Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
Geistige Wesen und ihre Wirkungen
Band I Die spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt - Der
Sturz der Geister der Finsternis
Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. September bis 28.
Oktober 1917 Bibliographie-Nr. 177
Band II Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des
Menschen
Neun Vortrage, Zurich 6. und 13. November, Dornach 10. bis 25. Nov.,
St. Gallen 1 5. und 16. November 191 7 Bibliographie-Nr. 1 78
Band III Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit. Schicksals-
einwirkungen aus der Welt der Toten
Neun Vortrage, gehalten in Bern am 29. November und in Dornach vom
2. bis 22. Dezember 1917 Bibliographie-Nr. 1 79
Band IV Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse -
Alte Mythen und ihre Bedeutung
Sechzehn Vortrage, gehalten in Basel am 23. Dezember 1917 und Dorn-
ach vom 24. Dezember 1917bis 17. Januar 1918 Bibliographie-Nr. 180
RUDOLF STEINER
Individuelle Geistwesen
und ihr Wirken in der Seele
des Menschen
Neun Vortrage, gehalten in
St. Gallen, Zurich und Dornach
vom 6. bis 25. November 1917
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1974
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1980
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
Bibliographie-Nr. 178
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften
ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-1780-3
Zu den Veroffentlichttngen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich als auch fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da
sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen»
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und feh-
lerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah
er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei-
ner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsverdffent-
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden : «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgese-
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten,
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes-
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben Seite 259 ff.
Die Erkenntnis des Ubersinnlichen und die menschlichen
Seelenratsel
Qffentlicher Vortrag, St. Gallen, 15. November 1917 9
Das Geheimnis des Doppelgangers. Geographische Medizin
St. Gallen, 16. November 1917 47
Hinter den Kulissen des aufieren Geschehens
Erster Vortrag, Zurich, 6. November 1917 77
Zweiter Vortrag, Zurich, 13. November 1917 99
Zwei Vortrage iiber Psychoanalyse
Erster Vortrag, Dornach, 10. November 1917 123
Zweiter Vortrag, Dornach, 11. November 1917 149
Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund
Erster Vortrag, Dornach, 18. November 1917 170
Zweiter Vortrag, Dornach, 19. November 1917 194
Dritter Vortrag, Dornach, 25 . November 1917 215
Notizbucheintragungen (Faksimiles) 236
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 239
Hinweise zum Text 240
Namenregister 257
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 259
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 263
DIE ERKENNTNIS DES t)BERSINNLICHEN
UND DIE MEN SCH LICHEN SEELENRATSEL
Offentlicher Vortrag, St. G alien, 15. November 1917
Wer die Entwickelung des Menschengeistes im Laufe der Jahrhunderte
oder Jahrtausende verfolgt, der wird ein Gefiihl davon sich erwerben,
wie dieser Menschengeist zu immer neuen und neuen Errungen-
schaften auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Han-
delns weiterschreitet. Man braucht ja nicht gerade das Wort Fort-
schritt zu sehr dabei zu betonen, denn das konnte in der gegenwartigen
traurigen, iiber die Menschheit hereingebrochenen Zeit in manchem
recht herbe Zweifel aufrufen. Aber das andere wird man klar vor
Augen haben, wenn man diese Entwickelung des Menschengeistes
betrachtet: daB sich die Formen und Gestalten, in denen dieser
Menschengeist strebt, von Jahrhundert zu Jahrhundert wesentlich
andern. Und da wir es heute in dieser Betrachtung vorzugsweise zu
tun haben mit einer anzustrebenden Erkenntnis, die sich gewisser-
maBen in der neueren Art in die Menschheitsentwickelung hinein-
stellen will, so brauchen wir auch nur vergleichsweise zu gedenken,
wie solche Anschauungen, welche mit dem Alten in einer gewissen
Beziehung in Widerspruch kommen, es schwierig haben, FuB zu
fassen in der sich fortentwickelnden Menschheit. Immer wieder und
wieder muB dabei aufmerksam gemacht werden, wie schwierig es zum
Beispiel war, denDenkgewohnheiten, den Empfindungsgewohnheiten
der Menschen gegeniiber die Kopernikanische Weltanschauung zur
Geltung zu bringen - auf gewissen Gebieten hat es ja jahrhundertelang
gedauert jene Weltanschauung, die gebrochen hat mit dem, was die
Menschen durch lange Zeit aus ihrer Sinnesanschauung heraus ge-
glaubt haben fur die Wahrheit iiber das Weltengebaude halten zu
miissen. Dann kam die Zeit, in der man nicht mehr sich verlassen
durfte, sich verlassen konnte auf dasjenige, was Augen sehen iiber den
Aufgang und Untergang der Sonne, iiber die Bewegung der Sonne;
in der man wider den Augenschein annehmen muBte, daB die Sonne
in einer gewissen Beziehung, wenigstens in ihrem Verhaltnis zur
Erde, stillsteht. Solchen Umschwiingen in der Erkenntnis schmiegen
sich die Denk- und Empfindungsgewohnheiten der Menschen nicht
leicht an.
In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, welcher
die Betrachtungen des heutigen Abends hier gewidmet sein sollen,
hat man es nun noch viel mehr zu tun mit einem solchen Umschwung,
von dem derjenige, der aus guten wissenschaftlichen Untergriinden
heraus glaubt uberzeugt sein zu diirfen von dem Inhalte dieser Geistes-
wissenschaft, auch glaubt, daB sie notwendigerweise eingreifen muB
in die Gegenwart und in die weitere Entwickelung des menschlichen
Denkens, Empfindens und Fuhlens. Man darf schon sagen - gestatten
Sie mir diese Worte einleitungsweise : Bei so etwas wie der Koperni-
kanischen Weltanschauung hatte man es zu tun mit unzahligen Vor-
urteilen, mit althergebrachten Meinungen, von denen die Leute
glaubten, wenn etwas anderes an ihre Stelle trate, so sei es geschehen
um allerlei religiose Vorstellungen und dergleichen. Bei dem, wovon
heute abend gesprochen werden soil, tiirmt sich noch manches andere
auf. Hier hat man es nicht bloB zu tun mit den Vorurteilen, die sich
zum Beispiel dem Kopernikanismus gegenuberstellen, sondern hier
hat man es zu tun damit, daB in unserer Zeit gar viele Menschen, ja
die Mehrzahl derjenigen, die sich fur aufgeklart und gebildet halten,
nicht nur ihre Vorurteile, ihre Vorempfindungen entgegenbringen,
sondern daB gewissermaBen der Aufgeklarte, der Gebildete iiberhaupt
sich heute schamt, einzugehen im Ernste auf das Gebiet, von dem
Anthroposophie sprechen muB. Man glaubt sich etwas zu vergeben,
nicht bloB gegemiber der Umwelt, sondern vor sich selbst, wenn man
zugibt, daB man iiber die Dinge, von denen heute gesprochen werden
soil, ebenso griindlich wissenschaftlich etwas wissen konne wie uber
die Dinge des auBeren Naturgebaudes ; man glaubt gewissermaBen
vor sich selbst sich toricht oder kindisch halten zu miissen.
Das sind die Dinge, welche in Betracht gezogen werden miissen,
wenn heute von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft
die Rede ist. Derjenige, der von ihr spricht aus den Erkenntnissen
dieser Wissenschaft heraus, der kennt die Einwande, die sich selbst-
verstandlich heute noch zu Hunderten und zu Tausenden ergeben
miissen; er kennt die Einwande schon aus dem Grunde, weil heute
nicht nur die einzelnen Wahrheiten und Ergebnisse dieser Geistes-
wissenschaft bezweifelt werden, sondern weil iiberhaupt bezweifelt
wird, daB man ein Wissen, eine Erkenntnis auf bringen kann fur jenes
Gebiet, iiber das sich anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft erstreckt. DaB man iiber das Gebiet des Ewigen in der Seele
Glaubensvorstellungen, aUgemeine Glaubensvorstellungen entwickeln
kann, das wird gewiB heute noch von sehr vielen Leuten als etwas
sehr Berechtigtes anetkannt; daB man iiber die Tatsachen, die sich der
Sinneswelt mit Bezug auf das Unsterblich-Ewige in der Menschen-
natur entziehen, ein wirkliches Tatsachenwissen entwickeln kann, das
gilt in weitesten Kreisen, gerade in jenen, die da glauben, aus der
berechtigten wissenschaftlichen Vorstellungsart der Gegenwart her-
aus zu urteilen, in vielfacher Beziehung als etwas Phantastisches,
Schwarmerisches .
Mit Phantastischem und Schwarmerischem werden wir es heute
abend nicht zu tun haben; aber mit einem Gebiete, wo schon, ich
mochte sagen, den ersten Voraussetzungen nach der menschliche
Betrachter und insbesondere der wissenschaftliche Betrachter zuriick-
schreckt. Ich mochte nur noch ganz kurz beruhren, daB diese anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht irgend etwas Sektiere-
risches sein will. Derjenige verkennt sie vollstandig, der da glaubt, daB
sie wie die Begriindung irgendeines neuen Religionsbekenntnisses
auftreten wolle. Das will sie nicht. Sie ist so, wie sie heute auftreten
will, ein notwendiges Ergebnis gerade des sen, was als Weltanschau-
ungsvorstellung, als allgemeine, selbst populare Vorstellung der wei-
testen Menschenkreise gerade die naturwissenschaftliche Entwicke-
lung gebracht hat. Diese naturwissenschaftliche Entwickelung, die
heute so viele Begriffe, welche wiederum Ursachen sind von Gefuhlen
und Empfindungen, fur die Weltanschauung der weitesten Kreise
abgibt, diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise stellt sich zur
Aufgabe, dasjenige, was den auBeren Sinnen gegeben ist, was an
Naturgesetzen iiber die Tatsachen der auBeren Sinne dem mensch-
lichen Verstande zuganglich ist, zu ergriinden, zu erklaren.
Schon wenn man nur auf das Lebendige Riicksicht nimmt, so kann
man sehen - fur andere Gebiete ist es etwas weiterliegend, aber am
Xebendigen tritt es einem so ganz klar outage -, wie diese Natur-
wissenschaft heute darauf bedacht sein muB, iiberall auf dieUrsprunge,
auf dasjenige zuriickzugehen, was gewissermaBen die Keimesanlage
abgibt fur das Wachsende, fur das Werdende, fur das Gedeihende.
Will der Naturforscher das tierische, das menschliche Leben erklaren
in seinem Sinne, geht er auf die Geburt zuriick ; er studiert die Em-
bryologie, er studiert dasjenige, aus dem sich das Wachsende, Wer-
dende entwickelt. Auf die Geburt, die der Anfang ist von dem, was
sich vor den Sinnen ausbreitet, geht Naturwissenschaft zuriick. Und
wenn Naturwissenschaft eine Welterklarung sein will, so geht sie auch
zuriick mit verschiedenen Hypothesen, mit Zugrundelegung dessen,
was Geologie, Palaontologie, was die einzelnen Zweige der Natur-
wissenschaft eben geben konnen, zu dem, was sie sich an Vor-
stellungen bilden kann, man mochte sagen, iiber die Geburt des Welt-
gebaudes. Wenn auch der eine oder andere bezweifelt, daB solch eine
Denkweise berechtigt ist -, sie ist immer angestrebt worden. Und
bekannt sind ja die Gedanken, welche die Menschen aufgebracht
haben, um, wenn vielleicht nicht den Anfang des irdischen Werdens
zu ergriinden, so doch wenigstens weit zuriickliegende Epochen,
solche Epochen, in denen zum Beispiel der Mensch noch nicht auf der
Erde gewandelt ist, um aus dem Vorhergehenden, aus demjenigen,
was keimhaft zugrunde Hegt, das Nachfolgende, was der Mensch in
seinem Umkreise fur seine Sinne hat, irgendwie zu erklaren. Die ganze
Darwinische Theorie, oder, wenn man von ihr absehen will, die Ent-
wickelungstheorie, sie fuBen darauf, Entstehung aufzusuchen, Her-
vorgehen aus irgend etwas. Ich mochte sagen, uberall ist der Gedanke,
zuriickzugehen in Jugend und Geburt.
Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne ist in eine andere
Lage versetzt. Und durch diesen Ausgangspunkt schon ruft sie zu-
nachst, ohne daB der Mensch sich dessen klar bewuBt ist, Widerspruch
hervor: unklaren Widerspruch, man mochte sagen, unterbewuBten
Widerspruch, instinktiven Widerspruch! Und soldier Widerspruch
ist viel wirksamer oftmals als der klar erkannte, klar durchdachte.
Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muB aus-
gehen, urn uberhaupt zu Vorstellungen, jetzt nicht iiber allgemein
verschwommene Geistesbegriffe, sondern iiber geistige Tatsachen zu
kommen, sie muB ausgehen von dem Tode. Dadurch steht sie von
vornherein in einem, man mochte sagen, fundamentalen Gegensatz zu
dem, was heute beliebt ist: zum Ausgehen von Geburt und Jugend,
Wachstum, Vorwartsschreiten der Entwickelung. Der Tod greift ein
in das Leben. Und Sie konnen, wenn Sie Umschau halten in der
wissenschaftlichen Literatur der Gegenwart, iiberall finden, da8 der
gewissenhafte Forscher geradezu der Anschauung ist: Der Tod als
solcher kann nicht in demselben Sinne in die naturwissenschaftliche
BegrifFsreihe hineingestellt werden wie andere Begriffe. Nun muB der
Geisteswissenschafter diesen Tod, also das Aufhoren, das Gegenteil
der Geburt eigentlich, zu seinem Ausgangspunkt machen. Wie der
Tod und das Todverwandte eingreift in das Leben im weiteren Sinne,
das ist die Grundfrage. Der Tod aber schlieBt ab dasjenige, was Sinne
schauen konnen; der Tod lost auf dasjenige, was wird, was vor den
Sinnen sich entwickelt. Der Tod greift ein als irgend etwas, wovon
man sozusagen die Vorstellung haben kann, es sei unbeteiligt an dem,
was hier in der Sinneswelt wirkt und gedeiht, quillt und west. Da
ergibt sich die Meinung, die in gewissen Grenzen ganz begreiflich,
wenn auch eben durchaus unberechtigt ist, daB man iiber dasjenige,
was der Tod gewissermaBen zudeckt, was der Tod verhiillt, nichts
wissen kbnne. Und aus dieser Ecke menschlichen Fiihlens heraus
erheben sich eigentlich alle die Widerspriiche, die sehr selbstverstand-
lich gegen die Dinge vorgebracht werden konnen, die heute als Er-
gebnisse einer noch jungen Wissenschaft entwickelt werden. Denn
jung ist diese Geisteswissenschaft, und der Geisteswissenschafter ist
gerade aus den Griinden, die jetzt angefiihrt worden sind, in einer
ganz andern Lage, auch wenn er iiber die Dinge seines Forschungs-
gebietes spricht, als der Naturwissenschafter. Der Geisteswissen-
schafter kann nicht in genau derselben Weise vorgehen wie der Natur-
wissenschafter, der irgendeine Tatsache hinstellt und dann auf Grund
dessen, wovon gewissermaBen jeder Mensch iiberzeugt ist, daB man
es sehen kann, diese Tatsachen beweist; denn der Geisteswissen-
schafter spricht ja gerade iiber dasjenige, was man nicht mit Sinnen
wahrnehmen kann. Daher ist der Geisteswissenschafter zunachst,
wenn er uber Ergebnisse seiner Wissenschaft spricht, immer genotigt,
darauf hinzuweisen, wie man zu diesen Ergebnissen kommt.
Es gibt heute eine reiche Literatur uber dasjenige Gebiet, das ich
heute abend vor Ihnen zu vertreten habe. Kritiker, die sich berufen
glauben, wenden gegen dasjenige, was zum Beispiel in meinen Schrif-
ten stent, immer wieder und wiederum ein, obwohl dies eigentlich
nur beweist, wie ungenau, wie oberflachlich die Dinge gelesen wer-
den: der Geisteswissenschafter behaupte, die Sachen seien so und so,
aber er beweise nicht. - Ja, sehr verehrte Anwesende, er beweist
schon, aber er beweist eben auf andere Art. Er sagt zunachst, wie er
zu seinen Resultaten gekommen ist; er muB zuerst angeben, wie der
Weg in das Tatsachengebiet hinein ist. Dieser Weg ist schon vielfach
befremdlich, weil er ja fur die heutigen Denk- und Empfindungs-
gewohnheiten ein ungewohnter ist. Zunachst muB gesagt werden:
Gerade der Geistesforscher kommt durch seine Forschung zu dem
zwingenden Ergebnisse, daft man mit den Methoden, mit den Ver-
fahrungsarten, die der Geistesforscher nicht ablehnt, sondern gerade
bewundert, mit denen die Naturwissenschaft zu ihren glanzenden
Resultaten gekommen ist, in das Ubersinnliche nicht hineinkommt.
Ja, gerade von diesem Erlebnis, wie begrenzt die Verfahrungsarten
des naturwissenschaftlichen Denkens sind, geht Geisteswissenschaft
aus; aber nicht so, wie das heute vielfach gemacht wird, daB man
einfach in bezug auf gewisse Dinge, bei denen die Naturwissenschaften
an ihren Grenzen sind, sagt: Hier sind Grenzen des menschlichen
Erkennens, - nein, sondern in der Weise, daB man an diesen Grenzen
gerade versucht, zu ganz bestimmten Erlebnissen zu kommen, die
nur erreicht werden konnen an diesen Grenzen. Ich habe von diesen
Grenzorten des menschlichen Erkennens insbesondere in meiner
neuesten, in diesen Wochen erscheinenden Schrift «Von Seelen-
ratseln» einiges gesprochen.
Nun, diejenigen Menschen, welche Erkenntnis nicht als irgend
etwas, was ihnen auBerlich angeflogen ist, genommen haben, welche
mit den Erkenntnissen gerungen haben, welche mit der Wahrheit
gerungen haben, sie haben immer wenigstens an diesen Grenzen ge-
wisse Er lebnisse gehabt. Da muB man eben sagen : Die Zeiten andern
sich, die Entwickelung der Menschheit wandelt sich. - Noch vor
verhaltnismaBig kurzer Zeit standen die hervorragendsten Denker
und Ringer mit der Erkenntnis an solchen Grenzorten so, daB sie
eben die Meinung hatten, man kann an diesen Grenzorten nicht weiter,
man muB bei ihnen stehenbleiben. Diejenigen der verehrten Zuhorer,
welche mich ofter hier gehort haben, wissen, wie wenig es in meinen
Gewohnheiten liegt, Personliches zu beriihren. Allein wenn das Per-
sonliche mit dem Sachlichen in irgendeinem Zusammenhange steht,
so darf das wohl in Kiirze gestattet sein. Ich darf sagen: Gerade das-
jenige, was ich iiber solche Erlebnisse an den Grenzorten des Er-
kennens zu sagen habe, es ist bei mir das Ergebnis einer mehr als
dreiBig Jahre andauernden geistigen Forschung. Und es war vor mehr
als dreiBig Jahren, als gerade diese Probleme, diese Aufgaben, diese
Ratsel, die entstehen an den Grenzorten des Erkennens, auf mich
einen bedeutsamen Eindruck machten. Aus den vielen Beispielen, die
man iiber solche Grenzorte anfuhren kann, mochte ich eines heraus-
heben, auf das hingewiesen hat ein wirklicher Ringer mit der Er-
kenntnis : Friedrich Theodor "Vischer y der beriihmte Asthetiker, der aber
auch als Philosoph eine sehr bedeutende Personlichkeit war, wenn er
auch vielleicht zu seinen Lebzeiten schon zu wenig anerkannt und
schnell vergessen worden ist. Friedrich Theodor Vischer, der so-
genannte V- Vischer, hat ja vor Jahrzehnten eine sehr interessante
Abhandlung geschrieben iiber ein auch sehr interessantes Buch, das
Volkelt iiber die «Traumphantasie» geschrieben hat. Friedrich Theo-
dor Vischer hat dabei manche Dinge beriihrt, die uns hier nicht weiter
interessieren. Aber einen Satz mochte ich herausheben, einen Satz,
iiber den man vielleicht weglesen kann, einen Satz aber auch, der wie
ein Blitz einschlagen kann in das menschliche Gemiit, wenn dieses
vom Erkenntnisstreben durchdrungen ist, von wahrem, innerem Er-
kenntnisstreben. Es ist der Satz, der sich Vischer aufdrangt, als er
iiber das Wesen der Menschenseele nachsinnt, nachdenkt. Aus dem,
was sich ihm ergeben hatte iiber das, was Naturwissenschaft in der
neueren Zeit vom Menschen zu sagen hat, deduziert er einmal : DaB
diese menschliche Seele nicht bloB im Leibe sein kann, das ist ganz
klar; daB sie aber auch nicht auBerhalb des Leibes sein kann, das ist
ebenso klar.
Nun, wir stehen also vor einem vollkommenen Widerspruch, vor
einem Widerspruch, der nicht ein solcher ist, daB man ihn ohne
weiteres auf losen kann. Wir stehen vor einem solchen Widerspruch,
der sich mit unabanderlicher Notwendigkeit hinstellt, wenn man ernst
nach Erkenntnissen ringt. V-Vischer konnte noch nicht - derm die
Zeit war noch nicht dazu reif - vordringen von dem, was ich nennen
mochte: stehen an solchen Erkenntnisorten, an solchen Grenzorten,
vordringen vom Erkennen im gewohnlichen Sinne des Wortes zum
innerlichen Erleben eines solchen Widerspruches. Horen wir doch
heute noch von weitaus den meisten Erkenntnismenschen der Gegen-
wart, wenn sie auf einen solchen Widerspruch stoBen, das Folgende -
es gibt ja davon Hunderte und Hunderte, Du Bois-Reymond, der geist-
volle Physiologe, hat seinerzeit von den sieben Weltratseln ge-
sprochen, aber man kann diese sieben Weltratsel in Hunderte ver-
mehren - der heutige, zeitgenossische Erkenntnismensch sagt: Bis
hierher geht eben das menschliche Erkennen, weiter kann es nicht
kommen. - Einfach aus dem Grunde sagt er dieses, weil er sich an den
Grenzorten des menschlichen Erkennens nicht entschlieBen kann,
uberzugehen vom bloBen Denken, vom bloBen Vorstellen zum Er-
leben. Man muB beginnen an einer solchen Stelle, wo sich ein Wider-
spruch, den man nicht ausgekliigelt hat, sondern der durch die Welt-
ratsel sich einem geoffenbart hat, in den Weg stellt, muB versuchen,
mit einem solchen Widerspruch immer wieder und wiederum zu
leben, immer wieder und wieder, so wie man mit den Gewohnheiten
des Alltags ringt, mit ihm ringen, gewissermaBen seine Seele ganz in
ihn untertauchen. Man muB - es gehort ein gewisser innerer Denker-
mut dazu - in den Widerspruch untertauchen, keine Furcht davor
haben, daB dieser Widerspruch etwa das Vorstellen der Seele zer-
splittern konne, daB die Seele nicht durchkonne oder ahnliches. In den
Einzelheiten habe ich dieses Ringen an solchen Grenzorten gerade
geschildert in meinem Buch «Von Seelenratseln».
Dann, wenn der Mensch statt mit dem bloBen Vorstellen, bloBen
Auskliigeln, Fixieren, mit seiner vollen Seele an einem solchen Grenz-
ort ankommt, dann kommt er weiter . Aber er kommt nicht auf bloB
logischem Wege weiter; er kommt auf einem Erkenntnislebenswege
weiter. Und was er da erlebt, ich mochte es durch einen Vergleich
ausdriicken; denn das, was geistesforscherische Wege sind, sind wirk-
liche Erkenntniserlebnisse, sind Erkenntnistatsachen. Die Sprache hat
heute noch nicht viele Worte fur diese Dinge, weil die Worte gepragt
sind fiir die auBere sinnliche Wahrnehmung. Man kann sich daher
oftmals iiber dasjenige, was klar vor dem Geistesauge steht, nur ver-
gleichsweise ausdriicken. Wenn man in solche Widerspriiche sich ein-
lebt, fiihlt man sich wie an der Grenze, wo die geistige Welt heran-
schlagt, die in der sinnlichen Wirklichkeit nicht zu finden ist, wo sie
zwar heranschlagt, aber gewissermaBen von auBen heranschlagt. Es
ist so, wie - ob nun die Vorstellung naturwissenschaftlich gut be-
grundet ist oder nicht, darauf kommt es nicht an, vergleichsweise
kann sie herangezogen werden -, es ist so, wie wenn ein niederes
Lebewesen es noch nicht bis zum Tastsinn gebracht hat, sondern
nur innerlich erlebt, in dem sich regenden, steten Bewegen innerlich
erlebt und die Grenze der physischen Welt, die Oberflache der ein-
zelnen Dinge erlebt. Ein Wesen, das noch nicht den Tastsinn aus-
gebildet hat und so die Oberflache der sinnlichen Dinge erlebt, das ist
noch ganz in sich beschlossen, das kann gewissermaBen noch nicht
erfiihlen, ertasten dasjenige, was da drauBen an sinnlichen Eindriicken
ist. Geradeso fiihlt sich rein geistig-seelisch - wir diirfen da an gar
nichts Materielles denken - der Ringer mit der Erkenntnis, wenn er
an einer solchen Stelle ist, wie ich sie eben geschildert habe. Wie aber
dann beim niederen Lebewesen gewissermaBen der Organismus
durchbricht durch das AnstoBen an die auBere sinnliche Welt, sich
differenziert zum Tastsinn, wodurch man die Oberflache ertastet, wo-
durch man weiB, ob etwas rauh oder glatt, warm oder kalt ist an der
Oberflache, wie sich eroffnet nach auBen dasjenige, was nur im Innern
lebt, so erringt man sich die Moglichkeit, gewissermaBen durch-
zubrechen gerade an solchen Stellen, sich einen geistigen Tastsinn zu
erwerben. Dann erst, wenn man vielleicht oftmals jahrelang an sol-
chen Grenzorten des Erkennens gerungen hat durchzubrechen in
die geistige Welt hinein, dann gelangt man zum Realen von geistigen
Organen. Ich spreche nur elementar von dem, wie sich dieser Tast-
sinn entwickelt. Aber man kann, um diese oder jene Ausdriicke in
einem vollkommeneren Sinne zu gebrauchen, davon sprechen, da6
sich durch immer weiteres und weiteres inneres Arbeiten, Heraus-
arbeiten aus dem In-sich-Beschlossensein Geistesaugen, Geistesohren
entwickeln. Heute erscheint es vielen Menschen noch absurd, davon
zu sprechen, daB die Seele ein ebenso undifferenziertes Organ zunachst
ist, wie der Organismus eines niederen Wesens, das seine Sinne aus
seiner Substanz heraus bildet, und daB sich aus dieser Substanz see-
lische Begriffe, seelisch differenzierte Geistesorgane herausbilden
konnen, die ihn dann der geistigen Welt gegeniiberstellen.
