Ergebnisse der Geistesforschung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 

bnisse  der  Geistesforschun 


Vierzehn  qffenrfiche  Vortrdge 
gehalten  zwischen  dem  31.  Oktober  1912 
und  dem  10.  April  1913 
im  Architektenhaus  zu  Berlin 


1988 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen, 
nicht  wortlichen  und  teilweise  liickenhaften  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Ernst  Weidmann  und  Johann  Waeger 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1960 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1988 

Friihere  Veroffentlichung 

«Ergebnisse  der  Geistesforschung» 
dreizehn  Einzelhefte  als  Reihe,  Basel  1941-1942 


Bibliographie-Nr.  62 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1960  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck  GmbH,  Buhl/Baden 

ISBN  3-7274-0620-8 


Zu  dm  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswis- 
senschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861  -  1925)  geschrie- 
benen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den 
Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl 
offentlich  wie  auch  fur  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spa- 
ter  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst  wollte  ur- 
spriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht 
schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «mundliche,  nicht 
zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nach- 
dem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Horer- 
nachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  be- 
traute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung 
der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften 
und  die  fur  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte. 
Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wemgen  Fallen 
die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber 
alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksich- 
tigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen, 
dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-  1948)  wurde  ge- 
maS  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner 
Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen 
Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden 
sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der 
Hinweise. 


INHALT 


Zu  dieser  Ausgabe   8 

I.  Wie  widerlegt  man  Geistesforschung  ? 

Berlin,  31.  Oktober  1912   9 

II.  Wie  begrundet  man  Geistesforschung? 

Berlin,  7.  November  1912  46 

III.  Die  Aufgaben  der  Geistesforschung  fur 
Gegenwart  und  Zukunft 

Berlin,  14.  November  1912  84 

IV.  Die  Wege  der  ubersinnlichen  Erkenntnis 

Berlin,  21.  November  1912  117 

V.  Ergebnisse  der  Geistesforschung  fiir  Lebensfragen 
und  das  Todesratsel 

Berlin,  5.  Dezember  1912  150 

VI.  Naturwissenschaft  und  Geistesforschung 

Berlin,  12.  Dezember  1912  185 

VII.  Jakob  Bohme 

Berlin,  9.  Januar  1913  220 

VIII.  Die  Weltanschauung  eines  Kulturforschers  der  Ge- 
genwart, Herman  Grimm,  und  die  Geistesforschung 
Berlin,  16.  Januar  1913  249 


IX.  Raffaels  Mission  im  Lichte  der  Wissenschaft  vom 
Geiste 

Berlin,  30.  Januar  1913  286 

X.  Marchendichtungen  im  Lichte  der  Geistesforschung 
Berlin,  6.  Februar  1913  321 

XI.  Lionardos  geistige  Grofte  am  Wendepunkt  zur 
neueren  Zeit 

Berlin,  13.  Februar  1913  353 

XII.  Irrtumer  der  Geistesforschung 

Berlin,  6.  Marz  1913  382 

XIII.  Die  Moral  im  Lichte  der  Geistesforschung 

Berlin,  3.  April  1913    .   ,  416 

XIV.  Das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts 

Berlin,  10.  April  1913  445 

Hinweise   489 

Namenregister   507 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   510 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesarntausgabe  .  .  .  .  519 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Die  Vortrage  dieses  Bandes  gehoren  dem  Teil  von  Rudolf  Steiners 
Vortragswerk  an,  mit  dem  er  sich  an  die  Offentlichkeit  wandte. 
«Berlin  war  der  Ausgangspunkt  fiir  diese  offentliche  Vortragstatigkeit 
gewesen.  Was  in  anderen  Stadten  mehr  in  einzelnen  Vortragen  behan- 
delt  wurde,  konnte  hier  in  einer  zusammenhangenden  Vortragsreihe 
zum  Ausdruck  gebracht  werden,  deren  Themen  ineinander  ubergrif- 
fen.  Sie  erhielten  dadurch  den  Charakter  einer  sorgfaltig  fundierten 
methodischen  Einfuhrung  in  die  Geisteswissenschaft  und  konnten  auf 
ein  regelma&g  wiederkehrendes  Publikum  rechnen,  dem  es  darauf 
ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich  erschliefienden  Wissensgebiete 
einzudringen,  wahrend  den  neu  Hinzukommenden  die  Grundlagen 
fiir  das  Verstandnis  des  Gebotenen  immer  wieder  gegeben  wurden.» 
(Marie  Steiner) 

Die  vorliegenden,  wahrend  des  Winterhalbjahres  1912/13  gehalte- 
nen  14  Vortrage  bilden  die  zehnte  der  offentlichen  Vortragsreihen, 
welche  Rudolf  Steiner  in  Berlin  seit  1903  regelmafiig  durchfuhrte. 

Kurz  zusammengefafit  wird  darin  folgendes  dargestellt:  Die  Gei- 
steswissenschaft in  ihrer  Begegnung  mit  der  Vergangenheit,  Gegen- 
wart-  und  Zukunft,  ihre  moglichen  Begrundungen  und  Widerlegun- 
gen,  ihre  Verhaltnisse  zu  Naturwissenschaft,  zu  Leben  und  Tod,  zu 
Moral  und  Ubersinnlichem.  Den  Geistesschiiler  erwarten  auf  seinem 
Erkenntnisweg  schwere  moralische  Priifungen  und  grofie  Gefahren 
des  Irrtums.  Grofie  Personlichkeiten  der  Geschichte  wie  Jakob  Boh- 
me,  Raffael  und  Leonardo  im  Licht  der  Geistesforschung.  Goethe,  das 
19.  Jahrhundert  und  deren  wiirdiger  Erbe  Herman  Grimm  und  deren 
Beziehung  zur  Geisteswissenschaft. 


WIE  WIDERLEGT  MAN  GEI STESFORS CHUNG? 


Berlin,  3LOktober  1912 


Wie  in  den  verflossenen  Wintern  werde  ich  mir  gestatten, 
im  Laufe  dieses  Winterhalbjahres  eine  Anzahl  von  Vor- 
tragen  iiber  Geisteswissenschaft  hier  an  diesem  Orte  zu 
halten.  Aus  dem  Programm  wird  ersichtlich  sein,  dafi  diese 
Vortrage  sich  zuerst  auf  das  erstrecken  sollen,  was  die  Gei- 
steswissenschaft von  ihrem  Gesichtspunkte  aus  iiber  die 
Fragen  des  Lebens  vorzubringen  hat,  dafi  dann  der  Uber- 
gang  gemacht  werden  soil  zur  Beleuchtung  einiger  wich- 
tiger  Kulturerscheinungen,  hervorragender  Kulturtatsachen 
und  hervorragender  Personlichkeiten  der  Vergangenheit, 
wie  etwa  Raffael,  Leonardo  da  Vinci,  und  dafi  zuletzt  noch 
die  Beziehung,  das  Verhaltnis  der  Geisteswissenschaft  zu 
mancherlei  Erscheinungen  im  unmittelbaren  gegenwartigen 
Geistesleben  beleuchtet  werden  soil.  Heute  sollen  diese 
Vortrage  in  einer  eigenartigen  Weise  begonnen  werden.  Es 
soil  irn  Eingange  nicht  das  vorgebracht  werden,  was  zur 
Erhartung  und  zur  Bekraftigung  dieser  Geistesforschung 
gesagt  werden  kann,  sondern  im  Gegenteil  das,  was  an 
moglichen,  an  bedeutungsvolleren  Einwanden  gegen  diese 
Geisteswissenschaft  vorgebracht  werden  kann. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Tatsachen,  dafi  diese  Geistes- 
forschung in  unserer  Gegenwart  infolge  des  Standes  unserer 
Zeitbildung  und  infolge  mancherlei  anderer  Tatsachen  viele 
Gegnerschaft  nach  sich  zieht.  Aber  nichts  ware  gerade  die- 
ser Geisteswissenschaft  unangemessener,  als  wenn  sie  in  Fa- 
natismus  verf alien  wiirde  und  sozusagen  nur  das  sehen 


wollte,  was  von  dem  Gesichtspunkte  ihrer  Vertreter  an 
Griinden  f iir  sie  auf  gebracht werden  kann.  Fanatismus  mufi 
gerade  —  und  wir  werden  sehen,  aus  welchen  Griinden  - 
dieser  Geistesforschung  vollig  fernliegen.  Daher  mufi  sie, 
mehr  als  dies  vielleicht  von  irgendeinem  anderen  Stand- 
punkt  aus  notig  ist,  darauf  bedadit  sein,  die  Einwande 
ihrer  Gegner  zu  verstehen,  ja,  sie  mufi  sie  in  einem  gewissen 
Sinne  geradezu  tolerieren,  und  begreiflich  mulS  es  ihr  er- 
scheinen,  dafi  eine  ganze  Anzahl  gerade  ehrlicher  Wahr- 
heitssucher  der  Gegenwart  merit  mit  ihr  gehen  konnen.  Es 
ist  ja  meine  Gewohnheit  gewesen  —  die  verehrten  Besucher 
der  friiheren  Vortrage  werden  das  wissen,  und  diese  Ge- 
wohnheit soli  auch  in  der  Folge  fortgesetzt  werden  -,  bei 
den  einzelnen  Vorbringungen  zugleich  auf  die  moglichen 
Einwande  Rucksicht  zu  nehmen.  Heme  sollen  sozusagen 
bedeutungsvollere,  gewichtigere  Einwande  vorweggenom- 
men  werden.  Denn  Einwande  gegen  das,  was  von  dem 
Standpunkte  der  Geistesforschung  zu  sagen  ist,  ergeben  sich 
wahrlich  nicht  blofi  von  den  Gegnern  her,  sondern  bei  einem 
gewissenhaften  Betriebe  der  Geistesforschung  fiihlt  sich  die 
Seele,  die  einem  solchen  Betriebe  hingegeben  ist,  auf  Schritt 
und  Tritt  selber  vor  diese  moglichen  Einwande  gestellt. 
Weil  ja  die  Wahrheiten  der  Geistesforschung  in  der  Seele 
errungen,  erkampft  werden  miissen,  so  mufi  die  Seele  in 
einer  gewissen  Weise  dem  Gegner  in  bezug  auf  solche  Ein- 
wande, die  in  der  Seele  selbst  geltend  gemacht  werden,  auch 
gewachsen  sein,  und  viel  besser  wird  man  auf  diesem  Ge- 
biete  fortkommen,  wenn  man  sich  von  vornherein  dariiber 
klar  ist,  was  alles  eingewendet  werden  kann. 

Nun  soli  es  allerdings  nicht  meine  Aufgabe  sein,  auf  die- 
jenigen  Einwande  oder  angeblichen  Widerlegungen  hier 
einzugehen,  welche  sozusagen  auf  der  Strafie  gefunden 
oder  aus  den  Fingern  gesogen  werden  konnen,  sondern  es 


soil  auf  die  Einwande  Riicksicht  genommen  werden,  die 
man  sich  als  ehrlicher  Wahrheitsucher  aus  unserer  Zek- 
bildung,  aus  den  geistigen  Grundlagen  unserer  Gegenwart 
heraus  selber  machen  kann  und  in  einem  gewissen  Grade 
sogar  machen  mufi.  Audi  nicht  auf  die  Einwande  gegen  gar 
mancherlei  soli  eingegangen  werden,  was  sich  heute  oft  Gei- 
stesforschung  oder  Theosophie  nennt;  denn  von  vornherein 
soil  zugegeben  werden,  dafi  man  mit  vielem  -  namentlich 
in  der  Form  -,  was  heute  als  «Theosophie»  auftritt,  nicht 
gerade  Staat  machen  kann.  Aber  das,  was  hier  vertreten 
wurde  und  vertreten  wird,  das  soil  in  meinen  heutigen  Ein- 
wanden  beriicksichtigt  werden.  Wenn  wir  uns  aber  auf 
solche  Einwande  einlassen  wollen,  so  mufi  mancherlei  von 
dem,  was  schon  im  Laufe  der  vorhergehenden  Zyklen  ge- 
sagt  worden  ist  und  was  in  den  nachsten  Vortragen  noch 
zur  Sprache  kommen  wird,  gleichsam  im  Umrifi  vor  die 
Seele  geriickt  werden.  Kurz  wollen  wir  uns  also  dariiber 
verstandigen,  was  unter  Geistesforschung  nach  ihrem  In- 
halte  und  ihren  Quellen  hier  gemeint  ist. 

Zunachst  kann  man  ganz  im  allgemeinen  Geisteswissen- 
schaft  dadurch  charakterisieren,  dafi  man  sagt,  die  Geistes- 
wissenschaft  stelle  sich  auf  den  Standpunkt,  dafi  sie  iiber 
alles,  was  der  Mensch  durch  seine  Sinne  wahrnimmt,  was 
er  mit  einer  Wissenschaft  zu  ergriinden  vermag,  die  vor- 
zugsweise  auf  die  Sinne  und  auf  den  Verstand  gebaut  ist, 
der  aus  den  Sinnen  seine  Schlixsse  zieht  -  dafi  sie  iiber  alles 
dieses  hinausschreiten  mufi  zu  den  geistigen  Ursachen  der 
sinnlichen  und  durch  den  Verstand  erf  orschbaren  Tatsachen, 
so  dafi  sie  iiberall  hinter  diesen  sinnlichen  Tatsachen  eine 
geistige  Welt  nicht  nur  annimmt,  sondern  zu  beweisen  ver- 
sucht,  eine  geistige  Welt,  in  welcher  die  Ursachen  zu  alle- 
dem  liegen,  was  die  Sinne  sehen  und  der  Verstand  erf  orschen 
kann. 


Von  mancherlei  anderen  Geistesrichtungen  der  Gegen- 
wart  und  der  Vergangenheit  unterscheidet  sich  diese  Geistes- 
wissenschaft  dadurch,  dafi  sie  nicht  nur  im  allgemeinen, 
etwa  hypothetisdi,  behaupten  will,  es  gabe  iiber  den  Ver- 
stand  und  die  Sinne  hinaus  eine  geistige  Welt,  sondern  dal$ 
sie  davon  ausgeht,  der  Mensch  sei  imstande,  seine  Erkennt- 
niskrafle,  seine  Seelenkrafte  so  auszubilden,  so  zu  entwik- 
keln,  dafi  sie  in  eine  geistige  Welt  hineinzuschauen  ver- 
mogen-wozu  sie  ohne  diese  Entwickelung  nicht  fahig  sind. 
Also  nicht  nur  die  MogHchkeit  einer  geistigen  Welt,  son- 
dern die  Erkennbarkeit  einer  geistigen  Welt  ist  das  Eigen- 
tumliche  dieser  Geistesf  orschung  oder  Anthroposophie,  wenn 
wir  sie  so  nennen  wollen.  Dafi  man  mit  der  Eigenart  der 
Seelenkrafte  und  mit  den  Eigenschaften  der  Erkenntnis- 
krafte,  wie  sie  der  Mensch  zu  seinem  gewohnlichen  Tages- 
gebrauch  -  wenn  wir  so  sagen  diirfen  -  besitzt,  nicht  in  die 
geistige  Welt  hineindringen  konne,  das  wird  von  vorn- 
herein  zugegeben.  Dafi  es  aber  richtig  sei,  diese  Erkenntnis- 
krafte  seien  unentwickelbar,  dafi  sie  sich  nicht  dazu  ent- 
falten  konnten,  um  nach  ihrer  Hinauf organisation  zu  die- 
sem  hoheren  Standpunkte  in  eine  geistige  Welt  hineinzu- 
schauen, wie  die  Augen  in  die  Sinneswelt  hineinschauen, 
das  bestreitet  die  Geisteswissenschaft.  Damit  stehen  wir 
aber  schon  an  den  Quellen  dieser  Geistesforschung. 

Diese  Quellen  ergeben  sich  der  Seele,  wenn  diese  Seele 
durch  innerliche  Arbeit,  durch  innere  Entwickelung  -  und 
oft  wurde  hier  von  den  Methoden  dieser  inneren  Entwicke- 
lung gesprochen  -  sich  selber  zu  einem  hoheren  Stand- 
punkte ihrer  Anschauung  hinaufarbeitet.  Dann  steht  zu  der 
Sinneswelt,  die  uns  umringt,  so  zeigt  die  Geisteswissen- 
schaft, eine  andere  da,  eine  geistige  Welt,  von  der  die  wah- 
ren  Ursachen  aller  Erscheinungen  der  Sinneswelt  ausgehen. 

Durch  die  Erforschung  der  geistigen  Welt  kommen  wir 


aber  dazu,  den  Menschen  als  ein  viel  komplizierteres  Wesen 
anzusehen,  als  er  es  fur  die  gewohnliche  sinnliche  oder  ver- 
standesmafiige  Anschauung  ist.  Wir  kommen  dazu,  den 
Menschen  als  ein  viergliedriges  Wesen  anzusehen.  Dasjenige, 
was  man  den  physischen  Leib  nennt,  betrachtet  die  Geistes- 
forschung  nur  als  einen  Teil  der  gesamten  menschlichen 
Wesenheit.  Diesen  physischen  Leib  kann  das  gewohnliche 
Sinnesleben  beobachten,  kann  der  Verstand  begreifen.  Die- 
ser  Sinnesleib  ist  der  Gegenstand  der  gewohnlichen  Wissen- 
schaft.  Fiir  einen  groften  Teil  unserer  heutigen  Zeitanschau- 
ung  ist  dieser  physische  Leib  die  Gesamtheit  der  mensch- 
lichen  Wesenheit.  Fiir  die  geisteswissenschaftliche  Forschung 
ist  er  nur  ein  Teil  unter  vier  Gliedern  dieser  menschlichen 
Wesenheit. 

Ober  diesen  physischen  Leib  hinaus  unterscheidet  die 
Geistesforschung  den  sogenannten  Atherleib  oder  Lebens- 
leib,  der  dem  physischen  Leibe  eingegliedert  ist.  Aber  nicht 
so  spricht  sie  von  diesem  Atherleib  oder  Lebensleib,  wie 
wenn  er  blofi  dem  Verstande  erschlossen  ware,  sondern  so, 
daft  die  entwickelten  Seelenkrafte  ihn  zu  schauen  vermogen, 
wie  das  entwickelte  Auge  die  Farben  Blau  oder  Rot  schauen 
kann,  wahrend  das  farbenblinde  Auge  diese  Farben  nicht 
schauen  kann.  Und  sie  spricht  dann  davon,  daft  sich  die 
notwendige  Folgerung  ergibt,  dafi  der  physische  Leib  durch 
die  ihm  eigenen  Krafte  mit  dem  Tode  selbstverstandlich 
zerfallt,  weil  die  Krafte,  die  dem  physischen  Leibe  ange- 
horen,  seine  Zersetzung,  seinen  Zerfall  bewirken  und  nur 
dadurch  zusammengehalten  werden,  daft  wahrend  der  Zeit 
des  Lebens  zwischen  Geburt  und  Tod  diesem  physischen 
Leibe  der  Atherleib  oder  Lebensleib  eingegliedert  ist,  der 
als  ein  fortwahrender  Kampfer  gegen  den  Zerfall  des  phy- 
sischen Leibes  da  ist.  Erst  wenn  mit  dem  Momente  des 
Todes  die  Trennung  von  dem  Atherleibe  eintritt,  folgt  der 


physische  Leib  seinen  eigenen  Kraften,  die  aber  dann,  weil 
sie  in  ihrer  Eigenart  wirken,  seine  Zersetzung  hervorrufen. 
Den  physischen  Leib  hat  der  Mensch  gemeinschaftlich  mit 
der  ganzen  mineralischen,  unlebendigen  Welt.  Den  Ather- 
leib  hat  er  gemeinsam  mit  allem  Lebendigen,  mit  der  gan- 
zen Pflanzenwelt. 

Dabei  kann  aber  die  Geisteswissenschaft  noch  nicht  stehen- 
bleiben.  Sie  erkennt  noch  ein  drittes  Glied  der  mensch- 
lichen  Wesenheit  an,  das  so  selbstandig  ist  wie  der  physische 
Leib.  An  Ausdriicken  braucht  man  sich  dabei  nicht  zu  sto- 
len; sie  werden  noch  zur  Erklarung  kommen  und  sind 
zum  Teil  schon  erklart  worden.  Als  drittes  Glied  wird  der 
astralische  Leib  unterschieden.  Er  ist  der  eigentliche  Trager 
der  Leidenschaften,  Begierden,  Triebe,  Affekte,  also  alles 
dessen,  was  wir  unser  Seelenleben  nennen,  was  im  Innern 
verlauft.  Und  von  diesem  astralischen  Leibe  unterscheiden 
wir  in  der  Geistesforschung  dann  wieder  den  eigentlichen 
Ich-Trager.  Wahrend  der  Mensch  den  astralischen  Leib  mit 
allem  gemeinschaftlich  hat,  was  zum  Beispiel  in  der  tie- 
rischen  Welt  AfFekte,  Leidenschaften  hat  und  ein  inneres 
Vorstellungsleben  entwickeln  kann,  hat  er  als  die  Krone 
seiner  Eigenheit  den  Ich-Trager  als  das  vierte  Glied  seiner 
Wesenheit  fur  sich.  In  dem  physischen  Leib,  in  dem  Ather- 
oder  Lebensleib,  in  dem  astralischen  Leib  und  in  dem  Ich- 
Trager  liegt  zunachst  des  Menschen  Wesenheit  fiir  die 
Geistesforschung. 

Weiter  erzeugt  sich  fiir  den,  der  in  die  geistige  Welt  ein- 
zudringen  vermag,  die  Erkenntnis,  wie  sich  ein  grofier  Teil 
unserer  Lebenszustande,  denen  wir  unterworfen  sind,  von 
dem  gewohnlichen  Leben  unterscheidet,  namlich  das  Schlaf- 
leben.  Der  Schlaf  unterscheidet  sich  fiir  den  Geistesforscher 
von  dem  wachen  Leben  dadurch,  dafi  beim  schlaf enden 
Menschen  der  Ich-Trager  und  der  astralische  Leib  des  Men- 


schen  abgetrennt  werden  von  semem  Atherleib  und  phy- 
sischen  Leib.  Die  beiden  letzteren  bleiben  wahrend  des 
Schlafes  wie  ein  pflanzliches  Gebilde  im  Bette  liegen,  der 
Ich-Trager  mit  dem  Astralleib  und  mit  den  Aff ekten,  Trie- 
ben,  dem  Vorstellungsvermogen  und  so  weiter  bewegen  sicb 
dagegen  wahrend  des  Schlafes  aus  dem  physischen  Leib  und 
Atherleib  heraus  und  entfalten  in  einer  fur  sich  bestehen- 
den  geistigen  Welt  dann  ein  eigenes  Leben.  Nur  ist  fiir  den 
heutigen  normalen  Menschen,  wenn  Ich  und  Astralleib  im 
Schlafe  fiir  sich  sind,  das  gewohnliche  Leben  unmoglich, 
weil  dieser  Astralleib  und  das  Ich  keine  Organe  haben,  urn 
die  Umwelt  wahrzunehmen,  nicht  Augen  und  Ohren  haben 
wie  der  physische  Leib.  So  ist  es  unmoglich,  dafi  Astralleib 
und  Ich  die  Welt  wahrnehmen,  in  der  sie  dann  sind. 

Darin  besteht  gerade  die  hohere  Entwickelung  der  Seele, 
da£  Astralleib  und  Ich  f ahig  werden,  Organe  auszubilden, 
um  ihre  Umgebung  wahrzunehmen,  und  dafi  dadurch  fiir 
den  Geistesforscher  ein  Zustand  eintreten  kann,  in  welchem 
er  die  geistige  Welt  wahrnimmt;  so  dafi  er  dann  aufier  dem 
Wachzustand  und  dem  Schlafzustand  noch  einen  wachen 
Schlafzustand  hat,  wenn  wir  ihn  so  nennen  diirfen,  der 
gerade  der jenige  Zustand  ist,  in  welchem  der  Geistesforscher 
die  geistige  Welt  wahrnehmen  kann,  welcher  der  Mensch 
seinem  eigentlichen  Ursprunge  nach  angehort.  So  versucht 
die  Geisteswissenschaft  aus  den  geistigen  Tatsachen  heraus 
den  Obergang  des  Menschen  zwischen  je  vierundzwanzig 
Stunden  in  Wachen  und  Schlafen  zu  erklaren. 

Das  Weitere  fiir  die  Geisteswissenschaft  ist,  dafi  sie  an 
das  grofie  Ratsel  von  Tod  und  Leben  herantritt,  das  heifit 
mit  anderen  Worten  an  die  Frage,  die  das  Menschenherz 
so  bewegt:  an  die  Frage  nach  der  Unsterblichkeit  des  Men- 
schen. Da  kommt  die  Geisteswissenschaft  dazu,  dafi  das 
eigentliche  geistige  Wesen  des  Menschen  nicht  etwa  nur 


ein  Ergebnis  seiner  physischen  Organisation  ist,  sondern 
eine  selbstandige,  einer  geistigen  Welt  angehorende  Ein- 
heit  und  Wesenheit,  welche  sich  den  physischen  Leib  auf- 
baut,  welche  vor  der  Geburt,  ja,  vor  der  Empfangnis  exi- 
stiert  und  von  dem  ersten  Momente,  wo  der  Mensch  als 
Keimzelle  ins  Dasein  tritt,  an  seinem  Organismus  aufbauend 
wirkt.  Es  ist  dies  mit  anderen  Worten  das  Geistig-Seelische, 
das  eigentlich  Tatige  und  Aufbauende,  das  den  Menschen 
durch  sein  Leben  hindurch  organisiert,  das  nur  die  Friichte 
seiner  Lebenserfahnmgen  durch  das  Tor  des  Todes  hin- 
durchtragt  und  das  mit  dem  Tode  in  eine  geistige  Welt 
iibergeht,  um  dann  weitere  Erlebnisse  zu  haben,  und  das 
sich  dann  einen  neuen  physischen  Leib  fur  ein  weiteres 
Leben  organisiert,  um  ein  neues  Leben  durchzumachen  und 
den  Zyklus  zu  wiederholen. 

Die  Geisteswissenschaft  spricht  mit  anderen  Worten  von 
wiederholten  Erdenleben,  spricht  von  wiederholten  Erden- 
leben  so,  dafi  wir  von  unserer  gegenwartigen  Verkorperung 
innerhalb  des  Sinnendaseins  zuruckblicken  zu  anderen  Ver- 
korperungen  in  der  Vergangenheit,  aber  audi  in  die  Zu- 
kunfl:  blicken  zu  spateren  Verleiblichungen  unserer  Wesen- 
heit.  So  dafi  wir  das  Gesamtleben  des  Menschen  teilen  in 
ein  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  und  in  ein  anderes, 
welches  fur  die  Sinne  und  fur  den  Verstand  rein  geistig 
verlauft  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten  Geburt.  Aber 
nicht  in  einer  ewig  wiederkehrenden  Art  stellt  sich  die  Gei- 
steswissenschaft dies  vor,  sondern  so,  dafi  sie  in  diesen  Wie- 
derholungen  nur  Zwischenzustande  anerkennt,  das  Gesamt- 
leben des  Menschen  aber  auf  ein  ursprungliches  Geistiges 
zuriickfiihrt,  welches  allem  Leben,  vor  allem  unserem  Pla- 
neten,  vorangegangen  ist;  so  dalS  die  Erdenleben  einmal 
einen  Anfang  genommen  haben,  als  der  Mensch  aus  einem 
rein  geistigen  Dasein  heraustrat,  und  da$,  nachdem  sich 


einst  die  Bedingungen  erfiillt  haben  werden,  der  Mensch 
wieder  in  rein  geistigeZustande  eintreten  wird,  welche  in  sich 
die  Friicbte  alles  dessen  enthalten  werden,  was  der  Mensch 
durch  die  verschiedenen  Erdenleben  durchgemacht  hat. 

Das  ist  allerdings  nur  ein  Umrifi,  der  in  den  kommen- 
den  Vortragen  mit  einzelnen  Farben  ausgefiillt  werden 
soil,  der  aber  zeigen  kann,  zu  welchen  Ergebnissen  eine 
geisteswissenschaftliche  Forschung  kommt.  Wenn  wir  uns 
dieses  ganze  Tableau  vor  Augen  stellen,  dann  muli  man 
allerdings  sagen,  fiir  einen  grofien  Teil  der  denkenden 
Menschheit  unserer  Tage  wird  dieses  Bild  nicht  nur  etwas 
Unverstandliches,  Unbeweisbares,  sondern  vielleicht  sogar 
etwas  Verletzendes  haben,  etwas  sogar,  was  Ironie,  Hohn 
und  Spott  herausf ordern  kann,  Schon  wenn  von  dem  Wesen 
der  Geistes  wissenschafl  gesprochen  wird,  mulS  der  Mensch, 
der  alles  fiir  ihn  Wichtige  heute  auf  den  rechten  Boden  der 
Wissenschaffc  beziehen  will,  gewichtige  Einwande  machen. 
Der  Mensch,  der  auf  diesem  Boden  der  Wissenschafl  stent, 
mufi  sich  sagen:  Was  bedeuten  einer  solchen  Vorbringung 
gegeniiber  alle  die  grofien,  nicht  nur  einzelnen  Errungen- 
schaften  der  Wissenschafl,  sondern  was  bedeuten  denn  die 
wissenschaftlichen  Methoden,  was  bedeutet  gegeniiber  der 
Geistesforschung  der  Ernst,  die  Wiirde,  die  Exaktheit,  was 
bedeuten  alle  die  Anstrengungen,  welche  die  Wissenschafl 
in  den  letzten  Jahrhunderten  und  Jahrzehnten  gemacht 
hat,  um  zu  einer  Sicherheit,  zu  einer  objektiven  Sicherheit 
zu  kornmen?  Es  will  die  Geistesforschung  selbstverstandlich 
nicht  etwa  gegen  die  Wissenschafl  arbeiten,  das  ist  ofl 
betont  worden,  sondern  im  vollen  Einklange  mit  der  Wissen- 
schafl stehen.  Daher  mufi  sie  sich  bewufit  sein,  was  die 
Wissenschafl  gegen  sie  einzuwenden  hat,  nicht  nur  von 
ihrem  Inhalte  aus,  sondern  namentlich  von  ihrem  Ernste 
und  ihren  Errungenschaflen  der  letzten  Jahrhunderte  aus. 


Da  kann  man  mit  Recht  sagen,  es  werde  von  der  Geistes- 
wissenschaft  darauf  hingewiesen,  dafi  diese  Quellen  der 
Geistesforschung  in  einer  gewissen  Entwickelung  der  Seele 
liegen,  indem  die  Seele  gewisse  innere  Vorstellungs-,  Emp- 
findungs-  und  Willensprozesse  durchmacht,  das  durchmacht, 
was  man  Meditation  nennt,  so  dafi  sie  dadurch  innere  Er- 
lebnisse  hat,  die  naturlich  rein  beschrankt  sind  auf  die 
eigene  Seele,  die  kein  anderer  kontrollieren  kann,  als  der 
sie  selber  erlebt,  und  dann  wird  so  etwas  durch  nichts  zu 
Kontrollierendes  als  wissenschaftliches  Resultat  iiber  die 
geistigen  Welten  hingestellt.  Wo  bleibt,  kann  die  Wissen- 
schaft  sagen,  das,  was  gerade  die  schonste  Errungenschaft 
dieser  Wissenschaft  ist,  dafi  sie  durch  die  Forschungen  der 
letzten  Jahrhunderte  nur  das  gelten  lafit,  was  von  jedem 
Menschen  objektiv  und  iiberall  und  zu  jeder  Zeit  kontrol- 
liert  werden  kann?  Das  aufiere  Experiment,  die  aufieren 
Beobachtungen  haben  die  Eigentiimlichkeit,  dafi  jeder  an 
sie  herangehen  kann.  Nicht  so  dasjenige,  was  im  Innern 
errungen  und  erkampft  wird.  Wenn  man  auf  Menschen 
hinblickt,  die  so  in  ihrem  Innern  erleben,  zeigt  sich  denn 
dann  nicht  an  der  grofien  Mannigfaltigkeit  dessen,  was  sie 
fortwahrend  an  "Widerspruchsvollem  zum  Ausdruck  brin- 
gen,  das  ganz  Unsichere,  wie  wenig  die  Erlebnisse  iiber- 
einstimmen,  die  durch  ein  mystisch  vertieftes  Bewufitsein 
gegeben  werden?  Wie  miissen  dagegen  die  Forschungen 
ubereinstimmen,  welche  die  einzelnen  Forscher  in  der  Kli- 
nik,  im  Laboratorium  und  so  weiter  machen!  Man  wird 
darauf  hinweisen,  dafi  dies  gar  nicht  anders  sein  konnte, 
so  dafi  also  das,  was  der  Mensch  subjektiv  erlebt,  sich  da- 
durch  als  unwissenschaftlich  zeigt,  und  dies  besonders  auch 
deshalb,  weil  es  durch  keinen  anderen  kontrolliert  werden 
kann,  da  der  andere  nicht  hineinschauen  kann  in  die  Seele 
des  betreffenden  Geistesforschers. 


