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Rudolf Steiner Online Archiv - http://home.att.net/~rudolf.steiner/
Seitennummern der Originalausgabe in eckigen Klammern. [ ]
Anmerkungen, angegeben in runden Klammern ( ), stehen jeweils am Ende eines Kapitels.
Steiner, Rudolf:
Theosophie.
Einfuhrung in ubersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung.
Dornach (CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1987tb (Taschenbuchausgabe).
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INHALT
Vorreden
Einleitung
I. Das Wesen des Menschen
II. Wiederverkorperung des Geistes und Schiksal
III. Die drei Welten
IV. Der Pfad der Erkenntnis
Einzelne Bemerkungen und Erganzungen
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Zur Neuauflage dieser Schrift
[7] Vor dem Erscheinen der neunten Auflage dieser Schrift im Jahre 1918 habe ich sie
einer sorgfaltigen Durcharbeitung unterzogen. Seither ist die Anzahl der Gegenschriften
gegen die in ihr dargestellte anthroposophische Welt-Anschauung um ein bedeutendes
gewachsen. 1918 hat die Durcharbeitung zu einer grofien Zahl von Erweiterungen und
Erganzungen gefuhrt. Die Durcharbeitung zu dieser Neu-Ausgabe hat zu einem Gleichen
nicht gefuhrt. Wer beachten will, wie ich an den verschiedensten Stellen meiner Schriften
mir die moglichen Einwande selber gemacht habe, um deren Gewicht zu bestimmen und
sie zu entkraften, der kann im wesentlichen wissen, was ich zu den Gegenschriften zu
sagen habe. Innere Griinde, den Inhalt in gleicher Art zu erganzen, wie 1918, gab es aber
diesmal nicht, trotzdem sich in meiner Seele die anthroposophische Weltanschauung
seither gerade in den letzten vier Jahren nach vielen Seiten erweitert hat und ich sie auch
vertiefen durfte. Diese Erweiterung und Vertiefung hat mich aber nicht zu einer
Erschutterung des in dieser Schrift Niedergeschriebenen gefuhrt, sondern zu der Ansicht,
daB das seither Gefundene gerechtfertigt erscheinen lafit, an dem Inhalt dieser
grundlegenden Darstellung nichts Wesentliches zu andern.
Stuttgart, 24. November 1922
Rudolf Steiner
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Vorrede zur 6. Auflage
[9] Fast jedesmal, wenn eine neue Auflage dieses Buches no tig wurde, habe ich seine
Ausflihrungen wieder aufmerksam durchgearbeitet. Auch dieses Mai habe ich mich der
Aufgabe unterzogen. Uber die erneute Durcharbeitung hatte ich ahnliches zu sagen wie
iiber diejenige fur die dritte Auflage. Ich lasse daher dem Inhalt des Buches die «Vorrede
zur dritten Auflage» vorangehen. - Doch habe ich diesmal eine besondere Sorgfalt darauf
verwendet, viele Einzelheiten der Darstellung zu einer noch grofieren Klarheit zu bringen,
als ich dies fur die vorigen Auflagen zu tun vermochte. Ich weifi, dafi vieles, sehr vieles
in dieser Richtung noch geschehen miifite. Allein bei Darstellungen der geistigen Welt ist
man fur das Auffinden des pragnanten Wortes, der entsprechenden Wendung, die eine
Tatsache, ein Erlebnis zum Ausdruck bringen sollen, von den Wegen abhangig, welche
die Seele geht. Auf diesen Wegen ergibt sich, wenn «die rechte Stunde da ist», der
Ausdruck, nach dem man vergeblich sucht, wenn man ihn mit Absicht herbeifuhren will.
Ich glaube, dafi ich an manchen Stellen dieser Neuauflage eben in Beziehung auf
wichtige Einzelheiten im Erkennen der geistigen Welt habe Wichtiges tun diirfen.
Manches erscheint mir erst jetzt so dargestellt, wie es sein soil. Ich darf es aussprechen,
dafi dieses Buch etwas mitgemacht hat von dem, was meine Seele seit dessen erstem
Erscheinen vor zehn Jahren, nach weiterer Erkenntnis der geistigen Welt ringend,
durchlebt hat. Mag auch die Anlage, ja fur alles Wesentliche selbst die Fassung dieser
Auflage mit der ersten noch vollig iibereinstimmen; an vielen Stellen des Buches wird
man doch [10] sehen konnen, dafi es mir als ein Lebendiges gegeniiber. Gestanden hat,
dem ich gegeben habe von dem, was ich glaube mir in zehn Jahren der Geistesforschung
errungen zu haben. Sollte das Buch eine Neuauflage des alten sein und nicht ein vollig
neues werden, so konnte sich die um. Gestaltung naturgemafi nur in bescheidenen
Grenzen halten. Ich war namentlich auch bestrebt, durch einzelne «Erweiterungen und
Erganzungen» dafur zu sorgen, dafi diese oder jene Frage, welche sich der Leser an
mancher Stelle aufwerfen kann, ihre Antwort in dem Buche selbst finde.
In bewegter Zeit und mit bewegter Seele schreibe ich diese Satze, welche der sechsten
Auflage des Buches vorgedruckt werden sollen. Deren Druck war bis Seite 189 (1)
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vollendet, als das schicksaltragende Ereignis iiber Europa hereinbrach, das jetzt die
Menschheit erlebt. Mir scheint es unmoglich, da ich diese Vorrede schreibe, nicht hier
anzudeuten, was auf die Seele in solcher Zeit einstiirmt.
Berlin, 7. September 1914
Rudolf Steiner
Anmerkungen:
(1) Seite 194 der vorliegenden Auflage.
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Einleitung
[17] Als Johann Gottlieb Fichte im Herbst 1813 seine «Lehre» als reife Frucht eines ganz
dem Dienste der Wahrheit gewidmeten Lebens vortrug, da sprach er gleich im Anfange
folgendes aus: «Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinneswerkzeug, durch
welches eine neue Welt gegeben wird, die fur den gewohnlichen Menschen gar nicht
vorhanden ist.» Und dann zeigte er an einem Vergleich, wie unfafilich diese seine Lehre
demjenigen sein mufi, der sie mit den Vorstellungen der gewohnlichen Sinne beurteilen
will: «Denke man eine Welt von Blindgeborenen, denen darum allein die Dinge und ihre
Verhaltnisse bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese
und redet ihnen von Farben und den anderen Verhaltnissen, die nur durch das Licht und
fur das Sehen vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von Nichts, und dies ist das
Gliicklichere, wenn sie es sagen, denn auf diese Weise werdet ihr bald den Fehler merken
und, falls ihr ihnen nicht die Augen zu offnen vermogt, das vergebliche Reden
einstellen.» Nun befindet sich allerdings derjenige, der von sole hen Dingen zu Menschen
spricht, auf welche Fichte in diesem Falle deutet, nur zu oft in einer Lage, welche der des
Sehenden zwischen Blindgeborenen ahnlich ist. Aber diese Dinge sind doch diejenigen,
die sich auf des Menschen wahres Wesen und hochstes Ziel beziehen. Und es mufite
somit derjenige an der Menschheit verzweifeln, der glauben wollte, dafi es no tig sei, «das
vergebliche Reden einzustellen». Keinen Augenblick darf vielmehr daran gezweifelt
werden, dafi es in bezug auf diese Dinge moglich sei, jedem «die Augen [18] zu 6ffnen»,
der den guten Willen dazu mitbringt. - Aus dieser Voraussetzung heraus haben daher alle
diejenigen gesprochen und geschrieben, die in sich fuhlten, dafi ihnen selbst das «innere
Sinneswerkzeug» erwachsen sei, durch das sie das den aufieren Sinnen verborgene wahre
Wesen des Menschen zu erkennen vermochten. Seit den altesten Zeiten wird daher
immer wieder und wieder von solcher «verborgenen Weisheit» gesprochen. - Wer etwas
von ihr ergriffen hat, fuhlt den Besitz ebenso sicher, wie die, welche wohlgebildete
Augen haben, den Besitz der Farbenvorstellungen fuhlen. Fur ihn bedarf daher diese
«verborgene Weisheit» keines «Beweises». Und er weifi auch, dafi sie fur denjenigen
keines Beweises bediirfen kann, dem sich gleich ihm der «hohere Sinn» erschlossen hat.
Zu einem solchen kann er sprechen, wie ein Reisender iiber Amerika zu sprechen vermag
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zu denen, die zwar nicht selbst Amerika gesehen haben, die sich aber davon eine
Vorstellung machen konnen, weil sie alles sehen wiirden, was er gesehen hat, wenn sich
ihnen dazu die Gelegenheit bote.
Aber nicht nur zu Erforschern der geistigen Welt soil der Beobachter des Ubersinnlichen
sprechen. Er muB seine Worte an alle Menschen richten. Denn er hat iiber Dinge zu
berichten, die alle Menschen angehen; ja, er weifi, dafi niemand ohne eine Kenntnis
dieser Dinge im wahren Sinne des Wortes «Mensch» sein kann. Und er spricht zu alien
Menschen, weil ihm bekannt ist, dafi es verschiedene Grade des Verstandnisses fur das
gibt, was er zu sagen hat. Er weifi, dafi auch solche, die noch weit entfernt von dem
Augenblicke sind, in dem ihnen die eigene geistige Forschung erschlossen wird, ihm
Verstandnis entgegenbringen konnen. Denn das Gefuhl und das Verstdndnis fur die [19]
Wahrheit liegen in jedem Menschen. Und an dieses Verstandnis, das in jeder gesunden
Seele aufleuchten kann, wendet er sich zunachst. Er weifi auch, dafi in diesem
Verstandnis eine Kraft ist, die allmahlich zu den hoheren Graden der Erkenntnis fuhren
muB. Dieses Gefuhl, das vielleicht anfangs gar nichts sieht von dem, wovon zu ihm
gesprochen wird, es ist selbst der Zauberer, der das «Auge des Geistes» aufschliefit. In
der Dunkelheit regt sich dieses Gefuhl. Die Seele sieht nicht; aber durch dieses Gefuhl
wird sie erfafit von der Macht der Wahrheit; und dann wird die Wahrheit nach und nach
herankommen an die Seele und ihr den «hoheren Sinn» offnen. Fur den einen mag es
kiirzer, fur den andern langer dauern; wer Geduld und Ausdauer hat, der erreicht dieses
Ziel. Denn wenn auch nicht jeder physisch Blindgeborene operiert werden kann: jedes
geistige Auge kann geoffnet werden; und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es geoffnet
wird.
Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung sind keine Vorbedingungen zur Eroffhung
dieses «hoheren Sinnes». Dem naiven Menschen kann er sich ebenso erschliefien wie
dem wissenschaftlich Hochstehenden. Was in gegenwartiger Zeit oft die «alleinige»
Wissenschaft genannt wird, kann fur dieses Ziel oft sogar eher hinderlich als fordernd
sein. Denn diese Wissenschaft lafit naturgemafi nur dasjenige als «wirklich» gelten, was
den gewohnlichen Sinnen zuganglich ist. Und so grofi auch ihre Verdienste um die
Erkenntnis dieser Wirklichkeit sind: sie schafft, wenn sie, was fur ihre Wissenschaft
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notwendig und segenbringend ist, fur alles menschliche Wissen als mafigebend erklart,
zugleich eine Fiille von Vorurteilen, die den Zugang zu hoheren Wirklichkeiten
verschliefien. [20] Gegen dasjenige, was hier gesagt ist, wird oft eingewendet: dein
Menschen seien einmal «uniibersteigliche Grenzen» seiner Erkenntnis gesetzt. Man
konne diese Grenzen nicht iiberschreiten; deshalb miissen alle Erkenntnisse abgelehnt
werden, welche solche «Grenzen» nicht beachten. Und man sieht wohl auch den als recht
unbescheiden an, der etwas iiber Dinge behaupten will, von denen es vielen fur
ausgemacht gilt, dafi sie jenseits der Grenzen menschlicher Erkenntnisfahigkeit liegen.
Man lafit bei einem solchen Einwande vollig unberiicksichtigt, dafi der hoheren
Erkenntnis eben eine Entwickelung der menschlichen Erkenntniskrafte voranzugehen hat.
Was vor einer solchen Entwickelung jenseits der Grenzen des Erkennens liegt, das liegt
nach der Erweckung von Fahigkeiten, die in jedem Menschen schlummern, durchaus
innerhalb des Erkenntnisgebietes. - Eines darf dabei allerdings nicht aufier acht gelassen
werden. Man konnte sagen: wozu niitzt es, iiber Dinge zu Menschen zu sprechen, fur
welche ihre Erkenntniskrafte nicht erweckt sind, die ihnen also selbst doch verschlossen
sind? So ist aber die Sache doch falsch beurteilt. Man braucht gewisse Fahigkeiten, um
die Dinge, um die es sich handelt, aufzufinden: werden sie aber, nachdem sie
aufgefunden sind, mitgeteilt, dann kann jeder Mensch sie verstehen, der unbefangene
Logik und gesundes Wahrheitsgefuhl anwenden will. In diesem Buche werden keine
anderen Dinge mitgeteilt als solche, die auf jeden, der allseitiges, durch kein Vorurteil
getriibtes Denken und riickhaltloses, freies Wahrheitsgefuhl in sich wirken lafit, den
Eindruck machen konnen, dafi durch sie an die Ratsel des Menschenlebens und der
Welterscheinungen auf eine befriedigende Art herangetreten werden [21] kann. Man
stelle sich nur einmal auf den Standpunkt der Frage: Gibt es eine befriedigende Erklarung
des Lebens, wenn die Dinge wahr sind, die da behauptet werden? Und man wird finden,
dafi das Leben eines jeden Menschen die Bestatigung liefert.
Um «Lehrer» auf diesen hoheren Gebieten des Daseins zu sein, geniigt es allerdings
nicht, dafi sich dem Menschen einfach der Sinn fur sie erschlossen hat. Dazu gehort
ebenso «Wissenschaft» auf ihnen, wie zum Lehrerberuf auf dem Gebiete der
gewohnlichen Wirklichkeit Wissenschaft gehort. «H6heres Schauen» macht ebensowenig
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schon zum «Wissenden» im Geistigen, wie gesunde Sinne zum «Gelehrten» in der
sinnlichen Wirklichkeit machen. Und da in Wahrheit alle Wirklichkeit, die niedere und
die hohere geistige, nur zwei Seiten einer und derselben Grundwesenheit sind, so wird
derjenige, der unwissend in den niederen Erkenntnissen ist, es wohl auch zumeist in
hoheren Dingen bleiben. Diese Tatsache erzeugt in dem, der sich - durch geistige
Berufung - zum Aussprechen iiber die geistigen Gebiete des Daseins veranlafit fuhlt, das
Gefuhl einer ins Unermefiliche gehenden Verantwortung. Sie legt ihm Bescheidenheit
und Zuriickhaltung auf. Niemanden aber soil sie abhalten, sich mit den hoheren
Wahrheiten zu beschaftigen. Auch den nicht, dem sein iibriges Leben keine Veranlassung
gibt, sich mit den gewohnlichen Wissenschaften zu befassen. Denn man kann wohl seine
Aufgabe als Mensch erfullen, ohne von Botanik, Zoologie, Mathematik und anderen
Wissenschaften etwas zu verstehen; man kann aber nicht in vollem Sinne des Wortes
«Mensch» sein, ohne der durch das Wissen vom Ubersinnlichen enthullten Wesenheit
und [22] Bestimmung des Menschen in irgendeiner Art nahegetreten zu sein.
Das Hochste, zu dem der Mensch aufzublicken vermag, bezeichnet er als das
«G6ttliche». Und er mufi seine hochste Bestimmung in irgendeiner Art mit diesem
Gottlichen in Zusammenhang denken. Deshalb mag wohl auch die iiber das Sinnliche
hinausgehende Weisheit, welche ihm sein Wesen und damit seine Bestimmung offenbart,
«gottliche Weisheit» oder Theosophie genannt werden. Der Betrachtung der geistigen
Vorgange im Menschenleben und im Weltall kann man die Bezeichnung
Geisteswissenschaft geben. Hebt man aus dieser, wie in diesem Buche geschehen ist, im
besonderen diejenigen Ergebnisse heraus, welche auf den geistigen Wesenskern des
Menschen sich beziehen, so kann fur dieses Gebiet der Ausdruck «Theosophie»
gebraucht werden, weil er durch Jahrhunderte hindurch in einer solchen Richtung
angewendet worden ist.
Aus der hiermit angedeuteten Gesinnung heraus wird in dieser Schrift eine Skizze
theosophischer Weltanschauung entworfen. Der sie niedergeschrieben hat, will nichts
darstellen, was fur ihn nicht in einem ahnlichen Sinne Tatsache ist, wie ein Erlebnis der
aufieren Welt Tatsache fiir Augen und Ohren und den gewohnlichen Verstand ist. - Man
hat es ja mit Erlebnissen zu tun, die jedem zuganglich werden, wenn er den in einem
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besonderen Abschnitt dieser Schrift vorgezeichneten «Erkenntnispfad» zu betreten
entschlossen ist. Man stellt sich in der richtigen Art zu den Dingen der iibersinnlichen
Welt, wenn man voraussetzt, dafi gesundes Denken und Empfinden alles zu verstehen
vermag, was an wahren Erkenntnissen aus den [23] hoheren Welten fliefien kann, und
dafi man, wenn man von diesem Verstandnisse ausgeht und den festen Grund damit legt,
auch einen gewichtigen Schritt zum eigenen Schauen gemacht hat; wenn auch, um dieses
zu erlangen, anderes hinzukommen muB. Man verriegelt sich aber die lure zu der wahren
hoheren Erkenntnis, wenn man diesen Weg verschmaht und nur auf andere Art in die
hoheren Welten dringen will. Der Grundsatz: erst hohere Welten anzuerkennen, wenn
man sie geschaut hat, ist ein Hindernis fur dieses Schauen selbst. Der Wille, durch
gesundes Denken erst zu verstehen, was spater geschaut werden kann, fordert dieses
Schauen. Es zaubert wichtige Krafte der Seele hervor, welche zu diesem Schauen des
Sehers» fuhren.
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Das Wesen des Menschen
[24] Die folgenden Worte Goethes bezeichnen in schoner Art den Ausgangspunkt eines
der Wege, auf denen das Wesen des Menschen erkannt werden kann: «Sobald der
Mensch die Gegenstande um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in bezug auf sich
selbst; und mit Recht, denn es hangt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm gefallen
oder mififallen, ob sie ihn anziehen oder abstofien, ob sie ihm niitzen oder schaden. Diese
ganz natiirliche Art, die Dinge anzusehen und zu beurteilen, scheint so leicht zu sein, als
sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei tausend Irrtumern ausgesetzt, die ihn oft
beschamen und ihm das Leben verbittern. - Ein weit schwereres Tagewerk iibernehmen
diejenigen, deren lebhafter Trieb nach Kenntnis die Gegenstande der Natur an sich selbst
und in ihren Verhaltnissen untereinander zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald
den Mafistab, der ihnen zu Hilfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge in bezug auf sich
betrachten. Es fehlt ihnen der Mafistab des Gefallens und Mififallens, des Anziehens und
Abstofiens, des Nutzens und Schadens. Diesem sollen sie ganz entsagen, sie sollen als
gleichgiiltige und gleichsam gottliche Wesen suchen und untersuchen, was ist, und nicht,
was behagt. So soil den echten Botaniker weder die Schonheit noch die Nutzbarkeit der
Pflanzen ruhren, er soil ihre Bildung, ihr Verhaltnis zu dem iibrigen Pflanzenreiche
untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt und beschienen werden, so
soil er mit einem gleichen ruhigen Blicke sie alle ansehen und ubersehen und den
Mafistab zu dieser Erkenntnis, die Data der Beurteilung nicht aus sich, sondern [25] aus
dem Kreise der Dinge nehmen, die er beobachtet.»
Auf dreierlei lenkt dieser von Goethe ausgesprochene Gedanke die Aufmerksamkeit des
Menschen. Das erste sind die Gegenstande, von denen ihm durch die Tore seiner Sinne
fortwahrend Kunde zufliefit, die er tastet, riecht, schmeckt, hort und sieht. Das zweite
sind die Eindriicke, die sie auf ihn machen und die sich als sein Gefallen und Mififallen,
sein Begehren oder Verabscheuen dadurch kennzeichnen, dafi er das eine sympathisch,
das andere antipathisch, das eine niitzlich, das andere schadlich findet. Und das dritte sind
die Erkenntnisse, die er sich als «gleichsam gottliches Wesen» iiber die Gegenstande
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erwirbt; es sind die Geheimnisse des Wirkens und Daseins dieser Gegenstande, die sich
ihm enthiillen.
Deutlich scheiden sich diese drei Gebiete im menschlichen Leben. Und der Mensch wird
daher gewahr, dafi er in einer dreifachen Art mit der Welt verwoben ist. - Die erste Art ist
etwas, was er vorfindet, was er als eine gegebene Tatsache hinnimmt. Durch die zweite
Art macht er die Welt zu seiner eigenen Angelegenheit, zu etwas, das eine Bedeutung fur
ihn hat. Die dritte Art betrachtet er als ein Ziel, zu dem er unaufhorlich hinstreben soil.
Warum erscheint dem Menschen die Welt in dieser dreifachen Art? Eine einfache
Betrachtung kann das lehren:
Ich gehe iiber eine mit Blumen bewachsene Wiese. Die Blumen kiinden mir ihre Farben
durch mein Auge. Das ist die Tatsache, die ich als gegeben hinnehme. - Ich freue mich
iiber die Farbenpracht. Dadurch mache ich die Tatsache zu meiner eigenen
Angelegenheit. Ich verbinde durch meine Gefiihle die Blumen mit meinem eigenen [26]
Dasein. Nach einem Jahre gehe ich wieder iiber dieselbe Wiese. Andere Blumen sind da.
Neue Freude erwachst mir aus ihnen. Meine Freude vom Vorjahre wird als Erinnerung
auftauchen. Sie ist in mir; der Gegenstand, der sie angefacht hat, ist vergangen. Aber die
Blumen, die ich jetzt sehe, sind von derselben Art wie die vorjahrigen; sie sind nach
denselben Gesetzen gewachsen wie jene. Habe ich mich iiber diese Art, iiber diese
Gesetze aufgeklart, so finde ich sie in den diesjahrigen Blumen so wieder, wie ich sie in
den vorjahrigen erkannt habe. Und ich werde vielleicht also nachsinnen: Die Blumen des
Vorjahres sind vergangen; meine Freude an ihnen ist nur in meiner Erinnerung geblieben.
Sie ist nur mit meinem Dasein verkniipft. Das aber, was ich im vorigen Jahre an den
Blumen erkannt habe und dies Jahr wieder erkenne, das wird bleiben, solange solche
Blumen wachsen. Das ist etwas, was sich mir offenbart hat, was aber von meinem Dasein
nicht in gleicher Art abhangig ist wie meine Freude. Meine Gefiihle der Freude bleiben in
mir; die Gesetze, das Wesen der Blumen bleiben aufierhalb meiner in der Welt.
So verbindet sich der Mensch immerwahrend in dieser dreifachen Art mit den Dingen der
Welt. Man lege zunachst nichts in diese Tatsache hinein, sondern fasse sie auf, wie sie
sich darbietet. Es ergibt sich aus ihr, dafi der Mensch drei Seiten in seinem Wesen hat.
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Dies und nichts anderes soil hier vorlaufig mit den drei Worten Leib, Seele und Geist
angedeutet werden. Wer irgendwelche vorgefafiten Meinungen oder gar Hypothesen mit
diesen drei Worten verbindet, wird die folgenden Auseinandersetzungen notwendig
miBverstehen miissen. Mit Leib ist hier [27] dasjenige gemeint, wodurch sich dein
Menschen die Dinge seiner Umwelt offenbaren, wie in obigem Beispiele die Blumen der
Wiese. Mit dem Worte Seele soil auf das gedeutet werden, wodurch er die Dinge mit
seinem eigenen Dasein verbindet, wodurch er Gefallen und Mififallen, Lust und Unlust,
Freude und Schmerz an ihnen empfindet. Als Geist ist das gemeint, was in ihm offenbar
wird, wenn er, nach Goethes Ausdruck, die Dinge als «gleichsam gottliches Wesen»
ansieht. - In diesem Sinne besteht der Mensch aus Leib, Seele und Geist.
Durch seinen Leib vermag sich der Mensch fur den Augenblick mit den Dingen in
Verbindung zu setzen. Durch seine Seele bewahrt er in sich die Eindriicke, die sie auf ihn
machen; und durch seinen Geist offenbart sich ihm das, was sich die Dinge selbst
bewahren. Nur wenn man den Menschen nach diesen drei Seiten betrachtet, kann man
hoffen, Aufschlufi iiber seine Wesenheit zu erhalten. Denn diese drei Seiten zeigen ihn in
dreifach verschiedener Art mit der iibrigen Welt verwandt.
