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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE FOR DIE ARBEITER AM GOETHEANUMBAU
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
Vortrage fiir die Arbeiter am Goetheanumbau
Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und
Geist. t)ber friihe Erdzustande
Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922
Band 2 t)ber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes-
wissenschaftlichen Sinneslehre
Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923
Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen des
Christentums
Vierzehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1923
Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt
man zum Schauen der geistigen Welt?
Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923
Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur -
Ober die Bienen
Fiinfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923
Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung
Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1924
Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen
der Kulturvolker
Siebzehn Vortrage, l.Marz bis 25, Juni 1924
Band 8 Die Schopfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und
Sternenwirken
Vierzehn. Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1924
RUDOLF STEINER
Die Schopfung der Welt und des Menschen
Uber Welt- und Menschenentstehung
und den Gang der Kulturentwickelung der Menschheit
Ernahrungsfragen
Erdenleben und Sternenwirken
Vierzehn Vortrage, gehalten
fiir die Arbeiter am Goetheanumbau
in Dornach vom 30. Juni bis 24. September 1924
2000
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann '
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1969
2., durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1977
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999
Weitere Veroffentlichungen
siehe zu Beginn der Hinweise S. 243
Bibliographie-Nr. 354
Zeichnungen im Text nach den Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Leonore Uhlig (siehe auch S. 243)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3540-2
7.H den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck be-
stimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers, Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung
der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durch-
sicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen die
Nachschriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vortrags-
veroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird
eben nur hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Die besondere Stellung, welche die Vortrage fur die Arbeiter
am Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen,
schildert Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band
vorangestellt ist.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe S. 248ff.
Geleitwort von Marie Steiner 9
DIE SCHOPFUNG DER WELT UND DES MENSCHEN
Erster Vortrag, Dornach, 30. Juni 1924 11
Weltenschopfung und Menschenschopfung - Saturn-, Sonnen- und
Mondenzustand der Erdentwickelung.
Zweiter Vortrag, 3. Juli 1924 29
Erdenschopfung - Menschenentstehung.
Dritter Vortrag, 7. Juli 1924 44
Was sagt Anthroposophie und Naturwissenschaft iiber die Schichten
der Erde und ihre Versteinerungen.
OBER WELT- UND MENSCHENENTSTEHUNG UND DEN
GANG DER KULTURENTWICKELUNG DER MENSCHHEIT
ERNAHRUNGSFRAGEN
Vierter Vortrag, 9. Juli 1924 60
Uber Welt- und Menschenentstehung - Lemurien und Atlantis.
Funfter Vortrag, 12. Juli 1924 76
Ursprung und Eigenart der chinesischen und indischen Kultur.
Sechster Vortrag, 31. Juli 1924 94
Uber das Verhaltnis der Nahrungsmittel zum Menschen - Rohkost
und Vegetarismus.
Siebenter Vortrag, 2. August 1924 112
Fragen der Ernahrung - Ernahrung der Kinder - Abhartung -
Dungung.
Achter Vortrag, 6. August 1924 127
Uber den Gang der Kulturenrwickelung der Menschheit.
ERDENLEBEN UND STERNE NWIRK EN
Neunter Vortrag, 9. August 1924 144
Uber die Geruche.
Zehnter Vortrag, 9. September 1924 160
Von den Planeteneinfliissen auf Tiere, Pf lanzen und Gesteine.
Elfter Vortrag, 13. September 1924 175
Uber die Witterung und ihre Ursachen.
Zwolfter Vortrag, 18. September 1924 194
Gestalt und Entstehung der Erde und des Mondes - Ursachen des
Vulkanismus.
Dreizehnter Vortrag, 20. September 1924 212
Was will Anthroposophie? - Vom Bielakometen.
Vierzehnter Vortrag, 24. September 1924 227
Woher stammt der Mensch? - Erdenleben und Sternenweisheit.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 243
Hinweise zum Text 244
Personenregister 247
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 248
Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortxagen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XXVIII
GELEITWORT
zum Erscheinen von Veroffentlichungen
aus den Vortragen Rudolf Steiners fur die Arbeiter am Goetheanum
vom August 1922 bis September 1924
Marie Steiner
Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbei-
tern selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte
sie zu Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu aufiern,
ihre Einwendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde be-
riihrt. Ein besonderes Interesse zeigte sich fur die therapeutische und
hygienische Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark diese Dinge zu
den taglichen Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber auch alle Erschei-
nungen der Natur, des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Da-
seins wurden beriihrt, und dieses fiihrte wieder in den Kosmos hinaus,
zum Ursprung der Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter
eine Einfiihrung in die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen
fur das Verstandnis der Mysterien des Christentums.
Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus eini-
gen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fur die an solchen Fragen
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten
hat; sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposo-
phischen Gesellschaft weitergefiihrt. Doch erging nun die Bitte von
seiten der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer an-
nehmen und ihren Wissensdurst stillen wiirde - und ob es moglich ware,
eine Stunde der ublichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie
noch frischer und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der
Morgenstunde nach der Vesperpause. Auch einige Angestellte des Bau-
biiros hatten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiter-
kreise Dr. Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so
zum Beispiel die Bienenzucht, fur die sich Imker interessierten. Die
Nachschrift jener Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner
nicht mehr unter uns weilte, vom Landwirtschaftlichen Versuchsring
am Goetheanum als Broschure fiir seine Mitglieder herausgebracht.
Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese
Vortrage kennenzulernen. Sie waren aber fiir ein besonderes Publikum
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg-
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhoren-
den Arbeiter eingaben - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffent-
lichung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden,
hat einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht ver-
missen mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen,
die auf dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der
Fragenden und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte
man nicht durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen.
Es wird deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten.
Wenn auch nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stilbil-
dung entspricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben.
Marie Steiner
ERSTER VORTRAG
Dornach, 30. Juni 1924
Nun, hat jemand sich eine Frage ausgedacht?
Herr Dollinger: Ich mochte fragen, ob Herr Doktor nicht wieder sprechen konnte
von der Schopfung der Welt und des Menschen, da verschiedene Neue da sind, die
das noch nicht gehort haben?
Dr. Steiner: Also gefragt ist, ob ich wiederum anfangen konnte, von
Weltenschopfung und Menschenschopfung zu sprechen, weil sehr viel
neue Kameraden da sind. Nun werde ich die Sache so gestalten, dafi ich
Ihnen zunachst klarzumachen versuche, wie urspriinglich die Zustande
auf der Erde waren, welche auf der einen Seite zu all demjenigen ge-
fiihrt haben, was wir drauften sehen, und auf der anderen Seite zum
Menschen.
Sehen Sie, der Mensch ist ja eigentlich ein sehr, sehr kompliziertes
Wesen. Und wenn man glaubt, den Menschen nur dadurch verstehen
zu konnen, dafi man ihn seziert nach dem Tode, als Leichnam, so
kommt man naturlich nicht dazu, den Menschen wirklich zu verstehen.
Ebensowenig kann man die Dinge, die um uns herum sind, die Welt,
verstehen, wenn man sie nur so betrachtet, dafi man Steine, Pflanzen
sammelt und die einzelnen Sachen anschaut. Man mufi iiberall eben
darauf Riicksicht nehmen konnen, dafi dasjenige, was man untersucht,
nicht im allerersten Anblick schon zeigt, was es eigentlich ist.
Wenn wir einen Leichnam anschauen - wir konnen ihn ja anschauen,
kurz nachdem der Mensch gestorben ist: er hat noch dieselbe Form,
dieselbe Gestalt, ist vielleicht nur blasser geworden; wir merken ihm
an, der Tod hat ihn ergriffen, aber er hat noch dieselbe Gestalt, die
der Mensch hatte, als er lebendig war. Nun denken Sie sich aber: Wie
schaut dieser Leichnam, auch wenn wir ihn nicht verbrennen, wenn
wir ihn verwesen lassen, nach einiger Zeit aus? Er wird zerstort, es
arbeitet nichts mehr in "ihm, was ihn wieder aufbauen konnte - er
wird zerstort.
Nun, sehen Sie, der Anfang der Bibel wird sehr haufig von den
Leuten belachelt, und zwar mit Recht, wenn er so ausgelegt wird, dafi
einstmals irgendein Gott aus einem Erdenklofi einen Menschen geformt
hatte. Man sieht das als eine Unmoglichkeit an - mit Recht naturlich.
Es kann nicht irgendein Gott kommen und aus einem Erdenklofi einen
Menschen machen. Er wird ebensowenig ein Mensch, wie eine Bild-
hauerstatue ein wirklicher Mensch wird, wenn man sie auch noch so
sehr der Gestalt nach richtig macht, und ebensowenig, wie, wenn Kin-
der ein schones Mannchen aufbauen, dieses anfangt zu laufen. Also
man lachelt mit Recht dariiber, wenn Leute sich vorstellen, daft ur-
spninglich ein Gotteswesen aus einem Erdenkloft einen Menschen ge-
macht haben soil. Das, was wir als Leichnam vor uns haben, das ist ja
nach einiger Zeit nun wirklich solch ein Erdenkloft, wenn es auch im
Grab so ein biftchen auseinandergegangen ist, verschwemmt worden
ist und so weiter. Zu glauben, daft wir aus dem also, was wir so vor uns
haben, einen Menschen machen konnen, ist ja ein ebenso grofter Unsinn.
Sehen Sie, auf der einen Seite gestattet man sich heute mit Recht,
zu sagen, daft die Vorstellung unrichtig ist, daft der Mensch aus einem
Erdenkloft geschaffen sein soil. Auf der anderen Seite gestattet man
sich aber dann das andere: zu denken, daft der Mensch aus demjenigen
bestehen soil, was Erde ist. Sie sehen schon, wenn man konsequent vor-
gehen will, geht das eine ebensowenig wie das andere. Man mufi sich
eben klar sein: Wahrend der Mensch gelebt hat, ist etwas in ihm, was
machte, daft er diese Form, diese Gestalt kriegte, und wenn das drauften
ist, kann er nicht mehr diese Gestalt haben. Die Naturkrafte geben ihm
nicht diese Gestalt; die Naturkrafte treiben diese Gestalt nur ausein-
ander, machen sie nicht wachsen. Also ist es beim Menschen so, daft
wir zuriickgehen miissen zu dem Geistig-Seelischen, das ihn eigentlich
beherrscht hat, solange er gelebt hat.
Nun, wenn wir drauften den toten Stein anschauen, aus dem toten
Stein herauswachsen sehen die Pflanzen und so weiter: Ja, meine Her-
ren, wenn man sich vorstellt, daft das immer so gewesen ist, so wie es
heute drauften ist, so ist das geradeso, als wenn Sie etwa von einem
Leichnam sagen, der war immer so, solange der Mensch auch gelebt
hat. Dasjenige, was wir als Steine heute drauften in der Welt erblicken,
was also Felsen sind, Berge sind, das ist ja geradeso wie ein Leichnam.
Das ist auch ein Leichnam! Das war nicht immer so. Und geradeso wie
der Leichnam von einem Menschen nicht immer so war, wie er nun
daliegt, nachdem das Geistig-Seelische draufien ist, so war auch das-
jenige, was wir draufien erblicken, nicht immer so. Dafi die Pflanzen
wachsen auf dem toten Leichnam, namlich dem Gestein, das braucht
uns nicht zu verwundern; denn wenn der Mensch verwest, wachsen
auch allerlei kleine Pflanzchen und allerlei Tierzeug aus seinem ver-
wesenden Leichnam heraus.
Nicht wahr, daft uns das eine, das wir da draufien in der Natur
haben, schbn erscheint, und dafi wir das, was wir am Leichnam sehen,
wenn da allerlei Schmarotzerpflanzen herauswachsen, nicht schon fin-
den, das kommt ja nur davon, weil das eine riesig grofi und das andere
klein ist. Wenn wir statt Menschen ein kleines Kaferchen waren und
auf einem verwesenden Leichnam herumgehen wiirden, und ebenso
denken konnten wie die Menschen, so wiirden wir die Knochen des
Leichnams als Felsen empfinden. Wir wiirden in dem, was dadrinnen ver-
west, Schutt und Gestein finden, wiirden da, weil wir ein kleines Ka-
ferchen waren, in dem, was da herauswachst, grofie Walder sehen,
wiirden da eine ganze Welt bewundern, sie nicht so schrecklich finden
wie jetzt.
So wie wir zuriickgehen mussen beim Leichnam auf dasjenige, was
der Mensch war, bevor er gestorben ist, so mussen wir zuriickgehen bei
alledem, was Erde ist und unsere Umgebung, auf dasjenige, was ein-
mal in alldem heute Toten gelebt hat, bevor eben die Erde im Grofien
gestorben ist. Und ehe die Erde nicht im Grofien gestorben war, konnte
es keine Menschen geben. Die Menschen sind eigentlich gewissermafien
Schmarotzer auf der Erde. Die ganze Erde hat einmal gelebt, hat ge-
dacht - alles mogliche war sie. Und erst, als sie Leichnam wurde, konnte
sie das Menschengeschlecht schaffen. Das ist etwas, was eigentlich jeder
einsehen kann, der nur wirklich denkt. Nur will man heute nicht den-
ken. Aber man mufi eben denken, wenn man auf die Wahrheit kommen
will. So dafi wir uns also vorzustellen haben: Dasjenige, was heute
festes Gestein ist, wo Pflanzen herauswachsen und so weiter, das war
urspriinglich durchaus nicht so, wie es heute ist, sondern wir haben
es urspriinglich zu tun mit einem lebendigen, denkenden Weltkorper -
mit einem lebendigen, denkenden Weltkorper!
Ich habe oft, auch schon zu Ihnen, gesagt: Da stellt man sich heute -
was vor? Man stellt sich vor, daft urspriinglich ein riesiger Urnebel da
war, daft dieser Urnebel in Drehung gekommen ist, daft sich dann ab-
gespalten haben die Planeten, daft in der Mitte die Sonne geworden ist.
Dies wird den Kindern schon ganz von friih auf beigebracht. Und man
macht ihnen auch einen kleinen Versuch vor, aus dem das hervorgehen
soil, daft wirklich auf diese Weise alles entstanden ist. Da wird ein
kleines Oltropfchen genommen auf ein Glas Wasser, ein Kartenblatt,
eine Nadel hineingesteckt, und well das 01 auf dem Wasser schwimmt,
laftt man das so drauf schwimmen. Mit der Nadel dreht man dann das
Kartenblatt, und da spalten sich kleine Oltropfchen ab, drehen sich
weiter, und es entsteht wirklich ein kleines Planetensystem, in der
Tafeli* Mitte drinnen mit der Sonne. - Nun ja, es ist ja ganz gut, wenn man
oberhaib aucn s * cn selbst vergessen kann; aber der Schullehrer sollte in diesem
der Mitte F a lle nicht sich selbst vergessen, sondern wenn er das macht, sollte er
auch den Kindern sagen: Es ist da draufien ein riesiger Schulmeister
im Weltenraum, der das gedreht hat! - Das ist eben die Geschichte:
man wird gedankenlos - nicht deshalb, weil die Tatsachen einem be-
fehlen, gedankenlos zu sein, sondern weil man es will. Aber dadurch
kommt man nicht zur Wahrheit. Wir miissen uns also vorstellen, daft da
nicht ein riesiger Schulmeister war, der den Weltennebel gedreht hat,
sondern daft in diesem Weltennebel selber etwas drinnen war, was sich
bewegen konnte und so weiter. Da sind wir aber wiederum beim Leben-
digen. Wenn wir uns selber drehen wollen, da brauchen wir nicht eine
Nadel durch uns durchgesteckt, durch die der Schulmeister uns dreht;
das paftt uns gar nicht - wir konnen uns selber drehen. Ein solcher Ur-
nebel miiftte vom Schulmeister gedreht werden. Ist er aber lebendig und
kann er empfinden, denken, dann braucht er nicht den Weltenschul-
meister, sondern dann kann er die Drehung selber bewirken.
Nun mufiten wir uns also vorstellen: Dasjenige, was heute tot um
uns herum ist, das war einstmals lebendig, war empfindsam, war ein
Weltwesen, wenn wir dann weiter untersuchen, sogar eine grofte An-
zahl von Weltwesen, und diese Weltwesen, die belebten das Ganze.
Und die urspriinglichen Zustande der Welt riihren also davon her, daft
im Stoff ein Geistiges drinnen gewesen ist.
14
* Zu den Taf elzeichnungen siehe S. 243
Sehen Sie, was liegt nun allem zugrunde, was irgendwie stofflich
ist? Denken Sie, ich habe einen Bleiklumpen in der Hand, ein Stuck
Blei. Das ist fester Stoff, richtiger fester Stoff. Ja, aber wenn ich auf
ein gluhendes Eisen oder auf irgend etwas Gliihendes, auf Feuer, dieses
Blei lege, so wird es fliissig. Und wenn ich es noch weiter mit Feuer
bearbeite, so verschwindet mir das ganze Blei, es verdunstet dann, ich
sehe nichts mehr davon. So ist es aber bei alien Stoffen. Wovon hangt
es denn ab, dafi ich einen festen Stoff habe? Es hangt davon ab, welche
Warme in ihm ist. Wie er ausschaut, hangt nur davon ab, welche
Warme in einem Stof f e ist.
Sie wissen, heute kann man schon die Luft fliissig machen; dann
hat man flussige Luft. Luft, wie wir sie in unserer Umgebung haben,
ist ja nur luftformig, gasformig, solange eine bestimmte Warme da ist.
Und Wasser - Wasser ist fliissig, kann aber auch Eis sein, fest sein.
Wenn man eine ganz bestimmte Kaltetemperatur auf unserer Erde
hatte, so gabe es kein Wasser, sondern Eis. Nun, gehen wir aber in un-
sere Berge hinein: Wir finden da das feste Granitgestein zum Beispiel,
anderes festes Gestein. Ja, wenn es iibermafiig warm ware, dann ware
festes Gestein, Granit, nicht da, sondern der ware fliissig, flosse da-
hin, wie in unseren Bachen das Wasser.
Also, was ist denn das Urspriingliche, was macht, dafi irgend etwas
fest oder fliissig oder luftformig ist? Das macht die Warme! Und ohne
dafi die Warme zunachst da ist, kann iiberhaupt nichts fest oder fliissig
sein. Warme mufi irgendwie tatig sein. Daher konnen wir sagen: Das-
jenige, was urspriinglich allem zugrunde liegt, ist die Warme oder das
Feuer.
Und das zeigt auch die Geisteswissenschaft, die anthroposophische
Forschung. Diese Geisteswissenschaft, diese anthroposophische For-
schung zeigt, dafi nicht ein Urnebel urspriinglich da war, ein toter Ur-
nebel, sondern dafi lebendige Warme urspriinglich da war, einfach
Warme, die da gelebt hat.
Also, ich will annehmen einen ursprunglichenWeltenkorper, Warme,
die gelebt hat (siehe Zeichnung Seite 17, rot). Ich habe in meiner «Ge- Tafeli
heimwissenschaft im Umrifi» diesen urspriinglichen Zustand — nicht
wahr, auf Namen kommt es nicht an, man mufi einen Namen haben -
so genannt, wie er vor alten Zeiten genannt worden ist: Saturnzustand.
Es hat schon etwas zu tun mit dem Weltenkorper Saturn, aber das
wollen wir jetzt nicht beriihren.
In diesem urspriinglichen Zustand, da gab es noch keine festen
Korper, keine Luft gab es dadrinnen, sondern nur Warme; aber die
Warme lebte. Wenn Sie heute frieren - ja, Ihr Ich friert; wenn Sie
heute schwitzen, wenn es Ihnen recht warm ist, wird Ihr Ich schwitzen,
dem wird es recht warm. Und so sind Sie in der Warme drinnen, bald
im Warmen, bald im Kalten, aber immer in irgendeiner Warme sind Sie
drinnen. So daft wir auch heute noch sehen am Menschen: er lebt ja in
der Warme. Der Mensch lebt durchaus in der Warme.
Wenn also die heutige Wissenschaft sagt: Urspriinglich war eine
hohe Warme da dann hat sie in einem gewissen Sinne recht; wenn sie
aber meint, dafi diese hohe Warme tot war, so hat sie unrecht, denn es
war ein lebendes Weltenwesen da, ein richtiges lebendes Welten-
wesen.
Nun, das erste, was eingetreten ist mit dem, was da ein warmes
Weltenwesen war, das war ja Abkiihlung. Abkiihlen tun sich ja die
Dinge fortwahrend. Und was entsteht, wenn sich irgend etwas, in dem
man noch nichts unterscheiden kann als nur Warme, abkuhlt? Da ent-
steht Luft. Die Luft ist das erste, was entsteht - Gasiges. Denn wenn
wir einen festen Korper immer weiter erhitzen, bildet sich in der
Warme das Gas; wenn aber etwas, was noch nicht Stoff ist, von oben
herunter sich abkuhlt, so bildet sich zunachst die Luft. So dafi wir
also sagen konnen: Das zweite, was sich da bildet, ist Luftiges (siehe
Tafeli Zeichnung Seite 17, griin), richtiges Luftiges. Und dadrinnen, also
in dem, was sich gewissermafien als z weiter Weltenkorper gebildet hat,
da ist alles aus Luft. Da ist noch kein Wasser, und da ist noch kein
fester Korper drinnen. Da ist alles aus Luft.
Jetzt haben wir schon den zweiten Zustand, der sich im Laufe der
Zeit gebildet hat. Und in diesem zweiten Zustand, da entsteht - aber
neben dem, was urspriinglich da war - schon etwas anderes. Die heu-
tige Sonne ist nicht so, ich habe aber doch in meiner «Geheimwissen-
schaft» das Sonne genannt, eine Art Sonnenzustand, weil es ein warmer
Luftnebel war. Ich habe Ihnen auch schon gesagt: Die heutige Sonne
ist das nicht; aber die ist auch nicht das, was urspriinglich dieser zweite
Weltenkorper war. So also bekommen wir einen zweiten Weltenkorper,
der sich aus dem ersten heraus bildet; der erste ist bloft warm, der
zweite ist schon luftformig.
Nun aber, in der Warme kann der Mensch als Seele leben. Warme
macht auf die Seele den Eindruck der Empfindung, aber sie zerstort
die Seele nicht. Sie zerstort aber das Korperliche. Wenn ich also ins
Feuer geworfen werde, so wird mein Korper zerstort. Meine Seele
wird dadurch, dafi ich ins Feuer geworfen werde, nicht zerstort. Dar-
iiber werden wir noch genauer reden, denn die Frage erfordert natiir-
lich Ausfiihrliches. Nun, deshalb konnte auch der Mensch als Seele
schon leben, als nur dieser erste Zustand, der Saturnzustand da war.
Satvtn 5onne Mond £r<5c
AAemch MenKh Mensch Mensch
Tier Tier fier
pflanzo pf(anze
Mineral
Da konnte der Mensch schon leben. Das Tier konnte da noch nicht
leben, aber der Mensch konnte da schon leben. Das Tier konnte da
noch nicht leben, weil beim Tiere, wenn das Korperliche zerstort wird,
das Seelische mit beeintrachtigt wird. Beim Tier hat das Feuer auf das
Seelische einen Einflufi. So daft wir bei diesem ersten Zustande anneh-
men: Der Mensch ist schon da, das Tier noch nicht. Als diese Um wand-
lung (Sonnenzustand) stattgefunden hat, war Mensch und Tier da.
Das ist eben das Merkwiirdige, dafi nicht eigentlich die Tiere urspriing-
lich da waren und der Mensch aus ihnen entstanden ist, sondern dafi
der Mensch urspriinglich da war und nachher die Tiere, die sich ge-
bildet haben aus demjenigen, was nicht Mensch werden konnte. Der
Mensch war natiirlich nicht so als ein Zweifuftler herumgehend da,
als nur Warme da war, selbstverstandlich nicht. Er lebte in der Warme,
war ein schwebendes Wesen, lebte nur im Warmezustand. Dann, als
sich das umwandelte und ein luftformiger Warmekorper entstand, da
bildeten sich neben dem Menschen die Tiere, da traten die Tiere auf.
Also die Tiere sind schon verwandt mit dem Menschen, aber sie ent-
stehen eigentlich erst spater als der Mensch entstehen kann im Lauf
der Weltentstehung.
Was tritt jetzt weiter ein? Weiter tritt das ein, daft die Warme noch
mehr abnimmt. Und wenn die Warme noch mehr abnimmt, dann bil-
det sich nicht nur Luft, sondern auch Wasser. So daft wir also einen
Tafeli dritten Weltenkorper haben (Zeichnung, gelb). Ich habe ihn - aus dem
Grunde, weil er ahnlich sieht unserem Mond, aber doch nicht dasselbe
ist - Mond genannt. Er ist nicht dasselbe wie der heutige Mond, aber
etwas Ahnliches. Da haben wir also einen wasserigen Korper, einen
richtig wasserigen Korper. Natiirlich bleiben Luft und Warme dabei,
aber was da noch nicht vorhanden war beim zweiten Weltenkorper,
das Wasser, das tritt jetzt auf. Und jetzt, weil Wasser auftritt, kann
da sein: der Mensch, der schon friiher da war, das Tier, und aus dem
Wasser heraus schiefien die Pflanzen auf, die urspriinglich nicht in der
Erde wuchsen, sondern im Wasser wuchsen. Also da schiefien heraus
Mensch, Tier und Pflanze.
Sehen Sie, die Pflanzen wachsen ja scheinbar aus der Erde heraus.
Wenn aber die Erde gar kein Wasser enthalt, dann wachsen keine
Pflanzen heraus; die Pflanze braucht zu ihrem Wachstum eben das
Wasser. Es gibt ja auch Wasserpflanzen. So miissen Sie sich die ur-
spriinglichen Pflanzen vorstellen wie die heutigen Wasserpflanzen -
sie schwammen im Wasser drinnen — , wie Sie sich auch die Tiere vor-
stellen miissen mehr als schwimmende Tiere, und gar hier, im zweiten
Zustand, mehr als fliegende Tiere.
Von allem, was urspriinglich da war, ist eben etwas zuriickgeblie-
ben. Weil urspriinglich, als der Sonnenzustand da war, als nur Mensch
18
und Tier da war, alles nur fliegen konnte - denn es war ja nichts zum
Schwimmen da, es konnte nur alles fliegen -, und weil die Luft zu-
riickgeblieben ist, auch jetzt noch, haben diese fhegenden Wesen Nach-
kommen gefunden. Unser heutiges Vogelgeschlecht, das sind die Nach-
kommen der urspriinglichen Tiere, die da entstanden sind im Sonnen-
zustand. Nur waren sie dazumal nicht so wie heute. Dazumal waren
sie nur aus Luft bestehend; luftartige Wolken waren diese Tiere. Hier
(Mondenzustand) haben sie sich dann das Wasser eingegliedert. Und
heute, meine Herren - ja, schauen wir uns nur einmal einen Vogel an! Tafeli
Der Vogel wird heute zum grofiten Teil recht gedankenlos angeschaut.
Wenn wir die Tiere, die da vorhanden waren wahrend des Sonnenzu-
standes, uns vorstellen sollen, miissen wir sagen: Die waren nur aus
Luft; die waren schwebende Luftwolken. Wenn man sich heute einen
Vogel anschaut: Dieser Vogel hat hohle Knochen, und in den hohlen
Knochen ist uberall Luft drinnen! Es ist sehr interessant, den heutigen
Vogel auf das hin anzuschauen: Uberall drinnen in diesem Vogel, in die
Knochen hinein, uberall hinein ist Luft. Denken Sie sich weg alles, was
nicht Luft ist, so kriegen Sie nur ein Luftiges: den Vogel. Und hatte er
nicht diese Luft, so konnte er iiberhaupt nicht fliegen. Der Vogel hat hohle
Knochen, und dadrinnen ist er ein Luftvogel. Das erinnert noch an den
Zustand, wie es friiher war. Das andere hat sich erst ringsherum gebildet
in der spateren Zeit. Die Vogel sind wirklich die Nachkommen dieses
Zustandes.
Schauen Sie sich den heutigen Menschen an: Er kann in der Luft
leben; fliegen kann er nicht, dazu ist er zu schwer. Er hat nicht wie der
Vogel hohle Knochen gebildet, sonst konnte er auch fliegen. Und dann
wiirden sich nicht blofi Schulterblatter bei ihm finden, sondern die
Schulterblatter wiirden auslaufen in Fliigel. Der Mensch hat nur noch
die Ansatze von Flugeln da oben in den Schulterblattern; wenn die
auswachsen wiirden, wiirde der Mensch fliegen konnen.
