns hinziehen. 
Daher haben wir selbst im Momente des Einschlafens viel an die 
alteren verstorbenen Seelen zu sagen, und wir konnen ein Band zur 
geistigen Welt besonders dadurch weben, daB wir uns geeignet 
machen, uns an die alteren verstorbenen Seelen im Momente des Ein- 
schlafens zu richten. Mit Bezug auf diese Dinge kann der Mensch 
wirklich einiges tun. 

Wir sehen also, wir stehen mit den Toten in einer fortwahrenden 
Verbindung ; wir haben eine Art Fragen und Antworten, eine Wech- 
selwirkung mit den Toten. Um uns besonders zum Fragen geeignet 
zu machen, also gewissermaBen um den Toten nahezukommen, ist 
folgendes das richtige. Gewohnliche abstrakte Gedanken, also Ge- 



danken, die aus dem materialistischen Leben heraus sind, bringen uns 
wenig mit den Toten zusammen. Die Toten leiden auch unter unseren 
Zerstreuungen im rein materiellen Leben, wenn sie in irgendeiner 
Weise zu uns gehoren. Wenn wir dagegen das festhalten und pflegen, 
was uns gefuhlsmaBig und willensmaBig mit den Toten zusammen- 
bringt, dann bereiten wir uns gut dazu vor, an die Toten ent- 
sprechende Fragen zu richten, bereiten uns gut dazu vor, im Momente 
des Einschlafens mit den Toten in Beziehung zu kommen. Diese 
Beziehungen sind ja vorzugsweise dadurch vorhanden, daB die be- 
treffenden Toten im Leben mit uns in Zusammenhang gestanden 
haben. Der Zusammenhang im Leben begriindet das, was weiter folgt 
fur den Zusammenhang nach dem Tode. Es gibt natiirlich einen 
Unterschied, ob ich mit irgend jemandem gleichgiiltig spreche oder 
mit Anteil, ob ich mit ihm so spreche, wie ein Mensch mit einem 
andern spricht, wenn er diesen andern lieb hat, oder ob ich mich 
gleichgiiltig verhaltend spreche. Es gibt einen groBen Unterschied, ob 
ich mit jemandem wie beim Five-o'clock-tea rede oder ob mich ganz 
besonders interessiert, was ich von dem andern vernehmen kann. 
Wenn man intimere Beziehungen schafft im Leben zwischen Seele und 
Seele, solche Beziehungen, die auf Gefuhlen und Willensimpulsen be- 
ruhen, und wenn man, nachdem eine Seele durch des Todes Pforte 
gegangen ist, vorzugsweise solche gefuhlsmaBigen Beziehungen, sol- 
ches Interesse an der Seele, solche Neugier zu den Antworten, die 
sie geben wird, festhalten kann, oder wenn man vielleicht den Drang 
hat, ihr selbst etwas zu sein, wenn man in diesen Reminiszenzen zu 
der Seele leben kann, Reminiszenzen, die nicht aus dem Inhalte des 
Vorstellungslebens zu der Seele nieBen, sondern aus den Beziehungen 
zwischen Seele und Seele, dann ist man besonders geeignet, um im 
Momente des Einschlafens fragend an die Seele heranzukommen. 

Um dagegen Antworten, Botschaften zu bekommen im Momente 
des Aufwachens, dazu wird man besonders geeignet, wenn man fahig 
und geneigt ist, auf das Wesen des betreffenden Toten wahrend seines 
Lebens erkennend einzugehen. Bedenken Sie, wie man, besonders 
in der Gegenwart, an den Menschen vorbeigeht, ohne sie wirklich 
kennenzulernen. Was kennen eigentlich heute die Menschen von- 



einander? Es gibt - wenn man gleich dieses etwas sonderbare, frap- 
pierende Beispiel nehmen darf - Ehen, die Jahrzehnte dauern, ohne 
daB die beiden Eheleute sich auch nur irgendwie kennenlernen. Es ist 
so. Es ist aber durchaus moglich - was nicht von einem Talent ab- 
hangt, es ist eigentlich von der Liebe abhangig -, verstandnisvoll auf 
das Wesen des andern einzugehen und dadurch eine wirkliche Vor- 
stellungswelt von dem andern in sich zu tragen. Das aber bereitet 
besonders gut dazu vor, im Momente des Aufwachens von dem Toten 
selbst Antworten zu empfangen. Daher ist man eigentlich auch eher 
geneigt, beim Aufwachen von einem Kinde, von einem Jugendlichen 
Antworten zu empfangen, weil man Jugendliche doch noch immer 
eher kennenlernt als die, welche sich verinnerlicht haben und alter 
geworden sind. 

So konnen die Menschen schon etwas dazu tun, um in der rechten 
Weise das Verhaltnis zwischen den Lebenden und den Toten zu be- 
griinden. Eigentlich ist unser ganzes Leben von diesem Verhaltnis 
durchzogen. Wir sind als Seelen eingebettet in die Sphare, in der auch 
die Toten sind. Der Grad - das habe ich schon vorhin gesagt -, in dem 
wir fromm sind, hangt sehr stark damit zusammen, wie die jugendlich 
verstorbenen Menschen auf uns wirken. Und wiirden nicht jugendlich 
verstorbene Menschen in das Leben hereinwirken, so gabe es wahr- 
scheinlich iiberhaupt keine Frommigkeit. Daher verhalten sich die 
Menschen zu jung verstorbenen Seelen am besten so, daB sie das 
Andenken mehr im allgemeinen halten. Trauerfeiern fur Kinder oder 
jugendlich verstorbene Menschen sollten immer etwas Kultushaftes, 
etwas Generelleres haben. Man sollte beim Tode von jugendlich Ver- 
storbenen eine Art von Kultus haben. Die katholische Kirche, die 
alles auf das jugendliche, auf das kindliche Leben abnuanciert, die es 
iiberhaupt nur mit Kindern zu tun haben mochte, Kinderseelen zu 
verwalten haben mochte, sie wendet daher wenig die Bitte an, indivi- 
duelle Reden zu halten fur das kindliche Leben, das mit dem Tode 
geschlossen hat. Das ist ganz besonders gut. Die Trauer, die wir um 
Kinder haben, ist anderer Art, als unsere Trauer um altere Leute. Die 
Trauer um Kinder mochte ich am liebsten Mitgefuhltrauer nennen; 
denn die Trauer, die wir um ein Kind haben, das uns hinweggestorben 



ist, ist eigentlich vielfach eine Reflexion aus unserer eigenen Seele 
gegeniiber dem Wesen des Kindes, das eigentlich dageblieben ist in 
unserer Nahe. Wir leben das Leben des Kindes mit, und das Wesen 
des Kindes macht da die Trauer mit. Es ist Mitgefuhltrauer. Wenn die 
Trauer dagegen besonders gegeniiber alter verstorbenen Personen 
auftritt, kann man sie nicht als Mitgefuhltrauer bezeichnen; sie ist 
dann immer als eine egoistische zu bezeichnen, und sie wird am besten 
durch die Erwagung getragen, daB der Tote uns dann eigentlich mit- 
nimmt, wenn er alter geworden ist; er verliert uns nicht, wenn wir 
versuchen, uns geeignet zu machen, um mit ihm zusammenzukom- 
men. Daher konnen wir dem alteren Toten gegeniiber das Andenken 
mehr individuell gestalten, mehr in Gedanken tragen, konnen in Ge- 
danken vereint bleiben mit dem, was wir in Gedanken mit ihm ge- 
pflogen haben, wenn wir versuchen, nicht als ein unbequemer Ge- 
nosse uns zu benehmen. Er hat uns, aber er hat uns auf eine sonderbare 
Art, wenn wir Gedanken haben, die gar nicht von ihm aufgenommen 
werden konnen. Wir bleiben bei ihm, aber wir konnen ihm zur Last 
werden, wenn er uns mitschleppen muB, ohne daB wir solche Ge- 
danken in uns hegen, die er mit sich vereinigen kann, die er geistig 
in entsprechender Weise anschauen kann. 

Bedenken Sie, wie konkret das herauskommt, was unsere Beziehun- 
gen zu den Toten sind, wenn wir wirklich geisteswissenschaftlich 
unsere Beziehungen zu den Toten beleuchten konnen, wenn wir wirk- 
lich in der Lage sind, das ganze Verhaltnis der Lebenden zu den 
Toten ins Auge zu fassen. Es wird der Menschheit der Zukunft schon 
wichtig werden, dies ins Auge zu fassen. So trivial es klingt - weil 
man sagen kann, daB jede Zeit eine Ubergangszeit ist -, unsere Zeit ist 
doch eine Ubergangszeit. Unsere Zeit muB iibergehen in eine spiri- 
tuellere Zeit. Sie muB wissen, was aus dem Reiche der Toten kommt, 
muB wissen, daB wir hier von den Toten so umgeben sind, wie von 
der Luft. Es wird in Zukunft einfach eine reale Empfindung sein: 
Wenn jemand alter hinweggestorben ist, darfst du ihm nicht zum 
Alp werden; du wirst ihm aber zum Alp, wenn du Gedanken in dir 
tragst, die er nicht in sich aufnehmen kann. Bedenken Sie, wie sich 
das Leben bereichern kann, wenn wir dies in uns aufnehmen. Dadurch 



wird ja erst das Zusammenleben mit den Toten zu einem realen ge- 
macht werden. 

Ich habe ofter gesagt: Geisteswissenschaft will nicht eine neue Reli- 
gion gninden, will auch nicht etwas Sektiererisches in die Welt setzen, 
sonst verkennt man sie vollstandig. Ich habe dagegen oft betont, daft 
sie das religiose Leben der Menschen vertiefen kann, indem sie reale 
Grundlagen schafTt. Das Totenandenken, der Totenkult hat seine 
religiose Seite. Auf dieser Seite des religiosen Lebens wird eine 
Grundlage geschaffen, wenn das Leben geis te s wis sens chaftlich be- 
leuchtet wird. Aus dem Abstrakten werden die Dinge heraus- 
gehoben, indem das Richtige geschieht. Es ist zum Beispiel nicht 
gleichgiiltig fur das Leben, ob einem jugendlichen Menschen oder 
einem alteren eine richtige Totenfeier gehalten wird. Denn diese 
Dinge, ob eine richtige oder eine falsche Totenfeier einem Ver- 
storbenen gehalten wird, das heiBt eine Feier, die nicht aus dem Be- 
wuBtsein heraus kommt, was ein jugendlich verstorbener Mensch ist 
und was ein alter verstorbener - diese Tatsache, ob eine Totenfeier 
richtig oder unrichtig gemacht wird, ist fur das Zusammenleben der 
Menschen viel wichtiger als ein GemeinderatsbeschluB oder ein Parla- 
mentsbeschluB, so sonderbar es klingt. Denn die Impulse, die im 
Leben wirken, werden aus den Menschenindividuen selber heraus- 
kommen, wenn die Menschen im richtigen Verhaltnis zu der Welt der 
Toten stehen. Heute mochten die Menschen alles durch abstrakte 
Struktur der sozialen Ordnung einrichten. Die Menschen sind froh, 
wenn sie wenig nachzudenken brauchen iiber das, was sie tun sollen. 
Viele sogar sind froh, wenn sie nicht viel nachzudenken haben iiber 
das, was sie denken sollen, Aber das ist ganz anders, wenn man ein 
lebendiges BewuBtsein, nicht nur von einem pantheistischen Zu- 
sammenleben mit einer Geisteswelt, sondern ein lebendiges BewuBt- 
sein von einem konkreten Zusammenleben mit einer geistigen Welt 
hat. Man kann voraussehen ein Durchtrankt werden des religiosen 
Lebens mit konkreten Vorstellungen, wenn eben durch Geistes- 
wissenschaft dieses religiose Leben vertieft werden wird. Der Geist 
ist ja - ich habe auch das ofter erwahnt - im Jahre 869 fur die abend- 
landische Menschheit auf dem achten okumenischen Konzil in Kon- 