Durch seinen Leib ist er mit den Dingen verwandt, die sich seinen Sinnen von aufien
darbieten. Die Stoffe der Aufienwelt setzen diesen seinen Leib zusammen; die Krafte der
Auflenwelt wirken auch in ihm. Und wie er die Dinge der Aufienwelt mit seinen Sinnen
betrachtet, so kann er auch sein eigenes leibliches Dasein beobachten. Aber unmoglich ist
es, in derselben Art das seelische Dasein zu betrachten. Alles, was an mir leibliche
Vorgange sind, kann auch mit den leiblichen Sinnen wahrgenommenen werden. Mein
Gefallen und mififallen, meine Freude und meinen Schmerz kann weder ich noch ein
anderer mit leiblichen Sinnen wahrnehmen. Das Seelische ist ein Gebiet, [28] das der
leiblichen Anschauung unzuganglich ist. Das leibliche Dasein des Menschen ist vor aller
Augen offenbar; das seelische tragt er als seine Welt in sich. Durch den Geist aber wird
ihm die Aufienwelt in einer hoheren Art offenbar. In seinem Innern enfhullen sich zwar
die Geheimnisse der Aufienwelt; aber er tritt im Geiste aus sich heraus und lafit die Dinge
iiber sich selbst sprechen, iiber dasjenige, was nicht fur ihn, sondern fur sie Bedeutung
hat. Der Mensch blickt zum gestirnten Himmel auf: das Entziicken, das seine Seele
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erlebt, gehort ihm an; die ewigen Gesetze der Sterne, die er im Gedanken, im Geiste
erfafit, gehoren nicht ihm, sondern den Sternen selbst an.
So ist der Mensch Burger dreier Welten. Durch seinen Leib gehort er der Welt an, die er
auch mit seinem Leibe wahrnimmt; durch seine Seele baut er sich seine eigene Welt auf;
durch seinen Geist offenbart sich ihm eine Welt, die iiber die beiden anderen erhaben ist.
Es scheint einleuchtend, dafi man, wegen der wesentlichen Verschiedenheit dieser drei
Welten, auch nur durch drei verschiedene Betrachtungsarten Klarheit iiber sie und den
Anted des Menschen an ihnen wird gewinnen konnen.
/. Die leibliche Wesenheit des Menschen
Durch leibliche Sinne lernt man den Leib des Menschen kennen. Und die Betrachtungsart
kann dabei keine andere sein als diejenige, durch welche man andere sinnlich
wahrnehmbare Dinge kennenlernt. Wie man die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere
betrachtet, so kann man auch den Menschen betrachten. Er ist mit diesen drei Formen des
[29] Daseins verwandt. Gleich den Mineralien baut er seinen Leib aus dem Stoffen der
Natur auf; gleich den Pflanzen wachst er und pflanzt sich fort; gleich den Tieren nimmt
er die Gegenstande um sich herum wahr und bildet auf Grund ihrer Eindriicke in sich
innere Erlebnisse. Ein mineralisches, ein pflanzliches und ein tierisches Dasein darf man
daher dem Menschen zusprechen.
Die Verschiedenheit im Bau der Mineralien, Pflanzen und Tiere entspricht den drei
Formen ihres Daseins. Und dieser Bau - die Gestalt - ist es, was man mit den Sinnen
wahrnimmt und was man allein Leib nennen kann. Nun ist aber der menschliche Leib
von dem tierischen verschieden. Diese Verschiedenheit muB jedermann anerkennen, wie
er auch iiber die Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren sonst denken mag. Selbst
der radikalste Materialist, der alles Seelische leugnet, wird nicht umhin konnen, den
folgenden Satz zu unterschreiben, den Cams in seinem «Organon der Erkenntnis der
Natur und des Geistes» ausspricht: «Noch immer bleibt zwar der feinere innerlichste Bau
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des Nervensystems und namentlich des Hirns dem Physiologen und Anatomen ein
unaufgelostes Ratsel; aber dafi jene Konzentration der Gebilde mehr und mehr in der
Tierreihe steigt und im Menschen einen Grad erreicht, wie durchaus in keinem anderen
Wesen, dies ist eine vollkommen festgestellte Tatsache; es ist fur die Geistesentwicklung
des Menschen von hochster Bedeutung, ja wir diirfen es geradezu aussprechen, eigentlich
schon die hinreichende Erklarung. Wo der Bau des Hirns daher nicht gehorig sich
entwickelt hat, wo Kleinheit und Durftigkeit desselben, wie beim Mikrozephalen und
Idioten, sich verraten, da versteht es sich von selbst, [30] dafi vorn Hervortreten
eigentiimlicher Ideen und vom Erkennen gerade so wenig die Rede sein kann wie in
Menschen mit vollig verbildeten Generationsorganen von Fortbildung der Gattung. Ein
kraftig und schon entwickelter Bau des ganzen Menschen dagegen und des Gehirns
insbesondere wird zwar noch nicht allein den Genius setzen, aber doch jedenfalls die
erste unerlafilichste Bedingung fur hohere Erkenntnis gewahren.»
Wie man dem menschlichen Leib die drei Formen des Daseins, die mineralische, die
pflanzliche und die tierische, zuspricht, so muB man ihm noch eine vierte, die besondere
menschliche, zusprechen. Durch seine mineralische Daseinsform ist der Mensch
verwandt mit allem Sichtbaren, durch seine pflanzliche mit alien Wesen, die wachsen und
sich fortpflanzen; durch seine tierische mit alien, die ihre Umgebung wahrnehmen und
auf Grund aufierer Eindriicke innere Erlebnisse haben; durch seine menschliche bildet er
schon in leiblicher Beziehung ein Reich fur sich.
II. Die seelische Wesenheit des Menschen
Als eigene Innenwelt ist die seelische Wesenheit des Menschen von seiner Leiblichkeit
verschieden. Das Eigene tritt sofort entgegen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die
einfachste Sinnesempfindung lenkt. Niemand kann zunachst wissen, ob ein anderer eine
solche einfache Sinnesempfindung in genau der gleichen Art erlebt wie er selbst. Bekannt
ist, dafi es Menschen gibt, die farbenblind sind. Solche sehen die Dinge nur in
verschiedenen Schattierungen [31] von Grau. Andere sind teilweise farbenblind. Sie
konnen daher gewisse Farbennuancen nicht wahrnehmen. Das Weltbild, das ihnen ihr
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Auge gibt, ist ein anderes als dasjenige sogenannter noraialer Menschen. Und ein
Gleiches gilt mehr oder weniger fur die andern Sinne. Ohne weiteres geht daraus hervor,
dafi schon die einfache Sinnesempfindung zur Innenwelt gehort. Mit meinen leiblichen
Sinnen kann ich den roten Tisch wahrnehmen, den auch der andere wahrnimmt; aber ich
kann nicht des andern Empfindung des Roten wahrnehmen. - Man muB demnach die
Sinnesempfindung als Seelisches bezeichnen. Wenn man sich diese Tatsache nur ganz
klar macht, dann wird man bald aufhoren, die Innenerlebnisse als blofie Gehirnvorgange
oder ahnliches anzusehen. - An die Sinnesempfindung schliefit sich zunachst das Gefuhl.
Die eine Empfindung macht dem Menschen Lust, die andere Unlust. Das sind Regungen
seines inneren, seines seelischen Lebens. In seinen Gefuhlen schafft sich der Mensch eine
zweite Welt zu derjenigen hinzu, die von aufien auf ihn einwirkt. Und ein Drittes kommt
hinzu: der Wille. Durch ihn wirkt der Mensch wieder auf die Aufienwelt zuriick. Und
dadurch pragt er sein inneres Wesen der Aufienwelt auf. Die Seele des Menschen fliefit in
seinen Willenshandlungen gleichsam nach aufien. Dadurch unterscheiden sich die Taten
des Menschen von den Ereignissen der aufieren Natur, dafi die ersteren den Stempel
seines Innenlebens tragen. So stellt sich die Seele als das Eigene des Menschen der
Aufienwelt gegeniiber. Er erhalt von der Aufienwelt die Anregungen; aber er bildet in
Gemafiheit dieser Anregungen eine eigene Welt aus. Die Leiblichkeit wird zum
Untergrunde des Seelischen. [32]
III. Die geistige Wesenheit des Menschen
Das Seelische des Menschen wird nicht allein durch den Leib bestimmt. Der Mensch
schweift nicht richtungs- und ziellos von einem Sinneseindruck zum andern; er handelt
auch nicht unter dem Eindrucke jedes beliebigen Reizes, der von aufien oder durch die
Vorgange seines Leibes auf ihn ausgeiibt wird. Er denkt iiber seine Wahrnehmungen und
iiber seine Handlungen nach. Durch das Nachdenken iiber die Wahrnehmungen erwirbt er
sich Erkenntnisse iiber die Dinge; durch das Nachdenken iiber seine Handlungen bringt er
einen vernunftgemafien Zusammenhang in sein Leben. Und er weifi, dafi er seine
Aufgabe als Mensch nur dann wiirdig erfiillt, wenn er sich durch richtige Gedanken
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sowohl im Erkennen wie im Handeln leiten lafit das Seelische steht also einer zweifachen
Notwendigkeit gegeniiber. Von den Gesetzen des Leibes wird es durch
Naturnotwendigkeit bestimmt; von den Gesetzen, die es zum richtigen Denken fuhren,
lafit es sich bestimmen, weil es deren Notwendigkeit frei anerkennt. Den Gesetzen des
Stoffwechsels ist der Mensch durch die Natur unterworfen; den Denkgesetzen unterwirft
er sich selbst. - Dadurch macht sich der Mensch zum Angehorigen einer hoheren
Ordnung, als diejenige ist, der er durch seinen Leib angehort. Und diese Ordnung ist die
geistige. So verschieden das Leibliche vom Seelischen, so verschieden ist dieses wieder
vom Geistigen. Solange man blofi von den Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-,
Sauerstoffteilchen spricht, die sich im Leibe bewegen, hat man nicht die Seele im Auge.
Das seelische Leben beginnt erst da, wo innerhalb solcher Bewegung [33] die
Empfindung auftritt: ich schmecke sufi oder ich fuhle Lust. Ebensowenig hat man den
Geist im Auge, solange man blofi die seelischen Erlebnisse ansieht, die durch den
Menschen ziehen, wenn er sich ganz der Aufienwelt und seinem Leibesleben iiberlafit.
Dieses Seelische ist vielmehr erst die Grundlage fur das Geistige, wie das Leibliche die
Grundlage fur das Seelische ist. - Der Naturforscher hat es mit dem Leibe, der
Seelenforscher (Psychologe) mit der Seele und der Geistesforscher mit dem Geiste zu
tun. Durch Besinnung auf das eigene Selbst sich den Unterschied von Leib, Seele und
Geist klarzumachen ist eine Anforderung, die an denjenigen gestellt werden mufi, der
sich denkend iiber das Wesen des Menschen aufklaren will.
IV. Leib, Seele und Geist
Der Mensch kann sich in richtiger Art nur iiber sich aufklaren, wenn er sich die
Bedeutung des Denkens innerhalb seiner Wesenheit klarmacht. Das Gehirn ist das
leibliche Werkzeug des Denkens. Wie der Mensch nur mit einem wohlgebildeten Auge
Farben sehen kann, so dient ihm das entsprechend gebaute Gehirn zum Denken. Der
ganze Leib des Menschen ist so gebildet, dafi er in dem Geistesorgan, im Gehirn, seine
Kronung findet man kann den Bau des menschlichen Gehirnes nur verstehen, wenn man
es im Hinblick auf seine Aufgabe betrachtet. Diese besteht darin, die Leibesgrundlage des
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denkenden Geistes zu sein das zeigt ein vergleichender Uberblick iiber die Tierwelt. Bei
den Amphibien ist das Gehirn noch klein gegeniiber dem Riickenmark; bei den
Saugetieren wird [34] es verhaltnismafiig grofier. Beim Menschen ist es am grofiten
gegeniiber dem ganzen iibrigen Leib.
Gegen solche Bemerkungen iiber das Denken, wie sie hier vorgebracht werden, herrscht
manches Vorurteil. Manche Menschen sind geneigt, das Denken zu unterschatzen und
das «innige Gefuhlsleben», die «Empfindung», hoher zu stellen. Ja man sagt wohl: nicht
durch das «niichterne Denken», sondern durch die Warme des Gefuhls, durch die
unmittelbare Kraft der Empfindungen erhebe man sich zu den hoheren Erkenntnissen.
Menschen, die so sprechen, furchten, durch klares Denken die Gefuhle abzustumpfen.
Beim alltaglichen Denken, das sich nur auf die Dinge der Nutzlichkeit bezieht, ist das
sicher der Fall. Aber bei den Gedanken, die in hohere Regionen des Daseins fiihren, tritt
das Umgekehrte ein. Es gibt kein Gefuhl und keinen Enthusiasmus, die sich mit den
Empfindungen an Warme, Schonheit und Gehobenheit vergleichen lassen, welche
angefacht werden durch die reinen, kristallklaren Gedanken, die sich auf hohere Welten
beziehen. Die hochsten Gefuhle sind eben nicht diejenigen, die «von selbst» sich
einstellen, sondern diejenigen, welche in energischer Gedankenarbeit errungen werden.
Der Menschenleib hat einen dem Denken entsprechenden Bau. Dieselben Stoffe und
Krafte, die auch im Mineralreich vorhanden sind, finden sich im menschlichen Leib so
gefugt, dafi sich durch diese Zusammenfiigung das Denken offenbaren kann. Dieser
mineralische, in Gemafiheit seiner Aufgabe gebildete Bau soil fur die folgende
Betrachtung der physische Korper des Menschen heifien.
Der auf das Gehirn, als seinen Mittelpunkt, hingeordnete mineralische Bau entsteht durch
Fortpflanzung und [35] erhalt seine ausgebildete Gestalt durch Wachstum Fortpflanzung
und Wachstum hat der Mensch mit den Pflanzen und Tieren gemein. Durch
Fortpflanzung und Wachstum unterscheidet sich das Lebendige von dem leblosen
Mineral. Lebendiges entsteht aus Lebendigem durch den Keim. Der Nachkomme schliefit
sich an den Vorfahren in der Reihe des Lebendigen. Die Krafte, durch die ein Mineral
entsteht, sind auf die Stoffe selbst gerichtet, die es zusammensetzen. Ein Bergkristall
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bildet sich durch die dem Silizium und dem Sauerstoff innewohnenden Krafte, die in ihm
vereinigt sind. Die Krafte, die einen Eichbaum gestalten, miissen wir auf dem Umwege
durch den Keim in Mutter- und Vaterpflanze suchen. Und die Form der Eiche erhalt sich
bei der Fortpflanzung von den Vorfahren zu den Nachkommen. Es gibt innere, dem
Lebenden angeborene Bedingungen. - Es war eine rohe Naturanschauung, die glaubte,
daB niedere Tiere, selbst Fische, aus Schlamm sich bilden konnen. Die Form des
Lebenden pflanzt sich durch Vererbung fort. Wie ein lebendes Wesen sich entwickelt,
hangt davon ab, aus welchem Vater- oder Mutterwesen es entstanden ist, oder mit
anderen Worten, welcher Art es angehort. Die Stoffe, aus denen es sich zusammensetzt,
wechseln fortwahrend; die Art bleibt wahrend des Lebens bestehen und vererbt sich auf
die Nachkommen. Die Art ist damit dasjenige, was die Zusammenfugung der Stoffe
bestimmt. Diese artbildende Kraft soil Lebenskraft genannt werden. Wie sich die
mineralischen Krafte in den Kristallen ausdriicken, so die bildende Lebenskraft in den
Arten oder Formen des pflanzlichen und tierischen Lebens.
Die mineralischen Krafte nimmt der Mensch durch die [36] leiblichen Sinne wahr. Und
er kann nur dasjenige wahrnehmen, Wofur er solche Sinne hat. Ohne das Auge gibt es
keine Licht-, ohne das Ohr keine Schallwahrnehmung. Die niedersten Organismen haben
von den bei den Menschen vorhandenen Sinnen nur eine Art Tastsinn. Fur sie sind in der
Art der menschlichen Wahrnehmung nur diejenigen mineralischen Krafte vorhanden, die
sich dem Tastsinn zu erkennen geben. In dem Mafie, in dem bei den hoheren Tieren die
anderen Sinne entwickelt sind, ist fur sie die Umwelt, die auch der Mensch wahrnimmt,
reicher, mannigfaltiger. Es hangt also von den Organen eines Wesens ab, ob das, was in
der Aufienwelt vorhanden ist, auch fur das Wesen selbst als Wahrnehmung, als
Empfindung vorhanden ist Was in der Luft als eine gewisse Bewegung vorhanden ist,
wird im Menschen zur Schallempfindung. - Die Aufierungen der Lebenskraft nimmt der
Mensch durch die gewohnlichen Sinne nicht wahr. Er sieht die Farben der Pflanze, er
riecht ihren Duft; die Lebenskraft bleibt dieser Beobachtung verborgen. Aber sowenig
der Blindgeborene mit Recht die Farben ableugnet, sowenig diirften die gewohnlichen
Sinne die Lebenskraft ableugnen. Die Farben sind fur den Blindgeborenen da, sobald er
operiert worden ist; ebenso sind fur den Menschen die mannigfaltigen, durch die
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Lebenskraft geschaffenen Arten der Pflanzen und Tiere, nicht blofi die Individuen, auch
als Wahrnehmung vorhanden, wenn sich ihm das Organ dafur erschliefit. - Eine ganz
neue Welt geht dem Menschen durch die Erschliefiung dieses Organs auf. Er nimmt nun
nicht mehr blofi die Farben, Geriiche und so weiter der Lebewesen, sondern das Leben
dieser Lebewesen selbst wahr. In jeder Pflanze, [37] in jedem Tier empfindet er aufier der
physischen Gestalt noch die lebenerfullte Geistgestalt. Um einen Ausdruck dafur zu
haben, sei diese Geistgestalt der Atherleib oder Lebensleib genannt, (1) - Fur den
Erforscher des geistigen Lebens stellt sich diese Sache in der folgenden Art dar. Ihm ist
der Atherleib nicht etwa blofi ein Ergebnis der Stoffe und Krafte des physischen Leibes,
sondern eine selbstandige, wirkliche Wesenheit, welche die genannten [38] physischen
Stoffe und Krafte erst zum Leben aufruft. Im Sinne der Geisteswissenschaft spricht man,
wenn man sagt: ein blofier physischer Korper hat seine Gestalt - zum Beispiel ein Kristall
durch die dem Leblosen innewohnenden physischen Gestaltungskrafte; ein lebendiger
Korper hat seine Form nicht durch diese Krafte, denn in dem Augenblicke, wo das Leben
aus ihm gewichen ist und er nur den physischen Kraften iiberlassen ist, zerfallt er. Der
Lebensleib ist eine Wesenheit, durch welche in jedem Augenblicke wahrend des Lebens
der physische Leib vor dem Zerfalle bewahrt wird. - Um diesen Lebensleib zu sehen, ihn
an einem anderen Wesen wahrzunehmen, braucht man eben das erweckte geistige Auge.
Ohne dieses kann man aus logischen Griinden seine Existenz annehmen; schauen kann
man ihn aber mit dem geistigen Auge, wie man die Farbe mit dem physischen Auge
schaut. - Man sollte sich an dem Ausdruck «Atherleib» nicht stofien. «Ather» bezeichnet
hier etwas anderes als den hypothetischen Ather der Physik. Man nehme die Sache
einfach als Bezeichnung fur das hin, was hier beschrieben wird. Und wie der physische
Menschenleib in seinem Bau ein Abbild seiner Aufgabe ist, so ist es auch des Menschen
Atherleib. Man versteht auch diesen nur, wenn man ihn im Hinblick auf den denkenden
Geist betrachtet. Durch seine Hinordnung auf den denkenden Geist unterscheidet sich der
Atherleib des Menschen von demjenigen der Pflanzen und Tiere. - So wie der Mensch
durch seinen physischen Leib der mineralischen, so gehort er durch seinen Atherleib der
Lebenswelt an. Nach dem Tode lost sich der physische Leib in der Mineralwelt, der
Atherleib in der Lebenswelt auf. Mit «Leib» soil bezeichnet [39] werden, was einem
Wesen von irgendeiner Art «Gestalt», «Forum» gibt. Man sollte den Ausdruck «Leib»
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nicht mit sinnlicher Korperform verwechseln. In dem in dieser Schrift gemeinten Sinne
kann die Bezeichnung «Leib» auch fur das gebraucht werden, was sich als Seelisches und
Geistiges gestaltet.
Der Lebensleib ist noch etwas dem Menschen Aufierliches. Mit dem ersten Regen der
Empfindung antwortet das Innere selbst auf die Reize der Aufienwelt. Man mag
dasjenige, was man Aufienwelt zu nennen berechtigt ist, noch so weit verfolgen: die
Empfindung wird man nicht finden konnen. - Die Lichtstrahlen dringen in das Auge; sie
pflanzen sich innerhalb desselben bis zur Netzhaut fort. Da rufen sie chemische
Vorgange (im sogenannten Sehpurpur) hervor; die Wirkung dieser Reize setzt sich durch
den Sehnerv bis zum Gehirn fort; dort entstehen weitere physische Vorgange. Konnte
man diese beobachten, so sahe man eben physische Vorgange wie anderswo in der
Aufienwelt. Vermag ich den Lebensleib zu beobachten, so werde ich wahrnehmen, wie
der physische Gehirnvorgang zugleich ein Lebensvorgang ist. Aber die Empfindung der
blauen Farbe, die der Empfanger der Lichtstrahlen hat, kann ich auf diesem Wege
nirgends finden. Sie ersteht erst innerhalb der Seele dieses Empfangers. Ware also das
Wesen dieses Empfangers mit dem physischen Korper und dem Atherleib erschopft, so
konnte die Empfindung nicht dasein. Ganz wesentlich unterscheidet sich die Tatigkeit,
durch welche die Empfindung zur Tatsache wird, von dem Wirken der Lebensbildekraft.
Ein inneres Erlebnis wird durch jene Tatigkeit aus diesem Wirken hervorgelockt. Ohne
diese Tatigkeit ware ein blofier Lebensvorgang [40] da, wie man ihn auch an der Pflanze
beobachtet. Man stelle sich den Menschen vor, wie er von alien Seiten Eindriicke
empfangt. Man muB sich ihn zugleich nach alien Richtungen hin, woher er diese
Eindriicke empfangt, als Quell der bezeichneten Tatigkeit denken. Nach alien Seiten hin
antworten die Empfindungen auf die Eindriicke. Dieser Tatigkeitsquell soil
Empfindungsseele heifien. Diese Empfindungsseele ist ebenso wirklich wie der physische
Korper. Wenn ein Mensch vor mir steht und ich sehe von seiner Empfindungsseele ab,
indem ich ihn mir blofi als physischen Leib vorstelle, so ist das gerade so, als wenn ich
mir von einem Gemalde blofi die Leinwand vorstelle.
Auch in bezug auf die Wahrnehmung der Empfindungsseele muB ahnliches gesagt
werden wie vorher im Hinblick auf den Atherleib. Die leiblichen Organe sind «blind» fur
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sie. Und auch das Organ, von dem das Leben als Leben wahrgenommen werden kann, ist
es. Aber so, wie durch dieses Organ der Atherleib geschaut wird, so kann durch ein noch
hoheres Organ die innere Welt der Empfindungen zu einer besonderen Art iibersinnlicher
Wahrnehmungen werden. Der Mensch empfindet dann nicht nur die Eindracke der
physischen und der Lebenswelt, sondern er schaut die Empfindungen. Vor einem
Menschen mit einem solchen Organ liegt die Welt der Empfindungen eines andern
Wesens wie eine aufiere Wirklichkeit da. Man muB unterscheiden zwischen dem Erleben
der eigenen Empfindungswelt und dem Anschauen der Empfindungswelt eines andern
Wesens. In seine eigene Empfindungswelt hineinschauen kann naturlich jeder Mensch;
die Empfindungswelt eines andern [41] Wesens schauen kann nur der Seher mit dem
geoffneten «geistigen Auge». Ohne Seher zu sein, kennt der Mensch die
Empfindungswelt nur als «innere», nur als die eigenen verborgenen Erlebnisse seiner
Seele; mit dem geoffneten «geistigen Auge» leuchtet vor dem aufieren geistigen Anblick
auf, was sonst nur «im Innern» des andern Wesens lebt
* * *
Um Mifiverstandnissen vorzubeugen, sei hier ausdriicklich gesagt, dafi der Seher nicht
etwa in sich dasselbe erlebt, was das andere Wesen als seinen Inhalt der
Empfindungswelt in sich hat. Dieses erlebt die Empfindungen von dem Gesichtspunkte
seines Innern; der Seher nimmt eine Offenbarung, eine Auflerung der Empfindungswelt
wahr.
