Die Schöpfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und Sternenwirken

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE FOR DIE ARBEITER AM GOETHEANUMBAU 



RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 



Vortrage fiir die Arbeiter am Goetheanumbau 

Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und 
Geist. t)ber friihe Erdzustande 

Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922 

Band 2 t)ber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes- 
wissenschaftlichen Sinneslehre 

Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923 

Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen des 
Christentums 

Vierzehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1923 

Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt 
man zum Schauen der geistigen Welt? 

Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923 

Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur - 
Ober die Bienen 

Fiinfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 

Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung 
Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1924 

Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen 
der Kulturvolker 

Siebzehn Vortrage, l.Marz bis 25, Juni 1924 

Band 8 Die Schopfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und 
Sternenwirken 

Vierzehn. Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1924 



RUDOLF STEINER 



Die Schopfung der Welt und des Menschen 

Uber Welt- und Menschenentstehung 
und den Gang der Kulturentwickelung der Menschheit 

Ernahrungsfragen 

Erdenleben und Sternenwirken 



Vierzehn Vortrage, gehalten 
fiir die Arbeiter am Goetheanumbau 
in Dornach vom 30. Juni bis 24. September 1924 



2000 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann ' 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1969 

2., durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1977 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999 



Weitere Veroffentlichungen 
siehe zu Beginn der Hinweise S. 243 



Bibliographie-Nr. 354 

Zeichnungen im Text nach den Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig (siehe auch S. 243) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3540-2 



7.H den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Kiinstlerisches Werk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf 
Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck be- 
stimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers, Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung 
der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durch- 
sicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen die 
Nachschriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vortrags- 
veroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird 
eben nur hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 

Die besondere Stellung, welche die Vortrage fur die Arbeiter 
am Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, 
schildert Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band 
vorangestellt ist. 



INHALT 



Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe S. 248ff. 



Geleitwort von Marie Steiner 9 

DIE SCHOPFUNG DER WELT UND DES MENSCHEN 

Erster Vortrag, Dornach, 30. Juni 1924 11 

Weltenschopfung und Menschenschopfung - Saturn-, Sonnen- und 
Mondenzustand der Erdentwickelung. 

Zweiter Vortrag, 3. Juli 1924 29 

Erdenschopfung - Menschenentstehung. 

Dritter Vortrag, 7. Juli 1924 44 



Was sagt Anthroposophie und Naturwissenschaft iiber die Schichten 
der Erde und ihre Versteinerungen. 

OBER WELT- UND MENSCHENENTSTEHUNG UND DEN 
GANG DER KULTURENTWICKELUNG DER MENSCHHEIT 

ERNAHRUNGSFRAGEN 



Vierter Vortrag, 9. Juli 1924 60 

Uber Welt- und Menschenentstehung - Lemurien und Atlantis. 

Funfter Vortrag, 12. Juli 1924 76 

Ursprung und Eigenart der chinesischen und indischen Kultur. 

Sechster Vortrag, 31. Juli 1924 94 

Uber das Verhaltnis der Nahrungsmittel zum Menschen - Rohkost 
und Vegetarismus. 

Siebenter Vortrag, 2. August 1924 112 

Fragen der Ernahrung - Ernahrung der Kinder - Abhartung - 
Dungung. 

Achter Vortrag, 6. August 1924 127 

Uber den Gang der Kulturenrwickelung der Menschheit. 



ERDENLEBEN UND STERNE NWIRK EN 



Neunter Vortrag, 9. August 1924 144 

Uber die Geruche. 

Zehnter Vortrag, 9. September 1924 160 

Von den Planeteneinfliissen auf Tiere, Pf lanzen und Gesteine. 

Elfter Vortrag, 13. September 1924 175 

Uber die Witterung und ihre Ursachen. 

Zwolfter Vortrag, 18. September 1924 194 

Gestalt und Entstehung der Erde und des Mondes - Ursachen des 
Vulkanismus. 

Dreizehnter Vortrag, 20. September 1924 212 

Was will Anthroposophie? - Vom Bielakometen. 

Vierzehnter Vortrag, 24. September 1924 227 

Woher stammt der Mensch? - Erdenleben und Sternenweisheit. 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 243 

Hinweise zum Text 244 

Personenregister 247 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 248 



Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortxagen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe: 
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XXVIII 



GELEITWORT 



zum Erscheinen von Veroffentlichungen 
aus den Vortragen Rudolf Steiners fur die Arbeiter am Goetheanum 
vom August 1922 bis September 1924 

Marie Steiner 



Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt 
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbei- 
tern selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte 
sie zu Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu aufiern, 
ihre Einwendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde be- 
riihrt. Ein besonderes Interesse zeigte sich fur die therapeutische und 
hygienische Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark diese Dinge zu 
den taglichen Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber auch alle Erschei- 
nungen der Natur, des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Da- 
seins wurden beriihrt, und dieses fiihrte wieder in den Kosmos hinaus, 
zum Ursprung der Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter 
eine Einfiihrung in die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen 
fur das Verstandnis der Mysterien des Christentums. 

Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus eini- 
gen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fur die an solchen Fragen 
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten 
hat; sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft weitergefiihrt. Doch erging nun die Bitte von 
seiten der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer an- 
nehmen und ihren Wissensdurst stillen wiirde - und ob es moglich ware, 
eine Stunde der ublichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie 
noch frischer und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der 
Morgenstunde nach der Vesperpause. Auch einige Angestellte des Bau- 
biiros hatten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiter- 
kreise Dr. Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so 
zum Beispiel die Bienenzucht, fur die sich Imker interessierten. Die 
Nachschrift jener Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner 



nicht mehr unter uns weilte, vom Landwirtschaftlichen Versuchsring 
am Goetheanum als Broschure fiir seine Mitglieder herausgebracht. 

Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese 
Vortrage kennenzulernen. Sie waren aber fiir ein besonderes Publikum 
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg- 
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhoren- 
den Arbeiter eingaben - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffent- 
lichung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden, 
hat einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht ver- 
missen mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen, 
die auf dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der 
Fragenden und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte 
man nicht durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen. 
Es wird deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. 
Wenn auch nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stilbil- 
dung entspricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben. 



Marie Steiner 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 30. Juni 1924 

Nun, hat jemand sich eine Frage ausgedacht? 

Herr Dollinger: Ich mochte fragen, ob Herr Doktor nicht wieder sprechen konnte 
von der Schopfung der Welt und des Menschen, da verschiedene Neue da sind, die 
das noch nicht gehort haben? 

Dr. Steiner: Also gefragt ist, ob ich wiederum anfangen konnte, von 
Weltenschopfung und Menschenschopfung zu sprechen, weil sehr viel 
neue Kameraden da sind. Nun werde ich die Sache so gestalten, dafi ich 
Ihnen zunachst klarzumachen versuche, wie urspriinglich die Zustande 
auf der Erde waren, welche auf der einen Seite zu all demjenigen ge- 
fiihrt haben, was wir drauften sehen, und auf der anderen Seite zum 
Menschen. 

Sehen Sie, der Mensch ist ja eigentlich ein sehr, sehr kompliziertes 
Wesen. Und wenn man glaubt, den Menschen nur dadurch verstehen 
zu konnen, dafi man ihn seziert nach dem Tode, als Leichnam, so 
kommt man naturlich nicht dazu, den Menschen wirklich zu verstehen. 
Ebensowenig kann man die Dinge, die um uns herum sind, die Welt, 
verstehen, wenn man sie nur so betrachtet, dafi man Steine, Pflanzen 
sammelt und die einzelnen Sachen anschaut. Man mufi iiberall eben 
darauf Riicksicht nehmen konnen, dafi dasjenige, was man untersucht, 
nicht im allerersten Anblick schon zeigt, was es eigentlich ist. 

Wenn wir einen Leichnam anschauen - wir konnen ihn ja anschauen, 
kurz nachdem der Mensch gestorben ist: er hat noch dieselbe Form, 
dieselbe Gestalt, ist vielleicht nur blasser geworden; wir merken ihm 
an, der Tod hat ihn ergriffen, aber er hat noch dieselbe Gestalt, die 
der Mensch hatte, als er lebendig war. Nun denken Sie sich aber: Wie 
schaut dieser Leichnam, auch wenn wir ihn nicht verbrennen, wenn 
wir ihn verwesen lassen, nach einiger Zeit aus? Er wird zerstort, es 
arbeitet nichts mehr in "ihm, was ihn wieder aufbauen konnte - er 
wird zerstort. 

Nun, sehen Sie, der Anfang der Bibel wird sehr haufig von den 
Leuten belachelt, und zwar mit Recht, wenn er so ausgelegt wird, dafi 



einstmals irgendein Gott aus einem Erdenklofi einen Menschen geformt 
hatte. Man sieht das als eine Unmoglichkeit an - mit Recht naturlich. 
Es kann nicht irgendein Gott kommen und aus einem Erdenklofi einen 
Menschen machen. Er wird ebensowenig ein Mensch, wie eine Bild- 
hauerstatue ein wirklicher Mensch wird, wenn man sie auch noch so 
sehr der Gestalt nach richtig macht, und ebensowenig, wie, wenn Kin- 
der ein schones Mannchen aufbauen, dieses anfangt zu laufen. Also 
man lachelt mit Recht dariiber, wenn Leute sich vorstellen, daft ur- 
spninglich ein Gotteswesen aus einem Erdenkloft einen Menschen ge- 
macht haben soil. Das, was wir als Leichnam vor uns haben, das ist ja 
nach einiger Zeit nun wirklich solch ein Erdenkloft, wenn es auch im 
Grab so ein biftchen auseinandergegangen ist, verschwemmt worden 
ist und so weiter. Zu glauben, daft wir aus dem also, was wir so vor uns 
haben, einen Menschen machen konnen, ist ja ein ebenso grofter Unsinn. 

Sehen Sie, auf der einen Seite gestattet man sich heute mit Recht, 
zu sagen, daft die Vorstellung unrichtig ist, daft der Mensch aus einem 
Erdenkloft geschaffen sein soil. Auf der anderen Seite gestattet man 
sich aber dann das andere: zu denken, daft der Mensch aus demjenigen 
bestehen soil, was Erde ist. Sie sehen schon, wenn man konsequent vor- 
gehen will, geht das eine ebensowenig wie das andere. Man mufi sich 
eben klar sein: Wahrend der Mensch gelebt hat, ist etwas in ihm, was 
machte, daft er diese Form, diese Gestalt kriegte, und wenn das drauften 
ist, kann er nicht mehr diese Gestalt haben. Die Naturkrafte geben ihm 
nicht diese Gestalt; die Naturkrafte treiben diese Gestalt nur ausein- 
ander, machen sie nicht wachsen. Also ist es beim Menschen so, daft 
wir zuriickgehen miissen zu dem Geistig-Seelischen, das ihn eigentlich 
beherrscht hat, solange er gelebt hat. 

Nun, wenn wir drauften den toten Stein anschauen, aus dem toten 
Stein herauswachsen sehen die Pflanzen und so weiter: Ja, meine Her- 
ren, wenn man sich vorstellt, daft das immer so gewesen ist, so wie es 
heute drauften ist, so ist das geradeso, als wenn Sie etwa von einem 
Leichnam sagen, der war immer so, solange der Mensch auch gelebt 
hat. Dasjenige, was wir als Steine heute drauften in der Welt erblicken, 
was also Felsen sind, Berge sind, das ist ja geradeso wie ein Leichnam. 
Das ist auch ein Leichnam! Das war nicht immer so. Und geradeso wie 



der Leichnam von einem Menschen nicht immer so war, wie er nun 
daliegt, nachdem das Geistig-Seelische draufien ist, so war auch das- 
jenige, was wir draufien erblicken, nicht immer so. Dafi die Pflanzen 
wachsen auf dem toten Leichnam, namlich dem Gestein, das braucht 
uns nicht zu verwundern; denn wenn der Mensch verwest, wachsen 
auch allerlei kleine Pflanzchen und allerlei Tierzeug aus seinem ver- 
wesenden Leichnam heraus. 

Nicht wahr, daft uns das eine, das wir da draufien in der Natur 
haben, schbn erscheint, und dafi wir das, was wir am Leichnam sehen, 
wenn da allerlei Schmarotzerpflanzen herauswachsen, nicht schon fin- 
den, das kommt ja nur davon, weil das eine riesig grofi und das andere 
klein ist. Wenn wir statt Menschen ein kleines Kaferchen waren und 
auf einem verwesenden Leichnam herumgehen wiirden, und ebenso 
denken konnten wie die Menschen, so wiirden wir die Knochen des 
Leichnams als Felsen empfinden. Wir wiirden in dem, was dadrinnen ver- 
west, Schutt und Gestein finden, wiirden da, weil wir ein kleines Ka- 
ferchen waren, in dem, was da herauswachst, grofie Walder sehen, 
wiirden da eine ganze Welt bewundern, sie nicht so schrecklich finden 
wie jetzt. 

So wie wir zuriickgehen mussen beim Leichnam auf dasjenige, was 
der Mensch war, bevor er gestorben ist, so mussen wir zuriickgehen bei 
alledem, was Erde ist und unsere Umgebung, auf dasjenige, was ein- 
mal in alldem heute Toten gelebt hat, bevor eben die Erde im Grofien 
gestorben ist. Und ehe die Erde nicht im Grofien gestorben war, konnte 
es keine Menschen geben. Die Menschen sind eigentlich gewissermafien 
Schmarotzer auf der Erde. Die ganze Erde hat einmal gelebt, hat ge- 
dacht - alles mogliche war sie. Und erst, als sie Leichnam wurde, konnte 
sie das Menschengeschlecht schaffen. Das ist etwas, was eigentlich jeder 
einsehen kann, der nur wirklich denkt. Nur will man heute nicht den- 
ken. Aber man mufi eben denken, wenn man auf die Wahrheit kommen 
will. So dafi wir uns also vorzustellen haben: Dasjenige, was heute 
festes Gestein ist, wo Pflanzen herauswachsen und so weiter, das war 
urspriinglich durchaus nicht so, wie es heute ist, sondern wir haben 
es urspriinglich zu tun mit einem lebendigen, denkenden Weltkorper - 
mit einem lebendigen, denkenden Weltkorper! 



Ich habe oft, auch schon zu Ihnen, gesagt: Da stellt man sich heute - 
was vor? Man stellt sich vor, daft urspriinglich ein riesiger Urnebel da 
war, daft dieser Urnebel in Drehung gekommen ist, daft sich dann ab- 
gespalten haben die Planeten, daft in der Mitte die Sonne geworden ist. 
Dies wird den Kindern schon ganz von friih auf beigebracht. Und man 
macht ihnen auch einen kleinen Versuch vor, aus dem das hervorgehen 
soil, daft wirklich auf diese Weise alles entstanden ist. Da wird ein 
kleines Oltropfchen genommen auf ein Glas Wasser, ein Kartenblatt, 
eine Nadel hineingesteckt, und well das 01 auf dem Wasser schwimmt, 
laftt man das so drauf schwimmen. Mit der Nadel dreht man dann das 
Kartenblatt, und da spalten sich kleine Oltropfchen ab, drehen sich 
weiter, und es entsteht wirklich ein kleines Planetensystem, in der 
Tafeli* Mitte drinnen mit der Sonne. - Nun ja, es ist ja ganz gut, wenn man 
oberhaib aucn s * cn selbst vergessen kann; aber der Schullehrer sollte in diesem 
der Mitte F a lle nicht sich selbst vergessen, sondern wenn er das macht, sollte er 
auch den Kindern sagen: Es ist da draufien ein riesiger Schulmeister 
im Weltenraum, der das gedreht hat! - Das ist eben die Geschichte: 
man wird gedankenlos - nicht deshalb, weil die Tatsachen einem be- 
fehlen, gedankenlos zu sein, sondern weil man es will. Aber dadurch 
kommt man nicht zur Wahrheit. Wir miissen uns also vorstellen, daft da 
nicht ein riesiger Schulmeister war, der den Weltennebel gedreht hat, 
sondern daft in diesem Weltennebel selber etwas drinnen war, was sich 
bewegen konnte und so weiter. Da sind wir aber wiederum beim Leben- 
digen. Wenn wir uns selber drehen wollen, da brauchen wir nicht eine 
Nadel durch uns durchgesteckt, durch die der Schulmeister uns dreht; 
das paftt uns gar nicht - wir konnen uns selber drehen. Ein solcher Ur- 
nebel miiftte vom Schulmeister gedreht werden. Ist er aber lebendig und 
kann er empfinden, denken, dann braucht er nicht den Weltenschul- 
meister, sondern dann kann er die Drehung selber bewirken. 

Nun mufiten wir uns also vorstellen: Dasjenige, was heute tot um 
uns herum ist, das war einstmals lebendig, war empfindsam, war ein 
Weltwesen, wenn wir dann weiter untersuchen, sogar eine grofte An- 
zahl von Weltwesen, und diese Weltwesen, die belebten das Ganze. 
Und die urspriinglichen Zustande der Welt riihren also davon her, daft 
im Stoff ein Geistiges drinnen gewesen ist. 



14 



* Zu den Taf elzeichnungen siehe S. 243 



Sehen Sie, was liegt nun allem zugrunde, was irgendwie stofflich 
ist? Denken Sie, ich habe einen Bleiklumpen in der Hand, ein Stuck 
Blei. Das ist fester Stoff, richtiger fester Stoff. Ja, aber wenn ich auf 
ein gluhendes Eisen oder auf irgend etwas Gliihendes, auf Feuer, dieses 
Blei lege, so wird es fliissig. Und wenn ich es noch weiter mit Feuer 
bearbeite, so verschwindet mir das ganze Blei, es verdunstet dann, ich 
sehe nichts mehr davon. So ist es aber bei alien Stoffen. Wovon hangt 
es denn ab, dafi ich einen festen Stoff habe? Es hangt davon ab, welche 
Warme in ihm ist. Wie er ausschaut, hangt nur davon ab, welche 
Warme in einem Stof f e ist. 

Sie wissen, heute kann man schon die Luft fliissig machen; dann 
hat man flussige Luft. Luft, wie wir sie in unserer Umgebung haben, 
ist ja nur luftformig, gasformig, solange eine bestimmte Warme da ist. 
Und Wasser - Wasser ist fliissig, kann aber auch Eis sein, fest sein. 
Wenn man eine ganz bestimmte Kaltetemperatur auf unserer Erde 
hatte, so gabe es kein Wasser, sondern Eis. Nun, gehen wir aber in un- 
sere Berge hinein: Wir finden da das feste Granitgestein zum Beispiel, 
anderes festes Gestein. Ja, wenn es iibermafiig warm ware, dann ware 
festes Gestein, Granit, nicht da, sondern der ware fliissig, flosse da- 
hin, wie in unseren Bachen das Wasser. 

Also, was ist denn das Urspriingliche, was macht, dafi irgend etwas 
fest oder fliissig oder luftformig ist? Das macht die Warme! Und ohne 
dafi die Warme zunachst da ist, kann iiberhaupt nichts fest oder fliissig 
sein. Warme mufi irgendwie tatig sein. Daher konnen wir sagen: Das- 
jenige, was urspriinglich allem zugrunde liegt, ist die Warme oder das 
Feuer. 

Und das zeigt auch die Geisteswissenschaft, die anthroposophische 
Forschung. Diese Geisteswissenschaft, diese anthroposophische For- 
schung zeigt, dafi nicht ein Urnebel urspriinglich da war, ein toter Ur- 
nebel, sondern dafi lebendige Warme urspriinglich da war, einfach 
Warme, die da gelebt hat. 

Also, ich will annehmen einen ursprunglichenWeltenkorper, Warme, 
die gelebt hat (siehe Zeichnung Seite 17, rot). Ich habe in meiner «Ge- Tafeli 
heimwissenschaft im Umrifi» diesen urspriinglichen Zustand — nicht 
wahr, auf Namen kommt es nicht an, man mufi einen Namen haben - 



so genannt, wie er vor alten Zeiten genannt worden ist: Saturnzustand. 
Es hat schon etwas zu tun mit dem Weltenkorper Saturn, aber das 
wollen wir jetzt nicht beriihren. 

In diesem urspriinglichen Zustand, da gab es noch keine festen 
Korper, keine Luft gab es dadrinnen, sondern nur Warme; aber die 
Warme lebte. Wenn Sie heute frieren - ja, Ihr Ich friert; wenn Sie 
heute schwitzen, wenn es Ihnen recht warm ist, wird Ihr Ich schwitzen, 
dem wird es recht warm. Und so sind Sie in der Warme drinnen, bald 
im Warmen, bald im Kalten, aber immer in irgendeiner Warme sind Sie 
drinnen. So daft wir auch heute noch sehen am Menschen: er lebt ja in 
der Warme. Der Mensch lebt durchaus in der Warme. 

Wenn also die heutige Wissenschaft sagt: Urspriinglich war eine 
hohe Warme da dann hat sie in einem gewissen Sinne recht; wenn sie 
aber meint, dafi diese hohe Warme tot war, so hat sie unrecht, denn es 
war ein lebendes Weltenwesen da, ein richtiges lebendes Welten- 
wesen. 

Nun, das erste, was eingetreten ist mit dem, was da ein warmes 
Weltenwesen war, das war ja Abkiihlung. Abkiihlen tun sich ja die 
Dinge fortwahrend. Und was entsteht, wenn sich irgend etwas, in dem 
man noch nichts unterscheiden kann als nur Warme, abkuhlt? Da ent- 
steht Luft. Die Luft ist das erste, was entsteht - Gasiges. Denn wenn 
wir einen festen Korper immer weiter erhitzen, bildet sich in der 
Warme das Gas; wenn aber etwas, was noch nicht Stoff ist, von oben 
herunter sich abkuhlt, so bildet sich zunachst die Luft. So dafi wir 
also sagen konnen: Das zweite, was sich da bildet, ist Luftiges (siehe 
Tafeli Zeichnung Seite 17, griin), richtiges Luftiges. Und dadrinnen, also 
in dem, was sich gewissermafien als z weiter Weltenkorper gebildet hat, 
da ist alles aus Luft. Da ist noch kein Wasser, und da ist noch kein 
fester Korper drinnen. Da ist alles aus Luft. 

Jetzt haben wir schon den zweiten Zustand, der sich im Laufe der 
Zeit gebildet hat. Und in diesem zweiten Zustand, da entsteht - aber 
neben dem, was urspriinglich da war - schon etwas anderes. Die heu- 
tige Sonne ist nicht so, ich habe aber doch in meiner «Geheimwissen- 
schaft» das Sonne genannt, eine Art Sonnenzustand, weil es ein warmer 
Luftnebel war. Ich habe Ihnen auch schon gesagt: Die heutige Sonne 



ist das nicht; aber die ist auch nicht das, was urspriinglich dieser zweite 
Weltenkorper war. So also bekommen wir einen zweiten Weltenkorper, 
der sich aus dem ersten heraus bildet; der erste ist bloft warm, der 
zweite ist schon luftformig. 

Nun aber, in der Warme kann der Mensch als Seele leben. Warme 
macht auf die Seele den Eindruck der Empfindung, aber sie zerstort 
die Seele nicht. Sie zerstort aber das Korperliche. Wenn ich also ins 
Feuer geworfen werde, so wird mein Korper zerstort. Meine Seele 
wird dadurch, dafi ich ins Feuer geworfen werde, nicht zerstort. Dar- 
iiber werden wir noch genauer reden, denn die Frage erfordert natiir- 
lich Ausfiihrliches. Nun, deshalb konnte auch der Mensch als Seele 
schon leben, als nur dieser erste Zustand, der Saturnzustand da war. 



Satvtn 5onne Mond £r<5c 




AAemch MenKh Mensch Mensch 

Tier Tier fier 

pflanzo pf(anze 

Mineral 



Da konnte der Mensch schon leben. Das Tier konnte da noch nicht 
leben, aber der Mensch konnte da schon leben. Das Tier konnte da 
noch nicht leben, weil beim Tiere, wenn das Korperliche zerstort wird, 
das Seelische mit beeintrachtigt wird. Beim Tier hat das Feuer auf das 
Seelische einen Einflufi. So daft wir bei diesem ersten Zustande anneh- 
men: Der Mensch ist schon da, das Tier noch nicht. Als diese Um wand- 
lung (Sonnenzustand) stattgefunden hat, war Mensch und Tier da. 
Das ist eben das Merkwiirdige, dafi nicht eigentlich die Tiere urspriing- 



lich da waren und der Mensch aus ihnen entstanden ist, sondern dafi 
der Mensch urspriinglich da war und nachher die Tiere, die sich ge- 
bildet haben aus demjenigen, was nicht Mensch werden konnte. Der 
Mensch war natiirlich nicht so als ein Zweifuftler herumgehend da, 
als nur Warme da war, selbstverstandlich nicht. Er lebte in der Warme, 
war ein schwebendes Wesen, lebte nur im Warmezustand. Dann, als 
sich das umwandelte und ein luftformiger Warmekorper entstand, da 
bildeten sich neben dem Menschen die Tiere, da traten die Tiere auf. 
Also die Tiere sind schon verwandt mit dem Menschen, aber sie ent- 
stehen eigentlich erst spater als der Mensch entstehen kann im Lauf 
der Weltentstehung. 

Was tritt jetzt weiter ein? Weiter tritt das ein, daft die Warme noch 
mehr abnimmt. Und wenn die Warme noch mehr abnimmt, dann bil- 
det sich nicht nur Luft, sondern auch Wasser. So daft wir also einen 
Tafeli dritten Weltenkorper haben (Zeichnung, gelb). Ich habe ihn - aus dem 
Grunde, weil er ahnlich sieht unserem Mond, aber doch nicht dasselbe 
ist - Mond genannt. Er ist nicht dasselbe wie der heutige Mond, aber 
etwas Ahnliches. Da haben wir also einen wasserigen Korper, einen 
richtig wasserigen Korper. Natiirlich bleiben Luft und Warme dabei, 
aber was da noch nicht vorhanden war beim zweiten Weltenkorper, 
das Wasser, das tritt jetzt auf. Und jetzt, weil Wasser auftritt, kann 
da sein: der Mensch, der schon friiher da war, das Tier, und aus dem 
Wasser heraus schiefien die Pflanzen auf, die urspriinglich nicht in der 
Erde wuchsen, sondern im Wasser wuchsen. Also da schiefien heraus 
Mensch, Tier und Pflanze. 

Sehen Sie, die Pflanzen wachsen ja scheinbar aus der Erde heraus. 
Wenn aber die Erde gar kein Wasser enthalt, dann wachsen keine 
Pflanzen heraus; die Pflanze braucht zu ihrem Wachstum eben das 
Wasser. Es gibt ja auch Wasserpflanzen. So miissen Sie sich die ur- 
spriinglichen Pflanzen vorstellen wie die heutigen Wasserpflanzen - 
sie schwammen im Wasser drinnen — , wie Sie sich auch die Tiere vor- 
stellen miissen mehr als schwimmende Tiere, und gar hier, im zweiten 
Zustand, mehr als fliegende Tiere. 

Von allem, was urspriinglich da war, ist eben etwas zuriickgeblie- 
ben. Weil urspriinglich, als der Sonnenzustand da war, als nur Mensch 



18 



und Tier da war, alles nur fliegen konnte - denn es war ja nichts zum 
Schwimmen da, es konnte nur alles fliegen -, und weil die Luft zu- 
riickgeblieben ist, auch jetzt noch, haben diese fhegenden Wesen Nach- 
kommen gefunden. Unser heutiges Vogelgeschlecht, das sind die Nach- 
kommen der urspriinglichen Tiere, die da entstanden sind im Sonnen- 
zustand. Nur waren sie dazumal nicht so wie heute. Dazumal waren 
sie nur aus Luft bestehend; luftartige Wolken waren diese Tiere. Hier 
(Mondenzustand) haben sie sich dann das Wasser eingegliedert. Und 
heute, meine Herren - ja, schauen wir uns nur einmal einen Vogel an! Tafeli 
Der Vogel wird heute zum grofiten Teil recht gedankenlos angeschaut. 
Wenn wir die Tiere, die da vorhanden waren wahrend des Sonnenzu- 
standes, uns vorstellen sollen, miissen wir sagen: Die waren nur aus 
Luft; die waren schwebende Luftwolken. Wenn man sich heute einen 
Vogel anschaut: Dieser Vogel hat hohle Knochen, und in den hohlen 
Knochen ist uberall Luft drinnen! Es ist sehr interessant, den heutigen 
Vogel auf das hin anzuschauen: Uberall drinnen in diesem Vogel, in die 
Knochen hinein, uberall hinein ist Luft. Denken Sie sich weg alles, was 
nicht Luft ist, so kriegen Sie nur ein Luftiges: den Vogel. Und hatte er 
nicht diese Luft, so konnte er iiberhaupt nicht fliegen. Der Vogel hat hohle 
Knochen, und dadrinnen ist er ein Luftvogel. Das erinnert noch an den 
Zustand, wie es friiher war. Das andere hat sich erst ringsherum gebildet 
in der spateren Zeit. Die Vogel sind wirklich die Nachkommen dieses 
Zustandes. 