Man darf sagen: Geisteswissenschaft, wissenschaftlich in aller Be-
rechtigtheit systematisch dargestellt, stellt sich heute neu in den Er-
kenntnisfortschritt der Menschheitsentwickelung hinein. Aber sie ist
nicht in jeder Beziehung etwas Neues. Das Ringen nach ihr, das
Streben nach ihr, wir sehen es gerade bei den hervorragendsten Er-
kenntnismenschen der Vergangenheit. Und auf einen von ihnen, auf
Friedrich Theodor Vischer habe ich ja hingewiesen. Ich mochte gerade
noch einmal zeigen an seinen eigenen Ausspriichen, wie er an einer
solchen Erkenntnisgrenze gestanden hat, wie er allerdings davor
stehengeblieben ist, wie er nicht den Ubergang gemacht hat von dem
inneren Regen zum Durchbrechen der Grenze, zum geistigen Tast-
sinn. Und da mochte ich gerade diejenige Stelle aus Friedrich Theodor
Vischers Abhandlungen Ihnen vorlesen, wo er schildert, wie er an
eine solche Grenze, wo der Geist heranschlagt an die menschliche
Seele, gekommen ist gelegentlich seines Ringens mit den naturwissen-
schaftlichen Erkenntnissen. Es war in der Zeit, in der die materiali-
stisch gesinnte Naturwissenschaft den ernsten Erkenntnisringern viele
Ratsel vorgelegt hat, wo zahlreiche Menschen gesagt haben, man
konne gar nicht von Seele anders sprechen, als daB sie nur ein Produkt
sei des materiellen Wirkens.
Hier seine Worte: «Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein
Gehirn, sagen die Gegner. Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen
wir, wenn es nicht von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware ;
es ist leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit
und Kalk zu reden, - nicht schwerer als es uns ware, spottweise zu
fragen, wie sich das EiweiB im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der
menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunter-
schiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daB
die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muB, als so
vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daB wir uns Beulen
daran sto6en;» - ich bitte Sie zu beachten, wie der Erkenntnisringer
schildert, daB wir uns Beulen daran stoBen; hier haben Sie ein inneres
Erlebnis eines Erkenntnisringers : dieses Anschlagen eines Erkenntnis-
ringers ! - «es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit,
daB mit Hegels Anderssein und AuBersichsein, so geistreich die Fot-
mel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren
Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der
Schneide und des StoBes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte,
aber keine Erklarung dafur. »
Hier haben wir die Schilderung, die ein Mensch von seinem Er-
kenntnisringen gibt in der Zeit, bevor der EntschluB entstehen
konnte, der geisteswissenschaftliche EntschluB: nicht bloB bis zu
diesem Schlag und Gegenschlag zu kommen, sondern zu durch-
brechen die Scheidewand gegeniiber der geistigen Welt. - Ich kann
nur ganz im Prinzipiellen iiber solche Dinge sprechen; Sie flnden sie
im einzelnen ausgefuhrt in meinen Biichern. Namentlich in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und im zweiten Teil
meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» finden Sie in alien Details
dasjenige ausgefuhrt, was die Seele in innerer Regsamkeit, in innerer
Ubung - wenn der Ausdruck erlaubt ist - mit sich vornehmen muB,
um dasjenige, was in ihr undifferenziert ist, zu geistigen Organen, die
dann die geistige Welt schauen konnen, wirklich umzugestalten.
Aber gar vieles ist notwendig, wenn man auf diesem Wege wirklich
zu Forschungen kommen will. Es ist deshalb gar vieles notwendig,
weil in unserer Zeit durch die Gewohnheiten, die sich gerade auf
naturwissenschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete naturwissenschaft-
licher Weltanschauung herausgebildet haben, das auf seinem Felde
seine voile Berechtigung hat, eine besondere Art zu denken in das
Menschenleben eingegriffen hat, die entgegengesetzt ist den Wegen,
die in die geistige Welt fiihren; so daB es ganz selbstverstandlich ist,
daB man von naturwissenschaftlicher Seite nur Dinge hort, die eigent-
lich von der geistigen Welt, wie sie wirklich ist, in ihren Tatsachen
nichts wissen wollen. Ich will nur eines anfiihren - wie gesagt, das
Genauere finden Sie in den genannten Buchern ich will anfiihren,
daB der Mensch sozusagen sich eine ganz andere Art des Vorstellens
erringen muB. Im gewohnlichen Leben ist man zufrieden mit den
BegrifFen, den Vorstellungen, wenn man sich sagen kann : Diese Be-
griffe, diese Vorstellungen sind so geartet, daB sie ein Abbild irgend-
einer auBeren Tatsache oder eines auBeren Dinges sind. - Damit kann
sich der Geistesforscher nicht befriedigen. Schon die Vorstellungen,
die Begriffe werden etwas ganz anderes in seiner Seele, als sie nach den
Denkgewohnheiten der Gegenwart sind. Wenn ich wiederum einen
Vergleich gebrauchen darf, so mochte ich daran zeigen, wie heute der
Geistesforscher der Welt gegemibersteht. Materialistische, spiritua-
listische, pantheistische, individualistische, monadistische und so wei-
ter, alle solche Leute glauben, in die Weltenratsel irgendwie ein-
dringen zu konnen; man versucht mit bestimmten Vorstellungen,
BegrifTen, ein Bild zu bekommen von den Vorgangen der Welt. So
kann der Geistesforscher schon Begriffe gar nicht auffassen, sondern
er muB sich zu einem Begriff in der Weise stellen, daB er immer sich
klar bewuBt ist: In einem Begriff, in einer Vorstellung hat er nichts
anderes, als was man in der auBeren Sinneswelt hat, wenn man zum
Beispiel einen Baum oder einen andern Gegenstand von einer ge-
wissen Seite her photographiert, man bekommt ein Bild von einer
gewissen Seite, von einer andern Seite ein anderes Bild, von einer
dritten Seite wieder ein anderes, von einer vierten Seite wiederum ein
anderes Bild. Die Bilder sind voneinander verschieden; sie alle geben
erst zusammen, wenn man sie im Geiste kombiniert, den Baum als
gestaltete Vorstellung. Aber man kann sehr gut sagen, das eine Ding
widerspricht dem andern! Sehen Sie nur, wie ganz verschieden oftmals
ein Gegenstand aussieht, wenn Sie ihn von der einen und von der
andern Seite her photographieren ! Allen diesen Vorstellungen von
Pantheismus, Monadismus und so weiter steht der Geistesforscher
so gegeniiber, daB sie nichts anderes sind als verschiedene Aufnahmen
der Wirklichkeit. Denn die geistige Wirklichkeit ergibt sich in Wahr-
heit dem Vorstellungsleben, dem Begriffsleben gar nicht so, daB man
sagen kann, irgendein BegrifF ist ein Abbild, sondern man muB immer
um die Sache herumgehen, man muB immer von verschiedenen Seiten
her sich die mannigfaltigsten Begriffe bilden. Dadurch ist man in
die Lage versetzt, ein viel groBeres inneres, seelisch regsames Leben
zu entwickeln, als man fur die auBere Sinneswelt gewohnt ist; dadurch
ist man aber auch genotigt, die Begriffe zu etwas viel Lebendigerem
zu machen. Sie sind nicht mehr Abbilder, aber indem man sie erlebt,
sind sie etwas viel Lebendigeres, als sie im gewohnlichen Leben und
seinen Dingen sind.
Ich kann mich da in der folgenden Weise verstandigen. Nehmen Sie
an, Sie haben eine Rose, abgeschnitten vom Rosenstock, vor sich;
Sie bilden sich die Vorstellung davon. Nun ja, diese Vorstellung
konnen Sie sich bilden; Sie werden auch oftmals bei dieser Vor-
stellung das Gefuhl haben: sie driickt Ihnen etwas Wirkliches aus,
die Rose ist etwas Wirkliches. Der Geistesforscher kann niemals auf
seinem Wege vorwartskommen, wenn er bei solchen Vorstellungen
sich befriedigt, die Rose sei etwas Wirkliches. Die Rose, vorgestellt
fur sich als Blute mit einem kurzen Stengel, ist gar nichts in sich Wirk-
liches ; sie kann so, wie sie ist, nur da sein am Rosenstock drauf. Der
Rosenstock ist etwas Wirkliches! Und der Geistesforscher muB sich
nun angewohnen, fur alle einzelnen Dinge, fur welche die Menschen
sich Vorstellungen bilden, indem sie glauben, das sei auch etwas Wirk-
liches, immer sich bewuBt zu sein, in welch eingeschranktem Sinne
solch eine Sache etwas Wirkliches ist. Er muB fiihlen, indem er die
Rose mit dem Stiel vor sich hat: das ist nichts Wirkliches; er muB den
Grad von Unwirklichkeit mitempfinden, mitfuhlen, miterleben, der
in dieser Rose als bloBer Bliite enthalten ist.
Dadurch aber, daB man das fur die ganze Weltbetrachtung aus-
dehnt, belebt sich das Vorstellungsleben selbst; dadurch bekommt
man nicht die schon abgelahmten, die getoteten Vorstellungen, mit
denen sich die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung zu-
frieden gibt, sondern man bekommt Vorstellungen, die mit den
Dingen mitleben. Allerdings, man erlebt, wenn man von den Denk-
gewohnheiten der Gegenwart ausgeht, mancherlei Enttauschungen
zunachst, Enttauschungen, die sich ergeben, weil dasjenige, was man
so erlebt, sich wirklich recht sehr unterscheidet von den Denk-
gewohnheiten der Gegenwart. Man muB schon manchmal recht para-
dox sprechen, wenn man aus den Erkenntnissen der geistigen Welt
heraus spricht, gegemiber den Dingen, die heute allgemein gesprochen
und geglaubt werden.
Man kann heute ein sehr gelehrter Mann sein, sagen wir auf physi-
kalischem Gebiete, ein auBerordentlich gelehrter Mann, und man
kann mit Recht Bewunderung erregen durch seine Gelehrsamkeit,
aber man kann mit lauter Begriffen arbeiten, die nicht herangeholt,
nicht herangearbeitet sind an solchen, wie ich es geschildert habe:
dem Lebendigmachen der Vorstellungswelt. Ich habe ja nur etwas
ganz Elementares gesagt; dieses Elementare aber muB sich beim
Geistesforscher ausdehnen liber die ganze Weltbetrachtung. Ich will
ein Beispiel anfuhren: Professor Dewar hat im Anfange des Jahr-
hunderts einen sehr bedeutsamen Vortrag in London gehalten. Dieser
Vortrag, mochte ich sagen, zeigt in jedem Satze den groBen Gelehrten
der Gegenwart, der in physikalischen Vorstellungen bewandert ist,
wie man nur bewandert sein kann. Der Gelehrte versucht aus den
physikalischen Vorstellungen heraus, wie sie der Physiker der Gegen-
wart gewinnen kann, iiber den Endzustand der Erde zu sprechen
beziehungsweise iiber irgendeinen Zukunftszustand, in dem eben
vieles von dem abgestorben sein muB, was heute noch gegenwartig
sein kann. Er schildert sehr richtig, weil er auf lauter gut fundierten
Voraussetzungen fuBt; er schildert, wie einmal nach Jahrmillionen
eintreten musse ein Erdzustand, in dem die Temperatur um so und so
viel hundert Grade heruntergegangen ist, und wie sich dann - man
kann das sehr gut berechnen - verandert haben miissen gewisse Sub-
stanzen. Man kann das berechnen, und er schildert, wie Milch zum
Beispiel dann nicht mehr wie heute ftiissig sein konne, sondern fest
sein muB, wie EiweiB, wenn man damit Wande bestreicht, so leuch-
tend wird, daB man Zeitungen dabel lesen kann, ohne daB man ein
anderes Licht braucht, da man von dem bloBen EiweiB licht erhalt,
und viele solche Einzelheiten. Dinge, die heute nicht einmal ein paar
Gramm Druck aushalten wiirden, werden in ihrer Konsistenz, in
ihrem Materiellen so stark sein, daB man Hunderte von Kilogramm
daranhangen kann, kurz, eine groBartige Schilderung eines kiinftigen
Zustandes der Erde gibt Professor Dewar. Man kann vom Stand-
punkte des Physikalischen aus nicht das geringste einwenden; aber
fur den, der lebendiges Denken in seine Seele aufgenommen hat, stellt
sich die Sache anders. Fur den, der lebendiges Denken in seine Seele
aufgenommen hat, tritt notwendigerweise sogleich, indem er solche
Vorstellungsformen aufnimmt, wie sie dieser Professor gibt, das vor
seine Seele, daB er sich nun etwas sagen muB, was in der Methode, in
der Anschauungsweise ganz ahnlich ware der Folgerung und Denk-
weise dieses Gelehrten.
Nehmen Sie an, man nahme zum Beispiel einen funfundzwanzig-
jahrigen Menschen und beobachtete genau - heute kann man solche
Beobachtungen schon anstellen, ich brauche ja nur zu erinnern an das
Rontgenwesen -, man beobachtete genau, wie sich gewisse Organe,
sagen wir der Magen, von Jahr zu Jahr andern, im Verlauf von zwei,
drei, vier, fiinf Jahren andern; sie nehmen andere Konfigurationen
an. Man kann das beschreiben, wie es der Physiker macht, indem er
die aufeinanderfolgenden Zustande der Erde vergleicht und dann be-
rechnet, wie nach Jahrmillionen diese Erde ausschauen muB. Nun
kann man auch beim Menschen das anstellen: man beobachtet, wie
sich, sagen wir, Magen oder Herz von Jahr zu Jahr andern; dann
berechnet man, wie, sagen wir, nach zweihundert Jahren der Mensch
ausschauen muB nach diesen Veranderungen. Man bekommt ein
ebensogut fundiertes Resultat heraus, wenn man ausrechnet, wie der
Mensch nach zweihundert Jahren ausschauen muB, wenn man die
einzelnen Anschauungen richtig zusammenrechnet, nur ist der Mensch
dann langst gestorben, er ist nicht mehr da !
Sie sehen, was ich meine. Es handelt sich darum, daB man in dem
einen Fall aus der unmittelbaren Erfahrung heraus weiB : solche Rech-
nerei entspricht nicht der Wirklichkeit, weil nach zweihundert Jahren
der menschliche Leib mit diesen Veranderungen nicht mehr da ware,
bei der Erde stellt man aber diese Berechnung an. Man beachtet aber
nicht, daB die Erde nach zwei Jahrmillionen eben als physisches
Wesen auch langst gestorben ist, nicht mehr da ist; daB also die ganze
gelehrte Berechnerei iiber diesen Zustand gar keinen Wirklichkeits-
wert hat, weil die Wirklichkeit, auf die sie angewendet ist, nicht mehr
da ist.
Die Sachen gehen sehr weit. Sie konnen ja ebensogut beim Men-
schen wie nach vorwarts auch nach riickwarts rechnen, konnten
rechnen, wie der Mensch nach den kleinen Veranderungen von zwei
Jahren vor zweihundert Jahren ausgeschaut hat, aber er war noch
nicht da! Aber nach derselben Methode ist die Kant-Laplacesche
Theorie gebildet, jene Theorie, welche annimmt, daB einstmals ein
Nebelzustand da war, der aus dem gegenwartigen Zustand berechnet
ist. Die Rechnung stimmt ganz gut, die Wahrnehmungen sind ganz
richtig, nur - fur den Geistesforscher stellt sich das hin, daB damals,
als dieser ganze Urnebel dagewesen sein soil, die ganze Erde noch
nicht geboren war, das ganze Sonnensystem noch nicht vorhanden war.
Ich wollte diese Berechnungen nur heranziehen, um Ihnen zu
zeigen, wie das ganze innere Seelenleben aus der Abstraktion heraus-
kommen muB, wie es untertauchen muB in die lebendige Wirklichkeit,
wie die Vorstellungen selber lebendig werden miissen. Ich habe in
meinem Buch «Vom Menschenratsel», das vor zwei Jahren erschienen
ist, unterschieden zwischen wirklichkeitsgemaBen und unwirklich-
keitsgemaBen Vorstellungen. Kurz, worauf es ankommt, das ist, daB
der Geistesforscher hinweisen muB darauf, daB sein Weg ein solcher
ist, daB die Erkenntnismittel, die er gebraucht, erst erweckt werden
miissen, daB er erst seine Seele umgestalten muB, um in die geistige
Welt hineinschauen zu konnen. Dann kommen die Ergebnisse in einer
solchen Form, daB man sehen kann: der Geistesforscher spekuliert
nun nicht, ob die Seele unsterblich sei, ob die Seele durch Geburt und
Tod durchgehe, sondern sein Forschungsweg fuhrt ihn zu dem
Ewigen in der Menschenseele, zu dem, was durch Geburten und Tode
geht; sein Forschungsweg zeigt ihm, was im Menschen als Ewiges
lebt. Also er sucht das Objekt, das Ding, das Wesen selber auf. Hat
man das Wesen, so kann man an diesem Wesen seine Eigenschaften
erkennen, so wie man an der Rose die Farbe erkennt. Daher entsteht
oftmals der Schein, als ob der Geisteswissenschafter nur behaupte,
es sei so, denn er muB, indem er Belege angibt, immer darauf hin-
weisen, auf welchem Wege man zu diesen Dingen kommt; er muB
gewissermaBen da anfangen, wo die andere Wissenschaft aufhort.
Dann aber ist ein wirkliches Eindringen moglich in diejenigen Ge-
biete, die, ich mochte sagen, den Tod ebenso zu ihrem Ausgangs-
punkt haben, wie das auf naturwissenschaftlichem Feld Befindliche
die Geburt und die Jugend zum Ausgangspunkte hat. Nur muB man
sich klar sein dariiber, daB dieser Tod keineswegs bloB dieses, die
auBeren sinnlichen Anschauungsformen abschlieBende Ereignis ist,
als das er gewohnlich angeschaut wird, sondern daB er etwas ist, das
teil hat am Dasein, so wie die Krafte, welche mit der Geburt ins
Leben gerufen werden, teil haben am Dasein. Wir begegnen dem
Tode nicht nur, indem er uns als einmaliges Ereignis ergreift, sondern
wir tragen die Krafte des Todes in uns - abbauende Krafte, immerfort
abbauende Krafte -, so wie wir die Krafte der Geburt, oder die uns
bei der Geburt gegebenen, als auf bauende Krafte in uns tragen.
Um dies einzusehen, muB man allerdings an einem Grenzorte
zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft wirklich For-
schungen anstellen konnen. Ich kann ja heute von manchem naturlich
nur Ergebnisse anfuhren, will ja auch nur anregen; sollte ich dasjenige
in alien Einzelheiten ausfiihren, womit ich anregen will, so muBte ich
viele Vortrage halten. Man muB sich also, wenn man das Angedeutete
verfolgen will, an einen Grenzort begeben zwischen Naturwissen-
schaft und Geisteswissenschaft. Man glaubt so vielfach und hat es ge-
glaubt - heute ist die Wissenschaft meistens iiber diese Dinge schon
hinaus, nur die popularen Weltanschauungsbewegungen stehen noch
auf einem Standpunkte, den die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten
verlassen hat -, man glaubt so vielfach, dieses menschliche Nerven-
system, dieser menschliche Nervenapparat sei einfach ein Werkzeug
fur das Denken, Fiihlen, Wollen, kurz, fur das seelische Erleben.
Derjenige, der mit solchen Seelenorganen, mit Geistaugen, Geist-
ohren, wie ich sie wenigstens prinzipiell beschrieben habe, erkennen
lernt das seelische Leben, der es erst wirklich entdeckt, dieses seelische
Leben, der weiB, daB sprechen : das Gehirn sei ein Werkzeug fur das
Denken - ebenso ist, wie wenn man sagt: Ich gehe iiber einen Weg,
der vielleicht aufgeweicht ist, ich trete meine FuBspuren hinein. Diese
FuBspuren Bndet nachher einer, er will sie erklaren. Wie erklart er sie?
Er erklart sie dadurch, daB er sagt: Unten in der Erde sind allerlei
Krafte, die auf und ab schwingen und die dadurch, daB sie auf und ab
schwingen, diese FuBspuren erzeugen, - was gar nicht auf Krafte in der
Erde zuriickgeht, die diese FuBspuren erzeugen, denn ich habe sie
hineingetragen, aber man kann meine Spuren genau darinnen nach-
weisen! - So erklaren die Physiologen heute, daB dasjenige, was in
dem Gehirn vorgeht, aus dem Gehirn kommt, weil jedem Denken,
Vorstellen, Fiihlen etwas in dem Nervensystem entspricht. Geradeso
wie meine Spuren meinen FuBtritten entsprechen, so entspricht wirk-
lich im Gehirn etwas demjenigen, was die Seele als Eindriicke hat.
Aber die Seele hat es erst eingedriickt. Ebensowenig wie die Erde das
Organ ist fur mein Gehen oder die FuBspuren, ebensowenig wie sie
diese herausbildet, ebensowenig ist das Gehirn das Organ fur allerlei
Vorgange von Denken oder Vorstellen. Und so wie ich nicht gehen
kann ohne Boden - ich kann nicht in der Luft gehen, ich brauche den
Grund, wenn ich gehen will so ist das Gehirn notwendig; aber
nicht weil es das Seelische hervorbringt, sondern weil das Seelische
den Grund und Boden braucht, auf dem es sich, solange der Mensch
zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, ausdriickt. Es hat also gar
nichts zu tun mit dem allem.
Gerade die heute so glanzend verstandene Naturwissenschaft er-
fahrt ihre vollstandige Aufklarung, wenn dieser Umschwung im
Denken eintreten wird, den ich hiermit angedeutet habe, der aller-
dings ein radikalerer ist als der der Kopernikanischen Weltanschauung
gegeniiber der Weltanschauung, die man friiher gehabt hat, aber der
vor der wirklichen Weltanschauung so berechtigt ist, wie die Koperni-
kanische Weltanschauung gegenuber der fmheren berechtigt war.
Dann, wenn man auf seelenforscherischem Wege vorwartsdringt,
dann findet man auch, daB die Vorgange im Gehirn, im Nerven-
system, welche dem Seelenleben entsprechen, nicht auf bauende sind,
nicht etwas sind, was dadurch da ist, daB die produktive, die wach-
sende, die gedeihende Tatigkeit im Nervensystem so vorhanden ist
wie im iibrigen Organismus. Nein! Sondern dasjenige, was die Seele
vollfuhrt im Nervensystem, das ist abbauende Tatigkeit, das ist in der
Tat wahrend unseres wachen BewuBtseins auBerhalb des Schlafes ab-
bauende Tatigkeit. Und nur dadurch, daB das Nervensystem so in uns
eingelagert ist, daB es von dem ubrigen Organismus immer wieder
aufgefrischt wird, kann die abbauende, die auflosende, die zer-
storende Tatigkeit, die vom Denken aus eingreift in unser Nerven-
system, immer wieder ausgeglichen werden. Abbauende Tatigkeit ist
da, Tatigkeit, welche ganz genau qualitativ dieselbe ist wie diejenige,
die der Mensch auf einmal durchmacht, wenn er stirbt, wenn der
Organismus ganz aufgelost wird. Der Tod lebt fortwahrend in uns,
indem wir vorstellen. Ich mochte sagen, atomistisch geteilt lebt der
Tod fortwahrend in uns; und der einmalige Tod, der uns ergreift, er
ist nur summiert dasjenige, was fortwahrend abbauend in uns arbeitet,
allerdings wiederum ausgeglichen wird, nur sind die Ausgleiche so,
daB eben zuletzt auch der spontane Tod hervorgerufen wird.
Man muB den Tod begreifen als eine Kraft, die im Organismus
wirkt, so wie man die Lebenskrafte begreift. Sehen Sie sich aber heute
die auf ihrem Gebiete durchaus berechtigte Naturwissenschaft an, so
werden Sie finden: sie sucht nur die aufbauenden Krafte. Dasjenige,
was abbaut, das entzieht sich ihr. Daher kann auch das aus dem Ab-
bauenden wieder Neuerstehende, nun immerfort jetzt nicht leiblich -
denn das Leibliche wird eben abgebaut -, sondern geistig-seelisch
sich wieder Aufbauende von der auBeren Naturwissenschaft nicht
beobachtet werden, denn es fallt fortwahrend aus der Beobachtung
heraus und wird nur derjenigen Beobachtung zuganglich, die so vor-
geht, wie ich es vorhin beschrieben habe. Dann zeigt sich allerdings,
daB, wahrenddem wir unser Leben dahinbringen, unsere gesamte
Seelentatigkeit nicht nur zugeordnet ist dem Grund und Boden, auf
dem sie sich entwickeln muB und den sie sogar abbaut, insofern sie
vorstellt, insofern sie tatig ist, sondern daB diese gesamte Seelentatig-
keit auch zugeeignet ist einer geistigen Welt, die uns immer umgibt,
in der wir mit unserem Seelisch-Geistigen so drinnenstehen, wie wir
drinnenstehen mit unserem physischen Leibe in der sinnlich-physi-
schen Welt. Eine wirkliche Beziehung des Menschen zu der geistigen
Welt, die alles durchdringt, was physisch ist, zu der wirklichen,
konkreten, realen geistigen Welt, wird also durch die Geisteswissen-
schaft angestrebt.
Dann ergibt sich allerdings die Moglichkeit, weiter zu beobachten,
wie dasjenige, was da in uns wirkt und webt als Seelisches, das in den
Grenzen, die ich geschildert hatte, abbaut, ein zusammengehoriges
Ganzes ist. Dasjenige, was ich Seelenentwickelung genannt habe,
dringt vor vom gewohnlichen BewuBtsein zum schauenden BewuBt-
sein. Ich habe davon gesprochen in meinem Buche «Vom Menschen-
ratsel». Dieses schauende BewuBtsein entwickelt die Moglichkeit,
imaginative Erkenntnisse zu haben. Diese imaginativen Erkenntnisse
geben nicht das, was auBerlich sinnlich ist, sondern sie geben am
Menschen selber - ich will von der andern Welt jetzt absehen -, sie
geben am Menschen selber dasjenige, was an ihm nicht sinnlich wahr-
nehmbar ist. Ich habe in der letzten Zeit, damit kein MiBverstandnis
entstehe, dieses, was zunachst von einer solchen geweckten Er-
kenntnis wahrgenommen werden kann, Bildekrafteleib genannt. Das
ist jener iibersinnliche Leib des Menschen, welcher tatig ist wahrend
unseres ganzen Lebens, von der Geburt, oder sagen wir Empfangnis,
bis zu unserem physischen Tode, welcher auch der Trager unserer
Erinnerungen ist, welcher aber als iibersinnliche Wesenheit mit einer
iibersinnlichen AuBenwelt in Verbindung steht. So daB unser sinn-
hches Leben mit seinem iibrigen BewuBtsein nur wie eine Insel da-
steht, aber rings um diese Insel herum und sogar diese Insel durch-
dringend, liegt die Beziehung des menschlichen Bildekrafteleibes mit
der iibersinnlichen AuBenwelt. Da kommen wir allerdings dazu, alle
Vorstellungswelt - jetzt nicht anders als wie ich es geschildert habe -
in Zusammenhang zu bringen mit dem physischen Gehirn, das den
Grund und Boden dafur abgibt; aber wir kommen dazu, einzusehen,
daB der Bildekrafteleib der Trager der menschlichen Gedanken ist,
daB sich die Gedanken entwickeln in diesem Bildekrafteleib, daB der
Mensch, indem er denkt, in diesem Bildekrafteleib lebt.
Anders ist es schon, wenn wir vorschreiten zu einem andern Seelen-
erlebnis, zu dem Fiihlen. Unser Fiihlen, auch unsere AfFekte, unsere
Leidenschaften stehen in einem andern Verhaltnis zu unserem Seelen-
leben als unser Denken. Der Geistesforscher findet, daB die Gedanken,
die wir uns gewohnlich machen, an den Biidekrafteieib gebunden
sind, nicht aber unsere Gefuhle, nicht aber unsere AfFekte. Diese
Gefuhle und AfFekte leben in uns in einer viel unterbewuBteren Art;
dafiir stehen sie aber auch mit etwas weit Umfassenderem im Zu-
sammenhang als mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod.
