Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 



Geistige Wesen und ihre Wirkungen 



Band I Die spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt - Der 
Sturz der Geister der Finsternis 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. September bis 28. 
Oktober 1917 Bibliographie-Nr. 177 



Band II Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des 
Menschen 

Neun Vortrage, Zurich 6. und 13. November, Dornach 10. bis 25. Nov., 
St. Gallen 1 5. und 16. November 191 7 Bibliographie-Nr. 1 78 



Band III Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit. Schicksals- 
einwirkungen aus der Welt der Toten 

Neun Vortrage, gehalten in Bern am 29. November und in Dornach vom 
2. bis 22. Dezember 1917 Bibliographie-Nr. 1 79 



Band IV Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse - 
Alte Mythen und ihre Bedeutung 



Sechzehn Vortrage, gehalten in Basel am 23. Dezember 1917 und Dorn- 
ach vom 24. Dezember 1917bis 17. Januar 1918 Bibliographie-Nr. 180 



RUDOLF STEINER 



Individuelle Geistwesen 
und ihr Wirken in der Seele 
des Menschen 

Neun Vortrage, gehalten in 
St. Gallen, Zurich und Dornach 
vom 6. bis 25. November 1917 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1974 

3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1980 

4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 



Bibliographie-Nr. 178 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff 
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 



ISBN 3-7274-1780-3 



Zu den Veroffentlichttngen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich als auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs 
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da 
sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und feh- 
lerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah 
er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe 
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei- 
ner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsverdffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden : «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgese- 
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, 
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes- 
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere 
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 
Ausfiihrliche Inhaltsangaben Seite 259 ff. 



Die Erkenntnis des Ubersinnlichen und die menschlichen 
Seelenratsel 

Qffentlicher Vortrag, St. Gallen, 15. November 1917 9 

Das Geheimnis des Doppelgangers. Geographische Medizin 

St. Gallen, 16. November 1917 47 

Hinter den Kulissen des aufieren Geschehens 

Erster Vortrag, Zurich, 6. November 1917 77 

Zweiter Vortrag, Zurich, 13. November 1917 99 

Zwei Vortrage iiber Psychoanalyse 

Erster Vortrag, Dornach, 10. November 1917 123 

Zweiter Vortrag, Dornach, 11. November 1917 149 

Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund 

Erster Vortrag, Dornach, 18. November 1917 170 

Zweiter Vortrag, Dornach, 19. November 1917 194 

Dritter Vortrag, Dornach, 25 . November 1917 215 

Notizbucheintragungen (Faksimiles) 236 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 239 

Hinweise zum Text 240 

Namenregister 257 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 259 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 263 



DIE ERKENNTNIS DES t)BERSINNLICHEN 
UND DIE MEN SCH LICHEN SEELENRATSEL 

Offentlicher Vortrag, St. G alien, 15. November 1917 

Wer die Entwickelung des Menschengeistes im Laufe der Jahrhunderte 
oder Jahrtausende verfolgt, der wird ein Gefiihl davon sich erwerben, 
wie dieser Menschengeist zu immer neuen und neuen Errungen- 
schaften auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Han- 
delns weiterschreitet. Man braucht ja nicht gerade das Wort Fort- 
schritt zu sehr dabei zu betonen, denn das konnte in der gegenwartigen 
traurigen, iiber die Menschheit hereingebrochenen Zeit in manchem 
recht herbe Zweifel aufrufen. Aber das andere wird man klar vor 
Augen haben, wenn man diese Entwickelung des Menschengeistes 
betrachtet: daB sich die Formen und Gestalten, in denen dieser 
Menschengeist strebt, von Jahrhundert zu Jahrhundert wesentlich 
andern. Und da wir es heute in dieser Betrachtung vorzugsweise zu 
tun haben mit einer anzustrebenden Erkenntnis, die sich gewisser- 
maBen in der neueren Art in die Menschheitsentwickelung hinein- 
stellen will, so brauchen wir auch nur vergleichsweise zu gedenken, 
wie solche Anschauungen, welche mit dem Alten in einer gewissen 
Beziehung in Widerspruch kommen, es schwierig haben, FuB zu 
fassen in der sich fortentwickelnden Menschheit. Immer wieder und 
wieder muB dabei aufmerksam gemacht werden, wie schwierig es zum 
Beispiel war, denDenkgewohnheiten, den Empfindungsgewohnheiten 
der Menschen gegeniiber die Kopernikanische Weltanschauung zur 
Geltung zu bringen - auf gewissen Gebieten hat es ja jahrhundertelang 
gedauert jene Weltanschauung, die gebrochen hat mit dem, was die 
Menschen durch lange Zeit aus ihrer Sinnesanschauung heraus ge- 
glaubt haben fur die Wahrheit iiber das Weltengebaude halten zu 
miissen. Dann kam die Zeit, in der man nicht mehr sich verlassen 
durfte, sich verlassen konnte auf dasjenige, was Augen sehen iiber den 
Aufgang und Untergang der Sonne, iiber die Bewegung der Sonne; 
in der man wider den Augenschein annehmen muBte, daB die Sonne 
in einer gewissen Beziehung, wenigstens in ihrem Verhaltnis zur 



Erde, stillsteht. Solchen Umschwiingen in der Erkenntnis schmiegen 
sich die Denk- und Empfindungsgewohnheiten der Menschen nicht 
leicht an. 

In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, welcher 
die Betrachtungen des heutigen Abends hier gewidmet sein sollen, 
hat man es nun noch viel mehr zu tun mit einem solchen Umschwung, 
von dem derjenige, der aus guten wissenschaftlichen Untergriinden 
heraus glaubt uberzeugt sein zu diirfen von dem Inhalte dieser Geistes- 
wissenschaft, auch glaubt, daB sie notwendigerweise eingreifen muB 
in die Gegenwart und in die weitere Entwickelung des menschlichen 
Denkens, Empfindens und Fuhlens. Man darf schon sagen - gestatten 
Sie mir diese Worte einleitungsweise : Bei so etwas wie der Koperni- 
kanischen Weltanschauung hatte man es zu tun mit unzahligen Vor- 
urteilen, mit althergebrachten Meinungen, von denen die Leute 
glaubten, wenn etwas anderes an ihre Stelle trate, so sei es geschehen 
um allerlei religiose Vorstellungen und dergleichen. Bei dem, wovon 
heute abend gesprochen werden soil, tiirmt sich noch manches andere 
auf. Hier hat man es nicht bloB zu tun mit den Vorurteilen, die sich 
zum Beispiel dem Kopernikanismus gegenuberstellen, sondern hier 
hat man es zu tun damit, daB in unserer Zeit gar viele Menschen, ja 
die Mehrzahl derjenigen, die sich fur aufgeklart und gebildet halten, 
nicht nur ihre Vorurteile, ihre Vorempfindungen entgegenbringen, 
sondern daB gewissermaBen der Aufgeklarte, der Gebildete iiberhaupt 
sich heute schamt, einzugehen im Ernste auf das Gebiet, von dem 
Anthroposophie sprechen muB. Man glaubt sich etwas zu vergeben, 
nicht bloB gegemiber der Umwelt, sondern vor sich selbst, wenn man 
zugibt, daB man iiber die Dinge, von denen heute gesprochen werden 
soil, ebenso griindlich wissenschaftlich etwas wissen konne wie uber 
die Dinge des auBeren Naturgebaudes ; man glaubt gewissermaBen 
vor sich selbst sich toricht oder kindisch halten zu miissen. 

Das sind die Dinge, welche in Betracht gezogen werden miissen, 
wenn heute von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft 
die Rede ist. Derjenige, der von ihr spricht aus den Erkenntnissen 
dieser Wissenschaft heraus, der kennt die Einwande, die sich selbst- 
verstandlich heute noch zu Hunderten und zu Tausenden ergeben 



miissen; er kennt die Einwande schon aus dem Grunde, weil heute 
nicht nur die einzelnen Wahrheiten und Ergebnisse dieser Geistes- 
wissenschaft bezweifelt werden, sondern weil iiberhaupt bezweifelt 
wird, daB man ein Wissen, eine Erkenntnis auf bringen kann fur jenes 
Gebiet, iiber das sich anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft erstreckt. DaB man iiber das Gebiet des Ewigen in der Seele 
Glaubensvorstellungen, aUgemeine Glaubensvorstellungen entwickeln 
kann, das wird gewiB heute noch von sehr vielen Leuten als etwas 
sehr Berechtigtes anetkannt; daB man iiber die Tatsachen, die sich der 
Sinneswelt mit Bezug auf das Unsterblich-Ewige in der Menschen- 
natur entziehen, ein wirkliches Tatsachenwissen entwickeln kann, das 
gilt in weitesten Kreisen, gerade in jenen, die da glauben, aus der 
berechtigten wissenschaftlichen Vorstellungsart der Gegenwart her- 
aus zu urteilen, in vielfacher Beziehung als etwas Phantastisches, 
Schwarmerisches . 

Mit Phantastischem und Schwarmerischem werden wir es heute 
abend nicht zu tun haben; aber mit einem Gebiete, wo schon, ich 
mochte sagen, den ersten Voraussetzungen nach der menschliche 
Betrachter und insbesondere der wissenschaftliche Betrachter zuriick- 
schreckt. Ich mochte nur noch ganz kurz beruhren, daB diese anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht irgend etwas Sektiere- 
risches sein will. Derjenige verkennt sie vollstandig, der da glaubt, daB 
sie wie die Begriindung irgendeines neuen Religionsbekenntnisses 
auftreten wolle. Das will sie nicht. Sie ist so, wie sie heute auftreten 
will, ein notwendiges Ergebnis gerade des sen, was als Weltanschau- 
ungsvorstellung, als allgemeine, selbst populare Vorstellung der wei- 
testen Menschenkreise gerade die naturwissenschaftliche Entwicke- 
lung gebracht hat. Diese naturwissenschaftliche Entwickelung, die 
heute so viele Begriffe, welche wiederum Ursachen sind von Gefuhlen 
und Empfindungen, fur die Weltanschauung der weitesten Kreise 
abgibt, diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise stellt sich zur 
Aufgabe, dasjenige, was den auBeren Sinnen gegeben ist, was an 
Naturgesetzen iiber die Tatsachen der auBeren Sinne dem mensch- 
lichen Verstande zuganglich ist, zu ergriinden, zu erklaren. 

Schon wenn man nur auf das Lebendige Riicksicht nimmt, so kann 



man sehen - fur andere Gebiete ist es etwas weiterliegend, aber am 
Xebendigen tritt es einem so ganz klar outage -, wie diese Natur- 
wissenschaft heute darauf bedacht sein muB, iiberall auf dieUrsprunge, 
auf dasjenige zuriickzugehen, was gewissermaBen die Keimesanlage 
abgibt fur das Wachsende, fur das Werdende, fur das Gedeihende. 
Will der Naturforscher das tierische, das menschliche Leben erklaren 
in seinem Sinne, geht er auf die Geburt zuriick ; er studiert die Em- 
bryologie, er studiert dasjenige, aus dem sich das Wachsende, Wer- 
dende entwickelt. Auf die Geburt, die der Anfang ist von dem, was 
sich vor den Sinnen ausbreitet, geht Naturwissenschaft zuriick. Und 
wenn Naturwissenschaft eine Welterklarung sein will, so geht sie auch 
zuriick mit verschiedenen Hypothesen, mit Zugrundelegung dessen, 
was Geologie, Palaontologie, was die einzelnen Zweige der Natur- 
wissenschaft eben geben konnen, zu dem, was sie sich an Vor- 
stellungen bilden kann, man mochte sagen, iiber die Geburt des Welt- 
gebaudes. Wenn auch der eine oder andere bezweifelt, daB solch eine 
Denkweise berechtigt ist -, sie ist immer angestrebt worden. Und 
bekannt sind ja die Gedanken, welche die Menschen aufgebracht 
haben, um, wenn vielleicht nicht den Anfang des irdischen Werdens 
zu ergriinden, so doch wenigstens weit zuriickliegende Epochen, 
solche Epochen, in denen zum Beispiel der Mensch noch nicht auf der 
Erde gewandelt ist, um aus dem Vorhergehenden, aus demjenigen, 
was keimhaft zugrunde Hegt, das Nachfolgende, was der Mensch in 
seinem Umkreise fur seine Sinne hat, irgendwie zu erklaren. Die ganze 
Darwinische Theorie, oder, wenn man von ihr absehen will, die Ent- 
wickelungstheorie, sie fuBen darauf, Entstehung aufzusuchen, Her- 
vorgehen aus irgend etwas. Ich mochte sagen, uberall ist der Gedanke, 
zuriickzugehen in Jugend und Geburt. 

Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne ist in eine andere 
Lage versetzt. Und durch diesen Ausgangspunkt schon ruft sie zu- 
nachst, ohne daB der Mensch sich dessen klar bewuBt ist, Widerspruch 
hervor: unklaren Widerspruch, man mochte sagen, unterbewuBten 
Widerspruch, instinktiven Widerspruch! Und soldier Widerspruch 
ist viel wirksamer oftmals als der klar erkannte, klar durchdachte. 
Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muB aus- 



gehen, urn uberhaupt zu Vorstellungen, jetzt nicht iiber allgemein 
verschwommene Geistesbegriffe, sondern iiber geistige Tatsachen zu 
kommen, sie muB ausgehen von dem Tode. Dadurch steht sie von 
vornherein in einem, man mochte sagen, fundamentalen Gegensatz zu 
dem, was heute beliebt ist: zum Ausgehen von Geburt und Jugend, 
Wachstum, Vorwartsschreiten der Entwickelung. Der Tod greift ein 
in das Leben. Und Sie konnen, wenn Sie Umschau halten in der 
wissenschaftlichen Literatur der Gegenwart, iiberall finden, da8 der 
gewissenhafte Forscher geradezu der Anschauung ist: Der Tod als 
solcher kann nicht in demselben Sinne in die naturwissenschaftliche 
BegrifFsreihe hineingestellt werden wie andere Begriffe. Nun muB der 
Geisteswissenschafter diesen Tod, also das Aufhoren, das Gegenteil 
der Geburt eigentlich, zu seinem Ausgangspunkt machen. Wie der 
Tod und das Todverwandte eingreift in das Leben im weiteren Sinne, 
das ist die Grundfrage. Der Tod aber schlieBt ab dasjenige, was Sinne 
schauen konnen; der Tod lost auf dasjenige, was wird, was vor den 
Sinnen sich entwickelt. Der Tod greift ein als irgend etwas, wovon 
man sozusagen die Vorstellung haben kann, es sei unbeteiligt an dem, 
was hier in der Sinneswelt wirkt und gedeiht, quillt und west. Da 
ergibt sich die Meinung, die in gewissen Grenzen ganz begreiflich, 
wenn auch eben durchaus unberechtigt ist, daB man iiber dasjenige, 
was der Tod gewissermaBen zudeckt, was der Tod verhiillt, nichts 
wissen kbnne. Und aus dieser Ecke menschlichen Fiihlens heraus 
erheben sich eigentlich alle die Widerspriiche, die sehr selbstverstand- 
lich gegen die Dinge vorgebracht werden konnen, die heute als Er- 
gebnisse einer noch jungen Wissenschaft entwickelt werden. Denn 
jung ist diese Geisteswissenschaft, und der Geisteswissenschafter ist 
gerade aus den Griinden, die jetzt angefiihrt worden sind, in einer 
ganz andern Lage, auch wenn er iiber die Dinge seines Forschungs- 
gebietes spricht, als der Naturwissenschafter. Der Geisteswissen- 
schafter kann nicht in genau derselben Weise vorgehen wie der Natur- 
wissenschafter, der irgendeine Tatsache hinstellt und dann auf Grund 
dessen, wovon gewissermaBen jeder Mensch iiberzeugt ist, daB man 
es sehen kann, diese Tatsachen beweist; denn der Geisteswissen- 
schafter spricht ja gerade iiber dasjenige, was man nicht mit Sinnen 



wahrnehmen kann. Daher ist der Geisteswissenschafter zunachst, 
wenn er uber Ergebnisse seiner Wissenschaft spricht, immer genotigt, 
darauf hinzuweisen, wie man zu diesen Ergebnissen kommt. 

Es gibt heute eine reiche Literatur uber dasjenige Gebiet, das ich 
heute abend vor Ihnen zu vertreten habe. Kritiker, die sich berufen 
glauben, wenden gegen dasjenige, was zum Beispiel in meinen Schrif- 
ten stent, immer wieder und wiederum ein, obwohl dies eigentlich 
nur beweist, wie ungenau, wie oberflachlich die Dinge gelesen wer- 
den: der Geisteswissenschafter behaupte, die Sachen seien so und so, 
aber er beweise nicht. - Ja, sehr verehrte Anwesende, er beweist 
schon, aber er beweist eben auf andere Art. Er sagt zunachst, wie er 
zu seinen Resultaten gekommen ist; er muB zuerst angeben, wie der 
Weg in das Tatsachengebiet hinein ist. Dieser Weg ist schon vielfach 
befremdlich, weil er ja fur die heutigen Denk- und Empfindungs- 
gewohnheiten ein ungewohnter ist. Zunachst muB gesagt werden: 
Gerade der Geistesforscher kommt durch seine Forschung zu dem 
zwingenden Ergebnisse, daft man mit den Methoden, mit den Ver- 
fahrungsarten, die der Geistesforscher nicht ablehnt, sondern gerade 
bewundert, mit denen die Naturwissenschaft zu ihren glanzenden 
Resultaten gekommen ist, in das Ubersinnliche nicht hineinkommt. 
Ja, gerade von diesem Erlebnis, wie begrenzt die Verfahrungsarten 
des naturwissenschaftlichen Denkens sind, geht Geisteswissenschaft 
aus; aber nicht so, wie das heute vielfach gemacht wird, daB man 
einfach in bezug auf gewisse Dinge, bei denen die Naturwissenschaften 
an ihren Grenzen sind, sagt: Hier sind Grenzen des menschlichen 
Erkennens, - nein, sondern in der Weise, daB man an diesen Grenzen 
gerade versucht, zu ganz bestimmten Erlebnissen zu kommen, die 
nur erreicht werden konnen an diesen Grenzen. Ich habe von diesen 
Grenzorten des menschlichen Erkennens insbesondere in meiner 
neuesten, in diesen Wochen erscheinenden Schrift «Von Seelen- 
ratseln» einiges gesprochen. 

Nun, diejenigen Menschen, welche Erkenntnis nicht als irgend 
etwas, was ihnen auBerlich angeflogen ist, genommen haben, welche 
mit den Erkenntnissen gerungen haben, welche mit der Wahrheit 
gerungen haben, sie haben immer wenigstens an diesen Grenzen ge- 



wisse Er lebnisse gehabt. Da muB man eben sagen : Die Zeiten andern 
sich, die Entwickelung der Menschheit wandelt sich. - Noch vor 
verhaltnismaBig kurzer Zeit standen die hervorragendsten Denker 
und Ringer mit der Erkenntnis an solchen Grenzorten so, daB sie 
eben die Meinung hatten, man kann an diesen Grenzorten nicht weiter, 
man muB bei ihnen stehenbleiben. Diejenigen der verehrten Zuhorer, 
welche mich ofter hier gehort haben, wissen, wie wenig es in meinen 
Gewohnheiten liegt, Personliches zu beriihren. Allein wenn das Per- 
sonliche mit dem Sachlichen in irgendeinem Zusammenhange steht, 
so darf das wohl in Kiirze gestattet sein. Ich darf sagen: Gerade das- 
jenige, was ich iiber solche Erlebnisse an den Grenzorten des Er- 
kennens zu sagen habe, es ist bei mir das Ergebnis einer mehr als 
dreiBig Jahre andauernden geistigen Forschung. Und es war vor mehr 
als dreiBig Jahren, als gerade diese Probleme, diese Aufgaben, diese 
Ratsel, die entstehen an den Grenzorten des Erkennens, auf mich 
einen bedeutsamen Eindruck machten. Aus den vielen Beispielen, die 
man iiber solche Grenzorte anfuhren kann, mochte ich eines heraus- 
heben, auf das hingewiesen hat ein wirklicher Ringer mit der Er- 
kenntnis : Friedrich Theodor "Vischer y der beriihmte Asthetiker, der aber 
auch als Philosoph eine sehr bedeutende Personlichkeit war, wenn er 
auch vielleicht zu seinen Lebzeiten schon zu wenig anerkannt und 
schnell vergessen worden ist. Friedrich Theodor Vischer, der so- 
genannte V- Vischer, hat ja vor Jahrzehnten eine sehr interessante 
Abhandlung geschrieben iiber ein auch sehr interessantes Buch, das 
Volkelt iiber die «Traumphantasie» geschrieben hat. Friedrich Theo- 
dor Vischer hat dabei manche Dinge beriihrt, die uns hier nicht weiter 
interessieren. Aber einen Satz mochte ich herausheben, einen Satz, 
iiber den man vielleicht weglesen kann, einen Satz aber auch, der wie 
ein Blitz einschlagen kann in das menschliche Gemiit, wenn dieses 
vom Erkenntnisstreben durchdrungen ist, von wahrem, innerem Er- 
kenntnisstreben. Es ist der Satz, der sich Vischer aufdrangt, als er 
iiber das Wesen der Menschenseele nachsinnt, nachdenkt. Aus dem, 
was sich ihm ergeben hatte iiber das, was Naturwissenschaft in der 
neueren Zeit vom Menschen zu sagen hat, deduziert er einmal : DaB 
diese menschliche Seele nicht bloB im Leibe sein kann, das ist ganz 



klar; daB sie aber auch nicht auBerhalb des Leibes sein kann, das ist 
ebenso klar. 

Nun, wir stehen also vor einem vollkommenen Widerspruch, vor 
einem Widerspruch, der nicht ein solcher ist, daB man ihn ohne 
weiteres auf losen kann. Wir stehen vor einem solchen Widerspruch, 
der sich mit unabanderlicher Notwendigkeit hinstellt, wenn man ernst 
nach Erkenntnissen ringt. V-Vischer konnte noch nicht - derm die 
Zeit war noch nicht dazu reif - vordringen von dem, was ich nennen 
mochte: stehen an solchen Erkenntnisorten, an solchen Grenzorten, 
vordringen vom Erkennen im gewohnlichen Sinne des Wortes zum 
innerlichen Erleben eines solchen Widerspruches. Horen wir doch 
heute noch von weitaus den meisten Erkenntnismenschen der Gegen- 
wart, wenn sie auf einen solchen Widerspruch stoBen, das Folgende - 
es gibt ja davon Hunderte und Hunderte, Du Bois-Reymond, der geist- 
volle Physiologe, hat seinerzeit von den sieben Weltratseln ge- 
sprochen, aber man kann diese sieben Weltratsel in Hunderte ver- 
mehren - der heutige, zeitgenossische Erkenntnismensch sagt: Bis 
hierher geht eben das menschliche Erkennen, weiter kann es nicht 
kommen. - Einfach aus dem Grunde sagt er dieses, weil er sich an den 
Grenzorten des menschlichen Erkennens nicht entschlieBen kann, 
uberzugehen vom bloBen Denken, vom bloBen Vorstellen zum Er- 
leben. Man muB beginnen an einer solchen Stelle, wo sich ein Wider- 
spruch, den man nicht ausgekliigelt hat, sondern der durch die Welt- 
ratsel sich einem geoffenbart hat, in den Weg stellt, muB versuchen, 
mit einem solchen Widerspruch immer wieder und wiederum zu 
leben, immer wieder und wieder, so wie man mit den Gewohnheiten 
des Alltags ringt, mit ihm ringen, gewissermaBen seine Seele ganz in 
ihn untertauchen. Man muB - es gehort ein gewisser innerer Denker- 
mut dazu - in den Widerspruch untertauchen, keine Furcht davor 
haben, daB dieser Widerspruch etwa das Vorstellen der Seele zer- 
splittern konne, daB die Seele nicht durchkonne oder ahnliches. In den 
Einzelheiten habe ich dieses Ringen an solchen Grenzorten gerade 
geschildert in meinem Buch «Von Seelenratseln». 

Dann, wenn der Mensch statt mit dem bloBen Vorstellen, bloBen 
Auskliigeln, Fixieren, mit seiner vollen Seele an einem solchen Grenz- 



ort ankommt, dann kommt er weiter . Aber er kommt nicht auf bloB 
logischem Wege weiter; er kommt auf einem Erkenntnislebenswege 
weiter. Und was er da erlebt, ich mochte es durch einen Vergleich 
ausdriicken; denn das, was geistesforscherische Wege sind, sind wirk- 
liche Erkenntniserlebnisse, sind Erkenntnistatsachen. Die Sprache hat 
heute noch nicht viele Worte fur diese Dinge, weil die Worte gepragt 
sind fiir die auBere sinnliche Wahrnehmung. Man kann sich daher 
oftmals iiber dasjenige, was klar vor dem Geistesauge steht, nur ver- 
gleichsweise ausdriicken. Wenn man in solche Widerspriiche sich ein- 
lebt, fiihlt man sich wie an der Grenze, wo die geistige Welt heran- 
schlagt, die in der sinnlichen Wirklichkeit nicht zu finden ist, wo sie 
zwar heranschlagt, aber gewissermaBen von auBen heranschlagt. Es 
ist so, wie - ob nun die Vorstellung naturwissenschaftlich gut be- 
grundet ist oder nicht, darauf kommt es nicht an, vergleichsweise 
kann sie herangezogen werden -, es ist so, wie wenn ein niederes 
Lebewesen es noch nicht bis zum Tastsinn gebracht hat, sondern 
nur innerlich erlebt, in dem sich regenden, steten Bewegen innerlich 
erlebt und die Grenze der physischen Welt, die Oberflache der ein- 
zelnen Dinge erlebt. Ein Wesen, das noch nicht den Tastsinn aus- 
gebildet hat und so die Oberflache der sinnlichen Dinge erlebt, das ist 
noch ganz in sich beschlossen, das kann gewissermaBen noch nicht 
erfiihlen, ertasten dasjenige, was da drauBen an sinnlichen Eindriicken 
ist. Geradeso fiihlt sich rein geistig-seelisch - wir diirfen da an gar 
nichts Materielles denken - der Ringer mit der Erkenntnis, wenn er 
an einer solchen Stelle ist, wie ich sie eben geschildert habe. Wie aber 
dann beim niederen Lebewesen gewissermaBen der Organismus 
durchbricht durch das AnstoBen an die auBere sinnliche Welt, sich 
differenziert zum Tastsinn, wodurch man die Oberflache ertastet, wo- 
durch man weiB, ob etwas rauh oder glatt, warm oder kalt ist an der 
Oberflache, wie sich eroffnet nach auBen dasjenige, was nur im Innern 
lebt, so erringt man sich die Moglichkeit, gewissermaBen durch- 
zubrechen gerade an solchen Stellen, sich einen geistigen Tastsinn zu 
erwerben. Dann erst, wenn man vielleicht oftmals jahrelang an sol- 
chen Grenzorten des Erkennens gerungen hat durchzubrechen in 
die geistige Welt hinein, dann gelangt man zum Realen von geistigen 



Organen. Ich spreche nur elementar von dem, wie sich dieser Tast- 
sinn entwickelt. Aber man kann, um diese oder jene Ausdriicke in 
einem vollkommeneren Sinne zu gebrauchen, davon sprechen, da6 
sich durch immer weiteres und weiteres inneres Arbeiten, Heraus- 
arbeiten aus dem In-sich-Beschlossensein Geistesaugen, Geistesohren 
entwickeln. Heute erscheint es vielen Menschen noch absurd, davon 
zu sprechen, daB die Seele ein ebenso undifferenziertes Organ zunachst 
ist, wie der Organismus eines niederen Wesens, das seine Sinne aus 
seiner Substanz heraus bildet, und daB sich aus dieser Substanz see- 
lische Begriffe, seelisch differenzierte Geistesorgane herausbilden 
konnen, die ihn dann der geistigen Welt gegeniiberstellen. 