Schauen Sie sich den heutigen Menschen an: Er kann in der Luft 
leben; fliegen kann er nicht, dazu ist er zu schwer. Er hat nicht wie der 
Vogel hohle Knochen gebildet, sonst konnte er auch fliegen. Und dann 
wiirden sich nicht blofi Schulterblatter bei ihm finden, sondern die 
Schulterblatter wiirden auslaufen in Fliigel. Der Mensch hat nur noch 
die Ansatze von Flugeln da oben in den Schulterblattern; wenn die 
auswachsen wiirden, wiirde der Mensch fliegen konnen. 

Also der Mensch lebt in der umgebenden Luft. Diese Luft mufi aber 
Wasserverdunstung enthalten. In der blofi trockenen Luft kann der 
Mensch nicht leben. Also Fliissigkeit mufi da sein und so weiter. Aber 
es gibt ja einen Zustand, in dem der Mensch nicht in der Luft leben 
kann: das ist der Zustand wahrend der Keimeszeit, wahrend der Em- 



bryonalzeit. Man mufi sich also diese Dinge nur richtig anschauen. 
Wahrend der Embryonalzeit bekommt dasjenige, was Menschenkeim 
ist - man nennt es Menschenembryo -, die Luft und alles, was es 
braucht, aus dem Leib der Mutter. Da mufi es sein in einem Lebendigen 
drinnen. 

Nun sehen Sie, die Sache ist aber so: Wenn der Mensch als Keim- 
wesen noch im Leibe der Mutter ist und herausoperiert wird, da kann 
er noch nicht in der Luft leben. Wahrend des Keimzustandes ist also 
der Mensch darauf angewiesen, in einer lebendigen Umgebung zu le- 
ben. Und in diesem Zustand, wo es zwar Mensch, Tier und Pflanze gab, 
wo es jedoch noch nicht so war wie in der heutigen Welt, weil es da 
noch keine Steine gab, keine Mineralien, da war noch immer alles le- 
bendig, da lebte der Mensch in diesem Lebendigen drinnen, geradeso 
wie er heute im Mutterleibe lebt. Nur wuchs er naturlich grofier aus. 
Denken Sie sich, wenn wir nicht geboren werden miifiten und in der 
Luft leben miifiten, selber atmen miifiten, so wiirde ja unsere Lebens- 
zeit mit der Geburt zu Ende sein. Wir konnten als Embryo, als Keim 
nur zehn Mondmonate leben. Es gibt ja solche Wesen, die nur zehn 
Mondmonate leben; die wiirden nicht an die aufiere Luft herankom- 
men, sondern aus dem Inneren, aus dem Lebendigen das bekommen. 
So war es mit dem Menschen vor langer Zeit. Er wurde zwar alter, 
aber er kam nie aus dem Lebendigen heraus. Ware dieser Zustand ge- 
blieben, er lebte noch immer darin. Der Mensch schritt nicht vor bis 
zur Geburt, sondern er lebte als Keim. Und dann war noch kein Mine- 
ral da, kein Stein da. 

Wenn Sie heute den Menschen sezieren, so haben Sie seine Knochen; 
dadrinnen finden Sie ebenso den kohlensauren Kalk, wie Sie ihn hier 
finden im Jura. Da ist zwar das Mineral drinnen - das war damals 
noch nicht drinnen -, aber im Embryo, namentlich in den ersten Mona- 
ten, ist auch noch kein Mineral eingelagert, sondern da ist alles noch 
geformte Flussigkeit, nur ein bifichen verdicklicht. Und so war es 
wahrend dieses Zustandes, dafi der Mensch noch nicht knochig war, 
sondern hochstens nur knorpelig war. Und so haben wir hier einen 
Menschen, an den uns nur noch dasjenige erinnert, was heute Men- 
schenkeim ist. Warum kann der Menschenkeim nicht gleich aufier dem 



Leibe der Mutter entstehen? Weil heute die Welt eine andere gewor- 
den ist. Wahrend der alte Mond bestanden hat - ich will es jetzt den 
alten Mond nennen, es ist nicht der heutige Mond, sondern das, was 
die Erde fruher war -, wahrend der alte Mond bestanden hat, war die 
ganze Erde ein Mutterleib, innerlich lebendig, ein richtiger Mutter- 
leib. Und Steine und Mineralien gab es noch nicht. Alles war ein rie- 
siger Mutterleib. So dafi wir sagen konnen: Unsere heutige Erde ist 
aus diesem riesigen Mutterleib hervorgegangen. 

Noch fruher, da war iiberhaupt auch dieser riesige Mutterleib nicht 
da; sondern noch fruher, was war denn da vorhanden? Ja, noch fruher, 
war eben, ich mochte sagen, das Friihere. Jetzt iiberlegen wir uns ein- 
mal, was das Friihere ist! Sehen Sie, der Mensch, wenn er im Mutter- 
leibe entstehen soil, wenn er ein Menschenkeim werden soil, mufi ja 
zuerst empfangen werden. Da findet die Konzeption, die Empfangnis 
statt. Aber geht denn der Konzeption nicht etwas voraus? Der Kon- 
zeption geht voraus dasjenige, was bei der Frau die monatliche Periode 
ist. Da findet im weiblichen Organismus ein ganz besonderer Vorgang 
statt, der mit Ausstoftung von Blut verknupft ist. Aber das ist ja nicht 
das einzige. Das ist ja nur das Physische davon, wenn das Blut ausge- 
stofien wird. Jedesmal, wenn das Blut ausgestofien wird, wird etwas 
Geistig-Seelisches, etwas, was geistig-seelisch bleibt, mitgeboren, das 
es nur nicht, weil keine Empfangnis stattfindet, bis zum physischen 
Korper bringt, sondern das geistig-seelisch bleibt, ohne dafi es zum 
physischen Menschenkorper wird. Dasjenige, was da vor der Emp- 
fangnis schon da sein mufi, das war wahrend des Sonnenzustandes da! 
Da war die ganze Sonne, diese ganzen Vorgange der Erde, noch ein 
Weltenwesen, das von Zeit zu Zeit ein Geistiges ausstiefi. Und so Ieb- 
ten Mensch und Tier im luftformigen Zustande, ausgestofien von die- 
sem ganzen Korper. So dafi also zwischen diesem Zustand (siehe Zeich- Tafel 1 
nung, Sonne) und diesem Zustand (Mond) das eintritt, dafi iiberhaupt 
der Mensch ein physisches Wesen wurde im Wasser. Vorher war er 
ein physisches Wesen nur in der Luft. Auch wahrend dieses Zustandes 
(Mond), da war es zum Beispiel so, dafi etwas Ahnliches da war wie die 
Empfangnis, aber noch nicht etwas Ahnliches wie die Geburt. Und wie 
war diese Empfangnis, wahrenddem dieser alte Mondenzustand da war? 



Ja, meine Herren, der Mond ist da ein ganz weibliches Wesen; diesem 
ganz weiblichen Wesen, dem stand nicht gegeniiber zunachst ein mann- 
liches Wesen, aber es stand ihm gegeniiber alles, was aufierhalb seines 
Weltenkorpers in der Zeit noch da war. Dieser Weltenkorper war ja 
da; aber aufier ihm waren auch viele andere Weltenkorper; die hatten 
einen Einflufl. Und jetzt kommt die Zeichnung heraus, die ich schon 
einmal da gemacht habe. 

Also es war da dieser Weltenkorper, ringsherum die anderen Wel- 
tenkorper, und diese hatten Einfluft in der verschiedensten Weise; von 
aufterhalb kamen die Keime herein und befruchteten die ganze Mond- 
erde. Und wenn einer von Ihnen damals schon hatte leben konnen und 
hingekommen ware und er hatte diesen urspriinglichen Weltenkor- 
per betreten, so wiirde er nicht gesagt haben, wenn er wahrgenommen 
hatte: Da herein kommen allerlei Tropfen -, er wiirde nicht gesagt ha- 
ben: Es regnet - heute sagen Sie: Es regnet -, damals wiirden Sie ge- 
Tafeli sagt haben: Die Erde wird befruchtet! - Und so gab es Jahreszeiten, 
TnS w0 von iiberallher die Befruchtungskeime kamen, und andere Jahres- 
zeiten, wo die Sache ausreifte, wo die Befruchtungskeime nicht kamen. 
So daft also dazumal eine Weltbefruchtung war. Aber der Mensch 
wurde nicht geboren, sondern nur befruchtet; er wurde nur durch 
Empfangnis hervorgerufen, und die Menschen kamen eben aus dem 
Ganzen des Erdenkorpers, wie er dazumal als Mondkorper war, her- 
aus. Und ebenso wirkte die Befruchtung fiir Tier und Pflanzen aus 
der ganzen Weltumgebung herein. 

Nun, sehen Sie, aus alledem, was da jetzt lebt als Mensch, Tier und 
Pflanze, aus alldem entsteht durch weitere Abkiihlung eine spatere 
Verhartung. Da (Mondenzustand) haben wir es noch mit Wasser zu 
tun, und hochstens durch weitere Abkiihlung eine spatere Verhartung. 
Da (Erde) kommt das Feste heraus, das Mineralische. So dafi wir einen 
Tafdi vierten Zustand haben (siehe Zeichnung Seite 17, blau): der ist unsere 
Erde, so wie wir sie heute haben, und der enthalt Mensch, Tier, Pflanze, 
Mineral. 

Meine Herren, betrachten wir jetzt einmal, wie es auf der Erde ge- 
Tafeli worden ist, sagen wir mit einem Vogel. Der Vogel war hier noch, 
djen w ^hrend der Zeit (im Sonnenzustand), ein reiner Luftibus, da bestand 



er nur aus Luft, als solche Luftmasse schwebte er dahin. Jetzt wahrend 
dieser Zeit (Mondenzustand) wird er wasserig, dicklich-wasserig, und Tafel 1 
es schwebten eisartige Wolken dahin - nur nicht wie unsere Wolken °^ ts 
sind, sondern so, daft die Gestalt schon drinnen war. Was bei uns nur 
ungeformte Wasserbildungen sind, das waren dazumal geformte Was- 
serbildungen; das hatte so Skelettform, aber es war nur Wasserbildung. 
Und jetzt kommen die Mineralien; jetzt gliedert sich in dasjenige, was 
nur Wasserbildung ist, das Mineralische herein, kohlensaurer Kalk, 
phosphorsaurer Kalk und so weiter. Das geht dem Skelett entlang; da 
bilden sich die festen Knochen hinein. So haben wir zuerst den Luft- 
vogel, dann den wasserigen Vogel und zuletzt den festen Erdenvogel. 

Beim Menschen konnte das nicht so gehen. Der Mensch konnte sich 
nicht einfach eingliedern dasjenige, was nur als Mineral entstand wah- 
rend seiner Keimzeit. Der Vogel kann das. Warum kann er das? Sehen 
Sie, der Vogel, der hat hier (Sonnenzustand) seine Luftgestalt bekom- 
men ; er lebt dann den Wasserzustand durch. Jetzt hat er notig, das Mine- 
ralische, wahrend er im Keim ist, nicht zu stark an sich herankommen 
zu lassen. Denn wenn zu friih dieses Mineral an ihn herankommt, dann 
wird er eben ein Mineral, dann verhartet er. Der Vogel ist also jetzt, 
wahrend er entsteht, noch gewissermafien wasserig und flussig; das 
Mineralische will aber schon heran. Was tut der Vogel? Ja, er weist 
es zunachst ab, er macht es um sich herum: er macht um sich herum die 
Eischale! Da ist das Mineralische. Die Eischale bleibt so lange, als der 
Vogel innerlich das Mineralische von sich fernhalten mufi, also flussig 
bleiben mufi. Woher kommt das beim Vogel? Das kommt beim Vogel 
daher, dafi er erst entstanden ist beim zweiten Zustand der Erde. Ware 
er beim ersten dagewesen, so ware er gegen die Warme viel empfind- 
licher, als er es schon ist. Er ist gegen die Warme nicht so empfindlich, 
weil er wahrend des ersten Warmezustandes noch nicht da war. Jetzt 
kann er dadurch, daft er damals noch nicht da war, die feste Eischale 
um sich herum bilden. 

Der Mensch war wahrend des ersten Warmezustandes schon da und 
kann daher das Mineral nicht abhalten, solange er im Keimzustande 
ist; er kann keine Eischale bilden. Daher mufi er anders organisiert 
werden. Er mufi etwas Mineralisches schon aus dem Mutterleibe auf- 



nehmen; deshalb haben wir die Mineralbildung schon am Ende des 
Keimzustandes da. Er muft aus dem Mutterleib etwas Mineralisches 
aufsaugen. Da muft aber doch erst der Mutterleib das Mineral haben, 
das sich absondern kann. Es mufi sich also beim Menschen das Minera- 
lische ganz anders eingliedern als beim Vogel. Der Vogel hat luft- 
durchsetzte Knochen, wir haben markdurchsetzte Knochen. Wir haben 
Mark in den Knochen - ganz anders als der Vogel, nicht luftdurchsetzt 
wie der Vogel. Dadurch, dafi wir solches Mark haben, dadurch hat die 
Mutter eines Menschen die Moglichkeit, innerlich schon Mineralisches 
an den Menschen abzugeben. Aber in der Zeit, in der nun Mineralisches 
abgegeben wird, kann der Mensch nicht mehr leben in der mutterlichen 
Umgebung; da mufi er nach und nach geboren werden. Da mufi er erst 
dann herankommen an das Mineralische. Beim Vogel haben wir das 
Geborenwerden nicht, sondern ein Auskriechen aus der Eischale - beim 
Menschen das Geborenwerden, ohne dafi eine Eischale auftritt. Wa- 
rum? Weil der Mensch eben friiher entstanden ist, so kann bei ihm alles 
durch Warme und nicht durch Luft abgemacht werden. 

Sie sehen daraus diesen Unterschied, der heute noch da ist, den man 
heute noch beobachten kann, den Unterschied zwischen einem Ei-Tier 
und einem solchen Wesen, das wie der Mensch ist oder auch wie die 
hoheren Saugetiere. Dieser Unterschied beruht darauf, daft der Mensch 
viel alter ist als zum Beispiel das Vogelgeschlecht, vor alien Dingen 
viel alter ist als die Mineralien. Daher mufi er vor der Mineralnatur, 
wenn er noch ganz jung ist, wahrend seiner Keimzeit im Mutterleib 
geschiitzt werden, und es darf ihm nur das zubereitete Mineralische ge- 
geben werden, was durch den mutterlichen Leib kommt. Ja, es mufi 
ihm sogar noch dasjenige, was durch den mutterlichen Leib zubereitet 
wird an Mineralischem, nach der Geburt eine Zeitlang verabreicht 
werden in der Muttermilch! Wahrend der Vogel gleich geatzt werden 
kann mit aufteren Stoffen, mufi der Mensch und das hohere Tier ge- 
nahrt werden mit demjenigen, was auch nur durch den mutterlichen 
Leib kommt. 

Und nun ist die Sache so: Dasjenige, was im heutigen Erdenzustand 
der Mensch hat durch den mutterlichen Leib, das hatte er durch die 
Luft, durch die Umgebung wahrend des friiheren Zustandes. Da war 



einfach dasjenige, was der Mensch das ganze Leben hindurch urn sich 
hatte, milchartig. Heute ist unsere aufiere Luft so, dafi sie Sauerstoff Tafeli 
und Stickstoff enthalt und verhaltnismafiig nur wenig Kohlenstoff und 
Wasserstoff, und vor alien Dingen sehr, sehr wenig Schwefel. Die sind 
weggegangen. Wie noch dieser Zustand da war (Mondenzustand), da 
war es anders; da war in der Umgebung nicht blofi eine Luft, die aus 
Sauerstoff und Stickstoff bestand, sondern dawaren noch dabei Wasser- 
stoff und Kohlenstoff und Schwefel. Das gab aber einen Milchbrei 
um den Mond herum, um diesen alten Mond, einen ganz diinnen Milch- 
brei, in dem gelebt wurde. Aber in einem diinnen Milchbrei lebt der 
Mensch auch heute noch, wenn er ungeboren ist! Denn nachher erst 
geht, wenn der Mensch geboren ist, die Milch in die Brust herein; vor- 
her geht sie in dem weiblichen Korper in diejenigen Teile hinein, wo 
der Menschenkeim liegt. Und das ist das Eigentiimliche, dafi diejenigen 
Vorgange, die im mutterlichen Organismus vor der Geburt nach der 
Gebarmutter hingehen, nachher weiter herauf in die Briiste gehen. Und 
so haben wir heute noch beim Menschen den Mondzustand erhalten, 
bevor er geboren wird, und den eigentlichen Erdenzustand von dem 
Moment an, wo der Mensch geboren wird, wo nur noch das Monden- 
hafte in der Milchernahrung etwas nachdammert. 

So mufi man eigentlich die Dinge, die mit der Erdenentstehung und 
der Menschenentstehung zusammenhangen, erklaren. Und es kann der 
Mensch heute, wenn er nicht an eine Geisteswissenschaft herandringt, 
sich gar nicht entratseln, warum der Vogel aus einem Ei ausschliipft 
und gleich mit aufieren Stoffen genahrt werden kann, wahrend der 
Mensch nicht aus einem Ei ausschliipfen kann, sondern aus dem mutter- 
lichen Leibe selber kommen mufi und noch mit Muttermilch genahrt 
werden mufi. Warum? Ja, weil der Vogel spater entstanden ist; er ist 
also ein aufierliches Wesen. Der Mensch ist friiher entstanden und war, 
als dieser Zustand da war, eigentlich noch nicht so weit verhartet, als 
der Vogel es ist. Daher ist er auch heute noch nicht so weit verhartet, 
mufi noch mehr geschutzt werden, hat noch viel mehr von urspriing- 
lichen Zustanden in sich. 

Sehen Sie, weil man iiber so etwas heute uberhaupt nicht mehr 
richtig nachdenken kann, mifiversteht man dasjenige, was als Pflan- 



zen, Tiere und Menschen auf der Erde ist. Da ist der materialistische 
Darwinismus entstanden, der glaubte, zuerst waren die Tiere dage- 
wesen und dann der Mensch - der hatte sich einfach aus den Tieren 
entwickelt. Wahr ist an der Sache, daft der Mensch mit den Tieren 
verwandt ist seiner aufteren Gestalt nach. Aber der Mensch war 
friiher da und das Tier hat sich eigentlich spater herausgebildet, als 
schon ein Verwandlungszustand in der Welt da war. Und so konnen 
wir sagen: Die Tiere stellen schon dar einen Zustand von Nachkom- 
menschaft dessen, was friiher da war, wo das Tier noch verwandter 
war mit dem Menschen. Aber wir diirfen uns niemals vorstellen, daft 
aus den heutigen Tieren heraus Menschen werden konnen. Das ist eben 
eine durchaus falsche Vorstellung. 

Nun, schauen wir uns jetzt nicht das Vogelgeschlecht an, sondern 
schauen wir uns das Fischgeschlecht an. Das Vogelgeschlecht war fur 
die Luft entstanden, das Fischgeschlecht, das ist fiirs Wasser entstan- 
den. Erst als dieser Zustand da war, den ich da den Mondenzustand 
nenne, erst da bildeten sich gewisse friihere luftartige Vogelwesen so 
um, daft sie durch das Wasser fischahnlich wurden. So also kamen 
Tafel i zu dem, was hier (auf die Zeichnung deutend) vogelartig war, die Fische 
recht" dazu. Die Fische sind, ich mochte sagen, verwasserte Vogel, vom Was- 
ser aufgenommene Vogel. Wir konnen daraus ablesen, daft die Fische 
spater entstanden sind wie die Vogel; sie sind erst entstanden, als schon 
das wasserige Element da war. Die Fische entstehen also wahrend der 
alten Mondenzeit. 

Und jetzt werden Sie sich auch gar nicht mehr verwundern: Was 
iiberhaupt da wasserig herumschwamm wahrend der alten Monden- 
zeit, das schaute alles fischahnlich aus. Die Vogel schauten ja friiher 
auch, trotzdem sie in der Luft flogen, fischahnlich aus, nur daft sie 
eben leichter waren. Und alles schaute fischahnlich aus in der alten 
Mondenzeit. Und nun ist es interessant, meine Herren, wenn wir heute 
einen Menschenkeim anschauen, so am einundzwanzigsten, zweiund- 
zwanzigsten Tage nach der Befruchtung - wie schaut er denn da aus? 
Tafel i Da schwimmt er in diesem Wasserigen drinnen, das im Mutterleibe ist, 
und ausschauen tut er namlich dann so (es wird gezeichnet): richtig wie 
ein kleines Fischlein! Diese Gestalt, die der Mensch richtig hatte wah- 



26 



rend der Mondenzeit, die hat er da noch in der dritten Woche der 
Schwangerschaft; die hat er sich bewahrt. 

So dafi Sie also sagen konnen: Der Mensch arbeitet sich erst heraus 
aus dieser alten Mondgestalt, und wir konnen es heute noch an dieser 
Fischgestalt sehen, die er im Mutterleibe hat, wie er sich da heraus- 
arbeitet. Oberall, wenn wir die heutige Welt beobachten, konnen wir 
sehen, wie das friihere Leben war - so wie wir wissen, dafi bei einem 
Leichnam das friihere Leben da war. So schilderte ich Ihnen ja heute 
dasjenige, was mineralisch auf der Erde entstanden ist, wie es friiher 
war. Geradeso wie wir beim Leichnam sehen: er kann die Beine nicht 
mehr bewegen, die Hande nicht mehr bewegen, der Mund kann nicht 
mehr aufgemacht werden, die Augen nicht mehr aufgeschlagen werden, 
es ist alles unbeweglich geworden - das fiihrt uns aber zuriick in einen 
Zustand, wo alles beweglich war, die Beine beweglich, die Arme be- 
weglich, die Hande beweglich, die Augen konnten aufgetan werden -, 
geradeso schauen wir hier auf einen Erdenleichnam, der iibrig ist von 
einem Lebendigen, in dem die Menschen noch herumwandeln und die 
Tiere, und wir schauen zuriick, wie die ganze Erde einmal lebendig 
war. 

Aber es geht noch weiter, meine Herren. Sehen Sie, ich sagte Ihnen: 
Wenn die Empfangnis da ist, so ist die Anlage zum physischen Men- 
schen da, so bildet sich allmahlich der Embryo. Was dem vorangeht, 
das habe ich Ihnen geschildert: Alles, was im weiblichen Organismus 
vorgeht, was sich in der Periode abstofit, was aber im Geiste auch zu 
einem Ausstofien wird. Ja, bei diesem Vorgang ist immer etwas - wenn 
es auch bei gesunden Frauen nicht bemerkbar wird, wenn sie sich auch 
aufrecht erhalten, wenn sie gesunde Frauen sind -, aber es ist immer 
etwas von Fieber vorhanden, richtig etwas von Fieber vorhanden. 
Warum denn? Ja, weil ja ein Warmezustand da ist; da lebt die Frau 
in der Warme. Was ist das fur ein Warmezustand? 

Das ist derjenige Warmezustand, der sich erhalten hat von diesem 
alten ersten Zustand, den ich hier Saturn genannt habe! Da lebt noch die- 
ser Fieberzustand fort. So dafi wir sagen konnen: Diese ganze Entwik- 
kelung ging aus von einer Art Fieberzustand unserer Erde, und die Ab- 
kuhlung, die brachte erst dieses Fieber fort. Heute sind die meisten Men- 



schen durchaus nicht mehr fiebrig, sondern recht trocken und niichtern. 
Aber wenn noch etwas, jetzt nicht durch auflere Warme, aber innerlich 
auftritt, so dafi wir mehr ahnlich werden einem inneren Leben, wie es 
in der Warme ist, wenn da innerlich durch die Warme etwas auftritt, 
dann kommen wir auch noch ins Fiebrige hinein. 

Und so ist es schon, meine Herren: Man sieht iiberall noch an den 
Zustanden des heutigen Menschen, wie man zuriickgehen kann in alte 
Zustande. Und so habe ich Ihnen also heute geschildert, wie nach und 
nach sich entwickelte Mensch, Tier, Pflanze, Mineral, indem der Wel- 
tenkbrper, auf dem sich das entwickelte, immer fester und fester wird. 
Das wollen wir dann - heute ist Montag - am nachsten Mittwoch um 
neun Uhr weiter besprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach,3.Julil924 



Guten Morgen, meine Herren! Nun will ich heute weiterreden iiber 
Erdenschopfung, Menschenentstehung und so weiter. Es ist Ihnen ja 
wohl klargeworden aus dem, was ich Ihnen'gesagt habe, daft unsere 
ganze Erde urspriinglich nicht so war, wie sie sich heute darstellt, wie 
sie heute ist, sondern sie war eine Art von Lebewesen. Und wir haben 
ja den vorletzten Zustand vor dem eigentlich irdischen Zustand, den 
wir besprochen haben, dadurch kennengelernt, daft wir sagen muftten: 
Warme war da, Luft war da, Wasser war auch da; aber es war noch 
nicht eigentliche feste mineralische Erdenmasse da. Nur mussen Sie 
sich nicht vorstellen, daft das Wasser, das dazumal da war, schon so 
aussah wie das heutige Wasser. Das heutige Wasser ist ja erst so gewor- 
den dadurch, daft diejenigen Stoffe, die vorher im Wasser aufgelost 
waren, sich aus dem Wasser heraus abgeschieden haben. Wenn Sie heute 
nur ein ganz gewohnliches Glas Wasser nehmen, etwas Salz hineinge- 
ben, so lost sich das Salz im Wasser auf; Sie bekommen eine Fliissig- 
keit, eine Salzlosung, wie man sagt, die viel dicker ist als das Wasser. 
Wenn Sie hineingreifen, spiiren Sie die Salzlosung viel dichter als das 
Wasser. Nun ist aufgelostes Salz verhaltnismaftig noch diinn. Es kon- 
nen auch andere Stoffe aufgelost werden; dann kriegt man eine ganz 
dickliche Fliissigkeit. So daft also dieser Fliissigkeits-, dieser Wasser- 
zustand, der einmal auf unserer Erde in friiheren Zeiten da war, nicht 
heutiges Wasser darstellt. Das gab es uberhaupt dazumal nicht, da in 
alien Wassern Stoffe aufgelost waren. Denken Sie doch: Alles dasjenige, 
was Sie in heutigen Stoffen drinnen haben, das Jurakalkgebirge zum 
Beispiel, das war aufgelost dadrinnen; alles dasjenige, was Sie in har- 
teren Gesteinen haben, die Sie nicht mit dem Messer ritzen konnen - 
Kalk konnen Sie immer noch ritzen mit dem Stahlmesser -, das war 
auch aufgelost im Wasser. Man hat es also wahrend dieser alten Mon- 
denzeit mit einer dicklichen Fliissigkeit zu tun, in der alle Stoffe, die 
heute fest sind, aufgelost enthalten waren. 

Das heutige diinne Wasser, das im wesentlichen aus Wasserstoff und 



Sauerstoff besteht, das hat sich erst spater abgeschieden. Das ist erst 
entstanden wahrend der Erdenzeit selber. So dafi wir also einen ur- 
spriinglichen Zustand der Erde haben, der ein verdicklicht Fliissiges 
darstellt. Und ringsherum haben wir dann auch eine Art von Luft, 
aber wir haben keine solche Luft gehabt wie heute. Gerade wie das 
Wasser nicht so ausgeschaut hat wie unser heutiges Wasser, so war auch 
die Luft nicht so wie unsere heutige. Unsere heutige Luft enthalt ja im 
wesentlichen Sauerstoff und Stickstoff. Die anderen Stoffe, die die 
Luft noch enthalt, sind in sehr geringer Menge noch vorhanden. Es sind 
sogar Metalle als Metalle eigentlich noch in der Luft vorhanden, aber 
in furchtbar geringen Mengen. Sehen Sie, es ist zum Beispiel ein Metall, 
das Natrium heifit, in geringen Mengen in der Luft enthalten; iiberall, 
wo wir sind, ist das Natriummetall. Nun denken Sie aber doch, was 
das heifit, dafi Natrium iiberall ist, das heiftt, daft der eine Stoff, der 
in Ihrem Salz ist, wenn Sie auf dem Tisch Salz haben, in kleinen Men- 
gen iiberall vorhanden ist. 

Sehen Sie, es gibt zwei Stoffe - das eine ist dieser Stoff, den ich 
Tafel2 Ihnen jetzt angefiihrt habe, das Natrium, das in ganz kleiner Menge 
iiberall in der Luft vorhanden ist; und dann gibt es einen Stoff, der gas- 
formig ist, und der spielt besonders eine grofie Rolle, wenn Sie Ihre 
Wasche bleichen: das ist das Chlor. Das bewirkt das Bleichen. Nun, 
sehen Sie, das Salz, das Sie auf dem Tisch haben, das besteht aus die- 
sem Natrium und aus dem Chlor, ist aus diesen zusammengesetzt. So 
kommen die Dinge in der Natur zustande. 