Nicht als ob der Mensch in diesem Teile seines Lebens, von dem ich
jetzt spreche, gedankenlos ware; alle Gefuhle sind von Gedanken
durchdrungen; aber die Gedanken, von denen die Gefuhle durch-
drungen sind, kommen dem Menschen in der Regel nicht in das
gewohnliche BewuBtsein hinein, sie sind unter der Schwelle dieses
BewuBtseins. Dasjenige, was als Gefuhl heraufwogt, das ist gedanken-
durchsetzt, aber diese Gedanken sind weiterausgreifend, denn man
findet sie nur, wenn man zu einem noch hoheren BewuBtsein vor-
schreitet in der schauenden Erkenntnis : zu dem, was - ich denke nicht
an aberglaubische Vorstellungen -, was ich das inspirierte BewuBtsein
nenne. Das Genauere dariiber konnen Sie in meinen Biichern nachlesen.
Vertieft man sich nun in das, was eigentlich dem gewohnlichen Be-
wuBtsein gegeniiber so schlaft, wie der Mensch vom Einschlafen bis
zum Aufwachen schlaft mit Bezug auf die gewohnlichen sinnlichen
Vorstellungen, so sieht man es heraufwogen, wie in den Schlaf hinein
die Traume wogen. So wogen in der Tat die Gefuhle herauf, es klingt
paradox, aber es ist so: aus dem Tieferen der Seele. Aber dieses
Tiefere der Seele, das der inspirierten Erkenntnis zuganglich ist, das
ist dasjenige, was da lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt;
das ist dasjenige, was eingetreten ist in den physischen Zusammenhang
durch unsere Empfangnis, oder sagen wir Geburt, was durch die
Pforte des Todes tritt und unter andern Bedingungen ein geistiges
Dasein hat, bis der Mensch wieder geboren wird. Wer mit inspirierter
Erkenntnis wirklich hineinschaut in dasjenige, was in der Gefiihlswelt
lebt, der sieht nicht nur den Menschen zwischen Geburt und Tod, der
sieht den Menschen auch in den Zeiten, die die Seele durchlebt
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Das ist nicht nur so einfach hingestellt : so ist es eben, - sondern es ist
darauf hingewiesen, wie die Krafte in der Seele entstehen, welche die
Gefuhle, AfFekte, Leidenschaften so anzusehen vermogen, daB man
in ihnen drinnen lebt. So wie man in der Pflanze dasjenige sieht, was
durch die Keimeskrafte entstanden ist, so sieht man etwas, was nicht
mit unserer Geburt oder Empfangnis entsteht, sondern was aus einer
geistigen Welt herausgekommen ist.
Ich weifi sent wohl, wieviel sich von der heutigen naturwissenschaft-
lichen Weltanschauung gegen eine solche Vorstellung einwenden laBt.
Es werden diejenigen, die bekannt sind mit solchen naturwissenschaft-
lichen Weltanschauungen, leicht sagen: Ja, da kommt er und schildert
in dilettantischer Weise, daB diese Glieder seiner Seele, die er um-
fassen will, aus einer geistigen Welt herauskommen; schildert die be-
sonderen Konfigurationen, Farben der Gefiihle so, als ob in diesen
Gefiihlen auf der einen Seite der Hinweis ware auf unser vorgeburt-
liches Leben, und auf der andern Seite wieder etwas, was so ware, wie
der Keim der Pflanze dasjenige ist, was in der Pflanze des nachsten
Jahres sein wird. Kennt denn dieser Mensch nicht - werden die Leute
sagen - die wunderbaren Vererbungsgesetze, die durch die Natur-
wissenschaft heraufgebracht sind? WeiB er denn nicht alles, was die-
jenigen wissen, welche die Wissenschaft der Vererbungsmerkmale erst
schufen, welche erst zusammenpragten alles das, was die Kenntnis der
Vererbungsmerkmale hervorgerufen hat?
Ist auf der einen Seite die Tatsache, auf welche Naturwissenschaft
hinweist, ganz richtig, so stecken doch in der Entstehung der Ver-
erbung unsere Krafte, durch die wir uns durch Jahrhunderte vor-
bereiten und die wir herunterschicken, so daB sich aus Voreltern und
Eltern jene Konstellationen herausbilden, welche zuletzt zu dem mate-
riellen Ergebnis fiihren, mit dem wir uns dann umhullen, indem wir
aus der geistigen Welt in die physische heruntersteigen. Wer wirklich
gerade die wunderbaren Ergebnisse der neueren Vererbungsforschung
ins Auge fafit, der wird finden, daB das, was Geisteswissenschaft nur
auf eine ganz andere Weise, ich mochte sagen, auf dem entgegen-
gesetzten Wege, von der Seele aus findet, vollstandig bestatigt wird
gerade durch die Naturwissenschaft; wahrend das, was die Natur-
wissenschaft selber sagt, gar nicht durch die Naturwissenschaft be-
statigt wird. Das kann ich nur andeuten.
Und wenn wir dann eintreten in jenes Gebiet, das man als den
Willen bezeichnet, so entzieht sich das ja sehr dem, was der Mensch
in seinem gewohnlichen BewuBtsein hat. Was weiB der Mensch selbst
iiber das, was in ihm vorgeht, wenn der Gedanke: Ich will etwas
haben - sich zu einer Handbewegung gestaltet? Der eigentliche
Willensvorgang schlaft im Menschen. Mit Bezug auf die Gefuhie und
AfFekte konnte man wenigstens sagen, der Mensch traumt im Men-
schen. Deshalb ist die Frage iiber die Freiheit eine so schwierige, weil
der Wille schlafend ist dem gewohnlichen BewuBtsein gegeniiber.
liber das, was in dem Willen vorgeht, kommt man nur zu einer Er-
kenntnis, indem man im schauenden BewuBtsein bis zum wirklichen
intuitiven BewuBtsein gelangt, nicht dem verschwommenen alltag-
lichen, intuitiv genannten BewuBtsein, zu dem, was ich in meinen
Schriften die drei Stufen : imaginatives, inspiriertes und intuitives Er-
kennen genannt habe. Da kommt man hinein in das Willensgebiet, in
dasjenige, was in uns wirken, leben soli. Das muB erst aus den unter-
seelischen Tiefen heraufgeholt werden. Dann aber findet man, daB
allerdings dieses Willenselement daneben noch - der gewohnliche Ge-
danke steht fur sich - von Gedanken, von Geistigem durchsetzt ist.
Aber so wie wir den Willen in uns tragen, wirkt in diesen Willen
hinein jetzt nicht nur das, was wir in der geistigen Welt erlebt haben,
was in unsere Gefuhie, in unsere AfFekte hinein wirkt zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, sondern es wirkt dasjenige, was wir
in vorigen Erdenleben erlebt haben. In die Willensnatur des Menschen
wirken hinein die Impulse fruherer Erdenleben. Und in dem, was
wir im gegenwartigen Wollen entwickeln, heranziichten, mochte ich
sagen, leben die Impulse fur folgende Erdenleben. So daB das ge-
samte Menschenleben fur die wirkliche Geistesforschung zerfallt in
solche Leben, die zwischen der Geburt und dem Tod liegen, und in
solche, welche - weil das ganze physische Dasein aus der Welt heraus
gebaut werden muB - in weit langeren Zeitraumen in der geistigen
Welt erlebt werden. Aus solchen Leben, wiederholten Erdenleben,
wiederholten geistigen Leben, setzt sich das gesamte menschliche Le-
ben zusammen. Dies ist nicht eine Phantastik, nicht ein Einfall, son-
dern etwas, das man findet, wenn man wirklich auf das Ewige, Un-
vergangliche in der Menschenseele lernt das Geistesauge hinzuwenden.
Diese Dinge schlieBen nicht die menschliche Freiheit aus. Ebenso-
wenig wie es meine Freiheit ausschlieBt, wenn ich mir dieses Jahr ein
Haus baue, in dem ich nach zwei Jahren wohnen werde - ich werde
darinnen ein freier Mensch sein, trotzdem ich dieses Haus fur mich
gebaut habe -, so bestimmen die einen Erdenleben die andern, die
folgenden vor. Aber nur miBverstandene Auffassung konnte das als
eine Beeintrachtigung des menschlichen Freiheitsgedankens hinstellen.
So kommt man allmahlich in geistiger Forschung an die geistigen
Tatsachen heran, indem man ausgeht von dem Tode. Auch im einzel-
nen ergibt diese Beobachtung das Mannigfaltigste, wenn man den Tod
der Geistesforschung so zugrunde legt, wie man die Geburt und das
Keimesleben der physischen Forschung zugrunde legt. Ich will nur
einiges anfiihren, weil ich nicht im Unbestimmten herumreden.
mochte, sondern konkrete Ergebnisse der anthroposophischen Gei-
stesforschung anfuhre. Wir konnen unterscheiden im gewohnlichen
Geistesleben zwischen dem gewaltsam eintretenden Tode durch
auBere Veranlassung und dem Tod, der von innen heraus, sei es durch
Krankheit von innen heraus, sei es durch Altern, eintritt. Wir konnen
also verschiedene Arten des Todes unterscheiden. Geistesforschung,
die konkret auf die Natur des Todes eingeht, findet folgendes :
Nehmen wir zum Beispiel den gewaltsamen Tod, der in ein Leben
hereintritt, sei es dadurch, daB man verungliickt, oder auf irgendeine
andere Weise, kurz, gewaltsam. Das ist der Hereintritt eines Ereig-
nisses, das das Leben in diesem Erdendasein auflost. Von diesem
einmaligen Eintritt des Todes hangt ebenso die Entwickelung des
GeistbewuBtseins fiir die geistige Welt nach dem Tode ab, wie von
den Kraften, die uns bei der Geburt gegeben werden, die Grundlage
abhangt - in der Weise aber wie ich es geschildert habe - dafiir, daB
wir im Leben ein BewuBtsein entwickeln konnen. Andersartig ist das
BewuBtsein, das wir nach dem Tode entwickeln: Das BewuBtsein,
das wir hier auf Erden entwickeln, steht auf dem Boden des Nerven-
systems, so wie ich auf dem Boden stehe, wenn ich auf dem Boden
gehe; in der geistigen Welt begriindet ist das BewuBtsein nach dem
Tode ein andersartiges, aber durchaus ein BewuBtsein. Wenn der
Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, so ist das nicht nur etwas,
was hereingreift in seine Vorstellungen. Das gewohnliche BewuBt-
seinsvot stellen schlieBt ja mit dem Tode ab, ein anderes BewuBtsein
beginnt, aber es greift herein in seinen Willen, von dem wir gesehen
haben, daB er heriibergeht in folgendeErdenleben.DerGeistesforscher
hat die Mittel, in einem Erdenleben zu untersuchen, was da auftr eten
kann, wenn in einem vorigen Erdenleben ein gewaltsamer Tod ein-
getreten ist.
Wenn man uber solche Dinge heute spricht, so weiB man selbst-
verstandlich, daB allerlei Menschen sagen: Das ist toricht, kindisch,
phantastisch. - Aber die Ergebnisse sind ebenso gesicherte wissen-
schaftliche - nur solche bringe ich vor - wie die der Naturwissen-
schaft. Wenn ein gewaltsamer Tod in ein Leben eingreift, so zeigt
sich dieses im nachstfolgenden Erdenleben so, daB dieser Tod nach-
wirkt, indem er in ganz bestimmten Lebensjahren des nachstfolgenden
Lebens irgendwie eine Richtungsanderung des Lebens hervorbringt.
Es werden jetzt schon Forschungen angestellt iiber Seelenleben; nur
werden sie in der Regel so angestellt, daB man nur das AllerauBer-
lichste dabei beriicksichtigt. In manchen Menschenleben tritt in einem
bestimmten Augenblicke dieses Lebens etwas ein, was das ganze
Schicksal des Menschen andert, was ihn auf andere Lebenswege
bringt, wie innerlich herausgefordert. In Amerika nennt man solche
Dinge «Bekehrungen», weil man Namen haben will fur sie; aber wir
brauchen nicht immer an Religioses zu denken; der Mensch kann in
andere Lebenswege, in eine bleibende Anderung seiner Willensrich-
tung hineingedrangt werden. Solch eine radikale Anderung einer
Willensrichtung hat ihren Ursprung in einem gewaltsamen Tode
seines vorhergehenden Lebens. Denn wie sehr haufig dasjenige, was
im Tode auftritt, gerade fur die Mitte des nachsten Lebens wichtig ist,
das zeigt sich der konkreten Forschung. Tritt der Tod spontan aus
dem Innern durch Krankheit oder durch Altern auf, so hat der Tod
viel mehr als fur das nachste Erdenleben eine Bedeutung fur das
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Ich wollte diese Beispiele anfiihren, damit Sie sehen, daB man nicht
im Unbestimmten herumredet, sondern in der Tat iiber Einzelheiten,
die im Zusammenhange des Lebens auftreten, ganz bestimmte An-
schauungen gewinnen kann. Und so ist es, daB in der Tat die Geistes-
forschung neu, selbst auch fur diejenigen, die iiberzeugt sind von der
Unsterblichkeit der Menschenseele, in das BewuBtsein hereinbringt,
daB man nicht nur im allgemeinen von Unsterblichkeit zu reden hat,
sondern daB durch das Begreifen des Ewigen in der Menschenseele
das Menschenleben als solches begreiflich wird. All die sonderbaren
Vorgange, die man beobachtet, wenn man Sinn hat fur seelischen
Lebensverlauf, fur den Verlauf des seelischen Lebens im Menschen,
all die wunderbaren Ereignisse, sie stellen sich hinein, wenn man weiB,
man hat es zu tun mit wiederholten Erdenleben und wiederholten
geistigen Leben. In der geistigen Welt - ich sage das nur wie in
Parenthese - steht der Mensch mit geistigen Wesenheiten, nicht nur
mit den Mitmenschen, die ihm schicksalsmaBig nahegetreten sind und
die auch durch die Pforte des Todes gegangen sind, sondern auch mit
andern geistigen Wesen so in Beziehung, wie er hier mit den drei
Reichen, dem Pflanzenreich, dem Mineralreich, dem Tierreich in Be-
ziehung steht. Der geistige Forscher redet von einzelnen bestimmten
Geistern, einzelnen bestimmten geistigen Wesenheiten, von einer kon-
kreten, individualisierten geistigen Welt, wie wir hier von individua-
lisierten Pflanzenwesen und Tierwesen und Menschenwesen reden,
insofern sie zwischen Geburt und Tod physische Wesen sind. Was
vor alien Dingen den Menschen erschuttern kann - es ist schwierig
iiber die Dinge so zu sprechen, daB sie in einer neuen Weise wie aus
grauer Geistestiefe heraustreten -, das ist, was dann eintritt, wenn die
Erkenntnis selber in einer ganz bestimmten Weise an die menschliche
Seele herantritt. Sie haben aus dem, was ich gesagt habe, gesehen, daB
man Erkenntnis iiber die geistige Welt gewinnen kann. Diese Er-
kenntnisse haben tiefe Bedeutung fur die menschliche Seele; sie
machen gewissermaBen aus dieser menschlichen Seele etwas anderes.
Es greift ein in das Leben der Seele, gleichgiiltig ob man Geistes-
forscher ist oder ob man nur das, was vom Geistesforscher erforscht
ist, gehort hat, verstanden hat, es aufgenommen hat; es ist gleich-
giiltig, es kommt nicht darauf an, es selbst erforscht zu haben: man
kann es auch begreiflich finden. Alles kann man begreiflich finden,
wenn man es nur geniigend durchdringt. Man braucht es nur auf-
genommen zu haben. Dann tritt es aber, wenn man es in seiner vollen
Wesenheit erfaBt, so in dieses menschliche Seelenleben herein, daB
man sich eines Tages eines sagt, daB es bedeutungsvoller ist als alle
andern Ereignisse des Lebens.
Man kann Schweres, Trauriges erlebt haben, das einen erschiittert
hat, Freudiges, was einen erhoben hat, Erhabenes - man braucht
nicht stumpf zu sein dagegen, wenn man etwa Geistesforscher oder
Geist-Erkenner ist, man kann alles so voll empfindend miterleben wie
die andern Menschen, die noch nicht Geistesforscher sind -, aber
wenn man in seiner vollen Wesenheit durchdringt, was die Geist-
Erkenntnis der Seele gibt und sich die Frage zu beantworten vermag :
Was hat die Seele von diesen geistigen Ergebnissen? - wenn man sich
voll sagt, was die Seele geworden ist durch die geistige Erkenntnis,
dann wird dieses Ereignis wichtiger als alle andern Schicksale, als
alle andern Schicksalserlebnisse, die an den Menschen herantreten.
Nicht daB die andern kleiner werden, aber dieses wird groBer als die
andern. Die Erkenntnis selbst tritt dann schicksalsmaBig durch das
menschliche Seelenleben herein. Tritt so die Erkenntnis durch das
menschliche Seelenleben herein, dann fangt man an, das menschliche
Schicksal als solches zu verstehen : von da aus leuchtet das Licht, das
das menschliche Schicksal auf klart. Man sagt sich von diesem Mo-
mente ab: Hat man so rein im Geistigen dieses Schicksalserlebnis,
dann wird einem erklarlich, wie man schicksalsmaBig in das Leben
hereingestellt ist, wie unser Schicksal an den Faden hangt, die sich
herausspinnen aus vorhergehenden Leben, vorhergehenden Erden-
leben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, die sich wieder
hineinspinnen aus diesem Leben in ein folgendes Leben. - Und man
sagt sich: Das gewohnliche BewuBtsein durchtraumt sein Schicksal
nur; das gewohnliche BewuBtsein nimmt sein Schicksal hin, ohne es
zu verstehen, wie man den Traum hinnimmt. Das schauende BewuBt-
sein, zu dem man erwacht, wie man aus dem Traum zum gewohn-
lichen BewuBtsein erwacht, das gewinnt auch ein neues Verhaltnis
zum Schicksal. Das Schicksal wird erkannt als dasjenige, was mit-
arbeitet an unserem umfassenden Leben, an dem Leben, das durch
Geburten und Tode geht.
Es ist die Sache nicht in der trivialen Weise aufzufassen, als wenn
der Geistesforscher nun sagen wiirde: Dein Ungluck hast du selbst
verschuldet - nein, das ware nicht nur ein Verkennen, es ware sogar
eine Verleumdung der Geistesforschung. Ein Ungluck braucht sogar
gar nicht aus dem vorhergehenden Leben irgendwie verursacht zu
sein. Es kann spontan eintreten; es wird nur seine Folgen fur das
folgende und auch alles Leben zwischen den Erdenleben haben, weil
wir sehr haung sehen, daB aus Ungliick, aus Leid und Schmerz das-
jenige herauswachst, was andersgestaltetes BewuBtsein in der geistigen
Welt ist. Aber Sinn kommt in unser ganzes Leben hinein, Verstandnis
auch fur unser Schicksal, das wir sonst nur durchtraumen, das wir nun
verstehen lernen.
Eines tritt vor allem hervor, wenn diese Geisteserkenntnis ins Auge
gefaBt wird. Man kann nicht etwa dann noch sagen: Nun ja, nach
dem Tode mag die Seele in ein anderes Leben eintreten, aber das kann
man ja abwarten. Hier nehme man das Leben, wie es sich im physi-
schen Leib darbietet; was nach dem Tode ist, das kann man ja ab-
warten. - Die Sache ist eine BewuBtseinsfrage. Allerdings steht das,
was nach dem Tode eintritt, in einem Zusammenhange mit dem
Leben, das wir durchleben im Leibe. So wie wir hier durch unseren
Leib in gewissem Sinne das BewuBtsein haben, das wir eben im
gewohnlichen Wachzustande haben, so haben wir nach dem Tode ein
BewuBtsein, das sich jetzt nicht raumlich aus dem Nervensystem
aufbaut, sondern das sich zeitlich aufbaut, im Zuruckschauen auf-
baut. So wie unser Nervensystem gewissermaBen die Widerlage und
der Gegenschlag ist fur unser gewohnliches BewuBtsein zwischen
Geburt und Tod, so bildet eine Grundlage fur unser BewuBtsein in
der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige, was
schon hier in unserem BewuBtsein sitzt. Und so wie wir hier die Welt
um uns haben, so haben wir, wenn wir gestorben sind, gerade unser
Leben als wichtiges Organ vor uns. Daher hangt viel ab von dem
BewuBtsein im physischen Leib, das sich hineinerstrecken kann in das
BewuBtsein, das nach dem Tode an uns herantritt. Wer zum Beispiel,
wie es oftmals den Denkgewohnheiten der Gegenwart entspricht,
sich nur beschaftigt mit physischen Vorstellungen, die durch die Sinne
aufgefaBt sind, der bekommt in sein BewuBtsein, auch in sein Er-
innerungsvermogen, in all dasjenige, was sich in seiner Seele abspielt,
nur Vorstellungen aus dem gewohnlichen Leben: auch er baut sich
eine Welt auf nach dem Tode. Die Umgebung baut man sich auf
durch das, was man innerlich ist. So wie einer, der physisch in
Europa geboren ist, nicht Amerika um sich herum sehen kann, so
wie man durch das, worin man hineingeboren ist leiblich, seine
Umgebung erhalt, so bestimmt man gewissermaBen die Umge-
bung, den Ort seines Daseins durch das, was man im Leibe sich ge-
bildet hat.
Nehmen wir den extremen Fall, der aber nicht leicht bei einem
Menschen eintreten kann, daB jemand sich gewehrt hat gegen alle
iibersinnlichen Vorstellungen, Atheist geworden ist, auch von seiten
der Religion her nicht einmal ein Gefiihl aufgenommen hat, daB er
sich damit auch nur beschaftigen wolle - ich weiB, daB ich etwas sehr
Paradoxes sage, aber es hat auch gute geisteswissenschaftliche Unter-
lagen: er verurteilt sich dazu, in der Erdensphare zu bleiben, mit sei-
nem BewuBtsein dazubleiben, wahrend der andere, der geistige Vor-
stellungen aufgenommen hat, in eine geistige Umgebung versetzt
wird. Derjenige aber, der nur sinnliche Vorstellungen aufgenommen
hat, verurteilt sich, in der sinnlichen Umwelt zu bleiben.
Wie man gedeihlich wirken kann im physischen Leib, weil man
gewissermaBen in dem physischen Leib die Schutzhiille hat gegen die
Umwelt, wie man gedeihlich wirken kann, wenn man im physischen
Leib in der physischen Welt anwesend ist, so wirkt man ungedeihlich,
wenn man nach dem Tode in der physischen Welt anwesend bleibt.
Mit physischen Vorstellungen in dem BewuBtsein nach dem Tode
wird man zum Zerstorer. - Ich habe schon bei dem Vererbungs-
problem angedeutet, wie die Krafte des Menschen, wenn er in der
geistigen Welt ist, eingreifen in die physische Welt. Wer sich selber
durch sein bloBes physisches BewuBtsein verurteilt, in der physischen
Welt zu bleiben, der wird zum Zentrum von zerstorenden Kraften,
die in dasjenige eingreifen, was im Menschenleben und im iibrigen
Weltenleben geschieht. Solange wir im Leibe sind, mogen wir bloB
sinnliche Gedanken, materialistische Gedanken haben: der Leib ist
ein Schutz. Oh, er ist in einem viel hoheren MaBe, als wir es denken,
ein Schutz ! Es ist sehr sonderbar, aber dem, der hineinschaut in den
ganzen Zusammenhang der geistigen Welt, ist eines klar: Wenn der
Mensch nicht durch seine Sinne abgeschlossen ware von der Umwelt,
wenn die Sinne nicht zuruckhalten wurden, da er im gewohnlichen
Bewufitsein nicht fahig ist, lebendige Begriffe aufzunehmen, sondern
die abgetoteten, die ihn zuruckhalten sollen von dem Eindringen in
die geistige Umgebung, wenn der Mensch unmittelbar wirksam
machen konnte seine Vorstellungen, wenn er sie nicht bloB als inner-
liche in sich hatte, nachdem schon die Dinge durch die Sinne ge-
gangen sind, so wiirde der Mensch auch hier in der physischen Welt,
wenn er sein Vorstellungsleben entwickelt, durch seine Vorstellungen
totend, lahmend wirken. Derm diese Vorstellungen sind in einer ge-
wissen Weise zerstorerisch, abbauend fur alles das, was sie ergreifen.
Nur weil diese Vorstellungen in uns zuruckgehalten werden, sind sie
nicht abbauend, bauen sie nur ab, wenn sie in Maschinen zum Aus-
druck kommen, in Werkzeugen, die ja auch ein Totes aus der leben-
digen Natur heraus sein mussen. Das ist zwar nur ein Bild, das aber
einer Wirklichkeit entspricht. Aber wenn der Mensch eintritt in die
geistige Welt mit bloB physischen Vorstellungen, wird er ein Zentrum
der Zerstorung.
So habe ich diese eine Vorstellung als ein Beispiel nur fur viele an-
zufiihren, daB wir nicht sagen diirfen: Wir konnen warten -, sondern
daB es in des Menschen Wesenheit liegt, ob er sinnliche oder iiber-
sinnliche Vorstellungen entwickelt, so oder so sich vorbereitet das
folgende Leben. Dieses ist freilich ein ganz anderes, aber es wird
herausentwickelt aus dem Leben hier; das ist das Wesentliche, was
man iiberschauen muB. Mancherlei tritt einem anders entgegen aus
der Geisteswissenschaft, als man vermutet. Deshalb muB ich am
Schlusse noch einige Bemerkungen machen.
Es konnte sehr leicht der Glaube entstehen, daB derjenige, der nun
in die geistige Welt eintritt, unbedingt selber . ein Geistesforscher
werden miisse. Das ist nicht notig, obwohl ich beschrieben habe in
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
so viel von dem, was die Seele aus sich machen muB, damit sie wirklich
eintreten kann. Und es kann es heute bis zu einem gewissen Grade
jeder, aber es braucht es nicht jeder. Das, was man als Seelisches ent-
wickelt hat, ist eine rein innerliche Angelegenheit; das aber, was
daraus entsteht, ist, daB die erforschten Wahrheiten in Begriffe ge-
formt werden, daB man in solche Vorstellungen, wie ich sie heute ent-
wickelt habe, einkleidet, was der Geistesforscher geben kann. Dann
kann es mitgeteilt werden. Fur das, was der Mensch braucht, ist es
ganz gleichgiiltig - ich spreche damit ein Gesetz der Geistesforschung
aus -, ob man die Dinge selber erforscht hat, oder ob man sie von
anderer glaubwiirdiger Seite erhalten hat. Es kommt nicht darauf an,
die Dinge selbst zu erforschen, sondern es kommt darauf an, daB man
sie in sich hat, daB man sie in sich entwickelt hat. Es ist daher eine
irrtiimliche Vorstellung, wenn man glaubt, ein jeder miisse ein Geistes-
forscher werden. Der Geistesforscher wird nur heute das Bediirfnis
haben, wie ich selber das Bediirfnis gehabt habe, iiber seinen For-
schungsweg gewissermaBen Rechenschaft zu geben. Und nicht nur
aus dem Grunde, weil heute bis zu einem gewissen Grade jeder ohne
alien Schaden den Weg gehen kann, den ich beschrieben habe, son-
dern auch, weil jeder berechtigt ist zu fragen: Wie hast du es gemacht,
daB du zu solchen Resultaten gekommen bist? - daher habe ich diese
Dinge beschrieben. Und ich glaube, daB auch jeder, der nicht ein
Geistesforscher werden will, wenigstens sich iiberzeugen wird wollen,
wie der Geistesforscher zu den Resultaten kommt, die ja heute jeder
braucht, der im Sinne der heutigen menschlichen Entwickelung die
Grundlage legen will fur das Leben, das sich in den Menschenseelen
entwickeln muB.