Man darf sagen: Geisteswissenschaft, wissenschaftlich in aller Be- 
rechtigtheit systematisch dargestellt, stellt sich heute neu in den Er- 
kenntnisfortschritt der Menschheitsentwickelung hinein. Aber sie ist 
nicht in jeder Beziehung etwas Neues. Das Ringen nach ihr, das 
Streben nach ihr, wir sehen es gerade bei den hervorragendsten Er- 
kenntnismenschen der Vergangenheit. Und auf einen von ihnen, auf 
Friedrich Theodor Vischer habe ich ja hingewiesen. Ich mochte gerade 
noch einmal zeigen an seinen eigenen Ausspriichen, wie er an einer 
solchen Erkenntnisgrenze gestanden hat, wie er allerdings davor 
stehengeblieben ist, wie er nicht den Ubergang gemacht hat von dem 
inneren Regen zum Durchbrechen der Grenze, zum geistigen Tast- 
sinn. Und da mochte ich gerade diejenige Stelle aus Friedrich Theodor 
Vischers Abhandlungen Ihnen vorlesen, wo er schildert, wie er an 
eine solche Grenze, wo der Geist heranschlagt an die menschliche 
Seele, gekommen ist gelegentlich seines Ringens mit den naturwissen- 
schaftlichen Erkenntnissen. Es war in der Zeit, in der die materiali- 
stisch gesinnte Naturwissenschaft den ernsten Erkenntnisringern viele 
Ratsel vorgelegt hat, wo zahlreiche Menschen gesagt haben, man 
konne gar nicht von Seele anders sprechen, als daB sie nur ein Produkt 
sei des materiellen Wirkens. 

Hier seine Worte: «Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein 
Gehirn, sagen die Gegner. Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen 
wir, wenn es nicht von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware ; 
es ist leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit 



und Kalk zu reden, - nicht schwerer als es uns ware, spottweise zu 
fragen, wie sich das EiweiB im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der 
menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunter- 
schiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daB 
die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muB, als so 
vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daB wir uns Beulen 
daran sto6en;» - ich bitte Sie zu beachten, wie der Erkenntnisringer 
schildert, daB wir uns Beulen daran stoBen; hier haben Sie ein inneres 
Erlebnis eines Erkenntnisringers : dieses Anschlagen eines Erkenntnis- 
ringers ! - «es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit, 
daB mit Hegels Anderssein und AuBersichsein, so geistreich die Fot- 
mel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren 
Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der 
Schneide und des StoBes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, 
aber keine Erklarung dafur. » 

Hier haben wir die Schilderung, die ein Mensch von seinem Er- 
kenntnisringen gibt in der Zeit, bevor der EntschluB entstehen 
konnte, der geisteswissenschaftliche EntschluB: nicht bloB bis zu 
diesem Schlag und Gegenschlag zu kommen, sondern zu durch- 
brechen die Scheidewand gegeniiber der geistigen Welt. - Ich kann 
nur ganz im Prinzipiellen iiber solche Dinge sprechen; Sie flnden sie 
im einzelnen ausgefuhrt in meinen Biichern. Namentlich in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und im zweiten Teil 
meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» finden Sie in alien Details 
dasjenige ausgefuhrt, was die Seele in innerer Regsamkeit, in innerer 
Ubung - wenn der Ausdruck erlaubt ist - mit sich vornehmen muB, 
um dasjenige, was in ihr undifferenziert ist, zu geistigen Organen, die 
dann die geistige Welt schauen konnen, wirklich umzugestalten. 

Aber gar vieles ist notwendig, wenn man auf diesem Wege wirklich 
zu Forschungen kommen will. Es ist deshalb gar vieles notwendig, 
weil in unserer Zeit durch die Gewohnheiten, die sich gerade auf 
naturwissenschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete naturwissenschaft- 
licher Weltanschauung herausgebildet haben, das auf seinem Felde 
seine voile Berechtigung hat, eine besondere Art zu denken in das 
Menschenleben eingegriffen hat, die entgegengesetzt ist den Wegen, 



die in die geistige Welt fiihren; so daB es ganz selbstverstandlich ist, 
daB man von naturwissenschaftlicher Seite nur Dinge hort, die eigent- 
lich von der geistigen Welt, wie sie wirklich ist, in ihren Tatsachen 
nichts wissen wollen. Ich will nur eines anfiihren - wie gesagt, das 
Genauere finden Sie in den genannten Buchern ich will anfiihren, 
daB der Mensch sozusagen sich eine ganz andere Art des Vorstellens 
erringen muB. Im gewohnlichen Leben ist man zufrieden mit den 
BegrifFen, den Vorstellungen, wenn man sich sagen kann : Diese Be- 
griffe, diese Vorstellungen sind so geartet, daB sie ein Abbild irgend- 
einer auBeren Tatsache oder eines auBeren Dinges sind. - Damit kann 
sich der Geistesforscher nicht befriedigen. Schon die Vorstellungen, 
die Begriffe werden etwas ganz anderes in seiner Seele, als sie nach den 
Denkgewohnheiten der Gegenwart sind. Wenn ich wiederum einen 
Vergleich gebrauchen darf, so mochte ich daran zeigen, wie heute der 
Geistesforscher der Welt gegemibersteht. Materialistische, spiritua- 
listische, pantheistische, individualistische, monadistische und so wei- 
ter, alle solche Leute glauben, in die Weltenratsel irgendwie ein- 
dringen zu konnen; man versucht mit bestimmten Vorstellungen, 
BegrifTen, ein Bild zu bekommen von den Vorgangen der Welt. So 
kann der Geistesforscher schon Begriffe gar nicht auffassen, sondern 
er muB sich zu einem Begriff in der Weise stellen, daB er immer sich 
klar bewuBt ist: In einem Begriff, in einer Vorstellung hat er nichts 
anderes, als was man in der auBeren Sinneswelt hat, wenn man zum 
Beispiel einen Baum oder einen andern Gegenstand von einer ge- 
wissen Seite her photographiert, man bekommt ein Bild von einer 
gewissen Seite, von einer andern Seite ein anderes Bild, von einer 
dritten Seite wieder ein anderes, von einer vierten Seite wiederum ein 
anderes Bild. Die Bilder sind voneinander verschieden; sie alle geben 
erst zusammen, wenn man sie im Geiste kombiniert, den Baum als 
gestaltete Vorstellung. Aber man kann sehr gut sagen, das eine Ding 
widerspricht dem andern! Sehen Sie nur, wie ganz verschieden oftmals 
ein Gegenstand aussieht, wenn Sie ihn von der einen und von der 
andern Seite her photographieren ! Allen diesen Vorstellungen von 
Pantheismus, Monadismus und so weiter steht der Geistesforscher 
so gegeniiber, daB sie nichts anderes sind als verschiedene Aufnahmen 



der Wirklichkeit. Denn die geistige Wirklichkeit ergibt sich in Wahr- 
heit dem Vorstellungsleben, dem Begriffsleben gar nicht so, daB man 
sagen kann, irgendein BegrifF ist ein Abbild, sondern man muB immer 
um die Sache herumgehen, man muB immer von verschiedenen Seiten 
her sich die mannigfaltigsten Begriffe bilden. Dadurch ist man in 
die Lage versetzt, ein viel groBeres inneres, seelisch regsames Leben 
zu entwickeln, als man fur die auBere Sinneswelt gewohnt ist; dadurch 
ist man aber auch genotigt, die Begriffe zu etwas viel Lebendigerem 
zu machen. Sie sind nicht mehr Abbilder, aber indem man sie erlebt, 
sind sie etwas viel Lebendigeres, als sie im gewohnlichen Leben und 
seinen Dingen sind. 

Ich kann mich da in der folgenden Weise verstandigen. Nehmen Sie 
an, Sie haben eine Rose, abgeschnitten vom Rosenstock, vor sich; 
Sie bilden sich die Vorstellung davon. Nun ja, diese Vorstellung 
konnen Sie sich bilden; Sie werden auch oftmals bei dieser Vor- 
stellung das Gefuhl haben: sie driickt Ihnen etwas Wirkliches aus, 
die Rose ist etwas Wirkliches. Der Geistesforscher kann niemals auf 
seinem Wege vorwartskommen, wenn er bei solchen Vorstellungen 
sich befriedigt, die Rose sei etwas Wirkliches. Die Rose, vorgestellt 
fur sich als Blute mit einem kurzen Stengel, ist gar nichts in sich Wirk- 
liches ; sie kann so, wie sie ist, nur da sein am Rosenstock drauf. Der 
Rosenstock ist etwas Wirkliches! Und der Geistesforscher muB sich 
nun angewohnen, fur alle einzelnen Dinge, fur welche die Menschen 
sich Vorstellungen bilden, indem sie glauben, das sei auch etwas Wirk- 
liches, immer sich bewuBt zu sein, in welch eingeschranktem Sinne 
solch eine Sache etwas Wirkliches ist. Er muB fiihlen, indem er die 
Rose mit dem Stiel vor sich hat: das ist nichts Wirkliches; er muB den 
Grad von Unwirklichkeit mitempfinden, mitfuhlen, miterleben, der 
in dieser Rose als bloBer Bliite enthalten ist. 

Dadurch aber, daB man das fur die ganze Weltbetrachtung aus- 
dehnt, belebt sich das Vorstellungsleben selbst; dadurch bekommt 
man nicht die schon abgelahmten, die getoteten Vorstellungen, mit 
denen sich die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung zu- 
frieden gibt, sondern man bekommt Vorstellungen, die mit den 
Dingen mitleben. Allerdings, man erlebt, wenn man von den Denk- 



gewohnheiten der Gegenwart ausgeht, mancherlei Enttauschungen 
zunachst, Enttauschungen, die sich ergeben, weil dasjenige, was man 
so erlebt, sich wirklich recht sehr unterscheidet von den Denk- 
gewohnheiten der Gegenwart. Man muB schon manchmal recht para- 
dox sprechen, wenn man aus den Erkenntnissen der geistigen Welt 
heraus spricht, gegemiber den Dingen, die heute allgemein gesprochen 
und geglaubt werden. 

Man kann heute ein sehr gelehrter Mann sein, sagen wir auf physi- 
kalischem Gebiete, ein auBerordentlich gelehrter Mann, und man 
kann mit Recht Bewunderung erregen durch seine Gelehrsamkeit, 
aber man kann mit lauter Begriffen arbeiten, die nicht herangeholt, 
nicht herangearbeitet sind an solchen, wie ich es geschildert habe: 
dem Lebendigmachen der Vorstellungswelt. Ich habe ja nur etwas 
ganz Elementares gesagt; dieses Elementare aber muB sich beim 
Geistesforscher ausdehnen liber die ganze Weltbetrachtung. Ich will 
ein Beispiel anfuhren: Professor Dewar hat im Anfange des Jahr- 
hunderts einen sehr bedeutsamen Vortrag in London gehalten. Dieser 
Vortrag, mochte ich sagen, zeigt in jedem Satze den groBen Gelehrten 
der Gegenwart, der in physikalischen Vorstellungen bewandert ist, 
wie man nur bewandert sein kann. Der Gelehrte versucht aus den 
physikalischen Vorstellungen heraus, wie sie der Physiker der Gegen- 
wart gewinnen kann, iiber den Endzustand der Erde zu sprechen 
beziehungsweise iiber irgendeinen Zukunftszustand, in dem eben 
vieles von dem abgestorben sein muB, was heute noch gegenwartig 
sein kann. Er schildert sehr richtig, weil er auf lauter gut fundierten 
Voraussetzungen fuBt; er schildert, wie einmal nach Jahrmillionen 
eintreten musse ein Erdzustand, in dem die Temperatur um so und so 
viel hundert Grade heruntergegangen ist, und wie sich dann - man 
kann das sehr gut berechnen - verandert haben miissen gewisse Sub- 
stanzen. Man kann das berechnen, und er schildert, wie Milch zum 
Beispiel dann nicht mehr wie heute ftiissig sein konne, sondern fest 
sein muB, wie EiweiB, wenn man damit Wande bestreicht, so leuch- 
tend wird, daB man Zeitungen dabel lesen kann, ohne daB man ein 
anderes Licht braucht, da man von dem bloBen EiweiB licht erhalt, 
und viele solche Einzelheiten. Dinge, die heute nicht einmal ein paar 



Gramm Druck aushalten wiirden, werden in ihrer Konsistenz, in 
ihrem Materiellen so stark sein, daB man Hunderte von Kilogramm 
daranhangen kann, kurz, eine groBartige Schilderung eines kiinftigen 
Zustandes der Erde gibt Professor Dewar. Man kann vom Stand- 
punkte des Physikalischen aus nicht das geringste einwenden; aber 
fur den, der lebendiges Denken in seine Seele aufgenommen hat, stellt 
sich die Sache anders. Fur den, der lebendiges Denken in seine Seele 
aufgenommen hat, tritt notwendigerweise sogleich, indem er solche 
Vorstellungsformen aufnimmt, wie sie dieser Professor gibt, das vor 
seine Seele, daB er sich nun etwas sagen muB, was in der Methode, in 
der Anschauungsweise ganz ahnlich ware der Folgerung und Denk- 
weise dieses Gelehrten. 

Nehmen Sie an, man nahme zum Beispiel einen funfundzwanzig- 
jahrigen Menschen und beobachtete genau - heute kann man solche 
Beobachtungen schon anstellen, ich brauche ja nur zu erinnern an das 
Rontgenwesen -, man beobachtete genau, wie sich gewisse Organe, 
sagen wir der Magen, von Jahr zu Jahr andern, im Verlauf von zwei, 
drei, vier, fiinf Jahren andern; sie nehmen andere Konfigurationen 
an. Man kann das beschreiben, wie es der Physiker macht, indem er 
die aufeinanderfolgenden Zustande der Erde vergleicht und dann be- 
rechnet, wie nach Jahrmillionen diese Erde ausschauen muB. Nun 
kann man auch beim Menschen das anstellen: man beobachtet, wie 
sich, sagen wir, Magen oder Herz von Jahr zu Jahr andern; dann 
berechnet man, wie, sagen wir, nach zweihundert Jahren der Mensch 
ausschauen muB nach diesen Veranderungen. Man bekommt ein 
ebensogut fundiertes Resultat heraus, wenn man ausrechnet, wie der 
Mensch nach zweihundert Jahren ausschauen muB, wenn man die 
einzelnen Anschauungen richtig zusammenrechnet, nur ist der Mensch 
dann langst gestorben, er ist nicht mehr da ! 

Sie sehen, was ich meine. Es handelt sich darum, daB man in dem 
einen Fall aus der unmittelbaren Erfahrung heraus weiB : solche Rech- 
nerei entspricht nicht der Wirklichkeit, weil nach zweihundert Jahren 
der menschliche Leib mit diesen Veranderungen nicht mehr da ware, 
bei der Erde stellt man aber diese Berechnung an. Man beachtet aber 
nicht, daB die Erde nach zwei Jahrmillionen eben als physisches 



Wesen auch langst gestorben ist, nicht mehr da ist; daB also die ganze 
gelehrte Berechnerei iiber diesen Zustand gar keinen Wirklichkeits- 
wert hat, weil die Wirklichkeit, auf die sie angewendet ist, nicht mehr 
da ist. 

Die Sachen gehen sehr weit. Sie konnen ja ebensogut beim Men- 
schen wie nach vorwarts auch nach riickwarts rechnen, konnten 
rechnen, wie der Mensch nach den kleinen Veranderungen von zwei 
Jahren vor zweihundert Jahren ausgeschaut hat, aber er war noch 
nicht da! Aber nach derselben Methode ist die Kant-Laplacesche 
Theorie gebildet, jene Theorie, welche annimmt, daB einstmals ein 
Nebelzustand da war, der aus dem gegenwartigen Zustand berechnet 
ist. Die Rechnung stimmt ganz gut, die Wahrnehmungen sind ganz 
richtig, nur - fur den Geistesforscher stellt sich das hin, daB damals, 
als dieser ganze Urnebel dagewesen sein soil, die ganze Erde noch 
nicht geboren war, das ganze Sonnensystem noch nicht vorhanden war. 

Ich wollte diese Berechnungen nur heranziehen, um Ihnen zu 
zeigen, wie das ganze innere Seelenleben aus der Abstraktion heraus- 
kommen muB, wie es untertauchen muB in die lebendige Wirklichkeit, 
wie die Vorstellungen selber lebendig werden miissen. Ich habe in 
meinem Buch «Vom Menschenratsel», das vor zwei Jahren erschienen 
ist, unterschieden zwischen wirklichkeitsgemaBen und unwirklich- 
keitsgemaBen Vorstellungen. Kurz, worauf es ankommt, das ist, daB 
der Geistesforscher hinweisen muB darauf, daB sein Weg ein solcher 
ist, daB die Erkenntnismittel, die er gebraucht, erst erweckt werden 
miissen, daB er erst seine Seele umgestalten muB, um in die geistige 
Welt hineinschauen zu konnen. Dann kommen die Ergebnisse in einer 
solchen Form, daB man sehen kann: der Geistesforscher spekuliert 
nun nicht, ob die Seele unsterblich sei, ob die Seele durch Geburt und 
Tod durchgehe, sondern sein Forschungsweg fuhrt ihn zu dem 
Ewigen in der Menschenseele, zu dem, was durch Geburten und Tode 
geht; sein Forschungsweg zeigt ihm, was im Menschen als Ewiges 
lebt. Also er sucht das Objekt, das Ding, das Wesen selber auf. Hat 
man das Wesen, so kann man an diesem Wesen seine Eigenschaften 
erkennen, so wie man an der Rose die Farbe erkennt. Daher entsteht 
oftmals der Schein, als ob der Geisteswissenschafter nur behaupte, 



es sei so, denn er muB, indem er Belege angibt, immer darauf hin- 
weisen, auf welchem Wege man zu diesen Dingen kommt; er muB 
gewissermaBen da anfangen, wo die andere Wissenschaft aufhort. 
Dann aber ist ein wirkliches Eindringen moglich in diejenigen Ge- 
biete, die, ich mochte sagen, den Tod ebenso zu ihrem Ausgangs- 
punkt haben, wie das auf naturwissenschaftlichem Feld Befindliche 
die Geburt und die Jugend zum Ausgangspunkte hat. Nur muB man 
sich klar sein dariiber, daB dieser Tod keineswegs bloB dieses, die 
auBeren sinnlichen Anschauungsformen abschlieBende Ereignis ist, 
als das er gewohnlich angeschaut wird, sondern daB er etwas ist, das 
teil hat am Dasein, so wie die Krafte, welche mit der Geburt ins 
Leben gerufen werden, teil haben am Dasein. Wir begegnen dem 
Tode nicht nur, indem er uns als einmaliges Ereignis ergreift, sondern 
wir tragen die Krafte des Todes in uns - abbauende Krafte, immerfort 
abbauende Krafte -, so wie wir die Krafte der Geburt, oder die uns 
bei der Geburt gegebenen, als auf bauende Krafte in uns tragen. 

Um dies einzusehen, muB man allerdings an einem Grenzorte 
zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft wirklich For- 
schungen anstellen konnen. Ich kann ja heute von manchem naturlich 
nur Ergebnisse anfuhren, will ja auch nur anregen; sollte ich dasjenige 
in alien Einzelheiten ausfiihren, womit ich anregen will, so muBte ich 
viele Vortrage halten. Man muB sich also, wenn man das Angedeutete 
verfolgen will, an einen Grenzort begeben zwischen Naturwissen- 
schaft und Geisteswissenschaft. Man glaubt so vielfach und hat es ge- 
glaubt - heute ist die Wissenschaft meistens iiber diese Dinge schon 
hinaus, nur die popularen Weltanschauungsbewegungen stehen noch 
auf einem Standpunkte, den die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten 
verlassen hat -, man glaubt so vielfach, dieses menschliche Nerven- 
system, dieser menschliche Nervenapparat sei einfach ein Werkzeug 
fur das Denken, Fiihlen, Wollen, kurz, fur das seelische Erleben. 
Derjenige, der mit solchen Seelenorganen, mit Geistaugen, Geist- 
ohren, wie ich sie wenigstens prinzipiell beschrieben habe, erkennen 
lernt das seelische Leben, der es erst wirklich entdeckt, dieses seelische 
Leben, der weiB, daB sprechen : das Gehirn sei ein Werkzeug fur das 
Denken - ebenso ist, wie wenn man sagt: Ich gehe iiber einen Weg, 



der vielleicht aufgeweicht ist, ich trete meine FuBspuren hinein. Diese 
FuBspuren Bndet nachher einer, er will sie erklaren. Wie erklart er sie? 
Er erklart sie dadurch, daB er sagt: Unten in der Erde sind allerlei 
Krafte, die auf und ab schwingen und die dadurch, daB sie auf und ab 
schwingen, diese FuBspuren erzeugen, - was gar nicht auf Krafte in der 
Erde zuriickgeht, die diese FuBspuren erzeugen, denn ich habe sie 
hineingetragen, aber man kann meine Spuren genau darinnen nach- 
weisen! - So erklaren die Physiologen heute, daB dasjenige, was in 
dem Gehirn vorgeht, aus dem Gehirn kommt, weil jedem Denken, 
Vorstellen, Fiihlen etwas in dem Nervensystem entspricht. Geradeso 
wie meine Spuren meinen FuBtritten entsprechen, so entspricht wirk- 
lich im Gehirn etwas demjenigen, was die Seele als Eindriicke hat. 
Aber die Seele hat es erst eingedriickt. Ebensowenig wie die Erde das 
Organ ist fur mein Gehen oder die FuBspuren, ebensowenig wie sie 
diese herausbildet, ebensowenig ist das Gehirn das Organ fur allerlei 
Vorgange von Denken oder Vorstellen. Und so wie ich nicht gehen 
kann ohne Boden - ich kann nicht in der Luft gehen, ich brauche den 
Grund, wenn ich gehen will so ist das Gehirn notwendig; aber 
nicht weil es das Seelische hervorbringt, sondern weil das Seelische 
den Grund und Boden braucht, auf dem es sich, solange der Mensch 
zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, ausdriickt. Es hat also gar 
nichts zu tun mit dem allem. 

Gerade die heute so glanzend verstandene Naturwissenschaft er- 
fahrt ihre vollstandige Aufklarung, wenn dieser Umschwung im 
Denken eintreten wird, den ich hiermit angedeutet habe, der aller- 
dings ein radikalerer ist als der der Kopernikanischen Weltanschauung 
gegeniiber der Weltanschauung, die man friiher gehabt hat, aber der 
vor der wirklichen Weltanschauung so berechtigt ist, wie die Koperni- 
kanische Weltanschauung gegenuber der fmheren berechtigt war. 
Dann, wenn man auf seelenforscherischem Wege vorwartsdringt, 
dann findet man auch, daB die Vorgange im Gehirn, im Nerven- 
system, welche dem Seelenleben entsprechen, nicht auf bauende sind, 
nicht etwas sind, was dadurch da ist, daB die produktive, die wach- 
sende, die gedeihende Tatigkeit im Nervensystem so vorhanden ist 
wie im iibrigen Organismus. Nein! Sondern dasjenige, was die Seele 



vollfuhrt im Nervensystem, das ist abbauende Tatigkeit, das ist in der 
Tat wahrend unseres wachen BewuBtseins auBerhalb des Schlafes ab- 
bauende Tatigkeit. Und nur dadurch, daB das Nervensystem so in uns 
eingelagert ist, daB es von dem ubrigen Organismus immer wieder 
aufgefrischt wird, kann die abbauende, die auflosende, die zer- 
storende Tatigkeit, die vom Denken aus eingreift in unser Nerven- 
system, immer wieder ausgeglichen werden. Abbauende Tatigkeit ist 
da, Tatigkeit, welche ganz genau qualitativ dieselbe ist wie diejenige, 
die der Mensch auf einmal durchmacht, wenn er stirbt, wenn der 
Organismus ganz aufgelost wird. Der Tod lebt fortwahrend in uns, 
indem wir vorstellen. Ich mochte sagen, atomistisch geteilt lebt der 
Tod fortwahrend in uns; und der einmalige Tod, der uns ergreift, er 
ist nur summiert dasjenige, was fortwahrend abbauend in uns arbeitet, 
allerdings wiederum ausgeglichen wird, nur sind die Ausgleiche so, 
daB eben zuletzt auch der spontane Tod hervorgerufen wird. 

Man muB den Tod begreifen als eine Kraft, die im Organismus 
wirkt, so wie man die Lebenskrafte begreift. Sehen Sie sich aber heute 
die auf ihrem Gebiete durchaus berechtigte Naturwissenschaft an, so 
werden Sie finden: sie sucht nur die aufbauenden Krafte. Dasjenige, 
was abbaut, das entzieht sich ihr. Daher kann auch das aus dem Ab- 
bauenden wieder Neuerstehende, nun immerfort jetzt nicht leiblich - 
denn das Leibliche wird eben abgebaut -, sondern geistig-seelisch 
sich wieder Aufbauende von der auBeren Naturwissenschaft nicht 
beobachtet werden, denn es fallt fortwahrend aus der Beobachtung 
heraus und wird nur derjenigen Beobachtung zuganglich, die so vor- 
geht, wie ich es vorhin beschrieben habe. Dann zeigt sich allerdings, 
daB, wahrenddem wir unser Leben dahinbringen, unsere gesamte 
Seelentatigkeit nicht nur zugeordnet ist dem Grund und Boden, auf 
dem sie sich entwickeln muB und den sie sogar abbaut, insofern sie 
vorstellt, insofern sie tatig ist, sondern daB diese gesamte Seelentatig- 
keit auch zugeeignet ist einer geistigen Welt, die uns immer umgibt, 
in der wir mit unserem Seelisch-Geistigen so drinnenstehen, wie wir 
drinnenstehen mit unserem physischen Leibe in der sinnlich-physi- 
schen Welt. Eine wirkliche Beziehung des Menschen zu der geistigen 
Welt, die alles durchdringt, was physisch ist, zu der wirklichen, 



konkreten, realen geistigen Welt, wird also durch die Geisteswissen- 
schaft angestrebt. 

Dann ergibt sich allerdings die Moglichkeit, weiter zu beobachten, 
wie dasjenige, was da in uns wirkt und webt als Seelisches, das in den 
Grenzen, die ich geschildert hatte, abbaut, ein zusammengehoriges 
Ganzes ist. Dasjenige, was ich Seelenentwickelung genannt habe, 
dringt vor vom gewohnlichen BewuBtsein zum schauenden BewuBt- 
sein. Ich habe davon gesprochen in meinem Buche «Vom Menschen- 
ratsel». Dieses schauende BewuBtsein entwickelt die Moglichkeit, 
imaginative Erkenntnisse zu haben. Diese imaginativen Erkenntnisse 
geben nicht das, was auBerlich sinnlich ist, sondern sie geben am 
Menschen selber - ich will von der andern Welt jetzt absehen -, sie 
geben am Menschen selber dasjenige, was an ihm nicht sinnlich wahr- 
nehmbar ist. Ich habe in der letzten Zeit, damit kein MiBverstandnis 
entstehe, dieses, was zunachst von einer solchen geweckten Er- 
kenntnis wahrgenommen werden kann, Bildekrafteleib genannt. Das 
ist jener iibersinnliche Leib des Menschen, welcher tatig ist wahrend 
unseres ganzen Lebens, von der Geburt, oder sagen wir Empfangnis, 
bis zu unserem physischen Tode, welcher auch der Trager unserer 
Erinnerungen ist, welcher aber als iibersinnliche Wesenheit mit einer 
iibersinnlichen AuBenwelt in Verbindung steht. So daB unser sinn- 
hches Leben mit seinem iibrigen BewuBtsein nur wie eine Insel da- 
steht, aber rings um diese Insel herum und sogar diese Insel durch- 
dringend, liegt die Beziehung des menschlichen Bildekrafteleibes mit 
der iibersinnlichen AuBenwelt. Da kommen wir allerdings dazu, alle 
Vorstellungswelt - jetzt nicht anders als wie ich es geschildert habe - 
in Zusammenhang zu bringen mit dem physischen Gehirn, das den 
Grund und Boden dafur abgibt; aber wir kommen dazu, einzusehen, 
daB der Bildekrafteleib der Trager der menschlichen Gedanken ist, 
daB sich die Gedanken entwickeln in diesem Bildekrafteleib, daB der 
Mensch, indem er denkt, in diesem Bildekrafteleib lebt. 