Die Empfindungsseele hangt in bezug auf ihre Wirkung vom Atherleib ab. Denn aus ihm
holt sie ja das hervor, was sie als Empfindung aufglanzen lassen soil. Und da der
Atherleib das Leben innerhalb des physischen Leibes ist, so ist die Empfindungsseele
auch von diesem mittelbar abhangig. Nur bei richtig lebendem, wohl gebautem Auge sind
entsprechende Farbenempfindungen moglich. Dadurch wirkt die Leiblichkeit auf die
Empfindungsseele. Diese ist also durch den Leib in ihrer Wirksamkeit bestimmt und
begrenzt. Sie lebt innerhalb der ihr durch die Leiblichkeit gezogenen Grenzen. - Der Leib
wird also aus den mineralischen Stoffen auferbaut, durch den Atherleib belebt, und er
begrenzt selbst die Empfindungsseele. Wer also das obenerwahnte Organ zum «Schauen»
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der Empfindungsseele hat, der erkennt sie durch den Leib begrenzt. - Aber die Grenze der
Empfindungsseele fallt [42] nicht mit derjenigen des physischen Korpers zusammen.
Diese Seele ragt iiber den physischen Leib hinaus. Man sieht daraus, dafi sie sich
machtiger erweist, als er ist. Aber die Kraft, durch die ihr die Grenze gesetzt ist, geht von
dem physischen Leibe aus. Damit stellt sich zwischen den physischen Leib und den
Atherleib einerseits und die Empfindungsseele andererseits noch ein besonderes Glied
der menschlichen Wesenheit hin. Es ist der Seelenleib oder Empfindungsleib. Man kann
auch sagen: ein Teil des Atherleibes sei feiner als der iibrige, und dieser feinere Teil des
Atherleibes bildet eine Einheit mit der Empfindungsseele, wahrend der grobere Teil eine
Art Einheit mit dem physischen Leib bildet. Doch ragt, wie gesagt, die Empfindungsseele
iiber den Seelenleib hinaus.
Was hier Empfindung genannt wird, ist nur ein Teil des seelischen Wesens. (Der
Ausdruck Empfindungsseele wird der Einfachheit halber gewahlt.) An die Empfindungen
schliefien sich die Gefuhle der Lust und Unlust, die Triebe, Instinkte, Leidenschaften. All
das tragt denselben Charakter des Eigenlebens wie die Empfindungen und ist, wie sie,
von der Leiblichkeit abhangig.
* * *
Ebenso wie mit dem Leibe tritt die Empfindungsseele auch mit dem Denken, dem Geiste,
in Wechselwirkung. Zunachst dient ihr das Denken. Der Mensch bildet sich Gedanken
iiber seine Empfindungen. Dadurch klart er sich iiber die Aufienwelt auf. Das Kind, das
sich verbrannt hat, denkt nach und gelangt zu dem Gedanken: «das Feuer brennt». Auch
seinen Trieben, Instinkten [43] und Leidenschaften folgt der Mensch nicht blindlings;
sein Nachdenken fuhrt die Gelegenheit herbei, durch die er sie befriedigen kann. Was
man materielle Kultur nennt, bewegt sich durchaus in dieser Richtung. Sie besteht in den
Diensten, die das Denken der Empfindungsseele leistet. Unermefiliche Summen von
Denkkraften werden auf dieses Ziel gerichtet. Denkkraft ist es, die Schiffe, Eisenbahnen,
Telegraphen, Telephone gebaut hat; und alles das dient zum weitaus grofiten Teil zur
Befriedigung von Bediirfnissen der Empfindungsseelen. In ahnlicher Art, wie die
Lebensbildekraft den physischen Korper durchdringt, so durchdringt die Denkkraft die
24
Empfindungsseele. Die Lebensbildekraft kniipft den physischen Korper an Vorfahren und
Nachkommen und stellt ihn dadurch in eine Gesetzmafiigkeit hinein, die das blofi
Mineralische nichts angeht. Ebenso stellt die Denkkraft die Seele in eine Gesetzmafiigkeit
hinein, der sie als blofie Empfindungsseele nicht angehort. - Durch die Empfindungsseele
ist der Mensch dem Tiere verwandt. Auch beim Tiere bemerken wir das Vorhandensein
von Empfindungen, Trieben, Instinkten und Leidenschaften. Aber das Tier folgt diesen
unmittelbar. Sie werden bei ihm nicht mit selbstandigen, fiber das unmittelbare Erleben
hinausgehenden Gedanken durchwoben. Auch beim unentwickelten Menschen ist das bis
zu einem gewissen Grade der Fall. Die blofie Empfindungsseele ist daher verschieden
von dem entwickelten hoheren Seelengliede, welches das Denken in seinen Dienst stellt.
Als Verstandesseele sei diese vom Denken bediente Seele bezeichnet. Man konnte sie
auch die Gemiitsseele oder das Gemiit nennen.
Die Verstandesseele durchdringt die Empfindungsseele. [44] Wer das Organ zum
«Schauen» der Seele hat, sieht daher die Verstandesseele als eine besondere Wesenheit
gegeniiber der blofien Empfindungsseele an.
* * *
Durch das Denken wird der Mensch iiber das Eigenleben hinausgefiihrt Er erwirbt sich
etwas, das iiber seine Seele hinausreicht. Es ist fur ihn eine selbstverstandliche
Uberzeugung, dafi die Denkgesetze in Ubereinstimmung mit der Weltordnung sind. Er
betrachtet sich deshalb als ein Einheimischer in der Welt, weil diese Ubereinstimmung
besteht. Diese Ubereinstimmung ist eine der gewichtigen Tatsachen, durch die der
Mensch seine eigene Wesenheit kennenlernt. In seiner Seele sucht der Mensch nach
Wahrheit; und durch diese Wahrheit spricht sich nicht allein die Seele, sondern sprechen
sich die Dinge der Welt aus. Was durch das Denken als Wahrheit erkannt wird, hat eine
selbstdndige Bedeutung, die sich auf die Dinge der Welt bezieht, nicht blofi auf die
eigene Seele. Mit meinem Entziicken iiber den Sternenhimmel lebe ich in mir; die
Gedanken, die ich mir iiber die Bahnen der Himmelskorper bilde, haben fur das Denken
jedes anderen dieselbe Bedeutung wie fur das Meinige. Es ware sinnlos, von meinem
Entziicken zu sprechen, wenn ich selbst nicht vorhanden ware; aber es ist nicht in
25
derselben Weise sinnlos, von meinen Gedanken auch ohne Beziehung auf mich zu
sprechen. Denn die Wahrheit, die ich heute denke, war auch gestern wahr und wird
morgen wahr sein, obschon ich mich nur heute mit ihr beschaftige. Macht eine
Erkenntnis mir Freude, so ist diese Freude so lange von [45] Bedeutung, als sie in mir
lebt; die Wahrheit der Erkenntnis hat ihre Bedeutung ganz unabhangig von dieser Freude.
In dem Ergreifen der Wahrheit verbindet sich die Seele mit etwas, das seinen Wert in sich
selbst tragt. Und dieser Wert verschwindet nicht mit der Seelenempfindung, ebensowenig
wie er mit dieser entstanden ist. Was wirklich Wahrheit ist, das entsteht nicht und vergeht
nicht: das hat eine Bedeutung, die nicht vernichtet werden kann. - Dem widerspricht es
nicht, dafi einzelne menschliche «Wahrheiten» nur einen voriibergehenden Wert haben,
weil sie in einer gewissen Zeit als teilweise oder ganze Irrtumer erkannt werden. Denn
der Mensch mufi sich sagen, dafi die Wahrheit doch in sich selbst besteht, wenn auch
seine Gedanken nur vergangliche Erscheinungsformen der ewigen Wahrheiten sind.
Auch wer - wie Lessing - sagt, er begniige sich mit dem ewigen Streben nach Wahrheit,
da die voile, reine Wahrheit doch nur fur einen Gott dasein konne, der leugnet nicht den
Ewigkeitswert der Wahrheit, sondern er bestatigt ihn gerade durch solchen Ausspruch.
Denn nur was eine ewige Bedeutung in sich selbst hat, kann ein ewiges Streben nach sich
hervorrufen. Ware die Wahrheit nicht in sich selbstandig, erhielte sie ihren Wert und ihre
Bedeutung durch die menschliche Seelenempfindung, dann konnte sie nicht ein einiges
Ziel fur alle Menschen sein. Indem man nach ihr streben will, gesteht man ihr ihre
selbstandige Wesenheit zu.
Und wie mit dem Wahren, so ist es mit dem wahrhaft Guten. Das Sittlich-Gute ist
unabhangig von Neigungen und Leidenschaften, insofern es sich nicht von ihnen gebieten
lafit, sondern ihnen gebietet. Gefallen und Mififallen, Begehren und Verabscheuen
gehoren der eigenen [46] Seele des Menschen an; die Pfiicht steht iiber Gefallen und
Mififallen. So hoch kann dem Menschen die Pfiicht stehen, dafi er fur sie das Leben
opfert. Und der Mensch steht um so hoher, je mehr er seine Neigungen, sein Gefallen und
Mififallen dahin veredelt hat, dafi sie ohne Zwang, ohne Unterwerfung durch sich selbst
der erkannten Pfiicht folgen. Das Sittlich-Gute hat ebenso wie die Wahrheit seinen
Ewigkeitswert in sich und erhalt ihn nicht durch die Empfindungsseele.
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Indern der Mensch das selbstandige Wahre und Gute in seinem Innern aufleben lafit,
erhebt er sich iiber die blofie Empfindungsseele. Der ewige Geist scheint in diese herein.
Ein Licht geht in ihr auf, das unverganglich ist sofern die Seele in diesem Lichte lebt, ist
sie eines Ewigen teilhaftig. Sie verbindet mit ihm ihr eigenes Dasein. Was die Seele als
Wahres und Gutes in sich tragt, ist unsterblich in ihr. - Das, was in der Seele als Ewiges
aufleuchtet, sei hier Bewufitseinsseele genannt. - Von Bewufitsein kann man auch bei den
niedrigeren Seelenregungen sprechen. Die alltaglichste Empfindung ist Gegenstand des
Bewufitseins. Insofern kommt auch dem Tiere Bewufitsein zu. Der Kern des
menschlichen Bewufitseins, also die Seele in der Seele, ist hier mit Bewufitseinsseele
gemeint. Die Bewufitseinsseele wird hier noch als ein besonderes Glied der Seele von der
Verstandesseele unterschieden. Diese letztere ist noch in die Empfindungen, in die
Triebe, Affekte und so weiter verstrickt. Jeder Mensch weifi, wie ihm zunachst das als
wahr gilt, was er in seinen Empfindungen und so weiter vorzieht. Erst diejenige Wahrheit
aber ist die bleibende, die sich losgelost hat von allem Beigeschmack solcher Sympathien
und Antipathien der [47] Empfindungen und so weiter. Die Wahrheit ist wahr, auch wenn
sich alle personlichen Gefuhle gegen sie auflehnen. Derjenige Teil der Seele, in dem
diese Wahrheit lebt, soil Bewufitseinsseele genannt werden.
So hatte man, wie in dem Leib, auch in der Seele drei Glieder zu unterscheiden: die
Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewufitseinsseele. Und wie von unten
herauf die Leiblichkeit auf die Seele begrenzend wirkt, so wirkt von oben herunter die
Geistigkeit auf sie erweiternd. Denn je mehr sich die Seele von dem Wahren und Guten
erfullt, desto weiter und umfassender wird das Ewige in ihr. - Fur denjenigen, der die
Seele zu «schauen» vermag, ist der Glanz, der von dem Menschen ausgeht, weil sein
Ewiges sich erweitert, eine eben solche Wirklichkeit, wie fur das sinnliche Auge das
Licht wirklich ist, das von einer Flamme ausstrahlt. Fur den «Sehenden» gilt der leibliche
Mensch nur als ein Teil des ganzen Menschen. Der Leib liegt als das grobste Gebilde
inmitten anderer, die ihn und sich selbst gegenseitig durchdringen. Als eine Lebensform
erfullt den physischen Korper der Atherleib; an alien Seiten iiber diesen hinausragend
erkennt man den Seelenleib (Astralgestalt). Und wieder iiber diesen hinausragend die
Empfindungsseele, dann die Verstandesseele, die um so grofier wird, je mehr sie von dem
27
Wahren und Guten in sich aufnimmt. Denn dieses Wahre und Gute bewirkt die
Erweiterung der Verstandesseele. Ein Mensch, der lediglich seinen Neigungen, seinem
Gefallen und Mififallen leben wiirde, hatte eine Verstandesseele, deren Grenzen mit
denen seiner Empfindungsseele zusammenfielen. Diese Gebilde, inmitten deren der
physische Korper wie in einer Wo Ike erscheint, kann man die menschliche Aura nennen.
[48] Sie ist dasjenige, um das sich das «Wesen des Menschen» bereichert, wenn es in der
Art geschaut wird, wie diese Schrift versucht, es darzustellen.
* * *
Im Laufe der Kindheitsentwickelung tritt im Leben des Menschen der Augenblick ein, in
dem er sich zum erstenmal als ein selbstandiges Wesen gegeniiber der ganzen iibrigen
Welt empfindet. Fein empfindenden Menschen ist das ein bedeutsames Erlebnis. Der
Dichter Jean Paul erzahlt in seiner Lebensbeschreibung: «Nie vergefi' ich die noch
keinem Menschen erzahlte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines
Selbstbewufitseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weifi. An einem Vormittag
stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustur und sah links nach der Holzlege, als
auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich
fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum erstenmal sich selber
gesehen und auf ewig. Tauschungen des Erinnerns sind hier schwerlich denkbar, da kein
fremdes Erzahlen sich in eine blofi im verhangenen Allerheiligsten des Menschen
vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltaglichen Nebenumstanden das
Bleiben gegeben, mit Zusatzen mengen konnte.» - Es ist bekannt, dafi kleine Kinder von
sich sagen: «Karl ist brav», «Marie will das haben». Man findet es angemessen, dafi sie
von sich so wie von andern reden, weil sie sich ihrer selbstandigen Wesenheit noch nicht
bewufit geworden sind, weil das Bewufitsein vom Selbst noch nicht in ihnen geboren ist.
Durch das Selbstbewufitsein bezeichnet [49] sich der Mensch als ein selbstandiges, von
allem iibrigen abgeschlossenes Wesen, als «Ich». Im «Ich» fafit der Mensch alles
zusammen, was er als leibliche und seelische Wesenheit erlebt. Leib und Seele sind die
Trager des «Ich»; in ihnen wirkt es. Wie der physische Korper im Gehirn, so hat die
Seele im «Ich» ihren Mittelpunkt zu Empfindungen wird der Mensch von aufien
angeregt; Gefuhle machen sich geltend als Wirkungen der Aufienwelt; der Wille bezieht
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sich auf die Aufienwelt, denn er verwirklicht sich in aufieren Handlungen. Das «Ich»
bleibt als die eigentliche Wesenheit des Menschen ganz unsichtbar. Treffend nennt daher
Jean Paul das Gewahrwerden des «Ich» eine «blofi im verhangenen Allerheiligsten des
Menschen vorgefallene Begebenheit». Denn mit seinem «Ich» ist der Mensch ganz allein.
- Und dieses «Ich» ist der Mensch selbst. Das berechtigt ihn, dieses «Ich» als seine wahre
Wesenheit anzusehen. Er darf deshalb seinen Leib und seine Seele als die «Hullen»
bezeichnen, innerhalb deren er lebt; und er darf sie als leibliche Bedingungen bezeichnen,
durch die er wirkt. Im Laufe seiner Entwickelung lernt er diese Werkzeuge immer mehr
als Diener seines «Ich» gebrauchen. Das Wortchen «Ich», wie es zum Beispiel in der
deutschen Sprache angewendet wird, ist ein Name, der sich von alien anderen Namen
unterscheidet. Wer iiber die Natur dieses Namens in zutreffender Art nachdenkt, dem
eroffnet sich damit zugleich der Zugang zur Erkenntnis der menschlichen Wesenheit im
Tiefern Sinne. Jeden andern Namen konnen alle Menschen in der gleichen Art auf das
ihm entsprechende Ding anwenden. Den Tisch kann jeder «Tisch», den Stuhl jeder
«Stuhl» nennen. Bei dem Namen «Ich» ist dies nicht der [50] Fall. Es kann ihn keiner
anwenden zur Bezeichnung eines andern; jeder kann nur sich selbst «Ich» nennen.
Niemals kann der Name «Ich» von aufien an mein Ohr dringen, wenn er die Bezeichnung
fur mich ist. Nur von innen heraus, nur durch sich selbst kann die Seele sich als «Ich»
bezeichnen. Indem der Mensch also zu sich «Ich» sagt, beginnt in ihm etwas zu sprechen,
was mit keiner der Welten etwas zu tun hat, aus denen die bisher genannten «Hullen»
entnommen sind. Das «Ich» wird immer mehr Herrscher iiber Leib und Seele. - Auch das
kommt in der Aura zum Ausdrucke. Je mehr das Ich Herrscher ist iiber Leib und Seele,
desto gegliederter, mannigfaltiger, farbenreicher ist die Aura. Die Wirkung des Ich auf
die Aura kann der «Sehende» schauen. Das «Ich» selbst ist auch ihm unsichtbar: dieses
ist wirklich indem «verhangenen Allerheiligsten des Menschen». - Aber das Ich nimmt in
sich die Strahlen des Lichtes auf, das als ewiges Licht in dem Menschen aufleuchtet. Wie
dieser die Erlebnisse des Leibes und der Seele in dem «Ich» zusammenfafit, so lafit er
auch die Gedanken der Wahrheit und Giite in das «Ich» einfliefien. Die
Sinneserscheinungen offenbarten sich dem «Ich» von der einen, der Geist von der andern
Seite. Leib und Seele geben sich dem «Ich» hin, um ihm zu dienen; das «Ich» aber gibt
sich dem Geiste hin, dafi er es erfulle. Das «Ich» lebt in Leib und Seele; der Geist aber
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lebt im «Ich». Und was vom Geiste im Ich ist, das ist ewig. Denn das Ich erhalt Wesen
und Bedeutung von dem, womit es verbunden ist. Insofern es im physischen Korper lebt,
ist es den mineralischen Gesetzen, durch den Atherleib ist es den Gesetzen der
Fortpflanzung und des Wachstums, vermoge der Empfindungs- und Verstandesseele den
Gesetzen [51] der seelischen Welt unterworfen; insofern es das Geistige in sich
aufnimmt, ist es den Gesetzen des Geistes unterworfen. Was die mineralischen, was die
Lebensgesetze bilden, entsteht und vergeht; der Geist aber hat mit Entstehung und
Untergang nichts zu tun.
* * *
Das Ich lebt in der Seele. Wenn auch die hochste Aufierung des «Ich» der
Bewufitseinsseele angehort, so muB man doch sagen, dafi dieses «Ich» von da
ausstrahlend die ganze Seele erfullt und durch die Seele seine Wirkung auf den Leib
aufiert. Und in dem Ich ist der Geist lebendig. Es strahlt der Geist in das Ich und lebt in
ihm als in seiner «Hulle», wie das Ich in Leib und Seele als seinen «Hiillen» lebt. Der
Geist bildet das Ich von innen nach aufien, die mineralische Welt von aufien nach innen.
Der ein «Ich» bildende und als «Ich» lebende Geist sei «Geistselbst» genannt, weil er als
«Ich» oder «Selbst» des Menschen erscheint. Den Unterschied zwischen dem
«Geistselbst» und der «Bewufitseinsseele» kann man sich in folgender Art klarmachen.
Die Bewufitseinsseele berilhrt die von jeder Antipathie und Sympathie unabhangige,
durch sich selbst bestehende Wahrheit; das Geistselbst tragt in sich dieselbe Wahrheit,
aber aufgenommen und umschlossen durch das «Ich»; durch das letztere individualisiert
und in die selbstandige Wesenheit des Menschen iibernommen. Dadurch, dafi die ewige
Wahrheit so verselbstandigt und mit dem «Ich» zu einer Wesenheit verbunden wird,
erlangt das «Ich» selbst die Ewigkeit.
Das Geistselbst ist eine Offenbarung der geistigen Welt [52] innerhalb des Ich, wie von
der andern Seite her die Sinnesempfindung eine Offenbarung der physischen Welt
innerhalb des Ich ist. In dem, was rot, griin, hell, dunkel, hart, weich, warm, kalt ist,
erkennt man die Offenbarungen der korperlichen Welt; in dein, was wahr und gut ist, die
Offenbarungen der geistigen Welt. In dem gleichen Sinne, wie die Offenbarung des
30
Korperlichen Empfindung heifit, sei die Offenbarung des Geistigen Intuition genannt. Der
einfachste Gedanke enthalt schon Intuition, denn man kann ihn nicht mit Handen tasten,
nicht mit Augen sehen: man muB seine Offenbarung aus dem Geiste durch das Ich
empfangen. - Wenn ein unentwickelter und ein entwickelter Mensch eine Pflanze
ansehen, so lebt in dem Ich des einen etwas ganz anderes als in dem des zweiten. Und
doch sind die Empfindungen beider durch denselben Gegenstand hervorgerufen. Die
Verschiedenheit liegt darin, dafi der eine sich weit vollkommenere Gedanken iiber den
Gegenstand machen kann als der andere. Offenbarten die Gegenstande sich allein durch
die Empfindung, dann konnte es keinen Fortschritt in der geistigen Entwickelung geben.
Die Natur empfindet auch der Wilde; die Naturgesetze offenbaren sich erst den von der
Intuition befruchteten Gedanken des hoher entwickelten Menschen. Die Reize der
Auflenwelt empfindet auch das Kind als Antrieb des Willens, die Gebote des sittlich
Guten gehen ihm aber nur im Laufe der Entwickelung auf, indem es im Geiste leben und
dessen Offenbarung verstehen lernt.
Wie ohne das Auge keine Farbenempfindungen da waren, so ohne das hohere Denken
des Geistselbst keine Intuitionen. Und sowenig die Empfindung die Pflanze schafft, an
der die Farbe erscheint, sowenig schafft die Intuition [53] das Geistige, von welchem sie
vielmehr nur Kunde gibt.
Durch die Intuitionen holt sich das Ich des Menschen, das in der Seele auflebt, die
Botschaften von oben, von der Geisteswelt, wie es sich durch die Empfindungen die
Botschaften aus der physischen Welt holt. Und dadurch macht die Geisteswelt ebenso
zum Eigenleben seiner Seele wie vermittels der Sinne die physische Welt. Die Seele, der
das in ihr aufleuchtende Ich, offnet nach Zwei Seiten in seine Tore: nach der Seite des
Korperlichen und nach derjenigen des Geistigen.
Wie nun die physische Welt dem Ich nur dadurch von Ich Kunde geben kann, dafi sie aus
ihren Stoffen und Kraften einen Korper aufbaut, in dem die bewufite Seele leben kann
und innerhalb dessen diese Organe besitzt, um das Korperliche aufier sich
wahrzunehmen, so baut auch die geistige Welt mit ihren Geistesstoffen und ihren
Geisteskraften einen Geistkorper auf, in dem das Ich leben und durch Intuitionen das
31
Geistige wahrnehmen kann. (Es ist einleuchtend, dafi die Ausdriicke Geiststoff,
Geistkorper dem Wortsinne nach einen Widerspruch enthalten. Sie sollen nur gebraucht
werden, um den Gedanken auf dasjenige hinzulenken, was im Geistigen dem physischen
Leibe des Menschen entspricht.)
Und ebenso wie innerhalb der physischen Welt der einzelne menschliche Korper als eine
abgesonderte Wesenheit aufgebaut wird, so innerhalb der Geisteswelt der Geistkorper. Es
gibt in der Geisteswelt fur den Menschen ebenso ein innen und Aufien wie in der
physischen Welt. Wie der Mensch aus der physischen Umwelt die Stoffe aufnimmt und
sie in seinem physischen Leib verarbeitet, [54] so nimmt er aus der geistigen Umwelt das
Geistige auf und macht es zu dem Seinigen. Das Geistige ist die ewige Nahrung des
Menschen. Und wie der Mensch aus der physischen Welt geboren ist, so wird er aus dem
Geiste durch die ewigen Gesetze des Wahren und Guten geboren. Er ist von der aufier
ihm befindlichen Geisteswelt abgetrennt, wie er von der gesamten physischen Welt als
ein selbstandiges Wesen abgetrennt ist. Diese selbstandige geistige Wesenheit sei
«Geistmensch» genannt.
Wenn wir den physischen Menschenkorper untersuchen, finden wir in ihm dieselben
Stoffe und Krafte, die aufierhalb desselben in der iibrigen physischen Welt vorhanden
sind. So ist es auch mit dem Geistmenschen. In ihm pulsieren die Elemente der aufieren
Geisteswelt, in ihm sind die Krafte der iibrigen Geisteswelt tatig. Wie in der physischen
Haut ein Wesen in sich abgeschlossen wird, das lebend und empfindend ist, so auch in
der Geisteswelt. Die geistige Haut, die den Geistmenschen von der einheitlichen
Geisteswelt abschliefit, ihn innerhalb derselben zu einem selbstandigen Geisteswesen
macht, das in sich lebt und intuitiv den Geistesinhalt der Welt wahrnimmt, diese «geistige
Haut» sei Geisteshillle (aurische Hiille) genannt. Nur muB festgehalten werden, dafi diese
«geistige Haut» sich fortdauernd mit der fortschreitenden menschlichen Entwickelung
ausdehnt, so dafi die geistige Individualist des Menschen (seine aurische Hiille) einer
unbegrenzten Vergrofierung fahig ist.
