Geist und Stoff, Leben und Tod

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 

Geist und Stoff, Leben und Tod 



Sieben offentliche Vortrdge 
gehalten zwischen dem i$. Februar 
und dem 31. M'drz 1917 
im Architektenhaus zu Berlin 



1988 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten H. E. Lauer und R. Friedenthal 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Bibliographie-Nr. 66 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
©1961 by Rudolf Stemer-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0660-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



(Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 277) 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Geist und Stoff, Leben und Tod 
Berlin, 15. Februar 1917 9 

II. Schicksal und Seele 

Berlin, 17. Februar 1917 41 

III. Seelenunsterblichkeit, Schicksalskrafte 
und menschlicher Lebenslauf 

Berlin, 1. Marz 1917 78 

IV. Menschenseele und Menschenleib 
in Natur- und Geist-Erkenntnis 

Berlin, 15. Marz 1917 113 

V. Seelenratsel und Weltratsel: Forschung 
und Anschauung im deutschen Geistesleben 
Berlin, 17. Marz 1917 150 

VI. Leben, Tod und Seelenunsterblichkeit im Weltenall 
Berlin, 22. Marz 1917 190 

VII. Das Jenseits der Sinne und das Jenseits der Seele 

Berlin, 31. Marz 1917 228 

Hinweise 265 

Personenregister 275 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 277 



ZU DIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der ubergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und 
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen, 
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschlieftenden 
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden 
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder 
gegeben wurden.» (Marie Steiner) 

Die vorliegenden Anfang 1917 gehaltenen 7 Vortrage bilden die 
vierzehnte der offentlichen Vortragsreihen, welche Rudolf Steiner 
in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfiihrte. 

Im Gegensatz zu den friiheren offentlichen Vortragsreihen erklart 
Rudolf Steiner hier die Anthroposophie nicht anhand konkreter 
Sachfragen oder historischer Personlichkeiten, sondern versucht, 
Themen der Anthroposophie unmittelbar darzustellen, wobei er die 
Geisteswissenschaft von anderen Philosophien abgrenzt (Eduard 
von Hartmann, Franz Brentano, Psychoanalyse, Kant-Schopen- 
hauerischer Agnostizismus). So entwickelt Steiner auch im Zusam- 
menhang mit den Schlu£arbeiten am Buch «Von Seelenratseln» im 
vierten und funften Vortrag des vorliegenden Bandes zum ersten 
Mai die Lehre von der physiologischen Dreigliederung der Men- 
schenwesenheit (Vorstellen, Fiihlen, Wollen - Nerven-, Atmungs-, 
Stoffwechselorganismus). Kurz bevor Rudolf Steiner diese Vortrage 
hielt, war auch sein Buch «Vom Menschenratsel» erschienen, auf das 
er deshalb an vielen Stellen Bezug nimmt. 



GEIST UND STOFF, LEBEN UND TOD 



Berlin, 15. Februar 1917 



Der Untertitel des heutigen Vortrages bezieht sich haupt- 
sachlich auf die Wahl seines Gegenstandes. In einer Zeit, in 
der wir von solchem Ernst umgeben sind, in einer Zeit, die 
so vieles von dem, was die Zukunfl; der Menschheit bringen 
mu£, in ihrem Schofte tragt, schien mir das Richtige zu sein, 
die Vortragsreihe dieses Winters damit zu beginnen, die 
Betrachtung hinzulenken auf grofie Fragen der mensch- 
lichen Seele, ihres Wesens, ihres Schicksals, auf diejenigen 
Quellen in der menschlichen Seele, wo ihre starksten inneren 
Krafte liegen. Und das, was dem heutigen Vortrage zu- 
grunde gelegt werden soil: eine Betrachtung im geistes- 
wissenschaftlichen Sinne iiber Geist und Stoff, Leben und 
Tod - gehort zweifellos zu dem, wo von schon der grofte 
griechische Philosoph Plato sagte, dafi ohne seine Erfor- 
schung das Leben fiir den Menschen eigentlich nicht wert- 
voll sei. 

Ich mochte ausgehen davon, Ihren Blick zunachst zu 
lenken auf einige Geister, die im Laufe des 19. Jahrhun- 
derts und bis in unsere Zeit herein nach einer Losung gerade 
derjenigen Ratsel, die uns heute beschaftigen sollen, gerun- 
gen haben aus der ganzen naturwissenschaftlichen Erkennt- 
nis des 19. Jahrhunderts heraus, die gerungen haben aus 
alledem, was das tiefste Denken der neueren Zeit der Seele 
als Stiitze gab, um zu einer Anschauung zu kommen iiber 
das Verhaltnis, in dem der Mensch als Geist zum Stoffe stent, 
iiber das Verhaltnis, in dem der Mensch steht als der im 



physischen Leben Seiende zu dem Ratsel desTodes. Denn Fra- 
gen wie die nach StofF und Geist, sie haben zu alien Zeiten 
je nach den entsprechenden Erkenntnissen dieser Zeiten die 
Menscben in der verscbiedensten Weise beriihrt. Und man 
kommt eigentlich solcben Fragen nicbt nabe, wenn man nur 
im allgemeinen iiber sie redet, sondern nur, wenn man den 
Geistesblick wirft auf die ringende Menscbenseele. Denn 
dann tritt einem erst so recht vor die Seele die Bedeutung, 
die die Erf orscbung dieser Dinge fur das unmittelbare Leben 
des Tages, fur das ganze tief ere Scbicksal des Menschen bat. 
Und da mocbte ich denn zunachst Ibren Blick lenken auf 
einen Geist, der, obwohl er bereits in den achtziger Jahren 
verstorben ist, in seiner Anschauungsweise und in seinem 
Ringen nocb unmittelbar wie aus unserer Gegenwart heraus 
spricbt, einen Geist, der durcb die eigentumlicbe Artung 
seiner Seele in intensivster Weise zu den in Rede stehenden 
Fragen getrieben worden ist, indem sein Denken geradezu 
ein Ringen war mit dem, was die so bewundernswurdige 
Naturwissenschaft iiber die stofflicben Vorgange zu sagen 
hat, ein Ringen im Hinblick darauf, wie der Geist, in dem 
der Menscb als Seele sich verankert weifi, sich in ein Ver- 
haltnis zu setzen hat zu dem, was ihn als stoffliche Vor- 
gange umgibt. Ihren Blick mochte ich lenken auf Gustav 
Theodor Fechner, der im Grunde die ganze Bildung des 
19. Jahrhunderts in seiner empfanglichen Seele mit durch- 
gerungen hat; der bis in die achtziger Jahre in Leipzig Pro- 
fessor war; der mitgearbeitet hat an den Erkenntnisfragen 
des 19. Jahrhunderts in der umfassendsten Weise. Doch soil 
das uns heute nicht beschaftigen. Beschaftigen soil uns viel- 
mehr eine Situation seines Lebens, die er selbst in einer 
wunderbar zarten Weise gleich im Anfang desjenigen Bu- 
ches schildert, das so manche Tief en des Strebens der neueren 
Zeit enthalt- iiber die Tages- und Nachtansicht der mensch- 



lichen Weltanschauung. Er schildert, wie er, da seine Augen 
bereits an Sehkraft abgenommen hatten, sich eines Tages, 
um sich zu erholen, auf eine Bank hinsetzte im Rosental in 
Leipzig, wie er vor sich hatte einen Heckenzaun, der ein 
Loch, einen Ausschnitt hatte, durch den er gerade auf eine 
Wiese sehen konnte. Er konnte das Griin der Wiese sehen - 
so erzahlt er und sein Auge, sein schwaches Auge erlabte 
sich an dem Griin der Wiese. Er konnte die mancherlei 
bunten Blumen sehen, hervorragend aus dem Griin, die 
Schmetterlinge in alien Farben, die sich iiber dem Griin und 
der Blumenpracht tummelten: er konnte ein Morgenkonzert 
horen. Und er, der sinnige Gelehrte, konnte nicht umhin, 
die Gedanken spielen zu lassen innerhalb dieser Wahr- 
nehmungen, Gedanken, die befruchtet waren aus der gan- 
zen naturwissenschaftlichen Bildung seiner Zeit. 

Nun mufi man, um zu den bezeichnenden Gedanken 
dieses sinnigen Geistes den Zugang zu gewinnen, ein wenig 
sich vor Augen treten lassen, was aus dem naturwissen- 
schaftlichen Denken der Zeit heraus Gustav Theodor Fech- 
ner besonders nahelag, was ihn auf besondere Art dazu 
gebracht hatte, gerade in einer solchen Lebenslage mit dem 
Ratsel des Stories innerlich-seelisch zu ringen. Ich habe ja 
ofter aufmerksam gemacht auf diejenige Weltanschauungs- 
Richtung des 19. Jahrhunderts, die ich in meinem Buche 
«Die Ratsel der Philosophie» als die Weltanschauung des 
Illusionismus bezeichnet habe. Ich habe darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie gewisse Erwagungen der Physiologie, der 
Erkenntnistheorie, gewisse Arten, sich zu den naturwissen- 
schaftlichen Erscheinungen zu stellen, gerade die hervor- 
ragendsten Denker des 19. Jahrhunderts dazu gebracht 
haben, sich zu sagen: Dasjenige, was der Mensch als die 
Farbenwelt, die ihn umgibt, als die Tone, die ihn umgeben, 
wahrnimmt, das ist eigentlich nicht in der Aufienwelt. In 



der Auftenwelt sind schwingende, sich bewegende, in einer 
gewissen Weise zueinander im Verhaltnis stehende Atome, 
Molekiile, rein raumliche Wesenheiten, die in der Zeit sich 
bewegen. So dafi ja sdion Schopenhauer und andere dazu 
kamen, zu sagen: Die farbenbunte Welt um uns herum, die 
tonende Welt um uns herum, sie ist eigentlich nur so lange 
da, als ein menschliches Auge sich offnen kann, sie wahrzu- 
nehmen, ein menschliches Ohr sie horen kann. An sich, 
wenn dieser Aufienwelt nicht gegeniibersteht ein mensch- 
liches Auge, ein menschliches Ohr, ist diese Aufienwelt 
finster und stumm, Bewegung finster-farbloser, lichtloser, 
tonloser Wesenheiten. Man war, ich mochte sagen, dazu 
gekommen, hereinzunehmen in das menschliche Ich, in die 
menschliche Seele alles das, was den Menschen erfreut, was 
ihn erhebt, was ihn umgibt in der Welt um ihn herum, und 
dieser Welt drauften nur die stumme und finstere Ursache 
des reinen StofFes zu lassen. Ein soldier Geist wie Fechner 
nimmt eine solche Anschauung nicht bloft auf wie eine 
Theorie, sondern er nimmt sie auf im Hinblicke auf die 
Frage: Wie lafit sich mit einer solchen Anschauung leben? 
Wie vermag die Seele sich, wenn sie sich auf eine solche 
Anschauung stellen mufi, in ein Verhaltnis zur Welt zu 
bringen? - Und deshalb sagte sich Fechner in der Lage, in 
der er da war wahrend seines Erholungssitzens auf der 
Bank am Heckenzaun: Da schaue ich durch diese OfFnung 
im Heckenzaun. Ich glaube das Griin der Wiese, die bunt- 
spielenden Farben der Schmetterlinge wahrzunehmen. Das 
alles aber liigt mir nur der farblose, lichtlose Stoff vor. Ich 
glaube die Tone des Morgenkonzertes zu horen; sie sind 
nicht drauften, sie ertonen erst, wenn die Schwingungen der 
Luft, die von den Instrumenten, den Geigen und Floten 
hervorgerufen werden, auf mein Ohr wirken. Da drauften 
ist alles tonlos, alles finster und stumm. Und in Wahrheit 



miifke man sich bewufit sein, dafi man, indem man hinaus- 
blickt in die Welt des Stoffes, in eine tonlose, in eine fin- 
stere Welt blickt. - Diese Ansicht von der Welt des Stoffes 
nannte Fechner die «Nachtansicht». Und er wies wiederholt 
darauf hin, dafi alles dasjenige, was die durchaus nicht an- 
zufechtende, sondern bewundernswerte Naturwissenschaft 
des 19. Jahrhunderts zutage gefordert hat, mit Notwen- 
digkeit zu dieser Nachtansicht gefiihrt hat. Und dieser f ein- 
sinmge Geist wufke sich keineswegs alleinstehend in der 
Anschauung: «Wenn du da hinaussiehst, so siehst du in 
ewige Nacht hinaus!», sondern er sagte - und ich mochte 
Ihnen da seine eigenen Worte vorlesen: 

«Sind es doch die Gedanken der ganzen denkenden Welt 
um mich.» 

«Wie sehr und um was sie zanken mag, darin reichen 
sich Philosophen und Physiker, Materialisten und Idea- 
listen, Darwinianer und Antidarwinianer, Orthodoxe und 
Rationalisten die Hande. Es ist nicht ein Baustein, sondern 
ein Grundstein der heutigen Weltansicht. . .» 

Und nun sagt sich Fechner weiter: Also erst wenn an den 
Eiweifiknauel - so driickt er sich aus - des menschlichen 
Gehirns dieser stumme, finstere Stoff heranschlagt, dann 
entwickelt sich durch das, was im Gehirn sich abspielt, die 
farbenbunte, prachtige Welt; dann entwickelt sich erst die 
«Tagesansicht», die aber unter dem Einfluft dieser Voraus- 
setzungen im Grunde zu einer grofien Illusion fiir die 
Menschheit wird. Fechner f and durchaus niemals, dafi man, 
weil sie zu dieser Nachtansicht als einem Durchgangspunkte 
des Weltanschauungsstrebens gefiihrt hat, die naturwissen- 
schaftliche Entwickelung bekampfen miisse. Er, der selber 
ein feinsinniger Naturf orscher war, unterschatzte gewifi die 
Bedeutung der naturwissenschafllichen Erkenntnisse nicht, 
aber er richtete den geistigen Blick auf eine Menschheits- 



zukunft, die er, wie man glauben darf, in naher Feme ver- 
mutete, und von der er meinte, dafi jene Nachtansicht wie- 
derum weichen und eine andere, vergeistigte Anschauung 
an ihre Stelle treten miisse, die in der Lage sei, nicht in so 
abfalliger Weise dem zu widersprechen, was der gesunde 
Menschenverstand annimmt, sondern die aufbaut auf alle- 
dem, was uns in der zunachst von dem naiven Menschen 
«wirklich» genannten Welt umgibt, aber aufsteigt von dem 
zu einer Welt, in der sich die Seele als Geist wissen mufi, 
wenn sie sich nicht selber in eine wesenlose Hingabe an den 
Stoff verlieren will. Und so sagt Fechner, aufblickend von 
dieser Gegenwart in eine Zukunft, die er vorausahnt: 

«In der Tat ist mein Glaube, dafi, so sicher als auf die 
Nacht der Tag, auf jene Nachtansicht der Welt dereinst 
eine Tagesansicht f olgen wird, die, start sich in Widerspruch 
mit der natiirlichen Ansicht der Dinge zu stellen, vielmehr 
damit unterbauen, und darin den Grund zu einer neuen 
Entwickelung finden wird. Denn, schwindet jene Illusion, 
welche den Tag in Nacht verkehrt, so wird natiirlicherweise 
alles Verkehrte, was damit zusammenhangt, und es ist viel, 
mit schwinden miissen, und die Welt in neuem Zusammen- 
hange, in neuem Lichte, unter neuen positiven Gesichts- 
punkten erscheinen.» 

Fechner hat dann selber versucht, aus der Welt, auf die, 
wie er meint, die Tagesansicht gerichtet ist, aufzusteigen zu 
einer Welt, in der sich die Seele als Geist erkennen kann. 
Aber man mufi sagen, insbesondere wenn man die Voraus- 
setzungen der Geisteswissenschaft zu den seinigen macht, 
dafi ihm nicht mehr gelungen ist, als aus den Begriffen und 
Vorstellungen heraus, die er sich iiber die gewohnliche Welt 
und aus der gewohnlichen Wissenschaft machte, zu gewissen, 
man mochte sagen, Vermutungen, vermutungsweisen Ideen 
und Vorstellungen iiber eine geistige Welt zu kommen. 



Wenn man gelehrt sprechen mochte, so konnte man sagen: 
Er versuchte, sich die geistige Welt nach Analogien zu den- 
ken. Die Erde mit ihrer Lufthiille wurde ihm zu einem gro- 
ften Organismus; das Laufen der Sonnenstrahlen wurde 
ihm zu einem Analogon fur die Nervenwirkungen; das 
ganze Sternensystem der Sonne wurde ihm wiederum ein 
grofier Organismus, der ebenso wie der menschliche Orga- 
nismus Seele in sich hat. Aber alle diese Vorstellungen uber 
eine geistige Welt baut sich Fechner auf den Vorstellungen 
des Alltags, den Vorstellungen der auf die aufiere stoff- 
liche Welt gerichteten Wissenschaft auf. Man kann sagen: 
Nur sein dem Geistigen zugewandtes Grundgefuhl der 
Seele zwang ihn, derlei Annahmen zu machen, nicht stehen- 
zubleiben bei der Welt des Stoffes, sondern sich zu erheben 
zu einer von ihm hypothetisch konstruierten geistigen Welt. 

Wenn man sich nun fragt: Auf welchem Punkte stand 
dieser sinnige Geist, der in seiner eigenen Entwickelung die 
Entwickelung der geistigen Bildung des 19.Jahrhunderts in 
besonderer Art widerspiegelte?, so kann man sagen: Er 
stand gerade am Ausgangspunkte zu dem, was fur ihn ver- 
mutungsweise, nun aber, nachdem wiederum eine Reihe 
von Jahren seit seinem Wirken verflossen ist, mit grofterer 
GewifSheit gerade aus der naturwissenschaftlichen Weltauf- 
fassung hervorgehen kann, er stand vor dem Tore desjeni- 
gen, was hier als Geisteswissenschafl gemeint ist. - Diese 
Geisteswissenschaft muE ausgehen von dem, bis zu dem die 
auEere, auf den Stoff gerichtete Wissenschaft in der Regel 
kommt. Von dem Punkte mufi sie ausgehen, diese Geistes- 
wissenschaft, bis zum dem audi das gewohnliche alltagliche 
Leben vordringt. Diese Wissenschaft und dieses Leben drin- 
gen vor bis zu den Vorstellungen, Begriffen und Ideen, die 
sich der Mensch iiber die Auftenwelt machen kann. Fest- 
gehalten, wenigstens wie festgehalten wurde Fechner an 



dem tonlosen und finsteren Stoffe, der sich ihm in der Vor- 
stellung aufgedrangt hatte; festgehalten an dieser Nacht- 
ansicht, aber hinstrebend zur Tagesansicht. Diese Tages- 
ansicht aber, sie kann nicht gewonnen werden, wenn nidht 
gerade scharf ins Seelenauge gef afit wird, wohin die aufiere 
Wissenschaft, das gewohnliche Leben des Tages kommt wie 
zu einem Schlu&punkte - wenn nicht scharf ins Auge ge- 
fafit wird das, was man das menschliche Denken und das 
menschliche Vorstellen nennt. Gerade dort, wo die gewohn- 
liche Wissenschaft aufhort, mull Geisteswissenschaft ihren 
Anfang nehmen. Daher mufi sie sich auseinandersetzen mit 
der Frage: Was ist denn eigentlich seinem Wesen nach dieses 
Denken, das in uns lebt, das uns treibt, uns iiber alle Er- 
scheinungen, iiber alle Eindriicke der aufieren Welt, seien 
es freudvolle oder leidvolle, seien es mehr oder weniger 
gleichgiiltige, oder die grofien Schicksalsfragen enthaltend, 
Vorstellungen zu machen? 

Man kommt zu einer Beantwortung dieser Frage nur, 
wenn man in jener Ruhe, welche dem heutigen wissenschaft- 
lichen Leben so oftmals nicht gegeben ist, und in der inneren 
Kraft der geistigen Entfaltung des Seelenlebens versucht, 
sich dem Denken gegeniiberzustellen. Dann kommt man 
zu jener Anschauung dieses Denkens, die da sagt: Dieses 
Denken selber, in dem sich geistig die aufiere Welt spiegelt, 
ist nicht mehr irgend etwas, das an den Stoff gebunden ist. 

Ich weiE: indem dieser Satz ausgesprochen wird, stofk 
er sogleich an unzahlige Vorurteile unserer Zeit. Ich wiirde 
viele Stunden brauchen, wenn ich alle Einzelheiten hier 
anfuhren wollte, welche es vollig erharten, dafi, indem wir 
denken, wir nicht mehr weben im Stoffe, sondern uns be- 
reits mit unserer Seele herausgehoben haben aus dem stoff- 
lichen Wirken, in dem die Seele ja dadurch steht, dafi sie 
fur ihre alltagliche Betatigung den physischen Leib als ihr 



Werkzeug zu benutzen hat. Es gehort zu den schwerwie- 
gendsten Vorurteilen der neueren Weltanschauung, dafiman 
die geistige Natur des Denkens selbst nicht erkennt, indem 
man dieses Denken geistig ins Auge fafk. Wer nicht nur in 
fliichtigem Riickblick auf den Erkenntnisakt, auf das Den- 
ken hinschaut, sondern sich in die Lage versetzt, gewisser- 
mafien von dem Denkakt zuriickzutreten, aber so, dafi das 
Denken, das er im Erkennen pflegt, wie eine Art Erinne- 
rungsvorstellung so, daft sie genaubeobachtet werdenkann, 
vor der Seele steht; wer also nicht verharrt im Denken, wo 
man es nicht erkennen kann, sondern wer gewissermafien 
vom Denken zuriicktritt, der erkennt, dafi er, indem er 
denkt, so in diesem Denken lebt, wie-um diesen Vergleich, 
den ich hier schon ofter brauchte, noch einmal zu brauchen— 
man in sich lebt, wenn man vor einer Spiegelflache steht. 
Die spiegelnde Flache gibt einem ein Bild des eigenen We- 
sens zuriick, man weift aber ganz genau: Dieses eigene We- 
sen ist nicht im Spiegel drinnen, der Spiegel ist nur die; 
Veranlassung, dafi es mir zuruckgeworfen wird. Indem ich 
mich spiegele, erfuhle ich mein Wesen, und ich weifi, da£ 
das Bild meines Wesens nur zuruckgespiegelt wird. Ich 
wiirde dieses Bild nicht wahrnehmen, wenn der Spiegel 
nicht da ware. Aber ich weiiS, der Spiegel hat nichts zu tun 
mit diesem meinem Wesen, als dafi er mir mein Bild zu- 
riickwirfl;. 

Eine genaue, vorurteilslose Betrachtung des Denkens 
zeigt, daft dieses Denken so zu dem Gehirn als dem Leibes- 
werkzeug steht, dafi dieses Gehirn, dieses Leibeswerkzeug, 
wie der Spiegel ist; allerdings nicht wie ein toter Spiegel, 
sondern wie ein lebendiger Spiegel, wie wir gleich horen 
werden. Denn dasjenige, was als Denken lebt und webt, 
vollzieht sich nicht da drinnen durch die Vorgange des Spie- 
gelns, sondern es vollzieht sich in dem seelischen Eigen- 



wesen aufierhalb des Leibes, und der Leib ist nur die Ge- 
legenheit, dafi mir das zum Bewulksein kommen kann, was 
mir sonst nicht als Bild des Denkens zum Bewufitsein kom- 
men wiirde. Und eine unbef angene Betrachtung dieses Den- 
kens zeigt, dafi der Mensch sehr in die Irre geht, wenn er 
dieses Denken selber als ein Produkt irgendwelcher Vor- 
gange im Leibe auffafit. Auf diesen Irrtum soli hier zu- 
nachst durch einen Vergleich aufmerksam gemacht werden. 

Wenn wir uber einen Weg schreiten, der, sagen wir, er- 
weichten Boden hat, so bleiben die Spuren unserer Tritte in 
diesem Boden zuruck. Wir konnten nicht gehen, wenn der 
Boden uns nicht seinen Widerstand entgegensetzte, wenn 
wir nicht auf ihn treten konnten. Wir pragen dem Boden 
die Spuren unseres Gehens ein. Aber es ware unsinnig zu 
glauben fur den, der da hinterherkommt, dafi die Tritt- 
spuren, die sich da eingepragt haben in den Boden, durch 
Krafte in der Erde selbst bewirkt worden war en. Nur der- 
jenige weifi Bescheid iiber die Sache, der weifi: Es ist ein 
Wesen, das nichts mit der Erde zu tun hat, uber die Erde 
hingeschritten, aber all das, was dieses Wesen vollbracht 
hat, druckt sich in der Erde ab. 

So ungefahr stellt sich fur den Betrachter, der sich er- 
heben kann in die Selbstwahrnehmung des Denkens, das 
Verhaltnis des Denkens in der Seele zu dem Nervenapparat 
dar. Der Nervenapparat mufi da sein; die ganze Leibes- 
organisation mufi da sein; die Seele konnte das Denken 
hier im Leben zwischen Geburt und Tod nicht entfalten, 
gerade so wenig, wie wir iiber einen Abgrund schreiten 
konnten, ohne einen Boden zu haben unter den Fu£en. Die 
Seele wiirde dieses Weben im Gedanken nicht wahrnehmen, 
wenn ihr nicht gegeniiberstande wie ein Boden dasjenige, 
worin sie einpragt, einwebt, was in ihr seelisch-geistig lebt. 
Dann kann der Physiologe, der Biologe kommen und kann 



nachforschen, wie alles dasjenige, was die Seele gewoben, 
was sie gepragt hat, was Vorgange in ihr sind, wie das audi 
sich abpragt, abbildet in den Leibeswerkzeugen; dann kann 
er fiir alles Emzelne die richtige Ansdiauung entwkkeln: 
dafi alles das, was in der Seele lebt, nachweisbar ist im 
menschlichen Gehirn, im menschlidien Nervenapparat. Aber 
in die Irre wiirde man gehen, wenn man alles das, was im 
Denken lebt und webt, so erklaren wiirde, als ob es gleich- 
sam aufschiefien wiirde aus den inneren Vorgangen des 
Gehirns, des Nervenapparates. 

Die Wahrheiten, die ich also entwickele, konnen niclit im 
gewohnlichen Sinne, wie man das heute will, durch eine 
leichtgeschiirzte Logik belegt werden. Sie konnen sogar 
sehr leicht durch eine solche leichtgeschiirzte Logik ange- 
grifTen, kritisiert werden. Aber derjenige, welcher sich hin- 
gibt den Methoden, die hier ofter geschildert worden sind 
als die Methoden der Geistesforschung, das heifk derjenige, 
der sich herbeilafit, in seiner Seele vollig ruhig zu werden, 
so dafi er dieses Zuriicktreten vom Denken wirklich erleben 
kann, der kommt genau so, wie der Wissenschaftler der 
aufieren Welt zu seinen Ergebnissen kommt, durch die Be- 
trachtung der Seele, die also auf das Weben und Wesen des 
Denkens gerichtet ist, zu diesen Wahrheiten als unmittelbar 
in der Erfahrung gegebenen. Diese Wahrheiten miissen er- 
fahren, miissen erlebt werden, aber sie konnen erlebt wer- 
den dadurch, dafi der Geistesforscher eben erst diejenigen 
inneren Methoden des Forschens entwickelt, die ich hier 
ofter dargestellt habe, die Sie auch dargestellt finden kon- 
nen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im 
Umrifi» und nunmehr im Verhaltnis zu der aufieren Wis- 
senschaft in meinem letzten Buche «Vom Menschenratsel». 
Wenn der Geistesforscher also dahin gelangt ist, die geistige 



Natur des Denkens wirklich zu durchschauen, dann kann 
er audi aufsteigen zu weiteren Stufen des Erforschens der 
geistigen Welt. Denn dann kann er dasjenige, was sonst im 
Denken lebt und nicht erkannt wird, weiter ausbilden, so 
daft er sich gewissermafien durch Entfaltung eines beson- 
deren Innenlebens, das in jenen Biichern geschildert ist, 
ergeht in dem Denken, das unabhangig lebt von der phy- 
sischen Welt. Es ist ein weiteres Ausbilden jener Unab- 
hangigkeit des Denkens, welche man in seiner Wesenheit 
erkennen kann. Es ist gewissermafien ein Hinnehmen des- 
jenigen, was uns die Welt als erstes wirklich Geistiges gibt: 
des Denkens wie eine Grundlage, wie eine Wurzel, aus der 
man nun herauswachsen laftt all dasjenige, was durch wei- 
tere Meditation und Konzentration des Denkens, durch 
weitere in jenen Biichern geschilderte Methoden der Gei- 
stesforschung entwickelt werden kann. Dadurch aber, daft 
man nun nicht bloft das Denken anschaut als etwas, das 
uns gewissermaften vom StofFe losreifit, das unserer stoff- 
lichen Welt als unabhangig Geistiges gegeniibersteht, son- 
dern es weiterbildet in inn erer Seelenarbeit, dadurch kommt 
man dazu, nun in einem intensiveren Sinne dasjenige zu 
erleben, was geradenwegs genannt werden kann das Leben 
im geistigen Menschen, unabhangig vom materiellen Men- 
schen, das Sichlosreifien von alledem, was der Mensch als 
physisch-stoffliches Wesen ist. Dieses Heraustreten des Gei- 
stig-SeeHschen aus dem physischen Leibe, das wird zur 
Wirklichkeit, indem der Mensch in der angedeuteten Weise 
das Denken weiter ausbildet. 

