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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UND KURSE UBER
CHRISTLICH-RELIGIOSES WIRKEN
RUDOLF STEINER
Vortrage und Kurse iiber
christlich-religioses Wirken
I
Anthroposophische Grundlagen
fiir ein erneuertes
christlich-religioses Wirken
Sechs Vortrage und zwei Besprechungen
gehalten in Stuttgart
vom 12. bis 16.Juni 1921
1993
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ulla Trapp und Paul G. Bellmann
unter Mitarbeit von Hella Wiesberger und Klas Diederich
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1993
Bibliographie-Nr. 342
Zeichnungen im Text aus den Tafelzeichnungen
Rudolf Steiners, S. 208 ff ., iibernommen
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1993 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg / Druck: Greiserdruck, Rastatt
Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3420-1
den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufl des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortrage und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zuneh-
mend unvollstandige und fehlerhafte Horermitschriften angefertigt
und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Mitschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er seine engste Mitarbeiterin
und Mitbegriinderin der anthroposophischen Bewegung, Marie
Steiner-von Sivers (1867-1948, seit 1914 Marie Steiner). Ihr oblag
die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die notwendige Durchsicht der Texte fiir die von
den Mitgliedern gewunschte Herausgabe, die von Rudolf Steiner
selbst aus Zeitmangel nicht vorgenommen werden konnte.
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen off entli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, wel-
che sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes-
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner wurde gemafi ihren Richtli-
nien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der voriiegende Band biidet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben
zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe
Erster Vortrag, Stuttgart, 12. Juni 1921, 15 Uhr
Schwierigkeiten des religiosen Wirkens in der gegenwartigen Zeitlage.
Theologie oder Religion. Das Wort. Die Predigt. Naturkausalitat und
ethische Impulse: Wie pafit der Mensch mit seinen ethischen Impulsen
in die Welt der Naturgesetzlichkeit? Antworten der Geisteswissen-
schaft. Lehre und Kultus. Erste Antworten zu drei Fragenkomplexen:
Kultus, Predigt, Gemeinschaftsbildung.
Zweiter Vortrag, 13. Juni 1921, 11 Uhr
Gemeinschaftsbildung als Grundlage fur religioses Wirken, Notwen-
digkeit der Dreigliederung. Jugendbewegung, Autoritatsprinzip; Cli-
quenbildung. Aufgabe: Vergrofiern des bisherigen Kreises. Wie kann
die Dreigliederung auf dem Gebiet des religiosen Lebens praktisch
werden? Beispiel: Ehe. Gottliche Harmonie als Zeitaufgabe. Unter-
schiede zwischen einer religiosen Gemeinschaft und der anthroposo-
phischen Bewegung. Beantwortung von Fragen: Ankmipfung an Kir-
che oder an anthroposophische Zweige. Religionsunterricht in der
Waldorf schule. Altkatholizismus. Griindung freier Gemeinden.
Besprechung , 13. Juni 1921, 18.30 Uhr
Praktische Gesichtspunkte: Moglichkeiten der Vergrofterung des
Kreises und der Finanzierung. Zentralstelle. Sollen alle, die bei der
Bewegung fur religiose Eraeuerung mitwirken wollen, Anthroposo-
phen sein? Theologische und sonstige Vorbildung?
Dritter Vortrag , 14. Juni 1 92 1 , 1 1 Uhr
Religiose Vertiefung ist ohne Kultus nicht moglich. Intellektualismus
in der modernen Theologie. Religionsunterricht in der Waldorfschule;
Sonntagshandlung und Konfirmation. Katholisches Mefiopfer und
Kulthandlungen in den Mysterien: Evangelium, Offertorium, Trans-
substantiation, Kommunion. Wirken durch das Bild: bildhaftes Spre-
chen, Symbolum. Uber die Ubersetzung der katholischen Messe durch
Rudolf Steiner. Grenzen naturwissenschaftlichcr Vorstellungen am
Beispiel des Physischwerdens des Menschen (Eizelle). Warum Reli-
gionserneuerung durch Anthroposophie? Besprechung praktischer Ge-
sichtspunkte: Finanzierung (Kommender Tag, Hermann Heisler). Vor-
bereitung auf bildhaftes Sprechen. 14tagiger Kurs moglich. Legenden.
Vierter Vortrag , 14. Juni 1921, 19 Uhr 116
Fragenbeantwortungen. Gestaltung des Kultus. Kultische Handlungen
in der Freimaurerei. Wie entstehen Symbole, und wie ist in unserer
Zeit Symbolik moglich? Hineinwachsen in den Genius der Sprache;
bildhaftes Seelenleben. Ein heutiger Kultus mufi einfach sein und
Ausdruck fur die innere Verwandlung des Menschen. Das Formen
eines Spruches. Musikalisches im Kultus. Rituale, die Rudolf Steiner
gegeben hat. Uber Tauf ritual. Sieben Sakramente: Jeder Evolutions-
form des Menschen wird eine Involutionsform entgegengestellt.
Handauflegen. Priestergewand.
Funfter Vortrag ,15. Juni 1 92 1 , 1 1 Uhr 1 43
Die Predigt. Das der Natur des Menschen widersprechende Vorstel-
lungsmafiige mufi ins Gemuthafte und in die Willensimpulse uberge-
hen. Die Bedeutung rhythmischer Wiederholungen. Uber Joh. 1,3:
Ewiges und Vergangliches, Existenz und Subsistenz. Meditation als
Vorbereitung des Predigens. Kardinal Newmans Ringen um christli-
che Wahrheiten. Anthroposophie als tragendes Element des religiosen
Lebens. Beispiel fur bildhaftes Sprechen. Uberwinden der an das
Raumliche gebundenen Vorstellungen; Unschuld der Natur und
Schuldigwerden des Menschen. Unsterblichkeit und Praexistenz. Das
Gloria. Christus bewirkt Gleichgewicht zwischen Luzifer und
Ahriman.
Besprechung , 15. Juni 1921, abends 164
Vorbereitung eines weiteren Kurses: Ort, Finanzierung, Teilnehmer.
Werbemittel, Zentralstelle, erforderliche Ausbildung. Diskussion uber
Anthroposophie und Religion.
Sechster Vortrag , 16. Juni 1921, 8 Uhr 188
Wie uberwinden wir das abstrakte Nebeneinander von Materiellem
und Geistigem? Dualismus (Leib und Seele) oder Trichotomie (Leib,
Seele, Geist)? Anthroposophie lehrt, wie Geistiges, Seelisches und
Leibliches ineinanderwirkend verstanden werden mufi. Uberwindung
der Trennung von Wissen und Glauben. Die Gnosis. Vaterunser und
Trinitat. Beantwortung von Fragen. Unwahrhaftigkeit im gegenwarti-
gen Leben und Gegnerschaft gegen Dreigliederungsgedanken. Not-
wendig ist: hinzuarbeiten auf die Verselbstandigung des Geisteslebens
und seiner Untergebiete Religion, Wissenschaft und Kunst.
Tafelzeichnungen 208
Notizbucheintragungen 211
Werbeblatt. Faksimile der Handschrift von Gottfried
Husemann mit Erganzungen durch Rudolf Steiner 221
Chronologische Ubersicht 230
Teilnehmerliste 238
Hinweise
Notwendige Bemerkungen zur Qualitat der Nachschriften . 239
Hinweise zum Text 242
Namenregister 263
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 265
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 267
ZU DIESER AUSGABE
In den Jahren 1920 und 1921, kurz nach der Beendigung des Weltkrieges
von 1914—1918, hatten sich junge Menschen mit ihren Fragen an Rudolf
Steiner gewandt. Es waren Studenten, vornehmlich der protestantischen
Theologie, die in dieser Zeit des Zusammenbrechens alter Strukturen,
die den Menschen bislang aufieren und inneren Halt gegeben hatten,
nach neuen und zeitgemaften Wegen fiir ein religioses Leben und Wirken
suchten. «Sie hatten die Anthroposophie kennengelernt. Sie waren iiber-
zeugt, dafi ihnen Anthroposophie vermitteln konne, was sie suchten.* 1
Wie es zu den hier vorliegenden Vortragen iiber christlich-religioses
Wirken gekommen ist, hat Rudolf Steiner am 2. August 1922 vor Mit-
gliedern der Anthroposophischen Gesellschaft folgendermafien ausge-
sprochen: 2
«Es ist nun einige Zeit verflossen, da kamen einige jiingere Studierende
der Theologie zu mir, um von ihren inneren Noten zu sprechen; und die
Art und Weise, wie sie sprachen, machte den Eindruck des ungeheuer-
sten Ernstes. Das war aus dem Grunde, weil aus diesem Sprechen heraus
ein ganz bestimmter Seelenunterklang ertonte, der im Grunde dazumal
nicht deutlich ausgesprochen wurde, der aber aufierordentlich stark in
diesen jiingeren Seelen lebte. Wenn ich charakterisieren soil, was als
dieser Seelenunterklang sich eigentlich kundgab, so ist es dieses: Es
handelte sich um junge Theologen, die daran waren, ihr Studium zu
vollenden und die hinaussahen in ihre Zukunft mit einer gewissen Ver-
antwortlichkeit, die aber zuruckschauten auf dasjenige, was sie wahrend
ihres Studiums der Theologie durchlebt hatten, mit einer gewissen
Trostlosigkeit, jedenfalls so darauf zuruckschauten, dafi sie zeigten: Sie
fiihlen sich nicht in der Lage, der Verantwortlichkeit, die sie gegeniiber
ihrer Aufgabe empfanden, wirklich gerecht zu werden.
Es liegt ja nahe, daran zu denken, woher dieser Seelenunterklang kam,
der im Grunde genommen eine Art von innerer Disharmonie war. Er
kam daher, dafi in der Gegenwart gerade die ernstesten Seelen, diejeni-
gen Seelen, die eben ihre Lebensaufgabe auf dem Boden des religiosen
Wirkens mit Ernst auffassen wollen, nicht jene innere Kraft mitnehmen
konnen aus ihren Studien, die notig ist, um diese Mission auszufuhren.»
Der Vortragskurs wurde fiir 1 8 junge Menschen gehalten. Noch wah-
rend des Kurses baten die Teilnehmer urn weitere Vortrage. In den
folgenden Wochen suchten und fanden sie weitere Interessierte, die eine
Erneuerung des religiosen Lebens anstrebten. Im Herbst desselben Jah-
res (1921) hielt Rudolf Steiner vor einem nun wesentlich erweiterten
Kreis einen umfassenden Kurs von 29 Vortragen bzw. Diskussionsstun-
den. Uber 100 interessierte Personlichkeiten nahmen daran teil, darunter
eine gro£ere Anzahl von Pfarrern der verschiedenen Konfessionen.
Die Begriindung der «Christengemeinschaft» erfolgte durch 45 aus
dem Teilnehmerkreis dieses Herbstkurses hervorgegangene Personlich-
keiten unter der Leitung von Pfarrer Dr. Friedrich Rittelmeyer im
September 1922 im Zusammenhang mit einem weiteren Vortragskurs
Rudolf Steiners.
Rudolf Steiner hat oftmals betont, daft es nicht die Aufgabe der
anthroposophischen Bewegung sei, neue religiose Gemeinschaften zu
griinden, «denn diese anthroposophische Bewegung kann heute durch
ihre innere Natur nichts anderes sein als eine ganz universelle Bewegung.
Sie mufi sich gewissermafien auf alle Gebiete des Lebens verlegen». 3
Rudolf Steiner erkannte aber die Bedeutung des an ihn herangetragenen
Anliegens und hat darauf mit seinem personlichen Rat geantwortet. So
konnte die religiose Erneuerungsbewegung ihre Verwirklichung finden.
Aus der Veroffentlichung dieser und der folgenden Vortrage werden
Art und Umfang der von ihm geleisteten Ratschlage und Hilfen ersicht-
lich.
1 «An die Mitglieder», 5. Oktober 1924, in GA 260 a.
2 Das Zitat ist einer kurzen Ansprache Rudolf Steiners vom 2. August 1922 entnom-
men, mit der er eine Orientierungsstunde abschlofi, in welcher Pfarrer Dr. Fried-
rich Rittelmeyer, Pfarrer Dr. Christian Geyer und Lizentiat Emil Bock die in
Dornach anwesenden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft orientiert
hatten uber die fiir den folgenden Monat vorgesehene Begriindung der Bewegung
fiir religiose Erneuerung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen sind
leider nicht rnitgeschrieben worden, mit Ausnahme des Schlufiwortes von Rudolf
Steiner. Vollstandiger Abdruck des SchkuWortes in Heft Nr. 110 der «Beitrage zur
Rudolf Steiner Gesamtausgabe».
3 Vortrag vom 13. Juni 1921 in diesem Band.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 12. Juni 1921
Meine lieben Freunde! Sie haben gewiinscht, dafi wir uns hier zusam-
menfinden, um Dinge zu besprechen, die innig mit Ihrem Berufe
zusammenhangen, und ich darf annehmen, dafi dieser Ihr Wunsch
hervorgegangen ist aus der Erkenntnis des Ernstes unserer Zeitlage,
jenes Ernstes, der ja ganz besonders zutage tritt, wenn man versucht,
von religiosen Gesichtspunkten aus in das zivilisatorische Leben
unserer Zeit zu wirken. Und ich darf fernerhin annehmen, dafi es
Ihnen in erster Linie merit zu tun ist um etwas, das man eine Theolo-
gie-Angelegenheit nennen konnte, sondern um eine Religions angele-
genheit. Es ist ja zweifellos die eigentlich brennende Frage unserer
Zeit nicht die theologische allein. Man konnte glauben, dafi sogar bei
einigem guten Willen einige Menschen sich iiber die theologische
Frage klar werden konnten in verhaltnismafiig kurzer Zeit. Aber
dasjenige, was jedem, der unbefangen in unsere Zeit hineinsieht,
verstandlich sein mufi, das ist gerade nicht die Frage des Dogmas,
nicht die Frage der Theologie, es ist die Frage der Predigt und alles
desjenigen, was damit zusammenhangt, es ist die Frage des Religiosen
und namentlich des religiosen Wirkens als solchem. Damit aber
deuten wir auf eine viel weitere und umfassendere Frage hin, als es
die theologische jemals sein konnte.
Wenn man sich von vornherein auf den religiosen Standpunkt
stellt, so handelt es sich ja darum, dafi man die Moglichkeit wiederum
findet, die geistigen Welten mit ihren verschiedenen Wirkenskraften
den Menschen zuganglich zu machen, zuganglich zu machen
zunachst - wenn wir eben uns auf das Religiose beschranken - durch
das Wort. Und da miissen wir uns schon klar sein dariiber, dafi die
ganze neuere Entwickelung in dieser Beziehung uns vor eine Frage
allertiefsten Ernstes stellt. Derjenige iibersieht eigentlich die Frage
nicht, der da meint, da$ von dem Ausgangspunkte aus, auf den sich
die alteren Leute unter uns heute noch stellen, etwas anderes sich
ergeben konnte, als eigentlich die vollige Zersetzung des religiosen
Lebens innerhalb unserer modernen Zivilisation. Wer glaubt, dafi
man aus den alten Voraussetzungen heraus das religiose Leben wird
noch retten konnen, der stellt sich eigentlich auf einen unmoglichen
Standpunkt. Ich sage dies einleitungsweise nicht deshalb, weil ich
etwa von vornherein von irgendeinem geisteswissenschaftlichen
Dogma ausgehen mochte - das soil nicht der Fall sein - sondern das,
was ich sage, zeigt sich einfach der unbefangenen Beobachtung des
Lebens in unserer Zeit.
Man mufke sich dariiber klar sein, ob man mit der Predigt heute
Widerhall finden kann in den Herzen unserer Zeitgenossen, wenn
man von denjenigen Dingen spricht, von denen einmal innerhalb des
wirklichen Christentums gesprochen werden mufi. Und ich setze
voraus, dafi diese Tage hier so verlaufen werden, dafi wir uns in Frage
und Antwort und in Disputationen iiber die Angelegenheiten unter-
halten werden, die Ihnen eigentlich auf dem Herzen liegen, heute
aber mochte ich einleitungsweise einiges andeuten von dem, was
eigentlich vorliegt.
Wir miissen uns klar dariiber sein, dafi dasjenige, was in den letzten
drei bis vier Jahrhunderten als wissenschaftliche Bildung in der
Menschheit heraufgezogen ist, einen weiten Umkreis bereits um sich
gezogen hat. Wer alter geworden ist, kann den Unterschied noch
bemerken, der in dieser Richtung besteht zwischen dem, was etwa in
den 70 er oder 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorhanden war,
und dem, was uns heute umgibt. In den 70 er, 80 er Jahren des
vorigen Jahrhunderts konnte man immerhin zu einer grofien Bevol-
kerung sprechen von Fragen des geistigen Lebens, wie sie sich aus
den Traditionen der verschiedenen Bekenntnisse und auch der Sekten
ergeben haben, und man konnte Herzen und Seelen finden, in denen
solches Sprechen Widerhall fand. Heute stehen wir im Grunde
genommen einer anderen Zeit gegeniiber. Gewifi, es sind noch viele
Menschen vorhanden, die nicht viel von dem aufgenommen haben,
was an neuerer Bildung in unsere Zivilisation seinen Einzug gehalten
hat; und wir konnten immerhin zu diesen Menschen noch sprechen
iiber solche Begriffe wie Christus, wie Gnadenwirkung, wie Erlo-
sung und so weiter, ohne dafi sich sogleich in diesen Herzen etwas
geltend machen wiirde wie Widerstand. Aber auch dies wird nicht
mehr lange dauern. Denn mit einer rasenden Eile verbreitet sich eine
gewisse populare Bildungsanschauung, die auf dem Wege namentlich
der Zeitungs- und der popularen Zeitschriftenliteratur, im Grunde
genommen auch auf dem Wege unserer Schulbildung, in die breite-
sten Massen hineindringt. Und wenn auch innerhalb dieser Bildungs-
anschauung nicht direkt Vorstellungen entwickelt werden, Empfin-
dungen gedeihen, welche sich auflehnen gegen solche Begriffe wie
Christus, Erlosung, Gnade und so weiter, so diirfen wir doch nicht
vergessen, dafi diese Vorstellungen, die da aufgenommen werden, in
Formen gegossen sind, durch die in den weitesten Kreisen eben
einfach ein innerer Widerstand erwachst gegen das eigentliche reli-
giose Leben, wenn ihm nicht ein neuer Ausgangspunkt gesucht wird.
Wir sollten uns eben in dieser Beziehung gar keiner Tauschung
hingeben.
Sehen Sie, wenn jene Bildungsanschauung sich immer weiter und
weiter verbreitet, welche aus scheinbar feststehenden naturwissen-
schaftlichen Voraussetzungen heraus das Weltenall so beschreibt, dafi
es in einer gewissen Weise mechanisch begonnen hat, dafi aus mecha-
nischen Verknauelungen heraus sich das organische Leben entwickelt
hat, und dann weiter herauf meinetwillen auch das Aufierlich-
Korperlich-Leibliche des Menschen sich entwickelt hat, wenn dann
verfolgt werden die Tatsachen, die zu solchen Hypothesen gefuhrt
haben, so dafi man aus ihnen sich Vorstellungen bildet iiber ein
entsprechendes Erdenende oder Ende unseres Planetensystems, dann
haben bei all denjenigen, die ernsthaft und ehrlich diese Vorstellun-
gen aufnehmen, die religiosen Vorstellungen, namentlich des Chri-
stentums, keine Moglichkeit mehr, zu gedeihen.
Dafi dies heute nicht schon in einem verhaltnismafiig sehr hohen
Grade bemerkt wird, das riihrt nur davon her, dafi eben so wenig
innerliche Ehrlichkeit in den Menschen ist. Sie lassen einfach neben-
einander bestehen auf der einen Seite die rnechanisch-physikalische
Naturordnung und auf der anderen Seite das Christentum und versu-
chen sogar theoretisch zu beweisen, da£ die beiden Dinge nebenein-
ander gehen konnen. Allein, darnit wird nur dasjenige, was in jeder
unbefangenen Seele empfindungsgemafi sich geltend macht, verdeckt.
Und wenn auch der Verstand alle moglichen Harmonien sucht zwi-
schen Christentum und neuerer Naturwissenschaft, das Gemiit wird
alle diese Vermittlungsversuche ausloschen, und die Folge kann nur
diese sein, dafi fiir Religion immer weniger und weniger Platz in den
Herzen und Gemutern unserer Mitmenschen sein wird.
Wenn man die Frage nicht von diesen tieferen Gesichtspunkten aus
betrachtet, so wiirdigt man eigentlich den Ernst der Lage nicht, in
der wir gegenwartig sind. Denn den angedeuteten Schwierigkeiten
begegnet man eben nicht blofi in der Theologie, sondern gerade am
meisten da, wo sie sich nicht deutlich aussprechen, wo sie im Unter-
bewufitsein unserer Mitmenschen verborgen bleiben; man begegnet
ihnen gerade dann, wenn man nicht Theologie, sondern Religion
treiben will. Und das ist das Wichtige, das vor alien Dingen eingese-
hen werden mufi.
Sehen Sie, besonders charakteristisch fiir dasjenige, was in der
neueren Zeit auf diesem Gebiete geschehen ist, ist ja die Ritschlsche
Schule mit alien ihren Auslaufern. Diese Ritschlsche Schule, sie wird
- wie Ihnen ja wohl bekannt ist - heute noch von sehr vielen im
Religionsgebiete Wirkenden als etwas aufierordentlich Grofies ange-
sehen. Aber was ist denn eigentlich diese Ritschlsche Schule? Nicht
wahr, diese Ritschlsche Schule steht auf dem Standpunkt: Die letzten
Jahrhunderte, insbesondere das 19. Jahrhundert, haben uns eine
grofie Summe wissenschaftlicher Erkenntnisse gebracht. Diese wis-
senschaftlichen Erkenntnisse sind dem religiosen Leben gefahrlich. —
So weit ist sich die Ritschlsche Schule klar: Lassen wir die wissen-
schaftlichen Erkenntnisse, sei es zur Kritik, sei es zur Dogmenbil-
dung, in das religiose Leben herein, dann wird uns das religiose
Leben dadurch zersetzt. Wir miissen also fiir das religiose Leben
einen anderen Ausgangspunkt suchen, den Ausgangspunkt des
Glaubens. -
Ja nun, damit hatten wir gewissermafien die Seele doch entzweige-
spalten. Wir hatten auf der einen Seite die theoretischen Erkenntnis-
krafte der Seele, die sich mit der Wissenschaft abgeben, und wir
hatten die Statuierung eines Seelengebietes, das etwas ganz anderes an
Fahigkeiten aus sich heraus entwickelt, als das Erkenntnisgebiet ist:
das Glaubensgebiet. Und nun wird gekampft, gekampft keineswegs
urn eine Harmonie zwischen Wissenschaft und Religion, sondern
gekampft wird um den Ausschlufi der Wissenschaft von der Religion,
gekampft wird um ein Gebiet, in dem sich die Seele bewegen kann,
ohne irgendwie das wissenschaftliche Denken hereinzulassen. So
wenig wie moglich - wenn moglich gar nichts - von irgendwelchen
wissenschaftlichen Erkenntnissen in das religiose Leben hereinspie-
len zu lassen, das ist das Ideal der Ritschlianer.
Nun aber: Abgesehen davon, dafi man so etwas theoretisch fest-
stellen kann, dafi man sich auch einreden kann, so etwas wie diese
Zweiteilung der Seele konnte bestehen, gilt es trotzdem, dafi fur das
eigentliche Leben der Seele aus dem Unterbewuftten herauf soviel
aufruhrerische Krafte gegen diese Zweiteilung der Seele kommen,
dafi eben dadurch gerade das religiose Leben untergraben wird. Aber
man konnte selbst davon absehen. Man braucht nur auf das Positive
des Ritschlianismus selber zu gehen, dann wird man sehen, wie diese
Anschauung eigentlich fur das religiose Empfinden selber zuletzt
alien Inhalt verlieren mul
Nehmen wir die wichtigsten Krafte, die ja doch im religiosen
Leben spielen. Es ist zuerst das Gebiet des Glaubens - ob das nun ins
Wissen hineinmiindet oder nicht, dariiber wollen wir uns spater
unterhalten -, es ist zweitens das Gebiet der eigentlichen religiosen
Erfahrung - auch dieses Gebiet der religiosen Erfahrung wollen wir
spaterhin etwas genauer betrachten — , und es ist drittens das Gebiet
der religiosen Autoritat. Nun, am Autoritatsbegriff hat ja das evange-
lische Leben, man mochte sagen, seit Luther aufierordentlich viel zur
Berichtigung, zur Ergriindung und so weiter getan. Und im Kampfe
gegen die katholische Kirche hat das evangelische Leben in bezug auf
den Autoritatsbegriff, man mochte sagen, eine reinliche Empfindung
herausgelost. Man ist sich klar dariiber innerhalb des evangelischen
Lebens, daft von einer aufteren Autoritat in der Religion nicht
gesprochen werden sollte, daft als Autoritat fur die einzelnen Seelen
nur der Christus Jesus selber zu gelten habe. Aber sobald man gerade
vom Gesichtspunkt der Ritschlschen Schule aus zu dem Inhalte des
religiosen Lebens, also zu dem zweiten Punkte kommt, dann ergibt
sich ja sogleich eine ungeheure Schwierigkeit, die ja, wie Sie wissen,
all den neueren Ritschlianern sehr, sehr bedeutsam entgegengetreten
ist. Ritschl selbst will ja nicht ein nebuloses, dunkles, mystisches
Glaubenserlebnis haben, sondern Ritschl will den Inhalt der Evange-
lien zum Seeleninhalte des religiosen Lebens machen. Es soil von dem
religiosen Menschen erlebt werden konnen der Inhalt des Evange-
liums, das heifit mit anderen Worten, man soli auch fur die Predigt
den Inhalt des Evangeliums beniitzen konnen. — Nun aber fanden
sich da gleich die neueren Ritschlianer in einer schwierigen Lage.
Nehmen wir zum Beispiel die Paulusbriefe: In den Paulusbriefen
steckt selbstverstandlich eine ganze Summe von religioser Erfahrung
des Paulus selber, von einer solchen religiosen Erfahrung, die von
einem gewissen Gesichtspunkt aus ganz subjektiv ist, die nicht ohne
weiteres eine allgemeinmenschliche religiose Erfahrung ist, zu der
man sich nur so verhalten kann, dafi man sich sagt: Paulus hatte diese
Erfahrung, er hat sie hineingelegt in seine Briefe, und man kann
eigentlich nur den Bezug dazu haben, dafi man sich sagt: Ich blicke
hin zu Paulus, ich versuche mich hineinzufinden in dasjenige, was
sein religioses Erleben ist, und ich gewinne dazu ein Verhaltnis. -
Aber das mochten die neueren Ritschlianer ja gerade ausschliefien.
Sie sagen: Dasjenige, was in dieser Weise subjektives religioses Erle-
ben ist, das kann nicht eigentlich Inhalt des allgemeinen evangeli-
schen Glaubens sein, denn es fuhrt dazu, eben eine aufiere Autoritat,
wenn auch eine geschichtliche Autoritat, einfach anzuerkennen, aber
man soil ja appellieren an dasjenige, was in jeder einzelnen Men-
schenseele erlebt werden kann. Dadurch wiirden vom Inhalte des
Evangeliums die Paulusbriefe also schon wegfallen. Man wiirde zum
Beispiel die Paulusbriefe nicht ohne weiteres aufnehmen konnen in
den Inhalt der allgemeinen Predigt.
Nun werden Sie, wenn Sie die Sache unbefangen ansehen, auch
kaum daran zweifeln, dafi dasjenige, was nun die Ritschlsche Schule
heute, ich mochte sagen, als den Rest hinstellt, der da bleiben soil als
objektive Erlebnisse, fur eine unbefangene Betrachtung auch nur als
ein subjektives Erlebnis gelten kann. Man sagt zum Beispiel, die
Darstellung des Lebens des Christus Jesus konne so, wie sie in den
Evangelien erzahlt wird, im Grunde genommen von jedem nacher-
lebt werden, nicht aber zum Beispiel die Lehre von der stellvertreten-
den Sundensiihnung. Man miisse also aufnehmen in die allgemeine
Predigt dasjenige, was sich auf die Erlebnisse des Christus Jesus
bezieht, nicht aber so etwas wie die Lehre von der stellvertretenden
Sundensiihnung und anderem, was damit zusammenhangt. Aber bei
unbefangener Betrachtung werden Sie auch kaum in der Lage sein
zuzugeben, dafi es einen solchen Kern von allgemeinem Erleben
gegeniiber dem Christus Jesus gibt, an den man appellieren konnte
bei der ganz allgemeinen Predigt. Die Ritschlianer werden eben zum
Schlufi, wenn sie nur unbefangen genug sind, sich doch genotigt
sehen, Snick fur Stuck fallen zu lassen, um zuletzt vom Inhalte des
Evangeliums im Grunde genommen kaum mehr viel ubrig zu
behalten.