Haben  nicht  diese  Erlebnisse  der  Seele,  kann  man  sagen, 
eine  voile  Ahnlichkeit  mit  alledem,  was  nachweislich  aus 
irgendwelchen  krankhaffcen  Zustanden,  aus  Obertreibungen 
der  Seele,  in  der  Ekstase  und  so  weiter,  in  der  Seele  erlebt 
wird?  Wenn  der  Geistesforscher  einwendet,  dafi  er  ja  nicht 
gewillt  ist,  jede  beliebige  Vision,  die  in  der  Seele  auftritt, 
als  Forschungsergebnis  gelten  zu  lassen,  sondern  dafi  er  nach 
bestimmten  Methoden  vorgeht,  dann  kann  man  doch  ein- 
wenden,  und  dieser  Einwand  erscheint  durchaus  berechtigt: 
Ja,  zeigt  es  sich  denn  nicht  bei  allem,  was  die  Menschen 
durch  Visionen,  Halluzinationen  und  so  weiter  erleben, 
dafi  solche  Menschen,  wenn  sie  derartigen  Seelenzustanden 
ausgesetzt  sind,  einen  viel  grofieren  Glauben  an  ihre  fixen 
Ideen,  an  ihre  Halluzinationen  und  Visionen  entwickeln 
als  an  das,  was  ihnen  aufterlich  die  Sinne  geben  oder  was 
ihnen  der  Verstand  aufdrangt?  Wenn  man  auf  den  starren 
und  unbeugsamen  Glauben  der  Illusionisten  hinblickt,  so  mufi 
man  bedenklich  werden  gegeniiber  dem,  was  der  Geistesfor- 
scher aus  den  Tiefen  seiner  Seele  heraufholen  will  als  etwas, 
was  nicht  eine  Illusion  ist,  was  einen  objektiven  Bestand  in 
der  geistigenWelt  haben  soil.  Es  kann,sokonnte  man  sagen, 
so  etwas  sein,  was  einen  objektiven  Bestand  in  der  geistigen 
Welt  hat,  aber  gegen  die  Gultigkeit  eines  solchen  Seelen- 
Experimentes  mufi  gesagt  werden,  dafi  der  Illusionist  zu 
seinen  Wahnideen  ein  ebensolches  Vertrauen  hat  wie  der 
Geistesforscher  zu  seinen  Forschungsresultaten,  die  er  dem 
verdankt,  was  aus  den  Tiefen  der  Seele  heraufkommt. 

Nur  wer  die  Entwickelung  der  objektiven  Forschung,  der, 
wie  man  sagen  kann,  gesunden  Wissenschaft  der  letzten 
Jahrhunderte  und  Jahrzehnte  nicht  mitgemacht  hat,  kann 
etwa  mit  einem  Lacheln  iiber  einen  solchen  Einwand  hin- 
weggehen.  Er  ist  gewichtiger,  als  man  gewohnlich  meint, 
bei  denen  meint,  die  aus  einer  einseitigen  Richtung  zu  ihren 


geisteswissenschaftlichen  Resultaten  kommen.  Es  muiS  ge- 
sagt  werden,  zum  Beispiel  mit  Bezug  auf  das,  was  in  meinem 
Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wel- 
ten?»  mitgeteilt  ist,  wo  gewisse  Angaben  fur  die  einzelne 
Seele  gemacht  sind,  dafi  die  Seele,  wenn  sie  sich  bei  einem 
solchen  Erleben  ganz  sich  selber  iiberlalk,  nirgends  einen 
Anhaltspunkt  hat,  der  sie  kontrolliert.  Das  alles  bezeugt, 
dafi  man  sich  in  der  ernstesten  Weise  mit  einem  solchen,  fur 
einen  oberflachlichen  Geistesforscher  sogar  trivial  erschei- 
nenden  Einwand  auseinandersetzen  mufi.  Es  wird  so  viel 
uber  die  Natur  der,  wie  man  sagen  kann,  unwahren  Vor- 
stellungen  vorgebracht,  da£  das  dagegen  Vorgebrachte  sich 
auch  auf  die  Geisteswissenschafl;  anwenden  lafit,  indem  man 
sagt:  Alles,  was  ihr  da  vorbringt  als  Methoden,  um  die 
Seele  auszubilden,  braucht  nichts  anderes  zu  sein  als  nur 
ein  raffinierteres  Illusions-  und  Halluzinations-Vermogen. 

Dann  aber  nimmt  sich  besonders  die  Geisteswissenschafl; 
deplaciert  aus  gegeniiber  der  ernsten,  kontrollierbaren  Wis- 
senschaft,  wenn  sie  auf  die  einzelnen  Ergebnisse  hinweist. 
Da  konnte  der  gewissenhafte  Wahrheitsucher  der  Gegen- 
wart,  der  mit  der  Entwicklung  der  letzten  Jahre  bekannt- 
geworden  ist,  sagen:  Wifk  ihr  denn  nichts  von  alledem,  was 
vorgegangen  ist?  Da  sprecht  ihr  von  einem  Atherleib  oder 
Lebensleib,  der  gegeniiber  dem  physischen  Leibe  ein  selb- 
standiges  Dasein  haben  soli.  Wifit  ihr  denn  nichts  davon, 
dafi  bis  ins  neunzehnte  Jahrhundert  herein  das  gespukt  hat, 
was  man  Lebenskraft  nannte,  und  dafi  durch  ernste  wissen- 
schaflliche  Anstrengungen  der  Glaube  an  diese  Lebenskraft 
endlich  beseitigt  worden  ist?  Wifit  ihr  denn  nichts  von  der 
folgenden  Tatsache:  Man  hat  in  fruheren  Jahrhunderten 
gesagt,  zwischen  den  einzelnen  chemischen  StoflFen  spiele  sich 
in  der  leblosen  Natur  draufien  ein  chemischer  Prozefi  ab. 
Wenn  aber  dieser  selbe  Zusammenhang  von  StofFen  in  den 


menschlichen  Organismus  eintrete,  so  bemachtige  sich  seiner 
die  sogenannte  Lebenskraft;  da  wurde  unter  den  einzelnen 
Stoffen  nicht  das  vor  sidi  gehen,  was  wir  in  der  Chemie 
und  Physik  lernen,  sondern  es  wirkten  da  die  einzelnen 
Stoffe  unter  dem  Einflusse  der  Lebenskraft  aufeinander  ein. 
Ein  grower  Fortscbritt  war  es,  dafi  diese  Lebenskraft  tiber 
Bord  geworfen  worden  ist,  dafi  man  versucbt  hat,  zu  sagen: 
Diese  Lebenskraft  hilft  gar  nichts,  sondern  man  mufi  so  zu 
Werke  gehen,  dafi  das,  was  man  in  der  unlebendigen  Welt 
erforschen  kann,  im  lebendigen  Organismus  weiter  ver- 
folgt  werden  mufi,  dafi  man  nur  die  kompliziertere  Art, 
wie  dort  die  Stoffe  zusammenwirken,  berucksichtigen  miisse 
und  dafi  man  sich  nicht  auf  das  Faulbett  der  Lebenskraft 
zu  werfen  habe. 

Gerade  als  ein  solches  «Faulbett  der  Wissenschaft»  wurde 
die  Lebenskraft  beseitigt,  indem  man  zeigte,  wie  die  Wirk- 
samkeit  gewisser  Stoffe,  die  man  sich  friiher  nur  unter  dem 
Einflusse  der  Lebenskraft  denken  konnte,  audi  im  Labo- 
ratorium  zustande  kommt.  Und  weil  es  noch  nicht  aller 
Tage  Abend  ist,  so  miisse  sich  die  Wissenschaft  doch  jenes 
hohe  Ideal  stellen,  auch  jene  Zusammensetzung  der  Stoffe 
ins  Auge  zu  fassen,  wie  sie  in  der  Zelle  der  Pflanze  vorhan- 
den  ist,  und  diirfe  sich  nicht  auf  das  Faulbett  einer  Lebens- 
kraft legen,  wenn  es  darauf  ankommt,  zu  untersuchen,  wie 
die  Stoffe  und  Krafte  im  Organismus  wirken. 

Solange  man  nicht  imstande  war,  gewisse  Stoffzu- 
sammensetzungen  im  Laboratorium  zu  erzeugen,  war  es 
berechtigt,  zu  sagen,  sie  kamen  nur  zustande,  wenn  die 
einzelnen  Stoffe  durch  die  Lebenskraft  eingefangen  wer- 
den. Seit  es  aber  gelungen  ist  -  besonders  durch  Liebig 
und  Wobler  -,  nachdem  man  an  die  Lebenskraft  nicht  mehr 
glaubt,  gewisse  Stoffe  ohne  die  Lebenskraft  darzustellen, 
seitdem  mufi  gesagt  werden,  dafi  auch  die  komplizierteren 


Zusammenfugungen  im  menschlichen  Organismus  die  Zu- 
hilfenahme  einer  besonderen  Lebenskraft  nicht  mehr  notig 
haben.  So  trat  im  Lauf e  des  neunzehnten  Jahrhunderts  vor 
die  Wissenschaft  das  hohe  Ideal,  das  die  meisten  Forsdier 
festhalten,  selbst  wenn  es  audi  «Neo-Vitalisten»  gibt,  das 
Ideal,  das  sich  erfullen  wird:  solche  StofTzusammenhange, 
wie  sie  sich  im  lebendigen  Organismus  zusammenfiigen,  zu 
erkennen  und  ohne  die  Zuhilfenahme  einer  nebulosen,  my- 
stischen  Lebenskraft  herzustellen,  die,  wie  die  ernste  wissen- 
schaftliche  Forschung  des  neunzehnten  Jahrhunderts  immer 
behauptet  hat,  gar  nichts  niitzt,  weil  sie  gar  nichts  beitragt 
zur  objektiven  Erkenntnis  der  Natur. 

Wer  diese  Tatsachen  erkennt  und  vor  allem  den  Ernst 
und  die  Wiirde  ins  Auge  fafit,  die  dieser  Entwickelung  der 
Wissenschaft  zugrunde  liegen,  der  darf  wohl  einwenden: 
1st  es  erhort,  dafi  nun  eine  Anzahl  von  Menschen  als  so- 
genannte  Geistesforscher  auf treten,  die  in  Form  ihres  Ather- 
leibes  oder  Lebensleibes  die  alte  Lebenskraft  wieder  auf- 
warmen?  1st  es  nicht  ein  Zeichen  eines  wissenschaftlichen 
Dilettantismus?  Sie  mogen  «glauben»,  sie,  die  nichts  von 
dem  Ideal  der  Wissenschaft  wissen;  der  wissenschaftliche 
Forscher  selber  aber  kann  nicht  von  dem  ergrifFen  werden, 
was  ja  doch  nur  als  eine  Aufwarmung  der  Lebenskraft 
erscheinen  kann.  So  arbeitet  die  Geisteswissenschaft,  kann 
man  sagen,  dilettantisch  mit  Aufierachtlassung  alles  dessen, 
was  gerade  zu  den  schonsten  Idealen  der  modernen  Wissen- 
schaft gehort,  und  sie  benutzt  nur  den  Umstand,  dafi  es 
heute  der  Wissenschaft  noch  nicht  gelungen  ist,  gewisse 
Stoffe,  die  im  lebendigen  Organismus  anzutreffen  sind,  auch 
im  Laboratorium  herzustellen,  um  einstweilen  behaupten 
zu  konnen,  es  sei  zur  Erzeugung  des  Lebens  ein  besonderer 
Atherleib  oder  Lebensleib  notig.  Man  kann  sagen,  die  fort- 
schreitende  Wissenschaft  werde  dem  Menschen  diesen  Ather- 


leib  oder  Lebensleib  schon  austreiben.  Solange  es  der  Wis- 
senschaft in  ihrem  Schreiten  von  Triumph  zu  Triumph  noch 
nidit  gelungen  ist,  zu  zeigen,  dafi  kein  Atherleib  da  ist  und 
dafi  die  Zusammenfugung  der  StofFe  des  lebendigen  Orga- 
nismus  audi  in  der  Retorte  erzeugt  werden  kann,  solange 
mogen  die  Theosophen  oder  Geistesforscher  Staat  machen 
mit  dem  Atherleib,  der  doch  nur  eine  Aufwarmung  der 
alten  Lebenskraft  ist!  -  So  konnte  dieser  Vorwurf  erhoben 
werden  zunachst  als  eine  Tatsache  des  Dilettantismus. 

Wenn  nun  gar  die  Geisteswissenschaft  von  dem  Schlaf- 
leben  sagt:  AfTekte,  Triebe,  Begierden  des  Menschen  seien 
an  einen  besonderen  Astralleib  gebunden,  und  dieser  trete, 
wenn  der  Sdilaf  den  Menschen  iibermannt,  aus  dem  Ather- 
leib und  physischen  Leib  heraus  und  fiihre  ein  eigenes 
Dasein,  so  kann  man  sagen:  Es  ist  sehr  leicht,  von  einem 
inneren  Seelenleben  zu  sprechen,  wenn  man  sich  die  Sache 
einfach  macht,  indem  man  dieses  innere  Seelenleben  nicht 
mit  alien  Schwierigkeiten  und  Ratseln  hinnimmt,  welche 
sich  der  Wissenschaft  bieten,  sondern  wenn  man  sagt:  Da 
ist  ein  Astralleib,  und  daran  ist  das  gebunden,  was  sich  im 
Innern  abspielt.  -  Da  kann  man  wieder  mit  den  Fort- 
schritten  der  Wissenschaft  kommen  und  sagen:  Was  be- 
deuten  denn  da  die  grofien  Fortschritte,  welche  besonders 
in  den  letzten  Jahrzehnten  gemacht  worden  sind,  um  eine 
Erscheinung  wie  das  Schlafleben  oder  das  Traumleben  rein 
naturwissenschaftlich  zu  erklaren?  -  Es  wiirde  lange  dauern, 
wenn  ich  Ihnen  alle  die  Anstrengungen  der  Wissenschaft 
vorfuhren  wollte  ~  die  durchaus  mit  Ernst  und  Wiirde  zu 
nehmen  sind  -,  um  das  Schlafleben  und  Traumleben  zu 
erklaren.  Namentlich  deshalb  wiirde  es  eine  lange  Zeit  in 
Anspruch  nehmen,  weil  gerade  in  der  letzten  Zeit  eine 
grofie  Anzahl  von  Forschungen  zutage  getreten  sind,  die 
durchaus  diskussionsmoglich  sind. 


Es  geniigt,  einen  Gesichtspunkt  ins  Auge  zu  fassen,  der 
zeigen  kann,  wie  schwer  es  dem  ernsten  Wahrheitsforscher 
der  Gegenwart  wird,  sich  zu  dem  zu  bekennen,  was  zunachst 
nur  wie  eine  Behauptung  erscheinen  kann:  das  Ich  und  der 
Astralleib  des  Menschen  ziehen  sich  mit  dem  Einschlafen 
aus  dem  physischen  Leib  und  Atherleib  zuriick. 

Wenn  wir,  eine  grofte  Anzahl  von  verschiedenen  Hypo- 
thesen  und  Aufstellungen  iiber  das  Schlafleben  zusammen- 
fassend,  gleich  eine  Pauschalerklarung  dieses  Schlaflebens 
nehmen,  so  ist  es  die  folgende:  Es  wird  gesagt,  daft  man 
zur  Erklarung  des  Schlaflebens  durchaus  nichts  anderes 
brauche  als  ein  unbefangenes  Hinblicken  auf  die  Erschei- 
nungen  des  menschlichen  oder  tierischen  Organismus.  Es 
zeige  sich,  daft  das  wache  Leben  darin  bestehe,  daft  die 
Erscheinungen  der  Umwelt  auf  die  Sinnesorgane  Eindruck 
machen,  daft  sie  auf  das  Gehirn  Reize  ausiiben.  Den  ganzen 
Tag  hindurch  iiben  sie  solche  Reize  aus.  Wie  wirken  sie  auf 
das  Gehirn  und  Nervensystem  des  Menschen?  Sie  wirken 
so,  daft  sie  die  Substanz,  aus  der  das  Nervensystem  besteht, 
zerstoren.  Den  ganzen  Tag  hindurch  -  sagt  die  moderne 
Naturwissenschaft.  -  haben  wir  es  damit  zu  tun,  daft  die 
aufteren  Farben,  Tone  und  so  weiter  auf  unsere  Seele,  das 
heiftt  auf  unser  Gehirnleben,  eindringen.  Dadurch  werden 
Dissimilationsprozesse  hervorgerufen,  das  heiftt  Zersto- 
rungsprozesse.  Es  lagern  sich  bestimmte  Produkte  ab. 

Der  Mensch  ist,  solange  diese  Prozesse  stattfinden,  nicht 
in  der  Lage,  den  umgekehrten  Prozeft,  den  des  Wieder- 
aufbauens  seines  Organismus,  zu  bewirken.  Daher  wird 
jedesmal,  nachdem  wir  aufwachen,  das  innere  Seelenleben 
in  gewisser  Beziehung  zerstort,  so  daft  wir,  bis  wir  mude 
geworden  sind,  dazu  gelangt  sind,  daft  wir  unseren  Organis- 
mus zerstort  haben  und  daft  er  kein  inneres  Seelenleben 
mehr  entwickeln  kann;  es  hort  auf.  Man  braucht  nichts 


anderes  vorauszusetzen,  als  daft  sich  durch  das  Tagesleben 
Ermiidungsstoffe  in  unserem  Organismus  ablagern.  Man 
braucht  nur  die  Auf reibung  der  organischen  Substanz  anzu- 
nehmen,  daft  die  organische  Substanz  fiir  eine  gewisse  Zeit 
nicht  mehr  imstande  ist,  ihre  inneren  Prozesse  zu  entwickeln. 
Dann  aber  wirken  die  aufteren  Reize  nicht  mehr,  und  die 
Folge  ist,  daft  der  innere  Organismus  jetzt  anfangt,  seine 
Ernahrungsprozesse  zu  entwickeln,  das  Gegenteil  von  den 
Dissimilationsprozessen,  die  Assimilationsprozesse,  daft  er 
jetzt  die  zerstorte  organische  Substanz  wiederherstellt,  und 
dadurch  wird  der  Nachtschlaf  bewirkt.  Ist  die  organische 
Substanz  wiederhergestellt,  so  ist  audi  das  innere  Seelen- 
leben  wiederhergestellt,  und  so  kann  das  wache  Leben 
wieder  neue  Reize  ausiiben,  bis  wieder  Ermiidung  eintritt. 
So  hat  man  es  dabei  mit  dem  zu  tun,  was  man  eine  Selbst- 
steuerung  des  Organismus  nennt. 

Darf  man  nicht  zugeben,  daft  der  gewissenhafte  Wahr- 
heitsforscher,  der  mit  den  Ergebnissen  der  heutigen  Wissen- 
schaflbekannt  ist,  sagen  muft :  Wenn  so  durch  Selbststeuerung 
des  Organismus  das  Wachleben  und  Schlaf leben  in  ihrem 
Wechsel  ganz  gut  erklarbar  sind,  dann  ist  es  nicht  nur  iiber- 
fliissig,  sondern  direkt  schadlich,  wenn  ihr  den  Fortschritt 
einer  solchen  menschlichen  Wissenschaft  dadurch  beeintrach- 
tigt,  daft  ihr  sagt,  nicht  eine  Selbststeuerung  liege  vor,  son- 
dern weil  der  Mensch  selbstandig  ist,  trete  etwas  aus  dem 
Organismus  heraus.  Da  es  durch  den  Organismus  ganz  allein 
erklarbar  ist,  daft  der  Wechsel  von  Schlaf  und  Wachen  zu- 
standekommt,  so  ist  es  unnotig  und  schadlich,  anzunehmen, 
daft  das  Bewufttsein  etwas  Besonderes  sei  und  aus  dem  Or- 
ganismus heraustrete,  umwahrendderNacht  ein  besonderes 
Leben  zu  entwickeln. -Wieder  kann  man  darauf  hinweisen, 
daft  auf  sei  ten  der  Geisteswissenschaft  ein  furchtbarerDilet- 
tantismus  vorliegt,  an  den  nur  solche  glauben,  die  den  Weg 


der  Wissenschaft  selbst  nicht  kennen,  urn  den  Organismus 
aus  sich  selbst  zu  erklaren. 

Wenn  von  Selbstandigkeit  des  Geisteslebens  gesprochen 
wird,  wenn  davon  gesprochen  wird,  was  ja  plausibel  er- 
scheint,  dafi  das  Geistesleben  selbstandig  sei,  da£  wir  den 
menschlichen  Organismus  als  physischen  durch  unsere  Sinne 
vor  uns  haben  und  durch  die  Methoden  der  Wissenschaft 
erforschen,  wie  die  physischen  Vorgange  verlaufen,  wah- 
rend  dann  aber  doch  noch  das  Geistige  da  ist,  so  ist  das 
etwas,  was  oft  betont  worden  ist,  zum  Beispiel  von  Du 
Bois-Reymond  und  audi  von  anderen,  die  sich  nicht  ohne 
weiteres  zum  Materialismus  bekennen.  Denn  man  nehme 
beispielsweise  irgendeineGehirnvorstellung:  wenn  man  sich 
das  menschliche  Gehirn  so  vergrofiert  dachte-das  hat  schon 
Leibniz  gesagt  dafi  man  darin  spazierengehen  konnte, 
so  wiirde  man  darin  nur  materielle  Prozesse  sehen.  Das 
geistige  Leben  sei  aber  noch  etwas  Besonderes,  und  das  be- 
zeuge,  dafi  man  es  doch  mit  einem  von  den  Vorgangen  des 
physischen  Lebens  abgesonderten  Geistesleben  zu  tun  habe. 
Wenn  das  berechtigt  sei,  so  zeige  dies  doch  das,  was  zum 
Beispiel  Benedikt  sagt:  Die  Tatsache  des  Bewufitseins  ist  im 
Grunde  genommen  von  keiner  anderen  Ordnung,  als  die 
Tatsache  der  Wirkung  der  Schwerkraft  in  Verbindung  mit 
der  Materie.  Denn  wir  sehen  die  physische  Materie  zum 
Beispiel  eines  Weltenkorpers.  Diese  iibt  nach  Annahme  der 
physischen  Wissenschaft  Schwerkraft  aus,  und  da  ist  etwas, 
was  angezogen  wird,  zum  Beispiel  von  der  Sonne.  Bei  sol- 
chen  Wirkungen  zwischen  Sonne  und  Erde  oder  Mond 
sprach  man  dann  fruher  von  etwas  Dbersinnlichem.  Aber 
das  ist  nur  so,  wie  wenn  wir  ein  Stuck  weiches  Eisen  haben 
und  aufier  ihm  die  elektrische  Kraft  oder  den  Magnetismus. 
Und  wenn  wir  das  Gehirn  vor  uns  haben  und  in  ihm 
zusammengedrangt  Vorstellungen,  Leidenschaften,  Affekte 


und  so  weiter,  so  ist  das  ebenso  wie  die  Tatsache,  dafi  um 
die  materielle  Erde  die  Schwerkraft  und  andere  Krafte  wal- 
ten.  Warum  sollte  es  also  von  einer  anderen  Wirkung  her 
sein,  wenn  um  das  Gehirn  herum  Prozesse  spielen,  die  eben- 
so auf  treten  wie  die  Schwerkraftprozesse  um  die  materielle 
Erde  herum?  Die  Erde  in  Verbindung  mit  der  Schwerkraft 
und  dem  anderen,  was  unsichtbar  um  sie  waltet,  ist  nichts 
anderes,  als  was  um  das  Gehirn  als  Affekte,  Vorstellungen 
und  andere  Vorgange  waltet.  Wie  hat  man  da  ein  Recht, 
so  konnte  gefragt  werden,  von  einer  Selbstandigkeit  des 
Geisteslebens  zu  sprechen,  wenn  man  sich  kein  Recht  zu- 
schreibt,  davon  zu  sprechen,  dafi  die  Schwerkraft  audi  dann 
ausgeiibt  werde,  wenn  kein  anziehender  Korper  vorhanden 
ist?  -  Und  man  kann  weiter  sagen:  Wie  man  kein  Recht 
habe,  in  solchem  Falle  im  freien  Weltenraume  von  einem 
die  Schwerkraft  entwickelnden  Weltenkorper  zu  sprechen, 
so  habe  man  kein  Recht,  von  einem  besonderen  Seelischen 
zu  sprechen,  das  nicht  an  materielles  Dasein  bei  einem  Ge- 
hirn gebunden  sei. 

Dafi  nicht  mit  einem  unwissenschaftlichen  Fanatismus 
iiber  solche  Dinge  hinweggegangen  werden  darf,  das  sollte 
jedem  erristen  Geistesf  orscher  klar  sein. 

Wenn  sich  nun  schon  gewichtige  Einwande  erheben  gegen 
die  geisteswissenschaftliche  Annahme  iiber  das  Schlaf-  und 
Wachleben,  gegen  die  Selbstandigkeit  des  Bewufitseins  uber- 
haupt,  wie  kann  dann  der,  welcher  mit  den  wissenschaft- 
lichen  Methoden  der  Gegenwart  Ernst  macht,  sich  irgend- 
wie  in  Ubereinstimmung  versetzen  mit  dem,  was  von  der 
Geisteswissenschaft  iiber  die  wiederholten  Erdenleben  ge- 
sagt  wird,  uber  ein  Vorhandensein  eines  menschlichen  We- 
senskernes,  der  uber  den  Tod  hinaus  ein  Dasein  fiihrt,  der 
Erlebnisse  durchmacht  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tode  und 
einer  neuen  Geburt  und  dann  in  einem  neuen,  nachsten 


physischen  Erdenleben  wiedererscheint!  Hier  wird  nicht 
nur  ein  Einwand  gemacht  von  denen,  die  auf  naturwissen- 
schaftliche  Tatsachen  bauen,  sondern  auch  von  denen,  die 
heute  selber  Geisteswissenschaftler  in  vieler  Beziehung  sein 
wollen:  von  den  Psychologen,  von  den  Seelenforschern  der 
Gegenwart.  Es  wird  gefragt:  Was  ist  denn  das  notwendige 
Kennzeichen  dafiir,  dafi  der  Bestand  der  menschlichen  We- 
senheit  verbleibt?  Dies  kann  der  Seelenforscher  der  Gegen- 
wart in  nichts  anderem  als  darin  finden,  dafi  das  mensch- 
liche  Bewufitsein  gedachtnismafiig  von  seinen  Zustanden 
weifi,  die  es  wahrend  des  Lebens  durchgemacht  hat.  Fort- 
dauer,  Kontinuitat  des  Bewufitseins  ist  das,  was  der  Psy- 
chologe  der  Gegenwart  besonders  ins  Auge  fafit.  Er  kann 
sich  nicht  auf  das  einlassen,  was  nicht  in  das  Bewufksein 
der  menschlichen  Personlichkeit  hereinf allt,  und  er  wird  sich 
immer  darauf  berufen  miissen,  dafi  der  Mensch  zwar  ein 
Gedachtnis  iiber  seine  besonderen  Zustande  in  seinem  Leben 
zwischen  Geburt  und  Tod  habe,  dafi  aber  nichts  Analoges 
gezeigt  werden  konne  fur  den  Bestand  der  menschlichen 
Wesenheit,  die  aus  friiheren  Erdenleben  heriiberkame. 

Gegen  mancherlei  andere  Dinge  noch,  die  im  Verlaufe 
dieser  Vortragsreihen  vorgebracht  worden  sind,  wird  man- 
cher  ernste  Wahrheitsforscher  der  Gegenwart  etwas  ein- 
wenden  konnen.  Da  kann  gesagt  werden:  Du  kannst  zwar 
vorbringen,  gewisse  Dinge  im  Menschenleben  erscheinen  so, 
dafi  man  sie  aus  den  Vorgangen  des  einzelnen  Lebens  nicht 
erklaren  kann,  sondern  dafi  man  annehmen  mufi,  dafi  sich 
der  Mensch  gewisse  Anlagen,  Talente  und  so  weiter  durch 
die  Geburt  hindurch  mitbringt,  so  dafi  man  annehmen  kann, 
die  Seele  existiere  schon  vor  dem  Eintritt  in  das  physische 
Leben.  Aber  das  bleibt  denn  doch  alles  nur  gewagte  Hypo- 
these.  Das  bleibt  alles  gegeniiber  der  modernen  Seelen- 
forschung  insofern  ungeniigend,  als  diese  wieder  einen  Weg 


nimmt,  der  scheinbar  ganz  gewissenhaft  nach  einem  Ideale 
hinsteuert. 

Was  hier  vorliegt,  kann  man  in  folgender  Weise  charak- 
terisieren :  Wer  das  menschliche  Leben  unbef  angen  betrachtet, 
wie  es  sich  abspielt  mit  diesen  oder  jenen  Leidenschaften, 
mit  dieser  oder  jener  Gefuhlsschattierung,  mit  einer  Hin- 
neigung  zu  diesen  oder  jenen  Vorstellungen,  der  wird,  wenn 
er  sich  ohne  viel  Bedenken  auf  den  Standpunkt  der  Geistes- 
wissenschaft  stellt,  sagen:  Durch  unsere  Erziehung  haben 
wir  uns  ja  mancherlei  errungen;  aber  nicht  alles  kann  da- 
durch  erklart  werden,  sondern  wir  bringen  uns  durch  die 
Geburt  hindurch  etwas  mit,  was  aus  f riiheren  Erdendaseins- 
stufen  stammt.  -  Aber,  so  kann  der  ernste  Wissenschaftler 
entgegnen,  haben  wir  nicht  damit  einen  Anfang  gemacht, 
das  erste  Kindheitsleben  zu  erforschen,  jenes  Kindheits- 
leben,  an  das  man  sich  spater  nicht  zuriickerinnert? 

Der  moderne  Naturforscher  oder  der  Philosoph  wird 
dann  vielleicht  sagen:  Da  will  der  Geistesforscher  einen 
genialen  Menschen,  wie  zum  Beispiel  Feuerbach,  dadurch 
erklaren,  dafi  er  sich  gewisse  Krafte  aus  dem  vorhergehenden 
Leben  mitgebracht  hat  und  dadurch  in  die  Lage  gekommen 
ist,  kiinstlerisch  zu  arbeiten.  Nun  hat  man  aber  die  folgende 
Entdeckung  gemacht:  Ein  soldier  Maler  malt  mit  einer  ganz 
besonderen  Farbenstimmung,  bevorzugt  einen  bestimmten 
Gesichtsausdruck  und  so  weiter  nach  einer  ganz  bestimmten 
Richtung.  Geht  man  dem  nach,  so  findet  man,  dafi  er  in 
seinen  ersten  Kinderjahren  zum  Beispiel  in  seinem  Zimmer 
eine  Biiste  sah  und  dafi  eine  besondere  Art,  wie  das  Licht 
immer  darauf  fiel,  sich  in  die  Seele  des  Kindes  eingegraben 
hat.  Das  tritt  dann  spater  wieder  auf,  und  es  zeigt  sich 
dann,  so  kann  man  sagen,  dafi  solche  Eindrucke  tief  wirk- 
sam  und  bedeutsam  sind.  Es  ist  dadurch  moglich,  vieles  zu 
erklaren.  Die  Geisteswissenschaft  will  alles  auf  friihere 


Erdenleben  zuriickfuhren,  wahrend  man  vielleicht  durch 
eine  sorgfaltige  Beobachtung  und  Erforschung  der  ersten 
Kindheit  alles  erklaren  kann. 