Und dann kommt der Mensch dazu, nunmehr auch das- 
jenige fur seine Erkenntnis - nicht fur das Leben - in die 
Nacht hinuntersinken zu sehen, was Fechner die Tages- 
ansicht nennt. Dadurch, dafi der Mensch sich ganz einlebt 
innerlich-seelisch in das Leben und Weben des reinen sinn- 



lichkeitsf reien Gedankens, verschwindet wirklich die aufiere 
Welt der stoff lichen Wirkungen, die uns zunachst umgibt. 
Dafiir aber ist der Geistesblick des Menschen auf dessen 
eigene Wesenheit gerichtet, und der Mensch hat sich, wah- 
rend er sich sonst immer als Subjekt weifi, als das, in dem 
er lebt, nunmehr vor sich; er wird - wenn ich den Ausdruck 
gebrauchen darf - sich selber Objekt, er tritt von sich zuriick. 

Indem ich dieses ausspreche, darf ich hinweisen auf einen 
zweiten Geist des 1 9. Jahrhunderts, der, weil er nicht nur 
ein theoretisierender, sondern ein empfindender Denker und 
Wissenschaftler war, empfunden hat die eigentiimliche Art 
des Denkens, und den dieses Denken dadurch getrieben hat, 
wirklich zu erfassen die stoff-freie Wesenheit dieses eigenen 
Denkens. Ich weise da Ihren Blick hin auf den ja weniger 
bekannten, aber wirklich, ich mochte sagen, die ganze Kraft 
des deutschen Denkens im 1 9. Jahrhundert in sich tragenden 
Karl Rosenkranz, der bis in die siebziger Jahre der Nach- 
folger, der spatere Nachfolger Kants auf dem Lehrstuhl 
der Philosophic in Konigsberg war. Kants und Hegels 
Schiiler war Karl Rosenkranz, aber ein Schuler, der in sei- 
nem ebenfalls sinnigen Geiste Erkenntnisfragen wirklich 
zu Lebensfragen, zu Schicksalsfragen zu machen wufke, 
und der es dahin gebracht hat, sich zu sagen: Du mufit in 
deinem Denken einen Punkt erreichen, wo du unabhangig 
bist von all der aufteren sinnlichen Welt, zu der du ja den- 
kend erst den Zugang gewinnen willst. Und da kam Karl 
Rosenkranz der Gedanke eben des von der Aufienwelt, von 
der Stoffeswelt unabhangigen Denkens. Und an der Art 
und Weise, wie Karl Rosenkranz iiber das Denken spricht, 
wenn es sich unabhangig weifi von der aufieren Welt, die 
sonst im Leben den Menschen hegt und tragt und stutzt, 
aus dieser Art und Weise, wie Karl Rosenkranz von die- 
sem Denken spricht, da sieht man, wie er gefiihlt hat, was 



es heifit, einen Obergang zu machen aus der au£eren phy- 
sisclien Stoffeswelt zur geistigen Welt, was es heifk, des- 
halb, damit man erkennt, was der Geist ist, einmal wirklich 
abzusehen von all dem, was uns stofflich als Welt umgibt, 
und sich zuriickzuziehen auf den reinen Gedanken von der 
Welt. Da findet sich dieser Gedanke, wenn er nicht jene 
Entwickelung durchmachen kann, die ich eben angedeutet 
habe, zunachst in seiner furchtbaren Leerheit. Denn im ge- 
wohnlichen Leben sind wir gewohnt, unsere Gedanken auf 
die Aultendinge zu richten, die AuEendinge, die durch die 
Sinne auf uns wirken, in unseren Gedanken abzubilden. 
Lassen wir nun die Aufienwelt unberucksichtigt, wie das 
Karl Rosenkranz wollte, und Ziehen wir uns dann in das 
Denken zuriick, ohne dafi wir auf Grund der Erkenntnis, 
dafi dieses Denken leibfrei ist, es weiter entwickeln und auf- 
steigen zu einem Heraustreten aus dem Leibe, dann bleibt 
das Denken leer. Die aufiere Welt ist aus ihm heraus- 
geworfen; das Denken selber ist leer. Es hegt der Mensch 
einen Gedanken, der gleichsam in volliger Einsamkeit in 
seiner Seele nistet, als wenn die Welt nicht ware. Von die- 
sem Gedanken theoretisch zu sprechen, ist verhaltnismafiig 
bedeutungslos. Aber fur einen Erkenner, der das Erkennen 
als ein grofies Lebensratsel nimmt, als ein Lebensschicksal, 
ist dieser Gedanke nicht unbetrachtlich. Er wird zur inneren 
Qual der Seele, zum Fiihlen der Einsamkeit, zum Fuhlen 
der Verlassenheit der Seele gegeniiber der aufieren Welt. 
Und Karl Rosenkranz spricht dieses Gefuhl eines echten, 
nach lebendigem Erkennen trachtenden Denkers mit fol- 
genden, ich mochte sagen, zu Herzen gehenden Worten aus: 
«Die zerschmetterndste Vorstellung, die ich kaum aus- 
zudenken wage, und kaum auszudriicken vermag, ist die, 
da£ iiberhaupt etwas ist. Es gahnt mich aus diesem Gedan- 
ken der absolute, der gestaltenleere Abgrund der Welt an. 



Es wispert mir zu, wie der Verrat des Gottes. Es ergreift 
mich ein Bangen, wie in meiner Kindheit, wenn ich die 
Offenbarung Johanms las und Himmel und Erde darin 
zusammenbrachen. Da um mich herum dehnt sich die Welt 
in aller Breite, mit allem Trotz sinnlicher Virtualitat» - das 
heilk Kraftewirkung - «und scheint meiner Vorstellung zu 
spotten. Sie zwingt mich in ihre Kreise, zwingt mich, ihren 
Ordnungen zu gehorchen, ladit meines Gedankens ihres 
Nichts als eines Hirngespinstes. Und doch ist dieser Ge- 
danke, dieser widersinnig scheinende Gedanke, was nun 
sein wiirde, wenn diese Welt nicht ware, ein Riese, der mit 
dem ganzen empirischen Dasein spielt.» 

So fiihlt wie vor einem Abgrund sich der Denker, der 
sozusagen vor dem Tore der Geisteswissenschaft stent, das 
heifk gerade hingelangt bis zu dem Gedanken, der die Sin- 
nenwelt abgeworfen hat, aber vor dem Tore stehen bleibt 
und nicht eintritt in die Statte der Geisteswissenschaft, wo 
der Gedanke nun wie eine Wurzel behandelt wird, aus der 
heraus durch die Entwickelung geistesf orscherischer Metho- 
den die ganze Pflanze jener Erkenntniskrafte entwickelt 
wird, die nun hineinschauen konnen in die geistige Welt. 
Man mufi, um die Bedeutung der Geisteswissenschaft fur 
das heutige Leben einzusehen, an solche Denker sich er- 
innern, die den Eingang in die Geisteswissenschaft noch 
nicht finden konnten, aber gerade aus dem naturwissen- 
schaftlichen Zeitalter heraus empfanden, was in der Seele 
vorgeht, wenn sie sich aufschliefien will die P forte, wenn 
sie anlangt bei dem Denken, das fiir das auftere Leben und 
fur die aufiere Wissenschafl ein Schlufipunkt ist, das aber 
der Anfangs- und Ausgangspunkt ist fiir das wirkliche Er- 
kennen der geistigen Welt. 

Und zu diesen Denkern - ich wahle als Beispiele fiir die 
Vorlaufer der Geisteswissenschaft, die ich hier meine, solche 



Denker aus, welche nicht abstrakte Theoretiker waren, son- 
dern denen das Streben nach der Erforschung der Ratsel 
des menschlichen Lebens tiefe Schicksalsangelegenheit ihrer 
Seele war - zahle ich audi Gideon Spicker, der so lange an 
der Hochschule in Munster Philosophic gelehrt hat, und 
der schon durch den Verlauf seines aufieren Lebens zeigte, 
wie ihm die Erkenntnis ein Lebensschicksal, eine Lebens- 
angelegenheit war. Mit einer inbriinstigen Seele, die nach 
dem Erleben des Geistes trachtete, war Gideon Spicker - 
er beschrieb das selber in seinem schonen Buche, das 1908 
erschienen ist: «VomKloster zum akademischen Lehramt» - 
Kapuziner geworden, Priester geworden; dann trieb ihn 
der Weg, den seine Erkenntnis nehmen mufke, dazu, aus 
dem Kloster fortzugehen und in die Philosophic sich zu 
vertiefen, um den Weg zu finden, der zum Einlaft in die 
geistige Welt fiihrt. Da kam auch Gideon Spicker zu jenem 
Punkte, wo das Denken sich selbst iiberlassen ist, wo es ver- 
einsamt dasteht, wenn es sich nicht so zu betatigen versteht, 
wie ich das angedeutet habe. Deshalb sagt Spicker von die- 
sem Denken: 

«Alle (Philosophien) ohne Ausnahme gehen von einem 
unbewiesenen und unbeweisbaren Satz aus, namlich von 
der Notwendigkeit des Denkens. Hinter diese Notwendig- 
keit kommt keine Untersuchung, so tief sie auch schiirfen 
mag, zuriick. Sie muft unbedingt angenommen werden und 
lafk sich durch nichts begriinden. Jeder Versuch, ihre Rich- 
tigkeit beweisen zu wollen, setzt sie immer schon voraus.» 
Und nun kommt jenes Wort, wo man sieht, wie in den Er- 
kenntnissen seiner Seele er unmittelbar riihrt an die Krafte 
des Herzens. Gideon Spicker sagt weiter: 

«Unter ihr gahnt ein bodenloser Abgrund, eine schauer- 
liche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis. Wir wissen 
also nicht, woher sie kommt, noch auch, wohin sie fiihrt. 



Ob ein gnadiger Gott oder ein boser Damon sie in die Ver- 
nunft gelegt, ist ungewift.» 

Spicker richtet also den Seelenblick auf dieses Denken. 
Er findet: Wenn wir nicht voraussetzen, dafi das Denken in 
richtiger Weise uns iiber die Angelegenheiten der Welt auf- 
klart, wenn wir also nicht die Notwendigkeit des Denkens 
anerkennen in seiner Eigenart, dann konnen wir Uberhaupt 
in der Welt uns nicht zurechtfinden. Aber hinter dieser 
Notwendigkeit, meint Spicker, liegt der bodenlose Abgrund. 
Damit erweist auch Spicker, wie er vor dem Tore der Gei- 
steswissenschaft steht, aber nicht hinein kann. Und unmog- 
lich ist es nach seiner Anschauung, zu entscheiden, was 
eigentlich die von uns notwendig vorauszusetzende Rich- 
tigkeit in unsere Vernunft gelegt hat, ob ein gnadiger Gott 
oder ein boser Damon. 

Man mufi das Denken schon so ernst nehmen, wenn man 
die ganze Bedeutung der Erkenntnis fur das Leben ins 
Auge fassen will. Was kann ein solcher Denker, der so zu 
sprechen sich genotigt fiihlt wie Gideon Spicker, was kann 
er nicht? Er kann nicht dahin gelangen, dieses Zuriicktreten 
vor dem Denken zu bewirken, um dieses Denken anzu- 
schauen, um dadurch die Uberzeugung zu gewinnen, da£ 
dieses Denken geistiger Natur ist. Denn dann stellt es sich, 
weil eben die Dinge, wenn man sie betrachtet, ihre Eigenart 
ergeben, in seiner Eigenart dar, wie es ist, und lafit uns nicht 
die Wahl zwischen dem gnadigen Gott und dem bosen 
Damon, der es etwa in die Vernunft gelegt haben konnte. 

Auf dem geisteswissenschaftlichenErkenntnisweg kommt 
alles darauf an, sich bekannt zu machen mit der Natur des 
Denkens, dieses Denken nicht wie ein Letztes hinzuneh- 
men, sondern es wie ein Erstes anzusehen, das uns weiter- 
bringen soil. 

Ich mochte hinweisen darauf, wie aus dem gewohnlichen 



Leben heraus der Mensch, wenn er nur eine intime Auf- 
merksamkeit auf gewisse feinere Erscheinungen des Lebens 
wendet, die Oberzeugung gewinnen kann davon, dafi das 
Denken nicht blofi in unserem Ich, in unserer Seele oder gar 
in unserem Gehirn lebt, sondern dafi es ein wesentliches 
Dasein in der aufteren Welt hat, dafi das Denken unter den 
schaffenden Kraften ein Mitwirkendes ist, dafi es die Welt 
durchwebt und durchlebt; dafi es nicht das Denken in uns 
ist, sondern daft wir mit unserer Seele in der von Gedanken 
durchwobenen Welt leben. Es bedarf noch gar nicht der An- 
wendung der Methoden der Geisteswissenschafl, gar noch 
nicht des lebendigen Eintretens in die geisteswissenschaft- 
liche Forschung selber, um zu dieser Uberzeugung zu kom- 
men, sondern nur eines intimen Beobachtens gewisser Vor- 
gange. Da kann der Mensch, wenn er unter den diesen Din- 
gen giinstigen Verhaltnissen einmal aufwacht, etwas wie 
eine dunkle Erinnerung an dasjenige bewahren, was, eben 
bevor er aufgewacht ist, vorgegangen ist. Da konnen, wie 
heriiberflieftend aus dem Schlafzustand in den Wachzustand, 
Gedanken sich hereindrangen in den Wachzustand, von 
denen der Mensch einsehen kann, dafi er sie nie im Wach- 
zustand wiirde gedacht haben, dafi sie mit nichts zusam- 
menhangen, was im Wachzustand gedacht werden kann. 
Ich kann auf diese Dinge nur hinweisen; wurden wir mehr 
Zeit haben, so wurden wir sehen, dafi alle Einwande von 
Reminiszenzen, Erinnerungen und so weiter, die solche 
Vorstellungen sein konnten, wegf alien, wenn man die Un- 
tersuchung genauer anstellen wiirde. Dann aber, wenn man 
so findet wie eine innere Erfahrungswahrheit: «Du tauchst 
eigentlich auf mit deiner Seele aus dem webenden, leben- 
digen Denken», dann weifi man zugleich, wenn die Augen- 
blicke giinstig sind, ich mochte sagen, wenn die Seele gerade 
begnadet ist, so etwas wahrzunehmen: das, was da wie Ge- 



dankenwesenheit selber ist, das webt mit an dem eigenen 
und zwar jetzt leiblidien Wesen. Denn man wird gewahr: 
Womit man eigentlich im Schlafe gelebt hat, das sind die 
Vorgange des Inneren, des Leibes selber. Diese Vorgange - 
Sie konnen dariiber nachlesen in meinem letzten Buche 
«Vom Menschenratsel» - die man im Schlafe erlebt, und 
die sich zuweilen in das Traumen hinaufheben, diese Vor- 
gange sind Bilder des inneren Erlebens des Leibes. - Hat 
man diese beiden Erkenntnisse: die Erkenntnis des selb- 
standigen Webens der Gedanken in der Welt, der leben- 
digen Gedanken in der Welt, und des Webens der Gedan- 
ken an unserer eigenen Leiblichkeit, dann hat man audi 
einen in der Empfindung gegriindeten Ausgangspunkt fiir 
ein inneres meditatives Arbeiten in seiner Seele, um nun 
aufzusteigen zu der Erkenntnis der geistigen Welt. 

Die Erkenntnis der geistigen Natur des Denkens selber, 
die man im Wachzustand gewinnen kann, eine genauere, 
intimere Erkenntnis des Denkens, die man auf die zuletzt 
angedeutete Weise in besonders gtinstigen Lebensmomenten 
gewinnen kann, die unterstiitzt einen, nun wirklich die 
innere Seelenarbeit zu unternehmen, die der Geistesfor- 
scher zu unternehmen hat: Dieses Denken - um es noch 
einmal zu sagen - wie eine Wurzel zu betrachten, die nun 
entfaltet wird durch innere Seelenarbeit, auf die ich heute 
nur hinweisen kann, eine Wurzel, die endlich den Men- 
schen dahin bringt, aus seinem Leibe mit seinem Geistig- 
Seelischen wirklich heraustreten zu konnen, und sich selber 
nun, wie er im Alltage ist, gegeniiber zu haben, wie man 
sonst in der sinnlichen Anschauung die auEeren Dinge sich 
gegeniiber hat. Dieses Heraustreten aus dem Leibe ist 
durchaus eine Wirklichkeit, die an den Menschen heran- 
kommt, wenn er gewisse Seeleniibungen macht. Dann aber 
ist der Mensch nicht nur in der Lage, durch die Werkzeuge 



des Leibes die ihn umgebende Welt anzuschauen; eine an- 
dere Welt ist da, die nicht die Welt der Sinne ist, eine Welt 
des Geistes tritt nun auf . Indem der Mensch in diese andere 
Welt des Geistes eintritt, wird er nicht - das habe ich schon 
ofter erwahnt, es ist aber notwendig, es immer wieder und 
wieder zu sagen, weil gerade von dieser Seite her die mei- 
sten Angriffe kommen - ein Gegner der Naturwissenschaft, 
sondern im Gegenteil, alles dasjenige, was berechtigter- 
weise die so bewundernswurdige neuere Naturwissenschaft 
hervorgebracht hat, das wird gerade, und intensiver, als die 
Naturwissenschaft es kann, bewiesen durch dasjenige, was 
geistiges Anschauen in der Welt findet. 

Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenratsel» diese 
Anschauung, die der Mensch dadurch erringt, dafi er sich 
bereit macht, sich von den Bedingungen der stofflichen Vor- 
gange loszureifien, das «schauende Bewufksein» genannt, 
aus dem Grunde, weil ich ankmipfen wollte, wie in alien 
meinen geisteswissenschafllichen Bestrebungen, an die Welt- 
anschauung Goethes. In seinem schonen Aufsatz iiber «an- 
schauende Urteilskraft» hat er hingewiesen darauf, wie der 
Mensch, wenn er zu einer das Geistige stiitzenden Erkennt- 
nis streben will, dazu kommen mufi, nicht blofi passiv die 
auiKere stoffliche Welt aufzunehmen, sondern sich innerlich 
zu erkraften, um erkenntnismafiig dieses Geistige innerlich 
so zu erfassen, wie man von auften her die aufiere 
sinnliche Welt durch die Sinne erfafit. Und ich habe 
genannt dieses Leben im schauenden Bewufitsein ein Auf- 
wachen aus dem gewohnlichen Bewufitsein des Alltages 
und der gewohnlichen Wissenschaft, das man vorstellen 
kann ahnlich dem Aufwachen aus der Traumeswelt in die 
Welt des gewohnlichen wachen Bewulkseins. Und so ware 
denn, um dasjenige auszudriicken, was er eigentlich sagen 
will, der Geistesforscher genotigt, auf drei Bewulkseins- 



zustande hinzuweisen: Auf das traumende Bewufitsein, 
wo der Mensch ganz hingerichtet ist auf die Vorgange 
seines eigenen Leibes, die ihm teilweise, mochte man sagen, 
entgegentreten, aber nicht wie sie sind, sondern in den 
webenden und lebenden Gedanken, die wie in einem ima- 
ginativen Leben offenbaren, was eigentlich innere Leibes- 
vorgange sind. DieVorstellungen wahrend desTraumlebens 
sind durchaus auf das leibliche Innere des Menschen ge- 
richtet. Der Mensch ist gewissermafien da in seine Haut 
eingeschlossen, und, wenn ich mich noch genauer aussprechen 
sollte, so konnte ich sagen: Es ist nicht beteiligt das eigent- 
liche Bewufksein des menschlichen Gehirns an den Bildern 
der Traumvorstellungen, sondern es ist die Seele zugewen- 
det im Traume demjenigen, was, abgesehen von den Vor- 
gangen des Gehirns, im Leibe vorgeht. Aber das pragt sich 
aus in den Bildern, die manchmal so farbenbunt und prach- 
tig, manchmal so chaotisch vor die Seele treten. Wer nun 
auf diese Welt der Traumesvorstellungen sein forschendes 
Seelenauge richtet, der fmdet, daft im Grunde genommen 
die Vorstellungen selbst, wie sie im Traume auf- und ab- 
fiuten - allerdings nur als Offenbarung des Innenlebens -, 
sich in ihrem Inhalte, in ihrer Wesenheit nicht unterscheiden 
von den Vorstellungen, die wir im Alltag haben. 

Das Aufwachen ist etwas ganz anderes, ist eine Tat des 
Willens. Es andert nicht die Natur der Vorstellungen, son- 
dern der Mensch erkraftet sich in seinem Willen, setzt sich 
durch seinen Willen wirklich in ein Verhaltnis zur aufieren 
Welt, die uns die Sinne offenbaren. Und dadurch bezieht 
er das, was sonst nur seinem Inneren zugewendet ware, auf 
die aufiere Welt. Er legt gleichsam iiber die Flache des 
AufSendaseins sein Denken, sein Vorstellen hinuber, weil er 
sich im Willen erkraftet hat, weil er sich eingeordnet hat in 
die au£ere Welt mit seinem Vorstellen. Und Wachsein heifit : 



durch den Willen das Vorstellungsleben mit dem ganzen 
Menschen einzuordnen in die Verhaltnisse der aufieren Welt. 

Im schauenden Bewufitsein wird bis zu einem gewissen 
Grade das wirklich zu einer Wahrheit, die man nur nicht 
mifiverstehen darf, daft nun durchschaut wird, wie von 
einem hoheren Gesichtspunkte aus diese aufiere Sinneswelt 
wiederum nur eine Bilderwelt ist; wir nehmen sie in einer 
grob-stofflichen, derben Weise als eine letzte Wirklichkeit 
im gewohnlichen Leben hin, wie wir im Traume unsere 
Traumeswelt als eine Wirklichkeit fiihlen. Aber indem wir 
aus dem Traume erwachen, wird uns die Traumeswelt zu 
einer Bilderwelt. Und vom Gesichtspunkte des wachen Be- 
wufitseins aus verstehen wir erst, die Traumeswelt in der 
richtigen Weise einzuordnen in die Gesamtwelt. 

Tiefere Denker haben nun, indem sie in ihrer Seele eine 
Kraft nach der geistigen Welt hin fuhlten, vergleichsweise, 
nicht um in irgendeiner falschen Asketik mifiverstandliche 
Vorstellungen aufzustellen, die Welt der Sinne in ihrer 
grob-stofflichen Wirklichkeit eine Welt der Bilder genannt, 
und sie mit dem Traume - nicht gleichgestellt, aber ver- 
glichen. Vor alien Dingen der grofte deutsche Denker Fichte 
hat in seiner Schrift iiber die Bestimmungdes Menschen eine 
wunderbare Stelle, wo er sich ausspricht iiber das Leben und 
Weben desjenigen, was durch die Sinne gesehen wird. Da 
sagt Fichte: 

« Bilder sind: sie sind das einzige, was da ist, und sie 
wissen von sich, nach Weise der Bilder; — Bilder, die vor- 
iiberschweben, ohne daft etwas sei, dem sie voruberschwe- 
ben: die durch Bilder von den Bildern zusammenhangen . . . 
Alle Realitat verwandelt sich in einen wunderbaren Traum 
ohne ein Leben, von welchem getraumt wird, und ohne 
einen Geist, dem da traumt; in einem Traum, der in einem 
Traume von sich zusammenhangt.» 



Nicht soil durch diese Worte der Mensch angewiesen 
werden, in mifiverstandlicher Weise die wirkliche Welt ge- 
ring zu achten, in der seine Pfliditen liegen, in der sein 
Leben zwischen Geburt und Tod sich abspielen mufi, nicht 
soli der Mensch von dieser Welt hinweggelenkt, sondern 
darauf aufmerksam gemacht werden, daft man erwachen 
kann aus dem gewohnlichen Bewufksein - wie man aus 
dem traumenden Bewufksein erwacht - zu einem hoheren 
Bewufksein in dem schauenden Bewufksein. Und im schau- 
enden Bewufksein ordnet man die Bilder der Sinneswelt, 
die einen sonst umgeben,ein in die geistigeWelt, die einem in 
der Weise nun erschlossen ist, wie das angef iihrt worden ist. 
Dann aber, wenn man also die geistige Welt in der Seele 
unmittelbar erlebt, dann erhalt man einen neuen Gesichts- 
punkt iiber das Verhaltnis des Geistes zum Stoff. Denn 
dann gelangt man dazu, an dem Menschen selbst, an sich 
selbst, dieses Verhaltnis des Geistes zum Stoff zu schauen. Das 
erwachte schauende Bewufksein, das gewissermafien zuriick- 
getreten ist von dem Menschen, und das, was der Mensch im 
gewohnlichen Erkennen tut, von aufien anschaut, dieses Be- 
wulksein stellt sich anders zu der Welt als die von Fechner 
genannte Nachtansicht. Dieses schauende Bewu£tsein sagt 
sich: Gewil?, fiir all dasjenige, was der Mensch denkt und 
fiihlt, woriiber er sich freut, was er erleidet, gibt es zwi- 
schen Geburt und Tod im gewohnlichen physischen Leben 
physische Vorgange im Menschen. Der Mensch erlebt all 
dasjenige, was er seelisch erlebt, durch den Leib, der es ihm 
wie ein Spiegel zuriickwirft, sonst wiirde er davon nichts 
wissen. Dazu ist der Leib da, dafi der Mensch von ihnen 
ein Bewufksein entwickeln kann. Aber indem der Mensch 
also zuriicktritt und sich in wirklicher, nicht ertraumter 
Selbstbeobachtung wirklich erkennt, da gelangt er schauend 
zu einer anderen Ansicht, als die Nachtansicht ist. Da 



kommt er dazu, sich zu sagen: Ja, damit ich die Farben der 
Welt sehe, mussen in meinem Nervenapparat, in meinem 
Leibeswerkzeug gewisse Vorgange vorgehen; aber indem 
ich das Blau, das Rot sehe, indem ich den Ton C oder Cis 
hore, da sind die Vorgange, auf die es ankommt, schon vor 
sich gegangen. Die Seele selbst in ihrem geistigen Weben 
und Leben, sie pragt dasjenige, was sie tut, in das, sagen 
wir, Gehirn ein; das Gehirn strahlt in die Seele, die inner- 
halb des Leibes ist, dasjenige zuriick, was die Seele selbst 
eingepragt hat. Und nachdem die Seele eine Pragung ge- 
macht hat ins Gehirn, verwandelt sich das Gehirn in ein 
spiegelndes Wesen, strahlt zuriick die Pragung. Und die 
Seele, indem sie nur sich selbst lebt, empflndet dieses Pragen 
als Rot und Blau, oder C oder Cis. Die Seele ist es, die schon 
am Gehirn gearbeitet hat, bevor sie wahrnimmt. Die ganze 
Wahrnehmung ist eine Spiegelung, die dadurch zustande 
kommt, daft die Seele, bevor die Wahrnehmung zustande 
kommt, bereits am Leibe arbeitete. 

Da blickt man nun hinein in ein Wesen des Menschen, 
das man nicht erkennen kann mit dem gewohnlichen Be- 
wufttsein, das durchschaut werden kann nur mit dem schau- 
enden Bewufttsein. Denn dem gewohnlichen Bewufksein 
enthiillt sich nur die Welt der Sinneswahrnehmung. Aber 
die gewohnlichen Gedanken sind ja von der Sinneswahr- 
nehmung abgezogen. Jetzt aber sieht man unter die Ober- 
flache der Sinneswahrnehmung; jetzt sieht man auf die 
Tatigkeit, die sonst unbewulk bleibt. Jetzt schaut man, wie 
die Seele in ein Verhaltnis zum Stoffe tritt, wie Geist und 
Stoff zusammenwirken. Da allerdings stellt sich dieses Zu- 
sammenwirken von Geist und Stoff dem Schauenden in 
einer Weise dar, die zunachst frappierend, vielleicht sogar 
schockierend ist, es stellt sich so dar: Wahrend der Mensch 
das durchlebt, was er durch die gewohnliche physische Ver- 



erbung von Vater und Mutter erhalt, lebt er in etwas, das 
sprielk und sprofk, das gewissermafien in sich entfaltender 
Naturwirkung verlauft, das wie Entwickelung ist desjeni- 
gen, was aus irgendeinem Keim herausfliefit und immer 
vollkommener und vollkommener werden will. Indem der 
Mensch beginnt, sein Seelisches zu entwickeln, das heifit, in- 
dem auf die geschilderte Weise die Seele als Geist in Bezie- 
hung, in Wechselwirkung tritt zum Stoff, der ihren Leib 
bildet, da vollf uhrt die Seele im Vorstellen, im Empflnden, 
in dem ganzen gewohnlichen seelischen Erleben fortwah- 
rend dasjenige, was ich nennen mochte Abbau. Wir konnen 
keine Empfindung, keine Vorstellung hegen, ohne da£ das- 
jenige, was sonst spriefit und sprofk, bekampft wird, zu- 
riickgedrangt wird, zerf alien gemacht wird von der Seele. 
Indem gewissermafien die Seele das spriefknde und spros- 
sende Leben der Nerven zuruckdrangt, bewirkt sie das- 
jenige, was dann spiegelt. Sagen wir, um vielleicht ein Un- 
notiges auszusprechen : Wenn die Seele Blau sieht, vollf uhrt 
sie einen ProzefS, der aber eigentlich ein Zerstorungs-, ein 
Zerfallprozefi ist, in den Nerven. Dieser Prozefi bildet 
gleichsam die spiegelnde Flache, die das Blau zur ticks trahlt. 
So mu& die Seele fortwahrend das Stoffliche auflosen, zer- 
fallen machen, das sich dann aber wieder herstellt entweder 
im gewohnlichen Schlafe oder in dem Schlafe, der immer 
vorhanden ist, der auch das wache Leben begleitet, und wo 
das immer wieder hergestellt wird. Aber dasjenige, was 
sich enthiillt dem schauenden Bewufksein in bezug auf das 
Verhaltnis des Menschen zu Geist und Stoff, das zeigt uns, 
dafi der Geist sich entwickelt, dafi er zum Beispiel fur den 
Menschen das geistige Bewufksein entfaltet, indem eigent- 
lich der Stoff fortwahrend bekampft wird, indem er fort- 
wahrend - wir konnen es geradezu aussprechen - zerstort 
wird. 