Innerhalb dieser Geisteshulle lebt der Geistesmensch. Dieser wird durch die geistige
Lebenskraft in demselben Sinne auferbaut, wie der physische Leib durch die physische
32
Lebenskraft. In ahnlicher Weise, wie man von [55] einem Atherleib spricht, muB man
daher von einem Athergeist in bezug auf den Geistesmenschen sprechen. Dieser
Athergeist sei Lebensgeist genannt In drei Teile gliedert sich also die geistige Wesenheit
des Menschen: in den Geistmenschen, den Lebensgeist und das Geistselbst.
Fur den in den geistigen Gebieten «Sehenden» ist diese geistige Wesenheit des Menschen
als der hohere eigentliche geistige - Teil der Aura eine wahrnehmbare Wirklichkeit. Er
«schaut» innerhalb der Geisteshiille den Geistesmenschen als Lebensgeist; und «er
schaut», wie sich dieser «Lebensgeist» fortwahrend durch Aufnahme von Geistesnahrung
aus der geistigen Aufienwelt vergrofiert. Und ferner sieht er, wie durch diese Aufnahme
sich die Geisteshiille fortdauernd weitet, wie der Geistmensch immer grofier und grofier
wird. Insofern dieses «Gr6fierwerden» raumlich «geschaut» wird» ist es
selbstverstandlich nur ein Bild der Wirklichkeit. Dessenungeachtet ist in der Vorstellung
dieses Bildes die Menschenseele auf die entsprechende geistige Wirklichkeit hin
gerichtet. Es ist der Unterschied der geistigen Wesenheit des Menschen von seiner
physischen, dafi die letztere eine begrenzte Grofie hat, wahrend die erstere unbegrenzt
wachsen kann. Was an geistiger Nahrung aufgenommen wird, hat ja einen Ewigkeitswert.
Aus zwei sich durchdringenden Teilen setzt sich deshalb die menschliche Aura
zusammen. Dem einen gibt Farbung und Form das physische Dasein des Menschen, dem
andern sein geistiges.
Das Ich gibt die Trennung zwischen beiden, in der Art, dafi sich das Physische in seiner
Eigenart hingibt und einen Leib aufbaut, der eine Seele in sich aufleben lafit; und das Ich
gibt sich wieder hin und lafit in sich den Geist 56 aufleben, der nun seinerseits die Seele
durchdringt und ihr das Ziel gibt in der Geisteswelt. Durch den Leib ist die Seele
eingeschlossen im Physischen, durch den Geistesmenschen wachsen ihr die Fliigel zur
Bewegung in der geistigen Welt.
* * *
Will man den ganzen Menschen erfassen, so muB man ihn aus den genannten
Bestandteilen zusammengesetzt denken. Der Leib baut sich aus der physischen Stoffwelt
auf, so dafi dieser Bau auf das denkende Ich hingeordnet ist Er ist von Lebenskraft
33
durchdrungen und wird dadurch zum Atherleib oder Lebensleib. Als solcher schliefit er
sich in den Sinnesorganen nach aufien auf und wird zum Seelenleib. Diesen durchdringt
die Empfindungsseele und wird eine Einheit mit ihm. Die Empfindungsseele empfangt
nicht blofi die Eindriicke der Aufienwelt als Empfindungen; sie hat ihr eigenes Leben, das
sich durch das Denken auf der andern Seite ebenso befruchtet wie durch die
Empfindungen auf der einen. So wird sie zur Verstandesseele. Sie kann das dadurch, daB
sie sich nach oben hin den Intuitionen erschliefit wie nach unten hin den Empfindungen.
Dadurch ist sie Bewufitseinsseele. Das ist ihr deshalb moglich, weil ihr die Geisteswelt
das Intuitionsorgan hineinbildet, wie ihr der physische Leib die Sinnesorgane bildet. Wie
die Sinne durch den Seelenleib die Empfindungen, so vermittelt ihr der Geist durch das
Intuitionsorgan die Intuitionen. Der Geistmensch ist dadurch mit der Bewufitseinsseele in
einer Einheit verbunden wie der physische Korper mit der Empfindungsseele im
Seelenleib. Bewufitseinsseele und Geistselbst bilden [57] eine Einheit. In dieser Einheit
lebt der Geistesmensch als Lebensgeist, wie der Atherleib fur den Seelenleib die leibliche
Lebensgrundlage bildet. Und wie der physische Korper in der physischen Haut sich
abschliefit, so der Geistmensch in der Geisteshiille. Es ergibt sich die Gliederung des
ganzen Menschen in folgender Art:
A. Physischer Korper
B. Atherleib oder Lebensleib
C. Seelenleib
D. Empfindungsseele
E. Verstandesseele
F. Bewufitseinsseele
G. Geistselbst
H. Lebensgeist
34
I. Geistesmensch.
Seelenleib (C) und Empfindungsseele (D) sind eine Einheit im irdischen Menschen;
ebenso Bewufitseinsseele (F) und Geistselbst (G). - Dadurch ergeben sich sieben Teile
des irdischen Menschen:
1 . Der physische Korper
2. Der Ather- oder Lebensleib
3. Der empfindende Seelenleib
4. Die Verstandesseele
5. Die geisterfullte Bewufitseinsseele
6. Der Lebensgeist
7. Der Geistesmensch.
In der Seele blitzt das «Ich» auf, empfangt aus dem Geiste den Einschlag und wird
dadurch zum Trager des [58] Geistmenschen. Dadurch nimmt der Mensch an den «drei
Welten» (der physischen, seelischen und geistigen) teil. Er wurzelt durch physischen
Korper, Atherleib und Seelenleib in der physischen Welt und bliiht durch das Geistselbst,
den Lebensgeist und Geistesmenschen in die geistige Welt hinauf. Der Stamm aber, der
nach der einen Seite wurzelt, nach der andern bliiht, das ist die Seele selbst.
Man kann, durchaus im Einklange mit dieser Gliederung des Menschen, eine
vereinfachte Form derselben geben. Obwohl das menschliche «Ich» in der
Bewufitseinsseele aufleuchtet, so durchdringt es doch das ganze seelische Wesen. Die
35
Teile dieses seelischen Wesens sind iiberhaupt nicht so scharf gesondert wie die
Leibesglieder; sie durchdringen sich in einem hoheren Sinne. Fafit man dann
Verstandesseele und Bewufitseinsseele als die zwei zusammengehorigen Hiillen des Ich
und dieses als den Kern derselben ins Auge, dann kann man den Menschen gliedern in:
physischen Leib, Lebensleib, Astralleib und Ich. Mit dem Ausdruck Astralleib wird dabei
hier das bezeichnet, was Seelenleib und Empfindungsseele zusammen sind. Der
Ausdruck findet sich in der alteren Literatur und sei hier frei angewendet auf dasjenige in
der menschlichen Wesenheit, was iiber das Sinnlich-Wahrnehmbare hinausliegt.
Trotzdem die Empfindungsseele in gewisser Beziehung auch von dem Ich durchkraftet
wird, hangt sie mit dem Seelenleib so eng zusammen, dafi fur beide, vereinigt gedacht,
ein einziger Ausdruck berechtigt ist. Wenn nun das Ich sich mit dem Geistselbst
durchdringt, so tritt dieses Geistselbst so auf, dafi der Astralleib von dem Seelischen aus
umgearbeitet wird. In dem Astralleib [59] wirken zunachst des Menschen Triebe,
Begierden, Leidenschaften, insofern diese empfunden werden; und es wirken in ihm die
sinnlichen Wahrnehmungen. Die sinnlichen Wahrnehmungen entstehen durch den
Seelenleib als ein Glied im Menschen, das ihm von der aufieren Welt zukommt. Die
Triebe, Begierden, Leidenschaften und so weiter entstehen in der Empfindungsseele,
insofern diese vom Innern durchkraftet wird, bevor dieses Innere sich dem Geistselbst
hingegeben hat. Durchdringt sich das «Ich» mit dem Geistselbst, so durchkraftet die
Seele den Astralleib wieder mit diesem Geistselbst Es driickt sich dies so aus, dafi dann
die Triebe, Begierden und Leidenschaften durchleuchtet sind von dem, was das Ich aus
dem Geiste empfangen hat. Das Ich ist dann vermoge seines Anteiles an der geistigen
Welt Herr geworden in der Welt der Triebe, Begierden und so weiter. In dem Mafie, als
es dies geworden ist, erscheint das Geistselbst im Astralleib. Und dieser selbst wird
dadurch verwandelt. Der Astralleib erscheint dann selbst als zweigliedrige Wesenheit, als
zum Teil unverwandelt, zum Teil verwandelt. Daher kann man das Geistselbst in seiner
Offenbarung am Menschen AK den verwandelten Astralleib bezeichnen. Ein ahnliches
geht in dem Menschen vor, wenn er in sein Ich den Lebensgeist aufnimmt. Dann
verwandelt sich der Lebensleib. Er wird durchdrungen von dem Lebensgeist. Dieser
offenbart sich in der Art, dafi der Lebensleib ein anderer wird. Daher kann man auch
sagen, dafi der Lebensgeist der verwandelte Lebensleib ist. Und nimmt das Ich den
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Geistesmenschen in sich auf, so erhalt es dadurch die starke Kraft, den physischen Leib
damit zu durchdringen. Es ist natiirlich, dafi dasjenige, was so [60] von dem physischen
Leibe verwandelt ist, nicht mit der physischen Sinnen wahrzunehmen ist. Es ist ja gerade
das am physischen Leib Geistesmensch geworden, was vergeistigt ist. Es ist dann fur die
sinnliche Wahrnehmung als Sinnliches vorhanden; und insofern dieses Sinnliche
vergeistigt ist, muB es vom geistigen Erkenntnisvermogen wahrgenornmen werden. Den
aufleren Sinnen erscheint eben auch das vom Geistigen durchdrungene Physische nur
sinnlich. Mit Zugrundelegung von alledem kann man auch folgende Gliederung des
Menschen geben:
1 . Physischer Leib
2. Lebensleib
3. Astralleib
4. Ich als Seelenkern
5. Geistselbst als verwandelter Astralleib
6. Lebensgeist als verwandelter Lebensleib
7. Geistesmensch als verwandelter physischer Leib.
Anmerkungen:
(1) Der Verfasser dieses Buches hat lange Zeit nach Abfassung desselben (vgl. Zeitschrift «Das Reich»,
viertes Buch des ersten Jahrgangs [Januar 19171) dasjenige. Was hier Ather- oder Lebensleib genannt wird,
auch «Bilde-Krafte-Leib» genannt. Zu dieser Namengebung fiihlte er sich veranlaBt, weil er glaubt, daB
man nicht genug tun kann, um dem MiBverstandnis vorzubeugen, das hier mit Atherleib Gemeinte zu
verwechseln mit der «Lebenskraft» der alteren Naturwissenschaft. Wo es sich um Abweisung dieser alteren
Vorstellung einer Lebenskraft im Sinne der modernen Naturwissenschaft handelt, steht der Verfasser in
37
einem gewissen Sinne auf dem Standpunkt der Gegner einer solchen Kraft. Denn mit dieser wollte man die
besondere Wirkungsweise der unorganischen Krafte im Organismus erklaren. Aber was im Organismus
unorganisch wirkt, das wirkt da nicht anders als in dem Bereich der unorganischen Welt. Die Gesetze der
unorganischen Natur sind im Organismus keine anderen als im Kristall usw. Aber im Organismus liegt
eben etwas vor, was nicht unorganisch ist: das bildende Leben. Diesem liegt der Ather- oder Bilde-Krafte-
Leib zugrunde. Durch seine Annahme wird die berechtigte Aufgabe der Naturforschung nicht gestort:
dasjenige, was sie iiber Kraftewirksamkeiten in der unorganischen Natur beobachtet, auch in die
Organismenwelt hinein zu verfolgen. Und es abzulehnen, diese Wirksamkeit innerhalb des Organismus
durch eine besondere Lebenskraft abgeandert zu denken, das sieht auch eine wahre Geisteswissenschaft als
berechtigt an. Der Geistesforscher spricht vom Atherleib insofern, als im Organismus sich noch anderes
offenbart als im Leblosen. - Trotz alledem findet sich der Verfasser dieses Buches nicht veranlaBt, hier den
Namen «Atherleib» durch den anderen «Bilde-Krafte-Leib» zu ersetzen, da innerhalb des ganzen
Zusammenhanges, der hier sich findet, fiir jeden, der sehen will, ein MiBverstandnis ausgeschlossen ist. Ein
solches kann nur eintreten, wenn man den Namen in einer Ausfuhrung gebraucht, die diesen
Zusammenhang nicht zeigen kann. (Man vergleiche damit auch das am Schlusse dieses Buches unter
«Einzelne Bemerkungen und Erganzungen» Gesagte.)
38
Wiederverkorperung des Geistes und Schicksal
[61] In der Mitte zwischen Leib und Geist lebt die Seele. Die Eindriicke, die ihr durch
den Leib zukommen, sind voriibergehend. Sie sind nur so lange vorhanden, als der Leib
seine Organe den Dingen der Aufienwelt offnet. Mein Auge empfindet die Farbe an der
Rose nur so lange, als die Rose ihm gegeniibersteht und es selbst geoffnet ist. Die
Gegenwart sowohl des Dinges in der Aufienwelt wie auch diejenige des leiblichen
Organs sind notwendig, damit ein Eindruck, eine Empfindung oder Wahrnehmung
zustande kommen konnen. Was ich aber im Geiste als Wahrheit fiber die Rose erkannt
habe, das geht mit der Gegenwart nicht voriiber. Und es ist in seiner Wahrheit auch ganz
und gar nicht von mir abhangig. Es ware wahr, auch wenn ich niemals der Rose
gegeniibergetreten ware. Was ich durch den Geist erkenne, ist in einem Elemente des
Seelenlebens gegriindet, durch das die Seele mit einem Weltinhalt zusammenhangt, der
in ihr sich unabhangig von ihren verganglichen Leibesgrundlagen offenbart. Es kommt
nicht darauf an, ob das sich Offenbarende selbst iiberall ein Unvergangliches ist, sondern
darauf, ob die Offenbarung fur die Seele so geschieht, dafi dabei nicht ihre vergangliche
Leibesgrundlage in Betracht kommt, sondern dasjenige, was in ihr von diesem
Verganglichen unabhangig ist. Das Dauernde in der Seele ist in dem Augenblicke in die
Beobachtung gestellt, in dem man gewahr wird, dafi Erlebnisse da sind, die nicht durch
ihr Vergangliches begrenzt sind. Auch darum handelt es sich nicht, ob diese Erlebnisse
zunachst durch vergangliche [62] Verrichtungen der Leibesorganisation bewufit werden,
sondern darum, dafi sie etwas enthalten, was zwar in der Seele lebt, aber doch in seiner
Wahrheit unabhangig ist von dein verganglichen Vorgange der Wahrnehmung. Zwischen
Gegenwart und Dauer ist die Seele gestellt, in dem sie die Mitte halt zwischen Leib und
Geist. Aber sie vermittelt auch Gegenwart und Dauer. Sie bewahrt das Gegenwartige fur
die Erinnerung. Dadurch entreifit sie es der Verganglichkeit und nimmt es in die Dauer
ihres Geistigen. Auf. Auch pragt sie das Dauernde dem Zeitlichverganglichen ein, indem
sie in ihrem Leben sich nicht nur den vorubergehenden Reizen hingibt, sondern von sich
aus die Dinge bestimmt, ihnen ihr Wesen in den Handlungen einverleibt, die sie
39
verrichtet. Durch die Erinnerung bewahrt die Seele das Gestern; durch die Handlung
bereitet sie das Morgen vor.
Meine Seele miifite das Rot der Rose immer von neuem wahrnehmen, um es im
Bewufitsein zu haben, wenn sie es nicht durch die Erinnerung behalten konnte. Das, was
nach dem aufieren Eindruck zuriickbleibt, was von der Seele behalten werden kann, kann
unabhangig von dem aufieren Eindrucke wieder Vorstellung werden. Durch diese Gabe
macht die Seele die Aufienwelt so zu ihrer eigenen Innenwelt, dafi sie diese dann durch
das Geddchtnis - fur die Erinnerung - behalten und unabhangig von den gewonnenen
Eindriicken mit ihr weiter ein eigenes Leben fTihren kann. Das Seelenleben wird so zur
dauernden Wirkung der verganglichen Eindrucke der Aufienwelt.
Aber auch die Handlung erhalt Dauer, wenn sie einmal der Aufienwelt aufgepragt ist
Schneide ich einen Zweig von einem Baume, so ist durch meine Seele etwas [63]
geschehen, was den Lauf der Ereignisse in der Aufienwelt vollkommen andert. Es ware
mit dem Zweige an dem Baume etwas ganz anderes geschehen, wenn ich nicht handelnd
eingegriffen hatte. Ich habe eine Reihe von Wirkungen ins Leben gerufen, die ohne mein
Dasein nicht vorhanden gewesen waren. Was ich heute getan habe, bleibt fur morgen
bestehen. Es wird dauernd durch die Tat, wie meine Eindrucke von gestern fur meine
Seele dauernd geworden sind durch das Gedachtnis.
Fur dieses Dauerndwerden durch die Tat bildet man im gewohnlichen Bewufitsein nicht
in der gleichen Art eine Vorstellung aus, wie diejenige ist, die man fur «Gedachtnis» hat,
fur das Dauerndwerden eines Erlebnisses, das auf Grund einer Wahrnehmung erfolgt.
Aber wird nicht das «Ich» des Menschen mit der in der Welt erfolgten Veranderung
durch seine Tat ebenso verbunden wie mit der aus einem Eindruck erfolgenden
Erinnerung? Das «Ich» urteilt iiber neue Eindrucke anders, je nachdem es die eine oder
die andere Erinnerung hat oder nicht. Aber es ist auch als «Ich» in eine andere
Verbindung zur Welt getreten, je nachdem es die eine oder die andere Tat verrichtet hat
oder nicht. Ob ich auf einen andern Menschen einen Eindruck gemacht habe durch eine
Tat oder nicht, davon hangt es ab, ob etwas in dem Verhaltnisse der Welt zu meinem
«Ich» vorhanden ist oder nicht. Ich bin in meinem Verhaltnis zur Welt ein anderer,
40
nachdem ich auf meine Umgebung einen Eindruck gemacht habe. Dafi man, was hier
gemeint ist, nicht so bemerkt wie die Veranderung des «Ich» durch Erwerb einer
Erinnerung, das riihrt allein davon her, dafi die Erinnerung sich sogleich bei ihrer Bildung
verbindet mit dem Seelenleben, [64] das man schon immer als das Seinige empfunden
hat; die aufiere Wirkung der Tat aber verlauft, losgelost von diesem Seelenleben, in
Folgen, die noch etwas anderes sind, als was man davon in der Erinnerung behalt. Dessen
ungeachtet aber sollte man zugeben, dafi, nach einer vollbrachten Tat, etwas in der Welt
ist, dem sein Charakter durch das «Ich» aufgepragt ist. Man wird, wenn man das hier in
Betracht Kommende wirklich durchdenkt, zu der Frage kommen: Konnte es nicht sein,
dafi die Folgen einer vollbrachten Tat, denen ihr Wesen durch das «Ich» aufgepragt ist,
eine Tendenz erhalten, zu dem Ich wieder hinzuzutreten, wie ein im Gedachtnis
bewahrter Eindruck wieder auflebt, wenn sich dazu eine aufiere Veranlassung ergibt? Das
im Gedachtnis Bewahrte wartet auf eine solche Veranlassung. Konnte nicht das in der
Aufienwelt mit dem Ich-Charakter Bewahrte ebenso warten, um so von aufien an die
Menschenseele heranzutreten, wie die Erinnerung von innen an diese Seele bei gegebener
Veranlassung herantritt? Hier wird diese Sache nur als Frage hingestellt: denn, gewifi, es
konnte sein, dafi sich die Veranlassung niemals ergabe, dafi die mit dem Ich-Charakter
behafteten Folgen einer Tat die Menschenseele treffen konnten. Aber dafi sie als solche
vorhanden sind und dafi sie in ihrem Vorhandensein das Verhaltnis der Welt zu dem Ich
bestimmen, das erscheint sofort als eine mogliche Vorstellung, wenn man, was vorliegt,
denkend verfolgt. Es soil in den nachfolgenden Betrachtungen untersucht werden, ob es
im Menschenleben etwas gibt, das von dieser «moglichen» Vorstellung aus auf eine
Wirklichkeit deutet. [65]
* * *
Es sei nun erst das Gedachtnis betrachtet. Wie kommt es zustande? Offenbar auf ganz
andere Art als die Empfindung oder Wahrnehmung. Ohne Auge kann ich nicht die
Empfindung des «Blau» haben. Aber durch das Auge habe ich noch keineswegs die
Erinnerung an das «Blau». Soil mir das Auge jetzt diese Empfindung geben, so mufi ihm
ein blaues Ding gegenubertreten. Die Leiblichkeit wiirde alle Eindriicke immer wieder in
Nichts zuriicksinken lassen, wenn nicht, indem durch den Wahrnehmungsakt die
41
gegenwdrtige Vorstellung sich bildet, zugleich in dem Verhaltnisse zwischen Aufienwelt
und Seele sich etwas abspielte, was in dem Menschen eine solche Folge hat, dafi er spater
durch Vorgange in sich wieder eine Vorstellung von dem haben kann, was friiher eine
Vorstellung von aufien her bewirkt hat. Wer sich Ubung fur seelisches Beobachten
erworben hat, wird finden konnen, dafi der Ausdruck ganz schief ist, der von der
Meinung ausgeht: man habe heute eine Vorstellung und morgen trete durch das
Gedachtnis diese Vorstellung wieder auf, nachdem sie sich inzwischen irgendwo im
Menschen aufgehalten hat. Nein, die Vorstellung, die ich jetzt habe, ist eine Erscheinung,
die mit dem «jetzt» vorubergeht. Tritt Erinnerung ein, so findet in mir ein Vorgang statt,
der die Folge von etwas ist, das aufier dem Hervorrufen der gegenwartigen Vorstellung in
dem Verhaltnis zwischen Aufienwelt und mir stattgefunden hat. Die durch die Erinnerung
hervorgerufene Vorstellung ist eine neue und nicht die aufbewahrte alte. Erinnerung
besteht darin, dafi wieder vorgestellt werden kann, nicht, dafi eine Vorstellung wieder
aufleben kann. Was wieder eintritt, ist etwas anderes als die Vorstellung selbst. (Diese
Anmerkung wird hier [66] gemacht, weil auf geisteswissenschaftlichem Gebiete
notwendig ist, dafi man sich liber gewisse Dinge genauere Vorstellungen macht als im
gewohnlichen Leben und sogar auch in der gewohnlichen Wissenschaft.) - Ich erinnere
mich, das heifit: ich erlebe etwas, was selbst nicht mehr da ist. Ich verbinde ein
vergangenes Erlebnis mit meinem gegenwartigen Leben. Es ist so bei jeder Erinnerung.
Man nehme an, ich treffe einen Menschen und erkenne ihn wieder, weil ich ihn gestern
getroffen habe. Er ware fur mich ein vollig Unbekannter, wenn ich nicht das Bild, das ich
mir gestern durch die Wahrnehmung gemacht habe, mit meinem heutigen Eindruck von
ihm verbinden konnte. Das heutige Bild gibt mir die Wahrnehmung, das heifit meine
Sinnesorganisation. Wer aber zaubert das gestrige in meine Seele herein? Es ist dasselbe
Wesen in mir, das gestern bei meinem Erlebnis dabei war und das auch bei dem heutigen
dabei ist Seele ist es in den vorhergehenden Ausfuhrungen genannt worden. Ohne diese
treue Bewahrerin des Vergangenen ware jeder aufiere Eindruck fur den Menschen immer
wieder neu. Gewifi ist, dafi die Seele den Vorgang, durch welchen etwas Erinnerung
wird, dem Leibe wie durch ein Zeichen einpragt; doch mufi eben die Seele diese
Einpragung machen und dann ihre eigene Einpragung wahrnehmen, wie sie etwas
Aufieres wahrnimmt. So ist sie die Bewahrerin der Erinnerung.
42
Als Bewahrerin des Vergangenen sammelt die Seele fortwahrend Schatze fur den Geist
auf. Dafi ich das richtige von dem Unrichtigen unterscheiden kann, das hangt davon ah,
dafi ich als Mensch ein denkendes Wesen bin, das die Wahrheit im Geiste zu ergreifen
vermag. Die [67] Wahrheit ist ewig; und sie konnte sich mir immer wieder an den Dingen
offenbaren, auch wenn ich das Vergangene immer wieder aus dem Auge verlore und
jeder Eindruck fur mich ein neuer ware. Aber der Geist in mir ist nicht allein auf die
Eindriicke der Gegenwart beschrankt; die Seele erweitert seinen Gesichtskreis iiber die
Vergangenheit hin. Und je mehr sie aus der Vergangenheit zu ihm hinzuzufugen vermag,
desto reicher macht sie ihn. So gibt die Seele an den Geist weiter, was sie vom Leibe
erhalten hat. - Der Geist des Menschen tragt dadurch in jedem Augenblicke seines
Lebens zweierlei in sich. Erstens die ewigen Gesetze des Wahren und Guten und
zweitens die Erinnerung an die Erlebnisse der Vergangenheit. Was er tut, das vollbringt
er unter dem Einflusse dieser beiden Faktoren. Wollen wir einen Menschengeist
verstehen, so miissen wir deshalb auch zweierlei von ihm wissen: erstens, wieviel von
dem Ewigen sich ihm offenbart hat, und zweitens, wieviel Schatze aus der Vergangenheit
in ihm liegen.