Man  kann  dann  welter  hinweisen  auf  die  moderne  Na- 
turwissenschaft,  die  durch  das  biogenetische  Grundgesetz 
zeigt,  wie  der  Mensch  die  Tierformen,  von  denen  man  an- 
nimmt,  daft  sie  das  Menschengeschlecht  in  friiheren  Erden- 
zustanden  durchlaufen  habe,  wirklich  im  vorgeburtlichen 
Zustande  audi  durchmacht,  so  dafi  es  also  eine  Berech- 
tigung  habe,  dies  zu  zeigen.  Daran  ankniipfend,  kann  man 
sagen:  Wo  hat  die  Geisteswissenschafl:  auf  so  etwas  Ahn- 
liches  hinzuweisen,  dafi  sich  im  einzelnen  individuellen 
Leben  etwas  wiederholt,  was  der  Mensch  in  friiheren  Erden- 
leben durchgemacht  hat?  Das  muftte  man  fordern  konnen, 
wenn  man  als  rechtmaftiger  Wahrheitssucher  der  Gegen- 
wart  glauben  soil,  dafi  in  dieser  Beziehung  in  der  Geistes- 
wissenschafl jener  Ernst  und  jene  Wurde  angewendet  wer- 
den,  die  bei  einer  ahnlichen  Behauptung  auf  dem  Boden  der 
Naturwissenschaft  da  ist.  So  ist  es  gekommen  -  und  mit 
einem  gewissen  Recht  kann  man  sagen  — ,  dafi  der  Mensch, 
wenn  er  sich  xiber  das  menschliche  Leben,  iiber  das  tierische 
Leben  und  auch  iiber  das  planetarische  Leben,  das  uns  durch 
die  Astronomie  zuganglich  wird,  ein  wenig  naturwissen- 
schaftliche  Erkenntnisse  angeeignet  hat,  seiner  Phantasie 
dann  freien  Lauf  lassen  kann,  Schlufifolgerungen  zieht  und 
allerlei  andere  Welten  ersinnt,  die  einen  recht  starken  Ein- 
druck  von  Wirklichkeit  machen.  Gewifi,  bei  dem,  der  keine 
naturwissenschaftlichen  Erkenntnisse  hat,  wird  sich  die 
Sache  sehr  bald  in  Widerspruche  verwickeln,  und  seine  Un- 
kenntnis  wird  sich  bald  zeigen,  indem  er  alles  Mogliche 
herausprojizieren  wird,  was  mit  den  naturwissenschaft- 
lichen Ergebnissen  nicht  ubereinstimmt.  Wer  aber  die  Na- 
turwissenschaft kennt,  der  wird  zeigen,  dafi  sich  seine  Ideen 


sehr  hubsch  in  das  hineinftigen,  was  die  Naturwissenschaft 
zeigt.  Dann  wird  man  ihn  nicht  widerlegen.  Aber  wer  tritt 
in  der  Geisteswissenschaft  dafiir  ein,  so  kann  man  jetzt 
wieder  fragen,  dafi  so  etwas  nicht  unberecbtigterweise  aus 
solchen  Behauptungen  herausprojiziert  und  dann  phanta- 
stisch  ausgebildet  worden  ist?  Wer  biirgt  dafiir,  dafi  man 
sich  auf  den  Standpunkt  stellt,  dafi  nur  das  von  jedem 
Erforschbare  Geltung  haben  soli?  Daher  muftte  man  sich 
darauf  einlassen,  aus  dem  einf achen  Grunde,  weil  man  sieht, 
wie  im  neunzehnten  Jahrhundert  etwas  heraufgekommen 
ist,  das  sich  auch  in  der  modernen  Geisteswissenschaft  gel- 
tend  macht. 

Wir  haben  es  ja  erlebt,  dafi  sich  im  neunzehnten  Jahr- 
hundert im  deutschen  und  im  franzosischen  Geistesleben  die 
Dinge  geltend  gemacht  haben,  welche  die  Geisteswissen- 
schaft behauptet.  1854  ist  von  Reynctud  ein  Werk  erschienen, 
«Terre  et  ciel»,  und  von  Figuier  ein  Werk  iiber  das,  was 
mit  dem  Menschen  nach  dem  Tode  folgt.  Es  hat  zahlreiche 
Gegner  mit  naturwissenschaftlicher  Bildung  gegeben,  welche 
gesagt  haben:  Ja,  was  ist  denn  besser,  dafi  ihr  euch  auf 
Grundlage  der  Naturwissenschaft  Tatsachen  ausdenkt  iiber 
eine  Vielheit  der  menschlichen  Erdenleben,  iiber  ein  Leben 
nach  dem  Tode,  und  so  weiter,  oder  ist  es  besser,  irgend- 
eine  andere,  ebenso  ausgedachte  Hypothese  iiber  diese  Dinge 
anzunehmen? 

Wenn  solche  Einwande  gemacht  werden,  und  wenn  sie 
nicht  in  frivoler  Weise  gemacht  werden,  sondern  durchaus 
auf  dem  Boden  ernsten  Wahrheitssuchens,  dann  mufi  man 
sagen:  Es  sind  nicht  Einwande,  die  nur  aus  Widerspruchs- 
geist  entstehen,  sondern  solche,  die  sich  die  menschliche 
Seele  selbst  machen  mul5,  sich  um  so  mehr  machen  muE,  als 
man  auf  der  anderen  Seite  wieder  sieht,  wie  wenig  gewissen- 
haft  auf  seiten  derer,  die  Geisteswissenschaft  pflegen  wollen, 


oft  vorgegangen  wird,  wenn  «Beweise»  dafiir  vorgebracht 
werden,  dafi  das  menschliche  Leben  ein  individuelles  sei 
und  gesagt  wird,  dafi  man  auiRerhalb  des  individuellen  Le- 
bens  keine  Erklarung  finden  konne  fur  Erscheinungen,  wie 
es  zum  Beispiel  das  menschliche  Gewissen  und  das  Verant- 
wortlichkeitsgefiihl  sind,  wenn  man  nicht  gewisse  Anlagen 
und  Tendenzen  aus  fruheren  Erdenleben  heraus  annehmen 
wollte.  Da  sagen  manche:  Wenn  ich  mich  verantwortlich 
halte,  so  mufi  ich  mir  die  Anlage  dafiir  erworben  haben.  Da 
ich  sie  mir.  in  diesem  Leben  nicht  erworben  habe,  so  mii  es 
in  einem  fruheren  gewesen  sein. 

Es  wird  auch  gesagt,  das  menschliche  Gewissen  sei  eine 
Erscheinung,  welche  beweise,  daft  eine  innere  Stimme  in 
uns  hereinspricht,  die  wir  nicht  aus  dem  jetzigen  Leben 
ableiten  konnen,  und  deshalb  miissen  wir  sie  aus  einem 
fruheren  berleiten.  Dann  wird  auch  gesagt:  Man  sehe  sich 
die  verschiedenen  Kinder  des  gleichen  Elternpaares  an,  sie 
weisen  ganz  verschiedene  geistige  Eigenschaften  auf .  Wenn 
aber  alles  auf  dem  Wege  der  Vererbung  von  den  Eltern 
auf  die  Kinder  iibergegangen  sein  soli,  wie  kann  man  sich 
dann  solche  Verschiedenheiten  erklaren,  wie  sie  ja  selbst 
bei  Zwillingen  auftreten?  Daher  diirfe  man  schliefien  -  so 
sagen  die  Leute  dann  dafi  die  Kinder  des  gleichen  Eltern- 
paares verschiedene  Individualitaten  haben,  die  nicht  ver- 
erbt  sein  konnen,  sondern  aus  einem  fruheren  Erdenleben 
in  das  jetzige  heriibergezogen  sein  miissen. 

Da  wird  der  gewissenhafte  Wahrheitsforscher  einwen- 
den:  Berucksichtigt  ihr  denn  gar  nicht,  dafi  die  Indivi- 
dualitat  eines  Menschen,  wie  er  uns  entgegentritt,  aus  der 
Vermischung  des  vaterlichen  und  des  miitterlichen  Elementes 
entsteht,  und  dafi  daher  bei  den  einzelnen  Kindern  die 
Mischung  eine  verschiedene  sein  mufi?  Miifiten  denn  nicht 
selbst  bei  Zwillingen,  weil  eben  verschiedene  Mischungen 


da  sind,  die  Individualitaten,  wenn  man  sie  nur  aus  der 
Vererbung  erklart,  verschieden  sein? 

Ein  soldier  Einwand  ist  riicht  ein  hergesuchter,  sondern 
einer,  der  sich  aus  der  Sache  selbst  aufdrangt.  Wenn  man 
alles  beriicksichtigt,  so  findet  man  es  durchaus  verstandlich, 
daft  die,  die  immer  eine  «kontrollierbare»  Wissenschaft 
verlangen,  die  Geisteswissenschaft  nicht  aufnehmen,  weil  sie 
nicht  kontrollierbar  ist;  und  wenn  man  bedenkt,  daft  solche 
Gegner  ein  Bedeutsames  fiir  sich  haben,  so  begreift  man 
sie.  Sie  haben  das  fiir  sich,  daft  neben  dem  kritischen  Geist 
in  unserer  Zeit  noch  etwas  anderes  vorhanden  ist.  Dieser 
kritische  Geist  ist  wohl  durchaus  vorhanden,  und  wenn  die 
Geisteswissenschaft  etwas  sagt,  so  ruft  sie  ja  sofort  die  Geg- 
ner auf,  die  nicht  nur  logisch  irritiert,  sondern  auch  sittlich 
entnistet  sind,  daft  solche  Theorien  vorgebracht  werden. 
Solche  Gegner  werden  aufgerufen,  und  die  Kritik  ist  etwas, 
was  wir  iiberall  hervorsprieften  sehen.  Und  weil  sich  die 
Geisteswissenschaft  mit  ihren  Ideen  als  etwas  Schockieren- 
des  in  unsere  Zeit  hineinstellt,  so  ist  eine  solche  Kritik  durch- 
aus begreiflich. 

Aber  neben  dem  kritischen  Geist  lebt  in  unserer  Zeit  die 
Leichtglaubigkeit,  das  Nachlaufenhinter  einem  jeden,  wenn 
von  ihm  nur  etwas  aus  der  Geisteswissenschaft  behauptet 
wird.  Die  Sehnsucht,  die  Dinge  so  zu  bekommen,  daft  man 
sie  auch  einsehen  kann,  ist  bei  den  Menschen  wenig  vor- 
handen, ist  ebensowenig  vorhanden,  wie  stark  vorhanden 
ist  der  kritische  Geist  und  die  Leichtglaubigkeit.  So  sehen 
wir,  daft  durch  die  Leichtglaubigkeit,  durch  das  Auf-Au- 
toritat-Hinnehmen  eines  leichtglaubigen  Publikums,  das 
alle  moglichen  Dinge  aus  der  Geisteswissenschaft  hinnimmt, 
geradezu  demjenigen  Vorschub  geleistet  wird,  was  sich 
gegeniiber  der  wirklichen,  ernsten  Geistesforschung  jeder- 
zeit  geltend  gemacht  hat,  namlich  der  Scharlatanerie.  Es  ist 


eine  Herausforderung  zu  Sdiarlatanerie,  wenn  die  Leute 
allem  leichtglaubig  nachlaufen.  Und  es  ist  eine  grofie  Ver- 
suchung  fiir  den  Menschen,  wenn  ihm  alles  Mogliche  ge- 
glaubt  wird,  wenn  er  der  Schwierigkeit  enthoben  ist,  diese 
Dinge  wirklich  vor  dem  Forum  der  Wissenschaft,  vor  dem 
Forum  des  Zeitgeistes  zu  rechtfertigen.  Audi  in  unserer 
Zeit  ist  das,  was  hier  angef  iihrt  ist,  nur  zu  weit  verbreitet. 
Wir  sehen,  wie  die  Leichtglaubigkeit,  wie  der  krasseste 
Aberglaube  sehr  stark  grassiert.  Daher  gibt  es  wohl  kaum 
zwei  andere  Dinge  in  der  "Welt,  die  so  verschwistert  sind 
wie  Geistes wissenschaft  und  Sdiarlatanerie.  Wenn  man  die 
beiden  Wege  nicht  unterscheiden  kann,  wenn  man  alles  nur 
auf  blinden  Autoritatsglauben  hin  annimmt,  so  wie  schon 
seiner  Natur  nach  manches  auf  Autoritat  hin  angenommen 
werden  mu£,  was  ja  oft  in  der  Gegenwart  der  Fall  ist,  dann 
fordert  man  heraus,  was  mit  Recht  von  ernsten  Wahrheks- 
forschern  kritisiert  wird:  die  Sdiarlatanerie,  die  so  sehr 
mit  der  Geisteswissenschaft  verkniipft  ist.  Man  kann  es 
begreiflich  finden,  wenn  jemand,  der  nicht  in  der  Lage  ist, 
den  Scharlatan  von  dem  Geistesforscher  zu  unterscheiden, 
dann  den  Einwand  hat,  dafi  alles  Sdiarlatanerie  sein  miisse. 

Nichts  ist  schneller  gefunden  als  der  Ubergang  zu  dem, 
was  auf  moralischem  und  religiosem  Gebiete  liegt.  Wir  kon- 
nen  die  Einwande,  die  sich  fiir  dieses  Gebiet  ergeben, 
schneller  charakterisieren,  weil  sie  leichter  verstandlich  sind. 

Man  kann  sagen:  Man  sehe  hin,  wie  das,  was  intimste 
Angelegenheit  der  Menschenseele  sein  mufi,  was  der  Mensch 
fiir  sich  als  Giauben,  als  sein  subjektives  Furwahrhalten 
finden  kann,  zu  einer  scheinbaren  Wissenschaft  auf  gebauscht 
wird! -Und  einwenden kann  man  dem  Geisteswissenschaft- 
ler:  Wenn  du  das  als  deinen  Giauben  hinstellst,  so  wollen 
wir  dich  unbehelligt  lassen.  Wenn  du  aber  das,  was  du  als 
Lehre  von  den  hoheren  Welten  aufstellst,  fiir  andere  Men- 


schen  geltend  machen  wirst,  so  ist  das  gegen  die  Natur  und 
den  Charakter  dessen,  wie  sich  das  Innere  des  Menschen  zu 
den  geistigen  Welten,  zu  dem  religiosen  Leben  iiberhaupt 
verhalten  soil.  -  Will  man  dann  audi  die  Friichte  in  dieser 
Beziehung  zeigen,  so  kann  man  sagen:  Man  sehe  hin  auf 
Menschen,  welche  sich  in  geisteswissenschaftlichen  Kreisen 
zum  Beispiel  die  Idee  der  wiederholten  Erdenleben  zur 
Oberzeugung  gemacht  haben;  ihnen  kann  man  ansehen,  wie 
das,  was  moralische  Weltanschauung  ist,  gerade  durch  eine 
geisteswissenschaftliche  Weltanschauung  in  den  krassesten 
Egoismus  hineingef  iihrt  wird.  -  Und  man  kann  das,  was  sich 
aus  der  Geisteswissenschaft  ergibt,  zusammenstellen  mit 
dem  Materialismus  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  indem 
man  sagt:  Da  hat  es  zahlreiche  Menschen  gegeben,  die  mit 
ihrem  Geiste  iiber  die  blofien  materiellen  Vorgange  hinaus- 
konnten,  und  die  da  sagten:  Ich  sehe  meine  hohere  Moral 
nicht  darin,  nach  meinem  Tode  auf  eine  geistige  Welt  An- 
spruch  zu  machen,  um  von  ihr  aufgenommen  zu  werden 
und  dort  fortzuleben,  sondern  wenn  ich  etwas  Moralisches 
tue,  so  tue  ich  es  ohne  Hoff  nung  auf  eine  geistige  Welt,  weil 
es  mir  die  Pflicht  gebietet,  weil  ich  gerne  hingebe,  was  mir 
meine  eigene  Egoitat  ist. 

Viele  hat  es  gegeben,  fiir  welche  die  Unsterblichkeits- 
Moral  nur  eine  egoistische  Moral  war.  Diese  Moral  erschien 
ihnen  viel  weniger  gut  als  die,  welche  alles,  was  getan  wird, 
mit  dem  Tode  des  Menschen  ubergehen  lafit  in  das  all- 
gemeine  Weltenleben.  Demgegeniiber  stent  die  Moral  derer, 
welche  sagen,  es  hatte  keinen  Sinn,  wenn  nicht  das,  was  sie 
tun,  in  folgenden  Erdenleben  seinenAusgleich  fande.  Dieses 
Karmagesetz,  konnen  nun  die  Gegner  der  Geisteswissen- 
schaft sagen,  begiinstige  nur  den  menschlichen  Egoismus; 
ganz  abgesehen  von  solchen  Leuten,  die  vielleicht  geradezu 
sagen:  Ich  erkenne  viele  Leben  in  der  Zukunfl:  an.  Was 


brauche  ich  daher  jetzt  ein  anstandiger  Mensch  zu  werden? 
Ich  habe  viele  Leben  vor  mir,  und  wenn  ich  audi  in  der 
Gegenwart  dumm  bleibe,  gescheit  und  klug  kann  ich  in  den 
nachherigen  Leben  noch  werden.  -  So  konne  man  doch 
sagen,  dafi  die  wiederholten  Erdenleben  gerade  dazu  her- 
ausfordern,  ein  bequemes  und  lassiges  Leben  zu  fiihren. 
Das  alles  zeige  an  der  Idee  der  wiederholten  Erdenleben, 
dafi  der  Egoismus,  der  sem  Ich  erhalten  will,  von  einer 
selbstlosen  Moral  sehr  weit  entf  ernt  ist. 

Und  ein  Einwand  kann  aufgenommen  werden,  den 
Friedricb  Scblegel  gegen  die  Anschauung  von  den  wieder- 
holten Erdenleben  gemacht  hat,  wie  sie  bei  den  Indern  an- 
genommen  werden:  Die  Anschauung  von  dem  Leben  der 
Menschenwesenheit,  die  da  eile  von  Verkorperung  zu  Ver- 
korperung, fuhre  dazu,  dafi  der  Mensch  dem  tatigen,  un- 
mittelbaren  Eingreifen  indieWirklichkeit  entfremdet  wird, 
dafi  er  das  Interesse  verliere  an  allem,  worin  er  sich  ent- 
falten  soli.  -  Eine  gewisse  weltfremde  Sonderlingsart  ist  ja 
leicht  zu  bemerken  bei  denen,  die  sich  in  die  Geisteswissen- 
schaft  hineinleben.  Ein  gewisser  Geistes-Egoismus,  eine  ge- 
wisse weltfremde  Lehre  wird  dadurch  geziichtet.  Ja,  es 
zeigt  sich,  daft  solche  Menschen  sagen:  Nachdem  ich  mich 
eine  gewisse  Zeit  hindurch  mit  der  Geisteswissenschaft  be- 
schafligt  habe,  verliere  ich  das  Interesse  fiir  das,  was  mir 
fruher  lieb  war.  -  Das  ist  etwas,  was  oft  auftritt,  was  aber 
zeigt,  dafi  der  Einwand  mit  Ernst  gemacht  wird,  dafi  der 
Mensch  arbeiten  solle  in  der  Welt,  der  er  zugeteilt  ist!  Es 
ist  ein  ernster  Einwand,  dafi  die  Geisteswissenschaft  die 
Menschen  dem  unmittelbaren  starken  Wirklichkeitsleben 
nicht  entfremden,  sie  nicht  zu  Sonderlingen  machen  soli,  die 
alles  drunter  und  dniber  gehen  lassen. 

Und  nun  das  religiose  Leben!  Man  kann  sagen:  Worin 
liegt  die  schonsteBliite,  dieherrlichsteBlute  dieses  religiosen 


Lebens?  Sie  liegt  in  der  Hingabe,  in  der  selbstlosen  Hingabe 
der  menschlichen  Individuality,  kann  man  sagen,  an  ein 
aufiermenschliches  Gottliches.  Das  Sichverlieren  des  Ge- 
motes, das  sich  opfernde  Hingeben  des  Gemiites  an  das 
aufiermenschliche  Gottliche  erzeuge  die  eigentliche  religiose 
Stimmung.  Nun  kommt  aber  die  Geisteswissenschaft  und 
erklart  dem  Menschen,  dafi  ein  gottlicher  Funke  in  ihm  ist, 
der  zuerst  in  einer  geringfugigen  Weise  in  einem  Erdenleben 
zum  Ausdruck  kommt,  dann  aber  ausgebildet  wird  und  sich 
immer  mehr  und  mehr  vervollkommnet,  so  dafi  der  Gott 
im  Menschen  immer  starker  und  starker  werde.  Das  ist 
Selbstvergottung  statt  selbstloser  Hingabe  an  die  aufier- 
menschliche  Gottlichkeit. 

Ja,  man  kann  mit  einem  gewissen  Recht  einwenden, 
wenn  man  es  mit  der  religiosen  Anschauung  ernst  nimmt, 
da$  durch  dieses  Sichhineinleben  in  die  eigene  gottliche  Na- 
tur,  wenn  es  sich  durch  die  verschiedenen  Inkarnationen 
hindurch  verwirklicht,  die  wahre  religiose  Stimmung  zer- 
stort  werden  kann,  wie  auch  das  Leben  in  Liebe  zerstort 
werden  kann.  Wenn  der  Mensch  nicht  in  der  unmittelbaren 
liebevollen  Hingabe  sich  dazu  getrieben  fiihlt,  sondern 
wenn  er  daran  denkt,  dafi  in  einem  spateren  Erdenleben  in 
dieser  Beziehung  ein  Ausgleich  stattfinde,  so  liebt  er  also 
nur  auf  den  Ausgleich  hin.  Und  der  Religiose  kann  sagen: 
Das  religiose  Leben  wird  in  der  geisteswissenschaftlichen 
Weltanschauung  durch  den  Egoismus  begriindet,  dafi  der 
Mensch  den  Gott  nicht  aufter  sich  habe,  sondern  in  sich.  - 
Und  berechtigt  ist  der  Einwurf :  Welche  Summe  von  Ober- 
hebung,  von  Hochmut  und  Selbstvergottung  kann  dadurch 
in  der  menschlichen  Seele  begriindet  werden! 

Die,  welche  sich  solche  Einwande  machen,  brauchen  sie 
sich  ja  nicht  auszumalen.  Man  kann  aber  daran  sehen,  wie 
treumeinende  Anhanger  der  Geisteswissenschaft  zu  einem 


solchen  Hochmut  und  immer  wieder  zu  soldier  Selbstver- 
gottung  kommen  konnen.  Daher  kommt  es,  dafi  wir  im 
Abendlande  ein  soldies  Auflehnen  gegen  das  Bestehen  des 
Gottesfunkens  im  Menschen  finden,  gegen  das  Bestehen  des 
menschlichen  Wesenskernes  vor  der  Geburt.  Man  soil  es 
nicht  leicht  nehmen,  was  man  bei  einem  ernsten  Wahrheits- 
forscher  als  einen  solchen  Einwand  gegen  die  wiederholten 
Erdenleben  im  Gegensatze  zu  den  Vererbungsverhaltnissen 
finden  kann. 

Einen  Einwand,  den  ich  vorlesen  will  —  woriiber  ich  wei- 
cer  nicht  sprechen  will,  urn  ihn  nicht  abzuschwachen  fin- 
den wir  bei  Jacob  Frohschammer,  der  als  ein  Typus  eines 
der  Menschen  genommen  werden  kann,  die  vieles  gegen  die 
Annahme  einer  Praexistenz  der  Seele  einwenden  konnen: 

«...  Als  Gottes  Wesen  oder  als  Teil  Gottes  kann  sich  die 
Menschenseele  unmoglich  betrachten,  weniger  wegen  der 
Thomistischen  Besorgnis  urn  die  Einheit  Gottes,  da  sie  im- 
merhin  als  Momente  in  ihm  sein  konnten,  ohne  seiner  Ein- 
heit zu  schaden,  -  als  vielmehr  nach  dem  eigenen  Bewufit- 
sein  und  Zeugnis  der  Menschenseele  selbst,  die  weder  sich 
noch  die  Welt  als  direkten  Ausdruck  gottlicher  Vollkom- 
menheit  oder  als  Verwirklichung  der  Idee  Gottes  selbst 
betrachten  kann.  Als  von  Gott  stammend,  kann  sie  nur  als 
Produkt  oder  Werk  gottlicher  Imagination  gelten;  denn 
es  mufi  die  Menschenseele  wie  die  Welt  selbst  in  diesem 
Falle  zwar  aus  gottlicher  Kraft  und  Wirksamkeit  kommen 
(da  aus  blofiem  Nichts  eben  nichts  werden  kann),  aber  diese 
Kraft  und  Wirksamkeit  Gottes  mufi,  wie  vorbildend  fiir 
die  Schopfung,  so  audi  bildend  bei  deren  ReaHsierung  und 
Forterhaltung  wirken;  also  als  Gestaltungskraft  (nicht  blofi 
formaler,  sondern  audi  realer  Art),  demnach  als  Phantasie, 
d.  h.  als  in  der  Welt  immanent  fortwirkende  und  fort- 
schaffend  erhaltende  Kraft  oder  Potenz,  also  als  Weltphan- 


tasie,  -  wie  dies  f riiher  schon  erortert  wurde.  Was  die  Lehre 
von  der  Praexistenz  der  Seelen  betrifft  (der  Seelen,  die  ent- 
weder  als  ewigbetraditet  werden  oder  als  zeitlidi  geschaflen, 
aber  schon  am  Anfang  und  insgesamt  auf  einmal),  die  man, 
wie  bemerkt,  in  neuerer  Zeit  wieder  hervorgezogen  und  zur 
Losung  aller  moglichen  psychologischen  Probleme  fiir  taug- 
lich  halt,  -  so  stent  sie  mit  der  Lehre  von  der  Seelenwan- 
derung  und  Einkerkerung  der  Seelen  in  irdische  Leiber  in 
Verbindung.  Danach  f  ande  also  bei  der  Zeugung  der  Altern 
weder  eine  direkte  gottliche  Schopfung  der  Seelen  statt, 
noch  eine  schopferische  Produktion  neuer  Menschennaturen 
nach  Leib  und  Seele  durch  die  Altern,  sondern  nur  eine  neue 
Verbindung  der  Seele  mit  dem  Leibe,  also  eine  Art  Fleisch- 
werdung  oder  Versenkung  der  Seele  in  den  Korper,  -  we- 
nigstens  einer  teilweisen,  so  dafi  sie  teils  vom  Korper  um- 
fangen  und  gebunden  ist,  teils  dariiber  hinausragt  und  eine 
gewisse  Selbstandigkeit  als  Geist  behauptet,  aber  doch  nicht 
davon  loskommen  kann,  bis  der  Tod  die  Verbindung  auf- 
hebt  und  fiir  die  Seele  Befreiung  und  Erlosung  bringt 
(wenigstens  von  dieser  Verbindung).  Der  Geist  des  Men- 
schen  gliche  da  in  seinem  Verhaltnis  zum  Korper  den  armen 
Seelen  im  Fegfeuer,  wie  sie  von  malenden  Pfuschern  auf 
Votivtafeln  dargestellt  zu  werden  pflegen,  als  Korper,  die 
halb  in  den  auf  lodernden  Flammen  versenkt  sind,  mit  dem 
obern  Teil  aber  (als  Seelen)  hervorragend  und  gestiku- 
lierend!  Man  bedenke  doch,  welche  Stellung  und  Bedeutung 
bei  dieser  Auffassung  dem  Geschlechtsgegensatz,  dem  Gat- 
tungswesen  der  Menschheit,  der  Ehe  und  dem  Alternver- 
haltnis  zu  den  Kindern  zukame!  Der  Geschlechtsgegensatz 
nur  eine  Einkerkerungseinrichtung,  die  Ehe  ein  Institut  zur 
Ausfuhrung  dieser  schonen  Aufgabe,  die  Altern  den  Kin- 
derseelen  gegeniiber  die  Schergen  zum  Festhalten  und  Ein- 
kerkern  derselben,  die  Kinder  selbst  den  Altern  diese  elende, 


miihselige  Gefangenschaft  verdankend,  wahrend  sie  weiter 
nichts  mit  ihnen  gemein  haben!  All  das,  was  sich  an  dieses 
Verhaltnis  kniipft,  beruhte  auf  elender  Tauschung!>> 

Man  kann,  wenn  man  fanatischer  Geistesforscher  ist, 
iiber  eine  solche  Sadie  ja  lacheln,  aber  Fanatismus  soil  der 
Geisteswissensdiaft  f  ernliegen.  Verstehen  soil  sie  und  wirk- 
lich  tolerieren  das,  wogegen  sich  die  Seele  aufbaumt.  Aus 
diesem  Grunde  wurde  dieser  einleitende  Vortrag  nicht  als 
eine  «Begriindung»,  sondern  wie  eine  «"Widerlegung»  der 
geisteswissenschaftlichen  Forsdiung  gehalten.  Aber  um  so 
fester  wird  das  stehen  konnen,  was  in  dem  nachsten  Vor- 
trage  «Wie  begriindet  man  Geistesforschung?»  vorzubrin- 
gen  sein  wird,  wenn  wir  uns  die  berechtigt  zu  machenden 
Einwande  selbst  machen  konnen.  Dal5  ich  in  Wahrheit  die 
Geistesforsdmng  nicht  widerlegen  will,  wird  man  mir  wohl 
glauben! 

Ich.  konnte  ja  nnr  eine,  ganz  kleine  Anzahl  von  Einwanden 
hier  anfiihren.  Es  konnten  viele  solcher  Einwiirfe  gemacht 
werden.  Das  kann  zum  Teil  in  der  kommenden  Zeit 
geschehen,  und  es  wird  dann  die  Widerlegung  gleich  auf 
dem  Fufie  folgen.  Aus  allem  aber,  was  angefiihrt  wird, 
kann  man  sehen,  wie  der  Mensch  durch  die  Entgegennahme 
der  geisteswissenschafllichen  Forschung  innerlich  auf  einen 
Kampfplatz  gerufen  wird,  wie  nicht  blofi  die  Dinge  sich 
ergeben,  die  fur  die  wiederholten  Erdenleben,  fiir  den 
Durchgang  des  Menschen  durch  eine  geistige  Welt  und  so 
weiter  sprechen,  sondern  wie  sich  aus  den  dunklen  Seelen- 
tiefen  heraus  auch  alle  Gegengriinde  ergeben  konnen.  Gut 
ist  es,  wenn  der,  welcher  sich  in  einer  ruhigen  Weise  mit 
Geistesf orschung  beschafHgt,  auch  diese  Gegengriinde  kennt. 
Dann  wird  er  auch  die  richtigeToleranz  denGegnern  gegen- 
iiber  anwenden  konnen.  Nur  einfach  sich  mit  Geisteswissen- 
schaft  zu  beschaftigen  oder  sich  blind  zu  stellen  oder  zu 


lachen  iiber  Einwande  der  Gegner,  kann  nimmermehr  die 
Art  des  Geistesforschers  sein.  Daft  das  nidbt  zutraglich 
wirkt,  zeigte  sich  sclion  an  einem  besonderen  Falle  im  neun- 
zehnten  Jahrhundert,  den  idi  hier  wiedererzahlen  mochte. 

Im  Jahre  1869  erschien  die  «Philosophie  des  Unbewuft- 
ten»  von  Eduard  von  Hartmann.  Wenn  man  audi  nicht  mit 
ihr  einverstanden  sein  wird,  so  kann  man  doch  sagen,  daft 
in  ihr  ein  guter  Versuch  vorlag,  iiber  die  Sinnesanschauung 
hinauszukommen.  Daher  muftte  sich  Eduard  von  Hartmann 
gegen  mancheswenden,  was  damals  gerade  als  ein  Ideal  der 
Wissenschaft  herausgekommen  war,  besonders  gegen  das, 
was  aus  dem  neu  aufbliihenden  Darwinismus  kam.  So  fin- 
den  wir  vieles  in  der  « Philosophic  des  Unbewuftten»,  was 
gegeniiber  dem  Darwinismus  nicht  hat  modern  werden  sol- 
len.  Aber  dasbesondereObereinstimmende  aller  derjenigen, 
die  sich  auf  seiten  des  Darwinismus  nicht  mit  diesem  Buche 
einverstanden  erklaren  konnten,  war,  daft  sie  sich  gegen 
Eduard  von  Hartmann  auf lehnten  als  gegen  einen,  der  sich 
nicht  bekanntgemacht  habe  mit  dem,  was  aus  der  Natur- 
wissenschaft  der  Gegenwart  folgte.  Eine  grofte  Flut  von 
Gegenschriften  erschien.  Man  braucht  nicht  zu  denken,  daft 
diese  Gegenschriften  lauter  Torheiten  enthielten;  sie  erschie- 
nen  zum  Teil  von  solchen,  die  hervorragende  Menschen  auf 
ihrem  Gebiete  sind,  zum  Beispiel  von  Ernst  Haeckel,  von 
dem  Zoologen  Oskar  Schmidt  und  anderen.  Unter  diesen 
Schriften  war  auch  eine,  deren  Verfasser  sich  nicht  nannte, 
mit  dem  Titel  «Das  Unbewuftte  vom  Standpunkte  der  Phy- 
siologie  und  Deszendenztheorie».  Darin  wurde  mit  schla- 
genden  Griinden  bewiesen,  wie  viele  Dinge  in  der  «Philo- 
sophie  des  Unbewuftten»  nicht  haltbar  waren  und  wie  ihr 
Verfasser  damit  gezeigt  habe,  daft  er  auf  dem  Gebiete  der 
Naturwissenschaft  nichts  anderes  als  ein  Dilettant  ware. 
Viele  Menschen  waren  geradezu  frappiert  iiber  die  schlag- 


f  ertige  Art,  wie  dieser  Anonymus  in  dieser  Schrift  vorging, 
und  Oskar  Schmidt,  damals  an  der  Universitat  Jena,  meinte, 
sie  sei  das  Beste,  was  vom  Standpunkte  der  Naturwissen- 
schaft  aus  gegen  die  «Philosophie  des  Unbewuftten»  gesagt 
werden  konne.  Manche  sagten:  Er  nenne  sich  uns,  denn  er 
ist  einer  der  Unsrigen;  und  Ernst  Haeckel  sagte,  er  selber 
konnte  nichts  Besseres  gegen  die  « Philosophic  des  Unbe- 
wuftten»  schreiben. 