Wenn aber der Inhalt des Evangeliums iiberhaupt wegfallt als
Inhalt der Predigt, als Inhalt der religiosen Unterweisung iiberhaupt,
dann bleibt uns ja gar nichts zuriick von einem konkreten, von einem
auszugestaltenden Inhalte; dann bleibt uns lediglich dasjenige
zuriick, was man bezeichnen konnte als das allgemeine - und als
solches wird es immer nebulos -, als das allgemeine nebulos-mysti-
sche Gotteserlebnis. Und das tritt uns ja auch immer mehr und mehr
entgegen bei einzelnen Leuten der neueren Zeit, die damit aber
trotzdem glauben, gut christlich sein zu konnen. Das tritt uns immer
mehr entgegen, dafi jeder Inhalt, der zur Gestaltung fiihrt - obwohl
er aus den Tiefen des ganzen Menschen herausgeholt ist, mufi er doch
zu einer gewissen Formulierung fxihren — , dafi jeder solche Inhalt
abgelehnt wird und eigentlich nur auf eine bestimmte Gefuhlsrich-
tung gesehen wird, auf eine Gefuhlsrichtung nach einem Allgemein-
Gottlichen hin, so dafi schon in der Tat vielfach eerade das ehrliche
religios-christliche Bestreben heute auf dem Wege ist zu einem sol-
chen verschwommenen Gefiihlsinhalt.
Nun, sehen Sie, damit ist aber gerade das Evangelische an einem
aufierordentiich bedeutsamen Wendepunkt angekommen und sogar
an demjenigen Wendepunkte angekommen, wo die allerstarkste
Gefahr droht, dafi das evangelische gegeniiber dem katholischen
Prinzip in eine aufierordentlich schlimme Lage kommen konnte.
Denn, sehen Sie, das katholische Prinzip hat nie aufierordentlich viel
gegeben auf den Evangelien-Inhalt, das katholische Prinzip hat
immer, auch in der Predigt, gearbeitet mit der Symbolik. Und bei
denjenigen katholischen Predigern, die ihrer Aufgabe wirklich
gewachsen sind, werden Sie es bis zum heutigen Tage - ja, man
mochte sagen, heute, wo der Katholizismus wirklich nach einer Re-
generierung strebt, erst recht - bemerken, wie stark wiederum die
Symbolik auflebt, wie gewissermafien dogmatische Inhalte, gewisse
Inhalte iiber Tatsachen und Wesenheiten des iibersinnlichen Lebens,
in Symbole gekleidet werden. Und es ist ein voiles Bewufitsein vor-
handen schon bei den verhaltnismafiig noch niederen Klerikern, dafi
das Symbolum ausgesprochen sich aufierordentlich tief in die Seele
hineinlebt, viel tiefer als der dogmatische Inhalt, als der Lehrinhalt,
und dafi man zur Verbreitung des religiosen Lebens eben viel mehr
beitragen kann, wenn man die Heilswahrheiten in symbolischer
Form ausspricht, den Symbolen einen durch und durch bildlichen
Charakter gibt und nicht sich einlafit auf den eigentlichen Lehrgehalt.
Sie wissen ja, dafi der Inhalt des Evangeliums selbst nur den Gegen-
stand einer Vorlesung bildet innerhalb des Mefiopfers in der katholi-
schen Kirche, daf$ gerade die Predigt innerhalb der katholischen
Kirche vermeidet, den Evangelieninhalt als einen Lehrgegenstand an
die Glaubigen heranzubringen.
Wer ermessen kann, welche Kraft in einer Neubildung des symbo-
lischen Predigtgehaltes liegt, der wird schon verstehen, dafi wir in der
Tat heute an diesem wichtigen Wendepunkt stehen, dafi die Haupter-
gebnisse des evangelischen Lebens der letzten Jahrhunderte sehr, sehr
stark gegeniiber den sich ausbreitenden Kraften des Katholizismus in
eine Zwangslage, in eine aufierordentlich schwierige Lage kommen
konnten.
Nun, wenn man daneben eben sieht, wie das evangelische Leben
seibst den Zusammenhang mit dem Evangelieninhalt verliert, und auf
der anderen Seite wiederum sieht, wie dann als Inhalt eine nebulose
Mystik bleibt, dann kann man ja auch sagen: Die Glaubenskraft
selber steht eigentlich auf sehr schwankendem Boden. Und auch
dariiber muE man sich klar sein, dafi die Glaubenskraft heute auf
einem sehr schwankenden Boden steht. Aufierdem kommt man
wirklich nicht dariiber hinweg, sich sagen zu miissen: Wenn man
auch noch so sehr Barrieren aufrichtet um das Glaubensgebiet
herum, die man in irgendeiner Weise zimmert, noch so sehr Barrieren
aufrichtet gegen das Eindringen von wissenschaftlichen Erkenntnis-
sen, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse werden schliefilich doch
die Barrieren niederreifien, aber von ihnen kann dann nur irreligioses
Leben, nicht religioses Leben ausgehen. Was die neuere Denkweise
in der Wissenschaft leisten kann, soweit sie heute offiziell vertreten
wird, das ist doch so - Sie mogen es zunachst vielleicht nicht so
annehmen, aber wenn Sie die Sache historisch studieren, so werden
Sie es erkennen miissen — , dafi es zuletzt doch solche Auseinander-
setzungen gabe, wie in David Friedrich Straufi' «Alter und neuer
Glaube». Gewifi ist das Buch banal und oberflachlich; aber nur
solches Banale und Oberflachliche kommt heraus, wenn man wirk-
lich das heute geltende wissenschaftliche Leben nimmt und daraus
irgendwelchen Glaubensinhalt formen will.
Nun habe ich schon vorhin angedeutet, dafi wir solche Begriffe wie
Christus, Gnadenwirkung, Erlosung und so weiter auf dem Gebiete
des religiosen Lebens doch unbedingt brauchen. Aber wie sollte die
einzigartige Wirkung des Mysteriums von Golgatha moglich sein in
einer Welt, die sich so entwickelt hat, wie sie von der heutigen
Naturwissenschaft angesehen werden mufi in ihrer Entwickelung?
Wie kann man in eine solche Welt einen einzigartigen Christus
hineinstellen?
Man kann hinstellen einen hervorragenden Menschen; aber Sie
werden dann immer sehen, wenn versucht wird, das Leben dieses
hervorragenden Menschen zu schildern, dafi man dann nicht mehr
ehrlich sein kann, wenn man der Frage nicht ausweichen will: Wie
unterscheidet sich das Leben dieses vorziiglichsten Menschen von
dem eines Plato, eines Sokrates oder irgendeines anderen vorziigli-
chen Menschen? Man kommt dann mit dieser Frage nicht mehr
zurecht. Ist man auEerstande, irgendwelche anderen Geschehensim-
pulse in der Erdenmenschheitsentwickelung zu sehen als diejenigen,
die die Wissenschaft heute, wenn sie ehrlich ist, annehmen kann,
dann ist man auch nicht irnstande, das Mysterium von Golgatha
irgendwie in die Geschichte hineinzustellen. Wir haben ja erlebt das
bedeutsame Ignorabimus Rankes in Bezug auf die Christus-Frage,
und mir scheint, dafi hier das Ignorabimus Rankes eine viel bedeutsa-
mere Rolle fiir uns spielen sollte als alle Versuche, die von Ritschl-
ianern oder anderen ausgehen, um ein besonderes Gebiet als ein
religioses Gebiet zu erobern, auf dem dann der Christus gelten kann
deshalb, weil man Barrieren gegen das wissenschaftliche Leben auf-
richtet.
Sehen Sie, ich mochte in diesen einleitenden Worten geradezu auf
die Kardinalfrage losgehen; ich mochte Sie veranlassen, dariiber
nachzudenken: Wie kann man denn in einer Welt, die sich nach
denjenigen Gesetzen vollzieht, die der Naturwissenschaftler heute
annehmen mufi, wie kann man in einer solchen Welt davon sprechen,
dafi sich irgendwie ethische Impulse realisieren? Wo sollten denn
ethische Impulse eingreifen, wenn wir eine universelle Naturkausali-
tat haben? - Man kann hochstens noch annehmen, dafi in einer Welt
mechanischer Naturkausalitat ein Ethisches beim Ausgangspunkte
einmal eingegriffen habe und gewissermafien die mechanische
Grundrichtung gegeben hat, die sich jetzt automatisch fortsetzt, aber
ein Durchsetztsein dieses Naturmechanismus mit irgendwelchen
ethischen Impulsen konnen wir nicht denken, wenn wir ehrlich sind.
Und so konnen wir auch nicht daran denken, wenn wir den
universellen Naturmechanismus und die universelle Naturkausalitat
annehmen, dafi unsere eigenen ethischen Impulse irgendetwas aus-
losen in der Welt der Naturkausalitat. Man ist eben heute nur nicht
ehrlich genug, sonst wiirde man sich sagen: Nimmt man die allge-
meine Naturkausalitat an, dann sind unsere ethischen Impulse eben
schone menschliche Impulse, aber die schonen menschlichen Impulse
bleiben doch nur Illusionen. - Wir konnen sagen, in uns leben
ethische Ideale, wir konnen sogar sagen, auf diese ethischen Ideale
strahle der Glanz einer von uns verehrten und angebeteten Gottlich-
keit, aber eine positive Realitat diesem Gottlichen zuzuschreiben und
gar irgendeinen Bezug zu konstatieren zwischen unserem Gebet und
dem Gottlichen und seinen Willensimpulsen, das bleibt eine Illusion.
Gewifi sind der Fleifi und der gute Wille anzuerkennen, welche
von den verschiedensten Seiten aufgewendet worden sind, um auf der
einen Seite, auf der Seite der Naturkausalitat bestehen zu konnen,
und auf der anderen Seite dem religiosen Leben ein besonderes
Gebiet zu erobern. Das ist anzuerkennen. Aber es ist darin trotzdem
eine innere Unehrlichkeit, es ist nicht moglich bei innerlicher Ehr-
lichkeit, diesen Zwiespalt gelten zu lassen.
Nun wird uns wahrscheinlich im weiteren Fortgange unserer Ver-
handlungen nicht allzusehr beschaftigen miissen gerade das Ergebnis
geisteswissenschaftlicher Untersuchungen; wir werden fiir die reli-
giosen Fragen schon Inhalt bekommen gewissermafien aus dem ganz
rein Menschlichen heraus. Aber ich mochte Sie, um eben auf den
Kardinalpunkt hinzuweisen, aufmerksam darauf machen, dafi Gei-
steswissenschaft, die ja mit positiven, wirklichen Ergebnissen da-
steht, die ebenso Ergebnisse sind wie die naturwissenschaftlichen
Ergebnisse, dafi die Geisteswissenschaft nicht in der Lage ist, sich auf
den Boden einer allgemeinen Naturkausalitat zu stellen. Verstehen
wir uns gerade in diesem Punkte recht, meine lieben Freunde.
Sehen Sie, das auflerste, was uns die Naturbetrachtung gebracht
hat, ist das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung
der Kraft im Universum. Sie wissen, dafi in die neuere Seelenkunde,
in die Psychologie, dieses Gesetz von der Erhaltung der Kraft verhee-
rend eingegriffen hat. Man kommt mit dem Seelenleben und seiner
Freiheit nicht zurecht, wenn man dieses Gesetz von der Erhaltung
des Stoffes und der Erhaltung der Kraft ernst nimmt. Und die
Grundlagen, die uns die heutige Wissenschaft gibt, um den Menschen
zu begreifen, sind eben doch solche, dafi wir gar nicht anders konnen,
als in den gesamten Menschen herein scheinbar auch wirksam zu
denken dieses Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhal-
tung der Kraft.
Nun wissen Sie, dafi Geisteswissenschaft — nicht als ein Vorurteils-
dogma, sondern als ein Ergebnis [der Geistesforschung] — die
Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben hat. Im Sinne dieser
Erkenntnis leben wir zum Beispiel jetzt in diesem Leben zwischen
der Geburt und dem Tode so, dafi wir auf der einen Seite in uns
haben die Impulse der physischen Vererbung - auf diese Impulse der
physischen Vererbung wollen wir noch genauer zuriickkommen — ,
dafi wir aufierdem in uns haben die Impulse, welche den fruheren
Lebenslaufen angehoren und dem Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt. Die Welt, in der wir leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt, schliefit nun Fakten ein, die nicht unter
dem Gesetze von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der
Kraft stehen. Wenn wir also gewissermafien die geistige Verbindung
suchen zwischen unserem jetzigen Leben und unserem nachsten
Erdenleben und auch weiter in die Leben hinein, die dann nicht mehr
physisch verlaufen, sondern die, nach dem Untergange des Erden-
seins, geistig verlaufen, wenn wir diese Verbindungslinie ziehen, so
treffen wir auf Weltinhalte, die nicht unter unseren Naturgesetzen
stehen, folglich auch nicht unter dem Gesetz von der Erhaltung des
Stoffes und der Erhaltung der Kraft gedacht werden diirfen. Wie also
ist der Zusammenhang zwischen demjenigen, was aus einem fruheren
Erdenleben in ein spateres spielt, und demjenigen, was der Mensch
dann in seinen Taten auslebt unter dem Einflufi friiherer Erdenleben?
Dieser Zusammenhang ist ein solcher, dafi er von Naturgesetzen,
auch wenn sie sich bis ins innerste Gefiige der menschlichen Leiblich-
keit hinein erstrecken, nicht erfafit werden kann.
Jedes Wirken desjenigen, was schon in den fruheren Erdenleben in
mir veranlagt ist, in das jetzige Erdenleben hinein, jede solche Wir-
kung ist eine solche, dafi ihre Gesetzmafiigkeit nichts zu tun hat mit
den universalen Naturgesetzen. Das heifit, haben wir im jetzigen
Erdenleben ethische Impulse, so konnen wir ruhig sagen: Zuletzt
konnen sich diese ethischen Impulse in ihrem Vollgehalte nicht ausle-
ben im Physischen, sie haben aber eine Moglichkeit, sich auszuleben
von dem jetzigen Erdenleben in die folgenden himiber, denn wir
gehen [dazwischen] durch eine Sphare, die der Naturgesetzlichkeit
enthoben ist, hindurch.
Wir kommen dabei zu einem, allerdings umgestalteten, aber
durchaus auch erkenntnismafiig festzuhaltenden Wunderbegriff. Der
Wunderbegriff bekommt wiederum einen Sinn. Der Wunderbegriff
kann ja nur den Sinn haben, dafi sich in etwas nicht blofi Natur-
gesetze aus wirken, sondern ethische Impulse. Aber wenn wir ganz
eingesponnen sind in den Naturzusammenhang, so fliefien unsere
ethischen Impulse nicht in die Naturordnung hinein. Werden wir
aber herausgehoben [aus diesem Naturzusammenhang], setzen wir
gewissermafien zwischen Ursache und Wirkung die Zeit, dann
bekommt der Wunderbegriff wiederum einen ganz erkenntnisge-
mafien Inhalt; ja, er bekommt in einem noch tieferen Sinne einen
Inhalt.
Sehen wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, sagen
wir, auf den Erdenursprung, so sehen wir in diesem Erdenursprung
nicht diejenigen Krafte wirken, die heute im universellen Naturzu-
sammenhang wirken, sondern wir sehen beim Heriibergehen der der
Erde vorangehenden Metamorphose dieser Erde in die jetzige Erden-
metamorphose die Naturgesetze ausgeschaltet. Und wenn wir ans
Erdenende gehen, wenn gewissermafien die Clausiussche Formel
erfiillt ist und die Entropie so weit gestiegen ist, dafi sie an ihrem
Maximum angekommen ist, wenn also der Warmetod fur die Erde
eingetreten ist, dann tritt dasselbe ein: Wir sehen, wie sowohl am
Erdenanfang wie am Erdenende die Naturkausalitat ausgeschaltet
und eine andere Wirkungsweise da ist. Wir sehen also gerade in
solchen Ausschaltungszeiten, wie sie fur uns Menschen liegen zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, wie sie fur die Erde selber
vor und nach ihrer jetzigen Metamorphose liegen, die Moglichkeit
des Eingreifens desjenigen, was heute einfach zuriickgestofien wird
von der Naturkausalitat, die Moglichkeit des Eingreifens von ethi-
schen Impulsen.
Sehen Sie, die Menschheit hat, ich mochte sagen, den einen Schritt
von zwei notwendigen Schritten bereits getan. Der eine Schritt ist
der, dafi von alien verniinftigen Menschen, auch von den religiosen
Menschen, aufgegeben worden ist der alte aberglaubische Magiebe-
griff, jener Magiebegriff, der eine Moglichkeit voraussetzt, dafi man
durch diese oder jene Machinationen eingreifen konne in das Natur-
wirken. An die Stelle eines solchen Magiebegriffes ist heute die
Anschauung getreten, dafi man eben dem Naturwirken seinen Lauf
lassen miisse, dafi man nicht mit geistigen Kraften die Naturkausalitat
meistern konne. Die Naturkausalitat geht ihren Gang, wir haben auf
sie keinen Einflufi, so sagt man, daher ist die Magie im alten aberglau-
bischen Sinne von unseren Erkenntnisgebieten auszuschalten.
Aber, so richtig dies auch ist fur gewisse Zeitraume, so unrichtig
ist es, wenn wir auf grofiere Zeitraume hinschauen. Wenn wir hin-
schauen auf den Zeitraum, der fur uns Menschen liegt zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, da gehen wir eben einfach durch durch
ein Gebiet, welches vor der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis in
der folgenden Weise sich ausnimmt: Denken Sie einmal, wir sterben
am Ende unseres gegenwartigen Lebens; da treten wir zunachst
hinaus aus der Welt, in der wir wahrgenommen haben durch unsere
Sinne und unseren Intellekt die universelle Naturkausalitat. Diese
universelle Naturkausalitat herrscht weiter auf der Erde, die wir dann
durch den Tod verlassen haben, und wir konnen zunachst nach dem
Tode, wenn wir von dem jenseitigen Leben herunterschauen auf das
diesseitige, nichts anderes konstatieren, als dafi aus den Ursachen, die
tatig waren wahrend unseres Lebens, Wirkungen herauswachsen; aus
diesen Wirkungen, die dann wieder Ursachen werden, werden wie-
derum Wirkungen. Wir sehen nach unserem Tode fortlaufen, fort-
wahren diese Naturkausalitat.
Wenn wir ein einigermafien seelisch normales Leben gefiihrt
haben, so setzt sich ja dieses Leben nach dem Tode solange fort, bis
die samtlichen Impulse, die wahrend unseres irdischen Lebens tatig
waren, im Erdenwirken selber ihr Ende erfahren haben und ein neuer
geistiger Einschlag stattfindet, bis also die letzten Kausalitaten aufho-
ren und ein neuer Einschlag da ist. Dann erst verkorpern wir uns
wieder, wenn das Geistige einen neuen Einschlag gibt, so dafi der
Strom der friiheren Kausalitaten aufhort. Wir steigen herunter zu
einem neuen Leben, nicht indem wir die Wirkungen der alten Ur-
sachen unseres friiheren Lebens wiederfinden - die finden wir dann
nicht — , sondern wir finden eine neue Phase des Rhythmus, einen
neuen Einschlag. Hier haben wir gewissermafien uber einen Knoten-
punkt der rhythmischen Entwickelung hinuber geistig gelebt. Wir
konnen im nachsten Leben nicht sagen, da wirken sich die Ursachen
aus, die schon im friiheren Leben vorhanden waren, sondern die sind
fur unser menschliches Leben an einen Knotenpunkt angekommen,
wo sie sich alle erschopft haben, - noch nicht die Wirkungen des
tierischen, pflanzlichen, mineralischen Reiches, die erst am Ende der
Erdenzeit [erschopft sein werden]. Aber alles dasjenige, was uns
Menschen angeht an ethischem Leben, fur das ist eine Null eingetre-
ten und ein neuer Ansatz notwendig. Und die Impulse fur diesen
neuen Ansatz nehmen wir aus dem geistigen Leben heraus mit, das
wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so dafi
wir uns verbinden konnen mit jenen Impulsen, die aus dem Ethisch-
Gottlichen heraus die Erde formen. Mit denen konnen wir uns
verbinden, wenn wir selber in der Welt smd, aus der dann der neue
Impuls stromt. So dafi wir sagen miissen: Sehen wir jetzt auf unser
Leben hin zwischen Geburt und Tod, so ist gewifi das Aberglau-
bisch-Magische nicht drinnen, aber zum nachsten Leben hiniiber
vollzieht sich der Zusammenhang so, dafi man da wirklich von Magie
reden kann, unmoglich aber von einem unmittelbaren Einflusse des
Geistigen in das Physische. Das ist das Wichtige, dafi man durch
Geisteswissenschaft kennenlernt, dafi nicht von Anfang bis zu Ende
einfach ein zusammenhangender Strom von Kausalitaten geht, son-
dern es gehen durch gewisse Zeitraume, die gar nicht einmal im
Verhaltnis zu der gesamten Entwickelung der Erde so furchtbar lang
sind, Kausalitatsrhythmen; die kommen am Nullpunkte an, dann
kommt ein neuer Kausalitatsrhythmus. Wir finden nicht, wenn wir in
einen nachsten Kausalitatsrhythmus hineinkommen, die Wirkungen
des friiheren Kausalitatsrhythmus, wir miissen sie im Gegenteil erst
heriibertragen in unsere eigene Seele in den Nachwirkungen, die wir
durch das Karma hinuberzutragen haben.
Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur andeuten, dafi es tatsachlich die
Geisteswissenschaft gar nicht notig hat, etwas anzunehmen von den-
jenigen, die heute die Religion regenerieren wollen - das wiirde fur
viele die Annahme eines neuen Dogmatismus bedeuten — ; ich wollte
nur andeuten, dafi es der Geisteswissenschaft moglich ist, der Wis-
senschaft von der au^eren Welt, unbeschadet der scheinbar notwen-
digen Geltung der Naturgesetze, eine solche Konfiguration zu geben,
dafi der Mensch wiederum hineinpafit, und zwar so hineinpafit, dafi
er wirklich seine ethischen Impulse wiederum Weltimpulse nennen
kann, dafi er nicht zuriickgestofien wird mit seinen ethischen Impul-
sen auf einen blofi machtlosen Glauben. Das wenigstens mufi man als
eine Moglichkeit in sein Bewufitsein aufnehmen, denn ohne diese
Moglichkeit im eigenen Bewufitsein zu tragen, wird man nicht ver-
standen von denjenigen, zu denen man predigen soil.
Ich mochte da auch fur Sie etwas hinstellen, was ich oftmals fur die
Lehrer der Waldorfschule hinstellte, was einen wichtigen padagogi-
schen Grundsatz bildet. Sehen Sie, wenn man Kinder lehren will, dafi
irgend etwas gilt, so darf man nicht glauben, dafi dieses Geltende
aufgenommen wird von dem Kinde, wenn man selbst nicht daran
glaubt, wenn man selbst nicht davon iiberzeugt ist. Ich nehme
gewohnlich das Beispiel, dafi man kleinere Kinder von der Unsterb-
lichkeit der Seele gut so unterrichten kann, dafi man zu einem Sym-
bolum greift. Man redet dem Kinde von dem aus der Puppe auskrie-
chenden Schmetterling und fuhrt den Vergleich, dafi man sagt: So wie
der Schmetterling in der Puppe lebt, lebt unsere Seele in uns, nur
sieht man sie nicht, sie fliegt fort, wenn der Tod eintritt. — Nun ist ein
Zweifaches moglich, wenn man einen solchen Unterricht geben will.
Einmal, wenn man sich einbildet: Ich bin ein furchtbar gescheiter
Kerl, der ja nicht glaubt, dafi damit irgend etwas iiber die Unsterb-
lichkeit gesagt ist, wenn ich diesen Vergleich gebrauche, aber ich
brauche ihn fur das Kind, das dumm ist, dem bringt man das bei. -
Man wird, wenn man unbefangen ist, bald erkennen, dafi diese Erha-
benheit iiber die kindliche Auffassung nicht zu einem fruchtbaren
Unterricht fuhren kann. Was man nicht selber in sich als Uberzeu-
gung hat, iiberzeugt am Schlusse auch das Kind nicht. So wirken die
Imponderabilien. Erst wenn ich selber glauben kann, dafi mein Syrn-
bolum in jedem einzelnen Wort einer Realitat entspricht, dann ist
mein Unterricht fur das Kind fruchtbar. Und dazu gibt ja natiirlich
Geisteswissenschaft den geniigenden Anlafi, denn vor der Geistes-
wissenschaft ist der Schmetterling, der aus der Puppe kriecht, nicht
blofi ein erdachtes Symbolum, sondern es ist tatsachlich so, dafi auf
einer niederen Stufe dasselbe erscheint, was auf einer hoheren Stufe
als Unsterblichkeit erscheint. Es ist von den Weltenmachten selbst so
angeordnet, dafi dasjenige, was Ubergang der Seele in das Unsterb-
liche ist, im Bilde erscheint in dem auskriechenden Schmetterling.
Also, sieht man auf das Bild als auf eine Realitat hin, dann ist der
Unterricht fruchtbar, nicht aber, wenn man sich einbildet, man sei
ein gescheiter Kerl, der das Bild formt, sondern wenn man weifi, die
Welt selbst gibt einem das Bild. So wirken die imponderablen Krafte
zwischen der Seele des Lehrers und der Seele des Kindes; und so ist es
auch in der religiosen Unterweisung, in der Predigt. Man mufi in
seiner Seele selbst die vollinhaltlichen Grundlagen haben fur dasje-
nige, wovon man voraussetzt, dafi es verstanden wird von denjeni-
gen, zu denen man spricht. Ja, man darf nicht einmal solche Begriffe
haben, die dieser Sache widersprechen. Ich mochte mich folgender-
mafien ausdriicken, ich mochte sagen: Nehmen Sie an, Sie seien ein
Mensch im Sinne der heutigen Ritschlianer oder so etwas, der durch-
aus glaubig ist in bezug auf Seelenunsterblichkeit, Gottesdasein und
so weiter, aber Sie sind zu gleicher Zeit schwach genug, die Kant-La-
placesche Theorie anzunehmen, und zwar so, wie sie aus der heutigen
Naturwissenschaft heraus gelehrt wird. Schon dafi in Ihrem Gemiit
diese Kant-Laplacesche Theorie sitzt und ein objektiver Widerspruch
ist gegeniiber dem, was Sie als den Inhalt Ihres christlichen Bekennt-
nisses zu vertreten haben, schon das beeintrachtigt Ihre iiberzeu-
gende Kraft, die Sie als Prediger haben miissen. Selbst wenn Sie gar
nicht wissen, dafi ein Widerspruch da ist, der Widerspruch wirkt; das
heifit derjenige, der predigen will, mufi in sich selber alle die Ele-
mente tragen, die seine Weltanschauung zu einer widerspruchslosen
machen. Gewifi wird uns Theologie bei der Predigt nicht viel dienen;
aber wir miissen sie selber in uns haben als eine widerspruchslose,
nicht als eine solche, die neben der aufieren Wissenschaft existiert,
sondern die die aufiere Wissenschaft in sich umspannen, das heifk
verstandmsvoll zu dieser sicli verhalten kann.
Wir konnen die Sache von einer anderen Seite noch ansehen. Sehen
Sie, in der Philosophic, in der Wissenschaft redet man heute von alien
rnoglichen Verhaltnissen des Menschen zu der ihn umgebenden
Welt; aber die Dinge, von denen man da redet, die trifft man eigent-
lich kaum bei den Menschen, die ja als einfache, primitive Menschen,
auch der Stadtbevolkerung, ungelehrt uns heute zuhoren. Die Bezie-
hungen, die zum Beispiel unsere Psychologen zwischen dem Men-
schen, der die Natur beobachtet, und dem Menschen selber hinstel-
len, sind gar nicht real, sie sind eigentlich nur kunstlich ausgedacht.
