Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung

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Rudolf Steiner

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Rudolf  Steiner  Online  Archiv  -  http://home.att.net/~rudolf.steiner/ 
Seitennummern  der  Originalausgabe  in  eckigen  Klammern.  [ ] 

Anmerkungen,  angegeben  in  runden  Klammern  ( ),  stehen  jeweils  am  Ende  eines  Kapitels. 

Steiner,  Rudolf: 
Theosophie. 

Einfuhrung  in  ubersinnliche  Weltanschauung  und  Menschenbestimmung. 
Dornach  (CH).  Rudolf-Steiner-Verlag,  1987tb  (Taschenbuchausgabe). 


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INHALT 


Vorreden 
Einleitung 

I.  Das  Wesen  des  Menschen 

II.  Wiederverkorperung  des  Geistes  und  Schiksal 

III.  Die  drei  Welten 

IV.  Der  Pfad  der  Erkenntnis 

Einzelne  Bemerkungen  und  Erganzungen 


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Zur  Neuauflage  dieser  Schrift 

[7]  Vor  dem  Erscheinen  der  neunten  Auflage  dieser  Schrift  im  Jahre  1918  habe  ich  sie 
einer  sorgfaltigen  Durcharbeitung  unterzogen.  Seither  ist  die  Anzahl  der  Gegenschriften 
gegen  die  in  ihr  dargestellte  anthroposophische  Welt-Anschauung  um  ein  bedeutendes 
gewachsen.  1918  hat  die  Durcharbeitung  zu  einer  grofien  Zahl  von  Erweiterungen  und 
Erganzungen  gefuhrt.  Die  Durcharbeitung  zu  dieser  Neu-Ausgabe  hat  zu  einem  Gleichen 
nicht  gefuhrt.  Wer  beachten  will,  wie  ich  an  den  verschiedensten  Stellen  meiner  Schriften 
mir  die  moglichen  Einwande  selber  gemacht  habe,  um  deren  Gewicht  zu  bestimmen  und 
sie  zu  entkraften,  der  kann  im  wesentlichen  wissen,  was  ich  zu  den  Gegenschriften  zu 
sagen  habe.  Innere  Griinde,  den  Inhalt  in  gleicher  Art  zu  erganzen,  wie  1918,  gab  es  aber 
diesmal  nicht,  trotzdem  sich  in  meiner  Seele  die  anthroposophische  Weltanschauung 
seither  gerade  in  den  letzten  vier  Jahren  nach  vielen  Seiten  erweitert  hat  und  ich  sie  auch 
vertiefen  durfte.  Diese  Erweiterung  und  Vertiefung  hat  mich  aber  nicht  zu  einer 
Erschutterung  des  in  dieser  Schrift  Niedergeschriebenen  gefuhrt,  sondern  zu  der  Ansicht, 
daB  das  seither  Gefundene  gerechtfertigt  erscheinen  lafit,  an  dem  Inhalt  dieser 
grundlegenden  Darstellung  nichts  Wesentliches  zu  andern. 

Stuttgart,  24.  November  1922 


Rudolf  Steiner 


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Vorrede  zur  6.  Auflage 

[9]  Fast  jedesmal,  wenn  eine  neue  Auflage  dieses  Buches  no  tig  wurde,  habe  ich  seine 
Ausflihrungen  wieder  aufmerksam  durchgearbeitet.  Auch  dieses  Mai  habe  ich  mich  der 
Aufgabe  unterzogen.  Uber  die  erneute  Durcharbeitung  hatte  ich  ahnliches  zu  sagen  wie 
iiber  diejenige  fur  die  dritte  Auflage.  Ich  lasse  daher  dem  Inhalt  des  Buches  die  «Vorrede 
zur  dritten  Auflage»  vorangehen.  -  Doch  habe  ich  diesmal  eine  besondere  Sorgfalt  darauf 
verwendet,  viele  Einzelheiten  der  Darstellung  zu  einer  noch  grofieren  Klarheit  zu  bringen, 
als  ich  dies  fur  die  vorigen  Auflagen  zu  tun  vermochte.  Ich  weifi,  dafi  vieles,  sehr  vieles 
in  dieser  Richtung  noch  geschehen  miifite.  Allein  bei  Darstellungen  der  geistigen  Welt  ist 
man  fur  das  Auffinden  des  pragnanten  Wortes,  der  entsprechenden  Wendung,  die  eine 
Tatsache,  ein  Erlebnis  zum  Ausdruck  bringen  sollen,  von  den  Wegen  abhangig,  welche 
die  Seele  geht.  Auf  diesen  Wegen  ergibt  sich,  wenn  «die  rechte  Stunde  da  ist»,  der 
Ausdruck,  nach  dem  man  vergeblich  sucht,  wenn  man  ihn  mit  Absicht  herbeifuhren  will. 
Ich  glaube,  dafi  ich  an  manchen  Stellen  dieser  Neuauflage  eben  in  Beziehung  auf 
wichtige  Einzelheiten  im  Erkennen  der  geistigen  Welt  habe  Wichtiges  tun  diirfen. 
Manches  erscheint  mir  erst  jetzt  so  dargestellt,  wie  es  sein  soil.  Ich  darf  es  aussprechen, 
dafi  dieses  Buch  etwas  mitgemacht  hat  von  dem,  was  meine  Seele  seit  dessen  erstem 
Erscheinen  vor  zehn  Jahren,  nach  weiterer  Erkenntnis  der  geistigen  Welt  ringend, 
durchlebt  hat.  Mag  auch  die  Anlage,  ja  fur  alles  Wesentliche  selbst  die  Fassung  dieser 
Auflage  mit  der  ersten  noch  vollig  iibereinstimmen;  an  vielen  Stellen  des  Buches  wird 
man  doch  [10]  sehen  konnen,  dafi  es  mir  als  ein  Lebendiges  gegeniiber.  Gestanden  hat, 
dem  ich  gegeben  habe  von  dem,  was  ich  glaube  mir  in  zehn  Jahren  der  Geistesforschung 
errungen  zu  haben.  Sollte  das  Buch  eine  Neuauflage  des  alten  sein  und  nicht  ein  vollig 
neues  werden,  so  konnte  sich  die  um.  Gestaltung  naturgemafi  nur  in  bescheidenen 
Grenzen  halten.  Ich  war  namentlich  auch  bestrebt,  durch  einzelne  «Erweiterungen  und 
Erganzungen»  dafur  zu  sorgen,  dafi  diese  oder  jene  Frage,  welche  sich  der  Leser  an 
mancher  Stelle  aufwerfen  kann,  ihre  Antwort  in  dem  Buche  selbst  finde. 

In  bewegter  Zeit  und  mit  bewegter  Seele  schreibe  ich  diese  Satze,  welche  der  sechsten 
Auflage  des  Buches  vorgedruckt  werden  sollen.  Deren  Druck  war  bis  Seite  189  (1) 


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vollendet,  als  das  schicksaltragende  Ereignis  iiber  Europa  hereinbrach,  das  jetzt  die 
Menschheit  erlebt.  Mir  scheint  es  unmoglich,  da  ich  diese  Vorrede  schreibe,  nicht  hier 
anzudeuten,  was  auf  die  Seele  in  solcher  Zeit  einstiirmt. 

Berlin,  7.  September  1914 
Rudolf  Steiner 


Anmerkungen: 

(1)  Seite  194  der  vorliegenden  Auflage. 


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Einleitung 

[17]  Als  Johann  Gottlieb  Fichte  im  Herbst  1813  seine  «Lehre»  als  reife  Frucht  eines  ganz 
dem  Dienste  der  Wahrheit  gewidmeten  Lebens  vortrug,  da  sprach  er  gleich  im  Anfange 
folgendes  aus:  «Diese  Lehre  setzt  voraus  ein  ganz  neues  inneres  Sinneswerkzeug,  durch 
welches  eine  neue  Welt  gegeben  wird,  die  fur  den  gewohnlichen  Menschen  gar  nicht 
vorhanden  ist.»  Und  dann  zeigte  er  an  einem  Vergleich,  wie  unfafilich  diese  seine  Lehre 
demjenigen  sein  mufi,  der  sie  mit  den  Vorstellungen  der  gewohnlichen  Sinne  beurteilen 
will:  «Denke  man  eine  Welt  von  Blindgeborenen,  denen  darum  allein  die  Dinge  und  ihre 
Verhaltnisse  bekannt  sind,  die  durch  den  Sinn  der  Betastung  existieren.  Tretet  unter  diese 
und  redet  ihnen  von  Farben  und  den  anderen  Verhaltnissen,  die  nur  durch  das  Licht  und 
fur  das  Sehen  vorhanden  sind.  Entweder  ihr  redet  ihnen  von  Nichts,  und  dies  ist  das 
Gliicklichere,  wenn  sie  es  sagen,  denn  auf  diese  Weise  werdet  ihr  bald  den  Fehler  merken 
und,  falls  ihr  ihnen  nicht  die  Augen  zu  offnen  vermogt,  das  vergebliche  Reden 
einstellen.»  Nun  befindet  sich  allerdings  derjenige,  der  von  sole  hen  Dingen  zu  Menschen 
spricht,  auf  welche  Fichte  in  diesem  Falle  deutet,  nur  zu  oft  in  einer  Lage,  welche  der  des 
Sehenden  zwischen  Blindgeborenen  ahnlich  ist.  Aber  diese  Dinge  sind  doch  diejenigen, 
die  sich  auf  des  Menschen  wahres  Wesen  und  hochstes  Ziel  beziehen.  Und  es  mufite 
somit  derjenige  an  der  Menschheit  verzweifeln,  der  glauben  wollte,  dafi  es  no  tig  sei,  «das 
vergebliche  Reden  einzustellen».  Keinen  Augenblick  darf  vielmehr  daran  gezweifelt 
werden,  dafi  es  in  bezug  auf  diese  Dinge  moglich  sei,  jedem  «die  Augen  [18]  zu  6ffnen», 
der  den  guten  Willen  dazu  mitbringt.  -  Aus  dieser  Voraussetzung  heraus  haben  daher  alle 
diejenigen  gesprochen  und  geschrieben,  die  in  sich  fuhlten,  dafi  ihnen  selbst  das  «innere 
Sinneswerkzeug»  erwachsen  sei,  durch  das  sie  das  den  aufieren  Sinnen  verborgene  wahre 
Wesen  des  Menschen  zu  erkennen  vermochten.  Seit  den  altesten  Zeiten  wird  daher 
immer  wieder  und  wieder  von  solcher  «verborgenen  Weisheit»  gesprochen.  -  Wer  etwas 
von  ihr  ergriffen  hat,  fuhlt  den  Besitz  ebenso  sicher,  wie  die,  welche  wohlgebildete 
Augen  haben,  den  Besitz  der  Farbenvorstellungen  fuhlen.  Fur  ihn  bedarf  daher  diese 
«verborgene  Weisheit»  keines  «Beweises».  Und  er  weifi  auch,  dafi  sie  fur  denjenigen 
keines  Beweises  bediirfen  kann,  dem  sich  gleich  ihm  der  «hohere  Sinn»  erschlossen  hat. 
Zu  einem  solchen  kann  er  sprechen,  wie  ein  Reisender  iiber  Amerika  zu  sprechen  vermag 


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zu  denen,  die  zwar  nicht  selbst  Amerika  gesehen  haben,  die  sich  aber  davon  eine 
Vorstellung  machen  konnen,  weil  sie  alles  sehen  wiirden,  was  er  gesehen  hat,  wenn  sich 
ihnen  dazu  die  Gelegenheit  bote. 

Aber  nicht  nur  zu  Erforschern  der  geistigen  Welt  soil  der  Beobachter  des  Ubersinnlichen 
sprechen.  Er  muB  seine  Worte  an  alle  Menschen  richten.  Denn  er  hat  iiber  Dinge  zu 
berichten,  die  alle  Menschen  angehen;  ja,  er  weifi,  dafi  niemand  ohne  eine  Kenntnis 
dieser  Dinge  im  wahren  Sinne  des  Wortes  «Mensch»  sein  kann.  Und  er  spricht  zu  alien 
Menschen,  weil  ihm  bekannt  ist,  dafi  es  verschiedene  Grade  des  Verstandnisses  fur  das 
gibt,  was  er  zu  sagen  hat.  Er  weifi,  dafi  auch  solche,  die  noch  weit  entfernt  von  dem 
Augenblicke  sind,  in  dem  ihnen  die  eigene  geistige  Forschung  erschlossen  wird,  ihm 
Verstandnis  entgegenbringen  konnen.  Denn  das  Gefuhl  und  das  Verstdndnis  fur  die  [19] 
Wahrheit  liegen  in  jedem  Menschen.  Und  an  dieses  Verstandnis,  das  in  jeder  gesunden 
Seele  aufleuchten  kann,  wendet  er  sich  zunachst.  Er  weifi  auch,  dafi  in  diesem 
Verstandnis  eine  Kraft  ist,  die  allmahlich  zu  den  hoheren  Graden  der  Erkenntnis  fuhren 
muB.  Dieses  Gefuhl,  das  vielleicht  anfangs  gar  nichts  sieht  von  dem,  wovon  zu  ihm 
gesprochen  wird,  es  ist  selbst  der  Zauberer,  der  das  «Auge  des  Geistes»  aufschliefit.  In 
der  Dunkelheit  regt  sich  dieses  Gefuhl.  Die  Seele  sieht  nicht;  aber  durch  dieses  Gefuhl 
wird  sie  erfafit  von  der  Macht  der  Wahrheit;  und  dann  wird  die  Wahrheit  nach  und  nach 
herankommen  an  die  Seele  und  ihr  den  «hoheren  Sinn»  offnen.  Fur  den  einen  mag  es 
kiirzer,  fur  den  andern  langer  dauern;  wer  Geduld  und  Ausdauer  hat,  der  erreicht  dieses 
Ziel.  Denn  wenn  auch  nicht  jeder  physisch  Blindgeborene  operiert  werden  kann:  jedes 
geistige  Auge  kann  geoffnet  werden;  und  es  ist  nur  eine  Frage  der  Zeit,  wann  es  geoffnet 
wird. 

Gelehrsamkeit  und  wissenschaftliche  Bildung  sind  keine  Vorbedingungen  zur  Eroffhung 
dieses  «hoheren  Sinnes».  Dem  naiven  Menschen  kann  er  sich  ebenso  erschliefien  wie 
dem  wissenschaftlich  Hochstehenden.  Was  in  gegenwartiger  Zeit  oft  die  «alleinige» 
Wissenschaft  genannt  wird,  kann  fur  dieses  Ziel  oft  sogar  eher  hinderlich  als  fordernd 
sein.  Denn  diese  Wissenschaft  lafit  naturgemafi  nur  dasjenige  als  «wirklich»  gelten,  was 
den  gewohnlichen  Sinnen  zuganglich  ist.  Und  so  grofi  auch  ihre  Verdienste  um  die 
Erkenntnis  dieser  Wirklichkeit  sind:  sie  schafft,  wenn  sie,  was  fur  ihre  Wissenschaft 


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notwendig  und  segenbringend  ist,  fur  alles  menschliche  Wissen  als  mafigebend  erklart, 
zugleich  eine  Fiille  von  Vorurteilen,  die  den  Zugang  zu  hoheren  Wirklichkeiten 
verschliefien.  [20]  Gegen  dasjenige,  was  hier  gesagt  ist,  wird  oft  eingewendet:  dein 
Menschen  seien  einmal  «uniibersteigliche  Grenzen»  seiner  Erkenntnis  gesetzt.  Man 
konne  diese  Grenzen  nicht  iiberschreiten;  deshalb  miissen  alle  Erkenntnisse  abgelehnt 
werden,  welche  solche  «Grenzen»  nicht  beachten.  Und  man  sieht  wohl  auch  den  als  recht 
unbescheiden  an,  der  etwas  iiber  Dinge  behaupten  will,  von  denen  es  vielen  fur 
ausgemacht  gilt,  dafi  sie  jenseits  der  Grenzen  menschlicher  Erkenntnisfahigkeit  liegen. 
Man  lafit  bei  einem  solchen  Einwande  vollig  unberiicksichtigt,  dafi  der  hoheren 
Erkenntnis  eben  eine  Entwickelung  der  menschlichen  Erkenntniskrafte  voranzugehen  hat. 
Was  vor  einer  solchen  Entwickelung  jenseits  der  Grenzen  des  Erkennens  liegt,  das  liegt 
nach  der  Erweckung  von  Fahigkeiten,  die  in  jedem  Menschen  schlummern,  durchaus 
innerhalb  des  Erkenntnisgebietes.  -  Eines  darf  dabei  allerdings  nicht  aufier  acht  gelassen 
werden.  Man  konnte  sagen:  wozu  niitzt  es,  iiber  Dinge  zu  Menschen  zu  sprechen,  fur 
welche  ihre  Erkenntniskrafte  nicht  erweckt  sind,  die  ihnen  also  selbst  doch  verschlossen 
sind?  So  ist  aber  die  Sache  doch  falsch  beurteilt.  Man  braucht  gewisse  Fahigkeiten,  um 
die  Dinge,  um  die  es  sich  handelt,  aufzufinden:  werden  sie  aber,  nachdem  sie 
aufgefunden  sind,  mitgeteilt,  dann  kann  jeder  Mensch  sie  verstehen,  der  unbefangene 
Logik  und  gesundes  Wahrheitsgefuhl  anwenden  will.  In  diesem  Buche  werden  keine 
anderen  Dinge  mitgeteilt  als  solche,  die  auf  jeden,  der  allseitiges,  durch  kein  Vorurteil 
getriibtes  Denken  und  riickhaltloses,  freies  Wahrheitsgefuhl  in  sich  wirken  lafit,  den 
Eindruck  machen  konnen,  dafi  durch  sie  an  die  Ratsel  des  Menschenlebens  und  der 
Welterscheinungen  auf  eine  befriedigende  Art  herangetreten  werden  [21]  kann.  Man 
stelle  sich  nur  einmal  auf  den  Standpunkt  der  Frage:  Gibt  es  eine  befriedigende  Erklarung 
des  Lebens,  wenn  die  Dinge  wahr  sind,  die  da  behauptet  werden?  Und  man  wird  finden, 
dafi  das  Leben  eines  jeden  Menschen  die  Bestatigung  liefert. 

Um  «Lehrer»  auf  diesen  hoheren  Gebieten  des  Daseins  zu  sein,  geniigt  es  allerdings 
nicht,  dafi  sich  dem  Menschen  einfach  der  Sinn  fur  sie  erschlossen  hat.  Dazu  gehort 
ebenso  «Wissenschaft»  auf  ihnen,  wie  zum  Lehrerberuf  auf  dem  Gebiete  der 
gewohnlichen  Wirklichkeit  Wissenschaft  gehort.  «H6heres  Schauen»  macht  ebensowenig 


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schon  zum  «Wissenden»  im  Geistigen,  wie  gesunde  Sinne  zum  «Gelehrten»  in  der 
sinnlichen  Wirklichkeit  machen.  Und  da  in  Wahrheit  alle  Wirklichkeit,  die  niedere  und 
die  hohere  geistige,  nur  zwei  Seiten  einer  und  derselben  Grundwesenheit  sind,  so  wird 
derjenige,  der  unwissend  in  den  niederen  Erkenntnissen  ist,  es  wohl  auch  zumeist  in 
hoheren  Dingen  bleiben.  Diese  Tatsache  erzeugt  in  dem,  der  sich  -  durch  geistige 
Berufung  -  zum  Aussprechen  iiber  die  geistigen  Gebiete  des  Daseins  veranlafit  fuhlt,  das 
Gefuhl  einer  ins  Unermefiliche  gehenden  Verantwortung.  Sie  legt  ihm  Bescheidenheit 
und  Zuriickhaltung  auf.  Niemanden  aber  soil  sie  abhalten,  sich  mit  den  hoheren 
Wahrheiten  zu  beschaftigen.  Auch  den  nicht,  dem  sein  iibriges  Leben  keine  Veranlassung 
gibt,  sich  mit  den  gewohnlichen  Wissenschaften  zu  befassen.  Denn  man  kann  wohl  seine 
Aufgabe  als  Mensch  erfullen,  ohne  von  Botanik,  Zoologie,  Mathematik  und  anderen 
Wissenschaften  etwas  zu  verstehen;  man  kann  aber  nicht  in  vollem  Sinne  des  Wortes 
«Mensch»  sein,  ohne  der  durch  das  Wissen  vom  Ubersinnlichen  enthullten  Wesenheit 
und  [22]  Bestimmung  des  Menschen  in  irgendeiner  Art  nahegetreten  zu  sein. 

Das  Hochste,  zu  dem  der  Mensch  aufzublicken  vermag,  bezeichnet  er  als  das 
«G6ttliche».  Und  er  mufi  seine  hochste  Bestimmung  in  irgendeiner  Art  mit  diesem 
Gottlichen  in  Zusammenhang  denken.  Deshalb  mag  wohl  auch  die  iiber  das  Sinnliche 
hinausgehende  Weisheit,  welche  ihm  sein  Wesen  und  damit  seine  Bestimmung  offenbart, 
«gottliche  Weisheit»  oder  Theosophie  genannt  werden.  Der  Betrachtung  der  geistigen 
Vorgange  im  Menschenleben  und  im  Weltall  kann  man  die  Bezeichnung 
Geisteswissenschaft  geben.  Hebt  man  aus  dieser,  wie  in  diesem  Buche  geschehen  ist,  im 
besonderen  diejenigen  Ergebnisse  heraus,  welche  auf  den  geistigen  Wesenskern  des 
Menschen  sich  beziehen,  so  kann  fur  dieses  Gebiet  der  Ausdruck  «Theosophie» 
gebraucht  werden,  weil  er  durch  Jahrhunderte  hindurch  in  einer  solchen  Richtung 
angewendet  worden  ist. 

Aus  der  hiermit  angedeuteten  Gesinnung  heraus  wird  in  dieser  Schrift  eine  Skizze 
theosophischer  Weltanschauung  entworfen.  Der  sie  niedergeschrieben  hat,  will  nichts 
darstellen,  was  fur  ihn  nicht  in  einem  ahnlichen  Sinne  Tatsache  ist,  wie  ein  Erlebnis  der 
aufieren  Welt  Tatsache  fiir  Augen  und  Ohren  und  den  gewohnlichen  Verstand  ist.  -  Man 
hat  es  ja  mit  Erlebnissen  zu  tun,  die  jedem  zuganglich  werden,  wenn  er  den  in  einem 


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besonderen  Abschnitt  dieser  Schrift  vorgezeichneten  «Erkenntnispfad»  zu  betreten 
entschlossen  ist.  Man  stellt  sich  in  der  richtigen  Art  zu  den  Dingen  der  iibersinnlichen 
Welt,  wenn  man  voraussetzt,  dafi  gesundes  Denken  und  Empfinden  alles  zu  verstehen 
vermag,  was  an  wahren  Erkenntnissen  aus  den  [23]  hoheren  Welten  fliefien  kann,  und 
dafi  man,  wenn  man  von  diesem  Verstandnisse  ausgeht  und  den  festen  Grund  damit  legt, 
auch  einen  gewichtigen  Schritt  zum  eigenen  Schauen  gemacht  hat;  wenn  auch,  um  dieses 
zu  erlangen,  anderes  hinzukommen  muB.  Man  verriegelt  sich  aber  die  lure  zu  der  wahren 
hoheren  Erkenntnis,  wenn  man  diesen  Weg  verschmaht  und  nur  auf  andere  Art  in  die 
hoheren  Welten  dringen  will.  Der  Grundsatz:  erst  hohere  Welten  anzuerkennen,  wenn 
man  sie  geschaut  hat,  ist  ein  Hindernis  fur  dieses  Schauen  selbst.  Der  Wille,  durch 
gesundes  Denken  erst  zu  verstehen,  was  spater  geschaut  werden  kann,  fordert  dieses 
Schauen.  Es  zaubert  wichtige  Krafte  der  Seele  hervor,  welche  zu  diesem  Schauen  des 
Sehers»  fuhren. 


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Das  Wesen  des  Menschen 

[24]  Die  folgenden  Worte  Goethes  bezeichnen  in  schoner  Art  den  Ausgangspunkt  eines 
der  Wege,  auf  denen  das  Wesen  des  Menschen  erkannt  werden  kann:  «Sobald  der 
Mensch  die  Gegenstande  um  sich  her  gewahr  wird,  betrachtet  er  sie  in  bezug  auf  sich 
selbst;  und  mit  Recht,  denn  es  hangt  sein  ganzes  Schicksal  davon  ab,  ob  sie  ihm  gefallen 
oder  mififallen,  ob  sie  ihn  anziehen  oder  abstofien,  ob  sie  ihm  niitzen  oder  schaden.  Diese 
ganz  natiirliche  Art,  die  Dinge  anzusehen  und  zu  beurteilen,  scheint  so  leicht  zu  sein,  als 
sie  notwendig  ist,  und  doch  ist  der  Mensch  dabei  tausend  Irrtumern  ausgesetzt,  die  ihn  oft 
beschamen  und  ihm  das  Leben  verbittern.  -  Ein  weit  schwereres  Tagewerk  iibernehmen 
diejenigen,  deren  lebhafter  Trieb  nach  Kenntnis  die  Gegenstande  der  Natur  an  sich  selbst 
und  in  ihren  Verhaltnissen  untereinander  zu  beobachten  strebt:  denn  sie  vermissen  bald 
den  Mafistab,  der  ihnen  zu  Hilfe  kam,  wenn  sie  als  Menschen  die  Dinge  in  bezug  auf  sich 
betrachten.  Es  fehlt  ihnen  der  Mafistab  des  Gefallens  und  Mififallens,  des  Anziehens  und 
Abstofiens,  des  Nutzens  und  Schadens.  Diesem  sollen  sie  ganz  entsagen,  sie  sollen  als 
gleichgiiltige  und  gleichsam  gottliche  Wesen  suchen  und  untersuchen,  was  ist,  und  nicht, 
was  behagt.  So  soil  den  echten  Botaniker  weder  die  Schonheit  noch  die  Nutzbarkeit  der 
Pflanzen  ruhren,  er  soil  ihre  Bildung,  ihr  Verhaltnis  zu  dem  iibrigen  Pflanzenreiche 
untersuchen;  und  wie  sie  alle  von  der  Sonne  hervorgelockt  und  beschienen  werden,  so 
soil  er  mit  einem  gleichen  ruhigen  Blicke  sie  alle  ansehen  und  ubersehen  und  den 
Mafistab  zu  dieser  Erkenntnis,  die  Data  der  Beurteilung  nicht  aus  sich,  sondern  [25]  aus 
dem  Kreise  der  Dinge  nehmen,  die  er  beobachtet.» 

Auf  dreierlei  lenkt  dieser  von  Goethe  ausgesprochene  Gedanke  die  Aufmerksamkeit  des 
Menschen.  Das  erste  sind  die  Gegenstande,  von  denen  ihm  durch  die  Tore  seiner  Sinne 
fortwahrend  Kunde  zufliefit,  die  er  tastet,  riecht,  schmeckt,  hort  und  sieht.  Das  zweite 
sind  die  Eindriicke,  die  sie  auf  ihn  machen  und  die  sich  als  sein  Gefallen  und  Mififallen, 
sein  Begehren  oder  Verabscheuen  dadurch  kennzeichnen,  dafi  er  das  eine  sympathisch, 
das  andere  antipathisch,  das  eine  niitzlich,  das  andere  schadlich  findet.  Und  das  dritte  sind 
die  Erkenntnisse,  die  er  sich  als  «gleichsam  gottliches  Wesen»  iiber  die  Gegenstande 


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erwirbt;  es  sind  die  Geheimnisse  des  Wirkens  und  Daseins  dieser  Gegenstande,  die  sich 
ihm  enthiillen. 

Deutlich  scheiden  sich  diese  drei  Gebiete  im  menschlichen  Leben.  Und  der  Mensch  wird 
daher  gewahr,  dafi  er  in  einer  dreifachen  Art  mit  der  Welt  verwoben  ist.  -  Die  erste  Art  ist 
etwas,  was  er  vorfindet,  was  er  als  eine  gegebene  Tatsache  hinnimmt.  Durch  die  zweite 
Art  macht  er  die  Welt  zu  seiner  eigenen  Angelegenheit,  zu  etwas,  das  eine  Bedeutung  fur 
ihn  hat.  Die  dritte  Art  betrachtet  er  als  ein  Ziel,  zu  dem  er  unaufhorlich  hinstreben  soil. 

Warum  erscheint  dem  Menschen  die  Welt  in  dieser  dreifachen  Art?  Eine  einfache 
Betrachtung  kann  das  lehren: 

Ich  gehe  iiber  eine  mit  Blumen  bewachsene  Wiese.  Die  Blumen  kiinden  mir  ihre  Farben 
durch  mein  Auge.  Das  ist  die  Tatsache,  die  ich  als  gegeben  hinnehme.  -  Ich  freue  mich 
iiber  die  Farbenpracht.  Dadurch  mache  ich  die  Tatsache  zu  meiner  eigenen 
Angelegenheit.  Ich  verbinde  durch  meine  Gefiihle  die  Blumen  mit  meinem  eigenen  [26] 
Dasein.  Nach  einem  Jahre  gehe  ich  wieder  iiber  dieselbe  Wiese.  Andere  Blumen  sind  da. 
Neue  Freude  erwachst  mir  aus  ihnen.  Meine  Freude  vom  Vorjahre  wird  als  Erinnerung 
auftauchen.  Sie  ist  in  mir;  der  Gegenstand,  der  sie  angefacht  hat,  ist  vergangen.  Aber  die 
Blumen,  die  ich  jetzt  sehe,  sind  von  derselben  Art  wie  die  vorjahrigen;  sie  sind  nach 
denselben  Gesetzen  gewachsen  wie  jene.  Habe  ich  mich  iiber  diese  Art,  iiber  diese 
Gesetze  aufgeklart,  so  finde  ich  sie  in  den  diesjahrigen  Blumen  so  wieder,  wie  ich  sie  in 
den  vorjahrigen  erkannt  habe.  Und  ich  werde  vielleicht  also  nachsinnen:  Die  Blumen  des 
Vorjahres  sind  vergangen;  meine  Freude  an  ihnen  ist  nur  in  meiner  Erinnerung  geblieben. 
Sie  ist  nur  mit  meinem  Dasein  verkniipft.  Das  aber,  was  ich  im  vorigen  Jahre  an  den 
Blumen  erkannt  habe  und  dies  Jahr  wieder  erkenne,  das  wird  bleiben,  solange  solche 
Blumen  wachsen.  Das  ist  etwas,  was  sich  mir  offenbart  hat,  was  aber  von  meinem  Dasein 
nicht  in  gleicher  Art  abhangig  ist  wie  meine  Freude.  Meine  Gefiihle  der  Freude  bleiben  in 
mir;  die  Gesetze,  das  Wesen  der  Blumen  bleiben  aufierhalb  meiner  in  der  Welt. 

So  verbindet  sich  der  Mensch  immerwahrend  in  dieser  dreifachen  Art  mit  den  Dingen  der 
Welt.  Man  lege  zunachst  nichts  in  diese  Tatsache  hinein,  sondern  fasse  sie  auf,  wie  sie 
sich  darbietet.  Es  ergibt  sich  aus  ihr,  dafi  der  Mensch  drei  Seiten  in  seinem  Wesen  hat. 


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Dies  und  nichts  anderes  soil  hier  vorlaufig  mit  den  drei  Worten  Leib,  Seele  und  Geist 
angedeutet  werden.  Wer  irgendwelche  vorgefafiten  Meinungen  oder  gar  Hypothesen  mit 
diesen  drei  Worten  verbindet,  wird  die  folgenden  Auseinandersetzungen  notwendig 
miBverstehen  miissen.  Mit  Leib  ist  hier  [27]  dasjenige  gemeint,  wodurch  sich  dein 
Menschen  die  Dinge  seiner  Umwelt  offenbaren,  wie  in  obigem  Beispiele  die  Blumen  der 
Wiese.  Mit  dem  Worte  Seele  soil  auf  das  gedeutet  werden,  wodurch  er  die  Dinge  mit 
seinem  eigenen  Dasein  verbindet,  wodurch  er  Gefallen  und  Mififallen,  Lust  und  Unlust, 
Freude  und  Schmerz  an  ihnen  empfindet.  Als  Geist  ist  das  gemeint,  was  in  ihm  offenbar 
wird,  wenn  er,  nach  Goethes  Ausdruck,  die  Dinge  als  «gleichsam  gottliches  Wesen» 
ansieht.  -  In  diesem  Sinne  besteht  der  Mensch  aus  Leib,  Seele  und  Geist. 

Durch  seinen  Leib  vermag  sich  der  Mensch  fur  den  Augenblick  mit  den  Dingen  in 
Verbindung  zu  setzen.  Durch  seine  Seele  bewahrt  er  in  sich  die  Eindriicke,  die  sie  auf  ihn 
machen;  und  durch  seinen  Geist  offenbart  sich  ihm  das,  was  sich  die  Dinge  selbst 
bewahren.  Nur  wenn  man  den  Menschen  nach  diesen  drei  Seiten  betrachtet,  kann  man 
hoffen,  Aufschlufi  iiber  seine  Wesenheit  zu  erhalten.  Denn  diese  drei  Seiten  zeigen  ihn  in 
dreifach  verschiedener  Art  mit  der  iibrigen  Welt  verwandt. 

