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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
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RUDOLF STEINER
ANTHROPOSOPHISCHE LEITSATZE
DER ERKENNTNISWEG
DER ANTHROPOSOPHIE
DAS MICHAEL-MYSTERIUM
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Dornach/Schweiz
Erstdruck in der Wochenschrift «Was in der Anthroposophischen
Gesellschaft vorgeht. Nachrichten fur deren Mitglieder»,
1. und 2. Jahrgang, 17. Febmar 1924 bis 12. April 1925
(siehe die Chronologische Ubersicht auf Seite 263).
10. Auflage (46.-51. Tsd.) Gesamtausgabe Dornach 1998
Nachweis der friiheren Auflagen auf Seite 266
Bibliographie-Nr. 26
Alle Rechte bei Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl
ISBN 3-7274-0260-1 (Ln) 3-7274-0261 -X (Kt)
INHALT
Die in Klammern angegebenen Daten beziehen sich auf die Erstver-
offentlichung in der Beilage der Wochenschrift «Das Goetheanum»:
«Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht». Wo von Rudolf
Steiner selbst eine Datierung vorliegt, wurde diese ohne Klammern
hinzugefugt.
Anthroposophische Leitsatze* (17. Februar 1924) ... 11
Anthroposopbische Leits'dtze als Anregungen vom Goe-
theanum ausgegeben. Nr. 1 bis 3 (17. Februar 1924) . . 14
Weitere Leitsdtze, die fur die Anthroposophische Gesell-
schaft vom Goetheanum ausgesendet werden
Nr. 4 und 5 (24. Februar 1924) 15
Leits'dtze Nr. 6 und 7 (2. Marz 1924) 16
Leits'dtze Nr. 8 bis 10 (9. Marz 1924) 18
Leits'dtze Nr. 11 bis 13 (16. Marz 1924) 19
Leits'dtze Nr. 14 bis 16 (23. Marz 1924) 21
Leits'dtze Nr. 17 bis 19 (30. Marz 1924) 22
Leits'dtze Nr. 20 bis 22 (6. April 1924) 23
Leits'dtze Nr. 23 bis 25 (13. April 1924) 25
Leits'dtze Nr. 26 bis 28 (20. April 1924) 26
Leits'dtze Nr. 29 bis 31 (27. April 1924) 27
Leits'dtze Nr. 32 bis 34 (4. Mai 1924) 28
Leits'dtze Nr. 35 bis 37 (11. Mai 1924) 29
Zu den vorangegangenen Leitsatzen iiber die Bildnatur des
Menscherr- (18. Mai 1924) 30
Leits'dtze Nr. 38 bis 40 (18. Mai 1924) 34
* Diese Titel wurden in den Auflagen von 1930 und 1944 von Marie
Steiner eingefugt.
Leitsdtze Nr. 41 bis 43 (25. Mai 1924) 35
Leitsdtze Nr. 44 bis 46(1. Juni 1924) 36
Leitsdtze Nr. 47 bis 49 (8. Juni 1924) 37
Leitsdtze Nr. 50 bis 52 (15. Juni 1924) 38
Leitsdtze Nr. 53 bis 55 (22. Juni 1924) 39
Leitsdtze Nr. 56 bis 58 (29. Juni 1924) 40
Leitsdtze Nr. 59 bis 61 (6. Juli 1924) 41
Etwas vom Geist-Verstehen und Schicksals-Erleben ... 42
Leitsdtze Nr. 62 bis 65 (13. Juli 1924) 46
Leitsdtze Nr. 66 bis 68 (20. Juli 1924) 46
Geistige Weltbereiche und menschliche Selbsterkenntnis . 48
Leitsdtze Nr. 69 bis 71 (27. Juli 1924) 52
Leitsdtze Nr. 72 bis 75 (3. August 1924) 53
Wie die Leitsatze anzuwenden sind 54
Leitsdtze Nr. 76 bis 78 (10. August 1924) 58
Im Anbruch des Michael-Zeitalters 59
Leitsdtze Nr. 79 bis 81 (17. August 1924) 62
Leitsdtze Nr. 82 bis 84 (24. August 1924) 64
Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des
Michael-Zeitalters 65
Leitsdtze Nr. 85 bis 87 (31. August 1924) 68
Aphorismen aus einem am 24. August in London gehal-
tenen Mitgliedervortrag 69
Leitsdtze Nr. 88 bis 90 (7. September 1924) 72
Leitsdtze Nr. 91 bis 93 (14. September 1924) .... 73
Leitsdtze Nr. 94 bis 96 (21. September 1924) .... 73
Leitsdtze Nr. 97 bis 99 (28. September 1924) .... 74
Leitsdtze Nr. 100 bis 102 (5. Oktober 1924) 75
Der Vor-Michaelische und der Michaels- Weg 76
Leitsdtze Nr. 103 bis 105 (12. Oktober 1924) .... 80
Michaels Aufgabe in der Ahriman-Sphare. Goetheanum,
10. Oktober 1924 82
Leitsdtze Nr. 106 bis 108 (19. Oktober 1924) .... 86
Michaels Erfahrungen und Erlebnisse wahrend der Erful-
lung seiner kosmischen Mission. Goetheanum, 19. Okto-
ber 1924 88
LeitsdtzeNr. 109 bis 111 (26. Oktober 1924) .... 93
Menschheitszukunft und Michael-Tatigkeit. Goetheanum,
25. Oktober 1924 94
Leitsdtze Nr. 112 bis 114 (2. November 1924) .... 99
Das Michael-Christus-Erlebnis des Menschen. Goetheanum,
2. November 1924 101
Leitsdtze Nr. 115 bis 117 (9. November 1924) .... 106
Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit.
Goetheanum, 9. November 1924 107
Leitsdtze Nr. 118 bis 120 (16. November 1924) ... 113
Die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken
Ahrimans. Goetheanum, 16. November 1924 114
Leitsdtze Nr. 121 bis 123 (23. November 1924) ... 1 19
Erste Betrachtung: Vor den Toren der Bewufitseinsseele.
Wie Michael seine Erdenmission durch Besiegung Luzifers
uberirdisch vorbereitet. Goetheanum, 23. November 1924 121
Leitsdtze Nr. 124 bis 126 (30. November 1924) ... 132
Zweite Betrachtung: Wie die Michael-Krafte in die erste
Entfaltung der Bewufitseinsseele wirken. Goetheanum, 30.
November 1924 133
Leitsdtze Nr. 127 bis 130 (7. Dezember 1924) .... 140
Fortsetzung der zweiten Betrachtung: Hemmungen und
Forderungen der Michael-Krafte im aufkommenden Zeit-
alter der Bewufitseinsseele. Goetheanum, 6. Dezember 1924 141
Leitsdtze Nr. 131 bis 133 (14. Dezember 1924) .... 148
Dritte Betrachtung: Michaels Leid iiber die Menschheits-
entwickelung vor der Zeit seiner Erdenwirksamkeit.
Goetheanum, 14. Dezember 1924 149
Leitsatze Nr. 134 bis 136 (21. Dezember 1924) ... 156
Weihnachtsbetrachtung: Das Logos-Mysterium. Goethe-
anum, zu Weihnacht 1924 157
Leitsatze Nr. 137 bis 139 (28. Dezember 1924). ... 166
Himmelsgeschichte. Mythologische Geschichte. Erdge-
schichte. Mysterium von Golgatha. Goetheanum, um Weih-
nachten 1924 167
Leitsatze Nr. 140 bis 143 (4. Januar 1925) 176
Was sich offenbart, wenn man in die wiederholten Erden-
leben zuriickschaut. Goetheanum, zu Neujahr 1925 . . . 177
Leitsatze Nr. 144 bis 146 (11. Januar 1925) 182
Erster Teil der Betrachtung: Was offenbart sich, wenn man
in die vorigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt zu-
riickschaut? Goetheanum, um die Jahreswende 1925 . . 183
Leitsatze Nr. 147 bis 149 (18. Januar 1925) .... 188
Zweiter Teil der Betrachtung: Was offenbart sich, wenn
man in die vorigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt
zuriickschaut? Goetheanum, Jahreswende 1925 .... 189
Leitsatze Nr. 150 bis 152 (25. Januar 1925) .... 196
Was ist die Erde in Wirklichkeit im Makrokosmos?
Goetheanum, Januar 1925 197
Leitsatze Nr. 153 bis 155 (1. Februar 1925) 201
Schlaf und Wachen im Lichte der vorangegangenen Be-
trachtungen. Goetheanum, Januar 1925 202
Leitsatze Nr. 156 bis 158 (8. Februar 1925) 206
Gnosis und Anthroposophie. Goetheanum, Januar 1925 207
Leitsatze Nr. 159 bis 161 (15. Februar 1925) .... 212
Die Freiheit des Menschen und das Michael-Zeitalter.
Goetheanum, Januar 1925 213
Leitsatze Nr. 162 bis 164 (22. Februar 1924) .... 218
Wo ist der Mensch als denkendes und sich erinnerndes
Wesen? Goetheanum, Januar 1925 219
Leitsatze Nr. 165 bis 167 (1. Marz 1925) 223
Der Mensch in seiner makrokosmischen Wesenheit.
Goetheanum, Januar 1925 224
Leitsatze Nr. 168 bis 170 (8, Marz 1925) 230
Des Menschen Sinnes- und Denk-Organisation im Ver-
haltnis zur Welt. Goetheanum, Februar 1925 231
Leitsatze Nr. 171 bis 173 (15. Marz 1925) 236
Gedachtnis und Gewissen. Goetheanum, Februar 1925 . 237
Leitsatze Nr. 174 bis 176 (22. Marz 1925) 242
Das scheinbare Erloschen der Geist-Erkenntnis in der Neu-
zeit. Goetheanum, Marz 1925 243
Leitsatze Nr. 177 bis 179 (29. Marz 1925) 248
Die geschichtlichen Erschutterungen beim Heraufkommen
der Bewufitseinsseele. Goetheanum, Marz 1925 .... 249
Leitsatze Nr. 180 bis 182 (5. April 1925) 254
Von der Natur zur Unter-Natur. Goetheanum, Marz 1925 255
Leitsatze Nr. 183 bis 185 (12. April 1925) 259
Hinweise 261
Chronologische Ubersicht 263
Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 267
f
ANTHROPOSOPHISCHE LEITSATZE
Man soli an dieser Stelle in der Zukunft eine Art anthropo-
sophischer Leitsatze finden. Sie sind so aufzufassen, daft sie
Ratschliige enthalten iiber die Richtung, welche die Vor-
trage und Besprechungen in den einzelnen Gruppen der
Geselischaft durch die fuhrenden Mitglieder nehmen kon-
nen. Es wird dabei nur an eine Anregung gedacht, die vom
Goetheanum aus der gesamten Geselischaft gegeben wer-
den mochte. Die Selbstandigkeit im Wirken der einzelnen
fuhrenden Mitglieder soil damit nicht angetastet werden.
Es ist gut, wenn die Geselischaft sich so entfaltet, daB in
vollig freier Art in den einzelnen Gruppen zur Geitung
kommt, was die fuhrenden Mitglieder zu sagen haben. Da-
durch wird das Leben der Geselischaft bereichert und in
sich mannigfaltig gestaltet werden.
Aber es sollte ein einheitliches BewuBtsein in der Geseli-
schaft entstehen konnen. Das kann geschehen, wenn man
von den Anregungen, die an den einzelnen Orten gegeben
werden, iiberall weiB. Deshalb werden hier in kurzen Sat-
zen solche Darstellungen zusammengefalk werden, die von
mir am Goetheanum fur die Geselischaft in Vortragen ge-
geben werden. Ich denke mir, daft dann von denjenigen
Personlichkeiten, die in den Gruppen (Zweigen) Vortrage
halten oder die Besprechungen leiten, dabei das Gegebene
als Richtlinien genommen werde, um in freier Art daran
anzukniipfen. Es kann dadurch zu einer einheitlichen Ge-
staltung im Wirken der Geselischaft etwas beigetragen
werden, ohne daB an einen Zwang in irgendeiner Art ge-
dacht wird.
Fruchtbar fur die ganze Geselischaft kann die Sache wer-
den, wenn der Vorgang auch die entsprechende Gegen-
liebe findet, wenn die fuhrenden Mitglieder iiber Inhalt
und Art ihrer Vortrage und Anregungen auch den Vor-
stand am Goetheanum unterrichten. Wir werden dadurch
erst aus einem Chaos verschiedener Gruppen zu einer Ge-
sellschaft mit einem geistigen Inhalt.
Die Leitlinien, die hier gegeben werden, sollen gewisser-
maBen Themen anschlagen. Man wird dann in der anthro-
posophischen Biicher- und Zyklenliteratur an den ver-
schiedensten Stellen die Anhaltspunkte finden, um das im
Thema Angeschlagene so auszugestalten, daB es den Inhalt
der Gruppenbesprechungen bilden kann.
Auch dann, wenn neue Ideen von den leitenden Mitglie-
dern in den einzelnen Gruppen zutage treten, konnen sie ja
an dasjenige angeknupft werden, was in der geschilderten
Art vom Goetheanum aus als ein Rahmen fur das geistige
Wirken der Gesellschaft angeregt werden soli.
Es ist ganz gewiB eine Wahrheit, gegen die nicht gesiin-
digt werden darf, daB geistiges Wirken nur aus der freien
Entfaltung der wirkenden Personlichkeiten hervorgehen
kann. Allein, es braucht dagegen nicht gesiindigt zu wer-
den, wenn in rechter Art innerhalb der Gesellschaft der
eine mit dem andern im Einklange handelt. Wenn das
nicht sein konnte, so muBte die Zugehorigkeit des Einzel-
nen oder der Gruppen zur Gesellschaft immer etwas Au-
Berliches bleiben. Diese Zugehorigkeit soil aber etwas sein,
das man als Innerlicbes empfindet.
Es kann doch eben nicht so sein, daB das Vorhandensein
der Anthroposophischen Gesellschaft von dieser oder je-
ner Personlichkeit nur als Gelegenheit beniitzt wird, um
das zu sagen, was man aus dieser oder jener Absicht heraus
personlich sagen will, sondern die Gesellschaft muB die
Pflegestatte dessen sein, was Anthroposophie ist. Alles andere
kann ja auch auBerhalb ihres Rahmens gepflegt werden.
Sie kann nicht dafiir da sein.
Es ist in den letzten Jahren nicht zum Vorteil der Gesell-
schaft gewesen, daB in sie einzelne Mitglieder ihre Eigen-
wiinsche hineingetragen haben, bloB weil sie mit deren
VergroBerung fur diese Eigenwiinsche ein Wirkungsfeld
zu finden glaubten. Man kann sagen : warum ist dem nicht
in der gebiihrenden Art entgegengetreten worden? - Ware
das geschehen, so wurde heute uberall die Meinung zu
horen sein: ja, wenn man damals die Anregungen von die-
ser oder jener Seite aufgenommen hatte, wo waren wir
gegenwartig? Nun, man hat vieles aufgenommen, was
klaglich gescheitert ist, was uns zuruckgeworfen hat.
Aber nun ist es genug. Die Probe auf das Exempel, das
einzelne Experimentatoren in der Gesellschaft geben woll-
ten, ist gemacht. Man braucht dergleichen nicht ins End-
lose zu wiederholen. Der Vorstand am Goetheanum soli
ein Korper sein, der Anthroposophie pflegen will, und die
Gesellschaft sollte eine Verbindung von Menschen sein,
die sich mit ihm uber ihre Pflege der Anthroposophie le-
bendig verstandigen wollen.
Man soil nicht denken, daB, was angestrebt werden soil,
von heute auf morgen erreicht werden kann. Man wird Zeit
brauchen. Und es wird Geduld notig sein. Wenn geglaubt
wird, in ein paar Wochen konne verwirklicht da sein, was
in den Absichten der Weihnachtstagung Hegt, so wird das
wieder von Schaden sein.
Anthroposophische Leitsat^e als Anregungen
vom Goetheanum ausgegeben
1. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige
im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall fiihren
mochte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefiihls-
bediirfnis auf. Sie muB ihre Rechtfertigung dadurch finden,
daB sie diesem Bediirfnisse Befriedigung gewahren kann.
Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in
ihr findet, was er aus seinem Gemiite heraus suchen muB.
Anthroposophen konnen daher nur Menschen sein, die ge-
wisse Fragen iiber das Wesen des Menschen und die Welt
so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger
und Durst empfindet.
2. Anthroposophie vermittelt Erkenntnisse, die auf geistige
Art gewonnen werden. Sie tut dies aber nur deswegen, weil
das tagliche Leben und die auf Sinneswahrnehmung und
Verstandestatigkeitgegnindete Wissenschaft an eine Gren-
ze des Lebensweges fiihren, an der das seelische Menschen-
dasein ersterben miiBte, wenn es diese Grenze nicht uber-
schreiten konnte. Dieses tagliche Leben und diese Wissen-
schaft fiihren nicht so zur Grenze, daB an dieser stehen-
geblieben werden muB, sondern es erofFnet sich an dieser
Grenze der Sinnesanschauung durch die menschliche Seele
selbst der Ausblick in die geistige Welt.
3. Es gibt Menschen, die glauben, mit den Grenzen der Sin-
nesanschauung seien auch die Grenzen aller Einsicht gege-
ben. Wurden diese aufmerksam darauf sein, wie sie sich die-
ser Grenzen bewuBt werden, so wurden sie auch in diesem
BewuBtsein die Fahigkeiten entdecken, die Grenzen zu
iiberschreiten. Der Fisch schwimmt an die Grenze des Was-
sers ; er muB zuriick, weil ihm die physischen Organe feh-
len, um auBer dem Wasser zu leben. Der Mensch kommt
an die Grenze der Sinnesanschauung ; er kann erkennen,
daB ihm auf dem Wege dahin die Seelenkrafte geworden
sind, um seelisch in dem Elemente zu leben, das nicht von
der Sinnesanschauung umspannt wird.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgesendet mrden
4. Der Mensch braucht zur Sicherheit in seinem Fiihlen,
zur kraftvollen Entfaltung seines Willens eine Erkenntnis
der geistigen Welt. Denn er kann die GroBe, Schonheit,
Weisheit der naturlichen Welt im groBten Urnfange emp-
jfinden: diese gibt ihm keine Antwort auf die Frage nach sei-
nem eigenen Wesen. Dieses eigene Wesen halt die Stoffe
und Krafte der naturlichen Welt so lange in der lebend-reg-
samen Menschengestalt zusammen, bis der Mensch durch
die Pforte des Todes schreitet. Dann ubernimmt die Natur
diese Gestalt. Sie kann dieselbe nicht zusammenhalten, son-
dern nur auseinandertreiben. Die groBe, schone, weisheits-
volle Natur gibt wohl Antwort auf die Frage : wie wird die
Menschengestalt aufgelost, nicht aber, wie wird sie zusam-
mengehalten. Kein theoretischer Einwand kann diese Frage
aus der empfindenden Menschenseele, wenn diese sich
nicht selbst betauben will, ausloschen. Ihr Vorhandensein
muB die Sehnsucht nach geistigen Wegen der Welterkennt-
nis unablassig in jeder Menschenseele, die wirklich wach
ist, regsam erhalten.
5. Der Mensch braucht zur inneren Ruhe die Selbst-Er-
kenntnis im Geiste. Er findet sich selbst in seinem Denken,
Fiihlen und Wollen. Er sieht, wie Denken, Fiihlen und
Wollen von dem natiirlichen Menschenwesen abhangig
sind. Sie mils sen in ihren Entfaltungen der Gesundheit,
Krankheit, Kraftigungund Schadigung des Korpers folgen.
Jeder Schlaf loscht sie aus. Die gewohnliche Lebenserfah-
rung weist die denkbar groBte Abhangigkeit des mensch-
lichen Geist-Erlebens vom Korper-Dasein auf. Da erwacht
in dem Menschen das BewuBtsein, daB in dieser gewohnli-
chen Lebenserfahrung die Selbst-Erkenntnis verloren ge-
gangen sein konne. Es entsteht zunachst die bange Frage:
ob es eine iiber die gewohnliche Lebenserfahrung hinaus-
gehende Selbst-Erkenntnis und damit die GewiBheit iiber
ein wahres Selbst geben konne? Anthroposophie will auf
der Grundlage sicherer Geist-Erfahrung die Antwort auf
diese Frage geben. Sie stiitzt sich dabei nicht auf ein Mei-
nen oder Glauben, sondern auf ein Erleben im Geiste, das
in seiner Wesenheit so sicher ist wie das Erleben im Korper.
Weitere Leitsdt^e, die fur die A.nthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgesendet werden
6. Wenn man den Blick auf die leblose Natur wendet, so
findet man eine Welt, die sich in gesetzmaBigen Zusammen-
hangen offenbart. Man sucht nach diesen Zusammenhan-
gen und findet sie als den Inhalt der Naturgesetze. Man fin-
det aber auch, daB durch diese Gesetze die leblose Natur
sich mit der Erde zu einem.Ganzen zusammenschlieBt. Man
kann dann von diesem Erdenzusammenhang, der in allem
Leblosen waltet, zu der Anschauung der lebendigen Pflan-
zenwelt iibergehen. Man sieht, wie die auBerirdische Welt
aus den Weiten des Raumes die Krafte hereinsendet, wel-
che das Lebendige aus dem SchoBe des Lebenslosen her-
vorholen. Man wird in dem Lebendigen das Wesenhafte
gewahr, das sich dem bloB irdischen Zusammenhange ent-
reiBt und sich zum OfFenbarer dessen macht, was aus den
Weiten des Weltenraumes auf die Erde herunterwirkt. In
der unscheinbarsten Pflanze wird man die Wesenheit des
auBerirdischen Lichtes gewahr, wie im Auge den leuchten-
den Gegenstand, der vor diesem stent. In diesem Aufstieg
der Betrachtung kann man den Unterschied des Irdisch-
Physischen schauen, das imLeblosenwaltet,und desAuBer-
irdisch- Atherischen, das im Lebendigen kraftet.
7. Man flndet den Menschen mit seinem auBerseelischen
und auBergeistigen Wesen in diese Welt des Irdischen und
AuBerirdischen hineingestellt. Sofern er in das Irdische, das
das Leblose umspannt, hineingestellt ist, tragt er seinen
physischen Kbrper an sich; sofern er in sich diejenigen Krafte
entwickelt, welche das Lebendige aus den Weltenweiten in
das Irdische hereinzieht, hat er einen atherischen oder Le-
bensleib. Diesen Gegensatz zwischen dem Irdischen und
Atherischen hat die Erkenntnisrichtung der neueren Zeit
ganz unberucksichtigt gelassen. Sie hat gerade aus diesem
Grunde iiber das Atherische die unmoglichsten Anschau-
ungen entwickelt. Die Furcht davor, sich in das Phantasti-
sche zu verlieren, hat davon abgehalten, von diesem Ge-
gensatz zu sprechen. Ohne ein solches Sprechen kommt
man aber zu keiner Einsicht in Mensch und Welt.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
8. Man kann die Wesenheit des Menschen betrachten, inso-
ferne diese aus seinem physischen und seinem atherischen
Leib sich ergibt. Man wird finden, daB alle Erscheinungen
am Menschen, die von dieser Seite ausgehen, nicht zum Be-
wuBtsein fuhren, sondem im UnbewuBten verbleiben. Das
BewuBtsein wird nicht erhellt, sondern verdunkelt, wenn
die Tatigkeit des physischen und des Atherleibes erhoht
wird. Orinmachtszustande kann man als Ergebnis einer sol-
chen Erhohung erkennen. Durch die Verfolgung einer sol-
chen Urteilsorientierung gelangt man dazu, anzuerkennen,
daB in die Organisation des Menschen - und auch des Tie-
res - etwas eingreift, das mit dem Physischen und Atheri-
schen nicht von der gleichen Art ist. Es ist wirksam nicht,
wenn das Physische und Atherische aus seinen Kraften her-
aus tatig ist, sondern wenn diese aufhoren, auf ihre Art wirk-
sam zu sein. Man kommt so zum BegrifFe des Astralleibes.
9. Die WirkJichkeit dieses Astralleibes wird gefunden, wenn
man durch die Meditation von dem Denken, das durch die
Sinne von auBen angeregt wird, zu einem innerlichen An-
schauen forts chreitet. Man muB dazu das von auBen ange-
regte Denken innerlich ergreifen und es in der Seele als sol-
ches, ohne seine Beziehung auf die AuBenwelt, intensiv er-
leben; und dann durch die Seelenstarke, die man in solchem
Ergreifen und Erleben sich angeeignet hat, gewahr wer-
den, daB es innere Wahrnehmungsorgane gibt, die ein Gei-
stiges schauen da, wo in Tier und Menschen der physische
und der atherische Leib in ihren Schranken gehalten wer-
den, damit BewuBtsein entstehe.
10. Das BewuBtsein entsteht nicht durch einFortfuhren der-
jenigen Tatigkeit, die aus dem physischen und dem Ather-
leib als Ergebnis kommt, sondern diese beiden Leiber miis-
sen mit ihrer Tatigkeit auf den Nullpunkt kommen, ja noch
unter denselben, damit «Platz entstehe» fur das Walten des
BewuBtseins. Sie sind nicht die Hervorbringer des BewuBt-
seins, sondern sie geben nur den Boden ab, auf dem der
Geist stehen muB, um innerhalb des Erdenlebens BewuBt-
sein hervorzubringen. Wie der Mensch auf der Erde einen
Boden braucht, auf dem er stehen kann, so braucht das Gei-
stige innerhalb des Irdischen die materielle Grundlage, auf
der es sich entfalten kann. Und so wie im Weltenraum der
Planet den Boden nicht braucht, um seinen Ort zu behaup-
ten, so braucht der Geist, dessen Anschauung nicht durch
die Sinne auf das Materielle, sondern durch die Eigenkraft
auf das Geistige gerichtet ist, nicht diese materielle Grund-
lage, um seine bewuBte Tatigkeit in sich rege zu machen.
Weitere Leitsat^e, die fiir die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
11. Das SelbstbewuBtsein, das im «Ich» sich zusammen-
faBt, steigt aus dem BewuBtsein auf. Dieses entsteht, wenn
das Geistige in den Menschen dadurch eintritt, daB die
Krafte des physischen und des atherischen Leibes diese ab-
bauen. Im Abbau dieser Leiber wird der Boden geschaffen,
auf dem das BewuBtsein sein Leben entfaltet. Dem Abbau
muB aber, wenn die Organisation nicht zerstort werden
soil, ein Wiederauf bau folgen. So wird, wenn fur ein Erle-
ben des BewuBtseins ein Abbau erfolgt ist, genau das Ab-
gebaute wieder aufgebaut werden. In der Wahrnehmung
dieses Aufbaues liegt das Erleben des SelbstbewuBtseins.
Man kann in innerer Anschauung diesen Vorgang verfol-
gen. Man kann empfinden, wie das BewuBte in das Selbst-
bewuBte dadurch iibergefiihrt wird, daB man aus sich ein
Nachbild des bloB BewuBten schafft. Das bloB BewuBte
hat sein Bild in dem durch den Abbau gewissermaBen leer
Gewordenen des Organismus. Es ist in das SelbstbewuBt-
sein eingezogen, wenn die Leerheit von innen wieder er-
fullt worden ist. Das Wesenhafte, das zu dieser Erfullung
fahig ist, wird als «Ich» erlebt.
12. Die Wirklichkeit des «Ich» wird gefunden, wenn man
die innere Anschauung, durch die der Astralleib erkennend
ergriffen wird, dadurch weiter fortbildet, daB man das er-
lebte Denken in der Meditation mit dem Willen durch-
dringt. Man hat sich diesem Denken zuerst willenslos hin-
gegeben. Man hat es dadurch dazu gebracht, daB ein Geisti-
ges in dieses Denken eintritt, wie die Farbe bei der sinnli-
chen Wahrnehmung in das Auge, der Ton in das Ohr ein-
tritt. Hat man sich in die Lage gebracht, dasjenige, das man
auf diese Art, durch passive Hingabe, im BewuBtsein ver-
lebendigt hat, durch einen Willensakt nachzubilden, so tritt
in diesen WillensaktdieWahrnehmungdes eigenen «Ich»ein.
13. Man kann auf dem Wege der Meditation zu der Gestalt,
in der das «Ich» im gewohnlichen BewuBtsein auftritt, drei
weitere Formen finden: 1. In dem BewuBtsein, das den
Atherleib erfaBt, erscheint das «Ich» als Bild, das aber zu-
gleich tatige Wesenheit ist und als solche dem Menschen
Gestalt, Wachstum, Bildekrafte verleiht. 2. In dem BewuBt-
sein, das den Astralleib erfaBt, ofTenbart sich das «Ich» als
Glied einer geistigen Welt, von der es seine Krafte erhalt.