Dasjenige aber, was in dem einfachsten Bauern lebt, in dem primitiv-
sten Menschen unserer Welt lebt, ist das, dafi er tief in seinem
Inneren sucht - ich sage sucht -, tief in seinem Inneren etwas sucht,
was da draufien in der Natur nicht ist. Er sucht nach einem anderen
Weltinhalt [als dem] aus der Natur heraus, und von diesem Weltin-
halt mufi man ihm sprechen, wenn iiberhaupt diejenige Empfindung,
die er als religiose Empfindung hat, heraufkommen soil. Der pri-
mitive Mensch sagt einfach, wie es lebt in seinem Unterbewufitsein:
Ich bin nicht aus diesem Stoff, aus dem die Welt ist, die ich mit
meinen Sinnen iiberschaue; sage mir etwas von dem, was ich nicht
mit meinen Sinnen iiberschaue! - Das ist der direkte Appell, der an
uns gestellt wird, wenn der Mensch uns zu seinen religiosen Fuhrern
machen soil: man soil ihm von dem positiven Inhalt der iibersinnli-
chen Welt etwas sagen.
Alle unsere Erkenntnistheorie, die sagt, dafi die Sinneswahrneh-
mungen und die Sinnesempfindungen subjektiv oder mehr oder
weniger objektiv seien und so weiter, das kummert im Grunde
genommen eine grofie Mehrzahl der Menschen wenig. Dafi aber
etwas in der Welt leben mufi, das seinem Leben nach nicht der
Sinneswelt angehort, dariiber will der Mensch von uns etwas erfah-
ren. Und da handelt es sich wirklich schon darum: Wie kommen wir
diesem Bediirfnis des Menschen entgegen? Wir kommen ihm nicht
anders entgegen, als wenn wir den rechten Weg finden vom Lehrgut
zum Kultus; und iiber diese Frage werde ich Ihnen dann morgen
noch Einleitendes sagen. Heute ware es mir schon sehr lieb, wenn Sie
sich noch aussprechen wiirden, damit ich Ihre Bediirfnisse kennen-
lerne.
Vielleicht werden wir mehr zur Formulierung von Fragen kom-
men als schon zu Antworten, aber es ware doch ganz gut, wenn wir
zur Formulierung der hauptsachlichsten Fragen kommen wiirden.
Von meiner Seite aus mochte ich Ihnen wahrend meines Hierseins
vorzugsweise dasjenige geben, was Sie zu einer solchen Handhabung
des Religiosen bringen kann, die, ich mochte sagen, im Beruf des
religiosen Fiihrers liegt, nicht in der Theologie. Also auf Religions-
iibung soli das abzielen, auf Einrichtung der religiosen Institution,
nicht so sehr auf theologische Fragen. Wenn Ihnen aber solche Fra-
gen auf der Seele sitzen, so konnen wir uns auch dariiber unterhalten.
Ich wtirde Sie bitten, wenn wir gerade heme iiber dasjenige, was
Ihnen ganz besonders auf der Seele liegt, zunachst wenigstens die
Fragen formulierten.
Ein Teilnehmer schlagt vor, Herr Bock aus Berlin moge die Fragen formulieren.
Emil Bock: Ich habe gestern abend iiber das berichtet, was wir uns in Berlin zur
inneren Vorbereitung versucht haben klarzumachen, und da haben wir verschie-
dene Fragenkomplexe zu unterscheiden versucht. Und im Anschlufi an das, was
wir gehort haben, konnen wir wohl die eine Frage jetzt zunachst formulieren, die
drei von den Gebieten, die wir unterschieden hatten, zusammenfafit, die Fragen
des Kultus und der Predigt und die Frage nach der Berechtigung des Gemein-
schaftselementes in der Gemeinde. Ich habe das gestern abend zu verdeutlichen
gesucht in einem Hinweis auf die kirchengeschichtliche Stromung der Gemein-
schaftsbewegung. Und da haben wir eigentlich gefunden, dafi es sich fur uns
handelt um eine Klarheit iiber das Verhaltnis zwischen anthroposophischer
Aufklarungsarbeit iiber religiose Fragen und der rein religiosen Ubung, also
entweder im Kultus das Verhaltnis zwischen Ritual und Predigt oder mit
Umspannung dessen, was aufierhalb des Kultus geschehen mufi, das Verhaltnis
des Gottesdienstes als Ganzes zur religiosen Vortragsarbeit oder des religiosen
Rituals zum Unterricht bei Kindern, denn was schliefilich durch Symbolik
gewonnen wird, das ist damit ja doch noch nicht dem Menschen zum Bewufit-
sein gekommen. Nun ist es fur uns die Frage: Bis zu welchem Grade mufi es
denn iiberhaupt zum Bewufitsein kommen, und wenn es zum Bewufitsein kom-
men mufi, wie mufi es dann gemacht werden und ausbalanciert werden zwischen
dem symbolischen Wirken auf den Teil des Menschen, der Impulse aufnimmt,
und den Teil des Menschen, der sich dariiber gleichzeitig ein Bewufitsein zu
erarbeiten versucht, was ja auch wiederum in rnehrere Probleme sich teilen wird,
wenn wir die Verschiedenartigkeiten derjenigen ins Auge fassen, vor denen wir
spater stehen werden? Denn viele Menschen werden vielleicht das Bediirfnis
nicht haben, die Impulse in das Bewulksein zu heben, wahrend viele Menschen
zunachst iiberhaupt das Bewufitseinsproblem haben.
Und damit hing uns zusammen die Frage: Wie haben wir denn eigentlich da
das Streben nach einem gemeinschaftlichen religiosen Leben in Einklang zu
bringen mit dem Streben nach einer Verlebendigung des Ich-Impulses? Denn wir
haben bei vielen Menschen, die dem biirgerlichen Leben angehdren, damit zu
rechnen, dafi da zunachst, soweit wir es iiberschauen konnen, in Betracht kame
eine richtige Verselbstandigung des einzelnen Menschen gerade durch die reli-
giose Ubung, ein Anschlufi an die Ich-Krafte, wahrend wir bei vielen anderen
Menschen eine Regulierung eines verirrten Ich-Strebens zu bewirken haben. Das
ware, was wir empfunden haben bei der Frage der Gemeinschaftskrafte, etwa wie
wir sie uns kirchengescbichtlich an der Briidergemeine klarmachen konnten.
Damit habe ich jetzt den einen Fragenkomplex umschrieben, der uns gestern
abend wichtig war. Wir hatten aber noch drei andere Gebiete, die uns auch
mancherlei Fragen brachten, und da war zunachst das rein Organisatorische.
Wenn wir uns darauf einstellen, uns fahig zu machen und die Konsequenzen zu
ziehen fur unser personliches Arbeitsfeld, die dann entstehen, wenn wir uns
klarmachen, es handelt sich schliefilich einmal darum, Gemeinden nach einem
neuen Grundsatz zu griinden, dann steht uns die Frage vor Augen, und das ist in
jedem Falle praktisch narurlich differenziert, je nach der Situation, in der die
einzelnen stehen: Welche Vorarbeit miissen wir tun? Konnen wir durch Vor-
tragsarbeit Vorarbeiten tun? Wie konnen wir uns praktisch verteilen auf die
Punkte, wo etwas gearbeitet werden mufi, und wie konnen wir iiber diese Dinge
etwas Gemeinsames ausmachen? Wobei uns klar war, dalj naturlich wir nicht
erwarten, dafi uns jetzt die Sache leicht gemacht wird und wir einen Platz
bekommen. Wir sind schon bereit, solche Arbeitsfelder zu schaffen, Aber viel-
leicht ist doch etwas dazu zu erfahren, wie uns das in gewissem Sinne erleichtert
werden kann. Dann gehort sehr vieles, was vielleicht rein organisatorisch ist, zu
dem, woriiber wir gerne fragen mochten im Laufe unserer Besprechung.
Dann war das zweite neben dem rein Organisatorischen unser Verhaltnis zur
theologischen Wissenschaft. Das waren vor alien Dingen die beiden Fragen:
Erstens der theologischen Vorbildung derer, die spater in solchen Gemeinden
arbeiten miissen, insoferne solche Vorbildung mit den Universitatsbetrieben in
Beriihrung stehen kann und wir daraus lernen konnen. Dann die Frage des neuen
Bibelverstandnisses, das ja doch ohne weiteres eine theologische Vorbildung
voraussetzt, die auch in einem gewissen Sinne iiber eine Kenntnis der anthropo-
sophischen Weltanschauung hinausgeht, als technische Bildung. Es ist vielleicht
doch manche praktische Frage auf diesem oder jenem Herzen; vielleicht hat der
eine oder andere mehr Neigung zur wissenschaftlichen Betatigung, und es ware
fur uns alle interessant, einmal zu sehen, wie diese theologisch-wissenschaftliche
Betatigung vielleicht doch fur das religiose Leben der Gegenwart fruchtbar
gemacht werden kann.
Und dann als letztes der sechs Gebiete, die wir sehen - das ist wohl dasjenige,
was am wenigsten direkt in Fragen formuliert werden kann — , das ist eben die
Frage der Priesterqualitat, die wir von uns selbst erwarten miissen, wenn wir so
etwas uns zu arbeiten vornehmen. Damit gehort dann aber etwas Praktisches
wieder sehr eng zusammen, woriiber man schon fragen miilke, das ware die
Frage der Auswahl der Personlichkeiten, die dann schliefilich in diese Arbeit
hinein sollen, denn irgendwie miissen wir uns ja auch orientieren, wie wir uns
selbst dazu auswahlen sollen, ganz abgesehen davon, wo schliefilich die Ent-
scheidung dariiber zunachst liegen wird zur Richtung fiir die Selbstbeurteilung.
Ich glaube, damit ungefahr das gesagt zu haben, worum es sich gestern abend
handelte.
Rudolf Steiner: Es sind das ja schon diejenigen Fragen, die an diesem
Wendepunkte, auf den ich hingedeutet habe, gestellt werden miissen,
und es wird ja eigentlich der Inhalt unseres Zusammenseins sein
miissen, gerade uns iiber diese Fragen klar zu werden und auch iiber
einiges, das, ich mochte sagen, die Voraussetzung davon bildet. Ich
mochte nur, nachdem die Fragen formuliert sind, bevor wir sie
besprechen, auf einiges hindeuten: Es ist schon einmal so, dafi wir
heute in einer Zeit leben, in der gerade solche Fragen von einem
hochsten Gesichtspunkte aus, auch von einem hdchsten historischen
Gesichtspunkte aus, beurteilt werden miissen. Es ist durchaus nicht
in der Richtung des Geisteswissenschaftlers, immer die Phrase zu
gebrauchen: «Wir leben in einer Ubergangszeit.» JStatiirlich, jede Zeit
ist eine Ubergangszeit vom Friiheren zum Spateren, aber es handelt
sich doch darum, iiber das hinauszusehen, was man als Ubergangs-
zeit betrachtet, zu dem, was eben iibergeht. Und da zeigt sich in
unserer Zeit doch etwas sehr stark im Ubergang Begriffenes, das ist
das menschliche Bewufksein selber, und wir irren sehr leicht, wenn
wir glauben, dafi das Bewufitsein, wie es sich heute noch in vieler
Beziehung zeigt, gewissermafien ein unveranderliches sei.
Wir sagen uns heute sehr leicht: Ja, da gibt es Menschen, die
werden durch ihre hohere Bildung sich bewufit werden wollen iiber
den Inhalt des Kultus; andere Menschen werden kein Bediirfnis
danach haben, die werden gar nicht danach streben, die Sache ins
bewufite Leben iiberzufiihren. — Sehen Sie, wir leben gerade in einem
Zeitpunkte der weltgeschichtlichen Menschheitsentwickelung, wo
dies das Charakteristische ist, dafi sehr schnell die Zahl derjenigen
Menschen zunimmt, die in einer geeigneten Form aufgeklart sein
wollen iiber dasjenige, was auch bei ihnen Kultus ist. Und darauf
miissen wir Riicksicht nehmen. Wir diirfen uns heute nicht das
dogmatische Vorurteil bilden, den kannst du aufklaren, den nicht.
Denn wenn wir heute voraussetzen, daf?> auf einer gewissen Bildungs-
stufe lebende Menschen nicht aufgeklart sein wollen, dann werden
wir uns hier meist auf die Dauer irren. Die Zahl der Menschen, die
einen gewissen Grad von Bewufitheit erringen wollen iiber das Sym-
bolische und iiber das im Kultus Lebende, die wird tatsachlich mit
jedem Tag grofier, und die Hauptfrage ist eine ganz andere, namlich
diese: Wie kommen wir zu einem Kultus und symbolischen Inhalte,
wenn wir zugleich die Forderung stellen, dafi, sobald man sich
bewufiterweise aufklart iiber diesen symbolischen Inhalt, dieser nicht
abstrakt und gemutsfremd wird, sondern seinen vollen Wert, seine
voile Geltung erhalt? - Das ist das, was uns heute als Frage ganz
besonders interessant ist.
Sie konnen, wenn es nicht gerade auf das Religiose ankommt,
hinweisen auf Goethes Marchen von der griinen Schlange und der
schonen Lilie, das hervorgegangen ist aus einem Menschen, von dem
man sprechen kann, wenn man will, wenn man die Begriffe pressen
will, wie von einem Menschen, der immer getraumt hat iiber solche
Dinge. Man redet ja auch davon, dafi Schiller Goethes Traume ausge-
deutet habe. In gewisser Beziehung war Goethe aber dasjenige viel
bewufiter, was in seinem Marchen lebte, als es Schiller geworden ist.
Aber sein Bewufitsein ist ein solches, das im Bilde selbst leben kann,
es ist nicht jenes abstrakte Bewufitsein, das man heute einzig und
allein als Bewufitsein erlebt. Heute verwechselt man den Verstand
mit dem Bewufitsein iiberhaupt. Von demjenigen, der bildlich vor-
stellt, glaubt man, er ist dem Grade nach nicht so bewufit wie der
andere, der verstandesmafiig vorstellt. Verstandesmafiiges Vorstellen
verwechselt man heute mit Bewufitheit.
Wir werden uns iiber die Frage von Bewufitheit und Unbewufit-
heit und Uberbewulkheit eines Kultus und einer Symbolik zu unter-
halten haben, die allerdings in allertiefstem Sinne unsere Gegenwart
beschaftigen mufi. Denn wir haben auf der einen Seite die katholische
Kirche mit ihrem ja ganz machtigen Kultus und ihrer ungeheuer
machtigen und zielbewufiten Symbolik. Was liegt allein fur eine
ungeheure Kraft in dem Mefiopfer, wenn es so vollzogen wird, wie es
eben in den katholischen Kirchengemeinschaften vollzogen wird, das
heifit, bei dem Bewufksein der Glaubigen vollzogen wird, das da
vorhanden ist. Und auch die Predigt hat beim katholischen Pfarrer
durchaus den Inhalt, der auf die Symbolik bezuglich ist, und nament-
lich ist sie sehr durchsetzt vom Willen. [Auf der anderen Seite] wurde
durch die evangelische Entwickelung der letzten Jahrhunderte die
Entwickelung vom Kultus heriibergeleitet zu dem eigentlichen Lehr-
inhalt, zum Lehrgehalt. Der Lehrgehalt ist nun dasjenige, was die
Tendenz hat, immer mehr nur dann zu wirken, wenn er auf das
Verstandnis des Zuhorenden oder Lesenden abgestimmt ist. Deshalb
stehen die evangelischen Kirchen vor der Gefahr der Atomisierung,
vor der Gefahr, dafi jeder seine eigene Kirche in seinem Herzen
ausbildet, und gerade dadurch keine Gemeinschaftsbildung moglich
ist. Und diese Gefahr ist schon eine solche, der begegnet werden
mufi.
Wir miissen die Moglichkeit einer Gemeinschaftsbildung haben,
und zwar einer solchen, die nicht blofi auf aufiere Einrichtungen,
sondern auf das Seelisch-Innere gebaut ist, das heifit, wir miissen die
Briicke schlagen konnen zwischen einem solchen Kultus, einem sol-
chen Ritual, das vor dem modernen Bewufitsein bestehen kann und
das doch, wie das evangelische Bekenntnis, wiederum in den vertief-
teren Lehrgehalt hiniiberfuhrt.
Der Lehrgehalt individualisiert, analysiert die Gemeinschaft, bis
man zuletzt beim einzelnen Menschen angelangt ist, analysiert sogar
durch seine Tendenzen noch den einzelnen Menschen. Wer Psycho-
loge ist, sieht die zerrissenen Naturen der Gegenwart; sie sind bis in
die Individuen hinein individualisiert. Wir konnen tatsachlich heute
die Menschen sehen, die nicht nur streben, ihr individuelles Bekennt-
nis zu haben, sondern die zwei und noch mehr Bekenntnisse haben,
die sich in ihrer eigenen Seele bekampfen. Die zahlreichen zerrisse-
nen Naturen der Gegenwart sind nur die Fortsetzung der Tendenz,
die die Gemeinschaft individualisiert. analysiert. Der Kultus, das
Symbol, das Ritual ist das Synthetische, das fiihrt wiederum zusam-
men; das kann man uberall wahrnehmen, wo man auf diese Dinge
praktisch eingeht. Daher ist diese Frage zu gleicher Zeit diejenige,
die real der Frage der Gemeinschaftsbewegung zugrunde gelegt
werden mufi.
Die Frage nach der anthroposophischen Aufklarung und der rein
religiosen Ubung mufi wiederum aus unserem heutigen wichtigen
Zeitpunkte heraus gelost werden. Wir erleben da allerdings heute
etwas Tragisches; und da ware es gerade bedeutsam, dafi von Ihrer
Gemeinschaft hier gewissermafien eine Kraft ausgehen konnte, die
zunachst iiber dieses Tragische etwas hinwegfuhren konnte. Wenn
man eine solche Aufklarung hat, wie sie, ich mochte sagen, als
religiose Aufklarung sich ergibt in Konsequenz der gesamten anthro-
posophischen Aufklarung, die ja neben den religiosen auch histori-
sche Aufklarungen, naturwissenschaftliche Aufklarungen und so
weiter hat, wenn man diese religiosen Aufklarungen der Anthropo-
sophie betrachtet, so sind die Vorstellungen, die man bekommt, und
in der Konsequenz dieser Vorstellungen die Empfindungen, die man
bekommt, solche, die gar nicht anders konnen, als zu der Sehnsucht
nach dem aufieren Symbol, nach dem Bilde, sich umzugestalten. Das
wird eben so haufig verkannt, dafi die anthroposophischen Vorstel-
lungen schon andere sind als diejenigen Vorstellungen, die man heute
sonst bekommt. Wenn man heute sonst Vorstellungen bekommt, sei
es aus der Wissenschaft, sei es aus dem sozialen Leben heraus, so
wirken diese in dem Sinne, den man schlechthin aufklarerisch nennt,
und in dem Sinne, alles zu kritisieren, alles zu zersetzen. Wenn man
die anthroposophischen Vorstellungen bekommt, so fuhren sie zu
einer gewissen Hingabe des Menschen, sie verwandeln sich in eine
gewisse Liebe. So wie das rote Blut nicht anders kann, als den
Menschen aufbauen, so konnen die anthroposophischen Vorstellun-
gen nicht anders, als den Menschen gefuhls-, empfindungsgemafi,
sogar willensgemafi anzuregen, so dafi er die tiefste Sehnsucht emp-
fangt nach einem Ausdruck desjenigen, was er zu sagen hat, im
Symbolischen, iiberhaupt im Bildhaften. Es ist kein kiinstlich Heran-
gefuhrtes, wenn Sie zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» so
viel Bildhaftes finden; es kommt eben zuletzt dahin, dafi man sich
bildhaft ausdriickt.
In Dornach - diejenigen, die dort waren, haben es gesehen, spater
wird man es natiirlich in Vollendung sehen - haben wir im Mittel-
punkt des Baues eine Christus-Gruppe: Christus mit Luzifer und
Ahriman, die sich beide durch ihn besiegt finden. Da ist in dem
Christus eine Synthese alles Sinnlichen und Ubersinnlichen dem
Menschen vor das Auge hingestellt. Ja, sehen Sie, solche eine Gestalt
plastisch auszubilden, das kommt nicht davon her, dafi man sich
einmal vorgenommen hat, man will dort eine Figur hinstellen, damit
soli einmal der Ort geschmiickt sein. Es ist ganz und gar nicht so,
sondern, wenn man die anthroposophischen Begriffe ausbildet, so
kommt man zuletzt mit den Begriffen an ein Ende. Es ist so, wie
wenn man zu einem Teich kommt; jetzt kann man nicht weitergehen,
sondern wenn man weiterkommen will, mufi man schwimmen. So
kann man, wenn man mit der Anthroposophie weitergehen will, an
einem gewissen Punkt nicht weiter abstrakte Begriffe, nicht weiter
Ideen bilden, sondern man mufi in Bilder hineingehen. Die Ideen
selber verlangen, dafi man anfangt, in Bildern sich auszudriicken.
Ich habe oftmals zu meinen Zuhorern folgendes gesagt: Da gibt es
gewisse Erkenntnistheorien. Besonders unter den evangelischen
Theologen gibt es solche, die sagen: Ja, das, was man erkennt, mufi in
rein logische Formen gekleidet sein, man mufi mit reiner Logik die
Dinge ansehen, sonst hat man einen Mythus. Nicht wahr, [so spre-
chen] besonders solche Leute wie Bruhn. Er arbeitet sehr viel gegen
die Anthroposophie, indem er sagt, sie bilde Mythen aus, eine neue
Mythologie. — Ja, was aber, wenn einmal die Gegenfrage aufgestellt
wird: Versucht nur einmal, das Weltenall mit eurer Logik zu ergriin-
den, ohne ins Bildhafte iiberzugehen. Wenn das Weltenall selber
nicht blofi logisch, sondern auch kunstlerisch wirkt, dann mufit ihr es
ja auch kunstlerisch ansehen; wenn sich das Weltenall eurer logischen
Betrachtung entzieht, was dann? - So entzieht sich auch die aufiere
menschliche Gestalt einer blofi logischen Spintisiererei. Man kommt
eben, wenn man die wahren anthroposophischen Begriffe nimmt, ins
Bild hinein. weil die Natur nicht nach blofien Natureesetzen, son-
dern nach Formen schafft.
Und so kann man sagen, indem heute sich Anthroposophie aus-
lebt, nimmt sie Riicksicht auf das, was in den Herzen unserer Zeitge-
nossen doch spielt, [auf das Bediirfnis,] iiber den Intellektualismus
binwegzukommen. Das gibt eigentlich jeder verstandige, die Entwik-
kelung mitmachende Zeitgenosse zu. Er sieht das ein, dafl wir iiber
den Intellektualismus hinauskommen miissen, auch in der Theologie
selbstverstandlich. Aber die meisten sehen noch nicht ein, dafi dieses
Einmunden ins Bildhafte, das dann zum ritualen Kultus wird auf dem
Gebiete der religiosen Ubung, eine ebensolche Berechtigung und eine
ebensolche Urspriinglichkeit hat wie das Logische.
Die meisten stellen sich ja vor: Bilder macht man, indem man
Begriffe hat, und dann kleidet man diese in Symbolik ein. Dies ist
immer eine stroherne Symbolik. Das ist [in Dornach] nicht der Fall.
In Dornach ist kein Symbol, dem man einen Begriff zugrundegelegt
hat, sondern da ist eben auf einer bestimmten Stufe von der Idee
abgegangen, und jetzt lebt sich das Bild als ein Urspriingliches aus. Es
ist als Bild da. Und man kann nicht sagen, dafi man einen Begriff
iibergefuhrt hat ins Bild. Das ware eine stroherne Symbolik.
Dieses Streben, den Intellektualismus zu uberwinden, das ist heute
da, dieses Streben nach einem Seelenleben, das wegen der Objektivi-
tat ins Bildhafte iibergeht. Auf der anderen Seite ist heute gar kein
Glaube ans Bild da. Dadurch wird es tragisch. Man glaubt, man
miisse das Bild uberwinden, wenn man recht gescheit ist; man glaubt,
man wiirde erst bewufit, wenn man das Bild iiberwunden hat. -
Solche Bilder wie in Goethes Marchen von der griinen Schlange und
der schonen Lilie werden immer ihrer Realitat entkleidet, wenn man
versucht, sie gedanklich spintisierend zu erklaren, zu interpretieren.
Man kann nur dazu fiihren, dafi der Betreffende diese Bilder aufneh-
men kann, dafi sie fur ihn gegenstandlich werden konnen, aber nicht
gedanklich kommentieren. Dadurch unterscheidet sich alles das, was
ich beigetragen habe zur Interpretation von Goethes Marchen, von
dem, was die anderen Kommentatoren machen. Die machen Anmer-
kungen und erklaren die Bilder gedanklich.
Fur das, was der wirklichen Imagination zugrundeliegt, ist das
gedankliche Erklaren ebenso fremd wie das, was ich zum Beispiel
iiber die chinesische Sprache in deutscher Sprache sage. Ich mufi,
wenn ich jemandem Chinesisch beibringen will, ihn dazu fiihren, dafi
der aus dem Nichtchinesischen so weit kommt, das Chinesische in
der Ganze so zu erfassen, dafi er in dasselbe iibergeht. Und so mufi
man auch vorbereiten zur wirklichen Bildhaftigkeit; so mufi man
vorgehen, damit der Betreffende die Bilder dann in sich pr'dsent
machen kann und nicht eine Erklarung daranfugen mufi.
Das ist das Tragische, dafi auf der einen Seite das tiefste Bediirfnis
zum Bilde vorhanden ist, und auf der anderen Seite jeder Glaube an
das Bild eigentlich verglommen ist. Wir glauben nicht daran, dafi wir
in Bildern etwas haben, das eben im Verstand, in den intellektuellen
Begriffen nicht gegeben werden kann. Das miissen wir erst verstehen,
wenn wir uns nachstens iiber die Frage unterhalten werden von
Symbolum und Bewufitheit. Namentlich die Frage nach dem Balan-
cieren zwischen Unterbewufitem und Bewufitem, die ja heute so viele
Leute qualt, werden wir erst fruchtbar beantworten konnen, wenn
wir uns iiber diese Sache klar sind.
Ich mochte Sie also vielleicht bitten, sich dieses bis morgen zu
iiberlegen, was ich jetzt nach dieser Richtung hin iiber die Beziehung
der Verstandesbegriffe zu den Realbildern angedeutet habe. Von
diesem Gesichtspunkt aus werden wir auch finden, dafi wir in die
Gemeinschaftsbildung hineinkommen konnen, denn die Gemein-
schaftsbildung hangt sehr an der Moglichkeit eines Kultus. Auch die
praktischen Erfolge der Gemeinschaftsbildung hangen eigentlich an
der Moglichkeit eines Kultus.
Sehen Sie, von Leuten, die Indien kennenlernen und die indischen
Religionen, von denen wird eines immer mit grofiem Recht hervorge-
hoben: In Indien gibt es naturlich ja sehr viele Sekten; diese haben ein
sehr starkes, bis in die Seelen hineinwirkendes Gemeinschaf tsleben, das
schon durchaus auch sich zeigen kann als praktisches Gemeinschaftsle-
ben, und das es aufnehmen kann — in gewisser Beziehung naturlich, mit
der Version, die nach dem Orient hiniiber stattfinden mufi - mit
manchem, was den Briidergemeinen zugrundeliegt. Das ist vielfach
innerlich darin begriindet, dafi der Orientale im individuellen Leben
eigentlich gar nicht dasjenige kennt, was wir subjektive, personliche
Uberzeugung nennen in ihrem Verhaltnis zu der ihn urngebenden
Gemeinschaft. Der Orientale, wenn er iiberhaupt teilnimmt am geisti-
gen Leben, der versteht das gar nicht, dafi man nicht iiber alles bei sich
selber seine eigene Meinung haben kann, zum Beispiel iiber eine
Gemeinschaft und ein Lehrgut; das ist etwas, was er gar merit ver-
steht. Dem Begriff nach kann jeder seine eigene Meinung haben; das
Gemeinsame ist dort iiberhaupt nur das Bild, und man hat nur das
Bewufitsein, dafi das Gemeinsame das Bild ist. Es ist das Eigentiim-
liche, dafi im Abendlande die Tendenz besteht, den Wert zu legen auf
die Uberzeugung, und dafi dadurch das Atomisieren kommt. Wenn
man die Uberzeugung sucht und darauf in erster Linie den Wert legt,
dann kommt man zum Atomisieren. Das tritt dann nicht ein, wenn
man die Gemeinsamkeit in etwas anderem sucht als in der Uberzeu-
gung. Die Uberzeugung mufi ganz individuell sein konnen.
