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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
bnisse der Geistesforschun
Vierzehn qffenrfiche Vortrdge
gehalten zwischen dem 31. Oktober 1912
und dem 10. April 1913
im Architektenhaus zu Berlin
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen,
nicht wortlichen und teilweise liickenhaften Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Johann Waeger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Friihere Veroffentlichung
«Ergebnisse der Geistesforschung»
dreizehn Einzelhefte als Reihe, Basel 1941-1942
Bibliographie-Nr. 62
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0620-8
Zu dm Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswis-
senschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschrie-
benen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den
Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl
offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spa-
ter Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur-
spriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be-
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte.
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wemgen Fallen
die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde ge-
maS ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden
sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der
Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Wie widerlegt man Geistesforschung ?
Berlin, 31. Oktober 1912 9
II. Wie begrundet man Geistesforschung?
Berlin, 7. November 1912 46
III. Die Aufgaben der Geistesforschung fur
Gegenwart und Zukunft
Berlin, 14. November 1912 84
IV. Die Wege der ubersinnlichen Erkenntnis
Berlin, 21. November 1912 117
V. Ergebnisse der Geistesforschung fiir Lebensfragen
und das Todesratsel
Berlin, 5. Dezember 1912 150
VI. Naturwissenschaft und Geistesforschung
Berlin, 12. Dezember 1912 185
VII. Jakob Bohme
Berlin, 9. Januar 1913 220
VIII. Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Ge-
genwart, Herman Grimm, und die Geistesforschung
Berlin, 16. Januar 1913 249
IX. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft vom
Geiste
Berlin, 30. Januar 1913 286
X. Marchendichtungen im Lichte der Geistesforschung
Berlin, 6. Februar 1913 321
XI. Lionardos geistige Grofte am Wendepunkt zur
neueren Zeit
Berlin, 13. Februar 1913 353
XII. Irrtumer der Geistesforschung
Berlin, 6. Marz 1913 382
XIII. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
Berlin, 3. April 1913 . , 416
XIV. Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts
Berlin, 10. April 1913 445
Hinweise 489
Namenregister 507
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 510
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesarntausgabe . . . . 519
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fiir diese offentliche Vortragstatigkeit
gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen behan-
delt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vortragsreihe
zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinander ubergrif-
fen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig fundierten
methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und konnten auf
ein regelma&g wiederkehrendes Publikum rechnen, dem es darauf
ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden Wissensgebiete
einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden die Grundlagen
fiir das Verstandnis des Gebotenen immer wieder gegeben wurden.»
(Marie Steiner)
Die vorliegenden, wahrend des Winterhalbjahres 1912/13 gehalte-
nen 14 Vortrage bilden die zehnte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte.
Kurz zusammengefafit wird darin folgendes dargestellt: Die Gei-
steswissenschaft in ihrer Begegnung mit der Vergangenheit, Gegen-
wart- und Zukunft, ihre moglichen Begrundungen und Widerlegun-
gen, ihre Verhaltnisse zu Naturwissenschaft, zu Leben und Tod, zu
Moral und Ubersinnlichem. Den Geistesschiiler erwarten auf seinem
Erkenntnisweg schwere moralische Priifungen und grofie Gefahren
des Irrtums. Grofie Personlichkeiten der Geschichte wie Jakob Boh-
me, Raffael und Leonardo im Licht der Geistesforschung. Goethe, das
19. Jahrhundert und deren wiirdiger Erbe Herman Grimm und deren
Beziehung zur Geisteswissenschaft.
WIE WIDERLEGT MAN GEI STESFORS CHUNG?
Berlin, 3LOktober 1912
Wie in den verflossenen Wintern werde ich mir gestatten,
im Laufe dieses Winterhalbjahres eine Anzahl von Vor-
tragen iiber Geisteswissenschaft hier an diesem Orte zu
halten. Aus dem Programm wird ersichtlich sein, dafi diese
Vortrage sich zuerst auf das erstrecken sollen, was die Gei-
steswissenschaft von ihrem Gesichtspunkte aus iiber die
Fragen des Lebens vorzubringen hat, dafi dann der Uber-
gang gemacht werden soil zur Beleuchtung einiger wich-
tiger Kulturerscheinungen, hervorragender Kulturtatsachen
und hervorragender Personlichkeiten der Vergangenheit,
wie etwa Raffael, Leonardo da Vinci, und dafi zuletzt noch
die Beziehung, das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zu
mancherlei Erscheinungen im unmittelbaren gegenwartigen
Geistesleben beleuchtet werden soil. Heute sollen diese
Vortrage in einer eigenartigen Weise begonnen werden. Es
soil irn Eingange nicht das vorgebracht werden, was zur
Erhartung und zur Bekraftigung dieser Geistesforschung
gesagt werden kann, sondern im Gegenteil das, was an
moglichen, an bedeutungsvolleren Einwanden gegen diese
Geisteswissenschaft vorgebracht werden kann.
Es liegt in der Natur der Tatsachen, dafi diese Geistes-
forschung in unserer Gegenwart infolge des Standes unserer
Zeitbildung und infolge mancherlei anderer Tatsachen viele
Gegnerschaft nach sich zieht. Aber nichts ware gerade die-
ser Geisteswissenschaft unangemessener, als wenn sie in Fa-
natismus verf alien wiirde und sozusagen nur das sehen
wollte, was von dem Gesichtspunkte ihrer Vertreter an
Griinden f iir sie auf gebracht werden kann. Fanatismus mufi
gerade — und wir werden sehen, aus welchen Griinden -
dieser Geistesforschung vollig fernliegen. Daher mufi sie,
mehr als dies vielleicht von irgendeinem anderen Stand-
punkt aus notig ist, darauf bedadit sein, die Einwande
ihrer Gegner zu verstehen, ja, sie mufi sie in einem gewissen
Sinne geradezu tolerieren, und begreiflich mulS es ihr er-
scheinen, dafi eine ganze Anzahl gerade ehrlicher Wahr-
heitssucher der Gegenwart merit mit ihr gehen konnen. Es
ist ja meine Gewohnheit gewesen — die verehrten Besucher
der friiheren Vortrage werden das wissen, und diese Ge-
wohnheit soli auch in der Folge fortgesetzt werden -, bei
den einzelnen Vorbringungen zugleich auf die moglichen
Einwande Rucksicht zu nehmen. Heme sollen sozusagen
bedeutungsvollere, gewichtigere Einwande vorweggenom-
men werden. Denn Einwande gegen das, was von dem
Standpunkte der Geistesforschung zu sagen ist, ergeben sich
wahrlich nicht blofi von den Gegnern her, sondern bei einem
gewissenhaften Betriebe der Geistesforschung fiihlt sich die
Seele, die einem solchen Betriebe hingegeben ist, auf Schritt
und Tritt selber vor diese moglichen Einwande gestellt.
Weil ja die Wahrheiten der Geistesforschung in der Seele
errungen, erkampft werden miissen, so mufi die Seele in
einer gewissen Weise dem Gegner in bezug auf solche Ein-
wande, die in der Seele selbst geltend gemacht werden, auch
gewachsen sein, und viel besser wird man auf diesem Ge-
biete fortkommen, wenn man sich von vornherein dariiber
klar ist, was alles eingewendet werden kann.
Nun soli es allerdings nicht meine Aufgabe sein, auf die-
jenigen Einwande oder angeblichen Widerlegungen hier
einzugehen, welche sozusagen auf der Strafie gefunden
oder aus den Fingern gesogen werden konnen, sondern es
soil auf die Einwande Riicksicht genommen werden, die
man sich als ehrlicher Wahrheitsucher aus unserer Zek-
bildung, aus den geistigen Grundlagen unserer Gegenwart
heraus selber machen kann und in einem gewissen Grade
sogar machen mufi. Audi nicht auf die Einwande gegen gar
mancherlei soli eingegangen werden, was sich heute oft Gei-
stesforschung oder Theosophie nennt; denn von vornherein
soil zugegeben werden, dafi man mit vielem - namentlich
in der Form -, was heute als «Theosophie» auftritt, nicht
gerade Staat machen kann. Aber das, was hier vertreten
wurde und vertreten wird, das soil in meinen heutigen Ein-
wanden beriicksichtigt werden. Wenn wir uns aber auf
solche Einwande einlassen wollen, so mufi mancherlei von
dem, was schon im Laufe der vorhergehenden Zyklen ge-
sagt worden ist und was in den nachsten Vortragen noch
zur Sprache kommen wird, gleichsam im Umrifi vor die
Seele geriickt werden. Kurz wollen wir uns also dariiber
verstandigen, was unter Geistesforschung nach ihrem In-
halte und ihren Quellen hier gemeint ist.
Zunachst kann man ganz im allgemeinen Geisteswissen-
schaft dadurch charakterisieren, dafi man sagt, die Geistes-
wissenschaft stelle sich auf den Standpunkt, dafi sie iiber
alles, was der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, was
er mit einer Wissenschaft zu ergriinden vermag, die vor-
zugsweise auf die Sinne und auf den Verstand gebaut ist,
der aus den Sinnen seine Schlixsse zieht - dafi sie iiber alles
dieses hinausschreiten mufi zu den geistigen Ursachen der
sinnlichen und durch den Verstand erf orschbaren Tatsachen,
so dafi sie iiberall hinter diesen sinnlichen Tatsachen eine
geistige Welt nicht nur annimmt, sondern zu beweisen ver-
sucht, eine geistige Welt, in welcher die Ursachen zu alle-
dem liegen, was die Sinne sehen und der Verstand erf orschen
kann.
Von mancherlei anderen Geistesrichtungen der Gegen-
wart und der Vergangenheit unterscheidet sich diese Geistes-
wissenschaft dadurch, dafi sie nicht nur im allgemeinen,
etwa hypothetisdi, behaupten will, es gabe iiber den Ver-
stand und die Sinne hinaus eine geistige Welt, sondern dal$
sie davon ausgeht, der Mensch sei imstande, seine Erkennt-
niskrafle, seine Seelenkrafte so auszubilden, so zu entwik-
keln, dafi sie in eine geistige Welt hineinzuschauen ver-
mogen-wozu sie ohne diese Entwickelung nicht fahig sind.
Also nicht nur die MogHchkeit einer geistigen Welt, son-
dern die Erkennbarkeit einer geistigen Welt ist das Eigen-
tumliche dieser Geistesf orschung oder Anthroposophie, wenn
wir sie so nennen wollen. Dafi man mit der Eigenart der
Seelenkrafte und mit den Eigenschaften der Erkenntnis-
krafte, wie sie der Mensch zu seinem gewohnlichen Tages-
gebrauch - wenn wir so sagen diirfen - besitzt, nicht in die
geistige Welt hineindringen konne, das wird von vorn-
herein zugegeben. Dafi es aber richtig sei, diese Erkenntnis-
krafte seien unentwickelbar, dafi sie sich nicht dazu ent-
falten konnten, um nach ihrer Hinauf organisation zu die-
sem hoheren Standpunkte in eine geistige Welt hineinzu-
schauen, wie die Augen in die Sinneswelt hineinschauen,
das bestreitet die Geisteswissenschaft. Damit stehen wir
aber schon an den Quellen dieser Geistesforschung.
Diese Quellen ergeben sich der Seele, wenn diese Seele
durch innerliche Arbeit, durch innere Entwickelung - und
oft wurde hier von den Methoden dieser inneren Entwicke-
lung gesprochen - sich selber zu einem hoheren Stand-
punkte ihrer Anschauung hinaufarbeitet. Dann steht zu der
Sinneswelt, die uns umringt, so zeigt die Geisteswissen-
schaft, eine andere da, eine geistige Welt, von der die wah-
ren Ursachen aller Erscheinungen der Sinneswelt ausgehen.
Durch die Erforschung der geistigen Welt kommen wir
aber dazu, den Menschen als ein viel komplizierteres Wesen
anzusehen, als er es fur die gewohnliche sinnliche oder ver-
standesmafiige Anschauung ist. Wir kommen dazu, den
Menschen als ein viergliedriges Wesen anzusehen. Dasjenige,
was man den physischen Leib nennt, betrachtet die Geistes-
forschung nur als einen Teil der gesamten menschlichen
Wesenheit. Diesen physischen Leib kann das gewohnliche
Sinnesleben beobachten, kann der Verstand begreifen. Die-
ser Sinnesleib ist der Gegenstand der gewohnlichen Wissen-
schaft. Fiir einen groften Teil unserer heutigen Zeitanschau-
ung ist dieser physische Leib die Gesamtheit der mensch-
lichen Wesenheit. Fiir die geisteswissenschaftliche Forschung
ist er nur ein Teil unter vier Gliedern dieser menschlichen
Wesenheit.
Ober diesen physischen Leib hinaus unterscheidet die
Geistesforschung den sogenannten Atherleib oder Lebens-
leib, der dem physischen Leibe eingegliedert ist. Aber nicht
so spricht sie von diesem Atherleib oder Lebensleib, wie
wenn er blofi dem Verstande erschlossen ware, sondern so,
daft die entwickelten Seelenkrafte ihn zu schauen vermogen,
wie das entwickelte Auge die Farben Blau oder Rot schauen
kann, wahrend das farbenblinde Auge diese Farben nicht
schauen kann. Und sie spricht dann davon, daft sich die
notwendige Folgerung ergibt, dafi der physische Leib durch
die ihm eigenen Krafte mit dem Tode selbstverstandlich
zerfallt, weil die Krafte, die dem physischen Leibe ange-
horen, seine Zersetzung, seinen Zerfall bewirken und nur
dadurch zusammengehalten werden, daft wahrend der Zeit
des Lebens zwischen Geburt und Tod diesem physischen
Leibe der Atherleib oder Lebensleib eingegliedert ist, der
als ein fortwahrender Kampfer gegen den Zerfall des phy-
sischen Leibes da ist. Erst wenn mit dem Momente des
Todes die Trennung von dem Atherleibe eintritt, folgt der
physische Leib seinen eigenen Kraften, die aber dann, weil
sie in ihrer Eigenart wirken, seine Zersetzung hervorrufen.
Den physischen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit
der ganzen mineralischen, unlebendigen Welt. Den Ather-
leib hat er gemeinsam mit allem Lebendigen, mit der gan-
zen Pflanzenwelt.
Dabei kann aber die Geisteswissenschaft noch nicht stehen-
bleiben. Sie erkennt noch ein drittes Glied der mensch-
lichen Wesenheit an, das so selbstandig ist wie der physische
Leib. An Ausdriicken braucht man sich dabei nicht zu sto-
len; sie werden noch zur Erklarung kommen und sind
zum Teil schon erklart worden. Als drittes Glied wird der
astralische Leib unterschieden. Er ist der eigentliche Trager
der Leidenschaften, Begierden, Triebe, Affekte, also alles
dessen, was wir unser Seelenleben nennen, was im Innern
verlauft. Und von diesem astralischen Leibe unterscheiden
wir in der Geistesforschung dann wieder den eigentlichen
Ich-Trager. Wahrend der Mensch den astralischen Leib mit
allem gemeinschaftlich hat, was zum Beispiel in der tie-
rischen Welt AfFekte, Leidenschaften hat und ein inneres
Vorstellungsleben entwickeln kann, hat er als die Krone
seiner Eigenheit den Ich-Trager als das vierte Glied seiner
Wesenheit fur sich. In dem physischen Leib, in dem Ather-
oder Lebensleib, in dem astralischen Leib und in dem Ich-
Trager liegt zunachst des Menschen Wesenheit fiir die
Geistesforschung.
Weiter erzeugt sich fiir den, der in die geistige Welt ein-
zudringen vermag, die Erkenntnis, wie sich ein grofier Teil
unserer Lebenszustande, denen wir unterworfen sind, von
dem gewohnlichen Leben unterscheidet, namlich das Schlaf-
leben. Der Schlaf unterscheidet sich fiir den Geistesforscher
von dem wachen Leben dadurch, dafi beim schlaf enden
Menschen der Ich-Trager und der astralische Leib des Men-
schen abgetrennt werden von semem Atherleib und phy-
sischen Leib. Die beiden letzteren bleiben wahrend des
Schlafes wie ein pflanzliches Gebilde im Bette liegen, der
Ich-Trager mit dem Astralleib und mit den Aff ekten, Trie-
ben, dem Vorstellungsvermogen und so weiter bewegen sicb
dagegen wahrend des Schlafes aus dem physischen Leib und
Atherleib heraus und entfalten in einer fur sich bestehen-
den geistigen Welt dann ein eigenes Leben. Nur ist fiir den
heutigen normalen Menschen, wenn Ich und Astralleib im
Schlafe fiir sich sind, das gewohnliche Leben unmoglich,
weil dieser Astralleib und das Ich keine Organe haben, urn
die Umwelt wahrzunehmen, nicht Augen und Ohren haben
wie der physische Leib. So ist es unmoglich, dafi Astralleib
und Ich die Welt wahrnehmen, in der sie dann sind.
Darin besteht gerade die hohere Entwickelung der Seele,
da£ Astralleib und Ich f ahig werden, Organe auszubilden,
um ihre Umgebung wahrzunehmen, und dafi dadurch fiir
den Geistesforscher ein Zustand eintreten kann, in welchem
er die geistige Welt wahrnimmt; so dafi er dann aufier dem
Wachzustand und dem Schlafzustand noch einen wachen
Schlafzustand hat, wenn wir ihn so nennen diirfen, der
gerade der jenige Zustand ist, in welchem der Geistesforscher
die geistige Welt wahrnehmen kann, welcher der Mensch
seinem eigentlichen Ursprunge nach angehort. So versucht
die Geisteswissenschaft aus den geistigen Tatsachen heraus
den Obergang des Menschen zwischen je vierundzwanzig
Stunden in Wachen und Schlafen zu erklaren.
Das Weitere fiir die Geisteswissenschaft ist, dafi sie an
das grofie Ratsel von Tod und Leben herantritt, das heifit
mit anderen Worten an die Frage, die das Menschenherz
so bewegt: an die Frage nach der Unsterblichkeit des Men-
schen. Da kommt die Geisteswissenschaft dazu, dafi das
eigentliche geistige Wesen des Menschen nicht etwa nur
ein Ergebnis seiner physischen Organisation ist, sondern
eine selbstandige, einer geistigen Welt angehorende Ein-
heit und Wesenheit, welche sich den physischen Leib auf-
baut, welche vor der Geburt, ja, vor der Empfangnis exi-
stiert und von dem ersten Momente, wo der Mensch als
Keimzelle ins Dasein tritt, an seinem Organismus aufbauend
wirkt. Es ist dies mit anderen Worten das Geistig-Seelische,
das eigentlich Tatige und Aufbauende, das den Menschen
durch sein Leben hindurch organisiert, das nur die Friichte
seiner Lebenserfahnmgen durch das Tor des Todes hin-
durchtragt und das mit dem Tode in eine geistige Welt
iibergeht, um dann weitere Erlebnisse zu haben, und das
sich dann einen neuen physischen Leib fur ein weiteres
Leben organisiert, um ein neues Leben durchzumachen und
den Zyklus zu wiederholen.
Die Geisteswissenschaft spricht mit anderen Worten von
wiederholten Erdenleben, spricht von wiederholten Erden-
leben so, dafi wir von unserer gegenwartigen Verkorperung
innerhalb des Sinnendaseins zuruckblicken zu anderen Ver-
korperungen in der Vergangenheit, aber audi in die Zu-
kunfl: blicken zu spateren Verleiblichungen unserer Wesen-
heit. So dafi wir das Gesamtleben des Menschen teilen in
ein Leben zwischen Geburt und Tod und in ein anderes,
welches fur die Sinne und fur den Verstand rein geistig
verlauft zwischen dem Tode und der nachsten Geburt. Aber
nicht in einer ewig wiederkehrenden Art stellt sich die Gei-
steswissenschaft dies vor, sondern so, dafi sie in diesen Wie-
derholungen nur Zwischenzustande anerkennt, das Gesamt-
leben des Menschen aber auf ein ursprungliches Geistiges
zuriickfiihrt, welches allem Leben, vor allem unserem Pla-
neten, vorangegangen ist; so dalS die Erdenleben einmal
einen Anfang genommen haben, als der Mensch aus einem
rein geistigen Dasein heraustrat, und da$, nachdem sich
einst die Bedingungen erfiillt haben werden, der Mensch
wieder in rein geistigeZustande eintreten wird, welche in sich
die Friicbte alles dessen enthalten werden, was der Mensch
durch die verschiedenen Erdenleben durchgemacht hat.
Das ist allerdings nur ein Umrifi, der in den kommen-
den Vortragen mit einzelnen Farben ausgefiillt werden
soil, der aber zeigen kann, zu welchen Ergebnissen eine
geisteswissenschaftliche Forschung kommt. Wenn wir uns
dieses ganze Tableau vor Augen stellen, dann muli man
allerdings sagen, fiir einen grofien Teil der denkenden
Menschheit unserer Tage wird dieses Bild nicht nur etwas
Unverstandliches, Unbeweisbares, sondern vielleicht sogar
etwas Verletzendes haben, etwas sogar, was Ironie, Hohn
und Spott herausf ordern kann, Schon wenn von dem Wesen
der Geistes wissenschafl gesprochen wird, mulS der Mensch,
der alles fiir ihn Wichtige heute auf den rechten Boden der
Wissenschaffc beziehen will, gewichtige Einwande machen.
Der Mensch, der auf diesem Boden der Wissenschafl stent,
mufi sich sagen: Was bedeuten einer solchen Vorbringung
gegeniiber alle die grofien, nicht nur einzelnen Errungen-
schaften der Wissenschafl, sondern was bedeuten denn die
wissenschaftlichen Methoden, was bedeutet gegeniiber der
Geistesforschung der Ernst, die Wiirde, die Exaktheit, was
bedeuten alle die Anstrengungen, welche die Wissenschafl
in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten gemacht
hat, um zu einer Sicherheit, zu einer objektiven Sicherheit
zu kornmen? Es will die Geistesforschung selbstverstandlich
nicht etwa gegen die Wissenschafl arbeiten, das ist ofl
betont worden, sondern im vollen Einklange mit der Wissen-
schafl stehen. Daher mufi sie sich bewufit sein, was die
Wissenschafl gegen sie einzuwenden hat, nicht nur von
ihrem Inhalte aus, sondern namentlich von ihrem Ernste
und ihren Errungenschaflen der letzten Jahrhunderte aus.
Da kann man mit Recht sagen, es werde von der Geistes-
wissenschaft darauf hingewiesen, dafi diese Quellen der
Geistesforschung in einer gewissen Entwickelung der Seele
liegen, indem die Seele gewisse innere Vorstellungs-, Emp-
findungs- und Willensprozesse durchmacht, das durchmacht,
was man Meditation nennt, so dafi sie dadurch innere Er-
lebnisse hat, die naturlich rein beschrankt sind auf die
eigene Seele, die kein anderer kontrollieren kann, als der
sie selber erlebt, und dann wird so etwas durch nichts zu
Kontrollierendes als wissenschaftliches Resultat iiber die
geistigen Welten hingestellt. Wo bleibt, kann die Wissen-
schaft sagen, das, was gerade die schonste Errungenschaft
dieser Wissenschaft ist, dafi sie durch die Forschungen der
letzten Jahrhunderte nur das gelten lafit, was von jedem
Menschen objektiv und iiberall und zu jeder Zeit kontrol-
liert werden kann? Das aufiere Experiment, die aufieren
Beobachtungen haben die Eigentiimlichkeit, dafi jeder an
sie herangehen kann. Nicht so dasjenige, was im Innern
errungen und erkampft wird. Wenn man auf Menschen
hinblickt, die so in ihrem Innern erleben, zeigt sich denn
dann nicht an der grofien Mannigfaltigkeit dessen, was sie
fortwahrend an "Widerspruchsvollem zum Ausdruck brin-
gen, das ganz Unsichere, wie wenig die Erlebnisse iiber-
einstimmen, die durch ein mystisch vertieftes Bewufitsein
gegeben werden? Wie miissen dagegen die Forschungen
ubereinstimmen, welche die einzelnen Forscher in der Kli-
nik, im Laboratorium und so weiter machen! Man wird
darauf hinweisen, dafi dies gar nicht anders sein konnte,
so dafi also das, was der Mensch subjektiv erlebt, sich da-
durch als unwissenschaftlich zeigt, und dies besonders auch
deshalb, weil es durch keinen anderen kontrolliert werden
kann, da der andere nicht hineinschauen kann in die Seele
des betreffenden Geistesforschers.