stantinopel abgeschafft worden. Damals wurde zum Dogma erhoben, 
daB der Mensch von den Katholiken nicht angesehen werden diirfe 
als bestehend aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und 
Seele, und der Seele wurde zugeschrieben, daB sie auch «geistige 
Eigenschaften» habe. Dieses Abschaffen des Geistes hat eine un- 
geheuer groBe Bedeutung. DaB man im Jahre 869 in Konstantinopel 
den BeschluB gefaBt hat, daB der Mensch nicht diirfe begabt gedacht 
werden mit «anima» und « spiritus», sondern daB er nur «unam animam 
rationalem et intellectualem» besitze, das ist Dogma. «Die Seele hat 
geistige Eigenschaften», dies hat seit dem 9. Jahrhundert Dammerung 
gebreitet iiber das geistige Leben des Abendlandes. Das muB wieder 
iiberwunden werden. Der Geist muB wieder anerkannt werden. Das, 
weswegen man im Mittelalter im eminenten Sinne als ein Ketzer gait, 
namlich wenn man die Trichotomie - Leib, Seele und Geist - an- 
erkannte, das muB wieder als richtige, echte Menschenanschauung 
gelten. Dazu wird es einiges brauchen fur die Menschen, die heute 
selbstverstandlich jede Autoritat ablehnen und darauf schworen, daB 
der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe, und zwar sind dies nicht 
etwa bloB Leute eines gewissen religiosen Bekenntnisses, sondern 
auch solche, welche Profess oren horen, Philosophen und andere horen. 
Und die Philosophen - wie Sie iiberall lesen konnen - unterscheiden 
ja auch nur zwischen Leib und Seele, lassen den Geist weg. Das ist 
ihre «unbefangene» Weltbetrachtung, die aber nur davon herriihrt, 
daB einmal im Jahre 869 auf einem Kirchenkonzil der BeschluB gefaBt 
worden ist, den Geist nicht anzuerkennen. Aber man weiB das nicht. 
Philosophen, die weltberuhmt geworden sind, zum Beispiel Wilhelm 
Wundt, ein groBer Philosoph von seines Verlegers Gnaden, aber welt- 
beruhmt, teilt selbstverstandlich auch den Menschen ein in Leib und 
Seele, weil er es fur unbefangene Wissenschaft halt - und nicht weiB, 
daB er nur dem KonzilsbeschluB von 869 folgt. Man muB schon auf 
die wahren Tatsachen sehen, wenn man das durchschauen will, was 
sich in der Welt der Wirklichkeit vollzieht. Sieht man auf diesem 
Gebiete, das wir besonders heute benihrt haben, auf die wahren Tat- 
sachen, dann wird einem ein BewuBtsein erschlossen von einem Zu- 
sammenhange mit jener Welt, die in der Geschichte vertraumt und 



verschlafen wird. Geschichte, geschichtliches Leben, man wird es nur 
im rechten Lichte sehen konnen, wenn man auch ein rechtes BewuBt- 
sein entwickeln kann iiber den Zusammenhang der sogenannten 
Lebenden mit den sogenannten Toten. Davon wollen wir weiter 
reden, wenn wir uns hier wieder sehen. 



VIERTER VORTRAG 
Berlin, 5.Marz 1918 



In einer der letzten Betrachtungen, die wir hier gepflogen haben, 
habe ich von dem Verhaltnis gesprochen, in welchem die hier im 
Leibe verkorperten Menschenseelen zu den entkorperten Menschen- 
seelen, zu den sogenannten Toten stehen konnen, oder eigentlich 
immer stehen. An diese Betrachtungen mochte ich heute mit einigen 
andern Bemerkungen ankniipfen. 

Wir wissen aus Verschiedenem, was durch die Geisteswissenschaft 
an unsere Seelen herangetreten ist, daB der Menschengeist im Laufe 
der Erdenentwickelung auch seine Entwickelung durchmacht. Wir 
wissen ferner, daB der Mensch sich nur dadurch selbst erkennen kann, 
daB er sich in fruchtbarer Weise die Frage vorlegt: Wie verhalt sich 
der Mensch in einer bestimmten Inkarnation, in dieser Inkarnation, 
in der er eben ist, zu den geistigen Welten, zu den geistigen Reichen? 
Welche Stufe der Entwickelung der allgemeinen Menschheit ist er- 
reicht, wenn wir selbst in einer bestimmten Inkarnation leben? 

Wir wissen, wie die mehr ausfuhrliche Betrachtung dieser Gesamt- 
entwickelung der Menschheit uns dariiber zur Einsicht kommen laBt, 
daB in friiheren Zeiten, in friiheren Epochen der Menschheitsent- 
wickelung ein gewisses, wir haben es atavistisches Hellsehen genannt, 
iiber die Menschheit ausgegossen war, daB in friiheren Epochen der 
Menschheitsentwickelung gewissermaBen die Menschenseele naher 
war den geistigen Welten. Wahrend sie damals den geistigen Welten 
naher war, war sie ferner ihrer eigenen Freiheit, ihrem eigenen freien 
Willen, dem sie wiederum naher ist in unserer Zeit, in der sie im all- 
gemeinen mehr abgeschlossen ist von den geistigen Welten. Erkennt 
man das Wesen des Menschen innerhalb der Gegenwart wirklich, so 
muB man sagen, im UnbewuBten, im eigentlich Geistigen des Men- 
schen besteht natiirlich dasselbe Verhaltnis zur gesamten geistigen 
Welt. Aber im Wissen, im BewuBtsein kann heute der Mensch selber 
dieses Verhaltnis sich im allgemeinen nicht in derselben Weise ver- 
gegenwartigen; gewisse Einzelne konnen es, aber im allgemeinen 



kann es sich der Mensch nicht so vergegenwartigen, wie ihm das in 
fruheren Zeitepochen moglich war. Wenn wir nach den Griinden 
fragen, warum der Mensch heute das Verhaltnis seiner Seele zur gei- 
stigen Welt, das selbstverstandlich in derselben Starke vorhanden ist 
wie nur je, wenn auch in anderer Art, sich nicht zum BewuBtsein 
bringen kann, so ruhrt das davon her, daS wir bereits die Mitte der 
Erdenentwickelung iiberschritten haben, uns gewissermaBen in der 
absteigenden Entwickelungsstromung des Erdendaseins befinden, daB 
wir mk unserer physischen Organisation - wenn das auch natiirlich 
fiir die auBere Anatomie und Physiologie nicht bemerkbar ist - physi- 
scher geworden sind, als es fruher der Fall war, und daB wir so wah- 
rend der Zeit zwischen Geburt oder Empfangnis und Tod nicht mehr 
die Organisation haben, um unseren Zusammenhang mit der geistigen 
Welt uns voll zum BewuBtsein bringen zu konnen. Wir erleben 
heute tatsachlich - dessen miissen wir uns nur ganz klar sein - in den 
unterbewuBten Seelenregionen, und wenn wir noch so materialistisch 
sind, viel mehr als das ist, wessen wir uns im allgemeinen bewuBt 
werden konnen. 

Das geht aber noch weiter. Und da komme ich auf einen sehr wich- 
tigen Punkt in der gegenwartigen Menschheitsentwickelung. Es geht 
so weit, daB der Mensch in der Gegenwart im allgemeinen nicht in der 
Lage ist, alles das wirklich durchzudenken, durchzuempflnden, durch- 
zufuhlen, was in ihm eigentlich gedacht, empfunden, gefuhlt werden 
konnte. Der Mensch ist heute zu viel intensiveren Gedanken, zu viel 
intensiveren Gefuhlen und Empfindungen veranlagt, als er sie haben 
kann durch die, ich mochte sagen, grobe StofTlichkeit seines Organis- 
mus. Das hat eine gewisse Folge, die Folge namlich, daB wir in der 
gegenwartigen Zeit der Menschheitsentwickelung nicht in der Lage 
sind, mit der volligen Ausbildung unserer Anlagen in unserem Erden- 
leben fertig zu werden. Darauf hat im Grunde genommen wenig Ein- 
fluB, ob wir in jungen Jahren sterben oder als alte Leute. Fiir jung 
und alt Sterbende gilt es, daB der Mensch heute, vermoge der Grob- 
stofflichkeit seines Organismus, nicht voll ausleben kann, was er aus- 
leben wiirde, wenn er eben feiner, intimer in bezug auf seinen Leib 
organisiert ware. Und so bleibt - ob wir, wie gesagt, jung oder alt 



durch des Todes Pforte gehen - wahrend unserer Erdenorganisation 
ein gewisser Rest unverarbeiteter Gedanken, unverarbeiteter Emp- 
findungen und Gefuhle, die wir aus dem angegebenen Grunde eben 
wirklich nicht verarbeiten konnen. Wir sterben heute alle gewisser- 
maBen so, daB wir Gedanken, Gefuhle und Empfindungen un- 
verarbeitet lassen. Diese Gedanken, Gefuhle und Empfindungen - 
und immer wieder muB ich betonen, ob wir jung oder alt sterben, es 
kommt auf dasselbe hinaus - sind unverarbeitet da, und wir haben, 
wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, eigentlich alle 
noch den Drang, weiter im Irdischen zu denken, weiter im Irdischen 
zu fuhlen, weiter im Irdischen zu empfinden. 

Bedenken wir einmal, was das fur eine Tragweite hat. Wir werden 
nach dem Tode frei, gewisse Gedanken, Gefuhle und Empfindungen 
dann erst auszubilden. Wir wiirden viel mehr auf der Erde leisten, 
wenn wir diese Gedanken^ Gefuhle und Empfindungen wahrend 
unseres physischen Lebens ganz ausleben konnten. Wir konnen es 
nicht. Tatsachlich ist es so, daB jeder Mensch heute nach dem MaBe 
der Anlagen, die in ihm sind, auf der Erde viel mehr leisten konnte, 
als er tatsachlich leistet. Das war in friiherenEpochen derMenschheits- 
entwickelung nicht so, als die Organismen feiner waren und ein ge- 
wisses bewuBtes Hineinschauen in die geistige Welt vorhanden war 
und die Menschen aus dem Geiste heraus wirken konnten. Da leiste- 
ten die Menschen in der Regel alles, was sie ihren Anlagen gemaB 
leisten konnten. Wenn auch der Mensch heute so stolz ist auf seine 
Anlagen, die Sache verhalt sich doch so, wie geschildert. 

Indem die Sache so ist, wird man aber auch fur die heutige Zeit die 
Notwendigkeit anerkennen konnen, daB dasjenige, was die Toten un- 
verarbeitet durch die Pforte des Todes tragen, fur das Erdenleben 
nicht verlorengehe. Das kann nur dann sein, wenn wir in dem ofter 
erwahnten Sinne die Verbindung mit den Toten nach Anleitung der 
Geisteswissenschaft wirklich pflegen, wirklich aufrechterhalten, wenn 
wir uns bemiihen, die Verbindung mit den Toten, mit denen wir 
karmisch verbunden sind, zu einer bewuBten, einer voll bewuBten zu 
machen. Dann leiten sich die nicht ausgelebten Gedanken der Toten 
durch unsere Seele herein in die Welt, und durch dieses Hereinleiten 



konnen diese starkeren Gedanken dann - diese Gedanken, die der 
Tote haben kann, weil er vom Leibe befreit ist - in unseren Seelen 
wirken. Unsere eigenen Gedanken konnen wir auch nicht bis zur 
vollen Ausbildung bringen, aber diese Gedanken konnen wirken. 

Wir sehen daraus: Was uns den Materialismus gebracht hat, das 
sollte uns zu gleicher Zeit darauf aufmerksam machen, wie notig, wie 
unbedingt notig ein Suchen nach einem konkreten, einem wirklichen 
Verhaltnis zu den Geistern der Toten eigentlich fiir die Gegenwart 
und die nachste Zukunft ist. Es fragt sich nur : Wie konnen wir die 
Gedanken, die Empfindungen und Gefuhle, die herein wollen aus 
dem Reiche, in dem die Toten sind, in unsere Seelen entsprechend 
hereinbekommen? Auch dazu haben wir schon Gesichtspunkte an- 
gegeben, und ich habe bei einer letzten Betrachtung hier gesprochen 
von den wichtigen Momenten, die der'Mensch wohl beachten sollte: 
von dem Moment des Einschlafens und dem Moment des Auf- 
wachens. Ich will heute einiges noch genauer charakterisieren, das 
damit im Zusammenhang steht. 