Es ist heute die Zeit voriiber, die in alten Zeiten beziiglich der
Geistesforschung da war, wo man so sehr zumckgehalten hat das-
jenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit
streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Auch heute noch halten
diejenigen, die von diesen Geheimnissen des Lebens wissen - es sind
ja ihrer nicht wenige -, mit diesen Dingen zuriick. Wer bloB als
Schiiler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der
wird unter alien Umstanden nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben !
Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber
gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muB
der iibrigen Menschheit dienen.
Es kann schon aus den wenigen kurzen Andeuturigen, die ich heute
geben konnte, hervorgehen, was fur den einzelnen Menschen Geistes-
forschung sein kann; aber sie ist nicht bloB fur den einzelnen Men-
schen von Bedeutung. Und um dieses andere zum Schlusse mit ein
paar Worten wenigstens anzudeuten, mochte ich auf etwas hinweisen,
was recht wenig heute beriicksichtigt wird.
Es ist eine eigentiimliche Erscheinung, auf die ich aufmerksam
machen mochte in der folgenden Art: Wir haben in der zweiten
Halfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse naturwissenschaftliche Rich-
tung groB heraufkommen sehen, es ist die an den Namen Darwin
sich kniipfende Erklarung der Lebewesen. Begeisterte, gelehrte For-
scher, begeisterte Schiller haben diese Dinge durch die Jahrzehnte
der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts getragen. Ich habe vielleicht
auch hier schon darauf aufmerksam gemacht, was da fur ein eigen-
tumliches Faktum eingetreten ist. In den sechziger Jahren schon war
die Sache so, daB unter der Fuhrung Haeckels eine machtige Welt-
anschauungsbewegung entstanden war, welche alles Alte iiber den
Haufen werfen und die ganze Weltanschauung umgestalten wollte
nach darwinistischen Begriffen. Heute gibt es noch immer zahl-
reiche Leute, welche hervorheben, wie groB und bedeutend es
gewesen ware, wenn man nicht mehr eine weisheitsvolle Weltenlen-
kung hatte, sondern daB aus mechanistischen Kraften heraus im
Sinne des Darwinismus das Werden alles hatte erklart werden
konnen.
1869 trat Eduard von Hartmann auf mit seiner « Philosophic des
UnbewuBten» und wendete sich gegen den rein auBerlich die Welt
auffassenden Darwinismus, indem er auf die Notwendigkeit innerer
Krafte, wenn auch in unzulanglicher Weise - Geistesforschung hatte
er nicht -, in bloB philosophischer Weise hinwies. Selbstverstandlich
waren diejenigen, welche begeistert waren vom Heraufkommen des
Darwinismus, bereit, zu sagen: Nun, der Philosoph ist ein Dilettant,
man braucht nicht auf ihn zu horen. - Gegenschriften erschienen, in
denen man spottisch iiber den Dilettanten Eduard von Hartmann
redete: der wahre, gelehrte Naturforscher braucht auf solche Dinge
nichts zu geben.
Da erschien auch eine Schrift von einem Anonymus, die diese
Schrift von Eduard von Hartmann glanzend widerlegte. Mit dieser
Schrift waren die Naturforscher und diejenigen, die in ihrem Sinne
dachten, recht einverstanden, denn Eduard von Hartmann wurde voll-
standig widerlegt. Alles, was man da vorbringen konnte, recht gelehrt
aus dem Fond der Naturwissenschaft heraus, wurde in dieser Schrift
von einem Ungenannten gegen Eduard von Hartmann vorgebracht -
geradeso wie heute vieles vorgebracht wird gegen Geistesforschung.
Und siehe da, die Schrift wurde sehr beifallig aufgenommen. Haeckel
sagte : Das hat einmal ein wirklicher Naturforscher geschrieben gegen
diesen Dilettanten Eduard von Hartmann; da sieht man, was ein
Naturforscher kann; ich selber konnte nichts Besseres schreiben. Er
nenne sich uns, und wir betrachten ihn als einen der Unsrigen. -
Kurz, die Naturforscher haben fur diese Schrift, die ihnen sehr zugute
kam, recht Propaganda gemacht, so daB sie bald vergriffen war. Eine
zweite Auflage war notig. Da nannte sich der Verfasser: es war
Eduard von Hartmann!
Da hat einmal jemand der Welt eine Lektion erteilt, die wichtig war.
Derjenige namlich, der heute erleben muB als Geistesforscher, was
gegen Geistesforschung geschrieben ist, konnte namlich alles das aus
dem kleinen Finger sich saugen ohne viel Muhe, was gegen die
Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Eduard von Hartmann konnte
auch alles das, was die Naturforscher gegen ihn vorbrachten, sich
schon selber sagen - und er tat es.
Aber dies nur als Einleitung. Worauf es mir ankommt ist das:
Oscar Hertwig ist einer der bedeutendsten Schuler Haeckels, der den
emsigen und ehrlichen und groBen Forscherweg der Naturwissen-
schaft beschritten hat. Hertwig hat im vorigen Jahre ein sehr schones
Buch geschrieben. Das Buch heiBt «Das Werden der Organismen.
Eine Widerlegung von Darwin's Zufallstheorie», und darin weist er
hin auf solche Dinge, wie sie schon Eduard von Hartmann vor-
gebracht hat. Solch eine Sache ist eigentlich ziemlich ohne Beispiel da :
daB schon die nachste Generation, diejenige, die noch unter dem
Meister aufgewachsen ist, abkommen muB von etwas, wovon man
glaubte, daft es eine ganze Weltanschauung aufbauen, daB es auch
iiber die geistige Welt AufschluB geben konne. Ein guter Darwinist
widerlegt den Darwinismus! Aber er tut noch mehr; und das ist es,
worauf es mir zum Schlusse ankommt.
Oscar Hertwig schreibt am Schlusse seines so ausgezeichneten,
schonen Buches «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung
von Darwin's Zufallstheorie», so etwas wie eine Weltanschauung, wie
der Darwinismus es war, stehe nicht bloB als ein theoretisches Ge-
baude da, sondern greife ein in das ganze Menschenleben, umfasse
gewissermaBen das auch, was die Menschen tun, wollen, fuhlen und
denken. Er sagt: «Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren
Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr viel-
seitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des
sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus
einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwiinscht war,
seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizi-
nische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekraftigung seiner
Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgepragten
Biologie mit ihren unabanderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun
aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind, sollten da bei
ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch
soziale Gefahren bestehen konnen? Man glaube doch nicht, daB die
menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen,
wie unerbittlicher Kampf urns Dasein, Auslese des Passenden, des
Niitzlichen, des ZweckmaBigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl
etc. in ihrer Ubertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tagliches
Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideen-
bildung defer und nachhaltiger beeinfluBt zu werden ! Der Nachweis
fur diese Behauptung wiirde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen
der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung iiber
Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit iiber den Rahmen
der biologischen Wissenschaften hinaus.»
Im Leben iiberall zeigt sich dasjenige, was in einer solchen Theorie
zutage tritt. Dann entsteht die Frage, die auch ins Leben eingreift, von
dem Gebiete der Geisteswissenschaft her. Wir leben heute in einer
traurigen, in einer fiir die Menschheit tragischen Zeit. Es ist die Zeit,
die herausentwickelt ist doch aus den menschlichen Vorstellungen,
aus den menschlichen Ideen. Derjenige, der die Zusammenhange
geisteswissenschaftlich studiert, weiB es, der kennt den Zusammen-
hang desjenigen, was uns jetzt auBerlich gegeniibertritt mit dem, was
die Menschheit jetzt an Tragischem erlebt. Man erlebt gar vieles; die
Menschen glauben zu wissen, sie glauben mit ihren Begriffen die
Wirklichkeit zu umspannen - sie umspannen sie nicht. Und dadurch,
daB sie sie nicht umspannen, weil mit naturwissenschaftlich gearteten
Begriffen nie die Wirklichkeit umspannt werden kann, dadurch
wachst ihnen die Wirklichkeit iiber den Kopf und zeigt ihnen, indem
die Ereignisse den Menschen iiber den Kopf wachsen, daB die Men-
schen wohl eintreten konnen in solche Ereignisse, aber dann dasjenige
Chaos entsteht, von dem wir in der Gegenwart umgeben sind.
Geisteswissenschaft entsteht nicht nur - wie es ja wahr ist - durch
eine innere Notwendigkeit; sie wiirde entstanden sein durch eben
diese innere Notwendigkeit, wenn die auBeren Ereignisse auch nicht
als ein groBartiges, gewaltiges Zeichen jetzt dastehen wiirden. DaB
die alten Weltanschauungen zwar auf naturwissenschaftlichem Ge-
biete groB sind, daB sie aber niemals auf sozialem, auf rechtlichem,
auf politischem Gebiete in die Welt gestaltend eingreifen konnen,
daB die Wirklichkeit die Menschen iiberwachst, wenn sie das wollen,
das ist es, was von der andern Seite her in gewaltigen Zeichen auf die
Geisteswissenschaft hinweist, die wirklichkeitsgemaBe Begriffe sucht,
Begriffe, die der Wirklichkeit entlehnt sind und daher auch fahig sein
werden, auf sozialem, auf politischem Gebiete die Welt zu tragen.
Man mag noch so sehr mit den Begriffen, die auBerhalb der Geistes-
wissenschaft heute iiblich sind, glauben aus dem Chaos herauszukom-
men, man wird es nicht; denn in der Wirklichkeit waltet der Geist.
Und weil der Mensch mit seinen Handlungen selbst in diese Wirklich-
keit eingreift im sozialen, im politischen Leben, so braucht er, um zu
fruchtbaren Begriffen auf diesem Gebiete zu kommen, solche Vor-
stellungen, solche Empfindungen, solche Willensimpulse, welche aus
dem Geiste herausgeholt sind. Politik und Sozialwissenschaft, sie
werden in der Zukunft dasjenige brauchen, wozu allein Geisteswissen-
schaft die Grundlage legen kann. Das ist dasjenige, was auch fur die
heutige Zeitgeschichte von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
Ich selbst kann heute in diesem Vortrage, der schon lang genug
geworden ist, nur einzelne Anregungen geben wollen. Hinweisen
darauf will ich nur, daB dasjenige, was als Geisteswissenschaft heute
in systematischer Ordnung auftritt, von den Besten gewollt ist. Kame
es allein auf mich an, so wiirde ich diese Geisteswissenschaft mit
einem besonderen Namen belegen. Denn seit mehr als reichlich
dreiBig Jahren arbeite ich zu immer groBerer und groBerer Aus-
gestaltung diejenigen Vorstellungen aus, die Goethe an der Wirklich-
keit gewonnen hat in seiner groBartigen Metamorphosenlehre, wo er
schon den Begriff lebendig zu machen versuchte gegenuber den toten
Begriffen. Das war dazumal nur elementar moglich. Wenn man aber
Goethe nicht nur bloB historisch nimmt, wenn man ihn als einen
noch Gegenwartigen betrachtet, so gestaltet sich heute gerade die
Goethesche Metamorphosenlehre um zu demjenigen, was ich leben-
dige Begriffe nenne, die dann den Weg in die Geisteswissenschaft
finden. Goetheanismus mochte ich am liebsten dasjenige nennen, was
ich mit der Geistesforschung meine, weil es auf den gesunden Grund-
lagen einer Wirklichkeitsauf fas sung beruht, wie sie Goethe gewollt
hat. Und den Bau in Dornach, der dieser Geistesforschung gewidmet
sein soli, und durch den diese Geistesforschung mehr bekannt-
geworden ist, als sie vielleicht ohne ihn bekanntgeworden ware, ich
mochte ihn am liebsten Goetheanum nennen, damit man sehen wiirde,
daB dasjenige, was als Geistesforschung heute auftritt, in vollem,
gesundem EntwickelungsprozeB der Menschheit drinnensteht. Frei-
lich sagen heute noch viele, die da glauben, auch sich zur Goetheschen
Weltanschauung zu bekennen: Goethe war derjenige, der die Natur
vor alien Dingen als das Hochste anerkannte und auch den Geist aus
der Natur hervorgehen lieB. - Nun, Goethe hat schon als ganz junger
Mann gesagt: «Gedacht hat sie und sinnt bestandig»; sinnt bestandig,
wenn auch nicht als Mensch, sondern als Natur. Mit demjenigen
Naturalismus, der die Natur durchgeistigt denkt wie Goethe - man
kann mit ihm einverstanden sein, wenn man auch Geistesforscher ist.
Und denjenigen, die da immer glauben, man musse an den Grenzen
der Erkenntnis stehenbleiben, konne da nicht weiter, denen kann mit
Goethes Worten wohl erwidert werden - und las sen Sie mich daher
diese Worte noch am Schlusse anfiigen, die Goethe gebr auchte gegen-
iiber einem andern verdienten Forscher, der die spatere Kantsche
Anschauung vertrat:
Ins Innere der Natur -
Dringt kein erschaffner Geist.
Giiickselig, wem sie nur
Die auBere Schale weist!
Dem gegenuber hat Goethe die Worte gestellt, die da bedeuteten, daB
Goethe wohl wuBte, daB wenn der Mensch den Geist in sich selber
erweckt, er auch den Geist in der Welt findet, und sich als Geist:
Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Giiickselig, wem sie nur
Die auBere Schale weist! -
So hor ich schon an die sechzig Jahre wiederholen
Und fluche darauf - aber verstohlen -,
Natur hat weder Kern noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale.
Dich priife du nur zu allermeist,
Ob du selbst Kern oder Schale seist !
Geisteswissenschaft will dahin wirken, daB der Mensch sich ernst-
haftig priifen lernt, ob er selbst Kern oder Schale sei. Und er ist
Kern, wenn er sich in seiner vollen Wirklichkeit erfaBt. ErfaBt er sich
als Kern, dann dringt er auch vor bis zum Geist der Natur; dann wird
in der Entwickelung der Menschheit mit Bezug auf die Geistes-
forschung etwas Ahnliches eintreten, wie es eintreten muBte, als
Kopernikus vom Sichtbaren auf das Nichtsichtbare sogar fur dieses
Sichtbare selbst hingewiesen hat.
Fur das Ubersinnliche aber wird sich die Menschheit dazu be-
quemen miissen, in sich selber dieses Ubersinnliche zu erfassen. Man
braucht dazu kein Geistesforscher zu werden; man muB aber alle
Vorurteile hinwegraumen, welche sich vor die Seele lagern, wenn
dasjenige verstanden werden soil, was die Geistesforschung gerade
aus einer solchen Goetheschen Gesinnung heraus meint.
Dies wollte ich nur als ein paar Anregungen heute geben. Man
kann von diesem Gesichtspunkte aus wenigstens immer nur anregen;
denn wollte man ausfuhren dasjenige in alien Einzelheiten, miiBte
man viele Vortrage halten. Aber ich glaube, diese wenigen Ausfiih-
rungen werden geniigt haben, um zu zeigen, daB etwas herausgeholt
werden soil aus dem Entwickelungsprozesse der Menschheit, das
diese Seele des Menschen erst zum vollen Leben erweckt. Niemand
braucht zu glauben, daB er die Seele verkiimmert, daB er irgend etwas
ersterben laBt in sich, auch das religiose Leben nicht. Denn geradeso
wie Goethe gesagt hat:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt
Hat auch Religion,
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion!
so darf man sagen, so wie sich die Denkweise der neueren Zeit ent-
wickelt: Wer geisteswissenschaftliche Wege finden wird, wird den
Weg zum wahren religiosen Leben auch finden; wer aber den geistes-
wissenschaftlichen Weg nicht findet, von dem kann befurchtet wer-
den, daB er auch fur die Zukunft den fur die Menschheit so notigen
religiosen Weg verliert!
DAS GEHEIMNIS DES DOPPELGANGERS
GEOGRAPHISCHE MEDIZIN
St. Gallen, 16. November 1917
Sie werden bemerkt haben, daB in dem gestrigen offentlichen Vor-
trage etwas gesagt wurde, das sehr bedeutungsvoll ist fiir die Auf-
fassung geistiger Erkenntnisse innerhalb des Menschenlebens. Ich
habe angedeutet, wie diejenigen Menschen, welche in der Gegenwart
hier auf dem physischen Plane vorzugsweise nur aufnehmen Vor-
stellungen, die aus der Sinneswelt kommen, oder gewonnen sind mit
dem Verstande, der sich an die Sinneswelt bindet, der von etwas
anderem nichts wissen will als von der Sinnenwelt, wie solche Men-
schen nach ihrem Tode gewissermaBen gebunden sind an eine Um-
gebung, welche noch stark hereinfallt in die irdische, in die physische
Region, in welcher der Mensch in der Zeit zwischen der Geburt und
dem Tode ist. So daB durch solche Menschen, die also durch ihr
Leben innerhalb des physischen Leibes sich nach dem Tode noch
lange Zeit hereinbannen in die irdisch-physische Welt, zerstorende
Krafte innerhalb dieser physischen Welt geschaffen werden. Mit einer
solchen Sache beriihrt man tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse des
menschlichen Lebens, solche Geheimnisse, welche durch Jahr-
hunderte, Jahrtausende kann man sagen, gewisse okkulte Gesell-
schaften sorgfaltig behiitet haben, weil sie - wir wollen heute nicht
untersuchen, mit welchem Rechte - behauptet haben, daB die Men-
schen nicht reif seien zum Empfange solcher Wahrheiten, solcher
Geheimnisse, und daB durch das Bekanntwerden groBe Verwirrung
gestiftet wiirde. Ober das Recht, solche tief einschneidenden, fur das
Leben so bedeutungsvollen Wahrheiten zuriickzuhalten vor den Men-
schen und sie nur im engeren Kreise von okkulten Schulen zu pflegen,
iiber dieses Recht wollen wir uns heute weniger aussprechen. Aber
gesagt werden muB, daB die Zeit herangeriickt ist, in welcher die
Menschheit im weiteren Kreise nicht sein kann und nicht sein darf
ohne die Mitteilungen gewisser Geheimnisse iiber die ubersinnliche
Welt von der Art, wie das gestern erwahnt wurde. Ja, es wird immer
weiter und weiter gegangen werden mussen in der offentlichen Mit-
teilung solcher Dinge.
Wenn es auch in gewissen Grenzen in fruheren Zeiten, in denen
die Menschheit in andern Bedingungen gelebt hat, berechtigt war,
solche Geheimnisse zuriickzuhalten, jetzt ware die Sache nicht mehr
berechtigt, denn jetzt steht der Mensch - wir wissen, es ist die fiinfte
Epoche der nachatlantischen Zeit -, jetzt steht der Mensch in Lebens-
bedingungen, in denen er durch die Pforte des Todes unbedingt als
ein solcher Zerstorer treten wiirde, wenn er sich nicht hier im Leben
immer mehr und mehr umsehen wiirde nach Vorstellungen, nach
Begriffen und Ideen, die von ubersinnlichen Dingen handeln. Man
kann daher nicht sagen, daB dieMenschenRecht haben, die behaupten:
Nun ja, was nach dem Tode kommt, das kann man ja abwarten. Nein,
wissen muB man zwischen der Geburt und dem Tode von gewissen
Dingen der geistigen Welt in der Art, wie es gestern angedeutet
worden ist, um mit diesen Vorstellungen, mit diesen Ideen durch die
Pforte des Todes zu treten.
In fruheren Zeiten der Menschheitsentwickelung war das anders.
Sie wissen, daB bis ins 16. Jahrhundert, bis zum Auftauchen der
Kopernikanischen Weltanschauung, die Menschen ganz anderes ge-
glaubt haben iiber das Weltengebaude. Nun ist es selbstverstandlich
notwendig gewesen fiir den menschlichen Fortschritt, auch fur das
Hereindringen der menschlichen Freiheit in die Menschheitsentwicke-
lung, daB die Kopernikanische Weltanschauung gekommen ist, ge-
radeso wie jetzt die Geisteswissenschaft kommen muB. Aber mit der-
jenigen physischen Weltanschauung, die die Menschen vor dem
Kopernikanismus gehabt haben - man kann sie heute meinetwillen
falsch nennen -, mit dieser Anschauung iiber das physische Welten-
gebaude, daB die Erde stillsteht, die Sonne sich um den Erdenhimmel
herum bewegt, die Sterne sich um die Erde bewegen, daB jenseits des
Sternenhimmels eine geistige Sphare ist, in der die geistigen Wesen-
heiten wohnen, mit dieser Anschauung vom Weltengebaude konnten
die Menschen noch durch die Pforte des Todes gehen, ohne zuriick-
gehalten zu werden als Gestorbene in der irdischen Sphare. Diese
Weltanschauung bewirkte noch nicht, daB die Menschen, wenn sie
durch die Pforte des Todes gingen, zu Zerstorern in der irdischen
Sphare wurden. Erst das Hereinbrechen des Kopernikanismus, erst
die Vorstellung, daB die ganze Welt, die im Raume ausgebreitet ist,
auch nur von Raumesgesetzen beherrscht ist, die Vorstellung erst
dieser Kopernikanischen Art, die Erde um die Sonne kreisen zu
lassen, die fesselt den Menschen an das physisch-sinnliche Dasein und
verhindert ihn nach dem Tode, in die geistige Welt entsprechend
aufzusteigen.
Man muB heute auch diese Kehrseite der Kopernikanischen Welt-
anschauung kennenlernen, nachdem durch Jahrhunderte darauf vor-
bereitet worden ist, das groBartig Fortschrittliche der Kopernikani-
schen Weltanschauung immer wieder und wiederum vor die Seele der
Menschen hinzustellen. Das eine ist ebenso berechtigt wie das andere.
Wenn auch das eine heute noch als Klugheit gilt - es ist freilich eine
recht philistrose Klugheit schon geworden, daB die Kopernikanische
Weltanschauung die allein seligmachende Lehre ist -, aber wenn das
auch noch heute die Klugheit ist und das andere, daB der Mensch
durch diese Kopernikanische Weltanschauung nach dem Tode an die
Erde gefesselt wird, wenn er sich nicht eine geistige Vorstellung davon
macht, wie man sie heute in der Geisteswissenschaft haben kann, fur
die heutigen Menschen zwar noch eine Torheit ist, eine Narrheit:
aber es ist eben eine Wahrheit. Sie wissen ja schon aus der Bibel, daB
manches, was vor den Menschen eine Torheit ist, eine Weisheit ist
vor den Gottern.
Denn wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, so
andert er sein BewuBtsein. Es ware eine ganz falsche Vorstellung,
zu glauben, daB der Mensch nach dem Tode bewuBtlos wiirde. Diese
sonderbare Vorstellung ist sogar in manchen Kreisen, die sich «theo-
sophische» nennen, verbreitet. Es ist ein Unsinn. Im Gegenteil, das
BewuBtsein wird ein viel machtigeres, wird ein viel intensiveres, aber
es ist ein andersartiges. Selbst schon gegeniiber den gewohnlichen
Vorstellungen der physischen Welt muB gesagt werden, daB die be-
wuBten Vorstellungen nach dem Tode etwas anderes sind.
Vor alien Dingen kommt der Mensch nach dem Tode zusammen
mit denjenigen Menschen, mit denen er durch das Leben karmisch
verkniipft ist. Also es kann so sein, daB der Tote in der geistigen Welt
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt vielen Menschenseelen
begegnet, durch die er dur chgeht - denn dort herrscht Durchganglich-
keit, nicht Undurchdringlichkeit an denen er sich vorbeibewegt,
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf; sie sind fur ihn nicht da.
Da sind diejenigen, zu denen er irgendwelche karmische Verbindung
hat. DaB wir immer mehr und mehr hineinwachsen in einen all-
gemeinen Weltenzusammenhang, auch nach dem Tode, das miissen
wir uns erwerben durch das Leben hier auf der Erde. Und die Be-
griindung von rein auf das Geistige gebauten Gesellschaften ist schon
eine Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft. Warum sucht man
solche Gesellschaften, wie die anthroposophische ist, zu begriinden?
Warum sucht man Menschen gewissermaBen unter solchen Ideen zu
vereinen? Weil dadurch ein karmisches Band geschaffen wird zwischen
Menschen, die sich finden sollen in der geistigen Welt, die auch in der
geistigen Welt zusammengehoren sollen, was sie nicht konnten, wenn
sie vereinsamt hier herumlaufen wiirden. Gerade durch die Moglich-
keit, geistige Erkenntnisse und geistige Weistiimer untereinander aus-
zubreiten, schafFt man ungeheuer viel fur das Leben in der geistigen
Welt, das aber zuriickwirkt auf die physisch-sinnliche Welt, denn die
steht fortwahrend unter dem EinfluB der geistigen Welt. Hier ge-
schehen ja uberhaupt nur die Wirkungen; driiben in der geistigen
Welt, auch indem wir hier auf dem physischen Plane leben, geschehen
die Ursachen. Und wir konnen sagen, wenn wir uns rein befassen mit
dem, was heute so vielfach propagandistisch betrieben wird: Ver-
einigungen werden ja fur alles mogliche gestiftet, aber wenn sie auch
aus noch so groBem Enthusiasmus hervorgehen, geistigen Angelegen-
heiten sind sie oftmals wirklich sehr wenig gewidmet. Man denkt
durch manche Vereinigungen die Erde allmahlich in ein irdisches
Paradies zu verwandeln, na, vor diesen drei Kriegsjahren waren auch
schon zahlreiche solche Vereinigungen auf der Erde begnindet, in
denen die Menschen daran gearbeitet haben, Europa allmahlich in ein
soziales Paradies zu verwandeln! Das, was jetzt da ist, spricht nicht
sonderlich dafur, daB die Dinge so gehen, wie man sie meint dirigieren
zu konnen.
Auf der andern Seite abet ist allerdings das Zusammenwirken der
physischen Welt mit der geistigen komplizierter. Und dennoch muB
gesagt werden : Wenn unter dem Lichte spiritueller Wissenschaft Ver-
einigungen gegriindet werden, so arbeiten die Menschen dadurch mit,
nicht nur an der Welt der Wirkungen, sondern an der Welt der Ur-
sachen, die hinter den sinnlichen Wirkungen liegen. - Mit diesem
Gefiihle muB man sich durchdringen, wenn man richtig verstehen
will das unendlich tief Bedeutsame, das gerade in dem Zusammen-
leben in spiritueller Arbeit in der Gegenwart und in der Zukunft der
Menschheit geleistet wird.
Dies ist nicht etwas, was aus irgendeiner bloBen Vereinsmeierei her-
vorgehen kann, sondern dies, ist eine heilige Aufgabe, welche von den
die Welt dirigierenden gottKch-geistigen Wesenheiten in die Mensch-
heit der Gegenwart und der Zukunft hineingelegt werden sollte.
Denn gewisse Vorstellungen werden die Menschen doch uber die
ubersinnliche Welt aufnehmen mils sen, weil aus der sinnlichen Welt
immer weniger und weniger ubersinnliche Vorstellungen kommen
werden. Ich mochte sagen, aus der sinnlichen Welt werden gerade
durch die fortschreitende Naturwissenschaft die iibersinnlichen Vor-
stellungen immer mehr und mehr ausgetrieben werden. Daher wurden
die Menschen sich allmahlich von der geistigen Welt ganz aus-
schlieBen, wenn sie keine iibersinnlichen, keine geistigen BegrifFe auf-
nehmen wurden. Sie wurden sich dazu verurteilen, nach dem Tode
ganz und gar mit dem, was bloBe physische Erde ist, sich zu ver-
binden; mit dem auch zu verbinden, was die physische Erde wird.