Diese Schatze bleiben dem Geiste keineswegs in unveranderter Gestalt. Die Eindriicke,
die der Mensch aus den Erlebnissen gewinnt, schwinden dem Gedachtnisse allmahlich
dahin. Nicht aber ihre Friichte. Man erinnert sich nicht aller Erlebnisse, die man in der
Kindheit durchgemacht hat, wahrend man sich die Kunst des Lesens und des Schreibens
angeeignet hat. Aber man konnte nicht lesen und schreiben, wenn man diese Erlebnisse
nicht gehabt hatte und ihre Friichte nicht bewahrt geblieben waren in Form von
Fahigkeiten. Und das ist die Umwandlung, die der Geist mit den Gedachtnisschatzen
vornimmt. Er iiberlafit, was zu Bildern der einzelnen Erlebnisse fuhren [68] kann, seinem
Schicksale und entnimmt ihm nur die Kraft zu einer Erhohung seiner Fahigkeiten. So
geht gewifi kein Erlebnis ungeniitzt voriiber: die Seele bewahrt es als Erinnerung, und der
Geist saugt aus ihm dasjenige, was seine Fahigkeiten, seinen Lebensgehalt bereichern
kann. Der Menschengeist wdchst durch die verarbeiteten Erlebnisse. - Kann man also
auch die vergangenen Erlebnisse im Geiste nicht wie in einer Sammelkammer
43
aufbewahrt finden, man findet ihre Wirkungen in den Fahigkeiten, die sich der Mensch
erworben hat.
* * *
Bisher sind der Geist und die Seele nur betrachtet worden innerhalb der Grenzen, die
zwischen Geburt und Tod liegen. Man kann dabei nicht stehenbleiben. Wer das tun
wollte, der gliche dem, welcher auch den menschlichen Leib nur innerhalb derselben
Grenzen betrachten wollte. Man kann gewifi vieles innerhalb dieser Grenzen finden. Aber
man kann nimmermehr aus dem, was zwischen Geburt und Tod liegt, die menschliche
Gestalt erklaren. Diese kann sich nicht aus bloBen physischen Stoffen und Kraften
unmittelbar auferbauen. Sie kann nur von einer ihr gleichen Gestalt abstammen, die sich
auf Grund dessen ergibt, was sich fortgepflanzt hat. Die physischen Stoffe und Krafte
bauen den Leib wahrend des Lebens auf: die Krafte der Fortpflanzung lassen aus ihm
einen andern hervorgehen, der seine Gestalt haben kann, also einen solchen, der Trager
desselben Lebensleibes sein kann. - Jeder Lebensleib ist eine Wiederholung seines
Vorfahren. Nur weil er dieses ist, erscheint er nicht in jeder beliebigen Gestalt, sondern in
derjenigen, die ihm vererbt ist. Die Krafte, [69] die meine Menschengestalt moglich
gemacht haben, lagen in meinen Vorfahren. Aber auch der Geist des Menschen erscheint
in einer bestimmten Gestalt (wobei das Wort Gestalt naturlich geistig gemeint ist). Und
die Gestalten des Geistes sind die denkbar verschiedensten bei den einzelnen Menschen.
Nicht zwei Menschen haben die gleiche geistige Gestalt. Man muB auf diesem Gebiete
nur ebenso ruhig und sachlich beobachten wie auf dem physischen. Man kann nicht
sagen, die Verschiedenheiten der Menschen in geistiger Beziehung ruhren allein von den
Verschiedenheiten ihrer Umgebung, ihrer Erziehung und so weiter her. Nein, das ist
durchaus nicht der Fall; denn zwei Menschen entwickeln sich unter den gleichen
Einfliissen der Umgebung, der Erziehung und so weiter in ganz verschiedener Art.
Deshalb muB man zugeben, dafi sie mit ganz verschiedenen Anlagen ihren Lebensweg
angetreten haben. - Hier steht man vor einer wichtigen Tatsache, die Licht ausbreitet iiber
die Wesenheit des Menschen, wenn man ihre voile Tragweite erkennt. Wer seine
Anschauung nur nach der Seite des materiellen Geschehens hin richten will, der konnte
allerdings sagen, die individuellen Verschiedenheiten menschlicher Personlichkeiten
44
riihren von den Verschiedenheiten in der Beschaffenheit der stofflichen Keime her. (Und
unter Beriicksichtigung der von Gregor Mendel gefundenen und von andern
weitergebildeten Vererbungsgesetze kann eine solche Ansicht vieles sagen, was ihr den
Schein von Berechtigung auch vor dem wissenschaftlichen Urteil gibt.) Ein solcher
Beurteiler zeigt aber nur, dafi er keine Einsicht in das wirkliche Verhaltnis des Menschen
zu dessen Erleben hat. Denn die sachgemafie Beobachtung ergibt, [70] dafi die aufieren
Umstande auf verschiedene Personen in verschiedener Art durch etwas wirken, das gar
nicht unmittelbar mit der stofflichen Entwickelung in Wechselbeziehung tritt. Fur den
wirklich genauen Erforscher auf diesem Gebiete zeigt sich, dafi, was aus den stofflichen
Anlagen kommt, sich unterscheiden lafit von dem, was zwar durch Wechselwirkung des
Menschen mit den Erlebnissen entsteht, aber nur dadurch sich gestalten kann, dafi die
Seele selbst diese Wechselwirkung eingeht. Die Seele steht da deutlich mit etwas
innerhalb der Aufienwelt in Beziehung, das, seinem Wesen nach, keinen Bezug zu
stofflichen Keimanlagen haben kann.
Durch ihre physische Gestalt unterscheiden sich die Menschen von ihren tierischen
Mitgeschopfen auf der Erde. Aber sie sind innerhalb gewisser Grenzen in bezug auf diese
Gestalt untereinander gleich. Es gibt nur eine menschliche Gattung. Wie grofi auch die
Unterschiede der Rassen, Stamme, Volker und Personlichkeiten sein mogen: in
physischer Beziehung ist die Ahnlichkeit zwischen Mensch und Mensch grofier als die
zwischen dem Menschen und irgendeiner Tiergattung. Alles, was in der menschlichen
Gattung sich auspragt, wird bedingt durch die Vererbung von den Vorfahren auf die
Nachkommen. Und die menschliche Gestalt ist an diese Vererbung gebunden. Wie der
Lowe nur durch Lowenvorfahren, so kann der Mensch nur durch menschliche Vorfahren
seine physische Gestalt erben.
So wie die physische Ahnlichkeit der Menschen klar vor Augen liegt, so enthiillt sich
dem vorurteilslosen geistigen Blicke die Verschiedenheit ihrer geistigen Gestalten. - Es
gibt eine off en zutage liegende Tatsache, durch [71] welche dies zum Ausdrucke kommt.
Sie besteht in dem Vorhandensein der Biographie eines Menschen. Ware der Mensch
blofies Gattungswesen, so konnte es keine Biographie geben. Ein Lowe, eine Taube
nehmen das Interesse in Anspruch, insofern sie der Lowen-, der Taubenart angehoren.
45
Man hat das Einzelwesen in allem Wesentlichen verstanden, wenn man die Art
beschrieben hat. Es kommt hier wenig darauf an, ob man es mit Vater, Sohn oder Enkel
zu tun hat. Was bei ihnen interessiert, das haben eben Vater, Sohn und Enkel gemeinsam.
Was der Mensch bedeutet, das aber fangt erst da an, wo er nicht blofi Art-, oder Gattungs-
, sondern wo er Einzelwesen ist. Ich habe das Wesen des Herrn Schulze in Krahwinkel
durchaus nicht begriffen, wenn ich seinen Sohn oder seinen Vater beschrieben habe. Ich
muB seine eigene Biographie kennen. Wer iiber das Wesen der Biographie nachdenkt, der
wird gewahr, dafi in geistiger Beziehung jeder Mensch eine Gattung fur sich ist. - Wer
freilich Biographie blofi als eine aufierliche Zusammenstellung von Lebensereignissen
fafit, der mag behaupten, dafi er in demselben Sinne eine Hunde- wie eine
Menschenbiographie schreiben konne. Wer aber in der Biographie die wirkliche Eigenart
eines Menschen schildert, der begreift, dafi er in ihr etwas hat, was im Tierreiche der
Beschreibung einer ganzen Art entspricht. Nicht darauf kommt es an, dafi man - was ja
wirklich selbstverstandlich ist - auch von einem Tiere - besonders von einem klugen -
etwas Biographieartiges sagen kann, sondern darauf, dafi die Menschenbiographie nicht
dieser Tierbiographie, sondern der Beschreibung der tierischen Art entspricht. Es wird ja
immer wieder Menschen geben, die das hier Gesagte damit [72] werden widerlegen
wollen, dafi sie sagen, Menageriebesitzer zum Beispiel wissen, wie individuell einzelne
Tiere derselben Gattung sich unterscheiden. Wer so urteilt, der zeigt aber nur, dafi er
individuelle Verschiedenheit nicht zu unterscheiden vermag von Verschiedenheit, die nur
durch Individualist erworben sich zeigt.
Wird nun die Art oder Gattung im physischen Sinne nur verstandlich, wenn man sie in
ihrer Bedingtheit durch die Vererbung begreift, so kann auch die geistige Wesenheit nur
durch eine ahnliche geistige Vererbung verstanden werden. Meine physische
Menschengestalt habe ich wegen meiner Abstammung von menschlichen Vorfahren.
Woher habe ich dasjenige, was in meiner Biographie zum Ausdrucke kommt? Als
physischer Mensch wiederhole ich die Gestalt meiner Vorfahren. Was wiederhole ich als
geistiger Mensch? Wer behaupten will: dasjenige, was in meiner Biographie
eingeschlossen ist, bediirfe keiner weiteren Erklarung, das miisse eben hingenommen
werden, der soil nur auch gleich behaupten: er habe irgendwo einen Erdhiigel gesehen,
46
auf dem sich die Stoffklumpen ganz von selbst zu einem lebenden Menschen
zusammengeballt haben.
Als physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab, denn ich habe
dieselbe Gestalt wie die ganze menschliche Gattung. Die Eigenschaften der Gattung
konnten also innerhalb der Gattung durch Vererbung erworben werden. Als geistiger
Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene Biographie habe. Ich kann
also diese Gestalt von niemand anderm haben als von mir selbst. Und da ich nicht mit
unbestimmten, sondern mit bestimmten seelischen Anlagen in die Welt eingetreten [73]
bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg, wie er in der Biographie zum Ausdruck
kommt, bestimmt ist, so kann meine Arbeit an mir nicht bei meiner Geburt begonnen
haben. Ich muB als geistiger Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein. In
meinen Vorfahren „in ich sicher nicht vorhanden gewesen, denn diese sind als geistige
Menschen von mir verschieden. Meine Biographie ist nicht aus der ihrigen erklarbar Ich
mufl vielmehr als geistiges Wesen die Wiederholung eines solchen sein, aus dessen
Biographie die Meinige erklarbar ist. Der andere zundchst denkbare Fall ware der, dafi
ich die Ausgestaltung dessen, was Inhalt meiner Biographie ist, nur einem geistigen
Leben vor der Geburt (beziehungsweise der Empfangnis) verdanke. Zu dieser
Vorstellung hatte man aber nur Berechtigung, wenn man annehmen wollte, dafi, was auf
die Menschenseele aus dem physischen Umkreis herein wirkt, gleichartig sei mit dem,
was die Seele aus einer nur geistigen Welt hat. Eine solche Annahme widerspricht der
wirklich genauen Beobachtung. Denn was aus dieser physischen Umgebung bestimmend
fur die Menschenseele ist, das ist so, dafi es wirkt wie ein spater im physischen Leben
Erfahrenes auf ein in gleicher Art friiher Erfahrenes. Um diese Verhaltnisse richtig zu
beobachten, muB man sich den Blick dafur aneignen, wie es im Menschenleben wirksame
Eindriicke gibt, die so auf die Anlagen der Seele wirken wie das Stehen vor einer zu
verrichtenden Tat gegeniiber dem, was man im physischen Leben schon geiibt hat; nur
dafi solche Eindriicke eben nicht auf ein in diesem unmittelbaren Leben schon Geiibtes
auftreffen, sondern auf Seelenanlagen, die sich so beeindrucken lassen wie die durch
Ubung erworbenen [74] Fahigkeiten. Wer diese Dinge durchschaut, der kommt zu der
Vorstellung von Erdenleben, die dem gegenwartigen vorangegangen sein miissen. Er
47
kann denkend nicht bei rein geistigen Erlebnissen vor diesem Erdenleben stehenbleiben. -
die physische Gestalt, die Schiller an sich getragen hat, die hat er von seinen Vorfahren
ererbt. Sowenig aber diese physische Gestalt aus der Erde gewachsen sein kann, sowenig
kann es die geistige Wesenheit Schillers sein. Er muB die Wiederholung einer andern
geistigen Wesenheit sein, aus deren Biographie die Seinige erklarbar wird, wie die
physische Menschengestalt Schillers durch menschliche Fortpflanzung erklarbar ist. - So
wie also die physische Menschengestalt immer wieder und wieder eine Wiederholung,
eine Wiederverkorperung der menschlichen Gattungswesenheit ist, so muB der geistige
Mensch eine Wiederverkorperung desselben geistigen Menschen sein. Denn als geistiger
Mensch ist eben jeder eine eigene Gattung.
Man kann gegen das hier Gesagte einwenden: das seien reine Gedankenausfuhrungen;
und man kann aufiere Beweise verlangen, wie man sie von der gewohnlichen
Naturwissenschaft her gewohnt ist. Dagegen muB gesagt werden, dafi die
Wiederverkorperung des geistigen Menschen doch ein Vorgang ist, der nicht dem Felde
aufierer physischer Tatsachen angehort, sondern ein solcher, der sich ganz im geistigen
Felde abspielt. Und zu diesem Felde hat keine andere unserer gewohnlichen Geisteskrafte
Zutritt als allein das Denken. Wer der Kraft des Denkens nicht vertrauen will, der kann
sich iiber hohere geistige Tatsachen eben nicht aufklaren. - Fur denjenigen, dessen
geistiges Auge erschlossen ist, wirken die obigen Gedankengange [75] genau mit
derselben Kraft, wie ein Vorgang wirkt, der sich vor seinem physischen Auge abspielt.
Wer einem sogenannten «Beweise», der nach der Methode der gewohnlichen
naturwissenschaftlichen Erkenntnis aufgebaut ist, mehr Uberzeugungskraft zugesteht als
den obigen Ausfiihrungen iiber die Bedeutung der Biographie, der mag im gewohnlichen
Wortsinn ein grofier Wissenschaftler sein: von den Wegen der echt geistigen Forschung
ist er aber sehr weit entfernt.
Es gehort zu den bedenklichsten Vorurteilen, wenn man die geistigen Eigenschaften eines
Menschen durch Vererbung von Vater oder Mutter oder anderen Vorfahren erklaren will.
Wer sich des Vorurteils schuldig macht, dafi zum Beispiel Goethe das, was sein Wesen
ausmacht, von Vater und Mutter ererbt habe, dem wird auch zunachst kaum mit Griinden
beizukommen sein, denn in ihm liegt eine tiefe Antipathie gegen vorurteilslose
48
Beobachtung. Eine materialistische Suggestion hindert ihn, die Zusammenhange der
Erscheinungen im rechten Lichte zu sehen.
In solchen Ausfiihrungen sind die Voraussetzungen gegeben, um die menschliche
Wesenheit iiber Geburt und Tod hinaus zu verfolgen. Innerhalb der durch Geburt und
Tod bestimmten Grenzen gehort der Mensch den drei Welten, der Leiblichkeit, dem
Seelischen und dem Geistigen, an. Die Seele bildet das Mittelglied zwischen Leib und
Geist, indem sie das dritte Glied des Leibes, den Seelenleib, mit der
Empfindungsfahigkeit durchdringt und indem sie das erste Glied des Geistes, das
Geistselbst, als Bewufitseinsseele durchsetzt. Sie hat dadurch wahrend des Lebens Anteil
an dem Leibe sowohl wie an dem Geiste. Dieser Anteil kommt in ihrem ganzen Dasein
zum Ausdruck. [76] Von der Organisation des Seelenleibes wird es abhangen, wie die
Empfindungsseele ihre Fahigkeiten entfalten kann. Und von dem Leben der
Bewufitseinsseele wird es andererseits abhangig sein, wie weit das Geistselbst in ihr sich
entwickeln kann. Die Empfindungsseele wird einen um so besseren Verkehr mit der
Aufienwelt entfalten, je wohlgebildeter der Seelenleib ist. Und das Geist-selbst wird um
so reicher, machtvoller werden, je mehr ihm die Bewufitseinsseele Nahrung zufuhrt. Es
ist gezeigt worden, dafi wahrend des Lebens durch die verarbeiteten Erlebnisse und die
Friichte dieser Erlebnisse dem Geist-selbst diese Nahrung zugefiihrt wird. Denn die
dargelegte Wechselwirkung zwischen Seele und Geist kann naturlich nur da geschehen,
wo Seele und Geist ineinander befindlich, voneinander durchdrungen sind, also innerhalb
der Verbindung von «Geistselbst mit Bewufitseinsseele)).
Es sei zuerst die Wechselwirkung von Seelenleib und Empfindungsseele betrachtet. Der
Seelenleib ist, wie sich ergeben bat, zwar die feinste Ausgestaltung der Leiblichkeit, aber
er gehort doch zu dieser und ist von ihr abhangig. Physischer Korper, Atherleib und
Seelenleib machen in gewisser Beziehung ein Ganzes aus. Daher ist auch der Seelenleib
in die Gesetze der physischen Vererbung, durch die der Leib seine Gestalt erhalt, mit
einbezogen. Und da er die beweglichste, gleichsam fluchtigste Form der Leiblichkeit ist,
so mufi er auch die beweglichsten und fliichtigsten Erscheinungen der Vererbung zeigen.
Wahrend daher der physische Leib nur nach Rassen, Volkern, Stammen am wenigsten
verschieden ist und der Atherleib zwar eine grofiere Abweichung fur die einzelnen
49
Menschen, aber doch noch eine uberwiegende Gleichheit aufweist, ist diese [77]
Verschiedenheit beim Seelenleib schon eine sehr grofie. In ihm kommt zum Ausdruck,
was man schon als aufiere, persdnliche Eigenart des Menschen empfindet. Er ist daher
auch der Trager dessen, was sich von dieser personlichen Eigenart von den Eltern,
Grofieltern und so weiter auf die Nachkommen vererbt. - Zwar fiihrt die Seele als solche,
wie auseinandergesetzt worden ist, ein vollkommenes Eigenleben; sie schliefit sich mit
ihren Neigungen und Abneigungen, mit ihren Gefiihlen und Leidenschaften in sich selbst
ab. Aber sie ist doch als Ganzes wirksam, und deshalb kommt auch in der
Empfindungsseele dieses Ganze zur Auspragung. Und weil die Empfindungsseele den
Seelenleib durchdringt, gleichsam ausfullt, so formt sich dieser nach der Natur der Seele,
und er kann dann als Vererbungstrager die Neigungen, Leidenschaften und so weiter von
den Vorfahren auf die Nachkommen iibertragen. Auf dieser Tatsache beruht, was Goethe
sagt: «Vom Vater hab' ich die Statur, des Lebens ernstes Fiihren; vom Mutterchen die
Frohnatur und Lust zu fabulieren.» Das Genie hat er natiirlich von beiden nicht. Auf diese
Art zeigt sich uns, was der Mensch von seinen seelischen Eigenschaften an die Linie der
physischen Vererbung gleichsam abgibt.
Die Stoffe und Krafte des physischen Korpers sind in gleicher Art auch in dem ganzen
Umkreis der aufieren physischen Natur. Sie werden von da fortwahrend aufgenommen
und an sie wieder abgegeben. Innerhalb einiger Jahre erneuert sich die Stoffmasse, die
unsern physischen Korper zusammensetzt, vollstandig. Dafi diese Stoffmasse die Form
des menschlichen Korpers annimmt und dafi sie innerhalb dieses Korpers sich immer
wieder erneuert, das hangt davon ab, dafi sie von dem Atherleib zusammengehalten [78]
wird. Und dessen Form ist nicht allein durch die Vorgange zwischen Geburt - oder
Empfangnis - und Tod bestimmt, sondern sie ist von den Gesetzen der Vererbung
abhangig, die iiber Geburt und Tod hinausreichen. Dafi auf dem Wege der Vererbung
auch seelische Eigenschaften iibertragen werden konnen, also der Fortgang der
physischen Vererbung einen seelischen Einschlag erlangt, das hat seinen Grund darin,
dafi der Seelenleib von der Empfindungsseele beeinflufit werden kann.
Wie gestaltet sich nun die Wechselwirkung zwischen Seele und Geist? Wahrend des
Lebens ist der Geist in der oben angegebenen Art mit der Seele verbunden. Diese
50
empfangt von ihm die Gabe, in dem Wahren und Guten zu leben und dadurch in ihrem
Eigenleben, in ihren Neigungen, Trieben und Leidenschaften den Geist selbst zum
Ausdruck zu bringen. Das Geistselbst bringt dem «Ich» aus der Welt des Geistes die
ewigen Gesetze des Wahren und Guten. Diese verkniipfen sich durch die Bewufitseins-
Seele mit den Erlebnissen des seelischen Eigenlebens. Diese Erlebnisse selbst gehen
voriiber. Aber ihre Friichte bleiben. Dafi das Geistselbst mit ihnen verkniipft war, macht
einen bleibenden Eindruck: auf dasselbe. Tritt der menschliche Geist an ein solches
Erlebnis heran, das einem andern ahnlich ist, mit dem es schon einmal verkniipft war, so
sieht er in ihm etwas Bekanntes und weifi sich ihm gegeniiber anders zu verhalten, als
wenn es zum erstenmal ihm gegeniiberstande. Darauf beruht ja alles Lernen. Und die
Friichte des Lernens sind angeeignete Fahigkeiten. - Dem ewigen Geiste werden auf
diese Art Friichte des voriibergehenden Lebens eingepragt. - Und nehmen wir nicht diese
Friichte wahr? Worauf beruhen die Anlagen, die als [79] das Charakteristische des
geistigen Menschen oben dargelegt worden sind? Doch nur in Fahigkeiten zu diesem
oder jenem, die der Mensch mitbringt, wenn er seinen irdischen Lebensweg beginnt. Es
gleichen in gewisser Beziehung diese Fahigkeiten durchaus solchen, die wir uns auch
wahrend des Lebens aneignen konnen. Man nehme das Genie eines Menschen. Von
Mozart ist bekannt, dafi er als Knabe ein einmal gehortes langes musikalisches
Kunstwerk aus dem Gedachtnisse aufschreiben konnte. Er war dazu nur fahig, weil er das
Ganze auf einmal iiberschauen konnte. Innerhalb gewisser Grenzen erweitert der Mensch
auch wahrend des Lebens seine Fahigkeit, zu iiberschauen, Zusammenhange zu
durchdringen, so dafi er dann neue Fahigkeiten besitzt. Lessing hat doch von sich gesagt,
dafi er sich durch kritische Beobachtungsgabe etwas angeeignet habe, was dem Genie
nahekommt. Will man solche Fahigkeiten, die in Anlagen begriindet sind, nicht als
Wunder anstaunen, so muB man sie fur Friichte von Erlebnissen halten, die das
Geistselbst durch eine Seele gehabt hat. Sie sind diesem Geistselbst eingepragt worden.
Und da sie nicht in diesem Leben eingepflanzt worden sind, so in einem fruheren. Der
menschliche Geist ist seine eigene Gattung. Und wie der Mensch als physisches
Gattungswesen seine Eigenschaften innerhalb der Gattung vererbt, so der Geist innerhalb
seiner Gattung, das heifit innerhalb seiner selbst. In einem Leben erscheint der
menschliche Geist als Wiederholung seiner selbst mit den Friichten seiner vorigen
51
Erlebnisse in vorhergehenden Lebensldufen. Dieses Leben ist somit die Wiederholung
von andern und bringt mit sich, was das Geistselbst in dem vorigen Leben sich erarbeitet
hat. Wenn dieses in sich [80] etwas aufnimmt, was Frucht werden kann, so durchdringt es
sich mit dem Lebensgeist. Wie der Lebensleib die Form von Art zu Art wiederholt, so der
Lebensgeist die Seele vom personlichen Dasein zu personlichem Dasein.
