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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewufitseins-Notwendigkeiten
fur Gegenwart und Zukunft
Einundzwanzig Vortrage, gehalten in Berlin
vom 22. Januar bis 6. August 1918
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Paul Jenny,
die der 3. Auflage R. Friedenthal und S. Lotscher
1. Auflage (Zyklus 48, 49, 50), Berlin 1922
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Bibliographie-Nr. 181
Zeichen auf dem Einband von Assja Turgenieff nach einem Motiv Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Kooperative Diirnau, Diirnau
ISBN 3-7274-1810-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mulS gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gema£
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga-
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
(Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 469 ff.)
ERDENSTERBEN UND WELTENLEBEN
Erster Vortrag, Berlin, 22. Januar 1918 11
Das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zu den Aufgaben der Zeit
Zweiter Vortrag, 29. Januar 1918 . 29
Die aufiere menschliche Gestalt und das innere Wesen des Menschen
Dritter Vortrag, 5. Februar 1918 50
Die Bedeutung von Wachen und Schlafen im Menschenleben. Uber
das Zusammensein der Lebenden mit den Toten.
Vierter Vortrag, 5. Marz 1918 68
Die Verbindung der Lebenden mit den Toten. Wirklichkeitsgemafies
Denken
Funfter Vortrag, 12. Marz 1918 88
Vom Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt. Schicksal
und Unterbewufksein
Sechster Vortrag, 19. Marz 1918 106
Gemeinsamkeitsgefiihl und Dankbarkeitsempfinden, eine Briicke zu
den Toten
Siebenter Vortrag, 26. Marz 1918 125
Vertrauen zum Leben und seelische Verjiingung, eine Briicke zu den
Toten
ANTHROPOSOPHISCHE LEBENSGABEN
Achter Vortrag, Berlin, 30. Marz 1918 145
Die Volkerseelen und das Mysterium von Golgatha
Neunter Vortrag, 1. April 1918 162
Die Relativitat der Erkenntnis und geistige Kosmologie .
Zehnter Vortrag, 2. April 1918 180
Gedanken iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
Elfter Vortrag, 9. April 1918 202
Das Ewige und das Unvergangliche
Zwolfter Vortrag, 16. April 1918 217
Gedanken iiber Leben und Tod
Dreizehnter Vortrag, 14. Mai 1918 235
Geisteswissenschaft, Lebenspraxis und Seelenbestimmungen
Vierzehnter Vortrag, 21. Mai 1918 256
Pfingstvortrag
BEWUSSTSEINS-NOTWENDIGKEITEN
FUR GEGENWART UND ZUKUNFT
Funfzehnter Vortrag, Berlin, 25. Juni 1918 279
Bewufitseinszustande
Sechzehnter Vortrag, 3. Juli 1918 296
Der Dornacher Bau
Siebzehnter Vortrag, 9. Juli 1918 320
Osten und Westen
ACHTZEHNTER VORTRAG, 16. Juli 1918 339
Geschichte und wiederholte Erdenleben
Neunzehnter Vortrag, 23. Juli 1918 359
Menschenwesen und Menschenentwickelung
Zwanzigster Vortrag, 30. Juli 1918 383
Zeitprobleme I
Einundzwanzigster Vortrag, 6. August 1918 408
Zeitprobleme II
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 433
Hinweise zum Text 434
Textanderungen 1991 gegeniiber der Ausgabe von 1967 .... 461
Namenregister 465
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 469
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 477
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 479
ERDENSTERBEN
UND
WELTENLEBEN
ERSTER VORTRAG
Berlin, 22.Januar 1918
Meine lieben Freunde, ich brauche wohl nicht zu sagen, daB es mir eine
groBe Freude sein muB, daB ich in dieser schweren, priifungsreichen
Zeit wieder hier mit Ihnen zusammen sein darf. Und da wir jetzt hier
nach langer Zeit zum ersten Male wieder uns iiber Gegenstande der
Geisteswissenschaft besprechen konnen, so wird es uns besonders
naheliegen, in dieser schweren Zeit zu gedenken, wie Geisteswissen-
schaft fern sein soli davon, bloBe Theorie zu sein, wie sie vielmehr
sein soli ein substantieller, fester Halt, der da zusammenbindet die
Seelen der Menschen, zusammenbindet nicht nur die Seelen derjenigen
Menschen, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern mit diesen
auch die Seelen derjenigen, die in den geistigen Welten leben. Dies
liegt uns so nahe, besonders in dieser Zeit, da ungezahlte Seelen den
physischen Plan verlassen haben unter Umstanden, von denen wir so
oft gesprochen haben, in dieser Zeit, da so viele Seelen drauBen den
schwersten Priifungen, die vielleicht die Weltgeschichte bisher iiber-
haupt Menschen auferlegt hat, ausgesetzt sind. Absehend von den
allgemeinen Vorstellungen, welche durch unsere Seelen am Beginne
dieser Vortrage hier und an andern Orten fliefien, sei es heute einmal
in individueller Form versucht, unsere Gefiihle, unsere Empfindungen
hinzulenken zu denjenigen, die drauBen stehen, wie auch zu den-
jenigen, die schon in dieser Ereignisse Folge durch des Todes Pforte
gegangen sind.
Die Ihr wachet iiber Erdenseelen,
Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr iiber Menschenseelen schiitzend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Horet unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kraftestrahlen
Sich einen mochten
Geist-ergeben, Liebe sendend!
Und mit Bezug auf die, welche in dieser Zeit bereits durch die Todes-
pforte gegangen sind :
Die Ihr wachet iiber Spharenseelen,
Die Ihr webet an den Spharenseelen,
Geister, die Ihr iiber Seelenmenschen schiitzend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Horet unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kraftestromen
Sich einen mochten
Geist-erahnend, Liebe strahlend!
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch die Jahre schon
durch die von uns angestrebte Geist-Erkenntnis, der zu der Erde Heil,
zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium
von Golgatha gehen wollte, Er sei mit Euch und Euren schweren
Pflichten !
Die vorangehenden Gedenkworte wurden wahrend des Krieges in dieser oder ahn-
licher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Landern gesprochen.
Vielleicht wird die schwere Zeit der Priifungen, in denen die
Menschheit steht, doch eine solche sein, welche immer mehr und mehr
die Bedeutung geistiger Vertiefung den Menschenseelen nahelegt;
dann wird diese schwere Zeit der Priifungen nicht umsonst an dieser
Gegenwart und fur die Zukunft fur die Menschheit voriibergegangen
sein. Man hat nur heute das Gefiihl - und diese Dinge werden ja nicht
ausgesprochen, um irgendeine Kritik zu iiben an irgend jemandem,
sondern gerade um zu appellieren an die rechten und richtigen Ge-
fuhle man hat das Gefiihl, daB die Zeit noch nicht gekommen ist,
in der die Menschen von der Schwere der gegenwartigen Zeitereig-
nisse geniigend gelernt haben. Man hat das Gefiihl, daB immer noch
deutlicher und deutlicher aus dem Geiste der Zeit heraus zu den
Menschenseelen, zu den Menschenherzen gesprochen werden muB.
Denn es sind ja nicht Menschenstimmen allein, die heute sprechen
konnen; es sind die Stimmen, die geheimnisvoll herausklingen aus den
schwerwiegenden und auBer ihrem Schwerwiegenden so bedeutungs-
vollen Tatsachen.
Es steht mir das Ganze, das ich heute, ich mochte sagen, wie stam-
melnciund ungeniigend zu Ihnen sprechen kann, insbesondere deshalb
vor Augen, weil mir die diesmalige schweizerische Reise gar manches
gerade mit Bezug auf das Verhaltnis unserer Geistesbewegung zu den
Aufgaben der Zeit gezeigt hat. Wer jenen Vortragszyklus aufmerksam
gelesen hat, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe iiber die
Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
und iiber dasjenige, was dort an Beziehungen zum menschlichen
Leben iiberhaupt auseinandergesetzt werden konnte, der weiB, wie
damals vor dem Kriege auf die tieferen Ursachen, die tieferen Grund-
lagen der nachher so furchtbar sich auslebenden Zeitereignisse hin-
gewiesen worden ist. Und man darf sagen, alles was man so zwischen
den Zeilen des Lebens jetzt erfahren kann, ist eigentlich nach auBen
hin als ein lebendiger Beweis fur die Richtigkeit des damals Gesagten
aufzufassen. Mit einem radikalen Wort wurde damals, ich mochte
sagen, die allgemeine Krankheit der Zeit bezeichnet, wie Sie wissen.
Man merkt schon hie und da, daB nun einiges von den groBen Ereig-
nissen gelernt worden ist. Allein, man merkt andererseits auch klar
und deutlich, gerade wenn man Einzelheiten scheinbar unbedeutender
Dinge im Zusammenhange betrachtet, wie unbeweglich im Laufe der
letzten Jahrhunderte das menschliche Denken auf dem physischen
Plan geworden ist, wie langsam die Menschen in irgendwelche Ent-
schlusse, in irgendwelche MaBnahmen, die sie treffen sollen, hinein-
kommen. Ich mdchte heute einleitungsweise von einigem zu Ihnen
sprechen, das gerade im Laufe dieser Schweizer Reise erlebt werden
konnte, weil es, wie mich diinkt, notwendig ist, daB diejenigen, die
sich fur unsere Bewegung interessieren, auch im Bilde ihres ganzen
Zusammenhanges ein wenig drinnenstehen konnen. Nur einzelnes
aber, aphoristisch, soli vorgebracht werden.
Als ein besonders befriedigendes Ereignis durfte es betrachtet wer-
den, daB wahrend meiner diesmaligen Anwesenheit in der Schweiz
sich aus den Kreisen j lingerer Akademiker der Ziircher Hochschule
Leute gefunden haben, die einen Vortragszyklus von mir in Zurich
gerade so gestalten wollten, daB er die Faden zieht zu den verschiede-
nen akademischen Wissenschaften. Ich habe dann vier Vortrage in
Zurich gehalten, von denen der erste das Verhaltnis der anthropo-
sophischen Geisteswissenschaft zur Psychologie, zur Seelenwissen-
schaft behandelte, der zweite das Verhaltnis dieser Geisteswissenschaft
zur Geschichte, der dritte das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zur
Naturwissenschaft, und der vierte ihr Verhaltnis zur Sozialwissen-
schaft, zu den groBen sozialen, juristischen Volkerproblemen unserer
Zeit. Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man - zwar selbstverstand-
lich in weitem Abstande von demjenigen, was man gerne wiinschen
mochte - damals doch ein gewisses Interesse fur dieses Fadenziehen
zu den akademischen Wissenschaften sehen konnte. Es konnte
ja gezeigt werden, daB die akademischen Wissenschaften iiberall
auf diejenige Erganzung warten, man konnte auch sagen, auf die-
jenige Erfiillung warten, die nur von seiten der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, und daB die Teil-
wissenschaften der Gegenwart Halbheiten, vielleicht sogar Viertel-
heiten bleiben, wenn sie diese Erganzung nicht haben konnen. Nir-
gends, wo es mir gestattet war, in der Schweiz Vortrage zu halten,
habe ich versaumt, iiberall durchblicken zu lassen, was eigentlich
nach dieser Richtung hin unserer Gegenwart fehlt, und was diese
unsere Gegenwart erlangen muB, um es den Tendenzen, die sie in eine
richtige Zukunft hinuberfuhren, einzuverleiben. Man kann sagen, daB
man immerhin empfinden konnte, daB, nachdem in der Schweiz an-
fanglich ein starker, kudos starker Widerstand gegen unsere Be-
strebungen vorhanden war, in der letzten Zeit allmahlich - und gewiB
ist der Widerstand nicht geringer geworden, ist sogar starker ge-
worden - neben dem Widerstande sich ein regeres Interesse ent-
wickelte; und es konnte schon sein, da ja das Karma unseren Bau in
die Schweiz gebracht hat, daB gerade das Wirken in diesem Lande
eine groBe Bedeutung haben konnte. Insbesondere wenn es so ge-
staltet wird, wie ich mich bemiihte, es zu gestalten : daB unser Wirken
Zeugnis ablegt auch zugleich fur jene Quellen geisteswissenschaft-
licher Forschungen, die in vieler Beziehung leider ungehoben und
unbeachtet gerade im deutschen Geistesleben verborgen sind. Dies ist
ein Gefiihl, das einen heute auf der einen Seite sogar mit einer gewissen
Wehmut und in tragischer Weise beriihrt, auf der andern Seite auch
gewiB mit tiefer Befriedigung. Man kann ja sagen: Wer das ganze
Gewicht der Tatsache ins Auge faBt, daB mit allem iibrigen auch
dieses deutsche Geistesleben gegenwartig von vierFiinfteln der Welt -
wie sie sich selbst bnisten - verketzert, wirklich verketzert wird, wer
sich das ganze Schwerwiegende dieser Tatsache vor Augen halt -
was man nicht immer tut -, der wird auf der einen Seite wehmutige,
auf der andern Seite befriedigende Hoffnungen darauf setzen konnen,
daB vielleicht gerade von seiten der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft auch nach dem AuBen der Welt wieder die Mog-
lichkeit geboten sein wird, diesem deutschen Geistesleben jene Stimme
zu verschaffen, die es haben muB, wenn nicht der Entwickelung der
Erde Schaden geschehen soil. Man findet und wird immer finden die
Moglichkeit, zu alien Menschen, ohne Unterschied der Nationalist,
zu sprechen, wenn man den Menschen im wahren Sinne vom Geist
spricht, das heiBt, wenn man von den wahren Quellen des Geistes-
lebens zu ihnen spricht.
Wehmiitig konnte es auch stimmen, daB, indem man auf der einen
Seite sieht, daB diese geisteswissenschaftlichen Bestrebungen einigen
Boden gewinnen, auf der andern Seite deutlich zutage tritt, wie auch
ein solches Land wie die Schweiz es immer schwieriger und schwieri-
ger hat, sich noch aufrecht2uerhalten gegeniiber dem, was heute an-
sturmt. Es ist nicht leicht, gegeniiber dem Druck von vier Fiinfteln
der Welt sich irgendein freies Urteil zu gestalten; und es ist nicht
leicht, selbst die Worte zu finden, um in einem solchen Lande - das
zwar ein neutrales ist, in dem aber die vier Funftel der Welt doch eine
bedeutende Rolle spielen - alles das zu sagen, was gesagt werden muB.
Die Verhaltnisse der Welt haben sich eben sehr zugespitzt.
Nun kommt uns auf diesem Boden allerdings zugute, daB das bloBe
Wort, die bloBe Lehre dort gerade unterstutzt wird durch die Formen
und Schopfungen unseres Dornacher Baues, der ja auch vor das auBere
Auge das hinstellt, was unsere Geisteswissenschaft will, und damit
zeigen kann, daB diese Geisteswissenschaft schon da, wo man sie ins
praktische Leben eingreifen laBt, wo man sie nicht brutal zuriickweist,
fahig ist, das Leben, das in der Gegenwart so groBe Anforderungen
an den Menschen stellt, zu meistern und zu handhaben.
Wenn man heute iiber das Verhaltnis zwischen der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft und dem andern Wissen und
Wollen der Welt spricht, so handelt es sich ja darum, daB man wirklich
ganz neue, ungewohnte Vorstellungen an die Menschen heranbringen
muB. Die Menschen sind im allgemeinen in den Untergriinden ihres
BewuBtseins ganz dunkel davon iiberzeugt, daB von da oder dort
irgend etwas Neues kommen miisse. Aber sie sind auch unerhort un-
elastisch in bezug auf ihr Denken, unerhort langsam im Aufnehmen.
Man kann schon sagen: Ein Grundzug ist in unserer schnellebigen
Zeit der, daB die Menschen so furchtbar langsam denken. In Kleinig-
keiten tritt einem das entgegen. In Zurich ist es zustande gekommen,
daB die Faden anthroposophischer Geisteswissenschaft zu den akade-
mischen Wis sens chaften gezogen werden konnten. In Basel habe ich
offentlich friiher gesprochen als in Zurich. Kurze Zeit, bevor ich von
der Schweiz wieder abreisen muBte, kam auch von Basel die Auf-
forderung an mich heran, ganz innerhalb eines akademischen Zu-
sammenhanges iiber die Beziehungen der anthroposophischen Geistes-
wissenschaft zu den andern Wissenschaften zu sprechen. Aber es war
natiirlich zu spat, so daB der Sache nicht mehr nahergetreten werden
konnte. - Ich erwahne dies aus zwei Griinden: erstens, weil es eine
groBe Wichtigkeit gehabt hatte, unmittelbar in einem nur der akade-
mischen Wissenschaft gewidmeten Raume, veranstaltet von der Basler
Studentenschaft, von unserer Geisteswissenschaft zu sprechen; auf
der andern Seite erwahne ich es deshalb, weil die Leute so langsam
waren, daB sie erst vor ToresschluB kamen. Es ist ein Charakteristikon,
daB die Menschen immer vor ToresschluB sich zu dem entschlieBen,
wozu Elastizitat des Denkens, die Fahigkeit, schnell aufzunehmen,
friiher fiihren konnte. Es ist ja notwendig, diese Dinge unter uns zu
besprechen, damit wir uns nach ihnen richten konnen. Man braucht
heute nur eines dieser Themen ins Auge zu fassen, von denen ich in
der letzten Zeit gesprochen habe, so wird man das Bedeutsame, das zu
geschehen hat, schon sehen.
Ich habe in Zurich unter anderem auch gesprochen iiber die Faden,
die zu ziehen sind zwischen der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft und der Geschichtswissenschaft, dem geschichtlichen
Leben der Menschheit. Wir haben ja heute eine Geschichte. Sie wird
gelehrt, wird gelehrt den Kindern, wird gelehrt den Akademikern.
Aber was ist diese Geschichte? Sie ist etwas, was nicht einmal eine
Ahnung hat von den Kraften, die im geschichtlichen Leben der
Menschheit walten, aus dem einfachen Grunde, weil das ganze intellek-
tuelle Leben von heute darauf ausgeht, den Verstand des Menschen
in Bewegung zu setzen; die gewohnlichen, sogenannten vollbewuBten
Begriffe und Ideen in Bewegung zu setzen und von da aus alles zu ver-
stehen.
Ja, so kann man die auBere sinnenfallige Natur verstehen, so
kann man jenes Denken verstehen, das so groBe Triumphe auf dem
naturwissenschaftlichen Felde erlebte; aber indem man dieses Denken
auf die Geschichte anwandte, hat man die Geschichte zu einer Natur-
wissenschaft machen wollen. Man hat sich im 19. Jahrhundert bemuht,
die Geschichte so zu betrachten, wie man in der Naturwissenschaft die
sinnenfalligen Dinge betrachtet. Das ist jedoch eine Unmoglichkeit,
aus dem einfachen Grunde, weil die geschichtlichen Tatsachen zum
Leben in einem ganz andern Verhaltnisse stehen als die naturwissen-
schaftlichen. Was halten die Menschen im geschichtlichen Leben sich
vor Augen? Welches sind die geschichtlichen Impulse?
Wer da glaubt, die geschichtlichen Impulse mit jenem Verstande
auffassen zu konnen, der in der Naturwissenschaft ganz gut an-
gewendet werden kann, der trifft nie die geschichtlichen Impulse,
denn diese wirken in der menschlichen Entwickelung so wie die
Traume in unserem eigenen Traumleben. Die geschichtlichen Impulse
wirken nicht herein in das gewohnliche BewuBtsein, mit dem wir den
Alltag oder die Naturwissenschaft beherrschen; sondern was in der
Geschichte geschieht, das wirkt als solche Impulse, wie das, was nur
in unser Traumleben hereinspielt. Man kann sagen, geschichtliches
Werden ist ein groBer Traum der Menschheit. Aber was in die Traume
hineinspielt als hinhuschende Bilder, es wird klar und deutlich in den
Imaginationen der Geisteswissenschaft. Daher gibt es keine Ge-
schichte, die nicht eine Geisteswissenschaft ist; und die Geschichte, die
heute gelehrt wird, ist keine Geschichte.
Herman Grimm ist es aufgefallen, daB der Geschichtsschreiber
Gibbon, als er die ersten Zeiten der christlichen Zeitrechnung schildert,
nur den Untergang des Romischen Reiches schildert, nicht das all-
mahliche Heraufkommen des Christentums, sein Wachsen und Ge-
deihen. Aber Herman Grimm wuBte natiirlich den Grund nicht, wes-
halb ein guter Geschichtsschreiber jedenfalls einen Verfall gut schil-
dern kann, nicht aber ein Wachsen und Werden. Der Grund ist der,
daB auf die Art, wie man heute geschichtlich begreifen will, nur das
begriffen werden kann, was zugrunde geht, nicht das, was wird, nicht
das, was wachst. Das lebt in die Menschenentwickelung sich so hin-
ein, wie sich sonst Traume in das individuelle Leben hineinleben.
Daher kann es nur von dem geschildert werden, der Imaginationen
haben kann. Und wer nicht Imaginationen haben kann, der mag ein
Ranke, der mag ein Lamprecht sein : er schildert nur den Leichnam der
Geschichte, nicht das Wirkliche des geschichtlichen Werdens. Denn
die Impulse des geschichtlichen Werdens werden vom BewuBtsein
nur getraumt; und versucht es das gewohnliche BewuBtsein, das, was
geschichtlich wird, aufzufassen, so kann es dies nur auffassen, wenn
es schon im UnterbewuBtsein ist.
Auch die neuere Zeit bietet uns interessante Beispiele dafiir. Wer
diese neuere Zeit verfolgte, hat gesehen, wie in den letzten Jahr-
zehnten das Interesse der Menschen fur groBe Fragen des Welt-
zusammenhanges mehr oder weniger ganz erstorben oder verakademi-
siert worden ist - was fast gleichbedeutend mit Ersterben ist -, ver-
schulmaBigt worden ist, ja, verschulmaBigt worden ist. Es ist ein
tiefer Zusammenhang zwischen dem VerschulmaBigen der Zeit und
der Tatsache, daB ein Schulmeister gegenwartig an der Spitze der be-
deutendsten Republik die Parole fur die Menschheit ausgeben will. -
Wenn man sich fragt: Wo war in den letzten Jahrzehnten Sinn fur
groBe Menschheitszusammenhange, fur Ideen, welche, man mochte
sagen, eine Art religiosen Charakter hatten, wenn auch einen brutal
religiosen Charakter, wahrend alles andere mehr oder weniger im
Sterben war, wo war so etwas ? - so kann man doch sagen, wenn man
die Verhaltnisse richtig durchschaut: Es war beim Sozialismus. - Da
waren Ideen, aber Ideen, die sich niemals auf das geistige Leben
richteten, die sich nur auf das brutal materielle Leben richteten. Aber
es stand leider diesen Ideen keine andere Welt von Ideen gegeniiber.
Kennt man nun das, was da an Ideen des Sozialismus an die Ober-
flache getreten ist, so findet man: Es sind gewissermaBen geschicht-
liche Ideen, es sind Traume der Menschheit. Aber was fur Traume?
Man muB einen Sinn haben fur dieses Getraumtwerden der geschicht-
lichen Ereignisse der Menschheit. Ich versuchte es in den Vortragen
in der Schweiz in der Weise den Leuten klarzumachen, daB ich sagte :
Man versuche nur einmal, diejenigen Leute, die sehr gescheit sind,
die aber gar nicht Verstandnis haben fur das, was ich jetzt Traum-
impulse nenne, zu lenkenden und fiihrenden Personlichkeiten zu
machen; man wird sehen, wie weit man kommt. - Man versuche es
nur einmal damit, die Frage praktisch zu beantworten : Wie kann man
ein Gemeinwesen - so sagte ich, auch im offentlichen Vortrage - so
schnell als moglich systematisch zugrunde richten? - Man ordne die
Sache so an, daB man ein Parlament liber dieses Gemeinwesen setzt
und in dieses Parlament lauter Gelehrte und Professoren hineinbringt :
das ist ein sicheres Mittel, um ein Gemeinwesen systematisch zu-
grunde zu richten. Es brauchen nicht angestellte Professoren zu sein, es
konnen auch sozialistische Fiihrer sein, unter denen ja die Bewegung
gemigend Professoren hat. Man muB fur solche Dinge eine Emp-
findung haben, dann wird man sich sagen: Wie ist eigentlich diese
ganze umfassende Theorie des Sozialismus gekommen? Wollte man
die sozialistischen Theorien - vielleicht wird die Menschheit heute
einen traurigen Beweis dafiir im Osten erleben konnen, wenn sie
nicht fruher auf hort und versucht, sie weiterzufuhren ~ in die Wirk-
lichkeit uberfuhren, so wiirden sie nur zerstoren konnen. Wie ist
es gekommen, daft diese sozialistischen Ideen in den Kopfen der
Menschen Platz gegriffen haben? Was sind sie eigentlich, diese
Theorien?
Wer dies wissen will, der muB von innen heraus die Geschichte der
vier letzten Jahrhunderte kennen, insbesondere aber die des 18. und
des 19. Jahrhunderts. Er muB wissen, daB das, was Geschichte der
letzten vier Jahrhunderte ist, etwas ganz anderes ist als dasjenige, was
in den Geschichtsbiichern stent; er muB wissen, daB die Geschichte
der vier letzten Jahrhunderte, und namentlich die der zwei letzten, wirk-
lich ein Bild menschlicher Klassen- und Standeskampfe ist. Und
Karl Marx zum Beispiel hat nichts anderes getan als dasjenige, was die
Menschheit im Laufe der vier oder der zwei letzten Jahrhunderte
getraumt hat, was wirklich da war, was aber jetzt ausgetraumt ist und
einer neuen Zeit Platz machen muB, in dem Moment, als es schon aus-
getraumt war, als Theorie aufzustellen. Der Sozialismus, der in seinen
Theorien aufgestellt wurde in dem Augenblick, als die Tatsache
bereits vertraumt war, zeigt, daB der Verstand das schon Zugrunde-
gegangene, das schon Leichnam Gewordene braucht, wenn er sich
mit denjenigen Erkenntnismitteln an die Sache macht, die zum Bei-
spiel in der Naturwissenschaft ganz gut gelten konnen. Man wird
gerade aus solchen Erkenntnissen heraus einsehen miissen, daB jetzt
die Welt an einem Zeitenwendepunkte wirklich steht, wo sie in der
Auffassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit - und die
Gegenwart ist ja auch geschichtlich geworden, und wenn man in die
Zukunft hineinlebt, lebt man auch in geschichtliches Werden hinein -
umlernen muB ; man wird einsehen miissen, daB dieses geschichtliche
Werden nicht anders zu verstehen ist, als daB man es geisteswissen-
schaftlich versteht. Man bekommt ja nicht einmal ein richtiges Bild
der allerjiingsten Ereignisse, wenn man die Geisteswissenschaft auBer
acht laBt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das ich in der letzten Zeit
ofter angefuhrt habe.
Ein wichtiges Ereignis, das zwischen den Zeilen des europaischen
Lebens im Mittelalter sich zugetragen hat - wir sind ja hier unter uns,
konnen daher solche Sachen sagen, trotzdem die drauBen stehende
Menschheit ofter uber derartiges lacht; aber sie wird nicht immer
lachen ist dasjenige, daB im Laufe des Mittelalters die Kunde, das
Wissen vom westlichen Weltteil der europaischen Menschheit ver-
lorengegangen ist. Es waren ja immer Verbindungen vorhanden, be-
sonders zwischen Irland und England und demjenigen Gebiete, das
man heute Amerika nennt. Von Irland und England aus sind immer
gewisse Verbindungen nach Westen gepflogen worden, und erst in
dem Jahrhunderte, in dem dann die sogenannte Entdeckung Amerikas
erfolgt ist, ist noch durch eine papstliche Urkunde verboten worden,
sich mit Amerika zu beschaftigen. Naturlich hat es damals nicht
« Amerika » geheiBen. Der Zusammenhang mit Amerika ist eigentlich
erst in dem Zeitpunkt geschwunden, als die sogenannte Entdeckung
Amerikas durch die Spanier erfolgt ist ; aber die auBere Geschichte ist
so undeutlich, daB eigentlich heute die Menschen das Gefiihl haben,
man habe in Europa vor dem Jahre 1492 Amerika iiberhaupt nicht
gekannt. Das glauben ja fast alle Leute. Und ahnliche Tatsachen,
welche die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus geltend
machen muBte, konnten viele angefuhrt werden. Wir stehen heute
eben vor einem Zeitenwendepunkt, in dem gerade das geschichtliche
Leben unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft betrachtet
werden muB. Man wird nun vielleicht sagen: Da aber Geisteswissen-
schaft, so wie wir sie betrachten, doch eigentlich erst in unserer Zeit
aufgehen kann, wie steht es denn dann mit fniheren Zeiten?