Sie konnen fragen: Ja, wie weifi man, daf5 Natrium iiberall ist? - 
Ja, sehen Sie, es gibt heute schon die Moglichkeit, wenn man irgendwo 
eine Flamme hat, nachzuweisen, was fiir ein Stoff in dieser Flamme 
verbrennt. Wenn Sie zum Beispiel, sagen wir, dieses Natrium, das man 
metallisch kriegen kann, pulverisieren und in eine Flamme hineinhal- 
ten, so konnen Sie dann mit einem Instrument, das man das Spek- 
troskop nennt, eine gelbe Linie darinnen finden. Es gibt zum Beispiel 
ein anderes Metall, das heifk Lithium; wenn Sie das in die Flamme hin- 
einhalten, so bekommen Sie eine rote Linie; da ist die gelbe nicht da, 
da ist die rote Linie da. Man kann also schon nachweisen mit dem Spek- 
troskop, was fiir ein Stoff irgendwo vorhanden ist. Die gelbe Natrium- 



linie bekommen Sie fast aus jeder Flamme; das heiftt, wenn Sie irgend- 
wo, ohne daft Sie Natrium hineintun, eine Flamme anziinden, so krie- 
gen Sie da die Natriumlinie in jeder Flamme. Also dieses Natrium ist 
heute noch in einer Flamme. Aber von alien diesen Metallen, nament- 
lich aber vom Schwefel, waren friiher riesige Mengen hier in der Luft 
vorhanden. So daft die Luft in jenem alten Zustand sozusagen hochst 
schwefelhaltig war, ganz ausgeschwefelt war. Wie wir also ein dick- 
liches Wasser haben - wenn man nicht besonders schwer gewesen 
ware, hatte man spazieren gehen konnen auf diesem Wasser; es ist so 
wie rinnender Teer zuweilen gewesen so ist die Luft auch dicker ge- 
wesen, so dick, daft man mit den heutigen Lungen darin nicht hatte 
atmen konnen. Die Lungen haben sich aber erst spater gebildet. Die 
Lebensweise derjenigen Wesen, die dazumal da waren, war eine we- 
sentlich andere. 




Tafel2 



Nun, so miissen Sie sich vorstellen, daft die Erde einmal ausgesehen 
hat. Hatten Sie sich mit heutigen Augen auf dieser Erde befunden, dann 
wiirden Sie auch nicht auf eine solche Ansicht gekommen sein, daft 
da drauften Sterne sind, Sonne und Mond sind; denn die Sterne hatten 
Sie nicht gesehen, sondern Sie hatten eben in ein unbestimmtes Luft- 
meer hineingeschaut, das aufgehort hatte nach einiger Zeit. Man ware 
sozusagen, wenn man dazumal mit den heutigen Sinnesorganen hatte 
leben konnen, wie in einem Weltenei drinnen gewesen, iiber das man 
nicht hinausgesehen hatte. Wie in einem Weltenei drinnen ware man 
gewesen! Und Sie konnen sich schon vorstellen, daft dann auch die 



Erde dazumal anders ausgesehen hat: ganz ausgefiillt mit einem riesigen 
Eidotter, einer dicklichen Fliissigkeit, und mit einer ganz dicklichen 
Luftumgebung — das ist das, was heute das Eiweifi im Ei darstellt. 

Wenn Sie sich das ganz real vorstellen, was ich Ihnen da schildere, 
so werden Sie sich sagen miissen: Ja, dazumal konnten solche Wesen 
nicht leben, wie es die heutigen Wesen sind. Denn, natiirlich, solche 
Wesen, wie die heutigen Elefanten und dergleichen, aber auch Men- 
schen in der heutigen Gestalt, die waren da sozusagen versunken; 
aufierdem hatten sie nicht atmen konnen. Und weil sie da nicht hatten 
atmen konnen, haben sie ja auch nicht Lungen in der heutigen Gestalt 
gehabt. Diese Organe bilden sich ganz in dem Sinne, wie sie gebraucht 
werden. Das ist das Interessante, dafi ein Organ gar nicht da ist, wenn 
es nicht gebraucht wird. Also Lungen haben sich erst in dem Mafie 
entwickelt, in dem die Luft nicht mehr so schwefelhaltig und metall- 
reich war, wie sie in dieser alten Zeit war. 

Nun, wenn wir uns eine Vorstellung bilden wollen, was fiir Wesen 
dazumal gelebt haben, dann miissen wir zuerst diejenigen Wesen auf- 
suchen, welche in dem dicklichen Wasser gelebt haben. In diesem 
dicklichen Wasser haben Wesen gelebt, die heute nicht mehr existieren. 
Nicht wahr, wenn wir heute von unserer gegenwartigen Fischform 
reden, so ist diese Fischform da, weil das Wasser dunn ist. Auch das 
Meerwasser ist ja verhaltnismafiig dunn; es enthalt viel Salz aufgelost, 
aber es ist doch verhaltnismafiig dunn. Nun, dazumal war alles mog- 
liche in dieser dicklichen Fliissigkeit, in diesem dicklichen Meere, aus 
dem eigentlich die ganze Erde, der Mondensack bestanden hat, aufge- 
lost. Die Wesen, die darinnen waren, die konnten nicht schwimmen, 
wie die heutigen Fische schwimmen, weil eben das Wasser zu dick war; 
aber sie konnten auch nicht gehen, denn gehen mufi man auf einem 
festen Boden. Und so konnen Sie sich vorstellen, dafi diese Wesen eine 
Organisation hatten, einen Korperbau hatten, der zwischen dem, was 
man braucht zum Schwimmen: Flossen, und dem, was man braucht 
zum Gehen: Fiifie, mitten drinnen liegt. Sehen Sie, wenn Sie Flossen 
haben - Sie wissen ja, wie Flossen ausschauen -, die haben solche stache- 
Tafd2 lige, ganz diinne Knochen (es wird gezeichnet), und dasjenige, was da- 
zwischen ist an Fleischmasse, das ist vertrocknet. So dafi wir eine 



Flosse haben mit fast gar keiner Fleischmasse daran, mit stacheligen, 
zu Stacheln umgebildete Knochen - das ist eine Flosse. Gliedmafien, die 
dazu dienen, auf Festem sich fortzubewegen, also zu gehen oder zu 
kriechen, die lassen die Knochen ins Innere zuriicktreten und die 
Fleischmasse bedeckt sie aufierlich. So dafi wir solche Gliedmafien eben 
so auffassen konnen, dafi sie Fleischmasse aufien haben, die Knochen 
nur im Inneren; da ist die Fleischmasse das Hauptsachlichste. Das (es 
wird auf die Zeichnung verwiesen) gehort zum Gehen, das gehort zum Tafel2 
Schwimmen. Aber weder Gehen noch Schwimmen gab es dazumal, 
sondern etwas, was dazwischen liegt. Daher hatten diese Tiere auch 
Gliedmafien, in denen schon so etwas wie Stacheliges war, aber nicht 
der reine Stachel, sondern so, daft schon vorhanden war so etwas wie 
Gelenke. Es waren Gelenke, sogar ganz kiinstliche Gelenke; dazwischen 
war aber ausgespannt Fleischmasse wie ein Schirm. Wenn Sie heute 
noch manche Schwimmtiere anschauen, mit der Schwimmhaut zwi- 
schen den Knochen, dann ist das der letzte Rest dessen, was einstmals 
in hochstem Mafie vorhanden war. Da waren Tiere vorhanden, welche 
ihre Gliedmafien eben so ausstreckten, dafi sie mit der Fleischmasse, 
die da ausgespannt war, getragen wurden von der dicklichen Flussig- 
keit. Und sie hatten schon Gelenke an den Gliedern - nicht so wie die 
Fische heute, wo man keine Gelenke sieht — , sie hatten Gelenke. Da- 
durch konnten sie ihr halbes Schwimmen und ihr halbes Gehen diri- 
gieren. 

So, sehen Sie, werden wir aufmerksam gemacht auf Tiere, welche 
in der Hauptsache solche Gliedmaften brauchen. Uns wurden sie heute 
riesig plump vorkommen, diese Gliedmafien: sie sind nicht Flossen, 
nicht Fufie, nicht Hande, sondern plumpe Ansatze an dem Leib, aber 
ganz geeignet, in dieser dicklichen Fliissigkeit zu leben. Das war die 
eine Art von Tieren. Wenn wir sie weiter beschreiben wollen, so miis- 
sen wir sagen: Diese Tiere waren ganz darauf veranlagt, den Korper 
so auszubilden, dafi diese Riesengliedmafien entstehen konnten. Alles 
iibrige war schwach ausgebildet bei diesen Tieren. Sehen Sie, dasjenige, 
was heute noch vorhanden ist an Kroten oder an solchen Tieren, die 
im Sumpfigen, also Dicklich-Fliissigen schwimmen, wenn Sie das neh- 
men, so haben Sie eben schwache, verkiimmerte zaghafte Nachbildun- 



gen von Riesentieren, die einmal gelebt haben, die plump waren, aber 
verkleinerte Kopfe hatten wie die Schildkrb'te. 

Und in der verdicklichten Luft lebten andere Tiere. Unsere heutigen 
Vogel haben ja dasjenige annehmen miissen, was sie brauchen, weil sie 
eben in der diinnen Luft leben; daher muftten sie schon etwas von Lun- 
gen ausbilden. Aber die Tiere, die dazumal lebten in der Luft, die 
hatten keine Lungen, denn in dieser verdicklichten, schwefeligen Luft 
ging es nicht, mit Lungen zu atmen. Aber sie nahmen doch diese Luft 
auf, und sie nahmen sie so auf, daft es eine Art von Essen war. Diese 
Tiere konnten nicht in der heutigen Weise essen, denn es ware ihnen 
alles im Magen liegengeblieben. Es war ja auch nichts Festes da zum 
Essen. Sie nahmen alles das, was sie aufnahmen an Nahrung, aus der 
verdicklichten Luft auf. Aber wo hinein nahmen sie es auf? Sehen Sie, 
sie nahmen es auf in dasjenige, was sich in ihnen wieder besonders aus- 
gebildet hat. 

Nun, diese Fleischmasse, die da vorhanden war an diesen Schwimm- 
tieren dazumal, an diesen, ich mochte sagen, Gleittieren - denn es war 
ja nicht ein Gehen, war ja nicht ein Schwimmen -, diese Fleischmasse, 
die konnten wieder die damaligen Lufttiere nicht brauchen, weil sie 
ja nicht in der verdicklichten Fliissigkeit schwimmen, sondern in der 
Luft sich selber tragen sollten. Dieser Umstand, daft sie sich in der 
Luft selber tragen sollten, der bewirkte da bei diesen Tieren, daft diese 
Fleischmasse, die sich bei den gleitenden, halb schwimmenden Tieren 
entwickelte, sich anpaftte den Schwefelverhaltnissen der Luft. Der 
Schwefel vertrocknete diese Fleischmasse und machte sie zu dem, was 
Sie heute an den Federn sehen. An den Federn ist diese vertrocknete 
Fleischmasse; es ist ja auch vertrocknetes Gewebe. Aber mit diesem 
vertrockneten Gewebe konnten diese Tiere wiederum diejenigen Glied- 
mafien bilden, die sie brauchten. Es waren nun auch nicht im heutigen 
Sinne Fliigel, aber die trugen sie in dieser Luft; sie waren schon fliigel- 
ahnlich, aber nicht ganz so wie heutige Fliigel. Vor alien Dingen waren 
sie in einem sehr, sehr voneinander verschieden. Sehen Sie, heute ist 
ja nur etwas noch zuriickgeblieben von dem, was dazumal diese merk- 
wiirdigen, fliigelahnlichen Gebilde hatten: heute ist nur zuriickgeblie- 
ben das Mausern, wo die Vogel ihre Federn verlieren. Diese Gebilde 



also, die noch nicht Federn waren, aber die mehr die vertrockneten 
Gewebe ausbildeten, mit denen dann diese Tiere sich in der verdick- 
lichten Luft erhielten - diese Gebilde waren eigentlich halb Atmungs- 
organe, halb Organe zur Aufnahme der Nahrungsmittel. Es wurde 
dasjenige, was in der Luftumgebung war, aufgenommen. Und so war 
ein jedes solches Organ, namentlich diejenigen Organe, die nicht zum 
Fliegen benutzt wurden, die aber auch da waren in ihren Ansatzen, 
wie der Vogel am ganzen Leib Federn hat. Diese Fliigel waren zur 
Aufnahme der Luft und zum Abscheiden der Luft da. Heute ist davon 
nur das Mausern zuriickgeblieben. Dazumal wurde aber damit ge- 
nahrt, das heiflt der Vogel plusterte sein Gewebe auf mit dem, was 
er hereinsog von der Luft, und dann wiederum gab er das von sich, 
was er nicht mehr brauchte, so dafi ein solcher Vogel schon ein sehr 
merkwurdiges Gebilde war. 

Sehen Sie, in der damaligen Zeit lebten da unten diese furchtbar 
plumpen Wassertiere - die heutigen Schildkroten sind schon die rein- 
sten Prinzen dagegen; diese Tiere da unten, die waren im flussigen 
Element. Da oben waren diese merkwiirdigen Tiere. Und wahrend 
sich die heutigen Vogel da oben in der Luft manchmal unanstandig 
benehmen - was wir ihnen schon iibelnehmen, nicht wahr -, haben 
diese vogelartigen Tiere fortwahrend abgeschieden. Und dasjenige, was 
von ihnen kam, regnete herunter. Besonders in gewissen Zeiten regnete 
es herunter. Aber die Tiere, die unten waren, die hatten ja noch nicht 
diese Gewohnheiten, die wir haben; wir sind gleich schrecklich unge- 
halten, wenn einmal ein Vogel sich etwas unanstandig benimmt. So 
waren diese Tiere, die da unten in dem flussigen Element waren, nicht; 
sondern die sogen wiederum auf — in ihren eigenen Korper sogen sie 
auf dasjenige, was da herunterfiel. Und das war aber zugleich die Be- 
fruchtung dazumal. Dadurch konnten diese Tiere, die da entstanden 
waren, iiberhaupt nur weiterleben, daft sie das aufnahmen; nur da- 
durch konnten sie weiterleben. Und wir haben dazumal nicht so aus- 
gesprochen ein Hervorgehen des einen Tieres aus dem anderen gehabt 
wie jetzt, sondern man mochte sagen, dazumal war es noch so, dafi 
eigentlich diese Tiere lange lebten; sie bildeten sich immer wiederum 
neu. Es war so ein Weltenmausern, mochte ich sagen; sie verjiingten 



sich immer wiederum, diese Tiere da unten. Dagegen die Tiere, die oben 
waren, die wiederum waren darauf angewiesen, dafi zu ihnen dasjenige 
kam, was die Tiere unten entwickelten, und dadurch wurden diese wie- 
derum befruchtet. So dafi die Fortpflanzung dazumal etwas war, was 
im ganzen Erdenkorper vor sich ging. Die obere Welt befruchtete die 
untere, die untere Welt befruchtete die obere. Es war iiberhaupt ein 
ganzer belebter Korper. Und ich mochte sagen: Dasjenige, was da an 
solchen Tieren da unten und an Tieren da oben war, war wie die Maden 
in einem Korper drinnen, wo auch der ganze Korper lebendig ist und 
die Maden darinnen auch lebendig sind. Es war also ein Leben und die 
einzelnen Wesen, die drinnen lebten, lebten in einem ganzen lebendigen 
Korper drinnen. 

Spater aber ist einmal ein Zustand, ein Ereignis gekommen, das 
von ganz besonderer Wichtigkeit war. Diese Geschichte hatte namlich 
lange fortgehen konnen; da ware aber alles nicht so geworden, wie es 
jetzt auf der Erde ist. Da ware alles so geblieben, dafi plumpe Tiere 
mit luftfahigen Tieren zusammen einen lebendigen Erdenkorper be- 
wohnt hatten. Aber es ist eines Tages eben etwas Besonderes einge- 
treten. Sehen Sie, wenn wir diese lebendige Bildung der Erde da neh- 
men (siehe Zeichnung), so trat das ein, dafi sich eines Tages von die- 
ser Erde wirklich, man kann schon sagen, ein Junges bildete, das in 
den Weltenraum herausging. Diese Sache geschah so, dafi da ein 
kleiner Auswuchs entstand; das verkummerte da und spaltete sich 



zum Schlufi ab. Und es entstand statt dem da hier ein Korper draufien 
im Weltenraum, der das Luftformige, das da in der Umgebung ist, 




innerlich hatte, und auften die dickliche Fliissigkeit hatte. Also ein 
umgekehrter Korper spaltete sich ab. Wahrend die Mondenerde dabei 
blieb, ihren innerlichen Kern dickfliissig zu haben, aufien dickliche 
Luft zu haben, spaltete sich ein Korper ab, der auften das Dickliche 
hat und innen das Dunne. Und in diesem Korper kann man, wenn 
man nicht mit Vorurteil, sondern mit richtiger Untersuchung an die 
Sache herangeht, den heutigen Mond erkennen. Heute kann man schon 
ganz genau wissen, so wie man zum Beispiel das Natrium in der Luft 
finden kann, aus was die Luft besteht. So kann man ganz genau wis- 
sen: Der Mond war einmal in der Erde drinnen! Was da draufien als 
Mond herumkreist, war in der Erde drinnen und hat sich von ihr ab- 
getrennt, ist hinausgegangen in den Weltenraum. 

Und damit ist dann aber eine ganze Veranderung eingetreten sowohl 
mit der Erde wie mit demjenigen, was hinausgegangen ist. Vor alien 
Dingen: Die Erde hat da gewisse Substanzen verloren, und jetzt erst 
konnte sich das Mineralische in der Erde bilden. Wenn die Monden- 
substanzen in der Erde drinnen geblieben waren, so hatte sich nie- 
mals das Mineralische bilden konnen, sondern es ware immer ein 
Flussiges und Bewegtes gewesen. Erst der Mondenaustritt hat der Erde 
den Tod gebracht und damit das Mineralreich, das tot ist. Aber damit 
sind auch erst die heutigen Pf lanzen, die heutigen Tiere und der Mensch 
in seiner heutigen Gestalt mb'glich geworden. 

Nun konnen wir also sagen: Es ist aus dem alten Mondenzustand 
der Erde der heutige Erdenzustand entstanden. Damit ist das Mineral- 
reich entstanden. Und jetzt haben sich alle Formen andern miissen. 
Denn jetzt ist eben gerade dadurch, daft der Mond herausgetreten ist, 
die Luft weniger schwefelhaltig geworden, hat sich immer mehr und 
mehr genahert dem heutigen Zustand in der Erde selber. So hat sich 
auch abgesetzt dasjenige, was in der Fliissigkeit aufgelost war, und 
gebirgsartige Einschlusse gebildet, und das Wasser wurde immer mehr 
ahnlich unserem heutigen Wasser. Dagegen der Mond, der dasjenige 
in der Umgebung hat, was wir in der Erde im Inneren haben, der bil- 
dete nach aufien eine ganz hornartig dickliche Masse; auf die schauen 
wir hinauf. Die ist nicht so wie unser Mineralreich, sondern die ist so, 
wie wenn unser Mineralreich hornartig geworden ware und verglast 



ware, auflerordentlich hart, harter als alles Hornartige, was wir auf 
der Erde haben, aber doch nicht ganz mineralisch, sondern hornartig. 
Daher diese eigentiimliche Gestalt der Mondberge. Diese Mondberge 
sehen eigentlich ja alle so aus wie Horner, die angesetzt sind. Sie sind 
so gebildet, dafi man das Organische darinnen, dasjenige, was einmal 
mit dem Leben zusammenhing, eigentlich an ihnen wahrnehmen kann. 

Nun, sehen Sie, es setzte sich also von diesem Zeitpunkt an, wo der 
Mond hinausging, aus der damaligen dicklichen Flussigkeit immer mehr 
und mehr das heutige Mineralreich ab. Da wirkte insbesondere ein 
Stoff, der in diesen alten Zeiten riesig stark vorhanden war, ein Stoff, 
der aus Kiesel und Sauerstoff besteht und den man Kieselsaure nennt. 
Sehen Sie, Sie haben die Vorstellung, eine Saure mufi - weil das bei 
einer heutigen Saure, die man verwendet, eben so ist -, eine Saure mufi 
etwas Fliissiges sein. Aber die Saure, die eine richtige Saure ist und die 
ich hier meine, die ist etwas ganz Festes! Das ist namlich der Quarz, 
den Sie im Hochgebirge finden; denn der Quarz ist Kieselsaure. Und 
wenn er weifilich und glasartig ist, so ist er sogar reine Kieselsaure; 
wenn er irgendwelche andere Stoffe enthalt, dann bekommen Sie diese 
Quarze, die violettlich und so weiter sind. Das ist von den Stoffen, die 
drinnen eingeschlossen sind. 

Aber dieser Quarz, der heute so dick ist, dafi Sie ihn nicht mit dem 
Stahlmesser ritzen konnen, daft Sie sich schon ordentlicheLocher schla- 
gen, wenn Sie sich ihn an den Kopf schlagen, dieser Quarz war dazu- 
mal in jenen alten Zeiten ganz aufgelost - entweder aufgelost dadrin- 
nen in der dicklichen Flussigkeit oder in den halbfeinen Partien in der 
Umgebung, in der verdicklichten Luft aufgelost. Und man kann schon 
sagen: Neben dem Schwefel waren riesige Mengen von solchem aufge- 
lostem Quarz in der verdicklichten Luft, welche die damalige Erde 
hatte. Sie konnen eine Vorstellung davon bekommen, wie stark dazu- 
mal der Einfluft dieser aufgelosten Kieselsaure gewesen ist, wenn Sie 
heute betrachten, wie eigentlich die Erde noch immer zusammengesetzt 
ist blofi da, wo wir leben. Sie konnen ja naturlich sagen: Da mull viel 
Sauerstoff da sein, denn den brauchen wir zum Atmen; viel Sauer- 
stoff mufi auf der Erde sein. - Es ist auch viel Sauerstoff auf der Erde, 
achtundzwanzig bis neunundzwanzig Prozent der gesamten Erden- 



masse, die wir haben. Sie miissen dann nur alles nehmen. In der Luft 
ist der Sauerstoff, in vielen Substanzen, die fest sind auf der Erde, ist 
der Sauerstoff enthalten; der Sauerstoff ist in den Pflanzen, in den 
Tieren. Aber wenn man alles zusammennimmt, so sind es achtund- 
zwanzig Prozent. Aber Kiesel, der im Quarz drinnen mit dem Sauer- 
stoff verbunden Kieselsaure gibt, Kiesel sind achtundvierzig bis neun- 
undvierzig Prozent vorhanden! Denken Sie sich, was das heifk: Die 
Halfte von alldem, was uns umgibt und was wir brauchen, fast die 
Halfte ist Kiesel! Naturlich, wie alles fliissig war, die Luft fast fliissig 
war, ehe sie sich verdickte - ja, da spielte dieser Kiesel eine Riesenrolle; 
der bedeutete sehr viel in diesem urspriinglichen Zustande. 

Man respektiert diese Dinge nicht ordentlich, weil man da, wo der 
Mensch feiner organisiert ist, heute nicht mehr die richtige Vorstel- 
lung vom Menschen hat. Heute stellen sich die Menschen grobklotzig 
vor: Nun ja, wir atmen als Menschen; da atmen wir den Sauerstoff 
ein, der bildet sich in uns zur Kohlensaure um, wir atmen die Kohlen- 
saure aus. Schon. Gewift, wir atmen den Sauerstoff ein, wir atmen die 
Kohlensaure aus. Wir konnten nicht leben, wenn wir nicht diese Atmung 
hatten. Aber in der Luft, die wir doch einatmen, ist heute noch immer 
Kiesel enthalten, richtiger Kiesel, und wir atmen immer ganz kleine 
Mengen von Kiesel auch ein. Genug ist da vorhanden, denn achtund- 
vierzig bis neunundvierzig Prozent Kiesel ist ja in unserer Umgebung. 
Wahrend wir atmen, geht allerdings nach unten, nach dem Stoff- 
wechsel, der Sauerstoff und verbindet sich mit dem Kohlenstoff; aber 
er geht zugleich nach aufwarts zu den Sinnen und zu dem Gehirn, zum 
Nervensystem — iiberall geht er hin. Da verbindet er sich mit dem Kie- 
sel und bildet in uns Kieselsaure. So dafi wir sagen konnen: Wenn wir 
da den Menschen haben (es wird gezeichnet), hier der Mensch seine Tafel3 
Lungen hat, und er atmet nun Luft ein, so hat er hier Sauerstoff. Der 
geht in ihn hinein. Und nach unten verbindet sich der Sauerstoff mit 
dem Kohlenstoff und bildet Kohlensaure, die man dann wieder aus- 
atmet; nach oben aber wird der Kiesel mit dem Sauerstoff verbunden 
in uns, und es geht da in unseren Kopf hinauf Kieselsaure, die da in 
unserem Kopf drinnen nicht gleich so dick wird wie der Quarz. Das 
ware naturlich eine iible Geschichte, wenn da lauter Quarzkristalle 



darinnen entstehen wiirden; da wiirden Ihnen statt der Haare gleich 
Quarzkristalle herauswachsen - es konnte ja unter Umstanden ganz 
schon und drollig sein! Aber sehen Sie, so ganz ohne ist das doch nicht, 
denn die Haare, die Ihnen herauswachsen, haben namlich sehr viel 
Kieselsaure in sich; da ist sie nur noch nicht kristallisiert, da ist sie 
noch in einem fliissigen Zustand. Die Haare sind sehr kieselsaurehaltig. 
Oberhaupt alles, was in den Nerven ist, was in den Sinnen ist, ist kie- 
selsaurehaltig. 

Dafi das so ist, meine Herren, darauf kommt man ja erst, wenn man 
die wohltatige Heilwirkung der Kieselsaure kennenlernt. Die Kiesel- 
saure ist ein ungeheuer wohltatiges Heilmittel. Sie miissen doch beden- 
ken: Der Mensch mufi die Nahrungsmittel, die er durch den Mund in 
seinen Magen aufnimmt, durch alle moglichen Zwischendinge fuhren, 
bis sie in den Kopf hinaufkommen, bis sie zum Beispiel ans Auge, ans 
Ohr herankommen. Das ist ein weiter Weg, den da die Nahrungsmittel 
nehmen miissen; da brauchen sie Hilfskrafte, dafi sie da iiberhaupt 
herauf kommen. Es konnte durchaus sein, dafi die Menschen diese Hilfs- 
krafte zu wenig haben. Ja, viele Menschen haben zu wenig Hilfskrafte, 
so daft die Nahrungsmittel nicht ordentlich in den Kopf herauf arbei- 
ten. Dann, sehen Sie, mufi man ihnen Kieselsaure eingeben; die 
befordert dann die Nahrungsmittel hinauf zu den Sinnen und in den 
Kopf. Sobald man bemerkt, dafi der Mensch zwar die Magen- und 
Darmverdauung ordentlich hat, daft aber diese Verdauung nicht bis 
zu den Sinnen hingeht, nicht bis in den Kopf, nicht bis in die Haut 
hineingeht, mufi man Kieselsaurepraparate als Heilmittel nehmen. Da 
sieht man eben, was diese Kieselsaure heute noch fur eine ungeheure 
Rolle im Menschen spielt. 

Und diese Kieselsaure wurde ja dazumal, als die Erde in diesem 
alten Zustande war, noch nicht geatmet, sondern sie wurde aufge- 
nommen, aufgesogen. Namentlich diese vogelartigen Tiere nahmen 
diese Kieselsaure auf. Neben dem Schwefel nahmen sie diese Kiesel- 
saure auf . Und die Folge davon war, dafi diese Tiere eigentlich fast ganz 
Sinnesorgan wurden. So wie wir unsere Sinnesorgane der Kieselsaure 
verdanken, so verdankte dazumal iiberhaupt die Erde ihr vogelartiges 
Geschlecht dem Wirken der Kieselsaure, die iiberall war. Und weii die 



Kieselsaure an diese anderen Tiere mit den plumpen Gliedmaften, wah- 
rend sie so hinglitten in der dicklichen Fliissigkeit, weniger herankam, 
wurden diese Tiere vorzugsweise Magen- und Verdauungstiere. Da 
oben waren also dazumal furchtbar nervose Tiere, die alles wahrneh- 
men konnten, die eine feine, nervose Empfindung hatten. Diese Ur- 
vogel waren ja furchtbar nervos. Dagegen was unten in der dicklichen 
Fliissigkeit war, das war von einer riesigen Klugheit, aber auch von 
einem riesigen Phlegmatismus; die spiirten gar nichts davon. Das waren 
blofie Nahrungstiere, waren eigentlich nur ein Bauch mit plumpen 
Gliedmafien. Die Vogel oben waren fein organisiert, waren fast ganz 
Sinnesorgan. Und wirklich Sinnesorgane, die es machten, dafi die Erde 
selber nicht nur wie belebt war, sondern alles empfand durch diese 
Sinnesorgane, die herumflogen, die die damaligen Vorlaufer der Vogel 
waren. 