3. In dem BewuBtsein, das eben als das zuletzt zu erringen-
de angefuhrt worden ist, zeigt sich das «Ich» als eine von
der geistigen Umwelt relativ unabhangige, selbstandige
geistige Wesenheit.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
14. Die zweite Gestalt des «Ich», die in der Darstellung des
dritten Leitsatzes* angedeutet worden ist, tritt als «Bild»
dieses Ich auf. Durch dasGewahrwerden dieses Bildcharak-
ters wird auch ein Licht geworfen auf die Gedankenwesen-
heit, in der das «Ich» vor dem gewohnlichen BewuBtsein
erscheint. Man sucht durch allerlei Betrachtungen in dem
gewohnlichen BewuBtsein das «wahre Ich». Doch eine
ernstliche Einsicht in die Erlebnisse dieses BewuBtseins
zeigt, daB man in demselben dieses «wahre Ich» nicht fin-
den kann ; sondern daB da nur der gedankenhafte Abglanz,
der weniger als ein Bild ist, aufzutreten vermag. Man wird
von der Wahrheit dieses Tatbestandes erst recht erfaBt,
wenn man fortschreitet zu dem «Ich» als Bild, das in dem
Atherleibe lebt. Und dadurch wird man erst richtig zu dem
Suchen des Ich als der wahren Wesenheit des Menschen an-
geregt.
1 5 . Die Einsicht in die Gestalt, in der das «Ich» im Astral-
leibe lebt, fiihrt zu einer rechtenEmpfindung von dem Ver-
haltnisse des Menschen zu der geistigen Welt. Diese Ich-
Gestalt ist fur das gewohnliche Erleben in die dunklen Tie-
fen des UnbewuBten getaucht. Iri diesen Tiefen tritt der
Mensch rrut der geistigen Weltwesenheit durch Inspiration
* Gemeint ist der dritte der vorangehenden Gruppe, hier der 1 3 . Leitsatz.
in Verbindung. Nur ein ganz schwacher gefuhlsmaBiger
Abglanz von dieser in den Seelentiefen waltenden Inspira-
tion aus den Weiten der geistigen Welt steht vor dem ge-
wdhnlichen BewuBtsein.
1 6. Die dritte Gestalt des «Ich» gibt die Einsicht in die
selbstandige Wesenheit des Menschen innerhalb einer gei-
stigen Welt. Sie regt die Empfindung davon an, daft der
Mensch mit seiner irdisch-sinnlichen Natur nur als die Of-
fenbarung dessen vor sich selber steht, was er in Wirklich-
keit ist. Damit ist der Ausgangspunkt wahrer Selbsterkennt-
nis gegeben. Denn jenes Selbst, das den Menschen in seiner
Wahrheit gestaltet, wird sich der Erkenntnis erst ofTenba-
ren, wenn er vom Gedanken des Ich zu dessen Bilde, von
dem Bilde zu den schopfenden Kraften dieses Bildes, und
von da zu den geistigen Tragern dieser Krafte fortschreitet.
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17. Der Mensch ist ein Wesen, das in der Mitte zwischen
zwei Weltgebieten sein Leben entfaltet. Er ist mit seiner
Leibes-Entwickelung in eine «untere Welt» eingegliedert;
er bildet mit seiner Seelen- Wesenheit eine «mittlere Welt»,
und er strebt mit seinen Geisteskraften nach einer «oberen
Welt» hin. Seine Leibes-Entwickelung hat er von dem, was
ihm die Natur gegeben hat; seine Seelen- Wesenheit tragt
er als seinen eigenen Anteil in sich ; die Geisteskrafte flndet
er in sich als die Gaben, die ihn iiber sich selbst hinausfuh-
ren zur Anteilnahme an einer gottlichen Welt.
1 8. Der Geist ist in diesen drei Weltgebieten schaffend. Die
Natur ist nicht geistlos. Man verliert erkennend auch die
Natur, wenn man in ihr den Geist nicht gewahr wird. Aber
man wird allerdings innerhalb des Naturdaseins den Geist
wie schlafend finden. So wie aber der Schlaf im Menschen-
leben seine Aufgabe hat und das «Ich» eine gewisse Zeit
schlafen muB, urn zu einer andern recht wach zu sein, so
muB der Weltengeist an der «Natur-Stelle» schlafen, um
an einer andern recht wach zu sein.
19. Der Welt gegeniiber ist die Menschenseele ein traumen-
des Wesen, wenn sie nicht auf den Geist achtet, der in ihr
wirkt. Dieser weckt die im eigenen Innern webenden See-
lentraume zur Anteilnahme an der Welt, aus welcher des
Menschen wahres Wesen stammt. Wie sich der Traumende
vor der physischen Umwelt verschlieBt und in das eigene
Wesen einspinnt, so miiBte die Seele ihren Zusammenhang
mit dem Geiste der Welt verlieren, aus dem sie stammt,
wenn sie die Weckrufe des Geistes in sich selbst nicht ho-
ren wollte.
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20. Es gehort zur rechten Entfaltung des Seelenlebens im
Menschen, daB er sich innerhalb seines Wesens des Wir-
kens aus dem Geiste vollbewuBt werde. Viele Bekenner
der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung sind
in dieser Richtung so stark in einem Vorurteile befangen,
daB sie sagen, die allgemeine Ursachlichkeit ist in alien
Welterscheinungen das Herrschende. Wenn der Mensch
glaubt, er konne aus Eigenem die Ursache von etwas sein,
so kann das nur eine Illusion bilden. Die neuere Natur-Er-
kenntnis will in allem treu der Beobachtung und Erfahrung
folgen. Durch dieses Vomrteil von der verborgenen Ur-
sachlichkeit der eigenen menschlichen Antriebe siindigt sie
gegen diesen ihren Grundsatz. Derm das freie Wirken aus
dem Innern des menschlichen Wesens ist ein ganz elemen-
tares Ergebnis der menschlichen Selbstbeobachtung. Man
darf es nicht wegleugnen, sondern muB es mit der Einsicht
in die allgemeine Verursachung innerhalb der Naturord-
nung in Einklang bringen.
2 1 . Die Nicht- Anerkennung dieses Antriebes aus dem Geiste
heraus im Innern des menschlichen Wesens ist das groBte
Hindernis fur die Erlangung einer Einsicht in die geistige
Welt. Denn Einordnung des eigenen Wesens in den Natur-
zusammenhang bedeutet Ablenkung des Seelenblickes von
diesem Wesen. Man kann aber in die geistige Welt nicht
eindringen, wenn man den Geist nicht zuerst da erfaBt, wo
er ganz unmittelbar gegeben ist: in der unbefangenen
Selbstbeobachtung.
22. Die Selbstbeobachtung bildet den Anfang der Geist-
beobachtung. Und sie kann deshalb den rechten Anfang
bilden, weil der Mensch bei wahrer Besinnung nicht bei ihr
stehen bleiben kann, sondern von ihr fortschreiten muB zu
weiterem geistigen Weltinhalt. Wie der menschliche Kor-
per verkummert, wenn er nicht physische Nahrung erhalt,
so wird der im rechten Sinne sich selbst beobachtende
Mensch sein Selbst in Verkummerung empfinden, wenn er
nicht sieht, wie in dieses Selbst die Krafte einer auBer ihm
tatigen geistigen Welt hineinwirken.
Wetter e Leitsdt^e, die fiir die Anthroposophiscke Gesellschaft
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23. Der Mensch betritt, indem er durch die Todespfotte
geht, die geistige Welt, indem er von sich abfallen fuhlt
alles, was er durch die Sinne des Leibes und durch das Ge-
hirn wahrend des Erdenlebens an Eindriicken und an See-
leninhalten erworben hat. Sein BewuBtsein hat dann in ei-
nem umfassenden Tableau in Bildern vor sich, was an Le-
bensinhalt wahrend des Erdenwandels in Form von bild-
losen Gedanken in das Gedachtnis gebracht werden konn-
te, oder was zwar fiir das ErdenbewuBtsein unbemerkt ge-
blieben ist, doch aber einen unterbewuBten Eindruck auf
die Seele gemacht hat. Diese Bilder verblassen nach wenig
Tagen bis zum Entschwinden. Wenn sie sich ganz verloren
haben, so weiB der Mensch, daft er auch seinen Atherleib
abgelegt hat, in dem er den Trager dieser Bilder erkennen
kann.
24. Der Mensch hat nach der Ablegung des Atherleibes
noch den Astralleib und das Ich als die ihm verbleibenden
Glieder. Solange der erstere an ihm ist, laBt dieser von dem
BewuBtsein alles das erleben, was wahrend des Erdenle-
bens den unbewuBten Inhalt der im Schlafe ruhenden Seele
gebildet hat. In diesem Inhalt sind die Urteile enthalten,
welche die Geistwesen einer hoheren Welt wahrend der
Schlafzeiten dem Astralleib einpragen, die aber dem Erden-
bewuBtsein sich verbergen. Der Mensch lebt sein Erden-
leben noch einmal durch, doch so, daB sein Seeleninhalt
jetzt die Beurteilung seines Tuns und Denkens vom Ge-
sichtspunkte der Geisteswelt aus ist. Das Durchleben ge-
schieht riicklaufig: erst die letzte Nacht, dann die zweit-
letzte und so weiter.
25. Die nach dem Durchgang durch die Todespforte im
Astralleibe erlebte Lebensbeurteilung dauert so lange, wie
die Zeit betragen hat, die wahrend des Erdenlebens von
dem Schlafe eingenommen war.
Wettere Leitsdt^e, die far die Anthroposophische Gesellschaft
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26. Erst nach Ablegung des Astralleibes, nach der vollen-
deten Lebensbeurteilung, tritt der Mensch in die geistige
Welt ein. In dieser steht er zu Wesenheiten rein geistiger
Art in einer solchen Beziehung wie auf der Erde zu den
Wesenheiten und Vorgangen der Naturreiche. Es wird im
geistigen Erleben dann alles, was im Erdenleben AuBen-
welt war, zur Innenwelt. Der Mensch nimmt dann nicht
bloB diese AuBenwelt wahr, sondern er erlebt sie in ihrer
Geistigkeit, die ihm auf Erden verborgen war, als seine
Innenwelt.
27. Der Mensch, wie er auf Erden ist, wird im Geistgebiet
AuBenwelt. Man schaut auf diesen Menschen, wie man auf
Erden auf Sterne, Wolken, Berge, Flusse schaut. Und diese
AuBenwelt ist nicht weniger inhaltreich, wie die Erschei-
nung des Kosmos dem irdischen Leben erscheint.
28. Die im Geistgebiet vom Geiste des Menschen erbilde-
ten Krdfte wirken in der Gestaltung des Erdenmenschen
fort, so wie die im physischen Menschen vollbrachten Taten
in dem Leben nach dem Tode als Seeleninhalt fortwirken.
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29. In der entwickelten imaginative!! Erkenntnis wirkt, was
im Innern des Menschen seelisch-geistig lebt und in seinem
Leben am physischen Leib gestaltet und auf dessen Grund-
lage das Menschendasein in der physischen Welt entfaltet.
Dem sich im Stoffwechsel immer wieder erneuernden phy-
sischen Leib steht da die in ihrem Wesen von der Geburt
(bzw. Empfangnis) bis zum Tode dauernd sich entfaltende
innere Menschenwesenheit gegemiber, dem physischen
Raumesleib ein Zeitenleib.
30. In der inspirierten Erkenntnis lebt im Bilde, was das
Menschenwesen in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt innerhalb einer geistigen Umgebung erfahrt.
Da ist anschaulich, was der Mensch ohne seinen physischen
und Atherleib, durch die er das irdische Dasein durch-
macht, seinem Wesen nach im Weltenzusammenhange ist.
3 1 . In der intuitiven Erkenntnis kommt das Heriiberwir-
ken fruherer Erdenleben in das gegenwartige zumBewuBt-
sein. Diese friiheren Erdenleben haben in ihrer Weiterent-
wickelungdieZusammenhange abgestreift, in denen sie mit
der physischen Welt gestanden haben. Sie sind zum rein
geistigen Wesenskern des Menschen geworden und wirken
als solcher im gegenwartigen Leben. Sie sind dadurch auch
Gegenstand der Erkenntnis, die als die Entfaltung der ima-
ginierenden und inspirierten sich ergibt.
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vom Goetheanum amgegeben werden
32. In dem Haupte des Menschen ist die physische Organi-
sation ein Abdruck der geistigen Individualitat. Physischer
und atherischer Teil des Hauptes stehen als abgeschlossene
Bilder des Geistigen, und neben ihnen in selbstandiger see-
lisch-geistigerWesenheit stehen der astralische und derlch-
teil. Man hat es daher im Haupte des Menschen mit einer
Nebeneinanderentwickelung des relativ selbstandigen Phy-
sischen und Atherischen einerseits, des Astralischen und
der Ich-Organisation anderseits zu tun.
33. In dem GUedmaBen-StofFwechselteil des Menschen
sind die vier Glieder der Menschenwesenheit innig mitein-
ander verbunden. Ich-Organisation und astralischer Leib
sind nicht neben dem physischen und atherischen Teil. Sie
sind in diesen; sie beleben sie, wirken in ihrem Wachstum,
in ihrer Bewegungsfahigkeit und so weiter. Dadurch aber
ist der GliedmaBen-StofTwechselteil wie ein Keim, der sich
weiter entwickeln will, der fortwahrend darnach strebt,
Haupt zu werden, und der fortwahrend davon wahrend des
Erdenlebens des Menschen zunickgehalten wird.
34. Die rhythmische Organisation steht in der Mitte. Hier
verbinden sich Ich-Organisation und Astralleib abwech-
selnd mit dem physischen und atherischen Teil und losen
sich wieder von diesen. Atmung und Blutzirkulation sind
der physische Abdruck dieser Vereinigung und Loslosung.
Der Einatmungsvorgang bildet die Verbindung ab; der
Ausatmungsvorgang die Loslosung. Die Vorgange im Ar-
terienblut stellen die Verbindung dar; die Vorgange im
Venenblute die Loslosung.
Wetter e Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
3 5 . Man versteht das physische Menschenwesen nur, wenn
man es als Bild des Geistig-Seelischen betrachtet. Fur sich
genommen bleibt der physische Korper des Menschen un-
verstandlich. Aber er ist in seinen verschiedenen Gliedern
in verschiedener Art Bild des Geistig-Seelischen. Das Haupt
ist dessen vollkommenstes, abgeschlossenes Sinnesbild.
Alles, was dem StofFwechsel- und GliedmaBen- System an-
gehort, ist wie ein Bild, das noch nicht seine Endformen
angenommen hat, sondern an dem erst gearbeitet wird.
Alles, was zur rhythmischen Organisation des Menschen
gehort, steht in bezug auf das Verhaltnis des Geistig-Seeli-
schen 2um Korperlichen zwischen diesen Gegensatzen.
36. Wer von diesem geistigen Gesichtspunkte aus das
menschliche Haupt betrachtet, hat an dieser Betrachtung
eine Hilfe zum Verstandnisse geistiger Imaginationen ; denn
in den Formen des Hauptes sind imaginative Formen ge-
wissermaBen bis zur physischen Dichte geronnen.
37. In derselben Art kann man an der Betrachtung des
rhythmischen Teiles der Menschenorganisation eine Hilfe
haben fur das Verstandnis von Inspirationen. Der physische
Anblick der Lebensrhythmen tragt im Sinnesbilde den
Charakter des Inspirierten. Im Stoffwechsel- und Glied-
maBensystem hat man, wenn man diese in voller Aktion, in
der Entfaltung ihrer notwendigen oder moglichen Ver-
richtungen betrachtet, ein sinnHch-ubersinnliches Bild des
rein iibersinnlichen Intuitiven.
ZU DEN VORANGEGANGENEN LEITSATZEN
UBER DIE BILDNATUR DES MENSCHEN
Es kommt viel darauf an, daB durch die Anthroposophie
begrifFen werde, wie die Vorstellungen, die der Mensch im
Anblicke der auBeren Natur gewinnt, vor der Menschenbe-
trachtung Halt machen mussen. Gegen diese Forderung
siindigt die Denkungsart, die durch die geistige Entwicke-
lung der letzten Jahrhunderte in die Menschengemuter ein-
gezogen ist. Durch sie gewohnt man sich, Naturgesetze zu
denken; und durch diese Naturgesetze erklart man sich die
Naturerscheinungen, die man mit den Sinnen wahrnimmt.
Man sieht nun nach dem menschlichen Organismus hin
und betrachtet auch diesen so, wie wenn seine Einrichtung
begrifFen werden konnte, wenn man die Naturgesetze auf
ihn anwendet.
Das ist nun gerade so, als ob man das Bild, das ein Maler
geschafFen hat, betrachtete nach der Substanz der Farben,
nach der Kraft, mit der die Farben an der Leinwand haften,
nach der Art, wie sich diese Farben auf die Leinwand strei-
chen lassen, und nach ahnlichen Gesichtspunkten. Aber
mit alledem trifFt man nicht, was sich in dem Bilde ofFen-
bart. In dieser OfFenbarung, die durch das Bild da ist, leben
ganz andere GesetzmaBigkeiten als diejenigen, die aus den
angegebenen Gesichtspunkten gewonnen werden konnen.
Es kommt nun darauf an, sich dariiber klar zu werden,
daB sich auch in der menschlichen Wesenheit etwas ofFen-
bart, das von den Gesichtspunkten, von denen aus die Ge-
setze der auBeren Natur gewonnen werden, nicht zu ergrei-
fen ist. Hat man diese Vorstellung in der rechten Art sich
zu eigen gemacht, dann wird man in der Lage sein, den
Menschen als Bild zu begreifen, Ein Mineral ist in diesem
Sinne nicht Bild. Es offenbart nur dasjenige, was unmittel-
bar die Sinne wahrnehmen konnen.
Beim Bilde richtet sich die Anschauung gewissermaBen
durch das sinnlich Angeschaute hindurch auf einen Inhalt,
der im Geiste erfaBt wird. Und so ist es auch bei der Be-
trachtung des Menschenwesens. ErfaBt man dieses in reen-
ter Art mit den Naturgesetzen, so fuhlt man sich im Vor-
stellen dieser Naturgesetze nicht dem wkklichen Menschen
nahe, sondern nur demjenigen, durch das sich dieser wirk-
liche Mensch offenbart.
Man muB es im Geiste erleben, daB man mit den Natur-
gesetzen so vor dem Menschen stent, wie man vor einem
Bilde stiinde, wenn man nur wiiBte, da ist Blau, da ist Rot,
und man nicht imstande ware, in einer inneren Seelentatig-
keit das Blau und Rot auf etwas zu beziehen, das sich durch
diese Farben offenbart.
Man muB eben eine andere Empfindung haben, wenn
man mit den Naturgesetzen einem Mineralischen, und eine
andere, wenn man dem Menschen gegeniibersteht. Beim
Mineralischen ist es fur die geistige Auffassung so, als
wenn man das Wahrgenommene unmittelbar ertastete;
beim Menschen ist es so, als ob man ihm mit den Naturge-
setzen so feme stiinde, wie man einem Bilde feme steht, das
man nicht mit Seelenaugen anblickt, sondern nur betastet.
Hat man erst in der Anschauung des Menschen begrif-
fen, daB dieser Bild von etwas ist, dann wird man in der
rechten Seelenstimmung auch zu dem fortschreiten, was
sich in diesem Bilde darstellt.
Und im Menschen offenbart sich die Bildnatur nicht auf
eine eindeutige Weise. Ein Sinnesorgan ist in seinem We-
sen am wenigsten Bild, am meisten eine Art OfFenbarung
seiner selbst wie das Mineral. Man kann gerade an die Sin-
nesorgane mit den Naturgesetzen am nachsten heran. Man
betrachte nur die wundervolle Einrichtung des menschli-
chen Auges. Man erfaBt durch Naturgesetze anndhernd diese
Einrichtung. Und bei den andern Sinnesorganen ist es ahn-
lich, wenn auch die Sache nicht so offen zutage tritt wie
beim Auge. Es kommt dies daher, daB die Sinnesorgane in
ihrer Bildung eine gewisse Abgeschlossenheit zeigen. Sie
sind als fertige Bildungen dem Organismus eingegliedert,
und als solche vermitteln sie die Wahrnehmungen der Au-
Benwelt.
So aber ist es nicht mit den rhythmischen Vorgangen,
die sich im Organismus abspielen. Sie stellen sich nicht als
etwas Fertige s dar. In ihnen vollzieht sich ein fortwahren-
des Entstehen und Vergehen des Organismus. Waren die
Sinnesorgane so wie das rhythmische System, so wiirde der
Mensch die AuBenwelt in der Art wahrnehmen, daB diese
in einem fortwahrenden Werden sich befande.
Die Sinnesorgane stellen sich dar wie ein Bild, das an der
Wand hangt. Das rhythmische System steht vor uns wie
das Geschehen, das sich entfaltet, wenn Leinwand und Ma-
ler im Entstehen des Bildes von uns betrachtet werden. Das
Bild ist noch nicht da; aber es ist immer mehr da. In dieser
Betrachtung hat man es nur mit einem Entstehen zu tun.
Was entstanden ist, bleibt zunachst bestehen. In der Be-
trachtung des menschlichen rhythmischen Systems schlieBt
sich das Vergehen, der Abbau, sogleich an das Entstehen,
an den Auf bau an. Im rhythmischen System offenbart sich
ein werdendes Bild.
Die Tatigkeit, welche die Seele verrichtet, indem sie sich
einem ihr Gegeniiberstehenden wahrnehmend hingibt, das
fertiges Bild ist, kann als Imagination bezeichnet werden.
Das Erleben, das entfaltet werden muB, urn ein werdendes
Bild zu erfassen, ist dem gegeniiber Inspiration.
Noch anders liegt die Sache, wenn man das Stoffwechsel-
und das Bewegungssystem des menschlichen Organismus
betrachtet. Da ist es, als ob man vor der noch ganz leeren
Leinwand, den Farbentopfen und dem noch nicht malen-
den Kunstler stiinde. WiU man dem StofFwechsel- und dem
GliedmaBensystem gegeniiber zum Begreifen kommen, so
muB man ein Wahrnehmen entwickeln, das mit dem Wahr-
nehmen dessen, was die Sinne erfassen, nicht mehr zu tun
hat als der Anblick von Farbentopfen, leerer Leinwand und
Maler mit dem, was spater als Bild des Malers vor unsere
Augen tritt. Und die Tatigkeit, in der die Seele rein geistig
den Menschen aus dem StofFwechsel und aus seinen Bewe-
gungen heraus erlebt, ist so, wie wenn man im Anblicke
vom Maler, leerer Leinwand und Farbentopfen das spater
gemalte Bild erlebte. Dem StofTwechsel- und GliedmaBen-
system gegeniiber muB in der Seele die Intuition walten,
wenn es zum Begreifen kommen soil.
Es ist notig, daB die tatig wirkenden Mitglieder der An-
throposophischen Gesellschaft in solcher Art auf die We-
senheit hindeuten, die dem anthroposophischen Betrachten
zugrunde liegt. Denn nicht nur soli eingesehen werden,
was durch Anthroposophie an Erkenntnisinhalt gewonnen
wird, sondern auch, wie man zum Erleben dieses Erkennt-
nisinhaltes gelangt.
Von dem hier Dargestellten wird der Weg der Betrach-
tung zu den folgenden Leitsatzen hinuberfiihren.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
3 8. 1st man dazu gelangt, in der durch die vorigen Leitsatze
angedeuteten Richtung den Menschen in seiner Bildnatur
und in der dadurch sich ofFenbarenden Geistigkeit zu be-
trachten, so steht man davor, in der geistigen Welt, in der
man den Menschen als Geistwesen waltend schaut, auch
die seelisch-moralischen Gesetze in ihrer Wirklichkek mit-
zuschauen. Denn die moralische Weltordnung stellt sich
dann als das irdische Abbild einer zur geistigen Welt geho-
rigen Ordnung dar. Und physische und moralische Welt-
ordnung gliedern sich zur Einheit zusammen.
39. Aus dem Menschen wirkt der Wille. Der steht den an
der AuBenwelt gewonnenen Naturgesetzen ganz fremd ge-
gemiber. Das Wesen der Sinnesorgane ist noch an seiner
Ahnlichkeit gegeniiber den auBeren Naturgegenstanden
zu erkennen. In ihrer Tatigkeit kann sich der Wille noch
nicht entfalten. Das Wesen, das sich im rhythmischen Sy-
stem des Menschen ofFenbart, ist allem AuBeren schon un-
ahnlicher. In dieses System kann der Wille schon bis zu ei-
nem gewissen Grade eingreifen. Aber es ist dieses System
im Entstehen und Vergehen begriffen. An diese ist der
Wille noch gebunden.
40. Im StofFwechsel- und GliedmaBensystem ofFenbart sich
ein Wesen zwar durch die StofFe und die Vorgange an den
StofFen, aber diese StofFe und diese Vorgange haben mit
ihm nichts weiter zu tun als der Maler und seine Mittel mit
dem fertigen Bilde. In dieses Wesen kann daher der Wille
unmittelbar eingreifen. ErfaBt man hinter der in Naturge-
setzen lebenden Menschenorganisation die im Geistigen
webende Menschenwesenheit, so hat man in dieser ein Ge-
biet, in dem man das Wirken des Willens gewahr werden
kann. Gegeniiber dem Sinnesgebiete bleibt der menschli-
che Wille ein Wort ohne alien Inhalt. Und wer ihn in die-
sem Gebiete erfassen will, der verlalk im Erkennen das
wahre Wesen des Willens und setzt etwas anderes an dessen
Stelle.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
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41. Durch den dritten Leitsatz der vorigen Gruppe wird
auf das Wesen des menschlichen Willens hingewiesen. Erst
wenn man dieses Wesen gewahr geworden ist, steht man
mit seinem Begreifen in einer Weltsphare darinnen, in der
das Schicksal (Karma) wirkt. Solange man nur die Gesetz-
maBigkekerblickt, die im Zusammenhange derNaturdinge
und Naturtatsachen herrscht, bleibt man dem ganz fern,
das im Schicksal gesetzmaBig wirkt.
42. In einem solchen Erfassen der GesetzmaBigkeit im
Schicksal offenbart sich auch, daB sich dieses durch den
Gang des einzelnen physischen Erdenlebens nicht zum Da-
sein bringen kann. Solange der Mensch in demselben phy-
sischen Leibe lebt, kann er den moralischen Inhalt seines
Willens nur so zur Wirklichkeit werden las sen, wie es die-
ser physische Leib innerhalb der physischen Welt gestattet.
Erst, wenn der Mensch durch die Todespforte in die Gei-
stessphare eingezogen ist, kann die Geistwesenheit des
Willens zur vollen Wirklichkeit gelangen. Da wird das Gu-
te in seinen ihm entsprechenden Ergebnissen, das Schlech-
te in den seinigen, zunachst zur geistigen Verwirklich'ung
kommen.
43. In dieser geistigen Verwirklichung gestaltet sich der
Mensch selber zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
buvt; er wird wesenhaft ein Abbild dessen, was er im Erden-
lobcngetan hat. Aus diesem seinem Wesenhaften heraus ge-
staltet er dann beim Wieder-Betreten der Erde sein phy-
sisches Leben. Das Geistige, das im Schicksal waltet, kann
im Physischen nur seine Verwirklichung finden, wenn seine
entsprechende Verursachung vor dieser Verwirklichung
sich in das geistige Gebiet zuruckgezogen hat. Denn aus
dem Geistigen heraus, nicht in der Folge der physischen Er-
scheinungen gestaltet sich, was sich als schicksalsgemaft
auslebt.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
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44. Ein Ubergang zu der geisteswissenschaftlichen Betrach-
tung der Schicksalsfrage sollte dadurch herbeigefuhrt wer-
den, daB man an Beispielen aus dem Erleben einzelner Men-
schen den Gang des SchicksalsmaBigen in seiner Bedeu-
tung fur den Lebenslauf erortert; zum Beispiel wie ein Ju-
genderlebnis, das ganz sicher nicht in voller Freiheit durch
eine Personlichkeit herbeigefuhrt ist, das ganze spatere Le-
ben zu einem groBen Teile gestalten kann.
45 . Es sollte die Bedeutung der Tatsache, daC im physischen
Lebenslaufe zwischen Geburt und Tod der Gute ungluck-
lich im AuBenleben, der Bose wenigstens scheinbar gluck-
lich werden kann, geschildert werden. Beispiele in Bildern
sind fur die Erorterung wichtiger als theoretische Erkla-
rungen, weil sie die geisteswissenschaftliche Betrachtung
besser vorbereiten.