Wenn wir in fruhere Zeiten zuriickgehen, dann finden wir etwas
anderes, das gewissermaBen sich schon messen kann mit dem, was wir
heute die Imaginationen der Geisteswissenschaft nennen; wir finden
den Mythos, die Sagen, und aus der Kraft des Mythos, aus der Kraft
der Sage, die Bilder waren, konnten wahrhaftig realere, wirklich-
keitsgemaBere - auch politische - Impulse genommen werden als aus
den abstrakten Lehren der heutigen Geschichte oder Sozialokonomie
bder dergleichen. Denn was Menschen zusammenhalt, was das Zu-
sammenleben der Menschen bedingt, es braucht nicht in abstrakten
Begriffen aufgefaBt zu werden. Im Mythos wurde es friiher zum Aus-
druck gebracht. Nun, wir konnen heute nicht wieder Mythen dichten,
wir miissen eben zu Imaginationen kommen und mit Imaginationen
das geschichtliche Leben erfassen und daraus wieder politische Im-
pulse pragen, die wahrhaftig anders sein werden als die phantastischen
Impulse, von denen heute so viele Menschen traumen, oder wie wir
sagen wollen: als die schulmeisterlichen Impulse.
Es ist heute gewiB schwierig, den Menschen noch zu sagen: Das
geschichtliche Leben ist etwas, was eigentlich dem gewohnlichen Vor-
stellen gegeniiber im UnterbewuBtsein verlauft. Aber auf der andern
Seite pocht dieses dem Menschen verborgene Leben gar sehr an die
Pforten der Ereignisse, an die Pforte der menschlichen Impulse iiber-
haupt. Man kann sagen - gerade bei den Zurcher Vortragen hat sich
das gezeigt man mochte heute iiberall zusammenkommen mit den-
jenigen Erkenntnisbestrebungen, die auch zum Geiste hinwollen, aber
mit lauter unzulanglichen Mitteln. In Zurich macht man ja ins-
besondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefahig geworde-
nen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und
gerade an meine Vortrage haben sich die merkwiirdigsten Aus-
einandersetzungen iiber die Beziehungen der anthroposophisch orien-
tierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die
Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen
an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, konnen sich nicht in sie
hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die lure desjenigen, was
heute den Menschen erschlossen werden soil.
Da ist zum Beispiel in Zurich ein Professor Jung, der erst jungst
wieder eine Broschure iiber Psychoanalyse geschrieben hat - er hat
viele Schriften dariiber verfaBt - und der manches Problem darin
beruhrt; aber er zeigt damit gerade, daB er alles nur mit unzulang-
lichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anfiihren, aus
deren Erwahnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung fiihrt
ein Beispiel an, das iiberhaupt viel von den Psychoanalytikern an-
gefiihrt wird.
Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer
Gesellschaft eingeladen, sie soil in einem Hause zum Abend bleiben.
Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soil gleich, nachdem das
Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz
gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des
Hauses fahrt ab, die Gaste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gaste
geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie
man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesell-
schaft kommt, nicht auf dem sogenannten Biirgersteig, sondern sie
gingen auf der Mitte der StraBe. Da kommt auf einmal eine Droschke
um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den
Burgersteigen hin aus, aber jene erwahnte Dame nicht. Sie lief mitten
auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der
Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis
sie an eine Briicke kam, die iiber einen FluB fiihrte. Da beschloB sie,
um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich iiber die Briicke
in den FluB zu stiirzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der
Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden.
Und weil es nun fur die Gesellschaft das Nachstliegende war, wurde
sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen,
zurtickgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame
und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen.
Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulanglichen Mitteln
alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann,
wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht,
jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unter-
richten, daB die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein
Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhangt, so daB die
Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der
Droschkenpferde jenes friihere Erlebnis aus dem UnterbewuBtsein
heraufrief, dadurch so perplex gemacht worden ist, daB sie nicht zur
Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird fur den
Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammen-
hanges gegenwartiger Erlebnisse mit «ungelosten Seelenratseln» aus
dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Ver-
folgen der Dinge mit unzulanglichen Mitteln, weil der betreffende
Psychoanalytiker nicht weiB, daB dieses im Menschen waltende Unter-
bewuBte wesenhafter ist, als er annimmt, daB es sogar auch viel raffi-
nierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem be-
wuBten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kiihner ist oft dieses
UnterbewuBtsein. Denn der Psychoanalytiker weiB nur nicht, daB ein
Damon in der Seele jener Frau saB, die weggegangen, ich konnte
ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewuBten Ge-
danken, allein 2u sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein
wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des
UnterbewuBtseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem
BewuBtsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen
einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt
sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker
nicht, weil er nicht voraussetzt, daB es uberall eine geistig-seelische
Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung
ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt
er, daB die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Be-
ziehung steht. Aber er muB doch Materialist sein, denn sonst ware er
doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also?
Er sagt: Uberall steht die Menschenseele - man sieht das an den
Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen - in Beziehung zu auBer-
seelischen geistigen Tatsachen. - Diese gibt es aber doch nicht ! Also
wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Korper, der von
andern Korpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt
es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, daB die
Seele vererbungsgemaB alles das nachlebt, was man an Verhaltnissen
zum Beispiel zu den heidnischen Gottern erlebt hat. Das steckt noch
in einem, durch Vererbung steckt es in einem, und das werden
«isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden miis-
sen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es
sogar ein, daB es der Menschenseele ein Bediirfnis ist, dazu eine Be-
ziehung zu haben, und daB sie das Nervensystem ruinieren, wenn es
nicht heraufgeholt wird ins BewuBtsein. Daher spricht er den Satz
aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus :
Die Menschenseele kann nicht, ojhne daB sie innerlich zugrunde geht,
ohne Beziehung zu einem gottlichen Wesen sein. Dies ist ebenso
sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, daB es ja ein gottliches
Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des mensch-
lichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes
nicht das geringste zu tun.
So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich
vorliegt : Es wird wissenschaftlich konstatiert, daB die Menschenseele
sich ein Verhaltnis zu Gott konstruieren muB, daB es aber ebenso
sicher ist, daB es tdricht ware, einen Gott anzunehmen; also ist die
Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vor-
zulugen. Luge dir vor, daB es einen Gott gibt, sonst wirst du krank ! -
das steht eigentlich in dem Buch.
Man sieht aber daraus, daB die groBen Ratselprobleme an die Pfor-
ten pochen, und daB sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge
stemmt. Wiirde man mutig genug sein, so wiirde auf Schritt und Tritt
heute etwas ahnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug !
Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge
zu flicken, sondern weil ich glaube, daB er in seinem Denken schon
mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muB nach den
Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind
noch weniger mutig.
Diese Dinge muB man alle bedenken, wenn man so recht ins Auge
fassen will, was es eigentlich heiBt, die Geisteswissenschaft kommt mit
einer solchen Wahrheit wie dieser : Was im geschichtlichen Leben der
Menschheit und folglich auch im Leben der politischen Impulse ge-
schieht, das hat nichts zu tun mit dem gewohnlichen BewuBtsein,
kann nichts zu tun haben mit dem gewohnlichen BewuBtsein; sondern
wirklich verstanden und gehandhabt kann es nur werden, wenn das
imaginative BewuBtsein eintreten kann. Man konnte auch mit Be-
ziehung auf den charakteristischsten Vertreter der - wie ich in der
letzten Zeit ofter sagte - antisozialen Geschichtsauffassung in der
Politik sagen, daB der Wilsonianismus ersetzt werden muB durch ein
imaginatives Erkennen der Wirklichkeit. Nur ist der Wilsonianismus
sehr verbreitet, und manche Menschen sind Wilsonianer, ohne daB sie
es ahnen. Es kommt nicht auf Namen an, sondern auf die Tatsachen,
die unter den Menschen leben. Ich kann ja in gewisser Beziehung un-
befangener iiber Wilson sprechen, weil ich immer betonen kann, daB
ich in dem schon vor dem Kriege gehaltenen Zyklus in Helsingfors
ein Urteil iiber Wilson abgegeben habe und nicht notig hatte, durch
Woodrow Wilson erst wahrend des Krieges belehrt zu werden, wes
Geistes Kind auf dem Throne von Amerika sitzt. - Man konnte aber
recht gut nachweisen die lobhudelnden Stimmen, die es uberall iiber
Woodrow Wilson gegeben hat und die erst seit gar nicht so langer
Zeit verklungen sind. Jetzt weiB man gar viel. Jetzt weiB man sogar,
daB dieser Herr, der auf dem Throne von Amerika sitzt, zur Ab-
fassung seiner wirksamsten republikanischen Urkunden sich alte Bot-
schaften des seligen Kaisers Dom Pedro von Brasilien vom Jahre 1864
nimmt und die darin enthaltenen Satze einfach abschreibt, nur daB er
an den Stellen, wo Dom Pedro sagte: Ich muB fur die Interessen Siid-
amerikas eintreten -, jetzt dafiir setzt: Ich muB fur die Interessen der
Vereinigten Staaten von Amerika eintreten - und so weiter, mit der
gehorigen Umformung.
Als auch in unserem Territorium seinerzeit die beiden Biicher
Wilsons «Die neue Freiheit» und «Nur Literatur» erschienen sind, da
waren der lobhudelnden Stimmen nicht weniger; es ist noch nicht
lange her, nur so fiinf, sechs Jahre. Auf diesem Gebiete des Wil-
sonianismus haben ja die Menschen einiges gelernt. Aber mit Bezug
auf viele andere Dinge ware es schon notwendig, daB gelernt und
gelernt wiirde von den so tief, tief einschneidenden Ereignissen der
Gegenwart. Dazu ist allerdings notwendig, daB manche Dinge sehr
ernst genommen wiirden, die gerade auf dem Grund und Boden der
geisteswissenschaftlichen Erkenntnis nur erbluhen konnen. Man klagt
ja auch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sehr
leicht an, daB sie theoretisch sei, und halt ihr vor, wie andere Rich-
tungen unmittelbar zu Werke gehen, wie sie nicht die Menschen damit
plagen, Weltenentwickelungen begreifen zu sollen, sondern wie sie
den Menschen von Liebe sprechen, von allgemeiner Menschenliebe,
was man lieben und wie man lieben soil. Nun, Jahrtausende ist In
dieser Weise von der Liebe gesprochen worden, wie es auch jetzt
wieder viele Leute haben wollen; trotzdem lebt sich die Liebe so aus,
wie sie sich jetzt auslebt. Lassen Sie erst einmal eine viel kiirzere Zek
Geisteswissenschaft die menschlichen Seelen ergreifen, dann werden
Sie sehen, daB diese Geisteswissenschaft, wenn sie die menschlichen
Seelen wirklich ergreift, in den menschlichen Herzen schon als Liebe
aufgehen wird. Denn Liebe kann nicht gepredigt werden. Liebe kann
allein wachsen, wenn sie richtig gepflegt wird. Aber dann wachst sie.
Und sie ist ein Kind des Geistes. Sie ist auch beim Menschen ein Kind
des wirklichen Erkennens, jenes Erkennens, das nicht auf die bloBe
Materie geht, sondern das auf den Geist geht.
Damit habe ich heute in einem einleitenden Vortrage nichts anderes
tun wollen, als auf einige Empfindungen hinzudeuten, die uns gerade
in dieser Zeit vielleicht bedeutsam sein werden. Aber ich habe an-
gedeutet, wie ich es in den nachsten Zweigvortragen hier halten will.
Ich habe gerade alles das zu besprechen, was in der Menschenseele
heute Kraft und Mut und HofFnung erwecken kann. Ich mochte von
alledem sprechen, was Geisteswissenschaft anderes der Menschheit
geben kann, als was ihr Jahrhunderte gegeben haben, und ich mochte
von der Geisteswissenschaft als von etwas Lebendigem sprechen, das
in uns nicht Theorie ist, sondern das in uns einen zweiten, einen
geistigen Menschen gebiert, der den andern tragt und halt in der Welt.
Und das glaube ich vor alien Dingen, daB es die Gegenwart braucht.
Es gab im Mittelalter eine Zeit, Sie kennen sie alle, wo viele Menschen
den manchmal sehr phantastischen Drang hatten, Gold zu machen.
Warum wollten sie Gold machen? Sie wollten damit etwas, was sich
unter den gewohnlichen irdischen Verhaltnissen nicht realisieren laBt.
Warum? Weil sie einsahen, daB die gewohnlichen irdischen Verhalt-
nisse, ohne durchgeistigt zu sein, ohne von den geistigen Impulsen
durchzogen zu sein, den Menschen nicht eine wahre Befriedigung
geben konnen. Das ist ja schlieBlich auch der Inhalt der Lehre des
Evangeliums. Nur sehen die Menschen gewohnlich an dem Wichtig-
sten vorbei, sie kritisieren die Anschauung der Evangelien, daB das
Reich Gottes herabgekommen ist. Ja, aber ist es nicht da? Es ist da!
Es ist nur nicht in den auBeren Gebarden. Es muB innerlich ergriffen
werden. Es muB nur nicht verleugnet werden, wie es in unserer Zeit
verleugnet wird. Und auch von diesem Herabkommen des Reiches
des Geistes wollen wir in der nachsten Zeit sprechen.
So wollte ich heute nur, ich mochte sagen, einen Grundton an-
schlagen. Unsere Zeit ist auch darauf angewiesen - die Zahl der-
jenigen, die jetzt durch die Todespforte gegangen sind, zahlt ja nach
Millionen -, die Briicke zu bauen zu dem Reich, in welchem die Toten
leben. Sie leben unter uns, und wir konnen sie flnden. Wie wir sie
finden konnen, auch davon wollen wir wieder in einer erneuerten
Weise sprechen.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 29.Januar 1918
Es ist ofter im Zusammenhange unserer Betrachtungen aufmerksam
gemacht worden auf den durch die Zeiten leuchtenden, an dem grie-
chischen Apollotempel stehenden Spruch «Erkenne dich selbst!».
Vieles, unendlich vieles von Aufforderung, nach Menschenweisheit
und damit nach Weltenweisheit zu streben, liegt in diesem Spruch.
Der Spruch hat allerdings eine bedeutsame Erneuerung, eine Ver-
tiefung erfahren durch den Impuls, den das Mysterium von Golgatha
gegeben hat. Von alien diesen Dingen werden wir vielleicht, wenn die
Zeiten es gestatten, im Verlaufe dieses Winters noch zu sprechen
haben. Wir werden versuchen, den Weg zu finden gerade zu solchen
Zielen, die damit angedeutet sind.
Da mochte ich denn heute ausgehen von einer scheinbar auBer-
lichen Betrachtung des Menschen, also gewissermaBen von einer
auBerlichen Form der menschlichen Selbsterkenntnis, die aber nur
scheinbar eine auBerliche ist, die trotzdem eine erste, gewichtige Kraft
ist, wenn man sich ihrer bemachtigt, um auch in das innere Wesen des
Menschen einzudringen. Ich mochte ausgehen, aber eigentlich doch
nur scheinbar ausgehen von der auBeren menschlichen Gestalt.
Eine Betrachtung dieser auBeren menschlichen Gestalt findet man
heute in dem, was als Wissenschaft anerkannt ist, eigentlich nur mehr
in einem Sinne, der fur eine hohere Geistbetrachtung ziemlich un-
befriedigend ist. Man darf schon sagen: Wer heute den Menschen als
Menschen erkennen will, findet wenig Anregung zu solcherMenschen-
erkenntnis in der Wissenschaft, allerdings in der Wissenschaft, so wie
sie eben in der Gegenwart getrieben wird. Denn, was diese Wissen-
schaft schon hervorgebracht hat, was vorliegt, das konnen Sie wieder-
um aus den verschiedenen Andeutungen meines letzten Buches «Von
Seelenratseln» ersehen. Dieses Buch gibt wichtige, bedeutungsvolle
Bausteine zu einer weitausblickenden Erkenntnis des menschlichen
Wesens. Aber diese Bausteine werden eben gegenwartig nicht ge-
sucht. Und was heute Anatomie, Physiologie und so weiter bieten,
gibt sehr wenig dem Fragenden, der ernsthaft in das Wesen des Men-
schen aus einer Erkenntnis der auBeren physischen Menschengestalt
eindringen will. Da gibt heute im Grunde genommen viel mehr das-
jenige, was kiinstlerische Betrachtungsweise ist. Man darf schon
sagen: Vieles laBt heute die Wissenschaft unbefriedigt. Und wenn
jemand sich nur entschlieBen kann, im Goetheschen Sinne auch in der
Kunst, namentlich in der kiinstlerischen Betrachtung der Welt wirk-
liche, substantielle Wahrheit zu suchen, so flndet er vielleicht heute
mehr Wahrheit auf diese Weise, als bei dem, was anerkannte Wissen-
schaft ist. Es wird in der Zukunft eine Weltanschauung geben, welche
gerade die aus der Geisteswissenschaft hervorgegangene sein wird,
so wenig man das heute noch durchschauen kann. Eine Weltan-
schaung wird es geben, die aus einem gewissen menschlichen Er-
kenntnisbedurfhis wissenschaftliches Empfinden der Welt und kiinst-
lerisches Empfinden der Welt in einer hoheren Synthese und Har-
monie vereinigen wird. Darin wird dann viel mehr Hellsehen sein als
in jenem Hellsehen, von dem heute mancher Mensch traumt, aber
eben nur traumt.
Wenn wir an die menschliche Gestalt herantreten, so konnen wir
zunachst etwas Wichtiges an ihr wahrnehmen, wenn wir unseren Blick
richten - was Sie gewiB mehr oder weniger alle schon getan haben -
auf diesen Grundstock der menschlichen Gestalt, der uns im Skelett
entgegentritt. Sie alle haben gewiB schon ein menschliches Skelett ge-
sehen und die Differenzierung bemerkt, welche zwischen dem Kopf-
teil und der ubrigen Menschengestalt besteht. Sie werden dabei be-
merkt haben, daB der Kopf, das Haupt, in einer gewissen Weise eine
abgeschlossene Ganzheit ist, die eigentlich wie auf einer Saule auf
alledem aufsitzt, was das Gliedsystem, was den ubrigen menschlichen
Organismus ausmacht. Man kann sehr leicht beim Skelett den auf dem
ubrigen menschlichen Organismus ruhenden Kopf abheben. Wenn
Sie in dieser Weise die oberflachlichste Differenzierung ins Auge fas-
sen, kann Ihnen auffallen, daB der Kopf, das Haupt, eigentlich mehr
oder weniger annahemd kugelformig gestaltet ist; es ist keine voll-
kommene Kugelform, aber es ist die Kugelform veranlagt im mensch-
lichen Haupt. Nun muB man als geisteswissenschaftlkher Forscher
sogar davor warnen, auBere oberflachliche Analogien einer Er-
kenntnisbestrebung zugrunde zu legen. Aber die Anschauung des
menschlichen Hauptes als der Kugelform sich annahernd ist keine
oberflachliche Betrachtung der Form des menschlichen Hauptes ; denn
der Mensch ist wirklich eine Art Zweiheit zunachst, und die Kugel-
gestalt seines Hauptes ist keineswegs etwas Zufalliges. Man muB nur
ins Auge fassen, was man eigentlich an dem menschlichen Haupt vor
sich hat, Erste Andeutungen zu dem, was ich hier meine, wurden ge-
geben innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen in
der Schrift, die ich benannt habe «Die geistige Fuhrung des Menschen
und der Menschheit», worin ich schon angedeutet habe, wie in der Tat
das menschliche Haupt ein Abbild darstellt des ganzen Universums,
des gerade uns auBerlich als Raumkugel, als Hohlkugel entgegen-
tretenden Universums.
Wenn man diese Dinge bespricht, muB man auf etwas aufmerksam
machen, was dem heutigen Menschen fur die wichtigste Art der Be-
trachtung noch fern liegt, was er auf einem Gebiete immer anwendet,
was er aber gerade da nicht anwenden will, wo es von ungeheurer
Tragweite ist. Niemandem, der einen KompaB, eine Magnetnadel in
die Hand nimmt, und wenn diese Magnetnadel mit einem Ende nach
dem magnetischen Nordpol, mit dem andern nach dem magnetischen
Sudpol gerichtet ist, wird es heute einfallen, die Ursachen dafiir, daB
diese Magnetnadel sich gerade so richtet, bloB in der Magnetnadel
selbst zu suchen; sondern der Physiker wird sich gedrangt fuhlen, die
Magnetnadel und die von dem magnetischen Nordpol der Erde aus-
gehende magnetische Kraft als ein Ganzes anzusehen, indem diese
magnetische Kraft das eine Ende der Nadel nach dem Nordpol richtet
und das andere nach dem Sudpol. Da sucht man die Veranlassung zu
dem, was in der Magnetnadel im kleinsten Raume geschieht, in dem
groBen Universum. Dasselbe macht man jedoch nicht, wo man es
auch machen sollte, wo es aber sehr darauf ankommen wiirde, daB
man es machte. Wenn jemand heute wahrnimmt - und zwar gerade als
Wissenschafter — , daB sich in einem Lebewesen ein anderes Lebewesen
bildet, also zum Beispiel, wenn jemand wahrnimmt, daB sich im Huhn
das Ei bildet, so geschieht auch etwas im kleinsten Raume; da aber
fallt es dem Menschen gewohnlich nicht ein, das, was er sich bei der
Magnetnadel sagen muB, jetzt auch anzuwenden und zu sagen: Es
liegt nicht im Huhn, sondern im ganzen Kosmos, daB sich im Huhn-
korper der Eikeim bildet. - Gerade so aber, wie an der Magnetnadel
das groBe Universum beteiligt ist, so ist im Huhnkorper, im Mutter-
huhn - trotz aller Vorgange, die daran mitbeteiligt sind - der ganze
Kosmos in seiner Spharengestalt, in seiner Kugelgestalt beteiligt. Die-
jenigen Vorgange, die in der Vererbungslinie zuruckfuhren zu den
Vorfahren, wirken bloB mit, wenn sich im Mutterorganismus der Ei-
keim bildet. Das ist heute noch eine Ketzerei gegeniiber der offiziellen
Wissenschaft, aber doch eine Wahrheit. Und in der verschiedensten
Weise wirken die Krafte des Kosmos mit. Und so wahr es ist, daB sich
in der Tat beim Menschen - das, was ich sage, beweist die empirische
Embryologie - das Haupt, in seiner Keimanlage zunachst, aus dem
ganzen Universum herausbildet, so wahr es ist, daB das menschliche
Haupt zuerst im Mutterorganismus entsteht, so wahr ist es auf der
andern Seite, daB die ursachlichsten Krafte zu dieser Entstehung aus
dem ganzen Kosmos heraus wirken und daB der Mensch in seinem
Haupte ein Abbild ist des ganzen Kosmos. Nur das, was am Haupte
hangt, das Skelett, kann man sagen - wenn man es nur besonders
beachtet das ist eigentlich in seiner Konfiguration, in seiner For-
mung mehr zusammenhangend mit dem, was in der Vererbungslinie
liegt, was mit Vater und Mutter, GroBvater und GroBmutter zu-
sammenhangt, als mit dem, was im Kosmos drauBen ist. So ist auch
in bezug auf seine Entstehung, in bezug auf seine Entwickelung der
Mensch ein Doppelwesen, zunachst. Er ist seiner Gestalt nach auf der
einen Seite aus dem Kosmos herausgebildet, und das kommt in der
Kugelgestalt seines Hauptes zum Vorschein; er ist auf der andern
Seite herausgebildet aus der ganzen Vererbungsstromung, und das
kommt in dem ganzen iibrigen Organismus, der am Kopfe hangt, zum
Vorschein. Die ganze auBere Formung des Menschen zeigt ihn uns
als ein Zwitterwesen, zeigt uns, daB er einen doppelten Ursprung
hat.
Eine solche Betrachtungs weise hat nicht nur die Bedeutung, daB
wir durch sie etwas wissen lernen, sondern noch eine ganz andere. Wer
heute nach der Anleitung der gewohnlichen offlziellen Wissenschaft
den Menschen betrachtet, wer zum Beispiel ins Mikroskop hinein-
schaut und den Keim sich entwickeln sieht, und nur das sieht, was
dadrinnen ist - so wie man an der Magnetnadel etwa sehen wollte,
warum diese die Fahigkeit hat, sich so in der Richtung von Nord
nach Siid einzustellen -, der lebt in einem Gedankenmassiv, das ihn
unbeweglich macht und unbrauchbar fur das auBere Leben, besonders
wenn man so vorgeht wie in der auBeren Wissenschaft. Und wendet
man solche Gedanken auf die Sozialwissenschaft an, so geniigen sie
nicht, oder sie fiihren zur Weltenschulmeisterei, die man mit einem
andern Worte auch «Wilsonianismus» nennen kann. Es handelt sich
also darum, welches Denken in uns herangezogen wird, welche For-
men in unseren Gedanken entstehen, indem wir uns gewissen Ge-
danken hingeben. Zu wissen iiber die Dinge, ist das, was noch die
geringere Bedeutung hat. Was in uns die bestimmte Art des Wissens
macht, welche Brauchbarkeit sie mit sich bringt, das ist es, worauf es
ankommt. Und wenn man einen offenen Sinn dafur hat, den Menschen
in Zusammenhang mit dem Weltenganzen anzuschauen, dann werden
in uns auch diejenigen Gedanken erweckt, welche in die ethische
Weltbetrachtung, in die juristische Weltbetrachtung hineinfuhren, die
in Wirklichkeit die hochste sein soil, die aber heute eben etwas ganz
Sonderbares ist. Sie sehen also, es gibt gewisse andere Impulse noch,
um ein solches Wissen, wie es hier gemeint ist, aufzusuchen, als die
Befriedigung, ich will nicht sagen, der Neugier, sondern der bloBen
WiBbegierde.
So steht der Mensch vor uns als ein Doppelwesen, als ein Zwitter-
wesen. Das hat eine viel tiefere Bedeutung noch. Und ich mochte
heute nur die Grundtone anschlagen, die uns beschaftigen sollen, um
in Ihren Seelen ein Gefiihl von der Wichtigkeit dessen, was wir be-
trachten, hervorzurufen.