Anders ist es schon, wenn wir vorschreiten zu einem andern Seelen- 
erlebnis, zu dem Fiihlen. Unser Fiihlen, auch unsere AfFekte, unsere 
Leidenschaften stehen in einem andern Verhaltnis zu unserem Seelen- 
leben als unser Denken. Der Geistesforscher findet, daB die Gedanken, 



die wir uns gewohnlich machen, an den Biidekrafteieib gebunden 
sind, nicht aber unsere Gefuhle, nicht aber unsere AfFekte. Diese 
Gefuhle und AfFekte leben in uns in einer viel unterbewuBteren Art; 
dafiir stehen sie aber auch mit etwas weit Umfassenderem im Zu- 
sammenhang als mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod. 
Nicht als ob der Mensch in diesem Teile seines Lebens, von dem ich 
jetzt spreche, gedankenlos ware; alle Gefuhle sind von Gedanken 
durchdrungen; aber die Gedanken, von denen die Gefuhle durch- 
drungen sind, kommen dem Menschen in der Regel nicht in das 
gewohnliche BewuBtsein hinein, sie sind unter der Schwelle dieses 
BewuBtseins. Dasjenige, was als Gefuhl heraufwogt, das ist gedanken- 
durchsetzt, aber diese Gedanken sind weiterausgreifend, denn man 
findet sie nur, wenn man zu einem noch hoheren BewuBtsein vor- 
schreitet in der schauenden Erkenntnis : zu dem, was - ich denke nicht 
an aberglaubische Vorstellungen -, was ich das inspirierte BewuBtsein 
nenne. Das Genauere dariiber konnen Sie in meinen Biichern nachlesen. 

Vertieft man sich nun in das, was eigentlich dem gewohnlichen Be- 
wuBtsein gegeniiber so schlaft, wie der Mensch vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen schlaft mit Bezug auf die gewohnlichen sinnlichen 
Vorstellungen, so sieht man es heraufwogen, wie in den Schlaf hinein 
die Traume wogen. So wogen in der Tat die Gefuhle herauf, es klingt 
paradox, aber es ist so: aus dem Tieferen der Seele. Aber dieses 
Tiefere der Seele, das der inspirierten Erkenntnis zuganglich ist, das 
ist dasjenige, was da lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt; 
das ist dasjenige, was eingetreten ist in den physischen Zusammenhang 
durch unsere Empfangnis, oder sagen wir Geburt, was durch die 
Pforte des Todes tritt und unter andern Bedingungen ein geistiges 
Dasein hat, bis der Mensch wieder geboren wird. Wer mit inspirierter 
Erkenntnis wirklich hineinschaut in dasjenige, was in der Gefiihlswelt 
lebt, der sieht nicht nur den Menschen zwischen Geburt und Tod, der 
sieht den Menschen auch in den Zeiten, die die Seele durchlebt 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Das ist nicht nur so einfach hingestellt : so ist es eben, - sondern es ist 
darauf hingewiesen, wie die Krafte in der Seele entstehen, welche die 
Gefuhle, AfFekte, Leidenschaften so anzusehen vermogen, daB man 



in ihnen drinnen lebt. So wie man in der Pflanze dasjenige sieht, was 
durch die Keimeskrafte entstanden ist, so sieht man etwas, was nicht 
mit unserer Geburt oder Empfangnis entsteht, sondern was aus einer 
geistigen Welt herausgekommen ist. 

Ich weifi sent wohl, wieviel sich von der heutigen naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauung gegen eine solche Vorstellung einwenden laBt. 
Es werden diejenigen, die bekannt sind mit solchen naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauungen, leicht sagen: Ja, da kommt er und schildert 
in dilettantischer Weise, daB diese Glieder seiner Seele, die er um- 
fassen will, aus einer geistigen Welt herauskommen; schildert die be- 
sonderen Konfigurationen, Farben der Gefiihle so, als ob in diesen 
Gefiihlen auf der einen Seite der Hinweis ware auf unser vorgeburt- 
liches Leben, und auf der andern Seite wieder etwas, was so ware, wie 
der Keim der Pflanze dasjenige ist, was in der Pflanze des nachsten 
Jahres sein wird. Kennt denn dieser Mensch nicht - werden die Leute 
sagen - die wunderbaren Vererbungsgesetze, die durch die Natur- 
wissenschaft heraufgebracht sind? WeiB er denn nicht alles, was die- 
jenigen wissen, welche die Wissenschaft der Vererbungsmerkmale erst 
schufen, welche erst zusammenpragten alles das, was die Kenntnis der 
Vererbungsmerkmale hervorgerufen hat? 

Ist auf der einen Seite die Tatsache, auf welche Naturwissenschaft 
hinweist, ganz richtig, so stecken doch in der Entstehung der Ver- 
erbung unsere Krafte, durch die wir uns durch Jahrhunderte vor- 
bereiten und die wir herunterschicken, so daB sich aus Voreltern und 
Eltern jene Konstellationen herausbilden, welche zuletzt zu dem mate- 
riellen Ergebnis fiihren, mit dem wir uns dann umhullen, indem wir 
aus der geistigen Welt in die physische heruntersteigen. Wer wirklich 
gerade die wunderbaren Ergebnisse der neueren Vererbungsforschung 
ins Auge fafit, der wird finden, daB das, was Geisteswissenschaft nur 
auf eine ganz andere Weise, ich mochte sagen, auf dem entgegen- 
gesetzten Wege, von der Seele aus findet, vollstandig bestatigt wird 
gerade durch die Naturwissenschaft; wahrend das, was die Natur- 
wissenschaft selber sagt, gar nicht durch die Naturwissenschaft be- 
statigt wird. Das kann ich nur andeuten. 

Und wenn wir dann eintreten in jenes Gebiet, das man als den 



Willen bezeichnet, so entzieht sich das ja sehr dem, was der Mensch 
in seinem gewohnlichen BewuBtsein hat. Was weiB der Mensch selbst 
iiber das, was in ihm vorgeht, wenn der Gedanke: Ich will etwas 
haben - sich zu einer Handbewegung gestaltet? Der eigentliche 
Willensvorgang schlaft im Menschen. Mit Bezug auf die Gefuhie und 
AfFekte konnte man wenigstens sagen, der Mensch traumt im Men- 
schen. Deshalb ist die Frage iiber die Freiheit eine so schwierige, weil 
der Wille schlafend ist dem gewohnlichen BewuBtsein gegeniiber. 
liber das, was in dem Willen vorgeht, kommt man nur zu einer Er- 
kenntnis, indem man im schauenden BewuBtsein bis zum wirklichen 
intuitiven BewuBtsein gelangt, nicht dem verschwommenen alltag- 
lichen, intuitiv genannten BewuBtsein, zu dem, was ich in meinen 
Schriften die drei Stufen : imaginatives, inspiriertes und intuitives Er- 
kennen genannt habe. Da kommt man hinein in das Willensgebiet, in 
dasjenige, was in uns wirken, leben soli. Das muB erst aus den unter- 
seelischen Tiefen heraufgeholt werden. Dann aber findet man, daB 
allerdings dieses Willenselement daneben noch - der gewohnliche Ge- 
danke steht fur sich - von Gedanken, von Geistigem durchsetzt ist. 
Aber so wie wir den Willen in uns tragen, wirkt in diesen Willen 
hinein jetzt nicht nur das, was wir in der geistigen Welt erlebt haben, 
was in unsere Gefuhie, in unsere AfFekte hinein wirkt zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt, sondern es wirkt dasjenige, was wir 
in vorigen Erdenleben erlebt haben. In die Willensnatur des Menschen 
wirken hinein die Impulse fruherer Erdenleben. Und in dem, was 
wir im gegenwartigen Wollen entwickeln, heranziichten, mochte ich 
sagen, leben die Impulse fur folgende Erdenleben. So daB das ge- 
samte Menschenleben fur die wirkliche Geistesforschung zerfallt in 
solche Leben, die zwischen der Geburt und dem Tod liegen, und in 
solche, welche - weil das ganze physische Dasein aus der Welt heraus 
gebaut werden muB - in weit langeren Zeitraumen in der geistigen 
Welt erlebt werden. Aus solchen Leben, wiederholten Erdenleben, 
wiederholten geistigen Leben, setzt sich das gesamte menschliche Le- 
ben zusammen. Dies ist nicht eine Phantastik, nicht ein Einfall, son- 
dern etwas, das man findet, wenn man wirklich auf das Ewige, Un- 
vergangliche in der Menschenseele lernt das Geistesauge hinzuwenden. 



Diese Dinge schlieBen nicht die menschliche Freiheit aus. Ebenso- 
wenig wie es meine Freiheit ausschlieBt, wenn ich mir dieses Jahr ein 
Haus baue, in dem ich nach zwei Jahren wohnen werde - ich werde 
darinnen ein freier Mensch sein, trotzdem ich dieses Haus fur mich 
gebaut habe -, so bestimmen die einen Erdenleben die andern, die 
folgenden vor. Aber nur miBverstandene Auffassung konnte das als 
eine Beeintrachtigung des menschlichen Freiheitsgedankens hinstellen. 

So kommt man allmahlich in geistiger Forschung an die geistigen 
Tatsachen heran, indem man ausgeht von dem Tode. Auch im einzel- 
nen ergibt diese Beobachtung das Mannigfaltigste, wenn man den Tod 
der Geistesforschung so zugrunde legt, wie man die Geburt und das 
Keimesleben der physischen Forschung zugrunde legt. Ich will nur 
einiges anfiihren, weil ich nicht im Unbestimmten herumreden. 
mochte, sondern konkrete Ergebnisse der anthroposophischen Gei- 
stesforschung anfuhre. Wir konnen unterscheiden im gewohnlichen 
Geistesleben zwischen dem gewaltsam eintretenden Tode durch 
auBere Veranlassung und dem Tod, der von innen heraus, sei es durch 
Krankheit von innen heraus, sei es durch Altern, eintritt. Wir konnen 
also verschiedene Arten des Todes unterscheiden. Geistesforschung, 
die konkret auf die Natur des Todes eingeht, findet folgendes : 

Nehmen wir zum Beispiel den gewaltsamen Tod, der in ein Leben 
hereintritt, sei es dadurch, daB man verungliickt, oder auf irgendeine 
andere Weise, kurz, gewaltsam. Das ist der Hereintritt eines Ereig- 
nisses, das das Leben in diesem Erdendasein auflost. Von diesem 
einmaligen Eintritt des Todes hangt ebenso die Entwickelung des 
GeistbewuBtseins fiir die geistige Welt nach dem Tode ab, wie von 
den Kraften, die uns bei der Geburt gegeben werden, die Grundlage 
abhangt - in der Weise aber wie ich es geschildert habe - dafiir, daB 
wir im Leben ein BewuBtsein entwickeln konnen. Andersartig ist das 
BewuBtsein, das wir nach dem Tode entwickeln: Das BewuBtsein, 
das wir hier auf Erden entwickeln, steht auf dem Boden des Nerven- 
systems, so wie ich auf dem Boden stehe, wenn ich auf dem Boden 
gehe; in der geistigen Welt begriindet ist das BewuBtsein nach dem 
Tode ein andersartiges, aber durchaus ein BewuBtsein. Wenn der 
Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, so ist das nicht nur etwas, 



was hereingreift in seine Vorstellungen. Das gewohnliche BewuBt- 
seinsvot stellen schlieBt ja mit dem Tode ab, ein anderes BewuBtsein 
beginnt, aber es greift herein in seinen Willen, von dem wir gesehen 
haben, daB er heriibergeht in folgendeErdenleben.DerGeistesforscher 
hat die Mittel, in einem Erdenleben zu untersuchen, was da auftr eten 
kann, wenn in einem vorigen Erdenleben ein gewaltsamer Tod ein- 
getreten ist. 

Wenn man uber solche Dinge heute spricht, so weiB man selbst- 
verstandlich, daB allerlei Menschen sagen: Das ist toricht, kindisch, 
phantastisch. - Aber die Ergebnisse sind ebenso gesicherte wissen- 
schaftliche - nur solche bringe ich vor - wie die der Naturwissen- 
schaft. Wenn ein gewaltsamer Tod in ein Leben eingreift, so zeigt 
sich dieses im nachstfolgenden Erdenleben so, daB dieser Tod nach- 
wirkt, indem er in ganz bestimmten Lebensjahren des nachstfolgenden 
Lebens irgendwie eine Richtungsanderung des Lebens hervorbringt. 
Es werden jetzt schon Forschungen angestellt iiber Seelenleben; nur 
werden sie in der Regel so angestellt, daB man nur das AllerauBer- 
lichste dabei beriicksichtigt. In manchen Menschenleben tritt in einem 
bestimmten Augenblicke dieses Lebens etwas ein, was das ganze 
Schicksal des Menschen andert, was ihn auf andere Lebenswege 
bringt, wie innerlich herausgefordert. In Amerika nennt man solche 
Dinge «Bekehrungen», weil man Namen haben will fur sie; aber wir 
brauchen nicht immer an Religioses zu denken; der Mensch kann in 
andere Lebenswege, in eine bleibende Anderung seiner Willensrich- 
tung hineingedrangt werden. Solch eine radikale Anderung einer 
Willensrichtung hat ihren Ursprung in einem gewaltsamen Tode 
seines vorhergehenden Lebens. Denn wie sehr haufig dasjenige, was 
im Tode auftritt, gerade fur die Mitte des nachsten Lebens wichtig ist, 
das zeigt sich der konkreten Forschung. Tritt der Tod spontan aus 
dem Innern durch Krankheit oder durch Altern auf, so hat der Tod 
viel mehr als fur das nachste Erdenleben eine Bedeutung fur das 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Ich wollte diese Beispiele anfiihren, damit Sie sehen, daB man nicht 
im Unbestimmten herumredet, sondern in der Tat iiber Einzelheiten, 
die im Zusammenhange des Lebens auftreten, ganz bestimmte An- 



schauungen gewinnen kann. Und so ist es, daB in der Tat die Geistes- 
forschung neu, selbst auch fur diejenigen, die iiberzeugt sind von der 
Unsterblichkeit der Menschenseele, in das BewuBtsein hereinbringt, 
daB man nicht nur im allgemeinen von Unsterblichkeit zu reden hat, 
sondern daB durch das Begreifen des Ewigen in der Menschenseele 
das Menschenleben als solches begreiflich wird. All die sonderbaren 
Vorgange, die man beobachtet, wenn man Sinn hat fur seelischen 
Lebensverlauf, fur den Verlauf des seelischen Lebens im Menschen, 
all die wunderbaren Ereignisse, sie stellen sich hinein, wenn man weiB, 
man hat es zu tun mit wiederholten Erdenleben und wiederholten 
geistigen Leben. In der geistigen Welt - ich sage das nur wie in 
Parenthese - steht der Mensch mit geistigen Wesenheiten, nicht nur 
mit den Mitmenschen, die ihm schicksalsmaBig nahegetreten sind und 
die auch durch die Pforte des Todes gegangen sind, sondern auch mit 
andern geistigen Wesen so in Beziehung, wie er hier mit den drei 
Reichen, dem Pflanzenreich, dem Mineralreich, dem Tierreich in Be- 
ziehung steht. Der geistige Forscher redet von einzelnen bestimmten 
Geistern, einzelnen bestimmten geistigen Wesenheiten, von einer kon- 
kreten, individualisierten geistigen Welt, wie wir hier von individua- 
lisierten Pflanzenwesen und Tierwesen und Menschenwesen reden, 
insofern sie zwischen Geburt und Tod physische Wesen sind. Was 
vor alien Dingen den Menschen erschuttern kann - es ist schwierig 
iiber die Dinge so zu sprechen, daB sie in einer neuen Weise wie aus 
grauer Geistestiefe heraustreten -, das ist, was dann eintritt, wenn die 
Erkenntnis selber in einer ganz bestimmten Weise an die menschliche 
Seele herantritt. Sie haben aus dem, was ich gesagt habe, gesehen, daB 
man Erkenntnis iiber die geistige Welt gewinnen kann. Diese Er- 
kenntnisse haben tiefe Bedeutung fur die menschliche Seele; sie 
machen gewissermaBen aus dieser menschlichen Seele etwas anderes. 
Es greift ein in das Leben der Seele, gleichgiiltig ob man Geistes- 
forscher ist oder ob man nur das, was vom Geistesforscher erforscht 
ist, gehort hat, verstanden hat, es aufgenommen hat; es ist gleich- 
giiltig, es kommt nicht darauf an, es selbst erforscht zu haben: man 
kann es auch begreiflich finden. Alles kann man begreiflich finden, 
wenn man es nur geniigend durchdringt. Man braucht es nur auf- 



genommen zu haben. Dann tritt es aber, wenn man es in seiner vollen 
Wesenheit erfaBt, so in dieses menschliche Seelenleben herein, daB 
man sich eines Tages eines sagt, daB es bedeutungsvoller ist als alle 
andern Ereignisse des Lebens. 

Man kann Schweres, Trauriges erlebt haben, das einen erschiittert 
hat, Freudiges, was einen erhoben hat, Erhabenes - man braucht 
nicht stumpf zu sein dagegen, wenn man etwa Geistesforscher oder 
Geist-Erkenner ist, man kann alles so voll empfindend miterleben wie 
die andern Menschen, die noch nicht Geistesforscher sind -, aber 
wenn man in seiner vollen Wesenheit durchdringt, was die Geist- 
Erkenntnis der Seele gibt und sich die Frage zu beantworten vermag : 
Was hat die Seele von diesen geistigen Ergebnissen? - wenn man sich 
voll sagt, was die Seele geworden ist durch die geistige Erkenntnis, 
dann wird dieses Ereignis wichtiger als alle andern Schicksale, als 
alle andern Schicksalserlebnisse, die an den Menschen herantreten. 
Nicht daB die andern kleiner werden, aber dieses wird groBer als die 
andern. Die Erkenntnis selbst tritt dann schicksalsmaBig durch das 
menschliche Seelenleben herein. Tritt so die Erkenntnis durch das 
menschliche Seelenleben herein, dann fangt man an, das menschliche 
Schicksal als solches zu verstehen : von da aus leuchtet das Licht, das 
das menschliche Schicksal auf klart. Man sagt sich von diesem Mo- 
mente ab: Hat man so rein im Geistigen dieses Schicksalserlebnis, 
dann wird einem erklarlich, wie man schicksalsmaBig in das Leben 
hereingestellt ist, wie unser Schicksal an den Faden hangt, die sich 
herausspinnen aus vorhergehenden Leben, vorhergehenden Erden- 
leben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, die sich wieder 
hineinspinnen aus diesem Leben in ein folgendes Leben. - Und man 
sagt sich: Das gewohnliche BewuBtsein durchtraumt sein Schicksal 
nur; das gewohnliche BewuBtsein nimmt sein Schicksal hin, ohne es 
zu verstehen, wie man den Traum hinnimmt. Das schauende BewuBt- 
sein, zu dem man erwacht, wie man aus dem Traum zum gewohn- 
lichen BewuBtsein erwacht, das gewinnt auch ein neues Verhaltnis 
zum Schicksal. Das Schicksal wird erkannt als dasjenige, was mit- 
arbeitet an unserem umfassenden Leben, an dem Leben, das durch 
Geburten und Tode geht. 



Es ist die Sache nicht in der trivialen Weise aufzufassen, als wenn 
der Geistesforscher nun sagen wiirde: Dein Ungluck hast du selbst 
verschuldet - nein, das ware nicht nur ein Verkennen, es ware sogar 
eine Verleumdung der Geistesforschung. Ein Ungluck braucht sogar 
gar nicht aus dem vorhergehenden Leben irgendwie verursacht zu 
sein. Es kann spontan eintreten; es wird nur seine Folgen fur das 
folgende und auch alles Leben zwischen den Erdenleben haben, weil 
wir sehr haung sehen, daB aus Ungliick, aus Leid und Schmerz das- 
jenige herauswachst, was andersgestaltetes BewuBtsein in der geistigen 
Welt ist. Aber Sinn kommt in unser ganzes Leben hinein, Verstandnis 
auch fur unser Schicksal, das wir sonst nur durchtraumen, das wir nun 
verstehen lernen. 

Eines tritt vor allem hervor, wenn diese Geisteserkenntnis ins Auge 
gefaBt wird. Man kann nicht etwa dann noch sagen: Nun ja, nach 
dem Tode mag die Seele in ein anderes Leben eintreten, aber das kann 
man ja abwarten. Hier nehme man das Leben, wie es sich im physi- 
schen Leib darbietet; was nach dem Tode ist, das kann man ja ab- 
warten. - Die Sache ist eine BewuBtseinsfrage. Allerdings steht das, 
was nach dem Tode eintritt, in einem Zusammenhange mit dem 
Leben, das wir durchleben im Leibe. So wie wir hier durch unseren 
Leib in gewissem Sinne das BewuBtsein haben, das wir eben im 
gewohnlichen Wachzustande haben, so haben wir nach dem Tode ein 
BewuBtsein, das sich jetzt nicht raumlich aus dem Nervensystem 
aufbaut, sondern das sich zeitlich aufbaut, im Zuruckschauen auf- 
baut. So wie unser Nervensystem gewissermaBen die Widerlage und 
der Gegenschlag ist fur unser gewohnliches BewuBtsein zwischen 
Geburt und Tod, so bildet eine Grundlage fur unser BewuBtsein in 
der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige, was 
schon hier in unserem BewuBtsein sitzt. Und so wie wir hier die Welt 
um uns haben, so haben wir, wenn wir gestorben sind, gerade unser 
Leben als wichtiges Organ vor uns. Daher hangt viel ab von dem 
BewuBtsein im physischen Leib, das sich hineinerstrecken kann in das 
BewuBtsein, das nach dem Tode an uns herantritt. Wer zum Beispiel, 
wie es oftmals den Denkgewohnheiten der Gegenwart entspricht, 
sich nur beschaftigt mit physischen Vorstellungen, die durch die Sinne 



aufgefaBt sind, der bekommt in sein BewuBtsein, auch in sein Er- 
innerungsvermogen, in all dasjenige, was sich in seiner Seele abspielt, 
nur Vorstellungen aus dem gewohnlichen Leben: auch er baut sich 
eine Welt auf nach dem Tode. Die Umgebung baut man sich auf 
durch das, was man innerlich ist. So wie einer, der physisch in 
Europa geboren ist, nicht Amerika um sich herum sehen kann, so 
wie man durch das, worin man hineingeboren ist leiblich, seine 
Umgebung erhalt, so bestimmt man gewissermaBen die Umge- 
bung, den Ort seines Daseins durch das, was man im Leibe sich ge- 
bildet hat. 

Nehmen wir den extremen Fall, der aber nicht leicht bei einem 
Menschen eintreten kann, daB jemand sich gewehrt hat gegen alle 
iibersinnlichen Vorstellungen, Atheist geworden ist, auch von seiten 
der Religion her nicht einmal ein Gefiihl aufgenommen hat, daB er 
sich damit auch nur beschaftigen wolle - ich weiB, daB ich etwas sehr 
Paradoxes sage, aber es hat auch gute geisteswissenschaftliche Unter- 
lagen: er verurteilt sich dazu, in der Erdensphare zu bleiben, mit sei- 
nem BewuBtsein dazubleiben, wahrend der andere, der geistige Vor- 
stellungen aufgenommen hat, in eine geistige Umgebung versetzt 
wird. Derjenige aber, der nur sinnliche Vorstellungen aufgenommen 
hat, verurteilt sich, in der sinnlichen Umwelt zu bleiben. 

Wie man gedeihlich wirken kann im physischen Leib, weil man 
gewissermaBen in dem physischen Leib die Schutzhiille hat gegen die 
Umwelt, wie man gedeihlich wirken kann, wenn man im physischen 
Leib in der physischen Welt anwesend ist, so wirkt man ungedeihlich, 
wenn man nach dem Tode in der physischen Welt anwesend bleibt. 
Mit physischen Vorstellungen in dem BewuBtsein nach dem Tode 
wird man zum Zerstorer. - Ich habe schon bei dem Vererbungs- 
problem angedeutet, wie die Krafte des Menschen, wenn er in der 
geistigen Welt ist, eingreifen in die physische Welt. Wer sich selber 
durch sein bloBes physisches BewuBtsein verurteilt, in der physischen 
Welt zu bleiben, der wird zum Zentrum von zerstorenden Kraften, 
die in dasjenige eingreifen, was im Menschenleben und im iibrigen 
Weltenleben geschieht. Solange wir im Leibe sind, mogen wir bloB 
sinnliche Gedanken, materialistische Gedanken haben: der Leib ist 



ein Schutz. Oh, er ist in einem viel hoheren MaBe, als wir es denken, 
ein Schutz ! Es ist sehr sonderbar, aber dem, der hineinschaut in den 
ganzen Zusammenhang der geistigen Welt, ist eines klar: Wenn der 
Mensch nicht durch seine Sinne abgeschlossen ware von der Umwelt, 
wenn die Sinne nicht zuruckhalten wurden, da er im gewohnlichen 
Bewufitsein nicht fahig ist, lebendige Begriffe aufzunehmen, sondern 
die abgetoteten, die ihn zuruckhalten sollen von dem Eindringen in 
die geistige Umgebung, wenn der Mensch unmittelbar wirksam 
machen konnte seine Vorstellungen, wenn er sie nicht bloB als inner- 
liche in sich hatte, nachdem schon die Dinge durch die Sinne ge- 
gangen sind, so wiirde der Mensch auch hier in der physischen Welt, 
wenn er sein Vorstellungsleben entwickelt, durch seine Vorstellungen 
totend, lahmend wirken. Derm diese Vorstellungen sind in einer ge- 
wissen Weise zerstorerisch, abbauend fur alles das, was sie ergreifen. 
Nur weil diese Vorstellungen in uns zuruckgehalten werden, sind sie 
nicht abbauend, bauen sie nur ab, wenn sie in Maschinen zum Aus- 
druck kommen, in Werkzeugen, die ja auch ein Totes aus der leben- 
digen Natur heraus sein mussen. Das ist zwar nur ein Bild, das aber 
einer Wirklichkeit entspricht. Aber wenn der Mensch eintritt in die 
geistige Welt mit bloB physischen Vorstellungen, wird er ein Zentrum 
der Zerstorung. 

So habe ich diese eine Vorstellung als ein Beispiel nur fur viele an- 
zufiihren, daB wir nicht sagen diirfen: Wir konnen warten -, sondern 
daB es in des Menschen Wesenheit liegt, ob er sinnliche oder iiber- 
sinnliche Vorstellungen entwickelt, so oder so sich vorbereitet das 
folgende Leben. Dieses ist freilich ein ganz anderes, aber es wird 
herausentwickelt aus dem Leben hier; das ist das Wesentliche, was 
man iiberschauen muB. Mancherlei tritt einem anders entgegen aus 
der Geisteswissenschaft, als man vermutet. Deshalb muB ich am 
Schlusse noch einige Bemerkungen machen. 

Es konnte sehr leicht der Glaube entstehen, daB derjenige, der nun 
in die geistige Welt eintritt, unbedingt selber . ein Geistesforscher 
werden miisse. Das ist nicht notig, obwohl ich beschrieben habe in 
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
so viel von dem, was die Seele aus sich machen muB, damit sie wirklich 



eintreten kann. Und es kann es heute bis zu einem gewissen Grade 
jeder, aber es braucht es nicht jeder. Das, was man als Seelisches ent- 
wickelt hat, ist eine rein innerliche Angelegenheit; das aber, was 
daraus entsteht, ist, daB die erforschten Wahrheiten in Begriffe ge- 
formt werden, daB man in solche Vorstellungen, wie ich sie heute ent- 
wickelt habe, einkleidet, was der Geistesforscher geben kann. Dann 
kann es mitgeteilt werden. Fur das, was der Mensch braucht, ist es 
ganz gleichgiiltig - ich spreche damit ein Gesetz der Geistesforschung 
aus -, ob man die Dinge selber erforscht hat, oder ob man sie von 
anderer glaubwiirdiger Seite erhalten hat. Es kommt nicht darauf an, 
die Dinge selbst zu erforschen, sondern es kommt darauf an, daB man 
sie in sich hat, daB man sie in sich entwickelt hat. Es ist daher eine 
irrtiimliche Vorstellung, wenn man glaubt, ein jeder miisse ein Geistes- 
forscher werden. Der Geistesforscher wird nur heute das Bediirfnis 
haben, wie ich selber das Bediirfnis gehabt habe, iiber seinen For- 
schungsweg gewissermaBen Rechenschaft zu geben. Und nicht nur 
aus dem Grunde, weil heute bis zu einem gewissen Grade jeder ohne 
alien Schaden den Weg gehen kann, den ich beschrieben habe, son- 
dern auch, weil jeder berechtigt ist zu fragen: Wie hast du es gemacht, 
daB du zu solchen Resultaten gekommen bist? - daher habe ich diese 
Dinge beschrieben. Und ich glaube, daB auch jeder, der nicht ein 
Geistesforscher werden will, wenigstens sich iiberzeugen wird wollen, 
wie der Geistesforscher zu den Resultaten kommt, die ja heute jeder 
braucht, der im Sinne der heutigen menschlichen Entwickelung die 
Grundlage legen will fur das Leben, das sich in den Menschenseelen 
entwickeln muB. 