46. Es sollte an Schicksalsfallen, die in das Dasein des Men-
schen so eintreten, daB man ihre Bedingungen im jeweilig
gegenwartigen Erdenleben nicht finden kann, gezeigt wer-
den, wie gegeniiber solchen Schicksalsfallen schon rein die
verstandesgemaBe Lebensansicht auf friiheres Erleben hin-
deutet. Es muB natiirlich aus der Art der Darstellung klar
sein, daB mit solchen Darstellungen nichts Verbindliches
behauptet, sondern nur etwas gesagt werden soil, das die
Gedanken nach der geisteswissenschaftlichen Betrachtung
der Schicksalsfrage hin orientiert.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
47. Was in der Schicksalsgestaltung des Menschen liegt,
das tritt nur zum allerkleinsten Teile in das gewohnliche
BewuBtsein ein, sondern es waltet zumeist imllnbewuBten.
Aber gerade durch die Enthiillung des SchicksalsgemaBen
wird ersichtlich, wie UnbewuBtes zum BewuB sein ge-
bracht werden kann. Es haben eben diejenigen durchaus
Unrecht, die von dem zeitweilig UnbewuBten so sprechen,
als ob es absolut im Gebiete des Unbekannten bleiben
muBte und so eine Erkenntnisgrenze darstellte. Mit jedem
Stuck, das sich von seinem Schicksale dem Menschen ent-
hiillt, hebt er ein vorher UnbewuBtes in das Gebiet des Be-
wuBtseins herauf.
48. Durch ein solches Herauf heben wird man gewahr, wie
innerhalb des Lebens zwischenGeburt und Tod das Schick-
salsgemaBe nicht gewoben wird; man wird dadurch gerade
an der Schicksalsfrage auf die Betrachtung des Lebens zwi-
schen Tod und neuer Geburt gewiesen.
49. In dem Besprechen dieses Hinausweisens des mensch-
lichen Erlebens aus sich selbst an der Schicksalsfrage wird
man ein wahres Gefuhl entwickeln konnen fur das Ver-
haltnis des Sinnlichen und des Geistigen. Wer das Schick-
sal im Menschenwesen waltend schaut, der steht schon im
Geistigen darinnen. Denn die Schicksalszusammenhange
haben gar nichts Naturhaftes an sich.
Weitere LeitsaP%e y die fiir die A.nthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
50. Es ist von ganz besonderer Wichtigkeit, darauf hinzu-
weisen, wie die Betrachtung des geschichtlichen Lebens
der Menschheit dadurch belebt wird, daB man zeigt, es sind
die Menschenseelen selbst, welche die Ergebnisse der einen
Geschichtsepoche in die andere hiniibertragen, indem sie
in ihren wiederholten Erdenleben von Epoche zu Epoche
wandeln.
5 1. Man wird leicht gegen eine solche Betrachtung einwen-
den, daft sie der Geschichte das Elementarische und Naive
nimmt; aber man tut damit unrecht. Sie vertieft vielmehr
die Anschauung des Geschichtlichen, das sie bis in das In-
nerste der Menschenwesenheit hinein verfolgt. Geschichte
wird dadurch reicher und konkreter, nicht armer und ab-
strakter. Man muB nur in der Darstellung Herz und Sinn
fiir die lebende Menschenseele entwickeln, in die man da-
durch tief hineinschaut.
52. Es sollen die Epochen im Leben zwischen Tod und
neuer Geburt mit Beziehung auf die Karmabildung behan-
delt werden.
Das «Wie» dieser Behandlung der Karmabildung soil
den Inhalt der weiteren Leitsatze bilden.
Weitere Leitsatze, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
5 3 . Die Entfaltung des Menschenlebens zwischen Tod und
neuer Geburt geschieht in aufeinanderfolgenden Stufen.
Wahrend weniger Tage unmittelbar nach dem Durchgang
durch die Todespforte wird in Bildern das vorangegangene
Erdenleben iiberschaut. Dieses Uberschauen zeigt zugleich
die Ablosung des Tragers dieses Lebens von der mensch-
lichen Seelen-Geist-Wesenheit.
54. In einer Zeit, die ungefahr ein Drittel des eben vollen-
deten Erdenlebens umfaBt, wird in Geisteserlebnissen, wel-
che die Seele hat, die Wirkung erfahren, welche im Sinne
einer ethisch gerechten Weltordnung das vorangegangene
Erdenleben haben muB. Es wird wahrend dieses Erlebens
die Absicht erzeugt, das nachste Erdenleben zumAusgleich
der vorangegangenen so zu gestalten, wie es diesem Er-
leben entspricht.
5 5 . Eine langdauernde, rein geistige Daseinsepoche folgt, in
der die Menschenseele mit andern mit ihr karmisch verbun-
denen Menschenseelen und mit Wesenheiten der hohern
Hierarchien das kommende Erdenleben im Sinne des Kar-
ma gestaltet.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
5 6. Die Daseinsepoche zwischen Tod und neuer Geburt, in
der das Karma des Menschen gestaltet wird, kann nur auf
Grund der Ergebnisse geistiger Forschung dargestellt wer-
den. Aber es ist immer im BewuBtsein zu halten, daB diese
Darstellung der Vernunft einleuchtend ist. Diese braucht
nur das We sen der Sinneswirklichkeit unbefangen zu be-
trachten, dann wird sie gewahr, daB dieses ebenso auf ein
Geistiges hinweist, wie die Form eines Leichnams auf das
ihm einwohnende Leben.
5 7. Die Ergebnisse der Geisteswissenschaft zeigen, daB der
Mensch zwischen Tod und Geburt ebenso Geistesreichen
angehdrt, wie er zwischen Geburt und Tod den drei Rei-
chen der Natur, dem mineralischen, pflanzlichen und tieri-
schen angehort.
58. Das mineralische Reich ist in der augenblicklichen Ge-
staltung des Menschen zu erkennen, das pflanzliche ist als
Atherleib die Grundlage seines Werdens und Wachsens,
das tierische als Astralleib der Impuls fiir Empfindungs-
und Willensentfaltung. Die Kronung des bewuBten Emp-
findungs- und Willenslebens im selbstbewufiten Geistesleben
macht den Zusammenhang des Menschen mit der Geistes-
welt unmittelbar anschauiich.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
5 9. Eine unbefangene Betrachtung des Denkens zeigt, daB
die Gedanken des gewdhnlichen BewuBtseins kein eigenes
Dasein haben, daB sie nur wie Spiegelbilder von etwas auf-
treten. Aber der Mensch fiihlt sich als lebendig in den Ge-
danken. Die Gedanken leben nicht ; er aber lebt in den Ge-
danken. Dieses Leben urstandet in Geist-Wesen, die man
(imSinne meiner «Geheimwissenschaft») als die der drit-
ten Hierarchic, als eines Geist-Reiches, ansprechen kann.
60. Die Ausdehnung dieser unbefangenen Betrachtung auf
das Fiihlen zeigt, daB die Gefiihle aus dem Organismus auf-
steigen, daB sie aber nicht von diesem erzeugt sein konnen.
Denn ihr Leben tragt ein vom Organismus unabhangiges
Wesen in sich. Der Mensch kann sich mit seinem Organis-
mus in der Naturwelt fiihlen. Er wird aber gerade dann,
wenn er dies, sich selbst verstehend tut, sich mit seiner Ge-
fuhlswelt in einem geistigen Reiche fiihlen. Das ist dasje-
nige der zweiten Hierarchic
61. Als Willenswesen wendet sich der Mensch nicht an sei-
nen Organismus, sondern an die AuBenwelt. Er fragt nicht,
wenn er gehen will, was empfinde ich in meinen FiiBen,
sondern, was ist dort drauBen fur ein Ziel, zu dem ich kom-
men will. Er vergiBt seinen Organismus, indem er will. In
seinem Willen gehort er seiner Natur nicht an. Er gehort da
dem Geist-Reich der ersten Hierarchie an.
ET WAS VOM GEIST-VERSTEHEN
UND SCHICKSALS-ERLEBEN
In die Mitteilungen und Betrachtungen, die an dieser Stelle
an die Mitglieder gerichtet werden, soli diesmal einiges ein-
flieBen, das geeignet sein kann, den Gedanken iiber die
Leitsatze eine weitere Richtung zu geben.
Das Verstandnis des anthroposophischen Erkennens kann
gefordert werden, wenn die menschliche Seele immer wie-
der auf dasVerhaltnis von Mensch und Welt hingelenkt wird.
Richtet der Mensch die Aufmerksamkeit auf die Welt,
in die er hineingeboren wird und aus der er herausstirbt, so
hat er zunachst die Fiiile seiner Sinneseindriicke um sich.
Er macht sich Gedanken iiber diese Sinnes-Eindriicke.
Indem er dieses sich zum BewuBtsein bringt : «Ich mache
mir Gedanken iiber das, was mir meine Sinne als Welt offen-
baren», kann er schon mit der Selbstbetrachtung einsetzen.
Er kann sich sagen : in meinen Gedanken lebe «Ich». Die
Welt gibt mir Veranlassung, in Gedanken mich zu erleben.
Ich finde mich in meinen Gedanken, indem ich die Welt
betrachte.
So fortfahrend im Nachsinnen verliert der Mensch die
Welt aus dem BewuBtsein; und das Ich tritt in dieses ein.
Er hort auf, die Welt vorzustellen; er fangt an, das Selbst
zu erleben.
Wird umgekehrt die Aufmerksamkeit auf das Innere ge-
richtet, in dem die Welt sich spiegelt, so tauchen im Be-
wuBtsein die Lebensschicksalsereignisse auf, in denen das
menschliche Selbst von demZeitpunkte an, bis zu dem man
sich zuriickerinnert, dahingeflossen ist. Man erlebt das ei-
gene Dasein in der Folge dieser Schicksals-Erlebnisse.
Indem man sich dieses zum BewuBtsein bringt: «Ich
habe mit meinem Selbst ein Schicksal erlebt», kann man
mit der Weltbetrachtung einsetzen. Man kann sich sagen :
In meinem Schicksal war ich nicht allein; da hat die Welt in
mein Erleben eingegriffen. Ich habe dieses oder jenes ge~
wollt\ in mein Wollen ist die Welt hereingenutet. Ich finde
die Welt in meinem Wollen, indem ich dieses Wollen selbst-
betrachtend erlebe.
So fortfahrend, sich in das eigene Selbst einlebend, ver-
liert der Mensch das Selbst aus dem BewuBtsein; die Welt
tritt in dieses ein. Er hort auf, das Selbst zu erleben; er fangt
an, die Welt im Erfuhlen gewahr zu werden.
Ich denke hinaus in die Welt; da finde ich mich; ich ver-
senke mich in mich selbst, da finde ich die Welt. Wenn der
Mensch dieses stark genug empfindet, steht er in den Welt-
und Menschenratseln drinnen.
Denn fiihlen: man miiht sich im Denken ab, urn die Welt
zu ergreifen, und man steckt in diesem Denken doch nur
selbst darinnen, das gibt das erste Weltratsel auf.
Vom Schicksal in seinem Selbst sich geformt fiihlen und
in diesem Formen das Fluten des Weltgeschehens empfin-
den; das drangt zum zweiten Weltratsel hin.
In dem Erleben dieses Welt- und Menschenratsels er-
keimt die Seelenverfassung, in der der Mensch der Anthro-
posophie so begegnen kann, daB er in seinem Innern von
ihr einenEindruck erhalt, der seine Aufmerksarnkeit erregt.
Denn Anthroposophie macht nun dieses geltend: Es
gibt ein geistiges Erleben, das nicht im Denken die Welt
verliert. Man kann auch im Denken noch leben. Sie gibt im
Meditieren ein inneres Erleben an, in dem man nicht den-
kend die Sinneswelt verliert, sondern die Geistwelt ge-
winnt. Statt in das Ich einzudringen, in dem man die Sinn-
nen-Welt versinken fiihlt, dringt man in die Geist-Welt
ein, in der man das Ich erfestigt fiihlt.
Antht oposophie zeigt im weiteren : Es gibt ein Erleben
des Schicksals, in dem man nicht das Selbst verliert. Man
kann auch im Schicksal noch sich selbst als wirksam erleben.
Sie gibt in dem unegoistischen Betrachten des Menschen-
schicksals ein Erleben an, in dem man nicht nur das eigene
Dasein, sondern die Welt lieben lernt. Statt in die Welt hin-
einzustarren, die in Gliick und Ungluck das Ich auf ihren
Wellen tragt, findet man das Ich, das wollend das eigene
Schicksal gestaltet. Statt an die Welt zu stoBen, an der das
Ich zerschellt, dringt man in das Selbst ein, das sich mit
dem Weltgeschehen verbunden fiihlt.
Das Schicksal des Menschen wird ihm von der Welt be-
reitet, die ihm seine Sinne offenbaren. Findet er die eigene
Wirksamkeit in dem Schicksalswalten, so steigt ihm sein
Selbst wesenhaft nicht nur aus dem eigenen Innern, son-
dern es steigt ihm aus der Sinneswelt auf.
Kann man auch nur leise empfinden, wie im Selbst die
Welt als Geistiges erscheint und wie in der Sinneswelt das
Selbst sich als wirksam erweist, so ist man schon im siche-
ren Verstehen der Anthroposophie darinnen.
Denn man wird dann einen Sinn dafur entwickeln, daB
in der Anthroposophie die Geist-Welt beschrieben werden
darf, die vom Selbst erfaftt wird. Und dieser Sinn wird
auch Verstandnis dafur entwickeln, daB in der Sinneswelt
das Selbst auch noch anders als durch Versenken in das In-
nere gefunden werden kann. Anthroposophie findet das
Selbst, indem sie zeigt, wie aus der Sinneswelt fur den Men-
schen nicht nur sinnliche Wahrnehmungen sich offenbaren,
sondern auch die Nachwirkungen aus seinem vorirdischen
Dasein und aus den vorigen Erdenleben.
Der Mensch kann nun in die Welt der Sinne hinausblik-
ken und sagen: da ist ja nicht nur Farbe, Ton, Warme; da
wirken auch die Erlebnisse der Seelen, die diese Seelen vor
ihrem gegenwartigen Erdendasein durchgemacht haben.
Und er kann in sich hineinblicken und sagen: da ist nicht
nur mein Ich, da offenbart sich eine geistige Welt.
In einem solchen Verstandnisse kann der von den Welt-
und Menschenratseln beriihrte Mensch sich mit dem Ein-
geweihten zusammenfinden, der, nach seinen Einsichten,
von der auBeren Sinneswelt so reden muB, als ob aus der-
selben nicht nur sinnliche Wahrnehmungen sich kundga-
ben, sondern die Eindriicke von dem, was Menschenseelen
im vorirdischen Dasein und in verflossenen Erdenleben
gewirkt haben; und der von der inneren Selbst-Welt aus-
sagen rnuB, daB sie Geistzusammenhange offenbart, so ein-
drucks- und wirkungsvoll, wie die Wahrnehmungen der
Sinneswelt sind.
BewuBt sollten sich die tatig sein wollenden Mitglieder
zu Vermittlern dessen machen, was die fragende Menschen-
seele als Welt- und Menschenratsel fiihlt, mit dem, was die
Eingeweihten-Erkenntnis zu sagen hat, wenn sie aus Men-
schen-Schicksalen eine vergangene Welt heraufholt, und
wenn sie aus seelischer Erkraftung die Wahrnehmung einer
Geist-Welt erschlieBt.
So kann im Arbeiten der tatig sein wollenden Mitglie-
der die Anthroposophische Gesellschaft zu einer echten
Vorschule der Eingeweihten-Schule werden. Auf dieses
wollte die Weihnachtstagung kraftig hinweisen; und wer
diese Tagung richtig versteht, wird mit diesem Hinweisen
fortfahren, bis ein geniigendes Verstandnis dafur der Ge-
sellschaft wieder neue Aufgaben bringen kann,
Aus diesen Hinweisen mogen denn die im folgenden zu
gebenden «Leitsatze» erflieBen.
Weitere Leitsdt^e, die fiir die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
62. Die Sinneswelt tragt in den Sinneswahrnehmungen nur
einen Teil des Wesens an die Oberflache, das sie in ihren
Wellentiefen birgt. Bei eindringlicher geistgemaBer Beob-
achtung zeigt sie, daB in diesen Tiefen die Nachwirkungen
dessen sind, was Menschenseelen noch in langvergangenen
Zeiten gewirkt haben.
63. Die menschliche Innenwelt ofFenbatt dem gewohnli-
chen Selbstbetrachten nur einen Teil dessen, in dem sie dar-
innen steht. Bei erstarktem Erleben zeigt sie, daB sie in ei-
ner geistlebendigen Wirklichkeit steht.
64. In dem Schicksal des Menschen ofFenbart sich nicht
bloB die Wirksamkeit einer AuBenwelt, sondern auch die-
jenige des eigenen Selbst.
65. In den menschlichen Seelen-Erlebnissen ofFenbart sich
nicht bloB ein Selbst, sondern auch eine Geistwelt, die das
Selbst in geistmaBiger Erkenntnis mit der eigenen Wesen-
heit verbunden wissen kann.
Weitere LeitsaP^e, die fiir die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
66. Die Wesenheiten der dritten Hierarchie ofFenbaren sich
in dem Leben, das im menschlichen Denken als Geist-Hin-
tergrund zur Entfaltung gelangt. Dieses Leben verbirgt
sich in der menschlichen Denktatigkeit. Wirkten sie in die-
ser als Eigensein fort, so konnte der Mensch nicht zur Frei-
heit gelangen. Wo kosmische Denktatigkeit aufhort, be-
ginnt menschliche Denktatigkeit.
67. Die Wesenheiten der zweiten Hierarchie offenbaren
sich in einem auBermenschlichen Seelischen, das dem
menschlichen Fiihlen als kosmisch-seelisches Geschehen
verborgen ist. Dieses Kosmisch-Seelische schafft im Hin-
tergrunde des menschlichen Fiihlens. Es gestaltet das
Menschlich-Wesenhafte zum Gefuhls-Organismus, bevor
in diesem selbst das Fiihlen leben kann.
68. Die Wesenheiten der ersten Hierarchie offenbaren sich
in einem auBermenschlichen Geistschaffen, das dem mensch-
lichen Wollen als kosmisch-geistige Wesenswelt inne-
wohnt. Dieses Kosmisch-Geistige erlebt sich selbst schaf-
fend, indem der Mensch will. Es gestaltet den Zusammen-
hang des Menschlich-Wesenhaften mit der auBermensch-
lichen Welt, bevor der Mensch durch seinen Willens-
Organismus zum frei woUenden Wesen wird.
GEISTIGE WELTBEREICH E
UND MENSCHLICHE S E LB STE RKE N NTN I S
Die Leitsatze, die in diesen Wochen vom Goetheanum aus
den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft ge-
sandt worden sind, lenken den Seelenblick zu den Wesen-
heiten der geistigen Reiche hin, mit denen nach oben der
Mensch ebenso zusammenhangt wie nach unten hin mit
den Naturreichen.
Eine wahre Selbsterkenntnis des Menschen kann die
Fiihrerin werden zu diesen geistigen Reichen. Und wenn
nach solcher Selbsterkenntnis mit rechtem Sinne gestrebt
wird, so wird sich in ihr das Verstandnis fur dasjenige er-
schlieBen, was die Anthroposophie aus dem Einblick in
das Leben der geistigen Welt an Erkenntnissen vermittelt.
Man muB nur die Selbsterkenntnis im wirklichen Sinne,
nicht in dem eines bloBen Hineinstarrens in das «Innere»
iiben.
Beieiner solchen wirklichen Selbst-Erkenntnis findet man
zunachst, was in der Erinnerung lebt. In Gedanken-Bildern
ruft man die Schatten dessen in das BewuBtsein herauf, in
dem man in vergangener Zeit mit unmitteibarem lebendi-
gem Erfahren darinnengestanden hat. Wer einen Schatten
sieht, wird aus einem inneren Drang heraus im Denken
nach dem Gegenstande hingelenkt, der den Schatten wirft.
Wer eine Erinnerung in sich tragt, kann in solch unmittel-
barer Art nicht den Seelenblick nach dem Erlebnisse hin-
lenken, das in der Erinnerung nachwirkt. Wenn er sich aber
wirklich auf sein eigenes Sein besinnt, so wird er sich sagen
miissen: er selbst sei, seiner seelischenWesenheit nach, das-
jenige, was die Erlebnisse aus ihm gemacht haben, die in
der Erinnerung ihre Schatten werfen. Im BewuBtsein tre-
ten die Erinnerungs- Schatten auf, im Seelensein leuchtet,
was in der Erinnerung schattet. Toter Schatten west in der
Erinnerung; lebendiges Sein west in der Seele, in der die
Erinnerung wirkt.
Mamnufi sich dieses Verhaltnis der Erinnerung zum
wirklichen Seelenleben nur klar machen; und man wird
in diesem Streben nach Klarheit im Selbst-Erkennen emp-
finden, wie man auf dem Wege nach der geistigen Welt ist.
Durch die Erinnerung sieht man auf das Geistige der ei-
genen Seele. Fur das gewohnliche BewuBtsein kommt die-
ses Sehen nicht zu einem wirklichen Ergreifen dessen, wo-
nach der Blick gerichtet ist. Man schaut nach etwas hin;
aber der Blick begegnet keiner Wirklichkeit. Anthroposo-
phie weist aus der imaginativen Erkenntnis auf diese Wirk-
lichkeit hin. Sie verweist von dem Schattenden auf das
Leuchtende. Sie tut dies, indem sie von dem Atherkibe des
Menschen spricht. Sie zeigt, wie in den Gedanken-Schat-
ten-Bildern der physische Leib wirkt; wie aber in dem
Leuchtenden der Atherleib lebt.
Mit dem physischen Leibe ist der Mensch in der sinnli-
chen Welt; mit dem Atherleibe ist er in der Atherwelt. In
der sinnlichen Welt hat er eine Umgebung; er hat eine sol-
che auch in der Atherwelt. Die Anthroposophie spricht
von dieser Umgebung als von der ersten verborgenen
Welt, in der sich der Mensch befindet. Es ist das Reich der
dritten Hierarchies
Man nahere sich nun in derselben Art, wie man so an die
Erinnerung herangetreten ist, der Sprache. Sie quillt aus
dem Inneren des Menschen hervor wie die Erinnerung. In
ihr verbindet sich der Mensch mit einem Sein, wie er sich
in der Erinnerung mit seinen eigenen Erlebnissen verbin-
det. Im Worte lebt auch ein Schattendes. Dieses ist krafti-
ger als das Schattende der Erinnerungs-Gedanken. Indem
der Mensch seine Erlebnisse in der Erinnerung innerlich
abschattet, ist er mit seinem eigenen verborgenen Selbst
bei dem ganzen Vorgange selbst wirksam. Er ist dabei, in-
dem das Leuchtende den Schatten wirft.
In der Sprache ist auch ein Schattenwerfen. Worte sind
Schatten. Was leuchtet da? Kraftigeres leuchtet, weil
Worte kraftigere Schatten sind als Erinnerungs-Gedanken.
Was im menschlichen Selbst Erinnerungen im Laufe eines
Erdenlebens schaffen kann, kann nicht die Worte schaffen.
Sie muB der Mensch im Zusammenhange mit andern Men-
schen lernen. Ein tiefer in ihm liegendes Wesen als das in
der Erinnerung Schattende muB sich daran beteiligen. An-
throposophie spricht da aus der inspirierten Erkenntnis
heraus vom Astralleib, wie sie der Erinnerung gegemiber
vom Atherleib spricht. Zu dem physischen und Atherleib
tritt der Astralleib als ein drittes Glied der menschlichen
Wesenheit.
Aber auch dieses dritte Glied hat eine Welt-Umgebung.
Es ist diejenige der <%weiten Hierarchic. In der menschlichen
Sprache ist ein Schattenbild dieser zweiten Hierarchie ge-
geben. Der Mensch lebt innerhalb des Bereiches dieser
Hierarchie mit seinem Astralleibe.
Man kann weiter gehen. An dem Sprechen ist der Mensch
mit einem Teile seines Wesens beteiligt. Er bringt im Spre-
chen sein Inneres in Bewegung. Wovon dieses Innere um-
schlossen wird, das bleibt im Sprechen selbst in Ruhe. Die
Bewegung des Sprechens entringt sich diesem ruhig blei-
benden Menschenwesen. Aber der ganze Mensch kommt
in Bewegung, wenn er in Regsamkeit bringt, was Glied-
maBen-artig an ihm ist. In dieser Bewegung ist der Mensch
nicht minder ausdrucksvoll wie in der Erinnerung und in
der Sprache. Die Erinnerung driickt die Erlebnisse aus ; die
Sprache hat ihr Wesen eben darinnen, daB sie Ausdruck von
etwas ist. So auch driickt der in seinem ganzen Wesen be-
wegte Mensch ein «Etwas» aus.
Was so ausgednickt wird, weist die Anthroposophie als
ein weiteres Glied der menschlichen Wesenheit auf. Sie
spricht aus der intuitivenErkenntnis herausvondem «wah-
ren Selbst» oder dem «Ich». Auch fur dieses findet sie eine
Welt-Umgebung. Es ist diejenige der ersten Hierarchie.
Indem der Mensch an seine Erinnerungs-Gedanken
herantritt, begegnet ihm ein erstes Ubersinnliches, sein ei-
genes Atherwesen. Anthroposophie weist ihm die entspre-
chende Welt-Umgebung auf. Indem sich der Mensch als
Sprechenden erfaBt, begegnet ihm sein Astralwesen. Das
wird nicht mehr in dem erfaBt, was nur innerlich wie die
Erinnerung wirkt. Es wird von der Inspiration geschaut
als dasjenige, was in dem Sprechen aus dem Geistigen her-
aus einen physischen Vorgang gestaltet. Sprechen ist ein
physischer Vorgang. Ihm Hegt das SchafTen aus dem Be-
reiche der zweiten Hierarchie zugrunde.
In dem ganzen bewegten Menschen ist ein intensiveres
physisches Wirken vorhanden als im Sprechen. Nicht et-
was am Menschen wird gestaltet; der ganze Mensch wird
gestaltet. Da wirkt die erste Hierarchie in dem in Gestal-
tung webenden Physischen.
So kann wirkliche Selbst-Erkenntnis des Menschenwe-
sens geubt werden. Aber der Mensch erfaBt dabei nicht das
eigeneSelbst allein. Stufenweise erfaBt er seine GHeder : den
physischen Leib, den Atherleib, den Astralleib, das Selbst.
Aber indem er diese erfaBt, kommt er auch stufenweise an
hohere Welten heran, die wie die drei Naturreiche, das tie-
rische, das pflanzliche, das mineralische, als drei geistige
Reiche zu der Gesamtwelt gehoren, in der sich sein Wesen
entfaltet.
Weitere Leitsdt^e, die fur die A.nthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
69. Die dritte Hierarchie offenbart sich als ein rein Geistig-
Seelisches. Sie webt in dem, was der Mensch auf seelische
Art ganz innerlich erlebt. Weder im Atherischen, noch im
Physischen konnten Vorgange entstehen, wenn nur diese
Hierarchie wirkte. Seelisches konnte allein da sein.
70. Die zweite Hierarchie offenbart sich als ein Geistig-
Seelisches, das im Atherischen wirkt. Alles Atherische ist
Offenbarung der zweiten Hierarchie. Sie offenbart sich aber
nicht unmittelbar im Physischen. Ihrc Starke reicht nur bis
zu den atherischen Vorgangen. Es wiirde nur Seelisches
und Atherisches bestehen, wenn nur dritte und zweite Hier-
archie wirkten.
71. Die starkste, erste Hierarchie offenbart sich als das im
Physischen geistig Wirksame. Sie gestaltet die physische
Welt zum Kosmos. Die dritte und zweite Hierarchie sind
dabei die dienenden Wesenheiten.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellscbaft
vom Goetheanum ausgegeben mrden
72. Sobald man an die hoheren Glieder der menschlichen
Wesenheit : den atherischen, astralischen Leib und die Ich-
Organisation herantritt, ist man genotigt, das Verhaltnis
des Menschen zu den Wesen der geistigen Reiche zu su-
chen. Nur die physische Leibesorganisation kann von den
drei physischen Naturreichen aus beleuchtet werden.
73. Im Atherleibe gliedert sich dem Menschen wesen die
Intelligenz des Kosmos ein. DaB dies geschehen kann,
setzt die Tatigkeit von Welt- Wesen voraus, die in ihrem
Zusammenwirken den menschlichen Atherleib so gestalten
wie die physischen Krafte den physischen.
74. Im Astralleibe pragt die geistige Welt dem Menschen-
wesen die moralischen Impulse ein. DaB diese in der
menschlichen Organisation sich darleben konnen, ist von
der Tatigkeit solcher Wesen abhangig, die das Geistige
nicht nur denken, sondern wesenhaft gestalten konnen.
75. In der Ich-Organisation erlebt der Mensch im physi-
schen Leib sich selbst als Geist. DaB dies geschehen kann,
ist die Tatigkeit von Wesen notwendig, die selbst als gei-
stige in der physischen Welt leben.