In diese Welt, in der wir mit unserem gewohnlichen Wachleben 
sind, die wir von auBen wahrnehmen und in der wir handeln durch 
unseren Willen, der auf unseren Trieben beruht, in diese Welt kann 
der Tote nicht unmittelbar herein. Aus dieser Welt ist er, indem er 
durch die Pforte des Todes gegangen ist, entriickt. Aber wir konnen 
dennoch eine Welt gemeinsam mit den Toten haben, wenn wir, an- 
gespornt durch die Geisteswissenschaft, den Versuch machen - der ja 
in unserer heutigen materialistischen Zeit allerdings ein schwieriger 
Versuch ist sowohl die innere Welt unseres Denkens, wie auch die 
Welt unseres Lebens etwas in Zucht zu nehmen und sie nicht, wie wir 
es gewohnt sind, frei laufen zu lassen. Wir konnen gewisse Fahig- 
keiten ausbilden, die uns einen gemeinsamen Boden mit den Geistern, 
die durch die Pforte des Todes gegangen sind, zuweisen. Es sind 
natiirlich gerade in der Gegenwart auBerordentlich viele Hindernisse 
im allgemeinen Leben vorhanden, um diesen gemeinsamen Boden zu 
finden. Das erste Hindernis ist das, was ich vielleicht noch weniger 
beruhrt habe. Aber was dariiber zu sagen ist, geht aus andern Be- 
trachtungen, die ebenfalls hier gepflogen worden sind, auch schon 



hervor. Das erste Hindernis ist, daB wir im allgemeinen in unserem 
Leben mit unseren Gedanken zu verschwenderisch sind. Wir sind 
alle heute, in unserer Gegenwart, verschwenderisch in bezug auf 
unser Gedankenleben, ich konnte auch sagen: Wir sind ausschwei- 
fend in bezug auf das Gedankenleben. - Was ist damit eigentlich 
gemeint? 

Der heutige Mensch lebt fast ganz unter dem Eindrucke des Sprich- 
wortes: Gedanken sind zollfrei. Das heiBt, man soil eigentlich fast 
alles durch die Gedanken schieBen lassen, was durch die Gedanken 
schieBen will. Bedenken Sie nur einmal, daB doch das Sprechen ein 
Abbild unseres Gedankenlebens ist, und bedenken Sie, auf welches 
Gedankenleben das Sprechen der meisten Menschen heute schlieBen 
laBt, wenn sie so schnattern, von Thema zu Thema wandern, die Ge- 
danken nur so schieBen lassen, wie sie gerade kommen, das heiBt: 
Verschwendung treiben mit der Kraft, die uns zum Denken verliehen 
ist ! Und wir treiben fortwahrend Verschwendung, wir sind ganz aus- 
schweifend in unserem Gedankenleben. Wir gestatten uns ganz be- 
liebige Gedanken. Wir wollen etwas, was uns gerade einfallt, oder 
unterlassen es auch, indem wir einen andern Gedanken einschieben. 
Kurz, wir sind abgeneigt, unsere Gedanken in gewisser Beziehung 
unter Kontrolle zu nehmen. Wie unangenehm ist es zum Beispiel 
manchmal : Jemand fangt etwas zu reden an ; man hort ihm eine, zwei 
Minuten zu; da ist er aber bei einem ganz andern Thema. Nun hat 
man aber das Bedurfnis, iiber das, womit man angefangen hat zu 
reden, sich weiter zu unterhalten. Das kann wichtig sein. Man muB 
dann aufmerksam machen: Wovon haben wir eigentlich angefangen 
zu reden? - Dergleichen passiert heute alle Augenblicke, so daB man, 
wenn wirklich Ernst in das Leben gebracht werden soil, an das be- 
gonnene Gesprach erinnern muB. Dieses Verschwenden der Gedan- 
kenkraft, dieses Ausschweifen der Gedankenkraft verhindert, daB aus 
der Tiefe unseres Seelenlebens diejenigen Gedanken zu uns herauf- 
kommen, die nicht die unsrigen sind, sondern die wir mit dem Geisti- 
gen, mit dem allgemein waltenden Geist gemein haben. Dieses Dran- 
gen in beliebiger Weise von Gedanke zu Gedanke laBt uns nicht dazu 
kommen, im Wachzustande zu warten, bis aus den Tiefen unseres 



Seelenlebens die Gedanken heraufkommen, laBt uns nicht auf Ein- 
gebungen warten, wenn ich mich so ausdriicken darf. Das aber ist 
etwas, was - und zwar besonders in unserem Zeitalter, aus den an- 
gedeuteten Griinden - geradezu gepflegt werden sollte, so gepflegt 
werden sollte, daB man wirklich in der Seele die Stimmung ausbildet, 
welche darin besteht: wachend warten zu konnen, bis sich Gedanken 
gewissermaBen aus dem tiefen Untergrunde der Seele heraufheben, 
die sich deutlich ankiindigen als das, was uns gegeben ist, was wir 
nicht gemacht haben. 

Man soil nicht glauben, daB das Ausbilden einer solchen Stimmung 
in raschem Fluge vor sich gehen konnte. Das kann es nicht. So etwas 
muB gepflegt werden. Aber wenn es gepflegt wird, wenn wir uns 
wirklich bemuhen, einfach wach zu sein, und nicht, wenn wir die un- 
willkiirlichen Gedanken ausschlieBen, gleich einzuschlafen, sondern 
einfach wach zu sein und auf das zu warten, was man eingegeben 
bekommt, dann bildet sich nach und nach diese Stimmung aus. Dann 
bildet sich in uns die Mdglichkeit aus, Gedanken in unsere Seele 
hereinzubekommen, die aus der Tiefe der Seele kommen und dadurch 
aus der Welt kommen, die weiter ist als unsere Egoitat. Wenn wir so 
etwas wirklich ausbilden, werden wir schon wahrnehmen, daB in der 
Welt nicht bloB das vorhanden ist, was wir mit Augen sehen, mit 
Ohren horen, mit den auBeren Sinnen wahrnehmen, und wie unser 
Verstand diese Wahrnehmungen kombiniert, sondern daB ein objek- 
tives Gedankenweben in der Welt vorhanden ist. Dies haben heute 
noch die wenigsten Menschen als ihre ureigene Erfahrung. Dieses 
Erlebnis von dem allgemeinen Gedankenweben, in dem die Seele 
eigentlich drinnen ist, ist noch nicht irgendein bedeutsameres, okkul- 
teres Erlebnis ; es ist etwas, was jeder Mensch haben kann, wenn er die 
angedeutete Stimmung in sich ausbildet. Er kann dann das Erlebnis 
haben, daB er sich sagt: Im alltaglichen Leben stehe ich in der Welt, 
die ich durch meine Sinne wahrnehme und mit dem Verstande mir 
zusammenkombiniert habe. Dann aber komme ich in die Lage, wie 
wenn ich, am Ufer stehend, eintauche in das Meer und da webe in dem 
wellenden Wasser. So kann ich, am Ufer des sinnlichen Daseins 
stehend, eintauchen in das webende Meer der Gedanken; da bin ich 



dann wirklich wie in einem webenden Meer drinnen. - Man kann 
dann das Gefuhl haben, daft man ein Leben ahnt wenigstens, das 
starker, intensiver ist als das bloBe Traumleben, das aber doch 
zwischen sich und der auBeren sinnlichen Wirklichkeit eine solche 
Grenze hat, wie es das Traumleben fur die sinnliche Wirklichkeit 
hat. 

Man kann, wenn man will, von solchen Erlebnissen als von Trau- 
men sprechen. Es ist kein Traumen! Denn die Welt, in die man da 
eintaucht, diese Welt der wogenden Gedanken, die nicht unsere Ge- 
danken sind, sondern die Gedanken, in die man untergetaucht ist, das 
ist die Welt, aus der unsere physisch-sinnliche Welt aufsteigt, ge- 
wissermaBen verdichtet aufsteigt. Unsere physisch-sinnliche Welt ist 
so wie die Eisblocke, die EiskloBe im Wasser: das Wasser ist da, die 
EiskloBe verharten sich, schwimmen darin. Wie das Eis aus dem 
Stoffe des Wassers besteht, nur zu anderem Aggregatzustande gefiigt 
ist, so erhebt sich unsere physisch-sinnliche Welt aus diesem wogen- 
den, wellenden Gedankenmeer. Das ist der wirkliche Ursprung. Die 
Physik spricht nur von ihrem « Ather», von den wirbelnden Atomen, 
weil sie nicht weiB, welches die wirkliche Urstofflichkeit ist. Shake- 
speare war dieser wirklichen Urstofflichkeit naher, da er eine seiner 
Personen sagen lieB : Die Welt der Wirklichkeit ist aus Traumen ge- 
woben. - Die Menschen geben sich in bezug auf solche Dinge nur 
allzu gern Tauschungen hin. Sie mochten eine grobklotzige atomi- 
stische Welt hinter der physischen Wirklichkeit finden. Aber wenn 
man liberhaupt von einem solchen « hinter der physischen Wirklich- 
keit » sprechen will, so muB man von dem objektiven Gedanken- 
weben, von der objektiven Gedankenwelt sprechen. Dazu kommt man 
aber nur, wenn man die Ausschweifung, die Verschwendung in bezug 
auf die Gedanken einstellt und jene Stimmung entwickelt, die dann 
kommt, wenn man warten kann auf das, was man popular als Ein- 
gebung bezeichnet. 

Fur die, welche sich etwas mit Geisteswissenschaft beschaftigen, 
ist es nicht so schwierig, diese hier gekennzeichnete Stimmung zu ent- 
wickeln. Denn die Art des Denkens, die man entfalten muB, wenn 
man anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft treibt, leitet die 



Seele an, eine solche Stimmung zu entwickeln. Und wenn man ernst 
diese Geisteswissenschaft treibt, dann kommt man zu dem Bediirfnis, 
solch intimes Gedankenweben in sich zu entwickeln. Dieses Ge- 
dankenweben aber bietet uns die gemeinsame Sphare, in der wir auf 
der einen Seite, die sogenannten Toten auf der andern Seite sind. Das 
ist der gemeinsame Boden, wo man sich mit den Toten trefTen kann. 
In die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unserem 
Verstande kombinieren, kommen die Toten nicht herein; aber sie 
kommen herein in die Welt, die ich eben charakterisiert habe. 

Ein zweites ist gegeben in dem, was ich im vorigen Jahre einmal 
besprochen habe: in dem Beobachten feiner, intimer Lebenszusam- 
menhange. Sie erinnern sich, um anzudeuten, was ich eigentlich damit 
meine, habe ich auf ein Beispiel hingewiesen, das man in der psycho- 
logischen Literatur flnden kann. Schubert macht auch darauf aufmerk- 
sam ; es ist noch aus der alteren Literatur, aber man kann solche Bei- 
spiele immer wieder und wieder im Leben finden. - Ein Mensch ist 
gewohnt, taglich einen bestimmten Spaziergang zu machen. Als er 
ihn eines Tages auch wieder macht, hat er, indem er an einem be- 
stimmten Punkt seines Weges ankommt, die Empfindung, er miisse 
stehenbleiben, zur Seite treten, und es kommt ihm der Gedanke, ob 
es eigentlich recht ist, die Zeit mit diesem Spaziergange zu verbringen. 
In diesem Augenblick fallt auf den Weg ein Stein, der sich vom 
Felsen abgespalten hat und der ihn ganz sicher getrofFen hatte, wenn 
er nicht durch seine Gedanken veranlaBt worden ware, einen Schritt 
zur Seite zu treten. 