Also der Mensch lebt in der umgebenden Luft. Diese Luft mufi aber
Wasserverdunstung enthalten. In der blofi trockenen Luft kann der
Mensch nicht leben. Also Fliissigkeit mufi da sein und so weiter. Aber
es gibt ja einen Zustand, in dem der Mensch nicht in der Luft leben
kann: das ist der Zustand wahrend der Keimeszeit, wahrend der Em-
bryonalzeit. Man mufi sich also diese Dinge nur richtig anschauen.
Wahrend der Embryonalzeit bekommt dasjenige, was Menschenkeim
ist - man nennt es Menschenembryo -, die Luft und alles, was es
braucht, aus dem Leib der Mutter. Da mufi es sein in einem Lebendigen
drinnen.
Nun sehen Sie, die Sache ist aber so: Wenn der Mensch als Keim-
wesen noch im Leibe der Mutter ist und herausoperiert wird, da kann
er noch nicht in der Luft leben. Wahrend des Keimzustandes ist also
der Mensch darauf angewiesen, in einer lebendigen Umgebung zu le-
ben. Und in diesem Zustand, wo es zwar Mensch, Tier und Pflanze gab,
wo es jedoch noch nicht so war wie in der heutigen Welt, weil es da
noch keine Steine gab, keine Mineralien, da war noch immer alles le-
bendig, da lebte der Mensch in diesem Lebendigen drinnen, geradeso
wie er heute im Mutterleibe lebt. Nur wuchs er naturlich grofier aus.
Denken Sie sich, wenn wir nicht geboren werden miifiten und in der
Luft leben miifiten, selber atmen miifiten, so wiirde ja unsere Lebens-
zeit mit der Geburt zu Ende sein. Wir konnten als Embryo, als Keim
nur zehn Mondmonate leben. Es gibt ja solche Wesen, die nur zehn
Mondmonate leben; die wiirden nicht an die aufiere Luft herankom-
men, sondern aus dem Inneren, aus dem Lebendigen das bekommen.
So war es mit dem Menschen vor langer Zeit. Er wurde zwar alter,
aber er kam nie aus dem Lebendigen heraus. Ware dieser Zustand ge-
blieben, er lebte noch immer darin. Der Mensch schritt nicht vor bis
zur Geburt, sondern er lebte als Keim. Und dann war noch kein Mine-
ral da, kein Stein da.
Wenn Sie heute den Menschen sezieren, so haben Sie seine Knochen;
dadrinnen finden Sie ebenso den kohlensauren Kalk, wie Sie ihn hier
finden im Jura. Da ist zwar das Mineral drinnen - das war damals
noch nicht drinnen -, aber im Embryo, namentlich in den ersten Mona-
ten, ist auch noch kein Mineral eingelagert, sondern da ist alles noch
geformte Flussigkeit, nur ein bifichen verdicklicht. Und so war es
wahrend dieses Zustandes, dafi der Mensch noch nicht knochig war,
sondern hochstens nur knorpelig war. Und so haben wir hier einen
Menschen, an den uns nur noch dasjenige erinnert, was heute Men-
schenkeim ist. Warum kann der Menschenkeim nicht gleich aufier dem
Leibe der Mutter entstehen? Weil heute die Welt eine andere gewor-
den ist. Wahrend der alte Mond bestanden hat - ich will es jetzt den
alten Mond nennen, es ist nicht der heutige Mond, sondern das, was
die Erde fruher war -, wahrend der alte Mond bestanden hat, war die
ganze Erde ein Mutterleib, innerlich lebendig, ein richtiger Mutter-
leib. Und Steine und Mineralien gab es noch nicht. Alles war ein rie-
siger Mutterleib. So dafi wir sagen konnen: Unsere heutige Erde ist
aus diesem riesigen Mutterleib hervorgegangen.
Noch fruher, da war iiberhaupt auch dieser riesige Mutterleib nicht
da; sondern noch fruher, was war denn da vorhanden? Ja, noch fruher,
war eben, ich mochte sagen, das Friihere. Jetzt iiberlegen wir uns ein-
mal, was das Friihere ist! Sehen Sie, der Mensch, wenn er im Mutter-
leibe entstehen soil, wenn er ein Menschenkeim werden soil, mufi ja
zuerst empfangen werden. Da findet die Konzeption, die Empfangnis
statt. Aber geht denn der Konzeption nicht etwas voraus? Der Kon-
zeption geht voraus dasjenige, was bei der Frau die monatliche Periode
ist. Da findet im weiblichen Organismus ein ganz besonderer Vorgang
statt, der mit Ausstoftung von Blut verknupft ist. Aber das ist ja nicht
das einzige. Das ist ja nur das Physische davon, wenn das Blut ausge-
stofien wird. Jedesmal, wenn das Blut ausgestofien wird, wird etwas
Geistig-Seelisches, etwas, was geistig-seelisch bleibt, mitgeboren, das
es nur nicht, weil keine Empfangnis stattfindet, bis zum physischen
Korper bringt, sondern das geistig-seelisch bleibt, ohne dafi es zum
physischen Menschenkorper wird. Dasjenige, was da vor der Emp-
fangnis schon da sein mufi, das war wahrend des Sonnenzustandes da!
Da war die ganze Sonne, diese ganzen Vorgange der Erde, noch ein
Weltenwesen, das von Zeit zu Zeit ein Geistiges ausstiefi. Und so Ieb-
ten Mensch und Tier im luftformigen Zustande, ausgestofien von die-
sem ganzen Korper. So dafi also zwischen diesem Zustand (siehe Zeich- Tafel 1
nung, Sonne) und diesem Zustand (Mond) das eintritt, dafi iiberhaupt
der Mensch ein physisches Wesen wurde im Wasser. Vorher war er
ein physisches Wesen nur in der Luft. Auch wahrend dieses Zustandes
(Mond), da war es zum Beispiel so, dafi etwas Ahnliches da war wie die
Empfangnis, aber noch nicht etwas Ahnliches wie die Geburt. Und wie
war diese Empfangnis, wahrenddem dieser alte Mondenzustand da war?
Ja, meine Herren, der Mond ist da ein ganz weibliches Wesen; diesem
ganz weiblichen Wesen, dem stand nicht gegeniiber zunachst ein mann-
liches Wesen, aber es stand ihm gegeniiber alles, was aufierhalb seines
Weltenkorpers in der Zeit noch da war. Dieser Weltenkorper war ja
da; aber aufier ihm waren auch viele andere Weltenkorper; die hatten
einen Einflufl. Und jetzt kommt die Zeichnung heraus, die ich schon
einmal da gemacht habe.
Also es war da dieser Weltenkorper, ringsherum die anderen Wel-
tenkorper, und diese hatten Einfluft in der verschiedensten Weise; von
aufterhalb kamen die Keime herein und befruchteten die ganze Mond-
erde. Und wenn einer von Ihnen damals schon hatte leben konnen und
hingekommen ware und er hatte diesen urspriinglichen Weltenkor-
per betreten, so wiirde er nicht gesagt haben, wenn er wahrgenommen
hatte: Da herein kommen allerlei Tropfen -, er wiirde nicht gesagt ha-
ben: Es regnet - heute sagen Sie: Es regnet -, damals wiirden Sie ge-
Tafeli sagt haben: Die Erde wird befruchtet! - Und so gab es Jahreszeiten,
TnS w0 von iiberallher die Befruchtungskeime kamen, und andere Jahres-
zeiten, wo die Sache ausreifte, wo die Befruchtungskeime nicht kamen.
So daft also dazumal eine Weltbefruchtung war. Aber der Mensch
wurde nicht geboren, sondern nur befruchtet; er wurde nur durch
Empfangnis hervorgerufen, und die Menschen kamen eben aus dem
Ganzen des Erdenkorpers, wie er dazumal als Mondkorper war, her-
aus. Und ebenso wirkte die Befruchtung fiir Tier und Pflanzen aus
der ganzen Weltumgebung herein.
Nun, sehen Sie, aus alledem, was da jetzt lebt als Mensch, Tier und
Pflanze, aus alldem entsteht durch weitere Abkiihlung eine spatere
Verhartung. Da (Mondenzustand) haben wir es noch mit Wasser zu
tun, und hochstens durch weitere Abkiihlung eine spatere Verhartung.
Da (Erde) kommt das Feste heraus, das Mineralische. So dafi wir einen
Tafdi vierten Zustand haben (siehe Zeichnung Seite 17, blau): der ist unsere
Erde, so wie wir sie heute haben, und der enthalt Mensch, Tier, Pflanze,
Mineral.
Meine Herren, betrachten wir jetzt einmal, wie es auf der Erde ge-
Tafeli worden ist, sagen wir mit einem Vogel. Der Vogel war hier noch,
djen w ^hrend der Zeit (im Sonnenzustand), ein reiner Luftibus, da bestand
er nur aus Luft, als solche Luftmasse schwebte er dahin. Jetzt wahrend
dieser Zeit (Mondenzustand) wird er wasserig, dicklich-wasserig, und Tafel 1
es schwebten eisartige Wolken dahin - nur nicht wie unsere Wolken °^ ts
sind, sondern so, daft die Gestalt schon drinnen war. Was bei uns nur
ungeformte Wasserbildungen sind, das waren dazumal geformte Was-
serbildungen; das hatte so Skelettform, aber es war nur Wasserbildung.
Und jetzt kommen die Mineralien; jetzt gliedert sich in dasjenige, was
nur Wasserbildung ist, das Mineralische herein, kohlensaurer Kalk,
phosphorsaurer Kalk und so weiter. Das geht dem Skelett entlang; da
bilden sich die festen Knochen hinein. So haben wir zuerst den Luft-
vogel, dann den wasserigen Vogel und zuletzt den festen Erdenvogel.
Beim Menschen konnte das nicht so gehen. Der Mensch konnte sich
nicht einfach eingliedern dasjenige, was nur als Mineral entstand wah-
rend seiner Keimzeit. Der Vogel kann das. Warum kann er das? Sehen
Sie, der Vogel, der hat hier (Sonnenzustand) seine Luftgestalt bekom-
men ; er lebt dann den Wasserzustand durch. Jetzt hat er notig, das Mine-
ralische, wahrend er im Keim ist, nicht zu stark an sich herankommen
zu lassen. Denn wenn zu friih dieses Mineral an ihn herankommt, dann
wird er eben ein Mineral, dann verhartet er. Der Vogel ist also jetzt,
wahrend er entsteht, noch gewissermafien wasserig und flussig; das
Mineralische will aber schon heran. Was tut der Vogel? Ja, er weist
es zunachst ab, er macht es um sich herum: er macht um sich herum die
Eischale! Da ist das Mineralische. Die Eischale bleibt so lange, als der
Vogel innerlich das Mineralische von sich fernhalten mufi, also flussig
bleiben mufi. Woher kommt das beim Vogel? Das kommt beim Vogel
daher, dafi er erst entstanden ist beim zweiten Zustand der Erde. Ware
er beim ersten dagewesen, so ware er gegen die Warme viel empfind-
licher, als er es schon ist. Er ist gegen die Warme nicht so empfindlich,
weil er wahrend des ersten Warmezustandes noch nicht da war. Jetzt
kann er dadurch, daft er damals noch nicht da war, die feste Eischale
um sich herum bilden.
Der Mensch war wahrend des ersten Warmezustandes schon da und
kann daher das Mineral nicht abhalten, solange er im Keimzustande
ist; er kann keine Eischale bilden. Daher mufi er anders organisiert
werden. Er mufi etwas Mineralisches schon aus dem Mutterleibe auf-
nehmen; deshalb haben wir die Mineralbildung schon am Ende des
Keimzustandes da. Er muft aus dem Mutterleib etwas Mineralisches
aufsaugen. Da muft aber doch erst der Mutterleib das Mineral haben,
das sich absondern kann. Es mufi sich also beim Menschen das Minera-
lische ganz anders eingliedern als beim Vogel. Der Vogel hat luft-
durchsetzte Knochen, wir haben markdurchsetzte Knochen. Wir haben
Mark in den Knochen - ganz anders als der Vogel, nicht luftdurchsetzt
wie der Vogel. Dadurch, dafi wir solches Mark haben, dadurch hat die
Mutter eines Menschen die Moglichkeit, innerlich schon Mineralisches
an den Menschen abzugeben. Aber in der Zeit, in der nun Mineralisches
abgegeben wird, kann der Mensch nicht mehr leben in der mutterlichen
Umgebung; da mufi er nach und nach geboren werden. Da mufi er erst
dann herankommen an das Mineralische. Beim Vogel haben wir das
Geborenwerden nicht, sondern ein Auskriechen aus der Eischale - beim
Menschen das Geborenwerden, ohne dafi eine Eischale auftritt. Wa-
rum? Weil der Mensch eben friiher entstanden ist, so kann bei ihm alles
durch Warme und nicht durch Luft abgemacht werden.
Sie sehen daraus diesen Unterschied, der heute noch da ist, den man
heute noch beobachten kann, den Unterschied zwischen einem Ei-Tier
und einem solchen Wesen, das wie der Mensch ist oder auch wie die
hoheren Saugetiere. Dieser Unterschied beruht darauf, daft der Mensch
viel alter ist als zum Beispiel das Vogelgeschlecht, vor alien Dingen
viel alter ist als die Mineralien. Daher mufi er vor der Mineralnatur,
wenn er noch ganz jung ist, wahrend seiner Keimzeit im Mutterleib
geschiitzt werden, und es darf ihm nur das zubereitete Mineralische ge-
geben werden, was durch den mutterlichen Leib kommt. Ja, es mufi
ihm sogar noch dasjenige, was durch den mutterlichen Leib zubereitet
wird an Mineralischem, nach der Geburt eine Zeitlang verabreicht
werden in der Muttermilch! Wahrend der Vogel gleich geatzt werden
kann mit aufteren Stoffen, mufi der Mensch und das hohere Tier ge-
nahrt werden mit demjenigen, was auch nur durch den mutterlichen
Leib kommt.
Und nun ist die Sache so: Dasjenige, was im heutigen Erdenzustand
der Mensch hat durch den mutterlichen Leib, das hatte er durch die
Luft, durch die Umgebung wahrend des friiheren Zustandes. Da war
einfach dasjenige, was der Mensch das ganze Leben hindurch urn sich
hatte, milchartig. Heute ist unsere aufiere Luft so, dafi sie Sauerstoff Tafeli
und Stickstoff enthalt und verhaltnismafiig nur wenig Kohlenstoff und
Wasserstoff, und vor alien Dingen sehr, sehr wenig Schwefel. Die sind
weggegangen. Wie noch dieser Zustand da war (Mondenzustand), da
war es anders; da war in der Umgebung nicht blofi eine Luft, die aus
Sauerstoff und Stickstoff bestand, sondern dawaren noch dabei Wasser-
stoff und Kohlenstoff und Schwefel. Das gab aber einen Milchbrei
um den Mond herum, um diesen alten Mond, einen ganz diinnen Milch-
brei, in dem gelebt wurde. Aber in einem diinnen Milchbrei lebt der
Mensch auch heute noch, wenn er ungeboren ist! Denn nachher erst
geht, wenn der Mensch geboren ist, die Milch in die Brust herein; vor-
her geht sie in dem weiblichen Korper in diejenigen Teile hinein, wo
der Menschenkeim liegt. Und das ist das Eigentiimliche, dafi diejenigen
Vorgange, die im mutterlichen Organismus vor der Geburt nach der
Gebarmutter hingehen, nachher weiter herauf in die Briiste gehen. Und
so haben wir heute noch beim Menschen den Mondzustand erhalten,
bevor er geboren wird, und den eigentlichen Erdenzustand von dem
Moment an, wo der Mensch geboren wird, wo nur noch das Monden-
hafte in der Milchernahrung etwas nachdammert.
So mufi man eigentlich die Dinge, die mit der Erdenentstehung und
der Menschenentstehung zusammenhangen, erklaren. Und es kann der
Mensch heute, wenn er nicht an eine Geisteswissenschaft herandringt,
sich gar nicht entratseln, warum der Vogel aus einem Ei ausschliipft
und gleich mit aufieren Stoffen genahrt werden kann, wahrend der
Mensch nicht aus einem Ei ausschliipfen kann, sondern aus dem mutter-
lichen Leibe selber kommen mufi und noch mit Muttermilch genahrt
werden mufi. Warum? Ja, weil der Vogel spater entstanden ist; er ist
also ein aufierliches Wesen. Der Mensch ist friiher entstanden und war,
als dieser Zustand da war, eigentlich noch nicht so weit verhartet, als
der Vogel es ist. Daher ist er auch heute noch nicht so weit verhartet,
mufi noch mehr geschutzt werden, hat noch viel mehr von urspriing-
lichen Zustanden in sich.
Sehen Sie, weil man iiber so etwas heute uberhaupt nicht mehr
richtig nachdenken kann, mifiversteht man dasjenige, was als Pflan-
zen, Tiere und Menschen auf der Erde ist. Da ist der materialistische
Darwinismus entstanden, der glaubte, zuerst waren die Tiere dage-
wesen und dann der Mensch - der hatte sich einfach aus den Tieren
entwickelt. Wahr ist an der Sache, daft der Mensch mit den Tieren
verwandt ist seiner aufteren Gestalt nach. Aber der Mensch war
friiher da und das Tier hat sich eigentlich spater herausgebildet, als
schon ein Verwandlungszustand in der Welt da war. Und so konnen
wir sagen: Die Tiere stellen schon dar einen Zustand von Nachkom-
menschaft dessen, was friiher da war, wo das Tier noch verwandter
war mit dem Menschen. Aber wir diirfen uns niemals vorstellen, daft
aus den heutigen Tieren heraus Menschen werden konnen. Das ist eben
eine durchaus falsche Vorstellung.
Nun, schauen wir uns jetzt nicht das Vogelgeschlecht an, sondern
schauen wir uns das Fischgeschlecht an. Das Vogelgeschlecht war fur
die Luft entstanden, das Fischgeschlecht, das ist fiirs Wasser entstan-
den. Erst als dieser Zustand da war, den ich da den Mondenzustand
nenne, erst da bildeten sich gewisse friihere luftartige Vogelwesen so
um, daft sie durch das Wasser fischahnlich wurden. So also kamen
Tafel i zu dem, was hier (auf die Zeichnung deutend) vogelartig war, die Fische
recht" dazu. Die Fische sind, ich mochte sagen, verwasserte Vogel, vom Was-
ser aufgenommene Vogel. Wir konnen daraus ablesen, daft die Fische
spater entstanden sind wie die Vogel; sie sind erst entstanden, als schon
das wasserige Element da war. Die Fische entstehen also wahrend der
alten Mondenzeit.
Und jetzt werden Sie sich auch gar nicht mehr verwundern: Was
iiberhaupt da wasserig herumschwamm wahrend der alten Monden-
zeit, das schaute alles fischahnlich aus. Die Vogel schauten ja friiher
auch, trotzdem sie in der Luft flogen, fischahnlich aus, nur daft sie
eben leichter waren. Und alles schaute fischahnlich aus in der alten
Mondenzeit. Und nun ist es interessant, meine Herren, wenn wir heute
einen Menschenkeim anschauen, so am einundzwanzigsten, zweiund-
zwanzigsten Tage nach der Befruchtung - wie schaut er denn da aus?
Tafel i Da schwimmt er in diesem Wasserigen drinnen, das im Mutterleibe ist,
und ausschauen tut er namlich dann so (es wird gezeichnet): richtig wie
ein kleines Fischlein! Diese Gestalt, die der Mensch richtig hatte wah-
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rend der Mondenzeit, die hat er da noch in der dritten Woche der
Schwangerschaft; die hat er sich bewahrt.
So dafi Sie also sagen konnen: Der Mensch arbeitet sich erst heraus
aus dieser alten Mondgestalt, und wir konnen es heute noch an dieser
Fischgestalt sehen, die er im Mutterleibe hat, wie er sich da heraus-
arbeitet. Oberall, wenn wir die heutige Welt beobachten, konnen wir
sehen, wie das friihere Leben war - so wie wir wissen, dafi bei einem
Leichnam das friihere Leben da war. So schilderte ich Ihnen ja heute
dasjenige, was mineralisch auf der Erde entstanden ist, wie es friiher
war. Geradeso wie wir beim Leichnam sehen: er kann die Beine nicht
mehr bewegen, die Hande nicht mehr bewegen, der Mund kann nicht
mehr aufgemacht werden, die Augen nicht mehr aufgeschlagen werden,
es ist alles unbeweglich geworden - das fiihrt uns aber zuriick in einen
Zustand, wo alles beweglich war, die Beine beweglich, die Arme be-
weglich, die Hande beweglich, die Augen konnten aufgetan werden -,
geradeso schauen wir hier auf einen Erdenleichnam, der iibrig ist von
einem Lebendigen, in dem die Menschen noch herumwandeln und die
Tiere, und wir schauen zuriick, wie die ganze Erde einmal lebendig
war.
Aber es geht noch weiter, meine Herren. Sehen Sie, ich sagte Ihnen:
Wenn die Empfangnis da ist, so ist die Anlage zum physischen Men-
schen da, so bildet sich allmahlich der Embryo. Was dem vorangeht,
das habe ich Ihnen geschildert: Alles, was im weiblichen Organismus
vorgeht, was sich in der Periode abstofit, was aber im Geiste auch zu
einem Ausstofien wird. Ja, bei diesem Vorgang ist immer etwas - wenn
es auch bei gesunden Frauen nicht bemerkbar wird, wenn sie sich auch
aufrecht erhalten, wenn sie gesunde Frauen sind -, aber es ist immer
etwas von Fieber vorhanden, richtig etwas von Fieber vorhanden.
Warum denn? Ja, weil ja ein Warmezustand da ist; da lebt die Frau
in der Warme. Was ist das fur ein Warmezustand?
Das ist derjenige Warmezustand, der sich erhalten hat von diesem
alten ersten Zustand, den ich hier Saturn genannt habe! Da lebt noch die-
ser Fieberzustand fort. So dafi wir sagen konnen: Diese ganze Entwik-
kelung ging aus von einer Art Fieberzustand unserer Erde, und die Ab-
kuhlung, die brachte erst dieses Fieber fort. Heute sind die meisten Men-
schen durchaus nicht mehr fiebrig, sondern recht trocken und niichtern.
Aber wenn noch etwas, jetzt nicht durch auflere Warme, aber innerlich
auftritt, so dafi wir mehr ahnlich werden einem inneren Leben, wie es
in der Warme ist, wenn da innerlich durch die Warme etwas auftritt,
dann kommen wir auch noch ins Fiebrige hinein.
Und so ist es schon, meine Herren: Man sieht iiberall noch an den
Zustanden des heutigen Menschen, wie man zuriickgehen kann in alte
Zustande. Und so habe ich Ihnen also heute geschildert, wie nach und
nach sich entwickelte Mensch, Tier, Pflanze, Mineral, indem der Wel-
tenkbrper, auf dem sich das entwickelte, immer fester und fester wird.
Das wollen wir dann - heute ist Montag - am nachsten Mittwoch um
neun Uhr weiter besprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach,3.Julil924
Guten Morgen, meine Herren! Nun will ich heute weiterreden iiber
Erdenschopfung, Menschenentstehung und so weiter. Es ist Ihnen ja
wohl klargeworden aus dem, was ich Ihnen'gesagt habe, daft unsere
ganze Erde urspriinglich nicht so war, wie sie sich heute darstellt, wie
sie heute ist, sondern sie war eine Art von Lebewesen. Und wir haben
ja den vorletzten Zustand vor dem eigentlich irdischen Zustand, den
wir besprochen haben, dadurch kennengelernt, daft wir sagen muftten:
Warme war da, Luft war da, Wasser war auch da; aber es war noch
nicht eigentliche feste mineralische Erdenmasse da. Nur mussen Sie
sich nicht vorstellen, daft das Wasser, das dazumal da war, schon so
aussah wie das heutige Wasser. Das heutige Wasser ist ja erst so gewor-
den dadurch, daft diejenigen Stoffe, die vorher im Wasser aufgelost
waren, sich aus dem Wasser heraus abgeschieden haben. Wenn Sie heute
nur ein ganz gewohnliches Glas Wasser nehmen, etwas Salz hineinge-
ben, so lost sich das Salz im Wasser auf; Sie bekommen eine Fliissig-
keit, eine Salzlosung, wie man sagt, die viel dicker ist als das Wasser.
Wenn Sie hineingreifen, spiiren Sie die Salzlosung viel dichter als das
Wasser. Nun ist aufgelostes Salz verhaltnismaftig noch diinn. Es kon-
nen auch andere Stoffe aufgelost werden; dann kriegt man eine ganz
dickliche Fliissigkeit. So daft also dieser Fliissigkeits-, dieser Wasser-
zustand, der einmal auf unserer Erde in friiheren Zeiten da war, nicht
heutiges Wasser darstellt. Das gab es uberhaupt dazumal nicht, da in
alien Wassern Stoffe aufgelost waren. Denken Sie doch: Alles dasjenige,
was Sie in heutigen Stoffen drinnen haben, das Jurakalkgebirge zum
Beispiel, das war aufgelost dadrinnen; alles dasjenige, was Sie in har-
teren Gesteinen haben, die Sie nicht mit dem Messer ritzen konnen -
Kalk konnen Sie immer noch ritzen mit dem Stahlmesser -, das war
auch aufgelost im Wasser. Man hat es also wahrend dieser alten Mon-
denzeit mit einer dicklichen Fliissigkeit zu tun, in der alle Stoffe, die
heute fest sind, aufgelost enthalten waren.
Das heutige diinne Wasser, das im wesentlichen aus Wasserstoff und
Sauerstoff besteht, das hat sich erst spater abgeschieden. Das ist erst
entstanden wahrend der Erdenzeit selber. So dafi wir also einen ur-
spriinglichen Zustand der Erde haben, der ein verdicklicht Fliissiges
darstellt. Und ringsherum haben wir dann auch eine Art von Luft,
aber wir haben keine solche Luft gehabt wie heute. Gerade wie das
Wasser nicht so ausgeschaut hat wie unser heutiges Wasser, so war auch
die Luft nicht so wie unsere heutige. Unsere heutige Luft enthalt ja im
wesentlichen Sauerstoff und Stickstoff. Die anderen Stoffe, die die
Luft noch enthalt, sind in sehr geringer Menge noch vorhanden. Es sind
sogar Metalle als Metalle eigentlich noch in der Luft vorhanden, aber
in furchtbar geringen Mengen. Sehen Sie, es ist zum Beispiel ein Metall,
das Natrium heifit, in geringen Mengen in der Luft enthalten; iiberall,
wo wir sind, ist das Natriummetall. Nun denken Sie aber doch, was
das heifit, dafi Natrium iiberall ist, das heiftt, daft der eine Stoff, der
in Ihrem Salz ist, wenn Sie auf dem Tisch Salz haben, in kleinen Men-
gen iiberall vorhanden ist.
Sehen Sie, es gibt zwei Stoffe - das eine ist dieser Stoff, den ich
Tafel2 Ihnen jetzt angefiihrt habe, das Natrium, das in ganz kleiner Menge
iiberall in der Luft vorhanden ist; und dann gibt es einen Stoff, der gas-
formig ist, und der spielt besonders eine grofie Rolle, wenn Sie Ihre
Wasche bleichen: das ist das Chlor. Das bewirkt das Bleichen. Nun,
sehen Sie, das Salz, das Sie auf dem Tisch haben, das besteht aus die-
sem Natrium und aus dem Chlor, ist aus diesen zusammengesetzt. So
kommen die Dinge in der Natur zustande.