WIE DIE LEITSATZE ANZUWENDEN SIND
In den Leitsatzen, die vom Goetheanum ausgegeben wer-
den, soli die Anregung fur die tatig sein wollenden Mit-
glieder gegeben sein, den Inhalt des anthroposophischen
Wirkens einheitlich zu gestalten. Man wird finden, wenn
man an diese Satze jede Woche herantritt, daB sie eine An-
leitung dazu geben, sich in den vorhandenen Stoff der Zy-
klen zu vertiefen und diesen in einer gewissen Anordnung
in den Zweigversammlungen vorzubringen.
Es ware ja gewiB wiinschenswerter, wenn jede Woche
sogleich die Vortrage, die in Dornach gehalten werden, in
alien Richtungen an die einzelnen Zweige gebracht werden
konnten. Allein man sollte auch bedenken, welch kompli-
zierte technische Einrichtungen dazu notig sind. Es wird
gewiB von Seite des Vorstandes am Goetheanum nach die-
ser Richtung alles Mogliche angestrebt und noch getan
werden. Aber man muB mit den vorhandenen Moglichkei-
ten rechnen. Die Absichten, die auf der Weihnachtstagung
geauBert worden sind, werden verwirklicht werden. Aber
wir brauchen Zeit.
Vorlaufig sind die jenigen Zweige imVorteil, welche Mit-
glieder in sich haben, die das Goetheanum besuchen, da
die Vortrage horen und deren Inhalt in den Zweigver-
sammlungen vorbringen konnen. Und es sollte von den
Zweigen erkannt werden, daB die Entsendung solcher Mit-
glieder an das Goetheanum eine Wohltat ist. Aber man
sollte auch nicht die Arbeit, die in der Anthroposophischen
Gesellschaft schon geleistet ist und die in den gedruckten
Zyklen und Vortragen vorliegt, allzu sehr unterschatzen.
Wer diese Zyklen vornimmt, sich nach den Titeln erinnert,
welcher Stoff in diesem oder jenem enthalten ist, und dann
an die Leitsatze herantritt, der wird finden, daB er in dem
einen Zyklus das eine und in dem anderen ein anderes fin-
det, das den Leitsatz weiter ausfiihrt. Aus dem Zusammen-
lesen dessen, was in den einzelnen Zyklen getrennt stent,
konnen die Gesichtspunkte gefunden werden, von denen
aus inAnlehnung an die Leitsatze gesprochen werden kann.
Wir wirken in der Anthroposophischen Gesellschaft wie
rechte Verschwender, wenn wir die gedruckten Zyklen
ganz unbenutzt lassen und immer nur «das Neueste» vom
Goetheanum empfangen wollen. Es ist doch auch leicht
begreiflich, daB allmahlich jede Moglichkeit, die Zyklen zu
drucken, auf horen miiBte, wenn diese nicht ausgiebig be-
niitzt wiirden.
Es kommt noch ein anderer Gesichtspunkt in Frage. Bei
der Verbreitung des Inhaltes der Anthroposophie ist Ge-
wissenhaftigkeit und Verantwortlichkeitsgefiihl in aller-
erster Linie notwendig. Man muB das, was uber die geistige
Welt gesagt wird, in eine Form bringen, daB die Bilder der
geistigen Tatsachen und Wesenheiten, die gegeben wer-
den, nicht MiBverstandnissen ausgesetzt werden. Wer am
Goetheanum einen Vortrag hort, kann einen unmittelbaren
Eindruck haben. Wenn er dessen Inhalt wiedergibt, so
kann bei ihm dieser Eindruck nachklingen, und er ist im-
stande, die Dinge so zu formulieren, daB sie richtig ver-
standen werden konnen. Wird aber ein Zweiter, Dritter
der Vermittler, so wird die Wahrscheinlichkeit immer gro-
Ber, daB sich Ungenauigkeiten einschleichen. Alle diese
Dinge sollten bedacht werden.
Und ein weiterer Gesichtspunkt ist ja wohl der aller-
wichtigste. Es handelt sich ja nicht darum, daB der anthro-
posophische Inhalt nur auBerlich angehort oder gelesen
werde, sondern daB er in das lebendige Seelenwesen auf-
genommen werde. Im Fortdenken und Fortfiihlen des Auf-
genommenen liegt ein WesentHches. Das aber soil mit Be-
zug auf die schon vorliegenden gedruckten Zyklen gerade
durch die Leitsatze angeregt werden. Wird dieser Gesichts-
punkt zu wenig beriicksichtigt, so wird es fortdauernd dar-
an fehlen, daB das Wesen der Anthroposophie durch die
Anthroposophische Gesellschaft sich offenbaren konne.
Man sagt nur mit scheinbarem Recht: was niitzt es mir,
noch soviel von geistigen Welten zu horen, wenn ich nicht
selbst in solche Welten hineinschauen kann. Man beriick-
sichtigt dabei nicht, daB dieses Hineinschauen gefordert
wird, wenn iiber die Verarbeitung des anthroposophischen
Inhaltes so gedacht wird, wie es hier angedeutet ist. Die
Vortrage am Goetheanum sind so gehalten, daB ihr Inhalt
lebendig und frei in den Gemutern der Zuhorer fortwirken
kann. Und so ist auch der Inhalt der Zyklen. Da ist kein to-
tes Material zur bloBen auBeren Mitteilung; da ist Stoff",
der unter verschiedene Gesichtspunkte geruckt das Schau-
en in geistige Welten anregt. Man sollte nicht glauben : den
Inhalt der Vortrage hore ich an ; die Erkenntnis der geisti-
gen Welt eigne ich mir durch Meditation an. So wird man
nie im wahren Sinne weiterkommen. Beides muB in der
Seele zusammenwirken. Und das Fortdenken und Fort-
fiihlen des anthroposophischen Inhaltes ist auch Seelen-
ubung. Man lebt sich in die geistige Welt schauend hinein,
wenn man so, wie es hier gesagt ist, mit diesem Inhalt ver-
fahrt.
Es wird eben doch in der Anthroposophischen Gesell-
schaft viel zu wenig darauf gesehen, daB Anthroposophie
nicht graue Theorie, sondern wahres Leben sein soil. Wah-
res Leben, das ist ihr Wesen; und wird sie zur grauen Theo-
rie gemacht, dann ist sie oft gar nicht eine bessere, sondern
eine schlechtere Theorie als andere. Aber sie wird eben erst
Theorie, wenn man sie dazu macht, wenn man sie totet. Das
wird noch viel zu wenig gesehen, daB Anthroposophie
nicht nur eine andere Weltanschauung ist als andere, son-
dern daB sie auch anders aufgenommen werden muJS. Man er-
kennt und erlebt ihr Wesen erst in dieser anderen Art des
Aufnehmens.
Das Goetheanum sollte als der notwendige Mittelpunkt
des anthroposophischen Arbeitens und Wirkens angesehen
werden; aber man sollte nicht aus dem Auge verlieren, daB
in den Zweigen der anthroposophische StofT, der erarbei-
tet worden ist, auch zur Geltung komme. Was am Goethe-
anum gewirkt wird, das kann im vollen lebendigen Sinne
die ganze Anthroposophische Gesellschaft nach und nach ha-
ben, wenn moglichst viele Mitglieder aus dem Leben der
Zweige heraus an das Goetheanum selbst herankommen
und, soviel ihnen moglich ist, an seinem lebendigen Wirken
teilnehmen. Das alles aber muB mit Innerlichkeit gestaltet
werden; mit dem auBerlichen «Mitteilen» des Inhaltes von
jeder Woche geht es nicht. Der Vorstand am Goetheanum
wird Zeit brauchen und bei den Mitgliedern Verstandnis
finden mussen. Dann wird er im Sinne der Weihnachts-
tagung wirken konnen.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
76. Will man eine Vorstellung der ersten Hierarchie (Se-
raphim, Cherubim und Throne) hervorrufen, so wird man
darnach suchen miissen, Bilder zu gestalten, in denen Gei-
stiges (nur iibersinnlich Schaubares) in den Formen sich
wirkend ofFenbart, die in der Sinnenwelt zur Erscheinung
kommen. Geistiges in sinnenfalliger Bildlichkeit muB In-
halt der Gedanken iiber die erste Hierarchie sein.
77. Will man eine Vorstellung der zweiten Hierarchie (Ky-
riotetes, Dynameis, Exusiai) hervorrufen, so wird man dar-
nach suchen miissen, Bilder zu gestalten, in denen Geisti-
ges nicht in sinnenfalligen Formen, sondern auf rein gei-
stige Art sich offenbart. Geistiges in nicht sinnenfalliger,
sondern rein geistiger Bildlichkeit muB der Inhalt der Ge-
danken iiber die zweite Hierarchie sein.
78. Will man eine Vorstellung der dritten Hierarchie (Ar-
chai, Archangeloi, Angeloi) hervorrufen, so wird man dar-
nach suchen miissen, Bilder zu gestalten, in denen Geisti-
ges nicht in sinnenfalligen Formen, aber auch nicht auf
rein geistige Art, sondern so sich ofFenbart, wie Denken,
Fiihlen und Wollen in der menschlichen Seele sich darle-
ben. Geistiges in seelenhafter Bildlichkeit muB der Inhalt
der Gedanken iiber eine dritte Hierarchie sein.
IM ANBRUCH DES MICHAEL-ZEITALTERS
Bis zum neunten Jahrhundert nach dem Mysterium von
Golgatha stand der Mensch anders zu seinen Gedanken
als spater. Er hatte nicht die Empfindung, daft er die in
seiner Seele lebenden Gedanken selbst hervorbringe. Er
betrachtete sie als Eingebungen einer geistigen Welt.
Auch wenn er iiber das Gedanken hatte, was er mit sei-
nen Sinnen wahrnahm, waren ihm die Gedanken Qffen-
barungen des Gottlichen, das aus den Sinnesdingen zu
ihm sprach.
Wer geistige Schauungen hat, begreiftdiese Empfindung.
Denn, wenn ein geistig Wirkliches sich der Seele mitteilt,
so hat man niemals das Gefuhl, da ist die geistige Wahrneh-
mung, und man formt selber den Gedanken, urn die Wahr-
nehmung zu begreifen; sondern man schaut den Gedanken,
der in der Wahrnehmung enthalten und mit ihr gegeben
ist, so objektiv wie sie selbst.
Mit dem neunten Jahrhundert - selbstverstandlich sind
solche Angaben so zu nehmen, da(5 sie eine mittlere Zeit-
angabe bilden; der Ubergang geschieht ganz allmahlich -
leuchtete in den Menschenseelen die personlich-individuelle
Intelligenz auf. Der Mensch bekam das Gefuhl : ich bilde die
Gedanken. Und dieses Bilden der Gedanken wurde das
Uberragende im Seelenleben, so daB die Denkenden das
Wesen der Menschenseele im intelligenten Verhalten sa-
hen. Vorher hatte man von der Seele eine imaginative Vor-
stellung. Man sah ihr Wesen nicht imGedankenbilden, son-
dern in ihrem Teilhaben an dem geistigen Inhalt der Welt.
Die ubersinnlichen geistigen Wesen dachte man denkend;
und sie wirken in den Menschen hinein; sie denken auch in
ihn hinein. Was so von der ubersinnlichen geistigen Welt
im Menschen lebt, das empfand man als Seek.
Sobald man in die geistige Welt mit seiner Anschauung
hinaufdringt, kommt man an konkrete geistige Wesens-
machte heran. In alten Lehren hat man die Macht, aus der
die Gedanken der Dinge erflieBen, mit dem Namen Michael
bezeichnet. Der Name kann beibehalten werden. Dann kann
man sagen : die Menschen empfingen einst von Michael die
Gedanken. Michael verwaltete die kosmische Intelligenz.
Vomneuntenjahrhundertanverspiirtendie Menschen nicht
mehr, daB ihnen Michael die Gedanken inspiriert. Sie waren
seiner Herrschaft entfallen; sie fielen aus der geistigen Welt
in die individuellen Menschenseelen.
Innerhalb der Menschheit wurde nunmehr das Gedan-
kenleben ausgebildet. Man war zunachst unsicher, was
man an den Gedanken hatte. Diese Unsicherheit lebte in
den scholastischen Lehren. Die Scholastiker zerfielen in
Realisten und Nominalisten. Die Realisten - deren Fuhrer
Thomas von Aquino und die ihm Nahestehenden waren -
fuhlten noch die alte Zusammengehorigkeit von Gedanke
und Ding. Sie sahen daher in den Gedanken ein Wirkliches,
das in den Dingen lebt. Die Gedanken des Menschen sahen
sie als etwas an, das als Wirklichkeit aus den Dingen in die
Seele hiniiberflieBt. - Die Nominalisten fuhlten stark den
Tatbestand, da& die Seele ihre Gedanken bildet. Sie emp-
fanden die Gedanken nur als Subjektives, das in der Seele
lebt und das mit den Dingen nichts zu tun hat. Sie meinten :
die Gedanken seien nur vom Menschen gebildete Namen
fur die Dinge. (Man sprach nicht von «Gedanken», son-
dern von «Universalien» ; aber das kommt fur das Prinzi-
pielle der Anschauung nicht in Betracht, da Gedanken ja
immer etwas Universelles im Verhaltnis zu den einzelnen
Dingen haben.)
Man kann sagen: Die Realisten wollten Michael die
Treue bewahren; auch da die Gedanken aus seinem Bereich
in den der Menschen gefallen waren, wollten sie als Denker
dem Michael dienen als dem Fiirsten der Intelligenz des
Kosmos. - Die Nominalisten vollzogen in ihrem unbe-
wuBten Seelenteil den Abfall von Michael. Sie betrachteten
nicht Michael, sondern den Menschen als den Eigentumer
der Gedanken.
Der Nominalismus gewann an Verbreitung und Einflufi.-
Das konnte so fortgehen bis in das letzte Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts. In diesem Zeitalter empfanden
diejenlgen Menschen, die sich auf die Wahrnehrnung der
geistigen Geschehnisse innerhalb des Weltalls verstehen,
daft Michael dem Strom des intellektuellen Lebens nach-
gezogen war. Er sucht nach einer neuen Metamorphose
seiner kosmischen Aufgabe. Er lieB vorher von der geisti-
gen AuBenwelt her die Gedanken in die Seelen der Men-
schen stromen ; vom letzten Drittel des neunzehnten Jahr-
hunderts an will er in den Menschenseelen leben, in denen
die Gedanken gebildet werden. Vorher sahen die Michael
verwandten Menschen Michael im Geistbereich seine Ta-
tigkeit entfalten; jetzt erkennen sie, daft sie Michael im
Herzen wohnen lassen sollen; jetzt weihen sie ihm ihr ge-
dankengetragenes geistiges Leben; jetzt lassen sie sich im
freien, individuellen Gedankenleben von Michael dariiber
belehren, welches die rechten Wege der Seele sind.
Menschen, die im vorangehenden Erdenleben in inspi-
riertem Gedankenwesen gestanden haben, also Michael-
diener waren, fuhlten sich, am Ende des neunzehnten Jahr-
61
hunderts wieder ins Erdenleben gekommen, zu solcher
freiwilligen Michaelgemeinschaft gedrangt. Sie betrach-
teten ihren alten Gedankeninspirator nunmehr als den Wei-
ser im hoheren Gedankenwesen.
Wer auf solche Dinge zu achten versteht, der konnte wis-
sen, welch ein Umschwung im letzten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts sich mit Bezug auf das Gedanken-
leben der Menschen vollzogen hat. Vorher konnte der
Mensch nur fuhlen, wie aus seinem Wesen heraus die Ge-
danken sich formten; von dem angedeuteten Zeitabschnitt
an kann er sich iiber sein Wesen erheben; er kann den Sinn
ins Geistige lenken; da tritt ihm Michael entgegen, und
der erweist sich als altverwandt mit allem Gedankenweben.
Der befreit die Gedanken aus dem Bereich des Kopfes ; er
macht ihnen den Weg zum Herzen frei ; er lost die Begei-
sterung aus dem Gemute los, so daft der Mensch in seeli-
scher Hingabe leben kann an alles, was sich im Gedanken-
licht erfahren laBt. Das Michaelzeitalter ist angebrochen.
Die Herzen beginnen, Gedanken zu haben; die Begeiste-
rung entstromt nicht mehr bloB mystischem Dunkel, son-
dern gedankengetragener Seelenklarheit. Dies verstehen,
heiBt, Michael in sein Gemiit aufnehmen. Gedanken, die
heute nach dem Erfassen des Geistigen trachten, miissen
Herzen entstammen, die fur Michael als den feurigen Ge-
dankenfursten des Weltalls schlagen.
Weitere Leitsati^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
79. An die drkte Hierarchie (Archai, Archangeloi, Angeloi)
kann man geistig herantreten, wenn man Denken, Fuhlen
und Wollen so kennen lernt, daB man in ihnen das in der
Seele wirkende Geistige gewahr wird. Das Denken stellt
zunachst nur Bilder, nicht ein Wirkliches in die Welt. Das
Fiihlen webt in diesem Bildhaften; es spricht fur ein Wirk-
liches im Menschen, kann es aber nicht ausleben. Das Wol-
len entfaltet eine Wirklichkeit, die den Leib voraussetzt,
aber an seiner Gestaltung nicht bewuBt mitwirkt. Das We-
senhafte, das im Denken lebt, um den Leib zur Grundlage
dieses Denkens zu machen, das Wesenhafte, das im Fiihlen
lebt, um den Leib zum Mit-Erleber einer Wirklichkeit zu
machen, das Wesenhafte, das im Wollen lebt, um an seiner
Gestaltung bewuBt mitzuwirken, ist in der dritten Hierar-
chie lebendig.
80. An die zweite Hierarchie (Exusiai, Dynamis, Kyriote-
tes) kann man geistig herantreten, wenn man die Natur-
tatsachen als Erscheinungen eines in ihnen lebenden Geisti-
gen erschaut. Die zweite Hierarchie hat dann die Natur zu
ihrem Aufenthalt, um in ihr an den Seelen zu wirken.
8 1 . An die erste Hierarchie (Seraphim, Cherubim, Throne)
kann man geistig herantreten, wenn man die im Natur-
und Menschenreich vorhandenen Tatsachen als die Taten
(Schopfungen) eines in ihnen wirkenden Geistigen er-
schaut. Die erste Hierarchie hat dann das Natur- und Men-
schenreich zu ihrer Wirkung, in der sie sich entfaltet.
Wei t ere JLeitsatye y die fur die A.nthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
82. Der Mensch blickt zu den Sternenwelten auf; was sich
da den Sinnen darbietet, sind nur die auBeren OfFenbarun-
gen derjenigen Geistwesenheiten und ihrer Taten, von de-
nen in den vorigen Betrachtungen als den Wesen der geisti-
gen Reiche (Hierarchien) gesprochen worden ist.
83. Die Erde ist der Schauplatz der drei Naturreiche und
des Menschenreiches, insofern diese den auBeren Sinnen-
schein von der Tatigkeit geistiger Wesenheken offenbaren.
84. Die Krafte, welche in die irdischen Naturreiche und in
das Menschenreich von seiten geistiger Wesen hineinwir-
ken, enthullen sich dem Menschengeiste durch die wahre,
die geistgemafte Erkenntnis der Gestirnwelten.
DIE MENSCHLICHE SEELENVERFAS SUNG
VOR DEM ANBRUCH DES MICHAEL-ZEITALTERS
Heute soil eine Betrachtung hier eingefugt werden, die
sich an die Ideen «Im Anbruch des Michael-Zeitalters »
anschlieBt. Dieses Michael-Zeitalter ist in der Entwicke-
lung der Menschheit heraufgekommen nach dem Vorherr-
schen der intellektuellen Gedankenbildung auf der einen
Seite und der auf die auBere Sinnenwelt - die physische
Welt - gerichteten menschlichen Anschauungsweise auf
der andern.
Die Gedankenbildung ist in ihrer eigenen Wesenheit
nicht eine Entwickelung nach dem Materialistischen hin.
Dasjenige, was in altern Zeitaltern wie inspiriert an den
Menschen herantrat, die Ideenwelt, wurde in der Zeit, die
der Michael-Epoche voranging, Eigentum der menschli-
chen Seele. Diese empfangt nicht mehr die Ideen «von
oben» aus dem geistigen Inhalt des Kosmos; sie holt sie
aktiv aus der eigenen Geistigkeit des Menschen herauf. Da-
mit ist der Mensch erst reif geworden, sich auf die eigene
geistige Wesenheit zu besinnen. Vorher drang er bis zu
dieser Tiefe des eigenen Wesens nicht vor. Er sah in sich
gewissermaBen den Tropfen, der aus dem Meere der kos-
mischen Geistigkeit sich fur das Erdenleben abgetrennt
hat, um sich nach demselben wieder mit ihm zu vereinigen.
Es ist die im Menschen stattfindende Gedankenbildung
ein Fortschritt in der menschlichen Selbsterkenntnis. Im
Ubersinnlichen angeschaut, stellt sich die Sache so dar : Die
geistigen Machte, die man mit dem Michael-Namen be-
zeichnen kann, verwalteten im geistigen Kosmos die Ideen.
Der Mensch erlebte diese Ideen, indem er mit seiner Seele
an dem Leben der Michael-Welt teilnahm. Dieses Erleben
ist nun sein eigenes geworden. Dadurch ist eine zeitweilige
Trennung des Menschen von der Michael- Welt eingetre-
ten. Mit den inspirierten Gedanken der Vorzeit empfing
der Mensch zugleich die geistigen Weltinhalte. Indem diese
Inspiration auf horte und der Mensch in eigener Tatigkeit
die Gedanken bildet, ist er auf die Anschauung der Sinne
verwiesen, um fiir diese Gedanken einen Inhalt zu haben.
So muBte der Mensch zunachst die errungene eigene Gei-
stigkeit mit materiellem Inhalt erfullen. Er fiel in die ma-
terialistische Anschauung in dem Zeitalter, das sein eigenes
geistiges Wesen auf eine Stufe brachte, die hoher ist als die
vorangehenden.
Das kann leicht verkannt werden ; man kann den «Fall»
in den Materialismus nur allein beachten,unddann xiber ihn
traurig sein. Aber wahrend das Anschauen dieses Zeitalters
sich auf die auBere physische Welt beschranken muBte, ent-
faltete sich im Innern der Seele e'megereinigte, in sich selbst be-
stehende Geistigkeit des Menschen als Erleben. Diese Geistig-
keit muft nun im Michael-Zeitalter nicht mehr unbewuBtes
Erleben bleiben, sondern sich ihrer Eigenart bewuBt wer-
den. Das bedeutet den Eintritt der Michael- Wesenheit in
die menschliche Seele. Der Mensch hat eine gewisse Zeit
hindurch das eigene Geistige mit dem Materiellen der Na-
tur erfiillt; er soli es wieder mit ureigener Geistigkeit als
kosmischen Inhalt erfullen.
Die Gedankenbildung verlor sich eine Weile an die Ma-
terie des Kosmos ; sie muB sich in dem kosmischen Geiste
wieder finden. In die kalte, abstrakte Gedankenwelt kann
Warme, kann wesenserfullte Geist-Wirklichkeit eintreten.
Das stellt den Anbruch des Michael- Zeitalters dar.
Nur in der Trennung von dem Gedankenwesen der Welt
konnte in den Tiefen der menschlichen Seek das BewuBt-
sein der Freihek erwachsen. Was von den Hohen kam,
muBte aus den Tiefen wiedergefunden werden. Deshalb ist
die Entwickelung dieses BewuBtseins der Freiheit zunachst
mit einer nur auf das AuBere gerichteten Naturerkenntnis
verbunden gewesen. Wahrend der Mensch im Innern sei-
nen Geist unbewuBt zur Reinheit der Ideen erbildete, wa-
ren seine Sinne nach auBen nur auf das Materielle gerichtet,
das in keiner Weise storend in das eingriff, was zunachst als
zarter Keim in der Seele auf leuchtete.
Aber es kann in die Anschauung des auBeren Materiellen
das Erleben des Geistigen und damit die geistige Anschauung
in neuer Art wieder einziehen. Was im Zeichen des Ma-
terialismus an Naturerkenntnis gewonnen worden ist, kann
in geistgemaBer Art im inneren Seelenleben erfaBt werden.
Michael, der «von oben» gesprochen hat, kann «aus dem
Innern», wo er seinen neuen Wohnsitz aufschlagen wird,
gehort werden. Mehr imaginativ gesprochen, kann dies so
ausgedriickt werden: Das Sonnenhafte, das der Mensch
durch lange Zeiten nur aus dem Kosmos in sich aufnahm,
wird im Innern der Seele leuchtend werden. Der Mensch
wird von einer «innern Sonne» sprechen lernen. Er wird
sich deshalb in seinem Leben zwischen Geburt und Tod
nicht weniger als Erdenwesen wissen; aber er wird das auf
der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengefuhrt erken-
nen. Er wird als Wahrheit empfinden lernen, daB ihn im In-
nern eine Wesenheit in ein Licht stellt, das zwar auf das Er-
dendasein leuchtet, aber nicht in diesem entziindet wird.Im
Anbruche des Michael-Zeitalters mag es noch scheinen, als
ob dies alles der Menschheit recht feme liegen konne; doch
es ist «imGeiste» nahe; es muB nur «gesehen» werden. Von
dieser Tatsache, daB die Ideen des Menschen nicht nur
«denkend» bleiben, sondern im Denken «sehend» werden,
hangt unermeBlich viel ab.
Weitere Leitsat^e^ die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
8 5 . Im wachen TagesbewuBtsein erlebt sich im gegenwar-
tigen Weltenalter zunachst der Mensch. Dieses Erleben
verhiillt ihm, daB innerhalb der Wachheit die dritte Hier-
archie in seinem Erleben gegenwartig ist.
86. Im TraumbewuBtsein erlebt der Mensch in chaotischer
Art das eigene Wesen mit dem Geistwesen der Welt un-
harmonisch vereinigt. Stellt sich dem TraumbewuBtsein
das imaginative als dessen anderer Pol gegenuber, so wird
der Mensch gewahr, daB die zweite Hierarchie in seinem
Erleben gegenwartig ist.
87. Im traumlosen SchlafbewuBtsein erlebt der Mensch
ohne eigene BewuBtheit das eigene Wesen mit dem Geist-
wesen der Welt vereinigt. Stellt sich dem SchlafbewuBt-
sein das inspirierte als dessen anderer Pol gegemiber, so
wird der Mensch gewahr, daB die erste Hierarchie in sei-
nem Erleben gegenwartig ist.
APHORISMEN
AUS EINEM AM 24.AUGUST IN LONDON
GE HALT EN EN MITGLIEDERVORTRAG
Das menschliche BewuBtsein entwickelt im gegenwartigen
Weltstadium seiner Entwickelung drei Formen, das wachen-
de,das traumendeund das traumlos schlafende BewuBtsein.
Das wachende erlebt die sinnenfallige AuBenwelt, bildet
iiber diese Ideen und kann aus diesen Ideen heraus solche
gestalten, welche eine rein geistige Welt abbilden. Das trau-
mende BewuBtsein entwickelt Bilder, welche die AuBen-
welt umformen, zum Beispiel an die in das Bett scheinende
Sonne das Traumerlebnis einer Feuersbrunst mit vielen
Einzelheiten kniipfen. Oder es stellt die menschliche Innen-
welt in symbolischen Bildern vor die Seele, zum Beispiel
das stark pochende Herz im Bild eines uberheizten Ofens.
Auch die Erinnerungen leben umgestaltet im Traumbe-
wuBtsein auf. Dazu kommen Inhalte solcher Bilder, die
nicht der Sinneswelt entnommen sind, sondern der geisti-
gen, die aber nicht die Moglichkeit bieten, in die geistige
Welt erkennend einzudringen, weil ihr Dammersein nicht
ganz in das WachbewuBtsein sich heben laBt, und weil,
was in dieses heriiberspielt, nicht wahrhaft ergriffen wer-
den kann.
Es ist aber moglich, von der Traumwelt unmittelbar im
Erwachen so viel zu erfassen, daB man gewahr wird, wie
sie der unvollkommene Abdruck eines geistigen Erlebens
ist, das den Schlaf erfiillt, aber dem WachbewuBtsein sich
zum weitaus groBten Teile entzieht. Es ist nur notig, um
das zu durchschauen, den Augenblick des Erwachens so zu
gestalten, daB dieses nicht mit einem Schlage die AuBen-
welt vor die Seele zaubert, sondern daft die Seele, ohne
noch nach auBen zu schauen, sich dem innen Erlebten hin-
gegeben fuhlt.
Das traumlose SchlafbewuBtsein laBt die Seele Erleb-
nisse durchmachen, die in der Erinnerung nur als unter-
schiedsloses Einerlei der Zeit-Erfullung erscheinen. Man
wird von diesen Erlebnissen so lange als von etwas gar
nicht Vorhandenem sprechen konnen, solange man nicht
durch geisteswissenschaftliche Forschung in sie eindringt.