Haben nicht diese Erlebnisse der Seele, kann man sagen,
eine voile Ahnlichkeit mit alledem, was nachweislich aus
irgendwelchen krankhaffcen Zustanden, aus Obertreibungen
der Seele, in der Ekstase und so weiter, in der Seele erlebt
wird? Wenn der Geistesforscher einwendet, dafi er ja nicht
gewillt ist, jede beliebige Vision, die in der Seele auftritt,
als Forschungsergebnis gelten zu lassen, sondern dafi er nach
bestimmten Methoden vorgeht, dann kann man doch ein-
wenden, und dieser Einwand erscheint durchaus berechtigt:
Ja, zeigt es sich denn nicht bei allem, was die Menschen
durch Visionen, Halluzinationen und so weiter erleben,
dafi solche Menschen, wenn sie derartigen Seelenzustanden
ausgesetzt sind, einen viel grofieren Glauben an ihre fixen
Ideen, an ihre Halluzinationen und Visionen entwickeln
als an das, was ihnen aufterlich die Sinne geben oder was
ihnen der Verstand aufdrangt? Wenn man auf den starren
und unbeugsamen Glauben der Illusionisten hinblickt, so mufi
man bedenklich werden gegeniiber dem, was der Geistesfor-
scher aus den Tiefen seiner Seele heraufholen will als etwas,
was nicht eine Illusion ist, was einen objektiven Bestand in
der geistigenWelt haben soil. Es kann,sokonnte man sagen,
so etwas sein, was einen objektiven Bestand in der geistigen
Welt hat, aber gegen die Gultigkeit eines solchen Seelen-
Experimentes mufi gesagt werden, dafi der Illusionist zu
seinen Wahnideen ein ebensolches Vertrauen hat wie der
Geistesforscher zu seinen Forschungsresultaten, die er dem
verdankt, was aus den Tiefen der Seele heraufkommt.
Nur wer die Entwickelung der objektiven Forschung, der,
wie man sagen kann, gesunden Wissenschaft der letzten
Jahrhunderte und Jahrzehnte nicht mitgemacht hat, kann
etwa mit einem Lacheln iiber einen solchen Einwand hin-
weggehen. Er ist gewichtiger, als man gewohnlich meint,
bei denen meint, die aus einer einseitigen Richtung zu ihren
geisteswissenschaftlichen Resultaten kommen. Es muiS ge-
sagt werden, zum Beispiel mit Bezug auf das, was in meinem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?» mitgeteilt ist, wo gewisse Angaben fur die einzelne
Seele gemacht sind, dafi die Seele, wenn sie sich bei einem
solchen Erleben ganz sich selber iiberlalk, nirgends einen
Anhaltspunkt hat, der sie kontrolliert. Das alles bezeugt,
dafi man sich in der ernstesten Weise mit einem solchen, fur
einen oberflachlichen Geistesforscher sogar trivial erschei-
nenden Einwand auseinandersetzen mufi. Es wird so viel
uber die Natur der, wie man sagen kann, unwahren Vor-
stellungen vorgebracht, da£ das dagegen Vorgebrachte sich
auch auf die Geisteswissenschafl; anwenden lafit, indem man
sagt: Alles, was ihr da vorbringt als Methoden, um die
Seele auszubilden, braucht nichts anderes zu sein als nur
ein raffinierteres Illusions- und Halluzinations-Vermogen.
Dann aber nimmt sich besonders die Geisteswissenschafl;
deplaciert aus gegeniiber der ernsten, kontrollierbaren Wis-
senschaft, wenn sie auf die einzelnen Ergebnisse hinweist.
Da konnte der gewissenhafte Wahrheitsucher der Gegen-
wart, der mit der Entwicklung der letzten Jahre bekannt-
geworden ist, sagen: Wifk ihr denn nichts von alledem, was
vorgegangen ist? Da sprecht ihr von einem Atherleib oder
Lebensleib, der gegeniiber dem physischen Leibe ein selb-
standiges Dasein haben soli. Wifit ihr denn nichts davon,
dafi bis ins neunzehnte Jahrhundert herein das gespukt hat,
was man Lebenskraft nannte, und dafi durch ernste wissen-
schaflliche Anstrengungen der Glaube an diese Lebenskraft
endlich beseitigt worden ist? Wifit ihr denn nichts von der
folgenden Tatsache: Man hat in fruheren Jahrhunderten
gesagt, zwischen den einzelnen chemischen StoflFen spiele sich
in der leblosen Natur draufien ein chemischer Prozefi ab.
Wenn aber dieser selbe Zusammenhang von StofFen in den
menschlichen Organismus eintrete, so bemachtige sich seiner
die sogenannte Lebenskraft; da wurde unter den einzelnen
Stoffen nicht das vor sidi gehen, was wir in der Chemie
und Physik lernen, sondern es wirkten da die einzelnen
Stoffe unter dem Einflusse der Lebenskraft aufeinander ein.
Ein grower Fortscbritt war es, dafi diese Lebenskraft tiber
Bord geworfen worden ist, dafi man versucbt hat, zu sagen:
Diese Lebenskraft hilft gar nichts, sondern man mufi so zu
Werke gehen, dafi das, was man in der unlebendigen Welt
erforschen kann, im lebendigen Organismus weiter ver-
folgt werden mufi, dafi man nur die kompliziertere Art,
wie dort die Stoffe zusammenwirken, berucksichtigen miisse
und dafi man sich nicht auf das Faulbett der Lebenskraft
zu werfen habe.
Gerade als ein solches «Faulbett der Wissenschaft» wurde
die Lebenskraft beseitigt, indem man zeigte, wie die Wirk-
samkeit gewisser Stoffe, die man sich friiher nur unter dem
Einflusse der Lebenskraft denken konnte, audi im Labo-
ratorium zustande kommt. Und weil es noch nicht aller
Tage Abend ist, so miisse sich die Wissenschaft doch jenes
hohe Ideal stellen, auch jene Zusammensetzung der Stoffe
ins Auge zu fassen, wie sie in der Zelle der Pflanze vorhan-
den ist, und diirfe sich nicht auf das Faulbett einer Lebens-
kraft legen, wenn es darauf ankommt, zu untersuchen, wie
die Stoffe und Krafte im Organismus wirken.
Solange man nicht imstande war, gewisse Stoffzu-
sammensetzungen im Laboratorium zu erzeugen, war es
berechtigt, zu sagen, sie kamen nur zustande, wenn die
einzelnen Stoffe durch die Lebenskraft eingefangen wer-
den. Seit es aber gelungen ist - besonders durch Liebig
und Wobler -, nachdem man an die Lebenskraft nicht mehr
glaubt, gewisse Stoffe ohne die Lebenskraft darzustellen,
seitdem mufi gesagt werden, dafi auch die komplizierteren
Zusammenfugungen im menschlichen Organismus die Zu-
hilfenahme einer besonderen Lebenskraft nicht mehr notig
haben. So trat im Lauf e des neunzehnten Jahrhunderts vor
die Wissenschaft das hohe Ideal, das die meisten Forsdier
festhalten, selbst wenn es audi «Neo-Vitalisten» gibt, das
Ideal, das sich erfullen wird: solche StofTzusammenhange,
wie sie sich im lebendigen Organismus zusammenfiigen, zu
erkennen und ohne die Zuhilfenahme einer nebulosen, my-
stischen Lebenskraft herzustellen, die, wie die ernste wissen-
schaftliche Forschung des neunzehnten Jahrhunderts immer
behauptet hat, gar nichts niitzt, weil sie gar nichts beitragt
zur objektiven Erkenntnis der Natur.
Wer diese Tatsachen erkennt und vor allem den Ernst
und die Wiirde ins Auge fafit, die dieser Entwickelung der
Wissenschaft zugrunde liegen, der darf wohl einwenden:
1st es erhort, dafi nun eine Anzahl von Menschen als so-
genannte Geistesforscher auf treten, die in Form ihres Ather-
leibes oder Lebensleibes die alte Lebenskraft wieder auf-
warmen? 1st es nicht ein Zeichen eines wissenschaftlichen
Dilettantismus? Sie mogen «glauben», sie, die nichts von
dem Ideal der Wissenschaft wissen; der wissenschaftliche
Forscher selber aber kann nicht von dem ergrifFen werden,
was ja doch nur als eine Aufwarmung der Lebenskraft
erscheinen kann. So arbeitet die Geisteswissenschaft, kann
man sagen, dilettantisch mit Aufierachtlassung alles dessen,
was gerade zu den schonsten Idealen der modernen Wissen-
schaft gehort, und sie benutzt nur den Umstand, dafi es
heute der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, gewisse
Stoffe, die im lebendigen Organismus anzutreffen sind, auch
im Laboratorium herzustellen, um einstweilen behaupten
zu konnen, es sei zur Erzeugung des Lebens ein besonderer
Atherleib oder Lebensleib notig. Man kann sagen, die fort-
schreitende Wissenschaft werde dem Menschen diesen Ather-
leib oder Lebensleib schon austreiben. Solange es der Wis-
senschaft in ihrem Schreiten von Triumph zu Triumph noch
nidit gelungen ist, zu zeigen, dafi kein Atherleib da ist und
dafi die Zusammenfugung der StofFe des lebendigen Orga-
nismus audi in der Retorte erzeugt werden kann, solange
mogen die Theosophen oder Geistesforscher Staat machen
mit dem Atherleib, der doch nur eine Aufwarmung der
alten Lebenskraft ist! - So konnte dieser Vorwurf erhoben
werden zunachst als eine Tatsache des Dilettantismus.
Wenn nun gar die Geisteswissenschaft von dem Schlaf-
leben sagt: AfTekte, Triebe, Begierden des Menschen seien
an einen besonderen Astralleib gebunden, und dieser trete,
wenn der Sdilaf den Menschen iibermannt, aus dem Ather-
leib und physischen Leib heraus und fiihre ein eigenes
Dasein, so kann man sagen: Es ist sehr leicht, von einem
inneren Seelenleben zu sprechen, wenn man sich die Sache
einfach macht, indem man dieses innere Seelenleben nicht
mit alien Schwierigkeiten und Ratseln hinnimmt, welche
sich der Wissenschaft bieten, sondern wenn man sagt: Da
ist ein Astralleib, und daran ist das gebunden, was sich im
Innern abspielt. - Da kann man wieder mit den Fort-
schritten der Wissenschaft kommen und sagen: Was be-
deuten denn da die grofien Fortschritte, welche besonders
in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind, um eine
Erscheinung wie das Schlafleben oder das Traumleben rein
naturwissenschaftlich zu erklaren? - Es wiirde lange dauern,
wenn ich Ihnen alle die Anstrengungen der Wissenschaft
vorfuhren wollte ~ die durchaus mit Ernst und Wiirde zu
nehmen sind -, um das Schlafleben und Traumleben zu
erklaren. Namentlich deshalb wiirde es eine lange Zeit in
Anspruch nehmen, weil gerade in der letzten Zeit eine
grofie Anzahl von Forschungen zutage getreten sind, die
durchaus diskussionsmoglich sind.
Es geniigt, einen Gesichtspunkt ins Auge zu fassen, der
zeigen kann, wie schwer es dem ernsten Wahrheitsforscher
der Gegenwart wird, sich zu dem zu bekennen, was zunachst
nur wie eine Behauptung erscheinen kann: das Ich und der
Astralleib des Menschen ziehen sich mit dem Einschlafen
aus dem physischen Leib und Atherleib zuriick.
Wenn wir, eine grofte Anzahl von verschiedenen Hypo-
thesen und Aufstellungen iiber das Schlafleben zusammen-
fassend, gleich eine Pauschalerklarung dieses Schlaflebens
nehmen, so ist es die folgende: Es wird gesagt, daft man
zur Erklarung des Schlaflebens durchaus nichts anderes
brauche als ein unbefangenes Hinblicken auf die Erschei-
nungen des menschlichen oder tierischen Organismus. Es
zeige sich, daft das wache Leben darin bestehe, daft die
Erscheinungen der Umwelt auf die Sinnesorgane Eindruck
machen, daft sie auf das Gehirn Reize ausiiben. Den ganzen
Tag hindurch iiben sie solche Reize aus. Wie wirken sie auf
das Gehirn und Nervensystem des Menschen? Sie wirken
so, daft sie die Substanz, aus der das Nervensystem besteht,
zerstoren. Den ganzen Tag hindurch - sagt die moderne
Naturwissenschaft. - haben wir es damit zu tun, daft die
aufteren Farben, Tone und so weiter auf unsere Seele, das
heiftt auf unser Gehirnleben, eindringen. Dadurch werden
Dissimilationsprozesse hervorgerufen, das heiftt Zersto-
rungsprozesse. Es lagern sich bestimmte Produkte ab.
Der Mensch ist, solange diese Prozesse stattfinden, nicht
in der Lage, den umgekehrten Prozeft, den des Wieder-
aufbauens seines Organismus, zu bewirken. Daher wird
jedesmal, nachdem wir aufwachen, das innere Seelenleben
in gewisser Beziehung zerstort, so daft wir, bis wir mude
geworden sind, dazu gelangt sind, daft wir unseren Organis-
mus zerstort haben und daft er kein inneres Seelenleben
mehr entwickeln kann; es hort auf. Man braucht nichts
anderes vorauszusetzen, als daft sich durch das Tagesleben
Ermiidungsstoffe in unserem Organismus ablagern. Man
braucht nur die Auf reibung der organischen Substanz anzu-
nehmen, daft die organische Substanz fiir eine gewisse Zeit
nicht mehr imstande ist, ihre inneren Prozesse zu entwickeln.
Dann aber wirken die aufteren Reize nicht mehr, und die
Folge ist, daft der innere Organismus jetzt anfangt, seine
Ernahrungsprozesse zu entwickeln, das Gegenteil von den
Dissimilationsprozessen, die Assimilationsprozesse, daft er
jetzt die zerstorte organische Substanz wiederherstellt, und
dadurch wird der Nachtschlaf bewirkt. Ist die organische
Substanz wiederhergestellt, so ist audi das innere Seelen-
leben wiederhergestellt, und so kann das wache Leben
wieder neue Reize ausiiben, bis wieder Ermiidung eintritt.
So hat man es dabei mit dem zu tun, was man eine Selbst-
steuerung des Organismus nennt.
Darf man nicht zugeben, daft der gewissenhafte Wahr-
heitsforscher, der mit den Ergebnissen der heutigen Wissen-
schaflbekannt ist, sagen muft : Wenn so durch Selbststeuerung
des Organismus das Wachleben und Schlaf leben in ihrem
Wechsel ganz gut erklarbar sind, dann ist es nicht nur iiber-
fliissig, sondern direkt schadlich, wenn ihr den Fortschritt
einer solchen menschlichen Wissenschaft dadurch beeintrach-
tigt, daft ihr sagt, nicht eine Selbststeuerung liege vor, son-
dern weil der Mensch selbstandig ist, trete etwas aus dem
Organismus heraus. Da es durch den Organismus ganz allein
erklarbar ist, daft der Wechsel von Schlaf und Wachen zu-
standekommt, so ist es unnotig und schadlich, anzunehmen,
daft das Bewufttsein etwas Besonderes sei und aus dem Or-
ganismus heraustrete, umwahrendderNacht ein besonderes
Leben zu entwickeln. -Wieder kann man darauf hinweisen,
daft auf sei ten der Geisteswissenschaft ein furchtbarerDilet-
tantismus vorliegt, an den nur solche glauben, die den Weg
der Wissenschaft selbst nicht kennen, urn den Organismus
aus sich selbst zu erklaren.
Wenn von Selbstandigkeit des Geisteslebens gesprochen
wird, wenn davon gesprochen wird, was ja plausibel er-
scheint, dafi das Geistesleben selbstandig sei, da£ wir den
menschlichen Organismus als physischen durch unsere Sinne
vor uns haben und durch die Methoden der Wissenschaft
erforschen, wie die physischen Vorgange verlaufen, wah-
rend dann aber doch noch das Geistige da ist, so ist das
etwas, was oft betont worden ist, zum Beispiel von Du
Bois-Reymond und audi von anderen, die sich nicht ohne
weiteres zum Materialismus bekennen. Denn man nehme
beispielsweise irgendeineGehirnvorstellung: wenn man sich
das menschliche Gehirn so vergrofiert dachte-das hat schon
Leibniz gesagt dafi man darin spazierengehen konnte,
so wiirde man darin nur materielle Prozesse sehen. Das
geistige Leben sei aber noch etwas Besonderes, und das be-
zeuge, dafi man es doch mit einem von den Vorgangen des
physischen Lebens abgesonderten Geistesleben zu tun habe.
Wenn das berechtigt sei, so zeige dies doch das, was zum
Beispiel Benedikt sagt: Die Tatsache des Bewufitseins ist im
Grunde genommen von keiner anderen Ordnung, als die
Tatsache der Wirkung der Schwerkraft in Verbindung mit
der Materie. Denn wir sehen die physische Materie zum
Beispiel eines Weltenkorpers. Diese iibt nach Annahme der
physischen Wissenschaft Schwerkraft aus, und da ist etwas,
was angezogen wird, zum Beispiel von der Sonne. Bei sol-
chen Wirkungen zwischen Sonne und Erde oder Mond
sprach man dann fruher von etwas Dbersinnlichem. Aber
das ist nur so, wie wenn wir ein Stuck weiches Eisen haben
und aufier ihm die elektrische Kraft oder den Magnetismus.
Und wenn wir das Gehirn vor uns haben und in ihm
zusammengedrangt Vorstellungen, Leidenschaften, Affekte
und so weiter, so ist das ebenso wie die Tatsache, dafi um
die materielle Erde die Schwerkraft und andere Krafte wal-
ten. Warum sollte es also von einer anderen Wirkung her
sein, wenn um das Gehirn herum Prozesse spielen, die eben-
so auf treten wie die Schwerkraftprozesse um die materielle
Erde herum? Die Erde in Verbindung mit der Schwerkraft
und dem anderen, was unsichtbar um sie waltet, ist nichts
anderes, als was um das Gehirn als Affekte, Vorstellungen
und andere Vorgange waltet. Wie hat man da ein Recht,
so konnte gefragt werden, von einer Selbstandigkeit des
Geisteslebens zu sprechen, wenn man sich kein Recht zu-
schreibt, davon zu sprechen, dafi die Schwerkraft audi dann
ausgeiibt werde, wenn kein anziehender Korper vorhanden
ist? - Und man kann weiter sagen: Wie man kein Recht
habe, in solchem Falle im freien Weltenraume von einem
die Schwerkraft entwickelnden Weltenkorper zu sprechen,
so habe man kein Recht, von einem besonderen Seelischen
zu sprechen, das nicht an materielles Dasein bei einem Ge-
hirn gebunden sei.
Dafi nicht mit einem unwissenschaftlichen Fanatismus
iiber solche Dinge hinweggegangen werden darf, das sollte
jedem erristen Geistesf orscher klar sein.
Wenn sich nun schon gewichtige Einwande erheben gegen
die geisteswissenschaftliche Annahme iiber das Schlaf- und
Wachleben, gegen die Selbstandigkeit des Bewufitseins uber-
haupt, wie kann dann der, welcher mit den wissenschaft-
lichen Methoden der Gegenwart Ernst macht, sich irgend-
wie in Ubereinstimmung versetzen mit dem, was von der
Geisteswissenschaft iiber die wiederholten Erdenleben ge-
sagt wird, uber ein Vorhandensein eines menschlichen We-
senskernes, der uber den Tod hinaus ein Dasein fiihrt, der
Erlebnisse durchmacht in der Zeit zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt und dann in einem neuen, nachsten
physischen Erdenleben wiedererscheint! Hier wird nicht
nur ein Einwand gemacht von denen, die auf naturwissen-
schaftliche Tatsachen bauen, sondern auch von denen, die
heute selber Geisteswissenschaftler in vieler Beziehung sein
wollen: von den Psychologen, von den Seelenforschern der
Gegenwart. Es wird gefragt: Was ist denn das notwendige
Kennzeichen dafiir, dafi der Bestand der menschlichen We-
senheit verbleibt? Dies kann der Seelenforscher der Gegen-
wart in nichts anderem als darin finden, dafi das mensch-
liche Bewufitsein gedachtnismafiig von seinen Zustanden
weifi, die es wahrend des Lebens durchgemacht hat. Fort-
dauer, Kontinuitat des Bewufitseins ist das, was der Psy-
chologe der Gegenwart besonders ins Auge fafit. Er kann
sich nicht auf das einlassen, was nicht in das Bewufksein
der menschlichen Personlichkeit hereinf allt, und er wird sich
immer darauf berufen miissen, dafi der Mensch zwar ein
Gedachtnis iiber seine besonderen Zustande in seinem Leben
zwischen Geburt und Tod habe, dafi aber nichts Analoges
gezeigt werden konne fur den Bestand der menschlichen
Wesenheit, die aus friiheren Erdenleben heriiberkame.
Gegen mancherlei andere Dinge noch, die im Verlaufe
dieser Vortragsreihen vorgebracht worden sind, wird man-
cher ernste Wahrheitsforscher der Gegenwart etwas ein-
wenden konnen. Da kann gesagt werden: Du kannst zwar
vorbringen, gewisse Dinge im Menschenleben erscheinen so,
dafi man sie aus den Vorgangen des einzelnen Lebens nicht
erklaren kann, sondern dafi man annehmen mufi, dafi sich
der Mensch gewisse Anlagen, Talente und so weiter durch
die Geburt hindurch mitbringt, so dafi man annehmen kann,
die Seele existiere schon vor dem Eintritt in das physische
Leben. Aber das bleibt denn doch alles nur gewagte Hypo-
these. Das bleibt alles gegeniiber der modernen Seelen-
forschung insofern ungeniigend, als diese wieder einen Weg
nimmt, der scheinbar ganz gewissenhaft nach einem Ideale
hinsteuert.
Was hier vorliegt, kann man in folgender Weise charak-
terisieren : Wer das menschliche Leben unbef angen betrachtet,
wie es sich abspielt mit diesen oder jenen Leidenschaften,
mit dieser oder jener Gefuhlsschattierung, mit einer Hin-
neigung zu diesen oder jenen Vorstellungen, der wird, wenn
er sich ohne viel Bedenken auf den Standpunkt der Geistes-
wissenschaft stellt, sagen: Durch unsere Erziehung haben
wir uns ja mancherlei errungen; aber nicht alles kann da-
durch erklart werden, sondern wir bringen uns durch die
Geburt hindurch etwas mit, was aus f riiheren Erdendaseins-
stufen stammt. - Aber, so kann der ernste Wissenschaftler
entgegnen, haben wir nicht damit einen Anfang gemacht,
das erste Kindheitsleben zu erforschen, jenes Kindheits-
leben, an das man sich spater nicht zuriickerinnert?
Der moderne Naturforscher oder der Philosoph wird
dann vielleicht sagen: Da will der Geistesforscher einen
genialen Menschen, wie zum Beispiel Feuerbach, dadurch
erklaren, dafi er sich gewisse Krafte aus dem vorhergehenden
Leben mitgebracht hat und dadurch in die Lage gekommen
ist, kiinstlerisch zu arbeiten. Nun hat man aber die folgende
Entdeckung gemacht: Ein soldier Maler malt mit einer ganz
besonderen Farbenstimmung, bevorzugt einen bestimmten
Gesichtsausdruck und so weiter nach einer ganz bestimmten
Richtung. Geht man dem nach, so findet man, dafi er in
seinen ersten Kinderjahren zum Beispiel in seinem Zimmer
eine Biiste sah und dafi eine besondere Art, wie das Licht
immer darauf fiel, sich in die Seele des Kindes eingegraben
hat. Das tritt dann spater wieder auf, und es zeigt sich
dann, so kann man sagen, dafi solche Eindrucke tief wirk-
sam und bedeutsam sind. Es ist dadurch moglich, vieles zu
erklaren. Die Geisteswissenschaft will alles auf friihere
Erdenleben zuriickfuhren, wahrend man vielleicht durch
eine sorgfaltige Beobachtung und Erforschung der ersten
Kindheit alles erklaren kann.
Man kann dann welter hinweisen auf die moderne Na-
turwissenschaft, die durch das biogenetische Grundgesetz
zeigt, wie der Mensch die Tierformen, von denen man an-
nimmt, daft sie das Menschengeschlecht in friiheren Erden-
zustanden durchlaufen habe, wirklich im vorgeburtlichen
Zustande audi durchmacht, so dafi es also eine Berech-
tigung habe, dies zu zeigen. Daran ankniipfend, kann man
sagen: Wo hat die Geisteswissenschafl: auf so etwas Ahn-
liches hinzuweisen, dafi sich im einzelnen individuellen
Leben etwas wiederholt, was der Mensch in friiheren Erden-
leben durchgemacht hat? Das muftte man fordern konnen,
wenn man als rechtmaftiger Wahrheitssucher der Gegen-
wart glauben soil, dafi in dieser Beziehung in der Geistes-
wissenschafl jener Ernst und jene Wurde angewendet wer-
den, die bei einer ahnlichen Behauptung auf dem Boden der
Naturwissenschaft da ist. So ist es gekommen - und mit
einem gewissen Recht kann man sagen — , dafi der Mensch,
wenn er sich xiber das menschliche Leben, iiber das tierische
Leben und auch iiber das planetarische Leben, das uns durch
die Astronomie zuganglich wird, ein wenig naturwissen-
schaftliche Erkenntnisse angeeignet hat, seiner Phantasie
dann freien Lauf lassen kann, Schlufifolgerungen zieht und
allerlei andere Welten ersinnt, die einen recht starken Ein-
druck von Wirklichkeit machen. Gewifi, bei dem, der keine
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hat, wird sich die
Sache sehr bald in Widerspruche verwickeln, und seine Un-
kenntnis wird sich bald zeigen, indem er alles Mogliche
herausprojizieren wird, was mit den naturwissenschaft-
lichen Ergebnissen nicht ubereinstimmt. Wer aber die Na-
turwissenschaft kennt, der wird zeigen, dafi sich seine Ideen
sehr hubsch in das hineinftigen, was die Naturwissenschaft
zeigt. Dann wird man ihn nicht widerlegen. Aber wer tritt
in der Geisteswissenschaft dafiir ein, so kann man jetzt
wieder fragen, dafi so etwas nicht unberecbtigterweise aus
solchen Behauptungen herausprojiziert und dann phanta-
stisch ausgebildet worden ist? Wer biirgt dafiir, dafi man
sich auf den Standpunkt stellt, dafi nur das von jedem
Erforschbare Geltung haben soli? Daher muftte man sich
darauf einlassen, aus dem einf achen Grunde, weil man sieht,
wie im neunzehnten Jahrhundert etwas heraufgekommen
ist, das sich auch in der modernen Geisteswissenschaft gel-
tend macht.