Es ist dies ein grobes Erlebnis, auf das jeder aufmerksam wird, dem 
dergleichen im Leben passiert. Aber solche Erlebnisse, wenn sie auch 
feiner geschiirzt sind, drangen sich taglich in unser ganz gewohnliches 
Leben herein. Wir beachten sie in der Regel nicht. Wir rechnen nur 
mit dem im Leben, was geschieht, nicht aber mit dem, was hatte 
geschehen konnen und dadurch nicht geschehen ist, daB irgend etwas 
eingetreten ist, was uns von diesem oder jenem abgehalten hat. Wir 
rechnen mit dem, was passiert ist, wenn wir zu Hause eine Viertel- 
stunde aufgehalten worden sind und einen Gang nun eine Viertel- 
stunde spater machen, als beabsichtigt. Oft und oft wiirde sehr Merk- 



wiirdiges herauskommen, wenn wir dariiber nachdenken wollten, was 
denn eigentlich alles anders geworden ware, wenn wir nun nicht auf- 
gehalten worden waren und eine Viertelstunde friiher von Hause 
weggegangen waren. 

Versuchen Sie einmal, systematisch so etwas wirklich in Ihrem 
Leben zu beobachten, was alles anders geworden ware, wenn nicht 
im letzten Augenblicke, als Sie haben weggehen wollen, jemand ge- 
kommen ware, auf den Sie vielleicht sehr bose waren, der Sie einige 
Minuten aufgehalten hat. Fortwahrend drangt sich alles, was hatte 
anders sein konnen, nach seiner Veranlagung, in das menschliche 
Leben herein. Wir suchen einen kausalen Zusammenhang zwischen 
dem, was im Leben wirklich passiert. Wir denken nicht daran, mit 
derjenigen Subtilitat durch das Leben zu gehen, die in der Annahme 
eines Abbrechens von veranlagten Geschehensketten liegen wiirde, so 
daB, ich mochte sagen, fortwahrend iiber unser Leben eine Atmo- 
sphare von Moglichkeiten ausgegossen ist. 

Wenn wir dies mitbeachten, dann haben wir eigentlich immer das 
Gefuhl, wenn wir um zwolf Uhr Mittags etwas tun, nachdem wir 
Morgens einmal zehn Minuten aufgehalten worden sind : Es steht das, 
was wir um zwolf Uhr Mittags tun, oftmals - es kann ja auch anders 
sein - nicht nur unter dem EinfluB der vorhergehenden Ereignisse, 
sondern auch unter dem EinfluB des Unzahligen, was nicht ge- 
schehen ist, wovon wir abgehalten worden sind. Dadurch daB wir das 
Mogliche, nicht nur das auBerlich-sinnlich Wirkliche, mit unserem 
Leben in Zusammenhang denken, werden wir zu der Ahnung ge- 
trieben, wie wir eigentlich im Leben so drinnenstehen, daB das Auf- 
suchen von Zusammenhangen des Folgenden mit dem Vorhergehen- 
den eine recht einseitige Art ist, das Leben anzusehen. Wenn wir uns 
wirklich solche Frage stellen, dann wird wiederum etwas in unserem 
Geist angeregt, was sonst unangeregt bliebe. Wir kommen dazu, 
gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens zu beobachten; wir kom- 
men dazu, das Leben in seiner Vieldeutigkeit kennenzulernen. Wir 
kommen schon dann dazu, gewissermaBen uns in der Umgebung 
drinnen zu sehen, wie sie uns formt, wie sie uns Stuck fur Stuck im 
Leben vorwartsbringt. Das beachten wir ja fur gewohnlich viel zu 



wenig. Wir beachten meistens nur, welche inneren Triebkrafte uns 
von Stufe zu Stufe leiten. Nehmen Sie irgendein einfaches, gewohn- 
liches Beispiel, an dem Sie ersehen konnen, wie Sie das AuBere nur in 
sehr fragmentarischer Weise mit Ihrem Inneren in Zusammenhang, 
in ein Verhaltnis bringen. 

Versuchen Sie einmal den Blick zu werfen auf die Art, wie Sie Ihr 
Aufstehen am Morgen vorzustellen gewohnt sind. Sie werden zumeist, 
wenn Sie sich das klarzumachen versuchen, eine sehr eindeutige Idee 
davon bekommen: die Idee, wie Sie getrieben werden, aufzustehen, 
aber vielleicht auch noch dies sich recht nebulos vorstellen. Aber ver- 
suchen Sie nur einmal, ein paar Tage lang iiber den Gedanken nach- 
zudenken, der Sie eigentlich jeweils aus dem Bette treibt; versuchen 
Sie sich vollig klarzumachen, welcher einzelne Gedanke Sie konkret 
aus dem Bette treibt, also sich klarzumachen : Gestern bist du deshalb 
aufgestanden, weil du gehort hast, daB im Nebenzimmer der Kaffee 
bereitet worden ist; das hat dich aufmerksam gemacht, das hat be- 
wirkt, daB du dich gedrangt fuhltest, aufzustehen; heute passierte dir 
etwas anderes. Ich meine, machen Sie sich konkret klar, nicht was Sie 
aus dem Bette getrieben hat, sondern was das treibende AuBen war. 
Der Mensch vergiBt gewohnlich, sich in der AuBenwelt zu suchen, 
daher findet er so wenig sich in der AuBenwelt. Wer nur ein wenig 
auf so etwas achtet, der wird wieder leicht jene Stimmung entwickeln, 
vor der die Menschen heute geradezu eine heilige, nein, eine «un- 
heilige» Scheu haben, jene Stimmung, die darin besteht, daB man 
wenigstens einen Untergedanken bei dem ganzen Leben hat, den man 
eigentlich im gewohnlichen Leben nicht hat. Es bringt sich zum Bei- 
spiel der Mensch in ein Zimmer hinein, er bringt sich an irgendeinen 
Ort, aber er denkt wenig daran: Wie verandert sich der Ort, wenn er 
hineintritt? - Andere Menschen haben zuweilen davon eine An- 
schauung, aber selbst diese Anschauung von auBen ist heute nicht 
sehr verbreitet. Ich weiB nicht, wie viele Menschen eine Empfindung 
dafiir haben : Wenn eine Gesellschaft in einem Raume ist, dann ist der 
eine Mensch oftmals doppelt so stark da wie der andere; der eine ist 
stark da, der andere schwach. - Das ist etwas, was von den Imponde- 
rabilien abhangt. Sie konnen leicht die Erfahrung machen: Ein 



Mensch ist in einer Gesellschaft, er huscht hinein, er huscht wieder 
hinaus, und man hat das Gefuhl, als ob es ein Engel gewesen ist, der 
herein- und heraushuschte. Mancher dagegen ist so stark da, daB er 
nicht nur mit seinen beiden sichtbaren Beinen da ist, sondern mit 
allerlei unsichtbaren Beinen - wenn man so sagen darf - auch da ist. 
Die andern beachten es in der Regel sehr wenig, obwohl es fur sie sehr 
wahrnehmbar sein kann, aber der Mensch selber beachtet es von sich 
aus schon gar nicht. Der Mensch hat gewohnlich nicht jenen Unterton, 
den man haben kann von der Veranderung, die man durch seine 
Anwesenheit in der Umgebung hervorruft; man bleibt bei sich, man 
fragt nicht bei der Umgebung an, was man da fur eine Veranderung 
hervorbringt. Aber die Ahnung, das Echo seines Daseins in der Um- 
gebung wahrzunehmen, kann man sich anerziehen. Und denken Sie 
nur, wie das auBere Leben an Intimitat gewinnen wiirde, wenn so 
etwas systematischer anerzogen wiirde, wenn die Menschen nicht bloB 
die Orte mit ihrer Anwesenheit bevolkern wiirden, sondern ein Ge- 
fuhl dafiir haben wiirden, was das ausmacht, daB sie an einem Orte 
sind, sich dort geltend machen, daB sie eine Veranderung dadurch 
hervorrufen, daB sie an diesem Orte sind. 

Das ist nur ein Beispiel. Solche Beispiele konnte man fur alle mog- 
lichen Lagen des Lebens anfiihren. Mit andern Worten, man kann auf 
ganz gesunde Weise - nicht dadurch, daB man sich fortwahrend selber 
auf die FiiBe tritt, sondern auf ganz gesunde Weise - das Medium 
des Lebens verdichten, so daB man fiihlt, was man selber fur einen 
Einschnitt im Leben macht. Dadurch lernt man den Anfang des- 
jenigen kennen, was Karmaempfindung, was Schicksalsempfindung 
ist. Denn wenn man vollstandig empfinden wiirde, was dadurch ge- 
schieht, daB man dies oder jenes tut, daB man da oder dort ist, wenn 
man gewissermaBen immer das Bild vor sich hatte, das man in der 
Umgebung mit seinem Tun, mit seinem Sein hervorbringt, dann hatte 
man ein deutliches Gefuhl seines Karma vor sich, denn Karma ist aus 
diesem Miterlebten gewoben. 

Jetzt aber will ich nur darauf hinweisen, wie das Leben durch die 
Einfiigung solcher Intimitaten reicher wird, wenn wir so zwischen 
den Zeilen des Lebens beobachten, wenn wir so auf das Leben hin- 



zuschauen lernen, daB wir gewissermaBen darauf aufmerksam werden, 
daB wir da sind, wenn wir mit «Gewissen» da sind. Dann entwickeln 
wir durch solches BewuBtsein wiederum etwas von der gemeinsamen 
Sphare mit den Toten. Und wenn wir in einem solchen BewuBtsein, 
das zu diesen zwei Saulen hinblicken darf, die ich jetzt charakterisiert 
habe: gewissenhaftes Verfolgen des Lebens, und Sparsamkeit, nicht 
Verschwendungssucht in den Gedanken ~, wenn wir eine solche 
innere Stimmung entwickeln, dann wird es von Erfolg, von dem fur 
die Gegenwart und Zukunft notwendigen Erfolg begleitet sein, wenn 
wir uns in der geschilderten Weise den Toten nahern. Wenn wir dann 
Gedanken ausbilden, die wir anknupfen an, jetzt nicht bloB gedanken- 
maBiges Zusammensein mit einem Verstorbenen, sondern an gefiihls- 
maBiges, interessevolles Zusammensein, wenn wir solche Gedanken 
an Lebenssituationen mit dem Toten weiterspinnen, Gedanken an 
das, wie wir mit ihm gelebt haben, so daB sich ein Gefuhlston zwischen 
uns abgespielt hat, wenn wir so anknupfen nicht an gleichgiiltiges 
Zusammensein, sondern an Momente, wo uns das interessiert hat, wie 
er dachte, lebte, handelte, und wo ihn interessiert hat, was wir in ihm 
anregten, so konnen wir solche Momente niitzen, um gewissermaBen 
das Gesprach der Gedanken fortzusetzen. Und wenn man dann diesen 
Gedanken ruhen lassen kann, so daB man iibergeht in eine Art Medi- 
tation, daB dieser Gedanke gewissermaBen dargebracht wird am Altar 
des inneren geistigen Lebens, dann kommt der Augenblick, wo wir 
gewissermaBen von dem Toten Antwort bekommen, wo er sich wie- 
der mit uns verstandigen kann. Wir brauchen nur die Briicke her- 
zustellen von dem, was wir an dem Toten entwickeln, zu dem, wo- 
durch er seinerseits wieder heriiberkommen kann zu uns. Diesem 
Heriiberkommen wird es aber besonders niitzen, wenn wir imstande 
sind, wirklich in tiefster Seele ein Bild zu entwickeln von der Wesen- 
heit des Toten. Das ist ja etwas, was der heutigen Zeit auch wirklich 
sehr feme steht, weil - wie ich schon in friiheren Betrachtungen gesagt 
habe - die Menschen sehr aneinander vonibergehen, oft im vertrau- 
testen Lebenskreise zusammen sind und dann auseinandergehen, ohne 
daB sie sich kennen. Das Kennenlernen braucht ja nicht darauf zu 
beruhen, daB man sich analysiert. Wer sich von dem mit ihm Lebenden 



analysiert weiB, der fuhlt sich, wenn er eine feiner veranlagte Seele ist, 
auch gepriigelt. Also darauf kommt es nicht an, daB man sich analy- 
siert. Die beste Kenntnis vom andern erlangt man, wenn das Her2 
zusammenstimmt ; man braucht sich gar nicht irgendwie zu analy- 
sieren. 