Es ist heute die Zeit voriiber, die in alten Zeiten beziiglich der 
Geistesforschung da war, wo man so sehr zumckgehalten hat das- 
jenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit 
streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Auch heute noch halten 
diejenigen, die von diesen Geheimnissen des Lebens wissen - es sind 
ja ihrer nicht wenige -, mit diesen Dingen zuriick. Wer bloB als 
Schiiler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der 
wird unter alien Umstanden nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben ! 
Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber 



gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muB 
der iibrigen Menschheit dienen. 

Es kann schon aus den wenigen kurzen Andeuturigen, die ich heute 
geben konnte, hervorgehen, was fur den einzelnen Menschen Geistes- 
forschung sein kann; aber sie ist nicht bloB fur den einzelnen Men- 
schen von Bedeutung. Und um dieses andere zum Schlusse mit ein 
paar Worten wenigstens anzudeuten, mochte ich auf etwas hinweisen, 
was recht wenig heute beriicksichtigt wird. 

Es ist eine eigentiimliche Erscheinung, auf die ich aufmerksam 
machen mochte in der folgenden Art: Wir haben in der zweiten 
Halfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse naturwissenschaftliche Rich- 
tung groB heraufkommen sehen, es ist die an den Namen Darwin 
sich kniipfende Erklarung der Lebewesen. Begeisterte, gelehrte For- 
scher, begeisterte Schiller haben diese Dinge durch die Jahrzehnte 
der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts getragen. Ich habe vielleicht 
auch hier schon darauf aufmerksam gemacht, was da fur ein eigen- 
tumliches Faktum eingetreten ist. In den sechziger Jahren schon war 
die Sache so, daB unter der Fuhrung Haeckels eine machtige Welt- 
anschauungsbewegung entstanden war, welche alles Alte iiber den 
Haufen werfen und die ganze Weltanschauung umgestalten wollte 
nach darwinistischen Begriffen. Heute gibt es noch immer zahl- 
reiche Leute, welche hervorheben, wie groB und bedeutend es 
gewesen ware, wenn man nicht mehr eine weisheitsvolle Weltenlen- 
kung hatte, sondern daB aus mechanistischen Kraften heraus im 
Sinne des Darwinismus das Werden alles hatte erklart werden 
konnen. 

1869 trat Eduard von Hartmann auf mit seiner « Philosophic des 
UnbewuBten» und wendete sich gegen den rein auBerlich die Welt 
auffassenden Darwinismus, indem er auf die Notwendigkeit innerer 
Krafte, wenn auch in unzulanglicher Weise - Geistesforschung hatte 
er nicht -, in bloB philosophischer Weise hinwies. Selbstverstandlich 
waren diejenigen, welche begeistert waren vom Heraufkommen des 
Darwinismus, bereit, zu sagen: Nun, der Philosoph ist ein Dilettant, 
man braucht nicht auf ihn zu horen. - Gegenschriften erschienen, in 
denen man spottisch iiber den Dilettanten Eduard von Hartmann 



redete: der wahre, gelehrte Naturforscher braucht auf solche Dinge 
nichts zu geben. 

Da erschien auch eine Schrift von einem Anonymus, die diese 
Schrift von Eduard von Hartmann glanzend widerlegte. Mit dieser 
Schrift waren die Naturforscher und diejenigen, die in ihrem Sinne 
dachten, recht einverstanden, denn Eduard von Hartmann wurde voll- 
standig widerlegt. Alles, was man da vorbringen konnte, recht gelehrt 
aus dem Fond der Naturwissenschaft heraus, wurde in dieser Schrift 
von einem Ungenannten gegen Eduard von Hartmann vorgebracht - 
geradeso wie heute vieles vorgebracht wird gegen Geistesforschung. 
Und siehe da, die Schrift wurde sehr beifallig aufgenommen. Haeckel 
sagte : Das hat einmal ein wirklicher Naturforscher geschrieben gegen 
diesen Dilettanten Eduard von Hartmann; da sieht man, was ein 
Naturforscher kann; ich selber konnte nichts Besseres schreiben. Er 
nenne sich uns, und wir betrachten ihn als einen der Unsrigen. - 
Kurz, die Naturforscher haben fur diese Schrift, die ihnen sehr zugute 
kam, recht Propaganda gemacht, so daB sie bald vergriffen war. Eine 
zweite Auflage war notig. Da nannte sich der Verfasser: es war 
Eduard von Hartmann! 

Da hat einmal jemand der Welt eine Lektion erteilt, die wichtig war. 
Derjenige namlich, der heute erleben muB als Geistesforscher, was 
gegen Geistesforschung geschrieben ist, konnte namlich alles das aus 
dem kleinen Finger sich saugen ohne viel Muhe, was gegen die 
Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Eduard von Hartmann konnte 
auch alles das, was die Naturforscher gegen ihn vorbrachten, sich 
schon selber sagen - und er tat es. 

Aber dies nur als Einleitung. Worauf es mir ankommt ist das: 
Oscar Hertwig ist einer der bedeutendsten Schuler Haeckels, der den 
emsigen und ehrlichen und groBen Forscherweg der Naturwissen- 
schaft beschritten hat. Hertwig hat im vorigen Jahre ein sehr schones 
Buch geschrieben. Das Buch heiBt «Das Werden der Organismen. 
Eine Widerlegung von Darwin's Zufallstheorie», und darin weist er 
hin auf solche Dinge, wie sie schon Eduard von Hartmann vor- 
gebracht hat. Solch eine Sache ist eigentlich ziemlich ohne Beispiel da : 
daB schon die nachste Generation, diejenige, die noch unter dem 



Meister aufgewachsen ist, abkommen muB von etwas, wovon man 
glaubte, daft es eine ganze Weltanschauung aufbauen, daB es auch 
iiber die geistige Welt AufschluB geben konne. Ein guter Darwinist 
widerlegt den Darwinismus! Aber er tut noch mehr; und das ist es, 
worauf es mir zum Schlusse ankommt. 

Oscar Hertwig schreibt am Schlusse seines so ausgezeichneten, 
schonen Buches «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung 
von Darwin's Zufallstheorie», so etwas wie eine Weltanschauung, wie 
der Darwinismus es war, stehe nicht bloB als ein theoretisches Ge- 
baude da, sondern greife ein in das ganze Menschenleben, umfasse 
gewissermaBen das auch, was die Menschen tun, wollen, fuhlen und 
denken. Er sagt: «Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren 
Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr viel- 
seitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des 
sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus 
einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwiinscht war, 
seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizi- 
nische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekraftigung seiner 
Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgepragten 
Biologie mit ihren unabanderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun 
aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind, sollten da bei 
ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch 
soziale Gefahren bestehen konnen? Man glaube doch nicht, daB die 
menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen, 
wie unerbittlicher Kampf urns Dasein, Auslese des Passenden, des 
Niitzlichen, des ZweckmaBigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl 
etc. in ihrer Ubertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tagliches 
Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideen- 
bildung defer und nachhaltiger beeinfluBt zu werden ! Der Nachweis 
fur diese Behauptung wiirde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen 
der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung iiber 
Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit iiber den Rahmen 
der biologischen Wissenschaften hinaus.» 

Im Leben iiberall zeigt sich dasjenige, was in einer solchen Theorie 
zutage tritt. Dann entsteht die Frage, die auch ins Leben eingreift, von 



dem Gebiete der Geisteswissenschaft her. Wir leben heute in einer 
traurigen, in einer fiir die Menschheit tragischen Zeit. Es ist die Zeit, 
die herausentwickelt ist doch aus den menschlichen Vorstellungen, 
aus den menschlichen Ideen. Derjenige, der die Zusammenhange 
geisteswissenschaftlich studiert, weiB es, der kennt den Zusammen- 
hang desjenigen, was uns jetzt auBerlich gegeniibertritt mit dem, was 
die Menschheit jetzt an Tragischem erlebt. Man erlebt gar vieles; die 
Menschen glauben zu wissen, sie glauben mit ihren Begriffen die 
Wirklichkeit zu umspannen - sie umspannen sie nicht. Und dadurch, 
daB sie sie nicht umspannen, weil mit naturwissenschaftlich gearteten 
Begriffen nie die Wirklichkeit umspannt werden kann, dadurch 
wachst ihnen die Wirklichkeit iiber den Kopf und zeigt ihnen, indem 
die Ereignisse den Menschen iiber den Kopf wachsen, daB die Men- 
schen wohl eintreten konnen in solche Ereignisse, aber dann dasjenige 
Chaos entsteht, von dem wir in der Gegenwart umgeben sind. 

Geisteswissenschaft entsteht nicht nur - wie es ja wahr ist - durch 
eine innere Notwendigkeit; sie wiirde entstanden sein durch eben 
diese innere Notwendigkeit, wenn die auBeren Ereignisse auch nicht 
als ein groBartiges, gewaltiges Zeichen jetzt dastehen wiirden. DaB 
die alten Weltanschauungen zwar auf naturwissenschaftlichem Ge- 
biete groB sind, daB sie aber niemals auf sozialem, auf rechtlichem, 
auf politischem Gebiete in die Welt gestaltend eingreifen konnen, 
daB die Wirklichkeit die Menschen iiberwachst, wenn sie das wollen, 
das ist es, was von der andern Seite her in gewaltigen Zeichen auf die 
Geisteswissenschaft hinweist, die wirklichkeitsgemaBe Begriffe sucht, 
Begriffe, die der Wirklichkeit entlehnt sind und daher auch fahig sein 
werden, auf sozialem, auf politischem Gebiete die Welt zu tragen. 
Man mag noch so sehr mit den Begriffen, die auBerhalb der Geistes- 
wissenschaft heute iiblich sind, glauben aus dem Chaos herauszukom- 
men, man wird es nicht; denn in der Wirklichkeit waltet der Geist. 
Und weil der Mensch mit seinen Handlungen selbst in diese Wirklich- 
keit eingreift im sozialen, im politischen Leben, so braucht er, um zu 
fruchtbaren Begriffen auf diesem Gebiete zu kommen, solche Vor- 
stellungen, solche Empfindungen, solche Willensimpulse, welche aus 
dem Geiste herausgeholt sind. Politik und Sozialwissenschaft, sie 



werden in der Zukunft dasjenige brauchen, wozu allein Geisteswissen- 
schaft die Grundlage legen kann. Das ist dasjenige, was auch fur die 
heutige Zeitgeschichte von ganz besonderer Wichtigkeit ist. 

Ich selbst kann heute in diesem Vortrage, der schon lang genug 
geworden ist, nur einzelne Anregungen geben wollen. Hinweisen 
darauf will ich nur, daB dasjenige, was als Geisteswissenschaft heute 
in systematischer Ordnung auftritt, von den Besten gewollt ist. Kame 
es allein auf mich an, so wiirde ich diese Geisteswissenschaft mit 
einem besonderen Namen belegen. Denn seit mehr als reichlich 
dreiBig Jahren arbeite ich zu immer groBerer und groBerer Aus- 
gestaltung diejenigen Vorstellungen aus, die Goethe an der Wirklich- 
keit gewonnen hat in seiner groBartigen Metamorphosenlehre, wo er 
schon den Begriff lebendig zu machen versuchte gegenuber den toten 
Begriffen. Das war dazumal nur elementar moglich. Wenn man aber 
Goethe nicht nur bloB historisch nimmt, wenn man ihn als einen 
noch Gegenwartigen betrachtet, so gestaltet sich heute gerade die 
Goethesche Metamorphosenlehre um zu demjenigen, was ich leben- 
dige Begriffe nenne, die dann den Weg in die Geisteswissenschaft 
finden. Goetheanismus mochte ich am liebsten dasjenige nennen, was 
ich mit der Geistesforschung meine, weil es auf den gesunden Grund- 
lagen einer Wirklichkeitsauf fas sung beruht, wie sie Goethe gewollt 
hat. Und den Bau in Dornach, der dieser Geistesforschung gewidmet 
sein soli, und durch den diese Geistesforschung mehr bekannt- 
geworden ist, als sie vielleicht ohne ihn bekanntgeworden ware, ich 
mochte ihn am liebsten Goetheanum nennen, damit man sehen wiirde, 
daB dasjenige, was als Geistesforschung heute auftritt, in vollem, 
gesundem EntwickelungsprozeB der Menschheit drinnensteht. Frei- 
lich sagen heute noch viele, die da glauben, auch sich zur Goetheschen 
Weltanschauung zu bekennen: Goethe war derjenige, der die Natur 
vor alien Dingen als das Hochste anerkannte und auch den Geist aus 
der Natur hervorgehen lieB. - Nun, Goethe hat schon als ganz junger 
Mann gesagt: «Gedacht hat sie und sinnt bestandig»; sinnt bestandig, 
wenn auch nicht als Mensch, sondern als Natur. Mit demjenigen 
Naturalismus, der die Natur durchgeistigt denkt wie Goethe - man 
kann mit ihm einverstanden sein, wenn man auch Geistesforscher ist. 



Und denjenigen, die da immer glauben, man musse an den Grenzen 
der Erkenntnis stehenbleiben, konne da nicht weiter, denen kann mit 
Goethes Worten wohl erwidert werden - und las sen Sie mich daher 
diese Worte noch am Schlusse anfiigen, die Goethe gebr auchte gegen- 
iiber einem andern verdienten Forscher, der die spatere Kantsche 
Anschauung vertrat: 

Ins Innere der Natur - 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Giiickselig, wem sie nur 
Die auBere Schale weist! 

Dem gegenuber hat Goethe die Worte gestellt, die da bedeuteten, daB 
Goethe wohl wuBte, daB wenn der Mensch den Geist in sich selber 
erweckt, er auch den Geist in der Welt findet, und sich als Geist: 

Ins Innere der Natur 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Giiickselig, wem sie nur 
Die auBere Schale weist! - 

So hor ich schon an die sechzig Jahre wiederholen 

Und fluche darauf - aber verstohlen -, 

Natur hat weder Kern noch Schale, 

Alles ist sie mit einemmale. 

Dich priife du nur zu allermeist, 

Ob du selbst Kern oder Schale seist ! 

Geisteswissenschaft will dahin wirken, daB der Mensch sich ernst- 
haftig priifen lernt, ob er selbst Kern oder Schale sei. Und er ist 
Kern, wenn er sich in seiner vollen Wirklichkeit erfaBt. ErfaBt er sich 
als Kern, dann dringt er auch vor bis zum Geist der Natur; dann wird 
in der Entwickelung der Menschheit mit Bezug auf die Geistes- 
forschung etwas Ahnliches eintreten, wie es eintreten muBte, als 
Kopernikus vom Sichtbaren auf das Nichtsichtbare sogar fur dieses 
Sichtbare selbst hingewiesen hat. 

Fur das Ubersinnliche aber wird sich die Menschheit dazu be- 
quemen miissen, in sich selber dieses Ubersinnliche zu erfassen. Man 



braucht dazu kein Geistesforscher zu werden; man muB aber alle 
Vorurteile hinwegraumen, welche sich vor die Seele lagern, wenn 
dasjenige verstanden werden soil, was die Geistesforschung gerade 
aus einer solchen Goetheschen Gesinnung heraus meint. 

Dies wollte ich nur als ein paar Anregungen heute geben. Man 
kann von diesem Gesichtspunkte aus wenigstens immer nur anregen; 
denn wollte man ausfuhren dasjenige in alien Einzelheiten, miiBte 
man viele Vortrage halten. Aber ich glaube, diese wenigen Ausfiih- 
rungen werden geniigt haben, um zu zeigen, daB etwas herausgeholt 
werden soil aus dem Entwickelungsprozesse der Menschheit, das 
diese Seele des Menschen erst zum vollen Leben erweckt. Niemand 
braucht zu glauben, daB er die Seele verkiimmert, daB er irgend etwas 
ersterben laBt in sich, auch das religiose Leben nicht. Denn geradeso 
wie Goethe gesagt hat: 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt 
Hat auch Religion, 
Wer jene beiden nicht besitzt, 
Der habe Religion! 

so darf man sagen, so wie sich die Denkweise der neueren Zeit ent- 
wickelt: Wer geisteswissenschaftliche Wege finden wird, wird den 
Weg zum wahren religiosen Leben auch finden; wer aber den geistes- 
wissenschaftlichen Weg nicht findet, von dem kann befurchtet wer- 
den, daB er auch fur die Zukunft den fur die Menschheit so notigen 
religiosen Weg verliert! 



DAS GEHEIMNIS DES DOPPELGANGERS 
GEOGRAPHISCHE MEDIZIN 



St. Gallen, 16. November 1917 



Sie werden bemerkt haben, daB in dem gestrigen offentlichen Vor- 
trage etwas gesagt wurde, das sehr bedeutungsvoll ist fiir die Auf- 
fassung geistiger Erkenntnisse innerhalb des Menschenlebens. Ich 
habe angedeutet, wie diejenigen Menschen, welche in der Gegenwart 
hier auf dem physischen Plane vorzugsweise nur aufnehmen Vor- 
stellungen, die aus der Sinneswelt kommen, oder gewonnen sind mit 
dem Verstande, der sich an die Sinneswelt bindet, der von etwas 
anderem nichts wissen will als von der Sinnenwelt, wie solche Men- 
schen nach ihrem Tode gewissermaBen gebunden sind an eine Um- 
gebung, welche noch stark hereinfallt in die irdische, in die physische 
Region, in welcher der Mensch in der Zeit zwischen der Geburt und 
dem Tode ist. So daB durch solche Menschen, die also durch ihr 
Leben innerhalb des physischen Leibes sich nach dem Tode noch 
lange Zeit hereinbannen in die irdisch-physische Welt, zerstorende 
Krafte innerhalb dieser physischen Welt geschaffen werden. Mit einer 
solchen Sache beriihrt man tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse des 
menschlichen Lebens, solche Geheimnisse, welche durch Jahr- 
hunderte, Jahrtausende kann man sagen, gewisse okkulte Gesell- 
schaften sorgfaltig behiitet haben, weil sie - wir wollen heute nicht 
untersuchen, mit welchem Rechte - behauptet haben, daB die Men- 
schen nicht reif seien zum Empfange solcher Wahrheiten, solcher 
Geheimnisse, und daB durch das Bekanntwerden groBe Verwirrung 
gestiftet wiirde. Ober das Recht, solche tief einschneidenden, fur das 
Leben so bedeutungsvollen Wahrheiten zuriickzuhalten vor den Men- 
schen und sie nur im engeren Kreise von okkulten Schulen zu pflegen, 
iiber dieses Recht wollen wir uns heute weniger aussprechen. Aber 
gesagt werden muB, daB die Zeit herangeriickt ist, in welcher die 
Menschheit im weiteren Kreise nicht sein kann und nicht sein darf 
ohne die Mitteilungen gewisser Geheimnisse iiber die ubersinnliche 
Welt von der Art, wie das gestern erwahnt wurde. Ja, es wird immer 



weiter und weiter gegangen werden mussen in der offentlichen Mit- 
teilung solcher Dinge. 

Wenn es auch in gewissen Grenzen in fruheren Zeiten, in denen 
die Menschheit in andern Bedingungen gelebt hat, berechtigt war, 
solche Geheimnisse zuriickzuhalten, jetzt ware die Sache nicht mehr 
berechtigt, denn jetzt steht der Mensch - wir wissen, es ist die fiinfte 
Epoche der nachatlantischen Zeit -, jetzt steht der Mensch in Lebens- 
bedingungen, in denen er durch die Pforte des Todes unbedingt als 
ein solcher Zerstorer treten wiirde, wenn er sich nicht hier im Leben 
immer mehr und mehr umsehen wiirde nach Vorstellungen, nach 
Begriffen und Ideen, die von ubersinnlichen Dingen handeln. Man 
kann daher nicht sagen, daB dieMenschenRecht haben, die behaupten: 
Nun ja, was nach dem Tode kommt, das kann man ja abwarten. Nein, 
wissen muB man zwischen der Geburt und dem Tode von gewissen 
Dingen der geistigen Welt in der Art, wie es gestern angedeutet 
worden ist, um mit diesen Vorstellungen, mit diesen Ideen durch die 
Pforte des Todes zu treten. 

In fruheren Zeiten der Menschheitsentwickelung war das anders. 
Sie wissen, daB bis ins 16. Jahrhundert, bis zum Auftauchen der 
Kopernikanischen Weltanschauung, die Menschen ganz anderes ge- 
glaubt haben iiber das Weltengebaude. Nun ist es selbstverstandlich 
notwendig gewesen fiir den menschlichen Fortschritt, auch fur das 
Hereindringen der menschlichen Freiheit in die Menschheitsentwicke- 
lung, daB die Kopernikanische Weltanschauung gekommen ist, ge- 
radeso wie jetzt die Geisteswissenschaft kommen muB. Aber mit der- 
jenigen physischen Weltanschauung, die die Menschen vor dem 
Kopernikanismus gehabt haben - man kann sie heute meinetwillen 
falsch nennen -, mit dieser Anschauung iiber das physische Welten- 
gebaude, daB die Erde stillsteht, die Sonne sich um den Erdenhimmel 
herum bewegt, die Sterne sich um die Erde bewegen, daB jenseits des 
Sternenhimmels eine geistige Sphare ist, in der die geistigen Wesen- 
heiten wohnen, mit dieser Anschauung vom Weltengebaude konnten 
die Menschen noch durch die Pforte des Todes gehen, ohne zuriick- 
gehalten zu werden als Gestorbene in der irdischen Sphare. Diese 
Weltanschauung bewirkte noch nicht, daB die Menschen, wenn sie 



durch die Pforte des Todes gingen, zu Zerstorern in der irdischen 
Sphare wurden. Erst das Hereinbrechen des Kopernikanismus, erst 
die Vorstellung, daB die ganze Welt, die im Raume ausgebreitet ist, 
auch nur von Raumesgesetzen beherrscht ist, die Vorstellung erst 
dieser Kopernikanischen Art, die Erde um die Sonne kreisen zu 
lassen, die fesselt den Menschen an das physisch-sinnliche Dasein und 
verhindert ihn nach dem Tode, in die geistige Welt entsprechend 
aufzusteigen. 

Man muB heute auch diese Kehrseite der Kopernikanischen Welt- 
anschauung kennenlernen, nachdem durch Jahrhunderte darauf vor- 
bereitet worden ist, das groBartig Fortschrittliche der Kopernikani- 
schen Weltanschauung immer wieder und wiederum vor die Seele der 
Menschen hinzustellen. Das eine ist ebenso berechtigt wie das andere. 
Wenn auch das eine heute noch als Klugheit gilt - es ist freilich eine 
recht philistrose Klugheit schon geworden, daB die Kopernikanische 
Weltanschauung die allein seligmachende Lehre ist -, aber wenn das 
auch noch heute die Klugheit ist und das andere, daB der Mensch 
durch diese Kopernikanische Weltanschauung nach dem Tode an die 
Erde gefesselt wird, wenn er sich nicht eine geistige Vorstellung davon 
macht, wie man sie heute in der Geisteswissenschaft haben kann, fur 
die heutigen Menschen zwar noch eine Torheit ist, eine Narrheit: 
aber es ist eben eine Wahrheit. Sie wissen ja schon aus der Bibel, daB 
manches, was vor den Menschen eine Torheit ist, eine Weisheit ist 
vor den Gottern. 

Denn wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, so 
andert er sein BewuBtsein. Es ware eine ganz falsche Vorstellung, 
zu glauben, daB der Mensch nach dem Tode bewuBtlos wiirde. Diese 
sonderbare Vorstellung ist sogar in manchen Kreisen, die sich «theo- 
sophische» nennen, verbreitet. Es ist ein Unsinn. Im Gegenteil, das 
BewuBtsein wird ein viel machtigeres, wird ein viel intensiveres, aber 
es ist ein andersartiges. Selbst schon gegeniiber den gewohnlichen 
Vorstellungen der physischen Welt muB gesagt werden, daB die be- 
wuBten Vorstellungen nach dem Tode etwas anderes sind. 

Vor alien Dingen kommt der Mensch nach dem Tode zusammen 
mit denjenigen Menschen, mit denen er durch das Leben karmisch 



verkniipft ist. Also es kann so sein, daB der Tote in der geistigen Welt 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt vielen Menschenseelen 
begegnet, durch die er dur chgeht - denn dort herrscht Durchganglich- 
keit, nicht Undurchdringlichkeit an denen er sich vorbeibewegt, 
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf; sie sind fur ihn nicht da. 
Da sind diejenigen, zu denen er irgendwelche karmische Verbindung 
hat. DaB wir immer mehr und mehr hineinwachsen in einen all- 
gemeinen Weltenzusammenhang, auch nach dem Tode, das miissen 
wir uns erwerben durch das Leben hier auf der Erde. Und die Be- 
griindung von rein auf das Geistige gebauten Gesellschaften ist schon 
eine Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft. Warum sucht man 
solche Gesellschaften, wie die anthroposophische ist, zu begriinden? 
Warum sucht man Menschen gewissermaBen unter solchen Ideen zu 
vereinen? Weil dadurch ein karmisches Band geschaffen wird zwischen 
Menschen, die sich finden sollen in der geistigen Welt, die auch in der 
geistigen Welt zusammengehoren sollen, was sie nicht konnten, wenn 
sie vereinsamt hier herumlaufen wiirden. Gerade durch die Moglich- 
keit, geistige Erkenntnisse und geistige Weistiimer untereinander aus- 
zubreiten, schafFt man ungeheuer viel fur das Leben in der geistigen 
Welt, das aber zuriickwirkt auf die physisch-sinnliche Welt, denn die 
steht fortwahrend unter dem EinfluB der geistigen Welt. Hier ge- 
schehen ja uberhaupt nur die Wirkungen; driiben in der geistigen 
Welt, auch indem wir hier auf dem physischen Plane leben, geschehen 
die Ursachen. Und wir konnen sagen, wenn wir uns rein befassen mit 
dem, was heute so vielfach propagandistisch betrieben wird: Ver- 
einigungen werden ja fur alles mogliche gestiftet, aber wenn sie auch 
aus noch so groBem Enthusiasmus hervorgehen, geistigen Angelegen- 
heiten sind sie oftmals wirklich sehr wenig gewidmet. Man denkt 
durch manche Vereinigungen die Erde allmahlich in ein irdisches 
Paradies zu verwandeln, na, vor diesen drei Kriegsjahren waren auch 
schon zahlreiche solche Vereinigungen auf der Erde begnindet, in 
denen die Menschen daran gearbeitet haben, Europa allmahlich in ein 
soziales Paradies zu verwandeln! Das, was jetzt da ist, spricht nicht 
sonderlich dafur, daB die Dinge so gehen, wie man sie meint dirigieren 
zu konnen. 



Auf der andern Seite abet ist allerdings das Zusammenwirken der 
physischen Welt mit der geistigen komplizierter. Und dennoch muB 
gesagt werden : Wenn unter dem Lichte spiritueller Wissenschaft Ver- 
einigungen gegriindet werden, so arbeiten die Menschen dadurch mit, 
nicht nur an der Welt der Wirkungen, sondern an der Welt der Ur- 
sachen, die hinter den sinnlichen Wirkungen liegen. - Mit diesem 
Gefiihle muB man sich durchdringen, wenn man richtig verstehen 
will das unendlich tief Bedeutsame, das gerade in dem Zusammen- 
leben in spiritueller Arbeit in der Gegenwart und in der Zukunft der 
Menschheit geleistet wird. 

Dies ist nicht etwas, was aus irgendeiner bloBen Vereinsmeierei her- 
vorgehen kann, sondern dies, ist eine heilige Aufgabe, welche von den 
die Welt dirigierenden gottKch-geistigen Wesenheiten in die Mensch- 
heit der Gegenwart und der Zukunft hineingelegt werden sollte. 
Denn gewisse Vorstellungen werden die Menschen doch uber die 
ubersinnliche Welt aufnehmen mils sen, weil aus der sinnlichen Welt 
immer weniger und weniger ubersinnliche Vorstellungen kommen 
werden. Ich mochte sagen, aus der sinnlichen Welt werden gerade 
durch die fortschreitende Naturwissenschaft die iibersinnlichen Vor- 
stellungen immer mehr und mehr ausgetrieben werden. Daher wurden 
die Menschen sich allmahlich von der geistigen Welt ganz aus- 
schlieBen, wenn sie keine iibersinnlichen, keine geistigen BegrifFe auf- 
nehmen wurden. Sie wurden sich dazu verurteilen, nach dem Tode 
ganz und gar mit dem, was bloBe physische Erde ist, sich zu ver- 
binden; mit dem auch zu verbinden, was die physische Erde wird. 