Durch die vorangehenden Betrachtungen wird die Vorstellung in den Bereich der
Giiltigkeit erhoben, die den Grund fur gewisse Lebensvorgange des Menschen in
wiederholten Erdenleben sucht. Ihre voile Bedeutung kann diese Vorstellung wohl nur
erhalten durch eine Beobachtung, die aus geistigen Einsichten entspringt, wie sie durch
das Betreten des am Schlusse dieses Buches beschriebenen Erkenntnispfades erworben
werden. Hier sollte nur gezeigt werden, dafi eine durch das Denken recht orientierte
gewohnliche Beobachtung schon zu dieser Vorstellung fiihrt. Eine solche Beobachtung
wird zunachst allerdings die Vorstellung gewissermafien silhouettenhaft lassen. Und sie
wird sie nicht ganz bewahren konnen vor den Einwiirfen einer nicht genauen, von dem
Denken nicht richtig geleiteten Beobachtung. Aber andererseits ist richtig, dafi, wer sich
eine solche Vorstellung durch gewohnlich denkende Beobachtung erwirbt, sich
bereitmacht zur iibersinnlichen Beobachtung. Er bildet gewissermafien etwas aus, was
man haben muB vor dieser iibersinnlichen Beobachtung, wie man das Auge haben muB
vor der sinnlichen Beobachtung. Wer einwendet, dafi man sich ja durch Bildung einer
solchen Vorstellung die ubersinnliche Beobachtung selbst suggerieren konne, der beweist
nur, dafi er nicht in freiem Denken auf die Wirklichkeit einzugehen vermag und dafi
gerade er sich dadurch seine Einwande selbst suggeriert.
* * *
[81] So werden die seelischen Erlebnisse dauernd nicht nur innerhalb der Grenzen von
Geburt und Tod, sondern iiber den Tod hinaus bewahrt. Aber nicht nur dem Geiste, der in
ihr aufleuchtet, pragt die Seele ihre Erlebnisse ein, sondern wie (Seite 62) gezeigt worden
ist, auch der aufieren Welt durch die Tat. Was der Mensch gestern verrichtet hat, ist heute
noch in seiner Wirkung vorhanden. Ein Bild des Zusammenhanges von Ursache und
Wirkung in dieser Richtung gibt das Gleichnis von Schlaf und Tod. - Oft ist der Schlaf
52
der jungere Bruder des Todes genannt worden. Ich stehe des Morgens auf. Meine
fortlaufende Tatigkeit war durch die Nacht unterbrochen. Es ist nun unter gewohnlichen
Verhaltnissen nicht moglich, dafi ich des Morgens meine Tatigkeit in beliebiger Weise
wieder aufnehme. Ich muB an mein Tun von gestern ankniipfen, wenn Ordnung und
Zusammenhang in meinem Leben sein soil. Meine Taten von gestern sind die
Vorbedingungen derjenigen, die mir heute obliegen. Ich habe mir mit dem, was ich
gestern vollbracht habe, fur heute mein Schicksal geschaffen. Ich habe mich eine Weile
von meiner Tatigkeit getrennt; aber diese Tatigkeit gehort zu mir und sie zieht mich
wieder zu sich, nachdem ich mich eine Weile von ihr zuriickgezogen habe. Meine
Vergangenheit bleibt mit mir verbunden; sie lebt in meiner Gegenwart weiter und wird
mir in meine Zukunft folgen. Nicht erwachen miifite ich heute morgen, sondern neu, aus
dem Nichts heraus geschaffen werden, wenn die Wirkungen meiner Taten von gestern
nicht mein Schicksal von heute sein sollten. Sinnlos ware es doch, wenn ich unter
regelmafiigen Verhaltnissen ein Haus, das ich mir habe bauen lassen, nicht beziehen
wiirde. [82] Ebensowenig wie der Mensch am Morgen neugeschaffen ist, ebensowenig ist
es der Menschengeist, wenn er seinen irdischen Lebensweg beginnt. Man versuche sich
klarzumachen, was bei dem Betreten dieses Lebensweges geschieht. Ein physischer Leib
tritt auf, der seine Gestalt durch die Gesetze der Vererbung erhalt. Dieser Leib wird der
Trager eines Geistes, der ein fruheres Leben in neuer Gestalt wiederholt. Zwischen
beiden steht die Seele, die ein in sich geschlossenes Eigenleben fiihrt. Ihre Neigungen
und Abneigungen, ihre Wiinsche und Begierden dienen ihr; sie stellt das Denken in ihren
Dienst. Sie empfangt als Empfindungsseele die Eindriicke der Aufienwelt; und sie tragt
sie dem Geiste zu, auf dafi er die Friichte daraus sauge fur die Dauer. Sie hat gleichsam
eine Vermittlerrolle, und ihre Aufgabe ist erfiillt, wenn sie dieser Rolle geniigt. Der Leib
formt ihr die Eindriicke; sie gestaltet sie zu Empfindungen um, bewahrt sie im
Gedachtnisse als Vorstellungen und gibt sie an den Geist ab, auf dafi er sie durch die
Dauer trage. Die Seele ist eigentlich das, wodurch der Mensch seinem irdischen
Lebenslauf angehort. Durch seinen Leib gehort er der physischen Menschengattung an.
Durch ihn ist er ein Glied dieser Gattung. Mit seinem Geiste lebt er in einer hoheren
Welt. Die Seele bindet zeitweilig beide Welten aneinander.
53
Aber die physische Welt, die der Menschengeist betritt, ist ihm kein fremder Schauplatz.
In ihr sind die Spuren seiner Taten eingepragt. Es gehort von diesem Schauplatz etwas zu
ihm. Das tragt das Geprage seines Wesens. Es ist verwandt mit ihm. Wie die Seele einst
die Eindriicke der Aufienwelt ihm ubermittelt hat, auf dafi sie ihm dauernd werden, so hat
sie, als sein Organ, die ihr von ihm verliehenen [83] Fahigkeiten in Taten umgesetzt, die
in ihren Wirkungen ebenfalls dauernd sind. Dadurch ist die Seele in diese Taten
tatsachlich eingeflossen. In den Wirkungen seiner Taten lebt des Menschen Seele ein
zweites selbstandiges Leben weiter. Dies aber kann die Veranlassung dazu geben, das
Leben daraufhin anzusehen, wie die Schicksals-Vorgange in dieses Leben eintreten.
Etwas «stofit» dem Menschen zu Er ist wohl zunachst geneigt, ein solch «Zustofiendes»
wie ein «zufallig» in sein Leben Eintretendes zu betrachten. Allein er kann gewahr
werden, wie er selbst das Ergebnis solcher «Zufalle» ist. Wer sich in seinem vierzigsten
Lebensjahre betrachtet und mit der Frage nach seinem Seelenwesen nicht bei einer
wesenlos abstrakten Ich-Vorstellung stehenbleiben will, der darf sich sagen: ich bin ja gar
nichts anderes, als was ich geworden bin durch dasjenige, was mir bis heute
schicksalsmafiig «zugestofien» ist. Ware ich nicht ein anderes, wenn ich zum Beispiel mit
zwanzig Jahren eine bestimmte Reihe von Erlebnissen gehabt hatte statt derjenigen, die
mich getroffen haben? Er wird dann sein «Ich» nicht nur in seinen von «innen» heraus
kommenden Entwickelungsimpulsen suchen, sondern in dem, was «von aufien»
gestaltend in sein Leben eingreift. In dem, was «ihm geschieht», wird er das eigene Ich
erkennen. Gibt man sich solch einer Erkenntnis unbefangen hin, dann ist nur ein weiterer
Schritt wirklich intimer Beobachtung des Lebens dazu notig, um in dem, was einem
durch gewisse Schicksalserlebnisse zufliefit, etwas zu sehen, was das Ich von aufien so
ergreift, wie die Erinnerung von innen wirkt, um ein vergangenes Erlebnis wieder
aufleuchten zu lassen. Man kann sich so geeignet dazu machen, in dein
Schicksalserlebnis wahrzunehmen, [84] wie eine friihere Tat der Seele den Weg zu dem
Ich nimmt, so wie in der Erinnerung ein fruheres Erlebnis den Weg zur Vorstellung
nimmt, wenn eine aufiere Veranlassung dazu da ist. Es wurde friiher als von einer
«moglichen» Vorstellung gesprochen, dafi die Folgen der Tat die Menschenseele wieder
treffen konnen (vergleiche Seite 64 ff.). Innerhalb des einzelnen Erdenlebens ist fur
gewisse Tatfolgen deshalb ein solches Treffen ausgeschlossen, weil dieses Erdenleben
54
dazu veranlagt war, die Tat zu vollbringen. Da liegt in dem Vollbringen das Erleben.
Eine gewisse Folge der Tat kann da die Seele so wenig treffen, wie man sich an ein
Erlebnis erinnern kann, in dem man noch darinnen steht. Es kann sich in dieser
Beziehung nur handeln um ein Erleben von Tatfolgen, welche das «Ich» nicht mit den
Anlagen treffen, die es in dem Erdenleben hat, aus dem heraus es die Tat verrichtet. Es
kann der Blick nur auf Tatfolgen aus anderen Erdenleben sich richten. So kann man -
sobald man empfindet: was als Schicksalserlebnis scheinbar einem «zustofit», ist
verbunden mit dem Ich, wie das, was «aus dem Innern» dieses Ich selbst sich bildet - nur
denken, man habe es in einem solchen Schicksalserlebnis mit Tatfolgen aus fruheren
Erdenleben zu tun. Man sieht, zu der fur das gewohnliche Bewufitsein paradoxen
Annahme, die Schicksalserlebnisse eines Erdenlebens hangen mit den Taten
vorangehender Erdenleben zusammen, wird man durch eine intime, vom Denken
geleitete Lebenserfassung gefuhrt. Wieder kann diese Vorstellung nur durch die
ubersinnliche Erkenntnis ihren Vollgehalt bekommen: ohne diese bleibt sie
silhouettenhaft. Aber wieder bereitet sie, aus dem gewohnlichen Bewufitsein gewonnen,
die Seele [85] vor, damit diese ihre Wahrheit in wirklich ubersinnlicher Beobachtung
schauen kann.
Nur der eine Teil meiner Tat ist in der Aufienwelt; der andere ist in mir selbst. Man
mache sich durch einen einfachen Vergleich aus der Naturwissenschaft dieses Verhaltnis
von Ich und Tat klar. Tiere, die einmal als Sehende in die Hohlen von Kentucky
eingewandert sind, haben durch das Leben in denselben ihr Sehvermogen verloren. Der
Aufenthalt im Finstern hat die Augen aufier Tatigkeit gesetzt. In diesen Augen wird
dadurch nicht mehr die physische und chemische Tatigkeit verrichtet, die wahrend des
Sehens vor sich geht. Der Strom der Nahrung, der fur diese Tatigkeit friiher verwendet
worden ist, fliefit nunmehr anderen Organen zu. Nun konnen diese Tiere nur in diesen
Hohlen leben. Sie haben durch ihre Tat, durch die Einwanderung, die Bedingungen ihres
spateren Lebens geschaffen. Die Einwanderung ist zu einem Teil ihres Schicksals
geworden. Eine Wesenheit, die einmal tatig war, hat sich mit den Ergebnissen der Taten
verkniipft. So ist es mit dem Menschengeiste. Die Seele hat ihm gewisse Fahigkeiten nur
vermitteln konnen, indem sie tatig war. Und entsprechend den Taten sind diese
55
Fahigkeiten. Durch eine Tat, welche die Seele verrichtet hat, lebt in ihr die krafterfullte
Anlage, eine andere Tat zu verrichten, welche die Frucht dieser Tat ist die Seele tragt
dieses als Notwendigkeit in sich, bis die letztere Tat geschehen ist. Man kann auch sagen,
durch eine Tat ist der Seele die Notwendigkeit eingepragt, die Folge dieser Tat zu
verrichten.
Mit seinen Taten hat der Menschengeist wirklich sein Schicksal bereitet. An das, was er
in seinem vorigen Leben [86] getan hat, findet er sich in einem neuen gekniipft. - Man
kann ja die Frage aufwerfen: wie kann das sein, da doch wohl der Menschengeist bei
seiner Wiederverkorperung in eine vollig andere Welt versetzt wird, als diejenige war,
die er einstens verlassen hat? Dieser Frage liegt eine seht am Aufierlichen des Lebens
haftende Vorstellung von Schicksalsverkettung zugrunde. Wenn ich meinen Schauplatz
von Europa nach Amerika verlege, so befinde ich mich auch in einer vollig neuen
Umgebung. Und dennoch hangt mein Leben in Amerika ganz von meinem
vorhergehenden in Europa ab. Bin ich in Europa Mechaniker geworden, so gestaltet sich
mein Leben in Amerika ganz anders, als wenn ich Bankbeamter geworden ware. In dem
einen Falle werde ich wahrscheinlich in Amerika von Maschinen, in dem andern von
Bank-Einrichtungen umgeben sein. In jedem Falle bestimmt mein Vorleben meine
Umgebung; es zieht gleichsam aus der ganzen Umwelt diejenigen Dinge an sich, die ihm
verwandt sind. So ist es mit dem Geistselbst. Es umgibt sich in einem neuen Leben
notwendig mit demjenigen, mit dem es aus den vorhergehenden Leben verwandt ist. -
Und deswegen ist der Schlaf ein brauchbares Bild fur den Tod, weil der Mensch wahrend
des Schlafes dem Schauplatz entzogen ist, auf dem sein Schicksal ihn erwartet. Wahrend
man schlaft, laufen die Ereignisse auf diesem Schauplatz weiter. Man hat eine Zeitlang
auf diesen Lauf keinen Einflufi. Dennoch hangt unser Leben an einem neuen Tage von
den Wirkungen der Taten am vorigen Tage ab. Wirklich verkorpert sich unsere
Personlichkeit jeden Morgen aufs neue in unserer Tatenwelt. Was wahrend der Nacht von
uns getrennt war, ist tagsiiber gleichsam [87] um uns gelegt. - So ist es mit den Taten der
friiheren Verkorperungen des Menschen. Sie sind mit ihm als sein Schicksal verbunden,
wie das Leben in den finstern Hohlen mit den Tieren verbunden bleibt, die durch
Einwanderung in diese Hohlen das Sehvermogen verloren haben. Wie diese Tiere nur
56
leben konnen, wenn sie sich in der Umgebung befinden, in die sie sich selbst versetzt
haben, so kann der Menschengeist nur in der Umwelt leben, die er sich durch seine Taten
selbst geschaffen hat. Dafi ich am Morgen die Lage vorfinde, die ich am vorhergehenden
Tage selbst geschaffen, dafur sorgt der unmittelbare Gang der Ereignisse. Dafi ich, wenn
ich mich wieder verkorpere, eine Umwelt vorfinde, die dem Ergebnis meiner Taten aus
dem vorhergehenden Leben entspricht, dafur sorgt die Verwandtschaft meines wieder
verkorperten Geistes mit den Dingen der Umwelt. Man kann sich danach eine
Vorstellung davon bilden, wie die Seele dem Wesen des Menschen eingegliedert ist. Der
physische Leib unterliegt den Gesetzen der Vererbung. Der Menschengeist dagegen mufi
sich immer wieder und wieder verkorpern; und sein Gesetz besteht darin, dafi er die
Friichte der vorigen Leben in die folgenden hinubernimmt. Die Seele lebt in der
Gegenwart. Aber dieses Leben in der Gegenwart ist nicht unabhangig von den
vorhergehenden Leben. Der sich verkorpernde Geist bringt ja aus seinen vorigen
Verkorperungen sein Schicksal mit. Und dieses Schicksal bestimmt das Leben. Welche
Eindriicke die Seele wird haben konnen, welche Wiinsche ihr werden befriedigt werden
konnen, welche Freuden und Leiden ihr erwachsen, mit welchen Menschen sie
zusammenkommen wird: das hangt davon ab, wie die Taten in den vorhergehenden
Verkorperungen [88] des Geistes waren. Menschen, mit welchen die Seele in einem
Leben verbunden war, wird sie in einem folgenden wiederfinden miissen, weil die Taten,
welche zwischen ihnen gewesen sind, ihre Folgen haben miissen. Wie die eine Seele,
werden auch die mit dieser verbundenen in derselben Zeit ihre Wiederverkorperung
anstreben. Das Leben der Seele ist somit ein Ergebnis des selbstgeschaffenen Schicksals
des Menschengeistes. Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von
Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhangig von Faktoren, die jenseits von
Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die Seele
unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal. Man nennt dieses von dem Menschen
geschaffene Schicksal mit einem alten Ausdrucke sein Karma. Und der Geist steht unter
dem Gesetze der Wiederverkorperung, der wiederholten Erdenleben. - Man kann
demnach das Verhaltnis von Geist, Seele und Korper auch so ausdriicken: Unverganglich
ist der Geist; Geburt und Tod walten nach den Gesetzen der physischen Welt in der
Korperlichkeit; das Seelenleben, das dem Schicksal unterliegt, vermittelt den
57
Zusammenhang von beiden wahrend eines irdischen Lebenslaufes. Alle weiteren
Erkenntnisse iiber das Wesen des Menschen setzen die Bekanntschaft mit den «drei
Welten» selbst voraus, denen er angehort. Von diesen soil das Folgende handeln.
Ein Denken, welches den Erscheinungen des Lebens sich gegeniiberstellt und das sich
nicht scheut, die sich aus einer lebensvollen Betrachtung ergebenden Gedanken bis in
ihre letzten Glieder zu verfolgen, kann durch die blofie Logik zu der Vorstellung von den
wiederholten Erdenleben [89] und dem Gesetze des Schicksals kommen. So wahr es ist,
dafi dem Seher mit dem geoffneten «geistigen Auge» die vergangenen Leben wie ein
aufgeschlagenes Buch als Erlebnis vorliegen, so wahr ist es, dafi die Wahrheit von
alledem der betrachtenden Vernunft aufleuchten kann. (1)
Anmerkungen:
(1) Man vergleiche das hierzu am Ende des Buches unter Einzelne Bemerkungen und
Erganzungen» Gesagte.
58
Die drei Welten
I. Die Seelenwelt
[90] Die Betrachtung des Menschen hat gezeigt, dafi er drei Welten angehort. Aus der
Welt der physischen Korperlichkeit sind die Stoffe und Krafte entnommen, die seinen
Leib auferbauen. Er hat von dieser Welt Kenntnis durch die Wahrnehmungen seiner
aufieren physischen Sinne. Wer allein diesen Sinnen vertraut und lediglich deren
Wahrnehmungsfahigkeit entwickelt, der kann sich keinen Aufschlufi verschaffen iiber die
beiden andern Welten, iiber die seelische und geistige. - Ob ein Mensch sich von der
Wirklichkeit eines Dinges oder Wesens iiberzeugen kann, das hangt davon ab, ob er dafur
ein Wahrnehmungsorgan, einen Sinn, hat. - Es kann natiirlich leicht zu
Mifiverstandnissen fuhren, wenn man, wie es hier geschieht, die hoheren
Wahrnehmungsorgane geistige Sinne nennt. Denn wenn man von «Sinnen» spricht, so
verbindet man damit unwillkurlich den Gedanken des «Physischen». Man bezeichnet ja
gerade die physische Welt auch als die «sinnliche» im Gegensatz zur «geistigen». Um
das Mifiverstandnis zu vermeiden, muB man beriicksichtigen, dafi hier eben von «hoheren
Sinnen» nur vergleichsweise, in ubertragenem Sinne gesprochen wird. Wie die
physischen Sinne das Physische wahrnehmen, so die seelischen und geistigen das
Seelische und Geistige. Nur in der Bedeutung von «Wahrnehmungsorganen» wird der
Ausdruck «Sinn» gebraucht. Der Mensch hatte keine Kenntnis von dem Licht und der
Farbe, wenn er nicht ein lichtempfindendes Auge hatte; er wiifite nichts von Klangen,
wenn [91] er nicht ein klangempfindendes Ohr hatte. In dieser Beziehung sagt mit vollem
Recht der deutsche Philosoph Lotze: «Ohne ein Licht empfindendes Auge und ohne ein
Klang empfindendes Ohr ware die ganze Welt finster und stumm. Es wiirde in ihr
ebensowenig Licht oder Schall geben, als ein Zahnschmerz moglich ware ohne einen den
Schmerz empfindenden Nerv des Zahnes.» - Um das, was hiermit gesagt ist, im richtigen
Lichte zu sehen, braucht man sich nicht einmal zu iiberlegen, wie ganz anders, als fur den
Menschen, sich die Welt fur die niederen Lebewesen offenbaren mufi, die nur eine Art
Tast- oder Gefuhlssinn iiber die ganze Oberflache ihres Korpers ausgebreitet haben.
Licht, Farbe und Ton konnen fur diese jedenfalls nicht in dem Sinne vorhanden sein wie
59
fur Wesen, die mit Augen und Ohren begabt sind. Die Luftschwingungen, die ein
Flintenschufi verursacht, mogen auch auf sie eine Wirkung ausuben, wenn sie von ihnen
getroffen werden. Dafi sich diese Luftschwingungen der Seele als Knall offenbaren, dazu
ist ein Ohr notwendig. Und dafi sich gewisse Vorgange in dem feinen Stoffe, den man
Ather nennt, als Licht und Farbe offenbaren, dazu ist ein Auge notwendig. - Nur dadurch
weifi der Mensch etwas von einem Wesen oder Dinge, dafi er durch eines seiner Organe
eine Wirkung davon empfangt. Dies Verhaltnis des Menschen zur Welt des Wirklichen
kommt trefflich in dem folgenden Ausspruch Goethes zur Darstellung: «Eigentlich
unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudriicken Wirkungen werden wir
gewahr, und eine vollstandige Geschichte dieser Wirkungen umfafite wohl allenfalls das
Wesen jenes Dinges. Vergebens bemiihen wir uns, den Charakter eines Menschen [92] zu
schildern: man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des
Charakters wird uns entgegentreten. Die Farben sind Taten des Lichtes, Taten und
Leiden... Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genauesten Verhaltnis, aber
wir miissen uns beide als der ganzen Natur angehorig denken; denn sie ist es ganz, die
sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will. Ebenso entdeckt sich die
Natur einem andern Sinne.. So spricht die Natur hinabwarts zu anderen Sinnen, zu
bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns
durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot, noch stumm.» Es
ware unrichtig, wenn man diesen Ausspruch Goethes so auffassen wollte, dafi damit die
Erkennbarkeit des Wesens der Dinge in Abrede gestellt wiirde. Goethe meint nicht: man
nehme nur die Wirkung des Dinges wahr und das Wesen verberge sich dahinter. Er meint
vielmehr, dafi man von einem solchen «verborgenen Wesen» gar nicht sprechen soil. Das
Wesen ist nicht hinter seiner Offenbarung; es kommt vielmehr durch die Offenbarung
zum Vorschein. Nur ist dies Wesen vielfach so reich, dafi es sich andern Sinnen in noch
anderen Gestalten offenbaren kann. Was sich offenbart, ist zum Wesen gehorig, nur ist es
wegen der Beschranktheit der Sinne nicht das game Wesen. Diese Goethesche
Anschauung ist auch durchaus die hier geisteswissenschaftlich gemeinte.
Wie im Leibe Auge und Ohr als Wahrnehmungs-Organe, als Sinne fur die korperlichen
Vorgange sich entwickeln, so vermag der Mensch in sich seelische und geistige
60
Wahrnehmungsorgane auszubilden, durch die ihm [93] die Seelen- und die Geisteswelt
erschlossen werden. Fur denjenigen, der solche hohere Sinne nicht hat, sind diese Welten
«finster und stumm», wie fur ein Wesen ohne Ohr und Auge die Korperwelt «finster und
stumm» ist. Allerdings ist das Verhaltnis des Menschen zu diesen hoheren Sinnen etwas
anders als zu den korperlichen. Dafl diese letzteren in ihm vollkommen ausgebildet
werden, dafTir sorgt in der Regel die giitige Mutter Natur. Sie kommen ohne sein Zutun
zustande. An der Entwickelung seiner hoheren Sinne muB er selbst arbeiten. Er muB
Seele und Geist ausbilden, wenn er die Seelen- und Geisteswelt wahrnehmen will, wie
die Natur seinen Leib ausgebildet hat, damit er seine korperliche Umwelt wahrnehmen
und sich in ihr orientieren konne. Eine solche Ausbildung von hoheren Organen, welche
die Natur noch nicht selbst entwickelt hat, ist nicht unnatiirlich; denn im hoheren Sinne
gehort ja auch alles, was der Mensch vollbringt, mit zur Natur. Nur derjenige, welcher
behaupten wollte, der Mensch miisse auf der Stufe der Entwickelung stehenbleiben, auf
der er aus der Hand der Natur entlassen wird, - nur der konnte die Ausbildung hoherer
Sinne unnatiirlich nennen. Von ihm werden diese Organe «verkannt» in ihrer Bedeutung
im Sinne des angefTihrten Ausspruches Goethes. Ein solcher sollte nur aber auch gleich
alle Erziehung des Menschen bekampfen, denn auch sie setzt das Werk der Natur fort.