Ich bin davon ausgegangen, daB solche Pflege des Verhaltnisses zu 
den sogenannten Toten in unserer Zeit ganz besonders notwendig ist, 
gerade weil wir nicht durch Willkiir, sondern einfach durch die 
Evolution der Menschheit im Zeitalter des Materialismus leben, weil 
wir nicht imstande sind, bevor wir durch die Pforte des Todes gehen, 
alle unsere Anlagen an Gedanken, Gefuhlen und Empfindungen aus- 
zubilden, auszugestalten. Weil noch etwas bleibt, wenn wir durch die 
Pforte des Todes gegangen sind, deshalb ist es notwendig, daB die 
Lebenden den Verkehr mit den Toten aufrechterhalten, damit das 
gewohnliche Leben der Menschen bereichert werde durch diesen Ver- 
kehr mit den Toten. Wenn man doch nur den Menschen der Gegen- 
wart dies ans Herz legen konnte, daB das Leben verarmen muB, wenn 
der Toten vergessen wird! Und richtiges Gedenken der Toten konnen 
doch nur diejenigen entwickeln, die irgendwie karmisch mit ihnen 
verbunden war en. 

Wenn wir zu einem unmittelbaren Verkehr mit den Toten hin- 
streben, der sich so gestaltet wie der Verkehr zu den Lebenden - ich 
habe auch dariiber gesprochen, daB die Dinge gewohnlich deshalb als 
besonders schwierig empfunden werden, weil sie nicht bewuBt sind; 
aber nicht alles, was wirklich ist, ist auch bewuBt, und nicht alles, was 
[nicht b]ewuBt wird, ist deshalb unwirklich -, wenn wir den Verkehr 
mit den Toten in dieser Weise pflegen, dann ist er vorhanden, dann 
wirken die im Leben unausgebildeten Gedanken der Toten in dieses 
Leben herein. Es ist ja allerdings eine Zumutung an unsere Zeit, was 
damit gesagt wird. Jedoch sagt man so etwas, wenn man davon uber- 
zeugt ist durch die geistigen Tatsachen: daB unser soziales Leben, 
unser ethisches, unser religioses Leben unendliche Bereicherung erfah- 
ren wiirden, wenn die Lebenden sich von den Toten beraten lieBen. 
Heute ist man ja schon abgeneigt, zum Beraten den Menschen bis in 
ein gewisses Alter kommen zu lassen. Denken Sie nur einmal, daB man 



es heute fur das einzig Richtige betrachtet, daB der Mensch so jung 
wie moglich in Stadt- und Staatsverrichtungen komme, weil er so jung 
wie moglich reif zu allem moglichen ist - auch nach seiner Ansicht 
heute. In Zeitaltern, in denen man bessere Kenntnis hatte von dem 
Wesen des Menschen, wartete man, bis die Menschen ein gewisses 
Alter hatten, um in diesem oder jenem Rate zu sein. Nun sollen gar die 
Menschen warten, bis die andern gestorben sind, um sich dann von 
ihnen beraten zu lassen! Dennoch muBte gerade unsere Zeit auf den 
Rat der Toten hinhorchen wollen. Heil wird erst entstehen konnen, 
wenn man in der angedeuteten Weise wird auf den Rat der Toten 
hinhorchen wollen. 

Geisteswissenschaft mutet schon einmal dem Menschen Ener- 
gisches zu. Das muB verstanden werden, muB begriffen werden. Gei- 
steswissenschaft verlangt nach einer gewissen Richtung hin, daB der 
Mensch wirklich nach Konsequenz und Klarheit trachtet. Und wir 
stehen heute vor der Notwendigkek, nach Klarheit zu suchen inner- 
halb unserer katastrophalen Ereignisse, da dieses Suchen nach Klar- 
heit das Allerwichtigste ist. Mehr als man glaubt, hangen solcheDinge, 
wie sie heute wieder besprochen worden sind, mit den groBen An- 
forderungen unserer Zeit zusammen. Ich habe schon auch in diesem 
Winter hier darauf hingewiesen, wie ich versuchte, viele Jahre bevor 
diese Weltkatastrophe hereinbrach, in meinen Vortragszyklen iiber die 
europaischen Volkerseelen auf manches hinzudeuten, was im all- 
gemeinen Menschheitszusammenhange heute zu finden ist. Wenn Sie 
jenen Zyklus iiber «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammen- 
hange mit der germanisch-nordischen Mythologie», den ich einmal in 
Kristiania gehalten habe, zur Hand nehmen, werden Sie ein gewisses 
Verstandnis gewinnen konnen fur das, was sich in den heutigen Er- 
eignissen abspielt. Es ist nicht zu spat, und es wird sich manches ab- 
spielen, wofiir Sie auch noch Verstandnis aus diesem Zyklus, selbst 
noch fur die nachsten Jahre, werden gewinnen konnen. 

So wie die Menschen auf der Erde heute zueinander stehen, sind 
ihre Verhaltnisse nur fur den wirklich durchdringbar, der die geistigen 
Impulse zu schauen vermag. Und die Zeit riickt immer mehr und 
mehr heran, wo es ein wenig notig werden wird, daB die Menschen 



sich die Frage vorlegen : Wie verhalt sich zum Beispiel das Empfinden 
und das Denken des Ostens zum Denken und Empfinden Europas, 
namentlich Mitteleuropas? Und wie verhalt sich dieses wieder zum 
Denken des Westens, zum Denken Amerikas? Diese Frage sollte in 
alien moglichen Varianten vor die Menschenseele treten. Man sollte 
sich schon jetzt ein wenig fragen: Wie sieht der Orientale heute 
Europa an? Der Orientale, der auf Europa viel schaut, hat von ihm 
heute die Empfindung, daB das europaische Kulturleben sich in eine 
Sackgasse hineinfiihrt, sich zu einem Abgrund gefiihrt hat. Der Orien- 
tale hat heute das Gefuhl, daB er nicht verlieren darf, was er aus seinen 
alten Zeiten sich an Spiritualitat heraufgebracht hat, wenn er das iiber- 
nimmt, was Europa ihm geben kann. Der Orientale verachtet nicht 
die europaischen Maschinen zum Beispiel, aber er sagt sich heute - 
es sind dies eigene Worte eines bemhmten Orientalen, was ich hiermit 
ausspreche: Wir wollen schon annehmen, was die Europaer an Ma- 
schinen und Werkzeugen geformt haben, aber wir wollen es in den 
Schuppen stellen, nicht in die Tempel und nicht in die heimatlichen 
Wohnungen, wie es die Europaer tun ! - Der Orientale sagt, der Euro- 
paer hatte die Moglichkeit verloren, den Geist in der Natur zu 
schauen, die Schonheit in der Natur zu schauen. Indem der Orientale 
auf das schaut, was er allein sehen kann, wie der Europaer nur bei 
auBerlich Mechanischem, bei dem auBerlich Sinnlichen im Handeln 
und in der Betrachtung stehenbleiben will - denn das kann er ja nur 
sehen -, da glaubt der Orientale, daB er berufen sei, die alte Geistig- 
keit wieder aufzuwecken, die alte Geistigkeit der Erdenmenschheit 
zu retten. Der Orientale, der in konkreter Art von geistigen Wesen- 
heiten spricht - Rabindranath Tagore hat es zum Beispiel vor kurzem 
getan -, sagt: Die Europaer haben in ihre Kultur diejenigen Impulse 
einbezogen, die nur dadurch einbezogen werden konnen, daB sie vor 
ihren Kulturwagen den Satan gespannt haben; sie benutzen die Kraft 
des Satans, um vorwartszukommen. Der Orientale ist dazu berufen - 
meint Rabindranath Tagore diesen Satan wieder auszuschalten und 
Spiritualitat iiber Europa zu bringen. 

Da liegt schon ein Phanomen vor, an dem leider heute zu stark 
voriibergegangen wird. Wir haben mancherlei erlebt - dariiber will ich 



nachstens reden -, aber wir haben zum Beispiel innerhalb unserer 
Entwickelung vieles auBer acht gelassen, was wir in diese Entwicke- 
lung hereingebracht hatten, wenn wir zum Beispiel spirituelle Sub- 
stanz, wie sie von Goethe kommt - ich will nur diesen einen Namen 
nennen wirklich lebendig in unserer Kulturentwickelung hatten. 
Nun kann jemand sagen: Der Orientale kann heute nach Europa 
schauen und kann dann wissen: in diesem europaischen Leben lebt 
Goethe. - Er kann es wissen. Sieht er es ? Man kann sagen, die Deut- 
schen haben ja zum Beispiel eine Gesellschaft gegriindet, die «Goethe- 
Gesellschaft », ich meine nicht den « Goethe- Verein ». Und nehmen 
wir an, der Orientale wollte sie kennenlernen - die groBe Frage des 
Orients und des Okzidents ist schon ins Rollen gekommen, sie hangt 
doch zuletzt von geistigen Impulsen ab -, er wollte sich iiber die 
Goethe-Gesellschaft unterrichten und die Realitat ins Auge fassen. 
Dann wiirde er sich sagen: Goethe hat so stark gewirkt, daB sich sogar 
in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Moglichkeit geboten 
hat, in einer seltenen Weise Goethe fur die deutsche Kultur fruchtbar 
zu machen, sozusagen ein giinstiger Umstand, wie er sich dadurch 
geboten hat, daB eine Fiirstin mit ihrer ganzen Umgebung sich ge- 
funden hat, wie es die GroBherzogin Sophie von Sachsen-Weimar war, 
die den NachlaB Goethes in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts 
hergenommen hat, um diesen NachlaB zu pflegen, wie noch nie einer 
gepflegt worden ist. Das ist da. Aber betrachten wir als auBeres 
Instrument die Goethe-Gesellschaft. Sie ist auch da. Nun war vor 
einigen Jahren wieder einmal der Posten des Prasidenten dieser 
Goethe-Gesellschaft vakant. Innerhalb der ganzen Weiten des Gei- 
steslebens fand sich nur ein ehemaliger Finanzminister, den man zum 
Prasidenten der Goethe-Gesellschaft gemacht hat! Das ist das, was 
auBerlich gesehen wird. Solche Dinge sind schon wichtiger, als man 
eigentlich denkt. Was notwendiger ware, das ist, daB zum Beispiel der 
fur Spiritualitat entflammte und fur Spiritualitat verstandige Orientale 
in die Moglichkeit kame, zu wissen, daB innerhalb der europaischen 
Kultur so etwas doch auch da ist wie eine anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft. Doch das kann er ja nicht wissen. Das kann 
nicht an ihn heran, weil es nicht durch kann durch das, was sonst da 



ist - natiirlich nicht nur in der einen Erscheinung. Es ist nur sympto- 
matisch, was dadurch da ist, daB der President der Goethe-Gesell- 
schaft ein ehemaliger Finanzminister ist und so weiter. Ich brauchte 
nicht aufzuhoren mit solchen Beispielen. 

Das ist nun, ich mochte sagen, eine dritte Forderung : durchgreifen- 
des, mit der Wirklichkeit verbundenes Denken, ein Denken, mit dem 
man nicht stehenbleibt bei Unklarheiten, bei unklaren Lebenskompro- 
missen. Bei meiner letzten Reise hat mir jemand iiber ein Faktum, das 
mir bereits schon gut bekannt war, etwas in die Hand gednickt. Ich 
will Ihnen von der Sache nur den einen kurzen Auszug hier geben: 
«Wer jemals die Banke eines Gymnasiums gedriickt hat, dem werden 
die Stunden unvergeBlich sein, da er im Plato die Gesprache zwischen 
Sokrates und seinen Freunden <genoB> - unvergeBlich wegen der 
fabelhaften Langenweile, die diesen Gesprachen entstromt. Und man 
erinnert sich vielleicht, daB man die Gesprache des Sokrates eigentlich 
herzhaft dumm fand; aber man wagte natiirlich nicht, diese Ansicht 
zu auBern, denn schlieBlich war der Mann, um den es sich handelte, ja 
Sokrates, der <griechische Philosophy Mit dieser ganz ungerecht- 
fertigten Uberschatzung des braven Atheners raumt das Buch 
< Sokrates - der Idiot > von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eys- 
ler & Co., Berlin) gehorig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unter- 
nimmt in dem kleinen, unterhaltend geschriebenen Werk nichts Ge- 
ringeres, als Sokrates seiner Philosophenwiirde so ziemlich voll- 
standig zu entkleiden. Der Titel (Sokrates - der Idiot > ist wort- 
lich gemeint. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daB sich 
an das Buch noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen kniipfen 
werden. » 

Das nachste, wozu der Mensch mit seinem Empfinden kommt, 
wenn er von so etwas Kenntnis nimmt, das ist, daB er sich sagt : Was 
ist das fur etwas Merkwurdiges, daB jemand kommt wie der Alexander 
Moszkowski und den Beweis liefern will, daB Sokrates ein Idiot war? 
Das ist das Nachstliegende, was die Leute empfinden. Aber das ist 
eine KompromiBempfindung, die nicht herriihrt von einem klaren, 
durchgreifenden Denken, die nicht herriihrt von einem Sich-Gegen- 
iiberstellen der wahren Wirklichkeit. 