So sieht man auf einen Prozefi, der sonst unter der 
Schwelle des Bewufkseins bleibt, einen Prozefi, den die- 
jenigen, die audi in der alteren Form der Geisteswissen- 
schaft sich genaht haben, wohl gekannt haben; daher haben 
sie das Treten an die Pforte der geistigen Erkenntnis 
ein «Treten an die Pforte des Todes» genannt. Man sieht, 
was man den Tod nennt, das ist nicht blofi der einmalige 
Vorgang, den der Mensch am Ende seines Lebens durch- 
macht, sondern der Tod ist dasjenige, was fortwahrend 
wirksam ist im Menschen, so wirksam, dafi fortwahrend das 
Lebendige bekampfl; wird, dafi der Tod immer sich voll- 
zieht, in kleinen Teiiwirkungen sich vollzieht. Und gerade 
indem der Tod von der Geburt oder sagen wir der Emp- 
fangnis des Menschen an arbeitet, so aber, dafi seine Wir- 
kung immer wieder ausgeglichen werden kann, arbeitet 
Leben und Tod in dem Menschen fortwahrend ineinander. 
Und indem das Physische in seinem Wachstum in dieser 
Weise bekampfl wird von dem Seelischen, entwickelt sich 
das Geistige. 

Dies ist eine Wahrheit, die allerdings uberraschend ist, 
wenn man sie in ihrer ganzen Bedeutung erkennt. Das 
Physische entwickelt sich, indem es spriest und sprofit; aber 
alles Spriefiende und Sprossende ist auch unterworfen einer 
riicklaufigen Entwickelung, einem Verfall. Dieser Verfall 
zeigt sich immer - nur im beschleunigten Prozeft im Tode -, 
wenn Bewufksein, SelbstbewuEtsein, kurz, wenn Geistig- 
keit sich entwickeln soli, was sich immer durchsetzend zeigen 
mufi das StofTliche. - So blickt eigentlich das schauende Be- 
wulksein fortwahrend auf die Mitwirkung des Todes. Und 
der Tod ist die Grundlage, aus der sich gerade das Geistige 
der menschlichen Seele entwickelt; indem das Seelische dem 
Leben entgegentritt, mufi es, um zum Geiste zu kommen, 
mit dem Tod im Leben tatig sein. 



Dann, wenn das schauende BewuEtsein diese innere Ent- 
deckung gemacht hat, dann kann es, wenn die in den ge- 
nannten Biichern geschilderten inneren Seelenmethodenfort- 
gesetzt werden, weiter gelangen; dann kann es dahin ge- 
langen, nicht nur im Geiste so sich zu wissen, dafi es schaut, 
wie eigentlich die stofflichen Erscheinungen, die stofflichen 
Offenbarungen zustande kommen konnen, wie gewisser- 
mafien der Tod wirkt in seinen Teilerscheinungen von 
Stunde zu Stunde, von Augenblick zu Augenblick, sondern 
es lernt die aus dem Leibe frei gewordene Seele nunmehr 
audi - und das liegt in geradem Fortschreiten in denjenigen 
Methoden, die angedeutet worden sind -, es lernt die Seele 
uberblicken wie mit einem Blick dasjenige, was sich, nun 
nicht im Raume, sondern in der Zeit abspielt: Die Entfal- 
tung des ganzen Lebens, wie da die Seele im Leiblichen 
arbeitet zwischen der Geburt oder Empfangnis und dem 
Tode. Natiirlich nicht in den Einzelheiten - wie man nicht 
das Wetter iiberschaut fur den kommenden Tag, wohl aber 
iiberschauen kann, dafi die Sonne nach dem Untergehen am 
kommenden Tag wieder erscheinen wird.Dann wird die Seele 
so frei, dafi sie sich nicht nur unabhangig weifi von der Leib- 
lichkeit, sondern dafi sie allmahlich aufsteigt dazu, sich auch 
unabhangig zu wissen von dem gewohnlichen physischen Le- 
ben, das zwischen Geburt beziehungsweise Empfangnis und 
dem Tode verlaufb. Sie weifi sich dannin demjenigen Zustand, 
in dem sie war, bevor sie durch die Geburt oder durch die 
Empfangnis eingetreten ist in dieses physische Leben. So 
wie der Mensch im physischen Leben den Raum uberwin- 
det, so iiberwindet dann die Seele die Zeit; sie lernt von 
einem Punkte, der vor der Geburt und Empfangnis liegt, 
in dem sie sich wissend fiihlt, das Leben iiberschauen; sie 
lernt dieses Leben als eine Einheit schauen, gewissermafien 
das ganze Leben auf dem Hintergrund aber nun des dieses 



Leben abschliefienden Todes. So wie der Mensch mit dem 
schauenden Bewufksein dasjenige, was er in seinen Sin- 
nen erlebt, auf der Grundlage von Zerfall- und Abbau- 
prozessen in seinem Leibe sieht, wie ich es geschildert habe, 
so sieht nunmehr dieses anschauende Bewufitsein, indem es 
sich nicht nur vom Leibe entfernt, sondern auch vomLeibes- 
leben f reigemacht hat, das Leben wie auf dem Hintergrund 
des Todes. Aber dieser Tod erscheint nun nicht bloft mit 
seiner Oberflache, wie er dem aufieren physischen Leben 
erscheint, sondern diese Oberflache erscheint wie durchsich- 
tig, und hinter dem Tode erscheint das geistige Leben. So 
wie hinter dem Zerstorungsprozefi des Leibes das Leben 
und Weben der Seele im Leibe erscheint, so erscheint der 
Geist des Universums, in den der Mensch aufgenommen 
wird, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, hinter der 
Oberflache des Todes. Dieser Tod ist gleichsam die Ober- 
flache. Dieser Tod hat ein Inneres. Durch den Tod sieht 
der Mensch hinein in das Leben und Weben des Geistes im 
Universum. 

Dann weifi sich der Mensch im Geiste stehend, und er 
weifi, wie er, nachdem er dieses Erdenleben zwischen Ge- 
burt und Tod durchlebt hat, wie er durch die Pforte des 
Todes schreitet, wie er aufgenommen wird von der geisti- 
gen Welt, so wie er bei dem gewohnlichen Erwachen auf- 
genommen wird in seiner Seele von dem physischen Leibe. 
Er weijR, dafi, wenn dieses Leibesleben von ihm abfallt, 
hinter der Pforte des Todes sich erhebt die geistige Welt. 
Er wei£, dafi der ToddieOberflachen-Erscheinung ist. Hin- 
ter dem Tod erscheint die geistige Welt; in der weifi sich 
der Mensch nun drinnen. Damit weifi der Mensch aber 
auch, dafi dieses Leben, das er im Stoff e durchlebt, seinen 
Grund, seine Bedeutung fur das ganze physische und gei- 
stige Leben, fur das Gesamtleben des Menschen hat. Denn 



der Mensdhi weifS: Das, was er im Stoffe erlebt, bleibt in 
seinem Bewufitsein, und dieses Bewufttsein bleibt ihm - so 
wie die Gedanken in der Erinnerung des gewohnlichen 
Lebens bleiben -, wenn er durch die Pforte des Todes ge- 
schritten ist. Das Leben, das er im Leibe durchgemacht hat, 
lebt in seiner Seele weiter, und durch diese Riickschau auf 
dasjenige, was er sonst in seinem Leibe erlebt hat, bildet 
er sich die vorbereitenden Krafte fiir nachste Erdenleben. 
Und so lernt der Mensch iiberschauen dasjenige, was man 
wiederholte Erdenleben nennen kann - eine Wahrheit der 
Geisteswissenschaft, von der dann im nachsten Vortrag ge- 
sprochen werden soil, wo von dem Schicksal der Seele ge- 
sprochen werden soil, und wo von dem, wozu ich heute 
gelangt bin, der Ausgangspunkt genommen werden soil. 
Ich will nur hinzufiigen, da& der Mensch auf diese Weise 
durchaus nicht das Erdenleben als wesenlos, als bedeutungs- 
los ansehen lernt. Sondern weil dasjenige, was er durch- 
machen mufi, was er in sich aufnimmt in diesem Erden- 
leben, hineingetragen werden mufi durch die Pforte des 
Todes in die geistige Welt, wo es wie eine Gesamterinne- 
rung als Kraft in seiner Seele lebt, um durch die Ewigkeiten 
zu gehen, um neue Erdenleben zu zimmern, so lernt der 
Mensch durch die Geisteswissenschaft leben in der geistigen 
Welt. Und indem er also leben lernt in der geistigen Welt, 
zeigt sich, dafi diese Erkenntnis noch eine andere Bedeu- 
tung hat: 

Gustav Theodor Fechner kniipft an die Betrachtung, die 
er liber sein Sitzen im Rosental in Leipzig gemacht hat, noch 
eine andere an. Er sagt, er habe einmal mit demjenigen We- 
sen, das so viele Jahre mit ihm das Leben geteilt hat - er 
war damals in Safinitz auf Riigen - einen Spaziergang nach 
Stubbenkammer durch die dort so wunderbaren Waldun- 
gen machen wollen; aber dasjenige Wesen, das mit ihm 



durch das Leben gegangen ist, das Leid und Freude mit 
ihm geteilt hat, wurde so rnude, dafi sie nicht mehr 
gehen konnte, und sie sagte: Ich mufi dich allein gehen 
lassen, aber es wird ja bald eine Zeit kommeivwo du viel 
wirst ohne mich gehen miissen. Da sagte Fediner: Ach, 
vielleicht wird die Zeit audi so kommen, daft du ohne 
mich wirst gehen miissen. Aber denken wir nicht daran! — 
Und er ging durch die lauschigen Wilder auf dem Wege 
von Safinitz nach Stubbenkammer, wo die Sonne durch die 
belaubten Baume durchschien, wo alles schon und groftartig 
war. Da hot sich ihm, wie er nicht dachte an das, was er 
«Nachtansicht» nannte, die ganze Schonheit der aufieren 
sinnlichen Welt dar. Da sagte er dann zum Schlufi etwas, 
was so tief zu Herzen gehen kann: Die Wahrheit zeigt sich 
da auch in ihrer Schonheit. Und man ahnt, daft diese Sinnes- 
welt, in der Seele die Seele kennenlernt, Seele der Seele 
nahetritt, nicht dazu da ist, um ausgeloscht zu werden von 
der finsteren und tonlosen StofFeswelt, in die der Mensch 
verf alien miifite, wenn all dasjenige, was er als Farbe 
und Ton erlebt, nur wie ein Schein herausleuchten wiirde 
aus solcher immer-dauernden Nacht; sondern es ahnt der 
Mensch, wie diese Sinneswelt zwar die Schicksale zwischen 
den Menschen spinnt, aber sie so spinnt, dafi, wenn diese 
Sinneswelt hinweggenommen wird, dann der Mensch die 
letzten Schranken fallen sieht, die Seele von Seele trennen, 
so dafi er hoffen darf: Wenn die Leibeshiillen abgeworfen 
sind, wird Seele mit Seele in inniger Gemeinschaft leben. - 
Da erweitert sich das wissenschaftliche Anschauen bei Fech- 
ner zur Vermutung, zur verstarkten Vermutung von dem 
Zusammensein der Seelen in der geistigen Welt, nachdem 
sie durch die Pforte des Todes geschritten sind. 

Durch die Geisteswissenschaft wird Fechners Vermutung, 
man darf sagen, zu einer Gewifiheit, die nicht gesucht wird - 



denn die Geisteswissenschaft darf nicht nach Gefiihlen 
gehen -, die aber als objektive Wahrheit sich ergibt. Der 
Mensch weifi sich in der geistigen Welt; er weifi, dafi diese 
leibliche Hiille ihn zwischen Geburt und Tod umgibt, da- 
mit er in die geistige Welt hineinbringen kann, was er nur 
in dieser Hiille sich aneignen kann. Er weifi, dafi das Leben 
in dieser physischen Welt da ist, dafi Seele an Seele ge- 
bracht wird, daft aber mit dem Wegfall der Hiille wirklich 
Seele zu Seele in ein Verhaltnis tritt, das rein geistig ist. So 
lernt sich der Mensch mit dem Menschen kennen, mit allem, 
was ihn umgibt, in der Sinneswelt stehend als in einer Vor- 
stufe zur geistigen Welt; er lernt die Notwendigkeit der 
physischen Welt kennen, aber er lernt audi die Wirklichkeit 
der geistigen Welt kennen. Und das, was Fechner ahnte, was 
er vermutete, was er ersehnte, was er mit den besten Geistern 
des naturwissenschaftlichen Zeitalters von der zur Geistes- 
wissenschaft entwickelten Naturwissenschaft erhofft, das soli 
die Geisteswissenschaft erfiillen. Und so mochte man, dafi 
Geisteswissenschaft wahr machte das Fechnerwort, das aber 
nicht blofi aus seiner Seele, das aus vielen hoffenden, Geist- 
erkenntnis hoffenden Seelen herausgesprochen ist: 

«In derTat ist mein Glaube, dafi, so sicher als auf dieNacht 
der Tag, auf jene Nachtansicht der Welt dereinst eineTages- 
ansicht folgen wird, die, statt sich in Widerspruch mit der 
naturlichen Ansicht der Dinge zu stellen, vielmehr damit 
unterbauen, und darin den Grund zu einer neuen Entwicke- 
lung der Dinge finden wird. Denn, schwindet jene Illusion, 
welche den Tag in Nacht verkehrt, so wird natiirlicherweise 
alles Verkehrte, was damit zusammenhangt, und es ist viel, 
mit schwinden miissen, und die Welt in neuem Zusammen- 
hange, in neuem Lichte, unter neuen positiven Gesichts- 
punkten erscheinen.» 

Indem Fechner seinen vermutenden Blick nach dieser 



Welt richtet, fiir die wir Erfiiliung erhoffen durch die 
Geisteswissenschafl, spricht er davon, wie er sich wirklich 
am Ausgangspunkte fiihlt, nicht am Ende. Und, ich mochte 
sagen, er sagt dann, wie die Geisteswissenschafl; vorahnend, 
bekraftigend: 

«Nun ist Klarheit dasLetzte in diesenDingen, das Letzte 
aber wird audi die Klarheit sein.» 

Und die Klarheit fiir das geistige Leben, und damit die 
Sicherheit im Geiste, will Geisteswissenschafl; der Mensch- 
heit bringen. 



SCHICKSAL UND SEELE 



Berlin, 17. Februar 1917 



Die Frage nach dem Wesen des menschlichen Schicksals, die 
zweifellos fiir jeden Mensdien im Mittelpunkt nicht nur 
des seelischen, sondern des gesamten Lebens stent, ist zu- 
gleich eine solche, an welche die verschiedenen Philosophien, 
die doch in der mannigfaltigsten Weise nach der Losung der 
Weltenratsel gerungen haben, nur wenig herangetreten sind. 
Man findet, wie diese Philosophien die Ratsel der Natur, 
die Ratsel der menschlichen Seele, den Zusammenhang der 
stofTlichen Welt mit der geistigen Welt, die Eigentumlich- 
keit der geistigen Welt selber erforschen wollen, wie sie 
aber zumeist haltmachen gerade vor dieser so hervorragen- 
den Lebensfrage nach dem menschlichen Schicksal. 

Unter den wenigen philosophischen Denkern, welche ihr 
Denken heranzubringen versuchten an die Schicksalsfrage, 
ist Schopenhauer. Man mag nun zu Schopenhauer stehen 
wie man will, man mag, was er als Ergebnisse seiner Welt- 
anschauung dargelegt, zugeben oder ablehnen, das eine 
wird man gerade ihm nicht absprechen konnen: da£ er ver- 
suchte, sein philosophisches Denken unmittelbar an das 
Leben heranzubringen, es so zu gestalten, daft die Fragen, 
die dem Menschen entgegentreten im Alltag, wirklich eine 
Losung finden konnen. Und so war er es auch, der nicht 
nur versucht hat, iiber das Schicksal im allgemeinen sich 
Gedanken zu machen, sondern sogar eine interessante Ab- 
handlung geschrieben hat iiber den Zusammenhang der auf 
den ersten Augenblick zuf allig im menschlichen Lebenslauf 



sidi folgenden Ereignisse, die in diesen Lebenslauf be- 
stimmend eingreifen. Allein es ist merkwiirdig, daft selbst 
Schopenhauer, der in bezug auf manche seiner Gedanken so 
kiihn war, gerade im Beginn seiner Abhandlung iiber den 
Schicksalszusammenhang der menschlichen Lebensverhalt- 
nisse sagt, daft man die Meinungen, die er ausspricht, nicht 
allzu ernstlich nehmen, sondern mehr eben als Meinungen 
ansehen solle, weil er durchaus nicht, wie in bezug auf seine 
iibrigen philosophischen Aufstellungen, in bezug auf diese 
Schicksalsfragen seiner selbst in seinem Denken ganz sicher 
sei. Und man kann sagen, daft gerade an der Art und Weise, 
wie ein solcher ins Leben hineinschurfender Denker Schick- 
salsfragen sich vorlegt und zu losen versucht, sich zeigt, daft 
diesen Fragen eigentlich nur ein solches Forschen nahekom- 
men kann, welches aufsteigt - wie ich vorgestern hier aus- 
gefiihrt habe — von dem gewohnlichen Bewulksein des All- 
tags und der gewohnlichen Wissenschaft zu dem, was da- 
mals genannt wurde das schauende Bewulksein. Ich erlaubte 
mir zu sagen, daft dieses sich ebenso zu dem gewohnlichen 
Bewulksein verhalt, wie das gewohnliche Bewulksein zu 
dem vom Traum erfullten Bewulksein, und daft der Mensch 
aufwachen kann aus dem gewohnlichen Bewulksein zu dem 
schauenden Bewulksein, wie er aufwacht aus dem traumen- 
den Bewulksein zu dem gewohnlichen Bewulksein, durch 
das er sich einordnet den Dingen der sinnlichen, der stofT- 
lichen Welt um ihn herum. Wer sich wirklich zu nahern 
versucht den tiefen Fragen nach der Wesenheit des mensch- 
lichen Schicksals, der verspiirt, dafi diese Wesenheit an das 
menschliche Erkennen nur herankommt, wenn dieses Er- 
kennen selber sich - wie es vorgestern charakterisiert wor- 
den ist - aus der Welt der stofflichen Vorgange heraus zu 
erheben vermag in das unmittelbar geistige Erleben. 

Es ist interessant, wie Schopenhauer den Traum zu Hilf e 



ruffc in seiner eigentumlichen Art, um der Schicksalsfrage 
nahezukommen. Er sagt: In der Traumeswelt, die scheinbar 
chaotisch ist, folgen Vorstellungsbilder auf Vorstellungs- 
bilder, welche gewisse Widerspriiche zeigen konnen, gerade 
so, wie das Leben sie zeigt, nur dafi das Leben sie inten- 
siver, starker an den Menschen heranbringt. Dann aber 
zeigt sich gewissermafien die Auf losung der Traumeswider- 
spriiche im wachen Bewufitsein, wenn diese Widerspriiche 
sidi zusammenfiigen. Und da macht Schopenhauer beson- 
ders aufmerksam auf den ja sehr bekannten Typus der 
Traumeswelt, auf den sogenannten Examenstraum, wo der 
Mensch alle Schrecknisse im Traum durchlebt, die ihn tiber- 
kommen konnen, wenn er sich selber im Traume gefragt 
sieht um dieses oder jenes, und nun die Priifung nicht be- 
stehen kann, nicht antworten kann. Ein anderer kommt im 
Traume, der dann die Antwort gibt. Schopenhauer macht 
gerade auf diesen Traum aufmerksam. Er sagt: Also hat 
sich - im Traume - das Ich des Menschen selber gefragt. 
Aber es ist doch natiirlich, dafi auch derjenige, der dem 
Traumenden erschienen ist als der Wissende, er selber ist, 
dieser Traumende; er war also imstande, selber diese Ant- 
worten zu geben. Und erwacht der Mensch, meint Schopen- 
hauer, dann sieht er, daft sowohl der Wissende wie der 
Nichtwissende er selber ist; es fiigt sich das Ganze in die 
Einheit der Personlichkeit zusammen. Das wache Bewufit- 
sein zeigt, daiS dasjenige, was gespalten war im Traum, 
eine Wesenheit ist. Allein gerade an der Art und Weise, 
wie Schopenhauer dieses Beispiel verfolgt, zeigt sich so 
recht deutlich, wie er als bloiS denkender Philosoph, nicht 
als schauender Philosoph, zwar dazu kommen kann, ge- 
wisse Beobachtungen iiber das Seelenleben zu machen, aber 
nicht dazu, diese Beobachtungen zu wirklichen Ergebnissen 
zu bringen. Greifen wir dieses Beispiel auf und versuchen 



wir im spateren Veriauf des Vortrages gerade auf dieses 
Beispiel aus der Traumeswelt hinzudeuten von dem Ge- 
sichtspunkte des schauenden Bewufitseins. 

Das Schkksalsratsel gehort eben zu denjenigen Lebens- 
ratseln, welche sich dem alltaglichen Denken, das sich aus- 
gebildet hat an der aufieren stofflichen Welt, nicbt ergeben, 
mit denen dieses Denken nichts anzufangen wei£. Im 
Grunde genommen zeigt sich diesem Denken der Veriauf 
des menschlichen Schicksals mehr oder weniger als eine 
Summe von Zufalligkeiten. Und wenn sich auch Notwen- 
digkeiten, innere Zusammenhange ergeben, so ist es doch 
so, dafi der Mensch im gewohnlichen Bewulksein niemals 
sicher sein kann, ob dasjenige, was er wie eine planmafiige 
Einheit in seinem Schicksal, seinem gesamten Lebensschick- 
sal erblickt, auf einem objektiven inneren Wirklichkeits- 
zusammenhang beruht, oder ob es blo& von der Phantasie 
in den ganzen Lebensverlauf hineinversetzt ist als Idee 
eines Planes. 

Nun kann man sich nicht dem Bereich des menschlichen 
Lebens nahern, in dem das Schicksal in seiner wahren Ge- 
stalt erscheint, so dafi es in seinem Leben und Weben durch- 
schaut werden kann, wenn man nicht das Leben der Seele 
etwas naher verfolgt, wie es sich entwickeln mull, wenn es 
aus dem gewohnlichen Alltagsbewufitsein des Wachens auf- 
steigt in das schauende Bewufitsein. Dann aber zeigt sich, 
dafi man mit diesem Gange des inneren Seelenlebens des 
Menschen zugleich der so tief einschneidenden Schicksals- 
frage nahekommt. Ich habe vorgestern bereits darauf auf- 
merksam gemacht, dafi der Ausgangspunkt der Geistesfor- 
schung sein mufi das innere Erleben des Denkens. Aber ich 
habe ausdriicklich hervorgehoben, dafi dieses Denken nicht 
nur durch Sinnen vertieft werden mufi, sondern dafi es 
wirklich durch Zuriicktreten des Menschen vor seinem eige- 



nen Erkenntnisakte angeschaut werden mufi, dann aber, 
indem es angeschaut wird, innerlich erkraftet, entwickelt 
werden mufi. Ich habe das Bild gebr audit, daft das Denken, 
wie man es gewohnlich im Leben hat, gewissermaften als 
die Wurzel angesehen werden mufi, aus der durch Seelen- 
ubungen herausgetrieben werden der Stamm und die Blat- 
ter der ganzen geistigen Erkenntnispflanze. Ich habe auf- 
merksam gemacht, daft diese Seeleniibungen, die rein innere 
Vorgange der Seele sind, die der Mensch vorzunehmen hat, 
nicht willkiirliche sind, sondern daft sie methodische, syste- 
matische innere Seelenarbeiten darstellen, die keineswegs 
zuriickstehen, in bezug auf innere Systematik, hinter dem- 
jenigen wissenschaftlichen Arbeiten, das sich auf die auftere 
Welt bezieht. Nur arbeitet der Naturforscher im Labor a- 
torium mit aufter lichen Werkzeugen. Der Geistesforscher 
arbeitet mit dem, was seine Seele erlebt, indem er es nicht so 
laftt, wie es im gewohnlichen Leben erlebt wird, sondern 
es bearbeitet, umwandelt, vorwartsbringt bis zu jenem 
Punkte, den ich charakterisiert habe dadurch, daft ich sagte: 
Wird das Denken also entwickelt, so gelangt der Mensch 
dazu, sein seelisches Leben herauszuheben aus dem Leben 
der Stofflichkeit, der Leibesvorgange. Der Mensch gelangt 
dazu, durch Entwickelung, innere Bearbeitung seines Den- 
kens, sich selber - insofern er der Welt der stofflichen Vor- 
gange angehort — so gegeniiberzutreten, wie man im ge- 
wohnlichen Leben den sinnlichen Dingen gegeniibertritt. So 
daft man sich selber als Sinnesmensch Objekt wird, wah- 
rend man gewissermaften einzieht in den eigentlichen Gei- 
stesmenschen, der sonst immer im Menschen steckt, der aber 
durch solche seelische Obungen herausgezogen wird aus dem 
Leibesleben. Diese inneren seelischen Arbeiten konnen hier 
nicht im einzelnen beschrieben werden. Sie sind ausf uhrlich 
dargestellt in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 



Welten?» und «Geheimwissenschaft>> und in anderen Bii- 
chern, die Sie in diesen angegeben finden. Das Wichtige 
nun, was fiir unsere heutige Frage in Betracht kommt, ist 
dieses, dafi zum Eindringen in die hinter der physisch-sinn- 
lichen Welt liegende geistige Welt jenes gewissermafien per- 
sonliche Denken nicht hinreichend ist, das man geiibt hat 
in der aufieren storTlichen Welt, das man dadurch gelernt 
hat, dafi man die Dinge der aulkren stofflichen Welt ver- 
gleicht, daft man nach ihren Zusammenhangen forscht und 
so weiter. Dieses Denken steht - das zeigt sich dem schauen- 
den Bewufitsein - in einem viel zu unmittelbaren Zusam- 
menhang mit dem seelisch-leibKchen Menschen, um eindrin- 
gen zu konnen in die wirkliche geistige Welt. Der Mensch 
selbst, indem er im gewohnlichen Leben ein Denker ist, 
beniitzt dieses Denken ausschlieftlich in Anwendung auf 
die sinnliche Welt. Dieses Denken kommt, so wie es zum 
Gebrauche in der sinnlichen Welt an seiner Subjektivitat, 
an seiner Personlichkeit haftet, nicht aus der Sinneswelt, in 
der der Mensch steht, heraus, kann nicht in die geistige 
Welt eindringen. Der Denkubungen sind viele vorzuneh- 
men, um das zu erreichen, wovon gesprochen werden soli, 
aber eine charakteristische mochteichherausgreifen: Eshan- 
delt sich darum, das Denken gewissermafien loszulosen von 
seiner gewohnlichen Wesenheit, seinen gewohnlichen Be- 
dingungen. Wenn man einen Gedanken falk, so ist er zu- 
nachst gar nichts anderes als das, was mit der physisch-sinn- 
lichen Welt in Zusammenhang steht. Und man mag sich 
noch so sehr anstrengen: Wenn man nur bei der Denkarbeit 
bleibt, die sich im gewohnlichen Leben entwickelt, ist das 
Denken zu schwach, zu kraftlos, zu wenig energisch, um in 
die geistige Welt einzutreten. Man mu£ gewissermafien erst 
von dem gewohnlichen Leben das Denken loslosen, damit 
man dann mit seiner Individuality in das losgeloste Den- 



ken hmeinschlupf en und sich so aus dem Leibe herausziehen 
kann. 