So  war  es  kein  Wunder,  daft  die  erste  Auflage  dieser 
Schrift  «Das  Unbewuftte  vom  Standpunkte  der  Physiologie 
und  der  Deszendenztheorie»  bald  vergriffen  war.  Eine 
zweite  Auflage  erschien,  und  jetzt  nannte  sich  der  Ver- 
fasser:  es  war-Eduard  von  Hartmann!  Jetzthorten  manche 
Stimmen  auf,  die  vorher  gesagt  hatten:  er  nenne  sich  uns, 
er  ist  einer  der  Unsrigen.  Aber  das  Bedeutungsvolle  hatte 
sich  vollzogen,  daft  ein  Mensch  gezeigt  hatte:  er  kennt  alles, 
was  die  ernstesten  Gegner  gegen  ihn  vorbringen  konnen. 
Einmal  ist  damit  der  Beweis  geliefert  worden,  daft  man 
nicht  glauben  soli,  wenn  gegen  eine  Weltanschauung  etwas 
vorgebracht  werden  kann,  daft  der  Verfasser  dieser  Welt- 
anschauung sich  das  nicht  selbst  hatte  sagen  konnen. 

Fur  die  Geisteswissenschaft  ist  dies  geradezu  eine  Lebens- 
frage.  Nun  konnte  ich  heute  zwar  nicht  alles  sagen,  was 
gesagt  werden  konnte.  Aber  die  Geisteswissenschaft  muft 
kennen,  was  gegen  sie  eingewendet  werden  kann,  und  es 
ware  nur  zu  wiinschen,  daft  manche  von  denen,  welche  glau- 
ben, ein  abgrundtiefes  Wissen  aufzubringen,  um  die  Geistes- 
wissenschaft mit  dem  oder  jenem  guten  wissenschaftlichen, 
exakten  Grunde  zu  widerlegen,  sich  manchmal  iiberlegen 
konnten,  wieviel  besser  derjenige,  gegen  den  das  einge- 
wendet wird,  die  Sache  kennt,  als  der,  welcher  es  einwendet. 
So  ist  es  bei  einem  gewissenhaften  Geistesforscher.  Er  kann 
natiirlich  nicht  sein  Publikum  damit  langweilen,  daft  er  im- 


mer  audi  alle  Gegengriinde  anfuhrt,  die  moglich  sind.  Wenn 
aber  irgend  etwas  fiir  die  Geisteswissensdiaft  vorgebracht 
wird,  und  wenn  dann  mancher  Gegner  auftritt,  dann  sollte 
dieser  sich  selbst  erst  fragen,  ob  das,  was  er  vorbringt,  sich 
derjenige  nicht  selbst  sagen  kann,  der  die  Geisteswissen- 
sdiaft vertritt. 

Die  Aufgabe  des  nachsten  Vortrages  soil  es  nun  sein,  die 
Frage  aufzuwerfen:  Wie  stellt  sich  die  Seele  in  richtiger 
Art  zu  dem,  was  in  ihr  selbst  als  Gegengriinde  aus  ihren 
Tiefen  herauf  sich  geltend  macht?  Sollte  es  wirklich  wahr 
sein,  dafi  sich  der  Mensch  gegenuber  der  Geisteswissensdiaft, 
weil  so  vieles  gegen  sie  eingewendet  werden  kann,  wirklich 
so  zu  stellen  habe,  wie  -  in  einer  etwas  iibertragenen  Weise 
gesagt  -  Goethe  zuletzt  seinen  Faust  sagen  laik:  «K6nnt  ich 
MagievonmeinemPfadentfernen»?  Sind  die  Gegengriinde 
der  Geistesforschung  so,  wie  sich  Faust  gegenuber  den  Ge- 
gengriinden  der  Magie  verhalt?  Sind  sie  so,  daft  ein  Philo- 
soph  wie  Geoffroy  de  Saint-Hilaire  recht  hat,  wenn  er  sagt: 
Gegenuber  der  Weltbetrachtung  gibt  es  im  Ernste  nur  das 
Folgende.  Wir  sehen,  daft  der  Mensch  in  vieler  Beziehung 
schwach  ist.  Warum  sollten  wir  uns  diese  Schwache  nicht 
gestehen,  und  warum  sollte  es  nicht  gerade  eine  Starke  sein, 
wenn  man  sich  mit  seiner  Schwache  abfmdet?  Wie  muft  sich 
der  Mensch  gestehen,  daft  er  schwach  ist  gegen  Wind  und 
Wetter,  gegen  vulkanische  Gewalten  und  Elementarereig- 
nisse!  Wie  mufi  sich  der  Mensch  gestehen,  daft  er  schwach 
ist  gegenuber  dem,  was  die  Natur  iiber  ihn  verhangt,  wenn 
er  den  Samen  in  die  Erde  legt  und  die  Ungunst  der  Witte- 
rung  ihn  nicht  reifen  laftt,  die  aus  seinem  FleiB  nur  eine 
Hungersnot  hervorgehen  lafk!  Wenn  sich  der  Mensch  oft 
seine  Schwache  zu  Gemiite  fiihren  mufi,  warum  sollte  er  es 
nicht  sagen,  aus  Ehrlichkeit  heraus  sagen:  Zwar  kann  der 
Geist  in  manchem  iiber  sich  hinaus,  aber  audi  er  ist  schwach 


und  beschrankt  und  kann  nichts  vermogen  iiber  das,  was 
die  Natur  iiber  ihn  verhangt;  so  kann  er  nichts  erkennen 
iiber  das,  was  unsere  Natur  ist  —  wir  miissen  resignieren! 

Waren  die  Griinde,  die  jetzt  vorgebracht  sind,  so  ge- 
wichtig,  dafi  der  nachste  Vortrag  nicht  gehalten  werden 
konnte,  so  gabe  es  nichts  anderes  als  eine  soiche  Resignation, 
die  nicht  nur  GeofTroy  de  Saint-Hilaire,  sondern  die  viele 
aus  einer  ehrlichen,  wahrheitsliebenden  Seele  heraus  emp- 
finden  und  die  das  vertreten  zu  miissen  glauben,  dafi  der 
Mensch  nicht  in  eine  geistige  Welt  eindringen  konne.  Weil 
die  Gegengriinde  nicht  aus  Widerspruchsgeist  sondern  aus 
der  Natur  der  Sache  selbst  hervorspriefien,  deshalb  ist 
die  Auseinandersetzung  iiber  Natur  und  Wert  der  Gegen- 
griinde der  Geisteswissenschaft  nicht  bloift  eine  theoretische 
Tatsache,  sondern  etwas,  was  sich  aus  dem  Kampfplatze 
der  Seele  heraus  ergeben  muiS,  wo  Meinungen  gegen  Mei- 
nungen  ein  scheinbar  mehr  oder  weniger  berechtigtes  Kamp- 
fen  auffiihren,  und  wo  man  erst  durch  harte  Kampfe  er- 
kennen kann,  welche  von  diesen  dort  auftretenden  Griin- 
den  Sieger  bleiben  konnen.  Wenn  man  sich  offen  und  riick- 
haltlos  dem  inneren  Kampfe  der  Seele  gegeniiberstellt  und 
sagenkann,  was  fiir  und  wider  eine  Erkenntnis  der  geistigen 
Welt  spricht,  so  wird  man  zwar  nicht  ein  fanatischer  Ver- 
treter  dieses  oder  jenes  ausgedachten  oder  erkliigelten  Prin- 
zipes,  sondern  ein  Anerkenner  jenes  Prinzipes,  da£  eine 
ruhige  Uberzeugung  sich  auf  Grundlage  derjenigen  Griinde 
aufbaut,  die  erst  dann,  und  nie  vorher,  fiir  sich  geltend  ge- 
macht  werden,  nachdem  sie  in  der  eigenen  Seele  ihre  Gegen- 
griinde aus  dem  Felde  geschlagen  haben. 

Wenn  so  der  Wahrheitssucher  seine  Uberzeugung  sucht, 
dann  darf  er  sich  sagen,  er  mag  getrost  der  Entwickelung  des 
Geisteslebens  in  die  Zukunft  entgegengehen;  denn  wahr  ist, 
was  der  ernste  Wahrheitssucher  gesagt  hat:  Was  unwahr 


ist,  und  mag  es  nodi  so  oft  vorgebracht  werden,  es  wird  von 
dem  sidi  fortentwickelnden  Wahrheitsstreben  der  Mensch- 
heit hinausgeworfen  werden.  Das  aber,  was  wahr  ist  und 
sein  Dasein  so  gegeniiber  den  Gegengrunden  erkampfen 
mufite,  wie  wir  es  immer  in  bezug  auf  die  Vorgange  in  der 
Weltgeschichte  sehen,  das  fmdet  seinen  Weg  in  der  Ent- 
wicklung  der  Menschheit  in  der  ganz  besonderen  Weise,  daft 
man  stehen  kann  vor  dieser  Entwicklung  der  Wahrheit  in 
die  Jahrhunderte  und  Jahrtausende  hinein  und  sagen  kann: 
Und  seien  nodi  so  viele  von  verdeckenden  Eindriicken,  das 
heifit  Vorurteile  und  Widerspriiche,  aufgetiirmt,  die  Wahr- 
heit  findet  immer  wieder  Spalten  und  Risse,  um  sich  zu 
behaupten,  um  sich  zum  Segen,  zum  Fortschritt  und  Nutzen 
der  Menschheit  geltend  zu  machen. 


WIE  BEGRUNDET  MAN  GEISTESFORSCHUNG? 


Berlin,  7.  November  1912 


In  den  vorangehenden  Ausfiihrungen  gestattete  ich  mir, 
eine  Anzahl  von  Einwendungen,  von  Widerlegungen  der 
Geistesforschung  oder  Anthroposophie  anzufiihren.  Es 
wiirde  nun  ein  Miftverstandnis  sein,  wenn  etwa  der  Glaube 
herrschen  sollte,  der  heutige  Vortrag  sei  dazu  bestimmt, 
diese  Widerlegungen  wiederum  zu  wider legen;  denn  das 
soil  von  vornherein  gesagt  sein:  nicht  um  ein  Gedanken- 
spiel,  nicht  um  ein  dialektisches  Spiel  mit  Griinden  und 
Gegengriinden  soil  es  sich  handeln.  Diejenige  Geistesfor- 
schung, von  der  hier  die  Rede  sein  soil  und  immer  die  Rede 
gewesen  ist,  soil  durchaus  in  vollem  Einklange  mit  der 
Wissenschaft  und  der  Bildung  der  Gegenwart  arbeiten.  Da- 
her  sind  die  letzthin  erwahnten  Entgegnungen  auch  nicht 
in  dem  Sinne  angefuhrt  worden,  als  ob  man  sie  leichten 
Herzens  so  ohne  weiteres  aus  der  Welt  schafFen  konnte, 
sondern  sie  sind  in  dem  Sinne  angefuhrt  worden,  daft  sie 
gewissermafien  berechtigterweise  in  der  heutigen  Seele  auf- 
tauchen,  in  der  Seele,  welche  mit  den  Errungenschaffien 
unserer  Geisteswissenschafl,  mit  den  Fortschritten  unserer 
Geisteskultur  bis  in  die  Gegenwart  rechnet.  Nicht  als  un- 
berechtigte  Einwendungen,  sondern  als  in  ihren  Grenzen 
berechtigte  Einwendungen  sind  sie  vorgebracht  worden, 
und  es  sollte  das  Gefiihl  erweckt  werden  von  dem  Ernste, 
mit  dem  die  Geistesforschung  arbeiten  mochte  und  von  dem 
Bewulksein,  daft  sie  aus  ihren  Quellen  heraus  die  voile  Ver- 
antwortung  fur  sich  selber  ubernehmen  kann,  trotzdem 


diese  Geistesforschung  durchaus  begreift  -  das  sollte  haupt- 
sachlich  mit  diesen  Einwendungen  gesagt  sein  -,  dafi  sie 
gewissermafien  allein  auf  sich  selber  angewiesen  ist  in  einer, 
man  mochte  sagen  in  der  Hauptsache  dreifachen  Gegner- 
schaft, welcher  sie  sich  gegeniibersieht. 

Die  eine  Gegnerschaft  erwachst  ihr  von  der  zeitgenos- 
sischen  Wissenschaft  oder  wenigstens  von  der  jenigen  Wissen- 
schaft, welche  oftmals  glaubt,  auf  dieser  zeitgendssischen 
Wissenschaft  widerspruchslos  aufgebaut  zu  sein.  Die  zweite 
Gegnerschaft  erwachst  ihr  aus  mancherlei  religiosen  Be- 
kenntnissen,  und  die  dritte  erwachst  ihr  aus  dem  gewohn- 
lichen  Bewufitsein  des  Tages,  das  sich  ja  instinktiv  in  vieler 
Beziehung  gegen  das  auflehnt,  was  Geisteswissenschaft, 
Geistesforschung  zu  sagen  hat. 

Es  konnte  leicht  scheinen,  als  ob  so  ohne  weiteres  die 
Frage  berechtigt  ware:  Wie  beweist  also  die  Geistesforschung 
gegen  die  gemachten  Einwande  ihre  Behauptungen?  Wie 
beweist  sie  das,  was  sie  zu  sagen  hat?  -  Wir  werden  im  Ver- 
laufe  dieser  Wintervortrage  manches  iiber  den  Inhalt  dieser 
Geistesforschung,  iiber  wirkliche  Resultate  der  Forschung 
iiber  eine  iibersinnliche  Welt  zu  horen  haben.  In  diesen  bei- 
den  ersten  Vortragen  mufi  mir  schon  gestattet  sein,  in  der 
Art  zu  sprechen,  wie  es  vielleicht  mancher  abstrakt,  obwohl 
es  nicht  abstrakt  gemeint  ist,  schwer  verstandlich  oder  un- 
interessant  findet.  Denn  wenn  auch  vielleicht  nicht  mit  allem 
einzelnen  meiner  Ausfiihrungen  im  ersten  und  zweiten  Vor- 
trage  mitgegangen  werden  kann,  so  kann  trotzdem  wohl 
das  Gefiihl  gewonnen  werden,  dafi  ein  wahrhaft  guter  Un- 
tergrund  fiir  diese  Geistesforschung  gesucht  wird.  Daher 
darf  vielleicht  heute  manche  Frage  aufgeworfen  werden, 
welche  derjenige  uninteressant  findet,  den  es  mehr  interes- 
sieren  wiirde,  gleich  diese  oder  jene  Erzahlungen  aus  der 
ubersinnlichen  Welt  entgegenzunehmen.  Die  Frage  darf  auf- 


geworfen  werden:  1st  denn  iiberhaupt  auf  die  Begriindung 
einer  Weltanschauung  das  in  dem  vielf  ach  geglaubten  Sinne 
anzuwenden,  was  man  so  gewohnlich  Beweise  nennt?  Kann 
man  Beweise  als  etwas  ansehen,  was,  wenn  es  vorhanden 
ist,  den  Zwang  fiir  die  Oberzeugung  eines  jeden  Menschen 
in  sich  schlielk? 

Jeder,  der  sidi  zu  irgendeiner  Weltanschauung  im  Ernste 
bekennt,  glaubt  gewohnlich,  er  konne  sie  beweisen,  und  er 
wird  fiir  diese  Weltanschauung  ganz  gewifi,  wenn  er  ernst 
genommen  sein  will,  seine  Beweise  anfiihren.  Gegeniiber 
diesem  so  vielf  ach  verbreiteten  Glauben  mochte  ich  zunachst 
ein  Wort  eines  energischen,  tatkraftigen  deutschen  Philo- 
sophen  anfiihren,  das  Wort  Johann  Gottlieb  Fichtes,  der 
sagt:  Was  man  fiir  eine  Philosophie  hat,  das  hangt  davon 
ab,  was  fiir  ein  Mensch  man  ist. 

Wenn  man  auf  den  Grund  eines  solchen  Wortes  kommen 
will,  wie  es  Fichte  hier  ausgesprochen  hat,  wenn  man  mit 
anderen  Worten  fragen  will,  was  er  gemeint  hat,  so  mufi 
man  sich  sagen:  Es  kommt  nicht  blofi  auf  Beweise  an,  son- 
derndarauf,  welche  Beweise  man  fiir  maftgebend  halt,  welche 
Beweise  fiir  einen  Menschen  nach  seiner  Seelenentwickelung 
das  Gewicht  haben,  um  Einsicht  gewinnen  zu  wollen  in 
dieses  oder  jenes.  So  werden  wir  selbst  von  einem  Philo- 
sophen  wie  Fichte  auf  das  menschliche  Innere  gewiesen, 
wenn  es  sich  um  die  Bewertung  von  Beweisen  handeln  soli. 
Es  wird  gleichsam  verlangt,  dafi  der  Mensch  durch  seine 
Seelenentwickelung  sich  die  Fahigkeit  erworben  habe,  um 
das  Gewicht  von  Beweisen  einsehen  zu  konnen.  Trivial  ge- 
sprochen,  mochte  ich  sagen:  Was  nutzen alle Beweise schliefi- 
lich  demjenigen,  der  an  diese  Beweise  nicht  glauben  kann? 
Und  wie  es  sich  um  die  sogenannten  Beweise  verhalt,  das 
konnen  wir  vielf  ach  gerade  aus  der  Methodik  mancher 
Weltanschauungen  studieren,  die  scheinbar  ganz  auf  dem 


festen  Untergrunde  naturwissenschaftlicher  Tatsachen  auf- 
gebaut  sind. 

Wenn  ich  so  etwas  sage,  wie  ich  es  jetzt  sagen  will,  so 
mufi  ich  allerdings  immerwieder  vorausschicken:  Ichglaube 
nicht,  dafi  irgend  jemand  fiir  die  naturwissenschaftlichen 
Fortschritte  in  unserer  Zeit  mehr  Achtung  und  Anerken- 
nung  haben  kann  als  der  echte  Geistesforscher.  Und  heute 
mochte  ich  noch  insbesondere  das  vorausschicken,  dafi  alle 
die  Einwendungen,  die  heute  vor  acht  Tagen  gemacht  wor- 
den  sind,  durchaus  so  gemeint  sind,  dafi  sie  insof  ern  berech- 
tigt  sind,  als  die  unmittelbaren  Einwendungen  des  Geistes- 
forschers  gegen  das  vor  acht  Tagen  Gesagte  unberechtigt 
waren.  Denn  der  Geistesforscher  leugnet  dasjenige  nicht, 
was  die  naturwissenschaftliche  Forschung  behauptet,  mit 
Recht  behauptet.  Er  erkennt  es  voll  an.  Diese  Tatsache  mufi 
man  auch  ins  Auge  fassen. 

Die  Geistesforschung  wird  fortwahrend  von  der  Natur- 
wissenschafl  bekampft;  dagegen  die  Geistesforschung  selbst 
bekampft  ihrerseits  die  Naturwissenschaft  gar  nicht,  wenn 
man  die  richtige  Sachlage  zu  wiirdigen  in  der  Lage  ist.  Aber 
es  gibt  viele  naturwissenschaftliche  Tatsachen,  die  von  ge- 
wissen  Weltanschauungsstromungen  heute  so  verwertet  wer- 
den,  so  scheinbar  in  ein  gewisses  Licht  gesetzt  werden,  dafi 
man  mit  den  Tatsachen  vollig  einverstanden  sein  kann, 
nicht  aber  mit  der  Art,  wie  manchmal  gewisse  Weltan- 
schauungen  auf  Grund  dieser  Tatsachen  etwas  beweisen 
wollen.  Die  Tatsachen,  die  sich  aus  der  Naturwissenschaft 
ergeben,  werden  zumeist  von  der  Geistesforschung  erst  recht 
bekraftigt,  und  es  darf  gesagt  werden,  die  Zeit  werde  kom- 
men,  in  welcher  dasjenige,  was  am  Darwinismus  und  an  der 
modernen  Entwicklungslehre  berechtigt  ist,  gerade  durch 
die  Geistesforschung  die  richtige  Wiirdigung  finden  wird. 

So  kann  auch  insbesondere  durch  die  Geistesforschung 


klar  sein,  dafi  die  Seele  des  Menschen,  indem  sie  sich  in  der 
aufieren  physischen  Welt  wirksam  erweisen  soli,  sich  zu 
gewissen  geistigen  Verrichtungen  gewisser  Teile,  gewisser 
Partien  des  Gehirnes  bedienen  mufi,  wie  man  sich  zu  an- 
deren  Verrichtungen  der  Hand  bedienen  mui  Wie  die 
Hand  gewissen  Verrichtungen  des  Menschen  zugeteilt  ist, 
so  sind  gewisse  Partien  des  Gehirnes  als  Werkzeuge  dem 
seelischen  Erleben  zugeteilt.  Gerade  durch  die  Geistesfor- 
schung  wird  der  richtige  Sinn,  die  richtige  Bedeutung  dieser 
Zuteilung  ins  Auge  gefafit  werden  konnen,  und  mit  dem, 
was  die  Naturwissenschaft  in  dieser  Beziehung  heute  viel- 
fach  vertritt,  stent  die  Geistesforschung  nicht  im  geringsten 
im  Widerspruch.  Dagegen  sind  die  sogenannten  Beweise, 
die  angefuhrt  werden,  vor  demjenigen,  welcher  Beweiskraft 
versteht,  oftmals  recht  sehr  briichig.  So  zum  Beispiel,  wenn 
fur  die  wahren  Tatsachen,  daft  zum  seelischen  Leben  be- 
stimmte  Partien,  gewisse  Teile  des  Gehirns  hinzugehoren, 
immer  wieder  und  wieder  angefuhrt  wird,  es  werde  durch 
die  Erkrankung  dieser  Gehirnteile  die  betreffende  seelische 
Tatigkeit  ausgeschaltet,  und  man  kann  daher  nicht  wahr- 
nehmen,  dafi  die  Seele  gewisse  Verrichtungen  wie  zum  Bei- 
spiel die  Sprache  zuwege  bringt,  so  dafi  also  das  Sprach- 
zentrum  ausgeschaltet  wird. 

Es  sind  solche  Beweise  fur  den,  der  Beweiskraft  versteht, 
wirklich  mit  dem  Einwande  des  beruhmten,  wenn  auch 
nicht  existierenden  Professors  Schlaucherl  getroffen,  der  ja, 
wie  vielleicht  einigen  von  Ihnen  bekannt  sein  wird,  den 
Beweis  fiihren  wollte,  wie  der  Frosch  empfindet.  Dazu 
setzte  er  einen  Frosch  auf  den  Experimentiertisch  und  klopfte 
auf  den  Tisch,  und  siehe  da:  der  Frosch  sprang  fort  -  also 
hatte  er  es  gehort.  Jetzt  rifi  er  ihm  die  Beine  aus  und  klopfte 
wieder  auf  den  Tisch.  Jetzt  sprang  der  Frosch  nicht  fort, 
weil  ihm  ja  die  Beine  ausgerissen  waren.  Aber  daraus,  daiS 


er  jetzt  nicht  mehr  fortspringen  konnte,  folgert  der  Pro- 
fessor Schlaucherl,  dafi  der  Frosch  mit  den  Beinen  hort; 
denn  wenn  er  keine  Beine  hat,  zeigt  sich  an  nichts,  dafi  er 
horen  kann. 

Man  muft,  wenn  man  eine  solche  Sache  vorbringt,  selbst- 
verstandlich  um  Entschuldigung  bitten.  Aber  sie  ist  logisch, 
methodisch  durchaus  mit  dem  zusammentreffend,  was  viel- 
fach  heute  zu  Beweiszwecken  an  Tatsachen  angefuhrt  wird, 
die  nicht  im  geringsten  durch  die  Geisteswissenschaft  be- 
zweifelt  werden  sollen,  die  sogar  wahr  sind.  Aber  die  an- 
gefuhrten  Beweise  werden  niemals  denjenigen  wirklich 
iiberzeugen  konnen,  der  beweiskraftiges  menschliches  Aus- 
sagen  zu  beurteilen  vermag. 

So  ist  es  mit  vielem  von  dem,  was  gerade  im  vorher- 
gehenden  Vortrag  angefuhrt  worden  ist,  wie  es  ein  ge- 
wichtiger  Einwand  sei,  der  im  wissenschafllichen  Sinne 
gerade  von  ernsten  und  wiirdigen  Forschern  der  Natur- 
wissenschaft  der  Gegenwart  gemacht  werden  kann,  dafi 
man  sagt:  Da  haben  sich  die  Menschen  in  vergangenen  Zei- 
ten  die  Lebenskrafl:  ausgedacht  und  alles,  was  Vorgange  im 
lebendigen  Leibe  sind,  aus  dieser  Lebenskrafl  heraus  zu 
erklaren  versucht.  Aber  das  neunzehnte  Jahrhundert  hat 
gezeigt,  dafi  man  diese  Lebenskrafl  zu  nichts  brauchen  kann 
und  dafi  man,  wenn  man  nur  die  gewohnlichen  Krafle  in 
gewissen  StofTen  voraussetzt,  zeigen  kann,  sobald  man 
labor  atoriumsmafiig  vorgeht,  wie  gewisse  zusammengesetzte 
Stoffe,  von  denen  man  friiher  geglaubt  hat,  dafi  sie  nur  im 
lebendigen  Organismus  durch  die  Lebenskrafl  zustande 
kommen  konnen,  im  Laboratorium  ohne  diese  Lebenskrafl 
dargestellt  werden  konnen.  So  dafi  daher  das  Ideal  der 
Wissenschafl  darin  bestehen  muft,  vorauszusetzen,  daft  es 
einmal  gelingen  werde,  auch  kompliziertere  Substanzen  des 
Lebendigen  auf  diese  Weise  wirklich  herzustellen.  Nun 


kommen  die  Geistesforscher  und  behaupten,  dafi  es  im 
lebendigen  Organismus  einen  besonderen  Lebensleib  oder 
Atherleib  gebe,  der  notwendig  ist,  damit  die  lebendigen 
Erscheinungen  zustande  kommen.  Das  sei  aber  nichts  an- 
deres  als  eine  Aufwarmung  der  alten  Lebenskraft.  Das 
konnte  also  nur  von  dilettantischen  Seelen  herkommen,  die 
in  bequemer  Weise  ein  Erklarungsprinzip  dort  suchen,  wo 
sie  wegen  ihrer  Unkenntnis  nicht  mit  den  Fortschritten  der 
wahren  Wissenschaft  zu  rechnen  wissen. 

Ich  mochte  zuerst  durch  eine  Art  historischen  Zeugnisses 
erklaren,  wie  diese  ganze  Schlufifolgerung  auf  eine  Seele 
wirkt,  die  nicht,  voreingenommen  durch  die,  wieder  sei  es 
gesagt,  berechtigten  Fortschritte  der  Wissenschaft,  sich  so 
ohne  weiteres  ihren  SchlujSfoIgerungen  hingibt.  Ich  mochte 
es  zunachst  durch  etwas  Historisches  zeigen.  Man  glaubt, 
die  Annahme  eines  Atherleibes  oder  Lebensleibes  aus  dem 
Felde  geschlagen  zu  haben,  indem  man  sagt:  Es  mufi  als  ein 
Ideal  der  Wissenschaft  gelten,  einmal  die  lebendige  Substanz 
aus  ihren  einzelnen  Stoffen  laboratoriumsmafiig  zusam- 
menzusetzen;  daher  konnte  man  nicht  mehr  an  eine  Be- 
griindung  des  Lebens  durch  etwas  t)bersinnliches  glauben, 
sondern  man  musse  es  als  eine  Wirkung  im  rein  Stoff lichen 
ansehen,  wenn  man  im  Laboratorium  arbeket  und  die  zu- 
sammengesetzten  Substanzen  aus  den  einf achen  zusammen- 
fugt. 

Es  gab  eine  Zeit,  in  welcher  man  wahrhaftig  mehr,  als 
ein  heutiger  ernster  Wissenschaftler  wagen  wird,  daran 
glaubte,  dafi  man  laboratoriumsmafiig  nicht  nur  eine  ein- 
zelne  lebendige  Substanz,  sondern  audi  unterste  Lebewesen, 
ja  sogar  einen  kleinen  Menschen,  den  bekannten  Homun- 
kulus  zusammensetzen  konnte.  Die  Zeit,  in  der  man  fest 
glaubte,  dafi  man  laboratoriumsma£ig  den  Homunkulus 
erzeugen  konnte,  nahm  diesen  Glauben  durchaus  nicht  so 


auf,  als  ob  damit  das  Obersinnliche  der  Lebenserscheinungen 
aus  der  Welt  geschafft  ware;  sie  glaubte  gerade  erst  recht  an 
das  Obersinnliche  der  Lebenserscheinungen.  Das  ist  ein 
historischer  Einwand  gegen  die  Behauptung,  es  sei  fiir  das 
menschliche  Denken  unvertraglich,  an  den  iibersinnlichen 
Ursprung  des  Lebens  zu  glauben  und  zugleich  mit  dem  Na- 
turf orscher  voll  die  Ansicht  zu  vertreten,  daft  das  Lebendige 
im  Laboratorium  dargestellt  werden  konnte.  Die  beiden 
Dinge  sind  eben  vertraglich,  und  daft  sie  vertraglich  sind, 
dazu  mufi  man  vielleicht  wieder  eine  recht  triviale  Gedan- 
kenverbindung  ins  Feld  fiihren,  die  aber  deshalb  nicht  min- 
der bedeutsam  ist  fiir  denjenigen,  der  sich  nicht  nur  nicht 
etwas  durch  eine  naturwissenschaftliche  Weltanschauung 
hypnotisieren  oder  suggerieren  laftt,  sondern  der  auf  das 
ganze  Gefiige  des  menschlichen  Seelenlebens  einzugehen 
vermag. 

Da  sehen  wir,  wie  vor  uns  gewisse  Storfe  sind.  Wir  fiigen 
sie  zusammen.  Wir  sehen  -  wir  nehmen  das  hypothetisch 
an  -,  wie  daraus  lebendige  Substanz  entsteht.  Sind  wir  des- 
halb berechtigt,  daraus  den  Schluft  zu  ziehen,  daft  aus  dem, 
was  wir  vor  uns  an  den  einzelnen  Stoffen  gesehen  haben, 
das  Leben  dieser  Substanz  sich  wirklich  gebildet  hat?  Nein, 
das  sind  wir  nicht!  Und  wir  sind  es  von  dem  Momente  an 
nicht  mehr,  da  wir  zugeben,  daft  sich  an  den  Nahrungs- 
resten,  welche  sich  in  einem  Zimmer  befinden,  die  Fliegen 
nicht  heranentwickelt  haben,  die  sich  nach  einer  gewissen 
Zeit  einstellen.  Wenn  wir  ein  Zimmer  voll  Fliegen  sehen, 
so  konnen  wir  sagen,  diese  Fliegen  sind  deshalb  da,  weil  in 
dem  Zimmer  Unordnung  herrscht  und  Nahrungsreste  ge- 
blieben  sind.  Diese  Nahrungsreste  waren  die  Bedingung, 
aber  sie  haben  die  Fliegen  nicht  gemacht.  Es  stellt  sich  aber 
die  Anwesenheit  der  Fliegen  immer  ein,  wenn  die  Bedin- 
gungen  da  sind,  und  wenn  die  Bedingungen  da  sind,  dann 


wird  sich  das  Leben  einstellen.  Aber  niemand  darf  behaup- 
ten,  dafi  es  daraus  hervorgegangen  ist,  sondern  nur,  dafi 
sie  die  Veranlassung  gewesen  sind,  daft  das  Leben  sidi  ein- 
gestellt  hat. 

Ein  ubersinnlicher  Vorgang  darf  auch  dann  angenommen 
werden,  wenn  labor  atoriumsmafiig  die  Dinge  zusammen- 
passen.  Daher  ware  es  von  seiten  der  Geistesforschung  ganz 
falsch,  wenn  sie  sich  darauf  begninden  wollte,  daft  sie  sich 
in  mehr  oder  weniger  ironischer  oder  geistvoller  Weise  iiber 
das  erheben  wollte,  was  die  Naturwissenschaft  als  ihr  Ideal 
anstrebt.  Mit  dem  geht  sie  durchaus  mit,  damit  ist  sie  vollig 
einverstanden.  Aber  das  raumt  nicht  das  aus  dem  Wege, 
was  die  Geistesforschung  zum  wirklichen,  volligen  Begreif en 
der  Dinge  beitragt. 