Damit mochte ich noch ein anderes vergleichen. Es gibt heute 
schon Biicher, die vom psychiatrischen Standpunkte aus geschrieben 
sind iiber das Leben Jesu. Darin wird das, was Jesus alles getan hat, 
vom Standpunkte der heutigen Psychiatrie aus untersucht und mit 
allerlei krankhaften Handlungen verglichen, und es wird dann vom 
modernen Psychiater bewiesen aus den Evangelien, daB Jesus ein 
krankhafter Mensch, ein Epileptiker gewesen sein muB, daft ja die 
ganzen Evangelien iiberhaupt nur vom Paulinischen Standpunkte aus 
zu verstehen sind und so weiter. Ausfiihrliche Berichte gibt es iiber 
diese Sache. 

Es ist wieder sehr einfach, nun leichten Herzens iiber diese Dinge 
hinwegzugehen. Aber die Sache liegt etwas tiefer. Stehen Sie voll- 
standig auf dem Standpunkte der heutigen Psychiatrie, geben Sie 
diesen Standpunkt der heutigen Psychiatrie so, wie er offiziell an- 
erkannt ist, zu, dann miissen Sie, wenn Sie iiber das Leben Jesu nach- 
denken, zu demselben Resultat kommen wie die Verfasser dieser 
Biicher. Sie konnen nicht anders denken, denn sonst waren Sie un- 
wahr, sonst waren Sie nicht im wahren Sinn des Wortes moderner 
Psychiater. Und Sie sind nicht im wahren Sinne des Wortes moderner 
Psychiater im Sinne der Anschauung Alexander Moszkowskis, wenn 
Sie nicht denken, daB Sokrates ein Idiot war. Und Moszkowski unter- 
scheidet sich von denen, die auch Anhanger dieser Theorien sind und 
Sokrates fur keinen Idioten halten, nur dadurch, daB die letzteren un- 
wahr sind - und er ist wahr; er geht keinen KompromiB ein. Denn es 
gibt keine Moglichkeit, wahr zu sein, auf dem Standpunkte der Welt- 
anschauung Alexander Moszkowskis zu stehen und Sokrates nicht als 
einen Idioten anzuschauen. Will man beides, will man zugleich An- 
hanger der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung sein 
und dennoch Sokrates gelten lassen, ohne ihn als einen Idioten an- 
zuschauen, so ist man unwahr. Ebenso ist man unwahr, wenn man 
moderner Psychiater ist und das Leben Jesu gelten laBt. Aber der 
moderne Mensch will nicht bis zu diesem klaren Standpunkt kommen; 
denn sonst miiBte er sich die Frage ganz anders stellen. Sagen miiBte 
er sich dann : Nun wohl, ich betrachte Sokrates nicht als einen Idioten, 
ich lerne ihn besser kennen, aber das fordert von mir auch die Ab- 



lehnung einer Weltanschauung, wie es diejenige des Moszkowski ist; 
und ich sehe in Jesu den groBten Trager von Ideen, der jemals 
mit dem Erdenleben in Beriihrung gekommen ist; das aber erfor- 
dert, daB ich die moderne Psychiatrie ablehne, sie nicht gelten lassen 
darf! 

Das ist es, worum es sich handelt: wirklichkeitsgemaBes, klares 
Denken, das nicht die gewohnlichen faulen Kompromisse schlieBt, 
die ja im Leben da sind, die aber aus dem Leben nur entfernt werden 
konnen, wenn man sie in Wahrheit erfassen kann. Es ist leicht, zu 
denken oder entriistet zu sein, wenn man den Beweis anerkennen soil, 
daft nach Moszkowski Sokrates ein Idiot ist. Aber richtig ist es, wenn 
man die Konsequenzen der modernen Weltanschauung zieht, daB sie 
von ihrem Standpunkte aus in Sokrates einen Idioten sieht. Aber 
solche Konsequenzen wollen die Leute nicht Ziehen : so etwas wie die 
moderne Weltanschauung ablehnen. Denn sie konnten sonst in eine 
noch unangenehmere Lage kommen: Man miiBte dann Kompromisse 
machen und sich vielleicht daruber klar sein, daB Sokrates kein Idiot 
ist; aber wenn man dann vielleicht darauf kame, daB - Moszkowski 
ein Idiot ist? Er ist ja nun kein machtiger Mann, aber wenn es nun 
machtigere Leute sind, so konnte allerlei und viel Schlimmeres 
passieren! 

Ja, um in die geistige Welt einzudringen, ist wirklichkeitsgemaBes 
Denken notig. Das erfordert auf der andern Seite, sich klar vor Augen 
zu stellen, wie die Dinge sind. Gedanken sind Wirklichkeiten, und 
unwahre Gedanken sind bose, hemmende, zerstorende Wirklichkeiten. 
Es hilft nichts, wenn man sich einen Nebel daruber breitet, daB man 
selber unwahr ist, indem man neben der Weltanschauung des Mosz- 
kowski auch die Weltanschauung des Sokrates gelten lassen will. Denn 
das ist ein unwahrer Gedanke, wenn man beides nebeneinander in 
seiner Seele postiert, wie es der moderne Mensch tut. Wahr wird man 
nur, wenn man sich vor Augen fiihrt, daB man entweder auf dem 
Standpunkt des reinen naturwissenschaftlichen Mechanismus steht wie 
Moszkowski, daB man dann Sokrates als einen Idioten anzuschauen 
hat; dann ist man wahr. Oder aber man weiB aus anderem, daB 
Sokrates kein Idiot war; dann hat man notig, sich daruber Klarheit 



zu verschaffen, wie stark das andere abgelehnt werden muB. Wahrsein 
ist ein Ideal, das die Seele des heutigen Menschen vor sich hinstellen 
sollte. Denn Gedanken sind Wirklichkeiten. Und wahre Gedanken 
sind heilsame Wirklichkeiten. Und unwahre Gedanken, auch wenn sie 
noch so sehr mit dem Mantel der Nachsicht gegen das eigene Wesen 
zugedeckt werden, unwahre Gedanken, im Inneren des Menschen 
gefaBt, sind Wirklichkeiten, welche die Welt und die Menschheit 
zuriickbringen. 



FUNFTER VORTRAG 
Berlin, 12.Marz 1918 



Wir haben versucht, gerade mit Beziehung auf die Menschenseelen, 
die schon durch des Todes Pforte gegangen sind, die Verhaltnisse 
aufzusuchen, die da bestehen zwischen der Welt, in welcher der 
Mensch lebt zwischen Geburt und Tod, und derjenigen Welt, in der 
er lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir wollen diese 
Verhaltnisse von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu be- 
trachten versuchen. 

Es wird die Menschheit im Laufe der Zeit, wenn sie - wie sie es 
notgedrungen wird miissen, um die Menschenaufgabe in den nachsten 
Zeiten zu erfullen - sich erkennend an die geistige Welt heranmacht, 
sich davon iiberzeugen, daB ein richtiges, erschopfendes Erkennen der 
Welt und ihrer Beziehung zu den Menschen weit, weit iiber dasjenige 
hinausgeht, was durch die physisch-sinnliche Wissenschaft und den 
Verstand, an den diese Wissenschaft gebunden ist, sich erforschen 
laBt. Der Mensch kennt gewissermaBen nur einen sehr kleinen Teil 
der wirklichen Welt - ich meine : der wirksamen Welt, in der er auch 
selber wirksam drinnensteht -, wenn er sich nur auf dasjenige bezieht, 
was durch die Sinne wahrnehmbar ist und durch den an die Sinne 
gefesselten Verstand festgestellt werden kann. Ich habe im Verlaufe 
der Vortrage darauf hingedeutet, wie der Mensch gewissermaBen 
seine Beobachtung verfeinern kann, wie er sie ausdehnen kann auf 
Verschiedenes, was im Leben vorhanden ist, aber eigentlich aus dem 
Grunde im Leben nicht beachtet wird, weil man nur das ins Auge 
faBt, was wahrend des Wachlebens des Menschen vom Morgen bis 
zum Abend geschieht, und nicht bemcksichtigt, was geschehen 
konnte, wovon wir in gewissem Sinne abgehalten werden, daB es ge- 
schehe. Ich habe, um Ihnen von diesen Dingen, die man zunachst 
mehr erfuhlen muB als denken, wenigstens vorlaufige BegrifTe dar- 
iiber zu geben, darauf hingewiesen, daB man sich ja nur zu uberlegen 
braucht, wie man zum Beispiel von einem Ausgang abgehalten sein 
konnte, zu dem man sich fur irgendeine Tagesstunde angeschickt hat, 



indem jemand zu Besuch kommt. Man hat sich vielleicht vorgenom- 
men, um elf Uhr vormittags auszugehen, aber man kann es erst eine 
halbe Stunde spater. Man stelle sich nun vor, wie unter Umstanden - 
selbstverstandlich unter Umstanden - der Tag doch ganz anders ver- 
laufen ware, wenn man zu der vorgenommenen Zeit ausgegangen 
ware, wie einem irgend etwas anderes in dieser halben Stunde, die 
man versaumt hat, hatte zustoBen konnen, das einem nun iiberhaupt 
entgangen ist und einem gar nicht zugestoBen ist. Man iiberlege sich, 
wieviel solcher und ahnlicher Ereignisse im Laufe des Tages den 
Menschen treffen, und man wird eine Vorstellung davon bekommen, 
was alles hatte geschehen konnen. Man wird vergleichen konnen - 
gefiihlsmaBig - diese Vorstellung von dem, was alles hatte ge- 
schehen konnen, mit dem, was dann wirklich vom Morgen bis zum 
Abend nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung sich 
tatsachlich ereignet hat. 

Man wird gut tun, um sich von diesen Dingen eine wirklich deut- 
liche Vorstellung zu machen, sie zu vergleichen mit ahnlichen Dingen 
in der Natur drauBen; denn in der Natur gehen in gewisser Weise 
Dinge vor, die in ahnlicher Weise beurteilt werden miissen. Ich habe 
offer darauf hingewiesen, doch einmal ein Augenmerk darauf zu 
haben, wie zum Beispiel in der Natur fortwahrend Samenkrafte in 
groBer Zahl verlorengehen. Denken Sie nur einmal daran, wie viele 
von den groBen Mengen von Heringseiern im Laufe eines Jahres zu 
wirklichen Heringen werden, und was davon verloren geht. Dehnen 
Sie diese Vorstellung aus iiber das gesamte Leben. Versuchen Sie sich 
vorzustellen, wieviele fur das Leben veranlagte Keime im Welten- 
laufe nicht zu ihrer Ausbildung kommen, wieviel im Weltenlaufe 
stecken bleibt, was nicht zur Ausbildung kommen kann, was nicht 
im voll entwickelten sprieBenden und sprossenden Leben da ist. Aber 
man glaube gar nicht, daB dies nicht auch zur Wirklichkeit gehore. Es 
gehort ebenso zur Wirklichkeit wie das, was zu seiner vollen Aus- 
bildung kommt, es kommt nur nicht bis zu einem gewissen Punkt, es 
nimmt einen andern Verlauf, gerade wie unsere eigenen Vorgange des 
Lebens einen andern Verlauf nehmen, wenn wir, wie ich angedeutet 
habe, durch irgend etwas aufgehalten werden ; das eine sind Lebens- 



vorgange, das andere sind Naturvorgange, die gehemmt werden und 
die sich, indem sie gehemmt werden, in einer andern Weise dann fort- 
setzen. Solche Dinge kann man noch viel weiter ausdehnen. 