Aber die physische Erde wird ein Leichnam in der Zukunft, und 
die Menschen stiinden vor der furchtbaren Perspektive, sich zu ver- 
urteilen dazu, in der Zukunft einen Leichnam zu bewohnen als Seele, 
wenn sie nicht sich dazu entschlieBen wurden, in die spirituelle Welt 
sich einzuleben, in der spirituellen Welt Wurzel zu fassen. Es ist eine 
ernste, eine bedeutungsvolle Aufgabe, welche dem Betrieb der 
Geisteswissenschaft gestellt ist. Das miissen wir uns gewissermaBen 
jeden Tag einmal als einen heiligen Gedanken vor die Seele rufen, 
damit wir nimmermehr verlieren konnen den Eifer fur diese be- 
rechtigte Angelegenheit der Geisteswissenschaft. 



Und solche Vorstellungen, die sich vermehren und vermehren kon- 
nen, wenn wir mitmachen dasjenige, was iiber diese geistige Welt an 
vielen Begriffen nun schon hereingekommen ist aus der geistigen 
Welt in unsere geistige Stromung, all das, was an Begriffen uns da zu- 
kommt, das befahigt uns eben, uns frei zu machen von der Fesselung 
an das Irdische, an das Zerstorerische im Irdischen, um zu wirken aus 
andern Richtungen her. Wir bleiben ja deshalb doch mit den Seelen, 
die wir auf Erden zuriickgelassen haben und mit denen wir karmisch 
verbunden sind, auch mit der Erde in Verbindung, aber von andern 
Orten her verbunden. Ja, wir sind sogar intensiver verbunden mit den 
auf der Erde zuriickgelassenen Seelen, wenn wir gewissermaBen aus 
hoheren geistigen Regionen mit ihnen verbunden sind, wenn wir 
nicht verurteilt sind durch ein rein materialistisches Leben - gewisser- 
maBen auf der Erde zu spuken, wo wir dann nicht in Liebe verbunden 
sein konnen mit irgend etwas auf der Erde, sondern wo wir eigentlich 
nur zerstorerische Zentren sind. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn wir hier unser BewuBtsein 
allmahlich von der Kindheit auf entwickeln - nun, wir wissen, wie 
dieses BewuBtsein heranwachst, herangedeiht, das brauchen wir nicht 
zu schildern. Nach dem Tode herrschen ganz andere Vorgange, um 
das BewuBtsein, das wir uns fur das Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt erwerben miissen, allmahlich wirklich zu er- 
langen. So wie wir auf der Erde herumgehen, Erfahrungen machen, 
Erlebnisse haben, so ist es nicht nach dem Tode; das haben wir ge- 
wissermaBen nicht notwendig. Was wir aber notwendig haben, das 
ist, daB wir das ungeheuer Intensive, das mit uns verbunden ist, wenn 
wir den physischen Leib verlassen haben, gewissermaBen von uns 
loslosen. Wir sind, indem wir durch die Pforte des Todes gehen, Ver- 
haltnisse zu ihr haben, mit jener geistigen Welt verwachsen, die wir 
hier durch die Geisteswissenschaft beschreiben. Wir beschreiben sie 
als die Welt der hoheren Hierarchien: Angeloi, Archangeloi, Archai, 
Exusiai, Dynamis, Kyriotetes und so weiter, als die Welt der hoheren 
Hierarchien und der Taten und Erlebnisse dieser Hierarchien. Hier 
ist die Welt auBer uns ; die Welt des Mineralreichs, des Pflanzenreichs, 
des Tierreichs ist in unserem Umkreise. Wenn wir durch die Pforte 



des Todes gegangen sind, da sind diese geistigen Wesenheiten, die 
wir in den hoheren Hierarchien aufzahlen, ja ihre Welten selbst in uns. 
Wir sind mit ihnen verbunden; wir konnen uns zunachst nur nicht 
von ihnen unterscheiden; wir leben in ihnen drinnen, indem sie uns 
erfiillen. Es ist das schon ein schwieriger Begriff, aber man muB sich 
ihn aneignen: Hier sind wir auBerhalb der Welt, dort sind wir inner- 
halb der Welt. Unser Wesen breitet sich aus iiber die ganze Welt; aber 
wir konnen uns nicht unterscheiden. Wir sind gewissermaBen nach 
dem Tode vollgepfropft mit den Wesen der hoheren Hierarchien und 
mit dem, was diese Hierarchien tun. Aber es handelt sich vor alien 
Dingen darum, daB wir die nachsten Hierarchien, von denen wir er- 
fullt sind, die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai, los- 
losen konnen von den hoheren Hierarchien. Wir kommen driiben gar 
nicht zu einem ordentlichen Ich-BewuBtsein - von andern Gesichts- 
punkten habe ich in Zyklen und Vortragen dieses Heranreifen des 
Ich-BewuBtseins ja schon geschildert -, aber wir kommen nicht zu 
einem ordentlichen Ich-BewuBtsein, wenn wir nicht in uns die Kraft 
finden konnen, driiben zu unterscheiden: Was ist in uns - Angelos? 
Elohim? Was ist ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, was ein 
Wesen aus der Hierarchie der Exusiai, der Formgeister? Wir mussen 
da driiben unterscheiden lernen, wir mussen die Kraft haben, los- 
zulosen von dem, was mit uns verbunden ist, dasjenige, was wir er- 
kennen wollen; sonst ist es in uns, steht nicht auBer uns. Hier mussen 
wir mit dem, was drauBen ist, zusammenkommen, es anschauen; dort 
mussen wir es von uns loslosen, damit wir mit ihm verbunden sein 
konnen. 

Nun, wie die Welt jetzt ist in der Menschheitsentwickelung, konnen 
wir dasjenige, was wir sonst wie schlafend nur in uns tragen wiirden, 
nur dadurch loslosen, daB wir uns spirituelle BegrifFe aneignen; diese 
spirituellen BegrifTe, die hier dem Menschen so unbequem sind, weil 
er sich ein biBchen anstrengen muB, mehr anstrengen muB als bei den 
gewohnlichen BegrifTen. Wenn er sich sie aneignet, entwickeln sie 
nach dem Tode eine ungeheure Kraft, durch die wir dort iiberhaupt 
erst die Fahigkeit gewinnen, die geistige Welt zu erkennen, zu durch- 
schauen. Das ist sehr wichtig. Die Menschen finden es unbequem 



heute, sich spirituelle BegrifFe anzueignen. Sie gehen gern in solche 
Veranstaltungen, wo man ihnen allerlei Lichtbilder, oder was sonst 
von der Art da ist, vorfuhrt, damit sie mogKchst wenig iibersinnlich 
zu denken brauchen, alles nut sehen konnen, oder mindestens gehen 
sie gern zu Veranstaltungen, wo ihnen von Dingen erzahlt wird, die 
sie sonst auch immer vor Augen haben. Aber die Anstrengung scheut 
heute der Mensch, sich zu erheben zu solchen Begriffen, die hier 
schwieriger sind, weil sie kein auBeres Objekt haben, weil ihr Objekt 
die Tatsachen sind, auf die sie sich beziehen in der iibersinnlichen 
Welt. Aber dort driiben sind sie die Krafte, die uns in Wirklichkeit 
die Welt erst geben. 

So erwerben wir uns durch die spirituellen Ideen und BegrifFe die- 
jenige Weisheit, die wir brauchen, damit wir driiben ein Licht haben; 
sonst ist alles dunkel, Denn dasjenige, was hier als Weisheit angeeignet 
ist, ist driiben Licht, geistiges Licht. Weisheit ist geistiges Licht. Ja, 
damit es driiben nicht finster ist, brauchen wir Weisheit. Und wenn 
wir uns keine spirituellen BegrifFe aneignen, so ist das eben das beste 
Mittel, driiben kein Licht zu haben. Aber wenn man kein Licht hat, 
so bewegt man sich weg aus der Sphare, die man beleuchten sollte, 
und kommt eben zuriick zur Erde und wandelt als Toter als zer- 
storendes Zentrum auf der Erde herum, kann dann hochstens ab und 
zu von einem schwarzen Magier dazu beniitzt werden, um die Inspira- 
tion zu liefern zu ganz besonderen Verrichtungen und zu zerstore- 
rischen Werken auf der Erde. 

Weisheit braucht man also, damit man Licht hat nach dem Tode. 
Aber man braucht nach dem Tode auch noch etwas anderes; man 
braucht nach dem Tode nicht nur die Fahigkeit, die Wesen loszulosen, 
so daB man sie iiberhaupt vor sich haben kann, die Wesen der geistigen 
Welt, man braucht nach dem Tode auch die Fahigkeit der Liebe, 
sonst wiirde man die Verhaltnisse zu den Wesen, die man durch 
Weisheit schaut, nicht in der richtigen Weise entwickeln konnen. 
Man braucht Liebe. Aber die Liebe, die hier auf der Erde entwickelt 
wird und die im wesentlichen abhangig ist auch vom physischen 
Leibe, sie ist ein Gefiihl, sie ist vom Atmungsrhythmus abhangig hier 
in der physischen Welt. Diese Liebe konnen wir auch nicht hiniiber- 



nehmen in die geistige Welt. Das ware eine vollstandige Illusion, 
wenn man glauben wiirde, die Liebe, die man namentlich in der 
jet2igen Zeit hier entwickelt, die konne man in die geistige Welt 
hinubernehmen. Aber man nimmt alle Kraft der Liebe in die geistige 
Welt hiniiber von dem, was man sich hier in der physischen Welt 
gerade durch die sinnenfallige Anschauung erwirbt, durch das Leben 
mit der physischen Wesenheit. Die Liebe wird schon angefeuert durch 
dasjenige, was sich hier in der physischen Welt an Verstandnis fur 
diese physische Welt entwickelt. Und gerade solche Erlebnisse wie die 
Weltanschauungserlebnisse mit der modernen Naturwissenschaft, 
wenn man sie als Empfindungen aufnimmt, die entwickeln fiiir driiben 
die Liebe. Nur - die Liebe, die ist etwas, was hoch oder niedrig ist, 
je nach dem Gebiete, auf dem sie sich entfaltet. Wenn Sie durchgehen 
durch die Pforte des Todes und als ein zerstorendes Zentrum im Be- 
reich der Erde bleiben miissen, so haben Sie zwar auch viel Liebe 
entwickelt - denn daB Sie es bleiben miissen, ist gerade eine Folge 
Ihres Verbundenseins mit rein naturalistischen Begriffen -, aber Sie 
verwenden diese Liebe auf das Zerstorungswerk, Sie lieben dann 
gerade das Zerstorungswerk, sind dazu verurteilt, sich selber zu 
beobachten, wie Sie das Zerstorungswerk lieben. 

Doch die Liebe wird etwas Edles, wenn der Mensch aufsteigen 
kann in hdhere Welten und lieben kann dasjenige, was er sich erobert 
durch die spirituellen BegrifFe. Vergessen wir nur ja nicht: Liebe ist 
etwas, was niedrig ist, wenn es in einer niedrigen Sphare wirkt, was 
edel und hoch und geistig ist, wenn es in einer hoheren, in einer 
geistigen Sphare wirkt. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. 
Wenn man sich dessen nicht bewuBt wird, so iiberschaut man die 
Dinge durchaus nicht in der richtigen Weise. 

Das sind solche BegrifTe vom Leben des Menschen nach dem Tode, 
die heute sich der Mensch aneignen muB. Es geniigt nicht mehr fur 
die gegenwartige Menschheit, und insbesondere wird es nicht genugen 
fur die Menschheit der nachsten Zukunft, daB ihnen die Prediger 
sagen, sie sollen dies oder jenes glauben, sie sollen sich vorbereiten 
fur das ewige Leben, wenn ihnen diese Prediger niemals sagen konnen, 
wie es eigentlich aussieht in dieser Welt, die der Mensch betritt, nach- 



dem er die Pforte des Todes durchschritten hat. In friiheren Zeiten 
ging das, weil eben die naturwissenschaftlichen, die naturalistischen 
BegrifFe noch nicht da waren, weil die Menschen noch nicht infiziert 
waren von den bloBen materiellen Interessen, die allmahlich seit dem 
16. Jahrhundert alles ergriffen haben; in friiheren Zeiten ging es, daB 
man den Menschen nur in der Art, wie es die religiosen Bekenntnisse 
heute noch wollen, von der ubersinnlichen Welt sprach. Heute geht 
das nicht mehr; heute verspinnen sich die Menschen oftmals - aus 
tiefem Mitleid mit der Menschheit muB man leider dieses sagen - 
gerade dadurch, daB sie in egoistischer Weise ihre ewige Seligkeit 
fordern wollen durch die religiosen Bekenntnisse : sie verspinnen sich 
dadurch gerade erst recht sehr in die physisch-sinnliche, in die natu- 
ralistische Welt und versperren sich den Aufstieg, nachdem sie durch 
die Pforte des Todes gegangen sind. Da kommt man noch auf ein ganz 
anderes, was einen in die Notwendigkeit versetzt, ja recht tief zu 
betonen, daB Geisteswissenschaft in der Gegenwart und in der Zu- 
kunft von der Menschheit getrieben werden muB, wenn man ge- 
zwungen ist zu sagen : Bejammernswert sind diejenigen Menschen, die 
sich durch keine Geisteswissenschaft Vorstellungen fur das Leben 
nach dem Tode verschaffen konnen. - Geisteswissenschaft ist zugleich 
etwas, was man aus Mitleid, aus innigem Mitgefuhl mit den Menschen 
zu verbreiten trachten muB, weil es bejammernswert ist, wenn die 
Menschen sich strauben - in ihrem Unverstande auch weiter strau- 
ben - gegen das Herankommen an geisteswissenschaftliche Vor- 
stellungen. 

Aber wir miissen uns durchaus klar sein: die geistige Welt ist iiberall 
da. Bedenken Sie doch nur, die Welt, in der die Toten mit den Toten 
sind, diese ubersinnliche Welt, die Faden, welche die Toten ver- 
kmipfen mit den zuriickgelassenen Lebenden, die Faden, welche die 
Toten verkniipfen mit den hoheren Hierarchien, sie gehoren zu der 
Welt, in der wir drinnenstehen. So wahr die Luft um uns ist, so wahr 
ist diese Welt immer um uns herum. Wir sind gar nicht geschieden 
von dieser Welt; wir sind nur durch BewuBtseinszustande geschieden 
von der Welt, die wir nach dem Tode beschreiten. Es muB dieses 
scharf betont werden; derm auch innerhalb unserer Kreise sind noch 



nicht alle Freunde sich klar dariiber, daB der Tote den Lebenden voll 
wiederfindet, daB wir nur geschieden sind, solange der eine hier im 
physischen Leib, der andere ohne den physischen Leib ist, aber daB 
alle diese Krafte erworben werden miissen, welche uns mit den Toten 
zusammenbringen, dadurch daB wir sie von uns loslosen; sonst leben 
sie in uns, und wir konnen sie nicht gewahr werden. Dann auch, daB 
wir hinuberbringen miissen in die richtige Sphare die Kraft der Liebe, 
die sich unter den naturalistischen Vorstellungen hier entwickelt, 
sonst wird diese Kraft fur uns zu einer bosen Kraft driiben. Gerade 
die Liebe, die sich entwickelt unter den naturalistischen Vorstellungen, 
konnte sonst zu einer bosen Kraft werden. Eine Kraft ist an sich nicht 
gut oder bose; sie ist das eine oder das andere, je nachdem sie in dieser 
oder jener Sphare auftritt. 

Aber ebenso wie wir mit dieser iibersinnlichen Welt, in der die 
Toten sind, im Zusammenhange stehen, so ragt auch noch in anderer 
Weise die iibersinnliche Welt in diese physisch-sinnliche herein. - Ja, 
die Welt ist kompliziert, und ihr Begreifen muB man sich langsam und 
allmahlich aneignen. Aber man muB den Willen dazu haben, es sich 
anzueignen. 

Die geistige Welt ragt in unsere Welt herein. Alles ist durchsetzt 
von der geistigen Welt. Im Sinnlichen ist iiberall auch ein Ubersinn- 
liches. Den Menschen muB ganz besonders interessieren jenes tiber- 
sinnliche, das mit seiner eigenen sinnlichen Natur zu tun hat. Nun 
bitte ich Sie, beachten Sie das Folgende ja recht gut, denn es ist eine 
hervorragend wichtige Vorstellung. 

Wir Menschen gliedern uns nach Leib, Seele und Geist, aber damit 
ist unsere Wesenheit lange nicht erschopft. Unser Leib, unsere Seele, 
unser Geist sind gewissermaBen dasjenige, das uns zunachst als unser 
BewuBtsein angeht; aber es ist nicht alles dasjenige, was mit unserem 
Dasein in Beziehung steht. Keineswegs! Das, was ich jetzt sage, 
hangt mit gewissen Geheimnissen des Menschwerdens, der Men- 
schennatur zusammen, die auch heute bekannt und immer bekannter 
werden miissen. 

Wenn der Mensch durch die Geburt ins irdische Dasein hereintritt, 
dann hat er, indem er seinen physischen Leib hat, nicht nur die Mog- 



lichkeit, seiner eigenen Seele ihr Dasein zu geben - ich bitte Sie, das 
wohl zu beriicksichtigen -, sondern dieser physische Leib, ihn kennt 
ja der Mensch durchaus nicht ganz, was gehen da alles fur Dinge vor 
im physischen Leib, von denen der Mensch nichts weiB ! Er lernt ja 
allmahlich erst kennen, und zwar noch dazu auf eine recht unzukomm- 
liche Weise, durch Anatomie, Physiologie das, was in diesem Leib 
vorgeht. Wenn man warten miiBte mit der Ernahrung, bis man den 
Ernahrungsvorgang begriffen hatte, man konnte nicht einmal sagen, 
die Menschen miiBten verhungern; denn das ist gar nicht denkbar, 
daB man etwas weiB von dem, was die Organe zu tun haben, um die 
Nahrung zuzubereiten fur den Organismus. Also der Mensch kommt 
recht sehr mit seinem Organismus, mit dem er sich bekleidet, in diese 
Welt herein, ohne daB er mit seiner Seele hinunterlangt in diesen 
Organismus. Dafur ist aber auch Gelegenheit vorhanden, daB kurze 
Zeit bevor wir geboren werden - nicht sehr lange bevor wir geboren 
werden -, auBer unserer Seele noch ein anderes geistiges Wesen 
Besitz ergreift von unserem Leib, von dem unterbewuBten Teil 
unseres Leibes. Das ist schon mal so : kurze Zeit bevor wir geboren 
werden, durchsetzt uns ein anderes, wir wurden nach unserer Termi- 
nologie heute sagen, ein ahrimanisches Geisteswesen. Das ist ebenso 
in uns wie unsere eigene Seele. Diese Wesenheiten, welche ihr Leben 
gerade dadurch zubringen, daB sie die Menschen selber dazu be- 
nutzen, um da sein zu konnen in der Sphare, in der sie da sein wollen, 
diese Wesenheiten haben eine auBerordentlich hohe Intelligenz und 
einen ganz bedeutsam entwickelten Willen, aber gar kein Gemiit, 
nicht das, was man menschliches Gemiit nennt. - Und wir schreiten 
schon so durch unser Leben, daB wir unsere Seele haben und einen 
solchen Doppelganger, der viel gescheiter ist, sehr viel gescheiter ist 
als wir, sehr intelligent ist, aber eine mephistophelische Intelligenz hat, 
eine ahrimanische Intelligenz hat, und dazu einen ahrimanischen 
Willen, einen sehr starken Willen, einen Willen, der den Naturkraften 
viel naher steht als unser menschlicher Wille, der durch das Gemiit 
reguiiert wird. 

Im 19. Jahrhundert hat die Naturwissenschaft entdeckt, daB das 
Nervensystem von elektrischen Kraften durchsetzt ist. Sie hatte recht, 



diese Naturwissenschaft. Aber wenn sie glaubte, wenn die Natur- 
fotscher glauben, daB die Nervenkraft, die zu uns gehort, die fur 
unser Vorstellungsleben die Grundlage ist, irgendwie mit elektrischen 
Stromen zu tun hat, welche durch unsere Nerven gehen, so haben sie 
eben unrecht. Denn die elektrischen Strome, das sind diejenigen 
Krafte, die von dem Wesen, das ich eben jetzt geschildert habe, in 
unser Wesen hineingelegt werden, die gehoren unserem Wesen gar 
nicht an : wir tragen schon auch elektrische Strome in uns, aber sie 
sind rein ahrimanischer Natur. 

Diese Wesenheiten von hoher Intelligenz, aber rein mephistophe- 
lischer Intelligenz, und von einem der Natur mehr verwandten Willen, 
als es fur den menschlichen Willen gesagt werden kann, die haben 
einmal aus ihrem eigenen Willen heraus beschlossen, nicht in jener 
Welt leben zu wollen, in der sie durch die weisheitsvollen Gotter der 
oberen Hierarchie zu leben bestimmt waren. Sie wollten die Erde 
erobern, sie brauchen Leiber; eigene Leiber haben sie nicht: sie 
beniitzen so viel von den menschlichen Leibern, als sie beniitzen 
konnen, weil die menschliche Seele eben nicht ganz den menschlichen 
Leib ausfullen kann. 

Diese Wesenheiten also konnen, so wie sich der menschliche Leib 
entwickelt, zu einer bestimmten Zeit bevor der Mensch geboren wird, 
gewissermaBen in diesen menschlichen Leib hinein, und unter der 
Schwelle unseres BewuBtseins begleiten sie uns. Sie konnen nur eines 
im menschlichen Leben absolut nicht vertragen : sie konnen namlich 
den Tod nicht vertragen. Daher miissen sie diesen menschlichen Leib, 
in dem sie sich festsetzen, immer auch, bevor er vom Tode befallen 
wird, verlassen. Das ist eine sehr herbe Enttauschung immer wieder- 
um, denn sie wollen gerade das sich erobern: in den menschlichen 
Leibern zu bleiben uber den Tod hinaus. Das ware eine hohe Er- 
rungenschaft im Reiche dieser Wesenheiten; das haben sie zunachst 
nicht erreicht. 

Ware das Mysterium von Golgatha nicht geschehen, ware der 
Christus nicht durch das Mysterium von Golgatha gegangen, so ware 
es langst so auf der Erde, daB diese Wesenheiten sich die Moglichkeit 
erobert hatten, im Menschen auch drinnen zu bleiben, wenn dem 



Menschen der Tod karmisch vorbestimmt ist. Dann hatten sie iiber- 
haupt iiber die menschliche Entwickelung auf der Erde den Sieg 
davongetragen, und sie waren Herren der menschlichen Entwickelung 
auf der Erde geworden. 

Das ist etwas von einer ungeheuer tiefgehenden Bedeutung: ein- 
zusehen diese Zusammenhange zwischen dem Durchgehen des 
Christus durch das Mysterium von Golgatha und diesen Wesenheiten, 
die den Tod in der Menschennatur erobern wollen, aber ihn heute 
noch nicht vertragen konnen; die sich immer hiiten miissen, im 
Menschenleibe zu erleben die Stunde, wo der Mensch vorbestimmt 
hat zu sterben, hiiten miissen, seinen Leib iiber diese Todesstunde 
hinaus zu erhalten, das Leben seines Leibes iiber diese Todesstunde 
hinaus zu verlangern. 

Auch iiber diese Sache, iiber die ich jetzt spreche, sind gewisse 
okkulte Briiderschaften langst unterrichtet, kennen die Dinge sehr gut 
und haben sie - wiederum wollen wir das Recht nicht untersuchen - 
der Menschheit vorenthalten. Heute ist die Sache so, daB es unmoglich 
ist, die Menschen nicht allmahlich auszuriisten mit solchen Begriffen, 
die sie brauchen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten 
sind. Denn alles das, was der Mensch hier erlebt, auch was er unter der 
Schwelle des BewuBtseins erlebt, das braucht er nach dem Tod, weil 
er zuriickblicken muB auf dieses Leben und ihm dieses Leben ganz 
verstandlich sein muB im Riickblicke, und weil es das Schlimmste ist, 
wenn er dieses nicht kann. Man hat aber keinen geniigenden Begriff, 
um im Riickblicke dieses Leben zu verstehen, wenn man ein Wesen 
nicht beleuchten kann, das solchen Anteil nimmt an unserem Leben 
wie dieses ahrimanische Wesen, das vor unserer Geburt Besitz von 
uns ergreift und immer da ist, immer im UnterbewuBten vor uns 
herumfiguriert, wenn man nicht immer wiederum Licht darauf hin- 
werfen kann. Denn Weisheit wird Licht nach dem Tode. 

Diese Wesen sind aber uberhaupt sehr wichtig fur das menschliche 
Leben, und ihre Kenntnis muB allmahlich die Menschen ergreifen 
und wird die Menschen ergreifen. Sie muB nur auf die richtige Weise 
die Menschen ergreifen; sie darf nicht nur etwa von solchen okkulten 
Briiderschaften in der Menschheit verbreitet werden, die eine Macht- 



frage daraus machen, und die dadurch ihre eigene Macht erhohen 
wollen, und sie darf vor alien Dingen nicht ferner behiitet werden 
zur Erhohung der Macht gewisser egoistisch wirkender Briiderschaf- 
ten. Die Menschheit strebt nach allgemeinem Wissen, und das Wissen 
muB ausgebreitet werden. Denn nicht mehr kann es in der Zukunft 
vom Heile sein, wenn okkulte Briiderschaften solche Dinge zur Aus- 
breitung ihrer Macht verwenden konnen. Die Kenntnis dieser Wesen- 
heiten wird in den nachsten Jahrhunderten immer mehr und mehr die 
Menschen ergreifen miissen. Der Mensch wird in den nachsten Jahr- 
hunderten immer mehr und mehr wissen miissen, daB er einen solchen 
Doppelganger in sich tragt, einen solchen ahrimanischen, mephisto- 
phelischen Doppelganger in sich tragt. Der Mensch muB es wissen. 
Heute entwickelt allerdings der Mensch schon eine ganze Anzahl von 
BegrifTen, die aber eigentlich blind sind, weil der Mensch doch noch 
nichts Rechtes mit ihnen anzufangen weiB. Begriffe, sage ich, ent- 
wickelt der Mensch heute, die erst auf eine richtige Basis gestellt 
werden konnen, wenn sie mit dem, was als Tatsache ihnen zugrunde 
liegt, zusammengebracht werden. 

Und hier eroffnet sich etwas, was in der Zukunft wirklich getrieben 
werden muB, wenn nicht das Menschengeschlecht unendlich Hem- 
mendes, unendlich Schreckliches eigentlich erleben soil. Denn dieser 
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der ist nichts mehr und 
nichts weniger als der Urheber aller physischen Krankheiten, die 
spontan aus dem Innern hervortreten, und ihn ganz kennen, ist orga- 
nische Medizin. Die Krankheiten, die spontan, nicht durch auBere 
Verletzungen, sondern spontan von innen heraus im Menschen auf- 
treten, sie kommen nicht aus der menschlichen Seele, sie kommen von 
diesem Wesen. Er ist der Urheber aller Krankheiten, die spontan aus 
dem Innern hervortreten; er ist der Urheber aller organischen Krank- 
heiten. Und ein Bruder von ihm, der allerdings nicht ahrimanisch, 
sondern luziferisch geartet ist, der ist der Urheber aller neurastheni- 
schen und neurotischen Krankheiten, aller Krankheiten, die eigentlich 
keine Krankheiten sind, die nur, wie man sagt, Nervenkrankheiten, 
hysterische Krankheiten und so weiter sind. So daB die Medizin 
geistig werden muB nach zwei Seiten hin. DaB das gefordert wird, 



das zeigt sich heute - ich habe dariiber in Zurich gesprochen - durch 
das Hereinbrechen solcher Anschauungen wie der Psychoanalyse und 
dergleichen, wo man mit geistigen Entitaten schon wirtschaftet, aber 
mit unzulanglichen Erkenntnismitteln, so daB man gar nichts an- 
fangen kann mit den Erscheinungen, die immer mehr und mehr in das 
menschliche Leben hereinbrechen werden. Denn gewisse Dinge miis- 
sen ja notwendig geschehen, und auch dasjenige, was nach der einen 
Richtung hin schadlich ist, es muB geschehen, well der Mensch dieser 
Schadlichkeit ausgesetzt werden muB, um sie zu iiberwinden und 
dadurch gerade Kraft zu gewinnen. 