Bleiben wir dabei stehen, daB das Haupt im weiteren Verlaufe
unseres Lebens - das Haupt, das uns jetzt entgegentritt als ein Abbild
der ganzen Welt - im wesentlichen der Vermittler ist fur unser Er-
kennen, ich will nicht sagen das Werkzeug, denn ich wiirde damit
etwas nicht ganz Richtiges aussprechen. Aber nicht das Haupt allein
ist der Vermittler fur unser Erkennen - bleiben wir beim Erkennen,
beim Wahrnehmen der Welt das Haupt vermittelt es, aber auch der
ubrige Mensch. Und da der ubrige Mensch, sogar seinem Ursprunge
nach, von dem Haupte ganz verschieden ist, etwas anderes ist, so
besteht der Mensch, auch insofern er Erkennender ist, aus dem Kopf-
menschen und - ich nenne ihn so, wie ich ihn schon friiher genannt
habe - dem Herzensmenschen, weil sich im Herzen das andere alles
konzentriert. Wir sind in der Tat zwei Menschen : ein Kopfmensch,
der wahrnehmend zu der Welt in Beziehung steht, und ein Herzens-
mensch. Der Unterschied ist der, daB der Mensch, so sehr er manch-
mal auf die Welt schimpft, lediglich seinen Kopf benutzt zur Er-
kenntnis. Was liegt dem eigentlich zugrunde? Wenn man Parallelen
Ziehen wiirde zwischen der Kopferkenntnis und der Herzens-
erkenntnis, so wiirde nicht viel dabei herauskommen. Es wiirde der,
welcher mit dem Herzen zu erfassen vermag, was der Kopf erkennt,
warmer sein in seiner Erkenntnis als der andere. Es wiirde eine Diffe-
renzierung unter den Menschen geben, aber der Unterschied wiirde
nicht sehr groB sein. Wenn man aber nun mit der geisteswissenschaft-
lichen Erfahrung an die Dinge herantritt, so stellt sich etwas ganz
anderes heraus. Erkenntnisse, Wahrnehmungen eignet man sich ja an.
Nach und nach geschieht es, daB die Wahrnehmungen, die Erkennt-
nisse an uns herankommen. So ist denn das Folgende der Fall. Wie
wir uns mit dem Kopfe zur Welt verhalten, wie wir da wahrnehmen
und erkennen, das geschieht in einer gewissen Beziehung schnell;
und wie wir uns mit dem iibrigen Organismus zur Welt erkennend
verhalten, das geschieht langsam. Zu all dem iibrigen an Differenzie-
rungen, was ich schon im vorigen Winter in bezug auf die Entwicke-
lung der Welt und der Menschen angefiihrt habe, kommt noch hinzu,
daB unser Kopf mit seinem Erkennen eilt, der ubrige Organismus
nicht eilt. Das hat eine ungeheuer tiefe Bedeutung. Wenn wir schul-
maBig erzogen werden, sieht man eigentlich nur auf die Kopferzie-
hung. Die Menschen werden heute nur fur den Kopf erzogen; das
konnen sie schulmaBig machen. Denn der Kopf schlieBt im auBersten
Falle, wenn er sich lange an der Erkenntnisentwickelung beteiligt -
aber bei den meisten Menschen geht es nicht so weit -, in den Zwan-
zigerjahren des Lebens ab. Dann ist der Kopf fertig mit seinem Er-
kennen, mit seinem Aneignen der Welt. Der iibrige Organismus
braucht dafur die ganze Zeit bis zum Tode. Und man kann schon
sagen: Der Kopf geht in dieser Beziehung ungefahr dreimal so schnell
wie der iibrige Organismus ; der iibrige Organismus hat Zeit, er geht
dreimal langsamer, er macht ein ganz anderes Tempo. Daher ist es fur
den, der die Gabe hat, solche Dinge durch Erkenntnis zu beobachten,
klar, daB er, wenn er irgend etwas ergriffen hat durch den Kopf,
warten muB, bis er es mit dem ganzen Menschen vereinigt hat. Um
etwas als etwas Lebensvolles aufzunehmen, muB man wirklich, wenn
das Aufnehmen durch den Kopf etwa einen Tag gedauert hat, drei
bis vier Tage warten, bis man es voll aufgenommen hat. Der ge-
wissenhafte Geistesforscher wird nie das erzahlen, was er nur mit dem
Kopfe aufgenommen hat, sondern nur das, was er mit seinem ganzen
Menschen begriffen hat. Das hat eine auBerordentliche, weit- und
tiefgehende Bedeutung.
Wir konnen heute eigentlich unseren Kindern nach den bestehenden
Einrichtungen nur eine Art von Kopfwissen geben, wir geben ihnen
nicht ein Wissen, das der iibrige Organismus vertriigt. Es bleibt beim
Kopfwissen, bei einem Wissen, das schon so prapariert ist, daB es
schnell aufgenommen werden muB durch den Kopf, und daB man
sich spater daran erinnern kann. Zwar bei Gegenstanden, wo es sich
um den Unterricht handelt, erinnert man sich spater nicht mehr daran,
da ist man froh, wenn man die Dinge nur bald nach dem letzten
Examen wieder weg hat. Ein Wissen, das ganz von dem iibrigen
Organismus verarbeitet werden kann, es wiirde unter alien Um-
standen spater, wenn man sich wieder daran erinnerte, Liebe, Freude,
Herzlichkeit dafur entwickeln. Mit den tiefsten Geheimnissen der
Mysterien der Menschheit hangt es zusammen, wie man den Unter-
richt gestalten soil, damit der Mensch spater zeitlebens, wenn er auf
seine Unterrichtszeit zuriicksieht, sich mit Herzlichkeit, mit Freude,
mit einer gewissen Beseligung danach zuriicksehnen kann.
Auf diesem Gebiete ist ungeheuer viel zu tun. Denn wer mit den
einschlagigen Dingen bekannt ist, der weiB, daB alles, was wir heute
insbesondere an Kinder heranbringen, schon von vorneherein so
prapariert ist, daft der iibrige Organismus es nicht annimmt, daB es
spater keine Freude macht. Damit hangt aber zusammen, daB die
Menschen in unserer Zeit verhaltnismaBig friih seelisch altern. Denn
das ist ja das Geheimnis des Menschen: Wenn der Kopf 2um Beispiel
achtundzwanzig Jahre ist, so ist der iibrige Organismus, der in seiner
Entwickelung nachlauft, erst ein Drittel oder ein Viertel dieser Zeit.
Der iibrige Organismus halt ein Tempo ein, das dreimal, viermal
langsamer ist. Andere Beziehungen werden wir noch kennenlernen.
Also der Mensch konnte, wenn man padagogisch diesen Mysterien
entgegenkommen wiirde, etwas aufnehmen, was so fruchtbar, so ge-
deihlich ist, daB es ausreichen wiirde bis zu der Zeit, wo er stirbt.
Denn, wenn er bis zum fiinfundzwanzigsten Jahre solche Dinge auf-
genommen hat und fur sie nur dreimal langere Zeit zum Verarbeiten
braucht, so wiirde sie der iibrige Organismus bis zum funfundsiebzig-
sten Jahre verarbeiten konnen. Fur den Menschen aber in seiner ge-
samten Wesenheit hat das Wissen, das sich der Kopf aneignet, nicht
eine umfassende Bedeutung, sondern nur dasjenige innerlich wissent-
liche Erleben, das sich der ganze Mensch in seiner ganzen Wesenheit
aneignet. Aber demgegeniiber ist sogar heute das offentliche Leben
abgeneigt; es will nur das aufnehmen, was Kopfweisheit ist. Denn
denken Sie einmal - Sie konnen sich an den Fingern herzahlen die
ganze Bedeutung dessen, was ich jetzt meine: Jemand konnte bis zu
seinem fiinfzehnten Jahre so viel mit dem Kopfe aufnehmen, daB er,
wenn er diese Begriffe verarbeitete und wenn diese Begriffe sich zum
Beispiel auf die Verwaltung der offentlichen Angelegenheiten beziehen
wiirden, er mit fiinfundvierzig Jahren reif sein wiirde, in eine Stadt-
verwaltung, in ein Parlament gewahlt zu werden; denn da muB er
sich als ein ganzer Mensch hineinstellen. Denn man muB sagen : Wenn
man dem Menschen bis zum fiinfzehnten Jahre solche Begriffskrafte
beibringen kann, daB sie mit seinem ganzen Lebenswesen verarbeitet
werden konnten, so wird er mit dem funfundvierzigsten Jahre reif
sein, um in eine Stadtverordnetenversammlung oder in ein Parlament
gewahlt zu werden. Und den Anschauungen der Alten, die noch ein
lebendiges Wissen von diesen Dingen aus den Mysterien hatten, lagen
solche Dinge noch zugrunde. Heute dagegen gehen die Bestrebungen
dahin, die Altersgrenze moglichst herabzusetzen, denn heute ist jeder
mit zwanzig Jahren ebenso reif, wie es sonst jemand mit achtzig war.
Aber nicht begierdliche Forderungen konnen darin entscheiden, son-
dern nur eine richtige Erkenntnis.
Diese Dinge haben also schon eine grundbedeutsame Anwendung
fiir das Leben. Unser ganzes offentliches Leben ist darauf eingestellt,
nur das zu beriicksichtigen, was die Menschen durch ihre Kopfe sind.
Aber trotzdem es so ist, daB eigentlich heute die Menschen, indem sie
miteinander sozial verkehren, weisheitsvoll nur mit den Kopfen ver-
kehren, so ist dieser Kopfverkehr - denken Sie nur einmal nach: es ist
der ganze soziale Verkehr nur ein Kopfverkehr! - ganz ungeeignet,
um ein soziales Leben zu konfigurieren. Denn woher ist denn der
Kopf ? Der Kopf des Menschen - wir haben das ausgefuhrt - ist nicht
von dieser Erde, er ist gerade aus dem Kosmos heraus geschafTen.
Will man mit dem Kopfe die Erdenangelegenheiten besorgen, so kann
man es nicht. Mit dem Kopfe ist niemand ein Nationaler, mit dem
Kopfe ist niemand ein solcher, der irgendeinem Teil der Erde an-
gehort. Mit dem Kopfe sollen wir nur das entscheiden, was der ganzen
Welt angehort. Um jedoch das entscheiden zu konnen, was der Erde
angehort, miissen wir erst wahrend unseres ganzen Lebens mit dem-
jenigen zusammenwachsen, was der Erde angehort und was uns zu
einem Burger der Erde macht, nicht zu einem Burger des Himmels.
Diese Dinge miissen so sein. Was dem offentlichen Urteile zugrunde
liegen kann, das muB man aus den tieferen Erkenntnissen iiber den
Menschen selbst hervorholen. Und wiederum muB man ins Auge
fassen - ich will heute nur Faden zeichnen, die Dinge werden noch
weiter ausgefuhrt werden: Was Goethe als Metamorphosegedanken
auBerte, das hat eine tiefe Bedeutung, und das hat eine viel weitere
Anwendung noch, als Goethe selbst zu seiner Zeit daraus machen
konnte.
Unser Haupt ist also herausgebildet aus dem Kosmos. Betrachten
wir die Sache geisteswissenschaftlich, so miissen wir sagen: In der
ganzen Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlauft,
arbeiten wir vor - wir arbeiten ja da im Kosmos -, um unser Haupt
zu bilden. Wir arbeiten an unserem Organismus, indem wir vorzugs-
weise zwischen Tod und neuer Geburt an unserem Haupte arbeiten.
Dieses Haupt ist in gewisser Beziehung das Grab der Seele, hinsicht-
Hch dessen, wie die Seele war vor der Geburt oder, wenn wir sagen
wollen, vor der Empfangnis. Da kommen jene Tatigkeiten zur Ruhe,
die wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem geistigen
Leben ausfuhren. Und zu demjenigen, was in gewisser Beziehung
herausgeformt wird aus der geistigen Welt, wird dann dasjenige hin-
zugefugt, was als angehangt daranhangt aus der Vererbungsstromung.
Aber was ist das, was aus der Vererbungsstromung daranhangt? Das
ist trotzdem etwas, was mit dem Haupte zusammenhangt. Ich habe
schon friiher darauf aufmerksam gemacht: Dasjenige was am Men-
schen ist aufier seinem Haupte, das ist die Anlage fur das Haupt in der
nachsten Inkarnation. Der ganze iibrige Organismus ist etwas, was
durch Metamorphose iibergehen kann zu dem Haupt der nachsten
Inkarnation. Die Krafte, die wir wahrend des ganzen Lebens aus-
bilden, entreiBen sich, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen,
dem ganzen iibrigen Organismus; aber sie bleiben in jenen For-
mungen, die der iibrige Organismus wahrend des Lebens hatte; das
tragt man durch die Zeit zwischen Tod und nachster Geburt und
formt es um zum Haupte. In unserem Haupte haben wir also immer
auch das, was Erbschaft ist aus der friiheren Inkarnation. Und in
unserem iibrigen Organismus haben wir zu gleicher Zeit etwas, was
bestimmend wirkt fur die Gestaltung unseres Hauptes in der kom-
menden Inkarnation. In dieser Beziehung sind wir auch eine Zwie-
natur.
Denken Sie, wie man, wenn man so anschaut, daB der Mensch
wirklich ganz hineingestellt ist in kosmische Zusammenhange, dann
darauf kommt, daB er wirklich nicht bloB in dem Zeitenteil und
Raumesteil entsteht und sich bildet, den man im auBeren physischen
Anschauen vor sich hat, sondern daB er in einem ungeheuer groBen
Zusammenhange drinnensteht. Es ist auBerordentlich reizvoll, nicht
nur so, wie es schon Goethe gemacht hat, hinzuschauen auf einen
Knochen der Wirbelsaule und dann auf die Kopf knochen, um sich zu
sagen, die Kopf knochen sind nur umgeformte Wirbelknochen, son-
dern es ist auBerordentlich reizvoll zu sehen, wie alles, was am Haupte
ist, auch am iibrigen Organismus ist. Nur gehort eine auBerordentlich
voruiteilslose Betrachtung dazu, urn nicht nur beispielsweise die Nase
und alles, was am Haupte ist, als eine solche Umbildung zu erkennen,
sondern auch alles, was am iibrigen Organismus, nur in einer jiingeren
Metamorphose, ist; das alles wird umgebildet in einer alteren Meta-
morphose zu dem, was uns dann am Haupte entgegentritt.
Ich sagte: Padagogisch sind die Konsequenzen einer solchen An-
schauung auBerordentlich wichtig, und wird sich einmal das Denken
der Menschen dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zuwenden,
dann werden ungeheuer bedeutungsvolle Forderungen fur so etwas,
wie es zum Beispiel die praktische Padagogik ist, hervorgehen.
Vor alien Dingen ist eines bedeutsam: Wir werden alt in unserem
Leben. Aber eigentlich konnen wir nur sagen, unser physischer Leib
wird alt. Denn so sonderbar es ist - ich habe das auch schon erwahnt -,
unser Atherleib, der nachste geistige Teil unseres Wesens, wird immer
jiinger. Je alter wir werden, desto jiinger wird unser atherischer Leib.
Und wahrend wir Runzeln bekommen und kahlkopfig werden dem
physischen Leibe nach, werden wir, oder konnen wir wenigstens dem
atherischen Leibe nach immer pausbackiger und bliihender werden.
Aber wir miissen allerdings - so wie schon die auBere Natur dafiir
sorgt, daB der physische Leib alter wird - dafur sorgen, daB unser
Atherleib Jugendkrafte zugefiihrt erhalt. Das konnen wir aber nur,
wenn wir durch den Kopf solche geistige Vorstellungsnahrung ein-
fiihren, daB sie ausreicht, um im ganzen Leben verarbeitet zu werden.
Es kann einem geisteswissenschaftlichen Betrachter vorschweben,
wie man Kinder in friihester Jugend dariiber unterrichtet, wie der
Mensch ein Abbild ist des gesamten Universums, ein Abbild der gott-
lichen weisen Weltenordnung, aber einer solchen gottlichen Welten-
ordnung, daB es unmittelbar, elementar ergriffen wird, und nicht in-
dem man dem Menschen unverstandene Bibelworte vorsagt. Das
alles aber muB aus dem Geiste der Geisteswissenschaft geschaffen
werden, dann wird es ein vollsaftigeres Kopfwissen geben als heute.
Das aber wird fur den Menschen zeit seines Lebens ein Quell der
Verjiingung sein, wahrend unser gegenwartiger Unterricht nicht ein
solcher Quell der Verjiingung ist, sondern das Gegenteil. Und wenn
wir heute in der gliicklichen Lage sind, wegen unseres friiheren
Unterrichtes nicht die furchterlichsten Sauertopfe zu sein, so ist das
nur deshalb, weil die heutige Art, fur den Kopf zu sorgen - die sich
seit ungefahr vier Jahrhunderten vorbereitet hat und die heute auf
ihren Gipfelpunkt gelangt ist -, noch nicht so viel hat ruinieren kon-
nen von dem, was doch aus alten Zeiten als Erbkultur vorhanden ist.
Aber wenn wir so fortfahren, daB wir bloB fur den Kopf unter-
richten, dann sind wir auf dem besten Wege, wirklich Sauertopfe zu
erziehen. Ich habe schon neulich gesagt - der Krieg hat ja die Sache
unterbrochen-: GroB waren in den Jahren vor dem Kriege die Ziige
nach den Sanatorien, groB waren die Mittel, [die der Mensch auf-
wendete], urn seine Nervositat wegzubringen.
Das alles hangt damit zusammen, daB dem Kopfe nicht das ge-
geben wird, was der ganze Mensch braucht. Ich habe es auch erwahnt,
wie wenig man findet, daB in der richtigen Art einiges fur diese Dinge
gesorgt wird. Denn ich muB immer wieder daran denken, wie ich
vor einigen Jahren einmal ein Sanatorium aufsuchte, um dort jeman-
den zu besuchen. Wir kamen gerade hin, als Mittagszeit war. Die
ganze Menge der Sanatoriumsgaste defilierte an uns vorbei. Es waren
ja zum Teil recht merkwurdige Menschenkinder, die wirklich ihre
Nervositat zum Teil auf ihrem Gesichte geschrieben hatten und ihr
Hande- und FiiBegezappel hatten. Aber ich lernte dann den Aller-
nervosesten, den Allerzappeligsten in jenem Sanatorium kennen, nam-
lich den dirigierenden Arzt. Und es muB schon gesagt werden, daB ein
dirigierender Arzt nicht die rechte Hand findet zur Kur fur seine
Gaste, wenn er selbst derjenige ist, dem die Kur am meisten not tate.
Sonst jedoch war er ein auBerordentlich liebenswiirdiger Mensch, aber
er war ein Beispiel fur diejenigen Menschen, die in ihrer Jugend
jedenfalls nicht das aufgenommen haben, was sie zeitlebens verjungt
halten kann. Solche Dinge lassen sich nicht durch irgendwelche ver-
einzelten Reformen andern und aus Verhaltnissen, in denen sie sind,
in andere Verhaltnisse bringen; solche Dinge lassen sich nur ver-
bessern, wenn der ganze soziale Organismus verbessert wird. Daher
muB man seine Aufmerksamkeit auf den ganzen sozialen Organismus
richten. Es ist schon durch die groBen Weltgesetze dafur gesorgt,
daB der Mensch als einzelner auf solchem Gebiete seinen Egoismus
nicht befriedigen kann, sondern daB er gewissermaBen sein Heil nur
finden kann, wenn er es sucht in der Gemeinsamkeit mit den andern.
So stelle ich mir vor - und jeder, der nicht bloB das, was im Sinn-
lichen lebt, wie es heute iiblich ist, sich vorstellt, sondern der hinaus-
zublicken vermag von dem Sinnlichen ins Ubersinnliche, aus dem die
Krafte hereinkommen miissen zur Reformation der Welt fur die
nachste Zukunft, kann sich das vorstellen -, so stelle ich mir vor, daB
auf solchem Gebiete, aber auch noch auf andern, die Einfuhrung des
Geisteswissenschaftlichen in das Leben geschehen kann, dadurch ge-
schehen kann, daB man in ehrlicher, aufrichtiger Weise im Konkreten
das ausarbeitet, wozu die Geisteswissenschaft die Impulse geben kann.
Sie sehen, man braucht in dem Sinne, von dem wir ja oft gesprochen
haben und immer wieder sprechen werden, nicht zu drangen nach
visionarem Hellsehen, sondern man braucht nur sinnvoll den Men-
schen als Ebenbild der Weltengeistigkeit zu erfassen, dann kommt
einem schon die Geistigkeit. Man kann unmoglich den Menschen in
seiner Ganzheit aufTassen und durchschauen, ohne daB man das, was
als Geistiges dem Menschen zugrunde Hegt, durchschaut und ins Auge
faBt. Aber eines ist notwendig, ich habe ofter darauf aufmerksam ge-
macht: die Ablegung einer gegenuber alien Weltanschauungsfragen
heute so furchtbar vorhandenen Untugend, die Ablegung der Er-
kenntnisbequemlichkeit des Menschen. Unsere ganze geisteswissen-
schaftliche Betrachtung zeigt uns ja, daB man Schritt fur Schritt vor-
wartsgehen muB, daB man Neigung haben muB, auf Einzelheiten
einzugehen, um ein Ganzes aus diesen Einzelheiten aufzubauen, daB
man gewissermaBen vom sinnlich Nachstliegenden ausgehen muB, um
ins Ubersinnliche aufzusteigen. Man kann an dem sinnlich Nachst-
liegenden das Ubersinnliche fast mit Handen greifen. Denn wer in
richtiger Weise das menschliche Haupt ins Auge fassen kann, der
sieht in ihm das, was aus dem ganzen Weltenall herausgebildet ist, und
er sieht in dem librigen Menschenorganismus dasjenige, was sich
wieder hineinbildet ins Weltenall, um wieder zunickzukommen aus
dem Weltenall in der nachsten Inkarnation. Man kann, wenn man
richtig das auBere Sinnenfallige betrachtet, schon in ganz rechter Art
zu dem Ubersinnlichen kommen. Aber man hat notig, die Unbequem-
Hchkeit auf sich zu nehmen, den Menschen wenigstens so weit zu sei-
nem Rechte kommen zu lassen, daB man ihm in bezug auf seine Er-
kenntnis das zugesteht, was man beispielsweise der Uhr oder einem
ganz gewohnlichen Dinge zugesteht. Jeder, wenn er nur ein biI3-
chen gelernt hat, wie die Sachen mechanisch zusammenwirken,
wird zugeben, eine Uhr nicht zu verstehen, ohne den Zusammenhang
der Rader ins Auge zu fassen. Uber den Menschen jedoch redet
jeder, ohne eine solche Anforderung zu stellen, und zwar glaubt
jeder auch iiber das hochste Wesen des Menschen reden zu konnen,
und beruft sich dann sehr haufig darauf, daB er sagt: Ja, die Wahr-
heit muB eben «einfach» sein -, und dann jene Anklage gegen
die Geisteswissenschaft zimmert, die immer darin besteht, daB
die Geisteswissenschaft ja viel zu kompliziert sei. Die menschliche
Begierde mag allerdings dahin gehen, in funf Minuten oder vielleicht
in gar keiner Zek sich das anzueignen, was zur Erkenntnis des hoch-
sten Wesens des Menschen notwendig ist. Aber der Mensch ist nun
einmal ein kompliziertes Wesen. Gerade darin besteht seine GroBe im
Weltenall, daB er ein kompliziertes Wesen ist, und man muB den Hang
nach Bequemlichkeit der Erkenntnis uberwinden, wenn man wirklich
in das Wesen des Menschen eindringen will. Fur unsere Zeit gibt es
kein Verstandnis desjenigen, was not tut, wenn man sich nicht in die
Lage versetzen will, die ganze Kompliziertheit der menschlichen
Natur wenigstens ahnungsvoll zu durchdringen. Denn dadurch, daB
wir nur Kopfwissen pflegen, daB wir nicht mit dem ganzen Menschen
das, was das Haupt lernt, verarbeiten wollen, und schon dem Haupte
nicht so etwas geben, was von dem ganzen Menschen verarbeitet
werden kann, dadurch stellen wir den Menschen in die soziale Ord-
nung so hinein, daB wir gewissermaBen das irdische Leben nicht zum
Abbilde eines ubersinnlichen, geistigen Lebens machen wollen. Wir
leiden an einem merkwiirdigen Zwiespalt. Das ist aber jetzt nicht ein
Zwiespalt wie die andern Zwiespaltigkeiten, von denen ich jetzt ge-
sprochen habe, sondern das ist ein schadlicher Zwiespalt, den wir
uberwinden mussen.
Das menschliche Leben hat sich im Laufe der Entwickelung ver-
andert. Um das zu beobachten, braucht man nur vier Jahrhunderte
zuriickgehen, ja nicht einmal so weit. Wer nicht aus der landlaufigen
Literaturgeschichte, sondern wer aus der Geistesgeschichte das Leben
aus seiner Wirklichkeit kennt, der weiB, wie unendlich verschieden das
Leben und Denken noch des 18. Jahrhunderts von dem des 19.Jahr-
hunderts ist. Wir brauchen nur etwas zuriickzugehen und werden
sehen, wie seit vier Jahrhunderten das ganze menschliche Denken sich
geandert hat. Das ganze menschliche Denken, das sich so geandert
hat, ist allmahlich bis zum 20. Jahrhundert dazu gekommen, immer
abstraktere Begriffe auszubilden. Es sind immer mehr KopfbegrifTe
gekommen. Wenn wir die vollsaftigen Begriffe der Menschen im
13., im 14. Jahrhundert nehmen, wenn wir die Naturwissenschaft die-
ser Jahrhunderte ansehen: Es ist ein grandioser Unterschied gegen-
iiber dem Abstrakten, gegeniiber der trockenen GesetzmaBigkeit der
heutigen Naturwissenschaft! Es gibt ein sehr bekanntes Buch, das
dem Basilius Valentinus zugeschrieben wird. Sehr interessante Dinge
finden sich darin. Vor kurzem hat nun ein schwedischer Gelehrter ein
Buch liber die «Materie» geschrieben und auch verschiedenes von
Valentinus darin zitiert, und sein Urteil dariiber ist : Das verstehe, wer
kann; man kann es eben nicht verstehen. - Wir glauben es sehr gern,
daB er nichts von diesem Buche des Valentinus verstehen kann. Denn
Valentinus gelesen mit den Begriffen, die man aus der Physik und Che-
mie heute mitbringt, ist ganz unverstandlich ! Das hangt mit denselben
Dingen zusammen, mit denen etwa die Tatsache zusammenhangt, daB
sich die gute alte Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gott und Gold im
Munde» umgewandelt hat im Laufe der Zeit in jene andere Lebensweis-
heit «Morgenstunde hat Gold im Munde». Dadurch ist der gut euro-
paische Ausspruch «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde»
amerikanisch geworden: «Morgenstunde hat Gold im Munde.»
Jene alte Zeit war in bezug auf die Beschreibung und die Auf-
fassung der Natur durchdrungen von dem, was aus dem ganzen Men-
schen kommt. Heute ist es Kopfwissen. Dadurch ist es auf der einen
Seite abstrakt, trocken und fiillt den Menschen nicht sein ganzes
Leben hindurch aus ; und auf der andern Seite ist es doch sehr geistig.
Wir stehen vor dieser Zwienatur, daB wir das Geistigste eigentlich
heute erzeugen; diese abstrakten Begriffe sind das Geistigste, was es
geben kann, aber sie sind unfahig, den Geist zu begreifen. Es ist
ungeheuer leicht einzusehen, in welchen Zwiespalt der Mensch hinein-
kommt durch jene geistigen Begriffe, die er sich ausgebildet hat. Er
ist gerade in diesen geistigen Begriffen merkwiirdigerweise Materia-
list geworden. Aber wenn die Begriffe richtig sind, wiirde nie der
Materialismus aus ihnen entstehen. Einfach das Vorhandensein der
abstrakten Begriffe ist schon die erste Widerlegung des Materialismus.
In diesem Zwiespalte leben wir drinnen. Wir haben uns seit vier Jahr-
hunderten ungeheuer vergeistigt, und wir mussen in diesem Gei-
stigen, das wir nur abstrakt haben, wieder das lebendige Geistige
finden. Wir sind dazu aufgestiegen, nur gegenstandliche Begriffe zu
haben, aber wir mussen wieder zur Imagination, zur Inspiration, zur
Intuition kommen. Wir haben abgelegt, was aus friiherer uralter Erb-
weisheit in Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen uns iiberkom-
men war. Wir mussen es wiederbekommen, nachdem wir uns der Voll-
saftigkeit des Wissens des ganzen Menschen soweit entauBert haben.