Ich erzahle Ihnen das, damit Sie sehen, wie ganz anders alles einmal 
auf der Erde ausgesehen hat. Also alles das, was da aufgelost war, hat 
sich dann in dem festen mineralischen Gebirge, in den Felsmassen ab- 
geschieden, bildete eine Art von Knochengerust. Damit war aber auch 
fiir den Menschen und fur die Tiere erst die Moglichkeit gegeben, feste 
Knochen zu bilden. Denn wenn sich draufien das Knochengerust der 
Erde bildete, bildeten sich im Inneren der hoheren Tiere und des Men- 
schen die Knochen. Daher war alles dasjenige, was ich Ihnen hier ein- 
gezeichnet habe, noch nicht da; es gab noch nicht solche feste Knochen, 
wie wir sie heute haben, sondern das alles waren biegsame, hornartige, 
knorpelige Dinge, wie es heute beim Fisch nur noch zuriickgeblieben 
ist. Alle diese Dinge sind schon in einer gewissen Weise zuriickgeblie- 
ben, sind aber dann verkummert, weil dazumal in alldem, was ich 
Ihnen beschrieben habe, die Lebensbedingungen dazu da waren. Heute 
sind fiir diese Dinge nicht mehr die Lebensbedingungen da. So daft wir 
sagen konnen: In unseren heutigen Vogeln haben wir die fiir die Luft 
umgewandelten Nachfolger dieses vogelartigen Geschlechtes, das da 
oben in der schwefelhaltigen und kieselsaurehaltigen dicklichen Luft 
war. Und in all demjenigen, was wir heute haben in den Amphibien, 
in den Kriechtieren, in alldem, was Frosche- und Krotengeziicht ist, 
aber auch in alldem, was Chamaleons, Schlangen und so weiter sind, 



haben wir die Nachkommen desjenigen, was dazumal in der dicklichen 
Fliissigkeit schwamm. Und die hoheren Saugetiere und der Mensch in 
seiner heutigen Gestalt, die kamen ja erst spater dazu. 

Nun kommt ein scheinbarer Widerspruch heraus, meine Herren. Das 
letzte Mai sagte ich Ihnen: Der Mensch war zuerst da; aber er war 
seelisch-geistig nur in der Warme da. Der Mensch war schon auch bei 
alldem dabei, was ich Ihnen gezeigt habe, aber er war noch nicht als 
physisches Wesen da, war in einem ganz feinen Korper da, in dem er 
sich sowohl in der Luft wie in der dicklichen Fliissigkeit aufhalten 
konnte. Sichtbarlich war er noch nicht da. Sichtbarlich waren auch 
die hoheren Saugetiere noch nicht da, sondern sichtbarlich waren eben 
diese plumpen Tiere da und waren diese luftigen, vogelartigen Tiere 
da. Und das mufi man eben unterscheiden, wenn man sagt: Der Mensch 
war schon da. Er war zuallererst da, wie nicht einmal die Luft da war, 
aber er war in einem nicht sichtbaren Zustande da und war noch da- 
mals, als die Erde so ausgeschaut hat, in einem nicht sichtbaren Zustande 
da. Erst mufke sich der Mond von der Erde trennen, dann konnte der 
Mensch auch in sich Mineralisches ablagern, ein mineralisches Knochen- 
system bilden, konnte in den Muskeln solche Stoffe wie das Myosin 
und so weiter absondern. Die waren dazumal noch nicht da. Und es 
entstand der Mensch. Aber er hat eben doch heutzutage in seiner Kor- 
perlichkeit durchaus die Erbschaft von diesem Friiheren erhalten. 

Denn ohne Mondeneinfluft, der nur jetzt von aufien ist, nicht mehr 
innere Erde, entsteht ja der Mensch nicht. Die Fortpflanzung hangt 
schon mit dem Monde zusammen, nur nicht mehr direkt. Daher konnen 
Sie auch sehen, dafi das, was mit der Fortpflanzung beim Menschen 
zusammenhangt, die vierwochentliche Periode der Frau, in derselben 
rhythmischen Periode verlauft wie die Mondenphasen, nur fallen sie 
nicht mehr zusammen, haben sich voneinander emanzipiert. Aber das 
ist geblieben, dafi dieser Mondeneinflufi durchaus tatig ist in der 
menschlichen Fortpflanzung. 

So konnen wir sagen: Wir haben die Fortpflanzung gefunden zwi- 
schen den Wesen der verdicklichten Luft und denen der verdicklichten 
Fliissigkeit, zwischen dem alten vogelahnlichen Geschlecht und den 
alten Riesenamphibien. Die befruchteten sich gegenseitig, weil der 



Mond noch drinnen war. Sofort, als der Mond draufien war, muftte die 
Aufienbefruchtung eintreten. Denn im Monde liegt eben das Befruch- 
tungsprinzip. 

Nun, von diesen Gesichtspunkten aus wollen wir dann am nachsten 
Samstag, wo wir die Stunde hoffentlich um neun Uhr haben konnen, 
weiter fortsetzen. Die Frage von Herrn Dollinger ist eben eine, die 
ausfuhrlich beantwortet werden mufi; wir werden aber schon zurecht- 
kommen, wenn Sie Geduld haben, bis Sie die Gegenwart heraussprin- 
gen sehen aus demjenigen, was allmahlich eigentlich geschieht. Es liegt 
in der Frage, die eben schwer verstandlich ist. Aber ich glaube, man 
kann die Sache, wenn man sie so anschaut, wie wir es getan haben, 
schon verstehen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach,7.Julil924 

Nun, meine Herren, Sie haben gesehen aus demjenigen, was wir be- 
sprochen haben, daft eigentlich in unserer Erde ein Zustand vorliegt, 
der nur der letzte Rest von vielem anderem ist, das wesentlich anders 
ausgeschaut hat. Und wenn wir heute den friiheren Zustand der Erde 
mit etwas vergleichen wollen, so konnen wir ihn eigentlich nur, wie 
Sie gesehen haben, vergleichen mit demjenigen, was wir in einem Eikeim 
haben. Wir haben heute in der Erde einen festen Kern aus allerlei Mine- 
ralien und Metallen; wir haben ringsherum die Luft und haben in der 
Luft zwei Stoffe, die uns vor alien Dingen auffallen, weil wir ohne 
sie nicht leben konnen: den Sauerstoff und den Stickstoff. So daft wir 
also sagen konnen: Wir haben in unserer Erde einen festen Erdenkern 
mit alien moglichen Stoffen, siebzig bis achtzig Stoffen, und ringsher- 
um die Lufthiille, vorzugsweise drinnen Stickstoff und Sauerstoff (es 
TafeH wird gezeichnet). 

Aber das ist ja nur, daft vorzugsweise drinnen sind Stickstoff und 
Sauerstoff! Immer sind in der Luft auch andere Stoffe enthalten, nur 
eben in sehr geringer Menge, unter anderem Kohlenstoff, Wasser- 
stoff, Schwefel. Aber das sind ja auch die Stoffe, die zum Beispiel in 
dem Weifien im Ei, im Weiften eines Hiihnereies enthalten sind: Sauer- 
stoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und Schwefel! Die sind auch 
im Weiften eines Hiihnereies enthalten. Der Unterschied ist bloft der, 
daft in dem Weiften eines Hiihnereies, ich mochte sagen, der Schwefel, 
der Wasserstoff, der Kohlenstoff mehr sich anschmiegen an den Sauer- 
stoff und Stickstoff, wiihrend sie in der aufteren Luft viel loser vor- 
handen sind. Also eigentlich ist doch dasselbe in der Luft vorhanden, 
was in dem Hiihnerei drinnen enthalten ist. In ganz geringer Menge 
sind auch dieselben Stoffe im Eidotter drinnen vorhanden. So daft wir 
also sagen konnen, daft es, wenn es sich verhartet, verdichtet, zu dem 
wird, was die Erde ist. Sie sehen also, man muft auf solche Dinge hin- 
schauen, wenn man wissen will, wie es in der Welt einmal ausgesehen 
hat. 



Heute aber macht man die Sache auf eine ganz andere Art, und da- 
mit Sie in der Beurteilung desjenigen, was ich Ihnen hier vorbringe, 
nicht beirrt werden durch dasjenige, was eben allgemein anerkannt ist, 
mochte ich Ihnen doch einiges von dem sagen, was allgemein aner- 
kannt ist, und was dennoch durchaus iibereinstimmt mit demjenigen, 
was ich sage. Man raufi es nur richtig betrachten. Sehen Sie, heute 
denkt man ja nicht so, wie hier gedacht worden ist in den zwei letzten 
Stunden, sondern heute denkt man so, dafi man sagt: Da haben wir 
die Erde. Die Erde ist einmal mineralisch. Diese mineralische Erde, die 
ist bequem zu untersuchen. Zunachst einmal untersuchen wir das- 
jenige, was obenauf ist, was wir mit unseren Fiifien betreten. Dann 
sehen wir da, wenn wir Steinbriiche machen, wenn wir die Erde auf- 
schliefien, um Einschnitte zu machen beim Eisenbahnbau, wie gewisse 
Schichten vorhanden sind in der Erde. Da ist die oberste Schicht, auf 
die wir treten. Kommen wir irgendwo in die Tiefe hinein, dann finden 
wir tieferliegende Schichten. Aber diese Schichten liegen nicht so iiber- 
einander, dafi man sagen kann, sie haben sich so hiibsch iibereinander 
aufgetiirmt, immer ist die eine viber der anderen -, sondern die Sache 
ist ja so: Sehen Sie einmal, nehmen Sie an, da haben Sie eine solche 
Schichte (siehe Zeichnung, rot); die ist nicht eben, diese Schichte, die 
ist gebogen; eine andere Schichte ist darunter (griin), die ist auch ge- 
bogen. Und jetzt kommt daniber diejenige Schichte, welche wir mit 
den FiifSen betreten (weift). Solange wir, sagen wir, auf dieser Seite 




Tafel 4 



eines Berges Fuftganger bleiben, so lange sehen wir da oben diejenige 
Schicht, die auch, wenn es gut geht, Ackererde werden kann, wenn wir 



die entsprechende Diingungsmethode und so weiter finden. Wenn wir 
aber eine Eisenbahn bauen, dann kann es sein, daft wir so heraufgehen 
miissen, daft wir also gewisse Schichten abbauen miissen. Und dann 
kommen wir dadurch, daft wir einen solchen Einschnitt machen, in die 
Tiefen der Erde hinein. Und auf eine solche Weise hat man gefunden, 
daft eben iibereinander Schichten sind, nicht ebene, sondern in der ver- 
schiedensten Weise durcheinandergeworfene Schichten der Erde. 

Aber diese Schichten sind manchmal sehr merkwiirdig. Man hat 
sich gefragt: Wie kann man das Alter der Schichten bestimmen? Welche 
Schichte ist alter? - Nun ja, das Nachstliegende ist ja das, daft einer 
sagt: Wenn die Schichten iibereinander sind, so ist die unterste die 
alteste, die darauf folgende ist jiinger, und die oben liegende ist die 
allerjiingste. Aber sehen Sie, so ist die Geschichte nicht iiberall; manch- 
mal ist es so, aber nicht iiberall ist es so. Und daft es nicht iiberall so 
ist, das kann man auf folgende Weise konstatieren. 

Wir sind ja in unseren kultivierten Gegenden gewohnt, unsere Haus- 
tiere, wenn sie sterben, zu verscharren, damit sie fur die Menschen 
nicht schadlich werden. Ware aber das Menschengeschlecht noch nicht 
entwickelt, was wiirde dann mit den Tieren, die da schon da waren, 
geschehen? Die Tiere wiirden an irgendeiner Stelle verenden, wiirden da 
liegenbleiben. Nun liegt das Tier zunachst da oben. Aber Sie wissen 
ja, wenn es regnet, wird die Erde aufgespiilt, und nach einiger Zeit 
konnte man sehen, wenn da ein Tier verendet ware, daft dieses Tier, 
indem es anfangt zu verwesen, in seinen Oberresten, die iibrig bleiben, 
sich vermischt mit der vom Regen herangeschlagenen Erde. Und nach 
einer Zeit ist das ganze Tier durchzogen mit der vom Regen herange- 
schwemmten Erde oder von dem Regenwasser, das herunterflieftt iiber 
einen Abhang; dann geht iiber das Tier die andere Erde dariiber. Nun 
kann einer kommen hinterher und kann sagen: Donnerwetter, die Erde 
schaut ja da so geringelt aus, da muE ich mal nachgraben! - Da braucht 
er nicht viel nachzugraben; er grabt etwas nach und findet darinnen - 
sagen wir, wenn die Menschen noch nicht dagewesen waren und eben 
hinterher der gekommen ware, der nachgegraben hatte -, da findet er 
dasjenige, was iibrig ist vom Knochengeriiste, sagen wir, von einem 
wilden Pferd. Da kann er sich sagen: Ja, jetzt gehe ich iiber eine Erd- 



schichte, die erst spater geworden ist; aber die drunter ist eine, die ist 
gebildet worden zu einer Zeit, wo schon solche wilden Pferde da wa- 
ren. - Und man kann erkennen, daft das die nachste Schichte ist, daft 
also der Zeit, in der dieser Mensch lebt, eine vorangegangen ist, worin 
diese Pferde gelebt haben. 

Sehen Sie, so wie es der Mensch hier macht, haben es nun die Geolo- 
gen mit alien Schichten der Erde gemacht; sie haben sie einfach, seit sie 
zu erreichen sind in Steinbriichen, in Eisenbahnaufschlieftungen und so 
weiter, abgegraben. Man lernt ja in der Geologie, daft man mit einem 
Hammer oder auch mit einem anderen Instrument uberall Steinbriiche 
aufsucht, um eben aufzuschlieften dasjenige, was im Gebirge durch Ab- 
rutschungen bloftgelegt ist oder dergleichen. Da hammert man uberall 
ein, sagt unter Umstanden auch das eine oder andere aus, und da findet 
man in irgendeiner Schichte sogenannte Versteinerungen. Da kann man 
sagen: Unter unserem Erdboden sind die Schichten erhalten, die ganz 
andere Tiere als die heutigen enthalten haben. - Und man kommt dann 
darauf, wie die Gestalt der Tiere ist, die in alten Zeiten vorhanden 
waren, wenn man in dieser Weise die Schichten der Erde abgrabt. 

Das ist gar nicht so etwas Besonderes, denn, sehen Sie, in welcher 
Zeit so etwas geschieht, das unterschatzen die Leute eigentlich. Sie fin- 
den heute in sudlicheren Gegenden Kirchen oder andere Gebaude; die 
stehen da. Sie kommen durch irgend etwas darauf - Donnerwetter, 
da unter dieser Kirche, das ist ja etwas, was hart ist, was nicht Erde 
ist. Sie graben hinein und finden, daft da drunter ein heidnischer Tem- 
pel ist! Ja, was ist denn da geschehen? Vor verhaltnismaftig kurzer Zeit, 
da war diese Oberschicht uberhaupt nicht da, auf der diese Kirche oder 
dieses Gebaude steht, sondern das ist erst angetragen, angeschleppt 
worden vielleicht von Menschen, aber vielleicht auch durch Mithel- 
fen der Naturkrafte, und drunten ist der heidnische Tempel. Das war 
oben, was jetzt drunten ist. So ist es. Aber in der Erde, da ist Schichte 
auf Schichte aufgeschichtet worden. Und man muft herausfinden, nicht 
aus der Art, wie die Schichten liegen, sondern aus der Art und Weise, 
wie diese Versteinerungen, wie diese versteinerten Tiere liegen - und 
dazu kommen auch die verschiedenen Pflanzen -, wie diese in die 
Schichten hereingekommen sind. 



Da stellt sich aber folgendes heraus. Sehen Sie, da kann folgendes 
passieren: Sie finden eine Erdschichte (siehe Zeichnung, gelb); Sie fin- 
den eine andere Erdschichte (griin); Sie sind in der Lage durch irgend 
etwas, hier hineinzugraben (Pfeil). Wenn Sie jetzt blofi auf die Schich- 



tungen schauen, dann kommt es Ihnen doch vor, wie wenn das, was ich 
da griin gezeichnet habe, die untere Schichte ware, und dasjenige, was 
ich gelb gezeichnet habe, die obere Schichte. Hierher konnen Sie ein- 
fach nicht; da konnen Sie nicht eingraben, da ist keine Eisenbahn, kein 
Tunnel, noch irgend etwas anderes, wodurch man hinkommen kann. 
Da merken Sie: Das Gelbe ist die Oberschichte, das Grime ist die un- 
tere Schichte. Aber Sie diirfen das nicht gleich sagen, sondern Sie miis- 
sen erst die Versteinerungen suchen. Nun findet man sehr haufig in 
dem, was da oben liegt, Versteinerungen, die alter sein miissen. Man 
findet zum Beispiel da oben merkwiirdige Fischskelette, und unten 
findet man, sagen wir, merkwiirdige Saugetierskelette, die jiinger sind. 
Jetzt widersprechen die Versteinerungen der Lage: Oben erscheint das 
Altere, unten erscheint das Jiingere. Jetzt mufi man sich eine Vor- 
stellung machen, woher das kommt. Ja, sehen Sie, das kommt davon 
her, dafi durch irgendein Erdbeben oder eine innere Erschutterung das- 
jenige, was hier unten war, sich herumgeschmissen hat iiber das Obere, 
so da!5 also dieses entstanden ist, dafi, wenn ich hier Ihnen den Stuhl 
liber den Tisch legen wtirde, wenn das die urspriingliche Lage ware 
der Stuhllehne und hier der Tischplatte -, so wiirde es geschehen, dafi 
durch einen Erdstofi, der hier erfolgt ist, die Tischplatte sich uber die 
Stuhllehne driiberstiilpt. 



Tafd 4 




gelb 



Sehen Sie, das kann man an dem Verschiedensten wahrnehmen: es 
hat sich das umgestiilpt. Und man kann, wie Sie gleich daraus sehen, 
auch folgendes noch wissen. Man kann fragen: Wann ist diese Umstul- 
pung geschehen? Diese Umstulpung ist ja erst geschehen, nachdem diese 
Versteinerungen sich gebildet haben; sonst mtifiten diese anders drinnen 
liegen. Also man weift, dafi diese Umstulpung, diese Umschichtung spa- 
ter entstanden ist als diese Tiere gelebt haben. 

Auf diese Weise kommt man darauf, die Erdschichten nicht so zu 
beurteilen, wie sie einfach iibereinanderliegen, sondern so zu beurtei- 
len, wie sie sich auch umgeschichtet haben. Und sehen Sie, die Alpen, 
dieser machtige Gebirgszug, der sich vom Mittellandischen Meere hin- 
iiberzieht bis in die osterreichischen Donaugegenden - diesen machtigen 
Alpenzug, der das Hauptgebirge der Schweiz ist, den kann man iiber- 
haupt nicht verstehen, wenn man nicht auf solche Dinge eingehen kann. 
Denn in diesen Alpen ist alles, was schichtweise sich aufgebaut hat, 
spater einmal durcheinandergeschmissen worden. Da liegt oft das Un- 
terste zuoberst und das Oberste zuunterst und man raufi erst suchen, 
wie da die Dinge durcheinandergeschmissen worden sind. 

Nun, erst wenn man das berucksichtigt, kommt man darauf, wel- 
ches die altesten Schichten sind und welches die jiingsten Schichten sind. 
Und da sagt natiirlich diese heutige, nur aufs Auflerliche dieser For- 
schung bauende Wissenschaft: Diejenigen Schichten sind die altesten, 
in denen die allereinfachsten Oberreste von Tieren und Pflanzen ge- 
funden werden konnen. Spater werden die Tiere und Pflanzen kom- 
pliziert - also finden sich die komplizierteren der Tiere und Pflanzen 
in den jungeren Schichten. Wenn man an altere Schichten herankommt, 
so findet man Versteinerungen, die davon herriihren, daft sich das- 
jenige, was die Tiere an Kalk- oder Kieseleinschliissen gehabt haben, 
erhalten hat; das andere hat sich ja aufgelost. Wenn man an jiingere 
Schichten kommt, hat sich das Skelett erhalten. - Nur bilden sich 
namlich, merkwurdigerweise, auch auf andere Art Versteinerungen. 
Diese anderen Versteinerungen sind unter Umstanden sehr interessant. 

Sehen Sie, sie bilden sich auch so, diese Versteinerungen: Denken 
Sie sich, irgendein einfaches alteres Tier sei einmal vorhanden gewesen, 
ein Tier, das einen Leib hat, meinetwillen vorne Fangarme (weift) - TafeH 



ich zeichne es so grofi, es wird in den Schichten, die aus dem Geolo- 




gischen bekannt sind, in der Regel kleiner sein. Nun, dieses Tier ver- 
endet, indem es auf diesem Erdreiche liegt. Nehmen wir an, das Erd- 
reich ist so, dafi es nicht recht hinein kann in das Tier; dieses Erdreich, 
das meidet sozusagen irgendeine Saure, die in dem Tier enthalten ist. 
Dann entsteht etwas sehr Merkwiirdiges; dann geht die Erde, in der 
dieses Tier dadrinnen liegt, iiberall an das Tier heran und umhiillt das 
Tier (gelb), und es bildet sich ein Hohlraum von der Form des Tieres. 




Das ist sehrhaufig entstanden, daft sichsolcheHohlraumebilden (griin). 
Um das Tier herum lagert sich die Erde. Aber es ist nichts drinnen, es 



grun 



////> 



/// //////// //// 



f /,///////' 

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gelb 



durchsaugt nicht das Tier, sondern ringsherum, weil das Tier schalig 
war, bildet sich solch ein Hohlraum. Nun, spater wird aber die Schale 
aufgelost; und noch spater windet sich irgendein Bach da durch; der 
fiillt dann mit seiner Gesteinsmasse das, was ein Hohlraum ist, aus 
(griin), und da drinnen wird fein modelliert ein Abdruck des Tieres 
mit einer ganz anderen Materie, mit einem ganz anderen Stoffe. Solche 
Abdriicke sind ganz besonders interessant, denn da haben wir nicht 
die Tiere selber, sondern Abgiisse der Tiere. 

Nun, sehen Sie, Sie diirfen sich aber auch die Dinge nicht so ganz 
leicht vorstellen. Von dem heutigen Menschen zum Beispiel mit seiner 
verhaltnismafiig weichen Stofforganisation bleibt aufterordentlich we- 
nig vorhanden, und von hoheren Tieren ist auch verhaltnismafiig wenig 
vorhanden gewesen. So zum Beispiel gibt es Tiere, von denen nur 
Abgiisse der Zahne vorhanden geblieben sind; eine Art Abgiisse ur- 
weltlicher Haifischzahne, die sich auf diese Weise gebildet haben, 
findet man. Jetzt mufi man schon die Fahigkeit haben, sich zu sagen: 
Jede Tierform hat ihre eigene Zahnform - der Mensch hat eine andere 
Zahnform -, und die Zahnform richtet sich immer nach der ganzen Tafel4 
Gestalt, dem ganzen Wesen. Jetzt mufi man das Talent haben, aus den |^ 
Zahnen, die man da findet, sich vorstellen zu konnen, wie das ganze 
Tier gewesen sein kann. Also so ganz leicht ist die Sache doch nicht. 

Aber sehen Sie, man kommt, indem man diese Schichten da stu- 
diert, auch darauf, wie eigentlich sich die ganze Sache entwickelte. 
Und daraus geht einfach hervor, daft es Zeiten gegeben hat, in denen 
solche Tiere, wie sie heute da sind, nicht da waren, sondern in denen 
Tiere dagewesen sind, die viel, viel einfacher waren, die so ausgeschaut 
haben wie unsere ganz niederen Tiere, das Schnecken-, das Muschel- 
getier und so weiter. Aber Sie mussen iiberall wissen, was von diesen 
Tieren iibriggeblieben ist. Denken Sie nur einmal, es konnte ja folgen- 
des eintreten. 

Nehmen Sie einmal an, ein kleiner Junge, der Krebse nicht mag, 
stibitze sich einen Krebs von der Mahlzeit seiner Eltern und spiele mit 
ihm. Er wird nicht erwischt und grabt ihn ein in den Garten. Nun hat 
der im Garten den Krebs eingegraben. Uber die ganze Sache kommt 
Erde driiber; es wird vergessen. Den Garten hat ein anderer spater; 



der grabt um, wird aufmerksam an einer Stelle: Da findet er ko- 
mischerweise zwei kleine Dinger, die so wie kleine Kalkschalen aus- 
schauen. Sie wissen, dafi es die sogenannten Krebsaugen gibt, die ja nicht 
Augen sind, sondern kleine Kalkschalen, die im Leibe des Krebses sind. 
Das sind die einzigen Zeichen, die von seinen Spuren geblieben sind. 
Jetzt konnen Sie nicht sagen: Das sind Versteinerungen von irgendeinem 
Tier -, sondern das sind Versteinerungen nur von einem Teil des Tie- 
res. So kann man in alteren Schichten irgendwelche Gebilde finden, 
meinetwillen so aussehend, wie eine Schale aussehend, namentlich in 
den Alpen. Die sehen so ahnlich aus; die gibt es heute nicht mehr, 
die findet man in alteren Schichten. Man darf nicht annehmen, dafi 
dies die ganzen Tiere gewesen sind, sondern man mufi eben annehmen: 
Da war eben etwas herum, das hat sich aufgelost, und nur ein kleines 
Stuck von dem Tier ist geblieben. 

Darauf geht schon die heutige Wissenschaft wenig ein. Warum? 
Ja, weil sie eben nur so sagt: Dieses machtige Alpenmassiv, das zeigt 
ja, dafi es durcheinandergeschmissen worden ist, das Unterste zuoberst, 
das Oberste zuunterst; das zeigen die Schichten. — Aber, meine Herren, 
konnen Sie sich vorstellen, dafi mit den Kraften, die heute auf der Erde 
vorhanden sind, solch ein Alpenmassiv in der Weise durcheinander- 
geschmissen werden kann? Das bifichen, was heute geschieht auf der 
Erde, geschieht ja so, dafi vergleichsweise die Erde durchtanzt wird, 
dafi die Erde von einem Fleck ein bifichen auf einen anderen geworfen 
wird; das ist heute alles, dieses Durchtanztwerden. Wurde der Mensch 
statt zweiundsiebzig Jahre siebenhundertzwanzig Jahre alt, dann 
wurde er erleben, wie er in seinem Greisenalter schon iiber einen ein 
wenig hoheren Boden geht als vorher. Aber wir leben ja zu kurz. Den- 
ken Sie nur, wenn uns eine Eintagsfliege, die nur vom Morgen bis zum 
Abend lebt, erzahlen wurde, was sie erlebt, die wiirde uns erzahlen, da 
sie nur im Sommer lebt: Es gibt iiberhaupt nur Bliiten, die ganze Zeit 
nur Bliiten. - Die wiirde ja gar keine Ahnung davon haben, was im 
Winter geschieht und so weiter; sie wiirde glauben, der nachste Som- 
mer schliefie sich an den vorigen an. Wir Menschen sind zwar ein bifi- 
chen langer dauernde Eintagsfliegen, aber etwas von Eintagsfliegen 
haben wir doch schon an uns mit unseren siebzig bis zweiundsiebzig 



Jahren! Nun, die Sache ist schon so, dafi wir wenig sehen von dem, 
was vorgeht. Und so mufi man sagen: Mit den Kraften, die heute 
wirksam sind, geschieht zwar mehr, als der Mensch gewohnlich sieht, 
aber es geschieht doch verhaltnismafiig nur das, dafi der Boden ein 
bifichen aufgeschwemmt wird, dafi Fliisse gegen das Meer hinfliefien, 
Flufisand zuriicklassen, dafi dann an den Ufern der Flufisand weiter- 
geht, dafi die Felder eine neue Schichte bekommen. Das ist verhalt- 
nismafiig wenig. Halt man sich vor Augen, wie so etwas wie dieses 
Alpenmassiv durchgeriittelt und durchgeschiittelt worden ist, dann 
mufi man sich klar sein, dafi die Krafte, die heute wirksam sind, friiher 
in einer ganz anderen Weise wirksam waren. 

Nun aber miissen wir uns Bilder machen, wie so etwas vor sich 
gehen kann. Ja, nehmen Sie nur einmal irgendeinen Eikeim, einen Ei- 
keim von irgendeinem Saugetier. Der schaut anfangs verhaltnismafiig 
sehr einfach aus: ringsherum Eiweifimasse, drinnen ein Kern (es wird 
gezeichnet). Aber nehmen Sie an, dieser Eikeim wird befruchtet. Se- TafeH 
hen Sie, wenn er befruchtet wird, da macht der Kern dann allerlei JjjjJ^ 
Sperenzchen; er bildet sich, sehr merkwiirdig, zu einer Summe von 
solchen Spiralen aus, die wie ein Schwanz heraufgehen. So bildet sich 
der Kern aus. In dem Moment, wo diese Knauelchen entstehen, ent- 
stehen aus der Masse heraus sternformige Gebilde; da kommt die ganze 
Masse dadurch, daft Leben in ihr ist, in Gestaltungen hinein. Da geht 
es schon anders zu als heute auf unserer Erde! Dadrinnen entstehen 
schon solche Umstiilpungen und Uberwerfungen, wie wir sie im Alpen- 
massiv sehen! 