Sie konnen fragen: Ja, wie weifi man, daf5 Natrium iiberall ist? -
Ja, sehen Sie, es gibt heute schon die Moglichkeit, wenn man irgendwo
eine Flamme hat, nachzuweisen, was fiir ein Stoff in dieser Flamme
verbrennt. Wenn Sie zum Beispiel, sagen wir, dieses Natrium, das man
metallisch kriegen kann, pulverisieren und in eine Flamme hineinhal-
ten, so konnen Sie dann mit einem Instrument, das man das Spek-
troskop nennt, eine gelbe Linie darinnen finden. Es gibt zum Beispiel
ein anderes Metall, das heifk Lithium; wenn Sie das in die Flamme hin-
einhalten, so bekommen Sie eine rote Linie; da ist die gelbe nicht da,
da ist die rote Linie da. Man kann also schon nachweisen mit dem Spek-
troskop, was fiir ein Stoff irgendwo vorhanden ist. Die gelbe Natrium-
linie bekommen Sie fast aus jeder Flamme; das heiftt, wenn Sie irgend-
wo, ohne daft Sie Natrium hineintun, eine Flamme anziinden, so krie-
gen Sie da die Natriumlinie in jeder Flamme. Also dieses Natrium ist
heute noch in einer Flamme. Aber von alien diesen Metallen, nament-
lich aber vom Schwefel, waren friiher riesige Mengen hier in der Luft
vorhanden. So daft die Luft in jenem alten Zustand sozusagen hochst
schwefelhaltig war, ganz ausgeschwefelt war. Wie wir also ein dick-
liches Wasser haben - wenn man nicht besonders schwer gewesen
ware, hatte man spazieren gehen konnen auf diesem Wasser; es ist so
wie rinnender Teer zuweilen gewesen so ist die Luft auch dicker ge-
wesen, so dick, daft man mit den heutigen Lungen darin nicht hatte
atmen konnen. Die Lungen haben sich aber erst spater gebildet. Die
Lebensweise derjenigen Wesen, die dazumal da waren, war eine we-
sentlich andere.
Tafel2
Nun, so miissen Sie sich vorstellen, daft die Erde einmal ausgesehen
hat. Hatten Sie sich mit heutigen Augen auf dieser Erde befunden, dann
wiirden Sie auch nicht auf eine solche Ansicht gekommen sein, daft
da drauften Sterne sind, Sonne und Mond sind; denn die Sterne hatten
Sie nicht gesehen, sondern Sie hatten eben in ein unbestimmtes Luft-
meer hineingeschaut, das aufgehort hatte nach einiger Zeit. Man ware
sozusagen, wenn man dazumal mit den heutigen Sinnesorganen hatte
leben konnen, wie in einem Weltenei drinnen gewesen, iiber das man
nicht hinausgesehen hatte. Wie in einem Weltenei drinnen ware man
gewesen! Und Sie konnen sich schon vorstellen, daft dann auch die
Erde dazumal anders ausgesehen hat: ganz ausgefiillt mit einem riesigen
Eidotter, einer dicklichen Fliissigkeit, und mit einer ganz dicklichen
Luftumgebung — das ist das, was heute das Eiweifi im Ei darstellt.
Wenn Sie sich das ganz real vorstellen, was ich Ihnen da schildere,
so werden Sie sich sagen miissen: Ja, dazumal konnten solche Wesen
nicht leben, wie es die heutigen Wesen sind. Denn, natiirlich, solche
Wesen, wie die heutigen Elefanten und dergleichen, aber auch Men-
schen in der heutigen Gestalt, die waren da sozusagen versunken;
aufierdem hatten sie nicht atmen konnen. Und weil sie da nicht hatten
atmen konnen, haben sie ja auch nicht Lungen in der heutigen Gestalt
gehabt. Diese Organe bilden sich ganz in dem Sinne, wie sie gebraucht
werden. Das ist das Interessante, dafi ein Organ gar nicht da ist, wenn
es nicht gebraucht wird. Also Lungen haben sich erst in dem Mafie
entwickelt, in dem die Luft nicht mehr so schwefelhaltig und metall-
reich war, wie sie in dieser alten Zeit war.
Nun, wenn wir uns eine Vorstellung bilden wollen, was fiir Wesen
dazumal gelebt haben, dann miissen wir zuerst diejenigen Wesen auf-
suchen, welche in dem dicklichen Wasser gelebt haben. In diesem
dicklichen Wasser haben Wesen gelebt, die heute nicht mehr existieren.
Nicht wahr, wenn wir heute von unserer gegenwartigen Fischform
reden, so ist diese Fischform da, weil das Wasser dunn ist. Auch das
Meerwasser ist ja verhaltnismafiig dunn; es enthalt viel Salz aufgelost,
aber es ist doch verhaltnismafiig dunn. Nun, dazumal war alles mog-
liche in dieser dicklichen Fliissigkeit, in diesem dicklichen Meere, aus
dem eigentlich die ganze Erde, der Mondensack bestanden hat, aufge-
lost. Die Wesen, die darinnen waren, die konnten nicht schwimmen,
wie die heutigen Fische schwimmen, weil eben das Wasser zu dick war;
aber sie konnten auch nicht gehen, denn gehen mufi man auf einem
festen Boden. Und so konnen Sie sich vorstellen, dafi diese Wesen eine
Organisation hatten, einen Korperbau hatten, der zwischen dem, was
man braucht zum Schwimmen: Flossen, und dem, was man braucht
zum Gehen: Fiifie, mitten drinnen liegt. Sehen Sie, wenn Sie Flossen
haben - Sie wissen ja, wie Flossen ausschauen -, die haben solche stache-
Tafd2 lige, ganz diinne Knochen (es wird gezeichnet), und dasjenige, was da-
zwischen ist an Fleischmasse, das ist vertrocknet. So dafi wir eine
Flosse haben mit fast gar keiner Fleischmasse daran, mit stacheligen,
zu Stacheln umgebildete Knochen - das ist eine Flosse. Gliedmafien, die
dazu dienen, auf Festem sich fortzubewegen, also zu gehen oder zu
kriechen, die lassen die Knochen ins Innere zuriicktreten und die
Fleischmasse bedeckt sie aufierlich. So dafi wir solche Gliedmafien eben
so auffassen konnen, dafi sie Fleischmasse aufien haben, die Knochen
nur im Inneren; da ist die Fleischmasse das Hauptsachlichste. Das (es
wird auf die Zeichnung verwiesen) gehort zum Gehen, das gehort zum Tafel2
Schwimmen. Aber weder Gehen noch Schwimmen gab es dazumal,
sondern etwas, was dazwischen liegt. Daher hatten diese Tiere auch
Gliedmafien, in denen schon so etwas wie Stacheliges war, aber nicht
der reine Stachel, sondern so, daft schon vorhanden war so etwas wie
Gelenke. Es waren Gelenke, sogar ganz kiinstliche Gelenke; dazwischen
war aber ausgespannt Fleischmasse wie ein Schirm. Wenn Sie heute
noch manche Schwimmtiere anschauen, mit der Schwimmhaut zwi-
schen den Knochen, dann ist das der letzte Rest dessen, was einstmals
in hochstem Mafie vorhanden war. Da waren Tiere vorhanden, welche
ihre Gliedmafien eben so ausstreckten, dafi sie mit der Fleischmasse,
die da ausgespannt war, getragen wurden von der dicklichen Flussig-
keit. Und sie hatten schon Gelenke an den Gliedern - nicht so wie die
Fische heute, wo man keine Gelenke sieht — , sie hatten Gelenke. Da-
durch konnten sie ihr halbes Schwimmen und ihr halbes Gehen diri-
gieren.
So, sehen Sie, werden wir aufmerksam gemacht auf Tiere, welche
in der Hauptsache solche Gliedmaften brauchen. Uns wurden sie heute
riesig plump vorkommen, diese Gliedmafien: sie sind nicht Flossen,
nicht Fufie, nicht Hande, sondern plumpe Ansatze an dem Leib, aber
ganz geeignet, in dieser dicklichen Fliissigkeit zu leben. Das war die
eine Art von Tieren. Wenn wir sie weiter beschreiben wollen, so miis-
sen wir sagen: Diese Tiere waren ganz darauf veranlagt, den Korper
so auszubilden, dafi diese Riesengliedmafien entstehen konnten. Alles
iibrige war schwach ausgebildet bei diesen Tieren. Sehen Sie, dasjenige,
was heute noch vorhanden ist an Kroten oder an solchen Tieren, die
im Sumpfigen, also Dicklich-Fliissigen schwimmen, wenn Sie das neh-
men, so haben Sie eben schwache, verkiimmerte zaghafte Nachbildun-
gen von Riesentieren, die einmal gelebt haben, die plump waren, aber
verkleinerte Kopfe hatten wie die Schildkrb'te.
Und in der verdicklichten Luft lebten andere Tiere. Unsere heutigen
Vogel haben ja dasjenige annehmen miissen, was sie brauchen, weil sie
eben in der diinnen Luft leben; daher muftten sie schon etwas von Lun-
gen ausbilden. Aber die Tiere, die dazumal lebten in der Luft, die
hatten keine Lungen, denn in dieser verdicklichten, schwefeligen Luft
ging es nicht, mit Lungen zu atmen. Aber sie nahmen doch diese Luft
auf, und sie nahmen sie so auf, daft es eine Art von Essen war. Diese
Tiere konnten nicht in der heutigen Weise essen, denn es ware ihnen
alles im Magen liegengeblieben. Es war ja auch nichts Festes da zum
Essen. Sie nahmen alles das, was sie aufnahmen an Nahrung, aus der
verdicklichten Luft auf. Aber wo hinein nahmen sie es auf? Sehen Sie,
sie nahmen es auf in dasjenige, was sich in ihnen wieder besonders aus-
gebildet hat.
Nun, diese Fleischmasse, die da vorhanden war an diesen Schwimm-
tieren dazumal, an diesen, ich mochte sagen, Gleittieren - denn es war
ja nicht ein Gehen, war ja nicht ein Schwimmen -, diese Fleischmasse,
die konnten wieder die damaligen Lufttiere nicht brauchen, weil sie
ja nicht in der verdicklichten Fliissigkeit schwimmen, sondern in der
Luft sich selber tragen sollten. Dieser Umstand, daft sie sich in der
Luft selber tragen sollten, der bewirkte da bei diesen Tieren, daft diese
Fleischmasse, die sich bei den gleitenden, halb schwimmenden Tieren
entwickelte, sich anpaftte den Schwefelverhaltnissen der Luft. Der
Schwefel vertrocknete diese Fleischmasse und machte sie zu dem, was
Sie heute an den Federn sehen. An den Federn ist diese vertrocknete
Fleischmasse; es ist ja auch vertrocknetes Gewebe. Aber mit diesem
vertrockneten Gewebe konnten diese Tiere wiederum diejenigen Glied-
mafien bilden, die sie brauchten. Es waren nun auch nicht im heutigen
Sinne Fliigel, aber die trugen sie in dieser Luft; sie waren schon fliigel-
ahnlich, aber nicht ganz so wie heutige Fliigel. Vor alien Dingen waren
sie in einem sehr, sehr voneinander verschieden. Sehen Sie, heute ist
ja nur etwas noch zuriickgeblieben von dem, was dazumal diese merk-
wiirdigen, fliigelahnlichen Gebilde hatten: heute ist nur zuriickgeblie-
ben das Mausern, wo die Vogel ihre Federn verlieren. Diese Gebilde
also, die noch nicht Federn waren, aber die mehr die vertrockneten
Gewebe ausbildeten, mit denen dann diese Tiere sich in der verdick-
lichten Luft erhielten - diese Gebilde waren eigentlich halb Atmungs-
organe, halb Organe zur Aufnahme der Nahrungsmittel. Es wurde
dasjenige, was in der Luftumgebung war, aufgenommen. Und so war
ein jedes solches Organ, namentlich diejenigen Organe, die nicht zum
Fliegen benutzt wurden, die aber auch da waren in ihren Ansatzen,
wie der Vogel am ganzen Leib Federn hat. Diese Fliigel waren zur
Aufnahme der Luft und zum Abscheiden der Luft da. Heute ist davon
nur das Mausern zuriickgeblieben. Dazumal wurde aber damit ge-
nahrt, das heiflt der Vogel plusterte sein Gewebe auf mit dem, was
er hereinsog von der Luft, und dann wiederum gab er das von sich,
was er nicht mehr brauchte, so dafi ein solcher Vogel schon ein sehr
merkwurdiges Gebilde war.
Sehen Sie, in der damaligen Zeit lebten da unten diese furchtbar
plumpen Wassertiere - die heutigen Schildkroten sind schon die rein-
sten Prinzen dagegen; diese Tiere da unten, die waren im flussigen
Element. Da oben waren diese merkwiirdigen Tiere. Und wahrend
sich die heutigen Vogel da oben in der Luft manchmal unanstandig
benehmen - was wir ihnen schon iibelnehmen, nicht wahr -, haben
diese vogelartigen Tiere fortwahrend abgeschieden. Und dasjenige, was
von ihnen kam, regnete herunter. Besonders in gewissen Zeiten regnete
es herunter. Aber die Tiere, die unten waren, die hatten ja noch nicht
diese Gewohnheiten, die wir haben; wir sind gleich schrecklich unge-
halten, wenn einmal ein Vogel sich etwas unanstandig benimmt. So
waren diese Tiere, die da unten in dem flussigen Element waren, nicht;
sondern die sogen wiederum auf — in ihren eigenen Korper sogen sie
auf dasjenige, was da herunterfiel. Und das war aber zugleich die Be-
fruchtung dazumal. Dadurch konnten diese Tiere, die da entstanden
waren, iiberhaupt nur weiterleben, daft sie das aufnahmen; nur da-
durch konnten sie weiterleben. Und wir haben dazumal nicht so aus-
gesprochen ein Hervorgehen des einen Tieres aus dem anderen gehabt
wie jetzt, sondern man mochte sagen, dazumal war es noch so, dafi
eigentlich diese Tiere lange lebten; sie bildeten sich immer wiederum
neu. Es war so ein Weltenmausern, mochte ich sagen; sie verjiingten
sich immer wiederum, diese Tiere da unten. Dagegen die Tiere, die oben
waren, die wiederum waren darauf angewiesen, dafi zu ihnen dasjenige
kam, was die Tiere unten entwickelten, und dadurch wurden diese wie-
derum befruchtet. So dafi die Fortpflanzung dazumal etwas war, was
im ganzen Erdenkorper vor sich ging. Die obere Welt befruchtete die
untere, die untere Welt befruchtete die obere. Es war iiberhaupt ein
ganzer belebter Korper. Und ich mochte sagen: Dasjenige, was da an
solchen Tieren da unten und an Tieren da oben war, war wie die Maden
in einem Korper drinnen, wo auch der ganze Korper lebendig ist und
die Maden darinnen auch lebendig sind. Es war also ein Leben und die
einzelnen Wesen, die drinnen lebten, lebten in einem ganzen lebendigen
Korper drinnen.
Spater aber ist einmal ein Zustand, ein Ereignis gekommen, das
von ganz besonderer Wichtigkeit war. Diese Geschichte hatte namlich
lange fortgehen konnen; da ware aber alles nicht so geworden, wie es
jetzt auf der Erde ist. Da ware alles so geblieben, dafi plumpe Tiere
mit luftfahigen Tieren zusammen einen lebendigen Erdenkorper be-
wohnt hatten. Aber es ist eines Tages eben etwas Besonderes einge-
treten. Sehen Sie, wenn wir diese lebendige Bildung der Erde da neh-
men (siehe Zeichnung), so trat das ein, dafi sich eines Tages von die-
ser Erde wirklich, man kann schon sagen, ein Junges bildete, das in
den Weltenraum herausging. Diese Sache geschah so, dafi da ein
kleiner Auswuchs entstand; das verkummerte da und spaltete sich
zum Schlufi ab. Und es entstand statt dem da hier ein Korper draufien
im Weltenraum, der das Luftformige, das da in der Umgebung ist,
innerlich hatte, und auften die dickliche Fliissigkeit hatte. Also ein
umgekehrter Korper spaltete sich ab. Wahrend die Mondenerde dabei
blieb, ihren innerlichen Kern dickfliissig zu haben, aufien dickliche
Luft zu haben, spaltete sich ein Korper ab, der auften das Dickliche
hat und innen das Dunne. Und in diesem Korper kann man, wenn
man nicht mit Vorurteil, sondern mit richtiger Untersuchung an die
Sache herangeht, den heutigen Mond erkennen. Heute kann man schon
ganz genau wissen, so wie man zum Beispiel das Natrium in der Luft
finden kann, aus was die Luft besteht. So kann man ganz genau wis-
sen: Der Mond war einmal in der Erde drinnen! Was da draufien als
Mond herumkreist, war in der Erde drinnen und hat sich von ihr ab-
getrennt, ist hinausgegangen in den Weltenraum.
Und damit ist dann aber eine ganze Veranderung eingetreten sowohl
mit der Erde wie mit demjenigen, was hinausgegangen ist. Vor alien
Dingen: Die Erde hat da gewisse Substanzen verloren, und jetzt erst
konnte sich das Mineralische in der Erde bilden. Wenn die Monden-
substanzen in der Erde drinnen geblieben waren, so hatte sich nie-
mals das Mineralische bilden konnen, sondern es ware immer ein
Flussiges und Bewegtes gewesen. Erst der Mondenaustritt hat der Erde
den Tod gebracht und damit das Mineralreich, das tot ist. Aber damit
sind auch erst die heutigen Pf lanzen, die heutigen Tiere und der Mensch
in seiner heutigen Gestalt mb'glich geworden.
Nun konnen wir also sagen: Es ist aus dem alten Mondenzustand
der Erde der heutige Erdenzustand entstanden. Damit ist das Mineral-
reich entstanden. Und jetzt haben sich alle Formen andern miissen.
Denn jetzt ist eben gerade dadurch, daft der Mond herausgetreten ist,
die Luft weniger schwefelhaltig geworden, hat sich immer mehr und
mehr genahert dem heutigen Zustand in der Erde selber. So hat sich
auch abgesetzt dasjenige, was in der Fliissigkeit aufgelost war, und
gebirgsartige Einschlusse gebildet, und das Wasser wurde immer mehr
ahnlich unserem heutigen Wasser. Dagegen der Mond, der dasjenige
in der Umgebung hat, was wir in der Erde im Inneren haben, der bil-
dete nach aufien eine ganz hornartig dickliche Masse; auf die schauen
wir hinauf. Die ist nicht so wie unser Mineralreich, sondern die ist so,
wie wenn unser Mineralreich hornartig geworden ware und verglast
ware, auflerordentlich hart, harter als alles Hornartige, was wir auf
der Erde haben, aber doch nicht ganz mineralisch, sondern hornartig.
Daher diese eigentiimliche Gestalt der Mondberge. Diese Mondberge
sehen eigentlich ja alle so aus wie Horner, die angesetzt sind. Sie sind
so gebildet, dafi man das Organische darinnen, dasjenige, was einmal
mit dem Leben zusammenhing, eigentlich an ihnen wahrnehmen kann.
Nun, sehen Sie, es setzte sich also von diesem Zeitpunkt an, wo der
Mond hinausging, aus der damaligen dicklichen Flussigkeit immer mehr
und mehr das heutige Mineralreich ab. Da wirkte insbesondere ein
Stoff, der in diesen alten Zeiten riesig stark vorhanden war, ein Stoff,
der aus Kiesel und Sauerstoff besteht und den man Kieselsaure nennt.
Sehen Sie, Sie haben die Vorstellung, eine Saure mufi - weil das bei
einer heutigen Saure, die man verwendet, eben so ist -, eine Saure mufi
etwas Fliissiges sein. Aber die Saure, die eine richtige Saure ist und die
ich hier meine, die ist etwas ganz Festes! Das ist namlich der Quarz,
den Sie im Hochgebirge finden; denn der Quarz ist Kieselsaure. Und
wenn er weifilich und glasartig ist, so ist er sogar reine Kieselsaure;
wenn er irgendwelche andere Stoffe enthalt, dann bekommen Sie diese
Quarze, die violettlich und so weiter sind. Das ist von den Stoffen, die
drinnen eingeschlossen sind.
Aber dieser Quarz, der heute so dick ist, dafi Sie ihn nicht mit dem
Stahlmesser ritzen konnen, daft Sie sich schon ordentlicheLocher schla-
gen, wenn Sie sich ihn an den Kopf schlagen, dieser Quarz war dazu-
mal in jenen alten Zeiten ganz aufgelost - entweder aufgelost dadrin-
nen in der dicklichen Flussigkeit oder in den halbfeinen Partien in der
Umgebung, in der verdicklichten Luft aufgelost. Und man kann schon
sagen: Neben dem Schwefel waren riesige Mengen von solchem aufge-
lostem Quarz in der verdicklichten Luft, welche die damalige Erde
hatte. Sie konnen eine Vorstellung davon bekommen, wie stark dazu-
mal der Einfluft dieser aufgelosten Kieselsaure gewesen ist, wenn Sie
heute betrachten, wie eigentlich die Erde noch immer zusammengesetzt
ist blofi da, wo wir leben. Sie konnen ja naturlich sagen: Da mull viel
Sauerstoff da sein, denn den brauchen wir zum Atmen; viel Sauer-
stoff mufi auf der Erde sein. - Es ist auch viel Sauerstoff auf der Erde,
achtundzwanzig bis neunundzwanzig Prozent der gesamten Erden-
masse, die wir haben. Sie miissen dann nur alles nehmen. In der Luft
ist der Sauerstoff, in vielen Substanzen, die fest sind auf der Erde, ist
der Sauerstoff enthalten; der Sauerstoff ist in den Pflanzen, in den
Tieren. Aber wenn man alles zusammennimmt, so sind es achtund-
zwanzig Prozent. Aber Kiesel, der im Quarz drinnen mit dem Sauer-
stoff verbunden Kieselsaure gibt, Kiesel sind achtundvierzig bis neun-
undvierzig Prozent vorhanden! Denken Sie sich, was das heifk: Die
Halfte von alldem, was uns umgibt und was wir brauchen, fast die
Halfte ist Kiesel! Naturlich, wie alles fliissig war, die Luft fast fliissig
war, ehe sie sich verdickte - ja, da spielte dieser Kiesel eine Riesenrolle;
der bedeutete sehr viel in diesem urspriinglichen Zustande.
Man respektiert diese Dinge nicht ordentlich, weil man da, wo der
Mensch feiner organisiert ist, heute nicht mehr die richtige Vorstel-
lung vom Menschen hat. Heute stellen sich die Menschen grobklotzig
vor: Nun ja, wir atmen als Menschen; da atmen wir den Sauerstoff
ein, der bildet sich in uns zur Kohlensaure um, wir atmen die Kohlen-
saure aus. Schon. Gewift, wir atmen den Sauerstoff ein, wir atmen die
Kohlensaure aus. Wir konnten nicht leben, wenn wir nicht diese Atmung
hatten. Aber in der Luft, die wir doch einatmen, ist heute noch immer
Kiesel enthalten, richtiger Kiesel, und wir atmen immer ganz kleine
Mengen von Kiesel auch ein. Genug ist da vorhanden, denn achtund-
vierzig bis neunundvierzig Prozent Kiesel ist ja in unserer Umgebung.
Wahrend wir atmen, geht allerdings nach unten, nach dem Stoff-
wechsel, der Sauerstoff und verbindet sich mit dem Kohlenstoff; aber
er geht zugleich nach aufwarts zu den Sinnen und zu dem Gehirn, zum
Nervensystem — iiberall geht er hin. Da verbindet er sich mit dem Kie-
sel und bildet in uns Kieselsaure. So dafi wir sagen konnen: Wenn wir
da den Menschen haben (es wird gezeichnet), hier der Mensch seine Tafel3
Lungen hat, und er atmet nun Luft ein, so hat er hier Sauerstoff. Der
geht in ihn hinein. Und nach unten verbindet sich der Sauerstoff mit
dem Kohlenstoff und bildet Kohlensaure, die man dann wieder aus-
atmet; nach oben aber wird der Kiesel mit dem Sauerstoff verbunden
in uns, und es geht da in unseren Kopf hinauf Kieselsaure, die da in
unserem Kopf drinnen nicht gleich so dick wird wie der Quarz. Das
ware naturlich eine iible Geschichte, wenn da lauter Quarzkristalle
darinnen entstehen wiirden; da wiirden Ihnen statt der Haare gleich
Quarzkristalle herauswachsen - es konnte ja unter Umstanden ganz
schon und drollig sein! Aber sehen Sie, so ganz ohne ist das doch nicht,
denn die Haare, die Ihnen herauswachsen, haben namlich sehr viel
Kieselsaure in sich; da ist sie nur noch nicht kristallisiert, da ist sie
noch in einem fliissigen Zustand. Die Haare sind sehr kieselsaurehaltig.
Oberhaupt alles, was in den Nerven ist, was in den Sinnen ist, ist kie-
selsaurehaltig.
Dafi das so ist, meine Herren, darauf kommt man ja erst, wenn man
die wohltatige Heilwirkung der Kieselsaure kennenlernt. Die Kiesel-
saure ist ein ungeheuer wohltatiges Heilmittel. Sie miissen doch beden-
ken: Der Mensch mufi die Nahrungsmittel, die er durch den Mund in
seinen Magen aufnimmt, durch alle moglichen Zwischendinge fuhren,
bis sie in den Kopf hinaufkommen, bis sie zum Beispiel ans Auge, ans
Ohr herankommen. Das ist ein weiter Weg, den da die Nahrungsmittel
nehmen miissen; da brauchen sie Hilfskrafte, dafi sie da iiberhaupt
herauf kommen. Es konnte durchaus sein, dafi die Menschen diese Hilfs-
krafte zu wenig haben. Ja, viele Menschen haben zu wenig Hilfskrafte,
so daft die Nahrungsmittel nicht ordentlich in den Kopf herauf arbei-
ten. Dann, sehen Sie, mufi man ihnen Kieselsaure eingeben; die
befordert dann die Nahrungsmittel hinauf zu den Sinnen und in den
Kopf. Sobald man bemerkt, dafi der Mensch zwar die Magen- und
Darmverdauung ordentlich hat, daft aber diese Verdauung nicht bis
zu den Sinnen hingeht, nicht bis in den Kopf, nicht bis in die Haut
hineingeht, mufi man Kieselsaurepraparate als Heilmittel nehmen. Da
sieht man eben, was diese Kieselsaure heute noch fur eine ungeheure
Rolle im Menschen spielt.
Und diese Kieselsaure wurde ja dazumal, als die Erde in diesem
alten Zustande war, noch nicht geatmet, sondern sie wurde aufge-
nommen, aufgesogen. Namentlich diese vogelartigen Tiere nahmen
diese Kieselsaure auf. Neben dem Schwefel nahmen sie diese Kiesel-
saure auf . Und die Folge davon war, dafi diese Tiere eigentlich fast ganz
Sinnesorgan wurden. So wie wir unsere Sinnesorgane der Kieselsaure
verdanken, so verdankte dazumal iiberhaupt die Erde ihr vogelartiges
Geschlecht dem Wirken der Kieselsaure, die iiberall war. Und weii die
Kieselsaure an diese anderen Tiere mit den plumpen Gliedmaften, wah-
rend sie so hinglitten in der dicklichen Fliissigkeit, weniger herankam,
wurden diese Tiere vorzugsweise Magen- und Verdauungstiere. Da
oben waren also dazumal furchtbar nervose Tiere, die alles wahrneh-
men konnten, die eine feine, nervose Empfindung hatten. Diese Ur-
vogel waren ja furchtbar nervos. Dagegen was unten in der dicklichen
Fliissigkeit war, das war von einer riesigen Klugheit, aber auch von
einem riesigen Phlegmatismus; die spiirten gar nichts davon. Das waren
blofie Nahrungstiere, waren eigentlich nur ein Bauch mit plumpen
Gliedmafien. Die Vogel oben waren fein organisiert, waren fast ganz
Sinnesorgan. Und wirklich Sinnesorgane, die es machten, dafi die Erde
selber nicht nur wie belebt war, sondern alles empfand durch diese
Sinnesorgane, die herumflogen, die die damaligen Vorlaufer der Vogel
waren.