Geschieht dies aber, entwickelt man auf die in der anthro-
posophischen Literatur gegebene Art das imaginierte und
inspirierte BewuBtsein, dann treten aus der Finsternis des
Schlafes die Bilder und die Inspirationen von Erlebnissen
fruheren Erdendaseins hervor. Und dann kann man auch
den Inhalt des TraumbewuBtseins iiber schauen. Er besteht
in einem vom WachbewuBtsein nicht zu ergreifenden In-
halt, der in diejenige Welt verweist, in welcher der Mensch
zwischen zweiErdenleben als unverkorperte Seele verweilt.
Lernt man kennen, was fiir die gegenwartige Welten-
phase das Traum- und das SchlafbewuBtsein verbergen,
dann wird der Weg erofFnet auf die Entwickelungsformen
des menschlichen BewuBtseins in der Vorwelt. Man kann
dazu allerdings nicht durch die auBere Forschung gelan-
gen. Denn die erhaltenen auBeren Zeugnisse bringen nur
Nachwirkungen von vorgeschichtlichen Erlebnissen des
menschlichen BewuBtseins. Die anthroposophische Litera-
tur bringt Aufschlusse daruber, wie man durch geistige
Forschung zur Anschauung von solchen Erlebnissen ge-
langen kann.
In der alten Zeit Agyptens findet diese Forschung ein
TraumbewuBtsein, das dem WachbewuBtsein viel naher-
steht, als das jetzt beim Menschen der Fall ist.DieTraum-
erlebnisse strahlten erinnerungsgemaB in das WachbewuBt-
sein heriiber; und dieses lieferte nicht bloB die in scharf
konturierte Gedanken zu fassenden Sinneseindriicke, son-
dern verbunden mit diesen das Geistige, das in der Sinnes-
welt wirkt. Dadurch stand der Mensch mit seinem BewuBt-
sein instinktiv in der Welt darinnen, die er bei seiner Erden-
verkorperung verlassen hat und die er wieder betreten
wird, wenn er durch die Todespforte geschritten sein wird.
Die erhaltenen Schrif t-Denkmaler und anderes geben
dem, der unbefangen in ihren Inhalt eindringt, deutliche
Nachbilder eines solchen BewuBtseins, das einer Zeit an-
gehort, aus der auBere Denkmaler nicht vorhanden sind.
Das SchlafbewuBtsein der agyptischen Urzeit enthielt
Traume der geistigen Welt in einer ahnlichen Art, wie das
gegenwartige Traume aus der physischen Welt enthalt.
Bei andern Volkern findet man aber noch ein anderes
BewuBtsein. Der Schlaf strahlte seine Erlebnisse in das Wa-
chen heniber, und zwar so, daB in diesem Heriiberstrahlen
eine Anschauung der wiederholten Erdenleben instinktiv
vorhanden war. Die Traditionen von der Erkenntnis der
wiederholten Erdenleben durch die Urmenschen entstam-
men diesen BewuBtseins-Formen.
Man findet, was in alten Zeiten an TraumbewuBtsein
damrnerhaft instinktiv vorhanden war, in der entwickelten
imaginativen Erkenntnis wieder. Nur ist es bei dieser voll-
bewuBt wie das Wachleben.
Und man wird durch die inspirierte Erkenntnis ebenso
die vorzeitliche instinktive Einsicht gewahr, die noch et-
was von den wiederholten Erdenleben sah. Auf diese Ver-
wandlung der menschlichen BewuBtseinsformen geht die
71
heutige Menschheitsgeschichte nicht ein. Sie mochte gerne
glauben, daB im wesentlichen die gegenwartigen BewuBt-
seinsformen immer vorhanden waren, solange es eine Er-
denmenschheit gibt.
Undwas doch auf solche andereBewuBtseinsformen hin-
weist, die Mythen und Marchen, mochte man als den Aus-
fluB der dichtenden Phantasie des Urmenschen ansehen.
Weitere Leitsat^e, die fiir die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
88. Im wachen TagesbewuBtsein erlebt sich im gegenwar-
tigen Weltenalter der Mensch als innerhalb der physischen
Welt stehend. Dieses Erleben verbirgt ihm, daB innerhalb
seiner eigenen Wesenheit die Wirkungen eines Lebens zwi-
schen Tod und Geburt vorhanden sind.
89. Im TraumbewuBtsein erlebt der Mensch in chaotischer
Art das eigene Wesen mit dem Geisteswesen der Welt un-
harmonisch vereint. Das WachbewuBtsein kann den eigent-
lichen Inhalt dieses TraumbewuBtseins nicht ergreifen. Es
enthullt sich dem imaginativen und inspirierten BewuBt-
sein, daB die Geistwelt, die der Mensch zwischen Tod und
Geburt durchlebt, an dem Auf bau seines Innenwesens be-
teiligt ist.
90. Im traumlosen SchlafbewuBtsein erlebt der Mensch
ohne eigene BewuBtheit das eigene Wesen als durchdrun-
gen mit den Ergebnissen vergangener Erdenleben. Das in-
spirierte und intuitive BewuBtsein dringt zur Anschauung
dieser Ergebnisse vor und sieht das Wirken voriger Erden-
leben in dem Schicksalsverlauf (Karma) des gegenwartigen.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
91. Der Wille tritt in das gewohnliche BewuBtsein im heu-
tigen Weltalter nur durch den Gedanken ein. Dieses ge-
wohniiche BewuBtsein kann aber nur an das sinnlichWahr-
nehmbare ankniipfen. Es ergreift auch an dem eigenen Wil-
len nur das, was von diesem in die sinnliche Wahrneh-
mungswelt eintritt. Der Mensch weiB in diesem BewuBt-
sein von seinenWillensimpulsen nur durch die vorstellende
Beobachtung seiner selbst, wie er von der AuBenwelt nur
durch Beobachtung weiB.
92. Das Karma, das im Willen wirkt, ist eine ihm aus vor-
angegangenen Erdenleben anhaftende Eigenschaft. Diese
kann daher nicht durch die Vorstellungen des gewohnli-
chen Sinnesseins, die nur auf das gegenwartige Erdenleben
hin orientiert sind, erfaBt werden.
9 3 . Weil diese Vorstellungen das Karma nicht erfassen kon-
nen, verweisen sie das ihnen an den menschlichen Willens-
Impulsen entgegentretende Unverstandliche in das mysti-
sche Dunkel der Korperkonstitution, wahrend es die Wir-
kung vorangegangener Erdenleben ist.
Weitere Leitsdti^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
94. Mit dem gewohnlichen Vorstellungsleben, das durch
die Sinne vermittelt wird, steht der Mensch in der physi-
schen Welt. Um diese in sein BewuBtsein aufzunehmen, muB
das Karma im Vorstellungsleben schweigen. Der Mensch
vergiflt gewissermaBen als Vorstellender sein Karma.
95* In den Willensoffenbarungen wirkt das Karma. Aber
die Wirkung bleibt im UnbewuBten. Durch das Erheben
dessen, was im Willen unbewuBt wirkt, zur Imagination,
wird das Karma ergriffen. Man fiihlt in sich sein Schicksal.
96. Tritt Inspiration und Intuition in die Imagination ein,
dann wird im Willenswirken auBer den Impulsen der Ge-
genwart das Ergebnis voriger Erdenleben wahrnehmbar.
Das vergangene Leben erweist sich in dem gegenwartigen
als wirksam.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
97. Eine grobere Darstellung darf sagen: in der Seele des
Menschen leben Denken, Fiihlen und Wollen. Eine feinere
muB sagen : Denken enthalt immer einen Untergrund von
Fiihlen und Wollen, Fiihlen einen solchen von Denken und
Wollen, Wollen einen von Denken und Fiihlen. Im Gedan-
kenleben ist nur das Denken, im Gefiihlsleben das Fiihlen,
imWillensleben das Wollen gegeniiber den anderen Seelen-
inhalten vorherrschend.
98. Das Fiihlen und Wollen des Gedankenlebens enthalten
das karmische Ergebnis voriger Erdenleben. Das Denken
und Wollen des Gefuhlslebens bestimmen auf karmische
Art den Charakter. Das Denken und Fiihlen des Willens-
lebens reiBen das gegenwartige Erdenleben aus dem kar-
mischen Zusammenhange heraus.
99. Im Fiihlen und Wollen des Denkens lebt der Mensch
sein Karma der Vergangenheit aus ; im Denken und Fiih-
len des Wollens bereitet er das Karma der Zukunft vor.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
100. Die Gedanken haben ihren eigentlichen Sitz im atheri-
schen Leib des Menschen. Aber da sind sie lebendig-wesen-
hafte Krafte. Sie pragen sich dem physischeti Leibe ein.
Und als solche «eingepragte Gedanken» haben sie die
schattenhafte Art, in der sie das gewohnliche BewuBtsein
kennt.
10 1 . Was in den Gedanken als Fiihlen lebt, das kommt vom
astralischen Leib, was als Wollen, vom «Ich» her. Im
Schlafen erstrahlt der Atherleib des Menschen durchaus in
des sen Gedanken welt; nur der Mensch nimmt nicht daran
teil, weil er das Fiihlen der Gedanken mit dem Astralleib,
das Wollen derselben mit dem «Ich» aus dem atherischen
und physischen Leib herausgezogen hat.
1 02. In dem Augenblicke, in dem wahrend des Schlafes der
astralische Leib und das Ich das Verhaltnis zu den Gedan-
ken des Atherleibes losen, gehen sie ein solches zu dem
«Karma», zur Anschauung der Geschehnisse durch die
wiederholten Erdenleben hindurch ein. Diese Anschauung
ist dem gewohnlichen BewuBtsein versagt; ein iibersinn-
liches BewuBtsein tritt in sie ein.
DER VOR-MICHAELISCHE UND
DER MICHAELS-WEG
Man wird nicht im rechten Lichte sehen konnen, wie der
Michael-Einschlag in die Menschheits-Entwickelung her-
eindringt, wenn man sich iiber das Verhaltnis der neueren
Ideenwelt zur Natur die Vorstellung macht, die heute all-
gemein iiblich ist.
Da denkt man: drauBen ist die Natur mit ihren Vorgan-
gen und Wesen; im Innern, da sind die Ideen. Diese stellen
BegrifTe von Naturwesen dar oder auch sogenannte Natur-
gesetze. Es kommt den Denkern dabei vor allem darauf an,
zu zeigen, wie man die Ideen bildet, die das rechte Verhalt-
nis zu den Naturwesen haben oder die wahre Naturgesetze
enthalten.
Man legt dabei wenig Wert darauf, wie diese Ideen zu
dem Menschen stehen, der sie hat. Und doch wird man,
worauf es ankommt, nur einsehen, wenn man vor allem die
Frage aufwirft : Was erlebt der Mensch in den neueren na-
turwissenschaftlichen Ideen?
Man wird zu einer Antwort auf die folgende Art kommen.
Heute empfindet der Mensch, daB Ideen in ihm durch die
Tatigkeit seiner Seele ausgebildet werden. Er hat das Ge-
fuhl: er ist der Ausbildner der Ideen, wahrend nur die
Wahrnehmungen von auBen an ihn herandringen.
Dieses Gefuhl hatte der Mensch nicht immer. Er emp-
fand in alteren Zeiten den Inhalt der Ideen nicht als etwas
Selbst-Gemachtes, sondern als etwas durch Eingebung aus
der iiber sinnlichen Welt Erhaltenes.
Dieses Gefuhl machte Stufen durch. Und die Stufen hin-
gen davon ab, mit welchem Teil seines Wesens der Mensch
das erlebte, was er heute seine Ideen nennt. Heute in dem
Zeitalter derEntwickelungderBewuBtseinsseele giltunein-
geschrankt, was in den vorigen Leitsatzen stent : «Die Ge-
danken haben ihren eigentlichen Sitz im atherischen Leib
des Menschen. Aber da sind sie lebendig-wesenhafte Kraf-
te. Sie pragen sich dem physischen Leibe ein. Und als sol-
che ,eingepragte Gedanken* haben sie die schattenhafte
Art, in der sie das gewohnliche BewuBtsein kennt.»
Man kann nun zuriickgehen in Zeiten, in denen Gedan-
ken unmittelbar im «Ich» erlebt wurden. Da aber waren
sie nicht schattenhaftwie heute; sie waren nicht bloB lebend\
sie waren beseelt und durchgeistigt. Das heiBt aber: der
Mensch dachte ///V/^/Gedanken; sondern er erlebte die Wahr-
nehmung von konkreten geistigen Wesenheiten.
Man wird ein BewuBtsein, das so zu einer Welt von gei-
stigen Wesenheiten aufsieht, iiberall in der Vorzeit der Vol-
ker finden. Was sich davon geschichtlich erhalten hat, be-
zeichnet man heute als mythenbildendes BewuBtsein und
legt ihm keinen besonderen Wert bei fur die Erfassung der
wirklichen Welt. - Und doch steht der Mensch mit diesem
BewuBtsein in seiner Welt, in der Welt seines Ursprunges
darinnen, wahrend er sich mit dem heutigen BewuBtsein
aus dieser seiner Welt heraushebt.
Der Mensch ist Geist. Und seine Welt ist die der Geister.
Eine nachste Stufe ist diejenige, wo das Gedankliche
nicht mehr vom «Ich», sondern von dem astralischen Leibe
erlebt wird. Da geht die unmittelbare Geistigkeit fur den
seelischen Anblick verloren. Das Gedankliche erscheint als
ein beseeltes Lebendiges.
Auf der ersten Stufe, dem Erschauen des konkret geistig
Wesenhaften, hat der Mensch gar nicht stark das Bediirf-
77
nis, das Erschaute an die Welt des Sinnlich-Wahrgenom-
menen heranzutragen. Die sinnlichen Welterscheinungen
offenbaren sich zwar als die Taten des iibersinnlich Er-
schauten ; aber eine besondere Wissenschaft von dem aus-
zubilden, was dem «geistigen Blick» unmittelbar anschau-
lich ist, liegt keine Notigung vor. AuBerdem ist, was als
die Welt der Geistwesen erschaut wird, von solcher Fulle,
daB darauf vor allem die Aufmerksamkeit ruht.
Anders wird dies bei der zweiten BewuBtseins-Etappe.
Da verbergen sich die konkreten Geistwesen; ihr Abglanz,
als beseeltes Leben, erscheint. Man beginnt das «Leben der
Natur» an dieses «Leben der Seelen» heranzutragen. Man
sucht in den Naturwesen und Naturvorgangen die wirk-
samen Geistwesen und deren Taten. In dem, was spater als
alchymistisches Suchen auftrat, ist geschichtlich der Nie-
derschlag dieser BewuBtseins-Etappe zu sehen.
Wie der Mensch, indem er auf erster BewuBtseins-Etap-
pe Geistwesen «dachte», ganz in seinem Wesen lebte, so
steht er auf dieser zweiten sich und seinem Ursprung noch
nahe.
Damit ist aber auf beiden Stufen ausgeschlossen, daB der
Mensch im eigentlichen Sinne zu einem inneren eigenen
Antrieb fur sein Handeln komme.
Geistiges, das von seiner Art ist, handelt in ihm. Was er
zu tun scheint, ist Offenbarung von Vorgangen, die sich
durch Geistwesen abspielen. Was der Mensch tut, ist die
sinnlich-physische Erscheinung eines dahinterstehenden
wirklichen gottlich-geistigen Geschehens.
Eine dritte Epoche der BewuBtseins-Entwickelung bringt
die Gedanken, aber als lebendige, im atherischen Leib zum
BewuBtsein.
Als die griechische Zivilisation groB war, lebte sie in die-
sem BewuBtsein. Wenn der Grieche dachte, so bildete er
sich nicht einen Gedanken, durch den er, als mit seinem ei-
genen Gebilde, die Welt ansah ; sondern er fuhlte in sich er-
regt Leben, das auch drauBen in den Dingen und Vorgan-
gen pulsierte.
Da erstand zum ersten Male die Sehnsucht nach Frei-
heit des eigenen Handelns. Noch nicht wirkliche Freiheit;
aber die Sehnsucht darnach.
Der Mensch, der das Regen der Natur in sich selber sich
regend empfand, konnte die Sehnsucht ausbilden, die ei-
gene Regsamkeit loszulosen von der als fremd wahrgenom-
menen Regsamkeit. Aber es wurde immerhin in der auBe-
ren Regsamkeit noch das letzte Ergebnis der wirksamen
Geist-Welt empfunden, die gleicher Art mit dem Men-
schen ist.
Erst als die Gedanken ihre Pragung im physischen Leibe
annahmen und sich das BewuBtsein nur auf diese Pragung
erstreckte, trat die Moglichkeit der Freiheit ein. Das ist der
Zustand, der mit dem fiinfzehnten nachchristlichen Jahr-
hundert gegeben ist.
In derWelt-Entwickelung kommt es nicht darauf an, was
fur Bedeutung die Ideen der heutigen Naturanschauung
zur Natur haben; denn diese Ideen haben ihreFormen nicht
deshalb angenommen, um ein bestimmtes Bild der Natur
zu liefern, sondern um den Menschen zu einer bestimmten
Stufe seiner Entwickelung zu bringen.
Als die Gedanken den physischen Korper ergriffen, war
aus ihrem unmittelbaren Inhalte Geist, Seele, Leben getilgt ;
und der abstrakte Schatten, der am physischen Leibe haf-
tet, ist allein geblieben. Solche Gedanken konnen nur Phy-
sisch-Materielles zum Gegenstande ihrer Erkenntnis ma-
chen. Denn sie sind selbst nur wirklich an dem physisch-
materiellen Leibe des Menschen.
Nicht deshalb ist der Materialismus entstanden, weil nur
materielle Wesen und Vorgange in der auBerenNatur wahr-
zunehmen sind; sondern weil der Mensch in seiner Ent-
wickelung eine Etappe durchzumachen hatte, die ihn zu
einem BewuBtsein fiihrte, das zunachst nur materielle Of-
fenbarungen zu schauen fahig ist. Die einseitige Ausge-
staltung dieses menschlichen Entwickelungs-Bediirfnisses
ergab die Naturanschauung der neueren Zeit.
Michaels Sendung ist, in der Menschen Ather-Leiber die
Krafte zu bringen, durch die die Gedanken- Schatten wie-
der Leben gewinnen; dann werden sich den belebten Ge-
danken Seelen und Geister der iibersinnlichen Welten nei-
gen; es wird der befreite Mensch mit ihnen leben konnen,
wie ehedem der Mensch mit ihnen lebte, der nur das phy-
sis'che Abbild ibres Wirkens war.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetbeanum ausgegeben werden
( A.uf Grund des vorangebend Dargestellten )
103. In der Menschheits-Entwickelung steigt das BewuBt-
sein auf der Leiter der Gedanken-Entfaltung herab. Es gibt
eine erste BewuBtseins-Etappe : da erlebt der Mensch die
Gedanken im «Ich» als durchgeistigte, beseelte, belebte
Wesen. Auf einer zweiten Etappe erlebt der Mensch die
Gedanken im astralischen Leib ; sie stellen da nur mehr die
beseelten und belebten Abbilder der Geistwesen dar. Auf
einer dritten Etappe erlebt der Mensch die Gedanken im
Ather-Leibe; sie stellen nur eine innere Regsamkeit wie ei-
nen Nachklang von Seelenhaftem dar. Auf der vierten, ge-
genwartigen Etappe erlebt der Mensch die Gedanken im
physischen Leibe; sie stellen tote Schatten des Geistigen
dar.
104. In demselben MaBe, in dem das Geistig-Seelisch-Le-
bendige im Menschendenken zuriicktritt, lebt des Men-
schen Eigenwille auf; die Freiheit wird moglich.
105. Es ist Michaels Aufgabe, den Menschen auf den Bah-
nen des Willens dahin wieder zu fuhren, woher er gekom-
men ist, da er auf den Bahnen des Denkens von dem Erie-
ben des Ubersinnlichen zu dem des Sinnlichen mit seinem
ErdenbewuBtsein heruntergestiegen ist.
MICHAELS AUFGABE IN DER AHRIMAN-S PHARE
Wenn der Mensch auf seine Entwickelung zuriickblicktund
dabei die besondere Eigenheit sichzur geistigen Anschauung
bringt, die sein Geistesleben seit fiinf Jahrhunderten ange-
nommen hat, so mufi er schon innerhalb des gewohnlichen
BewuBtseins wenigstens ahnend erkennen, daB er seit die-
sen fiinf Jahrhunderten an einem bedeutsamen Wendepunk-
te der ganzen irdischen Entwickelung der Menschheit stent.
In der letzten Betrachtung habe ich, von einem Gesichts-
punkte aus, auf diese bedeutsame Wendung hingewiesen.
Da kann man hinauf blicken in die Vorzeit der Entwicke-
lung. Man schaut, wie sich im Menschen die Seelenkraft
gewandelt hat, die gegenwartig als die Kraft der Intelli-
genz tatig ist.
Jetzt erscheinen Gedanken, tote, abstrakte Gedanken im
Felde des menschlichen BewuBtseins. Diese Gedanken sind
an den physischen Menschenleib gebunden; der Mensch
muB sie als die von ihm erzeugten anerkennen.
In der Urzeit schaute der Mensch, wenn er seinen Seelen-
blick in die Richtung wendete, in der ihm heute die eige-
nen Gedanken sich ofFenbaren, gottlich-geistige Wesen-
heiten. An diese Wesenheiten fand der Mensch sein ganzes
Sein, bis zum physischen Leib, gebunden ; er muBte sich als
das Erzeugnis dieser Wesenheiten anerkennen. Aber als
solches Erzeugnis nicht nur sein Sein anerkennen, sondern
auch sein Tun. Der Mensch hatte keinen eigenen Willen.
Was er tat, war Erscheinung des gottlichen Willens.
Stufenweise, wie dies geschildert wurde, ist es bis zum
eigenen Willen gekommen, dessen Zeit vor ungefahr fiinf
Jahrhunderten eingetreten ist.
Aber die letzte Etappe unterscheidet sich von alien vor-
angehenden viel starker als diese untereinander.
Indem die Gedanken an den physischen Leib ubergehen,
verlieren sie die Lebendigkeit. Sie werden tot ; geistig tote
Gebilde. Sie waren vorher, indem sie dem Menschen an-
gehorten, noch immer zugleich Organe der gottlich-gei-
stigen Wesenheiten, zu denen der Mensch gehort. Sie woll-
ten im Menschen msenhaft. Und dadurch fuhlte sich der
Mensch durch sie mit der geistigen Welt lebendig verbunden.
Mit den toten Gedanken fiih.lt er sich abgelost von der
geistigen Welt. Er fiihlt sich ganz versetzt in die physische
Welt.
Damit aber ist er in die Sphare der ahrimanischen Gei-
stigkeit versetzt. Diese hat keine starke Macht in den Ge-
bieten, in denen die Wesenheiten der hoheren Hierarchien
den Menschen so in ihrer Sphare halten, daft sie entweder,
wie in Urzeiten, selbst im Menschen wirken oder, wie spa-
ter, durch ihren beseelten oder lebendigen Abglanz. So-
lange dieses ins Menschen wirken hereingehende Wirken
iibersinnlicher Wesenheiten besteht, das heiBt bis etwa
zum funfzehnten Jahrhundert, haben innerhalb der Mensch-
heitsentwickelung die ahrimanischen Machte nur eine - man
mochte sagen ~ leise anklingende Macht.
Was die persische Weltanschauung von dem Wirken
Ahrimans schildert, ist damit nicht im Widerspruche. Denn
diese Weltanschauung meint nicht ein Wirken Ahrimans
innerhalb der menschlichen Seelen-Entfaltung, sondern ein
solches in einer an die menschliche Seelenwelt unmittelbar
angrenzenden Welt. Ahrimans Weben spielt da wohl her-
iiber aus einer benachbarten Geistwelt in die menschliche
Seelenwelt, aber es greift nicht unmittelbar ein.
Dieses unmittelbare Eingreifen ist eben erst in der Zeit-
spanne moglich geworden, die vor etwa funf Jahrhunder-
ten begonnen hat.
So stent der Mensch am Ende einer Entwickelungsstro-
mung, innerhalb welcher sein Wesen aus solcher gottlicher
Geistigkeit geworden ist, die zuletzt fur sich in der abstrak-
ten Intelligenz-Wesenheit des Menschen erstirbt.
Der Mensch ist nicht in den Spharen verblieben, in de-
nen er als in dieser gottlichen Geistigkeit seinen Ur sprung
hat.
Was vor funf Jahrhunderten fur das BewuBtsein des
Menschen [begonnen hat}, es hatte sich fur einen weiteren
Umfang seiner Gesamtwesenheit schon vollzogen zur Zeit,
als das Mysterium von Golgatha in die irdische Erschei-
nung getreten ist. Da war es, daB unwahrnehmbar fur das
damals bei den meisten Menschen vorhandene BewuBtsein,
allmahlich die Menschheitsentwickelung aus einer Welt, in
der Ahriman wenig, in eine solche hineinglitt, in der er viel
Macht hat. Dieses Gleiten in eine andere Weltschichte er-
reichte ihre Vollendung eben im fiinfzehnten Jahrhundert.
Ahrimans EinfluB auf den Menschen in dieser Welt-
schichte ist deshalb moglich und kann verheerend wirken,
weil in dieser Schichte das dem Menschen verwandte Got-
terwirken erstorben ist. Aber der Mensch konnte zur Ent-
faltung des freien Willens gar nicht auf eine andere Art
kommen als dadurch, daB er sich in eine Sphare begab, in
der die vom Urbeginn mit ihm verbundenen gottlich-gei-
stigen Wesen nicht lebendig waren.
Kosmisch angesehen liegt in dem Wesen dieser mensch-
lichen Entwickelung das Sonnen- Mysterium. Mit dem, was
der Mensch bis zu dem bedeutsamen Wendepunkte seiner
Entwickelung in der Sonne wahrnehmen konnte, waren die
gottlich-geistigen Wesenheiten seines Ursprungs verbun-
den. Diese haben sich von der Sonne losgelost und auf die-
ser nur ihr Erstorbenes zuriickgelassen, so daB der Mensch
in seine Leiblichkeit durch die Sonne nurmehr die Kraft
toter Gedanken aufnehmen kann.
Aber diese Wesenheiten haben den Christus aus der Son-
ne zur Erde gesandt. Dieser hat sein Wesen zum Heile der
Menschheit mit der Erstorbenheit des gottlich-geistigen
Seins in Ahrimans Reich verbunden. So hat die Mensch-
heit die zweifache Moglichkeit, die die Gewahr ihrer Frei-
heit ist: zu Christus sichwenden in der Geistgesinnung, die
beim Heruntersteigen aus der Anschauung des ubersinnli-
chen Geistdaseins bis zum Gebrauche der Intelligent un-
terbewuBt vorhanden war, jetzt in bewuBter Art; oder
sich erfuhlen wollen in der Losgelostheit von diesem
Geistdasein und damit verfallen in die Orientierung, die
die ahrimanischen Machte nehmen.
In dieser Situation ist die Menschheit seit dem Beginn
des funfzehnten Jahrhunderts. Vorbereitet ist diese - in
der Entwickelung geschieht ja alles allmahlich - seit dem
Mysterium von Golgatha, das als das groBte Erden-Ereig-
nis dazu bestimmt ist, den Menschen vor dem Verderben
zu retten, dem er ausgesetzt sein muB, weil er ein freies
Wesen sein soil.
Man kann nun sagen: was von Seite der Menschheit bis-
her innerhalb dieser Situation geschehen ist, vollzog sich
halb-unbewuBt. Und in dieser Art hat es zu dem Guten der
in abstrakten Ideen lebenden Naturanschauung und zu
manchen ebenso guten Prinzipien der Lebenshaltung ge-
fuhrt.
Aber dieses Zeitalter, in dem der Mensch unbewuBt in
der gefahrlichen Ahriman-Sphare sein Dasein entfalten
darf, ist voriiber.
Der Erforscher der geistigen Welt muft heute die Mensch-
heit auf die geistige Tatsache aufmerksam machen, daB Mi-
chael die geistige Fuhrung der Menschheitsangelegenhei-
ten ubernommen hat. Michael vollbringt, was er zu voll-
bringen hat, so, daB er die Menschen nicht dadurch beein-
fluBt; aber sie konnen in Freiheit ihm folgen, um mit der
Christus-Kraft den Weg aus der Ahriman-Sphare wieder
herauszufinden, in die sie notwendig kommen muBten.
Wer ehrlich, aus dem tiefsten Wesen seiner Seele, sich
mit Anthroposophie eins fiihlen kann, der ist ein rechter
Versteher dieses Michael-Phanomens. Und Anthroposo-
phie mochte dieBotschaft von dieser Michael- Mission sein.