Wir haben es ja erlebt, dafi sich im neunzehnten Jahr-
hundert im deutschen und im franzosischen Geistesleben die
Dinge geltend gemacht haben, welche die Geisteswissen-
schaft behauptet. 1854 ist von Reynctud ein Werk erschienen,
«Terre et ciel», und von Figuier ein Werk iiber das, was
mit dem Menschen nach dem Tode folgt. Es hat zahlreiche
Gegner mit naturwissenschaftlicher Bildung gegeben, welche
gesagt haben: Ja, was ist denn besser, dafi ihr euch auf
Grundlage der Naturwissenschaft Tatsachen ausdenkt iiber
eine Vielheit der menschlichen Erdenleben, iiber ein Leben
nach dem Tode, und so weiter, oder ist es besser, irgend-
eine andere, ebenso ausgedachte Hypothese iiber diese Dinge
anzunehmen?
Wenn solche Einwande gemacht werden, und wenn sie
nicht in frivoler Weise gemacht werden, sondern durchaus
auf dem Boden ernsten Wahrheitssuchens, dann mufi man
sagen: Es sind nicht Einwande, die nur aus Widerspruchs-
geist entstehen, sondern solche, die sich die menschliche
Seele selbst machen mul5, sich um so mehr machen muE, als
man auf der anderen Seite wieder sieht, wie wenig gewissen-
haft auf seiten derer, die Geisteswissenschaft pflegen wollen,
oft vorgegangen wird, wenn «Beweise» dafiir vorgebracht
werden, dafi das menschliche Leben ein individuelles sei
und gesagt wird, dafi man auiRerhalb des individuellen Le-
bens keine Erklarung finden konne fur Erscheinungen, wie
es zum Beispiel das menschliche Gewissen und das Verant-
wortlichkeitsgefiihl sind, wenn man nicht gewisse Anlagen
und Tendenzen aus fruheren Erdenleben heraus annehmen
wollte. Da sagen manche: Wenn ich mich verantwortlich
halte, so mufi ich mir die Anlage dafiir erworben haben. Da
ich sie mir. in diesem Leben nicht erworben habe, so mii es
in einem fruheren gewesen sein.
Es wird auch gesagt, das menschliche Gewissen sei eine
Erscheinung, welche beweise, daft eine innere Stimme in
uns hereinspricht, die wir nicht aus dem jetzigen Leben
ableiten konnen, und deshalb miissen wir sie aus einem
fruheren berleiten. Dann wird auch gesagt: Man sehe sich
die verschiedenen Kinder des gleichen Elternpaares an, sie
weisen ganz verschiedene geistige Eigenschaften auf . Wenn
aber alles auf dem Wege der Vererbung von den Eltern
auf die Kinder iibergegangen sein soli, wie kann man sich
dann solche Verschiedenheiten erklaren, wie sie ja selbst
bei Zwillingen auftreten? Daher diirfe man schliefien - so
sagen die Leute dann dafi die Kinder des gleichen Eltern-
paares verschiedene Individualitaten haben, die nicht ver-
erbt sein konnen, sondern aus einem fruheren Erdenleben
in das jetzige heriibergezogen sein miissen.
Da wird der gewissenhafte Wahrheitsforscher einwen-
den: Berucksichtigt ihr denn gar nicht, dafi die Indivi-
dualitat eines Menschen, wie er uns entgegentritt, aus der
Vermischung des vaterlichen und des miitterlichen Elementes
entsteht, und dafi daher bei den einzelnen Kindern die
Mischung eine verschiedene sein mufi? Miifiten denn nicht
selbst bei Zwillingen, weil eben verschiedene Mischungen
da sind, die Individualitaten, wenn man sie nur aus der
Vererbung erklart, verschieden sein?
Ein soldier Einwand ist riicht ein hergesuchter, sondern
einer, der sich aus der Sache selbst aufdrangt. Wenn man
alles beriicksichtigt, so findet man es durchaus verstandlich,
daft die, die immer eine «kontrollierbare» Wissenschaft
verlangen, die Geisteswissenschaft nicht aufnehmen, weil sie
nicht kontrollierbar ist; und wenn man bedenkt, daft solche
Gegner ein Bedeutsames fiir sich haben, so begreift man
sie. Sie haben das fiir sich, daft neben dem kritischen Geist
in unserer Zeit noch etwas anderes vorhanden ist. Dieser
kritische Geist ist wohl durchaus vorhanden, und wenn die
Geisteswissenschaft etwas sagt, so ruft sie ja sofort die Geg-
ner auf, die nicht nur logisch irritiert, sondern auch sittlich
entnistet sind, daft solche Theorien vorgebracht werden.
Solche Gegner werden aufgerufen, und die Kritik ist etwas,
was wir iiberall hervorsprieften sehen. Und weil sich die
Geisteswissenschaft mit ihren Ideen als etwas Schockieren-
des in unsere Zeit hineinstellt, so ist eine solche Kritik durch-
aus begreiflich.
Aber neben dem kritischen Geist lebt in unserer Zeit die
Leichtglaubigkeit, das Nachlaufenhinter einem jeden, wenn
von ihm nur etwas aus der Geisteswissenschaft behauptet
wird. Die Sehnsucht, die Dinge so zu bekommen, daft man
sie auch einsehen kann, ist bei den Menschen wenig vor-
handen, ist ebensowenig vorhanden, wie stark vorhanden
ist der kritische Geist und die Leichtglaubigkeit. So sehen
wir, daft durch die Leichtglaubigkeit, durch das Auf-Au-
toritat-Hinnehmen eines leichtglaubigen Publikums, das
alle moglichen Dinge aus der Geisteswissenschaft hinnimmt,
geradezu demjenigen Vorschub geleistet wird, was sich
gegeniiber der wirklichen, ernsten Geistesforschung jeder-
zeit geltend gemacht hat, namlich der Scharlatanerie. Es ist
eine Herausforderung zu Sdiarlatanerie, wenn die Leute
allem leichtglaubig nachlaufen. Und es ist eine grofie Ver-
suchung fiir den Menschen, wenn ihm alles Mogliche ge-
glaubt wird, wenn er der Schwierigkeit enthoben ist, diese
Dinge wirklich vor dem Forum der Wissenschaft, vor dem
Forum des Zeitgeistes zu rechtfertigen. Audi in unserer
Zeit ist das, was hier angef iihrt ist, nur zu weit verbreitet.
Wir sehen, wie die Leichtglaubigkeit, wie der krasseste
Aberglaube sehr stark grassiert. Daher gibt es wohl kaum
zwei andere Dinge in der "Welt, die so verschwistert sind
wie Geistes wissenschaft und Sdiarlatanerie. Wenn man die
beiden Wege nicht unterscheiden kann, wenn man alles nur
auf blinden Autoritatsglauben hin annimmt, so wie schon
seiner Natur nach manches auf Autoritat hin angenommen
werden mu£, was ja oft in der Gegenwart der Fall ist, dann
fordert man heraus, was mit Recht von ernsten Wahrheks-
forschern kritisiert wird: die Sdiarlatanerie, die so sehr
mit der Geisteswissenschaft verkniipft ist. Man kann es
begreiflich finden, wenn jemand, der nicht in der Lage ist,
den Scharlatan von dem Geistesforscher zu unterscheiden,
dann den Einwand hat, dafi alles Sdiarlatanerie sein miisse.
Nichts ist schneller gefunden als der Ubergang zu dem,
was auf moralischem und religiosem Gebiete liegt. Wir kon-
nen die Einwande, die sich fiir dieses Gebiet ergeben,
schneller charakterisieren, weil sie leichter verstandlich sind.
Man kann sagen: Man sehe hin, wie das, was intimste
Angelegenheit der Menschenseele sein mufi, was der Mensch
fiir sich als Giauben, als sein subjektives Furwahrhalten
finden kann, zu einer scheinbaren Wissenschaft auf gebauscht
wird! -Und einwenden kann man dem Geisteswissenschaft-
ler: Wenn du das als deinen Giauben hinstellst, so wollen
wir dich unbehelligt lassen. Wenn du aber das, was du als
Lehre von den hoheren Welten aufstellst, fiir andere Men-
schen geltend machen wirst, so ist das gegen die Natur und
den Charakter dessen, wie sich das Innere des Menschen zu
den geistigen Welten, zu dem religiosen Leben iiberhaupt
verhalten soil. - Will man dann audi die Friichte in dieser
Beziehung zeigen, so kann man sagen: Man sehe hin auf
Menschen, welche sich in geisteswissenschaftlichen Kreisen
zum Beispiel die Idee der wiederholten Erdenleben zur
Oberzeugung gemacht haben; ihnen kann man ansehen, wie
das, was moralische Weltanschauung ist, gerade durch eine
geisteswissenschaftliche Weltanschauung in den krassesten
Egoismus hineingef iihrt wird. - Und man kann das, was sich
aus der Geisteswissenschaft ergibt, zusammenstellen mit
dem Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, indem
man sagt: Da hat es zahlreiche Menschen gegeben, die mit
ihrem Geiste iiber die blofien materiellen Vorgange hinaus-
konnten, und die da sagten: Ich sehe meine hohere Moral
nicht darin, nach meinem Tode auf eine geistige Welt An-
spruch zu machen, um von ihr aufgenommen zu werden
und dort fortzuleben, sondern wenn ich etwas Moralisches
tue, so tue ich es ohne Hoff nung auf eine geistige Welt, weil
es mir die Pflicht gebietet, weil ich gerne hingebe, was mir
meine eigene Egoitat ist.
Viele hat es gegeben, fiir welche die Unsterblichkeits-
Moral nur eine egoistische Moral war. Diese Moral erschien
ihnen viel weniger gut als die, welche alles, was getan wird,
mit dem Tode des Menschen ubergehen lafit in das all-
gemeine Weltenleben. Demgegeniiber stent die Moral derer,
welche sagen, es hatte keinen Sinn, wenn nicht das, was sie
tun, in folgenden Erdenleben seinenAusgleich fande. Dieses
Karmagesetz, konnen nun die Gegner der Geisteswissen-
schaft sagen, begiinstige nur den menschlichen Egoismus;
ganz abgesehen von solchen Leuten, die vielleicht geradezu
sagen: Ich erkenne viele Leben in der Zukunfl: an. Was
brauche ich daher jetzt ein anstandiger Mensch zu werden?
Ich habe viele Leben vor mir, und wenn ich audi in der
Gegenwart dumm bleibe, gescheit und klug kann ich in den
nachherigen Leben noch werden. - So konne man doch
sagen, dafi die wiederholten Erdenleben gerade dazu her-
ausfordern, ein bequemes und lassiges Leben zu fiihren.
Das alles zeige an der Idee der wiederholten Erdenleben,
dafi der Egoismus, der sem Ich erhalten will, von einer
selbstlosen Moral sehr weit entf ernt ist.
Und ein Einwand kann aufgenommen werden, den
Friedricb Scblegel gegen die Anschauung von den wieder-
holten Erdenleben gemacht hat, wie sie bei den Indern an-
genommen werden: Die Anschauung von dem Leben der
Menschenwesenheit, die da eile von Verkorperung zu Ver-
korperung, fuhre dazu, dafi der Mensch dem tatigen, un-
mittelbaren Eingreifen indieWirklichkeit entfremdet wird,
dafi er das Interesse verliere an allem, worin er sich ent-
falten soli. - Eine gewisse weltfremde Sonderlingsart ist ja
leicht zu bemerken bei denen, die sich in die Geisteswissen-
schaft hineinleben. Ein gewisser Geistes-Egoismus, eine ge-
wisse weltfremde Lehre wird dadurch geziichtet. Ja, es
zeigt sich, daft solche Menschen sagen: Nachdem ich mich
eine gewisse Zeit hindurch mit der Geisteswissenschaft be-
schafligt habe, verliere ich das Interesse fiir das, was mir
fruher lieb war. - Das ist etwas, was oft auftritt, was aber
zeigt, dafi der Einwand mit Ernst gemacht wird, dafi der
Mensch arbeiten solle in der Welt, der er zugeteilt ist! Es
ist ein ernster Einwand, dafi die Geisteswissenschaft die
Menschen dem unmittelbaren starken Wirklichkeitsleben
nicht entfremden, sie nicht zu Sonderlingen machen soli, die
alles drunter und dniber gehen lassen.
Und nun das religiose Leben! Man kann sagen: Worin
liegt die schonsteBliite, dieherrlichsteBlute dieses religiosen
Lebens? Sie liegt in der Hingabe, in der selbstlosen Hingabe
der menschlichen Individuality, kann man sagen, an ein
aufiermenschliches Gottliches. Das Sichverlieren des Ge-
motes, das sich opfernde Hingeben des Gemiites an das
aufiermenschliche Gottliche erzeuge die eigentliche religiose
Stimmung. Nun kommt aber die Geisteswissenschaft und
erklart dem Menschen, dafi ein gottlicher Funke in ihm ist,
der zuerst in einer geringfugigen Weise in einem Erdenleben
zum Ausdruck kommt, dann aber ausgebildet wird und sich
immer mehr und mehr vervollkommnet, so dafi der Gott
im Menschen immer starker und starker werde. Das ist
Selbstvergottung statt selbstloser Hingabe an die aufier-
menschliche Gottlichkeit.
Ja, man kann mit einem gewissen Recht einwenden,
wenn man es mit der religiosen Anschauung ernst nimmt,
da$ durch dieses Sichhineinleben in die eigene gottliche Na-
tur, wenn es sich durch die verschiedenen Inkarnationen
hindurch verwirklicht, die wahre religiose Stimmung zer-
stort werden kann, wie auch das Leben in Liebe zerstort
werden kann. Wenn der Mensch nicht in der unmittelbaren
liebevollen Hingabe sich dazu getrieben fiihlt, sondern
wenn er daran denkt, dafi in einem spateren Erdenleben in
dieser Beziehung ein Ausgleich stattfinde, so liebt er also
nur auf den Ausgleich hin. Und der Religiose kann sagen:
Das religiose Leben wird in der geisteswissenschaftlichen
Weltanschauung durch den Egoismus begriindet, dafi der
Mensch den Gott nicht aufter sich habe, sondern in sich. -
Und berechtigt ist der Einwurf : Welche Summe von Ober-
hebung, von Hochmut und Selbstvergottung kann dadurch
in der menschlichen Seele begriindet werden!
Die, welche sich solche Einwande machen, brauchen sie
sich ja nicht auszumalen. Man kann aber daran sehen, wie
treumeinende Anhanger der Geisteswissenschaft zu einem
solchen Hochmut und immer wieder zu soldier Selbstver-
gottung kommen konnen. Daher kommt es, dafi wir im
Abendlande ein soldies Auflehnen gegen das Bestehen des
Gottesfunkens im Menschen finden, gegen das Bestehen des
menschlichen Wesenskernes vor der Geburt. Man soil es
nicht leicht nehmen, was man bei einem ernsten Wahrheits-
forscher als einen solchen Einwand gegen die wiederholten
Erdenleben im Gegensatze zu den Vererbungsverhaltnissen
finden kann.
Einen Einwand, den ich vorlesen will — woriiber ich wei-
cer nicht sprechen will, urn ihn nicht abzuschwachen fin-
den wir bei Jacob Frohschammer, der als ein Typus eines
der Menschen genommen werden kann, die vieles gegen die
Annahme einer Praexistenz der Seele einwenden konnen:
«... Als Gottes Wesen oder als Teil Gottes kann sich die
Menschenseele unmoglich betrachten, weniger wegen der
Thomistischen Besorgnis urn die Einheit Gottes, da sie im-
merhin als Momente in ihm sein konnten, ohne seiner Ein-
heit zu schaden, - als vielmehr nach dem eigenen Bewufit-
sein und Zeugnis der Menschenseele selbst, die weder sich
noch die Welt als direkten Ausdruck gottlicher Vollkom-
menheit oder als Verwirklichung der Idee Gottes selbst
betrachten kann. Als von Gott stammend, kann sie nur als
Produkt oder Werk gottlicher Imagination gelten; denn
es mufi die Menschenseele wie die Welt selbst in diesem
Falle zwar aus gottlicher Kraft und Wirksamkeit kommen
(da aus blofiem Nichts eben nichts werden kann), aber diese
Kraft und Wirksamkeit Gottes mufi, wie vorbildend fiir
die Schopfung, so audi bildend bei deren ReaHsierung und
Forterhaltung wirken; also als Gestaltungskraft (nicht blofi
formaler, sondern audi realer Art), demnach als Phantasie,
d. h. als in der Welt immanent fortwirkende und fort-
schaffend erhaltende Kraft oder Potenz, also als Weltphan-
tasie, - wie dies f riiher schon erortert wurde. Was die Lehre
von der Praexistenz der Seelen betrifft (der Seelen, die ent-
weder als ewigbetraditet werden oder als zeitlidi geschaflen,
aber schon am Anfang und insgesamt auf einmal), die man,
wie bemerkt, in neuerer Zeit wieder hervorgezogen und zur
Losung aller moglichen psychologischen Probleme fiir taug-
lich halt, - so stent sie mit der Lehre von der Seelenwan-
derung und Einkerkerung der Seelen in irdische Leiber in
Verbindung. Danach f ande also bei der Zeugung der Altern
weder eine direkte gottliche Schopfung der Seelen statt,
noch eine schopferische Produktion neuer Menschennaturen
nach Leib und Seele durch die Altern, sondern nur eine neue
Verbindung der Seele mit dem Leibe, also eine Art Fleisch-
werdung oder Versenkung der Seele in den Korper, - we-
nigstens einer teilweisen, so dafi sie teils vom Korper um-
fangen und gebunden ist, teils dariiber hinausragt und eine
gewisse Selbstandigkeit als Geist behauptet, aber doch nicht
davon loskommen kann, bis der Tod die Verbindung auf-
hebt und fiir die Seele Befreiung und Erlosung bringt
(wenigstens von dieser Verbindung). Der Geist des Men-
schen gliche da in seinem Verhaltnis zum Korper den armen
Seelen im Fegfeuer, wie sie von malenden Pfuschern auf
Votivtafeln dargestellt zu werden pflegen, als Korper, die
halb in den auf lodernden Flammen versenkt sind, mit dem
obern Teil aber (als Seelen) hervorragend und gestiku-
lierend! Man bedenke doch, welche Stellung und Bedeutung
bei dieser Auffassung dem Geschlechtsgegensatz, dem Gat-
tungswesen der Menschheit, der Ehe und dem Alternver-
haltnis zu den Kindern zukame! Der Geschlechtsgegensatz
nur eine Einkerkerungseinrichtung, die Ehe ein Institut zur
Ausfuhrung dieser schonen Aufgabe, die Altern den Kin-
derseelen gegeniiber die Schergen zum Festhalten und Ein-
kerkern derselben, die Kinder selbst den Altern diese elende,
miihselige Gefangenschaft verdankend, wahrend sie weiter
nichts mit ihnen gemein haben! All das, was sich an dieses
Verhaltnis kniipft, beruhte auf elender Tauschung!>>
Man kann, wenn man fanatischer Geistesforscher ist,
iiber eine solche Sadie ja lacheln, aber Fanatismus soil der
Geisteswissensdiaft f ernliegen. Verstehen soil sie und wirk-
lich tolerieren das, wogegen sich die Seele aufbaumt. Aus
diesem Grunde wurde dieser einleitende Vortrag nicht als
eine «Begriindung», sondern wie eine «"Widerlegung» der
geisteswissenschaftlichen Forsdiung gehalten. Aber um so
fester wird das stehen konnen, was in dem nachsten Vor-
trage «Wie begriindet man Geistesforschung?» vorzubrin-
gen sein wird, wenn wir uns die berechtigt zu machenden
Einwande selbst machen konnen. Dal5 ich in Wahrheit die
Geistesforsdmng nicht widerlegen will, wird man mir wohl
glauben!
Ich. konnte ja nnr eine, ganz kleine Anzahl von Einwanden
hier anfiihren. Es konnten viele solcher Einwiirfe gemacht
werden. Das kann zum Teil in der kommenden Zeit
geschehen, und es wird dann die Widerlegung gleich auf
dem Fufie folgen. Aus allem aber, was angefiihrt wird,
kann man sehen, wie der Mensch durch die Entgegennahme
der geisteswissenschafllichen Forschung innerlich auf einen
Kampfplatz gerufen wird, wie nicht blofi die Dinge sich
ergeben, die fur die wiederholten Erdenleben, fiir den
Durchgang des Menschen durch eine geistige Welt und so
weiter sprechen, sondern wie sich aus den dunklen Seelen-
tiefen heraus auch alle Gegengriinde ergeben konnen. Gut
ist es, wenn der, welcher sich in einer ruhigen Weise mit
Geistesf orschung beschafHgt, auch diese Gegengriinde kennt.
Dann wird er auch die richtigeToleranz denGegnern gegen-
iiber anwenden konnen. Nur einfach sich mit Geisteswissen-
schaft zu beschaftigen oder sich blind zu stellen oder zu
lachen iiber Einwande der Gegner, kann nimmermehr die
Art des Geistesforschers sein. Daft das nidbt zutraglich
wirkt, zeigte sich sclion an einem besonderen Falle im neun-
zehnten Jahrhundert, den idi hier wiedererzahlen mochte.
Im Jahre 1869 erschien die «Philosophie des Unbewuft-
ten» von Eduard von Hartmann. Wenn man audi nicht mit
ihr einverstanden sein wird, so kann man doch sagen, daft
in ihr ein guter Versuch vorlag, iiber die Sinnesanschauung
hinauszukommen. Daher muftte sich Eduard von Hartmann
gegen mancheswenden, was damals gerade als ein Ideal der
Wissenschaft herausgekommen war, besonders gegen das,
was aus dem neu aufbliihenden Darwinismus kam. So fin-
den wir vieles in der « Philosophic des Unbewuftten», was
gegeniiber dem Darwinismus nicht hat modern werden sol-
len. Aber dasbesondereObereinstimmende aller derjenigen,
die sich auf seiten des Darwinismus nicht mit diesem Buche
einverstanden erklaren konnten, war, daft sie sich gegen
Eduard von Hartmann auf lehnten als gegen einen, der sich
nicht bekanntgemacht habe mit dem, was aus der Natur-
wissenschaft der Gegenwart folgte. Eine grofte Flut von
Gegenschriften erschien. Man braucht nicht zu denken, daft
diese Gegenschriften lauter Torheiten enthielten; sie erschie-
nen zum Teil von solchen, die hervorragende Menschen auf
ihrem Gebiete sind, zum Beispiel von Ernst Haeckel, von
dem Zoologen Oskar Schmidt und anderen. Unter diesen
Schriften war auch eine, deren Verfasser sich nicht nannte,
mit dem Titel «Das Unbewuftte vom Standpunkte der Phy-
siologie und Deszendenztheorie». Darin wurde mit schla-
genden Griinden bewiesen, wie viele Dinge in der «Philo-
sophie des Unbewuftten» nicht haltbar waren und wie ihr
Verfasser damit gezeigt habe, daft er auf dem Gebiete der
Naturwissenschaft nichts anderes als ein Dilettant ware.
Viele Menschen waren geradezu frappiert iiber die schlag-
f ertige Art, wie dieser Anonymus in dieser Schrift vorging,
und Oskar Schmidt, damals an der Universitat Jena, meinte,
sie sei das Beste, was vom Standpunkte der Naturwissen-
schaft aus gegen die «Philosophie des Unbewuftten» gesagt
werden konne. Manche sagten: Er nenne sich uns, denn er
ist einer der Unsrigen; und Ernst Haeckel sagte, er selber
konnte nichts Besseres gegen die « Philosophic des Unbe-
wuftten» schreiben.
So war es kein Wunder, daft die erste Auflage dieser
Schrift «Das Unbewuftte vom Standpunkte der Physiologie
und der Deszendenztheorie» bald vergriffen war. Eine
zweite Auflage erschien, und jetzt nannte sich der Ver-
fasser: es war-Eduard von Hartmann! Jetzthorten manche
Stimmen auf, die vorher gesagt hatten: er nenne sich uns,
er ist einer der Unsrigen. Aber das Bedeutungsvolle hatte
sich vollzogen, daft ein Mensch gezeigt hatte: er kennt alles,
was die ernstesten Gegner gegen ihn vorbringen konnen.