Durch  seinen  Leib  ist  er  mit  den  Dingen  verwandt,  die  sich  seinen  Sinnen  von  aufien 
darbieten.  Die  Stoffe  der  Aufienwelt  setzen  diesen  seinen  Leib  zusammen;  die  Krafte  der 
Auflenwelt  wirken  auch  in  ihm.  Und  wie  er  die  Dinge  der  Aufienwelt  mit  seinen  Sinnen 
betrachtet,  so  kann  er  auch  sein  eigenes  leibliches  Dasein  beobachten.  Aber  unmoglich  ist 
es,  in  derselben  Art  das  seelische  Dasein  zu  betrachten.  Alles,  was  an  mir  leibliche 
Vorgange  sind,  kann  auch  mit  den  leiblichen  Sinnen  wahrgenommenen  werden.  Mein 
Gefallen  und  mififallen,  meine  Freude  und  meinen  Schmerz  kann  weder  ich  noch  ein 
anderer  mit  leiblichen  Sinnen  wahrnehmen.  Das  Seelische  ist  ein  Gebiet,  [28]  das  der 
leiblichen  Anschauung  unzuganglich  ist.  Das  leibliche  Dasein  des  Menschen  ist  vor  aller 
Augen  offenbar;  das  seelische  tragt  er  als  seine  Welt  in  sich.  Durch  den  Geist  aber  wird 
ihm  die  Aufienwelt  in  einer  hoheren  Art  offenbar.  In  seinem  Innern  enfhullen  sich  zwar 
die  Geheimnisse  der  Aufienwelt;  aber  er  tritt  im  Geiste  aus  sich  heraus  und  lafit  die  Dinge 
iiber  sich  selbst  sprechen,  iiber  dasjenige,  was  nicht  fur  ihn,  sondern  fur  sie  Bedeutung 
hat.  Der  Mensch  blickt  zum  gestirnten  Himmel  auf:  das  Entziicken,  das  seine  Seele 


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erlebt,  gehort  ihm  an;  die  ewigen  Gesetze  der  Sterne,  die  er  im  Gedanken,  im  Geiste 
erfafit,  gehoren  nicht  ihm,  sondern  den  Sternen  selbst  an. 

So  ist  der  Mensch  Burger  dreier  Welten.  Durch  seinen  Leib  gehort  er  der  Welt  an,  die  er 
auch  mit  seinem  Leibe  wahrnimmt;  durch  seine  Seele  baut  er  sich  seine  eigene  Welt  auf; 
durch  seinen  Geist  offenbart  sich  ihm  eine  Welt,  die  iiber  die  beiden  anderen  erhaben  ist. 

Es  scheint  einleuchtend,  dafi  man,  wegen  der  wesentlichen  Verschiedenheit  dieser  drei 
Welten,  auch  nur  durch  drei  verschiedene  Betrachtungsarten  Klarheit  iiber  sie  und  den 
Anted  des  Menschen  an  ihnen  wird  gewinnen  konnen. 

/.  Die  leibliche  Wesenheit  des  Menschen 

Durch  leibliche  Sinne  lernt  man  den  Leib  des  Menschen  kennen.  Und  die  Betrachtungsart 
kann  dabei  keine  andere  sein  als  diejenige,  durch  welche  man  andere  sinnlich 
wahrnehmbare  Dinge  kennenlernt.  Wie  man  die  Mineralien,  die  Pflanzen,  die  Tiere 
betrachtet,  so  kann  man  auch  den  Menschen  betrachten.  Er  ist  mit  diesen  drei  Formen  des 
[29]  Daseins  verwandt.  Gleich  den  Mineralien  baut  er  seinen  Leib  aus  dem  Stoffen  der 
Natur  auf;  gleich  den  Pflanzen  wachst  er  und  pflanzt  sich  fort;  gleich  den  Tieren  nimmt 
er  die  Gegenstande  um  sich  herum  wahr  und  bildet  auf  Grund  ihrer  Eindriicke  in  sich 
innere  Erlebnisse.  Ein  mineralisches,  ein  pflanzliches  und  ein  tierisches  Dasein  darf  man 
daher  dem  Menschen  zusprechen. 

Die  Verschiedenheit  im  Bau  der  Mineralien,  Pflanzen  und  Tiere  entspricht  den  drei 
Formen  ihres  Daseins.  Und  dieser  Bau  -  die  Gestalt  -  ist  es,  was  man  mit  den  Sinnen 
wahrnimmt  und  was  man  allein  Leib  nennen  kann.  Nun  ist  aber  der  menschliche  Leib 
von  dem  tierischen  verschieden.  Diese  Verschiedenheit  muB  jedermann  anerkennen,  wie 
er  auch  iiber  die  Verwandtschaft  des  Menschen  mit  den  Tieren  sonst  denken  mag.  Selbst 
der  radikalste  Materialist,  der  alles  Seelische  leugnet,  wird  nicht  umhin  konnen,  den 
folgenden  Satz  zu  unterschreiben,  den  Cams  in  seinem  «Organon  der  Erkenntnis  der 
Natur  und  des  Geistes»  ausspricht:  «Noch  immer  bleibt  zwar  der  feinere  innerlichste  Bau 


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des  Nervensystems  und  namentlich  des  Hirns  dem  Physiologen  und  Anatomen  ein 
unaufgelostes  Ratsel;  aber  dafi  jene  Konzentration  der  Gebilde  mehr  und  mehr  in  der 
Tierreihe  steigt  und  im  Menschen  einen  Grad  erreicht,  wie  durchaus  in  keinem  anderen 
Wesen,  dies  ist  eine  vollkommen  festgestellte  Tatsache;  es  ist  fur  die  Geistesentwicklung 
des  Menschen  von  hochster  Bedeutung,  ja  wir  diirfen  es  geradezu  aussprechen,  eigentlich 
schon  die  hinreichende  Erklarung.  Wo  der  Bau  des  Hirns  daher  nicht  gehorig  sich 
entwickelt  hat,  wo  Kleinheit  und  Durftigkeit  desselben,  wie  beim  Mikrozephalen  und 
Idioten,  sich  verraten,  da  versteht  es  sich  von  selbst,  [30]  dafi  vorn  Hervortreten 
eigentiimlicher  Ideen  und  vom  Erkennen  gerade  so  wenig  die  Rede  sein  kann  wie  in 
Menschen  mit  vollig  verbildeten  Generationsorganen  von  Fortbildung  der  Gattung.  Ein 
kraftig  und  schon  entwickelter  Bau  des  ganzen  Menschen  dagegen  und  des  Gehirns 
insbesondere  wird  zwar  noch  nicht  allein  den  Genius  setzen,  aber  doch  jedenfalls  die 
erste  unerlafilichste  Bedingung  fur  hohere  Erkenntnis  gewahren.» 

Wie  man  dem  menschlichen  Leib  die  drei  Formen  des  Daseins,  die  mineralische,  die 
pflanzliche  und  die  tierische,  zuspricht,  so  muB  man  ihm  noch  eine  vierte,  die  besondere 
menschliche,  zusprechen.  Durch  seine  mineralische  Daseinsform  ist  der  Mensch 
verwandt  mit  allem  Sichtbaren,  durch  seine  pflanzliche  mit  alien  Wesen,  die  wachsen  und 
sich  fortpflanzen;  durch  seine  tierische  mit  alien,  die  ihre  Umgebung  wahrnehmen  und 
auf  Grund  aufierer  Eindriicke  innere  Erlebnisse  haben;  durch  seine  menschliche  bildet  er 
schon  in  leiblicher  Beziehung  ein  Reich  fur  sich. 

II.  Die  seelische  Wesenheit  des  Menschen 

Als  eigene  Innenwelt  ist  die  seelische  Wesenheit  des  Menschen  von  seiner  Leiblichkeit 
verschieden.  Das  Eigene  tritt  sofort  entgegen,  wenn  man  die  Aufmerksamkeit  auf  die 
einfachste  Sinnesempfindung  lenkt.  Niemand  kann  zunachst  wissen,  ob  ein  anderer  eine 
solche  einfache  Sinnesempfindung  in  genau  der  gleichen  Art  erlebt  wie  er  selbst.  Bekannt 
ist,  dafi  es  Menschen  gibt,  die  farbenblind  sind.  Solche  sehen  die  Dinge  nur  in 
verschiedenen  Schattierungen  [31]  von  Grau.  Andere  sind  teilweise  farbenblind.  Sie 
konnen  daher  gewisse  Farbennuancen  nicht  wahrnehmen.  Das  Weltbild,  das  ihnen  ihr 


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Auge  gibt,  ist  ein  anderes  als  dasjenige  sogenannter  noraialer  Menschen.  Und  ein 
Gleiches  gilt  mehr  oder  weniger  fur  die  andern  Sinne.  Ohne  weiteres  geht  daraus  hervor, 
dafi  schon  die  einfache  Sinnesempfindung  zur  Innenwelt  gehort.  Mit  meinen  leiblichen 
Sinnen  kann  ich  den  roten  Tisch  wahrnehmen,  den  auch  der  andere  wahrnimmt;  aber  ich 
kann  nicht  des  andern  Empfindung  des  Roten  wahrnehmen.  -  Man  muB  demnach  die 
Sinnesempfindung  als  Seelisches  bezeichnen.  Wenn  man  sich  diese  Tatsache  nur  ganz 
klar  macht,  dann  wird  man  bald  aufhoren,  die  Innenerlebnisse  als  blofie  Gehirnvorgange 
oder  ahnliches  anzusehen.  -  An  die  Sinnesempfindung  schliefit  sich  zunachst  das  Gefuhl. 
Die  eine  Empfindung  macht  dem  Menschen  Lust,  die  andere  Unlust.  Das  sind  Regungen 
seines  inneren,  seines  seelischen  Lebens.  In  seinen  Gefuhlen  schafft  sich  der  Mensch  eine 
zweite  Welt  zu  derjenigen  hinzu,  die  von  aufien  auf  ihn  einwirkt.  Und  ein  Drittes  kommt 
hinzu:  der  Wille.  Durch  ihn  wirkt  der  Mensch  wieder  auf  die  Aufienwelt  zuriick.  Und 
dadurch  pragt  er  sein  inneres  Wesen  der  Aufienwelt  auf.  Die  Seele  des  Menschen  fliefit  in 
seinen  Willenshandlungen  gleichsam  nach  aufien.  Dadurch  unterscheiden  sich  die  Taten 
des  Menschen  von  den  Ereignissen  der  aufieren  Natur,  dafi  die  ersteren  den  Stempel 
seines  Innenlebens  tragen.  So  stellt  sich  die  Seele  als  das  Eigene  des  Menschen  der 
Aufienwelt  gegeniiber.  Er  erhalt  von  der  Aufienwelt  die  Anregungen;  aber  er  bildet  in 
Gemafiheit  dieser  Anregungen  eine  eigene  Welt  aus.  Die  Leiblichkeit  wird  zum 
Untergrunde  des  Seelischen.  [32] 

III.  Die  geistige  Wesenheit  des  Menschen 

Das  Seelische  des  Menschen  wird  nicht  allein  durch  den  Leib  bestimmt.  Der  Mensch 
schweift  nicht  richtungs-  und  ziellos  von  einem  Sinneseindruck  zum  andern;  er  handelt 
auch  nicht  unter  dem  Eindrucke  jedes  beliebigen  Reizes,  der  von  aufien  oder  durch  die 
Vorgange  seines  Leibes  auf  ihn  ausgeiibt  wird.  Er  denkt  iiber  seine  Wahrnehmungen  und 
iiber  seine  Handlungen  nach.  Durch  das  Nachdenken  iiber  die  Wahrnehmungen  erwirbt  er 
sich  Erkenntnisse  iiber  die  Dinge;  durch  das  Nachdenken  iiber  seine  Handlungen  bringt  er 
einen  vernunftgemafien  Zusammenhang  in  sein  Leben.  Und  er  weifi,  dafi  er  seine 
Aufgabe  als  Mensch  nur  dann  wiirdig  erfiillt,  wenn  er  sich  durch  richtige  Gedanken 


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sowohl  im  Erkennen  wie  im  Handeln  leiten  lafit  das  Seelische  steht  also  einer  zweifachen 
Notwendigkeit  gegeniiber.  Von  den  Gesetzen  des  Leibes  wird  es  durch 
Naturnotwendigkeit  bestimmt;  von  den  Gesetzen,  die  es  zum  richtigen  Denken  fuhren, 
lafit  es  sich  bestimmen,  weil  es  deren  Notwendigkeit  frei  anerkennt.  Den  Gesetzen  des 
Stoffwechsels  ist  der  Mensch  durch  die  Natur  unterworfen;  den  Denkgesetzen  unterwirft 
er  sich  selbst.  -  Dadurch  macht  sich  der  Mensch  zum  Angehorigen  einer  hoheren 
Ordnung,  als  diejenige  ist,  der  er  durch  seinen  Leib  angehort.  Und  diese  Ordnung  ist  die 
geistige.  So  verschieden  das  Leibliche  vom  Seelischen,  so  verschieden  ist  dieses  wieder 
vom  Geistigen.  Solange  man  blofi  von  den  Kohlenstoff-,  Wasserstoff-,  Stickstoff-, 
Sauerstoffteilchen  spricht,  die  sich  im  Leibe  bewegen,  hat  man  nicht  die  Seele  im  Auge. 
Das  seelische  Leben  beginnt  erst  da,  wo  innerhalb  solcher  Bewegung  [33]  die 
Empfindung  auftritt:  ich  schmecke  sufi  oder  ich  fuhle  Lust.  Ebensowenig  hat  man  den 
Geist  im  Auge,  solange  man  blofi  die  seelischen  Erlebnisse  ansieht,  die  durch  den 
Menschen  ziehen,  wenn  er  sich  ganz  der  Aufienwelt  und  seinem  Leibesleben  iiberlafit. 
Dieses  Seelische  ist  vielmehr  erst  die  Grundlage  fur  das  Geistige,  wie  das  Leibliche  die 
Grundlage  fur  das  Seelische  ist.  -  Der  Naturforscher  hat  es  mit  dem  Leibe,  der 
Seelenforscher  (Psychologe)  mit  der  Seele  und  der  Geistesforscher  mit  dem  Geiste  zu 
tun.  Durch  Besinnung  auf  das  eigene  Selbst  sich  den  Unterschied  von  Leib,  Seele  und 
Geist  klarzumachen  ist  eine  Anforderung,  die  an  denjenigen  gestellt  werden  mufi,  der 
sich  denkend  iiber  das  Wesen  des  Menschen  aufklaren  will. 


IV.  Leib,  Seele  und  Geist 

Der  Mensch  kann  sich  in  richtiger  Art  nur  iiber  sich  aufklaren,  wenn  er  sich  die 
Bedeutung  des  Denkens  innerhalb  seiner  Wesenheit  klarmacht.  Das  Gehirn  ist  das 
leibliche  Werkzeug  des  Denkens.  Wie  der  Mensch  nur  mit  einem  wohlgebildeten  Auge 
Farben  sehen  kann,  so  dient  ihm  das  entsprechend  gebaute  Gehirn  zum  Denken.  Der 
ganze  Leib  des  Menschen  ist  so  gebildet,  dafi  er  in  dem  Geistesorgan,  im  Gehirn,  seine 
Kronung  findet  man  kann  den  Bau  des  menschlichen  Gehirnes  nur  verstehen,  wenn  man 
es  im  Hinblick  auf  seine  Aufgabe  betrachtet.  Diese  besteht  darin,  die  Leibesgrundlage  des 


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denkenden  Geistes  zu  sein  das  zeigt  ein  vergleichender  Uberblick  iiber  die  Tierwelt.  Bei 
den  Amphibien  ist  das  Gehirn  noch  klein  gegeniiber  dem  Riickenmark;  bei  den 
Saugetieren  wird  [34]  es  verhaltnismafiig  grofier.  Beim  Menschen  ist  es  am  grofiten 
gegeniiber  dem  ganzen  iibrigen  Leib. 

Gegen  solche  Bemerkungen  iiber  das  Denken,  wie  sie  hier  vorgebracht  werden,  herrscht 
manches  Vorurteil.  Manche  Menschen  sind  geneigt,  das  Denken  zu  unterschatzen  und 
das  «innige  Gefuhlsleben»,  die  «Empfindung»,  hoher  zu  stellen.  Ja  man  sagt  wohl:  nicht 
durch  das  «niichterne  Denken»,  sondern  durch  die  Warme  des  Gefuhls,  durch  die 
unmittelbare  Kraft  der  Empfindungen  erhebe  man  sich  zu  den  hoheren  Erkenntnissen. 
Menschen,  die  so  sprechen,  furchten,  durch  klares  Denken  die  Gefuhle  abzustumpfen. 
Beim  alltaglichen  Denken,  das  sich  nur  auf  die  Dinge  der  Nutzlichkeit  bezieht,  ist  das 
sicher  der  Fall.  Aber  bei  den  Gedanken,  die  in  hohere  Regionen  des  Daseins  fiihren,  tritt 
das  Umgekehrte  ein.  Es  gibt  kein  Gefuhl  und  keinen  Enthusiasmus,  die  sich  mit  den 
Empfindungen  an  Warme,  Schonheit  und  Gehobenheit  vergleichen  lassen,  welche 
angefacht  werden  durch  die  reinen,  kristallklaren  Gedanken,  die  sich  auf  hohere  Welten 
beziehen.  Die  hochsten  Gefuhle  sind  eben  nicht  diejenigen,  die  «von  selbst»  sich 
einstellen,  sondern  diejenigen,  welche  in  energischer  Gedankenarbeit  errungen  werden. 

Der  Menschenleib  hat  einen  dem  Denken  entsprechenden  Bau.  Dieselben  Stoffe  und 
Krafte,  die  auch  im  Mineralreich  vorhanden  sind,  finden  sich  im  menschlichen  Leib  so 
gefugt,  dafi  sich  durch  diese  Zusammenfiigung  das  Denken  offenbaren  kann.  Dieser 
mineralische,  in  Gemafiheit  seiner  Aufgabe  gebildete  Bau  soil  fur  die  folgende 
Betrachtung  der  physische  Korper  des  Menschen  heifien. 

Der  auf  das  Gehirn,  als  seinen  Mittelpunkt,  hingeordnete  mineralische  Bau  entsteht  durch 
Fortpflanzung  und  [35]  erhalt  seine  ausgebildete  Gestalt  durch  Wachstum  Fortpflanzung 
und  Wachstum  hat  der  Mensch  mit  den  Pflanzen  und  Tieren  gemein.  Durch 
Fortpflanzung  und  Wachstum  unterscheidet  sich  das  Lebendige  von  dem  leblosen 
Mineral.  Lebendiges  entsteht  aus  Lebendigem  durch  den  Keim.  Der  Nachkomme  schliefit 
sich  an  den  Vorfahren  in  der  Reihe  des  Lebendigen.  Die  Krafte,  durch  die  ein  Mineral 
entsteht,  sind  auf  die  Stoffe  selbst  gerichtet,  die  es  zusammensetzen.  Ein  Bergkristall 


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bildet  sich  durch  die  dem  Silizium  und  dem  Sauerstoff  innewohnenden  Krafte,  die  in  ihm 
vereinigt  sind.  Die  Krafte,  die  einen  Eichbaum  gestalten,  miissen  wir  auf  dem  Umwege 
durch  den  Keim  in  Mutter-  und  Vaterpflanze  suchen.  Und  die  Form  der  Eiche  erhalt  sich 
bei  der  Fortpflanzung  von  den  Vorfahren  zu  den  Nachkommen.  Es  gibt  innere,  dem 
Lebenden  angeborene  Bedingungen.  -  Es  war  eine  rohe  Naturanschauung,  die  glaubte, 
daB  niedere  Tiere,  selbst  Fische,  aus  Schlamm  sich  bilden  konnen.  Die  Form  des 
Lebenden  pflanzt  sich  durch  Vererbung  fort.  Wie  ein  lebendes  Wesen  sich  entwickelt, 
hangt  davon  ab,  aus  welchem  Vater-  oder  Mutterwesen  es  entstanden  ist,  oder  mit 
anderen  Worten,  welcher  Art  es  angehort.  Die  Stoffe,  aus  denen  es  sich  zusammensetzt, 
wechseln  fortwahrend;  die  Art  bleibt  wahrend  des  Lebens  bestehen  und  vererbt  sich  auf 
die  Nachkommen.  Die  Art  ist  damit  dasjenige,  was  die  Zusammenfugung  der  Stoffe 
bestimmt.  Diese  artbildende  Kraft  soil  Lebenskraft  genannt  werden.  Wie  sich  die 
mineralischen  Krafte  in  den  Kristallen  ausdriicken,  so  die  bildende  Lebenskraft  in  den 
Arten  oder  Formen  des  pflanzlichen  und  tierischen  Lebens. 

Die  mineralischen  Krafte  nimmt  der  Mensch  durch  die  [36]  leiblichen  Sinne  wahr.  Und 
er  kann  nur  dasjenige  wahrnehmen,  Wofur  er  solche  Sinne  hat.  Ohne  das  Auge  gibt  es 
keine  Licht-,  ohne  das  Ohr  keine  Schallwahrnehmung.  Die  niedersten  Organismen  haben 
von  den  bei  den  Menschen  vorhandenen  Sinnen  nur  eine  Art  Tastsinn.  Fur  sie  sind  in  der 
Art  der  menschlichen  Wahrnehmung  nur  diejenigen  mineralischen  Krafte  vorhanden,  die 
sich  dem  Tastsinn  zu  erkennen  geben.  In  dem  Mafie,  in  dem  bei  den  hoheren  Tieren  die 
anderen  Sinne  entwickelt  sind,  ist  fur  sie  die  Umwelt,  die  auch  der  Mensch  wahrnimmt, 
reicher,  mannigfaltiger.  Es  hangt  also  von  den  Organen  eines  Wesens  ab,  ob  das,  was  in 
der  Aufienwelt  vorhanden  ist,  auch  fur  das  Wesen  selbst  als  Wahrnehmung,  als 
Empfindung  vorhanden  ist  Was  in  der  Luft  als  eine  gewisse  Bewegung  vorhanden  ist, 
wird  im  Menschen  zur  Schallempfindung.  -  Die  Aufierungen  der  Lebenskraft  nimmt  der 
Mensch  durch  die  gewohnlichen  Sinne  nicht  wahr.  Er  sieht  die  Farben  der  Pflanze,  er 
riecht  ihren  Duft;  die  Lebenskraft  bleibt  dieser  Beobachtung  verborgen.  Aber  sowenig 
der  Blindgeborene  mit  Recht  die  Farben  ableugnet,  sowenig  diirften  die  gewohnlichen 
Sinne  die  Lebenskraft  ableugnen.  Die  Farben  sind  fur  den  Blindgeborenen  da,  sobald  er 
operiert  worden  ist;  ebenso  sind  fur  den  Menschen  die  mannigfaltigen,  durch  die 


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Lebenskraft  geschaffenen  Arten  der  Pflanzen  und  Tiere,  nicht  blofi  die  Individuen,  auch 
als  Wahrnehmung  vorhanden,  wenn  sich  ihm  das  Organ  dafur  erschliefit.  -  Eine  ganz 
neue  Welt  geht  dem  Menschen  durch  die  Erschliefiung  dieses  Organs  auf.  Er  nimmt  nun 
nicht  mehr  blofi  die  Farben,  Geriiche  und  so  weiter  der  Lebewesen,  sondern  das  Leben 
dieser  Lebewesen  selbst  wahr.  In  jeder  Pflanze,  [37]  in  jedem  Tier  empfindet  er  aufier  der 
physischen  Gestalt  noch  die  lebenerfullte  Geistgestalt.  Um  einen  Ausdruck  dafur  zu 
haben,  sei  diese  Geistgestalt  der  Atherleib  oder  Lebensleib  genannt,  (1)  -  Fur  den 
Erforscher  des  geistigen  Lebens  stellt  sich  diese  Sache  in  der  folgenden  Art  dar.  Ihm  ist 
der  Atherleib  nicht  etwa  blofi  ein  Ergebnis  der  Stoffe  und  Krafte  des  physischen  Leibes, 
sondern  eine  selbstandige,  wirkliche  Wesenheit,  welche  die  genannten  [38]  physischen 
Stoffe  und  Krafte  erst  zum  Leben  aufruft.  Im  Sinne  der  Geisteswissenschaft  spricht  man, 
wenn  man  sagt:  ein  blofier  physischer  Korper  hat  seine  Gestalt  -  zum  Beispiel  ein  Kristall 
durch  die  dem  Leblosen  innewohnenden  physischen  Gestaltungskrafte;  ein  lebendiger 
Korper  hat  seine  Form  nicht  durch  diese  Krafte,  denn  in  dem  Augenblicke,  wo  das  Leben 
aus  ihm  gewichen  ist  und  er  nur  den  physischen  Kraften  iiberlassen  ist,  zerfallt  er.  Der 
Lebensleib  ist  eine  Wesenheit,  durch  welche  in  jedem  Augenblicke  wahrend  des  Lebens 
der  physische  Leib  vor  dem  Zerfalle  bewahrt  wird.  -  Um  diesen  Lebensleib  zu  sehen,  ihn 
an  einem  anderen  Wesen  wahrzunehmen,  braucht  man  eben  das  erweckte  geistige  Auge. 
Ohne  dieses  kann  man  aus  logischen  Griinden  seine  Existenz  annehmen;  schauen  kann 
man  ihn  aber  mit  dem  geistigen  Auge,  wie  man  die  Farbe  mit  dem  physischen  Auge 
schaut.  -  Man  sollte  sich  an  dem  Ausdruck  «Atherleib»  nicht  stofien.  «Ather»  bezeichnet 
hier  etwas  anderes  als  den  hypothetischen  Ather  der  Physik.  Man  nehme  die  Sache 
einfach  als  Bezeichnung  fur  das  hin,  was  hier  beschrieben  wird.  Und  wie  der  physische 
Menschenleib  in  seinem  Bau  ein  Abbild  seiner  Aufgabe  ist,  so  ist  es  auch  des  Menschen 
Atherleib.  Man  versteht  auch  diesen  nur,  wenn  man  ihn  im  Hinblick  auf  den  denkenden 
Geist  betrachtet.  Durch  seine  Hinordnung  auf  den  denkenden  Geist  unterscheidet  sich  der 
Atherleib  des  Menschen  von  demjenigen  der  Pflanzen  und  Tiere.  -  So  wie  der  Mensch 
durch  seinen  physischen  Leib  der  mineralischen,  so  gehort  er  durch  seinen  Atherleib  der 
Lebenswelt  an.  Nach  dem  Tode  lost  sich  der  physische  Leib  in  der  Mineralwelt,  der 
Atherleib  in  der  Lebenswelt  auf.  Mit  «Leib»  soil  bezeichnet  [39]  werden,  was  einem 
Wesen  von  irgendeiner  Art  «Gestalt»,  «Forum»  gibt.  Man  sollte  den  Ausdruck  «Leib» 


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nicht  mit  sinnlicher  Korperform  verwechseln.  In  dem  in  dieser  Schrift  gemeinten  Sinne 
kann  die  Bezeichnung  «Leib»  auch  fur  das  gebraucht  werden,  was  sich  als  Seelisches  und 
Geistiges  gestaltet. 

Der  Lebensleib  ist  noch  etwas  dem  Menschen  Aufierliches.  Mit  dem  ersten  Regen  der 
Empfindung  antwortet  das  Innere  selbst  auf  die  Reize  der  Aufienwelt.  Man  mag 
dasjenige,  was  man  Aufienwelt  zu  nennen  berechtigt  ist,  noch  so  weit  verfolgen:  die 
Empfindung  wird  man  nicht  finden  konnen.  -  Die  Lichtstrahlen  dringen  in  das  Auge;  sie 
pflanzen  sich  innerhalb  desselben  bis  zur  Netzhaut  fort.  Da  rufen  sie  chemische 
Vorgange  (im  sogenannten  Sehpurpur)  hervor;  die  Wirkung  dieser  Reize  setzt  sich  durch 
den  Sehnerv  bis  zum  Gehirn  fort;  dort  entstehen  weitere  physische  Vorgange.  Konnte 
man  diese  beobachten,  so  sahe  man  eben  physische  Vorgange  wie  anderswo  in  der 
Aufienwelt.  Vermag  ich  den  Lebensleib  zu  beobachten,  so  werde  ich  wahrnehmen,  wie 
der  physische  Gehirnvorgang  zugleich  ein  Lebensvorgang  ist.  Aber  die  Empfindung  der 
blauen  Farbe,  die  der  Empfanger  der  Lichtstrahlen  hat,  kann  ich  auf  diesem  Wege 
nirgends  finden.  Sie  ersteht  erst  innerhalb  der  Seele  dieses  Empfangers.  Ware  also  das 
Wesen  dieses  Empfangers  mit  dem  physischen  Korper  und  dem  Atherleib  erschopft,  so 
konnte  die  Empfindung  nicht  dasein.  Ganz  wesentlich  unterscheidet  sich  die  Tatigkeit, 
durch  welche  die  Empfindung  zur  Tatsache  wird,  von  dem  Wirken  der  Lebensbildekraft. 
Ein  inneres  Erlebnis  wird  durch  jene  Tatigkeit  aus  diesem  Wirken  hervorgelockt.  Ohne 
diese  Tatigkeit  ware  ein  blofier  Lebensvorgang  [40]  da,  wie  man  ihn  auch  an  der  Pflanze 
beobachtet.  Man  stelle  sich  den  Menschen  vor,  wie  er  von  alien  Seiten  Eindriicke 
empfangt.  Man  muB  sich  ihn  zugleich  nach  alien  Richtungen  hin,  woher  er  diese 
Eindriicke  empfangt,  als  Quell  der  bezeichneten  Tatigkeit  denken.  Nach  alien  Seiten  hin 
antworten  die  Empfindungen  auf  die  Eindriicke.  Dieser  Tatigkeitsquell  soil 
Empfindungsseele  heifien.  Diese  Empfindungsseele  ist  ebenso  wirklich  wie  der  physische 
Korper.  Wenn  ein  Mensch  vor  mir  steht  und  ich  sehe  von  seiner  Empfindungsseele  ab, 
indem  ich  ihn  mir  blofi  als  physischen  Leib  vorstelle,  so  ist  das  gerade  so,  als  wenn  ich 
mir  von  einem  Gemalde  blofi  die  Leinwand  vorstelle. 

Auch  in  bezug  auf  die  Wahrnehmung  der  Empfindungsseele  muB  ahnliches  gesagt 
werden  wie  vorher  im  Hinblick  auf  den  Atherleib.  Die  leiblichen  Organe  sind  «blind»  fur 


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sie.  Und  auch  das  Organ,  von  dem  das  Leben  als  Leben  wahrgenommen  werden  kann,  ist 
es.  Aber  so,  wie  durch  dieses  Organ  der  Atherleib  geschaut  wird,  so  kann  durch  ein  noch 
hoheres  Organ  die  innere  Welt  der  Empfindungen  zu  einer  besonderen  Art  iibersinnlicher 
Wahrnehmungen  werden.  Der  Mensch  empfindet  dann  nicht  nur  die  Eindracke  der 
physischen  und  der  Lebenswelt,  sondern  er  schaut  die  Empfindungen.  Vor  einem 
Menschen  mit  einem  solchen  Organ  liegt  die  Welt  der  Empfindungen  eines  andern 
Wesens  wie  eine  aufiere  Wirklichkeit  da.  Man  muB  unterscheiden  zwischen  dem  Erleben 
der  eigenen  Empfindungswelt  und  dem  Anschauen  der  Empfindungswelt  eines  andern 
Wesens.  In  seine  eigene  Empfindungswelt  hineinschauen  kann  naturlich  jeder  Mensch; 
die  Empfindungswelt  eines  andern  [41]  Wesens  schauen  kann  nur  der  Seher  mit  dem 
geoffneten  «geistigen  Auge».  Ohne  Seher  zu  sein,  kennt  der  Mensch  die 
Empfindungswelt  nur  als  «innere»,  nur  als  die  eigenen  verborgenen  Erlebnisse  seiner 
Seele;  mit  dem  geoffneten  «geistigen  Auge»  leuchtet  vor  dem  aufieren  geistigen  Anblick 
auf,  was  sonst  nur  «im  Innern»  des  andern  Wesens  lebt 

*  *  * 

Um  Mifiverstandnissen  vorzubeugen,  sei  hier  ausdriicklich  gesagt,  dafi  der  Seher  nicht 
etwa  in  sich  dasselbe  erlebt,  was  das  andere  Wesen  als  seinen  Inhalt  der 
Empfindungswelt  in  sich  hat.  Dieses  erlebt  die  Empfindungen  von  dem  Gesichtspunkte 
seines  Innern;  der  Seher  nimmt  eine  Offenbarung,  eine  Auflerung  der  Empfindungswelt 
wahr. 