Das ist etwas, was einen schon erfullen kann mit dem Ernst gegen-
iiber dem Geisteswissenschaftlichen. Und wenn ich in diesen zwei
Vortragen, die ich jetzt wieder vor Ihnen halten durfte, mehr ein-
leitend gesprochen habe, so war meine Absicht, zu zeigen, wie aus
der auBerlichsten Betrachtung des Menschen der Impuls hervorgehen
kann, sich mit demjenigen zu beschaftigen, was der Welt geistig zu-
grunde liegt. Es wird die Menschheit im Verfolgen dieser Impulse
und Ideen auf etwas kommen, was ihr heute so ungeheuer abgeht:
innere Wahrhaftigkeit. Man kann nicht wirklich fruchtbar nach dem
Geist streben, wenn man nicht in innerer Wahrhaftigkeit strebt, und
man wird niemals fehl gehen, wenn man sich durch Lebenserfahrung
die Erkenntnis erwirbt, daft eine richtige Harmonie zwischen Kopf-
wissen und Herzenswissen nur moglich ist, wenn man sich wahrhaftig
in das Leben hineinstellt. Denn deshalb wollen gerade die Menschen
der Gegenwart das Kopfwissen nicht in Herzenswissen iiberfuhren,
weil das Herzenswissen nicht nur langer braucht, sondern weil es
auch gegen das Kopfwissen reagiert, es zuriickstofit, wenn es unwahr
ist. Der iibrige Mensch macht sich dann als eine Art Gewissen bemerk-
bar. Davor furchtet sich die nur fiir den Kopf geneigte Menschheit
der Gegenwart.
Und jetzt zum Schlusse - weil es sich fur uns ja immer darum han-
deln muB, wenn wir so unter uns zusammen sind, auch die Stellung
unseres geisteswissenschaftlichen Strebens, das wir in solcher Art
charakterisierten, wie es heute und das letzte Mai geschehen ist, in der
ganzen Welt einzusehen zum Schlusse einige Bemerkungen, die
sich fiir uns unmittelbar praktisch ergeben.
Geisteswissenschaft kann auch nur gedeihen, wenn man mit ihr
Ernst macht in der Wahrhaftigkeit; denn sie muB ja an tiefste Bediirf-
nisse der Menschheit gerade in der Gegenwart herangehen. Sie muB
sich jenen Gewissensqualen aussetzen, die sehr leicht entstehen kon-
nen, wenn das Herz zum Kopfe Nein sagt. Denn immer sagt das Herz
zum Kopfe Nein, wenn nicht Geistiges gesucht wird, oder wenn
Wissen nur angestrebt wird aus einem bloBen Egoismus, aus Be-
gierde, Ehrgeiz und so weiter. Aus diesem Grunde war es schon not-
wendig, in dem Betriebe der Geisteswissenschaft nach keiner Seite
hin auch nur leise Kompromisse aufkommen zu lassen. Geistes-
wissenschaft muB aus sich selbst heraus positiv betrieben werden; man
kann nicht Kompromisse schlieBen mit Halbheiten, Viertelheiten oder
Achtelheiten ; es ist heute eine zu ernste Angelegenheit. Wir diirfen
wohl, nachdem wir einiges einleitend gesagt haben, diese Bemerkun-
gen folgen lassen, die nicht personlich gemeint sind, wenn sie auch an
Personliches anschlieBen. Einen groBen Teil der Gegnerschaft gegen
die Geisteswissenschaft kann man nur verstehen, wenn man ihn seiner
Genesis nach, seinem Werden nach ins Auge faBt. Da oder dort tritt
zum Beispiel jemand auf, der sich in der heftigsten Weise gegen die
Geisteswissenschaft wendet. Es gibt auch andere Falle, als ich jetzt
meine, aber in vielen Fallen geht die Gegnerschaft gegen Geistes-
wissenschaft aus so etwas hervor, wie ich jetzt einen konkreten Fall
anfuhren will.
Ich war einmal in Frankfurt am Main, um Vortrage zu halten. Da
telephonierte mich jemand an, daB ein Herr mich sprechen wollte. Ich
hatte nichts dagegen und sagte, er konne mich dann und dann
sprechen. Der Betreffende kam und sagte: «Ach, ich bin Ihnen eigent-
lich seit langer Zeit immer so nachgereist, um zu sehen, ob ich Sie
einmal sprechen konnte. » Ich konnte nichts dagegen haben, aber ich
hatte auch nichts dafiir. Der Betreffende redete dann so um allerlei
herum. Aber man kann schon nicht anders, als Geisteswissenschaft
ernst zu nehmen, und wenn man das will, dann muB man manches,
was sich aufspielt und als gelehrt erweisen will, abweisen. Man kann
nicht mit allem Moglichen Kompromisse schlieBen. Ich war nicht un-
hof lich gegen den Mann, aber ich lieB ihn ablaufen, lieB ihn merken,
daB ich weiter keine Notiz von ihm nehmen wiirde. Es war meine
tiefste Uberzeugung, daB der Mann hohles Zeug herumredete, aber
daB er dabei Anlehnung suchte. Das trat ja wirklich in unzahligen
Fallen hervor. - Was ich jetzt sage, spreche ich nicht aus Albernheit,
sondern um eben gewisse Vorgange zu charakterisieren. - Also ich
muBte diesen Mann ablaufen lassen. Es war vieles auBerordentlich
schmeichelhaft, was der Mann sagte, aber es kam nur darauf an, ob an
seinen «auch» geisteswissenschaftlichen Bestrebungen etwas Wahres
sei. Bald darnach traten in der Schweiz Ankiindigungen dieses Mannes
auf, aus denen hervorging, daB iiber das «Damonische», iiber das
«Teuflische» der Steinerschen Geisteswissenschaft in Grund und
Boden zu reden ware. - Ich konnte auch noch eine Nachgeschichte
dieser Sache erzahlen, aber das will ich schon nicht. Es ist dies aber
eine von den Arten, wie da oder dort Gegner auftreten. Es sind sehr
haufig Menschen, welche eigentlich irgendwie Zusammenhang ge-
sucht haben, und deren Suchen nach Zusammenhang eben aus be-
stimmten Griinden ignoriert werden muBte. Vieles muBte ignoriert
werden, um die Geisteswissenschaft rein zu erhalten. Das muBte man
sich schon auferlegen.
Nun will ich im Zusammenhang damit etwas anderes erwahnen.
Unser sehr verehrter Freund Dr. Rittelmeyer hatte vor kurzem in der
Zeitschrift «Die christliche Welt» iiber das Verhaltnis unserer Geistes-
wissenschaft zur religiosen Frage gesprochen und dabei versucht,
manches andere Vorurteil gegen unsere Geisteswissenschaft in einer
auBerordentlich anerkennenswerten und dankenswertenWeise zuriick-
zuweisen. Ich hoffe, daB sich alle von Ihnen mit dem Aufsatze, der von
Dr. Rittelmeyer in der « Christlichen Welt» erschienen ist, bekannt-
machen werden. Nun aber hat sich Dr. Johannes Miiller, der ja vielen
bekannt ist, bemiiBigt gesehen, eine Reihe von Aufsatzen iiber drei
Nummern in derselben «Christlichen Welt» gegen diese Abhandlung
Dr. Rittelmeyers zu schreiben. Es ist wirklich nicht meine Absicht,
irgendwie auf das einzugehen, was Dr. Johannes Miiller geschrieben
hat. Denn seit einer langen Reihe von Jahren, die nach vorne keinen
Anfang hat, war es im wesentlichen immer mein Bestreben, iiber
Dr. Johannes Miiller nicht zu reden ; denn ich habe Griinde, die Gei-
steswissenschaft von dilettantischen Bestrebungen freizuhalten, sie
nicht irgendwie in Kompromisse zu verwickeln. Und ich glaube, daB
dies am besten zu erreichen ist, wenn man sich um das nicht kiimmert,
wenigstens nicht sprechend kiimmert, was ja angeblich durch seinen
eigenen Wert wirken muB, wenn es wirken kann. Niemals habe ich
Dr. Johannes Miiller in einem besonderen Zusammenhange erwahnt.
Nun besteht ja in unserer Zeit nicht viel Gefiihl dafiir, was auf diesem
Gebiete eigentlich in Wirklichkeit Wahrheit und Unwahrheit ist.
Wenn Sie die Johannes Miillerschen Aufsatze jetzt durchgehen, so
werden Sie finden, daB sie schon ein gut Stuck von dem enthalten, was
man durch Leichtsinn bewirkte oder durch sonst etwas bewirkte
objektive Unwahrheiten nennen muB. Sie strotzen davon. Solche
Dinge muB man nahe ins Auge fassen. Ich hatte in einem Falle eine
solche Unwahrheit zu charakterisieren: die Dessoirschen Unwahr-
heiten in meinen «Seelenratseln». Ich bin nun sehr gespannt, denn auf
das, wie dort dem Professor an der Berliner Universitat nachgewiesen
ist zu schreiben, miiBte eigentlich etwas erfolgen. Man lese nur den
Aufsatz, den ich als zweiten in meinem Buche «Von Seelenratseln»
geschrieben habe iiber die Art, wie Professor Dessoir wirkt. Jeder
naturlich, der nach diesem Aufsatze, der jetzt vorliegt, iiber das
Dessoirsche Buch schreibt und diesen Aufsatz nicht beriicksichtigt,
ist ein Mitschuldiger an diesen Dingen. Aber diese Sachen nimmt man
heute nicht so, indem mancher sich heute ausredet: Ich habe es nicht
gewuBt -, als ob nicht der, welcher etwas behauptet, die Dinge erst
richtig ins Auge zu fassen hatte. - Nun, iiber derlei Kinkerlitzchen,
daB meine Plakate «marktschreierisch» und so weiter waren, dariiber
lasse ich lieber diejenigen urteilen, welche die Johannes Miillerschen
Vortrage und Plakate kennen ; und daB bei meinen Vortragen auf die
besondere Sensationsbediirftigkeit der Menschen spekuliert werden
sollte, dariiber lasse ich ebenfalls andere urteilen. Es ist noch nicht
lange her, da hat mir ein sehr geschatzter alter Herr, der sich wirklich
ein sehr gewissenhaftes Urteil iiber diese Dinge bilden will, gesagt, er
wundere sich eigentlich, daB in meine Vortrage so viele Menschen
kamen, denn ich legte es gar nicht darauf an, daB sie leicht waren.
Nun kann man sehr leicht beweisen, daB die Johannes Miillerschen
Beschuldigungen unwahr sind. Denn auf die bloBe Ankiindigung hin
kommen in einer Stadt, wo die Geisteswissenschaft noch nicht FuB
gefaBt hat, gewohnlich nicht sehr viele Leute in meine Vortrage ; wo
aber viele kommen, da kommt das daher, weil an solchem Orte wirk-
lich darum geworben und gearbeitet worden ist. Ich will jedoch nicht
weiter darauf eingehen, hochstens noch auf den letzten Abschnitt der
Johannes Miillerschen Aussprache hinweisen, die sich darin ergeht,
daB ich von dem « Drama Gottes» spreche, der durch den Menschen
erlost werden soil und dergleichen, und wo Johannes Miiller andert-
halb Spalten dadurch zustande bringt, daB er an einer beliebigen Stelle
aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» einige
Satze bringt, die er aus ihrem Zusammenhange herausreiBt, wie es ihm
gerade einfallt. Aber durch das, was er vorher ausgelassen hat, wird
alles, was er sagt, zum absolutesten Unsinn. In meinem Buche iiber
das Christentum wird iiber das « Drama Gottes und seine Verzaube-
rung» das Gegenteil gesagt. Johannes Miiller redet sich jedoch damit
heraus, daB er aus meinen Schriften nicht hat klar werden konnen.
Das glaube ich ihm ganz bestimmt! Aber ohne auch nur das geringste
verstanden zu haben, macht sich Johannes Miiller iiber dieses Buch
her. Ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht, daB dieses Buch in
dem Mysterium von Golgatha - im Unterschiede von alien iibrigen
Mysterien - den Hauptnerv sieht. Dafur hat Johannes Miiller keine
Empflndung. Ich wiirde also niemals verlangen, daB er mein Buch
verstehen sollte, glaube auch nicht, daB er dazu in der Lage ware, aber
er kritisiert es. Und das Merkwiirdige ist dies : Im Jahre 1902 ist dieses
Buch gedruckt worden; es lag also im Jahre 1906 vier Jahre lang vor.
Man wuBte, ich habe gerade damals in der damaligen ersten Auf-
lage mem Verhaltnis zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, zur
Philosophic auf der andern Seite auseinandergelegt. Das « Christentum
als mystische Tatsache» ist bekanntgeworden. Nun, wenn es Jo-
hannes Miiller noch nicht bekanntgeworden ist, so ist das seine Sache.
Aber ich erwahne, daB es 1906 bekannt war, und daB es ebenso mit
meiner Gesamtweltauffassung verbunden war, wie zum Beispiel
meine « Philosophic der Freiheit». Wer sich also im Jahre 1906 iiber
mich eine Meinung bildete, der muBte mich vom Standpunkte meiner
ganzen Weltanschauung aus nehmen und konnte im Grunde genom-
men nicht Halbheiten nehmen. Also 1906 war die Tatsache da, daB
das « Christentum » vier Jahre bereits erschienen war. 1906 aber wurde
mir das Buch «Die Bergpredigt» von Johannes Miiller zugeschickt.
Darin stand als Widmung: «Herrn Dr. R. Steiner in angenehmer
Erinnerung an die < Philosophic der Freiheit>. Mainberg, 17. VIII. 06. »
Diese Angelegenheit gehort zu denjenigen, wo ich in die Notwendig-
keit versetzt war, zu ignorieren ; denn es war nicht moglich, Kompro-
misse zu schlieBen nach jenen Richtungen, von denen ich gesprochen
habe. Und ich betrachte es als mein gutes Recht, statt jemandem zu
sagen : Ich sehe Ihre Dinge als dies und das an zu schweigen, wenn
er in dieser Weise an mich herantritt. Aber daB man schweigt, argert
unter Umstanden die Leute am allermeisten. Ich sagte, man miisse die
Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft in den realen Verhalt-
nissen suchen. Das ist den Leuten oft viel unangenehmer, wenn man
die realen Verhaltnisse aufdeckt. Ich konnte noch unangenehmere
Dinge erzahlen. Aber wer jetzt die Aufsatze von Dr. Johannes Miiller
iiber unseren Freund Dr. Rittelmeyer liest, der wird vielleicht gut tun,
nicht bloB in diesen Dingen die Gegnerschaft zu suchen, sondern in
solchen Beitragen, von denen ich einen kleinen anfiihrte. Man muB
iiberall nachgehen, ob man nicht viel wahrere Grunde als die an der
Oberflache liegenden findet. Es wurmt, wenn jemand «in angenehmer
Erinnerung an die < Philosophic der Freiheit>» herankommt und der
andere nicht darauf eingeht und keine Antwort gibt.
Ich wollte Ihnen diesen kleinen Beitrag vielleicht auch zur Psycho-
logic Johannes Miillers nicht vorenthalten, damit Sie auch dort klarer
sehen, als Sie vielleicht bloB durch seine Aufsatze sehen wiirden.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 5.Februar 1918
Was wir wiederholt auseinandergesetzt haben, was wir hier ofter von
den verschiedensten Gesichtspunkten aus besprochen haben: daB
jener Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen eine tiefere Be-
deutung im Menschenleben noch hat, als es fur die auBere Beobach-
tung scheint - man sollte dieses fur eine Gesamtweltbetrachtung, fur
ein im idealsten Sinne praktisches Stehen in der Welt wohl bedenken.
Fiir die gewohnliche Beobachtung liegt ja die scheinbare Tatsache
vor, daB der Mensch mit seinem BewuBtsein wechselt zwischen Wach-
zustand und Schlafzustand. Wir wissen, daB dies nur eine scheinbare
Tatsache ist. Denn wir haben es von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus oftmals besprochen, daB der sogenannte Schlafzustand
nicht bloB dauert zwischen Einschlafen und Aufwachen, sondern daB
er fur einen gewissen Teil unseres Wesens auch andauert in der Zeit
vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir mussen schon sagen : Wir
sind niemals vollstandig, durchgreifend mit unserem Gesamtwesen
wach. Der Schlaf dehnt sich in unseren Wachzustand hinein aus. Mit
einem Teile unseres Wesens schlafen wir fortwahrend. Wir konnen
uns nun fragen : Mit welchem Teile unseres Wesens sind wir eigentlich
fortdauernd wahrend des sogenannten Wachens wirklich wach?
Wir sind wach mit Bezug auf unsere Wahrnehmungen, mit Bezug
auf alles, was wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen aus der sinn-
lichen Welt herein durch unsere Sinne wahrnehmen. Das ist ja gerade
das Charakteristische des gewohnlichen Wahrnehmens, daB wir von
einem Nichtverbundensein mit der auBeren Sinneswelt ubergehen
beim Erwachen zu einem Verbundensein mit ihr, daB eben sehr bald
unsere Sinne beginnen tatig zu sein, und dies reiBt uns heraus aus
jenem dumpfen Zustand, den wir im gewohnlichen Leben als den
Schlafzustand kennen. Also mit unseren. Smneswahrnehmungen sind
wir im wahren Sinne des Wortes wach. Weniger wach schon - eine
ordentliche Selbstbeobachtung kann das jedem ergeben, wir haben es
auch ofter erwahnt, und Sie konnen Genaueres dariiber in meinem
Buche «Von Seelenratseln» finden -, weniger wach, aber so, daB wir
den Zustand als wirkliches Wachsein bezeichnen konnen, sind wir mit
Bezug auf unser Vorstellungsleben. Wir miissen ja das Wahr-
nehmungsleben von dem eigentlichen Denk- und Vorstellungsleben
unterscheiden. Wenn wir abgezogen von der Sinneswahrnehmung,
also nicht nach auBen gewandt, nachdenken, so sind wir bei diesem
Nachdenken schon im gewohnlichen Sinn des Wortes und auch im
hoheren Sinn des Wortes wach, wenn auch dieses Wachsein im
bloBen Vorstellungsleben immerhin eine Nuance vom Traumerischen
hat, beim einen Menschen mehr, beim andern weniger. Wenn sich
auch bei manchen Menschen in das Vorstellungsleben gut Traume-
risches hineinmischen kann, so konnen wir doch im groBen und gan-
zen sagen: Wir sind wach, auch wenn wir vorstellen.
Aber nicht wach sind wir, indem wir fuhlen. GewiB, die Gefuhle
wogen herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelenleben,
und dadurch, daB wir die Gefuhle vorstellen, daB sich immer Vor-
stellungen, also wache Tatigkeiten hineinmischen in das Fuhlen, mei-
nen wir, im Fuhlen seien wir auch wach. Das ist jedoch in Wirklich-
keit nicht so. In Wirklichkeit ist die Regsamkeit unserer Seele im
Fuhlen ganz genau dieselbe wie im gewohnlichen Traumen. Es be-
steht eine tiefe Verwandtschaft zwischen dem Traumzustande und
dem eigentlichen Gefuhlszustande. Wiirden wir jederzeit fahig sein,
das, was wir traumen - der groBte Teil des Traumlebens geht uns ja
verloren ebenso mit dem Vorstellen zu beleuchten, wie wir unser
Gefiihlsleben beleuchten, so wiirden wir iiber das Traumleben ganz
genau in demselben Grade Bescheid wissen wie iiber das Gefuhls-
leben, denn die eigentlichen Gefuhle sind nicht anders in der Seele
anwesend als die Traume. Gefuhle, Affekte, sogar in gewissem Sinne
das Leidenschaftsleben ist in unserer Seele so anwesend wie das Trau-
men. Kein Mensch kann durch sein Wachleben sagen, was sich eigent-
lich da abspielt, wenn er fiihlt, oder in dem, was er fiihlt. Das wogt,
wie gesagt, herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelen-
leben, und das wird dann durch das Licht des Vorstellens beleuchtet.
Aber es ist ein Traumleben. Diese Verwandtschaft des Affekt- und
Gefiihlslebens mit dem Traumleben haben ja auch Nichtokkultisten
gut erkannt, zum Beispiel der vorziigliche Asthetiker Friedrich Theodor
Vischer, der oft betont hat, welche tiefe Verwandtschaft im Seelen-
leben des Menschen besteht zwischen Fiihlen und Traumen.
Noch weiter unten im Seelenleben liegt nun das eigentliche Willens-
leben. Was weiB denn der Mensch daniber, was eigentlich in seinem
Inneren vorgeht, wenn er sagt: Ich will ein Buch ergreifen -, und
wenn der Arm sich ausstreckt und das Buch ergreift? Was sich da
vollzieht zwischen Muskel und Nerv, was da im Organismus vor sich
geht und was auch in der Seele vor sich geht, damit ein Willensimpuls
in Bewegung, in Handlung iibergeht, das wird vom Menschen nicht
starker gewuBt, als die Ereignisse des tiefen traumlosen Schlafes von
ihm gewuBt werden. Es ist in der Tat so: Das eigentliche Wesen
unseres Willenslebens wird wieder von unserem Vorstellungsleben
beleuchtet. Dadurch erscheint es so, als wenn es uns bewuBt ware,
aber das eigentliche Wesen des Willenslebens liegt in Wirklichkeit
auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in einem vollstandigen
Schlafzustande.
Wir sehen also: Wirklich wach, im richtigen Sinne des Wortes
wach sind wir nur in bezug auf unser Wahrnehmen in der Sinneswelt
und unser Vorstellungsleben; schlafend, auch in bezug auf den Wach-
zustand, sind wir mit Bezug auf das Gefuhlsleben, das wir eigentlich
traumen, und gar erst mit Bezug auf unser Willensleben, das wir
eigentlich fortwahrend verschlafen. So dehnt sich der Schlafzustand
in den Wachzustand hinein aus. Stellen wir uns also vor, wie wir da
durch die Welt schreiten: Was wir mit unserem BewuBtsein wachend
durchleben, ist eigentlich nur die Wahrnehmung der Sinneswelt und
unsere Vorstellungswelt; und eingebettet in dieses Erleben des Men-
schen ist eine Welt, in der unsere Gefiihle und Willensimpulse schwim-
men, eine Welt, die um uns herum ist, wie die Luft um uns herum ist,
aber die in das gewohnliche BewuBtsein gar nicht hereintritt. Wer an
die Sache so herantritt, wird wahrhaftig nicht sehr weit davon ent-
fernt sein, um sich herum eine sogenannte iibersinnliche Welt an-
zuerkennen.
Nun hat das Ganze, was ich jetzt gesagt habe, aber bedeutsamere
Konsequenzen. Hinter dem, was ich erwahnt habe, verstecken sich
bedeutsame Tatsachen des Gesamtlebens. Wer das Leben kennen-
lernt, welches die Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt fuhrt - Sie brauchen sich ja nur in mehr abstrakter Form mit
diesem Leben bekanntzumachen durch den Vortragszyklus «Inneres
Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt»,
der im Friihling 1914 in Wien gehalten wurde und der gedruckt ist -,
wer sich damit bekanntmacht, der wird sehen, daB wir in dieser Welt,
die wir da schlafend durch wandeln, gemeinsam mit den sogenannten
Toten leben. Die Toten sind ja fortwahrend da. Sie sind sich be-
wegend, sich verhaltend in einer iibersinnlichen Welt da. Wir sind
nicht von ihnen getrennt durch unsere Realitat, wir sind von ihnen
nur getrennt durch den BewuBtseinszustand. Wir sind nicht anders
von den Toten getrennt, als wir im Schlafe getrennt sind von den
Dingen um uns herum: Wir schlafen in einem Raume, und wir sehen
nicht Stiihle und vielleicht anderes nicht, das in dem Raume ist, trotz-
dem es da ist. Wir schlafen im sogenannten Wachzustande mit Bezug
auf Gefuhl und Willen mitten unter den sogenannten Toten - wir
nennen es nur nicht so -, geradeso wie wir die physischen Gegen-
stande nicht wahrnehmen, die um uns herum sind, wenn wir schlafen.
Wir leben also nicht getrennt von der Welt, in der die Krafte der
Toten waken; wir sind mit den Toten in einer gemeinsamen Welt.
Getrennt von ihnen sind wir fur das gewohnliche BewuBtsein nur
durch den BewuBtseinszustand.
Dieses Wissen von dem Zusammensein mit den Toten wird einer
der wichtigsten Bestandteile sein, welchen die Geisteswissenschaft
dem allgemeinen MenschheksbewuBtsein, der allgemeinen Mensch-
heitskultur fur die Zukunft einzupflanzen hat. Denn die Menschen,
welche glauben, daB dasjenige, was vor sich geht, nur dadurch vor
sich geht, daB die Krafte wirken, die man im Sinnesleben wahrnimmt,
kennen eben nichts von der Wirklichkeit; sie wissen nicht, daB in das
Leben, welches sich hier abspielt, die Krafte der Toten fortwahrend
herein wirken, daB sie fortwahrend da sind. Und wenn Sie sich jetzt
erinnern, was ich im ersten Vortrage gesagt habe, wo ich ausfiihrte,
daB man im Grunde genommen heute in der materialistischen Zeit
eine ganz falsche Ansicht iiber das geschichtliche Leben hat, daB wir
die Geschichte in ihren wirklichen Impulsen eigentlich traumen oder
verschlafen, so werden Sie sich auch eine Vorstellung davon bilden
konnen, daB in dem, was wir vom geschichtlichen Leben vertraumen
oder verschlafen, die Krafte der Toten leben konnen. Eine Geschichts-
betrachtung wird in der Zukunft kommen, die mit den Kraften der-
jenigen rechnen wird, welche durch des Todes Pforte gegangen sind
und mit ihren Seelen in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt leben. Ein BewuBtsein mit der Gesamtmenschheit, auch mit
der sogenannten toten Menschheit, wird der Menschheitskultur eine
ganz neue Farbung zu geben haben.
Die Betrachtungsweise, die sich dem Geistesforscher ergibt, der
nun praktische Anwendung von dem eben Gesagten machen kann,
zeigt manche konkrete Einzelheit iiber dieses Zusammenleben der
sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten. Wiirde der
Mensch bis in seine Gefuhle und bis in seine Willensimpulse ihrem
Wesen nach mit seinem Vorstellen hinunterleuchten konnen, dann
wiirde er ein fortwahrendes lebendiges BewuBtsein von dem Dasein
der Toten haben. Das hat er nun allerdings nicht. Und das gewohn-
liche BewuBtsein hat es nicht aus dem Grunde, well sich die Dinge
merkwiirdig verteilen innerhalb unseres BewuBtseinslebens. Man
konnte sagen: Fur das Begreifen eines hoheren Weltenzusammen-
hanges ist eigentlich viel wichtiger als die Anschauung des Wach-
zustandes und des Schlafzustandes etwas Drittes. Was ist dieses Dritte?
Dieses Dritte ist, was dazwischen Hegt, was fur den gegenwartigen
Menschen eigentlich immer nur ein Augenblick ist, an dem er so vor-
beigeht: Es ist das Aufwachen und das Einschlafen. Der gegenwartige
Mensch hat nicht viel Aufmerksamkeit fur das Aufwachen und das
Einschlafen. Und dennoch: Aufwachen und Einschlafen sind im Ge-
samtbewuBtsein des Menschen auBerordentlich wichtig. Wie wichtig
sie sind, das ergibt sich, wenn man die von UnbewuBtheit durch-
zogenen Erlebnisse des gewohnlichen BewuBtseins erhellt mit den
Erlebnissen des hellseherischen BewuBtseins. Nachdem wir so viele
Jahre Vorbereitungen fur so etwas gepflogen haben, konnen wir ja
ganz unbefangen aus den iibersinnlichen Tatsachen heraus solche
Dinge auch einmal beleuchten.