Ich erzahle Ihnen das, damit Sie sehen, wie ganz anders alles einmal
auf der Erde ausgesehen hat. Also alles das, was da aufgelost war, hat
sich dann in dem festen mineralischen Gebirge, in den Felsmassen ab-
geschieden, bildete eine Art von Knochengerust. Damit war aber auch
fiir den Menschen und fur die Tiere erst die Moglichkeit gegeben, feste
Knochen zu bilden. Denn wenn sich draufien das Knochengerust der
Erde bildete, bildeten sich im Inneren der hoheren Tiere und des Men-
schen die Knochen. Daher war alles dasjenige, was ich Ihnen hier ein-
gezeichnet habe, noch nicht da; es gab noch nicht solche feste Knochen,
wie wir sie heute haben, sondern das alles waren biegsame, hornartige,
knorpelige Dinge, wie es heute beim Fisch nur noch zuriickgeblieben
ist. Alle diese Dinge sind schon in einer gewissen Weise zuriickgeblie-
ben, sind aber dann verkummert, weil dazumal in alldem, was ich
Ihnen beschrieben habe, die Lebensbedingungen dazu da waren. Heute
sind fiir diese Dinge nicht mehr die Lebensbedingungen da. So daft wir
sagen konnen: In unseren heutigen Vogeln haben wir die fiir die Luft
umgewandelten Nachfolger dieses vogelartigen Geschlechtes, das da
oben in der schwefelhaltigen und kieselsaurehaltigen dicklichen Luft
war. Und in all demjenigen, was wir heute haben in den Amphibien,
in den Kriechtieren, in alldem, was Frosche- und Krotengeziicht ist,
aber auch in alldem, was Chamaleons, Schlangen und so weiter sind,
haben wir die Nachkommen desjenigen, was dazumal in der dicklichen
Fliissigkeit schwamm. Und die hoheren Saugetiere und der Mensch in
seiner heutigen Gestalt, die kamen ja erst spater dazu.
Nun kommt ein scheinbarer Widerspruch heraus, meine Herren. Das
letzte Mai sagte ich Ihnen: Der Mensch war zuerst da; aber er war
seelisch-geistig nur in der Warme da. Der Mensch war schon auch bei
alldem dabei, was ich Ihnen gezeigt habe, aber er war noch nicht als
physisches Wesen da, war in einem ganz feinen Korper da, in dem er
sich sowohl in der Luft wie in der dicklichen Fliissigkeit aufhalten
konnte. Sichtbarlich war er noch nicht da. Sichtbarlich waren auch
die hoheren Saugetiere noch nicht da, sondern sichtbarlich waren eben
diese plumpen Tiere da und waren diese luftigen, vogelartigen Tiere
da. Und das mufi man eben unterscheiden, wenn man sagt: Der Mensch
war schon da. Er war zuallererst da, wie nicht einmal die Luft da war,
aber er war in einem nicht sichtbaren Zustande da und war noch da-
mals, als die Erde so ausgeschaut hat, in einem nicht sichtbaren Zustande
da. Erst mufke sich der Mond von der Erde trennen, dann konnte der
Mensch auch in sich Mineralisches ablagern, ein mineralisches Knochen-
system bilden, konnte in den Muskeln solche Stoffe wie das Myosin
und so weiter absondern. Die waren dazumal noch nicht da. Und es
entstand der Mensch. Aber er hat eben doch heutzutage in seiner Kor-
perlichkeit durchaus die Erbschaft von diesem Friiheren erhalten.
Denn ohne Mondeneinfluft, der nur jetzt von aufien ist, nicht mehr
innere Erde, entsteht ja der Mensch nicht. Die Fortpflanzung hangt
schon mit dem Monde zusammen, nur nicht mehr direkt. Daher konnen
Sie auch sehen, dafi das, was mit der Fortpflanzung beim Menschen
zusammenhangt, die vierwochentliche Periode der Frau, in derselben
rhythmischen Periode verlauft wie die Mondenphasen, nur fallen sie
nicht mehr zusammen, haben sich voneinander emanzipiert. Aber das
ist geblieben, dafi dieser Mondeneinflufi durchaus tatig ist in der
menschlichen Fortpflanzung.
So konnen wir sagen: Wir haben die Fortpflanzung gefunden zwi-
schen den Wesen der verdicklichten Luft und denen der verdicklichten
Fliissigkeit, zwischen dem alten vogelahnlichen Geschlecht und den
alten Riesenamphibien. Die befruchteten sich gegenseitig, weil der
Mond noch drinnen war. Sofort, als der Mond draufien war, muftte die
Aufienbefruchtung eintreten. Denn im Monde liegt eben das Befruch-
tungsprinzip.
Nun, von diesen Gesichtspunkten aus wollen wir dann am nachsten
Samstag, wo wir die Stunde hoffentlich um neun Uhr haben konnen,
weiter fortsetzen. Die Frage von Herrn Dollinger ist eben eine, die
ausfuhrlich beantwortet werden mufi; wir werden aber schon zurecht-
kommen, wenn Sie Geduld haben, bis Sie die Gegenwart heraussprin-
gen sehen aus demjenigen, was allmahlich eigentlich geschieht. Es liegt
in der Frage, die eben schwer verstandlich ist. Aber ich glaube, man
kann die Sache, wenn man sie so anschaut, wie wir es getan haben,
schon verstehen.
DRITTER VORTRAG
Dornach,7.Julil924
Nun, meine Herren, Sie haben gesehen aus demjenigen, was wir be-
sprochen haben, daft eigentlich in unserer Erde ein Zustand vorliegt,
der nur der letzte Rest von vielem anderem ist, das wesentlich anders
ausgeschaut hat. Und wenn wir heute den friiheren Zustand der Erde
mit etwas vergleichen wollen, so konnen wir ihn eigentlich nur, wie
Sie gesehen haben, vergleichen mit demjenigen, was wir in einem Eikeim
haben. Wir haben heute in der Erde einen festen Kern aus allerlei Mine-
ralien und Metallen; wir haben ringsherum die Luft und haben in der
Luft zwei Stoffe, die uns vor alien Dingen auffallen, weil wir ohne
sie nicht leben konnen: den Sauerstoff und den Stickstoff. So daft wir
also sagen konnen: Wir haben in unserer Erde einen festen Erdenkern
mit alien moglichen Stoffen, siebzig bis achtzig Stoffen, und ringsher-
um die Lufthiille, vorzugsweise drinnen Stickstoff und Sauerstoff (es
TafeH wird gezeichnet).
Aber das ist ja nur, daft vorzugsweise drinnen sind Stickstoff und
Sauerstoff! Immer sind in der Luft auch andere Stoffe enthalten, nur
eben in sehr geringer Menge, unter anderem Kohlenstoff, Wasser-
stoff, Schwefel. Aber das sind ja auch die Stoffe, die zum Beispiel in
dem Weifien im Ei, im Weiften eines Hiihnereies enthalten sind: Sauer-
stoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und Schwefel! Die sind auch
im Weiften eines Hiihnereies enthalten. Der Unterschied ist bloft der,
daft in dem Weiften eines Hiihnereies, ich mochte sagen, der Schwefel,
der Wasserstoff, der Kohlenstoff mehr sich anschmiegen an den Sauer-
stoff und Stickstoff, wiihrend sie in der aufteren Luft viel loser vor-
handen sind. Also eigentlich ist doch dasselbe in der Luft vorhanden,
was in dem Hiihnerei drinnen enthalten ist. In ganz geringer Menge
sind auch dieselben Stoffe im Eidotter drinnen vorhanden. So daft wir
also sagen konnen, daft es, wenn es sich verhartet, verdichtet, zu dem
wird, was die Erde ist. Sie sehen also, man muft auf solche Dinge hin-
schauen, wenn man wissen will, wie es in der Welt einmal ausgesehen
hat.
Heute aber macht man die Sache auf eine ganz andere Art, und da-
mit Sie in der Beurteilung desjenigen, was ich Ihnen hier vorbringe,
nicht beirrt werden durch dasjenige, was eben allgemein anerkannt ist,
mochte ich Ihnen doch einiges von dem sagen, was allgemein aner-
kannt ist, und was dennoch durchaus iibereinstimmt mit demjenigen,
was ich sage. Man raufi es nur richtig betrachten. Sehen Sie, heute
denkt man ja nicht so, wie hier gedacht worden ist in den zwei letzten
Stunden, sondern heute denkt man so, dafi man sagt: Da haben wir
die Erde. Die Erde ist einmal mineralisch. Diese mineralische Erde, die
ist bequem zu untersuchen. Zunachst einmal untersuchen wir das-
jenige, was obenauf ist, was wir mit unseren Fiifien betreten. Dann
sehen wir da, wenn wir Steinbriiche machen, wenn wir die Erde auf-
schliefien, um Einschnitte zu machen beim Eisenbahnbau, wie gewisse
Schichten vorhanden sind in der Erde. Da ist die oberste Schicht, auf
die wir treten. Kommen wir irgendwo in die Tiefe hinein, dann finden
wir tieferliegende Schichten. Aber diese Schichten liegen nicht so iiber-
einander, dafi man sagen kann, sie haben sich so hiibsch iibereinander
aufgetiirmt, immer ist die eine viber der anderen -, sondern die Sache
ist ja so: Sehen Sie einmal, nehmen Sie an, da haben Sie eine solche
Schichte (siehe Zeichnung, rot); die ist nicht eben, diese Schichte, die
ist gebogen; eine andere Schichte ist darunter (griin), die ist auch ge-
bogen. Und jetzt kommt daniber diejenige Schichte, welche wir mit
den FiifSen betreten (weift). Solange wir, sagen wir, auf dieser Seite
Tafel 4
eines Berges Fuftganger bleiben, so lange sehen wir da oben diejenige
Schicht, die auch, wenn es gut geht, Ackererde werden kann, wenn wir
die entsprechende Diingungsmethode und so weiter finden. Wenn wir
aber eine Eisenbahn bauen, dann kann es sein, daft wir so heraufgehen
miissen, daft wir also gewisse Schichten abbauen miissen. Und dann
kommen wir dadurch, daft wir einen solchen Einschnitt machen, in die
Tiefen der Erde hinein. Und auf eine solche Weise hat man gefunden,
daft eben iibereinander Schichten sind, nicht ebene, sondern in der ver-
schiedensten Weise durcheinandergeworfene Schichten der Erde.
Aber diese Schichten sind manchmal sehr merkwiirdig. Man hat
sich gefragt: Wie kann man das Alter der Schichten bestimmen? Welche
Schichte ist alter? - Nun ja, das Nachstliegende ist ja das, daft einer
sagt: Wenn die Schichten iibereinander sind, so ist die unterste die
alteste, die darauf folgende ist jiinger, und die oben liegende ist die
allerjiingste. Aber sehen Sie, so ist die Geschichte nicht iiberall; manch-
mal ist es so, aber nicht iiberall ist es so. Und daft es nicht iiberall so
ist, das kann man auf folgende Weise konstatieren.
Wir sind ja in unseren kultivierten Gegenden gewohnt, unsere Haus-
tiere, wenn sie sterben, zu verscharren, damit sie fur die Menschen
nicht schadlich werden. Ware aber das Menschengeschlecht noch nicht
entwickelt, was wiirde dann mit den Tieren, die da schon da waren,
geschehen? Die Tiere wiirden an irgendeiner Stelle verenden, wiirden da
liegenbleiben. Nun liegt das Tier zunachst da oben. Aber Sie wissen
ja, wenn es regnet, wird die Erde aufgespiilt, und nach einiger Zeit
konnte man sehen, wenn da ein Tier verendet ware, daft dieses Tier,
indem es anfangt zu verwesen, in seinen Oberresten, die iibrig bleiben,
sich vermischt mit der vom Regen herangeschlagenen Erde. Und nach
einer Zeit ist das ganze Tier durchzogen mit der vom Regen herange-
schwemmten Erde oder von dem Regenwasser, das herunterflieftt iiber
einen Abhang; dann geht iiber das Tier die andere Erde dariiber. Nun
kann einer kommen hinterher und kann sagen: Donnerwetter, die Erde
schaut ja da so geringelt aus, da muE ich mal nachgraben! - Da braucht
er nicht viel nachzugraben; er grabt etwas nach und findet darinnen -
sagen wir, wenn die Menschen noch nicht dagewesen waren und eben
hinterher der gekommen ware, der nachgegraben hatte -, da findet er
dasjenige, was iibrig ist vom Knochengeriiste, sagen wir, von einem
wilden Pferd. Da kann er sich sagen: Ja, jetzt gehe ich iiber eine Erd-
schichte, die erst spater geworden ist; aber die drunter ist eine, die ist
gebildet worden zu einer Zeit, wo schon solche wilden Pferde da wa-
ren. - Und man kann erkennen, daft das die nachste Schichte ist, daft
also der Zeit, in der dieser Mensch lebt, eine vorangegangen ist, worin
diese Pferde gelebt haben.
Sehen Sie, so wie es der Mensch hier macht, haben es nun die Geolo-
gen mit alien Schichten der Erde gemacht; sie haben sie einfach, seit sie
zu erreichen sind in Steinbriichen, in Eisenbahnaufschlieftungen und so
weiter, abgegraben. Man lernt ja in der Geologie, daft man mit einem
Hammer oder auch mit einem anderen Instrument uberall Steinbriiche
aufsucht, um eben aufzuschlieften dasjenige, was im Gebirge durch Ab-
rutschungen bloftgelegt ist oder dergleichen. Da hammert man uberall
ein, sagt unter Umstanden auch das eine oder andere aus, und da findet
man in irgendeiner Schichte sogenannte Versteinerungen. Da kann man
sagen: Unter unserem Erdboden sind die Schichten erhalten, die ganz
andere Tiere als die heutigen enthalten haben. - Und man kommt dann
darauf, wie die Gestalt der Tiere ist, die in alten Zeiten vorhanden
waren, wenn man in dieser Weise die Schichten der Erde abgrabt.
Das ist gar nicht so etwas Besonderes, denn, sehen Sie, in welcher
Zeit so etwas geschieht, das unterschatzen die Leute eigentlich. Sie fin-
den heute in sudlicheren Gegenden Kirchen oder andere Gebaude; die
stehen da. Sie kommen durch irgend etwas darauf - Donnerwetter,
da unter dieser Kirche, das ist ja etwas, was hart ist, was nicht Erde
ist. Sie graben hinein und finden, daft da drunter ein heidnischer Tem-
pel ist! Ja, was ist denn da geschehen? Vor verhaltnismaftig kurzer Zeit,
da war diese Oberschicht uberhaupt nicht da, auf der diese Kirche oder
dieses Gebaude steht, sondern das ist erst angetragen, angeschleppt
worden vielleicht von Menschen, aber vielleicht auch durch Mithel-
fen der Naturkrafte, und drunten ist der heidnische Tempel. Das war
oben, was jetzt drunten ist. So ist es. Aber in der Erde, da ist Schichte
auf Schichte aufgeschichtet worden. Und man muft herausfinden, nicht
aus der Art, wie die Schichten liegen, sondern aus der Art und Weise,
wie diese Versteinerungen, wie diese versteinerten Tiere liegen - und
dazu kommen auch die verschiedenen Pflanzen -, wie diese in die
Schichten hereingekommen sind.
Da stellt sich aber folgendes heraus. Sehen Sie, da kann folgendes
passieren: Sie finden eine Erdschichte (siehe Zeichnung, gelb); Sie fin-
den eine andere Erdschichte (griin); Sie sind in der Lage durch irgend
etwas, hier hineinzugraben (Pfeil). Wenn Sie jetzt blofi auf die Schich-
tungen schauen, dann kommt es Ihnen doch vor, wie wenn das, was ich
da griin gezeichnet habe, die untere Schichte ware, und dasjenige, was
ich gelb gezeichnet habe, die obere Schichte. Hierher konnen Sie ein-
fach nicht; da konnen Sie nicht eingraben, da ist keine Eisenbahn, kein
Tunnel, noch irgend etwas anderes, wodurch man hinkommen kann.
Da merken Sie: Das Gelbe ist die Oberschichte, das Grime ist die un-
tere Schichte. Aber Sie diirfen das nicht gleich sagen, sondern Sie miis-
sen erst die Versteinerungen suchen. Nun findet man sehr haufig in
dem, was da oben liegt, Versteinerungen, die alter sein miissen. Man
findet zum Beispiel da oben merkwiirdige Fischskelette, und unten
findet man, sagen wir, merkwiirdige Saugetierskelette, die jiinger sind.
Jetzt widersprechen die Versteinerungen der Lage: Oben erscheint das
Altere, unten erscheint das Jiingere. Jetzt mufi man sich eine Vor-
stellung machen, woher das kommt. Ja, sehen Sie, das kommt davon
her, dafi durch irgendein Erdbeben oder eine innere Erschutterung das-
jenige, was hier unten war, sich herumgeschmissen hat iiber das Obere,
so da!5 also dieses entstanden ist, dafi, wenn ich hier Ihnen den Stuhl
liber den Tisch legen wtirde, wenn das die urspriingliche Lage ware
der Stuhllehne und hier der Tischplatte -, so wiirde es geschehen, dafi
durch einen Erdstofi, der hier erfolgt ist, die Tischplatte sich uber die
Stuhllehne driiberstiilpt.
Tafd 4
gelb
Sehen Sie, das kann man an dem Verschiedensten wahrnehmen: es
hat sich das umgestiilpt. Und man kann, wie Sie gleich daraus sehen,
auch folgendes noch wissen. Man kann fragen: Wann ist diese Umstul-
pung geschehen? Diese Umstulpung ist ja erst geschehen, nachdem diese
Versteinerungen sich gebildet haben; sonst mtifiten diese anders drinnen
liegen. Also man weift, dafi diese Umstulpung, diese Umschichtung spa-
ter entstanden ist als diese Tiere gelebt haben.
Auf diese Weise kommt man darauf, die Erdschichten nicht so zu
beurteilen, wie sie einfach iibereinanderliegen, sondern so zu beurtei-
len, wie sie sich auch umgeschichtet haben. Und sehen Sie, die Alpen,
dieser machtige Gebirgszug, der sich vom Mittellandischen Meere hin-
iiberzieht bis in die osterreichischen Donaugegenden - diesen machtigen
Alpenzug, der das Hauptgebirge der Schweiz ist, den kann man iiber-
haupt nicht verstehen, wenn man nicht auf solche Dinge eingehen kann.
Denn in diesen Alpen ist alles, was schichtweise sich aufgebaut hat,
spater einmal durcheinandergeschmissen worden. Da liegt oft das Un-
terste zuoberst und das Oberste zuunterst und man raufi erst suchen,
wie da die Dinge durcheinandergeschmissen worden sind.
Nun, erst wenn man das berucksichtigt, kommt man darauf, wel-
ches die altesten Schichten sind und welches die jiingsten Schichten sind.
Und da sagt natiirlich diese heutige, nur aufs Auflerliche dieser For-
schung bauende Wissenschaft: Diejenigen Schichten sind die altesten,
in denen die allereinfachsten Oberreste von Tieren und Pflanzen ge-
funden werden konnen. Spater werden die Tiere und Pflanzen kom-
pliziert - also finden sich die komplizierteren der Tiere und Pflanzen
in den jungeren Schichten. Wenn man an altere Schichten herankommt,
so findet man Versteinerungen, die davon herriihren, daft sich das-
jenige, was die Tiere an Kalk- oder Kieseleinschliissen gehabt haben,
erhalten hat; das andere hat sich ja aufgelost. Wenn man an jiingere
Schichten kommt, hat sich das Skelett erhalten. - Nur bilden sich
namlich, merkwurdigerweise, auch auf andere Art Versteinerungen.
Diese anderen Versteinerungen sind unter Umstanden sehr interessant.
Sehen Sie, sie bilden sich auch so, diese Versteinerungen: Denken
Sie sich, irgendein einfaches alteres Tier sei einmal vorhanden gewesen,
ein Tier, das einen Leib hat, meinetwillen vorne Fangarme (weift) - TafeH
ich zeichne es so grofi, es wird in den Schichten, die aus dem Geolo-
gischen bekannt sind, in der Regel kleiner sein. Nun, dieses Tier ver-
endet, indem es auf diesem Erdreiche liegt. Nehmen wir an, das Erd-
reich ist so, dafi es nicht recht hinein kann in das Tier; dieses Erdreich,
das meidet sozusagen irgendeine Saure, die in dem Tier enthalten ist.
Dann entsteht etwas sehr Merkwiirdiges; dann geht die Erde, in der
dieses Tier dadrinnen liegt, iiberall an das Tier heran und umhiillt das
Tier (gelb), und es bildet sich ein Hohlraum von der Form des Tieres.
Das ist sehrhaufig entstanden, daft sichsolcheHohlraumebilden (griin).
Um das Tier herum lagert sich die Erde. Aber es ist nichts drinnen, es
grun
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gelb
durchsaugt nicht das Tier, sondern ringsherum, weil das Tier schalig
war, bildet sich solch ein Hohlraum. Nun, spater wird aber die Schale
aufgelost; und noch spater windet sich irgendein Bach da durch; der
fiillt dann mit seiner Gesteinsmasse das, was ein Hohlraum ist, aus
(griin), und da drinnen wird fein modelliert ein Abdruck des Tieres
mit einer ganz anderen Materie, mit einem ganz anderen Stoffe. Solche
Abdriicke sind ganz besonders interessant, denn da haben wir nicht
die Tiere selber, sondern Abgiisse der Tiere.
Nun, sehen Sie, Sie diirfen sich aber auch die Dinge nicht so ganz
leicht vorstellen. Von dem heutigen Menschen zum Beispiel mit seiner
verhaltnismafiig weichen Stofforganisation bleibt aufterordentlich we-
nig vorhanden, und von hoheren Tieren ist auch verhaltnismafiig wenig
vorhanden gewesen. So zum Beispiel gibt es Tiere, von denen nur
Abgiisse der Zahne vorhanden geblieben sind; eine Art Abgiisse ur-
weltlicher Haifischzahne, die sich auf diese Weise gebildet haben,
findet man. Jetzt mufi man schon die Fahigkeit haben, sich zu sagen:
Jede Tierform hat ihre eigene Zahnform - der Mensch hat eine andere
Zahnform -, und die Zahnform richtet sich immer nach der ganzen Tafel4
Gestalt, dem ganzen Wesen. Jetzt mufi man das Talent haben, aus den |^
Zahnen, die man da findet, sich vorstellen zu konnen, wie das ganze
Tier gewesen sein kann. Also so ganz leicht ist die Sache doch nicht.
Aber sehen Sie, man kommt, indem man diese Schichten da stu-
diert, auch darauf, wie eigentlich sich die ganze Sache entwickelte.
Und daraus geht einfach hervor, daft es Zeiten gegeben hat, in denen
solche Tiere, wie sie heute da sind, nicht da waren, sondern in denen
Tiere dagewesen sind, die viel, viel einfacher waren, die so ausgeschaut
haben wie unsere ganz niederen Tiere, das Schnecken-, das Muschel-
getier und so weiter. Aber Sie mussen iiberall wissen, was von diesen
Tieren iibriggeblieben ist. Denken Sie nur einmal, es konnte ja folgen-
des eintreten.
Nehmen Sie einmal an, ein kleiner Junge, der Krebse nicht mag,
stibitze sich einen Krebs von der Mahlzeit seiner Eltern und spiele mit
ihm. Er wird nicht erwischt und grabt ihn ein in den Garten. Nun hat
der im Garten den Krebs eingegraben. Uber die ganze Sache kommt
Erde driiber; es wird vergessen. Den Garten hat ein anderer spater;
der grabt um, wird aufmerksam an einer Stelle: Da findet er ko-
mischerweise zwei kleine Dinger, die so wie kleine Kalkschalen aus-
schauen. Sie wissen, dafi es die sogenannten Krebsaugen gibt, die ja nicht
Augen sind, sondern kleine Kalkschalen, die im Leibe des Krebses sind.
Das sind die einzigen Zeichen, die von seinen Spuren geblieben sind.
Jetzt konnen Sie nicht sagen: Das sind Versteinerungen von irgendeinem
Tier -, sondern das sind Versteinerungen nur von einem Teil des Tie-
res. So kann man in alteren Schichten irgendwelche Gebilde finden,
meinetwillen so aussehend, wie eine Schale aussehend, namentlich in
den Alpen. Die sehen so ahnlich aus; die gibt es heute nicht mehr,
die findet man in alteren Schichten. Man darf nicht annehmen, dafi
dies die ganzen Tiere gewesen sind, sondern man mufi eben annehmen:
Da war eben etwas herum, das hat sich aufgelost, und nur ein kleines
Stuck von dem Tier ist geblieben.
Darauf geht schon die heutige Wissenschaft wenig ein. Warum?
Ja, weil sie eben nur so sagt: Dieses machtige Alpenmassiv, das zeigt
ja, dafi es durcheinandergeschmissen worden ist, das Unterste zuoberst,
das Oberste zuunterst; das zeigen die Schichten. — Aber, meine Herren,
konnen Sie sich vorstellen, dafi mit den Kraften, die heute auf der Erde
vorhanden sind, solch ein Alpenmassiv in der Weise durcheinander-
geschmissen werden kann? Das bifichen, was heute geschieht auf der
Erde, geschieht ja so, dafi vergleichsweise die Erde durchtanzt wird,
dafi die Erde von einem Fleck ein bifichen auf einen anderen geworfen
wird; das ist heute alles, dieses Durchtanztwerden. Wurde der Mensch
statt zweiundsiebzig Jahre siebenhundertzwanzig Jahre alt, dann
wurde er erleben, wie er in seinem Greisenalter schon iiber einen ein
wenig hoheren Boden geht als vorher. Aber wir leben ja zu kurz. Den-
ken Sie nur, wenn uns eine Eintagsfliege, die nur vom Morgen bis zum
Abend lebt, erzahlen wurde, was sie erlebt, die wiirde uns erzahlen, da
sie nur im Sommer lebt: Es gibt iiberhaupt nur Bliiten, die ganze Zeit
nur Bliiten. - Die wiirde ja gar keine Ahnung davon haben, was im
Winter geschieht und so weiter; sie wiirde glauben, der nachste Som-
mer schliefie sich an den vorigen an. Wir Menschen sind zwar ein bifi-
chen langer dauernde Eintagsfliegen, aber etwas von Eintagsfliegen
haben wir doch schon an uns mit unseren siebzig bis zweiundsiebzig
Jahren! Nun, die Sache ist schon so, dafi wir wenig sehen von dem,
was vorgeht. Und so mufi man sagen: Mit den Kraften, die heute
wirksam sind, geschieht zwar mehr, als der Mensch gewohnlich sieht,
aber es geschieht doch verhaltnismafiig nur das, dafi der Boden ein
bifichen aufgeschwemmt wird, dafi Fliisse gegen das Meer hinfliefien,
Flufisand zuriicklassen, dafi dann an den Ufern der Flufisand weiter-
geht, dafi die Felder eine neue Schichte bekommen. Das ist verhalt-
nismafiig wenig. Halt man sich vor Augen, wie so etwas wie dieses
Alpenmassiv durchgeriittelt und durchgeschiittelt worden ist, dann
mufi man sich klar sein, dafi die Krafte, die heute wirksam sind, friiher
in einer ganz anderen Weise wirksam waren.
Nun aber miissen wir uns Bilder machen, wie so etwas vor sich
gehen kann. Ja, nehmen Sie nur einmal irgendeinen Eikeim, einen Ei-
keim von irgendeinem Saugetier. Der schaut anfangs verhaltnismafiig
sehr einfach aus: ringsherum Eiweifimasse, drinnen ein Kern (es wird
gezeichnet). Aber nehmen Sie an, dieser Eikeim wird befruchtet. Se- TafeH
hen Sie, wenn er befruchtet wird, da macht der Kern dann allerlei JjjjJ^
Sperenzchen; er bildet sich, sehr merkwiirdig, zu einer Summe von
solchen Spiralen aus, die wie ein Schwanz heraufgehen. So bildet sich
der Kern aus. In dem Moment, wo diese Knauelchen entstehen, ent-
stehen aus der Masse heraus sternformige Gebilde; da kommt die ganze
Masse dadurch, daft Leben in ihr ist, in Gestaltungen hinein. Da geht
es schon anders zu als heute auf unserer Erde! Dadrinnen entstehen
schon solche Umstiilpungen und Uberwerfungen, wie wir sie im Alpen-
massiv sehen!
Was ist natiirlicher, als dafi wir sagen: Also war die Erde einmal
lebendig, sonst hatten diese Umstiilpungen und Uberwerfungen gar
nicht entstehen konnen! Die heutige Gestalt der Erde zeigt uns eben,
dafi sie in der Zeit, in der noch nicht Menschen, in der noch nicht ho-
here Tiere gelebt haben, selber lebendig war! So dafi wir auch aus die-
ser Erscheinung heraus sagen miissen: Aus der lebendigen Erde ist die
heutige tote Erde erst hervorgegangen. - Aber nur in dieser heutigen
toten Erde konnen die Tiere leben! Denn denken Sie einmal, es hatte
in der Luft sich nicht abgesondert fur sich der Sauerstoff und Stick-
stoff und hatte sozusagen den Wasserstoff, den Kohlenstoff, den
Schwefel zu einer verhaltnismaftigen Tatenlosigkeit verdammt, so
miifiten wir atmen in so etwas, was ahnlich ware dem Eiweift im
Hiihnerei, denn so war es ringsherum um die Erde.