Die  Empfindungsseele  hangt  in  bezug  auf  ihre  Wirkung  vom  Atherleib  ab.  Denn  aus  ihm 
holt  sie  ja  das  hervor,  was  sie  als  Empfindung  aufglanzen  lassen  soil.  Und  da  der 
Atherleib  das  Leben  innerhalb  des  physischen  Leibes  ist,  so  ist  die  Empfindungsseele 
auch  von  diesem  mittelbar  abhangig.  Nur  bei  richtig  lebendem,  wohl  gebautem  Auge  sind 
entsprechende  Farbenempfindungen  moglich.  Dadurch  wirkt  die  Leiblichkeit  auf  die 
Empfindungsseele.  Diese  ist  also  durch  den  Leib  in  ihrer  Wirksamkeit  bestimmt  und 
begrenzt.  Sie  lebt  innerhalb  der  ihr  durch  die  Leiblichkeit  gezogenen  Grenzen.  -  Der  Leib 
wird  also  aus  den  mineralischen  Stoffen  auferbaut,  durch  den  Atherleib  belebt,  und  er 
begrenzt  selbst  die  Empfindungsseele.  Wer  also  das  obenerwahnte  Organ  zum  «Schauen» 


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der  Empfindungsseele  hat,  der  erkennt  sie  durch  den  Leib  begrenzt.  -  Aber  die  Grenze  der 
Empfindungsseele  fallt  [42]  nicht  mit  derjenigen  des  physischen  Korpers  zusammen. 
Diese  Seele  ragt  iiber  den  physischen  Leib  hinaus.  Man  sieht  daraus,  dafi  sie  sich 
machtiger  erweist,  als  er  ist.  Aber  die  Kraft,  durch  die  ihr  die  Grenze  gesetzt  ist,  geht  von 
dem  physischen  Leibe  aus.  Damit  stellt  sich  zwischen  den  physischen  Leib  und  den 
Atherleib  einerseits  und  die  Empfindungsseele  andererseits  noch  ein  besonderes  Glied 
der  menschlichen  Wesenheit  hin.  Es  ist  der  Seelenleib  oder  Empfindungsleib.  Man  kann 
auch  sagen:  ein  Teil  des  Atherleibes  sei  feiner  als  der  iibrige,  und  dieser  feinere  Teil  des 
Atherleibes  bildet  eine  Einheit  mit  der  Empfindungsseele,  wahrend  der  grobere  Teil  eine 
Art  Einheit  mit  dem  physischen  Leib  bildet.  Doch  ragt,  wie  gesagt,  die  Empfindungsseele 
iiber  den  Seelenleib  hinaus. 

Was  hier  Empfindung  genannt  wird,  ist  nur  ein  Teil  des  seelischen  Wesens.  (Der 
Ausdruck  Empfindungsseele  wird  der  Einfachheit  halber  gewahlt.)  An  die  Empfindungen 
schliefien  sich  die  Gefuhle  der  Lust  und  Unlust,  die  Triebe,  Instinkte,  Leidenschaften.  All 
das  tragt  denselben  Charakter  des  Eigenlebens  wie  die  Empfindungen  und  ist,  wie  sie, 
von  der  Leiblichkeit  abhangig. 

*  *  * 

Ebenso  wie  mit  dem  Leibe  tritt  die  Empfindungsseele  auch  mit  dem  Denken,  dem  Geiste, 
in  Wechselwirkung.  Zunachst  dient  ihr  das  Denken.  Der  Mensch  bildet  sich  Gedanken 
iiber  seine  Empfindungen.  Dadurch  klart  er  sich  iiber  die  Aufienwelt  auf.  Das  Kind,  das 
sich  verbrannt  hat,  denkt  nach  und  gelangt  zu  dem  Gedanken:  «das  Feuer  brennt».  Auch 
seinen  Trieben,  Instinkten  [43]  und  Leidenschaften  folgt  der  Mensch  nicht  blindlings; 
sein  Nachdenken  fuhrt  die  Gelegenheit  herbei,  durch  die  er  sie  befriedigen  kann.  Was 
man  materielle  Kultur  nennt,  bewegt  sich  durchaus  in  dieser  Richtung.  Sie  besteht  in  den 
Diensten,  die  das  Denken  der  Empfindungsseele  leistet.  Unermefiliche  Summen  von 
Denkkraften  werden  auf  dieses  Ziel  gerichtet.  Denkkraft  ist  es,  die  Schiffe,  Eisenbahnen, 
Telegraphen,  Telephone  gebaut  hat;  und  alles  das  dient  zum  weitaus  grofiten  Teil  zur 
Befriedigung  von  Bediirfnissen  der  Empfindungsseelen.  In  ahnlicher  Art,  wie  die 
Lebensbildekraft  den  physischen  Korper  durchdringt,  so  durchdringt  die  Denkkraft  die 


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Empfindungsseele.  Die  Lebensbildekraft  kniipft  den  physischen  Korper  an  Vorfahren  und 
Nachkommen  und  stellt  ihn  dadurch  in  eine  Gesetzmafiigkeit  hinein,  die  das  blofi 
Mineralische  nichts  angeht.  Ebenso  stellt  die  Denkkraft  die  Seele  in  eine  Gesetzmafiigkeit 
hinein,  der  sie  als  blofie  Empfindungsseele  nicht  angehort.  -  Durch  die  Empfindungsseele 
ist  der  Mensch  dem  Tiere  verwandt.  Auch  beim  Tiere  bemerken  wir  das  Vorhandensein 
von  Empfindungen,  Trieben,  Instinkten  und  Leidenschaften.  Aber  das  Tier  folgt  diesen 
unmittelbar.  Sie  werden  bei  ihm  nicht  mit  selbstandigen,  fiber  das  unmittelbare  Erleben 
hinausgehenden  Gedanken  durchwoben.  Auch  beim  unentwickelten  Menschen  ist  das  bis 
zu  einem  gewissen  Grade  der  Fall.  Die  blofie  Empfindungsseele  ist  daher  verschieden 
von  dem  entwickelten  hoheren  Seelengliede,  welches  das  Denken  in  seinen  Dienst  stellt. 
Als  Verstandesseele  sei  diese  vom  Denken  bediente  Seele  bezeichnet.  Man  konnte  sie 
auch  die  Gemiitsseele  oder  das  Gemiit  nennen. 

Die  Verstandesseele  durchdringt  die  Empfindungsseele.  [44]  Wer  das  Organ  zum 
«Schauen»  der  Seele  hat,  sieht  daher  die  Verstandesseele  als  eine  besondere  Wesenheit 
gegeniiber  der  blofien  Empfindungsseele  an. 

*  *  * 

Durch  das  Denken  wird  der  Mensch  iiber  das  Eigenleben  hinausgefiihrt  Er  erwirbt  sich 
etwas,  das  iiber  seine  Seele  hinausreicht.  Es  ist  fur  ihn  eine  selbstverstandliche 
Uberzeugung,  dafi  die  Denkgesetze  in  Ubereinstimmung  mit  der  Weltordnung  sind.  Er 
betrachtet  sich  deshalb  als  ein  Einheimischer  in  der  Welt,  weil  diese  Ubereinstimmung 
besteht.  Diese  Ubereinstimmung  ist  eine  der  gewichtigen  Tatsachen,  durch  die  der 
Mensch  seine  eigene  Wesenheit  kennenlernt.  In  seiner  Seele  sucht  der  Mensch  nach 
Wahrheit;  und  durch  diese  Wahrheit  spricht  sich  nicht  allein  die  Seele,  sondern  sprechen 
sich  die  Dinge  der  Welt  aus.  Was  durch  das  Denken  als  Wahrheit  erkannt  wird,  hat  eine 
selbstdndige  Bedeutung,  die  sich  auf  die  Dinge  der  Welt  bezieht,  nicht  blofi  auf  die 
eigene  Seele.  Mit  meinem  Entziicken  iiber  den  Sternenhimmel  lebe  ich  in  mir;  die 
Gedanken,  die  ich  mir  iiber  die  Bahnen  der  Himmelskorper  bilde,  haben  fur  das  Denken 
jedes  anderen  dieselbe  Bedeutung  wie  fur  das  Meinige.  Es  ware  sinnlos,  von  meinem 
Entziicken  zu  sprechen,  wenn  ich  selbst  nicht  vorhanden  ware;  aber  es  ist  nicht  in 


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derselben  Weise  sinnlos,  von  meinen  Gedanken  auch  ohne  Beziehung  auf  mich  zu 
sprechen.  Denn  die  Wahrheit,  die  ich  heute  denke,  war  auch  gestern  wahr  und  wird 
morgen  wahr  sein,  obschon  ich  mich  nur  heute  mit  ihr  beschaftige.  Macht  eine 
Erkenntnis  mir  Freude,  so  ist  diese  Freude  so  lange  von  [45]  Bedeutung,  als  sie  in  mir 
lebt;  die  Wahrheit  der  Erkenntnis  hat  ihre  Bedeutung  ganz  unabhangig  von  dieser  Freude. 
In  dem  Ergreifen  der  Wahrheit  verbindet  sich  die  Seele  mit  etwas,  das  seinen  Wert  in  sich 
selbst  tragt.  Und  dieser  Wert  verschwindet  nicht  mit  der  Seelenempfindung,  ebensowenig 
wie  er  mit  dieser  entstanden  ist.  Was  wirklich  Wahrheit  ist,  das  entsteht  nicht  und  vergeht 
nicht:  das  hat  eine  Bedeutung,  die  nicht  vernichtet  werden  kann.  -  Dem  widerspricht  es 
nicht,  dafi  einzelne  menschliche  «Wahrheiten»  nur  einen  voriibergehenden  Wert  haben, 
weil  sie  in  einer  gewissen  Zeit  als  teilweise  oder  ganze  Irrtumer  erkannt  werden.  Denn 
der  Mensch  mufi  sich  sagen,  dafi  die  Wahrheit  doch  in  sich  selbst  besteht,  wenn  auch 
seine  Gedanken  nur  vergangliche  Erscheinungsformen  der  ewigen  Wahrheiten  sind. 
Auch  wer  -  wie  Lessing  -  sagt,  er  begniige  sich  mit  dem  ewigen  Streben  nach  Wahrheit, 
da  die  voile,  reine  Wahrheit  doch  nur  fur  einen  Gott  dasein  konne,  der  leugnet  nicht  den 
Ewigkeitswert  der  Wahrheit,  sondern  er  bestatigt  ihn  gerade  durch  solchen  Ausspruch. 
Denn  nur  was  eine  ewige  Bedeutung  in  sich  selbst  hat,  kann  ein  ewiges  Streben  nach  sich 
hervorrufen.  Ware  die  Wahrheit  nicht  in  sich  selbstandig,  erhielte  sie  ihren  Wert  und  ihre 
Bedeutung  durch  die  menschliche  Seelenempfindung,  dann  konnte  sie  nicht  ein  einiges 
Ziel  fur  alle  Menschen  sein.  Indem  man  nach  ihr  streben  will,  gesteht  man  ihr  ihre 
selbstandige  Wesenheit  zu. 

Und  wie  mit  dem  Wahren,  so  ist  es  mit  dem  wahrhaft  Guten.  Das  Sittlich-Gute  ist 
unabhangig  von  Neigungen  und  Leidenschaften,  insofern  es  sich  nicht  von  ihnen  gebieten 
lafit,  sondern  ihnen  gebietet.  Gefallen  und  Mififallen,  Begehren  und  Verabscheuen 
gehoren  der  eigenen  [46]  Seele  des  Menschen  an;  die  Pfiicht  steht  iiber  Gefallen  und 
Mififallen.  So  hoch  kann  dem  Menschen  die  Pfiicht  stehen,  dafi  er  fur  sie  das  Leben 
opfert.  Und  der  Mensch  steht  um  so  hoher,  je  mehr  er  seine  Neigungen,  sein  Gefallen  und 
Mififallen  dahin  veredelt  hat,  dafi  sie  ohne  Zwang,  ohne  Unterwerfung  durch  sich  selbst 
der  erkannten  Pfiicht  folgen.  Das  Sittlich-Gute  hat  ebenso  wie  die  Wahrheit  seinen 
Ewigkeitswert  in  sich  und  erhalt  ihn  nicht  durch  die  Empfindungsseele. 


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Indern  der  Mensch  das  selbstandige  Wahre  und  Gute  in  seinem  Innern  aufleben  lafit, 
erhebt  er  sich  iiber  die  blofie  Empfindungsseele.  Der  ewige  Geist  scheint  in  diese  herein. 
Ein  Licht  geht  in  ihr  auf,  das  unverganglich  ist  sofern  die  Seele  in  diesem  Lichte  lebt,  ist 
sie  eines  Ewigen  teilhaftig.  Sie  verbindet  mit  ihm  ihr  eigenes  Dasein.  Was  die  Seele  als 
Wahres  und  Gutes  in  sich  tragt,  ist  unsterblich  in  ihr.  -  Das,  was  in  der  Seele  als  Ewiges 
aufleuchtet,  sei  hier  Bewufitseinsseele  genannt.  -  Von  Bewufitsein  kann  man  auch  bei  den 
niedrigeren  Seelenregungen  sprechen.  Die  alltaglichste  Empfindung  ist  Gegenstand  des 
Bewufitseins.  Insofern  kommt  auch  dem  Tiere  Bewufitsein  zu.  Der  Kern  des 
menschlichen  Bewufitseins,  also  die  Seele  in  der  Seele,  ist  hier  mit  Bewufitseinsseele 
gemeint.  Die  Bewufitseinsseele  wird  hier  noch  als  ein  besonderes  Glied  der  Seele  von  der 
Verstandesseele  unterschieden.  Diese  letztere  ist  noch  in  die  Empfindungen,  in  die 
Triebe,  Affekte  und  so  weiter  verstrickt.  Jeder  Mensch  weifi,  wie  ihm  zunachst  das  als 
wahr  gilt,  was  er  in  seinen  Empfindungen  und  so  weiter  vorzieht.  Erst  diejenige  Wahrheit 
aber  ist  die  bleibende,  die  sich  losgelost  hat  von  allem  Beigeschmack  solcher  Sympathien 
und  Antipathien  der  [47]  Empfindungen  und  so  weiter.  Die  Wahrheit  ist  wahr,  auch  wenn 
sich  alle  personlichen  Gefuhle  gegen  sie  auflehnen.  Derjenige  Teil  der  Seele,  in  dem 
diese  Wahrheit  lebt,  soil  Bewufitseinsseele  genannt  werden. 

So  hatte  man,  wie  in  dem  Leib,  auch  in  der  Seele  drei  Glieder  zu  unterscheiden:  die 
Empfindungsseele,  die  Verstandesseele  und  die  Bewufitseinsseele.  Und  wie  von  unten 
herauf  die  Leiblichkeit  auf  die  Seele  begrenzend  wirkt,  so  wirkt  von  oben  herunter  die 
Geistigkeit  auf  sie  erweiternd.  Denn  je  mehr  sich  die  Seele  von  dem  Wahren  und  Guten 
erfullt,  desto  weiter  und  umfassender  wird  das  Ewige  in  ihr.  -  Fur  denjenigen,  der  die 
Seele  zu  «schauen»  vermag,  ist  der  Glanz,  der  von  dem  Menschen  ausgeht,  weil  sein 
Ewiges  sich  erweitert,  eine  eben  solche  Wirklichkeit,  wie  fur  das  sinnliche  Auge  das 
Licht  wirklich  ist,  das  von  einer  Flamme  ausstrahlt.  Fur  den  «Sehenden»  gilt  der  leibliche 
Mensch  nur  als  ein  Teil  des  ganzen  Menschen.  Der  Leib  liegt  als  das  grobste  Gebilde 
inmitten  anderer,  die  ihn  und  sich  selbst  gegenseitig  durchdringen.  Als  eine  Lebensform 
erfullt  den  physischen  Korper  der  Atherleib;  an  alien  Seiten  iiber  diesen  hinausragend 
erkennt  man  den  Seelenleib  (Astralgestalt).  Und  wieder  iiber  diesen  hinausragend  die 
Empfindungsseele,  dann  die  Verstandesseele,  die  um  so  grofier  wird,  je  mehr  sie  von  dem 


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Wahren  und  Guten  in  sich  aufnimmt.  Denn  dieses  Wahre  und  Gute  bewirkt  die 
Erweiterung  der  Verstandesseele.  Ein  Mensch,  der  lediglich  seinen  Neigungen,  seinem 
Gefallen  und  Mififallen  leben  wiirde,  hatte  eine  Verstandesseele,  deren  Grenzen  mit 
denen  seiner  Empfindungsseele  zusammenfielen.  Diese  Gebilde,  inmitten  deren  der 
physische  Korper  wie  in  einer  Wo  Ike  erscheint,  kann  man  die  menschliche  Aura  nennen. 
[48]  Sie  ist  dasjenige,  um  das  sich  das  «Wesen  des  Menschen»  bereichert,  wenn  es  in  der 
Art  geschaut  wird,  wie  diese  Schrift  versucht,  es  darzustellen. 

*  *  * 

Im  Laufe  der  Kindheitsentwickelung  tritt  im  Leben  des  Menschen  der  Augenblick  ein,  in 
dem  er  sich  zum  erstenmal  als  ein  selbstandiges  Wesen  gegeniiber  der  ganzen  iibrigen 
Welt  empfindet.  Fein  empfindenden  Menschen  ist  das  ein  bedeutsames  Erlebnis.  Der 
Dichter  Jean  Paul  erzahlt  in  seiner  Lebensbeschreibung:  «Nie  vergefi'  ich  die  noch 
keinem  Menschen  erzahlte  Erscheinung  in  mir,  wo  ich  bei  der  Geburt  meines 
Selbstbewufitseins  stand,  von  der  ich  Ort  und  Zeit  anzugeben  weifi.  An  einem  Vormittag 
stand  ich  als  ein  sehr  junges  Kind  unter  der  Haustur  und  sah  links  nach  der  Holzlege,  als 
auf  einmal  das  innere  Gesicht,  ich  bin  ein  Ich,  wie  ein  Blitzstrahl  vom  Himmel  auf  mich 
fuhr  und  seitdem  leuchtend  stehenblieb:  da  hatte  mein  Ich  zum  erstenmal  sich  selber 
gesehen  und  auf  ewig.  Tauschungen  des  Erinnerns  sind  hier  schwerlich  denkbar,  da  kein 
fremdes  Erzahlen  sich  in  eine  blofi  im  verhangenen  Allerheiligsten  des  Menschen 
vorgefallene  Begebenheit,  deren  Neuheit  allein  so  alltaglichen  Nebenumstanden  das 
Bleiben  gegeben,  mit  Zusatzen  mengen  konnte.»  -  Es  ist  bekannt,  dafi  kleine  Kinder  von 
sich  sagen:  «Karl  ist  brav»,  «Marie  will  das  haben».  Man  findet  es  angemessen,  dafi  sie 
von  sich  so  wie  von  andern  reden,  weil  sie  sich  ihrer  selbstandigen  Wesenheit  noch  nicht 
bewufit  geworden  sind,  weil  das  Bewufitsein  vom  Selbst  noch  nicht  in  ihnen  geboren  ist. 
Durch  das  Selbstbewufitsein  bezeichnet  [49]  sich  der  Mensch  als  ein  selbstandiges,  von 
allem  iibrigen  abgeschlossenes  Wesen,  als  «Ich».  Im  «Ich»  fafit  der  Mensch  alles 
zusammen,  was  er  als  leibliche  und  seelische  Wesenheit  erlebt.  Leib  und  Seele  sind  die 
Trager  des  «Ich»;  in  ihnen  wirkt  es.  Wie  der  physische  Korper  im  Gehirn,  so  hat  die 
Seele  im  «Ich»  ihren  Mittelpunkt  zu  Empfindungen  wird  der  Mensch  von  aufien 
angeregt;  Gefuhle  machen  sich  geltend  als  Wirkungen  der  Aufienwelt;  der  Wille  bezieht 


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sich  auf  die  Aufienwelt,  denn  er  verwirklicht  sich  in  aufieren  Handlungen.  Das  «Ich» 
bleibt  als  die  eigentliche  Wesenheit  des  Menschen  ganz  unsichtbar.  Treffend  nennt  daher 
Jean  Paul  das  Gewahrwerden  des  «Ich»  eine  «blofi  im  verhangenen  Allerheiligsten  des 
Menschen  vorgefallene  Begebenheit».  Denn  mit  seinem  «Ich»  ist  der  Mensch  ganz  allein. 
-  Und  dieses  «Ich»  ist  der  Mensch  selbst.  Das  berechtigt  ihn,  dieses  «Ich»  als  seine  wahre 
Wesenheit  anzusehen.  Er  darf  deshalb  seinen  Leib  und  seine  Seele  als  die  «Hullen» 
bezeichnen,  innerhalb  deren  er  lebt;  und  er  darf  sie  als  leibliche  Bedingungen  bezeichnen, 
durch  die  er  wirkt.  Im  Laufe  seiner  Entwickelung  lernt  er  diese  Werkzeuge  immer  mehr 
als  Diener  seines  «Ich»  gebrauchen.  Das  Wortchen  «Ich»,  wie  es  zum  Beispiel  in  der 
deutschen  Sprache  angewendet  wird,  ist  ein  Name,  der  sich  von  alien  anderen  Namen 
unterscheidet.  Wer  iiber  die  Natur  dieses  Namens  in  zutreffender  Art  nachdenkt,  dem 
eroffnet  sich  damit  zugleich  der  Zugang  zur  Erkenntnis  der  menschlichen  Wesenheit  im 
Tiefern  Sinne.  Jeden  andern  Namen  konnen  alle  Menschen  in  der  gleichen  Art  auf  das 
ihm  entsprechende  Ding  anwenden.  Den  Tisch  kann  jeder  «Tisch»,  den  Stuhl  jeder 
«Stuhl»  nennen.  Bei  dem  Namen  «Ich»  ist  dies  nicht  der  [50]  Fall.  Es  kann  ihn  keiner 
anwenden  zur  Bezeichnung  eines  andern;  jeder  kann  nur  sich  selbst  «Ich»  nennen. 
Niemals  kann  der  Name  «Ich»  von  aufien  an  mein  Ohr  dringen,  wenn  er  die  Bezeichnung 
fur  mich  ist.  Nur  von  innen  heraus,  nur  durch  sich  selbst  kann  die  Seele  sich  als  «Ich» 
bezeichnen.  Indem  der  Mensch  also  zu  sich  «Ich»  sagt,  beginnt  in  ihm  etwas  zu  sprechen, 
was  mit  keiner  der  Welten  etwas  zu  tun  hat,  aus  denen  die  bisher  genannten  «Hullen» 
entnommen  sind.  Das  «Ich»  wird  immer  mehr  Herrscher  iiber  Leib  und  Seele.  -  Auch  das 
kommt  in  der  Aura  zum  Ausdrucke.  Je  mehr  das  Ich  Herrscher  ist  iiber  Leib  und  Seele, 
desto  gegliederter,  mannigfaltiger,  farbenreicher  ist  die  Aura.  Die  Wirkung  des  Ich  auf 
die  Aura  kann  der  «Sehende»  schauen.  Das  «Ich»  selbst  ist  auch  ihm  unsichtbar:  dieses 
ist  wirklich  indem  «verhangenen  Allerheiligsten  des  Menschen».  -  Aber  das  Ich  nimmt  in 
sich  die  Strahlen  des  Lichtes  auf,  das  als  ewiges  Licht  in  dem  Menschen  aufleuchtet.  Wie 
dieser  die  Erlebnisse  des  Leibes  und  der  Seele  in  dem  «Ich»  zusammenfafit,  so  lafit  er 
auch  die  Gedanken  der  Wahrheit  und  Giite  in  das  «Ich»  einfliefien.  Die 
Sinneserscheinungen  offenbarten  sich  dem  «Ich»  von  der  einen,  der  Geist  von  der  andern 
Seite.  Leib  und  Seele  geben  sich  dem  «Ich»  hin,  um  ihm  zu  dienen;  das  «Ich»  aber  gibt 
sich  dem  Geiste  hin,  dafi  er  es  erfulle.  Das  «Ich»  lebt  in  Leib  und  Seele;  der  Geist  aber 


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lebt  im  «Ich».  Und  was  vom  Geiste  im  Ich  ist,  das  ist  ewig.  Denn  das  Ich  erhalt  Wesen 
und  Bedeutung  von  dem,  womit  es  verbunden  ist.  Insofern  es  im  physischen  Korper  lebt, 
ist  es  den  mineralischen  Gesetzen,  durch  den  Atherleib  ist  es  den  Gesetzen  der 
Fortpflanzung  und  des  Wachstums,  vermoge  der  Empfindungs-  und  Verstandesseele  den 
Gesetzen  [51]  der  seelischen  Welt  unterworfen;  insofern  es  das  Geistige  in  sich 
aufnimmt,  ist  es  den  Gesetzen  des  Geistes  unterworfen.  Was  die  mineralischen,  was  die 
Lebensgesetze  bilden,  entsteht  und  vergeht;  der  Geist  aber  hat  mit  Entstehung  und 
Untergang  nichts  zu  tun. 

*  *  * 

Das  Ich  lebt  in  der  Seele.  Wenn  auch  die  hochste  Aufierung  des  «Ich»  der 
Bewufitseinsseele  angehort,  so  muB  man  doch  sagen,  dafi  dieses  «Ich»  von  da 
ausstrahlend  die  ganze  Seele  erfullt  und  durch  die  Seele  seine  Wirkung  auf  den  Leib 
aufiert.  Und  in  dem  Ich  ist  der  Geist  lebendig.  Es  strahlt  der  Geist  in  das  Ich  und  lebt  in 
ihm  als  in  seiner  «Hulle»,  wie  das  Ich  in  Leib  und  Seele  als  seinen  «Hiillen»  lebt.  Der 
Geist  bildet  das  Ich  von  innen  nach  aufien,  die  mineralische  Welt  von  aufien  nach  innen. 
Der  ein  «Ich»  bildende  und  als  «Ich»  lebende  Geist  sei  «Geistselbst»  genannt,  weil  er  als 
«Ich»  oder  «Selbst»  des  Menschen  erscheint.  Den  Unterschied  zwischen  dem 
«Geistselbst»  und  der  «Bewufitseinsseele»  kann  man  sich  in  folgender  Art  klarmachen. 
Die  Bewufitseinsseele  berilhrt  die  von  jeder  Antipathie  und  Sympathie  unabhangige, 
durch  sich  selbst  bestehende  Wahrheit;  das  Geistselbst  tragt  in  sich  dieselbe  Wahrheit, 
aber  aufgenommen  und  umschlossen  durch  das  «Ich»;  durch  das  letztere  individualisiert 
und  in  die  selbstandige  Wesenheit  des  Menschen  iibernommen.  Dadurch,  dafi  die  ewige 
Wahrheit  so  verselbstandigt  und  mit  dem  «Ich»  zu  einer  Wesenheit  verbunden  wird, 
erlangt  das  «Ich»  selbst  die  Ewigkeit. 

Das  Geistselbst  ist  eine  Offenbarung  der  geistigen  Welt  [52]  innerhalb  des  Ich,  wie  von 
der  andern  Seite  her  die  Sinnesempfindung  eine  Offenbarung  der  physischen  Welt 
innerhalb  des  Ich  ist.  In  dem,  was  rot,  griin,  hell,  dunkel,  hart,  weich,  warm,  kalt  ist, 
erkennt  man  die  Offenbarungen  der  korperlichen  Welt;  in  dein,  was  wahr  und  gut  ist,  die 
Offenbarungen  der  geistigen  Welt.  In  dem  gleichen  Sinne,  wie  die  Offenbarung  des 


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Korperlichen  Empfindung  heifit,  sei  die  Offenbarung  des  Geistigen  Intuition  genannt.  Der 
einfachste  Gedanke  enthalt  schon  Intuition,  denn  man  kann  ihn  nicht  mit  Handen  tasten, 
nicht  mit  Augen  sehen:  man  muB  seine  Offenbarung  aus  dem  Geiste  durch  das  Ich 
empfangen.  -  Wenn  ein  unentwickelter  und  ein  entwickelter  Mensch  eine  Pflanze 
ansehen,  so  lebt  in  dem  Ich  des  einen  etwas  ganz  anderes  als  in  dem  des  zweiten.  Und 
doch  sind  die  Empfindungen  beider  durch  denselben  Gegenstand  hervorgerufen.  Die 
Verschiedenheit  liegt  darin,  dafi  der  eine  sich  weit  vollkommenere  Gedanken  iiber  den 
Gegenstand  machen  kann  als  der  andere.  Offenbarten  die  Gegenstande  sich  allein  durch 
die  Empfindung,  dann  konnte  es  keinen  Fortschritt  in  der  geistigen  Entwickelung  geben. 
Die  Natur  empfindet  auch  der  Wilde;  die  Naturgesetze  offenbaren  sich  erst  den  von  der 
Intuition  befruchteten  Gedanken  des  hoher  entwickelten  Menschen.  Die  Reize  der 
Auflenwelt  empfindet  auch  das  Kind  als  Antrieb  des  Willens,  die  Gebote  des  sittlich 
Guten  gehen  ihm  aber  nur  im  Laufe  der  Entwickelung  auf,  indem  es  im  Geiste  leben  und 
dessen  Offenbarung  verstehen  lernt. 

Wie  ohne  das  Auge  keine  Farbenempfindungen  da  waren,  so  ohne  das  hohere  Denken 
des  Geistselbst  keine  Intuitionen.  Und  sowenig  die  Empfindung  die  Pflanze  schafft,  an 
der  die  Farbe  erscheint,  sowenig  schafft  die  Intuition  [53]  das  Geistige,  von  welchem  sie 
vielmehr  nur  Kunde  gibt. 

Durch  die  Intuitionen  holt  sich  das  Ich  des  Menschen,  das  in  der  Seele  auflebt,  die 
Botschaften  von  oben,  von  der  Geisteswelt,  wie  es  sich  durch  die  Empfindungen  die 
Botschaften  aus  der  physischen  Welt  holt.  Und  dadurch  macht  die  Geisteswelt  ebenso 
zum  Eigenleben  seiner  Seele  wie  vermittels  der  Sinne  die  physische  Welt.  Die  Seele,  der 
das  in  ihr  aufleuchtende  Ich,  offnet  nach  Zwei  Seiten  in  seine  Tore:  nach  der  Seite  des 
Korperlichen  und  nach  derjenigen  des  Geistigen. 

Wie  nun  die  physische  Welt  dem  Ich  nur  dadurch  von  Ich  Kunde  geben  kann,  dafi  sie  aus 
ihren  Stoffen  und  Kraften  einen  Korper  aufbaut,  in  dem  die  bewufite  Seele  leben  kann 
und  innerhalb  dessen  diese  Organe  besitzt,  um  das  Korperliche  aufier  sich 
wahrzunehmen,  so  baut  auch  die  geistige  Welt  mit  ihren  Geistesstoffen  und  ihren 
Geisteskraften  einen  Geistkorper  auf,  in  dem  das  Ich  leben  und  durch  Intuitionen  das 


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Geistige  wahrnehmen  kann.  (Es  ist  einleuchtend,  dafi  die  Ausdriicke  Geiststoff, 
Geistkorper  dem  Wortsinne  nach  einen  Widerspruch  enthalten.  Sie  sollen  nur  gebraucht 
werden,  um  den  Gedanken  auf  dasjenige  hinzulenken,  was  im  Geistigen  dem  physischen 
Leibe  des  Menschen  entspricht.) 

Und  ebenso  wie  innerhalb  der  physischen  Welt  der  einzelne  menschliche  Korper  als  eine 
abgesonderte  Wesenheit  aufgebaut  wird,  so  innerhalb  der  Geisteswelt  der  Geistkorper.  Es 
gibt  in  der  Geisteswelt  fur  den  Menschen  ebenso  ein  innen  und  Aufien  wie  in  der 
physischen  Welt.  Wie  der  Mensch  aus  der  physischen  Umwelt  die  Stoffe  aufnimmt  und 
sie  in  seinem  physischen  Leib  verarbeitet,  [54]  so  nimmt  er  aus  der  geistigen  Umwelt  das 
Geistige  auf  und  macht  es  zu  dem  Seinigen.  Das  Geistige  ist  die  ewige  Nahrung  des 
Menschen.  Und  wie  der  Mensch  aus  der  physischen  Welt  geboren  ist,  so  wird  er  aus  dem 
Geiste  durch  die  ewigen  Gesetze  des  Wahren  und  Guten  geboren.  Er  ist  von  der  aufier 
ihm  befindlichen  Geisteswelt  abgetrennt,  wie  er  von  der  gesamten  physischen  Welt  als 
ein  selbstandiges  Wesen  abgetrennt  ist.  Diese  selbstandige  geistige  Wesenheit  sei 
«Geistmensch»  genannt. 

Wenn  wir  den  physischen  Menschenkorper  untersuchen,  finden  wir  in  ihm  dieselben 
Stoffe  und  Krafte,  die  aufierhalb  desselben  in  der  iibrigen  physischen  Welt  vorhanden 
sind.  So  ist  es  auch  mit  dem  Geistmenschen.  In  ihm  pulsieren  die  Elemente  der  aufieren 
Geisteswelt,  in  ihm  sind  die  Krafte  der  iibrigen  Geisteswelt  tatig.  Wie  in  der  physischen 
Haut  ein  Wesen  in  sich  abgeschlossen  wird,  das  lebend  und  empfindend  ist,  so  auch  in 
der  Geisteswelt.  Die  geistige  Haut,  die  den  Geistmenschen  von  der  einheitlichen 
Geisteswelt  abschliefit,  ihn  innerhalb  derselben  zu  einem  selbstandigen  Geisteswesen 
macht,  das  in  sich  lebt  und  intuitiv  den  Geistesinhalt  der  Welt  wahrnimmt,  diese  «geistige 
Haut»  sei  Geisteshillle  (aurische  Hiille)  genannt.  Nur  muB  festgehalten  werden,  dafi  diese 
«geistige  Haut»  sich  fortdauernd  mit  der  fortschreitenden  menschlichen  Entwickelung 
ausdehnt,  so  dafi  die  geistige  Individualist  des  Menschen  (seine  aurische  Hiille)  einer 
unbegrenzten  Vergrofierung  fahig  ist. 