Einmal ist damit der Beweis geliefert worden, daft man
nicht glauben soli, wenn gegen eine Weltanschauung etwas
vorgebracht werden kann, daft der Verfasser dieser Welt-
anschauung sich das nicht selbst hatte sagen konnen.
Fur die Geisteswissenschaft ist dies geradezu eine Lebens-
frage. Nun konnte ich heute zwar nicht alles sagen, was
gesagt werden konnte. Aber die Geisteswissenschaft muft
kennen, was gegen sie eingewendet werden kann, und es
ware nur zu wiinschen, daft manche von denen, welche glau-
ben, ein abgrundtiefes Wissen aufzubringen, um die Geistes-
wissenschaft mit dem oder jenem guten wissenschaftlichen,
exakten Grunde zu widerlegen, sich manchmal iiberlegen
konnten, wieviel besser derjenige, gegen den das einge-
wendet wird, die Sache kennt, als der, welcher es einwendet.
So ist es bei einem gewissenhaften Geistesforscher. Er kann
natiirlich nicht sein Publikum damit langweilen, daft er im-
mer audi alle Gegengriinde anfuhrt, die moglich sind. Wenn
aber irgend etwas fiir die Geisteswissensdiaft vorgebracht
wird, und wenn dann mancher Gegner auftritt, dann sollte
dieser sich selbst erst fragen, ob das, was er vorbringt, sich
derjenige nicht selbst sagen kann, der die Geisteswissen-
sdiaft vertritt.
Die Aufgabe des nachsten Vortrages soil es nun sein, die
Frage aufzuwerfen: Wie stellt sich die Seele in richtiger
Art zu dem, was in ihr selbst als Gegengriinde aus ihren
Tiefen herauf sich geltend macht? Sollte es wirklich wahr
sein, dafi sich der Mensch gegenuber der Geisteswissensdiaft,
weil so vieles gegen sie eingewendet werden kann, wirklich
so zu stellen habe, wie - in einer etwas iibertragenen Weise
gesagt - Goethe zuletzt seinen Faust sagen laik: «K6nnt ich
MagievonmeinemPfadentfernen»? Sind die Gegengriinde
der Geistesforschung so, wie sich Faust gegenuber den Ge-
gengriinden der Magie verhalt? Sind sie so, daft ein Philo-
soph wie Geoffroy de Saint-Hilaire recht hat, wenn er sagt:
Gegenuber der Weltbetrachtung gibt es im Ernste nur das
Folgende. Wir sehen, daft der Mensch in vieler Beziehung
schwach ist. Warum sollten wir uns diese Schwache nicht
gestehen, und warum sollte es nicht gerade eine Starke sein,
wenn man sich mit seiner Schwache abfmdet? Wie muft sich
der Mensch gestehen, daft er schwach ist gegen Wind und
Wetter, gegen vulkanische Gewalten und Elementarereig-
nisse! Wie mufi sich der Mensch gestehen, daft er schwach
ist gegenuber dem, was die Natur iiber ihn verhangt, wenn
er den Samen in die Erde legt und die Ungunst der Witte-
rung ihn nicht reifen laftt, die aus seinem FleiB nur eine
Hungersnot hervorgehen lafk! Wenn sich der Mensch oft
seine Schwache zu Gemiite fiihren mufi, warum sollte er es
nicht sagen, aus Ehrlichkeit heraus sagen: Zwar kann der
Geist in manchem iiber sich hinaus, aber audi er ist schwach
und beschrankt und kann nichts vermogen iiber das, was
die Natur iiber ihn verhangt; so kann er nichts erkennen
iiber das, was unsere Natur ist — wir miissen resignieren!
Waren die Griinde, die jetzt vorgebracht sind, so ge-
wichtig, dafi der nachste Vortrag nicht gehalten werden
konnte, so gabe es nichts anderes als eine soiche Resignation,
die nicht nur GeofTroy de Saint-Hilaire, sondern die viele
aus einer ehrlichen, wahrheitsliebenden Seele heraus emp-
finden und die das vertreten zu miissen glauben, dafi der
Mensch nicht in eine geistige Welt eindringen konne. Weil
die Gegengriinde nicht aus Widerspruchsgeist sondern aus
der Natur der Sache selbst hervorspriefien, deshalb ist
die Auseinandersetzung iiber Natur und Wert der Gegen-
griinde der Geisteswissenschaft nicht bloift eine theoretische
Tatsache, sondern etwas, was sich aus dem Kampfplatze
der Seele heraus ergeben muiS, wo Meinungen gegen Mei-
nungen ein scheinbar mehr oder weniger berechtigtes Kamp-
fen auffiihren, und wo man erst durch harte Kampfe er-
kennen kann, welche von diesen dort auftretenden Griin-
den Sieger bleiben konnen. Wenn man sich offen und riick-
haltlos dem inneren Kampfe der Seele gegeniiberstellt und
sagenkann, was fiir und wider eine Erkenntnis der geistigen
Welt spricht, so wird man zwar nicht ein fanatischer Ver-
treter dieses oder jenes ausgedachten oder erkliigelten Prin-
zipes, sondern ein Anerkenner jenes Prinzipes, da£ eine
ruhige Uberzeugung sich auf Grundlage derjenigen Griinde
aufbaut, die erst dann, und nie vorher, fiir sich geltend ge-
macht werden, nachdem sie in der eigenen Seele ihre Gegen-
griinde aus dem Felde geschlagen haben.
Wenn so der Wahrheitssucher seine Uberzeugung sucht,
dann darf er sich sagen, er mag getrost der Entwickelung des
Geisteslebens in die Zukunft entgegengehen; denn wahr ist,
was der ernste Wahrheitssucher gesagt hat: Was unwahr
ist, und mag es nodi so oft vorgebracht werden, es wird von
dem sidi fortentwickelnden Wahrheitsstreben der Mensch-
heit hinausgeworfen werden. Das aber, was wahr ist und
sein Dasein so gegeniiber den Gegengrunden erkampfen
mufite, wie wir es immer in bezug auf die Vorgange in der
Weltgeschichte sehen, das fmdet seinen Weg in der Ent-
wicklung der Menschheit in der ganz besonderen Weise, daft
man stehen kann vor dieser Entwicklung der Wahrheit in
die Jahrhunderte und Jahrtausende hinein und sagen kann:
Und seien nodi so viele von verdeckenden Eindriicken, das
heifit Vorurteile und Widerspriiche, aufgetiirmt, die Wahr-
heit findet immer wieder Spalten und Risse, um sich zu
behaupten, um sich zum Segen, zum Fortschritt und Nutzen
der Menschheit geltend zu machen.
WIE BEGRUNDET MAN GEISTESFORSCHUNG?
Berlin, 7. November 1912
In den vorangehenden Ausfiihrungen gestattete ich mir,
eine Anzahl von Einwendungen, von Widerlegungen der
Geistesforschung oder Anthroposophie anzufiihren. Es
wiirde nun ein Miftverstandnis sein, wenn etwa der Glaube
herrschen sollte, der heutige Vortrag sei dazu bestimmt,
diese Widerlegungen wiederum zu wider legen; denn das
soil von vornherein gesagt sein: nicht um ein Gedanken-
spiel, nicht um ein dialektisches Spiel mit Griinden und
Gegengriinden soil es sich handeln. Diejenige Geistesfor-
schung, von der hier die Rede sein soil und immer die Rede
gewesen ist, soil durchaus in vollem Einklange mit der
Wissenschaft und der Bildung der Gegenwart arbeiten. Da-
her sind die letzthin erwahnten Entgegnungen auch nicht
in dem Sinne angefuhrt worden, als ob man sie leichten
Herzens so ohne weiteres aus der Welt schafFen konnte,
sondern sie sind in dem Sinne angefuhrt worden, daft sie
gewissermafien berechtigterweise in der heutigen Seele auf-
tauchen, in der Seele, welche mit den Errungenschaffien
unserer Geisteswissenschafl, mit den Fortschritten unserer
Geisteskultur bis in die Gegenwart rechnet. Nicht als un-
berechtigte Einwendungen, sondern als in ihren Grenzen
berechtigte Einwendungen sind sie vorgebracht worden,
und es sollte das Gefiihl erweckt werden von dem Ernste,
mit dem die Geistesforschung arbeiten mochte und von dem
Bewulksein, daft sie aus ihren Quellen heraus die voile Ver-
antwortung fur sich selber ubernehmen kann, trotzdem
diese Geistesforschung durchaus begreift - das sollte haupt-
sachlich mit diesen Einwendungen gesagt sein -, dafi sie
gewissermafien allein auf sich selber angewiesen ist in einer,
man mochte sagen in der Hauptsache dreifachen Gegner-
schaft, welcher sie sich gegeniibersieht.
Die eine Gegnerschaft erwachst ihr von der zeitgenos-
sischen Wissenschaft oder wenigstens von der jenigen Wissen-
schaft, welche oftmals glaubt, auf dieser zeitgendssischen
Wissenschaft widerspruchslos aufgebaut zu sein. Die zweite
Gegnerschaft erwachst ihr aus mancherlei religiosen Be-
kenntnissen, und die dritte erwachst ihr aus dem gewohn-
lichen Bewufitsein des Tages, das sich ja instinktiv in vieler
Beziehung gegen das auflehnt, was Geisteswissenschaft,
Geistesforschung zu sagen hat.
Es konnte leicht scheinen, als ob so ohne weiteres die
Frage berechtigt ware: Wie beweist also die Geistesforschung
gegen die gemachten Einwande ihre Behauptungen? Wie
beweist sie das, was sie zu sagen hat? - Wir werden im Ver-
laufe dieser Wintervortrage manches iiber den Inhalt dieser
Geistesforschung, iiber wirkliche Resultate der Forschung
iiber eine iibersinnliche Welt zu horen haben. In diesen bei-
den ersten Vortragen mufi mir schon gestattet sein, in der
Art zu sprechen, wie es vielleicht mancher abstrakt, obwohl
es nicht abstrakt gemeint ist, schwer verstandlich oder un-
interessant findet. Denn wenn auch vielleicht nicht mit allem
einzelnen meiner Ausfiihrungen im ersten und zweiten Vor-
trage mitgegangen werden kann, so kann trotzdem wohl
das Gefiihl gewonnen werden, dafi ein wahrhaft guter Un-
tergrund fiir diese Geistesforschung gesucht wird. Daher
darf vielleicht heute manche Frage aufgeworfen werden,
welche derjenige uninteressant findet, den es mehr interes-
sieren wiirde, gleich diese oder jene Erzahlungen aus der
ubersinnlichen Welt entgegenzunehmen. Die Frage darf auf-
geworfen werden: 1st denn iiberhaupt auf die Begriindung
einer Weltanschauung das in dem vielf ach geglaubten Sinne
anzuwenden, was man so gewohnlich Beweise nennt? Kann
man Beweise als etwas ansehen, was, wenn es vorhanden
ist, den Zwang fiir die Oberzeugung eines jeden Menschen
in sich schlielk?
Jeder, der sidi zu irgendeiner Weltanschauung im Ernste
bekennt, glaubt gewohnlich, er konne sie beweisen, und er
wird fiir diese Weltanschauung ganz gewifi, wenn er ernst
genommen sein will, seine Beweise anfiihren. Gegeniiber
diesem so vielf ach verbreiteten Glauben mochte ich zunachst
ein Wort eines energischen, tatkraftigen deutschen Philo-
sophen anfiihren, das Wort Johann Gottlieb Fichtes, der
sagt: Was man fiir eine Philosophie hat, das hangt davon
ab, was fiir ein Mensch man ist.
Wenn man auf den Grund eines solchen Wortes kommen
will, wie es Fichte hier ausgesprochen hat, wenn man mit
anderen Worten fragen will, was er gemeint hat, so mufi
man sich sagen: Es kommt nicht blofi auf Beweise an, son-
derndarauf, welche Beweise man fiir maftgebend halt, welche
Beweise fiir einen Menschen nach seiner Seelenentwickelung
das Gewicht haben, um Einsicht gewinnen zu wollen in
dieses oder jenes. So werden wir selbst von einem Philo-
sophen wie Fichte auf das menschliche Innere gewiesen,
wenn es sich um die Bewertung von Beweisen handeln soli.
Es wird gleichsam verlangt, dafi der Mensch durch seine
Seelenentwickelung sich die Fahigkeit erworben habe, um
das Gewicht von Beweisen einsehen zu konnen. Trivial ge-
sprochen, mochte ich sagen: Was nutzen alle Beweise schliefi-
lich demjenigen, der an diese Beweise nicht glauben kann?
Und wie es sich um die sogenannten Beweise verhalt, das
konnen wir vielf ach gerade aus der Methodik mancher
Weltanschauungen studieren, die scheinbar ganz auf dem
festen Untergrunde naturwissenschaftlicher Tatsachen auf-
gebaut sind.
Wenn ich so etwas sage, wie ich es jetzt sagen will, so
mufi ich allerdings immerwieder vorausschicken: Ichglaube
nicht, dafi irgend jemand fiir die naturwissenschaftlichen
Fortschritte in unserer Zeit mehr Achtung und Anerken-
nung haben kann als der echte Geistesforscher. Und heute
mochte ich noch insbesondere das vorausschicken, dafi alle
die Einwendungen, die heute vor acht Tagen gemacht wor-
den sind, durchaus so gemeint sind, dafi sie insof ern berech-
tigt sind, als die unmittelbaren Einwendungen des Geistes-
forschers gegen das vor acht Tagen Gesagte unberechtigt
waren. Denn der Geistesforscher leugnet dasjenige nicht,
was die naturwissenschaftliche Forschung behauptet, mit
Recht behauptet. Er erkennt es voll an. Diese Tatsache mufi
man auch ins Auge fassen.
Die Geistesforschung wird fortwahrend von der Natur-
wissenschafl bekampft; dagegen die Geistesforschung selbst
bekampft ihrerseits die Naturwissenschaft gar nicht, wenn
man die richtige Sachlage zu wiirdigen in der Lage ist. Aber
es gibt viele naturwissenschaftliche Tatsachen, die von ge-
wissen Weltanschauungsstromungen heute so verwertet wer-
den, so scheinbar in ein gewisses Licht gesetzt werden, dafi
man mit den Tatsachen vollig einverstanden sein kann,
nicht aber mit der Art, wie manchmal gewisse Weltan-
schauungen auf Grund dieser Tatsachen etwas beweisen
wollen. Die Tatsachen, die sich aus der Naturwissenschaft
ergeben, werden zumeist von der Geistesforschung erst recht
bekraftigt, und es darf gesagt werden, die Zeit werde kom-
men, in welcher dasjenige, was am Darwinismus und an der
modernen Entwicklungslehre berechtigt ist, gerade durch
die Geistesforschung die richtige Wiirdigung finden wird.
So kann auch insbesondere durch die Geistesforschung
klar sein, dafi die Seele des Menschen, indem sie sich in der
aufieren physischen Welt wirksam erweisen soli, sich zu
gewissen geistigen Verrichtungen gewisser Teile, gewisser
Partien des Gehirnes bedienen mufi, wie man sich zu an-
deren Verrichtungen der Hand bedienen mui Wie die
Hand gewissen Verrichtungen des Menschen zugeteilt ist,
so sind gewisse Partien des Gehirnes als Werkzeuge dem
seelischen Erleben zugeteilt. Gerade durch die Geistesfor-
schung wird der richtige Sinn, die richtige Bedeutung dieser
Zuteilung ins Auge gefafit werden konnen, und mit dem,
was die Naturwissenschaft in dieser Beziehung heute viel-
fach vertritt, stent die Geistesforschung nicht im geringsten
im Widerspruch. Dagegen sind die sogenannten Beweise,
die angefuhrt werden, vor demjenigen, welcher Beweiskraft
versteht, oftmals recht sehr briichig. So zum Beispiel, wenn
fur die wahren Tatsachen, daft zum seelischen Leben be-
stimmte Partien, gewisse Teile des Gehirns hinzugehoren,
immer wieder und wieder angefuhrt wird, es werde durch
die Erkrankung dieser Gehirnteile die betreffende seelische
Tatigkeit ausgeschaltet, und man kann daher nicht wahr-
nehmen, dafi die Seele gewisse Verrichtungen wie zum Bei-
spiel die Sprache zuwege bringt, so dafi also das Sprach-
zentrum ausgeschaltet wird.
Es sind solche Beweise fur den, der Beweiskraft versteht,
wirklich mit dem Einwande des beruhmten, wenn auch
nicht existierenden Professors Schlaucherl getroffen, der ja,
wie vielleicht einigen von Ihnen bekannt sein wird, den
Beweis fiihren wollte, wie der Frosch empfindet. Dazu
setzte er einen Frosch auf den Experimentiertisch und klopfte
auf den Tisch, und siehe da: der Frosch sprang fort - also
hatte er es gehort. Jetzt rifi er ihm die Beine aus und klopfte
wieder auf den Tisch. Jetzt sprang der Frosch nicht fort,
weil ihm ja die Beine ausgerissen waren. Aber daraus, daiS
er jetzt nicht mehr fortspringen konnte, folgert der Pro-
fessor Schlaucherl, dafi der Frosch mit den Beinen hort;
denn wenn er keine Beine hat, zeigt sich an nichts, dafi er
horen kann.
Man muft, wenn man eine solche Sache vorbringt, selbst-
verstandlich um Entschuldigung bitten. Aber sie ist logisch,
methodisch durchaus mit dem zusammentreffend, was viel-
fach heute zu Beweiszwecken an Tatsachen angefuhrt wird,
die nicht im geringsten durch die Geisteswissenschaft be-
zweifelt werden sollen, die sogar wahr sind. Aber die an-
gefuhrten Beweise werden niemals denjenigen wirklich
iiberzeugen konnen, der beweiskraftiges menschliches Aus-
sagen zu beurteilen vermag.
So ist es mit vielem von dem, was gerade im vorher-
gehenden Vortrag angefuhrt worden ist, wie es ein ge-
wichtiger Einwand sei, der im wissenschafllichen Sinne
gerade von ernsten und wiirdigen Forschern der Natur-
wissenschaft der Gegenwart gemacht werden kann, dafi
man sagt: Da haben sich die Menschen in vergangenen Zei-
ten die Lebenskrafl: ausgedacht und alles, was Vorgange im
lebendigen Leibe sind, aus dieser Lebenskrafl heraus zu
erklaren versucht. Aber das neunzehnte Jahrhundert hat
gezeigt, dafi man diese Lebenskrafl zu nichts brauchen kann
und dafi man, wenn man nur die gewohnlichen Krafle in
gewissen StofTen voraussetzt, zeigen kann, sobald man
labor atoriumsmafiig vorgeht, wie gewisse zusammengesetzte
Stoffe, von denen man friiher geglaubt hat, dafi sie nur im
lebendigen Organismus durch die Lebenskrafl zustande
kommen konnen, im Laboratorium ohne diese Lebenskrafl
dargestellt werden konnen. So dafi daher das Ideal der
Wissenschafl darin bestehen muft, vorauszusetzen, daft es
einmal gelingen werde, auch kompliziertere Substanzen des
Lebendigen auf diese Weise wirklich herzustellen. Nun
kommen die Geistesforscher und behaupten, dafi es im
lebendigen Organismus einen besonderen Lebensleib oder
Atherleib gebe, der notwendig ist, damit die lebendigen
Erscheinungen zustande kommen. Das sei aber nichts an-
deres als eine Aufwarmung der alten Lebenskraft. Das
konnte also nur von dilettantischen Seelen herkommen, die
in bequemer Weise ein Erklarungsprinzip dort suchen, wo
sie wegen ihrer Unkenntnis nicht mit den Fortschritten der
wahren Wissenschaft zu rechnen wissen.
Ich mochte zuerst durch eine Art historischen Zeugnisses
erklaren, wie diese ganze Schlufifolgerung auf eine Seele
wirkt, die nicht, voreingenommen durch die, wieder sei es
gesagt, berechtigten Fortschritte der Wissenschaft, sich so
ohne weiteres ihren SchlujSfoIgerungen hingibt. Ich mochte
es zunachst durch etwas Historisches zeigen. Man glaubt,
die Annahme eines Atherleibes oder Lebensleibes aus dem
Felde geschlagen zu haben, indem man sagt: Es mufi als ein
Ideal der Wissenschaft gelten, einmal die lebendige Substanz
aus ihren einzelnen Stoffen laboratoriumsmafiig zusam-
menzusetzen; daher konnte man nicht mehr an eine Be-
griindung des Lebens durch etwas t)bersinnliches glauben,
sondern man musse es als eine Wirkung im rein Stoff lichen
ansehen, wenn man im Laboratorium arbeket und die zu-
sammengesetzten Substanzen aus den einf achen zusammen-
fugt.
Es gab eine Zeit, in welcher man wahrhaftig mehr, als
ein heutiger ernster Wissenschaftler wagen wird, daran
glaubte, dafi man laboratoriumsmafiig nicht nur eine ein-
zelne lebendige Substanz, sondern audi unterste Lebewesen,
ja sogar einen kleinen Menschen, den bekannten Homun-
kulus zusammensetzen konnte. Die Zeit, in der man fest
glaubte, dafi man laboratoriumsma£ig den Homunkulus
erzeugen konnte, nahm diesen Glauben durchaus nicht so
auf, als ob damit das Obersinnliche der Lebenserscheinungen
aus der Welt geschafft ware; sie glaubte gerade erst recht an
das Obersinnliche der Lebenserscheinungen. Das ist ein
historischer Einwand gegen die Behauptung, es sei fiir das
menschliche Denken unvertraglich, an den iibersinnlichen
Ursprung des Lebens zu glauben und zugleich mit dem Na-
turf orscher voll die Ansicht zu vertreten, daft das Lebendige
im Laboratorium dargestellt werden konnte. Die beiden
Dinge sind eben vertraglich, und daft sie vertraglich sind,
dazu mufi man vielleicht wieder eine recht triviale Gedan-
kenverbindung ins Feld fiihren, die aber deshalb nicht min-
der bedeutsam ist fiir denjenigen, der sich nicht nur nicht
etwas durch eine naturwissenschaftliche Weltanschauung
hypnotisieren oder suggerieren laftt, sondern der auf das
ganze Gefiige des menschlichen Seelenlebens einzugehen
vermag.
Da sehen wir, wie vor uns gewisse Storfe sind. Wir fiigen
sie zusammen. Wir sehen - wir nehmen das hypothetisch
an -, wie daraus lebendige Substanz entsteht. Sind wir des-
halb berechtigt, daraus den Schluft zu ziehen, daft aus dem,
was wir vor uns an den einzelnen Stoffen gesehen haben,
das Leben dieser Substanz sich wirklich gebildet hat? Nein,
das sind wir nicht! Und wir sind es von dem Momente an
nicht mehr, da wir zugeben, daft sich an den Nahrungs-
resten, welche sich in einem Zimmer befinden, die Fliegen
nicht heranentwickelt haben, die sich nach einer gewissen
Zeit einstellen. Wenn wir ein Zimmer voll Fliegen sehen,
so konnen wir sagen, diese Fliegen sind deshalb da, weil in
dem Zimmer Unordnung herrscht und Nahrungsreste ge-
blieben sind. Diese Nahrungsreste waren die Bedingung,
aber sie haben die Fliegen nicht gemacht. Es stellt sich aber
die Anwesenheit der Fliegen immer ein, wenn die Bedin-
gungen da sind, und wenn die Bedingungen da sind, dann
wird sich das Leben einstellen. Aber niemand darf behaup-
ten, dafi es daraus hervorgegangen ist, sondern nur, dafi
sie die Veranlassung gewesen sind, daft das Leben sidi ein-
gestellt hat.
Ein ubersinnlicher Vorgang darf auch dann angenommen
werden, wenn labor atoriumsmafiig die Dinge zusammen-
passen. Daher ware es von seiten der Geistesforschung ganz
falsch, wenn sie sich darauf begninden wollte, daft sie sich
in mehr oder weniger ironischer oder geistvoller Weise iiber
das erheben wollte, was die Naturwissenschaft als ihr Ideal
anstrebt. Mit dem geht sie durchaus mit, damit ist sie vollig
einverstanden. Aber das raumt nicht das aus dem Wege,
was die Geistesforschung zum wirklichen, volligen Begreif en
der Dinge beitragt.