Nun konnte man sich zum Beispiel denken - denn in der Welt kann
ja alles entstehen daft sich statt unserer Lunge auch Organe gebildet
hatten, durch die man einsaugen konnte solch ein atmospharisches Ei-
weift. Wir konnen es ja heute durch den Mund verzehren. Warum sollte
nicht etwas mehr gegen den Mund hiniiber eine Art Lungenorgane ent-
standen sein? Auf der Welt kann alles entstehen. Es entsteht auch das,
was da noch moglich ist. Also am Menschen liegt es eigentlich, zunachst
so, wie er heute ist, eigentlich korperlich nicht. Aber bedenken Sie doch
nur, meine Herren: Wir gucken, wenn wir heute in die Luft gucken,
in die tote Luft hinein. Die ist abgestorben. Friiher war das Eiweifi
lebendig. Die Luft ist abgestorben; gerade dadurch, daft der Schwefel,
der Wasserstoff, der Kohlenstoff weg ist, ist der Stickstoff und Sauer-
stoff abgestorben. Wir gucken hinein in die lichterfullte Luft, die abge-
storben ist. Dadurch konnen unsere Augen auch physikalisch sein, sind
auch physikalisch. Ware in unserer Umgebung alles lebendig, so miift-
ten auch unsere Augen lebendig sein. Wenn sie lebendig waren, konnten
wir nichts mit ihnen sehen, und wir waren fortwahrend in einer Ohn-
macht, geradeso wie wir in Ohnmacht kommen, wenn es in unserem
Kopf zu stark zu leben anfangt, wenn wir in unserem Kopf, statt daft
wir die regelmaftig ausgebildeten Organe haben, allerlei Gewachse
haben, werden wir auch ohnmachtig, zuerst ab und zu und spater wird
die Anzahl so stark, daft Sie wie tot daliegen. Also so, wie wir urspriing-
lich waren, hatten wir doch nicht mit Bewufttsein leben konnen in die-
ser Erde. Das Menschenwesen konnte erst zum Bewufttsein erwachen,
als die Erde allmahlich abgestorben war. So daft wir uns als Men-
schenwesen entwickeln eben auf der abgestorbenen Erde.
So ist es ja auch, meine Herren! So ist es ja nicht nur mit der Natur,
sondern auch mit der Kultur. Wenn Sie noch einmal auf das hin-
schauen, was ich gesagt habe, daft da unten heidnische Tempel sein
konnten, oben christliche Kirchen, so verhalten sich diese christlichen
Kirchen zu den heidnischen Tempeln geradeso wie die oberen zu den
unteren Schichten; nur in dem einen Fall haben wir es mit der Natur,
im anderen Fall mit der Kultur zu tun. Aber man kann auch nicht
verstehen, wie das Christliche sich entwickelt, wenn man es nicht be-
trachtet, wie es sich auf der Grundlage des Heidentums entwickelte.
So ist es schon mit der Kultur. Auch da mufi man diese Schichten be-
obachten.
Nun sagte ich Ihnen aber: Der Mensch war eigentlich immer da,
nur nicht als solches physisches Wesen, sondern als mehr geistiges We-
sen. - Und das wiederum fiihrt uns dazu, den eigentlichen Grund ein-
zusehen, warum der Mensch nicht schon friiher sich als physisches
Wesen entwickelte. Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt: Da sind in der
Luft heute Stickstoff, Sauerstoff - Kohlenstoff, Wasserstoff und
Schwefel weniger. Heute bringen wir selber den Kohlenstoff, den wir
in uns haben, bei der Atmung mit dem Sauerstoff, den wir einatmen,
zusammen, verbinden den Kohlenstoff mit dem Sauerstoff, stofien
den miteinander verbundenen Kohlenstoff und Sauerstoff, was man
Kohlensaure nennt, wieder aus. Wir Menschen leben also so, dafi
wir Sauerstoff einsaugen durch die Atmung und Kohlensaure aussto-
fien. Darin besteht unser Leben. Langst hatten wir als Menschen die
Erde, die Erdenluft ganz angefiillt mit Kohlensaure, wenn nicht etwas
anderes ware. Das sind die Pflanzen; die haben einen ebensolchen
Hunger, wie wir nach dem Sauerstoff haben, nach dem Kohlenstoff.
Die Pflanzen wiederum nehmen gierig die Kohlensaure auf, behalten
den Kohlenstoff zuriick und geben Sauerstoff wieder her.
Sie sehen, meine Herren, wie wunderbar sich eigentlich das er-
ganzt! Es erganzt sich ganz famos. Wir Menschen brauchen aus der
Luft den Sauerstoff, den atmen wir ein; wir geben ihm den Kohlen-
stoff mit, den wir in uns haben, atmen Kohlenstoff und Sauerstoff zu-
sammen aus als Kohlensaure. Die Pflanzen atmen sie ein und atmen
den Sauerstoff wieder aus. Und so ist immer wiederum in der Luft
Sauerstoff da.
Ja, das ist heute so; aber in der Entwickelung der Menschheit auf
Erden war es nicht immer so. Gerade wenn wir die alten Wesen fin-
den, die da gelebt haben, die wir sogar noch in den Versteinerungs-
schichten drinnen finden konnen, dann sagen wir uns: Ja, die konnen
nicht so gewesen sein, wie unsere heutigen Tiere und Pflanzen sind,
namentlich nicht so, wie die Pflanzen heute sind, sondern alle diese
Wesen, die urspriinglich da waren als Pflanzen, die miissen viel ahn-
licher gewesen sein unseren Schwammen, den Pilzen und den Algen.
Nun besteht aber ein Unterschied zwischen unseren Pilzen und unseren
heutigen Pflanzen. Der Unterschied liegt darinnen: Unsere heutigen
Pflanzen nehmen den Kohlenstoff auf, bilden sich daraus ihren Leib.
Wenn dann solche Pflanzen versinken in der Erde, dann bleibt der
Leib als Kohle darinnen. Was wir heute als Kohle ausgraben, sind
Pflanzenleiber.
Meine Herren, alles das, was wir untersuchen konnen in bezug
darauf, was fur Pflanzen urspriinglich gelebt haben, zeigt uns: Die
heutigen Pflanzen, auch diejenigen Pflanzen, die uns einmal unsere
Kohlen geliefert haben, die wir heute aus der Erde ausgraben, die bauen
sich aus Kohlenstoff auf. Aber viel friihere Pflanzen haben sich nicht
aus Kohlenstoff aufgebaut, sondern aus Stickstoff. Geradeso wie sich
unsere heutigen Pflanzen aus Kohlenstoff aufbauen, so haben sich
diese Pflanzen aus Stickstoff aufgebaut. Wodurch ist denn das moglich
geworden? Sehen Sie, das ist dadurch moglich geworden, daft geradeso,
wie heute die Kohlensaure ausgeatmet wird von den Tieren und Men-
schen, in alten Zeiten ausgeatmet wurde eine Verbindung von Kohlen-
stoff und Stickstoff. Heute atmen wir eine Verbindung von Kohlen-
stoff und Sauerstoff aus, friiher wurde ausgeatmet eine Verbindung
von Kohlenstoff und Stickstoff. Aber, meine Herren, das ist die Blau-
saure, die fur alles, was heute lebt, so furchtbar giftige Blausaure, die
Zyansaure! Diese giftige Blausaure, die wurde einmal ausgeatmet, und
die verhinderte, daft so etwas, wie es heute lebt, entstehen konnte. Diese
Blausaure ist eben eine Verbindung von Stickstoff und Kohlenstoff.
Da wird der Kohlenstoff noch nicht angenommen von diesen pilzarti-
gen Pflanzen, sondern da wird der Stickstoff angenommen. Diese alten
Pflanzen, die bauten sich aus dem Stickstoff auf. Und die Wesenheiten,
von denen ich Ihnen gesprochen habe, diese vogelartigen Gebilde, und
diese plumpen Tiere, von denen ich Ihnen das letzte Mai gesprochen
habe, die atmeten diese giftige Saure aus, und die Pflanzen, die um sie
herum waren, nahmen den Stickstoff und bildeten sich daraus ihren
Leib, ihren Pflanzenleib. So daft wir auch da sehen konnen, daft die
Stoffe, die heute noch da sind, eben in ganz anderer Weise verwendet
worden sind in alten Zeiten.
Und das ist es eben, wovon ich einmal aus der Anthroposophie
heraus gesprochen habe; ich habe es den Herren, die langer da sind,
schon erzahlt: 1906 hatte ich Vortrage in Paris zu halten iiber Erd-
entwickelung, Menschenentstehung und so weiter, und da mufite ich
sagen aus dem ganzen Zusammenhang heraus: Kann man heute noch
irgendwo etwas finden, was uns darauf hinweist, dafi einmal auch
auf der Erde nicht der Kohlenstof f und der Sauerstoff die Rolle gespielt
haben, die sie heute spielen, sondern dafi da der Stickstoff eine sol-
che Rolle gespielt hat, daft gewissermafien eine Atmosphare von Blau-
saure da war, von Zyansaure?
Nun wissen Sie ja das Folgende: Es gibt alte Leute und kleine Kin-
der. Da kann einer stehen mit siebzig Jahren und neben ihm ein Kind
von zwei Jahren — das eine ist ein Mensch, und der andere ist ein
Mensch. Sie stehen eben nebeneinander, und derjenige, der heute sieb-
zig Jahre alt ist, war eben vor achtundsechzig Jahren wie das kleine
Kind. Die Dinge, die verschiedenalterig sind, stehen doch im Leben
nebeneinander. So wie es aber im Menschenleben ist, ist es eben auch
in der Welt. Auch da stehen gewissermafien altere Dinge und jiingere
nebeneinander. In unserer Erde mit dem, was ich Ihnen jetzt beschrie-
ben habe, was Sie heute noch sehen, ist ein richtiges Greisenhaftes, so-
gar schon fast Erstorbenes - wenn man nicht das Leben, das wieder neu
aufgesprossen ist, nimmt — , ein sogar fast Erstorbenes vorhanden. Aber
daneben sind im Weltenall wieder jiingere Gebilde, die erst so werden,
wie unser heutiges Leben ist. Und als solche mufi man zum Beispiel die
Kometen anschauen. Daher kann man wissen, dafi die Kometen, weil
sie eben jiinger sind, auch noch diejenigen Zustande haben miissen, die
ihrem Jiingersein entsprechen. So wie das Kind dem Greis gegeniiber,
so stehen die Kometen der Erde gegeniiber: Hat die Erde einmal Blau-
saure gehabt, so miissen die Kometen jetzt noch Blausaure haben;
Zyanverbindungen miifiten sie haben! So dafi man mit einem heutigen
Korper, wenn man lecken wiirde an dem Kometen, sogleich sterben
miifite. Das ist allerdings verdiinnte Blausaure, die dadrinnen ist.
Nun, sehen Sie, das habe ich 1906 in Paris gesagt, dafi dies aus der
Geisteswissenschaft folgt. Nun ja, zunachst haben diejenigen, die Gei-
steswissenschaft anerkennen, das angenommen; man kann sich sogar
iiber so etwas verwundern. Dann spater, langere Zeit darauf, ist wie-
der ein Komet erschienen. Da hatte man schon die Instrumente, die
notig sind, und da fand man auch durch die gewdhnliche Naturfor-
schung, dafi die Kometen wirklich Zyan haben, Blausaure - was ich
damals in Paris gesagt hatte! So werden die Dinge eben bestatigt. Na-
turlich sagen dann die Leute, weil sie nur dieses horen: Der Steiner hat
in Paris gesagt, die Kometen haben Blausaure, nachher ist es gefunden
worden - das ist ein Zufall! - So sagen die Leute, weil sie nichts an-
deres als dieses wissen: Das ist ein Zufall. - Aber ich habe Ihnen jetzt
gesagt, warum man in den Kometen Blausaure annehmen mufi. Da
sehen Sie, es ist kein Zufall, es ist eine wirkliche Wissenschaft, durch
die man darauf gekommen ist! Nur eben, mit der sinnlichen Forschung
wird das erst spater bestatigt. Und so konnten die Leute schon ansehen
das, was in der Anthroposophie ist: Alles wird spater bestatigt. Sogar
haufig wird es heute schon aulSerhalb der anthroposophischen Bewe-
gung, eben auf eine etwas andere Art, gefunden werden, was aber von
der Anthroposophie schon vor vielen Jahren gegeben worden ist.
Ja, es kommen sogar noch andere Sachen vor, meine Herren. Das
ist etwas, was heute ganz wissenschaftlich untersucht werden konnte.
Ich mufi immer sagen: Wenn die Menschen zu einem Stern wirklich
hinausfahren konnten, da wiirden sie sehr erstaunt sein, daft der an-
ders ausschaut, als sie sich ihn aus den heutigen Erdenvorstellungen
vorstellen. Da stellt man sich vor, da ist so ein gluhendes Gas drinnen.
Aber das findet man gar nicht drauften, sondern wo der Stern ist, da
ist eigentlich leerer Raum, aber ein leerer Raum, der einen gleich auf-
saugt. Saugekrafte sind da! Es saugt einen gleich auf und zersplittert
einen. Und wenn man nun mit derselben Forschung so konsequent vor-
geht und eine solche unbefangene Denkweise hat, wie wir es hier ha-
ben, so kann man auch darauf kommen, mit komplizierten Spektro-
skopen zu sehen: Da sind nicht Gase, sondern da ist der saugende
Raum. - Und ich habe schon vor langerer Zeit gewissen unserer Leute
die Aufgabe gegeben, mit dem Spektroskop einmal die Sonne und die
Sterne zu untersuchen, um einfach nachzuweisen mit aufieren Erfah-
rungen, dafi die Sterne Hohlraume sind, nicht gluhende Gase. Und
das kann man nachweisen. Aber diejenigen Leute, denen ich diese Auf-
gabe gegeben habe, waren anfangs furchtbar begeistert: Oh, da wird
etwas gemacht! - Aber manchmal erlischt diese Begeisterung; sie ha-
ben zu lange gewartet - und schon vor anderthalb Jahren kam von
Amerika heriiber die Nachricht, dafi man auf dem Weg ist, die Sterne zu
untersuchen, und nach und nach findet, dafi die Sterne gar nicht glu-
hende Gase sind, sondern ausgesparte Hohlraume! Es schadet ja auch
nichts, wenn das so geschieht. Natiirlich, aufierlich ware es uns nutz-
licher, wenn wir es machten. Aber es kommt ja nicht darauf an; wenn
nur die Wahrheit herauskommt.
Auf der anderen Seite aber konnte gerade durch solche Sachen ge-
sehen werden, wie Anthroposophie eigentlich mit der gewohnlichen
Wissenschaft zusammenarbeiten will. Und so mochte sie auch durch-
aus zusammenarbeiten mit der gewohnlichen Wissenschaft, zum Bei-
spiel in bezug auf die Erdschichten. Man nimmt ja durchaus an, was
die gewohnliche Wissenschaft zu sagen hat iiber das Durcheinander-
schmeifSen und Durcheinanderwurfeln in den Alpen. Nur kann man
nicht mitgehen, wenn man annimmt, das wird so herumgeschmissen
mit den Kraften, die heute noch da sind; sondern da waren eben Le-
benskrafte da, die nur dieses Lebendige durcheinanderschmeiften kon-
nen! - Also, Anthroposophie steckt wahrlich in der gewohnlichen Wis-
senschaft schon drinnen. Die gewohnliche Wissenschaft will nur da
iiberall aufhoren, wo sie zu faul ist, an diese Dinge wirklich heranzu-
kommen.
Dann am Mittwoch um neun Uhr Fortsetzung.
VIERTER VORTRAG
Dornach,9.Julil924
Vielleicht konnen wir fortsetzen und beenden - wenn wir so weit
kommen -, was wir das letzte Mai angefangen haben, meine Herren.
Ich habe Ihnen also auseinandergesetzt, wie man sich vorzustellen
hat, daft nach und nach die Erde sich entwickelt hat und wie der
Mensch geistig eigentlich immer da war. Physisch, also dem Korper-
lichen nach, kommt aber der Mensch erst dann heraus, wie wir gese-
hen haben, wenn die Erde eigentlich tot geworden ist, wenn die Erde
selber ihr Leben verloren hat. Sehen Sie, man hat erst vor verhaltnis-
mafiig kurzer Zeit die Erde so angesehen, daft man, wie ich Ihnen das
letzte Mai gesagt habe, darinnen die Versteinerungen suchte, um das
Alter der Schichten zu bestimmen. Man hat iiberhaupt solche Vorstel-
lungen, wie sie jetzt sind in der aufteren Wissenschaft, sich verhaltnis-
maftig spat gemacht, und wir haben ja gesehen, inwiefern diese Vor-
stellungen eigentlich falsch sind, nicht eigentlich bestehen konnen ge-
geniiber den wirklichen Tatsachen.
Nun miissen Sie aber sich klarmachen: Man findet, wenn man in
die Erde so hineinbohrt und hineingrabt, wie ich es Ihnen auseinander-
gesetzt habe, wenn man so etwas durchsucht wie das Alpenmassiv, die
durcheinandergeworfenen Schichten, findet dann, wie Versteinerungen
in den Schichten sind; man findet dann durchaus bestimmte Pflanzen,
Tiere in jeder einzelnen Schicht. Und diejenigen Tiere, diejenigen
Pflanzen, die wir heute zumeist haben, die heute die Erde erfiillen,
die sind eigentlich erst spat aufgetreten. Die friiheren Pflanzen- und
Tierformen waren verschieden von den heutigen Pflanzen- und Tier-
formen.
Nun sehen Sie, daft die Erde nicht einfach ganz langsam entstanden
ist, daft also nicht eine Schichte iiber der anderen sich aufgeschichtet
hat, bis sie langsam entstanden ist, das kann man nicht blofi daran
sehen, daft die Alpen so durcheinandergeworfen sind, sondern man
kann es zum Beispiel an folgendem sehen: Es gab Tiere, die ahnlich
waren unseren Elefanten, nur grower. Unser Elefant ist schon groft
genug, aber das waren noch machtigere Tiere mit noch dickeren Hau-
ten, also noch starkere Dickhauter. Diese Tiere, die lebten einmal. Und
daft sie gelebt haben, das kann man daran sehen, daft sie gefunden
wurden im nordlichen Sibirien, das ist also im nordlichen Asien, da
wo Rutland nach Asien hinubergeht. Aber alle diese merkwurdigen
Tiere, diese Mammuttiere, die wurden gefunden als ganze Tiere mit
dem frischen Fleisch.
Ja, sehen Sie, Tiere mit noch frischem Fleisch erhalt man bekannt-
lich, wenn man sie zum Beispiel ins Eis gibt. Nun, diese Tiere waren
in der Tat im Eis drinnen! Namlich am Nordlichen Eismeer, wo Sibi-
rien gegen den Nordpol hingeht, da waren diese Tiere und sind heute
noch drinnen — frisch, wie wenn sie gestern von Riesenmenschen ge-
fangen worden, ins Eis gegeben, aufgehoben worden waren! Und da
mufi man sich doch sagen: Diese Tiere leben heute nicht; das sind uralte
Tiere. Diese Tiere konnen auch ganz unmoglich langsam vereist sein;
sie sind heute noch da als ganze Tiere. Das kann nur dadurch geschehen
sein, daft plotzlich, als diese Tiere dort gelebt haben, eine machtige Was-
serrevolution gekommen ist, die vereist ist gegen den Nordpol und diese
Tiere auf einmal aufgenommen hat.
Nun, daraus sehen wir schon, daft es auf der Erde in friiheren Zei-
ten ganz auftergewohnlich zugegangen ist, so zugegangen ist, daft man
es mit dem heutigen Zustand nicht vergleichen kann. Und wenn man
so etwas wie die Alpen sich anschaut, dann mufi man sich auch vor-
stellen, daft das nicht Millionen von Jahren gedauert haben kann, son-
dern daft das verhaltnismaftig kurz sich abgespielt haben mufi. Also
muft in der Erde alles gebrodelt haben und gelebt haben - geradeso
wie es zugeht in einem Magen, nachdem man eben gegessen hat und
dann anfangt zu verdauen. Aber das kann nur im Lebendigen gesche-
hen. Die Erde muft einmal lebendig gewesen sein. Und die Krafte sind
zunachst noch zuruckgeblieben, die in der Erde waren. Da gab es grofte,
plumpe Tiere. Unsere mehr schlanken, geschmeidigen Tiere haben sich
eben gebildet, nachdem die Erde selber abgestorben war, kein Tier
mehr war. Diese groften Elefanten, die Mammuttiere, waren noch so-
zusagen wie Lause auf dem alten Korper der Erde, sind nur mit einer
einzigen Welle, die vereist ist, zugrunde gegangen.
Daraus konnen Sie entnehmen, wie sehr das stimmt, was ich gesagt
habe in bezug darauf, dafi unsere jetzige Erde eigentlich eine Art von
Weltenleichnam ist. Und erst als die letzten Zustande eintraten auf
dieser Erde, erst da konnte der Mensch entstehen.
Nun, ich will Ihnen noch etwas anfuhren, woraus Sie sehen konnen,
wie die Erde sich verandert hat, verhaltnisma&g noch spat verandert
hat. Sehen Sie, wir haben da, wenn wir das so oberflachlich zeichnen,
Tafels Amerika (es wird gezeichnet). Hier haben wir dann Europa: Norwe-
gen, Schottland, England, Irland, da kommen wir heruber nach Frank-
reich, Spanien; da geht es dann heruber nach Italien, Deutschland; da
ist der Bottnische Meerbusen.
Wenn man heute, sagen wir zum Beispiel von Liverpool nach Ame-
rika fahrt, so macht man diese Strecke. Man fahrt durch den Atlanti-
schen Ozean. Nun will ich Ihnen etwas sagen: Da heriiben - da unten
ist dann Afrika -, da heriiben sind gewisse Pflanzen und gewisse
Tiere, iiberall - man mufi namentlich das kleine Viehzeug nehmen -
sind also Pflanzen und Tiere. Wenn man sich heute diese Pflanzen und
Tiere anschaut, die auf der einen Seite an den Westkiisten von Europa
und da unten von Afrika vorkommen, und auf der anderen Seite an
der Ostkiiste von Amerika, dann stellt sich heraus, dafi diese Pflanzen
und Tiere etwas miteinander verwandt sind. Sie sind etwas verschieden,
aber sie sind miteinander verwandt. Nun, warum sind denn diese mit-
einander verwandt? Sie sind verwandt aus dem Grunde — heute ist die
Sache so: da unten ist Meeresboden, da oben ist das atlantische Wasser;
hier kame dann Afrika. Sehen Sie, wie die Pflanzen und Tiere da (in
Amerika) sind, und wie sie da (in Europa und Afrika) sind, das kann
man sich nur erklaren, wenn einmal hier iiberall Land war, der Boden
hoch war und die Tiere hier heriibergehen konnten, hier iiberall, und
die Pflanzen auch ihren Samen nicht iiber den Ozean schickten, son-
dern stiickweise ins Land schickten. Wo also heute zwischen Europa
und Amerika eine riesige See ist, ein riesiges Meer ist, da war einstmals
Land. Der Boden ist gesunken. "Oberall, wo der Boden sinkt, kommt
gleich Wasser. Wenn Sie irgendwo nur bis zu einer gewissen Tiefe gra-
ben, die Erde ausgraben, gleich kommt Wasser. Wir miissen also an-
nehmen: Da ist der Boden gesunken.
Merkwiirdig ist es zum Beispiel da - da ist Italien, da liegt die Stadt
Ravenna. Wenn man von Ravenna gegen das Meer hin geht, dann
hat man heute mehr als eine Stunde zu gehen; aber man trifft See-
muscheln und Seeschnecken auf dem Grund, wo man gegen das Meer
hin geht von Ravenna. Das bezeugt einem wiederum: Da war einst-
mals Meer. Und Ravenna, das heute eine Stunde vom Meer entfernt
ist, lag einstmals ganz an der See, die See grenzte an. Da wiederum
hat sich der Boden gehoben, in die Hohe gehoben, und das Wasser
ist dadurch abgelaufen. Wenn sich der Boden nun besonders stark
hebt, dann verodet der Boden, dann wird es kalt, wie es in den Ge-
birgen geschieht. Eine solche Gegend, wo es kalt geworden ist - wenn
ich hier weiter zeichnen wiirde, wiirde da Sibirien sein -, das ist die Tafd6
Gegend von Sibirien. Sibirien zeigt durch alles das, was es an Pflan-
zenwachstum hat und so weiter, dafi es einstmals den Boden tiefer
hatte, daft der machtig in die Hohe gestiegen ist.
Aus alledem sehen Sie, dafi Land fortwahrend steigt und sinkt an
gewissen Punkten der Erde; es steigt auf, sinkt, und man sieht, dafi
Land und Wasser auf der Erde zu verschiedenen Zeiten in der verschie-
densten Weise verteilt ist. "Wenn man die Gesteine vom britischen Reich,
von England, Schottland und Irland ansieht, sich die Schichten selbst
anschaut, dann kommt man darauf, daft dieses England viermal auf
und ab gesunken ist im Laufe der Zeit! Wie es oben war, sind gewisse
Pflanzen gewachsen, bis es untergegangen ist. Wie es wieder hinauf-
gegangen ist, da war nattirlich alles verodet. Es bedeckte sich mit einer
ganz anderen Pflanzen- und Tierwelt, und man kann heute noch sehen:
Viermal ist das auf und ab gegangen.
Also der Boden der Erde ist in einer fortwahrenden Bewegung.
Und er war in einer viel grofieren, riesenhaften Bewegung in alten Zei-
ten. Wenn heute alles so bewegt ware, wie es in alten Zeiten war, dann
ware es den Menschen schon recht unheimlich, denn die letzten Nach-
richten von machtigen Erdbewegungen, die allerletzten Nachrichten
sind ja eigentlich diejenigen, die nur sagenhaft auf die Menschen ge-
kommen sind als die Sintflut. Aber die Sintflut ist ja eine Kleinigkeit
gegen dasjenige, wie es einmal auf der Erde in riesenmafiigen Aus-
dehnungen zugegangen ist.
Sehen Sie, meine Herren, es entsteht dadurch die Frage: Wie ist iiber-
haupt der Mensch auf diese Erde gekommen? Wie ist der Mensch aufge-
treten? - Nun sind ja dariiber die allerverschiedensten Ansichten ent-
standen. Die bequemste Ansicht, die sich die Leute heute gebildet haben,
ist diese, daft es einmal affenahnliche Tiere gegeben hat, die haben sich
immer mehr und mehr vervollkommnet und sind Menschen geworden.