Goetheanum, 10. Oktober 1924.
Weitere Leitsdfc(e y die fiir die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
106. Michael geht die Wege wieder aufwarts, welche die
Menschheitab warts auf den Stufen der Geistesentwickelung
bis zur Intelligenzbetatigung gegangen ist. Nur wird Mi-
chael den Willen aufwarts die Bahnen fiihren, welche die
Weisheit bis zu ihrer letzten Stufe, der Intelligenz, abwarts
gegangen ist.
107. Wie Michael von diesem Zeitpunkte der Weltentwicke-
lung seinen Weg blofi %eigt, so daB ihn der Mensch in Frei-
heit wandeln kann, das unterscheidet diese Michael-Fiih-
rung von alien friiheren Erzengel-Fiihrungen, ja von alien
fruheren Michael-Fiihrungen selbst. Diese Fiihrungen
wirkten im Menschen; sie zeigten nicht bloB ihr Wirken, so
daB der Mensch in dem seinigen damals nicht frei sein
konnte.
1 08. Dieses eim^usehen y ist des Menschen gegenwartige Auf-
gabe, damit er mit seiner ganzen Seele seinen Weg des Gei-
stes innerhalb des Michael-Zeitalters finden konne.
MICHAELS ERFAHRUNGEN UND ERLEBNISSE
WAHREND DER erfOllung
SEINER KOSMISCHEN MISSION
Man kann das Fortschreiten der Menschheit von der Be-
wuBtseinsetappe, auf der sich der Mensch als Glied der
gottlich-geistigen Ordnung, bis zu der gegenwartigen,
durch die er sich als eine vom Gottlich-Geistigen losge-
loste Individuality mit Eigengebrauch der Gedanken er-
fuhlt, vom Gesichtspunkte der Menschheit verfolgen. Das
ist im letzten Aufsatz geschehen.
Man kann aber auch durch ubersinnliches Schauen ein
Bild von dem entwerfen, was Michael und die Seinen wah-
rend dieser Entwickelungsstromung erleben, also dieselbe
Tatsachenreihe von dem Gesichtspunkte Michaels schil-
dern. Das soil diesmal versucht werden.
Es gibt zunachst eine alteste Zeit, in der man eigentlich
nur von dem sprechen kann, was unter gottlich-geistigen
Wesenheiten geschieht. Man hat es mit einem fortlaufen-
den Gotterhandeln zu tun. Gotter vollbringen, was ihnen
die Impulse ihrer Wesenheiten eingeben; sie sind entspre-
chend befriedigt in dieser Tatigkeit. Und was sie bei alle-
dem erleben, kommt allein in Betracht. Nur in einer Ecke
im Felde dieses Gotterhandelns ist etwas wie die Mensch-
heit bemerkbar. Sie ist ein Teil in dem Gotterhandeln.
Die geistige Wesenheit aber, die von Anfang an ihren
Blick auf die Menschheit gelenkt hat, ist Michael. Er glie-
dert gewissermaBen das Gotterhandeln so, daB in einer
kosmischen Ecke die Menschheit bestehen kann. Und die
Art, wie er sich da betatigt, ist verwandt dem Tun, das spa-
ter im Menschen als Intellekt zur Offenbarung kommt ; nur
ist sie als Kraft betatigt, die in Ideenordnung durch den
Kosmos stromt, Wirklichkeit verursachend. In dieser Ktaft
wirkt Michael. Die kosmische Intellektualitat zu verwal-
ten, ist sein Amt. Er mochte den weiteren Fortschritt auf
seinem Gebiete. Und der kann nur darin bestehen, daft,
was als Intelligent durch den ganzen Kosmos wirkt, spater
sich konzentriert in der menschlichen Individuality. Was
dadurch zustande kommt, ist dieses : es tritt in der Welt-
entwickelung eine Zeit ein, in der der Kosmos nicht mehr
von seiner gegenwartigen, sondern von seiner vergange-
nen Intelligenz lebt. Und die gegenwartige Intelligenz ist
in der menschheitlichen Entwickelungsstromung.
Michael mochte, was sich da innerhalb der Menschheit
als Intelligenz entwickelt, fortdauernd im Zusammenhange
mit den gottlich-geistigen Wesen erhalten.
Dem aber steht ein Widerstand entgegen. Was die Got-
ter als Entwickelung durchmachen in der Linie von der Ab-
losung der Intellektualitat von ihrem kosmischen Tun bis
zur Eingliederung in die menschliche Natur hin, das steht
offen als Tatsache in der Welt drinnen. Sind Wesen vor-
handen, die ein Wahrnehmungsvermogen haben, durch
das sie diese Tatsachen schauen konnen, so konnen sie sich
diese zunutze machen. - Und solche Wesenheken sind
vorhanden. Es sind die ahrimanischen Wesen. Sie sind
ganz dazu veranlagt, alles, was sich als Intelligenz von den
Gottern loslost, in sich aufzusaugen. Sie sind dazu veran-
lagt, die Summe aller Intellektualitat mit ihrem eigenen
Wesen zu vereinigen. Sie werden damit die groBten, die um-
fassendsten und eindringlichstenlntelligenzendes Kosmos.
Michael sieht voraus, wie der Mensch, indem er immer
mehr zumEigengebrauch der Intelligenz vorriickt, sich mit
den ahrimanischen Wesen begegnen muB und wie er dann
ihnen verfallen kann, indem er eine Verbindung mit ihnen
eingeht. -Deshalb bringt Michael die ahrimanischen Machte
unter seine FiiBe, er stoBt sie fortwahrend in ein tieferes
Gebiet, als das ist, in dem der Mensch sich entfaltet. Mi-
chael, den Drachen zu seinen FiiBen, ihn in den Abgrund
stoBend : das ist das im MenschenbewuBtsein lebende gewal-
tige Bild der hier geschilderten iibersinnlichen Tatsachen.
Die Entwickelung riickt vorwarts. Die Intellektualitat,
die zuerst ganz im Bereiche der gottlichen Geistigkeit war,
lost sich so weit los, daB sie zur Beseelung des Kosmos
wird. Was vorher nur von den Gottern ausstrahlte, das er-
glanzt jetzt als die OfFenbarung des Gottlichen aus der
Sternenwelt. Vorher ward die Welt gelenkt durch die
gottliche Wesenheit selbst, jetzt wird sie gelenkt durch die
objektiv gewordene gottliche Offenbarung, hinter der die
gottliche Wesenheit die nachste Stufe ihrer eigenen Ent-
wickelung durchlauft.
Wieder ist Michael der Verwalter der kosmischen Intel-
ligenz, insofern diese durch die OfFenbarungen des Kos-
mos in Ideenordnung stromt.
Die dritte Phase der Entwickelung ist ein weiteresLoslo-
sen der kosmischen Intelligenz von ihrem Ursprunge. In
den Sternenwelten waltet nun nicht mehr die gegenwartige
Ideenordnung als gottliche Offenbarung; es laufen die
Sterne und ordnen sich nach der in der Vergangenheit ihnen
eingepflanzten Ideenordnung. Michael sieht, wie immer
mehr, was er im Kosmos verwaltet hat, die kosmische In-
tellektualitat, den Weg zur Erdenmenschheit nimmt.
Michael sieht aber auch, wie die Gefahr, daB die Mensch-
heit den ahrimanischen Machten verfallt, immer groBer
wird. Er weiB: fur sich wird er Ahriman immer unter sei-
nen FiiBen haben; ob aber auch fur den Menschen?
Das groSte Erden-Ereignis sieht Michael eintreten. Aus
dem Reiche, dem Michael selbst diente, steigt die Christus-
Wesenheit hinunter in den Erdbereich,um da zu sein, wenn
die Intelligent vollig bei der menschlichen Individualitat
sein wird. Denn dann wird der Mensch den Drang am
starksten empfinden, sich an die Macht hinzugeben, die
restlos in aller Vollkommenheit sich zum Trager der Intel-
lektualitat gemacht hat. Aber Christus wird da sein; er wird
in derselben Sphare durch sein groBes Opfer leben, in der
auch Ahriman lebt. Der Mensch wird wahlen konnen zwi-
schen Christus und Ahriman. Die Welt wird in der Mensch-
heits-Entwickelung den Christus- Weg finden konnen.
Das ist Michaels kosmische Erfahrung mit dem, was er
im Kosmos zu verwalten hat. Er tritt, um bei dem Gegen-
stande seiner Verwaltung zu bleiben, den Weg vom Kos-
mos zu der Menschheit an. Er ist auf diesem Wege seit dem
achten nachchristiichen Jahrhunderte, ist aber eigentlich
angekommen bei seinem Erdenamte, in das sich sein kos-
misches Amt verwandelt hat, erst im letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts.
Zwingen kann Michael die Menschen zu nichts. Denn
der Zwang hat ja eben dadurch aufgehort, daft die Intelli-
genz ganz in den Bereich der menschlichen Individualitat
getreten ist. - Aber als eine majestatische vorbildliche
Handlung, in der an die sichtbare zunachst angrenzenden
iibersinnlichen Welt, kann Michael entfalten, was er entfal-
ten will. Mit einer Licht-Aura, mit einer Geistwesen-Geste
kann da Michael sich zeigen, in der sich aller Glanz und
alle Herrlichkek der vergangenen Gotter-Intelligenz oflen-
bart. Zur Erscheinung kann er da bringen, wie die Wir-
kung dieser Vergangenheits-Intelligenz in der Gegenwart
noch wahrer, schoner und tugendhafter ist als alles in un-
mittelbarer Gegenwarts-Intelligenz, das in trugvollem, ver-
fuhrerischem Glanz von Ahriman herstromt. Er kann be-
merklich machen, wie fur ihn Ahriman immer der niedrige
Geist unter seinen FiiBen sein wird.
Diejenigen Menschen, welche die an die sichtbare Welt an-
grenzende nachste iibersinnliche schauen, nehmen so, wie
hier geschildert, Michael und die Seinen bei demwahr, was
sie fur die Menschen tun mochten. Solche Menschen sehen,
wie der Mensch in Freiheit durch das Bild Michaels in der
Ahriman- Sphare von Ahriman ab zu Christus gefuhrt wer-
den soil. Wenn es solchen Menschen gelingt, durch ihr
Schauen auch Herzen und Sinnen andrer Menschen aufzu-
schlieBen, damit ein Kreis von Menschen wisse, wie jetzt
Michael unter den Menschen lebt, dann wird die Mensch-
heit beginnen, Michael-Fes te mit dem rechten Inhalt zu
feiern, auf denen die Seelen werden in sich die Kraft Mi-
chaels aufleben lassen. Michael wird dann als eine reale
Macht unter den Menschen wirken. Der Mensch aber wird
fret sein und doch in inniger Gemeinschaft mit Christus sei-
nen Geist-Lebensweg durch den Kosmos gehen.
Goetheanum, icj.Oktober 1924.
Weitere Leitsdt^e, die fur die Anthroposophische Gesellschajt
vom Goetheanum ausgegebm werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende Darstellung
der Michael-Erf ahrungen )
109. Sich der Michael- Wirksamkeit im geistigen Weltzu-
sammenhang recht bewuBt werden, heiBt das Ratsel der
menschlichen Freiheit aus den kosmischen Zusammenhan-
gen heraus losen, soweit die Losung dem Erdenmenschen
notwendig ist.
1 10. Denn die «Freiheit» ist als Tatsache jedem Menschen,
der sich selber im gegenwartigen Abschnitt der Mensch-
heitsentwickelung versteht, unmittelbar gegeben. Keiner
darf sagen, wenn er nicht eine offenbare Tatsache leugnen
will, «Freiheit ist nicht». Aber man kann einen Wider-
spruch finden zwischendem, was so tatsachlich gegeben 1st,
und den Vorgangen im Kosmos. In der Betrachtung von
Michaels Sendung im Kosmos fallt dieser Widerspruch
hinweg.
in. In meiner «Philosophie der Freiheit» findet man die
«Freiheit» des Menschenwesens in der gegenwartigen
Weltzeit als Inhalt des BewuBtseins nachgewiesen; in den
Darstellungen der Michael-Mission, die hier gegeben wer-
den, findet man das«Werden dieser Freiheit» kosmisch be-
griindet.
MENSCHHEITSZUKUNFT UND
MICHAEL-TATIGKEIT
Wie steht heute der Mensch auf seiner Entwickelungsstufe
zu Michael und den Seinen?
Der Mensch steht einer Welt gegenuber, die einstmals
ganz gottlich-geistiger Wesenheit war. Einer solchen gott-
lich-geistigen Wesenheit, der auch er selbst als ein Glied
zugehorte. Damals also war die dem Menschen zugehorige
Welt gottlich-geistiger Wesenheit. In einer folgenden Ent-
wickelungsetappe war sie es nicht mehr. Da war sie kosmi-
sche Offenbarung des Gottlich-Geistigen, und dessen Wesen-
heit schwebte hinter dieser Offenbarung. Aber sie webte
und lebte doch eben in der Offenbarung. Eine Sternenwelt
war schon da. In ihrem Scheinen und Sich-Bewegen webte
und lebte als Offenbarung das Gottlich-Geistige. Man kann
sagen : wie damals ein Stern stand oder sich bewegte, dar-
innen konnte unmittelbar die Tatigkeit des Gottlich-Geisti-
gen gesehen werden.
In alledem, wie der gottliche Geist in dem Kosmos wirk-
te, wie der Mensch in seinem Leben ein Ergebnis war der
Tatigkeit des Gottlich-Geistigen im Kosmos, da war Mi-
chael widerstandslos noch in seinem Element. Er vermit-
telte da's Verhaltnis des Gottlichen zum Menschen.
Andere Zeiten kamen. Die Sternenwelt horte auf, un-
mittelbar gegenwartig die gottlich-geistige Tatigkeit in
sich zu tragen. Sie lebte und regte sich, indem sie beharrend
weiter fortsetzte, was solche Tatigkeit fruher in ihr war.
Das Gottlich-Geistige lebte im Kosmos nicht mehr als Of-
fenbarung, sondern nur noch als Wirksamkeit. Es war eine
deutliche Zweiheit zwischen dem Gottlich-Geistigen und
dem Kosmischen aufgetreten. Michael hielt sich auf Grund
seiner eigenen Wesenheit beim Gottlich-Geistigen. Er
suchte den Menschen so nahe als moglich bei diesem zu er-
halten. Das tat er immer weiter. Er wollte den Menschen
davor bewahren, zu stark in einer Welt zu leben, die nur
Wirksamkeit des Gottlich-Geistigen ist, nicht Wesenheit
und nicht Offenbarung.
Michael rechnet es sich zur tiefsten Befriedigung an, daB
es ihm gelungen ist, die Sternenwelt durch den Menschen noch
unmittelbar mit dem Gottlich-Geistigen auf die folgende
Art verbunden zu erhalten. Wenn der Mensch, nachdem
er das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
voflbracht hat, wieder den Weg zu einem neuen Erdenda-
sein antritt, dann sucht er beim Hinabstieg zu diesem Dasein
eine Harmonie zwischen dem Sternengang und seinen Er-
denleben herzustellen. Diese Harmonie, die vor Zeiten
selbstverstandlich da war, weil das Gottlich-Geistige in den
Sternen wirkte, in denen auch das Menschenleben seinen
Quell hatte : sie wiirde heute, wo der Sternengang bloB die
Wirksamkeit des Gottlich-Geistigen fortsetzt, nicht da sein,
wenn der Mensch sie nicht suchte. Er bringt sein aus fru-
herer Zeit bewahrtes Gottlich-Geistiges in ein Verhaltnis
zu den Sternen, die ihr Gottlich-Geistiges nur noch als
Nachwirkung einer fruheren Zeit in sich haben. Dadurch
kommt ein Gottliches in das Verhaltnis des Menschen zur
Welt, das fruheren Zeiten entspricht, doch aber in spateren
Zeiten erscheint* DaB dies so ist, das ist die Tat Michaels. Und
diese Tat gibt ihm eine so tiefe Befriedigung, daB er in die-
ser Befriedigung einen Teil seines Lebens-Elementes, seiner
Lebens-Energie, seines sonnenhaften Lebenswillens hat.
Heute aber sieht er, wenn er das Geistes-Auge zur Erde
Q5
richtet, noch einen wesentlich anderen Tatbestand. Der
Mensch ist wahrend seines Lebens im Physischen zwischen
Geburt und Tod von einer Welt umgeben, die unmittelbar
auch nicht mehr die Wirksamkeit des Gottlich-Geistigen
zeigt, sondern nur etwas, das von dieser Wirksamkeit ge-
blieben ist; man kann sagen, nur noch das Werk des Gott-
lich-Geistigen. Dieses Werk, ist in seinen Formen durchaus
gottlich-geistiger Art. Fur das menschliche Anschauen
zeigt sich das Gottliche in den Formen, in dem naturhaften
Geschehen; aber es ist nicht mehr als Lebendiges darinnen.
Die Natur ist dies gottgewirkte Werk des Gottlichen und
ist iiberall Abbild der gottlichen Wirksamkeit.
In dieser sonnenhaft gottlichen, aber nicht lebendig gott-
lichen Welt lebt der Mensch. Er aber hat, als Ergebnis des
Wirkens Michaels an ihm, als Mensch den Zusammenhang
mit dem Wesen des Gottlich-Geistigen bewahrt. Er lebt
als Gott-durchdrungenes Wesen in einer nicht Gott-durch-
drungenen Welt.
In diese Gott-leergewordene Welt wird der Mensch hin-
eintragen, was in ihm ist, das, zu dem seine Wesenheit in
diesem Zeitalter geworden ist.
Menschheit wird sich hineinentfalten in eine Welt-Ent-
wickelung. Das Gottlich-Geistige, dem der Mensch ent-
stammt, kann als kosmisch sich ausbreitende Menschen-
wesenheit durchleuchten den Kosmos, der nur noch in dem
Abbild des Gottlich-Geistigen vorhanden ist.
Nicht mehr dieselbe Wesenheit, die einst als Kosmos
war, wird da durch die Menschheit auf Ieuchten. Das Gott-
lich-Geistige wird im Durchgang durch das Menschentum
ein Wesen erleben, das es vorher nicht orTenbarte.
Da6 die Entwickelung diesen Fortgang nehme, dagegen
wenden sich die ahrimanischen Machte. Sie wollen nicht,
daB die urspriinglichen gottlich-geistigen Machte das Welt-
all in seinem weiteren Fortgang erleuchten; sie wollen, daft
die von ihnen aufgesogene kosmische Intellektualitat den
ganzen neuen Kosmos durchstrahle und daB der Mensch
in diesem intellektualisierten und ahrimanisierten Kosmos
weiterlebe.
Bei einem solchen Leben wlirde der Mensch den Chri-
stus verlieren. Denn dieser ist mit einer Intellektualitat in
die Welt hereingetreten, die ganz so ist, wie sie einst in dem
Gottlich-Geistigen gelebt hat, da dies noch in seiner
Wesenheit den Kosmos bildete. Sprechen wir heute so, daB
unsere Gedanken auch die des Christus sein konnen, so
setzen wir den ahrimanischen Machten etwas entgegen, das
uns behiitet, ihnen zu verfallen.
Den Sinn der Michael- Mission im Kosmos verstehen,
heiBt, so sprechen konnen. Man muB heute liber die Natur so
sprechen konnen, wie es die Entwickelungsetappe der Be-
wuBtheitsseele fordert. Man muB die rein naturwissenschaft-
liche Denkungsart in sich aufnehmen konnen. Aber man
sollte auch so uber die Natur sprechen - das heiBt empfinden-
lernen, wie es Christus gemaB ist. Nicht bloB uber Erlosung
von der Natur, nicht bloB liber Seele und Gottliches sollen
wir die Christus- Sprache lernen, sondern liber den Kosmos.
DaB unser menschlicher Zusammenhang mit dem ur-
spriinglich Gottlich-Geistigen so gewahrt bleibe, daB wir
liber den Kosmos die Christus-Sprache zu pflegen verste-
hen, dazu werden wir kommen, wenn wir uns in innerli-
chem herzlichen Erfuhlen ganz in das einleben, was Mi-
chael und die Seinen mit ihren Taten, mit ihr er Mission
unter uns sind. Denn Michael verstehen, heiBt heute den
Weg finden zu dem Logos, den Christus unter Menschen
auf der Erde lebt.
Anthroposophie schatzt in rechter Art, was die natur-
wissenschaftliche Denkweise gelernt hat, seit vier bis funf
Jahrhunderten iiber die Welt zu sagen. Aber sie spricht au-
Ber dieser Sprache eben noch eine andere iiber das Wesen
des Menschen, iiber die Entwickelung des Menschen und
iiber das Werden des Kosmos; sie mochte die Christus-
Michael-Sprache sprechen.
Denn werden beide Sprachen gesprochen, dann wird die
Entwickelung nicht abreiBen und vor dem Finden des ur-
spriinglich Gottlich-Geistigen auf das Ahrimanische iiber-
gehen konnen. Die bloBe naturwissenschaftliche Art zu
sprechen, entspricht der Loslosung der Intellektualitat von
dem urspriinglich Gottlich-Geistigen. Sie kann ins Ahri-
manische iibergehen, wenn der Mission Michaels nicht ge-
achtet wird. Sie wird es nicht y wenn der frei gewordene In-
tellekt sich durch die Kraft des Michael- Vorbildes wieder
findet in der vom Menschen losgelosten, ihm gegeniiber
objektiv gewordenen urspriinglichen kosmischen Intellek-
tualitat, die im Quell des Menschen liegt und die in Christus
innerhalb des Menschheitsbereiches wesenhaft erschienen
ist, nachdem sie aus dem Menschen zur Entfaltung seiner
Freiheit gewichen war.
Goetheanum, 2 5,Oktober 1924.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschajt
vom Goetheanum ausgegeben werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende Darstellung
der Michael-Tdtigkeit)
112. Das Gottlich-Geistige kommt im Kosmos in den
folgenden Etappen auf verschiedene Art zur Geltung:
i. durch seine ureigene Wesenheit; 2. durch die Offenbarung
dieser Wesenheit; 3. durch die Wirksamheit, wenn die We-
senheit aus der Offenbarung sich zuriickzieht; 4. durch das
Werky wenn in dem erscheinenden Weltall das Gottliche
nicht mehr ist, sondern nur dessen Formen.
113. Der Mensch hat in der gegenwartigen Naturanschau-
ung nicht ein Verhaltnis zu dem Gottlichen, sondern nur
zu dessen Werk. Mit dem, was sich der menschlichen See-
lenverfassung durch diese Anschauung mitteilt, kann man
sich als Mensch sowohl mit den Christus-Machten wie mit
den ahrimanischen Gewalten zusammenschlieBen.
114. Michael ist durchdrungen von dem Bestreben, das im
Menschen aus den Zeiten der gottlichen Wesensgeltendma-
chung und der Offenbarung bewahrte Verhaltnis zum Kos-
mos in einer solchen Art durch sein fret wirkendes Vorbild
der menschlich-kosmischen Entwickelung einzuverleiben,
daB, was die rein auf das Bild, die Form des Gottlichen be-
ziigliche Naturanschauung sagt, einlauft in eine hohere,
geistgemaBe Naturanschauung. Diese wird zwar im Men-
schen vorhanden sein; sie wird aber eben ein menschliches
Nacherlebnis des gottlichen Verhaltnisses zum Kosmos
wahrend der zwei ersten Etappen der kosmischen Entwicke-
lung sein. Anthroposophie bejaht in dieser Art die Natur-
anschauung des BewuBtseinszeitalters ; sie erganzt sie aber
auch durch eine solche, die von dem Blick des Geistes-Au-
ges aus sich ergibt.
DAS MICHAEL-CHRISTUS-ERLEBNI S
DES MENSCHEN
Wer die von griindlicherEmpfindung getragene innere An-
schauung von Michaels Wesen und Taten in seine Gesin-
nung aufnehmen wird, dem wird das rechte Verstandnis
davon aufgehen, wie eine Welt von dem Menschen zu neh-
men ist, die nicht gottlicher Wesenheit oder OfFenbarung
oder Wirksamkeit, sondern der Gotter Werk ist. In diese
Welt erkennend blicken, bedeutet Formen, Gestaltungen
vor sich haben, die iiberall laut von dem Gottlichen spre-
chen; in denen aber selbstlebendes gottliches Sein nicht ge-
funden wird, wenn man sich keiner Illusion hingibt. Und
man wird nicht bloB auf das Erkennen der Welt blicken
diirfen. An diesem offenbart sich wohl die Konfiguration
der Welt, die heute den Menschen umgibt, am deutlichsten.
Wesentlicher fiir das alltagliche Leben ist aber das Fiihlen,
das Wollen, das Arbeiten in einer Welt, die in ihrer Gestal-
tung wohl als gottlich empfunden, aber nicht als gottlich-
belebt erfahren werden kann. In diese Welt wirkliches sitt-
liches Leben zu bringen, dazu sind die ethischen Impulse
notwendig, die ich in der «Philosophie der Freiheit» ge-
zeichnet habe.
In dieser Werk-Welt kann fiir den echt fuhlenden Men-
schen Michaels Wesen und gegenwartige Tatenwelt leuch-
ten. Michael kommt als Erscheinung nicht in die physische
Welt herein. Er halt sich mit all seinem Wirken innerhalb
einer ubersinnlichen Region, die aber unmittelbar an die
physische Welt der gegenwartigen Weltentwickelungsphase
angrenzt. Dadurch kann nie die Moglichkeit eintreten, daB
durch die Eindrucke, die Menschen vom Michaels- Wesen
her erhalten, sie die Naturanschauung ins Phantastische
fuhren oder das sittlich-praktische Leben in einer gottge-
stalteten, aber gottunbelebten Welt so bilden mochten, wie
wenn Impulse da sein konnten, die nicht von dem Men-
schen selbst ethisch-geistig getragen sein miiBten. Man
wird stets, ob denkend oder wollend, durch ein Sich-Ver-
setzen ins Geistige an Michael herankommen miissen.
Dadurch wird man in der folgenden Art geistig leben.
Man wird Erkennen und Leben so hinnehmen, wie sie nun
einmal seit dem funfzehnten Jahrhundert hingenommen
werden miissen. - Aber man wird sich an die Michael-
OfFenbarung halten; man wird diese OfFenbarung als ein
Licht in die Gedanken leuchten las sen, die man aus der Na-
tur empfangt; man wird sie als Warme im Herzen tragen,
wenn man der gdttlichen Werk-Welt gemaB leben muB. -
Man wird sich dann nicht nur Beobachtung und Erleben
der gegenwartigen Welt, sondern auch dasjenige, was Mi-
chael vermittelt, einen vergangenen Weltzustand, vor Augen
stellen, einen Weltzustand, den eben Michael durch sein
Wesen und seine Taten in die Gegenwart hereintragt.
Ware es anders: wirkte Michael so, daB er seine Taten
hereintruge in die Welt, die der Mensch gegenwartig als
physische erkennen und erleben muB, so erfuhre der
Mensch in der Gegenwart aus der Welt das, was in Wirk-
lichkeit nicht in ihr ist, sondern war, Geschieht solches,
dann fiihrt dies illusorische Erfassen der Welt die Seele des
Menschen aus der ihr angemessenen Wirklichkeit in eine
andere, namlich in eine luziferische.
Die Art, wie Michael das Vergangene im gegenwartigen
Menschenleben zur Wirksamkeit bringt, ist die im Sinne
des rechten geistigen Weltenfortschritts gehaltene, die
nichts Luziferisches enthalt. Es ist wichtig,da£ in der Auffas-
sungder Menschenseeleeine rechte Vorstellung davon lebe,
wie in Michaels Mission alles Luziferische vermieden wird.
Diese Stellung zu dem in der Menschheksgeschichte auf-
gehenden Michaels-Lichte haben, heiBt auch den rechten
Weg zu Christus finden konnen.
Michael wird die rechte Orientierung geben, wenn es
sich um die Welt handelt, die den Menschen fur sein Er-
kennen oder fur sein Handeln umgibt. Zu Christus wird
man im Innern den Weg finden miissen.
Es ist durchaus begreif lich, daft in der Zeit, in der die
Naturerkenntnis die Form hat, die ihr die letzten funf Jahr-
hunderte gegeben haben, auch die Erkenntnis der iiber-
sinnlichen Welt so geworden ist, wie sie gegenwartig die
Menschheit erlebt.
Die Natur muB erkannt und erlebt werden so, dafi alles
gotterleer ist. Dadurch erlebt sich in seinem so gestalteten
Verhaltnis zur Welt der Mensch selbst nicht mehr. Inso-
fern der Mensch ein iibersinnliches Wesen ist, gibt ihm die
dem Zeitalter angemessene Stellung seiner selbst zur Na-
tur nichts iiber sein eigenes Wesen. Er kann auch, wenn er
nur diese Stellung im Auge hat, nicht ethisch so leben, wie
es seiner Menschheit angemessen ist.