Wir miissen uns die Frage aufwerfen: Das Ich auf der einen Seite
steht da als der Gipfelpunkt des individuellen Lebens, Christus steht
da als diejenige Kraft und Wesenheit, die nicht nur den Christen
gemeinschaftlich ist bis ins Innerste des Ich hinein, sondern von der der
Anspruch erhoben werden mufi, dafi er alien Menschen gemeinsam
werden kann. Und wir miissen die Moglichkeit finden, von dem ganz
individuellen Ich, das gewissermafien glauben mochte, was es kann,
bis zu der Gemeinsamkeit des Christus hin die Brucke zu finden.
Ganz besonders soli uns dann beschaftigen die Frage nach der
Gemeindebildung, und wie der Herr sehr richtig sagte, nach den
Vorarbeiten dazu. Denn das sind naturlich Dinge, die ganz andere
Schwierigkeiten finden werden. Auf der einen Seite sind wir heute
fast angewiesen darauf, Vorarbeiten durch Unterweisung zunachst so
zu fiihren, dafi wir eine geniigend grofie Anzahl von Menschen
finden, in deren Seelen zunachst Verstandnis ist fur das, was eigent-
lich gewollt werden kann, und auf der anderen Seite stehen wir eben
der ganz und gar zersplitterten Menschheit gegeniiber. Schon die
einfache Tatsache, dafi wir mit der Pretention auftreten, iiber irgend
etwas etwas zu wissen, was ein anderer vielleicht, um es zu beurtei-
len, sich einen Tag uberlegen sollte, schon das ist heute fast genii-
gend, dafi wir gleich im Augenblick abgekanzelt werden. Die Wir-
kung von Mensch zu Mensch ist heute ungeheuer schwer. Und das
erschwert naturlich auch die Gemeindebildung.
Dennoch aber, wenn Sie etwas in dem erreichen wollen, was Sie
einzig und allein angestrebt haben konnen, indem Sie hier erschienen
sind, dann werden wir gerade iiber diese Frage der Gemeindebildung
uns in ausgiebigstem Mafie unterhalten miissen und vor alien Dingen
auch iiber die Vorarbeiten dazu, die im wesentlichen eigentlich darin
bestehen miifiten, dafi wir uns fiihlen, schon spirituell, geistig, als
Gemeindebildner. Und das konnen wir kaum anders, als indem wir-
vielleicht wird es auf den ersten Anhub nicht gleich verstandlich sein,
was ich sagen will, denn es beriihrt eine der tiefsten Fragen der
Gegenwart — zunachst versuchen, moglichst darauf zu verzichten, die
anderen Leute zu belehren. Die Leute lassen sich einfach nicht beleh-
ren heute; dies soil nicht unsere Hauptaufgabe sein.
Sehen Sie, immerhin, so klein auch der Erfolg der anthroposophi-
schen Arbeit ist, die ich mir zu meiner Aufgabe setzen mufite, in
einem gewissen Sinne ist doch dieser Erfolg da, wenn auch in kleinem
Kreise; er ist da. Und das, was da ist, beruht darauf, dafi ich eigentlich
- in dem Sinne, wie man das auffafit an unseren Bildungsanstalten —
nie habe in erster Linie gewaltmafiig jemanden belehren wollen. Ich
bin nach einem Naturgesetze eigentlich immer vorgegangen, ich sagte
mir immer: Die Heringe legen unendlich viele Eier ins Meer ab, die
allerwenigsten davon werden zu Heringen, sondern da mufi eine
gewisse Selektion stattfinden. Und wer weifi, dafi dasjenige, was iiber
das Materialistische hinausgeht, weiter wirkt, der weifi, dafi auch die
unbefruchteten Heringseier schon ihre Aufgabe in der Gesamtwelt
haben - die haben ihre grofie Wirkung in der Atherwelt, die Selektio-
nen finden nur statt fur die physische Welt -, der kommt dann iiber
diese Frage hinweg: Warum bleiben solche Heringseier unbefruch-
tet? Dasjenige, was unbefruchtet bleibt, das hat seine grofte Aufgabe
in einer anderen Welt. Diese unbefruchteten Heringseier sind nicht
ganz ohne Bedeutung. Und so stent es im Grunde genommen mit der
Unterweisung der Menschen. Ich habe nie geglaubt, wenn ich zu
einem Auditorium von fiinfzig Menschen gesprochen habe oder zu
einem Auditorium von funfhundert - ich habe auch schon zu grofie-
ren Auditorien gesprochen -, daft man etwa die Halite oder ein
Viertel davon belehren kann, sondern ich habe angenommen, unter
funfhundert werden vielleicht fiinf sein zunachst auf den ersten
Anhub, deren Herzen man anspricht mit dem, was man zu sagen hat,
die gewissermafien zunachst pradestiniert sind dazu. Unter fiinfzig
einer und unter fiinf Menschen ein Zehntel von einem Menschen.
Das ist nicht anders, und darauf mufi man sich einstellen. Dann
geschieht dasjenige, was durch Belehrung in der heutigen Zeit nicht
geschehen kann, durch Selektion. Die Menschen finden sich zusam-
men, bei denen man einen Widerhall erregt hat. Selektion ist das, was
wir heute zunachst suchen miissen; dann werden wir doch vorwarts
kommen.
Es gehort eine gewisse Resignation dazu, nicht in diesem Machtge-
fiihl zu leben: man will belehren, man will den anderen iiberzeugen.
Aber diese Resignation mufi man unbedingt haben. Und warum man
diese so vielf ach nicht hat, das hangt gerade - ich habe ja hier nur von
Religions ausiibenden zu sprechen— , das hangt gerade mit der theolo-
gischen Vorbildung zusammen. Diese theologische Vorbildung fufit
ja im Grunde genommen ganz darauf, dafi man jeden belehren kann,
dafi man nicht eigentlich auf Selektionen ausgehen soil. Daher miis-
sen Mittel und Wege gefunden werden, wie man in die theologische
Vorbildung aufnehmen kann vor alien Dingen das Gemutsverhaltnis
zum Inhalt des Geistigen.
Sehen Sie, auch die Theologie ist ja leider bei dem Standpunkt
angekommen, dafi man das Wissen von Gott immer hoher stellt als
das Leben in Gott, das Erleben des Gottlichen in der Seele. Das
Erleben des Gottlichen in der Seele, das ist dasjenige, was einem die
Kraft gibt, gerade auf den einfachsten, unverbildetsten Menschen zu
wirken, und das miifite eigentlich ausgebildet werden. Die neuere
Zeit hat dem ganz entgegengearbeitet. Man wird dem umso mehr
entgegenarbeiten, je mehr man anstrebt, abstrakte Begriffe von
irgendeinem iibersinnlichen Sein zu suchen, und weniger dieses iiber-
sinnliche Sein in der Seele selber aufzunehmen. Wir brauchen wirk-
lich eine lebensvolle Vorbereitung und Vorbildung fur die theolo-
gische Wissenschaft. Und da tritt ja allerdings etwas Esoterisches ein,
sehen Sie, wo man hinweisen mufi auf ein Gesetz, das schon einmal
existiert. Sie miissen erstens das in sich haben, was ich vorhin
erwahnt habe, dafi Sie nicht nur als gescheiter Mensch nachdenken,
wie solien Sie ein Bild oder irgend etwas einem anderen beibringen —
das miissen Sie in vollem Mafie haben -, aber Sie miissen auch das
andere haben, dafi Sie jederzeit noch mehr wissen miissen als das, was
Sie sagen. Ich meine das gar nicht in iiblem Sinne. Aber wenn Sie auf
den Standpunkt sich stellen, auf dem heute eigentlich die professorale
Welt steht, dafi man sich selber nur das aneignen soil, was man dann
den anderen mitteilen will, dann werden Sie ganz gewifi mit der
religiosen Mitteilung nicht viel erreichen konnen. Sie miissen zum
Beispiel, wenn Sie iiber die Bibel sprechen, neben dem Exoterischen
— das ja nichts anderes ist als ein ausgesprochenes Esoterisches, es gibt
keine absolute Grenze zwischen exoterisch und esoterisch, das eine
fliefit in das andere iiber und das Esoterische wird exoterisch, wenn
man es ausspricht — , Sie miissen immer noch einen eigenen Inhalt
haben, in dem Sie leben.
Darauf beruht im Grunde genommen das Wirkungsvolle der
katholischen Pfarrer. Das ist das, was in dem Brevierbeten besteht. Er
sucht sich in einer iiber das Laienhafte hinausgehenden Weise dem
Gottlichen zu nahern durch dieses Brevierbeten. Und der besondere
Inhalt des Breviers, der iiber das hinausgeht, was man lehrt, der gibt
zu gleicher Zeit eine Kraft, in der Predigt und sonst zu wirken. Es ist
mir immer interessant gewesen - das ist nicht etwa einmal geschehen,
sondern das habe ich ganz besonders haufig erlebt -, dafi evangelische
Pastoren, die lange schon im Amt waren, zu mir gekommen sind und
gesagt haben, es musse fur sie doch etwas ahnliches geben [wie das
katholische Brevier]. Bitte, mifiverstehen Sie mich nicht, ich rede dem
Katholizismus nicht das Wort, am wenigsten dem romischen. Es sind
eben Pastoren zu mir gekommen, die, wie gesagt, lange im Amt
standen, die gesagt haben: Worauf beruht denn das, dafi wir nicht in
dieser Weise mit den Seelen in Kontakt kommen konnen wie der
katholische Priester, der das natiirlich mifibraucht? - Das beruht im
wesentlichen darauf, dafi der [katholische Priester] ein esoterisches
Verhaltnis zu der geistigen Welt sucht.
Das ist wirklich auch das, was wir anstreben in der Dreigliederung
des sozialen Organismus. Dieses geistige Leben, das wir heute haben
als allgemeines - von dem anderen reden wir ja nicht — das geistige
Leben, das wir haben, ist ja kein wirkhches geistiges Leben, es ist ein
blofies intellektuelles Leben. Man redet vom Geiste, man hat
Begriffe, aber Begriffe sind doch kein lebendiger Geist. Wir miissen
nicht nur den Geist haben irgendwie in Form von Begriffen, die in
unseren Kopfen sitzen, sondern wir miissen den Geist herunterbrin-
gen auf die Erde, er mufi in den Institutionen sein, er mufi zwischen
den Menschen walten. Das konnen wir aber nur, wenn wir ein
selbstandiges Geistesleben haben, wo wir nicht nur aus Begriffen
iiber den Geist heraus wirken, sondern aus dem Geiste selbst heraus
wirken.
Nun, natiirlich hat sich die Kirche lange bemiiht, diesen lebendigen
Geist zu erhalten. Aus den Schulen ist er langst herausgewichen; aber
wir miissen inn dort wieder hereinbringen und auch in die iibrigen
Institutionen. Der Staat kann ihn nicht hereinbringen. Das kann nur
dasjenige hereinbringen, was zu gleicher Zeit individuelles Priester-
wirken ist und Gemeinschaftswirken. Aber ein Priesterwirken mufi
das sein, dafi der Priester vor alien Dingen in sich das Bewufitsein hat
eines esoterischen Zusammenhanges mit der geistigen Welt selbst,
nicht blofi mit Begriffen iiber die geistige Welt. Und da kommt man
natiirlich dann auf die gro£e Selektionsfrage, auf die Beurteilung der
Priesterqualitat. Nun, diese Beurteilung der Priesterqualitat ist eine
solche, dafi sie im Grunde genommen sehr leicht mifiverstanden
werden kann, denn erstens tragen diese Qualitat viel mehr Menschen
in sich, als man glaubt, sie wird nur nicht in der richtigen Weise
ausgebildet, in der richtigen Weise gepflegt; und zweitens ist diese
Frage vielfach eine Frage des Schicksals. Wenn wir dazu kommen,
iiberhaupt ein lebendiges Geistesleben zu haben und die Fragen des
Schicksals fur uns wieder lebendig werden, dann werden die Priester
mehr aus der Gemeinschaft der Menschen heraus an ihren Platz
geriickt werden, als aus einer Selbstpriifung, die doch immer einen
stark egoistischen Charakter tragt. Es ist schon das so, dafi man sich
aneignen mufi einen gewissen Blick fur dasjenige, was objektiv einen
auffordert, dies oder jenes zu tun.
Da darf ich vielleicht auch Ihnen das erzahlen, was ich an verschie-
denen Orten erzahlt habe als ein Beispiel. Ich konnte auch andere
Beispiele erzahlen. Ich habe in Colmar vorgetragen iiber Bibel und
Weisheit. Da kamen zwei katholische Pfarrer nach dem Vbrtrag zu
mir. Sie konnen sich denken, katholische Pfarrer haben nichts von
mir gelesen, denn es ist ihnen ja eigentlich verboten, und es ist ja im
Grunde genomrnen so, dafi man es schon als eine Abnormitat
betrachtet, wenn der katholische Pfarrer in einen anthroposophi-
schen Vortrag geht. Aber die sind wahrscheinlich dazumal harmlos
gewesen; sie kamen ganz treuherzig heran, da ich gerade in diesem
Vortrag nichts gesagt habe, was ihnen widerstrebt hatte, kamen sogar
nach dem Vortrag zu mir und sagten: Ja, eigentlich konnen wir nichts
sagen [gegen das, was Sie vorgebracht haben, auch] wir haben das
Purgatorium, auch wir haben den Hinweis auf ubersinnliches Leben
nach dem Purgatorium. - Nun habe ich gerade in diesem Falle es fur
gut befunden, zwei Vortrage zu halten. «Bibel und Weisheit» I und
II, und im ersten Vortrag kam nichts vor von wiederholten Erdenle-
ben, so dafi sie nicht bemerkt haben, dafi da ein Widerspruch wider
die romisch-katholische Ansicht ist. Nun kamen sie und sagten also,
gegen den Inhalt hatten sie gar nichts, aber es ware doch sehr anders
das «Wie», wie ich die Sache sagte, und da glaubten sie doch, mit
diesem Wie nicht einverstanden sein zu konnen. Denn das Wie ware
bei ihnen richtig, denn sie redeten fur alle Menschen und ich redete
doch nur fur gewisse vorbereitete Menschen, fur Menschen, die also
eine gewisse Vorbereitung dazu haben. - Da sagte ich nun nach
einigem Hin und Her das Folgende: Sehen Sie, es kommt nicht
darauf an, dafi ich oder Sie - Sie oder ich, sagte ich - die Uberzeugung
haben: wir reden fur alle Menschen. Diese Uberzeugung ist ja sehr
begreiflich. Wir wiirden ja vielleicht uberhaupt nicht reden, wenn wir
nicht die Uberzeugung hatten, wir formulieren unsere Dinge so und
durchdringen sie so mit dem Gehalt, dafi wir fur alle Menschen
reden. Aber darauf kommt es nicht an, dafi wir die Uberzeugung
haben, fur alle Menschen zu sprechen, sondern es kommt auf die
objektive Tatsache an, ob alle Menschen zu Ihnen in die Kirche
kommen. Und da frage ich Sie: Kommen noch alle Leute zu Ihnen in
die Kirche, wenn Sie reden? - Da konnten sie natiirlich nicht sagen,
alle kommen noch, sondern sie mufiten zugeben, es kommen eben
manche nicht. Das ist die Objektivitat. Fur diejenigen, die nun nicht
zu Ihnen gehen und die auch das Recht haben, sich einen Weg zu
Christus zu suchen, fiir die habe ich geredet. - Das ist von den
Tatsachen abgelesen, was man fiir eine Aufgabe hat.
Ich wollte nur eine Wegleitung zeigen, wie man sich daran gewoh-
nen soli, sich durch die Schicksalsfrage und auch durch die grofie
Frage der Objektivitat die personliche Aufgabe setzen zu lassen. Ich
wollte zeigen, wie man nicht so sehr, wie es heute der Fall ist, briiten
soli iiber die eigene Personlichkeit - die ist doch im Grunde genom-
men nur dazu da, dafi wir den Platz ausfiillen, den uns die gottliche
Weltregierung anweist sondern wir sollen versuchen, Zeichen zu
beobachten, aus denen wir erkennen konnen, an welchen Platz wir
gestellt sein sollen. Und das konnen wir auch.
Immer wieder kommen heute Menschen, wenn sie aus ihrer Seele
heraus sprechen, mit der Frage: Was entspricht meinen besonderen
Fahigkeiten, wie kann ich meine Fahigkeiten zur Geltung bringen? -
Diese Frage ist viel, viel weniger wichtig als die objektive Frage, die
sich dadurch beantwortet, dafi wir uns umsehen, wo etwas zu tun ist.
Und wenn wir uns dann wirklich ernst einlassen auf das, was wir da
bemerken, dann werden wir sehen, dafi wir zu viel mehr die Fahig-
keiten haben als wir glauben. Diese Fahigkeiten sind gar nicht so sehr
spezifisch; wir konnen als Menschen ungeheuer viel, wir haben sehr
universelle Seelenqualitaten, nicht so sehr spezifische. Dieses Hin-
briiten auf das eigene Selbst, und zu stark zu glauben, dafi wir jeder
unsere spezifischen Fahigkeiten haben, die besonders kultiviert wer-
den sollen, das ist im Grunde genommen ein innerlicher, sehr raffi-
nierter Egoismus, der gerade von dem, der solche Qualitaten erringen
will, wie sie hier gemeint sind, uberwunden werden mufi.
Nun glaube ich, habe ich Ihnen auch meinerseits gesagt, wie ich die
Fragen auffasse. Nun konnen wir uns bis morgen die Sache iiberle-
gen; und wenn es Ihnen recht ist, mochte ich den Vorschlag machen,
dafi wir uns morgen etwa um 1 1 Uhr wieder treff en. Und ich bitte
Sie, ja nicht bei irgendeiner Angelegenheit zuriickzuhalten, sondern
wir wollen die Dinge, die Sie auf dem Herzen haben, moglichst
erschopfend behandeln.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 13. Juni 1921
Meine lieben Freunde! Von den zwei Gebieten, von denen Sie selbst
auch gestern gesprochen haben, erscheint es mir notwendig, dafi wir
dasjenige zuerst behandeln, was gewissermafien die Grundlage fur
das ganze Wirken wird abgeben miissen. Man mufi natiirlich zuerst
den realen Boden zubereiten, und das kann heute in unserer Zeit
doch nichts anderes sein als die Gemeinschaftsbildung. Wir werden
mit dem, was sich dann auf diesem realen Boden entwickeln soli,
umso besser zurechtkommen konnen in unseren Auseinanderset-
zungen, wenn wir zuerst uns unterhalten iiber diese Gemeinschafts-
bildung.
Einerseits ist sie zweifellos, trotzdem man das leicht unterschatzen
kann, die schwierigste Ihrer Aufgaben, und andererseits ist sie aber
auch die brennendste. Sie konnen das sehen an der Gestalt, welche
die Jugendbewegung angenommen hat. Diese Jugendbewegung, wie
sie heute lebt in ihren verschiedensten Formen, hat ja einen deutli-
chen religiosen Untergrund, und dieser religiose Untergrund wird
auch von den verstandigen Angehorigen der Jugendbewegung immer
betont. Und wenn man nun ganz unbefangen hineinsieht in diese
Jugendbewegung, so fallt einem gerade an ihr das auf, was mit der
Gemeinschaftsbildung innig zusammenhangt.
Bedenken Sie nur einmal folgende Erscheinung dieser Jugendbe-
wegung: Nicht wahr, sie trat vor einiger Zeit, vor Jahren auf. Womit
trat sie auf? Zunachst mit dem ausdriicklichen Bestreben des
Anschlusses des einen an den anderen. Sie trat ausdriicklich auf unter
der Devise des Zusammenschlusses, der Gruppenbildung; und das
Bedeutsame ist, dafi in weiten Kreisen diese Jugendbewegung in den
letzten Jahren die Metamorphose in ihr Gegenteil durchgemacht hat.
Gerade diejenigen, die es vielleicht mit dieser Jugendbewegung am
ernstesten genommen haben, stehen heute auf dem Standpunkt der
Vereinzelung, des Eremitentums. Sie betonen die Unmoglichkeit des
Zusammenschlusses mit anderen. Und warum ist das so?
Es ist vielleicht gerade, wenn man die Dinge symptomatisch
betrachtet, etwas, was zu den bedeutsamsten sozialen Erscheinungen
unserer Zeit insbesondere im mittleren, siidlichen und ostlichen
Europa gehort, dafi sich so ungeheuer schnell aus dem Bestreben der
Gemeinschaftsbildung in der Jugendbewegung herausgebildet hat das
Bestreben, ein seelischer Eremit zu sein und eigentlich eine gewisse
Furcht zu empfinden vor dem Zusammenschlufi. Sie mogen ja, wenn
Sie selbst mit dieser Jugendbewegung bekannt sind, da oder dort
etwas anderes finden, aber wenn Sie unbefangen die Sache betrach-
ten, so werden Sie sehen, dafi diese Jugendbewegung in den mafige-
benden Impulsen wird so charakterisiert werden miissen, wie ich es
jetzt getan habe.
Nun, was liegt alledem zugrunde? Alledem liegt zugrunde - es ist
ja durchaus ersichtlich, dafi diese Jugendbewegung einen deutlichen
religiosen Impuls doch enthalt — , alledem liegt zugrunde, dafi es die
religiosen Gemeinschaften nicht verstanden haben, diese Jugend in
sich zu halten. Ursprimglich war es ja, wenn wir so sagen konnen,
eine Auflehnung gegen das Prinzip des autoritativen Lebens, des
vaterlichen Lebens, des Hinaufschauens zu der Erfahrung der Alte-
ren, was diese Jugendbewegung hervorgerufen hat; es war eine
Erschutterung des menschheitlichen, vaterlichen Autoritatsprinzipes.
Die Zeit hat sich so entwickelt, dafi man einfach an die Vater nicht
mehr glaubte, dafi man einfach zu den Vatern innerlich tief unterbe-
wufit kein Vertrauen mehr hatte. Aber der Mensch braucht den
Menschen, insbesondere dann, wenn es aufs Handeln, aufs Wirken
abgesehen ist. Man suchte Zusammenschliisse, aber man konnte diese
Zusammenschliisse nur mit dem Geistesleben suchen, das eben heute
in den Herzen der Menschen verankert wird, wenn sie leben und
aufgezogen werden in unseren gewohnlichen Schulen, unter unseren
religiosen Impulsen und so weiter. Naturlich regt sich die religiose
Sehnsucht in der Jugend gerade dann, wenn aufierlich in dem religio-
sen Leben etwas nicht in Ordnung ist, aber sie regt sich als unbe-
stimmtes, abstraktes Gefiihl; als irgend etwas Nebuloses regt sie sich.
Auf der anderen Seite regt sich gerade im Zusammenhange mit die-
sem religiosen Trieb die Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsleben.
Aber aus alle dem, was nun die Jugend empfangen konnte, aus alle
dem, was vorhanden ist, entsteht nicht die Moglichkeit einer wirk-
lichen Gemeinschaftsbildung, sondern - wenn ich mich etwas radikal
ausdriicken darf - blofi die Moglichkeit einer Cliquenbildung. Das ist
ja das Charakteristikum unserer Zeit, dafi da, wo [der Wunsch nach]
Gemeinschaftsbildung auftritt, iiberall eigentlich dann nicht eine
wirkliche innere Gemeinschaftsbildung, ein wirklicher innerer
Gemeinschaftsbildungs-Sinn auftritt, sondern der Sinn, Cliquen zu
bilden, das heifit, sich zusammenzuschliefien durch die zufallige
Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefuhle fiir das Nachstliegende.
Dasjenige, was den einen zum anderen fiihrt durch den Zufall des
Ortes, den Zufall der Verhaltnisse und so weiter, das fiihrt zu Cli-
quenbildungen. Aber diese Cliquenbildungen haben alle, weil sie
eben nicht auf einem gediegenen geistigen Grunde ruhen, den Keim
der Auflosung in sich. Cliquen losen sich auf. Cliquen sind keine
dauernden Gemeinschaften.
Dauernde Gemeinschaften gibt es nicht unter einer anderen Vor-
aussetzung als der, dafi sie sich begriinden auf ein gediegenes gemein-
sames Bekenntnis im gemeinschaftlichen Leben. Und fiir den, der die
Geschichte des sozialen Lebens kennt, war es daher nichts Wunder-
bares, dafi sich dasjenige, was nur die Ansatze der Cliquenbildung in
sich trug, nicht zum Gemeinschaftsleben herausbilden konnte, und
dafi daher diese Jugendseelen eremitisch wurden, den Trieb in sich
empfingen, sich nicht anzuschliefien, ja sogar eine gewisse Furcht
entwickelten vor dem Sichanschliefien. Jeder geht mehr oder weniger
fiir sich, der die Jugendbewegung, ich mochte sagen, voll mitgemacht
hat. Da aber diese Jugendbewegung hervorgegangen ist aus einer
Erschutterung des vaterlichen Autoritatsprinzipes, so mufi man
sagen, dafi dieses geschichtliche Leben der neueren Zeit eben nicht
die Keime zu einer wirklichen Gemeinschaftsbildung enthalt.
Was Sie also in erster Lmie werden suchen miissen, das ist schon
die Gemeinschaftsbildung. Und da werden Sie nicht anders konnen,
wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetrankten
Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich
wirklich bewu&t zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben
kann. Sie brauchen dazu gerade in Ihrem Berufe absolut nicht in
abstrakter Weise fiir die Dreigliederung zu agitieren. Es ist gerade in
Ihrem Beruf gut [moglich], fiir die Dreigliederung ganz praktisch zu
arbeiten. Aber das geht nicht anders, als dafi Sie den Weg suchen zu
denjenigen, zu denen Sie sprechen wollen. Es mufi ein wirklicher
Weg gefunden werden, Gemeinden zu griinden.
Nun braucht man nicht zu glauben, dafi man, indem man so etwas
tut, in einem gewissen radikalen Sinn ein Revolutionar werden mufi.
Das braucht man gar nicht. Es kann sich in dem einen Fall ergeben,
dafi Sie auf dem ganz regularen Wege in irgendein Pfarramt, in ein
Predigeramt kommen. Es kann sich auch ergeben, dafi es Ihnen
gelingt, die aufieren materiellen Verhaltnisse da oder dort so zu
dirigieren, dafi Sie eine vollig freie Gemeinde begriinden. Aber solche
freie Gemeinden und solche, in die man das Bestreben hat, Freiheit
des religiosen Lebens hineinzutragen, sie miissen zusammengehoren;
und das kann nur sein, wenn in einer gewissen Weise dasjenige, was
Sie anstreben - ich bitte das nicht mifizuverstehen, es soil nicht das
Predigen des reinen Machtprinzips sein, aber des berechtigten
Machtprinzips — , wenn dasjenige, was Sie anstreben, eine Macht
wird, das heifit, wenn Sie eine bestimmte Zahl von Gesinnungsgenos-
sen haben. Etwas anderes wird auf die Welt keinen Eindruck machen.
Sie miissen tatsachlich die Moglichkeit haben, iiber ein grofies Terri-
torium hin Leute als Prediger zu haben, die aus Ihren ganz konkreten
Kreisen sind. Dazu wird es schon einmal notwendig sein, dafi Sie
diesen Kreis, den Sie jetzt haben, mindestens noch zehnmal grower
machen. Das wird gewissermafien Ihre erste Aufgabe sein, dafi Sie
sich einen so grofien Kreis von Gesinnungsgenossen zunachst auf
dem Wege, auf dem der kleinere Kreis zustande gekommen ist, eben
suchen. Nur dann, wenn in den entferntesten Orten — relativ natiir-
lich entferntesten Orten - gesehen wird, wie die gleiche Bestre-
bung auftritt, wenn ein Zusammenhalt mit Ihnen iiber ein grofieres
Territorium ist, dann werden Sie praktisch zu einer solchen Ge-
meindebildung schreiten konnen, gleichgiiltig, ob Sie auf einem
heute anerkannten Wege ins Predigeramt gekommen sind oder
sonstwie.