Es gibt durchaus eine Moglichkeit fur das hellsichtige BewuBtsein,
nicht nur im allgemeinen sich bekanntzumachen mit den Tatsachen
der ubersinnlichen Welt, mit der Welt, in der wir uns zum Beispiel
aufhalten zwischen Tod und neuer Geburt, sondem es gibt eine Mog-
lichkeit fur das hellsichtige BewuBtsein - obwohl diese Moglichkeit
nicht so leicht ist, wie die eben genannte und charakterisierte -, im
einzelnen, wenn ich mich grob ausdriicken will, in Kontakt, in Korre-
spondenz zu kommen mit der einzelnen entkorperten Seele. Das wissen
Sie ja. Einfiigen will ich nur noch: Schwieriger - schwierig fur das
allgemeine wissenschaftliche Begreifen der ubersinnlichen Verhalt-
nisse - ist die Beobachtung nur aus dem Grunde, weil da viel mehr
Hindernisse zu uberwinden sind. So wenig es in der Gegenwart vielen
Menschen gelingt, allgemeine wissenschaftliche Resultate iiber die
iibersinnliche Welt zu gewinnen, so kann man doch nicht sagen, daB
dies auBerordentlich schwierig ist; denn es ist nicht etwas, was der
gewohnlichen menschlichen Seelenfahigkeit so durchaus fern liegt.
Aber schwieriger ist es, im einzelnen mit diesen Seelen in Verbindung
zu kommen, aus dem einfachen Grunde, weil die reale, die konkrete
einzelne Verbindung der hier im Leibe lebenden Menschenseele mit
der entkorperten Seele voraussetzt, daB der, der solche Verbindung
anstrebt, der in die Lage kommt, solche Verbindung zu haben, Kon-
takt also mit einzelnen entkorperten Seelen zu haben, wirklich in
einem gewissen hoheren MaBe in rein Geistigem leben kann, unbeirrt
durch den Umstand, daB solches konkretes Leben im rein Geistigen
sehr leicht gerade niedere Triebe des Menschen erwecken kann, aus
Griinden, die ich oft angefiihrt habe : daB die hoheren Fahigkeiten der
ubersinnlichen Wesenheiten mit niederen Trieben der Menschen -
nicht mit hoheren Trieben der im Leibe verkorperten Menschen -
Verwandtschaft haben, wie die niederen Triebe iibersinnlicher Wesen-
heiten mit den hoheren, geistigen Eigenschaften der Menschen Ver-
wandtschaft haben. Ich beschreibe es als ein bedeutendes Geheimnis
im Verkehr mit der ubersinnlichen Welt, ein Geheimnis, an dessen
Inhalt sehr leicht der eine oder der andere scheitern kann. Aber wenn
diese Klippe iiberwunden wird, wenn der Mensch ubersinnlichen Ver-
kehr haben kann, ohne daB er dadurch von der Welt geistiger Erleb-
nisse abgelenkt wird, so ist ein solcher Verkehr durchaus moglich.
Aber er gestaltet sich sehr, sehr verschieden von dem, was man ge-
wohnt ist, hier in der sinnlichen Welt als Verkehr anzusehen.
Ich will ganz im Konkreten sprechen : Wenn Sie hier in der Sinnes-
welt von Mensch zu Mensch reden, so reden Sie, der andere antwortet
Ihnen. Sie wis sen, Sie erzeugen Ihre Worte durch Ihr Stimmorgan ;
die Worte kommen aus Ihren Gedanken heraus. Sie fuhlen, Sie sind
der Schopfer Ihrer Worte. Sie wissen, Sie horen sich, wahrend Sie
sprechen, und wahrend der andere antwortet, horen Sie den andern,
und Sie wissen dann: Sie sind still, den andern horen Sie jetzt. -
Sehen Sie, man gewohnt sich tief ein in ein solches Verhaltnis dadurch,
daB man sich nur bewuBt ist, in der physischen Welt mit andern
Wesen zu verkehren. Der Verkehr mit den entkorperten Seelen ist
aber nicht so. So merkwiirdig es klingt: Der Verkehr mit den ent-
korperten Seelen ist genau umgekehrt. Wenn Sie selber Ihre Gedanken
dem Entkorperten mitteilen, so sprechen nicht Sie, sondern es spricht
er. Es ist genau so, wie wenn Sie mit jemandem sprechen wiirden,
und das, was Sie denken, was Sie mitteilen wollen, sprechen nicht Sie
aus, sondern das spricht der andere aus. Und was der sogenannte Tote
Ihnen antwortet, kommt Ihnen nicht zu von auGen, sondern das steigt
von Ihrem Inneren auf, das erleben Sie als Innenleben. Daran muB
sich das hellsichtige BewuBtsein erst gewohnen, muB sich erst ge-
wohnen, daB man selber in dem andern der Fragende ist, und daB der
andere in einem der Antwortende ist. Diese vollstandige Umstulpung
des Wesens ist notwendig.
Wer bekannt ist mit solchen Dingen, der weiB, daB solche Um-
stiilpung des Wesens nicht leicht ist. Denn sie widerspricht allem, was
der Mensch gewohnt ist; denn die Gewohnheiten bilden sich im
Laufe des Lebens aus; aber nicht nur das, sie widerspricht sogar
allem, was dem Menschen angeboren ist. Denn zu glauben, daB man
selber spricht, wenn man fragt, und daB der andere still ist, wenn man
antwortet, das ist doch dem Menschen angeboren. Und dennoch ist
das eben Gesagte der Fall im Verkehr mit den iibersinnlichen Wesen.
Diese Umstulpung des Wesens, die das hellsichtige BewuBtsein er-
fahrt, wird Sie aber darauf aufmerksam machen konnen, daB ein gut
Teil von der Nichtwahrnehmbarkeit der Toten darauf beruht, daB
sie eben mit den Lebenden in einer Weise verkehren, wie es den
Lebenden nicht nur ungewohnt, sondern ganz unmoglich erscheint.
Die Lebenden horen einfach nicht, was ihnen die Toten sagen aus der
Tiefe ihres Wesens heraus; und die Lebenden achten nicht darauf,
wenn ein anderer dasselbe sagt, was sie selbst denken, was sie selbst
fragen wollen.
Nun liegt aber die Sache so, daB von 2wei fur den gegenwartigen
Menschen voriiberhuschenden BewuBtseins-Mittelzustanden - vom
Aufwachen und Einschlafen - immer nur der eine geeignet ist fur das
Fragen und der andere nur fur das Antworten. Das Eigentiimliche ist,
daB, wenn wir einschlafen, dieser Moment des Einschlafens besonders
giinstig ist fur das Fragenstellen an den Toten, das heiBt, fur das Horen
der Fragen, die wir an den Toten stellen, von ihm aus. Wenn wir ein-
schlafen, sind wir besonders dafur disponiert, aus dem Toten heraus-
zuhoren, was wir fragen wollen. Nun schlafen wir aber im gewohn-
lichen BewuBtsein gleich hinterher ein, und die Folge ist, daB wir
tatsachlich Hunderte von Fragen an die Toten stellen, von Hunderten
von Dingen zu den Toten im Einschlafen reden, daB wir aber nichts
davon wissen, weil wir hinterher einschlafen. Dieser voriibergehende
Moment des Einschlafens ist ein Moment von ungeheurer Bedeutung
fur unseren Verkehr mit den Toten. Und wiederum der Moment des
Aufwachens : Er disponiert uns ganz besonders dazu, die Antworten
der Toten zu vernehmen. Wiirden wir nicht sogleich in das sinnliche
Wahrnehmen iibergehen, sondern wiirden wir beim Momente des
Aufwachens verweilen konnen, so wiirden wir in diesem Momente
sehr geeignet sein, Botschaften von den Toten entgegenzunehmen.
Nur wiirden diese Botschaften uns so erscheinen, als wenn sie aus
unserem eigenen Inneren aufsteigen.
Sie sehen, zwei Griinde gibt es fur das eine und fur das andere,
warum das gewohnliche BewuBtsein nicht auf den Verkehr mit den
Toten achtet. Der eine liegt darin, daB wir sogleich an das Aufwachen
und an das Einschlafen einen Zustand anschlieBen, der geeignet ist
auszuloschen, was wir in diesen Momenten erleben; der andere ist,
daB die Dinge uns, sagen wir, ungewohnt oder eigentlich unmoglich
vorkommen. Wenn wir einschlafen: Die hundert Fragen, die wir an
die Toten richten konnen und auch wirklich richten, sie gehen im
Schlafleben unter aus dem Grunde, weil wir ganz ungewohnt sind,
das, was wir fragen, zu horen und nicht zu sagen. Und das wiederum,
was uns der Tote beim Aufwachen sagt, beurteilen wir nicht so, als
ob es von dem Toten kame, weil wir es nicht erkennen, wir halten es
fur etwas, was aus uns selbst aufsteigt. Das ist der zweite Grund,
warum sich der Mensch nicht hineinfindet in den Verkehr mit den
Toten.
Diese allgemeinen Erscheinungen werden allerdings doch zuweilen
durchbrochen, und zwar in der folgenden Weise. Was der Mensch im
Einschlafen erlebt als das Von-sich-aus-Fragenstellen an die Toten,
setzt sich in einer gewissen Weise durch den Schlafzustand hindurch
fort. Wir blicken, indem wir weiterschlafen, unbewuBt zuriick zu dem
Moment des Einschlafens, und durch diese Tatsache konnen sich
Traume einstellen. Solche Traume konnen tatsachlich Wiedergaben
sein der Fragen, die wir an die Toten stellen. Das ist schon einmal so,
daB wir in den Traumen viel mehr, als wir meinen, uns den Toten
nahern, zu den Toten hinsprechen, wenn auch das, was im Traume
erlebt wird, unmittelbar schon beim Einschlafen gesprochen war.
Aber der Traum holt es herauf aus den undifferenzierten Tiefen der
Seele. Doch der Mensch miBdeutet es leicht; er nimmt die Traume,
wenn er sich dann spater an sie als Traume erinnert, meistens nicht
als das, was sie sind. Traume sind eigentlich immer ein aus unserem
Gefiihlsleben hervorgehendes Zusammenleben mit den Toten. Wir
haben uns zu ihnen hinbewegt, und der Traum gibt uns eigentlich oft
Fragen, die wir an Tote gestellt haben. Er gibt uns schon unser sub-
jektives Erlebnis, aber so, als wenn es von auBen kommen wurde. Der
Tote spricht zu uns, aber wir sprechen es eigentlich selber. Es scheint
nur so, als wenn der Tote spricht. Es sind in der Regel nicht Bot-
schaften, die von den Toten kommen, was uns in den Traumen ent-
gegentritt, sondern der Traum, den wir von den Toten haben, ist der
Ausdruck des Bediirfnisses dafur, daB wir mit den Toten zusammen
sind, daB es uns gelungen ist, mit den Toten im Momente des Ein-
schlafens zusammenzukommen.
Der Moment des Aufwachens iiberbringt uns die Botschaften von
den Toten. Dieser Moment des Aufwachens wird ausgeloscht durch
das nachfolgende Sinnesleben. Aber es kommt doch auch die Tat-
sache vor, daB wir im Aufwachen, wie aus dem Inneren der Seele
heraufsteigend, irgend etwas haben, von dem wir, wenn wir nur eine
genauere Selbstbeobachtung haben, sehr gut wissen konnen: Es
kommt nicht aus unserem gewohnlichen Ich heraus. Das sind oftmals
Botschaften der Toten.
Sie werderi mit diesen Vorstellungen zurechtkommen, wenn Sie
nicht schief denken liber ein Verhaltnis, das Ihnen ja jetzt vor die
Seele getreten sein wird. Sie werden sagen: Dann ist der Moment des
Einschlafens geeignet, um an den Toten Fragen zu stellen; der Mo-
ment des Aufwachens ist geeignet, um von dem Toten die Antworten
zu bekommen. Das liegt also auseinander. Sie werden dies nur richtig
beurteilen, wenn Sie die Zeitverhaltnisse in der iibersinnlichen Welt
richtig ins Auge fassen. Dort ist das wahr, was in einer merkwiirdigen
Intuition Richard Wagner in dem Satz ausgesprochen hat: Die Zeit
wird zum Raume. - Es wird wirklich in der iibersinnlichen Welt die
Zeit zum Raume, so wie ein Raumpunkt dort ist, ein anderer dort.
Also ist die Zeit nicht vergangen, sondern ein Raumpunkt ist nur in
einer groBeren oder geringeren Entfernung. Die Zeit wird wirklich
iibersinnlich zum Raume. Und der Tote spricht nur die Antworten,
indem er etwas weiter von uns absteht. Das ist natiirlich wieder un-
gewohnt. Aber das Vergangene ist nicht vergangen in der iibersinn-
lichen Welt; das ist da, es bleibt da. Und mit Bezug auf das Gegen-
wartige handelt es sich nur um das Sich-Gegeniiberstellen an einem
andern Ort gegeniiber dem Vergangenen. Das Vergangene ist ebenso-
wenig fort in der iibersinnlichen Welt, wie das Haus fort ist, aus dem
Sie heute abend weggegangen sind, um hierher zu kommen. Das ist
an seinem Orte, und so ist das Vergangene in der iibersinnlichen Welt
nicht weg, es ist da. Und ob Sie nun nahe oder mehr entfernt sind von
dem Toten, das hangt von Ihnen selbst ab, wie weit Sie mit dem Toten
gekommen sind. Es kann sehr weit sein, kann aber auch sehr nahe sein.
Wir sehen also : Dadurch, daB wir nicht nur schlafen und wachen,
sondern aufwachen und einschlafen, stehen wir in einer fortwahrenden
Korrespondenz, in einem fortwahrenden Kontakt mit den Toten. Sie
sind immer unter uns, und wir handeln wirklich nicht nur unter dem
EinfluB derjenigen, die als physische Menschen um uns herum leben,
sondern wir handeln auch unter dem EinfluB derer, die durch des
Todes Pforte gegangen sind und einen Zusammenhang mit uns haben.
Ich mochte heute solche Tatsachen hervorheben, die uns immer
tiefer und tiefer von einem gewissen Gesichtspunkte aus in die iiber-
sinnliche Welt hineinfiihren.
Nun konnen wir einen Unterschied machen zwischen verschiedenen
Seelen, welche durch des Todes Pforte gegangen sind, wenn man ein-
mal erfaBt hat, daB ein solcher Kontakt fortwahrend mit den Toten
da ist. Wenn wir eigentlich immer durch das Feld der Toten gehen,
entweder indem wir im Einschlafen Fragen stellen an die Toten, oder
Antworten von ihnen bekommen im Aufwachen, dann wird es uns
auch nahegehen, wie wir mit den Toten in Verbindung stehen, je
nachdem die Toten durch des Todes Pforte gegangen sind als jiingere
Menschen oder als altere. Die Tatsachen, die hier zugrunde liegen,
zeigen sich allerdings nur dem hellsichtigen BewuBtsein. Aber das ist
ja nur das Wissen davon, die Realitat findet fortwahrend statt. Jeder
Mensch steht so mit den Toten in Verbindung, wie es eben durch das
hellsichtige BewuBtsein ausgesprochen wird. Wenn jiingere Men-
schen - Kinder oder Jugendliche - durch des Todes Pforte gehen,
dann zeigt sich namentlich, daB ein gewisser Zusammenhang be-
stehen bleibt zwischen den Lebendigen und diesen Toten, ein Zu-
sammenhang, der anderer Art ist, als wenn altere Menschen in Frage
kommen, die in der Abenddammerung ihres Lebens durch die Todes-
pforte gegangen sind. Da ist ein durcbgreifender Unterschied, Wenn
wir Kinder verlieren, wenn jugendliche Menschen von uns weggehen,
ist es eigentlich so, daB sie im Grunde genommen gar nicht richtig
von uns weggehen, sondern eigentlich bei uns bleiben. Das zeigt sich
dem hellsichtigen BewuBtsein dadurch, daB die Botschaften, die beim
Aufwachen uns zukommen, gerade lebendig, lebhaft sind, wenn es
sich um Kinder oder jugendliche Personen handelt, die gestorben
sind. Da ist eine Verbindung zwischen den Zuriickgebliebenen und
den Verstorbenen vorhanden, die man schon so bezeichnen kann, daB
man sagt: Ein Kind, einen jugendlichen Menschen hat man in Wirk-
lichkeit gar nicht verloren; sie bleiben eigentlich da. - Und sie bleiben
vor allem aus dem Grunde da, well sie nach dem Tode ein lebendiges
Bediirfnis darnach zeigen, in unser Aufwachen hineinzuwirken, in
unser Aufwachen hinein Botschaften zu senden. Es ist schon sehr
merkwiirdig, aber es ist so, daB mit alledem, was mit dem Aufwachen
zusammenhangt, das jugendlich verstorbene Menschenkind auBer-
ordentlich viel zu tun hat. Dem hellsichtigen BewuBtsein wird es ganz
besonders interessant, wie es eigentlich jugendlich friih verstorbenen
Seelen zu danken ist, wenn die Menschen im auBeren physischen
Leben eine gewisse Frommigkeit, eine gewisse Neigung zur Fromm-
heit empfinden. Denn das sagen ihnen die friih verstorbenen Seelen.
Ungeheuer viel wird mit Bezug auf Frommigkeit gewirkt durch die
Botschaften der friih verstorbenen Seelen.
Anders ist es, wenn Seelen im Alter, im physischen Alter dahin-
gehen. Da konnen wir das, was sich dem hellsichtigen BewuBtsein
zeigt, in einer andern Weise darstellen. Wir konnen sagen: Die ver-
lieren uns nicht, denen bleiben wir mit unseren Seelen. - Merken Sie
den Gegensatz: Die jugendlichen Seelen verlieren wir nicht, sie blei-
ben unter uns; die alter verstorbenen Seelen verlieren uns nicht, die
nehmen gewissermaBen etwas von unseren Seelen mit sich. - Es ist
nur vergleichsweise gesprochen, wenn ich mich vergleichsweise aus-
driicken darf. Die alter verstorbenen Seelen ziehen uns mehr zu sich
hin, wahrend die jugendlich Verstorbenen sich mehr zu uns hinziehen.
Daher haben wir selbst im Momente des Einschlafens viel an die
alteren verstorbenen Seelen zu sagen, und wir konnen ein Band zur
geistigen Welt besonders dadurch weben, daB wir uns geeignet
machen, uns an die alteren verstorbenen Seelen im Momente des Ein-
schlafens zu richten. Mit Bezug auf diese Dinge kann der Mensch
wirklich einiges tun.
Wir sehen also, wir stehen mit den Toten in einer fortwahrenden
Verbindung ; wir haben eine Art Fragen und Antworten, eine Wech-
selwirkung mit den Toten. Um uns besonders zum Fragen geeignet
zu machen, also gewissermaBen um den Toten nahezukommen, ist
folgendes das richtige. Gewohnliche abstrakte Gedanken, also Ge-
danken, die aus dem materialistischen Leben heraus sind, bringen uns
wenig mit den Toten zusammen. Die Toten leiden auch unter unseren
Zerstreuungen im rein materiellen Leben, wenn sie in irgendeiner
Weise zu uns gehoren. Wenn wir dagegen das festhalten und pflegen,
was uns gefuhlsmaBig und willensmaBig mit den Toten zusammen-
bringt, dann bereiten wir uns gut dazu vor, an die Toten ent-
sprechende Fragen zu richten, bereiten uns gut dazu vor, im Momente
des Einschlafens mit den Toten in Beziehung zu kommen. Diese
Beziehungen sind ja vorzugsweise dadurch vorhanden, daB die be-
treffenden Toten im Leben mit uns in Zusammenhang gestanden
haben. Der Zusammenhang im Leben begriindet das, was weiter folgt
fur den Zusammenhang nach dem Tode. Es gibt natiirlich einen
Unterschied, ob ich mit irgend jemandem gleichgiiltig spreche oder
mit Anteil, ob ich mit ihm so spreche, wie ein Mensch mit einem
andern spricht, wenn er diesen andern lieb hat, oder ob ich mich
gleichgiiltig verhaltend spreche. Es gibt einen groBen Unterschied, ob
ich mit jemandem wie beim Five-o'clock-tea rede oder ob mich ganz
besonders interessiert, was ich von dem andern vernehmen kann.
Wenn man intimere Beziehungen schafft im Leben zwischen Seele und
Seele, solche Beziehungen, die auf Gefuhlen und Willensimpulsen be-
ruhen, und wenn man, nachdem eine Seele durch des Todes Pforte
gegangen ist, vorzugsweise solche gefuhlsmaBigen Beziehungen, sol-
ches Interesse an der Seele, solche Neugier zu den Antworten, die
sie geben wird, festhalten kann, oder wenn man vielleicht den Drang
hat, ihr selbst etwas zu sein, wenn man in diesen Reminiszenzen zu
der Seele leben kann, Reminiszenzen, die nicht aus dem Inhalte des
Vorstellungslebens zu der Seele nieBen, sondern aus den Beziehungen
zwischen Seele und Seele, dann ist man besonders geeignet, um im
Momente des Einschlafens fragend an die Seele heranzukommen.
Um dagegen Antworten, Botschaften zu bekommen im Momente
des Aufwachens, dazu wird man besonders geeignet, wenn man fahig
und geneigt ist, auf das Wesen des betreffenden Toten wahrend seines
Lebens erkennend einzugehen. Bedenken Sie, wie man, besonders
in der Gegenwart, an den Menschen vorbeigeht, ohne sie wirklich
kennenzulernen. Was kennen eigentlich heute die Menschen von-
einander? Es gibt - wenn man gleich dieses etwas sonderbare, frap-
pierende Beispiel nehmen darf - Ehen, die Jahrzehnte dauern, ohne
daB die beiden Eheleute sich auch nur irgendwie kennenlernen. Es ist
so. Es ist aber durchaus moglich - was nicht von einem Talent ab-
hangt, es ist eigentlich von der Liebe abhangig -, verstandnisvoll auf
das Wesen des andern einzugehen und dadurch eine wirkliche Vor-
stellungswelt von dem andern in sich zu tragen. Das aber bereitet
besonders gut dazu vor, im Momente des Aufwachens von dem Toten
selbst Antworten zu empfangen. Daher ist man eigentlich auch eher
geneigt, beim Aufwachen von einem Kinde, von einem Jugendlichen
Antworten zu empfangen, weil man Jugendliche doch noch immer
eher kennenlernt als die, welche sich verinnerlicht haben und alter
geworden sind.
So konnen die Menschen schon etwas dazu tun, um in der rechten
Weise das Verhaltnis zwischen den Lebenden und den Toten zu be-
griinden. Eigentlich ist unser ganzes Leben von diesem Verhaltnis
durchzogen. Wir sind als Seelen eingebettet in die Sphare, in der auch
die Toten sind. Der Grad - das habe ich schon vorhin gesagt -, in dem
wir fromm sind, hangt sehr stark damit zusammen, wie die jugendlich
verstorbenen Menschen auf uns wirken. Und wiirden nicht jugendlich
verstorbene Menschen in das Leben hereinwirken, so gabe es wahr-
scheinlich iiberhaupt keine Frommigkeit. Daher verhalten sich die
Menschen zu jung verstorbenen Seelen am besten so, daB sie das
Andenken mehr im allgemeinen halten. Trauerfeiern fur Kinder oder
jugendlich verstorbene Menschen sollten immer etwas Kultushaftes,
etwas Generelleres haben. Man sollte beim Tode von jugendlich Ver-
storbenen eine Art von Kultus haben. Die katholische Kirche, die
alles auf das jugendliche, auf das kindliche Leben abnuanciert, die es
iiberhaupt nur mit Kindern zu tun haben mochte, Kinderseelen zu
verwalten haben mochte, sie wendet daher wenig die Bitte an, indivi-
duelle Reden zu halten fur das kindliche Leben, das mit dem Tode
geschlossen hat. Das ist ganz besonders gut. Die Trauer, die wir um
Kinder haben, ist anderer Art, als unsere Trauer um altere Leute. Die
Trauer um Kinder mochte ich am liebsten Mitgefuhltrauer nennen;
denn die Trauer, die wir um ein Kind haben, das uns hinweggestorben
ist, ist eigentlich vielfach eine Reflexion aus unserer eigenen Seele
gegeniiber dem Wesen des Kindes, das eigentlich dageblieben ist in
unserer Nahe. Wir leben das Leben des Kindes mit, und das Wesen
des Kindes macht da die Trauer mit. Es ist Mitgefuhltrauer. Wenn die
Trauer dagegen besonders gegeniiber alter verstorbenen Personen
auftritt, kann man sie nicht als Mitgefuhltrauer bezeichnen; sie ist
dann immer als eine egoistische zu bezeichnen, und sie wird am besten
durch die Erwagung getragen, daB der Tote uns dann eigentlich mit-
nimmt, wenn er alter geworden ist; er verliert uns nicht, wenn wir
versuchen, uns geeignet zu machen, um mit ihm zusammenzukom-
men. Daher konnen wir dem alteren Toten gegeniiber das Andenken
mehr individuell gestalten, mehr in Gedanken tragen, konnen in Ge-
danken vereint bleiben mit dem, was wir in Gedanken mit ihm ge-
pflogen haben, wenn wir versuchen, nicht als ein unbequemer Ge-
nosse uns zu benehmen. Er hat uns, aber er hat uns auf eine sonderbare
Art, wenn wir Gedanken haben, die gar nicht von ihm aufgenommen
werden konnen. Wir bleiben bei ihm, aber wir konnen ihm zur Last
werden, wenn er uns mitschleppen muB, ohne daB wir solche Ge-
danken in uns hegen, die er mit sich vereinigen kann, die er geistig
in entsprechender Weise anschauen kann.
Bedenken Sie, wie konkret das herauskommt, was unsere Beziehun-
gen zu den Toten sind, wenn wir wirklich geisteswissenschaftlich
unsere Beziehungen zu den Toten beleuchten konnen, wenn wir wirk-
lich in der Lage sind, das ganze Verhaltnis der Lebenden zu den
Toten ins Auge zu fassen. Es wird der Menschheit der Zukunft schon
wichtig werden, dies ins Auge zu fassen. So trivial es klingt - weil
man sagen kann, daB jede Zeit eine Ubergangszeit ist -, unsere Zeit ist
doch eine Ubergangszeit. Unsere Zeit muB iibergehen in eine spiri-
tuellere Zeit. Sie muB wissen, was aus dem Reiche der Toten kommt,
muB wissen, daB wir hier von den Toten so umgeben sind, wie von
der Luft. Es wird in Zukunft einfach eine reale Empfindung sein:
Wenn jemand alter hinweggestorben ist, darfst du ihm nicht zum
Alp werden; du wirst ihm aber zum Alp, wenn du Gedanken in dir
tragst, die er nicht in sich aufnehmen kann. Bedenken Sie, wie sich
das Leben bereichern kann, wenn wir dies in uns aufnehmen. Dadurch
wird ja erst das Zusammenleben mit den Toten zu einem realen ge-
macht werden.