Aber die physische Erde wird ein Leichnam in der Zukunft, und
die Menschen stiinden vor der furchtbaren Perspektive, sich zu ver-
urteilen dazu, in der Zukunft einen Leichnam zu bewohnen als Seele,
wenn sie nicht sich dazu entschlieBen wurden, in die spirituelle Welt
sich einzuleben, in der spirituellen Welt Wurzel zu fassen. Es ist eine
ernste, eine bedeutungsvolle Aufgabe, welche dem Betrieb der
Geisteswissenschaft gestellt ist. Das miissen wir uns gewissermaBen
jeden Tag einmal als einen heiligen Gedanken vor die Seele rufen,
damit wir nimmermehr verlieren konnen den Eifer fur diese be-
rechtigte Angelegenheit der Geisteswissenschaft.
Und solche Vorstellungen, die sich vermehren und vermehren kon-
nen, wenn wir mitmachen dasjenige, was iiber diese geistige Welt an
vielen Begriffen nun schon hereingekommen ist aus der geistigen
Welt in unsere geistige Stromung, all das, was an Begriffen uns da zu-
kommt, das befahigt uns eben, uns frei zu machen von der Fesselung
an das Irdische, an das Zerstorerische im Irdischen, um zu wirken aus
andern Richtungen her. Wir bleiben ja deshalb doch mit den Seelen,
die wir auf Erden zuriickgelassen haben und mit denen wir karmisch
verbunden sind, auch mit der Erde in Verbindung, aber von andern
Orten her verbunden. Ja, wir sind sogar intensiver verbunden mit den
auf der Erde zuriickgelassenen Seelen, wenn wir gewissermaBen aus
hoheren geistigen Regionen mit ihnen verbunden sind, wenn wir
nicht verurteilt sind durch ein rein materialistisches Leben - gewisser-
maBen auf der Erde zu spuken, wo wir dann nicht in Liebe verbunden
sein konnen mit irgend etwas auf der Erde, sondern wo wir eigentlich
nur zerstorerische Zentren sind.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn wir hier unser BewuBtsein
allmahlich von der Kindheit auf entwickeln - nun, wir wissen, wie
dieses BewuBtsein heranwachst, herangedeiht, das brauchen wir nicht
zu schildern. Nach dem Tode herrschen ganz andere Vorgange, um
das BewuBtsein, das wir uns fur das Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt erwerben miissen, allmahlich wirklich zu er-
langen. So wie wir auf der Erde herumgehen, Erfahrungen machen,
Erlebnisse haben, so ist es nicht nach dem Tode; das haben wir ge-
wissermaBen nicht notwendig. Was wir aber notwendig haben, das
ist, daB wir das ungeheuer Intensive, das mit uns verbunden ist, wenn
wir den physischen Leib verlassen haben, gewissermaBen von uns
loslosen. Wir sind, indem wir durch die Pforte des Todes gehen, Ver-
haltnisse zu ihr haben, mit jener geistigen Welt verwachsen, die wir
hier durch die Geisteswissenschaft beschreiben. Wir beschreiben sie
als die Welt der hoheren Hierarchien: Angeloi, Archangeloi, Archai,
Exusiai, Dynamis, Kyriotetes und so weiter, als die Welt der hoheren
Hierarchien und der Taten und Erlebnisse dieser Hierarchien. Hier
ist die Welt auBer uns ; die Welt des Mineralreichs, des Pflanzenreichs,
des Tierreichs ist in unserem Umkreise. Wenn wir durch die Pforte
des Todes gegangen sind, da sind diese geistigen Wesenheiten, die
wir in den hoheren Hierarchien aufzahlen, ja ihre Welten selbst in uns.
Wir sind mit ihnen verbunden; wir konnen uns zunachst nur nicht
von ihnen unterscheiden; wir leben in ihnen drinnen, indem sie uns
erfiillen. Es ist das schon ein schwieriger Begriff, aber man muB sich
ihn aneignen: Hier sind wir auBerhalb der Welt, dort sind wir inner-
halb der Welt. Unser Wesen breitet sich aus iiber die ganze Welt; aber
wir konnen uns nicht unterscheiden. Wir sind gewissermaBen nach
dem Tode vollgepfropft mit den Wesen der hoheren Hierarchien und
mit dem, was diese Hierarchien tun. Aber es handelt sich vor alien
Dingen darum, daB wir die nachsten Hierarchien, von denen wir er-
fullt sind, die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai, los-
losen konnen von den hoheren Hierarchien. Wir kommen driiben gar
nicht zu einem ordentlichen Ich-BewuBtsein - von andern Gesichts-
punkten habe ich in Zyklen und Vortragen dieses Heranreifen des
Ich-BewuBtseins ja schon geschildert -, aber wir kommen nicht zu
einem ordentlichen Ich-BewuBtsein, wenn wir nicht in uns die Kraft
finden konnen, driiben zu unterscheiden: Was ist in uns - Angelos?
Elohim? Was ist ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, was ein
Wesen aus der Hierarchie der Exusiai, der Formgeister? Wir mussen
da driiben unterscheiden lernen, wir mussen die Kraft haben, los-
zulosen von dem, was mit uns verbunden ist, dasjenige, was wir er-
kennen wollen; sonst ist es in uns, steht nicht auBer uns. Hier mussen
wir mit dem, was drauBen ist, zusammenkommen, es anschauen; dort
mussen wir es von uns loslosen, damit wir mit ihm verbunden sein
konnen.
Nun, wie die Welt jetzt ist in der Menschheitsentwickelung, konnen
wir dasjenige, was wir sonst wie schlafend nur in uns tragen wiirden,
nur dadurch loslosen, daB wir uns spirituelle BegrifFe aneignen; diese
spirituellen BegrifTe, die hier dem Menschen so unbequem sind, weil
er sich ein biBchen anstrengen muB, mehr anstrengen muB als bei den
gewohnlichen BegrifTen. Wenn er sich sie aneignet, entwickeln sie
nach dem Tode eine ungeheure Kraft, durch die wir dort iiberhaupt
erst die Fahigkeit gewinnen, die geistige Welt zu erkennen, zu durch-
schauen. Das ist sehr wichtig. Die Menschen finden es unbequem
heute, sich spirituelle BegrifFe anzueignen. Sie gehen gern in solche
Veranstaltungen, wo man ihnen allerlei Lichtbilder, oder was sonst
von der Art da ist, vorfuhrt, damit sie mogKchst wenig iibersinnlich
zu denken brauchen, alles nut sehen konnen, oder mindestens gehen
sie gern zu Veranstaltungen, wo ihnen von Dingen erzahlt wird, die
sie sonst auch immer vor Augen haben. Aber die Anstrengung scheut
heute der Mensch, sich zu erheben zu solchen Begriffen, die hier
schwieriger sind, weil sie kein auBeres Objekt haben, weil ihr Objekt
die Tatsachen sind, auf die sie sich beziehen in der iibersinnlichen
Welt. Aber dort driiben sind sie die Krafte, die uns in Wirklichkeit
die Welt erst geben.
So erwerben wir uns durch die spirituellen Ideen und BegrifFe die-
jenige Weisheit, die wir brauchen, damit wir driiben ein Licht haben;
sonst ist alles dunkel, Denn dasjenige, was hier als Weisheit angeeignet
ist, ist driiben Licht, geistiges Licht. Weisheit ist geistiges Licht. Ja,
damit es driiben nicht finster ist, brauchen wir Weisheit. Und wenn
wir uns keine spirituellen BegrifFe aneignen, so ist das eben das beste
Mittel, driiben kein Licht zu haben. Aber wenn man kein Licht hat,
so bewegt man sich weg aus der Sphare, die man beleuchten sollte,
und kommt eben zuriick zur Erde und wandelt als Toter als zer-
storendes Zentrum auf der Erde herum, kann dann hochstens ab und
zu von einem schwarzen Magier dazu beniitzt werden, um die Inspira-
tion zu liefern zu ganz besonderen Verrichtungen und zu zerstore-
rischen Werken auf der Erde.
Weisheit braucht man also, damit man Licht hat nach dem Tode.
Aber man braucht nach dem Tode auch noch etwas anderes; man
braucht nach dem Tode nicht nur die Fahigkeit, die Wesen loszulosen,
so daB man sie iiberhaupt vor sich haben kann, die Wesen der geistigen
Welt, man braucht nach dem Tode auch die Fahigkeit der Liebe,
sonst wiirde man die Verhaltnisse zu den Wesen, die man durch
Weisheit schaut, nicht in der richtigen Weise entwickeln konnen.
Man braucht Liebe. Aber die Liebe, die hier auf der Erde entwickelt
wird und die im wesentlichen abhangig ist auch vom physischen
Leibe, sie ist ein Gefiihl, sie ist vom Atmungsrhythmus abhangig hier
in der physischen Welt. Diese Liebe konnen wir auch nicht hiniiber-
nehmen in die geistige Welt. Das ware eine vollstandige Illusion,
wenn man glauben wiirde, die Liebe, die man namentlich in der
jet2igen Zeit hier entwickelt, die konne man in die geistige Welt
hinubernehmen. Aber man nimmt alle Kraft der Liebe in die geistige
Welt hiniiber von dem, was man sich hier in der physischen Welt
gerade durch die sinnenfallige Anschauung erwirbt, durch das Leben
mit der physischen Wesenheit. Die Liebe wird schon angefeuert durch
dasjenige, was sich hier in der physischen Welt an Verstandnis fur
diese physische Welt entwickelt. Und gerade solche Erlebnisse wie die
Weltanschauungserlebnisse mit der modernen Naturwissenschaft,
wenn man sie als Empfindungen aufnimmt, die entwickeln fiiir driiben
die Liebe. Nur - die Liebe, die ist etwas, was hoch oder niedrig ist,
je nach dem Gebiete, auf dem sie sich entfaltet. Wenn Sie durchgehen
durch die Pforte des Todes und als ein zerstorendes Zentrum im Be-
reich der Erde bleiben miissen, so haben Sie zwar auch viel Liebe
entwickelt - denn daB Sie es bleiben miissen, ist gerade eine Folge
Ihres Verbundenseins mit rein naturalistischen Begriffen -, aber Sie
verwenden diese Liebe auf das Zerstorungswerk, Sie lieben dann
gerade das Zerstorungswerk, sind dazu verurteilt, sich selber zu
beobachten, wie Sie das Zerstorungswerk lieben.
Doch die Liebe wird etwas Edles, wenn der Mensch aufsteigen
kann in hdhere Welten und lieben kann dasjenige, was er sich erobert
durch die spirituellen BegrifFe. Vergessen wir nur ja nicht: Liebe ist
etwas, was niedrig ist, wenn es in einer niedrigen Sphare wirkt, was
edel und hoch und geistig ist, wenn es in einer hoheren, in einer
geistigen Sphare wirkt. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt.
Wenn man sich dessen nicht bewuBt wird, so iiberschaut man die
Dinge durchaus nicht in der richtigen Weise.
Das sind solche BegrifTe vom Leben des Menschen nach dem Tode,
die heute sich der Mensch aneignen muB. Es geniigt nicht mehr fur
die gegenwartige Menschheit, und insbesondere wird es nicht genugen
fur die Menschheit der nachsten Zukunft, daB ihnen die Prediger
sagen, sie sollen dies oder jenes glauben, sie sollen sich vorbereiten
fur das ewige Leben, wenn ihnen diese Prediger niemals sagen konnen,
wie es eigentlich aussieht in dieser Welt, die der Mensch betritt, nach-
dem er die Pforte des Todes durchschritten hat. In friiheren Zeiten
ging das, weil eben die naturwissenschaftlichen, die naturalistischen
BegrifFe noch nicht da waren, weil die Menschen noch nicht infiziert
waren von den bloBen materiellen Interessen, die allmahlich seit dem
16. Jahrhundert alles ergriffen haben; in friiheren Zeiten ging es, daB
man den Menschen nur in der Art, wie es die religiosen Bekenntnisse
heute noch wollen, von der ubersinnlichen Welt sprach. Heute geht
das nicht mehr; heute verspinnen sich die Menschen oftmals - aus
tiefem Mitleid mit der Menschheit muB man leider dieses sagen -
gerade dadurch, daB sie in egoistischer Weise ihre ewige Seligkeit
fordern wollen durch die religiosen Bekenntnisse : sie verspinnen sich
dadurch gerade erst recht sehr in die physisch-sinnliche, in die natu-
ralistische Welt und versperren sich den Aufstieg, nachdem sie durch
die Pforte des Todes gegangen sind. Da kommt man noch auf ein ganz
anderes, was einen in die Notwendigkeit versetzt, ja recht tief zu
betonen, daB Geisteswissenschaft in der Gegenwart und in der Zu-
kunft von der Menschheit getrieben werden muB, wenn man ge-
zwungen ist zu sagen : Bejammernswert sind diejenigen Menschen, die
sich durch keine Geisteswissenschaft Vorstellungen fur das Leben
nach dem Tode verschaffen konnen. - Geisteswissenschaft ist zugleich
etwas, was man aus Mitleid, aus innigem Mitgefuhl mit den Menschen
zu verbreiten trachten muB, weil es bejammernswert ist, wenn die
Menschen sich strauben - in ihrem Unverstande auch weiter strau-
ben - gegen das Herankommen an geisteswissenschaftliche Vor-
stellungen.
Aber wir miissen uns durchaus klar sein: die geistige Welt ist iiberall
da. Bedenken Sie doch nur, die Welt, in der die Toten mit den Toten
sind, diese ubersinnliche Welt, die Faden, welche die Toten ver-
kmipfen mit den zuriickgelassenen Lebenden, die Faden, welche die
Toten verkniipfen mit den hoheren Hierarchien, sie gehoren zu der
Welt, in der wir drinnenstehen. So wahr die Luft um uns ist, so wahr
ist diese Welt immer um uns herum. Wir sind gar nicht geschieden
von dieser Welt; wir sind nur durch BewuBtseinszustande geschieden
von der Welt, die wir nach dem Tode beschreiten. Es muB dieses
scharf betont werden; derm auch innerhalb unserer Kreise sind noch
nicht alle Freunde sich klar dariiber, daB der Tote den Lebenden voll
wiederfindet, daB wir nur geschieden sind, solange der eine hier im
physischen Leib, der andere ohne den physischen Leib ist, aber daB
alle diese Krafte erworben werden miissen, welche uns mit den Toten
zusammenbringen, dadurch daB wir sie von uns loslosen; sonst leben
sie in uns, und wir konnen sie nicht gewahr werden. Dann auch, daB
wir hinuberbringen miissen in die richtige Sphare die Kraft der Liebe,
die sich unter den naturalistischen Vorstellungen hier entwickelt,
sonst wird diese Kraft fur uns zu einer bosen Kraft driiben. Gerade
die Liebe, die sich entwickelt unter den naturalistischen Vorstellungen,
konnte sonst zu einer bosen Kraft werden. Eine Kraft ist an sich nicht
gut oder bose; sie ist das eine oder das andere, je nachdem sie in dieser
oder jener Sphare auftritt.
Aber ebenso wie wir mit dieser iibersinnlichen Welt, in der die
Toten sind, im Zusammenhange stehen, so ragt auch noch in anderer
Weise die iibersinnliche Welt in diese physisch-sinnliche herein. - Ja,
die Welt ist kompliziert, und ihr Begreifen muB man sich langsam und
allmahlich aneignen. Aber man muB den Willen dazu haben, es sich
anzueignen.
Die geistige Welt ragt in unsere Welt herein. Alles ist durchsetzt
von der geistigen Welt. Im Sinnlichen ist iiberall auch ein Ubersinn-
liches. Den Menschen muB ganz besonders interessieren jenes tiber-
sinnliche, das mit seiner eigenen sinnlichen Natur zu tun hat. Nun
bitte ich Sie, beachten Sie das Folgende ja recht gut, denn es ist eine
hervorragend wichtige Vorstellung.
Wir Menschen gliedern uns nach Leib, Seele und Geist, aber damit
ist unsere Wesenheit lange nicht erschopft. Unser Leib, unsere Seele,
unser Geist sind gewissermaBen dasjenige, das uns zunachst als unser
BewuBtsein angeht; aber es ist nicht alles dasjenige, was mit unserem
Dasein in Beziehung steht. Keineswegs! Das, was ich jetzt sage,
hangt mit gewissen Geheimnissen des Menschwerdens, der Men-
schennatur zusammen, die auch heute bekannt und immer bekannter
werden miissen.
Wenn der Mensch durch die Geburt ins irdische Dasein hereintritt,
dann hat er, indem er seinen physischen Leib hat, nicht nur die Mog-
lichkeit, seiner eigenen Seele ihr Dasein zu geben - ich bitte Sie, das
wohl zu beriicksichtigen -, sondern dieser physische Leib, ihn kennt
ja der Mensch durchaus nicht ganz, was gehen da alles fur Dinge vor
im physischen Leib, von denen der Mensch nichts weiB ! Er lernt ja
allmahlich erst kennen, und zwar noch dazu auf eine recht unzukomm-
liche Weise, durch Anatomie, Physiologie das, was in diesem Leib
vorgeht. Wenn man warten miiBte mit der Ernahrung, bis man den
Ernahrungsvorgang begriffen hatte, man konnte nicht einmal sagen,
die Menschen miiBten verhungern; denn das ist gar nicht denkbar,
daB man etwas weiB von dem, was die Organe zu tun haben, um die
Nahrung zuzubereiten fur den Organismus. Also der Mensch kommt
recht sehr mit seinem Organismus, mit dem er sich bekleidet, in diese
Welt herein, ohne daB er mit seiner Seele hinunterlangt in diesen
Organismus. Dafur ist aber auch Gelegenheit vorhanden, daB kurze
Zeit bevor wir geboren werden - nicht sehr lange bevor wir geboren
werden -, auBer unserer Seele noch ein anderes geistiges Wesen
Besitz ergreift von unserem Leib, von dem unterbewuBten Teil
unseres Leibes. Das ist schon mal so : kurze Zeit bevor wir geboren
werden, durchsetzt uns ein anderes, wir wurden nach unserer Termi-
nologie heute sagen, ein ahrimanisches Geisteswesen. Das ist ebenso
in uns wie unsere eigene Seele. Diese Wesenheiten, welche ihr Leben
gerade dadurch zubringen, daB sie die Menschen selber dazu be-
nutzen, um da sein zu konnen in der Sphare, in der sie da sein wollen,
diese Wesenheiten haben eine auBerordentlich hohe Intelligenz und
einen ganz bedeutsam entwickelten Willen, aber gar kein Gemiit,
nicht das, was man menschliches Gemiit nennt. - Und wir schreiten
schon so durch unser Leben, daB wir unsere Seele haben und einen
solchen Doppelganger, der viel gescheiter ist, sehr viel gescheiter ist
als wir, sehr intelligent ist, aber eine mephistophelische Intelligenz hat,
eine ahrimanische Intelligenz hat, und dazu einen ahrimanischen
Willen, einen sehr starken Willen, einen Willen, der den Naturkraften
viel naher steht als unser menschlicher Wille, der durch das Gemiit
reguiiert wird.
Im 19. Jahrhundert hat die Naturwissenschaft entdeckt, daB das
Nervensystem von elektrischen Kraften durchsetzt ist. Sie hatte recht,
diese Naturwissenschaft. Aber wenn sie glaubte, wenn die Natur-
fotscher glauben, daB die Nervenkraft, die zu uns gehort, die fur
unser Vorstellungsleben die Grundlage ist, irgendwie mit elektrischen
Stromen zu tun hat, welche durch unsere Nerven gehen, so haben sie
eben unrecht. Denn die elektrischen Strome, das sind diejenigen
Krafte, die von dem Wesen, das ich eben jetzt geschildert habe, in
unser Wesen hineingelegt werden, die gehoren unserem Wesen gar
nicht an : wir tragen schon auch elektrische Strome in uns, aber sie
sind rein ahrimanischer Natur.
Diese Wesenheiten von hoher Intelligenz, aber rein mephistophe-
lischer Intelligenz, und von einem der Natur mehr verwandten Willen,
als es fur den menschlichen Willen gesagt werden kann, die haben
einmal aus ihrem eigenen Willen heraus beschlossen, nicht in jener
Welt leben zu wollen, in der sie durch die weisheitsvollen Gotter der
oberen Hierarchie zu leben bestimmt waren. Sie wollten die Erde
erobern, sie brauchen Leiber; eigene Leiber haben sie nicht: sie
beniitzen so viel von den menschlichen Leibern, als sie beniitzen
konnen, weil die menschliche Seele eben nicht ganz den menschlichen
Leib ausfullen kann.
Diese Wesenheiten also konnen, so wie sich der menschliche Leib
entwickelt, zu einer bestimmten Zeit bevor der Mensch geboren wird,
gewissermaBen in diesen menschlichen Leib hinein, und unter der
Schwelle unseres BewuBtseins begleiten sie uns. Sie konnen nur eines
im menschlichen Leben absolut nicht vertragen : sie konnen namlich
den Tod nicht vertragen. Daher miissen sie diesen menschlichen Leib,
in dem sie sich festsetzen, immer auch, bevor er vom Tode befallen
wird, verlassen. Das ist eine sehr herbe Enttauschung immer wieder-
um, denn sie wollen gerade das sich erobern: in den menschlichen
Leibern zu bleiben uber den Tod hinaus. Das ware eine hohe Er-
rungenschaft im Reiche dieser Wesenheiten; das haben sie zunachst
nicht erreicht.
Ware das Mysterium von Golgatha nicht geschehen, ware der
Christus nicht durch das Mysterium von Golgatha gegangen, so ware
es langst so auf der Erde, daB diese Wesenheiten sich die Moglichkeit
erobert hatten, im Menschen auch drinnen zu bleiben, wenn dem
Menschen der Tod karmisch vorbestimmt ist. Dann hatten sie iiber-
haupt iiber die menschliche Entwickelung auf der Erde den Sieg
davongetragen, und sie waren Herren der menschlichen Entwickelung
auf der Erde geworden.
Das ist etwas von einer ungeheuer tiefgehenden Bedeutung: ein-
zusehen diese Zusammenhange zwischen dem Durchgehen des
Christus durch das Mysterium von Golgatha und diesen Wesenheiten,
die den Tod in der Menschennatur erobern wollen, aber ihn heute
noch nicht vertragen konnen; die sich immer hiiten miissen, im
Menschenleibe zu erleben die Stunde, wo der Mensch vorbestimmt
hat zu sterben, hiiten miissen, seinen Leib iiber diese Todesstunde
hinaus zu erhalten, das Leben seines Leibes iiber diese Todesstunde
hinaus zu verlangern.
Auch iiber diese Sache, iiber die ich jetzt spreche, sind gewisse
okkulte Briiderschaften langst unterrichtet, kennen die Dinge sehr gut
und haben sie - wiederum wollen wir das Recht nicht untersuchen -
der Menschheit vorenthalten. Heute ist die Sache so, daB es unmoglich
ist, die Menschen nicht allmahlich auszuriisten mit solchen Begriffen,
die sie brauchen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten
sind. Denn alles das, was der Mensch hier erlebt, auch was er unter der
Schwelle des BewuBtseins erlebt, das braucht er nach dem Tod, weil
er zuriickblicken muB auf dieses Leben und ihm dieses Leben ganz
verstandlich sein muB im Riickblicke, und weil es das Schlimmste ist,
wenn er dieses nicht kann. Man hat aber keinen geniigenden Begriff,
um im Riickblicke dieses Leben zu verstehen, wenn man ein Wesen
nicht beleuchten kann, das solchen Anteil nimmt an unserem Leben
wie dieses ahrimanische Wesen, das vor unserer Geburt Besitz von
uns ergreift und immer da ist, immer im UnterbewuBten vor uns
herumfiguriert, wenn man nicht immer wiederum Licht darauf hin-
werfen kann. Denn Weisheit wird Licht nach dem Tode.
Diese Wesen sind aber uberhaupt sehr wichtig fur das menschliche
Leben, und ihre Kenntnis muB allmahlich die Menschen ergreifen
und wird die Menschen ergreifen. Sie muB nur auf die richtige Weise
die Menschen ergreifen; sie darf nicht nur etwa von solchen okkulten
Briiderschaften in der Menschheit verbreitet werden, die eine Macht-
frage daraus machen, und die dadurch ihre eigene Macht erhohen
wollen, und sie darf vor alien Dingen nicht ferner behiitet werden
zur Erhohung der Macht gewisser egoistisch wirkender Briiderschaf-
ten. Die Menschheit strebt nach allgemeinem Wissen, und das Wissen
muB ausgebreitet werden. Denn nicht mehr kann es in der Zukunft
vom Heile sein, wenn okkulte Briiderschaften solche Dinge zur Aus-
breitung ihrer Macht verwenden konnen. Die Kenntnis dieser Wesen-
heiten wird in den nachsten Jahrhunderten immer mehr und mehr die
Menschen ergreifen miissen. Der Mensch wird in den nachsten Jahr-
hunderten immer mehr und mehr wissen miissen, daB er einen solchen
Doppelganger in sich tragt, einen solchen ahrimanischen, mephisto-
phelischen Doppelganger in sich tragt. Der Mensch muB es wissen.
Heute entwickelt allerdings der Mensch schon eine ganze Anzahl von
BegrifTen, die aber eigentlich blind sind, weil der Mensch doch noch
nichts Rechtes mit ihnen anzufangen weiB. Begriffe, sage ich, ent-
wickelt der Mensch heute, die erst auf eine richtige Basis gestellt
werden konnen, wenn sie mit dem, was als Tatsache ihnen zugrunde
liegt, zusammengebracht werden.
Und hier eroffnet sich etwas, was in der Zukunft wirklich getrieben
werden muB, wenn nicht das Menschengeschlecht unendlich Hem-
mendes, unendlich Schreckliches eigentlich erleben soil. Denn dieser
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der ist nichts mehr und
nichts weniger als der Urheber aller physischen Krankheiten, die
spontan aus dem Innern hervortreten, und ihn ganz kennen, ist orga-
nische Medizin. Die Krankheiten, die spontan, nicht durch auBere
Verletzungen, sondern spontan von innen heraus im Menschen auf-
treten, sie kommen nicht aus der menschlichen Seele, sie kommen von
diesem Wesen. Er ist der Urheber aller Krankheiten, die spontan aus
dem Innern hervortreten; er ist der Urheber aller organischen Krank-
heiten. Und ein Bruder von ihm, der allerdings nicht ahrimanisch,
sondern luziferisch geartet ist, der ist der Urheber aller neurastheni-
schen und neurotischen Krankheiten, aller Krankheiten, die eigentlich
keine Krankheiten sind, die nur, wie man sagt, Nervenkrankheiten,
hysterische Krankheiten und so weiter sind. So daB die Medizin
geistig werden muB nach zwei Seiten hin. DaB das gefordert wird,
das zeigt sich heute - ich habe dariiber in Zurich gesprochen - durch
das Hereinbrechen solcher Anschauungen wie der Psychoanalyse und
dergleichen, wo man mit geistigen Entitaten schon wirtschaftet, aber
mit unzulanglichen Erkenntnismitteln, so daB man gar nichts an-
fangen kann mit den Erscheinungen, die immer mehr und mehr in das
menschliche Leben hereinbrechen werden. Denn gewisse Dinge miis-
sen ja notwendig geschehen, und auch dasjenige, was nach der einen
Richtung hin schadlich ist, es muB geschehen, well der Mensch dieser
Schadlichkeit ausgesetzt werden muB, um sie zu iiberwinden und
dadurch gerade Kraft zu gewinnen.