Das ist ja eine Ansicht, welche die Wissenschaft im letzten Jahrhundert
vertreten hat. Die "Wissenschaft vertritt sie heute nicht mehr; aber die
Leute, die eben immer Nachziigler sind von der Wissenschaft, die glau-
ben das naturlich heute noch. Nun, die Sache ist diese: Wie konnte
man sich aber nun vorstellen, dafi der Mensch auf der Erde als phy-
sischer Mensch, wie er heute ist, sich gebildet hat? Ein grofier Rummel
sozusagen, eine riesige Begeisterung war, als am Ende des 19.Jahr-
hunderts ein reisender Gelehrter, Dubois, in Ostasien Teile von einem
Skelett entdeckt hat in solchen Erdschichten, von denen man bisher
geglaubt hat, der Mensch ist da nicht drinnen, kann da noch nicht ge-
wesen sein. Es waren nur Teile von einem Skelett, das man fiir ein
Menschenskelett angesehen hat, namlich ein Oberschenkel, ein paar
Zahne, Stiicke vom SchadeL Das hat nun der Dubois gefunden driiben
in Asien und hat - solch eine Sache raufi naturlich einen anstandigen
Namen haben - diese TJberreste, respektive das Wesen, das menschen-
affenahnliche Wesen, das einmal gelebt haben sollte, genannt: Pithec-
anthropus erectus. Also dieses Wesen soil darstellen, so war man der
Ansicht, ein affenartiges Geschlecht, aus dem sich dann die Mensch-
heit allmahlich heraus entwickelte. Und jetzt glauben die Menschen
in verschiedener Weise, wie sich eigentlich der Mensch entwickelt ha-
ben soli. Die einen sagen, da war einmal ein affenartiges Geschlecht;
das ist in bestimmte Lebensverhaltnisse gekommen, wo es hat anfangen
miissen zu arbeiten; so sind umgebildet worden die Fiifie, die affen-
artigen Kletterfufte zu richtigen Fiiften, die vorderen Kletterfiifie zu
menschlichen Handen, und so habe sich das eben verwandelt. Aber
die anderen sagen wiederum: Nein, das kann nicht so sein; denn wenn
dieser Affenmensch in diese so ungiinstigen Verhaltnisse gekommen
ware, dann ware er einfach ausgestorben, dann hatte er sich nicht um-
wandeln konnen; er mufi vielmehr gelebt haben, dieser Affenmensch,
da schon in einer Art paradiesischem Zustand, wo er nicht hat arbei-
ten miissen, wo er sich hat frei entwickeln konnen, wo er geschiitzt
war. - Sehen Sie, so weit gehen die Ansichten auseinander! Aber all
das halt nicht stand, wenn man die wirkliche Untersuchung der Tat-
sachen aufgreift, von der wir ja schon gesprochen haben.
Gehen wir noch einmal zuriick. Hier war einstmals (es wird ge-
zeichnet) eine grofie Landflache, wo heute der Atlantische Ozean ist, Tafds
durch den man fahrt, wenn man von Europa nach Amerika fahrt -
grofte Landstrecken. Aber sehen Sie, wenn man wiederum das unter-
sucht, was da hier etwas unter der Erde versteinert ist, was also die
Versteinerungen sind, und woraus man sehen kann, wie die fruheren
Formen, die fruheren Arten der Pflanzen und Tiere da waren, dann
findet man: Das kann alles nicht so gewesen sein! Da mufi die Erde,
die da war zwischen dem heutigen Europa und Amerika, noch viel
weicher gewesen sein, nicht so festes Gestein wie heute; und die Luft
mufi noch viel dicker gewesen sein, immer neblig, viel Wasser und
andere Stoffe noch enthalten haben. So daft man also da einen viel
weicheren Erdboden hatte und eine viel dickere Luft. In solch einer Ge-
gend, wenn es das heute noch auf der Erde geben wiirde, konnten wir,
wenn wir hinkamen, keine Woche leben; da wiirden wir gleich aus-
sterben. Aber nun miifiten ja natiirlich, weil das gar nicht so lange
her sein kann, zehntausend bis funfzehntausend Jahre, dazumal schon
Menschen gelebt haben. Aber die konnen auch nicht so gewesen sein
wie die heutigen Menschen. Der heutige Mensch hat seinen festen Kno-
chenbau nur deshalb, weil drauften harte Erde ist, harte Mineralien
sind. Zu unseren kalkartigen Knochen gehoren drauften die kalkarti-
gen Berge; mit denen tauschen wir ja fortwahrend auch den Kalk aus:
wir trinken ihn mit ihrem Wasser und so weiter. Dahier gab es noch
keine so festen Knochengeriiste. Da konnten wir Menschen, wenn wir
damals lebten, nur solche weichen Knorpeln haben wie heute die Hai-
fische. Und durch Lungen konnte man auch nicht so atmen wie heute.
Da muftte man eine Art von Schwimmblasen haben und eine Art von
Kiemen; so daft also der Mensch, der da lebte, seiner aufterlichen Ge-
stalt nach halb Mensch und halb Fisch war. Man kommt gar nicht
himiber iiber die aufterliche Sache, daft der Mensch ganz anders ausge-
sehen hat, halb Mensch und halb Fisch war. Besonders wenn wir in
Zeiten zuriickgehen, die noch friiher zuriickliegen, da haben wir den
Menschen viel, viel weicher. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen,
ist er wasserig, ist er ganz flussig. Da bilden sich natiirlich keine Ver-
steinerungen davon, sondern da geht er eben auf in der ubrigen Fliissig-
keit der Erde. So dafi man also sieht: So wie wir heute dastehen, sind
wir erst geworden. Wir sind ja auch ein kleines Fliissigkeitskliimpchen,
wenn wir zuerst im Mutterleib noch sind. Nun, das ist verkummert,
das ist klein; dazumal waren wir grofle, machtige fliissige oder weiche
gallertartige Wesen. Und je weiter man zuriickgeht in der Erdenent-
wickelung, desto fliissiger wird der Mensch, desto mehr ist er eigent-
lich blofi weiche, gallertartige Masse. Nicht aus dem heutigen Wasser -
aus heutigem Wasser kann man natiirlich keinen Menschen machen -,
aber aus so etwas wie einer eiweiftartigen Substanz lafit sich schon
dann der Mensch formen.
Da kommen wir in eine Zeit zuriick, wo es weder die heutigen Men-
schengestalten gegeben hat, noch heutige Elefanten, noch Rhinoze-
rosse, noch Lowen, noch Kiihe, noch Ochsen, noch Stiere, keine Kan-
guruhs; alles das hat es noch nicht gegeben. Dagegen hat es, konnte
man sagen, fischahnliche Tiere gegeben — nicht so wie die heutigen
Fische, schon menschenahnlich -, halb menschenahnliche, halb fisch-
ahnliche Tiere, die man ebensogut Menschen nennen konnte. Das hat
es also gegeben. All die heutigen Gestalten von Tieren hat es nicht ge-
geben.
Dann hat sich die Erde allmahlich verwandelt in die Gestalt, wie
sie heute ist. Der Boden des Atlantischen Ozeans senkte sich hinunter;
immer mehr und mehr ging das sumpfige, schleimartige, eiweiflhaltige
Wasser iiber in das heutige Wasser, bildete sich allmahlich immer mehr
um dasjenige, was als solche Fischmenschen vorhanden war. Aber es
entstanden die verschiedensten Formen. Die mehr unvollkommenen
dieser Fischmenschen wurden Kanguruhs, die ein birchen vollkom-
meneren wurden Hirsche und Rinder, und diejenigen, die am vollkom-
mensten waren, wurden Affen oder Menschen. Aber Sie sehen daraus:
Es stammt der Mensch gar nicht in dem Sinne vom Affen ab, sondern
der Mensch war da, und alle Saugetiere entstanden eigentlich aus dem
Menschen heraus von denjenigen Menschenformen, in denen der Mensch
unvollkommen geblieben ist. So dafi man vielmehr sagen kann, der
Affe stammt vom Menschen ab, als der Mensch stammt vom Affen
ab. Das ist nun schon so, und man mufi sich iiber diese Dinge ganz klar
sein.
SehenSie, das konntenSie sich durch das Folgendeveranschaulichen.
Denken Sie einmal, es ist ein recht gescheiter Mensch; der hat einen
kleinen Sohn. Der kleine Sohn hat einen Wasserkopf und bleibt sehr
dumm. Man kann sagen: Der gescheite Mensch ist vielleicht fiinfund-
vierzig Jahre alt, der kleine Sohn sieben, acht Jahre alt; der entwickelt
sich dumm. Ja, darf da irgendein Mensch sagen: Weil der Kleine ein
kleiner, unvollkommener Mensch ist, deshalb stammt der alte Mensch,
der vollkommene, gescheite Mensch, von dem kleinen, unvollkom-
menen ab? Das ware ja Unsinn! Der kleine Unvollkommene stammt
von dem Gescheiten ab! Das ware eine Verwechslung. Dieselbe Ver-
wechslung hatte man begangen, indem man geglaubt hat, Affen, die
zuriickgebliebene Menschen sind, seien die Urvater der Menschen. Sie
sind eben nur zuriickgebliebene Menschen, sind sozusagen die unvoll-
kommenen Vorlaufer der Menschen. Man kann schon sehen: Die Wis-
senschaft war da auf einem Wege, der sie recht stark in den Irrtum hin-
einfuhrte, und einf ache Menschen konnten sich das ja auch nicht so recht
vorstellen. Man braucht nur an die Geschichte zu erinnern, wie ein
kleiner Rotzjunge nach Hause gekommen ist - der Schullehrer hatte
gerade, weil er angestochen war von der modernen Wissenschaft, er-
klart in der Schule: Die Menschen stammen vom Affen ab - und sagte:
Heute habe ich etwas Grofiartiges gelernt: Die Menschen stammen vom
Affen ab! - Da sagte der Vater: Du dummer Junge, bei dir kann das
der Fall sein, bei mir aber nicht! - Sehen Sie, das war der naive Mensch
gegeniiber dem Darwinismus. Die Wissenschaft ist eben manchmal
nicht eigentlich so gescheit, wie der naive Mensch es ist! Das mufi man
sich sagen.
Und so kann man sagen: Alles dasjenige, was an Tieren da draufien
in der Welt lebt, das stammt von einem Urwesen ab, das weder Tier
noch Mensch war, sondern das dazwischen liegt. Die einen sind un-
vollkommen geblieben, die anderen sind vollkommener geworden, sind
Menschen geworden. - Da kommen naturlich jetzt die Leute und sagen:
Ja, aber die Menschen waren doch friiher viel unvollkommener als sie
heute sind! Die Menschen waren doch friiher so, daft sie einen Schadel
gehabt haben mit einer niederen Stirn, einer solchen Nase (es wird
Tafels gezeichnet), die Neandertalmenschen, oder die Menschen, die man in
Jugoslawien gefunden hat. Man findet sie ja nur selten; man darf nicht
glauben, daft da iiberall die Skelette so herumliegen; es wurden nur
immer wenige gefunden. Der heutige Mensch hat in der Regel seine
schone Stirn und so weiter, sieht also anders aus. Nun sagen die Men-
schen: Ja, da finden wir also diese Urmenschen mit ihrer niederen
Stirn; die waren naturlich dumm, denn in der Stirne, da sitzt der Ver-
stand, und erst die Menschen, welche die hohen Stirnen kriegten, hat-
ten den richtigen Verstand. Daher waren die Urmenschen dumm,
verstandnislos, und die spateren Menschen mit den hohen Stirnen,
den vorgesetzten Stirnen, die hatten eben den rechten Verstand.
Ja, sehen Sie, meine Herren, wenn man sich diese atlantischen Men-
schen angeschaut hatte, diese Menschen, die da gelebt haben, bevor der
Boden des Atlantischen Ozeans gesunken ist und ein Meer entstand, da
hatte man gefunden: Ja, diese Menschen, die hatten schon eigentlich ein
ganz diinnes Hautchen, wenige weiche Knorpel, wie ein Netz, wie als
Hulle des Kopfes, im iibrigen iiberall Wasser! Wenn Sie sich heute einen
richtigen Wasserkopf anschauen: der hat gar nicht eine zuriickliegende
Stirn, der hat gerade eine hohe, vorgenickte Stirn, und der ist viel ahn-
licher diesem Wasserkopf; den konnten die Atlantier gehabt haben! -
Nun denken Sie sich, die Atlantier haben also diesen Kopf gehabt, aber
wasserig, so wie wir es heute beim Embryo sehen. Sehen Sie, das ware
die Erde (es wird gezeichnet); jetzt ist das iiber die Erde gekommen,
daft der Boden des Atlantischen Ozeans sich gesenkt hat, daft der At-
lantische Ozean entstanden ist, Europa und Asien immer mehr aufge-
taucht sind. Denn da hebt sich alles, in Amerika hebt sich es auch,
dahier senkt es sich. Die Erde verandert sich. Die Menschen bekamen
mehr harte Knochen. So daft da, wenn wir in friihere Zeiten gehen,
in die Zeit, wo da (auf dem Gebiete des heutigen Atlantischen Ozeans)
noch festes Land war, ganz weiche Knochen dadrinnen waren, Knor-
peln. Da schaute das noch so aus (es wird auf die Zeichnung verwie-
sen); da war Wasser. Und diese Menschen, die konnten auch mit dem
Wasser denken. - Da werden Sie sagen: Donnerwetter, jetzt setzt er
uns auch noch das vor, daft die Leute dazumal nicht mit einem festen
Hirn, sondern mit einem wasserigen Hirn gedacht hatten! - Ja, meine
Herren, Sie denken alle nicht mit dem festen Gehirn! Sie denken nam-
lich alle mit dem Gehirn wasser, in dem das Gehirn drinnen schwimmt;
es ist ein Aberglaube, dafi man mit dem festen Gehirn denke. Nicht
einmal die Dickschadel, die ganz eigensinnig sind, die gar nichts anderes
auffassen konnen als ihre eigenen Ideen, die sie in ihrer friihen Jugend
aufgenommen haben, nicht einmal die denken mit dem festen Gehirn;
die denken auch mit dem Gehirnwasser, wenn auch mit den mehr ver-
dichteten Stellen im Gehirnwasser.
Da kam aber die Zeit, wo diese Art von Wasser, diese schleimige,
eiweiftartige Form von Wasser verschwand. Die Menschen konnten
nicht mehr damit denken; die Knochen blieben zuriick, und es entstan-
den diese niedrigen Schadel. Und erst spater wuchsen sie wieder aus -
in Europa und in Amerika driiben - zu einer hohen Stirn. So dafi Sie
sagen mussen: Die Atlantier, die alten Atlantier, die hatten in ihrem
wafirigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies
zuriickging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und
nach wiederum aus zu den hoheren Stirnen. Das ist eben eine Zwi-
schenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch, oder
die, die man in Sudfrankreich oder in Siidslawien ausgegraben hat. Das
ist ein Ubergangsmensch, ein Mensch, der gelebt hat, als gerade in den
Kustengebieten sich der Boden nach und nach gesenkt hat. Und diese
Menschen, wie man sie heute ausgrabt in Sudfrankreich, die sind also
nicht die friiheren Menschen, sondern das ist der spatere Mensch! Es
sind Vorfahren, aber schon spatere Menschen.
Und das Interessante ist: In derselben Zeit, in der diese Menschen
mit der flachen, niedrigen Stirn gelebt haben mussen, in derselben Zeit
findet man Hohlen, in denen Dinge drinnen sind, aus denen man an-
nehmen kann, die Menschen haben dazumal nicht in gebauten Hausern
drinnen gelebt, sondern in Erdhohlen, in die sie sich hineingegraben
haben. Aber da mufke erst die Erde hart geworden sein. Also in der
Zeit, in der die Erde noch nicht ganz so hart war wie heute, sondern
wenigstens noch etwas weniger hart war, da bohrten sich die Leute
noch in. die Erde hinein ihre Wohnungen, und die findet man auch
heute noch. Aber, was man da findet, das sind merkwiirdige Zeichen,
merkwiirdige Malereien, die verhaltnismafiig einfach sind, die aber
doch ganz geschickt wiedergeben Tiere, die dazumal gelebt haben.
Und man ist eigentlich erstaunt, dafi diese Menschen mit der flachen
Stirne, mit dem unentwickelten Kopf diese Zeichnungen gemacht ha-
ben. Diese Zeichnungen sind zugleich gescheit, und in einer anderen
Beziehung wiederum ungeschickt. Wie kann man sich das erklaren?
Nur dadurch, daft eben einmal die Menschen gelebt haben mit der
hohen, noch flussigen Stirn, und dafi diese eine besondere Kunst schon
gehabt haben, vielleicht sogar viel mehr gekonnt haben als wir heute.
Und das ist dann verkummert. Und das, was man da findet in den
Hohlen, das sind eben die letzten Reste von dem, was die Menschen
noch gekonnt haben, was sich noch fortgebildet hat. So dafi man dar-
auf kommt: Es haben die Menschen einmal nicht blofi als Tiere gelebt
und sich bis zum heutigen Zustand vervollkommnet, sondern bevor
das heutige Menschengeschlecht mit seinen festen Knochen auf der
Erde da war, war ein anderes Menschengeschlecht mit mehr Knorpeln
da, das schon einmal eine hohere Kultur und Zivilisation gehabt hatte.
Da wo heute Meer ist, da war einmal schon eine hohere Zivilisation.
Und sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, dafi auch die Vogel in alten
Zeiten anders waren, als sie heute sind. Die Vogel waren so, dafi sie
eigentlich einmal ganz aus Luft bestanden haben; das andere haben
sie sich erst herumgebildet. Daher sind die Knochen der Vogel alle
innerlich mit Luft ausgefiillt. Diese Vogel waren einstmals Tiere, die
nur aus Luft bestanden haben, aber aus einer dicken Luft. Und die
heutigen Vogel, die haben eben ihre Federn und so weiter gebildet,
als unsere heutige Luft entstanden ist. Denken Sie einmal, die heutigen
Vogel — sie haben sie ja in Wirklichkeit nicht, aber wir konnen uns das
ja vorstellen -, die hatten Schulen, die hatten eine Kultur; das miifite
aber anders ausschauen, als es bei uns jetzt ausschaut! Nehmen wir
zum Beispiel an, wir bauen uns Hauser. Darin besteht ein grofler Teil
unserer Kultur. Die konnen sich keine Hauser bauen, denn die wiir-
den ja herunterf alien; auch konnen die Vogel keine Bildhauer werden,
denn alles wiirde herunterf alien; nicht einmal nahen konnen sie - das
gehort auch zu der Kultur -, denn wenn sie die Nadel nur ein bifichen
fallen lassen, so wiirde das auch herunterfallen. Wenn diese Vogel eine
Zivilisation und Kultur hatten, wie konnte die denn sein? Die miiftte
so sein, daft sie oben in der Luft sein konnte. Aber das kann ja nichts
Festes hervorbringen, sie konnten keinen Schreibtisch haben, gar nichts;
sie konnten sich hochstens Zeichen machen, die gleich wiederum vor-
bei sind, wenn sie gemacht sind. Wenn der andere dann die Zeichen
verstehen wiirde, nun ja, dann ware eine Kultur da. Denken Sie sich
also, ein Adler ware ein sehr gescheites Tier, ein Adler konnte eine
Statue der Eule machen - nun ja, er miiftte sie aber bloft in der Luft
machen; es wiirde nichts mehr da sein, wenn man es sich anschaut. Nun,
jetzt kame die Eule; sie ware besonders eitel, laftt sich eine Eulenstatue
vom Adler machen; der wiirde das sehr schon machen, alles sehr schon;
gerade wenn eine kleine Wolke da ist vielleicht, so daft er etwas dickere
Luft hat, wiirde er es machen; aber es wiirde gleich wiederum ver-
schwinden. Andere Vogel konnten zufliegen, andere Eulen auch, die
konnten das bewundern. - Ja, die Vogel haben das heute nicht! Sie
konnen ganz sicher sein: Die Adler bildhauern keine Eule! Aber die-
jenigen Wesenheiten, die einstmals Mensch waren in ihren weichen
Gestalten, ihrem weichen Korper, die hatten eine solche Kultur und
Zivilisation! Als zum Beispiel Land da war, wo heute der Atlantische
Ozean ist, da konnten die Dinge schon mehr oder weniger fest blei-
ben, stehenbleiben und so weiter, wenn sie auch immer wieder versan-
ken; aber es war schon dichter. Aber dem ging ein noch dunnerer Zu-
stand voran; da gab es nur eine solche Kultur und Zivilisation, die
man in Zeichen machte, die gleich wieder vergingen. So daft man sich
vorstellen muft, daft eben diese Menschen alles einmal machten, und
daft die Sachen nicht da gebheben sind, sondern daft sie in ganz feiner
Materie drinnen waren. Und als sie spater anfingen, die Sachen mehr
grober zu machen, da wurde es ungeschickt. Es ist ja auch heute leichter,
in weichem Wachs irgend etwas auszubilden als in dem harteren Ton.
Und gar als die Menschen nur in einer Art dicken Luft ihre ganze
Kultur und Zivilisation hatten, da hatten sie ihre Freude daran, etwas
zu machen, wenn das auch gleich wiederum unterging.
Ja, aber jetzt, meine Herren, sind wir schon sehr weit zuruckge-
kommen, haben also Menschen gefunden, die eigentlich ziemlich luft-
artig sind, nur aus dickerer Luft sind. Wenn Sie sich das so vorstellen,
dafi da so ein Mensch aus dickerer Luft ist, so niramt sich das eigent-
lich aus wie eine Wolke, nur nicht so unregelmafiig geformt wie eine
Wolke, sondern er hat stark eben Gesichtartiges, Kopfartiges, Glied-
maSenartiges - aber das ist ja schon etwas sehr Geistiges, das ist
ja schon fast ein Gespenst! Wenn Ihnen heute so etwas begegnete,
meine Herren, nun ja, da wiirden Sie es fur ein Gespenst ansehen,
noch dazu fur ein ganz kurioses Gespenst! Und es wiirde ganz fischahn-
lich und doch wieder menschenahnlich aussehen. So waren wir auch ein-
mal! Da sind wir schon bei dem Zustande angekommen, wo der Mensch
eigentlich ganz geistig war. Und Sie sehen: Je weiter wir zuriickgehen,
desto mehr finden wir, dafi der Mensch den Stoff als Geistiges be-
herrscht. Wir konnen ja nur mit den weichsten Dingen unseres Stoffes
noch irgend etwas anf angen, konnen, wenn wir ein Stuck Brot in den
Mund nehmen, es beifSen, fliissig machen, denn alle Nahrung mufi
f liissig gemacht werden, wenn sie in den Menschenleib hineingehen soli.
Denken Sie sich nur einmal, Sie machen Brot fliissig, es geht in die
Speiserohre, geht in den Magen, breitet sich im Blut aus. Was wird
denn eigentlich aus einem Stuck Brot? Das ist eine ganz merkwurdige
Sache.
Nehmen Sie an, Sie haben da den Menschen vor sich, die mensch-
liche Gestalt: das ist der Magen, die Speiserohre, da geht es zum Mund
Tafel6 herauf (es wird gezeichnet). Jetzt iftt dieser Mensch ein Stuck Brot. Da
ifit er es hinein, da wird es allmahlich fliissig gemacht, der Magen macht
es noch fliissiger; jetzt breitet es sich im Blut aus, geht iiberall hin, wird
diinn, ganz diinn, breitet sich da aus.
Da habe ich also ein Stuck Brot in der Hand. Ich esse es - wie schaut
es denn aus nach einiger Zeit? Nach drei Stunden, wenn es sich ausge-
breitet hat im Blut, im ganzen Korper, schaut es so aus: Dieses Stuck
Brot ist selber ein Mensch geworden! Und so gestalten Sie alles, was
Sie mit den Speisen einessen, zum Menschen um; Sie merken es nur
nicht. Sie merken nicht, dafi eigentlich alles, was Sie in sich aufnehmen,
fortwahrend den Menschen macht. Sie konnten auch gar nicht ein
Mensch sein, wenn Sie nicht fortwahrend den Menschen neu machen
wiirden. Denn wenn Sie heute, am 9. Juli, essen: Das wird noch ein
ganz diinner, winzig diinner Mensch; davon bleibt etwas zuriick, das
andere geht weg. Am nachsten Tag ist es wiederum so; aber dabei wird
Ihr Korper ausgetauscht. Er wird ja alle sieben Jahre ausgetauscht.
Nun, meine Herren, wir brauchen aber diesen in sich schon festen
Korper, damit wir immer diesen neuen Menschen machen konnen. Aber
diesen festen Korper hatten die friiheren Menschen nicht. Die konnten
aus ihrer Seele heraus das, was sie aufnahmen, so gestalten, daft es in
der damaligen Art menschenahnlich wurde. Sie mussen sich vorstellen,
daft sie das alles nicht brauchten, was Muskeln und Knochen sind,
sondern daft sie auf seelische Art die Speisen so gestalten konnten, daft
sie menschenahnlich waren. So war es aber sicher. Der Mensch be-
herrschte durch seinen Geist die Materie, den Stoff, bildete seine eigene
Gestalt, allerdings viel diinner, aus. Aber so war er da, so eine men-
schenahnliche, schwebende Wolke. Die ist ja heute noch da, nur brau-
chen wir heute ein Modell dazu: Es mussen schon Knochen und Mus-
keln da sein. Und in Wirklichkeit machen wir es, indem wir uns er-
nahren, heute noch so. So diinn, wie es heute ist, was sich in uns findet,
wenn wir essen, so diinn war der Mensch einmal.
Und dann atmet der Mensch die Luft: Jetzt ist sie drauften, gleich
nachher ist sie wiederum drinnen. Es breitet sich die Luft durch das
Blut iiberall aus: Es entsteht heute noch der luftige Mensch, sehen Sie,
durch den ganzen Menschen durch! Der luftige Mensch entsteht. Wenn
ich Ihnen also sage: Einmal war der Mensch luftartig, bevor er sich ver-
dichtet, kristallisiert hat durch seine Knochen -, so sage ich Ihnen da
gar nicht etwas, was es nicht heute noch gibt. Jedesmal, wenn Sie einen
Atemzug machen, machen Sie noch diesen Luftmenschen. Nur hatte
in friiheren Zeiten bloft der Luftmensch bestanden, und die festen,
dichten, erdigen Bestandteile, die haben sich erst hineingebildet.
Wir kommen also zuriick und sehen, daft dasjenige, was wir heute
in fester, dichter Materie sehen, einmal durch und durch geistig war.
Es ist also ein Unsinn, zu sagen, daft einmal die Erde nur Gas war und
daft sich das Gas durch seine eigenen Krafte zu alledem gebildet hat,
was heute Menschen sind, was heute Tiere sind, sondern wir sehen, daft
die Menschen, die Tiere, alles das, was jetzt da ist, eben selber einstmals
gasformig, luftformig war, sich umgebildet hat. Und so treffen wir eine
Gestaltung unserer Erde, die einmal so gewesen sein muft: Sehen Sie, da
war dieses Eiland, wo heute Wasser ist, wo wir driiberfahren, da war
also Land; dazumal war der Boden von Europa noch tief unten; der hat
sich erst spater heraufgehoben, an einzelnen Stellen war er oben. Jetzt
kommen wir nach Europa. Da haben wir einen Erdboden, der noch tief
unten ist, der oben noch mit Sumpfwasser bedeckt ist, kommen nach
Asien heriiber, wo alles noch mit Sumpfwasser bedeckt ist. Es sind Lan-
der gewesen, da driiben in Amerika, da war auch noch Sumpf . Diejeni-
gen Gegenden, die heute feste Erde sind, die waren noch Meer; was
heute Meer ist, war Land. Da darauf lebten Menschen, die ganz anders
ausschauten, also diinn waren. Erst als sich die heutigen Lander herauf-
hoben aus dem "Wasser und die friiheren Lander sich senkten, so daft
sie Meer wurden, erst da entstand das heutige Menschengeschlecht, ent-
standen die heutigen Tiere in der Form, wie sie sind. Das hangt zusam-
men mit dem inneren Leben der Erde.
Nur geht das heute alles subtiler vor sich. Heute heben und senken
sich nicht mehr so stark die Lander, aber ein bifichen noch immer. Und
wer heute Karten ansieht - sogar in der Schweiz ist es so -, die nur
Jahrhunderte alt sind, der sieht, dafi es auf solchen Karten noch vor-
kommt: Da ist ein See, heute liegt irgendein Ort weit weg vom See -
aber man erkennt, dieser Ort, der mufi, geradeso wie Ravenna einst-
mals am Meer gelegen hat, an diesem See gelegen haben. Ja, Seen trock-
nen aus, werden kleiner, auch heute noch. Nur geht es langsamer vor
sich, als es einmal vor sich gegangen ist. Aber damit, daft sich die
Flachen, die Landflachen und die Seeboden heben und senken, damit
verandert sich auch fortwahrend die Menschheit und verandern sich
alle Tiere. Die sind in einer fortwahrenden Umbildung. Nur geht es
eben langsamer vor sich, als es einmal vor sich gegangen ist.