Man frage sich nun, ob nicht sehr ahnlich ist mit diesen beiderlei 
Beispielen ein anderes, das fragend und ratselhaft sehr in das Men- 
schenleben hereinragt. Wir wissen, daB die normale Lebensdauer eines 
Menschen siebzig bis neunzig Jahre ist. Wir wissen aber auch, daB die 
weitaus groBte Zahl der Menschen viel fruher stirbt, und wir sehen 
daraus, daB die Vollendung des Lebens nicht erreicht wird. Wie in 
der Natur die Samenkeime auf einer gewissen Stufe zuriickbehalten 
werden und nicht zur vollen Reife kommen, ebenso kommen die 
Lebensvorgange des Menschen nicht zur vollen Reife. Und wiederum 
sehen wir auch, wie unsere taglichen Handlungen nicht zur vollen 
Reife kommen, aus den eben angefiihrten Griinden. Das alles kann 
uns darauf aufmerksam machen, daB gewissermaBen zwischen den 
Zeilen des Lebens eine Menge steckt, das man nicht beachtet, das ge- 
wissermaBen statt iiberzugehen in die Reiche, wo es sinnlich wahr- 
nehmbar werden kann, stecken bleibt in geistigen Bereichen. 

Wenn Sie so etwas nicht bloB als eine Phantasie ansehen, sondern 
wirklich fruchtbar iiberlegen, so werden Sie schon den Ubergang 
finden, wenn auch nicht zu einem vollgiiltigen Beweise, so doch zu 
einer Vorstellung von etwas sehr Bedeutungsvollem. Wenn wir im 
gewohnlichen Leben als Menschen handeln, so gehen wir ja in der 
Weise vor, daB wir unsere Handlungen, unsere Taten, unsere Willens- 
impulse iiberlegen. Wir iiberlegen, was wir tun sollen, und fuhren 
dann aus, was wir iiberlegt haben. Aber das Leben verlauft nicht 
nur in dieser Weise, daB wir Handlungen uns vornehmen und sie 
dann ausfiihren, sodern es verlauft so, daB sich in das Leben etwas 
hineinstellt, was uns sehr oft nur wie eine Summe von Zufallen 
vorkommt, was uns vorkommt wie regellos, eben wie zufallig zu- 
sammenhangend, und was wir mit dem Worte «unser Schicksal» be- 
zeichnen. Das Schicksal ist fur den materialistisch denkenden Men- 
schen eben das, was sich zusammensetzt aus den Ereignissen, die ihm 
von Tag zu Tag, wie er sagt, zustoBen. GewiB, viele Menschen ahnen, 
daB in diesem Schicksal ein gewisser Plan vorliegt. Aber von dem 



Fassen des Gedankens an einen solchen Schicksalsplan bis zu dem 
wirklichen Durchschauen dessen, was da eigentlich vorgeht, kommt 
es in der Regel nicht, weil man das, was ich jetzt meine, obwohl es 
etwas sehr Bedeutungsvolles ist, im Leben nicht beachtet. Gegen- 
wartig kommt ja die sogenannte analytische Psychologie, die Psycho- 
analyse auf manches, was heute an die Pforten der Menschheit pocht. 
Die Vertreter dieser analytischen Psychologie gehen nur mit un- 
zulanglichen Erkenntnismitteln an die Dinge heran. - Ich habe ofter 
im Kreise unserer Freunde auf ein paradoxes Beispiel aufmerksam 
gemacht, das die Psychoanalytiker jetzt fortwahrend anwenden, weil 
es am Ausgangspunkte der Psychoanalyse die Menschen darauf ge- 
stoBen hat, daB es allerlei Geistiges im Leben gibt, von dem sich die 
gewohnlichen Menschen keinen Begriff machen. Dieses paradoxe 
Beispiel wollen wir uns noch einmal vor die Seele fiihren, wenn es 
auch einige von Ihnen schon kennen. 

Eine Dame wird eingeladen in eine Abendunterhaltung und nimmt 
an dieser Abendunterhaltung teil, die aus dem Grunde veranstaltet 
wird, weil die Frau des Hauses, wo die Gesellschaft stattfindet, an 
diesem Abend abreisen wird. Sie soli ins Bad fahren, weil sie krank 
ist. Die Abendgesellschaft geht in tadelloser Weise vor sich. Die 
Dame des Hauses ist bereits nach ihrem Badeort abgefahren, die Gaste 
brechen sozusagen mit ihr zu gleicher Zeit auf, gehen fort. Eine 
Gruppe' dieser Gaste befindet sich auf der StraBe. Und wahrend sie so 
weitergehen, kommt um die Ecke herum eine Droschke gefahren. Ich 
sage ausdriicklich : eine Droschke, nicht ein Auto. Diese Droschke 
saust die StraBe daher. Eine der Damen sondert sich aus der iibrigen 
Gesellschaft ab. Wahrend die andern Leute der Gesellschaft, die mit 
ihr zusammen gehen, der Droschke ausweichen, hat sie die besondere 
Idee, vor den Pferden der Droschke einherzulaufen ; sie lauft auf der 
StraBe vor den Pferden weiter fort, hinten die Pferde und sie vorne 
weg, bis sie den Gedanken bekommt, sie miisse doch irgend etwas 
tun, um sich aus dieser Situation zu retten. Da kommt sie laufend vor 
den Pferden der Droschke auf eine Brucke, die uber einen FluB geht, 
und denkt sich: Wenn sie sich jetzt ins Wasser stiirzt, ist sie vor den 
Pferden sicher. Aber die andern Personen der Gesellschaft, die mit ihr 



zusammen gingen, sind, wie Sie sich denken konnen, ihr nachgelaufen 
und fangen sie noch zuletzt ab. Und die Verhaltnisse ergeben es : Sie 
wird in das Haus zuriickgebracht, das sie soeben verlassen hat, und 
wird dort aufgenommen. Schon, die Dame des Hauses ist fort; sie 
wird dort aufgenommen und ist nun in der Lage, eine Beziehung zu 
dem Hausherrn fortzusetzen, die sich einmal bei einem gemeinsamen 
Aufenthalt mit dem Hausherrn angesponnen hat. 

Der Psychoanalytiker sucht nun nach verborgenen Seelenprovinzen. 
Er findet, daB diese Dame einmal, als sie ein Kind war, irgendwelche 
Erfahrungen mit Pferden gemacht hat, daB diese Erlebnisse nun aus 
dem UnbewuBten herauf kommen und so weiter. Wer aber das Seelen- 
leben des Menschen kennt, wird auf alle diese Firlefanzereien der 
Psychoanalyse nicht eingehen konnen ; denn wenn solche verborgene 
Seelenprovinzen und dergleichen auch vorhanden sind - was gar 
nicht geleugnet werden soli so sind sie doch nur die Vorbereiter 
dessen, worauf es ankommt, und nicht das, worum es sich in Wirk- 
lichkeit handelt. Worauf es in Wirklichkeit ankommt, das ist, daB der 
Mensch - also auch diese Dame, von der jetzt die Rede ist - ein unter- 
bewuBtes BewuBtsein hat, das unter Umstanden viel schlauer und 
raffinierter ist als das OberbewuBtsein. Im OberbewuBtsein hat sich 
jene Dame, wie die meisten von Ihnen denken werden, ziemlich 
tapsig benommen, aber im UnterbewuBtsein dachte Etwas viel 
schlauer als das, was im OberbewuBtsein gedacht hat. Im Unter- 
bewuBtsein dachte Etwas: Heute abend ist die Frau des Hauses ab- 
gefahren, ich muB auf irgendeine Weise sehen, wie ich mit dem 
Manne zusammenkommen kann, ich muB irgend etwas anstellen, muB 
die nachste Gelegenheit dazu benutzen. Das UnterbewuBtsein ist 
sogar etwas prophetisch, es ahnt voraus, was geschehen wird, wenn 
man vor Pferden herlauft. Das alles kann in raffiniertester Weise vom 
UnterbewuBtsein veranstaltet werden. Das OberbewuBtsein ist nicht 
so schlau; das UnterbewuBtsein hat aber diese Schlauheit, die sich 
noch dadurch besonders erhoht, daB eine gewisse prophetische Gabe 
hinzutritt. Ich erwahne dieses Beispiel aus dem Grunde, weil es nur 
ein besonderer Fall ist von etwas, was ganz allgemein vorhanden ist. 
Jeder Mensch tragt in sich etwas, was viel umfassender, auch viel 



intensiver ist nach den verschiedensten Richtungen hin, als sein ge- 
wohnliches BewuBtsein. Ja, wenn der Mensch alles das wiiBte, was er 
in seinem UnterbewuBtsein wirklich weiB : er ware furchtbar gescheit 
und raffiniert dazu und wiirde ungeheuer viel auszudenken verstehen. 

Man kann nun die Frage aufwerfen: Ist das, was da im Unter- 
bewuBtsein des Menschen lebt, nun eigentlich ganz untatig? Fur den, 
der die Welt geistig zu beobachten versteht, ist es nicht ganz untatig. 
Im Gegenteil, es ist fortwahrend tatig, ist wirklich fortwahrend tatig. 
Was bei dieser Dame - und in ahnlichen Fallen kommt die Sache nur 
in einer abnormen Weise unter dem EinfluB von ganz besonderen 
Ereignissen, Begierden und Neigungen zum Vorschein -, aber was 
bei dieser Dame einmal in besonderer Weise zum Vorschein gekom- 
men ist, das ist beim Menschen auf einem bestimmten Gebiete immer 
vorhanden, das begleitet ihn das ganze wache Leben. Wieso ist das ? 
DaB es bei dieser Dame - es konnte ja unter Umstanden auch ein Herr 
sein - einmal in einer solchen Weise zum Vorschein gekommen ist, 
das riihrt nur davon her, daB diese unterbewuBte Wissenschaft, die 
der Mensch vom Leben hat, zuweilen etwas iiber die Schnur haut. Das 
kommt beim gewohnlichen BewuBtsein auch vor, daB man einmal 
etwas Besonderes tut, was eigentlich aus den gewohnlichen Lebens- 
gewohnheiten herausfallt, was einmal ein Ausnahmefall im Leben ist. 
So ist es auch bei diesem UnterbewuBtsein. Aber hier, in diesem Falle, 
ist nur etwas Besonderes herausgekommen, was immer im Menschen 
tatig ist - wie tatig ist? 

Was wir Schicksal nennen, ist wirklich eine recht komplizierte 
Sache. Unser Schicksal scheint so an uns heranzutreten, daB seine Er- 
eignisse uns zustoBen. Nehmen wir gleich einen eklatanten Fall des 
Schicksals, einen Fall, den ja manche Menschen kennen. Nehmen wir 
an, irgend jemand lerne einen andern Menschen kennen, der dann 
im Leben sein Freund, seine Frau oder der Mann oder dergleichen 
wird. Das wird von dem gewohnlichen OberbewuBtsein so ausgelegt, 
daB es uns zugestoBen ist, daB wir selbst gar nichts dazu getan haben, 
daB der betreffende Mensch in unsere Lebenssphare hereingetreten 
ist. Das ist aber nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist vielmehr eine 
andere. 