Um nun solche Dinge voll zu verstehen, wie ich sie jetzt angefuhrt 
habe, daB dieser Doppelganger eigentlich der Urheber von alien 
Krankheiten ist, die organische Grundlage haben, die nicht bloB 
funktionell sind, um das voll zu verstehen, muB man aber noch viel 
mehr wissen. Man muB wissen zum Beispiel, daB unsere ganze Erde 
nicht das tote Produkt ist, wie es heute die Mineralogie oder die Geo- 
logie meint, sondern ein lebendiges Wesen ist. Mineralogie oder Geo- 
logie kennt ja von der Erde so viel, als man vom Menschen kennen 
wiirde, wenn man nur das Knochensystem kennen wiirde. Denken 
Sie sich nur einmal : Sie wiirden gar niemals fahig sein, durch irgend- 
welche Sinne die Menschen zu sehen, sondern es wiirde nur Rontgen- 
aufnahmen von Menschen geben und man wiirde von jedem, der 
einem bekannter ist, nur das Knochensystem kennen: dann wiirden 
Sie vom Menschen so viel kennen, als die Geologen und uberhaupt 
die Wissenschaft von der Erde kennt. Denken Sie sich, Sie wiirden 
hier hereingehen und von all den verehrten Herrschaften, die Sie hier 
linden, nichts anderes als die Knochen sehen, dann hatten Sie soviel 
BewuBtsein von all den Gegenwartigen hier, als die Wissenschaft 
heute von der Erde hat. Die Erde, die man also nur als Knochen- 
system kennt, die ist ein lebendiger Organismus, und als lebendiger 
Organismus wirkt sie auf die Wesen, die auf ihr herumwandeln, nam- 
lich auf die Menschen selber. Und so wie der Mensch differenziert ist 
in bezug auf die Verteilung seiner Organe iiber den Leib, so ist die 
Erde auch differenziert in bezug auf dasjenige, was sie lebendig aus 
sich herausentwickelt und womit sie die Menschen beeinfluBt, die auf 



ihr herumwandeln. Ich meine, Sie sind sich dessen bewuBt: wenn Sie 
denken, so werden Sie nicht gerade den rechten Zeigefinger oder die 
linke groBe Zehe anstrengen, sondern Ihren Kopf; Sie wis sen ganz 
genau, Sie denken nicht mit Ihrer rechten gtoBen Zehe, Sie denken 
mit dem Kopf. Also die Dinge verteilen sich im lebendigen Organis- 
mus, der ist differenziert. So ist auch unsere Erde differenziert. Ein 
Wesen, das etwa iiberall das gleiche auf seine Bewohner riinaufstrahlt, 
ist unsere Erde durchaus nicht, sondern auf den verschiedensten Ge- 
bieten der Erde wird ganz Verschiedenes hinaufgestrahlt. Und da 
gibt es verschiedene Krafte: magnetische, elektrische, aber auch viel 
mehr in das Gebiet des Lebendigen heraufgehende Krafte, die aus der 
Erde heraufkommen, und die den Menschen beeinflussen in der 
mannigfaltigsten Weise in den verschiedensten Punkten der Erde, also 
nach der geographischen Gestaltung in verschiedener Weise den 
Menschen beeinflussen. 

Das ist eine sehr wichtige Tatsache. Denn das, was der Mensch zu- 
nachst ist an Leib, Seele und Geist, das hat eigentlich wenig direkten 
Bezug zu diesen von der Erde heraufwirkenden Kraften. Aber der 
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der hat vorzugsweise 
Bezug zu diesen von der Erde aus aufstromenden Kraften. Und in- 
direkt, mittelbar steht der Mensch nach Leib, Seele und Geist mit der 
Erde in Beziehung und dem, was sie ausstrahlt an den verschiedenen 
Punkten dadurch, daB sein Doppelganger die intimsten Beziehungen 
hegt zu demjenigen, was da heraufstromt. Diese Wesen, die als solche 
ahrimanisch-mephistopheKsche Wesen von dem Menschen eine kurze 
Zeitstrecke, bevor er geboren ist, Besitz ergreifen, die haben ihre ganz 
besondere Geschmacksnatur. Da gibt es solche Wesenheiten, denen 
ganz besonders die ostliche Halbkugel, Europa, Asien, Afrika ge- 
fallen; die wahlen sich solche Menschen, die dort geboren werden, 
um ihre Leiber zu benutzen. Andere wahlen sich Leiber, die auf der 
westlichen Halbkugel, in Amerika geboren werden. Dasjenige, was 
wir Menschen in einem schwachen Abbilde als Geographie haben, das 
ist fur diese Wesenheiten lebendiges Prinzip ihres eigenen Erlebens; 
danach richten sie ihren Wohnsitz ein. 

Und daraus ersehen Sie weiter, daB eine der wichtigsten Aufgaben 



der Zukunft sein wird, wieder weiterzupflegen dasjenige, was ab- 
gerissen ist: geographische Medizin, medizinische Geographic Bei 
Paracelsus ist es aus der alten atavistischen Weisheit heraus abgerissen; 
seither ist es wenig gepflegt worden wegen der materialistischen An- 
schauungen. Es wird wieder Platz greifen mussen ; und manche Dinge 
werden erst wiederum erkannt werden, wenn man den Zusammen- 
hang des krankmachenden Wesens im Menschen mit der Erden- 
geographie, mit all den Fusionen, mit all den Ausstrahlungen, die je 
nach den verschiedenen Gegenden der Erde von dieser Erde heraus- 
kommen, kennenlernen wird. Also wichtig ist es schon, daB der 
Mensch mit diesen Dingen bekannt wird, derm sein Leben hangt ja 
davon ab. Er ist ja durch diesen Doppelganger in einer ganz bestimm- 
ten Weise hineingestellt in das Erdendasein, und dieser Doppelganger, 
der hat sein Wohnhaus in ihm selbst, in dem Menschen. 

Nun, so unendlich wichtig geworden ist eigentlich alles das erst im 
funften nachatlantischen Zeitraum und wird besonders wichtig wer- 
den schon fur die allernachste Zukunft fur die Menschen. Daher mufi 
auch Geisteswissenschaft jetzt verbreitet werden. Und sie ist jetzt 
besonders wichtig, weil diese jetzige Zeit den Menschen aufruft dazu, 
in bewuBter Weise sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, in 
bewuBter Weise sich zu diesen Dingen ein Verhaltnis zu geben. Der 
Mensch muB stark werden in dieser unserer Epoche, um sein Dasein 
zu diesen Wesenheiten zu regeln. 

Diese Epoche trat ein im 15. Jahrhundert, denn unser jetziger Zeit- 
raum beginnt 1413; der vierte nachatlantische Zeitraum, der grie- 
chisch-lateinische, beginnt 747 vor dem Mysterium von Golgatha, 
dauert bis 1413: das ist die Zeit, wo ein schwacher Einschnitt ge- 
schieht, 1413. Seit jener Zeit haben wir die fiinfte nachatlantische Zeit, 
in der wir drinnen leben, und die allmahlich erst ihre Charaktereigen- 
tumlichkeiten in unserer Zeit so ganz herausbringt, aber sie haben 
sich vorbereitet seit dem 15. Jahrhundert. In der vierten nachatlanti- 
schen Zeit, da war es vorzugsweise die Verstandes- und Gemiitsseele, 
die sich entwickelte; jetzt ist es die BewuBtseinsseele, die sich ent- 
wickelt in der Gesamtmenschheitsentwickelung. Als der Mensch ein- 
getreten ist in dieses Zeitalter, da war es seine besondere Schwachheit, 



auf welche die fuhrenden geistigen Wesenheiten Riicksicht nehmen 
muBten gegeniiber diesem Doppelganger. Hatte der Mensch da viel 
in sein BewuBtsein hereingenommen von alldem, was zusammen- 
hangt mit diesem Doppelgangerwesen, ja, dann ware es den Menschen 
schlecht, recht schlecht gegangen. Schon die Jahrhunderte her vor 
dem 14. Jahrhundert muBten die Menschen vorbereitend davor ge- 
schiitzt werden, um recht wenig aufzunehmen, was irgendwie er- 
innerte an diesen Doppelganger. Daher ist auch die Erkenntnis dieses 
Doppelgangers, die durchaus in alteren Zeiten da war, verloren- 
gegangen. Man muBte die Menschen davor beschutzen, ja nichts auf- 
zunehmen, also nicht nur die Theorie von diesem Doppelganger 
nicht aufzunehmen, sondern moglichst wenig mit Dingen in Beruh- 
rung zu kommen, die mit diesem Doppelganger etwas zu tun 
haben. 

Dazu bedurfte es einer ganz speziellen Veranstaltung. Die Sache, 
die sich da entwickelt, miissen Sie versuchen zu begreifen: In den 
Jahrhunderten, die vorangingen dem 14. Jahrhundert, da muBten die 
Menschen geschiitzt werden vor dem Doppelganger; er muBte all- 
mahlich aus dem Gesichtskreise der Menschen heraus und durfte erst 
allmahlich wieder hereinkommen jetzt, wo der Mensch sein Ver- 
haltnis zu ihm regeln muB. Das bedurfte wirklich einer recht bedeut- 
samen Veranstaltung, die nur auf die folgende Weise erreicht werden 
konnte: So allmahlich, seit dem 9., 10. Jahrhunderte, richtete man in 
Europa die Verhaltnisse so ein, daB die europaischen Menschen einen 
gewissen Zusammenhang verloren, den sie friiher gehabt haben, einen 
Zusammenhang, der fur die friiheren, noch fiir die Menschen des 
7., 6. nachchristlichen Jahrhunderts wichtig war. Es wurde namlich - 
vom 9. Jahrhundert angefangen, vom 12. Jahrhundert ab dann be- 
sonders ausgesprochen - eingestellt der gesamte Schiffahrtsverkehr 
nach Amerika hiniiber, wie er eben dazumal war, mit der Art von 
SchifFen, die man hatte. Das mag Ihnen sonderbar klingen! Sie werden 
sagen: Wir haben ja in der Geschichte so etwas nie gehort. - Ja, die 
Geschichte ist eben in vieler Beziehung wirklich eine Fable convenue, 
eine Legende; denn in den alteren Jahrhunderten der europaischen 
Entwickelung fuhren die Schiffe von Norwegen aus, vom damaligen 



Norwegen aus immer nach Amerika himiber. Man hat es naturlich 
nicht Amerika genannt, es hatte dazumal andere Namen. In Amerika 
wuBte man dasjenige Gebiet, wo insbesondere jene magnetischen 
Krafte aufsteigen, welche die Menschen in Beziehung bringen zu die- 
sem Doppelganger. Denn die deutlichsten Beziehungen zum Doppel- 
ganger gehen aus von demjenigen Gebiete der Erde, das vom amerika- 
nischen Kontinente bedeckt ist; und in den alteren Jahrhunderten 
fuhr man mit norwegischen Schiffen hiniiber nach Amerika und 
studierte da driiben Krankheiten. Von Europa aus wurden in Amerika 
gewissermaBen die unter dem Einflusse des Erdenmagnetismus be- 
wirkten Krankheiten studiert. Und der geheimnisvolle Ursprung der 
alteren europaischen Medizin, der ist da zu suchen. Da konnte man den 
Verlauf beobachten, den man nicht hatte beobachten konnen in 
Europa, wo die Menschen empfmdlicher waren gegen die Einflusse 
des Doppelgangers. Man muBte allmahlich - und das Wesentliche tat 
dazu die romisch-katholische Kirche durch ihre Edikte -, man muBte 
allmahlich iiber den Zusammenhang mit Amerika Vergessenheit 
bringen. Und erst nachdem der fiinfte nachatlantische Zeitraum ein- 
getreten war, wurde Amerika auf physisch-sinnliche Weise wieder 
entdeckt. Das ist aber nur eine Wiederentdeckung, die allerdings so 
bedeutsam aus dem Grunde ist, weil die Machte, die am Werke waren, 
es tatsachlich erreicht haben, daB in den Urkunden nirgends sehr viel 
gemeldet wird von den alten Beziehungen Europas zu Amerika. Und 
da wo es gemeldet wird, da erkennt man es nicht, da weiB man nicht, 
daB sich die Dinge auf den Zusammenhang von Europa und Amerika 
in alten Zeiten beziehen. Die Besuche waren allerdings mehr Besuche. 
DaB die Europaer selber dann amerikanisches Volk werden - wie man 
heute sagt, wo man den Ausdruck Volk mit Nation miBverstandlicher- 
weise verwechselt -, amerikanisches Volk geworden sind, das war 
erst nach der physischen Entdeckung Amerikas, physischen Neu- 
entdeckung Amerikas moglich. Es waren vorher eher Besuche, die 
man ausfiihrte, um zu studieren, wie an der andersartigen indianischen 
Rasse der Doppelganger eine ganz besondere Rolle spielt. 

Europa muBte eine Zeitlang, vor dem Beginn der Entwickelung der 
funften nachatlantischen Zeit, vor dem Einflusse der westlichen Welt 



geschiitzt werden. Und das ist die bedeutsame historische Einrich- 
tung, die bedeutsame historische Veranstaltung, die gepflogen wurde 
von den weisheitsvollen Weltenmachten: Europa muBte eine Zeitlang 
geschiitzt werden vor alien diesen Einfliissen, und es hatte nicht ge- 
schiitzt werden konnen, wenn man nicht in den Jahrhunderten vor 
dem 15- Jahrhundert die europaische Welt zugesperrt hatte, ganz ab- 
geschlossen hatte von der amerikanischen. 

Nun, man muBte sich eben berniihen, eine Zeitlang in den vorberei- 
tenden Jahrhunderten etwas in die europaische Menschheit herein- 
zutragen, das der feineren Sensitivitat Rechnung trug. Ich mochte 
sagen: der Verstand, der vorzugsweise Platz greifen sollte in dieser 
fiinften nachatlantischen Zeit, der muBte in seinem ersten Auftreten 
ganz besonders geschont werden. Dasjenige, was ihm geoffenbart 
werden sollte, das muBte ganz besonders fein an ihn herangebracht 
werden. Manchmal war diese Feinheit natiirlich auch eine solche wie 
die Feinheit der Erziehung, wo man natiirlich auch tuchtige Bestra- 
fungsmittel anwendet. Aber das alles, was ich meine, bezieht sich ja 
auf groBere historische Impulse. 

Und so kam es denn, daB insbesondere irische Monche es waren, 
unter dem EinfluB der sich dort ausbildenden reinen christlich-esoteri- 
schen Lehre, die so wirkten, daB man in Rom die Notwendigkeit 
einsah, Europa vor der westlichen Halbkugel abzuschlieBen. Denn 
von Irland aus wollte diese Bewegung gehen, iiber Europa das 
Christentum in einer solchen Weise auszubreiten in diesen Jahr- 
hunderten vor dem fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB man nicht 
gestort wurde durch alles dasjenige, was heraufkam aus dem Unter- 
irdischen der Erde aus der westlichen Halbkugel. Unwissend halten 
sollte man Europa vor all den Einfliissen auf der westlichen Halbkugel. 

Und es liegt nahe, gerade hier einmal iiber diese Verhaltnisse zu 
sprechen. Denn Columban und sein Schiiler Gallus, sie waren wesent- 
liche Individualitaten in jenem groBen, bedeutsamen Missionsweg, 
der seine Erfolge in der Christianisierung Europas dadurch wirksam 
zu machen versuchte, daB er Europa dazumal wie mit geistigen Wan- 
den umgab und keinen EinfluB hereinkommen lieB von der Seite, die 
ich angedeutet habe. Und solche Individualitaten, wie Columban und 



sein Schiiler Gallus, von dem dieser Ort hier seine Begriindung und 
seinen Namen hat, sie sind diejenigen, die vor alien Dingen ein- 
gesehen haben: die zarte Pflanze der Christianisierung, sie kann in 
Europa nur ausgebreitet werden, wenn man Europa gleichsam mit 
einem Zaun umgibt in geistiger Beziehung. Ja, hinter den Vorgangen 
in der Weltgeschichte liegen tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse. Und 
die Geschichte, die in den Schulen gelehrt wird und gelernt wird, ist 
vielfach nur eine Fable convenue; denn zu den wichtigsten Tatsachen 
im Verstandnisse der neueren Zeit in Europa gehort dieses, daB von 
den Jahrhunderten an, von denen von Irland aus die Verbreitung der 
Christianisierung in Europa ging, bis namentlich ins 12. Jahrhundert, 
zugleich gearbeitet wurde daran, daB gerade die papstlichen Edikte 
allmahlich die Schiflahrt zwischen Europa und Amerika verpont 
haben, aufgehoben haben, so daB der Zusammenhang mit Amerika 
fur Europa vollstandig vergessen worden ist. Man brauchte dieses 
Vergessen, damit die ersten Zeiten, in denen sich in Europa vor- 
bereiten sollte der funfte nachatlantische Zeitraum, in der richtigen 
Weise sich abwickeln konnten. Und erst dann, als die materialistische 
Zeit nun begann, da wurde Amerika neuerdings wiederum entdeckt, 
so wie man es heute erzahlt: westlich - ostlich; da wurde Amerika 
entdeckt unter dem EinfluB der Goldgier, unter dem EinfluB der rein 
materialistischen Kultur, mit welcher der Mensch eben in der funften 
nachatlantischen Zeit zu rechnen hat, mit der er sich in das ent- 
sprechende Verhaltnis zu setzen hat. 

Diese Dmge sind wirkliche Geschichte. Und diese Dinge, denke ich 
auch, klaren auf iiber dasjenige, was wirklich ist. Die Erde ist wirklich 
etwas, was lebendiges Wesen genannt werden muB. Nach geographi- 
schen DifFerenzierungen stromen die verschiedensten Krafte aus den 
verschiedensten Territorien nach oben. Deshalb miissen die Menschen 
nicht nach Territorien geschieden sein, sondern voneinander an- 
nehmen dasjenige, was auf jedem Territorium als das Gute und als 
das GroBe, und gerade nur dort geschaffen werden kann. Deshalb ist 
eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung darauf bedacht, etwas 
zu schaffen, was von alien Nationen von alien Gebieten wirklich an- 
genommen werden kann. Denn die Menschen miissen im gegen- 



seitigen Austausch ihrer geistigen Giiter vorwartsschreiten. Das ist 
das, worauf es ankommt. 

Dagegen entsteht von einzelnen Territorien aus sehr leicht das Be- 
streben, Macht und Macht und Macht zu erhohen. Und die groBe 
Gefahr, daB in einseitiger Weise die Entwickelung der neueren 
Menschheit vorwartsschreitet, die kann man nur beurteilen aus den 
konkreten, aus den wirklichen konkreten Verhaltnissen heraus, wenn 
man weiB, wie die Erde ein Organismus ist, wenn man weiB, was 
eigentlich geschieht von den verschiedenen Punkten der Erde aus. Im 
Osten Europas ist verhaltnismaBig wenig Neigung rein durch das, 
was von der Erde ausstromt, denn das Russentum zum Beispiel hangt 
wohl innig zusammen gerade durch den Boden, aber es nimmt ganz 
besondere Krafte aus dem Boden heraus auf, und zwar Krafte, die 
nicht von der Erde kommen. Das Geheimnis der russischen Geo- 
graphic besteht darinnen, daB das, was der Russe von der Erde auf- 
nimmt, zuerst das der Erde mitgeteilte Licht ist, das von der Erde 
wieder zuruckgeht. Also der Russe nimmt eigentlich aus der Erde 
dasjenige auf, was aus den auBeren Regionen zu der Erde erst hin- 
stromt; der Russe liebt seine Erde, aber er liebt sie eben aus dem 
Grunde, weil sie ihm ein Spiegel ist des Himmels. Dadurch aber hat 
der Russe, wenn er noch so territorial gesinnt ist, in dieser territorialen 
Gesinnung etwas - wenn es auch heute noch auf einer kindlichen 
Stufe ist - auBerordentlich Kosmopolitisches : weil die Erde, indem 
sie sich durch den .Weltenraum bewegt, mit alien moglichen Partien 
des Erdenumkreises in Beziehung kommt. Und wenn man nicht das- 
jenige in die Seele aufnimmt, was von unten nach oben stromt in der 
Erde, sondern dasjenige, was von oben nach unten und wiederum 
hinaufstromt, dann ist es etwas anderes, als wenn man aufnimmt das, 
was - direkt von der Erde ausstromend - in eine gewisse Verwandt- 
schaft zur Menschennatur gesetzt wird. Das aber, was der Russe an 
seiner Erde liebt, womit er sich durchdringt, das gibt ihm manche 
Schwache, aber auch vor alien Dingen eine gewisse Fahigkeit, jene 
Doppelgangernatur zu uberwinden, von der ich Ihnen vorhin ge- 
sprochen habe. Daher wird er berufen sein, in dem Zeitalter die 
wichtigsten Impulse zu liefern, in welchem diese Doppelgangernatur 



endgiiltig bekampft werden muB, in der sechsten nachatlantischen 
Kulturperiode. 

Aber ein gewisser Teil des Erdbodens zeigt die meiste Verwandt- 
schaft mit jenen Kraften. Wenn der Mensch sich dorthin versetzt, 
kommt er in ihr Bereich; sobald er dort weggeht, ist es ja wieder 
nicht so, denn das sind geographische, das sind nicht ethnographische, 
nicht nationale, sondern das sind rein geographische Dinge. Das- 
jenige Gebiet, wo am meisten EinfluB hat auf den Doppelganger das, 
was von unten heraufstrdmt, und wo es dadurch, daB es beim Doppel- 
ganger am meisten Verwandtschaft eingeht mit dem Ausstromenden, 
also sich auch wieder der Erde mitteilt, das ist dasjenige Erdengebiet, 
wo die meisten Gebirge nicht von Westen nach Osten, in der Quer- 
richtung hin, sondern wo die Gebirge hauptsachlich von Norden nach 
Suden gehen - denn das hangt auch mit diesen Kraften zusammen 
wo man den magnetischen Nordpol in der Nahe hat. Das ist das 
Gebiet, wo vor alien Dingen Verwandtschaft entwickelt wird mit der 
mephistophelisch-ahrimanischen Natur durch die auBeren Verhalt- 
nisse. Und durch diese Verwandtschaft wird vieles bewirkt in der 
fortschreitenden Entwickelung der Erde. Der Mensch darf heute 
nicht blind durch die Entwickelung der Erde gehen; er muB solche 
Verhaltnisse durchschauen. Europa wird sich zu Amerika nur dann 
in ein richtiges Verhaltnis setzen konnen, wenn solche Verhaltnisse 
durchschaut werden konnen, wenn man weiB, welche geographischen 
Bedingtheiten von dorther kommen. Sonst aber, wenn Europa fort- 
fahren wird, in diesen Dingen blind zu sein, dann wird es mit diesem 
armen Europa so gehen, wie es mit Griechenland gegeniiber Rom 
gegangen ist. Das darf nicht sein; die Welt darf nicht geographisch 
amerikanisiert werden. Aber das muB erst verstanden werden. Die 
Dinge diirfen nicht so unernst genommen werden, wie sie heute viel- 
fach genommen werden. Denn sehen Sie, die Dinge beruhen in tiefen 
Griinden, und Erkenntnisse sind heute notwendig, nicht bloB Sym- 
pathien und Anttpathien, um eine Stellung zu gewinnen in dem Zu- 
sammenhange, in den die gegenwartige Menschheit auf eine so 
tragische Weise hineingestellt ist. Das sind die Dinge, die wir hier 
noch genauer besprechen konnen; in offentlichen Vortragen konnen 



sie nur* angedeutet werden. Gestern habe ich aufmerksam gemacht, 
wie es notwendig ist, daB dasjenige, was Geisteswissenschaft genannt 
wird, wirklich auch in die sozialen und in die politischen BegrifFe 
hineindringt. Denn Amerikas Bestreben geht darauf hinaus, alles zu 
mechanisieren, alles in das Gebiet des reinen Naturalismus hinein- 
zutreiben, Europas Kultur nach und nach vom Erdboden aus- 
zuldschen. Es kann nicht anders. 

Selbstver standlich sind das geographische Begriffe, nicht volkische 
BegrifFe. Man braucht nur an Emerson zu denken, um zu wissen, daB 
hier nichts als Charakteristik eines Volkes gemeint ist. Aber Emerson 
war eben ein durch und durch europaisch gebildeter Mensch. Nicht 
wahr, das sind ja zwei entgegengesetzte Pole, die sich entwickeln. 
Gerade unter solchen Einnussen, wie sie heute charakterisiert werden, 
entwickeln sich Menschen wie Emerson, die sich dadurch so ent- 
wickeln, daB sie die voile Menschlichkeit entgegenstellen dem Dop- 
pelganger, oder es entwickeln sich Menschen wie Woodrow Wilson, die 
nur eine Umhullung des Doppelgangers sind, durch die der Doppel- 
ganger selbst ganz besonders wirkt, die im wesentlichen eigentlich 
Verleiblichungen desjenigen sind, was amerikanische geographische 
Natur ist. 

Diese Dinge hangen nicht mit irgendeiner Sympathie oder Anti- 
pathie, nicht mit irgendeiner Parteigangerei zusammen; diese Dinge 
hangen lediglich mit den Erkennmissen iiber die tieferen Grunde 
dessen, was von den Menschen im Leben durchlebt wird, zusammen. 
Aber es wird sehr wenig der Menschheit zum Heile gereichen, wenn 
sie sich nicht Auf klarung verscharTen will iiber dasjenige, was eigent- 
lich wirksam ist in den Dingen. Und heute ist es sehr notwendig, 
wiederum anzuknupfen an manches, was eben gerade um die Wende 
auch abgerissen werden muBte, als man den Weg nach Amerika ver- 
sperrt hat. Und wie ein Symbolum mochte ich es hinstellen, was Sie 
hier so vielfach erleben und empfinden konnen, wie ein Symbolum 
solche Menschen wie Gallus. Sie muBten sich einen Boden fur ihr 
Wirken schaffen durch den Zaun, den sie aufgerichtet haben. Solche 
Dinge muB man verstehen. 

Geisteswissenschaft wird erst wirkliches geschichtliches Ver- 



standnis schaffen. Aber Sie sehen: Vorurteil uber Vorurteil wird sich 
natiirlich erheben. Denn wie konnte man anders denken, als daB Er- 
kenntnisse auch anfangen wurden, parteiisch zu werden ! Aber das war 
mit einer der Griinde, die eigentlich zu den Feigheiten gehoren, 
warum gewisse okkulte Briiderschaften mit diesen Dingen zuriick- 
gehalten haben. Aus dem einfachen Grunde haben sie zuriickgehalten, 
weil die Erkenntnisse vielfach den Menschen unbequem sind, sie 
mochten nicht allgemein menschlich werden, und insbesondere die- 
jenigen nicht, die Anlage haben, sich mit den geographischen Aus- 
stromungen zu verbinden. 

Die Fragen des offentlichen Lebens werden schon allmahlich Er- 
kenntnisfragen werden, herausgehoben werden aus jener Atmosphare, 
in die sie heute durch die uberwiegende Majoritat der Menschheit 
hineingedrangt worden sind: aus der bloBen Sphare der Sympathien 
und Antipathien. In bezug auf das Wirksame werden ja allerdings 
nicht Majoritaten entscheiden. Aber dieses Wirksame wird nur wirk- 
sam werden konnen, wenn die Menschen nicht davor zuriickschrecken 
werden, wichtige Dinge in ihr BewuBtsein aufzunehmen. 

So wie ich heute hier gesprochen habe, weil, ich mochte sagen, der 
Genius loci dieses Ortes das von mir verlangt, hat sich Ihnen an 
einem besonderen Beispiel gezeigt, daB es fur den Menschen der 
Gegenwart nicht mehr geniigt, um Geschichte zu kennen, die ge- 
brauchlichen Schulbiicher in die Hand zu nehmen, denn da erfahrt 
man jene Fable convenue, welche man heute Geschichte nennt. Was 
erfahrt man denn da iiber die wichtigen, namentlich in den dunklen 
Urspriingen der Medizin liegenden Verkehrswege, die noch in den 
ersten christlichen Jahrhunderten von Europa nach Amerika gefuhrt 
haben ? Aber was da ist, hort nicht auf, wirklich zu sein, dadurch daB 
die Menschen spater ihr BewuBtsein davor blind machen wie der 
Vogel StrauB, der den Kopf in den Sand steckt, um nicht zu sehen, 
und dann glaubt, das, was er nicht sieht, ist auch nicht da. - Manches 
andere noch ist einfach durch die Fable convenue, die man Geschichte 
nennt, fur die Menschen verhullt, manches, was dem Menschen der 
Gegenwart in seiner Wirksamkeit recht nahesteht. Und manches 
andere noch wird durch die Geisteswissenschaft zutage treten iiber 



den geschichtlichen Verlauf der Menschheit. Denn die Menschen 
wollen aufgeklart sein uber ihr eigenes Schicksal, uber den Zusammen- 
hang ihrer Seele mit ihr er geistigen Entwickelung. 