Sie werden so wirken konnen, dafi Sie nun wirklich Ihre Gemein-
dekinder innerlich, gemiithaft an sich ketten konnen. Wenn ich sage
«ketten», so bedeutet das nicht, Sklavenketten anzulegen. Dazu
gehort allerdings, dafi die Gemeindemitglieder durch Sie das Bewulk-
sein bekommen, in einer gewissen Brtiderlichkeit zu leben. Die
Gemeinden miissen konkrete briiderliche Gefiihle in sich haben und
sie miissen ihren Prediger-Leiter als eine selbstverstandliche Autori-
tat anerkennen, an die sie sich auch wenden in konkreten Fragen. Das
heifit, Sie miissen zuerst in diesen Gemeinden, die Sie nicht in agi-
tatorischer Weise Briidergemeinschaften oder dergleichen zu nennen
brauchen, eine selbstverstandliche Autoritat vor alien Dingen sich
verschaffen - so sonderbar es zunachst erscheint - in bezug auf das
Wirtschaftsleben. Es mufi moglich sein, dafi bei Ihnen Rat gesucht
wird in wirtschaftlichen Angelegenheiten und in alle dem, was mit
wirtschaftlichen Angelegenheiten zusammenhangt, aus der person-
lichen Erkenntnis der Gemeindemitglieder heraus. Es mufi moglich
werden, dafi man das Gefiihl hat, man bekommt eine Art Direktive
aus der geistigen Welt heraus, wenn man den Prediger fragt.
Sehen Sie, wenn man das Leben betrachten kann, dann tritt einem
in scheinbar kleinen Symptomen dasjenige entgegen, was eigentlich
richtunggebend sein soil. Ich ging einmal in Berlin durch eine Strafie
und begegnete einem mir seit langer Zeit bekannten Prediger. Der
trug eine Reisetasche. Ich wollte hoflich sein und irgendeine Frage an
ihn richten. Das nachste war natiirlich, dafi ich die Frage an ihn
richtete, die sich aus der Situation heraus ergab: «Treten Sie eine
Reise an?» — «Nein», antwortete er mir, «ich gehe eben zu einer
Amtshandlung». - Nun mogen Sie darin etwas aufierordentlich
Unbedeutsames sehen; aus dem ganzen Zusammenhang erschien mir
aber die Sache aufierordentlich bedeutsam. Der betreffende Prediger
war allerdings rnehr Theologe als Prediger in seinem Wirken, aber er
war durchaus ein innerlich tiefernster Mensch; er hatte in seiner
Reisetasche die Dinge, die er brauchte zu einer Taufe und sprach
dennoch so, fuhlte so, dafi er auch einem Menschen gegeniiber, von
dem er die Voraussetzung haben konnte, da£ er eine andere Rede-
wendung verstehen wiirde, aussprechen konnte: «Ich gehe zu einer
Amtshandlung». - Das ist so ungefahr wie bei einem Polizeimann,
wenn ein Dieb gesucht werden soli, der geht auch zu einer Amts-
handlung.
Das miifite liberhaupt ganz aus dem Wirken des Predigers ver-
schwinden, dafi irgendwie bei ihm der Zusammenhang mit dem
aufieren staatlichen oder sonstigen Leben im Bewulksein hervortritt.
Es mufi schon in der ganzen Gefiihlsweise, wie sie sich dann in die
Rede ergiefit, das enthalten sein, dafi dasjenige, was da vollzogen
wird, durch eine solche Personlichkeit vollzogen wird, die aus der
sich ihres Gottes bewufiten menschlichen Personlichkeit, aus dem
freien Antrieb der menschlichen Personlichkeit heraus handelt. Es
mufi das Bewufitsein vorhanden sein: Ich tue das nicht als Amtshand-
lung, ich tue es selbstverstandlich aus meinem Innersten heraus, weil
die gottliche Kraft mich dahin fiihrt.
Sie mogen das als eine Nebensache ansehen. Gerade die Tatsache,
dafi man solche Tatsachen als Nebensachen ansieht, die ist vielleicht
das Allerwichtigste in den Schaden des heutigen religiosen Wirkens.
Wenn solche Dinge wiederum einmal als Hauptsache angesehen wer-
den, dafi bis in die kleinste Empfindung hinein der Mensch sich als
durchdrungen weifi von dem unmittelbaren Dasein des Gottlichen
im Physischen, und wenn sich der Prediger als solche Autoritat fiihlt,
dafi er weifi, ich trage das gottliche Leben da hinein, ich vollbrin-
ge nicht eine Amtshandlung im heutigen Sinne, sondern ich fiihre
einen Auftrag des Gottes aus -, dann erst wird er auf seine Gemeinde-
kinder dasjenige iibertragen, was an Imponderabilien iibertragen
werden mufi.
Dies ist scheinbar recht weit weg von dem Wirtschaftsleben. Und
dennoch, man darf nicht so, wie die Sachen heute liegen, die Dinge,
die wir hier in Stuttgart anstreben auf dem Gebiete der Dreigliede-
rung, etwa auch fur mafigebend halten fur andere Gebiete des
Lebens. Wir arbeiten die Dreigliederung aus dem Gesamten des
sozialen Organismus heraus. Fur Ihren Beruf handelt es sich aber um
etwas anderes. Fur Ihren Beruf handelt es sich darum, jedes der drei
Glieder - die ja, auch wenn sie nicht richtig organisiert sind, eben in
Wirklichkeit doch da sind -, jedes dieser drei Glieder mit religios-
geistlichem Leben zu durchdringen; so dafi - obwohl vollige Freiheit
des Ratholens herrscht innerhalb der Gemeinden, innerhalb derer
sich ja natiirlich auch das Wirtschaftsleben abspielt - gewissermafien
die selbstverstandliche Voraussetzung sein mufi, dafi man in den
wirtschaftlichen Dingen, bei denen es sich darum handelt, dafi geisti-
ges Leben hineinfliefit in die Gemeinde, die Entscheidung bei dem
Prediger, bei dem Pfarrer holt. Es mufi ein solcher Einklang sein, und
vor alien Dingen mufi der Pfarrer in innigem Zusammenhang leben
mit dem gesamten Wohltatigkeitsleben seiner Gemeinde. Gewisser-
mafien mit dem Ausgleiche der sozialen Ungleichheiten mufi er in
einem wissenden Zusammenhang stehen. Das mufi in der Gemeinde
angestrebt werden. Man mufi tatsachlich der Berater der Manner
sein, und man muE in gewisser Beziehung auch der helfende Berater
der Frauen sein, man mu$ der Wohltatigkeit der Frauen eine Hilfe
sein und so weiter.
Sowohl die Manner als auch die Frauen mussen da, wenn es sich
darum handelt, ihre Angelegenheiten des wirtschaftlichen Lebens,
wirtschaftlicher Hilfe, wirtschaftlichen Zusammenarbeitens in einem
hoheren Sinne einzurichten, unbedingt das selbstverstandliche
Gefiihl haben, da hat der Prediger mitzusprechen. Ohne ein Inter-
esse, ein mittuendes Interesse im Wirtschaftsleben, lassen sich reli-
giose Gemeinschaften nicht begriinden, insbesondere nicht in der
heutigen schwierigen Zeit des Wirtschaftslebens.
Nicht wahr, solche Dinge konnen wir zunachst als ein Ideal hin-
stellen, aber auf dem einen oder anderen Gebiet wird man die Mog-
lichkeit haben, sich dem Ideal mehr oder weniger zu nahern. Sie
werden natiirlich unendlich viel Widerstande finden, wenn Sie so
etwas anstreben. Sie werden Zunickweisungen finden, aber Sie mus-
sen es dazu bringen, dafi Ihre Gemeindemitglieder dieses Bewufksein
empfangen, das ich eben charakterisiert habe, und dafi durch ihr
Verlangen die Notwendigkeit sich herausstellt, dieses richtung-
gebende Hineinsprechen des Predigers in das Wirtschaftsleben zu
erzielen.
Ich muE an dieser Stelle sagen, da£ vieles Ideal bleiben mufi, vor
alien Dingen mv.il heute noch vielfach Ideal bleiben das, was vom
Rechtsleben, vom Staatsleben der Anteil desjenigen sein mufi, der als
Prediger in einer Gemeinde lebt. Ich will ein konkretes Beispiel
anfiihren. Dadurch, dafi das religiose Leben immer mehr den realen
Boden verloren hat, sind solche Dinge zustande gekommen, wie sie
den heutigen Menschen aufierordentlich aufgeklart erscheinen, wie
sie aber aus dem sozialen Leben heraus das religiose Leben griindlich
untergraben. Da ist zum Beispiel die Ansicht, die man heute iiber die
Ehegesetzgebung hat. Es ist ganz zweifellos notwendig, dafi die
Ehegesetzgebung - mag man sie nun sonst aus anderen Verhaltnissen
heraus straff oder weniger straff denken -, es ist unter alien Umstan-
den notwendig, dafi diese Ehegesetzgebung gewissermafien sich hin-
einfugt in die Dreigliederung des sozialen Organismus. Dazu ist aber
natiirlich notwendig, dafi deutlich gefuhlt wird gegenuber der Ehe,
dafi sie in ihrer eigenen Institution durchaus ein Bild des dreigliedri-
gen sozialen Organismus darstellt. Sie ist erstens eine Wirtschaftsge-
meinschaft und mufi sich hineingliedern in den sozialen Organismus,
insofern er seinen wirtschaftlichen Teil hat. Es mufi also ein Zusam-
menhang gesucht werden zwischen jener Wirtschaftsgemeinschaft,
die die Ehe darstellt und den Assoziationen. An das kann heute kaum
mehr als gedacht werden, aber aus den Gemeinschaften heraus mufi
dieses Bewulksein entstehen, daft vor alien Dingen die wirtschaftliche
Seite der Ehe mitgetragen werden mufi durch die Mafinahmen der
Assoziationen, durch die Mafinahmen des wirtschaftlichen Lebens.
Das zweite ist, daft das Rechtsverhaltnis deutlich empfunden wird
als ein Verhaltnis fur sich, und dafi der Staat nur in das Rechtsverhalt-
nis der Ehe hineinzureden hat, dafi also die Eheschliefiung zwischen
Mann und Weib den Staat nur insofern angeht, als sie eine Angele-
genheit des Rechts ist, das vom Staate ausgeht.
Dagegen werden Sie als Ihre ureigene Angelegenheit innerhalb der
religiosen Gemeinschaft den geistigen Segen der Ehe beanspruchen
miissen in einer vollig freien Weise aus Ihrer Entscheidung heraus.
Sie werden also anstreben miissen als ein Ideal, dafi in die Freiheit der
religiosen Entscheidung hineingestellt wird der religiose Segen der
Ehe und dafi diese Entscheidung durchaus respektiert wird, so dafi
sie als Grundlage angeschaut wird fur das andere, dafi also tatsachlich
durch das Vertrauen, das in der Gemeinschaft existiert, gesucht wird
zunachst fiir die Ehe die Entscheidung des Pfarrers oder des Predi-
gers. Ich weifi natiirlich, dafi solch eine Sache heute vielleicht sogar
von vielen evangelischen Leuten als etwas ganz Unzeitgemafies an-
gesehen wird, aber wieder kann ich nur sagen: Dafi man solche
Dinge als unzeitgemafi ansieht, darin zeigen sich ja die Schaden des
Zivilisationslebens, die das religiose Leben ganz unweigerlich
untergraben.
Also, Sie werden Ihren Gemeindemitgliedern das Bewufitsein bei-
bringen miissen, dafi der eigentliche innere geistige Kern der Ehe mit
dem religiosen Leben zu tun hat und dafi durchaus auf diesem
Gebiete Dreigliederung praktisch werden mufi, das heifit, dafi alle
drei Teile der Ehe allmahlich im sozialen Leben ihre Ausgestaltung
finden miissen, dafi also alle diese drei Dinge drinnen sein miissen.
Man soli sich Dreigliederung nicht so vorstellen, dafi man ein Pro-
gramm utopistischer Art aufstellt und sagt, man soli die Dinge drei-
gliedern. Man gliedert sie in bester Art in diese drei Glieder, wenn
man erfafit, dafi in jeder Institution des Lebens die Dreigliederung
implizit enthalten ist, und wie man die einzelnen Dinge so gestalten
kann, dafi die Dreigliederung zugrunde liegt. Man braucht vielleicht
gerade innerhalb Ihres Berufes nicht zu starkes Gewicht darauf zu
legen, die Dreigliederung in abstracto zu vertreten; aber man mufi
verstehen, wie das Leben fordert, dafi diese Dreigliederung kommt,
das heifit, dafi jedes der einzelnen Glieder des sozialen Organismus
eine wirklich konkrete, daseiende Realitat ist.
Natiirlich werden Sie heute grofien Widerstand dagegen erfahren,
aber Sie konnen gerade in einem solchen Punkte, wenn Sie zunachst
aufklarerisch in Ihrer Gemeinde wirken, das Verhaltnis, in dem das
freie Geistesleben - in dem ja vor alien Dingen das religiose Element
enthalten sein mufi - mit dem stent, welches werden soil, am allerbe-
sten entfalten, nicht in, ich mochte sagen, wohlwollenden gegenseiti-
gen Beanredungen, dafi man sich gegenseitig duldet, sondern da-
durch, dafi man tatsachlich das von der Sache Geforderte wirklich
auch als sein Ideal hinstellt. Natiirlich miissen Sie gewartig sein, dafi
man Ihnen da den allergrofiten Widerstand entgegenbringt.
Und drittens : Sie miissen die Moglichkeit haben, nun wirklich das
zu entwickeln, was im dreigliederigen sozialen Organismus das freie
Geistesleben bedeuten soil. Wir haben heute in dem allgemeinen
sozialen Organismus iiberhaupt kein Geistesleben mehr, wir haben
ein intellektuelles Leben, wir haben aber kein Geistesleben. Wir
haben, ich mochte sagen, keinen Umgang der Gotter mit den Men-
schen. Wir haben nicht das Bewufitsein, dafi in allem, was aufierlich
in der physischen Welt vorgeht, das gottliche Wirken durch uns
selber da sein soil, und dafi der wirkliche reale Geist in die Welt
getragen werde, daft also sowohl die Handlungen, die sich innerhalb
des Wirtschaftslebens abspielen, als auch die rechtlichen Festsetzun-
gen, die sich innerhalb des Staatslebens abspielen, und namentlich,
dafi der Jugendunterricht und auch die Unterweisung des Alters die
freie Tat der an diesem Geistesleben teilnehmenden Menschen sein
mufi. - Das ist dasjenige, was eben eingesehen werden mufi.
Daher werden Sie nicht anders konnen, als sich Ihre vollige indivi-
duelle Autoritat zu erkampfen fur das freie Wollen. Das ist natiirlich
etwas, was unsere Zeit fordert, daft der einzelne, der predigt, unter
seiner eigenen Autoritat predigt. Sehen Sie, auf diesem Gebiet mufi
man schon einfach hinsehen auf diesen gewaltigen Zusammenstofi
der Gegensatze, der in unserer Zeit herrscht.
Wenn ich heute in eine katholische Kirche gehe und gerade zur
Predigt komme, dann weifi ich: der Prediger tragt die Stola. Ich weifi,
wenn er die Stola tragt, kommt der Mensch, der da auf der Kanzel
steht und predigt, als Mensch fur mich iiberhaupt nicht in Betracht.
Das liegt ja auch wirklich im Bewufitsein [des katholischen Priesters].
Er fiihlt sich als Mensch fur keines seiner Worte in Wirklichkeit
verantwortlich, denn in dem Augenblick, wo er die Stola auf der
Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick spricht die Kirche. Und seit
der Infallibilitatserklarung spricht ex cathedra fur alle durch die
katholische Kirche zu verkiindenden Dinge der romische Papst. Also
ich habe [im katholischen Prediger] einen Menschen vor mir, der sich
im Moment [der Predigt] ganz aushohlt und auch gar nicht daran
denkt, irgendwie seine Meinung zu vertreten, der durchaus der
Ansicht ist, er konne eine personliche Meinung haben, die er ganz fur
sich behalt, die gar nicht ubereinzustimmen braucht mit dem, was er
von der Kanzel herunter spricht, denn eine personliche Meinung
kommt da nicht in Betracht. In dem Augenblick, in dem er die Stola
auf der Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick ist er der Vertreter der
Kirche.
Sehen Sie, das ist das eine Extrem. Es ist aber da, und es wird eine
grofie Rolle spielen in der unmittelbar vor den Toren stehenden
Kulturbewegung. Denn so verderblich wir diese Macht ansehen miis-
sen, es ist eine Macht, eine ungeheure Macht; und man kommt ihr
nicht anders nahe, als dafi man sich ihrer voll bewufit wird. Sie
werden nicht anders kampfen konnen. Sie werden auf Schritt und
Tritt in Ihrem Leben begegnen der Macht, die heute in unermefilicher
Weise sich ausbreitet, wahrend die Menschheit schlaft und es nicht
bemerkt.
Auf der anderen Seite ist nun die Zeitaufgabe, dafi vertraut wird
auf - wenn ich es so nennen darf — die gottliche Harmonic Und das,
meine lieben Freunde, hat man absolut nicht verstanden in meiner
«Philosophie der Freiheit». Aber es ist etwas, was im allereminente-
sten Sinne verstanden werden sollte in der Gegenwart. In meiner
«Philosophie der Freiheit» baut auch das Rechtsleben auf den vollig
aus sich heraus wirkenden individuellen Menschen. Einer der ersten,
und zwar der geistvollsten Kritiker, die iiber meine «Philosophie der
Freiheit» geschrieben haben — im englischen «Athenaeum» -, schrieb
einfach, diese ganze Anschauung fuhre hinein in einen theoretischen
Anarchismus. - Dieses ist selbstverstandlich der Glaube der heutigen
Menschen. Warum? Weil dem heutigen Menschen jedes wirkliche
durchgottlichte soziale Vertrauen eigentlich fehlt, weil die Menschen
das Folgende, fur unsere Zeit Allerwichtigste nicht begreifen konnen,
und das ist das: Wenn man den Menschen wirklich dazu bringt, dafi
er aus seinem Innersten heraus spricht, dann kommt nicht durch
seinen Willen, sondern durch die gottliche Welteinrichtung die Har-
monic unter die Menschen. Die Disharmonie riihrt davon her, dafi
eben die Menschen nicht aus ihrem Inneren heraus sprechen. Man
kann die Harmonic nicht erzeugen auf direkte Weise, sondern nur
durch diese indirekte Weise., dafi man die Menschen wirklich bis zu
ihrem Innersten bringt. Dann tut der eine ganz von selber dasjenige,
was dem anderen frommt, spricht auch dasjenige, was dem anderen
frommt. Die Menschen reden und handeln nur aneinander vorbei,
solange sie sich nicht selbst gefunden haben.
Begreift man das als ein Mysterium des Lebens, dann sagt man
sich: Ich suche den Quell meines Handelns in mir selber und habe
das Vertrauen, dafi der Weg, der mich da ins Innere fuhrt, auch in die
gottliche Weltordnung im Aufieren mich einschaltet und ich dadurch
in Harmonie mit den anderen wirke. — Dadurch wird erstens das
Vertrauen in das menschliche Innere gebracht, zweitens aber auch
das Vertrauen in die aufiere soziale Harmonie. Einen anderen Weg als
diesen gibt es nicht, um die Menschen zusammenzubringen. Was
daher von Ihnen errungen werden muE, wenn Sie durch Ihren Beruf
tatsachlich auch sozial wirken wollen, gottlich sozial wirken wollen,
geistig sozial wirken wollen, das ist die Moglichkeit, wirklich aus
Ihrem Inneren heraus zu wirken, das heifit, dafi jeder fur sich, weil er
sich gefunden hat, die Moglichkeit hat, eine Autoritat sein zu diirfen.
Der katholische Prediger macht sich individualitatslos, kreuzt die
Stola und ist nicht mehr er selbst, er ist die Kirche. Die katholische
Kirche hat das magische Mittel, ohne Vertrauen [auf die Individual-
kraft], durch das aufiere symbolische Seelenwirken machtvoll in das
soziale Leben hineinzuwirken. Das war dasjenige, was notwendig
war, um soziale Gemeinschaften zu begriinden ungefahr gegen das
Ende des 2. Jahrtausends vor dem Mysterium von Golgatha und ist
am idealsten im alten Agypten ausgebildet worden, und auf Umwe-
gen, die genau historisch zu verfolgen sind, ist das die innere Essenz
der katholischen Kirche geworden. Das Wesen der katholischen Kir-
che besteht darin, dafi sie heute noch auf dem Standpunkt steht, auf
dem die innere Konstitution des agyptischen Priesterlebens und
sozialen Lebens ungefahr im 2. vorchristlichen Jahrtausend stand.
Das Katholische ist ein Hineinwirken des Alten in unsere Zeit.
Demgegenuber besteht heute die Notwendigkeit, sich wirklich auf
den Standpunkt unserer Zeit zu stellen, gar nicht sich als etwas
anderes zu fuhlen denn als Trager des zum Intellekt gewordenen
gottlichen Lebens in sich selber. [Sie miissen] sich das freie Wort
erkampfen, so dafi Ihnen in den Inhalt der Predigt niemand hereinzu-
reden hat, dafi es keine Norm gibt fiir den Inhalt der Predigt. Das ist
dasjenige, was Sie sich erkampfen miissen. Anders werden Sie nicht
Gemeinschaften begriinden, als wenn Sie sich zum Prinzip machen,
sich die Freiheit fiir das Predigeramt zu erkampfen.
Damit habe ich zunachst in einigem fadengezeichnet dasjenige, was
gewissermafien aus dem Inneren heraus zur Gemeinschaftsbildung
fiihren mui Sind Sie imstande, diese Dinge zu verwirklichen, dann
werden Sie auch wiederum die Jugend heranbekommen zu einer
wirklichen Gemeinschaftsbildung, wahrend die Jugend es aus sich
selbst heraus nur zur Cliquenbildung gebracht hat. Ich habe die
Uberzeugung und auch das Vertrauen, dafi, wenn solche Gemein-
schaften zustande kommen konnen, dann vor alien Dingen sich die
Jugend in solchen Gemeinschaften zusammenfinden wird und daraus
etwas Erspriefiliches werden kann, wahrend eben vor vielleicht 15 bis
20 Jahren die Jugend in der sogenannten Jugendbewegung Zusam-
menschlufi gesucht hat, aber fuhrerlos war, weil man an die Vater
nicht mehr geglaubt hat und dadurch ohne eigentlichen inneren
Impuls zur Gemeinschaftsbildung hingestrebt hat. Es ist nur eine
Cliquenbildung daraus geworden. Heute sind die Seelen Eremiten.
Sie wiirden aber, wenn es eine Moglichkeit des Zusammenschlusses
gabe, sich sofort zusammenschliefien, und da, wo wirklich freie
Gemeinden auftreten, das heifit Gemeinden mit innerer Freiheit,
wiirde vor alien Dingen die Jugend sich einfinden.
Sehen Sie, in solchen Dingen haben wir es mit unserer anthroposo-
phischen Bewegung ja natiirlich schwer. Denn diese anthroposophi-
sche Bewegung kann heute durch ihre innere Natur nichts anderes
sein als eine ganz universelle Bewegung. Sie mufi sich gewissermafien
auf alle Gebiete des Lebens verlegen, und wir stehen in bezug auf die
anthroposophische Bewegung in einer aufierordentlich schwierigen
Situation drinnen. Wir stehen in der schwierigen Situation, dafi auf
der einen Seite ein gewisses anthroposophisches Gut heute der Welt
mitgeteilt werden mufi — das mufi in die Welt, denn es fehlt der Welt
an der Moglichkeit, geistige Inhalte zu bekommen -, auf der anderen
Seite tritt iiberall das Bestreben auf, Gemeinden zu bilden, gewis-
sermafien anthroposophische Gemeinden zu bilden. Nennen Sie es
Zweige, nennen Sie es, wie Sie wollen, es tritt das Bestreben auf,
anthroposophische Zweige zu begriinden. Und weil die anthroposo-
phische Bewegung heute noch so etwas Universelles sein mufi, kon-
nen diese anthroposophischen Zweige nicht eigentlich zu einem
wirklichen Leben kommen, denn sie pendeln hin und her zwischen
dem religiosen Element und dem mehr auf alle Zweige des Lebens
gerichteten geistigen Element. Sie kommen dadurch naturlich auch
nicht zu einer wirklichen Brudergesinnung; sie kommen dadurch
uberhaupt nicht zu einem Erfassen der sozialen Aufgabe, die darin
besteht, dafi man in kleinen Gemeinden vorbildlich dasjenige konkret
begriindet, was dann in der Menschheit sich ausbreiten soil; sondern
entweder arten sie aus in eine blofie Ubertragung des Lehrgutes, oder
aber sie fiihlen in sich das menschliche Widerstreben gegen den
Zusammenschlufi und zersplittern sich in Meinungen, zanken sich
und dergleichen. Aber wenn man fragt: Worin liegt der Fehler? -
dann liegt er eben nicht in diesen Gemeinschaften, sondern darin, dafi
man ja eigentlich einen wirklichen Anschlufi an ein religioses Leben
heute nicht findet, wenn man auf der anderen Seite erkennend die
geistige Welt durchdringt. Bei all den Bekenntnissen, die heute exi-
stieren, finden die Anthroposophen ein religioses Leben nicht. Diese
Gemeinschaften miissen eben erst da sein. Sie konnen nicht anders
da sein, als dafi man in ganz ernster Weise sich alles das vorlegt, was
zur Begriindung solcher Gemeinschaften fiihren kann. Ich glaube,
die aufieren Moglichkeiten, die Institutionsmoglichkeiten, die wer-
den sich, wenn die Gesinnung, die ich versuchte Ihnen heute zu
kennzeichnen, wirklich durchdringt, dann gar nicht so schwer
finden, wenn Sie nur eine geniigende Anzahl sind. Wenn Sie etwa
zehnmal soviel Leute haben, die sich vorbereiten, den Prediger-
beruf iiber Deutschland hin, iiber ein grofieres Territorium hin zu
erfullen, dann werden Sie auch die Moglichkeit haben, aus dieser Ge-
sinnung heraus zur Gemeinschaftsbildung zu kommen. Aber die
Gemeinschaftsbildung ist die Grundlage. Erst wenn wir iiber
diese uns klar geworden sind, konnen wir iiber Kultus und Predigt
weitersprechen.
Nun mochte ich Sie bitten, dafi Sie von sich aus sagen und in
Fragen formulieren, was Ihre speziellen Gedanken, Wiinsche und so
weiter sind. Es werden Ihnen vielleicht auch Bedenken aufgestiegen
sein bei den einzelnen Dingen, die ich erwahnt habe, oder es wird in
Ihnen das Gefiihl sein, dafi die eine oder andere Frage nicht erschopft
ist, dafi Sie noch praktischere Dinge brauchen.
Ein Teilnehmer: wenn auch vielleicht das Praktische sich leicht ergeben wird, so
ist vielleicht doch dies oder das Praktische fur uns von grofiter Bedeutung jetzt,
zumal einige von uns in gewissen praktischen Situationen schon stehen. Deshalb
wiirde ich bitten, uns vielleicht noch etwas zu sagen uber die Anschlufimoglich-
keiten. Es sind ja zunachst zwei Ankniipfungsmoglichkeiten vorhanden, entwe-
der vielleicht von der Kirche aus oder die Anknupfung an die bisherigen anthro-
posophischen Gemeinden. Ist iiberhaupt eine Anknupfung von kirchlicher
Arbeit aus dann hinterher zu finden? Diese Befurchtung, dafi sie nicht zu finden
ist, halt noch manche von uns zuriick, obwohl sie schon in den Kirchendienst
eintreten konnten. Was soli denn nun geschehen? Es ist vielleicht die Frage nach
praktischen Dingen schon enthalten, aber es liegt die prinzipielle Frage nach der
Anknupfungsmoglichkeit schon darin, es besteht eben nicht Klarheit bei uns
dariiber, wo wir nun gleich praktisch ankniipfen konnen. Verscherzen wir uns
eine Moglichkeit, wenn wir jetzt in den Kirchendienst eintreten in der Hoffnung,
spater da ankniipfen zu konnen? Sollen wir nicht lieber etwas anderes tun, denn
irgendwo miissen wir ankniipfen.