Was ist natiirlicher, als dafi wir sagen: Also war die Erde einmal 
lebendig, sonst hatten diese Umstiilpungen und Uberwerfungen gar 
nicht entstehen konnen! Die heutige Gestalt der Erde zeigt uns eben, 
dafi sie in der Zeit, in der noch nicht Menschen, in der noch nicht ho- 
here Tiere gelebt haben, selber lebendig war! So dafi wir auch aus die- 
ser Erscheinung heraus sagen miissen: Aus der lebendigen Erde ist die 
heutige tote Erde erst hervorgegangen. - Aber nur in dieser heutigen 
toten Erde konnen die Tiere leben! Denn denken Sie einmal, es hatte 
in der Luft sich nicht abgesondert fur sich der Sauerstoff und Stick- 
stoff und hatte sozusagen den Wasserstoff, den Kohlenstoff, den 



Schwefel zu einer verhaltnismaftigen Tatenlosigkeit verdammt, so 
miifiten wir atmen in so etwas, was ahnlich ware dem Eiweift im 
Hiihnerei, denn so war es ringsherum um die Erde. 

Nun konnte man sich zum Beispiel denken - denn in der Welt kann 
ja alles entstehen daft sich statt unserer Lunge auch Organe gebildet 
hatten, durch die man einsaugen konnte solch ein atmospharisches Ei- 
weift. Wir konnen es ja heute durch den Mund verzehren. Warum sollte 
nicht etwas mehr gegen den Mund hiniiber eine Art Lungenorgane ent- 
standen sein? Auf der Welt kann alles entstehen. Es entsteht auch das, 
was da noch moglich ist. Also am Menschen liegt es eigentlich, zunachst 
so, wie er heute ist, eigentlich korperlich nicht. Aber bedenken Sie doch 
nur, meine Herren: Wir gucken, wenn wir heute in die Luft gucken, 
in die tote Luft hinein. Die ist abgestorben. Friiher war das Eiweifi 
lebendig. Die Luft ist abgestorben; gerade dadurch, daft der Schwefel, 
der Wasserstoff, der Kohlenstoff weg ist, ist der Stickstoff und Sauer- 
stoff abgestorben. Wir gucken hinein in die lichterfullte Luft, die abge- 
storben ist. Dadurch konnen unsere Augen auch physikalisch sein, sind 
auch physikalisch. Ware in unserer Umgebung alles lebendig, so miift- 
ten auch unsere Augen lebendig sein. Wenn sie lebendig waren, konnten 
wir nichts mit ihnen sehen, und wir waren fortwahrend in einer Ohn- 
macht, geradeso wie wir in Ohnmacht kommen, wenn es in unserem 
Kopf zu stark zu leben anfangt, wenn wir in unserem Kopf, statt daft 
wir die regelmaftig ausgebildeten Organe haben, allerlei Gewachse 
haben, werden wir auch ohnmachtig, zuerst ab und zu und spater wird 
die Anzahl so stark, daft Sie wie tot daliegen. Also so, wie wir urspriing- 
lich waren, hatten wir doch nicht mit Bewufttsein leben konnen in die- 
ser Erde. Das Menschenwesen konnte erst zum Bewufttsein erwachen, 
als die Erde allmahlich abgestorben war. So daft wir uns als Men- 
schenwesen entwickeln eben auf der abgestorbenen Erde. 

So ist es ja auch, meine Herren! So ist es ja nicht nur mit der Natur, 
sondern auch mit der Kultur. Wenn Sie noch einmal auf das hin- 
schauen, was ich gesagt habe, daft da unten heidnische Tempel sein 
konnten, oben christliche Kirchen, so verhalten sich diese christlichen 
Kirchen zu den heidnischen Tempeln geradeso wie die oberen zu den 
unteren Schichten; nur in dem einen Fall haben wir es mit der Natur, 



im anderen Fall mit der Kultur zu tun. Aber man kann auch nicht 
verstehen, wie das Christliche sich entwickelt, wenn man es nicht be- 
trachtet, wie es sich auf der Grundlage des Heidentums entwickelte. 
So ist es schon mit der Kultur. Auch da mufi man diese Schichten be- 
obachten. 

Nun sagte ich Ihnen aber: Der Mensch war eigentlich immer da, 
nur nicht als solches physisches Wesen, sondern als mehr geistiges We- 
sen. - Und das wiederum fiihrt uns dazu, den eigentlichen Grund ein- 
zusehen, warum der Mensch nicht schon friiher sich als physisches 
Wesen entwickelte. Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt: Da sind in der 
Luft heute Stickstoff, Sauerstoff - Kohlenstoff, Wasserstoff und 
Schwefel weniger. Heute bringen wir selber den Kohlenstoff, den wir 
in uns haben, bei der Atmung mit dem Sauerstoff, den wir einatmen, 
zusammen, verbinden den Kohlenstoff mit dem Sauerstoff, stofien 
den miteinander verbundenen Kohlenstoff und Sauerstoff, was man 
Kohlensaure nennt, wieder aus. Wir Menschen leben also so, dafi 
wir Sauerstoff einsaugen durch die Atmung und Kohlensaure aussto- 
fien. Darin besteht unser Leben. Langst hatten wir als Menschen die 
Erde, die Erdenluft ganz angefiillt mit Kohlensaure, wenn nicht etwas 
anderes ware. Das sind die Pflanzen; die haben einen ebensolchen 
Hunger, wie wir nach dem Sauerstoff haben, nach dem Kohlenstoff. 
Die Pflanzen wiederum nehmen gierig die Kohlensaure auf, behalten 
den Kohlenstoff zuriick und geben Sauerstoff wieder her. 

Sie sehen, meine Herren, wie wunderbar sich eigentlich das er- 
ganzt! Es erganzt sich ganz famos. Wir Menschen brauchen aus der 
Luft den Sauerstoff, den atmen wir ein; wir geben ihm den Kohlen- 
stoff mit, den wir in uns haben, atmen Kohlenstoff und Sauerstoff zu- 
sammen aus als Kohlensaure. Die Pflanzen atmen sie ein und atmen 
den Sauerstoff wieder aus. Und so ist immer wiederum in der Luft 
Sauerstoff da. 

Ja, das ist heute so; aber in der Entwickelung der Menschheit auf 
Erden war es nicht immer so. Gerade wenn wir die alten Wesen fin- 
den, die da gelebt haben, die wir sogar noch in den Versteinerungs- 
schichten drinnen finden konnen, dann sagen wir uns: Ja, die konnen 
nicht so gewesen sein, wie unsere heutigen Tiere und Pflanzen sind, 



namentlich nicht so, wie die Pflanzen heute sind, sondern alle diese 
Wesen, die urspriinglich da waren als Pflanzen, die miissen viel ahn- 
licher gewesen sein unseren Schwammen, den Pilzen und den Algen. 
Nun besteht aber ein Unterschied zwischen unseren Pilzen und unseren 
heutigen Pflanzen. Der Unterschied liegt darinnen: Unsere heutigen 
Pflanzen nehmen den Kohlenstoff auf, bilden sich daraus ihren Leib. 
Wenn dann solche Pflanzen versinken in der Erde, dann bleibt der 
Leib als Kohle darinnen. Was wir heute als Kohle ausgraben, sind 
Pflanzenleiber. 

Meine Herren, alles das, was wir untersuchen konnen in bezug 
darauf, was fur Pflanzen urspriinglich gelebt haben, zeigt uns: Die 
heutigen Pflanzen, auch diejenigen Pflanzen, die uns einmal unsere 
Kohlen geliefert haben, die wir heute aus der Erde ausgraben, die bauen 
sich aus Kohlenstoff auf. Aber viel friihere Pflanzen haben sich nicht 
aus Kohlenstoff aufgebaut, sondern aus Stickstoff. Geradeso wie sich 
unsere heutigen Pflanzen aus Kohlenstoff aufbauen, so haben sich 
diese Pflanzen aus Stickstoff aufgebaut. Wodurch ist denn das moglich 
geworden? Sehen Sie, das ist dadurch moglich geworden, daft geradeso, 
wie heute die Kohlensaure ausgeatmet wird von den Tieren und Men- 
schen, in alten Zeiten ausgeatmet wurde eine Verbindung von Kohlen- 
stoff und Stickstoff. Heute atmen wir eine Verbindung von Kohlen- 
stoff und Sauerstoff aus, friiher wurde ausgeatmet eine Verbindung 
von Kohlenstoff und Stickstoff. Aber, meine Herren, das ist die Blau- 
saure, die fur alles, was heute lebt, so furchtbar giftige Blausaure, die 
Zyansaure! Diese giftige Blausaure, die wurde einmal ausgeatmet, und 
die verhinderte, daft so etwas, wie es heute lebt, entstehen konnte. Diese 
Blausaure ist eben eine Verbindung von Stickstoff und Kohlenstoff. 
Da wird der Kohlenstoff noch nicht angenommen von diesen pilzarti- 
gen Pflanzen, sondern da wird der Stickstoff angenommen. Diese alten 
Pflanzen, die bauten sich aus dem Stickstoff auf. Und die Wesenheiten, 
von denen ich Ihnen gesprochen habe, diese vogelartigen Gebilde, und 
diese plumpen Tiere, von denen ich Ihnen das letzte Mai gesprochen 
habe, die atmeten diese giftige Saure aus, und die Pflanzen, die um sie 
herum waren, nahmen den Stickstoff und bildeten sich daraus ihren 
Leib, ihren Pflanzenleib. So daft wir auch da sehen konnen, daft die 



Stoffe, die heute noch da sind, eben in ganz anderer Weise verwendet 
worden sind in alten Zeiten. 

Und das ist es eben, wovon ich einmal aus der Anthroposophie 
heraus gesprochen habe; ich habe es den Herren, die langer da sind, 
schon erzahlt: 1906 hatte ich Vortrage in Paris zu halten iiber Erd- 
entwickelung, Menschenentstehung und so weiter, und da mufite ich 
sagen aus dem ganzen Zusammenhang heraus: Kann man heute noch 
irgendwo etwas finden, was uns darauf hinweist, dafi einmal auch 
auf der Erde nicht der Kohlenstof f und der Sauerstoff die Rolle gespielt 
haben, die sie heute spielen, sondern dafi da der Stickstoff eine sol- 
che Rolle gespielt hat, daft gewissermafien eine Atmosphare von Blau- 
saure da war, von Zyansaure? 

Nun wissen Sie ja das Folgende: Es gibt alte Leute und kleine Kin- 
der. Da kann einer stehen mit siebzig Jahren und neben ihm ein Kind 
von zwei Jahren — das eine ist ein Mensch, und der andere ist ein 
Mensch. Sie stehen eben nebeneinander, und derjenige, der heute sieb- 
zig Jahre alt ist, war eben vor achtundsechzig Jahren wie das kleine 
Kind. Die Dinge, die verschiedenalterig sind, stehen doch im Leben 
nebeneinander. So wie es aber im Menschenleben ist, ist es eben auch 
in der Welt. Auch da stehen gewissermafien altere Dinge und jiingere 
nebeneinander. In unserer Erde mit dem, was ich Ihnen jetzt beschrie- 
ben habe, was Sie heute noch sehen, ist ein richtiges Greisenhaftes, so- 
gar schon fast Erstorbenes - wenn man nicht das Leben, das wieder neu 
aufgesprossen ist, nimmt — , ein sogar fast Erstorbenes vorhanden. Aber 
daneben sind im Weltenall wieder jiingere Gebilde, die erst so werden, 
wie unser heutiges Leben ist. Und als solche mufi man zum Beispiel die 
Kometen anschauen. Daher kann man wissen, dafi die Kometen, weil 
sie eben jiinger sind, auch noch diejenigen Zustande haben miissen, die 
ihrem Jiingersein entsprechen. So wie das Kind dem Greis gegeniiber, 
so stehen die Kometen der Erde gegeniiber: Hat die Erde einmal Blau- 
saure gehabt, so miissen die Kometen jetzt noch Blausaure haben; 
Zyanverbindungen miifiten sie haben! So dafi man mit einem heutigen 
Korper, wenn man lecken wiirde an dem Kometen, sogleich sterben 
miifite. Das ist allerdings verdiinnte Blausaure, die dadrinnen ist. 

Nun, sehen Sie, das habe ich 1906 in Paris gesagt, dafi dies aus der 



Geisteswissenschaft folgt. Nun ja, zunachst haben diejenigen, die Gei- 
steswissenschaft anerkennen, das angenommen; man kann sich sogar 
iiber so etwas verwundern. Dann spater, langere Zeit darauf, ist wie- 
der ein Komet erschienen. Da hatte man schon die Instrumente, die 
notig sind, und da fand man auch durch die gewdhnliche Naturfor- 
schung, dafi die Kometen wirklich Zyan haben, Blausaure - was ich 
damals in Paris gesagt hatte! So werden die Dinge eben bestatigt. Na- 
turlich sagen dann die Leute, weil sie nur dieses horen: Der Steiner hat 
in Paris gesagt, die Kometen haben Blausaure, nachher ist es gefunden 
worden - das ist ein Zufall! - So sagen die Leute, weil sie nichts an- 
deres als dieses wissen: Das ist ein Zufall. - Aber ich habe Ihnen jetzt 
gesagt, warum man in den Kometen Blausaure annehmen mufi. Da 
sehen Sie, es ist kein Zufall, es ist eine wirkliche Wissenschaft, durch 
die man darauf gekommen ist! Nur eben, mit der sinnlichen Forschung 
wird das erst spater bestatigt. Und so konnten die Leute schon ansehen 
das, was in der Anthroposophie ist: Alles wird spater bestatigt. Sogar 
haufig wird es heute schon aulSerhalb der anthroposophischen Bewe- 
gung, eben auf eine etwas andere Art, gefunden werden, was aber von 
der Anthroposophie schon vor vielen Jahren gegeben worden ist. 

Ja, es kommen sogar noch andere Sachen vor, meine Herren. Das 
ist etwas, was heute ganz wissenschaftlich untersucht werden konnte. 
Ich mufi immer sagen: Wenn die Menschen zu einem Stern wirklich 
hinausfahren konnten, da wiirden sie sehr erstaunt sein, daft der an- 
ders ausschaut, als sie sich ihn aus den heutigen Erdenvorstellungen 
vorstellen. Da stellt man sich vor, da ist so ein gluhendes Gas drinnen. 
Aber das findet man gar nicht drauften, sondern wo der Stern ist, da 
ist eigentlich leerer Raum, aber ein leerer Raum, der einen gleich auf- 
saugt. Saugekrafte sind da! Es saugt einen gleich auf und zersplittert 
einen. Und wenn man nun mit derselben Forschung so konsequent vor- 
geht und eine solche unbefangene Denkweise hat, wie wir es hier ha- 
ben, so kann man auch darauf kommen, mit komplizierten Spektro- 
skopen zu sehen: Da sind nicht Gase, sondern da ist der saugende 
Raum. - Und ich habe schon vor langerer Zeit gewissen unserer Leute 
die Aufgabe gegeben, mit dem Spektroskop einmal die Sonne und die 
Sterne zu untersuchen, um einfach nachzuweisen mit aufieren Erfah- 



rungen, dafi die Sterne Hohlraume sind, nicht gluhende Gase. Und 
das kann man nachweisen. Aber diejenigen Leute, denen ich diese Auf- 
gabe gegeben habe, waren anfangs furchtbar begeistert: Oh, da wird 
etwas gemacht! - Aber manchmal erlischt diese Begeisterung; sie ha- 
ben zu lange gewartet - und schon vor anderthalb Jahren kam von 
Amerika heriiber die Nachricht, dafi man auf dem Weg ist, die Sterne zu 
untersuchen, und nach und nach findet, dafi die Sterne gar nicht glu- 
hende Gase sind, sondern ausgesparte Hohlraume! Es schadet ja auch 
nichts, wenn das so geschieht. Natiirlich, aufierlich ware es uns nutz- 
licher, wenn wir es machten. Aber es kommt ja nicht darauf an; wenn 
nur die Wahrheit herauskommt. 

Auf der anderen Seite aber konnte gerade durch solche Sachen ge- 
sehen werden, wie Anthroposophie eigentlich mit der gewohnlichen 
Wissenschaft zusammenarbeiten will. Und so mochte sie auch durch- 
aus zusammenarbeiten mit der gewohnlichen Wissenschaft, zum Bei- 
spiel in bezug auf die Erdschichten. Man nimmt ja durchaus an, was 
die gewohnliche Wissenschaft zu sagen hat iiber das Durcheinander- 
schmeifSen und Durcheinanderwurfeln in den Alpen. Nur kann man 
nicht mitgehen, wenn man annimmt, das wird so herumgeschmissen 
mit den Kraften, die heute noch da sind; sondern da waren eben Le- 
benskrafte da, die nur dieses Lebendige durcheinanderschmeiften kon- 
nen! - Also, Anthroposophie steckt wahrlich in der gewohnlichen Wis- 
senschaft schon drinnen. Die gewohnliche Wissenschaft will nur da 
iiberall aufhoren, wo sie zu faul ist, an diese Dinge wirklich heranzu- 
kommen. 

Dann am Mittwoch um neun Uhr Fortsetzung. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach,9.Julil924 

Vielleicht konnen wir fortsetzen und beenden - wenn wir so weit 
kommen -, was wir das letzte Mai angefangen haben, meine Herren. 

Ich habe Ihnen also auseinandergesetzt, wie man sich vorzustellen 
hat, daft nach und nach die Erde sich entwickelt hat und wie der 
Mensch geistig eigentlich immer da war. Physisch, also dem Korper- 
lichen nach, kommt aber der Mensch erst dann heraus, wie wir gese- 
hen haben, wenn die Erde eigentlich tot geworden ist, wenn die Erde 
selber ihr Leben verloren hat. Sehen Sie, man hat erst vor verhaltnis- 
mafiig kurzer Zeit die Erde so angesehen, daft man, wie ich Ihnen das 
letzte Mai gesagt habe, darinnen die Versteinerungen suchte, um das 
Alter der Schichten zu bestimmen. Man hat iiberhaupt solche Vorstel- 
lungen, wie sie jetzt sind in der aufteren Wissenschaft, sich verhaltnis- 
maftig spat gemacht, und wir haben ja gesehen, inwiefern diese Vor- 
stellungen eigentlich falsch sind, nicht eigentlich bestehen konnen ge- 
geniiber den wirklichen Tatsachen. 

Nun miissen Sie aber sich klarmachen: Man findet, wenn man in 
die Erde so hineinbohrt und hineingrabt, wie ich es Ihnen auseinander- 
gesetzt habe, wenn man so etwas durchsucht wie das Alpenmassiv, die 
durcheinandergeworfenen Schichten, findet dann, wie Versteinerungen 
in den Schichten sind; man findet dann durchaus bestimmte Pflanzen, 
Tiere in jeder einzelnen Schicht. Und diejenigen Tiere, diejenigen 
Pflanzen, die wir heute zumeist haben, die heute die Erde erfiillen, 
die sind eigentlich erst spat aufgetreten. Die friiheren Pflanzen- und 
Tierformen waren verschieden von den heutigen Pflanzen- und Tier- 
formen. 

Nun sehen Sie, daft die Erde nicht einfach ganz langsam entstanden 
ist, daft also nicht eine Schichte iiber der anderen sich aufgeschichtet 
hat, bis sie langsam entstanden ist, das kann man nicht blofi daran 
sehen, daft die Alpen so durcheinandergeworfen sind, sondern man 
kann es zum Beispiel an folgendem sehen: Es gab Tiere, die ahnlich 
waren unseren Elefanten, nur grower. Unser Elefant ist schon groft 



genug, aber das waren noch machtigere Tiere mit noch dickeren Hau- 
ten, also noch starkere Dickhauter. Diese Tiere, die lebten einmal. Und 
daft sie gelebt haben, das kann man daran sehen, daft sie gefunden 
wurden im nordlichen Sibirien, das ist also im nordlichen Asien, da 
wo Rutland nach Asien hinubergeht. Aber alle diese merkwurdigen 
Tiere, diese Mammuttiere, die wurden gefunden als ganze Tiere mit 
dem frischen Fleisch. 

Ja, sehen Sie, Tiere mit noch frischem Fleisch erhalt man bekannt- 
lich, wenn man sie zum Beispiel ins Eis gibt. Nun, diese Tiere waren 
in der Tat im Eis drinnen! Namlich am Nordlichen Eismeer, wo Sibi- 
rien gegen den Nordpol hingeht, da waren diese Tiere und sind heute 
noch drinnen — frisch, wie wenn sie gestern von Riesenmenschen ge- 
fangen worden, ins Eis gegeben, aufgehoben worden waren! Und da 
mufi man sich doch sagen: Diese Tiere leben heute nicht; das sind uralte 
Tiere. Diese Tiere konnen auch ganz unmoglich langsam vereist sein; 
sie sind heute noch da als ganze Tiere. Das kann nur dadurch geschehen 
sein, daft plotzlich, als diese Tiere dort gelebt haben, eine machtige Was- 
serrevolution gekommen ist, die vereist ist gegen den Nordpol und diese 
Tiere auf einmal aufgenommen hat. 

Nun, daraus sehen wir schon, daft es auf der Erde in friiheren Zei- 
ten ganz auftergewohnlich zugegangen ist, so zugegangen ist, daft man 
es mit dem heutigen Zustand nicht vergleichen kann. Und wenn man 
so etwas wie die Alpen sich anschaut, dann mufi man sich auch vor- 
stellen, daft das nicht Millionen von Jahren gedauert haben kann, son- 
dern daft das verhaltnismaftig kurz sich abgespielt haben mufi. Also 
muft in der Erde alles gebrodelt haben und gelebt haben - geradeso 
wie es zugeht in einem Magen, nachdem man eben gegessen hat und 
dann anfangt zu verdauen. Aber das kann nur im Lebendigen gesche- 
hen. Die Erde muft einmal lebendig gewesen sein. Und die Krafte sind 
zunachst noch zuruckgeblieben, die in der Erde waren. Da gab es grofte, 
plumpe Tiere. Unsere mehr schlanken, geschmeidigen Tiere haben sich 
eben gebildet, nachdem die Erde selber abgestorben war, kein Tier 
mehr war. Diese groften Elefanten, die Mammuttiere, waren noch so- 
zusagen wie Lause auf dem alten Korper der Erde, sind nur mit einer 
einzigen Welle, die vereist ist, zugrunde gegangen. 



Daraus konnen Sie entnehmen, wie sehr das stimmt, was ich gesagt 
habe in bezug darauf, dafi unsere jetzige Erde eigentlich eine Art von 
Weltenleichnam ist. Und erst als die letzten Zustande eintraten auf 
dieser Erde, erst da konnte der Mensch entstehen. 

Nun, ich will Ihnen noch etwas anfuhren, woraus Sie sehen konnen, 
wie die Erde sich verandert hat, verhaltnisma&g noch spat verandert 
hat. Sehen Sie, wir haben da, wenn wir das so oberflachlich zeichnen, 
Tafels Amerika (es wird gezeichnet). Hier haben wir dann Europa: Norwe- 
gen, Schottland, England, Irland, da kommen wir heruber nach Frank- 
reich, Spanien; da geht es dann heruber nach Italien, Deutschland; da 
ist der Bottnische Meerbusen. 

Wenn man heute, sagen wir zum Beispiel von Liverpool nach Ame- 
rika fahrt, so macht man diese Strecke. Man fahrt durch den Atlanti- 
schen Ozean. Nun will ich Ihnen etwas sagen: Da heriiben - da unten 
ist dann Afrika -, da heriiben sind gewisse Pflanzen und gewisse 
Tiere, iiberall - man mufi namentlich das kleine Viehzeug nehmen - 
sind also Pflanzen und Tiere. Wenn man sich heute diese Pflanzen und 
Tiere anschaut, die auf der einen Seite an den Westkiisten von Europa 
und da unten von Afrika vorkommen, und auf der anderen Seite an 
der Ostkiiste von Amerika, dann stellt sich heraus, dafi diese Pflanzen 
und Tiere etwas miteinander verwandt sind. Sie sind etwas verschieden, 
aber sie sind miteinander verwandt. Nun, warum sind denn diese mit- 
einander verwandt? Sie sind verwandt aus dem Grunde — heute ist die 
Sache so: da unten ist Meeresboden, da oben ist das atlantische Wasser; 
hier kame dann Afrika. Sehen Sie, wie die Pflanzen und Tiere da (in 
Amerika) sind, und wie sie da (in Europa und Afrika) sind, das kann 
man sich nur erklaren, wenn einmal hier iiberall Land war, der Boden 
hoch war und die Tiere hier heriibergehen konnten, hier iiberall, und 
die Pflanzen auch ihren Samen nicht iiber den Ozean schickten, son- 
dern stiickweise ins Land schickten. Wo also heute zwischen Europa 
und Amerika eine riesige See ist, ein riesiges Meer ist, da war einstmals 
Land. Der Boden ist gesunken. "Oberall, wo der Boden sinkt, kommt 
gleich Wasser. Wenn Sie irgendwo nur bis zu einer gewissen Tiefe gra- 
ben, die Erde ausgraben, gleich kommt Wasser. Wir miissen also an- 
nehmen: Da ist der Boden gesunken. 



Merkwiirdig ist es zum Beispiel da - da ist Italien, da liegt die Stadt 
Ravenna. Wenn man von Ravenna gegen das Meer hin geht, dann 
hat man heute mehr als eine Stunde zu gehen; aber man trifft See- 
muscheln und Seeschnecken auf dem Grund, wo man gegen das Meer 
hin geht von Ravenna. Das bezeugt einem wiederum: Da war einst- 
mals Meer. Und Ravenna, das heute eine Stunde vom Meer entfernt 
ist, lag einstmals ganz an der See, die See grenzte an. Da wiederum 
hat sich der Boden gehoben, in die Hohe gehoben, und das Wasser 
ist dadurch abgelaufen. Wenn sich der Boden nun besonders stark 
hebt, dann verodet der Boden, dann wird es kalt, wie es in den Ge- 
birgen geschieht. Eine solche Gegend, wo es kalt geworden ist - wenn 
ich hier weiter zeichnen wiirde, wiirde da Sibirien sein -, das ist die Tafd6 
Gegend von Sibirien. Sibirien zeigt durch alles das, was es an Pflan- 
zenwachstum hat und so weiter, dafi es einstmals den Boden tiefer 
hatte, daft der machtig in die Hohe gestiegen ist. 

Aus alledem sehen Sie, dafi Land fortwahrend steigt und sinkt an 
gewissen Punkten der Erde; es steigt auf, sinkt, und man sieht, dafi 
Land und Wasser auf der Erde zu verschiedenen Zeiten in der verschie- 
densten Weise verteilt ist. "Wenn man die Gesteine vom britischen Reich, 
von England, Schottland und Irland ansieht, sich die Schichten selbst 
anschaut, dann kommt man darauf, daft dieses England viermal auf 
und ab gesunken ist im Laufe der Zeit! Wie es oben war, sind gewisse 
Pflanzen gewachsen, bis es untergegangen ist. Wie es wieder hinauf- 
gegangen ist, da war nattirlich alles verodet. Es bedeckte sich mit einer 
ganz anderen Pflanzen- und Tierwelt, und man kann heute noch sehen: 
Viermal ist das auf und ab gegangen. 

Also der Boden der Erde ist in einer fortwahrenden Bewegung. 
Und er war in einer viel grofieren, riesenhaften Bewegung in alten Zei- 
ten. Wenn heute alles so bewegt ware, wie es in alten Zeiten war, dann 
ware es den Menschen schon recht unheimlich, denn die letzten Nach- 
richten von machtigen Erdbewegungen, die allerletzten Nachrichten 
sind ja eigentlich diejenigen, die nur sagenhaft auf die Menschen ge- 
kommen sind als die Sintflut. Aber die Sintflut ist ja eine Kleinigkeit 
gegen dasjenige, wie es einmal auf der Erde in riesenmafiigen Aus- 
dehnungen zugegangen ist. 



Sehen Sie, meine Herren, es entsteht dadurch die Frage: Wie ist iiber- 
haupt der Mensch auf diese Erde gekommen? Wie ist der Mensch aufge- 
treten? - Nun sind ja dariiber die allerverschiedensten Ansichten ent- 
standen. Die bequemste Ansicht, die sich die Leute heute gebildet haben, 
ist diese, daft es einmal affenahnliche Tiere gegeben hat, die haben sich 
immer mehr und mehr vervollkommnet und sind Menschen geworden. 
Das ist ja eine Ansicht, welche die Wissenschaft im letzten Jahrhundert 
vertreten hat. Die "Wissenschaft vertritt sie heute nicht mehr; aber die 
Leute, die eben immer Nachziigler sind von der Wissenschaft, die glau- 
ben das naturlich heute noch. Nun, die Sache ist diese: Wie konnte 
man sich aber nun vorstellen, dafi der Mensch auf der Erde als phy- 
sischer Mensch, wie er heute ist, sich gebildet hat? Ein grofier Rummel 
sozusagen, eine riesige Begeisterung war, als am Ende des 19.Jahr- 
hunderts ein reisender Gelehrter, Dubois, in Ostasien Teile von einem 
Skelett entdeckt hat in solchen Erdschichten, von denen man bisher 
geglaubt hat, der Mensch ist da nicht drinnen, kann da noch nicht ge- 
wesen sein. Es waren nur Teile von einem Skelett, das man fiir ein 
Menschenskelett angesehen hat, namlich ein Oberschenkel, ein paar 
Zahne, Stiicke vom SchadeL Das hat nun der Dubois gefunden driiben 
in Asien und hat - solch eine Sache raufi naturlich einen anstandigen 
Namen haben - diese TJberreste, respektive das Wesen, das menschen- 
affenahnliche Wesen, das einmal gelebt haben sollte, genannt: Pithec- 
anthropus erectus. Also dieses Wesen soil darstellen, so war man der 
Ansicht, ein affenartiges Geschlecht, aus dem sich dann die Mensch- 
heit allmahlich heraus entwickelte. Und jetzt glauben die Menschen 
in verschiedener Weise, wie sich eigentlich der Mensch entwickelt ha- 
ben soli. Die einen sagen, da war einmal ein affenartiges Geschlecht; 
das ist in bestimmte Lebensverhaltnisse gekommen, wo es hat anfangen 
miissen zu arbeiten; so sind umgebildet worden die Fiifie, die affen- 
artigen Kletterfufte zu richtigen Fiiften, die vorderen Kletterfiifie zu 
menschlichen Handen, und so habe sich das eben verwandelt. Aber 
die anderen sagen wiederum: Nein, das kann nicht so sein; denn wenn 
dieser Affenmensch in diese so ungiinstigen Verhaltnisse gekommen 
ware, dann ware er einfach ausgestorben, dann hatte er sich nicht um- 
wandeln konnen; er mufi vielmehr gelebt haben, dieser Affenmensch, 



da schon in einer Art paradiesischem Zustand, wo er nicht hat arbei- 
ten miissen, wo er sich hat frei entwickeln konnen, wo er geschiitzt 
war. - Sehen Sie, so weit gehen die Ansichten auseinander! Aber all 
das halt nicht stand, wenn man die wirkliche Untersuchung der Tat- 
sachen aufgreift, von der wir ja schon gesprochen haben. 