Nun, vieles von dem, was geschichtlich verlorengegangen ist, wird 
erst die Geisteswissenschaft heben konnen. Sonst wird sich die 
Menschheit entschlieBen miissen, unwissend 2u bleiben iiber sehr, 
sehr naheliegende Dinge. Und iiber die Gegenwart wird sie, trotzdem 
der Mensch der Gegenwart ja heute iiber alles unterrichtet wird - 
aber wie unterrichtet wird iiber die Gegenwart wird die Menschheit 
nur vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich ein Urteil 
bilden konnen. Denn zwar wird die Menschheit heute durch - nun 
ja, mit Respekt zu vermelden, man sagt immer, wenn man Un- 
anstandiges ausspricht: mit Respekt zu vermelden, nicht wahr -, zwar 
wird die Menschheit heute von alien Angelegenheiten durch, mit 
Respekt 2u vermelden, die Presse unterrichtet; aber sie wird durch die 
Presse so unterrichtet, daB ihr gerade das Wesentliche, das Wahre, das 
Reale, dasjenige, worauf es ankommt, verhullt wird. 

Und bis zu diesem Grade von Wirklichkeitserkenntnis muB der 
Mensch schon kommen. Auch das ist wiederum durchaus nicht etwas, 
was gegen die Presse personlich oder unpersonlich gerichtet ist, son- 
dern es ist durchaus etwas, was so gemeint ist, daB es zusammenhangt 
mit den wirksamen Kraften der Gegenwart und gar nicht anders sein 
kann. Die Dinge konnen nicht anders sein, aber ein BewuBtsein 
miissen die Menschen davon haben. Das ist ja gerade der groBe Irrtum, 
daB man glaubt, man miisse die Dinge kritisieren, wahrend man sie 
charakterisieren muB. Das ist das, worauf es ankommt. 

Nun, ich versuchte, Ihnen heute ein Bild zu geben von mancherlei 
wirksamen Impulsen, die im einzelnen Menschen und in der Gesamt- 
menschheit sind. Abgesehen von dem einzelnen, iiber das ich ge- 
sprochen habe, wollte ich durch die Art der Impulse, die ich beriihrt 
habe, vor alien Dingen ein Gefuhl davon hervorrufen, wie der Mensch 
aufmerksam darauf sein soil, daB er mit seinem Gesamtwesen ein- 
gebettet ist in eine konkrete geistige Welt mit konkreten geistigen 
Wesenheiten und konkreten geistigen Kraften. Nicht nur, daB wir 
hinaufwachsen in die Welt, in die wir selbst nach dem Tode eintreten 



und zwischen dem Tod und einer neuen Geburt darin leben, sondern 
auch, indem wir hier in der physischen Welt sind, konnen wir diese 
physische Welt nur verstehen, wenn wir die geistige Welt zu glekher 
Zeit mitverstehen. 

Die Medizin kann nur bestehen, wenn sie eine geistige Wissenschaft 
ist. Denn Krankheiten kommen von einem geistigen Wesen, welches 
nur den menschlichen Leib benutzt, um seine Rechnung zu linden, die 
es nicht findet an dem Orte, der ihm zugeteilt ist von der weisheits- 
vollen Weltenfiihrung, gegen die es sich aufgelehnt hat, wie ich es 
Ihnen gezeigt habe; ein Wesen, das eigentlich ein ahrimanisch-mephi- 
stophelisches Wesen in der menschlichen Natur ist, das vor der Ge- 
burt in den menschlichen Leib als in seinen Wohnort einzieht, und 
das nur diesen menschlichen Leib verlaBt, weil es den Tod nicht ver- 
tragen darf unter seinen gegenwartigen Verhaltnissen, welches den 
Tod auch nicht erobern kann. Krankheiten kommen davon, daB dieses 
Wesen in dem Menschen wirkt. Und wenn Heilmittel verwendet 
werden, so hat das den Sinn, daB aus der auBeren Welt diesem Wesen 
dasjenige gegeben wird, was es sonst durch den Menschen sucht. Fiige 
ich dem menschlichen Leib ein Heilmittel zu, wenn dieses ahrima- 
nisch-mephistophelische Wesen wirkt, so gebe ich ihm etwas anderes ; 
ich streichle dieses Wesen gewissermaBen, ich sohne es aus, damit es 
ablaBt vom Menschen und sich befriedigt an dem, was ich ihm in den 
Rachen werfe als Heilmittel. 

Aber alle diese Dinge sind im Anfange. Medizin wird eine geistige 
Wissenschaft werden. Und wie man in alten Zeiten die Medizin als 
geistige Wissenschaft gekannt hat, wird man sie als geistige Wissen- 
schaft wiedererkennen. 

Nun, allerdings auch diese Gefuhle werde ich in Ihnen hervor- 
gerufen haben, daB es notig ist, nicht nur ein paar Begriffe sich aus der 
Geisteswissenschaft anzueignen, sondern sich hineinzufuhlen; denn 
man fiihlt sich dadurch wirklich zugleich hinein in die menschliche 
Wesenheit. Und heute ist die Zeit gekommen, wo einem vieles wie 
Schuppen von den Augen fallen wird, auch zum Beispiel mit Bezug 
auf die auBere Geschichte, von der ich in Zurich vor ein paar Tagen 
bewiesen habe, oder gezeigt habe wenigstens, daB sie von den Men- 



schen nicht auBerlich angeschaut wird, sondern getraumt wird in 
Wirklichkeit, daB man sie nur versteht, wenn man sie aus dem Traum 
der Menschheit auffaBt, nicht als irgend etwas, was im AuBeren sich 
vollzieht. 

Diese Dinge also, sie werden hoffentlich auch weitergetragen von 
jener Kraft, die die Menschheit noch in einem recht kleinen Teil, allzu 
kleinen Teil ergriffen hat in dem, was wir die anthroposophische Be- 
wegung nennen. Aber diese anthroposophische Bewegung, sie wird 
doch mit dem zusammenhangen, was die Menschheit zu ihren wich- 
tigsten Angelegenheiten in der Zukunft wird fiihren miissen. Und 
wir diirfen schon ofter erinnern an jenes Gleichnis, das ich oftmals 
schon gebraucht habe. Die ganz gescheiten Leute drauBen, die denken : 
Na, diese Anthroposophen, Theosophen, das ist solch eine Sekte mit 
allerlei phantastischem Zeug, mit allerlei Narrheiten im Kopfe, mit 
dem sich der aufgeklarte Teil der Menschheit nur ja nicht gemein 
machen muB! - Oh, dieser « aufgeklarte Teil der Menschheit », er 
denkt heute, wenn auch durch die Zeit modifiziert, so ahnlich iiber 
diese unterirdischen sektiererischen Konventikel unter Anthropo- 
sophen und Theosophen, wie die Romer gedacht haben, die vor- 
nehmen Romer, als das Christentum sich ausgebreitet hat. Damals 
muBten nur die Christen wirklich physisch in den Katakomben unten 
sein, und oben spielten sich diejenigen Dinge ab, welche von den 
vornehmen Romern als das einzig Richtige angesehen wurden, wah- 
rend die phantastischen Christen unten waren. - Nach ein paar Jahr- 
hunderten war das anders. Das Romertum war weggefegt und das- 
jenige, was unten in den Katakomben war, war hinaufgegangen. Das, 
was die Kultur beherrscht hatte, war ausgerissen worden. 

Solche Vergleiche miissen unsere Kraft starken; solche Vergleiche 
miissen sich in unsere Seele Hneinleben, so daB wir aus ihnen Kraft 
finden, weil wir ja selbst noch in kleinen Kreisen wirken miissen. 
Aber die Bewegung, die durch diese anthroposophische Stromung 
charakterisiert wird, sie muB jene Kraft entwickeln, die auch wirklich 
nach oben kommen kann. Oben findet sie allerdings fur ihren geistigen 
Boden wenig Verstandnis. 

Aber trotzdem miissen wir immer wieder und wieder zuriickdenken 



an so etwas, wie dieses romische Katakombentum der ersten Christen 
war, das, trotzdem es in noch viel starkerem MaBe etwas Unter- 
irdischeres war als dasjenige, was heute die anthroposophische Be- 
wegung ist, doch den Weg an die Oberflache gefunden hat. Und 
manche von denen, welche innerhalb dieser anthroposophischen Be- 
wegung sich auseinanderzusetzen haben mit spirituellen Begriffen, sie 
haben ja schon die Moglichkeit gefunden, in der Sphare, in der sich 
diese spirituellen BegrifFe, die hier Weisheit sind, als Licht entfalten, 
mit diesem Lichte zu rechnen. Und wir diirfen es immer wiederum 
sagen, wie unter der Mitgliedschaft, die mitwirkt an der anthroposo- 
phischen Bewegung, uns immer gleichstehen diejenigen, die hier in 
der physischen Welt, und diejenigen, die schon driiben in der uber- 
sinnlichen Welt sind, die schon die Pforte des Todes durchschritten 
haben und heute schon Bewahrheiter sind dessen, was hier als spiri- 
tuelle Weisheiten erworben wird. Wir haben in dieser Beziehung ja 
auch schon an mancherlei, ich mochte sagen, ubersinnBch wohnende 
Mitgliederseelen zu denken. In diesem Augenblicke gedenke ich - 
weil sich wiederum in diesen Tagen jahrt der physische Todestag, der 
ubersinnliche Geburtstag fiir das geistige Leben - unserer treuen 
Mitarbeiterin am Dornacher Bau, Fraulein Sophie Stinde. Es handelt 
sich darum, meine lieben Freunde, wenn wir wirklich drinnenstehen 
wollen in der positiven anthroposophischen Bewegung, uns zu ver- 
tiefen fiir die Empfindung: durch dasjenige, was real mit uns ver- 
bunden ist, den konkreten Begriffuber die geistige Welt aufzunehmen. 

Nun, meine lieben Freunde, es sind jetzt schwere Zeiten. Man weiB, 
wie schwer es sein wird, iiber die nachsten Zeiten hinwegzukommen. 
Wie sich auch die Verhaltnisse gestalten mogen fiir unser Zusammen- 
sein auf dem physischen Plane, wie lange oder wie kurz es auch 
dauern moge, bis wir uns wiederum hier finden auf diese Weise, 
lassen Sie mich Ihnen sagen, daB wir trotzdem - wie das ja zur Be- 
wahrung und Kraftigung unseres geisteswissenschaftlichen Strebens 
sein muB - zusammen fiihlen, zusammen denken wollen, wenn wir 
auch raumlich auseinander sind. Wir wollen als geisteswissenschaftlich 
Strebende immer zusammen sein. 



HINTER DEN KULISSEN DES AUSSEREN GESCHEHENS 



Zurich, 6. November 1917 
Erster Vortrag 

Vor Jahren war ich gerade in Berlin in beruf lichen Angelegenheiten 
tatig, als wahrend der Vorstellung in einem Theater die Nachricht 
eintraf und in das Theater, mochte man sagen, hineingeweht wurde, 
daC in Genf die Kaiserin von Osterreich von einem Propagandisten 
der Tat, wie man sagte, ermordet worden sei. Ich stand damals, als 
diese Nachricht in einem Zwischenakt der Vorstellung so herein- 
geweht worden war, in der Nahe eines Mannes, der dazumal Berliner 
Kritiker war, der mittlerweile beruhmt gewordene philosophische 
Bucher geschrieben hat, und der seki Erstaunen iiber diese Tatsache 
in einer Weise zum Ausdruck brachte, die einem schon in der Erinne- 
rung bleiben kann. Er sagte : Man kann vieles in der Welt begreifen, 
wenn man es auch nicht rechtfertigt, wenn man auch nicht einver- 
standen damit ist, man kann vieles begreifen in der Welt, aber daC es 
einen Sinn haben soli, aus einer agitatorischen Bewegung heraus eine 
kranke Frau zu toten, durch deren Weiterleben nichts irgendwie 
Erhebliches verandert werden kann, deren Tod jedenfalls in keinem 
ersichtlichen Zusammenhange stehen kann mit irgendwelcher poli- 
tischen Idee, das sei unbegreif lich - so sagte dazumal der Mann -, das 
konne man nicht verstehen, das mache jedenfalls einen sinnlosen 
Eindruck. 

Ich glaube, daB dazumal dieser Mann ausgesprochen hat etwas, was 
allgemeine Meinung vernunftiger Menschen sein muB, was gewisser- 
maCen alle verniinftigen Menschen der heutigen gebildeten Welt 
denken mussen. Man konnte daran den Gedanken knupfen: es ge- 
schehen also Dinge unter den Menschen, es geschehen iiberhaupt im 
Verlaufe dessen, was man geschichtliche Entwickelung nennt, Dinge, 
die, wenn man darauf anwenden will die Urteile, die man haben kann 
aus dem Leben heraus, sinnlos erscheinen; die, selbst wenn man sie 
erklaren will aus irgendeiner Verirrung, sinnlos erscheinen. 

Aber gerade an solchen Ereignissen - und man konnte ja zu diesem 



einen Ereignis viele, viele andere hinzufugen - kann man sehen, daB 
dasjenige, was aufierlich unbegreiflich erscheint, eben auBerlich un- 
begreif lich erscheinen mu8, weil, wenn ich den Ausdruck gebrauchen 
darf, hinter den Kulissen der weltgeschichtlichen Angelegenheiten 
geistige Krafte und geistige Taten hin und her spielen in gutem und 
in schlechtem Sinne; geistige Geschehnisse, geistige Taten, die nur zu 
begreifen sind, wenn man mit geistiger Wissenschaft hineinleuchten 
kann in diese Gehiete, die hinter den Kulissen des gewohnlichen 
Lebens, des in der Sinneswelt verlaufenden Lebens liegen; weil 
solche Dinge geschehen, die nur durch Ideen aus der geistigen Welt 
heraus zu begreifen sind, und die notwendigerweise, wenn man sie 
nur in ihrem Zusammenhange innerhalb der Sinneswelt ins Auge 
faBt, einfach in gutem und in schlechtem Sinne sinnlos erscheinen. 
Und wenn man gerade durch das, was man Zufall nennen konnte, was 
aber vielleicht nur eine symbolische Auskleidung karmischer An- 
gelegenheiten ist, eine solche Erfahrung in einem Theater macht, da 
denkt man eben daran, wie anders dasjenige aussieht, was hinter den 
Kulissen vorgeht, und dasjenige, was auf der Biihne vorgeht. 

Ich habe diese Bemerkung vorausgesendet, weil ich heute iiber 
einiges sprechen will, das dann das nachste Mai, wenn wir wieder hier 
miteinander sprechen, ausgebaut werden soil; iiber einiges, was den 
heutigen Menschen wichtig ist zu wissen von allerlei Dingen, die 
hinter den Kulissen des Geschehens auf dem physischen Plane sich 
abspielen. Diese Dinge versteht man nur, wenn man nicht der Be- 
quemlichkeit der heutigen Menschen verfallt, die Dinge, die in der 
geistigen Welt sind und aus der geistigen Welt heraus mit den An- 
gelegenheiten der Menschen hier auf Erden zusammenhangen, mog- 
lichst nur allgemein zu charakterisieren, sondern wenn man moglichst 
ins Konkrete, in die wirklichen Tatsachen der geistigen Welt hinein- 
geht. 

Sie wissen - und wir haben es ja oftmals auseinandergesetzt, in den 
Zyklen ist daruber viel zu lesen — , daB wir die Entwickelung der 
Menschheit nach gewissen Perioden gliedern: groBen Perioden, die 
wir als Saturn-, Sonnen-, Mondenzeit und so welter bezeichnen; 
kleineren Perioden, wie solche sind, von denen wir sprechen als der 



lemurischen, der atlantischen und unserer nachatlantischen Zeit. Und 
wiederum innerhalb dieser kleineren Perioden, die aber schon eine 
riesige zeitliche Ausdehnung haben, sprechen wir von gewissen 
Kulturperioden fur unsere nachatlantische Zeit: von der altindischen, 
von der urpersischen, agyptisch-chaldaischen, von der griechisch- 
lateinischen, und von unserer jetzigen funften nachatlantischen Zeit- 
periode. 

Wir sprechen von solchen Perioden aus dem Grunde, weil die 
Menschheit als Ganzes in ihrem Gang durch die Erdenentwickelung 
ihre - in diesem Fall namentlich seelischen - Eigenschaften von einer 
Periode zu der andern hin ganz wesentlich andert, weil eben die 
Menschheit eine reale Entwickelung durchmacht in jeder solchen 
Periode. Wir sprechen jetzt von den kleinsten der charakterisierten 
Perioden. In jeder solchen Periode obliegt gewissermaBen der 
Menschheit irgend etwas, was sie durchzumachen hat, woran sie sich 
zu freuen hat, woran sie zu leiden hat, was sie zu begreifen hat, 
woraus sie ihre Willensimpulse fur ihre Taten zu holen hat und so 
weiter. Etwas anderes hat obgelegen als Aufgabe der agyptisch- 
chaldaischen Kulturperiode, etwas anderes der griechisch-lateinischen, 
und auch unsere Zeit hat ganz bestimmte Aufgaben. 

Diese Verschiedenheit der Aufgaben solcher aufeinanderfolgenden 
Zeitperioden mit Bezug auf gewisse Eigentumlichkeiten kann man 
erst richtig ins Auge fassen, namentlich diejenigen, auf die wir gerade 
heute hinweisen wollen, kann man erst richtig ins Auge fassen, wenn 
man den Versuch macht, jene Erfahrungen zu Rate zu Ziehen, die von 
dem gesamten Menschenleben herkommen fur das auBere geschicht- 
liche Werden, von dem die auBere Menschheitsgeschichte spricht und 
auf die sich die materialistische Gesinnung unserer Zeit vorzugsweise 
beschranken will. Von diesen auBeren Erlebnissen der Menschen auf 
dem physischen Plane, die ja nur einen Teil des gesamten Menschen- 
lebens umfassen, das zwischen Geburt und Tod und zwischen Tod 
und einer neuen Geburt ablauft, von diesem physischen Erdenleben 
kann man nicht eine voile Charakteristik der aufeinanderfolgenden 
Epochen gewinnen; denn in dem, was wirklich geschieht, spielen 
immer die Krafte zusammen, welche von dem Reiche, in dem der 



Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt, herunter- 
gehend sich in Wechselwirkung setzen mit den Kraften, die entfaltet 
werden durch die Menschen, welche hier auf dem physischen Plane 
sind. Es ist immer ein Zusammenspiel der Krafte vorhanden, welche 
die Menschen post mortem, nach dem Tode entfalten, und den- 
jenigen Kraften, die hier auf dem physischen Plane entfaltet werden. 

Noch in der vierten nachatlantischen Epoche, diese ganze Zeit hin- 
durch, mochte ich sagen, war es so, da6 es ging, daB die Menschen 
iiber gewisse Dinge in einer Art von UnbewuBtheit gehalten worden 
sind. Gerade viele Dinge, iiber welche die Menschen der vierten nach- 
atlantischen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit, noch in UnbewuBt- 
heit gehalten werden konnten, die miissen den Menschen der funften 
nachatlantischen Periode immer mehr und mehr zum BewuBtsein 
kommen. Diese fiinfte nachatlantische Zeit wird iiberhaupt eine 
solche sein, in der vieles in das BewuBtsein der Menschenseelen 
hereinkommen muB, was friiher auBerhalb dieses BewuBtseins liegen 
konnte. 

Solche Dinge entwickeln sich mit einer gewissen geistigen Gesetz- 
maBigkeit, mit einer gewissen geistigen Notwendigkeit. Das Men- 
schengeschlecht ist emfach darauf hin angelegt, daB gewisse Fassungs- 
krafte, auch gewisse Willenskrafte, sich zu einer bestimmten Zeit ent- 
wickeln. Diese Menschheit wird fiir gewisse Dinge in der funften 
nachatlantischen Zeit reif, wie sie fiir andere Dinge in den friiheren 
Perioden reif geworden ist. Sie wird reif fiir sie. Eine Sache, fiir 
welche die Menschheit reif wird in dieser funften nachatlantischen 
Zeit, sie erscheint dem heutigen Menschen ganz besonders paradox, 
weil ein groBer Teil der heutigen offentlichen Meinung geradezu nach 
dem Entgegengesetzten hinstrebt, sozusagen die Menschen nach dem 
Entgegengesetzten hmlenken mochte. Aber das wird nichts helfen. 
Die geistigen Krafte, welche der Menschheit, wenn ich so sagen darf, 
im Laufe der funften nachatlantischen Periode eingeimpft sind, wer- 
den starker sein, als was gewisse Menschen wollen, oder was im 
Sinne der offentlichen Meinung liegt. 

Eine von diesen Sachen, die sich mit aller Gewalt geltend machen 
wird, wird die sein, daB moglich werden wird eine gewisse Lenkung 



der Menschen nach mehr okkulten Grundsatzen, als jemals die Men- 
schen gelenkt worden sind. Es Hegt im allgemeinen Charakter der Ent- 
wickelung, daB in dieser funften nachatlantischen Zeit gewisse Macht- 
verhaltnisse, gewisse starke EinfluBverhaltnisse, auf kleine Gmppen 
von Menschen iibergehen miissen, die eine starke Macht haben werden 
\iber andere, groBe Massen. 

Dem arbeitet ein gewisser Teil der offentlichen Meinung heute leb- 
haft entgegen, aber das wird sich trotzdem entwickeln. Es wird sich 
aus dem Grunde entwickeln, weil ein groBer Teil der Menschheit 
wahrend dieser funften nachatlantischen Zeit einfach aus der inneren 
Seelenreife heraus, aus den Entwickelungsnotwendigkeiten der 
Menschheit heraus, gewisse spirituelle Anlagen entwickeln wird, ein 
gewisses naturgemaBes Hineinschauen in die geistige Welt entwickeln 
wird. Dieser Teil der Menschheit, der zwar die beste Grundlage ab- 
geben wird fur das, was im sechsten nachatlantischen Zeitraum, der 
auf den unseren folgt, kommen wird, dieser Teil der Menschheit wird 
sich aber in diesem funften nachatlantischen Zeitraum, in dem er sich 
vorbereitet, wenig geneigt zeigen, die Angelegenheiten des physi- 
schen Planes stark ins Auge zu fassen. Er wird gewissermaBen geringes 
Interesse fur die Angelegenheiten des physischen Planes zeigen; er 
wird viel damit beschaftigt sein, das Gemiitsleben auf eine hohere 
Stufe zu bringen, gewisse geistige Angelegenheiten zu ordnen. Da- 
durch werden andere, die gerade weniger fur dieses spirituelle Leben 
geeignet sind, gewisse Machtverhaltnisse an sich reiBen konnen. 

Das ist etwas, was sich mit einer gewissen Notwendigkeit ergibt. 
Das ist etwas, was in den Kreisen derjenigen, die von solchen An- 
gelegenheiten wis sen, im ganzen letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
viel besprochen worden ist, wovon immer so geredet worden ist, 
daB die dringendste Notwendigkeit vorlage, nur ja diese Moglichkeit 
nicht in schlimme, sondern in gute Bahnen zu leiten. Man hat im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere als die Jahrhundert- 
wende zum 20. Jahrhundert herannahte, von Okkultisten jeder Seite 
immer horen konnen: Es muB Vorsorge getroffen werden, daB die- 
jenigen, die auf diese Weise zu gewissen Machtimpulsen kommen, die 
Wurdigen seien. - Selbstverstandlich hat jeder, mit Ausnahme von 



ganz wenigen Kreisen, solche als die Wiirdigen angesehen, die ihm 
durch diese oder jene Weltverhaltnisse nahegestanden haben, ihm 
eben als die Wiirdigen erschienen sind. Aber dies war durchaus, ich 
mochte sagen, unter Okkultisten das Tagesgesprach und ist es in 
gewissem Sinne bis heute geblieben. 

Nun, andere Dinge werden ebenso im Laufe der fiinften nach- 
atlantischen Zeit - einfach weil die Menschen im Verlauf der Ent- 
wickelung die Reife dazu erlangen - herauskommen, werden den 
Menschen kund werden, auch in ihren Willen hineingehen. Das sind 
dann Dinge, die noch weitergehen, die so weit gehen, daB sie ernst- 
liche Sorge all denen bereiten miissen, welche mit diesen Angelegen- 
heiten vertraut sind. 

So steht bevor fiir diesen fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB 
einfach der menschliche physische Denkapparat reif wird, gewisse 
Zusammenhange iiber Krankheiten zu durchschauen, gewisse Hei- 
lungsprozesse, Zusammenhange von Naturprozessen mit Krankheiten 
zu durchschauen. Derjenige, der vertraut ist mit diesen Dingen, dem 
macht das aus dem Grunde Sorge, weil es sich darum handelt, daB 
er nun auch als Ziel sich setzt, daB jene, welche dazu ausersehen sein 
werden, Lehren und Impulse iiber diese Dinge unter die Menschen 
zu bringen, dieses in der richtigen, wiirdigen Weise machen. Denn 
zwei Moglichkeiten wird es geben : man wird die Menschen iiber diese 
Dinge so unterrichten konnen, daB dies ausschlagt zum Unheil der 
Welt, und man wird sie unterrichten konnen so, daB es ausschlagt 
zum Heil der Welt. Denn diese Dinge, die mit dem innersten Wesen 
von gewissen Verhaltnissen der menschlichen Fortpflanzung und von 
gewissen Verhaltnissen der Krankheiten zusammenhangcn, auch von 
gewissen Verhaltnissen, die sich auf den Eintritt des Todes beziehen, 
diese Dinge sind, indem sie in der Menschheit sich ausbreiten, schwer- 
wiegende Gedanken und Impulse, sind ganz bedeutsame Dinge. Und 
dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum ist dazu da, um die Menschen 
so weit freizumachen, daB sie iiber gewisse Dinge, die eben bisher 
mehr im UnterbewuBten fiir die menschliche Seele gehalten worden 
sind, Aufklarung bekommen und auch Herr dariiber werden. 

Diejenigen Menschen, die von solchen Dingen wissen, bemiihten 



sich viel um das, was nach der einen oder nach der andern Richtung 
in Betracht kommt oder getan werden kann. Denn alles, was auf diese 
Weise getan werden kann, gibt ja eine gewisse Macht, gibt gewisser- 
maBen die Moglichkeit, an der Gestaltung der menschlichen Angele- 
genheiten in weittragendem MaBe mitzuarbeiten. Dies ist etwas, was, 
wie gesagt, innerhalb geisteswissenschaftlicher Stromungen im 19. 
Jahrhundert bis zu unserer Zeit mit Riicksicht auf die Entwickelung 
der fiinften nachatlantischen Zeit eine groBe Rolle gespielt hat. 

Dazu kommt etwas anderes, eine Tatsache, welche dem, der mit ihr 
bekannt wird, von einer groBen Bedeutung erscheint, die er wegen 
dieser Bedeutung mit mancher andern in Verbindung bringen muB. 
Diese Tatsache gehort zu jenen, von welchen ich in Zyklen ab und zu 
gesprochen habe. Wenn der Mensch, der die Schwelle zur geistigen 
Welt uberschritten hat, in der geistigen Welt Beobachtungen anstellt, 
dann treten vor seine Seele einzelne Tatsachen, immer individuelle 
Tatsachen. Es stellt sich heraus, daB Tatsachen, die, ich mochte sagen, 
auf den ersten Anblick fur das geistige Auge nichts miteinander zu 
tun haben, doch, wenn man dahinterkommt, etwas miteinander zu 
tun haben, sich gewissermaBen gegenseitig beleuchten und auf klaren 
und dann im eminentesten Sinne das Eindringen in das Wesen der 
geistigen Welt moglich machen. 