Innerhalb  dieser  Geisteshulle  lebt  der  Geistesmensch.  Dieser  wird  durch  die  geistige 
Lebenskraft  in  demselben  Sinne  auferbaut,  wie  der  physische  Leib  durch  die  physische 


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Lebenskraft.  In  ahnlicher  Weise,  wie  man  von  [55]  einem  Atherleib  spricht,  muB  man 
daher  von  einem  Athergeist  in  bezug  auf  den  Geistesmenschen  sprechen.  Dieser 
Athergeist  sei  Lebensgeist  genannt  In  drei  Teile  gliedert  sich  also  die  geistige  Wesenheit 
des  Menschen:  in  den  Geistmenschen,  den  Lebensgeist  und  das  Geistselbst. 

Fur  den  in  den  geistigen  Gebieten  «Sehenden»  ist  diese  geistige  Wesenheit  des  Menschen 
als  der  hohere  eigentliche  geistige  -  Teil  der  Aura  eine  wahrnehmbare  Wirklichkeit.  Er 
«schaut»  innerhalb  der  Geisteshiille  den  Geistesmenschen  als  Lebensgeist;  und  «er 
schaut»,  wie  sich  dieser  «Lebensgeist»  fortwahrend  durch  Aufnahme  von  Geistesnahrung 
aus  der  geistigen  Aufienwelt  vergrofiert.  Und  ferner  sieht  er,  wie  durch  diese  Aufnahme 
sich  die  Geisteshiille  fortdauernd  weitet,  wie  der  Geistmensch  immer  grofier  und  grofier 
wird.  Insofern  dieses  «Gr6fierwerden»  raumlich  «geschaut»  wird»  ist  es 
selbstverstandlich  nur  ein  Bild  der  Wirklichkeit.  Dessenungeachtet  ist  in  der  Vorstellung 
dieses  Bildes  die  Menschenseele  auf  die  entsprechende  geistige  Wirklichkeit  hin 
gerichtet.  Es  ist  der  Unterschied  der  geistigen  Wesenheit  des  Menschen  von  seiner 
physischen,  dafi  die  letztere  eine  begrenzte  Grofie  hat,  wahrend  die  erstere  unbegrenzt 
wachsen  kann.  Was  an  geistiger  Nahrung  aufgenommen  wird,  hat  ja  einen  Ewigkeitswert. 
Aus  zwei  sich  durchdringenden  Teilen  setzt  sich  deshalb  die  menschliche  Aura 
zusammen.  Dem  einen  gibt  Farbung  und  Form  das  physische  Dasein  des  Menschen,  dem 
andern  sein  geistiges. 

Das  Ich  gibt  die  Trennung  zwischen  beiden,  in  der  Art,  dafi  sich  das  Physische  in  seiner 
Eigenart  hingibt  und  einen  Leib  aufbaut,  der  eine  Seele  in  sich  aufleben  lafit;  und  das  Ich 
gibt  sich  wieder  hin  und  lafit  in  sich  den  Geist  56  aufleben,  der  nun  seinerseits  die  Seele 
durchdringt  und  ihr  das  Ziel  gibt  in  der  Geisteswelt.  Durch  den  Leib  ist  die  Seele 
eingeschlossen  im  Physischen,  durch  den  Geistesmenschen  wachsen  ihr  die  Fliigel  zur 
Bewegung  in  der  geistigen  Welt. 

*  *  * 

Will  man  den  ganzen  Menschen  erfassen,  so  muB  man  ihn  aus  den  genannten 
Bestandteilen  zusammengesetzt  denken.  Der  Leib  baut  sich  aus  der  physischen  Stoffwelt 
auf,  so  dafi  dieser  Bau  auf  das  denkende  Ich  hingeordnet  ist  Er  ist  von  Lebenskraft 


33 


durchdrungen  und  wird  dadurch  zum  Atherleib  oder  Lebensleib.  Als  solcher  schliefit  er 
sich  in  den  Sinnesorganen  nach  aufien  auf  und  wird  zum  Seelenleib.  Diesen  durchdringt 
die  Empfindungsseele  und  wird  eine  Einheit  mit  ihm.  Die  Empfindungsseele  empfangt 
nicht  blofi  die  Eindriicke  der  Aufienwelt  als  Empfindungen;  sie  hat  ihr  eigenes  Leben,  das 
sich  durch  das  Denken  auf  der  andern  Seite  ebenso  befruchtet  wie  durch  die 
Empfindungen  auf  der  einen.  So  wird  sie  zur  Verstandesseele.  Sie  kann  das  dadurch,  daB 
sie  sich  nach  oben  hin  den  Intuitionen  erschliefit  wie  nach  unten  hin  den  Empfindungen. 
Dadurch  ist  sie  Bewufitseinsseele.  Das  ist  ihr  deshalb  moglich,  weil  ihr  die  Geisteswelt 
das  Intuitionsorgan  hineinbildet,  wie  ihr  der  physische  Leib  die  Sinnesorgane  bildet.  Wie 
die  Sinne  durch  den  Seelenleib  die  Empfindungen,  so  vermittelt  ihr  der  Geist  durch  das 
Intuitionsorgan  die  Intuitionen.  Der  Geistmensch  ist  dadurch  mit  der  Bewufitseinsseele  in 
einer  Einheit  verbunden  wie  der  physische  Korper  mit  der  Empfindungsseele  im 
Seelenleib.  Bewufitseinsseele  und  Geistselbst  bilden  [57]  eine  Einheit.  In  dieser  Einheit 
lebt  der  Geistesmensch  als  Lebensgeist,  wie  der  Atherleib  fur  den  Seelenleib  die  leibliche 
Lebensgrundlage  bildet.  Und  wie  der  physische  Korper  in  der  physischen  Haut  sich 
abschliefit,  so  der  Geistmensch  in  der  Geisteshiille.  Es  ergibt  sich  die  Gliederung  des 
ganzen  Menschen  in  folgender  Art: 

A.  Physischer  Korper 

B.  Atherleib  oder  Lebensleib 

C.  Seelenleib 

D.  Empfindungsseele 

E.  Verstandesseele 

F.  Bewufitseinsseele 

G.  Geistselbst 

H.  Lebensgeist 


34 


I.  Geistesmensch. 


Seelenleib  (C)  und  Empfindungsseele  (D)  sind  eine  Einheit  im  irdischen  Menschen; 
ebenso  Bewufitseinsseele  (F)  und  Geistselbst  (G).  -  Dadurch  ergeben  sich  sieben  Teile 
des  irdischen  Menschen: 


1 .  Der  physische  Korper 

2.  Der  Ather-  oder  Lebensleib 

3.  Der  empfindende  Seelenleib 

4.  Die  Verstandesseele 

5.  Die  geisterfullte  Bewufitseinsseele 

6.  Der  Lebensgeist 

7.  Der  Geistesmensch. 


In  der  Seele  blitzt  das  «Ich»  auf,  empfangt  aus  dem  Geiste  den  Einschlag  und  wird 
dadurch  zum  Trager  des  [58]  Geistmenschen.  Dadurch  nimmt  der  Mensch  an  den  «drei 
Welten»  (der  physischen,  seelischen  und  geistigen)  teil.  Er  wurzelt  durch  physischen 
Korper,  Atherleib  und  Seelenleib  in  der  physischen  Welt  und  bliiht  durch  das  Geistselbst, 
den  Lebensgeist  und  Geistesmenschen  in  die  geistige  Welt  hinauf.  Der  Stamm  aber,  der 
nach  der  einen  Seite  wurzelt,  nach  der  andern  bliiht,  das  ist  die  Seele  selbst. 

Man  kann,  durchaus  im  Einklange  mit  dieser  Gliederung  des  Menschen,  eine 
vereinfachte  Form  derselben  geben.  Obwohl  das  menschliche  «Ich»  in  der 
Bewufitseinsseele  aufleuchtet,  so  durchdringt  es  doch  das  ganze  seelische  Wesen.  Die 


35 


Teile  dieses  seelischen  Wesens  sind  iiberhaupt  nicht  so  scharf  gesondert  wie  die 
Leibesglieder;  sie  durchdringen  sich  in  einem  hoheren  Sinne.  Fafit  man  dann 
Verstandesseele  und  Bewufitseinsseele  als  die  zwei  zusammengehorigen  Hiillen  des  Ich 
und  dieses  als  den  Kern  derselben  ins  Auge,  dann  kann  man  den  Menschen  gliedern  in: 
physischen  Leib,  Lebensleib,  Astralleib  und  Ich.  Mit  dem  Ausdruck  Astralleib  wird  dabei 
hier  das  bezeichnet,  was  Seelenleib  und  Empfindungsseele  zusammen  sind.  Der 
Ausdruck  findet  sich  in  der  alteren  Literatur  und  sei  hier  frei  angewendet  auf  dasjenige  in 
der  menschlichen  Wesenheit,  was  iiber  das  Sinnlich-Wahrnehmbare  hinausliegt. 
Trotzdem  die  Empfindungsseele  in  gewisser  Beziehung  auch  von  dem  Ich  durchkraftet 
wird,  hangt  sie  mit  dem  Seelenleib  so  eng  zusammen,  dafi  fur  beide,  vereinigt  gedacht, 
ein  einziger  Ausdruck  berechtigt  ist.  Wenn  nun  das  Ich  sich  mit  dem  Geistselbst 
durchdringt,  so  tritt  dieses  Geistselbst  so  auf,  dafi  der  Astralleib  von  dem  Seelischen  aus 
umgearbeitet  wird.  In  dem  Astralleib  [59]  wirken  zunachst  des  Menschen  Triebe, 
Begierden,  Leidenschaften,  insofern  diese  empfunden  werden;  und  es  wirken  in  ihm  die 
sinnlichen  Wahrnehmungen.  Die  sinnlichen  Wahrnehmungen  entstehen  durch  den 
Seelenleib  als  ein  Glied  im  Menschen,  das  ihm  von  der  aufieren  Welt  zukommt.  Die 
Triebe,  Begierden,  Leidenschaften  und  so  weiter  entstehen  in  der  Empfindungsseele, 
insofern  diese  vom  Innern  durchkraftet  wird,  bevor  dieses  Innere  sich  dem  Geistselbst 
hingegeben  hat.  Durchdringt  sich  das  «Ich»  mit  dem  Geistselbst,  so  durchkraftet  die 
Seele  den  Astralleib  wieder  mit  diesem  Geistselbst  Es  driickt  sich  dies  so  aus,  dafi  dann 
die  Triebe,  Begierden  und  Leidenschaften  durchleuchtet  sind  von  dem,  was  das  Ich  aus 
dem  Geiste  empfangen  hat.  Das  Ich  ist  dann  vermoge  seines  Anteiles  an  der  geistigen 
Welt  Herr  geworden  in  der  Welt  der  Triebe,  Begierden  und  so  weiter.  In  dem  Mafie,  als 
es  dies  geworden  ist,  erscheint  das  Geistselbst  im  Astralleib.  Und  dieser  selbst  wird 
dadurch  verwandelt.  Der  Astralleib  erscheint  dann  selbst  als  zweigliedrige  Wesenheit,  als 
zum  Teil  unverwandelt,  zum  Teil  verwandelt.  Daher  kann  man  das  Geistselbst  in  seiner 
Offenbarung  am  Menschen  AK  den  verwandelten  Astralleib  bezeichnen.  Ein  ahnliches 
geht  in  dem  Menschen  vor,  wenn  er  in  sein  Ich  den  Lebensgeist  aufnimmt.  Dann 
verwandelt  sich  der  Lebensleib.  Er  wird  durchdrungen  von  dem  Lebensgeist.  Dieser 
offenbart  sich  in  der  Art,  dafi  der  Lebensleib  ein  anderer  wird.  Daher  kann  man  auch 
sagen,  dafi  der  Lebensgeist  der  verwandelte  Lebensleib  ist.  Und  nimmt  das  Ich  den 


36 


Geistesmenschen  in  sich  auf,  so  erhalt  es  dadurch  die  starke  Kraft,  den  physischen  Leib 
damit  zu  durchdringen.  Es  ist  natiirlich,  dafi  dasjenige,  was  so  [60]  von  dem  physischen 
Leibe  verwandelt  ist,  nicht  mit  der  physischen  Sinnen  wahrzunehmen  ist.  Es  ist  ja  gerade 
das  am  physischen  Leib  Geistesmensch  geworden,  was  vergeistigt  ist.  Es  ist  dann  fur  die 
sinnliche  Wahrnehmung  als  Sinnliches  vorhanden;  und  insofern  dieses  Sinnliche 
vergeistigt  ist,  muB  es  vom  geistigen  Erkenntnisvermogen  wahrgenornmen  werden.  Den 
aufleren  Sinnen  erscheint  eben  auch  das  vom  Geistigen  durchdrungene  Physische  nur 
sinnlich.  Mit  Zugrundelegung  von  alledem  kann  man  auch  folgende  Gliederung  des 
Menschen  geben: 

1 .  Physischer  Leib 

2.  Lebensleib 

3.  Astralleib 

4.  Ich  als  Seelenkern 

5.  Geistselbst  als  verwandelter  Astralleib 

6.  Lebensgeist  als  verwandelter  Lebensleib 

7.  Geistesmensch  als  verwandelter  physischer  Leib. 

Anmerkungen: 

(1)  Der  Verfasser  dieses  Buches  hat  lange  Zeit  nach  Abfassung  desselben  (vgl.  Zeitschrift  «Das  Reich», 
viertes  Buch  des  ersten  Jahrgangs  [Januar  19171)  dasjenige.  Was  hier  Ather-  oder  Lebensleib  genannt  wird, 
auch  «Bilde-Krafte-Leib»  genannt.  Zu  dieser  Namengebung  fiihlte  er  sich  veranlaBt,  weil  er  glaubt,  daB 
man  nicht  genug  tun  kann,  um  dem  MiBverstandnis  vorzubeugen,  das  hier  mit  Atherleib  Gemeinte  zu 
verwechseln  mit  der  «Lebenskraft»  der  alteren  Naturwissenschaft.  Wo  es  sich  um  Abweisung  dieser  alteren 
Vorstellung  einer  Lebenskraft  im  Sinne  der  modernen  Naturwissenschaft  handelt,  steht  der  Verfasser  in 


37 


einem  gewissen  Sinne  auf  dem  Standpunkt  der  Gegner  einer  solchen  Kraft.  Denn  mit  dieser  wollte  man  die 
besondere  Wirkungsweise  der  unorganischen  Krafte  im  Organismus  erklaren.  Aber  was  im  Organismus 
unorganisch  wirkt,  das  wirkt  da  nicht  anders  als  in  dem  Bereich  der  unorganischen  Welt.  Die  Gesetze  der 
unorganischen  Natur  sind  im  Organismus  keine  anderen  als  im  Kristall  usw.  Aber  im  Organismus  liegt 
eben  etwas  vor,  was  nicht  unorganisch  ist:  das  bildende  Leben.  Diesem  liegt  der  Ather-  oder  Bilde-Krafte- 
Leib  zugrunde.  Durch  seine  Annahme  wird  die  berechtigte  Aufgabe  der  Naturforschung  nicht  gestort: 
dasjenige,  was  sie  iiber  Kraftewirksamkeiten  in  der  unorganischen  Natur  beobachtet,  auch  in  die 
Organismenwelt  hinein  zu  verfolgen.  Und  es  abzulehnen,  diese  Wirksamkeit  innerhalb  des  Organismus 
durch  eine  besondere  Lebenskraft  abgeandert  zu  denken,  das  sieht  auch  eine  wahre  Geisteswissenschaft  als 
berechtigt  an.  Der  Geistesforscher  spricht  vom  Atherleib  insofern,  als  im  Organismus  sich  noch  anderes 
offenbart  als  im  Leblosen.  -  Trotz  alledem  findet  sich  der  Verfasser  dieses  Buches  nicht  veranlaBt,  hier  den 
Namen  «Atherleib»  durch  den  anderen  «Bilde-Krafte-Leib»  zu  ersetzen,  da  innerhalb  des  ganzen 
Zusammenhanges,  der  hier  sich  findet,  fiir  jeden,  der  sehen  will,  ein  MiBverstandnis  ausgeschlossen  ist.  Ein 
solches  kann  nur  eintreten,  wenn  man  den  Namen  in  einer  Ausfuhrung  gebraucht,  die  diesen 
Zusammenhang  nicht  zeigen  kann.  (Man  vergleiche  damit  auch  das  am  Schlusse  dieses  Buches  unter 
«Einzelne  Bemerkungen  und  Erganzungen»  Gesagte.) 


38 


Wiederverkorperung  des  Geistes  und  Schicksal 

[61]  In  der  Mitte  zwischen  Leib  und  Geist  lebt  die  Seele.  Die  Eindriicke,  die  ihr  durch 
den  Leib  zukommen,  sind  voriibergehend.  Sie  sind  nur  so  lange  vorhanden,  als  der  Leib 
seine  Organe  den  Dingen  der  Aufienwelt  offnet.  Mein  Auge  empfindet  die  Farbe  an  der 
Rose  nur  so  lange,  als  die  Rose  ihm  gegeniibersteht  und  es  selbst  geoffnet  ist.  Die 
Gegenwart  sowohl  des  Dinges  in  der  Aufienwelt  wie  auch  diejenige  des  leiblichen 
Organs  sind  notwendig,  damit  ein  Eindruck,  eine  Empfindung  oder  Wahrnehmung 
zustande  kommen  konnen.  Was  ich  aber  im  Geiste  als  Wahrheit  fiber  die  Rose  erkannt 
habe,  das  geht  mit  der  Gegenwart  nicht  voriiber.  Und  es  ist  in  seiner  Wahrheit  auch  ganz 
und  gar  nicht  von  mir  abhangig.  Es  ware  wahr,  auch  wenn  ich  niemals  der  Rose 
gegeniibergetreten  ware.  Was  ich  durch  den  Geist  erkenne,  ist  in  einem  Elemente  des 
Seelenlebens  gegriindet,  durch  das  die  Seele  mit  einem  Weltinhalt  zusammenhangt,  der 
in  ihr  sich  unabhangig  von  ihren  verganglichen  Leibesgrundlagen  offenbart.  Es  kommt 
nicht  darauf  an,  ob  das  sich  Offenbarende  selbst  iiberall  ein  Unvergangliches  ist,  sondern 
darauf,  ob  die  Offenbarung  fur  die  Seele  so  geschieht,  dafi  dabei  nicht  ihre  vergangliche 
Leibesgrundlage  in  Betracht  kommt,  sondern  dasjenige,  was  in  ihr  von  diesem 
Verganglichen  unabhangig  ist.  Das  Dauernde  in  der  Seele  ist  in  dem  Augenblicke  in  die 
Beobachtung  gestellt,  in  dem  man  gewahr  wird,  dafi  Erlebnisse  da  sind,  die  nicht  durch 
ihr  Vergangliches  begrenzt  sind.  Auch  darum  handelt  es  sich  nicht,  ob  diese  Erlebnisse 
zunachst  durch  vergangliche  [62]  Verrichtungen  der  Leibesorganisation  bewufit  werden, 
sondern  darum,  dafi  sie  etwas  enthalten,  was  zwar  in  der  Seele  lebt,  aber  doch  in  seiner 
Wahrheit  unabhangig  ist  von  dein  verganglichen  Vorgange  der  Wahrnehmung.  Zwischen 
Gegenwart  und  Dauer  ist  die  Seele  gestellt,  in  dem  sie  die  Mitte  halt  zwischen  Leib  und 
Geist.  Aber  sie  vermittelt  auch  Gegenwart  und  Dauer.  Sie  bewahrt  das  Gegenwartige  fur 
die  Erinnerung.  Dadurch  entreifit  sie  es  der  Verganglichkeit  und  nimmt  es  in  die  Dauer 
ihres  Geistigen.  Auf.  Auch  pragt  sie  das  Dauernde  dem  Zeitlichverganglichen  ein,  indem 
sie  in  ihrem  Leben  sich  nicht  nur  den  vorubergehenden  Reizen  hingibt,  sondern  von  sich 
aus  die  Dinge  bestimmt,  ihnen  ihr  Wesen  in  den  Handlungen  einverleibt,  die  sie 


39 


verrichtet.  Durch  die  Erinnerung  bewahrt  die  Seele  das  Gestern;  durch  die  Handlung 
bereitet  sie  das  Morgen  vor. 

Meine  Seele  miifite  das  Rot  der  Rose  immer  von  neuem  wahrnehmen,  um  es  im 
Bewufitsein  zu  haben,  wenn  sie  es  nicht  durch  die  Erinnerung  behalten  konnte.  Das,  was 
nach  dem  aufieren  Eindruck  zuriickbleibt,  was  von  der  Seele  behalten  werden  kann,  kann 
unabhangig  von  dem  aufieren  Eindrucke  wieder  Vorstellung  werden.  Durch  diese  Gabe 
macht  die  Seele  die  Aufienwelt  so  zu  ihrer  eigenen  Innenwelt,  dafi  sie  diese  dann  durch 
das  Geddchtnis  -  fur  die  Erinnerung  -  behalten  und  unabhangig  von  den  gewonnenen 
Eindriicken  mit  ihr  weiter  ein  eigenes  Leben  fTihren  kann.  Das  Seelenleben  wird  so  zur 
dauernden  Wirkung  der  verganglichen  Eindrucke  der  Aufienwelt. 

Aber  auch  die  Handlung  erhalt  Dauer,  wenn  sie  einmal  der  Aufienwelt  aufgepragt  ist 
Schneide  ich  einen  Zweig  von  einem  Baume,  so  ist  durch  meine  Seele  etwas  [63] 
geschehen,  was  den  Lauf  der  Ereignisse  in  der  Aufienwelt  vollkommen  andert.  Es  ware 
mit  dem  Zweige  an  dem  Baume  etwas  ganz  anderes  geschehen,  wenn  ich  nicht  handelnd 
eingegriffen  hatte.  Ich  habe  eine  Reihe  von  Wirkungen  ins  Leben  gerufen,  die  ohne  mein 
Dasein  nicht  vorhanden  gewesen  waren.  Was  ich  heute  getan  habe,  bleibt  fur  morgen 
bestehen.  Es  wird  dauernd  durch  die  Tat,  wie  meine  Eindrucke  von  gestern  fur  meine 
Seele  dauernd  geworden  sind  durch  das  Gedachtnis. 

Fur  dieses  Dauerndwerden  durch  die  Tat  bildet  man  im  gewohnlichen  Bewufitsein  nicht 
in  der  gleichen  Art  eine  Vorstellung  aus,  wie  diejenige  ist,  die  man  fur  «Gedachtnis»  hat, 
fur  das  Dauerndwerden  eines  Erlebnisses,  das  auf  Grund  einer  Wahrnehmung  erfolgt. 
Aber  wird  nicht  das  «Ich»  des  Menschen  mit  der  in  der  Welt  erfolgten  Veranderung 
durch  seine  Tat  ebenso  verbunden  wie  mit  der  aus  einem  Eindruck  erfolgenden 
Erinnerung?  Das  «Ich»  urteilt  iiber  neue  Eindrucke  anders,  je  nachdem  es  die  eine  oder 
die  andere  Erinnerung  hat  oder  nicht.  Aber  es  ist  auch  als  «Ich»  in  eine  andere 
Verbindung  zur  Welt  getreten,  je  nachdem  es  die  eine  oder  die  andere  Tat  verrichtet  hat 
oder  nicht.  Ob  ich  auf  einen  andern  Menschen  einen  Eindruck  gemacht  habe  durch  eine 
Tat  oder  nicht,  davon  hangt  es  ab,  ob  etwas  in  dem  Verhaltnisse  der  Welt  zu  meinem 
«Ich»  vorhanden  ist  oder  nicht.  Ich  bin  in  meinem  Verhaltnis  zur  Welt  ein  anderer, 


40 


nachdem  ich  auf  meine  Umgebung  einen  Eindruck  gemacht  habe.  Dafi  man,  was  hier 
gemeint  ist,  nicht  so  bemerkt  wie  die  Veranderung  des  «Ich»  durch  Erwerb  einer 
Erinnerung,  das  riihrt  allein  davon  her,  dafi  die  Erinnerung  sich  sogleich  bei  ihrer  Bildung 
verbindet  mit  dem  Seelenleben,  [64]  das  man  schon  immer  als  das  Seinige  empfunden 
hat;  die  aufiere  Wirkung  der  Tat  aber  verlauft,  losgelost  von  diesem  Seelenleben,  in 
Folgen,  die  noch  etwas  anderes  sind,  als  was  man  davon  in  der  Erinnerung  behalt.  Dessen 
ungeachtet  aber  sollte  man  zugeben,  dafi,  nach  einer  vollbrachten  Tat,  etwas  in  der  Welt 
ist,  dem  sein  Charakter  durch  das  «Ich»  aufgepragt  ist.  Man  wird,  wenn  man  das  hier  in 
Betracht  Kommende  wirklich  durchdenkt,  zu  der  Frage  kommen:  Konnte  es  nicht  sein, 
dafi  die  Folgen  einer  vollbrachten  Tat,  denen  ihr  Wesen  durch  das  «Ich»  aufgepragt  ist, 
eine  Tendenz  erhalten,  zu  dem  Ich  wieder  hinzuzutreten,  wie  ein  im  Gedachtnis 
bewahrter  Eindruck  wieder  auflebt,  wenn  sich  dazu  eine  aufiere  Veranlassung  ergibt?  Das 
im  Gedachtnis  Bewahrte  wartet  auf  eine  solche  Veranlassung.  Konnte  nicht  das  in  der 
Aufienwelt  mit  dem  Ich-Charakter  Bewahrte  ebenso  warten,  um  so  von  aufien  an  die 
Menschenseele  heranzutreten,  wie  die  Erinnerung  von  innen  an  diese  Seele  bei  gegebener 
Veranlassung  herantritt?  Hier  wird  diese  Sache  nur  als  Frage  hingestellt:  denn,  gewifi,  es 
konnte  sein,  dafi  sich  die  Veranlassung  niemals  ergabe,  dafi  die  mit  dem  Ich-Charakter 
behafteten  Folgen  einer  Tat  die  Menschenseele  treffen  konnten.  Aber  dafi  sie  als  solche 
vorhanden  sind  und  dafi  sie  in  ihrem  Vorhandensein  das  Verhaltnis  der  Welt  zu  dem  Ich 
bestimmen,  das  erscheint  sofort  als  eine  mogliche  Vorstellung,  wenn  man,  was  vorliegt, 
denkend  verfolgt.  Es  soil  in  den  nachfolgenden  Betrachtungen  untersucht  werden,  ob  es 
im  Menschenleben  etwas  gibt,  das  von  dieser  «moglichen»  Vorstellung  aus  auf  eine 
Wirklichkeit  deutet.  [65] 

*  *  * 

Es  sei  nun  erst  das  Gedachtnis  betrachtet.  Wie  kommt  es  zustande?  Offenbar  auf  ganz 
andere  Art  als  die  Empfindung  oder  Wahrnehmung.  Ohne  Auge  kann  ich  nicht  die 
Empfindung  des  «Blau»  haben.  Aber  durch  das  Auge  habe  ich  noch  keineswegs  die 
Erinnerung  an  das  «Blau».  Soil  mir  das  Auge  jetzt  diese  Empfindung  geben,  so  mufi  ihm 
ein  blaues  Ding  gegenubertreten.  Die  Leiblichkeit  wiirde  alle  Eindriicke  immer  wieder  in 
Nichts  zuriicksinken  lassen,  wenn  nicht,  indem  durch  den  Wahrnehmungsakt  die 


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gegenwdrtige  Vorstellung  sich  bildet,  zugleich  in  dem  Verhaltnisse  zwischen  Aufienwelt 
und  Seele  sich  etwas  abspielte,  was  in  dem  Menschen  eine  solche  Folge  hat,  dafi  er  spater 
durch  Vorgange  in  sich  wieder  eine  Vorstellung  von  dem  haben  kann,  was  friiher  eine 
Vorstellung  von  aufien  her  bewirkt  hat.  Wer  sich  Ubung  fur  seelisches  Beobachten 
erworben  hat,  wird  finden  konnen,  dafi  der  Ausdruck  ganz  schief  ist,  der  von  der 
Meinung  ausgeht:  man  habe  heute  eine  Vorstellung  und  morgen  trete  durch  das 
Gedachtnis  diese  Vorstellung  wieder  auf,  nachdem  sie  sich  inzwischen  irgendwo  im 
Menschen  aufgehalten  hat.  Nein,  die  Vorstellung,  die  ich  jetzt  habe,  ist  eine  Erscheinung, 
die  mit  dem  «jetzt»  vorubergeht.  Tritt  Erinnerung  ein,  so  findet  in  mir  ein  Vorgang  statt, 
der  die  Folge  von  etwas  ist,  das  aufier  dem  Hervorrufen  der  gegenwartigen  Vorstellung  in 
dem  Verhaltnis  zwischen  Aufienwelt  und  mir  stattgefunden  hat.  Die  durch  die  Erinnerung 
hervorgerufene  Vorstellung  ist  eine  neue  und  nicht  die  aufbewahrte  alte.  Erinnerung 
besteht  darin,  dafi  wieder  vorgestellt  werden  kann,  nicht,  dafi  eine  Vorstellung  wieder 
aufleben  kann.  Was  wieder  eintritt,  ist  etwas  anderes  als  die  Vorstellung  selbst.  (Diese 
Anmerkung  wird  hier  [66]  gemacht,  weil  auf  geisteswissenschaftlichem  Gebiete 
notwendig  ist,  dafi  man  sich  liber  gewisse  Dinge  genauere  Vorstellungen  macht  als  im 
gewohnlichen  Leben  und  sogar  auch  in  der  gewohnlichen  Wissenschaft.)  -  Ich  erinnere 
mich,  das  heifit:  ich  erlebe  etwas,  was  selbst  nicht  mehr  da  ist.  Ich  verbinde  ein 
vergangenes  Erlebnis  mit  meinem  gegenwartigen  Leben.  Es  ist  so  bei  jeder  Erinnerung. 
Man  nehme  an,  ich  treffe  einen  Menschen  und  erkenne  ihn  wieder,  weil  ich  ihn  gestern 
getroffen  habe.  Er  ware  fur  mich  ein  vollig  Unbekannter,  wenn  ich  nicht  das  Bild,  das  ich 
mir  gestern  durch  die  Wahrnehmung  gemacht  habe,  mit  meinem  heutigen  Eindruck  von 
ihm  verbinden  konnte.  Das  heutige  Bild  gibt  mir  die  Wahrnehmung,  das  heifit  meine 
Sinnesorganisation.  Wer  aber  zaubert  das  gestrige  in  meine  Seele  herein?  Es  ist  dasselbe 
Wesen  in  mir,  das  gestern  bei  meinem  Erlebnis  dabei  war  und  das  auch  bei  dem  heutigen 
dabei  ist  Seele  ist  es  in  den  vorhergehenden  Ausfuhrungen  genannt  worden.  Ohne  diese 
treue  Bewahrerin  des  Vergangenen  ware  jeder  aufiere  Eindruck  fur  den  Menschen  immer 
wieder  neu.  Gewifi  ist,  dafi  die  Seele  den  Vorgang,  durch  welchen  etwas  Erinnerung 
wird,  dem  Leibe  wie  durch  ein  Zeichen  einpragt;  doch  mufi  eben  die  Seele  diese 
Einpragung  machen  und  dann  ihre  eigene  Einpragung  wahrnehmen,  wie  sie  etwas 
Aufieres  wahrnimmt.  So  ist  sie  die  Bewahrerin  der  Erinnerung. 


42 


Als  Bewahrerin  des  Vergangenen  sammelt  die  Seele  fortwahrend  Schatze  fur  den  Geist 
auf.  Dafi  ich  das  richtige  von  dem  Unrichtigen  unterscheiden  kann,  das  hangt  davon  ah, 
dafi  ich  als  Mensch  ein  denkendes  Wesen  bin,  das  die  Wahrheit  im  Geiste  zu  ergreifen 
vermag.  Die  [67]  Wahrheit  ist  ewig;  und  sie  konnte  sich  mir  immer  wieder  an  den  Dingen 
offenbaren,  auch  wenn  ich  das  Vergangene  immer  wieder  aus  dem  Auge  verlore  und 
jeder  Eindruck  fur  mich  ein  neuer  ware.  Aber  der  Geist  in  mir  ist  nicht  allein  auf  die 
Eindriicke  der  Gegenwart  beschrankt;  die  Seele  erweitert  seinen  Gesichtskreis  iiber  die 
Vergangenheit  hin.  Und  je  mehr  sie  aus  der  Vergangenheit  zu  ihm  hinzuzufugen  vermag, 
desto  reicher  macht  sie  ihn.  So  gibt  die  Seele  an  den  Geist  weiter,  was  sie  vom  Leibe 
erhalten  hat.  -  Der  Geist  des  Menschen  tragt  dadurch  in  jedem  Augenblicke  seines 
Lebens  zweierlei  in  sich.  Erstens  die  ewigen  Gesetze  des  Wahren  und  Guten  und 
zweitens  die  Erinnerung  an  die  Erlebnisse  der  Vergangenheit.  Was  er  tut,  das  vollbringt 
er  unter  dem  Einflusse  dieser  beiden  Faktoren.  Wollen  wir  einen  Menschengeist 
verstehen,  so  miissen  wir  deshalb  auch  zweierlei  von  ihm  wissen:  erstens,  wieviel  von 
dem  Ewigen  sich  ihm  offenbart  hat,  und  zweitens,  wieviel  Schatze  aus  der  Vergangenheit 
in  ihm  liegen. 