Nehmen wir als ein anderes Beispiel den im ersten Vor-
trage gegen die Geistesforschung gemachten Einwand, inso-
fern diese die Erscheinungen des Schlafens und Wachens
dadurch erklart, dafi sie sagt, es sei im Menschen ein Ober-
sinnliches, das sich mit dem Einschlafen des Menschen aus
dem physischen Leibe und Atherleibe heraus erhebt, in eine
besondere geistige Welt geht und beim Aufwachen wieder
in sie untertaucht. Wir haben den gewichtigen Einwand er-
w'ahnt, der durchaus schlagend ist, dafi die Naturforschung
das Phanomen des Schlafes dadurch zu erklaren versucht,
dafi sie eine Art Selbststeuerung des Organismus vorfiihrt,
dafi sie zeigt, wie die Reize, die durch die Eindriicke des
Tageslebens ausgeiibt werden, die organische Substanz ge-
wissermafien zerstoren, verbrauchen, so da^ dadurch ein
Punkt eintritt, wo diese organische Substanz, die Lebens-
substanz, wiederhergestellt werden raufi. Wahrend sie
wiederhergestellt wird, ist Dumpfheit iiber das Bewufit-
sein ausgebreitet, und ist die Wiederherstellung vollendet,
dann konnen die aufieren Reize wieder wirken. So hatten
wir es mit einer Selbststeuerung des Organismus zu tun
und konnten sagen: Was br audit es da nodi einer beson-
deren Geistesforschung, die sich in einer besonderen Be-
sdireibung dessen ergeht, was wahrend des Sdilaf es aus dem
Menschen herausgehen soli, um in einer anderen Welt dann
zu sein - wenn die Erscheinung des Sdilaf es aus dem
menschlichen Leibe selbst erklart werden kann?
Welches Gewicht der durchaus in gewissen Grenzen wah-
ren naturwissenschaftlichen Darstellung beizumessen ist,
ergibt sich durch f olgende Betrachtung. Mogen die einzelnen
Dinge, die ich vorbringe, audi nur skizzenhaft angefuhrt
werden konnen, sie stimmen, wenn auch nicht in alien Ein-
zelheiten, so doch zu dem ganzen Geiste der heutigen natur-
wissenschaftlichen Forschung.
Was geschieht denn, wenn der Organismus im Schlafe
vor uns liegt, auch durchaus nach naturwissenschaftlicher
Anschauung? Wir miissen nach naturwissenschaftlicher An-
schauung sagen: da werden gleichsam die durch die Ein-
driicke der Sinne und durch die anderen aufieren Eindriicke
verbrauchten organischen Substanzen ausgebessert. Da ge-
schieht also ein innerer Proze£, ein ProzeiR, der vollig durch
die Natur und das Wesen des menschlichen Leibes, des
menschlichen Organismus bedingt ist, und wir konnen das-
jenige, was so innerlich geschieht, selbstverstandlich nur aus
dem erklaren, was eben in den Gesetzen des menschlichen
Leibes, in den Gesetzen des Organismus liegt. Diese Gesetze
des Organismus konnen uns aber niemals, in keiner Gegen-
wart und in keiner Zukunft, etwas anderes geben-das mull
jeder, der die Sadie griindlich durchschaut, anerkennen
als was uns etwa die Lunge fiir den Atmungsprozefi gibt.
Wer den menschlichen Atmungsprozeft durchforscht, wird
ihn vollstandig verstehen konnen aus den Gesetzen des
Lungenlebens. Was aber der Mensch nicht wird verstehen
konnen, das ist die Natur und das Wirken des Sauerstoffes.
Der wird aufterhalb der Lunge zu erforschen sein, der
mu& erst von aufkn in die Lunge hineinkommen, und wer
glaubte, durch die Erforsdiung der Lunge die Natur des
Sauerstoffes kennenzulernen, der wiirde sidi gewaltig irren.
Der Lungenvorgang, alles was im Organismus geschieht,
ist aus dem Inneren des Lungenlebens zu erfahren. Um die
ganze Atmung zu verstehen, ist notwendig, dafi wir aus
dem Lungenleben herausgehen und die Natur des Sauer-
stoff es draufien fur sich verstehen, und nichts gewinnen wir
an Erkenntnis iiber die Natur des Sauerstoff es aus dem Pro-
zesse des Lungenlebens. Ebensowenig gewinnen wir, wenn
wir untersuchen, was im Organismus wahrend des Schlafes
vorgeht, an Erkenntnis fur alles dasjenige, was sich im
wachen BewuEtsein vom Morgen bis zum Abend abspielt,
indem Triebe, Leidenschaflen, Aff ekte, Ideale und so weiter
auf- und abwogen. Sowenig das Lungenleben einerlei mit
der Natur des Sauerstoffes ist, so gewifi der Sauerstoff in
die Lunge von aufien hereinkommen mufi, so gewiE ist es,
dafi alles, was in den Bewufkseinserscheinungen beschlossen
ist, sich mit dem vereinigen mufi, von aufien in es herein-
kommen muft, was wir innerlich wahrend des Schlafpro-
zesses als innere leibliche Vorgange studieren und beob-
achten konnen.
Einen solchen Gedankengang wird man allerdings nicht
sofort ganz durchschauen konnen. Er ist aber, wenn Sie ihn
verfolgen, nicht etwa eine blofte Analogie, er ist mehr als
das: er ist eine Art Erziehungsmittel, um die Dinge, die
uns bei der charakterisierten Erscheinung im Leben ent-
gegentreten, wirklich richtig zusammen zu betrachten. Und
wer sich wirklich aufklart iiber das Verhaltnis des Sauer-
stoffes, der aufien ist und in die Lunge hineingeht, zu dem,
was in der Lunge geschieht, der lernt an einem solchen Be-
griffe, an einer solchen Idee erkennen, wie er uber das zu
denken hat, was wahrend des Schlafes aufierhalb des phy-
sischen Organismus ist und zu den Vorgangen, die im phy-
sischen Organismus wahrend des Schlafes vor sich gehen,
ebenso hinzukommen mufi, wenn Bewu£tsein sich erleben
soil, wie der Sauerstoff zu den inner en organischen Vor-
gangen der Lunge hinzukommen muft, wenn ein Atmungs-
vorgang wirklich lebendig eintreten soli.
Die Dinge, die man nennen kann ein «Begriinden der
GeisteswissenschafU, sind eben durchaus nicht so einfach
wie man oftmals glaubt. Weil sie das nicht sind, deshalb
sieht es oft so aus, als ob sie sich durch leichtgeschiirzte
Widerlegungen aus der Welt schafFen liefien. Es handelt sich
wirklich bei der Anerkennung von Grixnden und Gegen-
grunden auf diesem Gebiete im Fichteschen Sinne darum,
was fur ein Mensch man ist, das heifit, welche Seelenver-
fassung man mitbringt, um die Dinge in ihrem richtigen
Lichte zu sehen. Wie oft hort man sagen: Ach, da kommen
diese Geistesforscher oder Anthroposophen und sagen, der
Mensch, den man doch als einen einheitlichen wahrnimmt
und fur den wir uns die Anschauung errungen haben, dafi
er ein einheitlicher ist, zerfalle in verschiedene Glieder oder
Teile, in einen physischen Leib, einen Atherleib oder Le-
bensleib, einen astralischen Leib und ein Ich. Ja, so ein-
teilen kann man ja alles. - Aber nicht darum handelt es
sich, dafi man iiberhaupt einteilt, sondern darum, dafi man
nach den berechtigten Anforderungen eines wirklich in die
Dinge eindringenden Denkens solche Forschungsmethoden
vollzieht. Wenn jemand Wasser vor sich hat, dann wird er
dem Chemiker nicht unrecht geben, der ihm sagt: Du kannst,
solange du dies « Wasser» sein lafit, niemals darauf kommen,
welches die chemischen Bestandteile dieses Wassers sind;
dazu mufit du es zerlegen in Wasserstoff und Sauerstoff.
Solange man auf elnem solchen konkreten Gebiete bleibt,
wird man vielleidit den Einwand nicht horen: Du begehst
eine Todsiinde wider den Monismus, denn das Wasser ist
ein Monon. Du darf st es nicht zerteilen in Wasserstofif und
Sauerstoff, sonst wirst du ein ganz aberglaubischer Dualist. -
Auf einem solchen konkreten Gebiete wird man vielleicht
einen solchen Einwand nicht horen, weil hier die Notwen-
digkeit zu sehr in die Augen springt, eine solche Zerteilung
vorzunehmen. Was ist denn ein Hauptkennzeichen fur die
Berechtigung einer solchen Zerteilung, wenn man nicht blofi
das Wasser ins Auge fafit, sondern wenn man das ganze
hier in Frage kommende Seinsgebiet berucksichtigt? Das
Wesentliche ist, dafi der Sauerstoff nicht blofi im Wasser
sein kann, sondern, wie ihn der Chemiker meint, audi in
anderen Substanzen, mit denen er sich ganz verbinden kann,
und dafi ebenso der Wasserstoff sich mit anderen Substan-
zen verbinden kann, so dafi man also Wasser zerteilen
kann, und die einzelnen Teile konnen ganz andere Ver-
bindungen eingehen und haben in diesen Yerbindungen wie-
der ihre besonderen Schicksale.
Wenn es bei der Geistesforschung nur darum zu tun
ware, in dem was sich als Mensch darlebt, zu unterscheiden,
sagen wir den Atherleib und den physischen Leib, um das
andere nicht zu erwahnen, so konnte man sagen: Da machst
du eben eine Einteilung. - Aber verfolgen Sie einmal die
Geistesforschung - es kann heute nicht alles angefiihrt wer-
den — , da geht es geradeso zu wie zum Beispiel in der
Chemie. Nicht deshalb zergliedern wir den Menschen in
einen physischen Leib und in einen Atherleib, weil uns das
in bezug auf diesen Menschen so bequem ist, die Erschei-
nungsarten in dieser Weise auseinanderzuschalen, sondern
weil wir in der Tat zu zeigen haben: ebenso wie Wasser-
stoff und Sauerstoff, wenn sie von ihrem Wasser-Sein ge-
trennt werden, in den verschiedenen Substanzen verschie-
dene Sdiicksale durchmachen, so macht der physische Leib
im Tode seine besonderen Schicksale durch, wie der Ather-
leib audi, und audi der astralische Leib geht andere Ver-
bindungen ein. Wie der Chemiker das Wasser verfolgt,
wenn er es nicht ein Monon sein lafit, sondern es als die
Dualitat von WasserstofF und SauerstofF auFfaftt, wie er
zeigt, dafi der WasserstofF ganz andere Wege nehmen kann
als der SauerstofF, so verfolgt der Geistesforscher die Wege
des physischen Leibes, des Atherleibes oder Lebensleibes,
des Astralleibes und des Ichs in den verschiedensten Ge-
bieten des Lebens. Das gibt ihm die Berechtigung, von einer
realen Teilung zu sprechen. Ein Einwand, dafS er damit
gegen den Monismus verstofien wiirde, ware ganz gleich-
bedeutend damit, dafi derjenige gegen den Monismus ver-
stofit, der Wasser in WasserstofF und SauerstofF zerlegt.
Es handelt sich also darum, dafS der Mensch durch die
wirkliche Einsicht in die Tatbestande den Wert, die Berech-
tigung der Einwande und audi die Grenzen der Einwande
versteht. Der wahren, echten, ernsten Geisteswissenschaft
wird man es ansehen, wenn man auf sie eingeht, dafi sie
nicht leichtherzig iiber die Einwande weggeht, sondern dafi
sie gerade dadurch zu ihren Resultaten dieBegrifFe zu finden
versucht, dafi sie das Fiir und Wider wohl erwagt. Wenn
nun aber schon wiederholt heute hingewiesen worden ist
auf den Fichteschen Ausspruch: Man hat eine solche Philo-
sophic, wie sie sich ergibt, je nachdem man als Mensch
geartet ist so konnte man audi das sagen, was audi schon
vor acht Tagen gesagt worden ist: Da wird ja gerade alles
zuriickgefuhrt auf ein inneres Subjektives, da wird die
Oberzeugungskraft nicht in dem gesucht, was aufierlich
gegeben wird, sondern in der Art und Weise, wie sich der
Mensch zu den Erscheinungen der Welt verhalten konnte.
Da kommen wir dann auf die Besprechung dessen, worauf
im ersten Vortrage hinge wiesen worden ist: auf die Quel-
len der geisteswissenschafilicheii Erkenntnisse. Es wurde ge-
sagt, dafi diese Quellen sich durch eine Entwickelung der
mensdilichen Seele ergeben. Wie diese Entwickelung vor
sich geht, welche Wege- die Seele zu durchwandern hat, da-
mit sie wirklich zu Erkenntnissen und Anschauungen der
iibersinnlichen Welt hinaufsteigt, dariiber werden wir noch
sprechen. Heute soil nur gesagt werden, dafS die Seele
innere Vorgange durchzumachen hat, die man zum Beispiel
bezeichnet als Meditation, als Konzentration des inneren
Lebens. Was wird durch solche Vorgange bewirkt?
Wenn derjenige, der wirklich ein Geistesforscher werden
will, seine Seele sozusagen zum Apparat fur die Geistes-
forschung machen will, so mufi er eben kiinstlich einen ahn-
lichen Zustand bei sich herstellen, wie es sonst der Schlaf-
zustand ist, das heifit, er mufi kiinstlich durch scharfe Wil-
lenskonzentration in der Lage sein, das herbeizufiihren,
was sich sonst nur durch die Ermudung als Schlafzustand
einstellt. Er mufi alle aufSeren Sinneseindriicke ausschlieften
konnen, muiS auch alles an das Gehirn gebundene Denken
unterdriicken konnen, und dennoch mufi er jenen Zustand
vermeiden, der sonst im Schlafe eintritt: die vollige Leer-
heit des Bewufitseins. Das vermeidet er dadurch, daf$ er
sich ganz bestimmten Vorstellungen- wir werden sie spater
noch charakterisieren - hingibt, die geeignet sind, seine
Seelenkrafte zu konzentrieren, zusammenzuziehen, so da£
sie starker werden als sie sonst sind. Wahrend sie sonst
gleichsam diinn sind und daher, wenn sie wahrend des
Schlafes aus dem physischen Letbe herausgehen, nichts von
sich und der Welt wissen konnen, ihre innere Wahrneh-
mungskraft also zu schwach ist, werden sie durch solche
Meditationen und Konzentrationen in sich erstarkt, ver-
dichtet. Der Mensch zieht sich dann aus dem gewohnlichen
Denken nicht so heraus, dafi er nichts von sich weift, wie
es beim gewohnlidien Schlafe der Fall ist, sondern so, dafi
er sich bewufk zu halten vermag und durch die Eigenart
dieses Zustandes erfahrt: Jetzt horst du nichts durch die
Ohren, siehst nichts mehr durch die Augen, denkst nicht
mehr durch das an das Gehirn gebundene Denken, sondern
jetzt erlebst du dich im rein Geistigen und hast eine Realitat
im rein Geistigen.
Gesagt ist, dafi ein gewohnlicher und wiederum berech-
tigter Einwand gegen eine solche Behauptung der Geistes-
forschung der ist: Da kann man durch eine solche Seelen-
entwickelung zum Beispiel zu inneren Vorstellungswelten
kommen, die man als einen Ausdruck einer iibersinnlichen
Welt ansieht. Man kann audi durch die Art, wie sich diese
Vorstellungsarten ergeben, die Meinung haben, sie wiesen
auf etwas Reales hin. Aber man wisse doch-sokann gesagt
werden daft der, welcher Halluzinationen, Wahn-Ideen,
Visionen hat, auch mit aller Kraft an diese Halluzinationen
und so weiter glaubt, und es sei daher ganz unmoglich, in
Wahrheit eine Unterscheidung zu finden zwischen den
Halluzinationen, Wahn-Ideen und so weiter und dem, was
sich so beim Geistesforscher einstellt. - Warum sollte man
das, wozu der Geistesforscher auf diese Weise kommt, nicht
auch, zwar als eine raffiniertere, aber doch als eine blo£e
Halluzination ansehen? Abgesehen davon, da& man sagen
kann: Was so im Innern erlebt werde, sei nur subjektiv und
konne nicht von einem anderen zu jeder Zeit kontrolliert
werden, wie dies zum Beispiel beim physikalischen Expe-
riment der Fall ist.
Nun muiS aber darauf hingewiesen werden, dafi es durch-
aus nicht im Charakter aller Wahrheiten liegt, dafi sie durch
aufiere Veranstaltungen gefunden oder auch nur bekrafligt
werden konnen. Man kann sagen, es konnten fiir jeden,
der nur denken will, die Vorstellungen der Mathematik
im auftersten Sinne dafiir iiberzeugend sein, denn sie wer-
den im Innern gewonnen. Wir brauchen, urn das einzu-
sehen, nicht auf hohere, sondern nur auf die gewohnliche
Vorstellung, dreimal drei ist neun, hinzuweisen. Um das
einzusehen, bedarf es nur eines inneren Vorstellens der
Seek, und es ist nichts weiter als eine Versinnlichung, wenn
sich jemand zum Beispiel durch dreimal drei Erbsen ver-
anschaulicht, daft dreimal drei neun ist. Es hangt von der
inneren Seelenentwickelung ab, wenn jemand die Erkennt-
nis hat, daft dreimal drei neun ist, und er braucht sie sich
durch einen aufieren Vorgang nicht erst zu bekraftigen. Er
weift, was er erlebt hat, er weift es ohne jede auftere Kon-
trolle. Es gibt also ein inneres Seelenarbeiten, fiir welches
auftere Kontrolle nichts weiter als Veranschaulichung ist,
die sich in dem Veranschaulichten erschopft, und dem man
es ansieht, daft dieses innerlich Durchzumachende wahr ist.
In einer ganz ahnlichen Weise, nur auf hoherer Stufe,
wird der Unterschied erlebt zwischen Irrtum und Wahrheit
der ubersinnlichen Welt. Der Geistesforscher mufi alle die
Dinge durchmachen wollen, die ihn zur Erkenntnis fiihren
konnen: wo horen Halluzinationen, Visionen und Illusionen
auf, und wo beginnt die ubersinnliche Realitat? Wo das
eine aufhort und das andere beginnt, das kann nur auf
eine ahnliche Weise eingesehen werden, wie die mathe-
matischen Wahrheiten eingesehen werden konnen. Aber es
kann eingesehen werden. Wer ein wirklicher Geistesforscher
ist und die Natur, die wirklich zur Geistesforschung hin-
fuhrt, kennt, der wird ohnedies nicht die Welt mit seinen
Visionen unterhalten, und wenn Sie jemanden finden, der
die Menschen iiber die ubersinnliche Welt dadurch unter-
halt, daft er von seinen Visionen mitteilt, so konnen Sie
immer voraussetzen, dafi er von einem wahren Geistes-
forsdier sehr weit entfernt ist. Denn der wahre Geistes-
forsdier weifi, daft alles imaginare, visionare Leben, das
man in der aufieren Welt kennt, nicbts als eine Vorstellung
des eigenen Seelenlebens ist, dafi es nichts anderes darstellt
als ein Hinausprojizieren der eigenen Seele in den eigenen
Raum. Und nicht in diesem Raum, niclit in dem, was man
eigentlich meint, wenn man von dem Vorstellen des Geistes-
forschers als ein Nichtkenner spricht, liegt das, was seine
Wissenschaft begriindet, sondern in demjenigen, was erst
hinter diesem Vermeintlichen liegt, nachdem er ganz den
Vorgang durchgemacht hat, wie sich das Seelenleben ver-
objektiviert und wie dann die Wand durchbrochen wird,
welche sich zuerst als eine Widerspiegelung unserer inneren
Seelenvorgange aufrichtet.
Gerade das ist fur den Geistesforscher wichtig, dafi er
das Wesen der Halluzinationen, der Visionen und Illusionen
in ihrem Zusammenhange mit dem inneren seelischen Leben
erkannt hat und sich lange genug sagen kann: Was so er-
scheint, ist nicht als das objektiv Mafigebende, sondern rein
als innere Seelenvorgange aufzufassen. Und es gehort nicht
so sehr zu den Anforderungen einer wirklichen geistes-
wissenschafllichen Schulung, durch gewisse Verrichtungen,
die man in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» nachlesen kann, die Seele dazu zu brin-
gen, dafi sie frei vom Leibe Erlebnisse hat, da£ sie aus dem
Leibe heraustritt; sondern wichtiger ist es, da£ die Seele
iiber diese Erlebnisse aufierhalb des physischen Leibes, im
rein Geistigen, ein rkhtiges Urteil gewinnt.
Von einem gewissen Punkt ab weilS die Seele durch das,
was sie erlebt, dafi sie nicht mehr subjektive Vorgange
erlebt, sondern dafi sie ihre Subjektivitat abgestreift hat
und in ein Objektives hineinkommt, das fiir jeden objektiv
ist, wie das Mathematische objektiv ist, trotzdem man seine
Beweiskrafl nur im Innern erleben kann. Der Fehler, den
die Menschen machen, die an ihre Illusionen glauben, be-
steht darin, daft sie nicht lange genug die Widerstandskraft
gegen die illusionare Welt aufrechterhalten konnen, daft zu
friih der Glaube eintritt an das, was sie erleben, daft sie
sich von ihren Erlebnissen nicht lange genug sagen: Das
erscheint zunachst nur als eine Widerspiegelung von dir
selbst, und erst wenn du alles Subjektive von dir abge-
streift hast, wie du es bei der Mathematik machen muftt,
trittst du in die Sphare der objektiven Wirklichkeit ein.
So entf allt auch der Einwand, daft man es bei den geistes-
forscherischen Erlebnissen mit etwas Subjektivem zu tun
hat. Man hat es ebensowenig mit etwas Subjektivem zu
tun, wie man es bei mathematischen Wahrheiten damit zu
tun hat. Wenn Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, so han-
delt es sich nicht eigentlich darum, Beweise zu liefern.
Wenn es sich darum handelt, so mufi man vor allem das
Wesen des Beweises verstehen. Wenn es niemals in der
Welt vorgekommen ware, daft jemand einen Walfisch ge-
sehen hatte, so wiirde niemand beweisen konnen, daft es
einen Walfisch gibt. Aus alien Kenntnissen, die er hat,
wiirde er nie das Dasein eines Walfisches beweisen konnen,
denn ein Walfisch ist eine Tatsache, und Tatsachen kann
man nicht beweisen, sondern man kann sie nur erleben.
Damit ist etwas aufierordentlich Gewichtiges iiber die Lo-
gik gesagt, aber man mufi sich erst von diesem Gewich-
tigen iiberzeugen.
Von diesem Gesichtspunkte aus handelt es sich bei den
Mitteilungen der Geistesforschung auch nicht darum, daft
man Beweise fur die ubersinnliche Welt oder zum Beispiel
fur die Unsterblichkeit der Seele liefert, sondern um etwas
ganz anderes. Davon werden sich diejenigen iiberzeugen,
die eine langere Zeit den wahren Betrieb der Geistesfor-
schung mitmachen. Nicht urn ein logisches Spintisieren han-
delt es sich, sondern um ein Kennenlernen, um ein Mit-
teilen der iibersinnlichen Tatsachen. Wenn der Geistesfor-
scher durch die schon geschilderte Entwickelung der Seele in
die Lage gekommen ist, dafi er das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt iiberblickt, so handelt es sich
darum, da£ er dann die Tatsachen, welche er f iir das Leben
der Seele in der Zeit zwischen dem Tode und der nachsten
Geburt anzufuhren hat, mitteilt, dafi er mitteilt, was er in
der iibersinnlichen Welt erlebt. Um Mitteilung von Erleb-
nissen, von Tatsachen, die er in seiner Seele durchwandert,
handelt es sich.
Von dem anderen darf man sagen: es ergibt sich an der
Hand dieser Mitteilungen. Wenn gezeigt wird, wie die
Seele in sich geschlossen bleibt, wenn die Teile des Leibes
zerfallen, wie die Seele dann gewisse Vorgange durch-
macht, wie sie etwas in einer rein iibersinnlichen Welt erlebt
und die Krafte zu einem neuen Leben sammelt, um in einem
Leibe wieder ins physische Dasein zu treten, wenn das in
alien Einzelheiten angegeben wird, so wird ja gezeigt, wie
die Seele lebt, wenn sie durch die Pforte des Todes durch-
geschritten ist. Dann wird hingewiesen auf Tatsachen. Um
ein solches Hinweisen auf Tatsachen, um eine solche Mit-
teilung von Tatsachen handelt es sich, und nicht um ein
abstraktes Beweisen.
Nun konnte man sagen: Dann hatte aber ein solches
Kennenlernen von entsprechenden Tatsachen nur fiir den
eine Bedeutung, der in die geistige Welt hineinschauen
kann, der eine entwickelte Seele hat. Oh, es sieht ein solcher
Einwand aufterordentlich iiberzeugend aus, und es soli dies
auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Wer aber das
wirkliche Seelenleben kennt, der wird auch zu diesem Ein-
wande ein ganz anderes Verhaltnis gewinnen, als manche
glauben. Da mussen wir die Frage aufwerfen: Werden wir
denn in unserer Seele im normalen Leben iiberhaupt da-
durch von etwas uberzeugt, dafi uns jemand abstrakte Be-
weise liefert? Nehmen wir ein Beispiel. Nehmen wir ein
Bild, zum Beispiel die Sixtinisdie Madonna. Irgend jemand,
der keine Ahnung von dem hat, was in einem solchen Bilde
liegt, trete vor dieses Bild hin. Ein anderer stelle sich neben
ihn und beginne, ihm zu beweisen, was da drinnen liegt.