Nehmen  wir  als  ein  anderes  Beispiel  den  im  ersten  Vor- 
trage  gegen  die  Geistesforschung  gemachten  Einwand,  inso- 
fern  diese  die  Erscheinungen  des  Schlafens  und  Wachens 
dadurch  erklart,  dafi  sie  sagt,  es  sei  im  Menschen  ein  Ober- 
sinnliches,  das  sich  mit  dem  Einschlafen  des  Menschen  aus 
dem  physischen  Leibe  und  Atherleibe  heraus  erhebt,  in  eine 
besondere  geistige  Welt  geht  und  beim  Aufwachen  wieder 
in  sie  untertaucht.  Wir  haben  den  gewichtigen  Einwand  er- 
w'ahnt,  der  durchaus  schlagend  ist,  dafi  die  Naturforschung 
das  Phanomen  des  Schlafes  dadurch  zu  erklaren  versucht, 
dafi  sie  eine  Art  Selbststeuerung  des  Organismus  vorfiihrt, 
dafi  sie  zeigt,  wie  die  Reize,  die  durch  die  Eindriicke  des 
Tageslebens  ausgeiibt  werden,  die  organische  Substanz  ge- 
wissermafien  zerstoren,  verbrauchen,  so  da^  dadurch  ein 
Punkt  eintritt,  wo  diese  organische  Substanz,  die  Lebens- 
substanz,  wiederhergestellt  werden  raufi.  Wahrend  sie 
wiederhergestellt  wird,  ist  Dumpfheit  iiber  das  Bewufit- 
sein  ausgebreitet,  und  ist  die  Wiederherstellung  vollendet, 
dann  konnen  die  aufieren  Reize  wieder  wirken.  So  hatten 


wir  es  mit  einer  Selbststeuerung  des  Organismus  zu  tun 
und  konnten  sagen:  Was  br audit  es  da  nodi  einer  beson- 
deren  Geistesforschung,  die  sich  in  einer  besonderen  Be- 
sdireibung  dessen  ergeht,  was  wahrend  des  Sdilaf es  aus  dem 
Menschen  herausgehen  soli,  um  in  einer  anderen  Welt  dann 
zu  sein  -  wenn  die  Erscheinung  des  Sdilaf  es  aus  dem 
menschlichen  Leibe  selbst  erklart  werden  kann? 

Welches  Gewicht  der  durchaus  in  gewissen  Grenzen  wah- 
ren  naturwissenschaftlichen  Darstellung  beizumessen  ist, 
ergibt  sich  durch  f olgende  Betrachtung.  Mogen  die  einzelnen 
Dinge,  die  ich  vorbringe,  audi  nur  skizzenhaft  angefuhrt 
werden  konnen,  sie  stimmen,  wenn  auch  nicht  in  alien  Ein- 
zelheiten,  so  doch  zu  dem  ganzen  Geiste  der  heutigen  natur- 
wissenschaftlichen Forschung. 

Was  geschieht  denn,  wenn  der  Organismus  im  Schlafe 
vor  uns  liegt,  auch  durchaus  nach  naturwissenschaftlicher 
Anschauung?  Wir  miissen  nach  naturwissenschaftlicher  An- 
schauung  sagen:  da  werden  gleichsam  die  durch  die  Ein- 
driicke  der  Sinne  und  durch  die  anderen  aufieren  Eindriicke 
verbrauchten  organischen  Substanzen  ausgebessert.  Da  ge- 
schieht also  ein  innerer  Proze£,  ein  ProzeiR,  der  vollig  durch 
die  Natur  und  das  Wesen  des  menschlichen  Leibes,  des 
menschlichen  Organismus  bedingt  ist,  und  wir  konnen  das- 
jenige,  was  so  innerlich  geschieht,  selbstverstandlich  nur  aus 
dem  erklaren,  was  eben  in  den  Gesetzen  des  menschlichen 
Leibes,  in  den  Gesetzen  des  Organismus  liegt.  Diese  Gesetze 
des  Organismus  konnen  uns  aber  niemals,  in  keiner  Gegen- 
wart  und  in  keiner  Zukunft,  etwas  anderes  geben-das  mull 
jeder,  der  die  Sadie  griindlich  durchschaut,  anerkennen 
als  was  uns  etwa  die  Lunge  fiir  den  Atmungsprozefi  gibt. 
Wer  den  menschlichen  Atmungsprozeft  durchforscht,  wird 
ihn  vollstandig  verstehen  konnen  aus  den  Gesetzen  des 
Lungenlebens.  Was  aber  der  Mensch  nicht  wird  verstehen 


konnen,  das  ist  die  Natur  und  das  Wirken  des  Sauerstoffes. 
Der  wird  aufterhalb  der  Lunge  zu  erforschen  sein,  der 
mu&  erst  von  aufkn  in  die  Lunge  hineinkommen,  und  wer 
glaubte,  durch  die  Erforsdiung  der  Lunge  die  Natur  des 
Sauerstoffes  kennenzulernen,  der  wiirde  sidi  gewaltig  irren. 

Der  Lungenvorgang,  alles  was  im  Organismus  geschieht, 
ist  aus  dem  Inneren  des  Lungenlebens  zu  erfahren.  Um  die 
ganze  Atmung  zu  verstehen,  ist  notwendig,  dafi  wir  aus 
dem  Lungenleben  herausgehen  und  die  Natur  des  Sauer- 
stoff es  draufien  fur  sich  verstehen,  und  nichts  gewinnen  wir 
an  Erkenntnis  iiber  die  Natur  des  Sauerstoff  es  aus  dem  Pro- 
zesse  des  Lungenlebens.  Ebensowenig  gewinnen  wir,  wenn 
wir  untersuchen,  was  im  Organismus  wahrend  des  Schlafes 
vorgeht,  an  Erkenntnis  fur  alles  dasjenige,  was  sich  im 
wachen  BewuEtsein  vom  Morgen  bis  zum  Abend  abspielt, 
indem  Triebe,  Leidenschaflen,  Aff  ekte,  Ideale  und  so  weiter 
auf-  und  abwogen.  Sowenig  das  Lungenleben  einerlei  mit 
der  Natur  des  Sauerstoffes  ist,  so  gewifi  der  Sauerstoff  in 
die  Lunge  von  aufien  hereinkommen  mufi,  so  gewiE  ist  es, 
dafi  alles,  was  in  den  Bewufkseinserscheinungen  beschlossen 
ist,  sich  mit  dem  vereinigen  mufi,  von  aufien  in  es  herein- 
kommen muft,  was  wir  innerlich  wahrend  des  Schlafpro- 
zesses  als  innere  leibliche  Vorgange  studieren  und  beob- 
achten  konnen. 

Einen  solchen  Gedankengang  wird  man  allerdings  nicht 
sofort  ganz  durchschauen  konnen.  Er  ist  aber,  wenn  Sie  ihn 
verfolgen,  nicht  etwa  eine  blofte  Analogie,  er  ist  mehr  als 
das:  er  ist  eine  Art  Erziehungsmittel,  um  die  Dinge,  die 
uns  bei  der  charakterisierten  Erscheinung  im  Leben  ent- 
gegentreten,  wirklich  richtig  zusammen  zu  betrachten.  Und 
wer  sich  wirklich  aufklart  iiber  das  Verhaltnis  des  Sauer- 
stoffes, der  aufien  ist  und  in  die  Lunge  hineingeht,  zu  dem, 
was  in  der  Lunge  geschieht,  der  lernt  an  einem  solchen  Be- 


griffe,  an  einer  solchen  Idee  erkennen,  wie  er  uber  das  zu 
denken  hat,  was  wahrend  des  Schlafes  aufierhalb  des  phy- 
sischen  Organismus  ist  und  zu  den  Vorgangen,  die  im  phy- 
sischen  Organismus  wahrend  des  Schlafes  vor  sich  gehen, 
ebenso  hinzukommen  mufi,  wenn  Bewu£tsein  sich  erleben 
soil,  wie  der  Sauerstoff  zu  den  inner  en  organischen  Vor- 
gangen der  Lunge  hinzukommen  muft,  wenn  ein  Atmungs- 
vorgang  wirklich  lebendig  eintreten  soli. 

Die  Dinge,  die  man  nennen  kann  ein  «Begriinden  der 
GeisteswissenschafU,  sind  eben  durchaus  nicht  so  einfach 
wie  man  oftmals  glaubt.  Weil  sie  das  nicht  sind,  deshalb 
sieht  es  oft  so  aus,  als  ob  sie  sich  durch  leichtgeschiirzte 
Widerlegungen  aus  der  Welt  schafFen  liefien.  Es  handelt  sich 
wirklich  bei  der  Anerkennung  von  Grixnden  und  Gegen- 
grunden  auf  diesem  Gebiete  im  Fichteschen  Sinne  darum, 
was  fur  ein  Mensch  man  ist,  das  heifit,  welche  Seelenver- 
fassung  man  mitbringt,  um  die  Dinge  in  ihrem  richtigen 
Lichte  zu  sehen.  Wie  oft  hort  man  sagen:  Ach,  da  kommen 
diese  Geistesforscher  oder  Anthroposophen  und  sagen,  der 
Mensch,  den  man  doch  als  einen  einheitlichen  wahrnimmt 
und  fur  den  wir  uns  die  Anschauung  errungen  haben,  dafi 
er  ein  einheitlicher  ist,  zerfalle  in  verschiedene  Glieder  oder 
Teile,  in  einen  physischen  Leib,  einen  Atherleib  oder  Le- 
bensleib,  einen  astralischen  Leib  und  ein  Ich.  Ja,  so  ein- 
teilen  kann  man  ja  alles.  -  Aber  nicht  darum  handelt  es 
sich,  dafi  man  iiberhaupt  einteilt,  sondern  darum,  dafi  man 
nach  den  berechtigten  Anforderungen  eines  wirklich  in  die 
Dinge  eindringenden  Denkens  solche  Forschungsmethoden 
vollzieht.  Wenn  jemand  Wasser  vor  sich  hat,  dann  wird  er 
dem  Chemiker  nicht  unrecht  geben,  der  ihm  sagt:  Du  kannst, 
solange  du  dies  « Wasser»  sein  lafit,  niemals  darauf  kommen, 
welches  die  chemischen  Bestandteile  dieses  Wassers  sind; 
dazu  mufit  du  es  zerlegen  in  Wasserstoff  und  Sauerstoff. 


Solange  man  auf  elnem  solchen  konkreten  Gebiete  bleibt, 
wird  man  vielleidit  den  Einwand  nicht  horen:  Du  begehst 
eine  Todsiinde  wider  den  Monismus,  denn  das  Wasser  ist 
ein  Monon.  Du  darf st  es  nicht  zerteilen  in  Wasserstofif  und 
Sauerstoff,  sonst  wirst  du  ein  ganz  aberglaubischer  Dualist.  - 
Auf  einem  solchen  konkreten  Gebiete  wird  man  vielleicht 
einen  solchen  Einwand  nicht  horen,  weil  hier  die  Notwen- 
digkeit  zu  sehr  in  die  Augen  springt,  eine  solche  Zerteilung 
vorzunehmen.  Was  ist  denn  ein  Hauptkennzeichen  fur  die 
Berechtigung  einer  solchen  Zerteilung,  wenn  man  nicht  blofi 
das  Wasser  ins  Auge  fafit,  sondern  wenn  man  das  ganze 
hier  in  Frage  kommende  Seinsgebiet  berucksichtigt?  Das 
Wesentliche  ist,  dafi  der  Sauerstoff  nicht  blofi  im  Wasser 
sein  kann,  sondern,  wie  ihn  der  Chemiker  meint,  audi  in 
anderen  Substanzen,  mit  denen  er  sich  ganz  verbinden  kann, 
und  dafi  ebenso  der  Wasserstoff  sich  mit  anderen  Substan- 
zen verbinden  kann,  so  dafi  man  also  Wasser  zerteilen 
kann,  und  die  einzelnen  Teile  konnen  ganz  andere  Ver- 
bindungen  eingehen  und  haben  in  diesen  Yerbindungen  wie- 
der  ihre  besonderen  Schicksale. 

Wenn  es  bei  der  Geistesforschung  nur  darum  zu  tun 
ware,  in  dem  was  sich  als  Mensch  darlebt,  zu  unterscheiden, 
sagen  wir  den  Atherleib  und  den  physischen  Leib,  um  das 
andere  nicht  zu  erwahnen,  so  konnte  man  sagen:  Da  machst 
du  eben  eine  Einteilung.  -  Aber  verfolgen  Sie  einmal  die 
Geistesforschung  -  es  kann  heute  nicht  alles  angefiihrt  wer- 
den  — ,  da  geht  es  geradeso  zu  wie  zum  Beispiel  in  der 
Chemie.  Nicht  deshalb  zergliedern  wir  den  Menschen  in 
einen  physischen  Leib  und  in  einen  Atherleib,  weil  uns  das 
in  bezug  auf  diesen  Menschen  so  bequem  ist,  die  Erschei- 
nungsarten  in  dieser  Weise  auseinanderzuschalen,  sondern 
weil  wir  in  der  Tat  zu  zeigen  haben:  ebenso  wie  Wasser- 
stoff und  Sauerstoff,  wenn  sie  von  ihrem  Wasser-Sein  ge- 


trennt  werden,  in  den  verschiedenen  Substanzen  verschie- 
dene  Sdiicksale  durchmachen,  so  macht  der  physische  Leib 
im  Tode  seine  besonderen  Schicksale  durch,  wie  der  Ather- 
leib  audi,  und  audi  der  astralische  Leib  geht  andere  Ver- 
bindungen  ein.  Wie  der  Chemiker  das  Wasser  verfolgt, 
wenn  er  es  nicht  ein  Monon  sein  lafit,  sondern  es  als  die 
Dualitat  von  WasserstofF  und  SauerstofF  auFfaftt,  wie  er 
zeigt,  dafi  der  WasserstofF  ganz  andere  Wege  nehmen  kann 
als  der  SauerstofF,  so  verfolgt  der  Geistesforscher  die  Wege 
des  physischen  Leibes,  des  Atherleibes  oder  Lebensleibes, 
des  Astralleibes  und  des  Ichs  in  den  verschiedensten  Ge- 
bieten  des  Lebens.  Das  gibt  ihm  die  Berechtigung,  von  einer 
realen  Teilung  zu  sprechen.  Ein  Einwand,  dafS  er  damit 
gegen  den  Monismus  verstofien  wiirde,  ware  ganz  gleich- 
bedeutend  damit,  dafi  derjenige  gegen  den  Monismus  ver- 
stofit,  der  Wasser  in  WasserstofF  und  SauerstofF  zerlegt. 

Es  handelt  sich  also  darum,  dafS  der  Mensch  durch  die 
wirkliche  Einsicht  in  die  Tatbestande  den  Wert,  die  Berech- 
tigung der  Einwande  und  audi  die  Grenzen  der  Einwande 
versteht.  Der  wahren,  echten,  ernsten  Geisteswissenschaft 
wird  man  es  ansehen,  wenn  man  auf  sie  eingeht,  dafi  sie 
nicht  leichtherzig  iiber  die  Einwande  weggeht,  sondern  dafi 
sie  gerade  dadurch  zu  ihren  Resultaten  dieBegrifFe  zu  finden 
versucht,  dafi  sie  das  Fiir  und  Wider  wohl  erwagt.  Wenn 
nun  aber  schon  wiederholt  heute  hingewiesen  worden  ist 
auf  den  Fichteschen  Ausspruch:  Man  hat  eine  solche  Philo- 
sophic, wie  sie  sich  ergibt,  je  nachdem  man  als  Mensch 
geartet  ist  so  konnte  man  audi  das  sagen,  was  audi  schon 
vor  acht  Tagen  gesagt  worden  ist:  Da  wird  ja  gerade  alles 
zuriickgefuhrt  auf  ein  inneres  Subjektives,  da  wird  die 
Oberzeugungskraft  nicht  in  dem  gesucht,  was  aufierlich 
gegeben  wird,  sondern  in  der  Art  und  Weise,  wie  sich  der 
Mensch  zu  den  Erscheinungen  der  Welt  verhalten  konnte. 


Da  kommen  wir  dann  auf  die  Besprechung  dessen,  worauf 
im  ersten  Vortrage  hinge wiesen  worden  ist:  auf  die  Quel- 
len  der  geisteswissenschafilicheii  Erkenntnisse.  Es  wurde  ge- 
sagt,  dafi  diese  Quellen  sich  durch  eine  Entwickelung  der 
mensdilichen  Seele  ergeben.  Wie  diese  Entwickelung  vor 
sich  geht,  welche  Wege-  die  Seele  zu  durchwandern  hat,  da- 
mit  sie  wirklich  zu  Erkenntnissen  und  Anschauungen  der 
iibersinnlichen  Welt  hinaufsteigt,  dariiber  werden  wir  noch 
sprechen.  Heute  soil  nur  gesagt  werden,  dafS  die  Seele 
innere  Vorgange  durchzumachen  hat,  die  man  zum  Beispiel 
bezeichnet  als  Meditation,  als  Konzentration  des  inneren 
Lebens.  Was  wird  durch  solche  Vorgange  bewirkt? 

Wenn  derjenige,  der  wirklich  ein  Geistesforscher  werden 
will,  seine  Seele  sozusagen  zum  Apparat  fur  die  Geistes- 
forschung  machen  will,  so  mufi  er  eben  kiinstlich  einen  ahn- 
lichen  Zustand  bei  sich  herstellen,  wie  es  sonst  der  Schlaf- 
zustand  ist,  das  heifit,  er  mufi  kiinstlich  durch  scharfe  Wil- 
lenskonzentration  in  der  Lage  sein,  das  herbeizufiihren, 
was  sich  sonst  nur  durch  die  Ermudung  als  Schlafzustand 
einstellt.  Er  mufi  alle  aufSeren  Sinneseindriicke  ausschlieften 
konnen,  muiS  auch  alles  an  das  Gehirn  gebundene  Denken 
unterdriicken  konnen,  und  dennoch  mufi  er  jenen  Zustand 
vermeiden,  der  sonst  im  Schlafe  eintritt:  die  vollige  Leer- 
heit  des  Bewufitseins.  Das  vermeidet  er  dadurch,  daf$  er 
sich  ganz  bestimmten  Vorstellungen-  wir  werden  sie  spater 
noch  charakterisieren  -  hingibt,  die  geeignet  sind,  seine 
Seelenkrafte  zu  konzentrieren,  zusammenzuziehen,  so  da£ 
sie  starker  werden  als  sie  sonst  sind.  Wahrend  sie  sonst 
gleichsam  diinn  sind  und  daher,  wenn  sie  wahrend  des 
Schlafes  aus  dem  physischen  Letbe  herausgehen,  nichts  von 
sich  und  der  Welt  wissen  konnen,  ihre  innere  Wahrneh- 
mungskraft  also  zu  schwach  ist,  werden  sie  durch  solche 
Meditationen  und  Konzentrationen  in  sich  erstarkt,  ver- 


dichtet.  Der  Mensch  zieht  sich  dann  aus  dem  gewohnlichen 
Denken  nicht  so  heraus,  dafi  er  nichts  von  sich  weift,  wie 
es  beim  gewohnlidien  Schlafe  der  Fall  ist,  sondern  so,  dafi 
er  sich  bewufk  zu  halten  vermag  und  durch  die  Eigenart 
dieses  Zustandes  erfahrt:  Jetzt  horst  du  nichts  durch  die 
Ohren,  siehst  nichts  mehr  durch  die  Augen,  denkst  nicht 
mehr  durch  das  an  das  Gehirn  gebundene  Denken,  sondern 
jetzt  erlebst  du  dich  im  rein  Geistigen  und  hast  eine  Realitat 
im  rein  Geistigen. 

Gesagt  ist,  dafi  ein  gewohnlicher  und  wiederum  berech- 
tigter  Einwand  gegen  eine  solche  Behauptung  der  Geistes- 
forschung  der  ist:  Da  kann  man  durch  eine  solche  Seelen- 
entwickelung  zum  Beispiel  zu  inneren  Vorstellungswelten 
kommen,  die  man  als  einen  Ausdruck  einer  iibersinnlichen 
Welt  ansieht.  Man  kann  audi  durch  die  Art,  wie  sich  diese 
Vorstellungsarten  ergeben,  die  Meinung  haben,  sie  wiesen 
auf  etwas  Reales  hin.  Aber  man  wisse  doch-sokann  gesagt 
werden  daft  der,  welcher  Halluzinationen,  Wahn-Ideen, 
Visionen  hat,  auch  mit  aller  Kraft  an  diese  Halluzinationen 
und  so  weiter  glaubt,  und  es  sei  daher  ganz  unmoglich,  in 
Wahrheit  eine  Unterscheidung  zu  finden  zwischen  den 
Halluzinationen,  Wahn-Ideen  und  so  weiter  und  dem,  was 
sich  so  beim  Geistesforscher  einstellt.  -  Warum  sollte  man 
das,  wozu  der  Geistesforscher  auf  diese  Weise  kommt,  nicht 
auch,  zwar  als  eine  raffiniertere,  aber  doch  als  eine  blo£e 
Halluzination  ansehen?  Abgesehen  davon,  da&  man  sagen 
kann:  Was  so  im  Innern  erlebt  werde,  sei  nur  subjektiv  und 
konne  nicht  von  einem  anderen  zu  jeder  Zeit  kontrolliert 
werden,  wie  dies  zum  Beispiel  beim  physikalischen  Expe- 
riment der  Fall  ist. 

Nun  muiS  aber  darauf  hingewiesen  werden,  dafi  es  durch- 
aus  nicht  im  Charakter  aller  Wahrheiten  liegt,  dafi  sie  durch 
aufiere  Veranstaltungen  gefunden  oder  auch  nur  bekrafligt 


werden  konnen.  Man  kann  sagen,  es  konnten  fiir  jeden, 
der  nur  denken  will,  die  Vorstellungen  der  Mathematik 
im  auftersten  Sinne  dafiir  iiberzeugend  sein,  denn  sie  wer- 
den im  Innern  gewonnen.  Wir  brauchen,  urn  das  einzu- 
sehen,  nicht  auf  hohere,  sondern  nur  auf  die  gewohnliche 
Vorstellung,  dreimal  drei  ist  neun,  hinzuweisen.  Um  das 
einzusehen,  bedarf  es  nur  eines  inneren  Vorstellens  der 
Seek,  und  es  ist  nichts  weiter  als  eine  Versinnlichung,  wenn 
sich  jemand  zum  Beispiel  durch  dreimal  drei  Erbsen  ver- 
anschaulicht,  daft  dreimal  drei  neun  ist.  Es  hangt  von  der 
inneren  Seelenentwickelung  ab,  wenn  jemand  die  Erkennt- 
nis  hat,  daft  dreimal  drei  neun  ist,  und  er  braucht  sie  sich 
durch  einen  aufieren  Vorgang  nicht  erst  zu  bekraftigen.  Er 
weift,  was  er  erlebt  hat,  er  weift  es  ohne  jede  auftere  Kon- 
trolle.  Es  gibt  also  ein  inneres  Seelenarbeiten,  fiir  welches 
auftere  Kontrolle  nichts  weiter  als  Veranschaulichung  ist, 
die  sich  in  dem  Veranschaulichten  erschopft,  und  dem  man 
es  ansieht,  daft  dieses  innerlich  Durchzumachende  wahr  ist. 

In  einer  ganz  ahnlichen  Weise,  nur  auf  hoherer  Stufe, 
wird  der  Unterschied  erlebt  zwischen  Irrtum  und  Wahrheit 
der  ubersinnlichen  Welt.  Der  Geistesforscher  mufi  alle  die 
Dinge  durchmachen  wollen,  die  ihn  zur  Erkenntnis  fiihren 
konnen:  wo  horen  Halluzinationen,  Visionen  und  Illusionen 
auf,  und  wo  beginnt  die  ubersinnliche  Realitat?  Wo  das 
eine  aufhort  und  das  andere  beginnt,  das  kann  nur  auf 
eine  ahnliche  Weise  eingesehen  werden,  wie  die  mathe- 
matischen  Wahrheiten  eingesehen  werden  konnen.  Aber  es 
kann  eingesehen  werden.  Wer  ein  wirklicher  Geistesforscher 
ist  und  die  Natur,  die  wirklich  zur  Geistesforschung  hin- 
fuhrt,  kennt,  der  wird  ohnedies  nicht  die  Welt  mit  seinen 
Visionen  unterhalten,  und  wenn  Sie  jemanden  finden,  der 
die  Menschen  iiber  die  ubersinnliche  Welt  dadurch  unter- 
halt,  daft  er  von  seinen  Visionen  mitteilt,  so  konnen  Sie 


immer  voraussetzen,  dafi  er  von  einem  wahren  Geistes- 
forsdier  sehr  weit  entfernt  ist.  Denn  der  wahre  Geistes- 
forsdier  weifi,  daft  alles  imaginare,  visionare  Leben,  das 
man  in  der  aufieren  Welt  kennt,  nicbts  als  eine  Vorstellung 
des  eigenen  Seelenlebens  ist,  dafi  es  nichts  anderes  darstellt 
als  ein  Hinausprojizieren  der  eigenen  Seele  in  den  eigenen 
Raum.  Und  nicht  in  diesem  Raum,  niclit  in  dem,  was  man 
eigentlich  meint,  wenn  man  von  dem  Vorstellen  des  Geistes- 
forschers  als  ein  Nichtkenner  spricht,  liegt  das,  was  seine 
Wissenschaft  begriindet,  sondern  in  demjenigen,  was  erst 
hinter  diesem  Vermeintlichen  liegt,  nachdem  er  ganz  den 
Vorgang  durchgemacht  hat,  wie  sich  das  Seelenleben  ver- 
objektiviert  und  wie  dann  die  Wand  durchbrochen  wird, 
welche  sich  zuerst  als  eine  Widerspiegelung  unserer  inneren 
Seelenvorgange  aufrichtet. 

Gerade  das  ist  fur  den  Geistesforscher  wichtig,  dafi  er 
das  Wesen  der  Halluzinationen,  der  Visionen  und  Illusionen 
in  ihrem  Zusammenhange  mit  dem  inneren  seelischen  Leben 
erkannt  hat  und  sich  lange  genug  sagen  kann:  Was  so  er- 
scheint,  ist  nicht  als  das  objektiv  Mafigebende,  sondern  rein 
als  innere  Seelenvorgange  aufzufassen.  Und  es  gehort  nicht 
so  sehr  zu  den  Anforderungen  einer  wirklichen  geistes- 
wissenschafllichen  Schulung,  durch  gewisse  Verrichtungen, 
die  man  in  dem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?»  nachlesen  kann,  die  Seele  dazu  zu  brin- 
gen,  dafi  sie  frei  vom  Leibe  Erlebnisse  hat,  da£  sie  aus  dem 
Leibe  heraustritt;  sondern  wichtiger  ist  es,  da£  die  Seele 
iiber  diese  Erlebnisse  aufierhalb  des  physischen  Leibes,  im 
rein  Geistigen,  ein  rkhtiges  Urteil  gewinnt. 

Von  einem  gewissen  Punkt  ab  weilS  die  Seele  durch  das, 
was  sie  erlebt,  dafi  sie  nicht  mehr  subjektive  Vorgange 
erlebt,  sondern  dafi  sie  ihre  Subjektivitat  abgestreift  hat 
und  in  ein  Objektives  hineinkommt,  das  fiir  jeden  objektiv 


ist,  wie  das  Mathematische  objektiv  ist,  trotzdem  man  seine 
Beweiskrafl  nur  im  Innern  erleben  kann.  Der  Fehler,  den 
die  Menschen  machen,  die  an  ihre  Illusionen  glauben,  be- 
steht  darin,  daft  sie  nicht  lange  genug  die  Widerstandskraft 
gegen  die  illusionare  Welt  aufrechterhalten  konnen,  daft  zu 
friih  der  Glaube  eintritt  an  das,  was  sie  erleben,  daft  sie 
sich  von  ihren  Erlebnissen  nicht  lange  genug  sagen:  Das 
erscheint  zunachst  nur  als  eine  Widerspiegelung  von  dir 
selbst,  und  erst  wenn  du  alles  Subjektive  von  dir  abge- 
streift  hast,  wie  du  es  bei  der  Mathematik  machen  muftt, 
trittst  du  in  die  Sphare  der  objektiven  Wirklichkeit  ein. 

So  entf  allt  auch  der  Einwand,  daft  man  es  bei  den  geistes- 
forscherischen  Erlebnissen  mit  etwas  Subjektivem  zu  tun 
hat.  Man  hat  es  ebensowenig  mit  etwas  Subjektivem  zu 
tun,  wie  man  es  bei  mathematischen  Wahrheiten  damit  zu 
tun  hat.  Wenn  Geisteswissenschaft  mitgeteilt  wird,  so  han- 
delt  es  sich  nicht  eigentlich  darum,  Beweise  zu  liefern. 
Wenn  es  sich  darum  handelt,  so  mufi  man  vor  allem  das 
Wesen  des  Beweises  verstehen.  Wenn  es  niemals  in  der 
Welt  vorgekommen  ware,  daft  jemand  einen  Walfisch  ge- 
sehen  hatte,  so  wiirde  niemand  beweisen  konnen,  daft  es 
einen  Walfisch  gibt.  Aus  alien  Kenntnissen,  die  er  hat, 
wiirde  er  nie  das  Dasein  eines  Walfisches  beweisen  konnen, 
denn  ein  Walfisch  ist  eine  Tatsache,  und  Tatsachen  kann 
man  nicht  beweisen,  sondern  man  kann  sie  nur  erleben. 
Damit  ist  etwas  aufierordentlich  Gewichtiges  iiber  die  Lo- 
gik  gesagt,  aber  man  mufi  sich  erst  von  diesem  Gewich- 
tigen  iiberzeugen. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  handelt  es  sich  bei  den 
Mitteilungen  der  Geistesforschung  auch  nicht  darum,  daft 
man  Beweise  fur  die  ubersinnliche  Welt  oder  zum  Beispiel 
fur  die  Unsterblichkeit  der  Seele  liefert,  sondern  um  etwas 
ganz  anderes.  Davon  werden  sich  diejenigen  iiberzeugen, 


die  eine  langere  Zeit  den  wahren  Betrieb  der  Geistesfor- 
schung  mitmachen.  Nicht  urn  ein  logisches  Spintisieren  han- 
delt  es  sich,  sondern  um  ein  Kennenlernen,  um  ein  Mit- 
teilen  der  iibersinnlichen  Tatsachen.  Wenn  der  Geistesfor- 
scher  durch  die  schon  geschilderte  Entwickelung  der  Seele  in 
die  Lage  gekommen  ist,  dafi  er  das  Leben  zwischen  dem 
Tode  und  der  neuen  Geburt  iiberblickt,  so  handelt  es  sich 
darum,  da£  er  dann  die  Tatsachen,  welche  er  f  iir  das  Leben 
der  Seele  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten 
Geburt  anzufuhren  hat,  mitteilt,  dafi  er  mitteilt,  was  er  in 
der  iibersinnlichen  Welt  erlebt.  Um  Mitteilung  von  Erleb- 
nissen,  von  Tatsachen,  die  er  in  seiner  Seele  durchwandert, 
handelt  es  sich. 

Von  dem  anderen  darf  man  sagen:  es  ergibt  sich  an  der 
Hand  dieser  Mitteilungen.  Wenn  gezeigt  wird,  wie  die 
Seele  in  sich  geschlossen  bleibt,  wenn  die  Teile  des  Leibes 
zerfallen,  wie  die  Seele  dann  gewisse  Vorgange  durch- 
macht,  wie  sie  etwas  in  einer  rein  iibersinnlichen  Welt  erlebt 
und  die  Krafte  zu  einem  neuen  Leben  sammelt,  um  in  einem 
Leibe  wieder  ins  physische  Dasein  zu  treten,  wenn  das  in 
alien  Einzelheiten  angegeben  wird,  so  wird  ja  gezeigt,  wie 
die  Seele  lebt,  wenn  sie  durch  die  Pforte  des  Todes  durch- 
geschritten  ist.  Dann  wird  hingewiesen  auf  Tatsachen.  Um 
ein  solches  Hinweisen  auf  Tatsachen,  um  eine  solche  Mit- 
teilung von  Tatsachen  handelt  es  sich,  und  nicht  um  ein 
abstraktes  Beweisen. 