Und insbesondere miifite er sich gegen die Operation von Blindgeborenen wenden. Denn
ungefahr so wie dem operierten Blindgeborenen ergeht es dem, der in sich seine hoheren
Sinne in der Art erweckt, wie im letzten Teile dieser Schrift dargelegt wird. Mit neuen
Eigenschaften, mit Vorgangen und Tatsachen, [94] von denen die physischen Sinne
nichts offenbaren, erscheint ihm die Welt. Ihm ist klar, dafi er durch diese hoheren
Organe nichts willkurlich zu der Wirklichkeit hinzufiigt, sondern dafi ihm ohne dieselben
der wesentliche Teil dieser Wirklichkeit verborgen geblieben ware. Die Seelen- und
Geisteswelt sind nichts neben oder aufier der physischen, sie sind nicht raumlich von
dieser getrennt. So wie fur den operierten Blindgeborenen die vorherige finstere Welt in
Licht und Farben erstrahlt, so offenbaren dem seelisch und geistig Erweckten Dinge, die
ihm vorher nur korperlich erschienen waren, ihre seelischen und geistigen Eigenschaften.
Allerdings erfiillt sich diese Welt auch noch mit Vorgangen und Wesenheiten, die fur den
nicht seelisch und geistig Erweckten vollig unbekannt bleiben. - (Spater soil in diesem
Buche genauer iiber die Ausbildung der seelischen und geistigen Sinne gesprochen
61
werden. Hier werden zunachst diese hoheren Welten selbst beschrieben. Wer diese
Welten leugnet, der sagt nichts anderes, als dafi er seine hoheren Organe noch nicht
entwickelt hat. Die Menschheitsentwickelung ist auf keiner Stufe abgeschlossen; sie muB
immer weitergehen.)
Man stellt sich oft unwillkurlich die «hoheren Organe» als zu ahnlich den physischen vor.
Man sollte sich aber klarmachen, dafi man es mit geistigen oder seelischen Gebilden in
diesen Organen zu tun hat. Man darf deshalb auch nicht erwarten, dafi dasjenige, was
man in den hoheren Welten wahrnimmt, etwa nur eine nebelhaft verdiinnte Stofflichkeit
sei. Solange man so etwas erwartet, wird man zu keiner klaren Vorstellung von dem
kommen konnen, was hier mit «hoheren Welten» eigentlich gemeint ist. Es ware fur viele
Menschen gar nicht so [95] schwer, wie es wirklich ist, etwas von diesen «hoheren
Welten» zu wissen - zunachst allerdings nur das Elementare -, wenn sie sich nicht
vorstellten, dafi es doch wieder etwas verfeinertes Physisches sein miisse, was sie
wahrnehmen sollen. Da sie so etwas voraussetzen, so wollen sie in der Regel das gar
nicht anerkennen, um was es sich wirklich handelt. Sie finden es unwirklich, lassen es
nicht als etwas gelten, was sie befriedigt, und so weiter. Gewifi: die hoheren Stufen der
geistigen Entwickelung sind schwer zuganglich; diejenige aber, die hinreicht, um das
Wesen der geistigen Welt zu erkennen - und das ist schon viel -, ware gar nicht so sehr
schwer zu erreichen, wenn man sich zunachst von dem Vorurteile freimachen wollte,
welches darin besteht, das Seelische und Geistige doch wieder nur als ein feineres
Physisches sich vorzustellen.
So wie wir einen Menschen nicht ganz kennen, wenn wir blofi von seinem physischen
Aufieren eine Vorstellung haben, so kennen wir auch die Welt, die uns umgibt, nicht,
wenn wir blofi das von ihr wissen, was uns die physischen Sinne offenbaren. Und so wie
eine Photographie uns verstandlich und lebensvoll wird, wenn wir der photographierten
Person so nahetreten, dafi wir ihre Seele erkennen lernen, so konnen wir auch die
korperliche Welt nur wirklich verstehen, wenn wir ihre seelische und geistige Grundlage
kennenlernen. Deshalb empfiehlt es sich, hier zuerst von den hoheren Welten, von der
seelischen und geistigen, zu sprechen und dann erst die physische vom
geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu beurteilen.
62
Es bietet gewisse Schwierigkeiten, in der gegenwartigen Kulturepoche iiber die hoheren
Welten zu sprechen. Denn diese Kulturepoche ist vor allem grofi in der Erkenntnis [96]
und Beherrschung der korperlichen Welt. Unsere Worte haben zunachst ihre Pragung und
Bedeutung in bezug auf diese korperliche Welt erhalten. Man muB sich aber dieser
gebrauchlichen Worte bedienen, um an Bekanntes anzukniipfen. Dadurch wird bei denen,
die nur ihren aufieren Sinnen vertrauen wollen, dem Mifiverstandnis Tiir und Tor
geoffnet. - Manches kann ja zunachst nur gleichnisweise ausgesprochen und angedeutet
werden. Aber so mufi es sein, denn solche Gleichnisse sind ein mittel, durch das der
Mensch zunachst auf diese hoheren Welten verwiesen wird und durch das seine eigene
Erhebung zu ihnen gefordert wird. (Von dieser Erhebung wird in einem spateren Kapitel
zu sprechen sein, in dem auf die Ausbildung der seelischen und geistigen
Wahrnehmungsorgane hingewiesen werden wird. Zunachst soil der Mensch durch
Gleichnisse von den hoheren Welten Kenntnis nehmen. Dann kann er daran denken, sich
selbst einen Einblick in dieselben zu verschaffen.) Wie die Stoffe und Krafte, die unsern
Magen, unser Herz, unsere Lunge, unser Gehirn und so weiter zusammensetzen und
beherrschen, aus der korperlichen Welt strammen, so stammen unsere seelischen
Eigenschaften, unsere Triebe, Begierden, Gefiihle, Leidenschaften, Wiinsche,
Empfindungen und so weiter aus der seelischen Welt. Des Menschen Seele ist ein Glied
in dieser seelischen Welt, wie sein Leib ein Teil der physischen Korperwelt ist. Will man
zunachst einen Unterschied der korperlichen Welt von der seelischen angeben, so kann
man sagen, die letztere ist in alien ihren Dingen und Wesenheiten viel feiner,
beweglicher, bildsamer als die erstere. Doch mufi man sich klar dariiber bleiben, dafi man
eine gegeniiber [97] der physischen vollig neue Welt betritt, wenn man in die seelische
kommt. Redet man also von grober und feiner in dieser Hinsicht, so mufi man sich
bewufit bleiben, dafi man vergleichsweise andeutet, was doch grundverschieden ist. So ist
es mit allem, was iiber die Seelenwelt in Worten gesagt wird, die der physischen
Korperlichkeit entlehnt sind. Beriicksichtigt man dieses, dann kann man sagen, dafi die
Gebilde und Wesen der Seelenwelt ebenso aus Seelenstoffen bestehen und ebenso von
Seelenkraften gelenkt werden, wie das in der physischen Welt mit physischen Stoffen
und Kraften der Fall ist.
63
Wie den korperlichen Gebilden die raumliche Ausdehnung und raumliche Bewegung
eigentiimlich sind, so den seelischen Dingen und Wesenheiten die Reizbarkeit, das
triebhafte Begehren. Man bezeichnet deshalb die Seelenwelt auch als die Begierden- oder
Wunschwelt oder als die Welt des «Verlangens». Diese Ausdriicke sind der menschlichen
Seelenwelt entlehnt. Man muB deshalb festhalten, dafi die Dinge in denjenigen Teilen der
Seelenwelt, die aufier der menschlichen Seele liegen, von den Seelenkraften in dieser
ebenso verschieden sind wie die physischen Stoffe und Krafte der korperlichen
Aufienwelt von den Teilen, die den physischen Menschenleib zusammensetzen. (Trieb,
Wunsch, Verlangen sind Bezeichnungen fur das Stoffliche der Seelenwelt. Dieses
Stoffliche sei mit «astral» bezeichnet. Nimmt man mehr Riicksicht auf die Krafte der
Seelenwelt, so kann man von «Begierdewesenheit» sprechen. Doch darf man nicht
vergessen, dafi hier die Unterscheidung von «Stoff» und «Kraft» keine so strenge sein
kann wie in der physischen Welt. Ein Trieb kann ebensogut «Kraft» wie «Stoff» genannt
werden.) [98] Wer zum erstenmal einen Einblick in die seelische Welt erhalt, fur den
wirken die Unterschiede, die sie von der physischen aufweist, verwirrend. Doch das ist ja
auch beim Erschliefien eines vorher untatigen physischen Sinnes der Fall. Der operierte
Blindgeborene muB sich auch erst orientieren lernen in der Welt, die er vorher durch den
Tastsinn gekannt hat. Ein solcher sieht zum Beispiel die Gegenstande zuerst in seinem
Auge; dann erblickt er sie aufier sich, doch erscheinen sie ihm zunachst so, wie wenn sie
auf einer Flache aufgemalt waren. Erst allmahlich erfafit er die Vertiefung, den
raumlichen Abstand der Dinge und so weiter. - In der Seelenwelt gelten durchaus andere
Gesetze als in der physischen. Nun sind ja allerdings viele seelische Gebilde an solche
der andern Welten gebunden. Die Seele des Menschen zum Beispiel ist an den
physischen Menschenleib und an den menschlichen Geist gebunden. Die Vorgange, die
man an ihr beobachten kann, sind also zugleich von der leiblichen und geistigen Welt
beeinflufit. Darauf mufi man bei der Beobachtung der Seelenwelt Riicksicht nehmen; und
man darf nicht als seelische Gesetze ansprechen, was aus der Einwirkung einer andern
Welt stammt. - Wenn zum Beispiel der Mensch einen Wunsch aussendet, so ist dieser
von einem Gedanken, einer Vorstellung des Geistes getragen und folgt dessen Gesetzen.
So wie man aber die Gesetze der physischen Welt feststellen kann, indem man von den
64
Einflussen absieht, die zum Beispiel der Mensch auf deren Vorgange nimmt, so ist ein
ahnliches auch mit der seelischen Welt moglich.
Ein wichtiger Unterschied der seelischen Vorgange von den physischen kann dadurch
ausgedriickt werden, dafi [99] man die Wechselwirkung bei den ersteren als eine viel
innerlichere bezeichnet. Im physischen Raume herrscht zum Beispiel das Gesetz des
«Stofies». Wenn eine bewegte Elfenbeinkugel auf eine ruhende aufstofit, so bewegt sich
die letztere weiter in einer Richtung, die sich aus der Bewegung und Elastizitat der
ersteren berechnen lafit. Im Seelenraume hangt die Wechselwirkung zweier Gebilde, die
einander treffen, von ihren inneren Eigenschaften ab. Sie durchdringen sich gegenseitig,
verwachsen gleichsam miteinander, wenn sie miteinander verwandt sind. Sie stofien sich
ab, wenn ihre Wesenheiten sich widerstreiten. - Im korperlichen Raume gibt es zum
Beispiel fur das Sehen bestimmte Gesetze. - Man sieht entfernte Gegenstande in
perspektivischer Verkleinerung. Wenn man in eine Allee hineinsieht, so scheinen - nach
den Gesetzen der Perspektive - die entfernteren Baume in kleineren Abstanden
voneinander zu stehen als die nahen. Im Seelenraume erscheint dem Schauenden dagegen
alles, das Nahe und das Entfernte, in den Abstanden, die es durch seine innere Natur hat.
Durch solches ist natiirlich ein Quell der mannigfaltigsten Irrungen fur denjenigen
gegeben, der den Seelenraum betritt und da mit den Regeln zurechtkommen will, die er
von der physischen Welt her mitbringt.
Es gehort zu dem ersten, was man sich fur die Orientierung in der seelischen Welt
aneignen mufi, dafi man die verschiedenen Arten ihrer Gebilde in ahnlicher Weise
unterscheidet, wie man in der physischen Welt feste, fliissige und luft- oder gasformige
Korper unterscheidet. Um dazu zu kommen, mufi man die beiden Grundkrafte kennen,
die hier vor allem wichtig sind. Man kann sie Sympathie [100] und Antipathie nennen.
Wie diese Grundkrafte in einem seelischen Gebilde wirken, danach bestimmt sich dessen
Art. Als Sympathie mufi die Kraft bezeichnet werden, mit der ein Seelengebilde andere
anzieht, sich mit ihnen zu verschmelzen sucht, seine Verwandtschaft mit ihnen geltend
macht. Antipathie ist dagegen die Kraft, mit der sich Seelengebilde abstofien,
ausschliefien, mit der sie ihre Eigenheit behaupten. In welchem Mafie diese Grundkrafte
in einem Seelengebilde vorhanden sind, davon hangt es ab, welche Rolle dieses in der
65
seelischen Welt spielt. Drei Arten von Seelengebilden hat man zunachst zu
unterscheiden, je nach dem Wirken von Sympathie und Antipathie in ihnen. Und diese
Arten sind dadurch voneinander verschieden, dafi Sympathie und Antipathie in ihnen in
ganz bestimmten gegenseitigen Verhaltnissen stehen. In alien Dreien sind beide
Grundkrafte vorhanden. Man nehme zunachst ein Gebilde der ersten Art Es zieht andere
Gebilde seiner Umgebung vermoge der in ihm waltenden Sympathie an. Aber aufier
dieser Sympathie ist: in ihm zugleich Antipathie vorhanden, durch die es in seiner
Umgebung Befindliches von sich zuriickstofit. Nach aufien hin wird ein solches Gebilde
so erscheinen, als wenn es nur mit Kraften der Antipathie ausgestattet ware. Das ist aber
nicht der Fall. Es ist Sympathie und Antipathie in ihm. Nur ist die letztere iiberwiegend.
Sie hat iiber die erstere die Oberhand. Solche Gebilde spielen eine eigensilchtige Rolle im
Seelenraum. Sie stofien vieles um sich her ab und ziehen nur weniges liebevoll an sich
heran. Daher bewegen sie sich als unveranderliche Formen durch den Seelenraum. Durch
die Kraft der Sympathie, die in ihnen ist, erscheinen sie als gierig. Die Gier [101]
erscheint aber zugleich unersattlich, wie wenn sie nicht zu befriedigen ware, weil die
vorwaltende Antipathie so vieles Entgegenkommende abstofit, daB keine Befriedigung
eintreten kann. Will man die Seelengebilde dieser Art mit etwas in der physischen Welt
vergleichen, so kann man sagen: sie entsprechen den festen physischen Korpern.
Begierdenglut soil diese Region der seelischen Stoffiichkeit genannt werden. - Das, was
von dieser Begierdenglut den Seelen der Tiere und Menschen beigemischt ist, bestimmt
dasjenige in ihnen, was man die niederen sinnlichen Triebe nennt, ihre vorwaltenden
selbstsuchtigen Instinkte. - Die zweite Art der Seelengebilde ist diejenige, bei denen sich
die beiden Grundkrafte das Gleichgewicht halten, bei denen also Sympathie und
Antipathie in gleicher Starke wirken. Diese treten anderen Gebilden mit einer gewissen
Neutralitat gegeniiber; sie wirken als verwandt auf sie, ohne sie besonders anzuziehen
und abzustofien. Sie ziehen gleichsam keine feste Grenze zwischen sich und der Umwelt.
Fortwahrend lassen sie andere Gebilde in der Umgebung auf sich einwirken; man kann
sie deshalb mit den fliissigen Stoffen der physischen Welt vergleichen. Und in der Art,
wie solche Gebilde anderes an sich heranziehen, liegt nichts von Gier. Die Wirkung, die
hier gemeint ist, liegt zum Beispiel vor, wenn die Menschenseele eine Farbe empfindet.
Wenn ich die Empfindung der roten Farbe habe, dann empfange ich zunachst einen
66
neutralen Reiz aus meiner Umgebung. Erst wenn zu diesem Reiz das Wohlgefallen an
der roten Farbe hinzutritt, dann kommt eine andere Seelenwirkung in Betracht. Das, was
den neutralen Reiz bewirkt, sind Seelengebilde, die in solchem Wechselverhaltnisse
stehen, [102] dafi Sympathie und Antipathie einander das Gleichgewicht halten. Man
wird die Seelenstofflichkeit, die hier in Betracht kommt, als eine vollkommen bildsamen,
fliefiende bezeichnen miissen. Nicht eigensiichtig wie die erste bewegt sie sich durch den
Seelenraum, sondern so, dafi ihr Dasein iiberall Eindriicke empfangt, dafi sie sich mit
vielem verwandt erweist, das ihr begegnet. Ein Ausdruck, der fur sie anwendbar ist,
diirfte sein: fliefiende Reizbarkeit. - Die dritte Stufe der Seelengebilde ist diejenige, bei
welcher die Sympathie die Oberhand iiber die Antipathie hat. Die Antipathie bewirkt das
eigensiichtige Sichgeltendmachen; dieses tritt aber zuriick hinter der Hinneigung zu den
Dingen der Umgebung. Man denke sich ein solches Gebilde innerhalb des Seelenraumes.
Es erscheint als der Mittelpunkt einer anziehenden Sphare, die sich iiber die Gegenstande
der Umwelt erstreckt solche Gebilde muB man im besonderen als Wunsch-Stofflichkeit
bezeichnen. Diese Bezeichnung erscheint deshalb als die richtige, weil durch die
bestehende, nur gegeniiber der Sympathie schwachere, Antipathie die Anziehung doch so
wirkt, dafi die angezogenen Gegenstande in den eigenen Bereich des Gebildes gebracht
werden sollen. Die Sympathie erhalt dadurch einen eigensiichtigen Grundton. Diese
Wunsch-Stofflichkeit darf mit den gas- oder luftformigen Korpern der physischen Welt
verglichen werden. Wie ein Gas sich nach alien Seiten auszudehnen bemiiht ist, so breitet
sich die Wunsch-Stofflichkeit nach alien Richtungen aus.
Hohere Stufen von Seelen-Stofflichkeit kennzeichnen sich dadurch, dafi bei ihnen die
eine Grundkraft vollig zurucktritt, namlich die Antipathie, und nur die Sympathie [103]
sich als das eigentlich Wirksame erweist. Nun kann sich diese zunachst innerhalb der
Teile des Seelengebildes selbst geltend machen. Diese Teile wirken gegenseitig
aufeinander anziehend. Die Kraft der Sympathie im Innern eines Seelengebildes kommt
in dem zum Ausdrucke, was man Lust nennt. Und jede Herabminderung dieser
Sympathie ist Unlust. Die Unlust ist nur eine verminderte Lust, wie die Kalte nur eine
verminderte Warme ist. Lust und Unlust ist dasjenige, was im Menschen als die Welt der
Gefuhle - im engeren Sinne - lebt. Das Fuhlen ist das Weben des Seelischen in sich
67
selbst. Von der Art, wie die GefTihle der Lust und Unlust in dem Seelischen weben, hangt
das ab, was man dessen Behagen nennt.
Eine noch hohere Stufe nehmen diejenigen Seelengebilde ein, deren Sympathie nicht im
Bereich des Eigenlebens beschlossen bleibt. Von den drei niederen Stufen unterscheiden
sich diese, wie ja auch schon die vierte, dadurch, dafi bei ihnen die Kraft der Sympathie
keine ihr entgegenstellende Antipathie zu iiberwinden hat. Durch diese hoheren Arten der
Seelen-Stofflichkeit schliefit sich erst die Mannigfaltigkeit der Seelengebilde zu einer
gemeinsamen Seelenwelt zusammen. Sofern die Antipathie in Betracht kommt, strebt das
Seelengebilde nach etwas anderem um seines Eigenlebens willen, um sich selbst durch
das andere zu verstarken und zu bereichern. Wo die Antipathie schweigt, da wird das
andere als Offenbarung, als Kundgebung hingenommen. Eine ahnliche Rolle wie das
Licht im physischen Raume spielt diese hohere Form von Seelen-Stofflichkeit im
Seelenraum. Sie bewirkt, dafi ein Seelengebilde das Dasein und Wesen der andern um
deren selbst willen gleichsam einsaugt, oder man konnte [104] auch sagen, sich von
ihnen bestrahlen lafit. Dadurch, dafi die Seelenwesen aus diesen hoheren Regionen
schopfen, werden sie erst zum wahren Seelenleben erweckt. Ihr dumpfes Leben im
Finstern schliefit sich nach aufien auf, leuchtet: und strahlt selbst in den Seelenraum hin;
das trage, dumpfe Weben im Innern, das sich durch die Antipathie abschliefien will, wenn
nur die Stoffe der unteren Regionen vorhanden sind, wird Kraft und Regsamkeit, die vom
Innern ausgeht und sich nach aufien stromend ergiefit. Die fliefiende Reizbarkeit der
zweiten Region wirkt nur beim Zusammentreffen der Gebilde. Dann stromt allerdings
eins in das andere iiber. Aber Beruhrung ist hier notwendig. In den hoheren Regionen
herrscht fireies Hinstrahlen, Ergiefien. (Mit Recht bezeichnet man das Wesen dieses
Gebietes als ein «Hinstrahlen», denn die Sympathie, welche entwickelt wird, wirkt so,
dafi man als Sinnbild dafur den Ausdruck gebrauchen kann, der von der Wirkung des
Lichtes genommen ist.) Wie eine Pflanze im Keller verkiimmert, so die Seelengebilde
ohne die sie belebenden Seelenstoffe der hoheren Regionen. Seelenlicht, tdtige
Seelenkraft und das eigentliche Seelenleben im engeren Sinne gehoren diesen Regionen
an und teilen sich von hier aus den Seelenwesen mit.
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Drei untere und drei obere Regionen der Seelenwelt hat man also zu unterscheiden; und
beide sind vermittelt durch eine vierte, so dafi sich folgende Einteilung der Seelenwelt
ergibt:
1 . Region der Begierdenglut
2. Region der fliefienden Reizbarkeit
3. Region der Wunsche [105]
4. Region von Lust und Unlust
5. Region des Seelenlichtes
6. Region der tatigen Seelenkraft
7. Region des Seelenlebens.
Durch die ersten drei Regionen erhalten die Seelengebilde ihre Eigenschaften aus dem
Verhaltnisse von Antipathie und Sympathie; durch die vierte Region webt die Sympathie
innerhalb der Seelengebilde selbst; durch die drei hochsten wird die Kraft der Sympathie
immer freier und freier; leuchtend und belebend durchwehen die Seelenstoffe dieser
Region den Seelenraum, aufweckend, was sich sonst durch sich selbst im Eigendasein
verlieren miifite.
Es sollte eigentlich uberfliissig sein, doch wird, der Klarheit willen, hier doch betont, dafi
diese sieben Abteilungen der Seelenwelt nicht etwa voneinander getrennte Gebiete
darstellen. So wie Festes, Fliissiges und Gasformiges sich im Physischen durchdringen,
so durchdringen sich Begierdenglut, fliefiende Reizbarkeit und die Krafte der
Wunschwelt im Seelischen. Und wie im Physischen die Warme die Korper durchdringt,
das Licht sie bestrahlt, so ist es im Seelischen mit Lust und Unlust und mit dem
Seelenlicht der Fall. Und ein ahnliches findet statt fur die tatige Seelenkraft und das
eigentliche Seelenleben.
77. Die Seele in der Seelenwelt nach dem Tode
69
Die Seele ist das Bindeglied zwischen dem Geiste des Menschen und seinem Leibe. Ihre
Krafte der Sympathie und Antipathie, die durch ihr gegenseitiges Verhaltnis die [106]
Seelenaufierungen: Begierde, Reizbarkeit, Wunsch, Lust und Unlust und so weiter
bewirken, - sie sind nicht nur zwischen Seelengebilde und Seelengebilde tatig, sondern
sie aufiern sich auch gegeniiber den Wesenheiten der anderen. Welten, der physischen
und der geistigen Welt. Wahrend die Seele im Leibe wohnt, ist sie gewissermafien an
allein beteiligt, was in diesem Leibe vorgeht. Wenn die physischen Verrichtungen des
Leibes mit Regelmafiigkeit vor sich gehen, so entsteht in der Seele Lust und Behagen;
wenn diese Verrichtungen gestort sind, so tritt Unlust und Schmerz ein. - Und auch an
den Tatigkeiten des Geistes hat die Seele ihren Anteil: dieser Gedanke erfullt sie mit
Freude, jener mit Abscheu; ein richtiges Urteil hat den Beifall der Seele, ein falsches ihr
MiBfallen. - Ja, es hangt die Entwickelungsstufe eines Menschen davon ab, ob die
Neigungen seiner Seele mehr nach der einen oder der andern Richtung hin gehen. Ein
Mensch ist um so vollkommener, je mehr seine Seele mit den Aufierungen des Geistes
sympathisiert; er ist um so unvollkommener, je mehr ihre Neigungen durch die
Verrichtungen des Leibes befriedigt werden.
Der Geist ist der Mittelpunkt des Menschen, der Leib der Vermittler, durch den der Geist
die physische Welt betrachtet und erkennt und durch den er in ihr wirkt. Die Seele aber
ist der Vermittler zwischen beiden. Sie entbindet dem physischen Eindruck, den die
Luftschwingungen auf das Ohr machen, die Empfindung des Tones, sie erlebt die Lust an
diesem Ton. Alles das teilt sie dem Geiste mit, der dadurch zum Verstdndnisse der
physischen Welt gelangt. Ein Gedanke, der in dem Geiste auftritt, wird durch die Seele in
den Wunsch nach Verwirklichung umgesetzt [107] und kann erst dadurch mit Hilfe des
leiblichen Werkzeuges zur Tat werden. - Nun kann der Mensch nur dadurch seine
Bestimmung erfTillen, dafi er all seinem Wirken die Richtung durch den Geist geben lafit.