Ich habe ofter gesagt: Geisteswissenschaft will nicht eine neue Reli-
gion gninden, will auch nicht etwas Sektiererisches in die Welt setzen,
sonst verkennt man sie vollstandig. Ich habe dagegen oft betont, daft
sie das religiose Leben der Menschen vertiefen kann, indem sie reale
Grundlagen schafTt. Das Totenandenken, der Totenkult hat seine
religiose Seite. Auf dieser Seite des religiosen Lebens wird eine
Grundlage geschaffen, wenn das Leben geis te s wis sens chaftlich be-
leuchtet wird. Aus dem Abstrakten werden die Dinge heraus-
gehoben, indem das Richtige geschieht. Es ist zum Beispiel nicht
gleichgiiltig fur das Leben, ob einem jugendlichen Menschen oder
einem alteren eine richtige Totenfeier gehalten wird. Denn diese
Dinge, ob eine richtige oder eine falsche Totenfeier einem Ver-
storbenen gehalten wird, das heiBt eine Feier, die nicht aus dem Be-
wuBtsein heraus kommt, was ein jugendlich verstorbener Mensch ist
und was ein alter verstorbener - diese Tatsache, ob eine Totenfeier
richtig oder unrichtig gemacht wird, ist fur das Zusammenleben der
Menschen viel wichtiger als ein GemeinderatsbeschluB oder ein Parla-
mentsbeschluB, so sonderbar es klingt. Denn die Impulse, die im
Leben wirken, werden aus den Menschenindividuen selber heraus-
kommen, wenn die Menschen im richtigen Verhaltnis zu der Welt der
Toten stehen. Heute mochten die Menschen alles durch abstrakte
Struktur der sozialen Ordnung einrichten. Die Menschen sind froh,
wenn sie wenig nachzudenken brauchen iiber das, was sie tun sollen.
Viele sogar sind froh, wenn sie nicht viel nachzudenken haben iiber
das, was sie denken sollen, Aber das ist ganz anders, wenn man ein
lebendiges BewuBtsein, nicht nur von einem pantheistischen Zu-
sammenleben mit einer Geisteswelt, sondern ein lebendiges BewuBt-
sein von einem konkreten Zusammenleben mit einer geistigen Welt
hat. Man kann voraussehen ein Durchtrankt werden des religiosen
Lebens mit konkreten Vorstellungen, wenn eben durch Geistes-
wissenschaft dieses religiose Leben vertieft werden wird. Der Geist
ist ja - ich habe auch das ofter erwahnt - im Jahre 869 fur die abend-
landische Menschheit auf dem achten okumenischen Konzil in Kon-
stantinopel abgeschafft worden. Damals wurde zum Dogma erhoben,
daB der Mensch von den Katholiken nicht angesehen werden diirfe
als bestehend aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und
Seele, und der Seele wurde zugeschrieben, daB sie auch «geistige
Eigenschaften» habe. Dieses Abschaffen des Geistes hat eine un-
geheuer groBe Bedeutung. DaB man im Jahre 869 in Konstantinopel
den BeschluB gefaBt hat, daB der Mensch nicht diirfe begabt gedacht
werden mit «anima» und « spiritus», sondern daB er nur «unam animam
rationalem et intellectualem» besitze, das ist Dogma. «Die Seele hat
geistige Eigenschaften», dies hat seit dem 9. Jahrhundert Dammerung
gebreitet iiber das geistige Leben des Abendlandes. Das muB wieder
iiberwunden werden. Der Geist muB wieder anerkannt werden. Das,
weswegen man im Mittelalter im eminenten Sinne als ein Ketzer gait,
namlich wenn man die Trichotomie - Leib, Seele und Geist - an-
erkannte, das muB wieder als richtige, echte Menschenanschauung
gelten. Dazu wird es einiges brauchen fur die Menschen, die heute
selbstverstandlich jede Autoritat ablehnen und darauf schworen, daB
der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe, und zwar sind dies nicht
etwa bloB Leute eines gewissen religiosen Bekenntnisses, sondern
auch solche, welche Profess oren horen, Philosophen und andere horen.
Und die Philosophen - wie Sie iiberall lesen konnen - unterscheiden
ja auch nur zwischen Leib und Seele, lassen den Geist weg. Das ist
ihre «unbefangene» Weltbetrachtung, die aber nur davon herriihrt,
daB einmal im Jahre 869 auf einem Kirchenkonzil der BeschluB gefaBt
worden ist, den Geist nicht anzuerkennen. Aber man weiB das nicht.
Philosophen, die weltberuhmt geworden sind, zum Beispiel Wilhelm
Wundt, ein groBer Philosoph von seines Verlegers Gnaden, aber welt-
beruhmt, teilt selbstverstandlich auch den Menschen ein in Leib und
Seele, weil er es fur unbefangene Wissenschaft halt - und nicht weiB,
daB er nur dem KonzilsbeschluB von 869 folgt. Man muB schon auf
die wahren Tatsachen sehen, wenn man das durchschauen will, was
sich in der Welt der Wirklichkeit vollzieht. Sieht man auf diesem
Gebiete, das wir besonders heute benihrt haben, auf die wahren Tat-
sachen, dann wird einem ein BewuBtsein erschlossen von einem Zu-
sammenhange mit jener Welt, die in der Geschichte vertraumt und
verschlafen wird. Geschichte, geschichtliches Leben, man wird es nur
im rechten Lichte sehen konnen, wenn man auch ein rechtes BewuBt-
sein entwickeln kann iiber den Zusammenhang der sogenannten
Lebenden mit den sogenannten Toten. Davon wollen wir weiter
reden, wenn wir uns hier wieder sehen.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 5.Marz 1918
In einer der letzten Betrachtungen, die wir hier gepflogen haben,
habe ich von dem Verhaltnis gesprochen, in welchem die hier im
Leibe verkorperten Menschenseelen zu den entkorperten Menschen-
seelen, zu den sogenannten Toten stehen konnen, oder eigentlich
immer stehen. An diese Betrachtungen mochte ich heute mit einigen
andern Bemerkungen ankniipfen.
Wir wissen aus Verschiedenem, was durch die Geisteswissenschaft
an unsere Seelen herangetreten ist, daB der Menschengeist im Laufe
der Erdenentwickelung auch seine Entwickelung durchmacht. Wir
wissen ferner, daB der Mensch sich nur dadurch selbst erkennen kann,
daB er sich in fruchtbarer Weise die Frage vorlegt: Wie verhalt sich
der Mensch in einer bestimmten Inkarnation, in dieser Inkarnation,
in der er eben ist, zu den geistigen Welten, zu den geistigen Reichen?
Welche Stufe der Entwickelung der allgemeinen Menschheit ist er-
reicht, wenn wir selbst in einer bestimmten Inkarnation leben?
Wir wissen, wie die mehr ausfuhrliche Betrachtung dieser Gesamt-
entwickelung der Menschheit uns dariiber zur Einsicht kommen laBt,
daB in friiheren Zeiten, in friiheren Epochen der Menschheitsent-
wickelung ein gewisses, wir haben es atavistisches Hellsehen genannt,
iiber die Menschheit ausgegossen war, daB in friiheren Epochen der
Menschheitsentwickelung gewissermaBen die Menschenseele naher
war den geistigen Welten. Wahrend sie damals den geistigen Welten
naher war, war sie ferner ihrer eigenen Freiheit, ihrem eigenen freien
Willen, dem sie wiederum naher ist in unserer Zeit, in der sie im all-
gemeinen mehr abgeschlossen ist von den geistigen Welten. Erkennt
man das Wesen des Menschen innerhalb der Gegenwart wirklich, so
muB man sagen, im UnbewuBten, im eigentlich Geistigen des Men-
schen besteht natiirlich dasselbe Verhaltnis zur gesamten geistigen
Welt. Aber im Wissen, im BewuBtsein kann heute der Mensch selber
dieses Verhaltnis sich im allgemeinen nicht in derselben Weise ver-
gegenwartigen; gewisse Einzelne konnen es, aber im allgemeinen
kann es sich der Mensch nicht so vergegenwartigen, wie ihm das in
fruheren Zeitepochen moglich war. Wenn wir nach den Griinden
fragen, warum der Mensch heute das Verhaltnis seiner Seele zur gei-
stigen Welt, das selbstverstandlich in derselben Starke vorhanden ist
wie nur je, wenn auch in anderer Art, sich nicht zum BewuBtsein
bringen kann, so ruhrt das davon her, daS wir bereits die Mitte der
Erdenentwickelung iiberschritten haben, uns gewissermaBen in der
absteigenden Entwickelungsstromung des Erdendaseins befinden, daB
wir mk unserer physischen Organisation - wenn das auch natiirlich
fiir die auBere Anatomie und Physiologie nicht bemerkbar ist - physi-
scher geworden sind, als es fruher der Fall war, und daB wir so wah-
rend der Zeit zwischen Geburt oder Empfangnis und Tod nicht mehr
die Organisation haben, um unseren Zusammenhang mit der geistigen
Welt uns voll zum BewuBtsein bringen zu konnen. Wir erleben
heute tatsachlich - dessen miissen wir uns nur ganz klar sein - in den
unterbewuBten Seelenregionen, und wenn wir noch so materialistisch
sind, viel mehr als das ist, wessen wir uns im allgemeinen bewuBt
werden konnen.
Das geht aber noch weiter. Und da komme ich auf einen sehr wich-
tigen Punkt in der gegenwartigen Menschheitsentwickelung. Es geht
so weit, daB der Mensch in der Gegenwart im allgemeinen nicht in der
Lage ist, alles das wirklich durchzudenken, durchzuempflnden, durch-
zufuhlen, was in ihm eigentlich gedacht, empfunden, gefuhlt werden
konnte. Der Mensch ist heute zu viel intensiveren Gedanken, zu viel
intensiveren Gefuhlen und Empfindungen veranlagt, als er sie haben
kann durch die, ich mochte sagen, grobe StofTlichkeit seines Organis-
mus. Das hat eine gewisse Folge, die Folge namlich, daB wir in der
gegenwartigen Zeit der Menschheitsentwickelung nicht in der Lage
sind, mit der volligen Ausbildung unserer Anlagen in unserem Erden-
leben fertig zu werden. Darauf hat im Grunde genommen wenig Ein-
fluB, ob wir in jungen Jahren sterben oder als alte Leute. Fiir jung
und alt Sterbende gilt es, daB der Mensch heute, vermoge der Grob-
stofflichkeit seines Organismus, nicht voll ausleben kann, was er aus-
leben wiirde, wenn er eben feiner, intimer in bezug auf seinen Leib
organisiert ware. Und so bleibt - ob wir, wie gesagt, jung oder alt
durch des Todes Pforte gehen - wahrend unserer Erdenorganisation
ein gewisser Rest unverarbeiteter Gedanken, unverarbeiteter Emp-
findungen und Gefuhle, die wir aus dem angegebenen Grunde eben
wirklich nicht verarbeiten konnen. Wir sterben heute alle gewisser-
maBen so, daB wir Gedanken, Gefuhle und Empfindungen un-
verarbeitet lassen. Diese Gedanken, Gefuhle und Empfindungen -
und immer wieder muB ich betonen, ob wir jung oder alt sterben, es
kommt auf dasselbe hinaus - sind unverarbeitet da, und wir haben,
wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, eigentlich alle
noch den Drang, weiter im Irdischen zu denken, weiter im Irdischen
zu fuhlen, weiter im Irdischen zu empfinden.
Bedenken wir einmal, was das fur eine Tragweite hat. Wir werden
nach dem Tode frei, gewisse Gedanken, Gefuhle und Empfindungen
dann erst auszubilden. Wir wiirden viel mehr auf der Erde leisten,
wenn wir diese Gedanken^ Gefuhle und Empfindungen wahrend
unseres physischen Lebens ganz ausleben konnten. Wir konnen es
nicht. Tatsachlich ist es so, daB jeder Mensch heute nach dem MaBe
der Anlagen, die in ihm sind, auf der Erde viel mehr leisten konnte,
als er tatsachlich leistet. Das war in friiherenEpochen derMenschheits-
entwickelung nicht so, als die Organismen feiner waren und ein ge-
wisses bewuBtes Hineinschauen in die geistige Welt vorhanden war
und die Menschen aus dem Geiste heraus wirken konnten. Da leiste-
ten die Menschen in der Regel alles, was sie ihren Anlagen gemaB
leisten konnten. Wenn auch der Mensch heute so stolz ist auf seine
Anlagen, die Sache verhalt sich doch so, wie geschildert.
Indem die Sache so ist, wird man aber auch fur die heutige Zeit die
Notwendigkeit anerkennen konnen, daB dasjenige, was die Toten un-
verarbeitet durch die Pforte des Todes tragen, fur das Erdenleben
nicht verlorengehe. Das kann nur dann sein, wenn wir in dem ofter
erwahnten Sinne die Verbindung mit den Toten nach Anleitung der
Geisteswissenschaft wirklich pflegen, wirklich aufrechterhalten, wenn
wir uns bemiihen, die Verbindung mit den Toten, mit denen wir
karmisch verbunden sind, zu einer bewuBten, einer voll bewuBten zu
machen. Dann leiten sich die nicht ausgelebten Gedanken der Toten
durch unsere Seele herein in die Welt, und durch dieses Hereinleiten
konnen diese starkeren Gedanken dann - diese Gedanken, die der
Tote haben kann, weil er vom Leibe befreit ist - in unseren Seelen
wirken. Unsere eigenen Gedanken konnen wir auch nicht bis zur
vollen Ausbildung bringen, aber diese Gedanken konnen wirken.
Wir sehen daraus: Was uns den Materialismus gebracht hat, das
sollte uns zu gleicher Zeit darauf aufmerksam machen, wie notig, wie
unbedingt notig ein Suchen nach einem konkreten, einem wirklichen
Verhaltnis zu den Geistern der Toten eigentlich fiir die Gegenwart
und die nachste Zukunft ist. Es fragt sich nur : Wie konnen wir die
Gedanken, die Empfindungen und Gefuhle, die herein wollen aus
dem Reiche, in dem die Toten sind, in unsere Seelen entsprechend
hereinbekommen? Auch dazu haben wir schon Gesichtspunkte an-
gegeben, und ich habe bei einer letzten Betrachtung hier gesprochen
von den wichtigen Momenten, die der'Mensch wohl beachten sollte:
von dem Moment des Einschlafens und dem Moment des Auf-
wachens. Ich will heute einiges noch genauer charakterisieren, das
damit im Zusammenhang steht.
In diese Welt, in der wir mit unserem gewohnlichen Wachleben
sind, die wir von auBen wahrnehmen und in der wir handeln durch
unseren Willen, der auf unseren Trieben beruht, in diese Welt kann
der Tote nicht unmittelbar herein. Aus dieser Welt ist er, indem er
durch die Pforte des Todes gegangen ist, entriickt. Aber wir konnen
dennoch eine Welt gemeinsam mit den Toten haben, wenn wir, an-
gespornt durch die Geisteswissenschaft, den Versuch machen - der ja
in unserer heutigen materialistischen Zeit allerdings ein schwieriger
Versuch ist sowohl die innere Welt unseres Denkens, wie auch die
Welt unseres Lebens etwas in Zucht zu nehmen und sie nicht, wie wir
es gewohnt sind, frei laufen zu lassen. Wir konnen gewisse Fahig-
keiten ausbilden, die uns einen gemeinsamen Boden mit den Geistern,
die durch die Pforte des Todes gegangen sind, zuweisen. Es sind
natiirlich gerade in der Gegenwart auBerordentlich viele Hindernisse
im allgemeinen Leben vorhanden, um diesen gemeinsamen Boden zu
finden. Das erste Hindernis ist das, was ich vielleicht noch weniger
beruhrt habe. Aber was dariiber zu sagen ist, geht aus andern Be-
trachtungen, die ebenfalls hier gepflogen worden sind, auch schon
hervor. Das erste Hindernis ist, daB wir im allgemeinen in unserem
Leben mit unseren Gedanken zu verschwenderisch sind. Wir sind
alle heute, in unserer Gegenwart, verschwenderisch in bezug auf
unser Gedankenleben, ich konnte auch sagen: Wir sind ausschwei-
fend in bezug auf das Gedankenleben. - Was ist damit eigentlich
gemeint?
Der heutige Mensch lebt fast ganz unter dem Eindrucke des Sprich-
wortes: Gedanken sind zollfrei. Das heiBt, man soil eigentlich fast
alles durch die Gedanken schieBen lassen, was durch die Gedanken
schieBen will. Bedenken Sie nur einmal, daB doch das Sprechen ein
Abbild unseres Gedankenlebens ist, und bedenken Sie, auf welches
Gedankenleben das Sprechen der meisten Menschen heute schlieBen
laBt, wenn sie so schnattern, von Thema zu Thema wandern, die Ge-
danken nur so schieBen lassen, wie sie gerade kommen, das heiBt:
Verschwendung treiben mit der Kraft, die uns zum Denken verliehen
ist ! Und wir treiben fortwahrend Verschwendung, wir sind ganz aus-
schweifend in unserem Gedankenleben. Wir gestatten uns ganz be-
liebige Gedanken. Wir wollen etwas, was uns gerade einfallt, oder
unterlassen es auch, indem wir einen andern Gedanken einschieben.
Kurz, wir sind abgeneigt, unsere Gedanken in gewisser Beziehung
unter Kontrolle zu nehmen. Wie unangenehm ist es zum Beispiel
manchmal : Jemand fangt etwas zu reden an ; man hort ihm eine, zwei
Minuten zu; da ist er aber bei einem ganz andern Thema. Nun hat
man aber das Bedurfnis, iiber das, womit man angefangen hat zu
reden, sich weiter zu unterhalten. Das kann wichtig sein. Man muB
dann aufmerksam machen: Wovon haben wir eigentlich angefangen
zu reden? - Dergleichen passiert heute alle Augenblicke, so daB man,
wenn wirklich Ernst in das Leben gebracht werden soil, an das be-
gonnene Gesprach erinnern muB. Dieses Verschwenden der Gedan-
kenkraft, dieses Ausschweifen der Gedankenkraft verhindert, daB aus
der Tiefe unseres Seelenlebens diejenigen Gedanken zu uns herauf-
kommen, die nicht die unsrigen sind, sondern die wir mit dem Geisti-
gen, mit dem allgemein waltenden Geist gemein haben. Dieses Dran-
gen in beliebiger Weise von Gedanke zu Gedanke laBt uns nicht dazu
kommen, im Wachzustande zu warten, bis aus den Tiefen unseres
Seelenlebens die Gedanken heraufkommen, laBt uns nicht auf Ein-
gebungen warten, wenn ich mich so ausdriicken darf. Das aber ist
etwas, was - und zwar besonders in unserem Zeitalter, aus den an-
gedeuteten Griinden - geradezu gepflegt werden sollte, so gepflegt
werden sollte, daB man wirklich in der Seele die Stimmung ausbildet,
welche darin besteht: wachend warten zu konnen, bis sich Gedanken
gewissermaBen aus dem tiefen Untergrunde der Seele heraufheben,
die sich deutlich ankiindigen als das, was uns gegeben ist, was wir
nicht gemacht haben.
Man soil nicht glauben, daB das Ausbilden einer solchen Stimmung
in raschem Fluge vor sich gehen konnte. Das kann es nicht. So etwas
muB gepflegt werden. Aber wenn es gepflegt wird, wenn wir uns
wirklich bemuhen, einfach wach zu sein, und nicht, wenn wir die un-
willkiirlichen Gedanken ausschlieBen, gleich einzuschlafen, sondern
einfach wach zu sein und auf das zu warten, was man eingegeben
bekommt, dann bildet sich nach und nach diese Stimmung aus. Dann
bildet sich in uns die Mdglichkeit aus, Gedanken in unsere Seele
hereinzubekommen, die aus der Tiefe der Seele kommen und dadurch
aus der Welt kommen, die weiter ist als unsere Egoitat. Wenn wir so
etwas wirklich ausbilden, werden wir schon wahrnehmen, daB in der
Welt nicht bloB das vorhanden ist, was wir mit Augen sehen, mit
Ohren horen, mit den auBeren Sinnen wahrnehmen, und wie unser
Verstand diese Wahrnehmungen kombiniert, sondern daB ein objek-
tives Gedankenweben in der Welt vorhanden ist. Dies haben heute
noch die wenigsten Menschen als ihre ureigene Erfahrung. Dieses
Erlebnis von dem allgemeinen Gedankenweben, in dem die Seele
eigentlich drinnen ist, ist noch nicht irgendein bedeutsameres, okkul-
teres Erlebnis ; es ist etwas, was jeder Mensch haben kann, wenn er die
angedeutete Stimmung in sich ausbildet. Er kann dann das Erlebnis
haben, daB er sich sagt: Im alltaglichen Leben stehe ich in der Welt,
die ich durch meine Sinne wahrnehme und mit dem Verstande mir
zusammenkombiniert habe. Dann aber komme ich in die Lage, wie
wenn ich, am Ufer stehend, eintauche in das Meer und da webe in dem
wellenden Wasser. So kann ich, am Ufer des sinnlichen Daseins
stehend, eintauchen in das webende Meer der Gedanken; da bin ich
dann wirklich wie in einem webenden Meer drinnen. - Man kann
dann das Gefuhl haben, daft man ein Leben ahnt wenigstens, das
starker, intensiver ist als das bloBe Traumleben, das aber doch
zwischen sich und der auBeren sinnlichen Wirklichkeit eine solche
Grenze hat, wie es das Traumleben fur die sinnliche Wirklichkeit
hat.
Man kann, wenn man will, von solchen Erlebnissen als von Trau-
men sprechen. Es ist kein Traumen! Denn die Welt, in die man da
eintaucht, diese Welt der wogenden Gedanken, die nicht unsere Ge-
danken sind, sondern die Gedanken, in die man untergetaucht ist, das
ist die Welt, aus der unsere physisch-sinnliche Welt aufsteigt, ge-
wissermaBen verdichtet aufsteigt. Unsere physisch-sinnliche Welt ist
so wie die Eisblocke, die EiskloBe im Wasser: das Wasser ist da, die
EiskloBe verharten sich, schwimmen darin. Wie das Eis aus dem
Stoffe des Wassers besteht, nur zu anderem Aggregatzustande gefiigt
ist, so erhebt sich unsere physisch-sinnliche Welt aus diesem wogen-
den, wellenden Gedankenmeer. Das ist der wirkliche Ursprung. Die
Physik spricht nur von ihrem « Ather», von den wirbelnden Atomen,
weil sie nicht weiB, welches die wirkliche Urstofflichkeit ist. Shake-
speare war dieser wirklichen Urstofflichkeit naher, da er eine seiner
Personen sagen lieB : Die Welt der Wirklichkeit ist aus Traumen ge-
woben. - Die Menschen geben sich in bezug auf solche Dinge nur
allzu gern Tauschungen hin. Sie mochten eine grobklotzige atomi-
stische Welt hinter der physischen Wirklichkeit finden. Aber wenn
man liberhaupt von einem solchen « hinter der physischen Wirklich-
keit » sprechen will, so muB man von dem objektiven Gedanken-
weben, von der objektiven Gedankenwelt sprechen. Dazu kommt man
aber nur, wenn man die Ausschweifung, die Verschwendung in bezug
auf die Gedanken einstellt und jene Stimmung entwickelt, die dann
kommt, wenn man warten kann auf das, was man popular als Ein-
gebung bezeichnet.
Fur die, welche sich etwas mit Geisteswissenschaft beschaftigen,
ist es nicht so schwierig, diese hier gekennzeichnete Stimmung zu ent-
wickeln. Denn die Art des Denkens, die man entfalten muB, wenn
man anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft treibt, leitet die
Seele an, eine solche Stimmung zu entwickeln. Und wenn man ernst
diese Geisteswissenschaft treibt, dann kommt man zu dem Bediirfnis,
solch intimes Gedankenweben in sich zu entwickeln. Dieses Ge-
dankenweben aber bietet uns die gemeinsame Sphare, in der wir auf
der einen Seite, die sogenannten Toten auf der andern Seite sind. Das
ist der gemeinsame Boden, wo man sich mit den Toten trefTen kann.
In die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unserem
Verstande kombinieren, kommen die Toten nicht herein; aber sie
kommen herein in die Welt, die ich eben charakterisiert habe.
Ein zweites ist gegeben in dem, was ich im vorigen Jahre einmal
besprochen habe: in dem Beobachten feiner, intimer Lebenszusam-
menhange. Sie erinnern sich, um anzudeuten, was ich eigentlich damit
meine, habe ich auf ein Beispiel hingewiesen, das man in der psycho-
logischen Literatur flnden kann. Schubert macht auch darauf aufmerk-
sam ; es ist noch aus der alteren Literatur, aber man kann solche Bei-
spiele immer wieder und wieder im Leben finden. - Ein Mensch ist
gewohnt, taglich einen bestimmten Spaziergang zu machen. Als er
ihn eines Tages auch wieder macht, hat er, indem er an einem be-
stimmten Punkt seines Weges ankommt, die Empfindung, er miisse
stehenbleiben, zur Seite treten, und es kommt ihm der Gedanke, ob
es eigentlich recht ist, die Zeit mit diesem Spaziergange zu verbringen.
In diesem Augenblick fallt auf den Weg ein Stein, der sich vom
Felsen abgespalten hat und der ihn ganz sicher getrofFen hatte, wenn
er nicht durch seine Gedanken veranlaBt worden ware, einen Schritt
zur Seite zu treten.
Es ist dies ein grobes Erlebnis, auf das jeder aufmerksam wird, dem
dergleichen im Leben passiert. Aber solche Erlebnisse, wenn sie auch
feiner geschiirzt sind, drangen sich taglich in unser ganz gewohnliches
Leben herein. Wir beachten sie in der Regel nicht. Wir rechnen nur
mit dem im Leben, was geschieht, nicht aber mit dem, was hatte
geschehen konnen und dadurch nicht geschehen ist, daB irgend etwas
eingetreten ist, was uns von diesem oder jenem abgehalten hat. Wir
rechnen mit dem, was passiert ist, wenn wir zu Hause eine Viertel-
stunde aufgehalten worden sind und einen Gang nun eine Viertel-
stunde spater machen, als beabsichtigt. Oft und oft wiirde sehr Merk-
wiirdiges herauskommen, wenn wir dariiber nachdenken wollten, was
denn eigentlich alles anders geworden ware, wenn wir nun nicht auf-
gehalten worden waren und eine Viertelstunde friiher von Hause
weggegangen waren.
Versuchen Sie einmal, systematisch so etwas wirklich in Ihrem
Leben zu beobachten, was alles anders geworden ware, wenn nicht
im letzten Augenblicke, als Sie haben weggehen wollen, jemand ge-
kommen ware, auf den Sie vielleicht sehr bose waren, der Sie einige
Minuten aufgehalten hat. Fortwahrend drangt sich alles, was hatte
anders sein konnen, nach seiner Veranlagung, in das menschliche
Leben herein. Wir suchen einen kausalen Zusammenhang zwischen
dem, was im Leben wirklich passiert. Wir denken nicht daran, mit
derjenigen Subtilitat durch das Leben zu gehen, die in der Annahme
eines Abbrechens von veranlagten Geschehensketten liegen wiirde, so
daB, ich mochte sagen, fortwahrend iiber unser Leben eine Atmo-
sphare von Moglichkeiten ausgegossen ist.
Wenn wir dies mitbeachten, dann haben wir eigentlich immer das
Gefuhl, wenn wir um zwolf Uhr Mittags etwas tun, nachdem wir
Morgens einmal zehn Minuten aufgehalten worden sind : Es steht das,
was wir um zwolf Uhr Mittags tun, oftmals - es kann ja auch anders
sein - nicht nur unter dem EinfluB der vorhergehenden Ereignisse,
sondern auch unter dem EinfluB des Unzahligen, was nicht ge-
schehen ist, wovon wir abgehalten worden sind. Dadurch daB wir das
Mogliche, nicht nur das auBerlich-sinnlich Wirkliche, mit unserem
Leben in Zusammenhang denken, werden wir zu der Ahnung ge-
trieben, wie wir eigentlich im Leben so drinnenstehen, daB das Auf-
suchen von Zusammenhangen des Folgenden mit dem Vorhergehen-
den eine recht einseitige Art ist, das Leben anzusehen. Wenn wir uns
wirklich solche Frage stellen, dann wird wiederum etwas in unserem
Geist angeregt, was sonst unangeregt bliebe. Wir kommen dazu,
gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens zu beobachten; wir kom-
men dazu, das Leben in seiner Vieldeutigkeit kennenzulernen. Wir
kommen schon dann dazu, gewissermaBen uns in der Umgebung
drinnen zu sehen, wie sie uns formt, wie sie uns Stuck fur Stuck im
Leben vorwartsbringt. Das beachten wir ja fur gewohnlich viel zu
wenig. Wir beachten meistens nur, welche inneren Triebkrafte uns
von Stufe zu Stufe leiten. Nehmen Sie irgendein einfaches, gewohn-
liches Beispiel, an dem Sie ersehen konnen, wie Sie das AuBere nur in
sehr fragmentarischer Weise mit Ihrem Inneren in Zusammenhang,
in ein Verhaltnis bringen.