Gehen wir noch einmal zuriick. Hier war einstmals (es wird ge- 
zeichnet) eine grofie Landflache, wo heute der Atlantische Ozean ist, Tafds 
durch den man fahrt, wenn man von Europa nach Amerika fahrt - 
grofte Landstrecken. Aber sehen Sie, wenn man wiederum das unter- 
sucht, was da hier etwas unter der Erde versteinert ist, was also die 
Versteinerungen sind, und woraus man sehen kann, wie die fruheren 
Formen, die fruheren Arten der Pflanzen und Tiere da waren, dann 
findet man: Das kann alles nicht so gewesen sein! Da mufi die Erde, 
die da war zwischen dem heutigen Europa und Amerika, noch viel 
weicher gewesen sein, nicht so festes Gestein wie heute; und die Luft 
mufi noch viel dicker gewesen sein, immer neblig, viel Wasser und 
andere Stoffe noch enthalten haben. So daft man also da einen viel 
weicheren Erdboden hatte und eine viel dickere Luft. In solch einer Ge- 
gend, wenn es das heute noch auf der Erde geben wiirde, konnten wir, 
wenn wir hinkamen, keine Woche leben; da wiirden wir gleich aus- 
sterben. Aber nun miifiten ja natiirlich, weil das gar nicht so lange 
her sein kann, zehntausend bis funfzehntausend Jahre, dazumal schon 
Menschen gelebt haben. Aber die konnen auch nicht so gewesen sein 
wie die heutigen Menschen. Der heutige Mensch hat seinen festen Kno- 
chenbau nur deshalb, weil drauften harte Erde ist, harte Mineralien 
sind. Zu unseren kalkartigen Knochen gehoren drauften die kalkarti- 
gen Berge; mit denen tauschen wir ja fortwahrend auch den Kalk aus: 
wir trinken ihn mit ihrem Wasser und so weiter. Dahier gab es noch 
keine so festen Knochengeriiste. Da konnten wir Menschen, wenn wir 
damals lebten, nur solche weichen Knorpeln haben wie heute die Hai- 
fische. Und durch Lungen konnte man auch nicht so atmen wie heute. 
Da muftte man eine Art von Schwimmblasen haben und eine Art von 
Kiemen; so daft also der Mensch, der da lebte, seiner aufterlichen Ge- 
stalt nach halb Mensch und halb Fisch war. Man kommt gar nicht 
himiber iiber die aufterliche Sache, daft der Mensch ganz anders ausge- 



sehen hat, halb Mensch und halb Fisch war. Besonders wenn wir in 
Zeiten zuriickgehen, die noch friiher zuriickliegen, da haben wir den 
Menschen viel, viel weicher. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, 
ist er wasserig, ist er ganz flussig. Da bilden sich natiirlich keine Ver- 
steinerungen davon, sondern da geht er eben auf in der ubrigen Fliissig- 
keit der Erde. So dafi man also sieht: So wie wir heute dastehen, sind 
wir erst geworden. Wir sind ja auch ein kleines Fliissigkeitskliimpchen, 
wenn wir zuerst im Mutterleib noch sind. Nun, das ist verkummert, 
das ist klein; dazumal waren wir grofle, machtige fliissige oder weiche 
gallertartige Wesen. Und je weiter man zuriickgeht in der Erdenent- 
wickelung, desto fliissiger wird der Mensch, desto mehr ist er eigent- 
lich blofi weiche, gallertartige Masse. Nicht aus dem heutigen Wasser - 
aus heutigem Wasser kann man natiirlich keinen Menschen machen -, 
aber aus so etwas wie einer eiweiftartigen Substanz lafit sich schon 
dann der Mensch formen. 

Da kommen wir in eine Zeit zuriick, wo es weder die heutigen Men- 
schengestalten gegeben hat, noch heutige Elefanten, noch Rhinoze- 
rosse, noch Lowen, noch Kiihe, noch Ochsen, noch Stiere, keine Kan- 
guruhs; alles das hat es noch nicht gegeben. Dagegen hat es, konnte 
man sagen, fischahnliche Tiere gegeben — nicht so wie die heutigen 
Fische, schon menschenahnlich -, halb menschenahnliche, halb fisch- 
ahnliche Tiere, die man ebensogut Menschen nennen konnte. Das hat 
es also gegeben. All die heutigen Gestalten von Tieren hat es nicht ge- 
geben. 

Dann hat sich die Erde allmahlich verwandelt in die Gestalt, wie 
sie heute ist. Der Boden des Atlantischen Ozeans senkte sich hinunter; 
immer mehr und mehr ging das sumpfige, schleimartige, eiweiflhaltige 
Wasser iiber in das heutige Wasser, bildete sich allmahlich immer mehr 
um dasjenige, was als solche Fischmenschen vorhanden war. Aber es 
entstanden die verschiedensten Formen. Die mehr unvollkommenen 
dieser Fischmenschen wurden Kanguruhs, die ein birchen vollkom- 
meneren wurden Hirsche und Rinder, und diejenigen, die am vollkom- 
mensten waren, wurden Affen oder Menschen. Aber Sie sehen daraus: 
Es stammt der Mensch gar nicht in dem Sinne vom Affen ab, sondern 
der Mensch war da, und alle Saugetiere entstanden eigentlich aus dem 



Menschen heraus von denjenigen Menschenformen, in denen der Mensch 
unvollkommen geblieben ist. So dafi man vielmehr sagen kann, der 
Affe stammt vom Menschen ab, als der Mensch stammt vom Affen 
ab. Das ist nun schon so, und man mufi sich iiber diese Dinge ganz klar 
sein. 

SehenSie, das konntenSie sich durch das Folgendeveranschaulichen. 
Denken Sie einmal, es ist ein recht gescheiter Mensch; der hat einen 
kleinen Sohn. Der kleine Sohn hat einen Wasserkopf und bleibt sehr 
dumm. Man kann sagen: Der gescheite Mensch ist vielleicht fiinfund- 
vierzig Jahre alt, der kleine Sohn sieben, acht Jahre alt; der entwickelt 
sich dumm. Ja, darf da irgendein Mensch sagen: Weil der Kleine ein 
kleiner, unvollkommener Mensch ist, deshalb stammt der alte Mensch, 
der vollkommene, gescheite Mensch, von dem kleinen, unvollkom- 
menen ab? Das ware ja Unsinn! Der kleine Unvollkommene stammt 
von dem Gescheiten ab! Das ware eine Verwechslung. Dieselbe Ver- 
wechslung hatte man begangen, indem man geglaubt hat, Affen, die 
zuriickgebliebene Menschen sind, seien die Urvater der Menschen. Sie 
sind eben nur zuriickgebliebene Menschen, sind sozusagen die unvoll- 
kommenen Vorlaufer der Menschen. Man kann schon sehen: Die Wis- 
senschaft war da auf einem Wege, der sie recht stark in den Irrtum hin- 
einfuhrte, und einf ache Menschen konnten sich das ja auch nicht so recht 
vorstellen. Man braucht nur an die Geschichte zu erinnern, wie ein 
kleiner Rotzjunge nach Hause gekommen ist - der Schullehrer hatte 
gerade, weil er angestochen war von der modernen Wissenschaft, er- 
klart in der Schule: Die Menschen stammen vom Affen ab - und sagte: 
Heute habe ich etwas Grofiartiges gelernt: Die Menschen stammen vom 
Affen ab! - Da sagte der Vater: Du dummer Junge, bei dir kann das 
der Fall sein, bei mir aber nicht! - Sehen Sie, das war der naive Mensch 
gegeniiber dem Darwinismus. Die Wissenschaft ist eben manchmal 
nicht eigentlich so gescheit, wie der naive Mensch es ist! Das mufi man 
sich sagen. 

Und so kann man sagen: Alles dasjenige, was an Tieren da draufien 
in der Welt lebt, das stammt von einem Urwesen ab, das weder Tier 
noch Mensch war, sondern das dazwischen liegt. Die einen sind un- 
vollkommen geblieben, die anderen sind vollkommener geworden, sind 



Menschen geworden. - Da kommen naturlich jetzt die Leute und sagen: 
Ja, aber die Menschen waren doch friiher viel unvollkommener als sie 
heute sind! Die Menschen waren doch friiher so, daft sie einen Schadel 
gehabt haben mit einer niederen Stirn, einer solchen Nase (es wird 
Tafels gezeichnet), die Neandertalmenschen, oder die Menschen, die man in 
Jugoslawien gefunden hat. Man findet sie ja nur selten; man darf nicht 
glauben, daft da iiberall die Skelette so herumliegen; es wurden nur 
immer wenige gefunden. Der heutige Mensch hat in der Regel seine 
schone Stirn und so weiter, sieht also anders aus. Nun sagen die Men- 
schen: Ja, da finden wir also diese Urmenschen mit ihrer niederen 
Stirn; die waren naturlich dumm, denn in der Stirne, da sitzt der Ver- 
stand, und erst die Menschen, welche die hohen Stirnen kriegten, hat- 
ten den richtigen Verstand. Daher waren die Urmenschen dumm, 
verstandnislos, und die spateren Menschen mit den hohen Stirnen, 
den vorgesetzten Stirnen, die hatten eben den rechten Verstand. 

Ja, sehen Sie, meine Herren, wenn man sich diese atlantischen Men- 
schen angeschaut hatte, diese Menschen, die da gelebt haben, bevor der 
Boden des Atlantischen Ozeans gesunken ist und ein Meer entstand, da 
hatte man gefunden: Ja, diese Menschen, die hatten schon eigentlich ein 
ganz diinnes Hautchen, wenige weiche Knorpel, wie ein Netz, wie als 
Hulle des Kopfes, im iibrigen iiberall Wasser! Wenn Sie sich heute einen 
richtigen Wasserkopf anschauen: der hat gar nicht eine zuriickliegende 
Stirn, der hat gerade eine hohe, vorgenickte Stirn, und der ist viel ahn- 
licher diesem Wasserkopf; den konnten die Atlantier gehabt haben! - 
Nun denken Sie sich, die Atlantier haben also diesen Kopf gehabt, aber 
wasserig, so wie wir es heute beim Embryo sehen. Sehen Sie, das ware 
die Erde (es wird gezeichnet); jetzt ist das iiber die Erde gekommen, 
daft der Boden des Atlantischen Ozeans sich gesenkt hat, daft der At- 
lantische Ozean entstanden ist, Europa und Asien immer mehr aufge- 
taucht sind. Denn da hebt sich alles, in Amerika hebt sich es auch, 
dahier senkt es sich. Die Erde verandert sich. Die Menschen bekamen 
mehr harte Knochen. So daft da, wenn wir in friihere Zeiten gehen, 
in die Zeit, wo da (auf dem Gebiete des heutigen Atlantischen Ozeans) 
noch festes Land war, ganz weiche Knochen dadrinnen waren, Knor- 
peln. Da schaute das noch so aus (es wird auf die Zeichnung verwie- 



sen); da war Wasser. Und diese Menschen, die konnten auch mit dem 
Wasser denken. - Da werden Sie sagen: Donnerwetter, jetzt setzt er 
uns auch noch das vor, daft die Leute dazumal nicht mit einem festen 
Hirn, sondern mit einem wasserigen Hirn gedacht hatten! - Ja, meine 
Herren, Sie denken alle nicht mit dem festen Gehirn! Sie denken nam- 
lich alle mit dem Gehirn wasser, in dem das Gehirn drinnen schwimmt; 
es ist ein Aberglaube, dafi man mit dem festen Gehirn denke. Nicht 
einmal die Dickschadel, die ganz eigensinnig sind, die gar nichts anderes 
auffassen konnen als ihre eigenen Ideen, die sie in ihrer friihen Jugend 
aufgenommen haben, nicht einmal die denken mit dem festen Gehirn; 
die denken auch mit dem Gehirnwasser, wenn auch mit den mehr ver- 
dichteten Stellen im Gehirnwasser. 

Da kam aber die Zeit, wo diese Art von Wasser, diese schleimige, 
eiweiftartige Form von Wasser verschwand. Die Menschen konnten 
nicht mehr damit denken; die Knochen blieben zuriick, und es entstan- 
den diese niedrigen Schadel. Und erst spater wuchsen sie wieder aus - 
in Europa und in Amerika driiben - zu einer hohen Stirn. So dafi Sie 
sagen mussen: Die Atlantier, die alten Atlantier, die hatten in ihrem 
wafirigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies 
zuriickging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und 
nach wiederum aus zu den hoheren Stirnen. Das ist eben eine Zwi- 
schenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch, oder 
die, die man in Sudfrankreich oder in Siidslawien ausgegraben hat. Das 
ist ein Ubergangsmensch, ein Mensch, der gelebt hat, als gerade in den 
Kustengebieten sich der Boden nach und nach gesenkt hat. Und diese 
Menschen, wie man sie heute ausgrabt in Sudfrankreich, die sind also 
nicht die friiheren Menschen, sondern das ist der spatere Mensch! Es 
sind Vorfahren, aber schon spatere Menschen. 

Und das Interessante ist: In derselben Zeit, in der diese Menschen 
mit der flachen, niedrigen Stirn gelebt haben mussen, in derselben Zeit 
findet man Hohlen, in denen Dinge drinnen sind, aus denen man an- 
nehmen kann, die Menschen haben dazumal nicht in gebauten Hausern 
drinnen gelebt, sondern in Erdhohlen, in die sie sich hineingegraben 
haben. Aber da mufke erst die Erde hart geworden sein. Also in der 
Zeit, in der die Erde noch nicht ganz so hart war wie heute, sondern 



wenigstens noch etwas weniger hart war, da bohrten sich die Leute 
noch in. die Erde hinein ihre Wohnungen, und die findet man auch 
heute noch. Aber, was man da findet, das sind merkwiirdige Zeichen, 
merkwiirdige Malereien, die verhaltnismafiig einfach sind, die aber 
doch ganz geschickt wiedergeben Tiere, die dazumal gelebt haben. 
Und man ist eigentlich erstaunt, dafi diese Menschen mit der flachen 
Stirne, mit dem unentwickelten Kopf diese Zeichnungen gemacht ha- 
ben. Diese Zeichnungen sind zugleich gescheit, und in einer anderen 
Beziehung wiederum ungeschickt. Wie kann man sich das erklaren? 
Nur dadurch, daft eben einmal die Menschen gelebt haben mit der 
hohen, noch flussigen Stirn, und dafi diese eine besondere Kunst schon 
gehabt haben, vielleicht sogar viel mehr gekonnt haben als wir heute. 
Und das ist dann verkummert. Und das, was man da findet in den 
Hohlen, das sind eben die letzten Reste von dem, was die Menschen 
noch gekonnt haben, was sich noch fortgebildet hat. So dafi man dar- 
auf kommt: Es haben die Menschen einmal nicht blofi als Tiere gelebt 
und sich bis zum heutigen Zustand vervollkommnet, sondern bevor 
das heutige Menschengeschlecht mit seinen festen Knochen auf der 
Erde da war, war ein anderes Menschengeschlecht mit mehr Knorpeln 
da, das schon einmal eine hohere Kultur und Zivilisation gehabt hatte. 
Da wo heute Meer ist, da war einmal schon eine hohere Zivilisation. 

Und sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, dafi auch die Vogel in alten 
Zeiten anders waren, als sie heute sind. Die Vogel waren so, dafi sie 
eigentlich einmal ganz aus Luft bestanden haben; das andere haben 
sie sich erst herumgebildet. Daher sind die Knochen der Vogel alle 
innerlich mit Luft ausgefiillt. Diese Vogel waren einstmals Tiere, die 
nur aus Luft bestanden haben, aber aus einer dicken Luft. Und die 
heutigen Vogel, die haben eben ihre Federn und so weiter gebildet, 
als unsere heutige Luft entstanden ist. Denken Sie einmal, die heutigen 
Vogel — sie haben sie ja in Wirklichkeit nicht, aber wir konnen uns das 
ja vorstellen -, die hatten Schulen, die hatten eine Kultur; das miifite 
aber anders ausschauen, als es bei uns jetzt ausschaut! Nehmen wir 
zum Beispiel an, wir bauen uns Hauser. Darin besteht ein grofler Teil 
unserer Kultur. Die konnen sich keine Hauser bauen, denn die wiir- 
den ja herunterf alien; auch konnen die Vogel keine Bildhauer werden, 



denn alles wiirde herunterf alien; nicht einmal nahen konnen sie - das 
gehort auch zu der Kultur -, denn wenn sie die Nadel nur ein bifichen 
fallen lassen, so wiirde das auch herunterfallen. Wenn diese Vogel eine 
Zivilisation und Kultur hatten, wie konnte die denn sein? Die miiftte 
so sein, daft sie oben in der Luft sein konnte. Aber das kann ja nichts 
Festes hervorbringen, sie konnten keinen Schreibtisch haben, gar nichts; 
sie konnten sich hochstens Zeichen machen, die gleich wiederum vor- 
bei sind, wenn sie gemacht sind. Wenn der andere dann die Zeichen 
verstehen wiirde, nun ja, dann ware eine Kultur da. Denken Sie sich 
also, ein Adler ware ein sehr gescheites Tier, ein Adler konnte eine 
Statue der Eule machen - nun ja, er miiftte sie aber bloft in der Luft 
machen; es wiirde nichts mehr da sein, wenn man es sich anschaut. Nun, 
jetzt kame die Eule; sie ware besonders eitel, laftt sich eine Eulenstatue 
vom Adler machen; der wiirde das sehr schon machen, alles sehr schon; 
gerade wenn eine kleine Wolke da ist vielleicht, so daft er etwas dickere 
Luft hat, wiirde er es machen; aber es wiirde gleich wiederum ver- 
schwinden. Andere Vogel konnten zufliegen, andere Eulen auch, die 
konnten das bewundern. - Ja, die Vogel haben das heute nicht! Sie 
konnen ganz sicher sein: Die Adler bildhauern keine Eule! Aber die- 
jenigen Wesenheiten, die einstmals Mensch waren in ihren weichen 
Gestalten, ihrem weichen Korper, die hatten eine solche Kultur und 
Zivilisation! Als zum Beispiel Land da war, wo heute der Atlantische 
Ozean ist, da konnten die Dinge schon mehr oder weniger fest blei- 
ben, stehenbleiben und so weiter, wenn sie auch immer wieder versan- 
ken; aber es war schon dichter. Aber dem ging ein noch dunnerer Zu- 
stand voran; da gab es nur eine solche Kultur und Zivilisation, die 
man in Zeichen machte, die gleich wieder vergingen. So daft man sich 
vorstellen muft, daft eben diese Menschen alles einmal machten, und 
daft die Sachen nicht da gebheben sind, sondern daft sie in ganz feiner 
Materie drinnen waren. Und als sie spater anfingen, die Sachen mehr 
grober zu machen, da wurde es ungeschickt. Es ist ja auch heute leichter, 
in weichem Wachs irgend etwas auszubilden als in dem harteren Ton. 
Und gar als die Menschen nur in einer Art dicken Luft ihre ganze 
Kultur und Zivilisation hatten, da hatten sie ihre Freude daran, etwas 
zu machen, wenn das auch gleich wiederum unterging. 



Ja, aber jetzt, meine Herren, sind wir schon sehr weit zuruckge- 
kommen, haben also Menschen gefunden, die eigentlich ziemlich luft- 
artig sind, nur aus dickerer Luft sind. Wenn Sie sich das so vorstellen, 
dafi da so ein Mensch aus dickerer Luft ist, so niramt sich das eigent- 
lich aus wie eine Wolke, nur nicht so unregelmafiig geformt wie eine 
Wolke, sondern er hat stark eben Gesichtartiges, Kopfartiges, Glied- 
maSenartiges - aber das ist ja schon etwas sehr Geistiges, das ist 
ja schon fast ein Gespenst! Wenn Ihnen heute so etwas begegnete, 
meine Herren, nun ja, da wiirden Sie es fur ein Gespenst ansehen, 
noch dazu fur ein ganz kurioses Gespenst! Und es wiirde ganz fischahn- 
lich und doch wieder menschenahnlich aussehen. So waren wir auch ein- 
mal! Da sind wir schon bei dem Zustande angekommen, wo der Mensch 
eigentlich ganz geistig war. Und Sie sehen: Je weiter wir zuriickgehen, 
desto mehr finden wir, dafi der Mensch den Stoff als Geistiges be- 
herrscht. Wir konnen ja nur mit den weichsten Dingen unseres Stoffes 
noch irgend etwas anf angen, konnen, wenn wir ein Stuck Brot in den 
Mund nehmen, es beifSen, fliissig machen, denn alle Nahrung mufi 
f liissig gemacht werden, wenn sie in den Menschenleib hineingehen soli. 
Denken Sie sich nur einmal, Sie machen Brot fliissig, es geht in die 
Speiserohre, geht in den Magen, breitet sich im Blut aus. Was wird 
denn eigentlich aus einem Stuck Brot? Das ist eine ganz merkwurdige 
Sache. 

Nehmen Sie an, Sie haben da den Menschen vor sich, die mensch- 
liche Gestalt: das ist der Magen, die Speiserohre, da geht es zum Mund 
Tafel6 herauf (es wird gezeichnet). Jetzt iftt dieser Mensch ein Stuck Brot. Da 
ifit er es hinein, da wird es allmahlich fliissig gemacht, der Magen macht 
es noch fliissiger; jetzt breitet es sich im Blut aus, geht iiberall hin, wird 
diinn, ganz diinn, breitet sich da aus. 

Da habe ich also ein Stuck Brot in der Hand. Ich esse es - wie schaut 
es denn aus nach einiger Zeit? Nach drei Stunden, wenn es sich ausge- 
breitet hat im Blut, im ganzen Korper, schaut es so aus: Dieses Stuck 
Brot ist selber ein Mensch geworden! Und so gestalten Sie alles, was 
Sie mit den Speisen einessen, zum Menschen um; Sie merken es nur 
nicht. Sie merken nicht, dafi eigentlich alles, was Sie in sich aufnehmen, 
fortwahrend den Menschen macht. Sie konnten auch gar nicht ein 



Mensch sein, wenn Sie nicht fortwahrend den Menschen neu machen 
wiirden. Denn wenn Sie heute, am 9. Juli, essen: Das wird noch ein 
ganz diinner, winzig diinner Mensch; davon bleibt etwas zuriick, das 
andere geht weg. Am nachsten Tag ist es wiederum so; aber dabei wird 
Ihr Korper ausgetauscht. Er wird ja alle sieben Jahre ausgetauscht. 

Nun, meine Herren, wir brauchen aber diesen in sich schon festen 
Korper, damit wir immer diesen neuen Menschen machen konnen. Aber 
diesen festen Korper hatten die friiheren Menschen nicht. Die konnten 
aus ihrer Seele heraus das, was sie aufnahmen, so gestalten, daft es in 
der damaligen Art menschenahnlich wurde. Sie mussen sich vorstellen, 
daft sie das alles nicht brauchten, was Muskeln und Knochen sind, 
sondern daft sie auf seelische Art die Speisen so gestalten konnten, daft 
sie menschenahnlich waren. So war es aber sicher. Der Mensch be- 
herrschte durch seinen Geist die Materie, den Stoff, bildete seine eigene 
Gestalt, allerdings viel diinner, aus. Aber so war er da, so eine men- 
schenahnliche, schwebende Wolke. Die ist ja heute noch da, nur brau- 
chen wir heute ein Modell dazu: Es mussen schon Knochen und Mus- 
keln da sein. Und in Wirklichkeit machen wir es, indem wir uns er- 
nahren, heute noch so. So diinn, wie es heute ist, was sich in uns findet, 
wenn wir essen, so diinn war der Mensch einmal. 

Und dann atmet der Mensch die Luft: Jetzt ist sie drauften, gleich 
nachher ist sie wiederum drinnen. Es breitet sich die Luft durch das 
Blut iiberall aus: Es entsteht heute noch der luftige Mensch, sehen Sie, 
durch den ganzen Menschen durch! Der luftige Mensch entsteht. Wenn 
ich Ihnen also sage: Einmal war der Mensch luftartig, bevor er sich ver- 
dichtet, kristallisiert hat durch seine Knochen -, so sage ich Ihnen da 
gar nicht etwas, was es nicht heute noch gibt. Jedesmal, wenn Sie einen 
Atemzug machen, machen Sie noch diesen Luftmenschen. Nur hatte 
in friiheren Zeiten bloft der Luftmensch bestanden, und die festen, 
dichten, erdigen Bestandteile, die haben sich erst hineingebildet. 

Wir kommen also zuriick und sehen, daft dasjenige, was wir heute 
in fester, dichter Materie sehen, einmal durch und durch geistig war. 
Es ist also ein Unsinn, zu sagen, daft einmal die Erde nur Gas war und 
daft sich das Gas durch seine eigenen Krafte zu alledem gebildet hat, 
was heute Menschen sind, was heute Tiere sind, sondern wir sehen, daft 



die Menschen, die Tiere, alles das, was jetzt da ist, eben selber einstmals 
gasformig, luftformig war, sich umgebildet hat. Und so treffen wir eine 
Gestaltung unserer Erde, die einmal so gewesen sein muft: Sehen Sie, da 
war dieses Eiland, wo heute Wasser ist, wo wir driiberfahren, da war 
also Land; dazumal war der Boden von Europa noch tief unten; der hat 
sich erst spater heraufgehoben, an einzelnen Stellen war er oben. Jetzt 
kommen wir nach Europa. Da haben wir einen Erdboden, der noch tief 
unten ist, der oben noch mit Sumpfwasser bedeckt ist, kommen nach 
Asien heriiber, wo alles noch mit Sumpfwasser bedeckt ist. Es sind Lan- 
der gewesen, da driiben in Amerika, da war auch noch Sumpf . Diejeni- 
gen Gegenden, die heute feste Erde sind, die waren noch Meer; was 
heute Meer ist, war Land. Da darauf lebten Menschen, die ganz anders 
ausschauten, also diinn waren. Erst als sich die heutigen Lander herauf- 
hoben aus dem "Wasser und die friiheren Lander sich senkten, so daft 
sie Meer wurden, erst da entstand das heutige Menschengeschlecht, ent- 
standen die heutigen Tiere in der Form, wie sie sind. Das hangt zusam- 
men mit dem inneren Leben der Erde. 

Nur geht das heute alles subtiler vor sich. Heute heben und senken 
sich nicht mehr so stark die Lander, aber ein bifichen noch immer. Und 
wer heute Karten ansieht - sogar in der Schweiz ist es so -, die nur 
Jahrhunderte alt sind, der sieht, dafi es auf solchen Karten noch vor- 
kommt: Da ist ein See, heute liegt irgendein Ort weit weg vom See - 
aber man erkennt, dieser Ort, der mufi, geradeso wie Ravenna einst- 
mals am Meer gelegen hat, an diesem See gelegen haben. Ja, Seen trock- 
nen aus, werden kleiner, auch heute noch. Nur geht es langsamer vor 
sich, als es einmal vor sich gegangen ist. Aber damit, daft sich die 
Flachen, die Landflachen und die Seeboden heben und senken, damit 
verandert sich auch fortwahrend die Menschheit und verandern sich 
alle Tiere. Die sind in einer fortwahrenden Umbildung. Nur geht es 
eben langsamer vor sich, als es einmal vor sich gegangen ist. 