Wie kann man es nun machen, daft man sein Denken 
gewissermaften von seinem gewohnlichen Wesen loslost? 
Das kann man dadurch zustandebringen, daft man gewisse 
Gedanken - es kommt gar merit darauf an, welche Gedan- 
ken das sind, am besten bildhafte Gedanken, die man leicht 
iiberschaut, bei denen man sicher ist, daft man sie in dem 
Moment, wo man sie hegt, wirklich bildet, so daft sie nicht 
Reminiszenzen sein konnen von Erlebnissen — in energi- 
scher Meditation, in energischer Konzentration durchdenkt. 
Solch eine Obung muft allerdings oftmals gemacht werden. 
Dadurch aber, daft man solcheUbungen wiederholt, daft man 
immer wiederum auf denselben Gedankenkomplex zuriick- 
kommt, lost man aus dem Bereiche des gewohnlichen Lebens 
diesen Denkkomplex her aus, man liber gib t ihn der Welt, 
man laftt ihn mit sich selbst leben. Wenn ich heute einen 
bestimmten Denkkomplex habe, mich ganz in ihn vertiefe, 
dann von ihm abkomme, das gewohnliche Leben verfolge, 
dann ist er nicht etwa vollig vernichtet, dann lebt er weiter, 
und er kann nach einiger Zeit heraufgeholt werden und 
wiederum in mein Bewufttsein gebracht werden. Das Leben, 
das er so weiterlebt, das lebt er gewissermaften ohne meine 
Personlichkeit, die unmittelbar an das stofflich-leibliche 
Leben gebunden ist. Das Denken ist der geistigen Welt iiber- 
geben. Den Gedanken hat man hineinfliefien lassen in das 
geistige Leben, und er wird wiederum aus demselben her- 
ausgezogen. Wenn man die notige Geduld und Ausdauer 
hat, bringt man es dahin, nach verhaltnismafiig langer Zeit- 
es konnen Tage, Wochen, Monate, Jahre sein — einem Ge- 
danken wieder zu begegnen, den man also losgelost hat aus 
dem Bereich des subjektiven Lebens, den man dem unbe- 
kannten Weltenwirken iibergeben hat, so dafi er ohne uns 



fortflieik. Wenn man dann gewahr wird, was er geworden 
ist, ohne dafi unsere an die Leiblidikeit gebundene Seele 
eingegriffen hat, dann macht man an dieser Gedanken- 
begegnung nach und nach jene bedeutsamen Erlebnisse durch, 
die es einem zur inneren Gewifiheit bringen, dafi man in 
dem Gedankenleben als in einem Geistigen lebt. Dafi man 
sich jetzt dem Gedankenleben, das sich also zuerst los- 
gelost hat von uns, selber iibergibt, mit dem losgelosten Ge- 
dankenleben selber von den stofflich-leiblichen Vorgangen 
loskommt - eine Begegnung eines Gedankenkomplexes mit 
anderen Gedankenkomplexen, die oftmals nach Jahren 
eintreten kann, mit jenen Tatsachen, die zwischen den 
Gedanken verlaufen — , das sind die fur die nachste Stufe 
der Geist-Erkenntnis wichtigsten inneren Erlebnisse. 

Man kommt dadurch in die Lage, in einen neuen Lebens- 
bereich einzutreten, welcher uns so vorkommt, als ob, ge- 
rade so wie im physischen Leben die Augen dem Leibe 
eingepragt sind zum physischen Anschauen, sich der Seele 
«geistige Augen » - um diesen Goethe- Ausdruck zu brau- 
chen - eingepragt haben, die nun eine neue Welt um sich 
herum schauen. Der Mensch erwacht wirklich aus seinem 
gewohnlichen Bewulksein zu einer neuen Welt. Ebenso, wie 
sonst die farbenbunte, die tonende Welt, die warmende 
Welt um uns herum ist, ist jetzt eine atherisch-geistige Welt 
um uns herum. Dadurch aber, dafi wir diese geistige Welt 
kennenlernen in ihren mannigfaltigsten Erscheinungen, ler- 
nen wir auch etwas an uns selber kennen, das wir eigentlich 
auf eine andere Art nicht kennenlernen konnen, als auf den 
Wegen, die beschrieben worden sind. Wir lernen dasjenige 
kennen, das ich mir erlaubt habe in einem Aufsatz, der 
kiirzlich in der Vierteljahrsschrift «Das Reich» erschienen 
ist, den Bildekrafteleib des Menschen zu nennen. Dieser 
Bildekrafteleib ist im Menschen ebenso wie der physische 



Menschenleib. Wie dieser physische Menschenleib mit seinem 
Leben verlauft in physischen und chemischen Prozessen, so 
tragt der Mensch in sich, diesen physischen Menschenleib 
durchdringend, in dem Leben zwischen Geburt und Tod 
diesen Bildekrafteleib. Ich nenne ihn so aus dem Grande, 
weil wir, wenn wir ihn schauen, wenn wir wirklich hinaus- 
dringen iiber die blofi stofflichen Vorgange, dann gewahr 
werden, daft ebenso, wie in dem physischen Leib die physi- 
schen und chemischen Krafte die Vorgange dieses physischen 
Leibes bewirken, der Mensch getrieben wird zwischen Ge- 
burt und Tod durch die Krafte dieses Bildekrafteleibes, 
welche da sein miissen, damit das Wachstum verlauft, damit 
eine Entwickelung verlauft, damit der Mensch himiberge- 
tragen wird von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, wie sie 
verflieften zwischen Geburt und Tod. 

Allerdings mull man sich Verschiedenes aneignen, will 
man auf diesen Gebieten nicht straucheln. Denn was so von 
der Geistesforschung gesagt wird, es sind wahrhaftig nicht 
Phantasien, es sind Wirklichkeiten, wie die derbsten Wirk- 
lichkeiten der aufieren physischen Welt, ja intensivere Wirk- 
lichkeiten. Aber gar sehr steht entgegen aus der Welt des ge- 
wohnlichenBewuStseins erstens dieTatsache, daft der Mensch 
fiir die Auff assungsweiseder gewohnlichen Welt kaum in der 
Regel so ehrlich und wahr gegen sich selber ist, wie er sein 
mufijWenn er in diesen Dingen wirklich Fortschritte machen 
will. Und das zweite ist, daft die Art des Anschauens, des 
Wahrnehmens, eine ganz andere ist, wenn man hinausdringt 
aus der Welt seines bloft sinnlichen Wahrnehmens und des 
Bloft-tiber-die-Sinnenwelt-Denkens zu diesem schauenden 
denkerischen Erleben; denn es ist kein bloftes Denken mehr, 
es ist ein denkerisches Erleben. Man mufi zu einer anderen Art 
des Sichverhaltens zu sich in der Seele kommen, um Fort- 
schritte zu machen. Man mufi gewissermaften in die Lage 



kommen, den Augenblick zu erfassen — so mochte ich es 
nennen. Im gewohnlichen Bewufitsein haben wir Zeit, den 
Gedanken da zu lassen im Bewulksein, wenn wir dieses 
oder jenes auffassen wollen. Wenn wir aber zum denke- 
rischen Erleben, zum Erleben des anschauenden Denkens 
aufriicken, miissen wir in die Lage kommen, dasjenige, was 
herauserglanzt, heraus sich offenbart aus der geistigen Welt- 
also zunachst aus dieser Welt des Bildekrafteleibes - rasch 
im Augenblick zu erfassen. Ich mochte sagen, jene Auf- 
fassungsweise, die wir sonst als die Auffassungweise der 
Reflexakte bezeichnen, die mu£ sich vergeistigend unseres 
Seelenlebens bemachtigen. Wir brauchen nicht erst lange 
einen Gedanken zu fassen im Bewufitsein, wenn zum Bei- 
spiel eine Fliege uns ins Auge fliegen will, sondern wir 
schliefien das Auge rasch. Wie wir da die Geistesgegenwart 
haben, im Augenblick das Richtige zu treffen, so miissen 
wir innerlich mit der Seele im Augenblick dasjenige er- 
fassen, was aus der geistigen Welt herausblitzt und nur 
dadurch in die personlichen Gedanken hereingebracht wer- 
den kann, dafi es stark erfafit wird, aber im Augenblick 
erfafit wird. Dieses Uben der Geistesgegenwart fur das Er- 
fassen, das gehort zu dem Wichtigsten, das sich der Geistes- 
forscher aneignen mufi. Eignet er es sich nicht an, so kann 
es kommen, dafi die Dinge, die er beobachtet - wie es vielen 
geht, die Versuche machen auf diesem Gebiet - in dem 
Augenblick, wo er aufmerksam wird, wo er sie gewahr wird, 
auch schon wiederum verflogen sind, so dafi sie wie nicht 
da gewesen sind. 

So kommt der Mensch zunachst zu der Erkenntnis seines 
Bildekrafteleibes, ohne den der physische Leib in jedem 
Augenblick ein Leichnam ware, so wie er ein Leichnam 
wird, wenn dieser Bildekrafleleib ihn verlafit, das heifit, 
wenn der Mensch durch die Pforte desTodes geht. Um aber 



in die wirkliche geistige Welt, in eine, ich mochte sagen, 
selbstandige geistige Welt einzudringen - denn die geistige 
Welt des Bildekrafteleibes ist ja an den physischen Stoffes- 
leib gebunden, bleibt immer bei ihm zwischen Geburt und 
Tod - mufi man jene Seelenentwickelung, jene seelisdie 
Selbsterziehung, von der ich gesprochen habe, noch weiter- 
treiben. Und da kommt es darauf an, nun fur das innere 
Weben der Gedanken und Vorstellungen, die man ja schon 
bis zu einem Grade selbstandig gemacht hat auf der ersten 
Stufe des Obens, die ich eben beschrieben habe, noch etwas 
ganz Besonderes einzufiihren. 

Soil man charakterisieren,was nunmehr in das anschauend 
erlebte Denken eingefiihrt werden mufi, so konnte man es 
in der folgenden Weise charakterisieren: Im gewohnlichen 
Denken, das wir im Alltag und in der gewohnlichen Wissen- 
schaft brauchen, bewegen wir uns von einem Gedanken zum 
anderen hin, so daft wir uns beherrschen lassen von der 
Logik, von dem Zusammenhang der Gedanken. Wir ver- 
suchen im wesentlichen durch innere Logik zu einem rich- 
tigen Denken zu kommen. Das geniigt nicht fur das geistige 
Erkennen. Das einfache, logische Fiigen eines Gedankens 
an den anderen, und Nachsehen, ob ein Gedanke mit dem 
anderen in einem logischen Widerspruch oder Einklang 
steht, das geniigt nicht fiir das schauende Bewufitsein. Da 
mufi vielmehr etwas eintreten, was sich vergleichen laftt mit 
dem Leben, das wir sonst in der Auftenwelt fuhren auf den 
verschiedensten Gebieten. Leicht lafit es sich charakteri- 
sieren auf moralischem Gebiete. Wie verhalten wir uns als 
Menschen auf moralischem Gebiet? Da konnen wir versucht 
sein, diese oder jene Handlung zunachst in Gedanken uns 
vorzustellen; aber wir werden nicht jede Handlung aus- 
fiihren, die wir uns vorstellen konnen, die veranlaftt ist 
durch diese oder jene Begierde oder AfFekte, sondern indem 



wir eine Handlung, ich mochte sagen, in der Absicht haben, 
oder nicht bis zu der Absicht, sondern nur bis zur Vor- 
stellung gebracht haben, sagen wir uns: diese Handlung soil 
vollzogen werden, oder sie soil nicht vollzogen werden. Die 
Krafte des Seelenlebens, die uns dazu verleiten, diese Hand- 
lung zu vollziehen, die sollen bekampft werden. Als mora- 
lische Menschen stehen wir in einem Leben des Kampfes 
drinnen. Das inner e und aufiere Leben mag die Intentionen 
geben zu den mannigfaltigsten Handlungen: wir vollzie- 
hen sie nicht alle. Wir wissen, sie sind uns erlaubt, aber wir 
diirfen sie uns nicht gestatten. Wir stehen nicht blofi in 
einem logischen Einklang oder Widerspruch, sondern wir 
stehen in einem Zusammenhang der Wirklichkeit, und wir 
gestatten uns die eine Handlung nicht, gegeniiber der an- 
deren, die vollzogen werden mui 

Mit diesem sich von einem blofi logischen Zusammen- 
hang sehr wohl unterscheidenden realen Zusammenhang der 
Handlungen lafk sich das vergleichen, zu dem jetzt das 
Denken aufriicken mufi. Der Geistesforscher mufi dazu 
kommen, indem er gewissen Gedanken sich hingibt, die 
vielleicht geeignet sind, die Welt in der einen oder anderen 
Weise zu erklaren, sich vielleicht anderen Gedanken hinzu- 
geben, die gewisse Dinge von der einen oder anderen Seite 
beleuchten. Dann aber mufi der Mensch in seinem Leben 
nicht blofie Logik in seinen Gedanken suchen, sondern die 
Gedanken miissen in der Seele aufleben so, dafi der eine 
Gedanke nicht nur dem anderen logisch widerspricht, son- 
dern den anderen vernichtet. Dieses innere Leben, das ein 
aufieres Bild im moralischen Sollen oder Nichtsollen hat, 
das ergibt sich. Gewisse Gedanken verbieten sich, bekamp- 
fen einander; eine lebendige Wechselwirkung der Gedan- 
ken tritt ein in dem Leben der Gedanken, in dem man 
lebendig drinnensteht. Es ist im ganzen gerade darauf der 



grofite Wert zu legen, dafl man, wenn man, wie geschildert, 
fortschreitet im Seelenleben, zu einerStufe des denkerisdien 
Anschauens kommt, wo die Gedanken zu innerem Leben 
ubergehen und sich dadurch in ihrer Vielfaltigkeit zeigen, 
aber so, dafi gewissermafien der eine den anderen ver- 
schluckt, auf zehrt, aus jedem einzelnen ein lebendiges Leben 
kommt. Ich will ein Beispiel anfiihren, indem ich wieder 
an Schopenhauer ankniipfe. Schopenhauer bleibt blofier 
Denker, er steigt nicht auf zum schauenden Bewulksein, 
und wir wissen ja: Schopenhauer ist ein Anklager des 
Lebens. Er hat ja wie zu einem Geleitspruch seines Lebens 
denjenigen gemacht: «Das Leben ist eine miSliche Sache. 
Ich habe mich entschlossen, es damit hinzubringen, dafi ich 
xiber das Leben nachdenke.» Und wohl die meisten der Zu- 
horer werden wissen, wie scharfe Anklagen Schopenhauer 
gegen das Leben als solches gerichtet hat. Da findet sich 
denn einmal eine besonders bezeichnende Stelle. Da sagt 
er: Das Leben konnte eigentlich gar nicht in Wirklichkeit 
eine theoretische Frage sein, wenn es nicht praktisch wertlos 
ware. Denn wiirde das Leben, so wie es uns praktisch ent- 
gegentritt, seinen Wert unmittelbar darbieten, so wiirde der 
Verstand nichts mehr zu tun haben, es wiirde ihm nicht 
einfallen, irgendwie nach Ratseln zu forschen, er wiirde 
sich nicht verwundern iiber das Leben und nicht dazukom- 
men, nach den Ratseln und nach den tieferen Grunden des 
Lebens zu forschen, er konnte auch nicht in gewisse Zweifel 
kommen; er konnte nicht nach einem Zweck fragen, da der 
Zweck ihm unmittelbar entgegentreten wiirde. - Man kann 
allerdings sagen: Fur jemand, der das Leben in seiner Viel- 
seitigkeit betrachtet, wird dieser Gedanke, den Schopen- 
hauer anfiihrt, als ein einseitiger erscheinen. Aber fur 
Schopenhauer ist er sogar ein soldier, in dem er ganz ge- 
fangen ist, in dem er drinnen lebt. Wer die Vielseitigkeit 



des Lebens ins Auge fafk, der wird sagen: Nun, wie 
Schopenhauers Seele durch ehrliche, aufrichtige Gedanken 
dazu getrieben wird, so das Leben anzuschauen, dafi dieser 
Gedanke vor seine Seele tritt, so konnte audi ein anderer 
Gedanke vor eine Menschenseele treten, der, idi mochte 
sagen, das Leben gerade entgegengesetzt ansieht. Zum Bei- 
spiel konnte gesagt werden: Wenn das Leben so ware, dafi 
es gar nichts zu fragen gabe, so wiirde es dem Verstand 
keine Moglichkeit geben, sich zu entwickeln. Der Menscii 
wiirde verurteilt sein, in sich untatig zu sein, wie mit ge- 
lahmtem Verstand durch das Leben zu gehen. Denn das 
Leben brachte ihm auf dem Prasentierteller das schon ent- 
gegen, was es ist. Gerade solches Leben ware ja nichtig, weil 
es den Menschen innerlich ertotet. - Sie sehen also klar den 
der Schopenhauerschen Weltanschauung entgegengesetzten 
Gedanken. Wiirde es niemandem einf alien konnen, iiber 
das Leben nachzudenken, so miilke das Leben nichtig sein; 
wiirde der Zweck des Lebens einem unmittelbar entgegen- 
treten, so wiirde alles Streben aufhoren miissen, und das 
Leben des Menschen ware zwecklos. 

Mit derselben innerlichen Kraft, durch dieselbe innere 
Seelenhingabe an die Wirklichkeit kann einem dieser dem 
Schopenhauerischen Gedanken entgegengesetzte Gedanke 
kommen. Solche Gedanken, welche das Leben in der ver- 
schiedensten Weise beleuchten - und alle solchen Gedanken 
sind in einer gewissen Weise berechtigt, so wie die verschie- 
denenphotographischenAufnahmen einesHauses oder eines 
Baumes verschieden ausfallen, und alle im Grunde genom- 
men berechtigt sind, aber das Haus oder der Baum doch 
nur durch Zusammenfassen aller einzelnen Aufnahmen ge- 
geben ist - treten gerade dem, der seelische Obungen als 
Geistesforscher macht, von alien Seiten entgegen. Aber sie 
treten in das geschilderte Wechselspiel zueinander; der eine 



Gedanke vernichtet den anderen teilweise oder ganz. Und 
man ist mit seiner Seele hingegeben diesem inneren Leben, 
einem Leben, das man sonst nicht haben kann in dieser 
inneren Seelenintimitat, wenn man sich nicht vorbereitet 
hat dadurch, dafi man also nicht dem gegenwartigen den 
vergangenen Gedanken entgegenstellt, wie idi es beschrie- 
ben habe, sondern dem gegenwartigen Gedanken den gegen- 
wartigen, dafi man die Gedanken ihr Leben aneinander 
entfalten lafit, und selber hingegeben ist an dieses Ent- 
falten. Und indem man also an diesen Gedankenkampf 
und die Gedankenharmonie - denn beides ist es zugleich - 
hingegeben ist, dadurch kommt man in einem noch inten- 
siveren Mafie los von dem gewohnlichen Leben im stoff- 
lichen Leibe. 

Und nunmehr gelangt man in eine selbstandige Geistes- 
welt, die also nicht wie diejenige Welt, in der der Bilde- 
kraffceleib ist, an den menschlichen physischen Leib gebunden 
ist, sondern die vollig unabhangig ist vom menschlichen 
physischen Leibe. Und jetzt lernt man erst erkennen eine 
Erscheinung des gewohnlichen Lebens, die bedeutungsvoll 
ist, die aber eigentlich nur von dem Gesichtspunkte, der jetzt 
geschildert worden ist, wirklich beobachtet werden kann, 
so dafi die Beobachtung zu Ergebnissen fiihrt: das ist die 
Welt des Schlafes. 

Indem der Mensch einschlaft, hort sein gewohnliches Le- 
ben des Tages auf; indem er aufwacht, beginnt es wieder. 
Fur das schauende Bewufitsein zeigt sich, dafi der Mensch 
in selbstandiger geistiger Wesenheit vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen aufierhalb seines physisch-stofflichen Lei- 
bes ist. Nur ist sein Bewufitsein im gewohnlichen Leben so 
wenig kraftvoll, dafi er, wenn er so selbstandig aufierhalb 
des physischen Leibes ist, dasjenige, in dem er jetzt ist, und 
audi die geistige Umgebung, in der dieses lebt, nicht wahr- 



nehmen kann. Denn das gewohnliche Bewufitsein ist nur so 
geiibt, dafi es durch das Werkzeug des physischen Leibes die 
aufieren physischen Gegenstande wahrnehmen kann; es ist 
nicht so erkraftet, dafi es am Geiste selber jenen inneren 
Widerstand findenkann, der ihm dann diese Geist-Erlebnisse 
spiegelt. Dieses Erkraften aber ist fiir die Seele eingetreten 
durch die Ubungen, die ich in meinen Biichern naher be- 
schrieben habe, und so kann der Mensch dazu kommen, 
dafi er erkennen lernt, was das eigentlich ist, in dem er 
sich aufierhalb seines Leibes vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen befindet. Das wird fiir ihn jetzt nicht die leere 
Welt, die sonst fiir ihn verlauft vom Einschlafen bis zum 
Aufwachen, sondern es wird eine erfiillte Welt, die mit 
dem schauenden Bewufitsein wirklich erfahren, erlebt wird. 
Der Mensch ist jetzt nicht nur sich selber gegeniiber als 
seinem Bildekrafteleib, sondern er ist jetzt wirklich so, dafi 
er sein Seelisches schaut, dasjenige schaut, was ihn nicht 
nur, sein Wachstum bewirkend, durchdringt, sondern ihn 
so durchdringt, dafi es, wie ich es vorgestern geschildert 
habe, an diesem physischen Leib und audi an dem Bilde- 
krafteleib arbeitet, um alle die seelischen Erlebnisse hervor- 
zurufen, die mit Hilfe des physischen und Bildekrafteleibes 
erlebt werden. Aber der Mensch kennt das jetzt audi, was 
so im physischen Leibe arbeitet und im Bildekrafteleib als 
selbstandige geistige Wesenheit, die in der geistigen Welt 
wurzelt und selber darinnen lebt, und die rhythmisch ab- 
wechseln mu£ zwischen dem Versenktsein in den physischen 
Leib und dem selbstandigen Leben in der geistigen Welt 
zwischen Einschlafen und Aufwachen. Indem der Mensch 
dem schauenden Bewufitsein entgegenbringen kann durch 
die Stufe der Erkenntnis, die ich geschildert habe, das, was 
aufierhalb des Leibes erlebt werden kann, erlebt er das 
Seelisch-Geistige. Aber er lernt jetzt auch erkennen, was er 



unbewulk durchmacht in der Zeit vom Einschlaf en bis zum 
Aufwachen. In diesem unbewufrten Erleben sind rein gei- 
stige Erlebnisse, die der Mensch durchmacht, wahrend der 
Korper seine rein organischen, physikalisdien Prozesse 
durchmacht, durch die er gewissermafien das ausbessert, was 
die Seele verbraucht wahrend des taglichen Arbeits- und 
Erkenntnislebens. Es sind geistige Prozesse, die die Seele 
durchlebt, und diese geistigen Prozesse kommen nur zum 
Bewufitsein, wenn dieses Bewufitein so weit erwacht ist. 
Aber es kann im traumenden Bewufitsein das geschehen — 
und geschieht in jedem Traum -, dafi das, was in der rein 
geistigen Welt durchlebt wird zwischen Einschlafen und 
Aufwachen, hinuntergespiegelt wird in den physischen und 
Bildekrafteleib. In dem Momente des nicht genug starken 
Schlafes, des Aufwachens, da wird es hineingespiegelt, und 
da tritt es dann durch den Bildekrafteleib, wie eben die 
Traumesbilder, in Spiegelung vor die Seele. Es ist gewisser- 
mafien das rein geistige Leben, das sonst fur das gewohn- 
licheBewufksein unbewufit bleibt,wenn der Mensch traumt, 
in die intensive Traumesphantasie umgesetzt. Das, was die 
Traumesbilder darbieten, ist so nicht eine Wirklichkeit, son- 
dern es sind Bilder, die wahre geistige Wirklichkeit veran- 
dernde Bilder; aber sie sind veranlafit durch das Wirken der 
geistigen Wirklichkeit auf den physischen Leib und Bilde- 
krafteleib. Da kann dann der Mensch, indem er also das 
schauende Bewufitsein entwickelt, audi kraftvoll zuriick- 
blicken auf das, was sonst vorgeht wahrend seines Schlafes. 
Und von diesem Gesichtspunkte aus gelangt man jetzt zu 
einer ganz anderen, und jetzt erst wahrhaftigen Erklarung 
dessen, was Schopenhauer nur als Beobachtung hinstellen 
kann, aber ohne zu einem Ergebnis zu kommen. 

Nehmen wir wiederum auf von diesem Gesichtspunkte 
aus diesen sogenannten Examenstraum, wo also der Mensch 



sich spaltet in bezug auf sein Ich in zwei Teile, von 
denen der eine eine Antwort geben kann, der andere nicht. 
Schopenhauer kommt nur bis zu der abstrakten Auskunft: 
Wenn der Mensch aufgewacht ist, merkt er, dafi diese bei- 
denTraumpersonlichkeiten eine sind. Er kommt bis zu jener 
abstrakten Einheit, an der alle Abstraktlinge ein solches 
Gefallen haben. Derjenige aber, der mit dem schauenden 
Bewufitsein den ganzen Vorgang durchdringt, der lernt er- 
kennen, dafi das seelisch-geistige Wesen, das den Menschen 
begleitet von der Geburt bis zum Tode, es ist, was da an- 
geschaut wird, dafi das selbstandige geistige Leben ange- 
schaut wird, das ja, nur unterbewufk oder unbewufit, dem 
Traumesleben und auch dem Schlafesleben zugrunde liegt. 
Und so stellt sich dar, dafi der Mensch, indem er vor sich hat 
sich selber als den Nichtwissenden, der auf die Fragen keine 
Antwort geben kann, da einmal sich anschaut in einer Le- 
benszeit, wo er noch nicht Antwort geben konnte; und dann 
schaut er sich an in dem anderen, der die Antwort geben 
kann, in einem spateren Lebensaugenblick, wo er eben schon 
Antwort geben kann. Er hat diese beiden Lebensaugen- 
blicke vor sich: Einmal, wo er noch nicht Antwort geben 
konnte, und dann, wo er Antwort geben kann. Er schaut 
sich also zweimal an. 

Sehen Sie, da haben wir konkret herausgearbeitet, wozu 
Schopenhauer, da er nicht schauender Philosoph war, nicht 
kommen konnte. Er wuftte nicht, inwiefern sich des Men- 
schen Ich gespalten hat in den jiingeren Menschen, der noch 
nicht Antwort geben konnte, und in den alteren, der schon 
Antwort geben konnte. Und warum geschieht diese Spal- 
tung? Sie geschieht, weil tief im Untergrunde der Seele das 
lebt, wo von wir sagen konnen: der Mensch ist in einen fort- 
wahrenden Kampf hineingestellt, in ein fortwahrendes 
Ringen. Ein inneres Ringen war es, wodurch der Mensch 



gekommen ist von dem Nichtwissen, das nidit Antwort 
geben konnte, zu dem Wissen, das Antwort geben konnte 
auf die Fragen. Im aufieren Leben verlauft dieses Ringen 
so, dafi man ihm nicht viel Aufmerksamkeit zuwendet. 
Man lafit es gewissermafien aus der Alltagsaufmerksamkeit 
fallen. Aber in den Tiefen der Seele, da stellt dieses Ringen 
eine Summe von Kraften dar. Man hat innerlich unter- 
bewufk arbeiten miissen, um aus dem Nichtwissen in das 
Wissen hineinzukommen. Dieses Ringen, das sonst unter 
der Schwelle des Bewufitseins verlauft, lebt aber in der 
Seele. Denn in der Seele ist wahrhaftig viel niehr als das- 
jenige, dessen sich die Seele gewohnlich bewufk ist. Und 
wenn die Seele ihre Aufmerksamkeit abwendet von der 
aufieren Welt, an die sie sonst gefesselt ist, dann tritt ihr 
das entgegen; aber sie hat jetzt fur das gewohnliche Be- 
wufitsein keine Moglichkeit, das in seiner Wahrheit aufzu- 
fassen. Denn sie ist ja nidit gewohnt, dieses Ringen wahr- 
zunehmen. Sie wendet ihm, wie gesagt, im gewohnlichen 
Bewufitsein keine Aufmerksamkeit zu. So tritt dieses innere 
Bewufitsein zwar in der Seele auf im Schlafe, im Traume, 
aber es bildet sich ab, indem es zwei Bilder zeigt: den nicht- 
wissenden und den wissenden Menschen, zwischen denen 
das Ringen liegt und tatig war. So hatte Schopenhauer, 
wenn er zum konkreten schauenden Bewufitsein aufgeriickt 
ware, diese interessante Tatsache des Examenstraumes auf- 
fassen miissen. Dann hatte er auch einsehen miissen, dafi da 
etwas sich hineinwebt in diese Welt desTraumes, was durch 
das ganze Leben hindurch auf dem Grunde der Seele pulst, 
und was zusammenhangt mit einem tiefinnerlichen Ringen 
und Kraften in der Seele. In der Aufienwelt zeigt sich dieses 
nicht. Der Mensch wiirde beirrt werden, wenn er fortwah- 
rend dieses Ringens vor seinem seelischen Auge hatte. Er mufi 
sich hineinstellen in die auflere Welt, mufi sich einordnen in 



die aufiere Welt. Aber es verlaufb vieles, wahrend er sich 
also in die Welt einordnet, in seiner Seele. Wahrend er aus 
einem Nichtwissenden, der nicht Antwort geben kann, zu 
einem Wissenden wird, der die Fragen beantworten kann, 
verlauft eben sehr vieles in der Seele. Und das webt und 
lebt, wahrend der Mensch der aufteren Wirklidikeit abge- 
wendet ist. So zeigt sich gewissermafien das, was der Mensch 
nun aufierlich im wirklichen Leben durchmacht, was er fiir 
die Welt der Arbeit, fiir die Welt der anderen Menschen 
wird, fiir die Welt, in der er niitzlich, wertvoll sein soli da- 
durch, dafi in seinem inneren Leben geheimnisvolle Vor- 
gange des Ringens stattfinden. 

Nun, ich sagte schon vorgestern: Vergleichsweise, nicht 
mit einem gewissen mifiverstandlichen asketischen Neben- 
sinn, zeigt sich fiir den, der das Leben durchschaut, auch 
dasjenige, was in der Sinnenwelt ausgebreitet ist, als eine 
Summe von Bildern. Ebenso wie der Traum eine Nachbil- 
dung ist des aufieren physischen Lebens, so ist dieses aufiere 
physische Leben eine Nachbildung eines geistigen Lebens, 
zu dem der Mensch durch das schauende Bewufksein auf- 
wacht, in das er sich hineinlebt. 