Rudolf Steiner: Die Sache liegt ja so, dafi die Antwort darauf eine
mannigfaltige sein mufi. Sie ist nicht gleichartig zu geben, weil es in der
Tat trotz der Schwierigkeiten, die heute die Kirche darbietet, doch
noch immer Moglichkeiten gibt, aus der Kirche selbst heraus zu
arbeiten, die man vielleicht nicht ungeniitzt lassen soil. Denn wenn Sie
die besonderen Verhaltnisse da oder dort beriicksichtigen, werden Sie
sich sagen konnen, nach der ganzen Art der Gemeinde ist es moglich,
dafi Sie Ihre Gemeinde selber begrunden konnen, wenn Sie aus den
bestehenden Formen heraus das Amt suchen, aber dann die Gemeinde
gewisserrnafien nach und nach aus den heutigen kirchlichen Verhalt-
nissen herausfiihren, wahrend Sie die Gemeindegiieder nicht zusam-
menbekommen warden, wenn Sie sich aufierhalb der Kirche stellen
und eben sie einfach sammeln wollten. Dagegen wird auf gewissen
Gebieten ein Herausarbeiten aus der Kirche iiberhaupt nicht mehr
moglich sein. Da ist es dann natiirlich durchaus geboten, den Versuch
zu machen, freie Gemeinden zu griinden. Nur wiirde ich unter alien
Umstanden empfehlen, die Sache nicht so zu versuchen, dafi mit
Bezug auf die anthroposophischen Zweige und so weiter ein Sichzu-
sammenschliefien angestrebt wird, dafi nicht angestrebt wird ein
Herausarbeiten aus der Anthroposophie selber, denn da wiirde Ihnen
der Faden abreifien, bevor Sie zu irgend etwas kommen. Anthropo-
sophie als solche wird einfach in der unerhortesten Weise in der
nachsten Zeit bekampft werden von alien moglichen Seiten; und um
innerhalb dieses Kampfes zu ruhiger Gemeindebildung zu kommen,
dazu, sehen Sie, dazu reicht eigentlich die Kraft, die Sie heute haben,
durch Ihre Zahl - selbst wenn sie zehnmal grofier ist - noch nicht aus.
Wir leben noch nicht in den sozialen Verhaltnissen, die es moglich
machen wiirden, aus der Anthroposophie selbst heraus zur religiosen
Gemeindebildung zu kommen. Sie miissen die religiose Gemeinde-
bildung fur sich vornehmen und dann den Zusammenschlufi mit der
anthroposophischen Bewegung suchen. Die anthroposophische
Bewegung — das kann ich ja durchaus sagen — wird niemals erman-
geln, diesen Zusammenschlufi zu fordern, selbstverstandlich; aber es
wiirde nicht gut sein, gewissermafien aus den anthroposophischen
«Gemeinden» heraus kirchliche Gemeinden zu bilden.
Sehen Sie, als wir die Waldorfschule gegriindet haben - es ist nicht
ein Beispiel, aber es ist wenigstens eine Ahnlichkeit vorhanden
gingen wir darauf aus, keine Weltanschauungsschule, keine Anthro-
posophenschule zu griinden, sondern lediglich in Padagogik und
Didaktik das hineinzubringen, was hineingebracht werden kann
durch Anthroposophie. Ich habe durchaus darauf gehalten, dafi die
katholischen Kinder von den katholischen Pfarrern, evangelische
Kinder von den evangelischen Pfarrern unterrichtet werden. Nun hat
sich allerdings herausgestellt, dadurch, dafi der erste Grundstock der
Waldorfschule Arbeiterkinder waren, dafi dann sehr viele Kinder
uberhaupt keine religiose Unterweisung gehabt hatten. Und gleich-
sam ergab sich dann die Notwendigkeit, auch einen freien anthropo-
sophischen Religionsunterricht zu erteilen. Aber ich halte in alien
Einzelheiten, namentlich in meinem eigenen Verhalten zu der Sache,
streng darauf, dafi dieser anthroposophische Religionsunterricht
nicht in die Konstitution dieser Schule hineinfallt, sondern dafi er
ebenso von auften hineinkommt wie der katholische, wie der evange-
lische Religionsunterricht, so dafi nicht die Schule als solche aus sich
heraus diesen Religionsunterricht gibt, sondern dafi sie eben einfach
der anthroposophischen Gemeinschaft gestattet, denjenigen Kindern,
bei denen es die Eltern wollen, diesen anthroposophischen Religions-
unterricht zu geben, wie den evangelischen Kindern der evangelische
und den katholischen Kindern der katholische Religionsunterricht
gegeben wird. Auf diesem Gebiet mufi man schon Ernst damit
machen, dafi das Geistige nur durch das Geistige wirkt. Sobald man
eine Schulverfassung treffen wiirde, um den Religionsunterricht ein-
zufugen in den Lehrplan der Schule, wiirde man ja zunachst wahr-
scheinlich mehr erreichen, als wir jetzt erreichen, aber langsam wie-
der abbauen. Man mufi das Vertrauen zum Geiste haben, dafi er
durch sich selber wirkt. Und deshalb stehen wir eben in der anthro-
posophischen Bewegung vor der grofien Schwierigkeit, daft wir,
sobald wir einen Zweig begriinden, das aufierlich in der physischen
Welt machen; und da haben die Menschen naturlich immer das
Bestreben, nun durch aufiere Mittel zu wirken. Aber Anthroposo-
phie kann heute nicht durch aufiere Mittel wirken, sie kann nur durch
dasjenige wirken, was in ihr als geistiger Gehalt auf die Menschen
wirkt. Diese zwei Dinge stehen immer miteinander im Kampf:
aufierliche Zweigbildung - innerliche Wirksamkeit. Das kampft ganz
furchtbar durcheinander. Und das wiirde selbst in dem Momente in
ein Gesundes ubergehen, wenn wirklich aus dem religiosen Geiste
heraus eine Gemeinschaftsbildung moglich ware. Nun, da handelt es
sich naturlich darum, dafi man wirklich, ich mochte sagen, gewisser-
mafien hohere Unbequemlichkeiten iiberwindet.
Sehen Sie, wenn ich zu den schweizerischen Lehrern rede iiber die
Befreiung des Geisteslebens, Befreiung des Unterrichtswesens, da
erwidern in der Regel sogar die besten: Ja, wir sind in der Schweiz
eigentlich ganz frei, wir konnen in der Schule machen, was wir
wollen. - Keiner aber macht etwas anderes, als was der Staat will. Aus
Freiheit sind sie im Grunde genommen so unfrei als moglich; sie
fuhlen nur ihre Un freiheit nicht, sie fiihlen die Unfreiheit als Freiheit,
weil sie innerlich so damit zusammengewachsen sind. Wir miissen
wiederum erst lernen, die Unfreiheit zu fiihlen. Ich konnte es einmal
bei einer Dreigliederungsversammlung, die ich in der Schweiz abge-
halten hatte, in einer ganz merkwiirdigen Weise empfinden; ich
mochte sagen, es war da mehr auf ein humoristisches Gebiet
gebracht. In der Diskussion hatte sich ein Mensch in einer gewissen
fanatischen Weise dariiber ungeheuer erhitzt, daft in Deutschland
durch Gesetze, Polizeimafiregeln alien geboten ware, sich loyal zu
verhalten, das Monarchische loyal zu verehren und so weiter, das
alles sei Gebot. Daran erhitzte er sich so furchtbar. Ich sagte ihm:
Das mag ja nun naturlich alles ganz schon sein, dafi sich Republika-
ner in einer solchen Weise gegen das Gebot der Monarchic erhitzen,
aber ich erinnere mich, dafi, als vor einigen Jahren der deutsche
Kaiser in der Schweiz war, sich die Leute in einer ungeheuer devotio-
nellen Weise benommen haben, so daft dazumal in der Tat das Bild
des Devotionellen in Zurich dasjenige weit iibertroffen hat, was man
gewohnt war innerhalb Deutschlands. - Daraufhin sagte er : Ja, das ist
gerade der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz: in
Deutschland ist das alles geboten, da miissen es die Leute tun, wir
tun's aber freiwillig. - Das ist der Unterschied zwischen freien
Menschen und denjenigen, die unfrei sind.
Nun, nicht wahr, wir miissen, und zwar alle Menschen - ganz
international ist das in unserer Zeit -, wir miissen eigentlich erst
lernen, was es heifit, ein freier Mensch zu sein. Und deshalb glaube
ich, dafi es tatsachlich moglich sein mufi, anzukniipf en da, wo einige
Freiheit noch moglich ist innerhalb der Kirche, aus der Kirche selbst
heraus diese freien Gemeinden zu griinden.
Ich verkenne nicht die Schwierigkeit, aber nicht wahr, Sie miissen
nur bedenken, wie die wirklichen Kulturverhaltnisse, namentlich in
Mitteleuropa, sind. Eine gewisse Gemeindebildung hat sich vollzo-
gen damals - und man muE ja auch aus der Geschichte wirklich
lernen -, als nach Verkiindung des Infallibilitatsdogmas der Alt-
katholizismus entstanden war. Nun, wenn Sie den Altkatholizismus
nehmen in bezug auf seinen Inhalt, so kann man sagen, er hat
eigentlich in bezug auf Lehrgut und Priesterverhalten dasselbe, wie es
das evangelische Pfarrertum hat. Er hat das schon in sich, der Alt-
katholizismus, und er hat nur bewahrt auf eine volkstumliche Weise
einen Kultus, von dem wir noch zu sprechen haben werden. Man
kann sagen: Im Altkatholizismus ist gerade dadurch, dafi er als eine
Reaktionserscheinung entstanden ist, schon dasjenige enthalten
gewesen, was aus sich selbst heraus zur freien Gemeindebildung
wirklich hatte fiihren konnen aufierhalb der Kirche. Nun werden Sie
ja wissen, der Altkatholizismus in Deutschland ist mit grofiem
Enthusiasmus aufgenommen worden. Gemeinden wurden da oder
dort gebildet, aber sie konnten nicht leben, nicht sterben. Naturlich
mufiten sie sich dazumal, weil man innerhalb der katholischen Kirche
solche Gemeinden nicht bilden konnte, aus sich selbst heraus bilden.
Das ware gar nicht anders gegangen. In der Schweiz, wo sich viel
mehr der Altkatholizismus erhalten hat - denn dort gibt es viele
altkatholische Gemeinden -, tritt neuerdings ziemlich krafi hervor,
dafi diese Gemeinden ein konservatives Leben fortfiihren, aber sich
nicht mehr vergrofiern, sondern bleiben, sich eher verkleinern, dafi
sie also auch schon auf dem Boden einer absteigenden Entwicke-
lung sind. Das ist heute die Schwierigkeit der Bildung der freien
Gemeinden.
Daher wird es notwendig sein, soviele Menschen, wie Sie konnen -
nicht von der Kirche, aber von denjenigen Menschen, die noch nicht
dazu sich entschliefien konnen, aus der Kirche auszutreten, um mit
Ihnen freie Gemeinden zu griinden — herauszuretten aus der Kirche,
also sie wirklich in der Kirche zu erfassen und herauszubringen.
Wenn sich die Sache so gestaltet, dann konnen Sie ganz sicher sein,
dann wird der Anschlufi an die anthroposophische Bewegung
erreicht werden. Denn die anthroposophische Bewegung wird,
obwohl sie furchtbare Kampfe wird auszufechten haben, trotzdem
sich ihre Geltung verschaffen, wenn es auch vielleicht nur mit man-
chen Opfern der in ihr Wirkenden moglich ist, mit starken Opfern,
sie wird sich doch Geltung verschaffen, aber sie wird kaum heute in
der Lage sein, aus sich heraus einen Zweig des religiosen Lebens zu
begriinden - deshalb sprach ich auch heute immer von der Besonder-
heit Ihres Berufes — , sie wird kaum in der Lage sein, etwa Gemeinden
in einem besonderen religiosen Sinne zu gestalten. Es wird notwen-
dig sein, dafi dasjenige, was ich immer betone, zur Wahrheit wird:
Die anthroposophische Bewegung als solche kann keine Begriinderin
von neuen religiosen Gemeinschaften und so weiter sein, sondern
man mufi irgendwie die religiose Gemeinschaft aus sich heraus bil-
den, oder - soweit man kann - sie mit dem Menschenmaterial bilden,
das heute rein aus Vorurteilen noch innerhalb der alten Kirche steht.
Vielleicht aber konnen Sie die Frage noch weiter formulieren, so dafi
wir noch genauer dariiber sprechen konnen.
Dr. Rittelmeyer — er ist nur krank geworden — hatte durchaus die
Moglichkeit gehabt, bei der Art, wie er sich verhalten hatte zu seinen
Gemeindemitgliedern, eine ganz freie Gemeinde zu begriinden mit-
ten in Berlin. Und hat sie einmal eine bestimmte Macht, eine Gel-
tung, ist sie grofl, dann wagt man es nicht, an den Pfarrer irgendwie
heranzukommen. Ist es eigentlich Ihre Meinung, dafi man diesen
letzten Rest des Beriicksichtigens der Kirche nicht haben soil?
Ein Teilnehmer: Ich glaube, dafi es besonders schwer sein wird, in der Kirche zu
arbeiten, und ich sehe auch noch nicht klar dariiber, inwieweit wir das auch jetzt
schon tun konnten. Wir miissen ja mit der eigentlichen Arbeit doch noch warten,
bis wir gemeinsam losgehen konnen. Ware es vielleicht moglich, in der Kirche
schon jetzt Ankniipfungspunkte zu suchen? Aber wir wiirden dann eben bereits
versandet sein, bis wir in der Gesamtheit so weit sind.
Rudolf Steiner: Sie konnen jetzt, solange Sie nicht ein Predigeramt
haben, solche Verbindungen nicht suchen. Sie miissen dasjenige, was
die Vorbereitung ist zum religiosen Wirken, natiirlich unabhangig
von der Kirche suchen, wenigstens innerlich unabhangig. Solange Sie
gewissermafien Studierende sind, konnen Sie einen Zusammenschlufi
mit der Kirche nicht suchen. Sie konnen nur erst Umschau halten, wo
es moglich ware, solche Gemeinden herauszuziehen aus der Kirche.
Und wenn Sie dann finden sollten, dafi das uberhaupt unmoglich ist
in Mitteleuropa, dann miifite dennoch zur freien Gemeindebildung
geschritten werden, und es miifiten die Mittel und Wege gesucht
werden, zu dieser freien Gemeindebildung zu schreiten.
Nun wiirde ich natiirlich nur zwei Dinge haben gegen eine absolut
freie Gemeindebegriindung, das heifit also, dafi der eine von Ihnen
nach dem Orte X, der andere nach Y geht und einfach, indem er
meinetwillen zuerst fur funf, dann fiir zehn, zwanzig Leute predigt,
sich allmahlich eine freie Gemeinde schafft. Was ich als Schwierigkeit
bezeichnen mochte, ist nur das, dafi dieser Weg erstens ein langsamer
ist - Sie werden sehen, es ist ein langsamer -, es ist der sicherste, aber
ein langsamer. Und das zweite ist die materielle Frage. Denn, nicht
wahr, wenn die Sache sich so vollzoge, dann ware es notwendig, daft
im umfassendsten Sinne diese Sache finanziert wird, richtig finanziert
wird, dafi also einfach zunachst eine Gemeinschaft von Ihnen selber
[begriindet] wiirde, und dafi gesucht wiirde die Finanzierung dieser
Gemeinschaft.
Nun mufi ich sagen, dafi das ja natiirlich der schonste Weg ware;
wenn er auch mit aufieren materiellen Dingen erkampft werden mufi,
es ware dieses natiirlich der schonste Weg. Aber von all den Wegen
gehort dazu - das sage ich Ihnen ganz offen - auf Ihrer Seite auch der
grdfke Mut. Dazu gehort der grofite Mut, dazu gehort natiirlich, dafi
Sie selbst mittun an dem Kampf, der sich natiirlich ergibt, dafi Sie an
den Schwierigkeiten, an dem Erkampfen mittun, eben auch fiir die
finanzielle Fundierung. Es ware natiirlich das Beste, wenn man
umfassende Mittel gewinnen konnte, um Sie ganz unabhangig zu
stellen, so dafi Sie einfach dann wahlen konnten: da oder dort sammle
ich, und wenn es aus dem kleinsten Kreis heraus ist, meine
Gemeinde. Sie kommt dann schon zustande. Dazu gehort Mut, daran
zu glauben, dafi sie zustande kommt. Sie kommt zustande, aber
natiirlich, man braucht die finanzielle Grundlage, und dem stellen
sich heute wirklich aufierordentliche Schwierigkeiten entgegen. Es
wird ja sogleich die Gemeinschaft aller heute positiven Bekenntnisse
da sein, die dem in der ausgiebigsten Weise widerstrebt, dafi so etwas
gemacht werde. Und man kann es nicht im einzelnen tun, man mufi
es als grofie Bewegung organisieren. Man muE tatsachlich eine
Gemeinschaft begriinden aus Ihnen alien, die sich also dieses Lebens-
ziel setzen und fiir die dann eine finanzielle Fundierung gesucht wird.
Nun, man kann sich das ja ausrechnen. Es wiirde ja geniigen bei
diesem Wege, weil er gewissermafien ein ganz sicherer ist und nicht
auf solche Schnelligkeit angewiesen ist, wenn Sie, sagen wir, zwei-
hundert waren. Nun konnen Sie sich selber ausrechnen, was das
jahrlich braucht. Sobald man die Mittel dazu hat, sobald kann man es
machen. Dann ist es der sicherste Weg. Dann ist es aber auch der
sichtbarste Weg, und der ware eigentlich der natiirlichere. Aber bei
den heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhaltnissen diese Mittel
in Mitteleuropa aufzubringen - und nur um das konnte es sich ja
handeln — , das ist eben ungeheuer schwierig. Denn Sie werden keine
Moglichkeit finden, in einem anderen Reiche, in einem anderen
Lande so etwas zu machen. Also sowohl in Ost- wie in Westeuropa
ist es absolut ausgeschlossen; in Mitteleuropa konnte man es machen
aus inneren Griinden heraus, und man wiirde ein Grofies gerade
damit machen.
Werner Klein: Ich mufi sagen hierzu, dafi ich bisher nur diesen Weg gesehen
habe, den letzteren, und ihn auch jetzt eigentlich noch als den einzig gangbaren
betrachte. Wir haben mit der Finanzierung naturlich grofie Schwierigkeiten, aber
wir konnten daran gehen, sie zu beseitigen. Ich glaube auch, dafi man aus eigener
Kraft heraus sich iiber Wasser halten kann, wenn man sich selbst ein Wirkungs-
feld schafft in einer Stadt, vielleicht versucht, aus Vortragen heraus Gelder zu
bekommen. Man wird Freunde sich erwerben konnen, die einem helfen. Aber
man kann auch in einen Beruf sich hineinstellen - wir leben doch heute in der
Zeit der abgekiirzten Arbeitszeit man wird also einen weniger bedeutsamen
Beruf ausfiillen konnen auf dem Rathaus oder irgendwo, wo man sich zur Not
erhalten kann, um daneben die Zeit zu gewinnen, das zu betreiben, was einem
vorschwebt. Ich glaube, dafi man da doch sich wird halten konnen. Aber dane-
ben miifite eben eine grofiziigige Organisation gehen und es miifite versucht
werden, doch wenigstens Gelder zu bekommen. Und nach dem, was in uns alien
lebt in Deutschland, dieses allgemeine Sehnen nach etwas Neuem, Kraftigem,
glaube ich, dafi sich manches finden wird. Das wird von uns abhangen. - Aber
nun sehe ich heute zum ersten Mai den zweiten Weg in Verbindung mit der
Kirche und ich glaube, dafi man da Hand in Hand gehen kann. Der Weg der
freien Gemeinde verlangt eine ganz andere Taktik, ein gemeinsames Hingehen
auf das Ziel, und ein gemeinsames Vorgehen zu einem gemeinsamen Zeitpunkt,
aber doch jeder fur sich, wenn man hervortritt als eine grofiere Bewegung;
wahrend die andere Taktik die ist, dafi jeder fur sich anfangt zu wir ken und
versucht, von der Kirche aus eine neue Gemeinde zu schaffen. Das eine wird das
andere nicht storen. In dem Augenblick, wo wir auf diesem sicheren, aber auch
schwereren Weg vielleicht soweit sind, um, krafi gesagt, loslegen zu konnen,
dann werden diejenigen, die bisher den anderen Weg gegangen sind, in ihrer
Arbeit sich uns anschliefien und dann mit Friichten, die sich schon real und
positiv gezeigt haben, uns unterstiitzen konnen, wahrend, wenn es hie und da
gelingt, Erfolge auf dem einen oder anderen Gebiete im Anschlufi an die Kirche
zu gewinnen, das nur zu begriifien und als Faktor fur sich zu betrachten ware.
Wenn wir wirklich in Anbetracht der sozialen religiosen Not heute sozial etwas
schaffen wollen, so scheint mir immer noch nur dieser erste, der sichere Weg,
gegeben zu sein. Wir miissen ihn auf jeden Fall versuchen. Wenn wir scheitern,
dann gehen wir noch immer den anderen und zwar, wenn der andere gleichzeitig
beschritten wird von denen, die schon wirken wollen, um die Zwischenzeit
auszufullen, ist es zu begriifien. Wenn wir Grofies wollen, miissen wir auch das
Grofie anstreben und versuchen.
Rudolf Steiner: Es ist ja so, dafi wir gerade hier in Stuttgart einige
Erfahrungen mit den Schwierigkeiten haben, die so etwas gegeniiber-
stehen wie dem sichersten Weg, der hier gekennzeichnet worden ist.
Natiirlich bin ich durchaus der Meinung, dafi dieser Weg gegangen
werden kann, wenn die Krafte dafiir geniigend eingesetzt werden.
Aber seien Sie sich auch der Schwierigkeiten bewufit, die man heute
auf alien Gebieten trifft. Es ist ein aufierordentlich guter Wille darin,
sich zu sagen, man kann auch irgendeine Stellung annehmen und
daneben in der Sache so wirken, wie es wiinschenswert ist. Aber es ist
ja so ziemlich ein offenes Geheimnis, dafi die Studierenden an den
deutschen Hochschulen in den nachsten Jahren in die furchtbarsten
materiellen Schwierigkeiten kommen werden, nicht wahr. Man hat
an allerlei unpraktische Dinge gedacht; sogar ein Professor ist zu mir
gekommen, der mir sagte, dafi man daran denken miifite, Drucke-
reien einzurichten, weil die Studierenden ihre Dissertationen nicht
mehr bezahlen konnen, und sie sollten dort sich das selber drucken. -
Ich habe natiirlich nicht das geringste Verstandnis fiir eine solche
materielle Inzucht; denn ich weifi nicht, auf welche Weise die Stu-
denten etwas verdienen sollten, wenn sie ihre eigenen Dissertationen
drucken. Ich fand als den rationelleren Weg, auf den ich hinwies,
wenn man iiberhaupt - fiir die Zeit der Not - den Zwangsdruck
der Dissertationen abschaffen wiirde. — Also, man denkt an alles
mogliche Unpraktische, aber die Sache ist schon eine sehr ernste.
Mir ware es zum Beispiel eine aufierordentlich liebe Idee, v/enn der
«Kommende Tag» seinerseits eine gewisse materielle Grundlage
wenigstens einer Anzahl von Studierenden geben konnte, das heifit,
er miifite, sagen wir, abwechselnd drei Monate eine Gruppe von
Studierenden beschaftigen in seinen Unternehmungen, wahrend man
in den nachsten drei Monaten andere beschaftigt. Dann konnten die
letzteren an die Universitaten zuriickgehen und studieren. Also, das
ware eine schone zu verwirklichende Idee, wenn man es konnte.
Aber in unserem eigenen Betriebe wiirden wir — in dem Momente,
wo wir so etwas realisieren wollten, also eine Anzahl Studenten
anstellen wollten - sofort die Revolution der Gewerkschaftsarbeiter
haben, die uns erklaren wiirden: das gibt es nicht. Sie wiirden uns
hinauswerfen. Und, nicht wahr, etwas ahnlichem, wenn es auch nicht
gerade so in Form eines Hinauswurfes einem entgegentreten wiirde,
aber wahrscheinlich in der Art eines Nichthineinlassens, dem wiirde
man schon begegnen. Aufierdem sehe ich keine rechte Moglichkeit,
daft man neben einem Beruf, selbst bei der heute verkiirzten Arbeits-
zeit, noch einen solchen ausiiben kann, wo man sich vollig hingibt,
denn es erfordert eine ganze Hingabe, um einen solchen Beruf, zu
dem Sie sich entschliefien wollen, auch wirklich auszufullen. Ich sehe
da keine rechte Moglichkeit.
Sehen Sie, wir stehen doch einfach vor der Tatsache, dafi durch die
schweren Lebensverhaltnisse die Menschen eigentlich heute alle nicht
so stark sind, wie sie eigentlich sein sollten. Also ich furchte, es
wiirde ein solcher Weg, wo der Betreffende auf sich selber angewie-
sen ware in finanzieller Beziehung, mindestens in eine leise Neur-
asthenic hineinmunden. Dafi es unter heutigen Umstanden moglich
ist, durch Vortragstatigkeit, durch eine freie Betatigung in dieser
Weise einen Lebensunterhalt zu verschaffen, das scheint mir auch
ziemlich unwahrscheinlich zu sein. Denn, sehen Sie, geistige Leistun-
gen — wir haben das gerade auf besonderem Gebiete erfahren —
werden nach der alten Geldwahrung bezahlt, und essen mul5 man
nach der neuen Geldwahrung. Wenn man die Bezahlung fur geistige
Leistung nimmt, so bekommt man in der alten Wahrung 30 Mark,
und ausgeben miifite man nach der neuen Wahrung 300 Mark. Also
diese Sache ware natiirlich schwierig. Dagegen ware es wirklich wert,
sich einzusetzen fur eine Finanzierung in umfassendstem Sinne.
Ich halte auch das Zusammenwirken mit der Kirche, das also
Herrn Klein sympathischer zu sein scheint als manchem anderen von
Ihnen, nicht fiir aussichtslos. Denn die Zusammenkoppelung dieser
Arbeit mit der Kirche, das hatte, glaube ich, Vorteile. [Es folgen
einige vom Stenographen nur unvollstandig und unklar festgehaltene
Satze, die sich auf die Finanzierung beziehen.]
Man kann beides machen. Ich meine doch, die Erfahrung spricht
heute dafiir, dafi, wenn es Ihnen gelingt, sich erst aus der Kirche
heraus freie Gemeinden zu schaffen, Sie Nachfolge finden werden
einfach durch Ihr Vorgehen. Sie werden Nachfolge finden. Denn
man geht wohl nicht fehl damit, wenn man sagt, es sitzen heute viele
Pastoren und Pfarrer in den evangelischen religiosen Gemeinschaften
drinnen, die gerne heraus mochten aus ihrem Amt und nur einen
Anstofi brauchen. Wenn es Ihnen gelingt, diese Leute aus ihren
Gemeinden herauszuziehen, dann finden Sie schon bei heute im Amt
sitzenden Pfarrern solche, die Ihnen nachfolgen. Das ware doch ein
guter Zuzug. Das wiirde die Bewegung rasch vergroftern konnen. Da
fanden Sie namlich dann Zuzug, wahrend die Betreffenden aus sich
selbst heraus eben einfach nicht die Initiative aufbringen konnen.
Wenn der Anstofi von aufien gegeben wiirde, da fanden Sie Zuzug.
Das ware naturlich ja aufierordentlich wiinschenswert, wenn es
gelingen konnte, die Finanzierungsfrage irgendwie wenigstens in
Angriff zu nehmen. Ich sage absichtlich «irgendwie in Angriff zu
nehmen», denn wenn diese Finanzierungsfrage ordentlich in Angriff
genommen wird, dann hat sie die Wahrscheinlichkeit des Gelingens.
Das Inangriffnehmen, das ist viel schwieriger als, wenn es einmal
ordentlich in Angriff genommen ist, das Gelingen. Denn, was heute
fehlt in umfassendstem Sinne, das ist das tiichtige Mitarbeiten der
Menschen an den grofien Aufgaben des Lebens. Die Menschen haben
sich uberall so in Routinen hineingewohnt, dafi man fiir die wichtig-
sten Aufgaben eigentlich doch nicht hinreichend tatkraftige Mitarbei-
ter gewinnt.
Ich glaube, dafi wir vielleicht unsere Zeit ausniitzen sollten, und
weil wir jetzt gerade auch unmittelbar auf die praktischen Fragen
gekommen sind, die doch praliminarisch verhandelt werden sollten,
wiirde ich Sie bitten, zur Fortsetzung heute abend um halb sieben
Uhr zu kornmen.