Das ist es, was ich Ihnen heute noch sagen wollte. Und Sie sehen,
wie das heutige Menschengeschlecht entstanden ist. Wir werden das
nachste Mai einiges Geschichtliche hinzufiigen, schauen, wie das Men-
schengeschlecht einmal da war. In der heutigen Form, da entstand ja
erst die Geschichte, da entstanden erst die Menschen, indem sie ge-
drangt wurden dazu, daft sie Jager, Ackerbauer, Hirten und so wei-
ter wurden. Das ist dasjenige, was wir dann noch als ein Stiickchen
Geschichte anstiickeln werden eben an das, was wir jetzt iiber Welt-
und Menschenentstehung sagen konnten. — Es war sehr fruchtbar, daft
uns Herr Dollmger die Frage gestellt hat. Wir haben sehr ausfiihrlich
dariiber sprechen konnen, und wir werden, wie gesagt, das nachste
Mai noch ein Stiickchen Geschichte dazunehmen.
i
FUNFTER VORTRAG
Dornach,12. Julil924
Meine Herren! Ich habe Ihnen gesagt, dafi wir noch etwas die Ge-
schichte betrachten wollen, die sich anschliefit an die Weltbetrachtung,
die wir angestellt haben. Sie haben gesehen, wie sich so allmahlich das
Menschengeschlecht aus der iibrigen grofien Natur herausgebildet hat.
Und erst als die Lebensverhaltnisse £iir die Menschheit eben da waren
auf der Erde, als sozusagen die Erde abgestorben war, die Erde nicht
mehr ihr eigenes Leben hatte, konnte sich menschliches und auch tieri-
sches Leben so entwickeln auf der Erde, wie ich es Ihnen dargestellt habe.
Und wir haben ja auch gesehen, dafi sich das erste menschliche
Leben noch ganz anders als das heutige eigentlich da abspielte, wo
heute der Atlantische Ozean ist. In der Zeit miissen wir uns vor-
stellen, dafi also die Erde da, wo heute der Atlantische Ozean ist, als
fester Boden da war. Ich werde Ihnen also die Sache so ungefahr noch
Tafeln einmal aufzeichnen (es wird gezeichnet): Da kommt man jetzt nach
7+8 Asien heriiber. Das ist das Schwarze Meer. Da unten ist dann Afrika.
Da ist dann Rufiland, und da kommen wir nach Asien heriiber. Da
wiirde dann England, Irland sein. Da driiben ist Amerika. Hier war
also uberall friiher Land, und nur ganz wenig Land hier uberall; dahier,
in Europa, hatten wir eigentlich damals ein ganz riesiges Meer. Diese
Lander, die sind alle im Meer. Und wenn wir da hinuberkommen, so
ist Sibirien auch noch Meer; das ist alles noch Meer. Und da unten, wo
heute Indien ist - da ist dann Hinterindien -, dahier war es wiederum
so, dafi es etwas aus dem Meer herausgestiegen ist. Also wir haben
eigentlich hier etwas Land; hier haben wir wieder Land. In dem Teil,
wo heute die Asiaten, die Vorderasiaten und die Europaer leben, da
war eigentlich Meer, und das Land ist erst spater daraus emporgestie-
gen. Und dieses Land, das ging viel weiter, das ging noch bis in den
Stillen Ozean hinein, wo heute die vielen Inseln sind; also die Inseln
Java, Sumatra und so weiter, das sind Stucke von einem ehemaligen
Land, der ganze Inselarchipel. Da also, wo heute derGrofie Ozean
ist, war wiederum viel Land; dazwischen war Meer.
Nun sind also die ersten Bevolkerungen, die wir verfolgen konnen,
hier geblieben, wo etwas das Land sich erhalten hat. Wenn wir in
Europa uns umschauen, so konnen wir eigentlich sagen: In Europa ist
die Sache so, da ist vor heute etwa zehn-, zwolf-, fiinfzehntausend
Jahren erst die Erde soweit fest geworden, der Boden, dafi Menschen
da wohnen konnten. Vorher waren nur Seetiere da, die aus dem Meere
sich herausentwickelten und so weiter. Wollte man dazumal nach den
Menschen schauen, so miifite man da hiniiber schauen, wo heute der
Atlantische Ozean ist. Aber da dniben in Asien, in Ostasien, da waren
eben auch schon Menschen in der Zeit vor zehntausend Jahren und
so weiter. Diese Menschen, die haben natiirlich Nachkommen hinter-
lassen; und die sind sehr interessant, meine Herren, diese Nachkommen
gerade, denn das sind eigentlich diejenigen, die die alteste sogenannte
Kultur haben auf der Erde. Das sind Volker, die wir heute als Mon-
golenvolker bezeichnen, das sind Japaner und Chinesen. Die sind eigent-
lich deshalb sehr interessant, weil sie Oberreste sind sozusagen der
altesten Erdenbevolkerung, von der noch etwas geblieben ist.
Natiirlich gibt es ja, wie Sie gesehen haben, eine viel altere Erden-
bevolkerung; die ist aber ganz zugrunde gegangen. Das ist die Bevol-
kerung, die hier in der alten Atlantis gelebt hat. Von der ist nichts
mehr vorhanden. Denn da mufite man, selbst wenn Reste davon vor-
handen waren, auf dem Boden des Atlantischen Ozeans graben. Man
miilke erst herunterkommen auf den Boden — das ist schwerer als man
denkt -, und dann mufite man da graben; dann wiirde man hochst-
wahrscheinlich nichts finden, weil die einen weichen Leib gehabt ha-
ben, wie ich Ihnen sagte. Und die Kultur, die sie mit den Gebarden
gemacht haben, kann man auch nicht aus der Erde ausgraben, weil es
nicht geblieben ist! Also das, was da viel alter ist als Japaner und Chi-
nesen, das kann man nicht mit der aufteren Wissenschaft erreichen.
Man mufi Geisteswissenschaft treiben, wenn man solche Sachen er-
reichen will.
Aber interessant ist, was von Chinesen und Japanern geblieben ist.
Sehen Sie, diese Chinesen und die alteren Japaner - nicht die heuti-
gen; ich will gleich dariiber einige Worte sagen -, die Chinesen und
Japaner haben eigentlich eine Kultur, die ganz verschieden ist von der
unsrigen. Man wiirde viel mehr richtig von der Sache denken, wenn
nicht die braven Europaer in den letzten Jahrhunderten eben ihre
Herrschaft ausgedehnt hatten iiber diese Gebiete und alles ganz anders
gemacht hatten. Das ist ja zum Beispiel bei Japan vollstandig gelungen.
Wenn Japan auch dem Namen nach sich selber bewahrt - das sind ja
ganz Europaer geworden; die haben ja alles von den Europaern nach
und nach angenommen, und es ist ihnen nur als Aufterlichkeit geblie-
ben, was ihnen von ihrer alten Kultur vorhanden war. Die Chinesen
haben sich schon starker bewahrt; aber jetzt konnen sie es ja auch nicht
mehr. Denn die europaische Herrschaft hat sich zwar dort nicht als
Herrschaft festgesetzt, aber dasjenige, was die Europaer denken,
das gewinnt in diesen Gegenden die Oberhand. Denn es ist so, daft da
alles verlorengeht, was einmal vorhanden war. Das ist ja nicht zu be-
dauern. Das ist einmal so in der Entwickelung der Menschheit. Aber
sagen mulS man es.
Nun, wenn wir zunachst, weil es bei denen reiner erscheint, die
Chinesen betrachten, so ist das so, daft sie eine Kultur haben, die sich
schon deshalb von aller anderen Kultur unterscheidet, weil die Chine-
sen in ihrer alten Kultur eigentlich gar nicht dasjenige haben, was man
Religion nennt. Die chinesische Kultur war noch eine religionslose
Kultur.
Sie miissen sich darunter nur etwas vorstellen, meine Herren, unter
«religionsloser Kultur». Nicht wahr, wenn man die Kulturen in Be-
tracht zieht, die Religionen haben, so hat man iiberall, zum Beispiel
in diesen altindischen Kulturen, die Verehrung von Wesenheiten, die
unsichtbar sind, die aber doch so ahnlich ausschauen wie der Mensch
auf der Erde. Das ist die Eigentiimlichkeit aller spateren Religionen,
daft sie sich die unsichtbaren Wesen so menschenahnlich vorstellen.
Nicht wahr, das tut die Anthroposophie nicht mehr. Die stellt sich
die iibersinnliche Welt nicht mehr menschenahnlich vor, sondern so wie
sie eben ist, und geht auch dazu iiber, in den Sternen und so weiter den
Ausdruck des Ubersinnlichen zu sehen. Das Merkwiirdige ist, daft
etwas Ahnliches die Chinesen schon gehabt haben. Die Chinesen ver-
ehren nicht unsichtbare Gotter, sondern die Chinesen sagen: Dasjenige,
was hier auf der Erde ist, das ist verschieden, je nach dem Klima, je
nach der Bodenbeschaffenheit, in der man ist. - Sehen Sie, China war
ja schon in den alleraltesten Zeiten ein grofies Land, ist ja heute noch
grofier als Europa! Es ist ein Riesenland, ist immer ein Riesenland ge-
wesen, hat eine ungeheuer grofie, starke Bevolkerung gehabt. Nicht
wahr, dafi die Bevolkerung auf der Erde zunimmt, das ist ja nur eine
aberglaubische Vorstellung der heutigen Wissenschaft, die immer nur
rechnet mit dem, womit sie rechnen will. In Wahrheit waren in altesten
Zeiten auch die Riesenbevolkerungen in China und auch dniben in
Siidamerika und auch in Nordamerika. In altesten Zeiten ging ja auch
dort das Land heraus gegen den Stillen Ozean. Nun, gegen das ist eigent-
lich unsere Erdenbevolkerung nicht gewachsen.
Also es ist da eine ganz alte Kultur, meine Herren. Diese Kultur
kann man heute noch beobachten so, wie sie vor zehntausend, acht-
tausend Jahren durchaus vorhanden war. Da hatten sich diese Chinesen
gesagt: Ja, da oben, da ist ein anderes Klima, ein anderer Boden als da
unten; da ist alles verschieden. Da ist das Pflanzenwachstum verschie-
den, da mufken die Menschen in verschiedener Weise leben. Aber die
Sonne kommt iiberall hin: Die Sonne scheint da oben, die Sonne scheint
da unten, die geht ihren Weg, die geht aus den warmeren Gegenden zu
den kalteren Gegenden und so weiter. - So sagten sich diese Leute: Auf
der Erde herrscht Verschiedenheit; die Sonne macht alles gleich. - Und
sie sahen daher in der Sonne dasjenige, was alles befruchtet, was alles
gleich macht. Deshalb sagten sie: Wenn wir einen Herrscher haben, so
mufi der auch so sein. Die einzelnen Menschen sind verschieden, aber
der mufi wie die Sonne die Leute beherrsghen. — Deshalb nannten sie
ihn den Sohn der Sonne. Der war also verpflichtet, so zu regieren auf
Erden, wie die Sonne in der Welt regiert. Die einzelnen Planeten: Ve-
nus, Jupiter und so weiter treiben Verschiedenes; die Sonne macht
alles gleich als Herrscher iiber diese Planeten. Und so stellten sich die
Chinesen vor, dafi derjenige, der der Herrscher ist, der Sohn der Sonne
ist. Nicht wahr: Unter «Sohn» verstand man eigentlich im wesent-
lichen dasjenige, was zu irgend etwas gehort.
Und nun war das ganze ubrige Leben so eingerichtet, dafi die Leute
sich sagten: Nun ja, der Sohn der Sonne, das ist unser wichtigster
Mensch; die anderen sind seine Heifer, so wie die Planeten und so
weiter die Heifer der Sonne sind. - Und sie richteten auf Erden alles
so ein, wie es ihnen oben bei den Sternen erschien. Und das alles mach-
ten sie, ohne daft sie beteten. Die Chinesen kannten das nicht, was man
ein Gebet nennt. Das taten sie, ohne daft sie im Grunde so etwas hatten,
was spater ein Kultus war. Sie richteten sich dasjenige, was man ihr
Reich nennen konnte, so ein, dafi es ein Abbild des Himmels war. Man
kann das noch nicht Staat nennen; das ist ein Unfug, den die heutigen
Menschen treiben. Aber sie richteten sich dasjenige, was auf Erden
war, so wie ein Abbild desjenigen ein, was ihnen am Sternenhimmel
erschien.
Sehen Sie, dadurch kam etwas heraus, was natiirlich ganz anders
war als das Spatere; dadurch wurde man Burger eines Reiches. Man
gehorte nicht zu einem Religionsbekenntnis, man fiihlte sich nur als zu
einem Reich gehorig. Gotter hatten die Chinesen urspriinglich schon
gar nicht; wenn sie spater Gotter hatten, so waren die von den Indern
ubernommen. Urspriinglich hatten sie keine Gotter, sondern sie driick-
ten alles das, was sie als Beziehung zu den ubersinnlichen Welten hatten,
in ihrem Reichswesen aus, in dem sie ihre Einrichtungen hatten. Daher
hatten diese Einrichtungen so etwas Familienhaftes. Der Sohn der
Sonne war zugleich der Vater der iibrigen Chinesen, und die dienten
ihm. Wenn es auch ein Reich war, es hatte das Ganze etwas von Fami-
lienhaftem.
Das alles ist nur moglich, wenn die Menschen iiberhaupt noch gar
kein solches Denken haben wie die spateren Menschen. Und die Chi-
nesen hatten noch kein solches Denken wie die spateren Menschen.
Was wir heute denken, war den Chinesen noch ganz fremd. Wir den-
ken zum Beispiel Tier und denken Mensch; wir denken Vase, wir
denken Tisch. So dachten die alten Chinesen nicht, sondern die Chi-
nesen wufiten: Es gibt einen Lowen, einen Tiger, einen Hund, einen
Baren ~ aber nicht, dafi es ein Tier gibt. Sie wufiten: Der Nachbar hat
einen eckigen Tisch; der andere hat einen etwas runderen Tisch. Die
einzelnen Dinge nannten sie; aber das, was Tisch ist, das kam ihnen
gar nicht in den Sinn. Den Tisch als solchen, den kannten sie nicht. Sie
wufiten: Da ist der eine Mensch mit einem etwas grofieren Kopf, mit
langeren Beinen, da ist der andere Mensch mit einem etwas kleineren
Kopf, mit kiirzeren Beinen und so weiter. Da ist ein kleiner Mensch,
da ist ein grofier Mensch; aber Mensch im allgemeinen kannten sie
nicht. Sie dachten ganz anders. Der heutige Mensch kann sich nicht
hineinversetzen in die Art und Weise, wie die Chinesen dachten. Daher
brauchten sie auch andere Begriffe. Wenn man so denkt, sehen Sie:
Tisch, Mensch, Tier - was ist dann? Das kann man juristisch ausbilden,
denn die Juristerei besteht nur aus solchen Begriffen; aber die Chi-
nesen konnten sich noch keine Juristerei ausdenken. Da war alles so
eingerichtet wie in einer Familie. In der Familie sieht man nicht nach
im Obligationenrecht, wenn der Sohn oder die Tochter etwas tun wol-
len. Wenn man heute etwas tun will in der Schweiz, schlagt man das
Obligationenrecht, Eherecht und so weiter auf. Da ist dann alles drin-
nen. Das mufi man dann auf das einzelne anwenden.
Insofern die Menschen noch ein bifkhen etwas vom Chinesischen
in sich haben - es bleibt ja immer ein biftchen was! -, da kennen sie sich
noch nicht recht aus im Obligationenrecht; da miissen sie dann zum
Advokaten gehen. Sie kennen sich auch noch nicht in allgemeinen Be-
griffen aus, die Leute. Die Chinesen, die hatten auch keine Juristerei.
Sie hatten iiberhaupt eigentlich alles dasjenige noch nicht, was dann
spater zum Staatswesen wurde. Sie hatten nur dasjenige, was der ein-
zelne Mensch wiederum im einzelnen sehen konnte.
Nun weiter. Davon ist zum Beispiel die ganze Sprache der Chine-
sen beeinflufit. Nicht wahr, wenn wir sagen: Tisch — so stellen wir uns
darunter unbedingt etwas vor, was eine Platte hat und entweder eins,
zwei oder drei Beine und so weiter, aber es mufi etwas sein, was eben
so wie ein Tisch stehen kann. Und wenn einer kommt und vom Stuhl
sagt, das ware ein Tisch, wurden wir ihm sagen: Du bist ein Esel, das
ist doch kein Tisch, das ist doch ein Stuhl. - Und wenn gar einer kom-
men wiirde und wurde zu dem da (Wandtafel) Tisch sagen, da wurden
wir ihm sagen: Das ist ein doppelter Esel, denn das ist doch eine Tafel
und kein Tisch! - Wir miissen eben nach dem, wie wir gerade unsere
Sprache haben, jedes Ding mit einem Namen bezeichnen.
Das ist bei den Chinesen nicht der Fall, sondern sagen wir - ich will
es nur hypothetisch anfiihren, es ist nicht genau so, aber Sie bekommen
eine Vorstellung davon -, sagen wir, der Chinese hat einen Laut OA,
I OA, TAO meinetwillen, er hat den Laut fur Tisch zum Beispiel.
Aber dieser selbe Laut, der bedeutet dann noch vieles andere. Also,
Tafels sagen wir, so ein Laut, der kann bedeuten: Baum, Bach, auch, sagen
wir, Kieselstein und so weiter. Dann hat er einen anderen Laut, der
kann bedeuten, sagen wir Stern, auch Tafel und zum Beispiel Bank.
Ich meine nicht, dafi das in der chinesischen Sprache so wirklich ist,
aber es ist so aufgebaut. Jetzt weift der Chinese: er hat zwei Laute,
sagen wir zum Beispiel Lao und Bao, und beides bedeutet ganz Ver-
schiedenes, nur Bach bedeuten sie beide; dann setzt er beides zusammen:
Baolao. So baut er seine Sprache auf ! Er baut seine Sprache nicht auf
Namen auf, die dem einzelnen gegeben sind, sondern er setzt sie so zu-
sammen, wie die verschiedenen Laute Verschiedenes bedeuten. Es kann
Baum, aber auch Bach bedeuten. Wenn er dann einen Laut hat, der
unter vielem anderem Baum, aber auch Bach bedeutet, so setzt er die-
sen mit einem anderen zusammen; dann weifi der andere, dafi er den
Bach meint; aber wenn er nur einen Laut ausspricht, dann weifi keiner,
was gemeint ist. Und so kompliziert ist es auch mit dem Schreiben.
So dafi also die Chinesen eine aufterordentlich komplizierte Sprache
und eine aufierordentlich komplizierte Schrift haben.
Ja, aber daraus folgt vieles, meine Herren. Daraus folgt, dafi man
nicht so leicht wie bei uns lesen und schreiben lernen konnte, nicht
einmal sprechen. Bei uns kann man wirklich sagen: Lesen und Schrei-
ben ist kinderleicht, und wir sind sogar alle ungliicklich, wenn unsere
Kinder nicht lesen und schreiben lernen; es mufi eben «kinderleicht»
sein. Das ist bei den Chinesen nicht so; da wird man ein alter Bursche,
bis man schreiben lernen kann oder die Sprache beherrscht. Daher kann
man sich auch vorstellen, dafi eigentlich das Volk das alles nicht kann,
und dafi nur diejenigen, die bis ins hochste Alter lernen, das alles beherr-
schen. Daher ist in China von selbst den Gebildeten ein geistiger Adel
gegeben. Also in China ist dieser geistige Adel durch das, was in der
Sprache und Schrift ist, hervorgerufen. Und wiederum ist es nicht so,
wie es im Westen der Fall ist, wo der Adel einigermaften ernannt ist
und dann sich forterbt, sondern in China ist es nur moglich, eine
solche Rangstellung sich zu erringen durch Bildung, durch Gelehr-
samkeit.
Es ist sehr merkwiirdig, meine Herren: Wir miissen natiirlich, wenn
wir aufierlich heute beurteilen wollen, immer betonen: Wir wollen
nur ja keine Chinesen werden! - Also Sie miissen das nicht so auf-
fassen, als ob ich sagen wollte, wir wollen Chinesen werden oder
China besonders bewundern. Das ist etwas, was natiirlich einige Leute
einem leicht nachsagen konnen, und als wir in Wien vor zwei Jahren
einen Kongreft hatten, da hat einer von uns davon geredet, dafi die
Chinesen heute noch verschiedene Einrichtungen haben, die weiser
sind als die unsrigen. Flugs haben die Zeitungen geschrieben, wir woll-
ten fiir Europa die chinesische Kultur haben! - Nicht wahr, das ist also
nicht damit gemeintl Nur wird man, wenn man die chinesische Kultur
beschreibt, so sprechen, dafi man in eine Art, nur in eine Art von Lob
hineinkommt, weil sie ja etwas Geistiges hat. Nur ist sie primitiv; sie
ist so, dafi man sich jetzt nicht mehr darauf einlassen kann. Also Sie
miissen deshalb schon nicht glauben, dafi ich wiinsche, daft man China
in Europa einfiihrt! Aber ich will Ihnen doch beschreiben diese alteste
Menschheitskultur, wie sie eben wirklich war.
Nun weiter: Das, was ich da sagte, hangt nun iiberhaupt zusammen
mit der ganzen Art und Weise, wie diese Chinesen dachten und fiihl-
ten. Die Chinesen namlich und auch die alteren Japaner beschaftigten
sich auch sehr viel, aufierordentlich viel mit ihrer Kunst, ihrer Art von
Kunst; sie malten zum Beispiel. Ja, wenn wir malen, dann ist das etwas
ganz anderes, als wenn diese Chinesen malen! Sehen Sie, wenn wir
malen - ich will das Einfachste machen -, wenn wir zum Beispiel eine
Kugel malen (es wird gezeichnet), sagen wir, wenn so das Licht kommt, Tafeis
dann ist diese Kugel hier hell, dahier ist sie dunkel, da ist sie im Schatten,
da trifft das Licht vorbei; da ist sie wiederum auf der Lichtseite ein bifi-
chen hell, weil da das zuriickgeworfene Licht kommt -, dann sagen
wir, das ist Selbstschatten, weil da das zuriickgeworfene Licht kommt;
und dann mufiten wir hier noch extra aufmalen den Schatten, den sie
auf den Boden wirft, den Uberschatten. Das ist das eine, wie wir ma-
len. Wir miissen Licht und Schatten auf unseren Dingen haben. Wenn
wir ein Gesicht malen, dann malen wir hierher Helligkeit, wenn da das
Licht kommt; dahier machen wir es dunkel. Ebenso sehen wir vomMen-
schen, wenn wir richtig malen, einen Schatten, der auf den Boden fallt.
Aber aufterdem miissen wir bei unserem Malen noch etwas beriick-
sichtigen. Nehmen wir an, ich stehe da und ich will malen. Da sehe
ich da vorne den Herrn Aisenpreis sitzen, und da hinten sehe ich den
Herrn Meier und die beiden Herren, die da hinten sind; die mufi ich
auch malen: Herrn Aisenpreis ganz groft, Herrn Meier und die beiden
Herren da hinten ganz klein. So werden sie auch auf der Photographie,
wenn ich photographiere, ganz klein. Wenn ich das male, mache ich das
so, daft ich die Herren, die auf der vordersten Reihe sitzen, ganz grofi
male, die nachsten kleiner, die nachsten noch kleiner, und der da ganz
hinten sitzt, der hat einen winzig kleinen Kopf, ein winzig kleines
Gesicht. Da sehen Sie, man mufi nach der Perspektive malen. Das mufi
man auch bei uns. Wir miissen nach Licht und Schatten malen, wir
miissen nach der Perspektive malen. So ist es einmal in unserer Denk-
weise.
Ja, die Chinesen, meine Herren, die kannten weder Licht noch
Schatten beim Malen, noch kannten sie eine Perspektive, weil sie iiber-
haupt nicht so gesehen haben wie wir! Die haben gar nicht geachtet
auf Licht und Schatten, auf die Perspektive; denn die haben so gesagt:
Aisenpreis ist doch nicht ein Riese, und Meier ist doch nicht ein kleiner,
winziger Zwerg! Die konnen wir doch nicht so durcheinanderstellen
auf einem Bild, daft der eine ein Riese, der andere ein Zwerg ware; das
ist doch eine Luge! Das ist doch gar nicht wahr! - Die haben sich so
hineingedacht in alles und haben so gemalt, wie sie sich hineingedacht
haben. Und die Chinesen und Japaner, wenn sie in ihrer Art malen
lernen, lernen sie es nicht so, dafi sie es von aufien anschauen, sondern
sich hineindenken in die Dinge; sie malen alles von innen heraus, wie
sie sich es denken miissen. Das macht das Wesen der chinesischen und
japanischen Malerei aus.
Also Sie sehen: Das Sehenlernen, das tritt erst spater in der Mensch-
heit auf. Die Menschen, die da im alten China waren, die haben nur in
ihrer Art bildlich gedacht; sie haben nicht allgemeine Begriffe gebildet,
wieTisch und so weiter, aber das, was sie gesehen haben, haben sie inner-
lich erfaflt. Das ist auch gar nicht wunderbar, meine Herren, denn die
Chinesen kamen ja von einer solchen Kultur her, bei der man nicht so
gesehen hat. Wir sehen heute so, weil die Luft zwischen uns und dem
Gegenstand ist. Aber diese Luft war ja nicht da in den Gegenden, aus
denen die Chinesen herkamen. In den Zeiten, von denen die Chinesen
herkamen, da sah man noch nicht so. In alteren Zeiten ware es ein Un-
sinn gewesen, von Licht und Schatten zu reden, weil es das noch nicht
gab in der Luftdichte. So hat sich das bei den Chinesen erhalten, dafi
sie Licht und Schatten nicht haben fur die Dinge, die sie malen, und
nicht haben irgendeine Perspektive. Das kommt erst spater auf . Daraus
sehen Sie schon, wie die Chinesen ganz anders innerlich denken. Sie
denken nicht so wie die spateren Menschen.
Aber all das hinderte die Chinesen gar nicht, daft sie es in bezug auf
aufiere Geschicklichkeiten sehr weit brachten. Sehen Sie, in der Zeit,
als ich noch jung war, jetzt ist es etwas anders geworden, da hat man
halt in der Schule gelernt: Das Schiefipulver hat Berthold Schwarz er-
funden. Und es war so gemeint, als wenn es friiher niemals ein Schiefi-
pulver gegeben hatte und der Berthold Schwarz aus Schwefel, Kali-
salpeter und Kohle einmal, als er seine alchimistischen Versuche ge-
macht hat, das Schieftpulver gefunden hatte. Nun, die Chinesen haben
aber schon das Schiefipulver vor Jahrtausenden gemacht!
Dann lernte man in der Schule: Gutenberg hat die Buchdrucker-
kunst erfunden. - Man lernte da vieles auch richtig, aber es schaut so
aus, als ob es friiher niemals einen Buchdrucker gegeben hatte. Die
Chinesen hatten ihn schon vor Jahrtausenden! Ebenso hatten die Chi-
nesen die Holzschneidekunst, konnten die wunderbarsten Sachen aus
Holz herausschneiden. Also die Chinesen haben in diesen Aufierlich-
keiten eine hohe Kultur gehabt. Und diese Kultur war wiederum nur
der letzte Uberrest einer Kultur, die friiher noch hoher war; denn das
sieht man dieser chinesischen Kunst an, dafi sie herstammt von etwas,
was noch hoher war.
Nun, das Eigentiimliche aber bei diesen Chinesen, das ist eben das,
dafi sie gar nicht in Begriffen denken konnen, sondern nur in Bildern;
aber dann versetzen sie sich in das Innere der Gegenstande hinein. Und
so konnen sie auch alle die Gegenstande machen, die durch aufiere Er-
findungen gemacht werden, wenn es nicht gerade Dampfmaschinen
sind oder so etwas. Und so, wie die Chinesen heute, man kann schon
sagen, verlottert und unkultiviert sind,"" so sind sie eigentlich erst ge-
Siehe Hinweis auf S. 244.
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worden, nachdem sie eigentlich wirklich jahrhundertelang maltratiert
worden sind von den Europaern.
Da sehen Sie, meine Herren, dafi es eine Kultur hier gab, die eigent-
lich in gewissem Sinne geistig ist, und die ganz alt ist, die auf zehn-
tausend Jahre vor unsere Zeit schon zuriickgeht. Und verhaltnismafiig
spat, erst in dem Jahrtausend, das vor dem Christentum liegt, da haben
solche Leute wie der Lao-tse, der Konfuzius, dasjenige, was diese Chine-
sen gehabt haben an Kenntnissen, aufgeschrieben. Aber diese Herren
haben nichts anderes aufgeschrieben als dasjenige, was sich so ergeben
hat im Familienumgang des grofien Reichs. Die haben gar nicht das
Bewufksein gehabt, dafi sie etwas erfinden als Moral-, Sittlichkeits-
regeln und so weiter, sondern dasjenige, was sie vorgefunden haben,
wie sich die Chinesen benommen haben, das haben sie aufgeschrieben.