Diese  Schatze  bleiben  dem  Geiste  keineswegs  in  unveranderter  Gestalt.  Die  Eindriicke, 
die  der  Mensch  aus  den  Erlebnissen  gewinnt,  schwinden  dem  Gedachtnisse  allmahlich 
dahin.  Nicht  aber  ihre  Friichte.  Man  erinnert  sich  nicht  aller  Erlebnisse,  die  man  in  der 
Kindheit  durchgemacht  hat,  wahrend  man  sich  die  Kunst  des  Lesens  und  des  Schreibens 
angeeignet  hat.  Aber  man  konnte  nicht  lesen  und  schreiben,  wenn  man  diese  Erlebnisse 
nicht  gehabt  hatte  und  ihre  Friichte  nicht  bewahrt  geblieben  waren  in  Form  von 
Fahigkeiten.  Und  das  ist  die  Umwandlung,  die  der  Geist  mit  den  Gedachtnisschatzen 
vornimmt.  Er  iiberlafit,  was  zu  Bildern  der  einzelnen  Erlebnisse  fuhren  [68]  kann,  seinem 
Schicksale  und  entnimmt  ihm  nur  die  Kraft  zu  einer  Erhohung  seiner  Fahigkeiten.  So 
geht  gewifi  kein  Erlebnis  ungeniitzt  voriiber:  die  Seele  bewahrt  es  als  Erinnerung,  und  der 
Geist  saugt  aus  ihm  dasjenige,  was  seine  Fahigkeiten,  seinen  Lebensgehalt  bereichern 
kann.  Der  Menschengeist  wdchst  durch  die  verarbeiteten  Erlebnisse.  -  Kann  man  also 
auch  die  vergangenen  Erlebnisse  im  Geiste  nicht  wie  in  einer  Sammelkammer 


43 


aufbewahrt  finden,  man  findet  ihre  Wirkungen  in  den  Fahigkeiten,  die  sich  der  Mensch 
erworben  hat. 

*  *  * 

Bisher  sind  der  Geist  und  die  Seele  nur  betrachtet  worden  innerhalb  der  Grenzen,  die 
zwischen  Geburt  und  Tod  liegen.  Man  kann  dabei  nicht  stehenbleiben.  Wer  das  tun 
wollte,  der  gliche  dem,  welcher  auch  den  menschlichen  Leib  nur  innerhalb  derselben 
Grenzen  betrachten  wollte.  Man  kann  gewifi  vieles  innerhalb  dieser  Grenzen  finden.  Aber 
man  kann  nimmermehr  aus  dem,  was  zwischen  Geburt  und  Tod  liegt,  die  menschliche 
Gestalt  erklaren.  Diese  kann  sich  nicht  aus  bloBen  physischen  Stoffen  und  Kraften 
unmittelbar  auferbauen.  Sie  kann  nur  von  einer  ihr  gleichen  Gestalt  abstammen,  die  sich 
auf  Grund  dessen  ergibt,  was  sich  fortgepflanzt  hat.  Die  physischen  Stoffe  und  Krafte 
bauen  den  Leib  wahrend  des  Lebens  auf:  die  Krafte  der  Fortpflanzung  lassen  aus  ihm 
einen  andern  hervorgehen,  der  seine  Gestalt  haben  kann,  also  einen  solchen,  der  Trager 
desselben  Lebensleibes  sein  kann.  -  Jeder  Lebensleib  ist  eine  Wiederholung  seines 
Vorfahren.  Nur  weil  er  dieses  ist,  erscheint  er  nicht  in  jeder  beliebigen  Gestalt,  sondern  in 
derjenigen,  die  ihm  vererbt  ist.  Die  Krafte,  [69]  die  meine  Menschengestalt  moglich 
gemacht  haben,  lagen  in  meinen  Vorfahren.  Aber  auch  der  Geist  des  Menschen  erscheint 
in  einer  bestimmten  Gestalt  (wobei  das  Wort  Gestalt  naturlich  geistig  gemeint  ist).  Und 
die  Gestalten  des  Geistes  sind  die  denkbar  verschiedensten  bei  den  einzelnen  Menschen. 
Nicht  zwei  Menschen  haben  die  gleiche  geistige  Gestalt.  Man  muB  auf  diesem  Gebiete 
nur  ebenso  ruhig  und  sachlich  beobachten  wie  auf  dem  physischen.  Man  kann  nicht 
sagen,  die  Verschiedenheiten  der  Menschen  in  geistiger  Beziehung  ruhren  allein  von  den 
Verschiedenheiten  ihrer  Umgebung,  ihrer  Erziehung  und  so  weiter  her.  Nein,  das  ist 
durchaus  nicht  der  Fall;  denn  zwei  Menschen  entwickeln  sich  unter  den  gleichen 
Einfliissen  der  Umgebung,  der  Erziehung  und  so  weiter  in  ganz  verschiedener  Art. 
Deshalb  muB  man  zugeben,  dafi  sie  mit  ganz  verschiedenen  Anlagen  ihren  Lebensweg 
angetreten  haben.  -  Hier  steht  man  vor  einer  wichtigen  Tatsache,  die  Licht  ausbreitet  iiber 
die  Wesenheit  des  Menschen,  wenn  man  ihre  voile  Tragweite  erkennt.  Wer  seine 
Anschauung  nur  nach  der  Seite  des  materiellen  Geschehens  hin  richten  will,  der  konnte 
allerdings  sagen,  die  individuellen  Verschiedenheiten  menschlicher  Personlichkeiten 


44 


riihren  von  den  Verschiedenheiten  in  der  Beschaffenheit  der  stofflichen  Keime  her.  (Und 
unter  Beriicksichtigung  der  von  Gregor  Mendel  gefundenen  und  von  andern 
weitergebildeten  Vererbungsgesetze  kann  eine  solche  Ansicht  vieles  sagen,  was  ihr  den 
Schein  von  Berechtigung  auch  vor  dem  wissenschaftlichen  Urteil  gibt.)  Ein  solcher 
Beurteiler  zeigt  aber  nur,  dafi  er  keine  Einsicht  in  das  wirkliche  Verhaltnis  des  Menschen 
zu  dessen  Erleben  hat.  Denn  die  sachgemafie  Beobachtung  ergibt,  [70]  dafi  die  aufieren 
Umstande  auf  verschiedene  Personen  in  verschiedener  Art  durch  etwas  wirken,  das  gar 
nicht  unmittelbar  mit  der  stofflichen  Entwickelung  in  Wechselbeziehung  tritt.  Fur  den 
wirklich  genauen  Erforscher  auf  diesem  Gebiete  zeigt  sich,  dafi,  was  aus  den  stofflichen 
Anlagen  kommt,  sich  unterscheiden  lafit  von  dem,  was  zwar  durch  Wechselwirkung  des 
Menschen  mit  den  Erlebnissen  entsteht,  aber  nur  dadurch  sich  gestalten  kann,  dafi  die 
Seele  selbst  diese  Wechselwirkung  eingeht.  Die  Seele  steht  da  deutlich  mit  etwas 
innerhalb  der  Aufienwelt  in  Beziehung,  das,  seinem  Wesen  nach,  keinen  Bezug  zu 
stofflichen  Keimanlagen  haben  kann. 

Durch  ihre  physische  Gestalt  unterscheiden  sich  die  Menschen  von  ihren  tierischen 
Mitgeschopfen  auf  der  Erde.  Aber  sie  sind  innerhalb  gewisser  Grenzen  in  bezug  auf  diese 
Gestalt  untereinander  gleich.  Es  gibt  nur  eine  menschliche  Gattung.  Wie  grofi  auch  die 
Unterschiede  der  Rassen,  Stamme,  Volker  und  Personlichkeiten  sein  mogen:  in 
physischer  Beziehung  ist  die  Ahnlichkeit  zwischen  Mensch  und  Mensch  grofier  als  die 
zwischen  dem  Menschen  und  irgendeiner  Tiergattung.  Alles,  was  in  der  menschlichen 
Gattung  sich  auspragt,  wird  bedingt  durch  die  Vererbung  von  den  Vorfahren  auf  die 
Nachkommen.  Und  die  menschliche  Gestalt  ist  an  diese  Vererbung  gebunden.  Wie  der 
Lowe  nur  durch  Lowenvorfahren,  so  kann  der  Mensch  nur  durch  menschliche  Vorfahren 
seine  physische  Gestalt  erben. 

So  wie  die  physische  Ahnlichkeit  der  Menschen  klar  vor  Augen  liegt,  so  enthiillt  sich 
dem  vorurteilslosen  geistigen  Blicke  die  Verschiedenheit  ihrer  geistigen  Gestalten.  -  Es 
gibt  eine  off  en  zutage  liegende  Tatsache,  durch  [71]  welche  dies  zum  Ausdrucke  kommt. 
Sie  besteht  in  dem  Vorhandensein  der  Biographie  eines  Menschen.  Ware  der  Mensch 
blofies  Gattungswesen,  so  konnte  es  keine  Biographie  geben.  Ein  Lowe,  eine  Taube 
nehmen  das  Interesse  in  Anspruch,  insofern  sie  der  Lowen-,  der  Taubenart  angehoren. 


45 


Man  hat  das  Einzelwesen  in  allem  Wesentlichen  verstanden,  wenn  man  die  Art 
beschrieben  hat.  Es  kommt  hier  wenig  darauf  an,  ob  man  es  mit  Vater,  Sohn  oder  Enkel 
zu  tun  hat.  Was  bei  ihnen  interessiert,  das  haben  eben  Vater,  Sohn  und  Enkel  gemeinsam. 
Was  der  Mensch  bedeutet,  das  aber  fangt  erst  da  an,  wo  er  nicht  blofi  Art-,  oder  Gattungs- 
,  sondern  wo  er  Einzelwesen  ist.  Ich  habe  das  Wesen  des  Herrn  Schulze  in  Krahwinkel 
durchaus  nicht  begriffen,  wenn  ich  seinen  Sohn  oder  seinen  Vater  beschrieben  habe.  Ich 
muB  seine  eigene  Biographie  kennen.  Wer  iiber  das  Wesen  der  Biographie  nachdenkt,  der 
wird  gewahr,  dafi  in  geistiger  Beziehung  jeder  Mensch  eine  Gattung  fur  sich  ist.  -  Wer 
freilich  Biographie  blofi  als  eine  aufierliche  Zusammenstellung  von  Lebensereignissen 
fafit,  der  mag  behaupten,  dafi  er  in  demselben  Sinne  eine  Hunde-  wie  eine 
Menschenbiographie  schreiben  konne.  Wer  aber  in  der  Biographie  die  wirkliche  Eigenart 
eines  Menschen  schildert,  der  begreift,  dafi  er  in  ihr  etwas  hat,  was  im  Tierreiche  der 
Beschreibung  einer  ganzen  Art  entspricht.  Nicht  darauf  kommt  es  an,  dafi  man  -  was  ja 
wirklich  selbstverstandlich  ist  -  auch  von  einem  Tiere  -  besonders  von  einem  klugen  - 
etwas  Biographieartiges  sagen  kann,  sondern  darauf,  dafi  die  Menschenbiographie  nicht 
dieser  Tierbiographie,  sondern  der  Beschreibung  der  tierischen  Art  entspricht.  Es  wird  ja 
immer  wieder  Menschen  geben,  die  das  hier  Gesagte  damit  [72]  werden  widerlegen 
wollen,  dafi  sie  sagen,  Menageriebesitzer  zum  Beispiel  wissen,  wie  individuell  einzelne 
Tiere  derselben  Gattung  sich  unterscheiden.  Wer  so  urteilt,  der  zeigt  aber  nur,  dafi  er 
individuelle  Verschiedenheit  nicht  zu  unterscheiden  vermag  von  Verschiedenheit,  die  nur 
durch  Individualist  erworben  sich  zeigt. 

Wird  nun  die  Art  oder  Gattung  im  physischen  Sinne  nur  verstandlich,  wenn  man  sie  in 
ihrer  Bedingtheit  durch  die  Vererbung  begreift,  so  kann  auch  die  geistige  Wesenheit  nur 
durch  eine  ahnliche  geistige  Vererbung  verstanden  werden.  Meine  physische 
Menschengestalt  habe  ich  wegen  meiner  Abstammung  von  menschlichen  Vorfahren. 
Woher  habe  ich  dasjenige,  was  in  meiner  Biographie  zum  Ausdrucke  kommt?  Als 
physischer  Mensch  wiederhole  ich  die  Gestalt  meiner  Vorfahren.  Was  wiederhole  ich  als 
geistiger  Mensch?  Wer  behaupten  will:  dasjenige,  was  in  meiner  Biographie 
eingeschlossen  ist,  bediirfe  keiner  weiteren  Erklarung,  das  miisse  eben  hingenommen 
werden,  der  soil  nur  auch  gleich  behaupten:  er  habe  irgendwo  einen  Erdhiigel  gesehen, 


46 


auf  dem  sich  die  Stoffklumpen  ganz  von  selbst  zu  einem  lebenden  Menschen 
zusammengeballt  haben. 

Als  physischer  Mensch  stamme  ich  von  anderen  physischen  Menschen  ab,  denn  ich  habe 
dieselbe  Gestalt  wie  die  ganze  menschliche  Gattung.  Die  Eigenschaften  der  Gattung 
konnten  also  innerhalb  der  Gattung  durch  Vererbung  erworben  werden.  Als  geistiger 
Mensch  habe  ich  meine  eigene  Gestalt,  wie  ich  meine  eigene  Biographie  habe.  Ich  kann 
also  diese  Gestalt  von  niemand  anderm  haben  als  von  mir  selbst.  Und  da  ich  nicht  mit 
unbestimmten,  sondern  mit  bestimmten  seelischen  Anlagen  in  die  Welt  eingetreten  [73] 
bin,  da  durch  diese  Anlagen  mein  Lebensweg,  wie  er  in  der  Biographie  zum  Ausdruck 
kommt,  bestimmt  ist,  so  kann  meine  Arbeit  an  mir  nicht  bei  meiner  Geburt  begonnen 
haben.  Ich  muB  als  geistiger  Mensch  vor  meiner  Geburt  vorhanden  gewesen  sein.  In 
meinen  Vorfahren  „in  ich  sicher  nicht  vorhanden  gewesen,  denn  diese  sind  als  geistige 
Menschen  von  mir  verschieden.  Meine  Biographie  ist  nicht  aus  der  ihrigen  erklarbar  Ich 
mufl  vielmehr  als  geistiges  Wesen  die  Wiederholung  eines  solchen  sein,  aus  dessen 
Biographie  die  Meinige  erklarbar  ist.  Der  andere  zundchst  denkbare  Fall  ware  der,  dafi 
ich  die  Ausgestaltung  dessen,  was  Inhalt  meiner  Biographie  ist,  nur  einem  geistigen 
Leben  vor  der  Geburt  (beziehungsweise  der  Empfangnis)  verdanke.  Zu  dieser 
Vorstellung  hatte  man  aber  nur  Berechtigung,  wenn  man  annehmen  wollte,  dafi,  was  auf 
die  Menschenseele  aus  dem  physischen  Umkreis  herein  wirkt,  gleichartig  sei  mit  dem, 
was  die  Seele  aus  einer  nur  geistigen  Welt  hat.  Eine  solche  Annahme  widerspricht  der 
wirklich  genauen  Beobachtung.  Denn  was  aus  dieser  physischen  Umgebung  bestimmend 
fur  die  Menschenseele  ist,  das  ist  so,  dafi  es  wirkt  wie  ein  spater  im  physischen  Leben 
Erfahrenes  auf  ein  in  gleicher  Art  friiher  Erfahrenes.  Um  diese  Verhaltnisse  richtig  zu 
beobachten,  muB  man  sich  den  Blick  dafur  aneignen,  wie  es  im  Menschenleben  wirksame 
Eindriicke  gibt,  die  so  auf  die  Anlagen  der  Seele  wirken  wie  das  Stehen  vor  einer  zu 
verrichtenden  Tat  gegeniiber  dem,  was  man  im  physischen  Leben  schon  geiibt  hat;  nur 
dafi  solche  Eindriicke  eben  nicht  auf  ein  in  diesem  unmittelbaren  Leben  schon  Geiibtes 
auftreffen,  sondern  auf  Seelenanlagen,  die  sich  so  beeindrucken  lassen  wie  die  durch 
Ubung  erworbenen  [74]  Fahigkeiten.  Wer  diese  Dinge  durchschaut,  der  kommt  zu  der 
Vorstellung  von  Erdenleben,  die  dem  gegenwartigen  vorangegangen  sein  miissen.  Er 


47 


kann  denkend  nicht  bei  rein  geistigen  Erlebnissen  vor  diesem  Erdenleben  stehenbleiben.  - 
die  physische  Gestalt,  die  Schiller  an  sich  getragen  hat,  die  hat  er  von  seinen  Vorfahren 
ererbt.  Sowenig  aber  diese  physische  Gestalt  aus  der  Erde  gewachsen  sein  kann,  sowenig 
kann  es  die  geistige  Wesenheit  Schillers  sein.  Er  muB  die  Wiederholung  einer  andern 
geistigen  Wesenheit  sein,  aus  deren  Biographie  die  Seinige  erklarbar  wird,  wie  die 
physische  Menschengestalt  Schillers  durch  menschliche  Fortpflanzung  erklarbar  ist.  -  So 
wie  also  die  physische  Menschengestalt  immer  wieder  und  wieder  eine  Wiederholung, 
eine  Wiederverkorperung  der  menschlichen  Gattungswesenheit  ist,  so  muB  der  geistige 
Mensch  eine  Wiederverkorperung  desselben  geistigen  Menschen  sein.  Denn  als  geistiger 
Mensch  ist  eben  jeder  eine  eigene  Gattung. 

Man  kann  gegen  das  hier  Gesagte  einwenden:  das  seien  reine  Gedankenausfuhrungen; 
und  man  kann  aufiere  Beweise  verlangen,  wie  man  sie  von  der  gewohnlichen 
Naturwissenschaft  her  gewohnt  ist.  Dagegen  muB  gesagt  werden,  dafi  die 
Wiederverkorperung  des  geistigen  Menschen  doch  ein  Vorgang  ist,  der  nicht  dem  Felde 
aufierer  physischer  Tatsachen  angehort,  sondern  ein  solcher,  der  sich  ganz  im  geistigen 
Felde  abspielt.  Und  zu  diesem  Felde  hat  keine  andere  unserer  gewohnlichen  Geisteskrafte 
Zutritt  als  allein  das  Denken.  Wer  der  Kraft  des  Denkens  nicht  vertrauen  will,  der  kann 
sich  iiber  hohere  geistige  Tatsachen  eben  nicht  aufklaren.  -  Fur  denjenigen,  dessen 
geistiges  Auge  erschlossen  ist,  wirken  die  obigen  Gedankengange  [75]  genau  mit 
derselben  Kraft,  wie  ein  Vorgang  wirkt,  der  sich  vor  seinem  physischen  Auge  abspielt. 
Wer  einem  sogenannten  «Beweise»,  der  nach  der  Methode  der  gewohnlichen 
naturwissenschaftlichen  Erkenntnis  aufgebaut  ist,  mehr  Uberzeugungskraft  zugesteht  als 
den  obigen  Ausfiihrungen  iiber  die  Bedeutung  der  Biographie,  der  mag  im  gewohnlichen 
Wortsinn  ein  grofier  Wissenschaftler  sein:  von  den  Wegen  der  echt  geistigen  Forschung 
ist  er  aber  sehr  weit  entfernt. 

Es  gehort  zu  den  bedenklichsten  Vorurteilen,  wenn  man  die  geistigen  Eigenschaften  eines 
Menschen  durch  Vererbung  von  Vater  oder  Mutter  oder  anderen  Vorfahren  erklaren  will. 
Wer  sich  des  Vorurteils  schuldig  macht,  dafi  zum  Beispiel  Goethe  das,  was  sein  Wesen 
ausmacht,  von  Vater  und  Mutter  ererbt  habe,  dem  wird  auch  zunachst  kaum  mit  Griinden 
beizukommen  sein,  denn  in  ihm  liegt  eine  tiefe  Antipathie  gegen  vorurteilslose 


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Beobachtung.  Eine  materialistische  Suggestion  hindert  ihn,  die  Zusammenhange  der 
Erscheinungen  im  rechten  Lichte  zu  sehen. 

In  solchen  Ausfiihrungen  sind  die  Voraussetzungen  gegeben,  um  die  menschliche 
Wesenheit  iiber  Geburt  und  Tod  hinaus  zu  verfolgen.  Innerhalb  der  durch  Geburt  und 
Tod  bestimmten  Grenzen  gehort  der  Mensch  den  drei  Welten,  der  Leiblichkeit,  dem 
Seelischen  und  dem  Geistigen,  an.  Die  Seele  bildet  das  Mittelglied  zwischen  Leib  und 
Geist,  indem  sie  das  dritte  Glied  des  Leibes,  den  Seelenleib,  mit  der 
Empfindungsfahigkeit  durchdringt  und  indem  sie  das  erste  Glied  des  Geistes,  das 
Geistselbst,  als  Bewufitseinsseele  durchsetzt.  Sie  hat  dadurch  wahrend  des  Lebens  Anteil 
an  dem  Leibe  sowohl  wie  an  dem  Geiste.  Dieser  Anteil  kommt  in  ihrem  ganzen  Dasein 
zum  Ausdruck.  [76]  Von  der  Organisation  des  Seelenleibes  wird  es  abhangen,  wie  die 
Empfindungsseele  ihre  Fahigkeiten  entfalten  kann.  Und  von  dem  Leben  der 
Bewufitseinsseele  wird  es  andererseits  abhangig  sein,  wie  weit  das  Geistselbst  in  ihr  sich 
entwickeln  kann.  Die  Empfindungsseele  wird  einen  um  so  besseren  Verkehr  mit  der 
Aufienwelt  entfalten,  je  wohlgebildeter  der  Seelenleib  ist.  Und  das  Geist-selbst  wird  um 
so  reicher,  machtvoller  werden,  je  mehr  ihm  die  Bewufitseinsseele  Nahrung  zufuhrt.  Es 
ist  gezeigt  worden,  dafi  wahrend  des  Lebens  durch  die  verarbeiteten  Erlebnisse  und  die 
Friichte  dieser  Erlebnisse  dem  Geist-selbst  diese  Nahrung  zugefiihrt  wird.  Denn  die 
dargelegte  Wechselwirkung  zwischen  Seele  und  Geist  kann  naturlich  nur  da  geschehen, 
wo  Seele  und  Geist  ineinander  befindlich,  voneinander  durchdrungen  sind,  also  innerhalb 
der  Verbindung  von  «Geistselbst  mit  Bewufitseinsseele)). 

Es  sei  zuerst  die  Wechselwirkung  von  Seelenleib  und  Empfindungsseele  betrachtet.  Der 
Seelenleib  ist,  wie  sich  ergeben  bat,  zwar  die  feinste  Ausgestaltung  der  Leiblichkeit,  aber 
er  gehort  doch  zu  dieser  und  ist  von  ihr  abhangig.  Physischer  Korper,  Atherleib  und 
Seelenleib  machen  in  gewisser  Beziehung  ein  Ganzes  aus.  Daher  ist  auch  der  Seelenleib 
in  die  Gesetze  der  physischen  Vererbung,  durch  die  der  Leib  seine  Gestalt  erhalt,  mit 
einbezogen.  Und  da  er  die  beweglichste,  gleichsam  fluchtigste  Form  der  Leiblichkeit  ist, 
so  mufi  er  auch  die  beweglichsten  und  fliichtigsten  Erscheinungen  der  Vererbung  zeigen. 
Wahrend  daher  der  physische  Leib  nur  nach  Rassen,  Volkern,  Stammen  am  wenigsten 
verschieden  ist  und  der  Atherleib  zwar  eine  grofiere  Abweichung  fur  die  einzelnen 


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Menschen,  aber  doch  noch  eine  uberwiegende  Gleichheit  aufweist,  ist  diese  [77] 
Verschiedenheit  beim  Seelenleib  schon  eine  sehr  grofie.  In  ihm  kommt  zum  Ausdruck, 
was  man  schon  als  aufiere,  persdnliche  Eigenart  des  Menschen  empfindet.  Er  ist  daher 
auch  der  Trager  dessen,  was  sich  von  dieser  personlichen  Eigenart  von  den  Eltern, 
Grofieltern  und  so  weiter  auf  die  Nachkommen  vererbt.  -  Zwar  fiihrt  die  Seele  als  solche, 
wie  auseinandergesetzt  worden  ist,  ein  vollkommenes  Eigenleben;  sie  schliefit  sich  mit 
ihren  Neigungen  und  Abneigungen,  mit  ihren  Gefiihlen  und  Leidenschaften  in  sich  selbst 
ab.  Aber  sie  ist  doch  als  Ganzes  wirksam,  und  deshalb  kommt  auch  in  der 
Empfindungsseele  dieses  Ganze  zur  Auspragung.  Und  weil  die  Empfindungsseele  den 
Seelenleib  durchdringt,  gleichsam  ausfullt,  so  formt  sich  dieser  nach  der  Natur  der  Seele, 
und  er  kann  dann  als  Vererbungstrager  die  Neigungen,  Leidenschaften  und  so  weiter  von 
den  Vorfahren  auf  die  Nachkommen  iibertragen.  Auf  dieser  Tatsache  beruht,  was  Goethe 
sagt:  «Vom  Vater  hab'  ich  die  Statur,  des  Lebens  ernstes  Fiihren;  vom  Mutterchen  die 
Frohnatur  und  Lust  zu  fabulieren.»  Das  Genie  hat  er  natiirlich  von  beiden  nicht.  Auf  diese 
Art  zeigt  sich  uns,  was  der  Mensch  von  seinen  seelischen  Eigenschaften  an  die  Linie  der 
physischen  Vererbung  gleichsam  abgibt. 

Die  Stoffe  und  Krafte  des  physischen  Korpers  sind  in  gleicher  Art  auch  in  dem  ganzen 
Umkreis  der  aufieren  physischen  Natur.  Sie  werden  von  da  fortwahrend  aufgenommen 
und  an  sie  wieder  abgegeben.  Innerhalb  einiger  Jahre  erneuert  sich  die  Stoffmasse,  die 
unsern  physischen  Korper  zusammensetzt,  vollstandig.  Dafi  diese  Stoffmasse  die  Form 
des  menschlichen  Korpers  annimmt  und  dafi  sie  innerhalb  dieses  Korpers  sich  immer 
wieder  erneuert,  das  hangt  davon  ab,  dafi  sie  von  dem  Atherleib  zusammengehalten  [78] 
wird.  Und  dessen  Form  ist  nicht  allein  durch  die  Vorgange  zwischen  Geburt  -  oder 
Empfangnis  -  und  Tod  bestimmt,  sondern  sie  ist  von  den  Gesetzen  der  Vererbung 
abhangig,  die  iiber  Geburt  und  Tod  hinausreichen.  Dafi  auf  dem  Wege  der  Vererbung 
auch  seelische  Eigenschaften  iibertragen  werden  konnen,  also  der  Fortgang  der 
physischen  Vererbung  einen  seelischen  Einschlag  erlangt,  das  hat  seinen  Grund  darin, 
dafi  der  Seelenleib  von  der  Empfindungsseele  beeinflufit  werden  kann. 

Wie  gestaltet  sich  nun  die  Wechselwirkung  zwischen  Seele  und  Geist?  Wahrend  des 
Lebens  ist  der  Geist  in  der  oben  angegebenen  Art  mit  der  Seele  verbunden.  Diese 


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empfangt  von  ihm  die  Gabe,  in  dem  Wahren  und  Guten  zu  leben  und  dadurch  in  ihrem 
Eigenleben,  in  ihren  Neigungen,  Trieben  und  Leidenschaften  den  Geist  selbst  zum 
Ausdruck  zu  bringen.  Das  Geistselbst  bringt  dem  «Ich»  aus  der  Welt  des  Geistes  die 
ewigen  Gesetze  des  Wahren  und  Guten.  Diese  verkniipfen  sich  durch  die  Bewufitseins- 
Seele  mit  den  Erlebnissen  des  seelischen  Eigenlebens.  Diese  Erlebnisse  selbst  gehen 
voriiber.  Aber  ihre  Friichte  bleiben.  Dafi  das  Geistselbst  mit  ihnen  verkniipft  war,  macht 
einen  bleibenden  Eindruck:  auf  dasselbe.  Tritt  der  menschliche  Geist  an  ein  solches 
Erlebnis  heran,  das  einem  andern  ahnlich  ist,  mit  dem  es  schon  einmal  verkniipft  war,  so 
sieht  er  in  ihm  etwas  Bekanntes  und  weifi  sich  ihm  gegeniiber  anders  zu  verhalten,  als 
wenn  es  zum  erstenmal  ihm  gegeniiberstande.  Darauf  beruht  ja  alles  Lernen.  Und  die 
Friichte  des  Lernens  sind  angeeignete  Fahigkeiten.  -  Dem  ewigen  Geiste  werden  auf 
diese  Art  Friichte  des  voriibergehenden  Lebens  eingepragt.  -  Und  nehmen  wir  nicht  diese 
Friichte  wahr?  Worauf  beruhen  die  Anlagen,  die  als  [79]  das  Charakteristische  des 
geistigen  Menschen  oben  dargelegt  worden  sind?  Doch  nur  in  Fahigkeiten  zu  diesem 
oder  jenem,  die  der  Mensch  mitbringt,  wenn  er  seinen  irdischen  Lebensweg  beginnt.  Es 
gleichen  in  gewisser  Beziehung  diese  Fahigkeiten  durchaus  solchen,  die  wir  uns  auch 
wahrend  des  Lebens  aneignen  konnen.  Man  nehme  das  Genie  eines  Menschen.  Von 
Mozart  ist  bekannt,  dafi  er  als  Knabe  ein  einmal  gehortes  langes  musikalisches 
Kunstwerk  aus  dem  Gedachtnisse  aufschreiben  konnte.  Er  war  dazu  nur  fahig,  weil  er  das 
Ganze  auf  einmal  iiberschauen  konnte.  Innerhalb  gewisser  Grenzen  erweitert  der  Mensch 
auch  wahrend  des  Lebens  seine  Fahigkeit,  zu  iiberschauen,  Zusammenhange  zu 
durchdringen,  so  dafi  er  dann  neue  Fahigkeiten  besitzt.  Lessing  hat  doch  von  sich  gesagt, 
dafi  er  sich  durch  kritische  Beobachtungsgabe  etwas  angeeignet  habe,  was  dem  Genie 
nahekommt.  Will  man  solche  Fahigkeiten,  die  in  Anlagen  begriindet  sind,  nicht  als 
Wunder  anstaunen,  so  muB  man  sie  fur  Friichte  von  Erlebnissen  halten,  die  das 
Geistselbst  durch  eine  Seele  gehabt  hat.  Sie  sind  diesem  Geistselbst  eingepragt  worden. 
Und  da  sie  nicht  in  diesem  Leben  eingepflanzt  worden  sind,  so  in  einem  fruheren.  Der 
menschliche  Geist  ist  seine  eigene  Gattung.  Und  wie  der  Mensch  als  physisches 
Gattungswesen  seine  Eigenschaften  innerhalb  der  Gattung  vererbt,  so  der  Geist  innerhalb 
seiner  Gattung,  das  heifit  innerhalb  seiner  selbst.  In  einem  Leben  erscheint  der 
menschliche  Geist  als  Wiederholung  seiner  selbst  mit  den  Friichten  seiner  vorigen 


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Erlebnisse  in  vorhergehenden  Lebensldufen.  Dieses  Leben  ist  somit  die  Wiederholung 
von  andern  und  bringt  mit  sich,  was  das  Geistselbst  in  dem  vorigen  Leben  sich  erarbeitet 
hat.  Wenn  dieses  in  sich  [80]  etwas  aufnimmt,  was  Frucht  werden  kann,  so  durchdringt  es 
sich  mit  dem  Lebensgeist.  Wie  der  Lebensleib  die  Form  von  Art  zu  Art  wiederholt,  so  der 
Lebensgeist  die  Seele  vom  personlichen  Dasein  zu  personlichem  Dasein. 