Ja, der, welcher da zuhort, versteht gar nicht, wovon der
andere redet. Der kann lange «beweisen», dafi in diesem
Bilde etwas Besonderes liegt; der Zuhorende kann an seine
Beweise nicht glauben. Denn daft man Beweise herbeischafft,
das ist noch nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche
ist, daft der Zuhorer die Moglichkeit hat, an diese Beweise
zu glauben. - Ein anderer stent vor diesem Bilde; ein Zwei-
ter tritt hinzu und spricht zu ihm, und der Zuhorende hat
jetzt die Moglichkeit, so etwas wahrzunehmen, was durch
das Bild ausgedrlickt werden soli. Dann regt durch das, was
er erkannt hat, der andere in ihm das an, wovon er glaubt,
daft es in dem Bilde liegt. Der redet vielleicht gar nicht
beweisend. Er schildert nur, was in ihm wirkt, schildert nur
das, was in ihm spricht, und hat der Zuhorende einmal in
der Seele erfaftt, wovon der andere spricht, und sieht er
sich dann das Bild an, dann sieht er das andere in dem
Bilde, dann wirkt es so, daft er weifi: es ist in dem Bilde
drinnen. Nicht auf eine abstrakte Beweiskraft kommt es
an, sondern darauf , daft jemand an uns heran tritt, der weift,
was in dem Bilde liegt, und daft wir wirklich das in uns
aufnehmen konnen, was in dem Bilde liegt, wenn wir eine
Anschauung von dem gewinnen wollen, was in ihm ist.
So ist es, wenn der Mensch der Welt und den mensch-
lichen Erscheinungen gegeniibertritt, und der Geistesfor-
sdier tritt zu ihm. Wiirde der Geistesforscher mit abstrak-
ten Beweisen kommen wollen, so wiirde der, welcher nicht
in der Lage ist, in seiner Seele das nachzuerleben, was der
Geistesforscher sagt, niemals durch einen Beweis iiberzeugt
werden konnen. Der Geistesforscher aber macht es so wie
jener Erklarer des Bildes, von dem ich zuletzt gesprochen
habe. Er erklart, was sich ihm in der Seele ergeben hat, die
er erst zum Instrumente fur die geistigen Wahrheiten ge-
macht hat, als im Hintergrunde des geistigen und mensch-
lichen Lebens stehend. Er gibt die Tatsachen, die er erlebt
hat. Und wenn nun der andere in der Lage ist, daft er diese
Begriffe und Tatsachen in sein ganzes Seelenleben aufneh-
men kann, so sieht er jetzt die Welt so, dafi sich ihm durch
das, was der Geistesforscher zu sagen hat, dieses als sein
eigener Seeleninhalt ergibt.
Das kann naturlich nicht immer so sein. Wenn der Gei-
stesforscher oder Geisteserfahrer dem Zuhorer mit ganz
fernen Behauptungen kommt, die fur ihn selbst vielleicht
Erf ahrungs wahrheiten sind, wenn er ihm - und selbst wenn
er noch so viel in der geistigen Welt erlebt hat - erzahlt,
was dort alles fur Wesenheiten sind und was sie tun, dann
hat selbstverstandlich der Zuhorende, wenn er es zum
ersten Male hort, nicht die geringste innere Verpflichtung,
das zu glauben, was er hort. Er wird es und kann es nicht
glauben.Warumkann er es nicht glauben? Weil der Abstand
zwischen dem, was in der Seele erlebt wird, und dem, was
ein soldier geistiger Seher in der Seele erlebt hat, zu groft ist.
Ebenso unberechtigt ware es, wenn jemand glaubte, sagen
zu konnen, in dreifiig Jahren werde einmal ein neuer Welt-
heiland oder ein neuer Weltmessias kommen, auf den man
warten konne, und der ganz besonders grofie Wahrheiten
mitteilen werde. Eine solche Behauptung konnte jemand
vor einem anderen, der nicht dazu vorbereitet ware, nur
dann tun, wenn er vor der menschlichen Seele und vor den
Errungenschaften der menschlichen Kultur keinen Respekt
hatte. Aber es gibt einen Weg, um alles dieses eben anders
zu machen, indem man an das ankniipft, was wirklich jeder
mit unbefangener Seele in einer gewissen Weise verfolgen
kann. Daher mufi es immer wieder gesagt werden, dafi der
Einwand unberechtigt sei: Geistesforschung gelte nur fiir
den, welcher selber durch seine entwickelte Seele in die
geistige Welt hineinkommen kann. Das ist nicht richtig. Die
geistige Welt erforschen kann man nur, wenn man diese
Seele zu einem Instrumente der Wahrnehmung in der gei-
stigen Welt umbildet. Was man aber dort erlebt, das ist
man gleichsam verpflichtet, in solche Begriffe zu giefien,
welche fiir jeden Menschen nach der betreffenden Zeitbil-
dung bei unbefangener Seele verstandlich sein konnen,
wenn er sich nur eben unbefangen ihnen hingibt und nicht
durch irgend etwas, zum Beispiel durch eine vermeintliche
oder falsche Gelehrsamkeit, sich dagegen straubt. Daher
kommt es vielmehr darauf an, wie die Tatsachen des hell-
sichtigen Bewufkseins irgendeinem Zeitalter mitgeteilt wer-
den, als dafi solche Tatsachen mitgeteilt werden.
Man kann es zum Beispiel erleben, wenn irgend jemand
eingestandlich nur ein Buch gelesen hat, dafi er dann uber
Geistesforschung glaubt ein Urteil zu haben und berechtigt
ist, sagen zu diirfen: diese Geistesforscher fangen immer an,
das Wort «esoterisch» zu gebrauchen, wenn ihnen Begriffe
ausgehen. Vielleicht konnte es aber auch so sein, dafi bei
dem Betreffenden, der so etwas sagt, das Wort esoterisch
immer die Folge hatte, dafi er selber bei seinen Begriffen
etwas wie eine Leere fuhlt, so dafi auf ihn selber das Wort
esoterisch begriff s-ausloschend wirkt. Also wenn sich jemand
auf diese Weise dagegen straubt und nicht das aufruft, was
in seiner Seele ist, um die Ergebnisse der Geistesforschung
auf sich wirken zu Iassen, dann ist es selbstverstandlich -
das haben wir vor adit Tagen gesehen — , dafi die aller-
griindlidisten Einwande gegen die Geistesforschung vorzu-
bringen sind. Wenn sich aber die Seele unbefangen dem
hingibt, was die Geistesforsdiung gibt, dann geniigt der
gesunde Menschenverstand, das gesunde unbef angene Den-
ken, um mitzuerleben — nicht was der nicht geschulten Seele
erlischt, wohl aber das, was von ihr verstanden werden
kann. Denn wie verhalt sich denn jede menschliche Seele
zu der Seele des Geistesforschers, der iiber gewisse konkrete
Tatsachen der iibersinnlichen Welt ein Urteil hat, weil er
sich in sie hineinbegeben hat? Es verhalt sich eine jede Seele
zu der Seele des Geistesforschers, wie ein Lebenskeim zu
dem vollstandig entwickelten Leben; und in derselben
Weise, wie im Lebenskeime, zum Beispiel im Ei, das voll-
standige Lebewesen schon enthalten ist, so ist in jeder Seele
das vorhanden, was nur jemals der Geistesforscher dieser
Seele sagen kann. Wie auch schon im unentwickelten Le-
benskeime gezeigt werden kann, wie daraus das Einzelne
hervorgeht, so kann die einzelne Seele, welche die Ergeb-
nisse der Geistesforschung mitgeteilt erhalt, in sich keim-
hafl, aber mit vollstandiger Oberzeugungskraft, Einsicht
gewinnen in die geistigen Welten.
Daher ist es niemals begriindet, wenn man dem, der sich
nicht blofi auf seine intellektuelle Kraft des logischen Spie-
les, sondern auf seine ganze Seelenkraft verlafit, vorwirft,
er miisse ein leichtglaubiger Mensch sein, wenn er sich auf
das einlasse, was der Geistesforscher zu sagen hat. Der Ver-
stand allein wird es nicht einsehen konnen; die ganze Seele
aber wird es hinnehmen konnen. Daher ist ein wirkliches
Prtifen - nicht ein Hinnehmen auf Autoritat - der Geistes-
forschung moglich, ist in jeder Zeit moglich gewesen und
wird auch immer moglich sein.
Es ist wohl zu merken, dafi ich den heutigen Vortrag
nicht genannt habe «Wie beweist man Geistesforschung?»
sondern «WiebegrundetmanGeistesforschung?>>, dasheilk:
woher holt man sie, und wie kann die menschliche Seele ein
Verhaltnis zu ihr gewinnen? Dieses Verhaltnis wird fiir
viele Menschen wahrhaftig schwer zu finden sein, aus dem
Grunde, weil viele Einwande gegen diese Geistesforschung
Gewicht zu haben scheinen. Wie sollte es denn nicht Ge-
wicht haben - und hier komme ich wieder auf einen Punkt,
wo ich wieder abstrakt und uninteressanter sprechen muiS -
wenn jemand sagt: Der Geistesforscher behauptet, dafi er
in seinem iibersinnlichen Bewufksein die Seele bis in die
Zeit hinter der Geburt oder der Empfangnis verfolgen
kann, wie sie lebt zwischen dem Tode und der nachsten
Geburt und wie sie sich dann in das gegenwartige Leben
hereinlebt. Nun, man kann ja zeigen - so konnte jetzt ein-
gewendet werden ~, wie gewisse Eigentiimlichkeiten, welche
die Seele wahrend des Lebens ausbildet, in der Kindheit
vorgebildet werden oder vor der Geburt im Leibe der
Mutter vorgebildet werden! - Vielleicht ist unter den Ein-
wanden gegen die Geistesforschung fiir viele nichts von
solchem Gewicht, als gerade ein soldier Einwand. Die, welche
ofler solche Vortrage gehort haben, werden wissen, wie ich
selber solche Einwande auch mache, so zum Beispiel, dafi
in der Familie Bach so und so viele grofiere und kleinere
Musiker gelebt haben, so dafi man mit einem gewissen Recht
darauf hinweisen konnte, wie der Mensch rein in der phy-
sischen Vererbungslinie das empfangt, was ihn zum Mu-
siker macht. So kann man darauf hinweisen, wie durch Ver-
erbung oder durch Aneignung wahrend des Lebens das an
den Menschen herankommt, was er spater als seine beson-
deren Eigentumlichkeiten und als seine Individuality zeigt.
Oh, es ist ein soldier Einwand, wenn man sich mit ihm be-
schaftigt, wenn man sich seiner suggestiven Kraft iiberlafit,
sehr bedeutsam, und jeder Geistesforscher wird es ver-
stehen, dafi es Menschen gibt, welche von einem solchen
Einwande nicht loskommen konnen, auf welche die Ge-
walt der Tatsachen, die man da anfiihren kann, aufier-
ordentlich stark wirkt.
Aber es gehort noch etwas anderes dazu, sich so einer
Beweiskraft hinzugeben, namlich einzusehen, dafi Ursachen,
richtige Ursachen vorhanden sein konnen, und dennoch
nichts verursachen, dennoch nicht wirklich der Anlafi sind,
dafi tatsachlich etwas entsteht. Ich sage etwas scheinbar
sehr Paradoxes, und fur den, welcher das Gewichtige der
geisteswissenschaftlichen Tatsachen auf seine Seele wirken
lafit, ist es gar nicht notwendig, sich darauf einzulassen.
Aber hier handelt es sich darum, gegenuber dem Zeitalter
darauf einzugehen, um darauf aufmerksam zu machen,
was vom philosophischen Gesichtspunkte aus zeigen kann,
dafi Ursachen da sein konnen und dennoch nichts verur-
sachen.
Warum hat ein Huhn, wenn es entsteht, Federn, einen
Schnabel oder diese oder jene Eigenschaft seines Leibes?
Ganz gewilS kann jemand sagen: Die hat es vererbt bekom-
men von dem Eltern-Huhn, und fiir die besondere Aus-
pragung des Schnabels und so weiter sind die vererbten
Merkmale die Ursachen, die wir bei jenem Huhn finden,
von welchem das betreffende abstammt. Aber nun mufi man
einsehen, dafi noch etwas Besonderes dazu gehort, wenn die
Eigenschaften des Federn-Habens, des Einen-bestimmten-
Schnabel-Habens und so weiter, die bei dem Mutter-Huhn
da sind, auch bei dem Tochter-Huhn auftreten sollen: es
kann etwas eine ganz richtige Ursache sein, aber es ist not-
wendig, dafi ein bestimmter Keim unter bestimmten Din-
gen entsteht, damit die Ursachen «Ursachen» werden kon-
nen. Nicht darauf kommt es an, dafi man von dem Folgen-
den auf die bestimmten Ursachen hinweist, sondern dafi
man zeigt, inwiefern die Ursadien audi haben Ursachen
werden konnen.
Hier stehen wir an einem Punkt, wo die Geisteswissen-
schaft aus ihren eigenen Tatsachen heraus ein Verhaltnis
gewinnen kann zum Beispiel zum Darwinismus. Niemand,
der nicht ein vorwitziger, sondern ein ernster Geistesfor-
scher ist, wird die Tatsachen und ernsten Ausfiihrungen
Darwins und der Darwinianer bestreiten. Er wird sogar
zustimmen, wenn Darwin fragt: Warum schmiegt sich das
Katzchen so an, wenn der Mensch in seine Nahe kommt?
Da weist der Forscher darauf hin, dafi es sich schon auf
seinem Lager an die Mutter anschmiegt, und daraus sieht
man, wie das Spatere mit dem Fruheren zusammenhangt.
Man kann auf die Ursachen hinweisen, wie ein Mensch
diese oder jene Eigenschaft hat, die er vielleicht durch die
Mutter erhalten hat, bevor er geboren worden ist. Man
kann darauf hinweisen; man hat aber nichts daruber gesagt,
inwiefern die Ursachen nun Ursachen geworden sind. Alles,
was von einer Weltanschauung gesagt werden kann, die
scheinbar f est auf dem Boden der Naturwissenschaft gebaut
ist, was erklart werden kann durch vererbte Merkmale und
so weiter, das wird ja von der Geistesforschung ohne wei-
teres zugegeben, und wer von dorther Emwande holt, lebt
gewohnlich unter der Voraussetzung, da£ sie nicht zuge-
geben werden, Sie werden zugegeben, aber der andere geht
nicht darauf ein, dafi Ursachen erst Ursachen werden mus-
sen, so dafi es sich also um etwas viel Tieferes handelt, als
er im Auge hat. Das ist uberhaupt heute der Fall, dafi man
dasjenige, was Geistesforschung aus der Tiefe des Seins her-
auszuschopf en sich bemuht, immer nur nach der Oberflache
beurteilt, die man gerade selbst zu iiberschauen vermag.
Wenn das nidit immet gesdiahe, dann konnte zum Beispiel
ein Feuilleton nidit zustande kommen wie jenes, weldies
am letzten Sonntage im «Berliner Tageblatt» erschienen ist,
das eingestandlich nur auf einem einzelnen Buche fufit. Ich
mochte nur einmal f ragen, was man einem Menschen sagen
wird, der sich ein abschliefiendes Urteil zum Beispiel iiber
Chemie nur aus einem einzigen Buche gemacht hat? Aber
so machen es unsere Zeitgenossen. Man darf sagen, die
Geistesforschung hat nodi gewichtige Griinde, in der Ge»
genwart sich erhartet zu f iihlen.
Fiir die, welche diese Vortrage langere Zeit angehort
haben, darf ich wohl sagen, dafi hier vieles aus der philo-
sophischen Entwickelung angefiihrt worden ist. Wer das
kennt, wird vielleicht zu dem Urteil kommen: es haben
viele Philosophen Beweise geliefert fiir die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele. Ich selbst mufi gestehen, ich habe
mich gegeniiber dem, was von philosophischer Seite an Be-
weisen fiir die Unsterblichkeit der Seele oder fiir eine iiber-
sinnliche Welt herbeigebracht wurde, nie recht behaglich
gefiihlt, denn was die Philosophen meist im Auge haben,
sind nur die Begriffe der Dinge. So haben die Philosophen
selbst vom menschlichen Ich nur den Begriff des Ichs. Dafi
man aber aus dem Begriffe des Ichs nichts Reales folgern
kann, das sollte jedem ebenso klar sein, wie es klar ist, dafi
ein blofi gemalter Maler kein Bild malen kann. Ebenso
sollte man sich dariiber klar sein, dafi das Bild des Ichs
nichts fiir das Ich selbst sagt. Wer sich auf die Geisteswissen-
schaft einlafit, der wird sehen, dafi die Cberzeugung von
der Realitat des Ichs durch etwas ganz anderes gewonnen
wird, namlich durch die ganze Art des Fortlebens des Ichs
nach dem Tode.
Also an dem, was gutglaubige Philosophen nach dieser
Richtung hin vorbringen, kann einem nicht behaglich wer-
den. Aber aus dem, was diejenigen vorbringen, welche als
Gegner oft so recht gegen die Dinge wettern, gewinnt der,
weldier die Dinge tiefer durchschaut, einen recht guten Be-
weis fiir die Natur des Ichs. Denn es gibt ja Philosophen,
welche sagen, sie konnten das Ich iiberhaupt nur als eine
Zusammenf assung aller moglichen physiologischen usw. Ta-
tigkeiten erfassen. Da sieht man dann, dafi diese Forscher
alles Mogliche anfiihren, nur kann sich das, was sie an-
fiihren, nicht auf ein Ich beziehen. Sie sind da in dem-
selben Sinne, nur umgekehrt, wie jene Richtung, welche die
Lebenserscheinungen durch die Lebenskraft erklaren will.
Denn wie die Lebenskraft das fiinfte Rad am Wagen ist, so
wird durch die Erklarungen, die fiir das Seelenleben bei-
gebracht werden, nicht nur nichts erklart, sondern sie sind
sogar ganz iiberflussig, wenn es sich um das wahre Erfor-
schen des Seelischen handelt. Man sieht dann, daft solche
Erklarer das Seelische wirklich ungeschoren lassen und gar
nicht dort herankommen, so daft also das Seelische fiir sich
bleibt und sich als etwas erweist, woran die aufieren Er-
klarungen nicht herankommen konnen. Erst wenn im Zeit-
bewuBtsein das Gefuhl entstehen wird, dafi man Geistes-
forschung nicht nach der Oberflache, sondern nur durch ein
vertieftes Hineingehen in sie beurteilen kann, erst dann
wird nicht irgendein Urteil maftgebend sein konnen, das
von aufien iiber die Geistesforschung kommt.
Wie es mit den wissenschaftlichen Einwanden ist, so auch
mit den Einwanden, die im ersten Vortrage in moralischer
oder religioser Hinsicht gegen die Geistesforschung vorge-
bracht worden sind. Wenn zum Beispiel gesagt wird, es sei
unendlich viel wertvoller, wenn jemand aus reiner Selbst-
losigkeit, selbst mit der Aussicht, im Tode vernichtet zu
werden, das Gute tue, nur aus der Einsicht und dem Willen,
da£ es in die Allgemeinheit ubergehe - als wenn er es tue
im Hinblick auf einen Ausgleich in folgenden Erdenleben,
so ist ein solches Urteil durchaus wahr und soli nicht be-
stritten werden. Wahr ist es, wenn gesagt wird, dafi jemand
nur aus Egoismus heraus etwas Gutes tue, wenn er glaube,
dafi es ihm dann durch das Karma in einer Art Vergeltung
wieder als ein Gutes im neuen Erdenleben zukomme, oder
wenn er das Bose deshalb unterlafit, weil es sidi als eine Art
Strafe im neuen Leben wieder zeigen konnte. Es ist gewifi,
dafi man eine solcbe Behauptung als den Egoismus begriin-
dend einsehen kann und daher mit vollem Rechte sagen
darf : Also werde ja gerade durch das, was die Geistesfor-
schung iiber den Menschen zu sagen habe, der Egoismus
unter den Menschen gefordert.
Schopenhauer hat einmal mit Recht gesagt - Sie wissen,
dafi ich durchaus nicht iiberall mit ihm iibereinstimme — :
«Moral predigen ist leicht, Moral begriinden schwer.» Was
heilk Moral begriinden? Es heilk, eine Seelenverfassung
herbeif iihren, durch welche der Mensch zu einem moralischen
Handeln kommen kann. Wer das Volkerleben kennt, der
weifi, dafi Moral predigen nicht nur leicht ist, sondern mei-
stens sehr nutzlos ist; denn man kann sehr wohl recht gute
Moralgrundsatze kennen - und recht schlecht handeln.
Wenn es sich blofi um das Anhoren von Moralpredigten
handelte, so wiirde es ganz gewifi viel mehr moralische
Menschen geben, als es der Fall ist.
Es konnte jemand zum Beispiel sagen: Man nehme ein
Elternpaar an, das seinen Kindern gegeniiber alles anstre-
ben wiirde, damit diese ordentHche und tuchtige Menschen
werden. Denn, so sagen die Eltern, wenn wir sie zu ordent-
lichen, tiichtigen Leuten machen, so werden sie uns im
Alter eine Stiitze sein konnen, und wir werden alles Mog-
liche von ihnen haben konnen. Wenn die Eltern ihre Kinder
unter diesem Gesichtspunkte erziehen, so ist es zweifellos
ein hochst egoistisclier Gesichtspunkt. Aber nehmen wir
nun an, die Kinder werden ordentlidi, so dafi sie tuchtige
Leute sind, wenn sie herangewachsen sind. Dann haben die
Eltern zwar etwas Egoistisches getan, aber sie haben Moral
nicht selbst gepredigt, wohl aber Moral begrundet, und es
konnte sich herausstellen, dafi sie, wenn sie die Kinder zu
tiichtigen Leuten machen, und diese dann spater etwas ganz
anderes zeigen, als sie sich vorgestellt haben, noch zu einer
ganz anderen ethischen Auffassung kommen. Da ware auch
fur die Eltern Moral begrundet, nicht gepredigt.
Nehmen wir an, ein Mensch hatte nicht die Gelegenheit,
fur sein nachstes Erdenleben den Ausgleich fur schlechte
Handlungen zu berechnen. Aber indem er nun unter dem
Einflusse einer solchen Anschauung von dem Karma Hand-
lungen begeht, wird sich ihm allmahlich eine moralische
Weltanschauung herausbilden. Sie wird aus der mensch-
lichen Natur heraus begrundet werden. Wer noch auf einer
niederen moralischen Stufe steht, wird ja gewift aus einer
egoistischeren Auffassung des Karma heraus handeln. Wer
aber auf den hoheren Standpunkt gekommen ist und daher
auch eine hohere Auffassung von dem Karma hat, wird in
sich eine selbstlose Moralforderung erfullen.
So handelt es sich darum, dafi man nicht abstrakt auf
etwas hinweise, indem man eine Karmaidee egoistisch
nennt, sondern daiS man zeigt, wie sie den Menschen zu
einer hoheren Entwicklung hinauffuhrt. Das konnte noch
weiter ausgefuhrt und gezeigt werden, wie die Geistesfor-
schung auf das Reale, auf das Wirkliche der Menschennatur
geht. Wenn jemand den anderen Einwand erheben wiirde,
dafi viele sich sagen konnten: Ich habe spatere Erdenleben
vor mir, da brauche ich erst in den spateren Leben ein
ordentlicher Mensch zu werden; jetzt habe ich noch Zeit,
jetzt kann ich noch ein unordentlicher Mensch sein -, so
ware das ein Einwand, der audi theoretisch zu widerlegen
ist. Um sich aber riditig zu ihm zu stellen, dazu gehort, dafi
man die praktischen Verhaltnisse kennt. Man mufi wissen,
daft jemand, welcher der Ansicht ware, er brauchte in seinem
jetzigen Leben nodi kein ordentlicher Mensdi zu sein, er
wolle dies erst im nachsten Leben werden, durdi einen sol-
dien Vorsatz in sein nachstes Leben hineingewirkt hat.
Wenn er nicht jetzt beschliefit, ein ordentlicher Mensch zu
werden, so hat er eben audi fur das nachste Leben nicht die
notigen Grundlagen dazu. Er benimmt sich also jetzt schon
die Fahigkeit, um spater ein ordentlicher Mensch zu sein;
er schafft sich selbst die Krafte dafiir hinweg. So konnte
wieder Stuck fiir Stuck iiber die berechtigten moralischen
Einwande gesprochen werden.
Audi der religiose Einwand ist berucksichtigt. Es wird
gesagt: Da mufi die Geistesforschung erklaren, dafi in jeder
Seele ein Funke des Gottlichen ist und dafi der Mensch
diesen Gottesfunken von Leben zu Leben immer mehr und
mehr entwickelt. Es wird also der Funke des Gottlichen in
die menschliche Brust verlegt.