Um nun solche Dinge voll zu verstehen, wie ich sie jetzt angefuhrt
habe, daB dieser Doppelganger eigentlich der Urheber von alien
Krankheiten ist, die organische Grundlage haben, die nicht bloB
funktionell sind, um das voll zu verstehen, muB man aber noch viel
mehr wissen. Man muB wissen zum Beispiel, daB unsere ganze Erde
nicht das tote Produkt ist, wie es heute die Mineralogie oder die Geo-
logie meint, sondern ein lebendiges Wesen ist. Mineralogie oder Geo-
logie kennt ja von der Erde so viel, als man vom Menschen kennen
wiirde, wenn man nur das Knochensystem kennen wiirde. Denken
Sie sich nur einmal : Sie wiirden gar niemals fahig sein, durch irgend-
welche Sinne die Menschen zu sehen, sondern es wiirde nur Rontgen-
aufnahmen von Menschen geben und man wiirde von jedem, der
einem bekannter ist, nur das Knochensystem kennen: dann wiirden
Sie vom Menschen so viel kennen, als die Geologen und uberhaupt
die Wissenschaft von der Erde kennt. Denken Sie sich, Sie wiirden
hier hereingehen und von all den verehrten Herrschaften, die Sie hier
linden, nichts anderes als die Knochen sehen, dann hatten Sie soviel
BewuBtsein von all den Gegenwartigen hier, als die Wissenschaft
heute von der Erde hat. Die Erde, die man also nur als Knochen-
system kennt, die ist ein lebendiger Organismus, und als lebendiger
Organismus wirkt sie auf die Wesen, die auf ihr herumwandeln, nam-
lich auf die Menschen selber. Und so wie der Mensch differenziert ist
in bezug auf die Verteilung seiner Organe iiber den Leib, so ist die
Erde auch differenziert in bezug auf dasjenige, was sie lebendig aus
sich herausentwickelt und womit sie die Menschen beeinfluBt, die auf
ihr herumwandeln. Ich meine, Sie sind sich dessen bewuBt: wenn Sie
denken, so werden Sie nicht gerade den rechten Zeigefinger oder die
linke groBe Zehe anstrengen, sondern Ihren Kopf; Sie wis sen ganz
genau, Sie denken nicht mit Ihrer rechten gtoBen Zehe, Sie denken
mit dem Kopf. Also die Dinge verteilen sich im lebendigen Organis-
mus, der ist differenziert. So ist auch unsere Erde differenziert. Ein
Wesen, das etwa iiberall das gleiche auf seine Bewohner riinaufstrahlt,
ist unsere Erde durchaus nicht, sondern auf den verschiedensten Ge-
bieten der Erde wird ganz Verschiedenes hinaufgestrahlt. Und da
gibt es verschiedene Krafte: magnetische, elektrische, aber auch viel
mehr in das Gebiet des Lebendigen heraufgehende Krafte, die aus der
Erde heraufkommen, und die den Menschen beeinflussen in der
mannigfaltigsten Weise in den verschiedensten Punkten der Erde, also
nach der geographischen Gestaltung in verschiedener Weise den
Menschen beeinflussen.
Das ist eine sehr wichtige Tatsache. Denn das, was der Mensch zu-
nachst ist an Leib, Seele und Geist, das hat eigentlich wenig direkten
Bezug zu diesen von der Erde heraufwirkenden Kraften. Aber der
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der hat vorzugsweise
Bezug zu diesen von der Erde aus aufstromenden Kraften. Und in-
direkt, mittelbar steht der Mensch nach Leib, Seele und Geist mit der
Erde in Beziehung und dem, was sie ausstrahlt an den verschiedenen
Punkten dadurch, daB sein Doppelganger die intimsten Beziehungen
hegt zu demjenigen, was da heraufstromt. Diese Wesen, die als solche
ahrimanisch-mephistopheKsche Wesen von dem Menschen eine kurze
Zeitstrecke, bevor er geboren ist, Besitz ergreifen, die haben ihre ganz
besondere Geschmacksnatur. Da gibt es solche Wesenheiten, denen
ganz besonders die ostliche Halbkugel, Europa, Asien, Afrika ge-
fallen; die wahlen sich solche Menschen, die dort geboren werden,
um ihre Leiber zu benutzen. Andere wahlen sich Leiber, die auf der
westlichen Halbkugel, in Amerika geboren werden. Dasjenige, was
wir Menschen in einem schwachen Abbilde als Geographie haben, das
ist fur diese Wesenheiten lebendiges Prinzip ihres eigenen Erlebens;
danach richten sie ihren Wohnsitz ein.
Und daraus ersehen Sie weiter, daB eine der wichtigsten Aufgaben
der Zukunft sein wird, wieder weiterzupflegen dasjenige, was ab-
gerissen ist: geographische Medizin, medizinische Geographic Bei
Paracelsus ist es aus der alten atavistischen Weisheit heraus abgerissen;
seither ist es wenig gepflegt worden wegen der materialistischen An-
schauungen. Es wird wieder Platz greifen mussen ; und manche Dinge
werden erst wiederum erkannt werden, wenn man den Zusammen-
hang des krankmachenden Wesens im Menschen mit der Erden-
geographie, mit all den Fusionen, mit all den Ausstrahlungen, die je
nach den verschiedenen Gegenden der Erde von dieser Erde heraus-
kommen, kennenlernen wird. Also wichtig ist es schon, daB der
Mensch mit diesen Dingen bekannt wird, derm sein Leben hangt ja
davon ab. Er ist ja durch diesen Doppelganger in einer ganz bestimm-
ten Weise hineingestellt in das Erdendasein, und dieser Doppelganger,
der hat sein Wohnhaus in ihm selbst, in dem Menschen.
Nun, so unendlich wichtig geworden ist eigentlich alles das erst im
funften nachatlantischen Zeitraum und wird besonders wichtig wer-
den schon fur die allernachste Zukunft fur die Menschen. Daher mufi
auch Geisteswissenschaft jetzt verbreitet werden. Und sie ist jetzt
besonders wichtig, weil diese jetzige Zeit den Menschen aufruft dazu,
in bewuBter Weise sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, in
bewuBter Weise sich zu diesen Dingen ein Verhaltnis zu geben. Der
Mensch muB stark werden in dieser unserer Epoche, um sein Dasein
zu diesen Wesenheiten zu regeln.
Diese Epoche trat ein im 15. Jahrhundert, denn unser jetziger Zeit-
raum beginnt 1413; der vierte nachatlantische Zeitraum, der grie-
chisch-lateinische, beginnt 747 vor dem Mysterium von Golgatha,
dauert bis 1413: das ist die Zeit, wo ein schwacher Einschnitt ge-
schieht, 1413. Seit jener Zeit haben wir die fiinfte nachatlantische Zeit,
in der wir drinnen leben, und die allmahlich erst ihre Charaktereigen-
tumlichkeiten in unserer Zeit so ganz herausbringt, aber sie haben
sich vorbereitet seit dem 15. Jahrhundert. In der vierten nachatlanti-
schen Zeit, da war es vorzugsweise die Verstandes- und Gemiitsseele,
die sich entwickelte; jetzt ist es die BewuBtseinsseele, die sich ent-
wickelt in der Gesamtmenschheitsentwickelung. Als der Mensch ein-
getreten ist in dieses Zeitalter, da war es seine besondere Schwachheit,
auf welche die fuhrenden geistigen Wesenheiten Riicksicht nehmen
muBten gegeniiber diesem Doppelganger. Hatte der Mensch da viel
in sein BewuBtsein hereingenommen von alldem, was zusammen-
hangt mit diesem Doppelgangerwesen, ja, dann ware es den Menschen
schlecht, recht schlecht gegangen. Schon die Jahrhunderte her vor
dem 14. Jahrhundert muBten die Menschen vorbereitend davor ge-
schiitzt werden, um recht wenig aufzunehmen, was irgendwie er-
innerte an diesen Doppelganger. Daher ist auch die Erkenntnis dieses
Doppelgangers, die durchaus in alteren Zeiten da war, verloren-
gegangen. Man muBte die Menschen davor beschutzen, ja nichts auf-
zunehmen, also nicht nur die Theorie von diesem Doppelganger
nicht aufzunehmen, sondern moglichst wenig mit Dingen in Beruh-
rung zu kommen, die mit diesem Doppelganger etwas zu tun
haben.
Dazu bedurfte es einer ganz speziellen Veranstaltung. Die Sache,
die sich da entwickelt, miissen Sie versuchen zu begreifen: In den
Jahrhunderten, die vorangingen dem 14. Jahrhundert, da muBten die
Menschen geschiitzt werden vor dem Doppelganger; er muBte all-
mahlich aus dem Gesichtskreise der Menschen heraus und durfte erst
allmahlich wieder hereinkommen jetzt, wo der Mensch sein Ver-
haltnis zu ihm regeln muB. Das bedurfte wirklich einer recht bedeut-
samen Veranstaltung, die nur auf die folgende Weise erreicht werden
konnte: So allmahlich, seit dem 9., 10. Jahrhunderte, richtete man in
Europa die Verhaltnisse so ein, daB die europaischen Menschen einen
gewissen Zusammenhang verloren, den sie friiher gehabt haben, einen
Zusammenhang, der fur die friiheren, noch fiir die Menschen des
7., 6. nachchristlichen Jahrhunderts wichtig war. Es wurde namlich -
vom 9. Jahrhundert angefangen, vom 12. Jahrhundert ab dann be-
sonders ausgesprochen - eingestellt der gesamte Schiffahrtsverkehr
nach Amerika hiniiber, wie er eben dazumal war, mit der Art von
SchifFen, die man hatte. Das mag Ihnen sonderbar klingen! Sie werden
sagen: Wir haben ja in der Geschichte so etwas nie gehort. - Ja, die
Geschichte ist eben in vieler Beziehung wirklich eine Fable convenue,
eine Legende; denn in den alteren Jahrhunderten der europaischen
Entwickelung fuhren die Schiffe von Norwegen aus, vom damaligen
Norwegen aus immer nach Amerika himiber. Man hat es naturlich
nicht Amerika genannt, es hatte dazumal andere Namen. In Amerika
wuBte man dasjenige Gebiet, wo insbesondere jene magnetischen
Krafte aufsteigen, welche die Menschen in Beziehung bringen zu die-
sem Doppelganger. Denn die deutlichsten Beziehungen zum Doppel-
ganger gehen aus von demjenigen Gebiete der Erde, das vom amerika-
nischen Kontinente bedeckt ist; und in den alteren Jahrhunderten
fuhr man mit norwegischen Schiffen hiniiber nach Amerika und
studierte da driiben Krankheiten. Von Europa aus wurden in Amerika
gewissermaBen die unter dem Einflusse des Erdenmagnetismus be-
wirkten Krankheiten studiert. Und der geheimnisvolle Ursprung der
alteren europaischen Medizin, der ist da zu suchen. Da konnte man den
Verlauf beobachten, den man nicht hatte beobachten konnen in
Europa, wo die Menschen empfmdlicher waren gegen die Einflusse
des Doppelgangers. Man muBte allmahlich - und das Wesentliche tat
dazu die romisch-katholische Kirche durch ihre Edikte -, man muBte
allmahlich iiber den Zusammenhang mit Amerika Vergessenheit
bringen. Und erst nachdem der fiinfte nachatlantische Zeitraum ein-
getreten war, wurde Amerika auf physisch-sinnliche Weise wieder
entdeckt. Das ist aber nur eine Wiederentdeckung, die allerdings so
bedeutsam aus dem Grunde ist, weil die Machte, die am Werke waren,
es tatsachlich erreicht haben, daB in den Urkunden nirgends sehr viel
gemeldet wird von den alten Beziehungen Europas zu Amerika. Und
da wo es gemeldet wird, da erkennt man es nicht, da weiB man nicht,
daB sich die Dinge auf den Zusammenhang von Europa und Amerika
in alten Zeiten beziehen. Die Besuche waren allerdings mehr Besuche.
DaB die Europaer selber dann amerikanisches Volk werden - wie man
heute sagt, wo man den Ausdruck Volk mit Nation miBverstandlicher-
weise verwechselt -, amerikanisches Volk geworden sind, das war
erst nach der physischen Entdeckung Amerikas, physischen Neu-
entdeckung Amerikas moglich. Es waren vorher eher Besuche, die
man ausfiihrte, um zu studieren, wie an der andersartigen indianischen
Rasse der Doppelganger eine ganz besondere Rolle spielt.
Europa muBte eine Zeitlang, vor dem Beginn der Entwickelung der
funften nachatlantischen Zeit, vor dem Einflusse der westlichen Welt
geschiitzt werden. Und das ist die bedeutsame historische Einrich-
tung, die bedeutsame historische Veranstaltung, die gepflogen wurde
von den weisheitsvollen Weltenmachten: Europa muBte eine Zeitlang
geschiitzt werden vor alien diesen Einfliissen, und es hatte nicht ge-
schiitzt werden konnen, wenn man nicht in den Jahrhunderten vor
dem 15- Jahrhundert die europaische Welt zugesperrt hatte, ganz ab-
geschlossen hatte von der amerikanischen.
Nun, man muBte sich eben berniihen, eine Zeitlang in den vorberei-
tenden Jahrhunderten etwas in die europaische Menschheit herein-
zutragen, das der feineren Sensitivitat Rechnung trug. Ich mochte
sagen: der Verstand, der vorzugsweise Platz greifen sollte in dieser
fiinften nachatlantischen Zeit, der muBte in seinem ersten Auftreten
ganz besonders geschont werden. Dasjenige, was ihm geoffenbart
werden sollte, das muBte ganz besonders fein an ihn herangebracht
werden. Manchmal war diese Feinheit natiirlich auch eine solche wie
die Feinheit der Erziehung, wo man natiirlich auch tuchtige Bestra-
fungsmittel anwendet. Aber das alles, was ich meine, bezieht sich ja
auf groBere historische Impulse.
Und so kam es denn, daB insbesondere irische Monche es waren,
unter dem EinfluB der sich dort ausbildenden reinen christlich-esoteri-
schen Lehre, die so wirkten, daB man in Rom die Notwendigkeit
einsah, Europa vor der westlichen Halbkugel abzuschlieBen. Denn
von Irland aus wollte diese Bewegung gehen, iiber Europa das
Christentum in einer solchen Weise auszubreiten in diesen Jahr-
hunderten vor dem fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB man nicht
gestort wurde durch alles dasjenige, was heraufkam aus dem Unter-
irdischen der Erde aus der westlichen Halbkugel. Unwissend halten
sollte man Europa vor all den Einfliissen auf der westlichen Halbkugel.
Und es liegt nahe, gerade hier einmal iiber diese Verhaltnisse zu
sprechen. Denn Columban und sein Schiiler Gallus, sie waren wesent-
liche Individualitaten in jenem groBen, bedeutsamen Missionsweg,
der seine Erfolge in der Christianisierung Europas dadurch wirksam
zu machen versuchte, daB er Europa dazumal wie mit geistigen Wan-
den umgab und keinen EinfluB hereinkommen lieB von der Seite, die
ich angedeutet habe. Und solche Individualitaten, wie Columban und
sein Schiiler Gallus, von dem dieser Ort hier seine Begriindung und
seinen Namen hat, sie sind diejenigen, die vor alien Dingen ein-
gesehen haben: die zarte Pflanze der Christianisierung, sie kann in
Europa nur ausgebreitet werden, wenn man Europa gleichsam mit
einem Zaun umgibt in geistiger Beziehung. Ja, hinter den Vorgangen
in der Weltgeschichte liegen tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse. Und
die Geschichte, die in den Schulen gelehrt wird und gelernt wird, ist
vielfach nur eine Fable convenue; denn zu den wichtigsten Tatsachen
im Verstandnisse der neueren Zeit in Europa gehort dieses, daB von
den Jahrhunderten an, von denen von Irland aus die Verbreitung der
Christianisierung in Europa ging, bis namentlich ins 12. Jahrhundert,
zugleich gearbeitet wurde daran, daB gerade die papstlichen Edikte
allmahlich die Schiflahrt zwischen Europa und Amerika verpont
haben, aufgehoben haben, so daB der Zusammenhang mit Amerika
fur Europa vollstandig vergessen worden ist. Man brauchte dieses
Vergessen, damit die ersten Zeiten, in denen sich in Europa vor-
bereiten sollte der funfte nachatlantische Zeitraum, in der richtigen
Weise sich abwickeln konnten. Und erst dann, als die materialistische
Zeit nun begann, da wurde Amerika neuerdings wiederum entdeckt,
so wie man es heute erzahlt: westlich - ostlich; da wurde Amerika
entdeckt unter dem EinfluB der Goldgier, unter dem EinfluB der rein
materialistischen Kultur, mit welcher der Mensch eben in der funften
nachatlantischen Zeit zu rechnen hat, mit der er sich in das ent-
sprechende Verhaltnis zu setzen hat.
Diese Dmge sind wirkliche Geschichte. Und diese Dinge, denke ich
auch, klaren auf iiber dasjenige, was wirklich ist. Die Erde ist wirklich
etwas, was lebendiges Wesen genannt werden muB. Nach geographi-
schen DifFerenzierungen stromen die verschiedensten Krafte aus den
verschiedensten Territorien nach oben. Deshalb miissen die Menschen
nicht nach Territorien geschieden sein, sondern voneinander an-
nehmen dasjenige, was auf jedem Territorium als das Gute und als
das GroBe, und gerade nur dort geschaffen werden kann. Deshalb ist
eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung darauf bedacht, etwas
zu schaffen, was von alien Nationen von alien Gebieten wirklich an-
genommen werden kann. Denn die Menschen miissen im gegen-
seitigen Austausch ihrer geistigen Giiter vorwartsschreiten. Das ist
das, worauf es ankommt.
Dagegen entsteht von einzelnen Territorien aus sehr leicht das Be-
streben, Macht und Macht und Macht zu erhohen. Und die groBe
Gefahr, daB in einseitiger Weise die Entwickelung der neueren
Menschheit vorwartsschreitet, die kann man nur beurteilen aus den
konkreten, aus den wirklichen konkreten Verhaltnissen heraus, wenn
man weiB, wie die Erde ein Organismus ist, wenn man weiB, was
eigentlich geschieht von den verschiedenen Punkten der Erde aus. Im
Osten Europas ist verhaltnismaBig wenig Neigung rein durch das,
was von der Erde ausstromt, denn das Russentum zum Beispiel hangt
wohl innig zusammen gerade durch den Boden, aber es nimmt ganz
besondere Krafte aus dem Boden heraus auf, und zwar Krafte, die
nicht von der Erde kommen. Das Geheimnis der russischen Geo-
graphic besteht darinnen, daB das, was der Russe von der Erde auf-
nimmt, zuerst das der Erde mitgeteilte Licht ist, das von der Erde
wieder zuruckgeht. Also der Russe nimmt eigentlich aus der Erde
dasjenige auf, was aus den auBeren Regionen zu der Erde erst hin-
stromt; der Russe liebt seine Erde, aber er liebt sie eben aus dem
Grunde, weil sie ihm ein Spiegel ist des Himmels. Dadurch aber hat
der Russe, wenn er noch so territorial gesinnt ist, in dieser territorialen
Gesinnung etwas - wenn es auch heute noch auf einer kindlichen
Stufe ist - auBerordentlich Kosmopolitisches : weil die Erde, indem
sie sich durch den .Weltenraum bewegt, mit alien moglichen Partien
des Erdenumkreises in Beziehung kommt. Und wenn man nicht das-
jenige in die Seele aufnimmt, was von unten nach oben stromt in der
Erde, sondern dasjenige, was von oben nach unten und wiederum
hinaufstromt, dann ist es etwas anderes, als wenn man aufnimmt das,
was - direkt von der Erde ausstromend - in eine gewisse Verwandt-
schaft zur Menschennatur gesetzt wird. Das aber, was der Russe an
seiner Erde liebt, womit er sich durchdringt, das gibt ihm manche
Schwache, aber auch vor alien Dingen eine gewisse Fahigkeit, jene
Doppelgangernatur zu uberwinden, von der ich Ihnen vorhin ge-
sprochen habe. Daher wird er berufen sein, in dem Zeitalter die
wichtigsten Impulse zu liefern, in welchem diese Doppelgangernatur
endgiiltig bekampft werden muB, in der sechsten nachatlantischen
Kulturperiode.
Aber ein gewisser Teil des Erdbodens zeigt die meiste Verwandt-
schaft mit jenen Kraften. Wenn der Mensch sich dorthin versetzt,
kommt er in ihr Bereich; sobald er dort weggeht, ist es ja wieder
nicht so, denn das sind geographische, das sind nicht ethnographische,
nicht nationale, sondern das sind rein geographische Dinge. Das-
jenige Gebiet, wo am meisten EinfluB hat auf den Doppelganger das,
was von unten heraufstrdmt, und wo es dadurch, daB es beim Doppel-
ganger am meisten Verwandtschaft eingeht mit dem Ausstromenden,
also sich auch wieder der Erde mitteilt, das ist dasjenige Erdengebiet,
wo die meisten Gebirge nicht von Westen nach Osten, in der Quer-
richtung hin, sondern wo die Gebirge hauptsachlich von Norden nach
Suden gehen - denn das hangt auch mit diesen Kraften zusammen
wo man den magnetischen Nordpol in der Nahe hat. Das ist das
Gebiet, wo vor alien Dingen Verwandtschaft entwickelt wird mit der
mephistophelisch-ahrimanischen Natur durch die auBeren Verhalt-
nisse. Und durch diese Verwandtschaft wird vieles bewirkt in der
fortschreitenden Entwickelung der Erde. Der Mensch darf heute
nicht blind durch die Entwickelung der Erde gehen; er muB solche
Verhaltnisse durchschauen. Europa wird sich zu Amerika nur dann
in ein richtiges Verhaltnis setzen konnen, wenn solche Verhaltnisse
durchschaut werden konnen, wenn man weiB, welche geographischen
Bedingtheiten von dorther kommen. Sonst aber, wenn Europa fort-
fahren wird, in diesen Dingen blind zu sein, dann wird es mit diesem
armen Europa so gehen, wie es mit Griechenland gegeniiber Rom
gegangen ist. Das darf nicht sein; die Welt darf nicht geographisch
amerikanisiert werden. Aber das muB erst verstanden werden. Die
Dinge diirfen nicht so unernst genommen werden, wie sie heute viel-
fach genommen werden. Denn sehen Sie, die Dinge beruhen in tiefen
Griinden, und Erkenntnisse sind heute notwendig, nicht bloB Sym-
pathien und Anttpathien, um eine Stellung zu gewinnen in dem Zu-
sammenhange, in den die gegenwartige Menschheit auf eine so
tragische Weise hineingestellt ist. Das sind die Dinge, die wir hier
noch genauer besprechen konnen; in offentlichen Vortragen konnen
sie nur* angedeutet werden. Gestern habe ich aufmerksam gemacht,
wie es notwendig ist, daB dasjenige, was Geisteswissenschaft genannt
wird, wirklich auch in die sozialen und in die politischen BegrifFe
hineindringt. Denn Amerikas Bestreben geht darauf hinaus, alles zu
mechanisieren, alles in das Gebiet des reinen Naturalismus hinein-
zutreiben, Europas Kultur nach und nach vom Erdboden aus-
zuldschen. Es kann nicht anders.
Selbstver standlich sind das geographische Begriffe, nicht volkische
BegrifFe. Man braucht nur an Emerson zu denken, um zu wissen, daB
hier nichts als Charakteristik eines Volkes gemeint ist. Aber Emerson
war eben ein durch und durch europaisch gebildeter Mensch. Nicht
wahr, das sind ja zwei entgegengesetzte Pole, die sich entwickeln.
Gerade unter solchen Einnussen, wie sie heute charakterisiert werden,
entwickeln sich Menschen wie Emerson, die sich dadurch so ent-
wickeln, daB sie die voile Menschlichkeit entgegenstellen dem Dop-
pelganger, oder es entwickeln sich Menschen wie Woodrow Wilson, die
nur eine Umhullung des Doppelgangers sind, durch die der Doppel-
ganger selbst ganz besonders wirkt, die im wesentlichen eigentlich
Verleiblichungen desjenigen sind, was amerikanische geographische
Natur ist.
Diese Dinge hangen nicht mit irgendeiner Sympathie oder Anti-
pathie, nicht mit irgendeiner Parteigangerei zusammen; diese Dinge
hangen lediglich mit den Erkennmissen iiber die tieferen Grunde
dessen, was von den Menschen im Leben durchlebt wird, zusammen.
Aber es wird sehr wenig der Menschheit zum Heile gereichen, wenn
sie sich nicht Auf klarung verscharTen will iiber dasjenige, was eigent-
lich wirksam ist in den Dingen. Und heute ist es sehr notwendig,
wiederum anzuknupfen an manches, was eben gerade um die Wende
auch abgerissen werden muBte, als man den Weg nach Amerika ver-
sperrt hat. Und wie ein Symbolum mochte ich es hinstellen, was Sie
hier so vielfach erleben und empfinden konnen, wie ein Symbolum
solche Menschen wie Gallus. Sie muBten sich einen Boden fur ihr
Wirken schaffen durch den Zaun, den sie aufgerichtet haben. Solche
Dinge muB man verstehen.
Geisteswissenschaft wird erst wirkliches geschichtliches Ver-
standnis schaffen. Aber Sie sehen: Vorurteil uber Vorurteil wird sich
natiirlich erheben. Denn wie konnte man anders denken, als daB Er-
kenntnisse auch anfangen wurden, parteiisch zu werden ! Aber das war
mit einer der Griinde, die eigentlich zu den Feigheiten gehoren,
warum gewisse okkulte Briiderschaften mit diesen Dingen zuriick-
gehalten haben. Aus dem einfachen Grunde haben sie zuriickgehalten,
weil die Erkenntnisse vielfach den Menschen unbequem sind, sie
mochten nicht allgemein menschlich werden, und insbesondere die-
jenigen nicht, die Anlage haben, sich mit den geographischen Aus-
stromungen zu verbinden.
Die Fragen des offentlichen Lebens werden schon allmahlich Er-
kenntnisfragen werden, herausgehoben werden aus jener Atmosphare,
in die sie heute durch die uberwiegende Majoritat der Menschheit
hineingedrangt worden sind: aus der bloBen Sphare der Sympathien
und Antipathien. In bezug auf das Wirksame werden ja allerdings
nicht Majoritaten entscheiden. Aber dieses Wirksame wird nur wirk-
sam werden konnen, wenn die Menschen nicht davor zuriickschrecken
werden, wichtige Dinge in ihr BewuBtsein aufzunehmen.
So wie ich heute hier gesprochen habe, weil, ich mochte sagen, der
Genius loci dieses Ortes das von mir verlangt, hat sich Ihnen an
einem besonderen Beispiel gezeigt, daB es fur den Menschen der
Gegenwart nicht mehr geniigt, um Geschichte zu kennen, die ge-
brauchlichen Schulbiicher in die Hand zu nehmen, denn da erfahrt
man jene Fable convenue, welche man heute Geschichte nennt. Was
erfahrt man denn da iiber die wichtigen, namentlich in den dunklen
Urspriingen der Medizin liegenden Verkehrswege, die noch in den
ersten christlichen Jahrhunderten von Europa nach Amerika gefuhrt
haben ? Aber was da ist, hort nicht auf, wirklich zu sein, dadurch daB
die Menschen spater ihr BewuBtsein davor blind machen wie der
Vogel StrauB, der den Kopf in den Sand steckt, um nicht zu sehen,
und dann glaubt, das, was er nicht sieht, ist auch nicht da. - Manches
andere noch ist einfach durch die Fable convenue, die man Geschichte
nennt, fur die Menschen verhullt, manches, was dem Menschen der
Gegenwart in seiner Wirksamkeit recht nahesteht. Und manches
andere noch wird durch die Geisteswissenschaft zutage treten iiber
den geschichtlichen Verlauf der Menschheit. Denn die Menschen
wollen aufgeklart sein uber ihr eigenes Schicksal, uber den Zusammen-
hang ihrer Seele mit ihr er geistigen Entwickelung.