Versuchen Sie einmal den Blick zu werfen auf die Art, wie Sie Ihr
Aufstehen am Morgen vorzustellen gewohnt sind. Sie werden zumeist,
wenn Sie sich das klarzumachen versuchen, eine sehr eindeutige Idee
davon bekommen: die Idee, wie Sie getrieben werden, aufzustehen,
aber vielleicht auch noch dies sich recht nebulos vorstellen. Aber ver-
suchen Sie nur einmal, ein paar Tage lang iiber den Gedanken nach-
zudenken, der Sie eigentlich jeweils aus dem Bette treibt; versuchen
Sie sich vollig klarzumachen, welcher einzelne Gedanke Sie konkret
aus dem Bette treibt, also sich klarzumachen : Gestern bist du deshalb
aufgestanden, weil du gehort hast, daB im Nebenzimmer der Kaffee
bereitet worden ist; das hat dich aufmerksam gemacht, das hat be-
wirkt, daB du dich gedrangt fuhltest, aufzustehen; heute passierte dir
etwas anderes. Ich meine, machen Sie sich konkret klar, nicht was Sie
aus dem Bette getrieben hat, sondern was das treibende AuBen war.
Der Mensch vergiBt gewohnlich, sich in der AuBenwelt zu suchen,
daher findet er so wenig sich in der AuBenwelt. Wer nur ein wenig
auf so etwas achtet, der wird wieder leicht jene Stimmung entwickeln,
vor der die Menschen heute geradezu eine heilige, nein, eine «un-
heilige» Scheu haben, jene Stimmung, die darin besteht, daB man
wenigstens einen Untergedanken bei dem ganzen Leben hat, den man
eigentlich im gewohnlichen Leben nicht hat. Es bringt sich zum Bei-
spiel der Mensch in ein Zimmer hinein, er bringt sich an irgendeinen
Ort, aber er denkt wenig daran: Wie verandert sich der Ort, wenn er
hineintritt? - Andere Menschen haben zuweilen davon eine An-
schauung, aber selbst diese Anschauung von auBen ist heute nicht
sehr verbreitet. Ich weiB nicht, wie viele Menschen eine Empfindung
dafiir haben : Wenn eine Gesellschaft in einem Raume ist, dann ist der
eine Mensch oftmals doppelt so stark da wie der andere; der eine ist
stark da, der andere schwach. - Das ist etwas, was von den Imponde-
rabilien abhangt. Sie konnen leicht die Erfahrung machen: Ein
Mensch ist in einer Gesellschaft, er huscht hinein, er huscht wieder
hinaus, und man hat das Gefuhl, als ob es ein Engel gewesen ist, der
herein- und heraushuschte. Mancher dagegen ist so stark da, daB er
nicht nur mit seinen beiden sichtbaren Beinen da ist, sondern mit
allerlei unsichtbaren Beinen - wenn man so sagen darf - auch da ist.
Die andern beachten es in der Regel sehr wenig, obwohl es fur sie sehr
wahrnehmbar sein kann, aber der Mensch selber beachtet es von sich
aus schon gar nicht. Der Mensch hat gewohnlich nicht jenen Unterton,
den man haben kann von der Veranderung, die man durch seine
Anwesenheit in der Umgebung hervorruft; man bleibt bei sich, man
fragt nicht bei der Umgebung an, was man da fur eine Veranderung
hervorbringt. Aber die Ahnung, das Echo seines Daseins in der Um-
gebung wahrzunehmen, kann man sich anerziehen. Und denken Sie
nur, wie das auBere Leben an Intimitat gewinnen wiirde, wenn so
etwas systematischer anerzogen wiirde, wenn die Menschen nicht bloB
die Orte mit ihrer Anwesenheit bevolkern wiirden, sondern ein Ge-
fuhl dafiir haben wiirden, was das ausmacht, daB sie an einem Orte
sind, sich dort geltend machen, daB sie eine Veranderung dadurch
hervorrufen, daB sie an diesem Orte sind.
Das ist nur ein Beispiel. Solche Beispiele konnte man fur alle mog-
lichen Lagen des Lebens anfiihren. Mit andern Worten, man kann auf
ganz gesunde Weise - nicht dadurch, daB man sich fortwahrend selber
auf die FiiBe tritt, sondern auf ganz gesunde Weise - das Medium
des Lebens verdichten, so daB man fiihlt, was man selber fur einen
Einschnitt im Leben macht. Dadurch lernt man den Anfang des-
jenigen kennen, was Karmaempfindung, was Schicksalsempfindung
ist. Denn wenn man vollstandig empfinden wiirde, was dadurch ge-
schieht, daB man dies oder jenes tut, daB man da oder dort ist, wenn
man gewissermaBen immer das Bild vor sich hatte, das man in der
Umgebung mit seinem Tun, mit seinem Sein hervorbringt, dann hatte
man ein deutliches Gefuhl seines Karma vor sich, denn Karma ist aus
diesem Miterlebten gewoben.
Jetzt aber will ich nur darauf hinweisen, wie das Leben durch die
Einfiigung solcher Intimitaten reicher wird, wenn wir so zwischen
den Zeilen des Lebens beobachten, wenn wir so auf das Leben hin-
zuschauen lernen, daB wir gewissermaBen darauf aufmerksam werden,
daB wir da sind, wenn wir mit «Gewissen» da sind. Dann entwickeln
wir durch solches BewuBtsein wiederum etwas von der gemeinsamen
Sphare mit den Toten. Und wenn wir in einem solchen BewuBtsein,
das zu diesen zwei Saulen hinblicken darf, die ich jetzt charakterisiert
habe: gewissenhaftes Verfolgen des Lebens, und Sparsamkeit, nicht
Verschwendungssucht in den Gedanken ~, wenn wir eine solche
innere Stimmung entwickeln, dann wird es von Erfolg, von dem fur
die Gegenwart und Zukunft notwendigen Erfolg begleitet sein, wenn
wir uns in der geschilderten Weise den Toten nahern. Wenn wir dann
Gedanken ausbilden, die wir anknupfen an, jetzt nicht bloB gedanken-
maBiges Zusammensein mit einem Verstorbenen, sondern an gefiihls-
maBiges, interessevolles Zusammensein, wenn wir solche Gedanken
an Lebenssituationen mit dem Toten weiterspinnen, Gedanken an
das, wie wir mit ihm gelebt haben, so daB sich ein Gefuhlston zwischen
uns abgespielt hat, wenn wir so anknupfen nicht an gleichgiiltiges
Zusammensein, sondern an Momente, wo uns das interessiert hat, wie
er dachte, lebte, handelte, und wo ihn interessiert hat, was wir in ihm
anregten, so konnen wir solche Momente niitzen, um gewissermaBen
das Gesprach der Gedanken fortzusetzen. Und wenn man dann diesen
Gedanken ruhen lassen kann, so daB man iibergeht in eine Art Medi-
tation, daB dieser Gedanke gewissermaBen dargebracht wird am Altar
des inneren geistigen Lebens, dann kommt der Augenblick, wo wir
gewissermaBen von dem Toten Antwort bekommen, wo er sich wie-
der mit uns verstandigen kann. Wir brauchen nur die Briicke her-
zustellen von dem, was wir an dem Toten entwickeln, zu dem, wo-
durch er seinerseits wieder heriiberkommen kann zu uns. Diesem
Heriiberkommen wird es aber besonders niitzen, wenn wir imstande
sind, wirklich in tiefster Seele ein Bild zu entwickeln von der Wesen-
heit des Toten. Das ist ja etwas, was der heutigen Zeit auch wirklich
sehr feme steht, weil - wie ich schon in friiheren Betrachtungen gesagt
habe - die Menschen sehr aneinander vonibergehen, oft im vertrau-
testen Lebenskreise zusammen sind und dann auseinandergehen, ohne
daB sie sich kennen. Das Kennenlernen braucht ja nicht darauf zu
beruhen, daB man sich analysiert. Wer sich von dem mit ihm Lebenden
analysiert weiB, der fuhlt sich, wenn er eine feiner veranlagte Seele ist,
auch gepriigelt. Also darauf kommt es nicht an, daB man sich analy-
siert. Die beste Kenntnis vom andern erlangt man, wenn das Her2
zusammenstimmt ; man braucht sich gar nicht irgendwie zu analy-
sieren.
Ich bin davon ausgegangen, daB solche Pflege des Verhaltnisses zu
den sogenannten Toten in unserer Zeit ganz besonders notwendig ist,
gerade weil wir nicht durch Willkiir, sondern einfach durch die
Evolution der Menschheit im Zeitalter des Materialismus leben, weil
wir nicht imstande sind, bevor wir durch die Pforte des Todes gehen,
alle unsere Anlagen an Gedanken, Gefuhlen und Empfindungen aus-
zubilden, auszugestalten. Weil noch etwas bleibt, wenn wir durch die
Pforte des Todes gegangen sind, deshalb ist es notwendig, daB die
Lebenden den Verkehr mit den Toten aufrechterhalten, damit das
gewohnliche Leben der Menschen bereichert werde durch diesen Ver-
kehr mit den Toten. Wenn man doch nur den Menschen der Gegen-
wart dies ans Herz legen konnte, daB das Leben verarmen muB, wenn
der Toten vergessen wird! Und richtiges Gedenken der Toten konnen
doch nur diejenigen entwickeln, die irgendwie karmisch mit ihnen
verbunden war en.
Wenn wir zu einem unmittelbaren Verkehr mit den Toten hin-
streben, der sich so gestaltet wie der Verkehr zu den Lebenden - ich
habe auch dariiber gesprochen, daB die Dinge gewohnlich deshalb als
besonders schwierig empfunden werden, weil sie nicht bewuBt sind;
aber nicht alles, was wirklich ist, ist auch bewuBt, und nicht alles, was
[nicht b]ewuBt wird, ist deshalb unwirklich -, wenn wir den Verkehr
mit den Toten in dieser Weise pflegen, dann ist er vorhanden, dann
wirken die im Leben unausgebildeten Gedanken der Toten in dieses
Leben herein. Es ist ja allerdings eine Zumutung an unsere Zeit, was
damit gesagt wird. Jedoch sagt man so etwas, wenn man davon uber-
zeugt ist durch die geistigen Tatsachen: daB unser soziales Leben,
unser ethisches, unser religioses Leben unendliche Bereicherung erfah-
ren wiirden, wenn die Lebenden sich von den Toten beraten lieBen.
Heute ist man ja schon abgeneigt, zum Beraten den Menschen bis in
ein gewisses Alter kommen zu lassen. Denken Sie nur einmal, daB man
es heute fur das einzig Richtige betrachtet, daB der Mensch so jung
wie moglich in Stadt- und Staatsverrichtungen komme, weil er so jung
wie moglich reif zu allem moglichen ist - auch nach seiner Ansicht
heute. In Zeitaltern, in denen man bessere Kenntnis hatte von dem
Wesen des Menschen, wartete man, bis die Menschen ein gewisses
Alter hatten, um in diesem oder jenem Rate zu sein. Nun sollen gar die
Menschen warten, bis die andern gestorben sind, um sich dann von
ihnen beraten zu lassen! Dennoch muBte gerade unsere Zeit auf den
Rat der Toten hinhorchen wollen. Heil wird erst entstehen konnen,
wenn man in der angedeuteten Weise wird auf den Rat der Toten
hinhorchen wollen.
Geisteswissenschaft mutet schon einmal dem Menschen Ener-
gisches zu. Das muB verstanden werden, muB begriffen werden. Gei-
steswissenschaft verlangt nach einer gewissen Richtung hin, daB der
Mensch wirklich nach Konsequenz und Klarheit trachtet. Und wir
stehen heute vor der Notwendigkek, nach Klarheit zu suchen inner-
halb unserer katastrophalen Ereignisse, da dieses Suchen nach Klar-
heit das Allerwichtigste ist. Mehr als man glaubt, hangen solcheDinge,
wie sie heute wieder besprochen worden sind, mit den groBen An-
forderungen unserer Zeit zusammen. Ich habe schon auch in diesem
Winter hier darauf hingewiesen, wie ich versuchte, viele Jahre bevor
diese Weltkatastrophe hereinbrach, in meinen Vortragszyklen iiber die
europaischen Volkerseelen auf manches hinzudeuten, was im all-
gemeinen Menschheitszusammenhange heute zu finden ist. Wenn Sie
jenen Zyklus iiber «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammen-
hange mit der germanisch-nordischen Mythologie», den ich einmal in
Kristiania gehalten habe, zur Hand nehmen, werden Sie ein gewisses
Verstandnis gewinnen konnen fur das, was sich in den heutigen Er-
eignissen abspielt. Es ist nicht zu spat, und es wird sich manches ab-
spielen, wofiir Sie auch noch Verstandnis aus diesem Zyklus, selbst
noch fur die nachsten Jahre, werden gewinnen konnen.
So wie die Menschen auf der Erde heute zueinander stehen, sind
ihre Verhaltnisse nur fur den wirklich durchdringbar, der die geistigen
Impulse zu schauen vermag. Und die Zeit riickt immer mehr und
mehr heran, wo es ein wenig notig werden wird, daB die Menschen
sich die Frage vorlegen : Wie verhalt sich zum Beispiel das Empfinden
und das Denken des Ostens zum Denken und Empfinden Europas,
namentlich Mitteleuropas? Und wie verhalt sich dieses wieder zum
Denken des Westens, zum Denken Amerikas? Diese Frage sollte in
alien moglichen Varianten vor die Menschenseele treten. Man sollte
sich schon jetzt ein wenig fragen: Wie sieht der Orientale heute
Europa an? Der Orientale, der auf Europa viel schaut, hat von ihm
heute die Empfindung, daB das europaische Kulturleben sich in eine
Sackgasse hineinfiihrt, sich zu einem Abgrund gefiihrt hat. Der Orien-
tale hat heute das Gefuhl, daB er nicht verlieren darf, was er aus seinen
alten Zeiten sich an Spiritualitat heraufgebracht hat, wenn er das iiber-
nimmt, was Europa ihm geben kann. Der Orientale verachtet nicht
die europaischen Maschinen zum Beispiel, aber er sagt sich heute -
es sind dies eigene Worte eines bemhmten Orientalen, was ich hiermit
ausspreche: Wir wollen schon annehmen, was die Europaer an Ma-
schinen und Werkzeugen geformt haben, aber wir wollen es in den
Schuppen stellen, nicht in die Tempel und nicht in die heimatlichen
Wohnungen, wie es die Europaer tun ! - Der Orientale sagt, der Euro-
paer hatte die Moglichkeit verloren, den Geist in der Natur zu
schauen, die Schonheit in der Natur zu schauen. Indem der Orientale
auf das schaut, was er allein sehen kann, wie der Europaer nur bei
auBerlich Mechanischem, bei dem auBerlich Sinnlichen im Handeln
und in der Betrachtung stehenbleiben will - denn das kann er ja nur
sehen -, da glaubt der Orientale, daB er berufen sei, die alte Geistig-
keit wieder aufzuwecken, die alte Geistigkeit der Erdenmenschheit
zu retten. Der Orientale, der in konkreter Art von geistigen Wesen-
heiten spricht - Rabindranath Tagore hat es zum Beispiel vor kurzem
getan -, sagt: Die Europaer haben in ihre Kultur diejenigen Impulse
einbezogen, die nur dadurch einbezogen werden konnen, daB sie vor
ihren Kulturwagen den Satan gespannt haben; sie benutzen die Kraft
des Satans, um vorwartszukommen. Der Orientale ist dazu berufen -
meint Rabindranath Tagore diesen Satan wieder auszuschalten und
Spiritualitat iiber Europa zu bringen.
Da liegt schon ein Phanomen vor, an dem leider heute zu stark
voriibergegangen wird. Wir haben mancherlei erlebt - dariiber will ich
nachstens reden -, aber wir haben zum Beispiel innerhalb unserer
Entwickelung vieles auBer acht gelassen, was wir in diese Entwicke-
lung hereingebracht hatten, wenn wir zum Beispiel spirituelle Sub-
stanz, wie sie von Goethe kommt - ich will nur diesen einen Namen
nennen wirklich lebendig in unserer Kulturentwickelung hatten.
Nun kann jemand sagen: Der Orientale kann heute nach Europa
schauen und kann dann wissen: in diesem europaischen Leben lebt
Goethe. - Er kann es wissen. Sieht er es ? Man kann sagen, die Deut-
schen haben ja zum Beispiel eine Gesellschaft gegriindet, die «Goethe-
Gesellschaft », ich meine nicht den « Goethe- Verein ». Und nehmen
wir an, der Orientale wollte sie kennenlernen - die groBe Frage des
Orients und des Okzidents ist schon ins Rollen gekommen, sie hangt
doch zuletzt von geistigen Impulsen ab -, er wollte sich iiber die
Goethe-Gesellschaft unterrichten und die Realitat ins Auge fassen.
Dann wiirde er sich sagen: Goethe hat so stark gewirkt, daB sich sogar
in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Moglichkeit geboten
hat, in einer seltenen Weise Goethe fur die deutsche Kultur fruchtbar
zu machen, sozusagen ein giinstiger Umstand, wie er sich dadurch
geboten hat, daB eine Fiirstin mit ihrer ganzen Umgebung sich ge-
funden hat, wie es die GroBherzogin Sophie von Sachsen-Weimar war,
die den NachlaB Goethes in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts
hergenommen hat, um diesen NachlaB zu pflegen, wie noch nie einer
gepflegt worden ist. Das ist da. Aber betrachten wir als auBeres
Instrument die Goethe-Gesellschaft. Sie ist auch da. Nun war vor
einigen Jahren wieder einmal der Posten des Prasidenten dieser
Goethe-Gesellschaft vakant. Innerhalb der ganzen Weiten des Gei-
steslebens fand sich nur ein ehemaliger Finanzminister, den man zum
Prasidenten der Goethe-Gesellschaft gemacht hat! Das ist das, was
auBerlich gesehen wird. Solche Dinge sind schon wichtiger, als man
eigentlich denkt. Was notwendiger ware, das ist, daB zum Beispiel der
fur Spiritualitat entflammte und fur Spiritualitat verstandige Orientale
in die Moglichkeit kame, zu wissen, daB innerhalb der europaischen
Kultur so etwas doch auch da ist wie eine anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft. Doch das kann er ja nicht wissen. Das kann
nicht an ihn heran, weil es nicht durch kann durch das, was sonst da
ist - natiirlich nicht nur in der einen Erscheinung. Es ist nur sympto-
matisch, was dadurch da ist, daB der President der Goethe-Gesell-
schaft ein ehemaliger Finanzminister ist und so weiter. Ich brauchte
nicht aufzuhoren mit solchen Beispielen.
Das ist nun, ich mochte sagen, eine dritte Forderung : durchgreifen-
des, mit der Wirklichkeit verbundenes Denken, ein Denken, mit dem
man nicht stehenbleibt bei Unklarheiten, bei unklaren Lebenskompro-
missen. Bei meiner letzten Reise hat mir jemand iiber ein Faktum, das
mir bereits schon gut bekannt war, etwas in die Hand gednickt. Ich
will Ihnen von der Sache nur den einen kurzen Auszug hier geben:
«Wer jemals die Banke eines Gymnasiums gedriickt hat, dem werden
die Stunden unvergeBlich sein, da er im Plato die Gesprache zwischen
Sokrates und seinen Freunden <genoB> - unvergeBlich wegen der
fabelhaften Langenweile, die diesen Gesprachen entstromt. Und man
erinnert sich vielleicht, daB man die Gesprache des Sokrates eigentlich
herzhaft dumm fand; aber man wagte natiirlich nicht, diese Ansicht
zu auBern, denn schlieBlich war der Mann, um den es sich handelte, ja
Sokrates, der <griechische Philosophy Mit dieser ganz ungerecht-
fertigten Uberschatzung des braven Atheners raumt das Buch
< Sokrates - der Idiot > von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eys-
ler & Co., Berlin) gehorig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unter-
nimmt in dem kleinen, unterhaltend geschriebenen Werk nichts Ge-
ringeres, als Sokrates seiner Philosophenwiirde so ziemlich voll-
standig zu entkleiden. Der Titel (Sokrates - der Idiot > ist wort-
lich gemeint. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daB sich
an das Buch noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen kniipfen
werden. »
Das nachste, wozu der Mensch mit seinem Empfinden kommt,
wenn er von so etwas Kenntnis nimmt, das ist, daB er sich sagt : Was
ist das fur etwas Merkwurdiges, daB jemand kommt wie der Alexander
Moszkowski und den Beweis liefern will, daB Sokrates ein Idiot war?
Das ist das Nachstliegende, was die Leute empfinden. Aber das ist
eine KompromiBempfindung, die nicht herriihrt von einem klaren,
durchgreifenden Denken, die nicht herriihrt von einem Sich-Gegen-
iiberstellen der wahren Wirklichkeit.
Damit mochte ich noch ein anderes vergleichen. Es gibt heute
schon Biicher, die vom psychiatrischen Standpunkte aus geschrieben
sind iiber das Leben Jesu. Darin wird das, was Jesus alles getan hat,
vom Standpunkte der heutigen Psychiatrie aus untersucht und mit
allerlei krankhaften Handlungen verglichen, und es wird dann vom
modernen Psychiater bewiesen aus den Evangelien, daB Jesus ein
krankhafter Mensch, ein Epileptiker gewesen sein muB, daft ja die
ganzen Evangelien iiberhaupt nur vom Paulinischen Standpunkte aus
zu verstehen sind und so weiter. Ausfiihrliche Berichte gibt es iiber
diese Sache.
Es ist wieder sehr einfach, nun leichten Herzens iiber diese Dinge
hinwegzugehen. Aber die Sache liegt etwas tiefer. Stehen Sie voll-
standig auf dem Standpunkte der heutigen Psychiatrie, geben Sie
diesen Standpunkt der heutigen Psychiatrie so, wie er offiziell an-
erkannt ist, zu, dann miissen Sie, wenn Sie iiber das Leben Jesu nach-
denken, zu demselben Resultat kommen wie die Verfasser dieser
Biicher. Sie konnen nicht anders denken, denn sonst waren Sie un-
wahr, sonst waren Sie nicht im wahren Sinn des Wortes moderner
Psychiater. Und Sie sind nicht im wahren Sinne des Wortes moderner
Psychiater im Sinne der Anschauung Alexander Moszkowskis, wenn
Sie nicht denken, daB Sokrates ein Idiot war. Und Moszkowski unter-
scheidet sich von denen, die auch Anhanger dieser Theorien sind und
Sokrates fur keinen Idioten halten, nur dadurch, daB die letzteren un-
wahr sind - und er ist wahr; er geht keinen KompromiB ein. Denn es
gibt keine Moglichkeit, wahr zu sein, auf dem Standpunkte der Welt-
anschauung Alexander Moszkowskis zu stehen und Sokrates nicht als
einen Idioten anzuschauen. Will man beides, will man zugleich An-
hanger der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung sein
und dennoch Sokrates gelten lassen, ohne ihn als einen Idioten an-
zuschauen, so ist man unwahr. Ebenso ist man unwahr, wenn man
moderner Psychiater ist und das Leben Jesu gelten laBt. Aber der
moderne Mensch will nicht bis zu diesem klaren Standpunkt kommen;
denn sonst miiBte er sich die Frage ganz anders stellen. Sagen miiBte
er sich dann : Nun wohl, ich betrachte Sokrates nicht als einen Idioten,
ich lerne ihn besser kennen, aber das fordert von mir auch die Ab-
lehnung einer Weltanschauung, wie es diejenige des Moszkowski ist;
und ich sehe in Jesu den groBten Trager von Ideen, der jemals
mit dem Erdenleben in Beriihrung gekommen ist; das aber erfor-
dert, daB ich die moderne Psychiatrie ablehne, sie nicht gelten lassen
darf!
Das ist es, worum es sich handelt: wirklichkeitsgemaBes, klares
Denken, das nicht die gewohnlichen faulen Kompromisse schlieBt,
die ja im Leben da sind, die aber aus dem Leben nur entfernt werden
konnen, wenn man sie in Wahrheit erfassen kann. Es ist leicht, zu
denken oder entriistet zu sein, wenn man den Beweis anerkennen soil,
daft nach Moszkowski Sokrates ein Idiot ist. Aber richtig ist es, wenn
man die Konsequenzen der modernen Weltanschauung zieht, daB sie
von ihrem Standpunkte aus in Sokrates einen Idioten sieht. Aber
solche Konsequenzen wollen die Leute nicht Ziehen : so etwas wie die
moderne Weltanschauung ablehnen. Denn sie konnten sonst in eine
noch unangenehmere Lage kommen: Man miiBte dann Kompromisse
machen und sich vielleicht daruber klar sein, daB Sokrates kein Idiot
ist; aber wenn man dann vielleicht darauf kame, daB - Moszkowski
ein Idiot ist? Er ist ja nun kein machtiger Mann, aber wenn es nun
machtigere Leute sind, so konnte allerlei und viel Schlimmeres
passieren!
Ja, um in die geistige Welt einzudringen, ist wirklichkeitsgemaBes
Denken notig. Das erfordert auf der andern Seite, sich klar vor Augen
zu stellen, wie die Dinge sind. Gedanken sind Wirklichkeiten, und
unwahre Gedanken sind bose, hemmende, zerstorende Wirklichkeiten.
Es hilft nichts, wenn man sich einen Nebel daruber breitet, daB man
selber unwahr ist, indem man neben der Weltanschauung des Mosz-
kowski auch die Weltanschauung des Sokrates gelten lassen will. Denn
das ist ein unwahrer Gedanke, wenn man beides nebeneinander in
seiner Seele postiert, wie es der moderne Mensch tut. Wahr wird man
nur, wenn man sich vor Augen fiihrt, daB man entweder auf dem
Standpunkt des reinen naturwissenschaftlichen Mechanismus steht wie
Moszkowski, daB man dann Sokrates als einen Idioten anzuschauen
hat; dann ist man wahr. Oder aber man weiB aus anderem, daB
Sokrates kein Idiot war; dann hat man notig, sich daruber Klarheit
zu verschaffen, wie stark das andere abgelehnt werden muB. Wahrsein
ist ein Ideal, das die Seele des heutigen Menschen vor sich hinstellen
sollte. Denn Gedanken sind Wirklichkeiten. Und wahre Gedanken
sind heilsame Wirklichkeiten. Und unwahre Gedanken, auch wenn sie
noch so sehr mit dem Mantel der Nachsicht gegen das eigene Wesen
zugedeckt werden, unwahre Gedanken, im Inneren des Menschen
gefaBt, sind Wirklichkeiten, welche die Welt und die Menschheit
zuriickbringen.
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 12.Marz 1918
Wir haben versucht, gerade mit Beziehung auf die Menschenseelen,
die schon durch des Todes Pforte gegangen sind, die Verhaltnisse
aufzusuchen, die da bestehen zwischen der Welt, in welcher der
Mensch lebt zwischen Geburt und Tod, und derjenigen Welt, in der
er lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir wollen diese
Verhaltnisse von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu be-
trachten versuchen.