Mit derjenigen Kraft, die im UnterbewuBtsein ruht und die ich 
eben angedeutet habe, legen wir von dem Momente ab, wo wir durch 
die Geburt ins Dasein treten, und noch mehr, wo wir anfangen, zu uns 
Ich zu sagen, unseren Lebensweg so an, daB er in einem bestimmten 
Augenblick die Wege des andern kreuzt. Die Menschen achten nur 
nicht darauf, was fur merkwiirdige Sachen herauskommen wiirden, 
wenn man einen bestimmten Lebensweg verfolgen wiirde, etwa den 
eines Menschen, der sich in einem bestimmten Augenblicke zum Bei- 
spiel verlobt. Wenn man sein Leben verfolgen wiirde, wie es sich ent- 
wickelt hat durch Kindheit und Jugend, von Ort zu Ort, bis der 
Mensch dazu gekommen ist, sich mit dem andern zu verloben, dann 
wiirde man viel Sinnvolles in seinem Ablauf finden. Man wiirde dann 
finden, daB der Betreffende gar nicht so ohne weiteres dahin gekom- 
men ist, daB ihm etwas bloB zugestoBen ist, sondern daB er sich sehr 
sinnvoll hinbewegt hat bis dahin, wo er den andern gefunden hat. Das 
ganze Leben ist durchzogen von einem solchen Suchen, das ganze 
Schicksal ist ein solches Suchen. Allerdings miissen wir uns vorstellen, 
daB dieses Suchen nicht so ablauft, wie das Handeln unter gewohn- 
licher Oberlegung. Das letztere geht in gerader Linie vor sich; das 
Handeln im UnterbewuBtsein geht stark und personlich vor sich. Aber 
dann ist es etwas, was im UnterbewuBtsein des Menschen sinnvoll vor 
sich geht. Es ist gar nicht einmal richtig, wenn man vom UnbewuBten 
redet, man sollte UberbewuBtes oder UnterbewuBtes sagen, denn 
unbewuBt ist es nur fur das gewohnliche BewuBtsein. Bei jener 
Dame, welche die Sache so raffiniert angelegt hat, um in das Haus des 
betrefTenden Mannes wieder zuruckzukommen, ist das UnterbewuBte 
fur sich viel bewuBter, als die Dame selbst in ihrem UberbewuBtsein 
ist. Und so ist es auch fur das, was uns im Leben fiihrt, so daB unser 
Schicksal ein bestimmtes Gewebe ist, das uns fiihrt, und das ist sehr, 
sehr bewuBt. Dagegen spricht gar nicht, daB der Mensch oft mit sei- 
nem Schicksal so wenig einverstanden ist. Wiirde er alle Faktoren 
iiberschauen, so wiirde er finden, daB er schon einverstanden sein 
konnte. Eben weil das OberbewuBtsein nicht so schlau ist wie das 
UnterbewuBtsein, beurteilt es die Tatsachen des letzteren falsch und 
sagt sich: Es ist mir etwas Unsympathisches zugestoBen -, wahrend 



der Mensch aus einer tiefen Uberlegung heraus das, was man im 
OberbewuBtsein unsympathisch findet, in Wirklichkeit gesucht hat. 
Eine Erkenntnis der tieferen Zusammenhange wiirde es dahin brin- 
gen, einzusehen, daB ein Kliigerer die Dinge sucht, die dann Schicksal 
werden. Worauf beruht das alles ? 

Das beruht darauf - wenn man iiber solche Dinge redet, fur die ja 
die gewohnliche Sprache keine rechten Worte hat, kann man natiirlich 
immer nur vergleichsweise sprechen, aber die Vergleiche meinen 
Wirklichkeiten -, es beruht darauf, daB unser gewohnliches Kopf- 
bewuBtsein, auf das sich mancher Mensch viel einbildet, sozusagen ein 
Sieb ist. Es ist ein Vergleich, aber ein giiltiger Vergleich, der auf eine 
Wirklichkeit hinweist. Unser Kopf bewuBtsein ist ein Sieb. Wenn man 
in ein Sieb Wasser gieBt, so rinnt es durch, es fiillt das Sieb nicht. 
Diese Dinge, die da gedacht und iiberlegt werden und dann im Schick- 
salsgewebe zum Ausdruck kommen, gehen durch unser Kopf bewuBt- 
sein wie durch ein Sieb. Das ist der Grund, warum wir von ihnen im 
OberbewuBtsein nichts wissen. Das KopfbewuBtsein laBt sie durch- 
gehen wie durch ein Sieb, aber der Mensch im UnterbewuBtsein laBt 
sie nicht durchgehen. Nur weil sie im OberbewuBtsein durchgehen 
wie durch ein Sieb, weiB er von ihnen nichts; aber sie werden doch 
im Menschen aufgehalten. 

Wenn einmal wirklich in verniinftiger Weise Naturwissenschaft ge- 
trieben werden wird, dann werden sich die Menschen fragen: Wie 
stellen sich solche Dinge beim Tier dar, und wie beim Menschen? - 
Beim Tier sind diese Erlebnisse so, daB sie ganz durch das Tier durch- 
gehen, da ist das ganze Tier ein Sieb. Beim Menschen werden sie zwar 
nicht im Haupte, nicht im Kopfe, aber doch durch den ganzen Men- 
schen aufgehalten. Nur weil im gewohnlichen Leben bloB der Kopf 
denkt und nicht der ganze Mensch, so denkt der Mensch sie unter 
gewohnlichen Verhaltnissen nicht mit. Nur wenn zum Beispiel 
Hysterie eintritt, die darin besteht, daB auch der andere Teil des Men- 
schen zu denken anfangt - was ja durch krankhafte Verhaltnisse ein- 
treten kann, im allgemeinen aber nicht eintreten sollte -, dann kom- 
men solche Ausnahmefalle vor, wo einmal mitgedacht wird, was sonst 
schicksalsmaBig verlauft, und wo der Mensch, wie man sagen konnte, 



«Schicksal macht» - wie jene Dame, die ja Schicksal «gemacht» hat. 
Also der Mensch halt die Sache doch auf, und da stellt sich etwas 
hochst Merkwiirdiges heraus. Warum geht durch das ganze Tier die 
Sache durch, und warum wird sie beim Menschen aufgehalten? 

Das ist aus dem Grunde, weil das Tier keine Hande hat, das heiBt, 
die GliedmaBen sind mit der Erde immer verbunden, sind Beine oder 
sie sind Fliigel, was den Vorgang etwas anders macht. Aber daB der 
Mensch diejenigen GliedmaBen, die beim Tier Beine sind, um- 
geformt hat, das macht es, daB seine Arme und Hande so eingeschaltet 
sind in seinen Organismus, daB er seine Gedanken in seinem Schicksal 
in sich auf halt. Man kann nur nicht mit den Handen denken, man 
kann nur das Schicksal mit ihnen aufhalten; daher iibersieht der 
Mensch sein Schicksal. Die Hande sind geradeso Gedankenorgane, 
wie der atherische Teil des Kopfes es ist. Der atherische Kopfteil tut 
beim Denken etwas ganz ahnliches, wie der Mensch im Leben mit 
seinen Handen tut: Mit den Handen macht der Mensch in sich stocken 
den Strom des Handelns, der sein Schicksal durchzieht. Es ist fur den 
Menschen so eingerichtet, daB nur die groberen Verstandestatigkeiten 
der Hande und Arme zum Ausdruck kommen. Jeder Mensch weiB, 
daB er in den Handen, vor allem in den Fingerspitzen, einen besonde- 
ren Spiirsinn hat; aber dieser Spiirsinn stellt das Allergrobste in dieser 
Beziehung dar. Denn es handelt sich hier um etwas sehr Feines : das 
ist ein sehr schwaches, kaum glimmendes Denken, was die Menschen 
da entwickeln und bei kiinstlerischer Tatigkeit zum Ausdruck bringen 
konnen; aber die Hande sind eigentlich so eingeschaltet in den Ge- 
samtorganismus des Menschen, daB sie das Denkorgan sind fur das 
Schicksal. Der Mensch lernt im gegenwartigen Entwickelungszyklus 
noch nicht mit den Handen denken. Wiirde er es lernen, wiirde er die 
Geheimnisse der Hande kennenlernen, so wiirde dies zu gleicher Zeit 
eine Einfuhrung in die Erkenntnis der Grundgesetze des schicksals- 
maBigen Zusammenhanges sein. 

Das sieht sehr sonderbar aus, aber es ist so. Wir haben hier einen 
der Punkte, wo Geisteswissenschaft auf der einen Seite sagt: In den 
Handen, die ein unterbewuBtes Denken entwickeln, wird das Schick- 
sal gedacht. - Die Naturwissenschaft achtet heute noch nicht darauf. 



Sie muB, wenn sie nur ganz grob die menschliche Organisation be- 
trachtet, selbstverstandlich darauf kommen zu sagen: Der Mensch 
ist ein vollkommeneres Tier. - Das ist er ja auch. Aber in dem, was 
man dabei nicht beachtet, liegt gerade der wesentliche Unterschied des 
Menschen vom Tier. Bedenken Sie einmal: Wie ist beim Tier das 
Haupt? Beim Tier ruht das Haupt unmittelbar iiber der Erde. Beim 
Menschen ruht das Haupt so, daB das, was beim Tier die Erde tragt, 
vom Menschen selbst getragen wird; die Schwerpunktslinie des Haup- 
tes fallt, bevor sie die Erde trifft, in den menschlichen Organismus 
hinein, wenn ich mich grob ausdrucken will: Sie geht durch das 
Zwerchfell. Der Mensch steht zu sich selber so, wie das Tier zur Erde. 
Wenn wir die Schwerpunktslinie des Kopfes beim Tier nehmen, so 
fallt sie direkt auf die Erde, ohne durch das Zwerchfell und durch den 
Organismus durchzugehen. In der Orientierung des Organismus zum 
ganzen Kosmos liegt beim Menschen das Wesentliche, und mit dieser 
Orientierung hangt zusammen, daB seine Arme und Hande anders 
organisiert sind, als die entsprechenden GliedmaBen beim Tier. Da 
wird die Naturwissenschaft von der einen Seite her in Zukunft arbei- 
ten ; sie wird einmal fragen : Wie hangt es denn eigentlich beim Men- 
schen mit dem Dynamischen, mit den Krafteverhaltnissen zum 
Weltenall zusammen, daB der Mensch aus dem Kosmos heraus nicht 
ein Vierbeiner, sondern ein Zweihander ist? Das wird ihm aus dem 
Kosmos heraus organisiert! Und da arbeitet er sich entgegen, indem 
er aus dem Kosmos heraus so organisiert wird, daB die Schwerpunkts- 
linie seines Kopfes in ihn selbst hereinfallt, und er seine eigene Erde 
wird. Indem er sich da seine Hande und Arme in einer besonderen 
Weise ausorganisiert, lebt er sich dadurch demjenigen entgegen, daB 
die Hande wieder ihrerseits das Schicksal ergreifen konnen, geradeso 
wie die Organisation des menschlichen Kopfes auch mit seiner auf- 
rechten Stellung zusammenhangt. Der Mensch hat sein vollkommene- 
res Gehirn dadurch, daB die Schwerpunktslinie des Kopfes durch ihn 
durchgeht, nicht direkt auf die Erde fallt. Im Weltenall sind iiberall 
Krafte, und wenn etwas anders orientiert ist, dann ist die Masse 
anders verteilt. Das wird man fur die unorganische Natur zugeben, 
aber beim Menschen kann man es heute noch nicht beachten. Dadurch 



kommt man nicht darauf, wie das Materielle dem Geistigen im Men- 
schen entgegenarbeitet, wie in ihm iiberall das Materielle das Geistige 
durchwirkt. 

Das ist die eine Seite. Da konnen wir sagen: Wir lassen den Men- 
schen ins Auge fas sen, wie er auf seinem eigenen Zwerchfell ruht, und 
wir stehen darinnen, wenn wir bis zum Zwerchfell herab mit dem 
UnterbewuBten denken, in dem Verstande des Schicksals, wie wir 
sonst nur in dem Verstande der uberlegten Handlungen stehen. Aber 
nun steht der Mensch noch in anderer Weise im Leben darinnen ; denn 
wir haben gesehen, daB er, wenn wir nicht nur einseitig sein Haupt 
betrachten, sondern seinen ganzen iibrigen Organismus, daB er er- 
wagend, aber unterbewuBt erwagend, sein Schicksal bestimmt, sein 
Schicksal kennt. 

Es ist aber noch etwas anderes im Leben des Menschen der Fall. 
Wir verrichten Handlungen. Diese Handlungen verursachen uns im 
Leben eine gewisse Befriedigung oder auch Nichtbefriedigung. Den- 
ken Sie nur daran: Sie haben jemand irgendeine Wohltat erwiesen, das 
hat Ihnen eine Befriedigung gewahrt; oder Sie muBten irgend etwas 
unternehmen, was eine Abwehr von irgend etwas ist, und das ist 
mit Unbefriedigung verkmipft und so weiter. Al
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