Friiher hat man es nur ausgesprochen. Also alles war im Grunde ge-
nommen anders dazumal. Nun, sehen Sie, das ist dasjenige, was sich
gewissermafien heute noch an den Chinesen beobachten lafit.
An den Japanern lafit sich das kaum mehr beobachten, weil sie sich
ganz europaisiert haben und sie alles der europaischen Kultur nach-
machen. Dafi sie nicht aus ihnen selber gewachsen ist, diese Kultur, das
geht daraus hervor, dafi sie das, was rein europaisch ist, nicht aus sich
selber heraus finden konnen. Da passierte ja zum Beispiel einmal fol-
gendes: Die Japaner sollten ein Dampfschiff verwenden; sie haben
sich eingebildet, das konnten sie schon ganz wunderbar verwenden.
Sie haben zum Beispiel abgeguckt, wie man umdreht mit einem Dampf-
schiff, was man da fur eine Schraube aufmacht und so weiter. Nun, dann
haben die Lehrer, die Europaer, das eine Zeitlang mit den Japanern
durchgemacht; dann waren die Japaner schon stolz und haben gesagt:
Das konnen wir jetzt selber machen, wir konnen selber einen Kapitan
stellen. - Nun haben sich die europaischen Lehrer auf dem Lande auf-
gestellt, und die Japaner sind mit ihrem Dampfschiff aufs hohe Meer
hinausgefahren. Nun wollten sie auch das Umdrehen probieren, mach-
ten die Schrauben auf, und siehe da, das Schiff drehte um - aber dann
wufiten sie nicht, wie man wieder zumacht; und nun drehte das Schiff
fortwahrend, tanzte auf dem Meer herum, und die europaischen Leh-
rer, die an der Kiiste standen, mufiten in einem Boot auf das Meer
fahren und das Schiff erst wiederum zum Stillstand bringen. - Sie
wissen, daft es ein Gedicht von Goethe gibt: «Der Zauberlehrling»,
wo ein Junge von einem alten Zaubermeister sich die Spriiche abge-
lauscht hat. Nun hat er gelernt, damit er nicht selber das Wasser holen
mufi, durch Zauberspruch einen Besen zu verwandeln, daft der das
Wasser herbeihole. Nun fangt er an, als der alte Meister einmal weg-
ging, sich das Wasser vom Besen bringen zu lassen. Die Worte, die hatte
er, daft er den Besen veranlassen konnte, das Wasser zu bringen. Und
nun fangt der Besen an, immer Wasser und Wasser zu bringen - aber nun
hat der Junge vergessen, wie er ihn wiederum zum Stillstand bringen
kann! Nun denken Sie, wenn Sie Wasser hatten im Zimmer und der Be-
sen immer wieder Wasser bringt, bis der Lehrling sogar den Besen zer-
hackt: da werden sogar zwei Besen daraus, die bringen beide jetzt Was-
ser! Als alles schon iiberschwemmt ist und immer mehr Wasser kommt,
da ist der alte Meister gekommen, der das Wort sagte, so daft der Be-
sen wieder zum Besen geworden ist.
Nicht wahr, das Gedicht ist neulich hier eurythmisiert worden,
machte den Leuten riesigen Spaft. So erging es auch den Japanern: Die
hatten auch nicht gewuftt, wie die Schraube wieder zuriickgedreht wer-
den muftte, und das Schiff da drauften drehte und drehte sich. Da war
da drauften so ein richtiger Schiffstanz, bis die auf dem Lande stehen-
den Lehrer mit dem Boot hinausfahren konnten und dem wieder ab-
halfen.
Daraus geht hervor: Europaische Sachen eigentlich erfinden konnen
die Chinesen nicht — das konnen auch die Japaner nicht -, aber erfinden
die eigentlich alteren Sachen, wie Schieftpulver, Buchdruck und so
weiter, darauf sind diese in viel, viel alteren Zeiten gekommen als die
Europaer.
Nun, sehen Sie, der Chinese hat eben groftes Interesse fur die Um-
welt, groftes Interesse fur die Sterne, wie iiberhaupt groftes Interesse
fur die Auftenwelt.
Ein anderes Volk, das nun auch weit zuriickweist auf alte Zeiten,
das ist dann das indische. Aber so weit wie das chinesische weist das
indische nicht zuriick. Das indische Volk hat auch eine alte Kultur.
Aber diese alte Kultur, die ist, ich mochte sagen, erst spater als die
chinesische aus dem Meer aufgestiegen. Die Leute, die da im spateren
Indien waren, die sind mehr vom Norden, als das dann hier vom
Wasser frei wurde, heruntergekommen, haben sich dann da nieder-
gelassen.
Nun, diese Inder haben, wahrend die Chinesen sich mehr fur das,
was aufien in der Welt ist, interessierten, in jedes Ding sich hinein-
denken konnten, mehr in sich hineingebrtitet. Die Chinesen haben mehr
iiber die Welt nachgedacht, in ihrer Art, aber eben iiber die Welt nach-
gedacht; die Inder dachten mehr iiber sich nach, iiber den Menschen
selber. Daher entstand eine sehr verinnerlichte Kultur in Indien. In
den altesten Zeiten war nun die indische Kultur auch noch religions-
frei, denn auch in die indische Kultur ist die Religion erst spater her-
eingekommen. Man hat hauptsachlich den Menschen betrachtet, aber
man hat den Menschen innerlich betrachtet.
Sehen Sie, das kann ich Ihnen auch wiederum aus dem, wie diese
Inder gezeichnet und gemalt haben, am besten erklaren. Wenn die
Chinesen einen Menschen gesehen haben, haben sie ihn einfach gemalt,
indem sie sich in ihn hineingedacht haben, ohne Licht und Schatten,
ohne Perspektive. Also wenn ein Chinese schon hatte Herrn Burle
malen wollen, so hatte er sich hineingedacht in ihn; er hatte ihn da
nicht schwarz gemacht, wie wir es heute machen, und da hell - Licht
und Schatten hatte er nicht gemacht; er hatte auch nicht die Hande im
Verhaltnis, weil wir die Hande immer vorne haben, etwas grower ge-
macht. Aber wenn der Chinese den Herrn Burle nun gemalt hatte, dann
ware eben der Herr Burle da auf dem Bild.
Bei den Indern war das ganz anders. Denken Sie sich, die Inder
hatten gemalt. Da hatten sie angefangen, hatten versucht, den Kopf zu
malen - Perspektive hatten sie ja auch nicht. Aber dann ware ihnen
gleich eingef alien: Der Kopf konnte auch anders sein - da hatten sie
gleich einen zweiten, einen dritten gemacht, noch anders, und dann
ware ihnen ein vierter und funfter eingef alien. So hatten sie nach und
nach zwanzig, dreifiig Kopfe nebeneinander gehabt! So viel ist ihnen
eingefallen bei dem einen Kopf. Oder bei einer Pflanze, wenn sie die
gemalt hatten: gleich fiel ihnen ein, die konnte auch anders sein - und
dann entstanden gleich viele, viele junge Pflanzen, die aus der alteren
hervorwuchsen! So war es bei den altesten Indern. Die haben diese rie-
sige Phantasie gehabt. Die Chinesen haben gar keine Phantasie gehabt,
die machten nur das einzelne, aber sie dachten sich in das einzelne hin-
ein. Die Inder hatten diese riesenhafte Phantasie.
Nun, sehen Sie, meine Herren, das ist ja nicht da; wahrhaftig, wenn
man Herrn Burle ansieht, da hat man nur einen Kopf, und wenn man
ihn da hinmalt (an die Tafel), kann man auch nur einen Kopf malen. Tafels
Also man malt nichts, was aufterlich wirklich ist, wenn man da zwan-
zig, dreiftig Kopfe malt; da malt man etwas, was nur im Geiste gedacht
ist. Und so wurde die ganze indische Kultur. Die wurde eine ganz
innerlich geistige Kultur. Daher, wenn Sie indische geistige Wesen se-
hen, wie die Leute es sich gedacht haben, dann haben sie diese mit vie-
len Kopfen, mit vielen Armen gemalt oder so, daft anderes, Tierisches
aus dem herausgeht, was also da im Korper ist und so weiter.
Sehen Sie, diese Inder, das sind ganz andere Menschen als die Chi-
nesen. Die Chinesen sind phantasielos, die Inder sind urspriinglich voll
Phantasie. Daher waren die Inder auch geeignet, nach und nach ihre
Kultur ins Religiose umzuwandeln. Die Chinesen haben nie ihre Kul-
tur, bis heute nicht, ins Religiose umgewandelt; in China gibt es keine
Religion. Die Europaer, sehen Sie, die alles miteinander verwursteln,
die reden von einer chinesischen Religion. Kein Chinese wird das zu-
geben! Der sagt: Ihr in Europa habt eine Religion, die Inder haben
eine Religion; wir haben nicht das, was eurer Religion ahnlich ist -,
sagen die Chinesen. Nun, aber das, wie diese Inder veranlagt waren,
das war nur moglich dadurch, daft diese Inder eine ganz genaue Kennt-
nis hatten, was die Chinesen nicht so hatten, von dem menschlichen
Korper. Der Chinese konnte sich in alles, was aufSen ist, sehr gut hin-
einversetzen. Deshalb make er auch so, wie ich es Ihnen sagte. Wenn
er aber auch andere Dinge wahrnahm, dann konnte er sich gut hinein-
versetzen. Sehen Sie, wenn wir auf unserem Tisch Essig stehen haben
und Salz und Pfeffer und wollen wissen, wie diese Dinge schmecken,
dann mussen wir Pfeffer und Salz und Essig erst auf die Zunge krie-
gen; dann wissen wir, wie es schmeckt. Das war beim alten Chinesen
nicht so: Der schmeckte die Dinge schon, wenn sie draufien waren. Er
konnte sich wirklich in sie hineinversetzen. Und mit dem Aufieren war
der Chinese gut vertraut. Daher hatte er auch Ausdriicke, die zeigten,
dafi er teilnahm an der AulSenwelt. Wir haben nicht mehr solche Aus-
driicke - hochstens bedeuten sie bei uns etwas Bildliches. Beim Chine-
sen bedeuteten sie etwas Wirkliches. Wenn ich einen Menschen kennen-
lerne, und ich sage: Das ist ein sauerlicher Mensch — , dann werden Sie
sich etwas Bildliches vorstellen. Daft er wirklich sauer ist wie Essig,
das stellen Sie sich dann nicht vor. Aber beim Chinesen bedeutete das,
dafi dieser Mensch in ihm hervorgerufen hatte einen sauerlichen Ge-
schmack.
Nun, das war bei den Indern eben nicht so. Die Inder, die konnten
sich vielmehr in den eigenen Korper vertiefen. Wenn wir uns in den
Korper vertiefen, dann konnen wir nur unter gewissen Umstanden
etwas fiihlen in unserem Korper. Wenn jedesmal, wenn wir eine Mahl-
zeit hinter uns haben, diese Mahlzeit im Magen liegen bleibt, der Ma-
gen nicht ordentlich verdauen kann, dann fuhlen wir Schmerzen in
unserem Magen; wenn unsere Leber nicht in Ordnung ist, nicht genii-
gend Galle absondern kann, dann fuhlen wir Schmerzen auf der rech-
ten Seite des Korpers, dann werden wir leberkrank. Wenn unsere Lunge
zu viel Exsudate, also Absonderungen, von sich gibt, so dafi sie mit
Schleim ausgefiillt wird, den sie nicht haben soil, so fuhlen wir: Die
Lunge, die ist nicht richtig in Ordnung, die ist krank. Der heutige Mensch
fiihlt den Korper nur in denjenigen Organen, wo er krank ist. In diesen
alteren Zeiten fiihlte der Inder auch die gesunden Organe; er wufite,
wie der Magen, wie die Leber sich anfiihlt. Wenn der Mensch das heute
wissen will, mufi er sich einen Leichnam nehmen, mufi ihn zerschnei-
den; er schaut die einzelnen Organe, wie sie im Inneren sind, an. Kein
Mensch wiiftte heute, wie eine Leber ausschaut, wenn man sie nicht
sezieren wiirde - aufterdem: die Geisteswissenschaft ist in der Lage, sie
zu beschreiben! Die Inder, die dachten den Menschen von innen her;
sie hatten alle Organe zeichnen konnen. Nur beim Zeichnen wiederum,
wenn Sie einem Inder die Aufgabe gegeben hatten, er soil seine Leber
fuhlen, und er soli das, was er fiihlt, zeichnen, so hatte er gesagt: Leber -
das ist eine Leber, das eine andere Leber, das ist wieder eine andere
Leber, und er hatte zwanzig bis dreifiig Lebern nacheinander aufge-
zeichnet.
Ja, meine Herren, da wird die Geschichte schon anders. Wenn ich
einen fertigen Menschen habe und ihm zwanzig Kopfe mache, dann
habe ich ein Phantasiegebilde. Wenn ich aber eine menschliche Leber
aufzeichne und dabei zwanzig-, dreifkgmal eine Leber mache, dann ist
es wirklich so, daft ich eigentlich nicht etwas ganz Phantastisches auf-
zeichne, sondern diese zwanzig, dreifkg Lebern hatten eigentlich ent-
stehen konnen! Es hat ja jeder Mensch seine bestimmte Form der Leber,
wie er sein Gesicht hat; aber das ist nicht so arg notwendig, sondern sie
konnte der Form nach auch anders sein. Und dieses, dafi etwas anders
sein kann, dieses Geistige an der Sache, das haben die Inder viel besser
verstanden als die Spateren. Die haben gesagt: Wenn man ein einzelnes
Ding zeichnet, so ist das gar nicht wahr, sondern man mufi sich die
Dinge geistig vorstellen. - Daher haben die Inder eine hohe geistige
Kultur gehabt, haben eigentlich allmahlich nicht mehr viel gegeben auf
die aufiere Welt, sondern haben sich alles geistig vorgestellt.
Aber diese Inder, die hielten darauf, daft man tatsachlich auch in
dieser Weise die Sache lernt. Und daher war es wiederum bei ihnen so,
dafi man, um ein gebildeter Mensch zu werden, lange lernen mufke.
Denn nicht wahr, es war nicht so, dafi sich auf einmal der Mensch hat
in sich vertiefen und alles daher hat wissen konnen; er mufke dazu
erst Anleitung haben. Wenn wir einen Jungen oder ein Madchen un-
terrichten, so sind wir verpflichtet, es so zu tun, dafi wir es lesen und
schreiben lehren und so weiter, also ihm aufierlich etwas beibringen.
Das war bei den alten Indern nicht der Fall. Die haben, wenn sie wirk-
lich jemanden etwas lehren wollten, ihn hingesetzt: Er mufke sich inner-
lich in sich vertiefen, er mufke sogar moglichst die Aufmerksamkeit
von der Welt ablenken und auf das Innere richten.Nun aber, wenn einer
sitzt und so hinschaut, so sieht er Sie alle da sitzen, und er wird auf die
Aufienwelt gelenkt. Das hatten die Chinesen gemacht, die lenkten die
Aufmerksamkeit auf die Aufienwelt. Die Inder taten anderes. Die sag-
ten: Du mufit lernen deine Nasenspitze anzuschauen. - Dann mufke er
die Augen so halten, dafi er nichts anderes sah als seine Nasenspitze,
nichts anderes, stundenlang, und gar nicht mit den Augen wegschaute.
Ja, meine Herren, der Europaer sagt: Das ist etwas Schreckliches,
wenn man die Leute anleitet, sie sollen immer auf ihre Nasenspitze
schauen. - Gewifi, fiir den Europaer hat es etwas Schreckliches; er
kann das nicht nachmachen. Aber im alten Indien war es eben Sitte.
Derjenige, der etwas lernen sollte, sollte nicht mit den Fingern
schreiben, sondern auf seine Nasenspitze sehen. Dadurch aber, dafi
er dasafi und stundenlang auf seine Nasenspitze sah, wurde er auf
das Innere gelenkt, lernte Lunge, Leber und so weiter kennen; da
wurde er wirklich auf das Innere gelenkt. Denn die Nasenspitze ist
in der ersten Stunde wie in der zweiten; er sieht nichts Besonderes
an der Nasenspitze. Aber von der Nasenspitze aus sieht er immer
mehr und mehr in sein Inneres; da wird es im Inneren immer heller
und heller.
Dazu mufken sie noch das Folgende ausiiben. Nicht wahr, man ist
gewohnt, wenn man herumgeht, auf seinen Fiifien zu gehen. Ja, meine
Herren, dieses Auf-den-Fiifien-Gehen, das Ubt einen Einfluft auf uns
aus. Wir fiihlen uns dann ais aufrechte Menschen, wenn wir auf den
Fiifien gehen. Auch das wurde abgestellt bei denen, die etwas lernen
sollten in Indien. Die mufken, wahrend sie lernten, das eine Bein so
haben und sich darauf setzen, das andere so; so dafi sie also so safien
und immer auf die Nasenspitze schauten - dafi sie sich ganz abgewohn-
ten zu stehen, sondern dafi sie da das Gefiihl hatten: sie sind nicht auf-
rechtstehende Menschen, sondern das ist verkriippelt, das ist noch wie
bei einem Embryo, wie wenn sie im Mutterleib noch waren. - So kon-
nen Sie ja auch die Buddha-Figuren sehen. So mufken die Inder lernen.
Und so schauten sie allmahlich in ihr Inneres hinein und lernten das
Innere des Menschen kennen, lernten den physischen Leib des Men-
schen ganz geistig kennen.
Wenn wir in uns hineinschauen, da fiihlen wir das armselige Den-
ken und ein bifSchen das Fiihlen, fast gar nicht mehr das Wollen. Die
Inder fiihlten eine ganze Welt in dem Menschen. Naturhch konnen
Sie sich vorstellen, dafi das ganz andere Menschen waren als die spa-
teren. Und dann entwickelte sich diese ungeheure Phantasie; die haben
sie in ihren dichterischen Weisheitsbuchern niedergelegt, spater in den
Veden oder in der Vedanta-Philosophie, die wir heute noch bewundern;
sie haben sie niedergelegt in all den Legenden, die sie iiber die iiber-
sinnlichen Dinge haben, die wir heute noch bewundern.
Sehen Sie, das ist der Gegensatz: Die Inder waren hier, die Chine-
sen da driiben, und die Chinesen waren ein Volk, welches nuchtern,
aufterlich war, gar nicht von innen, vom Inneren lebte. Die Inder waren
ein Volk, das ganz nach dem Inneren schaute, aber eigentlich den phy-
sischen Korper, der geistig ist, im Inneren anschaute.
Nun, da habe ich Ihnen zunachst etwas von den altesten Bevolke-
rungen der Erde gesagt. Meine Herren, ich werde doch noch das nachste
Mai fortsetzen, damit wir weiterkommen bis herauf, wo wir jetzt le-
ben, und wir werden also die Geschichte weiter betrachten.
Setzen Sie sich aber doch Fragen zurecht. Es wird Sie jetzt immer
mehr und mehr das Einzelne und Besondere interessieren, aber ich
werde das nachste Mai immer auch wiederum beriicksichtigen, was
mir fur Fragen gestellt werden, und so allmahlich weiterschreiten. -
Nur kann ich Ihnen nicht sagen, wann die nachste Stunde sein wird.
Ich mufi jetzt nach Holland fahren, und werde Ihnen sagen lassen,
wann die nachste Stunde dann sein wird, in zehn bis vierzehn Tagen.
SECHSTER VORTRAG
Dornach,31. Juli 1924
Guten Morgen! Nun, meine Herren, hat sich jemand wahrend der lan-
gen Zeit eine Frage zurechtgelegt?
Herr Burle: Ich mochte Herrn Doktor einmal fragen iiber die Nahrungsmittel - iiber
Bohnen, Gelbe Ruben und so weiter, was die fur einen Einflufi auf den Korper haben?
Ober Kartoffeln hat Herr Doktor ja schon gesprochen. Vielleicht kdnnen wir iiber
andere Nahrungsmittel noch etwas horen. Manche Vegetarier essen nicht hangende
Sachen, wie Bohnen, Erbsen. Wenn man zum Beispiel ein Kornfeld sieht, so gibt
das einem auch wieder verschiedene Gedanken iiber die Brotfrucht, die sehr wahr-
scheinlich alle Volker der Erde, mit Variationen, haben.
Dr. Steiner: Also es wird gewiinscht, daft jetzt etwas gesprochen
werden soli iiber das Verhaltnis der Nahrungsmittel zum Menschen.
Nun, da ist es notwendig, daft man sich zunachst klarmacht, worauf
eigentlich das Ernahren beruht. Man stellt sich zunachst vor, daft die
Ernahrung darauf beruht, daft der Mensch seine Nahrungsmittel auf-
nimmt, durch den Mund in den Magen bringt, daft sie sich dann weiter
im Korper ablagern, daft er sie wiederum von sich gibt und sich wieder
neu ernahren mufi und so weiter. So einfach ist aber die Sache nicht,
sondern die Dinge sind viel komplizierter. Und man mufi, wenn man
verstehen will, in welcher Weise eigentlich der Mensch zu den Nah-
rungsmitteln steht, sich ja erst einmal klarmachen, welcher Art die
Nahrungsmittel sind, die der Mensch unbedingt braucht.
Sehen Sie, das erste, was der Mensch braucht, was er unbedingt in
sich aufnehmen mull, das ist Eiweift. Eiweift also braucht der Mensch
unbedingt. Wollen wir uns das einmal aufschreiben, damit wir die
Tafel9 Sachen zusammen haben. Also Eiweift, wie es im Hiihnerei zum Bei-
spiel ist; aber nicht nur im Hiihnerei, sondern in alien Nahrungsmitteln
ist Eiweift. Eiweift braucht der Mensch unbedingt. Das zweite, was der
Mensch braucht, das sind Fette. Wiederum sind die Fette in alien Nah-
rungsmitteln drinnen. Es sind auch Fette in den Pflanzen. Das dritte
hat einen Namen, der Ihnen weniger gelaufig sein wird, den man aber
notwendigerweise wissen sollte: Kohlehydrate. Kohlehydrate sind sol-
che Stoffe, wie sie am allermeisten in der Kartoffel zum Beispiel ent-
halten sind; aber auch in alien anderen Pflanzen sind viel Kohlehy-
drate. Kohlehydrate sind dadurch ausgezeichnet, dafl sie sich, wenn
man sie ifit, durch den Speichel des Mundes und durch den Magensaft
so langsam in Starke verwandeln. Die Starke ist etwas, was der Mensch
durchaus braucht; aber er ilk nicht Starke, sondern er ifit solche Nah-
rungsmittel, welche Kohlehydrate enthalten; die verwandeln sich in
ihm selber in Starke. Und dann verwandeln sie sich noch einmal bei der
weiteren Verdauung in Zucker. Und den Zucker braucht der Mensch.
Also in den Kohlehydraten hat er den Zuckergehalt bei sich.
Aber etwas ist noch notwendig fur den Menschen: das sind die Salze,
die er aufnimmt. Er nimmt sie zum Teil als Zusatz zu den Speisen auf,
zum Teil aber sind Salze in alien Speisen schon enthalten.
Wenn wir das Eiweifi betrachten, dann miissen wir bei Tier und
Mensch den grofien Unterschied ins Auge fassen gegeniiber den Pflan-
zen. Die Pflanzen enthalten auch Eiweift; sie essen aber kein Eiweift.
Wenn die Pflanzen aber trotzdem Eiweifi in sich haben, woher haben
sie das? Sie haben es aus dem Boden, der Luft, aus dem Leblosen, aus
dem Mineralischen; sie konnen namlich aus dem Leblosen, aus dem
Mineralischen ihr Eiweifi bereiten. Das kann weder das Tier noch der
Mensch. Der Mensch kann nicht aus dem Leblosen Eiweifi bereiten - da
wiirde er nur Pflanze sein konnen -, sondern er mufi Eiweifi in sich auf-
nehmen, wie es wenigstens die Pflanzen oder die Tiere schon zube-
reitet haben.
Uberhaupt braucht der Mensch zu seinem Leben auf der Erde die
Pflanzen. Und die Pflanzen - das ist nun das Interessante -, die konn-
ten nicht gedeihen, wenn nicht wiederum der Mensch da ware! Und
da ist es interessant, meine Herren, das miissen Sie nur ins Auge fassen,
dalS die zwei allerwichtigsten Dinge fur das Leben sind: der griine
Pflanzensaft in den griinen Blattern und das Blut auf der anderen Seite.
Dieses Grim im Pflanzensaft nennt man Chlorophyll, Blattgriin; also das
Chlorophyll ist im griinen Blatt enthalten. Und aufierdem ist wichtig
das Blut. Nun, da ist etwas hochst Eigentiimliches: Sehen Sie, wenn Sie
den Menschen betrachten, so atmet der Mensch zunachst - das Atmen
ist auch eine Ernahrung -, der Mensch nimmt Sauerstoff aus der Luft
auf, er atmet Sauerstoff ein. In seinem ganzen Korper, iiberall, ist aber
Kohlenstoff abgelagert. Wenn Sie in die Erde hineingeraten, wo ein
Kohlenlager ist, so kommen Sie auf die schwarze Kohle; wenn Sie einen
Bleistift spitzen, so kommen Sie auf den Graphit. Kohle und Graphit,
das ist Kohlenstoff. Sie bestehen alle, aufier anderen Stoffen, den gan-
zen Korper hindurch aus Kohlenstoff; der wird gebildet im mensch-
lichen Korper.
Nun konnen Sie sagen: Ja, da ist eigentlich der Mensch ein recht
schwarzer Rapuzzel gerade in bezug auf den Kohlenstoff! Aber Sie
konnen ja auch noch etwas anderes sagen: Sehen Sie, der teuerste Kor-
per der Welt, der Diamant, besteht auch aus Kohlenstoff, nur in einer
anderen Gestalt! Also wenn Sie das lieber haben wollen, konnen Sie
auch sagen: Sie bestehen in bezug auf den Kohlenstoff aus lauter Dia-
manten. Der dunkle Kohlenstoff, der Graphit des Bleistiftes und der
Diamant sind derselbe Stoff. Wenn die Kohle, die Sie aus der Erde
ausgraben, durch irgendeine Kunst durchsichtig gemacht werden kann,
dann ist sie Diamant. Also diese Diamanten haben wir iiberall abge-
lagert in uns. Wir sind ein richtiges Kohlenlager. Wenn aber der Sauer-
stoff durch das Blut mit dem Kohlenstoff zusammenkommt, dann bil-
det sich Kohlensaure. Kohlensaure kennen Sie auch sehr gut: Sie brau-
chen nur Selterswasser zu nehmen; da sind die Perlen drinnen — diese
sind die Kohlensaure, das ist ein Gas. So dafi Sie also sich vorstellen
konnen: Der Mensch atmet Sauerstoff durch die Luft ein, der Sauer-
stoff breitet sich durch das ganze Blut aus, im Blute nimmt er den
Kohlenstoff auf, er atmet die Kohlensaure aus. Ein atmen Sie Sauer-
stoff, aus atmen Sie Kohlensaure.
Meine Herren, es ware in den Vorgangen, die ich Ihnen geschildert
habe in der Entwickelung der Erde, langst alles durch Kohlensaure von
Menschen und Tieren vergiftet. Denn die Zeit ist ja lang, seit sich alles
auf der Erde entwickelt hat. Wie Sie sehen, konnten langst keine Tiere
und Menschen mehr auf der Erde leben, wenn nicht die Pflanzen eine
ganz andere Eigenschaft hatten: die Pflanzen, die saugen nicht Sauer-
stoff ein, sondern gerade Kohlensaure, die der Mensch und das Tier
ausatmen. So dafi also die Pflanzen ebenso gierig sind auf die Kohlen-
saure wie der Mensch auf den Sauerstoff.
Und wenn Sie nun da die Pf lanze haben (siehe Zeichnung) : Wurzel,
Stengel, Blatter, Bliite, so saugt also die Pflanze iiberall Kohlensaure
ein; die geht hinein. Und jetzt setzt sich der Kohlenstoff, der da in der
Kohlensaure drinnen ist, in der Pflanze nieder, und der Sauerstoff
wird w
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