Nun, vieles von dem, was geschichtlich verlorengegangen ist, wird
erst die Geisteswissenschaft heben konnen. Sonst wird sich die
Menschheit entschlieBen miissen, unwissend 2u bleiben iiber sehr,
sehr naheliegende Dinge. Und iiber die Gegenwart wird sie, trotzdem
der Mensch der Gegenwart ja heute iiber alles unterrichtet wird -
aber wie unterrichtet wird iiber die Gegenwart wird die Menschheit
nur vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich ein Urteil
bilden konnen. Denn zwar wird die Menschheit heute durch - nun
ja, mit Respekt zu vermelden, man sagt immer, wenn man Un-
anstandiges ausspricht: mit Respekt zu vermelden, nicht wahr -, zwar
wird die Menschheit heute von alien Angelegenheiten durch, mit
Respekt 2u vermelden, die Presse unterrichtet; aber sie wird durch die
Presse so unterrichtet, daB ihr gerade das Wesentliche, das Wahre, das
Reale, dasjenige, worauf es ankommt, verhullt wird.
Und bis zu diesem Grade von Wirklichkeitserkenntnis muB der
Mensch schon kommen. Auch das ist wiederum durchaus nicht etwas,
was gegen die Presse personlich oder unpersonlich gerichtet ist, son-
dern es ist durchaus etwas, was so gemeint ist, daB es zusammenhangt
mit den wirksamen Kraften der Gegenwart und gar nicht anders sein
kann. Die Dinge konnen nicht anders sein, aber ein BewuBtsein
miissen die Menschen davon haben. Das ist ja gerade der groBe Irrtum,
daB man glaubt, man miisse die Dinge kritisieren, wahrend man sie
charakterisieren muB. Das ist das, worauf es ankommt.
Nun, ich versuchte, Ihnen heute ein Bild zu geben von mancherlei
wirksamen Impulsen, die im einzelnen Menschen und in der Gesamt-
menschheit sind. Abgesehen von dem einzelnen, iiber das ich ge-
sprochen habe, wollte ich durch die Art der Impulse, die ich beriihrt
habe, vor alien Dingen ein Gefuhl davon hervorrufen, wie der Mensch
aufmerksam darauf sein soil, daB er mit seinem Gesamtwesen ein-
gebettet ist in eine konkrete geistige Welt mit konkreten geistigen
Wesenheiten und konkreten geistigen Kraften. Nicht nur, daB wir
hinaufwachsen in die Welt, in die wir selbst nach dem Tode eintreten
und zwischen dem Tod und einer neuen Geburt darin leben, sondern
auch, indem wir hier in der physischen Welt sind, konnen wir diese
physische Welt nur verstehen, wenn wir die geistige Welt zu glekher
Zeit mitverstehen.
Die Medizin kann nur bestehen, wenn sie eine geistige Wissenschaft
ist. Denn Krankheiten kommen von einem geistigen Wesen, welches
nur den menschlichen Leib benutzt, um seine Rechnung zu linden, die
es nicht findet an dem Orte, der ihm zugeteilt ist von der weisheits-
vollen Weltenfiihrung, gegen die es sich aufgelehnt hat, wie ich es
Ihnen gezeigt habe; ein Wesen, das eigentlich ein ahrimanisch-mephi-
stophelisches Wesen in der menschlichen Natur ist, das vor der Ge-
burt in den menschlichen Leib als in seinen Wohnort einzieht, und
das nur diesen menschlichen Leib verlaBt, weil es den Tod nicht ver-
tragen darf unter seinen gegenwartigen Verhaltnissen, welches den
Tod auch nicht erobern kann. Krankheiten kommen davon, daB dieses
Wesen in dem Menschen wirkt. Und wenn Heilmittel verwendet
werden, so hat das den Sinn, daB aus der auBeren Welt diesem Wesen
dasjenige gegeben wird, was es sonst durch den Menschen sucht. Fiige
ich dem menschlichen Leib ein Heilmittel zu, wenn dieses ahrima-
nisch-mephistophelische Wesen wirkt, so gebe ich ihm etwas anderes ;
ich streichle dieses Wesen gewissermaBen, ich sohne es aus, damit es
ablaBt vom Menschen und sich befriedigt an dem, was ich ihm in den
Rachen werfe als Heilmittel.
Aber alle diese Dinge sind im Anfange. Medizin wird eine geistige
Wissenschaft werden. Und wie man in alten Zeiten die Medizin als
geistige Wissenschaft gekannt hat, wird man sie als geistige Wissen-
schaft wiedererkennen.
Nun, allerdings auch diese Gefuhle werde ich in Ihnen hervor-
gerufen haben, daB es notig ist, nicht nur ein paar Begriffe sich aus der
Geisteswissenschaft anzueignen, sondern sich hineinzufuhlen; denn
man fiihlt sich dadurch wirklich zugleich hinein in die menschliche
Wesenheit. Und heute ist die Zeit gekommen, wo einem vieles wie
Schuppen von den Augen fallen wird, auch zum Beispiel mit Bezug
auf die auBere Geschichte, von der ich in Zurich vor ein paar Tagen
bewiesen habe, oder gezeigt habe wenigstens, daB sie von den Men-
schen nicht auBerlich angeschaut wird, sondern getraumt wird in
Wirklichkeit, daB man sie nur versteht, wenn man sie aus dem Traum
der Menschheit auffaBt, nicht als irgend etwas, was im AuBeren sich
vollzieht.
Diese Dinge also, sie werden hoffentlich auch weitergetragen von
jener Kraft, die die Menschheit noch in einem recht kleinen Teil, allzu
kleinen Teil ergriffen hat in dem, was wir die anthroposophische Be-
wegung nennen. Aber diese anthroposophische Bewegung, sie wird
doch mit dem zusammenhangen, was die Menschheit zu ihren wich-
tigsten Angelegenheiten in der Zukunft wird fiihren miissen. Und
wir diirfen schon ofter erinnern an jenes Gleichnis, das ich oftmals
schon gebraucht habe. Die ganz gescheiten Leute drauBen, die denken :
Na, diese Anthroposophen, Theosophen, das ist solch eine Sekte mit
allerlei phantastischem Zeug, mit allerlei Narrheiten im Kopfe, mit
dem sich der aufgeklarte Teil der Menschheit nur ja nicht gemein
machen muB! - Oh, dieser « aufgeklarte Teil der Menschheit », er
denkt heute, wenn auch durch die Zeit modifiziert, so ahnlich iiber
diese unterirdischen sektiererischen Konventikel unter Anthropo-
sophen und Theosophen, wie die Romer gedacht haben, die vor-
nehmen Romer, als das Christentum sich ausgebreitet hat. Damals
muBten nur die Christen wirklich physisch in den Katakomben unten
sein, und oben spielten sich diejenigen Dinge ab, welche von den
vornehmen Romern als das einzig Richtige angesehen wurden, wah-
rend die phantastischen Christen unten waren. - Nach ein paar Jahr-
hunderten war das anders. Das Romertum war weggefegt und das-
jenige, was unten in den Katakomben war, war hinaufgegangen. Das,
was die Kultur beherrscht hatte, war ausgerissen worden.
Solche Vergleiche miissen unsere Kraft starken; solche Vergleiche
miissen sich in unsere Seele Hneinleben, so daB wir aus ihnen Kraft
finden, weil wir ja selbst noch in kleinen Kreisen wirken miissen.
Aber die Bewegung, die durch diese anthroposophische Stromung
charakterisiert wird, sie muB jene Kraft entwickeln, die auch wirklich
nach oben kommen kann. Oben findet sie allerdings fur ihren geistigen
Boden wenig Verstandnis.
Aber trotzdem miissen wir immer wieder und wieder zuriickdenken
an so etwas, wie dieses romische Katakombentum der ersten Christen
war, das, trotzdem es in noch viel starkerem MaBe etwas Unter-
irdischeres war als dasjenige, was heute die anthroposophische Be-
wegung ist, doch den Weg an die Oberflache gefunden hat. Und
manche von denen, welche innerhalb dieser anthroposophischen Be-
wegung sich auseinanderzusetzen haben mit spirituellen Begriffen, sie
haben ja schon die Moglichkeit gefunden, in der Sphare, in der sich
diese spirituellen BegrifFe, die hier Weisheit sind, als Licht entfalten,
mit diesem Lichte zu rechnen. Und wir diirfen es immer wiederum
sagen, wie unter der Mitgliedschaft, die mitwirkt an der anthroposo-
phischen Bewegung, uns immer gleichstehen diejenigen, die hier in
der physischen Welt, und diejenigen, die schon driiben in der uber-
sinnlichen Welt sind, die schon die Pforte des Todes durchschritten
haben und heute schon Bewahrheiter sind dessen, was hier als spiri-
tuelle Weisheiten erworben wird. Wir haben in dieser Beziehung ja
auch schon an mancherlei, ich mochte sagen, ubersinnBch wohnende
Mitgliederseelen zu denken. In diesem Augenblicke gedenke ich -
weil sich wiederum in diesen Tagen jahrt der physische Todestag, der
ubersinnliche Geburtstag fiir das geistige Leben - unserer treuen
Mitarbeiterin am Dornacher Bau, Fraulein Sophie Stinde. Es handelt
sich darum, meine lieben Freunde, wenn wir wirklich drinnenstehen
wollen in der positiven anthroposophischen Bewegung, uns zu ver-
tiefen fiir die Empfindung: durch dasjenige, was real mit uns ver-
bunden ist, den konkreten Begriffuber die geistige Welt aufzunehmen.
Nun, meine lieben Freunde, es sind jetzt schwere Zeiten. Man weiB,
wie schwer es sein wird, iiber die nachsten Zeiten hinwegzukommen.
Wie sich auch die Verhaltnisse gestalten mogen fiir unser Zusammen-
sein auf dem physischen Plane, wie lange oder wie kurz es auch
dauern moge, bis wir uns wiederum hier finden auf diese Weise,
lassen Sie mich Ihnen sagen, daB wir trotzdem - wie das ja zur Be-
wahrung und Kraftigung unseres geisteswissenschaftlichen Strebens
sein muB - zusammen fiihlen, zusammen denken wollen, wenn wir
auch raumlich auseinander sind. Wir wollen als geisteswissenschaftlich
Strebende immer zusammen sein.
HINTER DEN KULISSEN DES AUSSEREN GESCHEHENS
Zurich, 6. November 1917
Erster Vortrag
Vor Jahren war ich gerade in Berlin in beruf lichen Angelegenheiten
tatig, als wahrend der Vorstellung in einem Theater die Nachricht
eintraf und in das Theater, mochte man sagen, hineingeweht wurde,
daC in Genf die Kaiserin von Osterreich von einem Propagandisten
der Tat, wie man sagte, ermordet worden sei. Ich stand damals, als
diese Nachricht in einem Zwischenakt der Vorstellung so herein-
geweht worden war, in der Nahe eines Mannes, der dazumal Berliner
Kritiker war, der mittlerweile beruhmt gewordene philosophische
Bucher geschrieben hat, und der seki Erstaunen iiber diese Tatsache
in einer Weise zum Ausdruck brachte, die einem schon in der Erinne-
rung bleiben kann. Er sagte : Man kann vieles in der Welt begreifen,
wenn man es auch nicht rechtfertigt, wenn man auch nicht einver-
standen damit ist, man kann vieles begreifen in der Welt, aber daC es
einen Sinn haben soli, aus einer agitatorischen Bewegung heraus eine
kranke Frau zu toten, durch deren Weiterleben nichts irgendwie
Erhebliches verandert werden kann, deren Tod jedenfalls in keinem
ersichtlichen Zusammenhange stehen kann mit irgendwelcher poli-
tischen Idee, das sei unbegreif lich - so sagte dazumal der Mann -, das
konne man nicht verstehen, das mache jedenfalls einen sinnlosen
Eindruck.
Ich glaube, daB dazumal dieser Mann ausgesprochen hat etwas, was
allgemeine Meinung vernunftiger Menschen sein muB, was gewisser-
maCen alle verniinftigen Menschen der heutigen gebildeten Welt
denken mussen. Man konnte daran den Gedanken knupfen: es ge-
schehen also Dinge unter den Menschen, es geschehen iiberhaupt im
Verlaufe dessen, was man geschichtliche Entwickelung nennt, Dinge,
die, wenn man darauf anwenden will die Urteile, die man haben kann
aus dem Leben heraus, sinnlos erscheinen; die, selbst wenn man sie
erklaren will aus irgendeiner Verirrung, sinnlos erscheinen.
Aber gerade an solchen Ereignissen - und man konnte ja zu diesem
einen Ereignis viele, viele andere hinzufugen - kann man sehen, daB
dasjenige, was aufierlich unbegreiflich erscheint, eben auBerlich un-
begreif lich erscheinen mu8, weil, wenn ich den Ausdruck gebrauchen
darf, hinter den Kulissen der weltgeschichtlichen Angelegenheiten
geistige Krafte und geistige Taten hin und her spielen in gutem und
in schlechtem Sinne; geistige Geschehnisse, geistige Taten, die nur zu
begreifen sind, wenn man mit geistiger Wissenschaft hineinleuchten
kann in diese Gehiete, die hinter den Kulissen des gewohnlichen
Lebens, des in der Sinneswelt verlaufenden Lebens liegen; weil
solche Dinge geschehen, die nur durch Ideen aus der geistigen Welt
heraus zu begreifen sind, und die notwendigerweise, wenn man sie
nur in ihrem Zusammenhange innerhalb der Sinneswelt ins Auge
faBt, einfach in gutem und in schlechtem Sinne sinnlos erscheinen.
Und wenn man gerade durch das, was man Zufall nennen konnte, was
aber vielleicht nur eine symbolische Auskleidung karmischer An-
gelegenheiten ist, eine solche Erfahrung in einem Theater macht, da
denkt man eben daran, wie anders dasjenige aussieht, was hinter den
Kulissen vorgeht, und dasjenige, was auf der Biihne vorgeht.
Ich habe diese Bemerkung vorausgesendet, weil ich heute iiber
einiges sprechen will, das dann das nachste Mai, wenn wir wieder hier
miteinander sprechen, ausgebaut werden soil; iiber einiges, was den
heutigen Menschen wichtig ist zu wissen von allerlei Dingen, die
hinter den Kulissen des Geschehens auf dem physischen Plane sich
abspielen. Diese Dinge versteht man nur, wenn man nicht der Be-
quemlichkeit der heutigen Menschen verfallt, die Dinge, die in der
geistigen Welt sind und aus der geistigen Welt heraus mit den An-
gelegenheiten der Menschen hier auf Erden zusammenhangen, mog-
lichst nur allgemein zu charakterisieren, sondern wenn man moglichst
ins Konkrete, in die wirklichen Tatsachen der geistigen Welt hinein-
geht.
Sie wissen - und wir haben es ja oftmals auseinandergesetzt, in den
Zyklen ist daruber viel zu lesen — , daB wir die Entwickelung der
Menschheit nach gewissen Perioden gliedern: groBen Perioden, die
wir als Saturn-, Sonnen-, Mondenzeit und so welter bezeichnen;
kleineren Perioden, wie solche sind, von denen wir sprechen als der
lemurischen, der atlantischen und unserer nachatlantischen Zeit. Und
wiederum innerhalb dieser kleineren Perioden, die aber schon eine
riesige zeitliche Ausdehnung haben, sprechen wir von gewissen
Kulturperioden fur unsere nachatlantische Zeit: von der altindischen,
von der urpersischen, agyptisch-chaldaischen, von der griechisch-
lateinischen, und von unserer jetzigen funften nachatlantischen Zeit-
periode.
Wir sprechen von solchen Perioden aus dem Grunde, weil die
Menschheit als Ganzes in ihrem Gang durch die Erdenentwickelung
ihre - in diesem Fall namentlich seelischen - Eigenschaften von einer
Periode zu der andern hin ganz wesentlich andert, weil eben die
Menschheit eine reale Entwickelung durchmacht in jeder solchen
Periode. Wir sprechen jetzt von den kleinsten der charakterisierten
Perioden. In jeder solchen Periode obliegt gewissermaBen der
Menschheit irgend etwas, was sie durchzumachen hat, woran sie sich
zu freuen hat, woran sie zu leiden hat, was sie zu begreifen hat,
woraus sie ihre Willensimpulse fur ihre Taten zu holen hat und so
weiter. Etwas anderes hat obgelegen als Aufgabe der agyptisch-
chaldaischen Kulturperiode, etwas anderes der griechisch-lateinischen,
und auch unsere Zeit hat ganz bestimmte Aufgaben.
Diese Verschiedenheit der Aufgaben solcher aufeinanderfolgenden
Zeitperioden mit Bezug auf gewisse Eigentumlichkeiten kann man
erst richtig ins Auge fassen, namentlich diejenigen, auf die wir gerade
heute hinweisen wollen, kann man erst richtig ins Auge fassen, wenn
man den Versuch macht, jene Erfahrungen zu Rate zu Ziehen, die von
dem gesamten Menschenleben herkommen fur das auBere geschicht-
liche Werden, von dem die auBere Menschheitsgeschichte spricht und
auf die sich die materialistische Gesinnung unserer Zeit vorzugsweise
beschranken will. Von diesen auBeren Erlebnissen der Menschen auf
dem physischen Plane, die ja nur einen Teil des gesamten Menschen-
lebens umfassen, das zwischen Geburt und Tod und zwischen Tod
und einer neuen Geburt ablauft, von diesem physischen Erdenleben
kann man nicht eine voile Charakteristik der aufeinanderfolgenden
Epochen gewinnen; denn in dem, was wirklich geschieht, spielen
immer die Krafte zusammen, welche von dem Reiche, in dem der
Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt, herunter-
gehend sich in Wechselwirkung setzen mit den Kraften, die entfaltet
werden durch die Menschen, welche hier auf dem physischen Plane
sind. Es ist immer ein Zusammenspiel der Krafte vorhanden, welche
die Menschen post mortem, nach dem Tode entfalten, und den-
jenigen Kraften, die hier auf dem physischen Plane entfaltet werden.
Noch in der vierten nachatlantischen Epoche, diese ganze Zeit hin-
durch, mochte ich sagen, war es so, da6 es ging, daB die Menschen
iiber gewisse Dinge in einer Art von UnbewuBtheit gehalten worden
sind. Gerade viele Dinge, iiber welche die Menschen der vierten nach-
atlantischen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit, noch in UnbewuBt-
heit gehalten werden konnten, die miissen den Menschen der funften
nachatlantischen Periode immer mehr und mehr zum BewuBtsein
kommen. Diese fiinfte nachatlantische Zeit wird iiberhaupt eine
solche sein, in der vieles in das BewuBtsein der Menschenseelen
hereinkommen muB, was friiher auBerhalb dieses BewuBtseins liegen
konnte.
Solche Dinge entwickeln sich mit einer gewissen geistigen Gesetz-
maBigkeit, mit einer gewissen geistigen Notwendigkeit. Das Men-
schengeschlecht ist emfach darauf hin angelegt, daB gewisse Fassungs-
krafte, auch gewisse Willenskrafte, sich zu einer bestimmten Zeit ent-
wickeln. Diese Menschheit wird fiir gewisse Dinge in der funften
nachatlantischen Zeit reif, wie sie fiir andere Dinge in den friiheren
Perioden reif geworden ist. Sie wird reif fiir sie. Eine Sache, fiir
welche die Menschheit reif wird in dieser funften nachatlantischen
Zeit, sie erscheint dem heutigen Menschen ganz besonders paradox,
weil ein groBer Teil der heutigen offentlichen Meinung geradezu nach
dem Entgegengesetzten hinstrebt, sozusagen die Menschen nach dem
Entgegengesetzten hmlenken mochte. Aber das wird nichts helfen.
Die geistigen Krafte, welche der Menschheit, wenn ich so sagen darf,
im Laufe der funften nachatlantischen Periode eingeimpft sind, wer-
den starker sein, als was gewisse Menschen wollen, oder was im
Sinne der offentlichen Meinung liegt.
Eine von diesen Sachen, die sich mit aller Gewalt geltend machen
wird, wird die sein, daB moglich werden wird eine gewisse Lenkung
der Menschen nach mehr okkulten Grundsatzen, als jemals die Men-
schen gelenkt worden sind. Es Hegt im allgemeinen Charakter der Ent-
wickelung, daB in dieser funften nachatlantischen Zeit gewisse Macht-
verhaltnisse, gewisse starke EinfluBverhaltnisse, auf kleine Gmppen
von Menschen iibergehen miissen, die eine starke Macht haben werden
\iber andere, groBe Massen.
Dem arbeitet ein gewisser Teil der offentlichen Meinung heute leb-
haft entgegen, aber das wird sich trotzdem entwickeln. Es wird sich
aus dem Grunde entwickeln, weil ein groBer Teil der Menschheit
wahrend dieser funften nachatlantischen Zeit einfach aus der inneren
Seelenreife heraus, aus den Entwickelungsnotwendigkeiten der
Menschheit heraus, gewisse spirituelle Anlagen entwickeln wird, ein
gewisses naturgemaBes Hineinschauen in die geistige Welt entwickeln
wird. Dieser Teil der Menschheit, der zwar die beste Grundlage ab-
geben wird fur das, was im sechsten nachatlantischen Zeitraum, der
auf den unseren folgt, kommen wird, dieser Teil der Menschheit wird
sich aber in diesem funften nachatlantischen Zeitraum, in dem er sich
vorbereitet, wenig geneigt zeigen, die Angelegenheiten des physi-
schen Planes stark ins Auge zu fassen. Er wird gewissermaBen geringes
Interesse fur die Angelegenheiten des physischen Planes zeigen; er
wird viel damit beschaftigt sein, das Gemiitsleben auf eine hohere
Stufe zu bringen, gewisse geistige Angelegenheiten zu ordnen. Da-
durch werden andere, die gerade weniger fur dieses spirituelle Leben
geeignet sind, gewisse Machtverhaltnisse an sich reiBen konnen.
Das ist etwas, was sich mit einer gewissen Notwendigkeit ergibt.
Das ist etwas, was in den Kreisen derjenigen, die von solchen An-
gelegenheiten wis sen, im ganzen letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
viel besprochen worden ist, wovon immer so geredet worden ist,
daB die dringendste Notwendigkeit vorlage, nur ja diese Moglichkeit
nicht in schlimme, sondern in gute Bahnen zu leiten. Man hat im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere als die Jahrhundert-
wende zum 20. Jahrhundert herannahte, von Okkultisten jeder Seite
immer horen konnen: Es muB Vorsorge getroffen werden, daB die-
jenigen, die auf diese Weise zu gewissen Machtimpulsen kommen, die
Wurdigen seien. - Selbstverstandlich hat jeder, mit Ausnahme von
ganz wenigen Kreisen, solche als die Wiirdigen angesehen, die ihm
durch diese oder jene Weltverhaltnisse nahegestanden haben, ihm
eben als die Wiirdigen erschienen sind. Aber dies war durchaus, ich
mochte sagen, unter Okkultisten das Tagesgesprach und ist es in
gewissem Sinne bis heute geblieben.
Nun, andere Dinge werden ebenso im Laufe der fiinften nach-
atlantischen Zeit - einfach weil die Menschen im Verlauf der Ent-
wickelung die Reife dazu erlangen - herauskommen, werden den
Menschen kund werden, auch in ihren Willen hineingehen. Das sind
dann Dinge, die noch weitergehen, die so weit gehen, daB sie ernst-
liche Sorge all denen bereiten miissen, welche mit diesen Angelegen-
heiten vertraut sind.
So steht bevor fiir diesen fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB
einfach der menschliche physische Denkapparat reif wird, gewisse
Zusammenhange iiber Krankheiten zu durchschauen, gewisse Hei-
lungsprozesse, Zusammenhange von Naturprozessen mit Krankheiten
zu durchschauen. Derjenige, der vertraut ist mit diesen Dingen, dem
macht das aus dem Grunde Sorge, weil es sich darum handelt, daB
er nun auch als Ziel sich setzt, daB jene, welche dazu ausersehen sein
werden, Lehren und Impulse iiber diese Dinge unter die Menschen
zu bringen, dieses in der richtigen, wiirdigen Weise machen. Denn
zwei Moglichkeiten wird es geben : man wird die Menschen iiber diese
Dinge so unterrichten konnen, daB dies ausschlagt zum Unheil der
Welt, und man wird sie unterrichten konnen so, daB es ausschlagt
zum Heil der Welt. Denn diese Dinge, die mit dem innersten Wesen
von gewissen Verhaltnissen der menschlichen Fortpflanzung und von
gewissen Verhaltnissen der Krankheiten zusammenhangcn, auch von
gewissen Verhaltnissen, die sich auf den Eintritt des Todes beziehen,
diese Dinge sind, indem sie in der Menschheit sich ausbreiten, schwer-
wiegende Gedanken und Impulse, sind ganz bedeutsame Dinge. Und
dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum ist dazu da, um die Menschen
so weit freizumachen, daB sie iiber gewisse Dinge, die eben bisher
mehr im UnterbewuBten fiir die menschliche Seele gehalten worden
sind, Aufklarung bekommen und auch Herr dariiber werden.
Diejenigen Menschen, die von solchen Dingen wissen, bemiihten
sich viel um das, was nach der einen oder nach der andern Richtung
in Betracht kommt oder getan werden kann. Denn alles, was auf diese
Weise getan werden kann, gibt ja eine gewisse Macht, gibt gewisser-
maBen die Moglichkeit, an der Gestaltung der menschlichen Angele-
genheiten in weittragendem MaBe mitzuarbeiten. Dies ist etwas, was,
wie gesagt, innerhalb geisteswissenschaftlicher Stromungen im 19.
Jahrhundert bis zu unserer Zeit mit Riicksicht auf die Entwickelung
der fiinften nachatlantischen Zeit eine groBe Rolle gespielt hat.
Dazu kommt etwas anderes, eine Tatsache, welche dem, der mit ihr
bekannt wird, von einer groBen Bedeutung erscheint, die er wegen
dieser Bedeutung mit mancher andern in Verbindung bringen muB.
Diese Tatsache gehort zu jenen, von welchen ich in Zyklen ab und zu
gesprochen habe. Wenn der Mensch, der die Schwelle zur geistigen
Welt uberschritten hat, in der geistigen Welt Beobachtungen anstellt,
dann treten vor seine Seele einzelne Tatsachen, immer individuelle
Tatsachen. Es stellt sich heraus, daB Tatsachen, die, ich mochte sagen,
auf den ersten Anblick fur das geistige Auge nichts miteinander zu
tun haben, doch, wenn man dahinterkommt, etwas miteinander zu
tun haben, sich gewissermaBen gegenseitig beleuchten und auf klaren
und dann im eminentesten Sinne das Eindringen in das Wesen der
geistigen Welt moglich machen.
Fur die andere Tatsache, die, wenn ich sie jetzt vorbringe, Ihnen
zunachst gar nicht den Eindruck machen wird, als ob sie mit dem eben
Gesagten etwas zu tun hatte, fur diese andere Tatsache stellt sich aber
heraus, daB sie doch viel, sehr viel zu tun hat mit dem, was ich eben
vorgebracht habe. Diese andere Tatsache ist diese : Wenn man sich an
die Seelen verstorbener Menschen in der Gegenwart wendet, und -
wenn ich so sagen darf - deren Lebensverhaltnisse kennenlernt, sieht
man, daB es darunter solche gibt, welche eine groBe Sorge davor
zeigen, nach dem Tode mit jenen Menschenseelen bekanntzuwerden,
welche hier auf Erden in ahnlicher Weise gefallen sind wie dazumal
die Kaiserin von Osterreich in Genf. Man macht also da dieErfahrung,
daB solche, durch Propagandisten der Tat, sagen wir zunachst, durcK
die Pforte des Todes geleiteten Menschen eine schwere Sorge bilden
fur gewisse Menschen, die auf normale Weise durch die Pforte des
Todes gegangen sind und dann ihre Erlebnisse in der geistigen Welt
haben. Man merkt gewissermaBen : die normal durch die Pforte des
Todes gegangenen Menschen, die in die Gelegenheit kommen konnen,
mit solchen Menschenseelen zu verkehren, fiirchten sich als Seelen
nach dem Tode vor diesem Verkehr; sie meiden den Verkehr.