Nun  konnte  man  sagen:  Dann  hatte  aber  ein  solches 
Kennenlernen  von  entsprechenden  Tatsachen  nur  fiir  den 
eine  Bedeutung,  der  in  die  geistige  Welt  hineinschauen 
kann,  der  eine  entwickelte  Seele  hat.  Oh,  es  sieht  ein  solcher 
Einwand  aufterordentlich  iiberzeugend  aus,  und  es  soli  dies 
auch  gar  nicht  in  Abrede  gestellt  werden.  Wer  aber  das 
wirkliche  Seelenleben  kennt,  der  wird  auch  zu  diesem  Ein- 


wande  ein  ganz  anderes  Verhaltnis  gewinnen,  als  manche 
glauben.  Da  mussen  wir  die  Frage  aufwerfen:  Werden  wir 
denn  in  unserer  Seele  im  normalen  Leben  iiberhaupt  da- 
durch  von  etwas  uberzeugt,  dafi  uns  jemand  abstrakte  Be- 
weise liefert?  Nehmen  wir  ein  Beispiel.  Nehmen  wir  ein 
Bild,  zum  Beispiel  die  Sixtinisdie  Madonna.  Irgend  jemand, 
der  keine  Ahnung  von  dem  hat,  was  in  einem  solchen  Bilde 
liegt,  trete  vor  dieses  Bild  hin.  Ein  anderer  stelle  sich  neben 
ihn  und  beginne,  ihm  zu  beweisen,  was  da  drinnen  liegt. 
Ja,  der,  welcher  da  zuhort,  versteht  gar  nicht,  wovon  der 
andere  redet.  Der  kann  lange  «beweisen»,  dafi  in  diesem 
Bilde  etwas  Besonderes  liegt;  der  Zuhorende  kann  an  seine 
Beweise  nicht  glauben.  Denn  daft  man  Beweise  herbeischafft, 
das  ist  noch  nicht  das  Wesentliche,  sondern  das  Wesentliche 
ist,  daft  der  Zuhorer  die  Moglichkeit  hat,  an  diese  Beweise 
zu  glauben.  -  Ein  anderer  stent  vor  diesem  Bilde;  ein  Zwei- 
ter  tritt  hinzu  und  spricht  zu  ihm,  und  der  Zuhorende  hat 
jetzt  die  Moglichkeit,  so  etwas  wahrzunehmen,  was  durch 
das  Bild  ausgedrlickt  werden  soli.  Dann  regt  durch  das,  was 
er  erkannt  hat,  der  andere  in  ihm  das  an,  wovon  er  glaubt, 
daft  es  in  dem  Bilde  liegt.  Der  redet  vielleicht  gar  nicht 
beweisend.  Er  schildert  nur,  was  in  ihm  wirkt,  schildert  nur 
das,  was  in  ihm  spricht,  und  hat  der  Zuhorende  einmal  in 
der  Seele  erfaftt,  wovon  der  andere  spricht,  und  sieht  er 
sich  dann  das  Bild  an,  dann  sieht  er  das  andere  in  dem 
Bilde,  dann  wirkt  es  so,  daft  er  weifi:  es  ist  in  dem  Bilde 
drinnen.  Nicht  auf  eine  abstrakte  Beweiskraft  kommt  es 
an,  sondern  darauf ,  daft  jemand  an  uns  heran tritt,  der  weift, 
was  in  dem  Bilde  liegt,  und  daft  wir  wirklich  das  in  uns 
aufnehmen  konnen,  was  in  dem  Bilde  liegt,  wenn  wir  eine 
Anschauung  von  dem  gewinnen  wollen,  was  in  ihm  ist. 

So  ist  es,  wenn  der  Mensch  der  Welt  und  den  mensch- 
lichen  Erscheinungen  gegeniibertritt,  und  der  Geistesfor- 


sdier  tritt  zu  ihm.  Wiirde  der  Geistesforscher  mit  abstrak- 
ten  Beweisen  kommen  wollen,  so  wiirde  der,  welcher  nicht 
in  der  Lage  ist,  in  seiner  Seele  das  nachzuerleben,  was  der 
Geistesforscher  sagt,  niemals  durch  einen  Beweis  iiberzeugt 
werden  konnen.  Der  Geistesforscher  aber  macht  es  so  wie 
jener  Erklarer  des  Bildes,  von  dem  ich  zuletzt  gesprochen 
habe.  Er  erklart,  was  sich  ihm  in  der  Seele  ergeben  hat,  die 
er  erst  zum  Instrumente  fur  die  geistigen  Wahrheiten  ge- 
macht  hat,  als  im  Hintergrunde  des  geistigen  und  mensch- 
lichen  Lebens  stehend.  Er  gibt  die  Tatsachen,  die  er  erlebt 
hat.  Und  wenn  nun  der  andere  in  der  Lage  ist,  daft  er  diese 
Begriffe  und  Tatsachen  in  sein  ganzes  Seelenleben  aufneh- 
men  kann,  so  sieht  er  jetzt  die  Welt  so,  dafi  sich  ihm  durch 
das,  was  der  Geistesforscher  zu  sagen  hat,  dieses  als  sein 
eigener  Seeleninhalt  ergibt. 

Das  kann  naturlich  nicht  immer  so  sein.  Wenn  der  Gei- 
stesforscher oder  Geisteserfahrer  dem  Zuhorer  mit  ganz 
fernen  Behauptungen  kommt,  die  fur  ihn  selbst  vielleicht 
Erf  ahrungs wahrheiten  sind,  wenn  er  ihm  -  und  selbst  wenn 
er  noch  so  viel  in  der  geistigen  Welt  erlebt  hat  -  erzahlt, 
was  dort  alles  fur  Wesenheiten  sind  und  was  sie  tun,  dann 
hat  selbstverstandlich  der  Zuhorende,  wenn  er  es  zum 
ersten  Male  hort,  nicht  die  geringste  innere  Verpflichtung, 
das  zu  glauben,  was  er  hort.  Er  wird  es  und  kann  es  nicht 
glauben.Warumkann  er  es  nicht  glauben?  Weil  der  Abstand 
zwischen  dem,  was  in  der  Seele  erlebt  wird,  und  dem,  was 
ein  soldier  geistiger  Seher  in  der  Seele  erlebt  hat,  zu  groft  ist. 

Ebenso  unberechtigt  ware  es,  wenn  jemand  glaubte,  sagen 
zu  konnen,  in  dreifiig  Jahren  werde  einmal  ein  neuer  Welt- 
heiland  oder  ein  neuer  Weltmessias  kommen,  auf  den  man 
warten  konne,  und  der  ganz  besonders  grofie  Wahrheiten 
mitteilen  werde.  Eine  solche  Behauptung  konnte  jemand 
vor  einem  anderen,  der  nicht  dazu  vorbereitet  ware,  nur 


dann  tun,  wenn  er  vor  der  menschlichen  Seele  und  vor  den 
Errungenschaften  der  menschlichen  Kultur  keinen  Respekt 
hatte.  Aber  es  gibt  einen  Weg,  um  alles  dieses  eben  anders 
zu  machen,  indem  man  an  das  ankniipft,  was  wirklich  jeder 
mit  unbefangener  Seele  in  einer  gewissen  Weise  verfolgen 
kann.  Daher  mufi  es  immer  wieder  gesagt  werden,  dafi  der 
Einwand  unberechtigt  sei:  Geistesforschung  gelte  nur  fiir 
den,  welcher  selber  durch  seine  entwickelte  Seele  in  die 
geistige  Welt  hineinkommen  kann.  Das  ist  nicht  richtig.  Die 
geistige  Welt  erforschen  kann  man  nur,  wenn  man  diese 
Seele  zu  einem  Instrumente  der  Wahrnehmung  in  der  gei- 
stigen  Welt  umbildet.  Was  man  aber  dort  erlebt,  das  ist 
man  gleichsam  verpflichtet,  in  solche  Begriffe  zu  giefien, 
welche  fiir  jeden  Menschen  nach  der  betreffenden  Zeitbil- 
dung  bei  unbefangener  Seele  verstandlich  sein  konnen, 
wenn  er  sich  nur  eben  unbefangen  ihnen  hingibt  und  nicht 
durch  irgend  etwas,  zum  Beispiel  durch  eine  vermeintliche 
oder  falsche  Gelehrsamkeit,  sich  dagegen  straubt.  Daher 
kommt  es  vielmehr  darauf  an,  wie  die  Tatsachen  des  hell- 
sichtigen  Bewufkseins  irgendeinem  Zeitalter  mitgeteilt  wer- 
den, als  dafi  solche  Tatsachen  mitgeteilt  werden. 

Man  kann  es  zum  Beispiel  erleben,  wenn  irgend  jemand 
eingestandlich  nur  ein  Buch  gelesen  hat,  dafi  er  dann  uber 
Geistesforschung  glaubt  ein  Urteil  zu  haben  und  berechtigt 
ist,  sagen  zu  diirfen:  diese  Geistesforscher  fangen  immer  an, 
das  Wort  «esoterisch»  zu  gebrauchen,  wenn  ihnen  Begriffe 
ausgehen.  Vielleicht  konnte  es  aber  auch  so  sein,  dafi  bei 
dem  Betreffenden,  der  so  etwas  sagt,  das  Wort  esoterisch 
immer  die  Folge  hatte,  dafi  er  selber  bei  seinen  Begriffen 
etwas  wie  eine  Leere  fuhlt,  so  dafi  auf  ihn  selber  das  Wort 
esoterisch  begriff  s-ausloschend  wirkt.  Also  wenn  sich  jemand 
auf  diese  Weise  dagegen  straubt  und  nicht  das  aufruft,  was 
in  seiner  Seele  ist,  um  die  Ergebnisse  der  Geistesforschung 


auf  sich  wirken  zu  Iassen,  dann  ist  es  selbstverstandlich  - 
das  haben  wir  vor  adit  Tagen  gesehen  — ,  dafi  die  aller- 
griindlidisten  Einwande  gegen  die  Geistesforschung  vorzu- 
bringen  sind.  Wenn  sich  aber  die  Seele  unbefangen  dem 
hingibt,  was  die  Geistesforsdiung  gibt,  dann  geniigt  der 
gesunde  Menschenverstand,  das  gesunde  unbef  angene  Den- 
ken,  um  mitzuerleben  —  nicht  was  der  nicht  geschulten  Seele 
erlischt,  wohl  aber  das,  was  von  ihr  verstanden  werden 
kann.  Denn  wie  verhalt  sich  denn  jede  menschliche  Seele 
zu  der  Seele  des  Geistesforschers,  der  iiber  gewisse  konkrete 
Tatsachen  der  iibersinnlichen  Welt  ein  Urteil  hat,  weil  er 
sich  in  sie  hineinbegeben  hat?  Es  verhalt  sich  eine  jede  Seele 
zu  der  Seele  des  Geistesforschers,  wie  ein  Lebenskeim  zu 
dem  vollstandig  entwickelten  Leben;  und  in  derselben 
Weise,  wie  im  Lebenskeime,  zum  Beispiel  im  Ei,  das  voll- 
standige  Lebewesen  schon  enthalten  ist,  so  ist  in  jeder  Seele 
das  vorhanden,  was  nur  jemals  der  Geistesforscher  dieser 
Seele  sagen  kann.  Wie  auch  schon  im  unentwickelten  Le- 
benskeime gezeigt  werden  kann,  wie  daraus  das  Einzelne 
hervorgeht,  so  kann  die  einzelne  Seele,  welche  die  Ergeb- 
nisse  der  Geistesforschung  mitgeteilt  erhalt,  in  sich  keim- 
hafl,  aber  mit  vollstandiger  Oberzeugungskraft,  Einsicht 
gewinnen  in  die  geistigen  Welten. 

Daher  ist  es  niemals  begriindet,  wenn  man  dem,  der  sich 
nicht  blofi  auf  seine  intellektuelle  Kraft  des  logischen  Spie- 
les,  sondern  auf  seine  ganze  Seelenkraft  verlafit,  vorwirft, 
er  miisse  ein  leichtglaubiger  Mensch  sein,  wenn  er  sich  auf 
das  einlasse,  was  der  Geistesforscher  zu  sagen  hat.  Der  Ver- 
stand  allein  wird  es  nicht  einsehen  konnen;  die  ganze  Seele 
aber  wird  es  hinnehmen  konnen.  Daher  ist  ein  wirkliches 
Prtifen  -  nicht  ein  Hinnehmen  auf  Autoritat  -  der  Geistes- 
forschung moglich,  ist  in  jeder  Zeit  moglich  gewesen  und 
wird  auch  immer  moglich  sein. 


Es  ist  wohl  zu  merken,  dafi  ich  den  heutigen  Vortrag 
nicht  genannt  habe  «Wie  beweist  man  Geistesforschung?» 
sondern  «WiebegrundetmanGeistesforschung?>>,  dasheilk: 
woher  holt  man  sie,  und  wie  kann  die  menschliche  Seele  ein 
Verhaltnis  zu  ihr  gewinnen?  Dieses  Verhaltnis  wird  fiir 
viele  Menschen  wahrhaftig  schwer  zu  finden  sein,  aus  dem 
Grunde,  weil  viele  Einwande  gegen  diese  Geistesforschung 
Gewicht  zu  haben  scheinen.  Wie  sollte  es  denn  nicht  Ge- 
wicht haben  -  und  hier  komme  ich  wieder  auf  einen  Punkt, 
wo  ich  wieder  abstrakt  und  uninteressanter  sprechen  muiS  - 
wenn  jemand  sagt:  Der  Geistesforscher  behauptet,  dafi  er 
in  seinem  iibersinnlichen  Bewufksein  die  Seele  bis  in  die 
Zeit  hinter  der  Geburt  oder  der  Empfangnis  verfolgen 
kann,  wie  sie  lebt  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten 
Geburt  und  wie  sie  sich  dann  in  das  gegenwartige  Leben 
hereinlebt.  Nun,  man  kann  ja  zeigen  -  so  konnte  jetzt  ein- 
gewendet  werden  ~,  wie  gewisse  Eigentiimlichkeiten,  welche 
die  Seele  wahrend  des  Lebens  ausbildet,  in  der  Kindheit 
vorgebildet  werden  oder  vor  der  Geburt  im  Leibe  der 
Mutter  vorgebildet  werden!  -  Vielleicht  ist  unter  den  Ein- 
wanden  gegen  die  Geistesforschung  fiir  viele  nichts  von 
solchem  Gewicht,  als  gerade  ein  soldier  Einwand.  Die,  welche 
ofler  solche  Vortrage  gehort  haben,  werden  wissen,  wie  ich 
selber  solche  Einwande  auch  mache,  so  zum  Beispiel,  dafi 
in  der  Familie  Bach  so  und  so  viele  grofiere  und  kleinere 
Musiker  gelebt  haben,  so  dafi  man  mit  einem  gewissen  Recht 
darauf  hinweisen  konnte,  wie  der  Mensch  rein  in  der  phy- 
sischen  Vererbungslinie  das  empfangt,  was  ihn  zum  Mu- 
siker macht.  So  kann  man  darauf  hinweisen,  wie  durch  Ver- 
erbung  oder  durch  Aneignung  wahrend  des  Lebens  das  an 
den  Menschen  herankommt,  was  er  spater  als  seine  beson- 
deren  Eigentumlichkeiten  und  als  seine  Individuality  zeigt. 
Oh,  es  ist  ein  soldier  Einwand,  wenn  man  sich  mit  ihm  be- 


schaftigt,  wenn  man  sich  seiner  suggestiven  Kraft  iiberlafit, 
sehr  bedeutsam,  und  jeder  Geistesforscher  wird  es  ver- 
stehen,  dafi  es  Menschen  gibt,  welche  von  einem  solchen 
Einwande  nicht  loskommen  konnen,  auf  welche  die  Ge- 
walt  der  Tatsachen,  die  man  da  anfiihren  kann,  aufier- 
ordentlich  stark  wirkt. 

Aber  es  gehort  noch  etwas  anderes  dazu,  sich  so  einer 
Beweiskraft  hinzugeben,  namlich  einzusehen,  dafi  Ursachen, 
richtige  Ursachen  vorhanden  sein  konnen,  und  dennoch 
nichts  verursachen,  dennoch  nicht  wirklich  der  Anlafi  sind, 
dafi  tatsachlich  etwas  entsteht.  Ich  sage  etwas  scheinbar 
sehr  Paradoxes,  und  fur  den,  welcher  das  Gewichtige  der 
geisteswissenschaftlichen  Tatsachen  auf  seine  Seele  wirken 
lafit,  ist  es  gar  nicht  notwendig,  sich  darauf  einzulassen. 
Aber  hier  handelt  es  sich  darum,  gegenuber  dem  Zeitalter 
darauf  einzugehen,  um  darauf  aufmerksam  zu  machen, 
was  vom  philosophischen  Gesichtspunkte  aus  zeigen  kann, 
dafi  Ursachen  da  sein  konnen  und  dennoch  nichts  verur- 
sachen. 

Warum  hat  ein  Huhn,  wenn  es  entsteht,  Federn,  einen 
Schnabel  oder  diese  oder  jene  Eigenschaft  seines  Leibes? 
Ganz  gewilS  kann  jemand  sagen:  Die  hat  es  vererbt  bekom- 
men  von  dem  Eltern-Huhn,  und  fiir  die  besondere  Aus- 
pragung  des  Schnabels  und  so  weiter  sind  die  vererbten 
Merkmale  die  Ursachen,  die  wir  bei  jenem  Huhn  finden, 
von  welchem  das  betreffende  abstammt.  Aber  nun  mufi  man 
einsehen,  dafi  noch  etwas  Besonderes  dazu  gehort,  wenn  die 
Eigenschaften  des  Federn-Habens,  des  Einen-bestimmten- 
Schnabel-Habens  und  so  weiter,  die  bei  dem  Mutter-Huhn 
da  sind,  auch  bei  dem  Tochter-Huhn  auftreten  sollen:  es 
kann  etwas  eine  ganz  richtige  Ursache  sein,  aber  es  ist  not- 
wendig, dafi  ein  bestimmter  Keim  unter  bestimmten  Din- 
gen  entsteht,  damit  die  Ursachen  «Ursachen»  werden  kon- 


nen.  Nicht  darauf  kommt  es  an,  dafi  man  von  dem  Folgen- 
den  auf  die  bestimmten  Ursachen  hinweist,  sondern  dafi 
man  zeigt,  inwiefern  die  Ursadien  audi  haben  Ursachen 
werden  konnen. 

Hier  stehen  wir  an  einem  Punkt,  wo  die  Geisteswissen- 
schaft  aus  ihren  eigenen  Tatsachen  heraus  ein  Verhaltnis 
gewinnen  kann  zum  Beispiel  zum  Darwinismus.  Niemand, 
der  nicht  ein  vorwitziger,  sondern  ein  ernster  Geistesfor- 
scher  ist,  wird  die  Tatsachen  und  ernsten  Ausfiihrungen 
Darwins  und  der  Darwinianer  bestreiten.  Er  wird  sogar 
zustimmen,  wenn  Darwin  fragt:  Warum  schmiegt  sich  das 
Katzchen  so  an,  wenn  der  Mensch  in  seine  Nahe  kommt? 
Da  weist  der  Forscher  darauf  hin,  dafi  es  sich  schon  auf 
seinem  Lager  an  die  Mutter  anschmiegt,  und  daraus  sieht 
man,  wie  das  Spatere  mit  dem  Fruheren  zusammenhangt. 
Man  kann  auf  die  Ursachen  hinweisen,  wie  ein  Mensch 
diese  oder  jene  Eigenschaft  hat,  die  er  vielleicht  durch  die 
Mutter  erhalten  hat,  bevor  er  geboren  worden  ist.  Man 
kann  darauf  hinweisen;  man  hat  aber  nichts  daruber  gesagt, 
inwiefern  die  Ursachen  nun  Ursachen  geworden  sind.  Alles, 
was  von  einer  Weltanschauung  gesagt  werden  kann,  die 
scheinbar  f  est  auf  dem  Boden  der  Naturwissenschaft  gebaut 
ist,  was  erklart  werden  kann  durch  vererbte  Merkmale  und 
so  weiter,  das  wird  ja  von  der  Geistesforschung  ohne  wei- 
teres  zugegeben,  und  wer  von  dorther  Emwande  holt,  lebt 
gewohnlich  unter  der  Voraussetzung,  da£  sie  nicht  zuge- 
geben werden,  Sie  werden  zugegeben,  aber  der  andere  geht 
nicht  darauf  ein,  dafi  Ursachen  erst  Ursachen  werden  mus- 
sen,  so  dafi  es  sich  also  um  etwas  viel  Tieferes  handelt,  als 
er  im  Auge  hat.  Das  ist  uberhaupt  heute  der  Fall,  dafi  man 
dasjenige,  was  Geistesforschung  aus  der  Tiefe  des  Seins  her- 
auszuschopf  en  sich  bemuht,  immer  nur  nach  der  Oberflache 
beurteilt,  die  man  gerade  selbst  zu  iiberschauen  vermag. 


Wenn  das  nidit  immet  gesdiahe,  dann  konnte  zum  Beispiel 
ein  Feuilleton  nidit  zustande  kommen  wie  jenes,  weldies 
am  letzten  Sonntage  im  «Berliner  Tageblatt»  erschienen  ist, 
das  eingestandlich  nur  auf  einem  einzelnen  Buche  fufit.  Ich 
mochte  nur  einmal  f ragen,  was  man  einem  Menschen  sagen 
wird,  der  sich  ein  abschliefiendes  Urteil  zum  Beispiel  iiber 
Chemie  nur  aus  einem  einzigen  Buche  gemacht  hat?  Aber 
so  machen  es  unsere  Zeitgenossen.  Man  darf  sagen,  die 
Geistesforschung  hat  nodi  gewichtige  Griinde,  in  der  Ge» 
genwart  sich  erhartet  zu  f  iihlen. 

Fiir  die,  welche  diese  Vortrage  langere  Zeit  angehort 
haben,  darf  ich  wohl  sagen,  dafi  hier  vieles  aus  der  philo- 
sophischen  Entwickelung  angefiihrt  worden  ist.  Wer  das 
kennt,  wird  vielleicht  zu  dem  Urteil  kommen:  es  haben 
viele  Philosophen  Beweise  geliefert  fiir  die  Unsterblichkeit 
der  menschlichen  Seele.  Ich  selbst  mufi  gestehen,  ich  habe 
mich  gegeniiber  dem,  was  von  philosophischer  Seite  an  Be- 
weisen  fiir  die  Unsterblichkeit  der  Seele  oder  fiir  eine  iiber- 
sinnliche  Welt  herbeigebracht  wurde,  nie  recht  behaglich 
gefiihlt,  denn  was  die  Philosophen  meist  im  Auge  haben, 
sind  nur  die  Begriffe  der  Dinge.  So  haben  die  Philosophen 
selbst  vom  menschlichen  Ich  nur  den  Begriff  des  Ichs.  Dafi 
man  aber  aus  dem  Begriffe  des  Ichs  nichts  Reales  folgern 
kann,  das  sollte  jedem  ebenso  klar  sein,  wie  es  klar  ist,  dafi 
ein  blofi  gemalter  Maler  kein  Bild  malen  kann.  Ebenso 
sollte  man  sich  dariiber  klar  sein,  dafi  das  Bild  des  Ichs 
nichts  fiir  das  Ich  selbst  sagt.  Wer  sich  auf  die  Geisteswissen- 
schaft  einlafit,  der  wird  sehen,  dafi  die  Cberzeugung  von 
der  Realitat  des  Ichs  durch  etwas  ganz  anderes  gewonnen 
wird,  namlich  durch  die  ganze  Art  des  Fortlebens  des  Ichs 
nach  dem  Tode. 

Also  an  dem,  was  gutglaubige  Philosophen  nach  dieser 
Richtung  hin  vorbringen,  kann  einem  nicht  behaglich  wer- 


den.  Aber  aus  dem,  was  diejenigen  vorbringen,  welche  als 
Gegner  oft  so  recht  gegen  die  Dinge  wettern,  gewinnt  der, 
weldier  die  Dinge  tiefer  durchschaut,  einen  recht  guten  Be- 
weis  fiir  die  Natur  des  Ichs.  Denn  es  gibt  ja  Philosophen, 
welche  sagen,  sie  konnten  das  Ich  iiberhaupt  nur  als  eine 
Zusammenf  assung  aller  moglichen  physiologischen  usw.  Ta- 
tigkeiten  erfassen.  Da  sieht  man  dann,  dafi  diese  Forscher 
alles  Mogliche  anfiihren,  nur  kann  sich  das,  was  sie  an- 
fiihren,  nicht  auf  ein  Ich  beziehen.  Sie  sind  da  in  dem- 
selben  Sinne,  nur  umgekehrt,  wie  jene  Richtung,  welche  die 
Lebenserscheinungen  durch  die  Lebenskraft  erklaren  will. 
Denn  wie  die  Lebenskraft  das  fiinfte  Rad  am  Wagen  ist,  so 
wird  durch  die  Erklarungen,  die  fiir  das  Seelenleben  bei- 
gebracht  werden,  nicht  nur  nichts  erklart,  sondern  sie  sind 
sogar  ganz  iiberflussig,  wenn  es  sich  um  das  wahre  Erfor- 
schen  des  Seelischen  handelt.  Man  sieht  dann,  daft  solche 
Erklarer  das  Seelische  wirklich  ungeschoren  lassen  und  gar 
nicht  dort  herankommen,  so  daft  also  das  Seelische  fiir  sich 
bleibt  und  sich  als  etwas  erweist,  woran  die  aufieren  Er- 
klarungen nicht  herankommen  konnen.  Erst  wenn  im  Zeit- 
bewuBtsein  das  Gefuhl  entstehen  wird,  dafi  man  Geistes- 
forschung  nicht  nach  der  Oberflache,  sondern  nur  durch  ein 
vertieftes  Hineingehen  in  sie  beurteilen  kann,  erst  dann 
wird  nicht  irgendein  Urteil  maftgebend  sein  konnen,  das 
von  aufien  iiber  die  Geistesforschung  kommt. 

Wie  es  mit  den  wissenschaftlichen  Einwanden  ist,  so  auch 
mit  den  Einwanden,  die  im  ersten  Vortrage  in  moralischer 
oder  religioser  Hinsicht  gegen  die  Geistesforschung  vorge- 
bracht  worden  sind.  Wenn  zum  Beispiel  gesagt  wird,  es  sei 
unendlich  viel  wertvoller,  wenn  jemand  aus  reiner  Selbst- 
losigkeit,  selbst  mit  der  Aussicht,  im  Tode  vernichtet  zu 
werden,  das  Gute  tue,  nur  aus  der  Einsicht  und  dem  Willen, 
da£  es  in  die  Allgemeinheit  ubergehe  -  als  wenn  er  es  tue 


im  Hinblick  auf  einen  Ausgleich  in  folgenden  Erdenleben, 
so  ist  ein  solches  Urteil  durchaus  wahr  und  soli  nicht  be- 
stritten  werden.  Wahr  ist  es,  wenn  gesagt  wird,  dafi  jemand 
nur  aus  Egoismus  heraus  etwas  Gutes  tue,  wenn  er  glaube, 
dafi  es  ihm  dann  durch  das  Karma  in  einer  Art  Vergeltung 
wieder  als  ein  Gutes  im  neuen  Erdenleben  zukomme,  oder 
wenn  er  das  Bose  deshalb  unterlafit,  weil  es  sidi  als  eine  Art 
Strafe  im  neuen  Leben  wieder  zeigen  konnte.  Es  ist  gewifi, 
dafi  man  eine  solcbe  Behauptung  als  den  Egoismus  begriin- 
dend  einsehen  kann  und  daher  mit  vollem  Rechte  sagen 
darf :  Also  werde  ja  gerade  durch  das,  was  die  Geistesfor- 
schung  iiber  den  Menschen  zu  sagen  habe,  der  Egoismus 
unter  den  Menschen  gefordert. 

Schopenhauer  hat  einmal  mit  Recht  gesagt  -  Sie  wissen, 
dafi  ich  durchaus  nicht  iiberall  mit  ihm  iibereinstimme  — : 
«Moral  predigen  ist  leicht,  Moral  begriinden  schwer.»  Was 
heilk  Moral  begriinden?  Es  heilk,  eine  Seelenverfassung 
herbeif  iihren,  durch  welche  der  Mensch  zu  einem  moralischen 
Handeln  kommen  kann.  Wer  das  Volkerleben  kennt,  der 
weifi,  dafi  Moral  predigen  nicht  nur  leicht  ist,  sondern  mei- 
stens  sehr  nutzlos  ist;  denn  man  kann  sehr  wohl  recht  gute 
Moralgrundsatze  kennen  -  und  recht  schlecht  handeln. 
Wenn  es  sich  blofi  um  das  Anhoren  von  Moralpredigten 
handelte,  so  wiirde  es  ganz  gewifi  viel  mehr  moralische 
Menschen  geben,  als  es  der  Fall  ist. 

Es  konnte  jemand  zum  Beispiel  sagen:  Man  nehme  ein 
Elternpaar  an,  das  seinen  Kindern  gegeniiber  alles  anstre- 
ben  wiirde,  damit  diese  ordentHche  und  tuchtige  Menschen 
werden.  Denn,  so  sagen  die  Eltern,  wenn  wir  sie  zu  ordent- 
lichen,  tiichtigen  Leuten  machen,  so  werden  sie  uns  im 
Alter  eine  Stiitze  sein  konnen,  und  wir  werden  alles  Mog- 
liche  von  ihnen  haben  konnen.  Wenn  die  Eltern  ihre  Kinder 
unter  diesem  Gesichtspunkte  erziehen,  so  ist  es  zweifellos 


ein  hochst  egoistisclier  Gesichtspunkt.  Aber  nehmen  wir 
nun  an,  die  Kinder  werden  ordentlidi,  so  dafi  sie  tuchtige 
Leute  sind,  wenn  sie  herangewachsen  sind.  Dann  haben  die 
Eltern  zwar  etwas  Egoistisches  getan,  aber  sie  haben  Moral 
nicht  selbst  gepredigt,  wohl  aber  Moral  begrundet,  und  es 
konnte  sich  herausstellen,  dafi  sie,  wenn  sie  die  Kinder  zu 
tiichtigen  Leuten  machen,  und  diese  dann  spater  etwas  ganz 
anderes  zeigen,  als  sie  sich  vorgestellt  haben,  noch  zu  einer 
ganz  anderen  ethischen  Auffassung  kommen.  Da  ware  auch 
fur  die  Eltern  Moral  begrundet,  nicht  gepredigt. 

Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  hatte  nicht  die  Gelegenheit, 
fur  sein  nachstes  Erdenleben  den  Ausgleich  fur  schlechte 
Handlungen  zu  berechnen.  Aber  indem  er  nun  unter  dem 
Einflusse  einer  solchen  Anschauung  von  dem  Karma  Hand- 
lungen begeht,  wird  sich  ihm  allmahlich  eine  moralische 
Weltanschauung  herausbilden.  Sie  wird  aus  der  mensch- 
lichen  Natur  heraus  begrundet  werden.  Wer  noch  auf  einer 
niederen  moralischen  Stufe  steht,  wird  ja  gewift  aus  einer 
egoistischeren  Auffassung  des  Karma  heraus  handeln.  Wer 
aber  auf  den  hoheren  Standpunkt  gekommen  ist  und  daher 
auch  eine  hohere  Auffassung  von  dem  Karma  hat,  wird  in 
sich  eine  selbstlose  Moralforderung  erfullen. 

So  handelt  es  sich  darum,  dafi  man  nicht  abstrakt  auf 
etwas  hinweise,  indem  man  eine  Karmaidee  egoistisch 
nennt,  sondern  daiS  man  zeigt,  wie  sie  den  Menschen  zu 
einer  hoheren  Entwicklung  hinauffuhrt.  Das  konnte  noch 
weiter  ausgefuhrt  und  gezeigt  werden,  wie  die  Geistesfor- 
schung  auf  das  Reale,  auf  das  Wirkliche  der  Menschennatur 
geht.  Wenn  jemand  den  anderen  Einwand  erheben  wiirde, 
dafi  viele  sich  sagen  konnten:  Ich  habe  spatere  Erdenleben 
vor  mir,  da  brauche  ich  erst  in  den  spateren  Leben  ein 
ordentlicher  Mensch  zu  werden;  jetzt  habe  ich  noch  Zeit, 
jetzt  kann  ich  noch  ein  unordentlicher  Mensch  sein  -,  so 


ware  das  ein  Einwand,  der  audi  theoretisch  zu  widerlegen 
ist.  Um  sich  aber  riditig  zu  ihm  zu  stellen,  dazu  gehort,  dafi 
man  die  praktischen  Verhaltnisse  kennt.  Man  mufi  wissen, 
daft  jemand,  welcher  der  Ansicht  ware,  er  brauchte  in  seinem 
jetzigen  Leben  nodi  kein  ordentlicher  Mensdi  zu  sein,  er 
wolle  dies  erst  im  nachsten  Leben  werden,  durdi  einen  sol- 
dien  Vorsatz  in  sein  nachstes  Leben  hineingewirkt  hat. 
Wenn  er  nicht  jetzt  beschliefit,  ein  ordentlicher  Mensch  zu 
werden,  so  hat  er  eben  audi  fur  das  nachste  Leben  nicht  die 
notigen  Grundlagen  dazu.  Er  benimmt  sich  also  jetzt  schon 
die  Fahigkeit,  um  spater  ein  ordentlicher  Mensch  zu  sein; 
er  schafft  sich  selbst  die  Krafte  dafiir  hinweg.  So  konnte 
wieder  Stuck  fiir  Stuck  iiber  die  berechtigten  moralischen 
Einwande  gesprochen  werden. 

Audi  der  religiose  Einwand  ist  berucksichtigt.  Es  wird 
gesagt:  Da  mufi  die  Geistesforschung  erklaren,  dafi  in  jeder 
Seele  ein  Funke  des  Gottlichen  ist  und  dafi  der  Mensch 
diesen  Gottesfunken  von  Leben  zu  Leben  immer  mehr  und 
mehr  entwickelt.  Es  wird  also  der  Funke  des  Gottlichen  in 
die  menschliche  Brust  verlegt. 