Dadurch wird die Veranlassung dazu gegeben, diese Er-
kenntnis- und Lebensart in nichts einflieften zu las sen, was
sich auf die iiber sinnliche Menschenwesenheit, ja auf die
ubersinnliche Welt uberhaupt bezieht. Es wird dieses Ge-
biet abgesondert von dem der menschlichen Erkenntnis
Erreichbaren. Es wird ein auBer- oder uberwissenschaft-
liches Gebiet der Glaubens-Offenbarung gegeniiber dem
Erkennbaren in Anspruch genommen.
Aber dem steht das rein geistige Wirken des Christus ge-
geniiber. Der Christus ist seit dem Mysterium von Golga-
tha der Menschenseele erreichbar. Und deren Beziehung zu
ihm braucht nicht eine unbestimmte, dunkel-gefuhls-mysti-
sche zu bleiben; sie kann eine vollig konkrete, menschlich
tief und klar zu erlebende werden.
Dann aber stromt aus dem Zusammenleben mit Christus
in die Menschenseele heruber, was diese wissen soli iiber
ihre eigene ubersinnliche Wesenheit. Die Glaubens-Offen-
barung muB dann so empfunden werden, daB in sie die le-
bendige Christus-Erfahrung fortwahrend einstromt. Es
wird das Leben dadurch durchchristet werden konnen, daB
in Christus das Wesen empfunden wird, welches der Men-
schenseele die Anschauung ihrer eigenen Ubersinnlichkeit
gibt.
So werden nebeneinanderstehen konnen: Michael-Er-
lebnis und Christus-Erlebnis. Durch Michael wird der
Mensch gegeniiber der auBeren Natur in der rechten Art
ins Ubersinnliche den Weg finden. Naturanschauung wird,
ohne in sich selbst verfalscht zu werden, sich neben eine
geistgemaBe Anschauung von der Welt und vom Men-
schen, sofern er ein Weltwesen ist, hinstellen konnen.
Durch die rechte Stellung zu Christus wird der Mensch
dasjenige, was er sonst nur als traditionelle Glaubens-Of-
fenbarung empfangen konnte, im lebendigen Verkehr der
Seele mit Christus erfahren. Die innere Welt des seelischen
Erlebens wird als eine geistdurchleuchtete erlebt werden
konnen wie die auBere Welt der Natur als eine geistgetra-
gene.
Wiirde der Mensch ohne in dem Zusammenleben mit
der Christus- Wesenheit den AufschluB gewinnen wollen
uber seine eigene ubersinnliche Wesenheit, so wiirde ihn
dies aus seiner eigenen Wirklichkeit heraus- und in die ahri-
manische hineinfiihren. Christus tragt in sich in kosmisch
gerechtfertigter Art die Zukunfts-Impulse der Menschheit.
Sich mit ihm verbinden, heiBt fur die Menschenseele ihre
eigenen Zukunftskeime kosmisch gerechtfertigt in sich auf-
nehmen. Andere Wesen, die in der Gegenwart schon Ge-
staltungen aufweisen, die kosmisch fur Menschen erst in
der Zukunft gerechtfertigt sind,gehoren der ahrimanischen
Sphare-an. Sich mit Christus in rechter Art verbinden,
heiBt sich auch vor dem Ahrimanischen in der rechten Art
bewahren.
Es liegt bei denjenigen, welche die Bewahrung der Glau-
bens-OfFenbarungen vor dem EinflieBen menschlicher Er-
kenntnis streng verlangen, die unbewuBte Furcht vor, der
Mensch konne auf solchen Wegen in ahrimanische Ein-
flusse hineinkommen. Das muB verstanden werden. Aber
verstanden sollte auch werden, daB es zur Ehre und wirk-
Hchen Anerkenntnis Christi ist, wenn dem Erleben mit
Christus das gnadeerfullte EinflieBen des Geistigen in die
Menschenseele zugeschrieben wird.
So konnen in der Zukunft Michael-Erlebnis und Chri-
stus-Erlebnis nebeneinander stehen; dadurch wird der
Mensch seinen rechten Freiheitsweg flnden zwischen der
luziferischen Abirrung in Denk- und Lebens-IUusionen
und der ahrimanischen Verlockung in Zukunftgestaltun-
gen, die seinen Hochmut befriedigen, die aber noch nicht
seine gegenwartigen sein konnen.
In luziferische Illusionen verfallen, heiBt nicht voll
Mensch werden, nicht bis zur Freiheit-Etappe vorschreiten
wollen, sondern auf einer zu fruhen Stufe der Entwicke-
lung - als Gott-Mensch - stehenbleiben wollen. In ahrima-
nische Verlockungen verfallen, heiBt nicht warten wollen,
bis bei einem bestimmten Grade des Menschtums der
rechte kosmische Augenblick gekommen ist, sondern die-
sen Grad vorausnehmen wollen.
Michael-Chris tus wird in der Zukunft als das Richtungs-
Wort stehen im Beginne des Weges, auf dem der Mensch
kosmisch-gerecht zwischen den luziferischen und den ahri-
manischen Machtenzu seinemWelten-Ziele kommen kann.
Goetheanum, 2. November 1924.
Weitere Leitsdfc(e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende Darstellung
des Michael- und Christus-Erlebnisses durch den Menschen )
115. Der Mensch wandelt seinen Weg durch den Kosmos
so, daB ihm die Riickschau in die Vorwelt gefalscht wer-
den kann durch luziferische Impulse und das Vorwarts-
sinnen in die Zukunft getauscht werden kann durch ahri-
manische Verlockungen.
116. Zu den luziferischen Falschungen findet der Mensch
die rechte Stellung durch die Durchdringung seiner Gesin-
nung fur Erkenntnis und Leben mit der Michael-Wesen-
heit und der Michael- Mission.
117. Dadurch aber bewahrt sich der Mensch auch vor den
ahrimanischen Verlockungen, denn der Geist-Weg in die
auftere Natur, der durch Michael angeregt wird, fuhrt zu
der rechten Stellung zu dem Ahrimanischen, weil das
rechte Erleben mit Christus gefunden wird.
MICHAELS MISSION IM WELT EN ALTER
DER MENSCHEN-FREIHEIT
Wenn man mit dem geistigen Erleben an Michaels Wirken
in der Gegenwart herankommt, so findet man die Moglich-
keit, sich geisteswissenschaftlich iiber das kosmische We-
sen der Freiheit Licht zu verschaffen.
Dies bezieht sich nicht auf meine «Philosophie der Frei-
heit ». Diese geht aus den rein-menschlichen Erkenntnis-
kraften selbst hervor, wenn diese sich auf das Feld des Gei-
stes begeben konnen. Man braucht dann, urn zu erkennen,
was hier erkannt wird, noch nicht ein Zusammengehen mit
Wesen andrer Welten. Man kann aber sagen, die «Philo-
sophie der Freiheit» bereitet dazu vor, iiber die Freiheit das
zu erkennen, was dann im geistigen Zusammengehen mit
Michael erfahren werden kann.
Und das ist das Folgende.
Soil Freiheit wirklich im menschlichen Handeln leben,
so darf, was in ihrem Lichte vollzogen wird, in keiner Art
von der menschlichen physischen und atherischen Organi-
sation abhangig sein. Das «Freie» kann sich nur aus dem
«Ich» heraus vollziehen; und mit dem freien Wirken des
«Ich»muB der Astralleib mitschwingen konnen, damit er es
auf physischen und atherischen Leib tibertragen kann. -
Dies ist aber nur die eine Seite der Sache. Die andere wird
eben im Zusammenhange mit Michaels Mission durchsich-
tig. - Es darf, was in Freiheit vom Menschen erlebt wird,
auch nicht in irgendeiner Art auf seinen atherischen oder
physischen Leib wirken. Geschahe dieses, so muBte der
Mensch vollig aus dem herauskommen, was er in den Etap-
pen seiner Entwickelung unter dem EinfluB der gottlich-
107
geistigen Wesenheit und der gottlich-geistigen Offenbarung
geworden ist.
Was der Mensch durch dasjenige erlebt, was nur gottlich-
geistiges Werk in seiner Umgebung ist, darf nur auf sein Gei-
stiges (sein Ich) einen EinfluB haben. Auf seine physische
und atherische Organisation kann nur EinfluB haben, was
sich in der Entwickelungsstromung nicht in seiner Umge-
bung, sondern innerhalb seiner Wesenheit selbst von dem
fortsetzt, das seinenAnfang in Wesenheit und Offenbarung
des Gottlich-Geistigen gehabt hat. Das aber darf in der
Menschen- Wesenheit gar nicht zusammenwirken mit dem,
was in dem Elemente der Freiheit lebt.
Dies ist nur dadurch moglich, daB Michael aus urferner
Vergangenheit der Entwickelung etwas heriibertragt, das
den Menschen einen Zusammenhang mit dem Gottlich-
Geistigen gibt, das in der Gegenwart nicht mehr in die phy-
sische und atherische Bildung eingreift. Dadurch entwik-
kelt sich innerhalb von Michaels Mission der Boden fur
einen Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt, der
gar nicht ins Naturhafte hinubergreift.
Es ist erhebend anzusehen, wie durch Michael des Men-
schen Wesenheit in die geistige Sphare hinaufgehoben
wird, wahrend das UnbewuBte, UnterbewuBte, die sich un-
ter der Sphare der Freiheit entfalten, immer tiefer mit dem
Materiellen zusammenwachst.
Des Menschen Stellung zum Weltwesen wird ihm ferner-
hin immer unverstandlicherwerden, wenn er sich nicht dar-
auf einlaBt, auBer seinen Beziehungen zu Naturwesen und
Naturvorgangen auch noch solche anzuerkennen wie die
zur Michael- Mission. - Die Beziehungen zur Natur lernt
man wie etwas kennen, das man von auBen anschaut; die-
jenigen zur geistigen Welt gehen aus von etwas, das gewis-
sermaBen ein inneres Gesprach mit einem Wesenhaften ist,
zu dem man sich denZugang dadurch eroffnethat, daB man
auf das geistgemaBe Anschauen der Welt eingegangen ist.
Der Mensch muB also, um die Impulse der Freiheit dar-
leben zu konnen, imstande sein, gewisse Naturwirkungen,
die aus dem Kosmos herein die Wirkung auf sein Wesen
nehmen, von diesem Wesen fernezuhalten. Diese Fernhal-
tung spielt sich im UnterbewuBtsein dann ab, wenn im Be-
wuBtsein die Krafte walten, die eben das Leben des Ich in
Freiheit darstellen. Fur das menschliche innere Wahrneh-
men ist das BewuBtsein des Wirkens in Freiheit da; fur die
geistigen Wesen, die aus andern Weltenspharen mit dem
Menschen in Verbindung stehen, ist das anders. Dem We-
sen aus der Hierarchie der Angeloi, das mit der Fortfuh-
rung des Menschenseins von Erdenleben zu Erdenleben zu
tun hat, wird gegeniiber dem menschlichen Handeln in
Freiheit sofort dieses anschaulich: der Mensch stoBt von
sich kosmische Krafte hinweg, die ihn weiterbilden wol-
len, die seiner Ich-Organisation die notigen physischen
Stiitzen geben wollen, wie sie sie ihr gegeben haben vor
dem Michael-Zeitalter.
Michael erhalt als Wesen aus der Hierarchie der Archan-
geloi seine Eindriicke mit Hilfe der Wesen aus der Angeloi-
Hierarchie. Er widmet sich der Aufgabe, dem Menschen
aus dem geistigen Teil des Kosmos auf die hier geschilderte
Art Krafte zuzufiihren, die die aus dem Naturdasein unter-
driickten ersetzen konnen.
Das erreicht er, indem er seine Wirksamkeit in den voll-
kommensten Einklang mit dem Mysterium von Golgatha
bringt.
In der Wirksamkeit des Christus innerhalb der Erden-
entwickelung liegen die Krafte, die der Mensch im Wirken
durch Freiheit zum Ausgleich unterdriickter Natur-Im-
pulse braucht. - Nur muB der Mensch dann wirklich seine
Seele in das innere Zusammenleben mit Christus bringen,
von dem hier in diesen Mitteilungen uber die Michael- Mis-
sion schon gesprochen ist.
Der Mensch weiB sich in einer Wirklichkeit, wenn er der
physischen Sonne gegemibersteht und durch sie Warme
und Licht empfangt.
So muB er der geistigen Sonne, Christus, die ihr Dasein
mit dem Erdendasein vereint hat,gegeniiber leben und von
ihr in der Seele das lebendig empfangen, was in der geisti-
gen Welt der Warme und dem Licht entspricht.
Er wird sich von der «geistigen Warme» durchdrungen
Rihlen, wenn er den «Christus in sich» erlebt. Er wird sich
in dieserDurchdringungerfiihlendsagen: diese Warme lost
dein menschliches Wesen aus Banden des Kosmos, in denen
es nicht bleiben darf. Das gottlich-geistige Sein der Urzeit
muBte dich zur Erringung der Freiheit in Regionen fuhren,
in denen es nicht bei dir bleiben konnte, in denen es aber
dir den Christus gegeben hat, daB seine Krafte dir als freiem
Menschen verleihen, was das gottlich-geistige Sein der Ur-
zeit dir einstmals auf dem Naturwege gegeben hat, der da-
mals zugleich der Geistesweg war. Zu dem Gottlichen, aus
dem du stammest, fuhrt dich diese Warme wieder zuriick.
Und in diesem Erfuhlen wird im Menschen in inniger
Seelenwarme zusammenwachsen das Erleben in und mit
dem Christus und das Erleben echten und wahren Men-
schentums. «Christus gibt mir mein Menschenwesen», das
wird als Grundgefuhl die Seele durchwehen und durch-
wellen. Und ist erst dieses Gefuhl vorhanden, so kommt
auch das andere, in dem der Mensch durch Christus sich
hinausgehoben fuhlt iiber das bloBe Erdensein, indem er
sich mit der Sternen-Umgebung der Erde eins fuhlt und
mit allem, was in dieser Sternen-Umgebung zu erkennen
ist als Gottlich-Geistiges.
Und so mit dem geistigen Lichte. Der Mensch kann sich
in seiner Menschenwesenheitvoll erfuhlen, indem er sich als
freie Individualitat gewahr wird. Aber eine Verfinsterung
ist damit doch verbunden. Das Gottlich-Geistige der Ur-
zeit leuchtet nicht mehr. Im Lichte, das der Christus dem
Menschen-Ich bringt, 1st das Urlicht wieder da. Es kann in
solchem Zusammenleben mit dem Christus der beseligende
Gedanke sonnenhaft die ganze Seele durchglanzen : Das
uralt-herrliche gottliche Licht ist wieder da; es leuchtet, ob-
wohl sein Leuchten kein naturhaftes ist. Und der Mensch
vereinigt sich in der Gegenwart mit den geistigen kosmi-
schen Leuchtekraften der Vergangenheit, in der er noch
nicht eine freie Individualitat war. Und er kann in diesem
Lichte die Wege finden, die seine Menschenwesenheit recht
fiihren, wenn er sich verstandnisvoll in seiner Seele mit der
Michael- Mission verbindet.
Dann wird der Mensch in der Geist-Warme den Impuls
fiihlen, der ihn in seine kosmische Zukunft so hiniibertragt,
daB er in dieser treu bleiben kann den Ur-Gaben seiner
gottlich-geistigen Wesenheiten, trotzdem er sich in deren
Welten zur freien Individualitat entwickelt hat. Und erwird
in dem Geistes-Lichte die Kraft empfinden, die ihn wahrneh-
mend mit immer hoherem und weiterem BewuBtsein der
Welt zufuhrt, in der er sich als freier Mensch mit den Got-
tern seines Ursprungs wiederfindet.
In dem urspriinglichen Sein verharren, die urspriingliche
naive, im Menschen waltende Gotter-Giite beibehalten
wollen und vor dem vollen Gebrauche der Freiheit zuriick-
beben, fiihrt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart,
in der alles auf die Entwickelung seiner Freiheit veranlagt
ist, doch zu Luzifer, der die gegenwartige Welt verleugnet
wissen will.
Sich dem gegenwartigen Sein iibergeben, die jetzt dem
Intellekt erreichbare Welten-Natiirlichkeit, die gegen Giite
sich neutral verhalt, allein waken las sen wollen und den
Gebrauch der Freiheit nur im Intellekt erleben wollen, das
fiihrt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart, in der
die Entwickelung in tieferen Seelenregionen fortgesetzt
werden muft, da in oberen Freiheit waltet, doch zu Ahri-
man, der die gegenwartige Welt ganz in einen Kosmos des
intellektuellen Wesens umgewandelt wissen will.
In solchen Regionen, in denen der Mensch den Blick
nach der AuBenwelt geistig auf Michael, den Blick nach
dem Inneren der Seele geistig auf Christus fallen fuhlt, ge-
deiht jene Seelen- und Geistes-Sicherheit, durch die er den-
jenigen kosmischen Weg zu gehen vermogen wird, auf
dem er ohne Verlust seines Ursprungs seine rechte Zu-
kunfts-Vollendung flnden wird.
Goetheanum, 9. November 1924.
Weitere Leitsat^e, die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende Darstellung
von Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit)
1 1 8. Eine freie Handlung kann nur diejenige sein, bei der
kein Naturgeschehen in oder auBer dem Menschen mit-
wirkt.
119. Dem steht als der polarische Gegensatz gegeniiber,
daB im freien Wirken der Menschen-Individualitat in die-
ser ein Naturgeschehen unterdriickt wird, das bei unfreiem
Handeln da ware und dem Menschenwesen seine ihm kos-
misch vorbestimmte Gestaltung gabe.
1 20. Diese Gestaltung, die dem Menschen, der in seinem We-
sen mit dem gegenwartigen und zukiinftigen Welten-Ent-
wickelungs- Stadium mitlebt, nichtzxii naturgemaBemWege
sukommt, kommt ihm auf geistgemaBem za durch das
Sich-Verbinden mit Michael, wodurch er auch den Weg zu
Christus findet.
DIE WELTGEDANKEN IM WIRKEN MICHAELS
UND IM WIRKEN AHRIMANS
Der Betrachter des Verhaltnisses Michaels zu Ahriman
wird wohl zu der Frage gedrangt: wie verhalten sich in
dem kosmischen Zusammenhange diese beiden Geistes-
machte, insoferne doch beide in der Entfaltung der intel-
lektuellen Krafte tatig sind?
Michael entfaltete die Intellektualitat durch den Kosmos
hindurch in der Vergangenheit. Da tat er dieses als Diener
der gottlich-geistigen Machte, die sowohl ihm selbst wie
dem Menschen den Ursprung gegeben haben. Und bei die-
sem Verhaltnis zur Intellektualitat will er bleiben. Als diese
von den gottlich-geistigen Machten sich losloste, um den
Weg in das Innere des Menschenwesens zu finden, da be-
schloB er, fortan sich in rechter Art zur Menschheit zu stel-
len, um in dieser sein Verhaltnis zur Intellektualitat zu fin-
den. Aber er wollte all dieses nur im Sinne der gottlich-gei-
stigen Machte auch weiterhin als deren Diener tun, der
Machte, mit denen er von seinem und der Menschen Ur-
sprunge her verbunden ist. So ist seine Absicht, daB in Zu-
kunft die Intellektualitat durch die Herzen der Menschen
strome, aber als dieselbe Kraft, die sie ausstromend aus den
gottlich-geistigen Machten schon im Anfange war.
Ganz anders steht es bei Ahriman. Dieses Wesen hat sich
seit lange aus der Entwickelungsstromung losgelost, der
die gekennzeichneten gottlich-geistigen Machte angehoren.
Es hat sich in urferner Vergangenheit als selbstandige kos-
mische Macht neben diese hingestellt. - Nun steht es in der
Gegenwart zwar raumlich in der Welt darinnen, der der
Mensch angehort, aber es entwickelt mit den rechtmaBig
dieser Welt angehorenden Wesen keinen Kraftezusammen-
hang.Nur da die Intellektualitat, von den gottlich-geistigen
Wesen losgelost, an diese Welt herankommt, findet Ahri-
man sich mit dieser Intellektualitat so verwandt, daB er sich
auf seine Art durch sie mit der Menschheit verbinden kann.
Denn er hat, was der Mensch in der Gegenwart wie eine
Gabe aus dem Kosmos erhalt, schon in urferner Zeit mit
sich vereinigt. Ahriman wiirde, wenn ihm gelange, was in
seiner Absicht Hegt, den der Menschheit gegebenen Intel-
lekt ahnlich seinem eigenen machen. -
Nun hat Ahriman sich die Intellektualitat in einer Zeit
angeeignet, als er sie nicht in sich verinnerlichen konnte.
Sie blieb eine Kraft in seinem Wesen, die mit Herz und
Seele nichts zu tun hat. Als kalt-frostiger, seelenloser kos-
mischer Impuls stromt von Ahriman die Intellektualitat
aus. Und die Menschen, die von diesem Impuls ergrifTen
werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und
liebeloser Art fur sich selbst zu sprechen scheint - in Wahr-
heit spricht eben Ahriman in ihr-,bei der sich nichts zeigt,
was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein
des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut. -
Michael hat sich die Intellektualitat aber nie angeeignet. Er
verwaltet sie als gottlich-geistige Kraft, indem er sich ver-
bunden fuhlt mit den gottlich-geistigen Machten. Dadurch
zeigt sich auch, indem er die Intellektualitat durchdringt,
in dieser die Moglichkeit, ein Ausdruck des Herzens, der
Seele ebenso gut zu sein wie ein solcher des Kopfes, des
Geistes. Denn Michael tragt in sich alle dieUrsprungskrafte
seiner Gotter und der des Menschen. Dadurch ubertragt er
auf die Intellektualitat nichts Kalt-Frostiges, Seelenloses,
sondern er steht bei ihr in warm-inniger, seelenvoller Art.
Und hierinnen liegt auch der Grund, warum Michael mit
ernster Miene und Geste durch den Kosmos wallet. Im In-
nern so verbunden sein mit dem intelligenten Inhalte, wie
Michael es ist, bedeutet zugleich, die Anforderung erfullen
miissen, nichts von subjektiver Willkiir, von Wunsch oder
Begehren in diesen Inhalt hineinzubringen. Sonst wird ja
Logik Willkiir ernes Wesens statt Ausdruck des Kosmos.
Streng sein Wesen als Ausdruck des Weltwesens zu halten ;
alles, was sich im Innern als Eigenwesen regen will, auch
in diesem Innern zu lassen : das betrachtet Michael als seine
Tugend. Sein Sinn ist nach den groBen Zusammenhangen
des Kosmos gerichtet - davon spricht seine Miene; sein
Wille, der an den Menschen herantritt, soil widerspiegeln,
was er im Kosmos erschaut -, davon spricht seine Haltung,
seine Geste. Michael ist in allem ernst^ denn Ernst als Offen-
barung eines Wesens ist der Spiegel des Kosmos aus die-
sem Wesen; Lacheln ist der Ausdruck dessen, was, von
einem Wesen ausgehend, in die Welt hineinstrahlt.
Eine der Imaginationen von Michael ist auch diese: Er
wallet durch den Zeitenlauf, das Licht aus dem Kosmos
wesenhaft als sein Wesen tragend; die Warme aus dem Kos-
mos als Offenbarer seines eigenen Wesens gestaltend; er
wallet als Wesen wie eine Welt, sich selber nur bejahend, in-
dem er die Welt bejaht, wie aus alien Weltenstatten Krafte
zur Erde niederfuhrend.
Dagegen eine solche von Ahriman: Er mochte in seinem
Gange aus der Zeit den Raum erobern, er hat Finsternis urn
sich, in die er die Strahlen des eignen Lichtes sendet; er
hat um so starkeren Frost um sich, je mehr er von seinen
Absichten erreicht; er bewegt sich als Welt, die sich ganz
in ein Wesen, das eigene, zusammenzieht, in dem er sich sel-
ber nur bejaht durch Verneinung der Welt; er bewegt sich,
wie wenn er die unheimlichen Krafte finsterer Hohlen der
Erde mit sich fuhrte.
Wenn der Mensch die Freiheit sucht> ohne Anwandlung zum
Egoisrnus, wenn ihm Freiheit wird reine Liebe zur auszu-
fuhrenden Handlung, dann hat er die Moglichkeit, sich
Michael zu nahen; wenn er in Freiheit wirken will bei Ent-
faltung des Egoisrnus, wenn ihm Freiheit wird das stokg
Gefuhl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht
er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen.
Die oben geschilderten Imaginationen leuchten auf aus
des Menschen Liebe zur Handlung (Michael) oder seiner
Eigenliebe zu sich selbst, indem er handelt (Ahriman).
Indem sich der Mensch als freies Wesen in Michaels
Nahe fiihlt, ist er auf dem Wege, die Kraft der Intellek-
tualitat in seinen «ganzen Menschen» zu tragen; er denkt
zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fiihlt des Denkens Hell
oder Dunkel; der Wille strahlt des Menschen Wesen aus,
indem er die Gedanken als Absichten in sich stromen hat.
Der Mensch wird immer mehr Mensch, indem er Ausdruck
der Welt wird; er findet sich, indem er sich nicht sucht, son-
dern in Liebe sich wollend der Welt verbindet.
Indem der Mensch seine Freiheit entfaltend in Ahrimans
Verlockungen fallt, wird er in die Intellektualitat hineinge-
zogen, wie in einen geistigen Automatismus, in dem er ein
Glied ist, nicht mehr er selbst. All sein Denken wird Er-
lebnis des Kopfes ; allein dieser sondert es vom Eigenherz-
erleben und eignem Willensleben ab und loscht das Eigen-
sein aus. Der Mensch verliert immer mehr von seinem in-
nerlich wesenhaft-menschlichen Ausdruck, indem er Aus-
druck seines Eigenseins wird; er verliert sich, indem er
117
sich sucht\ er entzieht sich der Welt, der er die Liebe ver-
weigert ; aber der Mensch erlebt sich nur wahrhaft, wenn er
die Welt liebt.
Es ist aus dem Geschilderten wohl anschaulich, wie Mi-
chael der Fuhrer zu Christus ist. Michael geht mit allem
Ernste seines Wesens, seiner Haltung, seines Handelns in
Liebe durch die Welt. Wer sich an ihn halt, der pfleget im
'Verhaltnis ^ur Aufienmlt der Liebe. Und Liebe muB im Ver-
haltnis zur AuBenwelt sich zunachst entfalten, sonst wird
sie Selbstliebe.
Ist dann diese Liebe in der Michael-Gesinnung da, dann
wird Liebe ^um andern auch zuriickstrahlen konnen ins ei-
gene Selbst. Dieses wird lieben konnen, ohne sich selbst zu
lieben. Und auf den Wegen solcher Liebe ist Christus durch
die Menschenseele zu finden.
Wer sich an Michael halt, der pfleget im Verhaltnis zur
AuBenwelt der Liebe, und er findet dadurch das Verhaltnis
zur Innenwelt seiner Seele, das ihn mit Christus zusammen-
fuhrt.
Das Zeitalter, das jetzt im Anbrechen ist, bedarf des Hin-
blickes der Menschheit auf eine Welt, die unmittelbar als
geistige an die physisch empfundene angrenzt und in der
solches zu finden ist, wie es hier als Michael- Wesenheit und
Michael- Mission geschildert ist. Denn die Welt, die sich der
Mensch im Anblicke dieser physischen Welt als die Natur
ausmalt, ist auch nicht die, in der er unmittelbar lebt, son-
dern eine solche, die so weit unter der wahrhaft menschli-
chen liegt wie die michaelische fiber dieser. Nur merkt der
Mensch nicht, daB unbewuBt, indem er sich ein Bild seiner
Welt macht, eigentlich das einer andern entsteht. Er ist, in-
dem er dieses Bild malt, schon dabei, sich auszuschalten
und dem geistigen Automatismus zu verfallen.Der Mensch
kann seine Menschheit nur bewahren, wenn eidiesem Bilde,
in dem er sich als in dem Bilde der Naturanschauung ver-
liert, das andere gegeniiberstellt, in dem Michael waltet, in
dem Michael die Wege zum Christus fuhrt.
Goetheanum, 1 6. November 1924.
Weitere Leitsdfc(e y die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende Darstellung iiber die
Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirfan Ahrimans)
121. Man hat ein in der Welt Wirkendes, zum Beispiel die
Weltgedanken, in seiner Bedeutung fur die Welt noch nicht
durchschaut, wenn man bei diesem Wirkenden an sich ste-
hen bleibt, sondern man muB erkennend auf die Wesen
blicken, von denen das Wirkende ausgeht; zum Beispiel
fur die Weltgedanken, ob sie von Michael oder Ahriman
in und durch die Welt getragen werden.