Die Seele kann durch sich selbst ihre Neigungen ebensogut dem Physischen wie dem
Geistigen entgegenbringen. Sie senkt gleichsam ihre Fuhlfaden ebenso zum Physischen
hinunter, wie sie sie zum Geistigen hinaufstreckt. Durch das Einsenken in. Die physische
Welt wird ihre eigene Wesenheit von der Natur des Physischen durchdrungen und
gefarbt. Da der Geist aber nur durch ihre Vermittlung in der physischen Welt wirken
70
kann, so wird ihm selbst dadurch die Richtung auf das Physische gegeben. Seine Gebilde
werden durch die Krafte der Seele nach dem Physischen hingezogen. Man betrachte den
unentwickelten Menschen. Die Neigungen seiner Seele hangen an den Verrichtungen
seines Leibes. Er empfindet nur Lust bei den Eindriicken, welche die physische Welt auf
seine Sinne macht. Und auch sein Geistesleben wird dadurch ganz in diese Sphare
herangezogen. Seine Gedanken dienen nur der Befriedigung seines physischen
Bedurfhislebens. - Indem das geistige Selbst von Verkorperung zu Verkorperung lebt,
soil es immer mehr aus dem Geistigen heraus seine Richtung erhalten. Sein Erkennen soil
von dem Geiste der ewigen Wahrheit, sein Handeln von der ewigen Giite bestimmt
werden.
Der Tod bedeutet, als Tatsache der physischen Welt betrachtet, eine Veranderung der
Verrichtungen des Leibes. Dieser hort mit dem Tode auf, durch seine Einrichtung der
Vermittler der Seele und des Geistes zu sein. Er zeigt fernerhin sich in seinen
Verrichtungen ganz der physischen [108] Welt und ihren Gesetzen unterworfen; er geht
in dieselbe iiber, uni sich in ihr aufzulosen. Nur diese physischen Vorgange des Leibes
konnen mit den physischen Sinnen nach dem Tode betrachtet werden. Was mit Seele und
Geist dann geschieht, das entzieht sich diesen Sinnen. Denn sinnlich konnen ja auch
wahrend des Lebens Seele und Geist nur insofern beobachtet werden, als diese in
physischen Vorgangen ihren aufleren Ausdruck erlangen. Nach dein Tode ist ein solcher
Ausdruck nicht mehr moglich. Deshalb kommt die Beobachtung der physischen Sinne
und die sich auf sie begriindende Wissenschaft fur das Schicksal von Seele und Geist
nach dem Tode nicht in Betracht. Da tritt eben eine hohere Erkenntnis ein, die auf der
Beobachtung der Vorgange in der Seelen- und der Geisteswelt beruht.
Hat sich nun der Geist von dem Leibe gelost, so ist er noch immer mit der Seele
verbunden. Und wie ihn wahrend des physischen Lebens der Leib an die physische Welt
gekettet hat, so jetzt die Seele an die seelische. - Aber in dieser seelischen Welt ist nicht
sein ureigenes Wesen zu finden. Sie soil ihn nur verbinden mit dem Felde seines
Schaffens, mit der physischen Welt. Um in einer neuen Verkorperung mit
vollkommenerer Gestalt zu erscheinen, muB er Kraft und Starkung aus der geistigen Welt
schopfen. Er ist aber durch die Seele in die physische Welt verstrickt worden. Er ist an
71
ein Seelenwesen gebunden, das durchdrungen und gefarbt ist von der Natur des
Physischen, und er hat dadurch selbst diese Richtung erhalten. Nach dem ,Tode ist die
Seele nicht mehr an den Leib, sondern nur noch an den Geist gebunden. Sie lebt nun in
einer seelischen Umgebung. Nur die [109] Krafte dieser Welt konnen daher noch auf sie
eine Wirkung haben. Und an dieses Leben der Seele in der Seelenwelt ist zunachst auch
der Geist gebunden. Er ist so an dasselbe gebunden, wie er wahrend der physischen
Verkorperung an den Leib gebunden ist. Wann der Leib stirbt, das wird durch dessen
Gesetze bestimmt im allgemeinen muB ja gesagt werden: nicht die Seele und der Geist
verlassen den Leib, sondern er wird von denselben entlassen, (1) wenn seine Krafte nicht
mehr im Sinne der menschlichen Organisation wirken konnen. Ebenso ist das Verhaltnis
von Seele und Geist. Die Seele wird den Geist in die hohere, in die geistige Welt
entlassen, wenn ihre Krafte nicht mehr im Sinne der menschlichen Seelenorganisation
wirken konnen. In dem Augenblicke wird der Geist befreit sein, wenn die Seele dasjenige
der Auflosung iibergeben hat, was sie nur innerhalb des Leibes erleben kann, und nur das
iibrig behalt, was mit dem Geiste weiterleben kann. Dies Ubrigbehaltene, was zwar im
Leibe erlebt, aber als Frucht in den Geist eingepragt werden kann, verbindet die Seele mit
dem Geist in der rein geistigen Welt. - Um das Schicksal der Seele nach dem Tode
kennenzulernen, muB also ihr Auflosungsprozefi betrachtet werden. Sie hatte die
Aufgabe, dem Geist die Richtung nach dem Physischen zu geben. In dem Augenblicke,
wo sie diese Aufgabe erfullt hat, nimmt sie die Richtung nach dem Geistigen. Wegen
dieser Natur [110] ihrer Aufgabe mufite sie eigentlich sofort nur geistig tatig sein, wenn
der Leib von ihr abfallt, wenn sie also nicht mehr Bindeglied sein kann. Und sie wiirde
das auch sein, wenn sie nicht durch ihr Leben im Leibe von diesem beeinflufit, in ihren
Neigungen zu ihm hingezogen worden ware. Ohne diese Farbung, die sie durch die
Verbindung mit dem Leiblichen erhalten hat, wiirde sie sogleich nach der Entkorperung
den blofien Gesetzen der geistig-seelischen Welt folgen und keine weitere Hinneigung
zum Sinnlichen entwickeln. Und das ware der Fall, wenn der Mensch beim Tode
vollstandig alles Interesse an der irdischen Welt verloren hatte, wenn alle Begierden,
Wiinsche und so weiter befriedigt waren, die sich an das Dasein kniipfen, das er verlassen
hat. Sofern dies aber nicht der Fall ist, haftet das nach dieser Richtung Ubriggebliebene
an der Seele.
72
Man muB hier, um nicht in Verwirrung zu geraten, sorgfaltig unterscheiden zwischen
dem, was den Menschen an die Welt so kettet, dafi es auch in einer folgenden
Verkorperung ausgeglichen werden kann, und dem, was ihn an eine bestimmte, an die
jeweilig letzte Verkorperung kettet. Das erstere wird durch das Schicksalsgesetz, Karma,
ausgeglichen; das andere aber kann nur nach dem Tode von der Seele abgestreift werden.
Es folgt auf den Tod fur den Menschengeist eine Zeit, in der die Seele ihre Neigungen
zum physischen Dasein abstreift, um dann wieder den blofien Gesetzen der geistig-
seelischen Welt zu folgen und den Geist freizumachen. Es ist naturgemafi, dafi diese Zeit
um so langer dauern wird, je mehr die Seele an das Physische gebunden war. Sie wird
kurz sein bei einem Menschen, der wenig [111] an dem physischen Leben gehangen hat,
lang dagegen bei einem solchen, der seine Interessen ganz an dieses Leben gebunden hat,
so dafi beim Tode noch viele Begierden, Wiinsche und so weiter in der Seele leben.
Am leichtesten erhalt man von dem Zustande, in dem die Seele in der nachsten Zeit nach
dem Tode lebt, eine Vorstellung durch folgende Uberlegung. Man nehme ein ziemlich
krasses Beispiel dazu: die Geniisse eines Feinschmeckers. Er hat seine Lust am
Gaumenkitzel durch die Speisen. Der Genufi ist natiirlich nichts Korperliches, sondern
etwas Seelisches. In der Seele lebt die Lust und auch die Begierde nach der Lust. Zur
Befriedigung der Begierde ist aber das entsprechende korperliche Organ, der Gaumen
und so weiter, notwendig. Nach dem Tode hat nun die Seele eine solche Begierde nicht
sogleich verloren, wohl aber hat sie das korperliche Organ nicht mehr, welches das Mittel
ist, die Begierde zu befriedigen. Es ist nun - zwar aus einem anderen Grunde, der aber
ahnlich, nur weit starker wirkt - fur den Menschen so, wie wenn er in einer Gegend, in
der weit und breit kein Wasser ist, brennenden Durst litte. So leidet die Seele brennend an
der Entbehrung der Lust, weil sie das korperliche Organ abgelegt hat, durch das sie die
Lust haben kann. So ist es mit allem, wonach die Seele verlangt und das nur durch die
korperlichen Organe befriedigt werden kann. Es dauert dieser Zustand (brennender
Entbehrung) so lange, bis die Seele gelernt hat, nicht mehr nach solchem zu begehren,
was nur durch den Korper befriedigt werden kann. Und die Zeit, welche in diesem
Zustande verbracht wird, kann man den Ort der Begierden nennen, obgleich man es
natiirlich nicht mit einem «Orte» zu tun hat. [112] Betritt die Seele nach dem Tode die
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seelische Welt, so ist sie deren Gesetzen unterworfen. Diese wirken auf sie; und vor'
dieser Wirkung hangt es ab, in welcher Art die Neigung zum Physischen in ihr getilgt
wird. Die Wirkungen miissen verschieden sein, je nach den Arten der Seelenstoffe und
Seelenkrafte, in deren Bereich sie nunmehr versetzt ist. Jede dieser Arten wird ihren
reinigenden, lauternden Einflufi geltend machen. Der Vorgang, der hier stattfindet, ist so,
daB alles Antipathische in der Seele allmahlich von den Kraften der Sympathie
iiberwunden und dafi diese Sympathie selbst bis zu ihrem hochsten Gipfel gefiihrt wird.
Denn durch diesen hochsten Grad von Sympathie mit der ganzen iibrigen Seelenwelt
wird die Seele gleichsam in dieser zerfliefien, eins mit ihr werden; dann ist ihre
Eigensucht vollig erschopft. Sie hort auf, als ein Wesen zu existieren, das dem physisch-
sinnlichen Dasein zugeneigt ist: der Geist ist durch sie befreit. Daher lautert sich die
Seele durch die oben beschriebenen Regionen der Seelenwelt hindurch, bis sie in der
Region der vollkommenen Sympathie mit der allgemeinen Seelenwelt eins wird. DaB der
Geist bis zu diesem letzten Momente der Befreiung seiner Seele selbst an diese gebunden
ist, riihrt davon her, dafi er durch sein Leben mit ihr ganz verwandt geworden ist. Diese
Verwandtschaft ist eine viel grofiere als die mit dem Leibe. Denn mit dem letzteren ist er
mittelbar durch die Seele, mit dieser aber unmittelbar verbunden. Sie ist ja sein
Eigenleben. Deshalb ist der Geist nicht an den verwesenden Leib, wohl aber an die sich
allmahlich befreiende Seele gebunden. - Wegen der unmittelbaren Verbindung des
Geistes mit der Seele kann der erstere sich von dieser erst [113] dann frei fiihlen, wenn
sie selbst mit der allgemeinen Seelenwelt eins geworden ist.
Insofern die seelische Welt der Aufenthalt des Menschen unmittelbar nach dem Tode ist,
kann sie der «Ort der Begierden» genannt werden. Die verschiedenen Religionssysteme,
die ein Bewufitsein von diesen Verhaltnissen in ihre Lehren aufgenommen haben, kennen
diesen «Ort der Begierden» unter dem Namen «Fegefeuer», «Lauterungsfeuer» und so
weiter.
Die niederste Region der Seelenwelt ist diejenige der Begierdenglut. Durch sie wird nach
dem Tode alles das aus der Seele ausgetilgt, was sie an grobsten, mit dem niedersten
Leibesleben zusammenhangenden selbstsuchtigen Begierden hat. Denn durch solche
Begierden kann sie von den Kraften dieser Seelenregion eine Wirkung erfahren. Die
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unbefriedigten Begierden, die aus dem physischen Leben zuriickgeblieben sind, bilden
den Angriffspunkt. Die Sympathie solcher Seelen erstreckt sich nur tiber das, was ihr
eigensiichtiges Wesen nahren kann; und sie wird weit iiberwogen von der Antipathie, die
sich iiber alles andere ergiefit. Nun gehen aber die Begierden auf die physischen Geniisse,
die in der Seelenwelt nicht befriedigt werden konnen. Durch diese Unmoglichkeit der
Befriedigung wird die Gier aufs hochste gesteigert. Zugleich muB aber diese
Unmoglichkeit die Gier allmahlich verloschen. Die brennenden Geliiste verzehren sich
nach und nach; und die Seele hat erfahren, dafi in der Austilgung solcher Geliiste das
einzige Mittel liegt, das Leid zu verhindern, das aus ihnen kommen muB. Wahrend des
physischen Lebens tritt ja doch immer wieder und wieder Befriedigung ein. Dadurch
wird der Schmerz der brennenden Gier durch [114] eine Art Illusion verdeckt. Nach dem
Tode, im «Lauterungsfeuer», tritt dieser Schmerz ganz unverhullt auf. Die
entsprechenden Entbehrungserlebnisse werden durchgemacht. Ein finsterer Zustand ist
es, in dem die Seelen sich dadurch befinden. Nur diejenigen Menschen konnen
selbstverstandlich diesem Zustande verfallen, deren Begierden im physischen Leben auf
die grobsten Dinge abzielten. Naturen mit wenig Geliisten gehen, ohne dafi sie es merken,
durch ihn hindurch, denn sie haben zu ihm keine Verwandtschaft. Es mufi gesagt werden,
dafi durch die Begierdenglut die Seelen um so langer beeinflufit werden, je verwandter sie
durch ihr physisches Leben dieser Glut geworden sind; je mehr sie es daher no tig haben,
in ihr gelautert zu werden. Man darf solche Lauterung nicht in demselben Sinne als ein
Leiden bezeichnen, wie man ahnliches in der Sinnenwelt nur als Leiden empfinden
miifite. Denn die Seele verlangt nach dem Tode nach ihrer Lauterung, weil nur durch
diese eine in ihr bestehende Unvollkommenheit getilgt werden kann.
Eine zweite Art von Vorgangen der Seelenwelt ist so, dafi. Sich Sympathie und
Antipathie bei ihnen das Gleichgewicht halten. Insofern eine Menschenseele in dem
gleichen Zustande nach dem Tode ist, wird sie eine Zeitlang von diesen Vorgangen
beeinflufit. Das Aufgehen im aufieren Tand des Lebens, die Freude an den
voriiberflutenden Eindriicken der Sinne bedingen diesen Zustand. Die Menschen leben in
ihm, insofern er durch die angedeuteten Seelenneigungen bedingt ist Sie lassen sich von
jeder Nichtigkeit des Tages beeinflussen. Da aber ihre Sympathie sich keinem Dinge in
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besonderem MaBe zuwendet, gehen die Einflusse rasch voriiber. Alles, was nicht diesem
[115] nichtigen Reich angehort, ist solchen Personen antipathisch. Erlebt nun nach dem
Tode die Seele diesen Zustand, ohne dafi die sinnlich-physischen Dinge da sind, die zu
seiner Befriedigung notwendig gehoren, so muB er endlich verloschen. Natiirlich ist die
Entbehrung, die vor dem volligen Erloschen in der Seele herrscht, leidvoll. Diese
leidvolle Lage ist die Schule zur Zerstorung der Illusion, in die der Mensch wahrend des
physischen Lebens eingehiillt ist.
Drittens kommen in der Seelenwelt die Vorgange in Betracht mit vorherrschender
Sympathie, diejenigen mit vorherrschender Wunschnatur. Ihre Wirkung erfahren die
Seelen durch alles das, was eine Atmosphare von Wiinschen nach dem Tode erhalt. Auch
diese Wiinsche ersterben allmahlich wegen der Unmoglichkeit ihrer Befriedigung.
Die Region der Lust und Unlust in der Seelenwelt, die oben als die vierte bezeichnet
worden ist, legt der Seele besondere Prufungen auf. Solange diese im Leibe wohnt,
nimmt sie an allem teil, was diesen Leib betrifft. Das Weben von Lust und Unlust ist an
diesen gekniipft. Er verursacht ihr Wohlgefiihl und Behagen, Unlust und Unbehagen. Der
Mensch empfindet wahrend des physischen Lebens seinen Korper als sein Selbst. Das,
was man Selbstgefuhl nennt, griindet sich auf diese Tatsache. Und je sinnlicher die
Menschen veranlagt sind, desto mehr nimmt ihr Selbstgefuhl diesen Charakter an. - Nach
dem Tode fehlt der Leib als Gegenstand dieses Selbstgefuhls. Die Seele, welcher dieses
Gefuhl geblieben ist, fuhlt sich deshalb wie ausgehdhlt. Ein Gefuhl, wie wenn sie sich
selbst verloren hatte, befallt sie. Dieses halt so lange an, bis erkannt ist, [116] dafi im
Physischen nicht der wahre Mensch liegt. Die Einwirkungen dieser vierten Region
zerstoren daher die Illusion des leiblichen Selbst. Die Seele lernt diese Leiblichkeit nicht
mehr als etwas Wesentliches empfinden. Sie wird geheilt und gelautert von dem Hang zu
der Leiblichkeit. Dadurch hat sie iiberwunden, was sie vorher stark an die physische Welt
kettete, und sie kann die Krafte der Sympathie, die nach aufien gehen, voll entfalten. Sie
ist sozusagen von sich abgekommen und bereit, teilnahmsvoll sich in die allgemeine
Seelenwelt zu ergiefien.
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Es soil nicht unerwahnt bleiben, dafi die Erlebnisse dieser Region im besonderen Mafie
Selbstmorder durchmachen. Sie verlassen auf kiinstlichem Wege ihren physischen Leib,
wahrend doch alle Gefuhle, die mit diesem zusammenhangen, unverandert bleiben. Beim
natiirlichen Tode geht mit dem Verfall des Leibes auch ein teilweises Ersterben der an
ihn sich heftenden Gefuhle einher. Bei Selbstmordern kommen dann noch zu der Qual,
die ihnen das Gefuhl der plotzlichen Aushohlung verursacht, die unbefriedigten
Begierden lind Wiinsche, wegen deren sie sich entleibt haben.
Die funfte Stufe der Seelenwelt ist die des Seelenlichtes. Die Sympathie mit anderem hat
in ihr bereits eine hohe Geltung. Mit ihr sind die Seelen verwandt, insofern sie wahrend
des physischen Lebens nicht in der Befriedigung niederer Bediirfnisse aufgegangen sind,
sondern Freude, Lust an ihrer Umwelt gehabt haben. Die Naturschwarmerei, insofern sie
einen sinnlichen Charakter an sich getragen hat, unterliegt zum Beispiel hier der
Lauterung. Man muB aber diese Art von Naturschwarmerei wohl unterscheiden von
jenem hoheren Leben in der Natur, das [117] geistiger Art ist und welches den Geist
sucht, der sich in den Dingen und Vorgangen der Natur offenbart. Diese Art von
Natursinn gehort zu den Dingen, die den Geist selbst entwickeln und die ein Bleibendes
in diesem Geiste begriinden. Von diesem Natursinn ist aber eine solche Lust an der Natur
zu unterscheiden, die ihren Grund in den Sinnen hat. Dieser gegeniiber bedarf die Seele
ebenso der Lauterung wie gegeniiber anderen Neigungen, die im blofien physischen
Dasein begriindet sind. Viele Menschen sehen in Einrichtungen, die der sinnlichen
Wohlfahrt dienen, in einem Erziehungssystem, das vor allem sinnliches Behagen
herbeifuhrt, eine Art Ideal. Von ihnen kann man nicht sagen, daB sie nur ihren
selbstsiichtigen Trieben dienen. Aber ihre Seele ist doch auf die Sinnenwelt gerichtet und
muB durch die in der fiinften Region der seelischen Welt herrschende Kraft der
Sympathie, der diese aufieren Befriedigungsmittel fehlen, geheilt werden. Die Seele
erkennt hier allmahlich, dafi diese Sympathie andere Wege nehmen muB. Und diese
Wege werden gefunden in der durch die Sympathie mit der Seelenumgebung bewirkten
Ausgiefiung der Seele in den Seelenraum.
- Auch diejenigen Seelen, welche von ihren religiosen Verrichtungen zunachst eine
Erhohung ihrer sinnlichen Wohlfahrt verlangen, werden hier gelautert. Sei es, dafi ihre
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Sehnsucht auf ein irdisches, sei es, dafi sie auf ein himmlisches Paradies gehe. Sie finden
im «Seelenlande» dieses Paradies; aber nur zu dem Zwecke, um die Wertlosigkeit
desselben zu durchschauen. Alles das sind natiirlich nur einzelne Beispiele fur
Lauterungen, die in dieser funften Region stattfinden. Sie konnten beliebig vermehrt
werden. [118] Durch die sechste Region, diejenige der tdtigen Seelenkraft, findet die
Lauterung des tatendurstigen Teiles der Seele statt, der nicht einen egoistischen Charakter
tragt, doch aber in der sinnlichen Befriedigung, welche die Taten bringen, seine Motive
hat. Naturen, die eine solche Tatenlust entwickeln, machen aufierlich durchaus den
Eindruck von Idealisten, sie zeigen sich als aufopferungsfahige Personen. Im tieferen
Sinne kommt es ihnen aber doch auf die Erhohung eines sinnlichen Lustgefuhls an. Viele
kiinstlerische Naturen und solche, welche sich wissenschaftlicher Betatigung hingeben,
weil es ihnen so gefallt, gehoren hierher. Was diese an die physische Welt kettet, das ist
der Glaube, dafi Kunst und Wissenschaft um eines solchen Gefallens willen da seien.
Die siebente Region, die des eigentlichen Seelenlebens, befreit den Menschen von seinen
letzten Hinneigungen zur sinnlich-physischen Welt. Jede vorhergehende Region nimmt
von der Seele das auf, was ihr verwandt ist. Was nun noch den Geist umgibt, das ist die
Meinung, dafi seine Tatigkeit der sinnlichen Welt ganz gewidmet sein soil. Es gibt
hochbegabte Personlichkeiten, die aber iiber nicht viel anderes nachsinnen als iiber die
Vorgange der physischen Welt. Man kann einen solchen Glauben einen materialistischen
nennen. Dieser Glaube muB zerstort werden, und er wird es in der siebenten Region. Da
sehen die Seelen, dafi keine Gegenstande fur materialistische Gesinnung in der wahren
Wirklichkeit vorhanden sind. Wie Eis in der Sonne schmilzt dieser Glaube der Seele hier
dahin. Das Seelenwesen ist nunmehr aufgesogen von seiner Welt, der Geist aller Fesseln
ledig. Er schwingt sich auf in die Regionen, wo er nur in seiner eigenen Umgebung [119]
lebt. - Die Seele hat ihre vorige Erdenaufgabe erfiillt, und es hat sich nach dem Tode
gelost, was von dieser Aufgabe als eine Fessel fur den Geist geblieben ist. Indem die
Seele den Erdenrest iiberwunden hat, ist sie selbst ihrem Elemente zuriickgegeben.
Man sieht aus dieser Darstellung, dafi die Erlebnisse der seelischen Welt, und damit auch
die Zustande des seelischen Lebens nach dem Tode, ein immer weniger der Seele
widerstrebendes Aussehen gewinnen, je mehr der Mensch von dem abgestreift hat, was
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ihm von der irdischen Verbindung mit der physischen Korperlichkeit an unmittelbarer
Verwandtschaft mit dieser anhaftet. - Je nach den im physischen Leben geschaffenen
Vorbedingungen wird die Seele langer oder kiirzer der einen oder anderen Region
angehoren. Wo sie Verwandtschaft fiihlt, bleibt sie so lange, bis diese getilgt ist. Wo
keine Verwandtschaft vorhanden ist, geht sie unfuhlend iiber die moglichen
Einwirkungen hinweg. Es sollten hier nur die Grundeigenschaften der Seelenwelt
geschildert und der Charakter des Lebens der Seele in dieser Welt in allgemeinen Ziigen
dargestellt werden. Dasselbe gilt fur die folgenden Darstellungen des Geisterlandes. Es
wiirde die Grenzen, welche dieses Buch einhalten soil, iiberschreiten, wenn auf weitere
Eigenschaften dieser hoheren Welten eingegangen werden sollte. Denn von dem, was
sich mit Raumverhaltnissen und dem Zeitverlauf vergleichen lafit, in bezug auf die hier
alles ganz anders ist als in der physischen Welt, kann nur verstandlich gesprochen
werden, wenn man es in ganz ausfuhrlicher Art darstellen will. Einiges Wichtige dariiber
findet man in meiner «Geheimwissenschaft». [120]
III. Das Geisterland
Bevor nun der Geist auf seiner weiteren Wanderung betrachtet werden kann, muB das
Gebiet selbst erst beobachtet werden, das er betritt. Es ist die «Welt des Geistes». Diese
Welt i
…[truncated]