Ich habe in meinen verschiedenen Schriften den ersten 
Standpunkt der geistigen Erkenntnis, durch den der Mensch 
dazu gelangt, am Menschen selber den Bildekrafteleib wahr- 
zunehmen, die imaginative Erkenntnis genannt. Ich bitte, 
sich nicht an diesem Ausdruck zu stofSen. Es ist sehr leicht, 
sich daran zu stofien, weil man gewohnlich dasjenige dabei 
denkt, was im gewohnlichen Leben darunter vorgestellt 
wird. Man braucht sich aber nicht daran zu stofien, es ist 
nur das gemeint, was charakterisiert ist. Dieses imaginative 
Erkennen stellt sich in Bildern dar, aber in Bildern, die nicht 
blofie Phantasiebilder sind, sondern die auf eine Wirklidi- 
keit hinweisen. 



Dasjenige Denken aber, das sich so vor die Seele stellt, 
daft man es vergleichen kann mit dem aufieren Wechsel- 
leben im Moralischen, das nannte ich in meinen Schriften 
die inspirierte Erkenntnis, weil da ein selbstandiges Gei- 
stiges vor die Seele tritt, in dem die Seele nun lebt. Der 
Begriff der Inspiration — von dem man nur alien Aber- 
glauben fernhalten mufi — ist durchaus anwendbar auf jenes 
innere Wahrnehmen einer geistigen Welt, das jetzt eintritt, 
wenn die Seele sidi erhoben hat zu einem solchen Erkennen. 
Durch die inspirierte Erkenntnis gelangt sie dazu, nidit nur 
fur das gewdhnliche Leben die Bedeutung des Traumens, 
des Schlafes einzusehen, sondern nun wirklich das selbstan- 
dige Geistesleben so zu uberschauen, dafi sie sich Vorstellun- 
gen machen kann iiber das geistige Leben, das aufierhalb 
des Lebens zwischen Geburt und Tod verlauft. Die Seele 
gelangt dazu, die selbstandige Geisteswelt in die Vorstel- 
lungen iiber jenes Leben hereinzunehmen, in dem die Seele 
lebte, bevor sie durch die Geburt oder Empfangnis her- 
untergestiegen ist in die physische Welt. Die Seele gelangt 
dazu, sich Vorstellungen zu machen, wie das Leben ver- 
fliefk, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. 
Der Mensch - ich habe schon vorgestern darauf hingedeutet, 
und es wird Gegenstand der weiteren Vortrage sein - erlebt 
wiederholte Erdenleben, und so erlebt er auch eine Zeit, die 
verfliefit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In 
dieser Zeit, die wesentlich langer dauert als das Leben zwi- 
schen Geburt und Tod, lebt die Seele in einer rein geisti- 
gen Welt; aber in dieser hat sie die Krafte, mit denen 
sie sich selbst durchdringt, die so um sie herum sind, wie 
hier die Krafte der physischenWelt. Aus dieser Welt heraus 
holt sie die Krafte, mit denen sie sich selber durchdringt, 
und die sie in das hineintragt, was ihr durch die Vererbung 
von Vater und Mutter, Grofivater und Grofimutter und so 



weiter aus der Welt der physischen Stofflichkeit entgegen- 
gebracht wird. Indem der Mensdi aber in diese Welt hin- 
einschaut, schaut er auf die Grundkrafte, auf die, ich mochte 
sagen, richtunggebenden Krafte seines inneren Schicksals. 
Denn dasjenige, was wir, aus der Seele heraus veranlagt, 
dem Leben entgegentragen, so dafi wir in einer gewissen 
Weise sind, und dadurch dieses oder jenes erfahren, das 
wirkt unser inneres Schicksal. Das wird aber nicht blofi 
durch die Erziehung, die ja die Dinge herausholt aus der 
menschlichen Individuality, aber nur das, was in ihr liegt, 
herausholen kann, das wird nicht blofS durch das auftere 
physische Leben im Menschen ausgebildet, das tragt der 
Mensch durch die Empfangnis oder Geburt herein aus der 
Zeit vor der Geburt, aus dem Leben in der geistigen Welt, 
in der es das schauende Bewufitsein schaut. Und so sehen 
wir auf die Griinde fur das innere Schicksal des Menschen, 
zu dem die Krafte gebildet werden zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt. Da sehen wir auf all das, was aus dem 
Inneren der Seele heraus unser Schicksal bestimmt. Sind 
wir dazu veranlagt, besonders zu sinnen, so kann uns das 
Leben in gewissen Lagen schwerf alien. Diese Veranlagung 
zum Sinnen, wir bringen sie aber mit aus dem Leben, das 
vernossen ist zwischen dem letzten Erdenleben und dieser 
Geburt. Dadurch, dafi wir dieses Leben durchleben, dadurch 
durchweben wir die physische Stofflichkeit, die uns durch 
die Empfangnis oder Geburt gegeben wird, mit all den 
Kraften, die von innen heraus unser Leben schicksalsmafiig 
gestalten. 

Dazu kommt nun dasjenige, was von aufien herein das 
Leben schicksalsmafiig gestaltet. Denn das Gesamtschicksal 
des Menschen fliefit ja zusammen aus der Art und Weise, 
wie wir selbst unsere Krafte der Aufienwelt entgegentragen: 
ob wir stumpf diese Krafte ihr entgegentragen, und nur 



durch die stumpfen Krafte etwas erfahren, oder ob wir die 
Krafte energisdi der Aufienwelt entgegenbringen und da- 
durch anders unser Leben hinbringen. In hundertfaltiger 
Weise gestaltet sich so das von innen heraus sich formende 
Schicksal; und in dem, was aufiere Schicksalsschlage sind, 
die in Leid und Freude, in Lust und in Schmerz bestehen, 
in ihnen besteht der andere Teil des Schicksals, der sich zu- 
sammenwebt zu dem gesamten Schicksalsverlauf mit dem, 
was von innen kommt. Audi zu dem Begreifen desjenigen, 
was von aufien her am Schicksal webt, gelangen wir nur, 
wenn wir Einlafi gewinnen durch das schauende Bewufk- 
sein in die geistige Welt. 

Dazu mufi nun noch ein Drittes kommen. Urn das zu er- 
f orschen, reichen die beiden Erkenntnisarten nicht aus. Dazu 
mufi kommen die intuitive Erkenntnis. Ich gebrauche dieses 
Wort jetzt aber nicht in dunkel symbolischem Sinne, son- 
dern in dem Sinne, wie ich es charakterisieren will. Ich habe 
zwei Stufen des Aufriickens in geistiger Erkenntnis dar- 
gestellt. Die eine Stufe wurde dadurch herbeigefiihrt, dafi 
das Denken sich selbstandig erlebt in den Gedanken, und ge- 
wissermafien das, was zwischen den Gedanken ist, wenn sie 
sich selbst iiberlassen werden, erlebt wird. Dann treten die 
Gedanken in ein inner esWechselspiel,es werden die Gedan- 
ken zu dem inneren Schicksal, und dadurch fangen wir an, 
das Schicksal zu begreifen, das in der geistigen Welt veranlagt 
ist. Nun kann aber ein Wei teres dadurch eintreten, dafi man 
all die inneren Priifungen der Seele, die man durchmacht, 
wenn man dasjenige erlebt, was ich so als diese beiden Stufen 
des lebendigen Erkennens geschildert habe, dafi man das in- 
nerlich wahr, innerlich ehrlich durchlebt. Denn gar grofi sind 
ja die Versuchungen, die den Menschen auf diesem Gebiet 
dazu verfuhren, unaufrichtig gegen sich selbst zu sein, sich 
einzureden, man erlebe wirklich dieses oder jenes. Allein 



nicht durch einen logischen, nicht durch irgendeinen dialek- 
tischen Beweis lafSt sich klarlegen, wodurch man zur Wirk- 
lidikeit kommt. Die eben charakterisierte Aufriclitigkeit 
und Wahrhaftigkeit gegen sich selbst mufi da sein. Sonst 
aber kann man nur sagen: Man erlebt eben dieWirklichkeit 
durch unmittelbare Erfahrung; da lafit sich nichts bewei- 
sen. Geradeso, wie man niemandem beweisen kann, der es 
abstreiten will, dafi es einen Walfisch gibt, wie der Walfisch 
nur durch die Erfahrung bewiesen werden kann, so lafk 
sich auch fur geistige Erlebnisse nur durch das schauende 
Bewufksein beweisen, dafi sie da sind. Durch das schauende 
Bewufitsein kann man sich so klar sein, dafi man es mit 
einer geistigen Wirklichkeit und nicht mit einer Phantasie- 
schopfung zu tun hat, wie man sich in der Sinnenwelt klar 
sein kann, ob man ein Tier aus Papiermache oder ein leben- 
diges Tier vor sich hat. Wie man da nicht zu beweisen 
braucht, sondern durch unmittelbare Erfahrung sich uber- 
zeugt, so iiberzeugt man sich auch von der geistigen Wirk- 
lichkeit durch inner e Erfahrung. 

Dann aber, wenn man immer weiter und weiter schreitet, 
wenn man wirklich in innerer Geduld und Ausdauer die 
genannten Obungen fortfiihrt, gelangt man dazu, dafi von 
einem bestimmten Punkte ab dieses erlebte Erkennen selbst 
Schicksal wird, ein Schicksalsereignis wird. Da mufi man 
eben wirklich so auf richtig sein und sich klar sein, wie wenig 
das gewohnliche, oftmals so theoretisierende, blofi logische 
Erkennen eigentlich fur die meisten Menschen ein Schick- 
salserlebnis ist. Wie wenig! Man erkennt, weil man die 
Sehnsucht hat dazu; aber dieses Erkennen tragt man doch 
mit sich wie etwas, was neben dem Leben einherlauft. Aber 
wenn der Mensch als Geistesf orscher so weiterschreitet, wie 
ich das geschildert habe, dann kommt eben ein Augenblick- 
er mag fruher oder spater kommen, er wird kommen -, wo 



das Erkennen selbst ein Schicksal wird, wo man so innerlich 
durchkraftet ist durdi den Geist, dafi man durch den Geist 
selber im geistigen Universum steht, wo das ein solches 
inner es Ereignis wird, da£ es trotz aller inner en Aufrichtig- 
keit und WahrhafHgkeit das wichtigste Ereignis wird. Man 
darf sagen: dieses bedeutet etwas in das Leben sehr tief 
Einschneidendes. Man erlebt gewifi als Mensch - Sie wissen 
es alle — einschneidende Schicksalserlebnisse, die oftmals das 
ganze Dasein in andere Bahnen fiihren, Erlebnisse, die die 
Seele tief aufriitteln, Erlebnisse erhabenster Freude, Erleb- 
nisse tiefster Tragik. Aber es kann und mufi, wenn wirklich 
geistige Erkenntnis als Forschung erreicht werden soil, doch 
moglich sein, daft die Erkenntnis selbst an den Menschen so 
herantritt, da£ sie Schicksalserleben wird: ein solches Schick- 
salserlebnis, gegeniiber dem die anderen Schicksalserlebnisse, 
mogen sie noch so bedeutend sein, ein wenig sich in den 
Schatten stellen. Die groftte Wendung, der grofite Einschlag 
des Lebens, er kann und er mufi fur den wahrhaft geistig 
Erkennenden so kommen, dafi von einem gewissen Mo- 
mente ab er sich so erkennend im Geiste weifi, dafi dieses 
Schicksalserlebnis alle anderen Schicksalserlebnisse iibertont. 
Und der Ton, der von diesem Schicksalserlebnis kommt, er 
tont dann so in der Seele, dafi man nunmehr wei$, wo die 
Krafte weben in der geistigen Welt, welche den Lebens- 
lauf — fur viele scheinbar zufallig - so zusammenstellen, so 
durchdringen, daiS nicht nur in dem, was von innen heraus 
sich formt, Plan und Zusammenhang ist, sondern auch die- 
jenigen Ereignisse, die in der Aufienwelt sind, entweder zu- 
sammenhangen oder so an uns herantreten, dafi sie wieder- 
um die Grundlage bilden fur Zusammenhange, die sich 
dann im nachsten Erdenleben abspielen. Denn es hangt ja 
beim geistigen Erkennen sehr viel davon ab, dafi man das 
wirklich durchleben kann, was als Wirkung herauskommt. 



Dadurch, dafi man soldi ein Erlebnis, wie ich es jetzt als 
Schicksalserlebnis des Erkennens, und friiher als Erlebnis 
des erkennenden Bewulkseins geschildert habe, durchlebt, 
dafi man nicht nur es anschaut, sondern die Wirkungen in 
der Seele hat, und die Seele dadurch umgeartet wird - 
dadurch wird die Seele eine schauende Seele. Jetzt ge- 
langt sie dazu, nicht nur hineinzuschauen in das Leben, 
das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ver- 
flieftt, sondern sich Vorstellungen zu bilden uber Krafte, 
die aus friiheren Erdenleben herkommen. Diese Krafte, 
die heriiberwirken aus friiheren Erdenleben, leben wieder 
auf in diesem Erdenleben, und sie weben sich wiederum 
zusammen mit dem, was als Neues in unser Leben ein- 
tritt, sie leben sich zusammen zu einem Gesamtschicksal, 
das von aulSen sich seine Krafte bildet und das wieder- 
um die Grundlage bildet fur die folgenden Erdenleben. 
Und so stellt sich dasjenige, was aus dem Inneren kommt, 
als die Wirkung dar des Lebens, das zwischen Tod und 
neuer Geburt verlauft. Das dagegen, was von aufSen kommt, 
stellt sich so dar, dafi heriiberwirken die Grundlagen, die 
in friiheren Erdenleben gelegt sind. 

Ich weifi sehr wohl, wie sehr das heutige Bewufksein, das 
mit Recht sich an der naturwissenschaftlichen Weltanschau- 
ung herangebildet hat, solchen Vorstellungen widerstrebt, 
wie sie jetzt uber das auftere und innere Schicksal gegeben 
worden sind. Es wird noch lange brauchen, bis man, ich 
mochte sagen, durch immerwahrende Wiederholung denen, 
die da glauben, aus einer naturwissenschaftlichen Uberzeu- 
gung heraus dieser geisteswissenschaftlichen Anschauung 
widerstreben zu miissen, klarmachen kann, dal$ diese gei- 
steswissenschaftliche Uberzeugung in vollem Einklang steht 
mit alledem, was durch die Naturwissenschaft heute in so 
bewundernswiirdiger Weise an die Oberflache des mensch- 



lichen Denkens gebracht worden ist. Denjenigen, die vom 
Standpunkte einer festgegriindeten naturwissenschaftlichen 
Weltanschauung der Geisteswissenschaft widerstreiten, kann 
man immer nachweisen, daft sie eigentlich nicht wissen, wo- 
von sie reden, weil sie nicht die Geduld und Ausdauer 
haben, sich wirklich in die Geisteswissenschaft einzulassen. 

Betrachten wir gerade zum Schlufi dasjenige, was sich 
uns als allgemeine Grundlage fur die Schicksalsfrage der 
menschlichen Seele darstellt, im Zusammenhang mit ge- 
wissen naturwissenschaftlichen Gedanken der Gegenwart. 
Da wird mancher kommen und sagen: Diese Naturwissen- 
schaft hat es endlich dazu gebracht, durch sorgfaltige For- 
schung klarzulegen, wie gerade irn physischen Vererbungs- 
zusammenhang Krafte liegen, die uns formen, die an un- 
serem Schicksal mitarbeiten. Und weit ist die Naturwissen- 
schaffc schon gekommen auf diesem Gebiet. Und da kommt 
nun soldi ein Geistesforscher und sagt gegeniiber dem, was 
der Naturforscher nachgewiesen hat als aus der physischen 
Vererbung stammend, es sei das innere Schicksal bedingt 
durch das, was in der rein geistigen Welt sich abspielt zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Beide Dinge stehen 
aber volHg miteinander im Einklang; nur mufi man sich 
klar sein daruber, dafi man ausbilden mufi zu demjenigen 
Denken, das ein blofi logisches Denken ist, das wirklichkeits- 
gemafie, audi das geistig-wirklichkeitsgemafie Denken. Auf 
dieses habe ich in meinem neuesten Buche «Vom Menschen- 
ratsel» besonders hingewiesen, ich will es heute nur ent- 
wickeln mit Bezug auf diesen Gedanken. Logisches Denken 
ist meist damit zufrieden, dafi Gedanken sich miteinander 
vertragen. Aber logisch miteinander vertragliche Gedanken 
konnen nur scheinbar miteinander vertraglich sein. Wenn 
man aufierhalb der Wirklichkeit stent und auf die blofie 
Logik sieht, kann es durchaus sein, dafi der Schein triigt, 



daft die Logik einen Einklang vorzaubert, wahrend die 
Wirklichkeit ihr widerstreitet. Schopenhauer spottet selber 
einmal dariiber, wie Gedanken ganz miteinander uberein- 
stimmen konnen, und doch die Wirklichkeit ihnen wider- 
streitet, indem er darauf hinweist, wie Franz I. von Frank- 
reich denselben Gedanken zu haben behauptete wie Karl V. 
Er sagte: «Ich habe ja denselben Gedanken, ich will ganz 
dasselbe wie mein lieber Bruder Karl V.» Da beide dasselbe 
wollten, schienen ihre Gedanken gleich zu sein. Ob sie aber 
zusammenstimmten? Sie wollten namlich beide Mailand 
erobern! Die Wirklichkeit rektifiziert den Gedanken. Das 
ist sehr auffallend, in die Augen springend. Aber wo man 
sonst in einer ahnlichen Weise am Schein des Einklanges 
hangt und nicht die Gedanken, sei es in die physische oder in 
die geistige Wirklichkeit, hinuntertauchen, da merkt man 
es oftmals nicht. Und so merkt man nicht, wie der Gedanke, 
den ich eben entwickelt habe iiber die Kraffce des inneren 
Schicksals, sehr wohl vereinbar ist mit dem Gedanken der 
physischen Vererbung. Da sehen wir, wie aber gerade dem 
richtigen Tatbestand gegeniiber eigentlich das Weltanschau- 
ungsdenken recht unlogisch wird. Es ist ja sehr interessant, 
wenn man verfolgt, mit welcher wissenschaftlichen Klarheit 
der Vererbungsgedanke begrundet worden ist, von dem 
Pflanzenreich angefangen, durch die Mendelschen Resul- 
tate, bis hinauf in die Familienforschung, wo gezeigt wird, 
dafi sich in der Familie gewisse Krafte und Fahigkeiten - 
nun, meinetwegen forterben. Ein solches Buch iiber Fami- 
lienforschung und Vererbungslehre, wie das von Robert 
Sommer erschienene, ist ja aufierordentlich interessant; noch 
interessanter ist das, was er 1908 hat folgen lassen iiber 
Goethe im Lichte der Vererbung. Denn man kann natiirlich 
sehr schon darstellen, wie das, was bei Goethe hervortrat 
als diese oder jene Kraft seines Geistes, nach der einen Seite 



schon veranlagt war, die eine bei diesem Vorfahr, die andere 
bei einem anderen, die dritte bei einem dritten; und so sind 
sie alle zusammengeflossen in einem Nachkommen und sie 
zeigen sich zuletzt in ganz besonders genialer Ausbildung. 
Nun ja, das hat dazu gefiihrt, da$ die Vererbungslehre von 
Gregor Mendel, die auf wissenschaftlich richtigenTatsachen 
beruht, die mit Bezug auf die Vererbung bei Pfianzen und 
Tieren aufierordentlich tiefsinnig ist, dafi man diese Idee 
der Vererbung einfach in das Geistige iibertragt und sagt: 
Die besonderen Begabungen stehen immer am Ende einer 
Abstammungslinie, sind also von der Abstammungsstro- 
mung durch Vater und Mutter, durch Grofivater und Grofi- 
mutter hindurch vererbt. Icli habe schon ofter auch hier 
darauf aufmerksam gemacht, dafi dieser Gedanke nicht sehr 
wirklichkeitsgemafi und logisch ist. Denn wollte man wirk- 
lich zeigen, dafi die Eigenschaften von einem Menschen auf 
den Nachkommen iibergehen, dann miifrte man zeigen, dafi 
der Vorfahr die betreffenden Eigenschaften hat, dafi sich 
beim Nachkommen die Eigenschaften zeigen, die schon beim 
Vorfahren waren. Das ist aber nicht wunderbarer, der Ge- 
danke ist nicht tiefer als der, dafi ein Mensch, der ins 
Wasser gefallen ist, nafi ist. Er ist durchgegangen in der 
physischen Vererbung durch die Vorfahrenstromung, also 
bringt er durch die Vererbung besondere Eigenschaften 
mit sich. 

Aber es ist nicht zu leugnen, dafi sich sehr friih in der 
Vorfahrenreihe die Veranlagung zeigt zu dem, was bei dem 
Nachkommen zuletzt herauskommt. Dieser Gedanke ist, 
aufierlich-physisch angeschaut, durchaus zu halten; aber fur 
das schauende Bewufitsein zeigt sich das Folgende: So wie 
hier diesen physischen Menschenleib die Seele durchdringt, 
wie die Seele im physischen Menschenleibe wirkt und lebt, 
so ist auch all dasjenige, was in unserer Umgebung lebt, 



von Seelisch-Geistigem durchflossen und durchwoben. Alles, 
was im Physisdien geschieht, ist durchdrungen von Seeli- 
schem, so wie mein Finger und mein Arm von Seelischem 
durchdrungen ist und nicht ein blofi Physisches ist. Ober- 
all ist Seelisches. Und so durchdrungen ist audi das Phy- 
sische, das herunterstromt vielleicht von einem Menschen 
im 14. Jahrhundert durch einen Nachkommen im 15., 16. 
Jahrhundert bis hinein ins 20. : da leben sich die physischen 
Vorgange fort; ihnen flieEen parallel geistige Vorgange. 
Die geistige Welt ist nicht etwa in einem Wolkenkuckucks- 
heim abgesondert von der physischen Welt; sie durchdringt 
die physische Welt. Und da, wo die physischen Vererbungs- 
vorgange sich abwickeln durch die Jahrhunderte hindurch, 
da geschieht auch Geistiges. Da ist die geistige Welt. Und 
die Seele des Menschen, der in einem bestimmten Zeitpunkt 
geboren wird, sie ist lange schon mit den Vorgangen, die 
sich in der Vorfahrenreihe abspielen, verbunden. Grob ge- 
sprochen: Wird ein Mensch im 20. Jahrhundert geboren von 
einem Vater und einer Mutter, die wiederum abstammen 
von Eltern, die im 19. Jahrhundert geboren sind und so 
weiter herauf, so kommen wir durch Jahrhunderte hin- 
durch; da geht die Vererbungsstromung, die schliefilich zu 
dem Menschen, den wir im Auge haben, herunterstromt. 
Aber die Seele ist schon seit Jahrhunderten tatig in dem, 
was die Menschenpaare zusammenfuhrt. Was geschieht 
zwischen den Menschen und sich dann auspragt in der Ver- 
erbung, das wirkt, wahrend hier die physische Vererbung 
vor sich geht, herein aus der geistigen Welt, so dafi immer 
der richtige Vater zur richtigen Mutter gefixhrt wird. Da 
wird vorbereitet das, wozu die Seele strebt, damit sie dann 
geboren werde in dem Nachkommen. 

Da haben Sie den Gedanken so gefafit, dafi alles zu- 
sammengefafit ist. Alles geschieht in der physischen Ver- 



erbung, aber die Seele ist immer dabei; die Seele gesellt 
sich schon Jahrhunderte vorher in die Stromung von einem 
Menschenpaar zu Nachkommen und immer wieder Nach- 
kommen. So bewirkt die Seele selbst dasjenige, was in der 
Vererbungsfolge das vorbereitet, was sie dann wird, und 
was endlich heute zum Ausdruck kommt. - Fiir die heutige 
Weltanschauung, fiir die heutige Vererbungstheorie, ist die- 
ser Gedanke vielleicht noch grotesk. Er kann audi nur da- 
durch erlangt werden, dafi man sich auf dem heute geschil- 
derten Wege Vorstellungen iiber die geistige Welt bildet; 
aber er wird sich schon im Laufe der Zeit einleben. 

Und jetzt will ich auch noch - wenn es audi wegen der 
Kiirze der Zeit nur ganz kurz geschehen kann - in gewisser 
Weise schildern, was wir, grob gesprochen, nennen konnten 
dieTechnik des aufieren Schicksals, nachdem ich dieTechnik 
des inneren Schicksals im Zusammenhang mit der Vererbung 
besprochen habe. Dies, was unter Menschen sich abspielt 
im gewohnlichen Leben, was ein Mensch dem anderen zu- 
fugt, was ein Mensch dem anderen sagt, was ein Mensch 
durch den anderen erlebt dadurch, dafi Gef iihle in ihm her- 
vorgerufen werden durch die Worte und Taten des anderen, 
daft er selber zu diesen Worten und Taten veranlafit wird, 
das alles ist nur die eine Seite dessen, was zwischen den 
Menschen geschieht. Und dasjenige, was imBewufksein lebt 
in dem Verhaltnis der Menschen zu der iibrigen Umgebung, 
ist auch nur eine Seite. In der menschlichen Seele lebt eigent- 
lich mehr als das, dessen sie sich bewufit ist. Und so spielt 
sich auch unendlich viel mehr ab zwischen zwei Menschen, 
die im Leben zusammen sind, als das, was im Bewufitsein 
des einen oder des anderen Menschen sich abspielt. Und so 
zwischen alien Menschen, die sich begegnen. In den tiefen 
Untergrunden des Bewufkseins spielt sich gar vieles ab. 
Das bleibt in diesen Untergrunden, tritt auch manchmal 



herauf. Da ist ein abwechselndes Herauftreten und wie- 
derum Zuriickwogen, aber audi ein vollstandiges Bleiben 
im Unterbewufiten. Aber was in den Tiefen der Seele ab- 
lauft, was nicht im Bewufitsein erlebt wird, nur im Unter- 
bewufiten, es ist deshalb doch in der Seele und wirkt in der 
Seele. Um das Beispiel zu vereinfachen: Wir treten einem 
Menschen entgegen, wir erleben in bewufiter Weise etwas 
mit ihm, aber gerade dadurch erleben wir auch noch etwas 
Tieferes, etwas Tieferes wird noch in der Seele angeregt. 
Es lebt bei uns weiter, lebt in ihm weiter. Das wirkt weiter 
und wird durchgetragen durch die Pforte des Todes, das 
wird innerhalb der geistigen Welt in dem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt weiter ausgebildet zur 
Vorbereitung fiir ein neues Erdenleben. Alles dasjenige, 
was also gerade in den Tiefen der Seele durchlebt wird, es 
wird so durch die Pforte des Todes getragen, dafi ich diese 
Art etwa damit vergleichen kann, dafi ich sage: Es gibt, 
wie Sie alle wissen, im aufieren physischen Dasein die Mog- 
lichkeit, einen Raum luftleer zu machen, wenn man Lufl: 
auspumpt aus einem Raum. Wenn man dann irgendwo 
offnet, dann dringt die aufiere Lufl in diesen luftleeren 
Raum ein. Der Raum, der leer ist, der kann keine Krafte 
entwickeln; aber gerade die Aufienwelt dringt in ihn ein, 
das Aufiere dringt in ihn ein. Ware er voll, so wiirde das 
Aufiere nicht eindringen konnen, aber das Aufiere dringt 
gerade dadurch ein, dafi es zustromen mufi durch seine 
Leere. Indem wir dasjenige, was in unserer Seele, also in 
dem Unterbewufiten veranlagt wird im wekeren Umkreis 
des bewufiten Seelenlebens, durch die Pforte des Todes tra- 
gen, dafi es in unserer Seele oftmals als Gliicksgefuhl lebt, 
erzeugt es gewissermafien einen leeren Raum in der Seele, 
vergleichsweise selbstverstandlich gesprochen, das Physische 
insGeistige umgesetzt; denn so stelltes sichdem schauenden 



Bewufksein dar. Mit dieser Leerhek lebt der Mensch zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt und trirt wiederum 
damit durch die Geburt in ein neues Erdenleben. Und so 
tragt er in dieses neue Erdenleben als Folge der friiheren 
Erdenleben einen leerenRaum-vergleichsweise gesprochen. 
Durch diesen seelisch leeren Raum zieht er die entsprechen- 
den Verhaltnisse der Aufienwelt an sich heran. Dadurch 
kommen die Wesen und die Schlage des aufteren Schicksals 
heran; dadurch findet er ein Menschenwesen, das erineinem 
Leben kennenlernte, wieder, tritt wiederum mit ihm zu- 
sammen. Er zieht es dadurch heran, dafi dasjenige, was 
seine Vollheit in der Seele war, Leerheit wurde, die saugend 
ist fur gewisse Ereignisse. Und geradeso wie der luftleere 
Raum die Luft anzieht, so zieht eine durch gewisse Ereig- 
nisse erreichte Leerheit gewisse Erlebnisse wieder heran. 
Das ist, ich mochte sagen, grob ausgedriickt, die Technik, 
wie das eine Erdenleben in das andere hereinwirkt. 