BESPRECHUNG
Stuttgart, 13. Juni 1921
Rudolf Steiner: Ich denke, es ist zunachst am besten, die verehrten
Anwesenden sprechen sich ihrerseits aus iiber die Dinge, die wir
heute begonnen haben zu verhandeln, und wir konnen dann auf diese
Weise noch gegenseitig die Wunsche und Absichten kennenlernen.
Sie haben gewifi das eine oder andere zu fragen aufgrund dessen, was
ich vorgebracht habe.
Emil Bock:* Die Teilnehmer haben mich heute nachmittag beauftragt, das
Ergebnis zu berichten. Wir haben uns zunachst noch Gedanken gemacht iiber
die verschiedenen Wege und haben uns schliefilich darin gefunden, daft die Wege
alle in Betracht kommen und dann uns klargemacht: Es handelt sich auf jeden
Fall um die Sammlung der Personen und die Sammlung des Geldes und in
welcher Richtung wir uns organisieren wollen und ob wir nur einen losen
Zusammenschlufi anstreben wollen. Wir haben verabredet, jeder solle die Initia-
tive ergreifen, da wo es ihm ratsam erschiene und haben dann eine Stelle gewahlt,
an die Briefe regelmafiig, sobald Bedurfnis vorhanden ist, geschickt werden
sollen, so dafi wir uns in eine Rundbrief organisation hineinbegeben wollen. Das,
was wir religios offentlich tun konnen, kann nur in der Kirche geschehen. Was
wir dann hinterher machen, miissen wir abwarten, bis wir die Leute haben. In
der Frage des Beitrittes haben wir uns klarmachen konnen, dafi ein Beitritt nur
moglich sein kann, wenn einer derjenigen, die jetzt am Kurs teilnehmen, Biirge
ist. Die Zentralstelle fur diese Briefe ware an Berliner zu iibertragen, so dafi von
Berlin aus die Initiative zu allem moglichen gesammelt und gegeben werden
mufi. Die Sammlung der Menschen konnte sofort in Angriff genommen werden.
Dann Vorbereitung einer administrativen Stelle: Da handelt es sich nur darum,
wer da in Frage kommen soil. Wir wollen aber nun eben das Geld in der Form
nicht sammeln, dafi es etwa unter dem Namen unseres Zusammenschlusses geht,
weil uns das auch wiederum in die Offentlichkeit hineinbrachte. Es wurde der
Gedanke erwogen, ob wir unsere zu schaffende Administrativstelle dem «Kom-
menden Tag» angliedern konnten, oder welche andere Moglichkeit sich bieten
konnte.
Anmerkung des Herausgebers: Dem Stenographen waren nur wenige der Teilnehmer bekannt.
Es fehlen deshalb in seinen Unterlagen zum Teil die Namen der einzelnen Gesprachsteilneh-
mer. Wo es also im folgenden heifit «Ein Teilnehmer*, bedeutet dies, dafi der Name der
betreffenden Persontichkeit vom Stenographen nicht festgehalten wurde.
Rudolf Steiner: Ja, also Sie meinten, es wiirde sich am besten ergeben
ein Zusammenschlufi loserer Art von denjenigen, die sich eventuell
diesem Komitee angliedern wollen, eine Zentralstelle in Berlin fur die
Sammlung von Briefen, und die Geldsammlung in einer Form, dafi
das zunachst der «Kommende Tag» bewirkt. Die letztere Sache ist
natiirlich etwas, was wir auch noch greifbarer machen miifiten. Nun,
nicht wahr, der losere Zusammenschlufi, der ist natiirlich auch zu
erortern unter dem Gesichtspunkt, wie schnell sich die Anwesenden
vorstellen, dafi die Sache vor sich gehen soli. Sie sind ja doch wohl
zumeist altere Semester, die sehr bald in das Leben hinauskommen?
Ein Teilnehmer: Verschieden.
Rudolf Steiner: Natiirlich verschieden. Aber aufierdem liegen ja die
Dinge heute so, dafi es allerdings notig ist, nicht Zeit zu verlieren,
wenn so etwas gemacht wird. Es ist zweifellos, dafi zum Beispiel auch
von der Dreigliederungsbewegung viel mehr erreicht worden ware,
wenn nicht immerfort Zeit verloren worden ware. Und so wiirde ich
auch meinen, dafi hier zu raten ist, moglichst zu versuchen, keine Zeit
zu verlieren, aber natiirlich kann es auch nicht iibereilt werden.
Haben Sie sich eine Vorstellung dariiber gebildet, wie man unter
Umstanden vielleicht doch in dem Zeitpunkt, in dem Sie mit der
Geldsammlung im grofien beginnen wollen, an die Offentlichkeit
kommen kann mit der Sache? Sie wollen die Offentlichkeit in einem
gewissen Sinn vermeiden. Haben Sie dazu besondere Griinde?
Wollen wir versuchen, einmal diese Frage zu erortern.
Ein Teilnehmer: Ich mochte dazu nur sagen, ich habe die Empfindung, nach
dem, was ich bisher in den verschiedenen Stadten erlebt habe, dafi eigentlich
wohl kein Grund vorliegt, die Offentlichkeit zu vermeiden. Die Vortrage haben
immer nur geisteswissenschaftlichen Charakter. Ich bin der Uberzeugung, daft
sich sofort mehr Menschen angliedern wiirden, wenn das nicht nur geisteswis-
senschaftiiche Vortrage waren, sondern wenn es kultusgestaltend ware.
Rudolf Steiner: Ich will namentlich gern horen, was Sie gegen die
Offentlichkeit haben. Die Griinde sind vielleicht sehr wichtig.
Ein Teilnehmer: Wir haben bedacht, dafi es sich auf einen Kulturkampf hinaus-
spitzen mufi, und dafi wir mit der Griindung von Gemeinden warten miissen,
auch mit der Proklamierung der Idee iiberhaupt warten miissen. Sobald eine
Bitte urn Geld offentlich auftritt, ist Anlafi genug, daG uns die grofiten Schwie-
rigkeiten entgegengebracht werden. Das waren unsere Griinde, die uns veranlas-
sen, auch mit der Gemeindegrundung selbst zu warten; denn es handelt sich um
dieselbe Sache.
Ein anderer Teilnehmer: Wir glauben, dafi wir nicht auftreten konnen als Wir-
kende mit der Gemeindegrundung . . .
Rudolf Steiner: Nun ja, warten mit der Gemeindegrundung . . .
Ein Teilnehmer: . . . mit dem Auftreten in der Offentlichkeit.
Rudolf Steiner: Aber was tun wahrend des Wartens? Die Aufgabe ist
zunachst diese, dafi sich gewissermafien zehnmal soviel Leute finden,
als da sind. Das bezwecken Sie ja durch die Briefstelle. Ich glaube,
dafi es vielleicht, wenn man die Sache geschickt macht, gar nicht so
schwierig ist, zehnmal soviel Leute zu bekommen. Insbesondere
unter der theologischen Studentenschaft werden sich wahrscheinlich
zehnmal soviel Leute finden. Sie selbst haben sich doch verhaltnisma-
fiig schnell zusammengefunden. Unter der theologischen Studenten-
schaft werden sich zweifellos rasch Leute finden. Es kommt alles
darauf an, in welcher Gestalt man versucht, die Sache zu finanzieren.
Das ist natiirlich keine leichte Sache, denn es wird nur gelingen, wenn
es verhaltnismafiig recht schnell gemacht wird. Und der Gedanke ist
natiirlich ganz gut, zunachst einen loseren Zusammenschlufi zu bil-
den und durch Korrespondenz alle diejenigen unter den Studieren-
den aufzusuchen, welche einer solchen Sache geneigt sind. Wieviele
sind Sie jetzt?
Ein Teilnehmer: Achtzehn.
Rudolf Steiner: Achtzehn Studenten, zehnmal soviel sind dann 180.
Sobald man 180 bis 200 hat, dann allerdings wurde es sich darum
handeln, ans Werk zu gehen; und da fragt es sich, was geschehen
konnte, um moglichst rasch handeln zu konnen. Da ist ja natiirlich
das Wirken durch einen vorbildlichen Kultus - so gut es an sich ist -
nicht dazu angetan, rasch zu wirken. Da fragt es sich doch, ob man
nicht vorbereiten mufi in der Zeit, in der die Sammlung durch Kor-
respondenz stattfindet, eine sachgemafSe ruhige aber sehr kiare Dar-
stellung der Hauptsachen, die man drucken liefie, die ja nicht verof-
fentlicht zu werden braucht, die aber beniitzt werden mulke, um
Geld zu sammeln, die von denjenigen Personlichkeiten, die sich um
die Geldsammlung bemuhen, den Leuten vorgelegt wurde, von
denen man glaubt, dafi sie fur so etwas Geld haben. Wie das getan
werden konnte vom «Kommenden Tag», das ist natiirlich etwas
schwer vorzustellen. Der «Kommende Tag» konnte ja natiirlich
administrativ dabei tatig sein, aber wie der «Kommende Tag» fiir eine
solche Sache mit seinem Namen eintreten konnte, das ist ein wenig
fraglich. Haben Sie gemeint, dafi der «Kommende Tag» als «Kom-
mender Tag» die Sache in die Hand nimmt?
Ein Teilnehmer: Wir haben darunter nur den Vorteil gesehen, dafi man dort
schon viele Adressen und administrative Erfahrung hat. Es mu6 nicht der «Kom-
mende Tag» sein. Wir miissen jemanden dafiir einsetzen, der dann praktischer-
weise beim «Kommenden Tag» arbeitet.
Rudolf Steiner: Ich verstehe die Sache schon. Es ist ja vielleicht gar
nicht einmal eine unpraktische Idee, dabei an jemanden zu denken,
der viel iibrig haben konnte fiir diese Sache. Man konnte dabei an
Heisler denken gerade fiir diese Aufgabe. Man konnte schon an so
etwas denken, dafi gerade er oder jemand, der in der gleichen Lage
ware, am besten fiir diese Stelle in Betracht kommen konnte. Aber
wie denken Sie denn iiber eine Art ruhiger, objektiver, zielbewufiter
Darstellung, die man doch wurde verbreiten miissen, so dafi die
Leute sich unterrichten konnten, fiir was sie Geld geben wiirden.
Ein Teilnehmer: Ich glaube - fiir meine Person -, in dem Augenblick, wo man
sich entscheidet zur grofien Finanzierung, wird man jedenfalls die Verborgenheit
aufgeben miissen.
Rudolf Steiner: Es ist aber moglich, dafi so jemand wie Heisler
gewissermalSen mit der Finanzierungsarbeit betraut wurde, und dafi
man nicht davor zuriickscheuen wurde, die Sache als solche durchaus
an die Offentlichkeit kommen zu lassen. Dagegen wiirde ich meinen,
daS man vermeiden konnte, Ihre Namen und die Namen der ande-
ren, die noch dazukommen, bekannt werden zu lassen, so dafi kein
Mensch zu wissen braucht, wenn es irgendwie da oder dort innerhalb
der Kirche sich urn eine Pastoren- oder Predigerstelle handelt, dafi Sie
zu dieser Bewegung gehoren. Es braucht gar keine Veranlassung zu
sein, dafi Sie darum befragt werden. Die Teilnehmer dieses losen
Zusammenschlusses braucht man nicht an die Offentlichkeit zu brin-
gen, sondern nur die Idee und die Sache als solche.
Bei Heisler liegt die Sache so, dafi es bei ihm nichts schadet, denn
er bekommt ja ohnedies keine Pfarrerstelle mehr.
Ein Teilnehmer: Ich reflektiere nicht auf eine Stelle.
Rudolf Steiner: Sie reflektieren nicht auf eine Stelle innerhalb der
Kirche?
Ein Teilnehmer: Nein, das wiirde ich nicht tun.
Rudolf Steiner: Es gibt durchaus solche Predigerkandidaten, die
schon so stark kompromittiert sind, dafi sie ruhig ihre Namen
bekannt werden lassen konnen. Sonst brauchen die Namen dieses
losen Zusammenschlusses nicht bekannt zu werden. Selbstverstand-
lich verleugnet niemand die Zugehorigkeit; man braucht es aber erst
zu sagen, wenn man gefragt wird. Das scheint mir doch immerhin
dasjenige zu sein, was moglich ist. Und die Meinung haben Sie nicht,
dafi unter den jiingeren schon auf Pastorenstellen befindlichen Leu-
ten eine Anzahl von solchen sein wird, die sich Ihrem Kreis anschlie-
fien wiirden, die also schon [in ein Kirchenamt] hineingegangen sind?
Ein Teilnehmer: Es ist die Frage, wieweit die Leute schon ein Verhaltnis haben
zur Anthroposophie.
Rudolf Steiner: Ja, notwendig ware allerdings, dafi ein gewisser Kern
von Personlichkeiten da ist, die Anthroposophen sind. Aber das will
mir eigentlich nicht notwendig erscheinen, dafi alle Anthroposophen
sind. Nicht wahr, wenn ein gewisser Kern da ist von energischen
Personlichkeiten, dann kann die ganze Sache einen anthroposophi-
schen Charakter erhalten einfach durch die Bedeutung dieser Person-
lichkeiten, ohne dafi man diejenigen ausschliefit, die nicht Anthropo-
sophen sind. Sehen Sie, die besten Anthroposophen sind in der Regel
diejenigen geworden, die zuerst Gegner waren; oder wenigstens
gehoren zu den besten diejenigen, die Gegner gewesen sind und sich
langsam durchgerungen haben zur Anthroposophie. Dafi man viele
von denen, die sich ihren Weg gesucht haben zu einer religiosen
Weltauffassung im modernen Sinn, nun gleich im Handumdrehen
durch eine kurze Lektiire zur Anthroposophie bringen kann, das,
glaube ich, diirfen wir uns nicht einbilden. Es wird bei vielen ein
gewisses Widerstreben sein. Vor alien Dingen wird man nicht leicht
hinwegkommen iiber den Glauben, dafi gewisse Forschungsergeb-
nisse der Anthroposophie durch die Dogmatik ausgeschlossen seien.
Daft die wiederholten Erdenleben irreligios, unchristlich seien, das
werden doch noch viele glauben. Und es ist ja nicht eigentlich heute
zu wiinschen, dafi man alle, die das noch nicht einsehen konnen,
ausschlielk, denn es ist doch das eigentliche religiose Verhaltnis dabei
festzuhalten. Ebenso wie man, ich mochte sagen, zur Zeit der
Begriindung des Christentums ein guter Christ sein konnte, ohne zu
wissen, dafi die Erde rund ist oder dafi es Amerika gibt, und anderer-
seits das Christentum bei der Entdeckung Amerikas nicht erschuttert
wurde, so kann jemand ein guter Christ sein, ohne einen Zugang zu
haben zur Wahrheit der wiederholten Erdenleben. Denn im Grunde
genommen ist ein Wesentliches - davon mochte ich morgen noch
sprechen - beim Christen sein Verhaltnis zu dem Christus Jesus
selber, zu diesem ganz konkreten Wesen; das ist das Wesentliche. Es
ist das Wesentliche des Christentums ein personliches Verhaltnis zu
dem Christus Jesus. Und eine Lehre als solche, die als Lehre gewift
gesichert ist, die eben eine Lehre iiber den Weltzusammenhang ist,
die kann eigentlich nicht das Kennzeichen fur das Christliche in
einem Menschen sein. Christ ist man naturlich durch sein Verhaltnis
zu Christus, wie man Buddhist ist durch sein Verhaltnis zu Buddha,
nicht eigentlich durch einen Lehrinhalt. Man braucht einen Lehrin-
halt, wie wir sehen werden, in der Predigt, aber man ist nicht durch
den Lehrinhalt eigentlich Christ. Es kann niemand in dem Sinn heute
Christ sein, wie man das doch eben auffassen mufi, der nicht ein
positives Verhaltnis zur ubersinnlichen Christus-Wesenheit hat.
Darum ist fur mich Adolf Harnack kein Christ. Ein Mann, der
imstande ist zu sagen, der Christus kann aus den Evangelien heraus-
genommen werden, es hat nur der Vater darin Platz -, der ist nicht
Christ. Bei ihm unterscheidet sich der Christus nicht von Jahve, dem
Gott des Alten Testamentes. Wenn Sie in Harnacks Buch «Das
Wesen des Christentums» den Christus-Namen ausstreichen und
uberall den Jahve-Namen hinsetzen, so werden Sie sehen, dafi der
Sinn nicht verandert wird. Er setzt einfach den Glauben des Jesus an
den Vater an die Stelle der Erkenntnis des Wesens Jesus selber. Er
erkennt eigentlich in dem Christus nur einen grofien Lehrer iiber die
Religion des Vaters. Das ist aber eigentlich die Negierung des Chri-
stentums, nicht das Wesen des Christentums. Und deshalb meine ich,
es ist nicht notig, daft wir gewissermafien die Leute einschworen auf
die Wiederverkorperungslehre oder auf das Karma, denn das ist
etwas, wozu sich die Leute schwer durchringen; sie werden sich mit
der Zeit dazu durchringen; nur meine ich, da Sie doch selber Anthro-
posophen sind und eine grofiere Anzahl Anthroposophen werden
gewinnen konnen, dafi dadurch die Sache schon den notigen anthro-
posophischen Charakter hat. Dafur sorgt schon der Gehalt der
Anthroposophie, dafi die Sache einen anthroposophischen Charakter
hat, wenn sie iiberhaupt gelingt. Und gelingen mufi sie, weil sie sehr
viele Bedingungen des Gelingens in sich hat.
Ein Teilnehmer: An der Universitat Munster wollten sich die Theologen frei
machen. Da wiirde man schon Theologen, wie es unserem Bediirfnis entspricht,
finden. Ob viele Anthroposophen da sein werden, das ist die Frage.
Rudolf Steiner: Ich glaube, dafi in Munster der Boden bereitet wurde
durch Gideon Spicker; er war ja Philosophieprofessor in Munster.
Sie wissen nichts von ihm?
Ein Teilnehmer: Nur, dafi die Examen dann anders gestaltet wurden.
Ein anderer Teilnehmer: In Leipzig ist genau dasselbe.
Rudolf Steiner: Also einen zubereiteten Boden finden Sie sicher unter
den jiingeren Theologen.
Ein Teilnehmer: Die Theologen, die sich frei machen wollen von der Kirche,
sind meist Personlichkeiten, die sich nicht mehr auf den Boden der Trinitatslehre
stellen konnen und den Christus nicht als iibersinnliche Wesenheit anerkennen
wollen, oder es sind Menschen der Gemeinschaftsbewegung.
Rudolf Steiner: Wenn ein Kern von Anthroposophen da ist, ist es
nicht hinderlich, wenn wir auch diese Personlichkeiten in der losen
Zusammenschliefiung haben. Dafur scheint ein Beweis doch zu sein,
dafi zum Beispiel Herr Rittelmeyer zur Anthroposophie kam, unmit-
telbar nachdem er dieses kleine Werkchen iiber die Personlichkeit des
Jesus geschrieben hat. Das ist von diesem Gesichtspunkt aus, den Sie
eben charakterisiert haben, eigentlich geschrieben. Es ist geschrieben
ganz in der Absicht, Jesus Christus zwar als eine kraftige religiose
Personlichkeit hinzustellen, aber durchaus aufierhalb der Diskussion
zu lassen die ganze Frage des Ubersinnlichen, des Symbols und so
weiter. Also es war durchaus dasjenige, was man aufgeklarten Prote-
stantismus nennen konnte. Und dann ist er zu uns eingetreten und
hat verhaltnismafiig sehr rasch die Notwendigkeit erkannt, das
Mysterium von Golgatha zu verstehen und sich durchzuringen zu
einer ubersinnlichen Auffassung dieses Mysteriums von Golgatha.
Also ich glaube, wenn es nur ernst studierende Menschen sind - es
mussen nicht Streber sein, aber es mussen ernst studierende Men-
schen sein — , dann schadet es nichts, wenn sie vom aufgeklarten
Protestantismus herkommen. Sehen Sie, die besten Kandidaten, die
Sie sich wiinschen konnten, waren eigentlich diejenigen jungeren
Leute - es gibt nur nicht viele solche, es gibt sie hochstens ganz
vereinzelt — , die eben ihr katholisches Theologiestudium fertig
gekriegt haben und ganz grundlich mit der katholischen Kirche
gebrochen haben; das waren die besten Kandidaten, die Sie sich
wiinschen konnen. Es ist nicht zu leugnen, dalS die katholische Theo-
logie als Theologie, als Inhalt aufierordentlich viel Gediegenes hat.
Die Leute werden gut geschult, und das bleibt. Und dann haben die
Leute die Mdglichkeit, wenn sie heraufien sind - als katholischer
Theologe ist man natiirlich mit eisernen Fesseln gehalten -, wenn sie
aber herauften sind, dann ist mit ihnen alles zu machen. Ich fiihre das
nur an - es gibt nicht viele solcher Leute, sondern sie sind nur ganz
vereinzelt da -, urn die Moglichkeit zu betonen. Und dann, nicht zu
unterschatzen sind die aufgeklarten Protestanten.
Ein Teilnebmer: . . . Menschen, die darnach streben, etwas Sicheres zu haben, in
der Wissenschaft so weit kommen, dafi sie die iibersinnliche Wesenheit Christi
nicht mehr anerkennen konnen und doch irgendwie das Verlangen darnach
haben . . .
Rudolf Steiner: So war es bei Rittelmeyer. Er konnte unmoglich zu
etwas anderem kommen als zu einer, allerdings etwas kraftigeren und
auch sehr geistvollen Weinelschen Auffassung des schlichten Mannes
aus Nazareth. Das war die Personlichkeit des Christus von Rittel-
meyer. Und sehr rasch hat er sich durchgerungen zu der iibersinn-
lichen Christus-Auffassung. Also ich glaube, dafi Sie das nicht zu
scheuen brauchen, die Leute heranzuziehen.
Ein Teilnebmer: Die schwierigste Frage bleibt die Finanzierung.
Rudolf Steiner: Ja, die Finanzierungsfrage bleibt schwierig, aber sie
bleibt so lange schwierig, bis wir das Geld haben; das ist tatsachlich
so, dafi jede neuen zehntausend Mark neue Schwierigkeiten bieten
mussen. Das sind Schwierigkeiten, die einfach iiberwunden werden
mussen. Ich glaube ja allerdings, dafi da manche bittere Erfahrung
iiberwunden werden mufi; manche bittere Erfahrung wird gemacht
werden. Ich glaube aber, dafi vielleicht so jemand wie Heisler gar
keine unrichtige Personlichkeit ware, weil er ja naturlich durch seine
eigenen Schicksale verbittert ist, auf der anderen Seite aber von der
Notwendigkeit iiberzeugt ist, dafi so etwas geschehen mufi. Und er
hat doch schon ein respektierliches Alter - verzeihen Sie, Sie sind alle
jiinger als er — , das man haben mufi, wenn man alles das mitzuneh-
men hat, was eben kommt, wenn man Geld sammelt. Das ist keine
angenehme Sache.
Emil Bock: Nun ist noch die Frage, ob nicht Anthroposophen, die nicht Theo-
logen sind, fur unsere Zwecke herangeholt werden konnten.
Rudolf Steiner: [Meinen Sie mit] dieser Frage, ob in diesem loseren
Zusammenschlufi Anthroposophen drinnen sein sollten, die nicht
eigentlich in Ihrer Lage sind, in den Priesterberuf hineinzukommen?
Emil Bock: . . . die hineinkommen in die Lage, die vorlaufig noch in einem
anderen Beruf sind.
Rudolf Steiner: Ja, es ist natiirlich dann die Frage, was sollen solche
Menschen da tun? Sie wiirden hdchstens in Betracht kommen fiir die
Geldbeschaffung. Aber den notigen Enthusiasmus dafiir aufzubrin-
gen, wenn man nicht in der Sache drinnensteht, das ist nicht leicht. Es
mag natiirlich immerhin einzelne geben, aber ich glaube, diese einzel-
nen sind schon so uberhauft mit allerlei Arbeiten, dafi sie schwerlich
anders als hochstens im Nebenamt einer solchen Sache sich widmen
konnten. Aber mir ist nicht eigentlich jemand bekannt, der - ohne
selbst ein Predigeramt anzustreben, wenn auch in einer noch so freien
Form - als Anthroposoph dafiir brauchbar ware. Denn die Anthro-
posophen sind im allgemeinen gerade dadurch, dafi sie in der Anthro-
posophie selber etwas haben wie eine Art Religion - ja, wie soli ich
sagen? — , eine Art religioser Befriedigung, nicht so sehr darauf aus,
die religiose Gemeinschaft selbst zu regenerieren. Es miifiten eben
theologische Anthroposophen sein, und unter denen miifite man
zunachst suchen. Die sind ja ganz gewifi, seit die Betatigung von
Rittelmeyer besteht, nicht so selten. Ich glaube, Sie werden viele
finden unter den Theologen; und namentlich seit dem Buch, das
Rittelmeyer als Sammelwerk herausgegeben hat, werden Sie viele
finden unter den Theologen. Ob sie alle brauchbar sind, das ist eine
andere Frage. Aber sonst wiirde es, glaube ich, die Bewegung sehr
verbessern.
Emil Bock: Die mufiten natiirlich umsatteln, wenn sie die Idee kennenlernen.
Rudolf Steiner: Ob viele der Studenten umsatteln mochten? Meinen
Sie Studenten vom Bund fiir anthroposophische Hochschularbeit?
Ein Teilnehmer: Studenten, die deshalb nicht Theologie studieren, weil sie zwar
em starkes religioses Tnteresse haben, aber nicht fiir dasjenige, was heute in der
Kirche gegeben wird.
Rudolf Steiner: Sie meinen, da£ die auch den aktiven Enthusiasmus
aufbnngen?
Ein Teilnehmer: Ja, wenn die Moglichkeit gegeben ist, in diesem Sinn zu wirken.
Rudolf Steiner: Ja, es ist durchaus die Moglichkeit, wenn man sich die
Personlichkeiten angesehen hat, diese Personlichkeiten mitzuneh-
men, an sie heranzutreten. Ich habe gesehen, dafi der Bund fur
anthroposophische Hochschularbeit, vor alien Dingen wenn er sich
bemiiht, Anthroposophie selbst zu verbreiten in den einzelnen Zwei-
gen der anthroposophischen Hochschularbeit, mehr das naturwis-
senschaftliche Interesse in den Vordergrund stellt als eigentlich Theo-
logie. Dagegen miifite man die Theologen selber interessieren.
Ein Teilnehmer: Ob wir werden so lange warten konnen, bis ein Teil die
speziellen theologischen Examen abgeschlossen hat?
Rudolf Steiner: Sie meinen, dafi es zu lange dauern wurde?
Ein Teilnehmer: Ich weifi nicht, wie weit es notig ist.
Ein anderer Teilnehmer: Es sind einige unter uns, die bisher nicht damit gerech-
net haben, mit den theologischen Examen abzuschliefien, sondern die die Vor-
studien beniitzen wollen, um sich dahinter zu machen, diesem Ziele zuzustreben,
das hier angegriffen werden soil.
Rudolf Steiner: Nun fragt es sich, ob diejenigen, die Sie meinen, nicht
unter der Erkenntnis, wie notwendig die Sache ist, sich eben doch
dem Predigeramt zuwenden, wenn sie bis jetzt auch gedacht haben,
sie wiirden nicht das Examen abschliefien, sondern etwas anderes
tun. Natiirlich, nicht wahr, das ist verbunden mit einer ganz allge-
meinen Kulturidee. Sehen Sie, die Ideen, die Spengler in seinem
«Untergang des Abendlandes» beschrieben hat, haben wirklich mehr
Fundierung als man denkt. Sie sind soweit begriindet, dafi man sagen
kann, wenn nur die Kulturtendenzen wirkten, ohne einen neuen
Einschlag, so vollzieht sich dasjenige, was Spengler ausrechnet. Wir
stehen im vollen Niedergang, in einer vollen Niedergangsstromung
darinnen. Auf der anderen Seite diirfen Sie nicht vergessen die Kor-
ruption der Kultur. Die Korruption des allgemeinen Geisteslebens ist
nicht nur etwa auf die gebildeteren Stande beschrankt, sondern sie ist
sehr verbreitet. Es ist tatsachlich so, dafi die Majoritat der Bevolke-
rung davon angefressen ist, und die vielleicht in den 70 er, 80 er Jahren
noch vorhandenen religidsen Impulse sind auch bei den weniger
gebildeten Leuten heute schon verflogen. Also wir stehen in der
vollstandigen Niedergangsstromung drinnen, und es ist kaum moglich,
aus ihr herauszukommen, wenn nicht das religiose Leben als solches
neue Impulse schafft. Und so glaube ich allerdings, dafi diejenigen, die
dadurch, dafi sie theologische Studien durchgemacht haben und die
Mdglichkeit haben, als Priester zu wirken, das auch tun sollten. Es ist
schon notwendig, dafi gerade derjenige, der Theologie studiert hat, als
Priester wirken sollte, weil wir das so notwendig brauchen.