Wie man sich zu dieser Sache verhalt, wenn man sie in
das richtige Licht zu bringen weift, das versuchte ich zu
zeigen in der ersten Szene meines Mysterien-Dramas «Die
Priifung der Seele». Gewifi, man kann sagen, es gehe durch
eine solche Anschauung das verloren, was geradedas religiose
Prinzip genannt werden kann, das Abhangigkeitsgefuhl
von dem Gottlichen, aufierhalb dessen der Mensch steht,
das kindliche Hinaufblicken zu diesem aufier ihm befind-
lichen Gottlichen. Aber man nehme nun das, was von dem
anderen Standpunkte aus zu sagen ist, dafi der Mensch
vollig einsehe, dafi das Gottliche einen Funken in ihn gelegt
hat, den er erleben mufi und zur Entfaltung bringen mufi;
dafi er tatsachlich einzusehen vermag: Du tragst in dir einen
gottlichen Funken, und lafk du ihn unentwickelt, so lalk
du ihn verkummern! Dieses Beisammensein mit dem Gott-
lichen, und doch wieder die Notwendigkeit, diesen Funken
erst entwickeln zu miissen, das ist ein Antrieb von einer
unendlich viel grofieren Starke, als jeder andere religiose
Antrieb.
Wer sich auf die Geisteswissenschaft einlafk, wird schon
sehen, dafi es sich nirgends um eine Gegnerschaft zu irgend-
einem religiosen Bekenntnisse handelt. Man glaubt, weil
sich religiose Bekenntnisse so gerne gegen anthroposophische
Geisteswissenschaft wenden, dafi sich nun die Geisteswissen-
schaft auch gegen religiose Bekenntnisse wenden werde.
Aber wie mit den vorhin charakterisierten wissenschaft-
lichen Einwanden ist es gerade auch mit diesem religiosen
Einwande: keinem religiosen Bekenntnisse kommt Geistes-
wissenschaft in die Wege, denn sie hat es mit dem Verhalt-
nisse der Menschenseele zu den iibersinnlichen Welten zu
tun, wahrend es die Religion zu tun hat mit dem Verhalt-
nis zu der einzelnen Seele.
Wer wirklich zu sehen vermag, der wird sehen, wie es
fiir den Menschen durchaus moglich ist, Geistesforschung
zu treiben, trotzdem er voll in einem fiir ihn naturgemafien
religiosen Bekenntnisse drinnen stehen bleibt. Die wahre
Begrundung von Geistesforschung aber, wenn sie von der
Welt aufgenommen wird, wird dem Menschen das geben
konnen, was man nennen kann eine vertieftere Auffassung
des seelischen Lebens, sowohl des einzelnen seelischen Le-
bens wie des Zusammenlebens der Seelen. Wer sich nur ein
wenig davon iiberzeugen kann, daft alles aultere mensch-
liche Zusammenleben nur ein aufieresBilddessen seinkann,
wie die Seelen zueinander stehen, der wird das Unermefi-
liche einsehen, was sich fiir die Seele ergibt, wenn sie zu der
Erkenntnis kommt, wie die einzelne Seele zu der anderen
steht, wie die einzelne Seele zur anderen stehen kann, wenn
sie richtig erfafit hat, wie die Schicksale der einzelnen Seele
gegenuber der anderen Seele sind im Leben zwischen dem
Tode und der nachsten Geburt, welches die Schicksale fur
die einzelne Seele sind, was es heifit, von einer anderen Seele
abgetrennt zu sein, was es heifit, ein neues Verhaltnis zu
gewinnen zu der abgeschiedenen Seele, wenn die Seele, die
hier geblieben ist, etwas von der ubersinnlichen Welt wissen
kann. Ober alles menschliche Wissen und iiber alle sonstigen
Verhaltnisse des Menschenlebens wird neues Licht ausge-
gossen, wenn sich das in die Seelen zu senken vermag, was
aus den Tiefen der ubersinnlichen Welt fiir jede einzelne
Seele hervorgeholt werden kann. Ein Hineinleben, nicht
blofi ein Hineindenken, gehort zu dem Erkennen, zu dem
Erschauen, zu dem Verstehen der geistigen Wahrheiten.
Das hat man nicht erst durch die Geistesforschung der
neueren Zeit erkannt, sondern das hat man im Grunde ge-
nommen immer schon iiberall da erkannt, wo man aus einer
wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt heraus gesprochen
hat. Nicht von mir selbst aus mochte ich sagen, was ich zu
sagen hatte fiir die Stellung der Geistesforschung gegenuber
denen, welche sie, ohne sie wirklich zu kennen, ablehnen,
wohl aber von Johann Gottlieb Fichte aus mochte ich es
sagen. Wenn manches Schwerwiegende, vielleicht auch fiir
manchen Verletzende in diesem Ausspruche ist, so beriick-
sichtige man, dafi er von einem Manne herkommt, der,
voller Enthusiasmus fiir Geistesforschung, seinen Zorn ver-
kiinden wollte alien denjenigen, welche, ohne wirklich einen
Einblick in die geistige Forschung gewinnen zu wollen, sie
ablehnen und sie bekampfen zu miissen glauben. Diesen
ruft Fichte zu:
«Sie konnen nicht anders, als jene sie beschamende Uber-
zeugung von einem Hoheren im Menschen und alle Er-
scheinungen, die diese Oberzeugung bestatigen wollen, wii-
tend anzufeinden; sie mussen alles Mogliche tun, um diese
Erscheinungen von sich abzuhalten und sie zu unterdriik-
ken; sie kampfen fiir ihr Leben, fur die feinste und innigste
Wurzel ihres Lebens, fiir die Moglichkeit, sich selber zu er-
tragen. Aller Fanatismus und alle wutende Aufierung des-
selben ist, vom Anfange der Welt an bis auf diesen Tag,
ausgegangen von dem Prinzip: wenn die Gegner recht
hatten, so ware ich ja ein armseliger Mensch. - Vermag
dieser Fanatismus zu Feuer und Schwert zu gelangen, so
greift er den verhafken Feind an mit Feuer und Schwert;
sind diese ihm unzuganglich, so bleibt ihm» (dieses letztere
mufi man ja fiir unsere Gegenwart doch auch sagen) «die
Zunge, welche, wenn sie auch den Feind nicht totet, doch
sehr oft seine Tatigkeit und Wirksamkeit nach aufien kraftig
zu lahmen vermag. Eines der gebrauchlichsten und belieb-
testen Kunststiicke mit dieser Zunge ist dieses, dafi sie der
nur ihnen verhaftten Sache einen allgemein verhafiten Na-
men beilegen, um dadurch sie zu verschreien und verdach-
tig zu machen. Der stehende Schatz dieser KunstgrifTe und
dieser Benennungen ist unerschopflich und wird immerfort
bereichert, und es wiirde vergeblich sein, hierbei einige Voll-
standigkeit anzustreben. Nur einer der gewohnlichsten ver-
haftten Benennungen will ich hier gedenken: der, dafi man
sagt, diese Lehre sei Mystizismus.
Bemerken Sie hierbei, zuvorderst in Absicht der Form
jener Beschuldigung, dafi, falls etwa ein Unbefangener dar-
auf antworten wiirde: Nun wohl, lafit uns annehmen, es
sei Mystizismus und der Mystizismus sei eine irrige und
gefahrliche Lehre, so mag er darum doch immer seine Sache
vortragen, und wir wollen ihn anhdren; ist er irrig und
gefahrlich, so wird das bei der Gelegenheit wohl an den
Tag kommen, - jene, der kategorischen Entscheidung ge-
mafi, mit welcher sie dadurch uns abgewiesen zu haben
glauben, darauf antworten mufiten: da ist nichts mehr an-
zuhoren; schon vorlangst, wohl seit anderthalb Menschen-
leben, ist der Mystizismus durch die einmiitigen Beschliisse
aller unserer Rezensionskonzilien als Ketzerei dekretiert
und mit dem Banne belegt.»
So Johann Gottlieb Fichte. Fichte spricht sich so aus, dafi
es einigermafien audi heute noch gelten kann uber das Ver-
haltnis der Geistesforschung, sagen wir zu denen, die nur
ihren Sinnen vertrauen wollen und die Welt nach dem ein-
gerichtet haben wollen, was ihnen ihre Sinne sagen. Fichte
vergleicht solche Menschen - obwohl dieser Vergleich viel-
leicht nicht ganz berechtigt ist die nur ihren Sinnen
vertrauen wollen und nicht zugeben wollen, da£ es eine
nahere Erkenntnis der Wahrheit gibt, mit Taubstummen
und BHndgeborenen, die auch nicht Tone und Farben zu-
geben wollten, wenn ihnen durch die Sehenden davon ge-
sprochen wird. Nun kann man Blindgeborene und Taube
allerdings nicht mit denen vergleichen, die nicht aufnehmen
wollen, was durch die hellseherische Forschung gegeben
werden kann, weil jede Seele fahig ist, sich in ein Ver-
haltnis zu den ubersinnlichen Wahrheiten zu bringen. Aber
Fichte sagt:
«Daf$ man sich auch der Taubstummen und der BHnd-
geborenen annimmt und einen Weg sich ausgesonnen hat,
um an sie Unterricht zu bringen, ist alles Dankes wert -
von den Taubstummen namlich und den BHndgeborenen.
Wenn man aber diese Weise des Unterrichts zum allge-
meinen Unterrichte, auch fiir die Gesundgeborenen, machen
wollte, weil neben ihnen doch immer auch Taubstumme
und Blindgeborene vorhanden sein konnten, und man dann
sicher ware, fiir alle gesorgt zu haben; wenn der Horende
ohne alle Achtung fiir sein Gehor ebenso miihsam reden
und die Worte auf den Lippen erkennen lernen sollte, als
der Taubstumme, und der Sehende ohne alle Achtung fiir
sein Sehen die Buchstaben durch Betastung lesen, so wiirde
dies gar wenig Dank verdienen von den Gesunden; ohn-
erachtet diese Einrichtung freilich sogleich getroffen werden
wiirde, sobald die Einrichtung des offentlichen Unterrichts
von dem Gutachten der Taubstummen und Blindgeborenen
abhangig gemacht wiirde. »
Vielleicht wiirde man sagen konnen, wenn man schon
gegen diesen Fichteschen Satz einenEinwand machen wollte,
dafS es nicht einmal so bei den Blindgeborenen und Taub-
stummen zugehen wiirde. Wenn es aber auf diejenigen an-
kame, die nur auf die Sinne und auf den Verstand ver-
trauen, um darauf zu kommen, wie die Welt gestaltet sein
sollte, so wiirden sie diese nicht so gestalten, wie die Sehen-
den sie erblicken. Sie wiirden zwar wettern und sich auf-
lehnen gegen alle spirituelle Interpretation der Welt von
seiten anderer, wiirden aber sich selbst fiir unfehlbar er-
klaren in bezug auf das, was sie iiber die Welt zu sagen
wissen. Hohnlachend wiirden sie sich verhalten, wenn ver-
langt wiirde, daft nur der iiber eine solche Sache sprechen
sollte, der von ihr weifi, und dafi diejenigen nichts dariiber
sagen sollten, die nichts von ihr wissen. Der Hauptgrund
aller Leugner der Geistesforschung ist ja nur der, dafi sie
nichts von ihr wissen. Logisch ware die erste Forderung,
dafi nur derjenige iiber eine Sache sprechen soil, der etwas
von ihr weiE. Aber solche Griinde, dafi man etwas ableug-
net, von dem man nichts weifi, werden nur zur Ablehnung
einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in unserer
Zeit gebraucht.
Wer aber in seiner Seele durchleben kann, was in dem
ersten Vortrage gesagt worden ist, wer nicht zu warten
braucht auf die Einwande, die er in sich selber erleben kann
und in seinem Geistesleben zu durchschauen vermag, der
wird auch immer einen Weg finden zur Begriindung der
Geistesforschung, so daft fur ihn ein Wahrwort wird, was
idi audi in der ersten Szene der «Priifung der Seele» aus-
gesprochen habe, und das in der ganzen Verfassung des Be-
wufkseins zusammenfassen kann, was uns das Wissen von
den iibersinnlichen Welten geben kann, geben kann fur
unsere Lebenshoffnung, fur unsere Kraft im Leben, fur
unsere Sicherheit im Leben, fiir alles, was wir zu einem
menschenwerten Dasein gebrauchen. Alles, was gesagt wer-
den kann, was man sagen kann als in der Seele sich er-
hebend, in der Seele sich erlebend und erfiihlend, das kann
eben zusammengefafit werden in die Worte: Nicht bist du
mit deinem Denken, Fiihlen und Wollen allein. Wie du mit
deinem Leib in den StorTen lebst, die im ganzen Weltall
verbreitet sind, so lebst du mit deinem Denken, Fiihlen
und Wollen in etwas, was in dem ganzen Kosmos, in den
Raumesweiten ausgebreitet ist. Das heifit, es kann der Aus-
spruch, den ich an der bezeichneten Stelle meines Mysterien-
Dramas gesagt habe, Oberzeugung werden:
«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkrafte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ;
Beginne in den Geistesweiten,
Und ende in den eignen Seelentief en : -
Du findest Gotterziele,
Erkennend dich in dir.»
DIE AUFGABEN DER GEI STE SF ORSCHUNG
FOR GEGENWART UND ZUKUNFT
Berlin, 14. November 1912
Geisteswissenschaft, wie sie hier in diesen Vortragen ge-
meint ist, will nicht etwas sein, was aus der Willkiir dieses
oder jenes Menschen entspringt, was etwa auf einem sub jek-
tiven Einfall eines einzelnen oder mehrerer beruht, sondern
sie will eine geistige Weltauff assung sein, die sich mit einer
gewissen Notwendigkeit in die Bediirfnisse und in die For-
derungen unserer Zeit hineinstellt, insofern sich diese Zeit
als ein erkennbares Produkt der Entwickelungsgesdiichte der
Menschheit ergibt. Nur dann, wenn eine Weltanschauung
gewissermafien von ihrer Zeit gefordert wird, kann sie mit
einer gewissen Berechtigung jene vertrauensvollen Worte
fur sich in Anspruch nehmen, welche in dem ersten Vor-
trage dieses Winters ausgesprochen worden sind. Nur unter
soldier Voraussetzung kann sie sagen: Wie audi von dieser
oder jener Seite her die Gegnerschaft gegen sie sich geltend
machen moge: enthalt sie irgend etwas von Wahrheit, so
darf sie darauf bauen, dafi die Wahrheit immer, und wenn
man sie noch so sehr verschiittet, die Ritzen und Spalten
finden werde, durch die sie im Geistesleben der Menschheit
Verbreitung gewinnt.
Wir werden nun, nicht mit allgemeinen Redensarten,
sondern mehr mit konkreten Tatsachen, darauf hinzuweisen
versuchen, wie im Laufe der letzten Jahrhunderte und
namentlich in der allerletzten Zeit bis zur Gegenwart her-
auf die suchende Menschenseele sich immer mehr und mehr
zu dem hinentwickelt hat, was die hier gemeinte Geistes-
wissenschaft dieser suchenden Mensdienseele sein will.
Wer konnte heute nicht, wenn er aus seinem Gemiite, aus
den Bediirfnissen seiner Seele heraus sich gezwungen sieht,
fiir. die Starke, fur die Sicherheit seines Lebens sich Auf-
schliisse iiber die Weltenratsel zu verschaffen, wer konnte
da nicht versucht sein, zunachst Anfrage zu halten bei dem,
was die ganz gewifi von der Geisteswissenschaft nicht unter-
schatzte, sondern in ihren Triumphen und Errungenschaften
voll anerkannteNaturwissenschaftzugebenhat? Unzahlige
Menschen sind ja heute des Glaubens, dafi es von einer
weiteren Ausbildung der naturwissenschaftlichen Fragen,
der naturwissenschaftlichen Forschung abhangen werde, ob
man gleichsam durch eine Zusammenfassung dieser natur-
wissenschaftlichen Tatsachen und Gesetze auch zu einer
Weltanschauung kommen werde, welche dem Menschen die
Ausblicke in dasjenige erofTnet, was hinter den Dingen
liegt, die er mit den Sinnen wahrnehmen kann, die er mit
seinem Verstande begreifen kann und mit denen er sich
verbunden fuhlt in seinem Dasein, die er aber zu erkennen
bestrebt ist, damit er wissen kann, welches das Schicksal der
Seele, ja, das Schicksal ihres Wirkens in der ganzen Welt ist.
Einer solchen Sehnsucht und einer solchen Hoffnung ge-
geniiber darf aber wohl darauf hingewiesen werden, dafi
sich im Laufe der Menschheitsentwickelung das Verhaltnis
der Seele zu dem, was die auftere Wissenschafb sein kann,
vollstandig geandert hat, und gerade an dem Beispiele, das
wir hier in bezug auf Seelenfragen im Verhaltnisse zur
Wissenschaft anf iihren konnen, mag sich uns so recht zeigen,
wie unsere Zeit in einer Beziehung doch nicht nur mit dem
trivialen, oft gebrauchten Worte einer «Ubergangszeit»
bezeichnet werden darf , sondern wie sie eineZeit ist, welche
in bezug auf geistige Forschungen im eminenten Sinne eine
neue Epoche fordert. Wir brauchen da nur an das Beispiel
einer groften Personlichkeit zu erinnern, die wie viele andere
ihrer Art dazu beigetragen hat, unsere Geisteskultur vor-
warts zu bringen, an Kepler, welcher der eigentliche grofie
Ausgestalter der kopernikanischen Weltanschauung ist, von
welcher ausgehend sich dennoch ja viele Fragen unserer
heutigen Weltanschauung aufwerfen.
Wer wiirde heute nicht, wenn er nicht Herz und Sinn
hat fur eigentliche Geisteswissenschaft, vielleicht sogar dazu
kommen konnen, zu sagen: Durch solche Leistungen wie
diejenigen Keplers ist es der Menschheit gelungen, mit
r einer objektiver Naturwissenschaft und ihren Gesetzen
die Bewegungen der Himmelskorper zu erfahren. Und wie
kann-konnte der Mensch sagen -daneben etwa der Glaube
bestehen, da£ diese Bewegungen der Himmelskorper in
irgendeiner Weise von geistigen Wesenheiten geregelt seien,
auf welche die Geisteswissenscharl hinweisen will, von gei-
stigen Wesenheiten, die hinter dem Materiellen und seinen
Gesetzen stehen, da sich doch alles auf mechanische, phy-
sikalische Art erklaren la£t! Wozubedarf es da noch irgend-
weicher hinter diesen physikalischen Gesetzen stehender
geistiger Krafte?
Ein soldier Ausspruch sieht aufierordentlich beriickend
aus, und man kann darauf hinweisen, dafi es gerade die
Erlosung von altgewohnten Vorurteilen der alten spiri-
tuellen Weltanschauungen war, dafi solche Leute wie Kepler
aus rein physikalischen Gesetzen heraus die Bewegungen
der Himmelskorper im Raume erklart haben. Gehen wir
aber objektiv, ohne Zeitvorurteile, auf Kepler selber ein,
studieren wir ihn in seinen seelischen Eigentiimlichkeiten,
so finden wir das Merkwurdige, dafi alles, was Keplers
Blick in die Himmelsraume hinausgerichtet hat, was ihm
die eigentlichen inneren Impulse gegeben hat, um seine
grofien, gewaltigen Gesetze aufzufinden, das Bewufksein
war, mit seiner Seele eingebettet zu sein in geistige Ur-
griinde des Daseins, in die Wirksamkeit geistiger Wesen-
heiten, welche die Raume erfiillen und durch die Zeit hin-
durch wirken. Er war sich klar, da$ das, was er den Pla-
netenbewegungen als «Gesetze» zuschrieb, ihm nur dadurch
eingegeben werden konnte, dafi die Gesetze die Gedanken
gottlich-geistiger Wesenheiten seien. Wenn wir nachfor-
schen, worauf bei Kepler solche Impulse beruhten, so miis-
sen wir sagen, sie beruhten eben darauf, dafi der ganze
Gang der Menschheitsentwickelung immer die menschliche
Seele in Zusammenhang gehalten hat mit dem Geistig-See-
lischen, und da£ dasjenige, was man wie ein selbstverstand-
liches Geistig-Seelisdies hinnahm, zu Keplers Zeiten eben
noch da war, da war in der Tradition, in dem allgemeinen
Glauben, da war, um die Seele zu befeuern, zu befliigeln
und in ihr Gedanken wach werden zu lassen.
Aber wer konnte daneben leugnen, dafi dies bei Kepler
so klar im Hintergrunde seines Schaffens Stehende gerade
im Lauf e der letzten Jahrhunderte allmahlich hingeschwun-
den ist, hingeschwunden durch das, was aus ihm geschaffen
worden ist, so dafi heute die Menschenseele sehr leicht glau-
ben kann, dafi Keplers Gesetze und alles, was in dieser Art
zustande gekommen ist, zum Beweise aufgerufen werden
konnte gegen die Annahme einer geistig-gottlichen Welt.
Wenn wir von Kepler durch die Jahrhunderte herauf bis in
unsere Zeit gehen, so sehen wir, wie dasjenige, was zwar
noch aus dem Bewufitsein des Zusammenhanges des Men-
schen mit dem Gottlich-Geistigen geboren ist, immer mehr
und mehr dieses Bewufitsein selbst hinwegschafft, und wie
eine Zeit herauf riickt, grofi und gewaltig durch ihre natur-
wissenschaftlichenErrungenschaften,grofiundgewaltigdurch
die Schopfungen bedeutsamer Erkenntnisse auf dem Ge-
biete der Naturwissenschaft, eine Zeit, in welcher die Men-
schenseele allmahlich unf ahig ist, aus der Fiille dieses natur-
wissenschaftlichen Materials, aus der Fiille dessen, was man
auf materiellem Gebiete erkannte, wirklich zum Geistigen
aufzusteigen. Man konnte sagen: Dadurch charakterisiert
sich der Hergang unserer Geistesentwickelung der letzten
Jahrhunderte, da£ das Mehr dessen, was sie gebracbt hat,
ungeheuer ist, grofi und bewunderungswiirdig, dal$ aber
die Moglichkeit der Menschenseele, von diesen Leisuingen
aus hin auf ein Geistiges durchzublicken, gerade durch die
Fiille und die Art der naturwissenschaftlichen Leistungen
beeintrachtigt, ja geradezu vernichtet worden ist.
Anschaulich wird uns das, wenn wir zum Beispiel die
Art auffassen, wie noch Goethe mit seiner Art des For-
schens iiber Naturvorgange hineingestellt war in die ganze
Weltanschauungsrichtung seiner Zeit. Es ist interessant, wie
zum Beispiel Herman Grimm, dieser geistvolle und zu-
gleich tiefe Kenner Goethes, sich veranlalk fiihlt, das Hin-
eingestelltsein Goethes in die naturwissenschaftlichen Rich-
tungen seiner Zeit zu charakterisieren. Herman Grimm
fragt: Wie dachten die dem goetheschen Zeitalter voran-
gegangenen Jahrhunderte sich noch das Verhaltnis des
Menschen zur Natur?
Wer diese Jahrhunderte kennt, wird Herman Grimm
recht geben: so unterschieden sie sich von dem Spateren,
daiS der Mensch auf der Erde stand und man sich befugt
glaubte, wenn man das Wesen von Tieren, Pflanzen und
anderen Dinge ansah, in dem Menschen etwas wie eine Art
Abschlu£ der ganzen iibrigen Erdenschopfung, ja Welten-
schopfung anzusehen; da£ man sich befugt glaubte, zu sagen:
Es liegt ein soldier Sinn in der ganzen Entwickelung, dafS
man erkennen kann, wenn man auf Stein, Pflanze und Tier
hinblickt, wie eine innere Wesenheit sich allmahlich heran-
entwickelt hat, den Menschen schon im Auge habend, sich
heraufentwickelt hat, urn alles andere fiir den Menschen
und sein Ziel hinzustellen. Wie weit man dabei noch der
alten mosaischen Schopfungsgeschichte anhangen wollte,
darauf kommt es nicht an. Aber diese Oberzeugung war da:
in alien Weltenreichen etwas wie einen Impuls zu sehen,
der schon den Menschen in sich schliefit und alles Ubrige
nur zur Vorbereitung macht, um den Menschen, der von
Anfang an geistig da ist, zum Gipfel dieser ganzen Schop-
fung zu machen.