Wie  man  sich  zu  dieser  Sache  verhalt,  wenn  man  sie  in 
das  richtige  Licht  zu  bringen  weift,  das  versuchte  ich  zu 
zeigen  in  der  ersten  Szene  meines  Mysterien-Dramas  «Die 
Priifung  der  Seele».  Gewifi,  man  kann  sagen,  es  gehe  durch 
eine  solche  Anschauung  das  verloren,  was  geradedas  religiose 
Prinzip  genannt  werden  kann,  das  Abhangigkeitsgefuhl 
von  dem  Gottlichen,  aufierhalb  dessen  der  Mensch  steht, 
das  kindliche  Hinaufblicken  zu  diesem  aufier  ihm  befind- 
lichen  Gottlichen.  Aber  man  nehme  nun  das,  was  von  dem 
anderen  Standpunkte  aus  zu  sagen  ist,  dafi  der  Mensch 
vollig  einsehe,  dafi  das  Gottliche  einen  Funken  in  ihn  gelegt 
hat,  den  er  erleben  mufi  und  zur  Entfaltung  bringen  mufi; 
dafi  er  tatsachlich  einzusehen  vermag:  Du  tragst  in  dir  einen 


gottlichen  Funken,  und  lafk  du  ihn  unentwickelt,  so  lalk 
du  ihn  verkummern!  Dieses  Beisammensein  mit  dem  Gott- 
lichen, und  doch  wieder  die  Notwendigkeit,  diesen  Funken 
erst  entwickeln  zu  miissen,  das  ist  ein  Antrieb  von  einer 
unendlich  viel  grofieren  Starke,  als  jeder  andere  religiose 
Antrieb. 

Wer  sich  auf  die  Geisteswissenschaft  einlafk,  wird  schon 
sehen,  dafi  es  sich  nirgends  um  eine  Gegnerschaft  zu  irgend- 
einem  religiosen  Bekenntnisse  handelt.  Man  glaubt,  weil 
sich  religiose  Bekenntnisse  so  gerne  gegen  anthroposophische 
Geisteswissenschaft  wenden,  dafi  sich  nun  die  Geisteswissen- 
schaft auch  gegen  religiose  Bekenntnisse  wenden  werde. 
Aber  wie  mit  den  vorhin  charakterisierten  wissenschaft- 
lichen  Einwanden  ist  es  gerade  auch  mit  diesem  religiosen 
Einwande:  keinem  religiosen  Bekenntnisse  kommt  Geistes- 
wissenschaft in  die  Wege,  denn  sie  hat  es  mit  dem  Verhalt- 
nisse  der  Menschenseele  zu  den  iibersinnlichen  Welten  zu 
tun,  wahrend  es  die  Religion  zu  tun  hat  mit  dem  Verhalt- 
nis  zu  der  einzelnen  Seele. 

Wer  wirklich  zu  sehen  vermag,  der  wird  sehen,  wie  es 
fiir  den  Menschen  durchaus  moglich  ist,  Geistesforschung 
zu  treiben,  trotzdem  er  voll  in  einem  fiir  ihn  naturgemafien 
religiosen  Bekenntnisse  drinnen  stehen  bleibt.  Die  wahre 
Begrundung  von  Geistesforschung  aber,  wenn  sie  von  der 
Welt  aufgenommen  wird,  wird  dem  Menschen  das  geben 
konnen,  was  man  nennen  kann  eine  vertieftere  Auffassung 
des  seelischen  Lebens,  sowohl  des  einzelnen  seelischen  Le- 
bens  wie  des  Zusammenlebens  der  Seelen.  Wer  sich  nur  ein 
wenig  davon  iiberzeugen  kann,  daft  alles  aultere  mensch- 
liche  Zusammenleben  nur  ein  aufieresBilddessen  seinkann, 
wie  die  Seelen  zueinander  stehen,  der  wird  das  Unermefi- 
liche  einsehen,  was  sich  fiir  die  Seele  ergibt,  wenn  sie  zu  der 
Erkenntnis  kommt,  wie  die  einzelne  Seele  zu  der  anderen 


steht,  wie  die  einzelne  Seele  zur  anderen  stehen  kann,  wenn 
sie  richtig  erfafit  hat,  wie  die  Schicksale  der  einzelnen  Seele 
gegenuber  der  anderen  Seele  sind  im  Leben  zwischen  dem 
Tode  und  der  nachsten  Geburt,  welches  die  Schicksale  fur 
die  einzelne  Seele  sind,  was  es  heifit,  von  einer  anderen  Seele 
abgetrennt  zu  sein,  was  es  heifit,  ein  neues  Verhaltnis  zu 
gewinnen  zu  der  abgeschiedenen  Seele,  wenn  die  Seele,  die 
hier  geblieben  ist,  etwas  von  der  ubersinnlichen  Welt  wissen 
kann.  Ober  alles  menschliche  Wissen  und  iiber  alle  sonstigen 
Verhaltnisse  des  Menschenlebens  wird  neues  Licht  ausge- 
gossen,  wenn  sich  das  in  die  Seelen  zu  senken  vermag,  was 
aus  den  Tiefen  der  ubersinnlichen  Welt  fiir  jede  einzelne 
Seele  hervorgeholt  werden  kann.  Ein  Hineinleben,  nicht 
blofi  ein  Hineindenken,  gehort  zu  dem  Erkennen,  zu  dem 
Erschauen,  zu  dem  Verstehen  der  geistigen  Wahrheiten. 

Das  hat  man  nicht  erst  durch  die  Geistesforschung  der 
neueren  Zeit  erkannt,  sondern  das  hat  man  im  Grunde  ge- 
nommen  immer  schon  iiberall  da  erkannt,  wo  man  aus  einer 
wirklichen  Erkenntnis  der  geistigen  Welt  heraus  gesprochen 
hat.  Nicht  von  mir  selbst  aus  mochte  ich  sagen,  was  ich  zu 
sagen  hatte  fiir  die  Stellung  der  Geistesforschung  gegenuber 
denen,  welche  sie,  ohne  sie  wirklich  zu  kennen,  ablehnen, 
wohl  aber  von  Johann  Gottlieb  Fichte  aus  mochte  ich  es 
sagen.  Wenn  manches  Schwerwiegende,  vielleicht  auch  fiir 
manchen  Verletzende  in  diesem  Ausspruche  ist,  so  beriick- 
sichtige  man,  dafi  er  von  einem  Manne  herkommt,  der, 
voller  Enthusiasmus  fiir  Geistesforschung,  seinen  Zorn  ver- 
kiinden  wollte  alien  denjenigen,  welche,  ohne  wirklich  einen 
Einblick  in  die  geistige  Forschung  gewinnen  zu  wollen,  sie 
ablehnen  und  sie  bekampfen  zu  miissen  glauben.  Diesen 
ruft  Fichte  zu: 

«Sie  konnen  nicht  anders,  als  jene  sie  beschamende  Uber- 
zeugung  von  einem  Hoheren  im  Menschen  und  alle  Er- 


scheinungen,  die  diese  Oberzeugung  bestatigen  wollen,  wii- 
tend  anzufeinden;  sie  mussen  alles  Mogliche  tun,  um  diese 
Erscheinungen  von  sich  abzuhalten  und  sie  zu  unterdriik- 
ken;  sie  kampfen  fiir  ihr  Leben,  fur  die  feinste  und  innigste 
Wurzel  ihres  Lebens,  fiir  die  Moglichkeit,  sich  selber  zu  er- 
tragen.  Aller  Fanatismus  und  alle  wutende  Aufierung  des- 
selben  ist,  vom  Anfange  der  Welt  an  bis  auf  diesen  Tag, 
ausgegangen  von  dem  Prinzip:  wenn  die  Gegner  recht 
hatten,  so  ware  ich  ja  ein  armseliger  Mensch.  -  Vermag 
dieser  Fanatismus  zu  Feuer  und  Schwert  zu  gelangen,  so 
greift  er  den  verhafken  Feind  an  mit  Feuer  und  Schwert; 
sind  diese  ihm  unzuganglich,  so  bleibt  ihm»  (dieses  letztere 
mufi  man  ja  fiir  unsere  Gegenwart  doch  auch  sagen)  «die 
Zunge,  welche,  wenn  sie  auch  den  Feind  nicht  totet,  doch 
sehr  oft  seine  Tatigkeit  und  Wirksamkeit  nach  aufien  kraftig 
zu  lahmen  vermag.  Eines  der  gebrauchlichsten  und  belieb- 
testen  Kunststiicke  mit  dieser  Zunge  ist  dieses,  dafi  sie  der 
nur  ihnen  verhaftten  Sache  einen  allgemein  verhafiten  Na- 
men  beilegen,  um  dadurch  sie  zu  verschreien  und  verdach- 
tig  zu  machen.  Der  stehende  Schatz  dieser  KunstgrifTe  und 
dieser  Benennungen  ist  unerschopflich  und  wird  immerfort 
bereichert,  und  es  wiirde  vergeblich  sein,  hierbei  einige  Voll- 
standigkeit  anzustreben.  Nur  einer  der  gewohnlichsten  ver- 
haftten  Benennungen  will  ich  hier  gedenken:  der,  dafi  man 
sagt,  diese  Lehre  sei  Mystizismus. 

Bemerken  Sie  hierbei,  zuvorderst  in  Absicht  der  Form 
jener  Beschuldigung,  dafi,  falls  etwa  ein  Unbefangener  dar- 
auf  antworten  wiirde:  Nun  wohl,  lafit  uns  annehmen,  es 
sei  Mystizismus  und  der  Mystizismus  sei  eine  irrige  und 
gefahrliche  Lehre,  so  mag  er  darum  doch  immer  seine  Sache 
vortragen,  und  wir  wollen  ihn  anhdren;  ist  er  irrig  und 
gefahrlich,  so  wird  das  bei  der  Gelegenheit  wohl  an  den 
Tag  kommen,  -  jene,  der  kategorischen  Entscheidung  ge- 


mafi,  mit  welcher  sie  dadurch  uns  abgewiesen  zu  haben 
glauben,  darauf  antworten  mufiten:  da  ist  nichts  mehr  an- 
zuhoren;  schon  vorlangst,  wohl  seit  anderthalb  Menschen- 
leben,  ist  der  Mystizismus  durch  die  einmiitigen  Beschliisse 
aller  unserer  Rezensionskonzilien  als  Ketzerei  dekretiert 
und  mit  dem  Banne  belegt.» 

So  Johann  Gottlieb  Fichte.  Fichte  spricht  sich  so  aus,  dafi 
es  einigermafien  audi  heute  noch  gelten  kann  uber  das  Ver- 
haltnis  der  Geistesforschung,  sagen  wir  zu  denen,  die  nur 
ihren  Sinnen  vertrauen  wollen  und  die  Welt  nach  dem  ein- 
gerichtet  haben  wollen,  was  ihnen  ihre  Sinne  sagen.  Fichte 
vergleicht  solche  Menschen  -  obwohl  dieser  Vergleich  viel- 
leicht  nicht  ganz  berechtigt  ist  die  nur  ihren  Sinnen 
vertrauen  wollen  und  nicht  zugeben  wollen,  da£  es  eine 
nahere  Erkenntnis  der  Wahrheit  gibt,  mit  Taubstummen 
und  BHndgeborenen,  die  auch  nicht  Tone  und  Farben  zu- 
geben wollten,  wenn  ihnen  durch  die  Sehenden  davon  ge- 
sprochen  wird.  Nun  kann  man  Blindgeborene  und  Taube 
allerdings  nicht  mit  denen  vergleichen,  die  nicht  aufnehmen 
wollen,  was  durch  die  hellseherische  Forschung  gegeben 
werden  kann,  weil  jede  Seele  fahig  ist,  sich  in  ein  Ver- 
haltnis  zu  den  ubersinnlichen  Wahrheiten  zu  bringen.  Aber 
Fichte  sagt: 

«Daf$  man  sich  auch  der  Taubstummen  und  der  BHnd- 
geborenen annimmt  und  einen  Weg  sich  ausgesonnen  hat, 
um  an  sie  Unterricht  zu  bringen,  ist  alles  Dankes  wert  - 
von  den  Taubstummen  namlich  und  den  BHndgeborenen. 
Wenn  man  aber  diese  Weise  des  Unterrichts  zum  allge- 
meinen  Unterrichte,  auch  fiir  die  Gesundgeborenen,  machen 
wollte,  weil  neben  ihnen  doch  immer  auch  Taubstumme 
und  Blindgeborene  vorhanden  sein  konnten,  und  man  dann 
sicher  ware,  fiir  alle  gesorgt  zu  haben;  wenn  der  Horende 
ohne  alle  Achtung  fiir  sein  Gehor  ebenso  miihsam  reden 


und  die  Worte  auf  den  Lippen  erkennen  lernen  sollte,  als 
der  Taubstumme,  und  der  Sehende  ohne  alle  Achtung  fiir 
sein  Sehen  die  Buchstaben  durch  Betastung  lesen,  so  wiirde 
dies  gar  wenig  Dank  verdienen  von  den  Gesunden;  ohn- 
erachtet  diese  Einrichtung  freilich  sogleich  getroffen  werden 
wiirde,  sobald  die  Einrichtung  des  offentlichen  Unterrichts 
von  dem  Gutachten  der  Taubstummen  und  Blindgeborenen 
abhangig  gemacht  wiirde. » 

Vielleicht  wiirde  man  sagen  konnen,  wenn  man  schon 
gegen  diesen  Fichteschen  Satz  einenEinwand  machen  wollte, 
dafS  es  nicht  einmal  so  bei  den  Blindgeborenen  und  Taub- 
stummen zugehen  wiirde.  Wenn  es  aber  auf  diejenigen  an- 
kame,  die  nur  auf  die  Sinne  und  auf  den  Verstand  ver- 
trauen,  um  darauf  zu  kommen,  wie  die  Welt  gestaltet  sein 
sollte,  so  wiirden  sie  diese  nicht  so  gestalten,  wie  die  Sehen- 
den  sie  erblicken.  Sie  wiirden  zwar  wettern  und  sich  auf- 
lehnen  gegen  alle  spirituelle  Interpretation  der  Welt  von 
seiten  anderer,  wiirden  aber  sich  selbst  fiir  unfehlbar  er- 
klaren  in  bezug  auf  das,  was  sie  iiber  die  Welt  zu  sagen 
wissen.  Hohnlachend  wiirden  sie  sich  verhalten,  wenn  ver- 
langt  wiirde,  daft  nur  der  iiber  eine  solche  Sache  sprechen 
sollte,  der  von  ihr  weifi,  und  dafi  diejenigen  nichts  dariiber 
sagen  sollten,  die  nichts  von  ihr  wissen.  Der  Hauptgrund 
aller  Leugner  der  Geistesforschung  ist  ja  nur  der,  dafi  sie 
nichts  von  ihr  wissen.  Logisch  ware  die  erste  Forderung, 
dafi  nur  derjenige  iiber  eine  Sache  sprechen  soil,  der  etwas 
von  ihr  weiE.  Aber  solche  Griinde,  dafi  man  etwas  ableug- 
net,  von  dem  man  nichts  weifi,  werden  nur  zur  Ablehnung 
einer  geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung  in  unserer 
Zeit  gebraucht. 

Wer  aber  in  seiner  Seele  durchleben  kann,  was  in  dem 
ersten  Vortrage  gesagt  worden  ist,  wer  nicht  zu  warten 
braucht  auf  die  Einwande,  die  er  in  sich  selber  erleben  kann 


und  in  seinem  Geistesleben  zu  durchschauen  vermag,  der 
wird  auch  immer  einen  Weg  finden  zur  Begriindung  der 
Geistesforschung,  so  daft  fur  ihn  ein  Wahrwort  wird,  was 
idi  audi  in  der  ersten  Szene  der  «Priifung  der  Seele»  aus- 
gesprochen  habe,  und  das  in  der  ganzen  Verfassung  des  Be- 
wufkseins  zusammenfassen  kann,  was  uns  das  Wissen  von 
den  iibersinnlichen  Welten  geben  kann,  geben  kann  fur 
unsere  Lebenshoffnung,  fur  unsere  Kraft  im  Leben,  fur 
unsere  Sicherheit  im  Leben,  fiir  alles,  was  wir  zu  einem 
menschenwerten  Dasein  gebrauchen.  Alles,  was  gesagt  wer- 
den  kann,  was  man  sagen  kann  als  in  der  Seele  sich  er- 
hebend,  in  der  Seele  sich  erlebend  und  erfiihlend,  das  kann 
eben  zusammengefafit  werden  in  die  Worte:  Nicht  bist  du 
mit  deinem  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  allein.  Wie  du  mit 
deinem  Leib  in  den  StorTen  lebst,  die  im  ganzen  Weltall 
verbreitet  sind,  so  lebst  du  mit  deinem  Denken,  Fiihlen 
und  Wollen  in  etwas,  was  in  dem  ganzen  Kosmos,  in  den 
Raumesweiten  ausgebreitet  ist.  Das  heifit,  es  kann  der  Aus- 
spruch,  den  ich  an  der  bezeichneten  Stelle  meines  Mysterien- 
Dramas  gesagt  habe,  Oberzeugung  werden: 

«In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken, 
In  deinem  Fiihlen  weben  Weltenkrafte, 
In  deinem  Willen  wirken  Weltenwesen. 
Verliere  dich  in  Weltgedanken, 
Erlebe  dich  durch  Weltenkrafte, 
Erschaffe  dich  aus  Willenswesen. 
Bei  Weltenfernen  ende  nicht 

Durch  Denkenstraumesspiel  ; 

Beginne  in  den  Geistesweiten, 

Und  ende  in  den  eignen  Seelentief en :  - 

Du  findest  Gotterziele, 

Erkennend  dich  in  dir.» 


DIE  AUFGABEN  DER  GEI STE SF ORSCHUNG 
FOR  GEGENWART  UND  ZUKUNFT 


Berlin,  14.  November  1912 


Geisteswissenschaft,  wie  sie  hier  in  diesen  Vortragen  ge- 
meint  ist,  will  nicht  etwas  sein,  was  aus  der  Willkiir  dieses 
oder  jenes  Menschen  entspringt,  was  etwa  auf  einem  sub  jek- 
tiven  Einfall  eines  einzelnen  oder  mehrerer  beruht,  sondern 
sie  will  eine  geistige  Weltauff  assung  sein,  die  sich  mit  einer 
gewissen  Notwendigkeit  in  die  Bediirfnisse  und  in  die  For- 
derungen  unserer  Zeit  hineinstellt,  insofern  sich  diese  Zeit 
als  ein  erkennbares  Produkt  der  Entwickelungsgesdiichte  der 
Menschheit  ergibt.  Nur  dann,  wenn  eine  Weltanschauung 
gewissermafien  von  ihrer  Zeit  gefordert  wird,  kann  sie  mit 
einer  gewissen  Berechtigung  jene  vertrauensvollen  Worte 
fur  sich  in  Anspruch  nehmen,  welche  in  dem  ersten  Vor- 
trage  dieses  Winters  ausgesprochen  worden  sind.  Nur  unter 
soldier  Voraussetzung  kann  sie  sagen:  Wie  audi  von  dieser 
oder  jener  Seite  her  die  Gegnerschaft  gegen  sie  sich  geltend 
machen  moge:  enthalt  sie  irgend  etwas  von  Wahrheit,  so 
darf  sie  darauf  bauen,  dafi  die  Wahrheit  immer,  und  wenn 
man  sie  noch  so  sehr  verschiittet,  die  Ritzen  und  Spalten 
finden  werde,  durch  die  sie  im  Geistesleben  der  Menschheit 
Verbreitung  gewinnt. 

Wir  werden  nun,  nicht  mit  allgemeinen  Redensarten, 
sondern  mehr  mit  konkreten  Tatsachen,  darauf  hinzuweisen 
versuchen,  wie  im  Laufe  der  letzten  Jahrhunderte  und 
namentlich  in  der  allerletzten  Zeit  bis  zur  Gegenwart  her- 
auf  die  suchende  Menschenseele  sich  immer  mehr  und  mehr 


zu  dem  hinentwickelt  hat,  was  die  hier  gemeinte  Geistes- 
wissenschaft  dieser  suchenden  Mensdienseele  sein  will. 

Wer  konnte  heute  nicht,  wenn  er  aus  seinem  Gemiite,  aus 
den  Bediirfnissen  seiner  Seele  heraus  sich  gezwungen  sieht, 
fiir.  die  Starke,  fur  die  Sicherheit  seines  Lebens  sich  Auf- 
schliisse  iiber  die  Weltenratsel  zu  verschaffen,  wer  konnte 
da  nicht  versucht  sein,  zunachst  Anfrage  zu  halten  bei  dem, 
was  die  ganz  gewifi  von  der  Geisteswissenschaft  nicht  unter- 
schatzte,  sondern  in  ihren  Triumphen  und  Errungenschaften 
voll  anerkannteNaturwissenschaftzugebenhat?  Unzahlige 
Menschen  sind  ja  heute  des  Glaubens,  dafi  es  von  einer 
weiteren  Ausbildung  der  naturwissenschaftlichen  Fragen, 
der  naturwissenschaftlichen  Forschung  abhangen  werde,  ob 
man  gleichsam  durch  eine  Zusammenfassung  dieser  natur- 
wissenschaftlichen Tatsachen  und  Gesetze  auch  zu  einer 
Weltanschauung  kommen  werde,  welche  dem  Menschen  die 
Ausblicke  in  dasjenige  erofTnet,  was  hinter  den  Dingen 
liegt,  die  er  mit  den  Sinnen  wahrnehmen  kann,  die  er  mit 
seinem  Verstande  begreifen  kann  und  mit  denen  er  sich 
verbunden  fuhlt  in  seinem  Dasein,  die  er  aber  zu  erkennen 
bestrebt  ist,  damit  er  wissen  kann,  welches  das  Schicksal  der 
Seele,  ja,  das  Schicksal  ihres  Wirkens  in  der  ganzen  Welt  ist. 

Einer  solchen  Sehnsucht  und  einer  solchen  Hoffnung  ge- 
geniiber  darf  aber  wohl  darauf  hingewiesen  werden,  dafi 
sich  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung  das  Verhaltnis 
der  Seele  zu  dem,  was  die  auftere  Wissenschafb  sein  kann, 
vollstandig  geandert  hat,  und  gerade  an  dem  Beispiele,  das 
wir  hier  in  bezug  auf  Seelenfragen  im  Verhaltnisse  zur 
Wissenschaft  anf iihren  konnen,  mag  sich  uns  so  recht  zeigen, 
wie  unsere  Zeit  in  einer  Beziehung  doch  nicht  nur  mit  dem 
trivialen,  oft  gebrauchten  Worte  einer  «Ubergangszeit» 
bezeichnet  werden  darf ,  sondern  wie  sie  eineZeit  ist,  welche 
in  bezug  auf  geistige  Forschungen  im  eminenten  Sinne  eine 


neue  Epoche  fordert.  Wir  brauchen  da  nur  an  das  Beispiel 
einer  groften  Personlichkeit  zu  erinnern,  die  wie  viele  andere 
ihrer  Art  dazu  beigetragen  hat,  unsere  Geisteskultur  vor- 
warts  zu  bringen,  an  Kepler,  welcher  der  eigentliche  grofie 
Ausgestalter  der  kopernikanischen  Weltanschauung  ist,  von 
welcher  ausgehend  sich  dennoch  ja  viele  Fragen  unserer 
heutigen  Weltanschauung  aufwerfen. 

Wer  wiirde  heute  nicht,  wenn  er  nicht  Herz  und  Sinn 
hat  fur  eigentliche  Geisteswissenschaft,  vielleicht  sogar  dazu 
kommen  konnen,  zu  sagen:  Durch  solche  Leistungen  wie 
diejenigen  Keplers  ist  es  der  Menschheit  gelungen,  mit 
r einer  objektiver  Naturwissenschaft  und  ihren  Gesetzen 
die  Bewegungen  der  Himmelskorper  zu  erfahren.  Und  wie 
kann-konnte  der  Mensch  sagen -daneben  etwa  der  Glaube 
bestehen,  da£  diese  Bewegungen  der  Himmelskorper  in 
irgendeiner  Weise  von  geistigen  Wesenheiten  geregelt  seien, 
auf  welche  die  Geisteswissenscharl  hinweisen  will,  von  gei- 
stigen Wesenheiten,  die  hinter  dem  Materiellen  und  seinen 
Gesetzen  stehen,  da  sich  doch  alles  auf  mechanische,  phy- 
sikalische  Art  erklaren  la£t!  Wozubedarf  es  da  noch  irgend- 
weicher  hinter  diesen  physikalischen  Gesetzen  stehender 
geistiger  Krafte? 

Ein  soldier  Ausspruch  sieht  aufierordentlich  beriickend 
aus,  und  man  kann  darauf  hinweisen,  dafi  es  gerade  die 
Erlosung  von  altgewohnten  Vorurteilen  der  alten  spiri- 
tuellen  Weltanschauungen  war,  dafi  solche  Leute  wie  Kepler 
aus  rein  physikalischen  Gesetzen  heraus  die  Bewegungen 
der  Himmelskorper  im  Raume  erklart  haben.  Gehen  wir 
aber  objektiv,  ohne  Zeitvorurteile,  auf  Kepler  selber  ein, 
studieren  wir  ihn  in  seinen  seelischen  Eigentiimlichkeiten, 
so  finden  wir  das  Merkwurdige,  dafi  alles,  was  Keplers 
Blick  in  die  Himmelsraume  hinausgerichtet  hat,  was  ihm 
die  eigentlichen  inneren  Impulse  gegeben  hat,  um  seine 


grofien,  gewaltigen  Gesetze  aufzufinden,  das  Bewufksein 
war,  mit  seiner  Seele  eingebettet  zu  sein  in  geistige  Ur- 
griinde  des  Daseins,  in  die  Wirksamkeit  geistiger  Wesen- 
heiten,  welche  die  Raume  erfiillen  und  durch  die  Zeit  hin- 
durch  wirken.  Er  war  sich  klar,  da$  das,  was  er  den  Pla- 
netenbewegungen  als  «Gesetze»  zuschrieb,  ihm  nur  dadurch 
eingegeben  werden  konnte,  dafi  die  Gesetze  die  Gedanken 
gottlich-geistiger  Wesenheiten  seien.  Wenn  wir  nachfor- 
schen,  worauf  bei  Kepler  solche  Impulse  beruhten,  so  miis- 
sen  wir  sagen,  sie  beruhten  eben  darauf,  dafi  der  ganze 
Gang  der  Menschheitsentwickelung  immer  die  menschliche 
Seele  in  Zusammenhang  gehalten  hat  mit  dem  Geistig-See- 
lischen,  und  da£  dasjenige,  was  man  wie  ein  selbstverstand- 
liches  Geistig-Seelisdies  hinnahm,  zu  Keplers  Zeiten  eben 
noch  da  war,  da  war  in  der  Tradition,  in  dem  allgemeinen 
Glauben,  da  war,  um  die  Seele  zu  befeuern,  zu  befliigeln 
und  in  ihr  Gedanken  wach  werden  zu  lassen. 

Aber  wer  konnte  daneben  leugnen,  dafi  dies  bei  Kepler 
so  klar  im  Hintergrunde  seines  Schaffens  Stehende  gerade 
im  Lauf  e  der  letzten  Jahrhunderte  allmahlich  hingeschwun- 
den  ist,  hingeschwunden  durch  das,  was  aus  ihm  geschaffen 
worden  ist,  so  dafi  heute  die  Menschenseele  sehr  leicht  glau- 
ben kann,  dafi  Keplers  Gesetze  und  alles,  was  in  dieser  Art 
zustande  gekommen  ist,  zum  Beweise  aufgerufen  werden 
konnte  gegen  die  Annahme  einer  geistig-gottlichen  Welt. 
Wenn  wir  von  Kepler  durch  die  Jahrhunderte  herauf  bis  in 
unsere  Zeit  gehen,  so  sehen  wir,  wie  dasjenige,  was  zwar 
noch  aus  dem  Bewufitsein  des  Zusammenhanges  des  Men- 
schen  mit  dem  Gottlich-Geistigen  geboren  ist,  immer  mehr 
und  mehr  dieses  Bewufitsein  selbst  hinwegschafft,  und  wie 
eine  Zeit  herauf riickt,  grofi  und  gewaltig  durch  ihre  natur- 
wissenschaftlichenErrungenschaften,grofiundgewaltigdurch 
die  Schopfungen  bedeutsamer  Erkenntnisse  auf  dem  Ge- 


biete  der  Naturwissenschaft,  eine  Zeit,  in  welcher  die  Men- 
schenseele  allmahlich  unf  ahig  ist,  aus  der  Fiille  dieses  natur- 
wissenschaftlichen Materials,  aus  der  Fiille  dessen,  was  man 
auf  materiellem  Gebiete  erkannte,  wirklich  zum  Geistigen 
aufzusteigen.  Man  konnte  sagen:  Dadurch  charakterisiert 
sich  der  Hergang  unserer  Geistesentwickelung  der  letzten 
Jahrhunderte,  da£  das  Mehr  dessen,  was  sie  gebracbt  hat, 
ungeheuer  ist,  grofi  und  bewunderungswiirdig,  dal$  aber 
die  Moglichkeit  der  Menschenseele,  von  diesen  Leisuingen 
aus  hin  auf  ein  Geistiges  durchzublicken,  gerade  durch  die 
Fiille  und  die  Art  der  naturwissenschaftlichen  Leistungen 
beeintrachtigt,  ja  geradezu  vernichtet  worden  ist. 

Anschaulich  wird  uns  das,  wenn  wir  zum  Beispiel  die 
Art  auffassen,  wie  noch  Goethe  mit  seiner  Art  des  For- 
schens  iiber  Naturvorgange  hineingestellt  war  in  die  ganze 
Weltanschauungsrichtung  seiner  Zeit.  Es  ist  interessant,  wie 
zum  Beispiel  Herman  Grimm,  dieser  geistvolle  und  zu- 
gleich  tiefe  Kenner  Goethes,  sich  veranlalk  fiihlt,  das  Hin- 
eingestelltsein  Goethes  in  die  naturwissenschaftlichen  Rich- 
tungen  seiner  Zeit  zu  charakterisieren.  Herman  Grimm 
fragt:  Wie  dachten  die  dem  goetheschen  Zeitalter  voran- 
gegangenen  Jahrhunderte  sich  noch  das  Verhaltnis  des 
Menschen  zur  Natur? 

Wer  diese  Jahrhunderte  kennt,  wird  Herman  Grimm 
recht  geben:  so  unterschieden  sie  sich  von  dem  Spateren, 
daiS  der  Mensch  auf  der  Erde  stand  und  man  sich  befugt 
glaubte,  wenn  man  das  Wesen  von  Tieren,  Pflanzen  und 
anderen  Dinge  ansah,  in  dem  Menschen  etwas  wie  eine  Art 
Abschlu£  der  ganzen  iibrigen  Erdenschopfung,  ja  Welten- 
schopfung  anzusehen;  da£  man  sich  befugt  glaubte,  zu  sagen: 
Es  liegt  ein  soldier  Sinn  in  der  ganzen  Entwickelung,  dafS 
man  erkennen  kann,  wenn  man  auf  Stein,  Pflanze  und  Tier 
hinblickt,  wie  eine  innere  Wesenheit  sich  allmahlich  heran- 


entwickelt  hat,  den  Menschen  schon  im  Auge  habend,  sich 
heraufentwickelt  hat,  urn  alles  andere  fiir  den  Menschen 
und  sein  Ziel  hinzustellen.  Wie  weit  man  dabei  noch  der 
alten  mosaischen  Schopfungsgeschichte  anhangen  wollte, 
darauf  kommt  es  nicht  an.  Aber  diese  Oberzeugung  war  da: 
in  alien  Weltenreichen  etwas  wie  einen  Impuls  zu  sehen, 
der  schon  den  Menschen  in  sich  schliefit  und  alles  Ubrige 
nur  zur  Vorbereitung  macht,  um  den  Menschen,  der  von 
Anfang  an  geistig  da  ist,  zum  Gipfel  dieser  ganzen  Schop- 
fung  zu  machen. 