122. Was von dem einen Wesen ausgehend, wegen dessen
Verhaltnis zur Welt, heilsam und schaffend wirken kann,
das kann sich verderblich und zerstorend erweisen, wenn
es von einem andern Wesen ausgeht. Die Weltgedanken
tragen den Menschen in die Zukunft, wenn er sie von Mi-
chael empfangt; sie fuhren ihn von der ihm heilsamen Zu-
kunft hinweg, wenn Ahriman sie ihm geben kann.
123. Durch solche Betrachtungen wird man immer mehr
dazu gebracht, die Anschauung von einer unbestimmten
Geistigkeit, die pantheistisch auf dem Grunde der Dinge
walten soli, zu uberwinden; und man wird zu einer be-
stimmten, konkreten gefuhrt, die von di&ngeistigen Wesen der
hoheren Hierarchien sich Vorstellungen machen kann.
Denn die Wirklichkeit besteht ja iiberall im Wesenhaften;
und was in ihr nicht Wesenhaftes ist, das ist die Tatigkek,
die sich im Verhaltnisse von Wesen zu Wesen abspielt. Es
kann nur begrifFen werden, wenn man den Blick auf die ta-
tigen Wesen werfen kann.
ERSTE BETRACHTUNG:
VORDEN TO REN DER BEWUSSTSEINS S EELE
WIE MICHAEL SEINE ERDENMISSION
DURCH BESIEGUNG LUZIFERS
UBERIRDISCH VORBEREITET
Michaels Eingreifen in dieWelt- und Menschheitsentwicke-
lung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erscheint in
einer besonderen Beleuchtung, wenn man die Geistesge-
schichte in den Jahrhunderten betrachtet, die ihm voran-
gegangen sind.
Im Beginne des fiinfzehnten Jahrhunderts Hegt der Zeit-
punkt, in dem die Epoche der BewuBtseinsseele ihren An-
fang nimmt.
Vor diesem Zeitpunkt offenbart sich ein volliger Wandel
in dem Geistesleben der Menschheit. Man kann verfolgen,
wie vorher in das menschliche Anschauen iiberall noch
Imaginationen hineingespielt haben. Einzelne Personlich-
keiten haben sich allerdings schon fruher zu bloBen «Be-
grifFen» in ihrem Seelenleben gefunden; allein die allge-
meine Seelenverfassung der Mehrzahl der Menschen lebt
in einem Sich-Durchdringen von Imaginationen mit Vor-
stellungen, die der rein physischen Welt entstammen. So
ist es mit den Vorstellungen \iber Naturgeschehen, so aber
auch mit denen uber das geschichtliche Werden.
Was die geistige Beobachtung nach dieser Richtung fin-
den kann, wird durch die auBeren Zeugnisse durchaus be-
statigt. Auf einige der letzteren sei hier gedeutet.
Was in den vorangegangenen Jahrhunderten uber ge-
schichtliche Ereignisse gesonnen und gesprochen worden
war, wird gerade vor dem Anbruch des BewuBtseinszeit-
alters vielfach niedergeschrieben. Und so haben wir aus
dieser Zeit «Sagen» und dergleichen aufbewahrt, die ein
getreues Bild davon geben, wie man vorher «Geschichte»
vorgestellt hat.
Ein schdnes Beispiel ist die Erzahlung von dem «guten
Gerhard», die in einem Gedichte des Rudolf von Ems, der
in der ersten Halfte des dreizehnten Jahrhunderts lebte, er-
halten ist. Der «gute Gerhard» ist ein reicher Kaufmann in
Koln. Er unternimmt eine Handelsreise nach RuBland, Liv-
land und PreuBen, um Zobelfelle zu kaufen. Dann geht er
nach Damaskus und Ninive, um SeidenstofTe und ahnli-
ches zu erwerben.
Auf der Heimreise wird er vom Sturm verschlagen. In
dem fremden Gebiet, in das er kommt, lernt er einen Mann
kennen, in dessen Gefangenschaft sich englische Ritter und
auch die Verlobte des englischen Konigs befinden. Ger-
hard gibt alles hin, was er auf der Reise erhandelt hatte, und
erhalt dafur die Gefangenen. Die nimmt er auf sein SchifT
und tritt die Heimreise an. Als die SchifFe dahin kommen,
wo die Wege nach der Heimat Gerhards und nach England
sich trennen, entlaBt Gerhard die mannlichen Gefangenen
nach ihrer Heimat; die Verlobte des Konigs behalt er bei
sich, in der Hoffhung, daB ihr Brautigam, der Konig Wil-
helm, sie abholen werde, sobald er von ihrer Befreiung und
ihrem Aufenthaltsorte Kunde erhalt. In der denkbar be-
sten Art werden die Konigsbraut und ihre mitgekomme-
nen Freundinnen von Gerhard gehalten. Sie lebt wie eine
vielgeliebte Tochter in dem Hause ihres Erlosers aus der
Gefangenschaft. Es vergeht die langste Zeit, ohne daB der
Konig erscheint, sie abzuholen. Da entschlieBt sich Ger-
hard, um der Pflegetochter Zukunft zu sichern, sie mit
seinem Sohne zu vermahlen. Denn es kann geglaubt wer-
den, daft Wilhelm tot sei. Schon ist das Hochzeksfest fur
den Sohn Gerhards im Gange ; da erscheint auf demselben
als unbekannter Pilger - Wilhelm. Er war lange umherge-
irrt, um seine Verlobte zu suchen. Ihm wird nach dem
selbstlosen Verzicht von Gerhards Sohn seine Braut zu-
riickgegeben. Einige Zeit bleiben beidenoch bei Gerhard;
dann riistet dieser ein SchifF aus, um sie nach England zu
bringen. Als die wieder zu Wiirden gekommenen Gefan-
genen Gerhard zunachst in England begniBen konnen,
wollen sie ihn zum Konig wahlen. Er aber kann erwidern,
daB er ihnen ihr rechtmaBiges Konigspaar bringe. Auch sie
hatten ja Wilhelm fur tot gehalten und wollten einen an-
dern Konig fiir das Land wahlen, in dem die Zustande
wahrend des Umherirrens Wilhelms chaotisch geworden
waren. - Der Kolner Kaufmann schlagt alles, was man ihm
an Wiirden und Reichtumern anbietet, aus und kehrt nach
Koln zuriick, um dort weker der einfache Kaufmann zu
sein, der er vorher gewesen. - Die Geschichte wird so ein-
gekleidet, daB der sachsische Kaiser, Otto der Erste, nach
Koln reist, um den «guten Gerhard» kennen zu lernen.
Denn der rnachtige Kaiser ist der Versuchung unterlegen,
fur manches, was er getan hat, auf «irdischen Lohn» zu
rechnen. Dadurch, daB er Gerhard kennen lernt, wird ihm
an einem Beispiel fuhlbar, wie ein einfacher Mann unsag-
liches Gutes tut - Hingabe aller Waren, die er erstanden,
um Gefangene zu befreien; Ruckgabe der Braut des Sohnes
an Wilhelm; dann alles, was er verrichtet, um diesen wie-
der nach England zu bringen und so weiter ohne irgend-
welchen irdischen Lohn dafur zu begehren, sondern alle
Belohnung allein von dem Walten der Gottheit zu erwar-
ten. Der Mann heiBt im Menschenmunde «der gute Ger-
hard»; der Kaiser fiihlt, daB er einen machtigen religios-
moralischen Ruck erhalt durch die Bekanntschaft mit Ger-
hards Gesinnung.
Die Erzahlung, deren Geriist ich hier gegeben habe, urn
rdcht iiber etwas wenig Bekanntes bloB mit Namen zu deu-
ten, zeigt nun von der einen Seite ganz deutlich die Seelenver-
fassung des Zeitalters vor dem Heraufkommen der Be-
wuBtseinsseele in der Entwickelung der Menschheit.
Wer namlich die Erzahlung, wie sie Rudolf von Ems
gibt, auf sich wirken laBt, der kann fuhlen, wie das Erleben
der Erdenwelt seit jener Zeit, in der Kaiser Otto gelebt (im
zehnten Jahrhundert), sich gewandelt hat.
Man sehe hin, wie in dem Zeitalter der BewuBtseinsseele
die Welt vor dem Seelenblicke des Menschen gewisser-
maBen «hell» fur alles Erfassen des physischen Seins und
Werdens geworden ist. Gerhard fahrt mit seinen Schiffen
gewissermaBen wie im Nebel. Er kennt nur immer ein
Stiickchen von der Welt, mit der er in Verbindung kom-
men will. Man erfahrt in Koln nichts von dem, was in Eng-
land vor sich geht, und muB jahrelang suchen nach einem
Menschen, der in Koln ist. Man lernt Leben und Besitz ti-
nes solchen Menschen, wie der ist, zu dem Gerhard auf der
Heimreise verschlagen wird, erst kennen, wenn man durch
das Schicksal unmittelbar an den entsprechenden Ort her-
angebracht wird. Zu dem Durchschauen der Weltverhalt-
nisse von heute verhalt sich das damalige wie das Hinein-
blicken in eine sonnenerhellte weite Landschaft zu dem
Sich-Hintasten im dichten Nebel.
Mit dem, was man heute «geschichtlich» gelten laBt, hat
das nichts zu tun, was in Verbindung mit dem «guten Ger-
hard» erzahlt wird. Um so mehr aber mit der Gemiitsstim-
mung und der ganzen geistigen Lage des Zeitalters. Diese,
nicht die einzelnen Ereignisse der physischen Welt, werden
in Imaginationen dargestellt.
In dieser Darstellung spiegelt sich, wie der Mensch sich
nicht nur als ein Wesen fiihlt, das als ein GHed in der Kette
der Ereignisse der physischen Welt lebt und tatig ist, son-
dern wie er in sein irdisches Dasein geistige, iibersinnliche
Wesen hineinwirken und mit ihnen seinen Willen in Zu-
sammenhang fiihlt.
Die Erzahlung vom «guten Gerhard» zeigt, wie das
Dammerdunkel, das in bezug auf das Durchschauen der
physischen Welt dem Zeitalter der BewuBtseinsseele vor-
angegangen ist, den Blick in das Erschauen der geistigen
Welt gewiesen hat. Man sah nicht in die Weiten des physi-
schen Daseins, man sah um so mehr in die Tiejen des geisti-
gen.
Aber so, wie einst ein dammerhaftes (traumhaftes) Hell-
sehen der Menschheit die geistige Welt gezeigt hatte, war
es in dem gekennzeichneten Zeitalter nicht mehr. Die Ima-
ginationen waren da; aber sie traten innerhalb einer Auf-
fassung der Menschenseele auf, die schon stark nach dem
Gedanklichen hindrangte. Das bewirkte, daB man nicht
mehr wuBte, wie die Welt, die sich in Imaginationen offen-
barte, sich zu der des physischen Daseins verhalt. Deshalb
erschienen die Imaginationen Leuten, die schon eindringli-
cher sich an das Gedankliche hielten, als willkiirliche «Er-
dichtungen» ohne Wirklichkeit.
Man wuBte nicht mehr, daB man durch die Imagination
in eine Welt blickt, in der man mit einem ganz andern
Teile seines Menschenwesens steht als in der physischen.
So standen in der Darstellung beide Welten nebeneinan-
der; und beide trugen durch die Haltung der Erzahlung
einen Charakter, daB man meinen konnte, die geistigen Ge-
schehnisse, die man erzahlte, hatten sich so wahrnehmbar
zwischen den physischen abgespielt, wie diese selbst wahr-
nehmbar sind.
Dazu kam, daB man die physischen Ereignisse in vielen
dieser Erzahlungen durcheinander warf. Personen, deren
Leben Jahrhunderte voneinander entfernt liegt, treten als
Zeitgenossen auf; Geschehnisse werden an unrichtige Orte
oder in unrichtige Zeitpunkte versetzt.
Es werden Tatsachen der physischen Welt so von der
menschlichen Seele angeschaut, wie man nur das Geistige
anschauen kann, fur das Zeit und Raum eine andere Bedeu-
tung als fur das Physische haben ; die physische Welt wird
in Imaginationen statt in Gedanken dargestellt; dafurwird
die geistige Welt so in die Erzahlung verwoben, wie wenn
man es nicht mit einer anderen Daseinsform, sondern mit
dem Fortgang physischer Tatsachen zu tun hatte.
Eine nur an das Physische sich haltende Geschichts-Erfas-
sung denkt, man habe die alten Imaginationen des Orients,
Griechenlands und so weiter ubernommen und dichterisch
mit den geschichtlichen StofTen verwoben, die die Men-
schen damals beschaftigten. Man hatte ja in den Schriften
Isidors von Sevilla aus dem siebenten Jahrhundert eine
formliche Sammlung alter «Sagenmotive».
Doch dies ist eine auBerliche Betrachtungsweise. Sie hat
etwas Bedeutsames nur fur denjenigen, der keinen Sinn fur
die menschliche Seelenverfassung hat, die sich mit ihrem
Dasein noch im unmittelbaren AnschluB an die geistige
Welt weiB und die dieses Wissen in Imaginationen auszu-
drucken sich gedrangt fiihlt. Wird dann statt der eigenen
Imagination eine geschichtlich iiberlieferte verwendet, in
die man sich eingelebt hat, so ist das nicht das Wesentliche.
Dieses liegt darin, daft die Seele nach der geistigen Welt
hin orientiert ist, so daB sie ihr eigenes Tun und das Natur-
geschehen in diese Welt eingegliedert sieht.
Doch ist in der Erzahlungsart der Zeit vor demAnbruch
des BewuBtseinszeitalters Verirrung zu bemerken.
In dieser Verirrung schaut die geistgemaBe Beobachtung
das Wirken der luziferischen Macht.
Was die Seele drangt, Imaginationen in ihren Erlebnis-
gehalt aufzunehmen, das entspricht weniger den Fahigkei-
ten, die sie in der Vorzeit - durch ein traumhaftes Hell-
sehen - hatte, sondern schon mehr denjenigen, die im ach-
ten bis vierzehnten nachchristlichen Jahrhundert vorhan-
den waren. Diese Fahigkeiten drangten schon mehr nach
einer gedanklichen Erfassung des sinnlich Wahrgenomme-
nen hin. Beide Fahigkeiten sind in der Ubergangszeit neben-
einander vorhanden. Die Seele ist hineingestellt zwischen
die alte Orientierung,welche auf die Geisteswelt geht und
die die physische nur wie im Nebel sieht, und die neue, die
auf das physische Geschehen geht und in der das geistige
Anschauen verblaBt.
In dieses schwankende Gleichgewicht der Menschen-
seele wirkt die luziferische Macht hinein. Sie mochte den
Menschen verhindern, die voile Orientierung in der physi-
schen Welt zu finden. Sie mochte ihn in geistigen Regionen,
die ihm in der Vorzeit angemessen waren, mit seinem Be-
wuBtsein erhalten. Sie mochte in sein traumhaft imagina-
tives Weltanschauen nicht rein Gedankliches, das auf das
Erfassen des physischen Daseins gerichtet ist, einflieBen
lassen. Sie kann sein Anschauungsvermdgen in unrechter
Art wohl von der physischen Welt zuriickhalten. Sie kann
aber das Erleben der altenlmaginationen nicht in der rechten
Art aufrecht erhalten. So laBt sieihn in Imaginationen sinnen,
ohne ihn seelisch ganz in die Welt versetzen zu konnen, in
denen Imaginationen vollgiiltig sind.
Im Anbruche des BewuBtseinszeitalters waltet Luzifer
so, daB durch ihn der Mensch in die an die physische zu-
nachst angrenzende iibersinnliche Region auf eine ihm nicht
entsprechende Art versetzt wird.
Man sehe dies ganz anschaulich an der «Sage» vom
«Herzog Ernst », die zu den beliebtesten des Mittelalters
gehorte und die im weiten Umkreise iiberall erzahlt wurde.
Der Herzog Ernst kommt in Zwiespalt mit dem Kaiser,
der ihn ungerecht durch Krieg zugrunde richten will. Der
Herzog fuhlt sich gedrangt, dem unmoglichen Verhaltnis
mit dem Reichshaupte dadurch zu entgehen, daB er an der
Kreuzzugsbewegung nach dem Orient teilnimmt. In den
Erlebnissen, die er nun durchmacht, bis die Reise ihn nach
dem Ziele fuhrt, wird «sagenhaft» das Physische mit dem
Geistigen in der angedeuteten Art verwoben. Der Herzog
gelangt zum Beispiel auf seinem Wege zu einem Volke, das
den Kopf gestaltet hat wie Kraniche; er wird an den «Ma-
gnetberg» mit den Schiffen verschlagen, von dem diese
magnetisch angezogen werden, so daB Menschen, die in
die Nahe des Berges kommen, nicht wieder zuriick konnen,
sondern elendig umkommen miissen. Der Herzog Ernst
und sein Gefolge machen sich dadurch los, daB sie sich in
Haute einnahen, von Greifen, die gewohnt sind, die nach
dem Magnetberg verschlagenen Menschen zur Beute sich
zu holen, auf einen Berg sich bringen lassen und dort nach
dem Durchschneiden der Haute in Abwesenheit der Greife
entkommen. Die weitere Wanderung fiihrt dann zu einem
Volke,dessenOhren so lang sind,daB sie wie eineKleidung
um den ganzen Korper geschlagen werden konnen ; zu einem
andern, dessenFiiBe so groB sind,daB sich die Leute,wennes
regnet, auf den Boden legen konnen und die FuBe als Schirme
uber sich breiten konnen. Er kommt zu einem Zwergen-,
einem Riesenvolke und so weiter. Dergleichen vieles wirdin
Verbindung mit der Kreuzzugsreise des Herzogs Ernst
erzahlt. Die «Sage» laBt nicht in der rechten Art fuhlen, wie
uberall da, wo Imaginationen eintreten,dieHinorientierung
auf eine geistigeWelt stattfindet,wie da Dinge durch Bilder
erzahlt werden, die in der Astralwelt sich abspielenund die mit
Wille und Schicksal der Erdenmenschen zusammenhangen.
Und so ist es mit der schonen «Rolandsage», in der
Karls des GroBen Zug gegen die Heiden nach Spanien ver-
herrlicht wird. Da wird sogar in Anlehnung an die Bibel
gesagt, daB, damit Karl der GroBe ein von ihm erstrebtes
Ziel erreichen konne, die Sonne sich in ihremLaufe hemme,
so daB ein Tag so lang werde wie sonst zwei.
Und in der «Nibelungensage» sieht man, wie diejenige
Form, die sich in nordischen Landern erhalten hat, das An-
schauen des Geistigen reiner aufrecht erhalt, wahrend in
Mitteleuropa die Imaginationen an das physische Leben
nahe herangebracht werden. An der nordischen Form der
Erzahlung ist ausgedriickt, daB sich die Imaginationen auf
eine «astralische Welt» beziehen; in der mitteleuropaischen
Gestalt des Nibelungenliedes gleiten die Imaginationen in
das Anschauen der physischen Welt hinein.
Auch die in der Herzog-Ernst-Sage auftretenden Ima-
ginationen beziehen sich ja in Wirklichkeit auf das, was
^wischen den Erfahrungen in der physischen Sphare in einer
«astralischen Welt» erlebt wird, der der Mensch ebenso
angehdrt wie der physischen.
Wendet man auf all das den Geistesblick, so schaut man,
wie das Eintreten in das BewuBtseinszeitalter das Heraus-
wachsen aus einer Entwickelungsphase bedeutet, in der die
luziferischen Machte iiber die Menschheit siegen wiirden,
wenn nicht durch die BewuBtseinsseele mit ihrer Kraft der
Intellektualitat ein neuer Entwickelungseinschlag in das
Menschenwesen kame.DieHinorientierung auf die geistige
Welt, die in die Bahnen der Verirrung einlenken will, wird
durch die BewuBtseinsseele gehindert; der Menschenblick
wird herausgeholt in die physische Welt. Alles, was nach
dieser Richtung geschieht, entzieht die Menschheit der sie
beirrenden luziferischen Macht.
Da ist Michael schon von der geistigen Welt aus fur die
Menschheit tatig. Er bereitet vom Ubersinnlichen aus sein
spateres Werk vor. Er gibt der Menschheit Impulse, die
das vorzeitige Verhaltnis zur geistig-gottlichen Welt bewah-
ren, ohne daB dieses Bewahren einen luziferischen Charak-
ter annimmt.
Dann, im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts,
dringt Michael mit der Tatigkeit, die er vom funfzehnten
bis in das neunzehnte Jahrhundert vorbereitend vom Uber-
sinnlichen aus geiibt hat, in die physische Erdenwelt selbst
vor.
Die Menschheit muBte eine Zeitlang die geistige Ent-
wickelung darauf hin durchmachen, daB sie sich von dem
Verhaltnisse zur geistigen Welt befreit, das ein unmogli-
ches zu werden drohte. Darauf lenkte diese Entwickelung
durch die Michael- Mission in Bahnen ein, die den Fort-
gang der Erdenmenschheit wieder in ein Verhaltnis zur
geistigen Welt bringen, das ihr heilsam ist.
So steht Michael in seinem Wirken zwischen dem luzi-
ferischen Weltbild und dem ahrimanischen Weltverstand.
Das Weltbild wird bei ihm weisheitsvolle Weltoffenbarung^
die den Weltverstand als gottliches Weltenwirken enthiillt.
In diesem Weltenwirken lebt des Christus Sorge fur die
Menschheit, das so aus Michaels Weitoffenbarung dem Men-
schenherzen sich enthiillen kann.
(Die zweite und dritte Betrachtung folgen.)
Goetheanum, 23. November 1924.
Weitere Leitsdf^e y die fur die Anthroposophische Gesellschaft
vom Goetheanum ausgegeben werden
( Mit Be^ug auf die vorangehende erste Betrachtung iiber
Michaels iibersinnliche Vorbereitung seiner Er den- Mission )
124. Dem Aufgange des BewuJBtseinszeitalters (funfzehn-
tes Jahrhundert) geht in der Abenddammerung des Zeit-
alters der Verstandes- oder Gemiitsseele ein erhohtes luzi-
ferisches Wirken voran,das auch noch in der neuen Epoche
eine Zeitlang fortdauert.
125. Dieses luziferische Wirken mochte alte Formen des
Bild-Vorsteliens der Welt unrechtmaBig bewahren und den
Menschen davon zuriickhalten, das physische Weltdasein
durch Intellektualitat zu begreifen und sich in dieses hin-
einzuleben.
126. Michael verbindet sich mit dem Menschheits-Wirken,
damit die selbstandige Intellektualitat bei dem angestamm-
ten Gottlich-Geistigen verbleibe, doch nicht in luziferi-
scher, sondern in rechtmaBiger Art.
ZWEITE BETRACHTUNG:
WIE DIE MICHAEL-KRAFTE IN DIE ERSTE
ENTFALTUNG DER BE WU S ST SEIN S SEELE
WIRKEN
In der Zeit wahrend des Einschlages der BewuBtseinsseele
in die Erdenentwickelung der Menschheit war es fiir die We-
sen der dem Erdendasein nachsten geistigen Welt schwie-
rig, an die Menschheit heranzukommen. Die Erdenereig-
nisse nehmen eine Form an, die zeigt, daB Verhaltnisse
ganz besonderer Art notwendig sind, um dem Geistigen
den Weg in das physische Leben der Menschheit mdglich
zu machen. Aber es zeigt andererseits diese Form auch wie-
der in oftmals klarendster Art, wie das eine Geistige da,
wo die Machte der Vergangenheit noch wirken und die
Machte der Zukunft schon zu wirken beginnen, sich ener-
gisch gegen ein anderes Geistiges seinen Weg in das Erden-
leben der Menschheit sucht.
Da entwickelt sich zwischen 1339 und 1453 ein mehr als
hundertjahriger verwirrender Krieg zwischen Frankreich
und England. In dieser von einer gewissen, der Menschen-
entfaltung ungunstigen geistigen Stromung herriihrenden
Verwirrung findenEreignisse ihreHemmungen, die schnel-
ler die BewuBtseinsseele in die Menschheit eingefiihrt hat-
ten, wenn die Hemmungen nicht dagewesen waren. Chaucer
(der 1400 gestorben ist) hat die englische Literatur be-
griindet. Man braucht nur daran zu denken, was von dieser
Literaturbegriindung fiir geistige Folgen in Europa ausge-
gangen sind, und man wird es bedeutsam flnden, daB das
Ereignis nicht frei sich gestalten konnte, sondern daB es in
eine Kriegsverwirrung hineinfiel. Dazu kommt, daB schon
vorher (121 5) in England dasjenige politische Denken be-
gonnen hatte, das durch die BewuBtseinsseele seine rechte
Auspr agung erhalten kann. Auch die weitere Entwickelung
dieses Ereignisses fallt in die Kriegshemmungen hinein.
Man hat es da mit einer Zeit zu tun, in der die geistigen
Krafte, die den Menschen so entwickeln wollen, wie er von
ihnen iibergeordneten gottlich-geistigen Machten von An-
fang an veranlagt ist, ihre Widersacher finden. Diese Wi-
dersacher wollen den Menschen in andere Bahnen einlen-
ken, als die ihm vom Anbeginne gewiesenen sind. Er wiirde
dann die Krafte seines Anfangs fur seine spatere Entwicke-
lung nicht anwenden konnen. Seine kosmische Kindheit
bliebe fur ihn unfruchtbar. Sie wiirde zum verdorrenden
Teile seiner Wesenheit. Die Folge davon ware, daB der
Mensch die Beute der luziferischen oder ahrimanischen
Machte werden konnte und ihm seine selbsteigene Entfal-
tung entfiele. Hatten es die Menschheits- Widersacher mit
diesen ihren Bestrebungen nicht bloB bis zu Hemmungen,
sondern bis zu einem vollen Erfolg gebracht, so hatte der
Einschlag der BewuBtseinsseele unterbunden werden kon-
nen.
Ein Ereignis, in dem das Einstromen des Geistigen in
die Erdenereignisse besonders helleuchtend sich ofFenbart,
ist das Auftreten und Schicksal der Jeanne d' Arc, der Jung-
frau von Orleans (141 2-143 T )- Was sie tut, hat fur sie selbst
die Impulse tief in den unterbewuBten Untergriinden der
Seele. Sie folgt den dunklen Eingebungen der geistigen
Welt. Auf der Erde herrscht Verwirrung, durch die das
BewuBtseinszeitalter verhindert werden soil. Michael muB
seine spatere Mission von der Geistwelt her vorbereiten.
Er kann es da, wo seine Impulse in Menschenseelen aufge-
nommen werden. Die Jungfrau hat eine solche Seele. Er
wirkt, wenn dies auch nur in minderem Grade moglich und
fiir das auBere geschichtliche Leben weniger sichtbar ist,
auch durch viele andere Seelen. In solchen Ereignissen, wie
in dem Kriege zwischen England und Frankreich, findet
er seine ahrimanische Gegnerschaft.
Von dem luziferischen Wider sacher, den er in dieser Zeit
gefunden hat, ist in der vorigen Betrachtung gesprochen.
Aber dieser Widersacher zeigt sich ja auch ganz besonders
darinnen, wie die Ereignisse sich abspielten, die dem Auf-
treten der Jungfrau von Orleans folgten. Man sieht an die-
sen Ereignissen, daB die Menschen keine Stellung mehr
gewinnen konnten gegeniiber einem Eingreifen der Geist-
welt in die Geschicke der Menschheit, das begrifTen und
auch von den Menschen in ihren Willen aufgenommen wer-
den konnte, als noch imaginatives Verstehen vorhanden
war. Die Stellung zu solchem Eingreifen ist mit dem Auf-
horen des Wirkens der Verstandes- oder Gemutsseele un-
moglich geworden; die Stellung, die der BewuBtseinsseele
entspricht, war damals noch nicht gefunden; sie ist auch
heute noch nicht errungen.
So ist es denn gekommen, daB damals dieGestaltung Eu-
ropas von der geistigen Welt aus zustande gekommen ist,
ohne daB die Menschen ein Verstandnis fiir das hatten, was
geschieht, und ohne daB, was sie vermochten, einen nen-
nenswertenEinfluB auf dieseGestaltung hat haben konnen.
Man braucht ja nur sich vorzustellen, was im fiinfzehn-
ten Jahrhundert geschehen ware, wenn es keine Jungfrau
von Orleans gegeben hatte, und man wird die Bedeutung
dieses aus dem Geiste bedingten Ereignisses wohl einse-
hen. - Es gibt ja auch Personlichkeiten, die eine solche Er-
scheinung materialistisch erklaren wollen. Mit ihnen ist
eine Verstandigung deshalb unmoglich, weil sie das offen-
bar Geistige im materialistischen Sinne willkurlich um-
pragen.
Deutlich zeigt sich nun auch in gewissen geistigen Be-
strebungen der Men
…[truncated]