Durch  die  vorangehenden  Betrachtungen  wird  die  Vorstellung  in  den  Bereich  der 
Giiltigkeit  erhoben,  die  den  Grund  fur  gewisse  Lebensvorgange  des  Menschen  in 
wiederholten  Erdenleben  sucht.  Ihre  voile  Bedeutung  kann  diese  Vorstellung  wohl  nur 
erhalten  durch  eine  Beobachtung,  die  aus  geistigen  Einsichten  entspringt,  wie  sie  durch 
das  Betreten  des  am  Schlusse  dieses  Buches  beschriebenen  Erkenntnispfades  erworben 
werden.  Hier  sollte  nur  gezeigt  werden,  dafi  eine  durch  das  Denken  recht  orientierte 
gewohnliche  Beobachtung  schon  zu  dieser  Vorstellung  fiihrt.  Eine  solche  Beobachtung 
wird  zunachst  allerdings  die  Vorstellung  gewissermafien  silhouettenhaft  lassen.  Und  sie 
wird  sie  nicht  ganz  bewahren  konnen  vor  den  Einwiirfen  einer  nicht  genauen,  von  dem 
Denken  nicht  richtig  geleiteten  Beobachtung.  Aber  andererseits  ist  richtig,  dafi,  wer  sich 
eine  solche  Vorstellung  durch  gewohnlich  denkende  Beobachtung  erwirbt,  sich 
bereitmacht  zur  iibersinnlichen  Beobachtung.  Er  bildet  gewissermafien  etwas  aus,  was 
man  haben  muB  vor  dieser  iibersinnlichen  Beobachtung,  wie  man  das  Auge  haben  muB 
vor  der  sinnlichen  Beobachtung.  Wer  einwendet,  dafi  man  sich  ja  durch  Bildung  einer 
solchen  Vorstellung  die  ubersinnliche  Beobachtung  selbst  suggerieren  konne,  der  beweist 
nur,  dafi  er  nicht  in  freiem  Denken  auf  die  Wirklichkeit  einzugehen  vermag  und  dafi 
gerade  er  sich  dadurch  seine  Einwande  selbst  suggeriert. 

*  *  * 

[81]  So  werden  die  seelischen  Erlebnisse  dauernd  nicht  nur  innerhalb  der  Grenzen  von 
Geburt  und  Tod,  sondern  iiber  den  Tod  hinaus  bewahrt.  Aber  nicht  nur  dem  Geiste,  der  in 
ihr  aufleuchtet,  pragt  die  Seele  ihre  Erlebnisse  ein,  sondern  wie  (Seite  62)  gezeigt  worden 
ist,  auch  der  aufieren  Welt  durch  die  Tat.  Was  der  Mensch  gestern  verrichtet  hat,  ist  heute 
noch  in  seiner  Wirkung  vorhanden.  Ein  Bild  des  Zusammenhanges  von  Ursache  und 
Wirkung  in  dieser  Richtung  gibt  das  Gleichnis  von  Schlaf  und  Tod.  -  Oft  ist  der  Schlaf 


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der  jungere  Bruder  des  Todes  genannt  worden.  Ich  stehe  des  Morgens  auf.  Meine 
fortlaufende  Tatigkeit  war  durch  die  Nacht  unterbrochen.  Es  ist  nun  unter  gewohnlichen 
Verhaltnissen  nicht  moglich,  dafi  ich  des  Morgens  meine  Tatigkeit  in  beliebiger  Weise 
wieder  aufnehme.  Ich  muB  an  mein  Tun  von  gestern  ankniipfen,  wenn  Ordnung  und 
Zusammenhang  in  meinem  Leben  sein  soil.  Meine  Taten  von  gestern  sind  die 
Vorbedingungen  derjenigen,  die  mir  heute  obliegen.  Ich  habe  mir  mit  dem,  was  ich 
gestern  vollbracht  habe,  fur  heute  mein  Schicksal  geschaffen.  Ich  habe  mich  eine  Weile 
von  meiner  Tatigkeit  getrennt;  aber  diese  Tatigkeit  gehort  zu  mir  und  sie  zieht  mich 
wieder  zu  sich,  nachdem  ich  mich  eine  Weile  von  ihr  zuriickgezogen  habe.  Meine 
Vergangenheit  bleibt  mit  mir  verbunden;  sie  lebt  in  meiner  Gegenwart  weiter  und  wird 
mir  in  meine  Zukunft  folgen.  Nicht  erwachen  miifite  ich  heute  morgen,  sondern  neu,  aus 
dem  Nichts  heraus  geschaffen  werden,  wenn  die  Wirkungen  meiner  Taten  von  gestern 
nicht  mein  Schicksal  von  heute  sein  sollten.  Sinnlos  ware  es  doch,  wenn  ich  unter 
regelmafiigen  Verhaltnissen  ein  Haus,  das  ich  mir  habe  bauen  lassen,  nicht  beziehen 
wiirde.  [82]  Ebensowenig  wie  der  Mensch  am  Morgen  neugeschaffen  ist,  ebensowenig  ist 
es  der  Menschengeist,  wenn  er  seinen  irdischen  Lebensweg  beginnt.  Man  versuche  sich 
klarzumachen,  was  bei  dem  Betreten  dieses  Lebensweges  geschieht.  Ein  physischer  Leib 
tritt  auf,  der  seine  Gestalt  durch  die  Gesetze  der  Vererbung  erhalt.  Dieser  Leib  wird  der 
Trager  eines  Geistes,  der  ein  fruheres  Leben  in  neuer  Gestalt  wiederholt.  Zwischen 
beiden  steht  die  Seele,  die  ein  in  sich  geschlossenes  Eigenleben  fiihrt.  Ihre  Neigungen 
und  Abneigungen,  ihre  Wiinsche  und  Begierden  dienen  ihr;  sie  stellt  das  Denken  in  ihren 
Dienst.  Sie  empfangt  als  Empfindungsseele  die  Eindriicke  der  Aufienwelt;  und  sie  tragt 
sie  dem  Geiste  zu,  auf  dafi  er  die  Friichte  daraus  sauge  fur  die  Dauer.  Sie  hat  gleichsam 
eine  Vermittlerrolle,  und  ihre  Aufgabe  ist  erfiillt,  wenn  sie  dieser  Rolle  geniigt.  Der  Leib 
formt  ihr  die  Eindriicke;  sie  gestaltet  sie  zu  Empfindungen  um,  bewahrt  sie  im 
Gedachtnisse  als  Vorstellungen  und  gibt  sie  an  den  Geist  ab,  auf  dafi  er  sie  durch  die 
Dauer  trage.  Die  Seele  ist  eigentlich  das,  wodurch  der  Mensch  seinem  irdischen 
Lebenslauf  angehort.  Durch  seinen  Leib  gehort  er  der  physischen  Menschengattung  an. 
Durch  ihn  ist  er  ein  Glied  dieser  Gattung.  Mit  seinem  Geiste  lebt  er  in  einer  hoheren 
Welt.  Die  Seele  bindet  zeitweilig  beide  Welten  aneinander. 


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Aber  die  physische  Welt,  die  der  Menschengeist  betritt,  ist  ihm  kein  fremder  Schauplatz. 
In  ihr  sind  die  Spuren  seiner  Taten  eingepragt.  Es  gehort  von  diesem  Schauplatz  etwas  zu 
ihm.  Das  tragt  das  Geprage  seines  Wesens.  Es  ist  verwandt  mit  ihm.  Wie  die  Seele  einst 
die  Eindriicke  der  Aufienwelt  ihm  ubermittelt  hat,  auf  dafi  sie  ihm  dauernd  werden,  so  hat 
sie,  als  sein  Organ,  die  ihr  von  ihm  verliehenen  [83]  Fahigkeiten  in  Taten  umgesetzt,  die 
in  ihren  Wirkungen  ebenfalls  dauernd  sind.  Dadurch  ist  die  Seele  in  diese  Taten 
tatsachlich  eingeflossen.  In  den  Wirkungen  seiner  Taten  lebt  des  Menschen  Seele  ein 
zweites  selbstandiges  Leben  weiter.  Dies  aber  kann  die  Veranlassung  dazu  geben,  das 
Leben  daraufhin  anzusehen,  wie  die  Schicksals-Vorgange  in  dieses  Leben  eintreten. 
Etwas  «stofit»  dem  Menschen  zu  Er  ist  wohl  zunachst  geneigt,  ein  solch  «Zustofiendes» 
wie  ein  «zufallig»  in  sein  Leben  Eintretendes  zu  betrachten.  Allein  er  kann  gewahr 
werden,  wie  er  selbst  das  Ergebnis  solcher  «Zufalle»  ist.  Wer  sich  in  seinem  vierzigsten 
Lebensjahre  betrachtet  und  mit  der  Frage  nach  seinem  Seelenwesen  nicht  bei  einer 
wesenlos  abstrakten  Ich-Vorstellung  stehenbleiben  will,  der  darf  sich  sagen:  ich  bin  ja  gar 
nichts  anderes,  als  was  ich  geworden  bin  durch  dasjenige,  was  mir  bis  heute 
schicksalsmafiig  «zugestofien»  ist.  Ware  ich  nicht  ein  anderes,  wenn  ich  zum  Beispiel  mit 
zwanzig  Jahren  eine  bestimmte  Reihe  von  Erlebnissen  gehabt  hatte  statt  derjenigen,  die 
mich  getroffen  haben?  Er  wird  dann  sein  «Ich»  nicht  nur  in  seinen  von  «innen»  heraus 
kommenden  Entwickelungsimpulsen  suchen,  sondern  in  dem,  was  «von  aufien» 
gestaltend  in  sein  Leben  eingreift.  In  dem,  was  «ihm  geschieht»,  wird  er  das  eigene  Ich 
erkennen.  Gibt  man  sich  solch  einer  Erkenntnis  unbefangen  hin,  dann  ist  nur  ein  weiterer 
Schritt  wirklich  intimer  Beobachtung  des  Lebens  dazu  notig,  um  in  dem,  was  einem 
durch  gewisse  Schicksalserlebnisse  zufliefit,  etwas  zu  sehen,  was  das  Ich  von  aufien  so 
ergreift,  wie  die  Erinnerung  von  innen  wirkt,  um  ein  vergangenes  Erlebnis  wieder 
aufleuchten  zu  lassen.  Man  kann  sich  so  geeignet  dazu  machen,  in  dein 
Schicksalserlebnis  wahrzunehmen,  [84]  wie  eine  friihere  Tat  der  Seele  den  Weg  zu  dem 
Ich  nimmt,  so  wie  in  der  Erinnerung  ein  fruheres  Erlebnis  den  Weg  zur  Vorstellung 
nimmt,  wenn  eine  aufiere  Veranlassung  dazu  da  ist.  Es  wurde  friiher  als  von  einer 
«moglichen»  Vorstellung  gesprochen,  dafi  die  Folgen  der  Tat  die  Menschenseele  wieder 
treffen  konnen  (vergleiche  Seite  64  ff.).  Innerhalb  des  einzelnen  Erdenlebens  ist  fur 
gewisse  Tatfolgen  deshalb  ein  solches  Treffen  ausgeschlossen,  weil  dieses  Erdenleben 


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dazu  veranlagt  war,  die  Tat  zu  vollbringen.  Da  liegt  in  dem  Vollbringen  das  Erleben. 
Eine  gewisse  Folge  der  Tat  kann  da  die  Seele  so  wenig  treffen,  wie  man  sich  an  ein 
Erlebnis  erinnern  kann,  in  dem  man  noch  darinnen  steht.  Es  kann  sich  in  dieser 
Beziehung  nur  handeln  um  ein  Erleben  von  Tatfolgen,  welche  das  «Ich»  nicht  mit  den 
Anlagen  treffen,  die  es  in  dem  Erdenleben  hat,  aus  dem  heraus  es  die  Tat  verrichtet.  Es 
kann  der  Blick  nur  auf  Tatfolgen  aus  anderen  Erdenleben  sich  richten.  So  kann  man  - 
sobald  man  empfindet:  was  als  Schicksalserlebnis  scheinbar  einem  «zustofit»,  ist 
verbunden  mit  dem  Ich,  wie  das,  was  «aus  dem  Innern»  dieses  Ich  selbst  sich  bildet  -  nur 
denken,  man  habe  es  in  einem  solchen  Schicksalserlebnis  mit  Tatfolgen  aus  fruheren 
Erdenleben  zu  tun.  Man  sieht,  zu  der  fur  das  gewohnliche  Bewufitsein  paradoxen 
Annahme,  die  Schicksalserlebnisse  eines  Erdenlebens  hangen  mit  den  Taten 
vorangehender  Erdenleben  zusammen,  wird  man  durch  eine  intime,  vom  Denken 
geleitete  Lebenserfassung  gefuhrt.  Wieder  kann  diese  Vorstellung  nur  durch  die 
ubersinnliche  Erkenntnis  ihren  Vollgehalt  bekommen:  ohne  diese  bleibt  sie 
silhouettenhaft.  Aber  wieder  bereitet  sie,  aus  dem  gewohnlichen  Bewufitsein  gewonnen, 
die  Seele  [85]  vor,  damit  diese  ihre  Wahrheit  in  wirklich  ubersinnlicher  Beobachtung 
schauen  kann. 

Nur  der  eine  Teil  meiner  Tat  ist  in  der  Aufienwelt;  der  andere  ist  in  mir  selbst.  Man 
mache  sich  durch  einen  einfachen  Vergleich  aus  der  Naturwissenschaft  dieses  Verhaltnis 
von  Ich  und  Tat  klar.  Tiere,  die  einmal  als  Sehende  in  die  Hohlen  von  Kentucky 
eingewandert  sind,  haben  durch  das  Leben  in  denselben  ihr  Sehvermogen  verloren.  Der 
Aufenthalt  im  Finstern  hat  die  Augen  aufier  Tatigkeit  gesetzt.  In  diesen  Augen  wird 
dadurch  nicht  mehr  die  physische  und  chemische  Tatigkeit  verrichtet,  die  wahrend  des 
Sehens  vor  sich  geht.  Der  Strom  der  Nahrung,  der  fur  diese  Tatigkeit  friiher  verwendet 
worden  ist,  fliefit  nunmehr  anderen  Organen  zu.  Nun  konnen  diese  Tiere  nur  in  diesen 
Hohlen  leben.  Sie  haben  durch  ihre  Tat,  durch  die  Einwanderung,  die  Bedingungen  ihres 
spateren  Lebens  geschaffen.  Die  Einwanderung  ist  zu  einem  Teil  ihres  Schicksals 
geworden.  Eine  Wesenheit,  die  einmal  tatig  war,  hat  sich  mit  den  Ergebnissen  der  Taten 
verkniipft.  So  ist  es  mit  dem  Menschengeiste.  Die  Seele  hat  ihm  gewisse  Fahigkeiten  nur 
vermitteln  konnen,  indem  sie  tatig  war.  Und  entsprechend  den  Taten  sind  diese 


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Fahigkeiten.  Durch  eine  Tat,  welche  die  Seele  verrichtet  hat,  lebt  in  ihr  die  krafterfullte 
Anlage,  eine  andere  Tat  zu  verrichten,  welche  die  Frucht  dieser  Tat  ist  die  Seele  tragt 
dieses  als  Notwendigkeit  in  sich,  bis  die  letztere  Tat  geschehen  ist.  Man  kann  auch  sagen, 
durch  eine  Tat  ist  der  Seele  die  Notwendigkeit  eingepragt,  die  Folge  dieser  Tat  zu 
verrichten. 

Mit  seinen  Taten  hat  der  Menschengeist  wirklich  sein  Schicksal  bereitet.  An  das,  was  er 
in  seinem  vorigen  Leben  [86]  getan  hat,  findet  er  sich  in  einem  neuen  gekniipft.  -  Man 
kann  ja  die  Frage  aufwerfen:  wie  kann  das  sein,  da  doch  wohl  der  Menschengeist  bei 
seiner  Wiederverkorperung  in  eine  vollig  andere  Welt  versetzt  wird,  als  diejenige  war, 
die  er  einstens  verlassen  hat?  Dieser  Frage  liegt  eine  seht  am  Aufierlichen  des  Lebens 
haftende  Vorstellung  von  Schicksalsverkettung  zugrunde.  Wenn  ich  meinen  Schauplatz 
von  Europa  nach  Amerika  verlege,  so  befinde  ich  mich  auch  in  einer  vollig  neuen 
Umgebung.  Und  dennoch  hangt  mein  Leben  in  Amerika  ganz  von  meinem 
vorhergehenden  in  Europa  ab.  Bin  ich  in  Europa  Mechaniker  geworden,  so  gestaltet  sich 
mein  Leben  in  Amerika  ganz  anders,  als  wenn  ich  Bankbeamter  geworden  ware.  In  dem 
einen  Falle  werde  ich  wahrscheinlich  in  Amerika  von  Maschinen,  in  dem  andern  von 
Bank-Einrichtungen  umgeben  sein.  In  jedem  Falle  bestimmt  mein  Vorleben  meine 
Umgebung;  es  zieht  gleichsam  aus  der  ganzen  Umwelt  diejenigen  Dinge  an  sich,  die  ihm 
verwandt  sind.  So  ist  es  mit  dem  Geistselbst.  Es  umgibt  sich  in  einem  neuen  Leben 
notwendig  mit  demjenigen,  mit  dem  es  aus  den  vorhergehenden  Leben  verwandt  ist.  - 
Und  deswegen  ist  der  Schlaf  ein  brauchbares  Bild  fur  den  Tod,  weil  der  Mensch  wahrend 
des  Schlafes  dem  Schauplatz  entzogen  ist,  auf  dem  sein  Schicksal  ihn  erwartet.  Wahrend 
man  schlaft,  laufen  die  Ereignisse  auf  diesem  Schauplatz  weiter.  Man  hat  eine  Zeitlang 
auf  diesen  Lauf  keinen  Einflufi.  Dennoch  hangt  unser  Leben  an  einem  neuen  Tage  von 
den  Wirkungen  der  Taten  am  vorigen  Tage  ab.  Wirklich  verkorpert  sich  unsere 
Personlichkeit  jeden  Morgen  aufs  neue  in  unserer  Tatenwelt.  Was  wahrend  der  Nacht  von 
uns  getrennt  war,  ist  tagsiiber  gleichsam  [87]  um  uns  gelegt.  -  So  ist  es  mit  den  Taten  der 
friiheren  Verkorperungen  des  Menschen.  Sie  sind  mit  ihm  als  sein  Schicksal  verbunden, 
wie  das  Leben  in  den  finstern  Hohlen  mit  den  Tieren  verbunden  bleibt,  die  durch 
Einwanderung  in  diese  Hohlen  das  Sehvermogen  verloren  haben.  Wie  diese  Tiere  nur 


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leben  konnen,  wenn  sie  sich  in  der  Umgebung  befinden,  in  die  sie  sich  selbst  versetzt 
haben,  so  kann  der  Menschengeist  nur  in  der  Umwelt  leben,  die  er  sich  durch  seine  Taten 
selbst  geschaffen  hat.  Dafi  ich  am  Morgen  die  Lage  vorfinde,  die  ich  am  vorhergehenden 
Tage  selbst  geschaffen,  dafur  sorgt  der  unmittelbare  Gang  der  Ereignisse.  Dafi  ich,  wenn 
ich  mich  wieder  verkorpere,  eine  Umwelt  vorfinde,  die  dem  Ergebnis  meiner  Taten  aus 
dem  vorhergehenden  Leben  entspricht,  dafur  sorgt  die  Verwandtschaft  meines  wieder 
verkorperten  Geistes  mit  den  Dingen  der  Umwelt.  Man  kann  sich  danach  eine 
Vorstellung  davon  bilden,  wie  die  Seele  dem  Wesen  des  Menschen  eingegliedert  ist.  Der 
physische  Leib  unterliegt  den  Gesetzen  der  Vererbung.  Der  Menschengeist  dagegen  mufi 
sich  immer  wieder  und  wieder  verkorpern;  und  sein  Gesetz  besteht  darin,  dafi  er  die 
Friichte  der  vorigen  Leben  in  die  folgenden  hinubernimmt.  Die  Seele  lebt  in  der 
Gegenwart.  Aber  dieses  Leben  in  der  Gegenwart  ist  nicht  unabhangig  von  den 
vorhergehenden  Leben.  Der  sich  verkorpernde  Geist  bringt  ja  aus  seinen  vorigen 
Verkorperungen  sein  Schicksal  mit.  Und  dieses  Schicksal  bestimmt  das  Leben.  Welche 
Eindriicke  die  Seele  wird  haben  konnen,  welche  Wiinsche  ihr  werden  befriedigt  werden 
konnen,  welche  Freuden  und  Leiden  ihr  erwachsen,  mit  welchen  Menschen  sie 
zusammenkommen  wird:  das  hangt  davon  ab,  wie  die  Taten  in  den  vorhergehenden 
Verkorperungen  [88]  des  Geistes  waren.  Menschen,  mit  welchen  die  Seele  in  einem 
Leben  verbunden  war,  wird  sie  in  einem  folgenden  wiederfinden  miissen,  weil  die  Taten, 
welche  zwischen  ihnen  gewesen  sind,  ihre  Folgen  haben  miissen.  Wie  die  eine  Seele, 
werden  auch  die  mit  dieser  verbundenen  in  derselben  Zeit  ihre  Wiederverkorperung 
anstreben.  Das  Leben  der  Seele  ist  somit  ein  Ergebnis  des  selbstgeschaffenen  Schicksals 
des  Menschengeistes.  Dreierlei  bedingt  den  Lebenslauf  eines  Menschen  innerhalb  von 
Geburt  und  Tod.  Und  dreifach  ist  er  dadurch  abhangig  von  Faktoren,  die  jenseits  von 
Geburt  und  Tod  liegen.  Der  Leib  unterliegt  dem  Gesetz  der  Vererbung;  die  Seele 
unterliegt  dem  selbstgeschaffenen  Schicksal.  Man  nennt  dieses  von  dem  Menschen 
geschaffene  Schicksal  mit  einem  alten  Ausdrucke  sein  Karma.  Und  der  Geist  steht  unter 
dem  Gesetze  der  Wiederverkorperung,  der  wiederholten  Erdenleben.  -  Man  kann 
demnach  das  Verhaltnis  von  Geist,  Seele  und  Korper  auch  so  ausdriicken:  Unverganglich 
ist  der  Geist;  Geburt  und  Tod  walten  nach  den  Gesetzen  der  physischen  Welt  in  der 
Korperlichkeit;   das   Seelenleben,   das   dem   Schicksal  unterliegt,   vermittelt  den 


57 


Zusammenhang  von  beiden  wahrend  eines  irdischen  Lebenslaufes.  Alle  weiteren 
Erkenntnisse  iiber  das  Wesen  des  Menschen  setzen  die  Bekanntschaft  mit  den  «drei 
Welten»  selbst  voraus,  denen  er  angehort.  Von  diesen  soil  das  Folgende  handeln. 

Ein  Denken,  welches  den  Erscheinungen  des  Lebens  sich  gegeniiberstellt  und  das  sich 
nicht  scheut,  die  sich  aus  einer  lebensvollen  Betrachtung  ergebenden  Gedanken  bis  in 
ihre  letzten  Glieder  zu  verfolgen,  kann  durch  die  blofie  Logik  zu  der  Vorstellung  von  den 
wiederholten  Erdenleben  [89]  und  dem  Gesetze  des  Schicksals  kommen.  So  wahr  es  ist, 
dafi  dem  Seher  mit  dem  geoffneten  «geistigen  Auge»  die  vergangenen  Leben  wie  ein 
aufgeschlagenes  Buch  als  Erlebnis  vorliegen,  so  wahr  ist  es,  dafi  die  Wahrheit  von 
alledem  der  betrachtenden  Vernunft  aufleuchten  kann.  (1) 

Anmerkungen: 

(1)  Man  vergleiche  das  hierzu  am  Ende  des  Buches  unter  Einzelne  Bemerkungen  und 
Erganzungen»  Gesagte. 


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Die  drei  Welten 

I.  Die  Seelenwelt 

[90]  Die  Betrachtung  des  Menschen  hat  gezeigt,  dafi  er  drei  Welten  angehort.  Aus  der 
Welt  der  physischen  Korperlichkeit  sind  die  Stoffe  und  Krafte  entnommen,  die  seinen 
Leib  auferbauen.  Er  hat  von  dieser  Welt  Kenntnis  durch  die  Wahrnehmungen  seiner 
aufieren  physischen  Sinne.  Wer  allein  diesen  Sinnen  vertraut  und  lediglich  deren 
Wahrnehmungsfahigkeit  entwickelt,  der  kann  sich  keinen  Aufschlufi  verschaffen  iiber  die 
beiden  andern  Welten,  iiber  die  seelische  und  geistige.  -  Ob  ein  Mensch  sich  von  der 
Wirklichkeit  eines  Dinges  oder  Wesens  iiberzeugen  kann,  das  hangt  davon  ab,  ob  er  dafur 
ein  Wahrnehmungsorgan,  einen  Sinn,  hat.  -  Es  kann  natiirlich  leicht  zu 
Mifiverstandnissen  fuhren,  wenn  man,  wie  es  hier  geschieht,  die  hoheren 
Wahrnehmungsorgane  geistige  Sinne  nennt.  Denn  wenn  man  von  «Sinnen»  spricht,  so 
verbindet  man  damit  unwillkurlich  den  Gedanken  des  «Physischen».  Man  bezeichnet  ja 
gerade  die  physische  Welt  auch  als  die  «sinnliche»  im  Gegensatz  zur  «geistigen».  Um 
das  Mifiverstandnis  zu  vermeiden,  muB  man  beriicksichtigen,  dafi  hier  eben  von  «hoheren 
Sinnen»  nur  vergleichsweise,  in  ubertragenem  Sinne  gesprochen  wird.  Wie  die 
physischen  Sinne  das  Physische  wahrnehmen,  so  die  seelischen  und  geistigen  das 
Seelische  und  Geistige.  Nur  in  der  Bedeutung  von  «Wahrnehmungsorganen»  wird  der 
Ausdruck  «Sinn»  gebraucht.  Der  Mensch  hatte  keine  Kenntnis  von  dem  Licht  und  der 
Farbe,  wenn  er  nicht  ein  lichtempfindendes  Auge  hatte;  er  wiifite  nichts  von  Klangen, 
wenn  [91]  er  nicht  ein  klangempfindendes  Ohr  hatte.  In  dieser  Beziehung  sagt  mit  vollem 
Recht  der  deutsche  Philosoph  Lotze:  «Ohne  ein  Licht  empfindendes  Auge  und  ohne  ein 
Klang  empfindendes  Ohr  ware  die  ganze  Welt  finster  und  stumm.  Es  wiirde  in  ihr 
ebensowenig  Licht  oder  Schall  geben,  als  ein  Zahnschmerz  moglich  ware  ohne  einen  den 
Schmerz  empfindenden  Nerv  des  Zahnes.»  -  Um  das,  was  hiermit  gesagt  ist,  im  richtigen 
Lichte  zu  sehen,  braucht  man  sich  nicht  einmal  zu  iiberlegen,  wie  ganz  anders,  als  fur  den 
Menschen,  sich  die  Welt  fur  die  niederen  Lebewesen  offenbaren  mufi,  die  nur  eine  Art 
Tast-  oder  Gefuhlssinn  iiber  die  ganze  Oberflache  ihres  Korpers  ausgebreitet  haben. 
Licht,  Farbe  und  Ton  konnen  fur  diese  jedenfalls  nicht  in  dem  Sinne  vorhanden  sein  wie 


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fur  Wesen,  die  mit  Augen  und  Ohren  begabt  sind.  Die  Luftschwingungen,  die  ein 
Flintenschufi  verursacht,  mogen  auch  auf  sie  eine  Wirkung  ausuben,  wenn  sie  von  ihnen 
getroffen  werden.  Dafi  sich  diese  Luftschwingungen  der  Seele  als  Knall  offenbaren,  dazu 
ist  ein  Ohr  notwendig.  Und  dafi  sich  gewisse  Vorgange  in  dem  feinen  Stoffe,  den  man 
Ather  nennt,  als  Licht  und  Farbe  offenbaren,  dazu  ist  ein  Auge  notwendig.  -  Nur  dadurch 
weifi  der  Mensch  etwas  von  einem  Wesen  oder  Dinge,  dafi  er  durch  eines  seiner  Organe 
eine  Wirkung  davon  empfangt.  Dies  Verhaltnis  des  Menschen  zur  Welt  des  Wirklichen 
kommt  trefflich  in  dem  folgenden  Ausspruch  Goethes  zur  Darstellung:  «Eigentlich 
unternehmen  wir  umsonst,  das  Wesen  eines  Dinges  auszudriicken  Wirkungen  werden  wir 
gewahr,  und  eine  vollstandige  Geschichte  dieser  Wirkungen  umfafite  wohl  allenfalls  das 
Wesen  jenes  Dinges.  Vergebens  bemiihen  wir  uns,  den  Charakter  eines  Menschen  [92]  zu 
schildern:  man  stelle  dagegen  seine  Handlungen,  seine  Taten  zusammen,  und  ein  Bild  des 
Charakters  wird  uns  entgegentreten.  Die  Farben  sind  Taten  des  Lichtes,  Taten  und 
Leiden...  Farben  und  Licht  stehen  zwar  untereinander  in  dem  genauesten  Verhaltnis,  aber 
wir  miissen  uns  beide  als  der  ganzen  Natur  angehorig  denken;  denn  sie  ist  es  ganz,  die 
sich  dadurch  dem  Sinne  des  Auges  besonders  offenbaren  will.  Ebenso  entdeckt  sich  die 
Natur  einem  andern  Sinne..  So  spricht  die  Natur  hinabwarts  zu  anderen  Sinnen,  zu 
bekannten,  verkannten,  unbekannten  Sinnen;  so  spricht  sie  mit  sich  selbst  und  zu  uns 
durch  tausend  Erscheinungen.  Dem  Aufmerksamen  ist  sie  nirgends  tot,  noch  stumm.»  Es 
ware  unrichtig,  wenn  man  diesen  Ausspruch  Goethes  so  auffassen  wollte,  dafi  damit  die 
Erkennbarkeit  des  Wesens  der  Dinge  in  Abrede  gestellt  wiirde.  Goethe  meint  nicht:  man 
nehme  nur  die  Wirkung  des  Dinges  wahr  und  das  Wesen  verberge  sich  dahinter.  Er  meint 
vielmehr,  dafi  man  von  einem  solchen  «verborgenen  Wesen»  gar  nicht  sprechen  soil.  Das 
Wesen  ist  nicht  hinter  seiner  Offenbarung;  es  kommt  vielmehr  durch  die  Offenbarung 
zum  Vorschein.  Nur  ist  dies  Wesen  vielfach  so  reich,  dafi  es  sich  andern  Sinnen  in  noch 
anderen  Gestalten  offenbaren  kann.  Was  sich  offenbart,  ist  zum  Wesen  gehorig,  nur  ist  es 
wegen  der  Beschranktheit  der  Sinne  nicht  das  game  Wesen.  Diese  Goethesche 
Anschauung  ist  auch  durchaus  die  hier  geisteswissenschaftlich  gemeinte. 

Wie  im  Leibe  Auge  und  Ohr  als  Wahrnehmungs-Organe,  als  Sinne  fur  die  korperlichen 
Vorgange  sich  entwickeln,  so  vermag  der  Mensch  in  sich  seelische  und  geistige 


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Wahrnehmungsorgane  auszubilden,  durch  die  ihm  [93]  die  Seelen-  und  die  Geisteswelt 
erschlossen  werden.  Fur  denjenigen,  der  solche  hohere  Sinne  nicht  hat,  sind  diese  Welten 
«finster  und  stumm»,  wie  fur  ein  Wesen  ohne  Ohr  und  Auge  die  Korperwelt  «finster  und 
stumm»  ist.  Allerdings  ist  das  Verhaltnis  des  Menschen  zu  diesen  hoheren  Sinnen  etwas 
anders  als  zu  den  korperlichen.  Dafl  diese  letzteren  in  ihm  vollkommen  ausgebildet 
werden,  dafTir  sorgt  in  der  Regel  die  giitige  Mutter  Natur.  Sie  kommen  ohne  sein  Zutun 
zustande.  An  der  Entwickelung  seiner  hoheren  Sinne  muB  er  selbst  arbeiten.  Er  muB 
Seele  und  Geist  ausbilden,  wenn  er  die  Seelen-  und  Geisteswelt  wahrnehmen  will,  wie 
die  Natur  seinen  Leib  ausgebildet  hat,  damit  er  seine  korperliche  Umwelt  wahrnehmen 
und  sich  in  ihr  orientieren  konne.  Eine  solche  Ausbildung  von  hoheren  Organen,  welche 
die  Natur  noch  nicht  selbst  entwickelt  hat,  ist  nicht  unnatiirlich;  denn  im  hoheren  Sinne 
gehort  ja  auch  alles,  was  der  Mensch  vollbringt,  mit  zur  Natur.  Nur  derjenige,  welcher 
behaupten  wollte,  der  Mensch  miisse  auf  der  Stufe  der  Entwickelung  stehenbleiben,  auf 
der  er  aus  der  Hand  der  Natur  entlassen  wird,  -  nur  der  konnte  die  Ausbildung  hoherer 
Sinne  unnatiirlich  nennen.  Von  ihm  werden  diese  Organe  «verkannt»  in  ihrer  Bedeutung 
im  Sinne  des  angefTihrten  Ausspruches  Goethes.  Ein  solcher  sollte  nur  aber  auch  gleich 
alle  Erziehung  des  Menschen  bekampfen,  denn  auch  sie  setzt  das  Werk  der  Natur  fort. 
Und  insbesondere  miifite  er  sich  gegen  die  Operation  von  Blindgeborenen  wenden.  Denn 
ungefahr  so  wie  dem  operierten  Blindgeborenen  ergeht  es  dem,  der  in  sich  seine  hoheren 
Sinne  in  der  Art  erweckt,  wie  im  letzten  Teile  dieser  Schrift  dargelegt  wird.  Mit  neuen 
Eigenschaften,  mit  Vorgangen  und  Tatsachen,  [94]  von  denen  die  physischen  Sinne 
nichts  offenbaren,  erscheint  ihm  die  Welt.  Ihm  ist  klar,  dafi  er  durch  diese  hoheren 
Organe  nichts  willkurlich  zu  der  Wirklichkeit  hinzufiigt,  sondern  dafi  ihm  ohne  dieselben 
der  wesentliche  Teil  dieser  Wirklichkeit  verborgen  geblieben  ware.  Die  Seelen-  und 
Geisteswelt  sind  nichts  neben  oder  aufier  der  physischen,  sie  sind  nicht  raumlich  von 
dieser  getrennt.  So  wie  fur  den  operierten  Blindgeborenen  die  vorherige  finstere  Welt  in 
Licht  und  Farben  erstrahlt,  so  offenbaren  dem  seelisch  und  geistig  Erweckten  Dinge,  die 
ihm  vorher  nur  korperlich  erschienen  waren,  ihre  seelischen  und  geistigen  Eigenschaften. 
Allerdings  erfiillt  sich  diese  Welt  auch  noch  mit  Vorgangen  und  Wesenheiten,  die  fur  den 
nicht  seelisch  und  geistig  Erweckten  vollig  unbekannt  bleiben.  -  (Spater  soil  in  diesem 
Buche  genauer  iiber  die  Ausbildung  der  seelischen  und  geistigen  Sinne  gesprochen 


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werden.  Hier  werden  zunachst  diese  hoheren  Welten  selbst  beschrieben.  Wer  diese 
Welten  leugnet,  der  sagt  nichts  anderes,  als  dafi  er  seine  hoheren  Organe  noch  nicht 
entwickelt  hat.  Die  Menschheitsentwickelung  ist  auf  keiner  Stufe  abgeschlossen;  sie  muB 
immer  weitergehen.) 