Fur die andere Tatsache, die, wenn ich sie jetzt vorbringe, Ihnen 
zunachst gar nicht den Eindruck machen wird, als ob sie mit dem eben 
Gesagten etwas zu tun hatte, fur diese andere Tatsache stellt sich aber 
heraus, daB sie doch viel, sehr viel zu tun hat mit dem, was ich eben 
vorgebracht habe. Diese andere Tatsache ist diese : Wenn man sich an 
die Seelen verstorbener Menschen in der Gegenwart wendet, und - 
wenn ich so sagen darf - deren Lebensverhaltnisse kennenlernt, sieht 
man, daB es darunter solche gibt, welche eine groBe Sorge davor 
zeigen, nach dem Tode mit jenen Menschenseelen bekanntzuwerden, 
welche hier auf Erden in ahnlicher Weise gefallen sind wie dazumal 
die Kaiserin von Osterreich in Genf. Man macht also da dieErfahrung, 
daB solche, durch Propagandisten der Tat, sagen wir zunachst, durcK 
die Pforte des Todes geleiteten Menschen eine schwere Sorge bilden 
fur gewisse Menschen, die auf normale Weise durch die Pforte des 



Todes gegangen sind und dann ihre Erlebnisse in der geistigen Welt 
haben. Man merkt gewissermaBen : die normal durch die Pforte des 
Todes gegangenen Menschen, die in die Gelegenheit kommen konnen, 
mit solchen Menschenseelen zu verkehren, fiirchten sich als Seelen 
nach dem Tode vor diesem Verkehr; sie meiden den Verkehr. 

Ich bitte Sie, in diesem Falle nicht das Paradoxe ins Auge zu fas sen, 
das eine solche Angelegenheit fur das Gefiihl hat. Es gibt ja selbstver- 
standlich so viele AnschluB- und Verkehrsmoglichkeiten fur Seelen, 
daB es deplaciert ware, wenn man da gleich aus diesem Grunde das 
Mitleid walten las sen wollte, das ja aus einer berechtigten und be- 
greiflichen Regung der Menschenseele in einem solchen Falle hervor- 
geht. Wir miissen die Tatsache in einem solchen Fall objektiv ins 
Auge fassen. Also es besteht diese Tatsache, daB solche Seelen, die 
normal durch die Pforte des Todes gegangen sind, eine gewisse Scheu 
vor denjenigen Seelen empfinden, die durch die Todespforte durch 
so etwas, wie eben die « Propaganda der Tat», geleitet worden sind. 

Diese zwei Dinge, diese letztere Tatsache und das, was ich vorhin 
ausgefiihrt habe, die stehen nun in einem gewissen Zusammenhang 
miteinander. Der Zusammenhang ist ein sehr eigentiimlicher. Diese 
Seelen namlich - das stellt sich bei genauerem Zusehen heraus -, die 
auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte gegangen sind, die 
wissen etwas in der geistigen Welt nach dem Tode, was die andern 
Seelen nicht zur Unzeit von ihnen erfahren mochten, von dem sie 
nicht mochten, daB sie es friiher erfahren, als es heilsam ist. Diesen 
Seelen, die auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte ge- 
gangen sind, denen bleibt namlich dadurch, daB sie auf diese Weise 
urns Leben gekommen sind hier in der physischen Welt, eine gewisse 
Benutzungsmoglichkeit der Krafte, die sie hier gehabt haben, zum 
Beispiel der Verstandeskrafte. So daB solche Seelen die hier an den 
physischen Leib gebundene Krafte von der andern Seite her, von der 
geistigen Seite her beniitzen konnen und mit ihnen ganz anderes 
machen konnen, als man hier im physischen Leibe mit solchen Kraften 
machen kann. Dadurch ist es ihnen moglich, gewisse Dinge friiher zu 
wissen, als es eigentlich im Fortgange der Menschheitsentwickelung 
heilsam ist. 



Es ist nun sehr merkwiirdig, daB auf diese Weise dasjenige, was 
sinnlos erschienen ist - eine Anzahl von Taten der Propagandisten der 
Tat nun einen, wenn auch hochst zweifelhaften Sinn erhalten hat. 
Diese Taten erscheinen dem, der die Dinge durchschaut, in einem 
merkwiirdigen Lichte. Man redet dann hier in der physischen Welt 
alles mogliche unsinnige Zeug, was einen Sinn haben soil, aber bei 
genauerem Anschauen eben keinen Sinn hat. Hier in der physischen 
Welt sagt man : Solche Leute, die als Propagandisten der Tat andere 
Leute ermorden, die wollen nur auf das Elend der Welt hindeuten; 
es sei ein Mittel, eben durch die Tat agitatorisch zu wirken und so 
weiter. Wer aber die Sache analysiert und mit den sozialen Gesetzen 
in Einklang zu bringen versucht, der wird sofort merken, daB das 
alles etwas ist - holzernes Eisen nennt man es -, was keinen Sinn hat. 
Doch es bekommt plotzlich einen Sinn, wenn man weiB, daB Seelen, 
die auf eine solche Art in die geistige Welt hinaufgeschickt werden, 
droben Dinge wissen, die sie noch nicht wissen sollten, und vor denen 
die normal gestorbenen Seelen sogar eine Scheu haben. 

Nun lag es natiirlich nahe, dasjenige, was im Laufe der Zeit als 
Attentate aufgetreten ist, aus solchen Unterlagen heraus wie die eben 
angedeutete der Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Osterreich, 
okkultistisch zu untersuchen; zu sehen, wie es sich mit diesen Seelen 
verhalt, die da gewassermaBen als Bewahrer gewisser Geheimnisse in 
der geistigen Welt ankommen, und die zu etwas fiihren, von dem wir 
gleich nachher sprechen werden. Derjenige, der nur so auBerlich die 
Reihe der auf diese Weise geschehenen Attentate ansieht, kann die 
Zusammenstellung gewissermaBen dem Zufall zuschreiben; aber ana- 
lysiert man, sieht man sich die Menschen an, die auf diese Weise in den 
Tod hineinbefordert worden sind, dann zeigt es sich schon, daB die 
Menschen wie ausgesucht sind, allerdings nicht vom Gesichtspunkte 
dieser physischen Welt, sondern wie ausgesucht sind vom Gesichts- 
punkte der geistigen Welt. Und dennoch, untersucht man eine groBe 
Anzahl der bekanntgewordenen Attentate auf diese Sache hin, so 
zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges. An Carnot, Kaiserin Elisabeth, 
an einigen andem zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges : es zeigt sich, 
daB mit diesen Attentaten zwar die Moglichkeit verkniipft war, durch 



sie so etwas zu erreichen, wie ich charakterisiert habe, daB es aber in 
der Tat nicht erreicht worden ist, gar nicht erreicht worden ist. Es 
ware gegangen, wenn sich Seelen gefunden hatten, die sozusagen ihre 
Abnehmer geworden waren. Damit waren beide in eine transzen- 
dente, in eine iibersinnliche Schuld gekommen: diejenigen, die auf 
normale Weise durch den Tod gegangen waren, hatten Dinge er- 
fahren, durch die sie in schuldhafte Richtungen hineingetrieben wor- 
den waren, und diejenigen, die auf gewaltsame Weise, durch Atten- 
tate durch den Tod gegangen waren, die waren dadurch in Schuld 
gekommen, daB sie etwas verraten hatten, was noch nicht zu verraten 
moglich ist. 

Hohere geistige Wesenheiten, hohere Hierarchien haben dies ver- 
hindert, weil aus gewissen Gesichtspunkten heraus die Sache von 
Folgen gewesen ware, die hintangehalten werden muBten zum Heile 
eines gewissen Teiles der Menschheit. Es ist gewissermaBen das 
Schadliche dessen, was auf diese Weise zutage hatte treten konnen, 
durch das Eingreifen hoherer geistiger Wesenheiten verhindert wor- 
den. So zeigte sich nun hier, ich mochte sagen, ein Versuch mit un- 
tauglichen Mitteln oder mit Mitteln, denen ihre Tauglichkeit ge- 
nommen worden ist - ein Versuch in der geistigen Welt, hinter den 
Kulissen der gewohnlichen physischen Welt. 

Wenn man den weiteren Granden solcher Dinge nachgeht, so sieht 
man, woraus so etwas entspringt, woraus die Impulse zu so etwas 
kommen. Und fiir einen groBen Teil der Attentate, die Ihnen be- 
kanntgeworden sind, die in Europa besprochen worden sind, waren 
die Impulse - wohlgemerkt jetzt die geistigen Impulse - keine ur- 
spriinglichen, sondern sie waren in gewissem Sinne abgeleitete; sie 
waren, wenn ich mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf, Abwehr- 
maBregeln. Man wollte etwas anderes hintanhalten. Man wollte durch 
diese Taten andere Taten, die sich in derselben Linie bewegen, hint- 
anhalten, verhindern, wenigstens ihre Wirkung verhindern, besser 
gesagt. 

Das ist eine sehr geheimnisvolle Sache. Und verstandlich wird die 
ganze Sache erst, wenn man auf dasjenige sieht, was verhindert hat 
werden sollen, wogegen gewissermaBen diese AbwehrmaBregeln ge- 



troffen worden sind. Man blickt da geisteswissenschaftlich in Dinge 
hinein, die tief zusammenhangen mit den Impulsen des gegenwartigen 
und zukiinftigen Menschenlebens, iiber die es aber wirklich auBer- 
ordentlich schwierig ist zu sprechen, weil sie an alien Orten und 
Enden gegen gewisse naive, auch berechtigte Interessen der Menschen 
gehen. Verstandlich wird die ganze Sache, die ich angedeutet habe, 
erst dann, wenn man in Erwagung zieht, daB alles, was ich Ihnen 
bisher erzahlt habe auf diesem Gebiete, alle diese Attentatunter- 
nehmungen, auf die ich bisher hingedeutet habe, eigentlich dilettan- 
tisch gelenkte, laienhaft gelenkte Versuche waren, daB sie nicht mit 
durchgreifender Erkenntnis der okkulten Zusammenhange gemacht 
worden sind, weil sie aus einer Art von Angst herausgeboren waren, 
als AbwehrmaBregeln, weil sie auch nicht einheitlich geleitet waren. 
Verstandlich wird die Sache dann, wenn man eben auf das sieht, was 
abgelenkt hat werden sollen. Das wurde schon mit einsichtigeren 
Mitteln erstrebt und in Szene gesetzt. 

Sehen Sie, es bestand im Oriente noch im 19. Jahrhundert ein merk- 
wurdiger Orden: « Thugs. » Dieser Orden, der in einem Teil Asiens 
bliihte, war nicht entstanden aus der bloBen Sehnsucht, seine Ziele 
zu verwirklichen, der Sehnsucht etwa aus dem Herzen jener Menschen 
heraus, die diesem Orden angehorten. Dieser Orden verpflichtete 
seine Mitglieder, gewisse Menschen, die bezeichnet wurden von sehr, 
sehr im Unbekannten sich haltenden Oberen, zu ermorden. Eine Art 
Morderorden war es, ein Orden, der die Aufgabe hatte, gewisse Men- 
schen zu ermorden. Seine Tatigkeit bestand darinnen, daB man von 
Zeit zu Zeit erfuhr: der oder jener ist ermordet worden. Die Er- 
mordung geschah aber aus dem Grunde, weil einfach einem Mitgliede 
des Thugs-Ordens von unbekannten Obern diese oder jene Person- 
lichkeit bezeichnet worden ist, die es zu ermorden hatte. 

An den betreffenden Stellen, wo man das einleitete, wuBte man 
schon, was man damit fur eine Absicht verfolgte. Die Absicht, die 
man verfolgte, indem man erst die Angelegenheiten des physischen 
Planes so ordnete, daB dieser Morderorden entstehen konnte, dann 
wiederum die Angelegenheiten dieses Morderordens in entsprechen- 
der Weise in Szene setzte, es war die folgende: Man beabsichtigte, 



daB eben gerade solche Menschen gewaltsam durch des Todes Pforte 
gehen sollten, die dann mit der Eigenschaft ausgestattet waren, nach 
dem Tode gewisse Geheimnisse zu wissen. Diejenigen Menschen, die 
dieses arrangiert haben, sie haben nun andererseits wiederum die 
entsprechenden Spiegelereignisse, wie man das im okkulten Leben 
nennt, hier auf dem physischen Plane eingerichtet ; sie haben nament- 
lich dieses vor: entsprechende Spiegelereignisse hier auf dem physi- 
schen Plane einzurichten. Zum Teil, wenn auch wenige, aber zum 
Teil sind solche Ereignisse schon hier auf dem physischen Plane 
eingerichtet worden. Das macht man so: Man schult gewisse dazu 
geeignete Personlichkeiten zu Medien, bringt sie dann in einen media- 
len Zustand und lenkt durch gewisse Verrichtungen die Stromungen 
von der geistigen Welt nach dem Medium hin; so daB das Medium 
gewisse Geheimnisse kundgibt, die auf keine andere Weise heraus- 
kommen konnen als dadurch, daB eine gewaltsam getotete Person in 
der andern Welt diejenigen Krafte hier auf der Erde beniitzt, die 
durch den gewaltsamen Tod noch beniitzbar geblieben sind, daB sie 
als Seele hinter gewisse Geheimnisse kommt und diese Geheimnisse 
dann dem Medium eintraufelt. Dadurch kann wiederum hier auf der 
Erde von solchen, die an dem Erforschen dieser Dinge ein Interesse 
haben, dasjenige erforscht werden, was solche Seelen eben eintrau- 
feln. 

Die Dinge nun, die auf diese Weise erforscht werden, sind in einem 
gewissen Sinne, wenn ich so sagen darf, geistige Friihgeburten. Die 
Seelen, die auf normale Weise durch des Todes Pforte gegangen sind 
und Gelegenheit dazu haben, mit solchen Dingen in Beriihrung zu 
kommen, wissen: sie haben sich gerade jetzt vorzubereiten, und 
zeigen, daB sie darinnenstehen in solcher Vorbereitung, um in einem 
spateren Zeitpunkt, wenn die Menschheit dazu reif geworden ist, 
durch geeignete Wege manches aus der geistigen Wek auf die Erde 
herunterzubringen, es der Erde hier unten einzuimpfen. Dies ist sogar 
eine wichtige Aufgabe einer Anzahl von Menschen, die jetzt durch 
des Todes Pforte gehen : wenn sie die geniigende Reife erlangt haben 
werden fur gewisse Geheimnisse, die sie nicht in verkiirzter Erfahrung 
dadurch bekommen, daB beniitzt werden jene Krafte, welche durch 



gewaltsame Tode herbeigefuhrt werden, dann die normalen Krafte 
zu beniitzen. Diese Menschen haben geradezu die Aufgabe, hinter 
diese Krafte zu kommen und sie wiederum einzuinspirieren Men- 
schen, die hier auf der Erde sind, die keine Medien sind, sondern die 
sie auf normale, ordentliche Weise, durch Inspiration erfahren sollen. 
Darauf miiBte gewartet werden im normalen Leben. Dadurch daB 
diese Dinge, die eigentlich spater kommen sollen, als geistige Friih- 
geburten auf dem Wege kommen, den ich Ihnen angedeutet habe - 
durch okkultes Verbrechertum -, dadurch konnen diejenigen, die 
nicht Gutes mit der Menschheit beabsichtigen, die also in diesem 
Sinne schwarze oder graue Magier sind, sich in den Besitz solcher 
Geheimnisse stellen. 

Und solche Dinge gingen vor hinter den Kulissen des auBeren 
Geschehens gerade unserer Jahrzehnte. Beabsichtigt war: in die 
Hande einer gewissen Gruppe von Menschen erstens das Geheimnis 
zu legen, wie Massen beherrscht werden, was ich zuerst angedeutet 
habe. Es ist dies das Geheimnis, wie gerade diejenigen Massen, 
welche sich wenig kummern um die auBeren Angelegenheiten, jedoch 
spirituelle Anlagen haben, die vorzugsweise geeignet sind, vorberei- 
tend zu dienen fur den sechsten nachatlantischen Zeitraum, wie diese 
Menschenmasse in ausgiebigem MaBe zu beherrschen ist und wie die 
Gabe, sie zu beherrschen, in die Hande von einzelnen wenigen Men- 
schen zu bringen ist. 

Das war das eine. Das andere ist etwas, was in der Zukunft eine 
groBe Rolle spielen wird : die Geheimnisse, die Mittel in die Hand zu 
bekommen, um Verhaltnisse, die mit Krankheitsprozessen, auch mit 
dem FortpflanzungsprozeB zusammenhangen, in einer bestimmten 
Richtung zu dirigieren. Da handelt es sich namentlich um solche 
Dinge, wie ich sie schon angedeutet habe gegeniiber einigenFreunden. 
Das materialistische Zeitalter strebt danach aus gewissen Kreisen 
heraus, alle spirituelle Entwickelung der Menschheit zu paralysieren, 
unmoglich zu machen; die Menschen dahin zu bringen, daB sie ab- 
lehnen, einfach durch ihre Temperamente, durch ihren Charakter 
ablehnen alles Spirituelle, es fur Narretei ansehen. 

Solch eine Stromung - bei einzelnen Menschen ist sie heute schon 



bemerkbar - wird sich immer mehr und mehr vertiefen. Es wird die 
Sehnsucht entstehen, daB allgemeines Urteil wird : Das Spir ituelle, das 
Geistige ist Narretei, ist Wahnsinn! - Das wird man dadurch zu er- 
reichen versuchen, daB man dagegen Impfmittel herausbringt, daB 
man, so wie man auf Impfmittel gekommen ist zum Schutz gegen 
Krankheiten, nun auf gewisse Impfmittel kommt, die den mensch- 
lichen Leib so beeinflussen, daB er den spirituellen Neigungen der 
Seele keine Wohnung gewahrt. Man wird die Menschen gegen die 
Anlage fur geistige Ideen impfen. Das wird man wenigstens an- 
streben : man wird Impfmittel versuchen, so daB die Menschen schon 
in der Kindheit den Drang zum geistigen Leben verlieren. Das ist 
aber nur eines von den Dingen, die zusammenhangen mit einer 
intimeren Kenntnis, die auftreten muB in diesem funften nachatlanti- 
schen Zeitraum iiber den Zusammenhang dieser Naturvorgange, 
Naturmittel, mit dem menschlichen Organismus. Sie werden in der 
entsprechenden Zeit in der Menschheit auftreten. Es wird sich nur 
darum handeln, ob vorher solch ein Streben Gluck haben kann, wie 
das solcher geistiger Fruhgeburten : in die Hande von einzelnen 
Menschen, die ihre Zwecke damit verfolgen, solche Bestrebungen 
gelangen zu lassen, oder ob die Erkenntnis von diesen Dingen in der 
richtigen Weise, wie es dem Heile der Menschheit dienen soil, herab- 
kommt, wenn die Zeit dazu reif ist. 

Diese Organisation, die fur solche geistige Fruhgeburten bestimmt 
war, welche mit Hilfe des Morderordens der Thugs arbeitete, die war 
nicht dilettantisch ; die arbeitete sehr systematisch, wenn auch in einer 
Weise, welche fur jeden, der es mit der Menschheit gut meint, 
furchterlich ist; die arbeitete sachgemaB, nicht dilettantisch, mit 
Kenntnis der entsprechenden Mittel. 

Weil dieses Bestreben da war, durch verfruhtes Herabkommen be- 
stimmter Mittel aus der geistigen Welt einen Teil der Menschheit in 
den Besitz, in den egoistischen Besitz desjenigen zu setzen, was ja 
doch im Laufe der Menschheitsreifung im funften nachatlantischen 
Zeitraum kommen muB, so entstand, da dieses auftrat, jenes angstliche 
Unbehagen bei andern, welche gewissermaBen - aber dilettantisch, 
weil es ein angstgeborenes Kind war - als Gegenbild die Propaganda 



der Tat in Szene setzten, die ihnen nun helfen sollte, aber vorlaufig 
ein Versuch mit untauglichen Mitteln war. 

Es ist Bedeutungs voiles, was hinter den Kulissen des auBeren Ge- 
schehens vor sich geht. Und diese Dinge wiirden auch hier heute 
nicht besprochen werden, wenn es nicht die Aufgabe ware, die- 
jenigen, die solche Dinge dadurch horen konnen, da6 sie eine gewisse 
Vorbereitung in geisteswissenschaftlichen Dingen haben, wenn es 
nicht eine verpflichtende Notwendigkeit ware, diese Menschen auf 
solche Dinge aufmerksam zu machen. Es besteht eine Notwendigkeit, 
daB solche Dinge in das BewuBtsein der Menschheit der funften nach- 
atlantischen Zeit ubergehen. Denn nur wenn sie in das BewuBtsein 
der Menschheit der funften nachatlantischen Zeit ubergehen, kann 
dasjenige erreicht werden, was Ziel werden muB der Erdenentwicke- 
lung. 

Es muB das schon eintreten, daB sich Menschen die Unbequemlich- 
keit auferlegen, nicht bloB so zu denken, wie es den sogenannten heuti- 
gen Gebildeten die Hochschulen vermitteln; es muB eine Zeit ein- 
treten, in der eine Anzahl von Menschen sich bereit erklart, solch eine 
unbequeme Weltanschauung auf sich zu nehmen, die ihre Rich- 
tungen, ihre Begriffe, ihre Ideen aus der geistigen Welt herausholt. 
Denn die Menschheit darf nicht in jenem Schlafzustande bleiben, in 
welchem sie bleiben will mit den abstrakten, allgemeinen Begriffen, 
nach denen das materialistische Zeitalter strebt und sie dann edel 
nennt. 

Es gibt also, wenn Sie bedenken, was ich Ihnen damit angedeutet 
habe, eine ganze Summe von Moglichkeiten, von der geistigen Welt 
herkommende Stromungen zu bemitzen, um hier auf der physischen 
Erde wahrend der funften nachatlantischen Zeit Unheil anzurichten; 
es gibt eine ganze Reihe von Moglichkeiten dazu. Ich habe Sie auf 
eine solche Moglichkeit heute hingewiesen. Und daB man betonen 
muB, das Aufnehmen solcher Erkenntnis in das BewuBtsein einiger 
Seelen sei eine Notwendigkeit, das hangt zusammen mit dem ganzen 
Grundcharakter unseres Zeitalters. Gerade die zweite Halfte des 
19. Jahrhunderts war eine sehr wichtige Zeit. Ich habe ofter in diesen 
und jenen Kreisen unserer Freunde hingewiesen, wie das Jahr 1841 



eine Krisis, em Entscheidungsjahr war. Natiirlich kommt man nicht 
darauf, wenn man bloB die Ereignisse hier in der physischen Welt 
ansieht, sondern erst wenn man die Ereignisse ansieht im Zusammen- 
hang mit dem, was sich in der geistigen Welt abspielt. Das Jahr 1841 
war in der Tat das Krisenjahr fur die Einleitung der materialistischen 
Zeit, denn dazumal hat in den geistigen Welten ein ganz bestimmter 
Kampf begonnen, ein Kampf von gewissen Geistern der Finsternis, 
konnen wir sagen, die der Hierarchie der Angeloi angehoren. Sie 
kampften diesen Kampf bis in den Herbst 1879 in der geistigen Welt. 
Sie strebten bestimmte Dinge an, eine ganze Reihe von Dingen, von 
denen wir heute nur eines erwahnen wollen. Dazumal, zwischen dem 
Jahre 1841 und 1879, sollte es sich entscheiden, ob eine gewisse 
Summe von spiritueller Weisheit in der geistigen Welt droben reif- 
gemacht werden kann, so daB sie von dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts an allmahlich auf die Erde heruntertraufelt, das heiBt, in die 
menschlichen Seelen hineinkommt und in den menschlichen Seelen 
spirituelles Wissen anregt, solches Wissen, das wir eben heute als 
Wissen der Geisteswissenschaft bezeichnen. Das ist ja erst seit dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts moglich geworden, solches 
Wissen. 

Nicht reif werden zu lassen driiben in der geistigen Welt das, was 
da heruntertraufeln sollte, das war die Absicht jener Angeloigeister 
zwischen dem Jahre 1841 und 1879. Aber diese Geister haben den 
Krieg, den sie durch diese Jahrzehnte gefuhrt haben gegen die Geister 
des Lichtes, sie haben diesen Kampf verloren. Tatsachlich hat sich im 
Jahre 1879 etwas abgespielt in kleinerem MaBstabe, wie sich solche 
Ereignisse wiederholt im Laufe der Evolution abgespielt haben und 
wie sie immer durch ein bestimmtes Symbolum ausgednickt werden : 
durch den Sieg des Michael oder heiligen Georg iiber den Drachen. 
Auch da, 1879, auf einem gewissen Gebiete ist der Drache iiber- 
wunden worden. Dieser Drache sind die Angeloiwesen, die das an- 
strebten, aber eben nicht erreichen konnten, was ich angedeutet habe. 
Deshalb sind sie 1879 aus der geistigen Welt in den Bereich der 
Menschen herein gestiirzt worden. Es war der Sturz der Angeloiwesen 
aus dem Bereich der geistigen Welt in den Bereich der Menschen, 



und in dem Bereich der Menschen wandeln sie jet2t unter den Men- 
schen. Da sind sie vorhanden, indem sie ihre Krafte hineinsenden in 
die Gedanken, Gefuhle, Willensimpulse der Menschen, indem sie das 
oder jenes anstiften. Sie haben namlich nicht verhindern konnen - 
darinnen besteht ja das, daB sie den Kampf verloren haben 1 -, sie 
haben namlich nicht verhindern konnen, daB die Zeit gekommen ist, 
in der das spirituelle Wissen herabtraufelt. Dieses spirituelle Wissen 
ist jetzt da und wird immer weiter und weiter sich entwickeln; die 
Menschen werden die Fahigkeit haben konnen, die geistige Welt zu 
durchschauen. 

Aber nun sind diese Angeloiwesen auf die Erde herabgestiirzt und 
wollen hier Unheil stiften mit dem Herabtraufeln, wollen hier dieses 
Wissen in falsche Bahnen leiten, wollen diesem Wissen seine gute 
Macht rauben und es in schlechte Kanale bringen. Kurz, sie wollen 
das, was sie mit Hilfe der Geister driiben nicht haben erreichen 
konnen, hier mit Hilfe der Menschen erreichen, weil sie herabgestiirzt 
sind seit dem Jahre 1879. Zerstoren den guten Weltenplan wollen sie, 
der darinnen besteht, in den richtigen Reifezeitaltern das Wissen von 
der Beherrschung der Menschenmassen, das Wissen von Geburt, 
Krankheit und Tod und andern Dingen unter den Menschen zu ver- 
breiten. Sie wollen es friihzeitig verbreiten durch die geistigen Friih- 
geburten. Neben andern Dingen, die diese Geister anrichten wollen, 
wirken sie in dem, was ich eben angedeutet habe. 

Helfen wird gegen den EinfluB dieser ahrimanischen Wesenheiten 
nur das BewuBtsein - ich habe das wiederholt angedeutet in den 
Mysteriendramen, erinnern Sie sich nur an den SchluB des letzten -, 
daB gegen gewisse Dinge, die Ahriman will, nur das hilft, daB man 
ihn durchschaut, daB man weiB, daB er da ist. Das funfte nachatlan- 
tische Zeitalter muB sich dahin entwickeln, daB gewissermaBen viele 
Menschen darauf kommen, zu den ahrimanischen Machten und 
Wesenheiten so zu sprechen, wie der Faust spricht: «In deinem 
Nichts hoflf ich das All zu finden. » Das muB eine Gesinnung werden : 
da hineinzuschauen, wo die materialistische Anschauung das « Nichts » 
sieht, da die geistige Welt zu sehen. So daB Ahriman-Mephistopheles 
gezwungen wird, zu solchen Menschen so zu sprechen wie zu Faust, 



als er ihn zu den Muttern schickt: «Ich riihme dich, eh du dich von 
mir trennst, und sehe wohl, daB du den Teufel kennst. » Neulich sagte 
ich spaBend in Dornach driiben, diese Bemerkung wiirde Mephisto- 
pheles zu Woodrow Wilson nicht gemacht haben ! Ihm wiirde er gesagt 
haben: «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie beim 
Kragen hatte. » Es handelt sich wirklich darum, daB es eine wichtige 
Tatsache ist, daB die Menschen lernen, hineinzuschauen in die konkre- 
ten Vorgange der geistigen Welt. Und es ist nun schon einmal so, 
daB wenn auf der einen Seite so etwas von ganz besonderer Not- 
wendigkeit ist, die Gegenkrafte besonders stark sind, so daB sich die 
Menschen heute strauben gegen diese Dinge. 

Das bitte ich Sie besonders zu beriicksichtigen hier in Zurich, wenn 
Sie jetzt das sehr anerkennenswerte, sehr freudig zu begriiBende Be- 
streben haben, in gewisse Kreise, die heute noch sehr ablehnend 
gegen Geisteswissenschaft sind, diese Geisteswissenschaft zu tragen: 
sich keinen Illusionen hinzugeben ! Man erlebt viele Enttauschungen, 
und zunachst nur Enttauschungen, wenn man versucht, die Dinge, 
die geschehen miissen und deshalb geschehen sollen, wirklich in der 
rechten Weise in die Wege
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