Es wird die Menschheit im Laufe der Zeit, wenn sie - wie sie es
notgedrungen wird miissen, um die Menschenaufgabe in den nachsten
Zeiten zu erfullen - sich erkennend an die geistige Welt heranmacht,
sich davon iiberzeugen, daB ein richtiges, erschopfendes Erkennen der
Welt und ihrer Beziehung zu den Menschen weit, weit iiber dasjenige
hinausgeht, was durch die physisch-sinnliche Wissenschaft und den
Verstand, an den diese Wissenschaft gebunden ist, sich erforschen
laBt. Der Mensch kennt gewissermaBen nur einen sehr kleinen Teil
der wirklichen Welt - ich meine : der wirksamen Welt, in der er auch
selber wirksam drinnensteht -, wenn er sich nur auf dasjenige bezieht,
was durch die Sinne wahrnehmbar ist und durch den an die Sinne
gefesselten Verstand festgestellt werden kann. Ich habe im Verlaufe
der Vortrage darauf hingedeutet, wie der Mensch gewissermaBen
seine Beobachtung verfeinern kann, wie er sie ausdehnen kann auf
Verschiedenes, was im Leben vorhanden ist, aber eigentlich aus dem
Grunde im Leben nicht beachtet wird, weil man nur das ins Auge
faBt, was wahrend des Wachlebens des Menschen vom Morgen bis
zum Abend geschieht, und nicht bemcksichtigt, was geschehen
konnte, wovon wir in gewissem Sinne abgehalten werden, daB es ge-
schehe. Ich habe, um Ihnen von diesen Dingen, die man zunachst
mehr erfuhlen muB als denken, wenigstens vorlaufige BegrifTe dar-
iiber zu geben, darauf hingewiesen, daB man sich ja nur zu uberlegen
braucht, wie man zum Beispiel von einem Ausgang abgehalten sein
konnte, zu dem man sich fur irgendeine Tagesstunde angeschickt hat,
indem jemand zu Besuch kommt. Man hat sich vielleicht vorgenom-
men, um elf Uhr vormittags auszugehen, aber man kann es erst eine
halbe Stunde spater. Man stelle sich nun vor, wie unter Umstanden -
selbstverstandlich unter Umstanden - der Tag doch ganz anders ver-
laufen ware, wenn man zu der vorgenommenen Zeit ausgegangen
ware, wie einem irgend etwas anderes in dieser halben Stunde, die
man versaumt hat, hatte zustoBen konnen, das einem nun iiberhaupt
entgangen ist und einem gar nicht zugestoBen ist. Man iiberlege sich,
wieviel solcher und ahnlicher Ereignisse im Laufe des Tages den
Menschen treffen, und man wird eine Vorstellung davon bekommen,
was alles hatte geschehen konnen. Man wird vergleichen konnen -
gefiihlsmaBig - diese Vorstellung von dem, was alles hatte ge-
schehen konnen, mit dem, was dann wirklich vom Morgen bis zum
Abend nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung sich
tatsachlich ereignet hat.
Man wird gut tun, um sich von diesen Dingen eine wirklich deut-
liche Vorstellung zu machen, sie zu vergleichen mit ahnlichen Dingen
in der Natur drauBen; denn in der Natur gehen in gewisser Weise
Dinge vor, die in ahnlicher Weise beurteilt werden miissen. Ich habe
offer darauf hingewiesen, doch einmal ein Augenmerk darauf zu
haben, wie zum Beispiel in der Natur fortwahrend Samenkrafte in
groBer Zahl verlorengehen. Denken Sie nur einmal daran, wie viele
von den groBen Mengen von Heringseiern im Laufe eines Jahres zu
wirklichen Heringen werden, und was davon verloren geht. Dehnen
Sie diese Vorstellung aus iiber das gesamte Leben. Versuchen Sie sich
vorzustellen, wieviele fur das Leben veranlagte Keime im Welten-
laufe nicht zu ihrer Ausbildung kommen, wieviel im Weltenlaufe
stecken bleibt, was nicht zur Ausbildung kommen kann, was nicht
im voll entwickelten sprieBenden und sprossenden Leben da ist. Aber
man glaube gar nicht, daB dies nicht auch zur Wirklichkeit gehore. Es
gehort ebenso zur Wirklichkeit wie das, was zu seiner vollen Aus-
bildung kommt, es kommt nur nicht bis zu einem gewissen Punkt, es
nimmt einen andern Verlauf, gerade wie unsere eigenen Vorgange des
Lebens einen andern Verlauf nehmen, wenn wir, wie ich angedeutet
habe, durch irgend etwas aufgehalten werden ; das eine sind Lebens-
vorgange, das andere sind Naturvorgange, die gehemmt werden und
die sich, indem sie gehemmt werden, in einer andern Weise dann fort-
setzen. Solche Dinge kann man noch viel weiter ausdehnen.
Man frage sich nun, ob nicht sehr ahnlich ist mit diesen beiderlei
Beispielen ein anderes, das fragend und ratselhaft sehr in das Men-
schenleben hereinragt. Wir wissen, daB die normale Lebensdauer eines
Menschen siebzig bis neunzig Jahre ist. Wir wissen aber auch, daB die
weitaus groBte Zahl der Menschen viel fruher stirbt, und wir sehen
daraus, daB die Vollendung des Lebens nicht erreicht wird. Wie in
der Natur die Samenkeime auf einer gewissen Stufe zuriickbehalten
werden und nicht zur vollen Reife kommen, ebenso kommen die
Lebensvorgange des Menschen nicht zur vollen Reife. Und wiederum
sehen wir auch, wie unsere taglichen Handlungen nicht zur vollen
Reife kommen, aus den eben angefiihrten Griinden. Das alles kann
uns darauf aufmerksam machen, daB gewissermaBen zwischen den
Zeilen des Lebens eine Menge steckt, das man nicht beachtet, das ge-
wissermaBen statt iiberzugehen in die Reiche, wo es sinnlich wahr-
nehmbar werden kann, stecken bleibt in geistigen Bereichen.
Wenn Sie so etwas nicht bloB als eine Phantasie ansehen, sondern
wirklich fruchtbar iiberlegen, so werden Sie schon den Ubergang
finden, wenn auch nicht zu einem vollgiiltigen Beweise, so doch zu
einer Vorstellung von etwas sehr Bedeutungsvollem. Wenn wir im
gewohnlichen Leben als Menschen handeln, so gehen wir ja in der
Weise vor, daB wir unsere Handlungen, unsere Taten, unsere Willens-
impulse iiberlegen. Wir iiberlegen, was wir tun sollen, und fuhren
dann aus, was wir iiberlegt haben. Aber das Leben verlauft nicht
nur in dieser Weise, daB wir Handlungen uns vornehmen und sie
dann ausfiihren, sodern es verlauft so, daB sich in das Leben etwas
hineinstellt, was uns sehr oft nur wie eine Summe von Zufallen
vorkommt, was uns vorkommt wie regellos, eben wie zufallig zu-
sammenhangend, und was wir mit dem Worte «unser Schicksal» be-
zeichnen. Das Schicksal ist fur den materialistisch denkenden Men-
schen eben das, was sich zusammensetzt aus den Ereignissen, die ihm
von Tag zu Tag, wie er sagt, zustoBen. GewiB, viele Menschen ahnen,
daB in diesem Schicksal ein gewisser Plan vorliegt. Aber von dem
Fassen des Gedankens an einen solchen Schicksalsplan bis zu dem
wirklichen Durchschauen dessen, was da eigentlich vorgeht, kommt
es in der Regel nicht, weil man das, was ich jetzt meine, obwohl es
etwas sehr Bedeutungsvolles ist, im Leben nicht beachtet. Gegen-
wartig kommt ja die sogenannte analytische Psychologie, die Psycho-
analyse auf manches, was heute an die Pforten der Menschheit pocht.
Die Vertreter dieser analytischen Psychologie gehen nur mit un-
zulanglichen Erkenntnismitteln an die Dinge heran. - Ich habe ofter
im Kreise unserer Freunde auf ein paradoxes Beispiel aufmerksam
gemacht, das die Psychoanalytiker jetzt fortwahrend anwenden, weil
es am Ausgangspunkte der Psychoanalyse die Menschen darauf ge-
stoBen hat, daB es allerlei Geistiges im Leben gibt, von dem sich die
gewohnlichen Menschen keinen Begriff machen. Dieses paradoxe
Beispiel wollen wir uns noch einmal vor die Seele fiihren, wenn es
auch einige von Ihnen schon kennen.
Eine Dame wird eingeladen in eine Abendunterhaltung und nimmt
an dieser Abendunterhaltung teil, die aus dem Grunde veranstaltet
wird, weil die Frau des Hauses, wo die Gesellschaft stattfindet, an
diesem Abend abreisen wird. Sie soli ins Bad fahren, weil sie krank
ist. Die Abendgesellschaft geht in tadelloser Weise vor sich. Die
Dame des Hauses ist bereits nach ihrem Badeort abgefahren, die Gaste
brechen sozusagen mit ihr zu gleicher Zeit auf, gehen fort. Eine
Gruppe' dieser Gaste befindet sich auf der StraBe. Und wahrend sie so
weitergehen, kommt um die Ecke herum eine Droschke gefahren. Ich
sage ausdriicklich : eine Droschke, nicht ein Auto. Diese Droschke
saust die StraBe daher. Eine der Damen sondert sich aus der iibrigen
Gesellschaft ab. Wahrend die andern Leute der Gesellschaft, die mit
ihr zusammen gehen, der Droschke ausweichen, hat sie die besondere
Idee, vor den Pferden der Droschke einherzulaufen ; sie lauft auf der
StraBe vor den Pferden weiter fort, hinten die Pferde und sie vorne
weg, bis sie den Gedanken bekommt, sie miisse doch irgend etwas
tun, um sich aus dieser Situation zu retten. Da kommt sie laufend vor
den Pferden der Droschke auf eine Brucke, die uber einen FluB geht,
und denkt sich: Wenn sie sich jetzt ins Wasser stiirzt, ist sie vor den
Pferden sicher. Aber die andern Personen der Gesellschaft, die mit ihr
zusammen gingen, sind, wie Sie sich denken konnen, ihr nachgelaufen
und fangen sie noch zuletzt ab. Und die Verhaltnisse ergeben es : Sie
wird in das Haus zuriickgebracht, das sie soeben verlassen hat, und
wird dort aufgenommen. Schon, die Dame des Hauses ist fort; sie
wird dort aufgenommen und ist nun in der Lage, eine Beziehung zu
dem Hausherrn fortzusetzen, die sich einmal bei einem gemeinsamen
Aufenthalt mit dem Hausherrn angesponnen hat.
Der Psychoanalytiker sucht nun nach verborgenen Seelenprovinzen.
Er findet, daB diese Dame einmal, als sie ein Kind war, irgendwelche
Erfahrungen mit Pferden gemacht hat, daB diese Erlebnisse nun aus
dem UnbewuBten herauf kommen und so weiter. Wer aber das Seelen-
leben des Menschen kennt, wird auf alle diese Firlefanzereien der
Psychoanalyse nicht eingehen konnen ; denn wenn solche verborgene
Seelenprovinzen und dergleichen auch vorhanden sind - was gar
nicht geleugnet werden soli so sind sie doch nur die Vorbereiter
dessen, worauf es ankommt, und nicht das, worum es sich in Wirk-
lichkeit handelt. Worauf es in Wirklichkeit ankommt, das ist, daB der
Mensch - also auch diese Dame, von der jetzt die Rede ist - ein unter-
bewuBtes BewuBtsein hat, das unter Umstanden viel schlauer und
raffinierter ist als das OberbewuBtsein. Im OberbewuBtsein hat sich
jene Dame, wie die meisten von Ihnen denken werden, ziemlich
tapsig benommen, aber im UnterbewuBtsein dachte Etwas viel
schlauer als das, was im OberbewuBtsein gedacht hat. Im Unter-
bewuBtsein dachte Etwas: Heute abend ist die Frau des Hauses ab-
gefahren, ich muB auf irgendeine Weise sehen, wie ich mit dem
Manne zusammenkommen kann, ich muB irgend etwas anstellen, muB
die nachste Gelegenheit dazu benutzen. Das UnterbewuBtsein ist
sogar etwas prophetisch, es ahnt voraus, was geschehen wird, wenn
man vor Pferden herlauft. Das alles kann in raffiniertester Weise vom
UnterbewuBtsein veranstaltet werden. Das OberbewuBtsein ist nicht
so schlau; das UnterbewuBtsein hat aber diese Schlauheit, die sich
noch dadurch besonders erhoht, daB eine gewisse prophetische Gabe
hinzutritt. Ich erwahne dieses Beispiel aus dem Grunde, weil es nur
ein besonderer Fall ist von etwas, was ganz allgemein vorhanden ist.
Jeder Mensch tragt in sich etwas, was viel umfassender, auch viel
intensiver ist nach den verschiedensten Richtungen hin, als sein ge-
wohnliches BewuBtsein. Ja, wenn der Mensch alles das wiiBte, was er
in seinem UnterbewuBtsein wirklich weiB : er ware furchtbar gescheit
und raffiniert dazu und wiirde ungeheuer viel auszudenken verstehen.
Man kann nun die Frage aufwerfen: Ist das, was da im Unter-
bewuBtsein des Menschen lebt, nun eigentlich ganz untatig? Fur den,
der die Welt geistig zu beobachten versteht, ist es nicht ganz untatig.
Im Gegenteil, es ist fortwahrend tatig, ist wirklich fortwahrend tatig.
Was bei dieser Dame - und in ahnlichen Fallen kommt die Sache nur
in einer abnormen Weise unter dem EinfluB von ganz besonderen
Ereignissen, Begierden und Neigungen zum Vorschein -, aber was
bei dieser Dame einmal in besonderer Weise zum Vorschein gekom-
men ist, das ist beim Menschen auf einem bestimmten Gebiete immer
vorhanden, das begleitet ihn das ganze wache Leben. Wieso ist das ?
DaB es bei dieser Dame - es konnte ja unter Umstanden auch ein Herr
sein - einmal in einer solchen Weise zum Vorschein gekommen ist,
das riihrt nur davon her, daB diese unterbewuBte Wissenschaft, die
der Mensch vom Leben hat, zuweilen etwas iiber die Schnur haut. Das
kommt beim gewohnlichen BewuBtsein auch vor, daB man einmal
etwas Besonderes tut, was eigentlich aus den gewohnlichen Lebens-
gewohnheiten herausfallt, was einmal ein Ausnahmefall im Leben ist.
So ist es auch bei diesem UnterbewuBtsein. Aber hier, in diesem Falle,
ist nur etwas Besonderes herausgekommen, was immer im Menschen
tatig ist - wie tatig ist?
Was wir Schicksal nennen, ist wirklich eine recht komplizierte
Sache. Unser Schicksal scheint so an uns heranzutreten, daB seine Er-
eignisse uns zustoBen. Nehmen wir gleich einen eklatanten Fall des
Schicksals, einen Fall, den ja manche Menschen kennen. Nehmen wir
an, irgend jemand lerne einen andern Menschen kennen, der dann
im Leben sein Freund, seine Frau oder der Mann oder dergleichen
wird. Das wird von dem gewohnlichen OberbewuBtsein so ausgelegt,
daB es uns zugestoBen ist, daB wir selbst gar nichts dazu getan haben,
daB der betreffende Mensch in unsere Lebenssphare hereingetreten
ist. Das ist aber nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist vielmehr eine
andere.
Mit derjenigen Kraft, die im UnterbewuBtsein ruht und die ich
eben angedeutet habe, legen wir von dem Momente ab, wo wir durch
die Geburt ins Dasein treten, und noch mehr, wo wir anfangen, zu uns
Ich zu sagen, unseren Lebensweg so an, daB er in einem bestimmten
Augenblick die Wege des andern kreuzt. Die Menschen achten nur
nicht darauf, was fur merkwiirdige Sachen herauskommen wiirden,
wenn man einen bestimmten Lebensweg verfolgen wiirde, etwa den
eines Menschen, der sich in einem bestimmten Augenblicke zum Bei-
spiel verlobt. Wenn man sein Leben verfolgen wiirde, wie es sich ent-
wickelt hat durch Kindheit und Jugend, von Ort zu Ort, bis der
Mensch dazu gekommen ist, sich mit dem andern zu verloben, dann
wiirde man viel Sinnvolles in seinem Ablauf finden. Man wiirde dann
finden, daB der Betreffende gar nicht so ohne weiteres dahin gekom-
men ist, daB ihm etwas bloB zugestoBen ist, sondern daB er sich sehr
sinnvoll hinbewegt hat bis dahin, wo er den andern gefunden hat. Das
ganze Leben ist durchzogen von einem solchen Suchen, das ganze
Schicksal ist ein solches Suchen. Allerdings miissen wir uns vorstellen,
daB dieses Suchen nicht so ablauft, wie das Handeln unter gewohn-
licher Oberlegung. Das letztere geht in gerader Linie vor sich; das
Handeln im UnterbewuBtsein geht stark und personlich vor sich. Aber
dann ist es etwas, was im UnterbewuBtsein des Menschen sinnvoll vor
sich geht. Es ist gar nicht einmal richtig, wenn man vom UnbewuBten
redet, man sollte UberbewuBtes oder UnterbewuBtes sagen, denn
unbewuBt ist es nur fur das gewohnliche BewuBtsein. Bei jener
Dame, welche die Sache so raffiniert angelegt hat, um in das Haus des
betrefTenden Mannes wieder zuruckzukommen, ist das UnterbewuBte
fur sich viel bewuBter, als die Dame selbst in ihrem UberbewuBtsein
ist. Und so ist es auch fur das, was uns im Leben fiihrt, so daB unser
Schicksal ein bestimmtes Gewebe ist, das uns fiihrt, und das ist sehr,
sehr bewuBt. Dagegen spricht gar nicht, daB der Mensch oft mit sei-
nem Schicksal so wenig einverstanden ist. Wiirde er alle Faktoren
iiberschauen, so wiirde er finden, daB er schon einverstanden sein
konnte. Eben weil das OberbewuBtsein nicht so schlau ist wie das
UnterbewuBtsein, beurteilt es die Tatsachen des letzteren falsch und
sagt sich: Es ist mir etwas Unsympathisches zugestoBen -, wahrend
der Mensch aus einer tiefen Uberlegung heraus das, was man im
OberbewuBtsein unsympathisch findet, in Wirklichkeit gesucht hat.
Eine Erkenntnis der tieferen Zusammenhange wiirde es dahin brin-
gen, einzusehen, daB ein Kliigerer die Dinge sucht, die dann Schicksal
werden. Worauf beruht das alles ?
Das beruht darauf - wenn man iiber solche Dinge redet, fur die ja
die gewohnliche Sprache keine rechten Worte hat, kann man natiirlich
immer nur vergleichsweise sprechen, aber die Vergleiche meinen
Wirklichkeiten -, es beruht darauf, daB unser gewohnliches Kopf-
bewuBtsein, auf das sich mancher Mensch viel einbildet, sozusagen ein
Sieb ist. Es ist ein Vergleich, aber ein giiltiger Vergleich, der auf eine
Wirklichkeit hinweist. Unser Kopf bewuBtsein ist ein Sieb. Wenn man
in ein Sieb Wasser gieBt, so rinnt es durch, es fiillt das Sieb nicht.
Diese Dinge, die da gedacht und iiberlegt werden und dann im Schick-
salsgewebe zum Ausdruck kommen, gehen durch unser Kopf bewuBt-
sein wie durch ein Sieb. Das ist der Grund, warum wir von ihnen im
OberbewuBtsein nichts wissen. Das KopfbewuBtsein laBt sie durch-
gehen wie durch ein Sieb, aber der Mensch im UnterbewuBtsein laBt
sie nicht durchgehen. Nur weil sie im OberbewuBtsein durchgehen
wie durch ein Sieb, weiB er von ihnen nichts; aber sie werden doch
im Menschen aufgehalten.
Wenn einmal wirklich in verniinftiger Weise Naturwissenschaft ge-
trieben werden wird, dann werden sich die Menschen fragen: Wie
stellen sich solche Dinge beim Tier dar, und wie beim Menschen? -
Beim Tier sind diese Erlebnisse so, daB sie ganz durch das Tier durch-
gehen, da ist das ganze Tier ein Sieb. Beim Menschen werden sie zwar
nicht im Haupte, nicht im Kopfe, aber doch durch den ganzen Men-
schen aufgehalten. Nur weil im gewohnlichen Leben bloB der Kopf
denkt und nicht der ganze Mensch, so denkt der Mensch sie unter
gewohnlichen Verhaltnissen nicht mit. Nur wenn zum Beispiel
Hysterie eintritt, die darin besteht, daB auch der andere Teil des Men-
schen zu denken anfangt - was ja durch krankhafte Verhaltnisse ein-
treten kann, im allgemeinen aber nicht eintreten sollte -, dann kom-
men solche Ausnahmefalle vor, wo einmal mitgedacht wird, was sonst
schicksalsmaBig verlauft, und wo der Mensch, wie man sagen konnte,
«Schicksal macht» - wie jene Dame, die ja Schicksal «gemacht» hat.
Also der Mensch halt die Sache doch auf, und da stellt sich etwas
hochst Merkwiirdiges heraus. Warum geht durch das ganze Tier die
Sache durch, und warum wird sie beim Menschen aufgehalten?
Das ist aus dem Grunde, weil das Tier keine Hande hat, das heiBt,
die GliedmaBen sind mit der Erde immer verbunden, sind Beine oder
sie sind Fliigel, was den Vorgang etwas anders macht. Aber daB der
Mensch diejenigen GliedmaBen, die beim Tier Beine sind, um-
geformt hat, das macht es, daB seine Arme und Hande so eingeschaltet
sind in seinen Organismus, daB er seine Gedanken in seinem Schicksal
in sich auf halt. Man kann nur nicht mit den Handen denken, man
kann nur das Schicksal mit ihnen aufhalten; daher iibersieht der
Mensch sein Schicksal. Die Hande sind geradeso Gedankenorgane,
wie der atherische Teil des Kopfes es ist. Der atherische Kopfteil tut
beim Denken etwas ganz ahnliches, wie der Mensch im Leben mit
seinen Handen tut: Mit den Handen macht der Mensch in sich stocken
den Strom des Handelns, der sein Schicksal durchzieht. Es ist fur den
Menschen so eingerichtet, daB nur die groberen Verstandestatigkeiten
der Hande und Arme zum Ausdruck kommen. Jeder Mensch weiB,
daB er in den Handen, vor allem in den Fingerspitzen, einen besonde-
ren Spiirsinn hat; aber dieser Spiirsinn stellt das Allergrobste in dieser
Beziehung dar. Denn es handelt sich hier um etwas sehr Feines : das
ist ein sehr schwaches, kaum glimmendes Denken, was die Menschen
da entwickeln und bei kiinstlerischer Tatigkeit zum Ausdruck bringen
konnen; aber die Hande sind eigentlich so eingeschaltet in den Ge-
samtorganismus des Menschen, daB sie das Denkorgan sind fur das
Schicksal. Der Mensch lernt im gegenwartigen Entwickelungszyklus
noch nicht mit den Handen denken. Wiirde er es lernen, wiirde er die
Geheimnisse der Hande kennenlernen, so wiirde dies zu gleicher Zeit
eine Einfuhrung in die Erkenntnis der Grundgesetze des schicksals-
maBigen Zusammenhanges sein.
Das sieht sehr sonderbar aus, aber es ist so. Wir haben hier einen
der Punkte, wo Geisteswissenschaft auf der einen Seite sagt: In den
Handen, die ein unterbewuBtes Denken entwickeln, wird das Schick-
sal gedacht. - Die Naturwissenschaft achtet heute noch nicht darauf.
Sie muB, wenn sie nur ganz grob die menschliche Organisation be-
trachtet, selbstverstandlich darauf kommen zu sagen: Der Mensch
ist ein vollkommeneres Tier. - Das ist er ja auch. Aber in dem, was
man dabei nicht beachtet, liegt gerade der wesentliche Unterschied des
Menschen vom Tier. Bedenken Sie einmal: Wie ist beim Tier das
Haupt? Beim Tier ruht das Haupt unmittelbar iiber der Erde. Beim
Menschen ruht das Haupt so, daB das, was beim Tier die Erde tragt,
vom Menschen selbst getragen wird; die Schwerpunktslinie des Haup-
tes fallt, bevor sie die Erde trifft, in den menschlichen Organismus
hinein, wenn ich mich grob ausdrucken will: Sie geht durch das
Zwerchfell. Der Mensch steht zu sich selber so, wie das Tier zur Erde.
Wenn wir die Schwerpunktslinie des Kopfes beim Tier nehmen, so
fallt sie direkt auf die Erde, ohne durch das Zwerchfell und durch den
Organismus durchzugehen. In der Orientierung des Organismus zum
ganzen Kosmos liegt beim Menschen das Wesentliche, und mit dieser
Orientierung hangt zusammen, daB seine Arme und Hande anders
organisiert sind, als die entsprechenden GliedmaBen beim Tier. Da
wird die Naturwissenschaft von der einen Seite her in Zukunft arbei-
ten ; sie wird einmal fragen : Wie hangt es denn eigentlich beim Men-
schen mit dem Dynamischen, mit den Krafteverhaltnissen zum
Weltenall zusammen, daB der Mensch aus dem Kosmos heraus nicht
ein Vierbeiner, sondern ein Zweihander ist? Das wird ihm aus dem
Kosmos heraus organisiert! Und da arbeitet er sich entgegen, indem
er aus dem Kosmos heraus so organisiert wird, daB die Schwerpunkts-
linie seines Kopfes in ihn selbst hereinfallt, und er seine eigene Erde
wird. Indem er sich da seine Hande und Arme in einer besonderen
Weise ausorganisiert, lebt er sich dadurch demjenigen entgegen, daB
die Hande wieder ihrerseits das Schicksal ergreifen konnen, geradeso
wie die Organisation des menschlichen Kopfes auch mit seiner auf-
rechten Stellung zusammenhangt. Der Mensch hat sein vollkommene-
res Gehirn dadurch, daB die Schwerpunktslinie des Kopfes durch ihn
durchgeht, nicht direkt auf die Erde fallt. Im Weltenall sind iiberall
Krafte, und wenn etwas anders orientiert ist, dann ist die Masse
anders verteilt. Das wird man fur die unorganische Natur zugeben,
aber beim Menschen kann man es heute noch nicht beachten. Dadurch
kommt man nicht darauf, wie das Materielle dem Geistigen im Men-
schen entgegenarbeitet, wie in ihm iiberall das Materielle das Geistige
durchwirkt.
Das ist die eine Seite. Da konnen wir sagen: Wir lassen den Men-
schen ins Auge fas sen, wie er auf seinem eigenen Zwerchfell ruht, und
wir stehen darinnen, wenn wir bis zum Zwerchfell herab mit dem
UnterbewuBten denken, in dem Verstande des Schicksals, wie wir
sonst nur in dem Verstande der uberlegten Handlungen stehen. Aber
nun steht der Mensch noch in anderer Weise im Leben darinnen ; denn
wir haben gesehen, daB er, wenn wir nicht nur einseitig sein Haupt
betrachten, sondern seinen ganzen iibrigen Organismus, daB er er-
wagend, aber unterbewuBt erwagend, sein Schicksal bestimmt, sein
Schicksal kennt.
Es ist aber noch etwas anderes im Leben des Menschen der Fall.
Wir verrichten Handlungen. Diese Handlungen verursachen uns im
Leben eine gewisse Befriedigung oder auch Nichtbefriedigung. Den-
ken Sie nur daran: Sie haben jemand irgendeine Wohltat erwiesen, das
hat Ihnen eine Befriedigung gewahrt; oder Sie muBten irgend etwas
unternehmen, was eine Abwehr von irgend etwas ist, und das ist
mit Unbefriedigung verkmipft und so weiter. Al
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