Man  stellt  sich  oft  unwillkurlich  die  «hoheren  Organe»  als  zu  ahnlich  den  physischen  vor. 
Man  sollte  sich  aber  klarmachen,  dafi  man  es  mit  geistigen  oder  seelischen  Gebilden  in 
diesen  Organen  zu  tun  hat.  Man  darf  deshalb  auch  nicht  erwarten,  dafi  dasjenige,  was 
man  in  den  hoheren  Welten  wahrnimmt,  etwa  nur  eine  nebelhaft  verdiinnte  Stofflichkeit 
sei.  Solange  man  so  etwas  erwartet,  wird  man  zu  keiner  klaren  Vorstellung  von  dem 
kommen  konnen,  was  hier  mit  «hoheren  Welten»  eigentlich  gemeint  ist.  Es  ware  fur  viele 
Menschen  gar  nicht  so  [95]  schwer,  wie  es  wirklich  ist,  etwas  von  diesen  «hoheren 
Welten»  zu  wissen  -  zunachst  allerdings  nur  das  Elementare  -,  wenn  sie  sich  nicht 
vorstellten,  dafi  es  doch  wieder  etwas  verfeinertes  Physisches  sein  miisse,  was  sie 
wahrnehmen  sollen.  Da  sie  so  etwas  voraussetzen,  so  wollen  sie  in  der  Regel  das  gar 
nicht  anerkennen,  um  was  es  sich  wirklich  handelt.  Sie  finden  es  unwirklich,  lassen  es 
nicht  als  etwas  gelten,  was  sie  befriedigt,  und  so  weiter.  Gewifi:  die  hoheren  Stufen  der 
geistigen  Entwickelung  sind  schwer  zuganglich;  diejenige  aber,  die  hinreicht,  um  das 
Wesen  der  geistigen  Welt  zu  erkennen  -  und  das  ist  schon  viel  -,  ware  gar  nicht  so  sehr 
schwer  zu  erreichen,  wenn  man  sich  zunachst  von  dem  Vorurteile  freimachen  wollte, 
welches  darin  besteht,  das  Seelische  und  Geistige  doch  wieder  nur  als  ein  feineres 
Physisches  sich  vorzustellen. 

So  wie  wir  einen  Menschen  nicht  ganz  kennen,  wenn  wir  blofi  von  seinem  physischen 
Aufieren  eine  Vorstellung  haben,  so  kennen  wir  auch  die  Welt,  die  uns  umgibt,  nicht, 
wenn  wir  blofi  das  von  ihr  wissen,  was  uns  die  physischen  Sinne  offenbaren.  Und  so  wie 
eine  Photographie  uns  verstandlich  und  lebensvoll  wird,  wenn  wir  der  photographierten 
Person  so  nahetreten,  dafi  wir  ihre  Seele  erkennen  lernen,  so  konnen  wir  auch  die 
korperliche  Welt  nur  wirklich  verstehen,  wenn  wir  ihre  seelische  und  geistige  Grundlage 
kennenlernen.  Deshalb  empfiehlt  es  sich,  hier  zuerst  von  den  hoheren  Welten,  von  der 
seelischen  und  geistigen,  zu  sprechen  und  dann  erst  die  physische  vom 
geisteswissenschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  zu  beurteilen. 


62 


Es  bietet  gewisse  Schwierigkeiten,  in  der  gegenwartigen  Kulturepoche  iiber  die  hoheren 
Welten  zu  sprechen.  Denn  diese  Kulturepoche  ist  vor  allem  grofi  in  der  Erkenntnis  [96] 
und  Beherrschung  der  korperlichen  Welt.  Unsere  Worte  haben  zunachst  ihre  Pragung  und 
Bedeutung  in  bezug  auf  diese  korperliche  Welt  erhalten.  Man  muB  sich  aber  dieser 
gebrauchlichen  Worte  bedienen,  um  an  Bekanntes  anzukniipfen.  Dadurch  wird  bei  denen, 
die  nur  ihren  aufieren  Sinnen  vertrauen  wollen,  dem  Mifiverstandnis  Tiir  und  Tor 
geoffnet.  -  Manches  kann  ja  zunachst  nur  gleichnisweise  ausgesprochen  und  angedeutet 
werden.  Aber  so  mufi  es  sein,  denn  solche  Gleichnisse  sind  ein  mittel,  durch  das  der 
Mensch  zunachst  auf  diese  hoheren  Welten  verwiesen  wird  und  durch  das  seine  eigene 
Erhebung  zu  ihnen  gefordert  wird.  (Von  dieser  Erhebung  wird  in  einem  spateren  Kapitel 
zu  sprechen  sein,  in  dem  auf  die  Ausbildung  der  seelischen  und  geistigen 
Wahrnehmungsorgane  hingewiesen  werden  wird.  Zunachst  soil  der  Mensch  durch 
Gleichnisse  von  den  hoheren  Welten  Kenntnis  nehmen.  Dann  kann  er  daran  denken,  sich 
selbst  einen  Einblick  in  dieselben  zu  verschaffen.)  Wie  die  Stoffe  und  Krafte,  die  unsern 
Magen,  unser  Herz,  unsere  Lunge,  unser  Gehirn  und  so  weiter  zusammensetzen  und 
beherrschen,  aus  der  korperlichen  Welt  strammen,  so  stammen  unsere  seelischen 
Eigenschaften,  unsere  Triebe,  Begierden,  Gefiihle,  Leidenschaften,  Wiinsche, 
Empfindungen  und  so  weiter  aus  der  seelischen  Welt.  Des  Menschen  Seele  ist  ein  Glied 
in  dieser  seelischen  Welt,  wie  sein  Leib  ein  Teil  der  physischen  Korperwelt  ist.  Will  man 
zunachst  einen  Unterschied  der  korperlichen  Welt  von  der  seelischen  angeben,  so  kann 
man  sagen,  die  letztere  ist  in  alien  ihren  Dingen  und  Wesenheiten  viel  feiner, 
beweglicher,  bildsamer  als  die  erstere.  Doch  mufi  man  sich  klar  dariiber  bleiben,  dafi  man 
eine  gegeniiber  [97]  der  physischen  vollig  neue  Welt  betritt,  wenn  man  in  die  seelische 
kommt.  Redet  man  also  von  grober  und  feiner  in  dieser  Hinsicht,  so  mufi  man  sich 
bewufit  bleiben,  dafi  man  vergleichsweise  andeutet,  was  doch  grundverschieden  ist.  So  ist 
es  mit  allem,  was  iiber  die  Seelenwelt  in  Worten  gesagt  wird,  die  der  physischen 
Korperlichkeit  entlehnt  sind.  Beriicksichtigt  man  dieses,  dann  kann  man  sagen,  dafi  die 
Gebilde  und  Wesen  der  Seelenwelt  ebenso  aus  Seelenstoffen  bestehen  und  ebenso  von 
Seelenkraften  gelenkt  werden,  wie  das  in  der  physischen  Welt  mit  physischen  Stoffen 
und  Kraften  der  Fall  ist. 


63 


Wie  den  korperlichen  Gebilden  die  raumliche  Ausdehnung  und  raumliche  Bewegung 
eigentiimlich  sind,  so  den  seelischen  Dingen  und  Wesenheiten  die  Reizbarkeit,  das 
triebhafte  Begehren.  Man  bezeichnet  deshalb  die  Seelenwelt  auch  als  die  Begierden-  oder 
Wunschwelt  oder  als  die  Welt  des  «Verlangens».  Diese  Ausdriicke  sind  der  menschlichen 
Seelenwelt  entlehnt.  Man  muB  deshalb  festhalten,  dafi  die  Dinge  in  denjenigen  Teilen  der 
Seelenwelt,  die  aufier  der  menschlichen  Seele  liegen,  von  den  Seelenkraften  in  dieser 
ebenso  verschieden  sind  wie  die  physischen  Stoffe  und  Krafte  der  korperlichen 
Aufienwelt  von  den  Teilen,  die  den  physischen  Menschenleib  zusammensetzen.  (Trieb, 
Wunsch,  Verlangen  sind  Bezeichnungen  fur  das  Stoffliche  der  Seelenwelt.  Dieses 
Stoffliche  sei  mit  «astral»  bezeichnet.  Nimmt  man  mehr  Riicksicht  auf  die  Krafte  der 
Seelenwelt,  so  kann  man  von  «Begierdewesenheit»  sprechen.  Doch  darf  man  nicht 
vergessen,  dafi  hier  die  Unterscheidung  von  «Stoff»  und  «Kraft»  keine  so  strenge  sein 
kann  wie  in  der  physischen  Welt.  Ein  Trieb  kann  ebensogut  «Kraft»  wie  «Stoff»  genannt 
werden.)  [98]  Wer  zum  erstenmal  einen  Einblick  in  die  seelische  Welt  erhalt,  fur  den 
wirken  die  Unterschiede,  die  sie  von  der  physischen  aufweist,  verwirrend.  Doch  das  ist  ja 
auch  beim  Erschliefien  eines  vorher  untatigen  physischen  Sinnes  der  Fall.  Der  operierte 
Blindgeborene  muB  sich  auch  erst  orientieren  lernen  in  der  Welt,  die  er  vorher  durch  den 
Tastsinn  gekannt  hat.  Ein  solcher  sieht  zum  Beispiel  die  Gegenstande  zuerst  in  seinem 
Auge;  dann  erblickt  er  sie  aufier  sich,  doch  erscheinen  sie  ihm  zunachst  so,  wie  wenn  sie 
auf  einer  Flache  aufgemalt  waren.  Erst  allmahlich  erfafit  er  die  Vertiefung,  den 
raumlichen  Abstand  der  Dinge  und  so  weiter.  -  In  der  Seelenwelt  gelten  durchaus  andere 
Gesetze  als  in  der  physischen.  Nun  sind  ja  allerdings  viele  seelische  Gebilde  an  solche 
der  andern  Welten  gebunden.  Die  Seele  des  Menschen  zum  Beispiel  ist  an  den 
physischen  Menschenleib  und  an  den  menschlichen  Geist  gebunden.  Die  Vorgange,  die 
man  an  ihr  beobachten  kann,  sind  also  zugleich  von  der  leiblichen  und  geistigen  Welt 
beeinflufit.  Darauf  mufi  man  bei  der  Beobachtung  der  Seelenwelt  Riicksicht  nehmen;  und 
man  darf  nicht  als  seelische  Gesetze  ansprechen,  was  aus  der  Einwirkung  einer  andern 
Welt  stammt.  -  Wenn  zum  Beispiel  der  Mensch  einen  Wunsch  aussendet,  so  ist  dieser 
von  einem  Gedanken,  einer  Vorstellung  des  Geistes  getragen  und  folgt  dessen  Gesetzen. 
So  wie  man  aber  die  Gesetze  der  physischen  Welt  feststellen  kann,  indem  man  von  den 


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Einflussen  absieht,  die  zum  Beispiel  der  Mensch  auf  deren  Vorgange  nimmt,  so  ist  ein 
ahnliches  auch  mit  der  seelischen  Welt  moglich. 

Ein  wichtiger  Unterschied  der  seelischen  Vorgange  von  den  physischen  kann  dadurch 
ausgedriickt  werden,  dafi  [99]  man  die  Wechselwirkung  bei  den  ersteren  als  eine  viel 
innerlichere  bezeichnet.  Im  physischen  Raume  herrscht  zum  Beispiel  das  Gesetz  des 
«Stofies».  Wenn  eine  bewegte  Elfenbeinkugel  auf  eine  ruhende  aufstofit,  so  bewegt  sich 
die  letztere  weiter  in  einer  Richtung,  die  sich  aus  der  Bewegung  und  Elastizitat  der 
ersteren  berechnen  lafit.  Im  Seelenraume  hangt  die  Wechselwirkung  zweier  Gebilde,  die 
einander  treffen,  von  ihren  inneren  Eigenschaften  ab.  Sie  durchdringen  sich  gegenseitig, 
verwachsen  gleichsam  miteinander,  wenn  sie  miteinander  verwandt  sind.  Sie  stofien  sich 
ab,  wenn  ihre  Wesenheiten  sich  widerstreiten.  -  Im  korperlichen  Raume  gibt  es  zum 
Beispiel  fur  das  Sehen  bestimmte  Gesetze.  -  Man  sieht  entfernte  Gegenstande  in 
perspektivischer  Verkleinerung.  Wenn  man  in  eine  Allee  hineinsieht,  so  scheinen  -  nach 
den  Gesetzen  der  Perspektive  -  die  entfernteren  Baume  in  kleineren  Abstanden 
voneinander  zu  stehen  als  die  nahen.  Im  Seelenraume  erscheint  dem  Schauenden  dagegen 
alles,  das  Nahe  und  das  Entfernte,  in  den  Abstanden,  die  es  durch  seine  innere  Natur  hat. 
Durch  solches  ist  natiirlich  ein  Quell  der  mannigfaltigsten  Irrungen  fur  denjenigen 
gegeben,  der  den  Seelenraum  betritt  und  da  mit  den  Regeln  zurechtkommen  will,  die  er 
von  der  physischen  Welt  her  mitbringt. 

Es  gehort  zu  dem  ersten,  was  man  sich  fur  die  Orientierung  in  der  seelischen  Welt 
aneignen  mufi,  dafi  man  die  verschiedenen  Arten  ihrer  Gebilde  in  ahnlicher  Weise 
unterscheidet,  wie  man  in  der  physischen  Welt  feste,  fliissige  und  luft-  oder  gasformige 
Korper  unterscheidet.  Um  dazu  zu  kommen,  mufi  man  die  beiden  Grundkrafte  kennen, 
die  hier  vor  allem  wichtig  sind.  Man  kann  sie  Sympathie  [100]  und  Antipathie  nennen. 
Wie  diese  Grundkrafte  in  einem  seelischen  Gebilde  wirken,  danach  bestimmt  sich  dessen 
Art.  Als  Sympathie  mufi  die  Kraft  bezeichnet  werden,  mit  der  ein  Seelengebilde  andere 
anzieht,  sich  mit  ihnen  zu  verschmelzen  sucht,  seine  Verwandtschaft  mit  ihnen  geltend 
macht.  Antipathie  ist  dagegen  die  Kraft,  mit  der  sich  Seelengebilde  abstofien, 
ausschliefien,  mit  der  sie  ihre  Eigenheit  behaupten.  In  welchem  Mafie  diese  Grundkrafte 
in  einem  Seelengebilde  vorhanden  sind,  davon  hangt  es  ab,  welche  Rolle  dieses  in  der 


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seelischen  Welt  spielt.  Drei  Arten  von  Seelengebilden  hat  man  zunachst  zu 
unterscheiden,  je  nach  dem  Wirken  von  Sympathie  und  Antipathie  in  ihnen.  Und  diese 
Arten  sind  dadurch  voneinander  verschieden,  dafi  Sympathie  und  Antipathie  in  ihnen  in 
ganz  bestimmten  gegenseitigen  Verhaltnissen  stehen.  In  alien  Dreien  sind  beide 
Grundkrafte  vorhanden.  Man  nehme  zunachst  ein  Gebilde  der  ersten  Art  Es  zieht  andere 
Gebilde  seiner  Umgebung  vermoge  der  in  ihm  waltenden  Sympathie  an.  Aber  aufier 
dieser  Sympathie  ist:  in  ihm  zugleich  Antipathie  vorhanden,  durch  die  es  in  seiner 
Umgebung  Befindliches  von  sich  zuriickstofit.  Nach  aufien  hin  wird  ein  solches  Gebilde 
so  erscheinen,  als  wenn  es  nur  mit  Kraften  der  Antipathie  ausgestattet  ware.  Das  ist  aber 
nicht  der  Fall.  Es  ist  Sympathie  und  Antipathie  in  ihm.  Nur  ist  die  letztere  iiberwiegend. 
Sie  hat  iiber  die  erstere  die  Oberhand.  Solche  Gebilde  spielen  eine  eigensilchtige  Rolle  im 
Seelenraum.  Sie  stofien  vieles  um  sich  her  ab  und  ziehen  nur  weniges  liebevoll  an  sich 
heran.  Daher  bewegen  sie  sich  als  unveranderliche  Formen  durch  den  Seelenraum.  Durch 
die  Kraft  der  Sympathie,  die  in  ihnen  ist,  erscheinen  sie  als  gierig.  Die  Gier  [101] 
erscheint  aber  zugleich  unersattlich,  wie  wenn  sie  nicht  zu  befriedigen  ware,  weil  die 
vorwaltende  Antipathie  so  vieles  Entgegenkommende  abstofit,  daB  keine  Befriedigung 
eintreten  kann.  Will  man  die  Seelengebilde  dieser  Art  mit  etwas  in  der  physischen  Welt 
vergleichen,  so  kann  man  sagen:  sie  entsprechen  den  festen  physischen  Korpern. 
Begierdenglut  soil  diese  Region  der  seelischen  Stoffiichkeit  genannt  werden.  -  Das,  was 
von  dieser  Begierdenglut  den  Seelen  der  Tiere  und  Menschen  beigemischt  ist,  bestimmt 
dasjenige  in  ihnen,  was  man  die  niederen  sinnlichen  Triebe  nennt,  ihre  vorwaltenden 
selbstsuchtigen  Instinkte.  -  Die  zweite  Art  der  Seelengebilde  ist  diejenige,  bei  denen  sich 
die  beiden  Grundkrafte  das  Gleichgewicht  halten,  bei  denen  also  Sympathie  und 
Antipathie  in  gleicher  Starke  wirken.  Diese  treten  anderen  Gebilden  mit  einer  gewissen 
Neutralitat  gegeniiber;  sie  wirken  als  verwandt  auf  sie,  ohne  sie  besonders  anzuziehen 
und  abzustofien.  Sie  ziehen  gleichsam  keine  feste  Grenze  zwischen  sich  und  der  Umwelt. 
Fortwahrend  lassen  sie  andere  Gebilde  in  der  Umgebung  auf  sich  einwirken;  man  kann 
sie  deshalb  mit  den  fliissigen  Stoffen  der  physischen  Welt  vergleichen.  Und  in  der  Art, 
wie  solche  Gebilde  anderes  an  sich  heranziehen,  liegt  nichts  von  Gier.  Die  Wirkung,  die 
hier  gemeint  ist,  liegt  zum  Beispiel  vor,  wenn  die  Menschenseele  eine  Farbe  empfindet. 
Wenn  ich  die  Empfindung  der  roten  Farbe  habe,  dann  empfange  ich  zunachst  einen 


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neutralen  Reiz  aus  meiner  Umgebung.  Erst  wenn  zu  diesem  Reiz  das  Wohlgefallen  an 
der  roten  Farbe  hinzutritt,  dann  kommt  eine  andere  Seelenwirkung  in  Betracht.  Das,  was 
den  neutralen  Reiz  bewirkt,  sind  Seelengebilde,  die  in  solchem  Wechselverhaltnisse 
stehen,  [102]  dafi  Sympathie  und  Antipathie  einander  das  Gleichgewicht  halten.  Man 
wird  die  Seelenstofflichkeit,  die  hier  in  Betracht  kommt,  als  eine  vollkommen  bildsamen, 
fliefiende  bezeichnen  miissen.  Nicht  eigensiichtig  wie  die  erste  bewegt  sie  sich  durch  den 
Seelenraum,  sondern  so,  dafi  ihr  Dasein  iiberall  Eindriicke  empfangt,  dafi  sie  sich  mit 
vielem  verwandt  erweist,  das  ihr  begegnet.  Ein  Ausdruck,  der  fur  sie  anwendbar  ist, 
diirfte  sein:  fliefiende  Reizbarkeit.  -  Die  dritte  Stufe  der  Seelengebilde  ist  diejenige,  bei 
welcher  die  Sympathie  die  Oberhand  iiber  die  Antipathie  hat.  Die  Antipathie  bewirkt  das 
eigensiichtige  Sichgeltendmachen;  dieses  tritt  aber  zuriick  hinter  der  Hinneigung  zu  den 
Dingen  der  Umgebung.  Man  denke  sich  ein  solches  Gebilde  innerhalb  des  Seelenraumes. 
Es  erscheint  als  der  Mittelpunkt  einer  anziehenden  Sphare,  die  sich  iiber  die  Gegenstande 
der  Umwelt  erstreckt  solche  Gebilde  muB  man  im  besonderen  als  Wunsch-Stofflichkeit 
bezeichnen.  Diese  Bezeichnung  erscheint  deshalb  als  die  richtige,  weil  durch  die 
bestehende,  nur  gegeniiber  der  Sympathie  schwachere,  Antipathie  die  Anziehung  doch  so 
wirkt,  dafi  die  angezogenen  Gegenstande  in  den  eigenen  Bereich  des  Gebildes  gebracht 
werden  sollen.  Die  Sympathie  erhalt  dadurch  einen  eigensiichtigen  Grundton.  Diese 
Wunsch-Stofflichkeit  darf  mit  den  gas-  oder  luftformigen  Korpern  der  physischen  Welt 
verglichen  werden.  Wie  ein  Gas  sich  nach  alien  Seiten  auszudehnen  bemiiht  ist,  so  breitet 
sich  die  Wunsch-Stofflichkeit  nach  alien  Richtungen  aus. 

Hohere  Stufen  von  Seelen-Stofflichkeit  kennzeichnen  sich  dadurch,  dafi  bei  ihnen  die 
eine  Grundkraft  vollig  zurucktritt,  namlich  die  Antipathie,  und  nur  die  Sympathie  [103] 
sich  als  das  eigentlich  Wirksame  erweist.  Nun  kann  sich  diese  zunachst  innerhalb  der 
Teile  des  Seelengebildes  selbst  geltend  machen.  Diese  Teile  wirken  gegenseitig 
aufeinander  anziehend.  Die  Kraft  der  Sympathie  im  Innern  eines  Seelengebildes  kommt 
in  dem  zum  Ausdrucke,  was  man  Lust  nennt.  Und  jede  Herabminderung  dieser 
Sympathie  ist  Unlust.  Die  Unlust  ist  nur  eine  verminderte  Lust,  wie  die  Kalte  nur  eine 
verminderte  Warme  ist.  Lust  und  Unlust  ist  dasjenige,  was  im  Menschen  als  die  Welt  der 
Gefuhle  -  im  engeren  Sinne  -  lebt.  Das  Fuhlen  ist  das  Weben  des  Seelischen  in  sich 


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selbst.  Von  der  Art,  wie  die  GefTihle  der  Lust  und  Unlust  in  dem  Seelischen  weben,  hangt 
das  ab,  was  man  dessen  Behagen  nennt. 

Eine  noch  hohere  Stufe  nehmen  diejenigen  Seelengebilde  ein,  deren  Sympathie  nicht  im 
Bereich  des  Eigenlebens  beschlossen  bleibt.  Von  den  drei  niederen  Stufen  unterscheiden 
sich  diese,  wie  ja  auch  schon  die  vierte,  dadurch,  dafi  bei  ihnen  die  Kraft  der  Sympathie 
keine  ihr  entgegenstellende  Antipathie  zu  iiberwinden  hat.  Durch  diese  hoheren  Arten  der 
Seelen-Stofflichkeit  schliefit  sich  erst  die  Mannigfaltigkeit  der  Seelengebilde  zu  einer 
gemeinsamen  Seelenwelt  zusammen.  Sofern  die  Antipathie  in  Betracht  kommt,  strebt  das 
Seelengebilde  nach  etwas  anderem  um  seines  Eigenlebens  willen,  um  sich  selbst  durch 
das  andere  zu  verstarken  und  zu  bereichern.  Wo  die  Antipathie  schweigt,  da  wird  das 
andere  als  Offenbarung,  als  Kundgebung  hingenommen.  Eine  ahnliche  Rolle  wie  das 
Licht  im  physischen  Raume  spielt  diese  hohere  Form  von  Seelen-Stofflichkeit  im 
Seelenraum.  Sie  bewirkt,  dafi  ein  Seelengebilde  das  Dasein  und  Wesen  der  andern  um 
deren  selbst  willen  gleichsam  einsaugt,  oder  man  konnte  [104]  auch  sagen,  sich  von 
ihnen  bestrahlen  lafit.  Dadurch,  dafi  die  Seelenwesen  aus  diesen  hoheren  Regionen 
schopfen,  werden  sie  erst  zum  wahren  Seelenleben  erweckt.  Ihr  dumpfes  Leben  im 
Finstern  schliefit  sich  nach  aufien  auf,  leuchtet:  und  strahlt  selbst  in  den  Seelenraum  hin; 
das  trage,  dumpfe  Weben  im  Innern,  das  sich  durch  die  Antipathie  abschliefien  will,  wenn 
nur  die  Stoffe  der  unteren  Regionen  vorhanden  sind,  wird  Kraft  und  Regsamkeit,  die  vom 
Innern  ausgeht  und  sich  nach  aufien  stromend  ergiefit.  Die  fliefiende  Reizbarkeit  der 
zweiten  Region  wirkt  nur  beim  Zusammentreffen  der  Gebilde.  Dann  stromt  allerdings 
eins  in  das  andere  iiber.  Aber  Beruhrung  ist  hier  notwendig.  In  den  hoheren  Regionen 
herrscht  fireies  Hinstrahlen,  Ergiefien.  (Mit  Recht  bezeichnet  man  das  Wesen  dieses 
Gebietes  als  ein  «Hinstrahlen»,  denn  die  Sympathie,  welche  entwickelt  wird,  wirkt  so, 
dafi  man  als  Sinnbild  dafur  den  Ausdruck  gebrauchen  kann,  der  von  der  Wirkung  des 
Lichtes  genommen  ist.)  Wie  eine  Pflanze  im  Keller  verkiimmert,  so  die  Seelengebilde 
ohne  die  sie  belebenden  Seelenstoffe  der  hoheren  Regionen.  Seelenlicht,  tdtige 
Seelenkraft  und  das  eigentliche  Seelenleben  im  engeren  Sinne  gehoren  diesen  Regionen 
an  und  teilen  sich  von  hier  aus  den  Seelenwesen  mit. 


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Drei  untere  und  drei  obere  Regionen  der  Seelenwelt  hat  man  also  zu  unterscheiden;  und 
beide  sind  vermittelt  durch  eine  vierte,  so  dafi  sich  folgende  Einteilung  der  Seelenwelt 
ergibt: 

1 .  Region  der  Begierdenglut 

2.  Region  der  fliefienden  Reizbarkeit 

3.  Region  der  Wunsche  [105] 

4.  Region  von  Lust  und  Unlust 

5.  Region  des  Seelenlichtes 

6.  Region  der  tatigen  Seelenkraft 

7.  Region  des  Seelenlebens. 

Durch  die  ersten  drei  Regionen  erhalten  die  Seelengebilde  ihre  Eigenschaften  aus  dem 
Verhaltnisse  von  Antipathie  und  Sympathie;  durch  die  vierte  Region  webt  die  Sympathie 
innerhalb  der  Seelengebilde  selbst;  durch  die  drei  hochsten  wird  die  Kraft  der  Sympathie 
immer  freier  und  freier;  leuchtend  und  belebend  durchwehen  die  Seelenstoffe  dieser 
Region  den  Seelenraum,  aufweckend,  was  sich  sonst  durch  sich  selbst  im  Eigendasein 
verlieren  miifite. 

Es  sollte  eigentlich  uberfliissig  sein,  doch  wird,  der  Klarheit  willen,  hier  doch  betont,  dafi 
diese  sieben  Abteilungen  der  Seelenwelt  nicht  etwa  voneinander  getrennte  Gebiete 
darstellen.  So  wie  Festes,  Fliissiges  und  Gasformiges  sich  im  Physischen  durchdringen, 
so  durchdringen  sich  Begierdenglut,  fliefiende  Reizbarkeit  und  die  Krafte  der 
Wunschwelt  im  Seelischen.  Und  wie  im  Physischen  die  Warme  die  Korper  durchdringt, 
das  Licht  sie  bestrahlt,  so  ist  es  im  Seelischen  mit  Lust  und  Unlust  und  mit  dem 
Seelenlicht  der  Fall.  Und  ein  ahnliches  findet  statt  fur  die  tatige  Seelenkraft  und  das 
eigentliche  Seelenleben. 


77.  Die  Seele  in  der  Seelenwelt  nach  dem  Tode 


69 


Die  Seele  ist  das  Bindeglied  zwischen  dem  Geiste  des  Menschen  und  seinem  Leibe.  Ihre 
Krafte  der  Sympathie  und  Antipathie,  die  durch  ihr  gegenseitiges  Verhaltnis  die  [106] 
Seelenaufierungen:  Begierde,  Reizbarkeit,  Wunsch,  Lust  und  Unlust  und  so  weiter 
bewirken,  -  sie  sind  nicht  nur  zwischen  Seelengebilde  und  Seelengebilde  tatig,  sondern 
sie  aufiern  sich  auch  gegeniiber  den  Wesenheiten  der  anderen.  Welten,  der  physischen 
und  der  geistigen  Welt.  Wahrend  die  Seele  im  Leibe  wohnt,  ist  sie  gewissermafien  an 
allein  beteiligt,  was  in  diesem  Leibe  vorgeht.  Wenn  die  physischen  Verrichtungen  des 
Leibes  mit  Regelmafiigkeit  vor  sich  gehen,  so  entsteht  in  der  Seele  Lust  und  Behagen; 
wenn  diese  Verrichtungen  gestort  sind,  so  tritt  Unlust  und  Schmerz  ein.  -  Und  auch  an 
den  Tatigkeiten  des  Geistes  hat  die  Seele  ihren  Anteil:  dieser  Gedanke  erfullt  sie  mit 
Freude,  jener  mit  Abscheu;  ein  richtiges  Urteil  hat  den  Beifall  der  Seele,  ein  falsches  ihr 
MiBfallen.  -  Ja,  es  hangt  die  Entwickelungsstufe  eines  Menschen  davon  ab,  ob  die 
Neigungen  seiner  Seele  mehr  nach  der  einen  oder  der  andern  Richtung  hin  gehen.  Ein 
Mensch  ist  um  so  vollkommener,  je  mehr  seine  Seele  mit  den  Aufierungen  des  Geistes 
sympathisiert;  er  ist  um  so  unvollkommener,  je  mehr  ihre  Neigungen  durch  die 
Verrichtungen  des  Leibes  befriedigt  werden. 