Ich bitte Sie, in diesem Falle nicht das Paradoxe ins Auge zu fas sen,
das eine solche Angelegenheit fur das Gefiihl hat. Es gibt ja selbstver-
standlich so viele AnschluB- und Verkehrsmoglichkeiten fur Seelen,
daB es deplaciert ware, wenn man da gleich aus diesem Grunde das
Mitleid walten las sen wollte, das ja aus einer berechtigten und be-
greiflichen Regung der Menschenseele in einem solchen Falle hervor-
geht. Wir miissen die Tatsache in einem solchen Fall objektiv ins
Auge fassen. Also es besteht diese Tatsache, daB solche Seelen, die
normal durch die Pforte des Todes gegangen sind, eine gewisse Scheu
vor denjenigen Seelen empfinden, die durch die Todespforte durch
so etwas, wie eben die « Propaganda der Tat», geleitet worden sind.
Diese zwei Dinge, diese letztere Tatsache und das, was ich vorhin
ausgefiihrt habe, die stehen nun in einem gewissen Zusammenhang
miteinander. Der Zusammenhang ist ein sehr eigentiimlicher. Diese
Seelen namlich - das stellt sich bei genauerem Zusehen heraus -, die
auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte gegangen sind, die
wissen etwas in der geistigen Welt nach dem Tode, was die andern
Seelen nicht zur Unzeit von ihnen erfahren mochten, von dem sie
nicht mochten, daB sie es friiher erfahren, als es heilsam ist. Diesen
Seelen, die auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte ge-
gangen sind, denen bleibt namlich dadurch, daB sie auf diese Weise
urns Leben gekommen sind hier in der physischen Welt, eine gewisse
Benutzungsmoglichkeit der Krafte, die sie hier gehabt haben, zum
Beispiel der Verstandeskrafte. So daB solche Seelen die hier an den
physischen Leib gebundene Krafte von der andern Seite her, von der
geistigen Seite her beniitzen konnen und mit ihnen ganz anderes
machen konnen, als man hier im physischen Leibe mit solchen Kraften
machen kann. Dadurch ist es ihnen moglich, gewisse Dinge friiher zu
wissen, als es eigentlich im Fortgange der Menschheitsentwickelung
heilsam ist.
Es ist nun sehr merkwiirdig, daB auf diese Weise dasjenige, was
sinnlos erschienen ist - eine Anzahl von Taten der Propagandisten der
Tat nun einen, wenn auch hochst zweifelhaften Sinn erhalten hat.
Diese Taten erscheinen dem, der die Dinge durchschaut, in einem
merkwiirdigen Lichte. Man redet dann hier in der physischen Welt
alles mogliche unsinnige Zeug, was einen Sinn haben soil, aber bei
genauerem Anschauen eben keinen Sinn hat. Hier in der physischen
Welt sagt man : Solche Leute, die als Propagandisten der Tat andere
Leute ermorden, die wollen nur auf das Elend der Welt hindeuten;
es sei ein Mittel, eben durch die Tat agitatorisch zu wirken und so
weiter. Wer aber die Sache analysiert und mit den sozialen Gesetzen
in Einklang zu bringen versucht, der wird sofort merken, daB das
alles etwas ist - holzernes Eisen nennt man es -, was keinen Sinn hat.
Doch es bekommt plotzlich einen Sinn, wenn man weiB, daB Seelen,
die auf eine solche Art in die geistige Welt hinaufgeschickt werden,
droben Dinge wissen, die sie noch nicht wissen sollten, und vor denen
die normal gestorbenen Seelen sogar eine Scheu haben.
Nun lag es natiirlich nahe, dasjenige, was im Laufe der Zeit als
Attentate aufgetreten ist, aus solchen Unterlagen heraus wie die eben
angedeutete der Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Osterreich,
okkultistisch zu untersuchen; zu sehen, wie es sich mit diesen Seelen
verhalt, die da gewassermaBen als Bewahrer gewisser Geheimnisse in
der geistigen Welt ankommen, und die zu etwas fiihren, von dem wir
gleich nachher sprechen werden. Derjenige, der nur so auBerlich die
Reihe der auf diese Weise geschehenen Attentate ansieht, kann die
Zusammenstellung gewissermaBen dem Zufall zuschreiben; aber ana-
lysiert man, sieht man sich die Menschen an, die auf diese Weise in den
Tod hineinbefordert worden sind, dann zeigt es sich schon, daB die
Menschen wie ausgesucht sind, allerdings nicht vom Gesichtspunkte
dieser physischen Welt, sondern wie ausgesucht sind vom Gesichts-
punkte der geistigen Welt. Und dennoch, untersucht man eine groBe
Anzahl der bekanntgewordenen Attentate auf diese Sache hin, so
zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges. An Carnot, Kaiserin Elisabeth,
an einigen andem zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges : es zeigt sich,
daB mit diesen Attentaten zwar die Moglichkeit verkniipft war, durch
sie so etwas zu erreichen, wie ich charakterisiert habe, daB es aber in
der Tat nicht erreicht worden ist, gar nicht erreicht worden ist. Es
ware gegangen, wenn sich Seelen gefunden hatten, die sozusagen ihre
Abnehmer geworden waren. Damit waren beide in eine transzen-
dente, in eine iibersinnliche Schuld gekommen: diejenigen, die auf
normale Weise durch den Tod gegangen waren, hatten Dinge er-
fahren, durch die sie in schuldhafte Richtungen hineingetrieben wor-
den waren, und diejenigen, die auf gewaltsame Weise, durch Atten-
tate durch den Tod gegangen waren, die waren dadurch in Schuld
gekommen, daB sie etwas verraten hatten, was noch nicht zu verraten
moglich ist.
Hohere geistige Wesenheiten, hohere Hierarchien haben dies ver-
hindert, weil aus gewissen Gesichtspunkten heraus die Sache von
Folgen gewesen ware, die hintangehalten werden muBten zum Heile
eines gewissen Teiles der Menschheit. Es ist gewissermaBen das
Schadliche dessen, was auf diese Weise zutage hatte treten konnen,
durch das Eingreifen hoherer geistiger Wesenheiten verhindert wor-
den. So zeigte sich nun hier, ich mochte sagen, ein Versuch mit un-
tauglichen Mitteln oder mit Mitteln, denen ihre Tauglichkeit ge-
nommen worden ist - ein Versuch in der geistigen Welt, hinter den
Kulissen der gewohnlichen physischen Welt.
Wenn man den weiteren Granden solcher Dinge nachgeht, so sieht
man, woraus so etwas entspringt, woraus die Impulse zu so etwas
kommen. Und fiir einen groBen Teil der Attentate, die Ihnen be-
kanntgeworden sind, die in Europa besprochen worden sind, waren
die Impulse - wohlgemerkt jetzt die geistigen Impulse - keine ur-
spriinglichen, sondern sie waren in gewissem Sinne abgeleitete; sie
waren, wenn ich mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf, Abwehr-
maBregeln. Man wollte etwas anderes hintanhalten. Man wollte durch
diese Taten andere Taten, die sich in derselben Linie bewegen, hint-
anhalten, verhindern, wenigstens ihre Wirkung verhindern, besser
gesagt.
Das ist eine sehr geheimnisvolle Sache. Und verstandlich wird die
ganze Sache erst, wenn man auf dasjenige sieht, was verhindert hat
werden sollen, wogegen gewissermaBen diese AbwehrmaBregeln ge-
troffen worden sind. Man blickt da geisteswissenschaftlich in Dinge
hinein, die tief zusammenhangen mit den Impulsen des gegenwartigen
und zukiinftigen Menschenlebens, iiber die es aber wirklich auBer-
ordentlich schwierig ist zu sprechen, weil sie an alien Orten und
Enden gegen gewisse naive, auch berechtigte Interessen der Menschen
gehen. Verstandlich wird die ganze Sache, die ich angedeutet habe,
erst dann, wenn man in Erwagung zieht, daB alles, was ich Ihnen
bisher erzahlt habe auf diesem Gebiete, alle diese Attentatunter-
nehmungen, auf die ich bisher hingedeutet habe, eigentlich dilettan-
tisch gelenkte, laienhaft gelenkte Versuche waren, daB sie nicht mit
durchgreifender Erkenntnis der okkulten Zusammenhange gemacht
worden sind, weil sie aus einer Art von Angst herausgeboren waren,
als AbwehrmaBregeln, weil sie auch nicht einheitlich geleitet waren.
Verstandlich wird die Sache dann, wenn man eben auf das sieht, was
abgelenkt hat werden sollen. Das wurde schon mit einsichtigeren
Mitteln erstrebt und in Szene gesetzt.
Sehen Sie, es bestand im Oriente noch im 19. Jahrhundert ein merk-
wurdiger Orden: « Thugs. » Dieser Orden, der in einem Teil Asiens
bliihte, war nicht entstanden aus der bloBen Sehnsucht, seine Ziele
zu verwirklichen, der Sehnsucht etwa aus dem Herzen jener Menschen
heraus, die diesem Orden angehorten. Dieser Orden verpflichtete
seine Mitglieder, gewisse Menschen, die bezeichnet wurden von sehr,
sehr im Unbekannten sich haltenden Oberen, zu ermorden. Eine Art
Morderorden war es, ein Orden, der die Aufgabe hatte, gewisse Men-
schen zu ermorden. Seine Tatigkeit bestand darinnen, daB man von
Zeit zu Zeit erfuhr: der oder jener ist ermordet worden. Die Er-
mordung geschah aber aus dem Grunde, weil einfach einem Mitgliede
des Thugs-Ordens von unbekannten Obern diese oder jene Person-
lichkeit bezeichnet worden ist, die es zu ermorden hatte.
An den betreffenden Stellen, wo man das einleitete, wuBte man
schon, was man damit fur eine Absicht verfolgte. Die Absicht, die
man verfolgte, indem man erst die Angelegenheiten des physischen
Planes so ordnete, daB dieser Morderorden entstehen konnte, dann
wiederum die Angelegenheiten dieses Morderordens in entsprechen-
der Weise in Szene setzte, es war die folgende: Man beabsichtigte,
daB eben gerade solche Menschen gewaltsam durch des Todes Pforte
gehen sollten, die dann mit der Eigenschaft ausgestattet waren, nach
dem Tode gewisse Geheimnisse zu wissen. Diejenigen Menschen, die
dieses arrangiert haben, sie haben nun andererseits wiederum die
entsprechenden Spiegelereignisse, wie man das im okkulten Leben
nennt, hier auf dem physischen Plane eingerichtet ; sie haben nament-
lich dieses vor: entsprechende Spiegelereignisse hier auf dem physi-
schen Plane einzurichten. Zum Teil, wenn auch wenige, aber zum
Teil sind solche Ereignisse schon hier auf dem physischen Plane
eingerichtet worden. Das macht man so: Man schult gewisse dazu
geeignete Personlichkeiten zu Medien, bringt sie dann in einen media-
len Zustand und lenkt durch gewisse Verrichtungen die Stromungen
von der geistigen Welt nach dem Medium hin; so daB das Medium
gewisse Geheimnisse kundgibt, die auf keine andere Weise heraus-
kommen konnen als dadurch, daB eine gewaltsam getotete Person in
der andern Welt diejenigen Krafte hier auf der Erde beniitzt, die
durch den gewaltsamen Tod noch beniitzbar geblieben sind, daB sie
als Seele hinter gewisse Geheimnisse kommt und diese Geheimnisse
dann dem Medium eintraufelt. Dadurch kann wiederum hier auf der
Erde von solchen, die an dem Erforschen dieser Dinge ein Interesse
haben, dasjenige erforscht werden, was solche Seelen eben eintrau-
feln.
Die Dinge nun, die auf diese Weise erforscht werden, sind in einem
gewissen Sinne, wenn ich so sagen darf, geistige Friihgeburten. Die
Seelen, die auf normale Weise durch des Todes Pforte gegangen sind
und Gelegenheit dazu haben, mit solchen Dingen in Beriihrung zu
kommen, wissen: sie haben sich gerade jetzt vorzubereiten, und
zeigen, daB sie darinnenstehen in solcher Vorbereitung, um in einem
spateren Zeitpunkt, wenn die Menschheit dazu reif geworden ist,
durch geeignete Wege manches aus der geistigen Wek auf die Erde
herunterzubringen, es der Erde hier unten einzuimpfen. Dies ist sogar
eine wichtige Aufgabe einer Anzahl von Menschen, die jetzt durch
des Todes Pforte gehen : wenn sie die geniigende Reife erlangt haben
werden fur gewisse Geheimnisse, die sie nicht in verkiirzter Erfahrung
dadurch bekommen, daB beniitzt werden jene Krafte, welche durch
gewaltsame Tode herbeigefuhrt werden, dann die normalen Krafte
zu beniitzen. Diese Menschen haben geradezu die Aufgabe, hinter
diese Krafte zu kommen und sie wiederum einzuinspirieren Men-
schen, die hier auf der Erde sind, die keine Medien sind, sondern die
sie auf normale, ordentliche Weise, durch Inspiration erfahren sollen.
Darauf miiBte gewartet werden im normalen Leben. Dadurch daB
diese Dinge, die eigentlich spater kommen sollen, als geistige Friih-
geburten auf dem Wege kommen, den ich Ihnen angedeutet habe -
durch okkultes Verbrechertum -, dadurch konnen diejenigen, die
nicht Gutes mit der Menschheit beabsichtigen, die also in diesem
Sinne schwarze oder graue Magier sind, sich in den Besitz solcher
Geheimnisse stellen.
Und solche Dinge gingen vor hinter den Kulissen des auBeren
Geschehens gerade unserer Jahrzehnte. Beabsichtigt war: in die
Hande einer gewissen Gruppe von Menschen erstens das Geheimnis
zu legen, wie Massen beherrscht werden, was ich zuerst angedeutet
habe. Es ist dies das Geheimnis, wie gerade diejenigen Massen,
welche sich wenig kummern um die auBeren Angelegenheiten, jedoch
spirituelle Anlagen haben, die vorzugsweise geeignet sind, vorberei-
tend zu dienen fur den sechsten nachatlantischen Zeitraum, wie diese
Menschenmasse in ausgiebigem MaBe zu beherrschen ist und wie die
Gabe, sie zu beherrschen, in die Hande von einzelnen wenigen Men-
schen zu bringen ist.
Das war das eine. Das andere ist etwas, was in der Zukunft eine
groBe Rolle spielen wird : die Geheimnisse, die Mittel in die Hand zu
bekommen, um Verhaltnisse, die mit Krankheitsprozessen, auch mit
dem FortpflanzungsprozeB zusammenhangen, in einer bestimmten
Richtung zu dirigieren. Da handelt es sich namentlich um solche
Dinge, wie ich sie schon angedeutet habe gegeniiber einigenFreunden.
Das materialistische Zeitalter strebt danach aus gewissen Kreisen
heraus, alle spirituelle Entwickelung der Menschheit zu paralysieren,
unmoglich zu machen; die Menschen dahin zu bringen, daB sie ab-
lehnen, einfach durch ihre Temperamente, durch ihren Charakter
ablehnen alles Spirituelle, es fur Narretei ansehen.
Solch eine Stromung - bei einzelnen Menschen ist sie heute schon
bemerkbar - wird sich immer mehr und mehr vertiefen. Es wird die
Sehnsucht entstehen, daB allgemeines Urteil wird : Das Spir ituelle, das
Geistige ist Narretei, ist Wahnsinn! - Das wird man dadurch zu er-
reichen versuchen, daB man dagegen Impfmittel herausbringt, daB
man, so wie man auf Impfmittel gekommen ist zum Schutz gegen
Krankheiten, nun auf gewisse Impfmittel kommt, die den mensch-
lichen Leib so beeinflussen, daB er den spirituellen Neigungen der
Seele keine Wohnung gewahrt. Man wird die Menschen gegen die
Anlage fur geistige Ideen impfen. Das wird man wenigstens an-
streben : man wird Impfmittel versuchen, so daB die Menschen schon
in der Kindheit den Drang zum geistigen Leben verlieren. Das ist
aber nur eines von den Dingen, die zusammenhangen mit einer
intimeren Kenntnis, die auftreten muB in diesem funften nachatlanti-
schen Zeitraum iiber den Zusammenhang dieser Naturvorgange,
Naturmittel, mit dem menschlichen Organismus. Sie werden in der
entsprechenden Zeit in der Menschheit auftreten. Es wird sich nur
darum handeln, ob vorher solch ein Streben Gluck haben kann, wie
das solcher geistiger Fruhgeburten : in die Hande von einzelnen
Menschen, die ihre Zwecke damit verfolgen, solche Bestrebungen
gelangen zu lassen, oder ob die Erkenntnis von diesen Dingen in der
richtigen Weise, wie es dem Heile der Menschheit dienen soil, herab-
kommt, wenn die Zeit dazu reif ist.
Diese Organisation, die fur solche geistige Fruhgeburten bestimmt
war, welche mit Hilfe des Morderordens der Thugs arbeitete, die war
nicht dilettantisch ; die arbeitete sehr systematisch, wenn auch in einer
Weise, welche fur jeden, der es mit der Menschheit gut meint,
furchterlich ist; die arbeitete sachgemaB, nicht dilettantisch, mit
Kenntnis der entsprechenden Mittel.
Weil dieses Bestreben da war, durch verfruhtes Herabkommen be-
stimmter Mittel aus der geistigen Welt einen Teil der Menschheit in
den Besitz, in den egoistischen Besitz desjenigen zu setzen, was ja
doch im Laufe der Menschheitsreifung im funften nachatlantischen
Zeitraum kommen muB, so entstand, da dieses auftrat, jenes angstliche
Unbehagen bei andern, welche gewissermaBen - aber dilettantisch,
weil es ein angstgeborenes Kind war - als Gegenbild die Propaganda
der Tat in Szene setzten, die ihnen nun helfen sollte, aber vorlaufig
ein Versuch mit untauglichen Mitteln war.
Es ist Bedeutungs voiles, was hinter den Kulissen des auBeren Ge-
schehens vor sich geht. Und diese Dinge wiirden auch hier heute
nicht besprochen werden, wenn es nicht die Aufgabe ware, die-
jenigen, die solche Dinge dadurch horen konnen, da6 sie eine gewisse
Vorbereitung in geisteswissenschaftlichen Dingen haben, wenn es
nicht eine verpflichtende Notwendigkeit ware, diese Menschen auf
solche Dinge aufmerksam zu machen. Es besteht eine Notwendigkeit,
daB solche Dinge in das BewuBtsein der Menschheit der funften nach-
atlantischen Zeit ubergehen. Denn nur wenn sie in das BewuBtsein
der Menschheit der funften nachatlantischen Zeit ubergehen, kann
dasjenige erreicht werden, was Ziel werden muB der Erdenentwicke-
lung.
Es muB das schon eintreten, daB sich Menschen die Unbequemlich-
keit auferlegen, nicht bloB so zu denken, wie es den sogenannten heuti-
gen Gebildeten die Hochschulen vermitteln; es muB eine Zeit ein-
treten, in der eine Anzahl von Menschen sich bereit erklart, solch eine
unbequeme Weltanschauung auf sich zu nehmen, die ihre Rich-
tungen, ihre Begriffe, ihre Ideen aus der geistigen Welt herausholt.
Denn die Menschheit darf nicht in jenem Schlafzustande bleiben, in
welchem sie bleiben will mit den abstrakten, allgemeinen Begriffen,
nach denen das materialistische Zeitalter strebt und sie dann edel
nennt.
Es gibt also, wenn Sie bedenken, was ich Ihnen damit angedeutet
habe, eine ganze Summe von Moglichkeiten, von der geistigen Welt
herkommende Stromungen zu bemitzen, um hier auf der physischen
Erde wahrend der funften nachatlantischen Zeit Unheil anzurichten;
es gibt eine ganze Reihe von Moglichkeiten dazu. Ich habe Sie auf
eine solche Moglichkeit heute hingewiesen. Und daB man betonen
muB, das Aufnehmen solcher Erkenntnis in das BewuBtsein einiger
Seelen sei eine Notwendigkeit, das hangt zusammen mit dem ganzen
Grundcharakter unseres Zeitalters. Gerade die zweite Halfte des
19. Jahrhunderts war eine sehr wichtige Zeit. Ich habe ofter in diesen
und jenen Kreisen unserer Freunde hingewiesen, wie das Jahr 1841
eine Krisis, em Entscheidungsjahr war. Natiirlich kommt man nicht
darauf, wenn man bloB die Ereignisse hier in der physischen Welt
ansieht, sondern erst wenn man die Ereignisse ansieht im Zusammen-
hang mit dem, was sich in der geistigen Welt abspielt. Das Jahr 1841
war in der Tat das Krisenjahr fur die Einleitung der materialistischen
Zeit, denn dazumal hat in den geistigen Welten ein ganz bestimmter
Kampf begonnen, ein Kampf von gewissen Geistern der Finsternis,
konnen wir sagen, die der Hierarchie der Angeloi angehoren. Sie
kampften diesen Kampf bis in den Herbst 1879 in der geistigen Welt.
Sie strebten bestimmte Dinge an, eine ganze Reihe von Dingen, von
denen wir heute nur eines erwahnen wollen. Dazumal, zwischen dem
Jahre 1841 und 1879, sollte es sich entscheiden, ob eine gewisse
Summe von spiritueller Weisheit in der geistigen Welt droben reif-
gemacht werden kann, so daB sie von dem letzten Drittel des 19. Jahr-
hunderts an allmahlich auf die Erde heruntertraufelt, das heiBt, in die
menschlichen Seelen hineinkommt und in den menschlichen Seelen
spirituelles Wissen anregt, solches Wissen, das wir eben heute als
Wissen der Geisteswissenschaft bezeichnen. Das ist ja erst seit dem
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts moglich geworden, solches
Wissen.
Nicht reif werden zu lassen driiben in der geistigen Welt das, was
da heruntertraufeln sollte, das war die Absicht jener Angeloigeister
zwischen dem Jahre 1841 und 1879. Aber diese Geister haben den
Krieg, den sie durch diese Jahrzehnte gefuhrt haben gegen die Geister
des Lichtes, sie haben diesen Kampf verloren. Tatsachlich hat sich im
Jahre 1879 etwas abgespielt in kleinerem MaBstabe, wie sich solche
Ereignisse wiederholt im Laufe der Evolution abgespielt haben und
wie sie immer durch ein bestimmtes Symbolum ausgednickt werden :
durch den Sieg des Michael oder heiligen Georg iiber den Drachen.
Auch da, 1879, auf einem gewissen Gebiete ist der Drache iiber-
wunden worden. Dieser Drache sind die Angeloiwesen, die das an-
strebten, aber eben nicht erreichen konnten, was ich angedeutet habe.
Deshalb sind sie 1879 aus der geistigen Welt in den Bereich der
Menschen herein gestiirzt worden. Es war der Sturz der Angeloiwesen
aus dem Bereich der geistigen Welt in den Bereich der Menschen,
und in dem Bereich der Menschen wandeln sie jet2t unter den Men-
schen. Da sind sie vorhanden, indem sie ihre Krafte hineinsenden in
die Gedanken, Gefuhle, Willensimpulse der Menschen, indem sie das
oder jenes anstiften. Sie haben namlich nicht verhindern konnen -
darinnen besteht ja das, daB sie den Kampf verloren haben 1 -, sie
haben namlich nicht verhindern konnen, daB die Zeit gekommen ist,
in der das spirituelle Wissen herabtraufelt. Dieses spirituelle Wissen
ist jetzt da und wird immer weiter und weiter sich entwickeln; die
Menschen werden die Fahigkeit haben konnen, die geistige Welt zu
durchschauen.
Aber nun sind diese Angeloiwesen auf die Erde herabgestiirzt und
wollen hier Unheil stiften mit dem Herabtraufeln, wollen hier dieses
Wissen in falsche Bahnen leiten, wollen diesem Wissen seine gute
Macht rauben und es in schlechte Kanale bringen. Kurz, sie wollen
das, was sie mit Hilfe der Geister driiben nicht haben erreichen
konnen, hier mit Hilfe der Menschen erreichen, weil sie herabgestiirzt
sind seit dem Jahre 1879. Zerstoren den guten Weltenplan wollen sie,
der darinnen besteht, in den richtigen Reifezeitaltern das Wissen von
der Beherrschung der Menschenmassen, das Wissen von Geburt,
Krankheit und Tod und andern Dingen unter den Menschen zu ver-
breiten. Sie wollen es friihzeitig verbreiten durch die geistigen Friih-
geburten. Neben andern Dingen, die diese Geister anrichten wollen,
wirken sie in dem, was ich eben angedeutet habe.
Helfen wird gegen den EinfluB dieser ahrimanischen Wesenheiten
nur das BewuBtsein - ich habe das wiederholt angedeutet in den
Mysteriendramen, erinnern Sie sich nur an den SchluB des letzten -,
daB gegen gewisse Dinge, die Ahriman will, nur das hilft, daB man
ihn durchschaut, daB man weiB, daB er da ist. Das funfte nachatlan-
tische Zeitalter muB sich dahin entwickeln, daB gewissermaBen viele
Menschen darauf kommen, zu den ahrimanischen Machten und
Wesenheiten so zu sprechen, wie der Faust spricht: «In deinem
Nichts hoflf ich das All zu finden. » Das muB eine Gesinnung werden :
da hineinzuschauen, wo die materialistische Anschauung das « Nichts »
sieht, da die geistige Welt zu sehen. So daB Ahriman-Mephistopheles
gezwungen wird, zu solchen Menschen so zu sprechen wie zu Faust,
als er ihn zu den Muttern schickt: «Ich riihme dich, eh du dich von
mir trennst, und sehe wohl, daB du den Teufel kennst. » Neulich sagte
ich spaBend in Dornach driiben, diese Bemerkung wiirde Mephisto-
pheles zu Woodrow Wilson nicht gemacht haben ! Ihm wiirde er gesagt
haben: «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie beim
Kragen hatte. » Es handelt sich wirklich darum, daB es eine wichtige
Tatsache ist, daB die Menschen lernen, hineinzuschauen in die konkre-
ten Vorgange der geistigen Welt. Und es ist nun schon einmal so,
daB wenn auf der einen Seite so etwas von ganz besonderer Not-
wendigkeit ist, die Gegenkrafte besonders stark sind, so daB sich die
Menschen heute strauben gegen diese Dinge.
Das bitte ich Sie besonders zu beriicksichtigen hier in Zurich, wenn
Sie jetzt das sehr anerkennenswerte, sehr freudig zu begriiBende Be-
streben haben, in gewisse Kreise, die heute noch sehr ablehnend
gegen Geisteswissenschaft sind, diese Geisteswissenschaft zu tragen:
sich keinen Illusionen hinzugeben ! Man erlebt viele Enttauschungen,
und zunachst nur Enttauschungen, wenn man versucht, die Dinge,
die geschehen miissen und deshalb geschehen sollen, wirklich in der
rechten Weise in die Wege
…[truncated]