Ich habe mich bemuht, Ihnen heute vor die Seele zu 
fuhren eine Anzahl Beobachtungen und Ergebnisse der 
Geisteswissenschaft, die im allgemeinen zusammenhangen 
mit dem menschlichen Schicksal und seinen Ratseln. Dieses 
Allgemeine kann die Grundlage werden, um Beobachtun- 
gen anzustellen auch iiber einzelne Schicksalsfragen. In einer 
so schicksaltragenden Zeit mufi auch dieses naheliegen. Da- 
her werde ich im nachsten Vortrag gerade iiber einzelne 
solcher Schicksalsfragen sprechen, auf der Grundlage der 
allgemein-menschlichen Schicksale, die Bedeutung einzelner 
Schicksalsschlage, freudvoller, leidvoller Schicksalsschlage 
fiir das unmittelbare Leben, sein Gliick, seinen ganzen Ver- 
lauf darzustellen versuchen. 

Gerade an der Schicksalsfrage zeigt sich etwas, was ich 
noch erwahnen will, weil es sehr wichtig ist und verkannt 
wird auch von denjenigen, die wohlwollend der Geistes- 



wissenschaft gegeniiberstehen. Man glaubt sehr leicht, den 
Einwand machen zu konnen: Ja, was bedeutet denn diese 
Geisteswissenschaft fur diejenigen, die nicht selber Geistes- 
forscher werden konnen? - Das beantwortet sich am besten 
damit, daft fiir den Geistesforscher selber die Geistesfor- 
schung ein Schicksal ist. Sie ist fiir ihn das, was ich mehr 
oder weniger geschildert habe; aber was das Leben fordert, 
das wird das geistige Erlebnis erst dadurch, daft man all 
dasjenige, was der Geistesforscher findet, heriiberbringt in 
die Gedankenwelt, die jetzt blofi befruchtet wird, nur nicht 
von der aufieren sinnlichen Wirklichkeit, sondern von der 
inneren geistigen Wirklichkeit. Und diese Gedankenwelt, 
die kann jeder Mensch dann aufnehmen, wenn er sich ihr 
nur vorurteilsfrei hingibt. Es ist wirklich nicht richtig, 
wenn gesagt wird, nur dem Geistesforscher liegen die Ge- 
heimnisse der geistigen Welt klar. Daft sie heute so wenigen 
Menschen klarliegen, das kommt daher, dafi heute verhalt- 
nismaftig viele Menschen nur Empfanglichkeit haben fiir 
solche Gedanken, die aus dem aufieren Leben hergenommen 
sind. So glaubt man dem Chemiker, wenn man auch nicht 
seine Versuche kennt, durch die er gewisse Ergebnisse zu- 
standebringt, so glaubt man den Astronomen, wenn man 
auch nicht alle intimen Beobachtungen kennt, die er machen 
mul Man glaubt daran, weil man sich vorurteilslos den 
Gedanken hingibt, die in der Forscherstube, in der Klinik, 
im Laboratorium, auf der Sternwarte sich ergeben, und 
man wendet die forscherischen Ergebnisse im Leben an; das 
Leben wird von ihnen befruchtet. Man kann in die Ge- 
danken hereinbekommen das, was der andere erforschen 
mui 

Heute ist die Zeit noch nicht da, aber sie liegt nicht allzu 
feme, wo die Menschen ihre Gedanken hinlenken werden 
auf das, was gewissermafien in dem geistigen Laboratorium 



des Geistesforschers vorgeht und zu Ergebnissen fiihrt aus 
Beobaditungen heraus. Das hangt nur ab von einer ge- 
wissen Umanderung der Denkgewohnheiten. Die Mensdien 
haben sich audi an die Kopernikanische Weltanschauung ge- 
wohnen miissen, da werden sie sich audi gewohnen an die 
Ergebnisse der Geistesforschung. Dann, wenn man die Ge- 
danken hat, in die der Geistesforscher seine Ergebnisse 
pragt, dann geniigen diese Gedanken, obwohl heute bis zu 
einem gewissen Grade jeder so weit Geistesforscher werden 
kann, dafi er sich von derWahrheit der geistigen Welt iiber- 
zeugen kann, audi von einzelnen Tatsachen der geistigen 
Welt. Urn aber eine voll gegriindete Oberzeugung haben zu 
konnen, braucht man nicht selber Geistesforscher zu sein, 
sondern nur unbefangen, vorurteilslos, nicht getriibt durch 
die materialistisch-naturwissenschafUichen Begriff e der Ge- 
genwart, dem gegeniiberzutreten, was sich als Ideenwelt 
ausbreitet, die das Ergebnis dieser geisteswissenschaftlichen 
Beobaditungen des Geistesforschers ist. Und hat man das 
nur einmal wirklich gedacht, dann hat man in diesem Den- 
ken dasjenige, was aus der geistigen Welt zunachst fur das 
Leben gebraucht wird. Was fiir das Leben im allgemeinen 
gebraucht wird, kann durch ein gedankliches Durchdringen 
der Geistesforschung erkannt werden. Damit die Geistes- 
forschung fortschreiten kann, miissen gewisse Menschen 
selber Forscher werden, sich einlassen auf die geistige Welt 
und sich ihreSeele ausbilden durch jeneMethoden,die so in- 
nere geistige sind, wie die Methoden des Chemikers, des Phy- 
siologen,des Biologen aufiere sind. Und in derZukunft wer- 
den Menschen - das ist nicht schwer zu erlangen fiir die ge- 
sunde Seele - sich das aneignen, was als ein gewisser Grund- 
stock der Geisteswissenschaft gelten kann, und was dahin 
fiihrt, dafi man sich bestimmt davon iiberzeugen kann, dafi 
die Ergebnisse der Geistesforschung der Wirklichkeit ent- 



sprechen. Das kann heute auf der gegenwartigen Stufe der 
Menschheit durchBerucksichtigung dessen, was Sie in meinen 
Buchern dargelegt finden, erreicht werden. Aber immer 
wiederum mufi betont werden, dafi der Einwand nicht 
gelten kann: Ich sehe nicht hinein in die geistige Welt, daher 
hat das keinen Wert, was der Geistesforscher darstellt! - 
Bei vorurteilslosem Denken kann man finden: Wenn das in 
Gedanken gegossen wird, was der Geistesforscher gibt, kann 
in diesen Gedanken ein Lebensgut gewonnen werden, das, 
in die Seele gelegt, diese Seele wirklich so weiterfuhrt, dafi 
selbst solche Dinge allmahlich verstandlich werden, welche 
sonst selbst dem philosophischen Verstandnis, wie wir ge- 
sehen haben, trotzen, wie die philosophisch so wenig be- 
arbeitete Ratselfrage nach dem menschlichen Schicksal. 

Es zeigt sich nun auf einer viel hoheren Stufe vor dem 
geistigen Anschauen, daft wirklich auch mit Bezug auf das 
Schicksal der Vergleich fortgesetzt werden kann, den ich 
vorgestern gebraucht habe: Wir haben das traumende Be- 
wulksein und konnen es mit dem gewohnlichen Bewufksein 
vergleichen. ImTraume erlebt derMensch etwas, was einem 
Schicksal ahnlich sieht, in solchen Traumen, wie ich sie im 
Sinne Schopenhauers dargestellt habe. Der Mensch klart 
sich auf uber diesen Traum, wie er zusammenfliefk in das 
Leben, das erlebt wird in der aufieren physisch-sinnlichen 
Welt, wenn er aufwacht aus dem Traumbewufitsein in das 
gewohnliche Bewufksein. - Wacht der Mensch aber auf aus 
dem gewohnlichen physischen Bewufksein in das schauende 
Bewufitsein, dann hellt sich auf, was unser Leben durch- 
flieftt, tragisch oder f reudig, erhebend oder niederschlagend, 
leidvoll oder freudvoll. Das, was so unser Leben durch- 
fliefit, das klart sich auf, das gewinnt solchen Zusammen- 
hang, wie der Traum gewinnt, wenn wir aufwachen und 
uns eingliedern in die physische Wirklichkeit. So wie das 



scheinbare Zusammenhangen des Traumes der physischen 
Wirklichkeit weicht beim gewohnlichen Aufwachen, so 
weicht dasjenige, was wie der Schicksalstraum, der freud- 
voll oder leidvoll, schicksaltragend das menschliche Leben 
durchsetzt, das klart sich auf in einer hoheren, im Geistigen 
waltenden Wirklichkeit, wo der Mensch nun als geistiger 
Mensch wacht und lebt; das klart sich auf in der geistigen 
Welt. Wir erleben unser Schicksal, weil es der Spiegel ist, 
den wir erleben miissen, wahrend wir in der geistigen Welt 
als Geistesmensch unser Leben durchmachen durch viele 
Stufen hindurch, und weil wir durch dasjenige, was wir 
im Schicksal erleben, von Lebensstufe zu Lebensstufe eilen. 
Denn schliefilich ist doch fiir eine tiefere Auffassung alles 
Leben, im Leibe, im Geiste, durch viele geistige und phy- 
sische Leben, alles Leben ist in Vervollkommnung. Es strebt 
nicht nur der Mensch, solange er lebt, es strebt ein jedes 
Wesen; die ganze Welt strebt, das ganze Universum strebt 
von Vollkommenheitsstufe zu Vollkommenheitsstufe. Und 
ein tiefes Gefuhl von dem Ziel des Lebens und Werdens 
enthullt sich einem erst, wenn der Mensch aufwacht aus 
seinem Leben in der physischen Welt, der stofflichen Vor- 
gange, zu einem Leben im Geiste, einem geistigen Leben 
auf der Erde, wo sich gegeniiber dem Abbild der Vollkom- 
menheit hier im Physischen das Urbild aller Vervollkomm- 
nung im Geistigen zeigt. 



SEELENUNSTERBLICHKEIT, SCHICKSALSKRAFTE 
UND MENSCHLICHER LEBENSLAUF 



Berlin, l.Marz 1917 



Was es schwer macht, der Geisteswissenschaft, so wie sie hier 
gemeint ist, mit dem vollen Verstandnis nahezukommen, 
das ist, dafi sie nicht nur in anderer Weise als das gewohn- 
liche Bewufitsein denken mulS iiber gewisse Lebensratsel - 
iiber Lebensratsel, von denen sehr viele Menschen glauben, 
daft sie dem menschlichen Erkennen iiberhaupt nicht zu- 
ganglich seien, manche sogar, dafi sie aufierhalb des Wirk- 
lichen liegen ~, sondern daft sie zu einem Denken kommt, 
das in seiner Art, in seiner ganzen Form anders ist als das 
Denken des gewohnlichen Bewufttseins. Zu einem Denken 
kommt Geisteswissenschaft, das in der Art, wie das in den 
beiden letzten Vortragen, die ich hier gehalten habe, ange- 
deutet worden ist, erst aus dem gewohnlichen Bewufitsein 
heraus entf altet werden mufi, wie die Bliite aus der Pflanze, 
die noch nicht bliiht, entf altet werden mufi. Man kann aber 
sagen, dafi die Entwickelung der menschlichen Geisteskultur 
im neunzehnten Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein 
zu vielen Ideen und Vorstellungen gekommen ist, welche 
auf dem Wege sind zu dieser Geisteswissenschaft. Wenn 
auch die entsprechenden Bestrebungen innerhalb der neu- 
zeitlichen Geistesentwickelung von dieser Geisteswissen- 
schaft radikal abweichen, so erheben sie doch Forderungen 
fiir die Erkenntnis gewisser Lebensratsel und Weltratsel, 
welche sich auf dem Wege nach der Geisteswissenschaft hin 
bewegen. Und da darf insbesondere auf eine Idee hingewie- 



sen werden, welche innerhalb gewisser Kreise, nicht nur der- 
jenigen Kreise, in denen sie Eduard von Hartmann, der be- 
kannte Philosoph, popular gemacht hat, sondern audi inner- 
halb anderer wissenschaftlicher Kreise in der letzten Zeit viel 
gepflogen worden ist, ich meine die Idee, die Vorstellung 
des Unbewufiten oder auch, wie man vielleicht besser sagen 
wiirde: des Unterbewufiten im menschlichen Seelenleben. 

Sehen wir, was eigentlich mit diesem UnbewuJKten oder 
Unterbewufiten gemeint ist. Wenn es auch die verschieden- 
sten Leute in der verschiedensten Weise ausdeuten, zuletzt 
kommt das Gemeinte doch darauf hinaus, dafi in den Tie- 
fen der Menschenseele etwas ruht, was seinem Wesen nach 
eigentlich die Grundlage dieser Menschenseele ausmacht, 
was aber nicht mit dem gewohnlichen Bewufksein desTages, 
auch nicht mit dem gewohnlichen Bewufksein der Wissen- 
schaft erreicht werden kann. So dafi man also sagen kann: 
Diejenigen, die vom Unterbewuftten oder Unbewuftten 
in der menschlichen Seele sprechen, die sprechen so davon, 
dafi man sieht, sie sind iiberzeugt, dafi das eigentliche 
Wesen der Seele mit alledem nicht erfafk werden kann, 
was der Mensch in seinem gewohnlichen Denken, Empfin- 
den, in dem Durchdringen seiner Willensimpulse in das all- 
tagliche und auch in das gewohnliche wissenschaftliche Be- 
wufitsein hereinbringen kann. Man kann sagen, soweit, wie 
diese Vorstellung hier eben charakterisiert worden ist, kann 
Geisteswissenschafl mit ihr im Grunde genommen iiberein- 
stimmen. Allein es ist schon einmal das Schicksal der Gei- 
steswissenschafl;, die hier gemeint ist, dafi sie mit mancherlei 
Weltanschauungsrichtungen von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus ubereinstimmen mu6, dafi sie aber gerade die 
Wege, welche diese Weltanschauungsrichtungen andeuten, 
in einer anderen Weise einschlagen mufi, als diese es tun. Und 
da kommen wir gleich auf etwas, was nun die Vertreter des 



Unterbewufiten oder Unbewufken meinen, worin sich aber 
dieGeisteswissenschaflvonihnen grundsatzlichunterscheiden 
mufi. Diese Vertr eter des Unbewufiten meinen, das, was so un- 
bewulk fiir das gewohnliche Be wulksein unten in denTiefen 
der Seele ruht und das eigentliche Wesen der Menschen- 
seele ausmacht, das miisse audi unter alien Umstanden 
unterbewulk oder unbewulk bleiben, das konne nie herauf- 
riicken in das gewohnliche Bewulksein. Daher ist auch 
Eduard von Hartmann, der, wie gesagt, das Unbewulke 
am meisten popular gemacht hat im letzten halben Jahr- 
hundert, der Anschauung, dafi man durcb unmittelbares 
Wissen, durch Erleben, durch Beobachten iiber das Wesen 
der Seele ebensowenig wie iiber das Wesen der Natur selber 
etwas erfahren konne. Ermeint, dayman auf dasUnbewulke 
oder Unterbewulke nur schliefien kann, iiber dasselbe nur 
Hypothesen aufstellen kann, dafi man aus den Beobachtun- 
gen, die sich aus der ge wohnlichen Welt ergeben, aus den Erleb- 
nissen des Alltags oder der Wissenschaft solche Schliisse Ziehen 
konne, und dann hypothetisch sich Vorstellungen bilden 
konne, wie es in der Welt des Unbewulken oder Unterbewufi- 
ten aussieht. In diesemPunkte kann Geistes wissenschaft nicht 
mitgehen. Und dafi sie das nicht kann, das werden diejeni- 
gen verehrten Zuhorer, diebei den letzten Vortragen waren, 
aus ihnen haben entnehmen konnen. Denn es wurde da 
charakterisiert, wie Geisteswissenschaft gerade zu der Er- 
kenntnis kommt, dafi allerdings dieses Unbewufke oder 
Unterbewufke fiir das gewohnliche Wissen unten ruht in 
denTiefen der Seele, dafi es aber unter gewissen Umstanden 
heraufgeholt werden kann. Es kann heraufgeholt werden, 
wenn dasjenige Bewulksein zur Entwickelung kommt im 
Menschen, das man, wie ich gezeigt habe in meinem Buche 
«Vom Menschenratsel», das schauende Bewulksein nennen 
kann, in weiterer Ausbildung des Goethe -Wortes «an- 



schauende Urteilskraft». Goethe hat mit diesem Worte iiber 
die «anschauende Urteilskraft» eine bedeutungsvolle, eine 
schwerwiegendeAnregung gegeben. DieseAnregungkonnte 
in seiner Zeit einfach deshalb, weil die Geisteswissenschaft 
nicht so weit war wie jetzt, nicht voll ausgebildet werden. 
Aber Geisteswissenschaft betrachtet es als ihre Aufgabe, 
nicht im Nebulosen, im Schwarmerischen allerlei Phantasie- 
gebilde zu erzeugen, sondern auf ernstem wissenschaftlichem 
Boden gerade das auszubilden, wozu Goethe die Anregung 
mit seinem sehr bedeutungsvollen Worte von der anschauen- 
den Urteilskraft gegeben hat. Die Art und Weise, wie die 
menschliche Seele zu dieser anschauenden Urteilskraft oder 
zum schauenden Bewufitsein kommt, ist ausgefuhrt in mei- 
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» oder in anderen meiner Biicher, auf die ich hier 
verweisen mufi. Das aber, was dieser anschauenden Urteils- 
kraft zugrunde liegt, wird von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus, hoffe ich, insbesondere im heutigen Vortrag 
zum Vorschein kommen. 

1st Geisteswissenschaft so genotigt, die Wege, welche die 
Vertreter des Unbewufken einschlagen wollen, auf andere 
Weise als sie selber zu gehen, so ist sie auf der anderen Seite 
in vollem Einklange gerade mit den naturwissenschaftlichen 
Ergebnissen der neueren Zeit. Und audi da ist sie in der 
Lage, den Weg, den diese naturwissenschaftliche Forschung 
einschlagt, nun wiederum in einer anderen Weise zu gehen 
als diese selber; gerade deshalb in einer anderen Weise zu 
gehen, weil sie mehr in Obereinstimmung mit der Natur- 
wissenschaft ist, als die naturwissenschaftliche Anschauung 
oftmals mit sich selbst. 

Was nun die Frage des eigentlichen Seelenwesens betrifft, 
so geht ja die naturwissenschaftliche Auffassung dahin, dafi 
dieses Seelenwesen, wie es der Mensch erlebt in seinem ge- 



wohnlichen Bewufitsein, durdiaus abhangig 1st von der 
menschlichen Leibesorganisation. Und ich habe es hier oft- 
mals angedeutet, dafi es ein vergebliches Bemiihen ware, 
sich von irgendeinem Standpunkte aus gegen diese An- 
schauung der Abhangigkeit des Seelenlebens, wie es der 
Mensch erfahrt, von der Leibesorganisation zu wehren. 
Nichts scheint klarer, wenn audi die Naturforschung 
auf diesem Wege noch vieles wird durchzumachen haben, 
als dafi sie in feiner Weise, wenn audi die Hauptsadien 
langst bekannt waren, dargelegt hat, wie der Verlauf des 
ganzen menschlichen Lebens klar zeigt diese Abhangigkeit 
der Seele in ihrer Entwickelung von der Leibesorganisation. 
Man br audit - und es konnte auf viele f einere Tatsachen hin- 
gewiesen werden — nur zu sehen, wie von der Kindheit an 
der Mensch sich organisch als Lebewesen entwickelt, und 
wie mit dieser Entwickelung ganz parallel geht die seelische 
Entwickelung, wie mit der Ausbildung der Organe, welche 
die Naturwissenschaft mit einem gewissenRechte zuschreibt 
dem Seelenleben als dessen Werkzeuge, audi dieses Seelen- 
leben wachst. Und wenn man die Tatsache hinzunimmt, 
dafi durch die Untergrabung der Gesundheit oder des orga- 
nischen Zusammenhanges gewisser Leibesteile das Seelen- 
leben untergraben wird, so ergibt sich aus dem allem, wie 
recht die naturwissenschaftliche Weltanschauung auf diesem 
Gebiet hat. Sie kann uns aufterdem audi zeigen, wie wie- 
derum mit der allmahlichen Abnahme der Krafte, welche 
den menschlichen Leib durchdringen, mit dem Altern, diese 
Seelenkrafle genau parallel der Leibesorganisation zuriick- 
gehen. Gegen diese Anschauung, die von der naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauung vorgebracht wird, konnte im 
Grunde genommen nur derDilettantismus irgendeinenEin- 
wand machen. Diejenigen, welche glauben, dafi Geistes- 
wissenschaft nicht rechne mit den Ergebnissen der Natur- 



wissenschaft, die beurteilen eben nicht diese Geisteswissen- 
schaft, wie sie hier gemeint ist, an sich selbst, sondern das 
falsche Bild, das sie sidi aus ihrer Phantasie von ihr zim- 
mern, und das sie dann wenig iibereinstimmend finden 
mit den ihnen mit Recht wahr scheinenden naturwissen- 
schaftlichen Ergebnissen der neueren Zeit. So steht Geistes- 
wissensdiaft durchaus auf dem Boden der naturwissenschaft- 
lichen Ergebnisse. Aber hinzufugen mochte ich zu dem, dafi 
Geisteswissenschaft in einem noch viel tieferen Sinne gerade 
durch ihre Erkenntnisse mit diesen Ergebnissen imEinklang 
steht, als das die Naturwissenschaft selber ausfiihren kann. 
Das kann sich insbesondere zeigen, wenn man zu einer 
Seelenerlebensrichtung blickt, weldie von vielen Menschen 
verwechselt wird mit dem, was hier als Geisteswissenschaft 
gemeint ist. Alle moglichen unklaren mystischen Vorstel- 
lungsarten und Erlebnisse der Menschen miissen ja auf- 
riicken, wenn man Geisteswissenschaft kritisiert, und man 
verwechselt dann diese Geisteswissenschaft mit diesen un- 
klaren, verworrenen mystischen Schwarmereien. 

Wenn man sich gerade vom Gesichtspunkte der Geistes- 
wissenschaft eingehender namentlich beschaftigt mit dem, 
was durch die verschiedenen Zeitalter Mystik genannt wor- 
den ist, so zeigt sich - nicht bei allem, aber bei vielem - 
etwas sehr Bemerkenswertes. Man kann zu den geschatzte- 
sten Mystikern kommen und bei ihnen klar sehen, wie die 
neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung recht hat, 
wenn sie diesen mystischen Bestrebungen oftmals keinen 
sehr grofien Erkenntniswert fur die eigentlichen Seelen- 
und Menschheitsratsel beilegt. Interessant, aufierordentlich 
anziehend ist gewifi dasjenige, wenn man es richtig betrach- 
tet, was Mystiker erlebt haben. Und nicht gegen das Stu- 
dium, gegen die objektive, gute Betrachtung der mystischen 
Erlebnisse verschiedener Zeiten soil hier etwas eingewendet 



werden, sondern mehr gegen das Prinzipielle der Sadie; 
das soli einf ach charakterisiert werden. Mystiker versuchen, 
was ja wiederum ein richtiger Weg audi im Sinne der Gei- 
steswissenschaft ist, wie idi sie eben vorhin charakterisierte, 
durch das, was sie nennen «Vereinigung der Seele mit dem 
Weltengeiste oder mit dem G6ttlichen» - wie man es eben 
bezeichnen will ein tieferes Erleben durchzumachen, ein 
solches Erleben, das sie hinwegfiihrt iiber die auftere sinn- 
liche Wirklichkeit, sie eins sein laftt mit dem Geistig-Gott- 
lichen, das sie gewissermaften aus dem Verganglichen in die 
Sphare des Ewigen hineinhebt. Aber wie versuchen sie das 
zumeist? Nun, wenn man wirklich die mystische Entwicke- 
lung studiert, so findet man: Sie versuchen es auf dem Wege, 
daft sie das gewohnliche alltagliche Bewufttsein verfeinern, 
daft sie es in einer gewissen Weise audi vertiefen, durch- 
warmen, durchgliihen mit allerlei Innerlichkeit, aber daft 
sie doch bei diesem gewohnlichen Bewufttsein verbleiben. 
Nun weifi Geisteswissenschaft gerade aus ihren Erkennt- 
nissen, daft die naturwissenschaftliche Anschauung richtig 
ist, daft dieses gewohnliche, alltagliche Bewufttsein ganz 
und gar abhangig ist von seinen Werkzeugen, von dem 
Leibesleben. Vertieft man also im mystischen Sinne das ge- 
wohnliche, das alltagliche Bewufttsein, macht man es noch 
so innerlich und fein, aber bleibt man in demselben stehen, 
dann erreicht man audi nichts anderes als etwas, was ab- 
hangig ist von der Leibesorganisation. Man kann Mystiker 
finden, welche durch hohe poetische Schonheit, durch wun- 
derbaren Schwung der Phantasie, durch eine merkwiirdige 
Intuition fiir allerlei weltabgewandte Dinge das mensch- 
liche Herz erheben und die menschliche Seele erquicken, 
daft sie geradezu, ich mochte sagen, durch diese Dinge einen 
in Erstaunen versetzen, Aber man muft zuletzt aus diesem 
Staunen immer wieder aufwachen mit der Empflndung: ja, 



was ist denn das Ganze doch anderes als ein zwar intimeres, 
oftmals, mochte man sagen, raffiniertes Vorstellen und 
Denken, das an die Leibesorganisation gebunden ist; nur 
jetzt nicht so gebunden ist, wie der Mensch im Alltage an 
sie gebunden ist, sondern mit feineren, raffinierter ausge- 
bildeten Kraften der Leibesorganisation im Zusammenhang 
stent. Man kann liebenswiirdige, aditunggebietende Mysti- 
ker flnden, von denen man doch sagen mufi: ihre mystischen 
Erlebnisse sind nidits anderes als verfeinerte, oder sagen 
wir, vergeistigte Leidenschaften, Affekte, Gefuhle, die aber 
doch ahnlich sind den Leidenschaften, den Affekten, den 
Gefuhlen des gewohnlichen Lebens. Solche Mystiker haben 
nur ihre Leibesorganisation durch allerlei asketische Mittel 
oder durch allerlei Anlagen dahin gebracht, dafi diese 
Leibesorganisation vielleicht nach ganz anderen Richtungen 
hin sich zum Empfinden bringt, als es bei gewohnlichen 
Menschen der Fall ist, aber es ist zum Schlufi doch die 
Leibesorganisation. Oftmals sieht man den schwungvollsten 
Ausfuhrungen und Ergussen soldier Mystiker es an, dafi 
sie zwar abgekehrt sind von dem gewohnlichen Sinnesleben 
des Tages, von dem Stehen in der aufieren Welt, dafi sie 
aber in dieses Sinnesleben, in das gewohnliche Leidenschafts- 
leben und AfFektleben, nur vergeistigend, das hereingebracht 
haben, was ihr Vorstellen zu erleben vermag. - Daher wird 
der naturwissenschaftlich Denkende mit einem gewissen 
Recht die Erlebnisse soldier Mystiker abnorm nennen, weil 
sie vom gewohnlichen Erleben abweidien; er wird sie viel- 
leicht ungesund nennen, aber er wird recht haben audi 
damit, dafi er sagt: sie beweisen gar nichts gegen die Ab- 
hangigkeit des menschlichen Seelenlebens von der Leibes- 
organisation, wenn es in noch so mystisch-verf einerter Weise 
auftritt. Es ist gewissermafien die Leibesorganisation nur 
trainiert worden, damit das, was sonst in brutaler Sinn- 



lichkeit auftritt, in geistigen Bildern, in Metaphern, inSym- 
bolen sich in der Seele aufiert, hinter welchen Bildern, 
Metaphern, Symbolen der Kenner aber doch nichts anderes 
als einen verfeinerten Ausdruck des gewohnlichen Leiden- 
schaftslebens zu finden vermag. 

Demgegenuber steht nun, was Geisteswissenschaft sagt, 
wobei sie mit den Bekennern zum Unterbewufiten oder 
Unbewufken sich vollig klar dariiber ist: Wenn man das 
gewohnliche Bewufitsein audi noch so mystisch verfeinert, 
wenn man noch so sehr dieses gewohnliche Bewufksein «ver- 
geistigt» - wie man es oftmals nennt -, so daiS es ein Gef xihl 
der Vereinigung mit dem Geiste bringt, innerhalb dieses 
gewohnlichen Bewufkseins kommt man nicht in diejenige 
Sphare, die man eigentlich aufsucht, wenn man von den 
tieferen Seelenratseln des Menschen sprechen will. Nament- 
lich zeigt gerade die geschulte Beobachtung des Geistes- 
forschers, dafi auch alles, was der Mensch im gewohnlichen 
Erleben in seiner Seele haben kann und bewahren kann, 
was er zur Erinnerung macht, an die Leibesorganisation 
gefesselt ist. So dafi mit alledem, was der Mensch in sich 
erlebt, wenn er sich in seine Erinnerungen vertieft, er nicht 
aus dieser Leibesorganisation herauskommt, und man darf 
sagen: Eine wirkliche geisteswissenschaftliche Selbstbeob- 
achtung zeigt gerade, dafi, je treuer von der Erinnerung die 
Erlebnisse behalten werden, um so mehr die Tatigkeit der 
Erinnerung an diese Leibesorganisation gebunden ist. - Da- 
her mufi die Geisteswissenschaft zu vollig anderen Methoden 
greif en, als sie das gewohnliche Bewufitsein entwickelt. Selbst 
wenn dieses gewohnliche Bewufitsein eine besondere Treue 
fur die Erinnerung aufbringt dadurch, daft die Leibesorga- 
nisation gut funktioniert und die Erlebnisse nach langer Zeit 
treu wieder heraufgeholt werden konnen: Geisteswissen- 
schaft mufi andere Methoden einschlagen als diejenigen, die 



das gewohnliche Bewufitsein kennt. Und ich habe schon auf 
das, was als Beobaditung gerade des Denkens sidi ergibt, 
in den letzten Vortragen hingewiesen und will das nur von 
einem anderen Gesichtspunkte aus wiederholen. 