Das ist es, was ich Ihnen heute noch sagen wollte. Und Sie sehen, 
wie das heutige Menschengeschlecht entstanden ist. Wir werden das 
nachste Mai einiges Geschichtliche hinzufiigen, schauen, wie das Men- 
schengeschlecht einmal da war. In der heutigen Form, da entstand ja 
erst die Geschichte, da entstanden erst die Menschen, indem sie ge- 



drangt wurden dazu, daft sie Jager, Ackerbauer, Hirten und so wei- 
ter wurden. Das ist dasjenige, was wir dann noch als ein Stiickchen 
Geschichte anstiickeln werden eben an das, was wir jetzt iiber Welt- 
und Menschenentstehung sagen konnten. — Es war sehr fruchtbar, daft 
uns Herr Dollmger die Frage gestellt hat. Wir haben sehr ausfiihrlich 
dariiber sprechen konnen, und wir werden, wie gesagt, das nachste 
Mai noch ein Stiickchen Geschichte dazunehmen. 



i 



FUNFTER VORTRAG 



Dornach,12. Julil924 

Meine Herren! Ich habe Ihnen gesagt, dafi wir noch etwas die Ge- 
schichte betrachten wollen, die sich anschliefit an die Weltbetrachtung, 
die wir angestellt haben. Sie haben gesehen, wie sich so allmahlich das 
Menschengeschlecht aus der iibrigen grofien Natur herausgebildet hat. 
Und erst als die Lebensverhaltnisse £iir die Menschheit eben da waren 
auf der Erde, als sozusagen die Erde abgestorben war, die Erde nicht 
mehr ihr eigenes Leben hatte, konnte sich menschliches und auch tieri- 
sches Leben so entwickeln auf der Erde, wie ich es Ihnen dargestellt habe. 

Und wir haben ja auch gesehen, dafi sich das erste menschliche 
Leben noch ganz anders als das heutige eigentlich da abspielte, wo 
heute der Atlantische Ozean ist. In der Zeit miissen wir uns vor- 
stellen, dafi also die Erde da, wo heute der Atlantische Ozean ist, als 
fester Boden da war. Ich werde Ihnen also die Sache so ungefahr noch 
Tafeln einmal aufzeichnen (es wird gezeichnet): Da kommt man jetzt nach 
7+8 Asien heriiber. Das ist das Schwarze Meer. Da unten ist dann Afrika. 
Da ist dann Rufiland, und da kommen wir nach Asien heriiber. Da 
wiirde dann England, Irland sein. Da driiben ist Amerika. Hier war 
also uberall friiher Land, und nur ganz wenig Land hier uberall; dahier, 
in Europa, hatten wir eigentlich damals ein ganz riesiges Meer. Diese 
Lander, die sind alle im Meer. Und wenn wir da hinuberkommen, so 
ist Sibirien auch noch Meer; das ist alles noch Meer. Und da unten, wo 
heute Indien ist - da ist dann Hinterindien -, dahier war es wiederum 
so, dafi es etwas aus dem Meer herausgestiegen ist. Also wir haben 
eigentlich hier etwas Land; hier haben wir wieder Land. In dem Teil, 
wo heute die Asiaten, die Vorderasiaten und die Europaer leben, da 
war eigentlich Meer, und das Land ist erst spater daraus emporgestie- 
gen. Und dieses Land, das ging viel weiter, das ging noch bis in den 
Stillen Ozean hinein, wo heute die vielen Inseln sind; also die Inseln 
Java, Sumatra und so weiter, das sind Stucke von einem ehemaligen 
Land, der ganze Inselarchipel. Da also, wo heute derGrofie Ozean 
ist, war wiederum viel Land; dazwischen war Meer. 



Nun sind also die ersten Bevolkerungen, die wir verfolgen konnen, 
hier geblieben, wo etwas das Land sich erhalten hat. Wenn wir in 
Europa uns umschauen, so konnen wir eigentlich sagen: In Europa ist 
die Sache so, da ist vor heute etwa zehn-, zwolf-, fiinfzehntausend 
Jahren erst die Erde soweit fest geworden, der Boden, dafi Menschen 
da wohnen konnten. Vorher waren nur Seetiere da, die aus dem Meere 
sich herausentwickelten und so weiter. Wollte man dazumal nach den 
Menschen schauen, so miifite man da hiniiber schauen, wo heute der 
Atlantische Ozean ist. Aber da dniben in Asien, in Ostasien, da waren 
eben auch schon Menschen in der Zeit vor zehntausend Jahren und 
so weiter. Diese Menschen, die haben natiirlich Nachkommen hinter- 
lassen; und die sind sehr interessant, meine Herren, diese Nachkommen 
gerade, denn das sind eigentlich diejenigen, die die alteste sogenannte 
Kultur haben auf der Erde. Das sind Volker, die wir heute als Mon- 
golenvolker bezeichnen, das sind Japaner und Chinesen. Die sind eigent- 
lich deshalb sehr interessant, weil sie Oberreste sind sozusagen der 
altesten Erdenbevolkerung, von der noch etwas geblieben ist. 

Natiirlich gibt es ja, wie Sie gesehen haben, eine viel altere Erden- 
bevolkerung; die ist aber ganz zugrunde gegangen. Das ist die Bevol- 
kerung, die hier in der alten Atlantis gelebt hat. Von der ist nichts 
mehr vorhanden. Denn da mufite man, selbst wenn Reste davon vor- 
handen waren, auf dem Boden des Atlantischen Ozeans graben. Man 
miilke erst herunterkommen auf den Boden — das ist schwerer als man 
denkt -, und dann mufite man da graben; dann wiirde man hochst- 
wahrscheinlich nichts finden, weil die einen weichen Leib gehabt ha- 
ben, wie ich Ihnen sagte. Und die Kultur, die sie mit den Gebarden 
gemacht haben, kann man auch nicht aus der Erde ausgraben, weil es 
nicht geblieben ist! Also das, was da viel alter ist als Japaner und Chi- 
nesen, das kann man nicht mit der aufteren Wissenschaft erreichen. 
Man mufi Geisteswissenschaft treiben, wenn man solche Sachen er- 
reichen will. 

Aber interessant ist, was von Chinesen und Japanern geblieben ist. 
Sehen Sie, diese Chinesen und die alteren Japaner - nicht die heuti- 
gen; ich will gleich dariiber einige Worte sagen -, die Chinesen und 
Japaner haben eigentlich eine Kultur, die ganz verschieden ist von der 



unsrigen. Man wiirde viel mehr richtig von der Sache denken, wenn 
nicht die braven Europaer in den letzten Jahrhunderten eben ihre 
Herrschaft ausgedehnt hatten iiber diese Gebiete und alles ganz anders 
gemacht hatten. Das ist ja zum Beispiel bei Japan vollstandig gelungen. 
Wenn Japan auch dem Namen nach sich selber bewahrt - das sind ja 
ganz Europaer geworden; die haben ja alles von den Europaern nach 
und nach angenommen, und es ist ihnen nur als Aufterlichkeit geblie- 
ben, was ihnen von ihrer alten Kultur vorhanden war. Die Chinesen 
haben sich schon starker bewahrt; aber jetzt konnen sie es ja auch nicht 
mehr. Denn die europaische Herrschaft hat sich zwar dort nicht als 
Herrschaft festgesetzt, aber dasjenige, was die Europaer denken, 
das gewinnt in diesen Gegenden die Oberhand. Denn es ist so, daft da 
alles verlorengeht, was einmal vorhanden war. Das ist ja nicht zu be- 
dauern. Das ist einmal so in der Entwickelung der Menschheit. Aber 
sagen mulS man es. 

Nun, wenn wir zunachst, weil es bei denen reiner erscheint, die 
Chinesen betrachten, so ist das so, daft sie eine Kultur haben, die sich 
schon deshalb von aller anderen Kultur unterscheidet, weil die Chine- 
sen in ihrer alten Kultur eigentlich gar nicht dasjenige haben, was man 
Religion nennt. Die chinesische Kultur war noch eine religionslose 
Kultur. 

Sie miissen sich darunter nur etwas vorstellen, meine Herren, unter 
«religionsloser Kultur». Nicht wahr, wenn man die Kulturen in Be- 
tracht zieht, die Religionen haben, so hat man iiberall, zum Beispiel 
in diesen altindischen Kulturen, die Verehrung von Wesenheiten, die 
unsichtbar sind, die aber doch so ahnlich ausschauen wie der Mensch 
auf der Erde. Das ist die Eigentiimlichkeit aller spateren Religionen, 
daft sie sich die unsichtbaren Wesen so menschenahnlich vorstellen. 

Nicht wahr, das tut die Anthroposophie nicht mehr. Die stellt sich 
die iibersinnliche Welt nicht mehr menschenahnlich vor, sondern so wie 
sie eben ist, und geht auch dazu iiber, in den Sternen und so weiter den 
Ausdruck des Ubersinnlichen zu sehen. Das Merkwiirdige ist, daft 
etwas Ahnliches die Chinesen schon gehabt haben. Die Chinesen ver- 
ehren nicht unsichtbare Gotter, sondern die Chinesen sagen: Dasjenige, 
was hier auf der Erde ist, das ist verschieden, je nach dem Klima, je 



nach der Bodenbeschaffenheit, in der man ist. - Sehen Sie, China war 
ja schon in den alleraltesten Zeiten ein grofies Land, ist ja heute noch 
grofier als Europa! Es ist ein Riesenland, ist immer ein Riesenland ge- 
wesen, hat eine ungeheuer grofie, starke Bevolkerung gehabt. Nicht 
wahr, dafi die Bevolkerung auf der Erde zunimmt, das ist ja nur eine 
aberglaubische Vorstellung der heutigen Wissenschaft, die immer nur 
rechnet mit dem, womit sie rechnen will. In Wahrheit waren in altesten 
Zeiten auch die Riesenbevolkerungen in China und auch dniben in 
Siidamerika und auch in Nordamerika. In altesten Zeiten ging ja auch 
dort das Land heraus gegen den Stillen Ozean. Nun, gegen das ist eigent- 
lich unsere Erdenbevolkerung nicht gewachsen. 

Also es ist da eine ganz alte Kultur, meine Herren. Diese Kultur 
kann man heute noch beobachten so, wie sie vor zehntausend, acht- 
tausend Jahren durchaus vorhanden war. Da hatten sich diese Chinesen 
gesagt: Ja, da oben, da ist ein anderes Klima, ein anderer Boden als da 
unten; da ist alles verschieden. Da ist das Pflanzenwachstum verschie- 
den, da mufken die Menschen in verschiedener Weise leben. Aber die 
Sonne kommt iiberall hin: Die Sonne scheint da oben, die Sonne scheint 
da unten, die geht ihren Weg, die geht aus den warmeren Gegenden zu 
den kalteren Gegenden und so weiter. - So sagten sich diese Leute: Auf 
der Erde herrscht Verschiedenheit; die Sonne macht alles gleich. - Und 
sie sahen daher in der Sonne dasjenige, was alles befruchtet, was alles 
gleich macht. Deshalb sagten sie: Wenn wir einen Herrscher haben, so 
mufi der auch so sein. Die einzelnen Menschen sind verschieden, aber 
der mufi wie die Sonne die Leute beherrsghen. — Deshalb nannten sie 
ihn den Sohn der Sonne. Der war also verpflichtet, so zu regieren auf 
Erden, wie die Sonne in der Welt regiert. Die einzelnen Planeten: Ve- 
nus, Jupiter und so weiter treiben Verschiedenes; die Sonne macht 
alles gleich als Herrscher iiber diese Planeten. Und so stellten sich die 
Chinesen vor, dafi derjenige, der der Herrscher ist, der Sohn der Sonne 
ist. Nicht wahr: Unter «Sohn» verstand man eigentlich im wesent- 
lichen dasjenige, was zu irgend etwas gehort. 

Und nun war das ganze ubrige Leben so eingerichtet, dafi die Leute 
sich sagten: Nun ja, der Sohn der Sonne, das ist unser wichtigster 
Mensch; die anderen sind seine Heifer, so wie die Planeten und so 



weiter die Heifer der Sonne sind. - Und sie richteten auf Erden alles 
so ein, wie es ihnen oben bei den Sternen erschien. Und das alles mach- 
ten sie, ohne daft sie beteten. Die Chinesen kannten das nicht, was man 
ein Gebet nennt. Das taten sie, ohne daft sie im Grunde so etwas hatten, 
was spater ein Kultus war. Sie richteten sich dasjenige, was man ihr 
Reich nennen konnte, so ein, dafi es ein Abbild des Himmels war. Man 
kann das noch nicht Staat nennen; das ist ein Unfug, den die heutigen 
Menschen treiben. Aber sie richteten sich dasjenige, was auf Erden 
war, so wie ein Abbild desjenigen ein, was ihnen am Sternenhimmel 
erschien. 

Sehen Sie, dadurch kam etwas heraus, was natiirlich ganz anders 
war als das Spatere; dadurch wurde man Burger eines Reiches. Man 
gehorte nicht zu einem Religionsbekenntnis, man fiihlte sich nur als zu 
einem Reich gehorig. Gotter hatten die Chinesen urspriinglich schon 
gar nicht; wenn sie spater Gotter hatten, so waren die von den Indern 
ubernommen. Urspriinglich hatten sie keine Gotter, sondern sie driick- 
ten alles das, was sie als Beziehung zu den ubersinnlichen Welten hatten, 
in ihrem Reichswesen aus, in dem sie ihre Einrichtungen hatten. Daher 
hatten diese Einrichtungen so etwas Familienhaftes. Der Sohn der 
Sonne war zugleich der Vater der iibrigen Chinesen, und die dienten 
ihm. Wenn es auch ein Reich war, es hatte das Ganze etwas von Fami- 
lienhaftem. 

Das alles ist nur moglich, wenn die Menschen iiberhaupt noch gar 
kein solches Denken haben wie die spateren Menschen. Und die Chi- 
nesen hatten noch kein solches Denken wie die spateren Menschen. 
Was wir heute denken, war den Chinesen noch ganz fremd. Wir den- 
ken zum Beispiel Tier und denken Mensch; wir denken Vase, wir 
denken Tisch. So dachten die alten Chinesen nicht, sondern die Chi- 
nesen wufiten: Es gibt einen Lowen, einen Tiger, einen Hund, einen 
Baren ~ aber nicht, dafi es ein Tier gibt. Sie wufiten: Der Nachbar hat 
einen eckigen Tisch; der andere hat einen etwas runderen Tisch. Die 
einzelnen Dinge nannten sie; aber das, was Tisch ist, das kam ihnen 
gar nicht in den Sinn. Den Tisch als solchen, den kannten sie nicht. Sie 
wufiten: Da ist der eine Mensch mit einem etwas grofieren Kopf, mit 
langeren Beinen, da ist der andere Mensch mit einem etwas kleineren 



Kopf, mit kiirzeren Beinen und so weiter. Da ist ein kleiner Mensch, 
da ist ein grofier Mensch; aber Mensch im allgemeinen kannten sie 
nicht. Sie dachten ganz anders. Der heutige Mensch kann sich nicht 
hineinversetzen in die Art und Weise, wie die Chinesen dachten. Daher 
brauchten sie auch andere Begriffe. Wenn man so denkt, sehen Sie: 
Tisch, Mensch, Tier - was ist dann? Das kann man juristisch ausbilden, 
denn die Juristerei besteht nur aus solchen Begriffen; aber die Chi- 
nesen konnten sich noch keine Juristerei ausdenken. Da war alles so 
eingerichtet wie in einer Familie. In der Familie sieht man nicht nach 
im Obligationenrecht, wenn der Sohn oder die Tochter etwas tun wol- 
len. Wenn man heute etwas tun will in der Schweiz, schlagt man das 
Obligationenrecht, Eherecht und so weiter auf. Da ist dann alles drin- 
nen. Das mufi man dann auf das einzelne anwenden. 

Insofern die Menschen noch ein bifkhen etwas vom Chinesischen 
in sich haben - es bleibt ja immer ein biftchen was! -, da kennen sie sich 
noch nicht recht aus im Obligationenrecht; da miissen sie dann zum 
Advokaten gehen. Sie kennen sich auch noch nicht in allgemeinen Be- 
griffen aus, die Leute. Die Chinesen, die hatten auch keine Juristerei. 
Sie hatten iiberhaupt eigentlich alles dasjenige noch nicht, was dann 
spater zum Staatswesen wurde. Sie hatten nur dasjenige, was der ein- 
zelne Mensch wiederum im einzelnen sehen konnte. 

Nun weiter. Davon ist zum Beispiel die ganze Sprache der Chine- 
sen beeinflufit. Nicht wahr, wenn wir sagen: Tisch — so stellen wir uns 
darunter unbedingt etwas vor, was eine Platte hat und entweder eins, 
zwei oder drei Beine und so weiter, aber es mufi etwas sein, was eben 
so wie ein Tisch stehen kann. Und wenn einer kommt und vom Stuhl 
sagt, das ware ein Tisch, wurden wir ihm sagen: Du bist ein Esel, das 
ist doch kein Tisch, das ist doch ein Stuhl. - Und wenn gar einer kom- 
men wiirde und wurde zu dem da (Wandtafel) Tisch sagen, da wurden 
wir ihm sagen: Das ist ein doppelter Esel, denn das ist doch eine Tafel 
und kein Tisch! - Wir miissen eben nach dem, wie wir gerade unsere 
Sprache haben, jedes Ding mit einem Namen bezeichnen. 

Das ist bei den Chinesen nicht der Fall, sondern sagen wir - ich will 
es nur hypothetisch anfiihren, es ist nicht genau so, aber Sie bekommen 
eine Vorstellung davon -, sagen wir, der Chinese hat einen Laut OA, 



I OA, TAO meinetwillen, er hat den Laut fur Tisch zum Beispiel. 
Aber dieser selbe Laut, der bedeutet dann noch vieles andere. Also, 
Tafels sagen wir, so ein Laut, der kann bedeuten: Baum, Bach, auch, sagen 
wir, Kieselstein und so weiter. Dann hat er einen anderen Laut, der 
kann bedeuten, sagen wir Stern, auch Tafel und zum Beispiel Bank. 
Ich meine nicht, dafi das in der chinesischen Sprache so wirklich ist, 
aber es ist so aufgebaut. Jetzt weift der Chinese: er hat zwei Laute, 
sagen wir zum Beispiel Lao und Bao, und beides bedeutet ganz Ver- 
schiedenes, nur Bach bedeuten sie beide; dann setzt er beides zusammen: 
Baolao. So baut er seine Sprache auf ! Er baut seine Sprache nicht auf 
Namen auf, die dem einzelnen gegeben sind, sondern er setzt sie so zu- 
sammen, wie die verschiedenen Laute Verschiedenes bedeuten. Es kann 
Baum, aber auch Bach bedeuten. Wenn er dann einen Laut hat, der 
unter vielem anderem Baum, aber auch Bach bedeutet, so setzt er die- 
sen mit einem anderen zusammen; dann weifi der andere, dafi er den 
Bach meint; aber wenn er nur einen Laut ausspricht, dann weifi keiner, 
was gemeint ist. Und so kompliziert ist es auch mit dem Schreiben. 
So dafi also die Chinesen eine aufterordentlich komplizierte Sprache 
und eine aufierordentlich komplizierte Schrift haben. 

Ja, aber daraus folgt vieles, meine Herren. Daraus folgt, dafi man 
nicht so leicht wie bei uns lesen und schreiben lernen konnte, nicht 
einmal sprechen. Bei uns kann man wirklich sagen: Lesen und Schrei- 
ben ist kinderleicht, und wir sind sogar alle ungliicklich, wenn unsere 
Kinder nicht lesen und schreiben lernen; es mufi eben «kinderleicht» 
sein. Das ist bei den Chinesen nicht so; da wird man ein alter Bursche, 
bis man schreiben lernen kann oder die Sprache beherrscht. Daher kann 
man sich auch vorstellen, dafi eigentlich das Volk das alles nicht kann, 
und dafi nur diejenigen, die bis ins hochste Alter lernen, das alles beherr- 
schen. Daher ist in China von selbst den Gebildeten ein geistiger Adel 
gegeben. Also in China ist dieser geistige Adel durch das, was in der 
Sprache und Schrift ist, hervorgerufen. Und wiederum ist es nicht so, 
wie es im Westen der Fall ist, wo der Adel einigermaften ernannt ist 
und dann sich forterbt, sondern in China ist es nur moglich, eine 
solche Rangstellung sich zu erringen durch Bildung, durch Gelehr- 
samkeit. 



Es ist sehr merkwiirdig, meine Herren: Wir miissen natiirlich, wenn 
wir aufierlich heute beurteilen wollen, immer betonen: Wir wollen 
nur ja keine Chinesen werden! - Also Sie miissen das nicht so auf- 
fassen, als ob ich sagen wollte, wir wollen Chinesen werden oder 
China besonders bewundern. Das ist etwas, was natiirlich einige Leute 
einem leicht nachsagen konnen, und als wir in Wien vor zwei Jahren 
einen Kongreft hatten, da hat einer von uns davon geredet, dafi die 
Chinesen heute noch verschiedene Einrichtungen haben, die weiser 
sind als die unsrigen. Flugs haben die Zeitungen geschrieben, wir woll- 
ten fiir Europa die chinesische Kultur haben! - Nicht wahr, das ist also 
nicht damit gemeintl Nur wird man, wenn man die chinesische Kultur 
beschreibt, so sprechen, dafi man in eine Art, nur in eine Art von Lob 
hineinkommt, weil sie ja etwas Geistiges hat. Nur ist sie primitiv; sie 
ist so, dafi man sich jetzt nicht mehr darauf einlassen kann. Also Sie 
miissen deshalb schon nicht glauben, dafi ich wiinsche, daft man China 
in Europa einfiihrt! Aber ich will Ihnen doch beschreiben diese alteste 
Menschheitskultur, wie sie eben wirklich war. 

Nun weiter: Das, was ich da sagte, hangt nun iiberhaupt zusammen 
mit der ganzen Art und Weise, wie diese Chinesen dachten und fiihl- 
ten. Die Chinesen namlich und auch die alteren Japaner beschaftigten 
sich auch sehr viel, aufierordentlich viel mit ihrer Kunst, ihrer Art von 
Kunst; sie malten zum Beispiel. Ja, wenn wir malen, dann ist das etwas 
ganz anderes, als wenn diese Chinesen malen! Sehen Sie, wenn wir 
malen - ich will das Einfachste machen -, wenn wir zum Beispiel eine 
Kugel malen (es wird gezeichnet), sagen wir, wenn so das Licht kommt, Tafeis 
dann ist diese Kugel hier hell, dahier ist sie dunkel, da ist sie im Schatten, 
da trifft das Licht vorbei; da ist sie wiederum auf der Lichtseite ein bifi- 
chen hell, weil da das zuriickgeworfene Licht kommt -, dann sagen 
wir, das ist Selbstschatten, weil da das zuriickgeworfene Licht kommt; 
und dann mufiten wir hier noch extra aufmalen den Schatten, den sie 
auf den Boden wirft, den Uberschatten. Das ist das eine, wie wir ma- 
len. Wir miissen Licht und Schatten auf unseren Dingen haben. Wenn 
wir ein Gesicht malen, dann malen wir hierher Helligkeit, wenn da das 
Licht kommt; dahier machen wir es dunkel. Ebenso sehen wir vomMen- 
schen, wenn wir richtig malen, einen Schatten, der auf den Boden fallt. 



Aber aufterdem miissen wir bei unserem Malen noch etwas beriick- 
sichtigen. Nehmen wir an, ich stehe da und ich will malen. Da sehe 
ich da vorne den Herrn Aisenpreis sitzen, und da hinten sehe ich den 
Herrn Meier und die beiden Herren, die da hinten sind; die mufi ich 
auch malen: Herrn Aisenpreis ganz groft, Herrn Meier und die beiden 
Herren da hinten ganz klein. So werden sie auch auf der Photographie, 
wenn ich photographiere, ganz klein. Wenn ich das male, mache ich das 
so, daft ich die Herren, die auf der vordersten Reihe sitzen, ganz grofi 
male, die nachsten kleiner, die nachsten noch kleiner, und der da ganz 
hinten sitzt, der hat einen winzig kleinen Kopf, ein winzig kleines 
Gesicht. Da sehen Sie, man mufi nach der Perspektive malen. Das mufi 
man auch bei uns. Wir miissen nach Licht und Schatten malen, wir 
miissen nach der Perspektive malen. So ist es einmal in unserer Denk- 
weise. 

Ja, die Chinesen, meine Herren, die kannten weder Licht noch 
Schatten beim Malen, noch kannten sie eine Perspektive, weil sie iiber- 
haupt nicht so gesehen haben wie wir! Die haben gar nicht geachtet 
auf Licht und Schatten, auf die Perspektive; denn die haben so gesagt: 
Aisenpreis ist doch nicht ein Riese, und Meier ist doch nicht ein kleiner, 
winziger Zwerg! Die konnen wir doch nicht so durcheinanderstellen 
auf einem Bild, daft der eine ein Riese, der andere ein Zwerg ware; das 
ist doch eine Luge! Das ist doch gar nicht wahr! - Die haben sich so 
hineingedacht in alles und haben so gemalt, wie sie sich hineingedacht 
haben. Und die Chinesen und Japaner, wenn sie in ihrer Art malen 
lernen, lernen sie es nicht so, dafi sie es von aufien anschauen, sondern 
sich hineindenken in die Dinge; sie malen alles von innen heraus, wie 
sie sich es denken miissen. Das macht das Wesen der chinesischen und 
japanischen Malerei aus. 

Also Sie sehen: Das Sehenlernen, das tritt erst spater in der Mensch- 
heit auf. Die Menschen, die da im alten China waren, die haben nur in 
ihrer Art bildlich gedacht; sie haben nicht allgemeine Begriffe gebildet, 
wieTisch und so weiter, aber das, was sie gesehen haben, haben sie inner- 
lich erfaflt. Das ist auch gar nicht wunderbar, meine Herren, denn die 
Chinesen kamen ja von einer solchen Kultur her, bei der man nicht so 
gesehen hat. Wir sehen heute so, weil die Luft zwischen uns und dem 



Gegenstand ist. Aber diese Luft war ja nicht da in den Gegenden, aus 
denen die Chinesen herkamen. In den Zeiten, von denen die Chinesen 
herkamen, da sah man noch nicht so. In alteren Zeiten ware es ein Un- 
sinn gewesen, von Licht und Schatten zu reden, weil es das noch nicht 
gab in der Luftdichte. So hat sich das bei den Chinesen erhalten, dafi 
sie Licht und Schatten nicht haben fur die Dinge, die sie malen, und 
nicht haben irgendeine Perspektive. Das kommt erst spater auf . Daraus 
sehen Sie schon, wie die Chinesen ganz anders innerlich denken. Sie 
denken nicht so wie die spateren Menschen. 

Aber all das hinderte die Chinesen gar nicht, daft sie es in bezug auf 
aufiere Geschicklichkeiten sehr weit brachten. Sehen Sie, in der Zeit, 
als ich noch jung war, jetzt ist es etwas anders geworden, da hat man 
halt in der Schule gelernt: Das Schiefipulver hat Berthold Schwarz er- 
funden. Und es war so gemeint, als wenn es friiher niemals ein Schiefi- 
pulver gegeben hatte und der Berthold Schwarz aus Schwefel, Kali- 
salpeter und Kohle einmal, als er seine alchimistischen Versuche ge- 
macht hat, das Schieftpulver gefunden hatte. Nun, die Chinesen haben 
aber schon das Schiefipulver vor Jahrtausenden gemacht! 

Dann lernte man in der Schule: Gutenberg hat die Buchdrucker- 
kunst erfunden. - Man lernte da vieles auch richtig, aber es schaut so 
aus, als ob es friiher niemals einen Buchdrucker gegeben hatte. Die 
Chinesen hatten ihn schon vor Jahrtausenden! Ebenso hatten die Chi- 
nesen die Holzschneidekunst, konnten die wunderbarsten Sachen aus 
Holz herausschneiden. Also die Chinesen haben in diesen Aufierlich- 
keiten eine hohe Kultur gehabt. Und diese Kultur war wiederum nur 
der letzte Uberrest einer Kultur, die friiher noch hoher war; denn das 
sieht man dieser chinesischen Kunst an, dafi sie herstammt von etwas, 
was noch hoher war. 

Nun, das Eigentiimliche aber bei diesen Chinesen, das ist eben das, 
dafi sie gar nicht in Begriffen denken konnen, sondern nur in Bildern; 
aber dann versetzen sie sich in das Innere der Gegenstande hinein. Und 
so konnen sie auch alle die Gegenstande machen, die durch aufiere Er- 
findungen gemacht werden, wenn es nicht gerade Dampfmaschinen 
sind oder so etwas. Und so, wie die Chinesen heute, man kann schon 
sagen, verlottert und unkultiviert sind,"" so sind sie eigentlich erst ge- 



Siehe Hinweis auf S. 244. 



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worden, nachdem sie eigentlich wirklich jahrhundertelang maltratiert 
worden sind von den Europaern. 

Da sehen Sie, meine Herren, dafi es eine Kultur hier gab, die eigent- 
lich in gewissem Sinne geistig ist, und die ganz alt ist, die auf zehn- 
tausend Jahre vor unsere Zeit schon zuriickgeht. Und verhaltnismafiig 
spat, erst in dem Jahrtausend, das vor dem Christentum liegt, da haben 
solche Leute wie der Lao-tse, der Konfuzius, dasjenige, was diese Chine- 
sen gehabt haben an Kenntnissen, aufgeschrieben. Aber diese Herren 
haben nichts anderes aufgeschrieben als dasjenige, was sich so ergeben 
hat im Familienumgang des grofien Reichs. Die haben gar nicht das 
Bewufksein gehabt, dafi sie etwas erfinden als Moral-, Sittlichkeits- 
regeln und so weiter, sondern dasjenige, was sie vorgefunden haben, 
wie sich die Chinesen benommen haben, das haben sie aufgeschrieben. 
Friiher hat man es nur ausgesprochen. Also alles war im Grunde ge- 
nommen anders dazumal. Nun, sehen Sie, das ist dasjenige, was sich 
gewissermafien heute noch an den Chinesen beobachten lafit. 