Ein Teilnehmer: . .. dann aber auch innerhalb der Kirche?
Rudolf Steiner: Innerhalb der Kirche? Ich mochte doch bei diesem
bleiben, was ich gesagt habe. Man kann innerhalb der Kirche bleiben,
wenn man die Mitglieder von jetzigen kirchlichen Gemeinschaften
allmahlich herausfuhren kann; man kann also sich der Begriindung
von freien Gemeinden zuwenden. Ich glaube ja nicht, dafi die Kirche
als solche in irgendeiner Form reformiert, regeneriert werden kann,
das ist nicht der Fall. Die Kirchengemeinschaft ist so korrumpiert,
dafi wir nur darauf rechnen konnen, dafi man die . . . [liickenhafte und
unverstandliche Wiedergabe des Textes in der Nachschrift] heraus-
fiihrt und mit ihnen etwas Neues griindet . . . [weitere Lucke]. D age-
gen an eine Reform der Kirche selbst zu denken, da darf ich schon
sagen — das ist nicht bloft meine Meinung, sondern das ergibt eine
objektive Erkenntnis der Tatsachen — , dafi diese Kirchengemein-
schaften dem Untergang geweiht sind. Aufter der katholischen Kir-
che natiirlich, die eben weiter so begriffen werden mufi, dafi sie
durchaus nicht dem Untergang geweiht ist, weil sie mit ausgebrei-
teten Mitteln arbeitet und daher als etwas ganz anderes angesehen
werden mull
tin Teilnehmer: Wir sind zum Teil Philosopher!, zurn Teil Naturwissenschaftlcr,
nachdem wir ein unbefriedigendes Theologiestudmm abgebrochen haben. Sollen
wir einen Doktor mac hen und nach dem Doktorexanien wis dem Theologiestu-
dium wieder zuwenden? Oder soilte man sagen, da£ wir kraft unserer Vorbii-
dung dann gleich die religiose Arbeit beginnen konnen?
Rudolf Steiner: Sehen Sie, das ist lediglich eine Frage des Erfolges,
den wir haben werden. In dieser Beziehung darf man nicht den
Charakter eines Uberganges unterschatzen. Ich habe, als die Wal-
dorfschule begriindet worden ist, bei der Auswahl der Lehrer gar
nichts anderes im Sinn gehabt als die rein personliche Eignung, und
was an Padagogik und Didaktik da sein sollte, wurde in verhaltnis-
mafiig wenigen Wochen gegeben. So etwas mufi einfach im Uber-
gangszustand moglich sein. Ich glaube nicht, dafi jemand von Ihnen,
der, sagen wir, innerhalb des Theologiestudiums gescheitert ist, sich
irgendeinem anderen Studium zugewandt hat, Philosoph oder
Naturwissenschaftler geworden ist, dafi der notig hat, etwas anderes
anzustreben, als das Akademische formell abzuschliefien. Das ist
etwas, was immerhin wiinschenswert ist, aber nicht unbedingt sein
muE. Es ist schon wiinschenswert, dafi in irgendeiner Weise das
Akademische abgeschlossen ist, sagen wir mit einer Dissertation.
Dagegen brauchen wir nicht im geringsten daran zu denken, dafi
jemand notig hatte, zum Theologiestudium zuriickzukehren. Das
miissen wir sogar fur die Ubergangszeit als absolut richtig ansehen,
dafi wir uns nicht an das alte Examenwesen und dergleichen halten;
das ist ganz ohne Zweifel. Wenn zum Beispiel Herr Husemann sogar
Chemie fertig studiert und in der Chemie sein Rigorosum fertig
macht, dann hindert ihn nichts - wenn er sonst etwa Lust hatte,
Prediger zu werden -, als Chemiker Prediger zu werden.
Wissen Sie, das eingeschachtelte Theologiestudium - Sie miissen
das nicht als etwas nehmen, was vielleicht krankend sein konnte — ,
das ist sogar dem Wirken des Predigers und des Pfarrers in der
Gemeinschaft hinderlich. Es ist ja tatsachlich so, dafi der theologische
Student zu wenig von der Welt kennenlernt; er ist ja eigentlich zu
sehr unbekannt mit dem, was seine Aufgabe ist. Er wird hineinge-
stellt und soli solche Agenden, wie ich sie dargestellt habe, im Wirt-
schaftsleben verrichten. Dazu ist also ein besonderes Studium wie das
heutige Theologiestudium, wo man durchaus ein unpraktischer
Mensch wird — ich will Sie damit nicht kranken — , nicht geeignet. Es
ist tatsachlich so, ich habe es erfahren, dafi zum Beispiel ausgezeich-
nete theologische Absolventen wirklich kaum noch wufiten, was der
pythagoreische Lehrsatz sagt. Das sind Ausnahmefalle, aber es
kommt vor. Aber ganz abgesehen von dem Drinnenstehen im wirk-
lichen praktischen Leben, das man vor alien Dingen braucht, mit dem
Diskutieren iiber die Geltung der Dogmatik, mit dem Diskutieren,
was an theologischen Fakultaten getrieben wird, mit dem losen wir
ganz sicher die Weltprobleme nicht. Man konnte sich sogar ganz gut
vorstellen, dafi Gar-nicht-Studierte mit einem gewissen religiosen
Genie aucb unter uns sein konnten; das konnte man sich ganz gut
vorstellen.
Dasjenige, was wir natiirlich brauchen, ware, dafi Sie doch, bevor
Sie von hier weggehen, die Personlichkeit ganz aus sich heraus finden
wiirden, der Sie gewissermafien das Sekretariat Ihres losen Zusam-
menhanges iibertragen wiirden. Es ware doch gut, wenn man mit
dieser Personlichkeit dann in einem Kontakt bleiben konnte gerade
vom «Kommenden Tag» aus. Nun haben Sie aber die Zentralstelle
fiir Briefe in Berlin.
Ein Teilnehmer: Wir hatten an eine andere Stelle in Tubingen gedacht, das doch
in der Nahe von Stuttgart liegt.
Rudolf Steiner: Und diese Zentralstelle, was wiirde die fiir Aufgaben
haben?
Ein Teilnehmer: Damit also diese Dinge, die in Beziehung zu Stuttgart gelost
werden konnten, durch personlichen Verkehr gelost werden.
Rudolf Steiner: Was wiirde die Zentralstelle sonst noch fiir Aufgaben
haben? Das Suchen nach solchen Personlichkeiten und dann, nicht
wahr, denken Sie doch abgesondert davon an eine solche Stelle, wie
sie Herr Bock als Anschlufi an den «Kommenden Tag» sich vorstellt.
Emit Bock: Zunachst miiike die rinanzierung in Angriff genomrnen werden,
miifke an verschiedenen Stellen gearbeitet werden. Mancherlei raufi sich da an
einer Zentralstelle sammeln, so dafi die Zentralstelle eine Vollrnacht haben
miifite. Wir haben Berlin genomrnen, weil da die meisten von uns zusammen
sind.
Rudolf Steiner: So wiirden Sie dann denken, in Berlin und Tubingen
Zentralstellen zu haben fiir das Finden von geeigneten Personlichkei-
ten und hier in Stuttgart eine Personlichkeit zu haben, die die Finan-
zierung vorbereiten wiirde?
Nun, ich kann in diesem Augenblick keine irgendwie bindende
Erklarung fiir den «Kommenden Tag» abgeben, aber es ist doch
meine Meinung, dafi eine solche Sache, wenn sie iiberlegt ist, betrie-
ben werden konnte. Konnte es nicht so sein - selbstverstandlich
mochte ich in bezug auf die Wahl der Personlichkeit nicht einmal
irgendwie mit einem Rat verbindlich kommen, ich fiihre daher Heis-
ler nur als Exempel an -: Wenn Heisler beauftragt wiirde, mit der
Finanzierungsfrage zu beginnen und das im Zusammenhang mit dem
«Kommenden Tag» gemacht wiirde, so miifite man gleich daran
denken, die Stelle richtig zu schaffen fiir Heisler, und das miifite ich
natiirlich im «Kommenden Tag» zur Besprechung bringen, damit Sie
schon wissen, wenn Sie von hier weggehen, was man von seiten des
«Kommenden Tages» tun kann. Also ich meine doch, viel Ubergange
von einem zum anderen fuhren natiirlich ein bifichen ins Ungewisse
hinein. Es scheint mir schon, dafi es nicht schlecht ware, wenn wir
gleich eine solche Zentralstelle schaffen wiirden, die sozusagen mit
der Arbeit beginnen wiirde. Das kann natiirlich nicht verfriiht sein,
denn alle die Griinde gegen ein zu schnelles Vorgehen wiirdige ich.
Aber wirklich, was man nach zwei Jahren oder nach einem Jahr von
einer solchen Zentralstelle aus tun kann, das kann man auch heute
tun. - Ich kann ja heute von seiten des «Kommenden Tages» keine
verbindliche Erklarung abgeben, aber mir scheint, wenn iiberhaupt
daran gedacht ist, nicht unter dem Namen des «Kommenden Tages»,
aber in Verbindung mit ihm [zu arbeiten], dann wiirde man das
eigentlich sogleich machen miissen.
Ein Teilnehmer: Haben wir die materiellen Grundlagen? Wenn man jemand
anstellt, mufi man das Gehalt fiir ihn haben.
Rudolf Steiner: Ja nun, es ist natiirlich die Frage die, ob sich nach
dieser Richtung nicht doch ein Ausweg finden liefie, ob gewisserma-
fien jetzt unmittelbar schon die Sorge vorliegen wiirde fiir das Gehalt
gerade dieser Personlichkeit. Sind Sie ubermorgen noch da? Dariiber
konnen wir ja noch morgen oder ubermorgen sprechen, wie man das
losen konnte, dafi eine solche Personlichkeit gleich gefunden wird. Es
ist selbstverstandlich nicht moglich, dafi Sie so rasch fur die Finanzie-
rung der Personlichkeit sorgen, die ihrerseits die Finanzierung in die
Hand nehmen soli. Morgen oder ubermorgen konnen wir noch
dariiber sprechen. Aber sind Sie prinzipiell nicht abgeneigt, die Sache
sofort zu beginnen, wenn es geht?
Ein Teilnehmer: Ich mochte gerne noch fragen, ob wir uns jetzt schliissig werden
konnten iiber die Personlichkeit der Stelle.
Rudolf Steiner: Da will ich nur dieses sagen: Ich gehe immer von
realen, praktischen Gesichtspunkten aus, und da gibt es Griinde, die
wahrscheinlich die Realisierung sehr rasch machen liefien, wenn eben
gerade Dr. Heisler in Betracht kommen konnte. Mit ihm wiirde sich
die Sache wahrscheinlich rascher machen lassen, als wenn es sich um
die Wahl einer beliebigen anderen Personlichkeit handeln wiirde.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Juni 1921, vormittags
Meine lieben Freunde! Wir wollen heute zuerst unsere gestrige
Betrachtung etwas fortsetzen und dann sehen, wie wir heute zur
weiteren Behandlung der gestern beriihrten Angelegenheiten kom-
men. Ich wollte Ihnen gestern namentlich iiber die innerliche Seite
der Gemeinschaftsbildung auf religiosem Gebiet sprechen. Ich
mochte jetzt iibergehen zu dem zweiten Gebiet, das Sie ja selbst als
fur Sie besonders wichtig bezeichnet haben, zum Kultus.
Es ist durchaus wohl so, dafi ohne die Inaugurierung eines gewis-
sen Kultus mit seiner sogenannten Symbolik die religiose Vertiefung
der Menschheit nicht zustande gebracht werden kann, und ich
mochte Ihnen dies mit einigen Worten begriinden, weil man doch
eben nur dann wirken kann innerhalb eines Gebietes, wenn man ein-
sieht, um welche Bedingungen und um welche Krafte es sich handelt.
Sehen Sie, in der neueren Zeit hat im Grunde genommen die ganze
Menschheitsbildung des zivilisierten Teiles der Menschheit eine in-
tellektualistische Form angenommen, eine Form, die die blofien
Begriffe in ihrer Abstraktheit zum Bewufitseinsinhalt macht. Und es
ist ein so, ich mochte sagen, griindliches Gefuhl entstanden davon,
dafi man nur in dieser Abstraktheit wirkliche Erkenntnisse erringen
kann, dafi dieses Gefuhl ubergegangen ist dazu, in einer gewissen
Weise eigentlich nur den abstrakten Bewufitseinsinhalt zu schatzen.
Nun kann man begreifen, dafi dieser abstrakte Bewufitseinsinhalt
gerade in einer Zeit geschatzt werden mufke, wo die Geltendma-
chung des Individuellen aus dem ganzen Menschen heraus immer
mehr als eine Menschheitsforderung auftrat. Der abstrakte Bewuftt-
seinsinhalt stellt uns ja vor etwas ganz Universelles. Man hat das
Gefuhl, durch das abstrakte Weltbegreifen konne man in das ein-
zelne menschliche Individuum alles Verstandnis fur die Welt her-
einbringen.
Wohin sollen unsere Begriffe reichen? Sie sollen zunachst dazu
ausreichen, dasjenige, was sich uns in der Sinneswelt darstellt als
Wahrnehmung, in der verschiedensten Weise zu kommentieren und
da Gesetze, die sogenannten Naturgesetze oder die historischen
Gesetze, zu finden. Dann aber schickt sich dieser intellektuelle Inhalt
auch an, iiber dasjenige, was nicht wahrgenommen wird, Hypothe-
sen zu bilden, teilweise solche Hypothesen, die sich auf das erstrek-
ken, was zeitlich und raumlich nicht wahrnehmbar ist, teilweise sich
auf solches erstrecken, was aus prinzipiellen Griinden nicht wahr-
nehmbar ist. Zeitlich und raumlich nicht wahrnehmbar ist zum Bei-
spiel Erdenanfang und Erdenende. Wir haben aus dem Intellektualis-
mus der neueren Zeit Hypothesen bekommen iiber die Erdenentste-
hung und iiber das aus den physikalischen und geologischen Zusam-
menhangen hervorgehende Erdenende. Wir haben in bezug auf
Raumliches Hypothesen, sagen wir, iiber die innere Wesenheit der
Sonne oder anderer Weltenkorper, etwa der Weltennebel, wie man
sie nennt, und so weiter. Man bedenkt gewohnlich nicht, wenn man
sagt, die Sonne sei so oder so beschaffen, daft das nicht mehr ist als
eine Hypothese, und man glaubt sogar, man hat in dieser Hypothese
ein physikalisches Ergebnis. Die Physiker wiirden sehr staunen,
wenn sie wahrnehmen konnten, schauen konnten, was an derjenigen
Stelle des Weltenraumes wirklich ist, wohin sie eine Art von sehr
dunnem Gas als Sonnenball ins Weltenall hinausversetzen. Es ist
eben an der Stelle in Wirklichkeit durchaus nicht etwas mit unseren
Gasen, nicht einmal mit unserem Ather Vergleichbares, es ist an der
Stelle nicht nur leerer Raum, sondern etwas, was wir im Vergleich
zur Intensitat unseres leeren Raumes als negativ bezeichnen, es ist
eine Aussparung des Raumes an der Stelle, wo wir von der Sonne
sprechen. Es ist nicht nur von der Materie entleerter Raum da, ja es
ist nicht einmal jene Intensitat der Leere da, welche man als Raum
gewohnlich bezeichnet in abstractor Es ist weniger an der Stelle
vorhanden als Raum, und man kommt auf diese Weise aus dem
Physikalischen heraus ins Geistige. Man kann nur in geistiger Bezie-
hung in Wirklichkeit von der Sonne sprechen.
Das will ich heute nur anfiihren, urn Sie darauf aufmerksam zu
machen, in welcher Weise der Intellektualismus, der auf naturwissen-
schaftlichem Gebiet ja durchaus berechtigt ist, in der neueren Zeit
alle Gebiete ergriffen hat. Er dehnt sich dann auch aus iiber das
prinzipiell Nichtwahrnehmbare, iiber die Molekiil- und Atomwelt,
die prinzipiell nicht wahrnehmbar sein darf aus dem einfachen
Grunde, weil die Warme, das Licht, die Tone schon aus Bewegungs-
vorgangen dieses molekularistisch und atomistisch Konstituierten
hervorgehen sollen, so dafi in die Atomwelt nichts Wahrnehmbares
hineinversetzt wird. Man hypothetisiert irgend etwas hinein, was
vorhanden sein soil.
Also es hat sich der Intellektualismus iiber das Zeitliche und das
Raumliche der aufieren Raum- und Zeitwelt und iiber das prinzipiell
Unwahrnehmbare ergossen; er hat sich aber auch ergossen iiber alles
dasjenige, was historisch ist und iiber alles, was religionshistorisch
ist. Wenn Sie die ganze Evangelien-Literatur und Evangelien-
Wissenschaft verfolgen, iiberhaupt die biblische Wissenschaft des
19.Jahrhunderts, so wird Ihnen dabei aufgehen, wie diese ganze
biblische Wissenschaft allmahlich iibergleitet von einer ganz anderen
Art des Seeleninhalts in ein intellektualistisches Ergreifen der Bibel,
der Evangelien. Man kann sagen: Am Ende des 19. Jahrhunderts war
die Sache so weit, dafi eigentlich vom Evangelium durch den Intellek-
tualismus selbst fur die Theologen nichts mehr iibriggeblieben ist.
Charakteristisch mufi durchaus sein, daft dieser Intellektualismus
jene Formen angenommen hat, die er zum Beispiel bei dem Theolo-
gen Schmiedel zeigt, wo wir sehen, daft iiber die Personlichkeit des
Christus nicht mehr geschlossen wird aus dem, was in den Evange-
lien steht, sondern es werden aufgesucht eine Anzahl von Stellen im
Evangelium, wo etwas Abtragliches iiber den Christus Jesus gesagt
wird, wo zum Beispiel gesagt wird, er kummerte sich um seine
Mutter und seine Geschwister nicht. Und aus dieser geringen Anzahl
von Verunglimpfungen, die iiber die Personlichkeit des Christus
Jesus in den Evangelien zusammengestellt werden, wird geschlossen,
dafi sie sich auf etwas Wahres beziehen miissen, denn man wiirde
nicht, wenn man etwas erfinden wollte, eine solche Verunglimpfung
beifiigen, sondern man wiirde Lobeshymnen erfunden haben.
Nun, Sie sehen, in welche Schlupfwinkel hinein sich dasjenige
begeben hat, was aus Intellektualismus heraus sich geltend gemacht
hat, um an die Evangelien iiberhaupt noch heranzukommen. Ich
fiihre dies an aus dem Grande, weil es ja von theologischer Seite
hervorgegangen ist, denn dasjenige, was von nicht-theologischer
Seite an Verstiegenem geleistet worden ist, das ist ja, nicht wahr, bis
ins Ungeheuerliche gekommen. Sie brauchen nur daran zu denken,
dafi es heute eine ausgebreitete psychiatrische Forschung iiber die
Evangelien gibt, dafi wir heute Literaturwerke haben, die deutlich
zum Ausdruck bringen, dafi man nicht begreifen kann, was in den
Evangelien eigentlich steckt und die Mitteilungen [in den Evangelien]
als abnorme Dinge bezeichnen, wie man eben Dinge vom psychiatri-
schen Standpunkt aus betrachtet. Es ist sogar so, dafi man fur den
Ursprung des Christentums eine Krankheit des Christus Jesus
annimmt, die infizierend gewirkt hat auf alle Christen. Man leitet also
den Ursprung des Christentums her aus der geistigen Krankheit des
Christus Jesus, der er verfallen sei.
Man wird kaum sagen konnen, dafi irgendeine Bezeichnung zu
stark ist, wenn man darauf hinweisen will, dafi das gesamte soge-
nannte Geistesleben der Gegenwart, das in Intellektualismen sich
bewegt, eigentlich zum Abgraben gerade des christlich-religiosen
Elementes fiihren mufi, und zwar mit der grolken Geschwindigkeit.
Dafi man auf diese Tatsache nicht gemigend hinschaut, ist einer der
grofien Schaden unserer Zeit. Wiirde man darauf hinschauen, so
wiirde man dazu kommen, sich zu sagen: vor alien Dingen ist von
seiten derjenigen, die es mit dem religiosen Leben ernst nehmen,
darauf zu sehen, dafi dieses religiose Leben wiederum dem Intellek-
tualismus entrissen wird.
Ich will ja nicht etwa kritisch mich ergehen dariiber, dafi in den
letzten vier Jahrhunderten durch den Protestantismus selbst sehr viel
getan worden ist, um auch auf religiosem Gebiet zu diesem Intellek-
tualismus zu kommen. Man findet immer mehr und mehr, vielleicht
sogar unbewufit 5 ein heidnisches Element in dem Kultus und der
Symbolik. Nun, dasjenige, was aber davon abgehalten hat, mehr an
den Kultus und an die Symbolik sich zu halten, das liegt nicht in der
Ernpfindung, dafi man darin etwas Heidnisches hat, sondern das liegt
dann, dafi man keinen Sinn mehr hat fiir jene Ausdrucksformen, die
im Kultus und in der Symbolik durchaus liegen. Bedenken Sie nur,
dem Menschen wird durch das intellektuelle Begreifen der Welt
vorgetauscht, er konne sich mit seinem Seeleninhalt iiber die ganze
Welt klar werden, er bringe in intellektuelle Begriffe alles herein.
Daher fiihlt sich der intellektuelle Mensch im Besitz der ganzen Welt,
wenn er seine intellektuellen Begriffe hat. Gerade dadurch, dafi der
Mensch sich vortauscht, dafi er den gesamten Weltinhalt erfafit hat,
gerade durch dieses universelle Element fiihlt sich der Mensch intel-
lektuell befriedigt und glaubt, keines anderen Elementes mehr zu
bediirfen zum Weltbegreifen, zum Weltempfinden. Man kann verste-
hen, dafi gerade in unserer Zeit der Intellektualismus iiberhand neh-
men konnte, weil der Mensch eben glaubt, die Welt in intellektuelle
Begriffe hereinzubekommen. Aber weil der Mensch auf diese Weise
selbst befriedigt wird, dadurch, dafi er in sein Ego scheinbar die
ganze Welt hereinbekommt, verliert er den sozialen Zusammenhang
mit der iibrigen Welt, und dasjenige, was als Soziales leben soli, wird
atomisiert, atomisiert bis in die einzelnen Individuen hinein. Wir
haben schon durchaus in der Jugendbewegung in der neueren Zeit
dieses, daft einfach durch das Uberhandnehmen des Intellektualisti-
schen die Menschen in einzelne Atome auseinanderfallen, so dafi
jeder nur sein eigenes Religionsbekenntnis haben will. Man geht auf
darin, dafi man sagt, Religion ist uberhaupt eine Sache, die nicht iiber
die menschliche Haut hinausgehen kann. Das ist es, was die Griin-
de anzeigt dafur, dafi gerade das universalistische intellektuelle
Leben das religiose Leben zersplittert, atomisiert, dafi man also
durch die besondere Form der modernen Wissenschaft zur Unter-
grabung des religiosen Lebens kommen mufi. Und es ist eigent-
lich die starkste Kraft zum Untergang des religiosen Lebens vor-
handen in denjenigen Universitats- und sonstigen Bildungstheo-
logen, welche das wissenschaftliche Denken unserer Zeit angenom-
men haben, um das Religiose, die Religionstatsachen als solche zu
begreifen.
Es wird nicht einmal so viel getan zur Untergrabung des religiosen
Lebens durch das Laienhafte der heutigen Zeit, wie durch die
moderne Theologie; und es ist eigentlich schade, dafi solche Bestre-
bungen nicht einen kraftigeren Fortgang gefunden haben wie die von
Overbeck, die eingeschlagen waren in dem aufierordentlich bedeutsa-
men Buch «Uber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie», in
dem der Beweis angetreten ist, dafi der moderne Theologe unchrist-
lich ist. Overbeck, der Basler Kirchenhistoriker, der mit Nietzsche
befreundet war und der auf ihn einen sehr tiefen Eindruck gemacht
hat, wollte den Beweis erbringen, dafi die moderne Theologie das
Unchristlichste ist, ganz und gar das Christentum von sich abgewor-
fen hat und am meisten zur Untergrabung des Christentums beitragt,
weil sie rein intellektualistisch geworden ist durch die universelle
Suggestion, die der Intellektualismus auf die moderne Bildungswelt
ausgeiibt hat. Ohne dafi Sie einsehen, dafi die moderne Theologie,
wie sie an den modernen Fakultaten getrieben wird, zur Untergra-
bung des Christentums fiihrt, werden Sie nicht den richtigen Impuls
in Ihre Bestrebungen hineinbekommen.
Nun, dasjenige, um das es sich unbedingt handelt, ist, dafi wir
wieder lernen fortzuschreiten zu der anderen Form des Welterlebens
als es die blofi intellektuelle ist, und die andere Form besteht eben in
dem Bildhaften, in demjenigen, was iibergehen kann in den Kultus
und was iibergehen kann in die Symbolik.
Sehen Sie, als wir hier die Waldorf schule errichtet haben - ich
mochte Ihnen gewissermafien aus dem unmittelbar gegenwartigen
Leben heraus die Dinge zeigen -, als wir hier die Waldorfschule
errichtet haben, da handelte es sich darum zunachst, dafi das mehr
aus dem Zeitbewufitsein heraus geschehen mufite und der Welt klar-
zumachen, dafi wir nicht das Bestreben haben, mit dieser Waldorf-
schule eine Weltanschauungsschule zu begriinden. Es ist die
schlimmste Verleumdung der Waldorfschule, wenn in der Aufienwelt
immer wieder gesagt wird - und die Dinge pflanzen sich schon bis
nach Amerika hiniiber fort — , sie sei dazu da, um den Kindern
Anthroposophie beizubringen. Dazu ist sie nicht da! Sie ist keine
Weltanschauungsschule. In die Padagogik und Didaktik kann dasje-
nige einfliefien, was man durch Anthroposophie gewinnen kann. Es
soli nur in der padagogischen Behandlung selber dasjenige liegen, was
die Anthroposophie ergriinden kann. Daher haben wir von Anfang
an - weil das noch nicht anders sein kann, solange Sie noch nicht
gewirkt haben - den katholischen Kindern den Religionsunterricht
von einem katholischen Pfarrer und den evangelischen Kindern den
Religionsunterricht von einem evangelischen Pfarrer geben lassen.
Nun ist ja die Waldorfschule zunachst entstanden fur die Kinder der
Waldorf - Astoria- Arbeiter; die waren der Grundstock. Es kamen
sehr viele Sozialdemokraten- und Dissidentenkinder heran. Man
stand vor der Frage: Sollen diese Kinder nun ganz religionslos auf-
wachsen? Nicht war, es war eine gewisse Art Sorge. Aber es haben
sich auch Stimmen innerhalb der Eltern erhoben, dafi sie ihre Kinder
nicht religionslos aufwachsen lassen wollten. So waren wir genotigt,
so wie wir den katholischen Kindern katholischen Unterricht erteilen
liefien, den evangelischen Kindern evangelischen Unterricht erteilen
liefien, auch eine Art anthroposophischen Religionsunterricht zu
geben, — und der hat ja wohl die meisten Kinder, ich glaube wenig-
stens, nicht wahr, es ist doch so?
Ernst Uehli: Weitaus die meisten.
Rudolf Steiner: Also, weitaus die meisten Kinder. Dagegen sind
katholisch unterrichtete Kinder auch relativ viele, und die evangelisch
unterrichteten Kinder sind in der MinderzahL Nun, wir konnten
nichts dafiir, wir haben durchaus nicht dem evangelischen Religions-
lehrer den Rang ablaufen wollen und haben es sogar zunachst noch
fur unsere Schule bedauerlich gefu
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