Das gewohnliche Denken, so sagte ich, ist zwar der Aus- 
gangspunkt fiir alles geisteswissenschaftliche Forschen, und 
nur der findet diesen Ausgangspunkt, welcher durch eine 
wahre Beobaditung dieses Denkens schon sich klarmacht, 
wie eben wahr und wirklich ist, dafi dieses Denken bereits 
iiber das Sinnlich-Physische hinausfuhrt, dafi es selbst schon 
ein Geistiges ist. Aber stehenbleiben kann man auf diesem 
Punkte nicht. Stehenbleiben kann man nicht dabei, anzu- 
erkennen, dafi dieses Denken, so wie es sich im gewohn- 
lichen Leben ergibt, ein Letztes ist. Selbst dann ist es kein 
Letztes, wenn es scheinbar am meisten sich vergeistigt hat, 
namlich in den Erinnerungsvorstellungen. Daher sagte ich: 
Alles dasjenige, was der Mensch denken, fuhlen und wollen 
kann im gewohnlichen Leben, fuhrt nicht zu einer Erkennt- 
nis des Wesens der Seele, wenn es beobachtet, wenn es erlebt 
wird.Vielmehr- das ist nur eine von den vielenMafinahmen, 
die im intimen Seelenleben durchgemacht werden miissen, 
andere finden Sie in den genannten Biichern — mu£ der 
Mensch sein Denken so entwickeln, sein Vorstellen so ent- 
falten, dafi er mit seiner Personlichkeit, oder sagen wir mit 
seiner Subjektivitat, nicht mehr bei diesem Denken dabei 
ist; denn er ist solange dabei, als das Bewu&tsein das ge- 
wohnliche ist, und da wirkt seine Leibesorganisation mit. 
Bringen wir es mit unserem Denken nur so weit, dafi sich 
Vorstellungen entwickeln und Vorstellungen gesucht wer- 
den, welche behalten werden konnen und wieder auftauchen, 
so bringen wir es doch nur zu dem, was durch die Werk- 
zeuge der Leibesorganisation zustande kommt. Man mufi 
deshalb, wie ich mich ausdriickte, dieses Denken so ent- 



wickeln, dafi man nicht mehr bei dieser Entwickelung dabei 
ist. Dazu bedarf es aber, dafi man die Geduld, die Ausdauer 
hat, nicht zu glauben, da$ die grofien Weltenfragen im 
Handumdrehen entschieden werden konnen, dafi man jedes- 
mal nur daranzugehen braucht, um hinter diese Welten- 
ratsel zu kommen oder dariiber sich eineMeinung zu bilden; 
dazu bedarf es etwas ganz anderen. Dazu bedarf es der 
Geheimnisse des ganzen menschlichen Lebenslaufes. Es be- 
darf der Geduld, solche inneren Methoden auszubilden, 
deren Leben nicht in einem Augenblick hereingenommen 
werden kann, sondern die sich nur entwickeln konnen, wenn 
man sie der Entwickelung, die sie im Lauf e des menschlichen 
Lebens erfahren konnen, uberlaftt. 

Ich habe angedeutet, daft man dies «meditatives Leben» 
nennt, wenn man gewisse Vorstellungen, am besten solche, 
die man genau iiberschauen kann, damit nur ja nicht irgend- 
welche unbewulke oder sonstige Reminiszenzen des Lebens 
dabei auftauchen, in seine Seele, in sein Bewuiksein herein- 
bringt, diese Vorstellungen wirklich nach alien Seiten mit 
ruhendem Bewuiksein durchlebt. Wenn man nun nicht blofi 
beobachtet, wie im gewohnlichen Bewufksein diese Vor- 
stellungen, so wie sie sind, wiederum in die Erinnerung her- 
eingebracht werden konnen, nicht blofi darauf achtet, wie 
sie, wie man sagen konnte, treu ihrer eigenen Gestalt blei- 
ben, sondern wenn man dazu greift, diese Vorstellungen 
gewissermafien aus dem gewohnlichen Bewuiksein dadurch 
herauszulassen, dafi man bei ihrer Entwickelung nicht mehr 
dabei ist. Man wird namlich immer finden, wenn man nur 
dabei Ausdauer und Geduld genug hat, dafi die Vorstellun- 
gen hinabtauchen in die Untergriinde des menschlichen Be- 
wufkseins, wo man, wie man trivial sagen konnte, nichts 
mehr von ihnen weifi; dann wird man erfahren konnen, 
wie sie wieder herauftauchen in die Erinnerung. Mit alle- 



dem kann zunachst die Geistesforschung nichts anfangen. 
Aber ein anderes findet statt. Fiir den, der im Sinne der 
genannten Biicher sein inneres Seelenleben entwickelt, zeigt 
sich, dafi die Vorstellungen, auf denen das Bewufksein in 
entsprechender Weise geruht hat, zwar ebenso wie die an- 
deren nadi Monaten, Jahren wieder herauftauchen als Er- 
innerung, aber diese Vorstellungen begegnen ihm so wieder, 
wie sie gerade eine treue Erinnerung nicht zeigt, sondern 
so, dafi sie jetzt nicht sein leiblidies, sondern sein seelisches 
Leben gestaltet haben so, dafi sie es auf einem gewissen Ge- 
biete zu einem anderen gemacht haben. Diese Vorstellungen 
tauchen also nicht herauf in derselben Form, in der wir sie 
heruntergelassen haben in das Unterbewulke, sondern sie 
tauchen herauf und kiindigen sich so an, dafi man sich sagen 
mufi: Sie haben nicht in dem, was dein Personliches ist, 
sondern in dem, was unter dem bewufken Personlichen ist, 
gewirkt, sie haben da ihre Kraft entfaltet und erscheinen 
jetzt in einer wesentlich anderen Gestalt. Man kann daher 
sagen: Wenn sich die Vorstellung, die man gehabt hat, die 
man treu behalten hat, die man treu wiedererweckt hat, 
wieder begegnet mit dem, was aus ihr geworden ist, ohne 
dafi wir mit unserem Bewufttsein dabei waren, mit dem, 
was sich aus ihr ergeben hat dadurch, dafi sie ohne uns in 
irgendwelchen Untergriinden gearbeitet hat, so zeigt diese 
Begegnung der Vorstellung des gewohnlichen Bewufitseins 
mit der Vorstellung, die herauf riickt aus dem Unterbewufi- 
ten, diese so verandert, dafi man ihr ihre Wirkungskraft 
ansieht fiir das menschliche Seelenleben. Diese Begegnung 
zeigt, wie der Mensch in einem noch vollig anderen Lebens- 
gebiet drinnensteht als dem der physisch-sinnlichen Wirk- 
lichkeit, wie wirkhch in den Untergriinden des Seelenlebens 
ein fiir das gewohnliche Dasein Unbewufites oder Unter- 
bewufites lebt, wie es aber heraufgeholt werden kann durch 



entsprechende Methoden, und anders, als dies bei der ge- 
wohnlichen Erinnerung ist, in das Bewufksein hereindringt. 

Geisteswissenschaft steht also auf dem Standpunkt, dafi 
durch entsprechende Behandlung unseres Seelenlebens das 
Unbewufke in das Bewufke heraufriicken kann, aber erst 
heraufriicken soil, wenn es im Unbewufken seine Arbeit, 
seine Entf altung erreicht hat. Dadurch aber kommt Geistes- 
wissenschaft zu dem, was man das schauende Bewufksein 
nennt. Denn es wird wirklich etwas durchgemacht, was 
sich vergleichen lafk mit dem Ubergehen des gewohnlichen 
Traumlebens zum wachen Bewufksein. ImTraumleben,was 
erfahren wir da? Wir erfahren die inneren subjektiven 
Bilder, die wir, wahrend wir traumen, fiir Wirklichkeit 
halten. Indem wir aufwachen, wissen wir durch die un- 
mittelbare Beriihrung mit der aufieren Wirklichkeit, dafi der 
Traum uns nur Bilder gebracht hat, und zwar Bilder - das 
zeigt sich der genaueren Beobachtung — , die aus unserem 
organischen Innern aufsteigen, die zwar dieses organische 
Inner e in Symbolen zeigen, aber eben aus uns aufsteigen. 
Und niemand wird versucht sein zu glauben, dafi einem im 
Traum ein Bewufitsein davon aufgehen konne, was der 
Traum eigentlich ist; niemand kann traumen, was der 
Traum ist. Dagegen wenn man aus dem Traum heraus- 
ruckt ins gewohnliche Bewufitsein und vom gewohnlichen 
Bewufksein aus den Traum sich zu erklaren versucht, so 
kommt man zu seiner phantastisch-chaotisch-bildhaften 
Natur. Ebenso ist es, wenn man in der geschilderten Weise 
von dem gewohnlichen zum schauenden Bewufksein auf- 
riickt. Da kommt man, ebenso wie aus dem Traum heraus 
in die physisch-sinnliche Wirklichkeit, aus der aufierenphy- 
sisch-sinnlichen Wirklichkeit in die - das Wort ist anfecht- 
bar — hohere, geistige Wirklichkeit. Man erwacht in eine 
andere Welt hinein, in eine Welt, die jetzt ebenso Licht 



wirft auf die gewohnliche physisch-sinnliche Welt, wie die 
Welt des gewohnlichen Bewufitseins Licht wirft auf die 
Traumeswelt. In dieser Weise gelangt Geisteswissenschaft 
dazu, nicht nur anders zu denken iiber die Welten- und 
Seelenratsel, sondern vor alien Dingen gelangt sie zu der 
Erkenntnis, dafi, um in die geistigen Welten einzutreten, 
erst aus den Tiefen der Seele ein anderes Bewufitsein her- 
ausgeholt werden mufi, als das gewohnliche Bewufitsein ist. 
Nun kann idi heme nur gewisse Ergebnisse und deren Be- 
trachtung herbringen, aber es ist ja in vielen Vortragen hier 
mancherlei Begriindendes iiber diese Ergebnisse gesagt wor- 
den und es ist in der betreffenden Literatur zu finden. 

Schon mit Bezug auf, ich mochte sagen, das allernachst- 
liegende Wissenschaftliche mufi nun, ebenso wie sie mit der 
Naturwissenschaft einverstanden ist, diese Geisteswissen- 
scbaft audi wieder von der blofien Naturwissensciiaft ab- 
weichen. Diese Geisteswissenschafl, so wie sie heute auf- 
treten will, stent voll auf der Grundlage desselben wissen- 
schaftlichen Gewissens, derselben wissenschaftlichen Ge- 
sinnung wie die Naturwissenschaft der neueren Zeit. Aber 
sie kann nicht bei solchem Denken stehenbleiben, wie es die 
Naturwissenschaft entwickelt. Daher wird, so wiedieDinge 
heute liegen, der Geisteswissenschaftler vor alien Dingen 
dann eine gute Grundlage haben, wenn er sein Denken, 
sein Vorstellen, sein Empfinden iiber die Welt entwickelt 
hat an den allerstrengsten naturwissenschaftlichen Vorstel- 
lungen, und diese sind heute diejenigen, die moglichst viel 
von Mathematik durchdrungen sind, die Vorstellungen des 
Physikalischen, des Chemischen, des Mechanischen sogar. 
Es wird einmal anders sein, wenn die biologischen Wissen- 
schaften, die Physiologie, in ihrer Art ebensoweit sein wer- 
den wie die unorganischen Naturwissenschaften sind. Allein 
der Geistesforscher kann nicht dabei stehen bleiben, so iiber 



die Welt zu denken, wie Naturwissenschaft iiber die Welt 
denkt. Er kann nur sein Denken gewissermafien in Zucht 
nehmen, indem er es schult an dem strengen Denken der 
Wissenschaft. Und wenn er sich selbst erzogen hat, idi 
mochte sagen, sich nichts anderes im Denken zu gestatten, 
als was vor der denkerischen Gesinnung der Naturwissen- 
schaften bestehen kann, so wird er als geisteswissenschaft- 
licher Forscher den besten Boden geschaffen haben. Daher 
stellt es sich auch heraus, dalS diese Geisteswissenschafl; in 
ihrem Wesen vielf ach verglichen werden mufi mit dem, was 
mit dem Aufschwung der neueren naturwissenschaftlichen 
Denkweise eingetreten ist. Ich habe ofter darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie mit der kopernikanischen Weltanschau- 
ung die Menschen mit Bezug auf die aufiere Welt haben 
umdenken lernen miissen, wie das, was Kopernikus geltend 
gemacht hat, den Menschen zunachst absurd erscheinen 
mufke, weil es ja den Ausspruchen der aufieren Sinneswelt 
widersprach. Wenn gerade gegen Geisteswissenschafl ein- 
gewendet wird, dafi sie den Aussagen der aufieren Sinnes- 
welt widerspricht, dann mufi man immer wieder darauf 
aufmerksam machen, dafi ja gerade zum Beispiel die Astro- 
nomie durch Kopernikus dadurch ihre grofien Fortschritte 
errungen hat, dafi sie nicht bei dem geblieben ist, was die 
aufieren Sinne zeigen, sondern dafi sie kiihn dariiber hin- 
weggeschritten ist, indem sie gerade das, was die aufieren 
Sinne zeigen, fur Schein genommen hat. Wurde man den 
inneren Nerv eines solchen Umschwunges gerade auf natur- 
wissenschaftlichem Gebiet erkennen, dann wiirde man viel 
weniger, wie es heute eben doch noch durchaus vorkommt, 
unverstandige Einwande gegen Geisteswissenschafl: vor- 
bringen. Aber heute will ich noch einen anderen Punkt vor- 
bringen, in dem diese Geisteswissenschafl: sich ahnlich er- 
kennen mu!5 dem Fortschreiten der Naturwissenschaft in 



der kopernikanischen Weltanschauung. Kopernikus mufite 
das Denken iiber die planetarische Welt, man mochte sagen, 
vollig auf den Kopf stellen, um Rechnung zu tragen dem, 
dem Rechnung getragen werden mufite. Hier stent die Erde 
ruhend, die Sonne kreist herum - so sagte den Leuten das 
gewohnliche sinnliche Bewulksein. Wenn auch die koperni- 
kanische Weltanschauung manche Berichtigung erfahren 
mufi, wenn wir weiterkommen wollen, konnen wir nicht so 
denken, dafi wir uns vorstellen, wie die Erde in dem Mittel- 
punkt des Planetensystems steht und die Sonne darum 
herumkreist; sondern wir miissen die Tatsache, welche sich 
als Scheintatsache den Sinnen darbietet, vollig auf den Kopf 
stellen: wir miissen die Sonne in den Mittelpunkt des Pla- 
netensystems stellen und die Planeten um die Sonne herum- 
kreisen lassen. Man weifi, wie von gewissen Kreisen die 
kopernikanische Weltanschauung lange nicht angenommen 
worden ist. Nur weil sie heute so gewohnt geworden ist, 
denkt man nicht mehr nach iiber das Groteske, als das sie 
hat erscheinen miissen vielen Menschen, denen sie von an- 
deren Gesichtspunkten her vor Augen getreten ist. Man 
mufke ja vollig neue Vorstellungen ausbilden; man mulke 
sich gewohnen, andere Vorstellungen zu haben als diejeni- 
gen, die man durch Jahrhunderte gehabt hatte fiir das ge- 
wohnliche Denken. 

Nun ist es auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft etwas 
schwieriger, das Analoge gerade auf ihrem Gebiet zu durch- 
schauen, aber eben nur aus dem Grunde, weil sie heute sich 
in der Lage befindet, in der sich die kopernikanische Welt- 
anschauung zur Zeit ihres Auftretens befunden hat. Die 
Vorstellungen, die die Geisteswissenschaft entwickeln mu6, 
sind eben heute ganz ungewohnt, und sie miissen mit Bezug 
auf einen gewissen Punkt im menschlichen Seelenleben, ich 
mochte sagen, einen ahnlichen Weg machen, wie ihn die 



kopernikanische Weltanschauung gemacht hat. Was scheint 
fiir das gewohnliche Seelenleben, fiir die gewohnliche Be- 
obachtung klarer zu sein - so klar, wie fiir den Sinnenschein 
die Tatsache, dafi sich die Sonne um die Erde dreht als 
dalS der Mensch mit seiner Seele geboren wird, seinen 
Lebenslauf durchmacht, dafi sich seine Seele oder sein Ich 
im Verlauf dieses Lebens nach und nach, dieses Leben be- 
gleitend, andert, dafi sie, wenn der Mensch 7, 13, 15, 18, 
20, 25 Jahre alt wird, als Seele begleitet hat diesen durch die 
Jahre hingehenden Lebenslauf. Gewissermafien wie schrei- 
tend durch das Leben von der Geburt bis zum Tode sieht 
man das Seelenwesen, so wie wenn es mitginge. Geistes- 
wissenschafl: zeigt es vollig anders. Geisteswissenschaft zeigt 
die merkwurdige Tatsache - in den folgenden Vortragen 
soli das weiter ausgefiihrt werden -, dafi das, was wir 
Seelenwesen nennen, an das sich die Vorstellung iiber Un- 
sterblichkeit knupfl, gar nicht in dem gewohnlichen Sinne 
den Lebenslauf mitmacht. Geradesowenig wie die Sonne 
in dem gewohnlichen Sinne in ihrem Himmelslauf um die 
Erde zieht, geradesowenig macht das menschliche Ich oder 
die menschliche Seele den Weg von der Geburt bis zum 
Tode durch. Also die Sache ist vollig anders. Nur weil man 
auf diese Weise nicht gewohnt ist, zu beobachten, sieht es 
anders aus. Die Sache verhalt sich ganz anders: 

Wir erinnern uns im spateren Leben bis zu einem ge- 
wissen Punkte zuriick, der einige Jahre nach unserer Geburt 
liegt. Bis zu diesem Punkte geht allein in seiner Entwicke- 
lung das Ich oder Seelenwesen mit. Dann bleibt es — wenn 
ich den Ausdruck gebrauchen darf, er ist richtig - in der 
Zeit stehen, bleibt so in der Zeit stehen, wie die Sonne im 
Raum, und der Lebenslauf nimmt das Ich nicht mit, son- 
dern bewegt sich, ebenso wie die Planeten um die Sonne, 
weiter, indem das Ich oder die Seele ruhend bleibt in dem 



Punkte, den ich angedeutet habe. Der Lebenslauf strahlt 
dasjenige, was in ihm verflielk, zuriick auf die ruhend ge- 
bliebene Seele. Die Vorstellung ist nur deshalb so schwierig, 
weil es eben leichter ist, das Ruhen im Raum vorzustellen, 
als das Ruhen in der Zeit. Aber wenn man bedenkt, daft 
fiir gewisse Kreise erst im Jahre 1827 die kopernikanische 
Weltanschauung annehmbar geworden ist, so kann man ja 
audi voraussetzen, dafi sich die Geisteswissenschaft Zeit 
lassen kann, bis die Menschen dazu kommen, sich vorstellen 
zu konnen, daft ebenso ein Ruhen in der Zeit mb'glich ist 
wie ein Ruhen im Raume. Man kann sagen: die Seele bleibt 
eben in sich selber ruhend zuriick, und das Leben lauft bis 
zum Tode weiter, indem die Erlebnisse nur zuruckstrahlen 
auf dasjenige, was in dem genannten Zeitpunkte zuriick- 
bleibt. Damit aber hangt etwas anderes zusammen: da£ das, 
was wir eigentlich Seelenwesen nennen, gar nicht heraus- 
tritt in diejenigen Ereignisse und Tatsachen, die mit dem 
Leibesleben zusammenhangen, dafi die Seele in ihrer eigent- 
lichen Wesenheit im Geistigen drinnenbleibt. Sie tritt des- 
halb nicht in den gewohnlichen Lebenslauf ein, weil dieser 
Lebenslauf eben einstromt in das sinnlich-physische Ge- 
schehen. Die Seele bleibt zuriick, halt sich zuriick im Gei- 
stigen. Nun verlauft das gewohnliche Bewufksein durchaus 
mit dem gewohnlichen Lebenslauf, mit dem gewohnlichen 
Hinstromen des Lebens zwischen Geburt und Tod; es ver- 
lauft darinnen so, dafi es erscheint in Gemafiheit der Leibes- 
werkzeuge. Aber das Tiefere, das wahre Seelenwesen, das 
ergiefit sich als solches nicht in dieses Leibeswesen, sondern 
bleibt im Geistigen stehen. Damit aber ist schon gegeben, 
dafi ein Wissen, eine Erkenntnis von diesem Seelenwesen 
gar nicht erlangt werden kann im gewohnlichen, von der 
au£eren Welt abhangigen Lebenslauf, sondern daft dieses 
Wissen, diese Erkenntnis nur erlangt werden kann, wenn 



in der geschilderten Weise das Bewufksein sich selber aus- 
schaltet, wenn - um eben dieses eine Beispiel noch einmal 
zu wiederholen - der im Bewufksein gebliebene Gedanke 
dem unterbewufk arbeitenden Gedanken nun begegnet. 
Dann aber tritt das Bedeutungsvolle ein, daft allmahlich 
dieses unterbewufke Arbeiten iiber den gesamten mensch- 
lichen Lebenslauf, sofern er durchlaufen ist, sich ergiefk, 
und daft der Mensch sich in seinem inneren Erleben wirk- 
lich wei£ am Ausgangspunkte seines Erdenlebens, vor der 
Grenze, bis zu der die Erinnerung reicht, sich drinnen- 
stehend weifi im geistigen Leben, aber herausgehoben aus 
der Zeit, in welcher das gewohnliche Bewufksein verlauft. 
Daher kann keine Mystik, die so ist, wie ich es vorhin 
charakterisiert habe, die ebenso tief in das Bewufksein, das 
in der Zeit verlauft, hineinbringen will ein feineres Erleben 
als das gewohnliche, das Seelenwesen erreichen. Sondern 
dieses Seelenwesen kann nur erreicht werden, wenn die Zeit 
als solche iiberwunden wird, wenn die Seele hinaufriickt 
in dasjenige Gebiet, das vor dem Eintreten in die Erinne- 
rung auftaucht, vielleicht besser gesagt: Wenn der Mensch 
mit seinem inneren Erleben hinaufriickt iiber diesen Zeit- 
punkt, die Seele entwickelt, um da die Seele erst zu finden, 
wie sie in ihrer inneren Wesenheit ist. 

Dies alles sind schwierige Vorstellungen, aber das Schwie- 
rige liegt nicht darin, dafi die menschliche Seele sie niclit 
vollziehen konnte, sondern nur darin, dafi die Menschen 
sich im Laufe der Jahrhunderte gewohnt haben, eben an- 
ders zu denken. Der Mensch muft also nicht, indem er gei- 
steswissenschaflliche Methoden entwickeln will, im Sinne 
der gewohnlichen Mystik durch das gewohnliche Bewufit- 
sein eine Vereinigung mit dem Geistigen suchen, sondern 
dasjenige, was er sucht, mufi ihm Objekt sein; er mufi sich 
ihm nahen mit dem Bewufksein, dafi es eigentlich etwas 



dem gewohnlichen Leben Fremdes ist, dafi es stehen geblie- 
ben ist, bevor dieses gewohnliche Seelenleben eingetreten 
ist. Dann, wenn der Mensch so sein inneres Seelenwesen 
erkennt, dann hat er im Grunde genommen erst die Seele 
so, dafi er jetzt weifi: Diese Seele hat mitgearbeitet, indem 
sie durch die Geburt geschritten ist mit den Kraften, die sie 
auch vorher schon im Geistigen hatte, an der Ausgestaltung 
des gesamten Lebens bis in die Leibesorganisation hinein, 
indem sie ihre Kraft vereint mit dem, was der Mensch 
durch die physische Vererbung erlangt hat. Der Mensch ge- 
langt auf dieses Weise hin zum Unsterblichen der Seele. 

Die Frage nach dem Unsterblichkeitsratsel verandert sich 
fiir die Geisteswissenschaft gegeniiber der Gestalt, die man 
dieser Frage sonst gibt. Man denkt immer, wenn man diese 
Frage aufwirft, man konne sie beantworten, wenn man sie 
so stellt: Ist nun die Seele mit ihrem gewohnlichen Denken, 
Fiihlen und Wollen so, dafi sie irgend etwas davon als Un- 
sterbliches bewahrt? So wie dieses Denken, Fiihlen und 
Wollen im gewohnlichen Leben ist, ist es gerade dadurch, 
dafl es sich der Leibeswerkzeuge bedienen mufi. Wenn diese 
Leibeswerkzeuge abgelegt sind, indem die Seele durch die 
Pforte desTodes schreitet, hort auch die Form des Denkens, 
Fuhlens und Wollens selbstverstandlich auf fiir ein inneres 
Erleben, welches vom gewohnlichen Bewulksein erreicht 
werden kann. Dagegen lebt in jedem Menschen das, was 
eben fiir die gewohnliche Seelenbeobachtung verborgen ist, 
so wie die Dinge verborgen sind, die erst durch die Natur- 
wissenschafl: iiber die Natur erkundet werden konnen, was 
aber in der skizzenhaft angedeuteten Weise erreicht werden 
kann, und was stehen bleibt gewissermafien vor dem Tore 
der Erinnerung. Das kann die Ereignisse des gewohnlichen 
Lebenslaufes aufnehmen, indem es sie zuriickstrahlt. Und 
wenn dann das, was indiesem gewohnlichen Leben drinnen- 



steht, was an die Leibeswerkzeuge gebunden ist, dem Men- 
schen genommen wird, indem er durch die Pforte desTodes 
schreitet, wird dasjenige, was memals aus der geistigenWelt 
herausgeschritten ist, eben audi durch die Pforte des Todes 
schreiten. Das, was sich hindurchtragt, das hat sich nicht 
entwickelt innerhalb des gewohnlichen Bewufkseins, son- 
dern das hat sich entwickelt im Unterbewufiten, das eben 
nur heraufgebracht werden kann auf die geschilderteWeise. 

So verandert sich die angedeutete Frage fiir die Geistes- 
wissenschaft. so, dafi der Geistesforscher vor alien Dingen 
den Weg zeigt, wie das wahre Seelenwesen gefunden wird, 
und indem er diesen Weg zeigt, stellt sich durch die Art 
und Weise, wie dieses wahre Seelenwesen ist, dessen Un- 
sterblichkeit als eine Wahrheit her aus. Wie man nicht zu 
beweisen braucht, dafi die Rose rot ist, wenn man jemand 
hingefuhrt hat zu der Rose, und er sie vor sich hat, so 
braucht man nicht zu beweisen durch allerlei Hypothesen, 
Schlufifolgerungen, dafi das Seelenwesen unsterblich ist, 
wenn man den Weg zeigt, wodurch der Mensch das Seelen- 
wesen so findet, dafi er sieht: es arbeitet das Sterbliche aus 
sich heraus, es ist der Erzeuger des Sterblichen, das Sterb- 
liche ist seine OfTenbarung — wenn man die Unsterblichkeit 
als eine Eigenschaft dieses Seelenwesens aufzeigen kann, so 
wie man die Rote als eine Eigenschaft der Rose aufzeigt. 
Darauf kommt es gerade an, dafi sich die Fragestellung 
vollig verandert, wenn Geisteswissenschaft in ihrer wirk- 
lichen Gestalt an dieses Seelenratsel herangeht. 

Es wird das, was damit nur skizzenhaft angedeutet wor- 
den ist, sich ein wenig durch eine Seitenbeleuchtung, mochte 
man sagen, klaren, wenn man einen Blick wirft auf etwas, 
was im menschlichen Leben eine so bedeutungsvolle Rolle 
spielt, was aber, wie schon oftmals gesagt, fiir die meisten 
Philosophen der denkerischen, der wissenschaftlichen Be- 



traditung vollig unzuganglich erscheint: wenn man einen 
Seitenblick wirft auf das, was man das menschliche Schick- 
sal nennt. Das mensdilidie Schicksal erscheint ja in der 
Aufeinanderfolge der Begebenheiten, die den Menschen 
treffen, vielen wie eine reine Summe von Zufalligkeiten; es 
erscheint vielen wie eine vorausbestimmte Notwendigkeit, 
wie eine Notwendigkeit der Vorsehung. Alle diese Vor- 
stellungen aber nahern sich dem Schicksalsratsel wiederum 
vom Standpunkte des gewohnlichen Bewufkseins aus. Und 
wenn diese Vorstellungen auch noch so mystisch vertieft 
sind, man kommt solchen Ratseln durch diese Vorstellungen 
nicht naher. Daher habe ich das letztemal gerade mit Bezug 
auf die Schicksalsfrage gezeigt, wie man sich iiberhaupt erst 
vorbereitet in der rechten Weise, an diese Frage nach dem 
menschlichen Schicksal heranzutreten. Es mufi das noch ein- 
mal von einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederholt 
werden, damit iiber die Frage nach den Schicksalskraften 
genauer gesprochen werden kann. Ich sagte: Gibt sich der 
Mensch als Geistesforscher in seinem Inneren gewissen Ent- 
wickelungen hin, deren eine Art ich gezeigt habe in der 
Entwickelung des Denkens, so bedeutet diese innere Ent- 
wickelung fur ihn ein wirkliches Sichherausheben aus dem 
gewohnlichen Bewufitsein; nicht eine mystische Vertiefung 
dieses gewohnlichen Bewufitseins blofi, sondern ein Sich- 
herausheben, ein Aufsteigen zu dem, was in das gewohn- 
liche Bewulksein gar nicht hereintritt. Dann gehort viel Ge- 
duld und Ausdauer dazu, um diese innere Entwickelung 
immer weiter und weiter zu fiihren. Sie braucht das aufiere 
Leben nicht im geringsten zu beeintrachtigen. Diejenigen 
Menschen sind schlechte Geistesforscher, welche durch die 
Geistesforschung fur das gewohnliche Leben unbrauchbar, 
unpraktisch werden. Sie zeigen, dafi sie im Grunde genom- 
men noch durchaus materialistisch gesinnte Naturen sind. 