Was bildete sich dem gegeniiber immer mehr und mehr
heraus? Zuerst - meint audi Herman Grimm - begann die
Astronomic DieErde wurde zu einem unbedeutenden Wel-
tenkorper im Weltall gemacht und der Mensch so hinge-
stellt auf die Erde, als ob er sich, ohne dafi er in den anderen
Reichen von vornherein veranlagt worden ware, wie eine
Naturnotwendigkeit zuletzt ergeben hatte, so dafi er nicht
berechtigt ware, seinen Sinn mit dem ganzen Hergang der
Sache zu verbinden. Ungeheure Zeitraume nimmt die Geo-
logie an, die verflossen sind, bevor der Mensch auf der Erde
auftrat, und die keineswegs im Sinne der Naturforschung
schon die Spuren zeigen wiirden, dafi alles andere da ware,
um den Menschen spater vorzubereiten. Goethe darf man
in einer gewissen Weise geradezu einen radikalen Natur-
forscher nennen. Hier habe ich es ofter erwahnen diirfen,
wie er durch seine eigenen naturwissenschaftlichen Ent-
deckungen bemiiht war, aus den Anschauungen iiber den
aufieren Bau des Menschen das hinwegzuraumen, was ihn
von den iibrigen Organismen der Erde scheiden kbnnte,
und man darf Goethe einen Deszendenz-Theoretiker, einen
Entwicklungs-Theoretiker vor Darwin und den anderen
Entwicklungs-Theoretikern unserer Zeit nennen. Aber mit
Recht weist Herman Grimm darauf hin, wie Goethe es sich
doch nicht habe nehmen lassen, hinter dem, wo der Dar-
winismus nichts mehr sieht als materielle Vorgange, ein
«Geistiges» zu sehen, welches sich geistig in alien mate-
riellen Vorgangen entwickelt, so dafi der Mensch doch dort
hineingestelft ist.
Wir haben von Goethe ein merkwiirdiges Wort, das so
recht aufmerksam machen kann, wie er bemiiht war, ob-
wohl er so recht naturwissenschaftlich gesinnt war, den
Menschen als den Gipfel und die Krone des geistigen Seins
hinzustellen. Er sagt: Was sollen denn schlieftlich alle die
Millionen Sterne in der Welt, wenn sich nicht zuletzt ein
menschliches Auge ihnen entgegenstellen kann, um sie zu
betrachten und in sein Wesen aufzunehmen? - Und nicht
mit Unrecht. Es brauchte ja freilich vieles, was, wenn wir alle
diese naturwissenschafllichen Tatsachen und naturwissen-
schaftlichen Gesetze durchgehen, das Recht zu der Frage
belegen kann: Wo finden wir irgend etwas draulkn aufter
dem Menschen, was uns Anhaltspunkt werden konnte, dafi
Geist in allem Lebendigen und in allem Leblosen walte?
Wo finden wir, wenn wir naturwissenschaftlich den Men-
schen selbst ins Auge f assen, nachdem einmal die Erkenntnis
errungen ist, dafi das seelische Leben an die Gehirnvorgange
gebunden ist, wo finden wir einen Hinweis darauf, das
Seelendasein aufierhalb der Grenzen von Geburt und Tod
zu denken?
Man braucht heute nur eine der bedeutenderen und be-
ruhmteren Philosophien aufzuschlagen, zum Beispiel die
des weltberuhmten Wundt, und man wird iiberall finden,
wenn solche Philosophen von der naturwissenschafllichen
Forschung ausgehen, dafi gewisse Schlusse, gewisse Ergeb-
nisse aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen gezogen
werden, und dafi die Philosophen iiberall herankommen -
meinetwillen - bis an das Geistige, daft sie aber in dem
Augenblick, wo es sich darum handeln wiirde, das Geistige
zu ergreifen, gezwungen sind, stehenzubleiben. Warum
das? Aus dem einfachen Grunde, weil die ganze Art und
Weise des Denkens, wie es sich in Anlehnung an die natur-
wissenschaftlichen Forsdiungen herausgebildet hat und die
naturwissenschaftlichen Tatsachen Stiick fur Stuck verfolgt,
keine Moglichkeit ergibt, um innerhalb dieser Denkgewohn-
heiten, innerhalb dieser ganzen Art des Forschens, den Weg
zu finden aus der Materie und ihren Gesetzen heraus in
das wirkliche geistige Geschehen und sein Wesen, weil iiber-
all der Denkfaden abreifit. Warum rifi er Goethe nicht ab?
Weil Goethe noch durchdrungen war von Impulsen, die als
uralte herauf gekommen waren in der Menschheitsentwicke-
lung, weil in ihm noch etwas von dem Historisch-Geblie-
benen, von den uralten geistigen Anschauungen lebte - die
wir noch kennenlernen werden — , und weil seine Seele in
einer gewissen Weise noch nicht von dem entleert war, was
der Seele auf direktem geistigem Wege im Laufe der Jahr-
tausende zugekommen war, wenn diese Seele in die Dinge
des materiellen Geschehens hinausblickte.
Aber schnell entwickelte sich unsere Zeit, und daher ist
bei ihrer schnellen Entwicklung in denjenigen, die ihre
Denkgewohnheiten nach den naturwissenschaftlichen For-
sdiungen einrichteten, heute kaum mehr das vorhanden,
was bei Goethe noch vorhanden war. Daher haben wir es
erlebt, dafi Darwin zwar ausfiihrlicher und eindringlicher
als Goethe die Zusammenhange der lebendigen Wesen an
den Tag gelegt hat, aber trotzdem stehengeblieben ist bei
dem ganzen Sinn und der Art seines Forschens. Wahrend
aber Goethe bei dieser ganzen Art und dem Sinn des For-
schens iiberall noch hinter den Erscheinungen den Geist sah,
haben die Darwinianer — nicht Darwin selbst! — das, was
Goethe nicht gehindert hat, zum Geiste zu kommen, auf-
fassen imissen als ein Hindernis, um irgendwie zum Gei-
stigen zu kommen.
Deshalb konnen wir es begreifen, daS diejenigen, die
ihre eigentlichen Hoffnungen fiir eine Weltanschauung bei
der zeitgenossischen Wissenschafl sehen, diese Hoffnungen
vielfach getauscht sehen miissen. Allerdings geht etwas, was
in der Menschheit vorhanden war, nicht so ohne weiteres
verloren. Wir konnen es bis in die neueste Zeit herein er-
leben, daft audi ernste Forscher, die nur Wissenschafl wol-
len, durchaus nicht der Meinung sind, dafi diese Wissen-
schaft nur aufiere Tatsachen darstelien miisse, sondern sehr
wohl dazu dienen konnte, den fortlaufenden Gang einer
Weltenweisheit, die in den Dingen lebt, zu belegen. Interes-
sant ist es, dafi selbst ein Historiker aus der Schule Rankes,
Lord Acton, bei einer bedeutsamen Universitatsrede in Cam-
bridge im Jahre 1895 als Geschichtslehrer zu seinen Zu-
horern sagen konnte: Ich hofTe, da£ die ganz objektive
Schilderung geschichtlicher Tatsachen das Wirken einer gott-
lichen Weltenweisheit enthiillen werde. - Ja, Lord Acton
sprach sogar dazumal vom Wirken des «Auferstandenen»
in der Geschichte.
So sehen wir, dafi noch in unsere Zeit hereinragt aus den
Zeiten, da man das Dasein einer geistigen Welt als etwas
Selbstverstandliches hingenommen hat, etwas wie ein Ge-
tragenwerden des Forschens, wie ein Getragenwerden des
ganzen wissenschafUichen Denkens von einer solchen Ge-
sinnung, wie noch hereinragt bei diesem Getragensein aus
den alten Zeiten das Durchdrungensein der Seele so, dafi
dieses Getragensein sich noch in sich durchdrungen fuhlt
vom Geistigen. Aber ebenso wahr ist es, dafi der, welcher
sich heute ganz an die naturwissenschaftlichen Denkgewohn-
heiten anschmiegt und zum Beispiel verfolgt, wie die ein-
zelnen Seelentatigkeiten ihre entsprechenden Aufierungen
in Gehirn- oder anderen Nervenvorgangen haben, dafi ein
soldier, gerade indem er Tatsache auf Tatsache verfolgt,
sich leicht sagen kann: Ja, fur das, was der Mensch zu
denken, zu f uhlen und zu empfinden vermag im materiellen
Leben, dafiir gibt es audi iiberall Anhaltspunkte des For-
schers; aber was etwa fiir die Seele davor oder darnach
liegen konnte, dariiber sagt mir die Naturwissenschafl nichts.
Wie verbreitet ist der Irrtum, dafi die Naturwissenschafl,
weil sie schon einmal aus ihrer Betrachtung der Tatsachen
und ihrer Gesetze nicht zu dem Geistigen hinuberkommen
kann, deshalb audi das Geistige ablehnen musse! Zwar
wird, und das ist wieder charakteristisch fiir die ganze
Weltanschauungslage unserer Zeit, selbst von denjenigen,
welche auf dem Standpunkte stehen, dafi wir zu einer Welt-
anschauung iiberhaupt nur durch Zusammenfassung der
naturwissenschafllichen Tatsachen und Gesetze kommen
konnen, immerdar gewarnt vor voreiligen Schlussen, vor
der Hypothesenmacherei, die immer ein paar Tatsachen
zusammenfassen will, um Schlusse zu ziehen, wie das Leben
der Seele an dieses oder jenes gebunden sei, wie der ganze
Weltenzusammenhang sei oder dergleichen.
Eine solche Warnung erging erst wieder vor kurzem
an bedeutungsvoller Stelle. Auf der diesjahrigen Naturfor-
scherversammlung hielt der sehr bedeutende Naturforscher
Wettstein eine Rede fiber Biologie, iiber die Wissenschaft
vom Leben, in ihrer Verwertbarkeit fiir die Weltanschauung,
und er warnte davor, aus den Tatsachen, wie sie vorliegen,
allgemeine Schlusse fiir die Weltanschauung zu ziehen. Aber
es glauben dennoch viele, dafi man deshalb warten mufite
in bezug auf die Ratsel, die sich auf das Leben der Seele
beziehen, bis die Naturwissenschafl mit ihren Tatsachen zu
Ende gekommen sei. Zwar erinnert das, was hier vorge-
bracht ist - wenn man namlich behaupten wollte, es miifite
der Mensch, der in die Geheimnisse der Seele und des Gei-
stes eindringen will, urn iiber Seele und Geist zu Schliissen
zu kommen, durchaus uberall in der Welt naturwissen-
schaftlicher Tatsadien herumgegangen sein- es erinnert das
an einen schonen Goetheschen Ausspruch: «Um zu begreifen,
dafi der Himmel uberall blau ist, braucht man nicht um die
Welt zu reisen.»
Ich mochte aber im Konkreten zeigen, wie der Weg der
Menschenseele zu ihren Geheimnissen im Geistigen in einer
gewissen Beziehung unabhangig ist von allem, was die ein-
zelnen Gesetze der Naturwissenschaft, was die einzelnen
Gesetze der Gelehrsamkeit iiberhaupt dieser Menschenseele
geben konnen. Um dies zu erharten, mochte ich auf fol-
gende Tatsache hinweisen: Wir hatten im neunzehnten
Jahrhundert einen bedeutenden Philosophen in Miinchen,
Moriz Carriere. Er gehorte zu denen, die aus einer Fulle
nicht nur von Gedanken, sondern aus einer Fulle wirklicher
wissenschaftlicher Gelehrsamkeit heraus die Welt und ihre
Erscheinungen zu begreifen versuchten. Hat doch Carriere
durch sein grofies Werk iiber die Kulturentwicklung der
Menschheit bewiesen, wie er Tatsache auf Tatsache aus den
alten Zeitaltern gelehrt zusammengetragen hat, um den
Gang des Geistes durch die Weltentwicklung zu begreifen.
Aus alien solchen Vorgangen hat sich nun Carriere eine
Weltanschauung gebildet, die ich deshalb um so lieber er-
wahne, weil sie noch durchaus vor der Ausbildung einer
eigentlichen Geisteswissenschaft lag, eine Weltanschauung,
welche durch sich zu der Einsicht kam von dem Zusammen-
hange der Seele mit einer geistigen Welt, die durch Raume
und Zeiten ausgebreitet ist, so, wie es einen Zusammenhang
gibt zwischen dem, was korperlich im Korper des Menschen
liegt, und den Stoffen und Kraften, die drauften im Raume
ausgebreitet sind, und die in der Zeit wirken.
Eines Tages nun bekam Moriz Carriere das Manuskript
eines einfachen Mannes gezeigt, eines Mannes, der ganz
und gar nidit gelehrt war, der nichts hatte von der Fiille
der Gelehrsamkeit, durch welche Moriz Carriere zu der
Anschauung des eben geschilderten Zusammenhanges der
Seele mit dem Geistigen gekommen war. Zeuner hiefi dieser
einfache Mann, 1813 ist er geboren. Durch einen Lebens-
lauf , dessen Schilderung hier aus Mangel an Zeit nicht mog-
licli ist, kam Zeuner in die Lage, viele, viele Monate einsam
hinbringen zu miissen; er hatte sich von der revolutionaren
Bewegung hinreifien lassen, und dies hatte ihn ins Gefang-
nis gebracht. Aber er war, ohne Gelehrter zu sein, eine
hochgeartete Seele. In dem Manuskript, das er nun in
den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Moriz
Carriere gezeigt hat, erzahlt er, wie er in seiner einsamen
Zelle gebrutet und gebriitet hat, angefiillt nur - wie es im
Geiste seiner Zeit und der Menschen lag, die ihn bis dahin
umgeben hatten - mit materialistischen Anschauungen, wie
aber seine Seele ode geworden war in der Einsamkeit, wie
sie gelitten hat unter dem Hunger, etwas zu haben, an das
er aber nicht glauben konnte. Dann erzahlt er weiter, wie
er einmal von seiner Zelle aus einen merkwurdigen Gesang
horte, der sich draufien erhob, der ihn erinnerte an Erleb-
nisse seiner ersten Kindheit und ihn mit anderen Erleb-
nissen in Zusammenhang brachte, wie dies wieder einen
Funken Freude in der Seele ausloste, und wie dieser Impuls,
der dadurch der Seele gegeben war, ein Impuls von innerer
Frische und Aktivitat der Seele, Gedanken in dieser ein-
fachen, schlicbten Seele ausloste, Gedanken, die nun Zeuner
niederschrieb. Und dieses Manuskript hat er dann spater
an Moriz Carriere iibersandt. Wenn man es liest - Moriz
Carriere hat es spater abdrucken lassen -, so mufi man
Carriere recht geben: Zeuner hat, indem er sich der einsam
aus seiner Brust gebieterisch herausarbeitenden Seele iiber-
lassen hat, etwas gefunden, was in derselben Weise den
Zusammenhang der Seele mit dem Weltengeiste darstellt,
wie ihn Carriere darstellen konnte, nachdem er ein Leben
von Gelehrsamkeit und ein Leben von Wissenschaft hinter
sich hatte.
Man braucht nicht um die Erde herumzureisen, um zu
begreifen, dafi der Himmel iiberall blau ist. Der Weg zum
Geistigen muS eben in einer anderen Art gefunden werden
als durch ein blolSes Zusammenfassen naturwissenschaft-
Hcher Gesetze oder durch ein Konsequenzen-Ziehen aus den
naturwissenschaftlichen Forschungen. Die Auseinanderset-
zung aber mit der Naturwissenschaft mufi vielmehr eine
andere sein. Keine Weltanschauung kann heute bestehen,
und keine Weltanschauung darf bestehen -weil die Bediirf-
nisse der Menschenseele sie hinwegfegen wiirden - welche
mit der Naturwissenschaft im Widerspruch stehen wiirde.
Daher mufite in den beiden ersten Vortragen so scharf
betont werden, was von seiten der Naturwissenschaft gegen
Geistesforschung gesagt werden kann und wie sich die
Geisteswissenschafl dagegen zu verhalten hat. Und nicht
oft genug kann es betont werden, dafi man sich beirrt fuhlen
sollte in bezug auf irgendeine geisteswissenschaftliche Er-
kenntnis, wenn man mit ihr heute in Widerspruch zu einem
berechtigten Ergebnisse der Naturwissenschaft kommen
wird. Aber wenn man sich dann wieder diese Naturwissen-
schaft ansieht und wenn man einen Sinn und ein Herz hat
fur die notwendige Autoritat, die von der Naturwissen-
schaft ausgehen mufi, so wird man um so mehr auf das hin-
deuten mussen, was die Seele beirren kann, was sie gerade
beirren mufi durch die Fiille des Vorhandenen, wenn sie den
Weg zum Geiste antreten will. Auch das mochte ich durch
Beispiele erharten.
Da sei auf zwei Forscher aufmerksam gemacht, die beide
auf dem Boden der Entwicklungsgeschichte, auf dem Boden
der Naturwissenschaft standen. Beide Forscher fafiten den
Hervorgang der einzelnen lebendigen Organismen ausein-
ander so auf, wie dieDarwinianer dieSache audi auffassen,
aber sie nahmen nur den Menschen aus. Sie waren sich klar,
dafi man die auf die Tierwelt anzuwendenden Gesetze nicht
auf den Menschen anzuwenden habe, sondern dafi man,
wie man sein Korperliches aus dem Physischen, so sein
Geistig-Seelisches aus einem Geistig-Seelischen herleiten
musse. Daniber waren sich beide vollstandig klar. Sie waren
ebenso gute Naturforscher wie Erkenner des Geistigen, aber
ihre Denkgewohnheiten standen unter denjenigen der natur-
wissenschafHichen Richtung. Sie dachten wie man als echter
Naturwissenschaftler denkt. Wie dachte der eine, Mivart,
und wie dachte der andere, Wallace, ein Zeitgenosse Dar-
wins, liber die eigentlichen Vorgange in der Entwicke-
lung?
Wallace sagte sich, der Mensch konne nicht so einfach in
die Tierreihe hineingestellt werden. Schon aus dem Grunde
nicht, weil schon im aufieren Bau des Gehirnes ein betracht-
licher Unterschied zwischen dem Menschen und dem hochst-
entwickelten Affen vorhanden sei, wenn man auch nur den
Wilden ins Auge fasse, und weil das Affengehirn gegen-
uber dem Gehirn des Wilden viel zu unvollkommen sei,
wenn nur im geraden Fortgange der Entwickelung der
Mensch sich aus dem Affen entwickelt haben soil.
Der andere Forscher, Mivart, fand, dafi die Kulturstufe
des wilden Menschen gar nicht aufterlich verschieden sei von
der Entwicklungsstufe des hochstentwickelten Affen. Wenn
man aber die geistigen Betatigungen des Wilden und da-
gegen die Betatigungen des hochstentwickelten Affen ins
Auge fasse, so musse man voraussetzen, da die Gehirne der
beiden so viel Ahnlichkeit miteinander haben, dafi der
Mensch deshalb nicht in die Tierreihe gehore. Wenn man
wieder die Gehirne ins Auge fasse, so sehe man ganz klar,
dafi sidi das Gehirn des Menschen nicht aus dem Affen-
gehirn entwickelt hat durch Anpassung an aufiere Ver-
richtungen, sondern es entwickle durch die Zivilisation alle
Moglichkeiten schon so, dafi es nur so scheine, als ob schon
alles veranlagt ware, damit es einmal das Werkzeug der
Zivilisation werden konnte.
Also weil das Affengehirn und das Menschengehirn so
stark voneinander abweichen, glaubt der eine, Wallace,
annehmen zu miissen, dafi keine Verwandtschaft des Men-
schen mit der Tierreihe bestiinde. Und gerade die Ahnlich-
keit der geistigen Eigenschaflen bei beiden war fur Wallace
ein Beweis fur das, was er sagte. Fur Mivart, seinen Zeit-
genossen, war das gerade Umgekehrte vorhanden; er war
der Ansicht, wenn man die geistigen Eigenschaflen des
wilden Menschen mit dem hochststehenden AfTen vergleiche,
so trete ein so grofier Unterschied hervor, dafi man wegen
dieses Unterschiedes keine Stammverwandtschaft zwischen
dem Wilden und dem Aff en annehmen konne.
Wir sehen also zwei Naturforscher, beide an natur-
wissenschaftliches Denken gewohnt, die beide aus entgegen-
gesetzten Griinden das annehmen, was ihre Meinung ist;
der eine, weil die Eigenschaffcen des Wilden und des hochst-
stehenden Affen so ahnlich, der andere, weil sie so ver-
schieden sind. Wenn nun schon zwei Forscher, die beide
dazu neigen, den Menschen vom Geistigen abzuleiten, in
bezug auf ihre Beweisgriinde so durch das beirrt werden
konnen, was sich an Fiille der Tatsachen ausbreitet, wie
sollte erst der, welcher noch mehr vorurteilsvoll in den
Denkgewohnheiten des blofi materialistischen Denkens be-
fangen ist, nicht noch mehr durch die Fiille der Tatsachen
unf ahig sein, aus diesen Tatsachen und Gesetzen selber her-
aus zum Geistigen zu kommen!
Die Naturwissenschaft fiihrt uns eben nur von Tatsache
zu Tatsache. Haben wir die Geisteswissensdiaft, dann kann
aus dieser Geisteswissensdiaft gerade das Naturwissenschaft-
lichebegriffen und ins rediteLicht geriickt werden. Niemals
aber konnen die Gesetze der Geisteswissensdiaft aus der
Naturwissenschaft heraus irgendwie gefunden werden. Da-
her miifke es immer mehr und mehr geschehen, dafi der
menschlichen Seele ihre ganze geistige Nahrung entzogen
wiirde, wenn sie darauf angewiesen bliebe, «wissenschaft-
lich» nur das gelten zu lassen, was die Naturwissenschaft
hervorbringt. Die Naturwissenschaft selbst wird gerade da-
durch ihre Grofie und Bedeutung erlangen, dafi sie sich in
ihren Grenzen halt.
Wer aber nur ein wenig einen Blick in das menschliche
Seelenleben tut, der wird bald finden, dafl die Seele zu ihrer
Sicherheit, zur Kraft und zur Arbeit im Leben die Ant-
worten braucht auf die Frage nach dem Geiste. Waren sie in
alten Zeiten - wir haben es an Kepler, an Goethe erhartet
und konnen es an anderen erharten - fur die Menschen-
seele von selber schon in den ganzen Anschauungen iiber
die Welt enthalten, so sind sie es heute nicht, und eine neue
Aufgabe entsteht, die wir schon charakterisieren konnten,
und die wir in ihrem Wesen noch charakterisieren werden:
die Aufgabe der Geisteswissensdiaft. Gerade was durch die
Grofie der Naturwissenschaft verschwunden ist, das mufi
auf selbstandige Weise wieder durch die Geisteswissensdiaft
gefunden werden, indem die Wege gezeigt werden, auf
welchen die Menschenseele in ihre geistige Heimat hin-
gelangen kann. Wer das Zeitalter richtig versteht, der wird
begreifen, wie sich, nachdem der Her gang nun einmal so
war, wie er geschildert worden ist, ein starkes Bediirfnis,
eine starke Sehnsucht zeigt, immer mehr vom Geiste aus
nun audi die Welt zu begreifen und eine selbstandige Gei-
steswissenschaft neben die Naturwissenschaft hinzustellen.
Wenn wir auf Einzelheiten eingehen, selbst auf das viel-
leicht heute von vielen Geistglaubigen verworfene Gesetz
der wiederholten Erdenleben, so sehen wir es langsam und
allmahlich heraufkommen und sich in die neuere Kultur
einleben, zum Beispiel bei Lessing in seiner Abhandlung
uber die «Erziehung des Menschengeschlechts>>. Immer wie-
der sehen wir, wenn man auch heute wenig davon weifi,
wie im neunzehnten Jahrhundert innerlich konsequente
Seelenforscher hingefiihrt werden zu dem fiir die mensch-
liche Seele einzig und allein angemessenen Gesetz der wie-
derholten Erdenleben.
Je mehr die Naturwissenschaft auf dem Boden des Ma-
teriellen ihre groiKen Triumphe feiert, desto mehr erbliiht
fiir den Geist die Sehnsucht, seine eigenen Wege zu gehen.
Und wieder an einem konkreten Beispiele mochte ich zeigen,
wie der ganze Hergang des Geisteslebens unserer Zeit so
gestaltet ist, da£ er wie von selbst in das einlauft, was die
Geisteswissenschaft heute sein will. Auf einen Denker, auf
einen Forscher mochte ich aufmerksam machen, den ich im
Laufe dieser Wintervortrage noch mehr besprechen werde,
der gerade mit Hinblick auf ein Sehnen nach der Geistes-
wissenschafl interessant ist, auf Herman Grimm, den Kunst-
historiker. Ein umfassender Geist, zeigt er uns gerade als
ein solcher, wie die Seele in der neueren Zeit aus einer
blofien naturwissenschaftlichen Auffassung des Geschehens
herausdrangt, namentlich im Menschenleben herausdrangt,
und wie durch die Impulse und Krafte der Zeit die Seele
wieder zuriickgehalten wird vor dem letzten Schritt des
Hinausdrangens, vor dem Hineindrangen in die Geistes-
wissenschafl.
Wer die Schriften Herman Grimms sorgfaltig durch-
nimmt, wird sehen, dafi Herman Grimm nadi einem Wel-
tenprinzip sucht, aber nicht nach einem toten Weltenprinzip,
sondern nach einem schaffenden Gesetz, woran sich zum
Beispiel der praktische Geschichtsforscher halten kann, und
was etwas anderes sein mufi als die sogenannten histo-
rischen Ideen. Ideen konnen ebensowenig etwas schafTen,
wie - nach dem Bilde des letzten Vortrages - ein gemalter
Maler ein Bild malen kann. Ideen sind etwas Totes. Wirk-
sam kann nur etwas Lebendiges sein. Herman Grimm
suchte nach dem Leb
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