Der  Geist  ist  der  Mittelpunkt  des  Menschen,  der  Leib  der  Vermittler,  durch  den  der  Geist 
die  physische  Welt  betrachtet  und  erkennt  und  durch  den  er  in  ihr  wirkt.  Die  Seele  aber 
ist  der  Vermittler  zwischen  beiden.  Sie  entbindet  dem  physischen  Eindruck,  den  die 
Luftschwingungen  auf  das  Ohr  machen,  die  Empfindung  des  Tones,  sie  erlebt  die  Lust  an 
diesem  Ton.  Alles  das  teilt  sie  dem  Geiste  mit,  der  dadurch  zum  Verstdndnisse  der 
physischen  Welt  gelangt.  Ein  Gedanke,  der  in  dem  Geiste  auftritt,  wird  durch  die  Seele  in 
den  Wunsch  nach  Verwirklichung  umgesetzt  [107]  und  kann  erst  dadurch  mit  Hilfe  des 
leiblichen  Werkzeuges  zur  Tat  werden.  -  Nun  kann  der  Mensch  nur  dadurch  seine 
Bestimmung  erfTillen,  dafi  er  all  seinem  Wirken  die  Richtung  durch  den  Geist  geben  lafit. 
Die  Seele  kann  durch  sich  selbst  ihre  Neigungen  ebensogut  dem  Physischen  wie  dem 
Geistigen  entgegenbringen.  Sie  senkt  gleichsam  ihre  Fuhlfaden  ebenso  zum  Physischen 
hinunter,  wie  sie  sie  zum  Geistigen  hinaufstreckt.  Durch  das  Einsenken  in.  Die  physische 
Welt  wird  ihre  eigene  Wesenheit  von  der  Natur  des  Physischen  durchdrungen  und 
gefarbt.  Da  der  Geist  aber  nur  durch  ihre  Vermittlung  in  der  physischen  Welt  wirken 


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kann,  so  wird  ihm  selbst  dadurch  die  Richtung  auf  das  Physische  gegeben.  Seine  Gebilde 
werden  durch  die  Krafte  der  Seele  nach  dem  Physischen  hingezogen.  Man  betrachte  den 
unentwickelten  Menschen.  Die  Neigungen  seiner  Seele  hangen  an  den  Verrichtungen 
seines  Leibes.  Er  empfindet  nur  Lust  bei  den  Eindriicken,  welche  die  physische  Welt  auf 
seine  Sinne  macht.  Und  auch  sein  Geistesleben  wird  dadurch  ganz  in  diese  Sphare 
herangezogen.  Seine  Gedanken  dienen  nur  der  Befriedigung  seines  physischen 
Bedurfhislebens.  -  Indem  das  geistige  Selbst  von  Verkorperung  zu  Verkorperung  lebt, 
soil  es  immer  mehr  aus  dem  Geistigen  heraus  seine  Richtung  erhalten.  Sein  Erkennen  soil 
von  dem  Geiste  der  ewigen  Wahrheit,  sein  Handeln  von  der  ewigen  Giite  bestimmt 
werden. 

Der  Tod  bedeutet,  als  Tatsache  der  physischen  Welt  betrachtet,  eine  Veranderung  der 
Verrichtungen  des  Leibes.  Dieser  hort  mit  dem  Tode  auf,  durch  seine  Einrichtung  der 
Vermittler  der  Seele  und  des  Geistes  zu  sein.  Er  zeigt  fernerhin  sich  in  seinen 
Verrichtungen  ganz  der  physischen  [108]  Welt  und  ihren  Gesetzen  unterworfen;  er  geht 
in  dieselbe  iiber,  uni  sich  in  ihr  aufzulosen.  Nur  diese  physischen  Vorgange  des  Leibes 
konnen  mit  den  physischen  Sinnen  nach  dem  Tode  betrachtet  werden.  Was  mit  Seele  und 
Geist  dann  geschieht,  das  entzieht  sich  diesen  Sinnen.  Denn  sinnlich  konnen  ja  auch 
wahrend  des  Lebens  Seele  und  Geist  nur  insofern  beobachtet  werden,  als  diese  in 
physischen  Vorgangen  ihren  aufleren  Ausdruck  erlangen.  Nach  dein  Tode  ist  ein  solcher 
Ausdruck  nicht  mehr  moglich.  Deshalb  kommt  die  Beobachtung  der  physischen  Sinne 
und  die  sich  auf  sie  begriindende  Wissenschaft  fur  das  Schicksal  von  Seele  und  Geist 
nach  dem  Tode  nicht  in  Betracht.  Da  tritt  eben  eine  hohere  Erkenntnis  ein,  die  auf  der 
Beobachtung  der  Vorgange  in  der  Seelen-  und  der  Geisteswelt  beruht. 

Hat  sich  nun  der  Geist  von  dem  Leibe  gelost,  so  ist  er  noch  immer  mit  der  Seele 
verbunden.  Und  wie  ihn  wahrend  des  physischen  Lebens  der  Leib  an  die  physische  Welt 
gekettet  hat,  so  jetzt  die  Seele  an  die  seelische.  -  Aber  in  dieser  seelischen  Welt  ist  nicht 
sein  ureigenes  Wesen  zu  finden.  Sie  soil  ihn  nur  verbinden  mit  dem  Felde  seines 
Schaffens,  mit  der  physischen  Welt.  Um  in  einer  neuen  Verkorperung  mit 
vollkommenerer  Gestalt  zu  erscheinen,  muB  er  Kraft  und  Starkung  aus  der  geistigen  Welt 
schopfen.  Er  ist  aber  durch  die  Seele  in  die  physische  Welt  verstrickt  worden.  Er  ist  an 


71 


ein  Seelenwesen  gebunden,  das  durchdrungen  und  gefarbt  ist  von  der  Natur  des 
Physischen,  und  er  hat  dadurch  selbst  diese  Richtung  erhalten.  Nach  dem  ,Tode  ist  die 
Seele  nicht  mehr  an  den  Leib,  sondern  nur  noch  an  den  Geist  gebunden.  Sie  lebt  nun  in 
einer  seelischen  Umgebung.  Nur  die  [109]  Krafte  dieser  Welt  konnen  daher  noch  auf  sie 
eine  Wirkung  haben.  Und  an  dieses  Leben  der  Seele  in  der  Seelenwelt  ist  zunachst  auch 
der  Geist  gebunden.  Er  ist  so  an  dasselbe  gebunden,  wie  er  wahrend  der  physischen 
Verkorperung  an  den  Leib  gebunden  ist.  Wann  der  Leib  stirbt,  das  wird  durch  dessen 
Gesetze  bestimmt  im  allgemeinen  muB  ja  gesagt  werden:  nicht  die  Seele  und  der  Geist 
verlassen  den  Leib,  sondern  er  wird  von  denselben  entlassen,  (1)  wenn  seine  Krafte  nicht 
mehr  im  Sinne  der  menschlichen  Organisation  wirken  konnen.  Ebenso  ist  das  Verhaltnis 
von  Seele  und  Geist.  Die  Seele  wird  den  Geist  in  die  hohere,  in  die  geistige  Welt 
entlassen,  wenn  ihre  Krafte  nicht  mehr  im  Sinne  der  menschlichen  Seelenorganisation 
wirken  konnen.  In  dem  Augenblicke  wird  der  Geist  befreit  sein,  wenn  die  Seele  dasjenige 
der  Auflosung  iibergeben  hat,  was  sie  nur  innerhalb  des  Leibes  erleben  kann,  und  nur  das 
iibrig  behalt,  was  mit  dem  Geiste  weiterleben  kann.  Dies  Ubrigbehaltene,  was  zwar  im 
Leibe  erlebt,  aber  als  Frucht  in  den  Geist  eingepragt  werden  kann,  verbindet  die  Seele  mit 
dem  Geist  in  der  rein  geistigen  Welt.  -  Um  das  Schicksal  der  Seele  nach  dem  Tode 
kennenzulernen,  muB  also  ihr  Auflosungsprozefi  betrachtet  werden.  Sie  hatte  die 
Aufgabe,  dem  Geist  die  Richtung  nach  dem  Physischen  zu  geben.  In  dem  Augenblicke, 
wo  sie  diese  Aufgabe  erfullt  hat,  nimmt  sie  die  Richtung  nach  dem  Geistigen.  Wegen 
dieser  Natur  [110]  ihrer  Aufgabe  mufite  sie  eigentlich  sofort  nur  geistig  tatig  sein,  wenn 
der  Leib  von  ihr  abfallt,  wenn  sie  also  nicht  mehr  Bindeglied  sein  kann.  Und  sie  wiirde 
das  auch  sein,  wenn  sie  nicht  durch  ihr  Leben  im  Leibe  von  diesem  beeinflufit,  in  ihren 
Neigungen  zu  ihm  hingezogen  worden  ware.  Ohne  diese  Farbung,  die  sie  durch  die 
Verbindung  mit  dem  Leiblichen  erhalten  hat,  wiirde  sie  sogleich  nach  der  Entkorperung 
den  blofien  Gesetzen  der  geistig-seelischen  Welt  folgen  und  keine  weitere  Hinneigung 
zum  Sinnlichen  entwickeln.  Und  das  ware  der  Fall,  wenn  der  Mensch  beim  Tode 
vollstandig  alles  Interesse  an  der  irdischen  Welt  verloren  hatte,  wenn  alle  Begierden, 
Wiinsche  und  so  weiter  befriedigt  waren,  die  sich  an  das  Dasein  kniipfen,  das  er  verlassen 
hat.  Sofern  dies  aber  nicht  der  Fall  ist,  haftet  das  nach  dieser  Richtung  Ubriggebliebene 
an  der  Seele. 


72 


Man  muB  hier,  um  nicht  in  Verwirrung  zu  geraten,  sorgfaltig  unterscheiden  zwischen 
dem,  was  den  Menschen  an  die  Welt  so  kettet,  dafi  es  auch  in  einer  folgenden 
Verkorperung  ausgeglichen  werden  kann,  und  dem,  was  ihn  an  eine  bestimmte,  an  die 
jeweilig  letzte  Verkorperung  kettet.  Das  erstere  wird  durch  das  Schicksalsgesetz,  Karma, 
ausgeglichen;  das  andere  aber  kann  nur  nach  dem  Tode  von  der  Seele  abgestreift  werden. 

Es  folgt  auf  den  Tod  fur  den  Menschengeist  eine  Zeit,  in  der  die  Seele  ihre  Neigungen 
zum  physischen  Dasein  abstreift,  um  dann  wieder  den  blofien  Gesetzen  der  geistig- 
seelischen  Welt  zu  folgen  und  den  Geist  freizumachen.  Es  ist  naturgemafi,  dafi  diese  Zeit 
um  so  langer  dauern  wird,  je  mehr  die  Seele  an  das  Physische  gebunden  war.  Sie  wird 
kurz  sein  bei  einem  Menschen,  der  wenig  [111]  an  dem  physischen  Leben  gehangen  hat, 
lang  dagegen  bei  einem  solchen,  der  seine  Interessen  ganz  an  dieses  Leben  gebunden  hat, 
so  dafi  beim  Tode  noch  viele  Begierden,  Wiinsche  und  so  weiter  in  der  Seele  leben. 

Am  leichtesten  erhalt  man  von  dem  Zustande,  in  dem  die  Seele  in  der  nachsten  Zeit  nach 
dem  Tode  lebt,  eine  Vorstellung  durch  folgende  Uberlegung.  Man  nehme  ein  ziemlich 
krasses  Beispiel  dazu:  die  Geniisse  eines  Feinschmeckers.  Er  hat  seine  Lust  am 
Gaumenkitzel  durch  die  Speisen.  Der  Genufi  ist  natiirlich  nichts  Korperliches,  sondern 
etwas  Seelisches.  In  der  Seele  lebt  die  Lust  und  auch  die  Begierde  nach  der  Lust.  Zur 
Befriedigung  der  Begierde  ist  aber  das  entsprechende  korperliche  Organ,  der  Gaumen 
und  so  weiter,  notwendig.  Nach  dem  Tode  hat  nun  die  Seele  eine  solche  Begierde  nicht 
sogleich  verloren,  wohl  aber  hat  sie  das  korperliche  Organ  nicht  mehr,  welches  das  Mittel 
ist,  die  Begierde  zu  befriedigen.  Es  ist  nun  -  zwar  aus  einem  anderen  Grunde,  der  aber 
ahnlich,  nur  weit  starker  wirkt  -  fur  den  Menschen  so,  wie  wenn  er  in  einer  Gegend,  in 
der  weit  und  breit  kein  Wasser  ist,  brennenden  Durst  litte.  So  leidet  die  Seele  brennend  an 
der  Entbehrung  der  Lust,  weil  sie  das  korperliche  Organ  abgelegt  hat,  durch  das  sie  die 
Lust  haben  kann.  So  ist  es  mit  allem,  wonach  die  Seele  verlangt  und  das  nur  durch  die 
korperlichen  Organe  befriedigt  werden  kann.  Es  dauert  dieser  Zustand  (brennender 
Entbehrung)  so  lange,  bis  die  Seele  gelernt  hat,  nicht  mehr  nach  solchem  zu  begehren, 
was  nur  durch  den  Korper  befriedigt  werden  kann.  Und  die  Zeit,  welche  in  diesem 
Zustande  verbracht  wird,  kann  man  den  Ort  der  Begierden  nennen,  obgleich  man  es 
natiirlich  nicht  mit  einem  «Orte»  zu  tun  hat.  [112]  Betritt  die  Seele  nach  dem  Tode  die 


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seelische  Welt,  so  ist  sie  deren  Gesetzen  unterworfen.  Diese  wirken  auf  sie;  und  vor' 
dieser  Wirkung  hangt  es  ab,  in  welcher  Art  die  Neigung  zum  Physischen  in  ihr  getilgt 
wird.  Die  Wirkungen  miissen  verschieden  sein,  je  nach  den  Arten  der  Seelenstoffe  und 
Seelenkrafte,  in  deren  Bereich  sie  nunmehr  versetzt  ist.  Jede  dieser  Arten  wird  ihren 
reinigenden,  lauternden  Einflufi  geltend  machen.  Der  Vorgang,  der  hier  stattfindet,  ist  so, 
daB  alles  Antipathische  in  der  Seele  allmahlich  von  den  Kraften  der  Sympathie 
iiberwunden  und  dafi  diese  Sympathie  selbst  bis  zu  ihrem  hochsten  Gipfel  gefiihrt  wird. 
Denn  durch  diesen  hochsten  Grad  von  Sympathie  mit  der  ganzen  iibrigen  Seelenwelt 
wird  die  Seele  gleichsam  in  dieser  zerfliefien,  eins  mit  ihr  werden;  dann  ist  ihre 
Eigensucht  vollig  erschopft.  Sie  hort  auf,  als  ein  Wesen  zu  existieren,  das  dem  physisch- 
sinnlichen  Dasein  zugeneigt  ist:  der  Geist  ist  durch  sie  befreit.  Daher  lautert  sich  die 
Seele  durch  die  oben  beschriebenen  Regionen  der  Seelenwelt  hindurch,  bis  sie  in  der 
Region  der  vollkommenen  Sympathie  mit  der  allgemeinen  Seelenwelt  eins  wird.  DaB  der 
Geist  bis  zu  diesem  letzten  Momente  der  Befreiung  seiner  Seele  selbst  an  diese  gebunden 
ist,  riihrt  davon  her,  dafi  er  durch  sein  Leben  mit  ihr  ganz  verwandt  geworden  ist.  Diese 
Verwandtschaft  ist  eine  viel  grofiere  als  die  mit  dem  Leibe.  Denn  mit  dem  letzteren  ist  er 
mittelbar  durch  die  Seele,  mit  dieser  aber  unmittelbar  verbunden.  Sie  ist  ja  sein 
Eigenleben.  Deshalb  ist  der  Geist  nicht  an  den  verwesenden  Leib,  wohl  aber  an  die  sich 
allmahlich  befreiende  Seele  gebunden.  -  Wegen  der  unmittelbaren  Verbindung  des 
Geistes  mit  der  Seele  kann  der  erstere  sich  von  dieser  erst  [113]  dann  frei  fiihlen,  wenn 
sie  selbst  mit  der  allgemeinen  Seelenwelt  eins  geworden  ist. 

Insofern  die  seelische  Welt  der  Aufenthalt  des  Menschen  unmittelbar  nach  dem  Tode  ist, 
kann  sie  der  «Ort  der  Begierden»  genannt  werden.  Die  verschiedenen  Religionssysteme, 
die  ein  Bewufitsein  von  diesen  Verhaltnissen  in  ihre  Lehren  aufgenommen  haben,  kennen 
diesen  «Ort  der  Begierden»  unter  dem  Namen  «Fegefeuer»,  «Lauterungsfeuer»  und  so 
weiter. 

Die  niederste  Region  der  Seelenwelt  ist  diejenige  der  Begierdenglut.  Durch  sie  wird  nach 
dem  Tode  alles  das  aus  der  Seele  ausgetilgt,  was  sie  an  grobsten,  mit  dem  niedersten 
Leibesleben  zusammenhangenden  selbstsuchtigen  Begierden  hat.  Denn  durch  solche 
Begierden  kann  sie  von  den  Kraften  dieser  Seelenregion  eine  Wirkung  erfahren.  Die 


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unbefriedigten  Begierden,  die  aus  dem  physischen  Leben  zuriickgeblieben  sind,  bilden 
den  Angriffspunkt.  Die  Sympathie  solcher  Seelen  erstreckt  sich  nur  tiber  das,  was  ihr 
eigensiichtiges  Wesen  nahren  kann;  und  sie  wird  weit  iiberwogen  von  der  Antipathie,  die 
sich  iiber  alles  andere  ergiefit.  Nun  gehen  aber  die  Begierden  auf  die  physischen  Geniisse, 
die  in  der  Seelenwelt  nicht  befriedigt  werden  konnen.  Durch  diese  Unmoglichkeit  der 
Befriedigung  wird  die  Gier  aufs  hochste  gesteigert.  Zugleich  muB  aber  diese 
Unmoglichkeit  die  Gier  allmahlich  verloschen.  Die  brennenden  Geliiste  verzehren  sich 
nach  und  nach;  und  die  Seele  hat  erfahren,  dafi  in  der  Austilgung  solcher  Geliiste  das 
einzige  Mittel  liegt,  das  Leid  zu  verhindern,  das  aus  ihnen  kommen  muB.  Wahrend  des 
physischen  Lebens  tritt  ja  doch  immer  wieder  und  wieder  Befriedigung  ein.  Dadurch 
wird  der  Schmerz  der  brennenden  Gier  durch  [114]  eine  Art  Illusion  verdeckt.  Nach  dem 
Tode,  im  «Lauterungsfeuer»,  tritt  dieser  Schmerz  ganz  unverhullt  auf.  Die 
entsprechenden  Entbehrungserlebnisse  werden  durchgemacht.  Ein  finsterer  Zustand  ist 
es,  in  dem  die  Seelen  sich  dadurch  befinden.  Nur  diejenigen  Menschen  konnen 
selbstverstandlich  diesem  Zustande  verfallen,  deren  Begierden  im  physischen  Leben  auf 
die  grobsten  Dinge  abzielten.  Naturen  mit  wenig  Geliisten  gehen,  ohne  dafi  sie  es  merken, 
durch  ihn  hindurch,  denn  sie  haben  zu  ihm  keine  Verwandtschaft.  Es  mufi  gesagt  werden, 
dafi  durch  die  Begierdenglut  die  Seelen  um  so  langer  beeinflufit  werden,  je  verwandter  sie 
durch  ihr  physisches  Leben  dieser  Glut  geworden  sind;  je  mehr  sie  es  daher  no  tig  haben, 
in  ihr  gelautert  zu  werden.  Man  darf  solche  Lauterung  nicht  in  demselben  Sinne  als  ein 
Leiden  bezeichnen,  wie  man  ahnliches  in  der  Sinnenwelt  nur  als  Leiden  empfinden 
miifite.  Denn  die  Seele  verlangt  nach  dem  Tode  nach  ihrer  Lauterung,  weil  nur  durch 
diese  eine  in  ihr  bestehende  Unvollkommenheit  getilgt  werden  kann. 

Eine  zweite  Art  von  Vorgangen  der  Seelenwelt  ist  so,  dafi.  Sich  Sympathie  und 
Antipathie  bei  ihnen  das  Gleichgewicht  halten.  Insofern  eine  Menschenseele  in  dem 
gleichen  Zustande  nach  dem  Tode  ist,  wird  sie  eine  Zeitlang  von  diesen  Vorgangen 
beeinflufit.  Das  Aufgehen  im  aufieren  Tand  des  Lebens,  die  Freude  an  den 
voriiberflutenden  Eindriicken  der  Sinne  bedingen  diesen  Zustand.  Die  Menschen  leben  in 
ihm,  insofern  er  durch  die  angedeuteten  Seelenneigungen  bedingt  ist  Sie  lassen  sich  von 
jeder  Nichtigkeit  des  Tages  beeinflussen.  Da  aber  ihre  Sympathie  sich  keinem  Dinge  in 


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besonderem  MaBe  zuwendet,  gehen  die  Einflusse  rasch  voriiber.  Alles,  was  nicht  diesem 
[115]  nichtigen  Reich  angehort,  ist  solchen  Personen  antipathisch.  Erlebt  nun  nach  dem 
Tode  die  Seele  diesen  Zustand,  ohne  dafi  die  sinnlich-physischen  Dinge  da  sind,  die  zu 
seiner  Befriedigung  notwendig  gehoren,  so  muB  er  endlich  verloschen.  Natiirlich  ist  die 
Entbehrung,  die  vor  dem  volligen  Erloschen  in  der  Seele  herrscht,  leidvoll.  Diese 
leidvolle  Lage  ist  die  Schule  zur  Zerstorung  der  Illusion,  in  die  der  Mensch  wahrend  des 
physischen  Lebens  eingehiillt  ist. 

Drittens  kommen  in  der  Seelenwelt  die  Vorgange  in  Betracht  mit  vorherrschender 
Sympathie,  diejenigen  mit  vorherrschender  Wunschnatur.  Ihre  Wirkung  erfahren  die 
Seelen  durch  alles  das,  was  eine  Atmosphare  von  Wiinschen  nach  dem  Tode  erhalt.  Auch 
diese  Wiinsche  ersterben  allmahlich  wegen  der  Unmoglichkeit  ihrer  Befriedigung. 

Die  Region  der  Lust  und  Unlust  in  der  Seelenwelt,  die  oben  als  die  vierte  bezeichnet 
worden  ist,  legt  der  Seele  besondere  Prufungen  auf.  Solange  diese  im  Leibe  wohnt, 
nimmt  sie  an  allem  teil,  was  diesen  Leib  betrifft.  Das  Weben  von  Lust  und  Unlust  ist  an 
diesen  gekniipft.  Er  verursacht  ihr  Wohlgefiihl  und  Behagen,  Unlust  und  Unbehagen.  Der 
Mensch  empfindet  wahrend  des  physischen  Lebens  seinen  Korper  als  sein  Selbst.  Das, 
was  man  Selbstgefuhl  nennt,  griindet  sich  auf  diese  Tatsache.  Und  je  sinnlicher  die 
Menschen  veranlagt  sind,  desto  mehr  nimmt  ihr  Selbstgefuhl  diesen  Charakter  an.  -  Nach 
dem  Tode  fehlt  der  Leib  als  Gegenstand  dieses  Selbstgefuhls.  Die  Seele,  welcher  dieses 
Gefuhl  geblieben  ist,  fuhlt  sich  deshalb  wie  ausgehdhlt.  Ein  Gefuhl,  wie  wenn  sie  sich 
selbst  verloren  hatte,  befallt  sie.  Dieses  halt  so  lange  an,  bis  erkannt  ist,  [116]  dafi  im 
Physischen  nicht  der  wahre  Mensch  liegt.  Die  Einwirkungen  dieser  vierten  Region 
zerstoren  daher  die  Illusion  des  leiblichen  Selbst.  Die  Seele  lernt  diese  Leiblichkeit  nicht 
mehr  als  etwas  Wesentliches  empfinden.  Sie  wird  geheilt  und  gelautert  von  dem  Hang  zu 
der  Leiblichkeit.  Dadurch  hat  sie  iiberwunden,  was  sie  vorher  stark  an  die  physische  Welt 
kettete,  und  sie  kann  die  Krafte  der  Sympathie,  die  nach  aufien  gehen,  voll  entfalten.  Sie 
ist  sozusagen  von  sich  abgekommen  und  bereit,  teilnahmsvoll  sich  in  die  allgemeine 
Seelenwelt  zu  ergiefien. 


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Es  soil  nicht  unerwahnt  bleiben,  dafi  die  Erlebnisse  dieser  Region  im  besonderen  Mafie 
Selbstmorder  durchmachen.  Sie  verlassen  auf  kiinstlichem  Wege  ihren  physischen  Leib, 
wahrend  doch  alle  Gefuhle,  die  mit  diesem  zusammenhangen,  unverandert  bleiben.  Beim 
natiirlichen  Tode  geht  mit  dem  Verfall  des  Leibes  auch  ein  teilweises  Ersterben  der  an 
ihn  sich  heftenden  Gefuhle  einher.  Bei  Selbstmordern  kommen  dann  noch  zu  der  Qual, 
die  ihnen  das  Gefuhl  der  plotzlichen  Aushohlung  verursacht,  die  unbefriedigten 
Begierden  lind  Wiinsche,  wegen  deren  sie  sich  entleibt  haben. 

Die  funfte  Stufe  der  Seelenwelt  ist  die  des  Seelenlichtes.  Die  Sympathie  mit  anderem  hat 
in  ihr  bereits  eine  hohe  Geltung.  Mit  ihr  sind  die  Seelen  verwandt,  insofern  sie  wahrend 
des  physischen  Lebens  nicht  in  der  Befriedigung  niederer  Bediirfnisse  aufgegangen  sind, 
sondern  Freude,  Lust  an  ihrer  Umwelt  gehabt  haben.  Die  Naturschwarmerei,  insofern  sie 
einen  sinnlichen  Charakter  an  sich  getragen  hat,  unterliegt  zum  Beispiel  hier  der 
Lauterung.  Man  muB  aber  diese  Art  von  Naturschwarmerei  wohl  unterscheiden  von 
jenem  hoheren  Leben  in  der  Natur,  das  [117]  geistiger  Art  ist  und  welches  den  Geist 
sucht,  der  sich  in  den  Dingen  und  Vorgangen  der  Natur  offenbart.  Diese  Art  von 
Natursinn  gehort  zu  den  Dingen,  die  den  Geist  selbst  entwickeln  und  die  ein  Bleibendes 
in  diesem  Geiste  begriinden.  Von  diesem  Natursinn  ist  aber  eine  solche  Lust  an  der  Natur 
zu  unterscheiden,  die  ihren  Grund  in  den  Sinnen  hat.  Dieser  gegeniiber  bedarf  die  Seele 
ebenso  der  Lauterung  wie  gegeniiber  anderen  Neigungen,  die  im  blofien  physischen 
Dasein  begriindet  sind.  Viele  Menschen  sehen  in  Einrichtungen,  die  der  sinnlichen 
Wohlfahrt  dienen,  in  einem  Erziehungssystem,  das  vor  allem  sinnliches  Behagen 
herbeifuhrt,  eine  Art  Ideal.  Von  ihnen  kann  man  nicht  sagen,  daB  sie  nur  ihren 
selbstsiichtigen  Trieben  dienen.  Aber  ihre  Seele  ist  doch  auf  die  Sinnenwelt  gerichtet  und 
muB  durch  die  in  der  fiinften  Region  der  seelischen  Welt  herrschende  Kraft  der 
Sympathie,  der  diese  aufieren  Befriedigungsmittel  fehlen,  geheilt  werden.  Die  Seele 
erkennt  hier  allmahlich,  dafi  diese  Sympathie  andere  Wege  nehmen  muB.  Und  diese 
Wege  werden  gefunden  in  der  durch  die  Sympathie  mit  der  Seelenumgebung  bewirkten 
Ausgiefiung  der  Seele  in  den  Seelenraum. 

-  Auch  diejenigen  Seelen,  welche  von  ihren  religiosen  Verrichtungen  zunachst  eine 
Erhohung  ihrer  sinnlichen  Wohlfahrt  verlangen,  werden  hier  gelautert.  Sei  es,  dafi  ihre 


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Sehnsucht  auf  ein  irdisches,  sei  es,  dafi  sie  auf  ein  himmlisches  Paradies  gehe.  Sie  finden 
im  «Seelenlande»  dieses  Paradies;  aber  nur  zu  dem  Zwecke,  um  die  Wertlosigkeit 
desselben  zu  durchschauen.  Alles  das  sind  natiirlich  nur  einzelne  Beispiele  fur 
Lauterungen,  die  in  dieser  funften  Region  stattfinden.  Sie  konnten  beliebig  vermehrt 
werden.  [118]  Durch  die  sechste  Region,  diejenige  der  tdtigen  Seelenkraft,  findet  die 
Lauterung  des  tatendurstigen  Teiles  der  Seele  statt,  der  nicht  einen  egoistischen  Charakter 
tragt,  doch  aber  in  der  sinnlichen  Befriedigung,  welche  die  Taten  bringen,  seine  Motive 
hat.  Naturen,  die  eine  solche  Tatenlust  entwickeln,  machen  aufierlich  durchaus  den 
Eindruck  von  Idealisten,  sie  zeigen  sich  als  aufopferungsfahige  Personen.  Im  tieferen 
Sinne  kommt  es  ihnen  aber  doch  auf  die  Erhohung  eines  sinnlichen  Lustgefuhls  an.  Viele 
kiinstlerische  Naturen  und  solche,  welche  sich  wissenschaftlicher  Betatigung  hingeben, 
weil  es  ihnen  so  gefallt,  gehoren  hierher.  Was  diese  an  die  physische  Welt  kettet,  das  ist 
der  Glaube,  dafi  Kunst  und  Wissenschaft  um  eines  solchen  Gefallens  willen  da  seien. 

Die  siebente  Region,  die  des  eigentlichen  Seelenlebens,  befreit  den  Menschen  von  seinen 
letzten  Hinneigungen  zur  sinnlich-physischen  Welt.  Jede  vorhergehende  Region  nimmt 
von  der  Seele  das  auf,  was  ihr  verwandt  ist.  Was  nun  noch  den  Geist  umgibt,  das  ist  die 
Meinung,  dafi  seine  Tatigkeit  der  sinnlichen  Welt  ganz  gewidmet  sein  soil.  Es  gibt 
hochbegabte  Personlichkeiten,  die  aber  iiber  nicht  viel  anderes  nachsinnen  als  iiber  die 
Vorgange  der  physischen  Welt.  Man  kann  einen  solchen  Glauben  einen  materialistischen 
nennen.  Dieser  Glaube  muB  zerstort  werden,  und  er  wird  es  in  der  siebenten  Region.  Da 
sehen  die  Seelen,  dafi  keine  Gegenstande  fur  materialistische  Gesinnung  in  der  wahren 
Wirklichkeit  vorhanden  sind.  Wie  Eis  in  der  Sonne  schmilzt  dieser  Glaube  der  Seele  hier 
dahin.  Das  Seelenwesen  ist  nunmehr  aufgesogen  von  seiner  Welt,  der  Geist  aller  Fesseln 
ledig.  Er  schwingt  sich  auf  in  die  Regionen,  wo  er  nur  in  seiner  eigenen  Umgebung  [119] 
lebt.  -  Die  Seele  hat  ihre  vorige  Erdenaufgabe  erfiillt,  und  es  hat  sich  nach  dem  Tode 
gelost,  was  von  dieser  Aufgabe  als  eine  Fessel  fur  den  Geist  geblieben  ist.  Indem  die 
Seele  den  Erdenrest  iiberwunden  hat,  ist  sie  selbst  ihrem  Elemente  zuriickgegeben. 

Man  sieht  aus  dieser  Darstellung,  dafi  die  Erlebnisse  der  seelischen  Welt,  und  damit  auch 
die  Zustande  des  seelischen  Lebens  nach  dem  Tode,  ein  immer  weniger  der  Seele 
widerstrebendes  Aussehen  gewinnen,  je  mehr  der  Mensch  von  dem  abgestreift  hat,  was 


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ihm  von  der  irdischen  Verbindung  mit  der  physischen  Korperlichkeit  an  unmittelbarer 
Verwandtschaft  mit  dieser  anhaftet.  -  Je  nach  den  im  physischen  Leben  geschaffenen 
Vorbedingungen  wird  die  Seele  langer  oder  kiirzer  der  einen  oder  anderen  Region 
angehoren.  Wo  sie  Verwandtschaft  fiihlt,  bleibt  sie  so  lange,  bis  diese  getilgt  ist.  Wo 
keine  Verwandtschaft  vorhanden  ist,  geht  sie  unfuhlend  iiber  die  moglichen 
Einwirkungen  hinweg.  Es  sollten  hier  nur  die  Grundeigenschaften  der  Seelenwelt 
geschildert  und  der  Charakter  des  Lebens  der  Seele  in  dieser  Welt  in  allgemeinen  Ziigen 
dargestellt  werden.  Dasselbe  gilt  fur  die  folgenden  Darstellungen  des  Geisterlandes.  Es 
wiirde  die  Grenzen,  welche  dieses  Buch  einhalten  soil,  iiberschreiten,  wenn  auf  weitere 
Eigenschaften  dieser  hoheren  Welten  eingegangen  werden  sollte.  Denn  von  dem,  was 
sich  mit  Raumverhaltnissen  und  dem  Zeitverlauf  vergleichen  lafit,  in  bezug  auf  die  hier 
alles  ganz  anders  ist  als  in  der  physischen  Welt,  kann  nur  verstandlich  gesprochen 
werden,  wenn  man  es  in  ganz  ausfuhrlicher  Art  darstellen  will.  Einiges  Wichtige  dariiber 
findet  man  in  meiner  «Geheimwissenschaft».  [120] 


III.  Das  Geisterland 

Bevor  nun  der  Geist  auf  seiner  weiteren  Wanderung  betrachtet  werden  kann,  muB  das 
Gebiet  selbst  erst  beobachtet  werden,  das  er  betritt.  Es  ist  die  «Welt  des  Geistes».  Diese 
Welt  i
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