Denn wer aus dem gewohnlichen Leben herausgerissen wird, 
wer aus dem festenDrinnenstehen im Leben, aus desLebens 
Pflichten und Auf gaben, kurz, aus der Lebenspraxis gerissen 
wird durch eine Art von Geistesforschung, der zeigt, dafi 
er das Wesen wahrer Geistesforschung nicht begrifTen hat; 
denn diese verlauft im Geistigen, in dem, was mit dem ge- 
wohnlichen Leben in unmittelbarer Art durchaus nicht in 
Wider streit kommen kann. Und wer da glaubt, dafi er, nun, 
sagen wir, sich in die geistige Welt hinaufhungern kann, 
oder durch ein anderes aufieres, materielles Mittel in die 
geistige Welt hinaufkommen kann, der zeigt eben, dafi er, 
trotzdem er den Geist sucht, ganz von materialistischen Vor- 
stellungen durchdrungen ist. Aber wenn der Mensch den 
Weg wahrer Geistesforschung oder auch nur wahrer Gei- 
steswissenschaft geht, indem er durchdringt, in seine Seele 
aufnimmt, was die Geistesforschung zutage fordert, dann 
wird im rechten Zeitpunkte das, was der Mensch da inner- 
lich erlebt, fiir ihn nach und nach zu einer inneren Schick- 
salsf rage, zu einer inneren Schicksalswendung. Er erlebt ein 
inneres Durchdrungenwerden, welches ihn in die Sphare 
des Geistigen hineintragt, so lebendig, so intensiv, daft dieses 
Erlebnis, das ganz ohne Beeintrachtigung des aufteren Er- 
lebens vor sich geht, zu einer Schicksalswendung wird, die 
grower, bedeutungsvoller ist als jede noch so bedeutungs- 
volle Schicksalswendung des aufieren Lebens. Ja gerade 
darin zeigt sich das Bedeutsame des Drinnenstehens in der 
Geisteswissenschaft, dafi diese also fiir den Menschen zu 
einer Schicksalswendung werden kann. Nicht abgestumpfl 
fiir die anderen Schicksalswendungen braucht dadurch der 
Mensch fiir seine Seele zu werden; voll empfinden kann 
der Mensch, was als auftere Schicksale, nicht nur von ihm, 
sondern auch von anderen, verlauft, wenn er also die hohere 
Schicksalswendung auch erlebt hat, die rein innerlich ver- 



lauft. Wer stumpf wird fiir das auftere Leben und auftere 
Schicksal, wer etwa gar sein Mitleid und Mitgefuhl fiir die 
auftere Welt und die Menschen abstumpfen wiirde dadurch, 
der ist nicht auf dem rechten Wege. Aber wer sich, wie es 
bei der guten Erziehung schon sein kann, beim vollen Drin- 
nenstehen im sozialen Leben in einer geistigen Welt stehend 
findet, bei dem kann es doch sein, daft ein Zeitpunkt ein- 
tritt, in dem er, nachdem er innerlich den Weg zu dem, was 
nicht eingeht in die sinnliche Welt, gefunden hat, dieses 
innere Erlebnis als eine Schicksalswendung empfindet, die 
grofier und eindringlicher ist als die furchtbarste Schicksals- 
lage oder die freudigste Schicksalswendung, die ihn sonst 
im Leben treffen kann. Daft aber eine solche Schicksalswen- 
dung eintreten kann, das vertiefl: das Gemiit, verinnerlicht 
die menschliche Seele; das stattet sie aus mit Kraften, die 
zwar immer in der Seele ruhen, die aber gewohnlich nicht 
heraufgebracht werden. 

Zu einem wird die Seele vor alien Dingen zubereitet: In- 
dem die Seele also ein Schicksal erlebt hat rein innerlich, so 
daft sie diesem Schicksal, nur jetzt mit den innerlich erleb- 
baren Seelenkraften gegenubersteht, wird der Mensch so 
intim bekannt mit der groftten Schicksalswendung, daft er 
einen Erkenntnismafistab gewinnt fiir das aufiere Schicksal. 
Man braucht ja - trivial gesagt - fiir alles im Leben einen 
Mafistab. Den Maftstab fiir die Schicksalsbeurteilung, man 
erlangt ihn dadurch, daft man nicht betrachtet zunachst 
bloft durch allerlei Spekulation, durch Phantasterei, die 
dunklen Schicksalsverlaufe, sondern daft man betrachtet 
einen so hellen Schicksalsverlauf, wie man ihn dadurch 
durchmacht, daft man Schritt fiir Schritt in seinem inneren 
Seelenleben so die Kraft entwickelt hat, daft man alles mit 
angesehen hat. Man sieht: So ist es durch Jahre geworden, 
so haben wir uns allmahlich eine innere, wahre, ohne Selbst- 



tauschung errungene Oberzeugung von der geistigen Welt, 
in der wir leben und weben und sind, geschaffen, da war en 
wir dabei bei der Schicksalswendung, da tritt sie uns nicht 
entgegen als etwas, was dunkel bleibt, und woran wir nur 
uns freuen oder leiden konnen, sondern da tritt sie uns in 
heller innerer Klarheit entgegen. Und wenn wir also die 
Krafte, die uns in heller innerer Klarheit entgegentreten, 
entwickelt haben in der Seele, dann erst vermogen wir das, 
was dunkel bleibt, mit innerem Lichte zu beleuchten, dann 
vermogen wir die Hergange des aufteren Schicksals audi zu 
betrachten. Diese Hergange des aufteren Schicksals, sie sind 
dunkel fur das gewohnliche Bewufttsein. Aber das gewohn- 
liche Bewufttsein ist ja fiir die Betrachtung der Schicksals- 
frage gerade dadurch zum schauenden Bewufttsein gewor- 
den, daft es eine solche Schicksalswendung eintreten laftt. 
Fiir die Schicksalsfrage hat sich dieses Bewufttsein zum 
schauenden Bewufttsein gemacht. Dadurch erlangt man iiber- 
haupt erst das, was notig ist, um nun an die Schicksalsfrage 
so heranzutreten, daft sie in dem Sinne, wie es sein soil, eine 
gewisse Aufklarung erf ahren kann. Dadurch zeigt sich aber, 
dafi, soviel man audi das Schicksal mit dem gewohnlichen 
Bewufitsein betrachtet, alles Konstatieren iiber dieses Schick- 
sal gewissermafien hypothetisch oder eine leere phanta- 
stische Annahme bleibt. Denn es zeigt sich gerade, dafi das 
Schicksal so, wie es auEen fiir das gewohnliche Bewufitsein 
auftritt, nur in seiner Offenbarung auftritt, in seinem Hin- 
einragen in das gewohnliche Bewufitsein, daft aber dieses 
Schicksal im Unterbewuftten an der menschlichen Seele 
arbeitet, so daft diese menschliche Seele, die niemals aus 
der geistigen Welt, wie ich angedeutet habe, heraustritt, im 
Unterbewuftten im Schicksalsstrome lebt. So lebt sie im 
Schicksalsstrome, daft sich dem gewohnlichen Bewufttsein 
ihr Verstricktsein mit dem Schicksal so wenig zeigt, wie sich 



dem Traumer das zeigt, was ihn als physisdie Wirklichkeit 
in der aufieren Welt umgibt. 

Wenn das schauende Bewufitsein sich iibt, die Bewuftt- 
seinskrafte zu entwickeln, die hierfiir notig sind, dann ge- 
langt man dazu, mit ganz anderen Geistesaugen - um den 
Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - auf die Schicksals- 
frage hinzuschauen. Die Seele gelangt dann dazu, die Zu- 
sammenhange, die verstrickt sind in dem, was wir eine 
Schicksalswendung nennen, ganz anders zu betrachten, als 
man sie im gewohnlichen Bewufksein betracbtet. Man er- 
kennt erst, auf was man die Aufmerksamkeit richten muft 
in der Schicksalsfrage, wenn man also durch das innere 
Er griff ensein von einer rein geistigen Schicksalswendung 
dazu vorbereitet ist. Nehmen wir irgendeine Schicksals- 
wendung, die leicht im aufieren Leben uns entgegentreten 
kann. Als typisch fiir das, was im aufieren Leben uns ent- 
gegentritt, konnte man etwa das Folgende erzahlen - es ist 
durchaus moglich, dafi es auf diese Art zum Beispiel sich 
abspielt -: Ein Mensch ist voll vorbereitet, sagen wir, fiir 
irgendeinen aufieren Beruf, fiir eine aufiere Arbeit. Seine 
Anlagen zeigen, dafi er dieser Arbeit voll gewachsen sein 
konnte, dafi er der Welt, der Menschheit viel niitzen konnte 
durch die Verrichtung seiner aufieren Arbeit. Die Sachen 
sind gewissermafien so weit gediehen, dafi der Posten schon 
ausersehen ist, auf den der betreffende Mensch kommen 
soil. Alles ist vorbereitet, der Mensch selbst ist vorbereitet, 
diejenigen Menschen, welche ihm den entsprechenden Posten 
geben konnen, sind aufmerksam geworden fiir das, was er 
leisten kann; alles ist vorbereitet. Da, gerade, ich mochte 
sagen, bevor diesen Menschen die Urkunde trifft, daft er 
auf den Posten versetzt wird, tritt irgend ein Unfall ein, 
durch den er unf ahig wird, diesen Posten auszuf iillen. - Da 
haben wir eine typische Schicksalswendung. Ich will nicht 



sagen, daft dieser Mensch, den ich meine, gleich mit dem 
Tode abgehen miisse, aber er ware unfahig, in dem ge- 
wohnlichen Lebensverlauf, das, was gut vorbereket war 
von alien Seiten, wirklich zu erlangen. Den Menschen trifft 
ein Schicksalsschlag. 

Nun, wenn man so den menschlichen Lebenslauf betrach- 
tet im gewohnlichen Bewufttsein - wenn man audi glaubt, 
man mache es anders -, da macht man es doch so, daft man 
das betrachtet, was irgendeiner Tatsache im Lebenslauf vor- 
angegangen ist. Man betrachtet die Welt ja so, daft man im- 
mer Wirkung an Ursache und wiederum Wirkung an Ur- 
sache reiht, daft man immer von dem Spateren auf das Frii- 
here zuruckgeht. Jetzt, wenn der Mensch vorbereitet ist zum 
Erkennen dieser Schicksalswendung, die uns etwas lehren 
kann, jetzt zeigt es sich, daft wir es zu tun haben bei jener 
Schicksalswendung mit einem Zusammenstromen von zwei 
Reihen. Hier in dem angefuhrten typischen Beispiel haben 
wir es auf der einen Seite damit zu tun, daft der Mensch 
etwas geworden ist, wodurch er audi Vorgange in der aufte- 
ren Welt gezwungen hat, sich auf ihn zu richten. Eine 
andere Ereignisreihe kommt, welche diese erste Ereignis- 
reihe durchkreuzt. Man lernt gerade, wenn man solche 
Schicksalsvorgange betrachtet, erkennen, daft es im hoch- 
sten Sinne richtig, vortrefflich ist, den menschlichen Lebens- 
lauf so wie Naturvorgange zu betrachten, indem man dar- 
auf sieht, wie das Spatere aus dem Friiheren folgt. Aber 
man lernt auch erkennen, daft diese Betrachtung nur eine 
hochst einseitige ist. Man lernt erkennen, daft man, wenn 
man das Dasein in seiner Vollstandigkeit betrachten will, 
nicht nur fortdauernde, wachsende, aufsteigende Strome 
der Ereignisse in Betracht ziehen kann, sondern auch in 
Betracht ziehen muft den absteigenden Strom, denjenigen 
Strom, der den aufsteigenden Strom immer durchschneidet, 



durchkreuzt, vernichtend trifft. Dann gelangt man dazu, 
durch das Treffen der beiden Strome an den Punkt gefuhrt 
zu werden, wo der Geist sidi einem enthullt. Denn der 
Mensch ist kein anderer geworden, indem er auf der einen 
Seite selber eine Durchkreuzung erfahren hat dessen, was 
er geworden ist; es sind zwei Lebensstrome zusammen- 
gekommen, aber der Mensch ist kein anderer geworden. 
Und gerade dieses, da£ man mit seinen Seelenkraften stofit 
auf dieses Sichdurchkreuzen der beiden Lebensstrome, das 
zeigt einem, wie in dem Augenblick, wo irgend etwas 
schicksalsmafiig an der menschlichen Seele arbeiten soli, es 
sich gerade aus dem aufteren Leben zuruckziehen muft. Man 
gelangt auf diesem Wege hinein in das Innere des Seelischen, 
das aber gar nicht aufgeht in dem aufieren sinnlichen Leben. 
Indem man das Dasein ergreift, wo es nicht nur sich offen- 
bart, sondern wo es verschwindet aus der aufteren Offen- 
barung, findet man den Weg hinein in das Gebiet, aus dem 
die Seele gar nicht herauskommt, und in dem an ihr das 
Schicksal arbeitet. 

Und jetzt merkt man audi, wenn man die Betrachtung 
so weit getrieben hat, daft es durchaus im Wesen der Seele 
liegt, dafi sich das Schicksal so zu der Seele verhalt, wie 
ich es eben gezeigt habe. Denn nehmen wir an, die Sache 
ware so, daft die menschliche Seele im vollen Bewufttsein, 
mit voll entwickelten Vorstellungen, so wie sie an die 
auftere sinnliche Wirklichkeit herantritt und sie sich in 
naturwissenschaftlichen Vorstellungen erklart, auch an die 
Schicksalsverkettung herantreten wiirde. Was wiirde dann 
daraus folgen? Es wiirde daraus folgen, dafidie Seele inner- 
lich tot bliebe, da£ sie innerlich dem Schicksal, ich mochte 
sagen, so gelassen, um nicht zu sagen gleichgiiltig, gegen- 
iibertrate, wie sie den Aussagen entgegentritt, die die Na- 
turwissenschaft macht. Aber so tritt die menschliche Seele 



dem Schicksal nicht gegeniiber. Ich entwickele hier nicht 
blofi Zwedmiafiigkeitsvorstellungen. Wer auf dieMethoden 
dessen, was hier vorgebracht wird, eingeht, wird das ein- 
sehen, dafi ich nicht in teleologische oder Zweckmafiigkeits- 
vorstellungen zuriickfalle, sondern dafi ich die Frage so 
stelle: Was ist notwendig zum Wesen der Seele? - wie man 
fragen konnte: Inwiefern ist die Wurzel notwendig zum 
gesamten Leben der Pflanze? 

Insofern die Seele im Schicksal stent, erlebt sie dieses 
Schicksal iiberhaupt nicht durch erkenntnisgemafie Vor- 
stellungen, sondern sie erlebt es so, dafi Affekte, Empfin- 
dungen, Gefiihle der Freude, Gefiihle des Leides in dieser 
Seele auftreten, und dafi iiber diesen Empfindungen nicht 
schweben so klare Vorstellungen, wie man sie sonst in der 
Erkenntnis hat. Wiirden aber solch klare Vorstellungen 
dariiber schweben, so wiirden das eben solche Vorstellungen 
sein, die nur in der Sphare des gewohnlichen Bewufitseins, 
das heifk in der Sphare, die an den Leib gebunden ist, 
arbeiten. Gerade indem das Schicksalserlebnis herausgehoben 
ist aus diesen Vorstellungen, die an den Leib gebunden sind, 
indem das Schicksalserlebnis getrieben wird durch die Emp- 
findungen und Gefiihle, durch die fortschreitenden oder 
Widerstreben findenden Willensimpulse, bleibt dieses Schick- 
salserlebnis im Unterbewufiten oder wird, besser gesagt, 
ins Unterbewulke hinuntergeleitet. Dadurch arbeitet das 
Schicksalserlebnis aufierhalb des Bewufitseins so an dem 
Seelenwesen, wie die Erlebnisse der aufieren Welt um den 
Traumenden herum vorgehen, ohne dafi sie - wenigstens 
in unmittelbarer Weise - in sein Bewufitsein hereindringen. 

Die Art und Weise, wie der Mensch seine Leiden und 
Freuden erlebt, die macht es, dafi sein Schicksal in die tie- 
feren unterbewufiten Regionen des Seelenlebens, in diejeni- 
gen Regionen, aus denen das Seelenleben iiberhaupt nie 



heraustritt, hereingeleitet wird. So dafi der Mensdi im Le- 
benslauf unter der Schwelle des gewohnlidien Bewufkseins 
von seinem Schicksal getrieben wird. Da unten aber, wo das 
Bewufitsein nicht hinreicht, das im gewohnlidien Leben stent 
und auf das gewohnliche Leben gerichtet ist,istOrdnung;da 
unten leuchten die Schicksalserlebnisse zuriick auf die Seele, 
die vor der Empfindungsgrenze stehen geblieben ist. Da zim- 
mert das Schicksal selber an unserer Seele fortwahrend, so 
daft die Art und Weise, wie der Mensch in seinem Schicksal 
drinnensteht, von ihm ebensowenig durch das gewohnliche 
Bewufksein durchschaut werden kann, wiedurchschaut wer- 
den kann von dem traumenden Bewufitsein, was in dem 
Zimmer, in dem getraumt wird, aufierlich, sinnlich-physisch 
vorgeht. Das Schicksal verbindet sich mit der Seele unter 
der Schwelle des Bewuikseins. Da aber zeigt sich, wie audi 
dieses Schicksal beschaffen sein mag, daft es intim mit der 
Seele zusammenhangt, dafi es gerade der Arbeiter ist an 
der Gestaltung unseres Seelenlebens. Einer der Arbeiter ist 
es, welcher macht, dafi das, was wir im Lebenslauf zwischen 
Geburt und Tod durchmachen, hiniibergetragen wird zu 
der Seele, die durch Geburt und Tod in wiederholten Erden- 
leben geht, so da# diese Seele durch Verrichtungen, durch 
Krafle, durch Wirkungen, die nicht ins gewohnliche Be- 
wu£tsein hineinreichen, durch dieses gesamte Leben, das 
durch die wiederholten Erdenleben geht, hindurchgetragen 
wird. Da sehen wir die Verkmipfung des menschlichen 
Schicksals mit der menschlichen Seele. Da gelangen wir 
durch das Schicksal selber in die unterbewufken Griinde, in 
die ewigen Griinde der Menschenseele. Und erst da, wo Un- 
sterblichkeit waltet, da waltet auch in seiner wahren Gestalt 
das Schicksal. Und hingetragen wird es dahin durch den Urn- 
stand, dafi wir im gewohnlidien Leben ihm so iiberliefert 
sind, dafi wir es nicht erkennend durchdringen. Dadurch, 



daft wir es affektmafiig, gefiihlsmafiig durchleben, dadurch 
wird das Schicksal selber in diejenige Region hingetragen, 
wo es an dem unsterblichen Seelenteil arbeiten kann. 

Da erweist sich dann das Schicksal — es klingt ja pedan- 
tisch, fast philisterhaft - als der grofie Lehrer durch den 
gesamten Lebenslauf. Aber es ist so. Es tragt uns das 
Schicksal weiter. Und wahr ist es, was einzelne Menschen, 
die durch einen besonders dazu veranlagten Lebenslauf vor- 
bereitet waren, iiber das Zusammenhangende im mensch- 
lichen Schicksalslauf empfinden. Ein solches Beispiel mochte 
ich Ihnen wortlich vorlesen. Goethes Freund Knebel ist im 
spaten Alter zu Vorstellungen iiber das Schicksal getrieben 
worden, die sich ihm wahrhafHg nicht durch Spekulationen, 
nicht durch philosophische Phantastereien ergeben haben, 
sondern die, ich mochte sagen, wie heraufgestrahlt sind aus 
dem, was sonst im unterbewufken Seelenleben vorgeht, 
wenn das Schicksal an der Seele arbeitet. Da sagt Knebel: 

«Man wird bei genauer Beobachtung finden, dafi in dem 
Leben der meisten Menschen sich ein gewisser Plan findet, 
der, durch die eigene Natur oder durch die Umstande, die 
sie fiihren, ihnen gleichsam vorgezeichnet ist. Die Zustande 
ihres Lebens mogen noch so abwechselnd und veranderlich 
sein, es zeigt sich am Ende doch ein Ganzes, das unter sich 
eine gewisse "Dbereinstimmung bemerken lafit. - Die Hand 
eines bestimmten Schicksals, so verborgen sie audi wirken 
mag, zeigt sich auch genau, sie mag nun durch aufiere Wir- 
kung oder innere Regung bewegt sein: ja, widersprechende 
Griinde bewegen sich oftmals in ihrer Richtung. So verwirrt 
der Lauf ist, so zeigt sich immer Grund und Richtung durch. » 

Das ist nicht entstanden durch eine Spekulation, durch 
eine Philosophic iiber das Schicksal, sondern das ist ein Er- 
gebnis, welches die Seele selbst her auf getrieben hat aus der 
Region, wo an ihr selbst das Schicksal arbeitet. Daher wer- 



den in der Regel nur Menschen, welche mit vollem inneren 
Anteil in den Ereignissen des Lebens, nicht nur des eigenen 
Lebens, stehen, sondern mit mitleidsvollem Anteil leben in 
dem Lebensschicksal vieler Menschen, in einem gewissen 
Zeitpunkt ihres Lebenslaufes aus denTiefen ihrerSeele eine 
solche Anschauung iiber das Schicksal herauf leuchten sehen. 

Nun, Fragen der Wissenschafl, auch der Geisteswissen- 
schafl, sie hangen nicht ab von irgendwelchen aufieren Er- 
eignissen - Fragen der Wissenschafl, Fragen der Erkenntnis 
gehen ihren Lauf - vielmehr richtet sich das aufiere Leben in 
vielen seiner Eigentumlichkeiten nach dem, was die Wissen- 
schafl zutage fordert. Aber auf der anderen Seite - man 
kann das auch in der Natur wissenschafl: verfolgen - tragen 
gewisse aufiere Umstande bei, dafi Erkenntnisse erst in der 
rechten Weise gewiirdigt, genau ins Auge gefafit werden 
konnen von den Menschen. Man braucht nur daran zu er- 
innern, wie die Venus-Durchgange, die nur zweimal im 
Jahrhundert eintreten, abgewartet werden miissen, bis sie 
eintreten, wie da die aufieren Umstande kommen mussen, 
damit eine bestimmte Erkenntnis auf einem gewissen Ge- 
biete auftrete. So kann es auch sein mit Bezug auf die Fra- 
gen der Geisteswissenschafl, die sich auf das Seelenleben 
beziehen. Und obzwar das nicht im eigentlichen Sinne zur 
Geisteswissenschafl; gehort, so kann doch das in unserer 
schicksaltragenden Zeit lebende Empfinden hingelenkt wer- 
den darauf, wie gerade unsere Zeit im tiefsten Sinne des 
Wortes den Menschen in ihrer Seele das nahebringt, was 
Geisteswissenschafl zu geben vermag. 

Der alte Heraklit, der grofte griechische Philosoph, von 
dem einzelne, aber tief bezeichnende Leuchtstrahlen seines 
Forschens seit seinem Leben durch alle Zeiten dringen, sagt 
einmal, indem er auf das Traumleben hindeutet: In bezug 
auf die Traumwelt hat jeder Mensch seine eigene Welt. In 



einem Zimmer konnen die verschiedensten Menschen schla- 
fen, und jeder kann das Verschiedenste traumen; da hat 
jeder seine eigene Traumwelt. In dem Augenblick, wo sie 
aufwachen, sind sie alle in einer gemeinschaftlichen aufieren 
Umgebung. Da regt diese gemeinschaftliche Umgebung ein 
grofies Seelenbild an, da sind sie in einer Einheit. - In einer 
noch grofieren, bedeutungsvolleren Einheit sind die Men- 
schen - trotz alledem, was dagegen gesagt werden kann, 
denn das ist nur scheinbar, was dagegen gesagt werden 
kann — , wenn sie auf dasjenige hinblicken, was das schau- 
ende Bewufksein aus der geistigen Welt herausbringt. Da 
finden sich die Menschen zusammen, und Tauschung ist es 
nur, wenn man glaubt, der eine behaupte das, der andere 
jenes. Der eine kann auch richtig, der andere falsch rechnen, 
deshalb bleibt doch die Rechnungsmethode richtig. In einem 
hoheren Sinne finden sich die Menschen in einer Einheit, 
wenn sie ins schauende Bewufitsein aufriicken und in die 
geistige Welt eintreten. Aber es konnen auch die aufieren 
Verhaltnisse die Menschen zu einer gewissen Einheit im 
Leben fuhren. Dann konnen - ich mochte sagen, wie sich 
die astronomische Forschung fur die Venusdurchgange her- 
beilafit, die aber, weil es die Tiefen des Menschlichen weni- 
ger beriihrt, gleichgultig sind -, dann konnen diese Erleb- 
nisse anregend sein fur dasjenige, was nach des Lebens Ein- 
heit hinstrebt: fur die GeisteswissenschafL Und wir leben 
ja in unserer Zeit in einem Schicksalsgeschehen, das die 
Menschen in einer ganz anderen Weise eint - sagen wir 
jetzt, weil das ja uns zunachst nahegeht -, die Menschen 
Mitteleuropas, als sie sonst von aufien geeint werden. Ge- 
meinsame Schicksalserlebnisse, die der eine in der einen, der 
andere in der anderen Weise als sein Schicksal empfindet, 
stromen iiber die Menschenseelen, stromen iiber die Men- 
schenleiber, stromen iiber die Menschenleben dahin. Das 



kann Anregung sein, und wird hoffentlich Anregung sein, 
aus der schweren, der sdiicksaltragenden Zeit heraus audi 
zu den schwerwiegenden Wegen der Geisteswissenschaft hin 
die Menschen zu lenken. Und man darf denken: Wenn Gei- 
steswissenschaft auch immer ein Wichtigstes inbezugauf die 
ewigen Fragen den Menschen zu sagen hat - in unserer Zeit, 
wo so viele Schicksale sich entscheiden, wo das Schicksal so 
furchtbar f ragend vor der ganzen Zeitseele steht, da werf en 
sich die Schicksals- und Seelenfragen in einer besonders tie- 
fen Weise auf. Geisteswissenschaft, weil sie appelliert an 
dasjenige, was nicht nur im Leben steht, sondern, weil es 
stehen bleibt in der geistigen Welt, dieses Leben auch durch 
den menschlichen Lebenslauf hindurchtragt, Geisteswissen- 
schaft kann dadurch den Menschen besondere Starken, be- 
sondere Krafte geben, um durch alle Schicksalswendungen 
hindurch mit dem Bewufitsein, was das Schicksal fur Un- 
sterblichkeit, fiir ewiges Leben bedeutet, sich durch das 
Leben hindurch in entsprechender Weise zu finden, um ab- 
zuwarten, was aus dieser schicksaltragenden Zeit geboren 
wird. Lernt man das Schicksal verstehen, dann lernt man 
auch, wenn es notig ist, mit der wahren, nicht mit der ab- 
stumpfenden Seelenruhe, mit jener Seelenruhe, die Starke 
ist, dem Schicksal entgegenzutreten. Und die Seele wirkt in 
ihrer Ruhe oft kraftvoller, als sie wirken kann, wenn sie 
auf denWogen des aufieren Lebens, selber mit diesenWogen 
auf- und abschaukelnd, getragen wird. 

Und vielleicht ist gerade das Bewufksein von dem Stille- 
stehen der Seele in unserem Lebenslauf, so abstrakt diese 
Vorstellung heute noch scheinen mag, eine Vorstellung, 
welche iiberzugehen vermag in die Grundkrafte des mensch- 
lichen Gemutes, und dort zu werden vermag ein grofier, 
nicht abstumpfender, sondern erkraftender Beweger fiir 
dieses menschliche Gemiit. Denn - das zeigt uns insbeson- 



dere die Wendung, die nach den heutigen Betrachtungen die 
Unsterblichkeits- und Schicksalsfrage genommenhat-eben- 
so wie es unrichtig ist von jemandem, der einen Magnet vor 
sich hat, zu sagen: das ist ein Stuck Eisen in Hufeisenform 
und sonst nichts, und du bis ein Phantast, wenn du glaubst, 
dafi da besondere Krafte drinnen seien, wie es unrichtig ist, 
den, der die Krafte zunachst nicht zeigen kann durch die An- 
ziehung des Eisens, sondern sie nur behauptet, deshalb fur 
einen Phantasten zu halten, so ist es unrecht, den fiir einen 
Phantasten zu halten, der von dem aufteren, im physisch- 
sinnlichen Dasein verlaufenden Leben so spricht, dafi dieses 
Leben nicht nur dasjenige ist, als was es den aufSeren Sinnen 
erscheint, sondern daft es durchzogen, durchleuchtet und 
durchgliiht ist von dem Geistigen, in dem die Seele wurzelt 
und webt. Denn wahr bleibt das Wort des Herakiit - lassen 
Sie mich damit schliefien -, bekraftigend, wenn es richtig ver- 
standen wird, dasjenige, was der innerste Nerv der Geistes- 
wissenschaft ist, bekraftigen
…[truncated]