An den Japanern lafit sich das kaum mehr beobachten, weil sie sich 
ganz europaisiert haben und sie alles der europaischen Kultur nach- 
machen. Dafi sie nicht aus ihnen selber gewachsen ist, diese Kultur, das 
geht daraus hervor, dafi sie das, was rein europaisch ist, nicht aus sich 
selber heraus finden konnen. Da passierte ja zum Beispiel einmal fol- 
gendes: Die Japaner sollten ein Dampfschiff verwenden; sie haben 
sich eingebildet, das konnten sie schon ganz wunderbar verwenden. 
Sie haben zum Beispiel abgeguckt, wie man umdreht mit einem Dampf- 
schiff, was man da fur eine Schraube aufmacht und so weiter. Nun, dann 
haben die Lehrer, die Europaer, das eine Zeitlang mit den Japanern 
durchgemacht; dann waren die Japaner schon stolz und haben gesagt: 
Das konnen wir jetzt selber machen, wir konnen selber einen Kapitan 
stellen. - Nun haben sich die europaischen Lehrer auf dem Lande auf- 
gestellt, und die Japaner sind mit ihrem Dampfschiff aufs hohe Meer 
hinausgefahren. Nun wollten sie auch das Umdrehen probieren, mach- 
ten die Schrauben auf, und siehe da, das Schiff drehte um - aber dann 
wufiten sie nicht, wie man wieder zumacht; und nun drehte das Schiff 
fortwahrend, tanzte auf dem Meer herum, und die europaischen Leh- 
rer, die an der Kiiste standen, mufiten in einem Boot auf das Meer 



fahren und das Schiff erst wiederum zum Stillstand bringen. - Sie 
wissen, daft es ein Gedicht von Goethe gibt: «Der Zauberlehrling», 
wo ein Junge von einem alten Zaubermeister sich die Spriiche abge- 
lauscht hat. Nun hat er gelernt, damit er nicht selber das Wasser holen 
mufi, durch Zauberspruch einen Besen zu verwandeln, daft der das 
Wasser herbeihole. Nun fangt er an, als der alte Meister einmal weg- 
ging, sich das Wasser vom Besen bringen zu lassen. Die Worte, die hatte 
er, daft er den Besen veranlassen konnte, das Wasser zu bringen. Und 
nun fangt der Besen an, immer Wasser und Wasser zu bringen - aber nun 
hat der Junge vergessen, wie er ihn wiederum zum Stillstand bringen 
kann! Nun denken Sie, wenn Sie Wasser hatten im Zimmer und der Be- 
sen immer wieder Wasser bringt, bis der Lehrling sogar den Besen zer- 
hackt: da werden sogar zwei Besen daraus, die bringen beide jetzt Was- 
ser! Als alles schon iiberschwemmt ist und immer mehr Wasser kommt, 
da ist der alte Meister gekommen, der das Wort sagte, so daft der Be- 
sen wieder zum Besen geworden ist. 

Nicht wahr, das Gedicht ist neulich hier eurythmisiert worden, 
machte den Leuten riesigen Spaft. So erging es auch den Japanern: Die 
hatten auch nicht gewuftt, wie die Schraube wieder zuriickgedreht wer- 
den muftte, und das Schiff da drauften drehte und drehte sich. Da war 
da drauften so ein richtiger Schiffstanz, bis die auf dem Lande stehen- 
den Lehrer mit dem Boot hinausfahren konnten und dem wieder ab- 
halfen. 

Daraus geht hervor: Europaische Sachen eigentlich erfinden konnen 
die Chinesen nicht — das konnen auch die Japaner nicht -, aber erfinden 
die eigentlich alteren Sachen, wie Schieftpulver, Buchdruck und so 
weiter, darauf sind diese in viel, viel alteren Zeiten gekommen als die 
Europaer. 

Nun, sehen Sie, der Chinese hat eben groftes Interesse fur die Um- 
welt, groftes Interesse fur die Sterne, wie iiberhaupt groftes Interesse 
fur die Auftenwelt. 

Ein anderes Volk, das nun auch weit zuriickweist auf alte Zeiten, 
das ist dann das indische. Aber so weit wie das chinesische weist das 
indische nicht zuriick. Das indische Volk hat auch eine alte Kultur. 
Aber diese alte Kultur, die ist, ich mochte sagen, erst spater als die 



chinesische aus dem Meer aufgestiegen. Die Leute, die da im spateren 
Indien waren, die sind mehr vom Norden, als das dann hier vom 
Wasser frei wurde, heruntergekommen, haben sich dann da nieder- 
gelassen. 

Nun, diese Inder haben, wahrend die Chinesen sich mehr fur das, 
was aufien in der Welt ist, interessierten, in jedes Ding sich hinein- 
denken konnten, mehr in sich hineingebrtitet. Die Chinesen haben mehr 
iiber die Welt nachgedacht, in ihrer Art, aber eben iiber die Welt nach- 
gedacht; die Inder dachten mehr iiber sich nach, iiber den Menschen 
selber. Daher entstand eine sehr verinnerlichte Kultur in Indien. In 
den altesten Zeiten war nun die indische Kultur auch noch religions- 
frei, denn auch in die indische Kultur ist die Religion erst spater her- 
eingekommen. Man hat hauptsachlich den Menschen betrachtet, aber 
man hat den Menschen innerlich betrachtet. 

Sehen Sie, das kann ich Ihnen auch wiederum aus dem, wie diese 
Inder gezeichnet und gemalt haben, am besten erklaren. Wenn die 
Chinesen einen Menschen gesehen haben, haben sie ihn einfach gemalt, 
indem sie sich in ihn hineingedacht haben, ohne Licht und Schatten, 
ohne Perspektive. Also wenn ein Chinese schon hatte Herrn Burle 
malen wollen, so hatte er sich hineingedacht in ihn; er hatte ihn da 
nicht schwarz gemacht, wie wir es heute machen, und da hell - Licht 
und Schatten hatte er nicht gemacht; er hatte auch nicht die Hande im 
Verhaltnis, weil wir die Hande immer vorne haben, etwas grower ge- 
macht. Aber wenn der Chinese den Herrn Burle nun gemalt hatte, dann 
ware eben der Herr Burle da auf dem Bild. 

Bei den Indern war das ganz anders. Denken Sie sich, die Inder 
hatten gemalt. Da hatten sie angefangen, hatten versucht, den Kopf zu 
malen - Perspektive hatten sie ja auch nicht. Aber dann ware ihnen 
gleich eingef alien: Der Kopf konnte auch anders sein - da hatten sie 
gleich einen zweiten, einen dritten gemacht, noch anders, und dann 
ware ihnen ein vierter und funfter eingef alien. So hatten sie nach und 
nach zwanzig, dreifiig Kopfe nebeneinander gehabt! So viel ist ihnen 
eingefallen bei dem einen Kopf. Oder bei einer Pflanze, wenn sie die 
gemalt hatten: gleich fiel ihnen ein, die konnte auch anders sein - und 
dann entstanden gleich viele, viele junge Pflanzen, die aus der alteren 



hervorwuchsen! So war es bei den altesten Indern. Die haben diese rie- 
sige Phantasie gehabt. Die Chinesen haben gar keine Phantasie gehabt, 
die machten nur das einzelne, aber sie dachten sich in das einzelne hin- 
ein. Die Inder hatten diese riesenhafte Phantasie. 

Nun, sehen Sie, meine Herren, das ist ja nicht da; wahrhaftig, wenn 
man Herrn Burle ansieht, da hat man nur einen Kopf, und wenn man 
ihn da hinmalt (an die Tafel), kann man auch nur einen Kopf malen. Tafels 
Also man malt nichts, was aufterlich wirklich ist, wenn man da zwan- 
zig, dreiftig Kopfe malt; da malt man etwas, was nur im Geiste gedacht 
ist. Und so wurde die ganze indische Kultur. Die wurde eine ganz 
innerlich geistige Kultur. Daher, wenn Sie indische geistige Wesen se- 
hen, wie die Leute es sich gedacht haben, dann haben sie diese mit vie- 
len Kopfen, mit vielen Armen gemalt oder so, daft anderes, Tierisches 
aus dem herausgeht, was also da im Korper ist und so weiter. 

Sehen Sie, diese Inder, das sind ganz andere Menschen als die Chi- 
nesen. Die Chinesen sind phantasielos, die Inder sind urspriinglich voll 
Phantasie. Daher waren die Inder auch geeignet, nach und nach ihre 
Kultur ins Religiose umzuwandeln. Die Chinesen haben nie ihre Kul- 
tur, bis heute nicht, ins Religiose umgewandelt; in China gibt es keine 
Religion. Die Europaer, sehen Sie, die alles miteinander verwursteln, 
die reden von einer chinesischen Religion. Kein Chinese wird das zu- 
geben! Der sagt: Ihr in Europa habt eine Religion, die Inder haben 
eine Religion; wir haben nicht das, was eurer Religion ahnlich ist -, 
sagen die Chinesen. Nun, aber das, wie diese Inder veranlagt waren, 
das war nur moglich dadurch, daft diese Inder eine ganz genaue Kennt- 
nis hatten, was die Chinesen nicht so hatten, von dem menschlichen 
Korper. Der Chinese konnte sich in alles, was aufSen ist, sehr gut hin- 
einversetzen. Deshalb make er auch so, wie ich es Ihnen sagte. Wenn 
er aber auch andere Dinge wahrnahm, dann konnte er sich gut hinein- 
versetzen. Sehen Sie, wenn wir auf unserem Tisch Essig stehen haben 
und Salz und Pfeffer und wollen wissen, wie diese Dinge schmecken, 
dann mussen wir Pfeffer und Salz und Essig erst auf die Zunge krie- 
gen; dann wissen wir, wie es schmeckt. Das war beim alten Chinesen 
nicht so: Der schmeckte die Dinge schon, wenn sie draufien waren. Er 
konnte sich wirklich in sie hineinversetzen. Und mit dem Aufieren war 



der Chinese gut vertraut. Daher hatte er auch Ausdriicke, die zeigten, 
dafi er teilnahm an der AulSenwelt. Wir haben nicht mehr solche Aus- 
driicke - hochstens bedeuten sie bei uns etwas Bildliches. Beim Chine- 
sen bedeuteten sie etwas Wirkliches. Wenn ich einen Menschen kennen- 
lerne, und ich sage: Das ist ein sauerlicher Mensch — , dann werden Sie 
sich etwas Bildliches vorstellen. Daft er wirklich sauer ist wie Essig, 
das stellen Sie sich dann nicht vor. Aber beim Chinesen bedeutete das, 
dafi dieser Mensch in ihm hervorgerufen hatte einen sauerlichen Ge- 
schmack. 

Nun, das war bei den Indern eben nicht so. Die Inder, die konnten 
sich vielmehr in den eigenen Korper vertiefen. Wenn wir uns in den 
Korper vertiefen, dann konnen wir nur unter gewissen Umstanden 
etwas fiihlen in unserem Korper. Wenn jedesmal, wenn wir eine Mahl- 
zeit hinter uns haben, diese Mahlzeit im Magen liegen bleibt, der Ma- 
gen nicht ordentlich verdauen kann, dann fuhlen wir Schmerzen in 
unserem Magen; wenn unsere Leber nicht in Ordnung ist, nicht genii- 
gend Galle absondern kann, dann fuhlen wir Schmerzen auf der rech- 
ten Seite des Korpers, dann werden wir leberkrank. Wenn unsere Lunge 
zu viel Exsudate, also Absonderungen, von sich gibt, so dafi sie mit 
Schleim ausgefiillt wird, den sie nicht haben soil, so fuhlen wir: Die 
Lunge, die ist nicht richtig in Ordnung, die ist krank. Der heutige Mensch 
fiihlt den Korper nur in denjenigen Organen, wo er krank ist. In diesen 
alteren Zeiten fiihlte der Inder auch die gesunden Organe; er wufite, 
wie der Magen, wie die Leber sich anfiihlt. Wenn der Mensch das heute 
wissen will, mufi er sich einen Leichnam nehmen, mufi ihn zerschnei- 
den; er schaut die einzelnen Organe, wie sie im Inneren sind, an. Kein 
Mensch wiiftte heute, wie eine Leber ausschaut, wenn man sie nicht 
sezieren wiirde - aufterdem: die Geisteswissenschaft ist in der Lage, sie 
zu beschreiben! Die Inder, die dachten den Menschen von innen her; 
sie hatten alle Organe zeichnen konnen. Nur beim Zeichnen wiederum, 
wenn Sie einem Inder die Aufgabe gegeben hatten, er soil seine Leber 
fuhlen, und er soli das, was er fiihlt, zeichnen, so hatte er gesagt: Leber - 
das ist eine Leber, das eine andere Leber, das ist wieder eine andere 
Leber, und er hatte zwanzig bis dreifiig Lebern nacheinander aufge- 
zeichnet. 



Ja, meine Herren, da wird die Geschichte schon anders. Wenn ich 
einen fertigen Menschen habe und ihm zwanzig Kopfe mache, dann 
habe ich ein Phantasiegebilde. Wenn ich aber eine menschliche Leber 
aufzeichne und dabei zwanzig-, dreifkgmal eine Leber mache, dann ist 
es wirklich so, daft ich eigentlich nicht etwas ganz Phantastisches auf- 
zeichne, sondern diese zwanzig, dreifkg Lebern hatten eigentlich ent- 
stehen konnen! Es hat ja jeder Mensch seine bestimmte Form der Leber, 
wie er sein Gesicht hat; aber das ist nicht so arg notwendig, sondern sie 
konnte der Form nach auch anders sein. Und dieses, dafi etwas anders 
sein kann, dieses Geistige an der Sache, das haben die Inder viel besser 
verstanden als die Spateren. Die haben gesagt: Wenn man ein einzelnes 
Ding zeichnet, so ist das gar nicht wahr, sondern man mufi sich die 
Dinge geistig vorstellen. - Daher haben die Inder eine hohe geistige 
Kultur gehabt, haben eigentlich allmahlich nicht mehr viel gegeben auf 
die aufiere Welt, sondern haben sich alles geistig vorgestellt. 

Aber diese Inder, die hielten darauf, daft man tatsachlich auch in 
dieser Weise die Sache lernt. Und daher war es wiederum bei ihnen so, 
dafi man, um ein gebildeter Mensch zu werden, lange lernen mufke. 
Denn nicht wahr, es war nicht so, dafi sich auf einmal der Mensch hat 
in sich vertiefen und alles daher hat wissen konnen; er mufke dazu 
erst Anleitung haben. Wenn wir einen Jungen oder ein Madchen un- 
terrichten, so sind wir verpflichtet, es so zu tun, dafi wir es lesen und 
schreiben lehren und so weiter, also ihm aufierlich etwas beibringen. 
Das war bei den alten Indern nicht der Fall. Die haben, wenn sie wirk- 
lich jemanden etwas lehren wollten, ihn hingesetzt: Er mufke sich inner- 
lich in sich vertiefen, er mufke sogar moglichst die Aufmerksamkeit 
von der Welt ablenken und auf das Innere richten.Nun aber, wenn einer 
sitzt und so hinschaut, so sieht er Sie alle da sitzen, und er wird auf die 
Aufienwelt gelenkt. Das hatten die Chinesen gemacht, die lenkten die 
Aufmerksamkeit auf die Aufienwelt. Die Inder taten anderes. Die sag- 
ten: Du mufit lernen deine Nasenspitze anzuschauen. - Dann mufke er 
die Augen so halten, dafi er nichts anderes sah als seine Nasenspitze, 
nichts anderes, stundenlang, und gar nicht mit den Augen wegschaute. 

Ja, meine Herren, der Europaer sagt: Das ist etwas Schreckliches, 
wenn man die Leute anleitet, sie sollen immer auf ihre Nasenspitze 



schauen. - Gewifi, fiir den Europaer hat es etwas Schreckliches; er 
kann das nicht nachmachen. Aber im alten Indien war es eben Sitte. 
Derjenige, der etwas lernen sollte, sollte nicht mit den Fingern 
schreiben, sondern auf seine Nasenspitze sehen. Dadurch aber, dafi 
er dasafi und stundenlang auf seine Nasenspitze sah, wurde er auf 
das Innere gelenkt, lernte Lunge, Leber und so weiter kennen; da 
wurde er wirklich auf das Innere gelenkt. Denn die Nasenspitze ist 
in der ersten Stunde wie in der zweiten; er sieht nichts Besonderes 
an der Nasenspitze. Aber von der Nasenspitze aus sieht er immer 
mehr und mehr in sein Inneres; da wird es im Inneren immer heller 
und heller. 

Dazu mufken sie noch das Folgende ausiiben. Nicht wahr, man ist 
gewohnt, wenn man herumgeht, auf seinen Fiifien zu gehen. Ja, meine 
Herren, dieses Auf-den-Fiifien-Gehen, das Ubt einen Einfluft auf uns 
aus. Wir fiihlen uns dann ais aufrechte Menschen, wenn wir auf den 
Fiifien gehen. Auch das wurde abgestellt bei denen, die etwas lernen 
sollten in Indien. Die mufken, wahrend sie lernten, das eine Bein so 
haben und sich darauf setzen, das andere so; so dafi sie also so safien 
und immer auf die Nasenspitze schauten - dafi sie sich ganz abgewohn- 
ten zu stehen, sondern dafi sie da das Gefiihl hatten: sie sind nicht auf- 
rechtstehende Menschen, sondern das ist verkriippelt, das ist noch wie 
bei einem Embryo, wie wenn sie im Mutterleib noch waren. - So kon- 
nen Sie ja auch die Buddha-Figuren sehen. So mufken die Inder lernen. 
Und so schauten sie allmahlich in ihr Inneres hinein und lernten das 
Innere des Menschen kennen, lernten den physischen Leib des Men- 
schen ganz geistig kennen. 

Wenn wir in uns hineinschauen, da fiihlen wir das armselige Den- 
ken und ein bifSchen das Fiihlen, fast gar nicht mehr das Wollen. Die 
Inder fiihlten eine ganze Welt in dem Menschen. Naturhch konnen 
Sie sich vorstellen, dafi das ganz andere Menschen waren als die spa- 
teren. Und dann entwickelte sich diese ungeheure Phantasie; die haben 
sie in ihren dichterischen Weisheitsbuchern niedergelegt, spater in den 
Veden oder in der Vedanta-Philosophie, die wir heute noch bewundern; 
sie haben sie niedergelegt in all den Legenden, die sie iiber die iiber- 
sinnlichen Dinge haben, die wir heute noch bewundern. 



Sehen Sie, das ist der Gegensatz: Die Inder waren hier, die Chine- 
sen da driiben, und die Chinesen waren ein Volk, welches nuchtern, 
aufterlich war, gar nicht von innen, vom Inneren lebte. Die Inder waren 
ein Volk, das ganz nach dem Inneren schaute, aber eigentlich den phy- 
sischen Korper, der geistig ist, im Inneren anschaute. 

Nun, da habe ich Ihnen zunachst etwas von den altesten Bevolke- 
rungen der Erde gesagt. Meine Herren, ich werde doch noch das nachste 
Mai fortsetzen, damit wir weiterkommen bis herauf, wo wir jetzt le- 
ben, und wir werden also die Geschichte weiter betrachten. 

Setzen Sie sich aber doch Fragen zurecht. Es wird Sie jetzt immer 
mehr und mehr das Einzelne und Besondere interessieren, aber ich 
werde das nachste Mai immer auch wiederum beriicksichtigen, was 
mir fur Fragen gestellt werden, und so allmahlich weiterschreiten. - 
Nur kann ich Ihnen nicht sagen, wann die nachste Stunde sein wird. 
Ich mufi jetzt nach Holland fahren, und werde Ihnen sagen lassen, 
wann die nachste Stunde dann sein wird, in zehn bis vierzehn Tagen. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach,31. Juli 1924 

Guten Morgen! Nun, meine Herren, hat sich jemand wahrend der lan- 
gen Zeit eine Frage zurechtgelegt? 

Herr Burle: Ich mochte Herrn Doktor einmal fragen iiber die Nahrungsmittel - iiber 
Bohnen, Gelbe Ruben und so weiter, was die fur einen Einflufi auf den Korper haben? 
Ober Kartoffeln hat Herr Doktor ja schon gesprochen. Vielleicht kdnnen wir iiber 
andere Nahrungsmittel noch etwas horen. Manche Vegetarier essen nicht hangende 
Sachen, wie Bohnen, Erbsen. Wenn man zum Beispiel ein Kornfeld sieht, so gibt 
das einem auch wieder verschiedene Gedanken iiber die Brotfrucht, die sehr wahr- 
scheinlich alle Volker der Erde, mit Variationen, haben. 

Dr. Steiner: Also es wird gewiinscht, daft jetzt etwas gesprochen 
werden soli iiber das Verhaltnis der Nahrungsmittel zum Menschen. 
Nun, da ist es notwendig, daft man sich zunachst klarmacht, worauf 
eigentlich das Ernahren beruht. Man stellt sich zunachst vor, daft die 
Ernahrung darauf beruht, daft der Mensch seine Nahrungsmittel auf- 
nimmt, durch den Mund in den Magen bringt, daft sie sich dann weiter 
im Korper ablagern, daft er sie wiederum von sich gibt und sich wieder 
neu ernahren mufi und so weiter. So einfach ist aber die Sache nicht, 
sondern die Dinge sind viel komplizierter. Und man mufi, wenn man 
verstehen will, in welcher Weise eigentlich der Mensch zu den Nah- 
rungsmitteln steht, sich ja erst einmal klarmachen, welcher Art die 
Nahrungsmittel sind, die der Mensch unbedingt braucht. 

Sehen Sie, das erste, was der Mensch braucht, was er unbedingt in 
sich aufnehmen mull, das ist Eiweift. Eiweift also braucht der Mensch 
unbedingt. Wollen wir uns das einmal aufschreiben, damit wir die 
Tafel9 Sachen zusammen haben. Also Eiweift, wie es im Hiihnerei zum Bei- 
spiel ist; aber nicht nur im Hiihnerei, sondern in alien Nahrungsmitteln 
ist Eiweift. Eiweift braucht der Mensch unbedingt. Das zweite, was der 
Mensch braucht, das sind Fette. Wiederum sind die Fette in alien Nah- 
rungsmitteln drinnen. Es sind auch Fette in den Pflanzen. Das dritte 
hat einen Namen, der Ihnen weniger gelaufig sein wird, den man aber 
notwendigerweise wissen sollte: Kohlehydrate. Kohlehydrate sind sol- 



che Stoffe, wie sie am allermeisten in der Kartoffel zum Beispiel ent- 
halten sind; aber auch in alien anderen Pflanzen sind viel Kohlehy- 
drate. Kohlehydrate sind dadurch ausgezeichnet, dafl sie sich, wenn 
man sie ifit, durch den Speichel des Mundes und durch den Magensaft 
so langsam in Starke verwandeln. Die Starke ist etwas, was der Mensch 
durchaus braucht; aber er ilk nicht Starke, sondern er ifit solche Nah- 
rungsmittel, welche Kohlehydrate enthalten; die verwandeln sich in 
ihm selber in Starke. Und dann verwandeln sie sich noch einmal bei der 
weiteren Verdauung in Zucker. Und den Zucker braucht der Mensch. 
Also in den Kohlehydraten hat er den Zuckergehalt bei sich. 

Aber etwas ist noch notwendig fur den Menschen: das sind die Salze, 
die er aufnimmt. Er nimmt sie zum Teil als Zusatz zu den Speisen auf, 
zum Teil aber sind Salze in alien Speisen schon enthalten. 

Wenn wir das Eiweifi betrachten, dann miissen wir bei Tier und 
Mensch den grofien Unterschied ins Auge fassen gegeniiber den Pflan- 
zen. Die Pflanzen enthalten auch Eiweift; sie essen aber kein Eiweift. 
Wenn die Pflanzen aber trotzdem Eiweifi in sich haben, woher haben 
sie das? Sie haben es aus dem Boden, der Luft, aus dem Leblosen, aus 
dem Mineralischen; sie konnen namlich aus dem Leblosen, aus dem 
Mineralischen ihr Eiweifi bereiten. Das kann weder das Tier noch der 
Mensch. Der Mensch kann nicht aus dem Leblosen Eiweifi bereiten - da 
wiirde er nur Pflanze sein konnen -, sondern er mufi Eiweifi in sich auf- 
nehmen, wie es wenigstens die Pflanzen oder die Tiere schon zube- 
reitet haben. 

Uberhaupt braucht der Mensch zu seinem Leben auf der Erde die 
Pflanzen. Und die Pflanzen - das ist nun das Interessante -, die konn- 
ten nicht gedeihen, wenn nicht wiederum der Mensch da ware! Und 
da ist es interessant, meine Herren, das miissen Sie nur ins Auge fassen, 
dalS die zwei allerwichtigsten Dinge fur das Leben sind: der griine 
Pflanzensaft in den griinen Blattern und das Blut auf der anderen Seite. 
Dieses Grim im Pflanzensaft nennt man Chlorophyll, Blattgriin; also das 
Chlorophyll ist im griinen Blatt enthalten. Und aufierdem ist wichtig 
das Blut. Nun, da ist etwas hochst Eigentiimliches: Sehen Sie, wenn Sie 
den Menschen betrachten, so atmet der Mensch zunachst - das Atmen 
ist auch eine Ernahrung -, der Mensch nimmt Sauerstoff aus der Luft 



auf, er atmet Sauerstoff ein. In seinem ganzen Korper, iiberall, ist aber 
Kohlenstoff abgelagert. Wenn Sie in die Erde hineingeraten, wo ein 
Kohlenlager ist, so kommen Sie auf die schwarze Kohle; wenn Sie einen 
Bleistift spitzen, so kommen Sie auf den Graphit. Kohle und Graphit, 
das ist Kohlenstoff. Sie bestehen alle, aufier anderen Stoffen, den gan- 
zen Korper hindurch aus Kohlenstoff; der wird gebildet im mensch- 
lichen Korper. 

Nun konnen Sie sagen: Ja, da ist eigentlich der Mensch ein recht 
schwarzer Rapuzzel gerade in bezug auf den Kohlenstoff! Aber Sie 
konnen ja auch noch etwas anderes sagen: Sehen Sie, der teuerste Kor- 
per der Welt, der Diamant, besteht auch aus Kohlenstoff, nur in einer 
anderen Gestalt! Also wenn Sie das lieber haben wollen, konnen Sie 
auch sagen: Sie bestehen in bezug auf den Kohlenstoff aus lauter Dia- 
manten. Der dunkle Kohlenstoff, der Graphit des Bleistiftes und der 
Diamant sind derselbe Stoff. Wenn die Kohle, die Sie aus der Erde 
ausgraben, durch irgendeine Kunst durchsichtig gemacht werden kann, 
dann ist sie Diamant. Also diese Diamanten haben wir iiberall abge- 
lagert in uns. Wir sind ein richtiges Kohlenlager. Wenn aber der Sauer- 
stoff durch das Blut mit dem Kohlenstoff zusammenkommt, dann bil- 
det sich Kohlensaure. Kohlensaure kennen Sie auch sehr gut: Sie brau- 
chen nur Selterswasser zu nehmen; da sind die Perlen drinnen — diese 
sind die Kohlensaure, das ist ein Gas. So dafi Sie also sich vorstellen 
konnen: Der Mensch atmet Sauerstoff durch die Luft ein, der Sauer- 
stoff breitet sich durch das ganze Blut aus, im Blute nimmt er den 
Kohlenstoff auf, er atmet die Kohlensaure aus. Ein atmen Sie Sauer- 
stoff, aus atmen Sie Kohlensaure. 

Meine Herren, es ware in den Vorgangen, die ich Ihnen geschildert 
habe in der Entwickelung der Erde, langst alles durch Kohlensaure von 
Menschen und Tieren vergiftet. Denn die Zeit ist ja lang, seit sich alles 
auf der Erde entwickelt hat. Wie Sie sehen, konnten langst keine Tiere 
und Menschen mehr auf der Erde leben, wenn nicht die Pflanzen eine 
ganz andere Eigenschaft hatten: die Pflanzen, die saugen nicht Sauer- 
stoff ein, sondern gerade Kohlensaure, die der Mensch und das Tier 
ausatmen. So dafi also die Pflanzen ebenso gierig sind auf die Kohlen- 
saure wie der Mensch auf den Sauerstoff. 




Und wenn Sie nun da die Pf lanze haben (siehe Zeichnung) : Wurzel, 
Stengel, Blatter, Bliite, so saugt also die Pflanze iiberall Kohlensaure 
ein; die geht hinein. Und jetzt setzt sich der Kohlenstoff, der da in der 
Kohlensaure drinnen ist, in der Pflanze nieder, und der Sauerstoff 
wird w
…[truncated]