Was  bildete  sich  dem  gegeniiber  immer  mehr  und  mehr 
heraus?  Zuerst  -  meint  audi  Herman  Grimm  -  begann  die 
Astronomic  DieErde  wurde  zu  einem  unbedeutenden  Wel- 
tenkorper  im  Weltall  gemacht  und  der  Mensch  so  hinge- 
stellt  auf  die  Erde,  als  ob  er  sich,  ohne  dafi  er  in  den  anderen 
Reichen  von  vornherein  veranlagt  worden  ware,  wie  eine 
Naturnotwendigkeit  zuletzt  ergeben  hatte,  so  dafi  er  nicht 
berechtigt  ware,  seinen  Sinn  mit  dem  ganzen  Hergang  der 
Sache  zu  verbinden.  Ungeheure  Zeitraume  nimmt  die  Geo- 
logie  an,  die  verflossen  sind,  bevor  der  Mensch  auf  der  Erde 
auftrat,  und  die  keineswegs  im  Sinne  der  Naturforschung 
schon  die  Spuren  zeigen  wiirden,  dafi  alles  andere  da  ware, 
um  den  Menschen  spater  vorzubereiten.  Goethe  darf  man 
in  einer  gewissen  Weise  geradezu  einen  radikalen  Natur- 
forscher  nennen.  Hier  habe  ich  es  ofter  erwahnen  diirfen, 
wie  er  durch  seine  eigenen  naturwissenschaftlichen  Ent- 
deckungen  bemiiht  war,  aus  den  Anschauungen  iiber  den 
aufieren  Bau  des  Menschen  das  hinwegzuraumen,  was  ihn 
von  den  iibrigen  Organismen  der  Erde  scheiden  kbnnte, 
und  man  darf  Goethe  einen  Deszendenz-Theoretiker,  einen 
Entwicklungs-Theoretiker  vor  Darwin  und  den  anderen 
Entwicklungs-Theoretikern  unserer  Zeit  nennen.  Aber  mit 
Recht  weist  Herman  Grimm  darauf  hin,  wie  Goethe  es  sich 


doch  nicht  habe  nehmen  lassen,  hinter  dem,  wo  der  Dar- 
winismus  nichts  mehr  sieht  als  materielle  Vorgange,  ein 
«Geistiges»  zu  sehen,  welches  sich  geistig  in  alien  mate- 
riellen  Vorgangen  entwickelt,  so  dafi  der  Mensch  doch  dort 
hineingestelft  ist. 

Wir  haben  von  Goethe  ein  merkwiirdiges  Wort,  das  so 
recht  aufmerksam  machen  kann,  wie  er  bemiiht  war,  ob- 
wohl  er  so  recht  naturwissenschaftlich  gesinnt  war,  den 
Menschen  als  den  Gipfel  und  die  Krone  des  geistigen  Seins 
hinzustellen.  Er  sagt:  Was  sollen  denn  schlieftlich  alle  die 
Millionen  Sterne  in  der  Welt,  wenn  sich  nicht  zuletzt  ein 
menschliches  Auge  ihnen  entgegenstellen  kann,  um  sie  zu 
betrachten  und  in  sein  Wesen  aufzunehmen?  -  Und  nicht 
mit  Unrecht.  Es  brauchte  ja  freilich  vieles,  was,  wenn  wir  alle 
diese  naturwissenschafllichen  Tatsachen  und  naturwissen- 
schaftlichen  Gesetze  durchgehen,  das  Recht  zu  der  Frage 
belegen  kann:  Wo  finden  wir  irgend  etwas  draulkn  aufter 
dem  Menschen,  was  uns  Anhaltspunkt  werden  konnte,  dafi 
Geist  in  allem  Lebendigen  und  in  allem  Leblosen  walte? 
Wo  finden  wir,  wenn  wir  naturwissenschaftlich  den  Men- 
schen selbst  ins  Auge  f  assen,  nachdem  einmal  die  Erkenntnis 
errungen  ist,  dafi  das  seelische  Leben  an  die  Gehirnvorgange 
gebunden  ist,  wo  finden  wir  einen  Hinweis  darauf,  das 
Seelendasein  aufierhalb  der  Grenzen  von  Geburt  und  Tod 
zu  denken? 

Man  braucht  heute  nur  eine  der  bedeutenderen  und  be- 
ruhmteren  Philosophien  aufzuschlagen,  zum  Beispiel  die 
des  weltberuhmten  Wundt,  und  man  wird  iiberall  finden, 
wenn  solche  Philosophen  von  der  naturwissenschafllichen 
Forschung  ausgehen,  dafi  gewisse  Schlusse,  gewisse  Ergeb- 
nisse  aus  den  naturwissenschaftlichen  Tatsachen  gezogen 
werden,  und  dafi  die  Philosophen  iiberall  herankommen  - 
meinetwillen  -  bis  an  das  Geistige,  daft  sie  aber  in  dem 


Augenblick,  wo  es  sich  darum  handeln  wiirde,  das  Geistige 
zu  ergreifen,  gezwungen  sind,  stehenzubleiben.  Warum 
das?  Aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  die  ganze  Art  und 
Weise  des  Denkens,  wie  es  sich  in  Anlehnung  an  die  natur- 
wissenschaftlichen Forsdiungen  herausgebildet  hat  und  die 
naturwissenschaftlichen  Tatsachen  Stiick  fur  Stuck  verfolgt, 
keine  Moglichkeit  ergibt,  um  innerhalb  dieser  Denkgewohn- 
heiten,  innerhalb  dieser  ganzen  Art  des  Forschens,  den  Weg 
zu  finden  aus  der  Materie  und  ihren  Gesetzen  heraus  in 
das  wirkliche  geistige  Geschehen  und  sein  Wesen,  weil  iiber- 
all  der  Denkfaden  abreifit.  Warum  rifi  er  Goethe  nicht  ab? 
Weil  Goethe  noch  durchdrungen  war  von  Impulsen,  die  als 
uralte  herauf gekommen  waren  in  der  Menschheitsentwicke- 
lung,  weil  in  ihm  noch  etwas  von  dem  Historisch-Geblie- 
benen,  von  den  uralten  geistigen  Anschauungen  lebte  -  die 
wir  noch  kennenlernen  werden  — ,  und  weil  seine  Seele  in 
einer  gewissen  Weise  noch  nicht  von  dem  entleert  war,  was 
der  Seele  auf  direktem  geistigem  Wege  im  Laufe  der  Jahr- 
tausende  zugekommen  war,  wenn  diese  Seele  in  die  Dinge 
des  materiellen  Geschehens  hinausblickte. 

Aber  schnell  entwickelte  sich  unsere  Zeit,  und  daher  ist 
bei  ihrer  schnellen  Entwicklung  in  denjenigen,  die  ihre 
Denkgewohnheiten  nach  den  naturwissenschaftlichen  For- 
sdiungen einrichteten,  heute  kaum  mehr  das  vorhanden, 
was  bei  Goethe  noch  vorhanden  war.  Daher  haben  wir  es 
erlebt,  dafi  Darwin  zwar  ausfiihrlicher  und  eindringlicher 
als  Goethe  die  Zusammenhange  der  lebendigen  Wesen  an 
den  Tag  gelegt  hat,  aber  trotzdem  stehengeblieben  ist  bei 
dem  ganzen  Sinn  und  der  Art  seines  Forschens.  Wahrend 
aber  Goethe  bei  dieser  ganzen  Art  und  dem  Sinn  des  For- 
schens iiberall  noch  hinter  den  Erscheinungen  den  Geist  sah, 
haben  die  Darwinianer  —  nicht  Darwin  selbst!  —  das,  was 
Goethe  nicht  gehindert  hat,  zum  Geiste  zu  kommen,  auf- 


fassen  imissen  als  ein  Hindernis,  um  irgendwie  zum  Gei- 
stigen  zu  kommen. 

Deshalb  konnen  wir  es  begreifen,  daS  diejenigen,  die 
ihre  eigentlichen  Hoffnungen  fiir  eine  Weltanschauung  bei 
der  zeitgenossischen  Wissenschafl  sehen,  diese  Hoffnungen 
vielfach  getauscht  sehen  miissen.  Allerdings  geht  etwas,  was 
in  der  Menschheit  vorhanden  war,  nicht  so  ohne  weiteres 
verloren.  Wir  konnen  es  bis  in  die  neueste  Zeit  herein  er- 
leben,  daft  audi  ernste  Forscher,  die  nur  Wissenschafl  wol- 
len,  durchaus  nicht  der  Meinung  sind,  dafi  diese  Wissen- 
schaft nur  aufiere  Tatsachen  darstelien  miisse,  sondern  sehr 
wohl  dazu  dienen  konnte,  den  fortlaufenden  Gang  einer 
Weltenweisheit,  die  in  den  Dingen  lebt,  zu  belegen.  Interes- 
sant  ist  es,  dafi  selbst  ein  Historiker  aus  der  Schule  Rankes, 
Lord  Acton,  bei  einer  bedeutsamen  Universitatsrede  in  Cam- 
bridge im  Jahre  1895  als  Geschichtslehrer  zu  seinen  Zu- 
horern  sagen  konnte:  Ich  hofTe,  da£  die  ganz  objektive 
Schilderung  geschichtlicher  Tatsachen  das  Wirken  einer  gott- 
lichen  Weltenweisheit  enthiillen  werde.  -  Ja,  Lord  Acton 
sprach  sogar  dazumal  vom  Wirken  des  «Auferstandenen» 
in  der  Geschichte. 

So  sehen  wir,  dafi  noch  in  unsere  Zeit  hereinragt  aus  den 
Zeiten,  da  man  das  Dasein  einer  geistigen  Welt  als  etwas 
Selbstverstandliches  hingenommen  hat,  etwas  wie  ein  Ge- 
tragenwerden  des  Forschens,  wie  ein  Getragenwerden  des 
ganzen  wissenschafUichen  Denkens  von  einer  solchen  Ge- 
sinnung,  wie  noch  hereinragt  bei  diesem  Getragensein  aus 
den  alten  Zeiten  das  Durchdrungensein  der  Seele  so,  dafi 
dieses  Getragensein  sich  noch  in  sich  durchdrungen  fuhlt 
vom  Geistigen.  Aber  ebenso  wahr  ist  es,  dafi  der,  welcher 
sich  heute  ganz  an  die  naturwissenschaftlichen  Denkgewohn- 
heiten  anschmiegt  und  zum  Beispiel  verfolgt,  wie  die  ein- 
zelnen  Seelentatigkeiten  ihre  entsprechenden  Aufierungen 


in  Gehirn-  oder  anderen  Nervenvorgangen  haben,  dafi  ein 
soldier,  gerade  indem  er  Tatsache  auf  Tatsache  verfolgt, 
sich  leicht  sagen  kann:  Ja,  fur  das,  was  der  Mensch  zu 
denken,  zu  f  uhlen  und  zu  empfinden  vermag  im  materiellen 
Leben,  dafiir  gibt  es  audi  iiberall  Anhaltspunkte  des  For- 
schers;  aber  was  etwa  fiir  die  Seele  davor  oder  darnach 
liegen  konnte,  dariiber  sagt  mir  die  Naturwissenschafl  nichts. 

Wie  verbreitet  ist  der  Irrtum,  dafi  die  Naturwissenschafl, 
weil  sie  schon  einmal  aus  ihrer  Betrachtung  der  Tatsachen 
und  ihrer  Gesetze  nicht  zu  dem  Geistigen  hinuberkommen 
kann,  deshalb  audi  das  Geistige  ablehnen  musse!  Zwar 
wird,  und  das  ist  wieder  charakteristisch  fiir  die  ganze 
Weltanschauungslage  unserer  Zeit,  selbst  von  denjenigen, 
welche  auf  dem  Standpunkte  stehen,  dafi  wir  zu  einer  Welt- 
anschauung iiberhaupt  nur  durch  Zusammenfassung  der 
naturwissenschafllichen  Tatsachen  und  Gesetze  kommen 
konnen,  immerdar  gewarnt  vor  voreiligen  Schlussen,  vor 
der  Hypothesenmacherei,  die  immer  ein  paar  Tatsachen 
zusammenfassen  will,  um  Schlusse  zu  ziehen,  wie  das  Leben 
der  Seele  an  dieses  oder  jenes  gebunden  sei,  wie  der  ganze 
Weltenzusammenhang  sei  oder  dergleichen. 

Eine  solche  Warnung  erging  erst  wieder  vor  kurzem 
an  bedeutungsvoller  Stelle.  Auf  der  diesjahrigen  Naturfor- 
scherversammlung  hielt  der  sehr  bedeutende  Naturforscher 
Wettstein  eine  Rede  fiber  Biologie,  iiber  die  Wissenschaft 
vom  Leben,  in  ihrer  Verwertbarkeit  fiir  die  Weltanschauung, 
und  er  warnte  davor,  aus  den  Tatsachen,  wie  sie  vorliegen, 
allgemeine  Schlusse  fiir  die  Weltanschauung  zu  ziehen.  Aber 
es  glauben  dennoch  viele,  dafi  man  deshalb  warten  mufite 
in  bezug  auf  die  Ratsel,  die  sich  auf  das  Leben  der  Seele 
beziehen,  bis  die  Naturwissenschafl  mit  ihren  Tatsachen  zu 
Ende  gekommen  sei.  Zwar  erinnert  das,  was  hier  vorge- 
bracht  ist  -  wenn  man  namlich  behaupten  wollte,  es  miifite 


der  Mensch,  der  in  die  Geheimnisse  der  Seele  und  des  Gei- 
stes  eindringen  will,  urn  iiber  Seele  und  Geist  zu  Schliissen 
zu  kommen,  durchaus  uberall  in  der  Welt  naturwissen- 
schaftlicher  Tatsadien  herumgegangen  sein- es  erinnert  das 
an  einen  schonen  Goetheschen  Ausspruch:  «Um  zu  begreifen, 
dafi  der  Himmel  uberall  blau  ist,  braucht  man  nicht  um  die 
Welt  zu  reisen.» 

Ich  mochte  aber  im  Konkreten  zeigen,  wie  der  Weg  der 
Menschenseele  zu  ihren  Geheimnissen  im  Geistigen  in  einer 
gewissen  Beziehung  unabhangig  ist  von  allem,  was  die  ein- 
zelnen  Gesetze  der  Naturwissenschaft,  was  die  einzelnen 
Gesetze  der  Gelehrsamkeit  iiberhaupt  dieser  Menschenseele 
geben  konnen.  Um  dies  zu  erharten,  mochte  ich  auf  fol- 
gende  Tatsache  hinweisen:  Wir  hatten  im  neunzehnten 
Jahrhundert  einen  bedeutenden  Philosophen  in  Miinchen, 
Moriz  Carriere.  Er  gehorte  zu  denen,  die  aus  einer  Fulle 
nicht  nur  von  Gedanken,  sondern  aus  einer  Fulle  wirklicher 
wissenschaftlicher  Gelehrsamkeit  heraus  die  Welt  und  ihre 
Erscheinungen  zu  begreifen  versuchten.  Hat  doch  Carriere 
durch  sein  grofies  Werk  iiber  die  Kulturentwicklung  der 
Menschheit  bewiesen,  wie  er  Tatsache  auf  Tatsache  aus  den 
alten  Zeitaltern  gelehrt  zusammengetragen  hat,  um  den 
Gang  des  Geistes  durch  die  Weltentwicklung  zu  begreifen. 
Aus  alien  solchen  Vorgangen  hat  sich  nun  Carriere  eine 
Weltanschauung  gebildet,  die  ich  deshalb  um  so  lieber  er- 
wahne,  weil  sie  noch  durchaus  vor  der  Ausbildung  einer 
eigentlichen  Geisteswissenschaft  lag,  eine  Weltanschauung, 
welche  durch  sich  zu  der  Einsicht  kam  von  dem  Zusammen- 
hange  der  Seele  mit  einer  geistigen  Welt,  die  durch  Raume 
und  Zeiten  ausgebreitet  ist,  so,  wie  es  einen  Zusammenhang 
gibt  zwischen  dem,  was  korperlich  im  Korper  des  Menschen 
liegt,  und  den  Stoffen  und  Kraften,  die  drauften  im  Raume 
ausgebreitet  sind,  und  die  in  der  Zeit  wirken. 


Eines  Tages  nun  bekam  Moriz  Carriere  das  Manuskript 
eines  einfachen  Mannes  gezeigt,  eines  Mannes,  der  ganz 
und  gar  nidit  gelehrt  war,  der  nichts  hatte  von  der  Fiille 
der  Gelehrsamkeit,  durch  welche  Moriz  Carriere  zu  der 
Anschauung  des  eben  geschilderten  Zusammenhanges  der 
Seele  mit  dem  Geistigen  gekommen  war.  Zeuner  hiefi  dieser 
einfache  Mann,  1813  ist  er  geboren.  Durch  einen  Lebens- 
lauf ,  dessen  Schilderung  hier  aus  Mangel  an  Zeit  nicht  mog- 
licli  ist,  kam  Zeuner  in  die  Lage,  viele,  viele  Monate  einsam 
hinbringen  zu  miissen;  er  hatte  sich  von  der  revolutionaren 
Bewegung  hinreifien  lassen,  und  dies  hatte  ihn  ins  Gefang- 
nis  gebracht.  Aber  er  war,  ohne  Gelehrter  zu  sein,  eine 
hochgeartete  Seele.  In  dem  Manuskript,  das  er  nun  in 
den  siebziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts  Moriz 
Carriere  gezeigt  hat,  erzahlt  er,  wie  er  in  seiner  einsamen 
Zelle  gebrutet  und  gebriitet  hat,  angefiillt  nur  -  wie  es  im 
Geiste  seiner  Zeit  und  der  Menschen  lag,  die  ihn  bis  dahin 
umgeben  hatten  -  mit  materialistischen  Anschauungen,  wie 
aber  seine  Seele  ode  geworden  war  in  der  Einsamkeit,  wie 
sie  gelitten  hat  unter  dem  Hunger,  etwas  zu  haben,  an  das 
er  aber  nicht  glauben  konnte.  Dann  erzahlt  er  weiter,  wie 
er  einmal  von  seiner  Zelle  aus  einen  merkwurdigen  Gesang 
horte,  der  sich  draufien  erhob,  der  ihn  erinnerte  an  Erleb- 
nisse  seiner  ersten  Kindheit  und  ihn  mit  anderen  Erleb- 
nissen  in  Zusammenhang  brachte,  wie  dies  wieder  einen 
Funken  Freude  in  der  Seele  ausloste,  und  wie  dieser  Impuls, 
der  dadurch  der  Seele  gegeben  war,  ein  Impuls  von  innerer 
Frische  und  Aktivitat  der  Seele,  Gedanken  in  dieser  ein- 
fachen, schlicbten  Seele  ausloste,  Gedanken,  die  nun  Zeuner 
niederschrieb.  Und  dieses  Manuskript  hat  er  dann  spater 
an  Moriz  Carriere  iibersandt.  Wenn  man  es  liest  -  Moriz 
Carriere  hat  es  spater  abdrucken  lassen  -,  so  mufi  man 
Carriere  recht  geben:  Zeuner  hat,  indem  er  sich  der  einsam 


aus  seiner  Brust  gebieterisch  herausarbeitenden  Seele  iiber- 
lassen  hat,  etwas  gefunden,  was  in  derselben  Weise  den 
Zusammenhang  der  Seele  mit  dem  Weltengeiste  darstellt, 
wie  ihn  Carriere  darstellen  konnte,  nachdem  er  ein  Leben 
von  Gelehrsamkeit  und  ein  Leben  von  Wissenschaft  hinter 
sich  hatte. 

Man  braucht  nicht  um  die  Erde  herumzureisen,  um  zu 
begreifen,  dafi  der  Himmel  iiberall  blau  ist.  Der  Weg  zum 
Geistigen  muS  eben  in  einer  anderen  Art  gefunden  werden 
als  durch  ein  blolSes  Zusammenfassen  naturwissenschaft- 
Hcher  Gesetze  oder  durch  ein  Konsequenzen-Ziehen  aus  den 
naturwissenschaftlichen  Forschungen.  Die  Auseinanderset- 
zung  aber  mit  der  Naturwissenschaft  mufi  vielmehr  eine 
andere  sein.  Keine  Weltanschauung  kann  heute  bestehen, 
und  keine  Weltanschauung  darf  bestehen -weil  die  Bediirf- 
nisse  der  Menschenseele  sie  hinwegfegen  wiirden  -  welche 
mit  der  Naturwissenschaft  im  Widerspruch  stehen  wiirde. 
Daher  mufite  in  den  beiden  ersten  Vortragen  so  scharf 
betont  werden,  was  von  seiten  der  Naturwissenschaft  gegen 
Geistesforschung  gesagt  werden  kann  und  wie  sich  die 
Geisteswissenschafl  dagegen  zu  verhalten  hat.  Und  nicht 
oft  genug  kann  es  betont  werden,  dafi  man  sich  beirrt  fuhlen 
sollte  in  bezug  auf  irgendeine  geisteswissenschaftliche  Er- 
kenntnis,  wenn  man  mit  ihr  heute  in  Widerspruch  zu  einem 
berechtigten  Ergebnisse  der  Naturwissenschaft  kommen 
wird.  Aber  wenn  man  sich  dann  wieder  diese  Naturwissen- 
schaft ansieht  und  wenn  man  einen  Sinn  und  ein  Herz  hat 
fur  die  notwendige  Autoritat,  die  von  der  Naturwissen- 
schaft ausgehen  mufi,  so  wird  man  um  so  mehr  auf  das  hin- 
deuten  mussen,  was  die  Seele  beirren  kann,  was  sie  gerade 
beirren  mufi  durch  die  Fiille  des  Vorhandenen,  wenn  sie  den 
Weg  zum  Geiste  antreten  will.  Auch  das  mochte  ich  durch 
Beispiele  erharten. 


Da  sei  auf  zwei  Forscher  aufmerksam  gemacht,  die  beide 
auf  dem  Boden  der  Entwicklungsgeschichte,  auf  dem  Boden 
der  Naturwissenschaft  standen.  Beide  Forscher  fafiten  den 
Hervorgang  der  einzelnen  lebendigen  Organismen  ausein- 
ander  so  auf,  wie  dieDarwinianer  dieSache  audi  auffassen, 
aber  sie  nahmen  nur  den  Menschen  aus.  Sie  waren  sich  klar, 
dafi  man  die  auf  die  Tierwelt  anzuwendenden  Gesetze  nicht 
auf  den  Menschen  anzuwenden  habe,  sondern  dafi  man, 
wie  man  sein  Korperliches  aus  dem  Physischen,  so  sein 
Geistig-Seelisches  aus  einem  Geistig-Seelischen  herleiten 
musse.  Daniber  waren  sich  beide  vollstandig  klar.  Sie  waren 
ebenso  gute  Naturforscher  wie  Erkenner  des  Geistigen,  aber 
ihre  Denkgewohnheiten  standen  unter  denjenigen  der  natur- 
wissenschafHichen  Richtung.  Sie  dachten  wie  man  als  echter 
Naturwissenschaftler  denkt.  Wie  dachte  der  eine,  Mivart, 
und  wie  dachte  der  andere,  Wallace,  ein  Zeitgenosse  Dar- 
wins,  liber  die  eigentlichen  Vorgange  in  der  Entwicke- 
lung? 

Wallace  sagte  sich,  der  Mensch  konne  nicht  so  einfach  in 
die  Tierreihe  hineingestellt  werden.  Schon  aus  dem  Grunde 
nicht,  weil  schon  im  aufieren  Bau  des  Gehirnes  ein  betracht- 
licher  Unterschied  zwischen  dem  Menschen  und  dem  hochst- 
entwickelten  Affen  vorhanden  sei,  wenn  man  auch  nur  den 
Wilden  ins  Auge  fasse,  und  weil  das  Affengehirn  gegen- 
uber  dem  Gehirn  des  Wilden  viel  zu  unvollkommen  sei, 
wenn  nur  im  geraden  Fortgange  der  Entwickelung  der 
Mensch  sich  aus  dem  Affen  entwickelt  haben  soil. 

Der  andere  Forscher,  Mivart,  fand,  dafi  die  Kulturstufe 
des  wilden  Menschen  gar  nicht  aufterlich  verschieden  sei  von 
der  Entwicklungsstufe  des  hochstentwickelten  Affen.  Wenn 
man  aber  die  geistigen  Betatigungen  des  Wilden  und  da- 
gegen  die  Betatigungen  des  hochstentwickelten  Affen  ins 
Auge  fasse,  so  musse  man  voraussetzen,  da  die  Gehirne  der 


beiden  so  viel  Ahnlichkeit  miteinander  haben,  dafi  der 
Mensch  deshalb  nicht  in  die  Tierreihe  gehore.  Wenn  man 
wieder  die  Gehirne  ins  Auge  fasse,  so  sehe  man  ganz  klar, 
dafi  sidi  das  Gehirn  des  Menschen  nicht  aus  dem  Affen- 
gehirn  entwickelt  hat  durch  Anpassung  an  aufiere  Ver- 
richtungen,  sondern  es  entwickle  durch  die  Zivilisation  alle 
Moglichkeiten  schon  so,  dafi  es  nur  so  scheine,  als  ob  schon 
alles  veranlagt  ware,  damit  es  einmal  das  Werkzeug  der 
Zivilisation  werden  konnte. 

Also  weil  das  Affengehirn  und  das  Menschengehirn  so 
stark  voneinander  abweichen,  glaubt  der  eine,  Wallace, 
annehmen  zu  miissen,  dafi  keine  Verwandtschaft  des  Men- 
schen mit  der  Tierreihe  bestiinde.  Und  gerade  die  Ahnlich- 
keit der  geistigen  Eigenschaflen  bei  beiden  war  fur  Wallace 
ein  Beweis  fur  das,  was  er  sagte.  Fur  Mivart,  seinen  Zeit- 
genossen,  war  das  gerade  Umgekehrte  vorhanden;  er  war 
der  Ansicht,  wenn  man  die  geistigen  Eigenschaflen  des 
wilden  Menschen  mit  dem  hochststehenden  AfTen  vergleiche, 
so  trete  ein  so  grofier  Unterschied  hervor,  dafi  man  wegen 
dieses  Unterschiedes  keine  Stammverwandtschaft  zwischen 
dem  Wilden  und  dem  Aff  en  annehmen  konne. 

Wir  sehen  also  zwei  Naturforscher,  beide  an  natur- 
wissenschaftliches  Denken  gewohnt,  die  beide  aus  entgegen- 
gesetzten  Griinden  das  annehmen,  was  ihre  Meinung  ist; 
der  eine,  weil  die  Eigenschaffcen  des  Wilden  und  des  hochst- 
stehenden Affen  so  ahnlich,  der  andere,  weil  sie  so  ver- 
schieden  sind.  Wenn  nun  schon  zwei  Forscher,  die  beide 
dazu  neigen,  den  Menschen  vom  Geistigen  abzuleiten,  in 
bezug  auf  ihre  Beweisgriinde  so  durch  das  beirrt  werden 
konnen,  was  sich  an  Fiille  der  Tatsachen  ausbreitet,  wie 
sollte  erst  der,  welcher  noch  mehr  vorurteilsvoll  in  den 
Denkgewohnheiten  des  blofi  materialistischen  Denkens  be- 
fangen  ist,  nicht  noch  mehr  durch  die  Fiille  der  Tatsachen 


unf  ahig  sein,  aus  diesen  Tatsachen  und  Gesetzen  selber  her- 
aus  zum  Geistigen  zu  kommen! 

Die  Naturwissenschaft  fiihrt  uns  eben  nur  von  Tatsache 
zu  Tatsache.  Haben  wir  die  Geisteswissensdiaft,  dann  kann 
aus  dieser  Geisteswissensdiaft  gerade  das  Naturwissenschaft- 
lichebegriffen  und  ins  rediteLicht  geriickt  werden.  Niemals 
aber  konnen  die  Gesetze  der  Geisteswissensdiaft  aus  der 
Naturwissenschaft  heraus  irgendwie  gefunden  werden.  Da- 
her  miifke  es  immer  mehr  und  mehr  geschehen,  dafi  der 
menschlichen  Seele  ihre  ganze  geistige  Nahrung  entzogen 
wiirde,  wenn  sie  darauf  angewiesen  bliebe,  «wissenschaft- 
lich»  nur  das  gelten  zu  lassen,  was  die  Naturwissenschaft 
hervorbringt.  Die  Naturwissenschaft  selbst  wird  gerade  da- 
durch  ihre  Grofie  und  Bedeutung  erlangen,  dafi  sie  sich  in 
ihren  Grenzen  halt. 

Wer  aber  nur  ein  wenig  einen  Blick  in  das  menschliche 
Seelenleben  tut,  der  wird  bald  finden,  dafl  die  Seele  zu  ihrer 
Sicherheit,  zur  Kraft  und  zur  Arbeit  im  Leben  die  Ant- 
worten  braucht  auf  die  Frage  nach  dem  Geiste.  Waren  sie  in 
alten  Zeiten  -  wir  haben  es  an  Kepler,  an  Goethe  erhartet 
und  konnen  es  an  anderen  erharten  -  fur  die  Menschen- 
seele  von  selber  schon  in  den  ganzen  Anschauungen  iiber 
die  Welt  enthalten,  so  sind  sie  es  heute  nicht,  und  eine  neue 
Aufgabe  entsteht,  die  wir  schon  charakterisieren  konnten, 
und  die  wir  in  ihrem  Wesen  noch  charakterisieren  werden: 
die  Aufgabe  der  Geisteswissensdiaft.  Gerade  was  durch  die 
Grofie  der  Naturwissenschaft  verschwunden  ist,  das  mufi 
auf  selbstandige  Weise  wieder  durch  die  Geisteswissensdiaft 
gefunden  werden,  indem  die  Wege  gezeigt  werden,  auf 
welchen  die  Menschenseele  in  ihre  geistige  Heimat  hin- 
gelangen  kann.  Wer  das  Zeitalter  richtig  versteht,  der  wird 
begreifen,  wie  sich,  nachdem  der  Her  gang  nun  einmal  so 
war,  wie  er  geschildert  worden  ist,  ein  starkes  Bediirfnis, 


eine  starke  Sehnsucht  zeigt,  immer  mehr  vom  Geiste  aus 
nun  audi  die  Welt  zu  begreifen  und  eine  selbstandige  Gei- 
steswissenschaft  neben  die  Naturwissenschaft  hinzustellen. 

Wenn  wir  auf  Einzelheiten  eingehen,  selbst  auf  das  viel- 
leicht  heute  von  vielen  Geistglaubigen  verworfene  Gesetz 
der  wiederholten  Erdenleben,  so  sehen  wir  es  langsam  und 
allmahlich  heraufkommen  und  sich  in  die  neuere  Kultur 
einleben,  zum  Beispiel  bei  Lessing  in  seiner  Abhandlung 
uber  die  «Erziehung  des  Menschengeschlechts>>.  Immer  wie- 
der  sehen  wir,  wenn  man  auch  heute  wenig  davon  weifi, 
wie  im  neunzehnten  Jahrhundert  innerlich  konsequente 
Seelenforscher  hingefiihrt  werden  zu  dem  fiir  die  mensch- 
liche  Seele  einzig  und  allein  angemessenen  Gesetz  der  wie- 
derholten Erdenleben. 

Je  mehr  die  Naturwissenschaft  auf  dem  Boden  des  Ma- 
teriellen  ihre  groiKen  Triumphe  feiert,  desto  mehr  erbliiht 
fiir  den  Geist  die  Sehnsucht,  seine  eigenen  Wege  zu  gehen. 
Und  wieder  an  einem  konkreten  Beispiele  mochte  ich  zeigen, 
wie  der  ganze  Hergang  des  Geisteslebens  unserer  Zeit  so 
gestaltet  ist,  da£  er  wie  von  selbst  in  das  einlauft,  was  die 
Geisteswissenschaft  heute  sein  will.  Auf  einen  Denker,  auf 
einen  Forscher  mochte  ich  aufmerksam  machen,  den  ich  im 
Laufe  dieser  Wintervortrage  noch  mehr  besprechen  werde, 
der  gerade  mit  Hinblick  auf  ein  Sehnen  nach  der  Geistes- 
wissenschafl interessant  ist,  auf  Herman  Grimm,  den  Kunst- 
historiker.  Ein  umfassender  Geist,  zeigt  er  uns  gerade  als 
ein  solcher,  wie  die  Seele  in  der  neueren  Zeit  aus  einer 
blofien  naturwissenschaftlichen  Auffassung  des  Geschehens 
herausdrangt,  namentlich  im  Menschenleben  herausdrangt, 
und  wie  durch  die  Impulse  und  Krafte  der  Zeit  die  Seele 
wieder  zuriickgehalten  wird  vor  dem  letzten  Schritt  des 
Hinausdrangens,  vor  dem  Hineindrangen  in  die  Geistes- 
wissenschafl. 


Wer  die  Schriften  Herman  Grimms  sorgfaltig  durch- 
nimmt,  wird  sehen,  dafi  Herman  Grimm  nadi  einem  Wel- 
tenprinzip  sucht,  aber  nicht  nach  einem  toten  Weltenprinzip, 
sondern  nach  einem  schaffenden  Gesetz,  woran  sich  zum 
Beispiel  der  praktische  Geschichtsforscher  halten  kann,  und 
was  etwas  anderes  sein  mufi  als  die  sogenannten  histo- 
rischen  Ideen.  Ideen  konnen  ebensowenig  etwas  schafTen, 
wie  -  nach  dem  Bilde  des  letzten  Vortrages  -  ein  gemalter 
Maler  ein  Bild  malen  kann.  Ideen  sind  etwas  Totes.  Wirk- 
sam  kann  nur  etwas  Lebendiges  sein.  Herman  Grimm 
suchte  nach  dem  Leb
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